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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:09:16 -0700
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+<title>Ini</title>
+<!-- AUTHOR="Julius von Voß" -->
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+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Voß
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Ini
+ Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert
+
+Author: Julius von Voß
+
+Illustrator: Franz Joseph Leopold
+
+Release Date: November 12, 2011 [EBook #37994]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INI ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
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+
+<div class="centerpic"><img src="images/title.jpg" alt="Titel"/></div>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center">
+<a href="#Notes">Anmerkungen zur Transkription</a> am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
+
+<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/000a.jpg" alt=""/></div>
+
+<h1>
+<span style="letter-spacing:1em;">Ini</span><br />
+<span class="medium">Ein Roman</span><br />
+<span class="small">aus dem</span><br />
+<span class="medium">ein und zwanzigsten Jahrhundert</span><br />
+<span class="small">von</span><br />
+<span class="medium"><span class="spaced">Julius v. Voß.</span></span>
+</h1>
+
+<div class="centerpic"><img src="images/000b.jpg" alt=""/></div>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center">
+<span class="spaced">
+Berlin, 1810.<br />
+Bei Karl Friedrich Amelang.
+</span>
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorrede.</h2>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">J</span>ean Paul sagt: &bdquo;Friede mit der Zeit! sollte
+man öfter in sich hineinrufen. Wie uns ein
+quälender Tag nicht in den Hoffnungen unsers
+Lebens irret, so sollte uns ein leidendes
+Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir
+uns die weite Zukunft malen.&ldquo; Wenn nun
+aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da
+nicht ein Blick in die Zukunft das bedrängte,
+oft zagende Herz trösten, beleben, erheitern?
+Und eine bessere Zukunft naht so gewiß,
+als die Vergangenheit von der Gegenwart
+übertroffen wird. Wenigstens gilt die Behauptung,
+insofern wir, von der immer mehr
+entwickelten Kultur, das Heil der Sterblichen
+erwarten. Was wir aber noch nicht sehen
+können, träumen, ist ja wohl poetisch und
+religiös. Und
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Sind&rsquo;s gleich nur Welten aus Ideen,</p>
+<p class="line">So baut man sie so herrlich als man will.</p>
+</div>
+
+<p class="signature">
+<i>Der Verfasser.</i> </p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Erklärung der Kupfer.</h2>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Titelkupfer stellt eine von Wallfischen gezogene
+Reiseinsel dar, wovon Seite 294 die nähere
+Beschreibung.
+</p>
+
+<p>Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend,
+wäre ein Ball von größerem Umfang zu wünschen.
+Jedoch tragen die Adler, übrigens etwas
+zu groß, ein wenig mit.
+</p>
+
+<p>Der Verfasser merkt an, daß, ob er schon
+die Adler wählte, ihm deshalb Zambeccaris Theorie
+nicht unbekannt war. &mdash; Auch noch, wie
+ihm diejenige philosophische Kompensazion, nach
+welcher die Möglichkeit höherer Wohlfahrt der
+Erdensöhne, billig in Zweifel gezogen wird, so
+wenig fremd ist, daß er sich vielmehr ihr zugethan
+erklärt.
+</p>
+<!-- page 3 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Erstes Büchlein.</h2>
+
+<p class="sub">Die Trennung.</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch Unglücklicher soll dich meiden, rief Guido
+wehmüthig.
+</p>
+
+<p>Wozu die Klage, entgegnete Ini. Mögen
+dich rüstige Adler zum Pol tragen, magst du
+dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild
+bleibt dir nahe. Frei durchfliegt der Gedanke
+des Liebenden die Ferne, und die Region der
+Phantasie ist eine wirkliche. Auch wäre daheim
+dein Ziel nicht zu umarmen. Das Anschaun der
+Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, müssen
+jene Bildung der Schönheit vollenden, deren
+Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum
+scheide männlich!
+</p>
+
+<p>Guido war ein Jüngling von etwa zwanzig
+Jahren. Seine Herkunft blieb ihm noch immer
+<!-- page 4 -->
+geheim. Die Sage machte ihn zum Fündling,
+und als solchen, wollten die Gesetze, daß die
+Landespflege ihn erziehen ließ. Früh hatte man
+ihn in das große Knabenhaus gebracht, das am
+Meerstrande unweit Palermo angelegt war,
+und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwölften
+Jahre, für die Entwicklung des Körpers durch
+Laufen, Ringen, Schwimmen und für die Stärkung
+des Denkvermögens durch Gimnastik des
+Kalküls Sorge trugen. In vergangenen Jahrhunderten
+würde auch der tiefsinnigste Geometer
+nicht geahnt haben, was im Felde der Rechnung
+junge Knaben hier schon vermogten. Allein es
+war überhaupt so weit damit gekommen, (zudem
+die mechanischen und optischen Handwerke so leicht
+durch Maschinen, so einfach durch neue Entdeckungen,
+so allgemein bekannt durch Schulen),
+daß Hirten, welche die Sternkunde gleich ihren
+Altvätern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope
+fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten,
+und die Finsternisse der vielen neugewahrten Planeten
+und ihrer Trabanten ausmittelten.
+</p>
+
+<p>Von da ward Guido dem treuen Gelino
+übergeben, dessen Villa nicht weit von dem großen
+Lustgarten, der den Aetna einschließt, lag. Dieser
+<!-- page 5 -->
+Mann hatte, ehe er sich nach dem Wohnplatz
+der Ruhe zurückgezogen, am Hofe zu Rom ein
+Amt bekleidet und umfaßte die Kunst zarte
+Jünglinge auf die Bahnen der Tugend zu leiten,
+mit Liebe.
+</p>
+
+<p>Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wichtigere
+Dinge abhielten, den lieblichen Februar
+auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido
+gesehn &mdash; wie es schien &mdash; Behagen an dem Knaben
+gefunden und ihm Fürsorge zugesagt. Ehrender
+Antrieb für ihn.
+</p>
+
+<p>Doch möchte es vielleicht nicht gelungen
+sein, die mit Guidos flammender Lebenskraft
+verbundenen wilden Neigungen zeitig zu entwaffnen,
+wenn nicht folgender Umstand hinzugetreten
+wäre.
+</p>
+
+<p>Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die
+edle Athania, Wittwe des afrikanischen Helden
+Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren
+Sitz auf dem lieblichen Eilande genommen und
+eine Pflegetochter mitgebracht, über deren Geburt
+auch viele Dunkelheit lag.
+</p>
+
+<p>Guido sah das Mädchen in seinem siebzehnten
+Jahre. Ini zählte kaum vierzehn, doch
+<!-- page 6 -->
+prangte ihre Schönheit in üppiger Fülle, ihr
+Verstand entzückte.
+</p>
+
+<p>Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte
+man die Erziehungskunde einer Arithmetik unterworfen,
+die schon lange genaue Anzeigen
+ergab und sich immer mehr erweitete. Streben
+und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis
+an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbildungen
+der Formen bedingt, und wieder das
+Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem
+ihr am glücklichsten zu begegnen ist. Da nun
+zugleich die Chemie der höheren Arzneikunst,
+diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren
+Stoffen vertilgt hatte, welche sonst das Geschlecht
+entstellten, da die edlere Verfassung, jene Eigensucht,
+mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten,
+Neid, Haß, niedrige Sinnlichkeit, meistens entfernte,
+so konnte sie auch nicht mehr, wie Ehedem
+Antlitz und Haltung verunbilden. So mußte von
+Geschlecht zu Geschlecht die menschliche Schönheit
+sich lieblicher entfalten, und jene harmonischen
+Gestalten, welche einst Bildner in Athen
+<i>aussannen</i>, erblickte die Wirklichkeit da lange
+schon lebend, wo die Kultur waltete. Ja, jene
+Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte
+<!-- page 7 -->
+Weise übertroffen, denn eine ganz neue Ideenmasse
+hatten die Menschen in sich aufgenommen,
+welche der Schönheit einen neuen irdisch-göttlichen
+Ausdruck zulegte. Wie würden die Phidias
+und Raphael gestaunt haben, wäre ihnen vergönnt
+gewesen, aus dem Todtenlande wiederzukehren,
+und die Formen dieses Zeitalters zu
+betrachten.
+</p>
+
+<p>Die Schädelkunde, am Ende des achtzehnten
+Jahrhunderts entdeckt, sparsam im neunzehnten
+vervollkommnet, doch im zwanzigsten und
+ein und zwanzigsten zur tiefen Wissenschaft erhoben,
+leistete auch zur allgemeinen Veredlung
+bedeutende Hülfe, wie wir in der Folge zeigen
+wollen.
+</p>
+
+<p>Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte,
+von den Strahlen dieser Schönheit werde ein
+neuer Frühling in seinem Gemüthe aufblühen.
+Süße Betäubung, schmachtende Unruhe, stellten
+sich als Vorboten der Liebe ein, holde Träume
+umgaben ihn wachend.
+</p>
+
+<p>Guido war im siebzehnten Jahre so stark
+und gewandt, daß er manches Raubthier mit
+unbewaffneten Händen würde überwunden haben.
+Er sprang in die See, wenn ein Orkan ihre
+<!-- page 8 -->
+Wogen erhob, und kämpfte dann lächelnd mit
+der empörten Flut. Er konnte im Laufen das
+fliehende Reh ereilen und den Gemsen des Hochgebirgs
+nachklimmen. Dabei war er ein fleißiger
+Mathematiker, hatte eine Karte von dem
+Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien gefertigt,
+die Beifall fand. Kriegerische Künste
+beschäftigten seine Einbildungskraft, und mit
+Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer
+dichten Gewitterwolke an, die ein künstlicher
+Wind über ein feindliches Heer treiben, wo sie
+in so viel Blitzen niederwärts sich entladen sollte,
+als das Heer Köpfe zähle. Anmaaßend, wie es
+unerfahrner Jugend wohl eigen ist, hatte er,
+ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf
+nach Rom gesandt und dem Strategion zur
+Prüfung übergeben. Die Männer aber, welche
+diesen Rath bildeten, lachten allgemein, indem
+sie einwandten, die Gegner dürften sich ja nur
+sämtlich mit Ableitern versehn und der Wolke
+spotten. Doch setzten sie hinzu: der Jüngling
+möge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm gebühre
+einige Aufmunterung.
+</p>
+
+<p>Manches andere Wissen dagegen war unserm
+Guido noch fremd. Besonders konnte er sich
+<!-- page 9 -->
+immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm
+gar zu winzig und unbedeutend schien, was die
+vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten.
+</p>
+
+<p>Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen
+war, eilte er an einem schönen Sommerabend
+zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in
+ihrem Hause zum Aufenthalt während der Tageshitze
+bestimmt. Hier strömte ein Springbrunnen
+geläutert Quellwasser, der andere gepreßten Orangensaft,
+der dritte Zuckeressenz aus mancherlei
+Wurzeln des Gartens gezogen. Einen niedlichen
+Goldbecher mit Sorbeth, aus den Flüssigkeiten
+gemengt, in der Hand, stieg nun Ini auf das
+platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen
+dufteten und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte
+fertig und bei der kunstvollen Einrichtung des
+Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seidenarbeit
+nach. Wo blieben die Gobelintapeten,
+lange zuvor berühmt, neben diesen Geweben!
+</p>
+
+<p>Guido kam ihr nach auf die Zinne. Mädchen,
+rief er, seit ich dich sah, bin ich erkrankt und
+genesen, die Lüge wird mir Wahrheit, die Wahrheit
+Lüge, immer drängt es mich, dich zu sehn
+wie das Sehenswerteste, und ich fliehe dich wie
+das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe
+<!-- page 10 -->
+gestiegen, doch die Flammen deines Auges trag
+ich nicht. Deute mir das, hohe Schönheit!
+</p>
+
+<p>Das Mädchen zog dunkle Falten der Stirne,
+die aber ihr frohes Auge Lügen strafte. Mit
+verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube,
+du willst mir gar mit Liebe nahn!
+</p>
+
+<p>Guido rief: ich bin mir keinen Willen bewußt.
+Dem Zuge deiner Schönheit folge ich
+unterwürfig.
+</p>
+
+<p>Ini sann einen Augenblick mit hochgerötheter
+Wange nach. Dann sagte sie lächelnd: den
+Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie
+durch die That und ich will mich fragen, ob ich
+sie hören darf.
+</p>
+
+<p>Entzückt von dem holden Strahl einer aus
+weiten Fernen schimmernden Hoffnung, flehte
+Guido mit Ungestüm, ihm die That zu nennen,
+wodurch er seine Liebe zu bewähren hätte?
+</p>
+
+<p>Tritt näher, sagte Ini, nimm Platz, dort
+auf den Sessel von Elfenbein, daß ich dein
+Haupt von der Seite erblicke.
+</p>
+
+<p>Guido gehorsamte still.
+</p>
+
+<p>Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren
+kunstreichen Webestuhl, und in wenigen Minuten
+hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier,
+<!-- page 11 -->
+rief sie, des sichtbaren Guido Umriß, wie er
+zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde seines
+geheimen Lebens, der Tag seiner innen waltenden
+Nacht.
+</p>
+
+<p>Guido blickte hin. Die höchste Wahrheit
+hatte die Bildnerin getroffen. O webe mir dein
+Bild, flehte er wehmüthig, mit Entzücken will
+ich es von hinnen tragen.
+</p>
+
+<p>Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch
+will ich nun ein zweites Gewebe fertigen.
+</p>
+
+<p>Sie ging wieder an die Arbeit, während der
+Jüngling sich mit trunknen Blicken an der
+hohen Gestalt weidete, und bisweilen ärgerlich
+auf sein Konterfei sah. Denn es wollte ihm
+nicht gefallen, ob er schon nicht wußte, warum.
+</p>
+
+<p>Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet.
+Sie zeigte ihm ein neues Seitenbild, das Guido
+in den Zustand der höchsten Verwunderung brachte.
+Er sah seine Grundzüge wieder, aber in einer
+bezaubernd schönen Idealität. Höher strebte des
+Schädels Mitte empor, regelmäßig wölbte sich
+das Hinterhaupt, weit drang die reine Wellenlinie
+der Stirn hervor, eine unbeschreibliche
+Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche
+Anmuth um den Mund, in dem klarer, tiefer,
+<!-- page 12 -->
+strahlender gewordenen Auge, redete der volle,
+Ehrfurcht gebietende Ausdruck <i>jugendlicher
+Weisheit</i>, der in früheren Zeiten nicht lebend
+anzutreffen war, den auch die Künstler, welche
+einst den Apollon vom Belvedere oder den Antinous
+fertigten, noch nicht dargestellt hatten.
+Indessen konnte ihn die Entwicklung der Menschheit
+erst spät hervorbringen.
+</p>
+
+<p>Guido blickte bald verlegen auf das Kunstwerk,
+bald auf die hochsinnige Meisterin. Ich
+sehe mich hier in ein Gedicht verklärt, hub er
+an, was willst du mir deuten?
+</p>
+
+<p>Kein Gedicht, entgegnete das Mädchen, erreichbare
+Wahrheit. Du hast mir süßen Schmerz
+der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem
+Bilde um, ich gebe dir zwei bis drei Jahre
+Zeit, hast du dann diese Schönheit dir anerzogen,
+soll meine Gegenliebe dein Lohn sein.
+</p>
+
+<p>Wie soll ich das anfangen! rief der Befremdete.
+Bin ich Herr über meine Gestalt?
+</p>
+
+<p>Du bist es.
+</p>
+
+<p>Bin ich ein Schöpfer?
+</p>
+
+<p>Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir
+nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe hast du
+das Geheimniß zu entwinden. Doch nicht allein
+<!-- page 13 -->
+sollst du umwandeln. Ich werde mir auch ein
+Ideal meiner Gestalt entwerfen.
+</p>
+
+<p>Eitles Mühn! wie könnte deine Phantasie
+einen schöneren Traum erschaffen als die Wirklichkeit!
+</p>
+
+<p>Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint,
+Unvollkommenheit in deinem Urtheil. Es wird
+sich stärken, dein Tadel erwachen, und das Streben,
+mich vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun.
+Der Augenblick wo einem Mädchen zum Erstenmale
+Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten
+in die Welt höherer Anmuth. Nach einem Jahre
+sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis
+dahin begnüge dich auch, an mich zu denken.
+</p>
+
+<p>Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume
+nicht erblicken?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die erste Prüfung! Auch eine nothwendig
+ungestörte Frist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Unbegreifliche! &mdash; Und dennoch erwacht mir
+die Hoffnung, ich werde den hohen Sinn deiner
+Worte faßen lernen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Frage den Geist der Liebe, sein Orakel tönt
+in deiner Brust. Und nun nichts weiter. Lebe
+wohl!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher
+<!-- page 14 -->
+in den lieblichen Thalen, bis Nachtviolen die
+Orangenblüthe überdufteten und der Vollmondschein
+durch die Oelbäume und Mandelsträuche
+des blumigen Hügels winkte.
+</p>
+
+<p>Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen
+in ihm wogte, immer ward die Frage laut.
+</p>
+
+<p>Und der Liebe Geist antwortete ihm leise:
+So du der <i>Seele</i> Schönheit pflegst, wird sie
+sich in der <i>Gestalt</i> verkünden.
+</p>
+
+<p>Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner
+eigenen Brust und flehte innig um Lehre.
+</p>
+
+<p>Wer so innig fleht, wird erhört. Aus dunkeln
+Nachtgewölken enthüllte sich mit jedem Tage
+die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tausend
+Morgensternen erhellt schienen.
+</p>
+
+<p>Er machte sich mit den Schriften neuer gerühmter
+Weisen bekannt. Im ein und zwanzigsten
+Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen
+bringen konnten, denn die Weisheit galt keine
+Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige
+Bücher, in der allgemeinen Sprache von Europa,
+vor hundert Jahren eingeführt, als man hier
+endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe
+Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und
+dem, der bedeutendes Wissen umfangen will,
+<!-- page 15 -->
+das halbe Leben im Studium der Mundarten
+abzufordern. Es gab dagegen unermeßliche Büchersammlungen
+in den alten Sprachen, aber sie
+galten meistens Denkmäler vorzeitlicher Irrthümer.
+Die wenigen, welche in den Tagen höher gediehener
+Bildung noch den Namen Weisen errangen,
+waren Männer, die mit rüstiger Kraft,
+aus den Schätzen der Vergangenheit, das Beste,
+das Allgemeingültige sonderten, was sich denn
+auf wenige Blätter bringen ließ, nun aber auch
+die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die
+Höhe des vorhandenen Wissens schnell zu erfliegen
+und mit starken Schritten weiter zu
+dringen.
+</p>
+
+<p>Auch die Geschichte des Menschengeschlechts
+hatten tiefe Forscher so bearbeitet, daß die Erscheinungen
+sich immer deutlicher in ihrem Ursprung
+erklärten und daß daraus, sowohl die
+Kräfte als der Zweck des Lebens deutlicher
+wurden.
+</p>
+
+<p>Guido erbeutete nach und nach reiche Summen
+von Wissen, eine schon durch die Mathemathik
+gestärkte Denkkraft, eine durch die Liebe
+entzündete Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren
+dauernd und fühlen mit jedem Tage mehr, wie
+des Genius Fittig sich regt.
+</p>
+<!-- page 16 -->
+
+<p>Bei diesem Geschäft, das er mit heiligem
+Eifer trieb, kamen Empfindungen über ihn,
+deren Hoheit und Würde er nie geträumt hatte.
+Stark fühlte er alles Große, edle That sprach
+ihn an, daß er lebhaft sich in den Zustand dessen
+denken mußte, der sie verrichtet hatte, mit
+tief liebender Ehrfurcht füllte ihn die Religion,
+er schwärmte für alle Schönheit der Natur, um
+so mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu
+erkennen wähnte.
+</p>
+
+<p>So floh denn das Jahr eilig dahin, und
+hatte sich Guido schon bei seinem Anfang durch
+die Wunder der Liebe verändert gefunden, so
+schien er sich jetzt gar nicht mehr das Wesen
+von Ehedem zu sein. Trat er seit einem halben
+Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon,
+hie und da hätten sich seine Formen umgewandelt.
+Doch war er mit sich selbst nicht einig,
+ob er hier an Wahrheit oder Täuschung
+glauben sollte.
+</p>
+
+<p>Das Jahr war endlich um, und er eilte mit
+hochklopfendem Busen zu Ini. Wie gespannt
+ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen
+Abwesenheit dem Gegenstand heiliger Liebe wieder
+nahen darf.
+</p>
+<!-- page 17 -->
+
+<p>Ini saß eben im Garten und rührte die
+Zephirharmonika. Es war dies ein Instrument,
+mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die
+hoch in die Luft reichten. Zu jedem Ton gehörten
+hundert gleich gestimmte Saiten, hintereinander
+an wiederhallende Laden gefügt und
+vorne mit einer Blende versehn. Unten befand
+sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem
+man schwache oder starke Töne hervorrufen wollte,
+die Blende, weniger oder mehr entfernt ward.
+Nun berührten die aufgefangenen Luftströme die
+Saiten und man vernahm jene reizende ätherische
+Schwingungen, welche früherhin schon an den
+sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur daß
+damals noch Niemand Herr der Melodien zu
+werden verstand.
+</p>
+
+<p>Guido trat in das Gartenthor, leicht aus
+Porphir gearbeitet, und nahm seinen Weg durch
+einen, von hohen blühenden Rosensträuchen beschatteten,
+Gang, an dessen Ende die Zephirharmonika
+auf einem frei emporragenden, nur mit
+niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten
+Hügel stand. Die Töne wehten ihm her durch
+die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das
+Instrument sah. Er wähnte, sie stiegen von
+<!-- page 18 -->
+glücklicheren Sternen nieder. Endlich erblickte
+er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa
+zwanzig Schuh hoch, war aus hell durchsichtigen
+Glassäulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf
+den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und
+Blenden waren mit goldfarbigem dünnem Zeuge
+bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg
+in gefälliger Rundung wölbten sich diese Zeuge.
+Die Saiten gewahrte das Auge in einiger Entfernung
+nicht, und so schien es, Ini schwebe ob
+dem Hügel auf einem Wolkenthron.
+</p>
+
+<p>Eine Umgebung der Art müßte jede Schönheit
+erhöhen, um wie mehr wenn erquickende
+Blumendüfte, und zaubervolle Harmonien bestachen,
+um wie mehr wenn die wirklich hohe
+Schönheit mit dem Blick der Liebe angestaunt
+ward.
+</p>
+
+<p>Guido erschrack freudig, da er um die letzte
+Krümmung des Rosenganges trat, und nun Ini
+ersah. Nieder mußte er anbetend sinken. Ihre
+Gestalt lag in so hoher Vollkommenheit in seiner
+Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun
+jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit.
+</p>
+
+<p>Sie wandte bald das Auge nach ihm hin.
+Nicht konnte man diese Bewegung eben zufällig
+<!-- page 19 -->
+nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde gemerkt,
+da das Jahr umgelaufen wäre, sie hoffte
+jetzt den Jüngling erscheinen zu sehn, und wenn
+sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt,
+den Grund in ihrer Weiblichkeit aufzusuchen.
+</p>
+
+<p>Sie erröthete &mdash; da hätten Abendsonne und
+Rosen sich beschämt abwenden mögen, sie endete
+ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich
+freuen, weil er nun gehört zu werden hoffte.
+</p>
+
+<p>Sie stieg herab, winkte freundlich dem Jüngling
+aufzustehen. Lächelnd und gesammelter nahm
+sie seine Hand und führte ihn nach dem Zimmer
+im Wohnhause, das mit ihren malerischen Geweben
+umhängt war. Hier befand sich jenes
+Ideal von Guidos künftiger Schönheit, das sie
+gleich herbeilangte.
+</p>
+
+<p>Du wecktest schöne Kräfte in dir, hob sie an,
+ihr Walten spricht in deinem Auge, ein reiner
+Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle
+Gefühle, hohe Einbildung, angenehme Affekten
+trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus Linien,
+Farben, Zügen zusammen. Eile emsig weiter auf
+der hold betretenen Bahn, und das schöne Ziel
+wird dir nicht entfliehn.
+</p>
+
+<p>Guido empfand selige Wonne. Als sich seine
+<!-- page 20 -->
+Gefühle erst in Worte zu kleiden vermogten,
+sagte er Ini, wie auch ihre Schönheit, ob er
+sie schon auf den Gipfeln der Vollendung
+geträumt hätte, unendlich erhöht sei.
+</p>
+
+<p>Sie ward verlegen, lächelte und holte eine
+zweite Malerei, welche auch ihre Gestalt in
+einem Ideale bildete. Guido wollte die neue
+Versündigung gegen ihre dermaligen Reize
+schelten, doch Staunen und Bewunderung<a id="corr-1"></a> schlossen
+seinen Mund. &mdash;
+</p>
+
+<p>Von der Zeit an sahen sich die Liebenden
+öfter. Viel inniger noch wurden ihre gegenseitigen
+Beziehungen und dennoch mehr Verständigkeit
+hineingelegt. Die Rückwirkung war
+für jeden Theil segnend.
+</p>
+
+<p>Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon
+im Laufe jenes Jahres manche Veränderungen bemerkt,
+welche Guido in seinem Charakter zeigte.
+Der Uebergang war zu plötzlich gewesen. Die
+Fortschritte im Guten hatten zu schnell geeilt,
+als daß der lebenserfahrne Greis nicht richtig
+auf den Grund davon hätte schließen sollen.
+Gleichwohl konnte er nichts weiter erspähn, da
+Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung
+nicht mied.
+</p>
+<!-- page 21 -->
+
+<p>Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu
+scharfsichtig, um nicht Ini bald aus ihren Umgestaltungen
+zu errathen, wenn ihr gleich der
+Jüngling ihrer Liebe noch ein Geheimniß blieb.
+</p>
+
+<p>Doch da die Liebenden sich nachher öfter zusammenstahlen,
+konnten sie der forschenden Beobachtung
+nicht entgehen. Beide Alten waren
+schnell mit ihrem Glauben aufs Reine und bei
+einer Zusammenkunft entstand folgendes Gespräch.
+</p>
+
+<p>Gelino. Werthe Athania, mein Zögling
+scheint Ini zu lieben.
+</p>
+
+<p>Athania. Eben wollte ich dir meine Bemerkungen
+über diesen Gegenstand vortragen.
+</p>
+
+<p>Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verlegenheit.
+Wohl hat diese Liebe, ohne Zweifel
+die erste, und eben so gewiß auf eine würdige
+Art erwiedert, Veredlung im Gefolge, dennoch
+muß ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten
+zu hindern sei.
+</p>
+
+<p>Athania. Harte Strenge gegen die jungen
+Seelen.
+</p>
+
+<p>Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt
+sich meines Guido, den er hier kennen lernte,
+an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart vertraut,
+<!-- page 22 -->
+wie er ihn zu hohen Staatsämtern
+berufen wolle.
+</p>
+
+<p>Athania. Und Ini ward mir von einer Afrikanerin
+übergeben, die ich nur verschleiert sah,
+die aber auf einen hohen Stand schließen ließ, und
+bis dahin die Tochter in einem Fündlinghause
+hatte erziehen lassen. Daß sie sich Inis Ehe
+zu bestimmen vorbehalten bat, läßt sich um so
+eher erwarten, als ich bald mit dem Mädchen
+nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl dürften
+wir mit all&rsquo; unserer Sorge nicht so viel an den
+Pflegbefohlnen erziehen wie die Liebe.
+</p>
+
+<p>Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein.
+</p>
+
+<p>Athania. Gestatten wir den jungen Leuten
+sich zu lieben, den Frühling ihrer Jahre entzückt
+zu genießen. Doch werde ihnen auch gleich
+verkündet, wie Besitz nimmer das Ziel dieser
+Liebe sein könne, wie sie sich an den Freuden
+des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung
+zu genügen hat.
+</p>
+
+<p>Gelino wandte noch manches ein, gab aber
+endlich nach, wobei denn noch beschlossen ward,
+die jungen Personen sollten sich immer in einiger
+Entfernung bewacht finden.
+</p>
+
+<p>Athania sprach mit Ini, welche erröthete.
+</p>
+<!-- page 23 -->
+
+<p>Bald sammelte sich aber das Mädchen und entgegnete,
+wie sie sich eine solche Ankündigung gar
+wohl gefallen lassen könne, da zwischen Guido
+und ihr eigentlich ja nur das bildnerische Problem
+gelöset werden sollte, die höchst mögliche
+Schönheit zu erringen.
+</p>
+
+<p>Athania war nicht wenig befremdet, als ihr
+dies näher erklärt wurde, hoffte, daß dem feinen
+Sinn der so etwas zu erfinden vermöge, auch
+die Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn
+die Trennung geboten sei.
+</p>
+
+<p>Gelino fand höhere Bestürzung an dem Jüngling,
+da sich dieser so unerwartet entdeckt sah.
+Doch faßte er sich auch und erklärte: könne er
+Ini nimmer besitzen, solle doch das Geschäft, sich
+ihrer würdig zu machen, sein Glück heißen. Dies
+lobte sein Führer mit Wärme.
+</p>
+
+<p>Die Liebenden eilten einander mitzutheilen,
+was Jedes von ihnen eben gehört hatte. Guido
+war in trüben Kummer versenkt. Ini zeigte
+eben nicht ihren gewohnten heitern Muth, doch
+sagte sie mit Festigkeit: Ich verhieß dir, wenn
+du mein Ideal erreicht haben würdest, dir mit
+Gegenliebe zu lohnen. Bis dahin erwarte nichts,
+dann alles, was das Schicksal auch einreden mag.
+</p>
+<!-- page 24 -->
+
+<p>Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft
+aus Afrika geflogen, und meldete, wie Inis
+Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte
+zugleich ein bequemes Fahrzeug mit, das die
+Reisenden nach jener Küste tragen sollte.
+</p>
+
+<p>Es war dies ein Häuschen von dünnem Schilfrohr
+geflochten und mit Fenstern aus einem
+ganz durchsichtig gemachten leichten Horne versehn.
+Zwei Kabinette, eine Kammer für die
+Dienerschaft und eine Küche, mit dem nöthigen
+kleinen Magazin von Speisen und Getränken,
+waren im Innern abgetheilt. Kostbare Teppiche
+schmückten mit andern Geräthschaften die Kabinette.
+Das Dach war platt, mit einem Geländer
+und Sitzen umgeben, sich dort bei angenehmer
+Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren
+die seidenen Stränge befestigt, welche von der
+oben schwebenden Azotkugel niederhingen. Man
+wußte jetzt das<a id="corr-2"></a> Azot viel leichter und einfacher
+zu bereiten als im Anfang der Luftschifferei.
+Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu
+zähmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg
+gekrönt. Man hielt auch viele Institute
+zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Postämter
+befanden sich in allen Richtungen von
+<!-- page 25 -->
+Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand
+einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden
+Fahne, bei Nacht mit einem Raketenschein sich
+meldeten, trafen sie alles bereit.
+</p>
+
+<p>Das Fahrzeug, worin die Schöne nach Afrika
+eilen sollte, war mit zwanzig rüstigen Thieren
+bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubniß,
+sie einen Grad begleiten zu dürfen. Athania
+und Gelino willigten ein. Er miethete also
+eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten
+im Gebrauch war, die nur an einem kleinen
+Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft
+werden konnte. Diese ward an das größere Fahrzeug
+befestigt und die beiden Adler einstweilen
+vorne mitgebraucht.
+</p>
+
+<p>Man stieg an einem herrlichen Morgen ein,
+und ließ das Fahrzeug sich hoch erheben. Welche
+herrliche erquickende Empfindung, im reineren
+Aether oben, welch&rsquo; entzückendes Schauspiel, die
+Sonne, die dem Thale erst im Purpurhauche
+am Ost sich verkündet hatte, nun schnell am
+tiefen Erdrund zu gewahren, da der Flug ihr
+zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare
+Sonnenscheibe des unbewölkten Himmels, doch
+unter ihnen schwand noch alles in Dunkel, weil
+<!-- page 26 -->
+Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden.
+Nur der Aetna, welcher eben Flammen auswarf,
+entdeckte sich ihnen in feurigen Verschlingungen.
+Bald aber trafen Föbos Strahlen die Höhen
+des Eilandes, und kurze Zeit darnach lag es in
+seiner ganzen Gestalt erkennbar unter ihnen,
+denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom
+silberfarbnen Meere umgürtet, zu übersehen.
+Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als
+Punkte bemerklich, die Orangen- und Pinienhaine
+zogen sich in blauen Streifen an den Gebirgen
+hin, die Thäler waren in ein heitres
+Gelb verschmolzen. Der Liebenden Busen wallte
+hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die
+nahe Trennung störte ihre erhabenen Gespräche
+über den erhabenen Gegenstand.
+</p>
+
+<p>Fürchte nichts, sagte Ini, ich komme gewiß
+nach Sizilien zurück. Es wird meine erste Bitte
+an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu
+vollenden. Ich schreibe dir, was sie beschließt,
+und du kömmst mir dann wieder entgegen.
+</p>
+
+<p>Die Reise ging schnell, da die Thiere munter
+die Flügel regten und man sich in einer stillen
+Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand
+entgegen zu kämpfen hatten. Nach einigen
+<!-- page 27 -->
+Stunden lag die Bläue des Meeres unter ihnen
+und eine grüne Linie an seinem mittäglichen
+Rande bezeichnete Afrika. Der Grad ist bereits
+überschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit,
+daß du an die Rückkehr denkst, Guido. Diesem
+waren die Stunden wie Minuten entwichen, er
+flehte um eine Zugabe von Frist. Man muß den
+Vertrag halten, antwortete Jene, auch merkte
+der Knabe, den Guido von der Luftpost zu
+Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler
+dürften ermüden.
+</p>
+
+<p>Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen
+der Knabe die zwei Adler gelegt hatte, die
+nun rückwärts gelenkt wurden. Tausend Lebewohl
+rief er Ini nach, die ihren thränenden
+Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der
+kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie
+so lange als möglich mit dem Sehrohre verfolgte.
+</p>
+
+<p>Guido war sehr traurig als er wieder in
+seiner Wohnung anlangte. Nur die Hoffnung,
+bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu
+dürfen, richtete sein Gemüth auf.
+</p>
+
+<p>Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus
+der Ferne zu unterhalten, bedeutend vervielfacht.
+<!-- page 28 -->
+Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen
+Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und
+Jedermann konnte sich ihrer gegen eine mäßige
+Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik
+diente hier aber mehr dem Gehör, als früherhin
+die wenig umfassenden Zeichen dem Auge. Es
+gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht,
+und fast bei jeder Witterung, auf eine Meile
+deutlich hörbar tönten und durch welche man
+von Station zu Station melden ließ, was man
+wollte. Ueber Meere leisteten dagegen die allgemein
+gewordenen Taubensendungen Hülfe. Ini
+hatte deshalb von dem Manne, der die Taubenpost
+zu Palermo hielt, sechs dieser gefiederten
+Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen
+Briefchen am Halse zurückfliegen zu lassen. In
+diesem Orte waren deren ebenfalls aus Neu-Karthago,
+der jetzigen Hauptstadt von Afrika
+vorhanden, deren sich Guido bedienen konnte.
+</p>
+
+<p>Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte
+aus seinem Thürmchen nach Süden. Manche
+Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere
+am zarten Hals, doch lautete die Aufschrift an
+andere Personen. Endlich nach einer Woche
+schwebte es weiß daher und die röthlichen Füßchen
+<!-- page 29 -->
+einer niedlichen Turteltaube setzten sich auf den
+Schlag nieder. Das zahme Thier ließ sich willig
+ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen.
+Hurtig ward es abgenommen und geöffnet.
+</p>
+
+<p>Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit
+froher Zärtlichkeit aufgenommen sei, und diese
+Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei
+Neu-Karthago lebe, auch ihre Liebe im reichen
+Maaße verdiene. Sie setzte hinzu wie sie nicht
+begreife, daß diese Mutter, bei einem so warmen
+Herzen, ihre Erziehung der Fremden habe übertragen
+können, und wie hier ein Grund vorhanden
+sei, bedeutende Geheimnisse zu vermuthen,
+um deren Aufschluß sie vergebens
+gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilderungen
+der vorzüglichen Eigenschaften dieser
+edlen Frau.
+</p>
+
+<p>Guido, wie unendlich ihn der Empfang des
+Schreibens erfreute, ward tief bestürzt, daß
+darin von keiner Wiederkunft die Rede war.
+Er fürchtete, Mutterliebe werde die Tochter
+nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz &mdash;
+von dem er doch täglich mehr für sich hoffte &mdash;
+von ihm wenden.
+</p>
+
+<p>Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief
+<!-- page 30 -->
+an. Hier schrieb ihm Ini, sie käme nach Sizilien
+zurück. Schwerer, als sie es geglaubt hätte,
+würde die Bitte darum ihr geworden sein, weil
+sie die Mutter einen Mangel an Anhänglichkeit
+hätte argwohnen lassen können, doch sei diese
+ihren Wünschen mit der Erklärung entgegen
+gekommen, Athania werde mit ihr auf ungewisse
+Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini
+klagte noch mit schmerzlichem Gefühl über die
+nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und
+weise sei. Sie setzte hinzu, daß sie &mdash; sonderbar
+&mdash; der verschleierten Mutter Antlitz nimmer
+schauen dürfe.
+</p>
+
+<p>Guido war hoch entzückt über den einen
+Punkt, wenn ihn schon der andere nicht ganz
+ohne Unruhe ließ, denn die Liebenden wollen
+nichts als sich geliebt wissen, sogar eine Mutter
+nicht.
+</p>
+
+<p>Nach einigen Tagen meldete ein Täubchen
+die Rückkunft auf Morgen an. Wie flog Guido
+zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie
+froh schwang er sich zur Höhe!
+</p>
+
+<p>Man lenkte bei diesen Luftfahrten nach Karten
+und Kompaß, konnte also den Strich nicht
+verfehlen, um so mehr als beides in sehr verbesserter
+<!-- page 31 -->
+Art vorhanden war. Denn man bildete
+die Karten in erhabener Arbeit, so daß
+sie auf das Genaueste die Berge, Städte, Felder
+u. s. w. darstellten. Alle Verhältnisse der
+Länge, Breite, Höhe waren richtig, wenn schon
+in bequemer Verkleinerung, und so, daß sie dem
+gewöhnlichen Auge nicht erkennbar wurden. Dann
+bediente man sich aber der jetzt so treflichen
+Mikroskope, unter welchen alles deutlich ward.
+Der Kompaß war mit Uhren, Zeitmessern und
+andern Vorrichtungen dergestalt verbunden, daß
+man, zumal auch die Längenfindung entdeckt
+war, in jedem Augenblicke den Punkt angegeben
+hatte, in welchem man sich befand. Es konnte
+mithin unserm Guido nicht fehlen, seinem Mädchen
+in der Luftregion zu begegnen.
+</p>
+
+<p>Auch das Sehrohr entdeckte sie ihm schon
+auf weiter als zwei Grad&rsquo; und er ward zu
+seinem hohen Vergnügen bald inne, daß auch
+ihr schönes Auge an dem nemlichen Instrumente
+lag, nach ihn auszusehen. So lächelten und
+liebäugelten sie einander schon zu, wenn gleich
+mehr als zwanzig Meilen entfernt. Bis auf
+einige Meilen genaht, leisteten ihnen die akkustischen
+Werkzeuge Hülfe, sich zu begrüßen und
+<!-- page 32 -->
+sich süße Dinge zu sagen. Herrliche Erfindungen
+für Liebende.
+</p>
+
+<p>Endlich war das ätherische Häuschen erreicht,
+in welchem die gefeierte Schönheit saß. Guido
+konnte die Zeit nicht erwarten, aus seiner Gondel
+auf das Dach zu springen. Er war zu eilig,
+versah es, und &mdash; fiel.
+</p>
+
+<p>In einer Höhe von viertausend Schuh fiel
+Guido nieder. Allein sämtliche Luftpassagiere
+waren gewohnt, eine Hauptbedeckung von einem
+dünnen Zeuge, mit kleinen Stäben aufgesteift,
+zu tragen, die sich bei einem etwanigen Unfall,
+durch die natürliche Wirkung der Luft, breit
+entwickelte. So erfolgte dann nichts weiter,
+als ein jähes Niedersinken von etwa hundert
+Schuhen Tiefe, dann hing man gesichert am
+Fallschirm und schwebte langsam der Erde zu.
+Der Postknabe flog mit seinen Adlern schnell
+niederwärts, fischte den Jüngling auf, brachte
+ihn wieder an Inis Fahrzeug, wo er diesmal
+vorsichtiger einstieg, nur den Schaden hatte
+ausgelacht zu werden, und &mdash; was für den Liebenden
+freilich wichtig genug ist, eine Minute
+verloren zu haben.
+</p>
+
+<p>Guido und Ini hatten einander unendlich
+<!-- page 33 -->
+viel zu sagen, wenn schon die Weisheit es unendlich
+wenig genannt haben dürfte. Noch
+eifriger betrachteten sie einander: Der ganze
+Prozeß der Beiden legte es, wie wir schon oft
+genug berührten, auf Verschönerung an. Verschönt
+nun Liebe an sich, ist sie die beste Lehrmeisterin
+in jeder Kunst, fachen zugleich Trennung,
+Sehnsucht und Entzücken beim Wiedersehn
+sie um so höher an, so konnte es nicht
+fehlen, daß diese wenigen Tage sie ihren Zielen
+um etwas näher geführt hatten.
+</p>
+
+<p>Nicht lange darauf kam der Kaiser nach
+Palermo. Er ließ sich den Jüngling vorstellen
+und bezeugte seine Zufriedenheit mit dem vortheilhaften
+Bericht, welchen sein Erzieher über
+ihn abstattete. Dann gebot er diesem, sogleich
+eine Reise mit Guido anzutreten. Wenn diese
+vollendet wäre, sollten sie nach Rom kommen,
+und würde dann der Jüngling, bei einer neuen
+Prüfung, bestehen, verhieß Jener, sollte er zu
+einem wichtigen Staatsamte berufen werden.
+</p>
+
+<p>So standen also die Sachen. Morgen sollte
+Guido scheiden. Ini empfahl ihm nichts wärmer,
+als das Ideal nimmer zu vergessen, welches
+sie ihm nun auch einhändigte. Sind die drei
+<!-- page 34 -->
+Jahre um, sprach sie, und wir haben Beide erreicht,
+was wir wollten, dann liegt es schon in
+der ganzen Natur dieser Schönheit, daß wir
+uns besitzen müssen. Und nun scheide mit einem
+männlichen Lebewohl.
+</p>
+
+<p>Daß es nicht sehr männlich war, und die
+ermannende Rathgeberin selbst im Geheim der
+Fassung entrathete, ist zu vermuthen. Bei dem
+Allen ließ die hohe Wehmuth des Abschiedes auf
+lange Dauer wieder einen neuen Zug von Schönheit
+zurück.
+</p>
+
+<p>Guido sollte nicht immer durch die Höhen reisen,
+weil ihm die Tiefe dann nicht kund geworden
+wäre. Ein segelfertig Schiff im Hafen ward
+bestiegen, das den Lehrer und Zögling nach der
+jetzigen Ostmark des Staates von Europa tragen
+sollte.
+</p>
+
+<p>Die Kunst zu schiffen hatte bedeutend gewonnen.
+Unendlich geringer war die Gefahr
+dabei. Strand, Klippen, Meergrund hatte die
+viel erweitete Geographie treflich bezeichnet,
+der gute Pilot wußte den Strich, kannte die
+Tiefen seines Fahrwassers genau. Nächtliches
+Dunkel bereitete kein Hinderniß, weil man die
+Fahrzeuge mit Reverberen umhing, die im Umkreis
+<!-- page 35 -->
+einer Viertelmeile fast Tageshelle verbreiteten.
+Der Kampf mit Stürmen brachte Niemand
+mehr in Verlegenheit. Denn es gab Ankertaue
+aus feinen Metalldräthen, welche große Haltbarkeit
+mit geringem Umfang verbanden, und
+befestigte dadurch das Schiff, mogte die See
+noch so empört wogen. Bei Windstillen, die
+früherhin den Seefahrer in zeitraubende Unthätigkeit
+versetzten, halfen neuerfundene Ruderwerke,
+durch einen einfach kunstvollen Mechanismus
+in Bewegung gebracht. Man baute
+auch weit größere Schiffe, was um so eher anging,
+als die Häfen überall zu ihrer Aufnahme
+geeignet waren, und benutzte den Raum darin
+geschickt. Es war endlich ein Lack erfunden worden,
+der allen Eindrang von Wasser hemmte,
+daher die Waaren in den Kellern ganz trocken
+lagen und zugleich in sehr großer Menge, denn
+rohe Erzeugnisse zu verfahren, schämte sich der
+meisten Nationen Kunstfleiß, und die verarbeiteten
+nahmen weniger Platz ein. Der obere
+Theil der Schiffe war gemeinhin sehr vortheilhaft
+abgetheilt. Die Seeleute hatten Verfeinerung
+genug angenommen, um sich nicht auf
+einseitige Beschränkungen zu verstehn, und der
+<!-- page 36 -->
+Lebensgenuß war Jedermann zu wichtig, als daß
+er irgendwo verbannt gewesen wäre. Deshalb
+fand man hier einen Konzertsaal, der auch zum
+Theater umgeschaffen werden konnte, ein Lesezimmer,
+dessen Wandschränke mit Büchern, Karten
+und Instrumenten zum Behuf der Seefahrt
+und Naturkunde gefüllt waren. Eine breite Gallerie
+umlief das Schiff, besetzt mit Fruchtbäumen
+und Blumen in Töpfen. Hier lustwandelte man,
+ohne durch das Arbeitgetöse auf dem Verdeck gestört
+zu werden.
+</p>
+<!-- page 37 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Zweites Büchlein.</h2>
+
+<p class="sub">Die Reise.</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">G</span>elino bemühte sich während dieser Meerfahrt
+den Zögling in mancherlei ihm noch unbekannten
+Dingen zu unterrichten. Das Vergnügen der
+Bequemlichkeiten mancher Art, die Zerstreuungen
+durch Musik und Bühne, wurden ihm sparsam zugemessen;
+er mußte dagegen häufig im Kristallthurm
+weilen, und die Natur unter der Wogenfläche
+beobachten.
+</p>
+
+<p>Mit diesem Thurme hatte es folgende Bewandniß.
+</p>
+
+<p>Er war nur so groß, daß etwa drei oder vier
+Personen, ein scheidekünstlerischer Apparat und
+mancherlei Beobachtungsinstrumente darin Raum
+fanden. Von starken Bohlen viereckig gebaut,
+mit Seitenfenstern von sehr dickem aber vollkommen
+<!-- page 38 -->
+durchsichtigem Kristall. Der Boden
+überaus fest, um bei einem Stoße an Klippen
+nicht in Trümmern zu fallen. Die Decke an
+einen dicken, hohlen Metalltau gebunden, der
+ins Innre lief. Zudem vollkommen gegen den
+Eindrang der Fluthen gesichert.
+</p>
+
+<p>Dieser Thurm ward nun ins Meer gelassen,
+indem er in der Gegend des Steuerruders befestigt
+blieb. Durch seine Schwere ging er
+unter. Die Höhlung des Taues setzte die unten
+befindlichen Personen in den Stand, mittelst
+eines Sprachrohrs verlangen zu können, ob sie
+tiefer hinab gesenkt, oder höher hinauf gezogen
+sein wollten. Die Chemie hatte lange schon die
+Mittel entdeckt, eine verschlossene Luft durch
+Reinigen und Erzeugen von Sauerstoff athembar
+zu erhalten. War das Meer nun nicht in zu
+lebhafter Bewegung, so konnte man durch die
+Fenster alles weit um sich entdecken, ja man
+bediente sich einer Art Lampen vor Hohlspiegeln,
+um die Tiefe nöthigenfalls noch mehr zu erhellen.
+</p>
+
+<p>Welche Entdeckungen hatte die Naturkunde
+seit dieser Erfindung gemacht! Die Welt im
+<!-- page 39 -->
+Ozean, von der Ehedem so wenig bekannt war,
+lag nun dem Auge des Forschers offen da.
+</p>
+
+<p>Furchtbar schien es dem Neuling, im tiefen
+Gebiet der Nereiden und Tritonen zu hausen,
+auch nahten manche schlimme Gefahren. Die
+Meerungeheuer, ergrimmt über den seltsamen
+Besuch, wütheten bisweilen gegen des Thurmes
+Fenster und suchten sie zu zerstören. Allein es
+mangelte auch nicht an Vorkehrungen. Stacheln
+an den Ecken empfingen sie unfreundlich, so daß
+sie sich bald auf die Flucht begaben. Auch gab
+es Fallen mit einem künstlichen Mechanismus,
+die hie und da einen Seelöwen, einen Haifisch,
+einen Delphin und andere erst seit dieser Erfindung
+bekannt gewordene Thiere umklammerten,
+die denn als eine Beute für die Schiffsküche
+oder für eine Sammlung von Seltenheiten mit
+empor gebracht wurden. Bisweilen fanden sich
+aber zu große Thiere ein, und wenn der Thurm
+nicht eilig genug zur Höhe gewunden ward, ging
+er mit seinen Bewohnern verloren.
+</p>
+
+<p>Neue Steinarten auf dem Meergrunde, Fossilien,
+andere Gattungen von Perlen und Korallen
+waren eben sowohl in großer Menge entdeckt
+worden, als man die Ichtiologie bereichert hatte.
+</p>
+<!-- page 40 -->
+
+<p>Hier blieb Guido halbe Tage lang, übte den
+kaltblütigen Sinn in Lebensgefahr und ärntete
+merkwürdige Kenntnisse. Von dem was er sah
+und lernte, hielt er ein Tagebuch, brachte das
+Vorzüglichere davon in einen Auszug und sandte
+ihn durch mitgenommene Tauben an Ini.
+</p>
+
+<p>Man gelangte in den Archipelagus. Die
+meisten Eilande wurden besucht. Sie waren jetzt
+zum Theil von Hirten bewohnt, die ein dem
+alten arkadischen ähnliches Leben führten, denn
+Unschuld und fromme Sitte hatte man einheimisch
+gemacht; zum Theil aber sahe der Reisende
+vortreffliche Anstalten zur Bildung von
+Seeleuten und zum Schiffbau, wozu die Lage
+einlud.
+</p>
+
+<p>Guido gesellte sich bisweilen zu den Jünglingen
+und Mädchen unter den Hirten. Jene
+trugen gemeinhin an einem Bande ein Sehrohr
+auf dem Rücken weil sie in klaren Nächten die
+Beschäftigung ihrer Urväter trieben und die
+Sternkunde bereicherten. Daneben fertigten sie
+eine liebliche Art Flöten und begleiteten den
+Gesang froher Mädchen, deren Hand zugleich
+ungemein wohltönende Citharen rührte. Wie
+weit auch diese Musik der Zephirharmonika nachstand,
+<!-- page 41 -->
+mit welcher Ini ihn bezaubert hatte,
+fühlte Guido dennoch die Rührung einfacher
+und tief empfundener Melodien. Natur und
+harmlose Lebenssitte hatten auch diese Menschen
+so poetisch gemacht, daß auf Verlangen oder aus
+eignem Drang, Hirten und Hirtinnen Lied und
+Harmonien auf der Stelle erfanden und vortrugen,
+was die Hörer in die Zeiten der Amphion
+und Homer versetzte. Guido entwarf davon eine
+anziehende Schilderung und sandte sie Ini.
+</p>
+
+<p>Das Verlangen Athen bald zu sehen, regte
+sich nun lebhafter, denn zu viel hatte ihm
+Gelino davon gesagt. Es wurde auch in kurzem
+gestillt, man erblickte das alte Vorland Sunium,
+die Berggipfel Parnes und Brilessus, und lag
+bald darauf im Hafen Piräus vor Anker.
+</p>
+
+<p>Gelino unterrichtete ihn im Voraus über
+die Erscheinungen, welche ihn auf diesem merkwürdigen
+Erdfleck belehren sollten.
+</p>
+
+<p>Im achtzehnten Jahrhundert, hub er an,
+ereignete sich in der Provinz Frankreich jene bekannte
+Staatsveränderung, welche das Schicksal
+bestimmt hatte, nach und nach allen Reichen
+am Erdboden eine neue Gestalt zu geben. Nach
+langen blutigen Kriegen, die bis tief ins neunzehnte
+<!-- page 42 -->
+Jahrhundert geführt wurden, kam der
+größte Theil von Europa unter eine Obergewalt,
+welche aber die Unterregierung mehrerer Könige
+feststellte. Man nannte dies Reich, das erneute
+römisch-abendländische und Rom wurde, wie es
+jetzt noch ist, der Wohnsitz des Kaisers. Der
+schwerste Kampf war gegen die Albionen, damals
+in Schiffahrt und Seekrieg berühmt, welche ungeheure,
+wenn gleich meistens eingebildete, Reichthümer
+gehäuft und den gigantischen Entwurf
+gemacht hatten, die Handlung des ganzen Erdballs
+an sich zu bringen. Doch nach einer gelungenen
+Landung flohen die Vornehmen mit
+ihren klingenden Schätzen nach dem Indien am
+Ganges, und Calcutta ward die Hauptstadt
+ihres neuen Reichs. Das Volk blieb verarmt
+zurück und mußte unter fremder Regierung seinem
+Kunstfleiß eine andere Richtung geben.
+</p>
+
+<p>Doch bildete sich neben dem abendländischen
+Kaiserthume auch ein neues morgenländisches.
+Einen Cäsar an der Spitze, der sich den griechischen
+nannte, drangen die Völker des Nordens hervor,
+mit eisernen Armen, in alt scithischer wilder
+Kraft und dennoch mit den Künsten der vorhandenen
+Kultur vertraut. Den Boden des ehemaligen
+<!-- page 43 -->
+Griechenlands hatten damals die Ottomannen
+inne, ein kräftig Volk, voll Religion
+und warmer Phantasie, doch weit zurückgeblieben
+in den Wissenschaften. Sie mußten bald aus
+Europa weichen, wo ihr Sultan, durch mehrere
+Jahrhunderte, auf Constantins Thron gesessen
+hatte. Allein ihr reizend Gebiet in Europa
+ward der Zankapfel zwischen den beiden Großmonarchien.
+Neu-Griechen und Neu-Römer
+machten ihre Ansprüche darauf mit dem Schwerdte
+gültig. Eine verheerende Fehde folgte der andern,
+die Menschheit blutete. Man sah in den
+lachenden Gegenden nur Ruinen, entvölkerte
+Wohnplätze, verwüstete Auen. Umsonst mahnte
+Philosophie der blutenden Menschheit zu schonen.
+Zu gewaltig fühlten sich die Streitkräfte, zu entflammt
+waren die ehrgeizigen Gemüther, stolzer
+gemacht durch bedeutende Erfolge und immer
+weiter strebend in ungemessenen Entwürfen.
+</p>
+
+<p>Zuletzt veranstalteten beide Kaiser eine Unterredung
+zu Constantinopel. Mein muß Europa
+gehören, sagte der Occidentale, die Natur seiner
+Gränzen weist mich darauf an, ich ende den
+Kampf darum nicht und sollte das lebende Geschlecht
+darin untergehn. Doch nimm dir vom
+<!-- page 44 -->
+alten Morgenland Roms, das herrliche Klein-Asien,
+Sirien, dringe zum Euphrat vor, ja
+bemächtige dich aller Lande, denen einst Cirus
+gebot. Ich will dir in deinen Eroberungen
+treulich beistehn. Schon ist dein Asien dem Umfange
+nach, größer als mein Gebiet, wie viel
+reichere fruchtbarere Provinzen kannst du ihm
+noch zugesellen.
+</p>
+
+<p>Die Kühnheit des Plans gefiel dem Monarchen
+aus dem Hause Romanow. Da kamen von
+den Strömen Obi, Lena, Jenisei, von den
+Seen Aral, Telegul, Baikal, von den Altanischen
+und Sajanischen Gebirgen streitbare Krieger.
+Turalinzen, Kirgisen, Teleuten, Abinzen, Tschulimische
+und Werchotomekische Tatarn strömten
+über den Kaukasus, Hülfsvölker aus den stolzen
+Spaniern, den ehrgeizigen Franken, den markigten
+Germanen, den feurigen Polen, den schlauen
+Italiern und andern Nationen zusammen gebracht,
+drangen über die Meerenge von Constantinopel
+vor oder landeten an den Küsten von
+Sirien.
+</p>
+
+<p>Tapfer vertheidigten sich die Anhänger der
+Religion Muhameds. Doch Uneinigkeit theilte
+ihre Kraft, sie waren der überlegenen Kunst
+<!-- page 45 -->
+nicht gewachsen. Zwar kostete es Jahre, mühevoller
+Anstrengung und das Leben von Hunderttausenden,
+endlich aber wurden bis zu Mesopotamien
+hin alle alt-türkischen Besitzungen überschwemmt.
+Der Schach von Persien kam den
+Glaubensverwandten zu Hülfe, ward so in die
+Kriege verflochten und erlag am Ende des neunzehnten
+Jahrhunderts auch.
+</p>
+
+<p>Nun ward Ispahan des neuen ungeheuren
+Staates Mittelpunkt. Man bemühte sich mit
+Weisheit die Völker zu gewinnen, indem ihnen
+nach und nach die Wohlthaten der Kultur einleuchtend
+gemacht, und die verschiedenen Religionen
+in einen, von Wahn gereinigten, und durch
+allgemeine Moral veredelten, Kultus vereint
+wurden.
+</p>
+
+<p>Bald aber sahe man sich genöthigt neue
+Kriege im Ost zu beginnen. Die Albionen in
+Indien waren mächtig geworden. Sie trieben
+nicht nur in allen Gewässern zwischen Madagaskar
+und Japan ihr altes Spiel, sondern hatten
+auch zu Lande ihre Herrschaft bis über Tibet
+hinaus verbreitet, befehdeten den Khan von
+Sina, und gaben den Neu-Persern (so nannten
+sich jetzt die vormaligen Moskowier) zu vielen
+<!-- page 46 -->
+Klagen Anlaß. Die Waffen mußten entscheiden,
+ein hartnäckiger Kampf durch mehrere Jahrzehende
+folgte. Doch ein Monarch, Cirus Alexander
+genannt, drang zuletzt an den Ganges
+vor, nahm Calcutta ein und die Albionen sahen
+sich abermal gezwungen ihr Reich übers Meer
+zu verlegen. Sie wählten Neu-Holland, da
+Cirus Alexander ihnen auch die Inselgruppe von
+Borneo wegnahm. Doch jenes große Eiland,
+das nunmehr den Namen Süd-Brittania empfing,
+sammt vielen andern und manchen neu
+entdeckten am Pol, bildet jetzt ihr stattlich Reich
+und die kunstfleißige und üppige Hauptstadt
+Botani-Bai ist zu der Bevölkerung einer Million
+herangewachsen. Zu Calcutta, das sie eilig räumen
+mußten, fand man eine Abtei voll Grabmähler
+und Denkbilder großer Seehelden und Gelehrten.
+Denn dies Volk war von uralten Zeiten her
+ungemein dankbar gegen Verdienste um das
+Vaterland, und darum ist es ihm auch wohl gelungen
+mit anfänglich geringen Hülfsmitteln
+bewundernswerthe Dinge zu vollziehn.
+</p>
+
+<p>Nachdem das Neu-Persische Reich gestiftet
+und befestigt war, genoß das abendländische
+Kaiserthum einer langen glückseligen Ruhe. Der
+<!-- page 47 -->
+Kaiser Marcus Aurelius II. berief zu Anfang des
+zwanzigsten Jahrhunderts die Fürsten und Weisen
+aus allen Landen, um eine Verfassung zu gründen,
+wie das Bedürfniß der vorgerückten Zeiten
+sie verlangte.
+</p>
+
+<p>Hier wurde nun vorerst angetragen, den
+Namen abendländisches Kaiserthum aufzugeben.
+Was dürfen wir Rom nachahmen? fragte man.
+Unser Reich ist an Umfang, Reichthum und Gewalt,
+bei weitem größer als das Reich der Quiriten
+in seiner üppigsten Blüthe. Haben wir
+allenfalls in Asien mächtigere Feinde zu fürchten
+als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen,
+mit denen vereint wir ihnen kräftigen Widerstand
+leisten können. Da auch die reinste Gemeinsache
+der Zweck dieses großen Landtags ist,
+so heiße das Reich künftig die Republik Europa.
+</p>
+
+<p>Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekränkt
+zu finden, sahe hier nur seine Wünsche ausgesprochen.
+</p>
+
+<p>Nur Gleichheit, sagte der weise Gekrönte,
+ist Verfassung des Rechts. Wenn Spaltung des
+Willens Ehedem die Republiken erschütterte, und
+sie zuletzt in Herrschaft der Willkühr untergehen
+ließ, so kam das daher, weil die Volksvernunft
+<!-- page 48 -->
+noch nicht hinlänglich gereift war, das Gute
+klar einzusehn. Man nannte die Tugend Stütze
+der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments.
+Thörigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden.
+Heil der Zeit, welche endlich einsah, Ehre könne
+allein der Tugend Preis werden und Tugend
+sei durchaus nichts anderes als Huldigung der
+Vernunft.
+</p>
+
+<p>Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich
+selbst, Volkswillen und Alleinherrschaft so verbunden,
+daß der Mann auf der Spitze, jenen nachdrücklich
+ausspricht, und, wie er ihn von unten
+herauf vernahm, ihn von oben hinunter in Erfüllung
+gehen läßt.
+</p>
+
+<p>Es gab Zeiten wo die Fürsten sich freuten,
+blindgehorsamen, vernunftarmen Sklaven zu gebieten.
+Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir
+nur Ehre darin, freien, edlen, verständigen Bürgern
+vorzustehn. &mdash; So sprach dieser Monarch.
+</p>
+
+<p>Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegenheit
+finden, die Einrichtungen zu sehn, welche
+nun in der monarchischen Republik gegründet
+wurden, indem man unabläßig strebte, Tugend
+und Ehre zu gatten, und zugleich die Volksintelligenz
+und die Fürstenintelligenz erzog. Viel
+Hohes,
+<!-- page 49 -->
+Großes, Kräftiges, Entzückendes ist daraus hervorgegangen,
+wenn gleich freilich immer noch ein
+Grundsatz für die Tugend der Bürger mangelt,
+der ihre Tugend gewiß, ächt und als solche erkennbar
+macht. Ihn zu suchen ist das hohe
+Geschäft der Zeit, wiewohl man noch nicht
+glücklich darin war.
+</p>
+
+<p>Vor der Hand merke aber so viel von jenen
+Anordnungen:
+</p>
+
+<p>Alle Völker von Europa sollten zur Sitteneinheit
+erzogen werden.
+</p>
+
+<p>Man führte darum Ueberall dasselbe Maaß
+in Schwere und Umfang, dasselbe Tauschmittel,
+dieselben Satzungen des Rechtes, ein.
+</p>
+
+<p>Die allgemeine Sprache durch ganz Europa
+folgte.
+</p>
+
+<p>Die Völker hatten ihre besonderen Fürsten,
+da Eine Obergewalt unmöglich das weite Ganze
+im Einzelnen überblicken konnte. Diesen Fürsten
+blieb die Würdeerblichkeit zugestanden, um
+den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung auszuweichen,
+doch haftete sie nicht an dem erstgeborenen,
+sondern an dem edelsten Sohn. Hierüber
+mußte das große Rechtstribunal schlichten,
+welchem der Kaiser vorsaß und wo auch alle
+<!-- page 50 -->
+Streitigkeiten der Fürsten gehoben wurden, wodurch,
+wie das Staatswohl auch von selbst verlangte,
+ein immerwährender Friede in Europa
+bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit, wogegen
+die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur,
+trotz ihren erblichen Gebietern<a id="corr-3"></a>, als Provinzen betrachtet
+werden, traurige innere Kriege sah. So
+hatte unter andern einst Deutschland einen Föderalismus
+gestiftet, wo aber demungeachtet sich
+ein Fürst gegen den andern der Waffen bediente.
+Doch, damit die Erben von Thronen, sich ihres
+erhabenen Berufs würdig machten, mußten die
+Väter, des Gemeinwohls halber, das frohe häusliche
+Verhältniß aufgeben, sie um sich zu sehn.
+Zeitig wurden die Söhne fernen Erziehungsanstalten
+übergeben, wo sie, unerkannt und unter
+andern Pfleglingen, nach den Grundsätzen gebildet
+wurden, die die Weisheit für die besseren
+erkannte, und welche sie immerfort veredelten.
+Dann bekleideten sie Aemter mannichfacher Art
+und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon
+entwickelten Talente sich noch mehr kräftigten.
+Endlich, männlich gereift, an Leib und Geist
+prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe
+Bestimmung und traten sie, von Schmeichelei und
+<!-- page 51 -->
+Lüsten unverdorben, an. Dieser Gebrauch ging
+in der Folge sogar auf die Fürstentöchter über,
+und keineswegs dürfen die Kinder der Kaiser davon
+ausgenommen sein.
+</p>
+
+<p>Was für die Religion, den Landbau, die
+Wissenschaften, Künste, Handwerke, die Ausrottung
+der Armuth, von Oben geschah, daß sie Unten
+desto freier gedeihen konnten, wird sich dir
+an seinem Orte verkünden.
+</p>
+
+<p>Ungeachtet der beschloßenen und nach und
+nach durchgeführten Identität der Europäer,
+glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich
+könne durch seine Natur, und allenfalls durch
+gewisse Uebertragungen vom Alterthum, sollte
+es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich
+für gewisse Beschäftigungen vorzüglich eignen.
+So wurde den bildenden Künsten, deren schönen,
+sittlichen Einfluß man nicht verkannte, das alte
+Griechenland zum Wirkungskreis angewiesen, und
+dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich phantastische
+Plan ausgeführt, Athen wieder aufzubauen.
+Du wirst diese Stadt nun sehen und
+zwar möglichst genau nachgeahmt, so weit nur
+die Alterthumskunde dazu Hülfsmittel anbot.
+Du wirst dich in die Zeiten des Perikles zurück
+<!-- page 52 -->
+wähnen, in seine Mauern tretend. Keiner von
+den Tempeln, keins der ehmaligen öffentlichen
+Gebäude mangelt. Bildhauer und Maler treiben
+vorzüglich ihre Kunst, und wenn der Hauptanreiz
+vor Zeiten in dem großen vortheilhaften
+Absatz der Statuen und Gemälde bestand, welche
+der alte Politheismus aus der halben bekannten
+Welt in Attika kaufte, hat auch der neuere Kultus
+diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Gegenstand
+des Stolzes geworden ist, simbolische
+Darstellungen aus Athen zu besitzen, deren wohl
+viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht
+kamen. Ohne diesen begünstigenden Umstand
+würden Athens neuere Bildner schwerlich die
+Phidias und Apelles zurück gelassen haben, wie
+es wirklich geschehen ist. Mitbewerbung ist jedoch,
+wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht
+aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Europa
+mag die Künste üben wer da will, und wo
+er will, auch wetteifern die Maler in Italien
+sehr glücklich mit denen am Ilissus, doch die
+Fertigkeit in Stein zu gestalten, drang hier am
+weitesten, wie überhaupt auch die Vorkunde
+(Theorie) des Schönen, in Athen am meisten
+einheimisch ist.
+</p>
+<!-- page 53 -->
+
+<p>Bei den Worten <i>Vorkunde des Schönen</i>
+erglühte der Zögling und dachte an Ini, die
+sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte
+er zu sich, ob die Bildner zu Athen meine
+holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion
+übertreffen werden.
+</p>
+
+<p>Man zog nun in die Stadt ein. Guidos
+Herz wallte hoch auf, bei den rührenden Erinnerungen
+an das edle Alterthum, so lebendig durch
+die Nachahmung versinnlicht. Vor allen Häusern
+standen Hermen, deren Vollkommenheit Staunen
+erregte, das einfache und doch<a id="corr-4"></a> mit großem Eindruck
+erfüllende Ebenmaaß der heiter-majestätischen
+Tempel, legte entzückende Bewundrung auf.
+</p>
+
+<p>Gelino besuchte mit seinem jungen Freund
+die Werkstatt des gerühmtesten Meisters unter
+den Bildhauern. Der Mann faßte den Jüngling
+fest ins Auge, und schien befremdet. Dann
+zeigte er willig seine reichen Vorräthe, zu welchen
+die meisten Künstler von Belang ihre Arbeiten
+geliefert hatten, die nun in den weitläuftigen
+Säälen dieser Werkstatt und unter vortheilhafter
+Beleuchtung, dem Auge der Fremden
+ausgestellt sein sollten.
+</p>
+
+<p>Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde
+<!-- page 54 -->
+in Athen auch künstlerisch behandelt und man
+band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten
+Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich gelungene
+Nachbildungen jenes Apollon, jener Venus,
+jener Niobe und anderer Statuen, die sich
+einst glücklich durch die Jahrhunderte der Barbarei
+retteten und in späteren das Morgenroth
+des Schönen wieder aufgehen ließen, sondern
+man hatte auch die nämlichen Ideen auf andere
+Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius
+ward daran sichtbar. Föbos hatte weit mehr
+Göttlichkeit, die Göttin von Paphos mehr weibliche
+Anmuth, wenn frühere Zeiten dies schon unbegreiflich
+fanden.
+</p>
+
+<p>Auch aus der alten nordischen Götterlehre
+wählten die Künstler Stoffe. Odin, Wodan,
+die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Verherrlichungen
+aufgestellt, eben so Brama, Osir
+und was sonst dazu sich eignete.
+</p>
+
+<p>Für Sääle und Gärten der Großen in Europa
+fand sich immer Nachfrage, auch hatte jede
+namhafte Stadt<a id="corr-5"></a> einen Park, zur Ergehung der
+Bewohner, angelegt, den der Kunstsinn gern
+schmückte, überzeugt, dies wirke lebendig auf
+den Flug der Gemüther ein, und die so
+<!-- page 55 -->
+vervollkommnete Leichtigkeit der Fortschaffung
+mäßigte die Kosten.
+</p>
+
+<p>Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die
+Landesreligion unterhalten. Ein Sinod von Weisen
+hatte früherhin fünfzigjährige Sitzungen gehalten
+über diesen höchst wichtigen Gegenstand,
+etwas Allgemeingültiges, Dauerndes festzustellen.
+Tausend Vorschläge hatte man geprüft und verworfen,
+bis eine ansehnliche Mehrheit sich für
+die folgenden entschied.
+</p>
+
+<p>Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist
+die erhabenste, noch nicht übertroffene Legislatur
+der Rechtsgefühle, doch die christliche Glaubenslehre
+kann nur einem finstern Zeitalter anpassen.
+Wenn jene, ihrem Geiste nach, und auf die
+ehrwürdige Urreinheit zurückgeführt, nach Jahrtausenden
+segnend auftreten kann, so ist diese,
+nach den ungemessenern Begriffen vom Weltgebäude,
+welche ein aufgehelltes Geschlecht errang,
+nicht länger brauchbar, wenn die Vernunft
+nicht mit sich selbst im Widerspruche leben
+will.
+</p>
+
+<p>Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt
+bindet, uralten Erfahrungen zufolge, die Herzen
+zu wenig, was durch die Phantasie zur Vernunft
+<!-- page 56 -->
+dringt, nimmt nicht nur die Schwäche,
+auch der kräftige Sinn freundlicher auf, vorzüglich
+wenn es in das Leben der Handlung übergehn
+soll.
+</p>
+
+<p>Verbannen wir daher vom <i>Denken</i> alles
+Bildliche, doch zum <i>thätigen Wirken</i> mögen
+immer Dichtung und Künste uns lieblich begeistern.
+</p>
+
+<p>Der mosaisch-christliche Theismus sei und
+bleibe die Grundlage unserer neuen, und dennoch
+aus dem tiefen Alterthume empfangenen
+Religion. Wir glauben an eine Gottheit, unbegreiflich
+den Formen, in welchen uns dermalen
+unsere Natur zu erkennen gestattet. Außer dem
+Raume, außer der Zeit, unendlich, ewig, allmächtig
+bezeichnen wir diese Gottheit, nichts
+Höheres wissen wir zu nennen, wenn wir uns
+auch in tiefer Anbetung bescheiden, was wir
+nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Streben,
+das unsere Kräfte übersteigt, sein Wesen
+näher zu fassen, aufgeben.
+</p>
+
+<p>Keine Ehrengebäude dieser erhabenen Vermuthung!
+Unwürdig stellt sie die Materie dar. Könnten
+höhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdsternen,
+Altäre darin aus Feuersternen, es priese
+<!-- page 57 -->
+ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im Jahre
+mag sich die dankbare Andacht unter dem himmlischen
+Gewölbe versammeln, und sich selbst heiligen,
+in heiliger Empfindung. Wenn der Ball
+sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren
+befruchtenden Segen zu trinken, wenn wir ärnteten,
+was die innere Götterkraft der Auen
+nährend gestaltete, dann wimmle die Menge
+in Eintracht hinaus und huldige.
+</p>
+
+<p>Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend
+im Raum, nicht schwimmend im Strome der
+Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern angewiesenen
+Geiste, nur im Simbol sich offenbart,
+so ist es hehr und würdig, zu ehren, was wir
+irrdisch-göttlich nennen, und sich, so weit der
+Staub vermag, bildete nach dem Ideal des
+Allgöttlichen, wie es im Busen der edleren
+Menschheit geahnet wird.
+</p>
+
+<p>Laßt uns preisen, was schon das tiefe Alterthum
+pries, schon so viele Millionen der Gestorbenen
+zur Tugend erwärmte, uns im Abbild
+erkennbare Muster des Hohen giebt, es einen
+mit den Satzungen unsers Bürgervertrags. Laßt
+uns Stätten des innigen Andenkens erbauen,
+<!-- page 58 -->
+die uns rührender mahnen und zur Nacheiferung
+weihen.
+</p>
+
+<p>Moses, der hohe Urpriester der einigen Gotteslehre,
+der weise Erfinder heiliger Gesetze, der
+kräftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er
+uns Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns
+geboten wird, gegen innere feindliche Leidenschaft,
+oder äußere Krieger die Waffen der Vernunft
+oder des Armes zu erheben. In seinen
+Tempeln werde das Recht gelehrt, gesprochen,
+in seinen Tempeln entflamme sich der Muth,
+wenn des Vaterlandes Vertheidigung uns zum
+Schwerte ruft.
+</p>
+
+<p>Jahrtausende nannten den Jüngling in Palästina
+göttlich, der in wenige Worte die Lehre
+der reinsten Menschlichkeit zusammen drängte.
+Er sei uns der Heros des Brudersinns. Er
+liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm geweiht.
+Ehren wir sein Andenken, indem wir streben,
+von seinem Geiste durchdrungen zu werden.
+Vor seinen Altären höre die brüderliche Versammlung,
+Moral der Gemeinschaft, und der
+Weisen Unterricht, klüglich die Keime im jungen
+Herzen zu pflegen. Hier werden die Jünglinge,
+<!-- page 59 -->
+das aufblühende Mädchen oftmal geprüft, in
+ihren Fortschritten zur Veredlung.
+</p>
+
+<p>Schöner zarter Mithos deiner himmlischen
+Liebe, o Maria, dir gebührt eine Stätte in
+unsrer Religiosität! Das Weib fühle sich erhoben,
+eine Heilige ihres Geschlechts in Tempeln
+gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in
+Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder
+Dichtung wetteifern, einem gebildeten Volke
+schöne Bildungen der hohen Maria zu geben.
+Ihr bringe die Liebe Anbetung, und erhebe sich
+begeisterter zum Himmlischen, sie sei die idealische
+Königin aller Schönheit und die Künste
+machen sich ihr werther, in dem lieblichen Wahn,
+von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe
+knüpfte ihre innigen Bande, Maria vor deinen
+blumengekränzten Altären.
+</p>
+
+<p>Des ernsten Moses Priesterthum verwalten
+ergraute, ruhmgenannte Helden, untadelhafte
+Volksrichter und Fürsten, deren weise gepflogenes
+Amt die allgemeine Liebe lohnte. Des sanften
+Christus Tempeldienst sollen die edelsten Jugendlehrer
+verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen
+eine bedeutende Zahl trefflich gedeihender Zöglinge
+gaben. Künstler, die verklärenden Genius
+<!-- page 60 -->
+in ihren Werken offenbarten, üben den Kultus
+der schönen Heroin Maria, Chöre von unsträflichen
+Jungfrauen im Gefolge.
+</p>
+
+<p>So geben wir dem Irrdischen höheren Adel,
+indem es mit den Ahnungsträumen göttlicher
+Natur verwandter gemacht wird.
+</p>
+
+<p>Diese Religion, anfänglich mit vielem Widerspruch
+der lebenden Generation bekämpft, wurde
+bei den folgenden allgemein, und gab den Künsten
+reiche Vorwürfe. Man sah den Heros des
+Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten. Die
+Idee desselben ward von dem strebenden Kunstsinn
+immer herrlicher empfangen, und jene Kraftsumme,
+lange in dem Standbilde des Herkules
+der Farnese bewundert, blieb bald gegen den
+vollendeteren, zugleich geistvoller ausgeprägten
+Moses einer geistvolleren Zeit, zurück. Neben
+einer Anmuth und einem Einklang der Verhältnisse,
+wie sie viele Jahrhunderte an jenem
+Apollon rühmten, hatte die reifere Kunst den
+Christusdarstellungen eine unbeschreibliche Hoheit
+und Milde, über das göttliche Antlitz gegossen,
+so daß nicht nur der unterrichtete Kennersinn,
+sondern jeder im Volke, von dem Gesammtausdruck
+auf das Innigste ergriffen, gerührt wurde,
+<!-- page 61 -->
+und der Begriff <i>vollkommene Menschlichkeit</i>
+nach Maasgabe seiner geringeren oder vollendeteren
+Bildung, schwächer oder erhabener vor
+seiner inneren Seele schwebte. Nichts übertraf
+aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich
+die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den
+schönsten dieser Statuen, gingen die lieblichen
+Mädchen von Athen selten weg, ohne einen
+neuen Zug eigner Schönheit mitzunehmen.
+</p>
+
+<p>Wie staunte<a id="corr-6"></a> aber der schönheitsinnige Guido,
+von dieser Kunstsammlung umgeben! Er schöpfte
+in der gefühlten Begeisterung frohen neuen Unterricht
+über das Ebenmaaß der Formen, und
+lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch mußte
+er jedoch bewundern, daß seine Geliebte, die sich
+nimmer in Athen befunden, sondern ihr Studium
+vor den Kunstwerken in Sizilien geübt hatte,
+zu einer Idee gelangt war, welche dennoch näher
+an die Vollkommenheit zu reichen schien, als
+alles, was er hier erblickte.
+</p>
+
+<p>Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm
+heran. Jüngling, nahm er das Wort, von
+wannen du auch seist, du stammst aus einem Geschlechte,
+das durch eine lange Reihe von Gliedern,
+hoher Entwicklung entgegen strebte.
+</p>
+<!-- page 62 -->
+
+<p>Guido ward verlegen, da ihm nichts über
+seine Herkunft bekannt war.
+</p>
+
+<p>Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang
+spricht aus deiner Gestalt, die Kunst würde nichts
+zuzugeben vermögen, wenn sie dich in Marmor
+darstellte, nur am Haupte, an der Stirn, an
+Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige
+Linien zu wünschen übrig.
+</p>
+
+<p>Guido erröthete, gab aber doch mit unbefangenem
+Selbstgefühl die Antwort: Ich zähle
+noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist
+unvollendet. Wer weiß &mdash;
+</p>
+
+<p>Dann bat er den Künstler, sein Profil so zu
+zeichnen, wie es die Forderung der höheren
+Wissenschaft verlange.
+</p>
+
+<p>Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido
+hin. Es dünkte ihm jedoch, der Mann stände in
+seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da.
+So überfliegt denn der Liebe Genius weit die
+Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit
+geheimen Entzücken.
+</p>
+
+<p>Während dieser Unterhaltung bemerkte er,
+daß viele Schüler umher saßen, die ihn zeichneten,
+und geschmeichelt, weilte er länger. Bei
+dem allen pflanzte sich Eitelkeit nicht in seine
+<!-- page 63 -->
+Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit verwahrt.
+</p>
+
+<p>Man begab sich nun in die Kunststätte des
+berühmtesten unter den Malern, so reich an
+Schildereien als jene in Werken aus Marmor,
+Porphir<a id="corr-7"></a> und Elfenbein. Voll hingen alle Wände,
+und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen
+des Jünglings Blicke noch mehr an. Gefällig
+erklärte ihm der Vorsteher Bedeutung und Werth.
+Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als
+einem halben Jahrtausend auf eine bedeutende
+Höhe, von welcher sie aber späterhin, aus mannichfachen
+Ursachen, wieder herabsank. Im siebzehnten,
+achzehnten, neunzehnten Jahrhundert
+gab es durchaus weder einen Raphael, noch Rubens,
+noch Titian. Doch wenn die Ausführung
+krankte, rettete sich das Urtheil durch die unfruchtbare
+Zeit, und bereitete vollkommenere
+Schöpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrichter
+zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, maaß
+das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer
+höchst sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeichnung,
+Zusammenstellung, Farbe und Ausdruck,
+unter gewiße Staffeln gebracht waren. Zwanzig
+Grade enthielt die Tabelle, den achzehnten nahm
+<!-- page 64 -->
+sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch
+nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie erkannte
+Raphael den Preis in Zeichnung und
+Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit
+ihn bei weiten übertraf, Rubens im Ausdruck
+mit ihm wetteiferte, und ihn in der Zusammenstellung
+zurückließ. Es mußte nun nothwendig
+der Wunsch nach einem Gemälde entstehen, in
+welchem die richtige Hand, die blühende Einbildung
+eines Raphael, mit der hohen Kräftigkeit
+eines Rubens, und der sorgsamen lieblichen
+Ausführung eines Titian gegattet waren. Lange
+jedoch ward er umsonst gefühlt. Erst im zwanzigsten
+Jahrhundert, nachdem die Künste unter
+der Aegide eines langen Friedens ungestörter aufblühen
+konnten, und eine kluge Regierung dem
+Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte,
+sie freundlich zu nähren, ließ sich erst die Vorzeit
+wieder erreichen. Nun eilten die Fortschritte
+glücklich. Die vervollkommnete Lehrmethode stärkte
+früh der Zöglinge Fassungskraft, die mechanische
+Fertigkeit konnte zeitiger errungen werden, die
+Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheilhaftere
+Bereitung der Farben. Um die Mitte
+dieses Jahrhunderts vereinten die besseren Maler
+<!-- page 65 -->
+schon jene sonst getrennten Vorzüge, gegen das
+Ende drang bereits einer bis zu dem von Piles
+geahnten aber nie gesehenen Grad empor. Jetzt
+darf kein Künstler ein Werk in diese Ausstellung
+bringen, in welches er nicht richtigere Zeichnung,
+vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr Poesie
+der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenidealität
+wie Titian gebracht hätte. Siehe fühlender
+Fremdling, hier Werke der Art.
+</p>
+
+<p>Er führte ihn nun zu einem großen Gemälde,
+das, nach der altnordischen Mithologie, die Ankunft
+eines Helden in Odins Walhalla vorstellte.
+Guido ward betroffen ob all der Wonne
+die in diesem Anblick über ihn kam. Entzückend
+war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel
+geleitet hatte, einen Aufenthalt belohnter Seligen,
+den Sinnen erkennbar zu machen. Ein lieblicheres
+Azur, wie unter Siziliens sanftem Himmel
+wölbte sich über Gefilde von unsäglich rührender
+Pracht. Blumen, Rasen, Bäume, waren
+zwar aus der uns bekannten Natur genommen,
+aber in sich so verschönt, so reitzend zusammengestellt<a id="corr-8"></a>,
+daß das Auge an die Natur einer andern
+Welt glaubte. Man sah die ostindische
+Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum, die
+<!-- page 66 -->
+peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten,
+Lorbeeren, Platanen, aber die Massen in welche
+sie gefügt waren, machten einen unweit anmuthigeren
+Eindruck, als er in irgend einer wirklichen
+Gegend empfunden wird. In den mannichfachen
+Blumen lebte eine Wahrheit, daß man
+an ihren Duft in süßer Täuschung glaubte, und
+zum Triumph des Urhebers, viele streitend behaupteten,
+der Maler habe sie mit den Essenzen ihrer
+Gerüche versehen, so wie andere die Hand in
+die berückende Tiefe des Gemäldes ausdehnen
+wollten, und sie beschämt von der Leinwand
+wegzogen. Was aber dem Ganzen am meisten
+das Fremdartige, übersinnlich, selig Erscheinende
+gab, war die zarterfundene Beleuchtung. Eine
+tief am Horizont schwebende Sonne sandte ihr
+Licht sparsam durch dunkel gedrängte Waldung
+an einer Seite. Ihre Scheibe zeigte aber kein
+hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weiße sanftstrahlende
+Diamantenglut. Hiedurch wurden alle
+Tinten verändert und nahmen einen ätherischen
+Charakter an, der mit süßem Rausch erfüllte, und
+die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn
+freudigahnend empfinden ließ. Auch auf die
+menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so
+<!-- page 67 -->
+wunderbar, daß sie bei der uns verwandten
+Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu athmen
+schienen. Den eben angelangten Helden, in
+Kraft und Stattlichkeit, den vollen Ausdruck edler
+Seelenhoheit im Antlitz, verklärte die staunende
+überraschende Wonne der ihn rings umfangenden
+Glorie. Die Jungfrauen von Wallhalla
+nahten ihm in der lieblichsten Anmuth,
+der holdesten Freundlichkeit, brachten ihm den
+Trank der Unsterblichen und krönten sein Haupt
+mit ewig blühenden Rosen. Ihre heiligen Reitze
+geboten zugleich Liebe und schalten das Gefühl
+Verwegenheit. Die erhabenen Züge forderten
+knieende Anbetung, die kindliche Unschuld untersagte
+ihnen göttlich zu huldigen.
+</p>
+
+<p>So war dies Gemälde angethan, von dem
+Guido sich nicht abzuwenden vermochte. Erst
+nach manchen Erinnerungen ging er weiter und
+trug die Totalidee eines Helden in seiner Seele
+davon, der sich glorreich über alle Schrecken der
+Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes
+werth gemacht hat.
+</p>
+
+<p>Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der
+Jairus Tochter erweckt. Des Heilands Gesicht
+zeigte keine Spur von allem was an Leidenschaft
+<!-- page 68 -->
+erinnert, das reine menschliche Gepräge
+stand da, doch von erhabner Liebe und festem
+Götterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das:
+&bdquo;Stehe auf!&ldquo; gebot sein hohes Auge mit ruhiger
+Majestät, mild lächelte die männliche durch Anmuth
+bewegende Wange. Der Uebergang vom
+Tod ins Leben war an dem Mädchen mit bezaubernder
+Kunst ausgeführt. Ein leichter Rosenhauch
+goß sich über das noch starre Antlitz.
+Der Augenaufschlag war frommer Lichtgruß,
+kindlicher Engelsinn. Die kaum wieder regen
+Hände strebten, sich zum Gebet zu erheben. Ihr
+Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge
+aufs Knie. Die ganze siegende Haltung des
+Gemäldes zwang jeden Zuschauer, der fühlenden
+Sinn mitbrachte, die Anbetung in der nehmlichen
+Lage zu theilen. So geboten hier die Maler
+dem Herzen. Guido nahm von dieser Staffelei
+einen noch weit erhabneren Begriff von Tugend
+mit sich, als er bisher in ihm gelegen
+hatte.
+</p>
+
+<p>Noch viele andere meisterhafte Werke wurden
+ihm gezeigt, von denen er schwelgende Erinnerungen
+bewahrte. Er schrieb durch ein Täubchen
+an Ini von seinem Entzücken, setzte aber
+<!-- page 69 -->
+hinzu: Du bist dennoch schöner als jedes Mariabild,
+jede Muse oder Valkire, die ich sah.
+</p>
+
+<p>Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, genau
+dem alten nachgeahmt, dessen Säulengänge
+einst so große Summen gekostet hatten. Phidias
+alte Meisterstatue der Minerva aus Elfenbein,
+ward durch eine Heilandsmutter in gediegenem
+Golde vertreten, der dieser Tempel nun
+geheiligt war.
+</p>
+
+<p>Gelino, indem er ihm diese und andere Merkwürdigkeiten
+zeigte, hub an: Du siehst Athen der
+Welt in seinen Schönheiten wiedergegeben, doch
+die Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit
+den Archonten kämpfende, den Pnix mit Geschrei
+und Streit erfüllende Volk der Vorzeit nicht.
+Diese Erscheinungen dulden unsere besseren Tage
+nimmer. Wir könnten noch das Odeon besuchen,
+wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Bühnen,
+wo man Sophokles, Euripides und Aristophanes
+Schöpfungen darstellen sieht, doch in diesen
+Vorwürfen wird Athen anderweitig übertroffen,
+und die Reise eilt. Wir wollen jetzt
+nach der Gränzfestung des Staats, lerne dort,
+wie man mächtig der Feinde Angriffe wehrt.
+<!-- page 70 -->
+Nicht immer kannst du bei den lieblichen Künsten
+weilen.
+</p>
+
+<p>Diese Gränzfestung war jetzt die Citadelle bei
+Konstantinopel. Die ehemalige Bevölkerung der
+Stadt hatte durch den politischen Wechsel um
+mehr als die Hälfte abgenommen, und die Lage
+daneben, eignete sich zu ihrer gegenwärtigen Bestimmung.
+Lange zwar hatte Europa keinen
+Krieg mit dem Morgenlande geführt, aber die
+Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die
+Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein.
+</p>
+
+<p>Doch über der Meerenge winkte auch eine
+Feste von ähnlichem Umfang, und beim Ausbruch
+eines Krieges ließ sich voraussehen, daß
+sie einander wechselseitig beschießen würden;
+denn der Abstand der Citadelle von Konstantinopel
+bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort,
+wurde von der nunmehrigen Artillerie bequem
+abgereicht.
+</p>
+
+<p>Schon lange hatte man dem Schießpulver
+neue Bestandtheile gegeben. Seine Wirkung
+ging nicht mehr von der Elastizität des sich entbindenden
+Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Gases
+allein aus, man mengte dem Salpeter noch
+Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzeitigem
+<!-- page 71 -->
+und zu leichtem Entbinden eine chemische
+Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses Pulvers
+zerstörende Gewalt.
+</p>
+
+<p>Die Metallröhre schossen Kugeln von funfzig
+bis zu dreihundert Pfunden auf zwei oder drei
+Meilen, die Mörser warfen noch weiter, und
+schwerere Lasten. Da aber der Erdkrümmung
+halber die Fläche kaum eine Meile sichtbar ist,
+so mußten die Stücke auf hohe Berge geschafft
+werden, wenn sie in weiter Entfernung ihr bestimmtes
+Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr
+war dann an den Visirpunkt befestigt, und bei
+der scharfen Genauigkeit der Drehewerke, womit
+sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur
+selten verfehlen. Die Bomben, von ungeheurem
+Umfang, trugen deren andere in sich, die
+abermal mit kleineren gefüllt waren, welche
+zuletzt unvertilgbar Feuer in sich trugen. Der
+Artillerist wußte die Bahn, welche sie zu durchfliegen
+hatten, dem Raume und der Zeit nach,
+auf die Sekunde zu berechnen, besonders da auch
+ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit
+welchem die Luft ihm entgegen streben würde,
+vollkommen unterrichtete. Weil daneben, bei Verfertigung
+des neuen Pulvers, mit einer so großen
+<!-- page 72 -->
+Gewißheit verfahren wurde, daß ein davon bereiteter
+Zünder, jedesmal die Explosion in dem
+Augenblicke vollzog, den der Konstabler wünschte,
+(eine Fertigkeit, welche man Ehedem nicht errang),
+so ward, indem man nach einer feindlichen
+Stadt warf, die Entzündung gemeinhin
+bewirkt, wenn die Bombe in der Höhe von einigen
+hundert Schuhen über den Dächern angekommen
+war. Nun breiteten sich die größeren
+Granaten der Füllung, deren Explosion nach
+Maaßgabe der Größe des Orts erfolgte, so aus,
+daß dieser mit den letzten Kugeln und den Trümmern
+der schon gesprungenen, überdeckt wurde,
+wobei das nach allen Richtungen sprühende Feuer
+die Verwüstung vollendete.
+</p>
+
+<p>Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war
+unter diesen Umständen unvermeidlich. Allein
+die Festungen wurden dermalen auf Höhen angelegt,
+wo, ohne Wasser zu finden, tief zu graben
+war. Man wölbte dann hundert Schuh unter
+der Erde Straßen aus, die durch Zuglöcher
+von oben Luft empfingen, und beständig durch
+Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren
+höhlenartige, doch gut gemauerte und mit Bequemlichkeit
+versehene, Wohnungen seitwärts eingebrochen,
+<!-- page 73 -->
+in welchen die Soldaten, und was
+zu ihnen gehörte, hausen konnten. Da genoß
+man Sicherheit, mochten oben die Bomben einschlagen.
+Auch alle Wälle hatte man ausgehöhlt
+und mit Felsenlagen hinlänglich gedeckt, damit
+sich die Wachen inwendig aufhalten konnten.
+Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furchtbaren
+Schlünden auch ihre Widersacher, und
+so waren die Dinge sich wieder gleich; denn
+der menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstörungsmittel,
+auch die Gegenwirkung.
+</p>
+
+<p>Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in
+der aus einer Festung, oder aus einem Lager,
+nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen
+Heeres, oder auch nach der Hauptstadt, Briefe
+geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen, akkustische
+Anstalten, blieben dagegen, entweder an Geschwindigkeit,
+oder Ausführlichkeit, zurück. In
+erreichbaren Abständen befanden sich nehmlich auf
+befestigten Höhen Kanonen, und Zielwände.
+Nun sandte man eine Kugel ab, an welcher eine
+Stahlkette und an dieser ein dichtes Kästchen geheftet
+war, das die Briefe oder andere zu übermachende
+Gegenstände enthielt. Die Kugel
+schlug in die Zielwand, das Kästchen blieb zurück,
+<!-- page 74 -->
+ward von dort wachenden Konstablern sogleich
+abgelöset, und an eine andere Kugel gefügt,
+wodurch denn hundert Meilen, in weniger
+als einer Viertelstunde, erreicht waren.
+</p>
+
+<p>Die Citadelle bei Konstantinopel war, als
+die vorzüglichste im Reiche, auch am sorgsamsten
+gebaut. Ihre Wälle glichen Gebirgen, die Kellerstadt,
+mit ihrem unterirrdischen Leben, bot
+den sehenswürdigsten Anblick dar. Es fehlte
+nicht an Tempeln, Marktplätzen, Bühnen; die
+Genüsse hatten auch ihren Sitz in der Tiefe errichtet,
+und die treffliche Erhellung ließ das
+Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf
+den Belagerungsstand zu sein, mußte auch fortwährend
+im Frieden, die Besatzung hier wohnen,
+und, indem sie zahlreich und gut belohnt war,
+hatte das viele Bürger gelockt, sich unten anzusiedeln,
+und ihr Leben zu gewinnen, indem sie
+jenen das ihrige bequemer machten. So wuchs
+die Bevölkerung nach und nach dort ziemlich an.
+</p>
+
+<p>Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte
+man auch den Minenkrieg weiter ausgedehnt.
+Es war nun nicht allein ausführbar, einen großen
+Ort auf Einmal in die Luft zu sprengen,
+sondern man legte auch außerhalb Minen in
+<!-- page 75 -->
+schiefer Richtung an, warf durch sie Massen von
+Erde dahin, und bedeckte die Festung in kurzer
+Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alterthumskundigen
+bewogen wurden, an die Fabel
+der Giganten zu denken, welche einst den Ossa,
+Pelion und Olimp auf einander thürmten. Allein
+die Gegenanstalten mangelten auch hier nicht.
+Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung
+unterhöhlen zu können. Weit hinaus vor den
+Festungswerken liefen Straßen unter der Erde
+hin, an Größe und Dauer vergleichbar den altrömischen
+Wasserleitungen. Von ihnen gingen
+kleinere Gassen aus, welche mit ihren Nebensteigen
+ein weitläuftiges Gewebe bildeten. Hier
+zogen die Streifwachen rastlos umher, und erspähten
+zeitig, was der Gegner unter dem Erdhorizont
+beabsichtete. Dann drückte man, nach
+ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend.
+Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so
+war diese reichlich genug mit dem Ammoniak- und
+Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu
+befreien, indem sein Schutt wieder auf der
+Feinde Häupter geschleudert wurde. Diese hatten
+daher auch auf Laufgräben zu denken, welche
+in der Tiefe Sicherheit gewährten.
+</p>
+<!-- page 76 -->
+
+<p>Guido sah alle diese Anordnungen bewundernd.
+Sein Gemüth ward entflammt, der Ruhm
+eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen,
+oder glorreich einzunehmen, gewann einen hohen
+Reiz für ihn. Sein mathematischer, erfindungreicher
+Kopf wußte auch von einer Menge
+Verbesserungen zu reden, die man am Geschoß,
+an den Minen und anderen Kriegverrichtungen
+gültig machen könne. Gelino lobte dies feurige
+Umfassen eines hohen Gegenstandes, setzte hinzu:
+ihn könne leicht der Kaiser einst beim Heere beschäftigen,
+und lobenswerth müsse es dann sein,
+wenn er sich des hoffenden Vertrauens würdig
+mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter
+zu wünschen, als daß die Völker des gesammten
+Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folgten,
+und, ein Welttribunal zum Schlichten aller
+Streitfälle unter Nationen errichtend, die Kriege
+für ewig aufhöben.
+</p>
+
+<p>Dies ist auch einer von Inis Gedanken, versetzte
+Guido, aber wodurch soll dann die Kraft
+Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Gestalt
+mehr auszubilden, wie jene, die das
+Gemälde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur
+<!-- page 77 -->
+die Heldenseele prägt die erhabenste männliche
+Schönheit aus.
+</p>
+
+<p>Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete
+sein Lehrer. Es giebt Feinde genug in der eigenen
+Brust zu überwinden, der Sieg über sie
+ist eben so glorreich, ja vielleicht noch mehr.
+</p>
+
+<p>Die Reise ging jetzt zu der nördlichen Provinz
+hin, vor Zeiten das europäische Rußland
+genannt. Man bediente sich dazu einen von den
+Frachtwagen, die südliche Erzeugungen dorthin,
+und nördliche nach den mittäglichen Gegenden
+brachten.
+</p>
+
+<p>Zu dem Ende waren hier, wie meistens im
+ganzen Staate, herrliche Kunststraßen angelegt.
+Sie hatten eine Breite von zweihundert Schuhen,
+und waren in der Tiefe von funfzig Schuhen,
+mit gestampftem Granit festgerammt. Je
+mehr größere und kleinere Straßen der Art es
+schon gab, je leichter fiel es auch, deren neue
+zu bahnen und die Steine nach den Gegenden
+zu schaffen, wo sie mangelten.
+</p>
+
+<p>Auf der Straße von Konstantinopel waren
+Wagen mit zwei Rädern gebräuchlich. Jedes
+Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig
+Schuhen. Jede seiner Speichen bestand aus einem
+<!-- page 78 -->
+mäßigen Fichtenbaum, und war mit Eisen reichlich
+verstärkt. Die übrigen Theile hatten angemessene
+Verhältnisse. Durch die gewaltige Hebelkraft
+solcher hohen Räder ließ sich nun eine
+außerordentliche Last fortbringen. Die von mehreren
+Eichenstämmen zusammengefügte und mit
+zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse
+hatte eine Breite von funfzig Schuhen, und an
+dicken Ketten hing ein Prahmen im Gleichgewicht,
+etwa sechs Schuh von der Erde, über
+hundert Schuh lang, gegen dreißig breit, und
+gegen funfzehn tief. Hierein wurde die ansehnliche
+Menge von Waaren geladen, und die
+Kajüte des Prahmens diente Reisepassagieren
+zum angenehmen Aufenthalt, wie auch über den
+Waaren ein Verdeck zum Lustwandeln eingerichtet
+war. Bäumchen auf Töpfen und Blumen
+gewährten einen lachenden Anblick und erhöhten
+das Vergnügen der Reisenden.
+</p>
+
+<p>Die Art, in welcher die riesenhaften Karren
+gezogen wurden, hatte viel Einfachheit. Zwölf
+Pferde waren genug. Diese gingen einige hundert
+Schritte voraus, an lange dicke Taue gespannt,
+welche von der Achse ausliefen. Die
+<!-- page 79 -->
+Räder gaben, wie schon bemerkt wurde, die
+mechanische Leichtigkeit.
+</p>
+
+<p>Es versteht sich aber, daß die Kunststraßen
+horizontal fortliefen. Tiefen zu füllen und sich
+durch Höhen zu brechen, war ja auch nur ein
+unbedeutend Werk, seitdem die Menschheit sich
+mit dem neueren Pulver vertraut gemacht hatte,
+das, außer den Kriegen, noch so mannichfachen
+Nutzen in Sprengungen gewährte.
+</p>
+
+<p>Was konnte angenehmer sein, als auf einem
+solchen, durch Pferde bewegten Prahmen, zu reisen.
+Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konnten
+die Meerfahrzeuge schwimmenden Pallästen
+verglichen werden, allein hier genoß man doch
+die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und
+die Merkwürdigkeiten der Gegend zu sehen.
+Auch war die Sicherheit die vollkommnere, was
+immer das Gemüth ruhiger läßt. Unfälle blieben
+nicht denkbar, da auf allen Stationen der
+Zustand des ganzen Wagens geprüft, und das
+etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimmste,
+was sich hätte ereignen können, wäre ein
+Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies hätte
+nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht,
+denn aus der Bahn dieser Kunststraßen konnten
+<!-- page 80 -->
+die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden
+Seiten mit hohen Gittern eingeschlossen, und
+nöthigenfalls schnitten die vorn reitenden Fuhrleute
+die Stränge ab.
+</p>
+
+<p>Es ging immer in vollem Sprung. Auf jeder
+geographischen Meile befand sich ein Pferdewechsel,
+durch Schüsse und Flaggen zeitig benachrichtigt,
+in der Nacht durch Feuersignale.
+So war das Abschirren und Anspannen das Werk
+einer Minute, in der man auch einen Wasserstrom
+über die erhitzten Räder leitete, und sie
+inwendig mit einem schlüpfrigen Oele versah.
+Reverberen brannten in der Dunkelheit zu beiden
+Seiten des Wegs. So kam man in vier
+und zwanzig Stunden gegen zwei geographische
+Grade weiter, aß, trank und schlief im Prahmen.
+Das einzige vorenthaltene Vergnügen blieb,
+daß man nicht die Städte und Dörfer inwendig
+sehen konnte, denn allerdings mußten die Kunststraßen
+umweg laufen.
+</p>
+
+<p>Nach einigen Tagen langte der Wagen in
+Moskau an, wo sich sogleich viele gierige Käufer
+zu den Südfrüchten drängten, welche er geladen
+hatte, und die meistens frisch überkamen.
+</p>
+
+<p>Der Umfang, die zahlreichere Bevölkerung
+<!-- page 81 -->
+dieses Orts, seine großen Fabriken gaben die
+Vorwürfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit
+fesselten. Die meiste Betriebsamkeit war auf die
+Anfertigungen für die Heere gegründet, welche
+in der Nachbarschaft in ihren Uebungslägern standen.
+Hier waren die meisten Soldaten versammelt,
+theils der Gränze gegen Asien halber,
+theils, weil die rauhe Gegend sich zu ihrer Abhärtung
+eignete.
+</p>
+
+<p>Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfassung
+der Krieger, hatte es folgende Bewandniß:
+</p>
+
+<p>Es galt Regel, daß jeder europäische gesunde
+Jüngling sich ein Jahr lang an den Waffenplätzen
+einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht
+erkornes Gewerbe, verstatteten eine Ausnahme.
+Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr,
+wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und
+folgten dem Zuge zu den ihnen angewiesenen
+Lägern.
+</p>
+
+<p>Sie zählten hier schon den Vortheil der Reise,
+und konnten bei ihrer Heimkehr sich mancher Erinnerung
+freuen, auch das gesehene Merkwürdige
+auf ihren anderweitigen Lebensberuf nützlich
+anwenden.
+</p>
+
+<p>Im Lager wurden sie zunächst geprüft, ob
+<!-- page 82 -->
+sie in den Erziehungsschulen der Heimath auch
+im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im
+Gedächtnißrechnen und den ersten Elementen
+der Meßkunde und Naturlehre unterrichtet worden.
+Auch über ihre wohlbegriffene Religions- und
+Bürgermoral hatten sie Zeugnisse abzulegen,
+und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung
+einer sorgsamen und von gutem Willen begleiteten
+Anwendung der Jugend, einzureichen.
+</p>
+
+<p>Fiel diese Prüfung zu ihrem Nachtheile aus,
+war die Abweisung von der Ehre, einst das Vaterland
+vertheidigen zu helfen, die Folge. Hiemit
+war ein drückendes Abwenden der öffentlichen
+Achtung verbunden, kein Mädchen von Zartgefühl
+reichte einem solchen die Hand, nie durfte
+er hoffen, ein öffentlich Amt zu bekleiden. War
+es ein Fürstensohn, sah er sich von der Erbfolge
+seines Vaters ausgeschlossen.
+</p>
+
+<p>Diese harte Ahndung sowohl, als auch die
+Allgemeinheit guter Erziehung, woran auch der
+Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten einen
+solchen Fall höchst selten.
+</p>
+
+<p>Ward dagegen der Rekrut angenommen, empfing
+er ein Kriegergewand und Waffen. Man
+theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine Lagerbaracke
+<!-- page 83 -->
+bei den Veteranen, welchen die Uebung
+der Kriegsjugend oblag.
+</p>
+
+<p>Hier ward er im Fechten und Schießen geübt,
+mußte fleißig Laufen, oder Lasten tragen, bei
+spärlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren,
+und sich immer bedeutenderen Abmattungen unterziehen
+lernen. Die strengste Moralität gebot
+in diesen Lägern, schon durch die ganze Lebensweise,
+die keinem Gedanken an Befriedigung
+roher Sinnlichkeit Raum gab, begründet.
+</p>
+
+<p>Nach einem halben Jahre ging er, von den
+Veteranen, zu seinem Haufen ins große Lager,
+mußte nun den Dienst eines Fußsoldaten verrichten.
+</p>
+
+<p>Beständig übte man hier, ohne Rücksicht
+auf Jahreszeit, Witterung, Beschaffenheit des
+Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen Anführer
+ließen mehr in der Dunkelheit als bei
+der Tageshelle thätig sein, suchten absichtlich die
+schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht
+der strenge Frost, nicht der drückende Sonnenstrahl,
+nicht strömende Regengüsse machten eine
+Abänderung. Denn sie sagten: Der Feind wird
+unsere Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen.
+</p>
+<!-- page 84 -->
+
+<p>Das Fußvolk verfuhr in seinen Bewegungen
+folgendergestalt:
+</p>
+
+<p>Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer
+Lanze und einem kleinen Schießrohre versehn.
+Das letzte trug durch den inneren gewundenen
+Bau und das Ammoniakpulver, auf Tausend
+Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein kleines
+Fernrohr, durch welches man auf den weiten
+Abstand zielen konnte.
+</p>
+
+<p>Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu
+Fuße gewissermaßen nicht, sondern eine Lage.
+Dies heißt: sobald man sich im Bereich des
+feindlichen Geschosses fand, oder es bei der Uebung
+voraussetzte, streckten sich die Reihen auf den
+Boden hin, nachdem man in größter Eil mit
+den Spaten einen Erdaufwurf von einigen Schuhen
+gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch
+ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum
+darbietenden Soldaten, viel Bedeckung gab. Ueber
+den Erdwurf legten sie ihre Röhre und gaben
+wirksame Feuer.
+</p>
+
+<p>Auf das Zeichen einer helltönenden Pfeife,
+sprangen sie plötzlich auf, legten fünfzig Schritte
+gebückt, und im vollen Rennen, zurück, worauf
+sich die Reihe wieder zu Boden warf, und die
+<!-- page 85 -->
+neue Erdwehr in einigen Sekunden anfertigte.
+Die Schüsse huben wieder an, wurden
+auf ein abermaliges Signal eingestellt, um einen
+neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man
+allmählig dem Feind, der schon durch die wohlgezielten
+Schüsse aufgerieben sein mußte, wenn
+seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe
+entsprachen. Da man aber nicht auf Säumnisse
+hoffen durfte, so hatten die Soldaten für den
+letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuerkränze,
+die entzündet in Feindes Glieder geworfen
+wurden, durch ihr Glutsprühen und den
+athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung anzurichten,
+während dessen die Röhre der fertigen
+Schützen erlegten, was noch übrig war.
+</p>
+
+<p>Diese Angriffe mußten Berg auf und Thal
+ab vollzogen werden, man sich aber auch dagegegen
+zu schirmen wissen.
+</p>
+
+<p>In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls
+Platz an der Erde, und machte den Aufwurf
+um so höher, als man hier verharren wollte.
+Schoß der Feind, bogen sich die Vertheidiger
+zurück, ließen sich auch gar nicht darauf ein,
+Feuer zu geben, so lange jener hinter seiner
+Wehr lag. Wie er aber aufsprang, befand man
+<!-- page 86 -->
+sich im Anschlag und verdünnte seine Reihen.
+War er nahe genug gekommen, was nicht anders
+als nach großem Menschenverlust geschehen
+konnte, begrüßte man ihn eher mit Feuerkränzen,
+als er selbst daran dachte. Waren Feuer
+und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze
+und Schwert seine Niederlage. Auch bereiteten
+die militärischen Chemiker, deren einige jeder
+Abtheilung von Hunderten zugesellt waren,
+Säuren welche die Stickstoffe schnell aufhoben.
+So bekämpfte höhere Kunst die höhere Kunst.
+</p>
+
+<p>Neben diesen Uebungen mußte das Fußvolk
+geometrische Märsche vollziehen, wodurch man Vortheile
+über den Feind gewinnen konnte, und was
+sonst dahin einschlug.
+</p>
+
+<p>Nach einem Jahre konnte der junge Soldat
+seinen Abschied verlangen und zu den Seinigen
+gehen. Gestärkter, mit mancher Kunde bereichert,
+kam er dort an, und der Staat hatte
+überall Bürger, welche im Nothfalle zu den
+Waffen gerufen werden konnten. Auch fanden
+unter diesen noch jährliche Uebungen von einigen
+Tagen statt, damit jener Unterricht nicht
+zu sehr dem Gedächtniß entflöhe.
+</p>
+
+<p>Zeigte aber ein Jüngling nach diesem Jahre
+<!-- page 87 -->
+Neigung, bei dem Heere zu bleiben, so nahm
+man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anlagen,
+bei den besonderen Truppengattungen auf,
+deren kunstvollerer Dienst eine längere Lehrzeit
+forderte.
+</p>
+
+<p>Eigentlich ward der Krieg in den <i>Lüften</i>,
+<i>auf</i> der Erde, und <i>unter</i> der Erde vollzogen.
+</p>
+
+<p>Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die
+höhere Region an. Es wurde schon erzählt, wie
+diese Zeit Adler einübte, Azotgondeln fortzuziehen.
+Bei den Heeren fand man vor allem große
+Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab kleinere
+Nachen und größere Gallionen, alle hingen aber
+an vielen kleinen, damit verbundenen Steigekugeln,
+damit, wenn ein feindliches Geschoß
+traf, nicht gleich das Sinken folgte.
+</p>
+
+<p>Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus
+der Ferne, in seiner Zahl und seinen Maasregeln
+zu erspähen. Da man hoch genug stieg,
+und die erweitete Optik so wichtige Hülfe leistete,
+ergiebt sich, daß dieser schon auf zwanzig
+Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde.
+Allein der Feind, welcher seine Plane gerne hehlen
+wollte, säumte gewöhnlich nicht, ähnliche
+<!-- page 88 -->
+leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die diesseitigen
+zurückzutreiben suchten. Und so ereigneten
+sich in der Höhe Vortrabgefechte, wie sie,
+um Jahrhunderte früher, unter Husaren oder
+Kosaken bestanden.
+</p>
+
+<p>Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen
+Entfernung, Gegenden und den Truppenstand
+aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feldherrn
+davon Meldung zu thun, dies waren die
+vorzüglichen Obliegenheiten, in welchen diese Leute
+sich tüchtig zu machen hatten. Daneben mußten
+sie eben so fertig als das Fußvolk zielen können,
+um wo möglich ihres Gegenparts Adler zu erlegen,
+wo dann die Eroberung unstät treibender
+Nachen<a id="corr-9"></a> ein Spiel ward. Den meisten Ruhm
+brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn
+man in Nacht und Dunkel über Feindes Heer
+schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei aller
+Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder
+wenn man über dichte Wolken dahin schwebte
+und sich zu dem nämlichen Zweck in die klare
+Region niederließ. Dies war indessen schwierig
+genug, weil dem Feinde die Vorsicht auferlegte,
+bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel,
+oben patrouilliren zu lassen.
+</p>
+<!-- page 89 -->
+
+<p>Die größeren Gallionen entfernten sich nicht
+weit und blieben den Gefechten vorbehalten. Sie
+luden Granaten mit reinem Knallsilber gefüllt
+und Feuerkränze, lenkten dann über einen Truppenhaufen,
+und ließen Verderben auf ihn niederfallen.
+Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen sogleich
+andere entgegen zu senden, auch wurden
+aus der Tiefe, weitreichende Feldstücke mit glühenden
+Kugeln, auf sie gerichtet. Hier möglichst
+auszuweichen, und dort doch der Absicht ein Genüge
+zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings
+langte man nicht immer glücklich mit den Theorien
+aus, die Fahrzeuge geriethen in Brand, die
+Adler wurden getödtet, man war gezwungen
+sich mit dem Fallschirm erdwärts zu wenden,
+und wenn der Feind sich unten befand, auf
+Gnade und Ungnade sich zu ergeben.
+</p>
+
+<p>Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn
+zu diesen, im ächten Sinne des Worts, leichten
+Truppen.
+</p>
+
+<p>Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte
+jetzt Pferde, welche man eben so wohl zum
+Krieg abgehärtet hatte, als die Menschen. Eingehegte
+Wildnisse waren der Ort ihrer Erzeugung.
+Dort liefen sie bis ins fünfte Jahr umher,
+<!-- page 90 -->
+jeder Witterung blos gegeben, durch keine
+warme Stallung, kein regelmäßiges Füttern, verwöhnt.
+Schwer ward es dann sie zu bändigen,
+doch gelang es endlich durch Güte und Strenge.
+Im schnellen Laufen übte man sie täglich, dann
+mußten sie auch verschiedene, vor ihnen in Gestalt
+von Soldaten zu Fuß und zu Pferde, zur
+Höhe gerichtete Gegenstände, über den Haufen
+rennen, in Stickfeuer und Schwefeldunst gehen,
+von Furcht befreit, vertraut mit Schmerzen.
+Dabei mußten sie sich auf des Reuters Verlangen
+schnell zur Erde werfen, denn auch hier
+war es im Gebrauch, wenn es die Umstände
+wollten und erlaubten, sich mit Erdaufwürfen zu
+sichern.
+</p>
+
+<p>In früheren Zeiten galt es erschöpfende Anstrengung,
+wenn Reuterei etwa eine Viertelmeile
+im vollen Rennen zurücklegte. Jetzt hatten
+die wild aufgewachsenen, durch Uebung immer
+mehr gekräftigten Kampfrosse, Athem genug,
+dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie
+sowohl als der Reuter gepanzert waren, und oft
+noch ein Schütz hinten auf saß, der denn im
+vollen Laufe, entweder über des Reuters Schultern,
+oder rechts und links, feuerte.
+</p>
+<!-- page 91 -->
+
+<p>Auf große Abstände bediente sich diese Waffe
+schon des Feuerrohrs, Hundert Schritte vom
+Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Reihen
+zu schleudern, zwei andere Spieße, die ein
+leichter Mechanismus senkte oder hob, waren an
+des Reuters Füßen befestigt.
+</p>
+
+<p>So geschah der Einbruch. Zuletzt strömten
+weite Pistolen noch kleine Kugeln und Raketen,
+dann wüthete das Schwert.
+</p>
+
+<p>Doch der Feind traf auch Gegenmaaßnehmungen.
+Das Fußvolk zog in bewundernswerther
+Geschwindigkeit Gräben mit Lanzen ausgespickt,
+über welche die Kampfrosse fielen. Reuterei
+warf Fußangeln an dünnen Stricken weit hinaus,
+den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber
+auch gleich wieder aufzunehmen, wenn es Verfolgung
+galt.
+</p>
+
+<p>Die jungen Männer, welche hier Anstellung
+fanden, mußten, neben dem schon vergangenen
+Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im
+Reiten, im Schießen vom Sattel, und dem
+Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben.
+Mitgebrachte Vorkunde und glückliches Auffassungvermögen
+minderten gleichwohl diese Zeit.
+</p>
+
+<p>Weit bewundernswerther als andere Waffen,
+<!-- page 92 -->
+trat jedoch die Artillerie auf. Wie würden die
+Männer aus dem achtzehnten und dem Anfange
+des neunzehnten Jahrhunderts, welche dem großen
+Geschoß vorstanden, haben staunen müssen,
+wenn ihnen ein Blick auf ihre späten Nachfolger,
+von jenseits der Gräber her, wäre vergönnt gewesen.
+Es wurde schon bei Gelegenheit der
+Festen gemeldet, welche Kaliber die dermalige
+Zeit sah, allein auch im Felde leiteten Metallehre,
+Scheidekunst und Bewegungstheorie, das
+Geschäft des Verderbens wundersam.
+</p>
+
+<p>Vervielfältigt waren die Mittel, dem Rücklauf
+zu begegnen, und so konnte der Konstabel
+sich leichter Röhre bedienen, wenn sie gleich
+schwere Ballen fortzutreiben vermochten. Es gab
+viele derselben auf einem Gestell, die mit Lademaschinen
+in unglaublich kurzer Zeit nach einander
+den Tod spieen. Andere wieder, auf so
+hohen Wagen, daß sie über Fußvolk und Reuterei
+emporragten und durch diese gedeckt, von
+hinterwärts ihre Zerstörung aussandten. Es gab
+feuerfeste Wandelthürme, in vielen Stockwerken
+mit Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Reduten,
+auf allen ihren Seiten Batterien<a id="corr-10"></a>. Wie
+schaffte man die fort? ist die Frage. O dergleichen
+<!-- page 93 -->
+hätte schon um Jahrhunderte früher vorhanden
+sein können, wenn damals nicht eine
+so große Geistesträgheit unter den Kriegern zu
+finden gewesen wäre, wenn nicht manche Völker
+es vorgezogen hätten, dem Verderben zuzueilen,
+als das Genie über die Maasregeln ihrer Rettung
+zu hören. Das war nun freilich späterhin
+anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er
+klüger war, als der Haufe, der Verstand war
+kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft
+schaffte diese Wandelthürme, diese Wandelschanzen
+fort, und es ist gar so schwer nicht, die Möglichkeit
+zu ahnen.
+</p>
+
+<p>Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stücke
+nicht auf Wagen, sondern bei sich an den Sätteln,
+in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Sekunden
+zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich
+noch schneller als die gewöhnliche Reuterei, indem
+sie die vorzüglichsten Pferde empfing, und
+jener im Ansprung voraus eilen mußte, durch
+einige schnell angebrachte Lagen die Bahnen
+aufzuhellen.
+</p>
+
+<p>Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier
+wurden unter andern die Feuermaterien gemengt,
+deren Flammen sich überall vertilgend anhingen.
+<!-- page 94 -->
+Die Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche
+Reihe so damit, daß ein dichtes Glutmeer über
+sie hinströmte und der Erfolg ist denkbar. Ueberhaupt
+geizte die Artillerie nach der Ehre,
+Schlachten und kleinere Gefechte zu entscheiden,
+ohne daß andere Massen Theil daran nahmen,
+was auch oft gelang.
+</p>
+
+<p>Den Krieg unter der Erde führten die Minirer.
+Reutereiangriffen, wie sie jetzt angethan
+waren, dem schnellen Heranbringen mordender
+Batterien, konnte fast nur eine wirksame Vertheidigung
+entgegen gestellt werden, wenn der
+Boden an Stellen, wo sie vorüberkamen, unterhöhlet,
+und Mine an Mine, mit reinem Knallsilber
+gefüllt, gereiht wurde. Dann ließen sich
+Tausende leicht zerreissen, nach den Wolken
+senden. Selten ward ein Lager bezogen, wo
+die rüstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich
+die ganze Linie mit ihren verborgenen Werken
+umgürtet hätten. Brachten sie diese nun zum
+Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben
+Vulkan spie, und die flüßigen Feuer strömten,
+der Lava gleich, weit umher.
+</p>
+
+<p>Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der
+Angreifer zu sinnen, wie er seinen Kohorten,
+<!-- page 95 -->
+vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies
+konnte nicht anders als unter seinem Rande
+geschehen. Daher mußten die disseitigen Minirer
+zeitig ihren Weg antreten. Große Erdbohrer,
+durch Maschinen in Bewegung gesetzt, dienten
+zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die höllischen
+Anlagen aufzufinden und durch eine frühere
+Brandstiftung sie unschädlich zu machen.
+</p>
+
+<p>Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwendung
+entsetzlicher Naturkräfte! Doch dies fürchterliche
+Verfahren war nothwendig geworden,
+man durfte sich nicht ungestraft an Mordkunst
+überbieten lassen. Und die Möglichkeit solcher
+Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden
+zur ersten Tugend der Menschheit zu erheben.
+Noch hörten aber nicht alle Völker darauf.
+</p>
+
+<p>Wer nun von den jungen Soldaten in eine
+der kunstreichen Truppenarten aufgenommen
+worden, und den Unterricht dreier neuen Lehrjahre
+empfangen hatte, konnte nach Belieben
+wieder austreten, denn es war nützlich, unter
+den Bürgern im Staate, auch eine Zahl so angelehrter
+zu wissen. Es war nun eine Befreiung
+von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr
+Lohn.
+</p>
+<!-- page 96 -->
+
+<p>Wer aber noch länger zu weilen Lust zeigte,
+trat ins große Heer, wo sein Dienst zehn Jahre
+währte. Nach dieser Zeit ging er zu den Veteranen,
+welche entweder die Besatzung der Festen
+bildeten, oder der Uebung junger Rekruten oblagen.
+Denn es galt der Grundsatz: kein Krieger
+im offenen Felde dürfe mehr als dreißig
+Jahre zählen. Man kannte den leichten, die
+Gefahr höhnenden Sinn, welcher allein mit der
+Jugendkraft verbunden ist. Nothfällen blieben
+Ausnahmen vorbehalten.
+</p>
+
+<p>Die Beförderung zu höheren Stellen bestimmte
+die Dienstzeit. Im Frieden ward dies durchaus
+nicht abgeändert, eine Auszeichnung war da selten,
+weil alle ebenmäßig gebildet wurden. Im
+Kriege galten Großthaten Pflicht, und die Voraussetzung,
+Niemand werde ihrer ermangeln,
+wenn ihm die Gelegenheit winkte. Es ist
+schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden.
+Die Abwesenheit desselben bei Vielen, wird stillschweigend
+eingestanden, wenn des Einzelnen
+Lob darum ertönt.
+</p>
+
+<p>Doch <i>Anführer</i> großer Heerhaufen wurden
+nach Maaßgabe des höheren Genies ausgewählt,
+das sie beurkundeten. Sie mußten in den Kriegsübungen,
+<!-- page 97 -->
+während vieler Jahre, keinen Tadel
+verwirkt haben. Sie mußten aus den Schulen
+ihrer Theorien, welche sich bei den Heeren befanden,
+vortheilhafte Zeugnisse mitbringen. Sie
+mußten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehrstuhl
+besteigen, denn man wußte gar wohl, wie
+auch der beste Kopf lehrend am meisten lernt.
+Sie mußten in gehaltvollen Schriften beweisen,
+daß sie die Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange,
+und ihren einzelnen Abtheilungen nach, ergründend
+verständen, sondern daß sie sie auch mit
+neueren Ansichten zu bereichern wüßten. Gute
+Erfindungen, durch welche das Heer einen wahrhaften
+Vortheil über die der Nachbaren errang,
+gaben endlich den Ausschlag, der Zahl derer beigesellt
+zu werden, aus welcher man Heerführer
+wählte.
+</p>
+
+<p>Dies geschah aber von Seiten des Heeres
+selbst. Die meisten Stimmen, im Geheim ertheilt,
+entschieden. So konnten keine unreine
+Mittel angewandt werden, ein solches Amt zu
+erlangen. Auch war es nicht ausführlich, Hunderttausend
+Mann zu bestechen. Nur ächte, keine
+Scheingenialität, konnte wohl mit ihrem Rufe
+so weit dringen, daß die Mehrheit einer solchen
+<!-- page 98 -->
+Zahl in ihren Wünschen gewonnen ward. Dann
+sandte der aus den Aeltesten zusammengesetzte
+Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das
+Strategion, eine Körperschaft alter Feldherrn
+und Kriegsgelehrten, ihre Gründe untersuchte
+und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Bestätigung
+vorgelegt werden sollte, oder nicht.
+Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder
+Nein.
+</p>
+
+<p>So weise verfuhr dies Zeitalter bei der gewichtigen
+Frage: wer seinen trefflichen Heeren
+gebieten sollte?
+</p>
+
+<p>Wie trefflich diese Heere aber auch sein mochten,
+so kosteten sie dem Staate nichts. Gewissermaaßen
+nichts.
+</p>
+
+<p>Denn jener zehnjährige Dienst nach den Lehrjahren,
+er mochte bei den künstlerischen Truppenarten
+oder nur bei dem einfacheren Fußvolke
+Statt haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu
+schwierig für sich fanden,) ward nicht allein mit
+Kriegsübung hingebracht. Dies hätte man unnöthig,
+überflüssig gefunden. Die großen Heere
+tummelten sich drei Monate im Jahr. Und dabei
+wählte man nach einander Frühjahr, Sommer,
+Herbst und Winter. Dies schien hinlänglich,
+<!-- page 99 -->
+das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt
+zu haben, und der Strenge jeder Witterung
+Trotz bieten zu können. Zudem hatten diese
+Uebungen so viel Praktik als immer thunlich
+blieb. Zwei Heere bildeten sich und verfuhren
+als Feinde gegen einander, auf alle Weise die
+Wirklichkeit darstellend, nur daß freilich die
+Röhre nicht mit Kugeln versehen waren. Gleichwohl
+ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, worauf
+es auch bei Menschen, deren ganzes Wesen
+die Gefahr geringschätzen soll, nicht ankommen
+muß. In der Hitze des Streits blieb hie und
+da ein Krieger, und ward dann, als ob Ernst
+bestanden hätte, an den Ehrensäulen genannt,
+welche der Nachwelt die Namen derer übergaben,
+die im Kampfe mit des Vaterlands Feinden gefallen
+waren.
+</p>
+
+<p>Nun hatte aber der Staat seit lange den
+Heeren Ländereien übergeben. In den Provinzen,
+Polen, Moskau, Schweden, manchen Gegenden
+der vormaligen Türkei von Europa, gab
+es überflüssige Waldungen, unbewohnte Steppen,
+Moräste, die einer Austrocknung fähig waren,
+in Menge. Auch fanden sich hie und da Bergwerke,
+zeither ungenützt und ergiebig. In den
+<!-- page 100 -->
+neun Monaten, wo nun die Soldaten sich nicht
+mit den Waffen beschäftigten, war ihr Beruf, zu
+urbaren, zu bauen, zu säen, zu pflanzen, zu
+ärnten. Dies war im Laufe der Zeit schon weit
+gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohlgepflegte
+Besitzungen.
+</p>
+
+<p>Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, empfing
+auch Jeder seinen Antheil, den er für sich bearbeitete,
+doch auch die Obliegenheit, einer nebenliegenden
+Hufe seine Sorge zuzuwenden. Diese
+war Vermögen der Gesammtheit, welche,
+durch die Menge derselben, sich eines hohen
+Reichthums erfreute. Aus den Einkünften davon,
+konnte nicht allein der Sold für die Rekruten
+und Veteranen, bestritten werden, sondern
+sie waren auch die Quellen, aus denen man
+zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendigkeiten
+schöpfte.
+</p>
+
+<p>Das Heer ließ seine Magazine mit Korn
+füllen, und häufte hier immer Vorräthe für
+mehrere mögliche Kriegsjahre auf. Es zog seine
+Pferde in den wilden Stutereien. Es ließ seine
+Kupferminen, seine Eisen- und Schwefelbergwerke
+bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak
+und andere Gegenstände für seine Waffenfabriken
+<!-- page 101 -->
+und chemische Laboratorien in Ueberfluß.
+Auf Kunststraßen, welche es bauen half, schafte
+es mittelst ihm zugehöriger Prahmwagen sie leicht
+an die Orte, wo diese Fabriken angelegt waren.
+Die Wolle seiner Schäfereien, die Linnen seiner
+Flachsschollen, kleideten die Soldaten. Die Veteranen,
+nach dem dreißigsten Jahre keinesweges
+veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswerthe
+Einrichtungen in früheren Zeiten, wo man
+den Müßigang der Krieger willig duldete und
+sie dadurch vielseitig<a id="corr-11"></a> verdarb, nie ins Dasein
+gerufen.
+</p>
+
+<p>Gelino machte nun dem Zögling bekannt,
+wie er, als europäischer Bürger, sich nun werde
+gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten.
+Guido hörte das mit innigem Vergnügen, von
+jeher hatte das Kriegshandwerk für seine lebhafte
+Einbildung unsägliche Reitze gehabt, und immer
+hoffte er einst Ruhm darin zu finden, wenn schon
+eben keine Aussicht zu ernstlichen Kämpfen bestand.
+</p>
+<!-- page 102 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Drittes Büchlein.</h2>
+
+<p class="sub">Guido im Heere.</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">D</span>er Lehrer führte ihn einige Meilen von
+Moskau weg, wo eben die große Uebung des
+Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Jüngling
+der strahlende Waffenglanz, der laute Donner
+so vieler Feuerröhre, deren Rauchwolken
+den ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen
+und wieder mit tausendfachem Blitz erhellten.
+Am fernen Boden schlängelten sich der Minen
+Lavabäche, wenn ihre Erdberge emporstiegen.
+</p>
+
+<p>Nachdem die Truppen die heutige Uebung
+geendet hatten, begab sich Gelino mit seinem
+jungen Freund, zum Anführer. Er stellte ihm
+Guido vor und übergab dabei ein Schreiben.
+Der Feldherr blickte den Jüngling wohlgefällig
+an, und brach darauf das Siegel. Nachdem
+er gelesen hatte, sagte er: Wohl scheinst
+du es werth, Jüngling, daß der Kaiser dich
+selbst empfielt. Er muß dich vortheilhaft kennen
+gelernt haben, große Wärme spricht in seinem
+Briefe, und deine Miene betrügt auch wohl
+<!-- page 103 -->
+kein Vertrauen. Doch verlangt deines Beschützers
+Weisheit unfehlbar nicht, daß ich dir unverdienten
+Vorzug einräume. Zeige jedoch Willen
+und Kraft, so kann die Ehre im Heere geachtet
+zu werden, dir nicht entstehn.
+</p>
+
+<p>Guido ward verlegen, da er von dem Briefe
+des Kaisers nichts wußte. Doch antwortete er
+mit bescheidenem Selbstgefühl: er achte sich zu
+sehr, eine Auszeichnung zu verlangen.
+</p>
+
+<p>Er hatte nun die Prüfung zu bestehn. Seine
+seltne Gewandheit in Leibesübungen erregte
+Staunen, er war so keck, die Behendesten im
+Laufen, die Stärksten im Ringen, die Rüstigsten
+im Schwimmen, zum Wettkampf einzuladen,
+und trug den Sieg davon. Eine Probe
+seiner geometrischen Uebersicht abzulegen, schwang
+er sich an einen Luftball empor, und entwarf
+binnen einer Stunde eine höchst genaue Charte
+des sichtbaren Landhorizonts. Auch anderweitig
+bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern
+zur Bewunderung der Anwesenden, was dem
+Lehrer Gelino süß schmeichelte.
+</p>
+
+<p>Er empfing seine Waffen und begann die
+Uebungen froh. An Ini schrieb er: Ich trage
+nun das Kriegerkleid. Neue Kraftübungen werden
+meine Formen entfalten, der hohe Gedanke
+<!-- page 104 -->
+an Heldenthum, verbunden mit dem entzückenden,
+verklärenden an dich, werden mir endlich
+die Gestalt vollenden, welche deiner allein werth
+sein kann.
+</p>
+
+<p>Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin über
+das Schwere. Sorge und wache. Liebe stärke
+dich!
+</p>
+
+<p>Der Seegen einer Geliebten hat immer wunderbare
+Einwirkungen. Jedes Geschäft geht leichter
+von dannen, der Genius erwacht, trägt bald
+auf den Gipfel des Vorhandenen und läßt höhere
+Vollkommenheit umfassen.
+</p>
+
+<p>Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe
+mit dem scharfen Spaten bald, und führten
+Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein geübtes
+Auge brauchte in wenigen Wochen das
+Feuerrohr so fertig, daß er nie sein Ziel fehlte.
+</p>
+
+<p>Was sollen wir dich lehren, fragten die Veteranen,
+dir ist schon alles bekannt, was der
+Fußsoldat wissen muß, um zu seinem Haufen zu
+gehen.
+</p>
+
+<p>Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er
+hatte nachgedacht, ob man nicht über den Erdwurf
+feuern könne, ohne das Haupt dem feindlichen
+Geschoß zum Ziel darzubieten. In der
+Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er
+<!-- page 105 -->
+ließ sich ein hakenförmiges Sehrohr fertigen,
+das die Lichtstrahlen in einen Winkel brach, und
+sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben
+versehn. Nun blieb er ganz hinter der Erdwehr
+liegen, und sah durch sein Instrument dennoch
+darüber hin. Der Schuß erfolgte da bei aller
+eignen Sicherheit. Er zeigte den Veteranen,
+was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm großen
+Beifall zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr
+an die Rathsversammlung des Heeres, welche
+neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie
+war von dem wichtigen Nutzen der vorliegenden
+zur Stelle überzeugt, und schickte sie wieder
+durch einen Eilboten dem Strategion zu Rom.
+Dieses antwortete bald: Man hätte sogleich alle
+Feuerröhre der Fußsoldaten auf die vorgeschlagene
+Weise umzuändern.
+</p>
+
+<p>Man sprach beim ganzen Heere von diesem
+Ereigniß. Durchaus war es neu, daß ein Jüngling,
+nur einige Wochen unter den Waffen,
+schon eine Abänderung beim Heere veranlaßt
+hatte. Man untersuchte zwar alles willig, munterte
+liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirkliche
+Anwendung. Wenn es diesmal auf einmüthigen
+Beifall geschah, so lagen auch vor Jedermann
+<!-- page 106 -->
+die Beweise der Trefflichkeit jener Erfindung.
+</p>
+
+<p>Man sprach ihn auch zugleich von der Obliegenheit
+los, ein Lehrjahr bei den Fußsoldaten
+zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine
+andere Waffe zu treten, und er wählte die
+Reuterei.
+</p>
+
+<p>Grade waren Pferde aus der eingehegten
+Wildniß angelangt, und der Führer des Zuges
+klagte über die Unbändigkeit des einen darunter,
+rathend, es als unbrauchbar zu tödten. Guido
+bat um die Gunst, es versuchen zu dürfen.
+Man wollte sie lange nicht zugestehn, einwendend,
+schon die bewährtesten Reuter hätten Unfälle
+mit diesem Thiere gehabt. Jener ließ aber
+nicht nach, zäumte und sattelte das Roß, bei
+allem Widerstreben, und schwang sich darauf.
+Es bäumte sich hoch, Guido drückte ihm mit
+starkem Arm den Kopf nieder. Es ging, dem
+Zügel nicht mehr gehorchend, athemlos ins
+Weite. Guido riß ihm den Kopf herum und
+brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft seines
+Meisters gewahrend, bequemte sich die üppige
+Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte
+das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es
+<!-- page 107 -->
+vor aller Augen an einen Bombenmörser, und
+ließ ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger
+Sprung zur Höhe folgte, der Jüngling saß fest
+und hielt sein Thier auch zugleich wieder an,
+es kühn mit dem Sporn für die Unart strafend.
+Es schnaubte Wuth, wagte aber, bei einem zweiten
+Schuß, nicht mehr, von der Stelle zu gehn.
+Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine
+Ohren, erlegte tausend Schritte davon einen
+Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein
+Pferd rührte sich nicht.
+</p>
+
+<p>Alle Reuter jauchzten ihm Lobsprüche, und
+er dachte geheim: Hätte mich doch Ini jetzt
+gesehn!
+</p>
+
+<p>Eine freundliche Aufnahme in die Reihen
+war sein Lohn, und das Verlangen, dies Pferd
+für den Dienst behalten zu dürfen, fand Bewilligung.
+</p>
+
+<p>Er bewies sich bald so tüchtig als Reuter,
+daß die Veteranen urtheilten, es bedürfe hier
+durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er
+aber, zu dem großen Heere gesandt zu werden,
+und das aus folgendem Grunde:
+</p>
+
+<p>Der Cäsar von Neu-Persien hatte Asien im
+Besitz, mit Ausnahme von Japan und China.
+<!-- page 108 -->
+Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen
+immer glücklichen Widerstand geleistet, jenes
+durch seine abgesonderte, meerumflossene und durch
+Felsenküsten sichere Lage, dieses mittelst seiner
+ungeheuren Bevölkerung, und indem es, aufgeweckt
+durch die nähere Gefahr, das Volksgenie
+auch geweckt und in den Kriegskünsten
+neuer Zeit mitgestrebt hatte. Grade war aber
+eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser
+Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn versprengt
+worden, der, Unfug und Verheerung
+übend, den Gränzen von Europa nahte.
+</p>
+
+<p>Man sandte eine Heerabtheilung, meistens
+Reuterei, entgegen, im Fall sie sich nicht entblöden
+würden, das diesseitige Gebiet zu betreten,
+und da Guido sehnlich wünschte, dem etwanigen
+Feldzuge beizuwohnen, drang er so lebhaft
+darauf, zum Heer gesandt zu werden, was
+auch geschah.
+</p>
+
+<p>Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugierig
+sammelte sich die Menge, den Jüngling zu
+sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht
+hatte und für den kräftigsten Rossebändiger galt.
+Die Art, wie er unter den neuen Kameraden
+<!-- page 109 -->
+auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und
+Gewogenheit.
+</p>
+
+<p>Es ging zur Gränze, wo eilig das Gerücht
+einlief, schon wären mehrere Dörfer
+geplündert und verwüstet worden. Der Anführer
+nahm seinen Marsch in die Gegend, welche,
+die noch unkultivirteste in Europa, dichte Waldungen
+durchschnitten.
+</p>
+
+<p>So leicht der europäische Stolz diesen Krieg
+gewürdigt hatte, so furchtbar-schwer war er zu
+führen. Die Waldungen deckten den Feind.
+Man konnte sich nicht über seine Zahl oder Stellung
+erkundigen, weil die leichten Truppen, für
+dies Geschäft dem Heere zugetheilt, nicht von
+oben herab durch die Kronen der Bäume zu blicken
+vermogten. Die Tatarn verbargen sich geschickt,
+drangen dann unvermuthet in wilden
+Haufen hervor, fielen mit Ungestüm an, und
+entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den
+Vortheil<a id="corr-12"></a> auf ihre Seite brachte. Denn ihre
+Pferde, welche Klugheit bei Zucht und Anlehrung
+der europäischen auch thätig war, hatten den
+Vorzug.
+</p>
+
+<p>Die berittene Artillerie ließ sich in den Gehölzen
+nicht brauchen, wider die kleineren Röhre
+<!-- page 110 -->
+bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit
+einem in China erfundenen Lack überzogen, der
+bei großer Leichtigkeit Reuter und Pferd deckte,
+im Anrennen vorn, im Weichen hinterwärts Gebrauch
+fand. Schlimmer wie alles das, konnte
+man ihre Pfeile ansehn, womit sie überaus geschickt
+trafen, und den gepanzerten<a id="corr-13"></a> Mann entweder
+im Gesicht oder an den Händen verwundeten.
+Diese Pfeile waren in ein Pestgift getaucht,
+das nicht allein den Getroffenen hinraffte,
+sondern auch sich epidemisch mittheilte.
+Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, mußten
+mit einem schirmenden Gegenmittel versehen
+sein, da man von keinen Krankheiten unter ihnen
+hörte.
+</p>
+
+<p>Groß war, bei allem anerzogenen tapfern
+Sinn, die Bestürzung, als der Tod in den europäischen
+Reihen wüthete. Die Aerzte wußten
+keinen Rath, fanden selbst ihr Grab. Der Anführer
+wagte einen verwegenen Streich, wurde
+aber mit seinem Vortrab umzingelt und niedergehauen.
+</p>
+
+<p>Die Truppen wählten einen neuen Gebieter,
+der einstweilen sein Amt übernahm, bis die Bestätigung
+darin eingelaufen sein konnte. Es war
+<!-- page 111 -->
+der Sohn eines vornehmen Fürsten, welcher
+demungeachtet der erforderlichen Eigenschaften
+nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine
+kräftige Anrede, worin er die Nothwendigkeit
+bewies, die Räuber zu vertilgen, wenn dem
+ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest
+drohen sollte; mahnte jeden an, den Sinn der
+Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken,
+auf welchen Wegen sich der entsetzlichen Gefahr
+begegnen ließ. Der Feuerwille, im Kampf dem
+Tode zu trotzen, ließ sich auch überall wahrnehmen,
+doch die natürliche Furcht vor der Pest
+bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager
+tönte Wehklage, da keine Minute verging, wo
+nicht ein Freund dem Freunde starb.
+</p>
+
+<p>Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in
+Moskau geblieben war: Komme ich um, so sage
+Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den
+Lippen entflohn, vielleicht aber gelingt es mir,
+ruhmgekrönt wiederzukehren, denn ein Wagstück
+ist mir beigefallen, das uns retten kann.
+</p>
+
+<p>Er ging zu dem Heerführer, bat sich einen
+Luftnachen und einige muthbewährte<a id="corr-14"></a> Männer
+aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den
+Spähtruppen? fragte jener. Vertraue mir um
+<!-- page 112 -->
+was ich bitte, hieß die Antwort, ich will mein
+Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu
+fernen.
+</p>
+
+<p>Wohlan! Und möge das Glück dich geleiten.
+</p>
+
+<p>Guido stieg hoch in die Lüfte auf, begab sich
+über den Feind und blickte mit einem treflichen
+Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein
+Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer
+vergeblicher Mühe entdeckte er in der Waldung
+einen kleinen offnen Raum, wo ein prächtig
+Gezelt stand. Hier ist ohne Zweifel der tatarische
+Feldherr, sagte er zu seinen Begleitern,
+dies wollte ich erkunden.
+</p>
+
+<p>Jetzt schwebt er zurück über das eigne Lager,
+und ließ einen Brief niederfallen, in welchem er
+den disseitigen Heerführer bat, einen Angriff,
+wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach
+einer halben Stunde, daß seine Bitte Gehör
+gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die
+Glieder rückten aus.
+</p>
+
+<p>Jetzt mußten ihn die Adler wieder über jenen
+lichten Raum bringen, hoch genug, daß, bei
+ohnehin trüber Luft, er nicht mit bloßen Augen
+zu entdecken war. Sein gutes Fernrohr zeigte
+ihm aber bald, wie auf den Schlachtlärm ein
+<!-- page 113 -->
+vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahlreich
+begleitet sich aufs Kampfroß schwang und
+vorwärts eilte. Nur wenige Einzelne umzingelten
+in einiger Entfernung wachend das Hauptquartier.
+</p>
+
+<p>Sogleich ließ sich Guido, durch stille Luft
+und einbrechende Abenddämmerung begünstigt,
+am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem
+Hauptgezelt blieb er an einer Eiche hangen, und
+kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte
+ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar
+zum Bogen greifen konnte, hatte er Guidos
+Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine
+Kleidung an, verdachtloser weiter handeln zu
+können. Er ging einigen Anderen vorüber, die,
+seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben
+und gelangte glücklich in das Zelt. Hier
+standen viele große Flaschen mit der tatarischen
+Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido
+gewollt hatte. Er nahm eine davon, und schlich
+weit rückwärts in den Wald, indem die Nacht
+dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend,
+zündete er ein kleines Feuer an, was seinen
+Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente,
+sich niederzusenken.
+</p>
+<!-- page 114 -->
+
+<p>Dies geschah. Guido bestieg mit seiner
+Beute den Nachen, und man eilte durch die
+Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen
+erst anlangte, denn das Gefecht hatte eine
+unglückliche Wendung genommen, die Europäer
+waren weit zurück gedrängt worden.
+</p>
+
+<p>Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der
+Feldherr war geblieben. Getrost, rief er, ich
+bringe vorerst eine Hülfe, das Weitere wird sich
+finden.
+</p>
+
+<p>Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte
+die Flasche, mittelte die Bestandtheile aus, und
+traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge
+zu fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken,
+die in großer Zahl schmachteten, versucht,
+und alle sahen sich nach wenigen Stunden hergestellt.
+Die Art des Gebrauchs enthüllte sich
+schon aus der Natur dieser Arzenei. Sie wurde
+auch schnell nach den rückwärts liegenden Ortschaften
+gesandt, wohin sich das Uebel auch schon
+verbreitet hatte.
+</p>
+
+<p>Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im
+Heere, da keine Pestpfeile mehr zu fürchten standen.
+Guidos Lob klang in aller Krieger Munde.
+<!-- page 115 -->
+Kein Neid trübte einen so rein verdienten
+Dank.
+</p>
+
+<p>Die Aeltesten ordneten eine neue Heerführerwahl.
+Jeder im Heerhaufen nährte denselben
+Gedanken. Mag der Jüngling selbst nicht das
+erste Lehrjahr bestanden haben, sein Geist, seine
+Thaten erheben ihn zum Würdigsten. Man zog
+die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern
+umhergegangen war. <i>Guido</i> stand auf jedem
+Papier.
+</p>
+
+<p>Er war beschämt, verlegen &mdash; doch klopfte
+sein Busen von nicht geringer Freude. &bdquo;Was
+wird Ini sagen, wenn sie davon hört!&ldquo; dachte
+er, dann &mdash; gab er Befehle.
+</p>
+
+<p>Eine weite Umzingelung des Feindes schien
+ihm in diesen Waldungen das Dienlichste. Jeder
+Krieger empfing eine kleine Viole von dem
+Gegengift, um nun bei einer Wunde sogleich einige
+Tropfen davon anwenden zu können. In
+der folgenden Nacht traten die Flügel ihren Weg
+an, um sich in den Rücken des Feindes zu begeben.
+Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an
+den Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte.
+Ein Morast, durch den die Tatarn nicht
+dringen konnten, begünstigte an einer Seite den
+<!-- page 116 -->
+Entwurf, an der andern ließ Guido schnell eine
+Meile lang die Bäume mit Knallsilber umwerfen,
+daß auch dort der Ausweg gesperrt wäre.
+</p>
+
+<p>Dann begann der Angriff von zwei Seiten
+in der nämlichen Minute. Die Tatarn erschraken,
+da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen
+nicht mehr inne wurden. Ja, Bestürzung verbreitete
+sich unter ihnen, als einige gewahrten,
+die Verwundeten der Europäer bedienten sich
+eines Gegenmittels. Die nehmliche Entdeckung
+hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit
+über diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit
+gesetzt nach dem Norden zu fliehn.
+</p>
+
+<p>Man drang scharf ein. Die flüchtige Eil
+der tatarischen Rosse half nicht, da zu beiden
+Seiten der Feind anrückte. Im Nahekampf
+hatten die europäischen Waffen den Vorzug.
+</p>
+
+<p>Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwägend,
+sammelte auf den Ton eines weitschallenden Instrumentes
+eine große Masse und suchte mit dieser
+durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete,
+begann an der Spitze einiger Tausende ein
+Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf
+eine große Mine, deren Explosion in dem Augenblick
+<!-- page 117 -->
+erfolgte, als der Vortrab des Gegners
+den unterwühlten Boden betreten hatte.
+</p>
+
+<p>Gräßlich schauderhafter Anblick, als Tausend
+entwurzelte Eichen dem Aether zuflogen! Doch
+wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als
+die Baumtrümmer, die zu Tausenden zerrissenen
+Gäule und Menschen, wieder dem Gesetz
+der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten
+als man erwartet hatte. Manche darunter
+wurden getödtet, selbst Guidos Pferd von einem
+großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging
+jedoch den Gefahren glücklich, und bestieg
+ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Tatarn
+zu vollenden.
+</p>
+
+<p>Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf,
+wandte sich nach einer andern Gegend. Guido
+ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von
+allen Seiten an. Nicht überall konnten die chinesischen
+Schilde decken, große Verheerungen bewirkten
+die europäischen Feuerröhre. Endlich
+traf Guido auf den Feldherrn selbst, ein innig
+gefühlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns
+beide kämpfen; wer fällt, dessen Schaaren sollen
+sich dem andern ergeben!
+</p>
+
+<p>Der Tatarfürst war es zufrieden und warf
+<!-- page 118 -->
+seine Lanze. Sie würde, wohl zielend, Guidos
+Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht
+mit seinem Schwerte hinweggeschlagen hätte.
+Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun
+gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht
+neben seinen Gegner hin, ihm den Degen in
+die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der
+Andere auch mit fechtender Geschicklichkeit den
+Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im
+Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar
+sandte einen Pfeil nach, verwundete es tödtlich,
+und Guido mußte auf den Boden springen.
+</p>
+
+<p>Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse
+über den Haufen zu rennen. Ohne hohe
+Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er
+dachte an Ini, und fühlte neue Kraft durch
+seine Adern strömen. Er wich rechts und links
+dem schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick
+und bohrte das Eisen in seinen Bauch.
+Mit großem Getöse fiel es in den Staub, nachdem
+es durch die letzte krampfhafte Bäumung
+den Reuter weggeschleudert hatte.
+</p>
+
+<p>Dieser stand aber auch gleich wieder auf den
+Füßen und Schwert gegen Schwert wüthete.
+Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an
+<!-- page 119 -->
+ihrer Kraft brachen beider Klingen. Nur die
+Arme blieben den ergrimmten Kämpfern noch
+übrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich
+umschlangen sie sich damit, und geriethen auf
+das Eis eines kleinen Sees, der dort lag.
+</p>
+
+<p>Der Tatarfürst schien an Nervengewalt seinem
+Feinde nicht nachzustehen, doch lebte ihm
+keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine
+Heldenkraft verdoppeln konnte. Allein vor Guidos
+Seele stand Inis segnendes Bild und neue
+Götterflammen strömten in seine Brust. Mit
+des Bildes Erscheinung lebte auch das Triumphgefühl
+in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel,
+hoch den Tatar empor zu heben und ungestüm
+gegen die gefrorne Fläche zu werfen. Der Fall
+des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend,
+die Gebeine des Nackens waren zerschellt, weit
+glitt der Leichnam auf das klare Eis hin.
+</p>
+
+<p>Guido nahm das zertrümmerte Schwert, den
+Panzer und eine Diamantkette, die an der Brust
+des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die
+Europäer ließen Sieggesang ertönen, die Räuberhorden
+flehten um Gnade und lieferten die
+Waffen ab.
+</p>
+
+<p>Man fand großen Raub im Lager, den Guido
+<!-- page 120 -->
+unter die geplünderten Landleute vertheilen hieß.
+Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen
+sich zum Andenken des Tages zuzueigenen.
+</p>
+
+<p>Noch wurde auf die hie und da zerstreuten
+Feinde Jagd gemacht, von denen auch keiner
+entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen
+bewachend eingeschlossen, eilte der Heerhaufen
+zurück nach dem großen Lager. Das Volk der
+Gegend erwartete Guido überall an den Wegen,
+und brachte dem Retter von Tausend Schrecken
+sein Dankopfer in Freudenthränen.
+</p>
+
+<p>Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit
+Artillerie und andern Erfordernissen versehn. Es
+war im Anzuge, da man aus den Berichten
+entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu
+gering geachteten Feinde, nicht vollen Widerstand
+leisten können. Auch befanden sich viele Aerzte
+im Gefolge, die Natur der Seuche zu prüfen.
+Krankheiten waren diesem Zeitalter verhaßt und
+schrecklich, denn es war in Europa weit damit
+gekommen, sie auszurotten. Seit Jahrhunderten
+wußte man nichts mehr von Kinderblattern,
+die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb,
+hatte man dadurch verbannt, daß
+einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate,
+<!-- page 121 -->
+an einem ausgeschriebenen und der Menge geheim
+gehaltenen Tage, eine jede Person, ohne
+Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung
+bewerkstelligt wurde. Andere Welttheile waren
+klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und
+die Uebel bestanden nur noch in der Geschichte.
+Dem Heere von Fiebern mancher Art, widerstanden
+die durch gute phisische Erziehung und
+Mäßigung in den Leidenschaften, gestählten Organisazionen.
+Geist und Körper bewegten sich
+bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam übte
+man die Sorge für gesunde Nahrung, als daß
+Gicht und Podagra hätten foltern können. Langer
+Gebrauch der Milch bei den Kindern, viel frühes
+Laufen in freier Luft, bildeten die Lungen
+vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten
+nur höchst seltne Erscheinungen sein. Jene
+Resultate von Verderbniß der Säfte, in alten
+Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten,
+waren mit ihren Ursachen verschwunden. Die
+Aerzte fanden unten diesen Umständen wenig Beschäftigung,
+als bei zufälligen äußeren Wunden,
+oder der auch nicht schwierigen Geburtshülfe.
+Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel
+geübte, und auf das Leben überall angewandte
+<!-- page 122 -->
+Kunst, und bekleideten demnächst, bei den Erziehungsanstalten,
+heilsame Aemter. &mdash; Immer
+höher reichte das Leben der Menschen hinauf,
+immer gewöhnlicher führte eine sanfte schmerzenlose
+Entkräftung hinaus.
+</p>
+
+<p>Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des
+Zeitalters gegen den Mann sein, der die Verheerungen
+der Seuche durch seine tapfere List
+abgewendet hatte. Indem die Aeltesten in dem
+anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in
+sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus
+und entgegnete: Es war immer doch nur zufällig,
+wenn ich das Gegenmittel fand. Hätte
+ich es selbst entdeckt, bereitet, dann wollte ich
+euer Lob annehmen.
+</p>
+
+<p>Daß er den Feind schon überwältigt hatte,
+freute jene Soldaten desto weniger. Sie hätten
+gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch
+erklärten die Männer im großen Heeresrath einmüthig,
+man müsse beim Strategion darauf
+antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu
+Moskau hielt.
+</p>
+
+<p>Wie würde mir, dem Jüngling, das ziemen,
+rief er. Nein, ich bitte um meine Entlassung,
+da ich meine ferneren Reisen anzutreten
+<!-- page 123 -->
+denke. Giebt es aber einst neuen Krieg,
+dann stell&rsquo; ich mich.
+</p>
+
+<p>Bescheidener! rief ein Unteranführer, du bist
+in solchem Fall nicht sicher, daß ein großes Heer
+dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein
+Name von Ohr zu Ohr gedrungen.
+</p>
+
+<p>O, dies anzunehmen, müßte ich noch weit
+mehr Wissen errungen haben, antwortete Guido.
+Doch einige Vorschläge, zu Verbesserungen, an
+dem schweren Geschoß, und den Minen, bitte
+ich noch von mir anzuhören. Die Erfahrung
+dieser Tage lenkte mich darauf.
+</p>
+
+<p>Die künstlerischen Soldaten wurden hier ein
+wenig schwierig. &bdquo;Wie, er diente nicht in unsrer
+Mitte, und hofft uns lehren zu können,
+was wir noch nicht wissen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten
+des Erfinders Freunde.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Auch diese hat er gesammelt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber nicht in zulänglicher Summe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Man sieht, daß die Männer, bei allem Voraussein
+eine Tradizion von ihren Urvätern durch
+den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig
+<!-- page 124 -->
+waren sie nicht. Sie prüften &mdash; gingen
+vom Tadel zur Billigung über &mdash; und nahmen
+an.
+</p>
+
+<p>Guido hatte aber noch eine andere Idee umfaßt,
+die er gern zur Ausführung bringen wollte.
+Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches,
+sagte er im Rath der Anführer, habt ihr von
+mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel
+hatte, laßt mich nun etwas für die Schönheit
+thun, die ohnehin eine gute Wirkung nicht verfehlen
+wird.
+</p>
+
+<p>Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer
+Erfindungen bestimmt war, wurden ihm beliebige
+Summen zugewilligt, über die nöthige Personenzahl
+konnte er entscheiden. Er ging eilig
+an die Ausführung, und der Arbeiter Gewandheit
+stillte bald seine Ungeduld.
+</p>
+
+<p>Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig
+Adlern gezogen, die für einige Hundert Menschen
+Raum enthielt. Zwei Silberpauken, mäßigen
+Häusern an Umfang gleich, befanden sich
+darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch
+Maschinen gerührt. Zudem metallene Hörner
+von der Länge einer Tanne, deren hintere Mündung
+an einen großen Blasebalg gebunden war.
+<!-- page 125 -->
+Diesen konnten zwei Männer durch einen Schnellhebel
+leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur
+einen Ton, und es galt geübte Aufmerksamkeit
+der Spielenden, ihn richtig anklingen zu lassen,
+wenn das auszuführende Stück es verlangte.
+Aehnliche Trompeten waren auch in guter Zahl
+vorhanden, und Posaunen, welche sehr tief und
+kräftig ansprachen. Darüber hing ein reingestimmtes
+Glockenspiel, dem akkustische Kunst eine
+gewaltige Resonnanz gegeben hatte.
+</p>
+
+<p>Guido sahe bald alles dargestellt, und übte
+ins Geheim seine Künstler zur Fertigkeit. Dann
+sagte er den Heeranführern: Rücket aus mit
+den Truppen. Ihr sollt eine Musik vernehmen,
+dem gesammten Heere, durch das Klirren der
+Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer
+Kanonen, hörbar. Töne ermuthigen in der
+Schlacht, füllen dem Tapfern mit noch edlerer
+Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie
+sollen alle Streiter bezaubernd ergriffen werden.
+Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und
+Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen
+eines großen Kampfes. Zu den Wolken stieg
+der graue Dampf ihrer Röhre der Himmel
+war verhüllt. Da ließ Guido das mächtige Feldorchester
+<!-- page 126 -->
+über sie schweben, dreihundert Klafter
+hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel.
+Die Musiker hatten die Ohren dicht verstopft,
+nicht Taubheit davon zu tragen.
+</p>
+
+<p>Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm
+des Klanges niederbrauste, auf Meilenfernen in
+gleicher Gewalt hörbar. Es war, als ob der
+Gott der Heerschaaren in den Lüften waltete,
+seine Treuen durch himmlische Melodien
+zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzückt,
+wonnetrunken, horchten die staunenden Helden.
+Warum ist kein Feind da, den wir, von den
+Harmonien umströmt, bekämpfen können, riefen
+sie. Zu unüberwindlichen Löwen erhübe uns die
+wundervolle Magie.
+</p>
+
+<p>Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen,
+so flogen ihm nunmehr alle Herzen zu,
+denn diese Krieger bargen Schönheitssinn. Die
+Erfindung ward auch einmüthig angenommen,
+doch bestimmten die Anführer ihren Gebrauch
+nur für den Ernst, im Frieden sollte sich das
+Ohr der Soldaten nicht daran gewöhnen, damit
+einst in der Schlacht die Wirkung höher
+reichte.
+</p>
+
+<p>Guido wandte sich nun heimlich von den
+<!-- page 127 -->
+Truppen, dem schmeichelhaften Abschied zu entfliehn,
+und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino
+freudig in die Arme schloß.
+</p>
+
+<p>Sich hier selbst mehr gegeben, prüfte er seine
+Gestalt an Spiegeln, und ward froher noch über
+die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen Augenblick,
+wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn
+der tatarischen Horden zu überwältigen.
+Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte
+seine Schönheit zugenommen. Entwickelter zu
+einer reinen Uebereinstimmung, stellten sich die
+Verhältnisse der Arme, des Leibes, der unteren
+Theile dar, heller glühte das muntere Inkarnat
+der Wangen, durch die viele rüstige Bewegung
+in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte
+ein unglaublich frohes, edles Feuer, eine stolze
+Sicherheit, erzogen durch das siegende Bewußtsein
+vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des
+Stolzes im Selbstgefühl, wenn schon durch Bescheidenheit
+in gemessenen Schranken gehalten,
+daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit
+entstehn ließ, der andere durch Tadel beleidigte.
+Der Hochsinn, bei den Gefühlen der
+Liebe und den Entzückungen der Künste, hatte
+immer nur sanft des Oberhauptes Rundung emporgehoben,
+<!-- page 128 -->
+die ungestüme Heldengluth aber, in
+ihrer, besonders den hohen Theil im Gehirn bewegenden
+Seelenthätigkeit, hatte sie schnell hinausgedrängt,
+und wie es Guido schien, bis an
+die Linie welche Inis Ideal verlangte. Dagegen
+wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah,
+konnte er mit seiner Stirn noch nicht zufrieden
+sein. Denn dort war immer noch nicht
+genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikuläre
+mit dem Kinn, da sie gleichwohl
+um ein Gutes hätte vordringen müssen. Guido
+sagte sich unter diesen Umständen, was ich bisher
+dachte, war noch immer nicht genug, der
+Summe nach, oft auch nur flüchtiger Aufflug
+der Imaginazion. Ich muß mehrere Gegenstände
+in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende
+schwere Kraftübung des Denkens, des
+Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich mich
+auch vorzüglich mit Dingen zu beschäftigen, die
+die Empfindung ausschließen, rein abgezogen
+sind. Nur so ist das vorliegende Mark des
+Schädels thätig, wächst an und stößt seine gestärkte
+Hülle weiter. Die Hoffnung, auch das
+werde gelingen, erhob seinen Muth.
+</p>
+<!-- page 129 -->
+
+<p>Er schrieb an Ini, ihr seine Trophäen
+sendend:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Einem andern Mädchen dürfte ich schon
+kühn nahen, und um ihre Hand werben. Denn
+ein stattlicher Ritter, leg&rsquo; ich der Geliebten
+Feindes Waffen zu Füßen, und schmücke sie mit
+einer Eroberung. Du aber steigerst deinen Vertrag,
+und darfst, du Göttliche, höhern Preis
+auf dich setzen. Je mehr ich sinne und handle,
+je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife
+ich, wie deine Idee menschlicher Würdigkeit
+weit hinaus liegt, über alles, was schon
+Sterbliche thaten. Ich müßte vor diesem reineren
+Erkennen verzweifeln, deiner Forderung
+glorreich Genüge zu thun, hätte ich nicht die
+Wunderkraft fühlen lernen, die dein Bild in
+meine Adern gießt. So aber beginne ich hoffend
+den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in
+mir, das dich um Beistand anrufen kann, wie
+in jenes Kampfes Stunde, wo gnädig mich die
+Göttin erhörte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Gelino sagte darauf, laß uns eine andere
+Wohnung beziehn, wo wir mehr Schutz gegen
+die Kälte finden. Der Winter ist strenge, immer
+höher deckt sich der Boden mit Schnee.
+</p>
+<!-- page 130 -->
+
+<p>Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht,
+doch dem schwächeren Greis nachgebend, folgte
+er willig.
+</p>
+
+<p>Sie traten am Abend in ein geräumig Haus,
+dessen Zimmer trefflich durch Oefen erwärmt und
+artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen
+über die Reise aufzeichnen, und die
+Geschichte deines Feldzugs? fragte Gelino. Der
+Jüngling dankte ihm für die Erinnerung, und
+eilte um so eher zu schreiben, weil ernsthaftere
+Beschäftigungen dem eben gefaßten Vorhaben
+entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs,
+und einer Stunde beim Mahl, wich er nicht
+von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestört,
+weil ihm dünkte, das Haus bewege sich.
+Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den
+Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Italien,
+die Zeit und die Stärke einer solchen Naturerscheinung
+zu berechnen, oder sie abzuwenden
+von den Städten, mittelst tief gewühlter
+Brunnen, durch welche das tiefe Feuer einen
+Ausweg findet?
+</p>
+
+<p>Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind
+die Erdbeben selten, und träte ja der Fall ein,
+würden die Naturkundigen schon zeitig warnen.
+<!-- page 131 -->
+Glaube nicht, man sei hier noch so unwissend,
+wie in rohen Jahrhunderten einst durch ganz Europa,
+wo Städte zertrümmert wurden.
+</p>
+
+<p>Gab es wirklich eine so unwissende Zeit?
+fragte Guido staunend.
+</p>
+
+<p>Sieh da die Folge deiner Säumniß, Geschichte
+zu lernen, strafte der Lehrer. Lissabon
+und selbst unser Messina haben einst furchtbar
+dadurch gelitten. Du weißt viel, erfindest viel,
+dennoch schöpfest du zu wenig aus dem rechten
+Quell.
+</p>
+
+<p>Du hast Recht, gab Guido zur Antwort
+hier sieht mein Streber noch ein weites Feld. O
+ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben
+und manches Andere.
+</p>
+
+<p>Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland
+kommen. Da magst du dich mit Elementen
+vertrauen und deinem künftigen Denken neue
+Richtungen geben.
+</p>
+
+<p>Der Zögling hatte nach dreien Tagen seine
+Arbeit vollendet. Freilich waren darin nur hingeworfene
+Bemerkungen und kurze Uebersicht der
+Thatsachen zu finden; die Ursachen der Erscheinungen
+aufzusuchen, fiel ihm noch nicht genug
+ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge,
+<!-- page 132 -->
+hatte zu vielen poetischen Anstrich. Entzückt sein,
+hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino beruhigte
+sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem
+jugendlichen Genie könne erst die Gründlichkeit
+als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß
+uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte
+Gelino.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir
+bequem?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Eine noch bequemere.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig
+ins Freie. Seit drei Tagen kam ich nicht unter
+dem Dache weg.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie traten hinaus. Guido sah einen großen
+schönen Platz, ihm unbekannt. Was ist das?
+fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und
+glaubte doch ganz Moskau durchirrt zu haben.
+Auch schien mir, unser Haus läge in einer engen
+Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen.
+</p>
+
+<p>O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino
+lächelnd.
+</p>
+
+<p>Guido blickte ihn verwundert an.
+</p>
+
+<p>Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg.
+Das Haus war ein Schlitten. Du hast nur
+<!-- page 133 -->
+einigemal einen kleinen Anstoß gespürt. Sonst
+glitten wir in den drei Tagen sanft über den
+Schnee hieher.
+</p>
+
+<p>Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte
+er, wie mir vor dieser Reise ein wenig bangte.
+Durch die Luft, fürchtete ich, würde es dir zu
+kalt sein, und wie ein Wagen eine Bahn in
+der starren Winterdecke finden werde, konnte ich
+nicht begreifen.
+</p>
+
+<p>Sie besahen nun die schöne Stadt, reich
+durch einen üppigen Handel, und einen glänzenden
+Fürstenhof. Guido nahm jedoch einen andern
+Nahmen an, denn sein Ruf war vorangeeilt,
+und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien
+betäuben, als in seiner Lernbegier stören
+lassen.
+</p>
+
+<p>Unter den mannichfachen Sehenswürdigkeiten,
+gefiel unsern Reisenden nichts mehr als die Wintergärten,
+welche man hier angelegt hatte, um
+das Anschauen grünender Natur nicht so lange
+zu entrathen, als der unfreundliche Himmelstrich
+gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine
+solche liebliche Anstalt; die weitläuftigste darunter
+war jedoch öffentlich, wurde von der Gesammtheit
+<!-- page 134 -->
+erhalten, und es stand jedem Einwohner
+und Auswärtigen frei, sich dort zu vergnügen.
+</p>
+
+<p>Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen
+Raum von mehreren Tausend Schuhen im Gevierte.
+Der ganze Boden war hohl, Pfeiler
+von großem Umfang trugen seine Gewölbe, und
+durch viele Eisenöfen, deren Züge und Röhren
+künstlich umhergeleitet waren, empfing die geläuterte,
+auf alle Weise fruchtbar gemachte Erde,
+die auf dem Gewölbe lag, Erwärmung.
+</p>
+
+<p>Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand
+oben etwas inne. Man trat durch ein
+Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem
+geräumigen Saal führte, schon milder in seiner
+Temperatur als jene. Durch doppelte und verhüllte
+Thüren, damit die Kälte nicht eindränge,
+gelangte man weiter.
+</p>
+
+<p>Aus diesem Saal führten andere Thüren in
+eine breite Gallerie, deren hohe bis zur Erde
+reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen
+gingen.
+</p>
+
+<p>Und wohin? Durch die starre Kälte, wie
+Dezember und Januar unter dieser Breite geben,
+trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem,
+das Haar mit Eis behangen. Aufwärter reinigten
+<!-- page 135 -->
+die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und
+säuberten des Ankömmlings Locken. Im andern
+Saale fand man den Pelz beschwerlich, und gab
+ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlüfte,
+das Auge blickte froh durch die Fenster
+hinaus auf liebliche Grüne, auf Veilchen, Jonquillen
+und Rosen.
+</p>
+
+<p>Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund
+dar, reich an Florens Pracht, mit holdem
+Duft labend, begränzt durch dunkle Katalpenbüsche,
+aus denen reizende Marmorgebilde
+winkten.
+</p>
+
+<p>Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße
+Wandlung durch den kleinen Platanenhain, an
+silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel,
+wo sich hinter Teichen weite Aussichten in reizende
+Gebirglandschaften öffneten. Der Staunende,
+nicht vertraut mit des kleinen Paradieses
+Kunst, begriff nicht, was er sah, und rief
+die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen
+und Hesperidengärten in die Erinnerung.
+</p>
+
+<p>Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte
+sich von dem Heiligthume zu trennen? Im
+Dämmerlichte gewannen die mannichfachen Schönheiten
+erhöhten Reitz, Nachtigallen flöteten aus
+<!-- page 136 -->
+Blüthenzweigen nieder, in Jasminlauben horchten
+die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald
+stieg aber der Mond empor, hoch im Norden
+am Aether hangend, und goß seine Schimmer
+verklärend nieder. O Ini, seufzte Guido tiefbewegt,
+könnt&rsquo; ich an deinem Arme hier den
+Himmel fühlen!
+</p>
+
+<p>Und wie hatte der kluge Fleiß dies alles geschaffen?
+In den dicken Mauern der Umgebung
+lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die großen,
+hie und da zerstreuten, Eichen und Fichten,
+waren durch Kunst der Natur nachgeahmt, zum
+Theil hohl, um in den durchgeführten Röhren
+Wärme auszuhauchen, damit auch oben eine
+gleichmäßige Temperatur erzeugt würde, zum
+Theil bestimmt die hohe Glasdecke zu tragen,
+die sich zwischen ihnen in kleinen Gewölben
+senkte und hob.
+</p>
+
+<p>Glassteine, rein und klar genug, den Lichtstrahl
+nicht zu hemmen, und doch von der nöthigen
+Stärke, um alle Kälte abzuwenden, bildeten
+diese Gewölbe. Kein Kitt verband sie,
+sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch
+Feuer erweicht und sie sich so verschmelzen lassen.
+Die Anstalten mangelten nicht, sie Außen
+<!-- page 137 -->
+vom Schnee und Inwendig von Dünsten zu reinigen,
+und so war die glückliche Täuschung vollendet.
+Die weiten Aussichten hatte allerdings
+die Malerei gestaltet, aber so trefflich, daß das
+Auge vollkommen betrogen wurde, um so mehr da
+es kleine Teiche klüglich hinderten, zu den, Fernen
+lügenden Wänden, zu dringen. &mdash;
+</p>
+
+<p>Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben
+vom Strategion zu Rom an. Eine lange Berathung
+hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte
+man so früh einen Jüngling belohnen, damit der
+Sporn zu höherem Streben nicht mangle, und
+dennoch hatte dieser Jüngling durch so frühe
+Thaten, Lohn verdient. Endlich sandte das
+Strategion dennoch eins von den großen Ehrenzeichen,
+wie sie Feldherren nach gewonnenen
+Schlachten empfingen. Man besann sich, daß
+Guido schon in sehr frühen Jahren Beweise
+seines erfinderischen Kopfes geliefert habe und
+dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes
+Schreiben, von des Kaisers eigener Hand, lag bei.
+</p>
+
+<p>Guido befand sich aber nicht mehr in dieser
+Stadt und Niemand wußte dort, wohin er gereiset
+sei. Er hatte dagegen die Weisung zurück
+gelassen, im Fall Briefe an ihn überkämen, sie
+<!-- page 138 -->
+nach Sizilien zu senden, daneben die Aufschrift,
+an Ini.
+</p>
+
+<p>Diese empfing nun durch die Eilpost jene
+Gegenstände. Gleich schmeichelhaft für Geliebte
+und Geliebten.
+</p>
+
+<p>Sie wußte, daß er sich jetzt in Petersburg
+befand, und schrieb ihm, jenen Brief zugleich
+beantwortend:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch
+mehr noch würde es mich erfreuen, wenn du
+beitragen könntest, daß die Menschheit den unseligen,
+ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte.
+Ein Ehrenzeichen liegt für dich hier, ich sende
+es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken,
+es zu tragen. Es ist noch ein Rest alter Barbarei,
+wenn man solche Zeichen ausgiebt, meine
+ich immer. Traurig wenn das Vaterland gebieten
+muß, Blut zu vergeuden. Wer die schreckliche
+Pflicht übte, ihm zu gehorchen, wozu soll
+er noch ausgezeichnet sein, daß sein Anblick
+durch eine schauderhafte Erinnerung empöre.
+Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre
+Zeit die unglücklichen Heldenthaten. Glaube auch,
+nur der reinste Menschensinn kann deine Schönheit
+vollenden.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 139 -->
+
+<p>Dies gefiel freilich dem flammenden Jüngling
+nicht ganz. Lob, warmes Lob, hätte er
+von dem Mädchen gehoft, das begeisternd mit
+Kraft weihte, und es tönte nun so sparsam, so
+bedungen. Doch räumte er ihrem feinen Geist
+den höheren Ausspruch ein, und antwortete nur,
+indem er diesem seine Ehrfurcht darbrachte.
+</p>
+
+<p>Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich
+von dem Handel und dem Zustande der Wissenschaften
+im Norden zu unterrichten.
+</p>
+
+<p>Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit
+einer der Lage des Landes angemessenen Klugheit
+geleitet. Die Bevölkerung war seit zwei
+Jahrhunderten in den Gegenden an der finnischen
+Bai, am Ladoga und weißen Meere bedeutend
+angewachsen, aber doch nicht in dem Maaße,
+daß die großen Waldungen dadurch so verdrängt
+worden wären, daß das Holz, kein Gegenstand
+der Ausfuhr bleiben konnte, wie es in vielen,
+noch dichter bewohnten Ländern, schon lange der
+Fall war. Man blickte also auf diese Waldungen,
+als einen vorzüglichen Handelsvorwurf.
+Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise.
+Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch
+sich denn die dabei thätigen Handwerker in großer
+<!-- page 140 -->
+Zahl nährten. Andere Völker, der Schiffe
+benöthigt, und überzeugt, sie wären nur in Petersburg
+am wohlfeilsten zu bekommen, holten
+sie dann fleißig ab, und brachten Erzeugnisse,
+die zufolge des Himmelstriches hier fehlten. Ausser
+dem nöthigen Brotgetraide wurde durch den
+Landbau ein Ueberfluß an Hanf gewonnen.
+Auch diesen veräußerte man nicht im unverarbeiteten
+Zustande. Thaue und Stränge aller
+Art, wie auch Segeltuche, wurden daraus gefertigt,
+und wegen ihrer Vollkommenheit überall
+beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saffian,
+Kaviar, welche die Lebhaftigkeit des Verkehrs
+mehrten.
+</p>
+
+<p>Der Handel war jetzt ungemein begünstigt.
+Die große Sicherheit der Schiffahrt, die erhöhte
+Vollkommenheit der Landtransporte, die ausgedehnteste
+Freiheit, die Verbannung aller Privilegien,
+leisteten ihm Vorschub. Die gleiche Güte
+des Geldes, von der Regierungsweisheit immer
+im richtigen Verhältniß zu den Sachen gehalten,
+die gleichen Maaße der Dinge verschafften ihm
+erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der
+Kaufleute, welche einen Bankrottirer mit ewiger
+Verachtung würde gestempelt haben, befestigte
+<!-- page 141 -->
+den Kredit und es war unerhört, daß einer darunter
+sein Wort nicht erfüllt hätte. So knüpfte
+man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich der
+mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben.
+</p>
+
+<p>Die Wissenschaften blühten in Petersburg an
+jedem Zweig, vorzüglich aber lag man der Naturkunde
+ob, und die reich ausgestattete Akademie
+ließ den Norden fleißig bereisen, neue
+Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen,
+oder die älteren zu berichtigen. Eine große Zahl
+von Fossilien, erdigt, salzig, metallisch und gemengt,
+vor dreihundert Jahren noch ganz unbekannt,
+hatten diese Versendete in den Gebirgen
+gegen den Pol ausgemittelt, wie man ihnen
+auch die erste Entdeckung der köstlichen, allenthalben
+gesuchten, Polkristalle dankte. Denn die
+erste Reise zur Erdachse im Norden, war von
+Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller
+der Land- und Eisthiere, jenseits dem achzigsten
+Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akademie
+sinnreich bearbeitet. Höchst sehenswerth konnte
+man ihre Sammlung von Petrefakten nennen,
+worunter, außer vielen Ichthioliten und Tetrapodolithen
+auch ein vortrefflicher ganzer <i>Anthropolith</i>
+war, mit Mergeltuf durchzogen und in
+<!-- page 142 -->
+allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteinerter
+Mammouth befand sich ebenfalls hier, wie
+viele Skelette dieses verschwundenen Thieres,
+dessen ganze Organisazion man aber dennoch
+kannte.
+</p>
+
+<p>Guido wohnte einer Vorlesung über die Veränderung
+der Erdachse, und einer andern über
+die Abnahme des Meeres bei, hörte viel Staunenswürdiges,
+und lernte ernster über die großen
+Beobachtungen nachsinnen, welche Jahrtausende
+der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt
+umfassen. Man sprach von einer Zeit, wo die
+hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte,
+und von einer anderen, wo der Polpunkt in Irkutzk
+zu finden sein werde. Man erzählte von
+einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in
+Siberien gelebt, und sich eines ziemlichen Grades
+von Kultur erfreut habe. Die Monumente,
+unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen
+und endlich entzifferten Schriften, hatten ein
+zweifelfreies Licht darüber verbreitet. Man wußte
+genau, um welche Zeit Schweden aus der See
+hervorgetreten wäre, und gab wieder jene an,
+in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen,
+und sich zum Anbau eignen würde.
+</p>
+<!-- page 143 -->
+
+<p>Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt
+Petersburg ein ganz eigenthümliches Fest, und
+gemeinhin in den längsten Nächten, wenn kein
+Mond schien. Sie hüllte sie dann nämlich in
+ein künstliches Nordlicht, was eine ganz zauberische
+Wirkung hervorbrachte. Denn die Gesetze
+dieser Meteore, lange ein Geheimniß, waren
+ergründet worden, und man brachte die Materie
+beliebig hervor, was jedoch nur in diesen
+Gegenden, und bei einem gewissen Kältegrad
+anging.
+</p>
+
+<p>Es herrschte hier ein Nachkömmling der Romanow,
+denn jenes Haus, da es sich erobernd
+gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch
+nicht ganz die Vatererde aufgeben, wo einst
+Peters schöpferischer Genius das erste Licht besserer
+Aufklärung anzündete. Auch sah man Peters
+Standbild, einst von der genievollen nordischen
+Semiramis erhöht, noch wohlerhalten und
+vielgeehrt an der alten Stelle.
+</p>
+
+<p>Nach Genüssen und Belehrungen mannichfacher
+Art, wandten sich unsere Reisenden nach
+dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Frühling
+ankamen.
+</p>
+
+<p>Gelino sagte: Dies Land war vor einigen
+<!-- page 144 -->
+Jahrhunderten durch eine fehlerhafte Regierungsform
+sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie
+sehr es durch fruchtbaren Boden darauf angewiesen
+ist, ward unvollkommen getrieben, die
+Handwerke und Künste lagen ganz danieder. Sklaverei
+der geringen Klassen entehrte die Menschheit.
+Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in
+üppiger Erzeugung, wohlgebaute Städte und
+Dörfer zeigen reiche Bevölkerung, Kunstfleiß in
+jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede
+unter weiser Verwaltung.
+</p>
+
+<p>Guido ergötzte sich innig bei dem lachenden
+Anblick, der sich allenthalben darbot. Große
+Kunststraßen und Nebenwege waren ohne Ausnahme
+mit mehreren Reihen nutzbarer Obstbäume
+beflanzt, deren Blüthenschnee mit den
+dunkelgrünen hochbegrasten Triften und fetten
+Kornfluren angenehm wechselte. Nie hatte
+Guido so stattliche Heerden gesehn als hier weideten.
+Er rief: Siziliens Landschaft ist mannichfacher,
+feinere Baumgattungen und Fruchtarten
+schmücken sie, doch ein so frisches Grün
+labt dort die Blicke nicht.
+</p>
+
+<p>Gelino antwortete: Die Natur ist überall
+<!-- page 145 -->
+reich, der Mensch verstehe nur ihre Winke gehorsam,
+und sie lohnt.
+</p>
+
+<p>Der Zögling wunderte sich über die vielen
+Kanäle, mit denen das Land durchzogen war,
+und die von Flössen und Fahrzeugen wimmelten.
+Wer hat alle diese Arbeiten vollbracht, und zu
+welchem Ende? fragte er.
+</p>
+
+<p>Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land
+ist niedrig und zu Kanälen geeignet, die außer
+der erleichterten Fortbringung auch durch Bewässerung
+nützen. Sehr einfach hat man sie
+aufgewühlt, und nach den Strömen geleitet.
+Ehedem wandten die thörichten Menschen, die
+gewaltige Kraft in Entbindung gewisser Gasarten,
+nur auf das Verderben an. Klüglicher hat
+man späterhin, durch das vervollkommnete Schießpulver,
+Erdlagen gebessert und Kanäle erschaffen.
+</p>
+
+<p>Dies Land bringt, trotz seiner großen Bevölkerung,
+die ja auch nur die Erzeugungen
+mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst,
+Honig und Schlachtvieh hervor, als es selbst
+verbrauchen kann. Dieser Ueberfluß ladet, wie
+einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein
+Land mehr in Europa, das nicht weise genug
+wäre, seine erste Subsistenz selbst hervorbringen
+<!-- page 146 -->
+zu wollen, doch einige, wo es zufolge natürlicher
+Hindernisse nicht angeht. Dahin gehört ein
+Theil von Schweden und Norwegen, Lappland,
+Nowaja Semlia und Spitzbergen. Die letztgenannten
+waren Ehedem wenig oder gar nicht
+bewohnt, späterhin hat man sie zu Verweisungsorten
+für Europäer gemacht, die unklug genug
+waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu
+wollen. Diese haben sich gemehrt, der Handel
+andere dahin geführt, und so sind auch jene so
+weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt bevölkert,
+und man weiß sich dort gut zu nähren.
+</p>
+
+<p>Dies Land fertigt jedoch aus seinem überflüssigen
+Korn, Backwerke aller Art, die sich Jahre
+lang halten, und durch Befeuchtung genießbar
+werden. Fleisch von Rindern und Schaafen wird
+durch Salz und Räucherung dauerhaft gemacht,
+das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser aufbewahrt.
+Der Honig dient, mannichfache Kuchen
+zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich fertigt
+man starke Biere, in Essenzen verkürzt, und gebrannte
+Wasser an.
+</p>
+
+<p>Meistens gehn diese Gegenstände nach den
+genannten Nordländern, welche deswegen doch
+nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder
+<!-- page 147 -->
+vortreffliche Eisenwaaren, fertige Pelzkleidungen,
+Fett von Wallfischen und Robben feil, und
+geben sich daneben fleißig mit dem Heringfange
+ab.
+</p>
+
+<p>Die inländischen Kanäle, welche du hier
+siehst, geben nun all&rsquo; dieser Regsamkeit doppeltes
+Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den
+großen Prahmenwagen schneller von statten geht,
+so ist jene mit geringeren Kosten verbunden,
+da auf den ebnen Nebensteigen, welche am
+Wasser hinlaufen, ein Pferd beträchtliche Lasten
+zieht. &mdash;
+</p>
+
+<p>In den Städten nahm man die großen Brau-, Back- und
+Brennanstalten in Augenschein, wo
+sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und
+Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte
+Gelino, melden alte Schriftsteller, sollen vor
+einigen Jahrhunderten diese Städte einen scheußlichen
+Anblick gewährt, Unwissenheit und Unsauberkeit
+hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen
+haben.
+</p>
+
+<p>Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu
+entziehn, verstand man vortrefflich, denn chemische
+Naturkunde leitete die Grundsätze. Liebliche
+<!-- page 148 -->
+und dennoch unschädliche Einmengungen verbesserten
+den Geschmack.
+</p>
+
+<p>Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauerhaft
+zu machen, hatten Thurmhöhe. Der Rauch
+ward durch lang empor gewundene Röhren geleitet,
+und zog sich so feiner in die Massen.
+Durch fette Weiden wohl genährt, lieferten die
+Schlachtthiere schon ein ungemein nahrunggehaltiges
+Fleisch, und überaus zart war der
+Geschmack der hier geräucherten Gänsebrüste,
+Schinken u. s. w. Leckermäuler gaben ihnen den
+Rang vor allen übrigen in Europa.
+</p>
+
+<p>Es läßt sich deuten, wie das Volk in diesen
+Gegenden, ohnehin so wohlhabend, auch durch
+diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln
+gewesen sein müsse. &mdash;
+</p>
+
+<p>Man langte endlich in der weitläuftigen und
+freundlich gebauten Vorstadt Praga vor Warschau
+an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das
+Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein schauderhafter
+Auftritt, indem bei einem Sturm fast
+alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns!
+daß wir Blutszenen in Europa gar nicht mehr,
+und an den Gränzen nur selten und nothgedrungen
+erblicken; daß auch, wenn ja Krieg besteht,
+<!-- page 149 -->
+die Völkerübereinkunft ihn bloß auf die Heere
+ausdehnt. Der Soldat würde sich entehrt halten,
+wenn ein ruhiger Bewohner des Landes
+über ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat
+von Europa so.
+</p>
+
+<p>Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an
+den majestätischen, mit Schiffen bedeckten, Strom
+kamen, in der mit ihren Vorstädten und Gärten
+unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt
+Warschau dar. Der jenseitige hohe Rand war
+terrassenförmig mit Pappelalleen geschmückt, von
+der Höhe winkten Prachtgebäude, Tempelkuppeln
+mit reicher Vergoldung, Obelisken, Telegraphen- und
+Glockenthürme. Sternwarten,
+Luftpostzinnen und andere hohe Gebäude, wie
+sie jetzt in Städten üblich waren, hoben sich
+aus dem Steinmeere in bezaubernden Verhältnissen
+empor. Man hielt überhaupt in diesem
+Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der
+Städte, die schon in weiter Ferne dem Wanderer
+verkündeten, was er im Innern zu finden
+hoffen dürfe.
+</p>
+
+<p>Sie fuhren über die prächtige Marmorbrücke,
+zu beiden Seiten mit athenischen Bildsäulen geziert.
+Guido wunderte sich, da er den Strom
+<!-- page 150 -->
+hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und
+Rauch aufsteigen sah. Der Lehrfreund erklärte
+ihm die Erscheinung.
+</p>
+
+<p>Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang
+auf diesem Strome sehr ungestüm, und es ließ
+sich keine dauerhafte Brücke bauen, da man befürchten
+mußte, sie im Frühjahre zerstört zu sehn.
+Jetzt ist man klug genug, das nützliche Feuerpulver
+auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr
+dieser Art droht, belegt man die Winterdecke
+des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus
+Pulver und jener heftigen Feuermaterie gemengt,
+die auch im Kriege gebraucht wird, und auf
+Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Raketen
+bedecken die ganze Fläche mit Funken, und
+schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis.
+Da, obgleich der Frühling schon um ein Gutes
+vorrückte, noch hie und da Schollen ankommen,
+so wirst du dort jene Thätigkeit inne.
+</p>
+
+<p>Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen,
+durch Anhäufen der Gebirgwässer erzeugt, suchten
+Ehedem manche Länder heim. Nun aber
+fließen sie durch Kanäle ab, oder durch die hohen
+Bewallungen an den Strömen, immer noch benutzt,
+da man gute Fruchtbäume darauf zieht. So
+<!-- page 151 -->
+trägt im Kampfe gegen die feindliche Natur, der
+Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit
+Vernunft den Willen umfaßt.
+</p>
+
+<p>Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido,
+daß es hier ungemein viel schöne Weiber gäbe.
+War gleich, wie oben im Eingang berichtet
+worden, das Geschlecht überhaupt zu einer entwickelteren
+Anmuth erzogen, und die europäische
+Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in
+einander geflossen, so mußten dennoch einige
+Unterschiede in der äußeren Bildung übrig bleiben,
+deren Ursachen man in Abstammung und
+Gegendeigenheiten zu suchen hatte. Der Lehrer
+erklärte: Schon im Alterthum wurden die Sarmatischen
+Schönen gepriesen.
+</p>
+
+<p>Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese
+lieblichen Blüthen im vereinten Strauß zu beobachten.
+</p>
+
+<p>Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz,
+hatte er einen vorzüglichen Mosestempel
+bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten
+in einer Größe, wie Ehedem der rhodische
+Koloß, prangte, und wo ein Heer von
+Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht
+verrichten konnte. In Warschau dagegen
+<!-- page 152 -->
+stand ein Heiligthum der Maria, durch seine
+geschmackvolle Pracht weit berühmt. Die Jungfrauen
+im Lande hatten es aus ihren Mitteln
+erbaut, und sich dafür das Recht vorbehalten,
+hier allein zu beten, und Feiergesang anzustimmen.
+</p>
+
+<p>Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden,
+doch die Erhöhungen welche der Rotunde
+Innenwände umliefen, konnten Männer besteigen
+und Niemand mag zweifeln, daß sie nicht
+angefüllt gewesen wären.
+</p>
+
+<p>Gelino hätte es vielleicht nicht unumgänglich
+nöthig gefunden, seinen Zögling dahin zu führen;
+doch dieser hatte davon viel gehört, und
+bewies sehr redselig, man müsse die Reisekunde
+auf jede Art bereichern.
+</p>
+
+<p>Es war das Frühlingsfest der Maria, der
+Kultus hatte einige Aehnlichkeit mit den Floralien
+der Alten. Im weißen Gewand, blendend
+wie Schnee, fein wie die Schleier der Arachne,
+die Sandale mit bunten Bändern an den bloßen
+Fuß geknüpft, die Locken mit jungen Blumen
+durchflochten, zogen die Jungfrauen in den
+Tempel.
+</p>
+
+<p>Guido befand sich im Gedränge auf der Erhöhung.
+<!-- page 153 -->
+Süß strömte der Duft hinauf, die
+Treibhäuser waren von ihren Orangenblüthen
+und Rosen geplündert, nimmer hatten Guido,
+selbst auf dem heimathlichen Eilande, so holde
+Gerüche gelabt.
+</p>
+
+<p>Alle ohne Ausnahme waren schön, lieblich,
+anmuthig, denn die, welchen die Natur diese
+Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen
+Tage unpäßlich zu sein, um nicht so vielem
+Lichte die Schatten zu geben.
+</p>
+
+<p>Hundert von den Jungfrauen unterhielt der
+Tempel für den musikalischen Kultus. Gestalt
+und wohltönende Stimme, waren die Bedingungen,
+unter welchen man sie annahm. Gute
+Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach bedeutender
+Fertigkeit durften sie öffentlich auftreten.
+Kein Instrument begleitete ihre Lieder,
+und wie diese Zeit auch die Harmonika, die
+Flöte, die Harfe vervollkommnet hatte, den Zusammenklang
+Hundert reiner wohlgeübter Mädchenorgane,
+würden sie immer nur gestört, nicht
+erhoben haben.
+</p>
+
+<p>Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache
+früherer Zeiten übertragen, so weit es möglich ist,
+den höheren Ausdruck des Idioms im ein und
+<!-- page 154 -->
+zwanzigsten Jahrhunderte wiederzugeben, ungefähr
+gelautet haben würde:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Himmlisch bist du o Jungfrau!</p>
+<p class="line">Du liebtest himmlische Liebe,</p>
+<p class="line">Und dein Himmel steigt nieder,</p>
+<p class="line">In der Liebenden Busen.</p>
+<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p>
+<p class="line">Weihe, heilige mich!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">In des Geliebten Schönheit</p>
+<p class="line">Deutet sich ewige Schöne,</p>
+<p class="line">Dem Göttlichen werd ich verwandt</p>
+<p class="line">Glüh ich von göttlicher Liebe.</p>
+<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p>
+<p class="line">Weihe, heilige mich!</p>
+</div>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Deine Reinheit mich fülle,</p>
+<p class="line">Mache unsträflich den Busen,</p>
+<p class="line">Gieb in Liebe mir Tugend,</p>
+<p class="line">Daß den Unsterblichen nahend</p>
+<p class="line">Ewig Leben ich athme,</p>
+<p class="line">In Gefilde des Lohnes</p>
+<p class="line">Seligkeit bringe das Herz.</p>
+<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p>
+<p class="line">Weihe, heilige mich!</p>
+</div>
+<!-- page 155 -->
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Weg aus den Räumen der Tiefe,</p>
+<p class="line">Schwinge dich, heiliger Fittig,</p>
+<p class="line">Trage mich auf zu den Gipfeln</p>
+<p class="line">Wo mich weihend umfangen,</p>
+<p class="line">Lebens Reine und Höhe.</p>
+<p class="line">Liebe ist Himmel im Staube,</p>
+<p class="line">Liebe wohnt über den Sternen,</p>
+<p class="line">Liebe adelt die Jungfrau,</p>
+<p class="line">O du, der Jungfraun Vorbild,</p>
+<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p>
+<p class="line">Weihe, heilige mich!</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido
+an Ini: Heute Mädchen, that dein Bild hohe
+Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz
+in Europa, vergaß aber dennoch die Rose nicht,
+für die ich glühe.
+</p>
+
+<p>Der Triumph, den eine Geliebte über fremde
+Schönheiten davon trägt, wird auch von dem
+Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert
+heller, ein edles Selbstgefühl strömt in die
+Seele, im Bewußtsein reiner Treue, und prägt
+sich im Auge, auf der Wange, mit einem unvergänglichen
+Zauber aus. So nahm denn Guido
+abermal einen neuen Zug der Schöhnheit von
+hinnen.
+</p>
+<!-- page 156 -->
+
+<p>Sie besahen noch den großen Markt, der
+hier um diese Zeit gehalten wurde. Auf dem
+Gefilde von Wola, berühmt im Alterthum durch
+die Königswahlen, hatte man ihm den Sammelpunkt
+angewiesen, da in der Stadt kein Raum
+dazu vorhanden war.
+</p>
+
+<p>Einen weiten leeren Platz umlief ein überdachter
+Säulengang, hinter welchem sich ungeheure
+Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden.
+Auf vielen Kunststraßen hatte sie der
+Völker Thätigkeit hergeführt. Eine davon lief
+nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und
+dem rothen Meere. Hier kamen die Araber, auf
+lange Reihen von Kamelen, Spezereien und
+Gold geladen. Auch die Athener, welche auf
+Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein,
+wie auch treffliche Gemälde brachten.
+Die andere ging um die Kaspische See nach
+Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten
+die Neu-Perser, mit Elephantenlasten köstlicher
+Gewürze, feiner Zeuge und Edelsteine.
+Eine dritte Straße war dem Chinesen, durch
+die Mongolei, Songarei, und das Kirgisenland
+gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere
+Gegenstände seines Kunstfleißes, denn der
+<!-- page 157 -->
+Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von Petersburg
+erst übers Meer, und dann auf dem
+Weichselstrom herbeigeschafft, langten vortreffliche
+Schiffe zum innländischen Gebrauch an, die
+auf einem Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil
+standen. Auf ähnlichen Wegen waren vom äußersten
+Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen
+gekommen. Eben daher vortreffliche Geschirre,
+Fensterscheiben und Bauwerkstücke aus
+dem so spät erst entdeckten Polkristall. Auf
+den vielen Kunstpfaden durch Teutonien langten
+noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von
+den englischen Eilanden, wissenschaftliche und
+technische Instrumente aller Art. Man sahe
+ganz fertige Sternwarten, mit künstlichen Triebwerken
+des Planetensistems, deren Genauigkeit
+und Feinheit in Erstaunen setzte, indem sie außer
+den vielen neugewahrten Planeten und ihren
+Begleitern, auch alle Kometen dieses Sistems
+darstellten, denn den jetzigen vollkommenen Teleskopen,
+entging keiner mehr davon, wie weit
+auch seine Bahn ihn von der Sonne wegführen
+mochte. Fing man doch schon an, das Leben
+im Monde zu beobachten, und seine Naturgeschichte
+zu entwerfen. &mdash; Ferner Thurmuhren,
+<!-- page 158 -->
+mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt,
+sich außer den Stunden- und Minutenweisern,
+ein vollständig entworfener Kalender
+befand, daneben Thermometer, Barometer und
+Eudiometer, welche Kälte oder Wärme, Schwere
+oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten,
+daß dadurch die Witterungsveränderung
+auf mehrere Tage vorher kund ward, und
+Jedermann bei seinen Beschäftigungen sich darnach
+fügen konnte. &mdash; Ferner, Mühlen zum
+Stampfen, Zermalmen und Sägen zugleich, und
+mit einem artigen Mobile perpetuum regirt. &mdash;
+Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflüge mit einer
+geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn
+bis zwölf Schuh tief aufwühlten, die geruhete
+Erde oben, die entkräftete unten brachten, sie
+zugleich puderartig zerrieben, und von gröbern
+Bestandtheilen durch Siebe reinigten. Eben so
+Pflanzmaschinen, welche die Getraidekörner in
+beliebiger Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten,
+und so Aufwuchs und Gedeihen ungemein
+erhöhten. Eben so Wässerungbehälter, geeignet,
+aus fernen Seen, Strömen oder Kanälen
+mit wenigem Kraftaufwande, Flüssigkeit herbeizuschaffen,
+und durch hidraulische Vorrichtungen,
+<!-- page 159 -->
+in weit ausgebreiteten Fontänen niederströmen
+zu lassen. &mdash; Der Franke lieferte chemische
+Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der
+Landmann konnte sie hülfreich gebrauchen, damit
+bei großer Dürre, aus Wasserstoff ein Wölkchen
+zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen
+lassen. Zudem Küchen, wo in sehr
+sinnreich gestalteten Töpfen oder Pfannen, die
+Speisen überaus schmackhaft geriethen, und man
+auch Schnee und Eis sogleich bereiten konnte.
+Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig
+mit Seide oder Wolle versah, und sich dann
+hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun
+das Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen
+Körpers niedlich angeschmiegt, ohne
+Rath, wie sich von selbst versteht, färbte es zugleich
+in der eben gültigen Modetinte, und parfümirte
+es mit köstlichen Oelen. Die chirurgischen
+Instrumente der Franken waren nicht weniger
+sehenswerth. Unter andern erblickte man
+da künstliche Ohren und Augen mancher Art.
+Bei nur geschwächter Hör- oder Sehkraft wurde
+jene durch Röhre, diese durch Gläser bis zum
+Normalzustand verstärkt; außerdem hatte man
+aber, ein hoher Triumph menschlicher Kunst,
+<!-- page 160 -->
+nachgeahmte Trommeln, Eustachische Röhren, Augenäpfel
+mit ihren sechs Häuten und drei verschiedenen
+Feuchtigkeiten, welche mit den Nerven,
+durch täglich wiederholten Galvanismus in
+Verbindung gebracht, Tauben und Blinden,
+Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder einführten.
+Ihre Weinläger wurden nur von den
+spanischen und portugiesischen übertroffen, wo in
+langen Reihen, Tonnen lagen, jede größer als
+Ehedem das Faß zu Heidelberg. &mdash; Die Italiäner
+hatten unter andern große Orgeln, für
+die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige
+Vox humana, die gewohnten Religionsgesänge
+deutlich vortrug, willkommen für Ortschaften die
+nicht reich genug waren, Chöre zu unterhalten.
+Zudem auch Orchester, wo eine Klaviatur, Hundert
+Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in
+Bewegung setzte, welche auch durch Walzen die
+beliebtesten Tonstücke und durch akkustisch nachgeahmte
+Soprane, Alte, Baritone u. s. w.
+schöne Lieder ausführten. Der Besitzer konnte
+also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem
+vollständigeren Konzert bewirthen, als es vor
+Jahrhunderten Könige mit großem Aufwand vermocht
+hatten. &mdash; Der emsige Deutsche wetteiferte
+<!-- page 191 -->
+mit allen Europäern in Allem, und sandte
+daneben die meisten Bücher zum Markt. Bücher,
+die Materien abhandelten, von denen die
+Vorzeit noch keine Ahnung hatte.
+</p>
+
+<p>Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien
+waren Kaufleute anwesend. Sie führten
+edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette
+aus ihren Landstrichen, artige Sinzialos,
+Jakos, indianische Raben, die fertig redeten,
+Menagerien von Löwen, Tigern, Leoparden,
+Giraffen, Armadille, welche man aber nicht erstand,
+wenn sie nicht auch zugleich in ergötzenden
+Künsten abgerichtet waren. Es gab auch in großen,
+durchsichtigen, mit Wasser gefüllten Behältern,
+Fische aller Gattung aus der Fremde. Hornfische,
+Chimären, alle Haiarten, Panzerfische,
+Seedrachen, Zitteraale, Katödons, und die vielen
+Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem
+die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit
+erreichte.
+</p>
+
+<p>So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche
+Sicherheit, und die Leichtigkeit der Reisen,
+Menschen von allen Stämmen hieher geführt.
+Wollige Neger, schon lange nicht mehr
+zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am
+<!-- page 162 -->
+Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe
+Sinesen und Japaner zählten sorgsam ihre gewonnenen
+Summen. Olivenfarbene Araber, Indier,
+Malaien, kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten
+ihre Pfeife zur Erholung. Kleine mißgestaltete,
+aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden,
+Eskimos liefen neugierig gaffend umher.
+Röthliche Amerikaner, noch den Federbusch
+der Altvorderen tragend, zeigten ihre
+Kraft im Ringen und Laufen. Neuseeländer,
+Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der
+erst spät entdeckten Südpolarländer, die schwärzere
+oder hellere Haut seltsam punktirt, saßen in
+ihren mitgebrachten Binsenhäuschen auf künstlichen
+Matten, die ihnen abgekauft wurden, um
+sie in Gärten aufzustellen.
+</p>
+
+<p>Das Getümmel auf diesem Markt war unbeschreiblich,
+die Wechselgeschäfte verbanden durch
+Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap
+und Miako, Lissabon und Peking.
+Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken, welches
+die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich
+durch eigene Thätigkeit unterhalten mußten, beschickten
+sie auch die Märkte mit überflüssigen
+Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerröhre,
+<!-- page 163 -->
+großer und kleiner Art, feil, welche von
+Völkern, die noch keine Waffenmanufakturen hatten,
+eingetauscht oder gekauft wurden. Man
+ging aber auch, vorausgesetzt, daß man reich genug
+war zu solchen Ausgaben, in ihre vorhandenen
+Metallgießereien oder Schmieden, um sich,
+die Geliebte, den Freund, in Erz oder Stahl
+bilden zu lassen. Augenblicklich drückten geschickte
+Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie
+gleich darauf in Thon nachzuahmen. Das Metall
+floß schon in den Glühöfen, eilig vollendeten
+flinke Gesellen die hohle Form, und der
+Guß erfolgte. Durch künstliche Mittel ward
+nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen,
+das Jahrtausende höhnende Standbild heraus
+gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder
+gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen
+Vorrichtungen, Feinheit und Gewalt auf
+eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu
+Werke. Ein Fürst aus Amerika, eben mit seiner
+jungen Gemahlin zugegen, ließ sich mit derselben
+in Silber darstellen. Guido hätte weinen
+mögen, nicht Ini hier zu sehn, und kein Kaisersohn
+zu sein, um ihre Statue in Gold zu
+begehren.
+</p>
+<!-- page 164 -->
+
+<p>Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos
+Lehren und eigne Anschauung, wurde des
+Jünglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach
+Teutonien, wo das platte Land ihn noch weit
+mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine
+Dörfer mehr, sondern nur die in einander fließenden
+Vorstädte weitläuftiger Orte. Gelino erklärte
+ihm die Erscheinung einer so großen Lebensfülle
+in folgender Art:
+</p>
+
+<p>Das Klima in diesem Lande ist weit milder
+geworden, seitdem unnütze Kriege, verderbliche
+Immoralität und Krankheiten, gegen welche die
+unvollkommene Heilkunde wenig vermochte, nicht
+mehr die Zunahme seiner Bevölkerung hemmen.
+Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden
+wovon eine mildere Luft immer die Folge ist.
+Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange
+erwünschten Fortgang, und zwei Ernten sind
+gewöhnlich. Wenige Morgen nähren eine Familie
+bequem, und werfen noch einen Ueberfluß ab,
+von dessen Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten
+anschaffen kann. Das in dem, vortrefflich
+zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte
+Wintergetraide, gelangt um die Mitte
+des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens
+<!-- page 165 -->
+funfzigfältig. Man mäht es durch kunstreiche
+Sichelwagen, die zugleich abschneiden, aufladen
+und hinterwärts den Boden wieder pflügen,
+wodurch die Arbeit gar sehr vereinfacht wird.
+Nun ist Zeit genug übrig, das Feld wieder mit
+Sommerkorn, Gartengewächsen, Fütterungkräutern
+zu bestellen, wovon der Fleiß noch reichen
+Gewinn im Spätjahre zieht. Dies würde aber
+nicht immer glücklich von Statten gehn, hätte
+man nicht das Mittel erfunden, die angebauten
+Fluren, gegen Kälte im Lenz und Nachsommer
+zu sichern. Wenn die Witterungmesser einen
+Frost ankündigen, eilt der Landwirth sein Feld
+mit großen Strohmatten zu überdecken. Bei
+den kleinen Landporzionen ist es leicht dies Mittel
+anzuwenden. In Wintertagen fertigt das
+Gesinde aus dem reichlichen Stroh die Matten,
+über Bäume spannt man sie zeltartig, Fluren
+werden ebenhin damit bedeckt.
+</p>
+
+<p>Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem
+Schuhgevierte, Ertrag zu ziehen sucht. Ein
+Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umläuft verwachsen
+die Scholle. Kleine Beeren und kleine
+Nüsse mancher Gattung blühen darauf. Das
+Feld ist mit edlen Obstbäumen beflanzt, an die
+<!-- page 166 -->
+üppige Weinreben sich hinaufwinden. Ihr Schatten
+fährdet die Saaten nicht, bei einem so kräftig
+gemachten Boden, und beim Pflanzen trägt
+man kluge Sorge die Wurzeln nicht zu verletzen,
+was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche
+leicht wird.
+</p>
+
+<p>Futterkräuter, gewisse wohlnährende Rübenarten,
+getrocknet Baumlaub, sind dem Viehe
+bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon
+so viel auf, um mit Milch, Butter und Fleisch
+versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich
+eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt
+zum Fertigen gebrannter Wasser, im Kleinen.
+Die Arbeit daran ist so vereinfacht, daß auch ein
+Kind ihr vorsteht.
+</p>
+
+<p>So ist also für den Unterhalt dieser Menschen
+reichlich gesorgt, und die eitle Furcht ob
+einer zu großen Bevölkerung, in rohen Zeitaltern
+oft angekündigt, würde nur Lachen erregen.
+Jedes neue Glied, das in die Gesellschaft tritt,
+kann auch einen neuen Spielraum nützlicher
+Thätigkeit finden und seinen Bedarf gewinnen.
+Nach den vielen Erfahrungen welche man sammelte,
+nach den vielen lehrreichen Entdeckungen,
+welche gute Köpfe im Erproben des Ausführbaren
+<!-- page 167 -->
+machten, ist jedermann lebendig überzeugt,
+die Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um
+ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja die Gränze,
+welche einst der klugen Pflege ein Ziel
+setzen könne, durchaus nicht abzusehn. Und träte
+ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall
+ein, mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der
+Landesertrag nähren könne, so weiß man gar
+wohl, das es noch schlecht bebaute Länder genug
+in anderen Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien
+senden lassen. Afrika enthält in seiner
+Mitte große Wüsten, die, einst urbar gemacht,
+unermeßliche Ausbeute liefern werden. Am
+Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenfluß
+sind weitläuftige Strecken bereit, neue Millionen
+aufzunehmen. So rüstig auch der Altbritte
+daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang
+von halb Europa hat, und die weitläuftigen
+Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern
+reich zu machen, so hat doch, im Verlauf
+weniger Jahrhunderte, immer noch nichts
+Erhebliches geschehen können, und Auswanderer
+würden dort höchst willkommen sein. Ja, wie
+die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen
+die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt
+<!-- page 168 -->
+wird, und wo man die jährliche Meerabnahme
+nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte,
+wird nach einigen Jahrhunderten, ohne das im
+achtzehnten einst gefundene Polinesien, ein ungeheurer
+neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean,
+westlich von Amerika, treten. Die unter dem
+Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge
+verbreiteten hierüber schon in alten Zeiten
+Licht, jetzt hat man ihren Zusammenhang
+deutlicher erkannt, und vermag überhaupt aus
+der Vergangenheit genauer auf die Folge zu schließen,
+weil sinnige Forscher, ihre Beobachtungen
+der Nachwelt, ein schätzbares Erbe, vermachten.
+So ist jetzt unter andern die Insel Owaihi, weit
+größer an Umfang, als zu der Zeit, wo ein
+kühner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte.
+Die ziemlich großen und hohen Eilande, westlich
+von Peru, hießen vor Jahrhunderten die
+niedrigen Inseln, ein Beweis, wie damals die
+See höher an sie hinaufspülte. Das Senkblei
+fällt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose
+nehmen zu, die Taucher können dort in
+der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus
+allen diesen Umständen läßt sich die Richtigkeit
+jener Verkündung ahnen. Alle die Inselketten
+<!-- page 169 -->
+in jenem Meere werden dann die Gebirgrücken
+des neuen Erdtheils sein.
+</p>
+
+<p>Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du
+drängst mein Nachsinnen in einen noch tieferen
+Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue
+Möglichkeit des Lebens zu träumen, auch sehe
+ich nur Vortheil für das Geschlecht darin, wenn
+junge Länder zum Anbau einladen, wenn die
+Kaspische See, das schwarze Meer, das mittelländische
+Meer, trocken geworden, mit Städten
+und Dörfern übersäet werden können. Wo soll
+das aber endlich hinaus? Wenn nun das Wasser,
+nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball
+verschwände, müßte nicht die Menschheit, an
+seinen Verbrauch unabläßig gebunden, jammervoll
+untergehn?
+</p>
+
+<p>Gelino lächelte und gab seinem Zögling die
+Antwort: Dies könnte wohl sein, und wenn
+die höchste Entwickelung, der Menschheit Zweck
+ist, was wäre denn noch an ihrer Fortdauer gelegen,
+wenn sie das Ziel umfaßt hätte, und es
+etwa mit jenem Zeitpunkt zusammenträfe? Gleichwohl
+dürfte sein Untergang auch nicht einmal
+an das Verschwinden des Wassers gebunden sein.
+Denn, kann der Erdensohn nicht übernehmen,
+<!-- page 170 -->
+was die Natur nicht mehr nöthig erachtet, für
+ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kräften
+ausstattete, und der Gebrauch dieser Kräfte hinlänglich
+erweitert ist? Können wir nicht lange
+schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst
+sich nicht vervollkommnen? Freilich, neue Meere,
+um sie lustig zu beschiffen, dürfte man nicht
+hervorbringen lernen; doch Flüssigkeiten für den
+Hausbedarf, Regengewölke zum Tränken der
+Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt
+gelangen, scheinen keineswegs außer dem Bereiche
+der Sterblichen zu liegen. Doch du wirst
+darüber in Berlin manche Hipothese hören.
+</p>
+
+<p>Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen,
+die unser Weg dir zur Ansicht darbietet.
+Du siehst alle Städte in Teutonien voller
+Kunstfleiß, voller trefflichen Schulen; prachtvolle
+Tempel und Bühnen zieren<a id="corr-15"></a> die meisten. Bei so
+vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer
+großen Volkmenge, hier dem Boden entlockt,
+ist der Städte Flor eine ganz natürliche Folge.
+Der Ackermann nährt den Handwerker, indem
+er ihm seinen Ueberfluß verkauft, und von
+ihm wieder die Lebensbedürfnisse holt, welche er
+nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht
+<!-- page 171 -->
+wieder die Märkte anderer Gegenden, mit der
+Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen
+wurde, und schafft dafür ihre Erzeugungen herbei.
+Das Geld, überall werthhaltig und durch
+weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen
+Verhältnisse zum Preis der Sachen, empfängt
+einen schnellen Umlauf, und regt auf
+demselben die Betriebsamkeit unaufhörlich an.
+</p>
+
+<p>Wie blühend wir aber diese Gegenden finden,
+so hätten wir nur alte Bücher zu fragen, um
+über die Barbarei, welche noch vor drei oder
+vierhundert Jahren sie drückte, belehrt zu sein.
+Damals fand man kaum jede halbe Meile ein
+elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhütten
+sklavensinnige Halbmenschen wohnten.
+</p>
+
+<p>In den Städten lag der Gewerbfleiß krankend
+danieder. Europens Staaten hatten sich
+nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig
+ihre Thätigkeit zu beleben und die Genüsse
+auszutauschen; man sann nur auf Uebervortheilung,
+die am Ende Allen verderblich war.
+Unnatürlich große Heere wurden auf den Beinen
+gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel
+jugendlich rüstige Kräfte entgingen. Diese Heere
+nährten sich nicht selbst durch Nebenarbeit, sondern
+<!-- page 172 -->
+mußten Sold empfangen, wodurch die Regierungen
+sich genöthigt sahen, die Völker mit
+Abgaben zu erdrücken. Unter solchen Umständen
+mußten die meisten Länder zur Hälfte Wüsten
+bleiben; Tausend harter Ungerechtigkeiten und
+Thorheiten, die natürliche Folge verkehrter Einrichtungen,
+nicht zu gedenken.
+</p>
+
+<p>Und die Menschen hatten doch damals, so
+gut wie in unseren Zeiten, die göttliche Kraft
+der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche,
+die Natur dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam
+anatomisch zu zerlegen und scheidekünstlerisch
+in ihre Bestandtheile aufzulösen strebten. Es
+galt demungeachtet von ihnen, was einer ihrer
+alten Dichter sang:
+</p>
+
+<div class="poem">
+<p class="line">Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,</p>
+<p class="line">Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.</p>
+</div>
+
+<p class="noindent">Unter diesen Gesprächen kamen die Reisenden
+durch einen kleinen Ort, wo sie ein dichtes Volkgedränge
+und lauten Jubel wahrnahmen. Sich
+von dem Anlaß dieser Erscheinung zu unterrichten,
+nahten sie, und sahen einen Aufzug zum
+Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmückte Priesterinnen
+gingen, einen lauten Chorgesang anstimmend,
+<!-- page 173 -->
+voran; dann folgte ein etwas gebeugter,
+doch gleichwohl noch munterer Greis
+an seinem Stabe, am Arm ein Altmütterchen,
+das zwar kaum noch den Fuß von der Stelle zu
+heben vermochte, dem bei dem Allen aber, aus
+einem mit Runzeln überpflügten Gesicht und dem
+ermatteten Auge heitre Freude schimmerte. Um
+die schneeweißen dünnen Locken des Paares waren
+Blumenkränze geflochten, eine lange Reihe
+folgte ihnen, bunt aus Personen von dem verschiedensten
+Alter zusammengestellt, Greise und
+Greisinnen, Männer und Frauen in den Mitteljahren,
+viel blühende Jugend und ein zahlreicher
+fröhlicher Kinderschwarm.
+</p>
+
+<p>Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino:
+wie das Paar die Hundertjährige Feier
+seiner Ehe beginge. Im fünf und zwanzigsten
+Jahre, erzählten sie, heirathete einst der Greis,
+seine Gattin zählte damals zwanzig. Arbeit,
+Mäßigung, zufriedener Sinn, ließen sie ein so
+hohes Alter erreichen. Die ihnen zum Tempel
+folgen, sind ihre Kinder, Enkel und Urenkel,
+ein markig Geschlecht, den Stammältern mit
+inniger Liebe und Ehrerbietung zugethan.
+</p>
+
+<p>Tiefere Rührung empfand Guido während
+<!-- page 174 -->
+seiner ganzen Reise nicht, als im Anblick dieser
+Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der
+Glückseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf
+seine Nachwelt, rückblickend in die wonnevolle
+Vergangenheit eines Jahrhunderts häuslicher
+Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht,
+so träumte er mit hochwogendem Busen,
+ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und
+am späten Lebensziele gekrönt von Urenkeln.
+</p>
+
+<p>Sie langten bald darauf in der Gegend von
+Berlin an. Die Masten vieler See- und Stromschiffe
+erhoben sich, einem Walde gleich, aus
+seinem breiten Hafen, mit leichten bunten Flaggen
+geziert, spielend im frischen Abendwinde.
+Die schöne Bergkette, welche an einer Seite
+den großen Ort umgab, stellte eine lachende
+Ansicht dar, bepflanzt mit Weingärten, beschattet
+von Lustgehölzen und prangend mit heiteren
+Sommerwohnungen reicher Bürger.
+</p>
+
+<p>Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche
+Kunst auf eine seltne Art über die widerstrebende
+Natur. Vor Jahrhunderten sah der
+Wanderer hier nur eine langweilende, kaum
+von unbedeutenden Erhöhungen, die nicht einmal
+Hügel, sondern Niederungsränder des
+<!-- page 175 -->
+Stromes waren, unterbrochene Fläche. Die
+Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere
+da, zeichnete sich durch regelvolle Anlage,
+und, nach damaligen Begriffen, schöne Prachtgebäude
+aus, wovon man noch manche Ruinen,
+sogar einige noch ziemlich erhalten sieht, die
+dir, wenn wir ihre Plätze und Straßen durchwandeln,
+zu Gesicht kommen werden.
+</p>
+
+<p>Da nun aber die inneren Kriege in Europa
+geendet hatten, und, als nothwendig glückliche
+Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz
+des europäischen Bundesgerichts &mdash; welches man
+hieher verlegte, weil Berlin ziemlich den Mittelpunkt
+von Europa einnimmt &mdash; sehr bedeutend
+wurde, wollte der Schönheitsinn ihm eine
+anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die
+Weisheit nöthig fand, seiner großen Einwohnermenge
+neue Quellen der Erhaltung zu öffnen.
+</p>
+
+<p>Beide konnten, wie fast immer, Hand in
+Hand gehen. Der berühmte Kanal, tief genug
+um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und
+Oder auf einem nahen Wege verbindet, und bei
+Berlin vorüber geht, wurde gefertigt, dazu der
+Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an
+Größe einem mäßigen Landsee gleich. Ohne die
+<!-- page 176 -->
+Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen
+Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde
+leicht aus der Tiefe zu winden ist, und man
+die Ströme gegen Versandung und Seichtigkeit
+schützt, wären solche Arbeiten unmöglich gewesen;
+mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige
+Hände an, die nicht mehr fehlten, als mit
+der Bevölkerung aller Kunstfleiß mächtig heranwuchs.
+Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die
+Böhmischen Gebirge, ausgetieft, und eine große
+Zahl geräumiger Schiffe, führte aus den dort,
+lebhafter als je bearbeiteten Steinbrüchen, die
+Quadern, womit des Kanals Seitenwände eingefaßt
+wurden. Die aus dem Hafen gewonnene
+Erde diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthürmen.
+Ist ihre Höhe, gegen Urgebirge
+gehalten, freilich nicht von großem Belang, so
+ist sie es doch scheinbar, da sie sich aus der
+Ebene erhebt.
+</p>
+
+<p>Indem, nach dreißig mühevollen Jahren, diese
+Werke ihre Vollendung sahen, meinten die Zeitgenossen,
+sie wären immerhin, an Arbeit, mit
+den Piramiden von Egipten zu vergleichen, überträfen
+sich jedoch weit an Nutzen. Sie hatten
+Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie
+<!-- page 177 -->
+es sich von selbst versteht, wurden Hafen und
+Kanal die Quellen großer Reichthümer für
+Berlin.
+</p>
+
+<p>Sie waren unter diesen Gesprächen bis an
+ein Thor gekommen, das auf großen Säulen
+ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch
+von seiner Vertrautheit mit den überall vorhandenen
+Gegenständen erwarten läßt, Europa schon
+durchwandert, und konnte daher seinem Zögling
+immer Auskunft geben. Dies Thor, das Brandenburger
+seit dem Alterthum genannt, ist das
+schlechteste, es bleibt jedoch als eine ehrwürdige
+Antiquität stehen, und trotzt auch schon drei
+Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf
+um so mehr befremden, als seine Erbauung noch
+in die Zeit fällt, wo Bruchsteine nur mit schwerer
+Mühe auf ärmlichen Spreekähnen herbeigeführt
+wurden, und man sich meistens der Ziegel
+bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister
+bequemer, da der Elbkanal, von Pirna
+her, so große Ladungen von Felsblöcken trägt,
+und nun können freilich die Tempel und Palläste
+leicht so stattlich sein, als wir sie sehen.
+</p>
+
+<p>Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner
+Verwunderung wahrgenommen, daß eine Menge
+<!-- page 178 -->
+leuchtender Kugeln über den Häusern schwebend
+erschienen. Nun erklärte sich das. Man erleuchtete
+nehmlich die langen graden Straßen mit
+doppelten Hohlspiegeln von beträchtlichem Umfang,
+auf hohe Säulen gestellt. Vor ihnen
+brannte eine kunstreiche, durch Luftzüge verstärkte
+Flamme, deren Licht aber, mittelst einer angelaufenen
+Kristallscheibe, sanfter erschien, so daß
+das Ganze den Vollmond um so täuschender
+nachahmte, als seine Karte auf die Scheibe gezeichnet
+war. Die Wirkung glich eben so, und ein
+traulich Silberlicht goß seine Schimmer in die
+Straßen und Plätze nieder. In der Mitte der
+Länge einer jeden Straße, brannte ein solcher
+Hohlspiegel, für die Erleuchtung nach beiden
+Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner
+Größe nach der der Straße richtete. Am Abend
+gab dies Heer von Monden der Stadt von Außen
+ein sonderbar liebliches Ansehn.
+</p>
+
+<p>Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe
+ab. Nachdem jedem von ihnen ein Badezimmer
+angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen
+mit Rosenwasser gefüllten Wannen. Hierauf
+trugen wohlgekleidete Diener das Mahl zur
+Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren
+<!-- page 179 -->
+von Archangel, sehr von leckeren Gaumen
+beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren
+gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kürbis
+an Größe übertraf, und aus Vogelnesten, wohlerhalten
+von Tunkin gebracht. Wein von Cipern
+und Buenos Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt,
+perlten in Kristallflaschen. &mdash; Warum gebt
+ihr uns Speise und Getränk aus ferner Zone?
+fragte Gelino einen Diener, ob ihr gleich in
+eurem gesegneten Lande köstlichen Ueberfluß erzieht.
+Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen
+gebracht, und gegen unsere Erzeugnisse vertauscht,
+war die Antwort.
+</p>
+
+<p>Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr
+schöne, doch an Betragen überaus sittsam züchtige,
+Mädchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen
+sind zart und athmen Harmonie, doch die
+frisch lebendige Fülle, welche wir an den Grazien
+in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch.
+Allein der Abkunft ist dies zuzuschreiben, ihre
+Vorältern lebten einst in argem Sittenverderb.
+Jetzt dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere
+Frauen, wie zu Berlin, und zwar sind sie
+das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen
+wissen, daß man nur durch Keuschheit sich die
+<!-- page 180 -->
+höchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin haben
+sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus
+umgewandelt. Merke dir übrigens das lehrende
+Wort, Guido!
+</p>
+
+<p>Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht,
+Ini zeichnete es mir mit heiliger Schrift in
+den Busen.
+</p>
+
+<p>Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst
+hier einer Sitzung des ehrwürdigen Rathes,
+Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen,
+und hier überhaupt lernen, welche Bewandniß
+es mit unserer Verfassung hat.
+</p>
+
+<p>Noch wenig hörtest du von den Königen in
+diesem Erdtheil, wenn wir schon einige mit ihren
+glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist
+aber ein großer Segen für die Menschheit. Im
+Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu
+machen, und sie wählten das Verderben, über
+Fremde und Unterthanen gebracht, unter dem
+Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schöneren
+Beruf hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein,
+daß ihr Name wenig zur Sprache kömmt, denn
+so wird der Beweis, daß keine Noth über ihr
+Land hereinbricht, am besten geführt. Den Lohn
+für eine musterhafte Verwaltung empfangen sie
+<!-- page 181 -->
+beim Leben um so weniger, als Schmeichelei in
+Europa für das tiefste Verbrechen geachtet wird;
+doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht,
+wohin ihre Urne gebracht werden soll. Haben
+sie die Bevölkerung gemehrt, erhoben sich Landbau,
+Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten,
+kömmt sie in den Tempel der Unsterblichkeit,
+den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie
+aber die Regierung als einen Genuß, nicht als
+eine Pflicht an, gelangt sie in einen gemeinen
+Todtenacker, und wird der Vergessenheit übergeben.
+Auch ist es herkömmlich, daß dann die
+Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern
+nur sagt: In diesen Jahren herrschte ein König,
+dem das Gehorchen besser gewesen wäre.
+</p>
+
+<p>Als nach vielen blutigen Jahren die neue
+Verfassung endlich gegründet werden konnte,
+wollte man erst die Könige wählen, und immer
+dem Weisesten in irgend einem Lande die Krone
+geben. Allein die Schwierigkeiten bei der Wahl
+mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes
+würde heuchlerischen Sinn hervorgebracht haben,
+und die Stifter des großen Bundes heiligten
+überall die Wahrheit. Aurelius, der große Kaiser,
+von dem du schon oft hörtest, behielt demnach
+<!-- page 182 -->
+die Geburtfolge bei, doch traf er die Einrichtungen
+so, daß, was früherhin nimmer geschehen
+war, auch die Könige zu ihrem Amte
+erzogen wurden.
+</p>
+
+<p>Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit
+abweichend, je nachdem eingesammelte Erfahrungen
+die Ansichten umwandelten. Bei einer
+Erziehung, die es, unter sparsam eingepflanzten
+fremden Begriffen, auf möglichst vollkommene
+Entwickelung der Eigenthümlichkeit anlegte, hat
+sich gezeigt, daß sie dann mit dem wirklichen
+Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden.
+Bei der möglichst sorgsamen, wissenschaftlichen
+Bildung ist es wohl geschehen, daß die Staaten
+Männer auf den Thronen erblickten, welche zu
+weit mit den Ideen über die Wirklichkeit hinaus
+drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum
+und Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu
+bringen, daß die Fürstensöhne, früh in ein Fündlinghaus
+gebracht, Herkunft und Beruf nicht
+erfahrend, solche Pflege genossen, daß an Körper- und
+Geisteskraft, vor allen Dingen Männer aus
+ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien,
+bei welchen ihnen viel Willkühr gelassen
+wird, muß hauptsächlich ihr Nachdenken über
+<!-- page 183 -->
+die bürgerliche Verfassung wecken, sie gerathen
+in Lagen, wo sie, zum Handeln gezwungen, ihre
+ganze Thätigkeit kräftigen, hie und da giebt
+man ihnen, nach dem Maaße ihrer Fähigkeit, irgend
+ein Amt zu verwalten. Bisweilen schöpfen
+sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen,
+oder an einem fremden Hofe lebend, wo sie
+sie ausgeübt beobachten, und müssen sich dann,
+unterrichtet über ihre Bestimmung, einer Prüfung
+des großen Rathes hingeben. Fällt diese
+Prüfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie
+regierungsfähig erklärt, wo nicht, sind neue
+Anstrengungen unerlässig. Denn, da es die Klugheit
+untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen,
+jemanden zu vertrauen, der nicht seine
+Tüchtigkeit dazu außer Zweifel gesetzt hätte, so
+gilt dies allerdings um so mehr vom höchsten,
+und eine so weit herangereifte Zeit als die unsere,
+kann sich nicht den Tagen roher Barbarei
+gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall
+überlassen blieb, ob ein Fürst sein Amt begreifen
+werde oder nicht, wo das frühe Gift
+der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die
+eigne Kraft so wenig Anreitz zum eignen Gebrauch
+fand, weil die Kraft der Diener für sie
+<!-- page 184 -->
+waltete, wo sie bald ihre Leidenschaften zum Gesetz
+erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte und ein
+sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter
+in unsinnigen Kriegen zertraten, bald ihres hohen
+Berufes vergessend, und mit elenden Kleinigkeiten
+ergötzt, ihre Völker jedem Sturm von Innen
+und Außen Preis gaben. Hart mußten
+solche Zeiten ihren Wahnsinn büßen, und das
+Loos der Könige fiel auch sehr traurig. Denn
+die reichen Genüsse freuten sie nicht, da sie keine
+Entbehrungen würzten. Die Wahrheit kam ihnen
+selten zu Ohr, und so im Dunkeln tappend,
+konnten sie fast nur durch ein Wunder,
+die ihrer Zeit jedesmal zuträglichen Maaßnehmungen
+ergreifen. Wissenschaft, die ihnen allein
+ein klares Auge hätte erziehen können, um
+durch die dicke Weihrauchumwölkung zu schauen,
+blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie
+von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht,
+eine Kunst, damals Politik genannt, und
+nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug,
+ängstete sie unaufhörlich. Jetzt dagegen schirmt
+sie die Moral des Völkerrechtes, sie sind nicht
+nur heilig dem Unterthan, sondern allen Völkern,
+die das große Volk von Europa zusammenstellen,
+<!-- page 185 -->
+edel genug ist ihre Bildung um höhere
+Glückseligkeit, als die sinnlichen Genüsse
+oder eitlen blutigen Ruhm, erkennen und empfinden
+zu lernen.
+</p>
+
+<p>Es ist übrigens hergebracht, daß vor dem
+dreißigsten Jahre kein Fürst das Szepter in die
+Hand nehmen darf, wird ein Thron früher erledigt,
+folgt eine Regentschaft.
+</p>
+
+<p>Worin bestehn hauptsächlich die Geschäfte eines
+Königs? fragte Guido.
+</p>
+
+<p>Er hat die Satzungen der drei Räthe entweder
+zu genehmigen oder zu verwerfen, und
+läßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit
+zur Vollziehung bringen, antwortete Gelino.
+</p>
+
+<p>Aber könnten die Räthe nicht allein, durch
+Stimmenmehrheit, entscheiden, und mit Gewalt
+zum Vollbringen ausgerüstet sein? So bedürfte
+es keiner Könige.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind
+dann, wie die Erfahrung bewies, leicht die Folge.
+Wir würden sie zwar weniger zu fürchten haben,
+als jene Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit
+selten, die Vernunft meistens den herrschenden
+Zügel führt, aber wenn alle Gewalten
+<!-- page 186 -->
+in eine Spitze auslaufen, ist die Rückwirkung
+nachdrücklicher.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Beschränken übrigens diese Räthe den König?
+</p>
+
+<p>&bdquo;In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit
+andern Formen vertauschen, die er zuträglicher findet.
+Doch seit länger als einem Jahrhundert
+ließ sie jeder Monarch unangetastet weil er
+die Trefflichkeit der Einrichtung nicht verkennen
+konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am
+Besten befinden, muß er am vollkommensten mit
+dem Ganzen verinnigt sein. Die Räthe sind
+das Mittel dazu. Sie füllen den Raum vom
+Schlußstein der Piramide bis an ihre Ausbreitung,
+bilden diese vielmehr selbst. Unabhängige
+Gewalt ist den Königen darum verliehen worden,
+damit desto weniger Reitz zu ihrem Mißbrauch
+entstehen könne. Wer alles hat, kann
+nichts mehr fordern wollen. Die gute Verwaltung
+ist ihnen durch die Umstände auferlegt,
+denn verwalten sie schlecht, verlieren sie mit
+dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch
+hin. Doch ein Opfer müssen sie für den überwiegenden
+Genuß von Rechten, gegen andere
+Bürger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft
+muß die Güte des Opfers einsehn, und
+<!-- page 187 -->
+die Könige, auch ohnehin in Europa Republikaner,
+werden es dadurch gewissermaaßen noch
+mehr. Sie müssen sich &mdash; dies ist Reichsgesetz
+und wird im Fall der Widersetzung durch die
+Gesammtkraft vollzogen &mdash; der Süßigkeit entübrigen,
+ihre Kinder um sich zu sehn. Diese werden,
+wie du schon erfahren hast, besonders erzogen,
+und das Gemeinwesen kann nur, vollkommen
+beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen,
+wenn sie überzeugt ist, sie der Einsicht zu übertragen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Welche Einkünfte genießen die Könige?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Den Hunderttheil von allem Erwerb im
+Lande. Je bevölkerter und regsamer das Land
+ist, je höher steigt ihr Gewinn, also liegt es in
+der Natur ihres eigenen Vortheils, die Menschenzahl,
+durch Erweiterung der Subsistenz zu
+mehren, und die möglichste Freiheit zu ihrer
+Bereicherung zu gestatten. Und dies ist denn
+auch die beste Regierung. Geitz wäre Thorheit,
+und Thoren können die Throne einmal nicht besteigen,
+Verschwendung eben so, daher sieht
+man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil,
+ihr Ruhm, sie den Königen auferlegt.
+</p>
+
+<p>Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen,
+<!-- page 188 -->
+kann ihnen nicht einfallen, denn die Unsicherheit
+desselben würde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit
+lähmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen,
+als sie im Einzelnen ungerecht sich bereicherten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Welche Ausgaben bestreiten die Könige?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie solden die Räthe, ihre Hofhaltung,
+und legen eine jährliche Summe in den Gesammtschatz
+von Europa, den Krieg bestreiten
+zu helfen, wenn er gegen andere Erdtheile nothwendig
+wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Von den drei Räthen habe ich manches erfahren,
+doch wünschte ich, du nenntest mir ihre
+eigentliche Bestimmung genau.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie sind mit der Religion oder Moral,
+was Eines und Dasselbe geachtet wird, verbunden,
+und die Klugheit gilt auch wieder eben so
+viel. Die höhere Religion, auch mit dem alten
+Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen
+abgezogen, hat darauf keinen vom Staat
+gelenkten Einfluß, jeder Einzelne mag zu seiner
+inneren Würdigung davon zu erkennen suchen,
+was er vermag, die Feste des höchsten Wesens,
+vom Volke unter dem Himmelgewölbe begangen,
+sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert
+dort mit dem Herzen. Alles das ist dir bekannt,
+<!-- page 189 -->
+und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer
+eingestanden, welche bei solchem Anlaß
+über dich kamen. Doch die irdische Religion,
+in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das
+Leben schöner mit der Idee zu gatten, steigt
+auf zur Verehrung hoher Simbole und auch
+wieder nieder in die Welt vorhandener Dinge,
+kräftiger und erleuchteter zu heiligen. Du knietest
+oft gerührt im Christustempel, dem ersten
+von allen. Seine Priester haben einen obern
+Sinod, aus den würdigsten gewählt, sitzend im
+Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen.
+Christus ist uns Heros, oder Beschützer und
+Verklärer der Erziehung und des Brudersinnes.
+In seinem Geist, und auf den Zeitfortgang
+merkend, haben also die Würdigen aus denen
+jener Sinod zusammen gestellt ist, über Erziehung
+und Brudersinn zu wachen, dem Volke
+Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung,
+auf jede Weise zu bereiten, es durch Rath und
+auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fürsten
+Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschläge
+darzubringen, wie neue Stufen der Vollkommenheit
+zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung
+hat aber einen weiten Umfang. Es begreift
+<!-- page 190 -->
+nicht nur die Abhärtung und Bildung der Jugend,
+auch die Erziehung des Geschlechtes durch
+höheren moralischen Adel zu glücklicherer Wohlfahrt.
+Dies kann auf keinem anderen Wege geschehen,
+als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn
+der Lebensnothwendigkeiten erhöht. Daher
+stehen nicht nur die Schulen, sondern auch der
+Landbau, und alle nützlichen Handwerke, unter
+der Leitung des Christustempels. Der obere
+Rath spaltet sich in die besonderen Kammern
+und hält in den einzelnen Bezirken untere Verweser,
+gemeinhin Tempeldiener zugleich, welche
+heilsame Sorge tragen, und vorzüglich ihrem
+Beruf darin nachkommen, daß sie den weisesten
+Aufflug in Allem beachten, ihm, nach weisen Anzeigen,
+so viel als möglich die Richtung geben,
+und, indem alle Weisheit in ihre Körperschaft
+strömt, diese auch wieder der Quell sei, aus welchem
+das Volk schöpfen könne. Der Brudersinn
+ist zum Gedeihen aller Volkthätigkeit nothwendig,
+weil ohne ihn, ein Theil dem andern, überall
+Hindernisse legen würde. Er folgt jedoch aus
+ihrer höheren Vollkommenheit von selbst, denn
+weil alsdann die Noth um das Mein und Dein,
+sich immer mehr verringern muß, sind die Hauptwurzeln
+<!-- page 191 -->
+aller Feindseligkeit auch immer mehr
+vertilgt. Ermahnungen in frommen, verständigen,
+öffentlichen Reden, Belebung des Funkens
+der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre
+und Beispiel, die rührenden Künste zur Mitwirkung
+rufend, werden keineswegs versäumt; doch
+strebt man am mühsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung
+und Geselligkeit, dem Sterblichen durch
+die Hand der Natur gegeben, in Einklang zu bringen,
+wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt.
+Du lerntest nun übersichtlich den ersten Rath der
+Könige und seine ausgebreiteten Verwaltungzweige
+kennen. &mdash; Der zweite Rath hängt mit der Verehrung
+des Moses zusammen. Dieser ist Heros
+der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich dies
+auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde
+dir im großen Feldlager kund. Reden wir von
+dem bürgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa
+uns ein weit größeres, vollständigeres Leben zu
+Theil wurde, das immer neue Verhältnisse
+schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer
+gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie
+glücklich die, von Wahn gereinigte und durch die
+Künste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb
+zum freien Guten umgewandelt ist; in
+<!-- page 192 -->
+welche zarte Mistik, die Grundlinien der Bürgerehre
+verwebt wurden; wie klar das, in früher
+Erziehung geübte Kombinazionsvermögen, die
+Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erweiteten
+und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen,
+einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fernen
+suchten, was gereizte Begierden wecken,
+niedere Leidenschaften entflammen kann; immer
+war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das
+Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu
+tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer
+noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf
+<i>sich</i> beziehen, und sind die Verbrechen gleich
+bei weitem seltener als Ehedem, hören wir,
+Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen,
+die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur
+entweihten, so wird das Gesetz doch bisweilen
+umgangen, und ein ernsterer Widerstand in
+warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig.
+Er geht vom Mosestempel aus. Hier
+wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl,
+von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Strafsatzungen
+haben gemindert werden können, indem
+die traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten,
+abnahmen. Hier werden auch Streitigkeiten
+<!-- page 193 -->
+über Eigenthum, bei denen kein böser Wille,
+sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet.
+Doch nicht, wie vormals, hält sich die Gerechtigkeit
+verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor
+der Menge Augen, übt sie ihr wohlthätig Amt.
+Auch predigen die Richter dem versammelten
+Volke, erklären das Gesetz, beweisen sein Heil,
+schärfen seine Würde, und zeigen vorzüglich den
+Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch
+denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft,
+auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine
+Klage über Gewaltthätigkeit &mdash; die letzten Jahre
+zählten sie sparsam &mdash; so dingt derjenige, welcher
+die Beschwerde zu führen hat, einen Maler,
+der die kränkende Handlung nach der Natur
+darzustellen hat. Das Gemälde wird vor den
+Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung.
+So braucht es der Anwalde Beredsamkeit
+nicht. Doch, der Recht verwaltenden
+Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen
+auch die schönere Obliegenheit geworden,
+Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den
+Bürger vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung
+verdient machte, der irgend etwas erfand,
+wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen
+<!-- page 194 -->
+kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen
+Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer
+langen Reihe von Jahren durch häusliche
+Tugenden ehrwürdig, den alten treubewährten
+Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder
+Ehrenzeichen. Die ältesten, tadellosesten, weisesten
+unter allen Mosespriestern, bilden in der
+Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. &mdash;
+Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der
+Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die
+schönen das Leben schmückenden Künste, die Poesie,
+die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der Obhut
+der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun
+das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit
+wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen
+ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung
+in der Gesellschaft gebührt, und ihre Moralität
+so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie
+eignen erhebenden Kultus, werden in Reden
+edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt,
+ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht
+erläutert, ihr Sinn für das Schöne und Gute
+geschärft, wodurch sie an Anmuth und Liebenswürdigkeit
+zunehmen. Bei uneinigen Ehen
+wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen
+<!-- page 195 -->
+schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe
+kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden.
+Die edleren unter den edlen dieser Priesterinnen,
+stellen des Königs dritten Rath zusammen.
+Eine frühere Zeit würde über den Rath von
+Frauen gelacht haben, und doch ist er so angemessen.
+Auch hat ihr feiner Sinn schon des
+Guten unendlich viel gestiftet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nenne mir die Bestimmung des Kaisers!
+</p>
+
+<p>&bdquo;Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten
+Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht
+über den Frieden der Republik, läßt die Heere
+ins Feld rücken, wenn der Kampf unvermeidlich
+wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die
+Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze
+der Rekrutirung sind bleibend, nicht der
+Fürsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein
+allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch
+ziehn die Könige nicht mit ins Feld, da sie ihre
+Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die
+Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch
+eines Krieges fällt. Die Uebung der
+Truppen und Flotten, die Vervollkommnung
+derselben durch besser erkannte Technik, stehen
+unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir
+<!-- page 196 -->
+schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet
+über einzelne Fälle, theils allein, theils nachdem
+der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch
+Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine
+Aussprüche zu sankzioniren, insofern von Streitigkeiten
+der Könige gegen einander, oder von
+Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die
+Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom seinen
+Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum
+Grunde, daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen
+werden soll. Die Telegraphenlinie
+kann ihm zudem in wenigen Stunden von den
+Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser
+hat auch sein Königreich, und zwar das größere,
+aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen.
+Seine Vorfahren hätten bei ihrem großen Waffenglück
+leicht ganz Europa sich <i>unbedingt</i> unterwerfen
+können, sie wollten es aber nur durch die
+gegenwärtige Verfassung <i>bedungen</i>, wodurch
+das weite Reich bequemer regiert, und der immer
+fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn
+gelassen wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte
+viel über die Verfassung von Europa nach, es
+drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie
+<!-- page 197 -->
+noch gesteigert werden könnte, und er nahm
+sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen.
+Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine
+Vorschläge gut wären, er sicher auf das Vergnügen
+zählen könne, sie in Ausführung gebracht
+zu sehn.
+</p>
+
+<p>Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht
+oder Völkertribunal seine Sitzungen
+hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine
+Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So
+viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne
+Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe
+zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen,
+ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden
+Fittigen über die majestätvolle Gruppe. Im inneren
+Marmorsaale empfand Guido fromme
+Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung
+der Greise sah, denen schneefarbne Bärte auf den
+Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben
+ein rührend Schauspiel.
+</p>
+
+<p>Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs
+ward in den Saal gebracht, von seinen
+vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende
+Menge, aus der Ferne gekommen, die
+der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach,
+<!-- page 198 -->
+einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen
+den Tempel der Unsterblichkeit zu bewilligen.
+</p>
+
+<p>Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete
+der hohe Senat, allein es darf uns nicht
+bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer
+König das Grab des Ruhmes verdiene?
+</p>
+
+<p>Nun drängten sich besondere Sendungen der
+Räthe in den Staaten des Todten hervor. Sie
+reichten Schriften ein, worin die Zunahme der
+Volkzahl während seiner Regierung berechnet
+stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die
+Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben
+diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten;
+ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden
+sei. Die Papiere wurden laut verlesen.
+Bedächtig horchten die Greise, rührende Blicke
+auf die Urne wendend. Nach den Berathungen
+einer Stunde sprachen sie einmüthig aus: Seine
+Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß
+ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab,
+wenn der Kaiser das Urtheil heiligt.
+</p>
+
+<p>Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als
+Leichname begraben. Man wollte den schauderhaften
+Zustand der Verwesung nirgend wissen,
+<!-- page 199 -->
+auch unter den Rasenhügeln empörte er die Gefühle
+einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der
+Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen
+Kennzeichen des Todes, schafften ihn die
+Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen
+chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt,
+und die festen Theile in Erde aufgelöset wurden.
+Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die
+Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten,
+den die Städte mit Baumpflanzungen und
+Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort
+einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann
+nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbürger
+des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen
+dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz
+der Ruhe sollten nicht Lügen entheiligen.
+Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt
+hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld,
+öde, ohne Strauch und Blumen, und
+die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches
+Feld auf ihrem Gebiete zu wissen.
+</p>
+
+<p>Das Bundesgericht meldete noch am Morgen,
+durch den Telegraphen, seinen Ausspruch
+nach Rom. Am Abend langte die Antwort an.
+Der Kaiser ließ durch die akkustischen Röhre zurücksagen:
+<!-- page 200 -->
+Was eben berichtet sei, stimme ganz
+mit den Kunden überein, welche ihm von der
+Amtsführung jenes Königes auf anderen Wegen
+zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit,
+bestätigte ihren Spruch, und gebiete, die
+Urne nach Rom zu senden.
+</p>
+
+<p>Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen
+und Lorbeeren festlich gekrönt, dann unter
+hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller
+Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jungfrauen
+auf einem goldnen Wagen abgeführt.
+Ein Ausschuß der Greise des Völkertribunals
+begleitete ihn, wie Tausende der angelangten
+Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen
+lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten
+Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit
+zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit
+froher Wehmuth nach, und gestand: wie die
+Rührung, welche er heute empfände, jede bisher
+gefühlte, überträfe.
+</p>
+
+<p>Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger
+für unsern Jüngling. Denn jenes Königs
+Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte
+sich.
+</p>
+
+<p>Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da jener
+<!-- page 201 -->
+in einem hohen Alter verstorben war. Bescheiden
+trat er in den Saal.
+</p>
+
+<p>Der Greis, welcher im Namen des Kaisers
+den Vorsitz führte, fragte ihn:
+</p>
+
+<p>Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zuerst in einem Fündlinghause in Spanien.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen
+Kraft, deines früh geübten Denkvermögens,
+abgelegt? Hat dein Gemüth sich in reinem
+Sinn bewährt?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing,
+jene Erziehungsanstalt meidend.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath
+zufrieden. Der Alte fragte weiter:
+</p>
+
+<p>Wo befandest du dich nachher?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande
+und durch die Luft, umschiffte den Erdball.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser
+Wanderung einst uns eingesandt. Wir haben
+daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen.
+&mdash; Wohin begabst du dich alsdann?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wann erfuhrst du deine königliche Abkunft?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Im fünf und zwanzigsten Jahre, da der
+<!-- page 202 -->
+alternde Vater eine Stütze neben sich sehen
+wollte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wie ward dir bei der großen Nachricht?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich fühlte die mir bis dahin unbekannten
+kindlichen Entzückungen mit Innigkeit, doch erschrack
+ich, daß einst das schwere Königsamt
+mich erwarte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Gut und auch nicht gut! Der kräftige Mann
+soll vor nichts erschrecken, der König am wenigsten.
+&mdash; Wie brachtest du deine Zeit neben dem
+Vater hin?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wohnte den Sitzungen der Räthe bei,
+besah unsere Staaten, bis auf das kleinste Dorf,
+suchte mich über ihre Natur, ihre Gewerbe zu
+unterrichten, den Mann von Verdienst kennen
+zu lernen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wohl! Machtest du oft Vorschläge zu Verbesserungen
+in deinem Lande?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Dazu fühlte ich mich noch zu schwach, meinte
+nichts höher umfassen zu können, als der weise
+Vater.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Schlimm, Königsohn, schlimm! Der Jüngling
+soll nicht stehen bleiben, sondern weiter
+dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe
+wecken.
+</p>
+<!-- page 203 -->
+
+<p>Der Befragte erröthete. Sanft munterte ihn
+aber der Alte auf und fuhr fort:
+</p>
+
+<p>Willst du den Thron deiner Väter besteigen?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn ihr, fromme Väter, mich dessen
+würdig achtet.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das kömmt nur auf dich selbst an. &mdash; Was
+denkst du hauptsächlich beim Regieren zu thun?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ueberall das Gute zu fördern.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier große
+Anmaaßung. Räume nur zuvor überall das Böse
+hinweg, so wird das Gute von selbst folgen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich hoffe &mdash; nicht zu irren &mdash; wenn ich
+strenge den Vater zum Vorbild wähle &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater
+zu regieren.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ganz so freilich nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>O, ihn zu übertreffen muß dein Vorsatz sein,
+wie gerechtes Lob er auch fand. Die neue entwickeltere
+Zeit läßt dir ja ihr Licht flammen.
+Durch deine Räthe empfängst du es, kannst seine
+Strahlen, in deiner Vernunft gesammelt, wohlthätig
+zurückgießen. &mdash; Bist du vermählt?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Noch nicht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Seltsam! Und aus welchem Grunde?
+</p>
+<!-- page 204 -->
+
+<p>&bdquo;Ueber die rastlosen Arbeiten vergaß ich, mich
+nach einem geliebten Weibe umzusehn.&ldquo;
+</p>
+
+<p>So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft.
+Die, welche sie leiteten, gaben dir nicht Freiheit
+genug. Du bist das Werk Anderer<a id="corr-16"></a> geworden,
+und die eigenthümlich waltende Kraft keimte
+zu wenig auf. Die Liebe hat ihren Götterfunken
+nicht in dir entzündet, darum so karger Aufflug
+deines Herzens. Wir können des edlen Vaters
+wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm hat mit
+dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen
+Staaten nichts gemein. Ich urtheile, daß dein
+Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt
+werden muß. Während dieser Zeit bemühe dich
+um Selbstvertrauen, um die Kraft des Muthes, die
+Königen ziemt. Vermähle dich liebend, dann kehre
+wieder und höre unsern neuen Spruch. So mein
+Urtheil, habt ihr es zu tadeln, Väter, so tretet
+auf und wir wollen die Stimmen sammeln.
+</p>
+
+<p>Alles schwieg.
+</p>
+
+<p>Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an:
+</p>
+
+<p>Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht,
+der Telegraph soll ihn zur Stelle nach Rom bringen.
+</p>
+
+<p>Tief bestürzt stand der abgewiesene Thronfolger
+da vor der schauenden Menge. Wohl nicht
+<!-- page 205 -->
+hatte er dies erwartet. Um so erschütterter mußte
+er sein, als der Gram über des Vaters Tod ihn
+wirklich tief verwundet hatte. Dennoch galt
+keine Einwendung gegen das Machturtheil, er
+durfte die Ehrfurcht dagegen nicht verletzen,
+und sich, wie ihm geboten worden, auf die neue
+Prüfung vorbereiten.
+</p>
+
+<p>Still ging er nach einer Verneigung mit seinem
+Gefolge davon. Das im Saal versammelte
+Volk, sonst gewohnt, die Aussprüche welche ihm
+gerecht schienen, mit lautem Beifall zu begrüßen,
+verhielt sich diesmal still, und schonte so
+des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen
+mit dem Völkertribunal wäre zufrieden
+gewesen, sondern, weil es in diesem zarten Betragen,
+den Manen des Königs eine Huldigung
+darbringen wollte.
+</p>
+
+<p>In älteren Zeiten würde ein solches Bundesgericht
+wohl schwerlich seine Bestimmung erfüllt
+haben. Die Macht des Goldes hätte ohne
+Zweifel seine Sprüche gelenkt. Allein man wählte
+die tugendhaftesten Männer zu den Richterstellen.
+Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte
+in der Kunst, die Tugend zu bilden, Fortschritte
+gemacht, die das achtzehnte oder neunzehnte
+<!-- page 206 -->
+nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft
+und unvermuthet. Ferner hatten sie den feinen
+Takt des Volkes zu fürchten, das über die Gerechtigkeit
+ihrer Verhandlungen scharf fühlte, und
+ihre Ehrliebe hätte ein mißbilligend Geräusch,
+seit länger als einem Jahrhunderte nicht erfolgt,
+kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das
+Recht zu, den mit der Strafe ewiger Entehrung
+zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu seiner
+Richtschnur wählte. Endlich durften die Könige
+insgesammt, wenn ihre Stimmenmehrheit das
+Verfahren dieses Gerichtes tadelnswürdig fand,
+Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste
+versammeln, um statt desselben zu richten,
+wo denn der Kaiser in Person vorsaß und das
+Recht der Billigung oder Verwerfung übte.
+Alle diese Maaßregeln erhielten die Ehre des
+Senats unsträflich.
+</p>
+
+<p>Guido redete viel mit seinem Lehrer über
+die Antworten des Thronkandidaten. Er behauptete
+sehr keck, sie besser gegeben haben zu würden,
+und Gelino ermahnte ihn, im Gefühl seines
+Feuers auch nicht weiter zu dringen als
+Bescheidenheit es gestatte.
+</p>
+
+<p>Aber, rief der Jüngling, war es denn nicht
+<!-- page 207 -->
+eben Bescheidenheit, was die Väter an dem Königsohn
+straften?
+</p>
+
+<p>Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf,
+die Jahre welche er vor dir voraus hat, leiteten
+des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein
+Purpur erwartet, sollst mehr streben als wähnen
+erstrebt zu haben.
+</p>
+
+<p>Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der
+Jüngling, aber ich weiß auch, daß ich schon erstrebte.
+</p>
+
+<p>Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen
+Schmerz aufwallend: O es muß göttlich
+sein, von einem Throne herab zu gebieten!
+</p>
+
+<p>Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino,
+schwer ist ihr Amt.
+</p>
+
+<p>Leicht, leicht! schwärmte Guido. Darf ich
+die Kräfte zusammenfassen, kann ich auch mächtig
+damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse
+an den Wagen, ich will sie schon durch den
+Aether lenken!
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und doch läßt jene Mithe den Verwegenen,
+der es unternahm, seinen Untergang
+finden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons
+<!-- page 208 -->
+Stelle flehte ich zu Ini, und Götterkraft durchglühte
+mich!
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wahrlich, die Prüfung in jenem Tribunal
+scheint dich hoch zu entflammen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Diese Bemerkung des Lehrers war richtig.
+Guido sann, von diesem Tage an, öfter einsam
+nach, warf Gedanken über manche Völkerangelegenheiten
+aufs Papier, schnelle Röthe überzog
+seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre
+Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem
+Tempel der Unsterblichkeit und erklärte, einen
+heißen Drang zu fühlen, ihn zu sehn. Habe Geduld,
+versetzte Gelino, wir werden nach Rom
+kommen.
+</p>
+
+<p>Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene
+Lehrstühle, denn, wie der Norden von Teutonien
+für das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder
+die hohe Schule zu Berlin die gelehrteste.
+</p>
+
+<p>Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte
+von den seit etwa drei Jahrhunderten erfundenen
+neuen Lehrsätzen, und lächelte dabei über
+die geringfügigen Konzepzionen eines Archimedes,
+Galilei, Newton, la Place. Doch setzte er auch
+billig hinzu: Diese Männer bleiben dennoch im
+Verhältniß zu ihren Zeiten vortreffliche<a id="corr-17"></a> Köpfe, daß
+<!-- page 209 -->
+die unsrigen unendlich mehr aussprachen, ist eine
+Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen
+Fortgang und die immer mehr zusammengedrängten
+Volkmassen nothwendig wurde.
+</p>
+
+<p>Guido, selbst ein geübter Rechner, bewunderte
+die arithmetischen Formeln, welche ihm
+hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul
+waren auch schon vollkommen ins gemeine
+Leben übergegangen, und die endlich gefundene
+Quadratur der Rundung, erleichterte die
+Messung aller Größen noch weit mehr.
+</p>
+
+<p>Ueber die Mechanik vernahm er unerhörte
+neue Lehrbegriffe. Nur die Ausführung mancher
+davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung
+hinreissen. Denn man beschloß während seiner
+Anwesenheit, einen großen Pallast, welcher in der
+Straße, wo er gegenwärtig stand, keine vortheilhafte
+Ansicht darbot, nach einem freien Markte
+zu schaffen. Sein Fundament ward gestützt,
+unterhöhlt, gewaltige Hebemaschinen drängten
+das Gebäude im Gleichgewicht empor, Rollen,
+aus Marmorblöcken gehauen, empfingen dasselbe,
+und in wenigen Tagen war es unversehrt nach
+der neuen Stelle gebracht, wobei sich an den
+<!-- page 210 -->
+nöthigen Wendungen die schwierigste Kunst
+offenbarte.
+</p>
+
+<p>Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen
+berühmten Astronomen, hörte er mehrere
+Vorlesungen. Daß man jetzt über Tausend
+Millionen Fixsterne zählte, wogegen vor etwa
+drei Jahrhunderten deren nur fünf und siebenzig
+Millionen angenommen wurden; daß die Zahl
+der Ehedem bekannten Dreihundert und neunzig
+Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und über
+die Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie
+umwallenden Dünste, kein Zweifel mehr bestand;
+daß die Vortrefflichkeit der Sehröhre schon die
+Planeten der nächsten Sonnensterne erblicken ließ,
+wußte er lange; ganz unerwartet erfuhr er hier
+aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie
+der Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor
+den Wärme- und Lichtstoff nimmer hatte wägen
+können, so war ihr dies nunmehr ganz bequem
+geworden. Es gab Waagen, die in Theilbarkeit
+der Schwere Subtilitäten gestatteten, die mit
+denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit
+erzielt, verglichen werden konnten. Nun hatte
+der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie,
+welche uns von den, viele Billionen
+<!-- page 211 -->
+Meilen entlegenen, Fixsternen, nach langen Jahrenreihen
+zuströmt, in luftleeren hohlen Körpern
+aufgefangen, gewogen und scheidekünstlerisch zerlegt.
+Er wies nun den Zuhörern seine merkwürdigen
+Resultate vor. Es wurde durch sie erklärt,
+weshalb das Licht vom Sirius weiß, das
+vom Arktur röthlich sei, warum die Glanzfarben
+an den Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion,
+Leier, Kassiopea, Löwe, Eridan u. s. w. so von
+einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe
+schloß nun der gelehrte Mann auf die ihrer
+Planeten, sogar auf die dort nothwendigen Modifikazionen
+der anorgischen und organischen Körper,
+wodurch er einer ganz neuen, erhabenen
+Wissenschaft, ihr bewundernswürdiges Feld öffnete.
+</p>
+
+<p>In einem Hörsal der Naturkunde fanden sich
+unsere Reisenden auch mit lebhaftem Antheil ein.
+Hier zählte man die Mineralien, Pflanzen, Säugethiere,
+Vögel, Amphibien, Fische, Insekten
+und Würmer auf, welche bis jetzt entdeckt waren.
+Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als
+verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren
+des Meeres, von denen einige Tausend Gattungen
+in den Registern der Phisiker genannt
+<!-- page 212 -->
+wurden, wo man sonst nur Achthundert beobachtet
+hatte. Denn bei jeder Reise in den Grund
+des Ozeans &mdash; wo sich die kühnen Erforscher der
+wundersamen Tiefe, nach Maasgabe ihres Weiterdringens,
+einen Ruf bereiteten, wie Ehedem
+die Colon, Magellan, Hudson, van Diemen,
+und Tiefgebürge oder Meerthäler nach ihren
+Namen benannt sahen &mdash; wurde man Arten ansichtig,
+die bis jetzt den Blicken verborgen geblieben
+waren, und nicht in die höhere Wasserregion
+zu dringen pflegten. Guido erfuhr viel
+Seltsames davon, wandte aber der Anatomie
+der Infusionsthiere noch größere Aufmerksamkeit
+zu, und die meiste, den Lehren über das Pflanzenleben.
+Hier spottete man jetzt der Vorzeit,
+welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet
+einsaugende und aushauchende Gefäße
+sowohl, als die Erzeugung durch Begatten, sie
+vom Gegentheil hätte überzeugen können.
+</p>
+
+<p>Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche
+die Bailli und Gatterer der Vorzeit sich schwerlich
+würden gefunden haben. Sie wollte genau angeben,
+wann einst der Erdball, nur aus Urgebürgen bestehend,
+durch eine ätherische Revolution von
+Wasserfluthen wäre umfangen worden, die die
+<!-- page 213 -->
+Ursache aller Lebenserscheinungen in sich tragend,
+in dem Maaße abgenommen hätten, als diese aus
+ihren Mitteln hervorgebracht wären. Eben so
+berechnete sie die endliche vollkommene Kondensazion
+der Flüssigkeiten, und wies dann dem erstorbenen
+Felsball eine Trabantenstelle bei einem
+weit über den Uranus hinaus entstehenden oder
+dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an.
+Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der
+Erde, von der Begattung zweier Kometen her,
+da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaßen
+in Eigestalt, wo der Urgranit als das
+Gelbe, die Fluthen als das Weiße zu betrachten
+wären. Die allmählige Umwandlung
+der Verhältnisse des Flüssigen zum Festen, nannte
+diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und
+sein Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische
+Einherwandeln am Gängelbande der Sonnenanziehkraft
+aufhören, und der kecke Jüngling sich
+der Leitung seiner feurigen Wärterin entziehen
+werde, nicht mehr wärmende Pflege von ihr bedürfend.
+&mdash; Freilich zeigte sich hier auch so
+gut wie vormals die Beschränkung des menschlichen<a id="corr-18"></a>
+Wissens, und Guido drängte den Lehrer
+bald mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte.
+</p>
+<!-- page 214 -->
+
+<p>Die Philosophie sah dies gegenwärtig wohl
+ein und trug zur Belehrung nur ihre eigne Geschichte
+vor. Die letzteren Sisteme, die jüngsten
+Träume vom Uebersinnlichen, mußten nothwendig,
+nach einem um so größern Maaßstabe angelegt
+worden sein, als die Erkenntniß im Gebiet
+des Sinnlichen sich mehr ausgebreitet hatte.
+Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und
+überließ jedem Denker &mdash; sich zum höchsten Wesen
+anbetend zu wenden.
+</p>
+
+<p>Guido, bereits früh mit jugendlicher Weisheit
+ausgestattet, zeither, wie wir schon berichtet haben,
+eifrig dem Studium der weisesten Schriften
+dieser Zeit hingegeben, umfaßte nun, schnell
+in sich aufnehmend, was er hier sah und hörte,
+und vollendeter wurde der tiefe kräftige Denker.
+Die Hochgefühle seines stammenden Thatentriebes,
+wurden dadurch wechselnd gemildert und
+angefacht.
+</p>
+
+<p>Wahre geistige Religion, in Bewunderung
+der Natur und Allmacht, lenkte sein Gemüth
+zum höheren Aufflug als je, und die Liebe, in
+ihrer immer reineren Mistik, schmiegte sich an
+alles Empfundene und Gedachte.
+</p>
+<!-- page 215 -->
+
+<p>Allein der Ausdruck eines so schönen Geistes
+prägte sich auch immer vollendeter in seiner Gestalt
+aus. Er fühlte, sah es mit Frohlocken,
+schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein
+Herz nicht lüge, müsse er nun sehr nahe an seinem
+Götterziele stehn. &mdash;
+</p>
+
+<p>Man besah noch das Innere von Berlin emsig.
+Ein altes Zeughaus lag in ehrwürdigen
+Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden,
+indem bei der jetzigen, glücklichen Verfassung
+von Europa, in der Mitte des Staates keine
+Waffenvorräthe nöthig waren.
+</p>
+
+<p>Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos
+Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte: Diesem
+König war freilich Neigung zum blutigen Ruhm
+vorzuwerfen, und er führte Kriege, die allerdings
+zu vermeiden gewesen wären. Doch entschuldigt
+der rohe Charakter seiner Zeit viel
+daran. Hingegen wußte er den Monarchenberuf,
+der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller
+verinnigen, und das Staatsschiff im Strome der
+Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen vorauseilen
+zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen,
+so richtig zu erfüllen, daß manche Züge
+seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen
+<!-- page 216 -->
+Gekrönten Muster leihen dürfen. Deshalb prangt
+auch nicht allein hier sein Denkmal, sondern
+seine Reste wurden späterhin auch nach Rom gebracht.
+Du siehst seine Urne dort im Tempel
+der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich zur
+Größe aufzuschwingen verstanden, wie sein König,
+so ging vielleicht Europas schönere Entwickelung,
+von Friedrichs Monarchie aus.
+</p>
+
+<p>An dem Marmorbilde einer Königin des Alterthums,
+weilte der Jüngling bewundernd. Gelino
+unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem
+Throne, Luise genannt, sei die schönste Frau ihrer
+Zeit gewesen. Auch wäre die Vorliebe für ihre
+Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen übergegangen,
+daß man sie in den Marientempeln,
+durch Künstler von Athen, noch immer nachahmen
+ließe.
+</p>
+
+<p>Es befand sich auch ein Pantheon in dieser
+Stadt, wo die Bildnisse verdienter Männer in
+diesen Gegenden, aus neuer und älterer Zeit
+aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht,
+Waldemar, Luther, Copernikus, Guerike,
+Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen
+gewissen Rochow, einen gewissen B*** &mdash; &mdash;
+doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht
+<!-- page 217 -->
+unternehmen, die noch anzugeben, welche sein
+prophetischer Traum sah, mancher Aspirant der
+Unsterblichkeit würde zürnen, sich zu vermissen.
+</p>
+
+<p>Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen,
+sprach Gelino. Hinlänglich sahst du das
+arbeitsame Treiben kleiner Städte und auf dem
+Lande in dieser Erdgegend. Laß uns die schnelle
+Luftpost dingen.
+</p>
+
+<p>Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden
+warfen sich in die Gondel. Morgenschlummer
+sank noch über sie. Als sie davon aufdämmerten,
+ließ sich das Fahrzeug schon auf
+die Böhmische Bergkuppe nieder, wo sich die
+erste Station nach Wien befand. Neue Adler
+flogen muthiger über die lachenden Ebenen hin,
+man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altären,
+von denen dem Ewigen der Andacht Opfer
+emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich geschlängelten
+Silberfäden; Glockenklänge, Erntelieder,
+ineinander gewebt, tönten zu ihnen herauf.
+Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglänzte
+Prag vorüber, zwei Stunden danach nahmen sie
+auf einem Hügel in Mähren, wo die zweite
+Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl.
+Dann ward wieder angespannt und das Sehrohr
+<!-- page 218 -->
+entdeckte schon die ehrwürdige gothische Piramide,
+Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan
+geweiht, nun ein Christustempel, noch
+dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen.
+Am Abend zog man über die Wipfel des Prater
+hin, vielen Lustwandelnden in der Höhe begegnend,
+und der Fuhrmann senkte seine Passagiere
+auf die Platteforme des Gasthauses, zum
+Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen
+in dem Betracht nicht geändert hatte, daß
+ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables Thier
+bleiben wird.
+</p>
+
+<p>Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als
+in Berlin, die Enkel waren hierin den Vätern
+treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische
+Beimengungen, stärkte die Lebensgeister
+und munterte höher zu Genüssen auf.
+</p>
+
+<p>Am andern Tag besahen sie die Stadt und
+das von Schiffen wimmelnde Bassin der Donau,
+welches hervorzubringen, die alte Brigittenau
+zerstört worden.
+</p>
+
+<p>Gelino erzählte seinem jungen Freunde: wie
+kunstreich-mühevoll denkende Regierungen bewirkt
+hätten, daß Seeschiffe die Donau stromauf hätten
+befahren können, was in alten Zeiten, bei
+<!-- page 219 -->
+allem erfinderischen Fleiß, nicht einmal mit kleinen
+Kähnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft
+mit Griechenland, große Summen und
+das Ausharren bei vieljähriger Arbeit, hätten dennoch
+allen Widerstand besiegt. Da der zu starke
+Fall des Stromes alle Hindernisse legte, waren
+zu seinen Seiten hohe Dämme aufgeführt, das
+Flußbette vertieft und geändert, und demnächst
+von dreißig Meilen zu dreißig Meilen bis zum
+schwarzen Meere Wasserfälle angelegt worden, die
+dem von Niagara flüchtig glichen. So hatte
+die Hidraulik die Fluthen zu einem ruhigen Lauf
+gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom
+entgegen &mdash; entweder vom Winde oder von Maschinenruderwerken
+geleitet &mdash; bis an einen Wasserfall,
+hob es eine Schleuse empor; im anderen
+Falle trug sie es nieder.
+</p>
+
+<p>Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der
+Unternehmungsgeist hier vollbracht. Lange schon
+waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener
+Zweig der Steiermärkischen Gebirge, unter
+den alten Namen, Kalenberg und Leopoldsberg,
+bis ans Donauufer dringend, erkälte die Gegend
+und mache die Witterung unbeständig. Ohne
+ihn, war man überzeugt, müsse das Klima so
+<!-- page 220 -->
+freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn.
+Nicht nur auf sich, sondern auch auf die
+Enkel blickend, hatten also die Großväter &mdash;
+diesen Namen zwiefach tragend &mdash; eine Summe
+zusammengebracht, um funfzig oder achtzig Jahre
+hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere
+damit verpflegen zu können. Weit hinauf gegen
+Steiermark zu, wurden nun die Berge gesprengt,
+und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht
+zu erschüttern, sondern durch künstlich darin erzeugtes
+Eis, was auch früherhin begreiflich gewesen
+wäre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte,
+die Kraft, welche eine Bombe, mit
+Wasser gefüllt, das in Frost übergegangen ist,
+sprengt, auf 3351 Pfund berechnete. Die zerstückelten
+Felsen, schafften nun Prahmenwagen
+von ungewöhnlicher Größe, auf einer eigen dazu
+gefertigten Kunststraße aus Eisenerz, nach Mähren.
+Da sie aber keine Brücke hätte tragen
+können, mußte man sich entschließen, einen hohlen
+Gang unter der Donau hin zu wölben, gegen
+welchen die gepriesenen unterirdischen Kanäle
+im alten Rom, nur ein Spielwerk zu nennen
+waren. In Mähren ward das Gebirge wieder
+<!-- page 221 -->
+aufgeführt. Nun wehten die südlichen Lüfte freier,
+die aus Norden wurden beträchtlich gehemmt.
+</p>
+
+<p>Durch alle solche Maaßregeln hatte die Bevölkerung
+der Stadt bis auf eine Million zugenommen.
+Die alten Festungwerke vertilgte man
+längst, wo sonst die Vorstädtische Linie ging, begränzte
+sich nunmehro die Stadt, die neuen Vorstädte
+flossen nicht nur mit Schönbrunn, Dornbach,
+Nußdorf, sondern sogar mit Enzersdorf
+und Neuburg zusammen. Vergnügungen und
+Wohlleben wurden überall sichtbar. Guido besuchte
+an einem Abend den maskirten Ball. Sein
+Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schreiben.
+Die alte Sitte, sich scherzend zu verlarven,
+bestand noch, doch feinsinniger und deutungreicher.
+Der Jüngling erblickte viele Schönheiten,
+anziehend durch liebliche Formen, bei allem
+dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge
+mehr neugierig als betroffen darauf. Eine aber
+darunter, wie Hebe gekleidet, das Gesicht bis
+an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerksamkeit
+lebendiger an. Höchst edler Gang, bezaubernde
+Harmonie in allen Bewegungen, der
+untere Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in
+zarten Wellenlinien, der ausdruckvolle, lächelnde
+<!-- page 222 -->
+Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft gespannten
+Lippen, darstellten, begannen seinen Puls
+zu erhöhen. Alles mahnte ihn an Ini, nur eine
+etwas längere Gestalt sah er hier. Er konnte
+nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im
+Gedränge zu folgen, den trunkenen Blick ihr
+nachzusenden, endlich bebend die Maske zum
+Tanz einzuladen. Sein Verlangen ward erfüllt,
+selig flog er mit der Schönheit durch die Reihen.
+Ihre Berührung traf ihn wie elektrische
+Funken. Gefühle wie aus anderen Welten
+durchströmten ihn. Die Musik, nur Melodien
+der Liebe und Wollust athmend, nahm das noch
+Uebrige seiner Besonnenheit hin.
+</p>
+
+<p>Wien, schon im Alterthum seiner Tonkünstler
+wegen gerühmt, hatte auch zeither hierin den
+Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik,
+Ehedem kaum geahnt, war von Wien ausgegangen.
+Wo sonst die Töne wild und dunkel
+schwärmten, fand jetzt alles klare Bedeutung.
+Die Musik hatte, was ihr immer fehlte, ihre
+Grammatik empfangen, auf diese gründete sich
+die Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So
+konnten die bestimmten Zusammenklänge, Figuren,
+Zeitmaaße, Worte vertreten; Poesien, Reden
+<!-- page 223 -->
+u. s. w. ausgeführt werden, die der leicht
+Unterrichtete vollkommen verstand. Einem Götteridiom
+glich die herrliche Erfindung. Welchen Eindruck
+mußte sie hervorbringen!
+</p>
+
+<p>Bei der Tanzmusik entstanden oft Klagen der
+Polizei, wenn sie zu üppige verführerische Klangworte
+sprach. Wie jener Grieche einst die Saiten
+der Lira verminderte, wie Gregor VII. bei
+dem Tempelchor auf größere Einfalt drang, ließ
+sich jetzt eine Censur die Tanzstücke vorzeigen,
+und strich manche Notenphrase. Bei den maskirten
+Bällen sah sie indessen hie und da nach,
+vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hingerissenen
+Jüngling, die alte Strenge gegen leidenschaftliche
+Aufwallung, beinahe zu Grunde.
+</p>
+
+<p>Guido knüpfte, mit seiner Tänzerin im Nebenzimmer
+ruhend, warme Unterredungen an. Sie
+war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch immer
+mit Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmelvolle
+Empfindung verkündete sich in ihren Worten.
+Guido sagte ihr, seiner nicht länger mächtig:
+Ich liebe ein Mädchen daheim, ach mehr
+wie das Göttliche in der Natur, nimmer wankte
+mein Herz &mdash; als vor deinem Anblick!
+</p>
+
+<p>Die Verschleierte gab zu Antwort: Der
+<!-- page 224 -->
+Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt mit hoher
+Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er,
+als den neuen seligen Taumel würzen!
+</p>
+
+<p>Guido rief: O wie unterwirft mich der Zauberklang
+deiner Stimme! Dein Auge strahlt
+helle Glorien durch den Schleier. O warum
+darf ich es, warum die Blüthe der Wangen
+nicht sehn?
+</p>
+
+<p>Hier nicht, entgegnete die Schönheit, doch
+folge nach meiner Wohnung.
+</p>
+
+<p>Sie stand auf, eine ganz verhüllte, ältliche,
+weibliche Maske, trat hinzu, begleitete Jene.
+</p>
+
+<p>Guido zauderte lange. Ein drängender Zug,
+den Himmel weissagend, gebot ihm ihr nachzueilen,
+eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zurück.
+Doch eine weiche Hand, die die seinige
+ergriff, und mit ätherischer Wärme durchglühte,
+ließ keine Wahl mehr.
+</p>
+
+<p>Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die
+Masken stiegen in denselben. Guido nahm rückwärts
+seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz
+von süßen Erwartungen bebend, die Gewissensregungen
+niederkämpfend, saß der Liebeglühende da,
+zur Rede kaum ermannt.
+</p>
+
+<p>Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf
+<!-- page 225 -->
+ein Zeichen öffnete. Holde Blumendüfte athmeten
+den Eintretenden entgegen. Der röthlich
+aufgehende Mond schien durch die blühenden
+Orangenbäume, die holde Maske führte Guido
+nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor
+einem hohlgeschliffenen großen Amathist brannte.
+Diese magische Helle verklärte alle Gegenstände
+umher. Köstliche Teppiche waren im Zimmer
+ausgebreitet, das Ruhebett im Hintergrunde
+umfloß eine künstliche Wolke, aus dem Rauche
+süß betäubender arabischen Spezereien. Die Maske
+führte Guido hinein, alle Fibern und Nerven
+erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun,
+laß mich dein Antlitz schauen! &mdash; &bdquo;Nicht ehe,
+bis du mir, ein Abtrünniger deiner vorigen Erwählten,
+ewige Liebe schwörst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwirrung
+nahm jedoch zu.
+</p>
+
+<p>Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott diese
+Nacht, deine Io umarmt dich in dem Zaubergewölk.
+</p>
+
+<p>Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte
+sich öffnen, doch seine Hand hatte Inis Bild
+am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm
+Ermannung durch die Seele. Er riß das Gemälde
+<!-- page 226 -->
+hervor, warf einen Blick darauf, hohe
+Gewalt der Unschuld kehrte ihm zurück. Nein,
+Verführerin, rief er, Treue ist schöner als Wollust!
+Heil mir, dem der Muth zu fliehen erwacht!
+</p>
+
+<p>Er eilte aus der Grotte, stark, kräftig in
+wiedergekehrter Tugend. Es schien ihm, als ob
+himmelsüße Stimmen ihn zurück riefen, er
+widerstand.
+</p>
+
+<p>Am Gartenthor angekommen, fand er es
+verschlossen, was ihn peinigend ängstete. Er
+wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister
+zu sein der gefährlichen Leidenschaft, in Gelinos
+Armen Schutz dagegen suchen, wenn die eigne
+Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war
+heftig, doch gerecht. Er wußte auch, der wahre
+Muth könne sich der Verführung nur entwinden, und
+sein feiges Beben durchflammte Heldengefühl.
+</p>
+
+<p>Umsonst bemüht das Thor zu öffnen, weilte
+er mit Einemmale starr und unbeweglich. Eine
+Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden
+Zaubertönen redend, edler, siegender, wie alle
+die er in Wien gehört hatte, doch schon einst
+von ihm gehört, löste sie göttlich seine innere
+Welt. Erinnernd, die seligsten Bilder der Vorzeit
+<!-- page 227 -->
+im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die
+Saiten einer Zephirharmonika strömten sie nieder,
+dort in Sizilien hatte sie ihn einst zu einem
+verklärteren Dasein emporgetragen. Was hieß
+das? Was sollte Guido denken?
+</p>
+
+<p>Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um,
+nach der Seite des Klanges horchend. Süß lispelten
+die Zweige der blüthenduftenden Linde,
+im stärker wehenden, warmen Abendwind. Höher
+schwebte der klare Mond, heller gossen sich
+seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido
+sah etwas über diesen Wipfeln, sanftleuchtend und
+rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad
+dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen,
+nahm ihn bei der Hand, führte ihn durch eine
+dunkle Krümmung, wo er aus den Blick verlor,
+was er eben gesehen hatte, doch immer
+noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte
+die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt
+vor einem freien mondbeglänzten Hügel, und
+völlig sichtbar in der ereilten Nähe, winkte das
+hohe Instrument, dem ähnlich, das Guido auf
+dem heimathlichen Eiland entzückte. Die Hebe
+rührte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab,
+ach! wie einst Ini im Abendschein. Guido sank
+<!-- page 228 -->
+aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und
+selige Wonne zugleich im Busen. Des Mädchens
+weißer Arm zog den Schleier vom Antlitz &mdash; o
+Himmel! &mdash; Geliebte! Mehr vermochte der Jüngling
+nicht zu sagen.
+</p>
+
+<p>Ini trat näher, erhob ihn lächelnd. Prüfen
+wollt&rsquo; ich deine Liebe, sprach sie, Athania war
+Zeugin von Allem. &mdash; Die schwarze Maske enthüllte
+auch ihr Gesicht.
+</p>
+
+<p>O ich bin ein Unwürdiger, verdiene den Tod!
+rief Guido mit zerrissenem Gemüth.
+</p>
+
+<p>Richte, Athania! sprach Ini wieder.
+</p>
+
+<p>Die Erzieherin fing an: Männlich hast du
+der scheinbaren Verführung widerstanden. Deine
+Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich
+die Liebe anklagen.
+</p>
+
+<p>O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in
+nie geahnten himmelvollen Entzückungen verwirrt
+mir die Seele. Laß mich Besonnenheit sammeln,
+damit ich mein Herz fragen könne, ob Schuld
+seine Reinheit trübt? Dann &mdash; o dann will ich
+entfliehn, mich ewig zu verbergen!
+</p>
+
+<p>Frage, entgegnete hold das Mädchen.
+</p>
+
+<p>Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick;
+dann hob er das Auge langsam empor, doch
+freier, klarer.
+</p>
+<!-- page 229 -->
+
+<p>Freudig erröthend rief Ini: So blickt nur
+die Unschuld auf. Du bist rein!
+</p>
+
+<p>Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt
+mich einen Augenblick mir selbst raubte, so konnte
+es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich
+nicht anzuklagen, sie gebietet meinem Leben.
+</p>
+
+<p>Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, glückliche
+Freundin!
+</p>
+
+<p>Wenn meine alten Bedingungen erfüllt sind,
+ist er meiner werth; und ich seiner, wenn ich
+selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt
+habe, war Inis Antwort.
+</p>
+
+<p>Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein
+erleuchtet Gemach zu bringen. Er folgte, immer
+noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika
+beschieden, sagte sie auf dem Wege, ohne zu
+wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst nach
+Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht,
+ich beschloß, dich hier zu sehn, zu prüfen, miethete
+den Garten. Doch nur eine Stunde kann
+ich noch weilen, dann steige ich in meinem Wagen
+auf und fliege zur Heimath.
+</p>
+
+<p>Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freudige
+Bestürzung über des Mädchens vollkommenere
+Schönheit in Guidos strahlendem Blick, aber
+<!-- page 230 -->
+auch das nämliche süße Staunen in Inis glühendem
+Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein
+Guido während seiner Entfernung gethan, die
+innere Schönheit auszubilden, der letzte Sieg
+göttlicher Tugend machte dich verwandter noch
+mit meinem Ideal, der unverkennbare Zug des
+edlen Triumphgefühls ist dir auf ewig eingeprägt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;O Ini &mdash; ich weiß mich nicht anzuklagen,
+und dennoch &mdash; ich hätte nicht folgen sollen &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein
+Sieg.
+</p>
+
+<p>Guido ließ nun seinem Entzücken über Inis
+neue hinreißende Anmuth freien Lauf.
+</p>
+
+<p>Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im
+Stillen sinnen, wo der Mann in die Ferne
+schweift, handelt, wirkt. Doch über sein Handeln
+und Wirken sinnt eben einsame Liebe ungestört,
+und frägt das ruhige Gefühl nach dem
+Rechten, Guten, Wahren. Ich, die Malerin,
+ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefühl
+weissagte ihre Lösung. Der Geist deiner Liebe
+mußte ferner walten, und redlich hat er gewaltet.
+Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Vielleicht
+lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die
+<!-- page 231 -->
+Zeit vor dir, die Kraft in dir, werden mächtig
+fortgestalten. Nur vergiß nicht, daß du Gemüth
+und Geist in immer vollkommeneren Einklang
+bringen mußt, den Preis der höchsten Schönheit
+davon zu tragen. Noch gab&rsquo; dein Gemüth oft
+zu vielen Ausschlag. Dieser Durst nach Heldenruhm,
+um den ich dich einst anklagte, wenn er
+gleich dem Manne ziemt, muß sich der Betrachtung
+über die schönere Eintracht der Menschheit
+unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht,
+müssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht
+es gebeut, mußt du entsagen können, auch wirklich
+entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann
+wird erst das Göttliche in Herrlichkeit den inneren
+Menschen durchstrahlen, und von vollendeter
+Bildung die verklärte Gestalt zeugen. Roher
+Sinnenwahn, niedere Leidenschaft gebieten nicht
+mehr in dir, durch den letzten Kampf hast du
+dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereiftere
+Kraft wohnt auf der weit vorgedrungenen
+Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und
+da ein Mißverhältniß erzog, ist viel ausgeglichen.
+Viel &mdash; nicht vollkommen. Noch Uebung im
+edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch
+<!-- page 232 -->
+ein großer Triumph über selbstsüchtig Begehren,
+und ich hoffe, du stehst am Ziel.
+</p>
+
+<p>Es folgte eine himmelvolle Stunde trunkner
+Unterhaltung. Sie floh wie ein Augenblick.
+Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini
+zurück. Sie erhob sich im mondbeleuchteten ätherischen
+Wagen, flog unter den Sternen hin, einem
+Seraph ähnlich, in der Glorie aus Lunens
+Strahl gewunden, und schwand dann in blauer
+dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich.
+</p>
+
+<p>Guido empfand die Nacht und den folgenden
+Tag hindurch, nur den Nachklang der seligen Erscheinung,
+alles um sich vergessend; dann ermannte
+er sich, und drang wieder, um den schönen
+Preis kämpfend, ins Leben. &mdash;
+</p>
+
+<p>Die Reise ging nun nach Frankreich. Es
+würde zu viele Zeit geraubt haben, noch länger
+in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel
+Sehenswerthes übrig blieb, das sie in München,
+Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. hätten betrachten
+können, als besonders kluge Einrichtungen, Monumente
+alter trefflicher Fürsten, Volkfreuden.
+Doch sie mußten es, nach dem einmal gewählten
+Plan, bei den größten Städten bewenden
+lassen.
+</p>
+<!-- page 233 -->
+
+<p>Unfreundliche Herbstwitterung störte die Reise
+in etwas. Wenn sich der Luftwagen vom Posthause
+aufschwang oder bei dem folgenden niedersenkte,
+hatten die Adler Mühe, gegen die Stürme
+anzukämpfen. Außerdem hielt man sich jedoch in
+der höheren Region, wo kein Wind mehr sauste,
+und die angespannten Thiere konnten bequem ihren
+Pfad verfolgen. Gegen die Kälte schirmten
+artige Oefen von dünnem Blech, mit Papier geheitzt,
+und Pelzhüllen von Schwanenfell.
+</p>
+
+<p>Am Rhein und in den Gegenden des ehemaligen
+Lothringens, freute sie der laute Winzerjubel
+der unter ihnen tönte, eben so die überall
+noch dichter als in Germanien angebaute Landschaft.
+Ohne Unfälle erlebt zu haben, erblickten
+sie bald das weitläuftige Paris, dessen Vorstädte
+jetzt mit Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w.
+zusammenhingen.
+</p>
+
+<p>Guido wunderte sich über eine dünne spitze
+Säule von niegesehener Höhe, die eine seltsame
+Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er davon
+zu denken hätte? Dieser erklärte ihm, wie
+die Pariser schon lange damit unzufrieden gewesen
+wären, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute
+Stadt so unreinlich zu sehn. Die Erfindung hätte
+<!-- page 234 -->
+sich in mancherlei Mitteln gegen diesen Uebelstand
+erschöpft. Es sei im Werke gewesen, die
+nahenden Regenwolken jedesmal durch Kanonen
+von Luftbatterien zu zerstreuen und so die Atmosphäre
+der Stadt zu reinigen. Allein die Eigenthümer
+der Gärten in den Umgebungen, hätten
+sich über diese Maaßregeln mit Recht beklagt,
+weshalb man sie einstellen müssen. Endlich
+aber sei ein Projektant aufgetreten, mit dem
+riesenhaften Entwurf eines Regenschirms für die
+eigentliche Stadt.
+</p>
+
+<p>Die dünne Spitzsäule, fuhr er fort, ist es.
+Eine Gesellschaft Aktieninhaber besorgte die Errichtung;
+eine kleine Abgabe aller Einwohner,
+für die trockne Reinlichkeit willig gezollt, trägt
+den Zins und die fortlaufenden Kosten. Die
+Säule steht genau in der Mitte von Paris.
+Zweitausend Schuh hoch, besteht sie aus starkem
+Granit, auf einer hinlänglich festen Grundlage.
+Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammengefügte
+Eichenstämme, um welche Eisenringe laufen.
+Eine Wendeltreppe von Außen führt vom
+Fuß bis zur Höhe.
+</p>
+
+<p>Der ungeheure Schirm besteht aus einem von
+Hanffäden gewebten Tuch, mit wasserdichtem
+<!-- page 235 -->
+Firniß überzogen. Wallfischrippen, durch Klammern
+verbunden, spannen ihn bis zur Mitte,
+von da wird der gardinenartig aufgehobene
+Theil, mittelst gewaltiger Taue, die nach allen
+Seiten in Abständen von Hundert Klaftern, zur
+Erde gehn, niedergezogen und wieder empor gebracht.
+Die Erhebung der Wallfischrippen vollzieht
+ein ungemein kunstreicher Mechanismus.
+</p>
+
+<p>Indem er noch sprach, umdunkelte sich der
+schon trübe Himmel noch mehr, die Gewölke
+nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine
+Fahne wehte plötzlich vom Gipfel der Piramide,
+das Zeichen für sämmtliche Arbeiter an ihr Werk
+zu gehn. Nun währte es kaum zwei Minuten
+und das weite Gezelt breitete sich über die Tempel
+und Häusermassen hin. Der Postillon trieb
+die Adler mächtig an, um auch bald den Schutz
+zu genießen, und in kurzem befand man sich
+unter der wohlthätigen Decke, auf welche der
+Platzregen mit dumpfhohlem Getöse niederschlug.
+Guido bewunderte am meisten die Röhren des
+Umkreises, die das abströmende Wasser auffingen,
+und in die verschiedenen, zu diesem Zweck gegrabenen,
+Teichbassins leiteten, die wieder einen
+Abfluß in der Seine fanden. Er betheuerte: unter
+<!-- page 236 -->
+allem Merkwürdigen, was er noch auf der
+Wanderung gesehen, stände dieser Paraplu oben
+an. Es ist auch ein Erdenwunder von Kunst,
+sagte Gelino.
+</p>
+
+<p>Sie stiegen im Posthause ab, übergaben
+Trägern ihr Gepäck, und eilten zu einem Wechsler,
+wo der Lehrer Summen, für ihren Aufenthalt
+nöthig, in Empfang nehmen wollte. Unterwegs
+stellte sich ihnen ein sonderbarer Anblick
+dar.
+</p>
+
+<p>Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhört,
+daß das aufgeregte Mitleid keine Gränzen kannte.
+Aus allen Häusern eilte man hervor, den
+Unglücklichen mit Wohlthaten zu überhäufen,
+der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes
+sah, daß er flehend bitten mußte, nur einzuhalten.
+</p>
+
+<p>Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich
+trug, und fragte den Lehrer: wie so eine, die
+Menschheit entwürdigende, Erscheinung möglich
+sei? Dieser erkundigte sich näher, und erfuhr:
+der Mann wäre aus dem südlichen Amerika, und
+durch einen Schiffbruch um seine Habe gekommen.
+</p>
+
+<p>Guido schauderte bei der Nachricht von einem
+<!-- page 237 -->
+Schiffbruch. Sie waren jetzt überaus selten,
+nur ein bedeutender Fehler des Piloten
+konnte es dazu kommen lassen. Denn bei den
+genauen Karten vom Meergrunde, der schon
+seit mehr als einem Jahrhundert entdeckten
+Berechnung der Länge, den herrlichen Mitteln
+bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten,
+konnte man beliebig jeder Gefahr entfliehn,
+auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und
+der Möglichkeit, fast überall vor Anker zu gehn,
+nicht einmal zu gedenken. Hier hatte inzwischen
+ein Schiffer strafbare Nachlässigkeit verschuldet.
+</p>
+
+<p>Das Betteln aber mußte darum männiglich
+so befremden, weil auch seit länger als einem
+Jahrhunderte es in Europa unerhört war. Denn
+Staatsordnung, Sitte, moralisches Gefühl hielten
+Jeden zur Thätigkeit an, und da Landbau
+und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und
+viel erweitete Technik, so leicht, so überflüssig
+die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so
+war es auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie
+mochte bestehn worin sie wollte, nur ein Spiel,
+seinen Antheil zu erwerben. Die erhöhte Bevölkerung,
+statt diese Leichtigkeit zu stören; mußte
+sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach, fördern,
+<!-- page 238 -->
+woran man, nur bei irriger Kenntniß der möglichen
+Fruchtbarkeit des Erdbodens, zweifeln kann.
+Allein weise Anordnungen dachten auch auf
+Krankheitfälle Unbemittelter, auf Verstümmelte,
+auf hohes entkräftetes Alter. Um nun in solchen
+Fällen ein Recht auf Unterstützung zu begründen,
+hatte jedes Kind, ohne Ausnahme,
+bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu erlegen,
+oder vielmehr die Aeltern statt seiner.
+Zudem jede einzelne Person, einen geringen
+monathlichen Beitrag. Die Summen wurden
+klüglich bewirtschaftet, wuchsen dann sehr natürlich
+hoch an, und konnten viel bestreiten. Um
+aber die monathliche Erhebung der Beiträge
+minder weitläuftig zu machen, hatte man sie in
+eine, durch ganz Europa gleichmäßig aufgelegte,
+sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte
+sich Jemand aber in Europa auch befinden, wo
+er wollte, seinen Aufenthalt ändern, so oft es
+ihm gefiel, immer zahlte er unmerklich und behielt
+sein Recht. Die Summe des allgemeinen
+Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil &mdash;
+bei der vervollkommneten Arithmetik, wovon schon
+die Rede war, höchst bequem übersah &mdash; mußte
+auch darum so größer werden, als Reiche oder
+<!-- page 239 -->
+Wohlhabende, bei der Geburt eines Kindes nicht
+den gewohnten Satz, sondern mehr beisteuerten.
+</p>
+
+<p>Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er
+sich bei der nächsten Sadtverwaltung. Diese untersuchte
+seinen Zustand genau. Einem gesunden
+Menschen ward nicht das Mindeste schenkend gereicht,
+sondern er empfing die Gelegenheit, durch
+diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den
+Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm
+ihn ein Spital auf. Das Alter von sechzig Jahren
+durfte auf eine angemessene Beihülfe zu der
+ihm noch möglichen Arbeit zählen, über siebzig
+Jahr verpflegte man dagegen Greise und Greisinnen
+ganz, was auch bei Krüppeln und dergleichen
+geschah. Bei dem allen hielt ein zartes
+Ehrgefühl die Geschlechter ab, eines ihrer Glieder
+in die Nothwendigkeit zu versetzen, die öffentliche
+Wohlthätigkeit in Anspruch zu nehmen;
+wenn es irgend möglich schien, verheimlichten sie
+den Mangel in den einer der ihrigen gesunken
+war, machten es auch zum Gegenstand ihrer Religion,
+Kranke und Alte selbst zu pflegen.
+</p>
+
+<p>Ueberlegt man hiebei, daß die meisten
+Ursachen, welche Armuth hervorbringen, ja
+lange schon aus dem Wege geräumt waren, als
+<!-- page 240 -->
+Kriegräubereien, unmäßige Auflagen, falsche
+Geldoperazionen der Regierungen, Handelsverbindungen,
+in welchen ein Volk mit betrügerischer
+Schlauheit, das andere mit Unkunde seiner
+eigenen Kräfte auftritt, gehässige Immoralität
+des Einzelnen, die zu Verschwendungen leitet,
+ehrlose Trägheit und Unempfindlichkeit gegen
+Achtung, die nicht erwerben mögen, auch
+Almosen spendende Klöster, den Müßiggang unterstützend;
+erwägt man noch, daß das furchtbare
+Heer der Krankheiten sich unendlich vermindert
+hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie
+ein Reisender Europa durchwandeln konnte, ohne
+jemal das widrige unedle Schauspiel der Bettelei
+wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklärt
+sich demnach so gut, als das mitleidige Zudrängen
+der Pariser.
+</p>
+
+<p>Es währte aber nicht lange, so erschien ein
+Polizeibeamter und fragte den Armen zürnend:
+warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen
+sei? Die Antwort hieß: Weil ich kein Europäer
+bin, folglich nicht zu euren Wohlthätigkeitsanstalten
+beigetragen habe, durfte ich auch
+nicht mit Recht auf ihre Milde bauen. Der
+Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es reisen
+<!-- page 241 -->
+viele Bürger anderer Erdtheile in Europa,
+und die Akzise gewinnt an ihrer Zehrung. Wie
+unbillig würde es daher sein, wenn irgend Jemand
+darunter sich arm ankündigte, ihm Hülfe zu versagen.
+Du hast uns durch Mangel an Vertrauen
+beleidigt und ein öffentlich Aergerniß gegeben,
+dessen sich ohne Zweifel der älteste Greis nicht
+mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte,
+verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir
+dir eine Summe geben, mit welcher du dein
+Vaterland wieder erreichen kannst. &mdash; Wider diesen
+Spruch galt keine Einrede, denn er enthielt
+den Geist der Gesetze.
+</p>
+
+<p>Gelino und sein Zögling drängten sich mühevoll
+durch das Volkgewimmel der Straßen, und
+um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mittage,
+der Regenschirm Dunkel verbreitete. Doch
+eben da sie auf einem großen Markt angekommen
+waren, hatte das Unwetter geendet und
+die Bedeckung wurde wieder eingelegt. Man
+verrichtete dies schnell, und neu, überraschend,
+blendend war die Wirkung des plötzlich niederscheinenden
+Sonnenlichts.
+</p>
+
+<p>Sie langten im Hause des Wechslers an.
+Gelino übergab ein Schreiben; der Mann war
+<!-- page 242 -->
+sehr höflich und rief einige Träger, welche
+schwere Goldsäcke auf einen Wagen luden. Der
+Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine,
+und nahm dann mit seinem Zögling Platz auf
+dem Wagen.
+</p>
+
+<p>Dieser hatte befremdet und nachdenkend
+zugesehn. Nun fragte er: Woher die großen
+Summen, und wozu? Gelino antwortete:
+Wir behalfen uns bisher mit geringen Kosten,
+doch in Paris und London wollen wir einigen
+Aufwand machen, damit du auch mit dem Leben
+des Reichthumes vertraut wirst.
+</p>
+
+<p>Da empfange ich nur eine Auskunft, rief
+Guido. Woher, frage ich abermal, die großen
+Summen?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Von dem nämlichen Wohlthäter, der dich
+bisher in den Stand setzte, die Welt reisend
+zu betrachten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>O dieser Wohlthäter muß reich, sehr reich
+sein. Mein leichter Sinn fragte noch wenig
+darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser
+selbst, dem ich so viele Zeichen der Milde verdanke?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser.
+Was er von dir hörte, besonders von deinen
+<!-- page 243 -->
+Thaten im Heere, erwärmte sein Herz noch mehr
+für dich. Frage nicht weiter, genieße, und vor
+allen Dingen, lerne, begreife, mache dich der
+Güte ferner werth.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige
+Minuten darauf brach er aus: O daß ich keine
+Eltern kenne, und so süße Gefühle, wie die kindlichen,
+mir versagt wurden! Erst bei den Fündlingen
+erzogen, hernach unter deiner Leitung, die
+mich allerdings keinen Vater missen ließ, ahnte
+ich tiefere Empfindungen nicht. Allein, nachdem
+ich auf der Reise so oft das entzückende Schauspiel
+eines engen Familienbandes sah, beweinte
+ich im Stillen mein hartes Loos.
+</p>
+
+<p>Gelino drückte ihm gerührt die Hand. Geduld
+mein Sohn, vielleicht findest du einst deinen
+Vater.
+</p>
+
+<p>Stürmische Ungeduld entbrannte in dem
+Jüngling. Von süßen Hoffnungen wogte sein
+Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das
+Geheimniß seiner Geburt aufzuklären, wenn er
+anders den Schlüssel dazu hätte, oder wenn er
+nichts genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu
+nennen. Der Lehrer brach aber gemessen ab,
+empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lösung seines
+<!-- page 244 -->
+Schicksals. Es war Guido bekannt, daß er,
+wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat,
+er mußte sich also mit Geduld waffnen, obgleich
+die Neugier über seine Herkunft jetzt heißer als
+je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in
+ihm aufstieg. Er tröstete sich wohl über den
+Mängel an Kindesliebe, weil ihn Inis Liebe
+beseligte, und sein Herz so warm an den
+edlen Lehrer hing, doch meinte er immer wieder,
+dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glühend
+zu umfassen.
+</p>
+
+<p>Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben,
+und einen Miethpallast, wie es deren für
+sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer
+Anwesenheit bestellt. Sie kamen nun dort, von
+den Dienern des Wechslers geleitet, an. Er war
+aus rothem und weißen Marmor gebaut, hatte
+ein stark übergoldet Bleidach, das im Strahl
+der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche,
+glänzende Dienerschaft, stand am Portal. Die
+innere Einrichtung entsprach der äußeren Pracht
+vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wände
+mit dem köstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere
+mit staunenerregenden Meisterwerken der
+Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal
+<!-- page 245 -->
+hier, den die Standbilder der neun altgriechischen
+Musen, zu Athen gefertigt, schmückten,
+und zum Personal des Pallastes gehörte zugleich
+das treffliche Orchester, was sich auf Verlangen
+des Miethers hören ließ. Eben so ein kleines
+Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen.
+Ferner eine große Bibliothek, der einige Gelehrte
+vorstanden. Der Speisesaal war mit Silbergeschirren
+erfüllt, goldne Lampen hingen von
+den Decken nieder. Das Bad war den altrömischen
+ähnlich, welche die Kaiser Trajan oder
+Tiber anlegten. In der Küche bereitete man
+sich, wie einst bei Apicius, immer auf eine große
+Zahl von Gästen, doch viel schmackhafter noch
+als bei jenem waren die Speisen zugerichtet,
+was jetzt um so mehr anging, da die Küchenchemie
+eine eigne weitläuftige Wissenschaft galt,
+über die Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde
+gehört, lasen. Noch fand man im Hofe Wagen
+aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen
+andern mit Adlern, und mehrere schöne Gondeln,
+denn ein kleiner Kanalarm führte von dort
+nach dem Strome. Auch ein schönes Landhaus
+mit weitläuftigen Gärten gehörte noch zu diesem
+Miethpallast. Allerdings gab man aber auch
+<!-- page 246 -->
+eine Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten
+angemessen war.
+</p>
+
+<p>Guido fragte: Wie ist es möglich, Unternehmungen
+der Art zu wagen?
+</p>
+
+<p>Wirkungen des Reichthums, antwortete der
+Lehrer. Das ewige Zuströmen der Fremden nach
+dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie
+sendet es wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen,
+was die Fremden ferner anreitzen
+kann. Es prangen mehrere Gebäude der Art, und
+selten stehen sie leer, weil es vermögende Wanderer
+genug giebt. In den vergangenen Jahrhunderten
+wären Erscheinungen der Art unmöglich
+gewesen, weil man da weder Freiheit, noch
+Thätigkeit, noch Kenntniß genug, über den beweglichen
+Umlauf der Reichthümer, und ihre
+Vermehrung der Erzeugnisse während ihrem
+schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige
+Reiche und unerhört viel Armuth. Jetzt sieht
+man Jene in großer Zahl und diese ist meistens
+verschwunden. Große Entwürfe im Handel oder
+anderer Art, klug und glücklich ausgeführt, bereichern
+um so leichter, da sie auf den allgemeinen
+Wohlstand berechnet sind. Damit aber dennoch,
+nicht wenige Familien zuletzt so viel wuchernd
+<!-- page 247 -->
+an sich reißen können, daß andere von
+ihnen abhängig sind, ist die überaus weise
+Erbschaftsteuer eingeführt worden, die den Zweck
+vor Augen hat, den Erwerber zwar die Frucht
+seiner Thätigkeit vollkommen genießen zu lassen,
+dagegen aber die Unthätigkeit der Erben, die von
+der Arbeit des Todten müßig schwelgen möchten,
+nach Möglichkeit abzuschneiden. Je vermögender,
+je höher die Steuer vom Nachlaß, und sie
+steigt auch nach Maaßgabe der näheren oder
+weitläuftigeren Verwandschaft der Erben. Dies
+hat zur Folge, daß der Reichgewordene auch bei
+seinem Leben viel wieder in den Umlauf giebt,
+und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten,
+und insofern sie nicht unmoralisch ist,
+Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen,
+Künsten und Wissenschaften lohnen, dadurch
+empfängt das alles höheres Leben.
+</p>
+
+<p>Wo bleiben aber die Summen, aus dieser
+Erbschaftsteuer? fragte Guido?
+</p>
+
+<p>Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden
+zum Vortheil des Landes auf mannichfache Weise
+angelegt, so daß sie den niederen Ständen wieder
+zuströmen. Man gräbt Kanäle, wo sie noch
+fehlen, baut, macht Versuche mit nützlichen Erfindungen,
+<!-- page 248 -->
+wozu, wie du weißt, auch andere
+Summen vorhanden sind, unternehmende, aber
+nicht bemittelten Bürger können Anleihen nachsuchen.
+Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang,
+des, die Dinge und den Kunstfleiß darstellenden,
+Metalles, Endzweck. Hätte die Vorzeit
+die Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen
+können, traun, sie würde um einige Jahrhunderte
+früher geeilt haben, den Thron der Vernunft
+zu erhöhn, und in einem Erdtheil, wo die
+Menschen schon lange sich durch Bildung ähnlich
+wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht
+ging das aber auch nicht ehe an, bis der
+Zeitgeist alles von selbst schönerer Reife entgegen
+führte. Wie langer, vorbereitender Aufklärung,
+bedurfte es unter andern zu dem großen Schritte,
+die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu
+bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten
+Kampfe der Politik, und hätte ihm vorausgehen
+können, wodurch der Christenstaat
+ohne jene schauderhaften Schlachten, wovon die
+Geschichte meldet, zu gründen gewesen wäre.
+Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller
+aus dem achtzehnten Jahrhundert, in deren
+Köpfen bereits so viel Licht anbrach, kann man
+<!-- page 249 -->
+nicht genug über die seltsame Verstocktheit ihrer
+Zeitgenossen staunen, welche es nicht nützen wollten,
+das Heil, die Bestimmung der Menschheit
+erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und
+Böses unterscheiden zu lernen. Indessen ist es
+nun einmal so. Das Genie der Verbesserung
+hat zu allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft
+mußte der große Mann erst begraben sein, ehe
+das Recht seiner Aussprüche erkannt wurde. Geht
+es doch bisweilen noch jetzt nicht anders. Sind
+wir doch, trotz aller Religion und Erkenntniß zuweilen
+genöthigt, mit Asien oder Afrika zu
+kriegen.
+</p>
+
+<p>O schöner Voranflug seines Zeitalters! rief
+Guido. O daß ich der Menschheit irgend eine
+Wohlthat ersinnen könnte, daß die Nachwelt
+mein Andenken segnete!
+</p>
+
+<p>Der Friede mit anderen Welttheilen wäre
+solch eine Wohlthat, antwortete Gelino. Er
+fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften
+werden nicht überall so glücklich bekämpft als in
+Europa, und auch hier, wir wollen nicht prahlen,
+gelang es noch nicht so weit damit, als
+wohl zu wünschen wäre. Im Geheim treiben
+sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere
+<!-- page 250 -->
+der Seele, wenn die Menschen in der
+Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie und
+da einen Fürstenrath, einen hohen Priester des
+Gesetzes von gewichtigem Ansehn, entscheidenden
+Einfluß, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht
+mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern
+hervorruft. Man muß auf seine Tugend
+baun, wer vermag sie genau zu erkennen?
+</p>
+
+<p>Hier fühlte sich Guido von einem Gedanken
+ergriffen, dem er in der Folge eifrig nachhing.
+Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige
+Erkenntniß des Menschen scheint mir nicht unmöglich,
+aber den Frieden aller Völker zu knüpfen,
+ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn
+ich Kaiser wäre, was ich da thun wollte. Da
+muß das Schicksal selbst freundlich zutreten.
+</p>
+
+<p>Nun das wird auch einst geschehn, antwortete
+Gelino. Auch gebieten ja die Menschen dem
+Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit
+steigt. &mdash;
+</p>
+
+<p>Die Reisenden erborgten in Paris vornehme
+Namen und knüpften Bekanntschaften an. Die
+angesehensten Einwohner, Künstler, Gelehrte,
+wurden zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach
+ihren Gärten geladen, und baten sie dagegen zu
+<!-- page 251 -->
+sich. Es war noch in Paris wie vormal, das
+Neue erregte viel Aufsehn, alle Welt sprach
+davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen
+Jünglings konnte auffallen, doch er selbst,
+sein Verstand, mehr noch seine Schönheit. Die
+Damen waren ganz entzückt, sie schwuren, nie
+eine so vollkommene männliche Gestalt erblickt
+zu haben. Dies benutzten Maler, Kupferstecher
+und andere Künstler, bildeten ihn vielfach ab,
+und wenn er ausging, sah er beschämt überall
+Gemälde, Gipsabdrücke, Statuen von sich.
+Auch Denkmünzen wurden auf ihn geschlagen
+und in den Gassen ausgerufen, viele Damen
+trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er
+empfing auch verliebte Zuschriften voller Witz,
+und übte wieder den eignen Witz, indem er die
+zärtlichen Anträge so ablehnte, daß sich die Schönen
+dennoch bezaubert fühlten. Dadurch entstand
+viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame
+veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft
+witzigen Billets, die man eilig mit
+Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes
+gewiß.
+</p>
+
+<p>Kurze Zeit nach seiner Ankunft hörte Guido
+von einem sonderbaren Rechtshandel. Er hatte
+<!-- page 252 -->
+sich schon über die Menge von Diamanten gewundert,
+welche ihm Ueberall zu Gesichte kam;
+die Frauen der niederen Klassen waren so damit
+bedeckt, daß man auf Spatziergängen nicht
+nach der Seite blicken konnte, wohin die Sonne
+schien, selbst die Dienstmädchen in seinem Pallaste,
+trugen Haar, Ohren, Busen und Arme
+davon voll. Der Glaube, sie möchten unächt
+sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein
+man benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein
+Juwelenhändler vorhanden, der die edlen Steine
+um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei
+ein unerhört angefülltes Waarenlager hielt,
+und so auch den Pöbel in Stand setzte, den
+gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber,
+wie man wohl denken kann, verschmähten ihn
+nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne
+Juwelenschimmer zeigen, hieß glänzen.
+</p>
+
+<p>Die andern Kleinodienverkäufer sahen sich zu
+Grunde gerichtet, feindeten ihren Nebenbuhler
+an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff
+auch Niemand, wie der Mann das Theure so
+wohlfeil losschlagen könne. Neue Prüfungen
+über die Güte seiner Steine folgten, sie schlugen
+abermal zu seinem Vortheil aus. Man
+<!-- page 253 -->
+fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben
+er kaufe? Er antwortete: Dies habe er, zufolge
+der Handelgesetze, nicht nöthig zu erklären.
+Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes
+Handelshaus zu nennen, mit dem er Geschäfte
+pflege, ein Schiff, das seine Waaren
+herbeiführe.
+</p>
+
+<p>Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage,
+seine Steine würden nicht von Auswärts gezogen.
+Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner,
+folglich sind sie, trotz allen Proben, unächt.
+</p>
+
+<p>Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie,
+doch eine Unwahrheit ist eure andere Behauptung.
+Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet
+keinen andern Gehalt finden, als ob die
+Steine von Golkonda oder Brasilien kämen.
+Ich betrog nicht, verkaufte ächte Diamanten,
+dem Käufer kann es gleich sein, ob die Natur,
+ob ich sie hervorbringe.
+</p>
+
+<p>Bei näherer Untersuchung fand sich, daß der
+Mann, den lange schon in der Chemie genannten
+Bestandtheil, <i>reinen</i> Kohlenstoff, so zu
+verdichten gewußt hatte, daß der wirkliche Diamant
+erzeugt wurde.
+</p>
+
+<p>Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die
+<!-- page 254 -->
+große Zerrüttung des Werthes der Edelsteine,
+welche der glückliche Erfinder veranlaßte, machte
+ihm Bedenken. Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit:
+Dem Manne dürfe keine Strafe
+anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst
+ihm nicht untersagt werden. Möchten die Weiber
+gern schimmern, so wäre ihnen die Gelegenheit
+aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren
+Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der wohlfeile
+Schimmer nicht, zeigten sie noch größere
+Thorheit als zuvor. Der Mann könne dann zu
+ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere
+Geschlecht mehr auf Pflege der wahren Schönheit
+hielt, mehr dem Manne durch weibliche
+Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen
+strebte, hätte das Gemeinwohl dem Künstler innig
+zu danken. Verlören übrigens manche Juwelenhändler,
+sei das zufällig, und das Gesetz
+könne ihres einzelnen Vortheils halber, keine irrige
+Grundsätze aufstellen. Dabei blieb es nun.
+</p>
+
+<p>In der That, rief Guido, als er bald darauf
+einige mit Edelsteinen überladene Frauenzimmer
+sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr
+so köstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach.
+</p>
+
+<p>So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen
+<!-- page 255 -->
+nicht frei, fiel der Lehrer ein. Doch möchte
+nur alles Schöne so gemein werden, daß man
+keine Auszeichnung darin fände, desto besser stände
+es um die Menschheit. Zum Glück ist es auch
+schon mit vielen Tugenden dahin gekommen.
+Was die Vorwelt staunend gepriesen hätte, blikten
+wir oft als gleichgültige Alltäglichkeit an.
+Wohl uns! &mdash;
+</p>
+
+<p>Sie begaben sich eines Tages nach der großen
+Oper. Das Haus war ungemein mit Zuschauern
+gefüllt. Guidos Blicke suchten das Theater.
+Er sah vor sich ein gefülltes Parterre, Logen,
+Kronleuchter, so gut als neben und hinter sich.
+Gelino lächelte. Wisse, sprach er daß der Vorhang
+ein Spiegel ist, der durch die ganze Mitte
+des Saales reicht. In diesen siehst du den
+Platz der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stück
+an, wird ihn eine Maschine empor winden.
+</p>
+
+<p>Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung,
+und nun zeigte sich die Bühne. Man sah jetzt
+kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil
+der Theatererhellung, die dem Tage vollkommen
+glich, waren sie sämmtlich erloschen,
+wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang
+<!-- page 256 -->
+niederschwebte, wurden sie alle durch eine
+elektrische Vorrichtung entzündet.
+</p>
+
+<p>Die alte Mithe, Orpheus war der heutige
+Stoff. Im ersten Akt sah man eine Landschaft
+und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmöglich
+gemalt sein konnte. Guido begriff das
+nicht. Sein Lehrer erklärte ihm, wie dies Opernhaus
+mit einem Schraubenwerke versehen sei,
+wodurch es der Theatermeister, bei den Akten,
+die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis über
+die Häuser der Stadt höbe, daß, nach weggenommener
+Hinterwand, man das wirkliche Feld
+der Gegend erblickte.
+</p>
+
+<p>Also schweben wir jetzt in solcher Höhe?
+fragte Guido.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so
+sanft, daß Niemand sie merkte. Hat schon ein
+altrömischer Baumeister ein Schauspielhaus mit
+Achzigtausend Zuschauer gedreht, wird die Mechanik
+unserer Zeiten es doch wohl erheben
+können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Fürchte nichts. Die Polizei läßt vor den
+Darstellungen alles Maschinenwerk durch Sachverständige
+prüfen.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 257 -->
+
+<p>Im zweiten Akt zeigte sich die Hölle. Ungeheure,
+weite, brennende Klüfte und Abgründe,
+in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten.
+Die Fernsten erschienen ganz klein, doch
+waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch
+ein Sehrohr überzeugte. Wie ist dies möglich?
+fragte er abermal.
+</p>
+
+<p>Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit
+großen Kosten ein tiefes Souterrain aushöhlen
+lassen, was um so eher anging, da es auf der
+Höhe des Montmartre liegt. Will man nun
+weite Gebäude, oder Klüfte und Abgründe darstellen,
+wird das Haus durch jene Schraubenwerke
+in die Tiefe gesenkt, wo man sich nun der
+unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir
+befinden uns jetzt unter der Erdfläche, die letzten
+Gestalten sind einige Tausend Schuh von uns
+entfernt.
+</p>
+
+<p>Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige
+Farben, ungemein zarte Umrisse aller Gegenstände
+wirkten mit bezaubernder Schönheit.
+Ein anderer Mond, andere Sterne mit einer
+tiefrührenden Idealität gezeichnet, blinkten daher,
+was aber Guido am meisten in Verwunderung
+setzte, war, daß ihre Strahlen durch
+<!-- page 258 -->
+Euridizens und der anderen Schatten Körper
+leuchteten. Und doch war Euridize die nämliche,
+welche er im ersten Akte gesehn, doch bewegte
+sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen
+Lehrer unterrichtet: Alle Gestalten, die wir
+jetzt sehen, sind nur der wirklichen, in einem
+Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch
+ungemein sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht.
+Daher muß das Licht diese Euridize
+durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es
+wirklich nur ihr Schatten. Daß auch die Blumen,
+Gebüsche, Hügel, so zarte Umrisse, so
+seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine
+große Platte von grünem doch klaren Glas, welche
+davor hängt, wie jener Spiegel, im ganzen
+Umfang der Bühne, ohne daß wir sie wahrnehmen.
+</p>
+
+<p>Musik, Gesang, Tänze waren den übrigen
+Vorwürfen an Vollkommenheit ähnlich, und mit
+hohem Entzücken verließ Guido dies Schauspiel,
+sich lange noch Orpheus, und Ini Euridize
+träumend.
+</p>
+
+<p>Sie sahen auch das große Trauerspiel. Der
+Dichter hatte in dem heutigen Stücke eine Thatsache
+der Vorzeit behandelt, und viel gegen
+<!-- page 259 -->
+die Empfindung wagend. Eine junge Monarchin,
+schön, liebenswürdig, geistvoll, ist mit einem
+Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzüge
+mangeln. Er kömmt eben zur Regierung, belegt
+aber durch seine ersten Schritte, dem großen
+Amte durchaus nicht gewachsen zu sein.
+Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche dem
+Volke zu seinem Wohl gegeben werden müsse, die
+Kraft ihres Genius regt sich kühn, von Liebe
+zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende
+Brust. Doch vermag sie nichts über den Gemahl,
+der sie nicht versteht, ihren schönen Sinn
+anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und
+Zerrüttung drohen dem Reich, die Monarchin
+fühlt, sie könne ihm eine gedeihenvolle Zeit blühen
+lassen.
+</p>
+
+<p>Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige
+den Thron, herrsche, beglücke! Sie schaudert.
+Sie kann nur über den Leichnam des Gemahls
+jenen Stufen nahn. Es ist ein Unwürdiger,
+doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefühl empört
+der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr
+an den des Gemahls! Ihr Herz trägt solche Vorstellung
+nicht, ihre Einbildungskraft muß ihr
+entfliehn.
+</p>
+<!-- page 260 -->
+
+<p>Der Vertraute spricht: Besteige den Thron,
+durch ein Verbrechen ihn mit deiner Tugend zu
+schmücken. Wie edel ist dann dies Verbrechen!
+Es wird die höchste deiner Tugenden, allen
+übrigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es
+nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn,
+wie laut der Beruf deiner Geistesgröße es verlangen,
+dann erniedrigt dein Säumen dich zur
+Frevlerin. Alles Wehleiden der Millionen auf
+dein Haupt, ihr Fluch beugt dich schwerer,
+da du ihn in Seegen hättest umwandeln
+können.
+</p>
+
+<p>Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg.
+Eine kühne Missethat &mdash; und dann ein
+schönes Leben, dem Ruhm, gottähnlich über ein
+geliebtes Volk zu herrschen, geweiht. Eine feige
+Tugend &mdash; und nichts als der Anblick eines elenden
+geliebten Volkes. Hier steht sie &mdash; weint,
+ruft sich selbst um Kraft an, mahnt ihren Genius,
+Licht in dies schauderhafte Dunkel zu
+werfen &mdash; und &mdash; stört endlich nicht, was der
+Vertraute vollbringen will.
+</p>
+
+<p>Nun empfängt sie das Scepter, und hält den
+Hoffnungen des Ruhmes Wort.
+</p>
+
+<p>Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel
+<!-- page 261 -->
+gegeben. Die feinsinnige Versammlung, sonst
+gewohnt, sich über alles Schöne oder Unedle
+ganz bestimmt zu äußern, die der Kunstwerke
+Vorzüge, nach dem richtigsten Takt mit Beifall
+lohnte, und ihre Mängel eben so durch Tadel
+strafte, wußte &mdash; unerhört in den Annalen dieser
+Bühne &mdash; heute sich nicht zu entscheiden.
+Kein Lob, kein Mißfallen, allgemeine Stille.
+So blieb es auch bei den folgenden, immer gedrängt
+besuchten Vorstellungen.
+</p>
+
+<p>Gelino wollte aber auch auf dem kleinen
+Theater des Pallastes etwas sehn. Er sprach mit
+dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten
+bunte, regellose Sachen aufführte. Dieser trug
+ihm eine kurzweilige Posse an, genannt:
+</p>
+
+<p>Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren.
+</p>
+
+<p>Gelino war es zufrieden, und lud so viele
+Fremde, als der Raum nur fassen konnte.
+</p>
+
+<p>Als der Vorhang weggenommen war, wollten
+die Zuschauer fast vor Lachen sticken, über
+die närrischen Kleidertrachten, der dargestellten
+Zeit. Wie war es möglich, riefen viele, daß
+sich die Menschen jemals so unbequem, geschmackwidrig
+und lächerlich umhüllen konnten! Eine
+Hauptbedeckung, grade aufstehend, oben platt,
+<!-- page 262 -->
+einem umgekehrten Becher ähnlich, oder gar ein
+Dreieck mit abentheuerlichen Stülpen! Wie vielerlei
+Lappen hängen an den Männern, der
+natürlichen Form ganz zuwider, mit häßlichen
+Ecken, und dennoch übel gegen die Witterung
+schirmend. Wie muß dies vielfache Einschnüren
+die Körper verunstaltet, ihnen nach und nach
+Kraft und Gesundheit entzogen haben! Und so
+unanständig, pfui, so unanständig! Fürwahr diese
+Urväter mußten grobe Narren sein!
+</p>
+
+<p>Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen
+dargestellt, wo denn aber das Gelächter oft
+mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah
+die Kirchlichkeit, wo unverschämte Priester ganz
+widersinnige, unnatürliche, die Gottheit herabwürdigende
+Mithen, einst einem tief rohen
+Zeitalter kaum anpassend, immer noch als Wahrheiten
+lehren wollten, und das thörichte Volk
+gauklerisch betrogen. Man sahe Fürstenhöfe, wo
+eine widrige Erziehung das Oberhaupt ärmer
+an Geist dastehen ließ, als die Unterthanen am
+Fuß der Staatspiramide, wo es, statt mit der
+Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben war,
+und blödsichtige engherzige Höflinge ihm eitel
+Lügen sagten, wo das wahnsinnige Volk endlich
+<!-- page 263 -->
+durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb.
+Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten
+ab, wo ein europäisches Volk das andere
+um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies
+mußte jetzt grade so viel Widerwillen erregen,
+als eine Darstellung des kleineren Faustrechtes, zwischen
+den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts,
+wenn sie das neunzehnte sah. Die Thorheiten,
+allerhand Sisteme der Philosophie zu wechseln,
+durch Bücher voll Unsinn Irthümer auszubreiten,
+durch falsche Finanzoperationen ganze Länder
+verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit
+der Dingenmaaße und Sprachen, den Ideentausch
+zu erschweren, überströmte eine witzige
+Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am
+Ende begegnete sich alles in dem Ausruf: O
+ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino
+erläuterte aber der Versammlung, daß doch auch
+nicht jeder damals die Schellenkappe getragen
+habe, nannte ehrwürdige Namen von Männern,
+die sich ein großes Verdienst in Bezeichnung der
+besseren Pfade erworben hätten, und schloß: es
+sei für die Menschheit nothwendig gewesen, durch
+dies dunkle Labirinth zu gehen, um den Gegensatz
+erhellter Vernunft wohlthätiger zu begreifen. &mdash;
+</p>
+<!-- page 264 -->
+
+<p>Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend
+Merkwürdigkeiten, welche aufzuzählen der Raum
+hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der
+Anatomie, welche sie als eine der vorzüglichsten
+Anstalten zu Paris besuchten, und wohin sich
+jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen
+drängte.
+</p>
+
+<p>Die Veranlassung war diese:
+</p>
+
+<p>Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung
+von ganz Europa, ein Bürger in Paris mehrere
+todeswürdige Verbrechen begangen. Das Gesetz
+zauderte lange mit seinem Spruch, und wollte
+ihn endlich nach Spitzbergen verweisen, wohin,
+wie wir schon wissen, solche Unglückliche kamen,
+deren Vernunft sie nicht von der Schönheit eines
+gesetzlichen Lebens überzeugen konnte. Die
+Kolonie in Spitzbergen hörte aber davon, und
+indem jeder Einzelne dort sich rein gegen jenen
+Bösewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht
+und verbat die Verunehrung.
+</p>
+
+<p>Man wankte von einer Meinung zur anderen.
+Seit mehr als einem Jahrhundert war in Europa
+keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab
+keine Henker und Hochgerichte mehr. Dennoch
+hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen
+<!-- page 265 -->
+verwirkt, und hatte er das furchtbare, gräßliche
+Schauspiel unerhörter Frevel geben können, war
+das Beispiel einer eben solchen öffentlichen Ahndung
+gerecht. Zuletzt entschied man denn für
+seinen Tod, doch über die Art desselben konnte
+man sich nicht einigen.
+</p>
+
+<p>Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde
+auf. Laßt ihn durch seinen Tod nützen, sprach
+der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung
+bereichern. Wir entdeckten eine geistige
+Flüssigkeit, viel vervollkommnet gegen die, welcher
+sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische
+Organe dauernd aufzubewahren. Sie erhält
+einen Körper genau in dem Zustande, worin
+er ihr übergeben wird. Ich rathe, wir füllen
+ein weites Gefäß mit diesem Fluidum. Der
+Verbrecher werde entkleidet und darin ertränkt.
+Dann soll aber das Gefäß verschlossen werden und
+funfzig Jahre lang unberührt bleiben. Nach
+Verlauf dieser Zeit aber soll man den Körper wieder
+herausnehmen, und die gewöhnlichen Mittel,
+welche im Wasser Verunglückte oft ins Leben
+rufen, anwenden. Meine Theorie weissagt, man
+werde sich nicht umsonst bemühn, denn die Lebenskraft
+ist nicht entflohn, alle Theile sind in
+<!-- page 266 -->
+ihrer Vollkommenheit erhalten worden, weil der
+Reitz des geistigen Feuers in unsrer Flüssigkeit,
+der Auflösung Widerstand leistet. Irre ich nicht,
+so wird es merkwürdig sein, einen Mann zu
+sehen, der funfzig Jahre lang schlief, er wird
+manches wissen, das die Alten und Geschichtschreiber
+vergaßen. Künftig könnte man sogar
+Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und gewiß
+mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem
+Weiterstreben der Menschheit, manches Gute
+unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit
+heilsam werden kann.
+</p>
+
+<p>Der Arzt sah sich häufig bestritten, man lachte
+sogar über ihn. Endlich aber erklärte ein Geschichtforscher:
+er habe in einem alten Buche gefunden,
+daß einst im achtzehnten Jahrhundert,
+der Mann, welcher die ersten Gewitterableiter
+erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera,
+die im Weinfasse nach Nordamerika gekommen
+wären, und zehn Jahre lang im Keller
+gestanden hätten, wieder lebendig gemacht habe.
+</p>
+
+<p>Was wollt ihr nun? fragte der Arzt.
+</p>
+
+<p>Fliegen und Menschen! spöttelten seine
+Gegner.
+</p>
+
+<p>Nun, es kömmt auf den Versuch an, hieß es
+<!-- page 267 -->
+endlich, und man beschloß, den Rath zu vollziehn,
+was auch geschah.
+</p>
+
+<p>Das Faß mit dem Ertränkten wurde in einem
+festen Gewölbe bewahrt, vor dessen Thür der
+Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete
+der Nachwelt die Thatsache und bat daneben:
+falls der Verbrecher wirklich wieder zum Dasein
+gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht
+der erlittenen Todesangst, aufzuheben. &mdash;
+</p>
+
+<p>Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen.
+Der Tag des Versuches wurde beraumt. Die Naturkundigen
+schrieben für und gegen jenes, schon
+lange gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte
+Wetten an, ganz Paris sprach von nichts, als
+dem Manne im Spiritus.
+</p>
+
+<p>Gelino hatte, durch bedeutende Fürsprache,
+die Erlaubniß des näheren Zutritts für sich und
+seinen Zögling empfangen. Man brach die Siegel,
+fand das Gefäß unversehrt, das nun in den
+Saal der Anatomie geschafft wurde.
+</p>
+
+<p>Auf Erhöhungen saßen die eingelassenen Zuschauer,
+die Naturkundigen hatten sich um den
+Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrängt.
+</p>
+
+<p>Der Körper ward aus seinem feuchten Grabe
+gezogen, auf den Tisch gelegt. Alle Theile waren
+<!-- page 268 -->
+so frisch, als hätten sie nur eine Stunde
+darin gelegen, das Gesicht bläulich aufgetrieben
+wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd
+blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den
+Ausgang.
+</p>
+
+<p>Die gewöhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung,
+man brachte die Flüssigkeiten aus der
+Luftröhre, rieb, erwärmte, flößte ein, u. s. w.
+Doch verging eine Stunde nach der anderen,
+ohne daß der Zustand des Kadavers sich im mindesten
+umwandelt hätte. Nicht wahr, wir hatten
+Recht? sagten die Ungläubigen, wer seine
+Wette verlohren glaubte, zog ein verdrießlich
+Gesicht.
+</p>
+
+<p>Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert
+der Spiritus, den die Einsaugungsgefäße
+aufnahmen, durch den zu großen Reitz den Umschwung
+der Säfte. Suchen wir ihn in einem
+Schwitzbade auszuführen, das ohnehin durch den
+hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen
+wird.
+</p>
+
+<p>Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft,
+entgegnete der Vorsteher, indessen kann man ein
+Uebriges thun.
+</p>
+
+<p>Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige kräftige
+<!-- page 269 -->
+Männer begaben sich mit dem Körper hinein,
+und ließen die Temperatur höher treiben,
+als sie wohl einst ein Blagden ausgehalten hat,
+während sie ihre Bemühungen unermüdet fortsetzten.
+</p>
+
+<p>Vom Saale schickte man jeden Augenblick
+nachzufragen. Die Nachricht langte an: der Kadaver
+schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte
+der eine Theil: es sind die Dünste des Bades,
+die sich anlegen, stritt der Andere.
+</p>
+
+<p>Nach einer halben Stunde schrie ein Bote
+athemlos: Athem! &mdash; Irrthum, Irrthum! &mdash;
+Seht ihr, seht ihr! &mdash; Ich hab&rsquo; es selbst empfunden.
+</p>
+
+<p>Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit
+eignem starren Puls: &mdash; Puls &mdash; Unmöglich! Warum
+unmöglich? &mdash; Meine Hand fühlte ihn.
+</p>
+
+<p>Man wußte nicht woran man war, doch fing
+der Unglaube an, kleinlaut zu werden.
+</p>
+
+<p>Der Körper ward nun in dichte Pelze gehüllt
+und wieder in den Saal gebracht. Jedermann
+sah die unzweifelhafte Verändrung des Gesichtes,
+die Bläue war geschwunden, ein brennendes Roth
+überzog es, wenn sonst schon sich keine Bewegung
+<!-- page 270 -->
+zeigte, es auch unempfindlich gegen Anrühren
+mit spitzigen Instrumenten war.
+</p>
+
+<p>Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog
+weg, alle, welche an die Pulsader griffen, bezeugten,
+ein leises Klopfen wahrzunehmen.
+</p>
+
+<p>Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden,
+so daß der Zweifel wieder die Stimme erhob,
+und jene Anzeigen Täuschung nannte. Dann
+schrie aber alles plötzlich auf! Das eine Auge
+hatte sich geöffnet und wieder geschlossen. Nicht
+lange, so geschah das Nämliche mit dem zweiten,
+eine Stunde noch, und das erste Wort floh von
+den Lippen, die funfzigjährige Erstarrung geschlossen
+hatte.
+</p>
+
+<p>Niemand mied den Saal. Man vergaß über
+die Neugier die gewohnte Nahrung zu nehmen,
+immer das Auge auf den Körper geheftet. Die
+ganze Nacht verstrich so, während hin und wieder
+die Sprache, doch verwirrt, hörbar wurde.
+Am andern Morgen aber war die Besonnenheit
+vollkommen da, der wieder Lebende sprach von
+seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um
+Erbarmen.
+</p>
+
+<p>Man sagte es zu, schonte seiner auf alle
+Weise, pflegte, stärkte. Er besann sich in ein
+<!-- page 271 -->
+Faß geworfen worden zu sein, meinte aber, man
+habe ihn nach wenig Minuten wieder herausgenommen,
+die Todesstrafe in eine andere zu verwandeln.
+Man sah also, daß ihm damals die
+eigentliche Absicht nicht vertraut worden war.
+Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen
+der Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis
+auf einen, der, ein hundertjähriger Greis, sich
+mit im Saale befand, und über das, den meisten
+Unverständliche, was der Mann sagte, Aufschlüsse
+gab.
+</p>
+
+<p>Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er,
+wie bleich, wie gerunzelt deine Wangen, Richter,
+wie weiß dein Haar! Was hat dich seit gestern
+so verändert? Und all diese Leute, wie seltsam
+sind sie gekleidet! Wo bin ich? Wohin
+brachtet ihr mich?
+</p>
+
+<p>Man half ihm auf, führte ihn an ein Fenster.
+Er sah viele unbekannte Gebäude, vermißte
+viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig?
+Wo ist der Pallast geblieben, der dort
+gestern noch stand? Wie kömmt so plötzlich der
+große Tempel nach jener immer leeren Stelle?
+Was soll ich denken?
+</p>
+
+<p>Es war Zeit, ihm die Räthsel zu lösen, sein
+<!-- page 272 -->
+Verstand hätte durch die unbegreiflichen Erscheinungen
+in Zerrüttung sinken können.
+</p>
+
+<p>Wer malt nun aber sein Staunen! &bdquo;Funfzig
+Jahre hätte ich geschlafen? Unmöglich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Man zeigte ihm Bücher mit der laufenden
+Jahrzahl, rief einige Personen, deren er sich als
+Jünglinge oder Kinder entsann, deren jetzige
+Gestalt keinen Zweifel bestehen ließ. Er konnte
+es dennoch immer nicht glauben, ihm war, als
+sei er vor wenigen Minuten versunken, und
+rühmte wiederholt die Süßigkeit seines tiefen
+Schlummers.
+</p>
+
+<p>Endlich mußte er aber die Wahrheit erkennen,
+und wurde durch ganz Paris geführt, wo Fenster
+und Dächer, wie sich denken läßt, mit Zuschauern
+überfüllt waren. Geschichtforscher und Antiquare
+ließen ihm daheim keinen Augenblick Ruh, und
+erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte,
+durch seinen Mund.
+</p>
+
+<p>Er hatte nun gehört, die weitere Strafe
+sei ihm erlassen. Doch rief er: Mein Gewissen
+klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht!
+</p>
+
+<p>Man entgegnete: Möchte vor funfzig Jahren
+geschehen sein, was da wolle, die Zeit hätte
+einen Schleier darüber geworfen, auch seitdem
+<!-- page 273 -->
+Erziehung und Moral wieder so viel an Vollkommenheit
+gewonnen, das solche Verbrecher
+wohl nicht mehr aufständen. &mdash; So gebührt mir
+die Strafe jener Zeit. Sendet mich in die Verweisung,
+entgegnete er.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung
+selbst, wenn du die lange Verweisung
+aus der Gesellschaft überständest.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Gut! Laßt mich ein Jahrlang unter euch
+leben. Dann will ich, mein Gewissen zu entladen,
+freiwillig abermal in das Gefäß. Ihr
+übergebt mich den Enkeln auf Hundert Jahre.
+Weit nützlicher kann ich einst jener Zeit sein,
+mir ist es gleich, den Rest meiner Tage nun oder
+dann zu beschließen, ja es ist wohl im letzten Fall
+noch weit merkwürdiger. In diesem Jahre will
+ich mich von den Veränderungen der Welt während
+meines Schlafes überzeugen, und ohne
+Zweifel werde ich oft staunen.
+</p>
+
+<p>Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses
+Menschen von einer Seite zu beneiden, und
+willfahrtete ihm übrigens.
+</p>
+
+<p>Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts
+mehr davon ab, sondern machten sich auf den
+Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr
+<!-- page 274 -->
+diesmal so schnell, daß Beide, unweit Paris ein
+wenig entschlummernd, nicht ehe als über London
+wieder erwachten, und deshalb auch den
+Damm zwischen Calais und Dover nicht sahn,
+welchen man eben zur engeren Verbindung Frankreichs
+mit Brittanien anlegte. Er lief von beiden
+Küsten ins Meer, von ungeheuren eingesenkten
+Felsstücken erhöht, und, damit der Seestrom
+den freien Durchgang behielte, von Hundert
+Klaftern zu Hundert Klaftern mit Brücken aus
+Hangewerk unterbrochen, die jedoch sämmtlich
+höher waren, als das Gewölbe des Rialto zu
+Venedig. Denn die größten Kriegschiffe fanden
+mit allen aufgezogenen Segeln kein Hinderniß.
+</p>
+
+<p>London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch
+seine glückliche, zum Handel bequeme Lage, und
+einen edlen Wetteifer im Kunstfleiß, ohne den
+unsinnigen frevelhaften Vorsatz, alle übrigen Nazionen
+der Erde zu Grunde richten zu wollen.
+</p>
+
+<p>Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den
+sich England Ehedem zuzog, sah man hier auch
+Reichthum, doch, mehr dem Schein als der
+Wirklichkeit nach. Das Land war seine ganze
+Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare
+Geld, oder vielmehr seine Darstellung in Papier,
+<!-- page 275 -->
+war in die Hände von etwa Dreißigtausend
+Gläubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre
+Zinsforderungen befriedigen zu können, wurden
+dem übrigen Volke unerhört drückende Gaben
+aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und
+endlich völlig erschlaffte Staatskraft, mußten die
+Folgen sein. Freilich retteten sich die Wohlhabenderen
+nach Bengalen, und späterhin, wie dir
+bekannt ist, nach Polinesien, wo das jetzt mächtige
+Reich durch sie gegründet, und mindestens
+die Kultur nach früherhin fast unbekannten Erdgegenden,
+verbreitet wurde; doch die zurückbleibenden
+traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie
+sich auch wieder zum gemessenen Streben ermannten,
+und im freundlichen, auf ewigen inneren
+Frieden gegründeten Bund mit Europa, ein
+festeres Gedeihen als je fanden.
+</p>
+
+<p>Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl
+verfallen, die Westminsterabtei. Ueber das,
+dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete,
+Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts
+vermocht.
+</p>
+
+<p>Der Luxus war dem in Paris ähnlich, die
+Reisenden bezogen wieder einen Miethpallast der
+jenem nichts nachgab. Man hatte einen öffentlichen
+<!-- page 276 -->
+Garten, wo das alte Eden nachgeahmt
+war und in der That Milch und Honig in Bächen
+floß. Es gab aber auch Teiche von Portwein,
+Rum, Punsch, auf denen man in Nachen
+aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen
+Metallen fuhr, Bäume von denen man leckere
+Konfituren pflückte, gebratene Vögel die in der
+Luft flogen (sie waren mit brennbarer Luft gefüllt),
+gespickte Haasen, die umherliefen (eben
+so in Bewegung gesetzt), Puddings, Roßbeefstücke,
+Hammern, Austern, Bifsteeks von großem
+Umfang, die Pilzen gleich aus der Erde
+wuchsen, (denn die Küche hatte unterirdische
+Gänge). Bisweilen regnete es Limonade, hagelte
+Zuckerwerk oder fror süßes Pistazieneis.
+Der Eintritt in diesen Garten kostete
+aber, nach altem Münzfuß gerechnet, Hundert
+Guineen.
+</p>
+
+<p>Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches
+Bett aufgeschlagen. Wer nun die Beschreibung
+davon lesen wollte, mußte so viel zahlen,
+als für den Eintritt in jenen Lustgarten, daneben
+einen Eid schwören, nicht auszuplaudern.
+Guido las, ward von den Vorstellungen unendlich
+zauberisch ergriffen. Der Lehrer sagte:
+<!-- page 277 -->
+Wirst du einst im Mariatempel das Band ewiger
+Liebe knüpfen, dann bediene dich dieser Erfindung.
+Der Jüngling loderte in Flammen,
+und verwahrte dieses Wort treu.
+</p>
+
+<p>Die Bühnen zu Coventgarden und Drurylane
+waren nicht mehr vorhanden, es gab andere
+und in größerer Zahl. Das vorzüglichste hieß
+Shakespears Theater, doch nicht nur der Name,
+sondern auch die Werke des alten Dichters hatten
+ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben
+der Vorliebe für ihn, viel Nazionalgeschmack
+von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem
+übrigen Europa, hatten ihn nicht ganz aufgehoben,
+was auch in anderen großen Provinzen
+der Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war.
+Man gab Shakespears Trauerspiele noch immer,
+jedoch übersetzt in die allgemeine Sprache
+des Erdtheils, deren Vollkommenheit sie indessen
+nichts verlieren, sondern viel an Kraft, Ausdruck,
+Bedeutung gewinnen ließ. Die Theaterkunst
+trieb es so weit als in Paris. Führte man
+den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches,
+sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff
+scheiterte. Denn ein großes Wasserbecken gehörte
+zu dieser Bühne, die man bei solchen Gelegenheiten
+<!-- page 278 -->
+unmerklich an seine Ufer rollte. Im
+Hamlet war der Geist ein Riese, dessen Haupt
+weit über den Pallast emporragte, und den auch
+der Mond durchschien. Bankos Gespenst in
+Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller
+Augen in Nichts und dennoch hatten sie gesprochen,
+gehandelt. Dies war immer die Wirkung<a id="corr-19"></a>
+kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche
+Illusionen hervorgebracht wurden.
+</p>
+
+<p>Guido verlangte jedoch von den Ergötzungen
+weg, deren er schon so vielen beigewohnt hatte,
+um die große Flotte zu sehen. Wie in der Provinz
+Moskau das Landheer den Hauptsitz hatte, waren
+Brittaniens Häfen, und vorzüglich London,
+der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf
+der Themse lagen die meisten Orlogschiffe, welche
+zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und
+gefahrvolle Küsten und Zwischenmeere besuchten,
+die Piloten und niedern Mannschaften desto vollkommener
+zu unterrichten. Jetzt nahte das
+Spätjahr, mit den um die Zeit der Nachtgleiche
+gewöhnlichen Stürmen, wo die Hauptprüfung
+Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von
+London ins Kattegat gehn, eine andere von
+Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung
+<!-- page 279 -->
+welche bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbinden,
+und dann wollte man zwischen den Belten
+Seekämpfe halten.
+</p>
+
+<p>Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu,
+Konstantinopel waren übrigens auch Kriegshäfen,
+doch der obern Leitung der Admiralität zu London
+übergeben worden.
+</p>
+
+<p>Die Flotte gehörte wie das Landheer dem
+Föderalismus. Ihre junge Mannschaft zog sie
+aus allen Küstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten,
+wie sein Unterricht, seine Entlassung
+oder Beförderung zu wichtigeren Stellen, wurden
+nach Grundsätzen verfügt, die jenen beim Landheere
+ähnlich waren.
+</p>
+
+<p>Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber
+war die Seemacht wohlgerüstet, wohlgenährt, besaß
+sogar Schätze genug, um einen langen Krieg
+aus ihren Mitteln führen zu können. Dies
+machte, weil die Schiffe sechs Monate im Jahre
+zum Handel gebraucht werden durften, den die
+Admiralität, für Rechnung der Flotte, nach allen
+Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit
+durch ganz Europa machte ihn noch weit einträglicher.
+</p>
+
+<p>Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der
+<!-- page 280 -->
+auszulaufenden Fahrzeuge, sagte ihm, wie er
+sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet
+habe, dennoch aber einer Seeübung als Freiwilliger
+beizuwohnen wünsche. Die Erlaubniß
+wurde auf seine Bitte zugestanden, nachdem
+er vorher bedeutende Proben seiner Geschicklichkeit
+im Schwimmen, Fechten und Schießen nach
+dem Ziel, abgelegt hatte.
+</p>
+
+<p>Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere
+Art geführt als Ehedem. Man zählte auch
+drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge,
+suchte brennende Stoffe auf die feindlichen
+Galleonen zu werfen und Masten oder
+Segelwerk zu zerstören. Sie ward im Vollziehen
+und Abwenden nach Bedarf geübt. Die andere
+diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise.
+Es gab Schützen, welche dicht bepanzert an
+Strängen hingen. An den Masten wurden sie
+staffelförmig zur Höhe gezogen, damit ein dichter
+Rohrhagel zugleich konnte abgesendet werden,
+und nach dem Feuer hinter die Brustwehr zurückgesenkt,
+dort laden zu können. Einem feindlichen
+Schiffe nahe, mußten sie auf einer Fallbrücke
+hinüber und mit dem Schwert wüthen, blieben
+demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um
+<!-- page 281 -->
+sie im schlimmen Falle, eilig wieder auf das eigene
+Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen,
+noch kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie
+bedienten sich immer der glühenden Kugeln, denen
+zweckmäßig ersonnene Oefen, in einem Augenblick
+die nöthige Hitze gaben. Auch lange
+Schwerter wurden in Bögen von oben nach unten,
+und von einer Seite zur andern, aus dazu
+geeigneten trogartigen Mörsern geworfen, Tauwerk
+und Segel zu verwüsten. Es gab Schiffchemiker,
+welche die Brandmaterien anfertigten,
+womit man noch wirksamer als selbst durch die
+glühenden Bälle zu zerstören strebte, und auch
+wieder Stoffe, welche den verderblichen Lauf
+derer, welche der Feind sandte, hemmen konnten,
+alles Resultate von Erfindungen welche die Vorzeit
+noch nicht ahnte. Es gab Seemechaniker,
+die bewunderswürdige Maschinen lenkten. Dahin
+gehörten die schnellen Ruderwerke, welche
+bei Windstillen dienten; die künstlichen Steuer,
+geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit
+zu drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte
+man dennoch als den wichtigeren betrachten. In
+den schon beschriebenen Taucherhütten galt da
+der schlaue grimmige Kampf. Unter den Bauch
+<!-- page 282 -->
+der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst fürchterlicher
+Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch
+fürchterlichere Petarden anzuschrauben, deren Pulver
+auch im Wasser seine Kraft übte. Wer hätte
+nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstörungsmitteln
+müßte es in wenigen Minuten um ganze
+Flotten geschehen sein, dennoch begründeten die
+Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Kräfte,
+und zeigte der Feind dieselbe Kunst, hing
+die Entscheidung oft an Zufälligkeiten. Die Befehlhaber
+gestanden auch, wie die Flotten von
+Afrika oder Amerika, eben so wohlgerüstet und mit
+kunsterfahrnen Kriegern bemannet wären, daß
+also hier von keinem überwiegenden Vorzug die
+Rede sei, und derjenige ein wichtiges Verdienst um
+den Meerkrieg erwerben könne, der etwas aufzufinden
+im Stande sei, das, den Fremden unbekannt,
+in der nächsten Fehde den gewissen
+Ausschlag gäbe.
+</p>
+
+<p>Dies Wort warf einen Funken in Guidos
+Einbildungskraft, und ließ sie aufflammen.
+Sollte diese Aufgabe nicht zu lösen sein? fragte
+er sich. Und warum nicht? Strebt doch alles
+höherer Vollkommenheit entgegen. Er sann weiter
+über diesen Vorwurf nach.
+</p>
+<!-- page 283 -->
+
+<p>Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte
+von dem Lehrer Abschied genommen, der in
+London zurückblieb. Bei einem wüthenden Orkan
+stach man um Mitternacht in See, doch die
+Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen. Gegen
+den Wind kämpften die Ruderwerke, die
+Klippen und Sandbänke, nach welchen zu steuern,
+mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte
+Geographie des Meergrundes und der Piloten
+Besonnenheit. So langten die Schiffe nach wenig
+Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen
+bei einem dunkeln Nebel auf jene, welche
+die feindliche Rolle gaben, und der Kampf
+begann.
+</p>
+
+<p>Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor,
+stieg dann wieder in sein Schiff nieder,
+und senkte sich endlich mit den Tauchern in die
+Tiefe. Er wollte von Allem genaue Kunde zurückbringen,
+Jedermann sah sich befremdet durch
+seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer.
+</p>
+
+<p>Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei
+Schiffe von der Gegenparthei, schnitten der diesseitigen
+Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich
+umringt, und von den Masten dort wehte das
+Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es nicht,
+<!-- page 284 -->
+den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, abzulehnen.
+Man wandte alle Mittel an, den
+Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder
+alle Vorkehrungen trafen, es zu hindern; denn
+sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte
+Bewegung ausgeführt zu haben.
+</p>
+
+<p>Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm,
+im engen, klippenvollen Meere, gehaltenen Uebungen
+keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die
+empörten Fluten, wo ihn weder das eigne fertige
+Schwimmen, noch die Hülfe der Kameraden
+zu retten vermochte; doch die Röhre lud
+man nicht.
+</p>
+
+<p>Allein auf dem bedrängten Schiffe &mdash; Guido
+befand sich eben hier &mdash; kam ein Artillerist auf
+den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten,
+daß er ihre Segel und Ruderwerke zerstörte.
+Strafwürdig füllte er also sein Geschoß
+ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so
+wohl, daß ein Fahrzeug drüben bald außer Stand
+gesetzt wurde, seine Bewegungen willkührlich zu
+lenken.
+</p>
+
+<p>Dies Verfahren machte aber, daß die andern
+wütheten, und Gleiches mit Gleichem bezahlten.
+Ohne daß ihren Konstablern durch die Obern
+<!-- page 285 -->
+Einhalt geschehen konnte, warfen sie glühende
+Bälle ab. Das bedrängte Schiff hatte ein doppelt
+überlegenes Feuer zu leiden, und mußte
+sich nun auch ernst vertheidigen, oder untergehn.
+Das Erste geschah mit zügelloser Hitze, die jedoch
+nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge
+hatte, daß viele Soldaten an beiden Theilen
+todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemüther,
+ergrimmt setzte man den Kampf fort. Die
+Offiziere fielen sämmtlich. Guido, dessen kriegerisches
+Feuer im rasenden Getümmel hoch aufflammte,
+lenkte den Streit, ertheilte so guten
+Rath, daß man sich willig unter seinen Oberbefehl
+stellte. Er drang geschickt auf das eine
+Fahrzeug ein, ließ im gültigen Augenblick die
+Fallbrücke werfen, stürzte sich mit der Hälfte seiner
+Leute auf das feindliche Verdeck, wo man
+sich dieser Kühnheit dennoch nicht versah, und
+sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem
+andern Schiffe, wo es eben so gelang, und
+führte die eroberten Schiffe im Triumphe dem
+Admiral zu. Dieser zürnte, wie billig, verordnete
+Strenge gegen die frevelhaften Urheber des
+blutigen Unfugs, wunderte sich aber hoch, daß
+der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen
+<!-- page 286 -->
+habe gewinnen, und ihm mit so vieler Sachkunde
+und Geistesgegenwart habe entsprechen
+können. Er begriff auch gar wohl, wie ohne
+die schnell beherzte Entscheidung, noch mehr Leben
+würde gefallen sein. Guido wurde mit Lob
+überhäuft, und auf allen Fahrzeugen rühmte
+das eilig umlaufende Gerücht, den kühnen, weisen
+Jüngling. Er bewährte sein Genie auch
+noch höher, indem er in der That die Erfindung
+machte, welche, so lange sie dem Feinde unbekannt
+blieb, ein entschieden Uebergewicht im
+Kampf begründete, und die lange vergeblich gewünscht
+worden war. Sie bestand in einer einfachen,
+doch höchst wirksamen und wohlberechneten
+mechanischen Vorrichtung, mittelst der
+man, ohne es selbst zu verlieren, einem feindlichen
+Schiffe das Gleichgewicht rauben, und es
+rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheimniß
+vertraute er seine Theorie dem staunenden
+Admiral. Dieser fand sie so wichtig, daß er sogleich
+die weiteren Uebungen aufhob, um nach
+London zurückzusegeln.
+</p>
+
+<p>Dort angekommen, ward Guido eingeladen,
+vor einem engeren Ausschuß der oberen Leitung
+der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden
+<!-- page 287 -->
+entworfenen Maschine zu halten. Sie betrogen
+die hohe Erwartung nicht; die Admiralität ertheilte
+ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm
+bekannt: daß dem Strategion und dem Kaiser
+eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst
+um den Seekrieg würde zugesandt werden. Bescheiden
+zog sich der Jüngling zurück, und drang
+in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehrenzeichen
+trug er nicht, sondern übermachte es
+Ini, mit der Bitte, es mit jenem aufzubewahren.
+&mdash; Diese hatte sich aber damals schon von
+Sizilien entfernt.
+</p>
+
+<p>Man schlug nun den Weg nach Spanien ein.
+Hier fand Guido viele Monumente mit traurigen
+Bezeichnungen, und überschrieben: &bdquo;Denkmal
+beweinter Irthümer.&ldquo; Gelino gab ihm
+hierüber folgende Auskunft: Spanien hatte vor
+mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen
+Gipfel des Wohlstandes eingenommen. Freundlich
+durch die Natur begünstigt, sah man zahlreiche,
+kunstfleißige, kluge Bewohner, seiner
+üppigen, reitzenden Gefilde pflegen, in den weiten
+blühenden Städten wohnten Thätigkeit und
+Ueberfluß. Doch ein Sistem frevelhafter Kirchlichkeit,
+weiter von Religion entfernt als irgend
+<!-- page 288 -->
+in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum
+der Verfinsterung, trat mit widrigen Maaßregeln
+seiner Regenten in Bund, und entvölkerte
+nach und nach den gesegneten Erdstrich bis auf
+ein Drittheil der alten Menschensumme. Der
+Zufall ließ Spanien die ersten Vortheile von
+Amerikas Entdeckung ziehn, weite reiche Landschaften
+eignete es sich dort zu, Gold- und Silberminen,
+wie sie zuvor keinem Staate gehörten,
+wurden sein Eigenthum. Doch dieser Umstand
+brachte, statt wiedererwachten Flor, nur
+tiefere Verarmung zuwege; denn Spanien ergab
+sich dem Müßiggang, das Gold wich in die
+Fremde, man sank in Schulden. Zuletzt schwelgten
+nur noch wenige Großen und die Priester,
+die Geisteskraft lag in den Banden des wahnsinnigsten
+Aberglaubens, die Regierung, trotz
+der meerumflossenen und durch die Mauer der
+Pirenäenkette gesicherten Lage von Spanien,
+konnte sich nicht mehr vertheidigen. Die späterhin
+geistesentwölkten Nachkommen, blickten nun
+mit Wehmuth in eine Vergangenheit zurück, die
+so viel Säumniß, das Gute zu erkennen, zu beklagen
+darbot. Sie meinten, wenn man der
+Kraft und Weisheit billig Denkmale stelle, gebühre
+<!-- page 286 -->
+solches auch wohl zerrüttenden Irthümern,
+damit die schaudernden Enkel laut gemahnt
+würden, auf edlem Pfad zu wandeln.
+</p>
+
+<p>Guido seufzte bei dieser Erzählung, freute
+sich aber desto inniger über das nun paradiesisch
+angebaute Land, die prangenden Reisgefilde,
+die duftenden Orangenhaine, die Weingärten,
+alle übrigen, welche er je gesehn, an Schönheit
+hinter sich lassend.
+</p>
+
+<p>Madrit, sagte Gelino, wird dich entzücken.
+Ehedem soll es eine winklige, ohne Geschmack
+aufgeführte, und über alle Beschreibung unreinliche
+Stadt gewesen sein, späterhin ist sie jedoch
+von Grund auf neu erbaut worden, und das,
+dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten
+Klima angemessen.
+</p>
+
+<p>Guido fand die Bestätigung dieser Worte.
+</p>
+
+<p>Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur
+ihrem Boden Früchte erzogen, die man sonst
+nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land,
+durch glückliches Streben und bei reicherem Segen
+der Naturkräfte, manche Erzeugnisse von Afrika
+zu sich verpflanzt. Die Gärten um Madrit sahen
+die edelsten Feigengattungen reifen, der Pisang
+blühte lustig, die Dattelpalme, der Kokosbaum
+<!-- page 290 -->
+breiteten ihre dichten Laubgewölbe in langen
+Blättern aus, die Brodfrucht gedieh auf
+kräftigen Stämmen und erhöhte den Reichthum
+an Lebensnahrung. Gewürzstauden mancher Art,
+sonst ein Eigenthum indischer Eilande, wurden
+auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die
+Lüfte mit den angenehmsten Aromen. Madrit
+hatte sehr breite Straßen, in welche, zur erfrischenden
+Kühlung, Kanäle geleitet waren. Man
+wachte über ihre Sauberkeit mit fleißiger Sorge,
+spiegelhell wogten sie langsam zwischen den marmornen
+Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten
+prangten Baumgänge, und die Straßen hatten
+ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich,
+Granatäpfel, die stattliche Benta von Senegal,
+der nützliche Kapok, die schattige Pflaumenpalme
+u. s. w. waren, welche dort in gleichförmigen
+Reihen standen. In Herbst- und Winternächten
+hüllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben
+waren Frostableiter angebracht. Vor den Häusern
+sah man auch in graden Abtheilungen
+Blumenbeete, und von den platten, mit Geländern
+versehenen, Dächern, winkten allerhand liebliche
+Stauden in Vasen, wie sie auch, von guten
+Steinwölbungen unterstützt, eine Erdlage
+<!-- page 291 -->
+für Lustpflanzen trugen. Die Einwohner brachten
+schöne Morgen und Abende oben zu, verrichteten
+hier mancherlei Geschäfte. Oft klang die
+kastilianische Guitarre, noch, wiewohl sehr veredelt,
+im Gebrauch, in süßen Melodien herab,
+begleitet vom Sopran liebeathmender Mädchen,
+oder der alte Fandango drehte sich auf den Blumenmatten
+der Höhe.
+</p>
+
+<p>Von den vielen Plätzen waren diejenigen,
+welche nicht zu Handelsmärkten dienten, entweder
+mit Lustwäldchen von Cedern oder üppigen
+südlichen Fruchtbäumen bepflanzt, oder in anmuthige
+Wiesenplane umgeschaffen, oder mit
+weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen
+bequeme Gondeln zu Freudenfahrten einluden.
+</p>
+
+<p>So glich Madrit einem großen Garten, und
+die Wohnungen der Menschen darin, Pavillonen,
+Nischen u. s. w. Kaum ließ sich ein reitzenderer
+Aufenthalt erträumen. Es gab auch Tempel
+aus Baumgewölben von seltner Höhe, unten
+mit Meisterwerken der Bildhauerei geschmückt,
+und die Andacht darin hatte einen feierlichen
+Zauber. Der große Hang, die Lieblichkeit der
+schönen Natur zu genießen, hatte auch mancher
+Bühne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben.
+<!-- page 292 -->
+Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele
+unter dem freien Himmelsbogen, oft noch ein
+Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebesabentheuer,
+die die romantisch empfindenden Einwohner
+nicht vergessen hatten.
+</p>
+
+<p>Dem Mansanares war ein Bett von mehr
+Tiefe und Umfang als Ehedem gehöhlt worden,
+er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir
+u. s. w. in Verbindung, welche, jetzt auch
+geeignet Seeschiffe zu tragen, der Hauptstadt
+den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften.
+</p>
+
+<p>Nur Buenretiro und Aranjuez entzückten Guido
+noch mehr, als das liebliche Madrit, und er
+hätte es beweinen mögen, nicht mit Ini in diesen
+Elisäen wandeln zu können. Denn Geschmack
+und Reichthum hatten wetteifernd sich verbunden,
+die Gärten dort, mit Allem, was Phantasie
+und Herz glühend füllen kann, verschwenderisch
+auszustatten. Obgleich der Winter nahte,
+ließ ihn die noch überall grünende Wonne nicht
+ahnen.
+</p>
+
+<p>Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein
+Guido! Wenn diese Lust dich, dem die üppigen
+Vergnügungen von London und Paris langweilten,
+<!-- page 293 -->
+im Streben nach Unterricht, mehr ankettet,
+weil die Natur höheren Theil daran hat,
+freut es mich, doch deinem Zweck darf sie dich
+auch nicht entführen. In tieferer Wissenschaft
+kannst du hier nichts Beträchtliches erlernen,
+dies Volk hat noch manchen Schritt zu thun,
+die alte Säumniß einzuholen, um neben den
+Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir
+wollen nach Lissabon, doch auch da nur kurze Frist
+weilen.
+</p>
+
+<p>Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung
+genug, um zu wollen, was er sollte.
+</p>
+
+<p>Die Luftpost trug die Reisenden bald nach
+der westlichsten Hauptstadt in Europa. Dort befand
+sich unter andern eine berühmte Vorkehrung
+gegen Erdbeben. Weshalb Lissabon so große
+Summen zu diesem Zweck aufgewendet hatte,
+sieht man leicht ein. Die Anstalt würde einem
+Bürger des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts
+so großes Staunen aufgedrungen haben,
+wenn ihm ein prophetischer Geist davon
+hätte Meldung thun können, wie Jedermann
+im zehnten gefühlt hätte, wenn damals die
+Rede von Feuerröhren und Blitzableitern gewesen
+wäre.
+</p>
+<!-- page 294 -->
+
+<p>Doch eine andere Szene fesselte Guidos
+Aufmerksamkeit, wo möglich, noch mehr. Da
+er nämlich am Ausfluß des Tago umherging,
+kam etwas über die See, keinem Schiffe gleichend.
+Das Herannahen des Phänomens setzte
+ihn in nur heißere Verwunderung. Er begriff
+nicht, wie ein Gegenstand von diesem Umfange
+auf den Wogen schwimmen könne. Endlich sah
+er klar, daß es eine Insel sei, und halb Lissabon
+strömte hinaus, sie anzustaunen.
+</p>
+
+<p>Sie kam noch näher. Fernröhre hatten die
+Versammlung Neugieriger schon überzeugt, daß
+sich viele Menschen darauf befänden, welche
+theils auf dem Rasen und in den kleinen Gebüschen
+sich ergingen, theils in einem Wohnhause,
+das man auf dem Eilande erblickte, allerhand
+Zeitvertreib hielten. Wer konnte aber
+das alles erklären? War ein Stück Land irgendwo
+durch ein gewaltsam Naturereigniß losgerissen
+worden, und schwamm es nun zufällig gerade
+auf Lissabon her? Niemand wußte, was er denken
+sollte.
+</p>
+
+<p>Freundlich grüßten aber von der Insel Kanonenschüsse,
+und die dankende Antwort wurde
+vom Kasteel des Hafens nicht vergessen.
+</p>
+<!-- page 295 -->
+
+<p>Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so
+geringe Tiefe, daß sie unfern der Küste ihren
+Lauf enden konnte.
+</p>
+
+<p>Nun offenbarte sich aber, daß Wallfische von
+ungeheurer Größe, deren Köpfe und Rücken
+auch vorher, obwohl nicht deutlich, über der
+Fluth bemerkt worden waren, das Eiland gezogen
+hatten. Die Männer, mit ihrer Lenkung
+bis dahin beschäftigt, spannten sie jetzt von den
+unerhört dicken Geschirren, warfen Anker von
+seltener Schwere, und banden die Thiere an
+ihren Tau.
+</p>
+
+<p>Wallfische gezähmt, zum Dienst des Menschen
+angelehrt? rief Alles; in wem erwachte zuerst
+der kecke Einfall? welche Mittel ersann er,
+ihm Wirklichkeit zu geben?
+</p>
+
+<p>Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige
+Männer ans Land, fast erdrückt von Portugiesen.
+Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis
+in ihrer Mitte, nannten ihn den Besitzer des
+unerhörten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun
+um Auskunft an, er mußte einen Balkon
+besteigen, zu der immer mehr angewachsenen
+Menge zu reden.
+</p>
+
+<p>Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein
+<!-- page 296 -->
+Geburtsort, hub er an. Schon mein Vater kam
+in früher Jugend auf die Vermuthung, es werde
+möglich sein, sich Fischen mit seinem Willen
+verständlich zu machen, und ihre geringe Denkkraft,
+mit der vielumfangenden menschlichen, in
+Beziehung zu setzen. Denn, dachte er, geht
+dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der
+Grund, es werde hier nothwendig mißlingen?
+Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die den
+verlacht haben würden, der behauptet hätte,
+man könne Roß oder Stier zum dienenden Knecht
+machen. Genug, mein Vater begann sein Werk
+mit unsäglicher Mühe. Kleine Flußfische in Becken
+waren es, womit er den Anfang machte.
+Die Nachbarn fragten, wozu denn das je nützen
+solle? Dies mochte mein Vater auch noch nicht
+recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und
+nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen
+Aal zeigen, welche auf seinen Wink allerlei kleine
+Künste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man
+herzu, sah es an, zuckte hernach aber die Achsel
+ob der eiteln Mühe. Doch mein Vater fuhr
+fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai,
+sehr jung eingefangen, kamen an die Reihe.
+Er fand bei diesen Thieren größere Gelehrigkeit,
+<!-- page 297 -->
+mit gebändigterem Muth bei dem folgenden Geschlecht
+verbunden, das er zog. Mit dem dritten
+ging es noch weiter. In einem großen
+Teich, den Meerwasser füllte, hatte der Vater
+eine Menge Kabliaue und Haie, ruderte sich auf
+demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen
+auf seinen Ruf, empfingen Speise, entfernten
+sich wenn er es haben wollte, ließen sich ergreifen,
+sprangen sogar in den Nachen, und schmeichelten
+ihrem Herrn, indem sie aber zu bitten
+schienen, sie wieder in ihr Element zu entlassen.
+</p>
+
+<p>Mein Vater genoß keinen Vortheil davon,
+als daß er von denen, welche die seltsamen
+Künste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein
+Zutrittgeld erlegen ließ, wodurch er aber dennoch
+eine artige Summe gewann.
+</p>
+
+<p>Eines Tages blieb ein großer Hai ganz zufällig
+an dem Stricke hangen, womit mein Vater
+den Nachen am Lande zu befestigen pflegte.
+Und so zog er diesen, indem er fortschwamm,
+hinter sich. Das kann ein neues Kunststück geben,
+dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug
+für zwei Haie an. Erst thaten die Thiere
+unbändig, eine Last hinter sich empfindend, und
+<!-- page 298 -->
+einen Zügel im Mund, sie wollten ihre Bande
+zerreißen, schossen gegen den Grund, was den
+Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte
+Liebkosung, Fütterung, wie sie sie gern empfingen,
+und nach Jahr und Tag, gab mein Vater
+seinen Haien ein Zeichen mit einer im Wasser
+bewegten Glocke, sie kamen, ließen sich Zaum
+und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man
+wollte. Gegen das Ende seines Lebens fuhr der
+Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere,
+holte von einem Küstenorte zum andern allerhand
+Waaren.
+</p>
+
+<p>Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter
+nach. Wie, wenn man Seeschiffe so fortbringen
+könnte? Man dürfte des entgegenwehenden Windes
+oft spotten, hätte nicht nöthig zu kreutzen, würde
+mehr Herr der Zeit, bedürfte der kostspieligen
+Ruder nicht, und käme vielleicht schneller als mit
+ihnen davon. Aber da bedürfte es größerer Thiere.
+Wenn indessen der Hai zum Gehorsam zu bringen
+ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch
+sein?
+</p>
+
+<p>Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe,
+und begab mich nach Kanada, mir dort einen
+<!-- page 299 -->
+kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen.
+Seine Enge vorn ließ ich mit einem Damm
+versehn, der durch eine Schleuse gesperrt werden
+konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am
+einsamen Strand, machte Niemand zum Zeugen
+meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich
+vor der Zeit nicht davon geredet wissen, und von
+keinen Neugierigen überlaufen sein wollte.
+</p>
+
+<p>Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen
+war, vieler jungen Wallfische habhaft zu werden,
+wobei mir Taucherhütten und dazu eingerichtete
+Fangwerke dienten.
+</p>
+
+<p>Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen
+war mühevoll. Doch jung, kräftig, ausdauernd
+und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefaßt,
+ließ ich mich nicht ermüden. Daß ich kurz
+bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben funfzig
+ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich
+mich aber auch belohnt. Es war mir ein Schertz,
+eine Brigg oder einen Dreimaster von wohleingefahrenen
+Wallfischen dahin schleppen lassen, ich
+sah jedoch auch ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer
+noch mehr leisten könne. Da fertigte ich
+einen großen Floß, aus aneinander gefügtem
+<!-- page 300 -->
+Treibholz, bewarf ihn mit durchsiebter fruchtbaren
+Erde und pflanzte allerhand Gras und
+Kräuter darauf. Einige erhöhte Hügel konnten
+Katalpen und Akazien, andere Fruchtbäume tragen.
+Ein gemächlich Wohnhaus und Speicher zu
+Waaren folgten. So entstand das künstliche Eiland
+welches ihr seht. Manches Jahr übte ich
+erst die Fahrt in meiner Bai, dann ließ ich den
+Damm mit Pulver wegsprengen, die Insel
+zum Ozean bringen zu können, und langte damit
+wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia
+an. Die Einwohner staunten wie ihr. Man
+überzeugte sich aber bald von der Festigkeit und
+Sicherheit meiner Fahrt und gab mir reiche Ladung
+nach Europa, die ich verlangte. Auch einige
+Passagiere fanden sich, andere wagten es
+noch nicht, die Reise zu theilen. Die meisten
+unter jenen Männern sind meine Knechte. Doch
+fahrt jetzt zu der Schwimminsel hinüber, erschaut
+ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt kaum,
+daß es weiter geht. Welch ein angenehmer Aufenthalt.
+Bei heitrer Witterung lustwandelt man
+auf den Hügeln, schlummert im Grase, belustigt
+sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich
+<!-- page 301 -->
+ladet das Gebäude ein, wo sich mehr angenehme
+Einrichtungen finden, als auf dem größten Schiffe,
+nicht Büchersammlung, Orchesterorgel, Lusttheater,
+Fechtboden u. s. w. fehlen. Eine Taucherhütte
+hängt hinten am Eiland, daß man sich
+auf der Reise beliebig in die Tiefe senken, und
+dort umsehen kann. Dies alles wurde erst in
+Philadelphia vollendet. Und prüft auch meine
+großen Waarenspeicher. Wohl mehr noch als ein
+Dutzend große Schiffe, vermag ich zu laden,
+wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbniß
+blosgestellt, und dennoch geht meine Insel nicht
+tief, weil ihre Breite und Länge im ausgleichenden
+Verhältniß zu den aufgebürdeten Lasten
+steht. Eiliger schießen die Wallfische dahin, als
+der günstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben vermag.
+Der Sturm kann ihnen nichts anhaben,
+er trifft sie nicht in ihrer Tiefe. Das Eiland
+ist zu groß um ein Spiel der Wogen zu sein, zu
+hoch, zu fest, durch Brandungen zu leiden;
+stranden kann es nicht leicht, und wenn auch, es
+ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind
+Winden vorhanden, die es bald wegschaffen.
+Seht, ihr Europäer, dies alles kann des Menschen
+Fleiß ins Werk richten!
+</p>
+<!-- page 302 -->
+
+<p>Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen
+genug finden, die Neugierigen überzusetzen.
+Daß Gelino und Guido nicht zurückblieben versteht
+sich. Man fand alles, wie der Mann gesagt
+hatte, bewunderte am meisten die Sielen
+und Zugketten der sechs Meerungeheuer, und
+sahe zu, wie sie gefüttert wurden und die Knechte
+auf ihren Rücken tanzen ließen.
+</p>
+
+<p>Das Abladen der Waaren begann und der
+Mann verlangte an der Börse Rückfracht nach
+Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen
+machten Alles in wenigen Tagen ab.
+</p>
+
+<p>Während der Zeit erwachte in Guido eine
+heiße Neigung, die Inselfahrt auch zu theilen.
+Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte
+er zum Lehrer, laß uns Plätze miethen. Gelino
+hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr
+Vorsicht als der jugendlich ungestüme Muth.
+Zu wenig ist das noch erprobt, mein Freund,
+antwortete er, Unfälle, die der Mann selbst
+nicht erwartet, könnten uns treffen. Erfahrung
+muß noch deutlicher über den Gegenstand reden,
+vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Stürmen,
+er wähnt nun seine Anstalten über alle Gefahr
+<!-- page 303 -->
+erhoben, und ein Andermal kann sie ihn
+überwinden. Doch dies alles leuchtete unserm
+Guido nicht ein, sein Verlangen wuchs nur am
+Widerstande und er drang so lange mit Bitten
+in den Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug,
+einwilligte.
+</p>
+<!-- page 304 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Viertes Büchlein.</h2>
+
+<p class="sub">Reise außer Europa.</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">N</span>un ward der Vertrag geschlossen, und das
+Eiland bezogen. Niemand fragte um günstigen
+Wind. Als die Ladung eingenommen war, lichtete
+man die Anker, legte die Thiere vor, befreite
+das Eiland vom Grunde, und fuhr unter
+dem jubelnden Nachruf der Menge ab. In wenigen
+Stunden sahn unsre Reisenden die hohen
+blauen Felsenküsten von Portugal nicht mehr.
+Guido war entzückt.
+</p>
+
+<p>Freilich raubte die Jahrzeit der Reise manches
+Angenehme. Im Sommer würde sie viel
+reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man
+bereits in der Mitte des Novembers, in Lissabon
+freilich nicht unbehaglich empfunden, doch
+desto mehr, als man in den nördlicheren Gewässern
+anlangte. Da gewährten die entlaubten bereiften
+<!-- page 305 -->
+Bäume und das falbe, mit dürren
+Blättern überstreute Gras auf der Insel, eben
+keinen freudigen Anblick mehr, auch war sie in
+kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber
+hatte indessen auf das Vergnügen seiner Passagiere
+gedacht, mehrere lebendige Hasen, Füchse,
+Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche
+heraus ließ, damit man sie jagen könne. Einige
+der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido
+nicht, wohlthätige Schonung gegen Thiere lag
+in seiner Sinnesart. Er blieb meistens bei Gelino
+im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit
+verkürzend.
+</p>
+
+<p>Auf der hohen See wütheten einige Stürme,
+die Balken der Gebäude krachten, die Wellen
+spülten ihren weißen Schaum über die Ufer.
+Unbesorgt, rief der Pilot, es hindert unsere
+Fahrt nicht! In der That war es auch also.
+Die Wallfische schwammen dann tiefer, als die
+Wogen vom Sturm bewegt wurden, so wenig
+ein Boot vom Kräuseln eines Baches leidet,
+ward auch das Eiland vom hohlen Gewühl des
+Atlantus verletzt. Haus und Speicher widerstanden.
+</p>
+
+<p>Mit großen Reusen fingen die Knechte täglich
+<!-- page 306 -->
+kleinere Seefische in großer Menge, welche
+sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes
+Größe, den Wallfischen gaben. Diese zehrten
+dann, ihren Lauf nicht unterbrechend. Zeigten
+sie sich einmal widerspenstig, wollten eine andere
+Richtung nehmen, als der an großen, mit
+Winden versehenen Pfählen hängende, Zügel vorschrieb,
+neckten einander beißend, oder wollten,
+dem Instinkt folgend, der Fischjagd obliegen,
+strafte man sie durch zackige Mastbäume deren
+Streiche ein Hebel auf sie fallen ließ. Die bändigenden
+Eisenstangen in ihren Rachen wogen
+mehrere Zentner, und ließen ihnen, scharf durch
+die Maschinen angezogen, die Lust des Ungehorsams
+bald vergehn.
+</p>
+
+<p>Nur vierzehn Tage währte die Fahrt, dann
+lag man auf der Rheede von Philadelphia. Sie
+war schon mit Eis überdeckt, aber das Eiland
+brach sich sowohl Bahn, als die Wallfische unter
+dem Rande hingleitend, ihn leicht wegbröckelten.
+Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten
+zur Stadt, frohlockten über das Vollbrachte und
+wurden mit freudigem Gruß bewillkommt.
+</p>
+
+<p>Gelino war froh, diese Reise überstanden zu
+<!-- page 307 -->
+haben. Sie hatte ihn mehr geängstet, als er
+sich selbst merken ließ.
+</p>
+
+<p>Philadelphia hatte einen großen Umfang und
+viele Schönheiten der Baukunst aufzuweisen.
+An Reichthum und Vergnügungen gab sie keiner
+Stadt in Europa von ähnlicher Größe etwas nach,
+übertraf sie sogar. Denn die Kultur in Nordamerika
+hatte eine Stufe erreicht, welche den
+Vorrang der europäischen streitig machte. Dies
+konnte auch nicht anders sein, da diejenigen
+Mittel, welche einen raschen Gang der Bildung
+begründen können, den Einwohnern schon in
+sehr früher Zeit zu Gebote standen. Die ganze
+Halbinsel von der Honduras-Bai, bis weit hinter
+der Beringsstraße und Kap Lisburn hinauf,
+wie an der östlichen Seite hinter der Baffins-Bai,
+Grönland noch eingeschlossen, war nach einem
+schon frühen glücklichen Kriege, zu einem
+glücklichen Staat vereint, dessen viele weitläuftige
+Lande, jedes seine demokratische Regierungsform
+hatte, und wieder durch einen, dem europäischen
+ähnlichen Föderalismus, sich zur vollkommneren
+Gesammtkraft verbanden. Man war
+auch durch die Vortheile einer bequemeren Weltverbindung
+<!-- page 308 -->
+bewogen worden, die neue europäische
+Sprache einzuführen.
+</p>
+
+<p>Von der Hauptstadt Wassington sprach alles,
+wie von einem Theben oder Babilon, die Ufer
+der Ströme Lorenz, Niagara, Ohio, Susquehannah,
+Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen
+Wohnplätzen besäet. Mexiko, Luisiana, Florida
+waren Erdenparadiese, nördlicher konnte man
+den Zustand der Dinge mit jenem in Spanien,
+Frankreich oder Brittanien vergleichen. Gegen
+die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrichtungen
+von Polen oder Moskau wieder. Im Innern
+des Landes waren die wichtigsten neuen
+Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied
+zwischen Nadovessiern, Huronen oder Ueberkömmlingen
+aus der alten Welt schwand immer mehr,
+da diese Völker durch Heirathen sich verschmolzen
+und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch war
+dies vielleicht auch der Grund, weshalb die
+Nordamerikaner, in der Mehrzahl, an Schönheit
+den Europäern nachstanden.
+</p>
+
+<p>Guido und sein Lehrer schoben es aber bis
+zum künftigen Frühling auf, das Land zu durchwandern.
+Es sollte zudem sehr flüchtig geschehen,
+dann wollten sie nach Südamerika, jetzt
+<!-- page 309 -->
+ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa,
+den ostindischen Eilanden und China. Auch einen
+Besuch am Kaiserhofe zu Calcutta gedachten sie
+abzustatten, und dann, über Persien die Reise
+um den Erdball zu vollenden. Afrika sollte ausgeschlossen
+bleiben, weil die Mißverständnisse,
+schon einige Zeit zwischen den Höfen von Neu-Carthago
+und Rom obwaltend, eine bedenklichere
+Ansicht gewannen.
+</p>
+
+<p>Für die Gegenwart faßten sie den Entschluß,
+einer Reise zum Nordpol beizuwohnen, wovon
+einst schon in Petersburg die Rede gewesen war.
+Sie fanden mehrere Gefährten, die sich eben in
+Philadelphia dazu bereiteten. Niemand sparte
+an den nöthigen Summen, und so trat man den
+Weg bald an.
+</p>
+
+<p>Ueber das alte Land der Eskimos flog die
+Gesellschaft in Luftfahrzeugen dahin, ließ die
+Hundsonsstraße unter sich liegen. Weiterhin
+ward die Kälte in der hohen Region zu empfindlich.
+Man stieg nieder und bediente sich der
+Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis
+über Jones-Sund hinaus noch Anbau, freilich
+nur in zerstreuten Hütten von Einwohnern, die
+im Sommer sich vom Fang der Meerfische, und
+<!-- page 310 -->
+im Winter von jenem der Robben, Seekühe und
+anderer Amphibien nährten. Einen Beweis, daß
+der Mensch nach und nach den Willen aller Thiere
+beherrschen könne, fanden sie hier dadurch abgelegt,
+daß die Wölfe gezähmt und angelehrt waren,
+den Dienst der Hunde bei den Wohnungen
+zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich
+ihrer allerdings mit noch größerem Vortheil.
+Und die Eisbären, in so furchtbarer Gestalt, und
+einer Wildheit, von der Niemand sonst sich würde
+haben träumen lassen, sie sei je zu bändigen,
+fand man in Ställen, um mit ihnen dort zu
+reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, nämlich
+jenseit des achtzigsten Grades nördlicher
+Breite.
+</p>
+
+<p>Die Einwohner, die man wegen ihrer unglaublichen
+Abhärtung ehern hätte nennen mögen,
+ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbären und
+legten artige Strecken zurück, wer aber aus milderen
+Himmelstrichen kam, fürchtete, sie nicht
+lenken zu können, oder auch die zu strenge
+Kälte im Freien, ließ sie also vor die Schlitten
+legen.
+</p>
+
+<p>Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad
+gab es noch ein Dörfchen, bewohnt von Verwiesenen
+<!-- page 311 -->
+aus Nordamerika. Ihre Häuser waren
+auf hohe Säulen gebaut, an welche Treppen
+hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funfzig
+Schuh reichenden, Verschneiung überdeckt zu
+werden. Man sah bei dem allen hier Wohlstand,
+durch den Handel mit Kristall vom Pol, der
+schon bei den Nordländern jener Hemisspähre
+zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den
+Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden,
+welche alljährlich ankamen, zogen.
+</p>
+
+<p>Man hielt alles für diese bereit, was ihnen
+zu Vollbringung ihres Vorhabens nöthig war.
+Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelzwerke
+überall versehn, mit Fenstern aus sehr dickem
+Kristall, mit kleinen Oefen, deren Züge an
+den Wänden umhergeleitet waren, und die vermöge
+ihrer guten Einrichtung<a id="corr-20"></a> nur eines geringen
+Feuermaterials aus Papier bedurften, ließen die
+entsetzliche Kälte vergessen. Der Schnee hatte eine
+gefrorne Decke, über welche sie hingleiteten.
+</p>
+
+<p>Meer oder Land waren vollkommen gleich.
+Einem Schlitten, den etwa vier Wanderer einnahmen,
+folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten
+für die ganze Dauer der Reise. Sie bestanden
+aus Suppentafeln, Gallerten, Austern, Fischrogen
+<!-- page 312 -->
+und anderen Dingen, die viele Nährkraft
+in kleinem Umfang verschließen. Doch nahm
+man auch Früchte in Spiritus, sogar einiges lebendige
+Geflügel mit. Zudem vortreffliche gebrannte
+Wasser und Weinessenzen. Ein dritter
+Schlitten enthielt Feuerungstoff, da über diese
+Linie weg, weder Holz noch Gesträuche sichtbar
+wurden. Ein vierter Nahrung für die Eisbären.
+</p>
+
+<p>Zwei Grad legte man bei dem geschwinden
+Lauf dieser Thiere in vier und zwanzig Stunden
+zurück, wobei man ihnen achte zur Ruhe
+gönnte, sie fütterte und ein Pelzzelt über sie aufschlug.
+Auch vergaß man nicht einen kleinen
+Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur
+für sie durch die eigne zottige Haut gesorgt.
+</p>
+
+<p>Aus Hundert Schlitten bestand etwa die
+Karavane. Es versteht sich, daß die Reisenden
+schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch
+Schnee, Mondschein, Nordlichte oder Laternen
+machten, daß man die dauernde Nacht keineswegs
+hinderlich empfand, ja von diesem fremdartigen
+Schauspiele vieles Wohlbehagen der Neuheit
+genoß.
+</p>
+
+<p>Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg.
+<!-- page 313 -->
+Unfälle störten nicht. Acht Tage noch, seit jenem
+Dörfchen der Verwiesenen, und der Polarstern
+schwebte über Guidos Zenith.
+</p>
+
+<p>Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des
+Erdballs zu stehen, wo der gleichmäßige Sternentanz
+uns umkreist, und der Vollmond (der
+unsern Wanderern eben schien) nicht untergeht!
+Welche Fülle neu angeregter Ideen! Guido
+umfing den Lehrer mit flammenden Dank, daß
+er ihm diese Entzückung bereitet habe. Der
+Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von
+sibirischen Mäusen, Eidervögeln und Zobeln gehüllt,
+auch das Antlitz mit einer guten Larve
+versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlitten
+entfernen, wogegen der muntere Guido
+Stundenlang umherschweifte, bis die Erstarrung
+ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn.
+</p>
+
+<p>Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere
+Pilger vor, die aus Grönland und Samojeden
+dem nämlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselseitige
+Unterstützung linderte die Beschwerden, gab
+den Untersuchungen mancher Art, welche die
+Naturkundigen &mdash; dies waren sie meistens &mdash; anstellten,
+erhöhtes Leben.
+</p>
+
+<p>Einer darunter hatte eine erzene Bildsäule
+<!-- page 314 -->
+Newtons mitgebracht, sie hier aufzustellen<a id="corr-21"></a>. Alle
+zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen
+sie, gebührt dem Manne gerade hier ein Denkmal,
+der schon vor vierhundert Jahren der
+Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu verkündigen
+wußte.
+</p>
+
+<p>Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte Newton
+noch nicht. Die zackigen Spitzen erhoben
+sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im
+Strahl des Mondes, oder vom röthlichen Nordlichte
+erhellt.
+</p>
+
+<p>Viel Pracht der Menschen, viele hohe Schönheitzauber,
+der gerne lieblich oder erhaben gestaltenden
+Natur, war an Guidos Blicken vorübergegangen,
+allein diese diamantnen Kolossen auf
+dem unübersehbaren, ebnen, reinen, weißen
+Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niegeschaute,
+Niebewunderte.
+</p>
+
+<p>Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in
+ihrer Mitte. Es schien ein Vulkan, die Lava
+am Rande ließ es vermuthen. Wichtiger stellte
+sich ein dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe
+steigend, und hoch in der Luft nach allen Seiten
+zerfließend. An diesem Dampf und seiner
+Vermengung mit dem ganzen Luftkreis der Sphäroide
+<!-- page 315 -->
+hing die lebendige Simpathie des Magneten,
+deren Geheimniß aber nicht in diesem
+Traum der Zukunft aufgedeckt werden kann, um
+nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen.
+Die Neigung der Nadel hatte mit den inneren
+Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf
+das größere oder geringere Sinken der Dampfsäule
+wirkten, Verwandschaft. Die Naturkundigen
+meinten, ein Herabsteigen in den räthselhaften
+Krater werde noch einst viel wesentlichere
+Aufschlüsse geben, endlich wohl gar die Anziehekraft
+der Erde erklären lehren.
+</p>
+
+<p>Während die Versammlung mit Instrumenten
+mancher Art forschte, die Beobachtungen in
+Schlitten niederschrieb, mit älteren verglich, sich
+neuer Ausbeute freute, (worüber eine Zeit der
+halbjährigen Nacht hinfloh, die nach dem gewöhnlichen
+Maaß, vierzehn Tage enthält) waren
+die Männer welche die Schlitten führten, beschäftigt,
+Kristallblöcke zu brechen, und auf die,
+zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen
+unbeladenen Schlitten, zu laden. Sie hatten
+diesmal vorzüglich geeignete Werkzeuge mitgebracht
+und bemächtigten sich auch mancher Stücke
+von schöner Seltenheit. Guido nahm eins darunter,
+<!-- page 316 -->
+von ansehnlicher Höhe und Klarheit in
+Beschlag, er wollte es für Ini kaufen und ihr
+Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte,
+da dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz
+überträfe, und dem Diamanten, er mögte natürlich
+oder kunstverfertigt sein, gar wenigen
+Vorzug ließ, so müßte dies das herrlichste Standbild
+auf dem ganzen Erdball werden. Und seine
+Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste
+Schönheit auch die gediegenste Verewigung!
+Doch ein furchtbar schauderhaft Mißgeschick
+brach über Guido herein. Dort so hinaus gewagt
+aus den Kreisen der Menschen, fand der
+Pilger auch einen mächtigeren, schwerer zu bekämpfenden
+Zufall.
+</p>
+
+<p>Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten
+sich schon entfernt, Guidos Karavane machte
+sich fertig, den Rückweg zu nehmen. Da will
+der alte Gelino, dem die Umgebung des Pols
+ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum aus dem
+erwärmten Schlitten wagte, doch die Glanzkuppen
+auch noch ein wenig besehn. Sein Zögling
+schweifte umher; er tritt allein, wohlverwahrt,
+in das Freie, geht weiter. Durch
+die Verschiedenheit der Wirkungen ergötzt, will
+<!-- page 317 -->
+er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten,
+dringt mehr vor, verirrt sich zuletzt in dem Labirinth.
+Er wählt eine falsche Richtung, wieder
+zu den Seinen zu gelangen, wo man unglücklicher
+Weise seine Abwesenheit spät bemerkt.
+</p>
+
+<p>Nach einigen Stunden kömmt Guido, dessen
+kräftige Natur sich schon gewöhnt hatte, lange
+im Freien auszuharren; eben will man abfahren,
+die Bären sind angespannt. Er findet den Alten
+nicht, ruft, sucht in der Nähe. Umsonst! Bange
+um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste
+was es wolle, den Greis auszuspähn.
+</p>
+
+<p>Darüber entfliehen Stunden. Die Reisegesellschaft
+sucht nun beide, doch mit Vorsicht,
+und den Kompaß zur Hand. Gelino wird bald
+gefunden, doch &mdash; starr am kalten Boden. Man
+bringt ihn zu den Schlitten, erwärmt ihn, wendet
+Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der
+Greis ist dahin, erlag dem Angriff tödtlicher
+Kälte.
+</p>
+
+<p>Die Erschrockenen beben nun für den Jüngling,
+denn so lange schon ist er von der Wärme
+fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt.
+Ein hohes Feuer lassen sie empor lodern, Schüsse
+sollen dem Verirrten seinen Weg deuten, seine
+<!-- page 318 -->
+Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht
+gefunden. Endlich kann Niemand mehr an sein
+Leben glauben, die Sorge für eigne Rettung
+mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorräthe
+sind berechnet. Man läßt jedoch, auf den undenkbaren
+Fall, einen kleinen Schlitten zurück,
+den Bären davor, Speise, Getränke und Feuerung.
+Den mag er nehmen und nacheilen, wenn
+er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschließt
+sich, zu weilen.
+</p>
+
+<p>Guido hat unterdessen auch fruchtlos den
+Rückweg gesucht, seine Angst um den Alten ihn
+zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schüsse
+hat er nicht mehr vernommen, kein Feuer erblickt.
+Endlich, nach vielen bangen Stunden,
+fast verzweifelt in Gram, das Haar emporgesträubt
+durch die eigne Noth, da er kaum noch
+ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm,
+auf den Polarstern blickend und durch schnellen
+Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach
+dem Platze zu kommen, wo die Karavane stand.
+Er sieht einen Schlitten, und athmet wieder
+Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft
+er sich hinein, die wärmere Luft ist das dringendste.
+Vielleicht kam Gelino selbst, denkt er,
+<!-- page 319 -->
+und entschlummert auf die schwere Ermüdung
+plötzlich.
+</p>
+
+<p>Beim Erwachen, das vermuthlich spät erfolgt,
+ist die Betäubung, welche vorhin über
+ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen.
+Warm und regsam wieder, peinigt ihn auch die
+Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er
+zurückkehrte? Hinaus zu fragen!
+</p>
+
+<p>Er meidet den Schlitten, wird aber keinen
+anderen inne. Keine Antwort auf sein Rufen.
+Was heißt das?
+</p>
+
+<p>Wer nennt jedoch des Armen grausenden
+Schrecken, da er, kaum im Mondlicht lesbar, die
+Worte an den Schlitten geheftet fand:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Unglücklicher! lebst du noch, so folge eilig.
+Der Bär ist der schnellste, wird uns einholen.
+Nothwendigkeiten ließen wir dir. Feuer sollen
+von Zeit zu Zeit brennen, daß du so weniger
+vom Pfade irrst.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Guido wußte nicht, ob er träume. Ihm
+schauderte in der gräßlichen Einsamkeit. Wo ist
+mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum
+davon nichts? O Himmel! nein, der hätte
+mich nicht zurückgelassen! Und doch was soll ich
+thun? Ich muß nachfliegen!
+</p>
+<!-- page 320 -->
+
+<p>Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine
+Flamme winkte in der Ferne. Sein Kompaß,
+wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan!
+</p>
+
+<p>Nun dachte er die Zügel des Bären zu ergreifen.
+Entsetzen! grausames Entsetzen! Der
+Bär lag erfroren.
+</p>
+
+<p>Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen
+Stunden müsse diesem Augenblick gefolgt sein,
+denn als er wieder klar denken konnte, sah er
+von jener fernen Flamme nichts mehr.
+</p>
+<!-- page 321 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-7">Fünftes Büchlein.</h2>
+
+<p class="sub">Guidos Einsamkeit.</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">S</span>o war er denn verlassen, am Eispol verlassen,
+in tiefer, grimmiger Nacht; um ihn die Oede
+der kalten Wüstenei, nichts ihm winkend, als
+Tod. Grausame Gefährten!
+</p>
+
+<p>Ach! rief er aus, noch hab&rsquo; ich selten mit
+dem Schicksal gekämpft. Mein Leben lächelte
+froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit
+edlem Ruhm zu schmücken, die Liebe erhob
+mich über das Leben; doch nun, nun schlagen
+die Gewitter desto zorniger über mich zusammen.
+Hier retten nicht Muth noch Kraft, hier muß
+ich enden! o Ini, Ini!
+</p>
+
+<p>Doch sollte abermal ein Dolch in das gequälte
+Herz sinken. Indem er seine Klagen laut hinausweinte
+in die starre Luft, um den Schlitten
+irrend die Hände blutig rang, sah er in einiger
+<!-- page 322 -->
+Entfernung einen dunkeln Strich auf dem lichten
+Schnee, er nahte, es war eine menschliche
+Gestalt er kam hinan &mdash; es war Gelinos
+Leichnam!
+</p>
+
+<p>Er sank daran nieder in wildem Ungestüm,
+über den neuen Schmerz den alten Jammer vergessend,
+küßte das kalte Antlitz mit heißen Thränen,
+dann riß er den Körper auf, lud ihn auf
+die Schulter, trug ihn an den Ofen des Schlittens,
+hoffte noch Leben in ihm zu wecken.
+</p>
+
+<p>Wie man denken mag, war dies Streben eitel,
+auch kein Sturm der Klagen rüttelte den
+Todten auf. Doch mochte die traurige Auffindung
+glücklich für Guido sein, die regsame
+Mühe gab seinem doppelt schreckenerstarrten
+Blute wieder Umlauf und zerstreute den Blick
+auf sein Elend, auch sah er zu dem Feuer im
+Ofen, das er vielleicht sonst hätte erlöschen
+lassen.
+</p>
+
+<p>Mit einem Schlummer aus Entkräftung
+mußte dies Treiben zu Ende gehn. Neben dem
+Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, unter
+den nämlichen Fellen womit jener bedeckt
+war, schlief Guido fest ein.
+</p>
+
+<p>Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren
+<!-- page 323 -->
+Welt vorüber. Ini, noch von höherer Schönheit
+umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten,
+trat aus einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine
+Hand und lispelte mit himmelvollem Laut:
+&bdquo;Den Starken prüfe schweres Leid. Weise forsche
+er in der reichen Kraft, sie birgt Hülfe.
+Wir sehn uns wieder!&ldquo; Hier trat sie in die
+Wolke zurück, die sie dicht umhüllte und nach
+dem fernen Horizont zog, sich weit als eine
+lichte Morgenröthe verbreitend. Ueber diese Morgenröthe
+ging dann die Sonne auf, die Schneegefilde
+wichen ihr plötzlich, und ein lieblicher
+Frühling blühte. Von dem duftendsten Baume
+sang eine Nachtigall in dem Idiom der Melodie:
+&bdquo;Wir sehn uns wieder,&ldquo; und Guido erwachte.
+</p>
+
+<p>Ihm war, als ob er die Berührung der leisen
+Geisterhand noch fühle, als ob sie neues
+Leben durch alle seine Adern gegossen hätte. Er
+sprang auf, eilte hinaus. &bdquo;Wir sehn uns wieder,&ldquo;
+umtönte es noch den getäuschten Sinn überall,
+von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein
+Echo es zu wiederholen. Ja! rief er fröhlich,
+ich will mich kämpfend ermannen gegen mein
+Elend, du, heilige Göttin! giebst mir Stärke.
+</p>
+<!-- page 324 -->
+
+<p>Er sann nach. Nicht unmöglich war es ja,
+daß andere Reisende noch ankämen, und ihn zu
+den Wohnungen der Menschen brächten, er
+mußte sich erhalten, daß in diesem Fall sie ihn
+lebend fänden.
+</p>
+
+<p>Der Schlitten ward untersucht, nachdem des
+Greises Hülle hinausgetragen war. Lebensmittel?
+Ja, dürftig, auf die Zeit eines Monats
+etwa. Auch Feuerung. Langte bis dahin ein
+Retter an, war das Leben zu fristen. Also
+muthig.
+</p>
+
+<p>Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um,
+als es nur sein konnte, gab sich wechselnd Bewegung
+im Freien, und erwärmte die Glieder.
+Der Gedanke an seinen Traum war ein Balsam.
+Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die dieser
+Balsam vor Zerstörung bewahrte.
+</p>
+
+<p>Es war um Neujahr, als der Eremit verlassen
+worden, der traurige Monat schwand bald
+hin, noch mangelte ihm aber nichts, so kärglich
+hatte er gewaltet. Aber auch kein Wanderer
+nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung aufgeben?
+&bdquo;Wir sehn uns wieder,&ldquo; hatte das
+Traumgesicht verkündet.
+</p>
+
+<p>Noch ein Monat floh hin, nun war keine
+<!-- page 325 -->
+Speise mehr vorhanden. Nun glaubte er das
+Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir
+nicht mehr sterben, sagte er sich, dort seh ich
+Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eisbären
+am Schlitten. Daran hatte er noch nicht
+gedacht. Die Kälte hatte ihn vollkommen erhalten.
+Freudige Ueberraschung!
+</p>
+
+<p>Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied davon
+traf Anstalt es zu braten. Herrliche Kost
+in der Noth! Das Thier war groß. Wirklich
+konnte er Monate lang davon zehren.
+</p>
+
+<p>Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur
+auf wenige Tage noch, nach dem Maaße von
+dort, wo Tag und Nacht gewöhnlich wechseln,
+gab es Stoff die kleine Flamme zu unterhalten.
+Wohlan, Ergebung!
+</p>
+
+<p>Da wachte Guido einst von einem starken
+Getöse auf. Was ist das? Er sieht hinaus.
+Eine hohe Feuersäule. Der nahe Vulkan speit
+Schlacken-Hagel um ihn, Lava schlängelt sich
+in Bächen an den Gletscherkuppen, und versinket
+im geschmolzenen Schnee.
+</p>
+
+<p>Fürchterlich erhabenes Schauspiel, doch freudebringend
+dem, der allein vom Feuer Rettung
+hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von
+<!-- page 326 -->
+der Flammensäule, glühende Schlacken genug,
+sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln,
+und den ganzen Ueberrest des Bären daran genießbar
+zu machen, der dann weiter weggetragen
+wird, wo der Schnee nicht mehr an den
+Gluten zergeht. Eben dies muß mit dem Schlitten,
+der schon tief einsank, mühevoll geschehen.
+</p>
+
+<p>Der Vulkan ruht, speit wieder, hört auf.
+Die Erfahrung belehrt Guido, daß die Schlacken
+lange fortglühn, im Krater sieht er ungeheuern
+Vorrath davon. Er darf nichts mehr für sich
+vom Frost fürchten, doch ach! die Hoffnung auf
+Reisende kann er nicht länger nähren, schon ist
+es im März, wer wird sich noch hieher wagen?
+Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer
+zum Pol dringen können, durch das Treibeis auf
+dem Meer und überschwemmten Lande abgehalten
+Zu einer Luftfahrt war es zu weit von bewohnten
+Ortschaften, man fürchtete den Mangel
+an Lebensnothwendigkeit.
+</p>
+
+<p>Nun ich friste das Leben, so lange ich kann,
+dachte Guido, die Phantasie immer noch mit
+seinem Traum gefüllt.
+</p>
+
+<p>Jetzt umschimmerte ihn ein röthlich Licht,
+das nicht mehr, wie sonst der Nordschein, wich,
+<!-- page 327 -->
+sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm
+allein hier den Gang der Zeit sagte, ließ ihn
+nicht zweifeln, das röthliche Licht sei die Dämmerung
+des halbjährigen Tages, der über dem
+Rande der Sphäroide anbrechen wollte, denn die
+Tag- und Nachtgleiche des Frühlings war da.
+</p>
+
+<p>Immer mehr Helle, ein glühenderer Schein,
+der in vier und zwanzig Stunden um den sichtbaren
+Horizont lief, und an Herrlichkeit zunahm.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gewiß, gewiß die Morgenhelle. Ich werde
+die Sonne noch einmal sehn, und dann sterben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe
+aus dem fernen Rand emporstieg, wo Aetherblau
+und Schnee sich schieden, nach jedem Umgang
+voller, endlich ganz heraus getreten, um
+nun sechs Monat zu weilen! Guido vergaß in
+der Trunkenheit des Entzückens, in die Zukunft
+zu schaun, der Anblick der Gegenwart riß ihn
+allein hin. Je höher die Sonne stieg, je reitzender
+wurde auch das bunte Feuerspiel jener bestrahlten
+Kuppen, die nun ihren Glanz viel heller
+und in mannichfacheren Farben zurückgaben.
+</p>
+
+<p>Noch konnte Föbos den Schnee nicht schmelzen,
+aber die Kälte ließ merklich an Grimm
+<!-- page 328 -->
+nach. Bald ward aber der Boden feuchter und
+feuchter, die Gletscher traten mehr hervor.
+Guido suchte einen breiten Felszacken, den
+Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu
+retten, denn er befürchtete strömende Flut.
+</p>
+
+<p>Dies traf auch nach einem Monate ein, wo
+er denn sehr peinlich auf dem Fels weilen mußte,
+doch verlief sich das Wasser, und breite
+Thäler entdeckten sich Guidos Blicken, von brausenden
+Gießbächen durchwogt.
+</p>
+
+<p>Er stieg nach und nach am Gletscher nieder,
+den noch übrigen Vorrath nicht vergessend. Nicht
+ohne Gefahr, und manche Mühseligkeit duldend,
+konnte es geschehn. Doch sah er auch, wie die
+immer scheinende Sonne nun aus der Höhe mit
+wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte.
+Kaum waren niedrige erdige Hügel von der
+Winterdecke befreit, als auch Gras und Kräuter
+schnell sie deckten, und zu Guidos froher Befremdung
+Geflügel ohne Zahl sich einfand. Besonders
+sah er Heere von Eisvögeln, die sich
+ins hohe Gras bargen, und ihn hoffen ließen,
+er würde an ihren Eiern neue Nahrung finden,
+woran es ihm nun entschieden gebrach.
+</p>
+
+<p>Die Hoffnung betrog den kühnen Ausdaurer
+<!-- page 329 -->
+nicht. Nest bei Nest ward gefunden, die Eier
+waren schmackhaft und nährend.
+</p>
+
+<p>Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der
+stand auf dem Gletscher, der hoch über ihn
+ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen
+Kälte zu schirmen, sondern gegen flammende
+Hitze, die um so drückender war, als der leuchtende
+Körper, von dem sie niederbrannte, nicht
+mehr unterging. Guido empfand sogar Krankheitanfälle
+von dem ungewohnten Wechsel, doch
+waren auch Klüfte in den Thälern vorhanden,
+wohin er sich bergen konnte, und er säumte
+auch nicht, sie dicht mit Gras zu überdachen.
+Zudem badete er oft in den kalten Gießbächen,
+oder flüchtete hinter Gletscher, über welche auch
+der anhaltende Sonnenschein nichts vermochte.
+Uebrigens hielt die Witterung den gleichmäßigsten
+Schritt. Stürme gab es an der Achse
+nicht, weil nur der Umschwung des Erdballs
+sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach
+dem Frühling mehr nieder, klar blieb der
+Aether.
+</p>
+
+<p>Nun entwarf Guido einen Plan für die Folge.
+Ohne Zweifel, sagte er sich, langen im nächsten
+Winter Reisende an, gelingt es mir, mich
+<!-- page 330 -->
+bis dahin zu erhalten, bin ich nicht verloren;
+also, neuen Muth!
+</p>
+
+<p>Er suchte von den Vogeleiern eine beträchtliche
+Menge zusammen, und trug sie an jenen Gletscher
+hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte.
+In Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang,
+meinte er, würden sie dauern. Späterhin fand
+er junge Vögel in eben solcher Zahl, tödtete sie
+und grub sie in den Schnee tiefer Hölen, der
+nicht zerging. Manche wohlschmeckende Kräuter
+und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt
+er fleißig ab, breitete es auf den Boden. Gedörrt
+sollte es ihm einst zur Feuerung dienen.
+</p>
+
+<p>Bald hatte er von dem allen so viel gesammelt,
+daß er mit Zuversicht in den nächsten
+Winter blicken konnte. Betrügt mich dann meine
+Hoffnung nicht, sagte er zu sich, darf ich es
+nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel eines
+halbjährigen Tags, der Erste von den Sterblichen,
+gesehn zu haben.
+</p>
+
+<p>Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich naturkundigen
+Untersuchungen hin, entdeckte viel,
+wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wußte,
+schrieb das Hauptsächliche seiner Bemerkungen,
+so gut es gehn wollte, auf der Innenseite eines
+<!-- page 331 -->
+Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und erwartete
+sehnlich das Spätjahr, da die Sonne
+schon merklich sank.
+</p>
+
+<p>Nach grade fielen die aufgestiegenen Dünste
+in Regen, dann in Reifgestalt nieder; die Zugvögel
+hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde
+die Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die
+Kälte nahm merklich überhand, indem die rötheren
+Sonnenstrahlen immer schwächer die Luft
+durchwärmten, und ehe sie noch ganz untergegangen
+waren, verhüllte schon der dichte Schneeflor
+in den Lüften ihren Anblick. Oede war der
+langen Nacht trauriger Anbruch.
+</p>
+
+<p>Guido trug seine Vorräthe immer höher;
+nach jeden Schlummer bemerkte er, wie der
+weiße Teppich angewachsen war, auch durch den
+zunehmenden Frost gehärtet. Das Verlangen
+nach Schlitten und Ofen wurde groß, meistens
+wärmte er sich nur durch die angestrengte Arbeit,
+seine Nothwendigkeiten von Zacken zu Zacken des
+Gletschers tragend, in dem Maaße, als die
+Schneegebirge die Thäler mehr füllten. Dann
+zündete er mit seinem Feuerrohr dürres Gras
+an, und schlummerte.
+</p>
+
+<p>Endlich nahm die Schneedecke jene alte Höhe
+<!-- page 332 -->
+wieder ein, Guido war zu seinem Schlitten gekommen,
+und hatte auch diesen flüchten können,
+indem er ihn nur immer etwas aus dem letzten
+Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit Vögeln,
+Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath
+davon in eine Höhlung des Gletschers, nahe an
+seiner Spitze, gebracht. Das dürre Gras stand
+in einer hohen Piramide.
+</p>
+
+<p>Gelinos Körper fand er nicht mehr. Den
+Platz auf einer flachen Steppe, wohin ihn der
+Jüngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit
+Schlacken und Lava überdeckt, ohne Zweifel ihn
+so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der That!
+Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht
+so bereiten.
+</p>
+
+<p>Nach und nach hörte das Schneien auf,
+grimmiger bleibender Frost folgte. Mond, Sternenlicht,
+Meteore, brachten die Erscheinungen
+des vorigen Jahres abermal hervor. Guido,
+wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen
+widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten
+ging die gute Erwärmung nicht ab, er hatte
+nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte
+auch damit wechseln. So harrte seine Sehnsucht
+der Mitte des Winters entgegen, und
+<!-- page 333 -->
+wankte die freundliche Hoffnung, richtete ihn
+die Weissagung des Traumes, an die er schwärmend
+glaubte, wieder auf.
+</p>
+<!-- page 334 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-8">Sechstes Büchlein.</h2>
+
+<p class="sub">Schluß.</p>
+
+<p class="first"><span class="firstchar">N</span>icht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte
+erging er sich einst zur Bewegung, da vernahm
+sein Ohr fremde Laute. Er horcht, höher wallt
+und wogt es in der Brust, er wendet das Auge
+nach dem Ton hin &mdash; ein heller Fleck am Horizont!
+</p>
+
+<p>Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee
+Dämmerung. Desto deutlicher die Flamme dort
+sichtbar, wie sie sich vergrößerte. Der antreibende
+Zuruf fahrender Männer zu unterscheiden,
+oft ein Geheul von Bären.
+</p>
+
+<p>Guido warf sich auf sein Angesicht. Du unbegreiflicher
+Gott, dem ich hier oft den Geist
+empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den
+Menschen bringen. Dank, dank, wenn du auf
+mich siehst!
+</p>
+<!-- page 335 -->
+
+<p>Der Schlittenzug kam näher, hielt jedoch
+seitwärts von der Stelle wo Guido sich aufhielt.
+Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb
+aber verwundert stehn, als er seinen Namen
+vielfach nennen hörte. Wie wissen diese Reisenden
+von mir? fragte er sich.
+</p>
+
+<p>Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vorigen
+Jahre. Ein ansehnlicher Mann war ausgestiegen,
+und rief: Ich muß Guidos Leichnam
+finden, sonst &mdash; ich muß seinen Leichnam finden,
+sonst kehre ich nicht nach Rom zurück, wiederholte
+der Mann ängstlich.
+</p>
+
+<p>Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin
+Guido.
+</p>
+
+<p>Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles
+auf ihn. Niemand schien zu glauben, zu begreifen.
+Er ist es, fing endlich einer aus dem Haufen
+an, im vorigen Jahre die Reise theilend.
+Wir harrten lange auf dich, suchten, gaben Zeichen.
+Da wir den Leichnam des Alten fanden,
+mußte Jedermann auch auf deinen Tod schließen.
+Die eigne Sicherheit gebot uns Entfernung,
+doch blieb noch ein Fuhrwerk da &mdash;
+</p>
+
+<p>Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein,
+<!-- page 336 -->
+es gelang, mich zu erhalten, daß ich froh der
+Rettung entgegen athme, mögt ihr denken.
+</p>
+
+<p>Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun
+jener angesehene Mann aus, dem zeither Befremdung
+den Mund versiegelt hatte. Und kaum
+hoffte ich die theuren Reste noch zu entdecken,
+hielt es unmöglich &mdash;
+</p>
+
+<p>Und wer bist du? fragte Guido, heiße Verwunderung
+in der Stimme.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Lelio ist mein Name.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers?
+</p>
+
+<p>&bdquo;Der nämliche! Um die Zeit, wo du von
+Lissabon dich nach Amerika gewandt hattest, brachen
+die Kriegflammen mit Afrika aus. Umsonst
+waren alle Bemühungen den Frieden zu
+erhalten. Das Heer, in Eilzügen aus Moskau
+nach Kalabrien rückend, sollte einen Feldherrn
+wählen. Die einmüthige Stimme nannte dich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Mich, mich! rief Guido mit entzücktem
+Staunen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Dich! Vom Strategion wurde zur hohen
+Freude des Kaisers die Wahl bekräftigt. Daß
+sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, versteht
+sich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>O wie viel Milde, wie viel Güte ließ mir
+<!-- page 337 -->
+dieser Großmonarch schon angedeihn. Ich Unglücklicher,
+der so selten ihn sah, noch nie ihm
+danken konnte!
+</p>
+
+<p>&bdquo;Eilboten flogen nach Portugall. Da warst
+du nicht mehr. Ein Schiff konnte die schneller
+bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Philadelphia
+anlangte, hatte dich edle Neugierde zum
+Pol geführt. Man säumte nicht, dir nachzusenden.
+Ueberall kamen die Boten zu spät, und erfuhren
+von der rückkehrenden Karavane dein
+Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet.
+Mit dem höchsten Schmerz vernahm es der Kaiser.
+Ihm schien unendlich viel an den jungen
+Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der
+sonst so gleichmüthige Mann beinahe dem Kummer
+erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht nannte.
+Es blieb am Ende nur der traurige Trost übrig,
+deinen Leichnam zu suchen, und ihn nach dem
+Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte
+es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war
+es unmöglich den Nordpol zu erreichen, kaum
+aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen
+mußte, um jeden Preis deine Hülle zu erspähn.
+O welch Glück wurde mir! seine Freude wird
+so die Schranken überfliegen, als jener Gram,
+<!-- page 338 -->
+von dem immer noch sein zerstörtes Herz sich
+nicht ermannen konnte.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt
+mich der Kaiser! Was soll ich thun, dieser Liebe
+würdig zu sein!
+</p>
+
+<p>&bdquo;Der Krieg begann. Die Flotte aus Brittannien
+nahm das Heer ein. Auf der mittelländischen
+See traf sie jene gefürchtete aus Neu-Karthago.
+Eine neue Erfindung, welche der
+Ruhm dir zuschrieb, machte, daß der Sieg sich zu
+uns neigte. Das Heer konnte in Afrika ans
+Land steigen. Doch hier wandte sich das Glück.
+Die Unsrigen, mit großer Uebermacht im Kampfe,
+verloren eine Hauptschlacht. Der Feldherr, dem
+man einige Schuld gab, sank. Nachdem der
+Tapferen eine große Zahl gefallen war, mußten
+sie zurück auf die Schiffe. Diese, nicht mehr gehörig
+bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Neapel
+ein, während die Feinde Sizilien besetzten,
+wo die rohen Negerhorden der Afrikaner wilde
+Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht,
+die Insel ihnen wieder zu entreißen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst
+du weilen? Wie trüben diese Nachrichten meine
+Wonne!
+</p>
+<!-- page 339 -->
+
+<p>&bdquo;Ein neues Heer steht jedoch in Italien.
+Eile, den Feldherrnstab zu nehmen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Fort, fort! schrie Guido, keine Minute länger.
+Noch einen bethränten Blick warf er auf
+des Lehrers Grab, unter dem Lavahügel.
+</p>
+
+<p>Die Karavane brach sogleich zum Rückwege
+auf. Was ihn nur beschleunigen konnte, wandte
+man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido
+schon wieder in Philadelphia. Dort stand noch
+sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf das
+schwimmende Eiland, zur Reise über den Atlantus
+gedungen, die sogleich angetreten wurde.
+</p>
+
+<p>Er mied während dieser Zeit das Zimmer
+nicht, einen Plan zu dem Feldzuge auszuarbeiten,
+selbst staunend über die vielen genievollen,
+kühnen, niegekannten Hülfsmittel, die sich ihm
+aufdrangen, die hellen, gediegenen Resultate
+von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in
+einen Fokus zusammenstrahlend. Nicht hatte er
+diesen üppigen Reichthum an Einfall in sich geahnt,
+und schwelgende Gefühle erfinderischer
+Wollust rötheten sein Antlitz flammender.
+</p>
+
+<p>In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg
+sogleich mit dem Vertrauten des Kaisers in eine
+Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den
+<!-- page 340 -->
+Posten von Alikante, Palma, Cagliari sah er,
+so viel es nur sein konnte, zu der Anstalten Eil,
+und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Reisende,
+zu Rom ein.
+</p>
+
+<p>Noch hatte er die Hauptstadt von Europa
+nicht gesehn, doch würdigte sein Drang sich dem
+Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum,
+den mit Gold gedeckten Tempel der Unsterblichkeit,
+den Bühnen, Termen, keines Blickes.
+Kaum legte er ein ander Gewand an in der
+Herberge.
+</p>
+
+<p>Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem
+Kaiser sein Glück zu melden. Dieser breitete
+die Hände dankend gen Himmel aus, schloß
+Guido, der gleich folgte, bebend in seine Arme,
+und führte ihn stumm ins Strategion, das grade
+eine Versammlung hielt.
+</p>
+
+<p>Die Räthe bewillkommten ihren Gebieter mit
+Ehrfurcht, zugleich überrascht bei der seltenen
+Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht
+gleich konnte er noch zu Worte kommen, dann
+sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals
+führend, und sprach:
+</p>
+
+<p>Ihr Väter, ich stelle euch meinen Sohn vor!
+</p>
+
+<p>Der Jüngling starrte.
+</p>
+<!-- page 341 -->
+
+<p>Entzücken loderte auf jeder Wange. Niemand
+vermogte zu reden.
+</p>
+
+<p>Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug
+ließ ich ihn fern von mir erziehen. Urtheilt, was
+mein Vaterherz empfand, wenn er mit so frühem
+Ruhm sein jugendlich Haupt bedeckte. Von
+meinem Schmerz bei jener bangen Kunde wart
+ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine
+Brust zerriß, nicht sagte ich es euch, denn immer
+noch schimmerte mir eine strahlende Hoffnung.
+Sie hat Wort gehalten!
+</p>
+
+<p>Guido umfaßte seine Knie, Tausend jubelnde
+Glückwünsche, nicht von Schmeichelei, sondern
+von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im
+Saale laut. Die Nahverwandten brachen in
+süße Freudenthränen aus.
+</p>
+
+<p>Nun führe er das Heer, rief der Kaiser.
+Mit Schmerz entlasse ich ihn wieder, doch des
+Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der
+Held, durch einmüthige Wahl gerufen.
+</p>
+
+<p>Er führe es! rief alles.
+</p>
+
+<p>Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waffenleben
+und kehre nicht wieder, als meiner Geburt
+und deiner Milde werth, stammelte Guido,
+in heiliger Rührung.
+</p>
+<!-- page 342 -->
+
+<p>Der Vater umarmte ihn wieder. Nach seinem
+ersten Siege prüfe ihn der Völkerrath, und
+erkläre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn
+ich will fortan des hohen Alters Sorge mit ihm
+theilen, sprach er.
+</p>
+
+<p>Neuer freudiger Zuruf! Doch &mdash; wenn Guidos
+Augen das Entzücken so vieler neuerwachten
+Gefühle verkündeten, so überzog ein Dunkel
+seine Stirn, das Jedermann wahrnahm, allein
+Niemand zu erklären wußte.
+</p>
+
+<p>Auch der Kaiser fand dies plötzliche Versinken
+in nachdenkenden Ernst räthselhaft. Schnell
+aber fing er an: Ich errathe ihn. Er ließ den
+edlen Gelino am Pol, wie mein Vertrauter erfuhr.
+So lange vertrat mich der Greis beim
+Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach.
+Der Staat verdankt ihm die Bildung seines künftigen
+Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies
+Verdienst. Sucht den Leichnam, baut ihm ein
+Grab, das die Nachwelt ehre!
+</p>
+
+<p>O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort.
+Die Natur baute ihm selbst einen Obelisk. Doch
+sein Standbild last uns daneben erhöhn, wo
+Newtons Denkmal steht.
+</p>
+
+<p>Gewährt, mein Sohn! rief der Kaiser,
+<!-- page 343 -->
+und was du sonst bitten willst, deine Liebe vertraue
+mir.
+</p>
+
+<p>Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig
+und heiter, nach meiner ersten Schlacht, ergreif
+ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend.
+</p>
+
+<p>Wohlan, sprach der Kaiser.
+</p>
+
+<p>Man verließ das Strategion. Guido empfing
+die Feldherrnumgebung, hing noch mit
+dem schönen Ungestüm neuempfundener Kindesliebe,
+an der Brust des klagenden Vaters, und
+riß sich dann männlich weg, der Stimme des
+Ruhmes zu folgen.
+</p>
+
+<p>Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mußte
+er bekämpfen, bei allem Glück der Hoheit, das
+ihn überrascht hatte. Ach, sagte er sich oft unterwegs,
+den Feind überwinde ich wohl, doch
+mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den
+ich unglückselig fürchte.
+</p>
+
+<p>Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauchzendem
+Beifallgetöse auf. O hätte uns Guido
+in Afrika geführt, rief alles, wir feierten Triumphe
+wo wir gebeugte Ueberwundene seufzen!
+</p>
+
+<p>Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger.
+Freudig nahm man die neuen Anordnungen auf,
+ihre Weisheit bewundernd. Guido ließ keinen
+<!-- page 344 -->
+Augenblick ohne Thätigkeit entfliehn. Jedem
+alten Gebrechen ward abgeholfen. Begeisterung
+strömte in jede Brust.
+</p>
+
+<p>Dann eilte er zur Flotte, die man ausgebessert
+hatte und gab Befehl die Truppen einzuschiffen.
+Nicht weit von Palermos Vorland
+traf man auf den Feind, der mit neuer Ueberlegenheit
+heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens
+Gestade zu betreten.
+</p>
+
+<p>Der große Kampf begann. Reiche Ernten
+hielt der Tod an beiden Seiten. Mit Götterkraft
+leitete der jugendliche Feldherr. Seine erfundene
+Vorrichtung, noch jetzt vervollkommnet,
+brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem feindlichen
+Schiffe nahen konnte. Und das geschah
+oft, denn trotz dem Flammenregen von Oben,
+trotz der Taucher Heimtücke in den Wogen,
+trotz dem todbringenden Donner der Batterien,
+gegen welche die Kunst sich mit weiser Besonnenheit
+vertheidigte, drang man desto kühner an,
+nachdem Guidos Fahrzeug das erste leuchtende
+Beispiel gegeben hatte.
+</p>
+
+<p>Viele Galleonen der Afrikaner lagen im
+Meere, ihre Linie war durchbrochen, die hartnäckige
+Abwehr auf den Flügeln überwältigt,
+<!-- page 345 -->
+der feindliche Feldherr den Heldentod gestorben.
+Der Nachfolger jedoch gab über das eindringende
+Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueberrest
+retten und ließ die Signale zum Rückzug
+wehen.
+</p>
+
+<p>Einige Schiffe folgten, andere, deren Mannschafft
+zwischen Tod und Sieg wählen wollte,
+nicht. Desto mehr Vortheil für die Europäer
+in jener Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen
+und mußten, da dennoch kein Ausgang zu finden
+war, und sie ein Fahrzeug nach dem andern
+in die Wogen versenkt sahen, sich ergeben.
+</p>
+
+<p>Guido ließ sie nach Neapel bringen, sandte
+eine Abtheilung gegen Sizilien, das Eiland
+vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anführer
+mit heißklopfendem Herzen auf, von Athania
+und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn.
+</p>
+
+<p>Dann folgte er den Flüchtigen eilig. Manche
+davon fanden ihr Verderben noch vor der
+Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und
+stellten sich in festen Verschanzungen auf, eine
+Landung abzuschlagen.
+</p>
+
+<p>Guido kannte den Werth der Minute. Jene
+hatten sich noch nicht entwickeln können, da
+sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an
+<!-- page 346 -->
+die Küsten und stürmte ihre Wälle. Die Minire
+wühlten erst Gräber, als die schnelle Kühnheit
+schon über sie hinaus gedrungen war. Bald
+waren auch Guidos Reuter auf dem Boden
+und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger trugen
+den Preis über ihre Gegner davon, weil sie
+sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen Geschosses
+bedienten, das jene noch nicht kannten.
+Bald war die Verwirrung unter den Afrikanern
+allgemein, sie mußten eine andere Stellung suchen,
+und das europäische Heer ward vollend
+ausgeschifft.
+</p>
+
+<p>Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet,
+ordnete eine zweite Schlacht, die mit Anbruch
+des folgenden Tages begann. Die Afrikaner
+hetzten angelehrte Tiger und Löwen in die Reihen,
+Guidos Schützen erlegten sie lachend. Tausende
+von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf
+ihren Rücken kleine Kastelle, donnerten daher
+über den Boden. Sie waren dem Heere aus
+Neu-Karthago zu Hülfe gesandt. Guidos Batterien
+standen so vortheilhaft, seine großen Röhre
+wurden so gut bedient, daß die Ungeheuer bald
+den Sand mit ihren Kadavern deckten. Leichte
+Schützen bedienten sich ihrer als Wälle, und trafen,
+<!-- page 347 -->
+mittelst der von Guido erfundenen Gläser,
+ungesehen ihren Feind. Dichte Negerschaaren,
+wuthtrunken durch Opium und ein mit vorüberfliehender
+Tollheit füllendes Kraut, drangen
+gleich schwarzen Hagelwolken daher und überzogen
+den Boden der hellen Gefilde mit Nacht. Bald
+schwieg ihr Mordruf und Blutströme rannen
+zwischen den dunkeln Leichnamen hin.
+</p>
+
+<p>Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Höhe
+den Streit zu überblicken. Zeichen lenkten den
+Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist überwogen
+hier, dort die Zahl, die Tapferkeit drückte mit
+gleicher Schwere auf die Waage. Doch entschied
+der Genius endlich, die Afrikaner flohen.
+</p>
+
+<p>Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger,
+nachdrücklicher Verfolgung, und besah den Graus
+der Wahlstäte. Nicht, wie vordem einst, durchglühten
+ihn die Sieggefühle mit Entzücken,
+schwermüthig sann er über die verderblichen Leidenschaften,
+welche Völker anreitzen, sich zu erschlagen.
+O, wann wird das enden! rief er,
+wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen
+Hainen und Auen, Brudersinn die Zwietracht
+ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am
+Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Täuschung,
+<!-- page 348 -->
+hatte sein Gemüth noch mehr in Einklang
+mit der besseren Weltmoral gebracht, die
+Inis reine Brust athmete. Ging er auch noch
+mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank
+nun dennoch eine Thräne auf seinen Lorbeer,
+und alle Triumphjubel, alle Glückwünsche konnten
+ihn nicht erheitern. Er ordnete übrigens
+den Krieg wie zuvor, und sandte abermal nach
+Rom Meldung; denn schon nach dem Siege
+auf den Fluten war es geschehen.
+</p>
+
+<p>Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien.
+Das Eiland war genommen, die meisten Truppen
+der Gegner dort gefangen, doch die Frage,
+welche sein Herz so nahe anging, blieb ohne
+Auskunft. Man hatte von Athania seit länger
+als einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen.
+</p>
+
+<p>O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit
+verstrich, ohne daß ein Brief mich gesucht hätte.
+Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes
+theilen, und den Jüngling vergessen wollen, der,
+ein Europäer, Afrika bekriegen muß? Dies
+wäre grausam, grausam!
+</p>
+
+<p>Aber wenn auch deine Liebe noch fortglüht,
+wenn sie höher als das Leben der Phantasie emporflammt,
+was wird aus dem Kaisersohn werden?
+<!-- page 349 -->
+Die Schlacht ist gewonnen, aber darf er auch
+mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein
+frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen?
+Wird er nicht zürnen, daß in des Helden Brust
+eine andere Leidenschaft, als die für den Ruhm
+glühte? Wird er nicht fordern, daß ich eine
+Gattin aus den hohen Geschlechtern erkiese?
+Doch muß ich ihm das Herz offenbaren.
+</p>
+
+<p>Der Feind zog weiter ins Land; Guido gewann
+Freiheit, Neu-Karthago, die stolze Wetteifrerin
+mit jener Stadt im tiefen Alterthum,
+der sie Namen und Standpunkt abborgte, zu
+belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon fliehend
+entfernt, den Weg zu einer anderen großen
+Hauptstadt im Innern von Afrika genommen.
+Diese lag an den Quellen des Senegal, war
+aber noch weit von der Vollendung entfernt,
+welche man ihr zu geben dachte.
+</p>
+
+<p>Es wird hier nöthig, die Geschichte dieses
+Erdtheils in den letzten Jahrhunderten nachzuholen.
+</p>
+
+<p>Gegen das Ende des neunzehnten waren es
+endlich die Europäer müde, Hohn und Schmach
+von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden.
+Ein Heer setzte nach Algier über, nahm diese
+<!-- page 350 -->
+Stadt ein, zertrümmerte die Regierungen von
+Tunis, Tripoli, und breitete sich nach und nach
+von einer Seite bis Egipten, von der anderen
+bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden
+von Afrika eine europäische Kolonie, wohin
+große Auswanderungen geschahen. Die Kultur
+blühte auf, Neu-Karthago wurde gegründet.
+Man untersuchte das immer noch unbekannt gebliebene
+Innere. Doch vermochten die neckenden
+Streifereien der Sultane von Darfur und
+Borun, die Anfälle der schwarzen Nazionen von
+Gago, Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit
+der südlichsten Wohnplätze, immerfort Krieg zu
+führen, und vertheidigend eroberte die bessere
+Kunst. Nach Hundert Jahren gehorsamte halb
+Afrika.
+</p>
+
+<p>Die Schwierigkeit, das große Ganze zu überblicken,
+machte, daß glückliche Heerführer Königreiche
+empfingen, wiewohl abhängig vom
+Mutterstaat. Mancher Zwist unter ihnen selbst,
+der Stolz auf die Gesammtkraft, die meergetrennte
+Lage, brachten sie aber zuletzt auf den
+Entschluß, ihr Verhältniß von dem europäischen
+zu trennen, und selbst einen Kaiser zu wählen.
+Vergebens kriegte Europa, sie behaupteten ihre
+<!-- page 351 -->
+neue und allerdings kluge Verfassung, um so
+mehr, als die aufgeklärteren Männer unter ihren
+Gegnern ihr selbst Beifall gaben. In dem
+folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft
+der Christen in Afrika noch weiter aus, und gegen
+das Ende des ein und zwanzigsten Jahrhunderts,
+gehörte, bis zum Vorland der guten
+Hoffnung, alles unter die Obergewalt des
+Kaisers.
+</p>
+
+<p>Er fiel in einer Schlacht gegen die Völker
+von Monomotopa, und seine Gemahlin, reich
+an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter
+Minderjährigkeit die Staatgeschäfte weislich, und
+suchte die noch wilden Sitten der farbigen Nazionen
+in Einklang mit jenen der Ankömmlinge
+zu bringen, was auch, obwohl langsam, gelang.
+</p>
+
+<p>Doch Europa forderte Entschädigungen, welche
+man versagte, politische Besorgnisse, das neue
+Reich könne zu furchtbar werden, traten hinzu,
+und jener Krieg, von welchem oben die Rede
+war, entspann sich. Hegte schon diese andere
+Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der
+Kaiser von Europa moralisch genug, die blutige
+Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht
+<!-- page 352 -->
+alles gütlich ausgleichen lassen, man mußte die
+Waffen um Entscheidung anrufen. &mdash;
+</p>
+
+<p>Zu Guido zurück. Er belagerte Neu-Karthago
+mit aller schrecklichen Kunst. Die Vertheidigung
+stellte sich jedoch eben so gewaltig
+entgegen, und manche Woche verstrich, ehe ein
+Theil die Meinung schöpfen konnte, er habe
+Vortheile über den andern errungen.
+</p>
+
+<p>Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg
+ließe sich vielleicht, ohne weitere, die Menschheit
+entehrende, Gräuel enden. Sie hatte eine Tochter,
+Ottona genannt, schön, liebenswürdig, und
+in herrlicher Bildung erzogen, theils durch fremde,
+kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ihrer
+holden Eigenthümlichkeit, die sich an den
+Künsten himmlisch entfaltete. Sie sprach zu
+Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn
+&mdash; er führte jetzt den Namen Guido nicht
+mehr &mdash; wird gepriesen, wir fühlen die Gewalt
+seiner Talente. Die Erziehung fern vom Throne,
+hat auch bei ihm sich bewährt. Wenn ich ein
+Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine
+Tochter, knüpfen könnte, wäre der Menschheit
+vielleicht geholfen.
+</p>
+
+<p>Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder.
+<!-- page 353 -->
+Befiel dich plötzlich Krankheit? fragte jene bebend,
+und rief um Hülfe. Nach einiger Zeit
+erholte sich die Tochter aber, und hörte ergeben
+zu, da die Kaiserin fortfuhr:
+</p>
+
+<p>Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um
+unsere Kaiserkrone kann einst Unheil bringen.
+Europa hat Asien zu fürchten, auch Afrika;
+denn Asien enthält eine Menschenzahl, wie diese
+beiden Erdtheile, nachdem jüngsthin China und
+Japan überwältigt wurden.
+</p>
+
+<p>Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen,
+wenn <i>ein</i> Völkergericht über beide monarchische
+Republiken waltet, und beider Heere <i>eine</i> Obergewalt
+lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht
+gegen Asien da, nur Unklugheit könnte dann
+noch je Krieg führen wollen. Amerika hat lange
+schon auf jeden Angriff verzichtet, und bündet
+die beiden Halbeilande nur zum Widerstand.
+Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der
+Dinge von selbst eingeladen, auch seine Boten zu
+dem großen Tribunal senden, und ein ewiger
+Friede, der Weisen alter, heiliger, noch nie erfüllter
+Wunsch, kann seine Palme erhöhn.
+</p>
+
+<p>Ottona barg ihre Thränen &mdash; wußte nichts
+zu entgegnen.
+</p>
+<!-- page 354 -->
+
+<p>Entzückt dich etwa das frohe Bild einer solchen
+Zukunft, der Stolz deiner erhabenen Bestimmung
+so, daß Freude auf deine Wangen
+thaut? fragte die Mutter.
+</p>
+
+<p>Ini bat stammelnd um Zeit &mdash; Ruhe, Fassung
+zu gewinnen, und ward entlassen. Aus
+der Schönheit ihres Gemüthes erklärte die Kaiserin
+ihr Betragen, und eilte, einen Brief an
+ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu
+senden.
+</p>
+
+<p>Der Kaiser von Europa empfing ihn um die
+nämliche Zeit, als auch ein Schreiben seines
+Sohnes angelangt war. Es lautete:
+</p>
+
+<p>Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte
+hören, nach meiner ersten siegenden Schlacht.
+Dreimal hab&rsquo; ich deinen Feind überwunden,
+auch wird bald seine Hauptstadt fallen. Wohl
+möchte es bereits geschehen sein, wenn ich dem
+Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen,
+nachgegeben hätte. Doch ich erwarte Uebergabe
+auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor
+verheert werden, und ich jenes Wüthen der Neger
+in Sizilien, mit europäischer Großmuth vergelten
+mag. Aber die Bitte, mir gestattet von
+hoher Vatermilde, ich nenne sie kühn deinem
+<!-- page 355 -->
+Herzen. Viel habe ich gerungen mit dem Vorsatz,
+allein ich bekenne, daß hier meine Kraft
+am Ende war. Vater, was ich bin, was deine
+Güte schon an mir lobte, da noch das große Geheimniß
+mir nicht enthüllt war, ist &mdash; Schöpfung
+der Liebe. Ein Mädchen, von einer unbekannten
+Herkunft, doch hochgestellt über alle Weiber
+an Schönheit in Gemüth und Form, erzog
+mich. Ohne sie würde ich die Tirannei eines
+siedenden Blutes nicht zu Boden gekämpft haben,
+ohne sie blieb mein Wissen, mein Empfinden
+arm, Geist und Herz errangen keine Harmonie,
+ohne sie schlug ich den stolzen Afrikaner
+nicht, dem es dann vielleicht in seiner Uebermacht
+gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwüsten.
+Gestatte mir, Vater, die Göttliche zu suchen,
+die in Afrika, ach, vielleicht in der Stadt lebt,
+welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich
+fühlend kannst du dem Geständniß nicht zürnen,
+wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn
+ich auch Ini damit schmücke, wie alle meine
+Kraft, sonst vielleicht geeignet der Völker Zügel
+sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt.
+Verzeihe &mdash; ich mußte flehn!
+</p>
+
+<p>Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht
+<!-- page 356 -->
+den Eilboten entgegen, die jeden Tag, in den
+Höhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit
+nach, Antwort auf sein Schreiben anlangen
+konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl,
+sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile
+an den Kaiserhof zu kommen. Er sollte das
+Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem
+Feinde überall Waffenruhe gönnen.
+</p>
+
+<p>Das letzte schien, nach den Umständen, nicht
+weise, mächtige Verstärkungen konnten aus dem
+Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn
+gehorsamte.
+</p>
+
+<p>Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust,
+da er nun die Luftgondel bestieg, über das Meer
+nach Rom zu eilen.
+</p>
+
+<p>Dort angelangt, fand er den Völkerrath versammelt,
+den der Kaiser beschieden hatte. Er
+mußte gleich dort erscheinen. Der Vater sprach
+ihn nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem
+Gefolge den Tempel der Unsterblichkeit, in welchen
+jene Männer sich eingefunden hatten. Denn
+hier sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen,
+der junge Cäsar seine Prüfung bestehn.
+</p>
+
+<p>Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum.
+Nicht aus Granit, nicht aus Marmor bestand
+<!-- page 357 -->
+der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Urheber
+zu wenig dauerhaft. Eherne Quadern,
+durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke
+Mauer, die weit gesprengte Wölbung der ungeheuren
+Rotunde, noch von Erzsäulen aus <i>einem</i>
+Guß getragen. Mosaik von edlen Steingattungen,
+für die Ewigkeit dargestellt, Thaten
+meldende Inschriften, Namen, die in flammenden
+Buchstaben glänzten, prangten da; groß war
+aber der noch leere Raum. In die gleichfalls
+ehernen Kellergewölbe hinab, leiteten Stufen.
+Unten befanden sich die Gräber mit Aschenkrügen.
+</p>
+
+<p>Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den
+Kaisersohn zu sich.
+</p>
+
+<p>Dein Vater will die Herrschaft mit dir theilen.
+Heldenthum bewährte schon den würdigen
+Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die
+Völker zu lenken?
+</p>
+
+<p>Guido hätte, einen Augenblick früher, in den
+trüben Besorgnissen um seine Liebe, durch des
+Vaters Schweigen über ihn gebracht, wanken
+dürfen an der großen Frage &mdash; ach, ohne Ini
+flog sein Genius keine Sonnenbahnen &mdash; doch,
+ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher
+<!-- page 358 -->
+geworfen, ermannte ihn zur feurigen, selbstvertrauenden
+Antwort.
+</p>
+
+<p>Er fand Bewunderung, die weiteren gewöhnlichen
+Fragen lösend, und übergab auch noch
+Denkschriften, die mögliche Verbesserung der Jugendpflege,
+des Bürgervereins, in scharfsinnigen
+Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen, und
+ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt.
+</p>
+
+<p>Noch mehr rühmende Anerkennung fand der
+Entwurf, das Schauspiel mit dem Kultus zu
+gatten. Edle That sollte auf diese Weise versinnlicht
+an den Blicken der Menge vorüber, und
+jeder Religionsfeier voran, gehn.
+</p>
+
+<p>Am meisten jedoch ein Sistem der Schönheitmoral,
+bei deren befremdenden Sätzen und einer
+ganz neuen Formenlehre, die Väter nicht nur
+den ganzen Tag hindurch prüfend weilten, sondern
+auch die ersten Künstler und denkendsten
+Köpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu
+pflegen.
+</p>
+
+<p>Dies Sistem gab in seiner Darstellung die
+Zeichen an, nach welchen der Einklang zwischen
+Geist und Gemüth, die Achtung für die Gesellschaft,
+die Uebereinstimmung mit den Aufgaben
+der Tugend, die Fertigkeit im richtigen Empfinden
+<!-- page 359 -->
+des Guten und Edlen, die Kraft zu Entsagungen;
+die dem inneren Menschen entweder
+mangelten, oder ihn adelten, am äußeren erkennbar
+wären. Dann folgte eine Theorie der Moral.
+Sie wollte, daß jedem Jüngling, jedem Mädchen
+in der Republik, gegen die Zeit der blühenden
+Entwicklung höherer Kräfte, ein Ideal
+nach seiner Anlage gefertigt würde. Ein Vorbild
+der Schönheit, vom Maler, die möglichst
+hohe innere Schönheit des Individuums berechnend,
+nach den klaren Grundsätzen der Lehre,
+sichtbar gefertigt. Dies müßte herrlicher wirken,
+als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die
+Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Aufnahme
+in den Bürgerkreis, die Bekleidung mit
+einem Amt, immer an einen Vergleich des
+Ideals mit der Wirklichkeit hingen, behauptete
+Guidos Denkschrift. Denn nun könne die innere
+Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen,
+die Abwesenheit des Strebens zum Ziel der
+Schönheit, würde sich in mißgestalteten Zügen
+strafend verkündigen, und in gelungener Annäherung
+die Lohnwürdigkeit sich offenbaren. Je
+bekannter, je verbreiteter das Sistem wäre, je
+weniger müsse die Gesellschaft, ohnehin schon
+<!-- page 360 -->
+bedeutend vom Widerstand sinnlichen Unfugs gereinigt,
+noch davon zu fürchten haben.
+</p>
+
+<p>Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an:
+Ist dein Sistem richtig, so hast du der Menschheit
+ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahrhunderten
+nicht empfing, wie kein Religionstifter
+es zu geben vermochte.
+</p>
+
+<p>So danke sie es der Liebe! rief Guido flammend.
+</p>
+
+<p>Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehört
+zu haben, sondern fuhr fort: Wohl, erhabener
+Jüngling, gebührt dir, eine Schönheitmoral zu
+predigen, denn noch keinen Jüngling, von so
+bezaubernden Formen, erblickten wir.
+</p>
+
+<p>Wir alle nicht! tönte der einmüthige Ausruf.
+</p>
+
+<p>Guido senkte die Augen nieder.
+</p>
+
+<p>Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur
+geringen Antheil genommen hatte, nun an,
+dich <i>auch</i> nach einem Ideal gebildet?
+</p>
+
+<p>Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging
+im Kreise umher. Entzückt hingen die Blicke
+wechselnd an dem schönen Gemälde und an
+dem schönen Jüngling. Eine Thräne freudiger
+Bewunderung sank von der Wange des Kaisers
+nieder, denn wohl dachte er der Gestalt des
+<!-- page 361 -->
+Sohnes vor drei Jahren, und faßte kaum die
+so hoch gereifte Liebenswürdigkeit<a id="corr-22"></a>.
+</p>
+
+<p>Indem aber die Künstler vergleichend fortfuhren,
+das todte Muster und seine lebende Nachahmung
+zu prüfen, behaupteten sie: Nicht ganz,
+nur beinahe ward das Ideal erreicht. Noch irgend
+ein geringes Etwas, das wir nicht zu nennen
+vermögen, irgend ein vollendender Zug
+fehlt noch.
+</p>
+
+<p>Dieser Meinung traten alle bei, auch der
+Kaiser. Letzterer fragte: Welcher Maler entwarf
+dein Urbild?
+</p>
+
+<p>Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein
+Mädchen, unendlich schöner noch durch eigenen
+Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der
+Preis meines Ringens, soll er mir grausam entzogen
+werden?
+</p>
+
+<p>Er sank vor ihm nieder. Die flehende Geberde
+sprach nur noch, sprach zu den Greisen
+im Rath, Fürworte erbittend, als der Monarch
+ernst und düster schwieg.
+</p>
+
+<p>Diese fanden des Jünglings Wunsch gerecht.
+Lohn der Liebe, meinten sie, müsse das große
+Geschenk für die Menschheit, ihr eigen Werk, vergelten.
+Guido hatte auch die Schönheit seiner
+<!-- page 362 -->
+Geliebten gepriesen. Wer konnte sie auch bezweifeln?
+Von diesem sich entsprechenden Paar,
+hoffte man eine edle Nachkommenschaft der Cäsare.
+Man drang in den Alten.
+</p>
+
+<p>Er entgegnete strenge: Hier waltet mein
+Vaterrecht, nicht der Staat! Keineswegs mein
+Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle räumen
+den fehlenden Zug ein. Der Preis gebührt
+dir also nicht. Doch entsage, entsage dem Preis,
+und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Mangel
+füllen.
+</p>
+
+<p>Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von
+Unwillen ward auf jedem Angesicht kund.
+</p>
+
+<p>Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort.
+Glaube mein Sohn, auch mir hat es einen
+schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe
+zu versagen. Doch ich weiche mit blutendem
+Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann
+durch dich über die Menschheit aufblühn.
+</p>
+
+<p>Bei den Worten <i>ewiger Friede</i> flammten
+der Väter Wangen. Guido starrte noch zum
+Boden nieder.
+</p>
+
+<p>Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter
+vermählen. Lies alles auf diesem Blatte, und
+juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch
+<!-- page 363 -->
+Ottona ist schön, wahrlich nimmer sah ich so
+verklärte Anmuth, blicke auf dies Bild, von der
+Mutter dir gesandt.
+</p>
+
+<p>Die Schmach der Treulosigkeit, in den Donnerworten
+enthalten, machte, daß Guido sein
+Auge verächtlich von dem Gemälde lenkte. Es
+fiel auf die feurige Inschrift am Hochaltar:
+<i>Unsterblichkeit</i>.
+</p>
+
+<p>Er stand auf, mied stolz die Versammlung,
+und rief die Worte zurück: Kommt nach drei
+Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um
+der Menschheit willen ohne Ini leben kann.
+</p>
+
+<p>Kein Freund mehr, an dessen Busen er weinen
+konnte. Allein schweifte er umher auf den
+Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denkmale
+der alten Zeit, herrlich die Erinnerung
+mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben,
+nicht die Liebe auf, armer Szävola der der Tugend
+nur eine Hand darbrachte, strenger Luzius
+Junius Brutus, eine Ini hättest du nicht hingegeben!
+</p>
+
+<p>Er kehrt nicht in den Pallast zurück, lief
+hinaus in die Gefilde, achtete nicht auf das wilde
+Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte,
+aber dennoch nicht tobte, wie die Stürme in
+<!-- page 364 -->
+seiner Brust. Endlich um Mitternacht langte
+er vor einer Katakombe an, drang in ihre schaurigen
+Gänge, ähnlich der Farbe seines Jammers.
+Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den
+Boden hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kurzem
+Tod, mit ewigen Tod zu umfangen. Der
+Schlummer nahte nicht. Guido sprach Verwünschungen
+gegen ihn, gegen seine unglücklich
+hohe Geburt, gegen den tirannischen Vater,
+gegen das Traumbild am Nordpol aus,
+das ihm lügend Wiedersehn zusagte und zu leben
+bewog. O warum starb ich dort nicht, wimmerte
+er.
+</p>
+
+<p>Zuletzt hatten sich die Kräfte entspannt, ein
+tiefer Schlaf rettete den Dulder vor längerer
+Qual der Selbstkämpfe. In diesem Schlaf
+wähnte die noch thätige Einbildung, Gelino,
+den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen
+strafenden Blick auf ihn warf, und wieder verschwand.
+Dieser Blick prägte sich tief in des
+Jünglings Gemüth, er sah ihn immer, noch am
+Morgen erwacht, und auf den Gefilden ohne
+Zweck wandelnd. Eine marternde Angst jagte
+ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor
+und glaubte immer das Traumgesicht in den
+<!-- page 365 -->
+Wolken wieder zu finden, von jedem Hügel sah
+er Rom und den sich erhebenden Tempel der
+Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein Strafgericht
+über ihn verhing. So trieb er es. &mdash;
+</p>
+
+<p>Der Kaiser ließ ihn besorgt suchen, man
+fand ihn nicht. So ging es am zweiten, am
+dritten Tag, die Versammlung harrte bereits
+unruhig, gespannt, Schlimmes fürchtend.
+</p>
+
+<p>Da trat Guido in den Tempel. Bleich,
+überwacht, verstört, doch eine unbeschreibliche
+Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie,
+einen Zauber in der Gestalt, die man jüngst
+nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden
+mit der Ueberzeugung durchdrang &mdash; nun sei
+das Ideal erreicht!
+</p>
+
+<p>Man errieht schon was er sagen wollte. Beifalljubel
+von allen Lippen und Händen, von denen
+des Tempels eherne Mauern und Denkmale tönend
+wiederhallten, priesen in voraus.
+</p>
+
+<p>Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen,
+umsonst, nur spät konnte er vernehmlich fragen:
+Dein Kampf siegte, du wählst Ottona?
+</p>
+
+<p>Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer
+Beifall, Beschluß des Rathes, ihn zum Thronerben,
+zum Mitkaiser würdig zu erklären.
+</p>
+<!-- page 366 -->
+
+<p>Guido hörte das betäubt, war sehr gleichgültig,
+als eine Kaiserkrone, mit einem grünen
+Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde,
+ein Purpur an seinen Schultern hing, und das
+alle Straßen überfüllende Volk, da er im Prachtzug
+nach der Cäsarenwohnung kehrte, dem neuen
+Monarchen, dem Sieger in Afrika, dem Sieger
+über sich, dem Friedengeber der Menschheit,
+Glück zurief! &mdash;
+</p>
+
+<p>Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen
+wurden eilig nach Karthago zurück gesandt, die
+europäischen Truppen nach Italien gerufen.
+</p>
+
+<p>Guido schickte heimlich einen Eilboten an
+Ottona, ließ ihr entbieten: den Thränen der
+flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr
+nächstens seine Hand, doch &mdash; ein Herz habe er
+nicht mehr zu vergeben. &mdash;
+</p>
+
+<p>Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu
+seiner Reise nach Karthago. Sie sollte mit der
+höchsten Pracht vollzogen werden, der Vater
+wollte den Sohn begleiten.
+</p>
+
+<p>Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eilbote
+zurück. Er schwärmte in dem Bilde, das
+er von Ottona entwarf. Guido gebot, darüber
+hinzugehn. Jener berichtete: Die Kaisertochter
+<!-- page 367 -->
+habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie könne
+nur Fügung in das Schicksal, doch keine Liebe
+verheißen. Wohl mir, seufzte Guido.
+</p>
+
+<p>Man trat den Weg an. Vor Karthago, wohin
+der afrikanische Hof zurückgekehrt war, standen
+alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten
+Trophäen, im Hafen wehten die Flaggen der
+Schiffe, die er jüngst den Afrikanern genommen.
+Er staunte. Die Männer aus dem Strategion
+dort, ihm entgegen gekommen, sagten: Dein
+Vater hat dir in Rom keinen Triumph über
+Afrika bereitet, so will es die Kaiserin selbst thun.
+</p>
+
+<p>Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zeichen
+seiner Siege gingen voran im glänzendsten
+Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt,
+nun dem <i>ewigen Frieden</i> geweiht. Hier am
+Hochaltar erwartete die Kaiserin den Eidam,
+neben sich Ottona in einen Schleier gehüllt und
+sichtbar bebend. Die Vornehmen, durch Guidos
+Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in
+Huldigung.
+</p>
+
+<p>Eben an diesem Tage begann das zwei und
+zwanzigste Jahrhundert.
+</p>
+
+<p>Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe
+Mutter trat ihm entgegen, Freudenthränen auf
+<!-- page 368 -->
+der Wange. Hier, sprach sie, junger Cäsar,
+Oberherr von Europa und Afrika, empfange
+meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ottonas
+Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick vermochte
+nicht aufzusehn. Nur der Ruf einer
+wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine
+Betäubung!
+</p>
+
+<p>Er sah auf die Braut &mdash; &mdash; O Himmel!
+</p>
+
+<p>Ottona war Ini &mdash; verklärt gestaltet wie ihr
+Ideal. &mdash; Bei Athania hatte die weise Fürstin
+sie erziehen lassen.
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center"><i>Ende.</i></p>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Notes"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+Schreibweise und Interpunktion des Originales
+wurden weitestgehend erhalten. Nur in wenigen, klaren Fällen
+wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+<li> Bewundernng &mdash; geändert in <a href="#corr-1"><i>Bewunderung</i></a></li>
+<li> dae &mdash; geändert in <a href="#corr-2"><i>das</i></a></li>
+<li> Gebieern &mdash; geändert in <a href="#corr-3"><i>Gebietern</i></a></li>
+<li> döch &mdash; geändert in <a href="#corr-4"><i>doch</i></a></li>
+<li> Sadt &mdash; geändert in <a href="#corr-5"><i>Stadt</i></a></li>
+<li> stannte &mdash; geändert in <a href="#corr-6"><i>staunte</i></a></li>
+<li> Pophir &mdash; geändert in <a href="#corr-7"><i>Porphir</i></a></li>
+<li> znsammengestellt &mdash; geändert in <a href="#corr-8"><i>zusammengestellt</i></a></li>
+<li> Na en &mdash; geändert in <a href="#corr-9"><i>Nachen</i></a></li>
+<li> Batter en &mdash; geändert in <a href="#corr-10"><i>Batterien</i></a></li>
+<li> veilseitig &mdash; geändert in <a href="#corr-11"><i>vielseitig</i></a></li>
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+<li> mu hbewährte &mdash; geändert in <a href="#corr-14"><i>muthbewährte</i></a></li>
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+End of the Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Voß
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+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INI ***
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+individual work is in the public domain in the United States and you are
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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