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+<title>Der rote Komet</title>
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+The Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Der rote Komet
+ Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2
+
+Author: Robert Heymann
+
+Release Date: November 12, 2011 [EBook #37991]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+<div class="trnote">
+<p class="center">
+<a href="#Notes">Anmerkungen zur Transkription</a> am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
+
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+
+<p class="center">
+<span class="hidden">
+Wunder der Zukunft<br />
+Romane aus dem dritten Jahrtausend<br />
+Band 2
+</span>
+</p>
+
+<h1>Der rote Komet<br />
+<span class="small">von</span><br />
+<span class="medium">Robert Heymann</span>
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="centerpic"><img src="images/001_2.jpg" alt=""/></div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+
+
+
+
+<p class="center">
+Leipzig&mdash;Berlin<br />
+Julius Püttmann<br />
+1909
+</p>
+
+
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center"><span class="small">
+Uebersetzungsrecht für alle Sprachen vorbehalten.<br />
+<br />
+Copyright 1909 by Julius Püttmann, Leipzig
+</span></p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/003.jpg" alt=""/></div>
+
+<p class="center">
+<span class="hidden">
+Band 2.<br />
+Der rote Komet.
+</span>
+</p>
+<!-- page 003 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">I.</h2>
+
+<p class="noindent">&bdquo;Siehst du die purpurne Röte, die in gerader Linie
+sich herab auf die Erde senkt?&ldquo; fragte Romulus Futurus
+in größter Aufregung seinen Freund John Crofton, den
+berühmten Berichterstatter des &bdquo;New York Herald&ldquo; in
+Berlin. &bdquo;Bist du nun überzeugt, daß ich die Wahrheit gesprochen
+habe? Noch kannst du den roten Kometen nicht
+erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn mit
+bloßem<a id="corr-1"></a> Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, daß meine
+Diagnose richtig war?&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreißig
+Jahren, mit echt amerikanischem Typus, beugte sich
+schweigend nieder und sah durch eines der großen Riesenferngläser
+hinauf zum Horizont. Es war abends um
+9 Uhr am 10. Oktober des Jahres 2439.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des
+&bdquo;Steinbocks&ldquo;, des &bdquo;Wassermanns&ldquo;, der &bdquo;Fische&ldquo;, des
+&bdquo;Widders&ldquo;, des &bdquo;Stieres&ldquo; und der &bdquo;Zwillinge&ldquo;, fuhr
+der große Astronom zu sprechen fort. &bdquo;Im Osten
+stehen &bdquo;Castor und Pollux&ldquo;, die Zwillingssterne,
+die in letzter Zeit eine seltsame Lichtfülle verbreiten.
+Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt
+erblickst du die &bdquo;Capella&ldquo; im &bdquo;Fuhrmann&ldquo;.
+</p>
+<!-- page 004 -->
+
+<p>&bdquo;Ist das jener Doppelstern, von dem der eine
+strahlender erscheint als der andere?&ldquo; fragte
+Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ganz recht. Schon die ältesten Astronomen
+schreiben der &bdquo;Capella&ldquo; das Alter der Sonne zu. Diese
+beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um sich
+umeinander zu bewegen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn ich nicht irre,&ldquo; meinte John Crofton, &bdquo;so
+haben verschiedene Gelehrte den Untergang der Welt
+durch einen Zusammenstoß mit der &bdquo;Capella&ldquo; prophezeit?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus lächelte. Das stand ihm wohl
+an; denn er war ein großer, kräftiger Mann mit
+schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden
+Augen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im
+Laufe der letzten Jahrzehnte fast unmerklich der Erde
+genähert haben, allerdings um ein Minimum, das
+nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen können.
+Du wirst dich erinnern, John, daß man zuerst den
+roten Schimmer, der seit einiger Zeit unsere Erde erfüllt,
+der &bdquo;Capella&ldquo; zugeschrieben hat.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe
+deiner neuen, fabelhaften Erfindung, der lichtempfindlichsten
+photographischen Platte der Welt, dem
+&bdquo;Lumen&ldquo;, nachwiesest, daß ein neuer Komet, vorläufig
+unsichtbar durch einen dichten Nebelmantel, der Erde
+sich nähere. Auf diese Entdeckung hin wurde dir ja auch
+der Ehrenname &sbquo;Futurus&lsquo; verliehen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet,
+der die beiden Männer in der Sternwarte beschäftigte,
+war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden. Aber die Erde
+<!-- page 005 -->
+stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn
+sieben Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz,
+der sich wie ein fabelhafter Regenbogen scharf vom
+Himmel abhob und alles mit einer aufregenden Lichtfülle
+übergoß.
+</p>
+
+<p>Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfaßt,
+denn niemand hatte anders geglaubt, als daß der Weltuntergang
+schon hereinbreche. Das kam in der Hauptsache
+wohl daher, weil man zuerst die &bdquo;Capella&ldquo; für den
+verhängnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen
+berechnet hatten, daß, wenn sie der Erde überhaupt
+nur so nahe kommen würde, wie die Sonne, jedes
+Leben unten unmöglich werden müßte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Fabelhaft! Einfach fabelhaft!&ldquo; begann John
+Crofton plötzlich, indem er den Blick auf einen großen
+photographischen Apparat heftete, der mitten in der
+Sternwarte stand. &bdquo;Da drinnen befindet sich also deine
+phänomenale Erfindung, Romulus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Astronom lächelte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe bis jetzt nur gehört, Romulus, daß du imstande
+gewesen bist, den roten Kometen zu photographieren,
+ehe ihn eines Menschen Auge überhaupt hat
+wahrnehmen können; nicht einmal durch die größten
+und sichersten Fernrohre war er zu sehen. Was ist das
+für ein unglaubliches Ding, das um so vieles lichtempfindlicher
+ist, als das menschliche Auge?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen möchte,
+wenn sie nicht mit dem Augenblick unbrauchbar werden
+würde, da sie mit dem Lichte in engste Berührung
+kommt,&ldquo; entgegnete Romulus Futurus. &bdquo;Diese photographische
+Platte ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit,
+daß die Dinge bei der Aufnahme sich
+<!-- page 006 -->
+nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten
+kennt und wie das menschliche Auge sie sieht.
+</p>
+
+<p>Nein!&ldquo; fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung
+fort, während seine Augen leuchteten. &bdquo;Wenn
+alle Sinne trügen, so spricht meine photographische Platte
+die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es
+ist. Man wird in unserem Jahrtausend erkennen müssen,
+daß fast alles anders ist, als man bislang angenommen
+hat; ja ich behaupte, daß meine neueste Erfindung
+die äußersten Grundsätze umstoßen wird.&ldquo;
+</p>
+
+<p>In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das
+erkannte auch die deutsche Nation, als sie ihn in Anerkennung
+seiner Verdienste und Fähigkeiten zum Kultusminister
+machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung
+erfolgt! Während man erst nur einen dichten,
+grauen Nebel am Himmel gesehen hatte, war plötzlich
+dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche
+zu Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstärkte
+und die Menschen in einen wahren Sinnestaumel
+versetzte. Schließlich hatte Romulus Futurus der Akademie
+der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen
+gezeigt, desselben, den bis jetzt noch niemand hatte
+wahrnehmen können.
+</p>
+
+<p>&mdash; Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen
+besessen; &bdquo;Futurus&ldquo; war der Ehrenname, den ihm die
+Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin verlieh.
+Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos,
+die wenigen Gärten der Erde auszurotten und durch
+Denkmäler zu verunzieren, oder gar Orden und
+Denkmünzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man
+gab dem, den man über die anderen hervorheben
+wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine
+<!-- page 007 -->
+Fähigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu
+tragen. &mdash;
+</p>
+
+<p>Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten
+Kometen. Nicht nur Berlin! Ganz Deutschland, ganz
+Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde war verwandelt!
+Von alters her wußte jeder Psychiater, daß
+die rote Farbe eine aufreizende Wirkung auf die Sinne
+besitzt. Das Leuchten des neuen Kometen aber war
+so intensiv, daß sich kein Mensch auf der Erde seinem
+Einfluß entziehen konnte. Es trat ein plötzlicher Umschwung
+in den Charakteren ein, der kaum zu beschreiben
+wäre. Die Welt, die bis zu diesem Zeitpunkte sich mehr
+und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters
+und des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte,
+kehrte zu den ursprünglichen Leidenschaften zurück.
+</p>
+
+<p>In den Palästen der Reichen jagten sich die Orgien.
+Das Verbrechen nahm in furchtbarer Weise überhand
+und trat gerade da auf, wo man es bislang am wenigsten
+vermutete. &mdash;
+</p>
+
+<p>John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel
+geworfen und eine Zigarette angezündet. Der Abend
+schritt vor.
+</p>
+
+<p>Die beiden Männer waren seit vielen Jahren
+Freunde, und dieses Band hatte sich noch gefestigt durch
+ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war
+in seiner Position das, was in früheren Zeiten die Gesandten
+vorstellten. Es gab keinen diplomatischen Austausch
+zwischen den Ländern mehr, sondern die regierende
+Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten,
+und in den Händen dieser Männer lagen alle die Rechte
+und Befugnisse, welche ehedem die offiziellen Gesandten
+inne gehabt hatten.
+</p>
+<!-- page 008 -->
+
+<p>&bdquo;Hättest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend
+Gesellschaft zu leisten?&ldquo; fragte der Journalist plötzlich.
+</p>
+
+<p>Futurus entgegnete lachend:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe für heute nichts vor, John, und werde
+mich also freuen, mit meiner Gemahlin zu dir zu
+kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung gemacht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse,&ldquo;
+entgegnete John Crofton mit einer gewissen Verlegenheit,
+die seinem Freunde entging.
+</p>
+
+<p>Futurus fragte neuerdings:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Erwartest du außer uns noch weitere Gäste?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Miß
+Head, die berühmte Sängerin der großen Oper, die
+übrigens vor kurzer Zeit durch den Minister der schönen
+Künste den Ehrennamen &bdquo;Divina&ldquo;, die Göttliche,
+erhielt; sodann General Treufest, welcher vor
+einigen Monaten das Kommando der schweren deutschen
+Küstenartillerie übernommen hat. In seiner Begleitung
+versprach Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe,
+der die großen elektrischen Kraftwerke der Nord- und
+Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher Magnat des
+Goldes, nach neuester Schätzung der reichste, den wir
+überhaupt besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen
+Kohlenbarone die reinsten Waisenkinder!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sonst kommt niemand?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn wir Glück haben, so werden wir auch die
+junge Fürstin Angelika bei mir sehen, desgleichen Dr.
+Diabel den Hausarzt des Regenten. Er dürfte in Begleitung
+seines Famulus, des Studenten der Medizin
+Peter Cornelius, erscheinen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden
+verspricht,&ldquo; entgegnete Romulus Futurus.
+</p>
+<!-- page 009 -->
+
+<p>John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von
+der Sternwarte durch einen schier endlosen Gang, der
+durch die Bibliothek und die kostbare Gemäldegalerie des
+berühmten Astronomen und Kultusministers führte, bis
+er die Gemächer Frau Fabias, der Gattin des Romulus
+Futurus erreicht hatte.
+</p>
+
+<p>Es war kein Geheimnis in Berlin, daß der Astronom
+mit seiner Gattin nicht gerade sehr gut lebte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nicht umsonst war es eine Liebesheirat&ldquo;, pflegte
+John Crofton zu witzeln, wenn er sich im<a id="corr-2"></a> eingeweihten
+Freundeskreise befand.
+</p>
+
+<p>Jetzt blieb er vor einem der riesengroßen Venezianer
+stehen, richtete seine nach neuester Mode gefärbte Krawatte
+und ließ sich Frau Fabia melden.
+</p>
+
+<p>Durch hallende Prunkgemächer hindurch führte ihn
+der Diener in das große Wohnzimmer der jungen Frau.
+</p>
+
+<p>Sie saß nachlässig zurückgelehnt in einem byzantinischen
+Sessel und beschäftigte sich mit einer Stickerei.
+Um sie waren afrikanische Sklavinnen, junge Negerinnen,
+welche aus den Kolonien nach Europa geschickt
+worden waren, um die mangelnden Arbeitskräfte zu
+ersetzen.
+</p>
+
+<p>Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John
+Crofton meldete, gab aber doch durch ein leichtes Kopfnicken
+ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen.
+</p>
+
+<p>Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er
+stehen, ganz und gar in den Anblick dieser wundervollen
+Frau versunken. Sie war außergewöhnlich schön. Gleich
+Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie groß, ein
+richtiges Kind unverfälschter Rasse, mit breiten
+Schultern, deren vornehme Rundung durch ihre kraftvolle
+Gestaltung nicht beeinträchtigt wurde. Schwarzes
+<!-- page 010 -->
+Haar umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den
+großen, dunklen Augen, in denen der Glanz einer fröhlichen
+Lebensauffassung lag. Die Miene, welche John
+Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei
+Romulus Futurus. Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches,
+sinnliches Lächeln, als er sich Frau Fabia näherte,
+ihre weiße, kühle Hand an seine Lippen zog und sagte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie befinden Sie sich, gnädigste Frau?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie entgegnete lachend, das große, schöne Auge
+zu dem Besucher erhebend:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gut, wie immer, mein Freund.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem
+hätte sie gestanden, daß sie Tage und Nächte durchweinte
+in der Einsamkeit; das Unglück ihrer Ehe war nicht
+durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus
+Futurus, der ihre Nähe mied. Sie selbst liebte ihren
+Gatten mit einer an Wahnsinn grenzenden Leidenschaftlichkeit,
+aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun.
+</p>
+
+<p>John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte
+sehr wohl, daß sie log, und flüsterte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Einsamkeit macht Sie noch schöner, Frau
+Fabia. Unter allen Todsünden ist wohl jene die größte,
+die Romulus an Ihnen begeht.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre
+Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann sagte sie, während
+ihre Stimme einen kühlen Klang annahm:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton,
+in dieser Weise von meinem Gatten, von mir und unseren
+eigenen Angelegenheiten zu sprechen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast
+heftig entgegnete er:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Doch, Frau Fabia! Ich weiß, daß Sie vorübergehend
+<!-- page 011 -->
+eine Neigung für mich besaßen, daß Sie hofften,
+bei mir Trost zu finden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie wurde tiefrot und entgegnete:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der
+ich alles tat, um meinen Gatten zu vergessen und wo
+ich glaubte, eine Neigung für Sie zu empfinden. Warum
+sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorüber,
+und ich kann Sie versichern, Mr. Crofton, daß ich
+Ihre Worte und die Art, wie Sie sich heute bei
+mir einführen, als Beleidigung empfinde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er entgegnete leidenschaftlich:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich für Sie
+empfinde, Frau Fabia, gibt mir ein Recht, anders zu
+Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie erhob sich rasch. Er aber faßte mit beiden
+Händen nach ihrem weißen, hübschen, kühlen Arm und
+drückte die schöne Frau mit Gewalt in ihren Sessel
+zurück. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen
+zwischen diesen beiden Menschen; die Beleidigung, die
+John Crofton der Gattin eines der angesehensten
+Männer in Berlin zufügte, war unerhört. Aber alle
+Bande der Sitte und jener Rücksichten, die die Menschen
+im eigensten Interesse zu Gesetzen gemacht hatten, waren
+gerissen unter dem Einfluß des rötlich schimmernden
+Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll
+durchflutete.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie müssen mich erhören!&ldquo; fuhr John Crofton
+mit einer Stimme fort, welche die unglückliche Frau
+erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes beraubte.
+&bdquo;Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhören, Sie zu verehren,
+und Sie werden mein werden, ich schwöre es
+Ihnen, und wenn ich Berge niederreißen müßte, Sie
+zu gewinnen!&ldquo;
+</p>
+<!-- page 012 -->
+
+<p>Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und
+seine Arme um den Leib der Frau geschlungen, die die
+Gattin seines Freundes war, den er in diesem Augenblick
+in der schmählichsten Weise betrog. Frau Fabia
+aber sprang auf, riß seine Arme von ihren Hüften und
+schleuderte sie von sich, als seien sie giftige Reptilien,
+vor denen sie sich entsetzte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das
+eine: Betreten Sie nie mehr meine Gemächer ohne
+Begleitung meines Gatten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton machte einen letzten Versuch, sich
+ihr zu nähern. Er stürzte noch einmal auf sie zu,
+riß sie an sich, ja, er vergaß in diesem Augenblick,
+was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog
+ihren Kopf zurück, um seine Lippen auf die ihren zu
+pressen, sie aber riß sich los und erreichte die elektrische
+Klingel, welche in das Dienerzimmer führte.
+</p>
+
+<p>Da verließ der Amerikaner das Gemach. Draußen,
+als der Lakai ihm den Mantel um die Schultern
+hing, knirschte er mit den Zähnen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du sollst es mir büßen! Du sollst es furchtbar
+büßen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Damit verließ er des Romulus Futurus&rsquo; Haus.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">II.</h2>
+
+<p class="noindent">Es war eine bizarre Idee des Astronomen, daß
+er in den kleinen Kreis, den er bei John Crofton traf,
+seinen photographischen Apparat mitnahm. Vielleicht
+hatte der Journalist ihn auch darum gebeten; jedenfalls
+wurde die photographische Platte, die in aller Welt
+<!-- page 013 -->
+bereits bekannt war, der Beginn von Romulus Futurus
+Unglück und Untergang.
+</p>
+
+<p>Der große Gesellschaftssaal in dem Hause John
+Crofton war mit einer langen Tafel versehen worden.
+Man hatte alle elektrischen Lichter perlöscht und ließ
+nur dem purpurnen Lichte des Kometen Zutritt, das
+ganz Berlin erfüllte und die Menschen in einer ewig
+prickelnden Aufregung hielt.
+</p>
+
+<p>Die kleine, gewählte Gesellschaft unterhielt sich aufs
+beste. Schon die Tatsache, daß Divina, die Sängerin,
+in diesen vornehmen Kreis geladen worden war, bewies,
+daß man im dritten Jahrtausend alle lästigen
+Vorurteile der früheren Zeiten beiseite ließ.
+</p>
+
+<p>Das Gespräch drehte sich natürlich um den roten
+Kometen, der seit Monaten alle anderen Interessen
+in den Hintergrund gedrängt hatte. Zudem war Romulus
+Futurus die einzige Autorität, die über den
+neuen Stern sachkundige Aufklärungen geben konnte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nun, was meinen Sie, Herr Kultusminister,&ldquo;
+sagte Miß Head-Divina, indem sie mit einer koketten
+Bewegung das feingeschliffene, biegsame Sektglas an
+die rotleuchtenden Lippen hob und Romulus Futurus
+einen ihrer zündendsten Blicke zuwarf: &bdquo;Wird der neue
+Komet zu uns kommen ober nicht?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Er wird zu uns kommen, Miß Head-Divina, verlassen
+Sie sich darauf!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie legte den schönen Hals zurück und lachte, wurde
+aber plötzlich ernst und beugte sich vor mit dunkel
+sprühenden Augen:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich erwarte ihn! Ich erwarte ihn voll Ungeduld!
+Ob Sie mir glauben oder nicht, Herr Minister,
+<!-- page 014 -->
+ich vergehe förmlich vor tiefer, heißer Sehnsucht nach
+diesem Stern, den man ja bald zu sehen bekommen wird!
+Sein Licht ruft in mir etwas wie eine stete Raserei
+hervor!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton, der bevorzugte Günstling der schönen
+Amerikanerin, beugte sich über ihre weißen Schultern
+und flüsterte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde eifersüchtig werden, göttliche Happy,
+eifersüchtig auf diesen Kometen, der dich scheinbar mehr
+interessiert, als meine Liebe!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie warf ihm einen lächelnden Blick zu und sah
+dann zu Ralph Jonathan Wieland hinüber, dem Krösus,
+der mit gleichgültiger Miene sein Sektglas hob. Und
+es wollte Romulus Futurus, dem Menschenkenner,
+scheinen, als ob in dem nebensächlichen Blick der göttlichen
+Sängerin und der offen zur Schau getragenen
+Gleichgültigkeit des Krösus ein geheimer Sinn läge.
+</p>
+
+<p>Aber der Astronom war klug genug, zu
+schweigen, um so mehr, als ihm die Leidenschaft
+für eine Frau etwas Unverständliches war. Er hatte
+nie in seinem Leben geliebt, und der Rausch, den er
+einstmals für seine Braut Fabia empfunden, war eben
+nichts weiter gewesen als eine Aufwallung, die sich
+rasch genug gelegt hatte. Das Weib erschien ihm als etwas
+durchaus Minderwertiges, das kein Anrecht auf
+männliche Ehrerbietung besaß, und Romulus Futurus
+hatte aus diesen seinen Ansichten auch niemals ein
+Hehl gemacht. Sein Benehmen gegen die Frau war,
+wenn auch durch weltmännische Gewandtheit verdeckt,
+stets von einer heimlichen Brutalität geleitet.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und was wird werden, wenn der Komet auf die
+Erde kommt?&ldquo; fragte Dr. Diabel, indem er sein bleiches,
+von einem blauschwarzen Bart umrahmtes Gesicht über
+<!-- page 015 -->
+den Tisch neigte und gleichzeitig die großen, glänzenden
+Augen auf die Fürstin Angelika heftete, die am
+Ende der Tafel saß und keinen Blick von Romulus
+Futurus wandte. Die junge Fürstin war das Gegenteil
+von Frau Fabia. Schlank, zierlich, dabei von seltener
+Schönheit, glich sie einer jener Orchideen, die
+in den Treibhäusern ihre schönsten Farben entwickeln.
+&bdquo;Was wird geschehen, wenn der Komet auf
+die Erde kommt?&ldquo; wiederholte Dr. Diabel seine Frage.
+</p>
+
+<p>Da Romulus Futurus nicht sofort antwortete, so
+entgegnete<a id="corr-3"></a> General Treufest:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Auf alle
+Fälle werden wir mit allen Hilfsmitteln der Technik,
+die uns zur Verfügung stehen, versuchen, das drohende
+Unheil abzuwenden. Sollte es aber etwa gar auf einen
+Eroberungszug der mystischen Bewohner dieses Kometen
+abgesehen sein, so werden sie eine fatale Bekanntschaft
+mit unseren großen Riesenkanonen machen müssen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, daß dieser
+Komet bewohnt ist!&ldquo; wandte Romulus Futurus ein.
+&bdquo;Die Tatsache, daß er eine so phänomenale Leuchtkraft
+besitzt, spricht dagegen. Dieses Purpurlicht, meine ich,
+ist auch vorläufig für uns eine größere Gefahr, als
+der Komet selbst, denn unsere Zeitungen bringen tagtäglich
+neue, fürchterliche Berichte über Entartungen
+und Verbrechen, die im Zeichen des roten Kometen geschehen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zuerst wird wohl eine Revolution ausbrechen,
+wie die Erde keine zweite gesehen hat!&ldquo; sagte plötzlich
+hastig Peter Cornelius, der junge Student, indem
+er sich nervös durch das reiche, blonde Haar fuhr.
+&bdquo;Die Völker werden aufstehen und das Joch der Tyrannei
+<!-- page 016 -->
+abwerfen, unter dem sie lange genug geschmachtet
+haben.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Während er das sagte, sah er mit brennenden
+Augen zu Miß Head-Divina hinüber. Die aber schenkte
+ihm keinen Blick. Sie hatte sich vorgebeugt und flüsterte
+dem General zu:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ist es wahr, wovon man allgemein spricht? Wir
+werden einen Krieg mit Frankreich und England bekommen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der General, der sich schon in vorgerückter Weinlaune
+befand, entgegnete:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist richtig, daß eine außergewöhnliche Aufregung
+zwischen diesen drei Ländern besteht und daß
+im Kriegsministerium eifrig gerüstet wird. Aber woher
+wissen Sie davon? Bis jetzt wird alles geheim
+gehalten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Woher sie davon wußte? Natürlich von John
+Crofton, dem Bevollmächtigten Amerikas, der besser
+orientiert war als General Treufest. Miß Head aber
+versuchte, den General weiter auszuforschen.
+</p>
+
+<p>Plötzlich kam John Crofton auf die bizarre Idee,
+Romulus Futurus möchte sie doch alle zusammen photographieren.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nachdem dein Apparat von einer so immensen
+Schärfe ist, Romulus, daß er selbst versteckte Kometen
+auf die Platte zaubert, so dürften die Bilder, die du
+von uns erhältst, sicherlich das Beste werden, was hervorgebracht
+werden kann. Wir werden keine verschwommenen,
+oberflächlichen Züge tragen. Wir müssen
+auf dem Bilde ganz so sein, wie wir in Wirklichkeit
+sind und wie wir uns mit unseren schwachen Augen
+<!-- page 017 -->
+überhaupt nicht sehen. Happy,&ldquo; &mdash; der große Journalist
+wandte sich an die Schauspielerin, die die Brauen
+hochgezogen hatte und mit einer gewissen Unruhe diesem
+Vorschlage zuhörte. &mdash; &bdquo;Happy, nimm dich in acht!
+Die Entstehungsgeschichte deiner Schönheitspflästerchen
+wird sicherlich auch auf diese mysteriöse Platte gezaubert
+werden, und ich werde vielleicht, wenn ich dich
+im Bilde sehe, finden, daß du abscheulich bist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus widersprach lebhaft dem Wunsche
+des Freundes, ein Experiment auszuführen, das der
+berühmte Astronom bis zu diesem Augenblick noch nie
+versucht, denn er hatte seine Erfindung ganz und gar
+in den Dienst der Wissenschaft gestellt.
+</p>
+
+<p>Sein Freund John Crofton aber ließ nicht nach mit
+Bitten, und schließlich mußte Romulus Futurus doch
+selbst zugeben, daß er etwas Aehnliches im Sinne gehabt,
+sonst hätte er den Apparat ja gar nicht in
+die Wohnung seines Freundes zu bringen brauchen.
+Oder war dies rein mechanisch geschehen, unter dem
+Drucke jenes Unbewußten, das John Crofton &bdquo;das
+schwarze Schicksal&ldquo; zu nennen pflegte? &mdash;
+</p>
+
+<p>Genug &mdash; Romulus Futurus entschloß sich, zum
+Andenken an diesen vergnügten Abend ein Gruppenbild
+herzustellen. Auch seine Gattin nahm an dem Tische
+Platz, um den sich alle Anwesenden mit natürlicher
+Grazie gruppierten. Romulus Futurus schob unter dem
+Schutze eines schwarzen Tuches die lichtempfindliche
+Platte &bdquo;Lumen&ldquo; in den Apparat.
+</p>
+
+<p>Eigentlich empfand er ein dunkles, geheimes
+Grauen gegen die Ausführung seines Planes.
+Aber er scheute sich, es zu gestehen. Nachdem er also
+mit seinen Vorbereitungen zu Ende war, exponierte er
+<!-- page 018 -->
+eine halbe Minute, nahm dann die &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte heraus
+und überzeugte sich, daß die Aufnahme gelungen
+war.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde jedem der Beteiligten morgen ein Bild
+senden,&ldquo; sagte er. &mdash; Eine leichte Blässe überzog sein
+Antlitz, nachdem er die Platte gegen das Licht längere
+Zeit beobachtet hatte. Es war nämlich eine Eigenheit
+derselben, daß sie sofort, ohne entwickelt und fixiert
+werden zu müssen, deutlich nach der Aufnahme das
+Negativ dem Auge zeigte.
+</p>
+
+<p>Spät des Nachts trennten sich die Gäste. Intensiv
+und grell war das purpurne Licht, das vom Himmel
+in die Fenster strömte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Der Komet ist wieder um viele Tausend Kilometer
+näher gekommen,&ldquo; murmelte Romulus Futurus
+und sah auf die Uhr.
+</p>
+
+<p>In dem prachtvollen Flugcoupé, das der
+Astronom besaß, fuhr er mit seiner Gattin Fabia, die
+den ganzen Abend über schweigsam gewesen war, nach
+Hause.
+</p>
+
+<p>Eine Viertelstunde später saß er wieder in dem
+großen, kühlen Raume der astronomischen Sternwarte.
+Die fabelhaften Riesengläser glotzten ihn mit ihren
+schwarzen, unheimlichen Augen an. Das Firmament
+schien ein unendlicher Teppich von blauer Farbe zu
+sein, in den ungezählte blitzende Diamanten gewebt
+waren. Ueber alles spannte sich ein greller, roter
+Bogen.
+</p>
+
+<p>Das war der Himmel.
+</p>
+
+<p>Angesichts der gigantischen Unendlichkeit begann
+Romulus Futurus einen Abzug von der Platte zu
+machen. Warum zitterte er? Warum nahm dieses
+<!-- page 019 -->
+nebensächliche Geschäft seine Aufmerksamkeit dermaßen
+in Anspruch, daß er in jener Nacht sogar vergaß, seine
+gewöhnlichen Beobachtungen zu machen und zu registrieren,
+daß der rote Komet sich der Erde wiederum ein verhängnisvolles
+Stück genähert hatte? &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Es war etwa drei Uhr morgens, als Romulus
+Futurus den sprechenden Abzug vor sich auf den Knien
+liegen hatte.
+</p>
+
+<p>Da war er so bleich wie die weißen Wände des
+Sternwartensaales und seine Augen glühten beinahe so
+rot wie der Komet. Auf dieser Platte stand ein furchtbarer
+Roman, mit blutiger Tinte geschrieben, mit häßlichen
+Wahrheiten durchsetzt. Er bemerkte nicht, daß
+Frau Fabia leise und unhörbar, das weiße Gewand
+gerafft, daß es nicht rauschen konnte, in die Sternwarte
+getreten war. Und wie sie nun einen Blick über
+die Schultern ihres Gatten hinweg auf das Bild geworfen
+hatte, schrie sie plötzlich auf und rang verzweifelt
+die Hände:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin unschuldig! Ich schwöre dir, Romulus,
+ich bin unschuldig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er aber packte sie an ihren langen, wunderschönen
+schwarzen Haaren und stieß sie zu Boden, daß sie beinahe
+die Besinnung verlor und zusammengekauert liegen
+blieb, gleich einem verwundeten Reh. Romulus Futurus
+aber rannte wie ein Rasender auf und nieder;
+indem er zu seiner Gattin Fabia sprach, deutete er
+von Zeit zu Zeit auf das Bild, dann wieder gestikulierte
+er mit den Händen in der Luft.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wußte es ja!&ldquo; schrie er, &bdquo;ich wußte es ja!
+Die &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte ist so empfindlich, daß sie die
+schwächsten Reaktionen mit genauester Deutlichkeit
+wiedergibt! Die Platte hat nicht nur die Gesichter
+<!-- page 020 -->
+all dieser Elenden photographiert, sondern auch ihre
+heimlichsten, tiefsten und innerlichsten Gedanken. Ha!
+Ich halte also jetzt den Schlüssel zu einer neuen, geheimnisvollen
+und furchtbaren Wissenschaft in Händen!
+Ich werde imstande sein, von heute ab zu wissen, was
+jeder Mensch denkt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Selbstverständlich hatten sich die Gedanken, von
+denen Romulus Futurus sprach, nicht in Schriftzeichen
+auf der Photographie kopiert. Es ist eine alte Weisheit,
+daß jedes Ding auf Erden einen Reflex hinterläßt,
+jede Bewegung, jede Schall-, jede Lichtwelle.
+Ebenso gibt auch der menschliche Gedanke, so schnell
+er immer gedacht sein mag, einen unwillkürlichen Reflex
+in den menschlichen Mienen, so deutlich, daß jedes
+Kind den Gedanken lesen könnte, wenn sein Auge nur
+scharf genug wäre, den Reflex zu sehen.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hätte kein so großer Psychologe
+sein müssen, um nicht die Empfindung, die sich in den
+Mienen des Einzelnen in dem Moment der photographischen
+Aufnahme ausgeprägt hatte, lesen zu
+können.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist ein Wunder! Ein unnennbares Wunder!&ldquo;
+murmelte Frau Fabia, die immer noch nicht die Kraft
+besaß, sich zu erheben, und mit einer Miene wahnsinnigen
+Entsetzens auf ihren Gatten blickte. &bdquo;Ich habe deutlich
+gesehen, daß aller Augen auf den photographischen
+Apparat gerichtet waren. Und doch blickt jetzt auf der
+entwickelten Photographie jeder nach einer anderen
+Seite!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;So groß ist die Beweglichkeit des menschlichen
+Auges, so enorm die Verwandlungsmöglichkeit der
+Iris!&ldquo; stieß Romulus Futurus zwischen den Zähnen
+hervor. Plötzlich beugte er sich zu Frau Fabia nieder.
+</p>
+<!-- page 021 -->
+
+<p>&bdquo;Siehst du dein Gesicht? Siehst du deine Mienen?
+Siehst du, wie du zu John Crofton hinüberblickst? Ah,
+nicht genug, daß ich nur einen einzigen Freund besitze!
+Du willst ihn mir noch rauben! Der starre Blick, mit dem
+du ihn betrachtest, beweist mir alles! Warum denkst
+du immer an ihn? Warum beschäftigten sich deine Gedanken
+in dem Augenblick, da ich die photographische
+Aufnahme machte, einzig nur mit ihm?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich liebe ihn ja nicht, ich hasse und verabscheue
+ihn!&ldquo; rief Fabia verzweifelt. Aber Romulus Futurus
+hörte nicht auf sie. Er fuhr fort, den Blick in
+die Photographie förmlich vergrabend:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Miß Head-Divina sieht zu dem reichen
+Krösus hinüber. Ihre Miene ist schrecklich, halb Wahnsinn,
+halb diabolische Grausamkeit und Schlechtigkeit.
+Wie sie Ralph Jonathan Wieland anblickt! Ihr Auge
+taucht förmlich in das seine! Ihr Gesicht, das im Moment
+der Aufnahme ernst und starr gewesen wie
+Stein, ihr Gesicht lächelt, und um ihre Mundwinkel
+ringeln sich abscheuliche Schlangen. Soll ich dir sagen,
+was sie denkt? Hier steht es geschrieben! Hier steht
+es! Seid ihr nicht alle gleich, ihr Frauen?
+</p>
+
+<p>&bdquo;&bdquo;Ja, ich bin geneigt, Ihren Antrag zu erhören,
+Ralph Jonathan Wieland,&ldquo;&ldquo; sagt sie. &bdquo;&bdquo;Aber&ldquo;&ldquo; &mdash;
+</p>
+
+<p>Siehst du, Fabia, wie sie sich zu gleicher Zeit
+halb zu meinem Freunde John Crofton hinüberwendet?
+Und da! Da!&ldquo; &mdash;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus schüttelte sich und heftete den
+Nagel des rechten Zeigefingers auf das Gesicht Ralph
+Jonathan Wielands.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Siehst du die scheußliche Grimasse des Krösus?
+Siehst du, wie er meinen Freund John Crofton anstarrt?
+<!-- page 022 -->
+Die Lippen Wielands sind halb geöffnet. Ich
+sehe förmlich die gefletschten Zähne! Die Nasenflügel
+sind hinaufgezogen, wie man dies bei wilden Tieren
+im Augenblick des Angriffs bemerken kann. Die Augen
+sind zusammengekniffen, und strahlenförmig spannen sich
+die Falten um seine Schläfen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus schwieg. Seine Augen öffneten
+sich unnatürlich weit, denn er las, las deutlich
+auf diesem bis zur Scheußlichkeit verzerrten Gesicht
+den furchtbaren Gedanken, der Ralph Jonathan Wieland
+im Augenblick der Aufnahme beherrschte.
+</p>
+
+<p>Inzwischen blickte Frau Fabia mit nicht minder
+entsetzten Augen auf das Gesicht der jungen Fürstin
+Angelika, die Romulus Futurus ansah. Auch ihre
+Gedanken waren mit unverkennbarer Deutlichkeit photographiert,
+und Frau Fabia las, las mit blutendem
+Herzen die Gedanken der Fürstin:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Romulus Futurus, ich liebe dich in Ewigkeit!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und neben der Fürstin saß Dr. Diabel und starrte
+sie an und dachte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde dich zu Tode martern, wenn du mich
+nicht erhörst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus schrie plötzlich auf und starrte
+mit fiebernden Augen hinaus in die Nacht.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Er will meinen Freund John Crofton töten!
+Jawohl, so ist es! In dieser Nacht noch! Ralph
+Jonathan Wieland<a id="corr-4"></a> dachte darüber nach, wie er John
+Crofton aus dem Wege räumen konnte, um sich selbst
+in den Besitz seiner Geliebten, der Schauspielerin Happy
+Head-Divina zu setzen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und in einer Anwandlung von Abscheu und Verzweiflung
+warf Romulus Futurus die kostbare Platte
+<!-- page 023 -->
+zu Boden, zertrat sie mit den Füßen und zerriß die
+Photographie in tausend Fetzen, so daß er nicht mehr
+die Gedanken der Fürstin Angelika lesen konnte, nicht
+mehr das, was der Student dachte, während Frau
+Fabia im letzten Augenblick noch deutlich von den Lippen
+Happy Head-Divina den Gedanken abgeschaut hatte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich muß versuchen, alles von dem General zu
+erfahren, denn die englische Regierung verlangt die
+Pläne des Kriegshafens von Kiel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Wie gesagt, die Entdeckung, welche Frau Fabia
+gemacht hatte, kannte Romulus Futurus nicht. Ihn
+beherrschte nicht nur die Erkenntnis, daß Ralph Jonathan
+Wieland in dieser Nacht seinen Freund John Crofton
+töten wollte; und während er darüber nachsann, wie er
+den Freund retten könnte, kam er auf eine bizarre Idee.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">III.</h2>
+
+<p class="noindent">Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade
+im Tiergarten, etwa dort, wo vor einigen hundert
+Jahren der &bdquo;Große Stern&ldquo; gewesen. Von hier aus beherrschte
+die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt
+war nämlich in einem großen Halbkreis gebaut worden
+und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen Jungfernheide
+angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele,
+viele Stunden weit über den Gesundbrunnen, die Schönhauser
+Allee, Neu-Weißensee, Rummelsburg, Stralau,
+Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf hinausreichte,
+um den Tiergarten.
+</p>
+
+<p>Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus
+Futurus ganz Berlin, übersehen und beobachten. Ja,
+<!-- page 024 -->
+er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, daß Ralph
+Jonathan Wieland in der ehemaligen Königgrätzerstraße
+Wohnung genommen hatte. Diese war die erste Straße,
+die, von der Sternwarte an gerechnet, jenseits des
+Tiergartens überhaupt bewohnt werden durfte. Dort
+standen denn auch die Paläste der reichsten Millionäre
+von Berlin, darunter das Riesenhaus Ralph Jonathan
+Wielands.
+</p>
+
+<p>Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener
+Richtung geblickt und mit dem Glase den Nabob beobachten
+können.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe keine Zeit zu verlieren!&ldquo; murmelte er.
+</p>
+
+<p>Ohne sich um Frau Fabia zu bekümmern, die ihn
+mit vorgestrecktem Hals beobachtete und plötzlich
+von dunklem, unbewußtem Grauen ergriffen, aus der
+Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer
+in Tätigkeit. Er schraubte die Linse so zu,
+daß der Lichtschein keinen größeren Umfang hatte als
+höchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen Lichtstrahl
+ließ er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph
+Jonathan Wieland gleiten.
+</p>
+
+<p>Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen
+Vergrößerungsglas. Es hatte die Form einer Automobilbrille.
+Die kleinen Gläser saßen auf hohen, runden,
+schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den
+Augen lagen. So stellte er sich an das Fenster und
+beobachtete. In dem Bruchteil einer Minute, bevor
+Ralph Jonathan Wieland auf die Störung durch den
+weißen Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus
+Futurus durch das geöffnete Fenster, daß der Krösus
+eben damit beschäftigt war, eine kleine schwarze Kugel
+mit Acetylen zu füllen. Er begriff sofort den schändlichen
+<!-- page 025 -->
+Mordplan dieses von Leidenschaften ganz und gar irre
+geführten Millionärs.
+</p>
+
+<p>Acetylen war nämlich das neueste, furchtbarste
+Sprengmittel, das man im dritten Jahrtausend
+kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen
+schweren Geschützen eingeführt. Diese Geschosse bestanden
+aus Holzbüchsen mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid
+gefüllt waren. Unter dem Calcium Carbid lag eine
+Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang,
+Phosphorwasserstoff bildete, während das Calcium
+Carbid das Acetylen entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff
+mit Luft in Berührung kam, entzündete er
+sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand,
+das eine furchtbare Flamme entwickelte, daß die
+größten Wassermassen nicht hinreichen konnten, sie zu
+löschen.
+</p>
+
+<p>Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das
+Haus Croftons auf diese Weise in Brand setzen und
+in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den Romulus
+Futurus in jener Nacht zunichte machte.
+</p>
+
+<p>Der Millionär drehte sich plötzlich um, erschreckt und
+verblüfft durch die schmale Lichtflut, die in sein Zimmer
+drang. Als er mit den Augen ihrer Richtung folgte, da
+begriff er, daß sie von der Sternwarte ausging.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Romulus Futurus!&ldquo; flüsterte er in höchster Angst
+und versuchte, die Acetylenbombe zu verstecken und das
+Zimmer zu verlassen.
+</p>
+
+<p>Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte
+ihn.
+</p>
+
+<p>Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein
+weißes Band, das kerzengerade von dem Leuchtturm zu
+ihm herüber glitt. Die Spitze des Scheines bohrte sich in
+<!-- page 026 -->
+seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen
+Schmerz.
+</p>
+
+<p>Gerade über dem weißen Band aber, das die rot
+durchleuchtete Nacht wie ein Dolch durchdrang, lagen
+die Augen des Erfinders, von schwarzen Rändern umgeben,
+spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet.
+Sie machten den Eindruck von zwei quallenartigen,
+schlüpfrigen Sternen, die über der milchigen
+Flüssigkeit schimmerten.
+</p>
+
+<p>Jonathan Wieland schüttelte sich vor Grauen. Er
+machte die verzweifeltsten Anstrengungen, sich von diesem
+furchtbaren Anblick loszureißen. Aber er war nicht
+imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen.
+</p>
+
+<p>Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit
+einem teuflischen Lächeln. Er nahm seine ganze Willenskraft
+zusammen, legte sie in seine Augen und fesselte
+Jonathan Wieland in seinen Bann.
+</p>
+
+<p>Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare
+Bombe in Händen, die durch die geringste ungeschickte
+Bewegung allein schon zur Entzündung gebracht
+werden konnte, grün vor Entsetzen, während der
+schmale Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen
+Körper bohrte und die Schmerzen immer gewaltiger
+wurden.
+</p>
+
+<p>Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte
+laut, während er den Kopf zwischen die Schultern steckte
+und die furchtbaren Augen immer noch unbeweglich über
+der Lichtflut glitzern ließ:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden
+fallen lassest!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nicht sofort wirkte der auf diese Weise übertragene
+Wille. Obgleich Jonathan Wieland sich ganz und gar
+<!-- page 027 -->
+im Banne der Hypnose befand, besaß er doch selbst
+so viel gesunde Kraft, daß er sich zu wehren vermochte,
+daß er dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes
+Wiederstand entgegen setzen konnte.
+</p>
+
+<p>Der aber ließ nicht nach.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich will, daß du die Acetylen<a id="corr-5"></a>-Bombe zu Boden
+fallen lassest!&ldquo; wiederholte er noch einmal eintönig, biß
+die Zähne aufeinander und bohrte seine Augen in die
+des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern,
+während diese furchtbaren schwarzen Quallen über der
+Lichtflut, vergrößert durch die Gläser, seine Blicke förmlich
+in sich einsogen, während diese entsetzlichen, gierigen
+Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen
+aus dem Körper Wielands bannten und seine letzten
+Kräfte fraßen.
+</p>
+
+<p>Und plötzlich stieß der Millionär einen furchtbaren,
+gellenden Schrei aus und ließ die Bombe fallen.
+</p>
+
+<p>Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krösus
+stürzte ein und begrub ihn und seine zahlreiche Dienerschaft
+unter seinen Trümmern. Eine ungeheure
+Flammensäule schoß augenblicklich in die Höhe und hätte
+vielleicht halb Berlin eingeäschert, würde nicht das
+Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff, mit dem fast alle
+Häuser überzogen waren, selbst diesen furchtbaren
+Flammen einen energischen Widerstand entgegengesetzt
+haben.
+</p>
+
+<p>Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach
+unendlichen Anstrengungen, den Brand zu löschen und
+die übrigen Häuser vor der Vernichtung zu bewahren.
+</p>
+
+<p>Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber
+auch nichts mehr gefunden. Sein Körper war dermaßen
+zu Asche verbrannt, daß auch nicht die Knochen eines
+Gliedes übrig geblieben waren.
+</p>
+<!-- page 028 -->
+
+<p>Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses
+entsetzliche Unglück zustande gekommen war.
+</p>
+
+<p>Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde übrigens
+rasch wieder durch den roten Kometen abgelenkt. Dieser
+hatte sich nämlich jetzt der Erde soweit genähert,
+daß man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen
+konnte.
+</p>
+
+<p>Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit
+dem neuen Gestirn zu beschäftigen; denn der Krieg
+zwischen der deutschen Nation einerseits und den Engländern
+und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig
+wurde gerüstet. Und ungeheure Mengen von
+Munition wurden an den großen Kriegshäfen Wilhelmshafen
+und Kiel aufgestapelt.
+</p>
+
+<p>Die Armee trat unter Waffen.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus nahm an diesen Vorgängen
+wenig Anteil. Er erkannte sehr richtig, daß die plötzliche
+Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen ebenfalls
+nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war,
+das dieser Unglückskomet ausstrahlte. Und doch
+wollte es Romulus Futurus scheinen, als ob die
+Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genähert
+hatte, abnahm. So arbeitete der große
+Astronom in aller Ruhe an seinen Problemen weiter.
+Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse über
+sein nächtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia
+kaum mehr in Berührung. Und doch war es eigentlich
+nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus
+Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb.
+</p>
+
+<p>In sein Leben trat nämlich ein neues, merkwürdiges
+Ereignis. In dem Hause befand sich ein großer Saal, in
+dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser Raum, der
+<!-- page 029 -->
+mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war
+der Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing
+auch in der Mitte der Wand in goldenem Rahmen sein
+Jugendbildnis. Das ihn als dreißigjährigen Mann darstellte,
+als er Fabia zur Gattin genommen hatte.
+</p>
+
+<p>Das lag acht Jahre zurück. Oftmals dachte Romulus
+Futurus, der ein Philosoph war, darüber nach, ob es
+wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu Fabia getrieben;
+um sich darüber Aufklärung zu verschaffen,
+kam er auf die phantastische Idee, durch die
+&bdquo;Lumen&ldquo;-Platte sein eigenes Bild aus damaliger Zeit
+zu photographieren.
+</p>
+
+<p>Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein möglichst
+genaues Bildnis zu erhalten, den Apparat nachts in dem
+großen Ahnensaale auf, gerade seinem Bilde gegenüber,
+und entfernte am nächsten Morgen die Platte, um sie
+zu entwickeln.
+</p>
+
+<p>Da wischte er sich mit der Hand über die Augen,
+fuhr sich von neuem über die Stirn, als wollte er
+die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen Spiegel
+und hielt ihn über die Photographie, um sich zu überzeugen,
+ob die Augen ihn nicht trogen.
+</p>
+
+<p>Aber auch der zeigte dasselbe:
+</p>
+
+<p>Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das
+Portrait an der Wand; denn Romulus Futurus hatte damals
+wirklich einen vornehmen Charakter besessen und
+keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte
+ihn jetzt nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte
+und in grenzenloses Erstaunen versetzte, war ein ganz
+anderer Umstand:
+</p>
+
+<p><i>Vor dem Bildnis stand nämlich eine
+Gestalt.</i>
+</p>
+<!-- page 030 -->
+
+<p>Es wäre schwer gewesen, sie zu beschreiben, überhaupt
+genauer anzugeben, wer sie war, wie sie aussah,
+was sie trug.
+</p>
+
+<p>Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah
+man es nicht. Aber Romulus Futurus fühlte es. Ihre
+Gestalt kam nicht über eine nebelhafte Unsicherheit hinaus,
+und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen,
+mehr über die Züge dieser Erscheinung zu sagen. Und
+doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange Zeit vor
+dem Bildnis Romulus Futurus&rsquo; gestanden und mit
+einer gewissen Andacht zu ihm emporgeblickt.
+</p>
+
+<p>Der Astronom wußte nicht, was er davon
+denken und halten sollte. Schließlich schrieb er das
+Ganze seiner überhitzten Phantasie zu, vielleicht auch
+einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht genügend
+gegen das Licht geschützt worden war. Um sich Sicherheit
+zu verschaffen, ließ er es in der zweiten Nacht
+auf einen neuen Versuch ankommen. Als er aber am
+Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche
+Phänomen: eine weibliche Gestalt, etwas stärker ausgeprägt,
+als am Tage vorher, eine Frau von wundervoller
+Reinheit, mit einem Antlitz von außerordentlicher
+Schönheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfaßbar,
+unbeschreiblich.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus wurde nun von einer quälenden
+Unruhe erfaßt, die ihn nicht mehr verließ. Da er in
+seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen setzte,
+um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens
+verdankte, so rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die
+Sternwarte und zeigte ihm das Bild. Dann weihte er
+ihn in die Vorgeschichte ein.
+</p>
+
+<p>John Crofton blickte die Photographie lange an.
+</p>
+<!-- page 031 -->
+
+<p>&bdquo;Siehst du dasselbe wie ich?&ldquo; fragte Romulus
+Futurus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte
+Gestalt vor deinem Bilde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrückt
+zu werden? Eine Gestalt, die man mit bloßem
+Auge nicht erkennen kann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton lächelte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Erklärung, meine ich, ist sehr einfach,
+Romulus. Diese Gestalt ist kein gewöhnliches Lebewesen,
+das steht fest. Sonst würde es ihr nicht möglich
+sein, durch verschlossene Türen und Fenster in den
+Ahnensaal einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, daß sie
+eine besondere Vorliebe für dich besitzt, sonst würde sie
+nicht die Nächte vor deinem Bilde zubringen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine
+eigenen Empfindungen und Hoffnungen bestätigte, aufs
+höchste erregt, ging mit großen Schritten in dem Raume
+auf und nieder.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber, was ist da zu tun?&ldquo; rief er, verzweifelt
+die Hände ringend.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt
+mich im höchsten Grade, während sie zugleich
+in den Tiefen meiner Seele etwas aufwühlt, das mich in
+die größte Unruhe versetzt. Ich muß dieses Phänomen
+sehen! Willst du mir behilflich sein, John,
+daß ich einen Zeugen habe und meinen eigenen Augen nicht
+mißtrauen muß?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Freund nickte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mit Vergnügen, Romulus!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die beiden verabredeten also, daß sie in der nächsten
+Nacht in dem großen Ahnensaale wachen wollten,
+<!-- page 032 -->
+während Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder seine
+lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde
+gegenüber in Bereitschaft setzte.
+</p>
+
+<p>Sie warteten die ganze Nacht hinter einem
+schweren Brokatvorhang. Sämtliche Eichentüren waren
+verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur
+das rote Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte
+Helligkeit in dem Saale. Romulus Futurus
+und sein Freund John Crofton warteten die ganze
+Nacht bis zum Morgen. Sie sahen nichts, hörten nichts
+und bemerkten nichts; und Romulus Futurus meinte
+seufzend:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart
+vertrieben.&ldquo; Dann besah er die photographische
+Platte, während seine Hände in fieberhafter Ungeduld
+zitterten.
+</p>
+
+<p>Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen
+Tage, nur noch ausgeprägter, so daß man selbst
+das lange, fließende Haar, das bis auf die Hüften
+wallte, die feinen Linien des Körpers, der in ein durchsichtiges
+Gewand gehüllt war, erkennen konnte.
+</p>
+
+<p>Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale
+auf und nieder.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich muß sie kennen lernen!&ldquo; rief er ein über
+das andere Mal. &bdquo;Ich muß! Diese Erscheinung gewinnt,
+ich gestehe es, von Tag zu Tag einen größeren
+Einfluß auf mich, und ich möchte beinahe behaupten,
+ich sei von einer rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen
+Liebe zu ihr erfüllt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton, der das heimliche Schaudern, das
+ihm dieses Phänomen verursachte, hinter Frivolitäten
+zu verbergen suchte, entgegnete:
+</p>
+<!-- page 033 -->
+
+<p>&bdquo;Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und
+Blut so unempfindlich ist wie du, ist&rsquo;s nichts Wundersames,
+wenn er sich in Geister verliebt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Geister .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; wiederholte er. &bdquo;Das ist sicherlich
+nicht das richtige Wort, John. Es handelt sich um keinen
+Geist, und ich glaube auch nicht, daß die Seelen Verstorbener
+sich uns auf diese Weise bemerkbar machen
+können.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie willst du es dann erklären?&ldquo; entgegnete John
+Crofton verwundert. &bdquo;Auf alle Fälle ist das eine Erscheinung,
+die ohne Materie, das heißt ohne Fleisch und
+Blut ist, sonst müßten wir sie doch mit unseren Augen
+erkennen. Nur die fabelhaft empfindliche Platte war
+imstande, das Unsichtbare sichtbar zu machen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das war eine Erklärung, die Romulus Futurus
+weder befriedigen noch beruhigen konnte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate!&ldquo;
+rief er. &bdquo;Ich will aber wissen, John, wer sie ist!
+Gib mir einen Rat. Du weißt nicht, welches große
+Opfer ich für dich gebracht, daß ich dir sogar das Leben
+gerettet habe. Du staunst? Nun, nimm es an! Jetzt
+ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir einen Gegendienst
+verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das
+rechte Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen
+nach jenem Wesen, das Nacht für Nacht sich vor meinem
+Bilde zeigt. Ich muß sie besitzen! Also gib mir ein
+Mittel! Ein Mittel, John Crofton!&ldquo; Und der sonst
+so vernünftige, ruhige, kühle und gemessene Mann rannte
+in der Sternwarte auf und nieder, packte seinen Freund
+Crofton und schüttelte ihn, als wollte er ihn töten.
+</p>
+<!-- page 034 -->
+
+<p>&bdquo;Laß mir einige Augenblicke Zeit!&ldquo; murmelte John
+Crofton und ließ sich in einen Sessel nieder. Ihm
+war ein elender Gedanke gekommen. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell
+abgewiesen, hatte er einen tiefen und unauslöschlichen Haß
+gegen die schöne Frau mit sich herum getragen. Von
+Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war
+seine Leidenschaft für das schöne Weib zu teuflischer
+Bosheit geworden, und Tag und Nacht dachte er darüber
+nach, wie er ihr Furchtbares antun könnte.
+</p>
+
+<p>Aber er fürchtete Romulus Futurus zu gleicher
+Zeit! Er fürchtete diesen mächtigen, in seinen Leidenschaften
+unberechenbaren Mann und hatte bislang nicht<a id="corr-6"></a>
+gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen.
+</p>
+
+<p>Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hände!
+Jetzt verlangte er ein Mittel von ihm, das ihm kein
+Mensch verraten konnte! John Crofton vergaß vollständig,
+daß sowohl er wie Romulus Futurus vor einem
+phänomenalen Rätsel standen. Er dachte nur mehr an
+Frau Fabia, an seinen Haß, an die Möglichkeit,
+sich zu rächen, ohne sich selbst strafbar zu machen.
+Und er hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umränderten
+Augen zu Romulus Futurus, der ihn erwartungsvoll
+ansah, und sagte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wüßte wohl ein Mittel!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Astronom war Feuer und Flamme.
+</p>
+
+<p>&bdquo;So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt,
+um selbst einen klaren Gedanken zu fassen. Was
+ist zu tun?&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton ließ sich drängen. Er wiegte den
+Kopf hin und her und tat, als getraue er sich nicht,
+zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor,
+<!-- page 035 -->
+bis er ihm zusicherte, daß er jede Verantwortung tragen
+würde.
+</p>
+
+<p>Dann begann John Crofton:
+</p>
+
+<p>&bdquo;So viel steht fest: die Platte, die an und für
+sich eine wunderbare Erfindung bedeutet, hat dir und
+der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen; ungeheuerliche
+Entdeckungen werden gemacht werden. Nun,
+diese Gestalt vor deinem Bilde existiert, das ist sicher.
+Und ohne Zweifel ist es die Seele, der Geist, das vom
+Körper losgelöste Wesen eines jungen Weibes, das dich
+leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen,
+so mußt du dieses Wesen in einen neuen Körper
+bannen. Ob das Experiment gelingen wird, weiß ich
+nicht. Aber es sollte glücken! Du verfügst über fabelhafte
+Kräfte! Dein Wille ist unermeßlich! Versuche,
+sage ich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin
+und her.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, das ist eine Idee! Das ist glänzend! Das ist
+großartig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Plötzlich brach er ab. Er begriff, daß der Vorschlag
+John Croftons scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten
+aufwies.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber woher diesen Körper bekommen, John? Was
+meine Gewalt über dieses Wesen anbetrifft, verzweifle
+ich nicht. Es wird mir gelingen, die Unsichtbare zum
+Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Körper soll ich
+sie bannen? Es muß der Leib eines Weibes sein, dessen
+äußerliche Schönheit mit diesem Wesen harmonieren
+würde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich
+auf die Knie werfen könnte &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er brach erschöpft ab. Und John Crofton sagte
+<!-- page 036 -->
+so ruhig, als handle es sich um, die einfachste Sache der
+Welt, während in seine Augen ein furchtbarer Schimmer
+trat:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Deine Frau!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt
+stehen, seine Augen weiteten sich, seine Lippen bebten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Meine Frau .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; wiederholte er tonlos.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Natürlich!&ldquo; fuhr John Crofton fort, indem er
+mit einem eisernen Willen sofort auf das eine Ziel losging,
+Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte in
+Wirklichkeit nicht daran, daß Romulus Futurus, den
+er für einen Narren hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches
+Werk vollbringen konnte. &bdquo;Natürlich deine
+Frau! Kein anderer Mensch auf Erden würde sich für
+dieses Experiment eignen! Du liebst sie nicht &mdash; du
+hast es mir ja selbst bereits gestanden, hast oftmals
+mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grämt sich
+darüber! Töte sie und banne dieses Wesen in ihren
+Leib, so wirst du sie lieben können, wie nie ein Weib
+von einem Manne geliebt wurde!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort.
+Er ging auf und nieder, von Zeit zu Zeit vor dem
+Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren Blicken
+messend. Es dämmerte noch, und der purpurne
+Schimmer des Kometen flutete durch die Sternwarte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und warum sollte ich es nicht tun?&ldquo; schrie
+der Gelehrte plötzlich hinaus, sich selbst die schreckliche
+Frage beantwortend. &bdquo;Sage selbst, warum nicht?
+Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglücklich, sagst du?
+Ja, ja, sie ist es! Ich weiß es, ich habe es unzählige
+Male gefühlt! Ich liebe sie nicht! Aber ich liebe dieses
+<!-- page 037 -->
+Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fühle, bis zum
+Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren,
+wenn dieses Wesen in ihrem Leibe wohnt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Also!&ldquo; entgegnete John Crofton und warf seine
+Cigarette weg, während seine Augen vor Mordlust
+glühten .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er
+kreuzte die Beine übereinander, vergrub die Hände in die
+Taschen und zog den Kopf zwischen die Schultern,
+während ein feiger Zug sein männlich schönes Gesicht
+entstellte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann es aber nicht tun!&ldquo; flüsterte er.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was, Romulus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kann sie nicht töten! Denn es ist klar, daß
+ich sie erwürgen muß, wenn ich die wesenlose Gestalt
+in ihren Körper bannen will!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Freilich!&ldquo; entgegnete John Crofton brutal. &bdquo;Du
+wirst sie töten müssen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein!&ldquo; wehrte Romulus Futurus ängstlich
+ab. &bdquo;Ich kann es nicht! Ich bringe es nicht über mich!
+Aber vielleicht &mdash; könntest du &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte
+ein phosphoreszierendes Leuchten. Seine Augen sanken
+förmlich in die Höhlen zurück, und seine Lippen bebten
+vor verhaltener Freude.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was meinst du, Romulus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz
+nahe an sich heran und flüsterte ihm ins Ohr:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Vielleicht könntest du &mdash; sie töten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton riß sich los und tat über die Maßen
+erstaunt.
+</p>
+<!-- page 038 -->
+
+<p>&bdquo;Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie töten? Dein
+Weib? Damit du mir im nächsten Augenblick selbst
+die Pistole auf die Brust setzest und mich tötest?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst
+auf. Er machte John Crofton begreiflich,
+daß er ihm den größten Dienst seines Lebens erweisen
+könne. Er bat, flehte, weinte schließlich wie ein Kind.
+So groß war die eingebildete Macht des unbekannten
+Wesens über ihn.
+</p>
+
+<p>Und doch war alles nur die Wirkung des roten
+Kometen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Endlich gab John Crofton nach und die beiden
+Freunde verabredeten, daß sie sich in der kommenden
+Nacht in der Sternwarte treffen wollten. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">IV.</h2>
+
+<p class="noindent">Es war Nacht.
+</p>
+
+<p>Die roten Strahlen des Kometen wogten hin und
+her wie hunderttausend elektrische Lichtzungen. Berlin
+glich einer Märchenstadt. Himmelhoch ragten die
+riesigen Häuser empor, mitten hinein in das Meer von
+Purpur, das das Blut aufregte und die Sinne verwirrte.
+</p>
+
+<p>Die Stadt war ziemlich leer von Menschen. Der
+Krieg war ausgebrochen, und die Armeen standen im
+Felde. In der Nähe von Wilhelmshaven tobte die erste
+Seeschlacht und bei Bitsch waren die deutschen und
+französischen Heeresmassen gegeneinander geprallt.
+Immerhin waren in Berlin noch genug Menschen zurückgeblieben,
+um jene heimliche, hin und her surrende
+<!-- page 039 -->
+und summende Aufregung zu verursachen, die sich allen
+Ohren aufdrängte. Es waren junge und ältere Leute,
+die da und dort auf öffentlichen Plätzen sich sammelten,
+die flüsterten, sich heimliche Zeichen gaben und wieder
+verschwanden .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Man munkelte von einer Revolution. &mdash;
+</p>
+
+<p>Nie war Romulus Futurus liebenswürdiger gegen
+seine Gattin gewesen, als am verflossenen Tage. Frau
+Fabia war glücklich wie nicht mehr seit den ersten Tagen
+ihrer Ehe.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Willst du den roten Kometen sehen, Fabia?&ldquo;
+fragte Romulus Futurus abends gegen elf Uhr. Und
+Frau Fabia antwortete lächelnd:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so
+werde ich glücklich sein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort
+herrschte magisches Licht. Romulus Futurus streckte den
+Arm aus und wies empor zu dem rotschimmernden
+Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher Deutlichkeit
+stand, so groß, so nahe, so drohend, daß man die
+Empfindung hatte, als müsse er jeden Augenblick herabstürzen,
+alles unter sich begrabend.
+</p>
+
+<p>Frau Fabia schauderte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und doch, heute möchte ich sterben!&ldquo; flüsterte sie.
+&bdquo;Ich habe das größte Glück meines Lebens genossen,
+denn ich empfand, daß du mich immer noch liebst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt
+von seinem Gewissen. Da ging die Türe im
+rückwärtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein.
+</p>
+
+<p>John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau
+Fabia so gegenüberzutreten, wie er war. Er trug eine
+schwarze Maske vor dem Gesicht und einen purpurroten
+<!-- page 040 -->
+Mantel über den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne
+wirr waren unter dem direkten Einfluß des roten Lichtes,
+das sie umgab, schmiegte sich ängstlich an ihren Gatten
+und flüsterte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sage mir, Romulus, wer ist das?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus löste ihre Arme fast mit Gewalt
+von seinem Körper und stieß sie dem entgegen,
+der eingetreten war. Frau Fabia sah die weißen, gepflegten
+Hände Croftons, der sich bereit machte, auf
+sie zuzugehen. Und von unbestimmter Furcht ergriffen,
+flüchtete sie nach dem anderen Ende der Sternwarte
+und schrie:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Rette mich, Romulus, ich fürchte mich.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der aber brachte noch mehr Zwischenraum
+zwischen sich und seine Gattin. Er schlich sich
+zurück bis zu der kleinen Tür, die der Eingetretene
+offen gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut
+zu finden, auch nur einen Blick zurückzuwerfen.
+</p>
+
+<p>John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und
+nun konnte er ein Schauspiel genießen, auf das sich seine
+entarteten Nerven bis zu dieser Stunde vorbereitet
+hatten.
+</p>
+
+<p>Frau Fabia floh vor ihm wie das geängstigte Tier
+vor dem Jäger. Sie maß ihn mit scheuen, verwirrten
+Blicken, während er ihr rund um die Sternwarte herum
+folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels,
+der dieses schändliche Verbrechen nicht hinderte .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Schließlich, als sie kaum mehr die Kraft
+fand, sich auf ihren zitternden Füßen zu halten, riß
+John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel
+ab und rief mit diabolischem Gelächter:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der
+Abrechnung ist gekommen!&ldquo;
+</p>
+<!-- page 041 -->
+
+<p>Sie fuhr zurück. Sie klammerte sich an die Wand.
+Sie schrie mit wahnsinnig klingender Stimme nach
+Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um Hilfe;
+aber niemand half ihr.
+</p>
+
+<p>Sie stürzte auf die Knie nieder und flehte diesen
+Schurken um ihr Leben an, aber er dürstete nach ihrem
+Blute.
+</p>
+
+<p>Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den
+Raum, streckte wie hilfesuchend ihre Arme nach dem
+Gestirne aus &mdash; in diesem Augenblick hatte John Crofton
+sie erreicht und die letzten Worte der Unglücklichen
+erstarben in der Anrufung des roten Kometen, von dem
+sie Hilfe, von dem sie Vergeltung forderte.
+</p>
+
+<p>John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine
+Finger in ihren Hals gekrallt. Er ließ sie nicht mehr
+los, bis das letzte Leben aus ihr entflohen war.
+</p>
+
+<p>Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von
+Freude überwältigt, ab, taumelte zur Tür und rief
+nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen
+entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe
+John Croftons auf.
+</p>
+
+<p>Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten
+Körper nach der Galerie.
+</p>
+
+<p>Von den Straßen herauf tönte jenes eigentümliche,
+surrende Geräusch, das das Zusammenströmen
+großer Volksmassen verkündet. Dann und wann hörte
+man den verlorenen Ton einer lauten schreienden
+Stimme. Dazwischen Johlen, Händeklatschen und Pfeifen.
+</p>
+
+<p>In der Ferne ein Trommelwirbel.
+</p>
+
+<p>Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die
+beiden Männer, die zwischen sich den entseelten Körper
+<!-- page 042 -->
+der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts. Romulus
+Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade
+unter sein Bild zu legen.
+</p>
+
+<p>Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht,
+um die geheimnisvolle Gestalt in dem Augenblicke sehen
+zu können, da sie sich auf der &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte abbildete.
+Während er nämlich unter seinem Bild einen
+starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits
+zu dem Spiegel, andererseits zu dem photographischen
+Apparat in einem rechten Winkel stand.
+Gleichzeitig legte er sich zwei äußerst lichtempfindliche
+Gläser, die alles in riesiger Vergrößerung spiegelten,
+über die Augen.
+</p>
+
+<p>So verharrte er regungslos, während das Toben
+auf den Straßen allmählich verstummte; denn man
+hörte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden
+Bataillone.
+</p>
+
+<p>Während der Gelehrte also halb ängstlich,
+halb voll wahnwitzigen Hoffens seine Augen fieberhaft
+auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem Augenblick
+spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen
+Platte erschien &mdash; Romulus Futurus konnte also ganz
+einfach die Platte in dem Spiegel erblicken; denn
+das Wesen selbst war ja für das Auge nicht sichtbar &mdash;
+während er beide Hände gegen das wildpochende Herz
+preßte, um es gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte
+sich John Crofton mit einem hämischen Lächeln in einen
+Sessel geworfen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Zu dumm,&ldquo; dachte er. &bdquo;Dieser Narr glaubt, er
+könne das Unmöglichste vollbringen! Sind die Menschen
+nicht wirkliche Hampelmänner, die sich an den Schnüren
+unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen,
+wenn wir nur erst die Kraft dazu haben?
+</p>
+<!-- page 043 -->
+
+<p>Romulus hat mir das Henkergeschäft über sein
+Weib übertragen; er wird nie das Recht und die
+Fähigkeit besitzen, mich zu bestrafen.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Inzwischen aber wurden die Gedanken John
+Croftons abgelenkt. Er sah in der grellroten Helle,
+die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus
+plötzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an
+dem Spiele der Gesichtsmuskeln. Draußen stand, riesengroß,
+eine gewaltige Kugel, der Komet.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In
+dem Augenblick, da sie unter sein Bild getreten war,
+hatte die lichtempfindliche Platte sie festgehalten, und
+diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild
+in die Augen des Astronomen zurückwarf.
+</p>
+
+<p>Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu
+sprechen, zog er seinen ganzen Willen, all seine Energie
+und innere Macht in seine Augen und blickte das schemenhafte
+Wesen an.
+</p>
+
+<p>Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige
+Gesicht zu, dieses wunderschöne Antlitz, das er nur
+fühlte, aber nicht sehen konnte.
+</p>
+
+<p>Und sagte, während seine Stimme dumpf klang,
+als käme sie aus weiter Ferne:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wer du auch sein mögest, ich befehle dir, mir zu
+gehorchen!&ldquo; Er bemerkte deutlich, daß etwas wie Schrecken
+die Gestalt erfaßte. Sie sah ihn starr an, offenbar
+unfähig, den Blick von ihm zu wenden, ohne daß
+Romulus Futurus eigentlich ihre Augen sehen konnte,
+und er fuhr fort, triumphierend über den schnellen Sieg,
+den er errungen hatte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu
+nehmen!&ldquo;
+</p>
+<!-- page 044 -->
+
+<p>Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb
+auf den Leichnam seiner Gattin Fabia, halb hob er
+beschwörend die Hände und beschrieb die magischen
+Zeichen über der seltsamen Gestalt.
+</p>
+
+<p>Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer
+Widerstand, den sie dem gigantischen Willen des Gelehrten
+gegenübersetzte. Aber der ließ nicht nach.
+</p>
+
+<p>In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen
+wieder erblickt, war auch seine namenlose Leidenschaft
+gewachsen, und mit einem Willen, der stärker war als
+alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl,
+während die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht
+angezogen, sich immer mehr dem Körper der Frau Fabia
+näherte. Und schließlich gab sie den Widerstand auf.
+Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte
+Wesen eine unendliche Traurigkeit zeigte &mdash; im
+nächsten Augenblick war es zerflossen wie nichts, und
+der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel,
+der in der purpurroten Nacht verschwand.
+</p>
+
+<p>Gleichzeitig sank er selbst erschöpft, mit hämmernden
+Pulsen in einen Sessel zurück.
+</p>
+
+<p>In großen Tropfen stand der Schweiß auf seiner
+Stirn.
+</p>
+
+<p>John Crofton aber, der alles gehört, doch nichts
+gesehen hatte, war halb von seinem Sitze aufgestanden,
+streckte den Kopf vor und lauschte mit zitterndem Atem.
+</p>
+
+<p>Plötzlich regte sich Frau Fabias Körper.
+</p>
+
+<p>John Crofton riß die Augen weit auf. Er wollte,
+er konnte es nicht glauben! Namenloses Entsetzen erfaßte
+ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen Händen erwürgt?
+War es möglich, daß noch Leben in ihr war?
+Stehen denn die Toten auf, um sich an den Lebenden
+zu rächen?
+</p>
+<!-- page 045 -->
+
+<p>Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd
+in dem Sessel barg, starrte er zu Frau Fabia hinüber.
+</p>
+
+<p>Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener
+müden Bewegung, die die zeigen, welche eine lange
+Reise gemacht haben, glättete das seidene Kleid und
+sagte, unfähig, im ersten Augenblicke die zwei Männer
+zu erkennen, die tief im Schatten saßen:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wo bin ich?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Plötzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung
+zu kommen, eine Erinnerung, die wenig mit
+der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem Augenblicke
+anpaßte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ganz recht!&ldquo; murmelte sie lächelnd, indem sie
+die schweren, dunklen Haarsträhnen aus der Stirne strich.
+&bdquo;Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal getreten und
+habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei
+hat mich der Schlaf übermannt. Wie lächerlich das ist!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie
+im ersten Augenblick wie etwas Furchtbares anstarrte.
+Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schloß sie
+in seine Arme und preßte sie an sich.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend,
+wie immer? Du wirst nie von mir gehen? Wir werden
+ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie schlang die weißen Arme um seinen Hals und
+flüsterte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl
+ist es mir, als ob wir uns heute zum erstenmal sähen.
+Aber dein Bild war immer bei mir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Küssen,
+das ihm vor kurzem so gleichgültig, beinahe hassenswert
+erschienen war. Er küßte Frau Fabia so lange, bis
+<!-- page 046 -->
+er endlich wahrnahm, daß er vergeblich die Züge jenes
+seltsamen Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte.
+</p>
+
+<p>Da erfaßte ihn etwas wie eine lähmende, dunkle
+Traurigkeit.
+</p>
+
+<p>John Crofton aber war ruckweise, Schritt für
+Schritt näher getreten und starrte Frau Fabia an.
+</p>
+
+<p>An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab,
+links ein Daumen, rechts der Zeige- und der Mittelfinger. &mdash;
+</p>
+
+<p>Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte
+John Crofton .&nbsp;.&nbsp;. Diesem war es, als ob der Blitz ihn
+treffen müßte. Er riß einen Teppich von der Erde
+auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem
+halbausgestreckten Arme deckend. So stand er da, das
+personifizierte böse Gewissen, und zitterte.
+</p>
+
+<p>Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und
+fragte ihren Gatten:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wer ist dieser Mann?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus lächelte düster.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest
+du ihn nicht kennen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;John Crofton?&ldquo; wiederholte sie, während ihr
+Antlitz einen gequälten Ausdruck annahm. Offenbar
+suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen dieses
+Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da,
+das sie nicht fassen konnte. Sie schüttelte den Kopf
+und sagte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich kenne ihn nicht!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton holte tief Atem. Er ließ die Decke
+sinken und starrte der schönen Frau ins Gesicht. War
+es möglich, daß sie noch reizender geworden?
+Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder
+<!-- page 047 -->
+Perlen gehabt, so leuchteten sie jetzt wie Sterne
+in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze. Auch ihre
+Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen
+John Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick
+von neuem von jener rasenden, teuflischen Leidenschaft
+erfaßt wurde, die ihn schließlich zum Mörder
+hatte werden lassen.
+</p>
+
+<p>Aber er verbarg seine Empfindungen ängstlich ebenso
+vor Frau Fabia als vor dem Freunde. Er
+beugte sich nieder, führte die Hand der schönen
+Frau galant an seine Lippen und drückte dann schweigend
+Romulus Futurus die Rechte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist geglückt, mein Freund! Ich gratuliere dir!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwörend
+zur Decke empor und flüsterte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin von heute ab der glücklichste aller
+Menschen, John Crofton! Hast du nicht bemerkt, daß
+selbst ihre Stimme sich verändert hat? Sie spricht
+ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in
+allem instinktiv jenes Wesen wieder, das ich vor meinem
+Bilde zum ersten Mal gesehen habe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Darüber, wer jenes Wesen sein könnte, dachte weder
+Romulus noch Crofton nach. Die Wünsche der beiden
+Männer trafen sich zunächst nur in dem rasenden Verlangen,
+Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener
+ging John Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend,
+dieses Weib zu gewinnen, das er in der vergangenen
+Nacht mit eigenen Händen getötet hatte. &mdash;
+</p>
+<!-- page 048 -->
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">V.</h2>
+
+<p class="noindent">Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt,
+hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Komet
+stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines
+Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte
+ihn allerdings nur des Nachts; allein nun gesellte
+sich zu dem intensiven roten Licht eine Hitze,
+die von Tag zu Tag größer wurde. Während das
+fabelhafte Licht die Nerven der Menschen immer mehr
+erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr gegeben
+war für den Charakter, und alle sich in einem
+Zustand der Raserei befanden, brachte die intensive
+Wärme, welche von dem neuen Kometen ausstrahlte,
+das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen
+neue Begierden, Leidenschaften und Laster.
+</p>
+
+<p>Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der
+rote Komet noch durch einen unendlichen Raum von
+der Erde getrennt sei.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist eine neue Sonne!&ldquo; sagte er, &bdquo;ein
+gewaltiger Körper, der lange Zeit hindurch, vielleicht
+ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen
+am Ende des Weltalls gestanden hat!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus
+Futurus mußte zugeben, daß der<a id="corr-7"></a> rote Komet der Erde
+nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum
+bis zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem
+Falle aber wäre bereits jetzt die ganze Erde
+in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das
+Nahen des Kometen keine<a id="corr-8"></a> andere Folge, als daß mitten
+im Winter die Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen
+<!-- page 049 -->
+unter ungeheuren Ueberschwemmungen litten.
+In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze Städte
+unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees
+wurde die Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet
+und die riesige bayrische Hochebene verwandelte
+sich in einen See, in ein neues Meer.
+</p>
+
+<p>Das waren nun Angelegenheiten, die die
+Berliner nicht allzusehr aufregten. Dagegen sahen sie
+nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee;
+denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese
+bedeutend gestiegen waren.
+</p>
+
+<p>Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und
+Nacht als den, daß die Farbe des Lichtes wechselte.
+Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende Körper
+der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein
+Licht, das<a id="corr-9"></a> die Augen kaum mehr vertrugen, so daß
+ihr Schein eine Reihe von Erblindungen hervorrief.
+So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des
+roten Kometen gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz
+außerordentlich empfindsam gerade für das Purpurlicht,
+und es gab Menschen, die viele Stunden oft
+mit brennenden Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen,
+indem sie sein Leuchten förmlich in sich einsogen,
+um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine
+Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die
+Regierung in Berlin die umfassendsten Maßnahmen, um
+dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen.
+Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten,
+so zog man neue Beamte in den Dienst.
+</p>
+
+<p>Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister
+Romulus Futurus übertragen, weil die Regierung sehr
+richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das Ressort
+dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten,
+<!-- page 050 -->
+dem öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit
+verwandt war.
+</p>
+
+<p>Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem
+Kriege zurück. Zwar war die deutsche Flotte im Kattegatt
+von der Uebermacht der englischen Riesenschiffe dezimiert
+worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem
+unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen,
+hatte die festen Plätze mit ihren furchtbaren Geschützen
+fast ohne Widerstand genommen und eine Schlacht geliefert,
+die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem
+Ausgang einzig in der Geschichte dastand.
+</p>
+
+<p>In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber
+der Friede diktiert worden. Inzwischen hatte General
+Treufest durch eine ausgezeichnete Verteidigungstaktik
+den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und Wilhelmshaven
+mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß
+die englische Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch
+gewaltige Sprengminen verlor. &mdash;
+</p>
+
+<p>Allein &mdash; obgleich in dieser Weise die deutschen
+Angelegenheiten aufs beste standen &mdash; mehrten sich doch
+die Stimmen derer, die eine furchtbare Katastrophe
+vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung,
+wie ein düsterer Bann über Berlin.
+</p>
+
+<p>Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution,
+die schon verschiedene Male ihr Haupt erhoben,
+nicht zur Ruhe bringen können. Wohl
+hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt
+die Kanonen gedonnert, und die Fackel des
+Bürgerkrieges war entzündet worden.
+</p>
+
+<p>Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen.
+</p>
+
+<p>Die Prophezeiungen, die man an den roten
+Kometen geknüpft hatte, erfüllten sich.
+</p>
+<!-- page 051 -->
+
+<p>Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren
+grauenvoll; die französische Hauptstadt schwamm im
+Blute ihrer Bürger, denn auf die Niederlagen hin, die
+die französische Armee erlitten, war dort wieder das
+Standrecht der Kommune erklärt worden. In England
+war ein Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und
+Großbritannien ausgebrochen, in Amerika wütete schon
+seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen
+und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität
+geführt wurde, und von Osten her wälzte sich die gelbe
+Gefahr heran.
+</p>
+
+<p>Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins
+Rollen:
+</p>
+
+<p>Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg
+der deutschen Truppen würdig zu feiern. Diese standen
+noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der Mangel
+an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar,
+so daß man es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung
+der deutschen Truppen zu tragen.
+</p>
+
+<p>Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung
+ihre letzten Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt
+werden.
+</p>
+
+<p>Die französischen Diplomaten wußten eigentlich
+nicht recht, woran sie waren, denn sie kannten weder
+die Stellung Amerikas, noch die speziellen Absichten
+Deutschlands und Englands.
+</p>
+
+<p>Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die
+geheimnisvollen Fäden der in Aussicht genommenen
+europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war
+der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde,
+Amerika: John Crofton.
+</p>
+
+<p>Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame
+<!-- page 052 -->
+Wohnzimmer seines Freundes Romulus Futurus
+und seiner Gattin.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?&ldquo;
+fragte er, seine dunkel umränderten Augen zu Frau
+Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte. Sie
+ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser
+erwiderte ihre Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft,
+ein Umstand, der bereits seit Wochen Berlin
+mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher
+nur zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers
+stand.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe nichts vor,&ldquo; entgegnete Romulus Futurus.
+&bdquo;Wenn meine Gattin einverstanden ist, so
+wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff unternehmen,
+und zwar dem roten Kometen entgegen,
+den ich mir gern einmal näher ansehen würde.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Frau Fabia klatschte in die Hände.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist eine Idee, Romulus,&ldquo; sagte sie und
+trat ans Fenster. Dort hob sie sehnsüchtig die weißen
+Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend
+am Himmel stand.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,&ldquo; murmelte
+sie, &bdquo;und weiß doch nicht wonach, warum! Mir ist
+als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte, der
+meine Bestimmung einschließt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den
+roten Kometen nicht nach seinem Geschmack.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Man gibt heute abend den Tannhäuser,&ldquo; meinte
+er. &bdquo;Happy Head-Divina singt die Elisabeth. Ihrer persönlichen
+Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu verdanken,
+denn die Oper ist ausverkauft, wie immer.
+Ich hatte sicher darauf gerechnet, daß ihr mitkommen
+würdet!&ldquo;
+</p>
+<!-- page 053 -->
+
+<p>Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie
+änderte daher sofort ihren Plan und gab ihre Zustimmung,
+die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde
+später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die
+große Oper .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia
+vergaß alles um sich her, während sie der Musik Richard
+Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend wieder
+Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei
+Jahrhunderte begraben gehabt.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von
+seiner Gattin wenden. Etwas Gequältes lag in seinen
+Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er
+bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie
+empfunden, immer mehr nachließ, in dem Bewußtsein,
+daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was er suchte.
+Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich
+hinter die Kulissen.
+</p>
+
+<p>Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun.
+Sie war bezaubernd schön in dem weißen Gewande
+der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen
+Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges
+Silber tauchte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie haben mich rufen lassen, Happy,&ldquo; begann John
+Crofton und trat in ihren Ankleideraum, der
+aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf
+einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe
+und der kleine schwarze Groom.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke
+mit dir verplaudern,&ldquo; entgegnete die Sängerin.
+&bdquo;Du machst dich so selten bei mir, und man spricht in
+unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia
+habe immer noch nicht nachgelassen!&ldquo;
+</p>
+<!-- page 054 -->
+
+<p>Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen<a id="corr-10"></a>
+Hals zurück. John Crofton entgegnete ärgerlich:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen
+an?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch
+immerhin eine interessante Figur, nachdem ganz Berlin
+weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine
+Brauen grub sich eine Falte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das kommt darauf an!&ldquo; murmelte er.
+</p>
+
+<p>Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme,
+die nach feinem Puder dufteten, um seinen Hals und
+flüsterte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und für mich, John, hast du gar nichts mehr
+übrig? Liebst du mich wirklich nicht mehr? Hast du
+mich ganz vergessen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie
+niederzog und mit verschleierter Stimme entgegnete:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer
+noch so wie früher! Aber die Leidenschaft für Frau
+Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz verwirrt.
+Ich liebe dich anders als jene, und es
+wird die Stunde kommen, wo ich wieder ganz und gar
+zu dir zurückkehre!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit
+glühenden Küssen, dann drückte sie auf die elektrische
+Klingel und befahl, Sekt zu bringen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange
+hin und her lief, voll Befürchtung, die Sängerin möchte
+im nächsten Auftritt versagen, wenn sie sich während
+der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy
+Head-Divina mit ihrem Freunde.
+</p>
+<!-- page 055 -->
+
+<p>Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie
+John Crofton immer von neuem einschenkte. Und der
+trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er löschen
+mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter
+und bemerkte nicht, wie seine schöne Freundin
+plötzlich aus einem kleinen Fläschchen einige Tropfen
+in sein Glas gleiten ließ. &mdash;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?&ldquo;
+fragte sie plötzlich scheinbar gleichgültig, eine
+Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich zur Decke
+empor.
+</p>
+
+<p>John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig,
+entgegnete:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen
+werden allerdings übel abschneiden. Ja, wenn
+sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig
+im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland
+finanziell und ökonomisch durch diesen Krieg vollständig
+ruiniert ist, so würden sie allerdings kaum die
+Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Sache steht also für Frankreich weit besser,
+als man annimmt?&ldquo; entgegnete Happy Head-Divina
+hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das Sektglas
+füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus
+als sonst. &mdash;
+</p>
+
+<p>&bdquo;So ist es! Auch Englands Chancen sind weit
+größer, als die Briten annehmen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Und du kennst bereits alle näheren Pläne?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er lachte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche
+Happy! Sprach ich doch erst heute in langer Audienz
+mit dem deutschen Minister des Auswärtigen! Ja, wenn
+man es so nimmt &mdash; das Schicksal Frankreichs liegt
+<!-- page 056 -->
+jetzt eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der
+Briten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich
+geweitet hatten. Sah nicht, daß sie ihn mit den Blicken
+förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an die
+Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie
+sprach von dem und jenem, bis John Crofton sich
+endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine
+Glieder waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und
+so krampfhaft er auch die Augen zu öffnen versuchte,
+ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Also du trägst die Entwürfe bei dir!&ldquo; meinte
+Miß Happy plötzlich, indem sie wieder auf das alte
+Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht
+die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie
+Eis, beobachtete sie die vergeblichen Anstrengungen ihres
+Freundes, der Betäubung zu entgehen.
+</p>
+
+<p>Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter
+Ferne an sein Ohr. Ohne bei klarer Besinnung zu
+sein, entgegnete er dumpf:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt
+&mdash; ich möchte mich &mdash; entfern &mdash;&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände,
+die sich gegen einen Stuhl gestützt hatten, fielen schlaff
+herab, und John sank in das große Eisbärenfell.
+</p>
+
+<p>In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an
+der Tür. Der Inspizient steckte den Kopf herein
+und rief:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina!
+Ihr Stichwort fällt in einer Minute!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite
+Klingel. Augenblicklich stürzte der Groom herbei.
+</p>
+<!-- page 057 -->
+
+<p>&bdquo;Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige
+Dr. Diabel, der sich zufällig dort aufhält. Sage
+ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir Crofton
+wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in
+meiner Garderobe.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick
+die Bühne und sang ihre Partie mit so bezaubernden
+Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß
+mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des
+Publikums brauste. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin
+ausgerichtet. Er traf Dr. Diabel tatsächlich in der
+Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters gerade
+eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der
+Nachricht nicht sonderlich erstaunt gewesen war, in die
+Garderobe seiner Herrin.
+</p>
+
+<p>Dr. Diabel trat ein.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du kannst gehen,&ldquo; wandte er sich an den Groom.
+&bdquo;Laß mich allein!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte
+sich und verließ die Garderobe.
+</p>
+
+<p>Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John
+Crofton, dessen Antlitz gelb war wie die Schale einer
+Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem
+Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon
+wirkte. Die bleichen Züge waren förmlich durchsichtig
+geworden; die großen, dunklen Augen lagen tief
+in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich
+um seine Schläfen, während das Gesicht ganz zurücktrat
+in den spitz zulaufenden Rahmen des Bartes.
+</p>
+
+<p>Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht
+aus, daß durch den Reflektor, der an der Decke angebracht
+war, nur mehr das Purpurlicht des roten
+<!-- page 058 -->
+Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt
+er auf den Tisch zu und goß das Glas John Croftons
+aus, in dem sich der Rest des Betäubungsmittels befand,
+das die Schauspielerin ihm gereicht hatte.
+Darauf riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe,
+warf ihn über einen Sessel, daß auf der einen Seite
+die Füße, auf der anderen der Kopf und die
+Schultern hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder
+Eile seine Taschen.
+</p>
+
+<p>Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben.
+Im Scheine des roten Lichts entfaltete er ein Dokument,
+das eine Reihe von Korrekturen aufwies und teils
+in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war.
+Er ließ das Dokument in der Brusttasche
+verschwinden und goß dann auf einen kleinen
+Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er
+in der Westentasche getragen hatte. Diese Flüssigkeit
+ließ er zwischen die Zähne des Bewußtlosen gleiten. Es
+dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton
+die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um.
+</p>
+
+<p>Sein Auge fiel auf Dr. Diabel.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wo bin ich? Was ist geschehen?&ldquo; fragte er
+hastig, indem er sich aufrichtete. Dr. Diabel mußte
+ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden gestürzt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,&ldquo;
+meinte der Arzt. &bdquo;Ich wurde eben gerufen, denn Sie
+sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy bewußtlos
+zusammengestürzt!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung
+zurück. Er begriff, was geschehen war, glättete
+seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich danke Ihnen!&ldquo; flüsterte er. &bdquo;Ich werde mich
+bei Miß Head-Divina noch persönlich entschuldigen.&ldquo;
+<!-- page 059 -->
+Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes Romulus
+Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer
+erzählte, um sich wegen seines langen Ausbleibens
+zu entschuldigen.
+</p>
+
+<p>Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne,
+denn die Oper war zu Ende.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung
+seines Freundes erwidert. Als sie in seiner
+Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich zurückgezogen,
+sagte der Kultusminister:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf
+der Alliance-Pläne noch in deiner Tasche hast!&ldquo;
+</p>
+
+<p>John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub
+im Winde, so furchtbar hatte ihn die Möglichkeit
+getroffen, die Romulus Futurus andeutete. Hing
+doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern
+sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab.
+Die amerikanischen Zeitungen pflegten kurzen Prozeß
+mit ihren auswärtigen Vertretern zu machen, wenn diese
+sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie
+wurden ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt;
+da sämtliche Zeitungen Amerikas einen großen
+Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust waren,
+so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in
+irgend einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu
+finden.
+</p>
+
+<p>Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre
+Interessen im Auslande nicht genügend gewahrt
+hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis
+zu schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste
+Dokument, das einem Vertreter seit Jahrzehnten
+anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte,
+<!-- page 060 -->
+so wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes
+gewesen.
+</p>
+
+<p>Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte
+nun fieberhaft in allen Taschen. Sein Gesicht überzog
+eine wächserne Farbe.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe
+gezogen und sah ihm schweigend zu.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei
+dir gehabt hast, nicht wahr?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch
+in der Loge davon gesprochen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort
+vermutet habe! Ich kenne deine Natur, John! Dein
+plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten
+mit klarer Deutlichkeit wieder ein und der Verdacht, daß
+er das Opfer eines schändlichen Komplotts geworden sei,
+stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel
+der letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor
+Wut, ergriff er Hut und Mantel und beschloß, sofort
+zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen.
+</p>
+
+<p>Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein
+Freund!&ldquo; sagte er ruhig. &bdquo;Ich werde Dr. Diabel verhaften
+lassen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon
+und setzte sich mit der Polizeizentrale in Verbindung.
+Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am Krankenbett
+der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen
+an einer schweren Krankheit daniederlag. Romulus
+Futurus gab den Auftrag, den Leibarzt der
+Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen.
+</p>
+
+<p>Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde
+<!-- page 061 -->
+nicht den geringsten Widerspruch wagte, und
+eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in
+dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt.
+</p>
+
+<p>Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt,
+der eine große Rolle in der Gesellschaft spielte, nach
+Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn einem
+langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne
+Wort, das der Untersuchungsrichter sprach, jede
+Antwort, die der Gefangene gab, wurde von einem
+Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen
+eigenen Stift auf ein Blatt Papier übertragen. So
+war jedes Protokoll überflüssig, und der Gefangene
+konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten
+von dem Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden
+seien und sich mit dem Protokoll nicht deckten.
+</p>
+
+<p>Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote
+das Protokoll. John Crofton rang verzweifelt die Hände,
+als er es gelesen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich bin verloren! Verloren, Romulus!&ldquo; rief er.
+&bdquo;Dr. Diabel leugnet hartnäckig und weder die körperliche,
+noch die Hausdurchsuchung hat irgend etwas ergeben,
+was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der
+Schauspielerin eine Haussuchung vornehmen lassen,
+aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden worden.
+Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang,
+den Inhalt des Vertrages auf elektrischem Wege
+nach Paris und London zu übermitteln, so befand sich
+Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und
+John Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach
+Amerika zurückgeschickt zu werden. Vor diesem Schicksal
+hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren
+können.
+</p>
+<!-- page 062 -->
+
+<p>Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen
+Stationen gesperrt würden und drei Tage lang
+unter persönlicher Kontrolle des Ministers ständen.
+</p>
+
+<p>Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet.
+Er begriff sehr wohl, daß, wenn wirklich
+Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine Helfershelfer
+schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach
+Paris zu übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina
+die Komplicin des Doktor Diabel war, wollte John
+Crofton nicht glauben.
+</p>
+
+<p>Auf alle Fälle leugneten beide standhaft.
+</p>
+
+<p>So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal
+John Croftons schien besiegelt.
+</p>
+
+<p>Er, der gegen seinen Freund so schmählich
+gehandelt hatte, scheute sich nicht, ihn jetzt beinahe auf
+den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu retten.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine
+Sicherheit.
+</p>
+
+<p>&bdquo;In einer Stunde werden wir wissen, wer den
+Vertrag gestohlen hat und wo er sich befindet!&ldquo; sagte
+er ruhig.
+</p>
+
+<p>John Crofton hob den Kopf.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter
+mehr, durch die du Dr. Diabel sein Geheimnis entreißen
+könntest!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein
+Freund: von jetzt ab wird es keinen Verbrecher mehr
+auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von
+jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig
+sein, es wird keine Ungerechtigkeit mehr geben
+und jedes Verbrechen wird nach seinen Ursachen, nicht
+nach seinen Wirkungen bestraft werden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich verstehe dich nicht!&ldquo; entgegnete John Crofton<a id="corr-11"></a>.
+</p>
+<!-- page 063 -->
+
+<p>Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den
+photographischen Apparat in sein Coupé zu bringen,
+fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis.
+</p>
+
+<p>Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht
+hatte, war groß und geräumig und besaß zwei Fenster:
+eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das einen
+andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß.
+</p>
+
+<p>Hier hinein traten John Crofton und Romulus
+Futurus. Letzterer stellte dort seinen photographischen
+Apparat auf und schob die empfindliche &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte
+ein.
+</p>
+
+<p>Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit.
+</p>
+
+<p>Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten
+Wochen seine Erfindung noch vervollständigt, und zwar
+in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne Zweifel
+einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller
+Völker wirken mußte.
+</p>
+
+<p>Nachdem er sich überzeugt, daß die &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte
+die menschlichen Physiognomien so photographierte,
+wie sie waren, und nicht, wie sie schienen,
+hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet
+und so vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens
+zwanzig Aufnahmen bewerkstelligte. Auf diese
+Weise war die &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte noch zwanzigmal verfeinert
+worden, denn die menschlichen Physiognomien
+zeigten sich jetzt nicht nur in einem bestimmten Augenblick,
+wie sie waren, sondern sie zeigten sich in diesem
+Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren geheimsten
+Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie
+geschaffen worden. Man brauchte sich nur
+wenig Mühe zu geben, nur die einzelnen Mienenbewegungen
+zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür
+<!-- page 064 -->
+bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen
+des menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen
+unterworfen. Es gibt eben auch da nur eine
+bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen
+bestimmten Gedanken ausprägt.
+</p>
+
+<p>Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat
+in Bewegung gesetzt, trat er mit John Crofton in die
+Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte selbstverständlich
+die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden
+waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes
+Auge vom Fenster auf ihn gerichtet war.
+</p>
+
+<p>Er lachte, als die beiden Männer eintraten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr werdet euch täuschen,&ldquo; dachte er: &bdquo;Von mir
+werdet ihr nichts erfahren!&ldquo; Zu gleicher Zeit überlegte
+er sich, daß er nun auf keinen Fall an Miß Happy
+Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der
+&bdquo;Lumen&ldquo;-Platte waren ihm natürlich längst bekannt.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich werde weder an Miß Happy denken, noch
+daran, daß der Vertrag sich in ihren Händen befindet
+und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines Plüschsessels
+in ihrem Saale verborgen hält,&ldquo; dachte er. Und wirklich
+gab er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung,
+als die beiden Männer eingetreten waren und Romulus
+Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster Polizeibeamter,
+ihn einem eingehenden Verhör unterzog.
+</p>
+
+<p>Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den
+Untersuchungsrichter vorgenommene, und Romulus verließ
+mit seinem Freunde Crofton die Zelle, während
+ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen
+Menschenkenners lag.
+</p>
+
+<p>Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr werdet euch täuschen,&ldquo; dachte der Arzt. &bdquo;Ihr
+werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy
+<!-- page 065 -->
+noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und
+deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus nahm ruhig die &bdquo;Lumen&ldquo;-Platte
+aus dem Apparat, nachdem er diesen abgestellt hatte, und
+fuhr mit John Crofton nach Hause.
+</p>
+
+<p>Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden
+Männern in den Weg. Sie brauchten nicht weniger
+als sieben Stunden, um in ihre Wohnung zurückzugelangen.
+Inzwischen war es wieder Nacht geworden,
+denn die Tage wurden immer kürzer und dauerten seit
+einiger Zeit nur noch sieben Stunden.
+</p>
+
+<p>In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure
+Menschenmengen. Das Volk, das zusammenlief,
+mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte
+eigentlich nicht, was es wollte. Man war unzufrieden
+mit dem System, mit der Regierung, mit allem. &mdash;
+</p>
+
+<p>Aber man wußte nicht, warum. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß
+Revolutionen nichts ändern, daß alles seinen gleichen
+Gang weiter geht und daß immer dasselbe kommt und
+niemals etwas anderes.
+</p>
+
+<p>Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt
+durch das rotglühende Licht des Kometen,
+dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich hohnlachend über
+die Erde neigte.
+</p>
+
+<p>Blut &mdash; hieß die Losung! Blut wollten sie alle!
+Blut sollte fließen!
+</p>
+
+<p>Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden
+wollten, so richteten sie ihr Augenmerk auf die, welche
+der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf die Regierenden.
+</p>
+
+<p>Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton
+nicht in ein Flugcoupé gerettet, so wären sie beide
+<!-- page 066 -->
+verloren gewesen, denn alle elektrischen Coupés
+auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und
+die Insassen ermordet.
+</p>
+
+<p>Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution
+war günstig gewählt worden, denn das Militär war
+noch nicht da und die Truppen, die sich in Berlin
+befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln,
+die mit jeder Minute zahlreicher wurden.
+</p>
+
+<p>Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als
+Standquartier der Revolutionäre eingerichtet worden.
+Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer befand,
+der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius,
+der Student.
+</p>
+
+<p>Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch,
+in seine Wohnung zu kommen. Er entwickelte sofort
+die Platte und ließ die Photographien kinematographenartig
+ablaufen.
+</p>
+
+<p>John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen
+seines Freundes, und zum ersten Male begriff er ganz
+und gar dessen gigantische Größe, die fabelhaften Vorteile,
+die diese Erfindung der deutschen Nation
+sicherte.
+</p>
+
+<p>Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem<a id="corr-12"></a>
+Apparat:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ihr werdet euch täuschen! Von mir werdet ihr
+nichts erfahren! Ich werde weder an Miß Happy Head-Divina
+denken, noch daran, daß sich der Vertrag in ihren
+Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder
+eines Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr
+werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy,
+noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und
+deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten!&ldquo;
+<!-- page 067 -->
+sagte Romulus Futurus lächelnd, drückte auf eine elektrische
+Klingel und setzte sich wieder mit der Polizeizentrale
+in Verbindung.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Schauspielerin Miß Happy Head-Divina ist
+zu verhaften!&ldquo; befahl er. Gleichzeitig gab er Auftrag,
+daß ein hoher Polizeibeamter sich in die Wohnung
+der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument
+in Besitz zu nehmen und es John Crofton zurückzugeben.
+Inzwischen war Frau Fabia, erschreckt
+durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer
+der Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig
+einen Blick auf die vielen Photographien, die in kurzer
+Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren.
+Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen
+Entsetzensschrei aus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Er ist es!&ldquo; rief sie. &bdquo;Er ist ein Verbrecher! Er
+hat mich getötet!&ldquo; Dann sank sie in Ohnmacht.
+</p>
+
+<p>John Crofton und Romulus Futurus sahen sich
+entsetzt an.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was bedeutet das?&ldquo; fragte John Crofton.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wir werden es wohl bald erfahren,&ldquo; sagte Romulus
+Futurus nachdenklich.
+</p>
+
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">VI.</h2>
+
+<p class="noindent">Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer
+solchen Heftigkeit eingesetzt, daß die Regierung wie von
+einem Lavastrom hinweggefegt wurde, der sich plötzlich
+über alles Leben ergießt, alles verschlingt und jeden
+Widerstand verbrennt, zermalmt.
+</p>
+
+<p>In den Straßen tobte ein wahnwitziger Kampf.
+Es war keine Schlacht mehr, es war ein Schlachten.
+Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit
+<!-- page 068 -->
+seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen,
+die Berlin seit seinem Bestehen noch nicht
+gesehen hatte.
+</p>
+
+<p>Die erste Heldentat der Aufständischen, die in
+großen Scharen die Straßen durchzogen und mit den
+Truppen der Regierung auf allen Plätzen ins Gefecht
+kamen, bestand in der Erstürmung des großen Untersuchungsgefängnisses
+am Spittelmarkt.
+</p>
+
+<p>Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergoß sich die
+Flut der Revolutionäre in die dunklen, finsteren Gänge;
+da und dort lag die Leiche eines ermordeten Aufsehers.
+Einige Minuten später aber strömte die Schar der Eingekerkerten
+hinaus, die Brüder umarmend, die ihnen,
+den Verbrechern, die Freiheit wiedergegeben hatten.
+</p>
+
+<p>Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem
+er dem Führer des Trupps die Hand gedrückt,
+eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das
+Gemach der kranken Fürstin Angelika und nahm dort
+seinen Platz als Arzt und Wächter wieder ein.
+</p>
+
+<p>Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten
+Festung. Die Straßen waren röter noch von Blut,
+als von dem Lichte des Kometen. Die Bürger hatten
+ihre Häuser versperrt, aber die Aufständischen schlugen
+die Türen mit Aexten ein, zerrten die Frauen auf
+die Straßen, warfen die Kinder in die aufgepflanzten
+Bajonette und mordeten die Männer.
+</p>
+
+<p>Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils
+unter die Fahnen der Regierung, teils unter das Banner
+des Aufstandes geeilt waren, kämpften mit einer Erbitterung,
+die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstraße
+zogen etwa dreitausend Revolutionäre unter der
+Führung Peter Cornelius, des Studenten.
+</p>
+
+<p>Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen,
+<!-- page 069 -->
+die bestimmt wußten, daß die Natur sich ändert, wenn
+man Blut vergießt, daß die ganze Welt sich in ihrem
+Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird,
+wenn man die Reichen beseitigt und an Stelle derer,
+die bisher regiert haben, andere setzt. &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>In den Augen des Peter Cornelius glühte ein
+verhängnisvoller Wahnsinn. Trunken von einem
+Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das
+Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten
+des roten Kometen hervorgerufen war, schwankten
+seine Genossen durch die Straßen, mordeten, schändeten,
+begingen Exzesse der Tollheit und riefen die
+Freiheit aus.
+</p>
+
+<p>Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten.
+Diese waren bedeutend in der Ueberzahl, und
+die Revolutionäre verlangten von ihrem Führer,
+daß er sie zurückführe, denn ein Kampf mußte zu Ungunsten
+der Revolutionäre enden, da die Bewaffnung
+des Militärs eine weitaus bessere war.
+</p>
+
+<p>Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten
+in der Mitte mit sich führten, stand mit gefesselten
+Händen ein Weib.
+</p>
+
+<p>Ihre Arme lagen auf dem Rücken; das schwere
+goldene Haar hatte sich gelöst und floß in langen Wellen
+über ihre Schultern, von denen das weißseidene Kleid
+teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glühten wie
+Purpur, und ein höhnisches Lächeln leuchtete aus ihren
+Augen.
+</p>
+
+<p>Als die Soldaten und die Revolutionäre einander so
+nahe gekommen waren, daß sie sich verständigen konnten,
+blieb Peter Cornelius plötzlich wie angewurzelt stehen.
+</p>
+
+<p>Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nämlich
+der Sieg der Revolutionäre lange nicht entschieden und
+<!-- page 070 -->
+man war bemüht, die Verbrecher, deren man
+habhaft werden konnte, unter starker Militäreskorte
+wieder in das Gefängnis zurückzuführen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Happy Divina!&ldquo; murmelte der Student, zu den
+Waffen greifend.
+</p>
+
+<p>Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und während
+die beiden feindlichen Trupps einander zornglühend
+gegenüberstanden, während das Entbrennen des
+Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing,
+rief Happy Divina:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ei, sieh an! Peter Cornelius, der Held! Habt
+Ihr Euch endlich aufgerafft? Habt Ihr diese Barbaren
+niedergeworfen? Da seht her, was sie mit mir gemacht
+haben!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und sie, die Tausende und Abertausende von
+Menschen durch ihre Stimme in einen Rausch der Begeisterung
+versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom
+Rücken ab, und man sah die weißen, leuchtenden Hände
+zwischen dicken Stricken.
+</p>
+
+<p>Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger
+Wut gegen die, welche dieses schöne Weib brutal
+ins Gefängnis führen wollten. Liebte er doch Happy
+Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie hätte Peter
+Cornelius es jemals wagen dürfen, sich der Sängerin,
+die von den höchsten Würdenträgern das Reiches verehrt
+wurde, zu nähern? Er, der arme Student, der
+seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag!
+</p>
+
+<p>Die stolze Sängerin, die gefeiert wurde gleich einer
+Königin, würde nicht wenig gelacht haben über den armen
+Studiosus, hätte er ihr seine Liebe erklärt. Aber jetzt,
+in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte,
+jetzt war alles anders geworden! Die Ersten waren die
+Letzten und die Letzten waren die Ersten geworden!
+<!-- page 071 -->
+Hier stand Peter Cornelius an der Spitze seiner todesmutigen
+Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze
+zu schlagen.
+</p>
+
+<p>Und plötzlich war für Peter Cornelius die Devise
+gegeben:
+</p>
+
+<p>Die Freiheit, für die er sein Leben aufs Spiel
+setzte und hundert andere nach sich zog, erschien ihm
+leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin, die
+seit langer Zeit im Dienste auswärtiger Staaten
+als Spionin stand, da ihre großen Einnahmen nicht hinreichten,
+ihr wahnsinniges Bedürfnis nach Luxus und
+Reichtum zu befriedigen.
+</p>
+
+<p>Peter Cornelius entriß dem Arbeiter, der
+neben ihm ging, die Fahne und stürzte sich mit dem
+Rufe:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Für Happy Divina und die Freiheit!&ldquo; mitten
+in die feindlichen Soldaten. Von Begeisterung
+trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem
+einzigen Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine
+Bresche in die Reihen der Soldaten geschlagen und waren
+bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene
+gefesselt stand.
+</p>
+
+<p>Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Säbel
+nicht weniger als vier Soldaten nacheinander nieder, zerriß
+die Fesseln, welche die schönen Hände der göttlichen
+Sängerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen
+und schleppte sie, ihren Leib mit dem linken Arme
+umfassend, mit dem rechten kämpfend, aus der Reihe
+der Soldaten .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Die waren zuerst unter dem wütenden Anprall
+der Revolutionäre zurückgewichen. Dann aber hatten
+sie sich rasch gesammelt, und während die vordersten sich
+niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde
+<!-- page 072 -->
+abgaben, öffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte
+ihrer Reihen; Geschütze wurden aufgefahren, deren erste
+Schüsse allein etwa fünfzig der Feinde niederrissen.
+</p>
+
+<p>So groß zuerst der Todesmut der Revolutionäre gewesen
+war, ebenso groß war die Panik, die diese
+führerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot Bleikugeln
+erhielten. Während jeder Führer der Revolutionäre
+seine eigenen Zwecke verfolgte, der eine
+Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der vierte
+persönliche Interessen, während der fünfte hoffte, durch
+den Aufstand Gold zu sammeln, und während der
+sechste einer Verbrecherin wegen dreitausend Menschen
+in den Tod führte, dachte die große Masse nur an das
+eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte:
+&bdquo;Brot!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der
+Soldaten zurück, wurden zersprengt, niedergeschossen,
+zertreten, dezimiert, und höchstens dreihundert waren es,
+die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken
+Arm immer noch gleich einer weißen Fahne den schlanken
+Leib der Sängerin trug.
+</p>
+
+<p>Die Straße war von Soldaten abgesperrt. Aber sie
+fanden einen neuen Ausweg, über den sie auf vielen
+Umwegen in die Potsdamerstraße gelangten.
+</p>
+
+<p>Dort hatten die Revolutionäre Barrikaden gebaut,
+und ein furchtbarer Kampf um die Oberherrschaft in
+Berlin war entbrannt.
+</p>
+
+<p>Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot
+geworden wie Burgunder. Die Nacht war erfüllt von
+einer unerträglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde zunahm
+und den Wahnsinn der Menschen erhöhte.
+</p>
+
+<p>Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen
+<!-- page 073 -->
+Steinhaufen gezogen. Da augenblickliche Ruhe eingetreten
+war, fand er Zeit, sich mit ihr zu verständigen.
+</p>
+
+<p>Sie sah ihn lächelnd an, ihre Lippen schimmerten
+wie Blut. Sie reichte dem Studenten die Hand und
+sagte:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich meinetwegen
+solchen Gefahren aussetzten!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen
+und hielt ihre Finger umschlossen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meine Wohnung
+zu bringen?&ldquo; flüsterte sie.
+</p>
+
+<p>Er schüttelte den Kopf.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Das ist unmöglich, Miß Head-Divina! Das ist
+ganz unmöglich! Sie müssen hier bleiben und jetzt mit
+uns für die Freiheit und für eine goldene Zukunft
+kämpfen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Die Sängerin schnitt eine Grimasse.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was soll ich tun? Sie werden doch nicht denken,
+daß ich einen von euren schmutzigen Säbeln angreife
+oder gar ein Gewehr abschieße? Warum denn? Wegen
+eurer Dummheiten?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Cornelius sah sie mit großen, flammenden
+Augen an.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Unsere Dummheit hat Sie gerettet!&ldquo; sagte er
+zornig. Sie zuckte die Achseln, lächelte und entgegnete:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie irren, Peter Cornelius! Ihre Sinnlichkeit
+war es, die Sie Ihr Leben in die Schanze schlagen ließ!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit!&ldquo; schrie er,
+trunken vor Wut und vor Leidenschaft. &bdquo;Ich liebe Sie!
+Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib geliebt wurde,
+und ich verlange, daß Sie mein werden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Dabei schlang er seine Arme um ihre weiße, feine
+<!-- page 074 -->
+Gestalt und versuchte, seine Lippen auf die ihrigen zu
+pressen.
+</p>
+
+<p>Happy Head-Divina empfand einen furchtbaren
+Ekel. Sie stemmte die beiden kleinen Fäuste gegen die
+Brust des Studenten und stieß ihn zurück.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sind Sie wahnsinnig? Ich mag Sie nicht! Ich
+hasse Sie!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Peter Cornelius taumelte zurück, während um ihn
+und die Sängerin wieder die ersten Flintenschüsse
+krachten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie lieben mich nicht? Sie hassen mich? Aber ich
+liebe Sie! Und eher werde ich Sie töten, ehe ich erlaube,
+daß Sie einem andern angehören!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie sind ein Narr!&ldquo; entgegnete die Sängerin nun
+ernstlich böse, indem sie sich mit unruhigen Augen umsah;
+denn eben stürzte neben ihr ein Revolutionär zu
+Tode getroffen nieder und krampfte die Hände im letzten
+Todeszucken.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie sind ein Narr, Peter Cornelius! Führen
+Sie mich sofort hinweg!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er lachte
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas
+retten kann, so ist es nur meine Liebe!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und
+schoß mit dem rechten das Gewehr auf einen Soldaten ab,
+dessen Helm über der Spitze der Barrikade sichtbar wurde.
+</p>
+
+<p>Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des
+Studenten, riß sich los und kletterte mit außerordentlicher
+Leichtigkeit und Behendigkeit über die Trümmer der
+Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen
+und dort Hilfe zu suchen.
+</p>
+
+<p>Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine
+<!-- page 075 -->
+Augen waren blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand
+Schaum.
+</p>
+
+<p>Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg
+erreicht hatte, als sie gerade die Arme ausbreitete, um
+zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein Gewehr
+an die Wange und schoß sie durch dem Rücken.
+</p>
+
+<p>Sie warf die Arme in die Luft, und während über
+ihre Lippen und über das Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts
+hinab und blieb verblutend liegen .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den
+Kampf und focht so lange, bis er, von Stichen und
+Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten Steine sank,
+die von der Barrikade übrig blieben, indes die
+Soldaten die Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und
+wütete in allen Straßen und überall der Kampf. Immer
+unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über Berlin
+verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und
+dort ein verzweifelter Mund ausschrie:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen!
+Die Welt geht unter!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende
+Kampf begonnen hatte, wurde er beendet.
+Die Panik, die der rote Komet plötzlich hervorrief, in
+dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte,
+versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft
+hatten, wie die Tiere.
+</p>
+
+<p>Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder,
+hohe<a id="corr-13"></a> Staatsbeamte und Arbeiter, kurzum alles, was in
+Berlin lebte, wälzte sich als ein großer, dunkler Haufen
+der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen,
+von dem man halb drohend, halb bittend Rettung vor
+dem roten Kometen forderte.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus stand auf seinem Turm und
+<!-- page 076 -->
+beobachtete das Herannahen des verhängnisvoll
+Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der
+Sternwarte näherten, er wußte, was sie forderten und
+verlangten, aber er beachtete sie kaum.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis
+der Zusammenstoß erfolgt!&ldquo; sagte er zu sich selbst. &bdquo;Noch
+ist es nicht sicher, ob überhaupt die Katastrophe hereinbricht;
+denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet
+augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit
+der Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen.
+Vielleicht ist die Anziehungskraft der Erde nicht
+stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet
+unmöglich die Kraft einer Sonne haben könnte, denn
+sonst wäre längst die ganze Erde geborsten.
+</p>
+
+<p>Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete,
+stand gleichwohl nicht im Verhältnis zu der
+Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete
+weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich
+auf ihm ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien
+umgeben zu sein von einem Riesengürtel von Elektrizität,
+die diese furchtbare Hitze und das rote Purpurlicht
+hervorrief.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen
+Lichtstrahlen am schwächsten gebrochen werden,&ldquo; sagte
+er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend
+und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald
+auf die Straßen hinabsah, die von dem Lärm und
+von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen
+verursachen, ist größer als die aller übrigen Strahlen;
+die Anzahl der Schwingungen, welche sie in einer Sekunde
+<!-- page 077 -->
+vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert
+Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive
+Kraft gerade der roten Farbe erklärt. Ich glaube, daß
+das Purpurlicht durch Elektrizität hervorgerufen wird,
+die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls
+eine ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem
+Polarlicht, das in der Höhe nach Breiten abfließt, um
+sich schließlich allmählich dort auszugleichen, wo die
+Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir
+in tieferen Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen
+dort nicht als Licht, sondern als Gewitter.
+</p>
+
+<p>Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert,
+in seiner Kraft, dazu weit intensiver leuchtend durch den
+elektrischen Strom, welcher rund um den Kometen herumläuft,
+und du hast eine sichere Erklärung für das rote
+Licht dieses Sternes.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen
+durch die Volksmenge unterbrochen, die stürmisch
+Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm verlangte.
+</p>
+
+<p>Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun,
+um Berlin vor dem Untergange zu retten.
+</p>
+
+<p>Und er gab einen seltsamen Befehl. &mdash;
+</p>
+
+<p>In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle
+die vornehmen Gebäude lagen, drängte sich das Volk
+zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus
+Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an
+Gummi und ähnlichen Stoffen besaß. Aus diesen Materialien
+wurden Schutzwände gebildet, an denen die
+elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote
+Lichtflut dem Auge zeigten, abprallen sollten.
+</p>
+
+<p>In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des
+<!-- page 078 -->
+Lichtes da sofort aufhörte, wo die Menschen sich hinter
+solchen Gummiwänden verbargen, denn die Elektrizität
+prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab.
+</p>
+
+<p>Was aber halfen diese Maßregeln, die den
+Anstrengungen eines Ameisenhaufens gegen einen
+Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden,
+die jetzt folgten!
+</p>
+
+<p>Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde
+heran, und jede Stunde, jeden Augenblick erwartete man
+den Zusammenprall.
+</p>
+
+<p>Mit dem herannahenden Untergang der Welt
+zeigten die Menschen sich plötzlich so wie sie waren.
+Die einen, die bisher unter der Maske der Tapferkeit
+paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere,
+die nie aus dem Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten
+waren, verrichteten Wunder des Mutes und
+der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär,
+die Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten,
+die höchsten Staatsbeamten und die niedersten
+Bewohner Berlins schafften fieberhaft an der Gummimauer,
+welche sie vor dem letzten Untergang retten
+sollte. Aber die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen
+sich gleichfalls als vollständig unzulänglich,
+denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften
+Hitze, die von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht
+hatte sich zum Tage gewandelt und der ganze westliche
+Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer.
+Myriaden von den verschiedensten Farbentönen, angefangen
+vom blassesten Rosa bis hinauf zum tiefsten
+Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten
+sie zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und
+das ganze Firmament war ein einziges Chaos von
+Blut und Flammen.
+</p>
+<!-- page 079 -->
+
+<p>Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte,
+war unbeschreiblich. Hunderte und Tausende flüchteten
+sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten war besetzt
+von Verzweifelten. In der französischen Kirche
+am Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten.
+Hunderte wieder wurden in ihrer Angst auf die
+Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder
+Hilfe bei den Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und
+dem alten Sophienkirchhof drängten sich die von
+wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen
+Gottesacker, der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die
+wenigsten fanden den Mut, in den großen Bauten,
+die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht
+zu suchen. Und doch war es das klügste, und
+die, welche im königlichen Schauspielhaus Zuflucht gesucht
+hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen
+halbwegs geschützt gegen die höllische Hitze, die in
+den Straßen brütete. Viele stürzten in die Keller, um
+dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die meisten
+aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser
+und tobten durch die Straßen.
+</p>
+
+<p>Plötzlich schrie die Menge auf.
+</p>
+
+<p>Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden
+umlagert war, stieg plötzlich eine Feuersäule
+kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie war
+von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot
+auf dem Dache. Zu gleicher Zeit stürzten mehrere
+Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im ersten Moment
+hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich
+aber die Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure
+sofort Bescheid.
+</p>
+
+<p>Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein
+zweites fuhr der Strahl und tötete beinahe alle Bewohner,
+<!-- page 080 -->
+während zu gleicher Zeit die Flammen aus
+den Fenstern schlugen.
+</p>
+
+<p>Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen,
+die den elektrischen Blitz angezogen hatte. Die
+Helme der Soldaten boten gleichfalls für die elektrischen
+Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen
+Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die
+Kopfbedeckungen abriß und von sich warf, die Gewehre
+und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte.
+</p>
+
+<p>Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr.
+Nicht weniger als zehn Häuser brannten im Zentrum
+der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten, und alle
+anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für
+den Augenblick die furchtbare Situation zu vergessen.
+</p>
+
+<p>Alles ging in Flammen auf, was von einem der
+elektrischen Funken ergriffen wurde, die wie Glühwürmer
+die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten.
+</p>
+
+<p>Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem
+Rot, daß man im ersten Augenblick glaubte, dort
+stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah nicht
+anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete,
+in Blut getaucht, oder als schwimme sie in einem Meer
+von Glut.
+</p>
+
+<p>Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen
+laut schreiend auf die Straße hinaus, während die Fenster
+barsten und die großen Auslagen der Läden
+splitternd und krachend zusammenfielen.
+</p>
+
+<p>Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien,
+stiegen zu dem roten Kometen empor. Furchtbare Flüche
+wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne ausgestoßen,
+die drohend und schrecklich über der Erde<a id="corr-14"></a> stand.
+</p>
+
+<p>Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben
+Hunderte von Menschen unter sich, denn zu
+<!-- page 081 -->
+damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach amerikanischer
+Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken
+ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste,
+die sich unter der Glut, die auf den Häusern
+lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude selbst
+in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie
+Weidenruten.
+</p>
+
+<p>Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem
+Wehgeschrei, Klagen und Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete
+stöhnten und wimmerten, und die jeder Vernunft
+baren Menschenströme wälzten sich über Tote
+und Verwundete hinweg, zerstampften sie, zertraten sie,
+flüchteten hierhin, dorthin, und konnten doch dem Verderben
+nicht entrinnen, das von dem<a id="corr-15"></a> Kometen auf die
+Erde niederkam.
+</p>
+
+<p>Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn
+hinein drang das Geschmetter der Militärmusik; die
+Soldaten wurden durch die eiserne Disziplin ihrer Offiziere
+zusammengehalten und versuchten, so gut es ging,
+die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen
+die Signale der Feuerwehr, die mit verzweifelter
+Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu verhüten.
+</p>
+
+<p>Eine dicke Ruß- und Rauchwolke lagerte sich über
+die Stadt. In manchen Straßen war es so arg, daß
+die Menschen nicht mehr atmen konnten und Hunderte
+erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden.
+</p>
+
+<p>Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft;
+die Atmosphäre erhitzte sich immer mehr und mehr.
+Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn
+die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und
+brennende Kähne trugen die Flammen den Fluß entlang.
+</p>
+
+<p>Der ganze Westen war eine einzige helle Glut.
+<!-- page 082 -->
+Die Straßen waren gefüllt mit Toten, die regungslos
+auf dem erhitzten Pflaster lagen.
+</p>
+
+<p>Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich
+ein fürchterlicher Sturm. Rot und bläulich gefärbte
+Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am
+Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer
+dicken, schwarzen Masse, durch die, kaum sichtbar, noch
+der rote Komet hindurchschimmerte. Die Spreewasser
+wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen,
+Tosen und Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel
+schienen sich auf die Stadt herabzusenken, ein roter,
+glühender Schleier, der die Lungen versengte und das
+Atmen immer schwerer machte.
+</p>
+
+<p>General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant
+von Berlin war, ließ alle schweren Geschütze zusammenfahren
+und eröffnete eine furchtbare Kanonade gegen
+den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten
+Kometen. Er gab sich der vagen Hoffnung hin, durch
+den großen Luftdruck der Geschosse die Atmosphäre zu
+säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl
+auch kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen
+und jene Panik, die die klügsten Köpfe völlig besinnungslos
+machte.
+</p>
+
+<p>Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte
+nur das Grauen, ohne die Kraft der Elemente eindämmen
+zu können. Die Menschen, die nicht sofort
+die Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen
+Getöses kannten, glaubten, ein Erdbeben sei gekommen
+und versuchten nun, aus den Straßen hinauszuflüchten,
+sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder,
+zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein
+blutiges, schreckliches Chaos.
+</p>
+
+<p>Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen
+<!-- page 083 -->
+fielen die Häuser zusammen. Ganze Stockwerke, von
+der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die unteren
+herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die
+entsetzten Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten.
+</p>
+
+<p>Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden
+Stimmen der Hoffnung laut, als die Unglücklichen erkannten,
+daß die Tropfen, die zischend auf das heiße
+Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich
+Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde
+niedersandten. Durch die Wolke von Rauch hindurch
+sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten
+die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit
+verglasten Augen, von Fieber und Todesangst geschüttelt.
+</p>
+
+<p>Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus
+Futurus, seine Gattin Fabia und sein Freund John
+Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr
+zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen
+Equipagen lagen zertrümmert und verbrannt in den
+Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst versucht hatten,
+das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren
+auch zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden.
+Die Glut hatte die Gashüllen gesprengt und in Flammen
+gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren zerbrochen wie
+Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie
+Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende
+Klumpen, von denen sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber
+ablösten.
+</p>
+
+<p>Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort,
+wo in früheren Jahren das Kultusministerium gestanden,
+erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles
+Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren
+<!-- page 084 -->
+bis dahin entgangen war. Die großen Tektonwände,
+in die es eingefaßt war, hatten den umherfliegenden
+Feuerfunken widerstanden.
+</p>
+
+<p>Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts
+deutete darauf hin, daß die Bewohner von dem gleichen
+panischen Schrecken ergriffen worden waren wie alle
+anderen Menschen.
+</p>
+
+<p>Oder stand das Haus leer?
+</p>
+
+<p>Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in
+den Straßen und der grenzenlosen Katastrophe bis jetzt
+mit größtem Seelengleichmut begegnet war, während
+John
+Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren
+Romulus Futurus herwankte, wurde plötzlich von
+einer seltsamen Unruhe ergriffen, als sie dieses Haus
+erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie gekommen
+war.
+</p>
+
+<p>Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren
+Gatten und stieß hastig hervor:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was ist das, Romulus? Was ist das für ein Haus?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude
+gleiten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist der Palast der Fürstin Angelika,&ldquo; erwiderte
+er gleichmütig und wollte seinen Weg fortsetzen. Aber
+Frau Fabia hielt ihn zurück.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Angelika&ldquo; murmelte sie, &bdquo;Angelika .&nbsp;.&nbsp;. Der Name
+ist mir so bekannt.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt,
+als wir mit Doktor Diabel und den andern in seinem
+Hause soupierten.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Sie schüttelte den Kopf.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Davon weiß ich nichts!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus machte eine Handbewegung.
+</p>
+<!-- page 085 -->
+
+<p>&bdquo;Verzeih&rsquo;, ich vergaß, daß dir die Erinnerung an
+alles, was in der Vergangenheit liegt, geschwunden ist.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig
+fremden Menschen, denn er liebte Frau Fabia schon
+lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas anderes,
+auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht
+nennen konnte, das ihm nur vorschwebte, auf die
+schemenhafte Erscheinung, die er unter seinem Bilde
+kennen gelernt und die nun doch &mdash; das stand außer
+Zweifel &mdash; im Körper seiner Gattin Fabia wohnte.
+</p>
+
+<p>Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es kommt mir so seltsam bekannt vor,&ldquo; flüsterte
+sie unaufhörlich, während ihr Blick einen eigentümlichen<a id="corr-16"></a>
+Schimmer annahm. &bdquo;Aber das ist ja mein Haus!
+Das ist ja mein Palais!&ldquo; rief sie plötzlich, sich an Romulus
+Futurus klammernd. Im nächsten Moment stieß sie
+einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme ihres
+Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie
+im Frost aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des
+ersten Stockes empor.
+</p>
+
+<p>Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton
+waren ihr mit den Augen gefolgt.
+</p>
+
+<p>Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend
+herab. Sein Gesicht hatte wahrhaftig die Fratze
+eines Teufels angenommen.
+</p>
+
+<p>Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den
+Stunden so geändert, daß John Crofton längst nicht
+mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus
+wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn
+es war ja bekannt, daß die Revolutionäre alle Gefängnisse
+gestürmt hatten.
+</p>
+
+<p>Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien
+<!-- page 086 -->
+es doch jedem, als ob Jahre, dazwischen liegen müßten.
+So furchtbar waren die letzten Erlebnisse.
+</p>
+
+<p>Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die
+Luft. Der Himmel glühte, ein Regen von feurigem
+Dampf und siedendem Wasser spritzte vom Firmament
+auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich
+geschwängert von Glut.
+</p>
+
+<p>Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße
+zu halten, und Romulus Futurus, seine Gattin Fabia
+und John Crofton flüchteten sich in den Palast der
+Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem
+Glutregen zu entkommen.
+</p>
+
+<p>Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin
+Angelika mit Sauerstoff. Romulus Futurus und John
+Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber Frau
+Fabia drängte auf die Treppe zu.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was willst du?&ldquo; fragte ihr Gatte zornig. &bdquo;Sollen
+wir uns aus dem Hause weisen lassen? Willst du die
+Fürstin beleidigen?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren
+zu haben.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Von welcher Fürstin sprichst du?&ldquo; fragte sie mit
+irren, lohenden Blicken.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Von der Fürstin Angelika.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Die Fürstin Angelika bin ich selbst!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an.
+John Crofton, der Frau Fabia immer noch mit gleicher
+Glut liebte, dachte nicht anders, als sie habe über all
+diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts
+Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von
+Irrsinnigen durch die Straßen hetzten. Romulus Futurus
+aber öffnete plötzlich weit die Augen und sah
+seine Gattin mit einem seltsamen Blick an.
+</p>
+<!-- page 087 -->
+
+<p>&bdquo;Wenn das möglich wäre &mdash;&ldquo; murmelte er; und
+um John Crofton eine Erklärung zu geben, sagte er,
+von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch auf
+seinen Wangen glühte: &bdquo;Gehe voraus, Fabia!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau
+Fabia bereits den Fuß auf die Treppe gesetzt und eilte
+nun mit leichten Schritten über die teppichbelegten Stufen
+empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die
+Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie
+jenen Schrei hören, den Romulus Futurus und John
+Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie
+lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte
+beide Arme halb abwehrend, halb beschwörend von sich
+und regte sich nicht; nur in den großen Augen lag
+ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Inzwischen waren Romulus Futurus und John
+Crofton ihr gefolgt. Der erste Mensch, den<a id="corr-17"></a> sie erblickten,
+war Doktor Diabel, der sich am Fenster umgewandt
+hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen
+entgegensah, während Blitze aus seinen Augen schossen.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was wollen Sie hier?&ldquo; schrie er. &bdquo;Wie können
+Sie es wagen, in dieses Haus einzudringen? Ich verlange
+Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer
+schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen,
+daß sie eine einzige dunkle Linie über den
+Augen bildeten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln
+geben,&ldquo; entgegnete er. &bdquo;Noch bin ich Kultusminister
+und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch
+steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Fürstin
+Angelika scheint mir jedenfalls am schlechtesten aufgehoben
+zu sein unter Ihrer Pflege.&ldquo;
+</p>
+<!-- page 088 -->
+
+<p>Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen
+und hob den Arm, als wolle er sich an ihm vergreifen.
+Der aber packte die erhobene Hand und preßte
+sie mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein
+leises Stöhnen entfloh.
+</p>
+
+<p>Dann wandten sich Romulus Futurus und John
+Crofton nach der Seite, wo ein großes Himmelbett
+stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber.
+Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer
+Kraft durch die Fenster hereinflutete, in den
+Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da ihre
+Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der
+die ehemalige Farbe des Himmels hatte.
+</p>
+
+<p>Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine
+abgezehrte, bleiche Gestalt. Man sah, daß sie schon
+Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die Fürstin Angelika
+seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf,
+aus dem sie nicht ein einziges Mal erwacht war.
+</p>
+
+<p>Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die
+sie nicht zu erwecken vermochte, obwohl die Verwandten
+riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin Angelika war
+nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu
+leben. Sie lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild.
+Aber diese mysteriöse Krankheit hatte ihre Schönheit
+trotz allem nicht töten können. Im Gegenteil: dieser
+Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben.
+Er glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit
+zwischen Seele und Körper gibt, so hätte man in
+diesem Augenblick sicher beide nicht unterscheiden können,
+denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein überirdisches
+Wesen.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das
+Lager geworfen, hatte kaum mit den Augen die Gestalt
+<!-- page 089 -->
+dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen
+Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten
+sich zusammen und die Nägel der Finger fuhren in sein
+Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so bleich wie
+das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton
+wechselte die Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus
+Futurus, bald auf die Fürstin Angelika.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie ist es, sie ist es!&ldquo; stieß der Gelehrte endlich
+zwischen den Zähnen hervor. &bdquo;Allmächtiger, sie
+ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist das
+Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und wie ein gefällter Baum stürzte er an
+dem Bett der Fürstin Angelika nieder, umschlang
+den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte,
+einem Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen
+Lippen mit rasenden Küssen.
+</p>
+
+<p>Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich
+hier abspielte. Er selbst war so verblüfft, daß er nicht
+den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während Frau
+Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor
+Diabel ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke
+gekauert lag und nur von Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein
+scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte hinüberflattern
+ließ.
+</p>
+
+<p>Ein einziger von den Menschen, die sich in dem
+Zimmer befanden, begriff außer Romulus Futurus, was
+hier vorging: John Crofton.
+</p>
+
+<p>Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß
+zwischen der Fürstin Angelika, die hier im tiefen Schlafe
+lag, und jener nebelhaften Erscheinung, die die lichtempfindliche
+Platte in der Galerie festgehalten hatte,
+eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein
+und dieselbe Person halten mußte.
+</p>
+<!-- page 090 -->
+
+<p>Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich
+lösen sollte, bis Romulus Futurus, der vergeblich versucht
+hatte, den Körper der Fürstin zum Leben zu erwecken,
+plötzlich aufsprang.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie ist kalt, eiskalt!&ldquo; schrie er wie ein Rasender
+Und Doktor Diabel, der es nicht glauben wollte, stürzte
+herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme, ihr Gesicht,
+sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf
+die anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst
+merkwürdig war.
+</p>
+
+<p>Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische
+Zeichen. Man sah, wie er seinen ganzen Willen konzentrierte.
+Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer
+Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze
+Perlen; mit gepreßter Stimme sagte er:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst
+erwachen! Du mußt erwachen!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter,
+während seine Augen irr an der Leblosen hingen. Plötzlich
+stieß er einen Schrei aus, fiel, von der übermenschlichen
+Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr
+in den Körper zurück!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was
+hier vorgefallen war. Halb vornübergebeugt, wie ein
+Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt näherte
+er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an
+der Brust, schleuderte ihn hin und her und schrie:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen
+magnetischen Schlaf versetzt und hast sie nicht mehr
+daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal, gestehe! Gestehe,
+oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!&ldquo;
+</p>
+<!-- page 091 -->
+
+<p>Dieses Toben eines Mannes, der bis zur
+Stunde nie seine überlegene Ruhe verloren hatte, gewährte
+einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten,
+kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den
+Horizont erfüllten, sank Doktor Diabel in die Knie.
+Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und schlotternd,
+im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen
+Schlaf versetzt, ich habe ihr befohlen, zu schlafen, immer
+zu schlafen und nichts mehr zu wissen, und nun &mdash; nun
+ist es zu spät &mdash; ich habe den rechten Augenblick versäumt
+&mdash; sie ist tot, tot!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß
+sein Kopf hin und her gegen die Wand schlug.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Warum?&ldquo; schrie er mit furchtbarer Stimme,
+während der Wahnsinn aus seinen eigenen Augen brach,
+&bdquo;warum?&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr
+Herz einem anderen gehörte, an den sie immerfort dächte,
+daß sie nur einen lieben könne, nur einen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Wen? Wen? Sprich!&ldquo;
+</p>
+
+<p>&bdquo;Sie sprach von Romulus Futurus,&ldquo; ächzte Doktor
+Diabel.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein
+Gigant. Er war furchtbar anzusehen, und John Crofton
+erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein Freund irrsinnig
+geworden war.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John?
+Crofton? Begreifst du alles? Dieser Schurke hat die
+Fürstin in einen magnetischen Schlaf versetzt, und ihre
+Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den
+sie liebte, während der Körper hier in den Fesseln des
+Magnetismus lag. Ihre Seele habe ich gesehen, und so
+<!-- page 092 -->
+habe ich mich in sie verliebt! Ich kann nicht mehr leben
+ohne sie!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper
+versperrte er den Ausgang. Dann riß er den
+Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie
+in die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem
+Körper auf den Teppich niederfloß, und rief:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe
+dich ja! Ich liebe dich bis zum Wahnsinn!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr.
+Zu lange hatte die Seele gezögert, wieder in den Körper
+zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin entschlafen war,
+da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren
+hatte und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen
+Gewalt des Doktor Diabel nicht mehr, und der Tod des
+Leibes war damit unwiderruflich besiegelt.
+</p>
+
+<p>Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die
+Kissen zurückgleiten, stellte sich breit hin und heftete sein
+von Wahnsinn erfülltes Auge auf Frau Fabia, die,
+von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all
+diesen Vorgängen gelauscht hatte.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?&ldquo; murmelte
+er, während die Gluthitze des roten Kometen das
+Zimmer durchsengte, während das Todesgeschrei der
+Menschen von den Straßen herauftönte und Beten,
+Flüche und Verwünschungen durch die Luft hallten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Was zögere ich noch? Du &mdash; du,&ldquo; er wandte sich
+an Frau Fabia, &mdash; &bdquo;du bist es und bist es nicht! In
+deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum
+kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!&ldquo;
+&mdash; &mdash; &mdash;
+</p>
+
+<p>Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken
+<!-- page 093 -->
+Fäusten Frau Fabia, die leise, verzweifelte Angstrufe
+hören ließ, schleifte sie zu sich hin und schrie:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika
+soll leben! Ich will es! Hörst du?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und als ihm nichts antwortete als das stumme
+Entsetzen der Menschen, die sich in dem Zimmer befanden,
+ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich von
+neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und
+schrie:
+</p>
+
+<p>&bdquo;Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper
+Angelikas zurückkehren kann!&ldquo;
+</p>
+
+<p>Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust,
+die ihn zu Boden drückte, in die Knie. Er hätte nicht
+die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben, geschweige
+denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus
+auszuführen.
+</p>
+
+<p>Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil
+Dr. Diabel nicht sofort seinem Befehl folgte,
+riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der
+Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen
+die Wand, daß der Kopf des Arztes zerschellte.
+</p>
+
+<p>John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen.
+Er versuchte vergeblich, die Tür frei zu machen.
+Romulus Futurus hatte seine Absicht erkannt und
+füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen
+Körper aus.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Habe ich nicht recht, John?&ldquo; rief er mit schauerlichem
+Lachen. &bdquo;Habe ich nicht recht? Endlich, endlich
+bin ich am Ziele.&ldquo;
+</p>
+
+<p>Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die
+Unglückliche, die vor Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung
+verloren hatte, und preßte mit seinen Fingern
+ihren Hals zusammen.
+</p>
+<!-- page 094 -->
+
+<p>Das war zu viel für John Crofton, in dem längst
+aller Haß gegen Frau Fabia gestorben, in dem die alte
+Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das konnte er
+nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen
+Romulus Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf
+den Freund, entriß ihm die Ohnmächtige und schlug
+ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.
+</p>
+
+<p>Aber stärkere Männer als John Crofton hätten
+diesen Rasenden nicht mehr bändigen können. Er griff
+nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn von
+neuem, und zwischen den beiden Männern entspann
+sich ein Ringen auf Leben und Tod, ein qualvoller,
+entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer erfüllte,
+der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus
+den Gegner endlich niedergezwungen hatte, bis
+es ihm glückte, das Messer aus der Tasche zu ziehen.
+</p>
+
+<p>Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften
+in die Brust, bis dieser die Glieder streckte
+und regungslos lag in einer Lache von Blut.
+</p>
+
+<p>Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus
+von neuem auf Frau Fabia und tötete sie mit
+eigener Hand.
+</p>
+
+<p>So stand er stieren Blicks zwischen den beiden
+Leichnamen und befahl mit lallender Stimme, daß die
+Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre.
+</p>
+
+<p>Aber diesmal glückte das Experiment nicht.
+</p>
+
+<p>Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den
+Tagen des Romulus Futurus nur einen unbestimmten
+Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten Körper
+übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde
+Materie gebannt worden war.
+</p>
+
+<p>Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus
+stand mit gebeugten Schultern zwischen vier Leichnamen.
+<!-- page 095 -->
+Inzwischen brütete draußen auf den Straßen
+der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner
+rollten über den einstürzenden Häusern, die Luft war
+erfüllt von dem Todesgeschrei Tausender von Menschen,
+bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da ließ
+die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler
+in den Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der
+Komet mehr und mehr, und die, welche nach jener
+entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren, erkannten,
+daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn
+und der Erde nicht erfolgt war.
+</p>
+
+<p>Der furchtbare Stern war vorübergeglitten,
+vielleicht nur durch einige Millionen von Kilometern
+noch von der Erde getrennt, und nun setzte er seine Bahn
+fort, weiter in den unendlichen Weltenraum.
+</p>
+
+<p>Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die
+Gefahr vorüber war, da die Hitze nachließ und die
+zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst besannen,
+mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig,
+selbstbewußt, und erinnerten sich ihrer Zivilisation und
+Kultur.
+</p>
+
+<p>Der rote Komet war erloschen für immer. Die
+Menschen machten sich daran, die Folgen dieser entsetzlichen
+Katastrophe zu beseitigen.
+</p>
+
+<p>Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die
+Straßen, sammelten die Leichen, packten sie in Särge und
+Tücher und beerdigten sie. Man drang in die Häuser,
+rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte
+die Gebäude von Leichen.
+</p>
+
+<p>Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang
+zu nehmen, der Pulsschlag der Arbeit hämmerte
+wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten
+und Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika
+<!-- page 096 -->
+ein und fanden die Opfer der entsetzlichen Katastrophe,
+die sich dort abgespielt hatte.
+</p>
+
+<p>Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier
+Leichen. Als sie in das Zimmer traten, da wies er mit
+der Hand zur Decke empor: &bdquo;Seht ihr die kleine rote
+Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und
+flackert? Seht ihr sie?&ldquo;
+</p>
+
+<p>Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte
+sie, dieses kleine, purpurrote Flämmchen, das gerade
+über ihm stand, und er wußte, daß das die Seele der
+Fürstin Angelika war. &mdash; Die andern aber sahen es nicht.
+Sie führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen
+und brachten ihn in eine kleine, einsame Zelle. Dort
+brütete der ehemalige berühmte Astronom mehrere Tage
+schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er
+auf und versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand
+sah außer ihm, einzufangen .&nbsp;.&nbsp;.
+</p>
+
+<p>Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich
+auf den Boden hin und schluchzte und tobte, bis die
+Wärter kamen und ihn in Fesseln legten.
+</p>
+
+<p>&bdquo;Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des
+roten Kometen,&ldquo; meinte der Oberarzt der Irrenanstalt.
+&bdquo;Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund
+werden.&ldquo;
+</p>
+
+<p>So war es auch. Romulus Futurus kam nicht
+mehr zu sich; vier Wochen später trug man ihn zu
+Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen Erscheinen er als Erster verkündet hatte. &mdash;
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="centerpic"><img src="images/096.jpg" alt=""/></div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/back.jpg" alt=""/></div>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Notes"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+<li> bloßen &mdash; geändert in <a href="#corr-1"><i>bloßem</i></a></li>
+<li> in &mdash; geändert in <a href="#corr-2"><i>im</i></a></li>
+<li> entgegenete &mdash; geändert in <a href="#corr-3"><i>entgegnete</i></a></li>
+<li> Wielands &mdash; geändert in <a href="#corr-4"><i>Wieland</i></a></li>
+<li> Acethylen &mdash; geändert in <a href="#corr-5"><i>Acetylen</i></a></li>
+<li> nichts &mdash; geändert in <a href="#corr-6"><i>nicht</i></a></li>
+<li> her &mdash; geändert in <a href="#corr-7"><i>der</i></a></li>
+<li> seine &mdash; geändert in <a href="#corr-8"><i>keine</i></a></li>
+<li> daß &mdash; geändert in <a href="#corr-9"><i>das</i></a></li>
+<li> schöne &mdash; geändert in <a href="#corr-10"><i>schönen</i></a></li>
+<li> Croften &mdash; geändert in <a href="#corr-11"><i>Crofton</i></a></li>
+<li> den &mdash; geändert in <a href="#corr-12"><i>dem</i></a></li>
+<li> hoher &mdash; geändert in <a href="#corr-13"><i>hohe</i></a></li>
+<li> Erbe &mdash; geändert in <a href="#corr-14"><i>Erde</i></a></li>
+<li> den &mdash; geändert in <a href="#corr-15"><i>dem</i></a></li>
+<li> eigentümlilichen &mdash; geändert in <a href="#corr-16"><i>eigentümlichen</i></a></li>
+<li> dem &mdash; geändert in <a href="#corr-17"><i>den</i></a></li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET ***
+
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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