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Band 2 + +Author: Robert Heymann + +Release Date: November 12, 2011 [EBook #37991] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + +Wunder der Zukunft +Romane aus dem dritten Jahrtausend +Band 2 + + +Der rote Komet + +von + +Robert Heymann + + + + + + +Leipzig--Berlin + +Julius Püttmann + +1909 + + + +Uebersetzungsrecht für alle Sprachen vorbehalten. + +Copyright 1909 by Julius Püttmann, Leipzig + + + + +Band 2. +Der rote Komet. + + + + + + + + +I. + + +»Siehst du die purpurne Röte, die in gerader Linie sich herab auf die Erde +senkt?« fragte Romulus Futurus in größter Aufregung seinen Freund John +Crofton, den berühmten Berichterstatter des »New York Herald« in Berlin. +»Bist du nun überzeugt, daß ich die Wahrheit gesprochen habe? Noch kannst +du den roten Kometen nicht erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn +mit bloßem Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, daß meine Diagnose +richtig war?« + +John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreißig Jahren, mit echt +amerikanischem Typus, beugte sich schweigend nieder und sah durch eines der +großen Riesenferngläser hinauf zum Horizont. Es war abends um 9 Uhr am 10. +Oktober des Jahres 2439. + +»Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des »Steinbocks«, des +»Wassermanns«, der »Fische«, des »Widders«, des »Stieres« und der +»Zwillinge«, fuhr der große Astronom zu sprechen fort. »Im Osten stehen +»Castor und Pollux«, die Zwillingssterne, die in letzter Zeit eine seltsame +Lichtfülle verbreiten. Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt +erblickst du die »Capella« im »Fuhrmann«. + +»Ist das jener Doppelstern, von dem der eine strahlender erscheint als der +andere?« fragte Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend. + +»Ganz recht. Schon die ältesten Astronomen schreiben der »Capella« das +Alter der Sonne zu. Diese beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um +sich umeinander zu bewegen.« + +»Wenn ich nicht irre,« meinte John Crofton, »so haben verschiedene Gelehrte +den Untergang der Welt durch einen Zusammenstoß mit der »Capella« +prophezeit?« + +Romulus Futurus lächelte. Das stand ihm wohl an; denn er war ein großer, +kräftiger Mann mit schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden +Augen. + +»Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im Laufe der letzten +Jahrzehnte fast unmerklich der Erde genähert haben, allerdings um ein +Minimum, das nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen können. Du +wirst dich erinnern, John, daß man zuerst den roten Schimmer, der seit +einiger Zeit unsere Erde erfüllt, der »Capella« zugeschrieben hat.« + +»Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe deiner neuen, fabelhaften +Erfindung, der lichtempfindlichsten photographischen Platte der Welt, dem +»Lumen«, nachwiesest, daß ein neuer Komet, vorläufig unsichtbar durch einen +dichten Nebelmantel, der Erde sich nähere. Auf diese Entdeckung hin wurde +dir ja auch der Ehrenname >Futurus< verliehen.« + +John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet, der die beiden Männer in +der Sternwarte beschäftigte, war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden. +Aber die Erde stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn sieben +Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz, der sich wie ein fabelhafter +Regenbogen scharf vom Himmel abhob und alles mit einer aufregenden +Lichtfülle übergoß. + +Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfaßt, denn niemand hatte anders +geglaubt, als daß der Weltuntergang schon hereinbreche. Das kam in der +Hauptsache wohl daher, weil man zuerst die »Capella« für den +verhängnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen berechnet hatten, +daß, wenn sie der Erde überhaupt nur so nahe kommen würde, wie die Sonne, +jedes Leben unten unmöglich werden müßte. + +»Fabelhaft! Einfach fabelhaft!« begann John Crofton plötzlich, indem er den +Blick auf einen großen photographischen Apparat heftete, der mitten in der +Sternwarte stand. »Da drinnen befindet sich also deine phänomenale +Erfindung, Romulus?« + +Der Astronom lächelte. + +»Ich habe bis jetzt nur gehört, Romulus, daß du imstande gewesen bist, den +roten Kometen zu photographieren, ehe ihn eines Menschen Auge überhaupt hat +wahrnehmen können; nicht einmal durch die größten und sichersten Fernrohre +war er zu sehen. Was ist das für ein unglaubliches Ding, das um so vieles +lichtempfindlicher ist, als das menschliche Auge?« + +»Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen möchte, wenn sie nicht mit +dem Augenblick unbrauchbar werden würde, da sie mit dem Lichte in engste +Berührung kommt,« entgegnete Romulus Futurus. »Diese photographische Platte +ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit, daß die Dinge bei der +Aufnahme sich nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten kennt +und wie das menschliche Auge sie sieht. + +Nein!« fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung fort, während seine +Augen leuchteten. »Wenn alle Sinne trügen, so spricht meine photographische +Platte die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es ist. Man +wird in unserem Jahrtausend erkennen müssen, daß fast alles anders ist, als +man bislang angenommen hat; ja ich behaupte, daß meine neueste Erfindung +die äußersten Grundsätze umstoßen wird.« + +In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das erkannte auch die deutsche +Nation, als sie ihn in Anerkennung seiner Verdienste und Fähigkeiten zum +Kultusminister machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung erfolgt! +Während man erst nur einen dichten, grauen Nebel am Himmel gesehen hatte, +war plötzlich dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche zu +Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstärkte und die Menschen in einen +wahren Sinnestaumel versetzte. Schließlich hatte Romulus Futurus der +Akademie der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen gezeigt, +desselben, den bis jetzt noch niemand hatte wahrnehmen können. + +-- Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen besessen; »Futurus« war +der Ehrenname, den ihm die Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin +verlieh. Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos, die wenigen +Gärten der Erde auszurotten und durch Denkmäler zu verunzieren, oder gar +Orden und Denkmünzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man gab dem, den man +über die anderen hervorheben wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine +Fähigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu tragen. -- + +Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten Kometen. Nicht nur +Berlin! Ganz Deutschland, ganz Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde +war verwandelt! Von alters her wußte jeder Psychiater, daß die rote Farbe +eine aufreizende Wirkung auf die Sinne besitzt. Das Leuchten des neuen +Kometen aber war so intensiv, daß sich kein Mensch auf der Erde seinem +Einfluß entziehen konnte. Es trat ein plötzlicher Umschwung in den +Charakteren ein, der kaum zu beschreiben wäre. Die Welt, die bis zu diesem +Zeitpunkte sich mehr und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters und +des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte, kehrte zu den +ursprünglichen Leidenschaften zurück. + +In den Palästen der Reichen jagten sich die Orgien. Das Verbrechen nahm in +furchtbarer Weise überhand und trat gerade da auf, wo man es bislang am +wenigsten vermutete. -- + +John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel geworfen und eine +Zigarette angezündet. Der Abend schritt vor. + +Die beiden Männer waren seit vielen Jahren Freunde, und dieses Band hatte +sich noch gefestigt durch ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war +in seiner Position das, was in früheren Zeiten die Gesandten vorstellten. +Es gab keinen diplomatischen Austausch zwischen den Ländern mehr, sondern +die regierende Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten, und +in den Händen dieser Männer lagen alle die Rechte und Befugnisse, welche +ehedem die offiziellen Gesandten inne gehabt hatten. + +»Hättest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend Gesellschaft zu leisten?« +fragte der Journalist plötzlich. + +Futurus entgegnete lachend: + +»Ich habe für heute nichts vor, John, und werde mich also freuen, mit +meiner Gemahlin zu dir zu kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung +gemacht?« + +»Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse,« entgegnete John +Crofton mit einer gewissen Verlegenheit, die seinem Freunde entging. + +Futurus fragte neuerdings: + +»Erwartest du außer uns noch weitere Gäste?« + +»Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Miß Head, die berühmte Sängerin +der großen Oper, die übrigens vor kurzer Zeit durch den Minister der +schönen Künste den Ehrennamen »Divina«, die Göttliche, erhielt; sodann +General Treufest, welcher vor einigen Monaten das Kommando der schweren +deutschen Küstenartillerie übernommen hat. In seiner Begleitung versprach +Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe, der die großen elektrischen +Kraftwerke der Nord- und Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher +Magnat des Goldes, nach neuester Schätzung der reichste, den wir überhaupt +besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen Kohlenbarone die reinsten +Waisenkinder!« + +»Sonst kommt niemand?« + +»Wenn wir Glück haben, so werden wir auch die junge Fürstin Angelika bei +mir sehen, desgleichen Dr. Diabel den Hausarzt des Regenten. Er dürfte in +Begleitung seines Famulus, des Studenten der Medizin Peter Cornelius, +erscheinen.« + +»Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden verspricht,« entgegnete +Romulus Futurus. + +John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von der Sternwarte durch einen +schier endlosen Gang, der durch die Bibliothek und die kostbare +Gemäldegalerie des berühmten Astronomen und Kultusministers führte, bis er +die Gemächer Frau Fabias, der Gattin des Romulus Futurus erreicht hatte. + +Es war kein Geheimnis in Berlin, daß der Astronom mit seiner Gattin nicht +gerade sehr gut lebte. + +»Nicht umsonst war es eine Liebesheirat«, pflegte John Crofton zu witzeln, +wenn er sich im eingeweihten Freundeskreise befand. + +Jetzt blieb er vor einem der riesengroßen Venezianer stehen, richtete seine +nach neuester Mode gefärbte Krawatte und ließ sich Frau Fabia melden. + +Durch hallende Prunkgemächer hindurch führte ihn der Diener in das große +Wohnzimmer der jungen Frau. + +Sie saß nachlässig zurückgelehnt in einem byzantinischen Sessel und +beschäftigte sich mit einer Stickerei. Um sie waren afrikanische +Sklavinnen, junge Negerinnen, welche aus den Kolonien nach Europa geschickt +worden waren, um die mangelnden Arbeitskräfte zu ersetzen. + +Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John Crofton meldete, gab aber +doch durch ein leichtes Kopfnicken ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen. + +Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er stehen, ganz und gar in den +Anblick dieser wundervollen Frau versunken. Sie war außergewöhnlich schön. +Gleich Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie groß, ein richtiges Kind +unverfälschter Rasse, mit breiten Schultern, deren vornehme Rundung durch +ihre kraftvolle Gestaltung nicht beeinträchtigt wurde. Schwarzes Haar +umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den großen, dunklen Augen, in +denen der Glanz einer fröhlichen Lebensauffassung lag. Die Miene, welche +John Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei Romulus Futurus. +Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches, sinnliches Lächeln, als er sich +Frau Fabia näherte, ihre weiße, kühle Hand an seine Lippen zog und sagte: + +»Wie befinden Sie sich, gnädigste Frau?« + +Sie entgegnete lachend, das große, schöne Auge zu dem Besucher erhebend: + +»Gut, wie immer, mein Freund.« + +Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem hätte sie gestanden, daß sie +Tage und Nächte durchweinte in der Einsamkeit; das Unglück ihrer Ehe war +nicht durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus Futurus, der +ihre Nähe mied. Sie selbst liebte ihren Gatten mit einer an Wahnsinn +grenzenden Leidenschaftlichkeit, aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun. + +John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte sehr wohl, daß sie log, und +flüsterte: + +»Die Einsamkeit macht Sie noch schöner, Frau Fabia. Unter allen Todsünden +ist wohl jene die größte, die Romulus an Ihnen begeht.« + +Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann +sagte sie, während ihre Stimme einen kühlen Klang annahm: + +»Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton, in dieser Weise von meinem +Gatten, von mir und unseren eigenen Angelegenheiten zu sprechen.« + +Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast heftig entgegnete er: + +»Doch, Frau Fabia! Ich weiß, daß Sie vorübergehend eine Neigung für mich +besaßen, daß Sie hofften, bei mir Trost zu finden!« + +Sie wurde tiefrot und entgegnete: + +»Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der ich alles tat, um meinen +Gatten zu vergessen und wo ich glaubte, eine Neigung für Sie zu empfinden. +Warum sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorüber, und ich kann +Sie versichern, Mr. Crofton, daß ich Ihre Worte und die Art, wie Sie sich +heute bei mir einführen, als Beleidigung empfinde!« + +Er entgegnete leidenschaftlich: + +»Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich für Sie empfinde, Frau Fabia, +gibt mir ein Recht, anders zu Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!« + +Sie erhob sich rasch. Er aber faßte mit beiden Händen nach ihrem weißen, +hübschen, kühlen Arm und drückte die schöne Frau mit Gewalt in ihren Sessel +zurück. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen zwischen diesen +beiden Menschen; die Beleidigung, die John Crofton der Gattin eines der +angesehensten Männer in Berlin zufügte, war unerhört. Aber alle Bande der +Sitte und jener Rücksichten, die die Menschen im eigensten Interesse zu +Gesetzen gemacht hatten, waren gerissen unter dem Einfluß des rötlich +schimmernden Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll +durchflutete. + +»Sie müssen mich erhören!« fuhr John Crofton mit einer Stimme fort, welche +die unglückliche Frau erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes +beraubte. »Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhören, Sie zu verehren, und Sie +werden mein werden, ich schwöre es Ihnen, und wenn ich Berge niederreißen +müßte, Sie zu gewinnen!« + +Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und seine Arme um den Leib der +Frau geschlungen, die die Gattin seines Freundes war, den er in diesem +Augenblick in der schmählichsten Weise betrog. Frau Fabia aber sprang auf, +riß seine Arme von ihren Hüften und schleuderte sie von sich, als seien sie +giftige Reptilien, vor denen sie sich entsetzte. + +»Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das eine: Betreten Sie nie mehr +meine Gemächer ohne Begleitung meines Gatten!« + +John Crofton machte einen letzten Versuch, sich ihr zu nähern. Er stürzte +noch einmal auf sie zu, riß sie an sich, ja, er vergaß in diesem +Augenblick, was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog ihren Kopf +zurück, um seine Lippen auf die ihren zu pressen, sie aber riß sich los und +erreichte die elektrische Klingel, welche in das Dienerzimmer führte. + +Da verließ der Amerikaner das Gemach. Draußen, als der Lakai ihm den Mantel +um die Schultern hing, knirschte er mit den Zähnen. + +»Du sollst es mir büßen! Du sollst es furchtbar büßen!« + +Damit verließ er des Romulus Futurus' Haus. + + + + +II. + + +Es war eine bizarre Idee des Astronomen, daß er in den kleinen Kreis, den +er bei John Crofton traf, seinen photographischen Apparat mitnahm. +Vielleicht hatte der Journalist ihn auch darum gebeten; jedenfalls wurde +die photographische Platte, die in aller Welt bereits bekannt war, der +Beginn von Romulus Futurus Unglück und Untergang. + +Der große Gesellschaftssaal in dem Hause John Crofton war mit einer langen +Tafel versehen worden. Man hatte alle elektrischen Lichter perlöscht und +ließ nur dem purpurnen Lichte des Kometen Zutritt, das ganz Berlin erfüllte +und die Menschen in einer ewig prickelnden Aufregung hielt. + +Die kleine, gewählte Gesellschaft unterhielt sich aufs beste. Schon die +Tatsache, daß Divina, die Sängerin, in diesen vornehmen Kreis geladen +worden war, bewies, daß man im dritten Jahrtausend alle lästigen Vorurteile +der früheren Zeiten beiseite ließ. + +Das Gespräch drehte sich natürlich um den roten Kometen, der seit Monaten +alle anderen Interessen in den Hintergrund gedrängt hatte. Zudem war +Romulus Futurus die einzige Autorität, die über den neuen Stern sachkundige +Aufklärungen geben konnte. + +»Nun, was meinen Sie, Herr Kultusminister,« sagte Miß Head-Divina, indem +sie mit einer koketten Bewegung das feingeschliffene, biegsame Sektglas an +die rotleuchtenden Lippen hob und Romulus Futurus einen ihrer zündendsten +Blicke zuwarf: »Wird der neue Komet zu uns kommen ober nicht?« + +Romulus Futurus nickte. + +»Er wird zu uns kommen, Miß Head-Divina, verlassen Sie sich darauf!« + +Sie legte den schönen Hals zurück und lachte, wurde aber plötzlich ernst +und beugte sich vor mit dunkel sprühenden Augen: + +»Ich erwarte ihn! Ich erwarte ihn voll Ungeduld! Ob Sie mir glauben oder +nicht, Herr Minister, ich vergehe förmlich vor tiefer, heißer Sehnsucht +nach diesem Stern, den man ja bald zu sehen bekommen wird! Sein Licht ruft +in mir etwas wie eine stete Raserei hervor!« + +John Crofton, der bevorzugte Günstling der schönen Amerikanerin, beugte +sich über ihre weißen Schultern und flüsterte: + +»Ich werde eifersüchtig werden, göttliche Happy, eifersüchtig auf diesen +Kometen, der dich scheinbar mehr interessiert, als meine Liebe!« + +Sie warf ihm einen lächelnden Blick zu und sah dann zu Ralph Jonathan +Wieland hinüber, dem Krösus, der mit gleichgültiger Miene sein Sektglas +hob. Und es wollte Romulus Futurus, dem Menschenkenner, scheinen, als ob in +dem nebensächlichen Blick der göttlichen Sängerin und der offen zur Schau +getragenen Gleichgültigkeit des Krösus ein geheimer Sinn läge. + +Aber der Astronom war klug genug, zu schweigen, um so mehr, als ihm die +Leidenschaft für eine Frau etwas Unverständliches war. Er hatte nie in +seinem Leben geliebt, und der Rausch, den er einstmals für seine Braut +Fabia empfunden, war eben nichts weiter gewesen als eine Aufwallung, die +sich rasch genug gelegt hatte. Das Weib erschien ihm als etwas durchaus +Minderwertiges, das kein Anrecht auf männliche Ehrerbietung besaß, und +Romulus Futurus hatte aus diesen seinen Ansichten auch niemals ein Hehl +gemacht. Sein Benehmen gegen die Frau war, wenn auch durch weltmännische +Gewandtheit verdeckt, stets von einer heimlichen Brutalität geleitet. + +»Und was wird werden, wenn der Komet auf die Erde kommt?« fragte Dr. +Diabel, indem er sein bleiches, von einem blauschwarzen Bart umrahmtes +Gesicht über den Tisch neigte und gleichzeitig die großen, glänzenden Augen +auf die Fürstin Angelika heftete, die am Ende der Tafel saß und keinen +Blick von Romulus Futurus wandte. Die junge Fürstin war das Gegenteil von +Frau Fabia. Schlank, zierlich, dabei von seltener Schönheit, glich sie +einer jener Orchideen, die in den Treibhäusern ihre schönsten Farben +entwickeln. »Was wird geschehen, wenn der Komet auf die Erde kommt?« +wiederholte Dr. Diabel seine Frage. + +Da Romulus Futurus nicht sofort antwortete, so entgegnete General Treufest: + +»Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Auf alle Fälle werden wir mit allen +Hilfsmitteln der Technik, die uns zur Verfügung stehen, versuchen, das +drohende Unheil abzuwenden. Sollte es aber etwa gar auf einen Eroberungszug +der mystischen Bewohner dieses Kometen abgesehen sein, so werden sie eine +fatale Bekanntschaft mit unseren großen Riesenkanonen machen müssen.« + +»Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, daß dieser Komet bewohnt ist!« +wandte Romulus Futurus ein. »Die Tatsache, daß er eine so phänomenale +Leuchtkraft besitzt, spricht dagegen. Dieses Purpurlicht, meine ich, ist +auch vorläufig für uns eine größere Gefahr, als der Komet selbst, denn +unsere Zeitungen bringen tagtäglich neue, fürchterliche Berichte über +Entartungen und Verbrechen, die im Zeichen des roten Kometen geschehen!« + +»Zuerst wird wohl eine Revolution ausbrechen, wie die Erde keine zweite +gesehen hat!« sagte plötzlich hastig Peter Cornelius, der junge Student, +indem er sich nervös durch das reiche, blonde Haar fuhr. »Die Völker werden +aufstehen und das Joch der Tyrannei abwerfen, unter dem sie lange genug +geschmachtet haben.« + +Während er das sagte, sah er mit brennenden Augen zu Miß Head-Divina +hinüber. Die aber schenkte ihm keinen Blick. Sie hatte sich vorgebeugt und +flüsterte dem General zu: + +»Ist es wahr, wovon man allgemein spricht? Wir werden einen Krieg mit +Frankreich und England bekommen?« + +Der General, der sich schon in vorgerückter Weinlaune befand, entgegnete: + +»Es ist richtig, daß eine außergewöhnliche Aufregung zwischen diesen drei +Ländern besteht und daß im Kriegsministerium eifrig gerüstet wird. Aber +woher wissen Sie davon? Bis jetzt wird alles geheim gehalten!« + +Woher sie davon wußte? Natürlich von John Crofton, dem Bevollmächtigten +Amerikas, der besser orientiert war als General Treufest. Miß Head aber +versuchte, den General weiter auszuforschen. + +Plötzlich kam John Crofton auf die bizarre Idee, Romulus Futurus möchte sie +doch alle zusammen photographieren. + +»Nachdem dein Apparat von einer so immensen Schärfe ist, Romulus, daß er +selbst versteckte Kometen auf die Platte zaubert, so dürften die Bilder, +die du von uns erhältst, sicherlich das Beste werden, was hervorgebracht +werden kann. Wir werden keine verschwommenen, oberflächlichen Züge tragen. +Wir müssen auf dem Bilde ganz so sein, wie wir in Wirklichkeit sind und wie +wir uns mit unseren schwachen Augen überhaupt nicht sehen. Happy,« -- der +große Journalist wandte sich an die Schauspielerin, die die Brauen +hochgezogen hatte und mit einer gewissen Unruhe diesem Vorschlage zuhörte. +-- »Happy, nimm dich in acht! Die Entstehungsgeschichte deiner +Schönheitspflästerchen wird sicherlich auch auf diese mysteriöse Platte +gezaubert werden, und ich werde vielleicht, wenn ich dich im Bilde sehe, +finden, daß du abscheulich bist!« + +Romulus Futurus widersprach lebhaft dem Wunsche des Freundes, ein +Experiment auszuführen, das der berühmte Astronom bis zu diesem Augenblick +noch nie versucht, denn er hatte seine Erfindung ganz und gar in den Dienst +der Wissenschaft gestellt. + +Sein Freund John Crofton aber ließ nicht nach mit Bitten, und schließlich +mußte Romulus Futurus doch selbst zugeben, daß er etwas Aehnliches im Sinne +gehabt, sonst hätte er den Apparat ja gar nicht in die Wohnung seines +Freundes zu bringen brauchen. Oder war dies rein mechanisch geschehen, +unter dem Drucke jenes Unbewußten, das John Crofton »das schwarze +Schicksal« zu nennen pflegte? -- + +Genug -- Romulus Futurus entschloß sich, zum Andenken an diesen vergnügten +Abend ein Gruppenbild herzustellen. Auch seine Gattin nahm an dem Tische +Platz, um den sich alle Anwesenden mit natürlicher Grazie gruppierten. +Romulus Futurus schob unter dem Schutze eines schwarzen Tuches die +lichtempfindliche Platte »Lumen« in den Apparat. + +Eigentlich empfand er ein dunkles, geheimes Grauen gegen die Ausführung +seines Planes. Aber er scheute sich, es zu gestehen. Nachdem er also mit +seinen Vorbereitungen zu Ende war, exponierte er eine halbe Minute, nahm +dann die »Lumen«-Platte heraus und überzeugte sich, daß die Aufnahme +gelungen war. + +»Ich werde jedem der Beteiligten morgen ein Bild senden,« sagte er. -- Eine +leichte Blässe überzog sein Antlitz, nachdem er die Platte gegen das Licht +längere Zeit beobachtet hatte. Es war nämlich eine Eigenheit derselben, daß +sie sofort, ohne entwickelt und fixiert werden zu müssen, deutlich nach der +Aufnahme das Negativ dem Auge zeigte. + +Spät des Nachts trennten sich die Gäste. Intensiv und grell war das +purpurne Licht, das vom Himmel in die Fenster strömte. + +»Der Komet ist wieder um viele Tausend Kilometer näher gekommen,« murmelte +Romulus Futurus und sah auf die Uhr. + +In dem prachtvollen Flugcoupé, das der Astronom besaß, fuhr er mit seiner +Gattin Fabia, die den ganzen Abend über schweigsam gewesen war, nach Hause. + +Eine Viertelstunde später saß er wieder in dem großen, kühlen Raume der +astronomischen Sternwarte. Die fabelhaften Riesengläser glotzten ihn mit +ihren schwarzen, unheimlichen Augen an. Das Firmament schien ein +unendlicher Teppich von blauer Farbe zu sein, in den ungezählte blitzende +Diamanten gewebt waren. Ueber alles spannte sich ein greller, roter Bogen. + +Das war der Himmel. + +Angesichts der gigantischen Unendlichkeit begann Romulus Futurus einen +Abzug von der Platte zu machen. Warum zitterte er? Warum nahm dieses +nebensächliche Geschäft seine Aufmerksamkeit dermaßen in Anspruch, daß er +in jener Nacht sogar vergaß, seine gewöhnlichen Beobachtungen zu machen und +zu registrieren, daß der rote Komet sich der Erde wiederum ein +verhängnisvolles Stück genähert hatte? -- -- + +Es war etwa drei Uhr morgens, als Romulus Futurus den sprechenden Abzug vor +sich auf den Knien liegen hatte. + +Da war er so bleich wie die weißen Wände des Sternwartensaales und seine +Augen glühten beinahe so rot wie der Komet. Auf dieser Platte stand ein +furchtbarer Roman, mit blutiger Tinte geschrieben, mit häßlichen Wahrheiten +durchsetzt. Er bemerkte nicht, daß Frau Fabia leise und unhörbar, das weiße +Gewand gerafft, daß es nicht rauschen konnte, in die Sternwarte getreten +war. Und wie sie nun einen Blick über die Schultern ihres Gatten hinweg auf +das Bild geworfen hatte, schrie sie plötzlich auf und rang verzweifelt die +Hände: + +»Ich bin unschuldig! Ich schwöre dir, Romulus, ich bin unschuldig!« + +Er aber packte sie an ihren langen, wunderschönen schwarzen Haaren und +stieß sie zu Boden, daß sie beinahe die Besinnung verlor und +zusammengekauert liegen blieb, gleich einem verwundeten Reh. Romulus +Futurus aber rannte wie ein Rasender auf und nieder; indem er zu seiner +Gattin Fabia sprach, deutete er von Zeit zu Zeit auf das Bild, dann wieder +gestikulierte er mit den Händen in der Luft. + +»Ich wußte es ja!« schrie er, »ich wußte es ja! Die »Lumen«-Platte ist so +empfindlich, daß sie die schwächsten Reaktionen mit genauester Deutlichkeit +wiedergibt! Die Platte hat nicht nur die Gesichter all dieser Elenden +photographiert, sondern auch ihre heimlichsten, tiefsten und innerlichsten +Gedanken. Ha! Ich halte also jetzt den Schlüssel zu einer neuen, +geheimnisvollen und furchtbaren Wissenschaft in Händen! Ich werde imstande +sein, von heute ab zu wissen, was jeder Mensch denkt!« + +Selbstverständlich hatten sich die Gedanken, von denen Romulus Futurus +sprach, nicht in Schriftzeichen auf der Photographie kopiert. Es ist eine +alte Weisheit, daß jedes Ding auf Erden einen Reflex hinterläßt, jede +Bewegung, jede Schall-, jede Lichtwelle. Ebenso gibt auch der menschliche +Gedanke, so schnell er immer gedacht sein mag, einen unwillkürlichen Reflex +in den menschlichen Mienen, so deutlich, daß jedes Kind den Gedanken lesen +könnte, wenn sein Auge nur scharf genug wäre, den Reflex zu sehen. + +Romulus Futurus hätte kein so großer Psychologe sein müssen, um nicht die +Empfindung, die sich in den Mienen des Einzelnen in dem Moment der +photographischen Aufnahme ausgeprägt hatte, lesen zu können. + +»Es ist ein Wunder! Ein unnennbares Wunder!« murmelte Frau Fabia, die immer +noch nicht die Kraft besaß, sich zu erheben, und mit einer Miene +wahnsinnigen Entsetzens auf ihren Gatten blickte. »Ich habe deutlich +gesehen, daß aller Augen auf den photographischen Apparat gerichtet waren. +Und doch blickt jetzt auf der entwickelten Photographie jeder nach einer +anderen Seite!« + +»So groß ist die Beweglichkeit des menschlichen Auges, so enorm die +Verwandlungsmöglichkeit der Iris!« stieß Romulus Futurus zwischen den +Zähnen hervor. Plötzlich beugte er sich zu Frau Fabia nieder. + +»Siehst du dein Gesicht? Siehst du deine Mienen? Siehst du, wie du zu John +Crofton hinüberblickst? Ah, nicht genug, daß ich nur einen einzigen Freund +besitze! Du willst ihn mir noch rauben! Der starre Blick, mit dem du ihn +betrachtest, beweist mir alles! Warum denkst du immer an ihn? Warum +beschäftigten sich deine Gedanken in dem Augenblick, da ich die +photographische Aufnahme machte, einzig nur mit ihm?« + +»Ich liebe ihn ja nicht, ich hasse und verabscheue ihn!« rief Fabia +verzweifelt. Aber Romulus Futurus hörte nicht auf sie. Er fuhr fort, den +Blick in die Photographie förmlich vergrabend: + +»Miß Head-Divina sieht zu dem reichen Krösus hinüber. Ihre Miene ist +schrecklich, halb Wahnsinn, halb diabolische Grausamkeit und +Schlechtigkeit. Wie sie Ralph Jonathan Wieland anblickt! Ihr Auge taucht +förmlich in das seine! Ihr Gesicht, das im Moment der Aufnahme ernst und +starr gewesen wie Stein, ihr Gesicht lächelt, und um ihre Mundwinkel +ringeln sich abscheuliche Schlangen. Soll ich dir sagen, was sie denkt? +Hier steht es geschrieben! Hier steht es! Seid ihr nicht alle gleich, ihr +Frauen? + +»»Ja, ich bin geneigt, Ihren Antrag zu erhören, Ralph Jonathan Wieland,«« +sagt sie. »»Aber«« -- + +Siehst du, Fabia, wie sie sich zu gleicher Zeit halb zu meinem Freunde John +Crofton hinüberwendet? Und da! Da!« -- + +Romulus Futurus schüttelte sich und heftete den Nagel des rechten +Zeigefingers auf das Gesicht Ralph Jonathan Wielands. + +»Siehst du die scheußliche Grimasse des Krösus? Siehst du, wie er meinen +Freund John Crofton anstarrt? Die Lippen Wielands sind halb geöffnet. Ich +sehe förmlich die gefletschten Zähne! Die Nasenflügel sind hinaufgezogen, +wie man dies bei wilden Tieren im Augenblick des Angriffs bemerken kann. +Die Augen sind zusammengekniffen, und strahlenförmig spannen sich die +Falten um seine Schläfen!« + +Romulus Futurus schwieg. Seine Augen öffneten sich unnatürlich weit, denn +er las, las deutlich auf diesem bis zur Scheußlichkeit verzerrten Gesicht +den furchtbaren Gedanken, der Ralph Jonathan Wieland im Augenblick der +Aufnahme beherrschte. + +Inzwischen blickte Frau Fabia mit nicht minder entsetzten Augen auf das +Gesicht der jungen Fürstin Angelika, die Romulus Futurus ansah. Auch ihre +Gedanken waren mit unverkennbarer Deutlichkeit photographiert, und Frau +Fabia las, las mit blutendem Herzen die Gedanken der Fürstin: + +»Romulus Futurus, ich liebe dich in Ewigkeit!« + +Und neben der Fürstin saß Dr. Diabel und starrte sie an und dachte: + +»Ich werde dich zu Tode martern, wenn du mich nicht erhörst!« + +Romulus Futurus schrie plötzlich auf und starrte mit fiebernden Augen +hinaus in die Nacht. + +»Er will meinen Freund John Crofton töten! Jawohl, so ist es! In dieser +Nacht noch! Ralph Jonathan Wieland dachte darüber nach, wie er John Crofton +aus dem Wege räumen konnte, um sich selbst in den Besitz seiner Geliebten, +der Schauspielerin Happy Head-Divina zu setzen!« + +Und in einer Anwandlung von Abscheu und Verzweiflung warf Romulus Futurus +die kostbare Platte zu Boden, zertrat sie mit den Füßen und zerriß die +Photographie in tausend Fetzen, so daß er nicht mehr die Gedanken der +Fürstin Angelika lesen konnte, nicht mehr das, was der Student dachte, +während Frau Fabia im letzten Augenblick noch deutlich von den Lippen Happy +Head-Divina den Gedanken abgeschaut hatte: + +»Ich muß versuchen, alles von dem General zu erfahren, denn die englische +Regierung verlangt die Pläne des Kriegshafens von Kiel!« + +Wie gesagt, die Entdeckung, welche Frau Fabia gemacht hatte, kannte Romulus +Futurus nicht. Ihn beherrschte nicht nur die Erkenntnis, daß Ralph Jonathan +Wieland in dieser Nacht seinen Freund John Crofton töten wollte; und +während er darüber nachsann, wie er den Freund retten könnte, kam er auf +eine bizarre Idee. + + + + +III. + + +Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade im Tiergarten, etwa dort, wo +vor einigen hundert Jahren der »Große Stern« gewesen. Von hier aus +beherrschte die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt war nämlich in einem +großen Halbkreis gebaut worden und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen +Jungfernheide angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele, viele +Stunden weit über den Gesundbrunnen, die Schönhauser Allee, Neu-Weißensee, +Rummelsburg, Stralau, Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf hinausreichte, um +den Tiergarten. + +Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus Futurus ganz Berlin, +übersehen und beobachten. Ja, er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, daß +Ralph Jonathan Wieland in der ehemaligen Königgrätzerstraße Wohnung +genommen hatte. Diese war die erste Straße, die, von der Sternwarte an +gerechnet, jenseits des Tiergartens überhaupt bewohnt werden durfte. Dort +standen denn auch die Paläste der reichsten Millionäre von Berlin, darunter +das Riesenhaus Ralph Jonathan Wielands. + +Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener Richtung geblickt und mit dem +Glase den Nabob beobachten können. + +»Ich habe keine Zeit zu verlieren!« murmelte er. + +Ohne sich um Frau Fabia zu bekümmern, die ihn mit vorgestrecktem Hals +beobachtete und plötzlich von dunklem, unbewußtem Grauen ergriffen, aus der +Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer in +Tätigkeit. Er schraubte die Linse so zu, daß der Lichtschein keinen +größeren Umfang hatte als höchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen +Lichtstrahl ließ er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph Jonathan +Wieland gleiten. + +Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen Vergrößerungsglas. Es +hatte die Form einer Automobilbrille. Die kleinen Gläser saßen auf hohen, +runden, schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den Augen lagen. So +stellte er sich an das Fenster und beobachtete. In dem Bruchteil einer +Minute, bevor Ralph Jonathan Wieland auf die Störung durch den weißen +Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus Futurus durch das geöffnete +Fenster, daß der Krösus eben damit beschäftigt war, eine kleine schwarze +Kugel mit Acetylen zu füllen. Er begriff sofort den schändlichen Mordplan +dieses von Leidenschaften ganz und gar irre geführten Millionärs. + +Acetylen war nämlich das neueste, furchtbarste Sprengmittel, das man im +dritten Jahrtausend kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen +schweren Geschützen eingeführt. Diese Geschosse bestanden aus Holzbüchsen +mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid gefüllt waren. Unter dem Calcium +Carbid lag eine Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang, +Phosphorwasserstoff bildete, während das Calcium Carbid das Acetylen +entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff mit Luft in Berührung kam, +entzündete er sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand, das eine +furchtbare Flamme entwickelte, daß die größten Wassermassen nicht +hinreichen konnten, sie zu löschen. + +Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das Haus Croftons auf diese +Weise in Brand setzen und in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den +Romulus Futurus in jener Nacht zunichte machte. + +Der Millionär drehte sich plötzlich um, erschreckt und verblüfft durch die +schmale Lichtflut, die in sein Zimmer drang. Als er mit den Augen ihrer +Richtung folgte, da begriff er, daß sie von der Sternwarte ausging. + +»Romulus Futurus!« flüsterte er in höchster Angst und versuchte, die +Acetylenbombe zu verstecken und das Zimmer zu verlassen. + +Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte ihn. + +Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein weißes Band, das +kerzengerade von dem Leuchtturm zu ihm herüber glitt. Die Spitze des +Scheines bohrte sich in seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen +Schmerz. + +Gerade über dem weißen Band aber, das die rot durchleuchtete Nacht wie ein +Dolch durchdrang, lagen die Augen des Erfinders, von schwarzen Rändern +umgeben, spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet. Sie +machten den Eindruck von zwei quallenartigen, schlüpfrigen Sternen, die +über der milchigen Flüssigkeit schimmerten. + +Jonathan Wieland schüttelte sich vor Grauen. Er machte die verzweifeltsten +Anstrengungen, sich von diesem furchtbaren Anblick loszureißen. Aber er war +nicht imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen. + +Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit einem teuflischen Lächeln. +Er nahm seine ganze Willenskraft zusammen, legte sie in seine Augen und +fesselte Jonathan Wieland in seinen Bann. + +Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare Bombe in Händen, +die durch die geringste ungeschickte Bewegung allein schon zur Entzündung +gebracht werden konnte, grün vor Entsetzen, während der schmale +Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen Körper bohrte und die Schmerzen +immer gewaltiger wurden. + +Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte laut, während er den Kopf +zwischen die Schultern steckte und die furchtbaren Augen immer noch +unbeweglich über der Lichtflut glitzern ließ: + +»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!« + +Nicht sofort wirkte der auf diese Weise übertragene Wille. Obgleich +Jonathan Wieland sich ganz und gar im Banne der Hypnose befand, besaß er +doch selbst so viel gesunde Kraft, daß er sich zu wehren vermochte, daß er +dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes Wiederstand entgegen +setzen konnte. + +Der aber ließ nicht nach. + +»Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden fallen lassest!« wiederholte +er noch einmal eintönig, biß die Zähne aufeinander und bohrte seine Augen +in die des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern, während diese +furchtbaren schwarzen Quallen über der Lichtflut, vergrößert durch die +Gläser, seine Blicke förmlich in sich einsogen, während diese +entsetzlichen, gierigen Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen +aus dem Körper Wielands bannten und seine letzten Kräfte fraßen. + +Und plötzlich stieß der Millionär einen furchtbaren, gellenden Schrei aus +und ließ die Bombe fallen. + +Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krösus stürzte ein und begrub ihn +und seine zahlreiche Dienerschaft unter seinen Trümmern. Eine ungeheure +Flammensäule schoß augenblicklich in die Höhe und hätte vielleicht halb +Berlin eingeäschert, würde nicht das Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff, +mit dem fast alle Häuser überzogen waren, selbst diesen furchtbaren Flammen +einen energischen Widerstand entgegengesetzt haben. + +Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach unendlichen +Anstrengungen, den Brand zu löschen und die übrigen Häuser vor der +Vernichtung zu bewahren. + +Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber auch nichts mehr gefunden. +Sein Körper war dermaßen zu Asche verbrannt, daß auch nicht die Knochen +eines Gliedes übrig geblieben waren. + +Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses entsetzliche Unglück +zustande gekommen war. + +Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde übrigens rasch wieder durch den roten +Kometen abgelenkt. Dieser hatte sich nämlich jetzt der Erde soweit +genähert, daß man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen konnte. + +Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit dem neuen Gestirn zu +beschäftigen; denn der Krieg zwischen der deutschen Nation einerseits und +den Engländern und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig wurde +gerüstet. Und ungeheure Mengen von Munition wurden an den großen +Kriegshäfen Wilhelmshafen und Kiel aufgestapelt. + +Die Armee trat unter Waffen. + +Romulus Futurus nahm an diesen Vorgängen wenig Anteil. Er erkannte sehr +richtig, daß die plötzliche Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen +ebenfalls nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war, das dieser +Unglückskomet ausstrahlte. Und doch wollte es Romulus Futurus scheinen, als +ob die Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genähert +hatte, abnahm. So arbeitete der große Astronom in aller Ruhe an seinen +Problemen weiter. Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse über sein +nächtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia kaum mehr in Berührung. Und +doch war es eigentlich nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus +Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb. + +In sein Leben trat nämlich ein neues, merkwürdiges Ereignis. In dem Hause +befand sich ein großer Saal, in dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser +Raum, der mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war der +Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing auch in der Mitte der Wand in +goldenem Rahmen sein Jugendbildnis. Das ihn als dreißigjährigen Mann +darstellte, als er Fabia zur Gattin genommen hatte. + +Das lag acht Jahre zurück. Oftmals dachte Romulus Futurus, der ein +Philosoph war, darüber nach, ob es wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu +Fabia getrieben; um sich darüber Aufklärung zu verschaffen, kam er auf die +phantastische Idee, durch die »Lumen«-Platte sein eigenes Bild aus +damaliger Zeit zu photographieren. + +Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein möglichst genaues Bildnis zu +erhalten, den Apparat nachts in dem großen Ahnensaale auf, gerade seinem +Bilde gegenüber, und entfernte am nächsten Morgen die Platte, um sie zu +entwickeln. + +Da wischte er sich mit der Hand über die Augen, fuhr sich von neuem über +die Stirn, als wollte er die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen +Spiegel und hielt ihn über die Photographie, um sich zu überzeugen, ob die +Augen ihn nicht trogen. + +Aber auch der zeigte dasselbe: + +Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das Portrait an der Wand; denn +Romulus Futurus hatte damals wirklich einen vornehmen Charakter besessen +und keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte ihn jetzt +nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte und in grenzenloses +Erstaunen versetzte, war ein ganz anderer Umstand: + +_Vor dem Bildnis stand nämlich eine Gestalt._ + +Es wäre schwer gewesen, sie zu beschreiben, überhaupt genauer anzugeben, +wer sie war, wie sie aussah, was sie trug. + +Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah man es nicht. Aber Romulus +Futurus fühlte es. Ihre Gestalt kam nicht über eine nebelhafte Unsicherheit +hinaus, und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, mehr über die Züge +dieser Erscheinung zu sagen. Und doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange +Zeit vor dem Bildnis Romulus Futurus' gestanden und mit einer gewissen +Andacht zu ihm emporgeblickt. + +Der Astronom wußte nicht, was er davon denken und halten sollte. +Schließlich schrieb er das Ganze seiner überhitzten Phantasie zu, +vielleicht auch einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht genügend +gegen das Licht geschützt worden war. Um sich Sicherheit zu verschaffen, +ließ er es in der zweiten Nacht auf einen neuen Versuch ankommen. Als er +aber am Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche Phänomen: +eine weibliche Gestalt, etwas stärker ausgeprägt, als am Tage vorher, eine +Frau von wundervoller Reinheit, mit einem Antlitz von außerordentlicher +Schönheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfaßbar, +unbeschreiblich. + +Romulus Futurus wurde nun von einer quälenden Unruhe erfaßt, die ihn nicht +mehr verließ. Da er in seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen +setzte, um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens verdankte, so +rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die Sternwarte und zeigte ihm das +Bild. Dann weihte er ihn in die Vorgeschichte ein. + +John Crofton blickte die Photographie lange an. + +»Siehst du dasselbe wie ich?« fragte Romulus Futurus. + +»Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte Gestalt vor deinem Bilde!« + +»Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrückt zu werden? Eine +Gestalt, die man mit bloßem Auge nicht erkennen kann?« + +John Crofton lächelte. + +»Die Erklärung, meine ich, ist sehr einfach, Romulus. Diese Gestalt ist +kein gewöhnliches Lebewesen, das steht fest. Sonst würde es ihr nicht +möglich sein, durch verschlossene Türen und Fenster in den Ahnensaal +einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, daß sie eine besondere Vorliebe +für dich besitzt, sonst würde sie nicht die Nächte vor deinem Bilde +zubringen.« + +Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine eigenen Empfindungen und +Hoffnungen bestätigte, aufs höchste erregt, ging mit großen Schritten in +dem Raume auf und nieder. + +»Aber, was ist da zu tun?« rief er, verzweifelt die Hände ringend. + +»Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt mich im höchsten +Grade, während sie zugleich in den Tiefen meiner Seele etwas aufwühlt, das +mich in die größte Unruhe versetzt. Ich muß dieses Phänomen sehen! Willst +du mir behilflich sein, John, daß ich einen Zeugen habe und meinen eigenen +Augen nicht mißtrauen muß?« + +Der Freund nickte. + +»Mit Vergnügen, Romulus!« + +Die beiden verabredeten also, daß sie in der nächsten Nacht in dem großen +Ahnensaale wachen wollten, während Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder +seine lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde gegenüber in +Bereitschaft setzte. + +Sie warteten die ganze Nacht hinter einem schweren Brokatvorhang. Sämtliche +Eichentüren waren verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur das rote +Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte Helligkeit in dem Saale. +Romulus Futurus und sein Freund John Crofton warteten die ganze Nacht bis +zum Morgen. Sie sahen nichts, hörten nichts und bemerkten nichts; und +Romulus Futurus meinte seufzend: + +»Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart vertrieben.« Dann besah er +die photographische Platte, während seine Hände in fieberhafter Ungeduld +zitterten. + +Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen Tage, nur noch +ausgeprägter, so daß man selbst das lange, fließende Haar, das bis auf die +Hüften wallte, die feinen Linien des Körpers, der in ein durchsichtiges +Gewand gehüllt war, erkennen konnte. + +Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale auf und nieder. + +»Ich muß sie kennen lernen!« rief er ein über das andere Mal. »Ich muß! +Diese Erscheinung gewinnt, ich gestehe es, von Tag zu Tag einen größeren +Einfluß auf mich, und ich möchte beinahe behaupten, ich sei von einer +rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen Liebe zu ihr erfüllt!« + +John Crofton, der das heimliche Schaudern, das ihm dieses Phänomen +verursachte, hinter Frivolitäten zu verbergen suchte, entgegnete: + +»Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und Blut so unempfindlich ist wie +du, ist's nichts Wundersames, wenn er sich in Geister verliebt!« + +Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit. + +»Geister . . .« wiederholte er. »Das ist sicherlich nicht das richtige +Wort, John. Es handelt sich um keinen Geist, und ich glaube auch nicht, daß +die Seelen Verstorbener sich uns auf diese Weise bemerkbar machen können.« + +»Wie willst du es dann erklären?« entgegnete John Crofton verwundert. »Auf +alle Fälle ist das eine Erscheinung, die ohne Materie, das heißt ohne +Fleisch und Blut ist, sonst müßten wir sie doch mit unseren Augen erkennen. +Nur die fabelhaft empfindliche Platte war imstande, das Unsichtbare +sichtbar zu machen.« + +Das war eine Erklärung, die Romulus Futurus weder befriedigen noch +beruhigen konnte. + +»Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate!« rief er. »Ich will aber +wissen, John, wer sie ist! Gib mir einen Rat. Du weißt nicht, welches große +Opfer ich für dich gebracht, daß ich dir sogar das Leben gerettet habe. Du +staunst? Nun, nimm es an! Jetzt ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir +einen Gegendienst verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das rechte +Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen nach jenem Wesen, das Nacht +für Nacht sich vor meinem Bilde zeigt. Ich muß sie besitzen! Also gib mir +ein Mittel! Ein Mittel, John Crofton!« Und der sonst so vernünftige, +ruhige, kühle und gemessene Mann rannte in der Sternwarte auf und nieder, +packte seinen Freund Crofton und schüttelte ihn, als wollte er ihn töten. + +»Laß mir einige Augenblicke Zeit!« murmelte John Crofton und ließ sich in +einen Sessel nieder. Ihm war ein elender Gedanke gekommen. -- -- + +Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell abgewiesen, hatte er +einen tiefen und unauslöschlichen Haß gegen die schöne Frau mit sich herum +getragen. Von Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war seine +Leidenschaft für das schöne Weib zu teuflischer Bosheit geworden, und Tag +und Nacht dachte er darüber nach, wie er ihr Furchtbares antun könnte. + +Aber er fürchtete Romulus Futurus zu gleicher Zeit! Er fürchtete diesen +mächtigen, in seinen Leidenschaften unberechenbaren Mann und hatte bislang +nicht gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen. + +Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hände! Jetzt verlangte er ein +Mittel von ihm, das ihm kein Mensch verraten konnte! John Crofton vergaß +vollständig, daß sowohl er wie Romulus Futurus vor einem phänomenalen +Rätsel standen. Er dachte nur mehr an Frau Fabia, an seinen Haß, an die +Möglichkeit, sich zu rächen, ohne sich selbst strafbar zu machen. Und er +hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umränderten Augen zu Romulus +Futurus, der ihn erwartungsvoll ansah, und sagte: + +»Ich wüßte wohl ein Mittel!« + +Der Astronom war Feuer und Flamme. + +»So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt, um selbst einen +klaren Gedanken zu fassen. Was ist zu tun?« + +John Crofton ließ sich drängen. Er wiegte den Kopf hin und her und tat, als +getraue er sich nicht, zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor, bis +er ihm zusicherte, daß er jede Verantwortung tragen würde. + +Dann begann John Crofton: + +»So viel steht fest: die Platte, die an und für sich eine wunderbare +Erfindung bedeutet, hat dir und der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen; +ungeheuerliche Entdeckungen werden gemacht werden. Nun, diese Gestalt vor +deinem Bilde existiert, das ist sicher. Und ohne Zweifel ist es die Seele, +der Geist, das vom Körper losgelöste Wesen eines jungen Weibes, das dich +leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen, so mußt du +dieses Wesen in einen neuen Körper bannen. Ob das Experiment gelingen wird, +weiß ich nicht. Aber es sollte glücken! Du verfügst über fabelhafte Kräfte! +Dein Wille ist unermeßlich! Versuche, sage ich!« + +Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin und her. + +»Ja, das ist eine Idee! Das ist glänzend! Das ist großartig!« + +Plötzlich brach er ab. Er begriff, daß der Vorschlag John Croftons +scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten aufwies. + +»Aber woher diesen Körper bekommen, John? Was meine Gewalt über dieses +Wesen anbetrifft, verzweifle ich nicht. Es wird mir gelingen, die +Unsichtbare zum Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Körper soll ich sie +bannen? Es muß der Leib eines Weibes sein, dessen äußerliche Schönheit mit +diesem Wesen harmonieren würde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich +auf die Knie werfen könnte --« + +Er brach erschöpft ab. Und John Crofton sagte so ruhig, als handle es sich +um, die einfachste Sache der Welt, während in seine Augen ein furchtbarer +Schimmer trat: + +»Deine Frau!« + +Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt stehen, seine Augen weiteten +sich, seine Lippen bebten. + +»Meine Frau . . .« wiederholte er tonlos. + +»Natürlich!« fuhr John Crofton fort, indem er mit einem eisernen Willen +sofort auf das eine Ziel losging, Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte +in Wirklichkeit nicht daran, daß Romulus Futurus, den er für einen Narren +hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches Werk vollbringen konnte. +»Natürlich deine Frau! Kein anderer Mensch auf Erden würde sich für dieses +Experiment eignen! Du liebst sie nicht -- du hast es mir ja selbst bereits +gestanden, hast oftmals mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grämt +sich darüber! Töte sie und banne dieses Wesen in ihren Leib, so wirst du +sie lieben können, wie nie ein Weib von einem Manne geliebt wurde!« + +Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort. Er ging auf und nieder, von +Zeit zu Zeit vor dem Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren +Blicken messend. Es dämmerte noch, und der purpurne Schimmer des Kometen +flutete durch die Sternwarte. + +»Und warum sollte ich es nicht tun?« schrie der Gelehrte plötzlich hinaus, +sich selbst die schreckliche Frage beantwortend. »Sage selbst, warum nicht? +Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglücklich, sagst du? Ja, ja, sie ist +es! Ich weiß es, ich habe es unzählige Male gefühlt! Ich liebe sie nicht! +Aber ich liebe dieses Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fühle, bis zum +Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren, wenn dieses Wesen +in ihrem Leibe wohnt!« + +»Also!« entgegnete John Crofton und warf seine Cigarette weg, während seine +Augen vor Mordlust glühten . . . . . + +Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er kreuzte die Beine +übereinander, vergrub die Hände in die Taschen und zog den Kopf zwischen +die Schultern, während ein feiger Zug sein männlich schönes Gesicht +entstellte. + +»Ich kann es aber nicht tun!« flüsterte er. + +»Was, Romulus?« + +»Ich kann sie nicht töten! Denn es ist klar, daß ich sie erwürgen muß, wenn +ich die wesenlose Gestalt in ihren Körper bannen will!« + +»Freilich!« entgegnete John Crofton brutal. »Du wirst sie töten müssen!« + +»Nein, nein!« wehrte Romulus Futurus ängstlich ab. »Ich kann es nicht! Ich +bringe es nicht über mich! Aber vielleicht -- könntest du --« + +John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte ein phosphoreszierendes +Leuchten. Seine Augen sanken förmlich in die Höhlen zurück, und seine +Lippen bebten vor verhaltener Freude. + +»Was meinst du, Romulus?« + +Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz nahe an sich heran und +flüsterte ihm ins Ohr: + +»Vielleicht könntest du -- sie töten!« + +John Crofton riß sich los und tat über die Maßen erstaunt. + +»Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie töten? Dein Weib? Damit du mir im +nächsten Augenblick selbst die Pistole auf die Brust setzest und mich +tötest?« + +Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst auf. Er machte +John Crofton begreiflich, daß er ihm den größten Dienst seines Lebens +erweisen könne. Er bat, flehte, weinte schließlich wie ein Kind. So groß +war die eingebildete Macht des unbekannten Wesens über ihn. + +Und doch war alles nur die Wirkung des roten Kometen . . . . + +Endlich gab John Crofton nach und die beiden Freunde verabredeten, daß sie +sich in der kommenden Nacht in der Sternwarte treffen wollten. -- -- + + + + +IV. + + +Es war Nacht. + +Die roten Strahlen des Kometen wogten hin und her wie hunderttausend +elektrische Lichtzungen. Berlin glich einer Märchenstadt. Himmelhoch ragten +die riesigen Häuser empor, mitten hinein in das Meer von Purpur, das das +Blut aufregte und die Sinne verwirrte. + +Die Stadt war ziemlich leer von Menschen. Der Krieg war ausgebrochen, und +die Armeen standen im Felde. In der Nähe von Wilhelmshaven tobte die erste +Seeschlacht und bei Bitsch waren die deutschen und französischen +Heeresmassen gegeneinander geprallt. Immerhin waren in Berlin noch genug +Menschen zurückgeblieben, um jene heimliche, hin und her surrende und +summende Aufregung zu verursachen, die sich allen Ohren aufdrängte. Es +waren junge und ältere Leute, die da und dort auf öffentlichen Plätzen sich +sammelten, die flüsterten, sich heimliche Zeichen gaben und wieder +verschwanden . . . . + +Man munkelte von einer Revolution. -- + +Nie war Romulus Futurus liebenswürdiger gegen seine Gattin gewesen, als am +verflossenen Tage. Frau Fabia war glücklich wie nicht mehr seit den ersten +Tagen ihrer Ehe. + +»Willst du den roten Kometen sehen, Fabia?« fragte Romulus Futurus abends +gegen elf Uhr. Und Frau Fabia antwortete lächelnd: + +»Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so werde ich glücklich sein!« + +Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort herrschte magisches +Licht. Romulus Futurus streckte den Arm aus und wies empor zu dem +rotschimmernden Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher +Deutlichkeit stand, so groß, so nahe, so drohend, daß man die Empfindung +hatte, als müsse er jeden Augenblick herabstürzen, alles unter sich +begrabend. + +Frau Fabia schauderte. + +»Und doch, heute möchte ich sterben!« flüsterte sie. »Ich habe das größte +Glück meines Lebens genossen, denn ich empfand, daß du mich immer noch +liebst!« + +Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt von seinem Gewissen. Da +ging die Türe im rückwärtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein. + +John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau Fabia so gegenüberzutreten, +wie er war. Er trug eine schwarze Maske vor dem Gesicht und einen +purpurroten Mantel über den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne wirr waren +unter dem direkten Einfluß des roten Lichtes, das sie umgab, schmiegte sich +ängstlich an ihren Gatten und flüsterte. + +»Sage mir, Romulus, wer ist das?« + +Romulus Futurus löste ihre Arme fast mit Gewalt von seinem Körper und stieß +sie dem entgegen, der eingetreten war. Frau Fabia sah die weißen, +gepflegten Hände Croftons, der sich bereit machte, auf sie zuzugehen. Und +von unbestimmter Furcht ergriffen, flüchtete sie nach dem anderen Ende der +Sternwarte und schrie: + +»Rette mich, Romulus, ich fürchte mich.« + +Der aber brachte noch mehr Zwischenraum zwischen sich und seine Gattin. Er +schlich sich zurück bis zu der kleinen Tür, die der Eingetretene offen +gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut zu finden, auch nur einen +Blick zurückzuwerfen. + +John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und nun konnte er ein Schauspiel +genießen, auf das sich seine entarteten Nerven bis zu dieser Stunde +vorbereitet hatten. + +Frau Fabia floh vor ihm wie das geängstigte Tier vor dem Jäger. Sie maß ihn +mit scheuen, verwirrten Blicken, während er ihr rund um die Sternwarte +herum folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels, der dieses +schändliche Verbrechen nicht hinderte . . . . + +Schließlich, als sie kaum mehr die Kraft fand, sich auf ihren zitternden +Füßen zu halten, riß John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel ab +und rief mit diabolischem Gelächter: + +»Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der Abrechnung ist gekommen!« + +Sie fuhr zurück. Sie klammerte sich an die Wand. Sie schrie mit wahnsinnig +klingender Stimme nach Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um +Hilfe; aber niemand half ihr. + +Sie stürzte auf die Knie nieder und flehte diesen Schurken um ihr Leben an, +aber er dürstete nach ihrem Blute. + +Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den Raum, streckte wie +hilfesuchend ihre Arme nach dem Gestirne aus -- in diesem Augenblick hatte +John Crofton sie erreicht und die letzten Worte der Unglücklichen erstarben +in der Anrufung des roten Kometen, von dem sie Hilfe, von dem sie +Vergeltung forderte. + +John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine Finger in ihren Hals +gekrallt. Er ließ sie nicht mehr los, bis das letzte Leben aus ihr +entflohen war. + +Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von Freude überwältigt, ab, +taumelte zur Tür und rief nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen +entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe John Croftons +auf. + +Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten Körper nach der Galerie. + +Von den Straßen herauf tönte jenes eigentümliche, surrende Geräusch, das +das Zusammenströmen großer Volksmassen verkündet. Dann und wann hörte man +den verlorenen Ton einer lauten schreienden Stimme. Dazwischen Johlen, +Händeklatschen und Pfeifen. + +In der Ferne ein Trommelwirbel. + +Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die beiden Männer, die zwischen +sich den entseelten Körper der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts. +Romulus Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade unter sein +Bild zu legen. + +Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht, um die geheimnisvolle +Gestalt in dem Augenblicke sehen zu können, da sie sich auf der +»Lumen«-Platte abbildete. Während er nämlich unter seinem Bild einen +starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits zu dem +Spiegel, andererseits zu dem photographischen Apparat in einem rechten +Winkel stand. Gleichzeitig legte er sich zwei äußerst lichtempfindliche +Gläser, die alles in riesiger Vergrößerung spiegelten, über die Augen. + +So verharrte er regungslos, während das Toben auf den Straßen allmählich +verstummte; denn man hörte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden +Bataillone. + +Während der Gelehrte also halb ängstlich, halb voll wahnwitzigen Hoffens +seine Augen fieberhaft auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem +Augenblick spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen Platte +erschien -- Romulus Futurus konnte also ganz einfach die Platte in dem +Spiegel erblicken; denn das Wesen selbst war ja für das Auge nicht sichtbar +-- während er beide Hände gegen das wildpochende Herz preßte, um es +gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte sich John Crofton mit einem hämischen +Lächeln in einen Sessel geworfen. + +»Zu dumm,« dachte er. »Dieser Narr glaubt, er könne das Unmöglichste +vollbringen! Sind die Menschen nicht wirkliche Hampelmänner, die sich an +den Schnüren unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen, wenn +wir nur erst die Kraft dazu haben? + +Romulus hat mir das Henkergeschäft über sein Weib übertragen; er wird nie +das Recht und die Fähigkeit besitzen, mich zu bestrafen.« + +Inzwischen aber wurden die Gedanken John Croftons abgelenkt. Er sah in der +grellroten Helle, die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus +plötzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an dem Spiele der +Gesichtsmuskeln. Draußen stand, riesengroß, eine gewaltige Kugel, der +Komet. + +Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In dem Augenblick, da sie unter +sein Bild getreten war, hatte die lichtempfindliche Platte sie +festgehalten, und diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild +in die Augen des Astronomen zurückwarf. + +Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu sprechen, zog er seinen +ganzen Willen, all seine Energie und innere Macht in seine Augen und +blickte das schemenhafte Wesen an. + +Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige Gesicht zu, +dieses wunderschöne Antlitz, das er nur fühlte, aber nicht sehen konnte. + +Und sagte, während seine Stimme dumpf klang, als käme sie aus weiter Ferne: + +»Wer du auch sein mögest, ich befehle dir, mir zu gehorchen!« Er bemerkte +deutlich, daß etwas wie Schrecken die Gestalt erfaßte. Sie sah ihn starr +an, offenbar unfähig, den Blick von ihm zu wenden, ohne daß Romulus Futurus +eigentlich ihre Augen sehen konnte, und er fuhr fort, triumphierend über +den schnellen Sieg, den er errungen hatte. + +»Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu nehmen!« + +Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb auf den Leichnam seiner +Gattin Fabia, halb hob er beschwörend die Hände und beschrieb die magischen +Zeichen über der seltsamen Gestalt. + +Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer Widerstand, den sie dem +gigantischen Willen des Gelehrten gegenübersetzte. Aber der ließ nicht +nach. + +In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen wieder erblickt, war auch +seine namenlose Leidenschaft gewachsen, und mit einem Willen, der stärker +war als alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl, während +die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht angezogen, sich immer mehr dem +Körper der Frau Fabia näherte. Und schließlich gab sie den Widerstand auf. +Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte Wesen eine unendliche +Traurigkeit zeigte -- im nächsten Augenblick war es zerflossen wie nichts, +und der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel, der in der purpurroten +Nacht verschwand. + +Gleichzeitig sank er selbst erschöpft, mit hämmernden Pulsen in einen +Sessel zurück. + +In großen Tropfen stand der Schweiß auf seiner Stirn. + +John Crofton aber, der alles gehört, doch nichts gesehen hatte, war halb +von seinem Sitze aufgestanden, streckte den Kopf vor und lauschte mit +zitterndem Atem. + +Plötzlich regte sich Frau Fabias Körper. + +John Crofton riß die Augen weit auf. Er wollte, er konnte es nicht glauben! +Namenloses Entsetzen erfaßte ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen +Händen erwürgt? War es möglich, daß noch Leben in ihr war? Stehen denn die +Toten auf, um sich an den Lebenden zu rächen? + +Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd in dem Sessel barg, +starrte er zu Frau Fabia hinüber. + +Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener müden Bewegung, die die +zeigen, welche eine lange Reise gemacht haben, glättete das seidene Kleid +und sagte, unfähig, im ersten Augenblicke die zwei Männer zu erkennen, die +tief im Schatten saßen: + +»Wo bin ich?« + +Plötzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung zu kommen, eine +Erinnerung, die wenig mit der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem +Augenblicke anpaßte. + +»Ganz recht!« murmelte sie lächelnd, indem sie die schweren, dunklen +Haarsträhnen aus der Stirne strich. »Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal +getreten und habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei hat mich +der Schlaf übermannt. Wie lächerlich das ist!« + +Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie im ersten Augenblick wie etwas +Furchtbares anstarrte. Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schloß +sie in seine Arme und preßte sie an sich. + +»Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend, wie immer? Du wirst nie +von mir gehen? Wir werden ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?« + +Sie schlang die weißen Arme um seinen Hals und flüsterte: + +»Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl ist es mir, als ob wir uns heute +zum erstenmal sähen. Aber dein Bild war immer bei mir!« + +Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Küssen, das ihm vor kurzem so +gleichgültig, beinahe hassenswert erschienen war. Er küßte Frau Fabia so +lange, bis er endlich wahrnahm, daß er vergeblich die Züge jenes seltsamen +Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte. + +Da erfaßte ihn etwas wie eine lähmende, dunkle Traurigkeit. + +John Crofton aber war ruckweise, Schritt für Schritt näher getreten und +starrte Frau Fabia an. + +An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab, links ein Daumen, rechts der +Zeige- und der Mittelfinger. -- + +Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte John Crofton . . . Diesem +war es, als ob der Blitz ihn treffen müßte. Er riß einen Teppich von der +Erde auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem halbausgestreckten +Arme deckend. So stand er da, das personifizierte böse Gewissen, und +zitterte. + +Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und fragte ihren Gatten: + +»Wer ist dieser Mann?« + +Romulus Futurus lächelte düster. + +»Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest du ihn nicht kennen?« + +»John Crofton?« wiederholte sie, während ihr Antlitz einen gequälten +Ausdruck annahm. Offenbar suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen +dieses Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da, das sie nicht +fassen konnte. Sie schüttelte den Kopf und sagte: + +»Ich kenne ihn nicht!« + +John Crofton holte tief Atem. Er ließ die Decke sinken und starrte der +schönen Frau ins Gesicht. War es möglich, daß sie noch reizender geworden? +Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder Perlen gehabt, so +leuchteten sie jetzt wie Sterne in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze. +Auch ihre Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen John +Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick von neuem von jener rasenden, +teuflischen Leidenschaft erfaßt wurde, die ihn schließlich zum Mörder hatte +werden lassen. + +Aber er verbarg seine Empfindungen ängstlich ebenso vor Frau Fabia als vor +dem Freunde. Er beugte sich nieder, führte die Hand der schönen Frau galant +an seine Lippen und drückte dann schweigend Romulus Futurus die Rechte. + +»Es ist geglückt, mein Freund! Ich gratuliere dir!« + +Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwörend zur Decke empor und +flüsterte: + +»Ich bin von heute ab der glücklichste aller Menschen, John Crofton! Hast +du nicht bemerkt, daß selbst ihre Stimme sich verändert hat? Sie spricht +ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in allem instinktiv jenes +Wesen wieder, das ich vor meinem Bilde zum ersten Mal gesehen habe.« + +Darüber, wer jenes Wesen sein könnte, dachte weder Romulus noch Crofton +nach. Die Wünsche der beiden Männer trafen sich zunächst nur in dem +rasenden Verlangen, Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener ging John +Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend, dieses Weib zu gewinnen, das +er in der vergangenen Nacht mit eigenen Händen getötet hatte. -- + + + + +V. + + +Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, hatte seinen Höhepunkt +erreicht. Der Komet stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines +Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte ihn allerdings nur +des Nachts; allein nun gesellte sich zu dem intensiven roten Licht eine +Hitze, die von Tag zu Tag größer wurde. Während das fabelhafte Licht die +Nerven der Menschen immer mehr erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr +gegeben war für den Charakter, und alle sich in einem Zustand der Raserei +befanden, brachte die intensive Wärme, welche von dem neuen Kometen +ausstrahlte, das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen neue +Begierden, Leidenschaften und Laster. + +Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der rote Komet noch durch einen +unendlichen Raum von der Erde getrennt sei. + +»Es ist eine neue Sonne!« sagte er, »ein gewaltiger Körper, der lange Zeit +hindurch, vielleicht ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen am +Ende des Weltalls gestanden hat!« + +Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus Futurus mußte zugeben, daß der +rote Komet der Erde nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum bis +zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem Falle aber wäre bereits +jetzt die ganze Erde in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das +Nahen des Kometen keine andere Folge, als daß mitten im Winter die +Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen unter ungeheuren +Ueberschwemmungen litten. In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze +Städte unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees wurde die +Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet und die riesige bayrische +Hochebene verwandelte sich in einen See, in ein neues Meer. + +Das waren nun Angelegenheiten, die die Berliner nicht allzusehr aufregten. +Dagegen sahen sie nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee; +denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese bedeutend gestiegen waren. + +Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und Nacht als den, daß die Farbe +des Lichtes wechselte. Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende +Körper der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein Licht, das die +Augen kaum mehr vertrugen, so daß ihr Schein eine Reihe von Erblindungen +hervorrief. So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des roten Kometen +gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz außerordentlich empfindsam gerade für +das Purpurlicht, und es gab Menschen, die viele Stunden oft mit brennenden +Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, indem sie sein Leuchten förmlich +in sich einsogen, um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine +Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die Regierung in Berlin die +umfassendsten Maßnahmen, um dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen. +Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, so zog man neue +Beamte in den Dienst. + +Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister Romulus Futurus übertragen, +weil die Regierung sehr richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das +Ressort dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten, dem +öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit verwandt war. + +Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem Kriege zurück. Zwar war die +deutsche Flotte im Kattegatt von der Uebermacht der englischen +Riesenschiffe dezimiert worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem +unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, hatte die festen Plätze +mit ihren furchtbaren Geschützen fast ohne Widerstand genommen und eine +Schlacht geliefert, die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem Ausgang +einzig in der Geschichte dastand. + +In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber der Friede diktiert +worden. Inzwischen hatte General Treufest durch eine ausgezeichnete +Verteidigungstaktik den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und +Wilhelmshaven mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß die englische +Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch gewaltige Sprengminen verlor. -- + +Allein -- obgleich in dieser Weise die deutschen Angelegenheiten aufs beste +standen -- mehrten sich doch die Stimmen derer, die eine furchtbare +Katastrophe vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung, +wie ein düsterer Bann über Berlin. + +Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, die schon +verschiedene Male ihr Haupt erhoben, nicht zur Ruhe bringen können. Wohl +hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt die Kanonen +gedonnert, und die Fackel des Bürgerkrieges war entzündet worden. + +Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen. + +Die Prophezeiungen, die man an den roten Kometen geknüpft hatte, erfüllten +sich. + +Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren grauenvoll; die +französische Hauptstadt schwamm im Blute ihrer Bürger, denn auf die +Niederlagen hin, die die französische Armee erlitten, war dort wieder das +Standrecht der Kommune erklärt worden. In England war ein +Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und Großbritannien ausgebrochen, in +Amerika wütete schon seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen +und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität geführt wurde, und von +Osten her wälzte sich die gelbe Gefahr heran. + +Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins Rollen: + +Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg der deutschen Truppen würdig +zu feiern. Diese standen noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der +Mangel an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, so daß man +es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung der deutschen Truppen +zu tragen. + +Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung ihre letzten +Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt werden. + +Die französischen Diplomaten wußten eigentlich nicht recht, woran sie +waren, denn sie kannten weder die Stellung Amerikas, noch die speziellen +Absichten Deutschlands und Englands. + +Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die geheimnisvollen Fäden +der in Aussicht genommenen europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war +der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, Amerika: John +Crofton. + +Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame Wohnzimmer seines +Freundes Romulus Futurus und seiner Gattin. + +»Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?« fragte er, seine dunkel +umränderten Augen zu Frau Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte. +Sie ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser erwiderte ihre +Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, ein Umstand, der bereits seit +Wochen Berlin mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher nur +zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers stand. + +»Ich habe nichts vor,« entgegnete Romulus Futurus. »Wenn meine Gattin +einverstanden ist, so wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff +unternehmen, und zwar dem roten Kometen entgegen, den ich mir gern einmal +näher ansehen würde.« + +Frau Fabia klatschte in die Hände. + +»Das ist eine Idee, Romulus,« sagte sie und trat ans Fenster. Dort hob sie +sehnsüchtig die weißen Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend +am Himmel stand. + +»Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,« murmelte sie, »und weiß doch +nicht wonach, warum! Mir ist als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte, +der meine Bestimmung einschließt!« + +John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den roten Kometen nicht nach +seinem Geschmack. + +»Man gibt heute abend den Tannhäuser,« meinte er. »Happy Head-Divina singt +die Elisabeth. Ihrer persönlichen Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu +verdanken, denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. Ich hatte sicher +darauf gerechnet, daß ihr mitkommen würdet!« + +Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie änderte daher sofort ihren +Plan und gab ihre Zustimmung, die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde +später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die große Oper . . . + +Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia vergaß alles um sich her, +während sie der Musik Richard Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend +wieder Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei Jahrhunderte +begraben gehabt. + +Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von seiner Gattin wenden. Etwas +Gequältes lag in seinen Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er +bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie empfunden, immer mehr +nachließ, in dem Bewußtsein, daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was +er suchte. Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich hinter +die Kulissen. + +Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. Sie war bezaubernd schön in +dem weißen Gewande der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen +Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges Silber tauchte. + +»Sie haben mich rufen lassen, Happy,« begann John Crofton und trat in ihren +Ankleideraum, der aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf +einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe und der kleine +schwarze Groom. + +»Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke mit dir verplaudern,« +entgegnete die Sängerin. »Du machst dich so selten bei mir, und man spricht +in unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia habe immer noch nicht +nachgelassen!« + +Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen Hals zurück. John Crofton +entgegnete ärgerlich: + +»Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen an?« + +»Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch immerhin eine interessante +Figur, nachdem ganz Berlin weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!« + +Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine Brauen grub sich eine +Falte. + +»Das kommt darauf an!« murmelte er. + +Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, die nach feinem Puder +dufteten, um seinen Hals und flüsterte: + +»Und für mich, John, hast du gar nichts mehr übrig? Liebst du mich wirklich +nicht mehr? Hast du mich ganz vergessen?« + +John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie niederzog und mit +verschleierter Stimme entgegnete: + +»Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer noch so wie früher! Aber die +Leidenschaft für Frau Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz +verwirrt. Ich liebe dich anders als jene, und es wird die Stunde kommen, wo +ich wieder ganz und gar zu dir zurückkehre!« + +Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit glühenden Küssen, dann +drückte sie auf die elektrische Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . . + +Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange hin und her lief, voll +Befürchtung, die Sängerin möchte im nächsten Auftritt versagen, wenn sie +sich während der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy +Head-Divina mit ihrem Freunde. + +Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie John Crofton immer von +neuem einschenkte. Und der trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er +löschen mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter und bemerkte +nicht, wie seine schöne Freundin plötzlich aus einem kleinen Fläschchen +einige Tropfen in sein Glas gleiten ließ. -- + +»Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?« fragte sie plötzlich +scheinbar gleichgültig, eine Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich +zur Decke empor. + +John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, entgegnete: + +»Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen werden allerdings übel +abschneiden. Ja, wenn sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig +im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland finanziell und +ökonomisch durch diesen Krieg vollständig ruiniert ist, so würden sie +allerdings kaum die Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!« + +»Die Sache steht also für Frankreich weit besser, als man annimmt?« +entgegnete Happy Head-Divina hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das +Sektglas füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus als sonst. -- + +»So ist es! Auch Englands Chancen sind weit größer, als die Briten +annehmen!« + +»Und du kennst bereits alle näheren Pläne?« + +Er lachte. + +»Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche Happy! Sprach ich doch +erst heute in langer Audienz mit dem deutschen Minister des Auswärtigen! +Ja, wenn man es so nimmt -- das Schicksal Frankreichs liegt jetzt +eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der Briten!« + +Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich geweitet hatten. Sah nicht, +daß sie ihn mit den Blicken förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an +die Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . . + +Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie sprach von dem und jenem, bis John +Crofton sich endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine Glieder +waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und so krampfhaft er auch die Augen +zu öffnen versuchte, ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu. + +»Also du trägst die Entwürfe bei dir!« meinte Miß Happy plötzlich, indem +sie wieder auf das alte Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht +die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie Eis, beobachtete sie +die vergeblichen Anstrengungen ihres Freundes, der Betäubung zu entgehen. + +Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter Ferne an sein Ohr. Ohne bei +klarer Besinnung zu sein, entgegnete er dumpf: + +»Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt -- ich möchte mich -- +entfern --« + +Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, die sich gegen einen Stuhl +gestützt hatten, fielen schlaff herab, und John sank in das große +Eisbärenfell. + +In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an der Tür. Der Inspizient +steckte den Kopf herein und rief: + +»Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina! Ihr Stichwort fällt in +einer Minute!« + +Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite Klingel. Augenblicklich +stürzte der Groom herbei. + +»Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige Dr. Diabel, der sich +zufällig dort aufhält. Sage ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir +Crofton wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in meiner Garderobe.« + +Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick die Bühne und sang ihre +Partie mit so bezaubernden Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß +mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des Publikums brauste. -- -- + +Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin ausgerichtet. Er traf Dr. +Diabel tatsächlich in der Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters +gerade eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der Nachricht nicht +sonderlich erstaunt gewesen war, in die Garderobe seiner Herrin. + +Dr. Diabel trat ein. + +»Du kannst gehen,« wandte er sich an den Groom. »Laß mich allein!« + +Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte sich und verließ +die Garderobe. + +Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John Crofton, dessen Antlitz gelb +war wie die Schale einer Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem +Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon wirkte. Die bleichen +Züge waren förmlich durchsichtig geworden; die großen, dunklen Augen lagen +tief in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich um seine Schläfen, +während das Gesicht ganz zurücktrat in den spitz zulaufenden Rahmen des +Bartes. + +Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht aus, daß durch den +Reflektor, der an der Decke angebracht war, nur mehr das Purpurlicht des +roten Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt er auf den Tisch zu +und goß das Glas John Croftons aus, in dem sich der Rest des +Betäubungsmittels befand, das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. Darauf +riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, warf ihn über einen Sessel, daß +auf der einen Seite die Füße, auf der anderen der Kopf und die Schultern +hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder Eile seine Taschen. + +Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. Im Scheine des roten +Lichts entfaltete er ein Dokument, das eine Reihe von Korrekturen aufwies +und teils in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. Er ließ das +Dokument in der Brusttasche verschwinden und goß dann auf einen kleinen +Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er in der Westentasche +getragen hatte. Diese Flüssigkeit ließ er zwischen die Zähne des +Bewußtlosen gleiten. Es dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton +die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um. + +Sein Auge fiel auf Dr. Diabel. + +»Wo bin ich? Was ist geschehen?« fragte er hastig, indem er sich +aufrichtete. Dr. Diabel mußte ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden +gestürzt. + +»Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,« meinte der Arzt. »Ich wurde +eben gerufen, denn Sie sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy +bewußtlos zusammengestürzt!« + +Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung zurück. Er begriff, +was geschehen war, glättete seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand. + +»Ich danke Ihnen!« flüsterte er. »Ich werde mich bei Miß Head-Divina noch +persönlich entschuldigen.« Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes +Romulus Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer erzählte, um sich +wegen seines langen Ausbleibens zu entschuldigen. + +Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, denn die Oper war zu +Ende. + +Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung seines Freundes erwidert. +Als sie in seiner Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich +zurückgezogen, sagte der Kultusminister: + +»Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf der Alliance-Pläne noch in +deiner Tasche hast!« + +John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub im Winde, so +furchtbar hatte ihn die Möglichkeit getroffen, die Romulus Futurus +andeutete. Hing doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern +sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. Die amerikanischen +Zeitungen pflegten kurzen Prozeß mit ihren auswärtigen Vertretern zu +machen, wenn diese sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie wurden +ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; da sämtliche Zeitungen +Amerikas einen großen Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust +waren, so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in irgend +einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu finden. + +Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre Interessen im Auslande nicht +genügend gewahrt hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis zu +schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste Dokument, das einem +Vertreter seit Jahrzehnten anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, so +wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes gewesen. + +Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte nun fieberhaft in allen +Taschen. Sein Gesicht überzog eine wächserne Farbe. + +Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe gezogen und sah ihm schweigend +zu. + +»Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei dir gehabt hast, nicht wahr?« + +»Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch in der Loge davon +gesprochen!« + +»So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort vermutet habe! Ich kenne +deine Natur, John! Dein plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!« + +Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten mit klarer Deutlichkeit +wieder ein und der Verdacht, daß er das Opfer eines schändlichen Komplotts +geworden sei, stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel der +letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor Wut, ergriff er Hut und +Mantel und beschloß, sofort zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu +ziehen. + +Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück. + +»Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein Freund!« sagte er ruhig. »Ich +werde Dr. Diabel verhaften lassen!« + +Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon und setzte sich mit der +Polizeizentrale in Verbindung. Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am +Krankenbett der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen an einer +schweren Krankheit daniederlag. Romulus Futurus gab den Auftrag, den +Leibarzt der Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen. + +Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde nicht den geringsten +Widerspruch wagte, und eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in +dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt. + +Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, der eine große Rolle in +der Gesellschaft spielte, nach Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn +einem langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne Wort, das der +Untersuchungsrichter sprach, jede Antwort, die der Gefangene gab, wurde von +einem Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen eigenen Stift +auf ein Blatt Papier übertragen. So war jedes Protokoll überflüssig, und +der Gefangene konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten von dem +Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden seien und sich mit dem +Protokoll nicht deckten. + +Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote das Protokoll. John +Crofton rang verzweifelt die Hände, als er es gelesen. + +»Ich bin verloren! Verloren, Romulus!« rief er. »Dr. Diabel leugnet +hartnäckig und weder die körperliche, noch die Hausdurchsuchung hat irgend +etwas ergeben, was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!« + +Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der Schauspielerin eine +Haussuchung vornehmen lassen, aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden +worden. Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, den Inhalt +des Vertrages auf elektrischem Wege nach Paris und London zu übermitteln, +so befand sich Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und John +Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach Amerika zurückgeschickt zu +werden. Vor diesem Schicksal hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren +können. + +Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen Stationen +gesperrt würden und drei Tage lang unter persönlicher Kontrolle des +Ministers ständen. + +Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. Er begriff sehr wohl, +daß, wenn wirklich Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine +Helfershelfer schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach Paris zu +übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina die Komplicin des Doktor Diabel war, +wollte John Crofton nicht glauben. + +Auf alle Fälle leugneten beide standhaft. + +So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal John Croftons schien +besiegelt. + +Er, der gegen seinen Freund so schmählich gehandelt hatte, scheute sich +nicht, ihn jetzt beinahe auf den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu +retten. + +Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine Sicherheit. + +»In einer Stunde werden wir wissen, wer den Vertrag gestohlen hat und wo er +sich befindet!« sagte er ruhig. + +John Crofton hob den Kopf. + +»Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter mehr, durch die du Dr. +Diabel sein Geheimnis entreißen könntest!« + +»Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein Freund: von jetzt ab wird es +keinen Verbrecher mehr auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von +jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig sein, es +wird keine Ungerechtigkeit mehr geben und jedes Verbrechen wird nach seinen +Ursachen, nicht nach seinen Wirkungen bestraft werden!« + +»Ich verstehe dich nicht!« entgegnete John Crofton. + +Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den photographischen Apparat in +sein Coupé zu bringen, fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis. + +Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht hatte, war groß und geräumig +und besaß zwei Fenster: eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das +einen andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß. + +Hier hinein traten John Crofton und Romulus Futurus. Letzterer stellte dort +seinen photographischen Apparat auf und schob die empfindliche +»Lumen«-Platte ein. + +Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit. + +Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten Wochen seine Erfindung noch +vervollständigt, und zwar in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne +Zweifel einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller Völker wirken +mußte. + +Nachdem er sich überzeugt, daß die »Lumen«-Platte die menschlichen +Physiognomien so photographierte, wie sie waren, und nicht, wie sie +schienen, hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet und so +vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens zwanzig Aufnahmen +bewerkstelligte. Auf diese Weise war die »Lumen«-Platte noch zwanzigmal +verfeinert worden, denn die menschlichen Physiognomien zeigten sich jetzt +nicht nur in einem bestimmten Augenblick, wie sie waren, sondern sie +zeigten sich in diesem Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren +geheimsten Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie +geschaffen worden. Man brauchte sich nur wenig Mühe zu geben, nur die +einzelnen Mienenbewegungen zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür +bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen des +menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen unterworfen. Es gibt eben +auch da nur eine bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen +bestimmten Gedanken ausprägt. + +Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat in Bewegung gesetzt, trat er +mit John Crofton in die Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte +selbstverständlich die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden +waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes Auge vom Fenster auf +ihn gerichtet war. + +Er lachte, als die beiden Männer eintraten. + +»Ihr werdet euch täuschen,« dachte er: »Von mir werdet ihr nichts +erfahren!« Zu gleicher Zeit überlegte er sich, daß er nun auf keinen Fall +an Miß Happy Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der +»Lumen«-Platte waren ihm natürlich längst bekannt. + +»Ich werde weder an Miß Happy denken, noch daran, daß der Vertrag sich in +ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines +Plüschsessels in ihrem Saale verborgen hält,« dachte er. Und wirklich gab +er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, als die beiden Männer +eingetreten waren und Romulus Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster +Polizeibeamter, ihn einem eingehenden Verhör unterzog. + +Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den Untersuchungsrichter +vorgenommene, und Romulus verließ mit seinem Freunde Crofton die Zelle, +während ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen +Menschenkenners lag. + +Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel. + +»Ihr werdet euch täuschen,« dachte der Arzt. »Ihr werdet euch täuschen! Ich +habe weder an Miß Happy noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, +und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!« + +Romulus Futurus nahm ruhig die »Lumen«-Platte aus dem Apparat, nachdem er +diesen abgestellt hatte, und fuhr mit John Crofton nach Hause. + +Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden Männern in den Weg. Sie +brauchten nicht weniger als sieben Stunden, um in ihre Wohnung +zurückzugelangen. Inzwischen war es wieder Nacht geworden, denn die Tage +wurden immer kürzer und dauerten seit einiger Zeit nur noch sieben Stunden. + +In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure Menschenmengen. Das Volk, +das zusammenlief, mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte eigentlich +nicht, was es wollte. Man war unzufrieden mit dem System, mit der +Regierung, mit allem. -- + +Aber man wußte nicht, warum. -- -- + +Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß Revolutionen nichts +ändern, daß alles seinen gleichen Gang weiter geht und daß immer dasselbe +kommt und niemals etwas anderes. + +Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt durch das +rotglühende Licht des Kometen, dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich +hohnlachend über die Erde neigte. + +Blut -- hieß die Losung! Blut wollten sie alle! Blut sollte fließen! + +Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden wollten, so richteten sie +ihr Augenmerk auf die, welche der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf +die Regierenden. + +Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton nicht in ein Flugcoupé +gerettet, so wären sie beide verloren gewesen, denn alle elektrischen +Coupés auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und die Insassen +ermordet. + +Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution war günstig gewählt +worden, denn das Militär war noch nicht da und die Truppen, die sich in +Berlin befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln, die mit +jeder Minute zahlreicher wurden. + +Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als Standquartier der Revolutionäre +eingerichtet worden. Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer +befand, der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius, der Student. + +Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, in seine Wohnung zu kommen. Er +entwickelte sofort die Platte und ließ die Photographien +kinematographenartig ablaufen. + +John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen seines Freundes, und zum +ersten Male begriff er ganz und gar dessen gigantische Größe, die +fabelhaften Vorteile, die diese Erfindung der deutschen Nation sicherte. + +Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem Apparat: + +»Ihr werdet euch täuschen! Von mir werdet ihr nichts erfahren! Ich werde +weder an Miß Happy Head-Divina denken, noch daran, daß sich der Vertrag in +ihren Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines +Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr werdet euch täuschen! Ich +habe weder an Miß Happy, noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, +und deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!« + +»Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten!« sagte Romulus Futurus +lächelnd, drückte auf eine elektrische Klingel und setzte sich wieder mit +der Polizeizentrale in Verbindung. + +»Die Schauspielerin Miß Happy Head-Divina ist zu verhaften!« befahl er. +Gleichzeitig gab er Auftrag, daß ein hoher Polizeibeamter sich in die +Wohnung der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument in Besitz zu +nehmen und es John Crofton zurückzugeben. Inzwischen war Frau Fabia, +erschreckt durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer der +Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig einen Blick auf die vielen +Photographien, die in kurzer Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren. +Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen +Entsetzensschrei aus. + +»Er ist es!« rief sie. »Er ist ein Verbrecher! Er hat mich getötet!« Dann +sank sie in Ohnmacht. + +John Crofton und Romulus Futurus sahen sich entsetzt an. + +»Was bedeutet das?« fragte John Crofton. + +»Wir werden es wohl bald erfahren,« sagte Romulus Futurus nachdenklich. + + + + +VI. + + +Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer solchen Heftigkeit +eingesetzt, daß die Regierung wie von einem Lavastrom hinweggefegt wurde, +der sich plötzlich über alles Leben ergießt, alles verschlingt und jeden +Widerstand verbrennt, zermalmt. + +In den Straßen tobte ein wahnwitziger Kampf. Es war keine Schlacht mehr, es +war ein Schlachten. Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit +seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen, die Berlin seit +seinem Bestehen noch nicht gesehen hatte. + +Die erste Heldentat der Aufständischen, die in großen Scharen die Straßen +durchzogen und mit den Truppen der Regierung auf allen Plätzen ins Gefecht +kamen, bestand in der Erstürmung des großen Untersuchungsgefängnisses am +Spittelmarkt. + +Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergoß sich die Flut der Revolutionäre +in die dunklen, finsteren Gänge; da und dort lag die Leiche eines +ermordeten Aufsehers. Einige Minuten später aber strömte die Schar der +Eingekerkerten hinaus, die Brüder umarmend, die ihnen, den Verbrechern, die +Freiheit wiedergegeben hatten. + +Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem er dem Führer des Trupps +die Hand gedrückt, eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das +Gemach der kranken Fürstin Angelika und nahm dort seinen Platz als Arzt und +Wächter wieder ein. + +Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten Festung. Die Straßen waren +röter noch von Blut, als von dem Lichte des Kometen. Die Bürger hatten ihre +Häuser versperrt, aber die Aufständischen schlugen die Türen mit Aexten +ein, zerrten die Frauen auf die Straßen, warfen die Kinder in die +aufgepflanzten Bajonette und mordeten die Männer. + +Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils unter die Fahnen der +Regierung, teils unter das Banner des Aufstandes geeilt waren, kämpften mit +einer Erbitterung, die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstraße zogen +etwa dreitausend Revolutionäre unter der Führung Peter Cornelius, des +Studenten. + +Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen, die bestimmt wußten, daß +die Natur sich ändert, wenn man Blut vergießt, daß die ganze Welt sich in +ihrem Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird, wenn man die +Reichen beseitigt und an Stelle derer, die bisher regiert haben, andere +setzt. -- -- + +In den Augen des Peter Cornelius glühte ein verhängnisvoller Wahnsinn. +Trunken von einem Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das +Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten des roten Kometen +hervorgerufen war, schwankten seine Genossen durch die Straßen, mordeten, +schändeten, begingen Exzesse der Tollheit und riefen die Freiheit aus. + +Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten. Diese waren bedeutend in +der Ueberzahl, und die Revolutionäre verlangten von ihrem Führer, daß er +sie zurückführe, denn ein Kampf mußte zu Ungunsten der Revolutionäre enden, +da die Bewaffnung des Militärs eine weitaus bessere war. + +Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten in der Mitte mit sich +führten, stand mit gefesselten Händen ein Weib. + +Ihre Arme lagen auf dem Rücken; das schwere goldene Haar hatte sich gelöst +und floß in langen Wellen über ihre Schultern, von denen das weißseidene +Kleid teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glühten wie Purpur, und +ein höhnisches Lächeln leuchtete aus ihren Augen. + +Als die Soldaten und die Revolutionäre einander so nahe gekommen waren, daß +sie sich verständigen konnten, blieb Peter Cornelius plötzlich wie +angewurzelt stehen. + +Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nämlich der Sieg der Revolutionäre +lange nicht entschieden und man war bemüht, die Verbrecher, deren man +habhaft werden konnte, unter starker Militäreskorte wieder in das Gefängnis +zurückzuführen. + +»Happy Divina!« murmelte der Student, zu den Waffen greifend. + +Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und während die beiden feindlichen +Trupps einander zornglühend gegenüberstanden, während das Entbrennen des +Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing, rief Happy Divina: + +»Ei, sieh an! Peter Cornelius, der Held! Habt Ihr Euch endlich aufgerafft? +Habt Ihr diese Barbaren niedergeworfen? Da seht her, was sie mit mir +gemacht haben!« + +Und sie, die Tausende und Abertausende von Menschen durch ihre Stimme in +einen Rausch der Begeisterung versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom +Rücken ab, und man sah die weißen, leuchtenden Hände zwischen dicken +Stricken. + +Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger Wut gegen die, +welche dieses schöne Weib brutal ins Gefängnis führen wollten. Liebte er +doch Happy Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie hätte Peter Cornelius +es jemals wagen dürfen, sich der Sängerin, die von den höchsten +Würdenträgern das Reiches verehrt wurde, zu nähern? Er, der arme Student, +der seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag! + +Die stolze Sängerin, die gefeiert wurde gleich einer Königin, würde nicht +wenig gelacht haben über den armen Studiosus, hätte er ihr seine Liebe +erklärt. Aber jetzt, in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte, +jetzt war alles anders geworden! Die Ersten waren die Letzten und die +Letzten waren die Ersten geworden! Hier stand Peter Cornelius an der Spitze +seiner todesmutigen Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze zu +schlagen. + +Und plötzlich war für Peter Cornelius die Devise gegeben: + +Die Freiheit, für die er sein Leben aufs Spiel setzte und hundert andere +nach sich zog, erschien ihm leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin, +die seit langer Zeit im Dienste auswärtiger Staaten als Spionin stand, da +ihre großen Einnahmen nicht hinreichten, ihr wahnsinniges Bedürfnis nach +Luxus und Reichtum zu befriedigen. + +Peter Cornelius entriß dem Arbeiter, der neben ihm ging, die Fahne und +stürzte sich mit dem Rufe: + +»Für Happy Divina und die Freiheit!« mitten in die feindlichen Soldaten. +Von Begeisterung trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem einzigen +Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine Bresche in die Reihen der Soldaten +geschlagen und waren bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene +gefesselt stand. + +Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Säbel nicht weniger als vier +Soldaten nacheinander nieder, zerriß die Fesseln, welche die schönen Hände +der göttlichen Sängerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen und schleppte +sie, ihren Leib mit dem linken Arme umfassend, mit dem rechten kämpfend, +aus der Reihe der Soldaten . . . + +Die waren zuerst unter dem wütenden Anprall der Revolutionäre +zurückgewichen. Dann aber hatten sie sich rasch gesammelt, und während die +vordersten sich niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde +abgaben, öffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte ihrer Reihen; Geschütze +wurden aufgefahren, deren erste Schüsse allein etwa fünfzig der Feinde +niederrissen. + +So groß zuerst der Todesmut der Revolutionäre gewesen war, ebenso groß war +die Panik, die diese führerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot +Bleikugeln erhielten. Während jeder Führer der Revolutionäre seine eigenen +Zwecke verfolgte, der eine Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der +vierte persönliche Interessen, während der fünfte hoffte, durch den +Aufstand Gold zu sammeln, und während der sechste einer Verbrecherin wegen +dreitausend Menschen in den Tod führte, dachte die große Masse nur an das +eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte: »Brot!« + +Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der Soldaten zurück, wurden +zersprengt, niedergeschossen, zertreten, dezimiert, und höchstens +dreihundert waren es, die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken Arm +immer noch gleich einer weißen Fahne den schlanken Leib der Sängerin trug. + +Die Straße war von Soldaten abgesperrt. Aber sie fanden einen neuen Ausweg, +über den sie auf vielen Umwegen in die Potsdamerstraße gelangten. + +Dort hatten die Revolutionäre Barrikaden gebaut, und ein furchtbarer Kampf +um die Oberherrschaft in Berlin war entbrannt. + +Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot geworden wie Burgunder. Die +Nacht war erfüllt von einer unerträglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde +zunahm und den Wahnsinn der Menschen erhöhte. + +Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen Steinhaufen gezogen. Da +augenblickliche Ruhe eingetreten war, fand er Zeit, sich mit ihr zu +verständigen. + +Sie sah ihn lächelnd an, ihre Lippen schimmerten wie Blut. Sie reichte dem +Studenten die Hand und sagte: + +»Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich meinetwegen solchen Gefahren +aussetzten!« + +Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen und hielt ihre Finger +umschlossen. + +»Wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meine Wohnung zu bringen?« flüsterte +sie. + +Er schüttelte den Kopf. + +»Das ist unmöglich, Miß Head-Divina! Das ist ganz unmöglich! Sie müssen +hier bleiben und jetzt mit uns für die Freiheit und für eine goldene +Zukunft kämpfen!« + +Die Sängerin schnitt eine Grimasse. + +»Was soll ich tun? Sie werden doch nicht denken, daß ich einen von euren +schmutzigen Säbeln angreife oder gar ein Gewehr abschieße? Warum denn? +Wegen eurer Dummheiten?« + +Cornelius sah sie mit großen, flammenden Augen an. + +»Unsere Dummheit hat Sie gerettet!« sagte er zornig. Sie zuckte die +Achseln, lächelte und entgegnete: + +»Sie irren, Peter Cornelius! Ihre Sinnlichkeit war es, die Sie Ihr Leben in +die Schanze schlagen ließ!« + +»Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit!« schrie er, trunken vor Wut und vor +Leidenschaft. »Ich liebe Sie! Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib +geliebt wurde, und ich verlange, daß Sie mein werden!« + +Dabei schlang er seine Arme um ihre weiße, feine Gestalt und versuchte, +seine Lippen auf die ihrigen zu pressen. + +Happy Head-Divina empfand einen furchtbaren Ekel. Sie stemmte die beiden +kleinen Fäuste gegen die Brust des Studenten und stieß ihn zurück. + +»Sind Sie wahnsinnig? Ich mag Sie nicht! Ich hasse Sie!« + +Peter Cornelius taumelte zurück, während um ihn und die Sängerin wieder die +ersten Flintenschüsse krachten. + +»Sie lieben mich nicht? Sie hassen mich? Aber ich liebe Sie! Und eher werde +ich Sie töten, ehe ich erlaube, daß Sie einem andern angehören!« + +»Sie sind ein Narr!« entgegnete die Sängerin nun ernstlich böse, indem sie +sich mit unruhigen Augen umsah; denn eben stürzte neben ihr ein +Revolutionär zu Tode getroffen nieder und krampfte die Hände im letzten +Todeszucken. + +»Sie sind ein Narr, Peter Cornelius! Führen Sie mich sofort hinweg!« + +Er lachte + +»Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas retten kann, so ist es nur +meine Liebe!« + +Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und schoß mit dem rechten das +Gewehr auf einen Soldaten ab, dessen Helm über der Spitze der Barrikade +sichtbar wurde. + +Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des Studenten, riß sich los +und kletterte mit außerordentlicher Leichtigkeit und Behendigkeit über die +Trümmer der Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen und +dort Hilfe zu suchen. + +Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine Augen waren +blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand Schaum. + +Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg erreicht hatte, als sie gerade +die Arme ausbreitete, um zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein +Gewehr an die Wange und schoß sie durch dem Rücken. + +Sie warf die Arme in die Luft, und während über ihre Lippen und über das +Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts hinab und blieb verblutend liegen +. . . . + +Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den Kampf und focht so +lange, bis er, von Stichen und Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten +Steine sank, die von der Barrikade übrig blieben, indes die Soldaten die +Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und wütete in allen Straßen und +überall der Kampf. Immer unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über +Berlin verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und dort ein +verzweifelter Mund ausschrie: + +»Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen! Die Welt geht unter!« + +Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende Kampf begonnen +hatte, wurde er beendet. Die Panik, die der rote Komet plötzlich +hervorrief, in dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte, +versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft hatten, wie die Tiere. + +Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder, hohe Staatsbeamte und +Arbeiter, kurzum alles, was in Berlin lebte, wälzte sich als ein großer, +dunkler Haufen der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, von dem man +halb drohend, halb bittend Rettung vor dem roten Kometen forderte. + +Romulus Futurus stand auf seinem Turm und beobachtete das Herannahen des +verhängnisvoll Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der Sternwarte +näherten, er wußte, was sie forderten und verlangten, aber er beachtete sie +kaum. + +»Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis der Zusammenstoß erfolgt!« +sagte er zu sich selbst. »Noch ist es nicht sicher, ob überhaupt die +Katastrophe hereinbricht; denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet +augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit der +Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen. Vielleicht ist die Anziehungskraft +der Erde nicht stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber!« + +Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet unmöglich die Kraft einer +Sonne haben könnte, denn sonst wäre längst die ganze Erde geborsten. + +Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete, stand gleichwohl +nicht im Verhältnis zu der Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete +weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich auf ihm +ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien umgeben zu sein von einem +Riesengürtel von Elektrizität, die diese furchtbare Hitze und das rote +Purpurlicht hervorrief. + +»Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen Lichtstrahlen am schwächsten +gebrochen werden,« sagte er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend +und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald auf die Straßen +hinabsah, die von dem Lärm und von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren. + +»Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen verursachen, ist größer als +die aller übrigen Strahlen; die Anzahl der Schwingungen, welche sie in +einer Sekunde vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert +Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive Kraft gerade der roten +Farbe erklärt. Ich glaube, daß das Purpurlicht durch Elektrizität +hervorgerufen wird, die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls eine +ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem Polarlicht, das in der Höhe +nach Breiten abfließt, um sich schließlich allmählich dort auszugleichen, +wo die Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir in tieferen +Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen dort nicht als Licht, +sondern als Gewitter. + +Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert, in seiner Kraft, dazu +weit intensiver leuchtend durch den elektrischen Strom, welcher rund um den +Kometen herumläuft, und du hast eine sichere Erklärung für das rote Licht +dieses Sternes.« + +Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen durch die Volksmenge +unterbrochen, die stürmisch Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm +verlangte. + +Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun, um Berlin vor dem +Untergange zu retten. + +Und er gab einen seltsamen Befehl. -- + +In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle die vornehmen Gebäude lagen, +drängte sich das Volk zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus +Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an Gummi und ähnlichen Stoffen +besaß. Aus diesen Materialien wurden Schutzwände gebildet, an denen die +elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote Lichtflut dem Auge +zeigten, abprallen sollten. + +In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des Lichtes da sofort aufhörte, wo +die Menschen sich hinter solchen Gummiwänden verbargen, denn die +Elektrizität prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab. + +Was aber halfen diese Maßregeln, die den Anstrengungen eines Ameisenhaufens +gegen einen Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, die jetzt +folgten! + +Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde heran, und jede Stunde, +jeden Augenblick erwartete man den Zusammenprall. + +Mit dem herannahenden Untergang der Welt zeigten die Menschen sich +plötzlich so wie sie waren. Die einen, die bisher unter der Maske der +Tapferkeit paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere, die nie aus dem +Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten waren, verrichteten Wunder des +Mutes und der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär, die +Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, die höchsten +Staatsbeamten und die niedersten Bewohner Berlins schafften fieberhaft an +der Gummimauer, welche sie vor dem letzten Untergang retten sollte. Aber +die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen sich gleichfalls als vollständig +unzulänglich, denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften Hitze, die +von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht hatte sich zum Tage gewandelt und der +ganze westliche Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. Myriaden +von den verschiedensten Farbentönen, angefangen vom blassesten Rosa bis +hinauf zum tiefsten Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten sie +zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und das ganze Firmament war ein +einziges Chaos von Blut und Flammen. + +Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, war unbeschreiblich. +Hunderte und Tausende flüchteten sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten +war besetzt von Verzweifelten. In der französischen Kirche am +Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. Hunderte wieder wurden in ihrer +Angst auf die Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder Hilfe bei den +Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und dem alten Sophienkirchhof drängten +sich die von wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen Gottesacker, +der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die wenigsten fanden den Mut, in den +großen Bauten, die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht zu suchen. +Und doch war es das klügste, und die, welche im königlichen Schauspielhaus +Zuflucht gesucht hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen halbwegs +geschützt gegen die höllische Hitze, die in den Straßen brütete. Viele +stürzten in die Keller, um dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die +meisten aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser und tobten +durch die Straßen. + +Plötzlich schrie die Menge auf. + +Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden umlagert war, stieg +plötzlich eine Feuersäule kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie +war von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot auf dem Dache. Zu +gleicher Zeit stürzten mehrere Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im +ersten Moment hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich aber die +Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure sofort Bescheid. + +Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein zweites fuhr der Strahl und +tötete beinahe alle Bewohner, während zu gleicher Zeit die Flammen aus den +Fenstern schlugen. + +Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, die den elektrischen +Blitz angezogen hatte. Die Helme der Soldaten boten gleichfalls für die +elektrischen Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen +Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die Kopfbedeckungen abriß und von +sich warf, die Gewehre und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte. + +Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr. Nicht weniger als zehn +Häuser brannten im Zentrum der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten, +und alle anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für den Augenblick +die furchtbare Situation zu vergessen. + +Alles ging in Flammen auf, was von einem der elektrischen Funken ergriffen +wurde, die wie Glühwürmer die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten. + +Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem Rot, daß man im ersten +Augenblick glaubte, dort stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah +nicht anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, in Blut getaucht, +oder als schwimme sie in einem Meer von Glut. + +Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen laut schreiend auf die +Straße hinaus, während die Fenster barsten und die großen Auslagen der +Läden splitternd und krachend zusammenfielen. + +Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, stiegen zu dem roten Kometen +empor. Furchtbare Flüche wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne +ausgestoßen, die drohend und schrecklich über der Erde stand. + +Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben Hunderte von Menschen +unter sich, denn zu damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach +amerikanischer Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken +ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste, die sich unter der +Glut, die auf den Häusern lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude +selbst in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie Weidenruten. + +Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem Wehgeschrei, Klagen und +Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete stöhnten und wimmerten, und die jeder +Vernunft baren Menschenströme wälzten sich über Tote und Verwundete hinweg, +zerstampften sie, zertraten sie, flüchteten hierhin, dorthin, und konnten +doch dem Verderben nicht entrinnen, das von dem Kometen auf die Erde +niederkam. + +Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn hinein drang das +Geschmetter der Militärmusik; die Soldaten wurden durch die eiserne +Disziplin ihrer Offiziere zusammengehalten und versuchten, so gut es ging, +die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen die Signale der +Feuerwehr, die mit verzweifelter Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu +verhüten. + +Eine dicke Ruß- und Rauchwolke lagerte sich über die Stadt. In manchen +Straßen war es so arg, daß die Menschen nicht mehr atmen konnten und +Hunderte erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden. + +Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; die Atmosphäre erhitzte sich +immer mehr und mehr. Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn +die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und brennende Kähne trugen die +Flammen den Fluß entlang. + +Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. Die Straßen waren gefüllt mit +Toten, die regungslos auf dem erhitzten Pflaster lagen. + +Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich ein fürchterlicher Sturm. +Rot und bläulich gefärbte Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am +Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer dicken, schwarzen Masse, +durch die, kaum sichtbar, noch der rote Komet hindurchschimmerte. Die +Spreewasser wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, Tosen und +Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel schienen sich auf die Stadt +herabzusenken, ein roter, glühender Schleier, der die Lungen versengte und +das Atmen immer schwerer machte. + +General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant von Berlin war, ließ alle +schweren Geschütze zusammenfahren und eröffnete eine furchtbare Kanonade +gegen den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten Kometen. Er gab sich +der vagen Hoffnung hin, durch den großen Luftdruck der Geschosse die +Atmosphäre zu säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl auch +kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen und jene Panik, die +die klügsten Köpfe völlig besinnungslos machte. + +Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte nur das Grauen, ohne die +Kraft der Elemente eindämmen zu können. Die Menschen, die nicht sofort die +Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen Getöses kannten, +glaubten, ein Erdbeben sei gekommen und versuchten nun, aus den Straßen +hinauszuflüchten, sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder, +zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein blutiges, +schreckliches Chaos. + +Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen fielen die Häuser zusammen. +Ganze Stockwerke, von der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die +unteren herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die entsetzten +Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten. + +Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden Stimmen der Hoffnung laut, +als die Unglücklichen erkannten, daß die Tropfen, die zischend auf das +heiße Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich +Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde niedersandten. Durch die +Wolke von Rauch hindurch sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten +die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit verglasten Augen, von +Fieber und Todesangst geschüttelt. + +Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus Futurus, seine Gattin Fabia +und sein Freund John Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr +zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen Equipagen lagen +zertrümmert und verbrannt in den Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst +versucht hatten, das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren auch +zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. Die Glut hatte die +Gashüllen gesprengt und in Flammen gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren +zerbrochen wie Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie +Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende Klumpen, von denen +sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber ablösten. + +Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort, wo in früheren Jahren das +Kultusministerium gestanden, erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles +Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren bis dahin entgangen +war. Die großen Tektonwände, in die es eingefaßt war, hatten den +umherfliegenden Feuerfunken widerstanden. + +Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts deutete darauf hin, daß die +Bewohner von dem gleichen panischen Schrecken ergriffen worden waren wie +alle anderen Menschen. + +Oder stand das Haus leer? + +Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in den Straßen und der +grenzenlosen Katastrophe bis jetzt mit größtem Seelengleichmut begegnet +war, während John Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren Romulus +Futurus herwankte, wurde plötzlich von einer seltsamen Unruhe ergriffen, +als sie dieses Haus erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie +gekommen war. + +Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren Gatten und stieß hastig +hervor: + +»Was ist das, Romulus? Was ist das für ein Haus?« + +Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude gleiten. + +»Es ist der Palast der Fürstin Angelika,« erwiderte er gleichmütig und +wollte seinen Weg fortsetzen. Aber Frau Fabia hielt ihn zurück. + +»Angelika« murmelte sie, »Angelika . . . Der Name ist mir so bekannt.« + +»Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt, als wir mit Doktor Diabel +und den andern in seinem Hause soupierten.« + +Sie schüttelte den Kopf. + +»Davon weiß ich nichts!« + +Romulus Futurus machte eine Handbewegung. + +»Verzeih', ich vergaß, daß dir die Erinnerung an alles, was in der +Vergangenheit liegt, geschwunden ist.« + +Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig fremden Menschen, denn +er liebte Frau Fabia schon lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas +anderes, auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht nennen konnte, +das ihm nur vorschwebte, auf die schemenhafte Erscheinung, die er unter +seinem Bilde kennen gelernt und die nun doch -- das stand außer Zweifel -- +im Körper seiner Gattin Fabia wohnte. + +Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen. + +»Es kommt mir so seltsam bekannt vor,« flüsterte sie unaufhörlich, während +ihr Blick einen eigentümlichen Schimmer annahm. »Aber das ist ja mein Haus! +Das ist ja mein Palais!« rief sie plötzlich, sich an Romulus Futurus +klammernd. Im nächsten Moment stieß sie einen gellenden Schrei aus, sank in +die Arme ihres Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie im Frost +aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des ersten Stockes empor. + +Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton waren ihr mit den Augen +gefolgt. + +Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend herab. Sein Gesicht hatte +wahrhaftig die Fratze eines Teufels angenommen. + +Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den Stunden so geändert, daß +John Crofton längst nicht mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus +wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn es war ja bekannt, +daß die Revolutionäre alle Gefängnisse gestürmt hatten. + +Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien es doch jedem, als ob +Jahre, dazwischen liegen müßten. So furchtbar waren die letzten Erlebnisse. + +Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die Luft. Der Himmel +glühte, ein Regen von feurigem Dampf und siedendem Wasser spritzte vom +Firmament auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich geschwängert +von Glut. + +Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße zu halten, und Romulus +Futurus, seine Gattin Fabia und John Crofton flüchteten sich in den Palast +der Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem Glutregen zu +entkommen. + +Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin Angelika mit Sauerstoff. +Romulus Futurus und John Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber +Frau Fabia drängte auf die Treppe zu. + +»Was willst du?« fragte ihr Gatte zornig. »Sollen wir uns aus dem Hause +weisen lassen? Willst du die Fürstin beleidigen?« + +Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren zu haben. + +»Von welcher Fürstin sprichst du?« fragte sie mit irren, lohenden Blicken. + +»Von der Fürstin Angelika.« + +»Die Fürstin Angelika bin ich selbst!« + +Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. John Crofton, der Frau +Fabia immer noch mit gleicher Glut liebte, dachte nicht anders, als sie +habe über all diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts +Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von Irrsinnigen durch die +Straßen hetzten. Romulus Futurus aber öffnete plötzlich weit die Augen und +sah seine Gattin mit einem seltsamen Blick an. + +»Wenn das möglich wäre --« murmelte er; und um John Crofton eine Erklärung +zu geben, sagte er, von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch +auf seinen Wangen glühte: »Gehe voraus, Fabia!« + +Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau Fabia bereits den Fuß auf +die Treppe gesetzt und eilte nun mit leichten Schritten über die +teppichbelegten Stufen empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die +Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie jenen Schrei hören, den +Romulus Futurus und John Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie +lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte beide Arme halb +abwehrend, halb beschwörend von sich und regte sich nicht; nur in den +großen Augen lag ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . . + +Inzwischen waren Romulus Futurus und John Crofton ihr gefolgt. Der erste +Mensch, den sie erblickten, war Doktor Diabel, der sich am Fenster +umgewandt hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen entgegensah, während +Blitze aus seinen Augen schossen. + +»Was wollen Sie hier?« schrie er. »Wie können Sie es wagen, in dieses Haus +einzudringen? Ich verlange Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer +schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!« + +Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, daß sie eine einzige +dunkle Linie über den Augen bildeten. + +»Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln geben,« entgegnete er. +»Noch bin ich Kultusminister und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch +steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Fürstin Angelika scheint mir +jedenfalls am schlechtesten aufgehoben zu sein unter Ihrer Pflege.« + +Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen und hob den Arm, als wolle +er sich an ihm vergreifen. Der aber packte die erhobene Hand und preßte sie +mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein leises Stöhnen entfloh. + +Dann wandten sich Romulus Futurus und John Crofton nach der Seite, wo ein +großes Himmelbett stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber. +Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer Kraft durch die +Fenster hereinflutete, in den Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da +ihre Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der die ehemalige +Farbe des Himmels hatte. + +Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine abgezehrte, bleiche +Gestalt. Man sah, daß sie schon Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die +Fürstin Angelika seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, aus dem +sie nicht ein einziges Mal erwacht war. + +Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die sie nicht zu erwecken +vermochte, obwohl die Verwandten riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin +Angelika war nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu leben. Sie +lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. Aber diese mysteriöse +Krankheit hatte ihre Schönheit trotz allem nicht töten können. Im +Gegenteil: dieser Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. Er +glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit zwischen Seele und +Körper gibt, so hätte man in diesem Augenblick sicher beide nicht +unterscheiden können, denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein +überirdisches Wesen. + +Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das Lager geworfen, hatte kaum +mit den Augen die Gestalt dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen +Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten sich zusammen und die +Nägel der Finger fuhren in sein Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so +bleich wie das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton wechselte die +Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus Futurus, bald auf die Fürstin +Angelika. + +»Sie ist es, sie ist es!« stieß der Gelehrte endlich zwischen den Zähnen +hervor. »Allmächtiger, sie ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist +das Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!« + +Und wie ein gefällter Baum stürzte er an dem Bett der Fürstin Angelika +nieder, umschlang den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, einem +Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen Lippen mit rasenden Küssen. + +Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich hier abspielte. Er selbst +war so verblüfft, daß er nicht den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während +Frau Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor Diabel +ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke gekauert lag und nur von +Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte +hinüberflattern ließ. + +Ein einziger von den Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, begriff +außer Romulus Futurus, was hier vorging: John Crofton. + +Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß zwischen der Fürstin +Angelika, die hier im tiefen Schlafe lag, und jener nebelhaften +Erscheinung, die die lichtempfindliche Platte in der Galerie festgehalten +hatte, eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein und +dieselbe Person halten mußte. + +Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich lösen sollte, bis +Romulus Futurus, der vergeblich versucht hatte, den Körper der Fürstin zum +Leben zu erwecken, plötzlich aufsprang. + +»Sie ist kalt, eiskalt!« schrie er wie ein Rasender Und Doktor Diabel, der +es nicht glauben wollte, stürzte herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme, +ihr Gesicht, sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf die +anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst merkwürdig war. + +Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische Zeichen. Man sah, wie er +seinen ganzen Willen konzentrierte. Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer +Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze Perlen; mit gepreßter +Stimme sagte er: + +»Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst erwachen! Du mußt +erwachen!« + +Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, während seine Augen +irr an der Leblosen hingen. Plötzlich stieß er einen Schrei aus, fiel, von +der übermenschlichen Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie: + +»Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr in den Körper zurück!« + +Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was hier vorgefallen war. Halb +vornübergebeugt, wie ein Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt +näherte er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an der Brust, +schleuderte ihn hin und her und schrie: + +»Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! -- -- + +Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen magnetischen Schlaf +versetzt und hast sie nicht mehr daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal, +gestehe! Gestehe, oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!« + +Dieses Toben eines Mannes, der bis zur Stunde nie seine überlegene Ruhe +verloren hatte, gewährte einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten, +kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den Horizont erfüllten, +sank Doktor Diabel in die Knie. Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und +schlotternd, im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er: + +»Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen Schlaf versetzt, ich +habe ihr befohlen, zu schlafen, immer zu schlafen und nichts mehr zu +wissen, und nun -- nun ist es zu spät -- ich habe den rechten Augenblick +versäumt -- sie ist tot, tot!« + +Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß sein Kopf hin und her gegen +die Wand schlug. + +»Warum?« schrie er mit furchtbarer Stimme, während der Wahnsinn aus seinen +eigenen Augen brach, »warum?« + +»Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr Herz einem anderen +gehörte, an den sie immerfort dächte, daß sie nur einen lieben könne, nur +einen . . .« + +»Wen? Wen? Sprich!« + +»Sie sprach von Romulus Futurus,« ächzte Doktor Diabel. + +Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein Gigant. Er war furchtbar +anzusehen, und John Crofton erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein +Freund irrsinnig geworden war. + +»Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? Crofton? Begreifst du +alles? Dieser Schurke hat die Fürstin in einen magnetischen Schlaf +versetzt, und ihre Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den sie +liebte, während der Körper hier in den Fesseln des Magnetismus lag. Ihre +Seele habe ich gesehen, und so habe ich mich in sie verliebt! Ich kann +nicht mehr leben ohne sie!« + +Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper versperrte er den Ausgang. +Dann riß er den Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie in +die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem Körper auf den Teppich +niederfloß, und rief: + +»Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe dich ja! Ich liebe dich +bis zum Wahnsinn!« + +Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. Zu lange hatte die Seele +gezögert, wieder in den Körper zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin +entschlafen war, da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren hatte +und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen Gewalt des Doktor Diabel +nicht mehr, und der Tod des Leibes war damit unwiderruflich besiegelt. + +Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die Kissen zurückgleiten, +stellte sich breit hin und heftete sein von Wahnsinn erfülltes Auge auf +Frau Fabia, die, von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all +diesen Vorgängen gelauscht hatte. + +»Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?« murmelte er, während die +Gluthitze des roten Kometen das Zimmer durchsengte, während das +Todesgeschrei der Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, Flüche +und Verwünschungen durch die Luft hallten. + +»Was zögere ich noch? Du -- du,« er wandte sich an Frau Fabia, -- »du bist +es und bist es nicht! In deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum +kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!« -- -- -- + +Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken Fäusten Frau Fabia, +die leise, verzweifelte Angstrufe hören ließ, schleifte sie zu sich hin und +schrie: + +»Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika soll leben! Ich will +es! Hörst du?« + +Und als ihm nichts antwortete als das stumme Entsetzen der Menschen, die +sich in dem Zimmer befanden, ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich +von neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und schrie: + +»Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper Angelikas zurückkehren +kann!« + +Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, die ihn zu Boden drückte, +in die Knie. Er hätte nicht die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben, +geschweige denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus auszuführen. + +Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil Dr. Diabel nicht sofort seinem +Befehl folgte, riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der +Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen die Wand, daß der +Kopf des Arztes zerschellte. + +John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. Er versuchte +vergeblich, die Tür frei zu machen. Romulus Futurus hatte seine Absicht +erkannt und füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen Körper aus. + +»Habe ich nicht recht, John?« rief er mit schauerlichem Lachen. »Habe ich +nicht recht? Endlich, endlich bin ich am Ziele.« + +Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die Unglückliche, die vor +Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung verloren hatte, und preßte mit +seinen Fingern ihren Hals zusammen. + +Das war zu viel für John Crofton, in dem längst aller Haß gegen Frau Fabia +gestorben, in dem die alte Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das +konnte er nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen Romulus +Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf den Freund, entriß ihm die +Ohnmächtige und schlug ihm mit der geballten Faust ins Gesicht. + +Aber stärkere Männer als John Crofton hätten diesen Rasenden nicht mehr +bändigen können. Er griff nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn +von neuem, und zwischen den beiden Männern entspann sich ein Ringen auf +Leben und Tod, ein qualvoller, entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer +erfüllte, der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus den Gegner +endlich niedergezwungen hatte, bis es ihm glückte, das Messer aus der +Tasche zu ziehen. + +Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften in die Brust, bis dieser +die Glieder streckte und regungslos lag in einer Lache von Blut. + +Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus von neuem auf Frau +Fabia und tötete sie mit eigener Hand. + +So stand er stieren Blicks zwischen den beiden Leichnamen und befahl mit +lallender Stimme, daß die Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre. + +Aber diesmal glückte das Experiment nicht. + +Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den Tagen des Romulus Futurus +nur einen unbestimmten Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten +Körper übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde Materie gebannt +worden war. + +Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus stand mit gebeugten +Schultern zwischen vier Leichnamen. Inzwischen brütete draußen auf den +Straßen der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner rollten über +den einstürzenden Häusern, die Luft war erfüllt von dem Todesgeschrei +Tausender von Menschen, bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da +ließ die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler in den +Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der Komet mehr und mehr, und die, +welche nach jener entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren, +erkannten, daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn und der Erde nicht +erfolgt war. + +Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, vielleicht nur durch einige +Millionen von Kilometern noch von der Erde getrennt, und nun setzte er +seine Bahn fort, weiter in den unendlichen Weltenraum. + +Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die Gefahr vorüber war, da die +Hitze nachließ und die zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst +besannen, mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, selbstbewußt, und +erinnerten sich ihrer Zivilisation und Kultur. + +Der rote Komet war erloschen für immer. Die Menschen machten sich daran, +die Folgen dieser entsetzlichen Katastrophe zu beseitigen. + +Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die Straßen, sammelten die +Leichen, packten sie in Särge und Tücher und beerdigten sie. Man drang in +die Häuser, rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte die +Gebäude von Leichen. + +Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang zu nehmen, der Pulsschlag der +Arbeit hämmerte wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten und +Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika ein und fanden die Opfer +der entsetzlichen Katastrophe, die sich dort abgespielt hatte. + +Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier Leichen. Als sie in das Zimmer +traten, da wies er mit der Hand zur Decke empor: »Seht ihr die kleine rote +Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und flackert? Seht ihr sie?« + +Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte sie, dieses kleine, +purpurrote Flämmchen, das gerade über ihm stand, und er wußte, daß das die +Seele der Fürstin Angelika war. -- Die andern aber sahen es nicht. Sie +führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen und brachten ihn in +eine kleine, einsame Zelle. Dort brütete der ehemalige berühmte Astronom +mehrere Tage schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er auf und +versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand sah außer ihm, +einzufangen . . . + +Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich auf den Boden hin und +schluchzte und tobte, bis die Wärter kamen und ihn in Fesseln legten. + +»Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des roten Kometen,« meinte der +Oberarzt der Irrenanstalt. »Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund +werden.« + +So war es auch. Romulus Futurus kam nicht mehr zu sich; vier Wochen später +trug man ihn zu Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen +Erscheinen er als Erster verkündet hatte. -- + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET *** + +***** This file should be named 37991-8.txt or 37991-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/9/9/37991/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der rote Komet + Wunder der Zukunft. Romane aus dem dritten Jahrtausend. Band 2 + +Author: Robert Heymann + +Release Date: November 12, 2011 [EBook #37991] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<div class="centerpic"><img src="images/cover.jpg" alt="Cover"/></div> + +<div class="trnote"> +<p class="center"> +<a href="#Notes">Anmerkungen zur Transkription</a> am Ende des Buches. +</p> +</div> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/001.jpg" alt=""/></div> + +<p class="center"> +<span class="hidden"> +Wunder der Zukunft<br /> +Romane aus dem dritten Jahrtausend<br /> +Band 2 +</span> +</p> + +<h1>Der rote Komet<br /> +<span class="small">von</span><br /> +<span class="medium">Robert Heymann</span> +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<div class="centerpic"><img src="images/001_2.jpg" alt=""/></div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + + + + + +<p class="center"> +Leipzig—Berlin<br /> +Julius Püttmann<br /> +1909 +</p> + + + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center"><span class="small"> +Uebersetzungsrecht für alle Sprachen vorbehalten.<br /> +<br /> +Copyright 1909 by Julius Püttmann, Leipzig +</span></p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/003.jpg" alt=""/></div> + +<p class="center"> +<span class="hidden"> +Band 2.<br /> +Der rote Komet. +</span> +</p> +<!-- page 003 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-1">I.</h2> + +<p class="noindent">„Siehst du die purpurne Röte, die in gerader Linie +sich herab auf die Erde senkt?“ fragte Romulus Futurus +in größter Aufregung seinen Freund John Crofton, den +berühmten Berichterstatter des „New York Herald“ in +Berlin. „Bist du nun überzeugt, daß ich die Wahrheit gesprochen +habe? Noch kannst du den roten Kometen nicht +erkennen, und niemand wird imstande sein, ihn mit +bloßem<a id="corr-1"></a> Auge zu sehen. Aber jetzt gibst du zu, daß meine +Diagnose richtig war?“ +</p> + +<p>John Crofton, ein Mann von etwa sechsunddreißig +Jahren, mit echt amerikanischem Typus, beugte sich +schweigend nieder und sah durch eines der großen Riesenferngläser +hinauf zum Horizont. Es war abends um +9 Uhr am 10. Oktober des Jahres 2439. +</p> + +<p>„Berlin steht augenblicklich in der Ekliptik des +„Steinbocks“, des „Wassermanns“, der „Fische“, des +„Widders“, des „Stieres“ und der „Zwillinge“, fuhr +der große Astronom zu sprechen fort. „Im Osten +stehen „Castor und Pollux“, die Zwillingssterne, +die in letzter Zeit eine seltsame Lichtfülle verbreiten. +Oestlich zwischen dem Horizont und dem Scheitelpunkt +erblickst du die „Capella“ im „Fuhrmann“. +</p> +<!-- page 004 --> + +<p>„Ist das jener Doppelstern, von dem der eine +strahlender erscheint als der andere?“ fragte +Crofton, immer noch durch das Fernrohr blickend. +</p> + +<p>„Ganz recht. Schon die ältesten Astronomen +schreiben der „Capella“ das Alter der Sonne zu. Diese +beiden Sterne brauchen hundertundvier Tage, um sich +umeinander zu bewegen.“ +</p> + +<p>„Wenn ich nicht irre,“ meinte John Crofton, „so +haben verschiedene Gelehrte den Untergang der Welt +durch einen Zusammenstoß mit der „Capella“ prophezeit?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus lächelte. Das stand ihm wohl +an; denn er war ein großer, kräftiger Mann mit +schwarzem, leicht meliertem Vollbart und sinnenden +Augen. +</p> + +<p>„Das kam daher, weil diese Zwillingssterne sich im +Laufe der letzten Jahrzehnte fast unmerklich der Erde +genähert haben, allerdings um ein Minimum, das +nur die Mathematik der Astronomen hat feststellen können. +Du wirst dich erinnern, John, daß man zuerst den +roten Schimmer, der seit einiger Zeit unsere Erde erfüllt, +der „Capella“ zugeschrieben hat.“ +</p> + +<p>„Bis du aufgetreten bist, Romulus, und mit Hilfe +deiner neuen, fabelhaften Erfindung, der lichtempfindlichsten +photographischen Platte der Welt, dem +„Lumen“, nachwiesest, daß ein neuer Komet, vorläufig +unsichtbar durch einen dichten Nebelmantel, der Erde +sich nähere. Auf diese Entdeckung hin wurde dir ja auch +der Ehrenname ‚Futurus‘ verliehen.“ +</p> + +<p>John Crofton sprach die Wahrheit. Dieser Komet, +der die beiden Männer in der Sternwarte beschäftigte, +war bis jetzt noch nicht sichtbar geworden. Aber die Erde +<!-- page 005 --> +stand im Zeichen eines roten Schimmers seit mehr denn +sieben Monaten, umflossen von einem purpurnen Glanz, +der sich wie ein fabelhafter Regenbogen scharf vom +Himmel abhob und alles mit einer aufregenden Lichtfülle +übergoß. +</p> + +<p>Einige Wochen hatte ein Taumel die Welt erfaßt, +denn niemand hatte anders geglaubt, als daß der Weltuntergang +schon hereinbreche. Das kam in der Hauptsache +wohl daher, weil man zuerst die „Capella“ für den +verhängnisvollen Kometen hielt, und weil die Astronomen +berechnet hatten, daß, wenn sie der Erde überhaupt +nur so nahe kommen würde, wie die Sonne, jedes +Leben unten unmöglich werden müßte. +</p> + +<p>„Fabelhaft! Einfach fabelhaft!“ begann John +Crofton plötzlich, indem er den Blick auf einen großen +photographischen Apparat heftete, der mitten in der +Sternwarte stand. „Da drinnen befindet sich also deine +phänomenale Erfindung, Romulus?“ +</p> + +<p>Der Astronom lächelte. +</p> + +<p>„Ich habe bis jetzt nur gehört, Romulus, daß du imstande +gewesen bist, den roten Kometen zu photographieren, +ehe ihn eines Menschen Auge überhaupt hat +wahrnehmen können; nicht einmal durch die größten +und sichersten Fernrohre war er zu sehen. Was ist das +für ein unglaubliches Ding, das um so vieles lichtempfindlicher +ist, als das menschliche Auge?“ +</p> + +<p>„Das ist eine Platte, die ich dir gerne zeigen möchte, +wenn sie nicht mit dem Augenblick unbrauchbar werden +würde, da sie mit dem Lichte in engste Berührung +kommt,“ entgegnete Romulus Futurus. „Diese photographische +Platte ist von solcher Vollendung und Lichtempfindlichkeit, +daß die Dinge bei der Aufnahme sich +<!-- page 006 --> +nicht so reproduzieren, wie man sie seit langen Zeiten +kennt und wie das menschliche Auge sie sieht. +</p> + +<p>Nein!“ fuhr Romulus Futurus in wachsender Begeisterung +fort, während seine Augen leuchteten. „Wenn +alle Sinne trügen, so spricht meine photographische Platte +die lauterste Wahrheit, denn sie zeigt alles so, wie es +ist. Man wird in unserem Jahrtausend erkennen müssen, +daß fast alles anders ist, als man bislang angenommen +hat; ja ich behaupte, daß meine neueste Erfindung +die äußersten Grundsätze umstoßen wird.“ +</p> + +<p>In der Tat, Romulus Futurus hatte recht. Das +erkannte auch die deutsche Nation, als sie ihn in Anerkennung +seiner Verdienste und Fähigkeiten zum Kultusminister +machte. War doch das Ereignis auf die Prophezeiung +erfolgt! Während man erst nur einen dichten, +grauen Nebel am Himmel gesehen hatte, war plötzlich +dieser rote Strahl auf die Erde geglitten, der von Woche +zu Woche, ja beinahe von Tag zu Tag sich verstärkte +und die Menschen in einen wahren Sinnestaumel +versetzte. Schließlich hatte Romulus Futurus der Akademie +der Wissenschaften die Photographie des roten Kometen +gezeigt, desselben, den bis jetzt noch niemand hatte +wahrnehmen können. +</p> + +<p>— Bis dorthin hatte Romulus einen anderen Namen +besessen; „Futurus“ war der Ehrenname, den ihm die +Akademie auf die Entdeckung des Kometen hin verlieh. +Denn in damaliger Zeit fand man es geschmacklos, +die wenigen Gärten der Erde auszurotten und durch +Denkmäler zu verunzieren, oder gar Orden und +Denkmünzen als Ehrenzeichen zu verteilen; man +gab dem, den man über die anderen hervorheben +wollte, das Recht, einen besonderen, auf seine +<!-- page 007 --> +Fähigkeiten und Verdienste hinweisenden Namen zu +tragen. — +</p> + +<p>Berlin stand also seit Monaten im Zeichen des roten +Kometen. Nicht nur Berlin! Ganz Deutschland, ganz +Europa, die ganze Welt! Und die ganze Erde war verwandelt! +Von alters her wußte jeder Psychiater, daß +die rote Farbe eine aufreizende Wirkung auf die Sinne +besitzt. Das Leuchten des neuen Kometen aber war +so intensiv, daß sich kein Mensch auf der Erde seinem +Einfluß entziehen konnte. Es trat ein plötzlicher Umschwung +in den Charakteren ein, der kaum zu beschreiben +wäre. Die Welt, die bis zu diesem Zeitpunkte sich mehr +und mehr von den Uebertreibungen des Mittelalters +und des Altertums in sinnlicher Beziehung entfernt hatte, +kehrte zu den ursprünglichen Leidenschaften zurück. +</p> + +<p>In den Palästen der Reichen jagten sich die Orgien. +Das Verbrechen nahm in furchtbarer Weise überhand +und trat gerade da auf, wo man es bislang am wenigsten +vermutete. — +</p> + +<p>John Crofton hatte sich schweigend in einen Sessel +geworfen und eine Zigarette angezündet. Der Abend +schritt vor. +</p> + +<p>Die beiden Männer waren seit vielen Jahren +Freunde, und dieses Band hatte sich noch gefestigt durch +ihre gegenseitige Stellung, denn John Crofton war +in seiner Position das, was in früheren Zeiten die Gesandten +vorstellten. Es gab keinen diplomatischen Austausch +zwischen den Ländern mehr, sondern die regierende +Presse sandte ihre Vertreter in die einzelnen Staaten, +und in den Händen dieser Männer lagen alle die Rechte +und Befugnisse, welche ehedem die offiziellen Gesandten +inne gehabt hatten. +</p> +<!-- page 008 --> + +<p>„Hättest du nicht Lust, Romulus, uns heute abend +Gesellschaft zu leisten?“ fragte der Journalist plötzlich. +</p> + +<p>Futurus entgegnete lachend: +</p> + +<p>„Ich habe für heute nichts vor, John, und werde +mich also freuen, mit meiner Gemahlin zu dir zu +kommen. Hast du ihr schon deine Aufwartung gemacht?“ +</p> + +<p>„Nein, ich will das nachholen, ehe ich dich verlasse,“ +entgegnete John Crofton mit einer gewissen Verlegenheit, +die seinem Freunde entging. +</p> + +<p>Futurus fragte neuerdings: +</p> + +<p>„Erwartest du außer uns noch weitere Gäste?“ +</p> + +<p>„Ja, mein Freund. Es haben sich angesagt: Miß +Head, die berühmte Sängerin der großen Oper, die +übrigens vor kurzer Zeit durch den Minister der schönen +Künste den Ehrennamen „Divina“, die Göttliche, +erhielt; sodann General Treufest, welcher vor +einigen Monaten das Kommando der schweren deutschen +Küstenartillerie übernommen hat. In seiner Begleitung +versprach Ralph Jonathan Wieland zu kommen, derselbe, +der die großen elektrischen Kraftwerke der Nord- und +Ostsee besitzt, also ein richtiger deutscher Magnat des +Goldes, nach neuester Schätzung der reichste, den wir +überhaupt besitzen. Gegen ihn waren die amerikanischen +Kohlenbarone die reinsten Waisenkinder!“ +</p> + +<p>„Sonst kommt niemand?“ +</p> + +<p>„Wenn wir Glück haben, so werden wir auch die +junge Fürstin Angelika bei mir sehen, desgleichen Dr. +Diabel den Hausarzt des Regenten. Er dürfte in Begleitung +seines Famulus, des Studenten der Medizin +Peter Cornelius, erscheinen.“ +</p> + +<p>„Also eine Gesellschaft, die interessant zu werden +verspricht,“ entgegnete Romulus Futurus. +</p> +<!-- page 009 --> + +<p>John Crofton verabschiedete sich. Er schritt von +der Sternwarte durch einen schier endlosen Gang, der +durch die Bibliothek und die kostbare Gemäldegalerie des +berühmten Astronomen und Kultusministers führte, bis +er die Gemächer Frau Fabias, der Gattin des Romulus +Futurus erreicht hatte. +</p> + +<p>Es war kein Geheimnis in Berlin, daß der Astronom +mit seiner Gattin nicht gerade sehr gut lebte. +</p> + +<p>„Nicht umsonst war es eine Liebesheirat“, pflegte +John Crofton zu witzeln, wenn er sich im<a id="corr-2"></a> eingeweihten +Freundeskreise befand. +</p> + +<p>Jetzt blieb er vor einem der riesengroßen Venezianer +stehen, richtete seine nach neuester Mode gefärbte Krawatte +und ließ sich Frau Fabia melden. +</p> + +<p>Durch hallende Prunkgemächer hindurch führte ihn +der Diener in das große Wohnzimmer der jungen Frau. +</p> + +<p>Sie saß nachlässig zurückgelehnt in einem byzantinischen +Sessel und beschäftigte sich mit einer Stickerei. +Um sie waren afrikanische Sklavinnen, junge Negerinnen, +welche aus den Kolonien nach Europa geschickt +worden waren, um die mangelnden Arbeitskräfte zu +ersetzen. +</p> + +<p>Unruhig sah sie auf, als der Kammerdiener John +Crofton meldete, gab aber doch durch ein leichtes Kopfnicken +ihre Zustimmung kund, ihn zu empfangen. +</p> + +<p>Der Besucher trat ein. Einige Sekunden blieb er +stehen, ganz und gar in den Anblick dieser wundervollen +Frau versunken. Sie war außergewöhnlich schön. Gleich +Romulus Futurus, ihrem Gatten, war sie groß, ein +richtiges Kind unverfälschter Rasse, mit breiten +Schultern, deren vornehme Rundung durch ihre kraftvolle +Gestaltung nicht beeinträchtigt wurde. Schwarzes +<!-- page 010 --> +Haar umrahmte das edel geschnittene Gesicht mit den +großen, dunklen Augen, in denen der Glanz einer fröhlichen +Lebensauffassung lag. Die Miene, welche John +Crofton zur Schau trug, war eine ganz andere, als bei +Romulus Futurus. Auf seinem Gesicht spielte ein heimliches, +sinnliches Lächeln, als er sich Frau Fabia näherte, +ihre weiße, kühle Hand an seine Lippen zog und sagte: +</p> + +<p>„Wie befinden Sie sich, gnädigste Frau?“ +</p> + +<p>Sie entgegnete lachend, das große, schöne Auge +zu dem Besucher erhebend: +</p> + +<p>„Gut, wie immer, mein Freund.“ +</p> + +<p>Sie sprach nicht die Wahrheit. Aber niemandem +hätte sie gestanden, daß sie Tage und Nächte durchweinte +in der Einsamkeit; das Unglück ihrer Ehe war nicht +durch ihre Schuld hervorgerufen, sondern durch Romulus +Futurus, der ihre Nähe mied. Sie selbst liebte ihren +Gatten mit einer an Wahnsinn grenzenden Leidenschaftlichkeit, +aber ihr Stolz verbot ihr, dies kundzutun. +</p> + +<p>John Crofton, der geschickte Weltmann, bemerkte +sehr wohl, daß sie log, und flüsterte: +</p> + +<p>„Die Einsamkeit macht Sie noch schöner, Frau +Fabia. Unter allen Todsünden ist wohl jene die größte, +die Romulus an Ihnen begeht.“ +</p> + +<p>Sie zuckte leicht zusammen und sandte ihre +Dienerinnen aus dem Zimmer. Dann sagte sie, während +ihre Stimme einen kühlen Klang annahm: +</p> + +<p>„Ich habe Ihnen kein Recht gegeben, Mr. Crofton, +in dieser Weise von meinem Gatten, von mir und unseren +eigenen Angelegenheiten zu sprechen.“ +</p> + +<p>Zwischen seine Brauen grub sich eine Falte. Fast +heftig entgegnete er: +</p> + +<p>„Doch, Frau Fabia! Ich weiß, daß Sie vorübergehend +<!-- page 011 --> +eine Neigung für mich besaßen, daß Sie hofften, +bei mir Trost zu finden!“ +</p> + +<p>Sie wurde tiefrot und entgegnete: +</p> + +<p>„Es ist wahr. Es gab eine kurze Zeit, in der +ich alles tat, um meinen Gatten zu vergessen und wo +ich glaubte, eine Neigung für Sie zu empfinden. Warum +sollte ich es leugnen? Aber das ging schnell vorüber, +und ich kann Sie versichern, Mr. Crofton, daß ich +Ihre Worte und die Art, wie Sie sich heute bei +mir einführen, als Beleidigung empfinde!“ +</p> + +<p>Er entgegnete leidenschaftlich: +</p> + +<p>„Die Liebe, die wahnsinnige Liebe, die ich für Sie +empfinde, Frau Fabia, gibt mir ein Recht, anders zu +Ihnen zu sprechen, als zu jeder andern Frau!“ +</p> + +<p>Sie erhob sich rasch. Er aber faßte mit beiden +Händen nach ihrem weißen, hübschen, kühlen Arm und +drückte die schöne Frau mit Gewalt in ihren Sessel +zurück. Ja, einige Augenblicke entspann sich ein Ringen +zwischen diesen beiden Menschen; die Beleidigung, die +John Crofton der Gattin eines der angesehensten +Männer in Berlin zufügte, war unerhört. Aber alle +Bande der Sitte und jener Rücksichten, die die Menschen +im eigensten Interesse zu Gesetzen gemacht hatten, waren +gerissen unter dem Einfluß des rötlich schimmernden +Lichtes, das auch Frau Fabias Zimmer geheimnisvoll +durchflutete. +</p> + +<p>„Sie müssen mich erhören!“ fuhr John Crofton +mit einer Stimme fort, welche die unglückliche Frau +erschreckte und sie jedes weiteren Widerstandes beraubte. +„Ja, ich liebe Sie, werde nie aufhören, Sie zu verehren, +und Sie werden mein werden, ich schwöre es +Ihnen, und wenn ich Berge niederreißen müßte, Sie +zu gewinnen!“ +</p> +<!-- page 012 --> + +<p>Er hatte sich auf die Knie niedergelassen und +seine Arme um den Leib der Frau geschlungen, die die +Gattin seines Freundes war, den er in diesem Augenblick +in der schmählichsten Weise betrog. Frau Fabia +aber sprang auf, riß seine Arme von ihren Hüften und +schleuderte sie von sich, als seien sie giftige Reptilien, +vor denen sie sich entsetzte. +</p> + +<p>„Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen, als das +eine: Betreten Sie nie mehr meine Gemächer ohne +Begleitung meines Gatten!“ +</p> + +<p>John Crofton machte einen letzten Versuch, sich +ihr zu nähern. Er stürzte noch einmal auf sie zu, +riß sie an sich, ja, er vergaß in diesem Augenblick, +was er Frau Fabia als Weib schuldig war, und bog +ihren Kopf zurück, um seine Lippen auf die ihren zu +pressen, sie aber riß sich los und erreichte die elektrische +Klingel, welche in das Dienerzimmer führte. +</p> + +<p>Da verließ der Amerikaner das Gemach. Draußen, +als der Lakai ihm den Mantel um die Schultern +hing, knirschte er mit den Zähnen. +</p> + +<p>„Du sollst es mir büßen! Du sollst es furchtbar +büßen!“ +</p> + +<p>Damit verließ er des Romulus Futurus’ Haus. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-2">II.</h2> + +<p class="noindent">Es war eine bizarre Idee des Astronomen, daß +er in den kleinen Kreis, den er bei John Crofton traf, +seinen photographischen Apparat mitnahm. Vielleicht +hatte der Journalist ihn auch darum gebeten; jedenfalls +wurde die photographische Platte, die in aller Welt +<!-- page 013 --> +bereits bekannt war, der Beginn von Romulus Futurus +Unglück und Untergang. +</p> + +<p>Der große Gesellschaftssaal in dem Hause John +Crofton war mit einer langen Tafel versehen worden. +Man hatte alle elektrischen Lichter perlöscht und ließ +nur dem purpurnen Lichte des Kometen Zutritt, das +ganz Berlin erfüllte und die Menschen in einer ewig +prickelnden Aufregung hielt. +</p> + +<p>Die kleine, gewählte Gesellschaft unterhielt sich aufs +beste. Schon die Tatsache, daß Divina, die Sängerin, +in diesen vornehmen Kreis geladen worden war, bewies, +daß man im dritten Jahrtausend alle lästigen +Vorurteile der früheren Zeiten beiseite ließ. +</p> + +<p>Das Gespräch drehte sich natürlich um den roten +Kometen, der seit Monaten alle anderen Interessen +in den Hintergrund gedrängt hatte. Zudem war Romulus +Futurus die einzige Autorität, die über den +neuen Stern sachkundige Aufklärungen geben konnte. +</p> + +<p>„Nun, was meinen Sie, Herr Kultusminister,“ +sagte Miß Head-Divina, indem sie mit einer koketten +Bewegung das feingeschliffene, biegsame Sektglas an +die rotleuchtenden Lippen hob und Romulus Futurus +einen ihrer zündendsten Blicke zuwarf: „Wird der neue +Komet zu uns kommen ober nicht?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus nickte. +</p> + +<p>„Er wird zu uns kommen, Miß Head-Divina, verlassen +Sie sich darauf!“ +</p> + +<p>Sie legte den schönen Hals zurück und lachte, wurde +aber plötzlich ernst und beugte sich vor mit dunkel +sprühenden Augen: +</p> + +<p>„Ich erwarte ihn! Ich erwarte ihn voll Ungeduld! +Ob Sie mir glauben oder nicht, Herr Minister, +<!-- page 014 --> +ich vergehe förmlich vor tiefer, heißer Sehnsucht nach +diesem Stern, den man ja bald zu sehen bekommen wird! +Sein Licht ruft in mir etwas wie eine stete Raserei +hervor!“ +</p> + +<p>John Crofton, der bevorzugte Günstling der schönen +Amerikanerin, beugte sich über ihre weißen Schultern +und flüsterte: +</p> + +<p>„Ich werde eifersüchtig werden, göttliche Happy, +eifersüchtig auf diesen Kometen, der dich scheinbar mehr +interessiert, als meine Liebe!“ +</p> + +<p>Sie warf ihm einen lächelnden Blick zu und sah +dann zu Ralph Jonathan Wieland hinüber, dem Krösus, +der mit gleichgültiger Miene sein Sektglas hob. Und +es wollte Romulus Futurus, dem Menschenkenner, +scheinen, als ob in dem nebensächlichen Blick der göttlichen +Sängerin und der offen zur Schau getragenen +Gleichgültigkeit des Krösus ein geheimer Sinn läge. +</p> + +<p>Aber der Astronom war klug genug, zu +schweigen, um so mehr, als ihm die Leidenschaft +für eine Frau etwas Unverständliches war. Er hatte +nie in seinem Leben geliebt, und der Rausch, den er +einstmals für seine Braut Fabia empfunden, war eben +nichts weiter gewesen als eine Aufwallung, die sich +rasch genug gelegt hatte. Das Weib erschien ihm als etwas +durchaus Minderwertiges, das kein Anrecht auf +männliche Ehrerbietung besaß, und Romulus Futurus +hatte aus diesen seinen Ansichten auch niemals ein +Hehl gemacht. Sein Benehmen gegen die Frau war, +wenn auch durch weltmännische Gewandtheit verdeckt, +stets von einer heimlichen Brutalität geleitet. +</p> + +<p>„Und was wird werden, wenn der Komet auf die +Erde kommt?“ fragte Dr. Diabel, indem er sein bleiches, +von einem blauschwarzen Bart umrahmtes Gesicht über +<!-- page 015 --> +den Tisch neigte und gleichzeitig die großen, glänzenden +Augen auf die Fürstin Angelika heftete, die am +Ende der Tafel saß und keinen Blick von Romulus +Futurus wandte. Die junge Fürstin war das Gegenteil +von Frau Fabia. Schlank, zierlich, dabei von seltener +Schönheit, glich sie einer jener Orchideen, die +in den Treibhäusern ihre schönsten Farben entwickeln. +„Was wird geschehen, wenn der Komet auf +die Erde kommt?“ wiederholte Dr. Diabel seine Frage. +</p> + +<p>Da Romulus Futurus nicht sofort antwortete, so +entgegnete<a id="corr-3"></a> General Treufest: +</p> + +<p>„Darüber kann ich Ihnen Auskunft geben. Auf alle +Fälle werden wir mit allen Hilfsmitteln der Technik, +die uns zur Verfügung stehen, versuchen, das drohende +Unheil abzuwenden. Sollte es aber etwa gar auf einen +Eroberungszug der mystischen Bewohner dieses Kometen +abgesehen sein, so werden sie eine fatale Bekanntschaft +mit unseren großen Riesenkanonen machen müssen.“ +</p> + +<p>„Es besteht sehr wenig Wahrscheinlichkeit, daß dieser +Komet bewohnt ist!“ wandte Romulus Futurus ein. +„Die Tatsache, daß er eine so phänomenale Leuchtkraft +besitzt, spricht dagegen. Dieses Purpurlicht, meine ich, +ist auch vorläufig für uns eine größere Gefahr, als +der Komet selbst, denn unsere Zeitungen bringen tagtäglich +neue, fürchterliche Berichte über Entartungen +und Verbrechen, die im Zeichen des roten Kometen geschehen!“ +</p> + +<p>„Zuerst wird wohl eine Revolution ausbrechen, +wie die Erde keine zweite gesehen hat!“ sagte plötzlich +hastig Peter Cornelius, der junge Student, indem +er sich nervös durch das reiche, blonde Haar fuhr. +„Die Völker werden aufstehen und das Joch der Tyrannei +<!-- page 016 --> +abwerfen, unter dem sie lange genug geschmachtet +haben.“ +</p> + +<p>Während er das sagte, sah er mit brennenden +Augen zu Miß Head-Divina hinüber. Die aber schenkte +ihm keinen Blick. Sie hatte sich vorgebeugt und flüsterte +dem General zu: +</p> + +<p>„Ist es wahr, wovon man allgemein spricht? Wir +werden einen Krieg mit Frankreich und England bekommen?“ +</p> + +<p>Der General, der sich schon in vorgerückter Weinlaune +befand, entgegnete: +</p> + +<p>„Es ist richtig, daß eine außergewöhnliche Aufregung +zwischen diesen drei Ländern besteht und daß +im Kriegsministerium eifrig gerüstet wird. Aber woher +wissen Sie davon? Bis jetzt wird alles geheim +gehalten!“ +</p> + +<p>Woher sie davon wußte? Natürlich von John +Crofton, dem Bevollmächtigten Amerikas, der besser +orientiert war als General Treufest. Miß Head aber +versuchte, den General weiter auszuforschen. +</p> + +<p>Plötzlich kam John Crofton auf die bizarre Idee, +Romulus Futurus möchte sie doch alle zusammen photographieren. +</p> + +<p>„Nachdem dein Apparat von einer so immensen +Schärfe ist, Romulus, daß er selbst versteckte Kometen +auf die Platte zaubert, so dürften die Bilder, die du +von uns erhältst, sicherlich das Beste werden, was hervorgebracht +werden kann. Wir werden keine verschwommenen, +oberflächlichen Züge tragen. Wir müssen +auf dem Bilde ganz so sein, wie wir in Wirklichkeit +sind und wie wir uns mit unseren schwachen Augen +<!-- page 017 --> +überhaupt nicht sehen. Happy,“ — der große Journalist +wandte sich an die Schauspielerin, die die Brauen +hochgezogen hatte und mit einer gewissen Unruhe diesem +Vorschlage zuhörte. — „Happy, nimm dich in acht! +Die Entstehungsgeschichte deiner Schönheitspflästerchen +wird sicherlich auch auf diese mysteriöse Platte gezaubert +werden, und ich werde vielleicht, wenn ich dich +im Bilde sehe, finden, daß du abscheulich bist!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus widersprach lebhaft dem Wunsche +des Freundes, ein Experiment auszuführen, das der +berühmte Astronom bis zu diesem Augenblick noch nie +versucht, denn er hatte seine Erfindung ganz und gar +in den Dienst der Wissenschaft gestellt. +</p> + +<p>Sein Freund John Crofton aber ließ nicht nach mit +Bitten, und schließlich mußte Romulus Futurus doch +selbst zugeben, daß er etwas Aehnliches im Sinne gehabt, +sonst hätte er den Apparat ja gar nicht in +die Wohnung seines Freundes zu bringen brauchen. +Oder war dies rein mechanisch geschehen, unter dem +Drucke jenes Unbewußten, das John Crofton „das +schwarze Schicksal“ zu nennen pflegte? — +</p> + +<p>Genug — Romulus Futurus entschloß sich, zum +Andenken an diesen vergnügten Abend ein Gruppenbild +herzustellen. Auch seine Gattin nahm an dem Tische +Platz, um den sich alle Anwesenden mit natürlicher +Grazie gruppierten. Romulus Futurus schob unter dem +Schutze eines schwarzen Tuches die lichtempfindliche +Platte „Lumen“ in den Apparat. +</p> + +<p>Eigentlich empfand er ein dunkles, geheimes +Grauen gegen die Ausführung seines Planes. +Aber er scheute sich, es zu gestehen. Nachdem er also +mit seinen Vorbereitungen zu Ende war, exponierte er +<!-- page 018 --> +eine halbe Minute, nahm dann die „Lumen“-Platte heraus +und überzeugte sich, daß die Aufnahme gelungen +war. +</p> + +<p>„Ich werde jedem der Beteiligten morgen ein Bild +senden,“ sagte er. — Eine leichte Blässe überzog sein +Antlitz, nachdem er die Platte gegen das Licht längere +Zeit beobachtet hatte. Es war nämlich eine Eigenheit +derselben, daß sie sofort, ohne entwickelt und fixiert +werden zu müssen, deutlich nach der Aufnahme das +Negativ dem Auge zeigte. +</p> + +<p>Spät des Nachts trennten sich die Gäste. Intensiv +und grell war das purpurne Licht, das vom Himmel +in die Fenster strömte. +</p> + +<p>„Der Komet ist wieder um viele Tausend Kilometer +näher gekommen,“ murmelte Romulus Futurus +und sah auf die Uhr. +</p> + +<p>In dem prachtvollen Flugcoupé, das der +Astronom besaß, fuhr er mit seiner Gattin Fabia, die +den ganzen Abend über schweigsam gewesen war, nach +Hause. +</p> + +<p>Eine Viertelstunde später saß er wieder in dem +großen, kühlen Raume der astronomischen Sternwarte. +Die fabelhaften Riesengläser glotzten ihn mit ihren +schwarzen, unheimlichen Augen an. Das Firmament +schien ein unendlicher Teppich von blauer Farbe zu +sein, in den ungezählte blitzende Diamanten gewebt +waren. Ueber alles spannte sich ein greller, roter +Bogen. +</p> + +<p>Das war der Himmel. +</p> + +<p>Angesichts der gigantischen Unendlichkeit begann +Romulus Futurus einen Abzug von der Platte zu +machen. Warum zitterte er? Warum nahm dieses +<!-- page 019 --> +nebensächliche Geschäft seine Aufmerksamkeit dermaßen +in Anspruch, daß er in jener Nacht sogar vergaß, seine +gewöhnlichen Beobachtungen zu machen und zu registrieren, +daß der rote Komet sich der Erde wiederum ein verhängnisvolles +Stück genähert hatte? — — +</p> + +<p>Es war etwa drei Uhr morgens, als Romulus +Futurus den sprechenden Abzug vor sich auf den Knien +liegen hatte. +</p> + +<p>Da war er so bleich wie die weißen Wände des +Sternwartensaales und seine Augen glühten beinahe so +rot wie der Komet. Auf dieser Platte stand ein furchtbarer +Roman, mit blutiger Tinte geschrieben, mit häßlichen +Wahrheiten durchsetzt. Er bemerkte nicht, daß +Frau Fabia leise und unhörbar, das weiße Gewand +gerafft, daß es nicht rauschen konnte, in die Sternwarte +getreten war. Und wie sie nun einen Blick über +die Schultern ihres Gatten hinweg auf das Bild geworfen +hatte, schrie sie plötzlich auf und rang verzweifelt +die Hände: +</p> + +<p>„Ich bin unschuldig! Ich schwöre dir, Romulus, +ich bin unschuldig!“ +</p> + +<p>Er aber packte sie an ihren langen, wunderschönen +schwarzen Haaren und stieß sie zu Boden, daß sie beinahe +die Besinnung verlor und zusammengekauert liegen +blieb, gleich einem verwundeten Reh. Romulus Futurus +aber rannte wie ein Rasender auf und nieder; +indem er zu seiner Gattin Fabia sprach, deutete er +von Zeit zu Zeit auf das Bild, dann wieder gestikulierte +er mit den Händen in der Luft. +</p> + +<p>„Ich wußte es ja!“ schrie er, „ich wußte es ja! +Die „Lumen“-Platte ist so empfindlich, daß sie die +schwächsten Reaktionen mit genauester Deutlichkeit +wiedergibt! Die Platte hat nicht nur die Gesichter +<!-- page 020 --> +all dieser Elenden photographiert, sondern auch ihre +heimlichsten, tiefsten und innerlichsten Gedanken. Ha! +Ich halte also jetzt den Schlüssel zu einer neuen, geheimnisvollen +und furchtbaren Wissenschaft in Händen! +Ich werde imstande sein, von heute ab zu wissen, was +jeder Mensch denkt!“ +</p> + +<p>Selbstverständlich hatten sich die Gedanken, von +denen Romulus Futurus sprach, nicht in Schriftzeichen +auf der Photographie kopiert. Es ist eine alte Weisheit, +daß jedes Ding auf Erden einen Reflex hinterläßt, +jede Bewegung, jede Schall-, jede Lichtwelle. +Ebenso gibt auch der menschliche Gedanke, so schnell +er immer gedacht sein mag, einen unwillkürlichen Reflex +in den menschlichen Mienen, so deutlich, daß jedes +Kind den Gedanken lesen könnte, wenn sein Auge nur +scharf genug wäre, den Reflex zu sehen. +</p> + +<p>Romulus Futurus hätte kein so großer Psychologe +sein müssen, um nicht die Empfindung, die sich in den +Mienen des Einzelnen in dem Moment der photographischen +Aufnahme ausgeprägt hatte, lesen zu +können. +</p> + +<p>„Es ist ein Wunder! Ein unnennbares Wunder!“ +murmelte Frau Fabia, die immer noch nicht die Kraft +besaß, sich zu erheben, und mit einer Miene wahnsinnigen +Entsetzens auf ihren Gatten blickte. „Ich habe deutlich +gesehen, daß aller Augen auf den photographischen +Apparat gerichtet waren. Und doch blickt jetzt auf der +entwickelten Photographie jeder nach einer anderen +Seite!“ +</p> + +<p>„So groß ist die Beweglichkeit des menschlichen +Auges, so enorm die Verwandlungsmöglichkeit der +Iris!“ stieß Romulus Futurus zwischen den Zähnen +hervor. Plötzlich beugte er sich zu Frau Fabia nieder. +</p> +<!-- page 021 --> + +<p>„Siehst du dein Gesicht? Siehst du deine Mienen? +Siehst du, wie du zu John Crofton hinüberblickst? Ah, +nicht genug, daß ich nur einen einzigen Freund besitze! +Du willst ihn mir noch rauben! Der starre Blick, mit dem +du ihn betrachtest, beweist mir alles! Warum denkst +du immer an ihn? Warum beschäftigten sich deine Gedanken +in dem Augenblick, da ich die photographische +Aufnahme machte, einzig nur mit ihm?“ +</p> + +<p>„Ich liebe ihn ja nicht, ich hasse und verabscheue +ihn!“ rief Fabia verzweifelt. Aber Romulus Futurus +hörte nicht auf sie. Er fuhr fort, den Blick in +die Photographie förmlich vergrabend: +</p> + +<p>„Miß Head-Divina sieht zu dem reichen +Krösus hinüber. Ihre Miene ist schrecklich, halb Wahnsinn, +halb diabolische Grausamkeit und Schlechtigkeit. +Wie sie Ralph Jonathan Wieland anblickt! Ihr Auge +taucht förmlich in das seine! Ihr Gesicht, das im Moment +der Aufnahme ernst und starr gewesen wie +Stein, ihr Gesicht lächelt, und um ihre Mundwinkel +ringeln sich abscheuliche Schlangen. Soll ich dir sagen, +was sie denkt? Hier steht es geschrieben! Hier steht +es! Seid ihr nicht alle gleich, ihr Frauen? +</p> + +<p>„„Ja, ich bin geneigt, Ihren Antrag zu erhören, +Ralph Jonathan Wieland,““ sagt sie. „„Aber““ — +</p> + +<p>Siehst du, Fabia, wie sie sich zu gleicher Zeit +halb zu meinem Freunde John Crofton hinüberwendet? +Und da! Da!“ — +</p> + +<p>Romulus Futurus schüttelte sich und heftete den +Nagel des rechten Zeigefingers auf das Gesicht Ralph +Jonathan Wielands. +</p> + +<p>„Siehst du die scheußliche Grimasse des Krösus? +Siehst du, wie er meinen Freund John Crofton anstarrt? +<!-- page 022 --> +Die Lippen Wielands sind halb geöffnet. Ich +sehe förmlich die gefletschten Zähne! Die Nasenflügel +sind hinaufgezogen, wie man dies bei wilden Tieren +im Augenblick des Angriffs bemerken kann. Die Augen +sind zusammengekniffen, und strahlenförmig spannen sich +die Falten um seine Schläfen!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus schwieg. Seine Augen öffneten +sich unnatürlich weit, denn er las, las deutlich +auf diesem bis zur Scheußlichkeit verzerrten Gesicht +den furchtbaren Gedanken, der Ralph Jonathan Wieland +im Augenblick der Aufnahme beherrschte. +</p> + +<p>Inzwischen blickte Frau Fabia mit nicht minder +entsetzten Augen auf das Gesicht der jungen Fürstin +Angelika, die Romulus Futurus ansah. Auch ihre +Gedanken waren mit unverkennbarer Deutlichkeit photographiert, +und Frau Fabia las, las mit blutendem +Herzen die Gedanken der Fürstin: +</p> + +<p>„Romulus Futurus, ich liebe dich in Ewigkeit!“ +</p> + +<p>Und neben der Fürstin saß Dr. Diabel und starrte +sie an und dachte: +</p> + +<p>„Ich werde dich zu Tode martern, wenn du mich +nicht erhörst!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus schrie plötzlich auf und starrte +mit fiebernden Augen hinaus in die Nacht. +</p> + +<p>„Er will meinen Freund John Crofton töten! +Jawohl, so ist es! In dieser Nacht noch! Ralph +Jonathan Wieland<a id="corr-4"></a> dachte darüber nach, wie er John +Crofton aus dem Wege räumen konnte, um sich selbst +in den Besitz seiner Geliebten, der Schauspielerin Happy +Head-Divina zu setzen!“ +</p> + +<p>Und in einer Anwandlung von Abscheu und Verzweiflung +warf Romulus Futurus die kostbare Platte +<!-- page 023 --> +zu Boden, zertrat sie mit den Füßen und zerriß die +Photographie in tausend Fetzen, so daß er nicht mehr +die Gedanken der Fürstin Angelika lesen konnte, nicht +mehr das, was der Student dachte, während Frau +Fabia im letzten Augenblick noch deutlich von den Lippen +Happy Head-Divina den Gedanken abgeschaut hatte: +</p> + +<p>„Ich muß versuchen, alles von dem General zu +erfahren, denn die englische Regierung verlangt die +Pläne des Kriegshafens von Kiel!“ +</p> + +<p>Wie gesagt, die Entdeckung, welche Frau Fabia +gemacht hatte, kannte Romulus Futurus nicht. Ihn +beherrschte nicht nur die Erkenntnis, daß Ralph Jonathan +Wieland in dieser Nacht seinen Freund John Crofton +töten wollte; und während er darüber nachsann, wie er +den Freund retten könnte, kam er auf eine bizarre Idee. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-3">III.</h2> + +<p class="noindent">Die Sternwarte des Romulus Futurus lag gerade +im Tiergarten, etwa dort, wo vor einigen hundert +Jahren der „Große Stern“ gewesen. Von hier aus beherrschte +die Sternwarte ganz Berlin. Die neue Stadt +war nämlich in einem großen Halbkreis gebaut worden +und gruppierte sich, etwa von der ehemaligen Jungfernheide +angefangen, in einem Bogen, der allerdings viele, +viele Stunden weit über den Gesundbrunnen, die Schönhauser +Allee, Neu-Weißensee, Rummelsburg, Stralau, +Rixdorf, Schöneberg und Wilmersdorf hinausreichte, +um den Tiergarten. +</p> + +<p>Von seiner Sternwarte aus konnte also Romulus +Futurus ganz Berlin, übersehen und beobachten. Ja, +<!-- page 024 --> +er konnte noch mehr! Er erinnerte sich, daß Ralph +Jonathan Wieland in der ehemaligen Königgrätzerstraße +Wohnung genommen hatte. Diese war die erste Straße, +die, von der Sternwarte an gerechnet, jenseits des +Tiergartens überhaupt bewohnt werden durfte. Dort +standen denn auch die Paläste der reichsten Millionäre +von Berlin, darunter das Riesenhaus Ralph Jonathan +Wielands. +</p> + +<p>Schon oft hatte Romulus Futurus nach jener +Richtung geblickt und mit dem Glase den Nabob beobachten +können. +</p> + +<p>„Ich habe keine Zeit zu verlieren!“ murmelte er. +</p> + +<p>Ohne sich um Frau Fabia zu bekümmern, die ihn +mit vorgestrecktem Hals beobachtete und plötzlich +von dunklem, unbewußtem Grauen ergriffen, aus der +Sternwarte floh, setzte Romulus Futurus den Riesenscheinwerfer +in Tätigkeit. Er schraubte die Linse so zu, +daß der Lichtschein keinen größeren Umfang hatte als +höchstens 1 Meter. Diesen schmalen, spitzen Lichtstrahl +ließ er geradeaus nach dem Schlafzimmer des Ralph +Jonathan Wieland gleiten. +</p> + +<p>Er selbst bewaffnete seine Augen mit einem scharfen +Vergrößerungsglas. Es hatte die Form einer Automobilbrille. +Die kleinen Gläser saßen auf hohen, runden, +schwarzen Einfassungen, die wieder hohl auf den +Augen lagen. So stellte er sich an das Fenster und +beobachtete. In dem Bruchteil einer Minute, bevor +Ralph Jonathan Wieland auf die Störung durch den +weißen Strahl aufmerksam gemacht wurde, sah Romulus +Futurus durch das geöffnete Fenster, daß der Krösus +eben damit beschäftigt war, eine kleine schwarze Kugel +mit Acetylen zu füllen. Er begriff sofort den schändlichen +<!-- page 025 --> +Mordplan dieses von Leidenschaften ganz und gar irre +geführten Millionärs. +</p> + +<p>Acetylen war nämlich das neueste, furchtbarste +Sprengmittel, das man im dritten Jahrtausend +kannte und Acetylengranaten waren bereits bei allen +schweren Geschützen eingeführt. Diese Geschosse bestanden +aus Holzbüchsen mit Eisenkern, die mit Calcium Carbid +gefüllt waren. Unter dem Calcium Carbid lag eine +Schicht Phosphatkalium, die, sobald Wasser eindrang, +Phosphorwasserstoff bildete, während das Calcium +Carbid das Acetylen entwickelte. Sowie der Phosphorwasserstoff +mit Luft in Berührung kam, entzündete er +sich von selbst und setzte das Acetylen in Brand, +das eine furchtbare Flamme entwickelte, daß die +größten Wassermassen nicht hinreichen konnten, sie zu +löschen. +</p> + +<p>Ohne Zweifel wollte Ralph Jonathan Wieland das +Haus Croftons auf diese Weise in Brand setzen und +in die Luft sprengen. Ein teuflischer Plan, den Romulus +Futurus in jener Nacht zunichte machte. +</p> + +<p>Der Millionär drehte sich plötzlich um, erschreckt und +verblüfft durch die schmale Lichtflut, die in sein Zimmer +drang. Als er mit den Augen ihrer Richtung folgte, da +begriff er, daß sie von der Sternwarte ausging. +</p> + +<p>„Romulus Futurus!“ flüsterte er in höchster Angst +und versuchte, die Acetylenbombe zu verstecken und das +Zimmer zu verlassen. +</p> + +<p>Aber er konnte nicht. Grenzenloses Grauen packte +ihn. +</p> + +<p>Ralph Jonathan Wieland sah diese Lichtflut wie ein +weißes Band, das kerzengerade von dem Leuchtturm zu +ihm herüber glitt. Die Spitze des Scheines bohrte sich in +<!-- page 026 --> +seine Brust und verursachte ihm einen wahnsinnigen +Schmerz. +</p> + +<p>Gerade über dem weißen Band aber, das die rot +durchleuchtete Nacht wie ein Dolch durchdrang, lagen +die Augen des Erfinders, von schwarzen Rändern umgeben, +spitz, drohend, mit einem furchtbaren Glanz ausgestattet. +Sie machten den Eindruck von zwei quallenartigen, +schlüpfrigen Sternen, die über der milchigen +Flüssigkeit schimmerten. +</p> + +<p>Jonathan Wieland schüttelte sich vor Grauen. Er +machte die verzweifeltsten Anstrengungen, sich von diesem +furchtbaren Anblick loszureißen. Aber er war nicht +imstande, auch nur die geringste Bewegung zu machen. +</p> + +<p>Inzwischen beobachtete ihn Romulus Futurus mit +einem teuflischen Lächeln. Er nahm seine ganze Willenskraft +zusammen, legte sie in seine Augen und fesselte +Jonathan Wieland in seinen Bann. +</p> + +<p>Dieser stand in der Mitte seines Zimmers, die furchtbare +Bombe in Händen, die durch die geringste ungeschickte +Bewegung allein schon zur Entzündung gebracht +werden konnte, grün vor Entsetzen, während der +schmale Lichtstreifen sich immer tiefer in seinen +Körper bohrte und die Schmerzen immer gewaltiger +wurden. +</p> + +<p>Und Romulus Futurus sagte in seiner Sternwarte +laut, während er den Kopf zwischen die Schultern steckte +und die furchtbaren Augen immer noch unbeweglich über +der Lichtflut glitzern ließ: +</p> + +<p>„Ich will, daß du die Acetylen-Bombe zu Boden +fallen lassest!“ +</p> + +<p>Nicht sofort wirkte der auf diese Weise übertragene +Wille. Obgleich Jonathan Wieland sich ganz und gar +<!-- page 027 --> +im Banne der Hypnose befand, besaß er doch selbst +so viel gesunde Kraft, daß er sich zu wehren vermochte, +daß er dem furchtbaren Willen seines entfernten Feindes +Wiederstand entgegen setzen konnte. +</p> + +<p>Der aber ließ nicht nach. +</p> + +<p>„Ich will, daß du die Acetylen<a id="corr-5"></a>-Bombe zu Boden +fallen lassest!“ wiederholte er noch einmal eintönig, biß +die Zähne aufeinander und bohrte seine Augen in die +des Jonathan Wieland. Jener begann zu zittern, +während diese furchtbaren schwarzen Quallen über der +Lichtflut, vergrößert durch die Gläser, seine Blicke förmlich +in sich einsogen, während diese entsetzlichen, gierigen +Spinnenaugen des Romulus Futurus den letzten Willen +aus dem Körper Wielands bannten und seine letzten +Kräfte fraßen. +</p> + +<p>Und plötzlich stieß der Millionär einen furchtbaren, +gellenden Schrei aus und ließ die Bombe fallen. +</p> + +<p>Die Folge war schrecklich. Das Haus des Krösus +stürzte ein und begrub ihn und seine zahlreiche Dienerschaft +unter seinen Trümmern. Eine ungeheure +Flammensäule schoß augenblicklich in die Höhe und hätte +vielleicht halb Berlin eingeäschert, würde nicht das +Tekton, ein unverbrennbarer Baustoff, mit dem fast alle +Häuser überzogen waren, selbst diesen furchtbaren +Flammen einen energischen Widerstand entgegengesetzt +haben. +</p> + +<p>Es gelang der rasch herbeigeeilten Feuerwehr, nach +unendlichen Anstrengungen, den Brand zu löschen und +die übrigen Häuser vor der Vernichtung zu bewahren. +</p> + +<p>Von Ralph Jonathan Wieland wurde nichts, aber +auch nichts mehr gefunden. Sein Körper war dermaßen +zu Asche verbrannt, daß auch nicht die Knochen eines +Gliedes übrig geblieben waren. +</p> +<!-- page 028 --> + +<p>Und niemals erfuhr man, auf welche Weise dieses +entsetzliche Unglück zustande gekommen war. +</p> + +<p>Die Aufmerksamkeit der Berliner wurde übrigens +rasch wieder durch den roten Kometen abgelenkt. Dieser +hatte sich nämlich jetzt der Erde soweit genähert, +daß man deutlich seine Form und Gestaltung erkennen +konnte. +</p> + +<p>Die Deutschen aber hatten kaum mehr Zeit, sich mit +dem neuen Gestirn zu beschäftigen; denn der Krieg +zwischen der deutschen Nation einerseits und den Engländern +und Franzosen andererseits stand bevor. Eifrig +wurde gerüstet. Und ungeheure Mengen von +Munition wurden an den großen Kriegshäfen Wilhelmshafen +und Kiel aufgestapelt. +</p> + +<p>Die Armee trat unter Waffen. +</p> + +<p>Romulus Futurus nahm an diesen Vorgängen +wenig Anteil. Er erkannte sehr richtig, daß die plötzliche +Kriegsleidenschaft zwischen den Nationen ebenfalls +nichts weiter als eine Folge des roten Lichtes war, +das dieser Unglückskomet ausstrahlte. Und doch +wollte es Romulus Futurus scheinen, als ob die +Schnelligkeit, mit der der Komet sich bisher der Erde genähert +hatte, abnahm. So arbeitete der große +Astronom in aller Ruhe an seinen Problemen weiter. +Er empfand nicht die geringsten Gewissensbisse über +sein nächtliches Verbrechen und kam mit Frau Fabia +kaum mehr in Berührung. Und doch war es eigentlich +nur der rote Komet, der das Schicksal des Romulus +Futurus in die seltsamsten Bahnen trieb. +</p> + +<p>In sein Leben trat nämlich ein neues, merkwürdiges +Ereignis. In dem Hause befand sich ein großer Saal, in +dem die Bilder seiner Ahnen hingen. Dieser Raum, der +<!-- page 029 --> +mit einer riesigen Bibliothek in Verbindung stand, war +der Lieblingsaufenthalt des Astronomen; hier hing +auch in der Mitte der Wand in goldenem Rahmen sein +Jugendbildnis. Das ihn als dreißigjährigen Mann darstellte, +als er Fabia zur Gattin genommen hatte. +</p> + +<p>Das lag acht Jahre zurück. Oftmals dachte Romulus +Futurus, der ein Philosoph war, darüber nach, ob es +wohl Liebe gewesen, was ihn damals zu Fabia getrieben; +um sich darüber Aufklärung zu verschaffen, +kam er auf die phantastische Idee, durch die +„Lumen“-Platte sein eigenes Bild aus damaliger Zeit +zu photographieren. +</p> + +<p>Zu diesem Zwecke also stellte er, um ein möglichst +genaues Bildnis zu erhalten, den Apparat nachts in dem +großen Ahnensaale auf, gerade seinem Bilde gegenüber, +und entfernte am nächsten Morgen die Platte, um sie +zu entwickeln. +</p> + +<p>Da wischte er sich mit der Hand über die Augen, +fuhr sich von neuem über die Stirn, als wollte er +die Gedanken verscheuchen; ja, er nahm einen Spiegel +und hielt ihn über die Photographie, um sich zu überzeugen, +ob die Augen ihn nicht trogen. +</p> + +<p>Aber auch der zeigte dasselbe: +</p> + +<p>Sein Bild. Es sah nicht viel anders aus, wie das +Portrait an der Wand; denn Romulus Futurus hatte damals +wirklich einen vornehmen Charakter besessen und +keine Hintergedanken gehabt. Doch sein Bild interessierte +ihn jetzt nicht weiter. Was ihn zu gleicher Zeit erschreckte +und in grenzenloses Erstaunen versetzte, war ein ganz +anderer Umstand: +</p> + +<p><i>Vor dem Bildnis stand nämlich eine +Gestalt.</i> +</p> +<!-- page 030 --> + +<p>Es wäre schwer gewesen, sie zu beschreiben, überhaupt +genauer anzugeben, wer sie war, wie sie aussah, +was sie trug. +</p> + +<p>Es war ein Weib, das stand fest. Vielleicht sah +man es nicht. Aber Romulus Futurus fühlte es. Ihre +Gestalt kam nicht über eine nebelhafte Unsicherheit hinaus, +und es wäre ein Ding der Unmöglichkeit gewesen, +mehr über die Züge dieser Erscheinung zu sagen. Und +doch war sie da, hatte unzweifelhaft lange Zeit vor +dem Bildnis Romulus Futurus’ gestanden und mit +einer gewissen Andacht zu ihm emporgeblickt. +</p> + +<p>Der Astronom wußte nicht, was er davon +denken und halten sollte. Schließlich schrieb er das +Ganze seiner überhitzten Phantasie zu, vielleicht auch +einem Fehler der Platte selbst, die vorher nicht genügend +gegen das Licht geschützt worden war. Um sich Sicherheit +zu verschaffen, ließ er es in der zweiten Nacht +auf einen neuen Versuch ankommen. Als er aber am +Morgen die Platte entwickelte, da zeigte sich das gleiche +Phänomen: eine weibliche Gestalt, etwas stärker ausgeprägt, +als am Tage vorher, eine Frau von wundervoller +Reinheit, mit einem Antlitz von außerordentlicher +Schönheit, das Ganze so durchsichtig wie Kristall, unfaßbar, +unbeschreiblich. +</p> + +<p>Romulus Futurus wurde nun von einer quälenden +Unruhe erfaßt, die ihn nicht mehr verließ. Da er in +seinen Freund John Crofton vollstes Vertrauen setzte, +um so mehr, als dieser ihm die Rettung seines Lebens +verdankte, so rief er ihn zu sich, bat ihn hinauf in die +Sternwarte und zeigte ihm das Bild. Dann weihte er +ihn in die Vorgeschichte ein. +</p> + +<p>John Crofton blickte die Photographie lange an. +</p> +<!-- page 031 --> + +<p>„Siehst du dasselbe wie ich?“ fragte Romulus +Futurus. +</p> + +<p>„Ohne Zweifel, mein Freund! Ich sehe eine lichte +Gestalt vor deinem Bilde!“ +</p> + +<p>„Ist das nicht sonderbar? Ist das nicht, um verrückt +zu werden? Eine Gestalt, die man mit bloßem +Auge nicht erkennen kann?“ +</p> + +<p>John Crofton lächelte. +</p> + +<p>„Die Erklärung, meine ich, ist sehr einfach, +Romulus. Diese Gestalt ist kein gewöhnliches Lebewesen, +das steht fest. Sonst würde es ihr nicht möglich +sein, durch verschlossene Türen und Fenster in den +Ahnensaal einzudringen. Ebenso sicher ist es aber, daß sie +eine besondere Vorliebe für dich besitzt, sonst würde sie +nicht die Nächte vor deinem Bilde zubringen.“ +</p> + +<p>Romulus Futurus, durch diese Auskunft, die seine +eigenen Empfindungen und Hoffnungen bestätigte, aufs +höchste erregt, ging mit großen Schritten in dem Raume +auf und nieder. +</p> + +<p>„Aber, was ist da zu tun?“ rief er, verzweifelt +die Hände ringend. +</p> + +<p>„Was ist da zu tun, John? Diese Erscheinung erschreckt +mich im höchsten Grade, während sie zugleich +in den Tiefen meiner Seele etwas aufwühlt, das mich in +die größte Unruhe versetzt. Ich muß dieses Phänomen +sehen! Willst du mir behilflich sein, John, +daß ich einen Zeugen habe und meinen eigenen Augen nicht +mißtrauen muß?“ +</p> + +<p>Der Freund nickte. +</p> + +<p>„Mit Vergnügen, Romulus!“ +</p> + +<p>Die beiden verabredeten also, daß sie in der nächsten +Nacht in dem großen Ahnensaale wachen wollten, +<!-- page 032 --> +während Romulus Futurus zu gleicher Zeit wieder seine +lichtempfindliche Platte in dem Apparat dem Bilde +gegenüber in Bereitschaft setzte. +</p> + +<p>Sie warteten die ganze Nacht hinter einem +schweren Brokatvorhang. Sämtliche Eichentüren waren +verschlossen worden. Alle Fenster waren zu; nur +das rote Licht des Kometen verbreitete eine traumhafte +Helligkeit in dem Saale. Romulus Futurus +und sein Freund John Crofton warteten die ganze +Nacht bis zum Morgen. Sie sahen nichts, hörten nichts +und bemerkten nichts; und Romulus Futurus meinte +seufzend: +</p> + +<p>„Sicherlich haben wir sie durch unsere Gegenwart +vertrieben.“ Dann besah er die photographische +Platte, während seine Hände in fieberhafter Ungeduld +zitterten. +</p> + +<p>Das Bild zeigte die gleiche Erscheinung wie am vergangenen +Tage, nur noch ausgeprägter, so daß man selbst +das lange, fließende Haar, das bis auf die Hüften +wallte, die feinen Linien des Körpers, der in ein durchsichtiges +Gewand gehüllt war, erkennen konnte. +</p> + +<p>Der Astronom rannte in dem astronomischen Saale +auf und nieder. +</p> + +<p>„Ich muß sie kennen lernen!“ rief er ein über +das andere Mal. „Ich muß! Diese Erscheinung gewinnt, +ich gestehe es, von Tag zu Tag einen größeren +Einfluß auf mich, und ich möchte beinahe behaupten, +ich sei von einer rasenden, leidenschaftlichen, entsetzlichen +Liebe zu ihr erfüllt!“ +</p> + +<p>John Crofton, der das heimliche Schaudern, das +ihm dieses Phänomen verursachte, hinter Frivolitäten +zu verbergen suchte, entgegnete: +</p> +<!-- page 033 --> + +<p>„Nun, bei einem Manne, der gegen Fleisch und +Blut so unempfindlich ist wie du, ist’s nichts Wundersames, +wenn er sich in Geister verliebt!“ +</p> + +<p>Das Wort fesselte Romulus Futurus Aufmerksamkeit. +</p> + +<p>„Geister . . .“ wiederholte er. „Das ist sicherlich +nicht das richtige Wort, John. Es handelt sich um keinen +Geist, und ich glaube auch nicht, daß die Seelen Verstorbener +sich uns auf diese Weise bemerkbar machen +können.“ +</p> + +<p>„Wie willst du es dann erklären?“ entgegnete John +Crofton verwundert. „Auf alle Fälle ist das eine Erscheinung, +die ohne Materie, das heißt ohne Fleisch und +Blut ist, sonst müßten wir sie doch mit unseren Augen +erkennen. Nur die fabelhaft empfindliche Platte war +imstande, das Unsichtbare sichtbar zu machen.“ +</p> + +<p>Das war eine Erklärung, die Romulus Futurus +weder befriedigen noch beruhigen konnte. +</p> + +<p>„Auf diese Weise kommen wir zu keinem Resultate!“ +rief er. „Ich will aber wissen, John, wer sie ist! +Gib mir einen Rat. Du weißt nicht, welches große +Opfer ich für dich gebracht, daß ich dir sogar das Leben +gerettet habe. Du staunst? Nun, nimm es an! Jetzt +ist der Augenblick gekommen, wo ich von dir einen Gegendienst +verlange! Ja, ich bin verliebt! Das ist nicht das +rechte Wort! Ich habe ein rasendes, wildes Verlangen +nach jenem Wesen, das Nacht für Nacht sich vor meinem +Bilde zeigt. Ich muß sie besitzen! Also gib mir ein +Mittel! Ein Mittel, John Crofton!“ Und der sonst +so vernünftige, ruhige, kühle und gemessene Mann rannte +in der Sternwarte auf und nieder, packte seinen Freund +Crofton und schüttelte ihn, als wollte er ihn töten. +</p> +<!-- page 034 --> + +<p>„Laß mir einige Augenblicke Zeit!“ murmelte John +Crofton und ließ sich in einen Sessel nieder. Ihm +war ein elender Gedanke gekommen. — — +</p> + +<p>Seitdem Frau Fabia seine Liebeswerbung so schnell +abgewiesen, hatte er einen tiefen und unauslöschlichen Haß +gegen die schöne Frau mit sich herum getragen. Von +Natur aus ein schlechter, verdorbener Charakter, war +seine Leidenschaft für das schöne Weib zu teuflischer +Bosheit geworden, und Tag und Nacht dachte er darüber +nach, wie er ihr Furchtbares antun könnte. +</p> + +<p>Aber er fürchtete Romulus Futurus zu gleicher +Zeit! Er fürchtete diesen mächtigen, in seinen Leidenschaften +unberechenbaren Mann und hatte bislang nicht<a id="corr-6"></a> +gewagt, irgend etwas gegen sein Weib zu unternehmen. +</p> + +<p>Und jetzt gab sich Romulus Futurus in seine Hände! +Jetzt verlangte er ein Mittel von ihm, das ihm kein +Mensch verraten konnte! John Crofton vergaß vollständig, +daß sowohl er wie Romulus Futurus vor einem +phänomenalen Rätsel standen. Er dachte nur mehr an +Frau Fabia, an seinen Haß, an die Möglichkeit, +sich zu rächen, ohne sich selbst strafbar zu machen. +Und er hob das bleiche Gesicht mit den dunkel umränderten +Augen zu Romulus Futurus, der ihn erwartungsvoll +ansah, und sagte: +</p> + +<p>„Ich wüßte wohl ein Mittel!“ +</p> + +<p>Der Astronom war Feuer und Flamme. +</p> + +<p>„So sprich denn! Sprich! Mein Gehirn ist zu verwirrt, +um selbst einen klaren Gedanken zu fassen. Was +ist zu tun?“ +</p> + +<p>John Crofton ließ sich drängen. Er wiegte den +Kopf hin und her und tat, als getraue er sich nicht, +zu sprechen. Bis Romulus Futurus ihn beschwor, +<!-- page 035 --> +bis er ihm zusicherte, daß er jede Verantwortung tragen +würde. +</p> + +<p>Dann begann John Crofton: +</p> + +<p>„So viel steht fest: die Platte, die an und für +sich eine wunderbare Erfindung bedeutet, hat dir und +der ganzen Menschheit neue Wege gewiesen; ungeheuerliche +Entdeckungen werden gemacht werden. Nun, +diese Gestalt vor deinem Bilde existiert, das ist sicher. +Und ohne Zweifel ist es die Seele, der Geist, das vom +Körper losgelöste Wesen eines jungen Weibes, das dich +leidenschaftlich liebt. Willst du sie gewinnen und besitzen, +so mußt du dieses Wesen in einen neuen Körper +bannen. Ob das Experiment gelingen wird, weiß ich +nicht. Aber es sollte glücken! Du verfügst über fabelhafte +Kräfte! Dein Wille ist unermeßlich! Versuche, +sage ich!“ +</p> + +<p>Futurus stand von seinem Sessel auf und rannte hin +und her. +</p> + +<p>„Ja, das ist eine Idee! Das ist glänzend! Das ist +großartig!“ +</p> + +<p>Plötzlich brach er ab. Er begriff, daß der Vorschlag +John Croftons scheinbar unüberwindliche Schwierigkeiten +aufwies. +</p> + +<p>„Aber woher diesen Körper bekommen, John? Was +meine Gewalt über dieses Wesen anbetrifft, verzweifle +ich nicht. Es wird mir gelingen, die Unsichtbare zum +Gehorsam zu bringen! Aber in welchen Körper soll ich +sie bannen? Es muß der Leib eines Weibes sein, dessen +äußerliche Schönheit mit diesem Wesen harmonieren +würde! Ein Weib, das ich anbeten, vor dem ich mich +auf die Knie werfen könnte —“ +</p> + +<p>Er brach erschöpft ab. Und John Crofton sagte +<!-- page 036 --> +so ruhig, als handle es sich um, die einfachste Sache der +Welt, während in seine Augen ein furchtbarer Schimmer +trat: +</p> + +<p>„Deine Frau!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus blieb wie zur Statue erstarrt +stehen, seine Augen weiteten sich, seine Lippen bebten. +</p> + +<p>„Meine Frau . . .“ wiederholte er tonlos. +</p> + +<p>„Natürlich!“ fuhr John Crofton fort, indem er +mit einem eisernen Willen sofort auf das eine Ziel losging, +Frau Fabia zu vernichten; denn er glaubte in +Wirklichkeit nicht daran, daß Romulus Futurus, den +er für einen Narren hielt, in Wahrheit ein so ungeheuerliches +Werk vollbringen konnte. „Natürlich deine +Frau! Kein anderer Mensch auf Erden würde sich für +dieses Experiment eignen! Du liebst sie nicht — du +hast es mir ja selbst bereits gestanden, hast oftmals +mir dein Leid geklagt! Du fliehst sie und sie grämt sich +darüber! Töte sie und banne dieses Wesen in ihren +Leib, so wirst du sie lieben können, wie nie ein Weib +von einem Manne geliebt wurde!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus sprach lange Zeit kein Wort. +Er ging auf und nieder, von Zeit zu Zeit vor dem +Freunde stehen bleibend und ihn mit furchtbaren Blicken +messend. Es dämmerte noch, und der purpurne +Schimmer des Kometen flutete durch die Sternwarte. +</p> + +<p>„Und warum sollte ich es nicht tun?“ schrie +der Gelehrte plötzlich hinaus, sich selbst die schreckliche +Frage beantwortend. „Sage selbst, warum nicht? +Es ist kein Verbrechen! Fabia ist unglücklich, sagst du? +Ja, ja, sie ist es! Ich weiß es, ich habe es unzählige +Male gefühlt! Ich liebe sie nicht! Aber ich liebe dieses +<!-- page 037 --> +Weib, das ich nicht kenne, das ich nur fühle, bis zum +Wahnsinn! Und ich werde Fabia bis zur Raserei verehren, +wenn dieses Wesen in ihrem Leibe wohnt!“ +</p> + +<p>„Also!“ entgegnete John Crofton und warf seine +Cigarette weg, während seine Augen vor Mordlust +glühten . . . . . +</p> + +<p>Romulus Futurus streckte sich in einen Sessel. Er +kreuzte die Beine übereinander, vergrub die Hände in die +Taschen und zog den Kopf zwischen die Schultern, +während ein feiger Zug sein männlich schönes Gesicht +entstellte. +</p> + +<p>„Ich kann es aber nicht tun!“ flüsterte er. +</p> + +<p>„Was, Romulus?“ +</p> + +<p>„Ich kann sie nicht töten! Denn es ist klar, daß +ich sie erwürgen muß, wenn ich die wesenlose Gestalt +in ihren Körper bannen will!“ +</p> + +<p>„Freilich!“ entgegnete John Crofton brutal. „Du +wirst sie töten müssen!“ +</p> + +<p>„Nein, nein!“ wehrte Romulus Futurus ängstlich +ab. „Ich kann es nicht! Ich bringe es nicht über mich! +Aber vielleicht — könntest du —“ +</p> + +<p>John Crofton stand auf. Ueber sein Gesicht huschte +ein phosphoreszierendes Leuchten. Seine Augen sanken +förmlich in die Höhlen zurück, und seine Lippen bebten +vor verhaltener Freude. +</p> + +<p>„Was meinst du, Romulus?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus packte ihn am Arm, zog ihn ganz +nahe an sich heran und flüsterte ihm ins Ohr: +</p> + +<p>„Vielleicht könntest du — sie töten!“ +</p> + +<p>John Crofton riß sich los und tat über die Maßen +erstaunt. +</p> +<!-- page 038 --> + +<p>„Ich, wo denkst du hin? Ich soll sie töten? Dein +Weib? Damit du mir im nächsten Augenblick selbst +die Pistole auf die Brust setzest und mich tötest?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus wandte jetzt alle seine Ueberredungskunst +auf. Er machte John Crofton begreiflich, +daß er ihm den größten Dienst seines Lebens erweisen +könne. Er bat, flehte, weinte schließlich wie ein Kind. +So groß war die eingebildete Macht des unbekannten +Wesens über ihn. +</p> + +<p>Und doch war alles nur die Wirkung des roten +Kometen . . . . +</p> + +<p>Endlich gab John Crofton nach und die beiden +Freunde verabredeten, daß sie sich in der kommenden +Nacht in der Sternwarte treffen wollten. — — +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-4">IV.</h2> + +<p class="noindent">Es war Nacht. +</p> + +<p>Die roten Strahlen des Kometen wogten hin und +her wie hunderttausend elektrische Lichtzungen. Berlin +glich einer Märchenstadt. Himmelhoch ragten die +riesigen Häuser empor, mitten hinein in das Meer von +Purpur, das das Blut aufregte und die Sinne verwirrte. +</p> + +<p>Die Stadt war ziemlich leer von Menschen. Der +Krieg war ausgebrochen, und die Armeen standen im +Felde. In der Nähe von Wilhelmshaven tobte die erste +Seeschlacht und bei Bitsch waren die deutschen und +französischen Heeresmassen gegeneinander geprallt. +Immerhin waren in Berlin noch genug Menschen zurückgeblieben, +um jene heimliche, hin und her surrende +<!-- page 039 --> +und summende Aufregung zu verursachen, die sich allen +Ohren aufdrängte. Es waren junge und ältere Leute, +die da und dort auf öffentlichen Plätzen sich sammelten, +die flüsterten, sich heimliche Zeichen gaben und wieder +verschwanden . . . . +</p> + +<p>Man munkelte von einer Revolution. — +</p> + +<p>Nie war Romulus Futurus liebenswürdiger gegen +seine Gattin gewesen, als am verflossenen Tage. Frau +Fabia war glücklich wie nicht mehr seit den ersten Tagen +ihrer Ehe. +</p> + +<p>„Willst du den roten Kometen sehen, Fabia?“ +fragte Romulus Futurus abends gegen elf Uhr. Und +Frau Fabia antwortete lächelnd: +</p> + +<p>„Wenn du ihn mir zeigen willst, mein Freund, so +werde ich glücklich sein!“ +</p> + +<p>Und sie folgte ihm hinauf in die Sternwarte. Dort +herrschte magisches Licht. Romulus Futurus streckte den +Arm aus und wies empor zu dem rotschimmernden +Ball, der am kaltgrauen Himmel mit schrecklicher Deutlichkeit +stand, so groß, so nahe, so drohend, daß man die +Empfindung hatte, als müsse er jeden Augenblick herabstürzen, +alles unter sich begrabend. +</p> + +<p>Frau Fabia schauderte. +</p> + +<p>„Und doch, heute möchte ich sterben!“ flüsterte sie. +„Ich habe das größte Glück meines Lebens genossen, +denn ich empfand, daß du mich immer noch liebst!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus wandte sich betreten ab, gepeinigt +von seinem Gewissen. Da ging die Türe im +rückwärtigen Raume auf und eine Gestalt trat ein. +</p> + +<p>John Crofton hatte nicht den Mut gefunden, Frau +Fabia so gegenüberzutreten, wie er war. Er trug eine +schwarze Maske vor dem Gesicht und einen purpurroten +<!-- page 040 --> +Mantel über den Schultern. Frau Fabia, deren Sinne +wirr waren unter dem direkten Einfluß des roten Lichtes, +das sie umgab, schmiegte sich ängstlich an ihren Gatten +und flüsterte. +</p> + +<p>„Sage mir, Romulus, wer ist das?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus löste ihre Arme fast mit Gewalt +von seinem Körper und stieß sie dem entgegen, +der eingetreten war. Frau Fabia sah die weißen, gepflegten +Hände Croftons, der sich bereit machte, auf +sie zuzugehen. Und von unbestimmter Furcht ergriffen, +flüchtete sie nach dem anderen Ende der Sternwarte +und schrie: +</p> + +<p>„Rette mich, Romulus, ich fürchte mich.“ +</p> + +<p>Der aber brachte noch mehr Zwischenraum +zwischen sich und seine Gattin. Er schlich sich +zurück bis zu der kleinen Tür, die der Eingetretene +offen gelassen hatte, und huschte hinaus, ohne den Mut +zu finden, auch nur einen Blick zurückzuwerfen. +</p> + +<p>John Crofton war allein mit Frau Fabia. Und +nun konnte er ein Schauspiel genießen, auf das sich seine +entarteten Nerven bis zu dieser Stunde vorbereitet +hatten. +</p> + +<p>Frau Fabia floh vor ihm wie das geängstigte Tier +vor dem Jäger. Sie maß ihn mit scheuen, verwirrten +Blicken, während er ihr rund um die Sternwarte herum +folgte, angesichts des Kometen, angesichts des Himmels, +der dieses schändliche Verbrechen nicht hinderte . . . . +</p> + +<p>Schließlich, als sie kaum mehr die Kraft +fand, sich auf ihren zitternden Füßen zu halten, riß +John Crofton die Maske vom Gesicht, warf den Mantel +ab und rief mit diabolischem Gelächter: +</p> + +<p>„Erkennst du mich, geliebte Fabia? Die Stunde der +Abrechnung ist gekommen!“ +</p> +<!-- page 041 --> + +<p>Sie fuhr zurück. Sie klammerte sich an die Wand. +Sie schrie mit wahnsinnig klingender Stimme nach +Romulus, ihrem geliebten Gatten! Sie schrie um Hilfe; +aber niemand half ihr. +</p> + +<p>Sie stürzte auf die Knie nieder und flehte diesen +Schurken um ihr Leben an, aber er dürstete nach ihrem +Blute. +</p> + +<p>Sie sprang noch einmal auf, floh rund um den +Raum, streckte wie hilfesuchend ihre Arme nach dem +Gestirne aus — in diesem Augenblick hatte John Crofton +sie erreicht und die letzten Worte der Unglücklichen +erstarben in der Anrufung des roten Kometen, von dem +sie Hilfe, von dem sie Vergeltung forderte. +</p> + +<p>John Crofton hatte sich auf sie geworfen und seine +Finger in ihren Hals gekrallt. Er ließ sie nicht mehr +los, bis das letzte Leben aus ihr entflohen war. +</p> + +<p>Dann wandte er sich, halb von Schauder, halb von +Freude überwältigt, ab, taumelte zur Tür und rief +nach Romulus Futurus. Der kam. Er warf nur einen +entsetzten Blick auf die Leiche. Dann hob er sie mit Hilfe +John Croftons auf. +</p> + +<p>Und die beiden Verbrecher trugen den entseelten +Körper nach der Galerie. +</p> + +<p>Von den Straßen herauf tönte jenes eigentümliche, +surrende Geräusch, das das Zusammenströmen +großer Volksmassen verkündet. Dann und wann hörte +man den verlorenen Ton einer lauten schreienden +Stimme. Dazwischen Johlen, Händeklatschen und Pfeifen. +</p> + +<p>In der Ferne ein Trommelwirbel. +</p> + +<p>Ganz Berlin befand sich in Aufruhr; aber die +beiden Männer, die zwischen sich den entseelten Körper +<!-- page 042 --> +der Frau Fabia trugen, achteten auf nichts. Romulus +Futurus befahl seinem Freund, den Leib Fabias gerade +unter sein Bild zu legen. +</p> + +<p>Er hatte sich eine kunstreiche Konstruktion erdacht, +um die geheimnisvolle Gestalt in dem Augenblicke sehen +zu können, da sie sich auf der „Lumen“-Platte abbildete. +Während er nämlich unter seinem Bild einen +starken Reflektor anbrachte, wartete er, indes er einerseits +zu dem Spiegel, andererseits zu dem photographischen +Apparat in einem rechten Winkel stand. +Gleichzeitig legte er sich zwei äußerst lichtempfindliche +Gläser, die alles in riesiger Vergrößerung spiegelten, +über die Augen. +</p> + +<p>So verharrte er regungslos, während das Toben +auf den Straßen allmählich verstummte; denn man +hörte weit in der Ferne den Schritt der herannahenden +Bataillone. +</p> + +<p>Während der Gelehrte also halb ängstlich, +halb voll wahnwitzigen Hoffens seine Augen fieberhaft +auf den Reflektor heftete, der die Gestalt in dem Augenblick +spiegeln sollte, da sie auf der lichtempfindlichen +Platte erschien — Romulus Futurus konnte also ganz +einfach die Platte in dem Spiegel erblicken; denn +das Wesen selbst war ja für das Auge nicht sichtbar — +während er beide Hände gegen das wildpochende Herz +preßte, um es gewaltsam zur Ruhe zu zwingen, hatte +sich John Crofton mit einem hämischen Lächeln in einen +Sessel geworfen. +</p> + +<p>„Zu dumm,“ dachte er. „Dieser Narr glaubt, er +könne das Unmöglichste vollbringen! Sind die Menschen +nicht wirkliche Hampelmänner, die sich an den Schnüren +unseres Willens bewegen und drehen, wie wir es wollen, +wenn wir nur erst die Kraft dazu haben? +</p> +<!-- page 043 --> + +<p>Romulus hat mir das Henkergeschäft über sein +Weib übertragen; er wird nie das Recht und die +Fähigkeit besitzen, mich zu bestrafen.“ +</p> + +<p>Inzwischen aber wurden die Gedanken John +Croftons abgelenkt. Er sah in der grellroten Helle, +die durch das Fenster drang, wie Romulus Futurus +plötzlich in ungeheure Aufregung geriet. Er sah es an +dem Spiele der Gesichtsmuskeln. Draußen stand, riesengroß, +eine gewaltige Kugel, der Komet. +</p> + +<p>Romulus Futurus hatte die Gestalt erblickt. In +dem Augenblick, da sie unter sein Bild getreten war, +hatte die lichtempfindliche Platte sie festgehalten, und +diese spiegelte sich nun in dem Reflektor, der das Bild +in die Augen des Astronomen zurückwarf. +</p> + +<p>Futurus richtete sich hoch auf. Ohne ein Wort zu +sprechen, zog er seinen ganzen Willen, all seine Energie +und innere Macht in seine Augen und blickte das schemenhafte +Wesen an. +</p> + +<p>Da wandte dieses sich um und drehte ihm das durchsichtige +Gesicht zu, dieses wunderschöne Antlitz, das er nur +fühlte, aber nicht sehen konnte. +</p> + +<p>Und sagte, während seine Stimme dumpf klang, +als käme sie aus weiter Ferne: +</p> + +<p>„Wer du auch sein mögest, ich befehle dir, mir zu +gehorchen!“ Er bemerkte deutlich, daß etwas wie Schrecken +die Gestalt erfaßte. Sie sah ihn starr an, offenbar +unfähig, den Blick von ihm zu wenden, ohne daß +Romulus Futurus eigentlich ihre Augen sehen konnte, +und er fuhr fort, triumphierend über den schnellen Sieg, +den er errungen hatte. +</p> + +<p>„Ich befehle dir, in diesem Leib Wohnung zu +nehmen!“ +</p> +<!-- page 044 --> + +<p>Mit diesen Worten deutete Romulus Futurus halb +auf den Leichnam seiner Gattin Fabia, halb hob er +beschwörend die Hände und beschrieb die magischen +Zeichen über der seltsamen Gestalt. +</p> + +<p>Sie gehorchte nicht sofort. Es war wie ein stummer +Widerstand, den sie dem gigantischen Willen des Gelehrten +gegenübersetzte. Aber der ließ nicht nach. +</p> + +<p>In dem Augenblick, da er das schemenhafte Wesen +wieder erblickt, war auch seine namenlose Leidenschaft +gewachsen, und mit einem Willen, der stärker war als +alles Menschliche, wiederholte er noch einmal den Befehl, +während die Gestalt, von unwiderstehlicher Macht +angezogen, sich immer mehr dem Körper der Frau Fabia +näherte. Und schließlich gab sie den Widerstand auf. +Aber es war Romulus Futurus, als ob das geisterhafte +Wesen eine unendliche Traurigkeit zeigte — im +nächsten Augenblick war es zerflossen wie nichts, und +der Astronom sah nur mehr einen schwachen Nebel, +der in der purpurroten Nacht verschwand. +</p> + +<p>Gleichzeitig sank er selbst erschöpft, mit hämmernden +Pulsen in einen Sessel zurück. +</p> + +<p>In großen Tropfen stand der Schweiß auf seiner +Stirn. +</p> + +<p>John Crofton aber, der alles gehört, doch nichts +gesehen hatte, war halb von seinem Sitze aufgestanden, +streckte den Kopf vor und lauschte mit zitterndem Atem. +</p> + +<p>Plötzlich regte sich Frau Fabias Körper. +</p> + +<p>John Crofton riß die Augen weit auf. Er wollte, +er konnte es nicht glauben! Namenloses Entsetzen erfaßte +ihn. Hatte er sie denn nicht mit eigenen Händen erwürgt? +War es möglich, daß noch Leben in ihr war? +Stehen denn die Toten auf, um sich an den Lebenden +zu rächen? +</p> +<!-- page 045 --> + +<p>Indem er die Beine an sich zog und sich zitternd +in dem Sessel barg, starrte er zu Frau Fabia hinüber. +</p> + +<p>Sie erhob sich langsam von der Erde, mit jener +müden Bewegung, die die zeigen, welche eine lange +Reise gemacht haben, glättete das seidene Kleid und +sagte, unfähig, im ersten Augenblicke die zwei Männer +zu erkennen, die tief im Schatten saßen: +</p> + +<p>„Wo bin ich?“ +</p> + +<p>Plötzlich aber schien ihr eine unbestimmte Erinnerung +zu kommen, eine Erinnerung, die wenig mit +der Wahrheit zu tun hatte und die sich nur dem Augenblicke +anpaßte. +</p> + +<p>„Ganz recht!“ murmelte sie lächelnd, indem sie +die schweren, dunklen Haarsträhnen aus der Stirne strich. +„Ganz recht! Ich bin in den Ahnensaal getreten und +habe vermutlich dein Bild betrachtet, Romulus; dabei +hat mich der Schlaf übermannt. Wie lächerlich das ist!“ +</p> + +<p>Und sie ging auf Romulus Futurus zu, der sie +im ersten Augenblick wie etwas Furchtbares anstarrte. +Dann aber sprang er auf, eilte ihr entgegen, schloß sie +in seine Arme und preßte sie an sich. +</p> + +<p>„Nicht war, du liebst mich? Du liebst mich rasend, +wie immer? Du wirst nie von mir gehen? Wir werden +ewig in die Sonne unserer Liebe wandeln?“ +</p> + +<p>Sie schlang die weißen Arme um seinen Hals und +flüsterte: +</p> + +<p>„Habe ich dich nicht immer geliebt? Wohl +ist es mir, als ob wir uns heute zum erstenmal sähen. +Aber dein Bild war immer bei mir!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus bedeckte dieses Antlitz mit Küssen, +das ihm vor kurzem so gleichgültig, beinahe hassenswert +erschienen war. Er küßte Frau Fabia so lange, bis +<!-- page 046 --> +er endlich wahrnahm, daß er vergeblich die Züge jenes +seltsamen Wesens in dem Antlitz seiner Gattin suchte. +</p> + +<p>Da erfaßte ihn etwas wie eine lähmende, dunkle +Traurigkeit. +</p> + +<p>John Crofton aber war ruckweise, Schritt für +Schritt näher getreten und starrte Frau Fabia an. +</p> + +<p>An ihrem Halse zeichneten sich drei Finger ab, +links ein Daumen, rechts der Zeige- und der Mittelfinger. — +</p> + +<p>Jetzt wandte Frau Fabia den Kopf und erblickte +John Crofton . . . Diesem war es, als ob der Blitz ihn +treffen müßte. Er riß einen Teppich von der Erde +auf und hielt ihn vor das Gesicht, dieses mit dem +halbausgestreckten Arme deckend. So stand er da, das +personifizierte böse Gewissen, und zitterte. +</p> + +<p>Frau Fabia sah verwundert diese Bewegung und +fragte ihren Gatten: +</p> + +<p>„Wer ist dieser Mann?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus lächelte düster. +</p> + +<p>„Das ist mein Freund, John Crofton. Solltest +du ihn nicht kennen?“ +</p> + +<p>„John Crofton?“ wiederholte sie, während ihr +Antlitz einen gequälten Ausdruck annahm. Offenbar +suchte sie in der Erinnerung nach dem Namen dieses +Mannes, und sicherlich war etwas Schattenartiges da, +das sie nicht fassen konnte. Sie schüttelte den Kopf +und sagte: +</p> + +<p>„Ich kenne ihn nicht!“ +</p> + +<p>John Crofton holte tief Atem. Er ließ die Decke +sinken und starrte der schönen Frau ins Gesicht. War +es möglich, daß sie noch reizender geworden? +Hatten Frau Fabias Augen erst den Glanz matt schimmernder +<!-- page 047 --> +Perlen gehabt, so leuchteten sie jetzt wie Sterne +in einem tiefen, unbeschreiblichen Glanze. Auch ihre +Bewegungen waren noch mehr dazu angetan, das Verlangen +John Croftons zu wecken, der in diesem Augenblick +von neuem von jener rasenden, teuflischen Leidenschaft +erfaßt wurde, die ihn schließlich zum Mörder +hatte werden lassen. +</p> + +<p>Aber er verbarg seine Empfindungen ängstlich ebenso +vor Frau Fabia als vor dem Freunde. Er +beugte sich nieder, führte die Hand der schönen +Frau galant an seine Lippen und drückte dann schweigend +Romulus Futurus die Rechte. +</p> + +<p>„Es ist geglückt, mein Freund! Ich gratuliere dir!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus hob die beiden Arme wie beschwörend +zur Decke empor und flüsterte: +</p> + +<p>„Ich bin von heute ab der glücklichste aller +Menschen, John Crofton! Hast du nicht bemerkt, daß +selbst ihre Stimme sich verändert hat? Sie spricht +ganz anders und ich erkenne in jeder Bewegung, in +allem instinktiv jenes Wesen wieder, das ich vor meinem +Bilde zum ersten Mal gesehen habe.“ +</p> + +<p>Darüber, wer jenes Wesen sein könnte, dachte weder +Romulus noch Crofton nach. Die Wünsche der beiden +Männer trafen sich zunächst nur in dem rasenden Verlangen, +Frau Fabia zu besitzen. Wie ein Trunkener +ging John Crofton nach Hause, auf neue Mittel sinnend, +dieses Weib zu gewinnen, das er in der vergangenen +Nacht mit eigenen Händen getötet hatte. — +</p> +<!-- page 048 --> + +<h2 class="chapter" id="chapter-5">V.</h2> + +<p class="noindent">Der Taumel, in dem Berlin seit Monaten dahingelebt, +hatte seinen Höhepunkt erreicht. Der Komet +stand jetzt so nahe der Erde, daß man längst keines +Fernrohres mehr bedurfte, ihn zu sehen. Man erblickte +ihn allerdings nur des Nachts; allein nun gesellte +sich zu dem intensiven roten Licht eine Hitze, +die von Tag zu Tag größer wurde. Während das +fabelhafte Licht die Nerven der Menschen immer mehr +erregt hatte, daß überhaupt keine Norm mehr gegeben +war für den Charakter, und alle sich in einem +Zustand der Raserei befanden, brachte die intensive +Wärme, welche von dem neuen Kometen ausstrahlte, +das Blut zum Sieden und erweckte in allen Lebewesen +neue Begierden, Leidenschaften und Laster. +</p> + +<p>Und doch behauptete Romulus Futurus, daß der +rote Komet noch durch einen unendlichen Raum von +der Erde getrennt sei. +</p> + +<p>„Es ist eine neue Sonne!“ sagte er, „ein +gewaltiger Körper, der lange Zeit hindurch, vielleicht +ungezählte Jahrmillionen und abermals Jahrmillionen +am Ende des Weltalls gestanden hat!“ +</p> + +<p>Bald aber zeigten sich neue Rätsel. Romulus +Futurus mußte zugeben, daß der<a id="corr-7"></a> rote Komet der Erde +nahe genug stand, daß seine Wärme den Zwischenraum +bis zur Erde längst durchmessen haben mußte. In diesem +Falle aber wäre bereits jetzt die ganze Erde +in Flammen aufgegangen. Vorläufig jedoch hatte das +Nahen des Kometen keine<a id="corr-8"></a> andere Folge, als daß mitten +im Winter die Schneemassen schmolzen, so daß die Provinzen +<!-- page 049 --> +unter ungeheuren Ueberschwemmungen litten. +In den süddeutschen Staaten z. B. wurden ganze Städte +unter Wasser gesetzt. Durch Austreten des Walchensees +wurde die Stadt München an einem einzigen Tage vernichtet +und die riesige bayrische Hochebene verwandelte +sich in einen See, in ein neues Meer. +</p> + +<p>Das waren nun Angelegenheiten, die die +Berliner nicht allzusehr aufregten. Dagegen sahen sie +nicht ohne große Besorgnis nach der Nord- und Ostsee; +denn Ausmessungen hatten ergeben, daß auch diese +bedeutend gestiegen waren. +</p> + +<p>Man kannte keinen Unterschied zwischen Tag und +Nacht als den, daß die Farbe des Lichtes wechselte. +Am Tage regierte noch immer noch der weißglühende Körper +der Sonne. Sie sandte ihr Licht über die Stadt, ein +Licht, das<a id="corr-9"></a> die Augen kaum mehr vertrugen, so daß +ihr Schein eine Reihe von Erblindungen hervorrief. +So sehr hatten sich die Blicke an das Glühen des +roten Kometen gewöhnt. Das Auge war nämlich ganz +außerordentlich empfindsam gerade für das Purpurlicht, +und es gab Menschen, die viele Stunden oft +mit brennenden Blicken hinaufsahen zu dem roten Kometen, +indem sie sein Leuchten förmlich in sich einsogen, +um schließlich davonzustürzen wie wilde Tiere, irgendeine +Schandtat zu begehen. Selbstverständlich traf die +Regierung in Berlin die umfassendsten Maßnahmen, um +dem Ueberhandnehmen der Verbrechen zu begegnen. +Da die vorhandenen Polizeibehörden nicht mehr ausreichten, +so zog man neue Beamte in den Dienst. +</p> + +<p>Die erste Macht wurde nun dem Kultusminister +Romulus Futurus übertragen, weil die Regierung sehr +richtig von der Ueberzeugung ausging, daß das Ressort +dieses Ministers sehr enge mit den öffentlichen Sitten, +<!-- page 050 --> +dem öffentlichen Wohle und der öffentlichen Sicherheit +verwandt war. +</p> + +<p>Langsam kehrten die deutschen Heere aus dem +Kriege zurück. Zwar war die deutsche Flotte im Kattegatt +von der Uebermacht der englischen Riesenschiffe dezimiert +worden. Die deutsche Landarmee aber war in einem +unaufhaltsamen Ansturm in Frankreich eingedrungen, +hatte die festen Plätze mit ihren furchtbaren Geschützen +fast ohne Widerstand genommen und eine Schlacht geliefert, +die sowohl in ihren Einzelheiten wie in ihrem +Ausgang einzig in der Geschichte dastand. +</p> + +<p>In Pean war durch den deutschen Oberbefehlshaber +der Friede diktiert worden. Inzwischen hatte General +Treufest durch eine ausgezeichnete Verteidigungstaktik +den Angriff englischer Kriegsschiffe in Kiel und Wilhelmshaven +mit großem Erfolge zurückgewiesen, so daß +die englische Flotte einen Viertteil ihrer Schiffe durch +gewaltige Sprengminen verlor. — +</p> + +<p>Allein — obgleich in dieser Weise die deutschen +Angelegenheiten aufs beste standen — mehrten sich doch +die Stimmen derer, die eine furchtbare Katastrophe +vorhersagten, und wirklich lag etwas wie ängstliche Beklemmung, +wie ein düsterer Bann über Berlin. +</p> + +<p>Die Siege Deutschlands hatten nämlich die Revolution, +die schon verschiedene Male ihr Haupt erhoben, +nicht zur Ruhe bringen können. Wohl +hatten bereits dreimal durch die Straßen der Welthauptstadt +die Kanonen gedonnert, und die Fackel des +Bürgerkrieges war entzündet worden. +</p> + +<p>Was aber jetzt kam, übertraf alle Befürchtungen. +</p> + +<p>Die Prophezeiungen, die man an den roten +Kometen geknüpft hatte, erfüllten sich. +</p> +<!-- page 051 --> + +<p>Die Nachrichten, die aus Paris einliefen, waren +grauenvoll; die französische Hauptstadt schwamm im +Blute ihrer Bürger, denn auf die Niederlagen hin, die +die französische Armee erlitten, war dort wieder das +Standrecht der Kommune erklärt worden. In England +war ein Unabhängigkeitskrieg zwischen Irland und +Großbritannien ausgebrochen, in Amerika wütete schon +seit Wochen ein wahnwitziger Kampf zwischen der weißen +und schwarzen Rasse, der mit unerhörter Brutalität +geführt wurde, und von Osten her wälzte sich die gelbe +Gefahr heran. +</p> + +<p>Der Stein kam in Berlin folgendermaßen ins +Rollen: +</p> + +<p>Große Feste waren angesagt worden, um den Sieg +der deutschen Truppen würdig zu feiern. Diese standen +noch außerhalb der deutschen Grenze, denn der Mangel +an Lebensmitteln machte sich sehr bedenklich bemerkbar, +so daß man es den Besiegten überließ, teilweise die Verpflegung +der deutschen Truppen zu tragen. +</p> + +<p>Inzwischen erlitt die französische Volksverteidigung +ihre letzten Niederlagen und der Friede sollte festgesetzt +werden. +</p> + +<p>Die französischen Diplomaten wußten eigentlich +nicht recht, woran sie waren, denn sie kannten weder +die Stellung Amerikas, noch die speziellen Absichten +Deutschlands und Englands. +</p> + +<p>Ein Mensch kannte sie, und in seiner Hand liefen die +geheimnisvollen Fäden der in Aussicht genommenen +europäischen Alliancen zusammen: Dieser Mann war +der Bevollmächtigte des mächtigsten Staates der Erde, +Amerika: John Crofton. +</p> + +<p>Er kam in das phantastisch eingerichtete gemeinsame +<!-- page 052 --> +Wohnzimmer seines Freundes Romulus Futurus +und seiner Gattin. +</p> + +<p>„Hast du etwas vor für heute abend, Romulus?“ +fragte er, seine dunkel umränderten Augen zu Frau +Fabia erhebend, die ihn keines Blickes würdigte. Sie +ging ganz auf in der Liebe zu ihrem Gatten, und dieser +erwiderte ihre Zuneigung mit noch größerer Leidenschaft, +ein Umstand, der bereits seit Wochen Berlin +mit witzigen Gesprächen versorgte, denn man hatte vorher +nur zu genau gewußt, wie es um die Ehe des Kultusministers +stand. +</p> + +<p>„Ich habe nichts vor,“ entgegnete Romulus Futurus. +„Wenn meine Gattin einverstanden ist, so +wollen wir eine kleine Spazierfahrt im Flugschiff unternehmen, +und zwar dem roten Kometen entgegen, +den ich mir gern einmal näher ansehen würde.“ +</p> + +<p>Frau Fabia klatschte in die Hände. +</p> + +<p>„Das ist eine Idee, Romulus,“ sagte sie und +trat ans Fenster. Dort hob sie sehnsüchtig die weißen +Arme dem Riesenstern entgegen, der purpurleuchtend +am Himmel stand. +</p> + +<p>„Ich fühle Sehnsucht, unstillbare Sehnsucht,“ murmelte +sie, „und weiß doch nicht wonach, warum! Mir ist +als müßte ich wandern, nach irgend einem Orte, der +meine Bestimmung einschließt!“ +</p> + +<p>John Crofton fand eine Spazierfahrt gegen den +roten Kometen nicht nach seinem Geschmack. +</p> + +<p>„Man gibt heute abend den Tannhäuser,“ meinte +er. „Happy Head-Divina singt die Elisabeth. Ihrer persönlichen +Liebenswürdigkeit habe ich drei Plätze zu verdanken, +denn die Oper ist ausverkauft, wie immer. +Ich hatte sicher darauf gerechnet, daß ihr mitkommen +würdet!“ +</p> +<!-- page 053 --> + +<p>Frau Fabia war eine große Musikfreundin. Sie +änderte daher sofort ihren Plan und gab ihre Zustimmung, +die Oper zu besuchen. Eine halbe Stunde +später fuhren die beiden Herren mit der Dame in die +große Oper . . . +</p> + +<p>Die Vorstellung begann pünktlich. Frau Fabia +vergaß alles um sich her, während sie der Musik Richard +Wagners lauschte, der im dritten Jahrtausend wieder +Mode geworden war, nachdem man diese Liebhaberei +Jahrhunderte begraben gehabt. +</p> + +<p>Romulus Futurus aber konnte den Blick nicht von +seiner Gattin wenden. Etwas Gequältes lag in seinen +Mienen, denn zu seinem eigenen Entsetzen mußte er +bemerken, daß die rasende Liebe, die er für sie +empfunden, immer mehr nachließ, in dem Bewußtsein, +daß er wiederum nicht das gefunden hatte, was er suchte. +Inzwischen verließ John Crofton die Loge und begab sich +hinter die Kulissen. +</p> + +<p>Happy Head-Divina hatte gerade nichts zu tun. +Sie war bezaubernd schön in dem weißen Gewande +der Elisabeth, das ihrem Antlitz einen göttlichen +Schimmer verlieh und ihre Gestalt wie in flüssiges +Silber tauchte. +</p> + +<p>„Sie haben mich rufen lassen, Happy,“ begann John +Crofton und trat in ihren Ankleideraum, der +aus zwei luxeriös eingerichteten Zimmern bestand. Auf +einen Wink von ihr entfernte sich schweigend die Kammerzofe +und der kleine schwarze Groom. +</p> + +<p>„Ich wollte gern wieder einmal ein paar Augenblicke +mit dir verplaudern,“ entgegnete die Sängerin. +„Du machst dich so selten bei mir, und man spricht in +unseren Kreisen davon, deine Liebe für Frau Fabia +habe immer noch nicht nachgelassen!“ +</p> +<!-- page 054 --> + +<p>Sie lachte dabei spöttisch und bog den schönen<a id="corr-10"></a> +Hals zurück. John Crofton entgegnete ärgerlich: +</p> + +<p>„Mag sein! Was gehen andere Leute meine Interessen +an?“ +</p> + +<p>„Mein Gott, man spricht darüber! Du bist doch +immerhin eine interessante Figur, nachdem ganz Berlin +weiß, daß Frau Fabia dich nie erhören wird!“ +</p> + +<p>Er kniff die Lippen zusammen und zwischen seine +Brauen grub sich eine Falte. +</p> + +<p>„Das kommt darauf an!“ murmelte er. +</p> + +<p>Die Sängerin trat auf ihn zu, schlang ihre Arme, +die nach feinem Puder dufteten, um seinen Hals und +flüsterte: +</p> + +<p>„Und für mich, John, hast du gar nichts mehr +übrig? Liebst du mich wirklich nicht mehr? Hast du +mich ganz vergessen?“ +</p> + +<p>John Crofton log nicht, als er sie auf seine Knie +niederzog und mit verschleierter Stimme entgegnete: +</p> + +<p>„Nein, nein! Gewiß nicht! Ich liebe dich immer +noch so wie früher! Aber die Leidenschaft für Frau +Fabia hat mich, ich will es nicht leugnen, ganz verwirrt. +Ich liebe dich anders als jene, und es +wird die Stunde kommen, wo ich wieder ganz und gar +zu dir zurückkehre!“ +</p> + +<p>Miß Happy Head-Divina bedeckte sein Antlitz mit +glühenden Küssen, dann drückte sie auf die elektrische +Klingel und befahl, Sekt zu bringen . . . +</p> + +<p>Während der Inspizient verzweifelt auf dem Gange +hin und her lief, voll Befürchtung, die Sängerin möchte +im nächsten Auftritt versagen, wenn sie sich während +der Vorstellung einem Gelage hingab, soupierte Happy +Head-Divina mit ihrem Freunde. +</p> +<!-- page 055 --> + +<p>Sie selbst nippte nur von dem Sekt, während sie +John Crofton immer von neuem einschenkte. Und der +trank. In ihm war ein glühendes Feuer, das er löschen +mußte. Und so goß er ein Glas nach dem andern hinunter +und bemerkte nicht, wie seine schöne Freundin +plötzlich aus einem kleinen Fläschchen einige Tropfen +in sein Glas gleiten ließ. — +</p> + +<p>„Wie steht es denn eigentlich mit dem Friedensschluß?“ +fragte sie plötzlich scheinbar gleichgültig, eine +Zigarette anzündend; der Rauch ringelte sich zur Decke +empor. +</p> + +<p>John Crofton, seiner Stimme kaum mehr mächtig, +entgegnete: +</p> + +<p>„Der Friede steht bevor, kleine Katze! Die Franzosen +werden allerdings übel abschneiden. Ja, wenn +sie wüßten, daß Deutschland von Amerika vollständig +im Stich gelassen wird! Wenn sie wüßten, daß Deutschland +finanziell und ökonomisch durch diesen Krieg vollständig +ruiniert ist, so würden sie allerdings kaum die +Bedingungen eingehen, die man ihnen gemacht hat!“ +</p> + +<p>„Die Sache steht also für Frankreich weit besser, +als man annimmt?“ entgegnete Happy Head-Divina +hastig, indem sie ihrem Freunde von neuem das Sektglas +füllte. Der Inhalt sah diesmal etwas trüber aus +als sonst. — +</p> + +<p>„So ist es! Auch Englands Chancen sind weit +größer, als die Briten annehmen!“ +</p> + +<p>„Und du kennst bereits alle näheren Pläne?“ +</p> + +<p>Er lachte. +</p> + +<p>„Ich habe die Entwürfe in meiner Tasche, göttliche +Happy! Sprach ich doch erst heute in langer Audienz +mit dem deutschen Minister des Auswärtigen! Ja, wenn +man es so nimmt — das Schicksal Frankreichs liegt +<!-- page 056 --> +jetzt eigentlich ebenso in meiner Hand wie das der +Briten!“ +</p> + +<p>Er sah nicht, daß die Augen der Sängerin sich +geweitet hatten. Sah nicht, daß sie ihn mit den Blicken +förmlich verschlang! Er setzte das Sektglas an die +Lippen und trank es aus auf einen einzigen Zug . . . +</p> + +<p>Miß Happy begann ein anderes Thema. Sie +sprach von dem und jenem, bis John Crofton sich +endlich erheben wollte. Aber es ging nicht. Seine +Glieder waren wie Blei, sein Atem ging schwer, und +so krampfhaft er auch die Augen zu öffnen versuchte, +ebenso unwiderstehlich fielen sie ihm zu. +</p> + +<p>„Also du trägst die Entwürfe bei dir!“ meinte +Miß Happy plötzlich, indem sie wieder auf das alte +Thema zurückkam. Mit einem Blick, in dem sich nicht +die geringste Teilnahme spiegelte, der so kalt war wie +Eis, beobachtete sie die vergeblichen Anstrengungen ihres +Freundes, der Betäubung zu entgehen. +</p> + +<p>Die Worte der Sängerin drangen wie aus weiter +Ferne an sein Ohr. Ohne bei klarer Besinnung zu +sein, entgegnete er dumpf: +</p> + +<p>„Ja, ja, so ist es! Aber ich möchte mich jetzt +— ich möchte mich — entfern —“ +</p> + +<p>Er konnte das Wort nicht aussprechen. Die Hände, +die sich gegen einen Stuhl gestützt hatten, fielen schlaff +herab, und John sank in das große Eisbärenfell. +</p> + +<p>In diesem Augenblick tönte hastiges Klopfen an +der Tür. Der Inspizient steckte den Kopf herein +und rief: +</p> + +<p>„Schnell, es ist die höchste Zeit, Miß Head-Divina! +Ihr Stichwort fällt in einer Minute!“ +</p> + +<p>Sie nickte lächelnd und drückte auf eine zweite +Klingel. Augenblicklich stürzte der Groom herbei. +</p> +<!-- page 057 --> + +<p>„Laufe in die Kanzlei, mein Junge, und benachrichtige +Dr. Diabel, der sich zufällig dort aufhält. Sage +ihm, er möchte auf der Stelle kommen. Sir Crofton +wurde von einem Unwohlsein befallen und liegt in +meiner Garderobe.“ +</p> + +<p>Dann ging sie hinaus, betrat im nächsten Augenblick +die Bühne und sang ihre Partie mit so bezaubernden +Wohlklang, mit solcher Kraft und Frische, daß +mitten in die Szene hinein ein Beifallssturm des +Publikums brauste. — — +</p> + +<p>Der Groom hatte inzwischen den Befehl der Herrin +ausgerichtet. Er traf Dr. Diabel tatsächlich in der +Kanzlei, wo er mit dem Direktor des Theaters gerade +eine Unterredung hatte, und führte ihn, der bei der +Nachricht nicht sonderlich erstaunt gewesen war, in die +Garderobe seiner Herrin. +</p> + +<p>Dr. Diabel trat ein. +</p> + +<p>„Du kannst gehen,“ wandte er sich an den Groom. +„Laß mich allein!“ +</p> + +<p>Der Schwarze kreuzte die Arme über der Brust, verneigte +sich und verließ die Garderobe. +</p> + +<p>Dr. Diabel war allein mit dem bewußtlosen John +Crofton, dessen Antlitz gelb war wie die Schale einer +Zitrone. Das Gesicht des Arztes erschien in diesem +Augenblick noch unsympathischer, als es sonst schon +wirkte. Die bleichen Züge waren förmlich durchsichtig +geworden; die großen, dunklen Augen lagen tief +in den Höhlen, und schwarze Schatten ringelten sich +um seine Schläfen, während das Gesicht ganz zurücktrat +in den spitz zulaufenden Rahmen des Bartes. +</p> + +<p>Dr. Diabel drehte zunächst das elektrische Licht +aus, daß durch den Reflektor, der an der Decke angebracht +war, nur mehr das Purpurlicht des roten +<!-- page 058 --> +Kometen Zutritt in das Zimmer hatte. Dann schritt +er auf den Tisch zu und goß das Glas John Croftons +aus, in dem sich der Rest des Betäubungsmittels befand, +das die Schauspielerin ihm gereicht hatte. +Darauf riß er den Bewußtlosen brutal in die Höhe, +warf ihn über einen Sessel, daß auf der einen Seite +die Füße, auf der anderen der Kopf und die +Schultern hinabhingen, und durchsuchte in fiebernder +Eile seine Taschen. +</p> + +<p>Endlich schien er das Richtige gefunden zu haben. +Im Scheine des roten Lichts entfaltete er ein Dokument, +das eine Reihe von Korrekturen aufwies und teils +in Hand-, teils in Maschinenschrift ausgefertigt war. +Er ließ das Dokument in der Brusttasche +verschwinden und goß dann auf einen kleinen +Löffel einige Tropfen aus einem Fläschchen, das er +in der Westentasche getragen hatte. Diese Flüssigkeit +ließ er zwischen die Zähne des Bewußtlosen gleiten. Es +dauerte keine drei Minuten, da schlug John Crofton +die Augen auf und sah sich mit einem müden Blicke um. +</p> + +<p>Sein Auge fiel auf Dr. Diabel. +</p> + +<p>„Wo bin ich? Was ist geschehen?“ fragte er +hastig, indem er sich aufrichtete. Dr. Diabel mußte +ihn aber halten, sonst wäre er zu Boden gestürzt. +</p> + +<p>„Sie leiden an Schwindelanfällen, mein Freund,“ +meinte der Arzt. „Ich wurde eben gerufen, denn Sie +sind in der Garderobe unserer göttlichen Happy bewußtlos +zusammengestürzt!“ +</p> + +<p>Bei diesen Worten kehrte John Crofton die Erinnerung +zurück. Er begriff, was geschehen war, glättete +seinen Frack und reichte Dr. Diabel die Hand. +</p> + +<p>„Ich danke Ihnen!“ flüsterte er. „Ich werde mich +bei Miß Head-Divina noch persönlich entschuldigen.“ +<!-- page 059 --> +Und er eilte hinaus in die Loge seines Freundes Romulus +Futurus, dem er in wenigen Worten sein Abenteuer +erzählte, um sich wegen seines langen Ausbleibens +zu entschuldigen. +</p> + +<p>Gleichzeitig fiel der große Vorhang auf der Bühne, +denn die Oper war zu Ende. +</p> + +<p>Romulus Futurus hatte kein Wort auf die Erzählung +seines Freundes erwidert. Als sie in seiner +Wohnung angelangt waren und Frau Fabia sich zurückgezogen, +sagte der Kultusminister: +</p> + +<p>„Sieh einmal nach, John, ob du den Entwurf +der Alliance-Pläne noch in deiner Tasche hast!“ +</p> + +<p>John Crofton erbleichte. Ja, er zitterte wie Espenlaub +im Winde, so furchtbar hatte ihn die Möglichkeit +getroffen, die Romulus Futurus andeutete. Hing +doch nicht nur seine Stellung und seine Zukunft, sondern +sogar seine Freiheit von diesem Schriftstück ab. +Die amerikanischen Zeitungen pflegten kurzen Prozeß +mit ihren auswärtigen Vertretern zu machen, wenn diese +sich ein Vergehen zuschulden kommen ließen. Sie +wurden ganz einfach entlassen und nie wieder eingestellt; +da sämtliche Zeitungen Amerikas einen großen +Ring bildeten und eigentlich nur mehr ein Trust waren, +so konnte der betreffende Journalist nie wieder hoffen, in +irgend einem amerikanischen Blatte Unterschlupf zu +finden. +</p> + +<p>Die Regierung aber pflegte Leute, die ihre +Interessen im Auslande nicht genügend gewahrt +hatten, obendrein noch auf einige Jahre ins Gefängnis +zu schicken. Wenn nun John Crofton gar das wichtigste +Dokument, das einem Vertreter seit Jahrzehnten +anvertraut gewesen war, preisgegeben hatte, +<!-- page 060 --> +so wäre sein Schicksal wahrlich ein wenig beneidenswertes +gewesen. +</p> + +<p>Darum war er so furchtbar erschrocken und kramte +nun fieberhaft in allen Taschen. Sein Gesicht überzog +eine wächserne Farbe. +</p> + +<p>Romulus Futurus hatte die Brauen in die Höhe +gezogen und sah ihm schweigend zu. +</p> + +<p>„Du bist sicher, John, daß du den Entwurf bei +dir gehabt hast, nicht wahr?“ +</p> + +<p>„Aber ja! Ganz gewiß! Ich habe mit dir doch noch +in der Loge davon gesprochen!“ +</p> + +<p>„So hat man ihn dir gestohlen, wie ich sofort +vermutet habe! Ich kenne deine Natur, John! Dein +plötzliches Unwohlsein ist verdächtig!“ +</p> + +<p>Nun fielen auch John Crofton alle Einzelheiten +mit klarer Deutlichkeit wieder ein und der Verdacht, daß +er das Opfer eines schändlichen Komplotts geworden sei, +stieg in ihm auf. Er erinnerte sich, daß Dr. Diabel +der letzte war, der ihn untersucht hatte. Rasend vor +Wut, ergriff er Hut und Mantel und beschloß, sofort +zu ihm zu eilen und ihn zur Rechenschaft zu ziehen. +</p> + +<p>Aber Romulus Futurus hielt ihn zurück. +</p> + +<p>„Das ist eine öffentliche Angelegenheit, mein +Freund!“ sagte er ruhig. „Ich werde Dr. Diabel verhaften +lassen!“ +</p> + +<p>Damit begab sich der Kultusminister ans Telephon +und setzte sich mit der Polizeizentrale in Verbindung. +Dort erfuhr er, daß Dr. Diabel gerade am Krankenbett +der Fürstin Angelika weile, die bereits seit Wochen +an einer schweren Krankheit daniederlag. Romulus +Futurus gab den Auftrag, den Leibarzt der +Fürstin und des Regenten in Haft zu nehmen. +</p> + +<p>Sein Einfluß war so groß, daß die Polizeibehörde +<!-- page 061 --> +nicht den geringsten Widerspruch wagte, und +eine halbe Stunde später befand sich Dr. Diabel in +dem großen Untersuchungsgefängnis am Spittelmarkt. +</p> + +<p>Der Untersuchungsrichter ließ den berühmten Arzt, +der eine große Rolle in der Gesellschaft spielte, nach +Mitternacht noch vorführen und unterzog ihn einem +langen, eingehenden und scharfen Verhör. Jedes einzelne +Wort, das der Untersuchungsrichter sprach, jede +Antwort, die der Gefangene gab, wurde von einem +Phonographen selbsttätig aufgenommen und durch einen +eigenen Stift auf ein Blatt Papier übertragen. So +war jedes Protokoll überflüssig, und der Gefangene +konnte sich nie mehr beklagen, daß seine Antworten +von dem Untersuchungsrichter falsch aufgefaßt worden +seien und sich mit dem Protokoll nicht deckten. +</p> + +<p>Bereits um vier Uhr morgens überbrachte ein Bote +das Protokoll. John Crofton rang verzweifelt die Hände, +als er es gelesen. +</p> + +<p>„Ich bin verloren! Verloren, Romulus!“ rief er. +„Dr. Diabel leugnet hartnäckig und weder die körperliche, +noch die Hausdurchsuchung hat irgend etwas ergeben, +was zu seinen Ungunsten gesprochen hätte!“ +</p> + +<p>Inzwischen hatte Romulus Futurus auch bei der +Schauspielerin eine Haussuchung vornehmen lassen, +aber auch dort war der Vertrag nicht gefunden worden. +Die Situation war ernst, denn wenn es inzwischen gelang, +den Inhalt des Vertrages auf elektrischem Wege +nach Paris und London zu übermitteln, so befand sich +Deutschland in einer sehr schwierigen Situation und +John Crofton konnte darauf rechnen, als Verräter nach +Amerika zurückgeschickt zu werden. Vor diesem Schicksal +hätte ihn auch Romulus Futurus nicht bewahren +können. +</p> +<!-- page 062 --> + +<p>Der Kultusminister gab also Befehl, daß alle elektrischen +Stationen gesperrt würden und drei Tage lang +unter persönlicher Kontrolle des Ministers ständen. +</p> + +<p>Aber John Crofton war dadurch nicht mehr getröstet. +Er begriff sehr wohl, daß, wenn wirklich +Dr. Diabel den Vertrag besaß, er oder seine Helfershelfer +schon Mittel und Wege finden würden, ihn nach +Paris zu übermitteln. Daß Miß Happy Head-Divina +die Komplicin des Doktor Diabel war, wollte John +Crofton nicht glauben. +</p> + +<p>Auf alle Fälle leugneten beide standhaft. +</p> + +<p>So vergingen kostbare Stunden, und das Schicksal +John Croftons schien besiegelt. +</p> + +<p>Er, der gegen seinen Freund so schmählich +gehandelt hatte, scheute sich nicht, ihn jetzt beinahe auf +den Knien zu bitten, alles zu tun, um ihn zu retten. +</p> + +<p>Romulus Futurus verlor keinen Augenblick seine +Sicherheit. +</p> + +<p>„In einer Stunde werden wir wissen, wer den +Vertrag gestohlen hat und wo er sich befindet!“ sagte +er ruhig. +</p> + +<p>John Crofton hob den Kopf. +</p> + +<p>„Wie willst du das machen? Es gibt keine Folter +mehr, durch die du Dr. Diabel sein Geheimnis entreißen +könntest!“ +</p> + +<p>„Ich brauche keine Folter! Merke dir, mein +Freund: von jetzt ab wird es keinen Verbrecher mehr +auf Erden geben, der imstande ist, zu leugnen. Von +jetzt ab werden alle Untersuchungsrichter der Welt überflüssig +sein, es wird keine Ungerechtigkeit mehr geben +und jedes Verbrechen wird nach seinen Ursachen, nicht +nach seinen Wirkungen bestraft werden!“ +</p> + +<p>„Ich verstehe dich nicht!“ entgegnete John Crofton<a id="corr-11"></a>. +</p> +<!-- page 063 --> + +<p>Romulus Futurus aber befahl seinem Diener, den +photographischen Apparat in sein Coupé zu bringen, +fuhr mit John Crofton in das Untersuchungsgefängnis. +</p> + +<p>Die Zelle, in der man Dr. Diabel untergebracht +hatte, war groß und geräumig und besaß zwei Fenster: +eines, das auf die Straße zeigte, und eines, das einen +andern kleinen Raum von seiner Zelle abschloß. +</p> + +<p>Hier hinein traten John Crofton und Romulus +Futurus. Letzterer stellte dort seinen photographischen +Apparat auf und schob die empfindliche „Lumen“-Platte +ein. +</p> + +<p>Dann setzte er den Verschluß in Tätigkeit. +</p> + +<p>Der Gelehrte hatte nämlich in den letzten +Wochen seine Erfindung noch vervollständigt, und zwar +in einer Weise, die niemand ahnte und die ohne Zweifel +einschneidend in das Rechts- und Kulturleben aller +Völker wirken mußte. +</p> + +<p>Nachdem er sich überzeugt, daß die „Lumen“-Platte +die menschlichen Physiognomien so photographierte, +wie sie waren, und nicht, wie sie schienen, +hatte er seinen Apparat kinematographisch eingerichtet +und so vervollständigt, daß er in einer Sekunde mindestens +zwanzig Aufnahmen bewerkstelligte. Auf diese +Weise war die „Lumen“-Platte noch zwanzigmal verfeinert +worden, denn die menschlichen Physiognomien +zeigten sich jetzt nicht nur in einem bestimmten Augenblick, +wie sie waren, sondern sie zeigten sich in diesem +Augenblick zwanzigmal vervielfältigt, in ihren geheimsten +Regungen, und damit war eine tatsächliche Gedankenphotographie +geschaffen worden. Man brauchte sich nur +wenig Mühe zu geben, nur die einzelnen Mienenbewegungen +zu studieren. Romulus Futurus hatte hierfür +<!-- page 064 --> +bereits einen Schlüssel entworfen, denn auch die Bewegungen +des menschlichen Gesichts sind bestimmten Gesetzen +unterworfen. Es gibt eben auch da nur eine +bestimmte Anzahl von Veränderungen, von denen jede einen +bestimmten Gedanken ausprägt. +</p> + +<p>Nachdem also Romulus Futurus seinen Apparat +in Bewegung gesetzt, trat er mit John Crofton in die +Zelle des Dr. Diabel ein; der hatte selbstverständlich +die Vorbereitungen beobachtet, welche gemacht worden +waren, und sah so deutlich den Apparat, dessen weißes +Auge vom Fenster auf ihn gerichtet war. +</p> + +<p>Er lachte, als die beiden Männer eintraten. +</p> + +<p>„Ihr werdet euch täuschen,“ dachte er: „Von mir +werdet ihr nichts erfahren!“ Zu gleicher Zeit überlegte +er sich, daß er nun auf keinen Fall an Miß Happy +Head-Divina denken durfte, denn die Eigenschaften der +„Lumen“-Platte waren ihm natürlich längst bekannt. +</p> + +<p>„Ich werde weder an Miß Happy denken, noch +daran, daß der Vertrag sich in ihren Händen befindet +und daß sie ihn unter dem Sitzleder eines Plüschsessels +in ihrem Saale verborgen hält,“ dachte er. Und wirklich +gab er seinen Gedanken eine ganz andere Richtung, +als die beiden Männer eingetreten waren und Romulus +Futurus, in seiner Eigenschaft als oberster Polizeibeamter, +ihn einem eingehenden Verhör unterzog. +</p> + +<p>Dieses verlief ebenso ergebnislos wie das durch den +Untersuchungsrichter vorgenommene, und Romulus verließ +mit seinem Freunde Crofton die Zelle, während +ein geheimnisvolles Lächeln auf den Lippen des großen +Menschenkenners lag. +</p> + +<p>Hinter ihnen gellte das Lachen des Dr. Diabel. +</p> + +<p>„Ihr werdet euch täuschen,“ dachte der Arzt. „Ihr +werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy +<!-- page 065 --> +noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und +deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus nahm ruhig die „Lumen“-Platte +aus dem Apparat, nachdem er diesen abgestellt hatte, und +fuhr mit John Crofton nach Hause. +</p> + +<p>Aber ungeahnte Hindernisse stellten sich den beiden +Männern in den Weg. Sie brauchten nicht weniger +als sieben Stunden, um in ihre Wohnung zurückzugelangen. +Inzwischen war es wieder Nacht geworden, +denn die Tage wurden immer kürzer und dauerten seit +einiger Zeit nur noch sieben Stunden. +</p> + +<p>In den Straßen nämlich sammelten sich ungeheure +Menschenmengen. Das Volk, das zusammenlief, +mit elektrischen Gewehren bewaffnet, wußte +eigentlich nicht, was es wollte. Man war unzufrieden +mit dem System, mit der Regierung, mit allem. — +</p> + +<p>Aber man wußte nicht, warum. — — +</p> + +<p>Man hatte im Laufe der Jahrhunderte gelernt, daß +Revolutionen nichts ändern, daß alles seinen gleichen +Gang weiter geht und daß immer dasselbe kommt und +niemals etwas anderes. +</p> + +<p>Und doch wollte das Volk die Revolution, aufgestachelt +durch das rotglühende Licht des Kometen, +dessen entsetzliches Antlitz sich förmlich hohnlachend über +die Erde neigte. +</p> + +<p>Blut — hieß die Losung! Blut wollten sie alle! +Blut sollte fließen! +</p> + +<p>Und da die Volksmassen sich selbst nicht morden +wollten, so richteten sie ihr Augenmerk auf die, welche +der Pöbel immer haßt, auf die Reichen, auf die Regierenden. +</p> + +<p>Hätten sich Romulus Futurus und John Crofton +nicht in ein Flugcoupé gerettet, so wären sie beide +<!-- page 066 --> +verloren gewesen, denn alle elektrischen Coupés +auf den Straßen wurden angehalten, zertrümmert und +die Insassen ermordet. +</p> + +<p>Der Augenblick für das Losbrechen der Revolution +war günstig gewählt worden, denn das Militär war +noch nicht da und die Truppen, die sich in Berlin +befanden, reichten nicht hin, die Aufständischen zu zügeln, +die mit jeder Minute zahlreicher wurden. +</p> + +<p>Der im Jahre 1908 gebaute Eispalast war als +Standquartier der Revolutionäre eingerichtet worden. +Dort weilten die Anführer, unter denen sich einer befand, +der ganz besonderes Ansehen genoß: Peter Cornelius, +der Student. +</p> + +<p>Endlich aber gelang es Romulus Futurus doch, +in seine Wohnung zu kommen. Er entwickelte sofort +die Platte und ließ die Photographien kinematographenartig +ablaufen. +</p> + +<p>John Crofton beobachtete staunend die Maßnahmen +seines Freundes, und zum ersten Male begriff er ganz +und gar dessen gigantische Größe, die fabelhaften Vorteile, +die diese Erfindung der deutschen Nation +sicherte. +</p> + +<p>Folgendes erfuhr Romulus Futurus aus dem<a id="corr-12"></a> +Apparat: +</p> + +<p>„Ihr werdet euch täuschen! Von mir werdet ihr +nichts erfahren! Ich werde weder an Miß Happy Head-Divina +denken, noch daran, daß sich der Vertrag in ihren +Händen befindet und daß sie ihn unter dem Sitzleder +eines Plüschsessels in ihrem Salon verborgen hält! Ihr +werdet euch täuschen! Ich habe weder an Miß Happy, +noch an die Pläne, noch an alles andere gedacht, und +deine Maschine, Romulus Futurus, wird nichts wissen!“ +</p> + +<p>„Nun wissen wir ja alles, was wir wissen wollten!“ +<!-- page 067 --> +sagte Romulus Futurus lächelnd, drückte auf eine elektrische +Klingel und setzte sich wieder mit der Polizeizentrale +in Verbindung. +</p> + +<p>„Die Schauspielerin Miß Happy Head-Divina ist +zu verhaften!“ befahl er. Gleichzeitig gab er Auftrag, +daß ein hoher Polizeibeamter sich in die Wohnung +der Schauspielerin begeben sollte, um das Dokument +in Besitz zu nehmen und es John Crofton zurückzugeben. +Inzwischen war Frau Fabia, erschreckt +durch das lange Ausbleiben ihres Gatten, in das Turmzimmer +der Sternwarte gekommen. Sie warf zufällig +einen Blick auf die vielen Photographien, die in kurzer +Zeit von Dr. Diabel aufgenommen worden waren. +Kaum aber hatte sie hingesehen, da stieß sie einen wahnsinnigen +Entsetzensschrei aus. +</p> + +<p>„Er ist es!“ rief sie. „Er ist ein Verbrecher! Er +hat mich getötet!“ Dann sank sie in Ohnmacht. +</p> + +<p>John Crofton und Romulus Futurus sahen sich +entsetzt an. +</p> + +<p>„Was bedeutet das?“ fragte John Crofton. +</p> + +<p>„Wir werden es wohl bald erfahren,“ sagte Romulus +Futurus nachdenklich. +</p> + +<h2 class="chapter" id="chapter-6">VI.</h2> + +<p class="noindent">Die Revolution hatte diesmal in Berlin mit einer +solchen Heftigkeit eingesetzt, daß die Regierung wie von +einem Lavastrom hinweggefegt wurde, der sich plötzlich +über alles Leben ergießt, alles verschlingt und jeden +Widerstand verbrennt, zermalmt. +</p> + +<p>In den Straßen tobte ein wahnwitziger Kampf. +Es war keine Schlacht mehr, es war ein Schlachten. +Ueber allem stand der rote Komet und beleuchtete mit +<!-- page 068 --> +seinem diabolischen Lichte diese furchtbaren Greuelszenen, +die Berlin seit seinem Bestehen noch nicht +gesehen hatte. +</p> + +<p>Die erste Heldentat der Aufständischen, die in +großen Scharen die Straßen durchzogen und mit den +Truppen der Regierung auf allen Plätzen ins Gefecht +kamen, bestand in der Erstürmung des großen Untersuchungsgefängnisses +am Spittelmarkt. +</p> + +<p>Nach kurzem Widerstand der Besatzung ergoß sich die +Flut der Revolutionäre in die dunklen, finsteren Gänge; +da und dort lag die Leiche eines ermordeten Aufsehers. +Einige Minuten später aber strömte die Schar der Eingekerkerten +hinaus, die Brüder umarmend, die ihnen, +den Verbrechern, die Freiheit wiedergegeben hatten. +</p> + +<p>Auch Dr. Diabel befand sich unter ihnen. Nachdem +er dem Führer des Trupps die Hand gedrückt, +eilte er, ohne sich einen Augenblick aufzuhalten, in das +Gemach der kranken Fürstin Angelika und nahm dort +seinen Platz als Arzt und Wächter wieder ein. +</p> + +<p>Berlin glich in wenigen Stunden einer belagerten +Festung. Die Straßen waren röter noch von Blut, +als von dem Lichte des Kometen. Die Bürger hatten +ihre Häuser versperrt, aber die Aufständischen schlugen +die Türen mit Aexten ein, zerrten die Frauen auf +die Straßen, warfen die Kinder in die aufgepflanzten +Bajonette und mordeten die Männer. +</p> + +<p>Die, welche auf den ersten Alarmruf hin teils +unter die Fahnen der Regierung, teils unter das Banner +des Aufstandes geeilt waren, kämpften mit einer Erbitterung, +die unbeschreiblich war. Durch die Friedrichstraße +zogen etwa dreitausend Revolutionäre unter der +Führung Peter Cornelius, des Studenten. +</p> + +<p>Er war einer der Ueberzeugtesten, einer von denen, +<!-- page 069 --> +die bestimmt wußten, daß die Natur sich ändert, wenn +man Blut vergießt, daß die ganze Welt sich in ihrem +Laufe umdreht und verkehrt um die Sonne gehen wird, +wenn man die Reichen beseitigt und an Stelle derer, +die bisher regiert haben, andere setzt. — — +</p> + +<p>In den Augen des Peter Cornelius glühte ein +verhängnisvoller Wahnsinn. Trunken von einem +Rausche, der weder durch den Alkohol, noch durch das +Blut, sondern einzig und allein durch die Purpurfluten +des roten Kometen hervorgerufen war, schwankten +seine Genossen durch die Straßen, mordeten, schändeten, +begingen Exzesse der Tollheit und riefen die +Freiheit aus. +</p> + +<p>Da begegnete ihnen ein starker Trupp von Soldaten. +Diese waren bedeutend in der Ueberzahl, und +die Revolutionäre verlangten von ihrem Führer, +daß er sie zurückführe, denn ein Kampf mußte zu Ungunsten +der Revolutionäre enden, da die Bewaffnung +des Militärs eine weitaus bessere war. +</p> + +<p>Auf einem elektrischen Karren, den die Soldaten +in der Mitte mit sich führten, stand mit gefesselten +Händen ein Weib. +</p> + +<p>Ihre Arme lagen auf dem Rücken; das schwere +goldene Haar hatte sich gelöst und floß in langen Wellen +über ihre Schultern, von denen das weißseidene Kleid +teilweise in Fetzen herabhing. Ihre Lippen glühten wie +Purpur, und ein höhnisches Lächeln leuchtete aus ihren +Augen. +</p> + +<p>Als die Soldaten und die Revolutionäre einander so +nahe gekommen waren, daß sie sich verständigen konnten, +blieb Peter Cornelius plötzlich wie angewurzelt stehen. +</p> + +<p>Er hatte die Gefangene erkannt. Noch war nämlich +der Sieg der Revolutionäre lange nicht entschieden und +<!-- page 070 --> +man war bemüht, die Verbrecher, deren man +habhaft werden konnte, unter starker Militäreskorte +wieder in das Gefängnis zurückzuführen. +</p> + +<p>„Happy Divina!“ murmelte der Student, zu den +Waffen greifend. +</p> + +<p>Auch sie hatte ihn gesehen und erkannt, und während +die beiden feindlichen Trupps einander zornglühend +gegenüberstanden, während das Entbrennen des +Kampfes und Mordens nur noch von Sekunden abhing, +rief Happy Divina: +</p> + +<p>„Ei, sieh an! Peter Cornelius, der Held! Habt +Ihr Euch endlich aufgerafft? Habt Ihr diese Barbaren +niedergeworfen? Da seht her, was sie mit mir gemacht +haben!“ +</p> + +<p>Und sie, die Tausende und Abertausende von +Menschen durch ihre Stimme in einen Rausch der Begeisterung +versetzt hatte, hob ihre Arme etwas vom +Rücken ab, und man sah die weißen, leuchtenden Hände +zwischen dicken Stricken. +</p> + +<p>Dieser Appell entflammte Peter Cornelius zu wahnsinniger +Wut gegen die, welche dieses schöne Weib brutal +ins Gefängnis führen wollten. Liebte er doch Happy +Divina seit langer, langer Zeit! Aber wie hätte Peter +Cornelius es jemals wagen dürfen, sich der Sängerin, +die von den höchsten Würdenträgern das Reiches verehrt +wurde, zu nähern? Er, der arme Student, der +seinen ersten Studien bei Dr. Diabel oblag! +</p> + +<p>Die stolze Sängerin, die gefeiert wurde gleich einer +Königin, würde nicht wenig gelacht haben über den armen +Studiosus, hätte er ihr seine Liebe erklärt. Aber jetzt, +in diesem Augenblick, da die Welt unterzugehen drohte, +jetzt war alles anders geworden! Die Ersten waren die +Letzten und die Letzten waren die Ersten geworden! +<!-- page 071 --> +Hier stand Peter Cornelius an der Spitze seiner todesmutigen +Schar, die bereit war, ihr Leben in die Schanze +zu schlagen. +</p> + +<p>Und plötzlich war für Peter Cornelius die Devise +gegeben: +</p> + +<p>Die Freiheit, für die er sein Leben aufs Spiel +setzte und hundert andere nach sich zog, erschien ihm +leibhaftig in der Gestalt dieser Verbrecherin, die +seit langer Zeit im Dienste auswärtiger Staaten +als Spionin stand, da ihre großen Einnahmen nicht hinreichten, +ihr wahnsinniges Bedürfnis nach Luxus und +Reichtum zu befriedigen. +</p> + +<p>Peter Cornelius entriß dem Arbeiter, der +neben ihm ging, die Fahne und stürzte sich mit dem +Rufe: +</p> + +<p>„Für Happy Divina und die Freiheit!“ mitten +in die feindlichen Soldaten. Von Begeisterung +trunken, folgte ihm der Schwarm, und in einem +einzigen Anprall wahnsinniger Wut hatten sie eine +Bresche in die Reihen der Soldaten geschlagen und waren +bis zu dem Wagen vorgedrungen, auf dem die Gefangene +gefesselt stand. +</p> + +<p>Peter Cornelius schlug mit einem elektrischen Säbel +nicht weniger als vier Soldaten nacheinander nieder, zerriß +die Fesseln, welche die schönen Hände der göttlichen +Sängerin zusammenhielten, hob sie vom Wagen +und schleppte sie, ihren Leib mit dem linken Arme +umfassend, mit dem rechten kämpfend, aus der Reihe +der Soldaten . . . +</p> + +<p>Die waren zuerst unter dem wütenden Anprall +der Revolutionäre zurückgewichen. Dann aber hatten +sie sich rasch gesammelt, und während die vordersten sich +niederwarfen und eine furchtbare Salve gegen die Feinde +<!-- page 072 --> +abgaben, öffnete sich zu gleicher Zeit die Mitte +ihrer Reihen; Geschütze wurden aufgefahren, deren erste +Schüsse allein etwa fünfzig der Feinde niederrissen. +</p> + +<p>So groß zuerst der Todesmut der Revolutionäre gewesen +war, ebenso groß war die Panik, die diese +führerlosen Menschen ergriff, als sie anstatt Brot Bleikugeln +erhielten. Während jeder Führer der Revolutionäre +seine eigenen Zwecke verfolgte, der eine +Macht, der andere Ehre, der dritte Ruhm, der vierte +persönliche Interessen, während der fünfte hoffte, durch +den Aufstand Gold zu sammeln, und während der +sechste einer Verbrecherin wegen dreitausend Menschen +in den Tod führte, dachte die große Masse nur an das +eine Ideal, das sie mit der Freiheit verwechselte: +„Brot!“ +</p> + +<p>Sie fluteten vor dem furchtbaren Gegenangriff der +Soldaten zurück, wurden zersprengt, niedergeschossen, +zertreten, dezimiert, und höchstens dreihundert waren es, +die Peter Cornelius folgten, der in seinem linken +Arm immer noch gleich einer weißen Fahne den schlanken +Leib der Sängerin trug. +</p> + +<p>Die Straße war von Soldaten abgesperrt. Aber sie +fanden einen neuen Ausweg, über den sie auf vielen +Umwegen in die Potsdamerstraße gelangten. +</p> + +<p>Dort hatten die Revolutionäre Barrikaden gebaut, +und ein furchtbarer Kampf um die Oberherrschaft in +Berlin war entbrannt. +</p> + +<p>Inzwischen war die Farbe des Kometen dunkelrot +geworden wie Burgunder. Die Nacht war erfüllt von +einer unerträglichen Hitze, die von Stunde zu Stunde zunahm +und den Wahnsinn der Menschen erhöhte. +</p> + +<p>Peter Cornelius hatte die Gerettete hinter einen +<!-- page 073 --> +Steinhaufen gezogen. Da augenblickliche Ruhe eingetreten +war, fand er Zeit, sich mit ihr zu verständigen. +</p> + +<p>Sie sah ihn lächelnd an, ihre Lippen schimmerten +wie Blut. Sie reichte dem Studenten die Hand und +sagte: +</p> + +<p>„Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie sich meinetwegen +solchen Gefahren aussetzten!“ +</p> + +<p>Peter Cornelius schaute lange in ihre Augen +und hielt ihre Finger umschlossen. +</p> + +<p>„Wäre es Ihnen nicht möglich, mich in meine Wohnung +zu bringen?“ flüsterte sie. +</p> + +<p>Er schüttelte den Kopf. +</p> + +<p>„Das ist unmöglich, Miß Head-Divina! Das ist +ganz unmöglich! Sie müssen hier bleiben und jetzt mit +uns für die Freiheit und für eine goldene Zukunft +kämpfen!“ +</p> + +<p>Die Sängerin schnitt eine Grimasse. +</p> + +<p>„Was soll ich tun? Sie werden doch nicht denken, +daß ich einen von euren schmutzigen Säbeln angreife +oder gar ein Gewehr abschieße? Warum denn? Wegen +eurer Dummheiten?“ +</p> + +<p>Cornelius sah sie mit großen, flammenden +Augen an. +</p> + +<p>„Unsere Dummheit hat Sie gerettet!“ sagte er +zornig. Sie zuckte die Achseln, lächelte und entgegnete: +</p> + +<p>„Sie irren, Peter Cornelius! Ihre Sinnlichkeit +war es, die Sie Ihr Leben in die Schanze schlagen ließ!“ +</p> + +<p>„Gut, nennen Sie es Sinnlichkeit!“ schrie er, +trunken vor Wut und vor Leidenschaft. „Ich liebe Sie! +Ich liebe Sie so rasend, wie nie ein Weib geliebt wurde, +und ich verlange, daß Sie mein werden!“ +</p> + +<p>Dabei schlang er seine Arme um ihre weiße, feine +<!-- page 074 --> +Gestalt und versuchte, seine Lippen auf die ihrigen zu +pressen. +</p> + +<p>Happy Head-Divina empfand einen furchtbaren +Ekel. Sie stemmte die beiden kleinen Fäuste gegen die +Brust des Studenten und stieß ihn zurück. +</p> + +<p>„Sind Sie wahnsinnig? Ich mag Sie nicht! Ich +hasse Sie!“ +</p> + +<p>Peter Cornelius taumelte zurück, während um ihn +und die Sängerin wieder die ersten Flintenschüsse +krachten. +</p> + +<p>„Sie lieben mich nicht? Sie hassen mich? Aber ich +liebe Sie! Und eher werde ich Sie töten, ehe ich erlaube, +daß Sie einem andern angehören!“ +</p> + +<p>„Sie sind ein Narr!“ entgegnete die Sängerin nun +ernstlich böse, indem sie sich mit unruhigen Augen umsah; +denn eben stürzte neben ihr ein Revolutionär zu +Tode getroffen nieder und krampfte die Hände im letzten +Todeszucken. +</p> + +<p>„Sie sind ein Narr, Peter Cornelius! Führen +Sie mich sofort hinweg!“ +</p> + +<p>Er lachte +</p> + +<p>„Es gibt keinen Ausweg mehr, und wenn Sie etwas +retten kann, so ist es nur meine Liebe!“ +</p> + +<p>Damit hielt er sie mit dem linken Arm fest und +schoß mit dem rechten das Gewehr auf einen Soldaten ab, +dessen Helm über der Spitze der Barrikade sichtbar wurde. +</p> + +<p>Die Sängerin, erschreckt über die Leidenschaft des +Studenten, riß sich los und kletterte mit außerordentlicher +Leichtigkeit und Behendigkeit über die Trümmer der +Barrikade, entschlossen, zu den Soldaten hinabzuspringen +und dort Hilfe zu suchen. +</p> + +<p>Sekundenlang sah ihr Peter Cornelius nach. Seine +<!-- page 075 --> +Augen waren blutunterlaufen, auf seinen Lippen stand +Schaum. +</p> + +<p>Da, als sie gerade den Kamm der Steinburg +erreicht hatte, als sie gerade die Arme ausbreitete, um +zu den Soldaten hinabzuspringen, riß er sein Gewehr +an die Wange und schoß sie durch dem Rücken. +</p> + +<p>Sie warf die Arme in die Luft, und während über +ihre Lippen und über das Kinn Blut rann, fiel sie rückwärts +hinab und blieb verblutend liegen . . . . +</p> + +<p>Peter Cornelius aber stürzte sich wie ein Tier in den +Kampf und focht so lange, bis er, von Stichen und +Kugeln durchbohrt, sterbend über die letzten Steine sank, +die von der Barrikade übrig blieben, indes die +Soldaten die Revolutionäre zurücktrieben. So tobte und +wütete in allen Straßen und überall der Kampf. Immer +unerträglicher wurde die Gluthitze, die sich über Berlin +verbreitete, und schließlich begriffen alle, was da und +dort ein verzweifelter Mund ausschrie: +</p> + +<p>„Wir stoßen mit dem roten Kometen zusammen! +Die Welt geht unter!“ +</p> + +<p>Mit derselben Schnelligkeit, mit der der brudermordende +Kampf begonnen hatte, wurde er beendet. +Die Panik, die der rote Komet plötzlich hervorrief, in +dessen purpurnes Glutauge man jetzt blicken konnte, +versöhnte die Menschen, die sich eben noch bekämpft +hatten, wie die Tiere. +</p> + +<p>Soldaten und Revolutionäre, Frauen und Kinder, +hohe<a id="corr-13"></a> Staatsbeamte und Arbeiter, kurzum alles, was in +Berlin lebte, wälzte sich als ein großer, dunkler Haufen +der Sternwarte des Romulus Futurus entgegen, +von dem man halb drohend, halb bittend Rettung vor +dem roten Kometen forderte. +</p> + +<p>Romulus Futurus stand auf seinem Turm und +<!-- page 076 --> +beobachtete das Herannahen des verhängnisvoll +Sternes. Er sah die Menschenmassen, die sich der +Sternwarte näherten, er wußte, was sie forderten und +verlangten, aber er beachtete sie kaum. +</p> + +<p>„Wir werden noch zehn Stunden Zeit haben, bis +der Zusammenstoß erfolgt!“ sagte er zu sich selbst. „Noch +ist es nicht sicher, ob überhaupt die Katastrophe hereinbricht; +denn nach meiner Berechnung gleitet der Komet +augenblicklich neben uns. Es ist, als sei er von der Geschwindigkeit +der Erdumdrehungen erfaßt und mitgerissen. +Vielleicht ist die Anziehungskraft der Erde nicht +stark genug, vielleicht geht das Letzte vorüber!“ +</p> + +<p>Und er berechnete weiter, daß dieser rote Komet +unmöglich die Kraft einer Sonne haben könnte, denn +sonst wäre längst die ganze Erde geborsten. +</p> + +<p>Die furchtbare Hitze, die sich über Berlin ausbreitete, +stand gleichwohl nicht im Verhältnis zu der +Größe des Kometen. Romulus Futurus berechnete +weiter, daß der Komet selbst vielleicht kalt war, daß sich +auf ihm ungeheure Eiswüsten befanden. Aber er schien +umgeben zu sein von einem Riesengürtel von Elektrizität, +die diese furchtbare Hitze und das rote Purpurlicht +hervorrief. +</p> + +<p>„Rot ist die Farbe, deren Strahlen unter allen +Lichtstrahlen am schwächsten gebrochen werden,“ sagte +er zu seinem Freunde John Crofton, der bald zagend +und angstvoll zu dem roten Kometen emporblickte, bald +auf die Straßen hinabsah, die von dem Lärm und +von dem Geschrei der Menschen erfüllt waren. +</p> + +<p>„Die Länge der Wellen, die die roten Strahlen +verursachen, ist größer als die aller übrigen Strahlen; +die Anzahl der Schwingungen, welche sie in einer Sekunde +<!-- page 077 --> +vollbringen, ist dagegen die kleinste, etwa vierhundert +Billionen in der Sekunde. Dadurch ist die intensive +Kraft gerade der roten Farbe erklärt. Ich glaube, daß +das Purpurlicht durch Elektrizität hervorgerufen wird, +die den roten Kometen umgibt. Wir haben jedenfalls +eine ganz ähnliche Erscheinung vor uns, wie bei dem +Polarlicht, das in der Höhe nach Breiten abfließt, um +sich schließlich allmählich dort auszugleichen, wo die +Luft trockner wird. Dieselbe Erscheinung haben wir +in tieferen Breiten, nur zeigen sich die elektrischen Wellen +dort nicht als Licht, sondern als Gewitter. +</p> + +<p>Denke dir das Polarlicht billionenmale vergrößert, +in seiner Kraft, dazu weit intensiver leuchtend durch den +elektrischen Strom, welcher rund um den Kometen herumläuft, +und du hast eine sichere Erklärung für das rote +Licht dieses Sternes.“ +</p> + +<p>Romulus Futurus wurde in seinen Ausführungen +durch die Volksmenge unterbrochen, die stürmisch +Schutzmaßregeln gegen den roten Kometen von ihm verlangte. +</p> + +<p>Der Kultusminister erklärte, er werde alles tun, +um Berlin vor dem Untergange zu retten. +</p> + +<p>Und er gab einen seltsamen Befehl. — +</p> + +<p>In der Mitte der Stadt, wo das Schloß und alle +die vornehmen Gebäude lagen, drängte sich das Volk +zusammen. Dort wurde auf den Befehl des Romulus +Futurus alles zusammengetragen, was Berlin an +Gummi und ähnlichen Stoffen besaß. Aus diesen Materialien +wurden Schutzwände gebildet, an denen die +elektrischen Wellen des roten Kometen, die sich als rote +Lichtflut dem Auge zeigten, abprallen sollten. +</p> + +<p>In der Tat zeigte sich, daß die Wirkung des +<!-- page 078 --> +Lichtes da sofort aufhörte, wo die Menschen sich hinter +solchen Gummiwänden verbargen, denn die Elektrizität +prallte wirkungslos an diesen Schutzvorrichtungen ab. +</p> + +<p>Was aber halfen diese Maßregeln, die den +Anstrengungen eines Ameisenhaufens gegen einen +Taifun gleichkamen, gegen die furchtbaren Stunden, +die jetzt folgten! +</p> + +<p>Der rote Komet preßte sich förmlich an die Erde +heran, und jede Stunde, jeden Augenblick erwartete man +den Zusammenprall. +</p> + +<p>Mit dem herannahenden Untergang der Welt +zeigten die Menschen sich plötzlich so wie sie waren. +Die einen, die bisher unter der Maske der Tapferkeit +paradierten, wurden feige wie Hyänen, andere, +die nie aus dem Dunkel ihrer Bescheidenheit hervorgetreten +waren, verrichteten Wunder des Mutes und +der Arbeit. Alles, was lebensfähig war, das Militär, +die Arbeiter, die eben noch gegen die Obrigkeit gefochten, +die höchsten Staatsbeamten und die niedersten +Bewohner Berlins schafften fieberhaft an der Gummimauer, +welche sie vor dem letzten Untergang retten +sollte. Aber die Maßnahmen des Kultusministers erwiesen +sich gleichfalls als vollständig unzulänglich, +denn bald schmolz der Gummi unter der fabelhaften +Hitze, die von Stunde zu Stunde wuchs. Die Nacht +hatte sich zum Tage gewandelt und der ganze westliche +Himmel schwamm in einem Meer von purpurnem Feuer. +Myriaden von den verschiedensten Farbentönen, angefangen +vom blassesten Rosa bis hinauf zum tiefsten +Burgunder, schwammen am Himmel. Schließlich glitten +sie zusammen, zerschmolzen, vereinigten sich, und +das ganze Firmament war ein einziges Chaos von +Blut und Flammen. +</p> +<!-- page 079 --> + +<p>Der Schrecken, der die Menschen ergriffen hatte, +war unbeschreiblich. Hunderte und Tausende flüchteten +sich in die Kirchen. Der Dom im Lustgarten war besetzt +von Verzweifelten. In der französischen Kirche +am Gendarmenmarkt wurde ein Tedeum abgehalten. +Hunderte wieder wurden in ihrer Angst auf die +Friedhöfe getrieben, als könnten sie Trost oder +Hilfe bei den Verstorbenen finden. Auf dem Luisen- und +dem alten Sophienkirchhof drängten sich die von +wilder Panik Erfaßten ebenso wie auf dem neuen +Gottesacker, der sich bis Freienwalde ausdehnte. Die +wenigsten fanden den Mut, in den großen Bauten, +die bisher weltlichen Zwecken gedient, Zuflucht +zu suchen. Und doch war es das klügste, und +die, welche im königlichen Schauspielhaus Zuflucht gesucht +hatten, waren wenigstens in den kühlen Hallen +halbwegs geschützt gegen die höllische Hitze, die in +den Straßen brütete. Viele stürzten in die Keller, um +dort für kurze Zeit Kühlung zu finden. Die meisten +aber mieden, aus Furcht vor einem Erdbeben, die Häuser +und tobten durch die Straßen. +</p> + +<p>Plötzlich schrie die Menge auf. +</p> + +<p>Auf dem königlichen Schlosse, das von Tausenden +umlagert war, stieg plötzlich eine Feuersäule +kerzengerade zum Himmel empor, oder besser, sie war +von dort gekommen und stand nun drohend und purpurrot +auf dem Dache. Zu gleicher Zeit stürzten mehrere +Soldaten tödlich getroffen zu Boden. Im ersten Moment +hatte niemand begriffen, was geschehen war, als sich +aber die Erscheinung wiederholte, da wußten die Ingenieure +sofort Bescheid. +</p> + +<p>Ein Haus ging sogar in Flammen auf. In ein +zweites fuhr der Strahl und tötete beinahe alle Bewohner, +<!-- page 080 --> +während zu gleicher Zeit die Flammen aus +den Fenstern schlugen. +</p> + +<p>Auf dem Schlosse war es eine Kupferstange gewesen, +die den elektrischen Blitz angezogen hatte. Die +Helme der Soldaten boten gleichfalls für die elektrischen +Ströme, welche die Atmosphäre erfüllten, einen willkommenen +Stützpunkt, bis das Militär verzweifelt die +Kopfbedeckungen abriß und von sich warf, die Gewehre +und Säbel zerbrach und auf die Straße schleuderte. +</p> + +<p>Plötzlich hörte man die Signale der Feuerwehr. +Nicht weniger als zehn Häuser brannten im Zentrum +der Stadt. Die Soldaten mußten Hilfe leisten, und alle +anderen Menschen legten Hand an, um wenigstens für +den Augenblick die furchtbare Situation zu vergessen. +</p> + +<p>Alles ging in Flammen auf, was von einem der +elektrischen Funken ergriffen wurde, die wie Glühwürmer +die in Purpur getauchte Nacht durchschwirrten. +</p> + +<p>Im Westen zog sich ein Streifen von so intensivem +Rot, daß man im ersten Augenblick glaubte, dort +stände schon die ganze Welt in Flammen. Es sah nicht +anders aus, als sei die Erde dort, wo sie endete, +in Blut getaucht, oder als schwimme sie in einem Meer +von Glut. +</p> + +<p>Die Häuser erhitzten sich, und die Menschen sprangen +laut schreiend auf die Straße hinaus, während die Fenster +barsten und die großen Auslagen der Läden +splitternd und krachend zusammenfielen. +</p> + +<p>Gebete, in wahnsinniger Angst hinausgeschrien, +stiegen zu dem roten Kometen empor. Furchtbare Flüche +wurden gegen diese neue, gigantische rote Sonne ausgestoßen, +die drohend und schrecklich über der Erde<a id="corr-14"></a> stand. +</p> + +<p>Plötzlich stürzten mehrere Häuser ein. Sie begruben +Hunderte von Menschen unter sich, denn zu +<!-- page 081 --> +damaliger Zeit waren die Gebäude in Berlin nach amerikanischer +Art teilweise zu einen Höhe von zwanzig Stockwerken +ausgebaut. Ihre Gerippe bildeten große Eisengerüste, +die sich unter der Glut, die auf den Häusern +lag, erhitzten, die Holzverkleidungen der Gebäude selbst +in Brand setzten und sich teilweise zusammenbogen wie +Weidenruten. +</p> + +<p>Die Straßen waren erfüllt von tausendstimmigem +Wehgeschrei, Klagen und Rufen. Sterbende ächzten, Verwundete +stöhnten und wimmerten, und die jeder Vernunft +baren Menschenströme wälzten sich über Tote +und Verwundete hinweg, zerstampften sie, zertraten sie, +flüchteten hierhin, dorthin, und konnten doch dem Verderben +nicht entrinnen, das von dem<a id="corr-15"></a> Kometen auf die +Erde niederkam. +</p> + +<p>Zwischen dieses Chaos von Verwüstung und Irrsinn +hinein drang das Geschmetter der Militärmusik; die +Soldaten wurden durch die eiserne Disziplin ihrer Offiziere +zusammengehalten und versuchten, so gut es ging, +die Ordnung aufrecht zu erhalten. Schaurig schollen +die Signale der Feuerwehr, die mit verzweifelter +Energie kämpfte, den Untergang Berlins zu verhüten. +</p> + +<p>Eine dicke Ruß- und Rauchwolke lagerte sich über +die Stadt. In manchen Straßen war es so arg, daß +die Menschen nicht mehr atmen konnten und Hunderte +erstickten, ehe sie einen rettenden Ausweg fanden. +</p> + +<p>Flimmernd lag der rote Rauch in der Luft; +die Atmosphäre erhitzte sich immer mehr und mehr. +Ueber der Spree lagerte die Wolke am dichtesten, denn +die hölzernen Schiffe hatten Feuer gefangen, und +brennende Kähne trugen die Flammen den Fluß entlang. +</p> + +<p>Der ganze Westen war eine einzige helle Glut. +<!-- page 082 --> +Die Straßen waren gefüllt mit Toten, die regungslos +auf dem erhitzten Pflaster lagen. +</p> + +<p>Um das Unglück noch größer zu machen, erhob sich +ein fürchterlicher Sturm. Rot und bläulich gefärbte +Wolken, mit Phosphor gefüllt, trieb der Wind am +Himmel umher. Sie ballten sich zusammen zu einer +dicken, schwarzen Masse, durch die, kaum sichtbar, noch +der rote Komet hindurchschimmerte. Die Spreewasser +wurden aufgepeitscht von dem Sturm, der mit Brausen, +Tosen und Zischen über Berlin hinwegfuhr. Nebel +schienen sich auf die Stadt herabzusenken, ein roter, +glühender Schleier, der die Lungen versengte und das +Atmen immer schwerer machte. +</p> + +<p>General Treufest, welcher derzeit Stadtkommandant +von Berlin war, ließ alle schweren Geschütze zusammenfahren +und eröffnete eine furchtbare Kanonade gegen +den Rauch, gegen die Wolken und gegen den roten +Kometen. Er gab sich der vagen Hoffnung hin, durch +den großen Luftdruck der Geschosse die Atmosphäre zu +säubern; in der Hauptsache aber war der Befehl wohl +auch kopflos gegeben, hervorgerufen durch starres Entsetzen +und jene Panik, die die klügsten Köpfe völlig besinnungslos +machte. +</p> + +<p>Die Kanonade, welche in der Stadt anhob, erhöhte +nur das Grauen, ohne die Kraft der Elemente eindämmen +zu können. Die Menschen, die nicht sofort +die Ursache der Erderschütterung und des schrecklichen +Getöses kannten, glaubten, ein Erdbeben sei gekommen +und versuchten nun, aus den Straßen hinauszuflüchten, +sprangen übereinander, traten sich gegenseitig nieder, +zerfleischten sich und bildeten einen großen Knäuel, ein +blutiges, schreckliches Chaos. +</p> + +<p>Mit unheimlichen Getöse und furchtbarem Krachen +<!-- page 083 --> +fielen die Häuser zusammen. Ganze Stockwerke, von +der Hitze beinahe geschmolzen, senkten sich auf die unteren +herab, gehalten von schweren Eisensäulen, so daß die +entsetzten Menschen in Wahrheit zwischen Ruinen wandelten. +</p> + +<p>Plötzlich setzte ein Regen ein, und schon wurden +Stimmen der Hoffnung laut, als die Unglücklichen erkannten, +daß die Tropfen, die zischend auf das heiße +Pflaster fielen, selbst erhitzt waren, daß die Wolken lediglich +Ströme von Dampf, Glut und Gischt auf die Erde +niedersandten. Durch die Wolke von Rauch hindurch +sah man blutrote Nebel, und zwischen ihnen rannten +die Menschen schreiend und keuchend hin und her, mit +verglasten Augen, von Fieber und Todesangst geschüttelt. +</p> + +<p>Unter der großen Menge hatten sich auch Romulus +Futurus, seine Gattin Fabia und sein Freund John +Crofton befunden. Es gab keinen Unterschied mehr +zwischen den Menschen. Die Karossen und elektrischen +Equipagen lagen zertrümmert und verbrannt in den +Gassen. Die Luftschiffe, welche zuerst versucht hatten, +das Geheimnis des roten Kometen zu ergründen, waren +auch zunächst von der furchtbaren Hitze ergriffen worden. +Die Glut hatte die Gashüllen gesprengt und in Flammen +gesetzt. Die Aluminiumgerippe waren zerbrochen wie +Glas und Tausende von großen Schiffen waren wie +Sternschnuppen niedergefahren, brennende, leuchtende +Klumpen, von denen sich Stoff-Fetzen und tote Menschenleiber +ablösten. +</p> + +<p>Die drei gingen durch die Wilhelmstraße. Dort, +wo in früheren Jahren das Kultusministerium gestanden, +erhob sich jetzt ein großes, prachtvolles +Palais, das mit vielen anderen Häusern den Gefahren +<!-- page 084 --> +bis dahin entgangen war. Die großen Tektonwände, +in die es eingefaßt war, hatten den umherfliegenden +Feuerfunken widerstanden. +</p> + +<p>Zwar waren alle Fenster gesprungen, aber nichts +deutete darauf hin, daß die Bewohner von dem gleichen +panischen Schrecken ergriffen worden waren wie alle +anderen Menschen. +</p> + +<p>Oder stand das Haus leer? +</p> + +<p>Frau Fabia, die der furchtbaren Verwüstung in +den Straßen und der grenzenlosen Katastrophe bis jetzt +mit größtem Seelengleichmut begegnet war, während +John +Crofton mehr tot als lebendig neben dem finsteren +Romulus Futurus herwankte, wurde plötzlich von +einer seltsamen Unruhe ergriffen, als sie dieses Haus +erblickte, in dessen Nähe sie bis jetzt noch nie gekommen +war. +</p> + +<p>Sie klammerte sich mit beiden Armen an ihren +Gatten und stieß hastig hervor: +</p> + +<p>„Was ist das, Romulus? Was ist das für ein Haus?“ +</p> + +<p>Romulus Futurus ließ seinen Blick über das Gebäude +gleiten. +</p> + +<p>„Es ist der Palast der Fürstin Angelika,“ erwiderte +er gleichmütig und wollte seinen Weg fortsetzen. Aber +Frau Fabia hielt ihn zurück. +</p> + +<p>„Angelika“ murmelte sie, „Angelika . . . Der Name +ist mir so bekannt.“ +</p> + +<p>„Die Fürstin wurde dir doch damals vorgestellt, +als wir mit Doktor Diabel und den andern in seinem +Hause soupierten.“ +</p> + +<p>Sie schüttelte den Kopf. +</p> + +<p>„Davon weiß ich nichts!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus machte eine Handbewegung. +</p> +<!-- page 085 --> + +<p>„Verzeih’, ich vergaß, daß dir die Erinnerung an +alles, was in der Vergangenheit liegt, geschwunden ist.“ +</p> + +<p>Er sprach gleichgültig, als rede er mit einem völlig +fremden Menschen, denn er liebte Frau Fabia schon +lange nicht mehr. Sein Wunsch stand auf etwas anderes, +auf ein Wesen, auf ein Idol gerichtet, das er nicht +nennen konnte, das ihm nur vorschwebte, auf die +schemenhafte Erscheinung, die er unter seinem Bilde +kennen gelernt und die nun doch — das stand außer +Zweifel — im Körper seiner Gattin Fabia wohnte. +</p> + +<p>Sie ließ sich von dem Hause nicht fortbringen. +</p> + +<p>„Es kommt mir so seltsam bekannt vor,“ flüsterte +sie unaufhörlich, während ihr Blick einen eigentümlichen<a id="corr-16"></a> +Schimmer annahm. „Aber das ist ja mein Haus! +Das ist ja mein Palais!“ rief sie plötzlich, sich an Romulus +Futurus klammernd. Im nächsten Moment stieß sie +einen gellenden Schrei aus, sank in die Arme ihres +Gatten und deutete zitternd, während ihre Zähne wie +im Frost aufeinanderschlugen, zum Fensterkreuz des +ersten Stockes empor. +</p> + +<p>Sowohl Romulus Futurus als auch John Crofton +waren ihr mit den Augen gefolgt. +</p> + +<p>Dort oben stand Doktor Diabel und sah hohnlachend +herab. Sein Gesicht hatte wahrhaftig die Fratze +eines Teufels angenommen. +</p> + +<p>Die Welt und ihre Interessen hatten sich in den +Stunden so geändert, daß John Crofton längst nicht +mehr an sein Dokument dachte. Und Romulus Futurus +wunderte sich nicht, den Gefangenen hier zu sehen, denn +es war ja bekannt, daß die Revolutionäre alle Gefängnisse +gestürmt hatten. +</p> + +<p>Obwohl das alles nur um Stunden zurücklag, schien +<!-- page 086 --> +es doch jedem, als ob Jahre, dazwischen liegen müßten. +So furchtbar waren die letzten Erlebnisse. +</p> + +<p>Plötzlich erfüllte ein furchtbarer Donnerschlag die +Luft. Der Himmel glühte, ein Regen von feurigem +Dampf und siedendem Wasser spritzte vom Firmament +auf die Erde nieder, und die Atmosphäre war förmlich +geschwängert von Glut. +</p> + +<p>Es war unmöglich, sich noch länger auf der Straße +zu halten, und Romulus Futurus, seine Gattin Fabia +und John Crofton flüchteten sich in den Palast der +Fürstin Angelika, der ihnen am nächsten lag, um dem +Glutregen zu entkommen. +</p> + +<p>Große Lufthydranten füllten den Palast der Fürstin +Angelika mit Sauerstoff. Romulus Futurus und John +Crofton wollten sich im Vestibül aufhalten, aber Frau +Fabia drängte auf die Treppe zu. +</p> + +<p>„Was willst du?“ fragte ihr Gatte zornig. „Sollen +wir uns aus dem Hause weisen lassen? Willst du die +Fürstin beleidigen?“ +</p> + +<p>Aber Frau Fabia schien plötzlich den Verstand verloren +zu haben. +</p> + +<p>„Von welcher Fürstin sprichst du?“ fragte sie mit +irren, lohenden Blicken. +</p> + +<p>„Von der Fürstin Angelika.“ +</p> + +<p>„Die Fürstin Angelika bin ich selbst!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus und John Crofton sahen sich an. +John Crofton, der Frau Fabia immer noch mit gleicher +Glut liebte, dachte nicht anders, als sie habe über all +diesen Schrecken den Verstand verloren. Das wäre nichts +Besonderes gewesen an diesem Tage, wo Tausende von +Irrsinnigen durch die Straßen hetzten. Romulus Futurus +aber öffnete plötzlich weit die Augen und sah +seine Gattin mit einem seltsamen Blick an. +</p> +<!-- page 087 --> + +<p>„Wenn das möglich wäre —“ murmelte er; und +um John Crofton eine Erklärung zu geben, sagte er, +von einem entsetzlichen Fieber gepackt, das hektisch auf +seinen Wangen glühte: „Gehe voraus, Fabia!“ +</p> + +<p>Auch ohne die Erlaubnis ihres Gatten hatte Frau +Fabia bereits den Fuß auf die Treppe gesetzt und eilte +nun mit leichten Schritten über die teppichbelegten Stufen +empor. Im ersten Stockwerk angekommen, stieß sie die +Tür eines Zimmers auf. Von neuem aber ließ sie +jenen Schrei hören, den Romulus Futurus und John +Crofton bereits zweimal schon von ihr gehört. Sie +lehnte sich zitternd in die Ecke des Zimmers, streckte +beide Arme halb abwehrend, halb beschwörend von sich +und regte sich nicht; nur in den großen Augen lag +ein Grauen, das wie Irrsinn funkelte . . . +</p> + +<p>Inzwischen waren Romulus Futurus und John +Crofton ihr gefolgt. Der erste Mensch, den<a id="corr-17"></a> sie erblickten, +war Doktor Diabel, der sich am Fenster umgewandt +hatte und ihnen nun mit verschränkten Armen +entgegensah, während Blitze aus seinen Augen schossen. +</p> + +<p>„Was wollen Sie hier?“ schrie er. „Wie können +Sie es wagen, in dieses Haus einzudringen? Ich verlange +Achtung vor der Fürstin Angelika, vor ihrer +schweren Krankheit! Sie ringt mit dem Tode!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus hatte die Brauen zusammengezogen, +daß sie eine einzige dunkle Linie über den +Augen bildeten. +</p> + +<p>„Es ist unnötig, daß Sie uns Verhaltungsmaßregeln +geben,“ entgegnete er. „Noch bin ich Kultusminister +und oberster Polizeibeamter von Berlin! Noch +steht mir der Eintritt in jedes Haus frei! Die Fürstin +Angelika scheint mir jedenfalls am schlechtesten aufgehoben +zu sein unter Ihrer Pflege.“ +</p> +<!-- page 088 --> + +<p>Doktor Diabel stürzte Romulus Futurus entgegen +und hob den Arm, als wolle er sich an ihm vergreifen. +Der aber packte die erhobene Hand und preßte +sie mit solcher Kraft nieder, daß Doktor Diabel ein +leises Stöhnen entfloh. +</p> + +<p>Dann wandten sich Romulus Futurus und John +Crofton nach der Seite, wo ein großes Himmelbett +stand. Ein blauseidener Baldachin spannte sich darüber. +Es erweckte gerade jetzt, da die Purpurglut mit furchtbarer +Kraft durch die Fenster hereinflutete, in den +Männern ein eigentümlich frommes Gefühl, da ihre +Blicke sich an diesem blauen Atlas weiden konnten, der +die ehemalige Farbe des Himmels hatte. +</p> + +<p>Unter diesem Baldachin lag in weißen Kissen eine +abgezehrte, bleiche Gestalt. Man sah, daß sie schon +Monate hier ruhte. Und in der Tat lag die Fürstin Angelika +seit dieser Zeit in einem todesähnlichen Schlaf, +aus dem sie nicht ein einziges Mal erwacht war. +</p> + +<p>Sie bildete ein Phänomen für die Wissenschaft, die +sie nicht zu erwecken vermochte, obwohl die Verwandten +riesige Summen aufgeboten. Die Fürstin Angelika war +nicht gestorben. Sie schien aber auch nicht mehr zu +leben. Sie lag regungslos da, bleich wie ein Wachsbild. +Aber diese mysteriöse Krankheit hatte ihre Schönheit +trotz allem nicht töten können. Im Gegenteil: dieser +Körper schien nichts Irdisches mehr an sich zu haben. +Er glich dem eines Engels, und wenn es eine Aehnlichkeit +zwischen Seele und Körper gibt, so hätte man in +diesem Augenblick sicher beide nicht unterscheiden können, +denn die schlafende Fürstin sah aus wie ein überirdisches +Wesen. +</p> + +<p>Romulus Futurus hatte kaum einen Blick auf das +Lager geworfen, hatte kaum mit den Augen die Gestalt +<!-- page 089 --> +dieses Engels umfaßt, als seine Brust in tiefen +Atemzügen sich hob und senkte. Seine Fäuste ballten +sich zusammen und die Nägel der Finger fuhren in sein +Fleisch, seine Augen rollten. Er wurde so bleich wie +das Marmorsims des Kamins; selbst John Crofton +wechselte die Farbe und starrte entsetzt bald auf Romulus +Futurus, bald auf die Fürstin Angelika. +</p> + +<p>„Sie ist es, sie ist es!“ stieß der Gelehrte endlich +zwischen den Zähnen hervor. „Allmächtiger, sie +ist die Erscheinung aus meiner Galerie, sie ist das +Wesen, das mich in seinem Bann hält seit vier Monden!“ +</p> + +<p>Und wie ein gefällter Baum stürzte er an +dem Bett der Fürstin Angelika nieder, umschlang +den Körper mit seinen starken Armen und bedeckte, +einem Wahnsinnigen gleich, die kalten, bleichen +Lippen mit rasenden Küssen. +</p> + +<p>Doktor Diabel schien nicht zu begreifen, was sich +hier abspielte. Er selbst war so verblüfft, daß er nicht +den Mut fand, ein Wort zu sprechen, während Frau +Fabia, die von einem unnatürlichen Schrecken vor Doktor +Diabel ergriffen zu sein schien, immer noch in die Ecke +gekauert lag und nur von Zeit zu Zeit flüchtig, wie ein +scheuer Vogel, den Blick zu dem Arzte hinüberflattern +ließ. +</p> + +<p>Ein einziger von den Menschen, die sich in dem +Zimmer befanden, begriff außer Romulus Futurus, was +hier vorging: John Crofton. +</p> + +<p>Auch er hatte auf den ersten Blick erkannt, daß +zwischen der Fürstin Angelika, die hier im tiefen Schlafe +lag, und jener nebelhaften Erscheinung, die die lichtempfindliche +Platte in der Galerie festgehalten hatte, +eine solche Aehnlichkeit herrschte, daß man beide für ein +und dieselbe Person halten mußte. +</p> +<!-- page 090 --> + +<p>Er verstand allerdings nicht, wie dieses Rätsel sich +lösen sollte, bis Romulus Futurus, der vergeblich versucht +hatte, den Körper der Fürstin zum Leben zu erwecken, +plötzlich aufsprang. +</p> + +<p>„Sie ist kalt, eiskalt!“ schrie er wie ein Rasender +Und Doktor Diabel, der es nicht glauben wollte, stürzte +herbei, betastete ihre Hände, ihre Arme, ihr Gesicht, +sprang dann zum Fenster zurück und begann, ohne auf +die anderen zu achten, eine Beschwörung, die höchst +merkwürdig war. +</p> + +<p>Er beschrieb über dem Kopfe der Leblosen magische +Zeichen. Man sah, wie er seinen ganzen Willen konzentrierte. +Er schrumpfte zusammen vor ungeheurer +Aufregung, seine Augen wurden starr wie schwarze +Perlen; mit gepreßter Stimme sagte er: +</p> + +<p>„Ich befehle dir, Angelika, zu erwachen! Du sollst +erwachen! Du mußt erwachen!“ +</p> + +<p>Das wiederholte er in einem fort wie ein Verrückter, +während seine Augen irr an der Leblosen hingen. Plötzlich +stieß er einen Schrei aus, fiel, von der übermenschlichen +Anstrengung erschöpft, zu Boden und schrie: +</p> + +<p>„Es ist zu spät, zu spät! Die Seele kehrt nicht mehr +in den Körper zurück!“ +</p> + +<p>Jetzt schien Romulus Futurus zu fassen, was +hier vorgefallen war. Halb vornübergebeugt, wie ein +Riese, die Arme vorgestreckt, die Fäuste geballt näherte +er sich Doktor Diabel, packte ihn mit beiden Händen an +der Brust, schleuderte ihn hin und her und schrie: +</p> + +<p>„Du hast sie hypnotisiert, Elender, gestehe! — — +</p> + +<p>Du hast vor vier Monaten diese Unglückliche in einen +magnetischen Schlaf versetzt und hast sie nicht mehr +daraus erweckt! Schurke, Hund, Scheusal, gestehe! Gestehe, +oder ich zerquetsche dich unter meinen Fäusten!“ +</p> +<!-- page 091 --> + +<p>Dieses Toben eines Mannes, der bis zur +Stunde nie seine überlegene Ruhe verloren hatte, gewährte +einen schrecklichen Anblick. Unter diesen Fäusten, +kraftlos gemacht durch die Hitze und Flammen, die den +Horizont erfüllten, sank Doktor Diabel in die Knie. +Kalter Schweiß stand auf seiner Stirn, und schlotternd, +im Zerrbild von Angst und Feigheit, gestand er: +</p> + +<p>„Ja, ja, es ist wahr! Ich habe sie in magnetischen +Schlaf versetzt, ich habe ihr befohlen, zu schlafen, immer +zu schlafen und nichts mehr zu wissen, und nun — nun +ist es zu spät — ich habe den rechten Augenblick versäumt +— sie ist tot, tot!“ +</p> + +<p>Romulus Futurus schüttelte den Schwächling, daß +sein Kopf hin und her gegen die Wand schlug. +</p> + +<p>„Warum?“ schrie er mit furchtbarer Stimme, +während der Wahnsinn aus seinen eigenen Augen brach, +„warum?“ +</p> + +<p>„Weil ich sie liebte, und weil sie gestand, daß ihr +Herz einem anderen gehörte, an den sie immerfort dächte, +daß sie nur einen lieben könne, nur einen . . .“ +</p> + +<p>„Wen? Wen? Sprich!“ +</p> + +<p>„Sie sprach von Romulus Futurus,“ ächzte Doktor +Diabel. +</p> + +<p>Romulus Futurus reckte und dehnte sich wie ein +Gigant. Er war furchtbar anzusehen, und John Crofton +erkannte mit Angst und Schrecken, daß sein Freund irrsinnig +geworden war. +</p> + +<p>„Mich hat sie geliebt! Mich! Verstehst du, John? +Crofton? Begreifst du alles? Dieser Schurke hat die +Fürstin in einen magnetischen Schlaf versetzt, und ihre +Seele wandelte frei umher und flüchtete zu dem, den +sie liebte, während der Körper hier in den Fesseln des +Magnetismus lag. Ihre Seele habe ich gesehen, und so +<!-- page 092 --> +habe ich mich in sie verliebt! Ich kann nicht mehr leben +ohne sie!“ +</p> + +<p>Er wandte sich um. Mit seinem breiten Körper +versperrte er den Ausgang. Dann riß er den +Leichnam der Fürstin Angelika aus den Kissen, hob sie +in die Luft, daß das weiße, seidene Nachtkleid an ihrem +Körper auf den Teppich niederfloß, und rief: +</p> + +<p>„Du sollst erwachen, du sollst erwachen! Ich liebe +dich ja! Ich liebe dich bis zum Wahnsinn!“ +</p> + +<p>Aber die Fürstin Angelika erwachte nicht mehr. +Zu lange hatte die Seele gezögert, wieder in den Körper +zurückzukehren. Jetzt, da die Fürstin entschlafen war, +da der Körper seine Beziehungen zur Seele verloren +hatte und verfiel, jetzt gehorchte jene der magnetischen +Gewalt des Doktor Diabel nicht mehr, und der Tod des +Leibes war damit unwiderruflich besiegelt. +</p> + +<p>Romulus Futurus hieß den leblosen Körper in die +Kissen zurückgleiten, stellte sich breit hin und heftete sein +von Wahnsinn erfülltes Auge auf Frau Fabia, die, +von Furcht geknebelt, mit halb geöffneten Lippen all +diesen Vorgängen gelauscht hatte. +</p> + +<p>„Was gebe ich mich der Verzweiflung hin?“ murmelte +er, während die Gluthitze des roten Kometen das +Zimmer durchsengte, während das Todesgeschrei der +Menschen von den Straßen herauftönte und Beten, +Flüche und Verwünschungen durch die Luft hallten. +</p> + +<p>„Was zögere ich noch? Du — du,“ er wandte sich +an Frau Fabia, — „du bist es und bist es nicht! In +deinem Körper lebt die Seele Angelikas, und darum +kann sie nicht zurückkehren in den Leib, den ich anbete!“ +— — — +</p> + +<p>Er richtete sich höher auf, erfaßte mit seinen starken +<!-- page 093 --> +Fäusten Frau Fabia, die leise, verzweifelte Angstrufe +hören ließ, schleifte sie zu sich hin und schrie: +</p> + +<p>„Gib die Seele zurück, die nicht dir gehört! Angelika +soll leben! Ich will es! Hörst du?“ +</p> + +<p>Und als ihm nichts antwortete als das stumme +Entsetzen der Menschen, die sich in dem Zimmer befanden, +ließ er Frau Fabia plötzlich los, stürzte sich von +neuem auf Doktor Diabel, zerrte ihn zu ihr hin und +schrie: +</p> + +<p>„Töte sie, töte sie, daß ihre Seele in den Körper +Angelikas zurückkehren kann!“ +</p> + +<p>Doktor Diabel sank unter der furchtbaren Faust, +die ihn zu Boden drückte, in die Knie. Er hätte nicht +die Kraft gefunden, einen Arm zu erheben, geschweige +denn, den entsetzlichen Befehl des Romulus Futurus +auszuführen. +</p> + +<p>Der aber, von wahnwitziger Wut gepackt, weil +Dr. Diabel nicht sofort seinem Befehl folgte, +riß ihn in die Höhe, hielt ihn einige Augenblicke in der +Luft und schleuderte ihn mit so entsetzlicher Kraft gegen +die Wand, daß der Kopf des Arztes zerschellte. +</p> + +<p>John Crofton wurde von namenlosem Grauen ergriffen. +Er versuchte vergeblich, die Tür frei zu machen. +Romulus Futurus hatte seine Absicht erkannt und +füllte den Ausgang wieder mit seinem gigantischen +Körper aus. +</p> + +<p>„Habe ich nicht recht, John?“ rief er mit schauerlichem +Lachen. „Habe ich nicht recht? Endlich, endlich +bin ich am Ziele.“ +</p> + +<p>Und er beugte sich blitzschnell nieder, ergriff die +Unglückliche, die vor Entsetzen und Todesgrauen die Besinnung +verloren hatte, und preßte mit seinen Fingern +ihren Hals zusammen. +</p> +<!-- page 094 --> + +<p>Das war zu viel für John Crofton, in dem längst +aller Haß gegen Frau Fabia gestorben, in dem die alte +Liebe mit neuer Kraft emporgeloht war. Das konnte er +nicht mit ansehen. Er wurde von rasender Wut gegen +Romulus Futurus gepackt; brüllend warf er sich auf +den Freund, entriß ihm die Ohnmächtige und schlug +ihm mit der geballten Faust ins Gesicht. +</p> + +<p>Aber stärkere Männer als John Crofton hätten +diesen Rasenden nicht mehr bändigen können. Er griff +nun den Freund an, warf ihn zurück, packte ihn von +neuem, und zwischen den beiden Männern entspann +sich ein Ringen auf Leben und Tod, ein qualvoller, +entsetzlicher Kampf, der das ganze Zimmer erfüllte, +der nahezu zehn Minuten währte, bis Romulus Futurus +den Gegner endlich niedergezwungen hatte, bis +es ihm glückte, das Messer aus der Tasche zu ziehen. +</p> + +<p>Er stieß es wohl ein dutzendmal dem Erschöpften +in die Brust, bis dieser die Glieder streckte +und regungslos lag in einer Lache von Blut. +</p> + +<p>Einem Tiere gleich, warf sich darauf Romulus Futurus +von neuem auf Frau Fabia und tötete sie mit +eigener Hand. +</p> + +<p>So stand er stieren Blicks zwischen den beiden +Leichnamen und befahl mit lallender Stimme, daß die +Seele Angelikas wieder in den Körper zurückkehre. +</p> + +<p>Aber diesmal glückte das Experiment nicht. +</p> + +<p>Dieses ätherische Wesen, von dem man bis zu den +Tagen des Romulus Futurus nur einen unbestimmten +Begriff gehabt hatte, konnte nicht in einen toten Körper +übergehen, nachdem er schon einmal in eine fremde +Materie gebannt worden war. +</p> + +<p>Die Fürstin Angelika blieb tot, und Romulus Futurus +stand mit gebeugten Schultern zwischen vier Leichnamen. +<!-- page 095 --> +Inzwischen brütete draußen auf den Straßen +der Tod. Purpurne Blitze zuckten nieder, die Donner +rollten über den einstürzenden Häusern, die Luft war +erfüllt von dem Todesgeschrei Tausender von Menschen, +bis die Nacht vorüberging und der Tag anbrach. Da ließ +die Hitze nach, und von Stunde zu Stunde wurde es kühler +in den Straßen. Hinter fahlen Nebeln verschwand der +Komet mehr und mehr, und die, welche nach jener +entsetzlichen Nacht noch am Leben geblieben waren, erkannten, +daß der Zusammenstoß zwischen dem Gestirn +und der Erde nicht erfolgt war. +</p> + +<p>Der furchtbare Stern war vorübergeglitten, +vielleicht nur durch einige Millionen von Kilometern +noch von der Erde getrennt, und nun setzte er seine Bahn +fort, weiter in den unendlichen Weltenraum. +</p> + +<p>Die Erde war gerettet. Mit der Stunde, da die +Gefahr vorüber war, da die Hitze nachließ und die +zurückgebliebenen Menschen sich mehr auf sich selbst besannen, +mit diesem Augenblick wurden sie wieder ruhig, +selbstbewußt, und erinnerten sich ihrer Zivilisation und +Kultur. +</p> + +<p>Der rote Komet war erloschen für immer. Die +Menschen machten sich daran, die Folgen dieser entsetzlichen +Katastrophe zu beseitigen. +</p> + +<p>Soldaten und Feuerwehrleute eilten durch die +Straßen, sammelten die Leichen, packten sie in Särge und +Tücher und beerdigten sie. Man drang in die Häuser, +rettete die, welche noch zu retten waren, und säuberte +die Gebäude von Leichen. +</p> + +<p>Das Leben begann wieder seinen gewohnten Gang +zu nehmen, der Pulsschlag der Arbeit hämmerte +wieder in dem Körper Berlins. Da drangen Soldaten +und Offiziere auch in das Palais der Fürstin Angelika +<!-- page 096 --> +ein und fanden die Opfer der entsetzlichen Katastrophe, +die sich dort abgespielt hatte. +</p> + +<p>Sie fanden einen Wahnsinnigen zwischen vier +Leichen. Als sie in das Zimmer traten, da wies er mit +der Hand zur Decke empor: „Seht ihr die kleine rote +Flamme, die gerade über meinem Haupte steht und +flackert? Seht ihr sie?“ +</p> + +<p>Niemand sah sie. Romulus Futurus aber erblickte +sie, dieses kleine, purpurrote Flämmchen, das gerade +über ihm stand, und er wußte, daß das die Seele der +Fürstin Angelika war. — Die andern aber sahen es nicht. +Sie führten den Wahnsinnigen gefesselt durch die Straßen +und brachten ihn in eine kleine, einsame Zelle. Dort +brütete der ehemalige berühmte Astronom mehrere Tage +schweigend vor sich hin. Von Zeit zu Zeit sprang er +auf und versuchte, das kleine, rote Flämmchen, das niemand +sah außer ihm, einzufangen . . . +</p> + +<p>Wenn ihm dies nicht gelang, dann warf er sich +auf den Boden hin und schluchzte und tobte, bis die +Wärter kamen und ihn in Fesseln legten. +</p> + +<p>„Er sieht eben immer noch die Purpurfarbe des +roten Kometen,“ meinte der Oberarzt der Irrenanstalt. +„Was ist da zu machen? Er wird nie mehr gesund +werden.“ +</p> + +<p>So war es auch. Romulus Futurus kam nicht +mehr zu sich; vier Wochen später trug man ihn zu +Grabe, als letztes Opfer des roten Kometen, dessen Erscheinen er als Erster verkündet hatte. — +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<div class="centerpic"><img src="images/096.jpg" alt=""/></div> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="centerpic" style="page-break-before:always"><img src="images/back.jpg" alt=""/></div> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Notes"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> +<li> bloßen — geändert in <a href="#corr-1"><i>bloßem</i></a></li> +<li> in — geändert in <a href="#corr-2"><i>im</i></a></li> +<li> entgegenete — geändert in <a href="#corr-3"><i>entgegnete</i></a></li> +<li> Wielands — geändert in <a href="#corr-4"><i>Wieland</i></a></li> +<li> Acethylen — geändert in <a href="#corr-5"><i>Acetylen</i></a></li> +<li> nichts — geändert in <a href="#corr-6"><i>nicht</i></a></li> +<li> her — geändert in <a href="#corr-7"><i>der</i></a></li> +<li> seine — geändert in <a href="#corr-8"><i>keine</i></a></li> +<li> daß — geändert in <a href="#corr-9"><i>das</i></a></li> +<li> schöne — geändert in <a href="#corr-10"><i>schönen</i></a></li> +<li> Croften — geändert in <a href="#corr-11"><i>Crofton</i></a></li> +<li> den — geändert in <a href="#corr-12"><i>dem</i></a></li> +<li> hoher — geändert in <a href="#corr-13"><i>hohe</i></a></li> +<li> Erbe — geändert in <a href="#corr-14"><i>Erde</i></a></li> +<li> den — geändert in <a href="#corr-15"><i>dem</i></a></li> +<li> eigentümlilichen — geändert in <a href="#corr-16"><i>eigentümlichen</i></a></li> +<li> dem — geändert in <a href="#corr-17"><i>den</i></a></li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der rote Komet, by Robert Heymann + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER ROTE KOMET *** + +***** This file should be named 37991-h.htm or 37991-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/9/9/37991/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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