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Band 2 + +Author: Robert Heymann + +Release Date: November 12, 2011 [EBook #37991] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Wunder der Zukunft +Romane aus dem dritten Jahrtausend +Band 2 + + +Der rote Komet + +von + +Robert Heymann + + + + + + +Leipzig--Berlin + +Julius Püttmann + +1909 + + + +Uebersetzungsrecht für alle Sprachen vorbehalten. + +Copyright 1909 by Julius Püttmann, Leipzig + + + + +Band 2. +Der rote Komet. + + + + + + + + +I. + + +»Siehst du die purpurne Röte, die in gerader Linie sich herab auf die Erde +senkt?« fragte Romulus Futurus in größter Aufregung seinen Freund John +Crofton, den berühmten Berichterstatter des »New York Herald« in Berlin. +»Bist du nun überzeugt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe? Noch kannst +du den roten Kometen nicht erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn +mit bloßem Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, daß meine Diagnose +richtig war?« + +John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit echt +amerikanischem Typus, beugte sich schweigend nieder und sah durch eines der +großen Riesenferngläser hinauf zum Horizont. Es war abends um 9 Uhr am 10. +Oktober des Jahres 2439. + +»Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des »Steinbocks«, des +»Wassermanns«, der »Fische«, des »Widders«, des »Stieres« und der +»Zwillinge«, fuhr der große Astronom zu sprechen fort. »Im Osten stehen +»Castor und Pollux«, die Zwillingssterne, die in letzter Zeit eine seltsame +Lichtfülle verbreiten. Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt +erblickst du die »Capella« im »Fuhrmann«. + +»Ist das jener Doppelstern, von dem der eine strahlender erscheint als der +andere?« fragte Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend. + +»Ganz recht. Schon die ältesten Astronomen schreiben der »Capella« das +Alter der Sonne zu. Diese beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um +sich umeinander zu bewegen.« + +»Wenn ich nicht irre,« meinte John Crofton, »so haben verschiedene Gelehrte +den Untergang der Welt durch einen Zusammenstoß mit der »Capella« +prophezeit?« + +Romulus Futurus lächelte. Das stand ihm wohl an; denn er war ein großer, +kräftiger Mann mit schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden +Augen. + +»Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im Laufe der letzten +Jahrzehnte fast unmerklich der Erde genähert haben, allerdings um ein +Minimum, das nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen können. Du +wirst dich erinnern, John, daß man zuerst den roten Schimmer, der seit +einiger Zeit unsere Erde erfüllt, der »Capella« zugeschrieben hat.« + +»Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe deiner neuen, fabelhaften +Erfindung, der lichtempfindlichsten photographischen Platte der Welt, dem +»Lumen«, nachwiesest, daß ein neuer Komet, vorläufig unsichtbar durch einen +dichten Nebelmantel, der Erde sich nähere. Auf diese Entdeckung hin wurde +dir ja auch der Ehrenname >Futurus< verliehen.« + +John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet, der die beiden Männer in +der Sternwarte beschäftigte, war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden. +Aber die Erde stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn sieben +Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz, der sich wie ein fabelhafter +Regenbogen scharf vom Himmel abhob und alles mit einer aufregenden +Lichtfülle übergoß. + +Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfaßt, denn niemand hatte anders +geglaubt, als daß der Weltuntergang schon hereinbreche. Das kam in der +Hauptsache wohl daher, weil man zuerst die »Capella« für den +verhängnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen berechnet hatten, +daß, wenn sie der Erde überhaupt nur so nahe kommen würde, wie die Sonne, +jedes Leben unten unmöglich werden müßte. + +»Fabelhaft! Einfach fabelhaft!« begann John Crofton plötzlich, indem er den +Blick auf einen großen photographischen Apparat heftete, der mitten in der +Sternwarte stand. »Da drinnen befindet sich also deine phänomenale +Erfindung, Romulus?« + +Der Astronom lächelte. + +»Ich habe bis jetzt nur gehört, Romulus, daß du imstande gewesen bist, den +roten Kometen zu photographieren, ehe ihn eines Menschen Auge überhaupt hat +wahrnehmen können; nicht einmal durch die größten und sichersten Fernrohre +war er zu sehen. Was ist das für ein unglaubliches Ding, das um so vieles +lichtempfindlicher ist, als das menschliche Auge?« + +»Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen möchte, wenn sie nicht mit +dem Augenblick unbrauchbar werden würde, da sie mit dem Lichte in engste +Berührung kommt,« entgegnete Romulus Futurus. »Diese photographische Platte +ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit, daß die Dinge bei der +Aufnahme sich nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten kennt +und wie das menschliche Auge sie sieht. + +Nein!« fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung fort, während seine +Augen leuchteten. »Wenn alle Sinne trügen, so spricht meine photographische +Platte die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es ist. Man +wird in unserem Jahrtausend erkennen müssen, daß fast alles anders ist, als +man bislang angenommen hat; ja ich behaupte, daß meine neueste Erfindung +die äußersten Grundsätze umstoßen wird.« + +In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das erkannte auch die deutsche +Nation, als sie ihn in Anerkennung seiner Verdienste und Fähigkeiten zum +Kultusminister machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung erfolgt! +Während man erst nur einen dichten, grauen Nebel am Himmel gesehen hatte, +war plötzlich dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche zu +Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstärkte und die Menschen in einen +wahren Sinnestaumel versetzte. Schließlich hatte Romulus Futurus der +Akademie der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen gezeigt, +desselben, den bis jetzt noch niemand hatte wahrnehmen können. + +-- Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen besessen; »Futurus« war +der Ehrenname, den ihm die Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin +verlieh. Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos, die wenigen +Gärten der Erde auszurotten und durch Denkmäler zu verunzieren, oder gar +Orden und Denkmünzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man gab dem, den man +über die anderen hervorheben wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine +Fähigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu tragen. -- + +Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten Kometen. Nicht nur +Berlin! Ganz Deutschland, ganz Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde +war verwandelt! Von alters her wußte jeder Psychiater, daß die rote Farbe +eine aufreizende Wirkung auf die Sinne besitzt. Das Leuchten des neuen +Kometen aber war so intensiv, daß sich kein Mensch auf der Erde seinem +Einfluß entziehen konnte. Es trat ein plötzlicher Umschwung in den +Charakteren ein, der kaum zu beschreiben wäre. Die Welt, die bis zu diesem +Zeitpunkte sich mehr und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters und +des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte, kehrte zu den +ursprünglichen Leidenschaften zurück. + +In den Palästen der Reichen jagten sich die Orgien. Das Verbrechen nahm in +furchtbarer Weise überhand und trat gerade da auf, wo man es bislang am +wenigsten vermutete. -- + +John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel geworfen und eine +Zigarette angezündet. Der Abend schritt vor. + +Die beiden Männer waren seit vielen Jahren Freunde, und dieses Band hatte +sich noch gefestigt durch ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war +in seiner Position das, was in früheren Zeiten die Gesandten vorstellten. +Es gab keinen diplomatischen Austausch zwischen den Ländern mehr, sondern +die regierende Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten, und +in den Händen dieser Männer lagen alle die Rechte und Befugnisse, welche +ehedem die offiziellen Gesandten inne gehabt hatten. + +»Hättest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend Gesellschaft zu leisten?« +fragte der Journalist plötzlich. + +Futurus entgegnete lachend: + +»Ich habe für heute nichts vor, John, und werde mich also freuen, mit +meiner Gemahlin zu dir zu kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung +gemacht?« + +»Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse,« entgegnete John +Crofton mit einer gewissen Verlegenheit, die seinem Freunde entging. + +Futurus fragte neuerdings: + +»Erwartest du außer uns noch weitere Gäste?« + +»Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Miß Head, die berühmte Sängerin +der großen Oper, die übrigens vor kurzer Zeit durch den Minister der +schönen Künste den Ehrennamen »Divina«, die Göttliche, erhielt; sodann +General Treufest, welcher vor einigen Monaten das Kommando der schweren +deutschen Küstenartillerie übernommen hat. In seiner Begleitung versprach +Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe, der die großen elektrischen +Kraftwerke der Nord- und Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher +Magnat des Goldes, nach neuester Schätzung der reichste, den wir überhaupt +besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen Kohlenbarone die reinsten +Waisenkinder!« + +»Sonst kommt niemand?« + +»Wenn wir Glück haben, so werden wir auch die junge Fürstin Angelika bei +mir sehen, desgleichen Dr. Diabel den Hausarzt des Regenten. Er dürfte in +Begleitung seines Famulus, des Studenten der Medizin Peter Cornelius, +erscheinen.« + +»Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden verspricht,« entgegnete +Romulus Futurus. + +John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von der Sternwarte durch einen +schier endlosen Gang, der durch die Bibliothek und die kostbare +Gemäldegalerie des berühmten Astronomen und Kultusministers führte, bis er +die Gemächer Frau Fabias, der Gattin des Romulus Futurus erreicht hatte. + +Es war kein Geheimnis in Berlin, daß der Astronom mit seiner Gattin nicht +gerade sehr gut lebte. + +»Nicht umsonst war es eine Liebesheirat«, pflegte John Crofton zu witzeln, +wenn er sich im eingeweihten Freundeskreise befand. + +Jetzt blieb er vor einem der riesengroßen Venezianer stehen, richtete seine +nach neuester Mode gefärbte Krawatte und ließ sich Frau Fabia melden. + +Durch hallende Prunkgemächer hindurch führte ihn der Diener in das große +Wohnzimmer der jungen Frau. + +Sie saß nachlässig zurückgelehnt in einem byzantinischen Sessel und +beschäftigte sich mit einer Stickerei. Um sie waren afrikanische +Sklavinnen, junge Negerinnen, welche aus den Kolonien nach Europa geschickt +worden waren, um die mangelnden Arbeitskräfte zu ersetzen. + +Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John Crofton meldete, gab aber +doch durch ein leichtes Kopfnicken ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen. + +Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er stehen, ganz und gar in den +Anblick dieser wundervollen Frau versunken. Sie war außergewöhnlich schön. +Gleich Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie groß, ein richtiges Kind +unverfälschter Rasse, mit breiten Schultern, deren vornehme Rundung durch +ihre kraftvolle Gestaltung nicht beeinträchtigt wurde. Schwarzes Haar +umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den großen, dunklen Augen, in +denen der Glanz einer fröhlichen Lebensauffassung lag. Die Miene, welche +John Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei Romulus Futurus. +Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches, sinnliches Lächeln, als er sich +Frau Fabia näherte, ihre weiße, kühle Hand an seine Lippen zog und sagte: + +»Wie befinden Sie sich, gnädigste Frau?« + +Sie entgegnete lachend, das große, schöne Auge zu dem Besucher erhebend: + +»Gut, wie immer, mein Freund.« + +Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem hätte sie gestanden, daß sie +Tage und Nächte durchweinte in der Einsamkeit; das Unglück ihrer Ehe war +nicht durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus Futurus, der +ihre Nähe mied. Sie selbst liebte ihren Gatten mit einer an Wahnsinn +grenzenden Leidenschaftlichkeit, aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun. + +John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte sehr wohl, daß sie log, und +flüsterte: + +»Die Einsamkeit macht Sie noch schöner, Frau Fabia. Unter allen Todsünden +ist wohl jene die größte, die Romulus an Ihnen begeht.« + +Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann +sagte sie, während ihre Stimme einen kühlen Klang annahm: + +»Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton, in dieser Weise von meinem +Gatten, von mir und unseren eigenen Angelegenheiten zu sprechen.« + +Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast heftig entgegnete er: + +»Doch, Frau Fabia! Ich weiß, daß Sie vorübergehend eine Neigung für mich +besaßen, daß Sie hofften, bei mir Trost zu finden!« + +Sie wurde tiefrot und entgegnete: + +»Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der ich alles tat, um meinen +Gatten zu vergessen und wo ich glaubte, eine Neigung für Sie zu empfinden. +Warum sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorüber, und ich kann +Sie versichern, Mr. Crofton, daß ich Ihre Worte und die Art, wie Sie sich +heute bei mir einführen, als Beleidigung empfinde!« + +Er entgegnete leidenschaftlich: + +»Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich für Sie empfinde, Frau Fabia, +gibt mir ein Recht, anders zu Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!« + +Sie erhob sich rasch. Er aber faßte mit beiden Händen nach ihrem weißen, +hübschen, kühlen Arm und drückte die schöne Frau mit Gewalt in ihren Sessel +zurück. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen zwischen diesen +beiden Menschen; die Beleidigung, die John Crofton der Gattin eines der +angesehensten Männer in Berlin zufügte, war unerhört. Aber alle Bande der +Sitte und jener Rücksichten, die die Menschen im eigensten Interesse zu +Gesetzen gemacht hatten, waren gerissen unter dem Einfluß des rötlich +schimmernden Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll +durchflutete. + +»Sie müssen mich erhören!« fuhr John Crofton mit einer Stimme fort, welche +die unglückliche Frau erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes +beraubte. »Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhören, Sie zu verehren, und Sie +werden mein werden, ich schwöre es Ihnen, und wenn ich Berge niederreißen +müßte, Sie zu gewinnen!« + +Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und seine Arme um den Leib der +Frau geschlungen, die die Gattin seines Freundes war, den er in diesem +Augenblick in der schmählichsten Weise betrog. Frau Fabia aber sprang auf, +riß seine Arme von ihren Hüften und schleuderte sie von sich, als seien sie +giftige Reptilien, vor denen sie sich entsetzte. + +»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das eine: Betreten Sie nie mehr +meine Gemächer ohne Begleitung meines Gatten!« + +John Crofton machte einen letzten Versuch, sich ihr zu nähern. Er stürzte +noch einmal auf sie zu, riß sie an sich, ja, er vergaß in diesem +Augenblick, was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog ihren Kopf +zurück, um seine Lippen auf die ihren zu pressen, sie aber riß sich los und +erreichte die elektrische Klingel, welche in das Dienerzimmer führte. + +Da verließ der Amerikaner das Gemach. Draußen, als der Lakai ihm den Mantel +um die Schultern hing, knirschte er mit den Zähnen. + +»Du sollst es mir büßen! Du sollst es furchtbar büßen!« + +Damit verließ er des Romulus Futurus' Haus. + + + + +II. + + +Es war eine bizarre Idee des Astronomen, daß er in den kleinen Kreis, den +er bei John Crofton traf, seinen photographischen Apparat mitnahm. +Vielleicht hatte der Journalist ihn auch darum gebeten; jedenfalls wurde +die photographische Platte, die in aller Welt bereits bekannt war, der +Beginn von Romulus Futurus Unglück und Untergang. + +Der große Gesellschaftssaal in dem Hause John Crofton war mit einer langen +Tafel versehen worden. Man hatte alle elektrischen Lichter perlöscht und +ließ nur dem purpurnen Lichte des Kometen Zutritt, das ganz Berlin erfüllte +und die Menschen in einer ewig prickelnden Aufregung hielt. + +Die kleine, gewählte Gesellschaft unterhielt sich aufs beste. Schon die +Tatsache, daß Divina, die Sängerin, in diesen vornehmen Kreis geladen +worden war, bewies, daß man im dritten Jahrtausend alle lästigen Vorurteile +der früheren Zeiten beiseite ließ. + +Das Gespräch drehte sich natürlich um den roten Kometen, der seit Monaten +alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt hatte. Zudem war +Romulus Futurus die einzige Autorität, die über den neuen Stern sachkundige +Aufklärungen geben konnte. + +»Nun, was meinen Sie, Herr Kultusminister,« sagte Miß Head-Divina, indem +sie mit einer koketten Bewegung das feingeschliffene, biegsame Sektglas an +die rotleuchtenden Lippen hob und Romulus Futurus einen ihrer zündendsten +Blicke zuwarf: »Wird der neue Komet zu uns kommen ober nicht?« + +Romulus Futurus nickte. + +»Er wird zu uns kommen, Miß Head-Divina, verlassen Sie sich darauf!« + +Sie legte den schönen Hals zurück und lachte, wurde aber plötzlich ernst +und beugte sich vor mit dunkel sprühenden Augen: + +»Ich erwarte ihn! Ich erwarte ihn voll Ungeduld! Ob Sie mir glauben oder +nicht, Herr Minister, ich vergehe förmlich vor tiefer, heißer Sehnsucht +nach diesem Stern, den man ja bald zu sehen bekommen wird! Sein Licht ruft +in mir etwas wie eine stete Raserei hervor!« + +John Crofton, der bevorzugte Günstling der schönen Amerikanerin, beugte +sich über ihre weißen Schultern und flüsterte: + +»Ich werde eifersüchtig werden, göttliche Happy, eifersüchtig auf diesen +Kometen, der dich scheinbar mehr interessiert, als meine Liebe!« + +Sie warf ihm einen lächelnden Blick zu und sah dann zu Ralph Jonathan +Wieland hinüber, dem Krösus, der mit gleichgültiger Miene sein Sektglas +hob. Und es wollte Romulus Futurus, dem Menschenkenner, scheinen, als ob in +dem nebensächlichen Blick der göttlichen Sängerin und der offen zur Schau +getragenen Gleichgültigkeit des Krösus ein geheimer Sinn läge. + +Aber der Astronom war klug genug, zu schweigen, um so mehr, als ihm die +Leidenschaft für eine Frau etwas Unverständliches war. Er hatte nie in +seinem Leben geliebt, und der Rausch, den er einstmals für seine Braut +Fabia empfunden, war eben nichts weiter gewesen als eine Aufwallung, die +sich rasch genug gelegt hatte. Das Weib erschien ihm als etwas durchaus +Minderwertiges, das kein Anrecht auf männliche Ehrerbietung besaß, und +Romulus Futurus hatte aus diesen seinen Ansichten auch niemals ein Hehl +gemacht. Sein Benehmen gegen die Frau war, wenn auch durch weltmännische +Gewandtheit verdeckt, stets von einer heimlichen Brutalität geleitet. + +»Und was wird werden, wenn der Komet auf die Erde kommt?« fragte Dr. +Diabel, indem er sein bleiches, von einem blauschwarzen Bart umrahmtes +Gesicht über den Tisch neigte und gleichzeitig die großen, glänzenden Augen +auf die Fürstin Angelika heftete, die am Ende der Tafel saß und keinen +Blick von Romulus Futurus wandte. Die junge Fürstin war das Gegenteil von +Frau Fabia. Schlank, zierlich, dabei von seltener Schönheit, glich sie +einer jener Orchideen, die in den Treibhäusern ihre schönsten Farben +entwickeln. »Was wird geschehen, wenn der Komet auf die Erde kommt?« +wiederholte Dr. Diabel seine Frage. + +Da Romulus Futurus nicht sofort antwortete, so entgegnete General Treufest: + +»Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Auf alle Fälle werden wir mit allen +Hilfsmitteln der Technik, die uns zur Verfügung stehen, versuchen, das +drohende Unheil abzuwenden. Sollte es aber etwa gar auf einen Eroberungszug +der mystischen Bewohner dieses Kometen abgesehen sein, so werden sie eine +fatale Bekanntschaft mit unseren großen Riesenkanonen machen müssen.« + +»Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, daß dieser Komet bewohnt ist!« +wandte Romulus Futurus ein. »Die Tatsache, daß er eine so phänomenale +Leuchtkraft besitzt, spricht dagegen. Dieses Purpurlicht, meine ich, ist +auch vorläufig für uns eine größere Gefahr, als der Komet selbst, denn +unsere Zeitungen bringen tagtäglich neue, fürchterliche Berichte über +Entartungen und Verbrechen, die im Zeichen des roten Kometen geschehen!« + +»Zuerst wird wohl eine Revolution ausbrechen, wie die Erde keine zweite +gesehen hat!« sagte plötzlich hastig Peter Cornelius, der junge Student, +indem er sich nervös durch das reiche, blonde Haar fuhr. »Die Völker werden +aufstehen und das Joch der Tyrannei abwerfen, unter dem sie lange genug +geschmachtet haben.« + +Während er das sagte, sah er mit brennenden Augen zu Miß Head-Divina +hinüber. Die aber schenkte ihm keinen Blick. Sie hatte sich vorgebeugt und +flüsterte dem General zu: + +»Ist es wahr, wovon man allgemein spricht? Wir werden einen Krieg mit +Frankreich und England bekommen?« + +Der General, der sich schon in vorgerückter Weinlaune befand, entgegnete: + +»Es ist richtig, daß eine außergewöhnliche Aufregung zwischen diesen drei +Ländern besteht und daß im Kriegsministerium eifrig gerüstet wird. Aber +woher wissen Sie davon? Bis jetzt wird alles geheim gehalten!« + +Woher sie davon wußte? Natürlich von John Crofton, dem Bevollmächtigten +Amerikas, der besser orientiert war als General Treufest. Miß Head aber +versuchte, den General weiter auszuforschen. + +Plötzlich kam John Crofton auf die bizarre Idee, Romulus Futurus möchte sie +doch alle zusammen photographieren. + +»Nachdem dein Apparat von einer so immensen Schärfe ist, Romulus, daß er +selbst versteckte Kometen auf die Platte zaubert, so dürften die Bilder, +die du von uns erhältst, sicherlich das Beste werden, was hervorgebracht +werden kann. Wir werden keine verschwommenen, oberflächlichen Züge tragen. +Wir müssen auf dem Bilde ganz so sein, wie wir in Wirklichkeit sind und wie +wir uns mit unseren schwachen Augen überhaupt nicht sehen. Happy,« -- der +große Journalist wandte sich an die Schauspielerin, die die Brauen +hochgezogen hatte und mit einer gewissen Unruhe diesem Vorschlage zuhörte. +-- »Happy, nimm dich in acht! Die Entstehungsgeschichte deiner +Schönheitspflästerchen wird sicherlich auch auf diese mysteriöse Platte +gezaubert werden, und ich werde vielleicht, wenn ich dich im Bilde sehe, +finden, daß du abscheulich bist!« + +Romulus Futurus widersprach lebhaft dem Wunsche des Freundes, ein +Experiment auszuführen, das der berühmte Astronom bis zu diesem Augenblick +noch nie versucht, denn er hatte seine Erfindung ganz und gar in den Dienst +der Wissenschaft gestellt. + +Sein Freund John Crofton aber ließ nicht nach mit Bitten, und schließlich +mußte Romulus Futurus doch selbst zugeben, daß er etwas Aehnliches im Sinne +gehabt, sonst hätte er den Apparat ja gar nicht in die Wohnung seines +Freundes zu bringen brauchen. Oder war dies rein mechanisch geschehen, +unter dem Drucke jenes Unbewußten, das John Crofton »das schwarze +Schicksal« zu nennen pflegte? -- + +Genug -- Romulus Futurus entschloß sich, zum Andenken an diesen vergnügten +Abend ein Gruppenbild herzustellen. Auch seine Gattin nahm an dem Tische +Platz, um den sich alle Anwesenden mit natürlicher Grazie gruppierten. +Romulus Futurus schob unter dem Schutze eines schwarzen Tuches die +lichtempfindliche Platte »Lumen« in den Apparat. + +Eigentlich empfand er ein dunkles, geheimes Grauen gegen die Ausführung +seines Planes. Aber er scheute sich, es zu gestehen. Nachdem er also mit +seinen Vorbereitungen zu Ende war, exponierte er eine halbe Minute, nahm +dann die »Lumen«-Platte heraus und überzeugte sich, daß die Aufnahme +gelungen war. + +»Ich werde jedem der Beteiligten morgen ein Bild senden,« sagte er. -- Eine +leichte Blässe überzog sein Antlitz, nachdem er die Platte gegen das Licht +längere Zeit beobachtet hatte. Es war nämlich eine Eigenheit derselben, daß +sie sofort, ohne entwickelt und fixiert werden zu müssen, deutlich nach der +Aufnahme das Negativ dem Auge zeigte. + +Spät des Nachts trennten sich die Gäste. Intensiv und grell war das +purpurne Licht, das vom Himmel in die Fenster strömte. + +»Der Komet ist wieder um viele Tausend Kilometer näher gekommen,« murmelte +Romulus Futurus und sah auf die Uhr. + +In dem prachtvollen Flugcoupé, das der Astronom besaß, fuhr er mit seiner +Gattin Fabia, die den ganzen Abend über schweigsam gewesen war, nach Hause. + +Eine Viertelstunde später saß er wieder in dem großen, kühlen Raume der +astronomischen Sternwarte. Die fabelhaften Riesengläser glotzten ihn mit +ihren schwarzen, unheimlichen Augen an. Das Firmament schien ein +unendlicher Teppich von blauer Farbe zu sein, in den ungezählte blitzende +Diamanten gewebt waren. Ueber alles spannte sich ein greller, roter Bogen. + +Das war der Himmel. + +Angesichts der gigantischen Unendlichkeit begann Romulus Futurus einen +Abzug von der Platte zu machen. Warum zitterte er? Warum nahm dieses +nebensächliche Geschäft seine Aufmerksamkeit dermaßen in Anspruch, daß er +in jener Nacht sogar vergaß, seine gewöhnlichen Beobachtungen zu machen und +zu registrieren, daß der rote Komet sich der Erde wiederum ein +verhängnisvolles Stück genähert hatte? -- -- + +Es war etwa drei Uhr morgens, als Romulus Futurus den sprechenden Abzug vor +sich auf den Knien liegen hatte. + +Da war er so bleich wie die weißen Wände des Sternwartensaales und seine +Augen glühten beinahe so rot wie der Komet. Auf dieser Platte stand ein +furchtbarer Roman, mit blutiger Tinte geschrieben, mit häßlichen Wahrheiten +durchsetzt. Er bemerkte nicht, daß Frau Fabia leise und unhörbar, das weiße +Gewand gerafft, daß es nicht rauschen konnte, in die Sternwarte getreten +war. Und wie sie nun einen Blick über die Schultern ihres Gatten hinweg auf +das Bild geworfen hatte, schrie sie plötzlich auf und rang verzweifelt die +Hände: + +»Ich bin unschuldig! Ich schwöre dir, Romulus, ich bin unschuldig!« + +Er aber packte sie an ihren langen, wunderschönen schwarzen Haaren und +stieß sie zu Boden, daß sie beinahe die Besinnung verlor und +zusammengekauert liegen blieb, gleich einem verwundeten Reh. Romulus +Futurus aber rannte wie ein Rasender auf und nieder; indem er zu seiner +Gattin Fabia sprach, deutete er von Zeit zu Zeit auf das Bild, dann wieder +gestikulierte er mit den Händen in der Luft. + +»Ich wußte es ja!« schrie er, »ich wußte es ja! Die »Lumen«-Platte ist so +empfindlich, daß sie die schwächsten Reaktionen mit genauester Deutlichkeit +wiedergibt! Die Platte hat nicht nur die Gesichter all dieser Elenden +photographiert, sondern auch ihre heimlichsten, tiefsten und innerlichsten +Gedanken. Ha! Ich halte also jetzt den Schlüssel zu einer neuen, +geheimnisvollen und furchtbaren Wissenschaft in Händen! Ich werde imstande +sein, von heute ab zu wissen, was jeder Mensch denkt!« + +Selbstverständlich hatten sich die Gedanken, von denen Romulus Futurus +sprach, nicht in Schriftzeichen auf der Photographie kopiert. Es ist eine +alte Weisheit, daß jedes Ding auf Erden einen Reflex hinterläßt, jede +Bewegung, jede Schall-, jede Lichtwelle. Ebenso gibt auch der menschliche +Gedanke, so schnell er immer gedacht sein mag, einen unwillkürlichen Reflex +in den menschlichen Mienen, so deutlich, daß jedes Kind den Gedanken lesen +könnte, wenn sein Auge nur scharf genug wäre, den Reflex zu sehen. + +Romulus Futurus hätte kein so großer Psychologe sein müssen, um nicht die +Empfindung, die sich in den Mienen des Einzelnen in dem Moment der +photographischen Aufnahme ausgeprägt hatte, lesen zu können. + +»Es ist ein Wunder! Ein unnennbares Wunder!« murmelte Frau Fabia, die immer +noch nicht die Kraft besaß, sich zu erheben, und mit einer Miene +wahnsinnigen Entsetzens auf ihren Gatten blickte. »Ich habe deutlich +gesehen, daß aller Augen auf den photographischen Apparat gerichtet waren. +Und doch blickt jetzt auf der entwickelten Photographie jeder nach einer +anderen Seite!« + +»So groß ist die Beweglichkeit des menschlichen Auges, so enorm die +Verwandlungsmöglichkeit der Iris!« stieß Romulus Futurus zwischen den +Zähnen hervor. Plötzlich beugte er sich zu Frau Fabia nieder. + +»Siehst du dein Gesicht? Siehst du deine Mienen? Siehst du, wie du zu John +Crofton hinüberblickst? Ah, nicht genug, daß ich nur einen einzigen Freund +besitze! Du willst ihn mir noch rauben! Der starre Blick, mit dem du ihn +betrachtest, beweist mir alles! Warum denkst du immer an ihn? Warum +beschäftigten sich deine Gedanken in dem Augenblick, da ich die +photographische Aufnahme machte, einzig nur mit ihm?« + +»Ich liebe ihn ja nicht, ich hasse und verabscheue ihn!« rief Fabia +verzweifelt. Aber Romulus Futurus hörte nicht auf sie. Er fuhr fort, den +Blick in die Photographie förmlich vergrabend: + +»Miß Head-Divina sieht zu dem reichen Krösus hinüber. Ihre Miene ist +schrecklich, halb Wahnsinn, halb diabolische Grausamkeit und +Schlechtigkeit. Wie sie Ralph Jonathan Wieland anblickt! Ihr Auge taucht +förmlich in das seine! Ihr Gesicht, das im Moment der Aufnahme ernst und +starr gewesen wie Stein, ihr Gesicht lächelt, und um ihre Mundwinkel +ringeln sich abscheuliche Schlangen. Soll ich dir sagen, was sie denkt? +Hier steht es geschrieben! Hier steht es! Seid ihr nicht alle gleich, ihr +Frauen? + +»»Ja, ich bin geneigt, Ihren Antrag zu erhören, Ralph Jonathan Wieland,«« +sagt sie. »»Aber«« -- + +Siehst du, Fabia, wie sie sich zu gleicher Zeit halb zu meinem Freunde John +Crofton hinüberwendet? Und da! Da!« -- + +Romulus Futurus schüttelte sich und heftete den Nagel des rechten +Zeigefingers auf das Gesicht Ralph Jonathan Wielands. + +»Siehst du die scheußliche Grimasse des Krösus? Siehst du, wie er meinen +Freund John Crofton anstarrt? Die Lippen Wielands sind halb geöffnet. Ich +sehe förmlich die gefletschten Zähne! Die Nasenflügel sind hinaufgezogen, +wie man dies bei wilden Tieren im Augenblick des Angriffs bemerken kann. +Die Augen sind zusammengekniffen, und strahlenförmig spannen sich die +Falten um seine Schläfen!« + +Romulus Futurus schwieg. Seine Augen öffneten sich unnatürlich weit, denn +er las, las deutlich auf diesem bis zur Scheußlichkeit verzerrten Gesicht +den furchtbaren Gedanken, der Ralph Jonathan Wieland im Augenblick der +Aufnahme beherrschte. + +Inzwischen blickte Frau Fabia mit nicht minder entsetzten Augen auf das +Gesicht der jungen Fürstin Angelika, die Romulus Futurus ansah. Auch ihre +Gedanken waren mit unverkennbarer Deutlichkeit photographiert, und Frau +Fabia las, las mit blutendem Herzen die Gedanken der Fürstin: + +»Romulus Futurus, ich liebe dich in Ewigkeit!« + +Und neben der Fürstin saß Dr. Diabel und starrte sie an und dachte: + +»Ich werde dich zu Tode martern, wenn du mich nicht erhörst!« + +Romulus Futurus schrie plötzlich auf und starrte mit fiebernden Augen +hinaus in die Nacht. + +»Er will meinen Freund John Crofton töten! Jawohl, so ist es! In dieser +Nacht noch! Ralph Jonathan Wieland dachte darüber nach, wie er John Crofton +aus dem Wege räumen konnte, um sich selbst in den Besitz seiner Geliebten, +der Schauspielerin Happy Head-Divina zu setzen!« + +Und in einer Anwandlung von Abscheu und Verzweiflung warf Romulus Futurus +die kostbare Platte zu Boden, zertrat sie mit den Füßen und zerriß die +Photographie in tausend Fetzen, so daß er nicht mehr die Gedanken der +Fürstin Angelika lesen konnte, nicht mehr das, was der Student dachte, +während Frau Fabia im letzten Augenblick noch deutlich von den Lippen Happy +Head-Divina den Gedanken abgeschaut hatte: + +»Ich muß versuchen, alles von dem General zu erfahren, denn die englische +Regierung verlangt die Pläne des Kriegshafens von Kiel!« + +Wie gesagt, die Entdeckung, welche Frau Fabia gemacht hatte, kannte Romulus +Futurus nicht. Ihn beherrschte nicht nur die Erkenntnis, daß Ralph Jonathan +Wieland in dieser Nacht seinen Freund John Crofton töten wollte; und +während er darüber nachsann, wie er den Freund retten könnte, kam er auf +eine bizarre Idee. + + + + +III. + + +Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade im Tiergarten, etwa dort, wo +vor einigen hundert Jahren der »Große Stern« gewesen. Von hier aus +beherrschte die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt war nämlich in einem +großen Halbkreis gebaut worden und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen +Jungfernheide angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele, viele +Stunden weit über den Gesundbrunnen, die Schönhauser Allee, Neu-Weißensee, +Rummelsburg, Stralau, Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf hinausreichte, um +den Tiergarten. + +Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus Futurus ganz Berlin, +übersehen und beobachten. Ja, er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, daß +Ralph Jonathan Wieland in der ehemaligen Königgrätzerstraße Wohnung +genommen hatte. Diese war die erste Straße, die, von der Sternwarte an +gerechnet, jenseits des Tiergartens überhaupt bewohnt werden durfte. Dort +standen denn auch die Paläste der reichsten Millionäre von Berlin, darunter +das Riesenhaus Ralph Jonathan Wielands. + +Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener Richtung geblickt und mit dem +Glase den Nabob beobachten können. + +»Ich habe keine Zeit zu verlieren!« murmelte er. + +Ohne sich um Frau Fabia zu bekümmern, die ihn mit vorgestrecktem Hals +beobachtete und plötzlich von dunklem, unbewußtem Grauen ergriffen, aus der +Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer in +Tätigkeit. Er schraubte die Linse so zu, daß der Lichtschein keinen +größeren Umfang hatte als höchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen +Lichtstrahl ließ er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph Jonathan +Wieland gleiten. + +Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen Vergrößerungsglas. Es +hatte die Form einer Automobilbrille. Die kleinen Gläser saßen auf hohen, +runden, schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den Augen lagen. So +stellte er sich an das Fenster und beobachtete. In dem Bruchteil einer +Minute, bevor Ralph Jonathan Wieland auf die Störung durch den weißen +Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus Futurus durch das geöffnete +Fenster, daß der Krösus eben damit beschäftigt war, eine kleine schwarze +Kugel mit Acetylen zu füllen. Er begriff sofort den schändlichen Mordplan +dieses von Leidenschaften ganz und gar irre geführten Millionärs. + +Acetylen war nämlich das neueste, furchtbarste Sprengmittel, das man im +dritten Jahrtausend kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen +schweren Geschützen eingeführt. Diese Geschosse bestanden aus Holzbüchsen +mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid gefüllt waren. Unter dem Calcium +Carbid lag eine Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang, +Phosphorwasserstoff bildete, während das Calcium Carbid das Acetylen +entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff mit Luft in Berührung kam, +entzündete er sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand, das eine +furchtbare Flamme entwickelte, daß die größten Wassermassen nicht +hinreichen konnten, sie zu löschen. + +Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das Haus Croftons auf diese +Weise in Brand setzen und in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den +Romulus Futurus in jener Nacht zunichte machte. + +Der Millionär drehte sich plötzlich um, erschreckt und verblüfft durch die +schmale Lichtflut, die in sein Zimmer drang. Als er mit den Augen ihrer +Richtung folgte, da begriff er, daß sie von der Sternwarte ausging. + +»Romulus Futurus!« flüsterte er in höchster Angst und versuchte, die +Acetylenbombe zu verstecken und das Zimmer zu verlassen. + +Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte ihn. + +Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein weißes Band, das +kerzengerade von dem Leuchtturm zu ihm herüber glitt. Die Spitze des +Scheines bohrte sich in seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen +Schmerz. + +Gerade über dem weißen Band aber, das die rot durchleuchtete Nacht wie ein +Dolch durchdrang, lagen die Augen des Erfinders, von schwarzen Rändern +umgeben, spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet. Sie +machten den Eindruck von zwei quallenartigen, schlüpfrigen Sternen, die +über der milchigen Flüssigkeit schimmerten. + +Jonathan Wieland schüttelte sich vor Grauen. Er machte die verzweifeltsten +Anstrengungen, sich von diesem furchtbaren Anblick loszureißen. Aber er war +nicht imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen. + +Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit einem teuflischen Lächeln. +Er nahm seine ganze Willenskraft zusammen, legte sie in seine Augen und +fesselte Jonathan Wieland in seinen Bann. + +Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare Bombe in Händen, +die durch die geringste ungeschickte Bewegung allein schon zur Entzündung +gebracht werden konnte, grün vor Entsetzen, während der schmale +Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen Körper bohrte und die Schmerzen +immer gewaltiger wurden. + +Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte laut, während er den Kopf +zwischen die Schultern steckte und die furchtbaren Augen immer noch +unbeweglich über der Lichtflut glitzern ließ: + +»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!« + +Nicht sofort wirkte der auf diese Weise übertragene Wille. Obgleich +Jonathan Wieland sich ganz und gar im Banne der Hypnose befand, besaß er +doch selbst so viel gesunde Kraft, daß er sich zu wehren vermochte, daß er +dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes Wiederstand entgegen +setzen konnte. + +Der aber ließ nicht nach. + +»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!« wiederholte +er noch einmal eintönig, biß die Zähne aufeinander und bohrte seine Augen +in die des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern, während diese +furchtbaren schwarzen Quallen über der Lichtflut, vergrößert durch die +Gläser, seine Blicke förmlich in sich einsogen, während diese +entsetzlichen, gierigen Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen +aus dem Körper Wielands bannten und seine letzten Kräfte fraßen. + +Und plötzlich stieß der Millionär einen furchtbaren, gellenden Schrei aus +und ließ die Bombe fallen. + +Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krösus stürzte ein und begrub ihn +und seine zahlreiche Dienerschaft unter seinen Trümmern. Eine ungeheure +Flammensäule schoß augenblicklich in die Höhe und hätte vielleicht halb +Berlin eingeäschert, würde nicht das Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff, +mit dem fast alle Häuser überzogen waren, selbst diesen furchtbaren Flammen +einen energischen Widerstand entgegengesetzt haben. + +Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach unendlichen +Anstrengungen, den Brand zu löschen und die übrigen Häuser vor der +Vernichtung zu bewahren. + +Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber auch nichts mehr gefunden. +Sein Körper war dermaßen zu Asche verbrannt, daß auch nicht die Knochen +eines Gliedes übrig geblieben waren. + +Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses entsetzliche Unglück +zustande gekommen war. + +Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde übrigens rasch wieder durch den roten +Kometen abgelenkt. Dieser hatte sich nämlich jetzt der Erde soweit +genähert, daß man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen konnte. + +Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit dem neuen Gestirn zu +beschäftigen; denn der Krieg zwischen der deutschen Nation einerseits und +den Engländern und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig wurde +gerüstet. Und ungeheure Mengen von Munition wurden an den großen +Kriegshäfen Wilhelmshafen und Kiel aufgestapelt. + +Die Armee trat unter Waffen. + +Romulus Futurus nahm an diesen Vorgängen wenig Anteil. Er erkannte sehr +richtig, daß die plötzliche Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen +ebenfalls nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war, das dieser +Unglückskomet ausstrahlte. Und doch wollte es Romulus Futurus scheinen, als +ob die Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genähert +hatte, abnahm. So arbeitete der große Astronom in aller Ruhe an seinen +Problemen weiter. Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse über sein +nächtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia kaum mehr in Berührung. Und +doch war es eigentlich nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus +Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb. + +In sein Leben trat nämlich ein neues, merkwürdiges Ereignis. In dem Hause +befand sich ein großer Saal, in dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser +Raum, der mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war der +Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing auch in der Mitte der Wand in +goldenem Rahmen sein Jugendbildnis. Das ihn als dreißigjährigen Mann +darstellte, als er Fabia zur Gattin genommen hatte. + +Das lag acht Jahre zurück. Oftmals dachte Romulus Futurus, der ein +Philosoph war, darüber nach, ob es wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu +Fabia getrieben; um sich darüber Aufklärung zu verschaffen, kam er auf die +phantastische Idee, durch die »Lumen«-Platte sein eigenes Bild aus +damaliger Zeit zu photographieren. + +Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein möglichst genaues Bildnis zu +erhalten, den Apparat nachts in dem großen Ahnensaale auf, gerade seinem +Bilde gegenüber, und entfernte am nächsten Morgen die Platte, um sie zu +entwickeln. + +Da wischte er sich mit der Hand über die Augen, fuhr sich von neuem über +die Stirn, als wollte er die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen +Spiegel und hielt ihn über die Photographie, um sich zu überzeugen, ob die +Augen ihn nicht trogen. + +Aber auch der zeigte dasselbe: + +Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das Portrait an der Wand; denn +Romulus Futurus hatte damals wirklich einen vornehmen Charakter besessen +und keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte ihn jetzt +nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte und in grenzenloses +Erstaunen versetzte, war ein ganz anderer Umstand: + +_Vor dem Bildnis stand nämlich eine Gestalt._ + +Es wäre schwer gewesen, sie zu beschreiben, überhaupt genauer anzugeben, +wer sie war, wie sie aussah, was sie trug. + +Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah man es nicht. Aber Romulus +Futurus fühlte es. Ihre Gestalt kam nicht über eine nebelhafte Unsicherheit +hinaus, und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, mehr über die Züge +dieser Erscheinung zu sagen. Und doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange +Zeit vor dem Bildnis Romulus Futurus' gestanden und mit einer gewissen +Andacht zu ihm emporgeblickt. + +Der Astronom wußte nicht, was er davon denken und halten sollte. +Schließlich schrieb er das Ganze seiner überhitzten Phantasie zu, +vielleicht auch einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht genügend +gegen das Licht geschützt worden war. Um sich Sicherheit zu verschaffen, +ließ er es in der zweiten Nacht auf einen neuen Versuch ankommen. Als er +aber am Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche Phänomen: +eine weibliche Gestalt, etwas stärker ausgeprägt, als am Tage vorher, eine +Frau von wundervoller Reinheit, mit einem Antlitz von außerordentlicher +Schönheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfaßbar, +unbeschreiblich. + +Romulus Futurus wurde nun von einer quälenden Unruhe erfaßt, die ihn nicht +mehr verließ. Da er in seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen +setzte, um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens verdankte, so +rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die Sternwarte und zeigte ihm das +Bild. Dann weihte er ihn in die Vorgeschichte ein. + +John Crofton blickte die Photographie lange an. + +»Siehst du dasselbe wie ich?« fragte Romulus Futurus. + +»Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte Gestalt vor deinem Bilde!« + +»Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrückt zu werden? Eine +Gestalt, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann?« + +John Crofton lächelte. + +»Die Erklärung, meine ich, ist sehr einfach, Romulus. Diese Gestalt ist +kein gewöhnliches Lebewesen, das steht fest. Sonst würde es ihr nicht +möglich sein, durch verschlossene Türen und Fenster in den Ahnensaal +einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, daß sie eine besondere Vorliebe +für dich besitzt, sonst würde sie nicht die Nächte vor deinem Bilde +zubringen.« + +Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine eigenen Empfindungen und +Hoffnungen bestätigte, aufs höchste erregt, ging mit großen Schritten in +dem Raume auf und nieder. + +»Aber, was ist da zu tun?« rief er, verzweifelt die Hände ringend. + +»Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt mich im höchsten +Grade, während sie zugleich in den Tiefen meiner Seele etwas aufwühlt, das +mich in die größte Unruhe versetzt. Ich muß dieses Phänomen sehen! Willst +du mir behilflich sein, John, daß ich einen Zeugen habe und meinen eigenen +Augen nicht mißtrauen muß?« + +Der Freund nickte. + +»Mit Vergnügen, Romulus!« + +Die beiden verabredeten also, daß sie in der nächsten Nacht in dem großen +Ahnensaale wachen wollten, während Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder +seine lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde gegenüber in +Bereitschaft setzte. + +Sie warteten die ganze Nacht hinter einem schweren Brokatvorhang. Sämtliche +Eichentüren waren verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur das rote +Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte Helligkeit in dem Saale. +Romulus Futurus und sein Freund John Crofton warteten die ganze Nacht bis +zum Morgen. Sie sahen nichts, hörten nichts und bemerkten nichts; und +Romulus Futurus meinte seufzend: + +»Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart vertrieben.« Dann besah er +die photographische Platte, während seine Hände in fieberhafter Ungeduld +zitterten. + +Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen Tage, nur noch +ausgeprägter, so daß man selbst das lange, fließende Haar, das bis auf die +Hüften wallte, die feinen Linien des Körpers, der in ein durchsichtiges +Gewand gehüllt war, erkennen konnte. + +Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale auf und nieder. + +»Ich muß sie kennen lernen!« rief er ein über das andere Mal. »Ich muß! +Diese Erscheinung gewinnt, ich gestehe es, von Tag zu Tag einen größeren +Einfluß auf mich, und ich möchte beinahe behaupten, ich sei von einer +rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen Liebe zu ihr erfüllt!« + +John Crofton, der das heimliche Schaudern, das ihm dieses Phänomen +verursachte, hinter Frivolitäten zu verbergen suchte, entgegnete: + +»Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und Blut so unempfindlich ist wie +du, ist's nichts Wundersames, wenn er sich in Geister verliebt!« + +Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit. + +»Geister . . .« wiederholte er. »Das ist sicherlich nicht das richtige +Wort, John. Es handelt sich um keinen Geist, und ich glaube auch nicht, daß +die Seelen Verstorbener sich uns auf diese Weise bemerkbar machen können.« + +»Wie willst du es dann erklären?« entgegnete John Crofton verwundert. »Auf +alle Fälle ist das eine Erscheinung, die ohne Materie, das heißt ohne +Fleisch und Blut ist, sonst müßten wir sie doch mit unseren Augen erkennen. +Nur die fabelhaft empfindliche Platte war imstande, das Unsichtbare +sichtbar zu machen.« + +Das war eine Erklärung, die Romulus Futurus weder befriedigen noch +beruhigen konnte. + +»Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate!« rief er. »Ich will aber +wissen, John, wer sie ist! Gib mir einen Rat. Du weißt nicht, welches große +Opfer ich für dich gebracht, daß ich dir sogar das Leben gerettet habe. Du +staunst? Nun, nimm es an! Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir +einen Gegendienst verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das rechte +Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen nach jenem Wesen, das Nacht +für Nacht sich vor meinem Bilde zeigt. Ich muß sie besitzen! Also gib mir +ein Mittel! Ein Mittel, John Crofton!« Und der sonst so vernünftige, +ruhige, kühle und gemessene Mann rannte in der Sternwarte auf und nieder, +packte seinen Freund Crofton und schüttelte ihn, als wollte er ihn töten. + +»Laß mir einige Augenblicke Zeit!« murmelte John Crofton und ließ sich in +einen Sessel nieder. Ihm war ein elender Gedanke gekommen. -- -- + +Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell abgewiesen, hatte er +einen tiefen und unauslöschlichen Haß gegen die schöne Frau mit sich herum +getragen. Von Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war seine +Leidenschaft für das schöne Weib zu teuflischer Bosheit geworden, und Tag +und Nacht dachte er darüber nach, wie er ihr Furchtbares antun könnte. + +Aber er fürchtete Romulus Futurus zu gleicher Zeit! Er fürchtete diesen +mächtigen, in seinen Leidenschaften unberechenbaren Mann und hatte bislang +nicht gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen. + +Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hände! Jetzt verlangte er ein +Mittel von ihm, das ihm kein Mensch verraten konnte! John Crofton vergaß +vollständig, daß sowohl er wie Romulus Futurus vor einem phänomenalen +Rätsel standen. Er dachte nur mehr an Frau Fabia, an seinen Haß, an die +Möglichkeit, sich zu rächen, ohne sich selbst strafbar zu machen. Und er +hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umränderten Augen zu Romulus +Futurus, der ihn erwartungsvoll ansah, und sagte: + +»Ich wüßte wohl ein Mittel!« + +Der Astronom war Feuer und Flamme. + +»So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt, um selbst einen +klaren Gedanken zu fassen. Was ist zu tun?« + +John Crofton ließ sich drängen. Er wiegte den Kopf hin und her und tat, als +getraue er sich nicht, zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor, bis +er ihm zusicherte, daß er jede Verantwortung tragen würde. + +Dann begann John Crofton: + +»So viel steht fest: die Platte, die an und für sich eine wunderbare +Erfindung bedeutet, hat dir und der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen; +ungeheuerliche Entdeckungen werden gemacht werden. Nun, diese Gestalt vor +deinem Bilde existiert, das ist sicher. Und ohne Zweifel ist es die Seele, +der Geist, das vom Körper losgelöste Wesen eines jungen Weibes, das dich +leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen, so mußt du +dieses Wesen in einen neuen Körper bannen. Ob das Experiment gelingen wird, +weiß ich nicht. Aber es sollte glücken! Du verfügst über fabelhafte Kräfte! +Dein Wille ist unermeßlich! Versuche, sage ich!« + +Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin und her. + +»Ja, das ist eine Idee! Das ist glänzend! Das ist großartig!« + +Plötzlich brach er ab. Er begriff, daß der Vorschlag John Croftons +scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten aufwies. + +»Aber woher diesen Körper bekommen, John? Was meine Gewalt über dieses +Wesen anbetrifft, verzweifle ich nicht. Es wird mir gelingen, die +Unsichtbare zum Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Körper soll ich sie +bannen? Es muß der Leib eines Weibes sein, dessen äußerliche Schönheit mit +diesem Wesen harmonieren würde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich +auf die Knie werfen könnte --« + +Er brach erschöpft ab. Und John Crofton sagte so ruhig, als handle es sich +um, die einfachste Sache der Welt, während in seine Augen ein furchtbarer +Schimmer trat: + +»Deine Frau!« + +Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt stehen, seine Augen weiteten +sich, seine Lippen bebten. + +»Meine Frau . . .« wiederholte er tonlos. + +»Natürlich!« fuhr John Crofton fort, indem er mit einem eisernen Willen +sofort auf das eine Ziel losging, Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte +in Wirklichkeit nicht daran, daß Romulus Futurus, den er für einen Narren +hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches Werk vollbringen konnte. +»Natürlich deine Frau! Kein anderer Mensch auf Erden würde sich für dieses +Experiment eignen! Du liebst sie nicht -- du hast es mir ja selbst bereits +gestanden, hast oftmals mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grämt +sich darüber! Töte sie und banne dieses Wesen in ihren Leib, so wirst du +sie lieben können, wie nie ein Weib von einem Manne geliebt wurde!« + +Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort. Er ging auf und nieder, von +Zeit zu Zeit vor dem Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren +Blicken messend. Es dämmerte noch, und der purpurne Schimmer des Kometen +flutete durch die Sternwarte. + +»Und warum sollte ich es nicht tun?« schrie der Gelehrte plötzlich hinaus, +sich selbst die schreckliche Frage beantwortend. »Sage selbst, warum nicht? +Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglücklich, sagst du? Ja, ja, sie ist +es! Ich weiß es, ich habe es unzählige Male gefühlt! Ich liebe sie nicht! +Aber ich liebe dieses Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fühle, bis zum +Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren, wenn dieses Wesen +in ihrem Leibe wohnt!« + +»Also!« entgegnete John Crofton und warf seine Cigarette weg, während seine +Augen vor Mordlust glühten . . . . . + +Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er kreuzte die Beine +übereinander, vergrub die Hände in die Taschen und zog den Kopf zwischen +die Schultern, während ein feiger Zug sein männlich schönes Gesicht +entstellte. + +»Ich kann es aber nicht tun!« flüsterte er. + +»Was, Romulus?« + +»Ich kann sie nicht töten! Denn es ist klar, daß ich sie erwürgen muß, wenn +ich die wesenlose Gestalt in ihren Körper bannen will!« + +»Freilich!« entgegnete John Crofton brutal. »Du wirst sie töten müssen!« + +»Nein, nein!« wehrte Romulus Futurus ängstlich ab. »Ich kann es nicht! Ich +bringe es nicht über mich! Aber vielleicht -- könntest du --« + +John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte ein phosphoreszierendes +Leuchten. Seine Augen sanken förmlich in die Höhlen zurück, und seine +Lippen bebten vor verhaltener Freude. + +»Was meinst du, Romulus?« + +Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz nahe an sich heran und +flüsterte ihm ins Ohr: + +»Vielleicht könntest du -- sie töten!« + +John Crofton riß sich los und tat über die Maßen erstaunt. + +»Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie töten? Dein Weib? Damit du mir im +nächsten Augenblick selbst die Pistole auf die Brust setzest und mich +tötest?« + +Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst auf. Er machte +John Crofton begreiflich, daß er ihm den größten Dienst seines Lebens +erweisen könne. Er bat, flehte, weinte schließlich wie ein Kind. So groß +war die eingebildete Macht des unbekannten Wesens über ihn. + +Und doch war alles nur die Wirkung des roten Kometen . . . . + +Endlich gab John Crofton nach und die beiden Freunde verabredeten, daß sie +sich in der kommenden Nacht in der Sternwarte treffen wollten. -- -- + + + + +IV. + + +Es war Nacht. + +Die roten Strahlen des Kometen wogten hin und her wie hunderttausend +elektrische Lichtzungen. Berlin glich einer Märchenstadt. Himmelhoch ragten +die riesigen Häuser empor, mitten hinein in das Meer von Purpur, das das +Blut aufregte und die Sinne verwirrte. + +Die Stadt war ziemlich leer von Menschen. Der Krieg war ausgebrochen, und +die Armeen standen im Felde. In der Nähe von Wilhelmshaven tobte die erste +Seeschlacht und bei Bitsch waren die deutschen und französischen +Heeresmassen gegeneinander geprallt. Immerhin waren in Berlin noch genug +Menschen zurückgeblieben, um jene heimliche, hin und her surrende und +summende Aufregung zu verursachen, die sich allen Ohren aufdrängte. Es +waren junge und ältere Leute, die da und dort auf öffentlichen Plätzen sich +sammelten, die flüsterten, sich heimliche Zeichen gaben und wieder +verschwanden . . . . + +Man munkelte von einer Revolution. -- + +Nie war Romulus Futurus liebenswürdiger gegen seine Gattin gewesen, als am +verflossenen Tage. Frau Fabia war glücklich wie nicht mehr seit den ersten +Tagen ihrer Ehe. + +»Willst du den roten Kometen sehen, Fabia?« fragte Romulus Futurus abends +gegen elf Uhr. Und Frau Fabia antwortete lächelnd: + +»Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so werde ich glücklich sein!« + +Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort herrschte magisches +Licht. Romulus Futurus streckte den Arm aus und wies empor zu dem +rotschimmernden Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher +Deutlichkeit stand, so groß, so nahe, so drohend, daß man die Empfindung +hatte, als müsse er jeden Augenblick herabstürzen, alles unter sich +begrabend. + +Frau Fabia schauderte. + +»Und doch, heute möchte ich sterben!« flüsterte sie. »Ich habe das größte +Glück meines Lebens genossen, denn ich empfand, daß du mich immer noch +liebst!« + +Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt von seinem Gewissen. Da +ging die Türe im rückwärtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein. + +John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau Fabia so gegenüberzutreten, +wie er war. Er trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und einen +purpurroten Mantel über den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne wirr waren +unter dem direkten Einfluß des roten Lichtes, das sie umgab, schmiegte sich +ängstlich an ihren Gatten und flüsterte. + +»Sage mir, Romulus, wer ist das?« + +Romulus Futurus löste ihre Arme fast mit Gewalt von seinem Körper und stieß +sie dem entgegen, der eingetreten war. Frau Fabia sah die weißen, +gepflegten Hände Croftons, der sich bereit machte, auf sie zuzugehen. Und +von unbestimmter Furcht ergriffen, flüchtete sie nach dem anderen Ende der +Sternwarte und schrie: + +»Rette mich, Romulus, ich fürchte mich.« + +Der aber brachte noch mehr Zwischenraum zwischen sich und seine Gattin. Er +schlich sich zurück bis zu der kleinen Tür, die der Eingetretene offen +gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut zu finden, auch nur einen +Blick zurückzuwerfen. + +John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und nun konnte er ein Schauspiel +genießen, auf das sich seine entarteten Nerven bis zu dieser Stunde +vorbereitet hatten. + +Frau Fabia floh vor ihm wie das geängstigte Tier vor dem Jäger. Sie maß ihn +mit scheuen, verwirrten Blicken, während er ihr rund um die Sternwarte +herum folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels, der dieses +schändliche Verbrechen nicht hinderte . . . . + +Schließlich, als sie kaum mehr die Kraft fand, sich auf ihren zitternden +Füßen zu halten, riß John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel ab +und rief mit diabolischem Gelächter: + +»Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der Abrechnung ist gekommen!« + +Sie fuhr zurück. Sie klammerte sich an die Wand. Sie schrie mit wahnsinnig +klingender Stimme nach Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um +Hilfe; aber niemand half ihr. + +Sie stürzte auf die Knie nieder und flehte diesen Schurken um ihr Leben an, +aber er dürstete nach ihrem Blute. + +Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den Raum, streckte wie +hilfesuchend ihre Arme nach dem Gestirne aus -- in diesem Augenblick hatte +John Crofton sie erreicht und die letzten Worte der Unglücklichen erstarben +in der Anrufung des roten Kometen, von dem sie Hilfe, von dem sie +Vergeltung forderte. + +John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine Finger in ihren Hals +gekrallt. Er ließ sie nicht mehr los, bis das letzte Leben aus ihr +entflohen war. + +Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von Freude überwältigt, ab, +taumelte zur Tür und rief nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen +entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe John Croftons +auf. + +Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten Körper nach der Galerie. + +Von den Straßen herauf tönte jenes eigentümliche, surrende Geräusch, das +das Zusammenströmen großer Volksmassen verkündet. Dann und wann hörte man +den verlorenen Ton einer lauten schreienden Stimme. Dazwischen Johlen, +Händeklatschen und Pfeifen. + +In der Ferne ein Trommelwirbel. + +Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die beiden Männer, die zwischen +sich den entseelten Körper der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts. +Romulus Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade unter sein +Bild zu legen. + +Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht, um die geheimnisvolle +Gestalt in dem Augenblicke sehen zu können, da sie sich auf der +»Lumen«-Platte abbildete. Während er nämlich unter seinem Bild einen +starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits zu dem +Spiegel, andererseits zu dem photographischen Apparat in einem rechten +Winkel stand. Gleichzeitig legte er sich zwei äußerst lichtempfindliche +Gläser, die alles in riesiger Vergrößerung spiegelten, über die Augen. + +So verharrte er regungslos, während das Toben auf den Straßen allmählich +verstummte; denn man hörte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden +Bataillone. + +Während der Gelehrte also halb ängstlich, halb voll wahnwitzigen Hoffens +seine Augen fieberhaft auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem +Augenblick spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen Platte +erschien -- Romulus Futurus konnte also ganz einfach die Platte in dem +Spiegel erblicken; denn das Wesen selbst war ja für das Auge nicht sichtbar +-- während er beide Hände gegen das wildpochende Herz preßte, um es +gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte sich John Crofton mit einem hämischen +Lächeln in einen Sessel geworfen. + +»Zu dumm,« dachte er. »Dieser Narr glaubt, er könne das Unmöglichste +vollbringen! Sind die Menschen nicht wirkliche Hampelmänner, die sich an +den Schnüren unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen, wenn +wir nur erst die Kraft dazu haben? + +Romulus hat mir das Henkergeschäft über sein Weib übertragen; er wird nie +das Recht und die Fähigkeit besitzen, mich zu bestrafen.« + +Inzwischen aber wurden die Gedanken John Croftons abgelenkt. Er sah in der +grellroten Helle, die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus +plötzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an dem Spiele der +Gesichtsmuskeln. Draußen stand, riesengroß, eine gewaltige Kugel, der +Komet. + +Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In dem Augenblick, da sie unter +sein Bild getreten war, hatte die lichtempfindliche Platte sie +festgehalten, und diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild +in die Augen des Astronomen zurückwarf. + +Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu sprechen, zog er seinen +ganzen Willen, all seine Energie und innere Macht in seine Augen und +blickte das schemenhafte Wesen an. + +Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige Gesicht zu, +dieses wunderschöne Antlitz, das er nur fühlte, aber nicht sehen konnte. + +Und sagte, während seine Stimme dumpf klang, als käme sie aus weiter Ferne: + +»Wer du auch sein mögest, ich befehle dir, mir zu gehorchen!« Er bemerkte +deutlich, daß etwas wie Schrecken die Gestalt erfaßte. Sie sah ihn starr +an, offenbar unfähig, den Blick von ihm zu wenden, ohne daß Romulus Futurus +eigentlich ihre Augen sehen konnte, und er fuhr fort, triumphierend über +den schnellen Sieg, den er errungen hatte. + +»Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu nehmen!« + +Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb auf den Leichnam seiner +Gattin Fabia, halb hob er beschwörend die Hände und beschrieb die magischen +Zeichen über der seltsamen Gestalt. + +Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer Widerstand, den sie dem +gigantischen Willen des Gelehrten gegenübersetzte. Aber der ließ nicht +nach. + +In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen wieder erblickt, war auch +seine namenlose Leidenschaft gewachsen, und mit einem Willen, der stärker +war als alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl, während +die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht angezogen, sich immer mehr dem +Körper der Frau Fabia näherte. Und schließlich gab sie den Widerstand auf. +Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte Wesen eine unendliche +Traurigkeit zeigte -- im nächsten Augenblick war es zerflossen wie nichts, +und der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel, der in der purpurroten +Nacht verschwand. + +Gleichzeitig sank er selbst erschöpft, mit hämmernden Pulsen in einen +Sessel zurück. + +In großen Tropfen stand der Schweiß auf seiner Stirn. + +John Crofton aber, der alles gehört, doch nichts gesehen hatte, war halb +von seinem Sitze aufgestanden, streckte den Kopf vor und lauschte mit +zitterndem Atem. + +Plötzlich regte sich Frau Fabias Körper. + +John Crofton riß die Augen weit auf. Er wollte, er konnte es nicht glauben! +Namenloses Entsetzen erfaßte ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen +Händen erwürgt? War es möglich, daß noch Leben in ihr war? Stehen denn die +Toten auf, um sich an den Lebenden zu rächen? + +Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd in dem Sessel barg, +starrte er zu Frau Fabia hinüber. + +Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener müden Bewegung, die die +zeigen, welche eine lange Reise gemacht haben, glättete das seidene Kleid +und sagte, unfähig, im ersten Augenblicke die zwei Männer zu erkennen, die +tief im Schatten saßen: + +»Wo bin ich?« + +Plötzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung zu kommen, eine +Erinnerung, die wenig mit der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem +Augenblicke anpaßte. + +»Ganz recht!« murmelte sie lächelnd, indem sie die schweren, dunklen +Haarsträhnen aus der Stirne strich. »Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal +getreten und habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei hat mich +der Schlaf übermannt. Wie lächerlich das ist!« + +Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie im ersten Augenblick wie etwas +Furchtbares anstarrte. Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schloß +sie in seine Arme und preßte sie an sich. + +»Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend, wie immer? Du wirst nie +von mir gehen? Wir werden ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?« + +Sie schlang die weißen Arme um seinen Hals und flüsterte: + +»Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl ist es mir, als ob wir uns heute +zum erstenmal sähen. Aber dein Bild war immer bei mir!« + +Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Küssen, das ihm vor kurzem so +gleichgültig, beinahe hassenswert erschienen war. Er küßte Frau Fabia so +lange, bis er endlich wahrnahm, daß er vergeblich die Züge jenes seltsamen +Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte. + +Da erfaßte ihn etwas wie eine lähmende, dunkle Traurigkeit. + +John Crofton aber war ruckweise, Schritt für Schritt näher getreten und +starrte Frau Fabia an. + +An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab, links ein Daumen, rechts der +Zeige- und der Mittelfinger. -- + +Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte John Crofton . . . Diesem +war es, als ob der Blitz ihn treffen müßte. Er riß einen Teppich von der +Erde auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem halbausgestreckten +Arme deckend. So stand er da, das personifizierte böse Gewissen, und +zitterte. + +Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und fragte ihren Gatten: + +»Wer ist dieser Mann?« + +Romulus Futurus lächelte düster. + +»Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest du ihn nicht kennen?« + +»John Crofton?« wiederholte sie, während ihr Antlitz einen gequälten +Ausdruck annahm. Offenbar suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen +dieses Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da, das sie nicht +fassen konnte. Sie schüttelte den Kopf und sagte: + +»Ich kenne ihn nicht!« + +John Crofton holte tief Atem. Er ließ die Decke sinken und starrte der +schönen Frau ins Gesicht. War es möglich, daß sie noch reizender geworden? +Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder Perlen gehabt, so +leuchteten sie jetzt wie Sterne in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze. +Auch ihre Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen John +Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick von neuem von jener rasenden, +teuflischen Leidenschaft erfaßt wurde, die ihn schließlich zum Mörder hatte +werden lassen. + +Aber er verbarg seine Empfindungen ängstlich ebenso vor Frau Fabia als vor +dem Freunde. Er beugte sich nieder, führte die Hand der schönen Frau galant +an seine Lippen und drückte dann schweigend Romulus Futurus die Rechte. + +»Es ist geglückt, mein Freund! Ich gratuliere dir!« + +Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwörend zur Decke empor und +flüsterte: + +»Ich bin von heute ab der glücklichste aller Menschen, John Crofton! Hast +du nicht bemerkt, daß selbst ihre Stimme sich verändert hat? Sie spricht +ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in allem instinktiv jenes +Wesen wieder, das ich vor meinem Bilde zum ersten Mal gesehen habe.« + +Darüber, wer jenes Wesen sein könnte, dachte weder Romulus noch Crofton +nach. Die Wünsche der beiden Männer trafen sich zunächst nur in dem +rasenden Verlangen, Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener ging John +Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend, dieses Weib zu gewinnen, das +er in der vergangenen Nacht mit eigenen Händen getötet hatte. -- + + + + +V. + + +Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Höhepunkt +erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines +Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur +des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine +Hitze, die von Tag zu Tag größer wurde. Während das fabelhafte Licht die +Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr +gegeben war für den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei +befanden, brachte die intensive Wärme, welche von dem neuen Kometen +ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue +Begierden, Leidenschaften und Laster. + +Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der rote Komet noch durch einen +unendlichen Raum von der Erde getrennt sei. + +»Es ist eine neue Sonne!« sagte er, »ein gewaltiger Körper, der lange Zeit +hindurch, vielleicht ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am +Ende des Weltalls gestanden hat!« + +Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus Futurus mußte zugeben, daß der +rote Komet der Erde nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum bis +zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem Falle aber wäre bereits +jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das +Nahen des Kometen keine andere Folge, als daß mitten im Winter die +Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen unter ungeheuren +Ueberschwemmungen litten. In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze +Städte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die +Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische +Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer. + +Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten. +Dagegen sahen sie nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee; +denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese bedeutend gestiegen waren. + +Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, daß die Farbe +des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende +Körper der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein Licht, das die +Augen kaum mehr vertrugen, so daß ihr Schein eine Reihe von Erblindungen +hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des roten Kometen +gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz außerordentlich empfindsam gerade für +das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden +Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten förmlich +in sich einsogen, um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine +Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die Regierung in Berlin die +umfassendsten Maßnahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen. +Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, so zog man neue +Beamte in den Dienst. + +Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus übertragen, +weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das +Ressort dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten, dem +öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit verwandt war. + +Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurück. Zwar war die +deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen +Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem +unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Plätze +mit ihren furchtbaren Geschützen fast ohne Widerstand genommen und eine +Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang +einzig in der Geschichte dastand. + +In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert +worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete +Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und +Wilhelmshaven mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß die englische +Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor. -- + +Allein -- obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste +standen -- mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare +Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung, +wie ein düsterer Bann über Berlin. + +Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, die schon +verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen können. Wohl +hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt die Kanonen +gedonnert, und die Fackel des Bürgerkrieges war entzündet worden. + +Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen. + +Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknüpft hatte, erfüllten +sich. + +Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die +französische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Bürger, denn auf die +Niederlagen hin, die die französische Armee erlitten, war dort wieder das +Standrecht der Kommune erklärt worden. In England war ein +Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und Großbritannien ausgebrochen, in +Amerika wütete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen +und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, und von +Osten her wälzte sich die gelbe Gefahr heran. + +Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins Rollen: + +Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen würdig +zu feiern. Diese standen noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der +Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so daß man +es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen +zu tragen. + +Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung ihre letzten +Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden. + +Die französischen Diplomaten wußten eigentlich nicht recht, woran sie +waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen +Absichten Deutschlands und Englands. + +Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fäden +der in Aussicht genommenen europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war +der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, Amerika: John +Crofton. + +Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame Wohnzimmer seines +Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin. + +»Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?« fragte er, seine dunkel +umränderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte. +Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre +Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit +Wochen Berlin mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher nur +zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers stand. + +»Ich habe nichts vor,« entgegnete Romulus Futurus. »Wenn meine Gattin +einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff +unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal +näher ansehen würde.« + +Frau Fabia klatschte in die Hände. + +»Das ist eine Idee, Romulus,« sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie +sehnsüchtig die weißen Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend +am Himmel stand. + +»Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,« murmelte sie, »und weiß doch +nicht wonach, warum! Mir ist als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte, +der meine Bestimmung einschließt!« + +John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach +seinem Geschmack. + +»Man gibt heute abend den Tannhäuser,« meinte er. »Happy Head-Divina singt +die Elisabeth. Ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu +verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher +darauf gerechnet, daß ihr mitkommen würdet!« + +Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie änderte daher sofort ihren +Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde +später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die große Oper . . . + +Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia vergaß alles um sich her, +während sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend +wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte +begraben gehabt. + +Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas +Gequältes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er +bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie empfunden, immer mehr +nachließ, in dem Bewußtsein, daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was +er suchte. Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich hinter +die Kulissen. + +Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schön in +dem weißen Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen +Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges Silber tauchte. + +»Sie haben mich rufen lassen, Happy,« begann John Crofton und trat in ihren +Ankleideraum, der aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf +einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine +schwarze Groom. + +»Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,« +entgegnete die Sängerin. »Du machst dich so selten bei mir, und man spricht +in unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia habe immer noch nicht +nachgelassen!« + +Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen Hals zurück. John Crofton +entgegnete ärgerlich: + +»Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen an?« + +»Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch immerhin eine interessante +Figur, nachdem ganz Berlin weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!« + +Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine +Falte. + +»Das kommt darauf an!« murmelte er. + +Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder +dufteten, um seinen Hals und flüsterte: + +»Und für mich, John, hast du gar nichts mehr übrig? Liebst du mich wirklich +nicht mehr? Hast du mich ganz vergessen?« + +John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit +verschleierter Stimme entgegnete: + +»Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer noch so wie früher! Aber die +Leidenschaft für Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz +verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo +ich wieder ganz und gar zu dir zurückkehre!« + +Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen, dann +drückte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . . + +Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll +Befürchtung, die Sängerin möchte im nächsten Auftritt versagen, wenn sie +sich während der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy +Head-Divina mit ihrem Freunde. + +Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie John Crofton immer von +neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er +löschen mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte +nicht, wie seine schöne Freundin plötzlich aus einem kleinen Fläschchen +einige Tropfen in sein Glas gleiten ließ. -- + +»Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?« fragte sie plötzlich +scheinbar gleichgültig, eine Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich +zur Decke empor. + +John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, entgegnete: + +»Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen werden allerdings übel +abschneiden. Ja, wenn sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig +im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland finanziell und +ökonomisch durch diesen Krieg vollständig ruiniert ist, so würden sie +allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!« + +»Die Sache steht also für Frankreich weit besser, als man annimmt?« +entgegnete Happy Head-Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das +Sektglas füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus als sonst. -- + +»So ist es! Auch Englands Chancen sind weit größer, als die Briten +annehmen!« + +»Und du kennst bereits alle näheren Pläne?« + +Er lachte. + +»Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche Happy! Sprach ich doch +erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswärtigen! +Ja, wenn man es so nimmt -- das Schicksal Frankreichs liegt jetzt +eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten!« + +Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich geweitet hatten. Sah nicht, +daß sie ihn mit den Blicken förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an +die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . . + +Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John +Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder +waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen +zu öffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu. + +»Also du trägst die Entwürfe bei dir!« meinte Miß Happy plötzlich, indem +sie wieder auf das alte Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht +die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie +die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betäubung zu entgehen. + +Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei +klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf: + +»Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt -- ich möchte mich -- +entfern --« + +Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, die sich gegen einen Stuhl +gestützt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das große +Eisbärenfell. + +In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an der Tür. Der Inspizient +steckte den Kopf herein und rief: + +»Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina! Ihr Stichwort fällt in +einer Minute!« + +Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich +stürzte der Groom herbei. + +»Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich +zufällig dort aufhält. Sage ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir +Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.« + +Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick die Bühne und sang ihre +Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß +mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste. -- -- + +Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr. +Diabel tatsächlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters +gerade eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der Nachricht nicht +sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin. + +Dr. Diabel trat ein. + +»Du kannst gehen,« wandte er sich an den Groom. »Laß mich allein!« + +Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und verließ +die Garderobe. + +Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb +war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem +Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen +Züge waren förmlich durchsichtig geworden; die großen, dunklen Augen lagen +tief in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schläfen, +während das Gesicht ganz zurücktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des +Bartes. + +Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht aus, daß durch den +Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des +roten Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu +und goß das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des +Betäubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf +riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, warf ihn über einen Sessel, daß +auf der einen Seite die Füße, auf der anderen der Kopf und die Schultern +hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen. + +Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten +Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies +und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er ließ das +Dokument in der Brusttasche verschwinden und goß dann auf einen kleinen +Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er in der Westentasche +getragen hatte. Diese Flüssigkeit ließ er zwischen die Zähne des +Bewußtlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton +die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um. + +Sein Auge fiel auf Dr. Diabel. + +»Wo bin ich? Was ist geschehen?« fragte er hastig, indem er sich +aufrichtete. Dr. Diabel mußte ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden +gestürzt. + +»Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,« meinte der Arzt. »Ich wurde +eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy +bewußtlos zusammengestürzt!« + +Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurück. Er begriff, +was geschehen war, glättete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand. + +»Ich danke Ihnen!« flüsterte er. »Ich werde mich bei Miß Head-Divina noch +persönlich entschuldigen.« Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes +Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzählte, um sich +wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen. + +Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, denn die Oper war zu +Ende. + +Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung seines Freundes erwidert. +Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich +zurückgezogen, sagte der Kultusminister: + +»Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance-Pläne noch in +deiner Tasche hast!« + +John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so +furchtbar hatte ihn die Möglichkeit getroffen, die Romulus Futurus +andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern +sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. Die amerikanischen +Zeitungen pflegten kurzen Prozeß mit ihren auswärtigen Vertretern zu +machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie wurden +ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da sämtliche Zeitungen +Amerikas einen großen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust +waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend +einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden. + +Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht +genügend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis zu +schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem +Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, so +wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen. + +Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen +Taschen. Sein Gesicht überzog eine wächserne Farbe. + +Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe gezogen und sah ihm schweigend +zu. + +»Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr?« + +»Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon +gesprochen!« + +»So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne +deine Natur, John! Dein plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!« + +Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit +wieder ein und der Verdacht, daß er das Opfer eines schändlichen Komplotts +geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel der +letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und +Mantel und beschloß, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu +ziehen. + +Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück. + +»Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund!« sagte er ruhig. »Ich +werde Dr. Diabel verhaften lassen!« + +Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der +Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am +Krankenbett der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer +schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den +Leibarzt der Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen. + +Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde nicht den geringsten +Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in +dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt. + +Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, der eine große Rolle in +der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn +einem langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne Wort, das der +Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von +einem Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen eigenen Stift +auf ein Blatt Papier übertragen. So war jedes Protokoll überflüssig, und +der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten von dem +Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden seien und sich mit dem +Protokoll nicht deckten. + +Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote das Protokoll. John +Crofton rang verzweifelt die Hände, als er es gelesen. + +»Ich bin verloren! Verloren, Romulus!« rief er. »Dr. Diabel leugnet +hartnäckig und weder die körperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend +etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!« + +Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine +Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden +worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt +des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu übermitteln, +so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John +Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach Amerika zurückgeschickt zu +werden. Vor diesem Schicksal hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren +können. + +Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen Stationen +gesperrt würden und drei Tage lang unter persönlicher Kontrolle des +Ministers ständen. + +Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. Er begriff sehr wohl, +daß, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine +Helfershelfer schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach Paris zu +übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina die Komplicin des Doktor Diabel war, +wollte John Crofton nicht glauben. + +Auf alle Fälle leugneten beide standhaft. + +So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien +besiegelt. + +Er, der gegen seinen Freund so schmählich gehandelt hatte, scheute sich +nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu +retten. + +Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit. + +»In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er +sich befindet!« sagte er ruhig. + +John Crofton hob den Kopf. + +»Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr. +Diabel sein Geheimnis entreißen könntest!« + +»Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es +keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von +jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig sein, es +wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen +Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden!« + +»Ich verstehe dich nicht!« entgegnete John Crofton. + +Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in +sein Coupé zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis. + +Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war groß und geräumig +und besaß zwei Fenster: eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das +einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß. + +Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort +seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche +»Lumen«-Platte ein. + +Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit. + +Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch +vervollständigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne +Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Völker wirken +mußte. + +Nachdem er sich überzeugt, daß die »Lumen«-Platte die menschlichen +Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie +schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so +vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen +bewerkstelligte. Auf diese Weise war die »Lumen«-Platte noch zwanzigmal +verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt +nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie +zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren +geheimsten Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie +geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mühe zu geben, nur die +einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür +bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen des +menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben +auch da nur eine bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen +bestimmten Gedanken ausprägt. + +Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er +mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte +selbstverständlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden +waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes Auge vom Fenster auf +ihn gerichtet war. + +Er lachte, als die beiden Männer eintraten. + +»Ihr werdet euch täuschen,« dachte er: »Von mir werdet ihr nichts +erfahren!« Zu gleicher Zeit überlegte er sich, daß er nun auf keinen Fall +an Miß Happy Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der +»Lumen«-Platte waren ihm natürlich längst bekannt. + +»Ich werde weder an Miß Happy denken, noch daran, daß der Vertrag sich in +ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines +Plüschsessels in ihrem Saale verborgen hält,« dachte er. Und wirklich gab +er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Männer +eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster +Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhör unterzog. + +Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter +vorgenommene, und Romulus verließ mit seinem Freunde Crofton die Zelle, +während ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen +Menschenkenners lag. + +Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel. + +»Ihr werdet euch täuschen,« dachte der Arzt. »Ihr werdet euch täuschen! Ich +habe weder an Miß Happy noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, +und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!« + +Romulus Futurus nahm ruhig die »Lumen«-Platte aus dem Apparat, nachdem er +diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause. + +Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Männern in den Weg. Sie +brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung +zurückzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage +wurden immer kürzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden. + +In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk, +das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte eigentlich +nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der +Regierung, mit allem. -- + +Aber man wußte nicht, warum. -- -- + +Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß Revolutionen nichts +ändern, daß alles seinen gleichen Gang weiter geht und daß immer dasselbe +kommt und niemals etwas anderes. + +Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt durch das +rotglühende Licht des Kometen, dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich +hohnlachend über die Erde neigte. + +Blut -- hieß die Losung! Blut wollten sie alle! Blut sollte fließen! + +Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden wollten, so richteten sie +ihr Augenmerk auf die, welche der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf +die Regierenden. + +Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton nicht in ein Flugcoupé +gerettet, so wären sie beide verloren gewesen, denn alle elektrischen +Coupés auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und die Insassen +ermordet. + +Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution war günstig gewählt +worden, denn das Militär war noch nicht da und die Truppen, die sich in +Berlin befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln, die mit +jeder Minute zahlreicher wurden. + +Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als Standquartier der Revolutionäre +eingerichtet worden. Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer +befand, der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius, der Student. + +Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, in seine Wohnung zu kommen. Er +entwickelte sofort die Platte und ließ die Photographien +kinematographenartig ablaufen. + +John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen seines Freundes, und zum +ersten Male begriff er ganz und gar dessen gigantische Größe, die +fabelhaften Vorteile, die diese Erfindung der deutschen Nation sicherte. + +Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem Apparat: + +»Ihr werdet euch täuschen! Von mir werdet ihr nichts erfahren! Ich werde +weder an Miß Happy Head-Divina denken, noch daran, daß sich der Vertrag in +ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines +Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr werdet euch täuschen! Ich +habe weder an Miß Happy, noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, +und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!« + +»Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten!« sagte Romulus Futurus +lächelnd, drückte auf eine elektrische Klingel und setzte sich wieder mit +der Polizeizentrale in Verbindung. + +»Die Schauspielerin Miß Happy Head-Divina ist zu verhaften!« befahl er. +Gleichzeitig gab er Auftrag, daß ein hoher Polizeibeamter sich in die +Wohnung der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument in Besitz zu +nehmen und es John Crofton zurückzugeben. Inzwischen war Frau Fabia, +erschreckt durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer der +Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig einen Blick auf die vielen +Photographien, die in kurzer Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren. +Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen +Entsetzensschrei aus. + +»Er ist es!« rief sie. »Er ist ein Verbrecher! Er hat mich getötet!« Dann +sank sie in Ohnmacht. + +John Crofton und Romulus Futurus sahen sich entsetzt an. + +»Was bedeutet das?« fragte John Crofton. + +»Wir werden es wohl bald erfahren,« sagte Romulus Futurus nachdenklich. + + + + +VI. + + +Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer solchen Heftigkeit +eingesetzt, daß die Regierung wie von einem Lavastrom hinweggefegt wurde, +der sich plötzlich über alles Leben ergießt, alles verschlingt und jeden +Widerstand verbrennt, zermalmt. + +In den Straßen tobte ein wahnwitziger Kampf. Es war keine Schlacht mehr, es +war ein Schlachten. Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit +seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen, die Berlin seit +seinem Bestehen noch nicht gesehen hatte. + +Die erste Heldentat der Aufständischen, die in großen Scharen die Straßen +durchzogen und mit den Truppen der Regierung auf allen Plätzen ins Gefecht +kamen, bestand in der Erstürmung des großen Untersuchungsgefängnisses am +Spittelmarkt. + +Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergoß sich die Flut der Revolutionäre +in die dunklen, finsteren Gänge; da und dort lag die Leiche eines +ermordeten Aufsehers. Einige Minuten später aber strömte die Schar der +Eingekerkerten hinaus, die Brüder umarmend, die ihnen, den Verbrechern, die +Freiheit wiedergegeben hatten. + +Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem er dem Führer des Trupps +die Hand gedrückt, eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das +Gemach der kranken Fürstin Angelika und nahm dort seinen Platz als Arzt und +Wächter wieder ein. + +Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten Festung. Die Straßen waren +röter noch von Blut, als von dem Lichte des Kometen. Die Bürger hatten ihre +Häuser versperrt, aber die Aufständischen schlugen die Türen mit Aexten +ein, zerrten die Frauen auf die Straßen, warfen die Kinder in die +aufgepflanzten Bajonette und mordeten die Männer. + +Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils unter die Fahnen der +Regierung, teils unter das Banner des Aufstandes geeilt waren, kämpften mit +einer Erbitterung, die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstraße zogen +etwa dreitausend Revolutionäre unter der Führung Peter Cornelius, des +Studenten. + +Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen, die bestimmt wußten, daß +die Natur sich ändert, wenn man Blut vergießt, daß die ganze Welt sich in +ihrem Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird, wenn man die +Reichen beseitigt und an Stelle derer, die bisher regiert haben, andere +setzt. -- -- + +In den Augen des Peter Cornelius glühte ein verhängnisvoller Wahnsinn. +Trunken von einem Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das +Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten des roten Kometen +hervorgerufen war, schwankten seine Genossen durch die Straßen, mordeten, +schändeten, begingen Exzesse der Tollheit und riefen die Freiheit aus. + +Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten. Diese waren bedeutend in +der Ueberzahl, und die Revolutionäre verlangten von ihrem Führer, daß er +sie zurückführe, denn ein Kampf mußte zu Ungunsten der Revolutionäre enden, +da die Bewaffnung des Militärs eine weitaus bessere war. + +Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten in der Mitte mit sich +führten, stand mit gefesselten Händen ein Weib. + +Ihre Arme lagen auf dem Rücken; das schwere goldene Haar hatte sich gelöst +und floß in langen Wellen über ihre Schultern, von denen das weißseidene +Kleid teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glühten wie Purpur, und +ein höhnisches Lächeln leuchtete aus ihren Augen. + +Als die Soldaten und die Revolutionäre einander so nahe gekommen waren, daß +sie sich verständigen konnten, blieb Peter Cornelius plötzlich wie +angewurzelt stehen. + +Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nämlich der Sieg der Revolutionäre +lange nicht entschieden und man war bemüht, die Verbrecher, deren man +habhaft werden konnte, unter starker Militäreskorte wieder in das Gefängnis +zurückzuführen. + +»Happy Divina!« murmelte der Student, zu den Waffen greifend. + +Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und während die beiden feindlichen +Trupps einander zornglühend gegenüberstanden, während das Entbrennen des +Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing, rief Happy Divina: + +»Ei, sieh an! Peter Cornelius, der Held! Habt Ihr Euch endlich aufgerafft? +Habt Ihr diese Barbaren niedergeworfen? Da seht her, was sie mit mir +gemacht haben!« + +Und sie, die Tausende und Abertausende von Menschen durch ihre Stimme in +einen Rausch der Begeisterung versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom +Rücken ab, und man sah die weißen, leuchtenden Hände zwischen dicken +Stricken. + +Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger Wut gegen die, +welche dieses schöne Weib brutal ins Gefängnis führen wollten. Liebte er +doch Happy Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie hätte Peter Cornelius +es jemals wagen dürfen, sich der Sängerin, die von den höchsten +Würdenträgern das Reiches verehrt wurde, zu nähern? Er, der arme Student, +der seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag! + +Die stolze Sängerin, die gefeiert wurde gleich einer Königin, würde nicht +wenig gelacht haben über den armen Studiosus, hätte er ihr seine Liebe +erklärt. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte, +jetzt war alles anders geworden! Die Ersten waren die Letzten und die +Letzten waren die Ersten geworden! Hier stand Peter Cornelius an der Spitze +seiner todesmutigen Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze zu +schlagen. + +Und plötzlich war für Peter Cornelius die Devise gegeben: + +Die Freiheit, für die er sein Leben aufs Spiel setzte und hundert andere +nach sich zog, erschien ihm leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin, +die seit langer Zeit im Dienste auswärtiger Staaten als Spionin stand, da +ihre großen Einnahmen nicht hinreichten, ihr wahnsinniges Bedürfnis nach +Luxus und Reichtum zu befriedigen. + +Peter Cornelius entriß dem Arbeiter, der neben ihm ging, die Fahne und +stürzte sich mit dem Rufe: + +»Für Happy Divina und die Freiheit!« mitten in die feindlichen Soldaten. +Von Begeisterung trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem einzigen +Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine Bresche in die Reihen der Soldaten +geschlagen und waren bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene +gefesselt stand. + +Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Säbel nicht weniger als vier +Soldaten nacheinander nieder, zerriß die Fesseln, welche die schönen Hände +der göttlichen Sängerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen und schleppte +sie, ihren Leib mit dem linken Arme umfassend, mit dem rechten kämpfend, +aus der Reihe der Soldaten . . . + +Die waren zuerst unter dem wütenden Anprall der Revolutionäre +zurückgewichen. Dann aber hatten sie sich rasch gesammelt, und während die +vordersten sich niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde +abgaben, öffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte ihrer Reihen; Geschütze +wurden aufgefahren, deren erste Schüsse allein etwa fünfzig der Feinde +niederrissen. + +So groß zuerst der Todesmut der Revolutionäre gewesen war, ebenso groß war +die Panik, die diese führerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot +Bleikugeln erhielten. Während jeder Führer der Revolutionäre seine eigenen +Zwecke verfolgte, der eine Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der +vierte persönliche Interessen, während der fünfte hoffte, durch den +Aufstand Gold zu sammeln, und während der sechste einer Verbrecherin wegen +dreitausend Menschen in den Tod führte, dachte die große Masse nur an das +eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte: »Brot!« + +Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der Soldaten zurück, wurden +zersprengt, niedergeschossen, zertreten, dezimiert, und höchstens +dreihundert waren es, die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken Arm +immer noch gleich einer weißen Fahne den schlanken Leib der Sängerin trug. + +Die Straße war von Soldaten abgesperrt. Aber sie fanden einen neuen Ausweg, +über den sie auf vielen Umwegen in die Potsdamerstraße gelangten. + +Dort hatten die Revolutionäre Barrikaden gebaut, und ein furchtbarer Kampf +um die Oberherrschaft in Berlin war entbrannt. + +Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot geworden wie Burgunder. Die +Nacht war erfüllt von einer unerträglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde +zunahm und den Wahnsinn der Menschen erhöhte. + +Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen Steinhaufen gezogen. Da +augenblickliche Ruhe eingetreten war, fand er Zeit, sich mit ihr zu +verständigen. + +Sie sah ihn lächelnd an, ihre Lippen schimmerten wie Blut. Sie reichte dem +Studenten die Hand und sagte: + +»Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich meinetwegen solchen Gefahren +aussetzten!« + +Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen und hielt ihre Finger +umschlossen. + +»Wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meine Wohnung zu bringen?« flüsterte +sie. + +Er schüttelte den Kopf. + +»Das ist unmöglich, Miß Head-Divina! Das ist ganz unmöglich! Sie müssen +hier bleiben und jetzt mit uns für die Freiheit und für eine goldene +Zukunft kämpfen!« + +Die Sängerin schnitt eine Grimasse. + +»Was soll ich tun? Sie werden doch nicht denken, daß ich einen von euren +schmutzigen Säbeln angreife oder gar ein Gewehr abschieße? Warum denn? +Wegen eurer Dummheiten?« + +Cornelius sah sie mit großen, flammenden Augen an. + +»Unsere Dummheit hat Sie gerettet!« sagte er zornig. Sie zuckte die +Achseln, lächelte und entgegnete: + +»Sie irren, Peter Cornelius! Ihre Sinnlichkeit war es, die Sie Ihr Leben in +die Schanze schlagen ließ!« + +»Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit!« schrie er, trunken vor Wut und vor +Leidenschaft. »Ich liebe Sie! Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib +geliebt wurde, und ich verlange, daß Sie mein werden!« + +Dabei schlang er seine Arme um ihre weiße, feine Gestalt und versuchte, +seine Lippen auf die ihrigen zu pressen. + +Happy Head-Divina empfand einen furchtbaren Ekel. Sie stemmte die beiden +kleinen Fäuste gegen die Brust des Studenten und stieß ihn zurück. + +»Sind Sie wahnsinnig? Ich mag Sie nicht! Ich hasse Sie!« + +Peter Cornelius taumelte zurück, während um ihn und die Sängerin wieder die +ersten Flintenschüsse krachten. + +»Sie lieben mich nicht? Sie hassen mich? Aber ich liebe Sie! Und eher werde +ich Sie töten, ehe ich erlaube, daß Sie einem andern angehören!« + +»Sie sind ein Narr!« entgegnete die Sängerin nun ernstlich böse, indem sie +sich mit unruhigen Augen umsah; denn eben stürzte neben ihr ein +Revolutionär zu Tode getroffen nieder und krampfte die Hände im letzten +Todeszucken. + +»Sie sind ein Narr, Peter Cornelius! Führen Sie mich sofort hinweg!« + +Er lachte + +»Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas retten kann, so ist es nur +meine Liebe!« + +Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und schoß mit dem rechten das +Gewehr auf einen Soldaten ab, dessen Helm über der Spitze der Barrikade +sichtbar wurde. + +Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des Studenten, riß sich los +und kletterte mit außerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit über die +Trümmer der Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen und +dort Hilfe zu suchen. + +Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine Augen waren +blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand Schaum. + +Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg erreicht hatte, als sie gerade +die Arme ausbreitete, um zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein +Gewehr an die Wange und schoß sie durch dem Rücken. + +Sie warf die Arme in die Luft, und während über ihre Lippen und über das +Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts hinab und blieb verblutend liegen +. . . . + +Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den Kampf und focht so +lange, bis er, von Stichen und Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten +Steine sank, die von der Barrikade übrig blieben, indes die Soldaten die +Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und wütete in allen Straßen und +überall der Kampf. Immer unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über +Berlin verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und dort ein +verzweifelter Mund ausschrie: + +»Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen! Die Welt geht unter!« + +Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende Kampf begonnen +hatte, wurde er beendet. Die Panik, die der rote Komet plötzlich +hervorrief, in dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte, +versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft hatten, wie die Tiere. + +Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder, hohe Staatsbeamte und +Arbeiter, kurzum alles, was in Berlin lebte, wälzte sich als ein großer, +dunkler Haufen der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, von dem man +halb drohend, halb bittend Rettung vor dem roten Kometen forderte. + +Romulus Futurus stand auf seinem Turm und beobachtete das Herannahen des +verhängnisvoll Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der Sternwarte +näherten, er wußte, was sie forderten und verlangten, aber er beachtete sie +kaum. + +»Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis der Zusammenstoß erfolgt!« +sagte er zu sich selbst. »Noch ist es nicht sicher, ob überhaupt die +Katastrophe hereinbricht; denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet +augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit der +Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen. Vielleicht ist die Anziehungskraft +der Erde nicht stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber!« + +Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet unmöglich die Kraft einer +Sonne haben könnte, denn sonst wäre längst die ganze Erde geborsten. + +Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete, stand gleichwohl +nicht im Verhältnis zu der Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete +weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich auf ihm +ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien umgeben zu sein von einem +Riesengürtel von Elektrizität, die diese furchtbare Hitze und das rote +Purpurlicht hervorrief. + +»Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen Lichtstrahlen am schwächsten +gebrochen werden,« sagte er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend +und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald auf die Straßen +hinabsah, die von dem Lärm und von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren. + +»Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen verursachen, ist größer als +die aller übrigen Strahlen; die Anzahl der Schwingungen, welche sie in +einer Sekunde vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert +Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive Kraft gerade der roten +Farbe erklärt. Ich glaube, daß das Purpurlicht durch Elektrizität +hervorgerufen wird, die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls eine +ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem Polarlicht, das in der Höhe +nach Breiten abfließt, um sich schließlich allmählich dort auszugleichen, +wo die Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir in tieferen +Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen dort nicht als Licht, +sondern als Gewitter. + +Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert, in seiner Kraft, dazu +weit intensiver leuchtend durch den elektrischen Strom, welcher rund um den +Kometen herumläuft, und du hast eine sichere Erklärung für das rote Licht +dieses Sternes.« + +Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen durch die Volksmenge +unterbrochen, die stürmisch Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm +verlangte. + +Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun, um Berlin vor dem +Untergange zu retten. + +Und er gab einen seltsamen Befehl. -- + +In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle die vornehmen Gebäude lagen, +drängte sich das Volk zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus +Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an Gummi und ähnlichen Stoffen +besaß. Aus diesen Materialien wurden Schutzwände gebildet, an denen die +elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote Lichtflut dem Auge +zeigten, abprallen sollten. + +In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des Lichtes da sofort aufhörte, wo +die Menschen sich hinter solchen Gummiwänden verbargen, denn die +Elektrizität prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab. + +Was aber halfen diese Maßregeln, die den Anstrengungen eines Ameisenhaufens +gegen einen Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, die jetzt +folgten! + +Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde heran, und jede Stunde, +jeden Augenblick erwartete man den Zusammenprall. + +Mit dem herannahenden Untergang der Welt zeigten die Menschen sich +plötzlich so wie sie waren. Die einen, die bisher unter der Maske der +Tapferkeit paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere, die nie aus dem +Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten waren, verrichteten Wunder des +Mutes und der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär, die +Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, die höchsten +Staatsbeamten und die niedersten Bewohner Berlins schafften fieberhaft an +der Gummimauer, welche sie vor dem letzten Untergang retten sollte. Aber +die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen sich gleichfalls als vollständig +unzulänglich, denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften Hitze, die +von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht hatte sich zum Tage gewandelt und der +ganze westliche Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. Myriaden +von den verschiedensten Farbentönen, angefangen vom blassesten Rosa bis +hinauf zum tiefsten Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten sie +zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und das ganze Firmament war ein +einziges Chaos von Blut und Flammen. + +Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, war unbeschreiblich. +Hunderte und Tausende flüchteten sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten +war besetzt von Verzweifelten. In der französischen Kirche am +Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. Hunderte wieder wurden in ihrer +Angst auf die Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder Hilfe bei den +Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und dem alten Sophienkirchhof drängten +sich die von wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen Gottesacker, +der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die wenigsten fanden den Mut, in den +großen Bauten, die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht zu suchen. +Und doch war es das klügste, und die, welche im königlichen Schauspielhaus +Zuflucht gesucht hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen halbwegs +geschützt gegen die höllische Hitze, die in den Straßen brütete. Viele +stürzten in die Keller, um dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die +meisten aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser und tobten +durch die Straßen. + +Plötzlich schrie die Menge auf. + +Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden umlagert war, stieg +plötzlich eine Feuersäule kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie +war von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot auf dem Dache. Zu +gleicher Zeit stürzten mehrere Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im +ersten Moment hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich aber die +Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure sofort Bescheid. + +Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein zweites fuhr der Strahl und +tötete beinahe alle Bewohner, während zu gleicher Zeit die Flammen aus den +Fenstern schlugen. + +Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, die den elektrischen +Blitz angezogen hatte. Die Helme der Soldaten boten gleichfalls für die +elektrischen Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen +Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die Kopfbedeckungen abriß und von +sich warf, die Gewehre und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte. + +Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr. Nicht weniger als zehn +Häuser brannten im Zentrum der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten, +und alle anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für den Augenblick +die furchtbare Situation zu vergessen. + +Alles ging in Flammen auf, was von einem der elektrischen Funken ergriffen +wurde, die wie Glühwürmer die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten. + +Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem Rot, daß man im ersten +Augenblick glaubte, dort stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah +nicht anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, in Blut getaucht, +oder als schwimme sie in einem Meer von Glut. + +Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen laut schreiend auf die +Straße hinaus, während die Fenster barsten und die großen Auslagen der +Läden splitternd und krachend zusammenfielen. + +Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, stiegen zu dem roten Kometen +empor. Furchtbare Flüche wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne +ausgestoßen, die drohend und schrecklich über der Erde stand. + +Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben Hunderte von Menschen +unter sich, denn zu damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach +amerikanischer Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken +ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste, die sich unter der +Glut, die auf den Häusern lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude +selbst in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie Weidenruten. + +Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem Wehgeschrei, Klagen und +Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete stöhnten und wimmerten, und die jeder +Vernunft baren Menschenströme wälzten sich über Tote und Verwundete hinweg, +zerstampften sie, zertraten sie, flüchteten hierhin, dorthin, und konnten +doch dem Verderben nicht entrinnen, das von dem Kometen auf die Erde +niederkam. + +Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn hinein drang das +Geschmetter der Militärmusik; die Soldaten wurden durch die eiserne +Disziplin ihrer Offiziere zusammengehalten und versuchten, so gut es ging, +die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen die Signale der +Feuerwehr, die mit verzweifelter Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu +verhüten. + +Eine dicke Ruß- und Rauchwolke lagerte sich über die Stadt. In manchen +Straßen war es so arg, daß die Menschen nicht mehr atmen konnten und +Hunderte erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden. + +Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; die Atmosphäre erhitzte sich +immer mehr und mehr. Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn +die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und brennende Kähne trugen die +Flammen den Fluß entlang. + +Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. Die Straßen waren gefüllt mit +Toten, die regungslos auf dem erhitzten Pflaster lagen. + +Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich ein fürchterlicher Sturm. +Rot und bläulich gefärbte Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am +Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer dicken, schwarzen Masse, +durch die, kaum sichtbar, noch der rote Komet hindurchschimmerte. Die +Spreewasser wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, Tosen und +Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel schienen sich auf die Stadt +herabzusenken, ein roter, glühender Schleier, der die Lungen versengte und +das Atmen immer schwerer machte. + +General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant von Berlin war, ließ alle +schweren Geschütze zusammenfahren und eröffnete eine furchtbare Kanonade +gegen den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten Kometen. Er gab sich +der vagen Hoffnung hin, durch den großen Luftdruck der Geschosse die +Atmosphäre zu säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl auch +kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen und jene Panik, die +die klügsten Köpfe völlig besinnungslos machte. + +Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte nur das Grauen, ohne die +Kraft der Elemente eindämmen zu können. Die Menschen, die nicht sofort die +Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen Getöses kannten, +glaubten, ein Erdbeben sei gekommen und versuchten nun, aus den Straßen +hinauszuflüchten, sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder, +zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein blutiges, +schreckliches Chaos. + +Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen fielen die Häuser zusammen. +Ganze Stockwerke, von der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die +unteren herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die entsetzten +Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten. + +Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden Stimmen der Hoffnung laut, +als die Unglücklichen erkannten, daß die Tropfen, die zischend auf das +heiße Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich +Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde niedersandten. Durch die +Wolke von Rauch hindurch sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten +die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit verglasten Augen, von +Fieber und Todesangst geschüttelt. + +Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus Futurus, seine Gattin Fabia +und sein Freund John Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr +zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen Equipagen lagen +zertrümmert und verbrannt in den Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst +versucht hatten, das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren auch +zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. Die Glut hatte die +Gashüllen gesprengt und in Flammen gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren +zerbrochen wie Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie +Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende Klumpen, von denen +sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber ablösten. + +Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort, wo in früheren Jahren das +Kultusministerium gestanden, erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles +Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren bis dahin entgangen +war. Die großen Tektonwände, in die es eingefaßt war, hatten den +umherfliegenden Feuerfunken widerstanden. + +Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts deutete darauf hin, daß die +Bewohner von dem gleichen panischen Schrecken ergriffen worden waren wie +alle anderen Menschen. + +Oder stand das Haus leer? + +Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in den Straßen und der +grenzenlosen Katastrophe bis jetzt mit größtem Seelengleichmut begegnet +war, während John Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren Romulus +Futurus herwankte, wurde plötzlich von einer seltsamen Unruhe ergriffen, +als sie dieses Haus erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie +gekommen war. + +Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Gatten und stieß hastig +hervor: + +»Was ist das, Romulus? Was ist das für ein Haus?« + +Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude gleiten. + +»Es ist der Palast der Fürstin Angelika,« erwiderte er gleichmütig und +wollte seinen Weg fortsetzen. Aber Frau Fabia hielt ihn zurück. + +»Angelika« murmelte sie, »Angelika . . . Der Name ist mir so bekannt.« + +»Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt, als wir mit Doktor Diabel +und den andern in seinem Hause soupierten.« + +Sie schüttelte den Kopf. + +»Davon weiß ich nichts!« + +Romulus Futurus machte eine Handbewegung. + +»Verzeih', ich vergaß, daß dir die Erinnerung an alles, was in der +Vergangenheit liegt, geschwunden ist.« + +Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig fremden Menschen, denn +er liebte Frau Fabia schon lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas +anderes, auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht nennen konnte, +das ihm nur vorschwebte, auf die schemenhafte Erscheinung, die er unter +seinem Bilde kennen gelernt und die nun doch -- das stand außer Zweifel -- +im Körper seiner Gattin Fabia wohnte. + +Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen. + +»Es kommt mir so seltsam bekannt vor,« flüsterte sie unaufhörlich, während +ihr Blick einen eigentümlichen Schimmer annahm. »Aber das ist ja mein Haus! +Das ist ja mein Palais!« rief sie plötzlich, sich an Romulus Futurus +klammernd. Im nächsten Moment stieß sie einen gellenden Schrei aus, sank in +die Arme ihres Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie im Frost +aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des ersten Stockes empor. + +Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton waren ihr mit den Augen +gefolgt. + +Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend herab. Sein Gesicht hatte +wahrhaftig die Fratze eines Teufels angenommen. + +Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den Stunden so geändert, daß +John Crofton längst nicht mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus +wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn es war ja bekannt, +daß die Revolutionäre alle Gefängnisse gestürmt hatten. + +Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien es doch jedem, als ob +Jahre, dazwischen liegen müßten. So furchtbar waren die letzten Erlebnisse. + +Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft. Der Himmel +glühte, ein Regen von feurigem Dampf und siedendem Wasser spritzte vom +Firmament auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich geschwängert +von Glut. + +Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße zu halten, und Romulus +Futurus, seine Gattin Fabia und John Crofton flüchteten sich in den Palast +der Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem Glutregen zu +entkommen. + +Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin Angelika mit Sauerstoff. +Romulus Futurus und John Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber +Frau Fabia drängte auf die Treppe zu. + +»Was willst du?« fragte ihr Gatte zornig. »Sollen wir uns aus dem Hause +weisen lassen? Willst du die Fürstin beleidigen?« + +Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren zu haben. + +»Von welcher Fürstin sprichst du?« fragte sie mit irren, lohenden Blicken. + +»Von der Fürstin Angelika.« + +»Die Fürstin Angelika bin ich selbst!« + +Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. John Crofton, der Frau +Fabia immer noch mit gleicher Glut liebte, dachte nicht anders, als sie +habe über all diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts +Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von Irrsinnigen durch die +Straßen hetzten. Romulus Futurus aber öffnete plötzlich weit die Augen und +sah seine Gattin mit einem seltsamen Blick an. + +»Wenn das möglich wäre --« murmelte er; und um John Crofton eine Erklärung +zu geben, sagte er, von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch +auf seinen Wangen glühte: »Gehe voraus, Fabia!« + +Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau Fabia bereits den Fuß auf +die Treppe gesetzt und eilte nun mit leichten Schritten über die +teppichbelegten Stufen empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die +Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie jenen Schrei hören, den +Romulus Futurus und John Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie +lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte beide Arme halb +abwehrend, halb beschwörend von sich und regte sich nicht; nur in den +großen Augen lag ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . . + +Inzwischen waren Romulus Futurus und John Crofton ihr gefolgt. Der erste +Mensch, den sie erblickten, war Doktor Diabel, der sich am Fenster +umgewandt hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen entgegensah, während +Blitze aus seinen Augen schossen. + +»Was wollen Sie hier?« schrie er. »Wie können Sie es wagen, in dieses Haus +einzudringen? Ich verlange Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer +schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!« + +Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, daß sie eine einzige +dunkle Linie über den Augen bildeten. + +»Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln geben,« entgegnete er. +»Noch bin ich Kultusminister und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch +steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Fürstin Angelika scheint mir +jedenfalls am schlechtesten aufgehoben zu sein unter Ihrer Pflege.« + +Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen und hob den Arm, als wolle +er sich an ihm vergreifen. Der aber packte die erhobene Hand und preßte sie +mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein leises Stöhnen entfloh. + +Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein +großes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber. +Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die +Fenster hereinflutete, in den Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da +ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige +Farbe des Himmels hatte. + +Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine abgezehrte, bleiche +Gestalt. Man sah, daß sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die +Fürstin Angelika seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, aus dem +sie nicht ein einziges Mal erwacht war. + +Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken +vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin +Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie +lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysteriöse +Krankheit hatte ihre Schönheit trotz allem nicht töten können. Im +Gegenteil: dieser Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er +glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und +Körper gibt, so hätte man in diesem Augenblick sicher beide nicht +unterscheiden können, denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein +überirdisches Wesen. + +Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum +mit den Augen die Gestalt dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen +Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und die +Nägel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so +bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die +Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Fürstin +Angelika. + +»Sie ist es, sie ist es!« stieß der Gelehrte endlich zwischen den Zähnen +hervor. »Allmächtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist +das Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!« + +Und wie ein gefällter Baum stürzte er an dem Bett der Fürstin Angelika +nieder, umschlang den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem +Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Küssen. + +Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst +war so verblüfft, daß er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während +Frau Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor Diabel +ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von +Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte +hinüberflattern ließ. + +Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff +außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton. + +Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin +Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften +Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten +hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und +dieselbe Person halten mußte. + +Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich lösen sollte, bis +Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Körper der Fürstin zum +Leben zu erwecken, plötzlich aufsprang. + +»Sie ist kalt, eiskalt!« schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der +es nicht glauben wollte, stürzte herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme, +ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf die +anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst merkwürdig war. + +Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er +seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer +Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreßter +Stimme sagte er: + +»Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst erwachen! Du mußt +erwachen!« + +Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, während seine Augen +irr an der Leblosen hingen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, fiel, von +der übermenschlichen Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie: + +»Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr in den Körper zurück!« + +Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb +vornübergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt +näherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an der Brust, +schleuderte ihn hin und her und schrie: + +»Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! -- -- + +Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen magnetischen Schlaf +versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal, +gestehe! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!« + +Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine überlegene Ruhe +verloren hatte, gewährte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten, +kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfüllten, +sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und +schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er: + +»Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich +habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu +wissen, und nun -- nun ist es zu spät -- ich habe den rechten Augenblick +versäumt -- sie ist tot, tot!« + +Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß sein Kopf hin und her gegen +die Wand schlug. + +»Warum?« schrie er mit furchtbarer Stimme, während der Wahnsinn aus seinen +eigenen Augen brach, »warum?« + +»Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr Herz einem anderen +gehörte, an den sie immerfort dächte, daß sie nur einen lieben könne, nur +einen . . .« + +»Wen? Wen? Sprich!« + +»Sie sprach von Romulus Futurus,« ächzte Doktor Diabel. + +Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar +anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein +Freund irrsinnig geworden war. + +»Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? Crofton? Begreifst du +alles? Dieser Schurke hat die Fürstin in einen magnetischen Schlaf +versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den sie +liebte, während der Körper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre +Seele habe ich gesehen, und so habe ich mich in sie verliebt! Ich kann +nicht mehr leben ohne sie!« + +Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper versperrte er den Ausgang. +Dann riß er den Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie in +die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem Körper auf den Teppich +niederfloß, und rief: + +»Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe dich ja! Ich liebe dich +bis zum Wahnsinn!« + +Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele +gezögert, wieder in den Körper zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin +entschlafen war, da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte +und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel +nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt. + +Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die Kissen zurückgleiten, +stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erfülltes Auge auf +Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all +diesen Vorgängen gelauscht hatte. + +»Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?« murmelte er, während die +Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, während das +Todesgeschrei der Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, Flüche +und Verwünschungen durch die Luft hallten. + +»Was zögere ich noch? Du -- du,« er wandte sich an Frau Fabia, -- »du bist +es und bist es nicht! In deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum +kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!« -- -- -- + +Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken Fäusten Frau Fabia, +die leise, verzweifelte Angstrufe hören ließ, schleifte sie zu sich hin und +schrie: + +»Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika soll leben! Ich will +es! Hörst du?« + +Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die +sich in dem Zimmer befanden, ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich +von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie: + +»Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper Angelikas zurückkehren +kann!« + +Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drückte, +in die Knie. Er hätte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben, +geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszuführen. + +Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem +Befehl folgte, riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der +Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, daß der +Kopf des Arztes zerschellte. + +John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte +vergeblich, die Tür frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht +erkannt und füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Körper aus. + +»Habe ich nicht recht, John?« rief er mit schauerlichem Lachen. »Habe ich +nicht recht? Endlich, endlich bin ich am Ziele.« + +Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglückliche, die vor +Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und preßte mit +seinen Fingern ihren Hals zusammen. + +Das war zu viel für John Crofton, in dem längst aller Haß gegen Frau Fabia +gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das +konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus +Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf den Freund, entriß ihm die +Ohnmächtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht. + +Aber stärkere Männer als John Crofton hätten diesen Rasenden nicht mehr +bändigen können. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn +von neuem, und zwischen den beiden Männern entspann sich ein Ringen auf +Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer +erfüllte, der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus den Gegner +endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glückte, das Messer aus der +Tasche zu ziehen. + +Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften in die Brust, bis dieser +die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut. + +Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau +Fabia und tötete sie mit eigener Hand. + +So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit +lallender Stimme, daß die Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre. + +Aber diesmal glückte das Experiment nicht. + +Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus +nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten +Körper übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt +worden war. + +Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten +Schultern zwischen vier Leichnamen. Inzwischen brütete draußen auf den +Straßen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten über +den einstürzenden Häusern, die Luft war erfüllt von dem Todesgeschrei +Tausender von Menschen, bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da +ließ die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler in den +Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die, +welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren, +erkannten, daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn und der Erde nicht +erfolgt war. + +Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, vielleicht nur durch einige +Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er +seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum. + +Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorüber war, da die +Hitze nachließ und die zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst +besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewußt, und +erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur. + +Der rote Komet war erloschen für immer. Die Menschen machten sich daran, +die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen. + +Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straßen, sammelten die +Leichen, packten sie in Särge und Tücher und beerdigten sie. Man drang in +die Häuser, rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte die +Gebäude von Leichen. + +Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der +Arbeit hämmerte wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten und +Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika ein und fanden die Opfer +der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte. + +Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer +traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: »Seht ihr die kleine rote +Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und flackert? Seht ihr sie?« + +Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine, +purpurrote Flämmchen, das gerade über ihm stand, und er wußte, daß das die +Seele der Fürstin Angelika war. -- Die andern aber sahen es nicht. Sie +führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen und brachten ihn in +eine kleine, einsame Zelle. Dort brütete der ehemalige berühmte Astronom +mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und +versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand sah außer ihm, +einzufangen . . . + +Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und +schluchzte und tobte, bis die Wärter kamen und ihn in Fesseln legten. + +»Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen,« meinte der +Oberarzt der Irrenanstalt. »Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund +werden.« + +So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen später +trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen +Erscheinen er als Erster verkündet hatte. -- + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET *** + +***** This file should be named 37991-8.txt or 37991-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/9/9/37991/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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