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+The Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Der rote Komet
+ Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2
+
+Author: Robert Heymann
+
+Release Date: November 12, 2011 [EBook #37991]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET ***
+
+
+
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+
+
+
+Wunder der Zukunft
+Romane aus dem dritten Jahrtausend
+Band 2
+
+
+Der rote Komet
+
+von
+
+Robert Heymann
+
+
+
+
+
+
+Leipzig--Berlin
+
+Julius Püttmann
+
+1909
+
+
+
+Uebersetzungsrecht für alle Sprachen vorbehalten.
+
+Copyright 1909 by Julius Püttmann, Leipzig
+
+
+
+
+Band 2.
+Der rote Komet.
+
+
+
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+
+
+
+I.
+
+
+»Siehst du die purpurne Röte, die in gerader Linie sich herab auf die Erde
+senkt?« fragte Romulus Futurus in größter Aufregung seinen Freund John
+Crofton, den berühmten Berichterstatter des »New York Herald« in Berlin.
+»Bist du nun überzeugt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe? Noch kannst
+du den roten Kometen nicht erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn
+mit bloßem Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, daß meine Diagnose
+richtig war?«
+
+John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit echt
+amerikanischem Typus, beugte sich schweigend nieder und sah durch eines der
+großen Riesenferngläser hinauf zum Horizont. Es war abends um 9 Uhr am 10.
+Oktober des Jahres 2439.
+
+»Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des »Steinbocks«, des
+»Wassermanns«, der »Fische«, des »Widders«, des »Stieres« und der
+»Zwillinge«, fuhr der große Astronom zu sprechen fort. »Im Osten stehen
+»Castor und Pollux«, die Zwillingssterne, die in letzter Zeit eine seltsame
+Lichtfülle verbreiten. Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt
+erblickst du die »Capella« im »Fuhrmann«.
+
+»Ist das jener Doppelstern, von dem der eine strahlender erscheint als der
+andere?« fragte Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend.
+
+»Ganz recht. Schon die ältesten Astronomen schreiben der »Capella« das
+Alter der Sonne zu. Diese beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um
+sich umeinander zu bewegen.«
+
+»Wenn ich nicht irre,« meinte John Crofton, »so haben verschiedene Gelehrte
+den Untergang der Welt durch einen Zusammenstoß mit der »Capella«
+prophezeit?«
+
+Romulus Futurus lächelte. Das stand ihm wohl an; denn er war ein großer,
+kräftiger Mann mit schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden
+Augen.
+
+»Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im Laufe der letzten
+Jahrzehnte fast unmerklich der Erde genähert haben, allerdings um ein
+Minimum, das nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen können. Du
+wirst dich erinnern, John, daß man zuerst den roten Schimmer, der seit
+einiger Zeit unsere Erde erfüllt, der »Capella« zugeschrieben hat.«
+
+»Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe deiner neuen, fabelhaften
+Erfindung, der lichtempfindlichsten photographischen Platte der Welt, dem
+»Lumen«, nachwiesest, daß ein neuer Komet, vorläufig unsichtbar durch einen
+dichten Nebelmantel, der Erde sich nähere. Auf diese Entdeckung hin wurde
+dir ja auch der Ehrenname >Futurus< verliehen.«
+
+John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet, der die beiden Männer in
+der Sternwarte beschäftigte, war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden.
+Aber die Erde stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn sieben
+Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz, der sich wie ein fabelhafter
+Regenbogen scharf vom Himmel abhob und alles mit einer aufregenden
+Lichtfülle übergoß.
+
+Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfaßt, denn niemand hatte anders
+geglaubt, als daß der Weltuntergang schon hereinbreche. Das kam in der
+Hauptsache wohl daher, weil man zuerst die »Capella« für den
+verhängnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen berechnet hatten,
+daß, wenn sie der Erde überhaupt nur so nahe kommen würde, wie die Sonne,
+jedes Leben unten unmöglich werden müßte.
+
+»Fabelhaft! Einfach fabelhaft!« begann John Crofton plötzlich, indem er den
+Blick auf einen großen photographischen Apparat heftete, der mitten in der
+Sternwarte stand. »Da drinnen befindet sich also deine phänomenale
+Erfindung, Romulus?«
+
+Der Astronom lächelte.
+
+»Ich habe bis jetzt nur gehört, Romulus, daß du imstande gewesen bist, den
+roten Kometen zu photographieren, ehe ihn eines Menschen Auge überhaupt hat
+wahrnehmen können; nicht einmal durch die größten und sichersten Fernrohre
+war er zu sehen. Was ist das für ein unglaubliches Ding, das um so vieles
+lichtempfindlicher ist, als das menschliche Auge?«
+
+»Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen möchte, wenn sie nicht mit
+dem Augenblick unbrauchbar werden würde, da sie mit dem Lichte in engste
+Berührung kommt,« entgegnete Romulus Futurus. »Diese photographische Platte
+ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit, daß die Dinge bei der
+Aufnahme sich nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten kennt
+und wie das menschliche Auge sie sieht.
+
+Nein!« fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung fort, während seine
+Augen leuchteten. »Wenn alle Sinne trügen, so spricht meine photographische
+Platte die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es ist. Man
+wird in unserem Jahrtausend erkennen müssen, daß fast alles anders ist, als
+man bislang angenommen hat; ja ich behaupte, daß meine neueste Erfindung
+die äußersten Grundsätze umstoßen wird.«
+
+In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das erkannte auch die deutsche
+Nation, als sie ihn in Anerkennung seiner Verdienste und Fähigkeiten zum
+Kultusminister machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung erfolgt!
+Während man erst nur einen dichten, grauen Nebel am Himmel gesehen hatte,
+war plötzlich dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche zu
+Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstärkte und die Menschen in einen
+wahren Sinnestaumel versetzte. Schließlich hatte Romulus Futurus der
+Akademie der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen gezeigt,
+desselben, den bis jetzt noch niemand hatte wahrnehmen können.
+
+-- Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen besessen; »Futurus« war
+der Ehrenname, den ihm die Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin
+verlieh. Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos, die wenigen
+Gärten der Erde auszurotten und durch Denkmäler zu verunzieren, oder gar
+Orden und Denkmünzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man gab dem, den man
+über die anderen hervorheben wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine
+Fähigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu tragen. --
+
+Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten Kometen. Nicht nur
+Berlin! Ganz Deutschland, ganz Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde
+war verwandelt! Von alters her wußte jeder Psychiater, daß die rote Farbe
+eine aufreizende Wirkung auf die Sinne besitzt. Das Leuchten des neuen
+Kometen aber war so intensiv, daß sich kein Mensch auf der Erde seinem
+Einfluß entziehen konnte. Es trat ein plötzlicher Umschwung in den
+Charakteren ein, der kaum zu beschreiben wäre. Die Welt, die bis zu diesem
+Zeitpunkte sich mehr und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters und
+des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte, kehrte zu den
+ursprünglichen Leidenschaften zurück.
+
+In den Palästen der Reichen jagten sich die Orgien. Das Verbrechen nahm in
+furchtbarer Weise überhand und trat gerade da auf, wo man es bislang am
+wenigsten vermutete. --
+
+John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel geworfen und eine
+Zigarette angezündet. Der Abend schritt vor.
+
+Die beiden Männer waren seit vielen Jahren Freunde, und dieses Band hatte
+sich noch gefestigt durch ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war
+in seiner Position das, was in früheren Zeiten die Gesandten vorstellten.
+Es gab keinen diplomatischen Austausch zwischen den Ländern mehr, sondern
+die regierende Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten, und
+in den Händen dieser Männer lagen alle die Rechte und Befugnisse, welche
+ehedem die offiziellen Gesandten inne gehabt hatten.
+
+»Hättest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend Gesellschaft zu leisten?«
+fragte der Journalist plötzlich.
+
+Futurus entgegnete lachend:
+
+»Ich habe für heute nichts vor, John, und werde mich also freuen, mit
+meiner Gemahlin zu dir zu kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung
+gemacht?«
+
+»Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse,« entgegnete John
+Crofton mit einer gewissen Verlegenheit, die seinem Freunde entging.
+
+Futurus fragte neuerdings:
+
+»Erwartest du außer uns noch weitere Gäste?«
+
+»Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Miß Head, die berühmte Sängerin
+der großen Oper, die übrigens vor kurzer Zeit durch den Minister der
+schönen Künste den Ehrennamen »Divina«, die Göttliche, erhielt; sodann
+General Treufest, welcher vor einigen Monaten das Kommando der schweren
+deutschen Küstenartillerie übernommen hat. In seiner Begleitung versprach
+Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe, der die großen elektrischen
+Kraftwerke der Nord- und Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher
+Magnat des Goldes, nach neuester Schätzung der reichste, den wir überhaupt
+besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen Kohlenbarone die reinsten
+Waisenkinder!«
+
+»Sonst kommt niemand?«
+
+»Wenn wir Glück haben, so werden wir auch die junge Fürstin Angelika bei
+mir sehen, desgleichen Dr. Diabel den Hausarzt des Regenten. Er dürfte in
+Begleitung seines Famulus, des Studenten der Medizin Peter Cornelius,
+erscheinen.«
+
+»Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden verspricht,« entgegnete
+Romulus Futurus.
+
+John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von der Sternwarte durch einen
+schier endlosen Gang, der durch die Bibliothek und die kostbare
+Gemäldegalerie des berühmten Astronomen und Kultusministers führte, bis er
+die Gemächer Frau Fabias, der Gattin des Romulus Futurus erreicht hatte.
+
+Es war kein Geheimnis in Berlin, daß der Astronom mit seiner Gattin nicht
+gerade sehr gut lebte.
+
+»Nicht umsonst war es eine Liebesheirat«, pflegte John Crofton zu witzeln,
+wenn er sich im eingeweihten Freundeskreise befand.
+
+Jetzt blieb er vor einem der riesengroßen Venezianer stehen, richtete seine
+nach neuester Mode gefärbte Krawatte und ließ sich Frau Fabia melden.
+
+Durch hallende Prunkgemächer hindurch führte ihn der Diener in das große
+Wohnzimmer der jungen Frau.
+
+Sie saß nachlässig zurückgelehnt in einem byzantinischen Sessel und
+beschäftigte sich mit einer Stickerei. Um sie waren afrikanische
+Sklavinnen, junge Negerinnen, welche aus den Kolonien nach Europa geschickt
+worden waren, um die mangelnden Arbeitskräfte zu ersetzen.
+
+Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John Crofton meldete, gab aber
+doch durch ein leichtes Kopfnicken ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen.
+
+Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er stehen, ganz und gar in den
+Anblick dieser wundervollen Frau versunken. Sie war außergewöhnlich schön.
+Gleich Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie groß, ein richtiges Kind
+unverfälschter Rasse, mit breiten Schultern, deren vornehme Rundung durch
+ihre kraftvolle Gestaltung nicht beeinträchtigt wurde. Schwarzes Haar
+umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den großen, dunklen Augen, in
+denen der Glanz einer fröhlichen Lebensauffassung lag. Die Miene, welche
+John Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei Romulus Futurus.
+Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches, sinnliches Lächeln, als er sich
+Frau Fabia näherte, ihre weiße, kühle Hand an seine Lippen zog und sagte:
+
+»Wie befinden Sie sich, gnädigste Frau?«
+
+Sie entgegnete lachend, das große, schöne Auge zu dem Besucher erhebend:
+
+»Gut, wie immer, mein Freund.«
+
+Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem hätte sie gestanden, daß sie
+Tage und Nächte durchweinte in der Einsamkeit; das Unglück ihrer Ehe war
+nicht durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus Futurus, der
+ihre Nähe mied. Sie selbst liebte ihren Gatten mit einer an Wahnsinn
+grenzenden Leidenschaftlichkeit, aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun.
+
+John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte sehr wohl, daß sie log, und
+flüsterte:
+
+»Die Einsamkeit macht Sie noch schöner, Frau Fabia. Unter allen Todsünden
+ist wohl jene die größte, die Romulus an Ihnen begeht.«
+
+Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann
+sagte sie, während ihre Stimme einen kühlen Klang annahm:
+
+»Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton, in dieser Weise von meinem
+Gatten, von mir und unseren eigenen Angelegenheiten zu sprechen.«
+
+Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast heftig entgegnete er:
+
+»Doch, Frau Fabia! Ich weiß, daß Sie vorübergehend eine Neigung für mich
+besaßen, daß Sie hofften, bei mir Trost zu finden!«
+
+Sie wurde tiefrot und entgegnete:
+
+»Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der ich alles tat, um meinen
+Gatten zu vergessen und wo ich glaubte, eine Neigung für Sie zu empfinden.
+Warum sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorüber, und ich kann
+Sie versichern, Mr. Crofton, daß ich Ihre Worte und die Art, wie Sie sich
+heute bei mir einführen, als Beleidigung empfinde!«
+
+Er entgegnete leidenschaftlich:
+
+»Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich für Sie empfinde, Frau Fabia,
+gibt mir ein Recht, anders zu Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!«
+
+Sie erhob sich rasch. Er aber faßte mit beiden Händen nach ihrem weißen,
+hübschen, kühlen Arm und drückte die schöne Frau mit Gewalt in ihren Sessel
+zurück. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen zwischen diesen
+beiden Menschen; die Beleidigung, die John Crofton der Gattin eines der
+angesehensten Männer in Berlin zufügte, war unerhört. Aber alle Bande der
+Sitte und jener Rücksichten, die die Menschen im eigensten Interesse zu
+Gesetzen gemacht hatten, waren gerissen unter dem Einfluß des rötlich
+schimmernden Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll
+durchflutete.
+
+»Sie müssen mich erhören!« fuhr John Crofton mit einer Stimme fort, welche
+die unglückliche Frau erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes
+beraubte. »Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhören, Sie zu verehren, und Sie
+werden mein werden, ich schwöre es Ihnen, und wenn ich Berge niederreißen
+müßte, Sie zu gewinnen!«
+
+Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und seine Arme um den Leib der
+Frau geschlungen, die die Gattin seines Freundes war, den er in diesem
+Augenblick in der schmählichsten Weise betrog. Frau Fabia aber sprang auf,
+riß seine Arme von ihren Hüften und schleuderte sie von sich, als seien sie
+giftige Reptilien, vor denen sie sich entsetzte.
+
+»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das eine: Betreten Sie nie mehr
+meine Gemächer ohne Begleitung meines Gatten!«
+
+John Crofton machte einen letzten Versuch, sich ihr zu nähern. Er stürzte
+noch einmal auf sie zu, riß sie an sich, ja, er vergaß in diesem
+Augenblick, was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog ihren Kopf
+zurück, um seine Lippen auf die ihren zu pressen, sie aber riß sich los und
+erreichte die elektrische Klingel, welche in das Dienerzimmer führte.
+
+Da verließ der Amerikaner das Gemach. Draußen, als der Lakai ihm den Mantel
+um die Schultern hing, knirschte er mit den Zähnen.
+
+»Du sollst es mir büßen! Du sollst es furchtbar büßen!«
+
+Damit verließ er des Romulus Futurus' Haus.
+
+
+
+
+II.
+
+
+Es war eine bizarre Idee des Astronomen, daß er in den kleinen Kreis, den
+er bei John Crofton traf, seinen photographischen Apparat mitnahm.
+Vielleicht hatte der Journalist ihn auch darum gebeten; jedenfalls wurde
+die photographische Platte, die in aller Welt bereits bekannt war, der
+Beginn von Romulus Futurus Unglück und Untergang.
+
+Der große Gesellschaftssaal in dem Hause John Crofton war mit einer langen
+Tafel versehen worden. Man hatte alle elektrischen Lichter perlöscht und
+ließ nur dem purpurnen Lichte des Kometen Zutritt, das ganz Berlin erfüllte
+und die Menschen in einer ewig prickelnden Aufregung hielt.
+
+Die kleine, gewählte Gesellschaft unterhielt sich aufs beste. Schon die
+Tatsache, daß Divina, die Sängerin, in diesen vornehmen Kreis geladen
+worden war, bewies, daß man im dritten Jahrtausend alle lästigen Vorurteile
+der früheren Zeiten beiseite ließ.
+
+Das Gespräch drehte sich natürlich um den roten Kometen, der seit Monaten
+alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt hatte. Zudem war
+Romulus Futurus die einzige Autorität, die über den neuen Stern sachkundige
+Aufklärungen geben konnte.
+
+»Nun, was meinen Sie, Herr Kultusminister,« sagte Miß Head-Divina, indem
+sie mit einer koketten Bewegung das feingeschliffene, biegsame Sektglas an
+die rotleuchtenden Lippen hob und Romulus Futurus einen ihrer zündendsten
+Blicke zuwarf: »Wird der neue Komet zu uns kommen ober nicht?«
+
+Romulus Futurus nickte.
+
+»Er wird zu uns kommen, Miß Head-Divina, verlassen Sie sich darauf!«
+
+Sie legte den schönen Hals zurück und lachte, wurde aber plötzlich ernst
+und beugte sich vor mit dunkel sprühenden Augen:
+
+»Ich erwarte ihn! Ich erwarte ihn voll Ungeduld! Ob Sie mir glauben oder
+nicht, Herr Minister, ich vergehe förmlich vor tiefer, heißer Sehnsucht
+nach diesem Stern, den man ja bald zu sehen bekommen wird! Sein Licht ruft
+in mir etwas wie eine stete Raserei hervor!«
+
+John Crofton, der bevorzugte Günstling der schönen Amerikanerin, beugte
+sich über ihre weißen Schultern und flüsterte:
+
+»Ich werde eifersüchtig werden, göttliche Happy, eifersüchtig auf diesen
+Kometen, der dich scheinbar mehr interessiert, als meine Liebe!«
+
+Sie warf ihm einen lächelnden Blick zu und sah dann zu Ralph Jonathan
+Wieland hinüber, dem Krösus, der mit gleichgültiger Miene sein Sektglas
+hob. Und es wollte Romulus Futurus, dem Menschenkenner, scheinen, als ob in
+dem nebensächlichen Blick der göttlichen Sängerin und der offen zur Schau
+getragenen Gleichgültigkeit des Krösus ein geheimer Sinn läge.
+
+Aber der Astronom war klug genug, zu schweigen, um so mehr, als ihm die
+Leidenschaft für eine Frau etwas Unverständliches war. Er hatte nie in
+seinem Leben geliebt, und der Rausch, den er einstmals für seine Braut
+Fabia empfunden, war eben nichts weiter gewesen als eine Aufwallung, die
+sich rasch genug gelegt hatte. Das Weib erschien ihm als etwas durchaus
+Minderwertiges, das kein Anrecht auf männliche Ehrerbietung besaß, und
+Romulus Futurus hatte aus diesen seinen Ansichten auch niemals ein Hehl
+gemacht. Sein Benehmen gegen die Frau war, wenn auch durch weltmännische
+Gewandtheit verdeckt, stets von einer heimlichen Brutalität geleitet.
+
+»Und was wird werden, wenn der Komet auf die Erde kommt?« fragte Dr.
+Diabel, indem er sein bleiches, von einem blauschwarzen Bart umrahmtes
+Gesicht über den Tisch neigte und gleichzeitig die großen, glänzenden Augen
+auf die Fürstin Angelika heftete, die am Ende der Tafel saß und keinen
+Blick von Romulus Futurus wandte. Die junge Fürstin war das Gegenteil von
+Frau Fabia. Schlank, zierlich, dabei von seltener Schönheit, glich sie
+einer jener Orchideen, die in den Treibhäusern ihre schönsten Farben
+entwickeln. »Was wird geschehen, wenn der Komet auf die Erde kommt?«
+wiederholte Dr. Diabel seine Frage.
+
+Da Romulus Futurus nicht sofort antwortete, so entgegnete General Treufest:
+
+»Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Auf alle Fälle werden wir mit allen
+Hilfsmitteln der Technik, die uns zur Verfügung stehen, versuchen, das
+drohende Unheil abzuwenden. Sollte es aber etwa gar auf einen Eroberungszug
+der mystischen Bewohner dieses Kometen abgesehen sein, so werden sie eine
+fatale Bekanntschaft mit unseren großen Riesenkanonen machen müssen.«
+
+»Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, daß dieser Komet bewohnt ist!«
+wandte Romulus Futurus ein. »Die Tatsache, daß er eine so phänomenale
+Leuchtkraft besitzt, spricht dagegen. Dieses Purpurlicht, meine ich, ist
+auch vorläufig für uns eine größere Gefahr, als der Komet selbst, denn
+unsere Zeitungen bringen tagtäglich neue, fürchterliche Berichte über
+Entartungen und Verbrechen, die im Zeichen des roten Kometen geschehen!«
+
+»Zuerst wird wohl eine Revolution ausbrechen, wie die Erde keine zweite
+gesehen hat!« sagte plötzlich hastig Peter Cornelius, der junge Student,
+indem er sich nervös durch das reiche, blonde Haar fuhr. »Die Völker werden
+aufstehen und das Joch der Tyrannei abwerfen, unter dem sie lange genug
+geschmachtet haben.«
+
+Während er das sagte, sah er mit brennenden Augen zu Miß Head-Divina
+hinüber. Die aber schenkte ihm keinen Blick. Sie hatte sich vorgebeugt und
+flüsterte dem General zu:
+
+»Ist es wahr, wovon man allgemein spricht? Wir werden einen Krieg mit
+Frankreich und England bekommen?«
+
+Der General, der sich schon in vorgerückter Weinlaune befand, entgegnete:
+
+»Es ist richtig, daß eine außergewöhnliche Aufregung zwischen diesen drei
+Ländern besteht und daß im Kriegsministerium eifrig gerüstet wird. Aber
+woher wissen Sie davon? Bis jetzt wird alles geheim gehalten!«
+
+Woher sie davon wußte? Natürlich von John Crofton, dem Bevollmächtigten
+Amerikas, der besser orientiert war als General Treufest. Miß Head aber
+versuchte, den General weiter auszuforschen.
+
+Plötzlich kam John Crofton auf die bizarre Idee, Romulus Futurus möchte sie
+doch alle zusammen photographieren.
+
+»Nachdem dein Apparat von einer so immensen Schärfe ist, Romulus, daß er
+selbst versteckte Kometen auf die Platte zaubert, so dürften die Bilder,
+die du von uns erhältst, sicherlich das Beste werden, was hervorgebracht
+werden kann. Wir werden keine verschwommenen, oberflächlichen Züge tragen.
+Wir müssen auf dem Bilde ganz so sein, wie wir in Wirklichkeit sind und wie
+wir uns mit unseren schwachen Augen überhaupt nicht sehen. Happy,« -- der
+große Journalist wandte sich an die Schauspielerin, die die Brauen
+hochgezogen hatte und mit einer gewissen Unruhe diesem Vorschlage zuhörte.
+-- »Happy, nimm dich in acht! Die Entstehungsgeschichte deiner
+Schönheitspflästerchen wird sicherlich auch auf diese mysteriöse Platte
+gezaubert werden, und ich werde vielleicht, wenn ich dich im Bilde sehe,
+finden, daß du abscheulich bist!«
+
+Romulus Futurus widersprach lebhaft dem Wunsche des Freundes, ein
+Experiment auszuführen, das der berühmte Astronom bis zu diesem Augenblick
+noch nie versucht, denn er hatte seine Erfindung ganz und gar in den Dienst
+der Wissenschaft gestellt.
+
+Sein Freund John Crofton aber ließ nicht nach mit Bitten, und schließlich
+mußte Romulus Futurus doch selbst zugeben, daß er etwas Aehnliches im Sinne
+gehabt, sonst hätte er den Apparat ja gar nicht in die Wohnung seines
+Freundes zu bringen brauchen. Oder war dies rein mechanisch geschehen,
+unter dem Drucke jenes Unbewußten, das John Crofton »das schwarze
+Schicksal« zu nennen pflegte? --
+
+Genug -- Romulus Futurus entschloß sich, zum Andenken an diesen vergnügten
+Abend ein Gruppenbild herzustellen. Auch seine Gattin nahm an dem Tische
+Platz, um den sich alle Anwesenden mit natürlicher Grazie gruppierten.
+Romulus Futurus schob unter dem Schutze eines schwarzen Tuches die
+lichtempfindliche Platte »Lumen« in den Apparat.
+
+Eigentlich empfand er ein dunkles, geheimes Grauen gegen die Ausführung
+seines Planes. Aber er scheute sich, es zu gestehen. Nachdem er also mit
+seinen Vorbereitungen zu Ende war, exponierte er eine halbe Minute, nahm
+dann die »Lumen«-Platte heraus und überzeugte sich, daß die Aufnahme
+gelungen war.
+
+»Ich werde jedem der Beteiligten morgen ein Bild senden,« sagte er. -- Eine
+leichte Blässe überzog sein Antlitz, nachdem er die Platte gegen das Licht
+längere Zeit beobachtet hatte. Es war nämlich eine Eigenheit derselben, daß
+sie sofort, ohne entwickelt und fixiert werden zu müssen, deutlich nach der
+Aufnahme das Negativ dem Auge zeigte.
+
+Spät des Nachts trennten sich die Gäste. Intensiv und grell war das
+purpurne Licht, das vom Himmel in die Fenster strömte.
+
+»Der Komet ist wieder um viele Tausend Kilometer näher gekommen,« murmelte
+Romulus Futurus und sah auf die Uhr.
+
+In dem prachtvollen Flugcoupé, das der Astronom besaß, fuhr er mit seiner
+Gattin Fabia, die den ganzen Abend über schweigsam gewesen war, nach Hause.
+
+Eine Viertelstunde später saß er wieder in dem großen, kühlen Raume der
+astronomischen Sternwarte. Die fabelhaften Riesengläser glotzten ihn mit
+ihren schwarzen, unheimlichen Augen an. Das Firmament schien ein
+unendlicher Teppich von blauer Farbe zu sein, in den ungezählte blitzende
+Diamanten gewebt waren. Ueber alles spannte sich ein greller, roter Bogen.
+
+Das war der Himmel.
+
+Angesichts der gigantischen Unendlichkeit begann Romulus Futurus einen
+Abzug von der Platte zu machen. Warum zitterte er? Warum nahm dieses
+nebensächliche Geschäft seine Aufmerksamkeit dermaßen in Anspruch, daß er
+in jener Nacht sogar vergaß, seine gewöhnlichen Beobachtungen zu machen und
+zu registrieren, daß der rote Komet sich der Erde wiederum ein
+verhängnisvolles Stück genähert hatte? -- --
+
+Es war etwa drei Uhr morgens, als Romulus Futurus den sprechenden Abzug vor
+sich auf den Knien liegen hatte.
+
+Da war er so bleich wie die weißen Wände des Sternwartensaales und seine
+Augen glühten beinahe so rot wie der Komet. Auf dieser Platte stand ein
+furchtbarer Roman, mit blutiger Tinte geschrieben, mit häßlichen Wahrheiten
+durchsetzt. Er bemerkte nicht, daß Frau Fabia leise und unhörbar, das weiße
+Gewand gerafft, daß es nicht rauschen konnte, in die Sternwarte getreten
+war. Und wie sie nun einen Blick über die Schultern ihres Gatten hinweg auf
+das Bild geworfen hatte, schrie sie plötzlich auf und rang verzweifelt die
+Hände:
+
+»Ich bin unschuldig! Ich schwöre dir, Romulus, ich bin unschuldig!«
+
+Er aber packte sie an ihren langen, wunderschönen schwarzen Haaren und
+stieß sie zu Boden, daß sie beinahe die Besinnung verlor und
+zusammengekauert liegen blieb, gleich einem verwundeten Reh. Romulus
+Futurus aber rannte wie ein Rasender auf und nieder; indem er zu seiner
+Gattin Fabia sprach, deutete er von Zeit zu Zeit auf das Bild, dann wieder
+gestikulierte er mit den Händen in der Luft.
+
+»Ich wußte es ja!« schrie er, »ich wußte es ja! Die »Lumen«-Platte ist so
+empfindlich, daß sie die schwächsten Reaktionen mit genauester Deutlichkeit
+wiedergibt! Die Platte hat nicht nur die Gesichter all dieser Elenden
+photographiert, sondern auch ihre heimlichsten, tiefsten und innerlichsten
+Gedanken. Ha! Ich halte also jetzt den Schlüssel zu einer neuen,
+geheimnisvollen und furchtbaren Wissenschaft in Händen! Ich werde imstande
+sein, von heute ab zu wissen, was jeder Mensch denkt!«
+
+Selbstverständlich hatten sich die Gedanken, von denen Romulus Futurus
+sprach, nicht in Schriftzeichen auf der Photographie kopiert. Es ist eine
+alte Weisheit, daß jedes Ding auf Erden einen Reflex hinterläßt, jede
+Bewegung, jede Schall-, jede Lichtwelle. Ebenso gibt auch der menschliche
+Gedanke, so schnell er immer gedacht sein mag, einen unwillkürlichen Reflex
+in den menschlichen Mienen, so deutlich, daß jedes Kind den Gedanken lesen
+könnte, wenn sein Auge nur scharf genug wäre, den Reflex zu sehen.
+
+Romulus Futurus hätte kein so großer Psychologe sein müssen, um nicht die
+Empfindung, die sich in den Mienen des Einzelnen in dem Moment der
+photographischen Aufnahme ausgeprägt hatte, lesen zu können.
+
+»Es ist ein Wunder! Ein unnennbares Wunder!« murmelte Frau Fabia, die immer
+noch nicht die Kraft besaß, sich zu erheben, und mit einer Miene
+wahnsinnigen Entsetzens auf ihren Gatten blickte. »Ich habe deutlich
+gesehen, daß aller Augen auf den photographischen Apparat gerichtet waren.
+Und doch blickt jetzt auf der entwickelten Photographie jeder nach einer
+anderen Seite!«
+
+»So groß ist die Beweglichkeit des menschlichen Auges, so enorm die
+Verwandlungsmöglichkeit der Iris!« stieß Romulus Futurus zwischen den
+Zähnen hervor. Plötzlich beugte er sich zu Frau Fabia nieder.
+
+»Siehst du dein Gesicht? Siehst du deine Mienen? Siehst du, wie du zu John
+Crofton hinüberblickst? Ah, nicht genug, daß ich nur einen einzigen Freund
+besitze! Du willst ihn mir noch rauben! Der starre Blick, mit dem du ihn
+betrachtest, beweist mir alles! Warum denkst du immer an ihn? Warum
+beschäftigten sich deine Gedanken in dem Augenblick, da ich die
+photographische Aufnahme machte, einzig nur mit ihm?«
+
+»Ich liebe ihn ja nicht, ich hasse und verabscheue ihn!« rief Fabia
+verzweifelt. Aber Romulus Futurus hörte nicht auf sie. Er fuhr fort, den
+Blick in die Photographie förmlich vergrabend:
+
+»Miß Head-Divina sieht zu dem reichen Krösus hinüber. Ihre Miene ist
+schrecklich, halb Wahnsinn, halb diabolische Grausamkeit und
+Schlechtigkeit. Wie sie Ralph Jonathan Wieland anblickt! Ihr Auge taucht
+förmlich in das seine! Ihr Gesicht, das im Moment der Aufnahme ernst und
+starr gewesen wie Stein, ihr Gesicht lächelt, und um ihre Mundwinkel
+ringeln sich abscheuliche Schlangen. Soll ich dir sagen, was sie denkt?
+Hier steht es geschrieben! Hier steht es! Seid ihr nicht alle gleich, ihr
+Frauen?
+
+»»Ja, ich bin geneigt, Ihren Antrag zu erhören, Ralph Jonathan Wieland,««
+sagt sie. »»Aber«« --
+
+Siehst du, Fabia, wie sie sich zu gleicher Zeit halb zu meinem Freunde John
+Crofton hinüberwendet? Und da! Da!« --
+
+Romulus Futurus schüttelte sich und heftete den Nagel des rechten
+Zeigefingers auf das Gesicht Ralph Jonathan Wielands.
+
+»Siehst du die scheußliche Grimasse des Krösus? Siehst du, wie er meinen
+Freund John Crofton anstarrt? Die Lippen Wielands sind halb geöffnet. Ich
+sehe förmlich die gefletschten Zähne! Die Nasenflügel sind hinaufgezogen,
+wie man dies bei wilden Tieren im Augenblick des Angriffs bemerken kann.
+Die Augen sind zusammengekniffen, und strahlenförmig spannen sich die
+Falten um seine Schläfen!«
+
+Romulus Futurus schwieg. Seine Augen öffneten sich unnatürlich weit, denn
+er las, las deutlich auf diesem bis zur Scheußlichkeit verzerrten Gesicht
+den furchtbaren Gedanken, der Ralph Jonathan Wieland im Augenblick der
+Aufnahme beherrschte.
+
+Inzwischen blickte Frau Fabia mit nicht minder entsetzten Augen auf das
+Gesicht der jungen Fürstin Angelika, die Romulus Futurus ansah. Auch ihre
+Gedanken waren mit unverkennbarer Deutlichkeit photographiert, und Frau
+Fabia las, las mit blutendem Herzen die Gedanken der Fürstin:
+
+»Romulus Futurus, ich liebe dich in Ewigkeit!«
+
+Und neben der Fürstin saß Dr. Diabel und starrte sie an und dachte:
+
+»Ich werde dich zu Tode martern, wenn du mich nicht erhörst!«
+
+Romulus Futurus schrie plötzlich auf und starrte mit fiebernden Augen
+hinaus in die Nacht.
+
+»Er will meinen Freund John Crofton töten! Jawohl, so ist es! In dieser
+Nacht noch! Ralph Jonathan Wieland dachte darüber nach, wie er John Crofton
+aus dem Wege räumen konnte, um sich selbst in den Besitz seiner Geliebten,
+der Schauspielerin Happy Head-Divina zu setzen!«
+
+Und in einer Anwandlung von Abscheu und Verzweiflung warf Romulus Futurus
+die kostbare Platte zu Boden, zertrat sie mit den Füßen und zerriß die
+Photographie in tausend Fetzen, so daß er nicht mehr die Gedanken der
+Fürstin Angelika lesen konnte, nicht mehr das, was der Student dachte,
+während Frau Fabia im letzten Augenblick noch deutlich von den Lippen Happy
+Head-Divina den Gedanken abgeschaut hatte:
+
+»Ich muß versuchen, alles von dem General zu erfahren, denn die englische
+Regierung verlangt die Pläne des Kriegshafens von Kiel!«
+
+Wie gesagt, die Entdeckung, welche Frau Fabia gemacht hatte, kannte Romulus
+Futurus nicht. Ihn beherrschte nicht nur die Erkenntnis, daß Ralph Jonathan
+Wieland in dieser Nacht seinen Freund John Crofton töten wollte; und
+während er darüber nachsann, wie er den Freund retten könnte, kam er auf
+eine bizarre Idee.
+
+
+
+
+III.
+
+
+Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade im Tiergarten, etwa dort, wo
+vor einigen hundert Jahren der »Große Stern« gewesen. Von hier aus
+beherrschte die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt war nämlich in einem
+großen Halbkreis gebaut worden und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen
+Jungfernheide angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele, viele
+Stunden weit über den Gesundbrunnen, die Schönhauser Allee, Neu-Weißensee,
+Rummelsburg, Stralau, Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf hinausreichte, um
+den Tiergarten.
+
+Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus Futurus ganz Berlin,
+übersehen und beobachten. Ja, er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, daß
+Ralph Jonathan Wieland in der ehemaligen Königgrätzerstraße Wohnung
+genommen hatte. Diese war die erste Straße, die, von der Sternwarte an
+gerechnet, jenseits des Tiergartens überhaupt bewohnt werden durfte. Dort
+standen denn auch die Paläste der reichsten Millionäre von Berlin, darunter
+das Riesenhaus Ralph Jonathan Wielands.
+
+Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener Richtung geblickt und mit dem
+Glase den Nabob beobachten können.
+
+»Ich habe keine Zeit zu verlieren!« murmelte er.
+
+Ohne sich um Frau Fabia zu bekümmern, die ihn mit vorgestrecktem Hals
+beobachtete und plötzlich von dunklem, unbewußtem Grauen ergriffen, aus der
+Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer in
+Tätigkeit. Er schraubte die Linse so zu, daß der Lichtschein keinen
+größeren Umfang hatte als höchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen
+Lichtstrahl ließ er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph Jonathan
+Wieland gleiten.
+
+Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen Vergrößerungsglas. Es
+hatte die Form einer Automobilbrille. Die kleinen Gläser saßen auf hohen,
+runden, schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den Augen lagen. So
+stellte er sich an das Fenster und beobachtete. In dem Bruchteil einer
+Minute, bevor Ralph Jonathan Wieland auf die Störung durch den weißen
+Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus Futurus durch das geöffnete
+Fenster, daß der Krösus eben damit beschäftigt war, eine kleine schwarze
+Kugel mit Acetylen zu füllen. Er begriff sofort den schändlichen Mordplan
+dieses von Leidenschaften ganz und gar irre geführten Millionärs.
+
+Acetylen war nämlich das neueste, furchtbarste Sprengmittel, das man im
+dritten Jahrtausend kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen
+schweren Geschützen eingeführt. Diese Geschosse bestanden aus Holzbüchsen
+mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid gefüllt waren. Unter dem Calcium
+Carbid lag eine Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang,
+Phosphorwasserstoff bildete, während das Calcium Carbid das Acetylen
+entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff mit Luft in Berührung kam,
+entzündete er sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand, das eine
+furchtbare Flamme entwickelte, daß die größten Wassermassen nicht
+hinreichen konnten, sie zu löschen.
+
+Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das Haus Croftons auf diese
+Weise in Brand setzen und in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den
+Romulus Futurus in jener Nacht zunichte machte.
+
+Der Millionär drehte sich plötzlich um, erschreckt und verblüfft durch die
+schmale Lichtflut, die in sein Zimmer drang. Als er mit den Augen ihrer
+Richtung folgte, da begriff er, daß sie von der Sternwarte ausging.
+
+»Romulus Futurus!« flüsterte er in höchster Angst und versuchte, die
+Acetylenbombe zu verstecken und das Zimmer zu verlassen.
+
+Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte ihn.
+
+Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein weißes Band, das
+kerzengerade von dem Leuchtturm zu ihm herüber glitt. Die Spitze des
+Scheines bohrte sich in seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen
+Schmerz.
+
+Gerade über dem weißen Band aber, das die rot durchleuchtete Nacht wie ein
+Dolch durchdrang, lagen die Augen des Erfinders, von schwarzen Rändern
+umgeben, spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet. Sie
+machten den Eindruck von zwei quallenartigen, schlüpfrigen Sternen, die
+über der milchigen Flüssigkeit schimmerten.
+
+Jonathan Wieland schüttelte sich vor Grauen. Er machte die verzweifeltsten
+Anstrengungen, sich von diesem furchtbaren Anblick loszureißen. Aber er war
+nicht imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen.
+
+Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit einem teuflischen Lächeln.
+Er nahm seine ganze Willenskraft zusammen, legte sie in seine Augen und
+fesselte Jonathan Wieland in seinen Bann.
+
+Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare Bombe in Händen,
+die durch die geringste ungeschickte Bewegung allein schon zur Entzündung
+gebracht werden konnte, grün vor Entsetzen, während der schmale
+Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen Körper bohrte und die Schmerzen
+immer gewaltiger wurden.
+
+Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte laut, während er den Kopf
+zwischen die Schultern steckte und die furchtbaren Augen immer noch
+unbeweglich über der Lichtflut glitzern ließ:
+
+»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!«
+
+Nicht sofort wirkte der auf diese Weise übertragene Wille. Obgleich
+Jonathan Wieland sich ganz und gar im Banne der Hypnose befand, besaß er
+doch selbst so viel gesunde Kraft, daß er sich zu wehren vermochte, daß er
+dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes Wiederstand entgegen
+setzen konnte.
+
+Der aber ließ nicht nach.
+
+»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!« wiederholte
+er noch einmal eintönig, biß die Zähne aufeinander und bohrte seine Augen
+in die des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern, während diese
+furchtbaren schwarzen Quallen über der Lichtflut, vergrößert durch die
+Gläser, seine Blicke förmlich in sich einsogen, während diese
+entsetzlichen, gierigen Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen
+aus dem Körper Wielands bannten und seine letzten Kräfte fraßen.
+
+Und plötzlich stieß der Millionär einen furchtbaren, gellenden Schrei aus
+und ließ die Bombe fallen.
+
+Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krösus stürzte ein und begrub ihn
+und seine zahlreiche Dienerschaft unter seinen Trümmern. Eine ungeheure
+Flammensäule schoß augenblicklich in die Höhe und hätte vielleicht halb
+Berlin eingeäschert, würde nicht das Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff,
+mit dem fast alle Häuser überzogen waren, selbst diesen furchtbaren Flammen
+einen energischen Widerstand entgegengesetzt haben.
+
+Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach unendlichen
+Anstrengungen, den Brand zu löschen und die übrigen Häuser vor der
+Vernichtung zu bewahren.
+
+Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber auch nichts mehr gefunden.
+Sein Körper war dermaßen zu Asche verbrannt, daß auch nicht die Knochen
+eines Gliedes übrig geblieben waren.
+
+Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses entsetzliche Unglück
+zustande gekommen war.
+
+Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde übrigens rasch wieder durch den roten
+Kometen abgelenkt. Dieser hatte sich nämlich jetzt der Erde soweit
+genähert, daß man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen konnte.
+
+Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit dem neuen Gestirn zu
+beschäftigen; denn der Krieg zwischen der deutschen Nation einerseits und
+den Engländern und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig wurde
+gerüstet. Und ungeheure Mengen von Munition wurden an den großen
+Kriegshäfen Wilhelmshafen und Kiel aufgestapelt.
+
+Die Armee trat unter Waffen.
+
+Romulus Futurus nahm an diesen Vorgängen wenig Anteil. Er erkannte sehr
+richtig, daß die plötzliche Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen
+ebenfalls nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war, das dieser
+Unglückskomet ausstrahlte. Und doch wollte es Romulus Futurus scheinen, als
+ob die Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genähert
+hatte, abnahm. So arbeitete der große Astronom in aller Ruhe an seinen
+Problemen weiter. Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse über sein
+nächtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia kaum mehr in Berührung. Und
+doch war es eigentlich nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus
+Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb.
+
+In sein Leben trat nämlich ein neues, merkwürdiges Ereignis. In dem Hause
+befand sich ein großer Saal, in dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser
+Raum, der mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war der
+Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing auch in der Mitte der Wand in
+goldenem Rahmen sein Jugendbildnis. Das ihn als dreißigjährigen Mann
+darstellte, als er Fabia zur Gattin genommen hatte.
+
+Das lag acht Jahre zurück. Oftmals dachte Romulus Futurus, der ein
+Philosoph war, darüber nach, ob es wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu
+Fabia getrieben; um sich darüber Aufklärung zu verschaffen, kam er auf die
+phantastische Idee, durch die »Lumen«-Platte sein eigenes Bild aus
+damaliger Zeit zu photographieren.
+
+Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein möglichst genaues Bildnis zu
+erhalten, den Apparat nachts in dem großen Ahnensaale auf, gerade seinem
+Bilde gegenüber, und entfernte am nächsten Morgen die Platte, um sie zu
+entwickeln.
+
+Da wischte er sich mit der Hand über die Augen, fuhr sich von neuem über
+die Stirn, als wollte er die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen
+Spiegel und hielt ihn über die Photographie, um sich zu überzeugen, ob die
+Augen ihn nicht trogen.
+
+Aber auch der zeigte dasselbe:
+
+Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das Portrait an der Wand; denn
+Romulus Futurus hatte damals wirklich einen vornehmen Charakter besessen
+und keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte ihn jetzt
+nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte und in grenzenloses
+Erstaunen versetzte, war ein ganz anderer Umstand:
+
+_Vor dem Bildnis stand nämlich eine Gestalt._
+
+Es wäre schwer gewesen, sie zu beschreiben, überhaupt genauer anzugeben,
+wer sie war, wie sie aussah, was sie trug.
+
+Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah man es nicht. Aber Romulus
+Futurus fühlte es. Ihre Gestalt kam nicht über eine nebelhafte Unsicherheit
+hinaus, und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, mehr über die Züge
+dieser Erscheinung zu sagen. Und doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange
+Zeit vor dem Bildnis Romulus Futurus' gestanden und mit einer gewissen
+Andacht zu ihm emporgeblickt.
+
+Der Astronom wußte nicht, was er davon denken und halten sollte.
+Schließlich schrieb er das Ganze seiner überhitzten Phantasie zu,
+vielleicht auch einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht genügend
+gegen das Licht geschützt worden war. Um sich Sicherheit zu verschaffen,
+ließ er es in der zweiten Nacht auf einen neuen Versuch ankommen. Als er
+aber am Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche Phänomen:
+eine weibliche Gestalt, etwas stärker ausgeprägt, als am Tage vorher, eine
+Frau von wundervoller Reinheit, mit einem Antlitz von außerordentlicher
+Schönheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfaßbar,
+unbeschreiblich.
+
+Romulus Futurus wurde nun von einer quälenden Unruhe erfaßt, die ihn nicht
+mehr verließ. Da er in seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen
+setzte, um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens verdankte, so
+rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die Sternwarte und zeigte ihm das
+Bild. Dann weihte er ihn in die Vorgeschichte ein.
+
+John Crofton blickte die Photographie lange an.
+
+»Siehst du dasselbe wie ich?« fragte Romulus Futurus.
+
+»Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte Gestalt vor deinem Bilde!«
+
+»Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrückt zu werden? Eine
+Gestalt, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann?«
+
+John Crofton lächelte.
+
+»Die Erklärung, meine ich, ist sehr einfach, Romulus. Diese Gestalt ist
+kein gewöhnliches Lebewesen, das steht fest. Sonst würde es ihr nicht
+möglich sein, durch verschlossene Türen und Fenster in den Ahnensaal
+einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, daß sie eine besondere Vorliebe
+für dich besitzt, sonst würde sie nicht die Nächte vor deinem Bilde
+zubringen.«
+
+Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine eigenen Empfindungen und
+Hoffnungen bestätigte, aufs höchste erregt, ging mit großen Schritten in
+dem Raume auf und nieder.
+
+»Aber, was ist da zu tun?« rief er, verzweifelt die Hände ringend.
+
+»Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt mich im höchsten
+Grade, während sie zugleich in den Tiefen meiner Seele etwas aufwühlt, das
+mich in die größte Unruhe versetzt. Ich muß dieses Phänomen sehen! Willst
+du mir behilflich sein, John, daß ich einen Zeugen habe und meinen eigenen
+Augen nicht mißtrauen muß?«
+
+Der Freund nickte.
+
+»Mit Vergnügen, Romulus!«
+
+Die beiden verabredeten also, daß sie in der nächsten Nacht in dem großen
+Ahnensaale wachen wollten, während Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder
+seine lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde gegenüber in
+Bereitschaft setzte.
+
+Sie warteten die ganze Nacht hinter einem schweren Brokatvorhang. Sämtliche
+Eichentüren waren verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur das rote
+Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte Helligkeit in dem Saale.
+Romulus Futurus und sein Freund John Crofton warteten die ganze Nacht bis
+zum Morgen. Sie sahen nichts, hörten nichts und bemerkten nichts; und
+Romulus Futurus meinte seufzend:
+
+»Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart vertrieben.« Dann besah er
+die photographische Platte, während seine Hände in fieberhafter Ungeduld
+zitterten.
+
+Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen Tage, nur noch
+ausgeprägter, so daß man selbst das lange, fließende Haar, das bis auf die
+Hüften wallte, die feinen Linien des Körpers, der in ein durchsichtiges
+Gewand gehüllt war, erkennen konnte.
+
+Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale auf und nieder.
+
+»Ich muß sie kennen lernen!« rief er ein über das andere Mal. »Ich muß!
+Diese Erscheinung gewinnt, ich gestehe es, von Tag zu Tag einen größeren
+Einfluß auf mich, und ich möchte beinahe behaupten, ich sei von einer
+rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen Liebe zu ihr erfüllt!«
+
+John Crofton, der das heimliche Schaudern, das ihm dieses Phänomen
+verursachte, hinter Frivolitäten zu verbergen suchte, entgegnete:
+
+»Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und Blut so unempfindlich ist wie
+du, ist's nichts Wundersames, wenn er sich in Geister verliebt!«
+
+Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit.
+
+»Geister . . .« wiederholte er. »Das ist sicherlich nicht das richtige
+Wort, John. Es handelt sich um keinen Geist, und ich glaube auch nicht, daß
+die Seelen Verstorbener sich uns auf diese Weise bemerkbar machen können.«
+
+»Wie willst du es dann erklären?« entgegnete John Crofton verwundert. »Auf
+alle Fälle ist das eine Erscheinung, die ohne Materie, das heißt ohne
+Fleisch und Blut ist, sonst müßten wir sie doch mit unseren Augen erkennen.
+Nur die fabelhaft empfindliche Platte war imstande, das Unsichtbare
+sichtbar zu machen.«
+
+Das war eine Erklärung, die Romulus Futurus weder befriedigen noch
+beruhigen konnte.
+
+»Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate!« rief er. »Ich will aber
+wissen, John, wer sie ist! Gib mir einen Rat. Du weißt nicht, welches große
+Opfer ich für dich gebracht, daß ich dir sogar das Leben gerettet habe. Du
+staunst? Nun, nimm es an! Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir
+einen Gegendienst verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das rechte
+Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen nach jenem Wesen, das Nacht
+für Nacht sich vor meinem Bilde zeigt. Ich muß sie besitzen! Also gib mir
+ein Mittel! Ein Mittel, John Crofton!« Und der sonst so vernünftige,
+ruhige, kühle und gemessene Mann rannte in der Sternwarte auf und nieder,
+packte seinen Freund Crofton und schüttelte ihn, als wollte er ihn töten.
+
+»Laß mir einige Augenblicke Zeit!« murmelte John Crofton und ließ sich in
+einen Sessel nieder. Ihm war ein elender Gedanke gekommen. -- --
+
+Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell abgewiesen, hatte er
+einen tiefen und unauslöschlichen Haß gegen die schöne Frau mit sich herum
+getragen. Von Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war seine
+Leidenschaft für das schöne Weib zu teuflischer Bosheit geworden, und Tag
+und Nacht dachte er darüber nach, wie er ihr Furchtbares antun könnte.
+
+Aber er fürchtete Romulus Futurus zu gleicher Zeit! Er fürchtete diesen
+mächtigen, in seinen Leidenschaften unberechenbaren Mann und hatte bislang
+nicht gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen.
+
+Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hände! Jetzt verlangte er ein
+Mittel von ihm, das ihm kein Mensch verraten konnte! John Crofton vergaß
+vollständig, daß sowohl er wie Romulus Futurus vor einem phänomenalen
+Rätsel standen. Er dachte nur mehr an Frau Fabia, an seinen Haß, an die
+Möglichkeit, sich zu rächen, ohne sich selbst strafbar zu machen. Und er
+hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umränderten Augen zu Romulus
+Futurus, der ihn erwartungsvoll ansah, und sagte:
+
+»Ich wüßte wohl ein Mittel!«
+
+Der Astronom war Feuer und Flamme.
+
+»So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt, um selbst einen
+klaren Gedanken zu fassen. Was ist zu tun?«
+
+John Crofton ließ sich drängen. Er wiegte den Kopf hin und her und tat, als
+getraue er sich nicht, zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor, bis
+er ihm zusicherte, daß er jede Verantwortung tragen würde.
+
+Dann begann John Crofton:
+
+»So viel steht fest: die Platte, die an und für sich eine wunderbare
+Erfindung bedeutet, hat dir und der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen;
+ungeheuerliche Entdeckungen werden gemacht werden. Nun, diese Gestalt vor
+deinem Bilde existiert, das ist sicher. Und ohne Zweifel ist es die Seele,
+der Geist, das vom Körper losgelöste Wesen eines jungen Weibes, das dich
+leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen, so mußt du
+dieses Wesen in einen neuen Körper bannen. Ob das Experiment gelingen wird,
+weiß ich nicht. Aber es sollte glücken! Du verfügst über fabelhafte Kräfte!
+Dein Wille ist unermeßlich! Versuche, sage ich!«
+
+Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin und her.
+
+»Ja, das ist eine Idee! Das ist glänzend! Das ist großartig!«
+
+Plötzlich brach er ab. Er begriff, daß der Vorschlag John Croftons
+scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten aufwies.
+
+»Aber woher diesen Körper bekommen, John? Was meine Gewalt über dieses
+Wesen anbetrifft, verzweifle ich nicht. Es wird mir gelingen, die
+Unsichtbare zum Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Körper soll ich sie
+bannen? Es muß der Leib eines Weibes sein, dessen äußerliche Schönheit mit
+diesem Wesen harmonieren würde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich
+auf die Knie werfen könnte --«
+
+Er brach erschöpft ab. Und John Crofton sagte so ruhig, als handle es sich
+um, die einfachste Sache der Welt, während in seine Augen ein furchtbarer
+Schimmer trat:
+
+»Deine Frau!«
+
+Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt stehen, seine Augen weiteten
+sich, seine Lippen bebten.
+
+»Meine Frau . . .« wiederholte er tonlos.
+
+»Natürlich!« fuhr John Crofton fort, indem er mit einem eisernen Willen
+sofort auf das eine Ziel losging, Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte
+in Wirklichkeit nicht daran, daß Romulus Futurus, den er für einen Narren
+hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches Werk vollbringen konnte.
+»Natürlich deine Frau! Kein anderer Mensch auf Erden würde sich für dieses
+Experiment eignen! Du liebst sie nicht -- du hast es mir ja selbst bereits
+gestanden, hast oftmals mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grämt
+sich darüber! Töte sie und banne dieses Wesen in ihren Leib, so wirst du
+sie lieben können, wie nie ein Weib von einem Manne geliebt wurde!«
+
+Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort. Er ging auf und nieder, von
+Zeit zu Zeit vor dem Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren
+Blicken messend. Es dämmerte noch, und der purpurne Schimmer des Kometen
+flutete durch die Sternwarte.
+
+»Und warum sollte ich es nicht tun?« schrie der Gelehrte plötzlich hinaus,
+sich selbst die schreckliche Frage beantwortend. »Sage selbst, warum nicht?
+Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglücklich, sagst du? Ja, ja, sie ist
+es! Ich weiß es, ich habe es unzählige Male gefühlt! Ich liebe sie nicht!
+Aber ich liebe dieses Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fühle, bis zum
+Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren, wenn dieses Wesen
+in ihrem Leibe wohnt!«
+
+»Also!« entgegnete John Crofton und warf seine Cigarette weg, während seine
+Augen vor Mordlust glühten . . . . .
+
+Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er kreuzte die Beine
+übereinander, vergrub die Hände in die Taschen und zog den Kopf zwischen
+die Schultern, während ein feiger Zug sein männlich schönes Gesicht
+entstellte.
+
+»Ich kann es aber nicht tun!« flüsterte er.
+
+»Was, Romulus?«
+
+»Ich kann sie nicht töten! Denn es ist klar, daß ich sie erwürgen muß, wenn
+ich die wesenlose Gestalt in ihren Körper bannen will!«
+
+»Freilich!« entgegnete John Crofton brutal. »Du wirst sie töten müssen!«
+
+»Nein, nein!« wehrte Romulus Futurus ängstlich ab. »Ich kann es nicht! Ich
+bringe es nicht über mich! Aber vielleicht -- könntest du --«
+
+John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte ein phosphoreszierendes
+Leuchten. Seine Augen sanken förmlich in die Höhlen zurück, und seine
+Lippen bebten vor verhaltener Freude.
+
+»Was meinst du, Romulus?«
+
+Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz nahe an sich heran und
+flüsterte ihm ins Ohr:
+
+»Vielleicht könntest du -- sie töten!«
+
+John Crofton riß sich los und tat über die Maßen erstaunt.
+
+»Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie töten? Dein Weib? Damit du mir im
+nächsten Augenblick selbst die Pistole auf die Brust setzest und mich
+tötest?«
+
+Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst auf. Er machte
+John Crofton begreiflich, daß er ihm den größten Dienst seines Lebens
+erweisen könne. Er bat, flehte, weinte schließlich wie ein Kind. So groß
+war die eingebildete Macht des unbekannten Wesens über ihn.
+
+Und doch war alles nur die Wirkung des roten Kometen . . . .
+
+Endlich gab John Crofton nach und die beiden Freunde verabredeten, daß sie
+sich in der kommenden Nacht in der Sternwarte treffen wollten. -- --
+
+
+
+
+IV.
+
+
+Es war Nacht.
+
+Die roten Strahlen des Kometen wogten hin und her wie hunderttausend
+elektrische Lichtzungen. Berlin glich einer Märchenstadt. Himmelhoch ragten
+die riesigen Häuser empor, mitten hinein in das Meer von Purpur, das das
+Blut aufregte und die Sinne verwirrte.
+
+Die Stadt war ziemlich leer von Menschen. Der Krieg war ausgebrochen, und
+die Armeen standen im Felde. In der Nähe von Wilhelmshaven tobte die erste
+Seeschlacht und bei Bitsch waren die deutschen und französischen
+Heeresmassen gegeneinander geprallt. Immerhin waren in Berlin noch genug
+Menschen zurückgeblieben, um jene heimliche, hin und her surrende und
+summende Aufregung zu verursachen, die sich allen Ohren aufdrängte. Es
+waren junge und ältere Leute, die da und dort auf öffentlichen Plätzen sich
+sammelten, die flüsterten, sich heimliche Zeichen gaben und wieder
+verschwanden . . . .
+
+Man munkelte von einer Revolution. --
+
+Nie war Romulus Futurus liebenswürdiger gegen seine Gattin gewesen, als am
+verflossenen Tage. Frau Fabia war glücklich wie nicht mehr seit den ersten
+Tagen ihrer Ehe.
+
+»Willst du den roten Kometen sehen, Fabia?« fragte Romulus Futurus abends
+gegen elf Uhr. Und Frau Fabia antwortete lächelnd:
+
+»Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so werde ich glücklich sein!«
+
+Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort herrschte magisches
+Licht. Romulus Futurus streckte den Arm aus und wies empor zu dem
+rotschimmernden Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher
+Deutlichkeit stand, so groß, so nahe, so drohend, daß man die Empfindung
+hatte, als müsse er jeden Augenblick herabstürzen, alles unter sich
+begrabend.
+
+Frau Fabia schauderte.
+
+»Und doch, heute möchte ich sterben!« flüsterte sie. »Ich habe das größte
+Glück meines Lebens genossen, denn ich empfand, daß du mich immer noch
+liebst!«
+
+Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt von seinem Gewissen. Da
+ging die Türe im rückwärtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein.
+
+John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau Fabia so gegenüberzutreten,
+wie er war. Er trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und einen
+purpurroten Mantel über den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne wirr waren
+unter dem direkten Einfluß des roten Lichtes, das sie umgab, schmiegte sich
+ängstlich an ihren Gatten und flüsterte.
+
+»Sage mir, Romulus, wer ist das?«
+
+Romulus Futurus löste ihre Arme fast mit Gewalt von seinem Körper und stieß
+sie dem entgegen, der eingetreten war. Frau Fabia sah die weißen,
+gepflegten Hände Croftons, der sich bereit machte, auf sie zuzugehen. Und
+von unbestimmter Furcht ergriffen, flüchtete sie nach dem anderen Ende der
+Sternwarte und schrie:
+
+»Rette mich, Romulus, ich fürchte mich.«
+
+Der aber brachte noch mehr Zwischenraum zwischen sich und seine Gattin. Er
+schlich sich zurück bis zu der kleinen Tür, die der Eingetretene offen
+gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut zu finden, auch nur einen
+Blick zurückzuwerfen.
+
+John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und nun konnte er ein Schauspiel
+genießen, auf das sich seine entarteten Nerven bis zu dieser Stunde
+vorbereitet hatten.
+
+Frau Fabia floh vor ihm wie das geängstigte Tier vor dem Jäger. Sie maß ihn
+mit scheuen, verwirrten Blicken, während er ihr rund um die Sternwarte
+herum folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels, der dieses
+schändliche Verbrechen nicht hinderte . . . .
+
+Schließlich, als sie kaum mehr die Kraft fand, sich auf ihren zitternden
+Füßen zu halten, riß John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel ab
+und rief mit diabolischem Gelächter:
+
+»Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der Abrechnung ist gekommen!«
+
+Sie fuhr zurück. Sie klammerte sich an die Wand. Sie schrie mit wahnsinnig
+klingender Stimme nach Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um
+Hilfe; aber niemand half ihr.
+
+Sie stürzte auf die Knie nieder und flehte diesen Schurken um ihr Leben an,
+aber er dürstete nach ihrem Blute.
+
+Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den Raum, streckte wie
+hilfesuchend ihre Arme nach dem Gestirne aus -- in diesem Augenblick hatte
+John Crofton sie erreicht und die letzten Worte der Unglücklichen erstarben
+in der Anrufung des roten Kometen, von dem sie Hilfe, von dem sie
+Vergeltung forderte.
+
+John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine Finger in ihren Hals
+gekrallt. Er ließ sie nicht mehr los, bis das letzte Leben aus ihr
+entflohen war.
+
+Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von Freude überwältigt, ab,
+taumelte zur Tür und rief nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen
+entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe John Croftons
+auf.
+
+Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten Körper nach der Galerie.
+
+Von den Straßen herauf tönte jenes eigentümliche, surrende Geräusch, das
+das Zusammenströmen großer Volksmassen verkündet. Dann und wann hörte man
+den verlorenen Ton einer lauten schreienden Stimme. Dazwischen Johlen,
+Händeklatschen und Pfeifen.
+
+In der Ferne ein Trommelwirbel.
+
+Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die beiden Männer, die zwischen
+sich den entseelten Körper der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts.
+Romulus Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade unter sein
+Bild zu legen.
+
+Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht, um die geheimnisvolle
+Gestalt in dem Augenblicke sehen zu können, da sie sich auf der
+»Lumen«-Platte abbildete. Während er nämlich unter seinem Bild einen
+starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits zu dem
+Spiegel, andererseits zu dem photographischen Apparat in einem rechten
+Winkel stand. Gleichzeitig legte er sich zwei äußerst lichtempfindliche
+Gläser, die alles in riesiger Vergrößerung spiegelten, über die Augen.
+
+So verharrte er regungslos, während das Toben auf den Straßen allmählich
+verstummte; denn man hörte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden
+Bataillone.
+
+Während der Gelehrte also halb ängstlich, halb voll wahnwitzigen Hoffens
+seine Augen fieberhaft auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem
+Augenblick spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen Platte
+erschien -- Romulus Futurus konnte also ganz einfach die Platte in dem
+Spiegel erblicken; denn das Wesen selbst war ja für das Auge nicht sichtbar
+-- während er beide Hände gegen das wildpochende Herz preßte, um es
+gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte sich John Crofton mit einem hämischen
+Lächeln in einen Sessel geworfen.
+
+»Zu dumm,« dachte er. »Dieser Narr glaubt, er könne das Unmöglichste
+vollbringen! Sind die Menschen nicht wirkliche Hampelmänner, die sich an
+den Schnüren unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen, wenn
+wir nur erst die Kraft dazu haben?
+
+Romulus hat mir das Henkergeschäft über sein Weib übertragen; er wird nie
+das Recht und die Fähigkeit besitzen, mich zu bestrafen.«
+
+Inzwischen aber wurden die Gedanken John Croftons abgelenkt. Er sah in der
+grellroten Helle, die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus
+plötzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an dem Spiele der
+Gesichtsmuskeln. Draußen stand, riesengroß, eine gewaltige Kugel, der
+Komet.
+
+Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In dem Augenblick, da sie unter
+sein Bild getreten war, hatte die lichtempfindliche Platte sie
+festgehalten, und diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild
+in die Augen des Astronomen zurückwarf.
+
+Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu sprechen, zog er seinen
+ganzen Willen, all seine Energie und innere Macht in seine Augen und
+blickte das schemenhafte Wesen an.
+
+Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige Gesicht zu,
+dieses wunderschöne Antlitz, das er nur fühlte, aber nicht sehen konnte.
+
+Und sagte, während seine Stimme dumpf klang, als käme sie aus weiter Ferne:
+
+»Wer du auch sein mögest, ich befehle dir, mir zu gehorchen!« Er bemerkte
+deutlich, daß etwas wie Schrecken die Gestalt erfaßte. Sie sah ihn starr
+an, offenbar unfähig, den Blick von ihm zu wenden, ohne daß Romulus Futurus
+eigentlich ihre Augen sehen konnte, und er fuhr fort, triumphierend über
+den schnellen Sieg, den er errungen hatte.
+
+»Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu nehmen!«
+
+Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb auf den Leichnam seiner
+Gattin Fabia, halb hob er beschwörend die Hände und beschrieb die magischen
+Zeichen über der seltsamen Gestalt.
+
+Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer Widerstand, den sie dem
+gigantischen Willen des Gelehrten gegenübersetzte. Aber der ließ nicht
+nach.
+
+In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen wieder erblickt, war auch
+seine namenlose Leidenschaft gewachsen, und mit einem Willen, der stärker
+war als alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl, während
+die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht angezogen, sich immer mehr dem
+Körper der Frau Fabia näherte. Und schließlich gab sie den Widerstand auf.
+Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte Wesen eine unendliche
+Traurigkeit zeigte -- im nächsten Augenblick war es zerflossen wie nichts,
+und der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel, der in der purpurroten
+Nacht verschwand.
+
+Gleichzeitig sank er selbst erschöpft, mit hämmernden Pulsen in einen
+Sessel zurück.
+
+In großen Tropfen stand der Schweiß auf seiner Stirn.
+
+John Crofton aber, der alles gehört, doch nichts gesehen hatte, war halb
+von seinem Sitze aufgestanden, streckte den Kopf vor und lauschte mit
+zitterndem Atem.
+
+Plötzlich regte sich Frau Fabias Körper.
+
+John Crofton riß die Augen weit auf. Er wollte, er konnte es nicht glauben!
+Namenloses Entsetzen erfaßte ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen
+Händen erwürgt? War es möglich, daß noch Leben in ihr war? Stehen denn die
+Toten auf, um sich an den Lebenden zu rächen?
+
+Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd in dem Sessel barg,
+starrte er zu Frau Fabia hinüber.
+
+Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener müden Bewegung, die die
+zeigen, welche eine lange Reise gemacht haben, glättete das seidene Kleid
+und sagte, unfähig, im ersten Augenblicke die zwei Männer zu erkennen, die
+tief im Schatten saßen:
+
+»Wo bin ich?«
+
+Plötzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung zu kommen, eine
+Erinnerung, die wenig mit der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem
+Augenblicke anpaßte.
+
+»Ganz recht!« murmelte sie lächelnd, indem sie die schweren, dunklen
+Haarsträhnen aus der Stirne strich. »Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal
+getreten und habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei hat mich
+der Schlaf übermannt. Wie lächerlich das ist!«
+
+Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie im ersten Augenblick wie etwas
+Furchtbares anstarrte. Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schloß
+sie in seine Arme und preßte sie an sich.
+
+»Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend, wie immer? Du wirst nie
+von mir gehen? Wir werden ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?«
+
+Sie schlang die weißen Arme um seinen Hals und flüsterte:
+
+»Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl ist es mir, als ob wir uns heute
+zum erstenmal sähen. Aber dein Bild war immer bei mir!«
+
+Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Küssen, das ihm vor kurzem so
+gleichgültig, beinahe hassenswert erschienen war. Er küßte Frau Fabia so
+lange, bis er endlich wahrnahm, daß er vergeblich die Züge jenes seltsamen
+Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte.
+
+Da erfaßte ihn etwas wie eine lähmende, dunkle Traurigkeit.
+
+John Crofton aber war ruckweise, Schritt für Schritt näher getreten und
+starrte Frau Fabia an.
+
+An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab, links ein Daumen, rechts der
+Zeige- und der Mittelfinger. --
+
+Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte John Crofton . . . Diesem
+war es, als ob der Blitz ihn treffen müßte. Er riß einen Teppich von der
+Erde auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem halbausgestreckten
+Arme deckend. So stand er da, das personifizierte böse Gewissen, und
+zitterte.
+
+Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und fragte ihren Gatten:
+
+»Wer ist dieser Mann?«
+
+Romulus Futurus lächelte düster.
+
+»Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest du ihn nicht kennen?«
+
+»John Crofton?« wiederholte sie, während ihr Antlitz einen gequälten
+Ausdruck annahm. Offenbar suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen
+dieses Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da, das sie nicht
+fassen konnte. Sie schüttelte den Kopf und sagte:
+
+»Ich kenne ihn nicht!«
+
+John Crofton holte tief Atem. Er ließ die Decke sinken und starrte der
+schönen Frau ins Gesicht. War es möglich, daß sie noch reizender geworden?
+Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder Perlen gehabt, so
+leuchteten sie jetzt wie Sterne in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze.
+Auch ihre Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen John
+Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick von neuem von jener rasenden,
+teuflischen Leidenschaft erfaßt wurde, die ihn schließlich zum Mörder hatte
+werden lassen.
+
+Aber er verbarg seine Empfindungen ängstlich ebenso vor Frau Fabia als vor
+dem Freunde. Er beugte sich nieder, führte die Hand der schönen Frau galant
+an seine Lippen und drückte dann schweigend Romulus Futurus die Rechte.
+
+»Es ist geglückt, mein Freund! Ich gratuliere dir!«
+
+Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwörend zur Decke empor und
+flüsterte:
+
+»Ich bin von heute ab der glücklichste aller Menschen, John Crofton! Hast
+du nicht bemerkt, daß selbst ihre Stimme sich verändert hat? Sie spricht
+ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in allem instinktiv jenes
+Wesen wieder, das ich vor meinem Bilde zum ersten Mal gesehen habe.«
+
+Darüber, wer jenes Wesen sein könnte, dachte weder Romulus noch Crofton
+nach. Die Wünsche der beiden Männer trafen sich zunächst nur in dem
+rasenden Verlangen, Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener ging John
+Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend, dieses Weib zu gewinnen, das
+er in der vergangenen Nacht mit eigenen Händen getötet hatte. --
+
+
+
+
+V.
+
+
+Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Höhepunkt
+erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines
+Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur
+des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine
+Hitze, die von Tag zu Tag größer wurde. Während das fabelhafte Licht die
+Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr
+gegeben war für den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei
+befanden, brachte die intensive Wärme, welche von dem neuen Kometen
+ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue
+Begierden, Leidenschaften und Laster.
+
+Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der rote Komet noch durch einen
+unendlichen Raum von der Erde getrennt sei.
+
+»Es ist eine neue Sonne!« sagte er, »ein gewaltiger Körper, der lange Zeit
+hindurch, vielleicht ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am
+Ende des Weltalls gestanden hat!«
+
+Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus Futurus mußte zugeben, daß der
+rote Komet der Erde nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum bis
+zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem Falle aber wäre bereits
+jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das
+Nahen des Kometen keine andere Folge, als daß mitten im Winter die
+Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen unter ungeheuren
+Ueberschwemmungen litten. In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze
+Städte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die
+Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische
+Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer.
+
+Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten.
+Dagegen sahen sie nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee;
+denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese bedeutend gestiegen waren.
+
+Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, daß die Farbe
+des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende
+Körper der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein Licht, das die
+Augen kaum mehr vertrugen, so daß ihr Schein eine Reihe von Erblindungen
+hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des roten Kometen
+gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz außerordentlich empfindsam gerade für
+das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden
+Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten förmlich
+in sich einsogen, um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine
+Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die Regierung in Berlin die
+umfassendsten Maßnahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen.
+Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, so zog man neue
+Beamte in den Dienst.
+
+Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus übertragen,
+weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das
+Ressort dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten, dem
+öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit verwandt war.
+
+Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurück. Zwar war die
+deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen
+Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem
+unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Plätze
+mit ihren furchtbaren Geschützen fast ohne Widerstand genommen und eine
+Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang
+einzig in der Geschichte dastand.
+
+In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert
+worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete
+Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und
+Wilhelmshaven mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß die englische
+Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor. --
+
+Allein -- obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste
+standen -- mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare
+Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung,
+wie ein düsterer Bann über Berlin.
+
+Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, die schon
+verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen können. Wohl
+hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt die Kanonen
+gedonnert, und die Fackel des Bürgerkrieges war entzündet worden.
+
+Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen.
+
+Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknüpft hatte, erfüllten
+sich.
+
+Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die
+französische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Bürger, denn auf die
+Niederlagen hin, die die französische Armee erlitten, war dort wieder das
+Standrecht der Kommune erklärt worden. In England war ein
+Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und Großbritannien ausgebrochen, in
+Amerika wütete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen
+und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, und von
+Osten her wälzte sich die gelbe Gefahr heran.
+
+Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins Rollen:
+
+Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen würdig
+zu feiern. Diese standen noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der
+Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so daß man
+es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen
+zu tragen.
+
+Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung ihre letzten
+Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden.
+
+Die französischen Diplomaten wußten eigentlich nicht recht, woran sie
+waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen
+Absichten Deutschlands und Englands.
+
+Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fäden
+der in Aussicht genommenen europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war
+der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, Amerika: John
+Crofton.
+
+Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame Wohnzimmer seines
+Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin.
+
+»Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?« fragte er, seine dunkel
+umränderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte.
+Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre
+Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit
+Wochen Berlin mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher nur
+zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers stand.
+
+»Ich habe nichts vor,« entgegnete Romulus Futurus. »Wenn meine Gattin
+einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff
+unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal
+näher ansehen würde.«
+
+Frau Fabia klatschte in die Hände.
+
+»Das ist eine Idee, Romulus,« sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie
+sehnsüchtig die weißen Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend
+am Himmel stand.
+
+»Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,« murmelte sie, »und weiß doch
+nicht wonach, warum! Mir ist als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte,
+der meine Bestimmung einschließt!«
+
+John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach
+seinem Geschmack.
+
+»Man gibt heute abend den Tannhäuser,« meinte er. »Happy Head-Divina singt
+die Elisabeth. Ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu
+verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher
+darauf gerechnet, daß ihr mitkommen würdet!«
+
+Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie änderte daher sofort ihren
+Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde
+später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die große Oper . . .
+
+Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia vergaß alles um sich her,
+während sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend
+wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte
+begraben gehabt.
+
+Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas
+Gequältes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er
+bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie empfunden, immer mehr
+nachließ, in dem Bewußtsein, daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was
+er suchte. Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich hinter
+die Kulissen.
+
+Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schön in
+dem weißen Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen
+Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges Silber tauchte.
+
+»Sie haben mich rufen lassen, Happy,« begann John Crofton und trat in ihren
+Ankleideraum, der aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf
+einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine
+schwarze Groom.
+
+»Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,«
+entgegnete die Sängerin. »Du machst dich so selten bei mir, und man spricht
+in unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia habe immer noch nicht
+nachgelassen!«
+
+Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen Hals zurück. John Crofton
+entgegnete ärgerlich:
+
+»Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen an?«
+
+»Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch immerhin eine interessante
+Figur, nachdem ganz Berlin weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!«
+
+Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine
+Falte.
+
+»Das kommt darauf an!« murmelte er.
+
+Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder
+dufteten, um seinen Hals und flüsterte:
+
+»Und für mich, John, hast du gar nichts mehr übrig? Liebst du mich wirklich
+nicht mehr? Hast du mich ganz vergessen?«
+
+John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit
+verschleierter Stimme entgegnete:
+
+»Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer noch so wie früher! Aber die
+Leidenschaft für Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz
+verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo
+ich wieder ganz und gar zu dir zurückkehre!«
+
+Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen, dann
+drückte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . .
+
+Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll
+Befürchtung, die Sängerin möchte im nächsten Auftritt versagen, wenn sie
+sich während der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy
+Head-Divina mit ihrem Freunde.
+
+Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie John Crofton immer von
+neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er
+löschen mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte
+nicht, wie seine schöne Freundin plötzlich aus einem kleinen Fläschchen
+einige Tropfen in sein Glas gleiten ließ. --
+
+»Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?« fragte sie plötzlich
+scheinbar gleichgültig, eine Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich
+zur Decke empor.
+
+John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, entgegnete:
+
+»Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen werden allerdings übel
+abschneiden. Ja, wenn sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig
+im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland finanziell und
+ökonomisch durch diesen Krieg vollständig ruiniert ist, so würden sie
+allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!«
+
+»Die Sache steht also für Frankreich weit besser, als man annimmt?«
+entgegnete Happy Head-Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das
+Sektglas füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus als sonst. --
+
+»So ist es! Auch Englands Chancen sind weit größer, als die Briten
+annehmen!«
+
+»Und du kennst bereits alle näheren Pläne?«
+
+Er lachte.
+
+»Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche Happy! Sprach ich doch
+erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswärtigen!
+Ja, wenn man es so nimmt -- das Schicksal Frankreichs liegt jetzt
+eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten!«
+
+Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich geweitet hatten. Sah nicht,
+daß sie ihn mit den Blicken förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an
+die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . .
+
+Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John
+Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder
+waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen
+zu öffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu.
+
+»Also du trägst die Entwürfe bei dir!« meinte Miß Happy plötzlich, indem
+sie wieder auf das alte Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht
+die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie
+die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betäubung zu entgehen.
+
+Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei
+klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf:
+
+»Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt -- ich möchte mich --
+entfern --«
+
+Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, die sich gegen einen Stuhl
+gestützt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das große
+Eisbärenfell.
+
+In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an der Tür. Der Inspizient
+steckte den Kopf herein und rief:
+
+»Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina! Ihr Stichwort fällt in
+einer Minute!«
+
+Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich
+stürzte der Groom herbei.
+
+»Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich
+zufällig dort aufhält. Sage ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir
+Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.«
+
+Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick die Bühne und sang ihre
+Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß
+mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste. -- --
+
+Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr.
+Diabel tatsächlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters
+gerade eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der Nachricht nicht
+sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin.
+
+Dr. Diabel trat ein.
+
+»Du kannst gehen,« wandte er sich an den Groom. »Laß mich allein!«
+
+Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und verließ
+die Garderobe.
+
+Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb
+war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem
+Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen
+Züge waren förmlich durchsichtig geworden; die großen, dunklen Augen lagen
+tief in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schläfen,
+während das Gesicht ganz zurücktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des
+Bartes.
+
+Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht aus, daß durch den
+Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des
+roten Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu
+und goß das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des
+Betäubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf
+riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, warf ihn über einen Sessel, daß
+auf der einen Seite die Füße, auf der anderen der Kopf und die Schultern
+hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen.
+
+Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten
+Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies
+und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er ließ das
+Dokument in der Brusttasche verschwinden und goß dann auf einen kleinen
+Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er in der Westentasche
+getragen hatte. Diese Flüssigkeit ließ er zwischen die Zähne des
+Bewußtlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton
+die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um.
+
+Sein Auge fiel auf Dr. Diabel.
+
+»Wo bin ich? Was ist geschehen?« fragte er hastig, indem er sich
+aufrichtete. Dr. Diabel mußte ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden
+gestürzt.
+
+»Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,« meinte der Arzt. »Ich wurde
+eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy
+bewußtlos zusammengestürzt!«
+
+Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurück. Er begriff,
+was geschehen war, glättete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand.
+
+»Ich danke Ihnen!« flüsterte er. »Ich werde mich bei Miß Head-Divina noch
+persönlich entschuldigen.« Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes
+Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzählte, um sich
+wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen.
+
+Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, denn die Oper war zu
+Ende.
+
+Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung seines Freundes erwidert.
+Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich
+zurückgezogen, sagte der Kultusminister:
+
+»Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance-Pläne noch in
+deiner Tasche hast!«
+
+John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so
+furchtbar hatte ihn die Möglichkeit getroffen, die Romulus Futurus
+andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern
+sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. Die amerikanischen
+Zeitungen pflegten kurzen Prozeß mit ihren auswärtigen Vertretern zu
+machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie wurden
+ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da sämtliche Zeitungen
+Amerikas einen großen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust
+waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend
+einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden.
+
+Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht
+genügend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis zu
+schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem
+Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, so
+wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen.
+
+Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen
+Taschen. Sein Gesicht überzog eine wächserne Farbe.
+
+Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe gezogen und sah ihm schweigend
+zu.
+
+»Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr?«
+
+»Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon
+gesprochen!«
+
+»So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne
+deine Natur, John! Dein plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!«
+
+Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit
+wieder ein und der Verdacht, daß er das Opfer eines schändlichen Komplotts
+geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel der
+letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und
+Mantel und beschloß, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu
+ziehen.
+
+Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück.
+
+»Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund!« sagte er ruhig. »Ich
+werde Dr. Diabel verhaften lassen!«
+
+Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der
+Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am
+Krankenbett der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer
+schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den
+Leibarzt der Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen.
+
+Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde nicht den geringsten
+Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in
+dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt.
+
+Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, der eine große Rolle in
+der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn
+einem langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne Wort, das der
+Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von
+einem Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen eigenen Stift
+auf ein Blatt Papier übertragen. So war jedes Protokoll überflüssig, und
+der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten von dem
+Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden seien und sich mit dem
+Protokoll nicht deckten.
+
+Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote das Protokoll. John
+Crofton rang verzweifelt die Hände, als er es gelesen.
+
+»Ich bin verloren! Verloren, Romulus!« rief er. »Dr. Diabel leugnet
+hartnäckig und weder die körperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend
+etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!«
+
+Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine
+Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden
+worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt
+des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu übermitteln,
+so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John
+Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach Amerika zurückgeschickt zu
+werden. Vor diesem Schicksal hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren
+können.
+
+Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen Stationen
+gesperrt würden und drei Tage lang unter persönlicher Kontrolle des
+Ministers ständen.
+
+Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. Er begriff sehr wohl,
+daß, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine
+Helfershelfer schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach Paris zu
+übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina die Komplicin des Doktor Diabel war,
+wollte John Crofton nicht glauben.
+
+Auf alle Fälle leugneten beide standhaft.
+
+So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien
+besiegelt.
+
+Er, der gegen seinen Freund so schmählich gehandelt hatte, scheute sich
+nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu
+retten.
+
+Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit.
+
+»In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er
+sich befindet!« sagte er ruhig.
+
+John Crofton hob den Kopf.
+
+»Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr.
+Diabel sein Geheimnis entreißen könntest!«
+
+»Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es
+keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von
+jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig sein, es
+wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen
+Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden!«
+
+»Ich verstehe dich nicht!« entgegnete John Crofton.
+
+Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in
+sein Coupé zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis.
+
+Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war groß und geräumig
+und besaß zwei Fenster: eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das
+einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß.
+
+Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort
+seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche
+»Lumen«-Platte ein.
+
+Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit.
+
+Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch
+vervollständigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne
+Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Völker wirken
+mußte.
+
+Nachdem er sich überzeugt, daß die »Lumen«-Platte die menschlichen
+Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie
+schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so
+vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen
+bewerkstelligte. Auf diese Weise war die »Lumen«-Platte noch zwanzigmal
+verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt
+nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie
+zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren
+geheimsten Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie
+geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mühe zu geben, nur die
+einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür
+bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen des
+menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben
+auch da nur eine bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen
+bestimmten Gedanken ausprägt.
+
+Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er
+mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte
+selbstverständlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden
+waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes Auge vom Fenster auf
+ihn gerichtet war.
+
+Er lachte, als die beiden Männer eintraten.
+
+»Ihr werdet euch täuschen,« dachte er: »Von mir werdet ihr nichts
+erfahren!« Zu gleicher Zeit überlegte er sich, daß er nun auf keinen Fall
+an Miß Happy Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der
+»Lumen«-Platte waren ihm natürlich längst bekannt.
+
+»Ich werde weder an Miß Happy denken, noch daran, daß der Vertrag sich in
+ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines
+Plüschsessels in ihrem Saale verborgen hält,« dachte er. Und wirklich gab
+er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Männer
+eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster
+Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhör unterzog.
+
+Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter
+vorgenommene, und Romulus verließ mit seinem Freunde Crofton die Zelle,
+während ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen
+Menschenkenners lag.
+
+Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel.
+
+»Ihr werdet euch täuschen,« dachte der Arzt. »Ihr werdet euch täuschen! Ich
+habe weder an Miß Happy noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht,
+und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!«
+
+Romulus Futurus nahm ruhig die »Lumen«-Platte aus dem Apparat, nachdem er
+diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause.
+
+Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Männern in den Weg. Sie
+brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung
+zurückzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage
+wurden immer kürzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden.
+
+In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk,
+das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte eigentlich
+nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der
+Regierung, mit allem. --
+
+Aber man wußte nicht, warum. -- --
+
+Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß Revolutionen nichts
+ändern, daß alles seinen gleichen Gang weiter geht und daß immer dasselbe
+kommt und niemals etwas anderes.
+
+Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt durch das
+rotglühende Licht des Kometen, dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich
+hohnlachend über die Erde neigte.
+
+Blut -- hieß die Losung! Blut wollten sie alle! Blut sollte fließen!
+
+Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden wollten, so richteten sie
+ihr Augenmerk auf die, welche der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf
+die Regierenden.
+
+Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton nicht in ein Flugcoupé
+gerettet, so wären sie beide verloren gewesen, denn alle elektrischen
+Coupés auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und die Insassen
+ermordet.
+
+Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution war günstig gewählt
+worden, denn das Militär war noch nicht da und die Truppen, die sich in
+Berlin befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln, die mit
+jeder Minute zahlreicher wurden.
+
+Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als Standquartier der Revolutionäre
+eingerichtet worden. Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer
+befand, der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius, der Student.
+
+Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, in seine Wohnung zu kommen. Er
+entwickelte sofort die Platte und ließ die Photographien
+kinematographenartig ablaufen.
+
+John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen seines Freundes, und zum
+ersten Male begriff er ganz und gar dessen gigantische Größe, die
+fabelhaften Vorteile, die diese Erfindung der deutschen Nation sicherte.
+
+Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem Apparat:
+
+»Ihr werdet euch täuschen! Von mir werdet ihr nichts erfahren! Ich werde
+weder an Miß Happy Head-Divina denken, noch daran, daß sich der Vertrag in
+ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines
+Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr werdet euch täuschen! Ich
+habe weder an Miß Happy, noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht,
+und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!«
+
+»Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten!« sagte Romulus Futurus
+lächelnd, drückte auf eine elektrische Klingel und setzte sich wieder mit
+der Polizeizentrale in Verbindung.
+
+»Die Schauspielerin Miß Happy Head-Divina ist zu verhaften!« befahl er.
+Gleichzeitig gab er Auftrag, daß ein hoher Polizeibeamter sich in die
+Wohnung der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument in Besitz zu
+nehmen und es John Crofton zurückzugeben. Inzwischen war Frau Fabia,
+erschreckt durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer der
+Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig einen Blick auf die vielen
+Photographien, die in kurzer Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren.
+Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen
+Entsetzensschrei aus.
+
+»Er ist es!« rief sie. »Er ist ein Verbrecher! Er hat mich getötet!« Dann
+sank sie in Ohnmacht.
+
+John Crofton und Romulus Futurus sahen sich entsetzt an.
+
+»Was bedeutet das?« fragte John Crofton.
+
+»Wir werden es wohl bald erfahren,« sagte Romulus Futurus nachdenklich.
+
+
+
+
+VI.
+
+
+Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer solchen Heftigkeit
+eingesetzt, daß die Regierung wie von einem Lavastrom hinweggefegt wurde,
+der sich plötzlich über alles Leben ergießt, alles verschlingt und jeden
+Widerstand verbrennt, zermalmt.
+
+In den Straßen tobte ein wahnwitziger Kampf. Es war keine Schlacht mehr, es
+war ein Schlachten. Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit
+seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen, die Berlin seit
+seinem Bestehen noch nicht gesehen hatte.
+
+Die erste Heldentat der Aufständischen, die in großen Scharen die Straßen
+durchzogen und mit den Truppen der Regierung auf allen Plätzen ins Gefecht
+kamen, bestand in der Erstürmung des großen Untersuchungsgefängnisses am
+Spittelmarkt.
+
+Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergoß sich die Flut der Revolutionäre
+in die dunklen, finsteren Gänge; da und dort lag die Leiche eines
+ermordeten Aufsehers. Einige Minuten später aber strömte die Schar der
+Eingekerkerten hinaus, die Brüder umarmend, die ihnen, den Verbrechern, die
+Freiheit wiedergegeben hatten.
+
+Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem er dem Führer des Trupps
+die Hand gedrückt, eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das
+Gemach der kranken Fürstin Angelika und nahm dort seinen Platz als Arzt und
+Wächter wieder ein.
+
+Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten Festung. Die Straßen waren
+röter noch von Blut, als von dem Lichte des Kometen. Die Bürger hatten ihre
+Häuser versperrt, aber die Aufständischen schlugen die Türen mit Aexten
+ein, zerrten die Frauen auf die Straßen, warfen die Kinder in die
+aufgepflanzten Bajonette und mordeten die Männer.
+
+Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils unter die Fahnen der
+Regierung, teils unter das Banner des Aufstandes geeilt waren, kämpften mit
+einer Erbitterung, die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstraße zogen
+etwa dreitausend Revolutionäre unter der Führung Peter Cornelius, des
+Studenten.
+
+Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen, die bestimmt wußten, daß
+die Natur sich ändert, wenn man Blut vergießt, daß die ganze Welt sich in
+ihrem Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird, wenn man die
+Reichen beseitigt und an Stelle derer, die bisher regiert haben, andere
+setzt. -- --
+
+In den Augen des Peter Cornelius glühte ein verhängnisvoller Wahnsinn.
+Trunken von einem Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das
+Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten des roten Kometen
+hervorgerufen war, schwankten seine Genossen durch die Straßen, mordeten,
+schändeten, begingen Exzesse der Tollheit und riefen die Freiheit aus.
+
+Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten. Diese waren bedeutend in
+der Ueberzahl, und die Revolutionäre verlangten von ihrem Führer, daß er
+sie zurückführe, denn ein Kampf mußte zu Ungunsten der Revolutionäre enden,
+da die Bewaffnung des Militärs eine weitaus bessere war.
+
+Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten in der Mitte mit sich
+führten, stand mit gefesselten Händen ein Weib.
+
+Ihre Arme lagen auf dem Rücken; das schwere goldene Haar hatte sich gelöst
+und floß in langen Wellen über ihre Schultern, von denen das weißseidene
+Kleid teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glühten wie Purpur, und
+ein höhnisches Lächeln leuchtete aus ihren Augen.
+
+Als die Soldaten und die Revolutionäre einander so nahe gekommen waren, daß
+sie sich verständigen konnten, blieb Peter Cornelius plötzlich wie
+angewurzelt stehen.
+
+Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nämlich der Sieg der Revolutionäre
+lange nicht entschieden und man war bemüht, die Verbrecher, deren man
+habhaft werden konnte, unter starker Militäreskorte wieder in das Gefängnis
+zurückzuführen.
+
+»Happy Divina!« murmelte der Student, zu den Waffen greifend.
+
+Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und während die beiden feindlichen
+Trupps einander zornglühend gegenüberstanden, während das Entbrennen des
+Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing, rief Happy Divina:
+
+»Ei, sieh an! Peter Cornelius, der Held! Habt Ihr Euch endlich aufgerafft?
+Habt Ihr diese Barbaren niedergeworfen? Da seht her, was sie mit mir
+gemacht haben!«
+
+Und sie, die Tausende und Abertausende von Menschen durch ihre Stimme in
+einen Rausch der Begeisterung versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom
+Rücken ab, und man sah die weißen, leuchtenden Hände zwischen dicken
+Stricken.
+
+Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger Wut gegen die,
+welche dieses schöne Weib brutal ins Gefängnis führen wollten. Liebte er
+doch Happy Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie hätte Peter Cornelius
+es jemals wagen dürfen, sich der Sängerin, die von den höchsten
+Würdenträgern das Reiches verehrt wurde, zu nähern? Er, der arme Student,
+der seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag!
+
+Die stolze Sängerin, die gefeiert wurde gleich einer Königin, würde nicht
+wenig gelacht haben über den armen Studiosus, hätte er ihr seine Liebe
+erklärt. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte,
+jetzt war alles anders geworden! Die Ersten waren die Letzten und die
+Letzten waren die Ersten geworden! Hier stand Peter Cornelius an der Spitze
+seiner todesmutigen Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze zu
+schlagen.
+
+Und plötzlich war für Peter Cornelius die Devise gegeben:
+
+Die Freiheit, für die er sein Leben aufs Spiel setzte und hundert andere
+nach sich zog, erschien ihm leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin,
+die seit langer Zeit im Dienste auswärtiger Staaten als Spionin stand, da
+ihre großen Einnahmen nicht hinreichten, ihr wahnsinniges Bedürfnis nach
+Luxus und Reichtum zu befriedigen.
+
+Peter Cornelius entriß dem Arbeiter, der neben ihm ging, die Fahne und
+stürzte sich mit dem Rufe:
+
+»Für Happy Divina und die Freiheit!« mitten in die feindlichen Soldaten.
+Von Begeisterung trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem einzigen
+Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine Bresche in die Reihen der Soldaten
+geschlagen und waren bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene
+gefesselt stand.
+
+Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Säbel nicht weniger als vier
+Soldaten nacheinander nieder, zerriß die Fesseln, welche die schönen Hände
+der göttlichen Sängerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen und schleppte
+sie, ihren Leib mit dem linken Arme umfassend, mit dem rechten kämpfend,
+aus der Reihe der Soldaten . . .
+
+Die waren zuerst unter dem wütenden Anprall der Revolutionäre
+zurückgewichen. Dann aber hatten sie sich rasch gesammelt, und während die
+vordersten sich niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde
+abgaben, öffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte ihrer Reihen; Geschütze
+wurden aufgefahren, deren erste Schüsse allein etwa fünfzig der Feinde
+niederrissen.
+
+So groß zuerst der Todesmut der Revolutionäre gewesen war, ebenso groß war
+die Panik, die diese führerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot
+Bleikugeln erhielten. Während jeder Führer der Revolutionäre seine eigenen
+Zwecke verfolgte, der eine Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der
+vierte persönliche Interessen, während der fünfte hoffte, durch den
+Aufstand Gold zu sammeln, und während der sechste einer Verbrecherin wegen
+dreitausend Menschen in den Tod führte, dachte die große Masse nur an das
+eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte: »Brot!«
+
+Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der Soldaten zurück, wurden
+zersprengt, niedergeschossen, zertreten, dezimiert, und höchstens
+dreihundert waren es, die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken Arm
+immer noch gleich einer weißen Fahne den schlanken Leib der Sängerin trug.
+
+Die Straße war von Soldaten abgesperrt. Aber sie fanden einen neuen Ausweg,
+über den sie auf vielen Umwegen in die Potsdamerstraße gelangten.
+
+Dort hatten die Revolutionäre Barrikaden gebaut, und ein furchtbarer Kampf
+um die Oberherrschaft in Berlin war entbrannt.
+
+Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot geworden wie Burgunder. Die
+Nacht war erfüllt von einer unerträglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde
+zunahm und den Wahnsinn der Menschen erhöhte.
+
+Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen Steinhaufen gezogen. Da
+augenblickliche Ruhe eingetreten war, fand er Zeit, sich mit ihr zu
+verständigen.
+
+Sie sah ihn lächelnd an, ihre Lippen schimmerten wie Blut. Sie reichte dem
+Studenten die Hand und sagte:
+
+»Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich meinetwegen solchen Gefahren
+aussetzten!«
+
+Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen und hielt ihre Finger
+umschlossen.
+
+»Wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meine Wohnung zu bringen?« flüsterte
+sie.
+
+Er schüttelte den Kopf.
+
+»Das ist unmöglich, Miß Head-Divina! Das ist ganz unmöglich! Sie müssen
+hier bleiben und jetzt mit uns für die Freiheit und für eine goldene
+Zukunft kämpfen!«
+
+Die Sängerin schnitt eine Grimasse.
+
+»Was soll ich tun? Sie werden doch nicht denken, daß ich einen von euren
+schmutzigen Säbeln angreife oder gar ein Gewehr abschieße? Warum denn?
+Wegen eurer Dummheiten?«
+
+Cornelius sah sie mit großen, flammenden Augen an.
+
+»Unsere Dummheit hat Sie gerettet!« sagte er zornig. Sie zuckte die
+Achseln, lächelte und entgegnete:
+
+»Sie irren, Peter Cornelius! Ihre Sinnlichkeit war es, die Sie Ihr Leben in
+die Schanze schlagen ließ!«
+
+»Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit!« schrie er, trunken vor Wut und vor
+Leidenschaft. »Ich liebe Sie! Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib
+geliebt wurde, und ich verlange, daß Sie mein werden!«
+
+Dabei schlang er seine Arme um ihre weiße, feine Gestalt und versuchte,
+seine Lippen auf die ihrigen zu pressen.
+
+Happy Head-Divina empfand einen furchtbaren Ekel. Sie stemmte die beiden
+kleinen Fäuste gegen die Brust des Studenten und stieß ihn zurück.
+
+»Sind Sie wahnsinnig? Ich mag Sie nicht! Ich hasse Sie!«
+
+Peter Cornelius taumelte zurück, während um ihn und die Sängerin wieder die
+ersten Flintenschüsse krachten.
+
+»Sie lieben mich nicht? Sie hassen mich? Aber ich liebe Sie! Und eher werde
+ich Sie töten, ehe ich erlaube, daß Sie einem andern angehören!«
+
+»Sie sind ein Narr!« entgegnete die Sängerin nun ernstlich böse, indem sie
+sich mit unruhigen Augen umsah; denn eben stürzte neben ihr ein
+Revolutionär zu Tode getroffen nieder und krampfte die Hände im letzten
+Todeszucken.
+
+»Sie sind ein Narr, Peter Cornelius! Führen Sie mich sofort hinweg!«
+
+Er lachte
+
+»Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas retten kann, so ist es nur
+meine Liebe!«
+
+Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und schoß mit dem rechten das
+Gewehr auf einen Soldaten ab, dessen Helm über der Spitze der Barrikade
+sichtbar wurde.
+
+Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des Studenten, riß sich los
+und kletterte mit außerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit über die
+Trümmer der Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen und
+dort Hilfe zu suchen.
+
+Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine Augen waren
+blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand Schaum.
+
+Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg erreicht hatte, als sie gerade
+die Arme ausbreitete, um zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein
+Gewehr an die Wange und schoß sie durch dem Rücken.
+
+Sie warf die Arme in die Luft, und während über ihre Lippen und über das
+Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts hinab und blieb verblutend liegen
+. . . .
+
+Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den Kampf und focht so
+lange, bis er, von Stichen und Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten
+Steine sank, die von der Barrikade übrig blieben, indes die Soldaten die
+Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und wütete in allen Straßen und
+überall der Kampf. Immer unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über
+Berlin verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und dort ein
+verzweifelter Mund ausschrie:
+
+»Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen! Die Welt geht unter!«
+
+Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende Kampf begonnen
+hatte, wurde er beendet. Die Panik, die der rote Komet plötzlich
+hervorrief, in dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte,
+versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft hatten, wie die Tiere.
+
+Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder, hohe Staatsbeamte und
+Arbeiter, kurzum alles, was in Berlin lebte, wälzte sich als ein großer,
+dunkler Haufen der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, von dem man
+halb drohend, halb bittend Rettung vor dem roten Kometen forderte.
+
+Romulus Futurus stand auf seinem Turm und beobachtete das Herannahen des
+verhängnisvoll Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der Sternwarte
+näherten, er wußte, was sie forderten und verlangten, aber er beachtete sie
+kaum.
+
+»Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis der Zusammenstoß erfolgt!«
+sagte er zu sich selbst. »Noch ist es nicht sicher, ob überhaupt die
+Katastrophe hereinbricht; denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet
+augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit der
+Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen. Vielleicht ist die Anziehungskraft
+der Erde nicht stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber!«
+
+Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet unmöglich die Kraft einer
+Sonne haben könnte, denn sonst wäre längst die ganze Erde geborsten.
+
+Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete, stand gleichwohl
+nicht im Verhältnis zu der Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete
+weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich auf ihm
+ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien umgeben zu sein von einem
+Riesengürtel von Elektrizität, die diese furchtbare Hitze und das rote
+Purpurlicht hervorrief.
+
+»Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen Lichtstrahlen am schwächsten
+gebrochen werden,« sagte er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend
+und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald auf die Straßen
+hinabsah, die von dem Lärm und von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren.
+
+»Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen verursachen, ist größer als
+die aller übrigen Strahlen; die Anzahl der Schwingungen, welche sie in
+einer Sekunde vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert
+Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive Kraft gerade der roten
+Farbe erklärt. Ich glaube, daß das Purpurlicht durch Elektrizität
+hervorgerufen wird, die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls eine
+ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem Polarlicht, das in der Höhe
+nach Breiten abfließt, um sich schließlich allmählich dort auszugleichen,
+wo die Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir in tieferen
+Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen dort nicht als Licht,
+sondern als Gewitter.
+
+Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert, in seiner Kraft, dazu
+weit intensiver leuchtend durch den elektrischen Strom, welcher rund um den
+Kometen herumläuft, und du hast eine sichere Erklärung für das rote Licht
+dieses Sternes.«
+
+Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen durch die Volksmenge
+unterbrochen, die stürmisch Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm
+verlangte.
+
+Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun, um Berlin vor dem
+Untergange zu retten.
+
+Und er gab einen seltsamen Befehl. --
+
+In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle die vornehmen Gebäude lagen,
+drängte sich das Volk zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus
+Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an Gummi und ähnlichen Stoffen
+besaß. Aus diesen Materialien wurden Schutzwände gebildet, an denen die
+elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote Lichtflut dem Auge
+zeigten, abprallen sollten.
+
+In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des Lichtes da sofort aufhörte, wo
+die Menschen sich hinter solchen Gummiwänden verbargen, denn die
+Elektrizität prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab.
+
+Was aber halfen diese Maßregeln, die den Anstrengungen eines Ameisenhaufens
+gegen einen Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, die jetzt
+folgten!
+
+Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde heran, und jede Stunde,
+jeden Augenblick erwartete man den Zusammenprall.
+
+Mit dem herannahenden Untergang der Welt zeigten die Menschen sich
+plötzlich so wie sie waren. Die einen, die bisher unter der Maske der
+Tapferkeit paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere, die nie aus dem
+Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten waren, verrichteten Wunder des
+Mutes und der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär, die
+Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, die höchsten
+Staatsbeamten und die niedersten Bewohner Berlins schafften fieberhaft an
+der Gummimauer, welche sie vor dem letzten Untergang retten sollte. Aber
+die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen sich gleichfalls als vollständig
+unzulänglich, denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften Hitze, die
+von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht hatte sich zum Tage gewandelt und der
+ganze westliche Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. Myriaden
+von den verschiedensten Farbentönen, angefangen vom blassesten Rosa bis
+hinauf zum tiefsten Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten sie
+zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und das ganze Firmament war ein
+einziges Chaos von Blut und Flammen.
+
+Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, war unbeschreiblich.
+Hunderte und Tausende flüchteten sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten
+war besetzt von Verzweifelten. In der französischen Kirche am
+Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. Hunderte wieder wurden in ihrer
+Angst auf die Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder Hilfe bei den
+Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und dem alten Sophienkirchhof drängten
+sich die von wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen Gottesacker,
+der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die wenigsten fanden den Mut, in den
+großen Bauten, die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht zu suchen.
+Und doch war es das klügste, und die, welche im königlichen Schauspielhaus
+Zuflucht gesucht hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen halbwegs
+geschützt gegen die höllische Hitze, die in den Straßen brütete. Viele
+stürzten in die Keller, um dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die
+meisten aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser und tobten
+durch die Straßen.
+
+Plötzlich schrie die Menge auf.
+
+Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden umlagert war, stieg
+plötzlich eine Feuersäule kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie
+war von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot auf dem Dache. Zu
+gleicher Zeit stürzten mehrere Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im
+ersten Moment hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich aber die
+Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure sofort Bescheid.
+
+Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein zweites fuhr der Strahl und
+tötete beinahe alle Bewohner, während zu gleicher Zeit die Flammen aus den
+Fenstern schlugen.
+
+Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, die den elektrischen
+Blitz angezogen hatte. Die Helme der Soldaten boten gleichfalls für die
+elektrischen Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen
+Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die Kopfbedeckungen abriß und von
+sich warf, die Gewehre und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte.
+
+Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr. Nicht weniger als zehn
+Häuser brannten im Zentrum der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten,
+und alle anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für den Augenblick
+die furchtbare Situation zu vergessen.
+
+Alles ging in Flammen auf, was von einem der elektrischen Funken ergriffen
+wurde, die wie Glühwürmer die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten.
+
+Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem Rot, daß man im ersten
+Augenblick glaubte, dort stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah
+nicht anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, in Blut getaucht,
+oder als schwimme sie in einem Meer von Glut.
+
+Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen laut schreiend auf die
+Straße hinaus, während die Fenster barsten und die großen Auslagen der
+Läden splitternd und krachend zusammenfielen.
+
+Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, stiegen zu dem roten Kometen
+empor. Furchtbare Flüche wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne
+ausgestoßen, die drohend und schrecklich über der Erde stand.
+
+Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben Hunderte von Menschen
+unter sich, denn zu damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach
+amerikanischer Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken
+ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste, die sich unter der
+Glut, die auf den Häusern lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude
+selbst in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie Weidenruten.
+
+Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem Wehgeschrei, Klagen und
+Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete stöhnten und wimmerten, und die jeder
+Vernunft baren Menschenströme wälzten sich über Tote und Verwundete hinweg,
+zerstampften sie, zertraten sie, flüchteten hierhin, dorthin, und konnten
+doch dem Verderben nicht entrinnen, das von dem Kometen auf die Erde
+niederkam.
+
+Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn hinein drang das
+Geschmetter der Militärmusik; die Soldaten wurden durch die eiserne
+Disziplin ihrer Offiziere zusammengehalten und versuchten, so gut es ging,
+die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen die Signale der
+Feuerwehr, die mit verzweifelter Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu
+verhüten.
+
+Eine dicke Ruß- und Rauchwolke lagerte sich über die Stadt. In manchen
+Straßen war es so arg, daß die Menschen nicht mehr atmen konnten und
+Hunderte erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden.
+
+Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; die Atmosphäre erhitzte sich
+immer mehr und mehr. Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn
+die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und brennende Kähne trugen die
+Flammen den Fluß entlang.
+
+Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. Die Straßen waren gefüllt mit
+Toten, die regungslos auf dem erhitzten Pflaster lagen.
+
+Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich ein fürchterlicher Sturm.
+Rot und bläulich gefärbte Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am
+Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer dicken, schwarzen Masse,
+durch die, kaum sichtbar, noch der rote Komet hindurchschimmerte. Die
+Spreewasser wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, Tosen und
+Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel schienen sich auf die Stadt
+herabzusenken, ein roter, glühender Schleier, der die Lungen versengte und
+das Atmen immer schwerer machte.
+
+General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant von Berlin war, ließ alle
+schweren Geschütze zusammenfahren und eröffnete eine furchtbare Kanonade
+gegen den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten Kometen. Er gab sich
+der vagen Hoffnung hin, durch den großen Luftdruck der Geschosse die
+Atmosphäre zu säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl auch
+kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen und jene Panik, die
+die klügsten Köpfe völlig besinnungslos machte.
+
+Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte nur das Grauen, ohne die
+Kraft der Elemente eindämmen zu können. Die Menschen, die nicht sofort die
+Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen Getöses kannten,
+glaubten, ein Erdbeben sei gekommen und versuchten nun, aus den Straßen
+hinauszuflüchten, sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder,
+zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein blutiges,
+schreckliches Chaos.
+
+Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen fielen die Häuser zusammen.
+Ganze Stockwerke, von der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die
+unteren herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die entsetzten
+Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten.
+
+Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden Stimmen der Hoffnung laut,
+als die Unglücklichen erkannten, daß die Tropfen, die zischend auf das
+heiße Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich
+Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde niedersandten. Durch die
+Wolke von Rauch hindurch sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten
+die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit verglasten Augen, von
+Fieber und Todesangst geschüttelt.
+
+Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus Futurus, seine Gattin Fabia
+und sein Freund John Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr
+zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen Equipagen lagen
+zertrümmert und verbrannt in den Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst
+versucht hatten, das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren auch
+zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. Die Glut hatte die
+Gashüllen gesprengt und in Flammen gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren
+zerbrochen wie Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie
+Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende Klumpen, von denen
+sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber ablösten.
+
+Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort, wo in früheren Jahren das
+Kultusministerium gestanden, erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles
+Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren bis dahin entgangen
+war. Die großen Tektonwände, in die es eingefaßt war, hatten den
+umherfliegenden Feuerfunken widerstanden.
+
+Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts deutete darauf hin, daß die
+Bewohner von dem gleichen panischen Schrecken ergriffen worden waren wie
+alle anderen Menschen.
+
+Oder stand das Haus leer?
+
+Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in den Straßen und der
+grenzenlosen Katastrophe bis jetzt mit größtem Seelengleichmut begegnet
+war, während John Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren Romulus
+Futurus herwankte, wurde plötzlich von einer seltsamen Unruhe ergriffen,
+als sie dieses Haus erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie
+gekommen war.
+
+Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Gatten und stieß hastig
+hervor:
+
+»Was ist das, Romulus? Was ist das für ein Haus?«
+
+Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude gleiten.
+
+»Es ist der Palast der Fürstin Angelika,« erwiderte er gleichmütig und
+wollte seinen Weg fortsetzen. Aber Frau Fabia hielt ihn zurück.
+
+»Angelika« murmelte sie, »Angelika . . . Der Name ist mir so bekannt.«
+
+»Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt, als wir mit Doktor Diabel
+und den andern in seinem Hause soupierten.«
+
+Sie schüttelte den Kopf.
+
+»Davon weiß ich nichts!«
+
+Romulus Futurus machte eine Handbewegung.
+
+»Verzeih', ich vergaß, daß dir die Erinnerung an alles, was in der
+Vergangenheit liegt, geschwunden ist.«
+
+Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig fremden Menschen, denn
+er liebte Frau Fabia schon lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas
+anderes, auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht nennen konnte,
+das ihm nur vorschwebte, auf die schemenhafte Erscheinung, die er unter
+seinem Bilde kennen gelernt und die nun doch -- das stand außer Zweifel --
+im Körper seiner Gattin Fabia wohnte.
+
+Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen.
+
+»Es kommt mir so seltsam bekannt vor,« flüsterte sie unaufhörlich, während
+ihr Blick einen eigentümlichen Schimmer annahm. »Aber das ist ja mein Haus!
+Das ist ja mein Palais!« rief sie plötzlich, sich an Romulus Futurus
+klammernd. Im nächsten Moment stieß sie einen gellenden Schrei aus, sank in
+die Arme ihres Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie im Frost
+aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des ersten Stockes empor.
+
+Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton waren ihr mit den Augen
+gefolgt.
+
+Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend herab. Sein Gesicht hatte
+wahrhaftig die Fratze eines Teufels angenommen.
+
+Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den Stunden so geändert, daß
+John Crofton längst nicht mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus
+wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn es war ja bekannt,
+daß die Revolutionäre alle Gefängnisse gestürmt hatten.
+
+Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien es doch jedem, als ob
+Jahre, dazwischen liegen müßten. So furchtbar waren die letzten Erlebnisse.
+
+Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft. Der Himmel
+glühte, ein Regen von feurigem Dampf und siedendem Wasser spritzte vom
+Firmament auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich geschwängert
+von Glut.
+
+Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße zu halten, und Romulus
+Futurus, seine Gattin Fabia und John Crofton flüchteten sich in den Palast
+der Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem Glutregen zu
+entkommen.
+
+Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin Angelika mit Sauerstoff.
+Romulus Futurus und John Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber
+Frau Fabia drängte auf die Treppe zu.
+
+»Was willst du?« fragte ihr Gatte zornig. »Sollen wir uns aus dem Hause
+weisen lassen? Willst du die Fürstin beleidigen?«
+
+Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren zu haben.
+
+»Von welcher Fürstin sprichst du?« fragte sie mit irren, lohenden Blicken.
+
+»Von der Fürstin Angelika.«
+
+»Die Fürstin Angelika bin ich selbst!«
+
+Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. John Crofton, der Frau
+Fabia immer noch mit gleicher Glut liebte, dachte nicht anders, als sie
+habe über all diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts
+Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von Irrsinnigen durch die
+Straßen hetzten. Romulus Futurus aber öffnete plötzlich weit die Augen und
+sah seine Gattin mit einem seltsamen Blick an.
+
+»Wenn das möglich wäre --« murmelte er; und um John Crofton eine Erklärung
+zu geben, sagte er, von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch
+auf seinen Wangen glühte: »Gehe voraus, Fabia!«
+
+Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau Fabia bereits den Fuß auf
+die Treppe gesetzt und eilte nun mit leichten Schritten über die
+teppichbelegten Stufen empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die
+Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie jenen Schrei hören, den
+Romulus Futurus und John Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie
+lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte beide Arme halb
+abwehrend, halb beschwörend von sich und regte sich nicht; nur in den
+großen Augen lag ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . .
+
+Inzwischen waren Romulus Futurus und John Crofton ihr gefolgt. Der erste
+Mensch, den sie erblickten, war Doktor Diabel, der sich am Fenster
+umgewandt hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen entgegensah, während
+Blitze aus seinen Augen schossen.
+
+»Was wollen Sie hier?« schrie er. »Wie können Sie es wagen, in dieses Haus
+einzudringen? Ich verlange Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer
+schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!«
+
+Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, daß sie eine einzige
+dunkle Linie über den Augen bildeten.
+
+»Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln geben,« entgegnete er.
+»Noch bin ich Kultusminister und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch
+steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Fürstin Angelika scheint mir
+jedenfalls am schlechtesten aufgehoben zu sein unter Ihrer Pflege.«
+
+Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen und hob den Arm, als wolle
+er sich an ihm vergreifen. Der aber packte die erhobene Hand und preßte sie
+mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein leises Stöhnen entfloh.
+
+Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein
+großes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber.
+Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die
+Fenster hereinflutete, in den Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da
+ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige
+Farbe des Himmels hatte.
+
+Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine abgezehrte, bleiche
+Gestalt. Man sah, daß sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die
+Fürstin Angelika seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, aus dem
+sie nicht ein einziges Mal erwacht war.
+
+Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken
+vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin
+Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie
+lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysteriöse
+Krankheit hatte ihre Schönheit trotz allem nicht töten können. Im
+Gegenteil: dieser Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er
+glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und
+Körper gibt, so hätte man in diesem Augenblick sicher beide nicht
+unterscheiden können, denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein
+überirdisches Wesen.
+
+Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum
+mit den Augen die Gestalt dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen
+Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und die
+Nägel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so
+bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die
+Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Fürstin
+Angelika.
+
+»Sie ist es, sie ist es!« stieß der Gelehrte endlich zwischen den Zähnen
+hervor. »Allmächtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist
+das Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!«
+
+Und wie ein gefällter Baum stürzte er an dem Bett der Fürstin Angelika
+nieder, umschlang den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem
+Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Küssen.
+
+Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst
+war so verblüfft, daß er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während
+Frau Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor Diabel
+ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von
+Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte
+hinüberflattern ließ.
+
+Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff
+außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton.
+
+Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin
+Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften
+Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten
+hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und
+dieselbe Person halten mußte.
+
+Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich lösen sollte, bis
+Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Körper der Fürstin zum
+Leben zu erwecken, plötzlich aufsprang.
+
+»Sie ist kalt, eiskalt!« schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der
+es nicht glauben wollte, stürzte herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme,
+ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf die
+anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst merkwürdig war.
+
+Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er
+seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer
+Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreßter
+Stimme sagte er:
+
+»Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst erwachen! Du mußt
+erwachen!«
+
+Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, während seine Augen
+irr an der Leblosen hingen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, fiel, von
+der übermenschlichen Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie:
+
+»Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr in den Körper zurück!«
+
+Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb
+vornübergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt
+näherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an der Brust,
+schleuderte ihn hin und her und schrie:
+
+»Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! -- --
+
+Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen magnetischen Schlaf
+versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal,
+gestehe! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!«
+
+Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine überlegene Ruhe
+verloren hatte, gewährte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten,
+kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfüllten,
+sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und
+schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er:
+
+»Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich
+habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu
+wissen, und nun -- nun ist es zu spät -- ich habe den rechten Augenblick
+versäumt -- sie ist tot, tot!«
+
+Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß sein Kopf hin und her gegen
+die Wand schlug.
+
+»Warum?« schrie er mit furchtbarer Stimme, während der Wahnsinn aus seinen
+eigenen Augen brach, »warum?«
+
+»Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr Herz einem anderen
+gehörte, an den sie immerfort dächte, daß sie nur einen lieben könne, nur
+einen . . .«
+
+»Wen? Wen? Sprich!«
+
+»Sie sprach von Romulus Futurus,« ächzte Doktor Diabel.
+
+Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar
+anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein
+Freund irrsinnig geworden war.
+
+»Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? Crofton? Begreifst du
+alles? Dieser Schurke hat die Fürstin in einen magnetischen Schlaf
+versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den sie
+liebte, während der Körper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre
+Seele habe ich gesehen, und so habe ich mich in sie verliebt! Ich kann
+nicht mehr leben ohne sie!«
+
+Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper versperrte er den Ausgang.
+Dann riß er den Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie in
+die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem Körper auf den Teppich
+niederfloß, und rief:
+
+»Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe dich ja! Ich liebe dich
+bis zum Wahnsinn!«
+
+Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele
+gezögert, wieder in den Körper zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin
+entschlafen war, da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte
+und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel
+nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt.
+
+Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die Kissen zurückgleiten,
+stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erfülltes Auge auf
+Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all
+diesen Vorgängen gelauscht hatte.
+
+»Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?« murmelte er, während die
+Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, während das
+Todesgeschrei der Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, Flüche
+und Verwünschungen durch die Luft hallten.
+
+»Was zögere ich noch? Du -- du,« er wandte sich an Frau Fabia, -- »du bist
+es und bist es nicht! In deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum
+kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!« -- -- --
+
+Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken Fäusten Frau Fabia,
+die leise, verzweifelte Angstrufe hören ließ, schleifte sie zu sich hin und
+schrie:
+
+»Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika soll leben! Ich will
+es! Hörst du?«
+
+Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die
+sich in dem Zimmer befanden, ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich
+von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie:
+
+»Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper Angelikas zurückkehren
+kann!«
+
+Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drückte,
+in die Knie. Er hätte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben,
+geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszuführen.
+
+Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem
+Befehl folgte, riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der
+Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, daß der
+Kopf des Arztes zerschellte.
+
+John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte
+vergeblich, die Tür frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht
+erkannt und füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Körper aus.
+
+»Habe ich nicht recht, John?« rief er mit schauerlichem Lachen. »Habe ich
+nicht recht? Endlich, endlich bin ich am Ziele.«
+
+Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglückliche, die vor
+Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und preßte mit
+seinen Fingern ihren Hals zusammen.
+
+Das war zu viel für John Crofton, in dem längst aller Haß gegen Frau Fabia
+gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das
+konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus
+Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf den Freund, entriß ihm die
+Ohnmächtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht.
+
+Aber stärkere Männer als John Crofton hätten diesen Rasenden nicht mehr
+bändigen können. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn
+von neuem, und zwischen den beiden Männern entspann sich ein Ringen auf
+Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer
+erfüllte, der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus den Gegner
+endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glückte, das Messer aus der
+Tasche zu ziehen.
+
+Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften in die Brust, bis dieser
+die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut.
+
+Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau
+Fabia und tötete sie mit eigener Hand.
+
+So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit
+lallender Stimme, daß die Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre.
+
+Aber diesmal glückte das Experiment nicht.
+
+Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus
+nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten
+Körper übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt
+worden war.
+
+Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten
+Schultern zwischen vier Leichnamen. Inzwischen brütete draußen auf den
+Straßen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten über
+den einstürzenden Häusern, die Luft war erfüllt von dem Todesgeschrei
+Tausender von Menschen, bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da
+ließ die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler in den
+Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die,
+welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren,
+erkannten, daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn und der Erde nicht
+erfolgt war.
+
+Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, vielleicht nur durch einige
+Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er
+seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum.
+
+Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorüber war, da die
+Hitze nachließ und die zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst
+besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewußt, und
+erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur.
+
+Der rote Komet war erloschen für immer. Die Menschen machten sich daran,
+die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen.
+
+Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straßen, sammelten die
+Leichen, packten sie in Särge und Tücher und beerdigten sie. Man drang in
+die Häuser, rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte die
+Gebäude von Leichen.
+
+Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der
+Arbeit hämmerte wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten und
+Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika ein und fanden die Opfer
+der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte.
+
+Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer
+traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: »Seht ihr die kleine rote
+Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und flackert? Seht ihr sie?«
+
+Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine,
+purpurrote Flämmchen, das gerade über ihm stand, und er wußte, daß das die
+Seele der Fürstin Angelika war. -- Die andern aber sahen es nicht. Sie
+führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen und brachten ihn in
+eine kleine, einsame Zelle. Dort brütete der ehemalige berühmte Astronom
+mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und
+versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand sah außer ihm,
+einzufangen . . .
+
+Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und
+schluchzte und tobte, bis die Wärter kamen und ihn in Fesseln legten.
+
+»Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen,« meinte der
+Oberarzt der Irrenanstalt. »Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund
+werden.«
+
+So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen später
+trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen
+Erscheinen er als Erster verkündet hatte. --
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET ***
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+
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+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
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+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
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+Literary Archive Foundation
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+increasing the number of public domain and licensed works that can be
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+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
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+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
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+approach us with offers to donate.
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+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
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+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
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+works.
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
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