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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:09:16 -0700 |
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diff --git a/37994-h/37994-h.htm b/37994-h/37994-h.htm new file mode 100644 index 0000000..0ed8955 --- /dev/null +++ b/37994-h/37994-h.htm @@ -0,0 +1,11790 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Ini</title> +<!-- AUTHOR="Julius von Voß" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%;} +h2 { letter-spacing:.1em; text-align: center; margin-top: 10%; margin-bottom: 5%; page-break-before: always; } +p.sub { letter-spacing:.1em; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; } +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.noindent { text-indent: 0; } +p.revind { + margin-left: 1em; + text-indent: -1em; +} +p.right { text-indent: 0; + text-align: right; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 0%; margin-bottom: 2%; + } + +p.signature {text-indent: 0%; + text-align: right; + margin-left: 0%; margin-right: 0%; + margin-top: 1%; margin-bottom: 2%; + } +p.address {text-indent: 0%; + text-align: left; + text-indent: 2em; + } +p.blockquote {text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 4%; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; + } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 1%; margin-bottom: 1%; } + +p.firstwo { text-indent: 0 } +p.first { text-indent: 0 } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:0.8;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} + +div.poem { + margin-left:10%; + text-align:left; + text-indent:0; + margin-top: 2%; margin-bottom: 2%; +} +p.line { text-align:left; text-indent:-2em; margin-left:2em; } + +span.small { font-size:small; } +span.sc { font-variant:small-caps; } +span.large { font-size:large; } +span.medium { font-size:medium; } +span.spaced { letter-spacing:.1em; } +span.hidden { display:none; } + +.leftpic { float: left; clear: left; } + +.centerpic { + text-align: center; + text-indent: 0%; + display: block; + margin-left: auto; + margin-right: auto; +} + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +ul { margin-left: 0; padding-left: 0; } +.trnote { + font-family: sans-serif; + font-size: small; + background-color: #ccc; + color: #000; + border: black 1px dotted; + margin: 2em; + padding: 1em; + page-break-before: always; +} +li { text-align: left; margin: 0; text-indent: -3em; margin-left: 3em; } +.trnote ul li { list-style-type: none; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Voß + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Ini + Ein Roman aus dem ein und zwanzigsten Jahrhundert + +Author: Julius von Voß + +Illustrator: Franz Joseph Leopold + +Release Date: November 12, 2011 [EBook #37994] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INI *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic"><img src="images/title.jpg" alt="Titel"/></div> + +<div class="trnote"> +<p class="center"> +<a href="#Notes">Anmerkungen zur Transkription</a> am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/000a.jpg" alt=""/></div> + +<h1> +<span style="letter-spacing:1em;">Ini</span><br /> +<span class="medium">Ein Roman</span><br /> +<span class="small">aus dem</span><br /> +<span class="medium">ein und zwanzigsten Jahrhundert</span><br /> +<span class="small">von</span><br /> +<span class="medium"><span class="spaced">Julius v. Voß.</span></span> +</h1> + +<div class="centerpic"><img src="images/000b.jpg" alt=""/></div> +<p> </p> + +<p class="center"> +<span class="spaced"> +Berlin, 1810.<br /> +Bei Karl Friedrich Amelang. +</span> +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorrede.</h2> + +<p class="first"><span class="firstchar">J</span>ean Paul sagt: „Friede mit der Zeit! sollte +man öfter in sich hineinrufen. Wie uns ein +quälender Tag nicht in den Hoffnungen unsers +Lebens irret, so sollte uns ein leidendes +Jahrhundert nicht die entziehen, womit wir +uns die weite Zukunft malen.“ Wenn nun +aber die Zeit gar unfriedlich ist, sollte da +nicht ein Blick in die Zukunft das bedrängte, +oft zagende Herz trösten, beleben, erheitern? +Und eine bessere Zukunft naht so gewiß, +als die Vergangenheit von der Gegenwart +übertroffen wird. Wenigstens gilt die Behauptung, +insofern wir, von der immer mehr +entwickelten Kultur, das Heil der Sterblichen +erwarten. Was wir aber noch nicht sehen +können, träumen, ist ja wohl poetisch und +religiös. Und +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Sind’s gleich nur Welten aus Ideen,</p> +<p class="line">So baut man sie so herrlich als man will.</p> +</div> + +<p class="signature"> +<i>Der Verfasser.</i> </p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Erklärung der Kupfer.</h2> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>as Titelkupfer stellt eine von Wallfischen gezogene +Reiseinsel dar, wovon Seite 294 die nähere +Beschreibung. +</p> + +<p>Bei der Vignette, eine Luftpost abbildend, +wäre ein Ball von größerem Umfang zu wünschen. +Jedoch tragen die Adler, übrigens etwas +zu groß, ein wenig mit. +</p> + +<p>Der Verfasser merkt an, daß, ob er schon +die Adler wählte, ihm deshalb Zambeccaris Theorie +nicht unbekannt war. — Auch noch, wie +ihm diejenige philosophische Kompensazion, nach +welcher die Möglichkeit höherer Wohlfahrt der +Erdensöhne, billig in Zweifel gezogen wird, so +wenig fremd ist, daß er sich vielmehr ihr zugethan +erklärt. +</p> +<!-- page 3 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Erstes Büchlein.</h2> + +<p class="sub">Die Trennung.</p> + +<p class="first"><span class="firstchar">I</span>ch Unglücklicher soll dich meiden, rief Guido +wehmüthig. +</p> + +<p>Wozu die Klage, entgegnete Ini. Mögen +dich rüstige Adler zum Pol tragen, magst du +dich in die Tiefen des Ozeans senken, mein Bild +bleibt dir nahe. Frei durchfliegt der Gedanke +des Liebenden die Ferne, und die Region der +Phantasie ist eine wirkliche. Auch wäre daheim +dein Ziel nicht zu umarmen. Das Anschaun der +Welt, die Uebung der Kraft in Thaten, müssen +jene Bildung der Schönheit vollenden, deren +Lohn meine Gegenliebe sein wird. Darum +scheide männlich! +</p> + +<p>Guido war ein Jüngling von etwa zwanzig +Jahren. Seine Herkunft blieb ihm noch immer +<!-- page 4 --> +geheim. Die Sage machte ihn zum Fündling, +und als solchen, wollten die Gesetze, daß die +Landespflege ihn erziehen ließ. Früh hatte man +ihn in das große Knabenhaus gebracht, das am +Meerstrande unweit Palermo angelegt war, +und wo die sinnigen Vorsteher, bis zum zwölften +Jahre, für die Entwicklung des Körpers durch +Laufen, Ringen, Schwimmen und für die Stärkung +des Denkvermögens durch Gimnastik des +Kalküls Sorge trugen. In vergangenen Jahrhunderten +würde auch der tiefsinnigste Geometer +nicht geahnt haben, was im Felde der Rechnung +junge Knaben hier schon vermogten. Allein es +war überhaupt so weit damit gekommen, (zudem +die mechanischen und optischen Handwerke so leicht +durch Maschinen, so einfach durch neue Entdeckungen, +so allgemein bekannt durch Schulen), +daß Hirten, welche die Sternkunde gleich ihren +Altvätern wieder trieben, sich bei Tage Teleskope +fertigten, zur Nacht den Himmel beobachteten, +und die Finsternisse der vielen neugewahrten Planeten +und ihrer Trabanten ausmittelten. +</p> + +<p>Von da ward Guido dem treuen Gelino +übergeben, dessen Villa nicht weit von dem großen +Lustgarten, der den Aetna einschließt, lag. Dieser +<!-- page 5 --> +Mann hatte, ehe er sich nach dem Wohnplatz +der Ruhe zurückgezogen, am Hofe zu Rom ein +Amt bekleidet und umfaßte die Kunst zarte +Jünglinge auf die Bahnen der Tugend zu leiten, +mit Liebe. +</p> + +<p>Der Kaiser, gewohnt, wenn ihn nicht wichtigere +Dinge abhielten, den lieblichen Februar +auf Sizilien zu verleben, hatte den jungen Guido +gesehn — wie es schien — Behagen an dem Knaben +gefunden und ihm Fürsorge zugesagt. Ehrender +Antrieb für ihn. +</p> + +<p>Doch möchte es vielleicht nicht gelungen +sein, die mit Guidos flammender Lebenskraft +verbundenen wilden Neigungen zeitig zu entwaffnen, +wenn nicht folgender Umstand hinzugetreten +wäre. +</p> + +<p>Neben Gelino wohnte seit einiger Zeit die +edle Athania, Wittwe des afrikanischen Helden +Medon. Sie hatte nach des Gatten Tode ihren +Sitz auf dem lieblichen Eilande genommen und +eine Pflegetochter mitgebracht, über deren Geburt +auch viele Dunkelheit lag. +</p> + +<p>Guido sah das Mädchen in seinem siebzehnten +Jahre. Ini zählte kaum vierzehn, doch +<!-- page 6 --> +prangte ihre Schönheit in üppiger Fülle, ihr +Verstand entzückte. +</p> + +<p>Im ein und zwanzigsten Jahrhundert hatte +man die Erziehungskunde einer Arithmetik unterworfen, +die schon lange genaue Anzeigen +ergab und sich immer mehr erweitete. Streben +und Erfahrung hatten die Linie gefunden, bis +an welche die Natur Freiheit zu reinen Ausbildungen +der Formen bedingt, und wieder das +Maas von Gegenwirkungen entdeckt, mit welchem +ihr am glücklichsten zu begegnen ist. Da nun +zugleich die Chemie der höheren Arzneikunst, +diejenigen Krankheiten nach und nach in ihren +Stoffen vertilgt hatte, welche sonst das Geschlecht +entstellten, da die edlere Verfassung, jene Eigensucht, +mit ihren leidenschaftlichen Ausgeburten, +Neid, Haß, niedrige Sinnlichkeit, meistens entfernte, +so konnte sie auch nicht mehr, wie Ehedem +Antlitz und Haltung verunbilden. So mußte von +Geschlecht zu Geschlecht die menschliche Schönheit +sich lieblicher entfalten, und jene harmonischen +Gestalten, welche einst Bildner in Athen +<i>aussannen</i>, erblickte die Wirklichkeit da lange +schon lebend, wo die Kultur waltete. Ja, jene +Statuen wurden bereits auf eine nie zuvor geahnte +<!-- page 7 --> +Weise übertroffen, denn eine ganz neue Ideenmasse +hatten die Menschen in sich aufgenommen, +welche der Schönheit einen neuen irdisch-göttlichen +Ausdruck zulegte. Wie würden die Phidias +und Raphael gestaunt haben, wäre ihnen vergönnt +gewesen, aus dem Todtenlande wiederzukehren, +und die Formen dieses Zeitalters zu +betrachten. +</p> + +<p>Die Schädelkunde, am Ende des achtzehnten +Jahrhunderts entdeckt, sparsam im neunzehnten +vervollkommnet, doch im zwanzigsten und +ein und zwanzigsten zur tiefen Wissenschaft erhoben, +leistete auch zur allgemeinen Veredlung +bedeutende Hülfe, wie wir in der Folge zeigen +wollen. +</p> + +<p>Guido sah die junge Ini kaum, als er ahnte, +von den Strahlen dieser Schönheit werde ein +neuer Frühling in seinem Gemüthe aufblühen. +Süße Betäubung, schmachtende Unruhe, stellten +sich als Vorboten der Liebe ein, holde Träume +umgaben ihn wachend. +</p> + +<p>Guido war im siebzehnten Jahre so stark +und gewandt, daß er manches Raubthier mit +unbewaffneten Händen würde überwunden haben. +Er sprang in die See, wenn ein Orkan ihre +<!-- page 8 --> +Wogen erhob, und kämpfte dann lächelnd mit +der empörten Flut. Er konnte im Laufen das +fliehende Reh ereilen und den Gemsen des Hochgebirgs +nachklimmen. Dabei war er ein fleißiger +Mathematiker, hatte eine Karte von dem +Meergrunde zwischen Sizilien und Kalabrien gefertigt, +die Beifall fand. Kriegerische Künste +beschäftigten seine Einbildungskraft, und mit +Chemie vertraut, gab er die Konstrukzion einer +dichten Gewitterwolke an, die ein künstlicher +Wind über ein feindliches Heer treiben, wo sie +in so viel Blitzen niederwärts sich entladen sollte, +als das Heer Köpfe zähle. Anmaaßend, wie es +unerfahrner Jugend wohl eigen ist, hatte er, +ohne seines Lehrers Darumwissen, den Entwurf +nach Rom gesandt und dem Strategion zur +Prüfung übergeben. Die Männer aber, welche +diesen Rath bildeten, lachten allgemein, indem +sie einwandten, die Gegner dürften sich ja nur +sämtlich mit Ableitern versehn und der Wolke +spotten. Doch setzten sie hinzu: der Jüngling +möge nicht ohne gute Anlage sein, und ihm gebühre +einige Aufmunterung. +</p> + +<p>Manches andere Wissen dagegen war unserm +Guido noch fremd. Besonders konnte er sich +<!-- page 9 --> +immer nicht an die Geschichte ketten, weil ihm +gar zu winzig und unbedeutend schien, was die +vergangenen Jahrhunderte vollbracht hatten. +</p> + +<p>Nachdem er lange in sich verschlossen gewesen +war, eilte er an einem schönen Sommerabend +zu Ini. Sie hatte den kleinen Marmorsaal in +ihrem Hause zum Aufenthalt während der Tageshitze +bestimmt. Hier strömte ein Springbrunnen +geläutert Quellwasser, der andere gepreßten Orangensaft, +der dritte Zuckeressenz aus mancherlei +Wurzeln des Gartens gezogen. Einen niedlichen +Goldbecher mit Sorbeth, aus den Flüssigkeiten +gemengt, in der Hand, stieg nun Ini auf das +platte Marmordach, wo aus Vasen Blumen +dufteten und ihr Webestuhl sich befand. Sie malte +fertig und bei der kunstvollen Einrichtung des +Stuhles ahmte sie ihre Malereien in Seidenarbeit +nach. Wo blieben die Gobelintapeten, +lange zuvor berühmt, neben diesen Geweben! +</p> + +<p>Guido kam ihr nach auf die Zinne. Mädchen, +rief er, seit ich dich sah, bin ich erkrankt und +genesen, die Lüge wird mir Wahrheit, die Wahrheit +Lüge, immer drängt es mich, dich zu sehn +wie das Sehenswerteste, und ich fliehe dich wie +das Furchtbarste. Ich bin in des Aetna Tiefe +<!-- page 10 --> +gestiegen, doch die Flammen deines Auges trag +ich nicht. Deute mir das, hohe Schönheit! +</p> + +<p>Das Mädchen zog dunkle Falten der Stirne, +die aber ihr frohes Auge Lügen strafte. Mit +verstelltem Unwillen entgegnete sie: ich glaube, +du willst mir gar mit Liebe nahn! +</p> + +<p>Guido rief: ich bin mir keinen Willen bewußt. +Dem Zuge deiner Schönheit folge ich +unterwürfig. +</p> + +<p>Ini sann einen Augenblick mit hochgerötheter +Wange nach. Dann sagte sie lächelnd: den +Worten soll ich Liebe glauben? Beweise sie +durch die That und ich will mich fragen, ob ich +sie hören darf. +</p> + +<p>Entzückt von dem holden Strahl einer aus +weiten Fernen schimmernden Hoffnung, flehte +Guido mit Ungestüm, ihm die That zu nennen, +wodurch er seine Liebe zu bewähren hätte? +</p> + +<p>Tritt näher, sagte Ini, nimm Platz, dort +auf den Sessel von Elfenbein, daß ich dein +Haupt von der Seite erblicke. +</p> + +<p>Guido gehorsamte still. +</p> + +<p>Ini zog ein ander Seidenzeug auf ihren +kunstreichen Webestuhl, und in wenigen Minuten +hatte sie Guidos Abbild darin gewirkt. Hier, +<!-- page 11 --> +rief sie, des sichtbaren Guido Umriß, wie er +zeugt von dem unsichtbaren, die Urkunde seines +geheimen Lebens, der Tag seiner innen waltenden +Nacht. +</p> + +<p>Guido blickte hin. Die höchste Wahrheit +hatte die Bildnerin getroffen. O webe mir dein +Bild, flehte er wehmüthig, mit Entzücken will +ich es von hinnen tragen. +</p> + +<p>Das steht weit hinaus, erwiederte sie. Doch +will ich nun ein zweites Gewebe fertigen. +</p> + +<p>Sie ging wieder an die Arbeit, während der +Jüngling sich mit trunknen Blicken an der +hohen Gestalt weidete, und bisweilen ärgerlich +auf sein Konterfei sah. Denn es wollte ihm +nicht gefallen, ob er schon nicht wußte, warum. +</p> + +<p>Nach einer Viertelstunde hatte Ini geendet. +Sie zeigte ihm ein neues Seitenbild, das Guido +in den Zustand der höchsten Verwunderung brachte. +Er sah seine Grundzüge wieder, aber in einer +bezaubernd schönen Idealität. Höher strebte des +Schädels Mitte empor, regelmäßig wölbte sich +das Hinterhaupt, weit drang die reine Wellenlinie +der Stirn hervor, eine unbeschreibliche +Veredlung wohnte in dem ganzen Profil, liebliche +Anmuth um den Mund, in dem klarer, tiefer, +<!-- page 12 --> +strahlender gewordenen Auge, redete der volle, +Ehrfurcht gebietende Ausdruck <i>jugendlicher +Weisheit</i>, der in früheren Zeiten nicht lebend +anzutreffen war, den auch die Künstler, welche +einst den Apollon vom Belvedere oder den Antinous +fertigten, noch nicht dargestellt hatten. +Indessen konnte ihn die Entwicklung der Menschheit +erst spät hervorbringen. +</p> + +<p>Guido blickte bald verlegen auf das Kunstwerk, +bald auf die hochsinnige Meisterin. Ich +sehe mich hier in ein Gedicht verklärt, hub er +an, was willst du mir deuten? +</p> + +<p>Kein Gedicht, entgegnete das Mädchen, erreichbare +Wahrheit. Du hast mir süßen Schmerz +der Liebe geklagt. Gestalte dich nach diesem +Bilde um, ich gebe dir zwei bis drei Jahre +Zeit, hast du dann diese Schönheit dir anerzogen, +soll meine Gegenliebe dein Lohn sein. +</p> + +<p>Wie soll ich das anfangen! rief der Befremdete. +Bin ich Herr über meine Gestalt? +</p> + +<p>Du bist es. +</p> + +<p>Bin ich ein Schöpfer? +</p> + +<p>Wenn dein Lieben wahr ist! Ich sage dir +nichts mehr. Dem Geist deiner Liebe hast du +das Geheimniß zu entwinden. Doch nicht allein +<!-- page 13 --> +sollst du umwandeln. Ich werde mir auch ein +Ideal meiner Gestalt entwerfen. +</p> + +<p>Eitles Mühn! wie könnte deine Phantasie +einen schöneren Traum erschaffen als die Wirklichkeit! +</p> + +<p>Schmeichelei, oder, wenn es dir so scheint, +Unvollkommenheit in deinem Urtheil. Es wird +sich stärken, dein Tadel erwachen, und das Streben, +mich vor dem Tadel zu retten, mir wohlthun. +Der Augenblick wo einem Mädchen zum Erstenmale +Liebe bekannt wird, giebt neue Aussichten +in die Welt höherer Anmuth. Nach einem Jahre +sollst du mein Ideal sehen. Ehe nicht. Bis +dahin begnüge dich auch, an mich zu denken. +</p> + +<p>Wie, ich soll dich in dem langen Zeitraume +nicht erblicken? +</p> + +<p>„Die erste Prüfung! Auch eine nothwendig +ungestörte Frist!“ +</p> + +<p>Unbegreifliche! — Und dennoch erwacht mir +die Hoffnung, ich werde den hohen Sinn deiner +Worte faßen lernen. +</p> + +<p>„Frage den Geist der Liebe, sein Orakel tönt +in deiner Brust. Und nun nichts weiter. Lebe +wohl!“ +</p> + +<p>Ehrerbietig entfernte sich Guido, irrte umher +<!-- page 14 --> +in den lieblichen Thalen, bis Nachtviolen die +Orangenblüthe überdufteten und der Vollmondschein +durch die Oelbäume und Mandelsträuche +des blumigen Hügels winkte. +</p> + +<p>Wie auch der Sturm heiliger Empfindungen +in ihm wogte, immer ward die Frage laut. +</p> + +<p>Und der Liebe Geist antwortete ihm leise: +So du der <i>Seele</i> Schönheit pflegst, wird sie +sich in der <i>Gestalt</i> verkünden. +</p> + +<p>Guido kniete nieder vor der Gottheit in seiner +eigenen Brust und flehte innig um Lehre. +</p> + +<p>Wer so innig fleht, wird erhört. Aus dunkeln +Nachtgewölken enthüllte sich mit jedem Tage +die Misterie reiner, bis die Pfade ihm von tausend +Morgensternen erhellt schienen. +</p> + +<p>Er machte sich mit den Schriften neuer gerühmter +Weisen bekannt. Im ein und zwanzigsten +Jahrhundert gab es Wenige, die es zu dem Namen +bringen konnten, denn die Weisheit galt keine +Seltenheit mehr. Auch sahe man nur wenige +Bücher, in der allgemeinen Sprache von Europa, +vor hundert Jahren eingeführt, als man hier +endlich die Thorheit beseitigte, ein und dasselbe +Ding auf so verschiedene Arten zu nennen, und +dem, der bedeutendes Wissen umfangen will, +<!-- page 15 --> +das halbe Leben im Studium der Mundarten +abzufordern. Es gab dagegen unermeßliche Büchersammlungen +in den alten Sprachen, aber sie +galten meistens Denkmäler vorzeitlicher Irrthümer. +Die wenigen, welche in den Tagen höher gediehener +Bildung noch den Namen Weisen errangen, +waren Männer, die mit rüstiger Kraft, +aus den Schätzen der Vergangenheit, das Beste, +das Allgemeingültige sonderten, was sich denn +auf wenige Blätter bringen ließ, nun aber auch +die Mitwelt desto leichter in Stand setzte, die +Höhe des vorhandenen Wissens schnell zu erfliegen +und mit starken Schritten weiter zu +dringen. +</p> + +<p>Auch die Geschichte des Menschengeschlechts +hatten tiefe Forscher so bearbeitet, daß die Erscheinungen +sich immer deutlicher in ihrem Ursprung +erklärten und daß daraus, sowohl die +Kräfte als der Zweck des Lebens deutlicher +wurden. +</p> + +<p>Guido erbeutete nach und nach reiche Summen +von Wissen, eine schon durch die Mathemathik +gestärkte Denkkraft, eine durch die Liebe +entzündete Phantasie, nehmen leicht auf, bewahren +dauernd und fühlen mit jedem Tage mehr, wie +des Genius Fittig sich regt. +</p> +<!-- page 16 --> + +<p>Bei diesem Geschäft, das er mit heiligem +Eifer trieb, kamen Empfindungen über ihn, +deren Hoheit und Würde er nie geträumt hatte. +Stark fühlte er alles Große, edle That sprach +ihn an, daß er lebhaft sich in den Zustand dessen +denken mußte, der sie verrichtet hatte, mit +tief liebender Ehrfurcht füllte ihn die Religion, +er schwärmte für alle Schönheit der Natur, um +so mehr, als er Inis Verwandtschaft darin zu +erkennen wähnte. +</p> + +<p>So floh denn das Jahr eilig dahin, und +hatte sich Guido schon bei seinem Anfang durch +die Wunder der Liebe verändert gefunden, so +schien er sich jetzt gar nicht mehr das Wesen +von Ehedem zu sein. Trat er seit einem halben +Jahre an den Spiegel, meinte er auch schon, +hie und da hätten sich seine Formen umgewandelt. +Doch war er mit sich selbst nicht einig, +ob er hier an Wahrheit oder Täuschung +glauben sollte. +</p> + +<p>Das Jahr war endlich um, und er eilte mit +hochklopfendem Busen zu Ini. Wie gespannt +ist das junge Herz, wenn es nach einer so langen +Abwesenheit dem Gegenstand heiliger Liebe wieder +nahen darf. +</p> +<!-- page 17 --> + +<p>Ini saß eben im Garten und rührte die +Zephirharmonika. Es war dies ein Instrument, +mit vielen langen Harfensaiten bespannt, die +hoch in die Luft reichten. Zu jedem Ton gehörten +hundert gleich gestimmte Saiten, hintereinander +an wiederhallende Laden gefügt und +vorne mit einer Blende versehn. Unten befand +sich ein Tastenwerk, wodurch jedesmal, nachdem +man schwache oder starke Töne hervorrufen wollte, +die Blende, weniger oder mehr entfernt ward. +Nun berührten die aufgefangenen Luftströme die +Saiten und man vernahm jene reizende ätherische +Schwingungen, welche früherhin schon an den +sogenannten Aeolsharfen bezauberten, nur daß +damals noch Niemand Herr der Melodien zu +werden verstand. +</p> + +<p>Guido trat in das Gartenthor, leicht aus +Porphir gearbeitet, und nahm seinen Weg durch +einen, von hohen blühenden Rosensträuchen beschatteten, +Gang, an dessen Ende die Zephirharmonika +auf einem frei emporragenden, nur mit +niedrigen Lilien und Anemonen bepflanzten +Hügel stand. Die Töne wehten ihm her durch +die balsamhauchende Abendluft, ehe er noch das +Instrument sah. Er wähnte, sie stiegen von +<!-- page 18 --> +glücklicheren Sternen nieder. Endlich erblickte +er Ini. Das Piedestal des Instruments, etwa +zwanzig Schuh hoch, war aus hell durchsichtigen +Glassäulen erbaut. Ein Maschinenwerk hob auf +den Sitz. Dieser, wie auch die Laden und +Blenden waren mit goldfarbigem dünnem Zeuge +bedeckt und wolkenartig gestaltet. Ueber sie weg +in gefälliger Rundung wölbten sich diese Zeuge. +Die Saiten gewahrte das Auge in einiger Entfernung +nicht, und so schien es, Ini schwebe ob +dem Hügel auf einem Wolkenthron. +</p> + +<p>Eine Umgebung der Art müßte jede Schönheit +erhöhen, um wie mehr wenn erquickende +Blumendüfte, und zaubervolle Harmonien bestachen, +um wie mehr wenn die wirklich hohe +Schönheit mit dem Blick der Liebe angestaunt +ward. +</p> + +<p>Guido erschrack freudig, da er um die letzte +Krümmung des Rosenganges trat, und nun Ini +ersah. Nieder mußte er anbetend sinken. Ihre +Gestalt lag in so hoher Vollkommenheit in seiner +Einbildung verwahrt, aber das erste Anschaun +jetzt belehrte ihn von neuer Trefflichkeit. +</p> + +<p>Sie wandte bald das Auge nach ihm hin. +Nicht konnte man diese Bewegung eben zufällig +<!-- page 19 --> +nennen, wohl hatte sie Tag und Stunde gemerkt, +da das Jahr umgelaufen wäre, sie hoffte +jetzt den Jüngling erscheinen zu sehn, und wenn +sie ihn gerade so empfing, sind wir berechtigt, +den Grund in ihrer Weiblichkeit aufzusuchen. +</p> + +<p>Sie erröthete — da hätten Abendsonne und +Rosen sich beschämt abwenden mögen, sie endete +ihr Spiel, da konnte der Nachtigallenchor sich +freuen, weil er nun gehört zu werden hoffte. +</p> + +<p>Sie stieg herab, winkte freundlich dem Jüngling +aufzustehen. Lächelnd und gesammelter nahm +sie seine Hand und führte ihn nach dem Zimmer +im Wohnhause, das mit ihren malerischen Geweben +umhängt war. Hier befand sich jenes +Ideal von Guidos künftiger Schönheit, das sie +gleich herbeilangte. +</p> + +<p>Du wecktest schöne Kräfte in dir, hob sie an, +ihr Walten spricht in deinem Auge, ein reiner +Sinn erzog dir diese Reinheit im Antlitz, edle +Gefühle, hohe Einbildung, angenehme Affekten +trugen den Ausdruck dieser Harmonie aus Linien, +Farben, Zügen zusammen. Eile emsig weiter auf +der hold betretenen Bahn, und das schöne Ziel +wird dir nicht entfliehn. +</p> + +<p>Guido empfand selige Wonne. Als sich seine +<!-- page 20 --> +Gefühle erst in Worte zu kleiden vermogten, +sagte er Ini, wie auch ihre Schönheit, ob er +sie schon auf den Gipfeln der Vollendung +geträumt hätte, unendlich erhöht sei. +</p> + +<p>Sie ward verlegen, lächelte und holte eine +zweite Malerei, welche auch ihre Gestalt in +einem Ideale bildete. Guido wollte die neue +Versündigung gegen ihre dermaligen Reize +schelten, doch Staunen und Bewunderung<a id="corr-1"></a> schlossen +seinen Mund. — +</p> + +<p>Von der Zeit an sahen sich die Liebenden +öfter. Viel inniger noch wurden ihre gegenseitigen +Beziehungen und dennoch mehr Verständigkeit +hineingelegt. Die Rückwirkung war +für jeden Theil segnend. +</p> + +<p>Gelino, der sorgsame Lehrfreund, hatte schon +im Laufe jenes Jahres manche Veränderungen bemerkt, +welche Guido in seinem Charakter zeigte. +Der Uebergang war zu plötzlich gewesen. Die +Fortschritte im Guten hatten zu schnell geeilt, +als daß der lebenserfahrne Greis nicht richtig +auf den Grund davon hätte schließen sollen. +Gleichwohl konnte er nichts weiter erspähn, da +Guido in diesem Zeitraume fast seine Wohnung +nicht mied. +</p> +<!-- page 21 --> + +<p>Auch Athania, die edle Erzieherin, war zu +scharfsichtig, um nicht Ini bald aus ihren Umgestaltungen +zu errathen, wenn ihr gleich der +Jüngling ihrer Liebe noch ein Geheimniß blieb. +</p> + +<p>Doch da die Liebenden sich nachher öfter zusammenstahlen, +konnten sie der forschenden Beobachtung +nicht entgehen. Beide Alten waren +schnell mit ihrem Glauben aufs Reine und bei +einer Zusammenkunft entstand folgendes Gespräch. +</p> + +<p>Gelino. Werthe Athania, mein Zögling +scheint Ini zu lieben. +</p> + +<p>Athania. Eben wollte ich dir meine Bemerkungen +über diesen Gegenstand vortragen. +</p> + +<p>Gelino. Ich gerathe in keine kleine Verlegenheit. +Wohl hat diese Liebe, ohne Zweifel +die erste, und eben so gewiß auf eine würdige +Art erwiedert, Veredlung im Gefolge, dennoch +muß ich darauf sinnen, wie sie am bequemsten +zu hindern sei. +</p> + +<p>Athania. Harte Strenge gegen die jungen +Seelen. +</p> + +<p>Gelino. Aber nothwendig. Der Kaiser nimmt +sich meines Guido, den er hier kennen lernte, +an, hat mir bei seiner letzten Gegenwart vertraut, +<!-- page 22 --> +wie er ihn zu hohen Staatsämtern +berufen wolle. +</p> + +<p>Athania. Und Ini ward mir von einer Afrikanerin +übergeben, die ich nur verschleiert sah, +die aber auf einen hohen Stand schließen ließ, und +bis dahin die Tochter in einem Fündlinghause +hatte erziehen lassen. Daß sie sich Inis Ehe +zu bestimmen vorbehalten bat, läßt sich um so +eher erwarten, als ich bald mit dem Mädchen +nach Afrika beschieden bin. Gleichwohl dürften +wir mit all’ unserer Sorge nicht so viel an den +Pflegbefohlnen erziehen wie die Liebe. +</p> + +<p>Gelino. Darin stimme ich vollkommen ein. +</p> + +<p>Athania. Gestatten wir den jungen Leuten +sich zu lieben, den Frühling ihrer Jahre entzückt +zu genießen. Doch werde ihnen auch gleich +verkündet, wie Besitz nimmer das Ziel dieser +Liebe sein könne, wie sie sich an den Freuden +des Augenblicks und an wechselseitiger Erziehung +zu genügen hat. +</p> + +<p>Gelino wandte noch manches ein, gab aber +endlich nach, wobei denn noch beschlossen ward, +die jungen Personen sollten sich immer in einiger +Entfernung bewacht finden. +</p> + +<p>Athania sprach mit Ini, welche erröthete. +</p> +<!-- page 23 --> + +<p>Bald sammelte sich aber das Mädchen und entgegnete, +wie sie sich eine solche Ankündigung gar +wohl gefallen lassen könne, da zwischen Guido +und ihr eigentlich ja nur das bildnerische Problem +gelöset werden sollte, die höchst mögliche +Schönheit zu erringen. +</p> + +<p>Athania war nicht wenig befremdet, als ihr +dies näher erklärt wurde, hoffte, daß dem feinen +Sinn der so etwas zu erfinden vermöge, auch +die Selbstherrschaft nicht abgehen werde, wenn +die Trennung geboten sei. +</p> + +<p>Gelino fand höhere Bestürzung an dem Jüngling, +da sich dieser so unerwartet entdeckt sah. +Doch faßte er sich auch und erklärte: könne er +Ini nimmer besitzen, solle doch das Geschäft, sich +ihrer würdig zu machen, sein Glück heißen. Dies +lobte sein Führer mit Wärme. +</p> + +<p>Die Liebenden eilten einander mitzutheilen, +was Jedes von ihnen eben gehört hatte. Guido +war in trüben Kummer versenkt. Ini zeigte +eben nicht ihren gewohnten heitern Muth, doch +sagte sie mit Festigkeit: Ich verhieß dir, wenn +du mein Ideal erreicht haben würdest, dir mit +Gegenliebe zu lohnen. Bis dahin erwarte nichts, +dann alles, was das Schicksal auch einreden mag. +</p> +<!-- page 24 --> + +<p>Bald darauf kam ein Eilbote durch die Luft +aus Afrika geflogen, und meldete, wie Inis +Mutter ihre Tochter zu sehen begehre. Er brachte +zugleich ein bequemes Fahrzeug mit, das die +Reisenden nach jener Küste tragen sollte. +</p> + +<p>Es war dies ein Häuschen von dünnem Schilfrohr +geflochten und mit Fenstern aus einem +ganz durchsichtig gemachten leichten Horne versehn. +Zwei Kabinette, eine Kammer für die +Dienerschaft und eine Küche, mit dem nöthigen +kleinen Magazin von Speisen und Getränken, +waren im Innern abgetheilt. Kostbare Teppiche +schmückten mit andern Geräthschaften die Kabinette. +Das Dach war platt, mit einem Geländer +und Sitzen umgeben, sich dort bei angenehmer +Witterung aufzuhalten. An dies Dach waren +die seidenen Stränge befestigt, welche von der +oben schwebenden Azotkugel niederhingen. Man +wußte jetzt das<a id="corr-2"></a> Azot viel leichter und einfacher +zu bereiten als im Anfang der Luftschifferei. +Auch hatte lange schon die Versuche, Adler zu +zähmen und an die Fahrzeuge zu spannen, Erfolg +gekrönt. Man hielt auch viele Institute +zur Zucht und Einlehrung dieser Thiere. Postämter +befanden sich in allen Richtungen von +<!-- page 25 --> +Grad zu Grad, und wenn Reisende im Abstand +einer Meile, bei Tag mit einer lang flatternden +Fahne, bei Nacht mit einem Raketenschein sich +meldeten, trafen sie alles bereit. +</p> + +<p>Das Fahrzeug, worin die Schöne nach Afrika +eilen sollte, war mit zwanzig rüstigen Thieren +bespannt. Guido bat flehend um die Erlaubniß, +sie einen Grad begleiten zu dürfen. Athania +und Gelino willigten ein. Er miethete also +eine kleine offene Gondel, wie sie zu Briefposten +im Gebrauch war, die nur an einem kleinen +Ball hing und von zwei Adlern fortgeschaft +werden konnte. Diese ward an das größere Fahrzeug +befestigt und die beiden Adler einstweilen +vorne mitgebraucht. +</p> + +<p>Man stieg an einem herrlichen Morgen ein, +und ließ das Fahrzeug sich hoch erheben. Welche +herrliche erquickende Empfindung, im reineren +Aether oben, welch’ entzückendes Schauspiel, die +Sonne, die dem Thale erst im Purpurhauche +am Ost sich verkündet hatte, nun schnell am +tiefen Erdrund zu gewahren, da der Flug ihr +zuvor eilte. Die Reisenden sahen die klare +Sonnenscheibe des unbewölkten Himmels, doch +unter ihnen schwand noch alles in Dunkel, weil +<!-- page 26 --> +Siziliens hohe Fluren noch nicht erhellt wurden. +Nur der Aetna, welcher eben Flammen auswarf, +entdeckte sich ihnen in feurigen Verschlingungen. +Bald aber trafen Föbos Strahlen die Höhen +des Eilandes, und kurze Zeit darnach lag es in +seiner ganzen Gestalt erkennbar unter ihnen, +denn sie schwebten hoch genug, Sizilien vom +silberfarbnen Meere umgürtet, zu übersehen. +Palermo, Messina und Sirakus waren kaum als +Punkte bemerklich, die Orangen- und Pinienhaine +zogen sich in blauen Streifen an den Gebirgen +hin, die Thäler waren in ein heitres +Gelb verschmolzen. Der Liebenden Busen wallte +hoch auf in dem frohen Anschaun, und nur die +nahe Trennung störte ihre erhabenen Gespräche +über den erhabenen Gegenstand. +</p> + +<p>Fürchte nichts, sagte Ini, ich komme gewiß +nach Sizilien zurück. Es wird meine erste Bitte +an die Mutter sein, meine Erziehung hier zu +vollenden. Ich schreibe dir, was sie beschließt, +und du kömmst mir dann wieder entgegen. +</p> + +<p>Die Reise ging schnell, da die Thiere munter +die Flügel regten und man sich in einer stillen +Luftregion befand, wo sie keinem Widerstand +entgegen zu kämpfen hatten. Nach einigen +<!-- page 27 --> +Stunden lag die Bläue des Meeres unter ihnen +und eine grüne Linie an seinem mittäglichen +Rande bezeichnete Afrika. Der Grad ist bereits +überschritten, sagte Inis Erzieherin, es ist Zeit, +daß du an die Rückkehr denkst, Guido. Diesem +waren die Stunden wie Minuten entwichen, er +flehte um eine Zugabe von Frist. Man muß den +Vertrag halten, antwortete Jene, auch merkte +der Knabe, den Guido von der Luftpost zu +Palermo mitgenommen hatte, an, die Adler +dürften ermüden. +</p> + +<p>Guido stieg in den kleinen Kahn, vor welchen +der Knabe die zwei Adler gelegt hatte, die +nun rückwärts gelenkt wurden. Tausend Lebewohl +rief er Ini nach, die ihren thränenden +Blick zu ihm wandte. Bald sah sie von der +kleinen Kugel nur einen hellen Punkt, den sie +so lange als möglich mit dem Sehrohre verfolgte. +</p> + +<p>Guido war sehr traurig als er wieder in +seiner Wohnung anlangte. Nur die Hoffnung, +bald einer Nachricht von Ini entgegen sehen zu +dürfen, richtete sein Gemüth auf. +</p> + +<p>Man hatte um diese Zeit die Mittel, sich aus +der Ferne zu unterhalten, bedeutend vervielfacht. +<!-- page 28 --> +Telegraphen standen durch ganz Europa, in allen +Linien von namhaften Orten, aufgerichtet, und +Jedermann konnte sich ihrer gegen eine mäßige +Zahlung bedienen. Die vervollkommnete Akkustik +diente hier aber mehr dem Gehör, als früherhin +die wenig umfassenden Zeichen dem Auge. Es +gab Sprachtrompeten, welche bei Tag und Nacht, +und fast bei jeder Witterung, auf eine Meile +deutlich hörbar tönten und durch welche man +von Station zu Station melden ließ, was man +wollte. Ueber Meere leisteten dagegen die allgemein +gewordenen Taubensendungen Hülfe. Ini +hatte deshalb von dem Manne, der die Taubenpost +zu Palermo hielt, sechs dieser gefiederten +Boten mit sich genommen, um sie mit kleinen +Briefchen am Halse zurückfliegen zu lassen. In +diesem Orte waren deren ebenfalls aus Neu-Karthago, +der jetzigen Hauptstadt von Afrika +vorhanden, deren sich Guido bedienen konnte. +</p> + +<p>Jeden Tag eilte er zu dem Manne und blickte +aus seinem Thürmchen nach Süden. Manche +Taube kam geflattert, eins oder mehrere Papiere +am zarten Hals, doch lautete die Aufschrift an +andere Personen. Endlich nach einer Woche +schwebte es weiß daher und die röthlichen Füßchen +<!-- page 29 --> +einer niedlichen Turteltaube setzten sich auf den +Schlag nieder. Das zahme Thier ließ sich willig +ergreifen. An Guido, stand auf dem Briefchen. +Hurtig ward es abgenommen und geöffnet. +</p> + +<p>Ini schrieb, wie sie von ihrer Mutter mit +froher Zärtlichkeit aufgenommen sei, und diese +Mutter, die ganz still auf einem Landhause bei +Neu-Karthago lebe, auch ihre Liebe im reichen +Maaße verdiene. Sie setzte hinzu wie sie nicht +begreife, daß diese Mutter, bei einem so warmen +Herzen, ihre Erziehung der Fremden habe übertragen +können, und wie hier ein Grund vorhanden +sei, bedeutende Geheimnisse zu vermuthen, +um deren Aufschluß sie vergebens +gefleht habe. Noch folgten begeisterte Schilderungen +der vorzüglichen Eigenschaften dieser +edlen Frau. +</p> + +<p>Guido, wie unendlich ihn der Empfang des +Schreibens erfreute, ward tief bestürzt, daß +darin von keiner Wiederkunft die Rede war. +Er fürchtete, Mutterliebe werde die Tochter +nicht wieder scheiden lassen, und Inis Herz — +von dem er doch täglich mehr für sich hoffte — +von ihm wenden. +</p> + +<p>Nach einigen Tagen langte ein zweiter Brief +<!-- page 30 --> +an. Hier schrieb ihm Ini, sie käme nach Sizilien +zurück. Schwerer, als sie es geglaubt hätte, +würde die Bitte darum ihr geworden sein, weil +sie die Mutter einen Mangel an Anhänglichkeit +hätte argwohnen lassen können, doch sei diese +ihren Wünschen mit der Erklärung entgegen +gekommen, Athania werde mit ihr auf ungewisse +Zeit den vorigen Aufenthalt nehmen. Ini +klagte noch mit schmerzlichem Gefühl über die +nahe Trennung von einer Mutter, die so gut und +weise sei. Sie setzte hinzu, daß sie — sonderbar +— der verschleierten Mutter Antlitz nimmer +schauen dürfe. +</p> + +<p>Guido war hoch entzückt über den einen +Punkt, wenn ihn schon der andere nicht ganz +ohne Unruhe ließ, denn die Liebenden wollen +nichts als sich geliebt wissen, sogar eine Mutter +nicht. +</p> + +<p>Nach einigen Tagen meldete ein Täubchen +die Rückkunft auf Morgen an. Wie flog Guido +zur Adlerpost, die Kouriergondel zu dingen. Wie +froh schwang er sich zur Höhe! +</p> + +<p>Man lenkte bei diesen Luftfahrten nach Karten +und Kompaß, konnte also den Strich nicht +verfehlen, um so mehr als beides in sehr verbesserter +<!-- page 31 --> +Art vorhanden war. Denn man bildete +die Karten in erhabener Arbeit, so daß +sie auf das Genaueste die Berge, Städte, Felder +u. s. w. darstellten. Alle Verhältnisse der +Länge, Breite, Höhe waren richtig, wenn schon +in bequemer Verkleinerung, und so, daß sie dem +gewöhnlichen Auge nicht erkennbar wurden. Dann +bediente man sich aber der jetzt so treflichen +Mikroskope, unter welchen alles deutlich ward. +Der Kompaß war mit Uhren, Zeitmessern und +andern Vorrichtungen dergestalt verbunden, daß +man, zumal auch die Längenfindung entdeckt +war, in jedem Augenblicke den Punkt angegeben +hatte, in welchem man sich befand. Es konnte +mithin unserm Guido nicht fehlen, seinem Mädchen +in der Luftregion zu begegnen. +</p> + +<p>Auch das Sehrohr entdeckte sie ihm schon +auf weiter als zwei Grad’ und er ward zu +seinem hohen Vergnügen bald inne, daß auch +ihr schönes Auge an dem nemlichen Instrumente +lag, nach ihn auszusehen. So lächelten und +liebäugelten sie einander schon zu, wenn gleich +mehr als zwanzig Meilen entfernt. Bis auf +einige Meilen genaht, leisteten ihnen die akkustischen +Werkzeuge Hülfe, sich zu begrüßen und +<!-- page 32 --> +sich süße Dinge zu sagen. Herrliche Erfindungen +für Liebende. +</p> + +<p>Endlich war das ätherische Häuschen erreicht, +in welchem die gefeierte Schönheit saß. Guido +konnte die Zeit nicht erwarten, aus seiner Gondel +auf das Dach zu springen. Er war zu eilig, +versah es, und — fiel. +</p> + +<p>In einer Höhe von viertausend Schuh fiel +Guido nieder. Allein sämtliche Luftpassagiere +waren gewohnt, eine Hauptbedeckung von einem +dünnen Zeuge, mit kleinen Stäben aufgesteift, +zu tragen, die sich bei einem etwanigen Unfall, +durch die natürliche Wirkung der Luft, breit +entwickelte. So erfolgte dann nichts weiter, +als ein jähes Niedersinken von etwa hundert +Schuhen Tiefe, dann hing man gesichert am +Fallschirm und schwebte langsam der Erde zu. +Der Postknabe flog mit seinen Adlern schnell +niederwärts, fischte den Jüngling auf, brachte +ihn wieder an Inis Fahrzeug, wo er diesmal +vorsichtiger einstieg, nur den Schaden hatte +ausgelacht zu werden, und — was für den Liebenden +freilich wichtig genug ist, eine Minute +verloren zu haben. +</p> + +<p>Guido und Ini hatten einander unendlich +<!-- page 33 --> +viel zu sagen, wenn schon die Weisheit es unendlich +wenig genannt haben dürfte. Noch +eifriger betrachteten sie einander: Der ganze +Prozeß der Beiden legte es, wie wir schon oft +genug berührten, auf Verschönerung an. Verschönt +nun Liebe an sich, ist sie die beste Lehrmeisterin +in jeder Kunst, fachen zugleich Trennung, +Sehnsucht und Entzücken beim Wiedersehn +sie um so höher an, so konnte es nicht +fehlen, daß diese wenigen Tage sie ihren Zielen +um etwas näher geführt hatten. +</p> + +<p>Nicht lange darauf kam der Kaiser nach +Palermo. Er ließ sich den Jüngling vorstellen +und bezeugte seine Zufriedenheit mit dem vortheilhaften +Bericht, welchen sein Erzieher über +ihn abstattete. Dann gebot er diesem, sogleich +eine Reise mit Guido anzutreten. Wenn diese +vollendet wäre, sollten sie nach Rom kommen, +und würde dann der Jüngling, bei einer neuen +Prüfung, bestehen, verhieß Jener, sollte er zu +einem wichtigen Staatsamte berufen werden. +</p> + +<p>So standen also die Sachen. Morgen sollte +Guido scheiden. Ini empfahl ihm nichts wärmer, +als das Ideal nimmer zu vergessen, welches +sie ihm nun auch einhändigte. Sind die drei +<!-- page 34 --> +Jahre um, sprach sie, und wir haben Beide erreicht, +was wir wollten, dann liegt es schon in +der ganzen Natur dieser Schönheit, daß wir +uns besitzen müssen. Und nun scheide mit einem +männlichen Lebewohl. +</p> + +<p>Daß es nicht sehr männlich war, und die +ermannende Rathgeberin selbst im Geheim der +Fassung entrathete, ist zu vermuthen. Bei dem +Allen ließ die hohe Wehmuth des Abschiedes auf +lange Dauer wieder einen neuen Zug von Schönheit +zurück. +</p> + +<p>Guido sollte nicht immer durch die Höhen reisen, +weil ihm die Tiefe dann nicht kund geworden +wäre. Ein segelfertig Schiff im Hafen ward +bestiegen, das den Lehrer und Zögling nach der +jetzigen Ostmark des Staates von Europa tragen +sollte. +</p> + +<p>Die Kunst zu schiffen hatte bedeutend gewonnen. +Unendlich geringer war die Gefahr +dabei. Strand, Klippen, Meergrund hatte die +viel erweitete Geographie treflich bezeichnet, +der gute Pilot wußte den Strich, kannte die +Tiefen seines Fahrwassers genau. Nächtliches +Dunkel bereitete kein Hinderniß, weil man die +Fahrzeuge mit Reverberen umhing, die im Umkreis +<!-- page 35 --> +einer Viertelmeile fast Tageshelle verbreiteten. +Der Kampf mit Stürmen brachte Niemand +mehr in Verlegenheit. Denn es gab Ankertaue +aus feinen Metalldräthen, welche große Haltbarkeit +mit geringem Umfang verbanden, und +befestigte dadurch das Schiff, mogte die See +noch so empört wogen. Bei Windstillen, die +früherhin den Seefahrer in zeitraubende Unthätigkeit +versetzten, halfen neuerfundene Ruderwerke, +durch einen einfach kunstvollen Mechanismus +in Bewegung gebracht. Man baute +auch weit größere Schiffe, was um so eher anging, +als die Häfen überall zu ihrer Aufnahme +geeignet waren, und benutzte den Raum darin +geschickt. Es war endlich ein Lack erfunden worden, +der allen Eindrang von Wasser hemmte, +daher die Waaren in den Kellern ganz trocken +lagen und zugleich in sehr großer Menge, denn +rohe Erzeugnisse zu verfahren, schämte sich der +meisten Nationen Kunstfleiß, und die verarbeiteten +nahmen weniger Platz ein. Der obere +Theil der Schiffe war gemeinhin sehr vortheilhaft +abgetheilt. Die Seeleute hatten Verfeinerung +genug angenommen, um sich nicht auf +einseitige Beschränkungen zu verstehn, und der +<!-- page 36 --> +Lebensgenuß war Jedermann zu wichtig, als daß +er irgendwo verbannt gewesen wäre. Deshalb +fand man hier einen Konzertsaal, der auch zum +Theater umgeschaffen werden konnte, ein Lesezimmer, +dessen Wandschränke mit Büchern, Karten +und Instrumenten zum Behuf der Seefahrt +und Naturkunde gefüllt waren. Eine breite Gallerie +umlief das Schiff, besetzt mit Fruchtbäumen +und Blumen in Töpfen. Hier lustwandelte man, +ohne durch das Arbeitgetöse auf dem Verdeck gestört +zu werden. +</p> +<!-- page 37 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Zweites Büchlein.</h2> + +<p class="sub">Die Reise.</p> + +<p class="first"><span class="firstchar">G</span>elino bemühte sich während dieser Meerfahrt +den Zögling in mancherlei ihm noch unbekannten +Dingen zu unterrichten. Das Vergnügen der +Bequemlichkeiten mancher Art, die Zerstreuungen +durch Musik und Bühne, wurden ihm sparsam zugemessen; +er mußte dagegen häufig im Kristallthurm +weilen, und die Natur unter der Wogenfläche +beobachten. +</p> + +<p>Mit diesem Thurme hatte es folgende Bewandniß. +</p> + +<p>Er war nur so groß, daß etwa drei oder vier +Personen, ein scheidekünstlerischer Apparat und +mancherlei Beobachtungsinstrumente darin Raum +fanden. Von starken Bohlen viereckig gebaut, +mit Seitenfenstern von sehr dickem aber vollkommen +<!-- page 38 --> +durchsichtigem Kristall. Der Boden +überaus fest, um bei einem Stoße an Klippen +nicht in Trümmern zu fallen. Die Decke an +einen dicken, hohlen Metalltau gebunden, der +ins Innre lief. Zudem vollkommen gegen den +Eindrang der Fluthen gesichert. +</p> + +<p>Dieser Thurm ward nun ins Meer gelassen, +indem er in der Gegend des Steuerruders befestigt +blieb. Durch seine Schwere ging er +unter. Die Höhlung des Taues setzte die unten +befindlichen Personen in den Stand, mittelst +eines Sprachrohrs verlangen zu können, ob sie +tiefer hinab gesenkt, oder höher hinauf gezogen +sein wollten. Die Chemie hatte lange schon die +Mittel entdeckt, eine verschlossene Luft durch +Reinigen und Erzeugen von Sauerstoff athembar +zu erhalten. War das Meer nun nicht in zu +lebhafter Bewegung, so konnte man durch die +Fenster alles weit um sich entdecken, ja man +bediente sich einer Art Lampen vor Hohlspiegeln, +um die Tiefe nöthigenfalls noch mehr zu erhellen. +</p> + +<p>Welche Entdeckungen hatte die Naturkunde +seit dieser Erfindung gemacht! Die Welt im +<!-- page 39 --> +Ozean, von der Ehedem so wenig bekannt war, +lag nun dem Auge des Forschers offen da. +</p> + +<p>Furchtbar schien es dem Neuling, im tiefen +Gebiet der Nereiden und Tritonen zu hausen, +auch nahten manche schlimme Gefahren. Die +Meerungeheuer, ergrimmt über den seltsamen +Besuch, wütheten bisweilen gegen des Thurmes +Fenster und suchten sie zu zerstören. Allein es +mangelte auch nicht an Vorkehrungen. Stacheln +an den Ecken empfingen sie unfreundlich, so daß +sie sich bald auf die Flucht begaben. Auch gab +es Fallen mit einem künstlichen Mechanismus, +die hie und da einen Seelöwen, einen Haifisch, +einen Delphin und andere erst seit dieser Erfindung +bekannt gewordene Thiere umklammerten, +die denn als eine Beute für die Schiffsküche +oder für eine Sammlung von Seltenheiten mit +empor gebracht wurden. Bisweilen fanden sich +aber zu große Thiere ein, und wenn der Thurm +nicht eilig genug zur Höhe gewunden ward, ging +er mit seinen Bewohnern verloren. +</p> + +<p>Neue Steinarten auf dem Meergrunde, Fossilien, +andere Gattungen von Perlen und Korallen +waren eben sowohl in großer Menge entdeckt +worden, als man die Ichtiologie bereichert hatte. +</p> +<!-- page 40 --> + +<p>Hier blieb Guido halbe Tage lang, übte den +kaltblütigen Sinn in Lebensgefahr und ärntete +merkwürdige Kenntnisse. Von dem was er sah +und lernte, hielt er ein Tagebuch, brachte das +Vorzüglichere davon in einen Auszug und sandte +ihn durch mitgenommene Tauben an Ini. +</p> + +<p>Man gelangte in den Archipelagus. Die +meisten Eilande wurden besucht. Sie waren jetzt +zum Theil von Hirten bewohnt, die ein dem +alten arkadischen ähnliches Leben führten, denn +Unschuld und fromme Sitte hatte man einheimisch +gemacht; zum Theil aber sahe der Reisende +vortreffliche Anstalten zur Bildung von +Seeleuten und zum Schiffbau, wozu die Lage +einlud. +</p> + +<p>Guido gesellte sich bisweilen zu den Jünglingen +und Mädchen unter den Hirten. Jene +trugen gemeinhin an einem Bande ein Sehrohr +auf dem Rücken weil sie in klaren Nächten die +Beschäftigung ihrer Urväter trieben und die +Sternkunde bereicherten. Daneben fertigten sie +eine liebliche Art Flöten und begleiteten den +Gesang froher Mädchen, deren Hand zugleich +ungemein wohltönende Citharen rührte. Wie +weit auch diese Musik der Zephirharmonika nachstand, +<!-- page 41 --> +mit welcher Ini ihn bezaubert hatte, +fühlte Guido dennoch die Rührung einfacher +und tief empfundener Melodien. Natur und +harmlose Lebenssitte hatten auch diese Menschen +so poetisch gemacht, daß auf Verlangen oder aus +eignem Drang, Hirten und Hirtinnen Lied und +Harmonien auf der Stelle erfanden und vortrugen, +was die Hörer in die Zeiten der Amphion +und Homer versetzte. Guido entwarf davon eine +anziehende Schilderung und sandte sie Ini. +</p> + +<p>Das Verlangen Athen bald zu sehen, regte +sich nun lebhafter, denn zu viel hatte ihm +Gelino davon gesagt. Es wurde auch in kurzem +gestillt, man erblickte das alte Vorland Sunium, +die Berggipfel Parnes und Brilessus, und lag +bald darauf im Hafen Piräus vor Anker. +</p> + +<p>Gelino unterrichtete ihn im Voraus über +die Erscheinungen, welche ihn auf diesem merkwürdigen +Erdfleck belehren sollten. +</p> + +<p>Im achtzehnten Jahrhundert, hub er an, +ereignete sich in der Provinz Frankreich jene bekannte +Staatsveränderung, welche das Schicksal +bestimmt hatte, nach und nach allen Reichen +am Erdboden eine neue Gestalt zu geben. Nach +langen blutigen Kriegen, die bis tief ins neunzehnte +<!-- page 42 --> +Jahrhundert geführt wurden, kam der +größte Theil von Europa unter eine Obergewalt, +welche aber die Unterregierung mehrerer Könige +feststellte. Man nannte dies Reich, das erneute +römisch-abendländische und Rom wurde, wie es +jetzt noch ist, der Wohnsitz des Kaisers. Der +schwerste Kampf war gegen die Albionen, damals +in Schiffahrt und Seekrieg berühmt, welche ungeheure, +wenn gleich meistens eingebildete, Reichthümer +gehäuft und den gigantischen Entwurf +gemacht hatten, die Handlung des ganzen Erdballs +an sich zu bringen. Doch nach einer gelungenen +Landung flohen die Vornehmen mit +ihren klingenden Schätzen nach dem Indien am +Ganges, und Calcutta ward die Hauptstadt +ihres neuen Reichs. Das Volk blieb verarmt +zurück und mußte unter fremder Regierung seinem +Kunstfleiß eine andere Richtung geben. +</p> + +<p>Doch bildete sich neben dem abendländischen +Kaiserthume auch ein neues morgenländisches. +Einen Cäsar an der Spitze, der sich den griechischen +nannte, drangen die Völker des Nordens hervor, +mit eisernen Armen, in alt scithischer wilder +Kraft und dennoch mit den Künsten der vorhandenen +Kultur vertraut. Den Boden des ehemaligen +<!-- page 43 --> +Griechenlands hatten damals die Ottomannen +inne, ein kräftig Volk, voll Religion +und warmer Phantasie, doch weit zurückgeblieben +in den Wissenschaften. Sie mußten bald aus +Europa weichen, wo ihr Sultan, durch mehrere +Jahrhunderte, auf Constantins Thron gesessen +hatte. Allein ihr reizend Gebiet in Europa +ward der Zankapfel zwischen den beiden Großmonarchien. +Neu-Griechen und Neu-Römer +machten ihre Ansprüche darauf mit dem Schwerdte +gültig. Eine verheerende Fehde folgte der andern, +die Menschheit blutete. Man sah in den +lachenden Gegenden nur Ruinen, entvölkerte +Wohnplätze, verwüstete Auen. Umsonst mahnte +Philosophie der blutenden Menschheit zu schonen. +Zu gewaltig fühlten sich die Streitkräfte, zu entflammt +waren die ehrgeizigen Gemüther, stolzer +gemacht durch bedeutende Erfolge und immer +weiter strebend in ungemessenen Entwürfen. +</p> + +<p>Zuletzt veranstalteten beide Kaiser eine Unterredung +zu Constantinopel. Mein muß Europa +gehören, sagte der Occidentale, die Natur seiner +Gränzen weist mich darauf an, ich ende den +Kampf darum nicht und sollte das lebende Geschlecht +darin untergehn. Doch nimm dir vom +<!-- page 44 --> +alten Morgenland Roms, das herrliche Klein-Asien, +Sirien, dringe zum Euphrat vor, ja +bemächtige dich aller Lande, denen einst Cirus +gebot. Ich will dir in deinen Eroberungen +treulich beistehn. Schon ist dein Asien dem Umfange +nach, größer als mein Gebiet, wie viel +reichere fruchtbarere Provinzen kannst du ihm +noch zugesellen. +</p> + +<p>Die Kühnheit des Plans gefiel dem Monarchen +aus dem Hause Romanow. Da kamen von +den Strömen Obi, Lena, Jenisei, von den +Seen Aral, Telegul, Baikal, von den Altanischen +und Sajanischen Gebirgen streitbare Krieger. +Turalinzen, Kirgisen, Teleuten, Abinzen, Tschulimische +und Werchotomekische Tatarn strömten +über den Kaukasus, Hülfsvölker aus den stolzen +Spaniern, den ehrgeizigen Franken, den markigten +Germanen, den feurigen Polen, den schlauen +Italiern und andern Nationen zusammen gebracht, +drangen über die Meerenge von Constantinopel +vor oder landeten an den Küsten von +Sirien. +</p> + +<p>Tapfer vertheidigten sich die Anhänger der +Religion Muhameds. Doch Uneinigkeit theilte +ihre Kraft, sie waren der überlegenen Kunst +<!-- page 45 --> +nicht gewachsen. Zwar kostete es Jahre, mühevoller +Anstrengung und das Leben von Hunderttausenden, +endlich aber wurden bis zu Mesopotamien +hin alle alt-türkischen Besitzungen überschwemmt. +Der Schach von Persien kam den +Glaubensverwandten zu Hülfe, ward so in die +Kriege verflochten und erlag am Ende des neunzehnten +Jahrhunderts auch. +</p> + +<p>Nun ward Ispahan des neuen ungeheuren +Staates Mittelpunkt. Man bemühte sich mit +Weisheit die Völker zu gewinnen, indem ihnen +nach und nach die Wohlthaten der Kultur einleuchtend +gemacht, und die verschiedenen Religionen +in einen, von Wahn gereinigten, und durch +allgemeine Moral veredelten, Kultus vereint +wurden. +</p> + +<p>Bald aber sahe man sich genöthigt neue +Kriege im Ost zu beginnen. Die Albionen in +Indien waren mächtig geworden. Sie trieben +nicht nur in allen Gewässern zwischen Madagaskar +und Japan ihr altes Spiel, sondern hatten +auch zu Lande ihre Herrschaft bis über Tibet +hinaus verbreitet, befehdeten den Khan von +Sina, und gaben den Neu-Persern (so nannten +sich jetzt die vormaligen Moskowier) zu vielen +<!-- page 46 --> +Klagen Anlaß. Die Waffen mußten entscheiden, +ein hartnäckiger Kampf durch mehrere Jahrzehende +folgte. Doch ein Monarch, Cirus Alexander +genannt, drang zuletzt an den Ganges +vor, nahm Calcutta ein und die Albionen sahen +sich abermal gezwungen ihr Reich übers Meer +zu verlegen. Sie wählten Neu-Holland, da +Cirus Alexander ihnen auch die Inselgruppe von +Borneo wegnahm. Doch jenes große Eiland, +das nunmehr den Namen Süd-Brittania empfing, +sammt vielen andern und manchen neu +entdeckten am Pol, bildet jetzt ihr stattlich Reich +und die kunstfleißige und üppige Hauptstadt +Botani-Bai ist zu der Bevölkerung einer Million +herangewachsen. Zu Calcutta, das sie eilig räumen +mußten, fand man eine Abtei voll Grabmähler +und Denkbilder großer Seehelden und Gelehrten. +Denn dies Volk war von uralten Zeiten her +ungemein dankbar gegen Verdienste um das +Vaterland, und darum ist es ihm auch wohl gelungen +mit anfänglich geringen Hülfsmitteln +bewundernswerthe Dinge zu vollziehn. +</p> + +<p>Nachdem das Neu-Persische Reich gestiftet +und befestigt war, genoß das abendländische +Kaiserthum einer langen glückseligen Ruhe. Der +<!-- page 47 --> +Kaiser Marcus Aurelius II. berief zu Anfang des +zwanzigsten Jahrhunderts die Fürsten und Weisen +aus allen Landen, um eine Verfassung zu gründen, +wie das Bedürfniß der vorgerückten Zeiten +sie verlangte. +</p> + +<p>Hier wurde nun vorerst angetragen, den +Namen abendländisches Kaiserthum aufzugeben. +Was dürfen wir Rom nachahmen? fragte man. +Unser Reich ist an Umfang, Reichthum und Gewalt, +bei weitem größer als das Reich der Quiriten +in seiner üppigsten Blüthe. Haben wir +allenfalls in Asien mächtigere Feinde zu fürchten +als sie, so fehlt es uns nicht an Bundgenossen, +mit denen vereint wir ihnen kräftigen Widerstand +leisten können. Da auch die reinste Gemeinsache +der Zweck dieses großen Landtags ist, +so heiße das Reich künftig die Republik Europa. +</p> + +<p>Aurelius, weit entfernt, seine Rechte gekränkt +zu finden, sahe hier nur seine Wünsche ausgesprochen. +</p> + +<p>Nur Gleichheit, sagte der weise Gekrönte, +ist Verfassung des Rechts. Wenn Spaltung des +Willens Ehedem die Republiken erschütterte, und +sie zuletzt in Herrschaft der Willkühr untergehen +ließ, so kam das daher, weil die Volksvernunft +<!-- page 48 --> +noch nicht hinlänglich gereift war, das Gute +klar einzusehn. Man nannte die Tugend Stütze +der Gemeinsache, Ehre die des Alleinregiments. +Thörigter Irrwahn beide Begriffe zu scheiden. +Heil der Zeit, welche endlich einsah, Ehre könne +allein der Tugend Preis werden und Tugend +sei durchaus nichts anderes als Huldigung der +Vernunft. +</p> + +<p>Dann bedingt aber die Verfassung, durch sich +selbst, Volkswillen und Alleinherrschaft so verbunden, +daß der Mann auf der Spitze, jenen nachdrücklich +ausspricht, und, wie er ihn von unten +herauf vernahm, ihn von oben hinunter in Erfüllung +gehen läßt. +</p> + +<p>Es gab Zeiten wo die Fürsten sich freuten, +blindgehorsamen, vernunftarmen Sklaven zu gebieten. +Jetzt, dem Himmel sei Dank, finden wir +nur Ehre darin, freien, edlen, verständigen Bürgern +vorzustehn. — So sprach dieser Monarch. +</p> + +<p>Du wirst auf deiner weitern Reise Gelegenheit +finden, die Einrichtungen zu sehn, welche +nun in der monarchischen Republik gegründet +wurden, indem man unabläßig strebte, Tugend +und Ehre zu gatten, und zugleich die Volksintelligenz +und die Fürstenintelligenz erzog. Viel +Hohes, +<!-- page 49 --> +Großes, Kräftiges, Entzückendes ist daraus hervorgegangen, +wenn gleich freilich immer noch ein +Grundsatz für die Tugend der Bürger mangelt, +der ihre Tugend gewiß, ächt und als solche erkennbar +macht. Ihn zu suchen ist das hohe +Geschäft der Zeit, wiewohl man noch nicht +glücklich darin war. +</p> + +<p>Vor der Hand merke aber so viel von jenen +Anordnungen: +</p> + +<p>Alle Völker von Europa sollten zur Sitteneinheit +erzogen werden. +</p> + +<p>Man führte darum Ueberall dasselbe Maaß +in Schwere und Umfang, dasselbe Tauschmittel, +dieselben Satzungen des Rechtes, ein. +</p> + +<p>Die allgemeine Sprache durch ganz Europa +folgte. +</p> + +<p>Die Völker hatten ihre besonderen Fürsten, +da Eine Obergewalt unmöglich das weite Ganze +im Einzelnen überblicken konnte. Diesen Fürsten +blieb die Würdeerblichkeit zugestanden, um +den Uebeln der Ehrsucht, List, Bestechung auszuweichen, +doch haftete sie nicht an dem erstgeborenen, +sondern an dem edelsten Sohn. Hierüber +mußte das große Rechtstribunal schlichten, +welchem der Kaiser vorsaß und wo auch alle +<!-- page 50 --> +Streitigkeiten der Fürsten gehoben wurden, wodurch, +wie das Staatswohl auch von selbst verlangte, +ein immerwährender Friede in Europa +bestand, ein wichtiger Triumph der Zeit, wogegen +die Vorwelt, in den Reichen, die jetzt nur, +trotz ihren erblichen Gebietern<a id="corr-3"></a>, als Provinzen betrachtet +werden, traurige innere Kriege sah. So +hatte unter andern einst Deutschland einen Föderalismus +gestiftet, wo aber demungeachtet sich +ein Fürst gegen den andern der Waffen bediente. +Doch, damit die Erben von Thronen, sich ihres +erhabenen Berufs würdig machten, mußten die +Väter, des Gemeinwohls halber, das frohe häusliche +Verhältniß aufgeben, sie um sich zu sehn. +Zeitig wurden die Söhne fernen Erziehungsanstalten +übergeben, wo sie, unerkannt und unter +andern Pfleglingen, nach den Grundsätzen gebildet +wurden, die die Weisheit für die besseren +erkannte, und welche sie immerfort veredelten. +Dann bekleideten sie Aemter mannichfacher Art +und wurden in Lagen gebracht, wo ihre schon +entwickelten Talente sich noch mehr kräftigten. +Endlich, männlich gereift, an Leib und Geist +prangend ausgestattet, erfuhren sie ihre hohe +Bestimmung und traten sie, von Schmeichelei und +<!-- page 51 --> +Lüsten unverdorben, an. Dieser Gebrauch ging +in der Folge sogar auf die Fürstentöchter über, +und keineswegs dürfen die Kinder der Kaiser davon +ausgenommen sein. +</p> + +<p>Was für die Religion, den Landbau, die +Wissenschaften, Künste, Handwerke, die Ausrottung +der Armuth, von Oben geschah, daß sie Unten +desto freier gedeihen konnten, wird sich dir +an seinem Orte verkünden. +</p> + +<p>Ungeachtet der beschloßenen und nach und +nach durchgeführten Identität der Europäer, +glaubte man dennoch, dieser oder jene Landstrich +könne durch seine Natur, und allenfalls durch +gewisse Uebertragungen vom Alterthum, sollte +es auch nur das begeisternde Andenken sein, sich +für gewisse Beschäftigungen vorzüglich eignen. +So wurde den bildenden Künsten, deren schönen, +sittlichen Einfluß man nicht verkannte, das alte +Griechenland zum Wirkungskreis angewiesen, und +dabei, auf allgemeine Kosten, der lieblich phantastische +Plan ausgeführt, Athen wieder aufzubauen. +Du wirst diese Stadt nun sehen und +zwar möglichst genau nachgeahmt, so weit nur +die Alterthumskunde dazu Hülfsmittel anbot. +Du wirst dich in die Zeiten des Perikles zurück +<!-- page 52 --> +wähnen, in seine Mauern tretend. Keiner von +den Tempeln, keins der ehmaligen öffentlichen +Gebäude mangelt. Bildhauer und Maler treiben +vorzüglich ihre Kunst, und wenn der Hauptanreiz +vor Zeiten in dem großen vortheilhaften +Absatz der Statuen und Gemälde bestand, welche +der alte Politheismus aus der halben bekannten +Welt in Attika kaufte, hat auch der neuere Kultus +diesen Anreiz wiederholt, indem es ein Gegenstand +des Stolzes geworden ist, simbolische +Darstellungen aus Athen zu besitzen, deren wohl +viele schon in Palermo oder Messina dir zu Gesicht +kamen. Ohne diesen begünstigenden Umstand +würden Athens neuere Bildner schwerlich die +Phidias und Apelles zurück gelassen haben, wie +es wirklich geschehen ist. Mitbewerbung ist jedoch, +wie sich von selbst versteht, hiedurch nicht +aufgehoben, bei der allgemeinen Freiheit in Europa +mag die Künste üben wer da will, und wo +er will, auch wetteifern die Maler in Italien +sehr glücklich mit denen am Ilissus, doch die +Fertigkeit in Stein zu gestalten, drang hier am +weitesten, wie überhaupt auch die Vorkunde +(Theorie) des Schönen, in Athen am meisten +einheimisch ist. +</p> +<!-- page 53 --> + +<p>Bei den Worten <i>Vorkunde des Schönen</i> +erglühte der Zögling und dachte an Ini, die +sinnige Malerin. Es soll mich wundern, sagte +er zu sich, ob die Bildner zu Athen meine +holde Geliebte an Zartheit und Imaginazion +übertreffen werden. +</p> + +<p>Man zog nun in die Stadt ein. Guidos +Herz wallte hoch auf, bei den rührenden Erinnerungen +an das edle Alterthum, so lebendig durch +die Nachahmung versinnlicht. Vor allen Häusern +standen Hermen, deren Vollkommenheit Staunen +erregte, das einfache und doch<a id="corr-4"></a> mit großem Eindruck +erfüllende Ebenmaaß der heiter-majestätischen +Tempel, legte entzückende Bewundrung auf. +</p> + +<p>Gelino besuchte mit seinem jungen Freund +die Werkstatt des gerühmtesten Meisters unter +den Bildhauern. Der Mann faßte den Jüngling +fest ins Auge, und schien befremdet. Dann +zeigte er willig seine reichen Vorräthe, zu welchen +die meisten Künstler von Belang ihre Arbeiten +geliefert hatten, die nun in den weitläuftigen +Säälen dieser Werkstatt und unter vortheilhafter +Beleuchtung, dem Auge der Fremden +ausgestellt sein sollten. +</p> + +<p>Was als Kunstvorwurf gelten konnte, wurde +<!-- page 54 --> +in Athen auch künstlerisch behandelt und man +band sich durch keine Vorliebe. Aus der alten +Griechenmithologie sah man nicht nur trefflich gelungene +Nachbildungen jenes Apollon, jener Venus, +jener Niobe und anderer Statuen, die sich +einst glücklich durch die Jahrhunderte der Barbarei +retteten und in späteren das Morgenroth +des Schönen wieder aufgehen ließen, sondern +man hatte auch die nämlichen Ideen auf andere +Weise bearbeitet und der Vorsprung des Genius +ward daran sichtbar. Föbos hatte weit mehr +Göttlichkeit, die Göttin von Paphos mehr weibliche +Anmuth, wenn frühere Zeiten dies schon unbegreiflich +fanden. +</p> + +<p>Auch aus der alten nordischen Götterlehre +wählten die Künstler Stoffe. Odin, Wodan, +die Valkiren, waren in trefflichen sinnlichen Verherrlichungen +aufgestellt, eben so Brama, Osir +und was sonst dazu sich eignete. +</p> + +<p>Für Sääle und Gärten der Großen in Europa +fand sich immer Nachfrage, auch hatte jede +namhafte Stadt<a id="corr-5"></a> einen Park, zur Ergehung der +Bewohner, angelegt, den der Kunstsinn gern +schmückte, überzeugt, dies wirke lebendig auf +den Flug der Gemüther ein, und die so +<!-- page 55 --> +vervollkommnete Leichtigkeit der Fortschaffung +mäßigte die Kosten. +</p> + +<p>Der regsamste Kunsteifer ward aber durch die +Landesreligion unterhalten. Ein Sinod von Weisen +hatte früherhin fünfzigjährige Sitzungen gehalten +über diesen höchst wichtigen Gegenstand, +etwas Allgemeingültiges, Dauerndes festzustellen. +Tausend Vorschläge hatte man geprüft und verworfen, +bis eine ansehnliche Mehrheit sich für +die folgenden entschied. +</p> + +<p>Die christliche Moral, sagte der Sinod, ist +die erhabenste, noch nicht übertroffene Legislatur +der Rechtsgefühle, doch die christliche Glaubenslehre +kann nur einem finstern Zeitalter anpassen. +Wenn jene, ihrem Geiste nach, und auf die +ehrwürdige Urreinheit zurückgeführt, nach Jahrtausenden +segnend auftreten kann, so ist diese, +nach den ungemessenern Begriffen vom Weltgebäude, +welche ein aufgehelltes Geschlecht errang, +nicht länger brauchbar, wenn die Vernunft +nicht mit sich selbst im Widerspruche leben +will. +</p> + +<p>Was ist hier aber zu thun? Ein Abstrakt +bindet, uralten Erfahrungen zufolge, die Herzen +zu wenig, was durch die Phantasie zur Vernunft +<!-- page 56 --> +dringt, nimmt nicht nur die Schwäche, +auch der kräftige Sinn freundlicher auf, vorzüglich +wenn es in das Leben der Handlung übergehn +soll. +</p> + +<p>Verbannen wir daher vom <i>Denken</i> alles +Bildliche, doch zum <i>thätigen Wirken</i> mögen +immer Dichtung und Künste uns lieblich begeistern. +</p> + +<p>Der mosaisch-christliche Theismus sei und +bleibe die Grundlage unserer neuen, und dennoch +aus dem tiefen Alterthume empfangenen +Religion. Wir glauben an eine Gottheit, unbegreiflich +den Formen, in welchen uns dermalen +unsere Natur zu erkennen gestattet. Außer dem +Raume, außer der Zeit, unendlich, ewig, allmächtig +bezeichnen wir diese Gottheit, nichts +Höheres wissen wir zu nennen, wenn wir uns +auch in tiefer Anbetung bescheiden, was wir +nennen nicht zu verstehn, und ein eitles Streben, +das unsere Kräfte übersteigt, sein Wesen +näher zu fassen, aufgeben. +</p> + +<p>Keine Ehrengebäude dieser erhabenen Vermuthung! +Unwürdig stellt sie die Materie dar. Könnten +höhere Wesen ihm Tempel weihn aus Erdsternen, +Altäre darin aus Feuersternen, es priese +<!-- page 57 --> +ihren Urheber nicht. Nur Einigemal im Jahre +mag sich die dankbare Andacht unter dem himmlischen +Gewölbe versammeln, und sich selbst heiligen, +in heiliger Empfindung. Wenn der Ball +sich wieder zu den Sonnenflammen dreht, ihren +befruchtenden Segen zu trinken, wenn wir ärnteten, +was die innere Götterkraft der Auen +nährend gestaltete, dann wimmle die Menge +in Eintracht hinaus und huldige. +</p> + +<p>Doch da die ewige Gottheit, nicht wohnend +im Raum, nicht schwimmend im Strome der +Zeiten, unserm jetzt auf diesen Erdstern angewiesenen +Geiste, nur im Simbol sich offenbart, +so ist es hehr und würdig, zu ehren, was wir +irrdisch-göttlich nennen, und sich, so weit der +Staub vermag, bildete nach dem Ideal des +Allgöttlichen, wie es im Busen der edleren +Menschheit geahnet wird. +</p> + +<p>Laßt uns preisen, was schon das tiefe Alterthum +pries, schon so viele Millionen der Gestorbenen +zur Tugend erwärmte, uns im Abbild +erkennbare Muster des Hohen giebt, es einen +mit den Satzungen unsers Bürgervertrags. Laßt +uns Stätten des innigen Andenkens erbauen, +<!-- page 58 --> +die uns rührender mahnen und zur Nacheiferung +weihen. +</p> + +<p>Moses, der hohe Urpriester der einigen Gotteslehre, +der weise Erfinder heiliger Gesetze, der +kräftige Held, ist werth unserer Ehre. Sei er +uns Heros des Rechtes, des Kampfes, wo uns +geboten wird, gegen innere feindliche Leidenschaft, +oder äußere Krieger die Waffen der Vernunft +oder des Armes zu erheben. In seinen +Tempeln werde das Recht gelehrt, gesprochen, +in seinen Tempeln entflamme sich der Muth, +wenn des Vaterlandes Vertheidigung uns zum +Schwerte ruft. +</p> + +<p>Jahrtausende nannten den Jüngling in Palästina +göttlich, der in wenige Worte die Lehre +der reinsten Menschlichkeit zusammen drängte. +Er sei uns der Heros des Brudersinns. Er +liebte die Kinder, die Erziehung sei ihm geweiht. +Ehren wir sein Andenken, indem wir streben, +von seinem Geiste durchdrungen zu werden. +Vor seinen Altären höre die brüderliche Versammlung, +Moral der Gemeinschaft, und der +Weisen Unterricht, klüglich die Keime im jungen +Herzen zu pflegen. Hier werden die Jünglinge, +<!-- page 59 --> +das aufblühende Mädchen oftmal geprüft, in +ihren Fortschritten zur Veredlung. +</p> + +<p>Schöner zarter Mithos deiner himmlischen +Liebe, o Maria, dir gebührt eine Stätte in +unsrer Religiosität! Das Weib fühle sich erhoben, +eine Heilige ihres Geschlechts in Tempeln +gefeiert zu sehn. Mag der poetische Flug in +Marmor und Farben, mag er im Gebiet holder +Dichtung wetteifern, einem gebildeten Volke +schöne Bildungen der hohen Maria zu geben. +Ihr bringe die Liebe Anbetung, und erhebe sich +begeisterter zum Himmlischen, sie sei die idealische +Königin aller Schönheit und die Künste +machen sich ihr werther, in dem lieblichen Wahn, +von ihrer Glorie umstrahlt zu sein. Die Ehe +knüpfte ihre innigen Bande, Maria vor deinen +blumengekränzten Altären. +</p> + +<p>Des ernsten Moses Priesterthum verwalten +ergraute, ruhmgenannte Helden, untadelhafte +Volksrichter und Fürsten, deren weise gepflogenes +Amt die allgemeine Liebe lohnte. Des sanften +Christus Tempeldienst sollen die edelsten Jugendlehrer +verwalten, wenn sie dem Gemeinwesen +eine bedeutende Zahl trefflich gedeihender Zöglinge +gaben. Künstler, die verklärenden Genius +<!-- page 60 --> +in ihren Werken offenbarten, üben den Kultus +der schönen Heroin Maria, Chöre von unsträflichen +Jungfrauen im Gefolge. +</p> + +<p>So geben wir dem Irrdischen höheren Adel, +indem es mit den Ahnungsträumen göttlicher +Natur verwandter gemacht wird. +</p> + +<p>Diese Religion, anfänglich mit vielem Widerspruch +der lebenden Generation bekämpft, wurde +bei den folgenden allgemein, und gab den Künsten +reiche Vorwürfe. Man sah den Heros des +Rechtes und der Waffen, vielfach gestalten. Die +Idee desselben ward von dem strebenden Kunstsinn +immer herrlicher empfangen, und jene Kraftsumme, +lange in dem Standbilde des Herkules +der Farnese bewundert, blieb bald gegen den +vollendeteren, zugleich geistvoller ausgeprägten +Moses einer geistvolleren Zeit, zurück. Neben +einer Anmuth und einem Einklang der Verhältnisse, +wie sie viele Jahrhunderte an jenem +Apollon rühmten, hatte die reifere Kunst den +Christusdarstellungen eine unbeschreibliche Hoheit +und Milde, über das göttliche Antlitz gegossen, +so daß nicht nur der unterrichtete Kennersinn, +sondern jeder im Volke, von dem Gesammtausdruck +auf das Innigste ergriffen, gerührt wurde, +<!-- page 61 --> +und der Begriff <i>vollkommene Menschlichkeit</i> +nach Maasgabe seiner geringeren oder vollendeteren +Bildung, schwächer oder erhabener vor +seiner inneren Seele schwebte. Nichts übertraf +aber die Gestaltungen der Maria. Hier hatte sich +die reinste Poesie der Kunst entfaltet. Vor den +schönsten dieser Statuen, gingen die lieblichen +Mädchen von Athen selten weg, ohne einen +neuen Zug eigner Schönheit mitzunehmen. +</p> + +<p>Wie staunte<a id="corr-6"></a> aber der schönheitsinnige Guido, +von dieser Kunstsammlung umgeben! Er schöpfte +in der gefühlten Begeisterung frohen neuen Unterricht +über das Ebenmaaß der Formen, und +lernte Inis Gebote klarer verstehn. Hoch mußte +er jedoch bewundern, daß seine Geliebte, die sich +nimmer in Athen befunden, sondern ihr Studium +vor den Kunstwerken in Sizilien geübt hatte, +zu einer Idee gelangt war, welche dennoch näher +an die Vollkommenheit zu reichen schien, als +alles, was er hier erblickte. +</p> + +<p>Der gepriesene Meister trat wieder zu ihm +heran. Jüngling, nahm er das Wort, von +wannen du auch seist, du stammst aus einem Geschlechte, +das durch eine lange Reihe von Gliedern, +hoher Entwicklung entgegen strebte. +</p> +<!-- page 62 --> + +<p>Guido ward verlegen, da ihm nichts über +seine Herkunft bekannt war. +</p> + +<p>Der Bildner fuhr fort: Edler Einklang +spricht aus deiner Gestalt, die Kunst würde nichts +zuzugeben vermögen, wenn sie dich in Marmor +darstellte, nur am Haupte, an der Stirn, an +Mund und Wange, bleiben einige Umrisse, einige +Linien zu wünschen übrig. +</p> + +<p>Guido erröthete, gab aber doch mit unbefangenem +Selbstgefühl die Antwort: Ich zähle +noch nicht zwanzig Jahre, meine Entwicklung ist +unvollendet. Wer weiß — +</p> + +<p>Dann bat er den Künstler, sein Profil so zu +zeichnen, wie es die Forderung der höheren +Wissenschaft verlange. +</p> + +<p>Es geschah. Neugierig gespannt blickte Guido +hin. Es dünkte ihm jedoch, der Mann stände in +seinem Entwurf gegen Ini unvollkommen da. +So überfliegt denn der Liebe Genius weit die +Lehren der Kunsterfahrung, sagte er sich mit +geheimen Entzücken. +</p> + +<p>Während dieser Unterhaltung bemerkte er, +daß viele Schüler umher saßen, die ihn zeichneten, +und geschmeichelt, weilte er länger. Bei +dem allen pflanzte sich Eitelkeit nicht in seine +<!-- page 63 --> +Brust, dagegen hatte ihn Inis Reinheit verwahrt. +</p> + +<p>Man begab sich nun in die Kunststätte des +berühmtesten unter den Malern, so reich an +Schildereien als jene in Werken aus Marmor, +Porphir<a id="corr-7"></a> und Elfenbein. Voll hingen alle Wände, +und die lebendigen, farbigen Gestalten, zogen +des Jünglings Blicke noch mehr an. Gefällig +erklärte ihm der Vorsteher Bedeutung und Werth. +Die Malerei, hub er an, stieg vor mehr als +einem halben Jahrtausend auf eine bedeutende +Höhe, von welcher sie aber späterhin, aus mannichfachen +Ursachen, wieder herabsank. Im siebzehnten, +achzehnten, neunzehnten Jahrhundert +gab es durchaus weder einen Raphael, noch Rubens, +noch Titian. Doch wenn die Ausführung +krankte, rettete sich das Urtheil durch die unfruchtbare +Zeit, und bereitete vollkommenere +Schöpfungen vor. Ein tiefdenkender Kunstrichter +zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts, maaß +das Verdienst der ruhmvollen Maler, nach einer +höchst sinnig entworfenen Tabelle ab, wo Zeichnung, +Zusammenstellung, Farbe und Ausdruck, +unter gewiße Staffeln gebracht waren. Zwanzig +Grade enthielt die Tabelle, den achzehnten nahm +<!-- page 64 --> +sie bereits erreicht an, den neunzehnten noch +nicht, den zwanzigsten unerreichbar. Sie erkannte +Raphael den Preis in Zeichnung und +Ausdruck zu, wenn dagegen Titian im Kolorit +ihn bei weiten übertraf, Rubens im Ausdruck +mit ihm wetteiferte, und ihn in der Zusammenstellung +zurückließ. Es mußte nun nothwendig +der Wunsch nach einem Gemälde entstehen, in +welchem die richtige Hand, die blühende Einbildung +eines Raphael, mit der hohen Kräftigkeit +eines Rubens, und der sorgsamen lieblichen +Ausführung eines Titian gegattet waren. Lange +jedoch ward er umsonst gefühlt. Erst im zwanzigsten +Jahrhundert, nachdem die Künste unter +der Aegide eines langen Friedens ungestörter aufblühen +konnten, und eine kluge Regierung dem +Volke von Europa Reichthum genug erzogen hatte, +sie freundlich zu nähren, ließ sich erst die Vorzeit +wieder erreichen. Nun eilten die Fortschritte +glücklich. Die vervollkommnete Lehrmethode stärkte +früh der Zöglinge Fassungskraft, die mechanische +Fertigkeit konnte zeitiger errungen werden, die +Scheidekunst erfand eine bei weitem vortheilhaftere +Bereitung der Farben. Um die Mitte +dieses Jahrhunderts vereinten die besseren Maler +<!-- page 65 --> +schon jene sonst getrennten Vorzüge, gegen das +Ende drang bereits einer bis zu dem von Piles +geahnten aber nie gesehenen Grad empor. Jetzt +darf kein Künstler ein Werk in diese Ausstellung +bringen, in welches er nicht richtigere Zeichnung, +vollendeteren Ausdruck wie Raphael, mehr Poesie +der Verbindung wie Rubens, mehr Farbenidealität +wie Titian gebracht hätte. Siehe fühlender +Fremdling, hier Werke der Art. +</p> + +<p>Er führte ihn nun zu einem großen Gemälde, +das, nach der altnordischen Mithologie, die Ankunft +eines Helden in Odins Walhalla vorstellte. +Guido ward betroffen ob all der Wonne +die in diesem Anblick über ihn kam. Entzückend +war die Dichterphantasie, welche hier den Pinsel +geleitet hatte, einen Aufenthalt belohnter Seligen, +den Sinnen erkennbar zu machen. Ein lieblicheres +Azur, wie unter Siziliens sanftem Himmel +wölbte sich über Gefilde von unsäglich rührender +Pracht. Blumen, Rasen, Bäume, waren +zwar aus der uns bekannten Natur genommen, +aber in sich so verschönt, so reitzend zusammengestellt<a id="corr-8"></a>, +daß das Auge an die Natur einer andern +Welt glaubte. Man sah die ostindische +Oelpalme, den antillischen Kampah-Baum, die +<!-- page 66 --> +peruanische Balsamstaude, Cipressen, Granaten, +Lorbeeren, Platanen, aber die Massen in welche +sie gefügt waren, machten einen unweit anmuthigeren +Eindruck, als er in irgend einer wirklichen +Gegend empfunden wird. In den mannichfachen +Blumen lebte eine Wahrheit, daß man +an ihren Duft in süßer Täuschung glaubte, und +zum Triumph des Urhebers, viele streitend behaupteten, +der Maler habe sie mit den Essenzen ihrer +Gerüche versehen, so wie andere die Hand in +die berückende Tiefe des Gemäldes ausdehnen +wollten, und sie beschämt von der Leinwand +wegzogen. Was aber dem Ganzen am meisten +das Fremdartige, übersinnlich, selig Erscheinende +gab, war die zarterfundene Beleuchtung. Eine +tief am Horizont schwebende Sonne sandte ihr +Licht sparsam durch dunkel gedrängte Waldung +an einer Seite. Ihre Scheibe zeigte aber kein +hellleuchtend Goldfeuer, sondern eine weiße sanftstrahlende +Diamantenglut. Hiedurch wurden alle +Tinten verändert und nahmen einen ätherischen +Charakter an, der mit süßem Rausch erfüllte, und +die Abscheidung von Schmerz und Erdenwahn +freudigahnend empfinden ließ. Auch auf die +menschlichen Gestalten wirkte das Zauberlicht so +<!-- page 67 --> +wunderbar, daß sie bei der uns verwandten +Natur ihrer Formen, geistiges Leben zu athmen +schienen. Den eben angelangten Helden, in +Kraft und Stattlichkeit, den vollen Ausdruck edler +Seelenhoheit im Antlitz, verklärte die staunende +überraschende Wonne der ihn rings umfangenden +Glorie. Die Jungfrauen von Wallhalla +nahten ihm in der lieblichsten Anmuth, +der holdesten Freundlichkeit, brachten ihm den +Trank der Unsterblichen und krönten sein Haupt +mit ewig blühenden Rosen. Ihre heiligen Reitze +geboten zugleich Liebe und schalten das Gefühl +Verwegenheit. Die erhabenen Züge forderten +knieende Anbetung, die kindliche Unschuld untersagte +ihnen göttlich zu huldigen. +</p> + +<p>So war dies Gemälde angethan, von dem +Guido sich nicht abzuwenden vermochte. Erst +nach manchen Erinnerungen ging er weiter und +trug die Totalidee eines Helden in seiner Seele +davon, der sich glorreich über alle Schrecken der +Gefahr erhoben und eines unsterblichen Lohnes +werth gemacht hat. +</p> + +<p>Ihm wurde nun ein Christus gezeigt, der +Jairus Tochter erweckt. Des Heilands Gesicht +zeigte keine Spur von allem was an Leidenschaft +<!-- page 68 --> +erinnert, das reine menschliche Gepräge +stand da, doch von erhabner Liebe und festem +Götterwillen unaussprechlich heilig beseelt. Das: +„Stehe auf!“ gebot sein hohes Auge mit ruhiger +Majestät, mild lächelte die männliche durch Anmuth +bewegende Wange. Der Uebergang vom +Tod ins Leben war an dem Mädchen mit bezaubernder +Kunst ausgeführt. Ein leichter Rosenhauch +goß sich über das noch starre Antlitz. +Der Augenaufschlag war frommer Lichtgruß, +kindlicher Engelsinn. Die kaum wieder regen +Hände strebten, sich zum Gebet zu erheben. Ihr +Vater, ihr Geliebter, sanken neben dem Sarge +aufs Knie. Die ganze siegende Haltung des +Gemäldes zwang jeden Zuschauer, der fühlenden +Sinn mitbrachte, die Anbetung in der nehmlichen +Lage zu theilen. So geboten hier die Maler +dem Herzen. Guido nahm von dieser Staffelei +einen noch weit erhabneren Begriff von Tugend +mit sich, als er bisher in ihm gelegen +hatte. +</p> + +<p>Noch viele andere meisterhafte Werke wurden +ihm gezeigt, von denen er schwelgende Erinnerungen +bewahrte. Er schrieb durch ein Täubchen +an Ini von seinem Entzücken, setzte aber +<!-- page 69 --> +hinzu: Du bist dennoch schöner als jedes Mariabild, +jede Muse oder Valkire, die ich sah. +</p> + +<p>Gelino zeigte ihm nun das Parthenon, genau +dem alten nachgeahmt, dessen Säulengänge +einst so große Summen gekostet hatten. Phidias +alte Meisterstatue der Minerva aus Elfenbein, +ward durch eine Heilandsmutter in gediegenem +Golde vertreten, der dieser Tempel nun +geheiligt war. +</p> + +<p>Gelino, indem er ihm diese und andere Merkwürdigkeiten +zeigte, hub an: Du siehst Athen der +Welt in seinen Schönheiten wiedergegeben, doch +die Sklavenhorden von Ehedem, das wilde, mit +den Archonten kämpfende, den Pnix mit Geschrei +und Streit erfüllende Volk der Vorzeit nicht. +Diese Erscheinungen dulden unsere besseren Tage +nimmer. Wir könnten noch das Odeon besuchen, +wo die Meister der Tonkunde wetteifern, die Bühnen, +wo man Sophokles, Euripides und Aristophanes +Schöpfungen darstellen sieht, doch in diesen +Vorwürfen wird Athen anderweitig übertroffen, +und die Reise eilt. Wir wollen jetzt +nach der Gränzfestung des Staats, lerne dort, +wie man mächtig der Feinde Angriffe wehrt. +<!-- page 70 --> +Nicht immer kannst du bei den lieblichen Künsten +weilen. +</p> + +<p>Diese Gränzfestung war jetzt die Citadelle bei +Konstantinopel. Die ehemalige Bevölkerung der +Stadt hatte durch den politischen Wechsel um +mehr als die Hälfte abgenommen, und die Lage +daneben, eignete sich zu ihrer gegenwärtigen Bestimmung. +Lange zwar hatte Europa keinen +Krieg mit dem Morgenlande geführt, aber die +Neu-Perser geboten ungeheurer Macht, und die +Vorsicht empfahl, nicht unbereitet zu sein. +</p> + +<p>Doch über der Meerenge winkte auch eine +Feste von ähnlichem Umfang, und beim Ausbruch +eines Krieges ließ sich voraussehen, daß +sie einander wechselseitig beschießen würden; +denn der Abstand der Citadelle von Konstantinopel +bis Neu-Troja, so nannte man jenen Ort, +wurde von der nunmehrigen Artillerie bequem +abgereicht. +</p> + +<p>Schon lange hatte man dem Schießpulver +neue Bestandtheile gegeben. Seine Wirkung +ging nicht mehr von der Elastizität des sich entbindenden +Stickstoff- und Kohlenstoff-sauren Gases +allein aus, man mengte dem Salpeter noch +Ammoniakgas und Knallsilber bei, deren unzeitigem +<!-- page 71 --> +und zu leichtem Entbinden eine chemische +Gegenkraft abhalf. Furchtbar traf dieses Pulvers +zerstörende Gewalt. +</p> + +<p>Die Metallröhre schossen Kugeln von funfzig +bis zu dreihundert Pfunden auf zwei oder drei +Meilen, die Mörser warfen noch weiter, und +schwerere Lasten. Da aber der Erdkrümmung +halber die Fläche kaum eine Meile sichtbar ist, +so mußten die Stücke auf hohe Berge geschafft +werden, wenn sie in weiter Entfernung ihr bestimmtes +Ziel treffen sollten. Ein gutes Sehrohr +war dann an den Visirpunkt befestigt, und bei +der scharfen Genauigkeit der Drehewerke, womit +sich die Richtung vollzog, konnte man das Ziel nur +selten verfehlen. Die Bomben, von ungeheurem +Umfang, trugen deren andere in sich, die +abermal mit kleineren gefüllt waren, welche +zuletzt unvertilgbar Feuer in sich trugen. Der +Artillerist wußte die Bahn, welche sie zu durchfliegen +hatten, dem Raume und der Zeit nach, +auf die Sekunde zu berechnen, besonders da auch +ein Windmesser ihn von dem Widerstande, mit +welchem die Luft ihm entgegen streben würde, +vollkommen unterrichtete. Weil daneben, bei Verfertigung +des neuen Pulvers, mit einer so großen +<!-- page 72 --> +Gewißheit verfahren wurde, daß ein davon bereiteter +Zünder, jedesmal die Explosion in dem +Augenblicke vollzog, den der Konstabler wünschte, +(eine Fertigkeit, welche man Ehedem nicht errang), +so ward, indem man nach einer feindlichen +Stadt warf, die Entzündung gemeinhin +bewirkt, wenn die Bombe in der Höhe von einigen +hundert Schuhen über den Dächern angekommen +war. Nun breiteten sich die größeren +Granaten der Füllung, deren Explosion nach +Maaßgabe der Größe des Orts erfolgte, so aus, +daß dieser mit den letzten Kugeln und den Trümmern +der schon gesprungenen, überdeckt wurde, +wobei das nach allen Richtungen sprühende Feuer +die Verwüstung vollendete. +</p> + +<p>Der nahe Ruin jeder belagerten Festung war +unter diesen Umständen unvermeidlich. Allein +die Festungen wurden dermalen auf Höhen angelegt, +wo, ohne Wasser zu finden, tief zu graben +war. Man wölbte dann hundert Schuh unter +der Erde Straßen aus, die durch Zuglöcher +von oben Luft empfingen, und beständig durch +Laternen erleuchtet wurden. Von diesen waren +höhlenartige, doch gut gemauerte und mit Bequemlichkeit +versehene, Wohnungen seitwärts eingebrochen, +<!-- page 73 --> +in welchen die Soldaten, und was +zu ihnen gehörte, hausen konnten. Da genoß +man Sicherheit, mochten oben die Bomben einschlagen. +Auch alle Wälle hatte man ausgehöhlt +und mit Felsenlagen hinlänglich gedeckt, damit +sich die Wachen inwendig aufhalten konnten. +Uebrigens traf die Besatzung mit eben so furchtbaren +Schlünden auch ihre Widersacher, und +so waren die Dinge sich wieder gleich; denn +der menschliche Geist entdeckt, wie das Zerstörungsmittel, +auch die Gegenwirkung. +</p> + +<p>Noch ist hier der schnellen Art zu denken, in +der aus einer Festung, oder aus einem Lager, +nach dem Hauptquartiere irgend eines fernen +Heeres, oder auch nach der Hauptstadt, Briefe +geschafft wurden. Luftposten, Telegraphen, akkustische +Anstalten, blieben dagegen, entweder an Geschwindigkeit, +oder Ausführlichkeit, zurück. In +erreichbaren Abständen befanden sich nehmlich auf +befestigten Höhen Kanonen, und Zielwände. +Nun sandte man eine Kugel ab, an welcher eine +Stahlkette und an dieser ein dichtes Kästchen geheftet +war, das die Briefe oder andere zu übermachende +Gegenstände enthielt. Die Kugel +schlug in die Zielwand, das Kästchen blieb zurück, +<!-- page 74 --> +ward von dort wachenden Konstablern sogleich +abgelöset, und an eine andere Kugel gefügt, +wodurch denn hundert Meilen, in weniger +als einer Viertelstunde, erreicht waren. +</p> + +<p>Die Citadelle bei Konstantinopel war, als +die vorzüglichste im Reiche, auch am sorgsamsten +gebaut. Ihre Wälle glichen Gebirgen, die Kellerstadt, +mit ihrem unterirrdischen Leben, bot +den sehenswürdigsten Anblick dar. Es fehlte +nicht an Tempeln, Marktplätzen, Bühnen; die +Genüsse hatten auch ihren Sitz in der Tiefe errichtet, +und die treffliche Erhellung ließ das +Tageslicht nicht vermissen. Um vorbereitet auf +den Belagerungsstand zu sein, mußte auch fortwährend +im Frieden, die Besatzung hier wohnen, +und, indem sie zahlreich und gut belohnt war, +hatte das viele Bürger gelockt, sich unten anzusiedeln, +und ihr Leben zu gewinnen, indem sie +jenen das ihrige bequemer machten. So wuchs +die Bevölkerung nach und nach dort ziemlich an. +</p> + +<p>Bei der Vervollkommnung des Pulvers hatte +man auch den Minenkrieg weiter ausgedehnt. +Es war nun nicht allein ausführbar, einen großen +Ort auf Einmal in die Luft zu sprengen, +sondern man legte auch außerhalb Minen in +<!-- page 75 --> +schiefer Richtung an, warf durch sie Massen von +Erde dahin, und bedeckte die Festung in kurzer +Zeit mit einem ganzen Berg, wobei die Alterthumskundigen +bewogen wurden, an die Fabel +der Giganten zu denken, welche einst den Ossa, +Pelion und Olimp auf einander thürmten. Allein +die Gegenanstalten mangelten auch hier nicht. +Der Feind ward nicht dazu gelassen, die Festung +unterhöhlen zu können. Weit hinaus vor den +Festungswerken liefen Straßen unter der Erde +hin, an Größe und Dauer vergleichbar den altrömischen +Wasserleitungen. Von ihnen gingen +kleinere Gassen aus, welche mit ihren Nebensteigen +ein weitläuftiges Gewebe bildeten. Hier +zogen die Streifwachen rastlos umher, und erspähten +zeitig, was der Gegner unter dem Erdhorizont +beabsichtete. Dann drückte man, nach +ihm hin, die Erde ein, seine Arbeiter erstickend. +Warf der Feind einen Berg auf die Festung, so +war diese reichlich genug mit dem Ammoniak- und +Knallsilber-Pulver versehn, um sich davon zu +befreien, indem sein Schutt wieder auf der +Feinde Häupter geschleudert wurde. Diese hatten +daher auch auf Laufgräben zu denken, welche +in der Tiefe Sicherheit gewährten. +</p> +<!-- page 76 --> + +<p>Guido sah alle diese Anordnungen bewundernd. +Sein Gemüth ward entflammt, der Ruhm +eine solche Feste einst glorreich zu vertheidigen, +oder glorreich einzunehmen, gewann einen hohen +Reiz für ihn. Sein mathematischer, erfindungreicher +Kopf wußte auch von einer Menge +Verbesserungen zu reden, die man am Geschoß, +an den Minen und anderen Kriegverrichtungen +gültig machen könne. Gelino lobte dies feurige +Umfassen eines hohen Gegenstandes, setzte hinzu: +ihn könne leicht der Kaiser einst beim Heere beschäftigen, +und lobenswerth müsse es dann sein, +wenn er sich des hoffenden Vertrauens würdig +mache. Bei dem allen sei aber nichts lebhafter +zu wünschen, als daß die Völker des gesammten +Erdbodens dem Beispiele jener von Europa folgten, +und, ein Welttribunal zum Schlichten aller +Streitfälle unter Nationen errichtend, die Kriege +für ewig aufhöben. +</p> + +<p>Dies ist auch einer von Inis Gedanken, versetzte +Guido, aber wodurch soll dann die Kraft +Ruhm erwerben? Dann ist keine so hohe Gestalt +mehr auszubilden, wie jene, die das +Gemälde von Wallhalla in Athen zeigt. Nur +<!-- page 77 --> +die Heldenseele prägt die erhabenste männliche +Schönheit aus. +</p> + +<p>Auch die Seele des Tugendhaften, entgegnete +sein Lehrer. Es giebt Feinde genug in der eigenen +Brust zu überwinden, der Sieg über sie +ist eben so glorreich, ja vielleicht noch mehr. +</p> + +<p>Die Reise ging jetzt zu der nördlichen Provinz +hin, vor Zeiten das europäische Rußland +genannt. Man bediente sich dazu einen von den +Frachtwagen, die südliche Erzeugungen dorthin, +und nördliche nach den mittäglichen Gegenden +brachten. +</p> + +<p>Zu dem Ende waren hier, wie meistens im +ganzen Staate, herrliche Kunststraßen angelegt. +Sie hatten eine Breite von zweihundert Schuhen, +und waren in der Tiefe von funfzig Schuhen, +mit gestampftem Granit festgerammt. Je +mehr größere und kleinere Straßen der Art es +schon gab, je leichter fiel es auch, deren neue +zu bahnen und die Steine nach den Gegenden +zu schaffen, wo sie mangelten. +</p> + +<p>Auf der Straße von Konstantinopel waren +Wagen mit zwei Rädern gebräuchlich. Jedes +Rad hatte aber einen Durchmesser von funfzig +Schuhen. Jede seiner Speichen bestand aus einem +<!-- page 78 --> +mäßigen Fichtenbaum, und war mit Eisen reichlich +verstärkt. Die übrigen Theile hatten angemessene +Verhältnisse. Durch die gewaltige Hebelkraft +solcher hohen Räder ließ sich nun eine +außerordentliche Last fortbringen. Die von mehreren +Eichenstämmen zusammengefügte und mit +zentnerschweren Eisenringen verbundene Achse +hatte eine Breite von funfzig Schuhen, und an +dicken Ketten hing ein Prahmen im Gleichgewicht, +etwa sechs Schuh von der Erde, über +hundert Schuh lang, gegen dreißig breit, und +gegen funfzehn tief. Hierein wurde die ansehnliche +Menge von Waaren geladen, und die +Kajüte des Prahmens diente Reisepassagieren +zum angenehmen Aufenthalt, wie auch über den +Waaren ein Verdeck zum Lustwandeln eingerichtet +war. Bäumchen auf Töpfen und Blumen +gewährten einen lachenden Anblick und erhöhten +das Vergnügen der Reisenden. +</p> + +<p>Die Art, in welcher die riesenhaften Karren +gezogen wurden, hatte viel Einfachheit. Zwölf +Pferde waren genug. Diese gingen einige hundert +Schritte voraus, an lange dicke Taue gespannt, +welche von der Achse ausliefen. Die +<!-- page 79 --> +Räder gaben, wie schon bemerkt wurde, die +mechanische Leichtigkeit. +</p> + +<p>Es versteht sich aber, daß die Kunststraßen +horizontal fortliefen. Tiefen zu füllen und sich +durch Höhen zu brechen, war ja auch nur ein +unbedeutend Werk, seitdem die Menschheit sich +mit dem neueren Pulver vertraut gemacht hatte, +das, außer den Kriegen, noch so mannichfachen +Nutzen in Sprengungen gewährte. +</p> + +<p>Was konnte angenehmer sein, als auf einem +solchen, durch Pferde bewegten Prahmen, zu reisen. +Zwar ging die Luftpost schneller, zwar konnten +die Meerfahrzeuge schwimmenden Pallästen +verglichen werden, allein hier genoß man doch +die Erheiterung, stets die nahe Landschaft und +die Merkwürdigkeiten der Gegend zu sehen. +Auch war die Sicherheit die vollkommnere, was +immer das Gemüth ruhiger läßt. Unfälle blieben +nicht denkbar, da auf allen Stationen der +Zustand des ganzen Wagens geprüft, und das +etwa Schadhafte hergestellt wurde. Das Schlimmste, +was sich hätte ereignen können, wäre ein +Durchgehen der Pferde gewesen. Aber dies hätte +nur um so zeitiger an Ort und Stelle gebracht, +denn aus der Bahn dieser Kunststraßen konnten +<!-- page 80 --> +die Thiere nicht weichen. Sie waren zu beiden +Seiten mit hohen Gittern eingeschlossen, und +nöthigenfalls schnitten die vorn reitenden Fuhrleute +die Stränge ab. +</p> + +<p>Es ging immer in vollem Sprung. Auf jeder +geographischen Meile befand sich ein Pferdewechsel, +durch Schüsse und Flaggen zeitig benachrichtigt, +in der Nacht durch Feuersignale. +So war das Abschirren und Anspannen das Werk +einer Minute, in der man auch einen Wasserstrom +über die erhitzten Räder leitete, und sie +inwendig mit einem schlüpfrigen Oele versah. +Reverberen brannten in der Dunkelheit zu beiden +Seiten des Wegs. So kam man in vier +und zwanzig Stunden gegen zwei geographische +Grade weiter, aß, trank und schlief im Prahmen. +Das einzige vorenthaltene Vergnügen blieb, +daß man nicht die Städte und Dörfer inwendig +sehen konnte, denn allerdings mußten die Kunststraßen +umweg laufen. +</p> + +<p>Nach einigen Tagen langte der Wagen in +Moskau an, wo sich sogleich viele gierige Käufer +zu den Südfrüchten drängten, welche er geladen +hatte, und die meistens frisch überkamen. +</p> + +<p>Der Umfang, die zahlreichere Bevölkerung +<!-- page 81 --> +dieses Orts, seine großen Fabriken gaben die +Vorwürfe, welche nun Guidos Aufmerksamkeit +fesselten. Die meiste Betriebsamkeit war auf die +Anfertigungen für die Heere gegründet, welche +in der Nachbarschaft in ihren Uebungslägern standen. +Hier waren die meisten Soldaten versammelt, +theils der Gränze gegen Asien halber, +theils, weil die rauhe Gegend sich zu ihrer Abhärtung +eignete. +</p> + +<p>Mit der Werbung, Unterhaltung, Verfassung +der Krieger, hatte es folgende Bewandniß: +</p> + +<p>Es galt Regel, daß jeder europäische gesunde +Jüngling sich ein Jahr lang an den Waffenplätzen +einzufinden hatte. Nicht Geburt, nicht +erkornes Gewerbe, verstatteten eine Ausnahme. +Gegen das achtzehnte oder zwanzigste Jahr, +wurden sie in ihren Provinzen aufgerufen, und +folgten dem Zuge zu den ihnen angewiesenen +Lägern. +</p> + +<p>Sie zählten hier schon den Vortheil der Reise, +und konnten bei ihrer Heimkehr sich mancher Erinnerung +freuen, auch das gesehene Merkwürdige +auf ihren anderweitigen Lebensberuf nützlich +anwenden. +</p> + +<p>Im Lager wurden sie zunächst geprüft, ob +<!-- page 82 --> +sie in den Erziehungsschulen der Heimath auch +im Laufen, Ringen, Schwimmen, daneben im +Gedächtnißrechnen und den ersten Elementen +der Meßkunde und Naturlehre unterrichtet worden. +Auch über ihre wohlbegriffene Religions- und +Bürgermoral hatten sie Zeugnisse abzulegen, +und von Aeltern und Lehrern, die Bescheinigung +einer sorgsamen und von gutem Willen begleiteten +Anwendung der Jugend, einzureichen. +</p> + +<p>Fiel diese Prüfung zu ihrem Nachtheile aus, +war die Abweisung von der Ehre, einst das Vaterland +vertheidigen zu helfen, die Folge. Hiemit +war ein drückendes Abwenden der öffentlichen +Achtung verbunden, kein Mädchen von Zartgefühl +reichte einem solchen die Hand, nie durfte +er hoffen, ein öffentlich Amt zu bekleiden. War +es ein Fürstensohn, sah er sich von der Erbfolge +seines Vaters ausgeschlossen. +</p> + +<p>Diese harte Ahndung sowohl, als auch die +Allgemeinheit guter Erziehung, woran auch der +Unbemittelte Theil nehmen konnte, machten einen +solchen Fall höchst selten. +</p> + +<p>Ward dagegen der Rekrut angenommen, empfing +er ein Kriegergewand und Waffen. Man +theilte ihn einem Haufen zu, er bezog eine Lagerbaracke +<!-- page 83 --> +bei den Veteranen, welchen die Uebung +der Kriegsjugend oblag. +</p> + +<p>Hier ward er im Fechten und Schießen geübt, +mußte fleißig Laufen, oder Lasten tragen, bei +spärlicher Nahrung leben, den Schlaf entbehren, +und sich immer bedeutenderen Abmattungen unterziehen +lernen. Die strengste Moralität gebot +in diesen Lägern, schon durch die ganze Lebensweise, +die keinem Gedanken an Befriedigung +roher Sinnlichkeit Raum gab, begründet. +</p> + +<p>Nach einem halben Jahre ging er, von den +Veteranen, zu seinem Haufen ins große Lager, +mußte nun den Dienst eines Fußsoldaten verrichten. +</p> + +<p>Beständig übte man hier, ohne Rücksicht +auf Jahreszeit, Witterung, Beschaffenheit des +Bodens, oder Tag und Nacht. Die klugen Anführer +ließen mehr in der Dunkelheit als bei +der Tageshelle thätig sein, suchten absichtlich die +schwierigen durchschnittenen Gegenden aus; nicht +der strenge Frost, nicht der drückende Sonnenstrahl, +nicht strömende Regengüsse machten eine +Abänderung. Denn sie sagten: Der Feind wird +unsere Bequemlichkeit nicht ins Auge fassen. +</p> +<!-- page 84 --> + +<p>Das Fußvolk verfuhr in seinen Bewegungen +folgendergestalt: +</p> + +<p>Jeder Einzelne war mit einem Spaten, einer +Lanze und einem kleinen Schießrohre versehn. +Das letzte trug durch den inneren gewundenen +Bau und das Ammoniakpulver, auf Tausend +Schritte und hatte am Lauf ebenfalls ein kleines +Fernrohr, durch welches man auf den weiten +Abstand zielen konnte. +</p> + +<p>Eine Stellung nahmen die Heerhaufen zu +Fuße gewissermaßen nicht, sondern eine Lage. +Dies heißt: sobald man sich im Bereich des +feindlichen Geschosses fand, oder es bei der Uebung +voraussetzte, streckten sich die Reihen auf den +Boden hin, nachdem man in größter Eil mit +den Spaten einen Erdaufwurf von einigen Schuhen +gefertigt hatte, der nun, den ohnehin durch +ihr Liegen auf dem Gesichte, nur wenig Zielraum +darbietenden Soldaten, viel Bedeckung gab. Ueber +den Erdwurf legten sie ihre Röhre und gaben +wirksame Feuer. +</p> + +<p>Auf das Zeichen einer helltönenden Pfeife, +sprangen sie plötzlich auf, legten fünfzig Schritte +gebückt, und im vollen Rennen, zurück, worauf +sich die Reihe wieder zu Boden warf, und die +<!-- page 85 --> +neue Erdwehr in einigen Sekunden anfertigte. +Die Schüsse huben wieder an, wurden +auf ein abermaliges Signal eingestellt, um einen +neuen Anlauf folgen zu lassen. So nahte man +allmählig dem Feind, der schon durch die wohlgezielten +Schüsse aufgerieben sein mußte, wenn +seine Vorkehrungen nicht einem solchen Angriffe +entsprachen. Da man aber nicht auf Säumnisse +hoffen durfte, so hatten die Soldaten für den +letzten Abstand auf zehn Schritten noch Feuerkränze, +die entzündet in Feindes Glieder geworfen +wurden, durch ihr Glutsprühen und den +athemraubenden Schwefeldunst Verwirrung anzurichten, +während dessen die Röhre der fertigen +Schützen erlegten, was noch übrig war. +</p> + +<p>Diese Angriffe mußten Berg auf und Thal +ab vollzogen werden, man sich aber auch dagegegen +zu schirmen wissen. +</p> + +<p>In dieser Art bedroht, nahm man ebenfalls +Platz an der Erde, und machte den Aufwurf +um so höher, als man hier verharren wollte. +Schoß der Feind, bogen sich die Vertheidiger +zurück, ließen sich auch gar nicht darauf ein, +Feuer zu geben, so lange jener hinter seiner +Wehr lag. Wie er aber aufsprang, befand man +<!-- page 86 --> +sich im Anschlag und verdünnte seine Reihen. +War er nahe genug gekommen, was nicht anders +als nach großem Menschenverlust geschehen +konnte, begrüßte man ihn eher mit Feuerkränzen, +als er selbst daran dachte. Waren Feuer +und Dunst verflogen, vollendete man mit Lanze +und Schwert seine Niederlage. Auch bereiteten +die militärischen Chemiker, deren einige jeder +Abtheilung von Hunderten zugesellt waren, +Säuren welche die Stickstoffe schnell aufhoben. +So bekämpfte höhere Kunst die höhere Kunst. +</p> + +<p>Neben diesen Uebungen mußte das Fußvolk +geometrische Märsche vollziehen, wodurch man Vortheile +über den Feind gewinnen konnte, und was +sonst dahin einschlug. +</p> + +<p>Nach einem Jahre konnte der junge Soldat +seinen Abschied verlangen und zu den Seinigen +gehen. Gestärkter, mit mancher Kunde bereichert, +kam er dort an, und der Staat hatte +überall Bürger, welche im Nothfalle zu den +Waffen gerufen werden konnten. Auch fanden +unter diesen noch jährliche Uebungen von einigen +Tagen statt, damit jener Unterricht nicht +zu sehr dem Gedächtniß entflöhe. +</p> + +<p>Zeigte aber ein Jüngling nach diesem Jahre +<!-- page 87 --> +Neigung, bei dem Heere zu bleiben, so nahm +man ihn, nach Maasgabe seiner besondern Anlagen, +bei den besonderen Truppengattungen auf, +deren kunstvollerer Dienst eine längere Lehrzeit +forderte. +</p> + +<p>Eigentlich ward der Krieg in den <i>Lüften</i>, +<i>auf</i> der Erde, und <i>unter</i> der Erde vollzogen. +</p> + +<p>Der leichten Truppen Beruf wies ihnen die +höhere Region an. Es wurde schon erzählt, wie +diese Zeit Adler einübte, Azotgondeln fortzuziehen. +Bei den Heeren fand man vor allem große +Zuchtanstalten dieser Thiere. Es gab kleinere +Nachen und größere Gallionen, alle hingen aber +an vielen kleinen, damit verbundenen Steigekugeln, +damit, wenn ein feindliches Geschoß +traf, nicht gleich das Sinken folgte. +</p> + +<p>Jene hatten die Bestimmung, den Feind aus +der Ferne, in seiner Zahl und seinen Maasregeln +zu erspähen. Da man hoch genug stieg, +und die erweitete Optik so wichtige Hülfe leistete, +ergiebt sich, daß dieser schon auf zwanzig +Meilen ein Gegenstand der Beobachtung wurde. +Allein der Feind, welcher seine Plane gerne hehlen +wollte, säumte gewöhnlich nicht, ähnliche +<!-- page 88 --> +leichte Fahrzeuge voranzuschicken, welche die diesseitigen +zurückzutreiben suchten. Und so ereigneten +sich in der Höhe Vortrabgefechte, wie sie, +um Jahrhunderte früher, unter Husaren oder +Kosaken bestanden. +</p> + +<p>Gewandt die Adler zu lenken, aus der steilen +Entfernung, Gegenden und den Truppenstand +aufzunehmen, mittelst der Telegraphie dem Feldherrn +davon Meldung zu thun, dies waren die +vorzüglichen Obliegenheiten, in welchen diese Leute +sich tüchtig zu machen hatten. Daneben mußten +sie eben so fertig als das Fußvolk zielen können, +um wo möglich ihres Gegenparts Adler zu erlegen, +wo dann die Eroberung unstät treibender +Nachen<a id="corr-9"></a> ein Spiel ward. Den meisten Ruhm +brachte es jedoch bei dieser Truppengattung, wenn +man in Nacht und Dunkel über Feindes Heer +schlich, mit anbrechendem Tage ihn bei aller +Vorsicht erkundete, und unerreicht entfloh. Oder +wenn man über dichte Wolken dahin schwebte +und sich zu dem nämlichen Zweck in die klare +Region niederließ. Dies war indessen schwierig +genug, weil dem Feinde die Vorsicht auferlegte, +bei Nacht sowohl als bei umzogenem Himmel, +oben patrouilliren zu lassen. +</p> +<!-- page 89 --> + +<p>Die größeren Gallionen entfernten sich nicht +weit und blieben den Gefechten vorbehalten. Sie +luden Granaten mit reinem Knallsilber gefüllt +und Feuerkränze, lenkten dann über einen Truppenhaufen, +und ließen Verderben auf ihn niederfallen. +Die Kriegskunst lehrte aber, ihnen sogleich +andere entgegen zu senden, auch wurden +aus der Tiefe, weitreichende Feldstücke mit glühenden +Kugeln, auf sie gerichtet. Hier möglichst +auszuweichen, und dort doch der Absicht ein Genüge +zu thun, strebte die Lufttaktik. Allerdings +langte man nicht immer glücklich mit den Theorien +aus, die Fahrzeuge geriethen in Brand, die +Adler wurden getödtet, man war gezwungen +sich mit dem Fallschirm erdwärts zu wenden, +und wenn der Feind sich unten befand, auf +Gnade und Ungnade sich zu ergeben. +</p> + +<p>Die regsten, leichtesten Bursche kamen denn +zu diesen, im ächten Sinne des Worts, leichten +Truppen. +</p> + +<p>Andere kamen zu der Reuterei. Diese hatte +jetzt Pferde, welche man eben so wohl zum +Krieg abgehärtet hatte, als die Menschen. Eingehegte +Wildnisse waren der Ort ihrer Erzeugung. +Dort liefen sie bis ins fünfte Jahr umher, +<!-- page 90 --> +jeder Witterung blos gegeben, durch keine +warme Stallung, kein regelmäßiges Füttern, verwöhnt. +Schwer ward es dann sie zu bändigen, +doch gelang es endlich durch Güte und Strenge. +Im schnellen Laufen übte man sie täglich, dann +mußten sie auch verschiedene, vor ihnen in Gestalt +von Soldaten zu Fuß und zu Pferde, zur +Höhe gerichtete Gegenstände, über den Haufen +rennen, in Stickfeuer und Schwefeldunst gehen, +von Furcht befreit, vertraut mit Schmerzen. +Dabei mußten sie sich auf des Reuters Verlangen +schnell zur Erde werfen, denn auch hier +war es im Gebrauch, wenn es die Umstände +wollten und erlaubten, sich mit Erdaufwürfen zu +sichern. +</p> + +<p>In früheren Zeiten galt es erschöpfende Anstrengung, +wenn Reuterei etwa eine Viertelmeile +im vollen Rennen zurücklegte. Jetzt hatten +die wild aufgewachsenen, durch Uebung immer +mehr gekräftigten Kampfrosse, Athem genug, +dies mehrere Meilen zu vollbringen, obschon sie +sowohl als der Reuter gepanzert waren, und oft +noch ein Schütz hinten auf saß, der denn im +vollen Laufe, entweder über des Reuters Schultern, +oder rechts und links, feuerte. +</p> +<!-- page 91 --> + +<p>Auf große Abstände bediente sich diese Waffe +schon des Feuerrohrs, Hundert Schritte vom +Feind pflegte man eine Wurflanze in seine Reihen +zu schleudern, zwei andere Spieße, die ein +leichter Mechanismus senkte oder hob, waren an +des Reuters Füßen befestigt. +</p> + +<p>So geschah der Einbruch. Zuletzt strömten +weite Pistolen noch kleine Kugeln und Raketen, +dann wüthete das Schwert. +</p> + +<p>Doch der Feind traf auch Gegenmaaßnehmungen. +Das Fußvolk zog in bewundernswerther +Geschwindigkeit Gräben mit Lanzen ausgespickt, +über welche die Kampfrosse fielen. Reuterei +warf Fußangeln an dünnen Stricken weit hinaus, +den Gegner dadurch zu verwirren, sie aber +auch gleich wieder aufzunehmen, wenn es Verfolgung +galt. +</p> + +<p>Die jungen Männer, welche hier Anstellung +fanden, mußten, neben dem schon vergangenen +Lehrjahre, drei andere, bei den Uebungen im +Reiten, im Schießen vom Sattel, und dem +Fechtkampfe auf Lanze und Schwert, verleben. +Mitgebrachte Vorkunde und glückliches Auffassungvermögen +minderten gleichwohl diese Zeit. +</p> + +<p>Weit bewundernswerther als andere Waffen, +<!-- page 92 --> +trat jedoch die Artillerie auf. Wie würden die +Männer aus dem achtzehnten und dem Anfange +des neunzehnten Jahrhunderts, welche dem großen +Geschoß vorstanden, haben staunen müssen, +wenn ihnen ein Blick auf ihre späten Nachfolger, +von jenseits der Gräber her, wäre vergönnt gewesen. +Es wurde schon bei Gelegenheit der +Festen gemeldet, welche Kaliber die dermalige +Zeit sah, allein auch im Felde leiteten Metallehre, +Scheidekunst und Bewegungstheorie, das +Geschäft des Verderbens wundersam. +</p> + +<p>Vervielfältigt waren die Mittel, dem Rücklauf +zu begegnen, und so konnte der Konstabel +sich leichter Röhre bedienen, wenn sie gleich +schwere Ballen fortzutreiben vermochten. Es gab +viele derselben auf einem Gestell, die mit Lademaschinen +in unglaublich kurzer Zeit nach einander +den Tod spieen. Andere wieder, auf so +hohen Wagen, daß sie über Fußvolk und Reuterei +emporragten und durch diese gedeckt, von +hinterwärts ihre Zerstörung aussandten. Es gab +feuerfeste Wandelthürme, in vielen Stockwerken +mit Kanonen besetzt. Es gab bewegliche Reduten, +auf allen ihren Seiten Batterien<a id="corr-10"></a>. Wie +schaffte man die fort? ist die Frage. O dergleichen +<!-- page 93 --> +hätte schon um Jahrhunderte früher vorhanden +sein können, wenn damals nicht eine +so große Geistesträgheit unter den Kriegern zu +finden gewesen wäre, wenn nicht manche Völker +es vorgezogen hätten, dem Verderben zuzueilen, +als das Genie über die Maasregeln ihrer Rettung +zu hören. Das war nun freilich späterhin +anders. Niemanden traf Verfolgung, weil er +klüger war, als der Haufe, der Verstand war +kein Monopol sondern Allmende. Pulverkraft +schaffte diese Wandelthürme, diese Wandelschanzen +fort, und es ist gar so schwer nicht, die Möglichkeit +zu ahnen. +</p> + +<p>Die Artillerie zu Pferde hatte ihre Stücke +nicht auf Wagen, sondern bei sich an den Sätteln, +in kleine Theile zerlegt, die man in etlichen Sekunden +zum Ganzen vereinte. Sie bewegte sich +noch schneller als die gewöhnliche Reuterei, indem +sie die vorzüglichsten Pferde empfing, und +jener im Ansprung voraus eilen mußte, durch +einige schnell angebrachte Lagen die Bahnen +aufzuhellen. +</p> + +<p>Das Laboratorium setzte in Erstaunen. Hier +wurden unter andern die Feuermaterien gemengt, +deren Flammen sich überall vertilgend anhingen. +<!-- page 94 --> +Die Artillerie bewarf zuweilen eine feindliche +Reihe so damit, daß ein dichtes Glutmeer über +sie hinströmte und der Erfolg ist denkbar. Ueberhaupt +geizte die Artillerie nach der Ehre, +Schlachten und kleinere Gefechte zu entscheiden, +ohne daß andere Massen Theil daran nahmen, +was auch oft gelang. +</p> + +<p>Den Krieg unter der Erde führten die Minirer. +Reutereiangriffen, wie sie jetzt angethan +waren, dem schnellen Heranbringen mordender +Batterien, konnte fast nur eine wirksame Vertheidigung +entgegen gestellt werden, wenn der +Boden an Stellen, wo sie vorüberkamen, unterhöhlet, +und Mine an Mine, mit reinem Knallsilber +gefüllt, gereiht wurde. Dann ließen sich +Tausende leicht zerreissen, nach den Wolken +senden. Selten ward ein Lager bezogen, wo +die rüstigen Krieger in der Tiefe, nicht sogleich +die ganze Linie mit ihren verborgenen Werken +umgürtet hätten. Brachten sie diese nun zum +Ausbruch, so schien es, als ob Vulkan neben +Vulkan spie, und die flüßigen Feuer strömten, +der Lava gleich, weit umher. +</p> + +<p>Bei so erschwertem Zugang, hatte nun der +Angreifer zu sinnen, wie er seinen Kohorten, +<!-- page 95 --> +vor ihrem Sturme, den Boden sicherte. Dies +konnte nicht anders als unter seinem Rande +geschehen. Daher mußten die disseitigen Minirer +zeitig ihren Weg antreten. Große Erdbohrer, +durch Maschinen in Bewegung gesetzt, dienten +zu diesem Zwecke. Man beeilte sich, die höllischen +Anlagen aufzufinden und durch eine frühere +Brandstiftung sie unschädlich zu machen. +</p> + +<p>Grausenvoller Krieg, schauderhafte Anwendung +entsetzlicher Naturkräfte! Doch dies fürchterliche +Verfahren war nothwendig geworden, +man durfte sich nicht ungestraft an Mordkunst +überbieten lassen. Und die Möglichkeit solcher +Allvertilgung, mahnte desto lauter an, den Frieden +zur ersten Tugend der Menschheit zu erheben. +Noch hörten aber nicht alle Völker darauf. +</p> + +<p>Wer nun von den jungen Soldaten in eine +der kunstreichen Truppenarten aufgenommen +worden, und den Unterricht dreier neuen Lehrjahre +empfangen hatte, konnte nach Belieben +wieder austreten, denn es war nützlich, unter +den Bürgern im Staate, auch eine Zahl so angelehrter +zu wissen. Es war nun eine Befreiung +von gewissen Gaben und ein Ehrenzeichen ihr +Lohn. +</p> +<!-- page 96 --> + +<p>Wer aber noch länger zu weilen Lust zeigte, +trat ins große Heer, wo sein Dienst zehn Jahre +währte. Nach dieser Zeit ging er zu den Veteranen, +welche entweder die Besatzung der Festen +bildeten, oder der Uebung junger Rekruten oblagen. +Denn es galt der Grundsatz: kein Krieger +im offenen Felde dürfe mehr als dreißig +Jahre zählen. Man kannte den leichten, die +Gefahr höhnenden Sinn, welcher allein mit der +Jugendkraft verbunden ist. Nothfällen blieben +Ausnahmen vorbehalten. +</p> + +<p>Die Beförderung zu höheren Stellen bestimmte +die Dienstzeit. Im Frieden ward dies durchaus +nicht abgeändert, eine Auszeichnung war da selten, +weil alle ebenmäßig gebildet wurden. Im +Kriege galten Großthaten Pflicht, und die Voraussetzung, +Niemand werde ihrer ermangeln, +wenn ihm die Gelegenheit winkte. Es ist +schlimm, sagte man, von Verdienst zu reden. +Die Abwesenheit desselben bei Vielen, wird stillschweigend +eingestanden, wenn des Einzelnen +Lob darum ertönt. +</p> + +<p>Doch <i>Anführer</i> großer Heerhaufen wurden +nach Maaßgabe des höheren Genies ausgewählt, +das sie beurkundeten. Sie mußten in den Kriegsübungen, +<!-- page 97 --> +während vieler Jahre, keinen Tadel +verwirkt haben. Sie mußten aus den Schulen +ihrer Theorien, welche sich bei den Heeren befanden, +vortheilhafte Zeugnisse mitbringen. Sie +mußten dann eine Zeitlang dort selbst den Lehrstuhl +besteigen, denn man wußte gar wohl, wie +auch der beste Kopf lehrend am meisten lernt. +Sie mußten in gehaltvollen Schriften beweisen, +daß sie die Kriegskunst nicht nur ihrem Umfange, +und ihren einzelnen Abtheilungen nach, ergründend +verständen, sondern daß sie sie auch mit +neueren Ansichten zu bereichern wüßten. Gute +Erfindungen, durch welche das Heer einen wahrhaften +Vortheil über die der Nachbaren errang, +gaben endlich den Ausschlag, der Zahl derer beigesellt +zu werden, aus welcher man Heerführer +wählte. +</p> + +<p>Dies geschah aber von Seiten des Heeres +selbst. Die meisten Stimmen, im Geheim ertheilt, +entschieden. So konnten keine unreine +Mittel angewandt werden, ein solches Amt zu +erlangen. Auch war es nicht ausführlich, Hunderttausend +Mann zu bestechen. Nur ächte, keine +Scheingenialität, konnte wohl mit ihrem Rufe +so weit dringen, daß die Mehrheit einer solchen +<!-- page 98 --> +Zahl in ihren Wünschen gewonnen ward. Dann +sandte der aus den Aeltesten zusammengesetzte +Rath des Heeres, die Wahl nach Rom, wo das +Strategion, eine Körperschaft alter Feldherrn +und Kriegsgelehrten, ihre Gründe untersuchte +und danach abwog, ob sie dem Kaiser zur Bestätigung +vorgelegt werden sollte, oder nicht. +Diesem blieb zuletzt sein souveraines Ja oder +Nein. +</p> + +<p>So weise verfuhr dies Zeitalter bei der gewichtigen +Frage: wer seinen trefflichen Heeren +gebieten sollte? +</p> + +<p>Wie trefflich diese Heere aber auch sein mochten, +so kosteten sie dem Staate nichts. Gewissermaaßen +nichts. +</p> + +<p>Denn jener zehnjährige Dienst nach den Lehrjahren, +er mochte bei den künstlerischen Truppenarten +oder nur bei dem einfacheren Fußvolke +Statt haben, (wo auch Viele blieben, die jene zu +schwierig für sich fanden,) ward nicht allein mit +Kriegsübung hingebracht. Dies hätte man unnöthig, +überflüssig gefunden. Die großen Heere +tummelten sich drei Monate im Jahr. Und dabei +wählte man nach einander Frühjahr, Sommer, +Herbst und Winter. Dies schien hinlänglich, +<!-- page 99 --> +das Handwerk fortgesetzt in seiner Gewalt +zu haben, und der Strenge jeder Witterung +Trotz bieten zu können. Zudem hatten diese +Uebungen so viel Praktik als immer thunlich +blieb. Zwei Heere bildeten sich und verfuhren +als Feinde gegen einander, auf alle Weise die +Wirklichkeit darstellend, nur daß freilich die +Röhre nicht mit Kugeln versehen waren. Gleichwohl +ging es dabei nicht ohne Gefahr ab, worauf +es auch bei Menschen, deren ganzes Wesen +die Gefahr geringschätzen soll, nicht ankommen +muß. In der Hitze des Streits blieb hie und +da ein Krieger, und ward dann, als ob Ernst +bestanden hätte, an den Ehrensäulen genannt, +welche der Nachwelt die Namen derer übergaben, +die im Kampfe mit des Vaterlands Feinden gefallen +waren. +</p> + +<p>Nun hatte aber der Staat seit lange den +Heeren Ländereien übergeben. In den Provinzen, +Polen, Moskau, Schweden, manchen Gegenden +der vormaligen Türkei von Europa, gab +es überflüssige Waldungen, unbewohnte Steppen, +Moräste, die einer Austrocknung fähig waren, +in Menge. Auch fanden sich hie und da Bergwerke, +zeither ungenützt und ergiebig. In den +<!-- page 100 --> +neun Monaten, wo nun die Soldaten sich nicht +mit den Waffen beschäftigten, war ihr Beruf, zu +urbaren, zu bauen, zu säen, zu pflanzen, zu +ärnten. Dies war im Laufe der Zeit schon weit +gediehen, und die Krieger hatten ungemein wohlgepflegte +Besitzungen. +</p> + +<p>Nach den Lehrjahren wirklicher Soldat, empfing +auch Jeder seinen Antheil, den er für sich bearbeitete, +doch auch die Obliegenheit, einer nebenliegenden +Hufe seine Sorge zuzuwenden. Diese +war Vermögen der Gesammtheit, welche, +durch die Menge derselben, sich eines hohen +Reichthums erfreute. Aus den Einkünften davon, +konnte nicht allein der Sold für die Rekruten +und Veteranen, bestritten werden, sondern +sie waren auch die Quellen, aus denen man +zum Behuf der anderweitigen Heeresnothwendigkeiten +schöpfte. +</p> + +<p>Das Heer ließ seine Magazine mit Korn +füllen, und häufte hier immer Vorräthe für +mehrere mögliche Kriegsjahre auf. Es zog seine +Pferde in den wilden Stutereien. Es ließ seine +Kupferminen, seine Eisen- und Schwefelbergwerke +bearbeiten, erzeugte Salpeter, Ammoniak +und andere Gegenstände für seine Waffenfabriken +<!-- page 101 --> +und chemische Laboratorien in Ueberfluß. +Auf Kunststraßen, welche es bauen half, schafte +es mittelst ihm zugehöriger Prahmwagen sie leicht +an die Orte, wo diese Fabriken angelegt waren. +Die Wolle seiner Schäfereien, die Linnen seiner +Flachsschollen, kleideten die Soldaten. Die Veteranen, +nach dem dreißigsten Jahre keinesweges +veraltet, trieben auch den Festungbau. Lobenswerthe +Einrichtungen in früheren Zeiten, wo man +den Müßigang der Krieger willig duldete und +sie dadurch vielseitig<a id="corr-11"></a> verdarb, nie ins Dasein +gerufen. +</p> + +<p>Gelino machte nun dem Zögling bekannt, +wie er, als europäischer Bürger, sich nun werde +gefallen lassen, hier sein Waffenjahr anzutreten. +Guido hörte das mit innigem Vergnügen, von +jeher hatte das Kriegshandwerk für seine lebhafte +Einbildung unsägliche Reitze gehabt, und immer +hoffte er einst Ruhm darin zu finden, wenn schon +eben keine Aussicht zu ernstlichen Kämpfen bestand. +</p> +<!-- page 102 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Drittes Büchlein.</h2> + +<p class="sub">Guido im Heere.</p> + +<p class="first"><span class="firstchar">D</span>er Lehrer führte ihn einige Meilen von +Moskau weg, wo eben die große Uebung des +Heeres Statt fand. Wie begeisterte den Jüngling +der strahlende Waffenglanz, der laute Donner +so vieler Feuerröhre, deren Rauchwolken +den ganzen silbernen Himmel dunkel umzogen +und wieder mit tausendfachem Blitz erhellten. +Am fernen Boden schlängelten sich der Minen +Lavabäche, wenn ihre Erdberge emporstiegen. +</p> + +<p>Nachdem die Truppen die heutige Uebung +geendet hatten, begab sich Gelino mit seinem +jungen Freund, zum Anführer. Er stellte ihm +Guido vor und übergab dabei ein Schreiben. +Der Feldherr blickte den Jüngling wohlgefällig +an, und brach darauf das Siegel. Nachdem +er gelesen hatte, sagte er: Wohl scheinst +du es werth, Jüngling, daß der Kaiser dich +selbst empfielt. Er muß dich vortheilhaft kennen +gelernt haben, große Wärme spricht in seinem +Briefe, und deine Miene betrügt auch wohl +<!-- page 103 --> +kein Vertrauen. Doch verlangt deines Beschützers +Weisheit unfehlbar nicht, daß ich dir unverdienten +Vorzug einräume. Zeige jedoch Willen +und Kraft, so kann die Ehre im Heere geachtet +zu werden, dir nicht entstehn. +</p> + +<p>Guido ward verlegen, da er von dem Briefe +des Kaisers nichts wußte. Doch antwortete er +mit bescheidenem Selbstgefühl: er achte sich zu +sehr, eine Auszeichnung zu verlangen. +</p> + +<p>Er hatte nun die Prüfung zu bestehn. Seine +seltne Gewandheit in Leibesübungen erregte +Staunen, er war so keck, die Behendesten im +Laufen, die Stärksten im Ringen, die Rüstigsten +im Schwimmen, zum Wettkampf einzuladen, +und trug den Sieg davon. Eine Probe +seiner geometrischen Uebersicht abzulegen, schwang +er sich an einen Luftball empor, und entwarf +binnen einer Stunde eine höchst genaue Charte +des sichtbaren Landhorizonts. Auch anderweitig +bestand er, nicht nur zur Zufriedenheit, sondern +zur Bewunderung der Anwesenden, was dem +Lehrer Gelino süß schmeichelte. +</p> + +<p>Er empfing seine Waffen und begann die +Uebungen froh. An Ini schrieb er: Ich trage +nun das Kriegerkleid. Neue Kraftübungen werden +meine Formen entfalten, der hohe Gedanke +<!-- page 104 --> +an Heldenthum, verbunden mit dem entzückenden, +verklärenden an dich, werden mir endlich +die Gestalt vollenden, welche deiner allein werth +sein kann. +</p> + +<p>Sie antwortete: Gehe nicht leicht hin über +das Schwere. Sorge und wache. Liebe stärke +dich! +</p> + +<p>Der Seegen einer Geliebten hat immer wunderbare +Einwirkungen. Jedes Geschäft geht leichter +von dannen, der Genius erwacht, trägt bald +auf den Gipfel des Vorhandenen und läßt höhere +Vollkommenheit umfassen. +</p> + +<p>Guidos nervigte Arme lernten die Kunstgriffe +mit dem scharfen Spaten bald, und führten +Lanze und Schwert mit Geschicklichkeit, sein geübtes +Auge brauchte in wenigen Wochen das +Feuerrohr so fertig, daß er nie sein Ziel fehlte. +</p> + +<p>Was sollen wir dich lehren, fragten die Veteranen, +dir ist schon alles bekannt, was der +Fußsoldat wissen muß, um zu seinem Haufen zu +gehen. +</p> + +<p>Guido beruhigte sich aber dabei nicht. Er +hatte nachgedacht, ob man nicht über den Erdwurf +feuern könne, ohne das Haupt dem feindlichen +Geschoß zum Ziel darzubieten. In der +Optik fand er ein Mittel zu diesem Zweck. Er +<!-- page 105 --> +ließ sich ein hakenförmiges Sehrohr fertigen, +das die Lichtstrahlen in einen Winkel brach, und +sein Feuerrohr mit einem gebogenen Kolben +versehn. Nun blieb er ganz hinter der Erdwehr +liegen, und sah durch sein Instrument dennoch +darüber hin. Der Schuß erfolgte da bei aller +eignen Sicherheit. Er zeigte den Veteranen, +was er ersonnen hatte. Diese gaben ihm großen +Beifall zu erkennen, und sandten sein Feuerrohr +an die Rathsversammlung des Heeres, welche +neue Erfindungen zu untersuchen hatte. Sie +war von dem wichtigen Nutzen der vorliegenden +zur Stelle überzeugt, und schickte sie wieder +durch einen Eilboten dem Strategion zu Rom. +Dieses antwortete bald: Man hätte sogleich alle +Feuerröhre der Fußsoldaten auf die vorgeschlagene +Weise umzuändern. +</p> + +<p>Man sprach beim ganzen Heere von diesem +Ereigniß. Durchaus war es neu, daß ein Jüngling, +nur einige Wochen unter den Waffen, +schon eine Abänderung beim Heere veranlaßt +hatte. Man untersuchte zwar alles willig, munterte +liebevoll auf, doch selten erfolgte die wirkliche +Anwendung. Wenn es diesmal auf einmüthigen +Beifall geschah, so lagen auch vor Jedermann +<!-- page 106 --> +die Beweise der Trefflichkeit jener Erfindung. +</p> + +<p>Man sprach ihn auch zugleich von der Obliegenheit +los, ein Lehrjahr bei den Fußsoldaten +zu weilen. Es ward ihm frei gestellt, in eine +andere Waffe zu treten, und er wählte die +Reuterei. +</p> + +<p>Grade waren Pferde aus der eingehegten +Wildniß angelangt, und der Führer des Zuges +klagte über die Unbändigkeit des einen darunter, +rathend, es als unbrauchbar zu tödten. Guido +bat um die Gunst, es versuchen zu dürfen. +Man wollte sie lange nicht zugestehn, einwendend, +schon die bewährtesten Reuter hätten Unfälle +mit diesem Thiere gehabt. Jener ließ aber +nicht nach, zäumte und sattelte das Roß, bei +allem Widerstreben, und schwang sich darauf. +Es bäumte sich hoch, Guido drückte ihm mit +starkem Arm den Kopf nieder. Es ging, dem +Zügel nicht mehr gehorchend, athemlos ins +Weite. Guido riß ihm den Kopf herum und +brachte es zum Stehn. Endlich, die Kraft seines +Meisters gewahrend, bequemte sich die üppige +Wildheit zum Nachgeben. Gelehrig folgte +das Pferd, wohin Guido wollte. Er ritt es +<!-- page 107 --> +vor aller Augen an einen Bombenmörser, und +ließ ihn neben sich losbrennen. Ein gewaltiger +Sprung zur Höhe folgte, der Jüngling saß fest +und hielt sein Thier auch zugleich wieder an, +es kühn mit dem Sporn für die Unart strafend. +Es schnaubte Wuth, wagte aber, bei einem zweiten +Schuß, nicht mehr, von der Stelle zu gehn. +Endlich legte Guido das Feuerrohr zwischen seine +Ohren, erlegte tausend Schritte davon einen +Habicht, der eben durch die Luft flog, und sein +Pferd rührte sich nicht. +</p> + +<p>Alle Reuter jauchzten ihm Lobsprüche, und +er dachte geheim: Hätte mich doch Ini jetzt +gesehn! +</p> + +<p>Eine freundliche Aufnahme in die Reihen +war sein Lohn, und das Verlangen, dies Pferd +für den Dienst behalten zu dürfen, fand Bewilligung. +</p> + +<p>Er bewies sich bald so tüchtig als Reuter, +daß die Veteranen urtheilten, es bedürfe hier +durchaus keiner Lehrzeit mehr. Deshalb bat er +aber, zu dem großen Heere gesandt zu werden, +und das aus folgendem Grunde: +</p> + +<p>Der Cäsar von Neu-Persien hatte Asien im +Besitz, mit Ausnahme von Japan und China. +<!-- page 108 --> +Diese alten Reiche hatten in vorigen Kriegen +immer glücklichen Widerstand geleistet, jenes +durch seine abgesonderte, meerumflossene und durch +Felsenküsten sichere Lage, dieses mittelst seiner +ungeheuren Bevölkerung, und indem es, aufgeweckt +durch die nähere Gefahr, das Volksgenie +auch geweckt und in den Kriegskünsten +neuer Zeit mitgestrebt hatte. Grade war aber +eine neue Fehde ausgebrochen, und bei dieser +Gelegenheit ein Trupp chinesischer Tatarn versprengt +worden, der, Unfug und Verheerung +übend, den Gränzen von Europa nahte. +</p> + +<p>Man sandte eine Heerabtheilung, meistens +Reuterei, entgegen, im Fall sie sich nicht entblöden +würden, das diesseitige Gebiet zu betreten, +und da Guido sehnlich wünschte, dem etwanigen +Feldzuge beizuwohnen, drang er so lebhaft +darauf, zum Heer gesandt zu werden, was +auch geschah. +</p> + +<p>Der Ruf war ihm zuvor gegangen, neugierig +sammelte sich die Menge, den Jüngling zu +sehn, der eine genievolle Erfindung gemacht +hatte und für den kräftigsten Rossebändiger galt. +Die Art, wie er unter den neuen Kameraden +<!-- page 109 --> +auftrat, erwarb ihm auch gleich Vertrauen und +Gewogenheit. +</p> + +<p>Es ging zur Gränze, wo eilig das Gerücht +einlief, schon wären mehrere Dörfer +geplündert und verwüstet worden. Der Anführer +nahm seinen Marsch in die Gegend, welche, +die noch unkultivirteste in Europa, dichte Waldungen +durchschnitten. +</p> + +<p>So leicht der europäische Stolz diesen Krieg +gewürdigt hatte, so furchtbar-schwer war er zu +führen. Die Waldungen deckten den Feind. +Man konnte sich nicht über seine Zahl oder Stellung +erkundigen, weil die leichten Truppen, für +dies Geschäft dem Heere zugetheilt, nicht von +oben herab durch die Kronen der Bäume zu blicken +vermogten. Die Tatarn verbargen sich geschickt, +drangen dann unvermuthet in wilden +Haufen hervor, fielen mit Ungestüm an, und +entfernten sich mit einer Schnelligkeit, die den +Vortheil<a id="corr-12"></a> auf ihre Seite brachte. Denn ihre +Pferde, welche Klugheit bei Zucht und Anlehrung +der europäischen auch thätig war, hatten den +Vorzug. +</p> + +<p>Die berittene Artillerie ließ sich in den Gehölzen +nicht brauchen, wider die kleineren Röhre +<!-- page 110 --> +bedienten sich die Feinde eines Schildes, mit +einem in China erfundenen Lack überzogen, der +bei großer Leichtigkeit Reuter und Pferd deckte, +im Anrennen vorn, im Weichen hinterwärts Gebrauch +fand. Schlimmer wie alles das, konnte +man ihre Pfeile ansehn, womit sie überaus geschickt +trafen, und den gepanzerten<a id="corr-13"></a> Mann entweder +im Gesicht oder an den Händen verwundeten. +Diese Pfeile waren in ein Pestgift getaucht, +das nicht allein den Getroffenen hinraffte, +sondern auch sich epidemisch mittheilte. +Sie dagegen, war mit Recht anzunehmen, mußten +mit einem schirmenden Gegenmittel versehen +sein, da man von keinen Krankheiten unter ihnen +hörte. +</p> + +<p>Groß war, bei allem anerzogenen tapfern +Sinn, die Bestürzung, als der Tod in den europäischen +Reihen wüthete. Die Aerzte wußten +keinen Rath, fanden selbst ihr Grab. Der Anführer +wagte einen verwegenen Streich, wurde +aber mit seinem Vortrab umzingelt und niedergehauen. +</p> + +<p>Die Truppen wählten einen neuen Gebieter, +der einstweilen sein Amt übernahm, bis die Bestätigung +darin eingelaufen sein konnte. Es war +<!-- page 111 --> +der Sohn eines vornehmen Fürsten, welcher +demungeachtet der erforderlichen Eigenschaften +nicht ermangelte. Er hielt den Truppen eine +kräftige Anrede, worin er die Nothwendigkeit +bewies, die Räuber zu vertilgen, wenn dem +ganzen Lande nicht Untergang durch die Pest +drohen sollte; mahnte jeden an, den Sinn der +Aufopferung in sich zu wecken, und zu denken, +auf welchen Wegen sich der entsetzlichen Gefahr +begegnen ließ. Der Feuerwille, im Kampf dem +Tode zu trotzen, ließ sich auch überall wahrnehmen, +doch die natürliche Furcht vor der Pest +bleichte jedes Antlitz, und im ganzen Lager +tönte Wehklage, da keine Minute verging, wo +nicht ein Freund dem Freunde starb. +</p> + +<p>Guido schrieb an seinen Lehrer, der nun in +Moskau geblieben war: Komme ich um, so sage +Ini, mein Leben sei mit ihrem Namen den +Lippen entflohn, vielleicht aber gelingt es mir, +ruhmgekrönt wiederzukehren, denn ein Wagstück +ist mir beigefallen, das uns retten kann. +</p> + +<p>Er ging zu dem Heerführer, bat sich einen +Luftnachen und einige muthbewährte<a id="corr-14"></a> Männer +aus. Du bist ja Reuter, was willst du unter den +Spähtruppen? fragte jener. Vertraue mir um +<!-- page 112 --> +was ich bitte, hieß die Antwort, ich will mein +Leben daran setzen, den Tod vom Lager zu +fernen. +</p> + +<p>Wohlan! Und möge das Glück dich geleiten. +</p> + +<p>Guido stieg hoch in die Lüfte auf, begab sich +über den Feind und blickte mit einem treflichen +Fernrohre nieder, das ihm der Feldherr auf sein +Ansuchen noch mitgegeben hatte. Nach langer +vergeblicher Mühe entdeckte er in der Waldung +einen kleinen offnen Raum, wo ein prächtig +Gezelt stand. Hier ist ohne Zweifel der tatarische +Feldherr, sagte er zu seinen Begleitern, +dies wollte ich erkunden. +</p> + +<p>Jetzt schwebt er zurück über das eigne Lager, +und ließ einen Brief niederfallen, in welchem er +den disseitigen Heerführer bat, einen Angriff, +wenn auch nur scheinbar, zu machen. Er sah nach +einer halben Stunde, daß seine Bitte Gehör +gefunden hatte, die Schlachttrompete klang, die +Glieder rückten aus. +</p> + +<p>Jetzt mußten ihn die Adler wieder über jenen +lichten Raum bringen, hoch genug, daß, bei +ohnehin trüber Luft, er nicht mit bloßen Augen +zu entdecken war. Sein gutes Fernrohr zeigte +ihm aber bald, wie auf den Schlachtlärm ein +<!-- page 113 --> +vornehmer Tatar aus dem Gezelte trat, zahlreich +begleitet sich aufs Kampfroß schwang und +vorwärts eilte. Nur wenige Einzelne umzingelten +in einiger Entfernung wachend das Hauptquartier. +</p> + +<p>Sogleich ließ sich Guido, durch stille Luft +und einbrechende Abenddämmerung begünstigt, +am Fallschirm nieder. Nicht weit von dem +Hauptgezelt blieb er an einer Eiche hangen, und +kletterte von da zur Erde. Eine Wache entdeckte +ihn, doch ehe der unbesorgt gewesene Tatar +zum Bogen greifen konnte, hatte er Guidos +Dolch in der Brust. Dieser legte nun seine +Kleidung an, verdachtloser weiter handeln zu +können. Er ging einigen Anderen vorüber, die, +seiner Kleidung halber, nicht Acht auf ihn gaben +und gelangte glücklich in das Zelt. Hier +standen viele große Flaschen mit der tatarischen +Ueberschrift: Gegengift. Dies war was Guido +gewollt hatte. Er nahm eine davon, und schlich +weit rückwärts in den Wald, indem die Nacht +dunkler wurde. Endlich, niemand mehr gewahrend, +zündete er ein kleines Feuer an, was seinen +Kameraden im Luftnachen zum Zeichen diente, +sich niederzusenken. +</p> +<!-- page 114 --> + +<p>Dies geschah. Guido bestieg mit seiner +Beute den Nachen, und man eilte durch die +Luft dem eignen Lager zu, wo man gegen Morgen +erst anlangte, denn das Gefecht hatte eine +unglückliche Wendung genommen, die Europäer +waren weit zurück gedrängt worden. +</p> + +<p>Er fand unglaubliche Verwirrung, auch der +Feldherr war geblieben. Getrost, rief er, ich +bringe vorerst eine Hülfe, das Weitere wird sich +finden. +</p> + +<p>Die Aerzte wurden berufen. Man untersuchte +die Flasche, mittelte die Bestandtheile aus, und +traf sogleich Anstalt, das Mittel in großer Menge +zu fertigen. Zugleich ward es an den Pestkranken, +die in großer Zahl schmachteten, versucht, +und alle sahen sich nach wenigen Stunden hergestellt. +Die Art des Gebrauchs enthüllte sich +schon aus der Natur dieser Arzenei. Sie wurde +auch schnell nach den rückwärts liegenden Ortschaften +gesandt, wohin sich das Uebel auch schon +verbreitet hatte. +</p> + +<p>Hoher Freudejubel! Neuerwachter Muth im +Heere, da keine Pestpfeile mehr zu fürchten standen. +Guidos Lob klang in aller Krieger Munde. +<!-- page 115 --> +Kein Neid trübte einen so rein verdienten +Dank. +</p> + +<p>Die Aeltesten ordneten eine neue Heerführerwahl. +Jeder im Heerhaufen nährte denselben +Gedanken. Mag der Jüngling selbst nicht das +erste Lehrjahr bestanden haben, sein Geist, seine +Thaten erheben ihn zum Würdigsten. Man zog +die Namen aus dem Helm, der unter allen Kriegern +umhergegangen war. <i>Guido</i> stand auf jedem +Papier. +</p> + +<p>Er war beschämt, verlegen — doch klopfte +sein Busen von nicht geringer Freude. „Was +wird Ini sagen, wenn sie davon hört!“ dachte +er, dann — gab er Befehle. +</p> + +<p>Eine weite Umzingelung des Feindes schien +ihm in diesen Waldungen das Dienlichste. Jeder +Krieger empfing eine kleine Viole von dem +Gegengift, um nun bei einer Wunde sogleich einige +Tropfen davon anwenden zu können. In +der folgenden Nacht traten die Flügel ihren Weg +an, um sich in den Rücken des Feindes zu begeben. +Zeitmesser und Kompaß dienten, sich genau an +den Stellen einzufinden, wo es der Plan verlangte. +Ein Morast, durch den die Tatarn nicht +dringen konnten, begünstigte an einer Seite den +<!-- page 116 --> +Entwurf, an der andern ließ Guido schnell eine +Meile lang die Bäume mit Knallsilber umwerfen, +daß auch dort der Ausweg gesperrt wäre. +</p> + +<p>Dann begann der Angriff von zwei Seiten +in der nämlichen Minute. Die Tatarn erschraken, +da sie die alte Furcht vor ihren Giftpfeilen +nicht mehr inne wurden. Ja, Bestürzung verbreitete +sich unter ihnen, als einige gewahrten, +die Verwundeten der Europäer bedienten sich +eines Gegenmittels. Die nehmliche Entdeckung +hatte auch den Neu-Persern eine Ueberlegenheit +über diese Truppen gegeben und sie in die Nothwendigkeit +gesetzt nach dem Norden zu fliehn. +</p> + +<p>Man drang scharf ein. Die flüchtige Eil +der tatarischen Rosse half nicht, da zu beiden +Seiten der Feind anrückte. Im Nahekampf +hatten die europäischen Waffen den Vorzug. +</p> + +<p>Jener Feldherr, seine mißliche Lage erwägend, +sammelte auf den Ton eines weitschallenden Instrumentes +eine große Masse und suchte mit dieser +durchzubrechen. Guido, der dies vermuthete, +begann an der Spitze einiger Tausende ein +Scheingefecht, floh und lockte die Feinde auf +eine große Mine, deren Explosion in dem Augenblick +<!-- page 117 --> +erfolgte, als der Vortrab des Gegners +den unterwühlten Boden betreten hatte. +</p> + +<p>Gräßlich schauderhafter Anblick, als Tausend +entwurzelte Eichen dem Aether zuflogen! Doch +wurde es auch Guidos Leuten verderblich, als +die Baumtrümmer, die zu Tausenden zerrissenen +Gäule und Menschen, wieder dem Gesetz +der Schwere gehorchten, und sich weiter verbreiteten +als man erwartet hatte. Manche darunter +wurden getödtet, selbst Guidos Pferd von einem +großen Stamm aufs Haupt getroffen. Er entging +jedoch den Gefahren glücklich, und bestieg +ein anderes Kampfroß, die Niederlage der Tatarn +zu vollenden. +</p> + +<p>Ihr Feldherr gab die Hoffnung nicht auf, +wandte sich nach einer andern Gegend. Guido +ließ ihm aber keine Frist, fiel den Haufen von +allen Seiten an. Nicht überall konnten die chinesischen +Schilde decken, große Verheerungen bewirkten +die europäischen Feuerröhre. Endlich +traf Guido auf den Feldherrn selbst, ein innig +gefühlter Wunsch. Er rief ihm zu: laß uns +beide kämpfen; wer fällt, dessen Schaaren sollen +sich dem andern ergeben! +</p> + +<p>Der Tatarfürst war es zufrieden und warf +<!-- page 118 --> +seine Lanze. Sie würde, wohl zielend, Guidos +Gesicht getroffen haben, wenn dieser sie nicht +mit seinem Schwerte hinweggeschlagen hätte. +Er schoß, dem Tatar half sein Schild. Nun +gab Guido dem Pferde den Sporn, flog dicht +neben seinen Gegner hin, ihm den Degen in +die Seite zu bohren. Es gelang nicht, weil der +Andere auch mit fechtender Geschicklichkeit den +Streich abzuwenden wußte. Guidos Pferd, im +Sprung, war nicht gleich aufzuhalten, der Tatar +sandte einen Pfeil nach, verwundete es tödtlich, +und Guido mußte auf den Boden springen. +</p> + +<p>Nun suchte der Feind ihn mit seinem Kampfrosse +über den Haufen zu rennen. Ohne hohe +Geistesgegenwart war Guido verloren. Doch er +dachte an Ini, und fühlte neue Kraft durch +seine Adern strömen. Er wich rechts und links +dem schnaubenden Thiere aus, ersah den Augenblick +und bohrte das Eisen in seinen Bauch. +Mit großem Getöse fiel es in den Staub, nachdem +es durch die letzte krampfhafte Bäumung +den Reuter weggeschleudert hatte. +</p> + +<p>Dieser stand aber auch gleich wieder auf den +Füßen und Schwert gegen Schwert wüthete. +Die Panzer vereitelten Hieb und Stoß, an +<!-- page 119 --> +ihrer Kraft brachen beider Klingen. Nur die +Arme blieben den ergrimmten Kämpfern noch +übrig. Den fabelhaften Riesen der Vorzeit gleich +umschlangen sie sich damit, und geriethen auf +das Eis eines kleinen Sees, der dort lag. +</p> + +<p>Der Tatarfürst schien an Nervengewalt seinem +Feinde nicht nachzustehen, doch lebte ihm +keine hohe Liebe daheim, in deren Anruf er seine +Heldenkraft verdoppeln konnte. Allein vor Guidos +Seele stand Inis segnendes Bild und neue +Götterflammen strömten in seine Brust. Mit +des Bildes Erscheinung lebte auch das Triumphgefühl +in ihm auf. Es ward ihm ein Spiel, +hoch den Tatar empor zu heben und ungestüm +gegen die gefrorne Fläche zu werfen. Der Fall +des Gepanzerten aufs Haupt war entscheidend, +die Gebeine des Nackens waren zerschellt, weit +glitt der Leichnam auf das klare Eis hin. +</p> + +<p>Guido nahm das zertrümmerte Schwert, den +Panzer und eine Diamantkette, die an der Brust +des Todten hing, alles an Ini zu senden. Die +Europäer ließen Sieggesang ertönen, die Räuberhorden +flehten um Gnade und lieferten die +Waffen ab. +</p> + +<p>Man fand großen Raub im Lager, den Guido +<!-- page 120 --> +unter die geplünderten Landleute vertheilen hieß. +Edel genug waren seine Soldaten, nur Waffen +sich zum Andenken des Tages zuzueigenen. +</p> + +<p>Noch wurde auf die hie und da zerstreuten +Feinde Jagd gemacht, von denen auch keiner +entkam. Die zahlreiche Schaar der Gefangnen +bewachend eingeschlossen, eilte der Heerhaufen +zurück nach dem großen Lager. Das Volk der +Gegend erwartete Guido überall an den Wegen, +und brachte dem Retter von Tausend Schrecken +sein Dankopfer in Freudenthränen. +</p> + +<p>Unterwegs begegnete ihm ein Heer, reich mit +Artillerie und andern Erfordernissen versehn. Es +war im Anzuge, da man aus den Berichten +entnommen hatte, jene Reuterei werde dem zu +gering geachteten Feinde, nicht vollen Widerstand +leisten können. Auch befanden sich viele Aerzte +im Gefolge, die Natur der Seuche zu prüfen. +Krankheiten waren diesem Zeitalter verhaßt und +schrecklich, denn es war in Europa weit damit +gekommen, sie auszurotten. Seit Jahrhunderten +wußte man nichts mehr von Kinderblattern, +die Krankheiten von Ausschweifungen im Geschlechtstrieb, +hatte man dadurch verbannt, daß +einst zum Gemeinbesten, im ganzen Staate, +<!-- page 121 --> +an einem ausgeschriebenen und der Menge geheim +gehaltenen Tage, eine jede Person, ohne +Ausnahme, Untersuchung traf und ihre Heilung +bewerkstelligt wurde. Andere Welttheile waren +klug genug, dieses Beispiel nachzuahmen und +die Uebel bestanden nur noch in der Geschichte. +Dem Heere von Fiebern mancher Art, widerstanden +die durch gute phisische Erziehung und +Mäßigung in den Leidenschaften, gestählten Organisazionen. +Geist und Körper bewegten sich +bei diesem Geschlechte zu viel, zu wachsam übte +man die Sorge für gesunde Nahrung, als daß +Gicht und Podagra hätten foltern können. Langer +Gebrauch der Milch bei den Kindern, viel frühes +Laufen in freier Luft, bildeten die Lungen +vortheilhaft aus, daher konnten Brustkrankheiten +nur höchst seltne Erscheinungen sein. Jene +Resultate von Verderbniß der Säfte, in alten +Zeiten bekannt, die scheuslichen Wassersuchten, +waren mit ihren Ursachen verschwunden. Die +Aerzte fanden unten diesen Umständen wenig Beschäftigung, +als bei zufälligen äußeren Wunden, +oder der auch nicht schwierigen Geburtshülfe. +Sie trieben dagegen Chemie, die jetzt sehr viel +geübte, und auf das Leben überall angewandte +<!-- page 122 --> +Kunst, und bekleideten demnächst, bei den Erziehungsanstalten, +heilsame Aemter. — Immer +höher reichte das Leben der Menschen hinauf, +immer gewöhnlicher führte eine sanfte schmerzenlose +Entkräftung hinaus. +</p> + +<p>Wie hoch mußte also die Erkenntlichkeit des +Zeitalters gegen den Mann sein, der die Verheerungen +der Seuche durch seine tapfere List +abgewendet hatte. Indem die Aeltesten in dem +anziehenden Heere, und die Naturkundigen, in +sein Lob ausbrachen, wich Guido bescheiden aus +und entgegnete: Es war immer doch nur zufällig, +wenn ich das Gegenmittel fand. Hätte +ich es selbst entdeckt, bereitet, dann wollte ich +euer Lob annehmen. +</p> + +<p>Daß er den Feind schon überwältigt hatte, +freute jene Soldaten desto weniger. Sie hätten +gern ihren Antheil bei dem Ruhm gehabt. Doch +erklärten die Männer im großen Heeresrath einmüthig, +man müsse beim Strategion darauf +antragen, daß Guido einen Triumpheinzug zu +Moskau hielt. +</p> + +<p>Wie würde mir, dem Jüngling, das ziemen, +rief er. Nein, ich bitte um meine Entlassung, +da ich meine ferneren Reisen anzutreten +<!-- page 123 --> +denke. Giebt es aber einst neuen Krieg, +dann stell’ ich mich. +</p> + +<p>Bescheidener! rief ein Unteranführer, du bist +in solchem Fall nicht sicher, daß ein großes Heer +dich zum Feldherrn erkiest. Zu laut ist dein +Name von Ohr zu Ohr gedrungen. +</p> + +<p>O, dies anzunehmen, müßte ich noch weit +mehr Wissen errungen haben, antwortete Guido. +Doch einige Vorschläge, zu Verbesserungen, an +dem schweren Geschoß, und den Minen, bitte +ich noch von mir anzuhören. Die Erfahrung +dieser Tage lenkte mich darauf. +</p> + +<p>Die künstlerischen Soldaten wurden hier ein +wenig schwierig. „Wie, er diente nicht in unsrer +Mitte, und hofft uns lehren zu können, +was wir noch nicht wissen?“ +</p> + +<p>Doch er eignete sich Theorien zu, entgegneten +des Erfinders Freunde. +</p> + +<p>„Ei Theorien! Sie sind nicht die Erfahrung!“ +</p> + +<p>Auch diese hat er gesammelt. +</p> + +<p>„Aber nicht in zulänglicher Summe.“ +</p> + +<p>Man sieht, daß die Männer, bei allem Voraussein +eine Tradizion von ihren Urvätern durch +den Zeitstrom gerettet hatten. Doch ganz so eigensinnig +<!-- page 124 --> +waren sie nicht. Sie prüften — gingen +vom Tadel zur Billigung über — und nahmen +an. +</p> + +<p>Guido hatte aber noch eine andere Idee umfaßt, +die er gern zur Ausführung bringen wollte. +Die Musik beim Heere mißfiel ihm. Manches, +sagte er im Rath der Anführer, habt ihr von +mir angenommen, was den Nutzen zum Ziel +hatte, laßt mich nun etwas für die Schönheit +thun, die ohnehin eine gute Wirkung nicht verfehlen +wird. +</p> + +<p>Aus der Kasse, welche zum Erproben neuer +Erfindungen bestimmt war, wurden ihm beliebige +Summen zugewilligt, über die nöthige Personenzahl +konnte er entscheiden. Er ging eilig +an die Ausführung, und der Arbeiter Gewandheit +stillte bald seine Ungeduld. +</p> + +<p>Er ließ eine Luftgallione bauen, von funfzig +Adlern gezogen, die für einige Hundert Menschen +Raum enthielt. Zwei Silberpauken, mäßigen +Häusern an Umfang gleich, befanden sich +darauf, und wurden mit eichenen Knebeln durch +Maschinen gerührt. Zudem metallene Hörner +von der Länge einer Tanne, deren hintere Mündung +an einen großen Blasebalg gebunden war. +<!-- page 125 --> +Diesen konnten zwei Männer durch einen Schnellhebel +leicht niederstoßen. Jedes Horn hatte nur +einen Ton, und es galt geübte Aufmerksamkeit +der Spielenden, ihn richtig anklingen zu lassen, +wenn das auszuführende Stück es verlangte. +Aehnliche Trompeten waren auch in guter Zahl +vorhanden, und Posaunen, welche sehr tief und +kräftig ansprachen. Darüber hing ein reingestimmtes +Glockenspiel, dem akkustische Kunst eine +gewaltige Resonnanz gegeben hatte. +</p> + +<p>Guido sahe bald alles dargestellt, und übte +ins Geheim seine Künstler zur Fertigkeit. Dann +sagte er den Heeranführern: Rücket aus mit +den Truppen. Ihr sollt eine Musik vernehmen, +dem gesammten Heere, durch das Klirren der +Schwerter, selbst durch den lauten Donner eurer +Kanonen, hörbar. Töne ermuthigen in der +Schlacht, füllen dem Tapfern mit noch edlerer +Begeisterung das Herz. Von derselben Melodie +sollen alle Streiter bezaubernd ergriffen werden. +Man gehorchte ihm. Reuterei, Fußvolk und +Artillerie zog auf die Gefilde, in den Bewegungen +eines großen Kampfes. Zu den Wolken stieg +der graue Dampf ihrer Röhre der Himmel +war verhüllt. Da ließ Guido das mächtige Feldorchester +<!-- page 126 --> +über sie schweben, dreihundert Klafter +hoch, unsichtbar in dem wallenden Rauchnebel. +Die Musiker hatten die Ohren dicht verstopft, +nicht Taubheit davon zu tragen. +</p> + +<p>Welch ein Effekt in der Tiefe, als der Sturm +des Klanges niederbrauste, auf Meilenfernen in +gleicher Gewalt hörbar. Es war, als ob der +Gott der Heerschaaren in den Lüften waltete, +seine Treuen durch himmlische Melodien +zum unsterblichen Ruhm weihend. Entzückt, +wonnetrunken, horchten die staunenden Helden. +Warum ist kein Feind da, den wir, von den +Harmonien umströmt, bekämpfen können, riefen +sie. Zu unüberwindlichen Löwen erhübe uns die +wundervolle Magie. +</p> + +<p>Hatte er zuvor die Liebe der Soldaten gewonnen, +so flogen ihm nunmehr alle Herzen zu, +denn diese Krieger bargen Schönheitssinn. Die +Erfindung ward auch einmüthig angenommen, +doch bestimmten die Anführer ihren Gebrauch +nur für den Ernst, im Frieden sollte sich das +Ohr der Soldaten nicht daran gewöhnen, damit +einst in der Schlacht die Wirkung höher +reichte. +</p> + +<p>Guido wandte sich nun heimlich von den +<!-- page 127 --> +Truppen, dem schmeichelhaften Abschied zu entfliehn, +und eilte nach Moskau, wo ihn Gelino +freudig in die Arme schloß. +</p> + +<p>Sich hier selbst mehr gegeben, prüfte er seine +Gestalt an Spiegeln, und ward froher noch über +die jetzige Entdeckung, als in dem stolzen Augenblick, +wo es ihm endlich gelang, den Feldherrn +der tatarischen Horden zu überwältigen. +Denn fast kannte er sich nicht gleich, so hatte +seine Schönheit zugenommen. Entwickelter zu +einer reinen Uebereinstimmung, stellten sich die +Verhältnisse der Arme, des Leibes, der unteren +Theile dar, heller glühte das muntere Inkarnat +der Wangen, durch die viele rüstige Bewegung +in der gesunden Nordluft. In dem Auge strahlte +ein unglaublich frohes, edles Feuer, eine stolze +Sicherheit, erzogen durch das siegende Bewußtsein +vollbrachter Heldenthat, und die Wonne des +Stolzes im Selbstgefühl, wenn schon durch Bescheidenheit +in gemessenen Schranken gehalten, +daß keine Verzerrung einen Ausdruck von Eitelkeit +entstehn ließ, der andere durch Tadel beleidigte. +Der Hochsinn, bei den Gefühlen der +Liebe und den Entzückungen der Künste, hatte +immer nur sanft des Oberhauptes Rundung emporgehoben, +<!-- page 128 --> +die ungestüme Heldengluth aber, in +ihrer, besonders den hohen Theil im Gehirn bewegenden +Seelenthätigkeit, hatte sie schnell hinausgedrängt, +und wie es Guido schien, bis an +die Linie welche Inis Ideal verlangte. Dagegen +wenn er sein Profil in zwei Spiegeln besah, +konnte er mit seiner Stirn noch nicht zufrieden +sein. Denn dort war immer noch nicht +genug geschehen, noch lag sie nur in einer Perpendikuläre +mit dem Kinn, da sie gleichwohl +um ein Gutes hätte vordringen müssen. Guido +sagte sich unter diesen Umständen, was ich bisher +dachte, war noch immer nicht genug, der +Summe nach, oft auch nur flüchtiger Aufflug +der Imaginazion. Ich muß mehrere Gegenstände +in die innere Welt rufen, und durch fortfahrende +schwere Kraftübung des Denkens, des +Gehirnes Masse vermehren. Dann habe ich mich +auch vorzüglich mit Dingen zu beschäftigen, die +die Empfindung ausschließen, rein abgezogen +sind. Nur so ist das vorliegende Mark des +Schädels thätig, wächst an und stößt seine gestärkte +Hülle weiter. Die Hoffnung, auch das +werde gelingen, erhob seinen Muth. +</p> +<!-- page 129 --> + +<p>Er schrieb an Ini, ihr seine Trophäen +sendend: +</p> + +<p>„Einem andern Mädchen dürfte ich schon +kühn nahen, und um ihre Hand werben. Denn +ein stattlicher Ritter, leg’ ich der Geliebten +Feindes Waffen zu Füßen, und schmücke sie mit +einer Eroberung. Du aber steigerst deinen Vertrag, +und darfst, du Göttliche, höhern Preis +auf dich setzen. Je mehr ich sinne und handle, +je mehr lerne ich dich verstehn, je mehr begreife +ich, wie deine Idee menschlicher Würdigkeit +weit hinaus liegt, über alles, was schon +Sterbliche thaten. Ich müßte vor diesem reineren +Erkennen verzweifeln, deiner Forderung +glorreich Genüge zu thun, hätte ich nicht die +Wunderkraft fühlen lernen, die dein Bild in +meine Adern gießt. So aber beginne ich hoffend +den neuen Lauf, lebt doch das Flehn in +mir, das dich um Beistand anrufen kann, wie +in jenes Kampfes Stunde, wo gnädig mich die +Göttin erhörte.“ +</p> + +<p>Gelino sagte darauf, laß uns eine andere +Wohnung beziehn, wo wir mehr Schutz gegen +die Kälte finden. Der Winter ist strenge, immer +höher deckt sich der Boden mit Schnee. +</p> +<!-- page 130 --> + +<p>Guido empfand die Unbehaglichkeit eben nicht, +doch dem schwächeren Greis nachgebend, folgte +er willig. +</p> + +<p>Sie traten am Abend in ein geräumig Haus, +dessen Zimmer trefflich durch Oefen erwärmt und +artig verziert waren. Willst du nicht deine Bemerkungen +über die Reise aufzeichnen, und die +Geschichte deines Feldzugs? fragte Gelino. Der +Jüngling dankte ihm für die Erinnerung, und +eilte um so eher zu schreiben, weil ernsthaftere +Beschäftigungen dem eben gefaßten Vorhaben +entsprachen. Mit Ausnahme eines kurzen Schlafs, +und einer Stunde beim Mahl, wich er nicht +von seiner Arbeit. Einigemal ward er darin gestört, +weil ihm dünkte, das Haus bewege sich. +Sollte das ein Erdbeben sein? fragte er den +Lehrer. Weiß man denn hier nicht, wie in Italien, +die Zeit und die Stärke einer solchen Naturerscheinung +zu berechnen, oder sie abzuwenden +von den Städten, mittelst tief gewühlter +Brunnen, durch welche das tiefe Feuer einen +Ausweg findet? +</p> + +<p>Sei unbesorgt, erwiederte Gelino, hier sind +die Erdbeben selten, und träte ja der Fall ein, +würden die Naturkundigen schon zeitig warnen. +<!-- page 131 --> +Glaube nicht, man sei hier noch so unwissend, +wie in rohen Jahrhunderten einst durch ganz Europa, +wo Städte zertrümmert wurden. +</p> + +<p>Gab es wirklich eine so unwissende Zeit? +fragte Guido staunend. +</p> + +<p>Sieh da die Folge deiner Säumniß, Geschichte +zu lernen, strafte der Lehrer. Lissabon +und selbst unser Messina haben einst furchtbar +dadurch gelitten. Du weißt viel, erfindest viel, +dennoch schöpfest du zu wenig aus dem rechten +Quell. +</p> + +<p>Du hast Recht, gab Guido zur Antwort +hier sieht mein Streber noch ein weites Feld. O +ich muß auch die Naturkunde noch mehr treiben +und manches Andere. +</p> + +<p>Nun, wir werden auch ins gelehrte Deutschland +kommen. Da magst du dich mit Elementen +vertrauen und deinem künftigen Denken neue +Richtungen geben. +</p> + +<p>Der Zögling hatte nach dreien Tagen seine +Arbeit vollendet. Freilich waren darin nur hingeworfene +Bemerkungen und kurze Uebersicht der +Thatsachen zu finden; die Ursachen der Erscheinungen +aufzusuchen, fiel ihm noch nicht genug +ein; sein Wissen, wenn schon reich in der Menge, +<!-- page 132 --> +hatte zu vielen poetischen Anstrich. Entzückt sein, +hieß ihm noch oft Bemerken. Gelino beruhigte +sich aber dabei, indem er wohl wußte, aus dem +jugendlichen Genie könne erst die Gründlichkeit +als eine Frucht der Jahre hervorkeimen. Laß +uns jetze eine andere Wohnung suchen, sagte +Gelino. +</p> + +<p>„Schon wieder? Ich meinte, diese sei dir +bequem?“ +</p> + +<p>Eine noch bequemere. +</p> + +<p>„Wie du willst, ich will ohnehin ein wenig +ins Freie. Seit drei Tagen kam ich nicht unter +dem Dache weg.“ +</p> + +<p>Sie traten hinaus. Guido sah einen großen +schönen Platz, ihm unbekannt. Was ist das? +fragte er, den Platz sah ich noch nicht, und +glaubte doch ganz Moskau durchirrt zu haben. +Auch schien mir, unser Haus läge in einer engen +Gasse, da wir es neulich am Abend bezogen. +</p> + +<p>O wir sind nicht in Moskau, rief Gelino +lächelnd. +</p> + +<p>Guido blickte ihn verwundert an. +</p> + +<p>Jener fuhr fort: Du bist in Petersburg. +Das Haus war ein Schlitten. Du hast nur +<!-- page 133 --> +einigemal einen kleinen Anstoß gespürt. Sonst +glitten wir in den drei Tagen sanft über den +Schnee hieher. +</p> + +<p>Guido freute sich hoch. Ich gestehe, sagte +er, wie mir vor dieser Reise ein wenig bangte. +Durch die Luft, fürchtete ich, würde es dir zu +kalt sein, und wie ein Wagen eine Bahn in +der starren Winterdecke finden werde, konnte ich +nicht begreifen. +</p> + +<p>Sie besahen nun die schöne Stadt, reich +durch einen üppigen Handel, und einen glänzenden +Fürstenhof. Guido nahm jedoch einen andern +Nahmen an, denn sein Ruf war vorangeeilt, +und er wollte sich so wenig durch Schmeicheleien +betäuben, als in seiner Lernbegier stören +lassen. +</p> + +<p>Unter den mannichfachen Sehenswürdigkeiten, +gefiel unsern Reisenden nichts mehr als die Wintergärten, +welche man hier angelegt hatte, um +das Anschauen grünender Natur nicht so lange +zu entrathen, als der unfreundliche Himmelstrich +gebot. Fast jeder von den Reichen besaß eine +solche liebliche Anstalt; die weitläuftigste darunter +war jedoch öffentlich, wurde von der Gesammtheit +<!-- page 134 --> +erhalten, und es stand jedem Einwohner +und Auswärtigen frei, sich dort zu vergnügen. +</p> + +<p>Eine dicke Mauer von Quadern umzog einen +Raum von mehreren Tausend Schuhen im Gevierte. +Der ganze Boden war hohl, Pfeiler +von großem Umfang trugen seine Gewölbe, und +durch viele Eisenöfen, deren Züge und Röhren +künstlich umhergeleitet waren, empfing die geläuterte, +auf alle Weise fruchtbar gemachte Erde, +die auf dem Gewölbe lag, Erwärmung. +</p> + +<p>Von diesen Vorkehrungen ward jedoch Niemand +oben etwas inne. Man trat durch ein +Thor in eine Vorhalle, die wieder zu einem +geräumigen Saal führte, schon milder in seiner +Temperatur als jene. Durch doppelte und verhüllte +Thüren, damit die Kälte nicht eindränge, +gelangte man weiter. +</p> + +<p>Aus diesem Saal führten andere Thüren in +eine breite Gallerie, deren hohe bis zur Erde +reichende Fenster, von Polkristall, nur nach Innen +gingen. +</p> + +<p>Und wohin? Durch die starre Kälte, wie +Dezember und Januar unter dieser Breite geben, +trat man in die Vorhalle mit frierendem Athem, +das Haar mit Eis behangen. Aufwärter reinigten +<!-- page 135 --> +die rauhe Fußbekleidung von Schnee, und +säuberten des Ankömmlings Locken. Im andern +Saale fand man den Pelz beschwerlich, und gab +ihn ab. In der Gallerie wehten milde Sommerlüfte, +das Auge blickte froh durch die Fenster +hinaus auf liebliche Grüne, auf Veilchen, Jonquillen +und Rosen. +</p> + +<p>Ein angenehmes Parterre bot sich im Halbrund +dar, reich an Florens Pracht, mit holdem +Duft labend, begränzt durch dunkle Katalpenbüsche, +aus denen reizende Marmorgebilde +winkten. +</p> + +<p>Selige Ueberraschung! Frohes Athmen, süße +Wandlung durch den kleinen Platanenhain, an +silberhellen Bächen hin, über beblümte Hügel, +wo sich hinter Teichen weite Aussichten in reizende +Gebirglandschaften öffneten. Der Staunende, +nicht vertraut mit des kleinen Paradieses +Kunst, begriff nicht, was er sah, und rief +die Fabeln der Wohnsitze mithischer Zauberinnen +und Hesperidengärten in die Erinnerung. +</p> + +<p>Der kurze Tag entfloh bald; wer vermogte +sich von dem Heiligthume zu trennen? Im +Dämmerlichte gewannen die mannichfachen Schönheiten +erhöhten Reitz, Nachtigallen flöteten aus +<!-- page 136 --> +Blüthenzweigen nieder, in Jasminlauben horchten +die Lustwandelnden ihrem Gesang. Bald +stieg aber der Mond empor, hoch im Norden +am Aether hangend, und goß seine Schimmer +verklärend nieder. O Ini, seufzte Guido tiefbewegt, +könnt’ ich an deinem Arme hier den +Himmel fühlen! +</p> + +<p>Und wie hatte der kluge Fleiß dies alles geschaffen? +In den dicken Mauern der Umgebung +lagen, wie unten, Oefen verborgen. Die großen, +hie und da zerstreuten, Eichen und Fichten, +waren durch Kunst der Natur nachgeahmt, zum +Theil hohl, um in den durchgeführten Röhren +Wärme auszuhauchen, damit auch oben eine +gleichmäßige Temperatur erzeugt würde, zum +Theil bestimmt die hohe Glasdecke zu tragen, +die sich zwischen ihnen in kleinen Gewölben +senkte und hob. +</p> + +<p>Glassteine, rein und klar genug, den Lichtstrahl +nicht zu hemmen, und doch von der nöthigen +Stärke, um alle Kälte abzuwenden, bildeten +diese Gewölbe. Kein Kitt verband sie, +sondern man hatte im Bauen ihre Seiten durch +Feuer erweicht und sie sich so verschmelzen lassen. +Die Anstalten mangelten nicht, sie Außen +<!-- page 137 --> +vom Schnee und Inwendig von Dünsten zu reinigen, +und so war die glückliche Täuschung vollendet. +Die weiten Aussichten hatte allerdings +die Malerei gestaltet, aber so trefflich, daß das +Auge vollkommen betrogen wurde, um so mehr da +es kleine Teiche klüglich hinderten, zu den, Fernen +lügenden Wänden, zu dringen. — +</p> + +<p>Unterdessen kam in Moskau ein Schreiben +vom Strategion zu Rom an. Eine lange Berathung +hatte es aufgehalten. Nicht gern wollte +man so früh einen Jüngling belohnen, damit der +Sporn zu höherem Streben nicht mangle, und +dennoch hatte dieser Jüngling durch so frühe +Thaten, Lohn verdient. Endlich sandte das +Strategion dennoch eins von den großen Ehrenzeichen, +wie sie Feldherren nach gewonnenen +Schlachten empfingen. Man besann sich, daß +Guido schon in sehr frühen Jahren Beweise +seines erfinderischen Kopfes geliefert habe und +dies gab den Ausschlag. Ein aufmunterndes +Schreiben, von des Kaisers eigener Hand, lag bei. +</p> + +<p>Guido befand sich aber nicht mehr in dieser +Stadt und Niemand wußte dort, wohin er gereiset +sei. Er hatte dagegen die Weisung zurück +gelassen, im Fall Briefe an ihn überkämen, sie +<!-- page 138 --> +nach Sizilien zu senden, daneben die Aufschrift, +an Ini. +</p> + +<p>Diese empfing nun durch die Eilpost jene +Gegenstände. Gleich schmeichelhaft für Geliebte +und Geliebten. +</p> + +<p>Sie wußte, daß er sich jetzt in Petersburg +befand, und schrieb ihm, jenen Brief zugleich +beantwortend: +</p> + +<p>„Gern seh ich dich in der Heldenreihe, doch +mehr noch würde es mich erfreuen, wenn du +beitragen könntest, daß die Menschheit den unseligen, +ihre Natur entehrenden, Krieg verbannte. +Ein Ehrenzeichen liegt für dich hier, ich sende +es nicht, hoffend, du werdest zu edel denken, +es zu tragen. Es ist noch ein Rest alter Barbarei, +wenn man solche Zeichen ausgiebt, meine +ich immer. Traurig wenn das Vaterland gebieten +muß, Blut zu vergeuden. Wer die schreckliche +Pflicht übte, ihm zu gehorchen, wozu soll +er noch ausgezeichnet sein, daß sein Anblick +durch eine schauderhafte Erinnerung empöre. +Verheimlichen, tief verheimlichen, sollte unsre +Zeit die unglücklichen Heldenthaten. Glaube auch, +nur der reinste Menschensinn kann deine Schönheit +vollenden.“ +</p> +<!-- page 139 --> + +<p>Dies gefiel freilich dem flammenden Jüngling +nicht ganz. Lob, warmes Lob, hätte er +von dem Mädchen gehoft, das begeisternd mit +Kraft weihte, und es tönte nun so sparsam, so +bedungen. Doch räumte er ihrem feinen Geist +den höheren Ausspruch ein, und antwortete nur, +indem er diesem seine Ehrfurcht darbrachte. +</p> + +<p>Er blieb noch einige Zeit in Petersburg, sich +von dem Handel und dem Zustande der Wissenschaften +im Norden zu unterrichten. +</p> + +<p>Jener war sehr ausgebreitet, und wurde mit +einer der Lage des Landes angemessenen Klugheit +geleitet. Die Bevölkerung war seit zwei +Jahrhunderten in den Gegenden an der finnischen +Bai, am Ladoga und weißen Meere bedeutend +angewachsen, aber doch nicht in dem Maaße, +daß die großen Waldungen dadurch so verdrängt +worden wären, daß das Holz, kein Gegenstand +der Ausfuhr bleiben konnte, wie es in vielen, +noch dichter bewohnten Ländern, schon lange der +Fall war. Man blickte also auf diese Waldungen, +als einen vorzüglichen Handelsvorwurf. +Doch roh ihn zu verkaufen, war man zu weise. +Es wurden Schiffe in Menge gebaut, wodurch +sich denn die dabei thätigen Handwerker in großer +<!-- page 140 --> +Zahl nährten. Andere Völker, der Schiffe +benöthigt, und überzeugt, sie wären nur in Petersburg +am wohlfeilsten zu bekommen, holten +sie dann fleißig ab, und brachten Erzeugnisse, +die zufolge des Himmelstriches hier fehlten. Ausser +dem nöthigen Brotgetraide wurde durch den +Landbau ein Ueberfluß an Hanf gewonnen. +Auch diesen veräußerte man nicht im unverarbeiteten +Zustande. Thaue und Stränge aller +Art, wie auch Segeltuche, wurden daraus gefertigt, +und wegen ihrer Vollkommenheit überall +beliebt. Hiezu kamen, Pelzwerk, Juchten, Saffian, +Kaviar, welche die Lebhaftigkeit des Verkehrs +mehrten. +</p> + +<p>Der Handel war jetzt ungemein begünstigt. +Die große Sicherheit der Schiffahrt, die erhöhte +Vollkommenheit der Landtransporte, die ausgedehnteste +Freiheit, die Verbannung aller Privilegien, +leisteten ihm Vorschub. Die gleiche Güte +des Geldes, von der Regierungsweisheit immer +im richtigen Verhältniß zu den Sachen gehalten, +die gleichen Maaße der Dinge verschafften ihm +erweiterte Bequemlichkeit. Die Ehrliebe der +Kaufleute, welche einen Bankrottirer mit ewiger +Verachtung würde gestempelt haben, befestigte +<!-- page 141 --> +den Kredit und es war unerhört, daß einer darunter +sein Wort nicht erfüllt hätte. So knüpfte +man Erdtheil an Erdtheil und erfreute sich der +mannichfachen Gaben der Natur Allenthalben. +</p> + +<p>Die Wissenschaften blühten in Petersburg an +jedem Zweig, vorzüglich aber lag man der Naturkunde +ob, und die reich ausgestattete Akademie +ließ den Norden fleißig bereisen, neue +Entdeckungen im Gebiet der Phisik zu machen, +oder die älteren zu berichtigen. Eine große Zahl +von Fossilien, erdigt, salzig, metallisch und gemengt, +vor dreihundert Jahren noch ganz unbekannt, +hatten diese Versendete in den Gebirgen +gegen den Pol ausgemittelt, wie man ihnen +auch die erste Entdeckung der köstlichen, allenthalben +gesuchten, Polkristalle dankte. Denn die +erste Reise zur Erdachse im Norden, war von +Petersburg geschehen. Die Naturgeschichte aller +der Land- und Eisthiere, jenseits dem achzigsten +Grade Nordbreite gefunden, hatte diese Akademie +sinnreich bearbeitet. Höchst sehenswerth konnte +man ihre Sammlung von Petrefakten nennen, +worunter, außer vielen Ichthioliten und Tetrapodolithen +auch ein vortrefflicher ganzer <i>Anthropolith</i> +war, mit Mergeltuf durchzogen und in +<!-- page 142 --> +allen Theilen wohl zu erkennen. Ein versteinerter +Mammouth befand sich ebenfalls hier, wie +viele Skelette dieses verschwundenen Thieres, +dessen ganze Organisazion man aber dennoch +kannte. +</p> + +<p>Guido wohnte einer Vorlesung über die Veränderung +der Erdachse, und einer andern über +die Abnahme des Meeres bei, hörte viel Staunenswürdiges, +und lernte ernster über die großen +Beobachtungen nachsinnen, welche Jahrtausende +der Vorwelt und Jahrtausende der Nachwelt +umfassen. Man sprach von einer Zeit, wo die +hohe Tatarei noch unter der Linie gelegen hatte, +und von einer anderen, wo der Polpunkt in Irkutzk +zu finden sein werde. Man erzählte von +einem Volke, das vor Zehntausend Jahren in +Siberien gelebt, und sich eines ziemlichen Grades +von Kultur erfreut habe. Die Monumente, +unter der Erde gefunden, die alten erhaltenen +und endlich entzifferten Schriften, hatten ein +zweifelfreies Licht darüber verbreitet. Man wußte +genau, um welche Zeit Schweden aus der See +hervorgetreten wäre, und gab wieder jene an, +in welcher der finnische Meerbusen trocken liegen, +und sich zum Anbau eignen würde. +</p> +<!-- page 143 --> + +<p>Diese Akademie gab auch bisweilen der Stadt +Petersburg ein ganz eigenthümliches Fest, und +gemeinhin in den längsten Nächten, wenn kein +Mond schien. Sie hüllte sie dann nämlich in +ein künstliches Nordlicht, was eine ganz zauberische +Wirkung hervorbrachte. Denn die Gesetze +dieser Meteore, lange ein Geheimniß, waren +ergründet worden, und man brachte die Materie +beliebig hervor, was jedoch nur in diesen +Gegenden, und bei einem gewissen Kältegrad +anging. +</p> + +<p>Es herrschte hier ein Nachkömmling der Romanow, +denn jenes Haus, da es sich erobernd +gegen den Orient gewandt hatte, wollte doch +nicht ganz die Vatererde aufgeben, wo einst +Peters schöpferischer Genius das erste Licht besserer +Aufklärung anzündete. Auch sah man Peters +Standbild, einst von der genievollen nordischen +Semiramis erhöht, noch wohlerhalten und +vielgeehrt an der alten Stelle. +</p> + +<p>Nach Genüssen und Belehrungen mannichfacher +Art, wandten sich unsere Reisenden nach +dem ehmaligen Polen, wo sie gegen den Frühling +ankamen. +</p> + +<p>Gelino sagte: Dies Land war vor einigen +<!-- page 144 --> +Jahrhunderten durch eine fehlerhafte Regierungsform +sehr arm an Menschen. Der Landbau, wie +sehr es durch fruchtbaren Boden darauf angewiesen +ist, ward unvollkommen getrieben, die +Handwerke und Künste lagen ganz danieder. Sklaverei +der geringen Klassen entehrte die Menschheit. +Jetzt hingegen prangen seine Gefilde in +üppiger Erzeugung, wohlgebaute Städte und +Dörfer zeigen reiche Bevölkerung, Kunstfleiß in +jeder Art ist regsam. Dies vermag langer Friede +unter weiser Verwaltung. +</p> + +<p>Guido ergötzte sich innig bei dem lachenden +Anblick, der sich allenthalben darbot. Große +Kunststraßen und Nebenwege waren ohne Ausnahme +mit mehreren Reihen nutzbarer Obstbäume +beflanzt, deren Blüthenschnee mit den +dunkelgrünen hochbegrasten Triften und fetten +Kornfluren angenehm wechselte. Nie hatte +Guido so stattliche Heerden gesehn als hier weideten. +Er rief: Siziliens Landschaft ist mannichfacher, +feinere Baumgattungen und Fruchtarten +schmücken sie, doch ein so frisches Grün +labt dort die Blicke nicht. +</p> + +<p>Gelino antwortete: Die Natur ist überall +<!-- page 145 --> +reich, der Mensch verstehe nur ihre Winke gehorsam, +und sie lohnt. +</p> + +<p>Der Zögling wunderte sich über die vielen +Kanäle, mit denen das Land durchzogen war, +und die von Flössen und Fahrzeugen wimmelten. +Wer hat alle diese Arbeiten vollbracht, und zu +welchem Ende? fragte er. +</p> + +<p>Der Lehrer gab ihm die Antwort: Das Land +ist niedrig und zu Kanälen geeignet, die außer +der erleichterten Fortbringung auch durch Bewässerung +nützen. Sehr einfach hat man sie +aufgewühlt, und nach den Strömen geleitet. +Ehedem wandten die thörichten Menschen, die +gewaltige Kraft in Entbindung gewisser Gasarten, +nur auf das Verderben an. Klüglicher hat +man späterhin, durch das vervollkommnete Schießpulver, +Erdlagen gebessert und Kanäle erschaffen. +</p> + +<p>Dies Land bringt, trotz seiner großen Bevölkerung, +die ja auch nur die Erzeugungen +mehrt, wohl dreimal mehr Getraide, Obst, +Honig und Schlachtvieh hervor, als es selbst +verbrauchen kann. Dieser Ueberfluß ladet, wie +einleuchtend ist, zum Handel ein. Es giebt kein +Land mehr in Europa, das nicht weise genug +wäre, seine erste Subsistenz selbst hervorbringen +<!-- page 146 --> +zu wollen, doch einige, wo es zufolge natürlicher +Hindernisse nicht angeht. Dahin gehört ein +Theil von Schweden und Norwegen, Lappland, +Nowaja Semlia und Spitzbergen. Die letztgenannten +waren Ehedem wenig oder gar nicht +bewohnt, späterhin hat man sie zu Verweisungsorten +für Europäer gemacht, die unklug genug +waren, sich nicht den Gesetzen unterziehn zu +wollen. Diese haben sich gemehrt, der Handel +andere dahin geführt, und so sind auch jene so +weit zum Pol hinliegenden Gegenden jetzt bevölkert, +und man weiß sich dort gut zu nähren. +</p> + +<p>Dies Land fertigt jedoch aus seinem überflüssigen +Korn, Backwerke aller Art, die sich Jahre +lang halten, und durch Befeuchtung genießbar +werden. Fleisch von Rindern und Schaafen wird +durch Salz und Räucherung dauerhaft gemacht, +das Obst getrocknet, oder in geistigem Wasser aufbewahrt. +Der Honig dient, mannichfache Kuchen +zu bereiten, welche beliebt sind. Endlich fertigt +man starke Biere, in Essenzen verkürzt, und gebrannte +Wasser an. +</p> + +<p>Meistens gehn diese Gegenstände nach den +genannten Nordländern, welche deswegen doch +nicht arm zu achten sind. Sie bieten wieder +<!-- page 147 --> +vortreffliche Eisenwaaren, fertige Pelzkleidungen, +Fett von Wallfischen und Robben feil, und +geben sich daneben fleißig mit dem Heringfange +ab. +</p> + +<p>Die inländischen Kanäle, welche du hier +siehst, geben nun all’ dieser Regsamkeit doppeltes +Leben. Denn wenn die Fortbringung auf den +großen Prahmenwagen schneller von statten geht, +so ist jene mit geringeren Kosten verbunden, +da auf den ebnen Nebensteigen, welche am +Wasser hinlaufen, ein Pferd beträchtliche Lasten +zieht. — +</p> + +<p>In den Städten nahm man die großen Brau-, Back- und +Brennanstalten in Augenschein, wo +sich alles durch eine kunstreiche Behandlung und +Reinlichkeit auszeichnete. Und dennoch, bemerkte +Gelino, melden alte Schriftsteller, sollen vor +einigen Jahrhunderten diese Städte einen scheußlichen +Anblick gewährt, Unwissenheit und Unsauberkeit +hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen +haben. +</p> + +<p>Dem Getraide seinen geistigen Inhalt zu +entziehn, verstand man vortrefflich, denn chemische +Naturkunde leitete die Grundsätze. Liebliche +<!-- page 148 --> +und dennoch unschädliche Einmengungen verbesserten +den Geschmack. +</p> + +<p>Die Anstalten, Fleischwerk durch Rauch dauerhaft +zu machen, hatten Thurmhöhe. Der Rauch +ward durch lang empor gewundene Röhren geleitet, +und zog sich so feiner in die Massen. +Durch fette Weiden wohl genährt, lieferten die +Schlachtthiere schon ein ungemein nahrunggehaltiges +Fleisch, und überaus zart war der +Geschmack der hier geräucherten Gänsebrüste, +Schinken u. s. w. Leckermäuler gaben ihnen den +Rang vor allen übrigen in Europa. +</p> + +<p>Es läßt sich deuten, wie das Volk in diesen +Gegenden, ohnehin so wohlhabend, auch durch +diese Ursachen stark an Knochenbau und Muskeln +gewesen sein müsse. — +</p> + +<p>Man langte endlich in der weitläuftigen und +freundlich gebauten Vorstadt Praga vor Warschau +an. Hier ereignete sich, sagte Gelino, um das +Ende des achtzehnten Jahrhunderts ein schauderhafter +Auftritt, indem bei einem Sturm fast +alle Einwohner hingemetzelt wurden. Heil uns! +daß wir Blutszenen in Europa gar nicht mehr, +und an den Gränzen nur selten und nothgedrungen +erblicken; daß auch, wenn ja Krieg besteht, +<!-- page 149 --> +die Völkerübereinkunft ihn bloß auf die Heere +ausdehnt. Der Soldat würde sich entehrt halten, +wenn ein ruhiger Bewohner des Landes +über ihn klagte. Wenigstens denkt der Soldat +von Europa so. +</p> + +<p>Eine treffliche Ansicht stellte sich, da sie an +den majestätischen, mit Schiffen bedeckten, Strom +kamen, in der mit ihren Vorstädten und Gärten +unabsehlich ans Ufer hinlaufenden Stadt +Warschau dar. Der jenseitige hohe Rand war +terrassenförmig mit Pappelalleen geschmückt, von +der Höhe winkten Prachtgebäude, Tempelkuppeln +mit reicher Vergoldung, Obelisken, Telegraphen- und +Glockenthürme. Sternwarten, +Luftpostzinnen und andere hohe Gebäude, wie +sie jetzt in Städten üblich waren, hoben sich +aus dem Steinmeere in bezaubernden Verhältnissen +empor. Man hielt überhaupt in diesem +Jahrhundert viel auf die Phisiognomie der +Städte, die schon in weiter Ferne dem Wanderer +verkündeten, was er im Innern zu finden +hoffen dürfe. +</p> + +<p>Sie fuhren über die prächtige Marmorbrücke, +zu beiden Seiten mit athenischen Bildsäulen geziert. +Guido wunderte sich, da er den Strom +<!-- page 150 --> +hinaufblickte und in der Weite viel Feuer und +Rauch aufsteigen sah. Der Lehrfreund erklärte +ihm die Erscheinung. +</p> + +<p>Vor Zeiten, fing er an, war der Eisgang +auf diesem Strome sehr ungestüm, und es ließ +sich keine dauerhafte Brücke bauen, da man befürchten +mußte, sie im Frühjahre zerstört zu sehn. +Jetzt ist man klug genug, das nützliche Feuerpulver +auch hier anzuwenden. Wie eine Gefahr +dieser Art droht, belegt man die Winterdecke +des Stromes mit einer Menge von Raketen, aus +Pulver und jener heftigen Feuermaterie gemengt, +die auch im Kriege gebraucht wird, und auf +Eis und Wasserfluthen fortbrennt. Diese Raketen +bedecken die ganze Fläche mit Funken, und +schmelzen durch ihre Menge in kurzem alles Eis. +Da, obgleich der Frühling schon um ein Gutes +vorrückte, noch hie und da Schollen ankommen, +so wirst du dort jene Thätigkeit inne. +</p> + +<p>Er setzte hinzu: Auch Ueberschwemmungen, +durch Anhäufen der Gebirgwässer erzeugt, suchten +Ehedem manche Länder heim. Nun aber +fließen sie durch Kanäle ab, oder durch die hohen +Bewallungen an den Strömen, immer noch benutzt, +da man gute Fruchtbäume darauf zieht. So +<!-- page 151 --> +trägt im Kampfe gegen die feindliche Natur, der +Mensch immer den Sieg davon, wenn er mit +Vernunft den Willen umfaßt. +</p> + +<p>Auf den Gassen der Stadt bemerkte Guido, +daß es hier ungemein viel schöne Weiber gäbe. +War gleich, wie oben im Eingang berichtet +worden, das Geschlecht überhaupt zu einer entwickelteren +Anmuth erzogen, und die europäische +Menschheit durch Gleichheit der Verfassung in +einander geflossen, so mußten dennoch einige +Unterschiede in der äußeren Bildung übrig bleiben, +deren Ursachen man in Abstammung und +Gegendeigenheiten zu suchen hatte. Der Lehrer +erklärte: Schon im Alterthum wurden die Sarmatischen +Schönen gepriesen. +</p> + +<p>Guido fand bald darauf Gelegenheit, diese +lieblichen Blüthen im vereinten Strauß zu beobachten. +</p> + +<p>Zu Moskau, dem Hauptorte der Kriegprovinz, +hatte er einen vorzüglichen Mosestempel +bewundert, in welchem das Standbild des Gefeierten +in einer Größe, wie Ehedem der rhodische +Koloß, prangte, und wo ein Heer von +Hunderttausend Mann auf einmal seine Andacht +verrichten konnte. In Warschau dagegen +<!-- page 152 --> +stand ein Heiligthum der Maria, durch seine +geschmackvolle Pracht weit berühmt. Die Jungfrauen +im Lande hatten es aus ihren Mitteln +erbaut, und sich dafür das Recht vorbehalten, +hier allein zu beten, und Feiergesang anzustimmen. +</p> + +<p>Sie nahmen dann Platz auf dem Marmorboden, +doch die Erhöhungen welche der Rotunde +Innenwände umliefen, konnten Männer besteigen +und Niemand mag zweifeln, daß sie nicht +angefüllt gewesen wären. +</p> + +<p>Gelino hätte es vielleicht nicht unumgänglich +nöthig gefunden, seinen Zögling dahin zu führen; +doch dieser hatte davon viel gehört, und +bewies sehr redselig, man müsse die Reisekunde +auf jede Art bereichern. +</p> + +<p>Es war das Frühlingsfest der Maria, der +Kultus hatte einige Aehnlichkeit mit den Floralien +der Alten. Im weißen Gewand, blendend +wie Schnee, fein wie die Schleier der Arachne, +die Sandale mit bunten Bändern an den bloßen +Fuß geknüpft, die Locken mit jungen Blumen +durchflochten, zogen die Jungfrauen in den +Tempel. +</p> + +<p>Guido befand sich im Gedränge auf der Erhöhung. +<!-- page 153 --> +Süß strömte der Duft hinauf, die +Treibhäuser waren von ihren Orangenblüthen +und Rosen geplündert, nimmer hatten Guido, +selbst auf dem heimathlichen Eilande, so holde +Gerüche gelabt. +</p> + +<p>Alle ohne Ausnahme waren schön, lieblich, +anmuthig, denn die, welchen die Natur diese +Mitgift versagt hatte, pflegten an einem solchen +Tage unpäßlich zu sein, um nicht so vielem +Lichte die Schatten zu geben. +</p> + +<p>Hundert von den Jungfrauen unterhielt der +Tempel für den musikalischen Kultus. Gestalt +und wohltönende Stimme, waren die Bedingungen, +unter welchen man sie annahm. Gute +Lehrer unterwiesen die Huldinnen, erst nach bedeutender +Fertigkeit durften sie öffentlich auftreten. +Kein Instrument begleitete ihre Lieder, +und wie diese Zeit auch die Harmonika, die +Flöte, die Harfe vervollkommnet hatte, den Zusammenklang +Hundert reiner wohlgeübter Mädchenorgane, +würden sie immer nur gestört, nicht +erhoben haben. +</p> + +<p>Sie sangen einen Himnus, der in die Sprache +früherer Zeiten übertragen, so weit es möglich ist, +den höheren Ausdruck des Idioms im ein und +<!-- page 154 --> +zwanzigsten Jahrhunderte wiederzugeben, ungefähr +gelautet haben würde: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Himmlisch bist du o Jungfrau!</p> +<p class="line">Du liebtest himmlische Liebe,</p> +<p class="line">Und dein Himmel steigt nieder,</p> +<p class="line">In der Liebenden Busen.</p> +<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p> +<p class="line">Weihe, heilige mich!</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">In des Geliebten Schönheit</p> +<p class="line">Deutet sich ewige Schöne,</p> +<p class="line">Dem Göttlichen werd ich verwandt</p> +<p class="line">Glüh ich von göttlicher Liebe.</p> +<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p> +<p class="line">Weihe, heilige mich!</p> +</div> + +<div class="poem"> +<p class="line">Deine Reinheit mich fülle,</p> +<p class="line">Mache unsträflich den Busen,</p> +<p class="line">Gieb in Liebe mir Tugend,</p> +<p class="line">Daß den Unsterblichen nahend</p> +<p class="line">Ewig Leben ich athme,</p> +<p class="line">In Gefilde des Lohnes</p> +<p class="line">Seligkeit bringe das Herz.</p> +<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p> +<p class="line">Weihe, heilige mich!</p> +</div> +<!-- page 155 --> + +<div class="poem"> +<p class="line">Weg aus den Räumen der Tiefe,</p> +<p class="line">Schwinge dich, heiliger Fittig,</p> +<p class="line">Trage mich auf zu den Gipfeln</p> +<p class="line">Wo mich weihend umfangen,</p> +<p class="line">Lebens Reine und Höhe.</p> +<p class="line">Liebe ist Himmel im Staube,</p> +<p class="line">Liebe wohnt über den Sternen,</p> +<p class="line">Liebe adelt die Jungfrau,</p> +<p class="line">O du, der Jungfraun Vorbild,</p> +<p class="line">Hohe, Reine, Verklärte,</p> +<p class="line">Weihe, heilige mich!</p> +</div> + +<p class="noindent">Als die Feier geendet hatte, schrieb Guido +an Ini: Heute Mädchen, that dein Bild hohe +Wunder. Ich sah den lieblichsten Blumenkranz +in Europa, vergaß aber dennoch die Rose nicht, +für die ich glühe. +</p> + +<p>Der Triumph, den eine Geliebte über fremde +Schönheiten davon trägt, wird auch von dem +Liebenden hoch empfunden, seine Flamme lodert +heller, ein edles Selbstgefühl strömt in die +Seele, im Bewußtsein reiner Treue, und prägt +sich im Auge, auf der Wange, mit einem unvergänglichen +Zauber aus. So nahm denn Guido +abermal einen neuen Zug der Schöhnheit von +hinnen. +</p> +<!-- page 156 --> + +<p>Sie besahen noch den großen Markt, der +hier um diese Zeit gehalten wurde. Auf dem +Gefilde von Wola, berühmt im Alterthum durch +die Königswahlen, hatte man ihm den Sammelpunkt +angewiesen, da in der Stadt kein Raum +dazu vorhanden war. +</p> + +<p>Einen weiten leeren Platz umlief ein überdachter +Säulengang, hinter welchem sich ungeheure +Speicher, die Waaren einzunehmen, befanden. +Auf vielen Kunststraßen hatte sie der +Völker Thätigkeit hergeführt. Eine davon lief +nach Konstantinopel, von dort nach Sirien und +dem rothen Meere. Hier kamen die Araber, auf +lange Reihen von Kamelen, Spezereien und +Gold geladen. Auch die Athener, welche auf +Prahmwagen, Statuen in Marmor und Elfenbein, +wie auch treffliche Gemälde brachten. +Die andere ging um die Kaspische See nach +Ispahan und den indischen Eilanden. Daher nahten +die Neu-Perser, mit Elephantenlasten köstlicher +Gewürze, feiner Zeuge und Edelsteine. +Eine dritte Straße war dem Chinesen, durch +die Mongolei, Songarei, und das Kirgisenland +gebahnt. Er brachte Farben, Porzellan und andere +Gegenstände seines Kunstfleißes, denn der +<!-- page 157 --> +Krieg hinderte seine Karavanen nicht. Von Petersburg +erst übers Meer, und dann auf dem +Weichselstrom herbeigeschafft, langten vortreffliche +Schiffe zum innländischen Gebrauch an, die +auf einem Bassin, zum Marktfelde geleitet, feil +standen. Auf ähnlichen Wegen waren vom äußersten +Norden, Arbeiten in Eisen und Pelzkleidungen +gekommen. Eben daher vortreffliche Geschirre, +Fensterscheiben und Bauwerkstücke aus +dem so spät erst entdeckten Polkristall. Auf +den vielen Kunstpfaden durch Teutonien langten +noch unendlich mehrere Handelswaaren an. Von +den englischen Eilanden, wissenschaftliche und +technische Instrumente aller Art. Man sahe +ganz fertige Sternwarten, mit künstlichen Triebwerken +des Planetensistems, deren Genauigkeit +und Feinheit in Erstaunen setzte, indem sie außer +den vielen neugewahrten Planeten und ihren +Begleitern, auch alle Kometen dieses Sistems +darstellten, denn den jetzigen vollkommenen Teleskopen, +entging keiner mehr davon, wie weit +auch seine Bahn ihn von der Sonne wegführen +mochte. Fing man doch schon an, das Leben +im Monde zu beobachten, und seine Naturgeschichte +zu entwerfen. — Ferner Thurmuhren, +<!-- page 158 --> +mit reitzenden Glockenspielen, an deren Zifferblatt, +sich außer den Stunden- und Minutenweisern, +ein vollständig entworfener Kalender +befand, daneben Thermometer, Barometer und +Eudiometer, welche Kälte oder Wärme, Schwere +oder Leichtigkeit der Luft, so unterrichtend bezeichneten, +daß dadurch die Witterungsveränderung +auf mehrere Tage vorher kund ward, und +Jedermann bei seinen Beschäftigungen sich darnach +fügen konnte. — Ferner, Mühlen zum +Stampfen, Zermalmen und Sägen zugleich, und +mit einem artigen Mobile perpetuum regirt. — +Ferner, zum Behuf des Landbaues, Pflüge mit einer +geringen Kraft bewegt, die den Boden zehn +bis zwölf Schuh tief aufwühlten, die geruhete +Erde oben, die entkräftete unten brachten, sie +zugleich puderartig zerrieben, und von gröbern +Bestandtheilen durch Siebe reinigten. Eben so +Pflanzmaschinen, welche die Getraidekörner in +beliebiger Weite und Tiefe gleichabstehend einsenkten, +und so Aufwuchs und Gedeihen ungemein +erhöhten. Eben so Wässerungbehälter, geeignet, +aus fernen Seen, Strömen oder Kanälen +mit wenigem Kraftaufwande, Flüssigkeit herbeizuschaffen, +und durch hidraulische Vorrichtungen, +<!-- page 159 --> +in weit ausgebreiteten Fontänen niederströmen +zu lassen. — Der Franke lieferte chemische +Apparate zu vielen Zwecken dienlich. Auch der +Landmann konnte sie hülfreich gebrauchen, damit +bei großer Dürre, aus Wasserstoff ein Wölkchen +zusammensetzen, und auf seine Scholle niederfallen +lassen. Zudem Küchen, wo in sehr +sinnreich gestalteten Töpfen oder Pfannen, die +Speisen überaus schmackhaft geriethen, und man +auch Schnee und Eis sogleich bereiten konnte. +Imgleichen Kleidungsmaschinen, die man beliebig +mit Seide oder Wolle versah, und sich dann +hineinstellte. In wenigen Minuten webte nun +das Kunstwerk ein Kleid, den Formen des dargebotenen +Körpers niedlich angeschmiegt, ohne +Rath, wie sich von selbst versteht, färbte es zugleich +in der eben gültigen Modetinte, und parfümirte +es mit köstlichen Oelen. Die chirurgischen +Instrumente der Franken waren nicht weniger +sehenswerth. Unter andern erblickte man +da künstliche Ohren und Augen mancher Art. +Bei nur geschwächter Hör- oder Sehkraft wurde +jene durch Röhre, diese durch Gläser bis zum +Normalzustand verstärkt; außerdem hatte man +aber, ein hoher Triumph menschlicher Kunst, +<!-- page 160 --> +nachgeahmte Trommeln, Eustachische Röhren, Augenäpfel +mit ihren sechs Häuten und drei verschiedenen +Feuchtigkeiten, welche mit den Nerven, +durch täglich wiederholten Galvanismus in +Verbindung gebracht, Tauben und Blinden, +Schall- und Lichtstrahlen wunderbar wieder einführten. +Ihre Weinläger wurden nur von den +spanischen und portugiesischen übertroffen, wo in +langen Reihen, Tonnen lagen, jede größer als +Ehedem das Faß zu Heidelberg. — Die Italiäner +hatten unter andern große Orgeln, für +die Tempel, feil, in welchen die vielstimmige +Vox humana, die gewohnten Religionsgesänge +deutlich vortrug, willkommen für Ortschaften die +nicht reich genug waren, Chöre zu unterhalten. +Zudem auch Orchester, wo eine Klaviatur, Hundert +Saiten- und Funfzig Blaseinstrumente in +Bewegung setzte, welche auch durch Walzen die +beliebtesten Tonstücke und durch akkustisch nachgeahmte +Soprane, Alte, Baritone u. s. w. +schöne Lieder ausführten. Der Besitzer konnte +also seinen Gast, wenn er wollte, mit einem +vollständigeren Konzert bewirthen, als es vor +Jahrhunderten Könige mit großem Aufwand vermocht +hatten. — Der emsige Deutsche wetteiferte +<!-- page 191 --> +mit allen Europäern in Allem, und sandte +daneben die meisten Bücher zum Markt. Bücher, +die Materien abhandelten, von denen die +Vorzeit noch keine Ahnung hatte. +</p> + +<p>Aber auch aus Amerika, Afrika und Polinesien +waren Kaufleute anwesend. Sie führten +edle Steine, edle Metalle, ganze Naturalienkabinette +aus ihren Landstrichen, artige Sinzialos, +Jakos, indianische Raben, die fertig redeten, +Menagerien von Löwen, Tigern, Leoparden, +Giraffen, Armadille, welche man aber nicht erstand, +wenn sie nicht auch zugleich in ergötzenden +Künsten abgerichtet waren. Es gab auch in großen, +durchsichtigen, mit Wasser gefüllten Behältern, +Fische aller Gattung aus der Fremde. Hornfische, +Chimären, alle Haiarten, Panzerfische, +Seedrachen, Zitteraale, Katödons, und die vielen +Geschlechter, welche erst entdeckt worden, nachdem +die Taucherkunst ihre jetzige Vollkommenheit +erreichte. +</p> + +<p>So hatte die vermehrte Kultur, die gesetzliche +Sicherheit, und die Leichtigkeit der Reisen, +Menschen von allen Stämmen hieher geführt. +Wollige Neger, schon lange nicht mehr +zur Sklaverei verdammt, tanzten lustig am +<!-- page 162 --> +Abend und sangen Nationallieder. Braungelbe +Sinesen und Japaner zählten sorgsam ihre gewonnenen +Summen. Olivenfarbene Araber, Indier, +Malaien, kauten ruhig ihren Betel oder schmauchten +ihre Pfeife zur Erholung. Kleine mißgestaltete, +aber doch sehr lebendige, Ostiaken, Samojeden, +Eskimos liefen neugierig gaffend umher. +Röthliche Amerikaner, noch den Federbusch +der Altvorderen tragend, zeigten ihre +Kraft im Ringen und Laufen. Neuseeländer, +Otaheiter, Sandwichinsulaner, Bewohner der +erst spät entdeckten Südpolarländer, die schwärzere +oder hellere Haut seltsam punktirt, saßen in +ihren mitgebrachten Binsenhäuschen auf künstlichen +Matten, die ihnen abgekauft wurden, um +sie in Gärten aufzustellen. +</p> + +<p>Das Getümmel auf diesem Markt war unbeschreiblich, +die Wechselgeschäfte verbanden durch +Federstriche, Neu-York und Ulimaroa, den Hoffnungskap +und Miako, Lissabon und Peking. +Noch ist hier des Komptoirs zu gedenken, welches +die Land- und Seetruppen hielten. Da sie sich +durch eigene Thätigkeit unterhalten mußten, beschickten +sie auch die Märkte mit überflüssigen +Erzeugungen. Unter andern boten sie Feuerröhre, +<!-- page 163 --> +großer und kleiner Art, feil, welche von +Völkern, die noch keine Waffenmanufakturen hatten, +eingetauscht oder gekauft wurden. Man +ging aber auch, vorausgesetzt, daß man reich genug +war zu solchen Ausgaben, in ihre vorhandenen +Metallgießereien oder Schmieden, um sich, +die Geliebte, den Freund, in Erz oder Stahl +bilden zu lassen. Augenblicklich drückten geschickte +Meister die Gestalt in Wachs ab, um sie +gleich darauf in Thon nachzuahmen. Das Metall +floß schon in den Glühöfen, eilig vollendeten +flinke Gesellen die hohle Form, und der +Guß erfolgte. Durch künstliche Mittel ward +nun das Metall erkaltet, die Form zerschlagen, +das Jahrtausende höhnende Standbild heraus +gewunden und glatt polirt. Noch geschwinder +gingen die Stahlschmiede, mittelst ihrer mechanischen +Vorrichtungen, Feinheit und Gewalt auf +eine zuvor nie erdachte Weise verbindend, zu +Werke. Ein Fürst aus Amerika, eben mit seiner +jungen Gemahlin zugegen, ließ sich mit derselben +in Silber darstellen. Guido hätte weinen +mögen, nicht Ini hier zu sehn, und kein Kaisersohn +zu sein, um ihre Statue in Gold zu +begehren. +</p> +<!-- page 164 --> + +<p>Nach viel erworbnem Unterricht, durch Gelinos +Lehren und eigne Anschauung, wurde des +Jünglings Reise fortgesetzt. Er wandte sich nach +Teutonien, wo das platte Land ihn noch weit +mehr in Erstaunen setzte. Er sah hier keine +Dörfer mehr, sondern nur die in einander fließenden +Vorstädte weitläuftiger Orte. Gelino erklärte +ihm die Erscheinung einer so großen Lebensfülle +in folgender Art: +</p> + +<p>Das Klima in diesem Lande ist weit milder +geworden, seitdem unnütze Kriege, verderbliche +Immoralität und Krankheiten, gegen welche die +unvollkommene Heilkunde wenig vermochte, nicht +mehr die Zunahme seiner Bevölkerung hemmen. +Mit ihrem Anwuchs veredelte sich der Boden +wovon eine mildere Luft immer die Folge ist. +Der Mais- und Reisbau sahen hier schon lange +erwünschten Fortgang, und zwei Ernten sind +gewöhnlich. Wenige Morgen nähren eine Familie +bequem, und werfen noch einen Ueberfluß ab, +von dessen Verkauf, sie nicht erzeugte Nothwendigkeiten +anschaffen kann. Das in dem, vortrefflich +zubereiteten, Boden durch Maschinen gepflanzte +Wintergetraide, gelangt um die Mitte +des Junius schon zur Reife, und lohnt meistens +<!-- page 165 --> +funfzigfältig. Man mäht es durch kunstreiche +Sichelwagen, die zugleich abschneiden, aufladen +und hinterwärts den Boden wieder pflügen, +wodurch die Arbeit gar sehr vereinfacht wird. +Nun ist Zeit genug übrig, das Feld wieder mit +Sommerkorn, Gartengewächsen, Fütterungkräutern +zu bestellen, wovon der Fleiß noch reichen +Gewinn im Spätjahre zieht. Dies würde aber +nicht immer glücklich von Statten gehn, hätte +man nicht das Mittel erfunden, die angebauten +Fluren, gegen Kälte im Lenz und Nachsommer +zu sichern. Wenn die Witterungmesser einen +Frost ankündigen, eilt der Landwirth sein Feld +mit großen Strohmatten zu überdecken. Bei +den kleinen Landporzionen ist es leicht dies Mittel +anzuwenden. In Wintertagen fertigt das +Gesinde aus dem reichlichen Stroh die Matten, +über Bäume spannt man sie zeltartig, Fluren +werden ebenhin damit bedeckt. +</p> + +<p>Bemerke, wie sorgsam jeder Eigner, von jedem +Schuhgevierte, Ertrag zu ziehen sucht. Ein +Zaun von nutzbarem Strauchwerk, umläuft verwachsen +die Scholle. Kleine Beeren und kleine +Nüsse mancher Gattung blühen darauf. Das +Feld ist mit edlen Obstbäumen beflanzt, an die +<!-- page 166 --> +üppige Weinreben sich hinaufwinden. Ihr Schatten +fährdet die Saaten nicht, bei einem so kräftig +gemachten Boden, und beim Pflanzen trägt +man kluge Sorge die Wurzeln nicht zu verletzen, +was bei den guten Maschinen zu diesem Gebrauche +leicht wird. +</p> + +<p>Futterkräuter, gewisse wohlnährende Rübenarten, +getrocknet Baumlaub, sind dem Viehe +bestimmt, und leicht zieht eine Familie davon +so viel auf, um mit Milch, Butter und Fleisch +versorgt zu sein. In jedem Hause befindet sich +eine Kelter, eine Anstalt zum Brauen, eine Anstalt +zum Fertigen gebrannter Wasser, im Kleinen. +Die Arbeit daran ist so vereinfacht, daß auch ein +Kind ihr vorsteht. +</p> + +<p>So ist also für den Unterhalt dieser Menschen +reichlich gesorgt, und die eitle Furcht ob +einer zu großen Bevölkerung, in rohen Zeitaltern +oft angekündigt, würde nur Lachen erregen. +Jedes neue Glied, das in die Gesellschaft tritt, +kann auch einen neuen Spielraum nützlicher +Thätigkeit finden und seinen Bedarf gewinnen. +Nach den vielen Erfahrungen welche man sammelte, +nach den vielen lehrreichen Entdeckungen, +welche gute Köpfe im Erproben des Ausführbaren +<!-- page 167 --> +machten, ist jedermann lebendig überzeugt, +die Fruchtbarkeit des Bodens sei noch um +ein Ansehnliches weiter zu treiben, ja die Gränze, +welche einst der klugen Pflege ein Ziel +setzen könne, durchaus nicht abzusehn. Und träte +ja nach Jahrhunderten, der unerwartete Fall +ein, mehr Menschen erzeugt zu sehn, als der +Landesertrag nähren könne, so weiß man gar +wohl, das es noch schlecht bebaute Länder genug +in anderen Erdtheilen giebt, wohin sich Kolonien +senden lassen. Afrika enthält in seiner +Mitte große Wüsten, die, einst urbar gemacht, +unermeßliche Ausbeute liefern werden. Am +Susquehannach, am Orinoko, am Amazonenfluß +sind weitläuftige Strecken bereit, neue Millionen +aufzunehmen. So rüstig auch der Altbritte +daran ging, Ulimaroa, welches den Umfang +von halb Europa hat, und die weitläuftigen +Inseln, Neu-Guinea und Neu-Seeland, an Bewohnern +reich zu machen, so hat doch, im Verlauf +weniger Jahrhunderte, immer noch nichts +Erhebliches geschehen können, und Auswanderer +würden dort höchst willkommen sein. Ja, wie +die Lehrer der Wissenschaften behaupten, in denen +die Umgestaltung des Erdballs abgehandelt +<!-- page 168 --> +wird, und wo man die jährliche Meerabnahme +nach unbezweifelten Erfahrungen berechnen lernte, +wird nach einigen Jahrhunderten, ohne das im +achtzehnten einst gefundene Polinesien, ein ungeheurer +neuer Erdtheil, aus dem stillen Ozean, +westlich von Amerika, treten. Die unter dem +Meere hinstreifenden Parallel- und Meridian-Gebirge +verbreiteten hierüber schon in alten Zeiten +Licht, jetzt hat man ihren Zusammenhang +deutlicher erkannt, und vermag überhaupt aus +der Vergangenheit genauer auf die Folge zu schließen, +weil sinnige Forscher, ihre Beobachtungen +der Nachwelt, ein schätzbares Erbe, vermachten. +So ist jetzt unter andern die Insel Owaihi, weit +größer an Umfang, als zu der Zeit, wo ein +kühner Seefahrer, Cook genannt, sie entdeckte. +Die ziemlich großen und hohen Eilande, westlich +von Peru, hießen vor Jahrhunderten die +niedrigen Inseln, ein Beweis, wie damals die +See höher an sie hinaufspülte. Das Senkblei +fällt in ihrem Bezirk immer seichter, die Meermoose +nehmen zu, die Taucher können dort in +der Tiefe mit Leichtigkeit beobachten, und aus +allen diesen Umständen läßt sich die Richtigkeit +jener Verkündung ahnen. Alle die Inselketten +<!-- page 169 --> +in jenem Meere werden dann die Gebirgrücken +des neuen Erdtheils sein. +</p> + +<p>Guido sagte hier zu seinem Lehrer: Du +drängst mein Nachsinnen in einen noch tieferen +Hintergrund. Es macht zwar froh, so viel neue +Möglichkeit des Lebens zu träumen, auch sehe +ich nur Vortheil für das Geschlecht darin, wenn +junge Länder zum Anbau einladen, wenn die +Kaspische See, das schwarze Meer, das mittelländische +Meer, trocken geworden, mit Städten +und Dörfern übersäet werden können. Wo soll +das aber endlich hinaus? Wenn nun das Wasser, +nach manchen Jahrtausenden, ganz vom Erdball +verschwände, müßte nicht die Menschheit, an +seinen Verbrauch unabläßig gebunden, jammervoll +untergehn? +</p> + +<p>Gelino lächelte und gab seinem Zögling die +Antwort: Dies könnte wohl sein, und wenn +die höchste Entwickelung, der Menschheit Zweck +ist, was wäre denn noch an ihrer Fortdauer gelegen, +wenn sie das Ziel umfaßt hätte, und es +etwa mit jenem Zeitpunkt zusammenträfe? Gleichwohl +dürfte sein Untergang auch nicht einmal +an das Verschwinden des Wassers gebunden sein. +Denn, kann der Erdensohn nicht übernehmen, +<!-- page 170 --> +was die Natur nicht mehr nöthig erachtet, für +ihn zu leisten, da sie ihn genug mit Kräften +ausstattete, und der Gebrauch dieser Kräfte hinlänglich +erweitert ist? Können wir nicht lange +schon Wasser chemisch bereiten? Wird diese Kunst +sich nicht vervollkommnen? Freilich, neue Meere, +um sie lustig zu beschiffen, dürfte man nicht +hervorbringen lernen; doch Flüssigkeiten für den +Hausbedarf, Regengewölke zum Tränken der +Gefilde, wovon ja schon manche Versuche jetzt +gelangen, scheinen keineswegs außer dem Bereiche +der Sterblichen zu liegen. Doch du wirst +darüber in Berlin manche Hipothese hören. +</p> + +<p>Blicke einstweilen sorgsam auf die Einrichtungen, +die unser Weg dir zur Ansicht darbietet. +Du siehst alle Städte in Teutonien voller +Kunstfleiß, voller trefflichen Schulen; prachtvolle +Tempel und Bühnen zieren<a id="corr-15"></a> die meisten. Bei so +vielem Reichthum, als der kluge Landbau einer +großen Volkmenge, hier dem Boden entlockt, +ist der Städte Flor eine ganz natürliche Folge. +Der Ackermann nährt den Handwerker, indem +er ihm seinen Ueberfluß verkauft, und von +ihm wieder die Lebensbedürfnisse holt, welche er +nicht allein hervorbringen kann. Letzterer bezieht +<!-- page 171 --> +wieder die Märkte anderer Gegenden, mit der +Arbeit, welche ihm daheim nicht abgenommen +wurde, und schafft dafür ihre Erzeugungen herbei. +Das Geld, überall werthhaltig und durch +weise Aufmerksamkeit der Regierungen, im richtigen +Verhältnisse zum Preis der Sachen, empfängt +einen schnellen Umlauf, und regt auf +demselben die Betriebsamkeit unaufhörlich an. +</p> + +<p>Wie blühend wir aber diese Gegenden finden, +so hätten wir nur alte Bücher zu fragen, um +über die Barbarei, welche noch vor drei oder +vierhundert Jahren sie drückte, belehrt zu sein. +Damals fand man kaum jede halbe Meile ein +elendes Dorf, in dessen unreinlichen Strohhütten +sklavensinnige Halbmenschen wohnten. +</p> + +<p>In den Städten lag der Gewerbfleiß krankend +danieder. Europens Staaten hatten sich +nicht weise verbunden, um durch Handel gegenseitig +ihre Thätigkeit zu beleben und die Genüsse +auszutauschen; man sann nur auf Uebervortheilung, +die am Ende Allen verderblich war. +Unnatürlich große Heere wurden auf den Beinen +gehalten, wodurch dem Gemeinwesen so viel +jugendlich rüstige Kräfte entgingen. Diese Heere +nährten sich nicht selbst durch Nebenarbeit, sondern +<!-- page 172 --> +mußten Sold empfangen, wodurch die Regierungen +sich genöthigt sahen, die Völker mit +Abgaben zu erdrücken. Unter solchen Umständen +mußten die meisten Länder zur Hälfte Wüsten +bleiben; Tausend harter Ungerechtigkeiten und +Thorheiten, die natürliche Folge verkehrter Einrichtungen, +nicht zu gedenken. +</p> + +<p>Und die Menschen hatten doch damals, so +gut wie in unseren Zeiten, die göttliche Kraft +der Vernunft, auch Philosophen in Menge, welche, +die Natur dieser Vernunft zu erkennen, sie gleichsam +anatomisch zu zerlegen und scheidekünstlerisch +in ihre Bestandtheile aufzulösen strebten. Es +galt demungeachtet von ihnen, was einer ihrer +alten Dichter sang: +</p> + +<div class="poem"> +<p class="line">Unselig Mittelding vom Engel und vom Vieh,</p> +<p class="line">Du prahlst mit der Vernunft, und du gebrauchst sie nie.</p> +</div> + +<p class="noindent">Unter diesen Gesprächen kamen die Reisenden +durch einen kleinen Ort, wo sie ein dichtes Volkgedränge +und lauten Jubel wahrnahmen. Sich +von dem Anlaß dieser Erscheinung zu unterrichten, +nahten sie, und sahen einen Aufzug zum +Mariatempel wimmeln. Wohlgeschmückte Priesterinnen +gingen, einen lauten Chorgesang anstimmend, +<!-- page 173 --> +voran; dann folgte ein etwas gebeugter, +doch gleichwohl noch munterer Greis +an seinem Stabe, am Arm ein Altmütterchen, +das zwar kaum noch den Fuß von der Stelle zu +heben vermochte, dem bei dem Allen aber, aus +einem mit Runzeln überpflügten Gesicht und dem +ermatteten Auge heitre Freude schimmerte. Um +die schneeweißen dünnen Locken des Paares waren +Blumenkränze geflochten, eine lange Reihe +folgte ihnen, bunt aus Personen von dem verschiedensten +Alter zusammengestellt, Greise und +Greisinnen, Männer und Frauen in den Mitteljahren, +viel blühende Jugend und ein zahlreicher +fröhlicher Kinderschwarm. +</p> + +<p>Die befragten Zuschauer unterrichteten Gelino: +wie das Paar die Hundertjährige Feier +seiner Ehe beginge. Im fünf und zwanzigsten +Jahre, erzählten sie, heirathete einst der Greis, +seine Gattin zählte damals zwanzig. Arbeit, +Mäßigung, zufriedener Sinn, ließen sie ein so +hohes Alter erreichen. Die ihnen zum Tempel +folgen, sind ihre Kinder, Enkel und Urenkel, +ein markig Geschlecht, den Stammältern mit +inniger Liebe und Ehrerbietung zugethan. +</p> + +<p>Tiefere Rührung empfand Guido während +<!-- page 174 --> +seiner ganzen Reise nicht, als im Anblick dieser +Feier. Er versenkte sich in die Vorstellung der +Glückseligkeit jenes Patriarchen, hinschauend auf +seine Nachwelt, rückblickend in die wonnevolle +Vergangenheit eines Jahrhunderts häuslicher +Eintracht. Und wie Liebe alles gern auf sich bezieht, +so träumte er mit hochwogendem Busen, +ein Eheleben mit Ini von langer Dauer und +am späten Lebensziele gekrönt von Urenkeln. +</p> + +<p>Sie langten bald darauf in der Gegend von +Berlin an. Die Masten vieler See- und Stromschiffe +erhoben sich, einem Walde gleich, aus +seinem breiten Hafen, mit leichten bunten Flaggen +geziert, spielend im frischen Abendwinde. +Die schöne Bergkette, welche an einer Seite +den großen Ort umgab, stellte eine lachende +Ansicht dar, bepflanzt mit Weingärten, beschattet +von Lustgehölzen und prangend mit heiteren +Sommerwohnungen reicher Bürger. +</p> + +<p>Hier triumphirte, fing Gelino an, menschliche +Kunst auf eine seltne Art über die widerstrebende +Natur. Vor Jahrhunderten sah der +Wanderer hier nur eine langweilende, kaum +von unbedeutenden Erhöhungen, die nicht einmal +Hügel, sondern Niederungsränder des +<!-- page 175 --> +Stromes waren, unterbrochene Fläche. Die +Stadt lag gleichwohl schon in dem Sandmeere +da, zeichnete sich durch regelvolle Anlage, +und, nach damaligen Begriffen, schöne Prachtgebäude +aus, wovon man noch manche Ruinen, +sogar einige noch ziemlich erhalten sieht, die +dir, wenn wir ihre Plätze und Straßen durchwandeln, +zu Gesicht kommen werden. +</p> + +<p>Da nun aber die inneren Kriege in Europa +geendet hatten, und, als nothwendig glückliche +Folge, die Kultur stieg, auch Berlin, der Sitz +des europäischen Bundesgerichts — welches man +hieher verlegte, weil Berlin ziemlich den Mittelpunkt +von Europa einnimmt — sehr bedeutend +wurde, wollte der Schönheitsinn ihm eine +anmuthigere Umgebung erziehen, so wie die +Weisheit nöthig fand, seiner großen Einwohnermenge +neue Quellen der Erhaltung zu öffnen. +</p> + +<p>Beide konnten, wie fast immer, Hand in +Hand gehen. Der berühmte Kanal, tief genug +um Meerfahrzeuge zu tragen, der die Elbe und +Oder auf einem nahen Wege verbindet, und bei +Berlin vorüber geht, wurde gefertigt, dazu der +Hafen, dessen blaue Wogen dort schimmern, an +Größe einem mäßigen Landsee gleich. Ohne die +<!-- page 176 --> +Pulversprengungen und die neuerfundenen mechanischen +Hebewerkzeuge, mit welchen die Grunderde +leicht aus der Tiefe zu winden ist, und man +die Ströme gegen Versandung und Seichtigkeit +schützt, wären solche Arbeiten unmöglich gewesen; +mit ihnen kam es nur auf Geld und emsige +Hände an, die nicht mehr fehlten, als mit +der Bevölkerung aller Kunstfleiß mächtig heranwuchs. +Auch wurde der Elbstrom, bis gegen die +Böhmischen Gebirge, ausgetieft, und eine große +Zahl geräumiger Schiffe, führte aus den dort, +lebhafter als je bearbeiteten Steinbrüchen, die +Quadern, womit des Kanals Seitenwände eingefaßt +wurden. Die aus dem Hafen gewonnene +Erde diente nun, jene erhabene Bergkette aufzuthürmen. +Ist ihre Höhe, gegen Urgebirge +gehalten, freilich nicht von großem Belang, so +ist sie es doch scheinbar, da sie sich aus der +Ebene erhebt. +</p> + +<p>Indem, nach dreißig mühevollen Jahren, diese +Werke ihre Vollendung sahen, meinten die Zeitgenossen, +sie wären immerhin, an Arbeit, mit +den Piramiden von Egipten zu vergleichen, überträfen +sich jedoch weit an Nutzen. Sie hatten +Recht: wer staunte nicht sie erblickend, und wie +<!-- page 177 --> +es sich von selbst versteht, wurden Hafen und +Kanal die Quellen großer Reichthümer für +Berlin. +</p> + +<p>Sie waren unter diesen Gesprächen bis an +ein Thor gekommen, das auf großen Säulen +ruhte. Der Lehrer hatte einst, wie sich auch +von seiner Vertrautheit mit den überall vorhandenen +Gegenständen erwarten läßt, Europa schon +durchwandert, und konnte daher seinem Zögling +immer Auskunft geben. Dies Thor, das Brandenburger +seit dem Alterthum genannt, ist das +schlechteste, es bleibt jedoch als eine ehrwürdige +Antiquität stehen, und trotzt auch schon drei +Jahrhunderten durch seine Festigkeit. Dies darf +um so mehr befremden, als seine Erbauung noch +in die Zeit fällt, wo Bruchsteine nur mit schwerer +Mühe auf ärmlichen Spreekähnen herbeigeführt +wurden, und man sich meistens der Ziegel +bediente. Jetzt haben es freilich die Baumeister +bequemer, da der Elbkanal, von Pirna +her, so große Ladungen von Felsblöcken trägt, +und nun können freilich die Tempel und Palläste +leicht so stattlich sein, als wir sie sehen. +</p> + +<p>Schon vor der Stadt hatte Guido zu seiner +Verwunderung wahrgenommen, daß eine Menge +<!-- page 178 --> +leuchtender Kugeln über den Häusern schwebend +erschienen. Nun erklärte sich das. Man erleuchtete +nehmlich die langen graden Straßen mit +doppelten Hohlspiegeln von beträchtlichem Umfang, +auf hohe Säulen gestellt. Vor ihnen +brannte eine kunstreiche, durch Luftzüge verstärkte +Flamme, deren Licht aber, mittelst einer angelaufenen +Kristallscheibe, sanfter erschien, so daß +das Ganze den Vollmond um so täuschender +nachahmte, als seine Karte auf die Scheibe gezeichnet +war. Die Wirkung glich eben so, und ein +traulich Silberlicht goß seine Schimmer in die +Straßen und Plätze nieder. In der Mitte der +Länge einer jeden Straße, brannte ein solcher +Hohlspiegel, für die Erleuchtung nach beiden +Seiten genug, doch so, daß man sich mit seiner +Größe nach der der Straße richtete. Am Abend +gab dies Heer von Monden der Stadt von Außen +ein sonderbar liebliches Ansehn. +</p> + +<p>Sie stiegen in einem bedeutenden Gasthofe +ab. Nachdem jedem von ihnen ein Badezimmer +angewiesen worden, erfrischten sie sich in silbernen +mit Rosenwasser gefüllten Wannen. Hierauf +trugen wohlgekleidete Diener das Mahl zur +Nacht auf. Es bestand unter andern aus Kalbnieren +<!-- page 179 --> +von Archangel, sehr von leckeren Gaumen +beliebt, aus einer Surinamschen Schnecke, deren +gewundenes gesprenkeltes Haus einen Kürbis +an Größe übertraf, und aus Vogelnesten, wohlerhalten +von Tunkin gebracht. Wein von Cipern +und Buenos Aires, Sorbet in Ispahan verfertigt, +perlten in Kristallflaschen. — Warum gebt +ihr uns Speise und Getränk aus ferner Zone? +fragte Gelino einen Diener, ob ihr gleich in +eurem gesegneten Lande köstlichen Ueberfluß erzieht. +Wird es uns doch wohlfeil in den Hafen +gebracht, und gegen unsere Erzeugnisse vertauscht, +war die Antwort. +</p> + +<p>Sie gingen noch auf einen Ball, wo sehr +schöne, doch an Betragen überaus sittsam züchtige, +Mädchen tanzten. Gelino sagte: Ihre Formen +sind zart und athmen Harmonie, doch die +frisch lebendige Fülle, welche wir an den Grazien +in Polen sahn, mangelt ihnen dennoch. +Allein der Abkunft ist dies zuzuschreiben, ihre +Vorältern lebten einst in argem Sittenverderb. +Jetzt dagegen giebt es nirgend auf der Erde keuschere +Frauen, wie zu Berlin, und zwar sind sie +das aus lauter Geschmack. Die Feinsinnigen +wissen, daß man nur durch Keuschheit sich die +<!-- page 180 --> +höchsten Freuden der Liebe bereitet. Darin haben +sich hier die Zeiten, gegen Ehedem, durchaus +umgewandelt. Merke dir übrigens das lehrende +Wort, Guido! +</p> + +<p>Dieser antwortete: Ich bedarf dessen nicht, +Ini zeichnete es mir mit heiliger Schrift in +den Busen. +</p> + +<p>Am andern Morgen hub Jener an: Du sollst +hier einer Sitzung des ehrwürdigen Rathes, +Bundesgericht von Europa genannt, beiwohnen, +und hier überhaupt lernen, welche Bewandniß +es mit unserer Verfassung hat. +</p> + +<p>Noch wenig hörtest du von den Königen in +diesem Erdtheil, wenn wir schon einige mit ihren +glanzvollen Umgebungen sahen. Dies ist +aber ein großer Segen für die Menschheit. Im +Alterthum war es ihre Sucht, von sich reden zu +machen, und sie wählten das Verderben, über +Fremde und Unterthanen gebracht, unter dem +Namen Heldenthaten. Jetzt, einem schöneren +Beruf hingegeben, muß es ihr Ehrgeiz sein, +daß ihr Name wenig zur Sprache kömmt, denn +so wird der Beweis, daß keine Noth über ihr +Land hereinbricht, am besten geführt. Den Lohn +für eine musterhafte Verwaltung empfangen sie +<!-- page 181 --> +beim Leben um so weniger, als Schmeichelei in +Europa für das tiefste Verbrechen geachtet wird; +doch nach ihrem Tode erkennt das Bundesgericht, +wohin ihre Urne gebracht werden soll. Haben +sie die Bevölkerung gemehrt, erhoben sich Landbau, +Wissenschaft und Kunst in ihren Gebieten, +kömmt sie in den Tempel der Unsterblichkeit, +den du einst in Rom besuchen wirst. Sahen sie +aber die Regierung als einen Genuß, nicht als +eine Pflicht an, gelangt sie in einen gemeinen +Todtenacker, und wird der Vergessenheit übergeben. +Auch ist es herkömmlich, daß dann die +Geschichte ihren Namen nicht nennt, sondern +nur sagt: In diesen Jahren herrschte ein König, +dem das Gehorchen besser gewesen wäre. +</p> + +<p>Als nach vielen blutigen Jahren die neue +Verfassung endlich gegründet werden konnte, +wollte man erst die Könige wählen, und immer +dem Weisesten in irgend einem Lande die Krone +geben. Allein die Schwierigkeiten bei der Wahl +mahnten ab, die Buhlerei um die Gunst des Volkes +würde heuchlerischen Sinn hervorgebracht haben, +und die Stifter des großen Bundes heiligten +überall die Wahrheit. Aurelius, der große Kaiser, +von dem du schon oft hörtest, behielt demnach +<!-- page 182 --> +die Geburtfolge bei, doch traf er die Einrichtungen +so, daß, was früherhin nimmer geschehen +war, auch die Könige zu ihrem Amte +erzogen wurden. +</p> + +<p>Hiebei verfuhr man im Laufe der Zeit +abweichend, je nachdem eingesammelte Erfahrungen +die Ansichten umwandelten. Bei einer +Erziehung, die es, unter sparsam eingepflanzten +fremden Begriffen, auf möglichst vollkommene +Entwickelung der Eigenthümlichkeit anlegte, hat +sich gezeigt, daß sie dann mit dem wirklichen +Zustand der Dinge nicht vertraut genug wurden. +Bei der möglichst sorgsamen, wissenschaftlichen +Bildung ist es wohl geschehen, daß die Staaten +Männer auf den Thronen erblickten, welche zu +weit mit den Ideen über die Wirklichkeit hinaus +drangen. Endlich kam man dahin, Eigenthum +und Fremdheit dadurch ins Gleichgewicht zu +bringen, daß die Fürstensöhne, früh in ein Fündlinghaus +gebracht, Herkunft und Beruf nicht +erfahrend, solche Pflege genossen, daß an Körper- und +Geisteskraft, vor allen Dingen Männer aus +ihnen wurden. Anschaun der Welt, nach Studien, +bei welchen ihnen viel Willkühr gelassen +wird, muß hauptsächlich ihr Nachdenken über +<!-- page 183 --> +die bürgerliche Verfassung wecken, sie gerathen +in Lagen, wo sie, zum Handeln gezwungen, ihre +ganze Thätigkeit kräftigen, hie und da giebt +man ihnen, nach dem Maaße ihrer Fähigkeit, irgend +ein Amt zu verwalten. Bisweilen schöpfen +sie Unterricht in der Regierungskunde von Weisen, +oder an einem fremden Hofe lebend, wo sie +sie ausgeübt beobachten, und müssen sich dann, +unterrichtet über ihre Bestimmung, einer Prüfung +des großen Rathes hingeben. Fällt diese +Prüfung zu ihrem Vortheile aus, werden sie +regierungsfähig erklärt, wo nicht, sind neue +Anstrengungen unerlässig. Denn, da es die Klugheit +untersagt, das niedrigste Amt im Gemeinwesen, +jemanden zu vertrauen, der nicht seine +Tüchtigkeit dazu außer Zweifel gesetzt hätte, so +gilt dies allerdings um so mehr vom höchsten, +und eine so weit herangereifte Zeit als die unsere, +kann sich nicht den Tagen roher Barbarei +gleich stellen, wo es fast allein dem blinden Zufall +überlassen blieb, ob ein Fürst sein Amt begreifen +werde oder nicht, wo das frühe Gift +der Schmeichelei ihre Herzen verdarb, wo die +eigne Kraft so wenig Anreitz zum eignen Gebrauch +fand, weil die Kraft der Diener für sie +<!-- page 184 --> +waltete, wo sie bald ihre Leidenschaften zum Gesetz +erhoben, bald sich Ekel an ihrem Amte und ein +sieches Leben erschwelgten, bald ganze Geschlechter +in unsinnigen Kriegen zertraten, bald ihres hohen +Berufes vergessend, und mit elenden Kleinigkeiten +ergötzt, ihre Völker jedem Sturm von Innen +und Außen Preis gaben. Hart mußten +solche Zeiten ihren Wahnsinn büßen, und das +Loos der Könige fiel auch sehr traurig. Denn +die reichen Genüsse freuten sie nicht, da sie keine +Entbehrungen würzten. Die Wahrheit kam ihnen +selten zu Ohr, und so im Dunkeln tappend, +konnten sie fast nur durch ein Wunder, +die ihrer Zeit jedesmal zuträglichen Maaßnehmungen +ergreifen. Wissenschaft, die ihnen allein +ein klares Auge hätte erziehen können, um +durch die dicke Weihrauchumwölkung zu schauen, +blieb ihnen meistens fremd. Immer waren sie +von Ehrgeitz und Raubsucht der Nachbarn bedroht, +eine Kunst, damals Politik genannt, und +nicht viel besser als Schutz durch Trug vor Trug, +ängstete sie unaufhörlich. Jetzt dagegen schirmt +sie die Moral des Völkerrechtes, sie sind nicht +nur heilig dem Unterthan, sondern allen Völkern, +die das große Volk von Europa zusammenstellen, +<!-- page 185 --> +edel genug ist ihre Bildung um höhere +Glückseligkeit, als die sinnlichen Genüsse +oder eitlen blutigen Ruhm, erkennen und empfinden +zu lernen. +</p> + +<p>Es ist übrigens hergebracht, daß vor dem +dreißigsten Jahre kein Fürst das Szepter in die +Hand nehmen darf, wird ein Thron früher erledigt, +folgt eine Regentschaft. +</p> + +<p>Worin bestehn hauptsächlich die Geschäfte eines +Königs? fragte Guido. +</p> + +<p>Er hat die Satzungen der drei Räthe entweder +zu genehmigen oder zu verwerfen, und +läßt sie in jenem Falle mit Machtvollkommenheit +zur Vollziehung bringen, antwortete Gelino. +</p> + +<p>Aber könnten die Räthe nicht allein, durch +Stimmenmehrheit, entscheiden, und mit Gewalt +zum Vollbringen ausgerüstet sein? So bedürfte +es keiner Könige. +</p> + +<p>„Trennungen, Partheigeist, Unruhen, sind +dann, wie die Erfahrung bewies, leicht die Folge. +Wir würden sie zwar weniger zu fürchten haben, +als jene Zeiten, da beim Einzelnen die Sinnlichkeit +selten, die Vernunft meistens den herrschenden +Zügel führt, aber wenn alle Gewalten +<!-- page 186 --> +in eine Spitze auslaufen, ist die Rückwirkung +nachdrücklicher.“ +</p> + +<p>Beschränken übrigens diese Räthe den König? +</p> + +<p>„In Nichts, er kann sie sogar aufheben, mit +andern Formen vertauschen, die er zuträglicher findet. +Doch seit länger als einem Jahrhundert +ließ sie jeder Monarch unangetastet weil er +die Trefflichkeit der Einrichtung nicht verkennen +konnte. Denn, will sich der Monarch selbst am +Besten befinden, muß er am vollkommensten mit +dem Ganzen verinnigt sein. Die Räthe sind +das Mittel dazu. Sie füllen den Raum vom +Schlußstein der Piramide bis an ihre Ausbreitung, +bilden diese vielmehr selbst. Unabhängige +Gewalt ist den Königen darum verliehen worden, +damit desto weniger Reitz zu ihrem Mißbrauch +entstehen könne. Wer alles hat, kann +nichts mehr fordern wollen. Die gute Verwaltung +ist ihnen durch die Umstände auferlegt, +denn verwalten sie schlecht, verlieren sie mit +dem Ganzen, und ihr Nachruhm schwindet auch +hin. Doch ein Opfer müssen sie für den überwiegenden +Genuß von Rechten, gegen andere +Bürger, bringen. Es ist hart, allein ihre Vernunft +muß die Güte des Opfers einsehn, und +<!-- page 187 --> +die Könige, auch ohnehin in Europa Republikaner, +werden es dadurch gewissermaaßen noch +mehr. Sie müssen sich — dies ist Reichsgesetz +und wird im Fall der Widersetzung durch die +Gesammtkraft vollzogen — der Süßigkeit entübrigen, +ihre Kinder um sich zu sehn. Diese werden, +wie du schon erfahren hast, besonders erzogen, +und das Gemeinwesen kann nur, vollkommen +beruhigt, Machtvollkommenheit vertrauen, +wenn sie überzeugt ist, sie der Einsicht zu übertragen.“ +</p> + +<p>Welche Einkünfte genießen die Könige? +</p> + +<p>„Den Hunderttheil von allem Erwerb im +Lande. Je bevölkerter und regsamer das Land +ist, je höher steigt ihr Gewinn, also liegt es in +der Natur ihres eigenen Vortheils, die Menschenzahl, +durch Erweiterung der Subsistenz zu +mehren, und die möglichste Freiheit zu ihrer +Bereicherung zu gestatten. Und dies ist denn +auch die beste Regierung. Geitz wäre Thorheit, +und Thoren können die Throne einmal nicht besteigen, +Verschwendung eben so, daher sieht +man Ueberall gute Haushaltung, weil ihr Vortheil, +ihr Ruhm, sie den Königen auferlegt. +</p> + +<p>Fremdes Eigenthum an sich reißen zu wollen, +<!-- page 188 --> +kann ihnen nicht einfallen, denn die Unsicherheit +desselben würde ohne Zweifel alle Betriebsamkeit +lähmen, und sie um so viel im Ganzen verarmen, +als sie im Einzelnen ungerecht sich bereicherten.“ +</p> + +<p>Welche Ausgaben bestreiten die Könige? +</p> + +<p>„Sie solden die Räthe, ihre Hofhaltung, +und legen eine jährliche Summe in den Gesammtschatz +von Europa, den Krieg bestreiten +zu helfen, wenn er gegen andere Erdtheile nothwendig +wird.“ +</p> + +<p>Von den drei Räthen habe ich manches erfahren, +doch wünschte ich, du nenntest mir ihre +eigentliche Bestimmung genau. +</p> + +<p>„Sie sind mit der Religion oder Moral, +was Eines und Dasselbe geachtet wird, verbunden, +und die Klugheit gilt auch wieder eben so +viel. Die höhere Religion, auch mit dem alten +Namen Philosophie benannt, ist vom Irdischen +abgezogen, hat darauf keinen vom Staat +gelenkten Einfluß, jeder Einzelne mag zu seiner +inneren Würdigung davon zu erkennen suchen, +was er vermag, die Feste des höchsten Wesens, +vom Volke unter dem Himmelgewölbe begangen, +sind ohne Priester, ohne Kultus, jeder feiert +dort mit dem Herzen. Alles das ist dir bekannt, +<!-- page 189 --> +und du hast das heilige Grauen, die Wonneschauer +eingestanden, welche bei solchem Anlaß +über dich kamen. Doch die irdische Religion, +in drei Tempelsatzungen getheilt, bestimmt, das +Leben schöner mit der Idee zu gatten, steigt +auf zur Verehrung hoher Simbole und auch +wieder nieder in die Welt vorhandener Dinge, +kräftiger und erleuchteter zu heiligen. Du knietest +oft gerührt im Christustempel, dem ersten +von allen. Seine Priester haben einen obern +Sinod, aus den würdigsten gewählt, sitzend im +Obertempel, in der Hauptstadt des Monarchen. +Christus ist uns Heros, oder Beschützer und +Verklärer der Erziehung und des Brudersinnes. +In seinem Geist, und auf den Zeitfortgang +merkend, haben also die Würdigen aus denen +jener Sinod zusammen gestellt ist, über Erziehung +und Brudersinn zu wachen, dem Volke +Freiheit und Kunde zu ihrer Verbesserung, +auf jede Weise zu bereiten, es durch Rath und +auch durch Beispiel zu erleuchten, dem Fürsten +Nachricht von allen Fortschritten zu geben, Vorschläge +darzubringen, wie neue Stufen der Vollkommenheit +zu ersteigen sind. Das Wort Erziehung +hat aber einen weiten Umfang. Es begreift +<!-- page 190 --> +nicht nur die Abhärtung und Bildung der Jugend, +auch die Erziehung des Geschlechtes durch +höheren moralischen Adel zu glücklicherer Wohlfahrt. +Dies kann auf keinem anderen Wege geschehen, +als wenn Arbeitsamkeit zuvor den Gewinn +der Lebensnothwendigkeiten erhöht. Daher +stehen nicht nur die Schulen, sondern auch der +Landbau, und alle nützlichen Handwerke, unter +der Leitung des Christustempels. Der obere +Rath spaltet sich in die besonderen Kammern +und hält in den einzelnen Bezirken untere Verweser, +gemeinhin Tempeldiener zugleich, welche +heilsame Sorge tragen, und vorzüglich ihrem +Beruf darin nachkommen, daß sie den weisesten +Aufflug in Allem beachten, ihm, nach weisen Anzeigen, +so viel als möglich die Richtung geben, +und, indem alle Weisheit in ihre Körperschaft +strömt, diese auch wieder der Quell sei, aus welchem +das Volk schöpfen könne. Der Brudersinn +ist zum Gedeihen aller Volkthätigkeit nothwendig, +weil ohne ihn, ein Theil dem andern, überall +Hindernisse legen würde. Er folgt jedoch aus +ihrer höheren Vollkommenheit von selbst, denn +weil alsdann die Noth um das Mein und Dein, +sich immer mehr verringern muß, sind die Hauptwurzeln +<!-- page 191 --> +aller Feindseligkeit auch immer mehr +vertilgt. Ermahnungen in frommen, verständigen, +öffentlichen Reden, Belebung des Funkens +der Menschenliebe in jeder Brust, durch Lehre +und Beispiel, die rührenden Künste zur Mitwirkung +rufend, werden keineswegs versäumt; doch +strebt man am mühsamsten, die Triebe der Selbsterhaltung +und Geselligkeit, dem Sterblichen durch +die Hand der Natur gegeben, in Einklang zu bringen, +wobei das Uebrige sich ziemlich allein giebt. +Du lerntest nun übersichtlich den ersten Rath der +Könige und seine ausgebreiteten Verwaltungzweige +kennen. — Der zweite Rath hängt mit der Verehrung +des Moses zusammen. Dieser ist Heros +der Gewalt, des Rechtes. Insofern sich dies +auf den Krieg bezieht, schweige ich, es wurde +dir im großen Feldlager kund. Reden wir von +dem bürgerlichen Eingriff. Wie schon in Europa +uns ein weit größeres, vollständigeres Leben zu +Theil wurde, das immer neue Verhältnisse +schafft, und immer mehr, den Lebenserwerb bequemer +gestaltende, Einsichten hervorbringt; wie +glücklich die, von Wahn gereinigte und durch die +Künste veredelte Religion, in einen reinen Antrieb +zum freien Guten umgewandelt ist; in +<!-- page 192 --> +welche zarte Mistik, die Grundlinien der Bürgerehre +verwebt wurden; wie klar das, in früher +Erziehung geübte Kombinazionsvermögen, die +Nothwendigkeit des Rechtes, in den viel erweiteten +und berichtigten Gesellschaftsbeziehungen, +einsieht; wie sorgsam weise Jahrhunderte zu fernen +suchten, was gereizte Begierden wecken, +niedere Leidenschaften entflammen kann; immer +war doch der Stoff des Widerstrebens gegen das +Gute, in der Sterblichen Brust nicht ganz zu +tilgen. Die Eigensucht will hie und da immer +noch zum Schaden des Gesammtvortheils auf +<i>sich</i> beziehen, und sind die Verbrechen gleich +bei weitem seltener als Ehedem, hören wir, +Dank sei es den besseren Zeiten! nie von solchen, +die vor Jahrhunderten noch die menschliche Natur +entweihten, so wird das Gesetz doch bisweilen +umgangen, und ein ernsterer Widerstand in +warnenden, auch drohenden Ahndungen, ist nöthig. +Er geht vom Mosestempel aus. Hier +wird Recht gesprochen über den Frevler, wiewohl, +von zehn Jahren zu zehn Jahren, die Strafsatzungen +haben gemindert werden können, indem +die traurigen Fälle, wo sie eintreten mußten, +abnahmen. Hier werden auch Streitigkeiten +<!-- page 193 --> +über Eigenthum, bei denen kein böser Wille, +sondern Zweifel zum Grunde lag, geschlichtet. +Doch nicht, wie vormals, hält sich die Gerechtigkeit +verborgen. Oeffentlich im Tempel, vor +der Menge Augen, übt sie ihr wohlthätig Amt. +Auch predigen die Richter dem versammelten +Volke, erklären das Gesetz, beweisen sein Heil, +schärfen seine Würde, und zeigen vorzüglich den +Unverstand aller gesetzwidrigen Handlungen, wodurch +denn der erregte Ehrgeitz guter Vernunft, +auch ein Sporn zur Tugend wird. Entsteht eine +Klage über Gewaltthätigkeit — die letzten Jahre +zählten sie sparsam — so dingt derjenige, welcher +die Beschwerde zu führen hat, einen Maler, +der die kränkende Handlung nach der Natur +darzustellen hat. Das Gemälde wird vor den +Richtern hingehangen, und spricht zu ihrer Empfindung. +So braucht es der Anwalde Beredsamkeit +nicht. Doch, der Recht verwaltenden +Priester Amt nicht freudelos zu machen, ist ihnen +auch die schönere Obliegenheit geworden, +Lohn für edle That zu spenden. Sie rufen den +Bürger vor ihren Stuhl, den eine nützliche Entdeckung +verdient machte, der irgend etwas erfand, +wovon die Gesammtheit Vortheile ziehen +<!-- page 194 --> +kann, den Mann der funfzig Jahre irgend einen +Beruf rühmlich verwaltete, das Ehepaar, in einer +langen Reihe von Jahren durch häusliche +Tugenden ehrwürdig, den alten treubewährten +Diener, und ertheilen ihm öffentlich Lob oder +Ehrenzeichen. Die ältesten, tadellosesten, weisesten +unter allen Mosespriestern, bilden in der +Hauptstadt des Königs den zweiten Rath. — +Im Tempel der Maria fleht die Liebe, der +Ehen heiliges Band wird dort geknüpft, die +schönen das Leben schmückenden Künste, die Poesie, +die aufgeblühte Jugend wähnen sich in der Obhut +der Heiligen. Unter ihren Priesterinnen steht nun +das ganze weibliche Geschlecht. In alter Zeit +wurde es herabwürdigend beengt, wir aber sahen +ein, daß Vernunftwesen eine andere Stellung +in der Gesellschaft gebührt, und ihre Moralität +so durchaus gewinnen muß. Darum üben sie +eignen erhebenden Kultus, werden in Reden +edler Priesterinnen an die Gattinpflicht gemahnt, +ihnen die Grundsätze der frühesten Kinderzucht +erläutert, ihr Sinn für das Schöne und Gute +geschärft, wodurch sie an Anmuth und Liebenswürdigkeit +zunehmen. Bei uneinigen Ehen +wird der Frauen Recht wahrgenommen, im seltnen +<!-- page 195 --> +schlimmen Fall, Trennung verhängt. Strafe +kann dem Weibe nur von hier zuerkannt werden. +Die edleren unter den edlen dieser Priesterinnen, +stellen des Königs dritten Rath zusammen. +Eine frühere Zeit würde über den Rath von +Frauen gelacht haben, und doch ist er so angemessen. +Auch hat ihr feiner Sinn schon des +Guten unendlich viel gestiftet.“ +</p> + +<p>Nenne mir die Bestimmung des Kaisers! +</p> + +<p>„Er ist oberer Kriegsherr. Die gesammten +Truppen stehen unter seinem Befehl. Er wacht +über den Frieden der Republik, läßt die Heere +ins Feld rücken, wenn der Kampf unvermeidlich +wird, und endet ihn, wenn es ihm gelang, die +Feinde zur Versöhnlichkeit zu bewegen. Die Gesetze +der Rekrutirung sind bleibend, nicht der +Fürsten sonstige Machtvollkommenheit, nur ein +allgemeiner Beschluß könnte sie umwandeln. Auch +ziehn die Könige nicht mit ins Feld, da sie ihre +Staaten daheim zu leiten haben, wohl aber die +Söhne, wenn gerade ihre Dienstzeit in den Ausbruch +eines Krieges fällt. Die Uebung der +Truppen und Flotten, die Vervollkommnung +derselben durch besser erkannte Technik, stehen +unter Kaisers Vorsorge, und das Strategion, dir +<!-- page 196 --> +schon bekannt, prüft, schlägt vor, entscheidet +über einzelne Fälle, theils allein, theils nachdem +der Kaiser bestätigte. Der Kaiser ist auch +Vorsitzer des Bundesgerichts, und hat seine +Aussprüche zu sankzioniren, insofern von Streitigkeiten +der Könige gegen einander, oder von +Wiederbesetzung eines erledigten Thrones die +Rede ist. Wenn dies Gericht nicht in Rom seinen +Aufenthalt hat, so liegt auch die Absicht zum +Grunde, daß es nicht dem Kaiser unbedingt unterworfen +werden soll. Die Telegraphenlinie +kann ihm zudem in wenigen Stunden von den +Verhandlungen Nachricht senden. Der Kaiser +hat auch sein Königreich, und zwar das größere, +aus welchem seine Einkünfte ihm zufließen. +Seine Vorfahren hätten bei ihrem großen Waffenglück +leicht ganz Europa sich <i>unbedingt</i> unterwerfen +können, sie wollten es aber nur durch die +gegenwärtige Verfassung <i>bedungen</i>, wodurch +das weite Reich bequemer regiert, und der immer +fortgehenden Entwickelung eine freiere Bahn +gelassen wird.“ +</p> + +<p>Guido dachte, als sein Lehrer geendet hatte +viel über die Verfassung von Europa nach, es +drängten sich ihm manche Ideen auf, wie sie +<!-- page 197 --> +noch gesteigert werden könnte, und er nahm +sich vor, darüber einen Entwurf aufzusetzen. +Gelino billigte das, ihm zusagend: wenn seine +Vorschläge gut wären, er sicher auf das Vergnügen +zählen könne, sie in Ausführung gebracht +zu sehn. +</p> + +<p>Sie gingen nach dem Pallast, wo das Bundesgericht +oder Völkertribunal seine Sitzungen +hielt. Es war ein Gebäude, das durch seine +Festigkeit auf ewige Dauer berechnet schien. So +viel besondere Reiche in Europa, so viel eherne +Bildsäulen von einer Staunen erregenden Größe +zierten das Dach. Sie hielten sich umschlungen, +ein Adler schwebte mit seinen breiten deckenden +Fittigen über die majestätvolle Gruppe. Im inneren +Marmorsaale empfand Guido fromme +Schauer der Ehrfurcht, als er die Versammlung +der Greise sah, denen schneefarbne Bärte auf den +Busen niederflossen. Er sahe zudem hier eben +ein rührend Schauspiel. +</p> + +<p>Die Urne eines seit kurzem verstorbenen Königs +ward in den Saal gebracht, von seinen +vornehmsten Unterthanen getragen. Eine weinende +Menge, aus der Ferne gekommen, die +der Saal nicht aufnehmen konnte, stürzte nach, +<!-- page 198 --> +einmüthig flehend, dem Staube ihres Monarchen +den Tempel der Unsterblichkeit zu bewilligen. +</p> + +<p>Euer Flehen ehrt den Verstorbenen, antwortete +der hohe Senat, allein es darf uns nicht +bestechen. Wo liegen die Beweise, daß euer +König das Grab des Ruhmes verdiene? +</p> + +<p>Nun drängten sich besondere Sendungen der +Räthe in den Staaten des Todten hervor. Sie +reichten Schriften ein, worin die Zunahme der +Volkzahl während seiner Regierung berechnet +stand, in welchen dargethan wurde, daß sich die +Klagen in den Tempeln des Rechtes, während eben +diesem Zeitraume, ungemein vermindert hatten; +ferner, daß auch nicht eine Ehe getrennt worden +sei. Die Papiere wurden laut verlesen. +Bedächtig horchten die Greise, rührende Blicke +auf die Urne wendend. Nach den Berathungen +einer Stunde sprachen sie einmüthig aus: Seine +Regierung war gut, da diese Erfolge Zeugniß +ablegen. Dem Staube werde des Ruhmes Grab, +wenn der Kaiser das Urtheil heiligt. +</p> + +<p>Die Todten wurden jetzt überhaupt nicht als +Leichname begraben. Man wollte den schauderhaften +Zustand der Verwesung nirgend wissen, +<!-- page 199 --> +auch unter den Rasenhügeln empörte er die Gefühle +einer zartsinnigeren Menschheit. Hatte der +Verstorbene, nach einigen Tagen, die untrüglichen +Kennzeichen des Todes, schafften ihn die +Verwandten in ein Leichenhaus, wo durch einen +chemischen Prozeß alle Flüssigkeiten verflüchtigt, +und die festen Theile in Erde aufgelöset wurden. +Diese kam in die mitgebrachte Urne, und die +Leidtragenden brachten sie nach dem Todtengarten, +den die Städte mit Baumpflanzungen und +Blumen zu schmücken, wetteiferten, um sie dort +einzusenken. Ein Denkmal aber durfte auch dann +nur die Stelle bezeichnen, wenn die Mitbürger +des Ortes, durch Stimmenmehrheit, den Verstorbenen +dieser Ehre würdig achteten. Den Wohnplatz +der Ruhe sollten nicht Lügen entheiligen. +Personen, welche dem Gesetz widerstrebend gelebt +hatten, kamen auf ein gesondertes entferntes Gräberfeld, +öde, ohne Strauch und Blumen, und +die Städte fanden einen Stolz darin, kein solches +Feld auf ihrem Gebiete zu wissen. +</p> + +<p>Das Bundesgericht meldete noch am Morgen, +durch den Telegraphen, seinen Ausspruch +nach Rom. Am Abend langte die Antwort an. +Der Kaiser ließ durch die akkustischen Röhre zurücksagen: +<!-- page 200 --> +Was eben berichtet sei, stimme ganz +mit den Kunden überein, welche ihm von der +Amtsführung jenes Königes auf anderen Wegen +zugekommen wären. Er ehre der Greise Weisheit, +bestätigte ihren Spruch, und gebiete, die +Urne nach Rom zu senden. +</p> + +<p>Am anderen Tag wurde sie nun mit Blumen +und Lorbeeren festlich gekrönt, dann unter +hohem Gepränge, bei den Trauermelodien aller +Glockenspiele und dem Chorgesang aller Jungfrauen +auf einem goldnen Wagen abgeführt. +Ein Ausschuß der Greise des Völkertribunals +begleitete ihn, wie Tausende der angelangten +Unterthanen, die sich das Recht nicht nehmen +lassen wollten, den Reliquien ihres geliebten +Monarchen bis zum Tempel der Unsterblichkeit +zu folgen. Guido blickte dem Gewimmel mit +froher Wehmuth nach, und gestand: wie die +Rührung, welche er heute empfände, jede bisher +gefühlte, überträfe. +</p> + +<p>Der andere Tag war jedoch noch merkwürdiger +für unsern Jüngling. Denn jenes Königs +Nachfolger, von dem Gerichte vorgeladen, stellte +sich. +</p> + +<p>Er hatte das dreißigste Jahr erreicht, da jener +<!-- page 201 --> +in einem hohen Alter verstorben war. Bescheiden +trat er in den Saal. +</p> + +<p>Der Greis, welcher im Namen des Kaisers +den Vorsitz führte, fragte ihn: +</p> + +<p>Wie wurdest du erzogen, Monarchensohn? +</p> + +<p>„Zuerst in einem Fündlinghause in Spanien.“ +</p> + +<p>Hast du, dort entlassen, Proben deiner stattlichen +Kraft, deines früh geübten Denkvermögens, +abgelegt? Hat dein Gemüth sich in reinem +Sinn bewährt? +</p> + +<p>„Hier sind die Zeugnisse, welche ich empfing, +jene Erziehungsanstalt meidend.“ +</p> + +<p>Sie wurden vorgelesen und stellten den Rath +zufrieden. Der Alte fragte weiter: +</p> + +<p>Wo befandest du dich nachher? +</p> + +<p>„Ich durchreisete Europa und Asien, zu Lande +und durch die Luft, umschiffte den Erdball.“ +</p> + +<p>Recht. Du hast deine Bemerkungen auf dieser +Wanderung einst uns eingesandt. Wir haben +daraus auf den unterrichteten Denker geschlossen. +— Wohin begabst du dich alsdann? +</p> + +<p>„Zum Heere, wo ich vier Jahre verlebte.“ +</p> + +<p>Wann erfuhrst du deine königliche Abkunft? +</p> + +<p>„Im fünf und zwanzigsten Jahre, da der +<!-- page 202 --> +alternde Vater eine Stütze neben sich sehen +wollte.“ +</p> + +<p>Wie ward dir bei der großen Nachricht? +</p> + +<p>„Ich fühlte die mir bis dahin unbekannten +kindlichen Entzückungen mit Innigkeit, doch erschrack +ich, daß einst das schwere Königsamt +mich erwarte.“ +</p> + +<p>Gut und auch nicht gut! Der kräftige Mann +soll vor nichts erschrecken, der König am wenigsten. +— Wie brachtest du deine Zeit neben dem +Vater hin? +</p> + +<p>„Ich wohnte den Sitzungen der Räthe bei, +besah unsere Staaten, bis auf das kleinste Dorf, +suchte mich über ihre Natur, ihre Gewerbe zu +unterrichten, den Mann von Verdienst kennen +zu lernen.“ +</p> + +<p>Wohl! Machtest du oft Vorschläge zu Verbesserungen +in deinem Lande? +</p> + +<p>„Dazu fühlte ich mich noch zu schwach, meinte +nichts höher umfassen zu können, als der weise +Vater.“ +</p> + +<p>Schlimm, Königsohn, schlimm! Der Jüngling +soll nicht stehen bleiben, sondern weiter +dringen. Deine Erziehung konnte die Erfindungsgabe +wecken. +</p> +<!-- page 203 --> + +<p>Der Befragte erröthete. Sanft munterte ihn +aber der Alte auf und fuhr fort: +</p> + +<p>Willst du den Thron deiner Väter besteigen? +</p> + +<p>„Wenn ihr, fromme Väter, mich dessen +würdig achtet.“ +</p> + +<p>Das kömmt nur auf dich selbst an. — Was +denkst du hauptsächlich beim Regieren zu thun? +</p> + +<p>„Ueberall das Gute zu fördern.“ +</p> + +<p>Ei, dort falsche Bescheidenheit, hier große +Anmaaßung. Räume nur zuvor überall das Böse +hinweg, so wird das Gute von selbst folgen. +</p> + +<p>„Ich hoffe — nicht zu irren — wenn ich +strenge den Vater zum Vorbild wähle —“ +</p> + +<p>So? Du hoffst demnach so gut wie der Vater +zu regieren. +</p> + +<p>„Ganz so freilich nicht.“ +</p> + +<p>O, ihn zu übertreffen muß dein Vorsatz sein, +wie gerechtes Lob er auch fand. Die neue entwickeltere +Zeit läßt dir ja ihr Licht flammen. +Durch deine Räthe empfängst du es, kannst seine +Strahlen, in deiner Vernunft gesammelt, wohlthätig +zurückgießen. — Bist du vermählt? +</p> + +<p>„Noch nicht.“ +</p> + +<p>Seltsam! Und aus welchem Grunde? +</p> +<!-- page 204 --> + +<p>„Ueber die rastlosen Arbeiten vergaß ich, mich +nach einem geliebten Weibe umzusehn.“ +</p> + +<p>So war deine Erziehung dennoch fehlerhaft. +Die, welche sie leiteten, gaben dir nicht Freiheit +genug. Du bist das Werk Anderer<a id="corr-16"></a> geworden, +und die eigenthümlich waltende Kraft keimte +zu wenig auf. Die Liebe hat ihren Götterfunken +nicht in dir entzündet, darum so karger Aufflug +deines Herzens. Wir können des edlen Vaters +wegen dir nicht nachsehn. Sein Ruhm hat mit +dem Wohl der folgenden Geschlechter in seinen +Staaten nichts gemein. Ich urtheile, daß dein +Land ein Jahrlang unter Regentschaft gesetzt +werden muß. Während dieser Zeit bemühe dich +um Selbstvertrauen, um die Kraft des Muthes, die +Königen ziemt. Vermähle dich liebend, dann kehre +wieder und höre unsern neuen Spruch. So mein +Urtheil, habt ihr es zu tadeln, Väter, so tretet +auf und wir wollen die Stimmen sammeln. +</p> + +<p>Alles schwieg. +</p> + +<p>Nach einer Pause fing der Vorsitzer wieder an: +</p> + +<p>Euer Schweigen nennt meinen Spruch gerecht, +der Telegraph soll ihn zur Stelle nach Rom bringen. +</p> + +<p>Tief bestürzt stand der abgewiesene Thronfolger +da vor der schauenden Menge. Wohl nicht +<!-- page 205 --> +hatte er dies erwartet. Um so erschütterter mußte +er sein, als der Gram über des Vaters Tod ihn +wirklich tief verwundet hatte. Dennoch galt +keine Einwendung gegen das Machturtheil, er +durfte die Ehrfurcht dagegen nicht verletzen, +und sich, wie ihm geboten worden, auf die neue +Prüfung vorbereiten. +</p> + +<p>Still ging er nach einer Verneigung mit seinem +Gefolge davon. Das im Saal versammelte +Volk, sonst gewohnt, die Aussprüche welche ihm +gerecht schienen, mit lautem Beifall zu begrüßen, +verhielt sich diesmal still, und schonte so +des Prinzen. Doch nicht, als ob es nicht vollkommen +mit dem Völkertribunal wäre zufrieden +gewesen, sondern, weil es in diesem zarten Betragen, +den Manen des Königs eine Huldigung +darbringen wollte. +</p> + +<p>In älteren Zeiten würde ein solches Bundesgericht +wohl schwerlich seine Bestimmung erfüllt +haben. Die Macht des Goldes hätte ohne +Zweifel seine Sprüche gelenkt. Allein man wählte +die tugendhaftesten Männer zu den Richterstellen. +Und das ein und zwanzigste Jahrhundert hatte +in der Kunst, die Tugend zu bilden, Fortschritte +gemacht, die das achtzehnte oder neunzehnte +<!-- page 206 --> +nicht ahnen konnte. Dann wechselte man sie oft +und unvermuthet. Ferner hatten sie den feinen +Takt des Volkes zu fürchten, das über die Gerechtigkeit +ihrer Verhandlungen scharf fühlte, und +ihre Ehrliebe hätte ein mißbilligend Geräusch, +seit länger als einem Jahrhunderte nicht erfolgt, +kaum getragen. Eben auch stand dem Kaiser das +Recht zu, den mit der Strafe ewiger Entehrung +zu belegen, der nicht furchtlose Tugend zu seiner +Richtschnur wählte. Endlich durften die Könige +insgesammt, wenn ihre Stimmenmehrheit das +Verfahren dieses Gerichtes tadelnswürdig fand, +Einspruch thun, und sich selbst in seinem Pallaste +versammeln, um statt desselben zu richten, +wo denn der Kaiser in Person vorsaß und das +Recht der Billigung oder Verwerfung übte. +Alle diese Maaßregeln erhielten die Ehre des +Senats unsträflich. +</p> + +<p>Guido redete viel mit seinem Lehrer über +die Antworten des Thronkandidaten. Er behauptete +sehr keck, sie besser gegeben haben zu würden, +und Gelino ermahnte ihn, im Gefühl seines +Feuers auch nicht weiter zu dringen als +Bescheidenheit es gestatte. +</p> + +<p>Aber, rief der Jüngling, war es denn nicht +<!-- page 207 --> +eben Bescheidenheit, was die Väter an dem Königsohn +straften? +</p> + +<p>Allerdings, doch seine Geburt, sein Beruf, +die Jahre welche er vor dir voraus hat, leiteten +des Tribunals Urtheil. Du aber, den kein +Purpur erwartet, sollst mehr streben als wähnen +erstrebt zu haben. +</p> + +<p>Ich strebe fort, guter Lehrer, entgegnete der +Jüngling, aber ich weiß auch, daß ich schon erstrebte. +</p> + +<p>Dann ward er nachdenkend, und rief, in einigen +Schmerz aufwallend: O es muß göttlich +sein, von einem Throne herab zu gebieten! +</p> + +<p>Beneide die Monarchen nicht, warnte Gelino, +schwer ist ihr Amt. +</p> + +<p>Leicht, leicht! schwärmte Guido. Darf ich +die Kräfte zusammenfassen, kann ich auch mächtig +damit walten. Spannt mir nur Sonnenrosse +an den Wagen, ich will sie schon durch den +Aether lenken! +</p> + +<p>„Und doch läßt jene Mithe den Verwegenen, +der es unternahm, seinen Untergang +finden.“ +</p> + +<p>Ein Furchtsamer hat sie erdacht. An Phaetons +<!-- page 208 --> +Stelle flehte ich zu Ini, und Götterkraft durchglühte +mich! +</p> + +<p>„Wahrlich, die Prüfung in jenem Tribunal +scheint dich hoch zu entflammen.“ +</p> + +<p>Diese Bemerkung des Lehrers war richtig. +Guido sann, von diesem Tage an, öfter einsam +nach, warf Gedanken über manche Völkerangelegenheiten +aufs Papier, schnelle Röthe überzog +seine Wange, wenn edle Monarchen und ihre +Thaten genannt wurden. Oft sprach er von dem +Tempel der Unsterblichkeit und erklärte, einen +heißen Drang zu fühlen, ihn zu sehn. Habe Geduld, +versetzte Gelino, wir werden nach Rom +kommen. +</p> + +<p>Die Wanderer besuchten nun hier verschiedene +Lehrstühle, denn, wie der Norden von Teutonien +für das gelehrteste Land galt, nannte dies wieder +die hohe Schule zu Berlin die gelehrteste. +</p> + +<p>Ein Lehrer trug die Geometrie vor, handelte +von den seit etwa drei Jahrhunderten erfundenen +neuen Lehrsätzen, und lächelte dabei über +die geringfügigen Konzepzionen eines Archimedes, +Galilei, Newton, la Place. Doch setzte er auch +billig hinzu: Diese Männer bleiben dennoch im +Verhältniß zu ihren Zeiten vortreffliche<a id="corr-17"></a> Köpfe, daß +<!-- page 209 --> +die unsrigen unendlich mehr aussprachen, ist eine +Erscheinung, welche durch den wissenschaftlichen +Fortgang und die immer mehr zusammengedrängten +Volkmassen nothwendig wurde. +</p> + +<p>Guido, selbst ein geübter Rechner, bewunderte +die arithmetischen Formeln, welche ihm +hier zu Gesicht kamen. Der Integral- und Differenzialkalkul +waren auch schon vollkommen ins gemeine +Leben übergegangen, und die endlich gefundene +Quadratur der Rundung, erleichterte die +Messung aller Größen noch weit mehr. +</p> + +<p>Ueber die Mechanik vernahm er unerhörte +neue Lehrbegriffe. Nur die Ausführung mancher +davon, konnte ihn noch zu mehr Bewunderung +hinreissen. Denn man beschloß während seiner +Anwesenheit, einen großen Pallast, welcher in der +Straße, wo er gegenwärtig stand, keine vortheilhafte +Ansicht darbot, nach einem freien Markte +zu schaffen. Sein Fundament ward gestützt, +unterhöhlt, gewaltige Hebemaschinen drängten +das Gebäude im Gleichgewicht empor, Rollen, +aus Marmorblöcken gehauen, empfingen dasselbe, +und in wenigen Tagen war es unversehrt nach +der neuen Stelle gebracht, wobei sich an den +<!-- page 210 --> +nöthigen Wendungen die schwierigste Kunst +offenbarte. +</p> + +<p>Auf der Sternwarte eines durch neue Entdeckungen +berühmten Astronomen, hörte er mehrere +Vorlesungen. Daß man jetzt über Tausend +Millionen Fixsterne zählte, wogegen vor etwa +drei Jahrhunderten deren nur fünf und siebenzig +Millionen angenommen wurden; daß die Zahl +der Ehedem bekannten Dreihundert und neunzig +Kometen verdreifacht ausgemittelt war, und über +die Gesetze ihres Umschwungs, die Natur der sie +umwallenden Dünste, kein Zweifel mehr bestand; +daß die Vortrefflichkeit der Sehröhre schon die +Planeten der nächsten Sonnensterne erblicken ließ, +wußte er lange; ganz unerwartet erfuhr er hier +aber, welchen bedeutenden Vorschub die Chemie +der Sternkunde leistete. Denn wenn sie zuvor +den Wärme- und Lichtstoff nimmer hatte wägen +können, so war ihr dies nunmehr ganz bequem +geworden. Es gab Waagen, die in Theilbarkeit +der Schwere Subtilitäten gestatteten, die mit +denen, welche das Mikroskop in der Sichtbarkeit +erzielt, verglichen werden konnten. Nun hatte +der genannte Sternkundige, Strahlen der Lichtmaterie, +welche uns von den, viele Billionen +<!-- page 211 --> +Meilen entlegenen, Fixsternen, nach langen Jahrenreihen +zuströmt, in luftleeren hohlen Körpern +aufgefangen, gewogen und scheidekünstlerisch zerlegt. +Er wies nun den Zuhörern seine merkwürdigen +Resultate vor. Es wurde durch sie erklärt, +weshalb das Licht vom Sirius weiß, das +vom Arktur röthlich sei, warum die Glanzfarben +an den Hauptsonnen, in den Sternbildern Orion, +Leier, Kassiopea, Löwe, Eridan u. s. w. so von +einander abwichen. Aus der Natur ihrer Lichtstoffe +schloß nun der gelehrte Mann auf die ihrer +Planeten, sogar auf die dort nothwendigen Modifikazionen +der anorgischen und organischen Körper, +wodurch er einer ganz neuen, erhabenen +Wissenschaft, ihr bewundernswürdiges Feld öffnete. +</p> + +<p>In einem Hörsal der Naturkunde fanden sich +unsere Reisenden auch mit lebhaftem Antheil ein. +Hier zählte man die Mineralien, Pflanzen, Säugethiere, +Vögel, Amphibien, Fische, Insekten +und Würmer auf, welche bis jetzt entdeckt waren. +Gegen die Vorzeit hatte sich die Zahl mehr als +verdoppelt. Dies galt aber nicht von den Thieren +des Meeres, von denen einige Tausend Gattungen +in den Registern der Phisiker genannt +<!-- page 212 --> +wurden, wo man sonst nur Achthundert beobachtet +hatte. Denn bei jeder Reise in den Grund +des Ozeans — wo sich die kühnen Erforscher der +wundersamen Tiefe, nach Maasgabe ihres Weiterdringens, +einen Ruf bereiteten, wie Ehedem +die Colon, Magellan, Hudson, van Diemen, +und Tiefgebürge oder Meerthäler nach ihren +Namen benannt sahen — wurde man Arten ansichtig, +die bis jetzt den Blicken verborgen geblieben +waren, und nicht in die höhere Wasserregion +zu dringen pflegten. Guido erfuhr viel +Seltsames davon, wandte aber der Anatomie +der Infusionsthiere noch größere Aufmerksamkeit +zu, und die meiste, den Lehren über das Pflanzenleben. +Hier spottete man jetzt der Vorzeit, +welche die Vegetabilien einst leblos nannte, ungeachtet +einsaugende und aushauchende Gefäße +sowohl, als die Erzeugung durch Begatten, sie +vom Gegentheil hätte überzeugen können. +</p> + +<p>Die Geogenie behauptete Hipothesen, in welche +die Bailli und Gatterer der Vorzeit sich schwerlich +würden gefunden haben. Sie wollte genau angeben, +wann einst der Erdball, nur aus Urgebürgen bestehend, +durch eine ätherische Revolution von +Wasserfluthen wäre umfangen worden, die die +<!-- page 213 --> +Ursache aller Lebenserscheinungen in sich tragend, +in dem Maaße abgenommen hätten, als diese aus +ihren Mitteln hervorgebracht wären. Eben so +berechnete sie die endliche vollkommene Kondensazion +der Flüssigkeiten, und wies dann dem erstorbenen +Felsball eine Trabantenstelle bei einem +weit über den Uranus hinaus entstehenden oder +dann mit Lebenselement umflossenen Planeten an. +Andere Meinungen aber, leiteten die Geburt der +Erde, von der Begattung zweier Kometen her, +da sie in den Aether geworfen worden, gewissermaaßen +in Eigestalt, wo der Urgranit als das +Gelbe, die Fluthen als das Weiße zu betrachten +wären. Die allmählige Umwandlung +der Verhältnisse des Flüssigen zum Festen, nannte +diese Meinung, den Wachsthum des Eies, und +sein Entfalten zum Kometen, wo einst das kindische +Einherwandeln am Gängelbande der Sonnenanziehkraft +aufhören, und der kecke Jüngling sich +der Leitung seiner feurigen Wärterin entziehen +werde, nicht mehr wärmende Pflege von ihr bedürfend. +— Freilich zeigte sich hier auch so +gut wie vormals die Beschränkung des menschlichen<a id="corr-18"></a> +Wissens, und Guido drängte den Lehrer +bald mit Fragen, auf die er keine Antwort hatte. +</p> +<!-- page 214 --> + +<p>Die Philosophie sah dies gegenwärtig wohl +ein und trug zur Belehrung nur ihre eigne Geschichte +vor. Die letzteren Sisteme, die jüngsten +Träume vom Uebersinnlichen, mußten nothwendig, +nach einem um so größern Maaßstabe angelegt +worden sein, als die Erkenntniß im Gebiet +des Sinnlichen sich mehr ausgebreitet hatte. +Man trug sie vor, beschied sich abzusprechen und +überließ jedem Denker — sich zum höchsten Wesen +anbetend zu wenden. +</p> + +<p>Guido, bereits früh mit jugendlicher Weisheit +ausgestattet, zeither, wie wir schon berichtet haben, +eifrig dem Studium der weisesten Schriften +dieser Zeit hingegeben, umfaßte nun, schnell +in sich aufnehmend, was er hier sah und hörte, +und vollendeter wurde der tiefe kräftige Denker. +Die Hochgefühle seines stammenden Thatentriebes, +wurden dadurch wechselnd gemildert und +angefacht. +</p> + +<p>Wahre geistige Religion, in Bewunderung +der Natur und Allmacht, lenkte sein Gemüth +zum höheren Aufflug als je, und die Liebe, in +ihrer immer reineren Mistik, schmiegte sich an +alles Empfundene und Gedachte. +</p> +<!-- page 215 --> + +<p>Allein der Ausdruck eines so schönen Geistes +prägte sich auch immer vollendeter in seiner Gestalt +aus. Er fühlte, sah es mit Frohlocken, +schrieb an Ini: Wenn sein Auge, vielmehr sein +Herz nicht lüge, müsse er nun sehr nahe an seinem +Götterziele stehn. — +</p> + +<p>Man besah noch das Innere von Berlin emsig. +Ein altes Zeughaus lag in ehrwürdigen +Ruinen da. Es war nicht wieder erbaut worden, +indem bei der jetzigen, glücklichen Verfassung +von Europa, in der Mitte des Staates keine +Waffenvorräthe nöthig waren. +</p> + +<p>Ein Standbild Friedrichs II. zog Guidos +Blicke auf sich. Sein Lehrer sagte: Diesem +König war freilich Neigung zum blutigen Ruhm +vorzuwerfen, und er führte Kriege, die allerdings +zu vermeiden gewesen wären. Doch entschuldigt +der rohe Charakter seiner Zeit viel +daran. Hingegen wußte er den Monarchenberuf, +der sich mit dem Ganzen zum Vortheil Aller +verinnigen, und das Staatsschiff im Strome der +Zeit dahin lenken soll, ohne seine Wogen vorauseilen +zu lassen, oder ihnen selbst voranzufliegen, +so richtig zu erfüllen, daß manche Züge +seines Regentenlebens, sogar jetzt noch, jungen +<!-- page 216 --> +Gekrönten Muster leihen dürfen. Deshalb prangt +auch nicht allein hier sein Denkmal, sondern +seine Reste wurden späterhin auch nach Rom gebracht. +Du siehst seine Urne dort im Tempel +der Unsterblichkeit. Hatte sein Volk sich zur +Größe aufzuschwingen verstanden, wie sein König, +so ging vielleicht Europas schönere Entwickelung, +von Friedrichs Monarchie aus. +</p> + +<p>An dem Marmorbilde einer Königin des Alterthums, +weilte der Jüngling bewundernd. Gelino +unterrichtete ihn: Diese Huldin auf dem +Throne, Luise genannt, sei die schönste Frau ihrer +Zeit gewesen. Auch wäre die Vorliebe für ihre +Gestalt hier so lebendig auf die Nachkommen übergegangen, +daß man sie in den Marientempeln, +durch Künstler von Athen, noch immer nachahmen +ließe. +</p> + +<p>Es befand sich auch ein Pantheon in dieser +Stadt, wo die Bildnisse verdienter Männer in +diesen Gegenden, aus neuer und älterer Zeit +aufgehangen wurden. Man sahe hier Albrecht, +Waldemar, Luther, Copernikus, Guerike, +Friedrich Wilhelm, Leibnitz, Kant, einen +gewissen Rochow, einen gewissen B*** — — +doch der Verfasser dieses Werkleins mag es nicht +<!-- page 217 --> +unternehmen, die noch anzugeben, welche sein +prophetischer Traum sah, mancher Aspirant der +Unsterblichkeit würde zürnen, sich zu vermissen. +</p> + +<p>Wir wollen nun mit unserer Reise mehr eilen, +sprach Gelino. Hinlänglich sahst du das +arbeitsame Treiben kleiner Städte und auf dem +Lande in dieser Erdgegend. Laß uns die schnelle +Luftpost dingen. +</p> + +<p>Noch vor Aurora klang das Horn, die Reisenden +warfen sich in die Gondel. Morgenschlummer +sank noch über sie. Als sie davon aufdämmerten, +ließ sich das Fahrzeug schon auf +die Böhmische Bergkuppe nieder, wo sich die +erste Station nach Wien befand. Neue Adler +flogen muthiger über die lachenden Ebenen hin, +man sah die rauchenden Sudeten, gleich Altären, +von denen dem Ewigen der Andacht Opfer +emporwallte; die Elbe, die Moldau gleich geschlängelten +Silberfäden; Glockenklänge, Erntelieder, +ineinander gewebt, tönten zu ihnen herauf. +Gegen Mittag schwebte das sonnenbeglänzte +Prag vorüber, zwei Stunden danach nahmen sie +auf einem Hügel in Mähren, wo die zweite +Luftpost erbauet war, ein erfrischendes Mahl. +Dann ward wieder angespannt und das Sehrohr +<!-- page 218 --> +entdeckte schon die ehrwürdige gothische Piramide, +Ehedem sammt ihrer Kirche dem heiligen Stephan +geweiht, nun ein Christustempel, noch +dauerhaft genug, ferne Jahrhunderte zu sehen. +Am Abend zog man über die Wipfel des Prater +hin, vielen Lustwandelnden in der Höhe begegnend, +und der Fuhrmann senkte seine Passagiere +auf die Platteforme des Gasthauses, zum +Ochsen genannt, nieder, das seinen alten Namen +in dem Betracht nicht geändert hatte, daß +ein Ochs zu allen Zeiten ein venerables Thier +bleiben wird. +</p> + +<p>Sie speisten noch weit leckerer zu Nacht als +in Berlin, die Enkel waren hierin den Vätern +treu geblieben, auch das Bad enthielt mehr aromatische +Beimengungen, stärkte die Lebensgeister +und munterte höher zu Genüssen auf. +</p> + +<p>Am andern Tag besahen sie die Stadt und +das von Schiffen wimmelnde Bassin der Donau, +welches hervorzubringen, die alte Brigittenau +zerstört worden. +</p> + +<p>Gelino erzählte seinem jungen Freunde: wie +kunstreich-mühevoll denkende Regierungen bewirkt +hätten, daß Seeschiffe die Donau stromauf hätten +befahren können, was in alten Zeiten, bei +<!-- page 219 --> +allem erfinderischen Fleiß, nicht einmal mit kleinen +Kähnen sei thunlich gewesen. Eine Uebereinkunft +mit Griechenland, große Summen und +das Ausharren bei vieljähriger Arbeit, hätten dennoch +allen Widerstand besiegt. Da der zu starke +Fall des Stromes alle Hindernisse legte, waren +zu seinen Seiten hohe Dämme aufgeführt, das +Flußbette vertieft und geändert, und demnächst +von dreißig Meilen zu dreißig Meilen bis zum +schwarzen Meere Wasserfälle angelegt worden, die +dem von Niagara flüchtig glichen. So hatte +die Hidraulik die Fluthen zu einem ruhigen Lauf +gezwungen. Kam nun ein Schiff dem Strom +entgegen — entweder vom Winde oder von Maschinenruderwerken +geleitet — bis an einen Wasserfall, +hob es eine Schleuse empor; im anderen +Falle trug sie es nieder. +</p> + +<p>Noch eine andere gigantische Arbeit hatte der +Unternehmungsgeist hier vollbracht. Lange schon +waren die Einwohner der Meinung gewesen, jener +Zweig der Steiermärkischen Gebirge, unter +den alten Namen, Kalenberg und Leopoldsberg, +bis ans Donauufer dringend, erkälte die Gegend +und mache die Witterung unbeständig. Ohne +ihn, war man überzeugt, müsse das Klima so +<!-- page 220 --> +freundlich sein, als unter gleicher Breite in Ungarn. +Nicht nur auf sich, sondern auch auf die +Enkel blickend, hatten also die Großväter — +diesen Namen zwiefach tragend — eine Summe +zusammengebracht, um funfzig oder achtzig Jahre +hindurch, einige Tausend Arbeiter und Lastthiere +damit verpflegen zu können. Weit hinauf gegen +Steiermark zu, wurden nun die Berge gesprengt, +und zwar nicht mit Pulver, um die Stadt nicht +zu erschüttern, sondern durch künstlich darin erzeugtes +Eis, was auch früherhin begreiflich gewesen +wäre, da man schon im achtzehnten Jahrhunderte, +die Kraft, welche eine Bombe, mit +Wasser gefüllt, das in Frost übergegangen ist, +sprengt, auf 3351 Pfund berechnete. Die zerstückelten +Felsen, schafften nun Prahmenwagen +von ungewöhnlicher Größe, auf einer eigen dazu +gefertigten Kunststraße aus Eisenerz, nach Mähren. +Da sie aber keine Brücke hätte tragen +können, mußte man sich entschließen, einen hohlen +Gang unter der Donau hin zu wölben, gegen +welchen die gepriesenen unterirdischen Kanäle +im alten Rom, nur ein Spielwerk zu nennen +waren. In Mähren ward das Gebirge wieder +<!-- page 221 --> +aufgeführt. Nun wehten die südlichen Lüfte freier, +die aus Norden wurden beträchtlich gehemmt. +</p> + +<p>Durch alle solche Maaßregeln hatte die Bevölkerung +der Stadt bis auf eine Million zugenommen. +Die alten Festungwerke vertilgte man +längst, wo sonst die Vorstädtische Linie ging, begränzte +sich nunmehro die Stadt, die neuen Vorstädte +flossen nicht nur mit Schönbrunn, Dornbach, +Nußdorf, sondern sogar mit Enzersdorf +und Neuburg zusammen. Vergnügungen und +Wohlleben wurden überall sichtbar. Guido besuchte +an einem Abend den maskirten Ball. Sein +Lehrer folgte ihm nicht, hatte Daheim zu schreiben. +Die alte Sitte, sich scherzend zu verlarven, +bestand noch, doch feinsinniger und deutungreicher. +Der Jüngling erblickte viele Schönheiten, +anziehend durch liebliche Formen, bei allem +dichten Gewande. Doch ruhte sein Auge +mehr neugierig als betroffen darauf. Eine aber +darunter, wie Hebe gekleidet, das Gesicht bis +an den Mund verschleiert, regte seine Aufmerksamkeit +lebendiger an. Höchst edler Gang, bezaubernde +Harmonie in allen Bewegungen, der +untere Theil des Gesichts, wo sich das Kinn in +zarten Wellenlinien, der ausdruckvolle, lächelnde +<!-- page 222 --> +Mund in zwei rosenhaft prangenden, sanft gespannten +Lippen, darstellten, begannen seinen Puls +zu erhöhen. Alles mahnte ihn an Ini, nur eine +etwas längere Gestalt sah er hier. Er konnte +nicht umhin, der freundlichen Erscheinung im +Gedränge zu folgen, den trunkenen Blick ihr +nachzusenden, endlich bebend die Maske zum +Tanz einzuladen. Sein Verlangen ward erfüllt, +selig flog er mit der Schönheit durch die Reihen. +Ihre Berührung traf ihn wie elektrische +Funken. Gefühle wie aus anderen Welten +durchströmten ihn. Die Musik, nur Melodien +der Liebe und Wollust athmend, nahm das noch +Uebrige seiner Besonnenheit hin. +</p> + +<p>Wien, schon im Alterthum seiner Tonkünstler +wegen gerühmt, hatte auch zeither hierin den +Vorrang behauptet. Die Revoluzion der Musik, +Ehedem kaum geahnt, war von Wien ausgegangen. +Wo sonst die Töne wild und dunkel +schwärmten, fand jetzt alles klare Bedeutung. +Die Musik hatte, was ihr immer fehlte, ihre +Grammatik empfangen, auf diese gründete sich +die Uebereinkunft wegen ihrer Sprache. So +konnten die bestimmten Zusammenklänge, Figuren, +Zeitmaaße, Worte vertreten; Poesien, Reden +<!-- page 223 --> +u. s. w. ausgeführt werden, die der leicht +Unterrichtete vollkommen verstand. Einem Götteridiom +glich die herrliche Erfindung. Welchen Eindruck +mußte sie hervorbringen! +</p> + +<p>Bei der Tanzmusik entstanden oft Klagen der +Polizei, wenn sie zu üppige verführerische Klangworte +sprach. Wie jener Grieche einst die Saiten +der Lira verminderte, wie Gregor VII. bei +dem Tempelchor auf größere Einfalt drang, ließ +sich jetzt eine Censur die Tanzstücke vorzeigen, +und strich manche Notenphrase. Bei den maskirten +Bällen sah sie indessen hie und da nach, +vielleicht zu sehr, und so ging dem zu weit hingerissenen +Jüngling, die alte Strenge gegen leidenschaftliche +Aufwallung, beinahe zu Grunde. +</p> + +<p>Guido knüpfte, mit seiner Tänzerin im Nebenzimmer +ruhend, warme Unterredungen an. Sie +war im Anfang einsilbig, antwortete jedoch immer +mit Witz und Gehalt. Auch tiefe, himmelvolle +Empfindung verkündete sich in ihren Worten. +Guido sagte ihr, seiner nicht länger mächtig: +Ich liebe ein Mädchen daheim, ach mehr +wie das Göttliche in der Natur, nimmer wankte +mein Herz — als vor deinem Anblick! +</p> + +<p>Die Verschleierte gab zu Antwort: Der +<!-- page 224 --> +Uebergang von Liebe zu Liebe lohnt mit hoher +Wonne. Der strafende Vorwurf, was kann er, +als den neuen seligen Taumel würzen! +</p> + +<p>Guido rief: O wie unterwirft mich der Zauberklang +deiner Stimme! Dein Auge strahlt +helle Glorien durch den Schleier. O warum +darf ich es, warum die Blüthe der Wangen +nicht sehn? +</p> + +<p>Hier nicht, entgegnete die Schönheit, doch +folge nach meiner Wohnung. +</p> + +<p>Sie stand auf, eine ganz verhüllte, ältliche, +weibliche Maske, trat hinzu, begleitete Jene. +</p> + +<p>Guido zauderte lange. Ein drängender Zug, +den Himmel weissagend, gebot ihm ihr nachzueilen, +eine innere tadelnde Stimme hielt ihn zurück. +Doch eine weiche Hand, die die seinige +ergriff, und mit ätherischer Wärme durchglühte, +ließ keine Wahl mehr. +</p> + +<p>Unten harrte ein niedlicher Wagen. Die +Masken stiegen in denselben. Guido nahm rückwärts +seinen Platz, man rollte dahin. Das Herz +von süßen Erwartungen bebend, die Gewissensregungen +niederkämpfend, saß der Liebeglühende da, +zur Rede kaum ermannt. +</p> + +<p>Man hielt an einem Gartenthor, das sich auf +<!-- page 225 --> +ein Zeichen öffnete. Holde Blumendüfte athmeten +den Eintretenden entgegen. Der röthlich +aufgehende Mond schien durch die blühenden +Orangenbäume, die holde Maske führte Guido +nach einem Lusthause, wo eine kleine Lampe vor +einem hohlgeschliffenen großen Amathist brannte. +Diese magische Helle verklärte alle Gegenstände +umher. Köstliche Teppiche waren im Zimmer +ausgebreitet, das Ruhebett im Hintergrunde +umfloß eine künstliche Wolke, aus dem Rauche +süß betäubender arabischen Spezereien. Die Maske +führte Guido hinein, alle Fibern und Nerven +erklangen in ihm. Er stammelte: Nun, nun, +laß mich dein Antlitz schauen! — „Nicht ehe, +bis du mir, ein Abtrünniger deiner vorigen Erwählten, +ewige Liebe schwörst.“ +</p> + +<p>Guido erschrack heftig, seine Sinnenverwirrung +nahm jedoch zu. +</p> + +<p>Dann, fuhr sie fort, bist du mein Gott diese +Nacht, deine Io umarmt dich in dem Zaubergewölk. +</p> + +<p>Guido schlug auf die Brust. Die Lippe wollte +sich öffnen, doch seine Hand hatte Inis Bild +am Herzen verborgen, getroffen. Dies rief ihm +Ermannung durch die Seele. Er riß das Gemälde +<!-- page 226 --> +hervor, warf einen Blick darauf, hohe +Gewalt der Unschuld kehrte ihm zurück. Nein, +Verführerin, rief er, Treue ist schöner als Wollust! +Heil mir, dem der Muth zu fliehen erwacht! +</p> + +<p>Er eilte aus der Grotte, stark, kräftig in +wiedergekehrter Tugend. Es schien ihm, als ob +himmelsüße Stimmen ihn zurück riefen, er +widerstand. +</p> + +<p>Am Gartenthor angekommen, fand er es +verschlossen, was ihn peinigend ängstete. Er +wollte hinaus in die Freiheit, desto ehe Meister +zu sein der gefährlichen Leidenschaft, in Gelinos +Armen Schutz dagegen suchen, wenn die eigne +Kraft nicht mehr zulange. Seine Furcht war +heftig, doch gerecht. Er wußte auch, der wahre +Muth könne sich der Verführung nur entwinden, und +sein feiges Beben durchflammte Heldengefühl. +</p> + +<p>Umsonst bemüht das Thor zu öffnen, weilte +er mit Einemmale starr und unbeweglich. Eine +Melodie ergriff ihn so wunderbar. In holden +Zaubertönen redend, edler, siegender, wie alle +die er in Wien gehört hatte, doch schon einst +von ihm gehört, löste sie göttlich seine innere +Welt. Erinnernd, die seligsten Bilder der Vorzeit +<!-- page 227 --> +im Gefolge, traf ihn die Melodie. Die +Saiten einer Zephirharmonika strömten sie nieder, +dort in Sizilien hatte sie ihn einst zu einem +verklärteren Dasein emporgetragen. Was hieß +das? Was sollte Guido denken? +</p> + +<p>Er konnte nicht mehr fliehn, wandte sich um, +nach der Seite des Klanges horchend. Süß lispelten +die Zweige der blüthenduftenden Linde, +im stärker wehenden, warmen Abendwind. Höher +schwebte der klare Mond, heller gossen sich +seine Strahlen auf die Wipfel nieder, Guido +sah etwas über diesen Wipfeln, sanftleuchtend und +rosig schimmern, und wandelte bebend den Pfad +dorthin. Die schwarze Maske trat ihm entgegen, +nahm ihn bei der Hand, führte ihn durch eine +dunkle Krümmung, wo er aus den Blick verlor, +was er eben gesehen hatte, doch immer +noch, die Melodie vernahm. Kein Wort konnte +die Lippe stammeln. Bald endete das Dickigt +vor einem freien mondbeglänzten Hügel, und +völlig sichtbar in der ereilten Nähe, winkte das +hohe Instrument, dem ähnlich, das Guido auf +dem heimathlichen Eiland entzückte. Die Hebe +rührte nun ihre Saiten nicht mehr, stieg herab, +ach! wie einst Ini im Abendschein. Guido sank +<!-- page 228 --> +aufs Knie, Ahnung, Verwirrung, Furcht und +selige Wonne zugleich im Busen. Des Mädchens +weißer Arm zog den Schleier vom Antlitz — o +Himmel! — Geliebte! Mehr vermochte der Jüngling +nicht zu sagen. +</p> + +<p>Ini trat näher, erhob ihn lächelnd. Prüfen +wollt’ ich deine Liebe, sprach sie, Athania war +Zeugin von Allem. — Die schwarze Maske enthüllte +auch ihr Gesicht. +</p> + +<p>O ich bin ein Unwürdiger, verdiene den Tod! +rief Guido mit zerrissenem Gemüth. +</p> + +<p>Richte, Athania! sprach Ini wieder. +</p> + +<p>Die Erzieherin fing an: Männlich hast du +der scheinbaren Verführung widerstanden. Deine +Flucht war Treue und Tugend. Nicht darf dich +die Liebe anklagen. +</p> + +<p>O Ini, brach Guido aus, der Schrecken in +nie geahnten himmelvollen Entzückungen verwirrt +mir die Seele. Laß mich Besonnenheit sammeln, +damit ich mein Herz fragen könne, ob Schuld +seine Reinheit trübt? Dann — o dann will ich +entfliehn, mich ewig zu verbergen! +</p> + +<p>Frage, entgegnete hold das Mädchen. +</p> + +<p>Guido schwieg lange, mit tief gesenktem Blick; +dann hob er das Auge langsam empor, doch +freier, klarer. +</p> +<!-- page 229 --> + +<p>Freudig erröthend rief Ini: So blickt nur +die Unschuld auf. Du bist rein! +</p> + +<p>Ach, entgegnete Guido, wenn deine Gestalt +mich einen Augenblick mir selbst raubte, so konnte +es auch nur diese, diese Gestalt. Ich habe mich +nicht anzuklagen, sie gebietet meinem Leben. +</p> + +<p>Er blieb deiner werth, fiel Athania ein, glückliche +Freundin! +</p> + +<p>Wenn meine alten Bedingungen erfüllt sind, +ist er meiner werth; und ich seiner, wenn ich +selbst vollbrachte, was ich mir einst aufgelegt +habe, war Inis Antwort. +</p> + +<p>Sie nahm Guido bei der Hand, ihn in ein +erleuchtet Gemach zu bringen. Er folgte, immer +noch mit einigem Zittern. Ich bin nach Afrika +beschieden, sagte sie auf dem Wege, ohne zu +wissen, wie lange ich ausbleibe. Du kamst nach +Wien, der Abstand von Sizilien ist so weit nicht, +ich beschloß, dich hier zu sehn, zu prüfen, miethete +den Garten. Doch nur eine Stunde kann +ich noch weilen, dann steige ich in meinem Wagen +auf und fliege zur Heimath. +</p> + +<p>Sie hatten das Gemach erreicht, hohe freudige +Bestürzung über des Mädchens vollkommenere +Schönheit in Guidos strahlendem Blick, aber +<!-- page 230 --> +auch das nämliche süße Staunen in Inis glühendem +Auge. O, rief sie, viel, viel hat mein +Guido während seiner Entfernung gethan, die +innere Schönheit auszubilden, der letzte Sieg +göttlicher Tugend machte dich verwandter noch +mit meinem Ideal, der unverkennbare Zug des +edlen Triumphgefühls ist dir auf ewig eingeprägt. +</p> + +<p>„O Ini — ich weiß mich nicht anzuklagen, +und dennoch — ich hätte nicht folgen sollen —“ +</p> + +<p>Ohne Gefahr kein Kampf, ohne Kampf kein +Sieg. +</p> + +<p>Guido ließ nun seinem Entzücken über Inis +neue hinreißende Anmuth freien Lauf. +</p> + +<p>Sie sprach: Das Weib kann daheim nur im +Stillen sinnen, wo der Mann in die Ferne +schweift, handelt, wirkt. Doch über sein Handeln +und Wirken sinnt eben einsame Liebe ungestört, +und frägt das ruhige Gefühl nach dem +Rechten, Guten, Wahren. Ich, die Malerin, +ersann daheim deine Aufgabe. Mein Gefühl +weissagte ihre Lösung. Der Geist deiner Liebe +mußte ferner walten, und redlich hat er gewaltet. +Doch ist das Ziel noch nicht erreicht. Vielleicht +lange noch nicht. Sei nicht traurig. Die +<!-- page 231 --> +Zeit vor dir, die Kraft in dir, werden mächtig +fortgestalten. Nur vergiß nicht, daß du Gemüth +und Geist in immer vollkommeneren Einklang +bringen mußt, den Preis der höchsten Schönheit +davon zu tragen. Noch gab’ dein Gemüth oft +zu vielen Ausschlag. Dieser Durst nach Heldenruhm, +um den ich dich einst anklagte, wenn er +gleich dem Manne ziemt, muß sich der Betrachtung +über die schönere Eintracht der Menschheit +unterwerfen. Das Wissen, die hellere Uebersicht, +müssen diese Betrachtung rufen. Doch wenn Pflicht +es gebeut, mußt du entsagen können, auch wirklich +entsagen. Dies Wort verstehe wohl, dann +wird erst das Göttliche in Herrlichkeit den inneren +Menschen durchstrahlen, und von vollendeter +Bildung die verklärte Gestalt zeugen. Roher +Sinnenwahn, niedere Leidenschaft gebieten nicht +mehr in dir, durch den letzten Kampf hast du +dich ihnen ganz entwunden, des Denkers gereiftere +Kraft wohnt auf der weit vorgedrungenen +Stirn, was den Linien im Antlitz sonst hie und +da ein Mißverhältniß erzog, ist viel ausgeglichen. +Viel — nicht vollkommen. Noch Uebung im +edlen Denken, im richtigen Empfinden, noch +<!-- page 232 --> +ein großer Triumph über selbstsüchtig Begehren, +und ich hoffe, du stehst am Ziel. +</p> + +<p>Es folgte eine himmelvolle Stunde trunkner +Unterhaltung. Sie floh wie ein Augenblick. +Dann mahnte Athania. Kein Flehen hielt Ini +zurück. Sie erhob sich im mondbeleuchteten ätherischen +Wagen, flog unter den Sternen hin, einem +Seraph ähnlich, in der Glorie aus Lunens +Strahl gewunden, und schwand dann in blauer +dunkler Ferne dem entwichenen Meteor gleich. +</p> + +<p>Guido empfand die Nacht und den folgenden +Tag hindurch, nur den Nachklang der seligen Erscheinung, +alles um sich vergessend; dann ermannte +er sich, und drang wieder, um den schönen +Preis kämpfend, ins Leben. — +</p> + +<p>Die Reise ging nun nach Frankreich. Es +würde zu viele Zeit geraubt haben, noch länger +in Deutschland zu weilen, ob gleich noch viel +Sehenswerthes übrig blieb, das sie in München, +Stuttgardt, Frankfurt u. s. w. hätten betrachten +können, als besonders kluge Einrichtungen, Monumente +alter trefflicher Fürsten, Volkfreuden. +Doch sie mußten es, nach dem einmal gewählten +Plan, bei den größten Städten bewenden +lassen. +</p> +<!-- page 233 --> + +<p>Unfreundliche Herbstwitterung störte die Reise +in etwas. Wenn sich der Luftwagen vom Posthause +aufschwang oder bei dem folgenden niedersenkte, +hatten die Adler Mühe, gegen die Stürme +anzukämpfen. Außerdem hielt man sich jedoch in +der höheren Region, wo kein Wind mehr sauste, +und die angespannten Thiere konnten bequem ihren +Pfad verfolgen. Gegen die Kälte schirmten +artige Oefen von dünnem Blech, mit Papier geheitzt, +und Pelzhüllen von Schwanenfell. +</p> + +<p>Am Rhein und in den Gegenden des ehemaligen +Lothringens, freute sie der laute Winzerjubel +der unter ihnen tönte, eben so die überall +noch dichter als in Germanien angebaute Landschaft. +Ohne Unfälle erlebt zu haben, erblickten +sie bald das weitläuftige Paris, dessen Vorstädte +jetzt mit Meaux, St. Denis, Versailles u. s. w. +zusammenhingen. +</p> + +<p>Guido wunderte sich über eine dünne spitze +Säule von niegesehener Höhe, die eine seltsame +Gestalt hatte und fragte seinen Lehrer, was er davon +zu denken hätte? Dieser erklärte ihm, wie +die Pariser schon lange damit unzufrieden gewesen +wären, bei regnigtem Wetter ihre enggebaute +Stadt so unreinlich zu sehn. Die Erfindung hätte +<!-- page 234 --> +sich in mancherlei Mitteln gegen diesen Uebelstand +erschöpft. Es sei im Werke gewesen, die +nahenden Regenwolken jedesmal durch Kanonen +von Luftbatterien zu zerstreuen und so die Atmosphäre +der Stadt zu reinigen. Allein die Eigenthümer +der Gärten in den Umgebungen, hätten +sich über diese Maaßregeln mit Recht beklagt, +weshalb man sie einstellen müssen. Endlich +aber sei ein Projektant aufgetreten, mit dem +riesenhaften Entwurf eines Regenschirms für die +eigentliche Stadt. +</p> + +<p>Die dünne Spitzsäule, fuhr er fort, ist es. +Eine Gesellschaft Aktieninhaber besorgte die Errichtung; +eine kleine Abgabe aller Einwohner, +für die trockne Reinlichkeit willig gezollt, trägt +den Zins und die fortlaufenden Kosten. Die +Säule steht genau in der Mitte von Paris. +Zweitausend Schuh hoch, besteht sie aus starkem +Granit, auf einer hinlänglich festen Grundlage. +Dann folgen bis zur Spitze wohlzusammengefügte +Eichenstämme, um welche Eisenringe laufen. +Eine Wendeltreppe von Außen führt vom +Fuß bis zur Höhe. +</p> + +<p>Der ungeheure Schirm besteht aus einem von +Hanffäden gewebten Tuch, mit wasserdichtem +<!-- page 235 --> +Firniß überzogen. Wallfischrippen, durch Klammern +verbunden, spannen ihn bis zur Mitte, +von da wird der gardinenartig aufgehobene +Theil, mittelst gewaltiger Taue, die nach allen +Seiten in Abständen von Hundert Klaftern, zur +Erde gehn, niedergezogen und wieder empor gebracht. +Die Erhebung der Wallfischrippen vollzieht +ein ungemein kunstreicher Mechanismus. +</p> + +<p>Indem er noch sprach, umdunkelte sich der +schon trübe Himmel noch mehr, die Gewölke +nahmen gegen die Stadt ihren Lauf. Eine +Fahne wehte plötzlich vom Gipfel der Piramide, +das Zeichen für sämmtliche Arbeiter an ihr Werk +zu gehn. Nun währte es kaum zwei Minuten +und das weite Gezelt breitete sich über die Tempel +und Häusermassen hin. Der Postillon trieb +die Adler mächtig an, um auch bald den Schutz +zu genießen, und in kurzem befand man sich +unter der wohlthätigen Decke, auf welche der +Platzregen mit dumpfhohlem Getöse niederschlug. +Guido bewunderte am meisten die Röhren des +Umkreises, die das abströmende Wasser auffingen, +und in die verschiedenen, zu diesem Zweck gegrabenen, +Teichbassins leiteten, die wieder einen +Abfluß in der Seine fanden. Er betheuerte: unter +<!-- page 236 --> +allem Merkwürdigen, was er noch auf der +Wanderung gesehen, stände dieser Paraplu oben +an. Es ist auch ein Erdenwunder von Kunst, +sagte Gelino. +</p> + +<p>Sie stiegen im Posthause ab, übergaben +Trägern ihr Gepäck, und eilten zu einem Wechsler, +wo der Lehrer Summen, für ihren Aufenthalt +nöthig, in Empfang nehmen wollte. Unterwegs +stellte sich ihnen ein sonderbarer Anblick +dar. +</p> + +<p>Ein Mensch bettelte. Dies war so unerhört, +daß das aufgeregte Mitleid keine Gränzen kannte. +Aus allen Häusern eilte man hervor, den +Unglücklichen mit Wohlthaten zu überhäufen, +der sich auch bald in Besitz so vielen Geldes +sah, daß er flehend bitten mußte, nur einzuhalten. +</p> + +<p>Guido reichte ebenfalls hin, was er bei sich +trug, und fragte den Lehrer: wie so eine, die +Menschheit entwürdigende, Erscheinung möglich +sei? Dieser erkundigte sich näher, und erfuhr: +der Mann wäre aus dem südlichen Amerika, und +durch einen Schiffbruch um seine Habe gekommen. +</p> + +<p>Guido schauderte bei der Nachricht von einem +<!-- page 237 --> +Schiffbruch. Sie waren jetzt überaus selten, +nur ein bedeutender Fehler des Piloten +konnte es dazu kommen lassen. Denn bei den +genauen Karten vom Meergrunde, der schon +seit mehr als einem Jahrhundert entdeckten +Berechnung der Länge, den herrlichen Mitteln +bei Nacht einen weiten Umkreis zu erleuchten, +konnte man beliebig jeder Gefahr entfliehn, +auch der dauerhaften Bauart der Schiffe und +der Möglichkeit, fast überall vor Anker zu gehn, +nicht einmal zu gedenken. Hier hatte inzwischen +ein Schiffer strafbare Nachlässigkeit verschuldet. +</p> + +<p>Das Betteln aber mußte darum männiglich +so befremden, weil auch seit länger als einem +Jahrhunderte es in Europa unerhört war. Denn +Staatsordnung, Sitte, moralisches Gefühl hielten +Jeden zur Thätigkeit an, und da Landbau +und Handwerke, durch tiefere Naturkunde und +viel erweitete Technik, so leicht, so überflüssig +die Lebensnothwendigkeiten hervorbrachten, so +war es auch der Betriebsamkeit des Einzelnen, sie +mochte bestehn worin sie wollte, nur ein Spiel, +seinen Antheil zu erwerben. Die erhöhte Bevölkerung, +statt diese Leichtigkeit zu stören; mußte +sie vielmehr, ihrer ganzen Natur nach, fördern, +<!-- page 238 --> +woran man, nur bei irriger Kenntniß der möglichen +Fruchtbarkeit des Erdbodens, zweifeln kann. +Allein weise Anordnungen dachten auch auf +Krankheitfälle Unbemittelter, auf Verstümmelte, +auf hohes entkräftetes Alter. Um nun in solchen +Fällen ein Recht auf Unterstützung zu begründen, +hatte jedes Kind, ohne Ausnahme, +bei seiner Geburt, eine kleine Summe zu erlegen, +oder vielmehr die Aeltern statt seiner. +Zudem jede einzelne Person, einen geringen +monathlichen Beitrag. Die Summen wurden +klüglich bewirtschaftet, wuchsen dann sehr natürlich +hoch an, und konnten viel bestreiten. Um +aber die monathliche Erhebung der Beiträge +minder weitläuftig zu machen, hatte man sie in +eine, durch ganz Europa gleichmäßig aufgelegte, +sehr geringe Akzise, verwandelt. Nun mochte +sich Jemand aber in Europa auch befinden, wo +er wollte, seinen Aufenthalt ändern, so oft es +ihm gefiel, immer zahlte er unmerklich und behielt +sein Recht. Die Summe des allgemeinen +Armenschatzes, den auch der ganze Erdtheil — +bei der vervollkommneten Arithmetik, wovon schon +die Rede war, höchst bequem übersah — mußte +auch darum so größer werden, als Reiche oder +<!-- page 239 --> +Wohlhabende, bei der Geburt eines Kindes nicht +den gewohnten Satz, sondern mehr beisteuerten. +</p> + +<p>Gerieth nun Jemand in Noth, meldete er +sich bei der nächsten Sadtverwaltung. Diese untersuchte +seinen Zustand genau. Einem gesunden +Menschen ward nicht das Mindeste schenkend gereicht, +sondern er empfing die Gelegenheit, durch +diejenige Arbeit, welche er verrichten konnte, den +Unterhalt zu erschwingen. Krank dagegen nahm +ihn ein Spital auf. Das Alter von sechzig Jahren +durfte auf eine angemessene Beihülfe zu der +ihm noch möglichen Arbeit zählen, über siebzig +Jahr verpflegte man dagegen Greise und Greisinnen +ganz, was auch bei Krüppeln und dergleichen +geschah. Bei dem allen hielt ein zartes +Ehrgefühl die Geschlechter ab, eines ihrer Glieder +in die Nothwendigkeit zu versetzen, die öffentliche +Wohlthätigkeit in Anspruch zu nehmen; +wenn es irgend möglich schien, verheimlichten sie +den Mangel in den einer der ihrigen gesunken +war, machten es auch zum Gegenstand ihrer Religion, +Kranke und Alte selbst zu pflegen. +</p> + +<p>Ueberlegt man hiebei, daß die meisten +Ursachen, welche Armuth hervorbringen, ja +lange schon aus dem Wege geräumt waren, als +<!-- page 240 --> +Kriegräubereien, unmäßige Auflagen, falsche +Geldoperazionen der Regierungen, Handelsverbindungen, +in welchen ein Volk mit betrügerischer +Schlauheit, das andere mit Unkunde seiner +eigenen Kräfte auftritt, gehässige Immoralität +des Einzelnen, die zu Verschwendungen leitet, +ehrlose Trägheit und Unempfindlichkeit gegen +Achtung, die nicht erwerben mögen, auch +Almosen spendende Klöster, den Müßiggang unterstützend; +erwägt man noch, daß das furchtbare +Heer der Krankheiten sich unendlich vermindert +hatte, so geht ganz von selbst hervor, wie +ein Reisender Europa durchwandeln konnte, ohne +jemal das widrige unedle Schauspiel der Bettelei +wahrzunehmen. Guidos Befremdung erklärt +sich demnach so gut, als das mitleidige Zudrängen +der Pariser. +</p> + +<p>Es währte aber nicht lange, so erschien ein +Polizeibeamter und fragte den Armen zürnend: +warum er nicht zur Stadtobrigkeit gekommen +sei? Die Antwort hieß: Weil ich kein Europäer +bin, folglich nicht zu euren Wohlthätigkeitsanstalten +beigetragen habe, durfte ich auch +nicht mit Recht auf ihre Milde bauen. Der +Diener des Gesetzes entgegnete streng: Es reisen +<!-- page 241 --> +viele Bürger anderer Erdtheile in Europa, +und die Akzise gewinnt an ihrer Zehrung. Wie +unbillig würde es daher sein, wenn irgend Jemand +darunter sich arm ankündigte, ihm Hülfe zu versagen. +Du hast uns durch Mangel an Vertrauen +beleidigt und ein öffentlich Aergerniß gegeben, +dessen sich ohne Zweifel der älteste Greis nicht +mehr entsinnt. Behalte was man dir reichte, +verzehre es jedoch im Kerker. Dann wollen wir +dir eine Summe geben, mit welcher du dein +Vaterland wieder erreichen kannst. — Wider diesen +Spruch galt keine Einrede, denn er enthielt +den Geist der Gesetze. +</p> + +<p>Gelino und sein Zögling drängten sich mühevoll +durch das Volkgewimmel der Straßen, und +um so mehr, da, wenn gleich am hohen Mittage, +der Regenschirm Dunkel verbreitete. Doch +eben da sie auf einem großen Markt angekommen +waren, hatte das Unwetter geendet und +die Bedeckung wurde wieder eingelegt. Man +verrichtete dies schnell, und neu, überraschend, +blendend war die Wirkung des plötzlich niederscheinenden +Sonnenlichts. +</p> + +<p>Sie langten im Hause des Wechslers an. +Gelino übergab ein Schreiben; der Mann war +<!-- page 242 --> +sehr höflich und rief einige Träger, welche +schwere Goldsäcke auf einen Wagen luden. Der +Lehrer sah alles nach, gab ihm Empfangscheine, +und nahm dann mit seinem Zögling Platz auf +dem Wagen. +</p> + +<p>Dieser hatte befremdet und nachdenkend +zugesehn. Nun fragte er: Woher die großen +Summen, und wozu? Gelino antwortete: +Wir behalfen uns bisher mit geringen Kosten, +doch in Paris und London wollen wir einigen +Aufwand machen, damit du auch mit dem Leben +des Reichthumes vertraut wirst. +</p> + +<p>Da empfange ich nur eine Auskunft, rief +Guido. Woher, frage ich abermal, die großen +Summen? +</p> + +<p>„Von dem nämlichen Wohlthäter, der dich +bisher in den Stand setzte, die Welt reisend +zu betrachten.“ +</p> + +<p>O dieser Wohlthäter muß reich, sehr reich +sein. Mein leichter Sinn fragte noch wenig +darum. Was gilts aber, es ist der Kaiser +selbst, dem ich so viele Zeichen der Milde verdanke? +</p> + +<p>„Ja mein junger Freund, es ist der Kaiser. +Was er von dir hörte, besonders von deinen +<!-- page 243 --> +Thaten im Heere, erwärmte sein Herz noch mehr +für dich. Frage nicht weiter, genieße, und vor +allen Dingen, lerne, begreife, mache dich der +Güte ferner werth.“ +</p> + +<p>Guidos Nachsinnen ward ernster. Einige +Minuten darauf brach er aus: O daß ich keine +Eltern kenne, und so süße Gefühle, wie die kindlichen, +mir versagt wurden! Erst bei den Fündlingen +erzogen, hernach unter deiner Leitung, die +mich allerdings keinen Vater missen ließ, ahnte +ich tiefere Empfindungen nicht. Allein, nachdem +ich auf der Reise so oft das entzückende Schauspiel +eines engen Familienbandes sah, beweinte +ich im Stillen mein hartes Loos. +</p> + +<p>Gelino drückte ihm gerührt die Hand. Geduld +mein Sohn, vielleicht findest du einst deinen +Vater. +</p> + +<p>Stürmische Ungeduld entbrannte in dem +Jüngling. Von süßen Hoffnungen wogte sein +Busen. Er drang feurig in den Lehrer, ihm das +Geheimniß seiner Geburt aufzuklären, wenn er +anders den Schlüssel dazu hätte, oder wenn er +nichts genau wisse, ihm seine Vermuthungen zu +nennen. Der Lehrer brach aber gemessen ab, +empfahl ihm ruhiges Erwarten der Lösung seines +<!-- page 244 --> +Schicksals. Es war Guido bekannt, daß er, +wenn der Lehrer schweigen wollte, umsonst bat, +er mußte sich also mit Geduld waffnen, obgleich +die Neugier über seine Herkunft jetzt heißer als +je erwachte, und manche sonderbare Ahnung in +ihm aufstieg. Er tröstete sich wohl über den +Mängel an Kindesliebe, weil ihn Inis Liebe +beseligte, und sein Herz so warm an den +edlen Lehrer hing, doch meinte er immer wieder, +dies Herz sei weit genug noch mehr Liebe glühend +zu umfassen. +</p> + +<p>Gelino hatte schon zuvor nach Paris geschrieben, +und einen Miethpallast, wie es deren für +sehr reiche Wanderer gab, auf die Tage ihrer +Anwesenheit bestellt. Sie kamen nun dort, von +den Dienern des Wechslers geleitet, an. Er war +aus rothem und weißen Marmor gebaut, hatte +ein stark übergoldet Bleidach, das im Strahl +der Sonne prangend leuchtete. Eine zahlreiche, +glänzende Dienerschaft, stand am Portal. Die +innere Einrichtung entsprach der äußeren Pracht +vollkommen. Man erblickte Zimmer, deren Wände +mit dem köstlichsten Mosaik bekleidet waren, andere +mit staunenerregenden Meisterwerken der +Malerei umhangen. Es befand sich ein Konzertsaal +<!-- page 245 --> +hier, den die Standbilder der neun altgriechischen +Musen, zu Athen gefertigt, schmückten, +und zum Personal des Pallastes gehörte zugleich +das treffliche Orchester, was sich auf Verlangen +des Miethers hören ließ. Eben so ein kleines +Theater, mit Schauspieler und Schauspielerinnen. +Ferner eine große Bibliothek, der einige Gelehrte +vorstanden. Der Speisesaal war mit Silbergeschirren +erfüllt, goldne Lampen hingen von +den Decken nieder. Das Bad war den altrömischen +ähnlich, welche die Kaiser Trajan oder +Tiber anlegten. In der Küche bereitete man +sich, wie einst bei Apicius, immer auf eine große +Zahl von Gästen, doch viel schmackhafter noch +als bei jenem waren die Speisen zugerichtet, +was jetzt um so mehr anging, da die Küchenchemie +eine eigne weitläuftige Wissenschaft galt, +über die Professoren, von Lehrlingen der Tafelkunde +gehört, lasen. Noch fand man im Hofe Wagen +aller Art, einen Stall trefflicher Pferde, einen +andern mit Adlern, und mehrere schöne Gondeln, +denn ein kleiner Kanalarm führte von dort +nach dem Strome. Auch ein schönes Landhaus +mit weitläuftigen Gärten gehörte noch zu diesem +Miethpallast. Allerdings gab man aber auch +<!-- page 246 --> +eine Miethe, die den zu findenden Bequemlichkeiten +angemessen war. +</p> + +<p>Guido fragte: Wie ist es möglich, Unternehmungen +der Art zu wagen? +</p> + +<p>Wirkungen des Reichthums, antwortete der +Lehrer. Das ewige Zuströmen der Fremden nach +dieser Stadt, bringt so viel Geld hinein, und sie +sendet es wieder in die Ferne, um das alles herbeizuschaffen, +was die Fremden ferner anreitzen +kann. Es prangen mehrere Gebäude der Art, und +selten stehen sie leer, weil es vermögende Wanderer +genug giebt. In den vergangenen Jahrhunderten +wären Erscheinungen der Art unmöglich +gewesen, weil man da weder Freiheit, noch +Thätigkeit, noch Kenntniß genug, über den beweglichen +Umlauf der Reichthümer, und ihre +Vermehrung der Erzeugnisse während ihrem +schnellen Wirbel, hatte. Damals gab es wenige +Reiche und unerhört viel Armuth. Jetzt sieht +man Jene in großer Zahl und diese ist meistens +verschwunden. Große Entwürfe im Handel oder +anderer Art, klug und glücklich ausgeführt, bereichern +um so leichter, da sie auf den allgemeinen +Wohlstand berechnet sind. Damit aber dennoch, +nicht wenige Familien zuletzt so viel wuchernd +<!-- page 247 --> +an sich reißen können, daß andere von +ihnen abhängig sind, ist die überaus weise +Erbschaftsteuer eingeführt worden, die den Zweck +vor Augen hat, den Erwerber zwar die Frucht +seiner Thätigkeit vollkommen genießen zu lassen, +dagegen aber die Unthätigkeit der Erben, die von +der Arbeit des Todten müßig schwelgen möchten, +nach Möglichkeit abzuschneiden. Je vermögender, +je höher die Steuer vom Nachlaß, und sie +steigt auch nach Maaßgabe der näheren oder +weitläuftigeren Verwandschaft der Erben. Dies +hat zur Folge, daß der Reichgewordene auch bei +seinem Leben viel wieder in den Umlauf giebt, +und ihm wird auch, in Betracht des Gemeinbesten, +und insofern sie nicht unmoralisch ist, +Verschwendung nachgesehn. Mag er bauen, reisen, +Künsten und Wissenschaften lohnen, dadurch +empfängt das alles höheres Leben. +</p> + +<p>Wo bleiben aber die Summen, aus dieser +Erbschaftsteuer? fragte Guido? +</p> + +<p>Der Lehrer gab zur Antwort: Sie werden +zum Vortheil des Landes auf mannichfache Weise +angelegt, so daß sie den niederen Ständen wieder +zuströmen. Man gräbt Kanäle, wo sie noch +fehlen, baut, macht Versuche mit nützlichen Erfindungen, +<!-- page 248 --> +wozu, wie du weißt, auch andere +Summen vorhanden sind, unternehmende, aber +nicht bemittelten Bürger können Anleihen nachsuchen. +Kurz auch hier ist wieder der rasche Zirkelgang, +des, die Dinge und den Kunstfleiß darstellenden, +Metalles, Endzweck. Hätte die Vorzeit +die Wunder der Freiheit und Ruhe ahnen +können, traun, sie würde um einige Jahrhunderte +früher geeilt haben, den Thron der Vernunft +zu erhöhn, und in einem Erdtheil, wo die +Menschen schon lange sich durch Bildung ähnlich +wurden, die unsinnigen Kriege einzustellen. Vielleicht +ging das aber auch nicht ehe an, bis der +Zeitgeist alles von selbst schönerer Reife entgegen +führte. Wie langer, vorbereitender Aufklärung, +bedurfte es unter andern zu dem großen Schritte, +die Religion an die Stelle der Kirchlichkeit zu +bringen. Freilich folgte er erst dem blutig geendeten +Kampfe der Politik, und hätte ihm vorausgehen +können, wodurch der Christenstaat +ohne jene schauderhaften Schlachten, wovon die +Geschichte meldet, zu gründen gewesen wäre. +Denn in der That, liest man einige alte Schriftsteller +aus dem achtzehnten Jahrhundert, in deren +Köpfen bereits so viel Licht anbrach, kann man +<!-- page 249 --> +nicht genug über die seltsame Verstocktheit ihrer +Zeitgenossen staunen, welche es nicht nützen wollten, +das Heil, die Bestimmung der Menschheit +erkennen, Wahrheit und Irthum, Gutes und +Böses unterscheiden zu lernen. Indessen ist es +nun einmal so. Das Genie der Verbesserung +hat zu allen Zeiten Widerspruch gefunden, oft +mußte der große Mann erst begraben sein, ehe +das Recht seiner Aussprüche erkannt wurde. Geht +es doch bisweilen noch jetzt nicht anders. Sind +wir doch, trotz aller Religion und Erkenntniß zuweilen +genöthigt, mit Asien oder Afrika zu +kriegen. +</p> + +<p>O schöner Voranflug seines Zeitalters! rief +Guido. O daß ich der Menschheit irgend eine +Wohlthat ersinnen könnte, daß die Nachwelt +mein Andenken segnete! +</p> + +<p>Der Friede mit anderen Welttheilen wäre +solch eine Wohlthat, antwortete Gelino. Er +fehlt der Menschheit. Allein die Leidenschaften +werden nicht überall so glücklich bekämpft als in +Europa, und auch hier, wir wollen nicht prahlen, +gelang es noch nicht so weit damit, als +wohl zu wünschen wäre. Im Geheim treiben +sie oft ihr Spiel fort; denn wer sieht das Innere +<!-- page 250 --> +der Seele, wenn die Menschen in der +Tugendlarve heucheln. Es giebt doch hie und +da einen Fürstenrath, einen hohen Priester des +Gesetzes von gewichtigem Ansehn, entscheidenden +Einfluß, der sein wahres Spiel birgt, und Zwietracht +mit der Fremde, oder Zwietracht im Innern +hervorruft. Man muß auf seine Tugend +baun, wer vermag sie genau zu erkennen? +</p> + +<p>Hier fühlte sich Guido von einem Gedanken +ergriffen, dem er in der Folge eifrig nachhing. +Jetzt antwortete er dem Lehrer: Die richtige +Erkenntniß des Menschen scheint mir nicht unmöglich, +aber den Frieden aller Völker zu knüpfen, +ist schwer. Ich sehe nicht ein, auch wenn +ich Kaiser wäre, was ich da thun wollte. Da +muß das Schicksal selbst freundlich zutreten. +</p> + +<p>Nun das wird auch einst geschehn, antwortete +Gelino. Auch gebieten ja die Menschen dem +Schicksal immer mehr, wie ihre Weisheit +steigt. — +</p> + +<p>Die Reisenden erborgten in Paris vornehme +Namen und knüpften Bekanntschaften an. Die +angesehensten Einwohner, Künstler, Gelehrte, +wurden zu ihrer Tafel, zu ihren Konzerten, nach +ihren Gärten geladen, und baten sie dagegen zu +<!-- page 251 --> +sich. Es war noch in Paris wie vormal, das +Neue erregte viel Aufsehn, alle Welt sprach +davon. Nicht eben die Verschwendung des reichen +Jünglings konnte auffallen, doch er selbst, +sein Verstand, mehr noch seine Schönheit. Die +Damen waren ganz entzückt, sie schwuren, nie +eine so vollkommene männliche Gestalt erblickt +zu haben. Dies benutzten Maler, Kupferstecher +und andere Künstler, bildeten ihn vielfach ab, +und wenn er ausging, sah er beschämt überall +Gemälde, Gipsabdrücke, Statuen von sich. +Auch Denkmünzen wurden auf ihn geschlagen +und in den Gassen ausgerufen, viele Damen +trugen ihn in Gemmenringen am Finger. Er +empfing auch verliebte Zuschriften voller Witz, +und übte wieder den eignen Witz, indem er die +zärtlichen Anträge so ablehnte, daß sich die Schönen +dennoch bezaubert fühlten. Dadurch entstand +viel neues Gerede, und eine gelehrte Dame +veranstaltete sogleich eine Sammlung dieser tugendhaft +witzigen Billets, die man eilig mit +Stereotipen druckte, eines ungemeinen, Absatzes +gewiß. +</p> + +<p>Kurze Zeit nach seiner Ankunft hörte Guido +von einem sonderbaren Rechtshandel. Er hatte +<!-- page 252 --> +sich schon über die Menge von Diamanten gewundert, +welche ihm Ueberall zu Gesichte kam; +die Frauen der niederen Klassen waren so damit +bedeckt, daß man auf Spatziergängen nicht +nach der Seite blicken konnte, wohin die Sonne +schien, selbst die Dienstmädchen in seinem Pallaste, +trugen Haar, Ohren, Busen und Arme +davon voll. Der Glaube, sie möchten unächt +sein, fand die Widerlegung der Kenner, allein +man benachrichtigte ihn: es sei in Paris ein +Juwelenhändler vorhanden, der die edlen Steine +um einen tief geringen Preis verkaufe, dabei +ein unerhört angefülltes Waarenlager hielt, +und so auch den Pöbel in Stand setzte, den +gepriesenen Schmuck zu tragen. Deshalb aber, +wie man wohl denken kann, verschmähten ihn +nun die Damen der feinen Welt, und sich ohne +Juwelenschimmer zeigen, hieß glänzen. +</p> + +<p>Die andern Kleinodienverkäufer sahen sich zu +Grunde gerichtet, feindeten ihren Nebenbuhler +an, belangten ihn vor Gericht. Hier begriff +auch Niemand, wie der Mann das Theure so +wohlfeil losschlagen könne. Neue Prüfungen +über die Güte seiner Steine folgten, sie schlugen +abermal zu seinem Vortheil aus. Man +<!-- page 253 --> +fragte: Aus welchen Indischen Diamantengruben +er kaufe? Er antwortete: Dies habe er, zufolge +der Handelgesetze, nicht nöthig zu erklären. +Man verlangte aber wenigstens, ein fremdes +Handelshaus zu nennen, mit dem er Geschäfte +pflege, ein Schiff, das seine Waaren +herbeiführe. +</p> + +<p>Dies konnte er nicht, und nun lag am Tage, +seine Steine würden nicht von Auswärts gezogen. +Er verfertigt sie selbst, riefen die Gegner, +folglich sind sie, trotz allen Proben, unächt. +</p> + +<p>Gut, sprach der Juwelier, ich verfertige sie, +doch eine Unwahrheit ist eure andere Behauptung. +Untersuchet so lange ihr wollt, ihr werdet +keinen andern Gehalt finden, als ob die +Steine von Golkonda oder Brasilien kämen. +Ich betrog nicht, verkaufte ächte Diamanten, +dem Käufer kann es gleich sein, ob die Natur, +ob ich sie hervorbringe. +</p> + +<p>Bei näherer Untersuchung fand sich, daß der +Mann, den lange schon in der Chemie genannten +Bestandtheil, <i>reinen</i> Kohlenstoff, so zu +verdichten gewußt hatte, daß der wirkliche Diamant +erzeugt wurde. +</p> + +<p>Das Gericht war im Anfang zweifelhaft. Die +<!-- page 254 --> +große Zerrüttung des Werthes der Edelsteine, +welche der glückliche Erfinder veranlaßte, machte +ihm Bedenken. Doch zuletzt entschied die Stimmenmehrheit: +Dem Manne dürfe keine Strafe +anheim fallen, auch die Fortsetzung seiner Kunst +ihm nicht untersagt werden. Möchten die Weiber +gern schimmern, so wäre ihnen die Gelegenheit +aufgethan, um wohlfeilen Preis ihren +Wunsch zu erlangen. Gefiele ihnen der wohlfeile +Schimmer nicht, zeigten sie noch größere +Thorheit als zuvor. Der Mann könne dann zu +ihrer Heilung beitragen, und wenn das andere +Geschlecht mehr auf Pflege der wahren Schönheit +hielt, mehr dem Manne durch weibliche +Tugenden, als kindische Glanzfunken zu gefallen +strebte, hätte das Gemeinwohl dem Künstler innig +zu danken. Verlören übrigens manche Juwelenhändler, +sei das zufällig, und das Gesetz +könne ihres einzelnen Vortheils halber, keine irrige +Grundsätze aufstellen. Dabei blieb es nun. +</p> + +<p>In der That, rief Guido, als er bald darauf +einige mit Edelsteinen überladene Frauenzimmer +sah, mir scheinen sie selbst nicht mehr +so köstlich, als da ihre Seltenheit mich bestach. +</p> + +<p>So bist du denn auch von blinden Vorurtheilen +<!-- page 255 --> +nicht frei, fiel der Lehrer ein. Doch möchte +nur alles Schöne so gemein werden, daß man +keine Auszeichnung darin fände, desto besser stände +es um die Menschheit. Zum Glück ist es auch +schon mit vielen Tugenden dahin gekommen. +Was die Vorwelt staunend gepriesen hätte, blikten +wir oft als gleichgültige Alltäglichkeit an. +Wohl uns! — +</p> + +<p>Sie begaben sich eines Tages nach der großen +Oper. Das Haus war ungemein mit Zuschauern +gefüllt. Guidos Blicke suchten das Theater. +Er sah vor sich ein gefülltes Parterre, Logen, +Kronleuchter, so gut als neben und hinter sich. +Gelino lächelte. Wisse, sprach er daß der Vorhang +ein Spiegel ist, der durch die ganze Mitte +des Saales reicht. In diesen siehst du den +Platz der Zuschauer wiederholt. Hebt das Stück +an, wird ihn eine Maschine empor winden. +</p> + +<p>Dies erfolgte auch zu Guidos Befremdung, +und nun zeigte sich die Bühne. Man sah jetzt +kein Licht mehr bei den Zuschauern, zum Vortheil +der Theatererhellung, die dem Tage vollkommen +glich, waren sie sämmtlich erloschen, +wie aber am Ende eines Aktes der Spiegelvorhang +<!-- page 256 --> +niederschwebte, wurden sie alle durch eine +elektrische Vorrichtung entzündet. +</p> + +<p>Die alte Mithe, Orpheus war der heutige +Stoff. Im ersten Akt sah man eine Landschaft +und einen Meilenweiten Hintergrund, der unmöglich +gemalt sein konnte. Guido begriff das +nicht. Sein Lehrer erklärte ihm, wie dies Opernhaus +mit einem Schraubenwerke versehen sei, +wodurch es der Theatermeister, bei den Akten, +die eine weite Tiefe darbieten sollten, bis über +die Häuser der Stadt höbe, daß, nach weggenommener +Hinterwand, man das wirkliche Feld +der Gegend erblickte. +</p> + +<p>Also schweben wir jetzt in solcher Höhe? +fragte Guido. +</p> + +<p>„Allerdings. Die Bewegung vollzog sich so +sanft, daß Niemand sie merkte. Hat schon ein +altrömischer Baumeister ein Schauspielhaus mit +Achzigtausend Zuschauer gedreht, wird die Mechanik +unserer Zeiten es doch wohl erheben +können.“ +</p> + +<p>Ist das aber nicht mit Gefahren verbunden? +</p> + +<p>„Fürchte nichts. Die Polizei läßt vor den +Darstellungen alles Maschinenwerk durch Sachverständige +prüfen.“ +</p> +<!-- page 257 --> + +<p>Im zweiten Akt zeigte sich die Hölle. Ungeheure, +weite, brennende Klüfte und Abgründe, +in deren Flammen gepeinigte Verdammte klagten. +Die Fernsten erschienen ganz klein, doch +waren es lebende Wesen, wovon sich Guido durch +ein Sehrohr überzeugte. Wie ist dies möglich? +fragte er abermal. +</p> + +<p>Gelino antwortete: Das Opernhaus hat mit +großen Kosten ein tiefes Souterrain aushöhlen +lassen, was um so eher anging, da es auf der +Höhe des Montmartre liegt. Will man nun +weite Gebäude, oder Klüfte und Abgründe darstellen, +wird das Haus durch jene Schraubenwerke +in die Tiefe gesenkt, wo man sich nun der +unterirdischen Entfernungen bedienen kann. Wir +befinden uns jetzt unter der Erdfläche, die letzten +Gestalten sind einige Tausend Schuh von uns +entfernt. +</p> + +<p>Im dritten Akt sah man den Himmel Fremdartige +Farben, ungemein zarte Umrisse aller Gegenstände +wirkten mit bezaubernder Schönheit. +Ein anderer Mond, andere Sterne mit einer +tiefrührenden Idealität gezeichnet, blinkten daher, +was aber Guido am meisten in Verwunderung +setzte, war, daß ihre Strahlen durch +<!-- page 258 --> +Euridizens und der anderen Schatten Körper +leuchteten. Und doch war Euridize die nämliche, +welche er im ersten Akte gesehn, doch bewegte +sie sich lebend, sang. Er ward nun durch seinen +Lehrer unterrichtet: Alle Gestalten, die wir +jetzt sehen, sind nur der wirklichen, in einem +Nebengemach befindlichen, Wiederscheine, durch +ungemein sinnreiche, optische Laternen, hervorgebracht. +Daher muß das Licht diese Euridize +durchschimmern, denn, treu der Fabel, ist es +wirklich nur ihr Schatten. Daß auch die Blumen, +Gebüsche, Hügel, so zarte Umrisse, so +seltsam fremdartige Farben zeigen, macht eine +große Platte von grünem doch klaren Glas, welche +davor hängt, wie jener Spiegel, im ganzen +Umfang der Bühne, ohne daß wir sie wahrnehmen. +</p> + +<p>Musik, Gesang, Tänze waren den übrigen +Vorwürfen an Vollkommenheit ähnlich, und mit +hohem Entzücken verließ Guido dies Schauspiel, +sich lange noch Orpheus, und Ini Euridize +träumend. +</p> + +<p>Sie sahen auch das große Trauerspiel. Der +Dichter hatte in dem heutigen Stücke eine Thatsache +der Vorzeit behandelt, und viel gegen +<!-- page 259 --> +die Empfindung wagend. Eine junge Monarchin, +schön, liebenswürdig, geistvoll, ist mit einem +Gemahl verbunden, dem alle ihre Vorzüge +mangeln. Er kömmt eben zur Regierung, belegt +aber durch seine ersten Schritte, dem großen +Amte durchaus nicht gewachsen zu sein. +Die Gemahlin erkennt die Richtung, welche dem +Volke zu seinem Wohl gegeben werden müsse, die +Kraft ihres Genius regt sich kühn, von Liebe +zu den Unterthanen stammt ihre edelempfindende +Brust. Doch vermag sie nichts über den Gemahl, +der sie nicht versteht, ihren schönen Sinn +anfeindet, und in Roheit waltet. Tirannei und +Zerrüttung drohen dem Reich, die Monarchin +fühlt, sie könne ihm eine gedeihenvolle Zeit blühen +lassen. +</p> + +<p>Ein weiser Vertrauter ruft ihr zu: Besteige +den Thron, herrsche, beglücke! Sie schaudert. +Sie kann nur über den Leichnam des Gemahls +jenen Stufen nahn. Es ist ein Unwürdiger, +doch sie seine Gattin. Ihr Zartgefühl empört +der Gedanke an jeden Mord, um wieviel mehr +an den des Gemahls! Ihr Herz trägt solche Vorstellung +nicht, ihre Einbildungskraft muß ihr +entfliehn. +</p> +<!-- page 260 --> + +<p>Der Vertraute spricht: Besteige den Thron, +durch ein Verbrechen ihn mit deiner Tugend zu +schmücken. Wie edel ist dann dies Verbrechen! +Es wird die höchste deiner Tugenden, allen +übrigen, die Bahnen ebnend. Begehst du es +nicht, wie laut der Nation geheimes Flehn, +wie laut der Beruf deiner Geistesgröße es verlangen, +dann erniedrigt dein Säumen dich zur +Frevlerin. Alles Wehleiden der Millionen auf +dein Haupt, ihr Fluch beugt dich schwerer, +da du ihn in Seegen hättest umwandeln +können. +</p> + +<p>Hier steht sie nun an dem furchtbaren Scheideweg. +Eine kühne Missethat — und dann ein +schönes Leben, dem Ruhm, gottähnlich über ein +geliebtes Volk zu herrschen, geweiht. Eine feige +Tugend — und nichts als der Anblick eines elenden +geliebten Volkes. Hier steht sie — weint, +ruft sich selbst um Kraft an, mahnt ihren Genius, +Licht in dies schauderhafte Dunkel zu +werfen — und — stört endlich nicht, was der +Vertraute vollbringen will. +</p> + +<p>Nun empfängt sie das Scepter, und hält den +Hoffnungen des Ruhmes Wort. +</p> + +<p>Zum Erstenmale ward heute das Trauerspiel +<!-- page 261 --> +gegeben. Die feinsinnige Versammlung, sonst +gewohnt, sich über alles Schöne oder Unedle +ganz bestimmt zu äußern, die der Kunstwerke +Vorzüge, nach dem richtigsten Takt mit Beifall +lohnte, und ihre Mängel eben so durch Tadel +strafte, wußte — unerhört in den Annalen dieser +Bühne — heute sich nicht zu entscheiden. +Kein Lob, kein Mißfallen, allgemeine Stille. +So blieb es auch bei den folgenden, immer gedrängt +besuchten Vorstellungen. +</p> + +<p>Gelino wollte aber auch auf dem kleinen +Theater des Pallastes etwas sehn. Er sprach mit +dem Vorsteher der Gesellschaft, die am liebsten +bunte, regellose Sachen aufführte. Dieser trug +ihm eine kurzweilige Posse an, genannt: +</p> + +<p>Die Narrheiten vor Dreihundert Jahren. +</p> + +<p>Gelino war es zufrieden, und lud so viele +Fremde, als der Raum nur fassen konnte. +</p> + +<p>Als der Vorhang weggenommen war, wollten +die Zuschauer fast vor Lachen sticken, über +die närrischen Kleidertrachten, der dargestellten +Zeit. Wie war es möglich, riefen viele, daß +sich die Menschen jemals so unbequem, geschmackwidrig +und lächerlich umhüllen konnten! Eine +Hauptbedeckung, grade aufstehend, oben platt, +<!-- page 262 --> +einem umgekehrten Becher ähnlich, oder gar ein +Dreieck mit abentheuerlichen Stülpen! Wie vielerlei +Lappen hängen an den Männern, der +natürlichen Form ganz zuwider, mit häßlichen +Ecken, und dennoch übel gegen die Witterung +schirmend. Wie muß dies vielfache Einschnüren +die Körper verunstaltet, ihnen nach und nach +Kraft und Gesundheit entzogen haben! Und so +unanständig, pfui, so unanständig! Fürwahr diese +Urväter mußten grobe Narren sein! +</p> + +<p>Es wurden nun mancherlei Sittenzeichnungen +dargestellt, wo denn aber das Gelächter oft +mit Abscheu und Mitleid wechselte. Man sah +die Kirchlichkeit, wo unverschämte Priester ganz +widersinnige, unnatürliche, die Gottheit herabwürdigende +Mithen, einst einem tief rohen +Zeitalter kaum anpassend, immer noch als Wahrheiten +lehren wollten, und das thörichte Volk +gauklerisch betrogen. Man sahe Fürstenhöfe, wo +eine widrige Erziehung das Oberhaupt ärmer +an Geist dastehen ließ, als die Unterthanen am +Fuß der Staatspiramide, wo es, statt mit der +Weisheit, mit dem Vorurtheil umgeben war, +und blödsichtige engherzige Höflinge ihm eitel +Lügen sagten, wo das wahnsinnige Volk endlich +<!-- page 263 --> +durch heuchlerische Schmeicheleien alles verdarb. +Man bildete das Faustrecht vor drei Jahrhunderten +ab, wo ein europäisches Volk das andere +um nichtiger Ursachen willen bekriegte, und dies +mußte jetzt grade so viel Widerwillen erregen, +als eine Darstellung des kleineren Faustrechtes, zwischen +den Gauen des vierzehnten Jahrhunderts, +wenn sie das neunzehnte sah. Die Thorheiten, +allerhand Sisteme der Philosophie zu wechseln, +durch Bücher voll Unsinn Irthümer auszubreiten, +durch falsche Finanzoperationen ganze Länder +verarmen zu lassen, durch Verschiedenheit +der Dingenmaaße und Sprachen, den Ideentausch +zu erschweren, überströmte eine witzige +Satire mit dem wohlverdienten Spott. Am +Ende begegnete sich alles in dem Ausruf: O +ihr grobe, grobe Narren der Vorzeit! Gelino +erläuterte aber der Versammlung, daß doch auch +nicht jeder damals die Schellenkappe getragen +habe, nannte ehrwürdige Namen von Männern, +die sich ein großes Verdienst in Bezeichnung der +besseren Pfade erworben hätten, und schloß: es +sei für die Menschheit nothwendig gewesen, durch +dies dunkle Labirinth zu gehen, um den Gegensatz +erhellter Vernunft wohlthätiger zu begreifen. — +</p> +<!-- page 264 --> + +<p>Guido und sein Lehrer sahen noch Tausend +Merkwürdigkeiten, welche aufzuzählen der Raum +hier nicht gestattet. Unter andern folgende auf der +Anatomie, welche sie als eine der vorzüglichsten +Anstalten zu Paris besuchten, und wohin sich +jetzt eine große Zahl gespannter Neugierigen +drängte. +</p> + +<p>Die Veranlassung war diese: +</p> + +<p>Vor funfzig Jahren hatte, zu Befremdung +von ganz Europa, ein Bürger in Paris mehrere +todeswürdige Verbrechen begangen. Das Gesetz +zauderte lange mit seinem Spruch, und wollte +ihn endlich nach Spitzbergen verweisen, wohin, +wie wir schon wissen, solche Unglückliche kamen, +deren Vernunft sie nicht von der Schönheit eines +gesetzlichen Lebens überzeugen konnte. Die +Kolonie in Spitzbergen hörte aber davon, und +indem jeder Einzelne dort sich rein gegen jenen +Bösewicht halten konnte, schrieb sie an das Gericht +und verbat die Verunehrung. +</p> + +<p>Man wankte von einer Meinung zur anderen. +Seit mehr als einem Jahrhundert war in Europa +keine Todesstrafe zuerkannt worden, es gab +keine Henker und Hochgerichte mehr. Dennoch +hatte der Mensch die Todesstrafe vollkommen +<!-- page 265 --> +verwirkt, und hatte er das furchtbare, gräßliche +Schauspiel unerhörter Frevel geben können, war +das Beispiel einer eben solchen öffentlichen Ahndung +gerecht. Zuletzt entschied man denn für +seinen Tod, doch über die Art desselben konnte +man sich nicht einigen. +</p> + +<p>Da trat ein Lehrer der Zergliederungskunde +auf. Laßt ihn durch seinen Tod nützen, sprach +der Mann, er mag uns um eine wichtige Erfahrung +bereichern. Wir entdeckten eine geistige +Flüssigkeit, viel vervollkommnet gegen die, welcher +sich vormals die Anatomen bedienten, um thierische +Organe dauernd aufzubewahren. Sie erhält +einen Körper genau in dem Zustande, worin +er ihr übergeben wird. Ich rathe, wir füllen +ein weites Gefäß mit diesem Fluidum. Der +Verbrecher werde entkleidet und darin ertränkt. +Dann soll aber das Gefäß verschlossen werden und +funfzig Jahre lang unberührt bleiben. Nach +Verlauf dieser Zeit aber soll man den Körper wieder +herausnehmen, und die gewöhnlichen Mittel, +welche im Wasser Verunglückte oft ins Leben +rufen, anwenden. Meine Theorie weissagt, man +werde sich nicht umsonst bemühn, denn die Lebenskraft +ist nicht entflohn, alle Theile sind in +<!-- page 266 --> +ihrer Vollkommenheit erhalten worden, weil der +Reitz des geistigen Feuers in unsrer Flüssigkeit, +der Auflösung Widerstand leistet. Irre ich nicht, +so wird es merkwürdig sein, einen Mann zu +sehen, der funfzig Jahre lang schlief, er wird +manches wissen, das die Alten und Geschichtschreiber +vergaßen. Künftig könnte man sogar +Jahrhunderte lang Leben aufbewahren, und gewiß +mit Nutzen, denn oft geht auch, trotz dem +Weiterstreben der Menschheit, manches Gute +unter, dessen Rettung aus der Vergessenheit +heilsam werden kann. +</p> + +<p>Der Arzt sah sich häufig bestritten, man lachte +sogar über ihn. Endlich aber erklärte ein Geschichtforscher: +er habe in einem alten Buche gefunden, +daß einst im achtzehnten Jahrhundert, +der Mann, welcher die ersten Gewitterableiter +erfunden, Franklin genannt, Fliegen von Madera, +die im Weinfasse nach Nordamerika gekommen +wären, und zehn Jahre lang im Keller +gestanden hätten, wieder lebendig gemacht habe. +</p> + +<p>Was wollt ihr nun? fragte der Arzt. +</p> + +<p>Fliegen und Menschen! spöttelten seine +Gegner. +</p> + +<p>Nun, es kömmt auf den Versuch an, hieß es +<!-- page 267 --> +endlich, und man beschloß, den Rath zu vollziehn, +was auch geschah. +</p> + +<p>Das Faß mit dem Ertränkten wurde in einem +festen Gewölbe bewahrt, vor dessen Thür der +Rath sein Siegel legte. Ein Protokoll berichtete +der Nachwelt die Thatsache und bat daneben: +falls der Verbrecher wirklich wieder zum Dasein +gelangen sollte, dann die weitere Strafe, in Betracht +der erlittenen Todesangst, aufzuheben. — +</p> + +<p>Jetzt waren die funfzig Jahre verstrichen. +Der Tag des Versuches wurde beraumt. Die Naturkundigen +schrieben für und gegen jenes, schon +lange gestorbenen, Arztes Meinung. Man stellte +Wetten an, ganz Paris sprach von nichts, als +dem Manne im Spiritus. +</p> + +<p>Gelino hatte, durch bedeutende Fürsprache, +die Erlaubniß des näheren Zutritts für sich und +seinen Zögling empfangen. Man brach die Siegel, +fand das Gefäß unversehrt, das nun in den +Saal der Anatomie geschafft wurde. +</p> + +<p>Auf Erhöhungen saßen die eingelassenen Zuschauer, +die Naturkundigen hatten sich um den +Tisch, in der Mitte des runden Saales, gedrängt. +</p> + +<p>Der Körper ward aus seinem feuchten Grabe +gezogen, auf den Tisch gelegt. Alle Theile waren +<!-- page 268 --> +so frisch, als hätten sie nur eine Stunde +darin gelegen, das Gesicht bläulich aufgetrieben +wie immer bei Ertrunkenen. Verwundernd +blickte alles hin, und harrte ungeduldig auf den +Ausgang. +</p> + +<p>Die gewöhnlichen Rettungsmittel fanden Anwendung, +man brachte die Flüssigkeiten aus der +Luftröhre, rieb, erwärmte, flößte ein, u. s. w. +Doch verging eine Stunde nach der anderen, +ohne daß der Zustand des Kadavers sich im mindesten +umwandelt hätte. Nicht wahr, wir hatten +Recht? sagten die Ungläubigen, wer seine +Wette verlohren glaubte, zog ein verdrießlich +Gesicht. +</p> + +<p>Endlich rief ein junger Arzt: Vielleicht hindert +der Spiritus, den die Einsaugungsgefäße +aufnahmen, durch den zu großen Reitz den Umschwung +der Säfte. Suchen wir ihn in einem +Schwitzbade auszuführen, das ohnehin durch den +hohen Grad von Hitze die Lebenskraft anregen +wird. +</p> + +<p>Es ist nicht mehr die Rede von Lebenskraft, +entgegnete der Vorsteher, indessen kann man ein +Uebriges thun. +</p> + +<p>Das Schwitzbad wurde geheitzt, einige kräftige +<!-- page 269 --> +Männer begaben sich mit dem Körper hinein, +und ließen die Temperatur höher treiben, +als sie wohl einst ein Blagden ausgehalten hat, +während sie ihre Bemühungen unermüdet fortsetzten. +</p> + +<p>Vom Saale schickte man jeden Augenblick +nachzufragen. Die Nachricht langte an: der Kadaver +schwitze. Ein Lebenzeichen! frohlockte +der eine Theil: es sind die Dünste des Bades, +die sich anlegen, stritt der Andere. +</p> + +<p>Nach einer halben Stunde schrie ein Bote +athemlos: Athem! — Irrthum, Irrthum! — +Seht ihr, seht ihr! — Ich hab’ es selbst empfunden. +</p> + +<p>Ein anderer sprang in den Saal, rief, mit +eignem starren Puls: — Puls — Unmöglich! Warum +unmöglich? — Meine Hand fühlte ihn. +</p> + +<p>Man wußte nicht woran man war, doch fing +der Unglaube an, kleinlaut zu werden. +</p> + +<p>Der Körper ward nun in dichte Pelze gehüllt +und wieder in den Saal gebracht. Jedermann +sah die unzweifelhafte Verändrung des Gesichtes, +die Bläue war geschwunden, ein brennendes Roth +überzog es, wenn sonst schon sich keine Bewegung +<!-- page 270 --> +zeigte, es auch unempfindlich gegen Anrühren +mit spitzigen Instrumenten war. +</p> + +<p>Doch eine Feder, vor den Mund gelegt, flog +weg, alle, welche an die Pulsader griffen, bezeugten, +ein leises Klopfen wahrzunehmen. +</p> + +<p>Dabei blieb es aber wohl sechs Stunden, +so daß der Zweifel wieder die Stimme erhob, +und jene Anzeigen Täuschung nannte. Dann +schrie aber alles plötzlich auf! Das eine Auge +hatte sich geöffnet und wieder geschlossen. Nicht +lange, so geschah das Nämliche mit dem zweiten, +eine Stunde noch, und das erste Wort floh von +den Lippen, die funfzigjährige Erstarrung geschlossen +hatte. +</p> + +<p>Niemand mied den Saal. Man vergaß über +die Neugier die gewohnte Nahrung zu nehmen, +immer das Auge auf den Körper geheftet. Die +ganze Nacht verstrich so, während hin und wieder +die Sprache, doch verwirrt, hörbar wurde. +Am andern Morgen aber war die Besonnenheit +vollkommen da, der wieder Lebende sprach von +seinem Verbrechen, seiner Reue, flehte um +Erbarmen. +</p> + +<p>Man sagte es zu, schonte seiner auf alle +Weise, pflegte, stärkte. Er besann sich in ein +<!-- page 271 --> +Faß geworfen worden zu sein, meinte aber, man +habe ihn nach wenig Minuten wieder herausgenommen, +die Todesstrafe in eine andere zu verwandeln. +Man sah also, daß ihm damals die +eigentliche Absicht nicht vertraut worden war. +Er rief um seinen Anwald, nannte die Namen +der Richter, welche alle nicht mehr lebten, bis +auf einen, der, ein hundertjähriger Greis, sich +mit im Saale befand, und über das, den meisten +Unverständliche, was der Mann sagte, Aufschlüsse +gab. +</p> + +<p>Er trat auch zu ihm. O Himmel! rief er, +wie bleich, wie gerunzelt deine Wangen, Richter, +wie weiß dein Haar! Was hat dich seit gestern +so verändert? Und all diese Leute, wie seltsam +sind sie gekleidet! Wo bin ich? Wohin +brachtet ihr mich? +</p> + +<p>Man half ihm auf, führte ihn an ein Fenster. +Er sah viele unbekannte Gebäude, vermißte +viele alte. Bin ich trunken? Wahnsinnig? +Wo ist der Pallast geblieben, der dort +gestern noch stand? Wie kömmt so plötzlich der +große Tempel nach jener immer leeren Stelle? +Was soll ich denken? +</p> + +<p>Es war Zeit, ihm die Räthsel zu lösen, sein +<!-- page 272 --> +Verstand hätte durch die unbegreiflichen Erscheinungen +in Zerrüttung sinken können. +</p> + +<p>Wer malt nun aber sein Staunen! „Funfzig +Jahre hätte ich geschlafen? Unmöglich!“ +</p> + +<p>Man zeigte ihm Bücher mit der laufenden +Jahrzahl, rief einige Personen, deren er sich als +Jünglinge oder Kinder entsann, deren jetzige +Gestalt keinen Zweifel bestehen ließ. Er konnte +es dennoch immer nicht glauben, ihm war, als +sei er vor wenigen Minuten versunken, und +rühmte wiederholt die Süßigkeit seines tiefen +Schlummers. +</p> + +<p>Endlich mußte er aber die Wahrheit erkennen, +und wurde durch ganz Paris geführt, wo Fenster +und Dächer, wie sich denken läßt, mit Zuschauern +überfüllt waren. Geschichtforscher und Antiquare +ließen ihm daheim keinen Augenblick Ruh, und +erfuhren auch in der That, manches ihnen Unbekannte, +durch seinen Mund. +</p> + +<p>Er hatte nun gehört, die weitere Strafe +sei ihm erlassen. Doch rief er: Mein Gewissen +klagt mich zu laut an, ich verdiene es nicht! +</p> + +<p>Man entgegnete: Möchte vor funfzig Jahren +geschehen sein, was da wolle, die Zeit hätte +einen Schleier darüber geworfen, auch seitdem +<!-- page 273 --> +Erziehung und Moral wieder so viel an Vollkommenheit +gewonnen, das solche Verbrecher +wohl nicht mehr aufständen. — So gebührt mir +die Strafe jener Zeit. Sendet mich in die Verweisung, +entgegnete er. +</p> + +<p>„Nein, nein, die Vorwelt wollte deine Begnadigung +selbst, wenn du die lange Verweisung +aus der Gesellschaft überständest.“ +</p> + +<p>Gut! Laßt mich ein Jahrlang unter euch +leben. Dann will ich, mein Gewissen zu entladen, +freiwillig abermal in das Gefäß. Ihr +übergebt mich den Enkeln auf Hundert Jahre. +Weit nützlicher kann ich einst jener Zeit sein, +mir ist es gleich, den Rest meiner Tage nun oder +dann zu beschließen, ja es ist wohl im letzten Fall +noch weit merkwürdiger. In diesem Jahre will +ich mich von den Veränderungen der Welt während +meines Schlafes überzeugen, und ohne +Zweifel werde ich oft staunen. +</p> + +<p>Man konnte nicht umhin, den Zustand dieses +Menschen von einer Seite zu beneiden, und +willfahrtete ihm übrigens. +</p> + +<p>Guido und sein Lehrer warteten jedoch nichts +mehr davon ab, sondern machten sich auf den +Weg nach England. Der Luftpostillion fuhr +<!-- page 274 --> +diesmal so schnell, daß Beide, unweit Paris ein +wenig entschlummernd, nicht ehe als über London +wieder erwachten, und deshalb auch den +Damm zwischen Calais und Dover nicht sahn, +welchen man eben zur engeren Verbindung Frankreichs +mit Brittanien anlegte. Er lief von beiden +Küsten ins Meer, von ungeheuren eingesenkten +Felsstücken erhöht, und, damit der Seestrom +den freien Durchgang behielte, von Hundert +Klaftern zu Hundert Klaftern mit Brücken aus +Hangewerk unterbrochen, die jedoch sämmtlich +höher waren, als das Gewölbe des Rialto zu +Venedig. Denn die größten Kriegschiffe fanden +mit allen aufgezogenen Segeln kein Hinderniß. +</p> + +<p>London fanden sie jetzt wahrhaft reich, durch +seine glückliche, zum Handel bequeme Lage, und +einen edlen Wetteifer im Kunstfleiß, ohne den +unsinnigen frevelhaften Vorsatz, alle übrigen Nazionen +der Erde zu Grunde richten zu wollen. +</p> + +<p>Gelino sagte: Vor dem traurigen Ruin, den +sich England Ehedem zuzog, sah man hier auch +Reichthum, doch, mehr dem Schein als der +Wirklichkeit nach. Das Land war seine ganze +Habe mehr als dreifach schuldig. Das baare +Geld, oder vielmehr seine Darstellung in Papier, +<!-- page 275 --> +war in die Hände von etwa Dreißigtausend +Gläubigern der Nation zusammengeflossen. Ihre +Zinsforderungen befriedigen zu können, wurden +dem übrigen Volke unerhört drückende Gaben +aufgelegt, Verarmung, Elend jeder Art, und +endlich völlig erschlaffte Staatskraft, mußten die +Folgen sein. Freilich retteten sich die Wohlhabenderen +nach Bengalen, und späterhin, wie dir +bekannt ist, nach Polinesien, wo das jetzt mächtige +Reich durch sie gegründet, und mindestens +die Kultur nach früherhin fast unbekannten Erdgegenden, +verbreitet wurde; doch die zurückbleibenden +traf ein Anfangs hartes Loos, bis sie +sich auch wieder zum gemessenen Streben ermannten, +und im freundlichen, auf ewigen inneren +Frieden gegründeten Bund mit Europa, ein +festeres Gedeihen als je fanden. +</p> + +<p>Die alte Paulskirche stand noch, sogar, wiewohl +verfallen, die Westminsterabtei. Ueber das, +dem Brande von 1660 zum Andenken errichtete, +Monument, hatte noch der Zahn der Zeit nichts +vermocht. +</p> + +<p>Der Luxus war dem in Paris ähnlich, die +Reisenden bezogen wieder einen Miethpallast der +jenem nichts nachgab. Man hatte einen öffentlichen +<!-- page 276 --> +Garten, wo das alte Eden nachgeahmt +war und in der That Milch und Honig in Bächen +floß. Es gab aber auch Teiche von Portwein, +Rum, Punsch, auf denen man in Nachen +aus buntfarbigen Konchilienschalen oder edlen +Metallen fuhr, Bäume von denen man leckere +Konfituren pflückte, gebratene Vögel die in der +Luft flogen (sie waren mit brennbarer Luft gefüllt), +gespickte Haasen, die umherliefen (eben +so in Bewegung gesetzt), Puddings, Roßbeefstücke, +Hammern, Austern, Bifsteeks von großem +Umfang, die Pilzen gleich aus der Erde +wuchsen, (denn die Küche hatte unterirdische +Gänge). Bisweilen regnete es Limonade, hagelte +Zuckerwerk oder fror süßes Pistazieneis. +Der Eintritt in diesen Garten kostete +aber, nach altem Münzfuß gerechnet, Hundert +Guineen. +</p> + +<p>Auch hatte ein neuer Graham ein himmlisches +Bett aufgeschlagen. Wer nun die Beschreibung +davon lesen wollte, mußte so viel zahlen, +als für den Eintritt in jenen Lustgarten, daneben +einen Eid schwören, nicht auszuplaudern. +Guido las, ward von den Vorstellungen unendlich +zauberisch ergriffen. Der Lehrer sagte: +<!-- page 277 --> +Wirst du einst im Mariatempel das Band ewiger +Liebe knüpfen, dann bediene dich dieser Erfindung. +Der Jüngling loderte in Flammen, +und verwahrte dieses Wort treu. +</p> + +<p>Die Bühnen zu Coventgarden und Drurylane +waren nicht mehr vorhanden, es gab andere +und in größerer Zahl. Das vorzüglichste hieß +Shakespears Theater, doch nicht nur der Name, +sondern auch die Werke des alten Dichters hatten +ihr Andenken erhalten. Auch bestand neben +der Vorliebe für ihn, viel Nazionalgeschmack +von Ehedem. Die Identifikazionen mit dem +übrigen Europa, hatten ihn nicht ganz aufgehoben, +was auch in anderen großen Provinzen +der Fall, wiewohl im merklichen Abnehmen, war. +Man gab Shakespears Trauerspiele noch immer, +jedoch übersetzt in die allgemeine Sprache +des Erdtheils, deren Vollkommenheit sie indessen +nichts verlieren, sondern viel an Kraft, Ausdruck, +Bedeutung gewinnen ließ. Die Theaterkunst +trieb es so weit als in Paris. Führte man +den Sturm auf, sah der Zuschauer ein wirkliches, +sturmerregtes Meer auf welchem das Schiff +scheiterte. Denn ein großes Wasserbecken gehörte +zu dieser Bühne, die man bei solchen Gelegenheiten +<!-- page 278 --> +unmerklich an seine Ufer rollte. Im +Hamlet war der Geist ein Riese, dessen Haupt +weit über den Pallast emporragte, und den auch +der Mond durchschien. Bankos Gespenst in +Makbeth und die Zauberinnen zerflossen vor aller +Augen in Nichts und dennoch hatten sie gesprochen, +gehandelt. Dies war immer die Wirkung<a id="corr-19"></a> +kunstreicher Phantasmagorie, mittelst der unglaubliche +Illusionen hervorgebracht wurden. +</p> + +<p>Guido verlangte jedoch von den Ergötzungen +weg, deren er schon so vielen beigewohnt hatte, +um die große Flotte zu sehen. Wie in der Provinz +Moskau das Landheer den Hauptsitz hatte, waren +Brittaniens Häfen, und vorzüglich London, +der Aufenthalt von Europas Seemacht. Auf +der Themse lagen die meisten Orlogschiffe, welche +zu ihren Uebungen in die Nordsee ausliefen und +gefahrvolle Küsten und Zwischenmeere besuchten, +die Piloten und niedern Mannschaften desto vollkommener +zu unterrichten. Jetzt nahte das +Spätjahr, mit den um die Zeit der Nachtgleiche +gewöhnlichen Stürmen, wo die Hauptprüfung +Statt hatte. Diesmal sollte die Flotte von +London ins Kattegat gehn, eine andere von +Portsmuth und Plimouth sich mit der Abtheilung +<!-- page 279 --> +welche bei Kopenhagen zu liegen pflegte, verbinden, +und dann wollte man zwischen den Belten +Seekämpfe halten. +</p> + +<p>Kadix, Toulon, Genua, Ankona, Korfu, +Konstantinopel waren übrigens auch Kriegshäfen, +doch der obern Leitung der Admiralität zu London +übergeben worden. +</p> + +<p>Die Flotte gehörte wie das Landheer dem +Föderalismus. Ihre junge Mannschaft zog sie +aus allen Küstenlanden. Der Dienst eines Seesoldaten, +wie sein Unterricht, seine Entlassung +oder Beförderung zu wichtigeren Stellen, wurden +nach Grundsätzen verfügt, die jenen beim Landheere +ähnlich waren. +</p> + +<p>Der Staat zahlte keinen Sold, dennoch aber +war die Seemacht wohlgerüstet, wohlgenährt, besaß +sogar Schätze genug, um einen langen Krieg +aus ihren Mitteln führen zu können. Dies +machte, weil die Schiffe sechs Monate im Jahre +zum Handel gebraucht werden durften, den die +Admiralität, für Rechnung der Flotte, nach allen +Erdgegenden trieb. Unbedingte Hafenfreiheit +durch ganz Europa machte ihn noch weit einträglicher. +</p> + +<p>Guido meldete sich bei dem Befehlhaber der +<!-- page 280 --> +auszulaufenden Fahrzeuge, sagte ihm, wie er +sich zwar dem Kriegdienste zu Lande gewidmet +habe, dennoch aber einer Seeübung als Freiwilliger +beizuwohnen wünsche. Die Erlaubniß +wurde auf seine Bitte zugestanden, nachdem +er vorher bedeutende Proben seiner Geschicklichkeit +im Schwimmen, Fechten und Schießen nach +dem Ziel, abgelegt hatte. +</p> + +<p>Der Seekrieg wurde auf eine weit furchtbarere +Art geführt als Ehedem. Man zählte auch +drei Truppengattungen. Eine davon bestieg Luftfahrzeuge, +suchte brennende Stoffe auf die feindlichen +Galleonen zu werfen und Masten oder +Segelwerk zu zerstören. Sie ward im Vollziehen +und Abwenden nach Bedarf geübt. Die andere +diente in den Schiffen selbst auf mancherlei Weise. +Es gab Schützen, welche dicht bepanzert an +Strängen hingen. An den Masten wurden sie +staffelförmig zur Höhe gezogen, damit ein dichter +Rohrhagel zugleich konnte abgesendet werden, +und nach dem Feuer hinter die Brustwehr zurückgesenkt, +dort laden zu können. Einem feindlichen +Schiffe nahe, mußten sie auf einer Fallbrücke +hinüber und mit dem Schwert wüthen, blieben +demungeachtet aber an das ihrige gebunden, um +<!-- page 281 --> +sie im schlimmen Falle, eilig wieder auf das eigene +Verdeck zu ziehn. Es gab Schiffartilleristen, +noch kunstfertiger als jene auf dem Lande. Sie +bedienten sich immer der glühenden Kugeln, denen +zweckmäßig ersonnene Oefen, in einem Augenblick +die nöthige Hitze gaben. Auch lange +Schwerter wurden in Bögen von oben nach unten, +und von einer Seite zur andern, aus dazu +geeigneten trogartigen Mörsern geworfen, Tauwerk +und Segel zu verwüsten. Es gab Schiffchemiker, +welche die Brandmaterien anfertigten, +womit man noch wirksamer als selbst durch die +glühenden Bälle zu zerstören strebte, und auch +wieder Stoffe, welche den verderblichen Lauf +derer, welche der Feind sandte, hemmen konnten, +alles Resultate von Erfindungen welche die Vorzeit +noch nicht ahnte. Es gab Seemechaniker, +die bewunderswürdige Maschinen lenkten. Dahin +gehörten die schnellen Ruderwerke, welche +bei Windstillen dienten; die künstlichen Steuer, +geschickt ein Fahrzeug in unglaublich kurzer Zeit +zu drehen. Den Krieg unter dem Meere konnte +man dennoch als den wichtigeren betrachten. In +den schon beschriebenen Taucherhütten galt da +der schlaue grimmige Kampf. Unter den Bauch +<!-- page 282 --> +der Schiffe suchte man anzulangen, mittelst fürchterlicher +Bohrer Lecke zu bereiten, oder noch +fürchterlichere Petarden anzuschrauben, deren Pulver +auch im Wasser seine Kraft übte. Wer hätte +nicht glauben sollen, bei so vielen Zerstörungsmitteln +müßte es in wenigen Minuten um ganze +Flotten geschehen sein, dennoch begründeten die +Gegenmittel wieder ein Gleichgewicht der Kräfte, +und zeigte der Feind dieselbe Kunst, hing +die Entscheidung oft an Zufälligkeiten. Die Befehlhaber +gestanden auch, wie die Flotten von +Afrika oder Amerika, eben so wohlgerüstet und mit +kunsterfahrnen Kriegern bemannet wären, daß +also hier von keinem überwiegenden Vorzug die +Rede sei, und derjenige ein wichtiges Verdienst um +den Meerkrieg erwerben könne, der etwas aufzufinden +im Stande sei, das, den Fremden unbekannt, +in der nächsten Fehde den gewissen +Ausschlag gäbe. +</p> + +<p>Dies Wort warf einen Funken in Guidos +Einbildungskraft, und ließ sie aufflammen. +Sollte diese Aufgabe nicht zu lösen sein? fragte +er sich. Und warum nicht? Strebt doch alles +höherer Vollkommenheit entgegen. Er sann weiter +über diesen Vorwurf nach. +</p> +<!-- page 283 --> + +<p>Die Flotte lichtete die Anker. Guido hatte +von dem Lehrer Abschied genommen, der in +London zurückblieb. Bei einem wüthenden Orkan +stach man um Mitternacht in See, doch die +Fertigkeit spielte nur mit den Hindernissen. Gegen +den Wind kämpften die Ruderwerke, die +Klippen und Sandbänke, nach welchen zu steuern, +mit gutem Bedacht geboten wurde, umlenkte +Geographie des Meergrundes und der Piloten +Besonnenheit. So langten die Schiffe nach wenig +Tagen in den gefahrvollen Belten an, trafen +bei einem dunkeln Nebel auf jene, welche +die feindliche Rolle gaben, und der Kampf +begann. +</p> + +<p>Guido flog erst mit den Luftgondoliren empor, +stieg dann wieder in sein Schiff nieder, +und senkte sich endlich mit den Tauchern in die +Tiefe. Er wollte von Allem genaue Kunde zurückbringen, +Jedermann sah sich befremdet durch +seinen Eifer, seine Kraft und Ausdauer. +</p> + +<p>Es trat jedoch ein seltsamer Fall ein. Drei +Schiffe von der Gegenparthei, schnitten der diesseitigen +Flotte ein Fahrzeug ab. Es fand sich +umringt, und von den Masten dort wehte das +Signal, sich zu ergeben. Dies wollte es nicht, +<!-- page 284 --> +den Vorwurf, unachtsam gewesen zu sein, abzulehnen. +Man wandte alle Mittel an, den +Weg durch die Feinde zu nehmen, die wieder +alle Vorkehrungen trafen, es zu hindern; denn +sie entflammte der Ehrgeitz, eine wohlgelenkte +Bewegung ausgeführt zu haben. +</p> + +<p>Gefahren mangelten diesen, mitten im Sturm, +im engen, klippenvollen Meere, gehaltenen Uebungen +keineswegs, auch fiel mancher Soldat in die +empörten Fluten, wo ihn weder das eigne fertige +Schwimmen, noch die Hülfe der Kameraden +zu retten vermochte; doch die Röhre lud +man nicht. +</p> + +<p>Allein auf dem bedrängten Schiffe — Guido +befand sich eben hier — kam ein Artillerist auf +den Gedanken, die Widersacher dadurch abzuhalten, +daß er ihre Segel und Ruderwerke zerstörte. +Strafwürdig füllte er also sein Geschoß +ernsthaft, und erprobte auch seine Fertigkeit so +wohl, daß ein Fahrzeug drüben bald außer Stand +gesetzt wurde, seine Bewegungen willkührlich zu +lenken. +</p> + +<p>Dies Verfahren machte aber, daß die andern +wütheten, und Gleiches mit Gleichem bezahlten. +Ohne daß ihren Konstablern durch die Obern +<!-- page 285 --> +Einhalt geschehen konnte, warfen sie glühende +Bälle ab. Das bedrängte Schiff hatte ein doppelt +überlegenes Feuer zu leiden, und mußte +sich nun auch ernst vertheidigen, oder untergehn. +Das Erste geschah mit zügelloser Hitze, die jedoch +nicht unbeantwortet blieb, und zur Folge +hatte, daß viele Soldaten an beiden Theilen +todt hinsanken. Nur mehr eiferten die Gemüther, +ergrimmt setzte man den Kampf fort. Die +Offiziere fielen sämmtlich. Guido, dessen kriegerisches +Feuer im rasenden Getümmel hoch aufflammte, +lenkte den Streit, ertheilte so guten +Rath, daß man sich willig unter seinen Oberbefehl +stellte. Er drang geschickt auf das eine +Fahrzeug ein, ließ im gültigen Augenblick die +Fallbrücke werfen, stürzte sich mit der Hälfte seiner +Leute auf das feindliche Verdeck, wo man +sich dieser Kühnheit dennoch nicht versah, und +sich ergab. Nun wiederholte er dasselbe bei dem +andern Schiffe, wo es eben so gelang, und +führte die eroberten Schiffe im Triumphe dem +Admiral zu. Dieser zürnte, wie billig, verordnete +Strenge gegen die frevelhaften Urheber des +blutigen Unfugs, wunderte sich aber hoch, daß +der neue Freiwillige der Soldaten Vertrauen +<!-- page 286 --> +habe gewinnen, und ihm mit so vieler Sachkunde +und Geistesgegenwart habe entsprechen +können. Er begriff auch gar wohl, wie ohne +die schnell beherzte Entscheidung, noch mehr Leben +würde gefallen sein. Guido wurde mit Lob +überhäuft, und auf allen Fahrzeugen rühmte +das eilig umlaufende Gerücht, den kühnen, weisen +Jüngling. Er bewährte sein Genie auch +noch höher, indem er in der That die Erfindung +machte, welche, so lange sie dem Feinde unbekannt +blieb, ein entschieden Uebergewicht im +Kampf begründete, und die lange vergeblich gewünscht +worden war. Sie bestand in einer einfachen, +doch höchst wirksamen und wohlberechneten +mechanischen Vorrichtung, mittelst der +man, ohne es selbst zu verlieren, einem feindlichen +Schiffe das Gleichgewicht rauben, und es +rettungslos umwerfen konnte. Als ein Geheimniß +vertraute er seine Theorie dem staunenden +Admiral. Dieser fand sie so wichtig, daß er sogleich +die weiteren Uebungen aufhob, um nach +London zurückzusegeln. +</p> + +<p>Dort angekommen, ward Guido eingeladen, +vor einem engeren Ausschuß der oberen Leitung +der Seemacht, Versuche mit der anzufertigenden +<!-- page 287 --> +entworfenen Maschine zu halten. Sie betrogen +die hohe Erwartung nicht; die Admiralität ertheilte +ihm ein Ehrenzeichen und machte ihm +bekannt: daß dem Strategion und dem Kaiser +eine Nachricht von seinem bedeutenden Verdienst +um den Seekrieg würde zugesandt werden. Bescheiden +zog sich der Jüngling zurück, und drang +in den erfreuten Lehrer, abzureisen. Das Ehrenzeichen +trug er nicht, sondern übermachte es +Ini, mit der Bitte, es mit jenem aufzubewahren. +— Diese hatte sich aber damals schon von +Sizilien entfernt. +</p> + +<p>Man schlug nun den Weg nach Spanien ein. +Hier fand Guido viele Monumente mit traurigen +Bezeichnungen, und überschrieben: „Denkmal +beweinter Irthümer.“ Gelino gab ihm +hierüber folgende Auskunft: Spanien hatte vor +mehr als einem halben Jahrtausend einen hohen +Gipfel des Wohlstandes eingenommen. Freundlich +durch die Natur begünstigt, sah man zahlreiche, +kunstfleißige, kluge Bewohner, seiner +üppigen, reitzenden Gefilde pflegen, in den weiten +blühenden Städten wohnten Thätigkeit und +Ueberfluß. Doch ein Sistem frevelhafter Kirchlichkeit, +weiter von Religion entfernt als irgend +<!-- page 288 --> +in einem Lande und zu irgend einem Zeitraum +der Verfinsterung, trat mit widrigen Maaßregeln +seiner Regenten in Bund, und entvölkerte +nach und nach den gesegneten Erdstrich bis auf +ein Drittheil der alten Menschensumme. Der +Zufall ließ Spanien die ersten Vortheile von +Amerikas Entdeckung ziehn, weite reiche Landschaften +eignete es sich dort zu, Gold- und Silberminen, +wie sie zuvor keinem Staate gehörten, +wurden sein Eigenthum. Doch dieser Umstand +brachte, statt wiedererwachten Flor, nur +tiefere Verarmung zuwege; denn Spanien ergab +sich dem Müßiggang, das Gold wich in die +Fremde, man sank in Schulden. Zuletzt schwelgten +nur noch wenige Großen und die Priester, +die Geisteskraft lag in den Banden des wahnsinnigsten +Aberglaubens, die Regierung, trotz +der meerumflossenen und durch die Mauer der +Pirenäenkette gesicherten Lage von Spanien, +konnte sich nicht mehr vertheidigen. Die späterhin +geistesentwölkten Nachkommen, blickten nun +mit Wehmuth in eine Vergangenheit zurück, die +so viel Säumniß, das Gute zu erkennen, zu beklagen +darbot. Sie meinten, wenn man der +Kraft und Weisheit billig Denkmale stelle, gebühre +<!-- page 286 --> +solches auch wohl zerrüttenden Irthümern, +damit die schaudernden Enkel laut gemahnt +würden, auf edlem Pfad zu wandeln. +</p> + +<p>Guido seufzte bei dieser Erzählung, freute +sich aber desto inniger über das nun paradiesisch +angebaute Land, die prangenden Reisgefilde, +die duftenden Orangenhaine, die Weingärten, +alle übrigen, welche er je gesehn, an Schönheit +hinter sich lassend. +</p> + +<p>Madrit, sagte Gelino, wird dich entzücken. +Ehedem soll es eine winklige, ohne Geschmack +aufgeführte, und über alle Beschreibung unreinliche +Stadt gewesen sein, späterhin ist sie jedoch +von Grund auf neu erbaut worden, und das, +dem an sich lieblichen, und noch viel veredelten +Klima angemessen. +</p> + +<p>Guido fand die Bestätigung dieser Worte. +</p> + +<p>Hatten Polen und Teutonien, durch Kultur +ihrem Boden Früchte erzogen, die man sonst +nur in Spaniens Breite sah, so hatte dies Land, +durch glückliches Streben und bei reicherem Segen +der Naturkräfte, manche Erzeugnisse von Afrika +zu sich verpflanzt. Die Gärten um Madrit sahen +die edelsten Feigengattungen reifen, der Pisang +blühte lustig, die Dattelpalme, der Kokosbaum +<!-- page 290 --> +breiteten ihre dichten Laubgewölbe in langen +Blättern aus, die Brodfrucht gedieh auf +kräftigen Stämmen und erhöhte den Reichthum +an Lebensnahrung. Gewürzstauden mancher Art, +sonst ein Eigenthum indischer Eilande, wurden +auch mit Erfolg gezogen und durchhauchten die +Lüfte mit den angenehmsten Aromen. Madrit +hatte sehr breite Straßen, in welche, zur erfrischenden +Kühlung, Kanäle geleitet waren. Man +wachte über ihre Sauberkeit mit fleißiger Sorge, +spiegelhell wogten sie langsam zwischen den marmornen +Bekleidungen hin. Zu beiden Seiten +prangten Baumgänge, und die Straßen hatten +ihre Benennung davon, je nachdem es Pfirsich, +Granatäpfel, die stattliche Benta von Senegal, +der nützliche Kapok, die schattige Pflaumenpalme +u. s. w. waren, welche dort in gleichförmigen +Reihen standen. In Herbst- und Winternächten +hüllte sie am Stamm eine Decke ein, und oben +waren Frostableiter angebracht. Vor den Häusern +sah man auch in graden Abtheilungen +Blumenbeete, und von den platten, mit Geländern +versehenen, Dächern, winkten allerhand liebliche +Stauden in Vasen, wie sie auch, von guten +Steinwölbungen unterstützt, eine Erdlage +<!-- page 291 --> +für Lustpflanzen trugen. Die Einwohner brachten +schöne Morgen und Abende oben zu, verrichteten +hier mancherlei Geschäfte. Oft klang die +kastilianische Guitarre, noch, wiewohl sehr veredelt, +im Gebrauch, in süßen Melodien herab, +begleitet vom Sopran liebeathmender Mädchen, +oder der alte Fandango drehte sich auf den Blumenmatten +der Höhe. +</p> + +<p>Von den vielen Plätzen waren diejenigen, +welche nicht zu Handelsmärkten dienten, entweder +mit Lustwäldchen von Cedern oder üppigen +südlichen Fruchtbäumen bepflanzt, oder in anmuthige +Wiesenplane umgeschaffen, oder mit +weiten klaren Wasserbecken geziert, auf denen +bequeme Gondeln zu Freudenfahrten einluden. +</p> + +<p>So glich Madrit einem großen Garten, und +die Wohnungen der Menschen darin, Pavillonen, +Nischen u. s. w. Kaum ließ sich ein reitzenderer +Aufenthalt erträumen. Es gab auch Tempel +aus Baumgewölben von seltner Höhe, unten +mit Meisterwerken der Bildhauerei geschmückt, +und die Andacht darin hatte einen feierlichen +Zauber. Der große Hang, die Lieblichkeit der +schönen Natur zu genießen, hatte auch mancher +Bühne, aus Hecken erbaut, das Dasein gegeben. +<!-- page 292 --> +Bei guter Witterung sah man hier Schauspiele +unter dem freien Himmelsbogen, oft noch ein +Werk des Lope de Vega voll seltsamer Liebesabentheuer, +die die romantisch empfindenden Einwohner +nicht vergessen hatten. +</p> + +<p>Dem Mansanares war ein Bett von mehr +Tiefe und Umfang als Ehedem gehöhlt worden, +er stand mit dem Minho, Guadiana, Guadalquivir +u. s. w. in Verbindung, welche, jetzt auch +geeignet Seeschiffe zu tragen, der Hauptstadt +den Vortheil eines ausgebreiteten Handels verschafften. +</p> + +<p>Nur Buenretiro und Aranjuez entzückten Guido +noch mehr, als das liebliche Madrit, und er +hätte es beweinen mögen, nicht mit Ini in diesen +Elisäen wandeln zu können. Denn Geschmack +und Reichthum hatten wetteifernd sich verbunden, +die Gärten dort, mit Allem, was Phantasie +und Herz glühend füllen kann, verschwenderisch +auszustatten. Obgleich der Winter nahte, +ließ ihn die noch überall grünende Wonne nicht +ahnen. +</p> + +<p>Der Lehrer sagte aber: Fort von hier, mein +Guido! Wenn diese Lust dich, dem die üppigen +Vergnügungen von London und Paris langweilten, +<!-- page 293 --> +im Streben nach Unterricht, mehr ankettet, +weil die Natur höheren Theil daran hat, +freut es mich, doch deinem Zweck darf sie dich +auch nicht entführen. In tieferer Wissenschaft +kannst du hier nichts Beträchtliches erlernen, +dies Volk hat noch manchen Schritt zu thun, +die alte Säumniß einzuholen, um neben den +Teutonen, Britten und Franken zu stehn. Wir +wollen nach Lissabon, doch auch da nur kurze Frist +weilen. +</p> + +<p>Guido folgte sogleich, er hatte Selbstbeherrschung +genug, um zu wollen, was er sollte. +</p> + +<p>Die Luftpost trug die Reisenden bald nach +der westlichsten Hauptstadt in Europa. Dort befand +sich unter andern eine berühmte Vorkehrung +gegen Erdbeben. Weshalb Lissabon so große +Summen zu diesem Zweck aufgewendet hatte, +sieht man leicht ein. Die Anstalt würde einem +Bürger des achtzehnten oder neunzehnten Jahrhunderts +so großes Staunen aufgedrungen haben, +wenn ihm ein prophetischer Geist davon +hätte Meldung thun können, wie Jedermann +im zehnten gefühlt hätte, wenn damals die +Rede von Feuerröhren und Blitzableitern gewesen +wäre. +</p> +<!-- page 294 --> + +<p>Doch eine andere Szene fesselte Guidos +Aufmerksamkeit, wo möglich, noch mehr. Da +er nämlich am Ausfluß des Tago umherging, +kam etwas über die See, keinem Schiffe gleichend. +Das Herannahen des Phänomens setzte +ihn in nur heißere Verwunderung. Er begriff +nicht, wie ein Gegenstand von diesem Umfange +auf den Wogen schwimmen könne. Endlich sah +er klar, daß es eine Insel sei, und halb Lissabon +strömte hinaus, sie anzustaunen. +</p> + +<p>Sie kam noch näher. Fernröhre hatten die +Versammlung Neugieriger schon überzeugt, daß +sich viele Menschen darauf befänden, welche +theils auf dem Rasen und in den kleinen Gebüschen +sich ergingen, theils in einem Wohnhause, +das man auf dem Eilande erblickte, allerhand +Zeitvertreib hielten. Wer konnte aber +das alles erklären? War ein Stück Land irgendwo +durch ein gewaltsam Naturereigniß losgerissen +worden, und schwamm es nun zufällig gerade +auf Lissabon her? Niemand wußte, was er denken +sollte. +</p> + +<p>Freundlich grüßten aber von der Insel Kanonenschüsse, +und die dankende Antwort wurde +vom Kasteel des Hafens nicht vergessen. +</p> +<!-- page 295 --> + +<p>Endlich hielt die Insel. Sie hatte eine so +geringe Tiefe, daß sie unfern der Küste ihren +Lauf enden konnte. +</p> + +<p>Nun offenbarte sich aber, daß Wallfische von +ungeheurer Größe, deren Köpfe und Rücken +auch vorher, obwohl nicht deutlich, über der +Fluth bemerkt worden waren, das Eiland gezogen +hatten. Die Männer, mit ihrer Lenkung +bis dahin beschäftigt, spannten sie jetzt von den +unerhört dicken Geschirren, warfen Anker von +seltener Schwere, und banden die Thiere an +ihren Tau. +</p> + +<p>Wallfische gezähmt, zum Dienst des Menschen +angelehrt? rief Alles; in wem erwachte zuerst +der kecke Einfall? welche Mittel ersann er, +ihm Wirklichkeit zu geben? +</p> + +<p>Mit einem kleinen Nachen kamen nun einige +Männer ans Land, fast erdrückt von Portugiesen. +Sie zeigten auf einen hochbejahrten Greis +in ihrer Mitte, nannten ihn den Besitzer des +unerhörten Seefuhrwerks. Alles ging diesen nun +um Auskunft an, er mußte einen Balkon +besteigen, zu der immer mehr angewachsenen +Menge zu reden. +</p> + +<p>Ich bin aus Nordamerika, Philadelphia mein +<!-- page 296 --> +Geburtsort, hub er an. Schon mein Vater kam +in früher Jugend auf die Vermuthung, es werde +möglich sein, sich Fischen mit seinem Willen +verständlich zu machen, und ihre geringe Denkkraft, +mit der vielumfangenden menschlichen, in +Beziehung zu setzen. Denn, dachte er, geht +dies bei Thieren vom Lande an, wo ist der +Grund, es werde hier nothwendig mißlingen? +Ohne Zweifel gab es einst Menschen, die den +verlacht haben würden, der behauptet hätte, +man könne Roß oder Stier zum dienenden Knecht +machen. Genug, mein Vater begann sein Werk +mit unsäglicher Mühe. Kleine Flußfische in Becken +waren es, womit er den Anfang machte. +Die Nachbarn fragten, wozu denn das je nützen +solle? Dies mochte mein Vater auch noch nicht +recht einsehen, doch machte ihn nichts irre, und +nach Jahren konnte er doch einen Hecht, einen +Aal zeigen, welche auf seinen Wink allerlei kleine +Künste vollzogen. Der Neuheit wegen lief man +herzu, sah es an, zuckte hernach aber die Achsel +ob der eiteln Mühe. Doch mein Vater fuhr +fort. Ein Zitterfisch, ein Kabliau und ein Hai, +sehr jung eingefangen, kamen an die Reihe. +Er fand bei diesen Thieren größere Gelehrigkeit, +<!-- page 297 --> +mit gebändigterem Muth bei dem folgenden Geschlecht +verbunden, das er zog. Mit dem dritten +ging es noch weiter. In einem großen +Teich, den Meerwasser füllte, hatte der Vater +eine Menge Kabliaue und Haie, ruderte sich auf +demselben umher, sie abrichtend. Sie kamen +auf seinen Ruf, empfingen Speise, entfernten +sich wenn er es haben wollte, ließen sich ergreifen, +sprangen sogar in den Nachen, und schmeichelten +ihrem Herrn, indem sie aber zu bitten +schienen, sie wieder in ihr Element zu entlassen. +</p> + +<p>Mein Vater genoß keinen Vortheil davon, +als daß er von denen, welche die seltsamen +Künste seiner Thiere zu sehn begehrten, sich ein +Zutrittgeld erlegen ließ, wodurch er aber dennoch +eine artige Summe gewann. +</p> + +<p>Eines Tages blieb ein großer Hai ganz zufällig +an dem Stricke hangen, womit mein Vater +den Nachen am Lande zu befestigen pflegte. +Und so zog er diesen, indem er fortschwamm, +hinter sich. Das kann ein neues Kunststück geben, +dachte mein Vater, und fertigte Sielenzeug +für zwei Haie an. Erst thaten die Thiere +unbändig, eine Last hinter sich empfindend, und +<!-- page 298 --> +einen Zügel im Mund, sie wollten ihre Bande +zerreißen, schossen gegen den Grund, was den +Nachen in Gefahr brachte. Doch fortgesetzte +Liebkosung, Fütterung, wie sie sie gern empfingen, +und nach Jahr und Tag, gab mein Vater +seinen Haien ein Zeichen mit einer im Wasser +bewegten Glocke, sie kamen, ließen sich Zaum +und Geschirr anlegen, und lenken, wohin man +wollte. Gegen das Ende seines Lebens fuhr der +Alte aus seinem Teich nach dem hohen Meere, +holte von einem Küstenorte zum andern allerhand +Waaren. +</p> + +<p>Ich, noch ein Knabe, sann dem Dinge weiter +nach. Wie, wenn man Seeschiffe so fortbringen +könnte? Man dürfte des entgegenwehenden Windes +oft spotten, hätte nicht nöthig zu kreutzen, würde +mehr Herr der Zeit, bedürfte der kostspieligen +Ruder nicht, und käme vielleicht schneller als mit +ihnen davon. Aber da bedürfte es größerer Thiere. +Wenn indessen der Hai zum Gehorsam zu bringen +ist, warum sollte es nicht auch der Wallfisch +sein? +</p> + +<p>Der Vater starb bald, ich nahm mein Erbe, +und begab mich nach Kanada, mir dort einen +<!-- page 299 --> +kleinen Meerbusen als Eigenthum zu verschaffen. +Seine Enge vorn ließ ich mit einem Damm +versehn, der durch eine Schleuse gesperrt werden +konnte. Eine Wohnung erbaute ich mir am +einsamen Strand, machte Niemand zum Zeugen +meines Vorhabens, als einige Knechte, weil ich +vor der Zeit nicht davon geredet wissen, und von +keinen Neugierigen überlaufen sein wollte. +</p> + +<p>Nun ruhte ich nicht, bis es mir gelungen +war, vieler jungen Wallfische habhaft zu werden, +wobei mir Taucherhütten und dazu eingerichtete +Fangwerke dienten. +</p> + +<p>Dies gelang, aber mein weiteres Beginnen +war mühevoll. Doch jung, kräftig, ausdauernd +und mein Ziel mit festem Willen ins Auge gefaßt, +ließ ich mich nicht ermüden. Daß ich kurz +bin, sage ich euch, wie ich mein Vorhaben funfzig +ganzer Jahre lang treu verfolgte. Dann sahe ich +mich aber auch belohnt. Es war mir ein Schertz, +eine Brigg oder einen Dreimaster von wohleingefahrenen +Wallfischen dahin schleppen lassen, ich +sah jedoch auch ein, wie die Kraft dieser Ungeheuer +noch mehr leisten könne. Da fertigte ich +einen großen Floß, aus aneinander gefügtem +<!-- page 300 --> +Treibholz, bewarf ihn mit durchsiebter fruchtbaren +Erde und pflanzte allerhand Gras und +Kräuter darauf. Einige erhöhte Hügel konnten +Katalpen und Akazien, andere Fruchtbäume tragen. +Ein gemächlich Wohnhaus und Speicher zu +Waaren folgten. So entstand das künstliche Eiland +welches ihr seht. Manches Jahr übte ich +erst die Fahrt in meiner Bai, dann ließ ich den +Damm mit Pulver wegsprengen, die Insel +zum Ozean bringen zu können, und langte damit +wohlbehalten auf der Rheede von Philadelphia +an. Die Einwohner staunten wie ihr. Man +überzeugte sich aber bald von der Festigkeit und +Sicherheit meiner Fahrt und gab mir reiche Ladung +nach Europa, die ich verlangte. Auch einige +Passagiere fanden sich, andere wagten es +noch nicht, die Reise zu theilen. Die meisten +unter jenen Männern sind meine Knechte. Doch +fahrt jetzt zu der Schwimminsel hinüber, erschaut +ihre Bequemlichkeiten. Der Reisende merkt kaum, +daß es weiter geht. Welch ein angenehmer Aufenthalt. +Bei heitrer Witterung lustwandelt man +auf den Hügeln, schlummert im Grase, belustigt +sich mit Fischfang. Ist der Himmel unfreundlich +<!-- page 301 --> +ladet das Gebäude ein, wo sich mehr angenehme +Einrichtungen finden, als auf dem größten Schiffe, +nicht Büchersammlung, Orchesterorgel, Lusttheater, +Fechtboden u. s. w. fehlen. Eine Taucherhütte +hängt hinten am Eiland, daß man sich +auf der Reise beliebig in die Tiefe senken, und +dort umsehen kann. Dies alles wurde erst in +Philadelphia vollendet. Und prüft auch meine +großen Waarenspeicher. Wohl mehr noch als ein +Dutzend große Schiffe, vermag ich zu laden, +wohlgeordnet, wohlgepackt, keinem Verderbniß +blosgestellt, und dennoch geht meine Insel nicht +tief, weil ihre Breite und Länge im ausgleichenden +Verhältniß zu den aufgebürdeten Lasten +steht. Eiliger schießen die Wallfische dahin, als +der günstigste Wind ein Fahrzeug zu treiben vermag. +Der Sturm kann ihnen nichts anhaben, +er trifft sie nicht in ihrer Tiefe. Das Eiland +ist zu groß um ein Spiel der Wogen zu sein, zu +hoch, zu fest, durch Brandungen zu leiden; +stranden kann es nicht leicht, und wenn auch, es +ruhet dann sicher auf dem Grunde und es sind +Winden vorhanden, die es bald wegschaffen. +Seht, ihr Europäer, dies alles kann des Menschen +Fleiß ins Werk richten! +</p> +<!-- page 302 --> + +<p>Der Greis endete. Man konnte nicht Chaluppen +genug finden, die Neugierigen überzusetzen. +Daß Gelino und Guido nicht zurückblieben versteht +sich. Man fand alles, wie der Mann gesagt +hatte, bewunderte am meisten die Sielen +und Zugketten der sechs Meerungeheuer, und +sahe zu, wie sie gefüttert wurden und die Knechte +auf ihren Rücken tanzen ließen. +</p> + +<p>Das Abladen der Waaren begann und der +Mann verlangte an der Börse Rückfracht nach +Nordamerika. Sie fand sich, seine Maschinen +machten Alles in wenigen Tagen ab. +</p> + +<p>Während der Zeit erwachte in Guido eine +heiße Neigung, die Inselfahrt auch zu theilen. +Wir wollten ja ohnehin nach Westindien, sagte +er zum Lehrer, laß uns Plätze miethen. Gelino +hatte kein Ohr dazu, sein Alter empfahl mehr +Vorsicht als der jugendlich ungestüme Muth. +Zu wenig ist das noch erprobt, mein Freund, +antwortete er, Unfälle, die der Mann selbst +nicht erwartet, könnten uns treffen. Erfahrung +muß noch deutlicher über den Gegenstand reden, +vielleicht litt diese Reise nicht von heftigen Stürmen, +er wähnt nun seine Anstalten über alle Gefahr +<!-- page 303 --> +erhoben, und ein Andermal kann sie ihn +überwinden. Doch dies alles leuchtete unserm +Guido nicht ein, sein Verlangen wuchs nur am +Widerstande und er drang so lange mit Bitten +in den Lehrer, bis er, obwohl bedenklich genug, +einwilligte. +</p> +<!-- page 304 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Viertes Büchlein.</h2> + +<p class="sub">Reise außer Europa.</p> + +<p class="first"><span class="firstchar">N</span>un ward der Vertrag geschlossen, und das +Eiland bezogen. Niemand fragte um günstigen +Wind. Als die Ladung eingenommen war, lichtete +man die Anker, legte die Thiere vor, befreite +das Eiland vom Grunde, und fuhr unter +dem jubelnden Nachruf der Menge ab. In wenigen +Stunden sahn unsre Reisenden die hohen +blauen Felsenküsten von Portugal nicht mehr. +Guido war entzückt. +</p> + +<p>Freilich raubte die Jahrzeit der Reise manches +Angenehme. Im Sommer würde sie viel +reitzender ausgefallen sein. Aber so lebte man +bereits in der Mitte des Novembers, in Lissabon +freilich nicht unbehaglich empfunden, doch +desto mehr, als man in den nördlicheren Gewässern +anlangte. Da gewährten die entlaubten bereiften +<!-- page 305 --> +Bäume und das falbe, mit dürren +Blättern überstreute Gras auf der Insel, eben +keinen freudigen Anblick mehr, auch war sie in +kurzem ganz mit Schnee bedeckt. Der Inhaber +hatte indessen auf das Vergnügen seiner Passagiere +gedacht, mehrere lebendige Hasen, Füchse, +Kaninchen verborgen, von denen er jetzt welche +heraus ließ, damit man sie jagen könne. Einige +der Reisenden belustigte das weidlich, doch Guido +nicht, wohlthätige Schonung gegen Thiere lag +in seiner Sinnesart. Er blieb meistens bei Gelino +im Zimmer, mit Wissenschaften die Zeit +verkürzend. +</p> + +<p>Auf der hohen See wütheten einige Stürme, +die Balken der Gebäude krachten, die Wellen +spülten ihren weißen Schaum über die Ufer. +Unbesorgt, rief der Pilot, es hindert unsere +Fahrt nicht! In der That war es auch also. +Die Wallfische schwammen dann tiefer, als die +Wogen vom Sturm bewegt wurden, so wenig +ein Boot vom Kräuseln eines Baches leidet, +ward auch das Eiland vom hohlen Gewühl des +Atlantus verletzt. Haus und Speicher widerstanden. +</p> + +<p>Mit großen Reusen fingen die Knechte täglich +<!-- page 306 --> +kleinere Seefische in großer Menge, welche +sie in einer Art Futterbeuteln, von eines Zeltes +Größe, den Wallfischen gaben. Diese zehrten +dann, ihren Lauf nicht unterbrechend. Zeigten +sie sich einmal widerspenstig, wollten eine andere +Richtung nehmen, als der an großen, mit +Winden versehenen Pfählen hängende, Zügel vorschrieb, +neckten einander beißend, oder wollten, +dem Instinkt folgend, der Fischjagd obliegen, +strafte man sie durch zackige Mastbäume deren +Streiche ein Hebel auf sie fallen ließ. Die bändigenden +Eisenstangen in ihren Rachen wogen +mehrere Zentner, und ließen ihnen, scharf durch +die Maschinen angezogen, die Lust des Ungehorsams +bald vergehn. +</p> + +<p>Nur vierzehn Tage währte die Fahrt, dann +lag man auf der Rheede von Philadelphia. Sie +war schon mit Eis überdeckt, aber das Eiland +brach sich sowohl Bahn, als die Wallfische unter +dem Rande hingleitend, ihn leicht wegbröckelten. +Dennoch fuhren die Reisenden auf Eisschlitten +zur Stadt, frohlockten über das Vollbrachte und +wurden mit freudigem Gruß bewillkommt. +</p> + +<p>Gelino war froh, diese Reise überstanden zu +<!-- page 307 --> +haben. Sie hatte ihn mehr geängstet, als er +sich selbst merken ließ. +</p> + +<p>Philadelphia hatte einen großen Umfang und +viele Schönheiten der Baukunst aufzuweisen. +An Reichthum und Vergnügungen gab sie keiner +Stadt in Europa von ähnlicher Größe etwas nach, +übertraf sie sogar. Denn die Kultur in Nordamerika +hatte eine Stufe erreicht, welche den +Vorrang der europäischen streitig machte. Dies +konnte auch nicht anders sein, da diejenigen +Mittel, welche einen raschen Gang der Bildung +begründen können, den Einwohnern schon in +sehr früher Zeit zu Gebote standen. Die ganze +Halbinsel von der Honduras-Bai, bis weit hinter +der Beringsstraße und Kap Lisburn hinauf, +wie an der östlichen Seite hinter der Baffins-Bai, +Grönland noch eingeschlossen, war nach einem +schon frühen glücklichen Kriege, zu einem +glücklichen Staat vereint, dessen viele weitläuftige +Lande, jedes seine demokratische Regierungsform +hatte, und wieder durch einen, dem europäischen +ähnlichen Föderalismus, sich zur vollkommneren +Gesammtkraft verbanden. Man war +auch durch die Vortheile einer bequemeren Weltverbindung +<!-- page 308 --> +bewogen worden, die neue europäische +Sprache einzuführen. +</p> + +<p>Von der Hauptstadt Wassington sprach alles, +wie von einem Theben oder Babilon, die Ufer +der Ströme Lorenz, Niagara, Ohio, Susquehannah, +Missisippi u. s. w. waren fast mit neuen +Wohnplätzen besäet. Mexiko, Luisiana, Florida +waren Erdenparadiese, nördlicher konnte man +den Zustand der Dinge mit jenem in Spanien, +Frankreich oder Brittanien vergleichen. Gegen +die Hudsons-Bai erblickte man die Landeinrichtungen +von Polen oder Moskau wieder. Im Innern +des Landes waren die wichtigsten neuen +Entdeckungen gemacht worden, der Unterschied +zwischen Nadovessiern, Huronen oder Ueberkömmlingen +aus der alten Welt schwand immer mehr, +da diese Völker durch Heirathen sich verschmolzen +und ihre Sitten ausgeglichen hatten, doch war +dies vielleicht auch der Grund, weshalb die +Nordamerikaner, in der Mehrzahl, an Schönheit +den Europäern nachstanden. +</p> + +<p>Guido und sein Lehrer schoben es aber bis +zum künftigen Frühling auf, das Land zu durchwandern. +Es sollte zudem sehr flüchtig geschehen, +dann wollten sie nach Südamerika, jetzt +<!-- page 309 --> +ebenfalls ein eignes Reich, dann nach Ulimaroa, +den ostindischen Eilanden und China. Auch einen +Besuch am Kaiserhofe zu Calcutta gedachten sie +abzustatten, und dann, über Persien die Reise +um den Erdball zu vollenden. Afrika sollte ausgeschlossen +bleiben, weil die Mißverständnisse, +schon einige Zeit zwischen den Höfen von Neu-Carthago +und Rom obwaltend, eine bedenklichere +Ansicht gewannen. +</p> + +<p>Für die Gegenwart faßten sie den Entschluß, +einer Reise zum Nordpol beizuwohnen, wovon +einst schon in Petersburg die Rede gewesen war. +Sie fanden mehrere Gefährten, die sich eben in +Philadelphia dazu bereiteten. Niemand sparte +an den nöthigen Summen, und so trat man den +Weg bald an. +</p> + +<p>Ueber das alte Land der Eskimos flog die +Gesellschaft in Luftfahrzeugen dahin, ließ die +Hundsonsstraße unter sich liegen. Weiterhin +ward die Kälte in der hohen Region zu empfindlich. +Man stieg nieder und bediente sich der +Schlitten mit Rennthieren. Sie fanden bis +über Jones-Sund hinaus noch Anbau, freilich +nur in zerstreuten Hütten von Einwohnern, die +im Sommer sich vom Fang der Meerfische, und +<!-- page 310 --> +im Winter von jenem der Robben, Seekühe und +anderer Amphibien nährten. Einen Beweis, daß +der Mensch nach und nach den Willen aller Thiere +beherrschen könne, fanden sie hier dadurch abgelegt, +daß die Wölfe gezähmt und angelehrt waren, +den Dienst der Hunde bei den Wohnungen +zu versehn. Auf den Jagden bediente man sich +ihrer allerdings mit noch größerem Vortheil. +Und die Eisbären, in so furchtbarer Gestalt, und +einer Wildheit, von der Niemand sonst sich würde +haben träumen lassen, sie sei je zu bändigen, +fand man in Ställen, um mit ihnen dort zu +reisen, wo selbst das Rennthier oft erfror, nämlich +jenseit des achtzigsten Grades nördlicher +Breite. +</p> + +<p>Die Einwohner, die man wegen ihrer unglaublichen +Abhärtung ehern hätte nennen mögen, +ritten auf diesen wohlgesattelten Eisbären und +legten artige Strecken zurück, wer aber aus milderen +Himmelstrichen kam, fürchtete, sie nicht +lenken zu können, oder auch die zu strenge +Kälte im Freien, ließ sie also vor die Schlitten +legen. +</p> + +<p>Fast gegen den zwei und achtzigsten Grad +gab es noch ein Dörfchen, bewohnt von Verwiesenen +<!-- page 311 --> +aus Nordamerika. Ihre Häuser waren +auf hohe Säulen gebaut, an welche Treppen +hinauf gingen, um nicht von der, wohl an funfzig +Schuh reichenden, Verschneiung überdeckt zu +werden. Man sah bei dem allen hier Wohlstand, +durch den Handel mit Kristall vom Pol, der +schon bei den Nordländern jener Hemisspähre +zur Sprache kam, erzeugt, daneben durch den +Gewinn, welchen sie von neugierigen Reisenden, +welche alljährlich ankamen, zogen. +</p> + +<p>Man hielt alles für diese bereit, was ihnen +zu Vollbringung ihres Vorhabens nöthig war. +Die Schlitten, mit Teppichen aus dichtem Pelzwerke +überall versehn, mit Fenstern aus sehr dickem +Kristall, mit kleinen Oefen, deren Züge an +den Wänden umhergeleitet waren, und die vermöge +ihrer guten Einrichtung<a id="corr-20"></a> nur eines geringen +Feuermaterials aus Papier bedurften, ließen die +entsetzliche Kälte vergessen. Der Schnee hatte eine +gefrorne Decke, über welche sie hingleiteten. +</p> + +<p>Meer oder Land waren vollkommen gleich. +Einem Schlitten, den etwa vier Wanderer einnahmen, +folgte ein zweiter mit Lebensnothwendigkeiten +für die ganze Dauer der Reise. Sie bestanden +aus Suppentafeln, Gallerten, Austern, Fischrogen +<!-- page 312 --> +und anderen Dingen, die viele Nährkraft +in kleinem Umfang verschließen. Doch nahm +man auch Früchte in Spiritus, sogar einiges lebendige +Geflügel mit. Zudem vortreffliche gebrannte +Wasser und Weinessenzen. Ein dritter +Schlitten enthielt Feuerungstoff, da über diese +Linie weg, weder Holz noch Gesträuche sichtbar +wurden. Ein vierter Nahrung für die Eisbären. +</p> + +<p>Zwei Grad legte man bei dem geschwinden +Lauf dieser Thiere in vier und zwanzig Stunden +zurück, wobei man ihnen achte zur Ruhe +gönnte, sie fütterte und ein Pelzzelt über sie aufschlug. +Auch vergaß man nicht einen kleinen +Ofen hineinzubringen. Sonst hatte die Natur +für sie durch die eigne zottige Haut gesorgt. +</p> + +<p>Aus Hundert Schlitten bestand etwa die +Karavane. Es versteht sich, daß die Reisenden +schon lange keinen Tag mehr sahen. Doch +Schnee, Mondschein, Nordlichte oder Laternen +machten, daß man die dauernde Nacht keineswegs +hinderlich empfand, ja von diesem fremdartigen +Schauspiele vieles Wohlbehagen der Neuheit +genoß. +</p> + +<p>Magnetnadel und Gestirn deuteten den Weg. +<!-- page 313 --> +Unfälle störten nicht. Acht Tage noch, seit jenem +Dörfchen der Verwiesenen, und der Polarstern +schwebte über Guidos Zenith. +</p> + +<p>Welche Empfindung, auf dem Achspunkte des +Erdballs zu stehen, wo der gleichmäßige Sternentanz +uns umkreist, und der Vollmond (der +unsern Wanderern eben schien) nicht untergeht! +Welche Fülle neu angeregter Ideen! Guido +umfing den Lehrer mit flammenden Dank, daß +er ihm diese Entzückung bereitet habe. Der +Alte aber, wenn gleich vielfach in Kleidung, von +sibirischen Mäusen, Eidervögeln und Zobeln gehüllt, +auch das Antlitz mit einer guten Larve +versehn, konnte sich nicht lange aus dem Schlitten +entfernen, wogegen der muntere Guido +Stundenlang umherschweifte, bis die Erstarrung +ihn mahnte, an den Ofen zu fliehn. +</p> + +<p>Die Reisegesellschaft fand jedoch noch andere +Pilger vor, die aus Grönland und Samojeden +dem nämlichen Ziele zugeeilt waren. Wechselseitige +Unterstützung linderte die Beschwerden, gab +den Untersuchungen mancher Art, welche die +Naturkundigen — dies waren sie meistens — anstellten, +erhöhtes Leben. +</p> + +<p>Einer darunter hatte eine erzene Bildsäule +<!-- page 314 --> +Newtons mitgebracht, sie hier aufzustellen<a id="corr-21"></a>. Alle +zollten dem Einfall gerechtes Lob. Wohl, riefen +sie, gebührt dem Manne gerade hier ein Denkmal, +der schon vor vierhundert Jahren der +Menschheit die Gestalt dieser Abdachung zu verkündigen +wußte. +</p> + +<p>Doch das Kristallgebirge am Pol ahnte Newton +noch nicht. Die zackigen Spitzen erhoben +sich aus dem Schnee, wunderbar funkelnd im +Strahl des Mondes, oder vom röthlichen Nordlichte +erhellt. +</p> + +<p>Viel Pracht der Menschen, viele hohe Schönheitzauber, +der gerne lieblich oder erhaben gestaltenden +Natur, war an Guidos Blicken vorübergegangen, +allein diese diamantnen Kolossen auf +dem unübersehbaren, ebnen, reinen, weißen +Teppich, galten ihm dennoch wieder das Niegeschaute, +Niebewunderte. +</p> + +<p>Sie umringten zuletzt einen tiefen Krater in +ihrer Mitte. Es schien ein Vulkan, die Lava +am Rande ließ es vermuthen. Wichtiger stellte +sich ein dichter grauer Nebel dar, aus der Tiefe +steigend, und hoch in der Luft nach allen Seiten +zerfließend. An diesem Dampf und seiner +Vermengung mit dem ganzen Luftkreis der Sphäroide +<!-- page 315 --> +hing die lebendige Simpathie des Magneten, +deren Geheimniß aber nicht in diesem +Traum der Zukunft aufgedeckt werden kann, um +nicht Entdeckern der Wirklichkeit vorzugreifen. +Die Neigung der Nadel hatte mit den inneren +Bewegungen des magnetischen Vulkans, die auf +das größere oder geringere Sinken der Dampfsäule +wirkten, Verwandschaft. Die Naturkundigen +meinten, ein Herabsteigen in den räthselhaften +Krater werde noch einst viel wesentlichere +Aufschlüsse geben, endlich wohl gar die Anziehekraft +der Erde erklären lehren. +</p> + +<p>Während die Versammlung mit Instrumenten +mancher Art forschte, die Beobachtungen in +Schlitten niederschrieb, mit älteren verglich, sich +neuer Ausbeute freute, (worüber eine Zeit der +halbjährigen Nacht hinfloh, die nach dem gewöhnlichen +Maaß, vierzehn Tage enthält) waren +die Männer welche die Schlitten führten, beschäftigt, +Kristallblöcke zu brechen, und auf die, +zum Behuf dieses Handels, noch mitgenommenen +unbeladenen Schlitten, zu laden. Sie hatten +diesmal vorzüglich geeignete Werkzeuge mitgebracht +und bemächtigten sich auch mancher Stücke +von schöner Seltenheit. Guido nahm eins darunter, +<!-- page 316 --> +von ansehnlicher Höhe und Klarheit in +Beschlag, er wollte es für Ini kaufen und ihr +Standbild daraus fertigen lassen. Er meinte, +da dieser Kristall das Gold bei weitem an Glanz +überträfe, und dem Diamanten, er mögte natürlich +oder kunstverfertigt sein, gar wenigen +Vorzug ließ, so müßte dies das herrlichste Standbild +auf dem ganzen Erdball werden. Und seine +Liebe setzte hinzu: Wie sehr verdient die erste +Schönheit auch die gediegenste Verewigung! +Doch ein furchtbar schauderhaft Mißgeschick +brach über Guido herein. Dort so hinaus gewagt +aus den Kreisen der Menschen, fand der +Pilger auch einen mächtigeren, schwerer zu bekämpfenden +Zufall. +</p> + +<p>Die Reisenden aus anderen Gegenden hatten +sich schon entfernt, Guidos Karavane machte +sich fertig, den Rückweg zu nehmen. Da will +der alte Gelino, dem die Umgebung des Pols +ziemlich fremd blieb, weil er sich kaum aus dem +erwärmten Schlitten wagte, doch die Glanzkuppen +auch noch ein wenig besehn. Sein Zögling +schweifte umher; er tritt allein, wohlverwahrt, +in das Freie, geht weiter. Durch +die Verschiedenheit der Wirkungen ergötzt, will +<!-- page 317 --> +er ohne Zweifel andere Stellungen betrachten, +dringt mehr vor, verirrt sich zuletzt in dem Labirinth. +Er wählt eine falsche Richtung, wieder +zu den Seinen zu gelangen, wo man unglücklicher +Weise seine Abwesenheit spät bemerkt. +</p> + +<p>Nach einigen Stunden kömmt Guido, dessen +kräftige Natur sich schon gewöhnt hatte, lange +im Freien auszuharren; eben will man abfahren, +die Bären sind angespannt. Er findet den Alten +nicht, ruft, sucht in der Nähe. Umsonst! Bange +um ihn, dringt er weiter und weiter, es koste +was es wolle, den Greis auszuspähn. +</p> + +<p>Darüber entfliehen Stunden. Die Reisegesellschaft +sucht nun beide, doch mit Vorsicht, +und den Kompaß zur Hand. Gelino wird bald +gefunden, doch — starr am kalten Boden. Man +bringt ihn zu den Schlitten, erwärmt ihn, wendet +Rettungsmittel an. Sie fruchten nicht. Der +Greis ist dahin, erlag dem Angriff tödtlicher +Kälte. +</p> + +<p>Die Erschrockenen beben nun für den Jüngling, +denn so lange schon ist er von der Wärme +fern, hat auf Ruf und Zeichen sich nicht gestellt. +Ein hohes Feuer lassen sie empor lodern, Schüsse +sollen dem Verirrten seinen Weg deuten, seine +<!-- page 318 --> +Diener schweifen weit umher, Guido wird nicht +gefunden. Endlich kann Niemand mehr an sein +Leben glauben, die Sorge für eigne Rettung +mahnt, abzufahren, denn die Lebensvorräthe +sind berechnet. Man läßt jedoch, auf den undenkbaren +Fall, einen kleinen Schlitten zurück, +den Bären davor, Speise, Getränke und Feuerung. +Den mag er nehmen und nacheilen, wenn +er ja wiederkehrt; keiner der Knechte entschließt +sich, zu weilen. +</p> + +<p>Guido hat unterdessen auch fruchtlos den +Rückweg gesucht, seine Angst um den Alten ihn +zu weit in die Entfernung getrieben. Die Schüsse +hat er nicht mehr vernommen, kein Feuer erblickt. +Endlich, nach vielen bangen Stunden, +fast verzweifelt in Gram, das Haar emporgesträubt +durch die eigne Noth, da er kaum noch +ein Glied zu regen vermag, gelingt es ihm, +auf den Polarstern blickend und durch schnellen +Lauf sein Blut in Bewegung erhaltend, nach +dem Platze zu kommen, wo die Karavane stand. +Er sieht einen Schlitten, und athmet wieder +Hoffnung. Ohne weiter um sich zu sehn, wirft +er sich hinein, die wärmere Luft ist das dringendste. +Vielleicht kam Gelino selbst, denkt er, +<!-- page 319 --> +und entschlummert auf die schwere Ermüdung +plötzlich. +</p> + +<p>Beim Erwachen, das vermuthlich spät erfolgt, +ist die Betäubung, welche vorhin über +ihn kam und seine Sinne abspannte, gewichen. +Warm und regsam wieder, peinigt ihn auch die +Angst um den Entbehrten desto mehr. Ob er +zurückkehrte? Hinaus zu fragen! +</p> + +<p>Er meidet den Schlitten, wird aber keinen +anderen inne. Keine Antwort auf sein Rufen. +Was heißt das? +</p> + +<p>Wer nennt jedoch des Armen grausenden +Schrecken, da er, kaum im Mondlicht lesbar, die +Worte an den Schlitten geheftet fand: +</p> + +<p>„Unglücklicher! lebst du noch, so folge eilig. +Der Bär ist der schnellste, wird uns einholen. +Nothwendigkeiten ließen wir dir. Feuer sollen +von Zeit zu Zeit brennen, daß du so weniger +vom Pfade irrst.“ +</p> + +<p>Guido wußte nicht, ob er träume. Ihm +schauderte in der gräßlichen Einsamkeit. Wo ist +mein Lehrer? Nahmen sie ihn mit? Warum +davon nichts? O Himmel! nein, der hätte +mich nicht zurückgelassen! Und doch was soll ich +thun? Ich muß nachfliegen! +</p> +<!-- page 320 --> + +<p>Er blickte in die Richtung des Wegs. Eine +Flamme winkte in der Ferne. Sein Kompaß, +wohlbezeichnet, lag im Schlitten. Wohlan! +</p> + +<p>Nun dachte er die Zügel des Bären zu ergreifen. +Entsetzen! grausames Entsetzen! Der +Bär lag erfroren. +</p> + +<p>Guido glaubte, eine Ohnmacht von vielen +Stunden müsse diesem Augenblick gefolgt sein, +denn als er wieder klar denken konnte, sah er +von jener fernen Flamme nichts mehr. +</p> +<!-- page 321 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Fünftes Büchlein.</h2> + +<p class="sub">Guidos Einsamkeit.</p> + +<p class="first"><span class="firstchar">S</span>o war er denn verlassen, am Eispol verlassen, +in tiefer, grimmiger Nacht; um ihn die Oede +der kalten Wüstenei, nichts ihm winkend, als +Tod. Grausame Gefährten! +</p> + +<p>Ach! rief er aus, noch hab’ ich selten mit +dem Schicksal gekämpft. Mein Leben lächelte +froh, die Kriegsgefahr nahte blos, mich mit +edlem Ruhm zu schmücken, die Liebe erhob +mich über das Leben; doch nun, nun schlagen +die Gewitter desto zorniger über mich zusammen. +Hier retten nicht Muth noch Kraft, hier muß +ich enden! o Ini, Ini! +</p> + +<p>Doch sollte abermal ein Dolch in das gequälte +Herz sinken. Indem er seine Klagen laut hinausweinte +in die starre Luft, um den Schlitten +irrend die Hände blutig rang, sah er in einiger +<!-- page 322 --> +Entfernung einen dunkeln Strich auf dem lichten +Schnee, er nahte, es war eine menschliche +Gestalt er kam hinan — es war Gelinos +Leichnam! +</p> + +<p>Er sank daran nieder in wildem Ungestüm, +über den neuen Schmerz den alten Jammer vergessend, +küßte das kalte Antlitz mit heißen Thränen, +dann riß er den Körper auf, lud ihn auf +die Schulter, trug ihn an den Ofen des Schlittens, +hoffte noch Leben in ihm zu wecken. +</p> + +<p>Wie man denken mag, war dies Streben eitel, +auch kein Sturm der Klagen rüttelte den +Todten auf. Doch mochte die traurige Auffindung +glücklich für Guido sein, die regsame +Mühe gab seinem doppelt schreckenerstarrten +Blute wieder Umlauf und zerstreute den Blick +auf sein Elend, auch sah er zu dem Feuer im +Ofen, das er vielleicht sonst hätte erlöschen +lassen. +</p> + +<p>Mit einem Schlummer aus Entkräftung +mußte dies Treiben zu Ende gehn. Neben dem +Entseelten, den Arm um ihn geschlungen, unter +den nämlichen Fellen womit jener bedeckt +war, schlief Guido fest ein. +</p> + +<p>Da ging ein Traumgesicht an seiner inneren +<!-- page 323 --> +Welt vorüber. Ini, noch von höherer Schönheit +umstrahlt, als neulich in dem Zaubergarten, +trat aus einer Rosenwolke zu ihm, nahm seine +Hand und lispelte mit himmelvollem Laut: +„Den Starken prüfe schweres Leid. Weise forsche +er in der reichen Kraft, sie birgt Hülfe. +Wir sehn uns wieder!“ Hier trat sie in die +Wolke zurück, die sie dicht umhüllte und nach +dem fernen Horizont zog, sich weit als eine +lichte Morgenröthe verbreitend. Ueber diese Morgenröthe +ging dann die Sonne auf, die Schneegefilde +wichen ihr plötzlich, und ein lieblicher +Frühling blühte. Von dem duftendsten Baume +sang eine Nachtigall in dem Idiom der Melodie: +„Wir sehn uns wieder,“ und Guido erwachte. +</p> + +<p>Ihm war, als ob er die Berührung der leisen +Geisterhand noch fühle, als ob sie neues +Leben durch alle seine Adern gegossen hätte. Er +sprang auf, eilte hinaus. „Wir sehn uns wieder,“ +umtönte es noch den getäuschten Sinn überall, +von den leuchtenden Felsgipfeln schien ein +Echo es zu wiederholen. Ja! rief er fröhlich, +ich will mich kämpfend ermannen gegen mein +Elend, du, heilige Göttin! giebst mir Stärke. +</p> +<!-- page 324 --> + +<p>Er sann nach. Nicht unmöglich war es ja, +daß andere Reisende noch ankämen, und ihn zu +den Wohnungen der Menschen brächten, er +mußte sich erhalten, daß in diesem Fall sie ihn +lebend fänden. +</p> + +<p>Der Schlitten ward untersucht, nachdem des +Greises Hülle hinausgetragen war. Lebensmittel? +Ja, dürftig, auf die Zeit eines Monats +etwa. Auch Feuerung. Langte bis dahin ein +Retter an, war das Leben zu fristen. Also +muthig. +</p> + +<p>Er ging so sparsam mit seinem Vorrath um, +als es nur sein konnte, gab sich wechselnd Bewegung +im Freien, und erwärmte die Glieder. +Der Gedanke an seinen Traum war ein Balsam. +Er kam sich oft vor, wie eine Mumie, die dieser +Balsam vor Zerstörung bewahrte. +</p> + +<p>Es war um Neujahr, als der Eremit verlassen +worden, der traurige Monat schwand bald +hin, noch mangelte ihm aber nichts, so kärglich +hatte er gewaltet. Aber auch kein Wanderer +nahte. Wozu jedoch den Trost der Hoffnung aufgeben? +„Wir sehn uns wieder,“ hatte das +Traumgesicht verkündet. +</p> + +<p>Noch ein Monat floh hin, nun war keine +<!-- page 325 --> +Speise mehr vorhanden. Nun glaubte er das +Gespenst des Todes schon zu sehn. Wo wir +nicht mehr sterben, sagte er sich, dort seh ich +Ini wieder. Doch sein Auge fiel auf den Eisbären +am Schlitten. Daran hatte er noch nicht +gedacht. Die Kälte hatte ihn vollkommen erhalten. +Freudige Ueberraschung! +</p> + +<p>Er hieb mit seinem Schwerte ein Glied davon +traf Anstalt es zu braten. Herrliche Kost +in der Noth! Das Thier war groß. Wirklich +konnte er Monate lang davon zehren. +</p> + +<p>Aber die Feuerung drohte auszugehn. Nur +auf wenige Tage noch, nach dem Maaße von +dort, wo Tag und Nacht gewöhnlich wechseln, +gab es Stoff die kleine Flamme zu unterhalten. +Wohlan, Ergebung! +</p> + +<p>Da wachte Guido einst von einem starken +Getöse auf. Was ist das? Er sieht hinaus. +Eine hohe Feuersäule. Der nahe Vulkan speit +Schlacken-Hagel um ihn, Lava schlängelt sich +in Bächen an den Gletscherkuppen, und versinket +im geschmolzenen Schnee. +</p> + +<p>Fürchterlich erhabenes Schauspiel, doch freudebringend +dem, der allein vom Feuer Rettung +hoffen kann. Warm ist die ganze Luft von +<!-- page 326 --> +der Flammensäule, glühende Schlacken genug, +sie auf den Absatz eines Kristalls zu sammeln, +und den ganzen Ueberrest des Bären daran genießbar +zu machen, der dann weiter weggetragen +wird, wo der Schnee nicht mehr an den +Gluten zergeht. Eben dies muß mit dem Schlitten, +der schon tief einsank, mühevoll geschehen. +</p> + +<p>Der Vulkan ruht, speit wieder, hört auf. +Die Erfahrung belehrt Guido, daß die Schlacken +lange fortglühn, im Krater sieht er ungeheuern +Vorrath davon. Er darf nichts mehr für sich +vom Frost fürchten, doch ach! die Hoffnung auf +Reisende kann er nicht länger nähren, schon ist +es im März, wer wird sich noch hieher wagen? +Auch noch nie hatte ein Sterblicher im Sommer +zum Pol dringen können, durch das Treibeis auf +dem Meer und überschwemmten Lande abgehalten +Zu einer Luftfahrt war es zu weit von bewohnten +Ortschaften, man fürchtete den Mangel +an Lebensnothwendigkeit. +</p> + +<p>Nun ich friste das Leben, so lange ich kann, +dachte Guido, die Phantasie immer noch mit +seinem Traum gefüllt. +</p> + +<p>Jetzt umschimmerte ihn ein röthlich Licht, +das nicht mehr, wie sonst der Nordschein, wich, +<!-- page 327 --> +sondern fortan blieb. Guidos Uhr, welche ihm +allein hier den Gang der Zeit sagte, ließ ihn +nicht zweifeln, das röthliche Licht sei die Dämmerung +des halbjährigen Tages, der über dem +Rande der Sphäroide anbrechen wollte, denn die +Tag- und Nachtgleiche des Frühlings war da. +</p> + +<p>Immer mehr Helle, ein glühenderer Schein, +der in vier und zwanzig Stunden um den sichtbaren +Horizont lief, und an Herrlichkeit zunahm. +</p> + +<p>„Gewiß, gewiß die Morgenhelle. Ich werde +die Sonne noch einmal sehn, und dann sterben.“ +</p> + +<p>Welche Pracht, da endlich die klare Scheibe +aus dem fernen Rand emporstieg, wo Aetherblau +und Schnee sich schieden, nach jedem Umgang +voller, endlich ganz heraus getreten, um +nun sechs Monat zu weilen! Guido vergaß in +der Trunkenheit des Entzückens, in die Zukunft +zu schaun, der Anblick der Gegenwart riß ihn +allein hin. Je höher die Sonne stieg, je reitzender +wurde auch das bunte Feuerspiel jener bestrahlten +Kuppen, die nun ihren Glanz viel heller +und in mannichfacheren Farben zurückgaben. +</p> + +<p>Noch konnte Föbos den Schnee nicht schmelzen, +aber die Kälte ließ merklich an Grimm +<!-- page 328 --> +nach. Bald ward aber der Boden feuchter und +feuchter, die Gletscher traten mehr hervor. +Guido suchte einen breiten Felszacken, den +Schlitten und seinen Lebensvorrath hinauf zu +retten, denn er befürchtete strömende Flut. +</p> + +<p>Dies traf auch nach einem Monate ein, wo +er denn sehr peinlich auf dem Fels weilen mußte, +doch verlief sich das Wasser, und breite +Thäler entdeckten sich Guidos Blicken, von brausenden +Gießbächen durchwogt. +</p> + +<p>Er stieg nach und nach am Gletscher nieder, +den noch übrigen Vorrath nicht vergessend. Nicht +ohne Gefahr, und manche Mühseligkeit duldend, +konnte es geschehn. Doch sah er auch, wie die +immer scheinende Sonne nun aus der Höhe mit +wunderbarer Gewalt die Szenen umwandelte. +Kaum waren niedrige erdige Hügel von der +Winterdecke befreit, als auch Gras und Kräuter +schnell sie deckten, und zu Guidos froher Befremdung +Geflügel ohne Zahl sich einfand. Besonders +sah er Heere von Eisvögeln, die sich +ins hohe Gras bargen, und ihn hoffen ließen, +er würde an ihren Eiern neue Nahrung finden, +woran es ihm nun entschieden gebrach. +</p> + +<p>Die Hoffnung betrog den kühnen Ausdaurer +<!-- page 329 --> +nicht. Nest bei Nest ward gefunden, die Eier +waren schmackhaft und nährend. +</p> + +<p>Seines Schlittens freute er nicht mehr. Der +stand auf dem Gletscher, der hoch über ihn +ragte. Aber es galt auch nicht mehr, sich gegen +Kälte zu schirmen, sondern gegen flammende +Hitze, die um so drückender war, als der leuchtende +Körper, von dem sie niederbrannte, nicht +mehr unterging. Guido empfand sogar Krankheitanfälle +von dem ungewohnten Wechsel, doch +waren auch Klüfte in den Thälern vorhanden, +wohin er sich bergen konnte, und er säumte +auch nicht, sie dicht mit Gras zu überdachen. +Zudem badete er oft in den kalten Gießbächen, +oder flüchtete hinter Gletscher, über welche auch +der anhaltende Sonnenschein nichts vermochte. +Uebrigens hielt die Witterung den gleichmäßigsten +Schritt. Stürme gab es an der Achse +nicht, weil nur der Umschwung des Erdballs +sie erzeugen kann. Auch kein Regen sank nach +dem Frühling mehr nieder, klar blieb der +Aether. +</p> + +<p>Nun entwarf Guido einen Plan für die Folge. +Ohne Zweifel, sagte er sich, langen im nächsten +Winter Reisende an, gelingt es mir, mich +<!-- page 330 --> +bis dahin zu erhalten, bin ich nicht verloren; +also, neuen Muth! +</p> + +<p>Er suchte von den Vogeleiern eine beträchtliche +Menge zusammen, und trug sie an jenen Gletscher +hinauf, so weit er jetzt gelangen konnte. +In Vertiefungen, wohin die Sonne nicht drang, +meinte er, würden sie dauern. Späterhin fand +er junge Vögel in eben solcher Zahl, tödtete sie +und grub sie in den Schnee tiefer Hölen, der +nicht zerging. Manche wohlschmeckende Kräuter +und Wurzeln wurden dazu gelegt. Gras schnitt +er fleißig ab, breitete es auf den Boden. Gedörrt +sollte es ihm einst zur Feuerung dienen. +</p> + +<p>Bald hatte er von dem allen so viel gesammelt, +daß er mit Zuversicht in den nächsten +Winter blicken konnte. Betrügt mich dann meine +Hoffnung nicht, sagte er zu sich, darf ich es +nicht bereuen, das wundervolle Schauspiel eines +halbjährigen Tags, der Erste von den Sterblichen, +gesehn zu haben. +</p> + +<p>Nach gesammeltem Vorrath, gab er sich naturkundigen +Untersuchungen hin, entdeckte viel, +wovon die Gelehrsamkeit noch nichts wußte, +schrieb das Hauptsächliche seiner Bemerkungen, +so gut es gehn wollte, auf der Innenseite eines +<!-- page 331 --> +Fells mit Kohlen von Wurzeln nieder, und erwartete +sehnlich das Spätjahr, da die Sonne +schon merklich sank. +</p> + +<p>Nach grade fielen die aufgestiegenen Dünste +in Regen, dann in Reifgestalt nieder; die Zugvögel +hatten sich entfernt. Schauderhafter wurde +die Einsamkeit, da alles Leben schwieg. Die +Kälte nahm merklich überhand, indem die rötheren +Sonnenstrahlen immer schwächer die Luft +durchwärmten, und ehe sie noch ganz untergegangen +waren, verhüllte schon der dichte Schneeflor +in den Lüften ihren Anblick. Oede war der +langen Nacht trauriger Anbruch. +</p> + +<p>Guido trug seine Vorräthe immer höher; +nach jeden Schlummer bemerkte er, wie der +weiße Teppich angewachsen war, auch durch den +zunehmenden Frost gehärtet. Das Verlangen +nach Schlitten und Ofen wurde groß, meistens +wärmte er sich nur durch die angestrengte Arbeit, +seine Nothwendigkeiten von Zacken zu Zacken des +Gletschers tragend, in dem Maaße, als die +Schneegebirge die Thäler mehr füllten. Dann +zündete er mit seinem Feuerrohr dürres Gras +an, und schlummerte. +</p> + +<p>Endlich nahm die Schneedecke jene alte Höhe +<!-- page 332 --> +wieder ein, Guido war zu seinem Schlitten gekommen, +und hatte auch diesen flüchten können, +indem er ihn nur immer etwas aus dem letzten +Schnee hervorzog. Er war vollgepackt mit Vögeln, +Eiern und Wurzeln, anderweitiger Vorrath +davon in eine Höhlung des Gletschers, nahe an +seiner Spitze, gebracht. Das dürre Gras stand +in einer hohen Piramide. +</p> + +<p>Gelinos Körper fand er nicht mehr. Den +Platz auf einer flachen Steppe, wohin ihn der +Jüngling neulich schaffte, hatte der Vulkan mit +Schlacken und Lava überdeckt, ohne Zweifel ihn +so verzehrt. Ein erhaben Grab, in der That! +Die Freundschaft konnte ihm daheim es nicht +so bereiten. +</p> + +<p>Nach und nach hörte das Schneien auf, +grimmiger bleibender Frost folgte. Mond, Sternenlicht, +Meteore, brachten die Erscheinungen +des vorigen Jahres abermal hervor. Guido, +wohl vertraut mit den feindlichen Umgebungen +widerstand ihnen vollkommen. Im Schlitten +ging die gute Erwärmung nicht ab, er hatte +nicht nur Lebensmittel genug, sondern konnte +auch damit wechseln. So harrte seine Sehnsucht +der Mitte des Winters entgegen, und +<!-- page 333 --> +wankte die freundliche Hoffnung, richtete ihn +die Weissagung des Traumes, an die er schwärmend +glaubte, wieder auf. +</p> +<!-- page 334 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-8">Sechstes Büchlein.</h2> + +<p class="sub">Schluß.</p> + +<p class="first"><span class="firstchar">N</span>icht umsonst hoffte er. Noch vor der Mitte +erging er sich einst zur Bewegung, da vernahm +sein Ohr fremde Laute. Er horcht, höher wallt +und wogt es in der Brust, er wendet das Auge +nach dem Ton hin — ein heller Fleck am Horizont! +</p> + +<p>Der Mond schien eben nicht, nur vom Schnee +Dämmerung. Desto deutlicher die Flamme dort +sichtbar, wie sie sich vergrößerte. Der antreibende +Zuruf fahrender Männer zu unterscheiden, +oft ein Geheul von Bären. +</p> + +<p>Guido warf sich auf sein Angesicht. Du unbegreiflicher +Gott, dem ich hier oft den Geist +empfahl, dein Geschick will mich wieder zu den +Menschen bringen. Dank, dank, wenn du auf +mich siehst! +</p> +<!-- page 335 --> + +<p>Der Schlittenzug kam näher, hielt jedoch +seitwärts von der Stelle wo Guido sich aufhielt. +Dieser lief kaum noch athmend dorthin, blieb +aber verwundert stehn, als er seinen Namen +vielfach nennen hörte. Wie wissen diese Reisenden +von mir? fragte er sich. +</p> + +<p>Der Zug enthielt mehr Fahrzeuge als im vorigen +Jahre. Ein ansehnlicher Mann war ausgestiegen, +und rief: Ich muß Guidos Leichnam +finden, sonst — ich muß seinen Leichnam finden, +sonst kehre ich nicht nach Rom zurück, wiederholte +der Mann ängstlich. +</p> + +<p>Guido trat hinzu. Wer sucht mich? Ich bin +Guido. +</p> + +<p>Unbeweglich in hohem Erstaunen blickte alles +auf ihn. Niemand schien zu glauben, zu begreifen. +Er ist es, fing endlich einer aus dem Haufen +an, im vorigen Jahre die Reise theilend. +Wir harrten lange auf dich, suchten, gaben Zeichen. +Da wir den Leichnam des Alten fanden, +mußte Jedermann auch auf deinen Tod schließen. +Die eigne Sicherheit gebot uns Entfernung, +doch blieb noch ein Fuhrwerk da — +</p> + +<p>Gut, gut, fiel der seltsame Einsiedler ein, +<!-- page 336 --> +es gelang, mich zu erhalten, daß ich froh der +Rettung entgegen athme, mögt ihr denken. +</p> + +<p>Ist es kein Wahn? Lebend? Lebend? brach nun +jener angesehene Mann aus, dem zeither Befremdung +den Mund versiegelt hatte. Und kaum +hoffte ich die theuren Reste noch zu entdecken, +hielt es unmöglich — +</p> + +<p>Und wer bist du? fragte Guido, heiße Verwunderung +in der Stimme. +</p> + +<p>„Lelio ist mein Name.“ +</p> + +<p>Wie, Lelio, der Vertraute des Kaisers? +</p> + +<p>„Der nämliche! Um die Zeit, wo du von +Lissabon dich nach Amerika gewandt hattest, brachen +die Kriegflammen mit Afrika aus. Umsonst +waren alle Bemühungen den Frieden zu +erhalten. Das Heer, in Eilzügen aus Moskau +nach Kalabrien rückend, sollte einen Feldherrn +wählen. Die einmüthige Stimme nannte dich!“ +</p> + +<p>Mich, mich! rief Guido mit entzücktem +Staunen. +</p> + +<p>„Dich! Vom Strategion wurde zur hohen +Freude des Kaisers die Wahl bekräftigt. Daß +sein Wort der Entscheidung nicht fehlte, versteht +sich.“ +</p> + +<p>O wie viel Milde, wie viel Güte ließ mir +<!-- page 337 --> +dieser Großmonarch schon angedeihn. Ich Unglücklicher, +der so selten ihn sah, noch nie ihm +danken konnte! +</p> + +<p>„Eilboten flogen nach Portugall. Da warst +du nicht mehr. Ein Schiff konnte die schneller +bewegte Insel nicht einholen. Da es zu Philadelphia +anlangte, hatte dich edle Neugierde zum +Pol geführt. Man säumte nicht, dir nachzusenden. +Ueberall kamen die Boten zu spät, und erfuhren +von der rückkehrenden Karavane dein +Misgeschick. Es ward nach Europa gemeldet. +Mit dem höchsten Schmerz vernahm es der Kaiser. +Ihm schien unendlich viel an den jungen +Helden zu liegen, man begriff kaum, wie der +sonst so gleichmüthige Mann beinahe dem Kummer +erlag, wiewohl die Folge ihn gerecht nannte. +Es blieb am Ende nur der traurige Trost übrig, +deinen Leichnam zu suchen, und ihn nach dem +Tempel der Unsterblichkeit zu bringen. So wollte +es des Kaisers Machtwort. Im Sommer war +es unmöglich den Nordpol zu erreichen, kaum +aber brach der Winter an, als ich mich aufmachen +mußte, um jeden Preis deine Hülle zu erspähn. +O welch Glück wurde mir! seine Freude wird +so die Schranken überfliegen, als jener Gram, +<!-- page 338 --> +von dem immer noch sein zerstörtes Herz sich +nicht ermannen konnte.“ +</p> + +<p>Unbegreiflich! Wie hoch, wie unverdient ehrt +mich der Kaiser! Was soll ich thun, dieser Liebe +würdig zu sein! +</p> + +<p>„Der Krieg begann. Die Flotte aus Brittannien +nahm das Heer ein. Auf der mittelländischen +See traf sie jene gefürchtete aus Neu-Karthago. +Eine neue Erfindung, welche der +Ruhm dir zuschrieb, machte, daß der Sieg sich zu +uns neigte. Das Heer konnte in Afrika ans +Land steigen. Doch hier wandte sich das Glück. +Die Unsrigen, mit großer Uebermacht im Kampfe, +verloren eine Hauptschlacht. Der Feldherr, dem +man einige Schuld gab, sank. Nachdem der +Tapferen eine große Zahl gefallen war, mußten +sie zurück auf die Schiffe. Diese, nicht mehr gehörig +bemannt, wurden verfolgt, liefen zu Neapel +ein, während die Feinde Sizilien besetzten, +wo die rohen Negerhorden der Afrikaner wilde +Verheerungen begannen. Noch gelang es nicht, +die Insel ihnen wieder zu entreißen.“ +</p> + +<p>Sizilien! o mein Sizilien! Ini, wo magst +du weilen? Wie trüben diese Nachrichten meine +Wonne! +</p> +<!-- page 339 --> + +<p>„Ein neues Heer steht jedoch in Italien. +Eile, den Feldherrnstab zu nehmen!“ +</p> + +<p>Fort, fort! schrie Guido, keine Minute länger. +Noch einen bethränten Blick warf er auf +des Lehrers Grab, unter dem Lavahügel. +</p> + +<p>Die Karavane brach sogleich zum Rückwege +auf. Was ihn nur beschleunigen konnte, wandte +man an, und nach zwei Wochen befand sich Guido +schon wieder in Philadelphia. Dort stand noch +sein Kristallblock. Diesen nahm er mit auf das +schwimmende Eiland, zur Reise über den Atlantus +gedungen, die sogleich angetreten wurde. +</p> + +<p>Er mied während dieser Zeit das Zimmer +nicht, einen Plan zu dem Feldzuge auszuarbeiten, +selbst staunend über die vielen genievollen, +kühnen, niegekannten Hülfsmittel, die sich ihm +aufdrangen, die hellen, gediegenen Resultate +von Wissenschaft, Denken, Lebensansichten, in +einen Fokus zusammenstrahlend. Nicht hatte er +diesen üppigen Reichthum an Einfall in sich geahnt, +und schwelgende Gefühle erfinderischer +Wollust rötheten sein Antlitz flammender. +</p> + +<p>In Lissabon blieb jener Kristall. Guido stieg +sogleich mit dem Vertrauten des Kaisers in eine +Luftgondel, nach Italien zu fliegen. Auf den +<!-- page 340 --> +Posten von Alikante, Palma, Cagliari sah er, +so viel es nur sein konnte, zu der Anstalten Eil, +und traf in so kurzer Zeit, als noch nimmer Reisende, +zu Rom ein. +</p> + +<p>Noch hatte er die Hauptstadt von Europa +nicht gesehn, doch würdigte sein Drang sich dem +Kaiser zu zeigen, das hergestellte Kolosseum, +den mit Gold gedeckten Tempel der Unsterblichkeit, +den Bühnen, Termen, keines Blickes. +Kaum legte er ein ander Gewand an in der +Herberge. +</p> + +<p>Der Vertraute eilte voran zum Pallast, dem +Kaiser sein Glück zu melden. Dieser breitete +die Hände dankend gen Himmel aus, schloß +Guido, der gleich folgte, bebend in seine Arme, +und führte ihn stumm ins Strategion, das grade +eine Versammlung hielt. +</p> + +<p>Die Räthe bewillkommten ihren Gebieter mit +Ehrfurcht, zugleich überrascht bei der seltenen +Bewegung die an ihm sichtbar wurde. Nicht +gleich konnte er noch zu Worte kommen, dann +sammelte er sich, Guido in die Mitte des Saals +führend, und sprach: +</p> + +<p>Ihr Väter, ich stelle euch meinen Sohn vor! +</p> + +<p>Der Jüngling starrte. +</p> +<!-- page 341 --> + +<p>Entzücken loderte auf jeder Wange. Niemand +vermogte zu reden. +</p> + +<p>Endlich fuhr der Kaiser fort: Lange genug +ließ ich ihn fern von mir erziehen. Urtheilt, was +mein Vaterherz empfand, wenn er mit so frühem +Ruhm sein jugendlich Haupt bedeckte. Von +meinem Schmerz bei jener bangen Kunde wart +ihr Zeugen, und ahntet doch nicht, was meine +Brust zerriß, nicht sagte ich es euch, denn immer +noch schimmerte mir eine strahlende Hoffnung. +Sie hat Wort gehalten! +</p> + +<p>Guido umfaßte seine Knie, Tausend jubelnde +Glückwünsche, nicht von Schmeichelei, sondern +von edlem Wahrheitsinn aufgelegt, wurden im +Saale laut. Die Nahverwandten brachen in +süße Freudenthränen aus. +</p> + +<p>Nun führe er das Heer, rief der Kaiser. +Mit Schmerz entlasse ich ihn wieder, doch des +Vaterlandes Noth ruft. Nicht mein Sohn, der +Held, durch einmüthige Wahl gerufen. +</p> + +<p>Er führe es! rief alles. +</p> + +<p>Ja, mein erhabner Vater, ich eile ins Waffenleben +und kehre nicht wieder, als meiner Geburt +und deiner Milde werth, stammelte Guido, +in heiliger Rührung. +</p> +<!-- page 342 --> + +<p>Der Vater umarmte ihn wieder. Nach seinem +ersten Siege prüfe ihn der Völkerrath, und +erkläre ihn zum Erben des Kaiserthrons, denn +ich will fortan des hohen Alters Sorge mit ihm +theilen, sprach er. +</p> + +<p>Neuer freudiger Zuruf! Doch — wenn Guidos +Augen das Entzücken so vieler neuerwachten +Gefühle verkündeten, so überzog ein Dunkel +seine Stirn, das Jedermann wahrnahm, allein +Niemand zu erklären wußte. +</p> + +<p>Auch der Kaiser fand dies plötzliche Versinken +in nachdenkenden Ernst räthselhaft. Schnell +aber fing er an: Ich errathe ihn. Er ließ den +edlen Gelino am Pol, wie mein Vertrauter erfuhr. +So lange vertrat mich der Greis beim +Sohn. Liebe weint dem zweiten Vater nach. +Der Staat verdankt ihm die Bildung seines künftigen +Oberhaupts. Mehr als Siege gilt dies +Verdienst. Sucht den Leichnam, baut ihm ein +Grab, das die Nachwelt ehre! +</p> + +<p>O, fiel Guido ein, sein Grab bleibe dort. +Die Natur baute ihm selbst einen Obelisk. Doch +sein Standbild last uns daneben erhöhn, wo +Newtons Denkmal steht. +</p> + +<p>Gewährt, mein Sohn! rief der Kaiser, +<!-- page 343 --> +und was du sonst bitten willst, deine Liebe vertraue +mir. +</p> + +<p>Ha mein Vater! entgegnete Guido feurig +und heiter, nach meiner ersten Schlacht, ergreif +ich deine Hand, dich an dies Wort mahnend. +</p> + +<p>Wohlan, sprach der Kaiser. +</p> + +<p>Man verließ das Strategion. Guido empfing +die Feldherrnumgebung, hing noch mit +dem schönen Ungestüm neuempfundener Kindesliebe, +an der Brust des klagenden Vaters, und +riß sich dann männlich weg, der Stimme des +Ruhmes zu folgen. +</p> + +<p>Wehmuth, tiefe Wehmuth im Herzen mußte +er bekämpfen, bei allem Glück der Hoheit, das +ihn überrascht hatte. Ach, sagte er sich oft unterwegs, +den Feind überwinde ich wohl, doch +mich, wie mich, wenn es den Streit gilt, den +ich unglückselig fürchte. +</p> + +<p>Das Heer in Kalabrien nahm ihn mit jauchzendem +Beifallgetöse auf. O hätte uns Guido +in Afrika geführt, rief alles, wir feierten Triumphe +wo wir gebeugte Ueberwundene seufzen! +</p> + +<p>Doch ein neuer Muth beseelt die Krieger. +Freudig nahm man die neuen Anordnungen auf, +ihre Weisheit bewundernd. Guido ließ keinen +<!-- page 344 --> +Augenblick ohne Thätigkeit entfliehn. Jedem +alten Gebrechen ward abgeholfen. Begeisterung +strömte in jede Brust. +</p> + +<p>Dann eilte er zur Flotte, die man ausgebessert +hatte und gab Befehl die Truppen einzuschiffen. +Nicht weit von Palermos Vorland +traf man auf den Feind, der mit neuer Ueberlegenheit +heranzog, in Hoffnung, selbst Italiens +Gestade zu betreten. +</p> + +<p>Der große Kampf begann. Reiche Ernten +hielt der Tod an beiden Seiten. Mit Götterkraft +leitete der jugendliche Feldherr. Seine erfundene +Vorrichtung, noch jetzt vervollkommnet, +brachte jedesmal Erfolg, wenn man einem feindlichen +Schiffe nahen konnte. Und das geschah +oft, denn trotz dem Flammenregen von Oben, +trotz der Taucher Heimtücke in den Wogen, +trotz dem todbringenden Donner der Batterien, +gegen welche die Kunst sich mit weiser Besonnenheit +vertheidigte, drang man desto kühner an, +nachdem Guidos Fahrzeug das erste leuchtende +Beispiel gegeben hatte. +</p> + +<p>Viele Galleonen der Afrikaner lagen im +Meere, ihre Linie war durchbrochen, die hartnäckige +Abwehr auf den Flügeln überwältigt, +<!-- page 345 --> +der feindliche Feldherr den Heldentod gestorben. +Der Nachfolger jedoch gab über das eindringende +Entsetzen die Hoffnung auf, wollte den Ueberrest +retten und ließ die Signale zum Rückzug +wehen. +</p> + +<p>Einige Schiffe folgten, andere, deren Mannschafft +zwischen Tod und Sieg wählen wollte, +nicht. Desto mehr Vortheil für die Europäer +in jener Uneinigkeit. Viele wurden umschlossen +und mußten, da dennoch kein Ausgang zu finden +war, und sie ein Fahrzeug nach dem andern +in die Wogen versenkt sahen, sich ergeben. +</p> + +<p>Guido ließ sie nach Neapel bringen, sandte +eine Abtheilung gegen Sizilien, das Eiland +vom Feinde zu reinigen und gab ihrem Anführer +mit heißklopfendem Herzen auf, von Athania +und ihrer Pflegebefohlnen Kunde einzuziehn. +</p> + +<p>Dann folgte er den Flüchtigen eilig. Manche +davon fanden ihr Verderben noch vor der +Heimath. Die anderen kamen ans Gestade und +stellten sich in festen Verschanzungen auf, eine +Landung abzuschlagen. +</p> + +<p>Guido kannte den Werth der Minute. Jene +hatten sich noch nicht entwickeln können, da +sprang er schon mit Tausenden von Tapfern an +<!-- page 346 --> +die Küsten und stürmte ihre Wälle. Die Minire +wühlten erst Gräber, als die schnelle Kühnheit +schon über sie hinaus gedrungen war. Bald +waren auch Guidos Reuter auf dem Boden +und bahnten sich Wege. Seine Luftkrieger trugen +den Preis über ihre Gegner davon, weil sie +sich eines von ihrem Feldherrn ersonnenen Geschosses +bedienten, das jene noch nicht kannten. +Bald war die Verwirrung unter den Afrikanern +allgemein, sie mußten eine andere Stellung suchen, +und das europäische Heer ward vollend +ausgeschifft. +</p> + +<p>Guido, zweimal, doch nur leicht verwundet, +ordnete eine zweite Schlacht, die mit Anbruch +des folgenden Tages begann. Die Afrikaner +hetzten angelehrte Tiger und Löwen in die Reihen, +Guidos Schützen erlegten sie lachend. Tausende +von Elephanten, in Harnische gekleidet, auf +ihren Rücken kleine Kastelle, donnerten daher +über den Boden. Sie waren dem Heere aus +Neu-Karthago zu Hülfe gesandt. Guidos Batterien +standen so vortheilhaft, seine großen Röhre +wurden so gut bedient, daß die Ungeheuer bald +den Sand mit ihren Kadavern deckten. Leichte +Schützen bedienten sich ihrer als Wälle, und trafen, +<!-- page 347 --> +mittelst der von Guido erfundenen Gläser, +ungesehen ihren Feind. Dichte Negerschaaren, +wuthtrunken durch Opium und ein mit vorüberfliehender +Tollheit füllendes Kraut, drangen +gleich schwarzen Hagelwolken daher und überzogen +den Boden der hellen Gefilde mit Nacht. Bald +schwieg ihr Mordruf und Blutströme rannen +zwischen den dunkeln Leichnamen hin. +</p> + +<p>Guido bestieg eine Luftgondel, aus der Höhe +den Streit zu überblicken. Zeichen lenkten den +Fortgang. Plan, Technik, Zeitgeist überwogen +hier, dort die Zahl, die Tapferkeit drückte mit +gleicher Schwere auf die Waage. Doch entschied +der Genius endlich, die Afrikaner flohen. +</p> + +<p>Guido ertheilte seine Befehle, zu kluger, +nachdrücklicher Verfolgung, und besah den Graus +der Wahlstäte. Nicht, wie vordem einst, durchglühten +ihn die Sieggefühle mit Entzücken, +schwermüthig sann er über die verderblichen Leidenschaften, +welche Völker anreitzen, sich zu erschlagen. +O, wann wird das enden! rief er, +wann die Fahne des Friedens wehn, auf allen +Hainen und Auen, Brudersinn die Zwietracht +ewig verbannen! Das einsame Jahr dort am +Pol, ihn abscheidend von Sinnenwahn und Täuschung, +<!-- page 348 --> +hatte sein Gemüth noch mehr in Einklang +mit der besseren Weltmoral gebracht, die +Inis reine Brust athmete. Ging er auch noch +mit frohem Heldenfeuer in den Kampf, sank +nun dennoch eine Thräne auf seinen Lorbeer, +und alle Triumphjubel, alle Glückwünsche konnten +ihn nicht erheitern. Er ordnete übrigens +den Krieg wie zuvor, und sandte abermal nach +Rom Meldung; denn schon nach dem Siege +auf den Fluten war es geschehen. +</p> + +<p>Er empfing auch Nachrichten aus Sizilien. +Das Eiland war genommen, die meisten Truppen +der Gegner dort gefangen, doch die Frage, +welche sein Herz so nahe anging, blieb ohne +Auskunft. Man hatte von Athania seit länger +als einem Jahre nichts auf Sizilien vernommen. +</p> + +<p>O Geliebte! seufzte Guido, so lange Zeit +verstrich, ohne daß ein Brief mich gesucht hätte. +Solltest du die Feindschaft deines Vaterlandes +theilen, und den Jüngling vergessen wollen, der, +ein Europäer, Afrika bekriegen muß? Dies +wäre grausam, grausam! +</p> + +<p>Aber wenn auch deine Liebe noch fortglüht, +wenn sie höher als das Leben der Phantasie emporflammt, +was wird aus dem Kaisersohn werden? +<!-- page 349 --> +Die Schlacht ist gewonnen, aber darf er auch +mit diesem Flehn dem Vater nahn? Wird sein +frostig Alter die Hoheit meiner Liebe fassen? +Wird er nicht zürnen, daß in des Helden Brust +eine andere Leidenschaft, als die für den Ruhm +glühte? Wird er nicht fordern, daß ich eine +Gattin aus den hohen Geschlechtern erkiese? +Doch muß ich ihm das Herz offenbaren. +</p> + +<p>Der Feind zog weiter ins Land; Guido gewann +Freiheit, Neu-Karthago, die stolze Wetteifrerin +mit jener Stadt im tiefen Alterthum, +der sie Namen und Standpunkt abborgte, zu +belagern. Der Hof hatte sich jedoch schon fliehend +entfernt, den Weg zu einer anderen großen +Hauptstadt im Innern von Afrika genommen. +Diese lag an den Quellen des Senegal, war +aber noch weit von der Vollendung entfernt, +welche man ihr zu geben dachte. +</p> + +<p>Es wird hier nöthig, die Geschichte dieses +Erdtheils in den letzten Jahrhunderten nachzuholen. +</p> + +<p>Gegen das Ende des neunzehnten waren es +endlich die Europäer müde, Hohn und Schmach +von den Staaten Marokko u. s. w. zu dulden. +Ein Heer setzte nach Algier über, nahm diese +<!-- page 350 --> +Stadt ein, zertrümmerte die Regierungen von +Tunis, Tripoli, und breitete sich nach und nach +von einer Seite bis Egipten, von der anderen +bis Zanhaga aus. So wurde der gesammte Norden +von Afrika eine europäische Kolonie, wohin +große Auswanderungen geschahen. Die Kultur +blühte auf, Neu-Karthago wurde gegründet. +Man untersuchte das immer noch unbekannt gebliebene +Innere. Doch vermochten die neckenden +Streifereien der Sultane von Darfur und +Borun, die Anfälle der schwarzen Nazionen von +Gago, Tombut, Bombakoo, die Unsicherheit +der südlichsten Wohnplätze, immerfort Krieg zu +führen, und vertheidigend eroberte die bessere +Kunst. Nach Hundert Jahren gehorsamte halb +Afrika. +</p> + +<p>Die Schwierigkeit, das große Ganze zu überblicken, +machte, daß glückliche Heerführer Königreiche +empfingen, wiewohl abhängig vom +Mutterstaat. Mancher Zwist unter ihnen selbst, +der Stolz auf die Gesammtkraft, die meergetrennte +Lage, brachten sie aber zuletzt auf den +Entschluß, ihr Verhältniß von dem europäischen +zu trennen, und selbst einen Kaiser zu wählen. +Vergebens kriegte Europa, sie behaupteten ihre +<!-- page 351 --> +neue und allerdings kluge Verfassung, um so +mehr, als die aufgeklärteren Männer unter ihren +Gegnern ihr selbst Beifall gaben. In dem +folgenden Frieden breitete sich aber die Herrschaft +der Christen in Afrika noch weiter aus, und gegen +das Ende des ein und zwanzigsten Jahrhunderts, +gehörte, bis zum Vorland der guten +Hoffnung, alles unter die Obergewalt des +Kaisers. +</p> + +<p>Er fiel in einer Schlacht gegen die Völker +von Monomotopa, und seine Gemahlin, reich +an Geist und Herz, leitete bei ihrer Tochter +Minderjährigkeit die Staatgeschäfte weislich, und +suchte die noch wilden Sitten der farbigen Nazionen +in Einklang mit jenen der Ankömmlinge +zu bringen, was auch, obwohl langsam, gelang. +</p> + +<p>Doch Europa forderte Entschädigungen, welche +man versagte, politische Besorgnisse, das neue +Reich könne zu furchtbar werden, traten hinzu, +und jener Krieg, von welchem oben die Rede +war, entspann sich. Hegte schon diese andere +Semiramis milde Gesinnungen, war gleich der +Kaiser von Europa moralisch genug, die blutige +Fehde zu verdammen, wollte sich einmal nicht +<!-- page 352 --> +alles gütlich ausgleichen lassen, man mußte die +Waffen um Entscheidung anrufen. — +</p> + +<p>Zu Guido zurück. Er belagerte Neu-Karthago +mit aller schrecklichen Kunst. Die Vertheidigung +stellte sich jedoch eben so gewaltig +entgegen, und manche Woche verstrich, ehe ein +Theil die Meinung schöpfen konnte, er habe +Vortheile über den andern errungen. +</p> + +<p>Unterdessen fiel der Kaiserin bei, der Krieg +ließe sich vielleicht, ohne weitere, die Menschheit +entehrende, Gräuel enden. Sie hatte eine Tochter, +Ottona genannt, schön, liebenswürdig, und +in herrlicher Bildung erzogen, theils durch fremde, +kluggeleitete Sorge, theils durch die Natur ihrer +holden Eigenthümlichkeit, die sich an den +Künsten himmlisch entfaltete. Sie sprach zu +Ottona: Titus, des feindlichen Kaisers Sohn +— er führte jetzt den Namen Guido nicht +mehr — wird gepriesen, wir fühlen die Gewalt +seiner Talente. Die Erziehung fern vom Throne, +hat auch bei ihm sich bewährt. Wenn ich ein +Eheband mit diesem Thronerben und dir, meine +Tochter, knüpfen könnte, wäre der Menschheit +vielleicht geholfen. +</p> + +<p>Ottona sank bleich an ihrer Mutter nieder. +<!-- page 353 --> +Befiel dich plötzlich Krankheit? fragte jene bebend, +und rief um Hülfe. Nach einiger Zeit +erholte sich die Tochter aber, und hörte ergeben +zu, da die Kaiserin fortfuhr: +</p> + +<p>Einen Sohn besitze ich nicht, der Streit um +unsere Kaiserkrone kann einst Unheil bringen. +Europa hat Asien zu fürchten, auch Afrika; +denn Asien enthält eine Menschenzahl, wie diese +beiden Erdtheile, nachdem jüngsthin China und +Japan überwältigt wurden. +</p> + +<p>Doch, wenn Europa und Afrika sich vereinen, +wenn <i>ein</i> Völkergericht über beide monarchische +Republiken waltet, und beider Heere <i>eine</i> Obergewalt +lenkt, dann stehen wir im Gleichgewicht +gegen Asien da, nur Unklugheit könnte dann +noch je Krieg führen wollen. Amerika hat lange +schon auf jeden Angriff verzichtet, und bündet +die beiden Halbeilande nur zum Widerstand. +Asien wird dann, durch den ganzen Zustand der +Dinge von selbst eingeladen, auch seine Boten zu +dem großen Tribunal senden, und ein ewiger +Friede, der Weisen alter, heiliger, noch nie erfüllter +Wunsch, kann seine Palme erhöhn. +</p> + +<p>Ottona barg ihre Thränen — wußte nichts +zu entgegnen. +</p> +<!-- page 354 --> + +<p>Entzückt dich etwa das frohe Bild einer solchen +Zukunft, der Stolz deiner erhabenen Bestimmung +so, daß Freude auf deine Wangen +thaut? fragte die Mutter. +</p> + +<p>Ini bat stammelnd um Zeit — Ruhe, Fassung +zu gewinnen, und ward entlassen. Aus +der Schönheit ihres Gemüthes erklärte die Kaiserin +ihr Betragen, und eilte, einen Brief an +ihren Gegner mit dem genannten Vorschlag zu +senden. +</p> + +<p>Der Kaiser von Europa empfing ihn um die +nämliche Zeit, als auch ein Schreiben seines +Sohnes angelangt war. Es lautete: +</p> + +<p>Mein erhabener Vater, du wolltest eine Bitte +hören, nach meiner ersten siegenden Schlacht. +Dreimal hab’ ich deinen Feind überwunden, +auch wird bald seine Hauptstadt fallen. Wohl +möchte es bereits geschehen sein, wenn ich dem +Verlangen der Krieger, einen Sturm zu wagen, +nachgegeben hätte. Doch ich erwarte Uebergabe +auf Bedingung, damit nicht Kunst und Flor +verheert werden, und ich jenes Wüthen der Neger +in Sizilien, mit europäischer Großmuth vergelten +mag. Aber die Bitte, mir gestattet von +hoher Vatermilde, ich nenne sie kühn deinem +<!-- page 355 --> +Herzen. Viel habe ich gerungen mit dem Vorsatz, +allein ich bekenne, daß hier meine Kraft +am Ende war. Vater, was ich bin, was deine +Güte schon an mir lobte, da noch das große Geheimniß +mir nicht enthüllt war, ist — Schöpfung +der Liebe. Ein Mädchen, von einer unbekannten +Herkunft, doch hochgestellt über alle Weiber +an Schönheit in Gemüth und Form, erzog +mich. Ohne sie würde ich die Tirannei eines +siedenden Blutes nicht zu Boden gekämpft haben, +ohne sie blieb mein Wissen, mein Empfinden +arm, Geist und Herz errangen keine Harmonie, +ohne sie schlug ich den stolzen Afrikaner +nicht, dem es dann vielleicht in seiner Uebermacht +gelang, Italiens heitre Gefilde zu verwüsten. +Gestatte mir, Vater, die Göttliche zu suchen, +die in Afrika, ach, vielleicht in der Stadt lebt, +welche ich jetzt mit Kampf umringe. Menschlich +fühlend kannst du dem Geständniß nicht zürnen, +wie nur dein Purpur mich freuen kann, wenn +ich auch Ini damit schmücke, wie alle meine +Kraft, sonst vielleicht geeignet der Völker Zügel +sicher zu lenken, am Grabe der Liebe stirbt. +Verzeihe — ich mußte flehn! +</p> + +<p>Der Thronerbe harrte mit banger Sehnsucht +<!-- page 356 --> +den Eilboten entgegen, die jeden Tag, in den +Höhen von Rom daher flogen. Als, der Zeit +nach, Antwort auf sein Schreiben anlangen +konnte, verwunderte ihn seltsam der Befehl, +sogleich die Belagerung einzustellen, und in Eile +an den Kaiserhof zu kommen. Er sollte das +Heer einem andern Feldherrn vertrauen, und dem +Feinde überall Waffenruhe gönnen. +</p> + +<p>Das letzte schien, nach den Umständen, nicht +weise, mächtige Verstärkungen konnten aus dem +Innern von Afrika nahen, doch, der treue Sohn +gehorsamte. +</p> + +<p>Wunderbare Ahnungen durchbebten seine Brust, +da er nun die Luftgondel bestieg, über das Meer +nach Rom zu eilen. +</p> + +<p>Dort angelangt, fand er den Völkerrath versammelt, +den der Kaiser beschieden hatte. Er +mußte gleich dort erscheinen. Der Vater sprach +ihn nicht zuvor, besuchte jedoch mit zahlreichem +Gefolge den Tempel der Unsterblichkeit, in welchen +jene Männer sich eingefunden hatten. Denn +hier sollte, der erhabneren Feierlichkeit willen, +der junge Cäsar seine Prüfung bestehn. +</p> + +<p>Zum Erstenmal betrat er dies Heiligthum. +Nicht aus Granit, nicht aus Marmor bestand +<!-- page 357 --> +der Tempel, diese Stoffe schienen seinem Urheber +zu wenig dauerhaft. Eherne Quadern, +durch Gluten verschmolzen, bildeten die dicke +Mauer, die weit gesprengte Wölbung der ungeheuren +Rotunde, noch von Erzsäulen aus <i>einem</i> +Guß getragen. Mosaik von edlen Steingattungen, +für die Ewigkeit dargestellt, Thaten +meldende Inschriften, Namen, die in flammenden +Buchstaben glänzten, prangten da; groß war +aber der noch leere Raum. In die gleichfalls +ehernen Kellergewölbe hinab, leiteten Stufen. +Unten befanden sich die Gräber mit Aschenkrügen. +</p> + +<p>Der Vorsitzer des hohen Rathes winkte den +Kaisersohn zu sich. +</p> + +<p>Dein Vater will die Herrschaft mit dir theilen. +Heldenthum bewährte schon den würdigen +Feldherrn; wohnt in dir aber auch Kraft, die +Völker zu lenken? +</p> + +<p>Guido hätte, einen Augenblick früher, in den +trüben Besorgnissen um seine Liebe, durch des +Vaters Schweigen über ihn gebracht, wanken +dürfen an der großen Frage — ach, ohne Ini +flog sein Genius keine Sonnenbahnen — doch, +ein schauernder Blick, in diesem Tempel umher +<!-- page 358 --> +geworfen, ermannte ihn zur feurigen, selbstvertrauenden +Antwort. +</p> + +<p>Er fand Bewunderung, die weiteren gewöhnlichen +Fragen lösend, und übergab auch noch +Denkschriften, die mögliche Verbesserung der Jugendpflege, +des Bürgervereins, in scharfsinnigen +Planen entwickelnd. Sie wurden abgelesen, und +ihnen Beifall ohne Ausnahme gezollt. +</p> + +<p>Noch mehr rühmende Anerkennung fand der +Entwurf, das Schauspiel mit dem Kultus zu +gatten. Edle That sollte auf diese Weise versinnlicht +an den Blicken der Menge vorüber, und +jeder Religionsfeier voran, gehn. +</p> + +<p>Am meisten jedoch ein Sistem der Schönheitmoral, +bei deren befremdenden Sätzen und einer +ganz neuen Formenlehre, die Väter nicht nur +den ganzen Tag hindurch prüfend weilten, sondern +auch die ersten Künstler und denkendsten +Köpfe in Rom herbeiluden, mit ihnen Rath zu +pflegen. +</p> + +<p>Dies Sistem gab in seiner Darstellung die +Zeichen an, nach welchen der Einklang zwischen +Geist und Gemüth, die Achtung für die Gesellschaft, +die Uebereinstimmung mit den Aufgaben +der Tugend, die Fertigkeit im richtigen Empfinden +<!-- page 359 --> +des Guten und Edlen, die Kraft zu Entsagungen; +die dem inneren Menschen entweder +mangelten, oder ihn adelten, am äußeren erkennbar +wären. Dann folgte eine Theorie der Moral. +Sie wollte, daß jedem Jüngling, jedem Mädchen +in der Republik, gegen die Zeit der blühenden +Entwicklung höherer Kräfte, ein Ideal +nach seiner Anlage gefertigt würde. Ein Vorbild +der Schönheit, vom Maler, die möglichst +hohe innere Schönheit des Individuums berechnend, +nach den klaren Grundsätzen der Lehre, +sichtbar gefertigt. Dies müßte herrlicher wirken, +als Gesetz, Beispiel und Religion, wenn die +Achtung, die Liebe, die Freundschaft, die Aufnahme +in den Bürgerkreis, die Bekleidung mit +einem Amt, immer an einen Vergleich des +Ideals mit der Wirklichkeit hingen, behauptete +Guidos Denkschrift. Denn nun könne die innere +Unvollkommenheit sich nicht mehr bergen, +die Abwesenheit des Strebens zum Ziel der +Schönheit, würde sich in mißgestalteten Zügen +strafend verkündigen, und in gelungener Annäherung +die Lohnwürdigkeit sich offenbaren. Je +bekannter, je verbreiteter das Sistem wäre, je +weniger müsse die Gesellschaft, ohnehin schon +<!-- page 360 --> +bedeutend vom Widerstand sinnlichen Unfugs gereinigt, +noch davon zu fürchten haben. +</p> + +<p>Nach langem Berathen hub der Vorsitzer an: +Ist dein Sistem richtig, so hast du der Menschheit +ein Geschenk ertheilt, wie sie es seit Jahrhunderten +nicht empfing, wie kein Religionstifter +es zu geben vermochte. +</p> + +<p>So danke sie es der Liebe! rief Guido flammend. +</p> + +<p>Der Vorsitzer schien dies Wort nicht gehört +zu haben, sondern fuhr fort: Wohl, erhabener +Jüngling, gebührt dir, eine Schönheitmoral zu +predigen, denn noch keinen Jüngling, von so +bezaubernden Formen, erblickten wir. +</p> + +<p>Wir alle nicht! tönte der einmüthige Ausruf. +</p> + +<p>Guido senkte die Augen nieder. +</p> + +<p>Hast du, fing der Kaiser, der bisher nur +geringen Antheil genommen hatte, nun an, +dich <i>auch</i> nach einem Ideal gebildet? +</p> + +<p>Der Sohn zog es aus dem Busen. Es ging +im Kreise umher. Entzückt hingen die Blicke +wechselnd an dem schönen Gemälde und an +dem schönen Jüngling. Eine Thräne freudiger +Bewunderung sank von der Wange des Kaisers +nieder, denn wohl dachte er der Gestalt des +<!-- page 361 --> +Sohnes vor drei Jahren, und faßte kaum die +so hoch gereifte Liebenswürdigkeit<a id="corr-22"></a>. +</p> + +<p>Indem aber die Künstler vergleichend fortfuhren, +das todte Muster und seine lebende Nachahmung +zu prüfen, behaupteten sie: Nicht ganz, +nur beinahe ward das Ideal erreicht. Noch irgend +ein geringes Etwas, das wir nicht zu nennen +vermögen, irgend ein vollendender Zug +fehlt noch. +</p> + +<p>Dieser Meinung traten alle bei, auch der +Kaiser. Letzterer fragte: Welcher Maler entwarf +dein Urbild? +</p> + +<p>Guido rief: Kein Maler! Die Liebe! Ein +Mädchen, unendlich schöner noch durch eigenen +Geistes Streben. O Vater! ihre Hand war der +Preis meines Ringens, soll er mir grausam entzogen +werden? +</p> + +<p>Er sank vor ihm nieder. Die flehende Geberde +sprach nur noch, sprach zu den Greisen +im Rath, Fürworte erbittend, als der Monarch +ernst und düster schwieg. +</p> + +<p>Diese fanden des Jünglings Wunsch gerecht. +Lohn der Liebe, meinten sie, müsse das große +Geschenk für die Menschheit, ihr eigen Werk, vergelten. +Guido hatte auch die Schönheit seiner +<!-- page 362 --> +Geliebten gepriesen. Wer konnte sie auch bezweifeln? +Von diesem sich entsprechenden Paar, +hoffte man eine edle Nachkommenschaft der Cäsare. +Man drang in den Alten. +</p> + +<p>Er entgegnete strenge: Hier waltet mein +Vaterrecht, nicht der Staat! Keineswegs mein +Sohn, hast du dein Ideal errungen, alle räumen +den fehlenden Zug ein. Der Preis gebührt +dir also nicht. Doch entsage, entsage dem Preis, +und dieser Sieg innerer Hoheit wird den Mangel +füllen. +</p> + +<p>Guido bebte starr und bleich. Ausdruck von +Unwillen ward auf jedem Angesicht kund. +</p> + +<p>Sanfter nahm der Monarch wieder das Wort. +Glaube mein Sohn, auch mir hat es einen +schweren Kampf gegolten, dir den Lohn der Liebe +zu versagen. Doch ich weiche mit blutendem +Herzen der Nothwendigkeit. Ewiger Friede kann +durch dich über die Menschheit aufblühn. +</p> + +<p>Bei den Worten <i>ewiger Friede</i> flammten +der Väter Wangen. Guido starrte noch zum +Boden nieder. +</p> + +<p>Die Kaiserin von Afrika will dir ihre Tochter +vermählen. Lies alles auf diesem Blatte, und +juble dem Rufe des Schicksals entgegen. Auch +<!-- page 363 --> +Ottona ist schön, wahrlich nimmer sah ich so +verklärte Anmuth, blicke auf dies Bild, von der +Mutter dir gesandt. +</p> + +<p>Die Schmach der Treulosigkeit, in den Donnerworten +enthalten, machte, daß Guido sein +Auge verächtlich von dem Gemälde lenkte. Es +fiel auf die feurige Inschrift am Hochaltar: +<i>Unsterblichkeit</i>. +</p> + +<p>Er stand auf, mied stolz die Versammlung, +und rief die Worte zurück: Kommt nach drei +Tagen wieder, dann sage ich euch, ob ich um +der Menschheit willen ohne Ini leben kann. +</p> + +<p>Kein Freund mehr, an dessen Busen er weinen +konnte. Allein schweifte er umher auf den +Gassen von Rom, sah bald diese bald jene Denkmale +der alten Zeit, herrlich die Erinnerung +mahnend. O Curtius, du gabst nur das Leben, +nicht die Liebe auf, armer Szävola der der Tugend +nur eine Hand darbrachte, strenger Luzius +Junius Brutus, eine Ini hättest du nicht hingegeben! +</p> + +<p>Er kehrt nicht in den Pallast zurück, lief +hinaus in die Gefilde, achtete nicht auf das wilde +Ungewitter das die Pinien um ihn zersplitterte, +aber dennoch nicht tobte, wie die Stürme in +<!-- page 364 --> +seiner Brust. Endlich um Mitternacht langte +er vor einer Katakombe an, drang in ihre schaurigen +Gänge, ähnlich der Farbe seines Jammers. +Abgemattet von innerer Pein fiel er auf den +Boden hin, rief den Schlummer, ihn nicht mit kurzem +Tod, mit ewigen Tod zu umfangen. Der +Schlummer nahte nicht. Guido sprach Verwünschungen +gegen ihn, gegen seine unglücklich +hohe Geburt, gegen den tirannischen Vater, +gegen das Traumbild am Nordpol aus, +das ihm lügend Wiedersehn zusagte und zu leben +bewog. O warum starb ich dort nicht, wimmerte +er. +</p> + +<p>Zuletzt hatten sich die Kräfte entspannt, ein +tiefer Schlaf rettete den Dulder vor längerer +Qual der Selbstkämpfe. In diesem Schlaf +wähnte die noch thätige Einbildung, Gelino, +den verstorbenen Lehrer zu sehn, wie er einen +strafenden Blick auf ihn warf, und wieder verschwand. +Dieser Blick prägte sich tief in des +Jünglings Gemüth, er sah ihn immer, noch am +Morgen erwacht, und auf den Gefilden ohne +Zweck wandelnd. Eine marternde Angst jagte +ihn, in jedem Thale richtete er den Blick empor +und glaubte immer das Traumgesicht in den +<!-- page 365 --> +Wolken wieder zu finden, von jedem Hügel sah +er Rom und den sich erhebenden Tempel der +Unsterblichkeit, dessen Anblick auch ein Strafgericht +über ihn verhing. So trieb er es. — +</p> + +<p>Der Kaiser ließ ihn besorgt suchen, man +fand ihn nicht. So ging es am zweiten, am +dritten Tag, die Versammlung harrte bereits +unruhig, gespannt, Schlimmes fürchtend. +</p> + +<p>Da trat Guido in den Tempel. Bleich, +überwacht, verstört, doch eine unbeschreibliche +Hoheit in Blick und Geberde, eine Harmonie, +einen Zauber in der Gestalt, die man jüngst +nicht an ihn wahrgenommen hatte, und Jeden +mit der Ueberzeugung durchdrang — nun sei +das Ideal erreicht! +</p> + +<p>Man errieht schon was er sagen wollte. Beifalljubel +von allen Lippen und Händen, von denen +des Tempels eherne Mauern und Denkmale tönend +wiederhallten, priesen in voraus. +</p> + +<p>Oft gab der Kaiser das Zeichen zu schweigen, +umsonst, nur spät konnte er vernehmlich fragen: +Dein Kampf siegte, du wählst Ottona? +</p> + +<p>Um die Menschheit, antwortete Guido. Neuer +Beifall, Beschluß des Rathes, ihn zum Thronerben, +zum Mitkaiser würdig zu erklären. +</p> +<!-- page 366 --> + +<p>Guido hörte das betäubt, war sehr gleichgültig, +als eine Kaiserkrone, mit einem grünen +Lorbeer umflochten, auf sein Haupt gesetzt wurde, +ein Purpur an seinen Schultern hing, und das +alle Straßen überfüllende Volk, da er im Prachtzug +nach der Cäsarenwohnung kehrte, dem neuen +Monarchen, dem Sieger in Afrika, dem Sieger +über sich, dem Friedengeber der Menschheit, +Glück zurief! — +</p> + +<p>Alle Gefangenen, alle Schiffe und Waffen +wurden eilig nach Karthago zurück gesandt, die +europäischen Truppen nach Italien gerufen. +</p> + +<p>Guido schickte heimlich einen Eilboten an +Ottona, ließ ihr entbieten: den Thränen der +flehenden Menschheit gehorsam, bringe er ihr +nächstens seine Hand, doch — ein Herz habe er +nicht mehr zu vergeben. — +</p> + +<p>Unterdessen traf man in Rom Anstalten zu +seiner Reise nach Karthago. Sie sollte mit der +höchsten Pracht vollzogen werden, der Vater +wollte den Sohn begleiten. +</p> + +<p>Kurz zuvor ehe man aufbrach, kam der Eilbote +zurück. Er schwärmte in dem Bilde, das +er von Ottona entwarf. Guido gebot, darüber +hinzugehn. Jener berichtete: Die Kaisertochter +<!-- page 367 --> +habe sich der Kunde erfreut, denn auch sie könne +nur Fügung in das Schicksal, doch keine Liebe +verheißen. Wohl mir, seufzte Guido. +</p> + +<p>Man trat den Weg an. Vor Karthago, wohin +der afrikanische Hof zurückgekehrt war, standen +alle Gefangenen, fand Guido alle eroberten +Trophäen, im Hafen wehten die Flaggen der +Schiffe, die er jüngst den Afrikanern genommen. +Er staunte. Die Männer aus dem Strategion +dort, ihm entgegen gekommen, sagten: Dein +Vater hat dir in Rom keinen Triumph über +Afrika bereitet, so will es die Kaiserin selbst thun. +</p> + +<p>Umsonst verbat der Held. Alle glorreiche Zeichen +seiner Siege gingen voran im glänzendsten +Zuge, zum Tempel, dem herrlichsten der Stadt, +nun dem <i>ewigen Frieden</i> geweiht. Hier am +Hochaltar erwartete die Kaiserin den Eidam, +neben sich Ottona in einen Schleier gehüllt und +sichtbar bebend. Die Vornehmen, durch Guidos +Anblick getroffen, sanken vor ihm nieder in +Huldigung. +</p> + +<p>Eben an diesem Tage begann das zwei und +zwanzigste Jahrhundert. +</p> + +<p>Bescheiden nahte Guido dem Altar. Die hohe +Mutter trat ihm entgegen, Freudenthränen auf +<!-- page 368 --> +der Wange. Hier, sprach sie, junger Cäsar, +Oberherr von Europa und Afrika, empfange +meine Tochter. Sie hob den Schleier von Ottonas +Antlitz. Guidos tiefgesenkter Blick vermochte +nicht aufzusehn. Nur der Ruf einer +wohlbekannten himmelvollen Stimme weckte seine +Betäubung! +</p> + +<p>Er sah auf die Braut — — O Himmel! +</p> + +<p>Ottona war Ini — verklärt gestaltet wie ihr +Ideal. — Bei Athania hatte die weise Fürstin +sie erziehen lassen. +</p> + +<p> </p> +<p class="center"><i>Ende.</i></p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Notes"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Schreibweise und Interpunktion des Originales +wurden weitestgehend erhalten. Nur in wenigen, klaren Fällen +wurden die folgenden Korrekturen vorgenommen: +</p> + +<ul> +<li> Bewundernng — geändert in <a href="#corr-1"><i>Bewunderung</i></a></li> +<li> dae — geändert in <a href="#corr-2"><i>das</i></a></li> +<li> Gebieern — geändert in <a href="#corr-3"><i>Gebietern</i></a></li> +<li> döch — geändert in <a href="#corr-4"><i>doch</i></a></li> +<li> Sadt — geändert in <a href="#corr-5"><i>Stadt</i></a></li> +<li> stannte — geändert in <a href="#corr-6"><i>staunte</i></a></li> +<li> Pophir — geändert in <a href="#corr-7"><i>Porphir</i></a></li> +<li> znsammengestellt — geändert in <a href="#corr-8"><i>zusammengestellt</i></a></li> +<li> Na en — geändert in <a href="#corr-9"><i>Nachen</i></a></li> +<li> Batter en — geändert in <a href="#corr-10"><i>Batterien</i></a></li> +<li> veilseitig — geändert in <a href="#corr-11"><i>vielseitig</i></a></li> +<li> Vrotheil — geändert in <a href="#corr-12"><i>Vortheil</i></a></li> +<li> gepanzterten — geändert in <a href="#corr-13"><i>gepanzerten</i></a></li> +<li> mu hbewährte — geändert in <a href="#corr-14"><i>muthbewährte</i></a></li> +<li> zteren — geändert in <a href="#corr-15"><i>zieren</i></a></li> +<li> Anderere — geändert in <a href="#corr-16"><i>Anderer</i></a></li> +<li> vorteffliche — geändert in <a href="#corr-17"><i>vortreffliche</i></a></li> +<li> menschlicher — geändert in <a href="#corr-18"><i>menschlichen</i></a></li> +<li> Wirkuug — geändert in <a href="#corr-19"><i>Wirkung</i></a></li> +<li> Einrichung — geändert in <a href="#corr-20"><i>Einrichtung</i></a></li> +<li> aufzustelleu — geändert in <a href="#corr-21"><i>aufzustellen</i></a></li> +<li> Liebenswürdigktei — geändert in <a href="#corr-22"><i>Liebenswürdigkeit</i></a></li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Ini, by Julius von Voß + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK INI *** + +***** This file should be named 37994-h.htm or 37994-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/9/9/37994/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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