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+The Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Haschisch
+ Erzählungen
+
+Author: Oscar A. H. Schmitz
+
+Illustrator: Alfred Kubin
+
+Release Date: October 15, 2011 [EBook #37763]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Haschisch
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+Erzählungen von
+Oscar A. H. Schmitz
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+Mit dreizehn Zeichnungen von Alfred Kubin
+München und Leipzig bei Georg Müller MCMXIII
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+Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68.
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+Inhalt
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+Haschisch
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+ Der Haschischklub
+ Die Geliebte des Teufels
+ Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
+ Karneval
+ Die Sünde wider den Heiligen Geist
+ Die Botschaft
+
+Der Schmugglersteig
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+Haschisch
+ Oh! là là! que d'amours splendides
+ j'ai rêvées! (Arthure Rimbaud).
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+Vorrede zur vierten Auflage
+
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+ICH würde und könnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902 zum ersten
+Mal erschienene Buch -- also lange bevor der Satanismus und das »groteske«
+Genre in Deutschland Mode waren -- heute nicht mehr schreiben, vielleicht
+weil meine Phantasie in weniger übermütiger Fülle blüht, vielleicht weil
+eine universellere Weltbetrachtung das rein ästhetische Flattern von Reiz
+zu Reiz etwas hemmt. Dennoch freue ich mich, dieses Buch als ein
+Vierundzwanzigjähriger geschrieben zu haben. Man hat mir die Notwendigkeit
+nahe gelegt, sein Neuerscheinen in Einklang zu bringen mit meinen in der
+letzten Zeit gelegentlich geäusserten und heftig angegriffenen Ansichten
+über die Grenzen zwischen Kunst, Sittlichkeit und Religion. Nun, ein
+Kunstwerk kann, wie ja heute bis zum Überdruss gepredigt wird, allerdings
+in sich weder unsittlich noch irreligiös sein. Vielmehr hat es als
+Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion überhaupt nichts zu tun. Wohl aber
+kann ein unsittlicher Gebrauch davon gemacht werden und beschränkte Gemüter
+mögen in ihrem Glauben daran Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange
+ich mich nicht, an den Grundlagen der Familie und Ehe zu rütteln, wenn ich
+mir auch als Künstler herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwürdigkeiten
+zu suchen, die ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drücke ich eine
+Missachtung vor der Religion aus -- was ganz und gar meiner eigenen
+religiösen Gesinnung widersprechen würde --, wenn ich zeige, wie eine
+gotteslästerliche Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie
+glaubt die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht
+Gottes anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal
+versichert, dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht
+eingehend konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstösst.
+Ein Gläubiger wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die
+grösste der Sünden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulässt. Immerhin
+ist das Buch nur für gebildete Erwachsene geschrieben. Sein Äusseres wird
+es aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es für die halbwüchsige
+Jugend unzugänglich machen, und sein Stil dürfte kaum das Interesse der
+Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der
+sozialen Sittlichkeit genug getan.
+
+Ich wende mich zunächst an erfahrene Männer. Wenn ihnen das Büchlein
+solcher Ehre würdig scheint, mögen sie es ihren Geliebten, die es doch in
+dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren Los ist,
+ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder Anmut zu
+blühen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern und Töchtern zu
+geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken aufbauen sollen,
+wäre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist überflüssig, oft
+gefährlich, doch kommt es natürlich immer auf die Frau an.
+
+Und dir, schöne Müssiggängerin, die du zufällig durch diese Vorrede gerade
+zur Lektüre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht anders kannst, lies
+es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf einen nicht ganz
+einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehörst. Solange du selber
+weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man sich nicht rühmen
+soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es in des Teufels
+Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt heuchlerischer
+Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: »es ist ja nichts dabei,« oder
+aber, gehörst du zu jenen schwatzhaften Gänsen, die immer wieder betonen,
+die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben sittlichen Natur wie
+der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu sagen.
+
+Nach der Aufführung eines Stückes von mir, welches das »Don-Juan«-Problem
+behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und erzählte mir, wie
+entzückt ihr achtzehnjähriges Töchterchen aus der Vorstellung gekommen sei
+und wie erregt man am Familientisch die von mir berührten Fragen erörtert
+habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir nun das Kind selber näherte,
+und warnte die gute Dame aufrichtig davor, meine Werke jungen Mädchen zu
+geben. »O wir sind vorurteilslos,« erwiderte sie. »Aber ich nicht,« sagte
+ich in peinlicher Verlegenheit, »bitte, verhindern Sie Ihr Töchterchen, mit
+mir über mein Stück zu sprechen. Ich wüsste kein Thema, das ich nicht mit
+einer Frau behandeln könnte, aber zu sexueller Aufklärung fühle ich mich
+nicht berufen.«
+
+Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es geben auch in
+einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge von Gesetzgebern und
+Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor. Gerade sie werden ihrer bunten
+Abenteuerlichkeit wegen den Künstler besonders reizen. Sie verbieten ist
+heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem zwecklos. Darum sollen sie noch
+lange nicht öffentlich ausgeschrien werden. Auch von dem Künstler ist daher
+zu verlangen, dass die Form, in der er solche Stoffe behandelt, und von dem
+Verleger, dass die Art, wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu
+der herrschenden Sittlichkeit wahrt. Man erzählt nicht am Familientisch,
+dass man gestern mit einer »interessanten« Dame soupiert hat. So wird man
+verhindern müssen, dass Bücher, die heikle Themen behandeln, in falsche
+Hände geraten. Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System,
+das dem Künstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem
+jungen Mädchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Künstler die
+Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mädchen bisweilen den
+Zugang zu verbieten. Die französische Gesellschaft war darum so frei und
+geistreich, weil junge Mädchen streng ausgeschlossen wurden; die englische
+ist deshalb so langweilig und monoton, weil die »spinsters« bei allem dabei
+sein müssen.
+
+Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines besonders
+gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten der
+Sittlichkeit und des Taktes erfüllt. Das weitere ist Sorge der Verleger,
+Buchhändler, Eltern und Vormünder.
+
+Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Büchlein meiner Jugend
+offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch stecke ich es
+vielleicht heimlich unter das Kopfkissen!
+
+FRANKFURT A. M., JANUAR 1913.
+
+ O. A. H. S.
+
+
+
+
+Der Haschischklub
+
+
+AN einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig besuchten
+Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung zu achten,
+ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt war, hörte ich neben mir eine
+halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz dem
+fremdländischen Akzent gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den
+Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem
+schlanken, diskret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio
+Alta-Carrara. Ich beobachtete, während er, ohne mich zu sehen, sein Menü
+zusammenstellte, dass sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem
+letzten Zusammentreffen noch verstärkt hatte und eine unübertreffliche
+Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde; die schmalen
+langen Beine liess er in die schlanksten Stiefel auslaufen, während die
+fast entfleischten Finger in spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine
+dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken liessen, hatten neben dem
+»ennui« eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine kühle Persönlichkeit
+fast menschlicher und etwas nahbarer erscheinen liess.
+
+»Ah, Sie sind in Paris«, sagte der Graf und zeigte sich nur aus
+Liebenswürdigkeit erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten
+Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen.
+
+Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt, wo wir eines
+Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse in der Hand,
+zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander standen. Später
+erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in einer
+geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen des
+Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, die
+immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Südländer den
+Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. --
+
+Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen
+Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert
+van Assen, suchte. Dieser Meister -- so versicherte er -- hatte in
+Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten,
+dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur törichte Menschen
+nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die
+Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit
+Schneeumschlägen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und
+seine Werke vernichtet oder entstellt. -- Zum letzten Male hatte ich den
+Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er
+einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische
+Literatur der Europäer überflüssig machte.
+
+Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze Aufmerksamkeit
+schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach seiner besonderen
+Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Plötzlich
+unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung
+wachzurufen schien:
+
+»Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht -- so etwas wie . . .
+
+ . . . und eine Lust, gepflückt in tausend Lanzen,
+ der sich die Seele wie aus früherm Sein
+ entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein
+ die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen . . .?
+
+Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies
+darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir
+schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium
+entthronen . . .!«
+
+Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so
+eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und das
+geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher
+geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu halten.
+Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit
+zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister
+verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des Christentums
+Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, wenn nicht
+bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen wären. -- Ich
+hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen
+Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe
+angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich
+abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die
+satanischen Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten.
+-- Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der
+Alta-Carrara wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen
+getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar
+Worte gesprochen hat.
+
+»Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,« sagte er plötzlich.
+»Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?«
+
+Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir
+nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitäten meines
+Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten
+Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen zwischen
+jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner Persönlichkeit
+hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einführen wollte.
+
+Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich einige
+vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras zu hören. Er
+sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser Leichtheit über die
+verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fühlte, dass es
+ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden. -- Nachdem
+wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen, wies man uns in
+einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dämmerigen Licht
+rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Männer, die in bequemen, wie
+mir schien, orientalischen Kleidern auf niedern Polstern lagen. Zwischen
+den Ruhebetten standen Taburetts mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen.
+Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter
+englischer Zigaretten. An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze
+Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die
+Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied
+ich zwischen fremdartigen Gewächsen altmodische musikalische Instrumente
+wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten.
+Leichte Grüsse wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine
+Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen
+nieder. Von einem zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige
+Haschischpillen und bot mir lächelnd die Schale.
+
+»Die Umherliegenden«, erklärte er halblaut, »befinden sich in einem Zustand
+der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur ganz
+geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortfolgen
+reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge finden sehen, als
+sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, können wir uns wie in
+einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler befinden, denen
+fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren Glanz sie morgen kaum
+selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf den Genuss des Haschischs
+und bewundern die Wirkung, die er in den übrigen hervorbringt. Wer dazu
+imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzählungen den Vorstellungen
+der übrigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen
+Blick durch diese offene Tür in die Nebenräume; dort befinden sich die,
+welche ganz in die Abgründe der Unbewusstheit versinken wollen.«
+
+Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venetianischen Spiegeln
+ausgestreckt.
+
+»Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte
+Wasserteiche unterzutauchen«, sagte der Graf. »Die beiden auf Zehen
+herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und Durst
+schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die Lippen
+verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst an den Mund
+zu führen.«
+
+Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur
+die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen
+tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu
+geniessen.
+
+Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne
+französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden teils
+Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet haben, als in
+einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches
+italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit besonderem
+Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang,
+durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, wie nun
+alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten
+die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gütig. Die
+Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien aufgehoben; alles war farbiges
+Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; die Wortfolgen, die ich hörte,
+waren bestimmt und einfach, wie mathematische Sätze, schienen in Zahlen
+auflösbar. Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das
+Ergebnis mühseliger Überlegung sind; die Worte funkelten in den
+verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben »Kirche« klangen zugleich
+gross und hell wie »église«, misstrauisch-puritanisch wie »church«. Die
+Buchstaben »Wort« enthielten gleichzeitig das talismanähnliche »logos«, das
+runenhafte »waurd«, das spitze fliegende »mot«, die ein wenig gewichtig
+aufgeputzte »parole«. Bei allen Silben klangen wie Untertöne halbverwehte
+Reime mit; ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide
+oder Marmor; ich sah nicht mehr bloss Flächen, sondern ganze Körper von
+allen Seiten zugleich. Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus
+der ich keineswegs heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und
+dankbar, so dass ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, dass
+ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir
+übrigens vollkommen bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine
+farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern
+vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben
+eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge
+wirklich und gefärbt betrachten.
+
+Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter denen
+fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob sich vor diesem
+blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so ungeheuer ausdehnte,
+dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen dem reichen rötlichen
+Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das blasse Gesicht war fast starr,
+und in der Erinnerung meine ich, es hätte bisweilen leichenhaft grüne und
+violette Reflexe angenommen. Dieser Mann sagte, er sei in Deutschland
+geboren, und so möge man ihm die unvollkommene Aussprache des Französischen
+verzeihen. Seine klaren verständlichen Worte erweckten meine Neugier.
+Bewusst hielt ich mich wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem
+Mann aufmerksam zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf
+einem Clavichord gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist
+seinen Worten zu folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu
+müssen. Er erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit
+einer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse
+selten behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten
+wieder zu finden:
+
+
+
+
+Die Geliebte des Teufels
+
+
+VOR fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle in einer
+britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismässig geringe Bosheit
+der Menschen in meiner Vaterstadt hatte mir gestattet, ein ziemlich
+zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu verbinden; ja, ich durfte mir
+erlauben, dorthin einen leichten Duft von draussen zu bringen und gewisse
+Vorrechte eines verwöhnten, unartigen Kindes zu beanspruchen. Das ist nun
+ein halbes Menschenalter her. Aus dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in
+die bürgerlichste englische Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort
+»respectability« durchaus bezeichnet. Stellen Sie sich eine Stadt vor,
+deren Häuser mit einem rauchigen Schwarzrot bestrichen und durch winzige
+Fenster von kümmerlicher Gotik erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben
+hinaufgeschoben, so dass der sich herausbeugende Kopf gewissermassen unter
+einer Guillotine liegt; denken Sie sich Strassen von ungesunder, gleichsam
+desinfizierter Sauberkeit, die an die kranke Fadheit gewisser nie
+schweissabsondernder Häute erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung
+geschlossen sind. In diesen Strassen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung.
+Alle sind peinlich korrekt gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der
+Farbe schmutziger oder vom Regen aufgeweichter Landstrassen. Die Gesichter
+müssen einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem
+fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehen geblieben sein. Überall glaubt man
+Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben die
+Strassen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage spielten sich
+daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine Gesellschaft
+spärlich blonder, lymphatischer Menschen versammelte; die roten Pusteln in
+den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmassen, und besonders
+die wie von einer Maschine hervorgebrachten wärmelosen Stimmen erweckten in
+mir anfangs nur ein kaltes Starren. Fast den ganzen Tag wurden durch die in
+ihrer Düsterkeit endlos scheinenden Gänge und Speiseräume von
+verschwiegenen Bedienten zugedeckte Schüsseln und Platten mit riesenhaften
+blutenden Braten getragen. Schon um neun Uhr morgens hatte man dicke
+Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, so dass ich mich schon früh in jenem
+dumpfen Zustand befand, der einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt.
+Ein breidickes, schwarzes bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden
+Geist in einen Sumpf. Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt
+das Gehirn wie eine warme schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein
+spitziges böses Ding fest steckt: der Spleen.
+
+Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster
+begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H.
+angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche
+Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale
+englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig die Instinkte
+verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen. Die hartnäckige
+Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich
+extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten
+Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle
+Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden,
+fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der für die
+Gesellschaft überhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen
+angehörten. In einem Keller der übelsten Vorstadt versammelten sich nachts
+die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske,
+oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen, als die
+abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft. Diese Schauspieler, zum Teil
+verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den
+Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen,
+meist nüchterner als sie, in dem rauchigen trüben Keller eine Reihe von
+Winternächten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben hätten,
+und nicht eher verliess ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich
+sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre
+Lieblingsrollen durcheinander schreien hörte. Wenn ich dann, von Müdigkeit
+übermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine
+Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem
+harten Schnee Verse aus Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst
+diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer
+wieder floh ich zu den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener
+feuchte neblige Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens,
+dann trat in mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns
+schämen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen
+abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalität. Wie oft hatte ich die
+Nachmittage über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit
+entfernte, aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die
+feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, um
+meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein
+Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt und nun war ich
+für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein
+Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich
+atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie
+in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begnügt sich vor ihr
+wie über eine süsse Torheit zu lächeln. Ich aber behaupte, dass uns dieser
+hinterlistige Feind in den Rausch stösst, wenn wir gern nüchtern blieben,
+dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn wir wissen,
+dass er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen Stunden
+erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und auf den Blumen der
+Tapeten Gestalten schaukeln lässt, die uns zurufen, und zwar mitleidig,
+dass wir das Leben versäumt haben. Wir halten das nicht aus, wir rennen
+davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um über
+einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann
+beleidigt, ja als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen
+dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität besudeln wir uns nach
+Kräften.
+
+Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn ich konnte
+mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre
+musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie
+ich war, befriedigen würden.
+
+Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen Winter. Ich
+erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar
+verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen
+Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge,
+phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte
+vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:
+
+»Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was
+übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich von einer
+Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft dieser
+Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht gesehen,
+aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte Sie kennen
+lernen. Da mich das Äussere eines Menschen -- besonders der nicht
+angelsächsischen Rassen -- sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit
+Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine Sorge sein.
+Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die
+Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes
+verrät, als dass sie eine Dame ist.« »Es scheint mir der Mühe wert,«
+schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem
+Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im
+James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.
+
+
+»Ich halte Sie für klug genug,« so endete der Brief, »den Reiz dieses
+Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die
+Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte
+Unterhaltung zu bedauern.«
+
+Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: »Montag nachmittag sechs
+Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der
+Kutscher auf die Parole >Miramare< öffnen wird.«
+
+In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen
+Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer
+ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf
+»Miramare« sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung machen. Der
+Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in
+Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus.
+Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen setzte sich in
+Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg
+achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, dass statt
+der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen
+waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein
+Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu
+drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband
+mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte
+mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr oder ob wir die
+Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine
+einfache Strecke in der kleinen Stadt; doch der Kutscher konnte ja den
+Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irre zu leiten. Mein
+Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen
+durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene
+Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich
+draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete
+sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein
+anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein
+fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht
+verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort
+schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. Das Wesen hatte
+sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, sie zuerst
+reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen, als das Knistern und
+der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere ziemlich tiefe
+Frauenstimme:
+
+»Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.«
+
+Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer, wie mir
+schien, in ihrem Kleid.
+
+»Geben Sie mir Ihren Revolver!« sagte sie darauf kurz und bestimmt.
+
+»Ihren Revolver«, drängte sie.
+
+Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir führe, da ich mir
+bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen würde.
+
+»Ausser heute,« bemerkte sie halb ironisch.
+
+»Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten,« erklärte
+ich, »dazu hätte mir dieser Stock genügt; mit Vergnügen liefere ich ihn
+aus.«
+
+»Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.«
+
+»Aber vor einem Revolver?«
+
+»Solch ein Instrument«, erwiderte sie rasch, »gibt einem Abenteuer so
+leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.«
+
+In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett
+legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen und machte
+dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch.
+
+»Was tun Sie?« fragte sie.
+
+»Ich suche meine Handschuhe.«
+
+Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.
+
+»Ich hätte Lust, Licht zu machen«, rief sie lachend, »um zu sehen, ob Sie
+jetzt erröten.« Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.
+
+»Ich gestehe, mir eine Blösse gegeben zu haben,« sagte ich, »aber verrät es
+nicht auch eine Schwäche, dass Sie es für nötig hielten, einen Revolver
+mitzubringen, während ich waffenlos kam?«
+
+»Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,« antwortete sie,
+»als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, dass Sie
+waffenlos sind.«
+
+»Darf ich Ihnen die Hand drücken?«
+
+»Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe
+an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrät.«
+
+Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun hatte,
+sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter
+Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervös.
+
+»Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?« fragte sie.
+
+»Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?«
+
+»Ich langweile mich ein wenig.«
+
+»Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem
+Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen
+empfindet. Aus Scheu vor der Banalität fürchten Sie, die notwendigen ersten
+Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amüsiert diese Angst der Männer
+sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie würden ja gar nicht
+nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter spräche. Ich will nun
+auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen Sie mich doch einfach,
+wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland ebenso schön ist . . .?«
+
+»Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen,« erwiderte sie
+verblüfft, fast gekränkt.
+
+»Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden,« sagte ich lachend. »Es
+langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der ich mir
+nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, schweigend
+durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, mir die
+ausserordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen
+wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.«
+
+»Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?« fragte sie naiv. »Da ich Sie
+selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu
+denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.«
+
+»Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben,« sagte sie plötzlich, »ich
+glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.«
+
+Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich, fühlte
+eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, an den
+Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets
+andere Formen hervorzubringen scheint.
+
+»Glauben Sie, dass ich schön bin?« fragte sie, während ich im Dunkeln mit
+ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte.
+
+»Nein,« erwiderte ich, »aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das Schönsein
+überflüssig macht.«
+
+»Ah,« rief sie, wie es schien, entrüstet, überrascht und verlegen zugleich.
+Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte,
+begann sie wieder nervös:
+
+»Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?«
+
+»Vermutlich aus Neugier?«
+
+»Vermutlich? Halten Sie mich denn für ganz temperamentlos?«
+
+Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; während sie sich
+wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drückte
+meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwächer unter
+einem Kuss, währenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster
+Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner feiner Mund jedoch hatte etwas
+so naiv Anschmiegendes, dass ich den -- vielleicht irrigen -- Eindruck
+empfing, als entdeckte sie zum erstenmal die Wonnen eines Kusses. Plötzlich
+stiess sie mich von sich, als hätte ich sie durch irgend etwas verletzt.
+
+»Sie gefallen mir nicht mehr,« sagte sie kurz.
+
+»Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lässt, als Sie
+glaubten?«
+
+»Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?«
+
+»Noch lange nicht!« erwiderte ich kühl.
+
+»Und das sagen Sie so ruhig?«
+
+»Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.«
+
+»Das ist stark.«
+
+»Finden Sie?«
+
+Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen.
+
+»Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.«
+
+»Schellen Sie!«
+
+Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im
+selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen und
+schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen setzte sich
+in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer Gefangener in der
+duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen
+das Abenteuer verdorben haben, währenddessen ich vielleicht das Idol meiner
+Träume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am
+meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grünäugige Perverse mit kleinen
+Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich unterbrach das Anhalten des Wagens
+meine Gedanken. Der Schlag öffnete sich, ich stieg aus und befand mich an
+der bekannten Strassenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine
+Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe,
+der, aus einem Märchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht
+wieder zurechtzufinden weiss.
+
+Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, als mir
+eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von
+dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr Coupé am nächsten
+Abend um dieselbe Stunde erwarten.
+
+Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen
+rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung
+der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in
+dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die
+von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben
+erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal öffneten, durch das
+ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus trat. Man schob mich
+gewissermassen durch eine Flügeltür in ein dunkles Zimmer. Meine Füsse
+fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem
+Holz und schweren Seidenstoffen, der in üppigen, wenig betretenen Räumen
+herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie
+an einer entfernten Wand eine Tür auf- und zugeschoben wurde.
+
+»Wo sind Sie, mein Freund?« fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem
+Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied überraschen
+musste. »Bleiben Sie, ich werde Sie finden.«
+
+Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich ihre Hände
+in meinem Haar.
+
+»Folgen Sie mir!« flüsterte sie.
+
+Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete die laue
+vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze Wintertage
+unter leichten Gewändern in ihren warmen parfümierten Gemächern geblieben
+sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses Zimmer, worin feuchte
+tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel
+war so undurchdringlich, dass ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher
+Seite sich die Fenster befanden.
+
+»Ich habe Sie nun gesehen,« begann sie, »man hat Sie mir gezeigt.«
+
+»Das ist ein Kompliment,« erwiderte ich.
+
+»Wieso?«
+
+»Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.«
+
+»Ich finde Sie in der Tat totenhaft hässlich. Aber das ist Ihre Chance bei
+mir.«
+
+»Dann sind Sie ja lasterhaft.«
+
+»Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus,« sagte sie leise
+lachend.
+
+»Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch«, erwiderte ich
+plötzlich skeptisch.
+
+»Das verstehe ich nicht.«
+
+»Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen
+gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu
+frönen.«
+
+»Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nähe
+gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris
+war ich nie, möchte auch gar nicht hin; ich stelle es mir zu albern vor; in
+London hielt ich mich nur vorübergehend auf. Mein Vermögen hat mir ein paar
+Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was
+literarische Lasterhaftigkeit ist.«
+
+»Um so besser,« erwiderte ich, »aber woher wissen Sie etwas von Satanismus?
+Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?«
+
+»Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzählen,« begann sie behaglich. »Schon
+als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie
+mir, es ist nicht mehr, als ein Sport für mich -- ich gebe im Grund keinen
+Penny dafür -- ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung; später
+kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit
+vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist
+enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, dass diese
+Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der
+Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich
+ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter
+die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität
+von dem Pater Sinistrari d'Ameno in die Hände . . .«
+
+»Den kennen Sie?« unterbrach ich überrascht.
+
+»Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen mit sehr
+sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas gehört, was
+meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb der
+Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem
+menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen
+Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren
+kann, -- denn was der katholische Verfasser da von Todsünde spricht, gilt
+ja nicht für uns Protestanten -- das schien mir eine so unerhört geniale
+Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um besonders intelligente
+Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der Öffentlichkeit zu
+verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses
+ausserirdische Glück zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles
+Aussergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine
+Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste Ereignis meines Lebens würde
+in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu
+begegnen. Ermattet und enttäuscht kam ich jüngst zurück.«
+
+»Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben!« warf ich belustigt
+ein.
+
+»Unterbrechen Sie mich nicht.« Aufgeregt fuhr sie fort: »Wo ich hier in H.
+erschien, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend, Ihr Name verfolgte
+mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müssten mit dem erhofften
+Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen sollten Sie mir Rede
+stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein; vielleicht
+redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man könnte ja in eine beinahe
+übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man,
+um den Enttäuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die
+Augen zumacht. Meinen Sie nicht?«
+
+Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer Schäferstunde
+gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit
+kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit
+konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu das unbehagliche
+Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen zu sein. Um ein
+peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich:
+
+»Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie
+geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.«
+
+»Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können,« rief sie ganz
+verwundert, »ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?«
+
+Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension trug
+diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse.
+
+»Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?«
+
+»Nicht nur die,« flüsterte sie, plötzlich wieder erregt; ich fühlte, wie
+sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. »Ich weiss nun auch, dass Sie
+wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter
+gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen -- nicht
+eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden; und diese
+Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir
+stehlen -- ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich
+mir den Satan gedacht!«
+
+Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war plötzlich ganz
+von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor
+mir gähnenden Abgrund zu stürzen.
+
+»Still . . . kein Wort mehr . . .« stöhnte ich wie in dunkeler Angst vor
+dem Erwachen -- »zerstöre das nicht . . .!« Und ich presste ihr die Lippen
+zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich fühlte mich in
+undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische traumhafte
+Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das Weib im Arm,
+dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkörpern
+kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume und enttäuschende
+Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos
+bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, als an diesem mageren,
+geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich keine Persönlichkeit
+enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später behauptete, soll ich
+bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen haben, ähnlich den
+Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren bewusstlosen heiligen
+Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden höchster Erregungen
+der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet. Sie hatte diese Laute
+vergessen; sie müssten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den
+Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, so wie manche Erinnerungen
+mit Melodien oder Gerüchen verknüpft seien. Ich selbst kann meine Gefühle
+nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit
+den Fingerspitzen über einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein
+ganzes Leben, von rückwärts beginnend, in einem Augenblick an mir
+vorüberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei,
+die ich gekannt, und ich hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte
+Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglückte
+Abenteuer gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Königinnen sanken
+in meine Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte
+Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher und
+glühender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche
+phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde an
+der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden
+Wünsche messen.
+
+Ich weiss nicht wie und in was für Augenblicken ich in den Armen dieser
+Frau entschlummerte; plötzlich erwachte ich; noch eben hatte ich heisse
+hohe Wohlgerüche gespürt; nun vernahm ich ein Rauschen von Gewändern, das
+Schieben einer Tür; um mich erglühten zahllose Lampen. Ich erschrak, als
+ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich
+von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten
+Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen, bunten Federbüschen und
+anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme herausstreckten. Das war
+das Boudoir meiner Freundin. Ich trat in das Nachbarzimmer zurück und
+befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in
+Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte:
+
+»Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu können.«
+
+Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der Kutscher
+brachte mich wieder an die Strassenecke zurück.
+
+Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach den
+verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe
+Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei
+Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Körper bedienten
+zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan
+liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und
+schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als
+hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die unter
+meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Städte
+um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren,
+wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der Wunsch, sie selbst
+einmal zu besitzen.
+
+Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung meiner
+quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit und der
+Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller erschienen waren, als
+die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwächlicher Spätgeborener zu
+beneiden, ich wusste sie neu zu leben. »Warte bis heute abend,« sagte ich
+mir, wenn sich die Phantasie in müssigen Bildern verschwendete, und es
+kamen Nächte, wo ich die Adria an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich
+dichten Samt neben ihrer Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre
+Glieder anzuschwellen schienen; eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir
+und freute sich, dass ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe
+kosten kann. -- Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder,
+ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends
+am Brunnen sangen . . . Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes
+_abbetteln_ müssen, dann _einmal alles_ vergessen können, sogar die
+heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass
+dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen
+werden, wenn _er_ draussen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt.
+-- Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine Gelächter
+meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein fast herb
+duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir war, als sei das
+Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf irgendeinem nicht
+ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere
+Umarmung war wie von dünnen Goldfäden durchwirkt und umsponnen mit kleinen
+Schnörkeln, welche die Form von Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war
+meine Geliebte sehr kitzlich.
+
+
+Diese Erlebnisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine
+Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In
+Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein
+Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes. Das, was sie
+brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste mich aber
+doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war
+ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war sie meiner müde, so
+entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie
+darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser
+Gleichmut ärgerte mich, ich beschloss, sie zu reizen, sie wütend zu machen,
+indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr
+Haar duftete, als müsse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern
+Formen in nervöser Hast umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie höchste
+Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann
+vergass ich allen Ärger, alle Absichten; dann fühlte ich mich als der
+Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen
+muss und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will,
+was sie nur noch fassen kann, die noch schnell so viel fremde Kraft
+aufzusaugen, zu zerstören begierig ist, als ihr irgend möglich. -- Mein
+Überlegenheitsdünkel verstummte, wenn ich sie träge und regungslos fand,
+wie eine Bajadere, die sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer
+Gewächse gewälzt und gedankenlos zu viele fadsüsse Früchte verschlungen
+hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wusste seltsame
+Bauchbewegungen, so dass sie mir fast zu üppig vorkam. So vergass ich gern,
+dass mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja
+gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten
+in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte
+rechtzeitig, dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater
+geworden wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können. --
+Natürlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann
+gar nicht sagen, ob ich sie mir schöner oder hässlicher dachte, als die mir
+begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die
+Ausserordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen
+Niveau zu messen.
+
+Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die
+Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese
+ausserordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende
+wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig, allerdings auf
+meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich
+sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte
+herausbekommen, dass meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger waren
+als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an
+meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe Wesen zu küssen,
+wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft
+genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre >ladylike< Vorsicht und
+Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, dass sie dann heute
+einen delikaten Georges Brummel, morgen einen römischen Gladiator umarmt
+hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige Wut.
+
+»Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen,« sagte sie einmal empört,
+»und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.«
+
+Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte.
+
+»Bitte nicht!« rief ich, »ich laufe fort.«
+
+»Sie wollen mich nicht sehen?«
+
+»Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.«
+
+»Das ist unerhört.«
+
+»Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.«
+
+Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden verliess
+sie mich.
+
+Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine
+grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit
+weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; aber
+sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte
+etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse Unterlegenheit,
+an die zu denken kaum der Mühe wert ist.
+
+Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man
+nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir sassen Leute,
+die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei Herren in korrekter
+schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast weissen Bart mit
+ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem,
+sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen sass eine blasse Frau von
+etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in
+regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein mageres Gesicht von
+keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine
+ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen
+schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne -- ein
+Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen; denn
+irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; wahrscheinlich aber
+fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank und mit mehreren
+Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche
+anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei
+Nachbarn im Theater oder an der Table d'hôte gern hat, die durch nichts
+stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang,
+mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, dass mich die Dame
+gleichfalls beobachtete. »Vielleicht ist es die Unbekannte,« dachte ich
+gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen.
+Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner
+abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so dass ich die Fremden vor Augen
+hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer
+zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen
+das Restaurant.
+
+Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. »Die Komödie ist aus,« lautete
+der eine in der gewohnten Schrift, »ich fühle mich erkannt, lassen wir die
+Masken fallen.« Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar
+unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer
+mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese
+Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht
+wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische
+Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena war in die Immaterialität
+zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick
+doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H. Ich habe die Dame nie wieder
+gesehen.
+
+ * * *
+
+Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun etwas
+fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne dass ich
+tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden.
+
+»Eine neue Geschichte,« rief jemand, »diese Leere ist ja unerträglich!«
+
+Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen
+Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft
+wachte und verlangte -- selbst unfruchtbar --, dass ein anderer, Stärkerer,
+Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.
+
+
+
+
+Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
+
+
+UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen,
+lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts.
+Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten gutgenährte Amoretten,
+die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Säulen
+umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor
+knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten über den famosen
+Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken unterhielt. Ich
+bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, um Erklärung. Liebenswürdig
+wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der
+Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, die am prächtigsten
+gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen
+und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob
+ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem
+Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit
+ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden.
+Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess.
+
+»Alta-Carrara!« rief ich gereizt.
+
+»Pst, pst,« flüsterte der Sakristan begütigend, »verraten Sie ihn doch
+nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von
+Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben.
+Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten
+Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist
+relativ,« sagte er pfiffig.
+
+»Und du, unausstehlicher Schwätzer,« fragte ich, »welchem Jahrhundert
+bildest du dir denn ein, anzugehören?«
+
+»Ich?« fragte er stolz, »natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so
+unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute -- mit
+Vergunst -- den 15. September 1768.«
+
+Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine
+unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke vor
+dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick abzuwarten, um
+ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen
+Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an
+der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer
+Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende
+sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, von den
+bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die
+Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. Er wusste
+nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lächelte er und
+sagte mit Ironie:
+
+»Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert
+sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«
+
+»Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,« erwiderte ich ärgerlich,
+»Sie versprachen mir . . . .«
+
+»Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich
+wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor uns« -- dabei
+zog er seine Uhr aus der Tasche -- »es sind noch über zwanzig Jahre bis zur
+Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.«
+
+Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach
+ausgelassenster Lustigkeit abgelöst.
+
+»Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,« bemerkte ich
+aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.
+
+»Wir werden ja sehen,« begütigte er.
+
+Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht,
+aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte
+Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte
+ausgelassenes trunkenes Geschrei.
+
+»Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,« sagte
+Saint-Germain. »Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich
+werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden
+ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.«
+
+Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten.
+
+»Warum haben Sie denn das getan?« fragte ich verständnislos.
+
+»Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine
+weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens.
+Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver?
+Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den
+Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch
+die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das -- glaube ich
+-- Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat
+ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie
+können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit
+Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in
+Wirklichkeit sehen.«
+
+»Halten Sie nur Wort!« erwiderte ich etwas ungläubig.
+
+»Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei
+dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland -- so viel
+ich weiss -- Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo
+sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird;
+verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als
+Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte
+Jahrhundert nicht sehr.«
+
+Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben
+uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher
+und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen.
+Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren,
+schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges
+Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes
+Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte
+Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er
+stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er
+strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in
+einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch
+zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel.
+Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir
+traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren,
+kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und
+Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden
+Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis
+nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die
+mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen
+Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich
+trat ein Auvergnat aus der Tür.
+
+»Ah Castel-Bajac,« rief man.
+
+
+»Alles ist bereit,« sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines
+Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die beiden
+Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung stiegen
+nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tür.
+Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten
+in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns her in dem hellen
+prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten
+war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, schien der Saal
+selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit zu gewähren, in eine
+ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewächse und
+Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbändige Phantastik
+des sterbenden Mittelalters voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal,
+in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht
+verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche
+Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die
+verblüffendsten Gläserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen
+heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der
+Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete.
+Plötzlich hörte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern
+schienen. Zwei weite Türen taten sich auseinander und eine Schar
+auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und
+verwundert unter der Führung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit
+ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu
+reden, während sie bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo
+man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein
+Hauptvergnügen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend,
+wie diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe
+ungeschlachte Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr
+Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und
+würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam
+vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern
+von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.
+
+»Sie sind entzückend, diese Leute . . .« sagte eine kleine Marquise.
+
+»Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen
+werden,« fügte Saint-Germain hinzu.
+
+ »Demain donnons au diable
+ un monde turbulent«
+
+trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig.
+Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern
+überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen
+Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen,
+sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des
+schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick
+verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der
+Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten
+sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der
+Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir
+unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende
+Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet
+haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich
+es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel
+fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften
+Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes
+kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt.
+Lächelnd trat er an mich heran.
+
+»Was geht hier vor?« fragte ich, »wohin haben Sie mich geführt? Ist es
+schon die Revolution?«
+
+»Noch lange nicht,« sagte er milde, »man gibt den guten Leuten nur ein
+wenig Aroph zu trinken.«
+
+Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden.
+Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen.
+Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen
+Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu
+ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut
+ausbrechen.
+
+»Das ist die Revolution!« rief ich entsetzt. »Diese Bauern werden uns
+töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der
+Guillotine sehen.«
+
+Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie
+nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken
+stört.
+
+»Das ist die Revolution!« rief ich wiederholt.
+
+»Und wenn auch,« sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel
+wurde.
+
+»Damit machen Sie ihnen keine Angst,« bemerkte der Graf, »übrigens ist es
+nicht die Revolution.«
+
+Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes
+sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu
+haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes
+Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein
+für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die
+andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen
+seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf
+der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer
+Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei
+vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.
+
+»Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .« riefen sie und schlugen sich
+gegenseitig auf den Bauch.
+
+»Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,« flüsterte mir der Graf
+lächelnd zu.
+
+»Ich muss mich entblössen,« rief ein junges Bauernweib.
+
+Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.
+
+»Ich auch . . . mir auch!« riefen sie durcheinander.
+
+Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog
+umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der
+Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen
+erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu
+ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre
+Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf »Blut . . . Blut« hinab. Mitten
+in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein
+schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn
+brach.
+
+»O das Leben, das prächtige Leben!« rief er wie verzückt, »ich will baden
+im Leben!«
+
+Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick
+sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit
+schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte
+sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die
+blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem
+Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen
+liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer
+unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas
+und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder
+zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man
+erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel,
+Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte
+brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd
+dazwischen. Manchmal wollte er reden:
+
+»In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen
+gesehen.«
+
+Aber niemand hörte ihm zu.
+
+»Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?« rief die kleine Marquise, »meine
+Liebe dem, der es wagt!«
+
+Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich
+aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.
+
+»Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .«
+
+»Gilles de Laval,« rief die Marquise ausser sich. »Ich erkenne dich . . .
+ganz das abscheuliche Porträt . . .«
+
+Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de
+Laval wie unter den Wellen des Meeres.
+
+Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen.
+Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie
+hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem
+andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die
+Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die
+Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen
+sehen.
+
+Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie
+sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das
+Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die
+Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts
+damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl
+gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen
+wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese
+Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen
+aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand
+im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren
+auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein
+Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine,
+verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser
+gewaschen werden und schlotternd rufen: »Hu . . . wie warm.« Die Damen
+sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar
+schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich
+verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die
+Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser
+Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches
+Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de
+Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein
+Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben.
+Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.
+
+Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen
+versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und
+erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden
+Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von
+Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte,
+entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in
+dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen
+wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals
+Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen
+Leuten.
+
+
+»Haben Sie etwas bemerkt?« fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse
+waren.
+
+»Sehr viel,« erwiderte ich.
+
+»Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So
+heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.« Triumphierend blickte er mich an.
+
+»Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von
+London . . .«
+
+»Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und
+mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?«
+
+»Das nicht, aber . . .«
+
+»Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach
+Italien ein.«
+
+Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
+
+ * * *
+
+Als ich wieder erwachte, -- ich glaubte länger geschlafen zu haben, als
+vorher mein ganzes Leben gedauert hatte -- stand eine Schale mit Früchten
+vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach
+zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem
+eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein
+Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte
+würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle
+fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von
+einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.
+
+»Wissen Sie nun, wo Sie sind?« fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir
+gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
+
+In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem
+Befinden und gaben mir Ratschläge.
+
+»Sie waren dabei,« dachte ich, »als ich mein Leben zwecklos in künstlichen
+Sensationen vergeudete.« Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle
+in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack,
+wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft
+und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.
+
+Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle
+Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war,
+als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die
+Notwendigkeit eines neuen Lebens -- ohne den verhassten Rausch, der noch in
+mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie
+unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben
+betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und
+doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer
+Seele wie der meinigen.
+
+Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:
+
+
+
+
+Karneval
+
+
+Vor dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des
+Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine
+hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen.
+Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als schon die ersten
+hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt
+für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man kam in zerrissenem
+Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die
+bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von
+phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Räuschen erzählen.
+Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der anderen zu erwecken und
+ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner
+des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, dass viele der Ankommenden
+weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen
+kleinen Kabinetten kamen, sondern dass sie sich soeben aus dem Bett
+erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette vorbereitet hatten und der
+Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del
+Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen
+galten besonders einer gelbseidenen Maske. Ihre Stimme hatte einen
+wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste sich weich anzuschmiegen und
+liess unter der Spitze der Maske grosse weisse Zähne glänzen. Ich war
+achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens für eine verkleidete Herzogin.
+
+»Führ mich zur Erberia,« bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt mit
+ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare,
+die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten.
+
+»Marchesina, ich kenne dich.« rief eine Maske im Vorbeigehen meiner Dame zu
+
+»Doch nur eine Marchesina,« dachte ich.
+
+»Wo ist Ersilia?« fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.
+
+»Krank, sehr krank,« erwiderte meine Begleiterin.
+
+Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den Markt
+brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia für ein
+Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden
+lüstern einsogen.
+
+»Mich friert,« sagte meine Freundin Dolcisa, »komm mit mir nach Hause! Du
+gefällst mir.«
+
+»Wer bist du?« fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn bis dahin
+hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene
+Dame der Gesellschaft zu vermuten.
+
+»Du bist dumm,« sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie
+zog mich in eine Seitengasse.
+
+»Bist du wirklich eine Marchesina?« fragte ich verlegen.
+
+»Lächerlich, ein Spitzname.«
+
+»Wer ist Ersilia?« forschte ich nach einer Pause.
+
+»Ach, die arme Schwester Ersilia!« seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen,
+»sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir
+tun.«
+
+Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.
+
+»Ich bin ein gutes Mädchen,« fuhr sie fort, »ich schenke nicht allen meine
+Liebe, aber ich bin arm.«
+
+Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre weiche offene
+Harmlosigkeit entzückte mich.
+
+Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die
+finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa wollte
+um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.
+
+
+
+Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In
+der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloss ein wild
+verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war
+stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen. Vor
+einer Tür standen wir still.
+
+»Erwarte mich hier,« flüsterte sie, »lass mich zuerst in die Kammer gehn
+und die Kleider wechseln.«
+
+Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein
+Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum
+drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen
+Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein
+Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste werden
+ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich lange
+warten. »Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,« dachte ich
+und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. Aus der Ecke
+vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich jemand auf einem
+Lager.
+
+»Sie wartet auf mich,« sagte ich mir, »es ist galant, ihr die Lage so
+leicht als möglich zu machen.«
+
+Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das Weib lag.
+Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur
+Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.
+
+»Sie ist vielleicht aus Neapel,« reimte ich mir zusammen; ich wusste
+bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen.
+Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich --
+ich will nicht sagen -- Widerwille, aber vollkommene Sattheit im Augenblick
+nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen
+eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei dieses ganz
+gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der
+vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie
+hielt mich nicht zurück. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich
+mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, die sich
+krampfhaft schloss. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich
+Schritte hinter mir.
+
+»Komm doch, mein Lieber,« rief Dolcisa, »warum gehst du denn fort?«
+
+Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der
+Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein Gesicht.
+Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa führte
+mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstossende kleine
+Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne Dämmerung herein. Auf einem
+Stuhle hingen schwarze Gewänder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen
+darauf.
+
+»Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,« erklärte Dolcisa; ihr weisses Hemd
+triefte von gespenstischer Helle.
+
+»Mach doch Licht,« sagte ich ein wenig gedrückt.
+
+»Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier oben
+wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen auch erst
+hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.«
+
+»Bist du eine Marchesina?« fragte ich wieder erstaunt.
+
+»Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.«
+
+Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der
+Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, dessen
+Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme.
+
+»Was machst du?« fragte ich unruhig.
+
+»So sieht die Madonna nicht, was wir tun.«
+
+Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss ich die
+sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin.
+
+Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun
+auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen
+und schob die Hand unter die Laken.
+
+»Tot!« rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor
+dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht.
+
+Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen an. Das
+Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an
+der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit
+glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine
+geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war ganz
+blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike Götterstatue.
+Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten.
+
+»Sie ist tot!« rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher
+Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. »Sie war keine Sünderin wie
+ich, sie ist als Jungfrau gestorben.«
+
+Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche gleiten,
+deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen.
+
+»Sie war viel schöner als ich,« seufzte sie und es schien, als wolle sie
+durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren
+Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die Augen
+zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie
+es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die
+Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; doch Dolcisa stiess einen
+Freudenschrei aus:
+
+»Die Madonna war gnädig,« rief sie, »sie hat mein Gebet erhört, nun kann
+ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.«
+
+Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück.
+
+Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa,
+oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank sofort
+wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie.
+
+Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den
+Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den Tod umarmt hatte. Am
+dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel
+wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren.
+Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um
+das weit geöffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester
+mit zwei Chorknaben trat auf die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg
+herausgetragen, der, mit verschnörkelten Silberblumen verziert, einen
+Eindruck von Grossartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete
+Gondel und breitete die wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa
+folgte schluchzend in dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie
+bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen
+Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien.
+Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der
+Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.
+
+Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern.
+
+
+»Die armen Marchesinen«, sagte eine Alte . . . »und früher welch' ein
+glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .«
+»Sie waren liederlich,« sagte eine dicke Bäckersfrau, »keiner wollte mehr
+mit ihnen zu tun haben . . .« »Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,«
+meinte ein junger Mann, »sie war tugendhaft.« Dann gingen viele Stimmen
+durcheinander: ». . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme
+einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim
+. . . sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu
+pflegen . . .«
+
+ * * *
+
+Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes
+geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam morsche,
+jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall
+lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die
+Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben
+Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum
+Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit
+die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage
+schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie
+freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich
+gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt
+etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als
+ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit
+vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch
+Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst
+fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst,
+denn ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.
+
+»Weiter . . . weiter . . .« rief ich, »mehr von dieser bittersüssen
+Weisheit.« Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er hatte
+einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer
+Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze
+streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich
+aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:
+
+
+
+
+Die Sünde wider den Heiligen Geist
+
+
+IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen
+Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital
+erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen
+einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit
+nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der
+Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die
+exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des
+Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit
+unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden.
+Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden --
+eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden
+wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im
+Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den
+Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die
+Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel
+gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie
+erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott
+lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute,
+von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts
+Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser
+unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich
+sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der
+Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.
+
+Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn
+beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille,
+das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen
+Frevel begehen _wollen_, muss _wissen_, wen er beleidigt und was er damit
+wagt, also den _Glauben_ haben, er muss durch die _Kraft_ seines Willens,
+seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen
+dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser
+von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und
+sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann
+die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im
+Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge
+versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.
+
+Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl
+Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich,
+dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an
+Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren
+ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.
+
+Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter
+einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine
+peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie gehen
+würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab
+sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der
+Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen
+Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den
+Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der _Substitution_
+gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte
+Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen
+war es ihr nämlich -- durch Vermittlung der heiligen Teresa -- gelungen,
+dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu
+_substituieren_: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der
+Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten.
+Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strömungen
+erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse der Hölle
+von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge davon war,
+dass die Mutter -- zu ihrer eigenen Verwunderung -- auf einmal imstande
+war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl
+machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel,
+der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen.
+
+Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen
+als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die
+Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der
+grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu
+bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also
+darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen
+Geist zu lästern.
+
+Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, da
+sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im geheimen
+dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt genaueres über
+Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem er stand, verbunden mit
+einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die
+Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwählen.
+
+Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, dass sich
+immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine Vorwürfe,
+Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester
+pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprüfung
+zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte diese
+selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn auch ganz
+frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht bisweilen für
+eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die
+Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; war aber Teresa
+wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester täglich den Finger in
+die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsägliche
+Verwirrung zu schaffen.
+
+Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit ihrer
+Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. Das könne
+Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine Hure, der er
+sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine Jungfrau durch
+die Todsünde des Hochmuts fangen könne?
+
+Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution nicht
+wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen zu
+lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der
+Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in
+den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch
+eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder
+verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die
+Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution
+versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre
+ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige
+Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt,
+vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit wurde ihr
+immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein,
+weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine
+schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches
+unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug die Gemeinheit
+ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten.
+Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen Seligkeit gehalten,
+erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu
+vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie
+hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. Diesen Seelenzustand beichtete
+sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufrieden
+gab. Er sah, dass die Sünde wider den Heiligen Geist vorläufig nur in
+Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. Zunächst bestärkte er sie in
+ihrem Irrtum.
+
+
+»Diese fehlerhaften besudelten Gebete,« erklärte er, »sind freilich
+schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist
+unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch
+die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht
+lauter und kräftig genug -- wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen
+--, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu
+vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren
+Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die
+Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die
+Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestossen,
+wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit
+heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn
+unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrücken, bis er in
+seiner Sündigkeit erstickt.«
+
+Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit
+ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen
+Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das
+der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten
+Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie
+abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte
+der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die
+Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die
+Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische
+Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser
+aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste er
+ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen,
+beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin
+zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde.
+
+Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein
+Gartenpförtchen. Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden,
+halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte
+sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens
+durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen ersetzen.
+Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige Arbeit ihre
+verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Tomàs
+besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder in das alte
+Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, vor denen die
+Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten und
+besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das Verschwinden der Tochter
+nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen hinreissen lassen.
+Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche Nachrichten. Teresa wäre am liebsten
+sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie
+zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in das Kloster zurückliefern.
+Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart eigentlich nützen? Sie
+solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frühere Reinheit
+zurückgewinnen und -- die geziemende Demut vorausgesetzt -- von neuem das
+Wunder der Substitution versuchen. Einmal rief sie aus:
+
+»Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es denn nicht
+sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.«
+
+Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmählich
+eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.
+
+»Was du verlangst, meine Tochter,« sagte er ruhig, »ist möglich. Wenn du
+dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er
+es an.«
+
+»Ich will,« erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf
+die Knie und küsste den Boden.
+
+»Gebenedeite unter den Weibern,« rief er aus. »Tochter Gottes, Schwester
+des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du
+_freiwillig_ den _Schein_ der grössten Missetat auf dich nahmst; aber
+zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er
+irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt,
+nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich
+nicht erkannt.«
+
+In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.
+
+»Steh auf,« rief sie zitternd, »was verlangst du von mir? Willst du mich
+versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?«
+
+Fray Tomàs stand auf:
+
+»Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu
+enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt[*]. Jesus
+Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte
+sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der
+Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn dorthin führt nur
+die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann.
+In den spätesten Zeiten aber -- so heisst es -- soll ein Weib geboren
+werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem
+sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl
+wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an
+die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte
+des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss
+sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu
+Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend
+auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.«
+
+Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.
+
+»Steh auf, steh auf,« rief Teresa, »ich darf dir nicht glauben -- ich
+zittere, eine Erwählte zu sein -- eine andere wird kommen; nur sage mir --
+ich beschwöre dich -- was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu
+schützen?«
+
+Der Priester erhob sich.
+
+»Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hölle
+eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten Sündern dich
+und die Mutter erlösen.«
+
+»Was kann ich dazu tun?« fragte Teresa zitternd.
+
+Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort:
+
+»Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen;
+nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur
+Hölle fahren.«
+
+»Die Sünde wider . . .?« stotterte Teresa.
+
+»So ist's, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen
+Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er
+überlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse?
+Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der
+Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner
+freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.«
+
+Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa lag die
+ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um
+Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte,
+vielleicht doch die Erwählte zu sein?
+
+Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter sei von
+einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der
+kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als
+Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen
+lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslästerungen
+nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle
+nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern die wohlbekannten Züge
+des dornengekrönten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum
+habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen Gebeten entrissen, soll sie
+gerufen haben, nun sei es _seine_ Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe.
+-- Zweifellos -- meinte der Priester -- habe sie eine entsetzliche
+Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider den Heiligen Geist.
+
+Teresa fiel kraftlos zu Boden.
+
+»Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?« sagte Fray Tomàs;
+»mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, wo du
+freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein die
+Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle
+Verdammten erlöst hast?«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du
+deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten
+Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt
+bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der
+Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein
+hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will
+ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber
+wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt
+zusammentragen, den Tanz vollführen. _Du wirst die Sünden der Verdammnis
+tanzen:_ den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die
+du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen,
+das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der
+ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir öffnen
+und du alle Verdammten -- unter ihnen aber deine Mutter -- zum Himmel
+führest.«
+
+Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl
+dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.
+
+»So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, die je
+begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach
+dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, wird er im eigenen
+Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen
+Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu
+bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so wird -- als letztes Mysterium!
+-- der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die
+Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa
+Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen,
+werden singen:
+
+»Gloria patri et filiae!«
+
+Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun
+vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.
+
+In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor
+dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes
+Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die
+Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei
+zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:
+
+»Gloria patri et filiae.«
+
+Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der
+Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit
+einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war
+silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.
+
+»Steh auf, Gebenedeite!« rief er ihr zu, »lass den niedrigsten der Diener
+deinen Leib zum Opfer schmücken!«
+
+Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig durch das
+Gewölbe.
+
+»Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!«
+
+Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, erhob sie
+sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige Klostergewand
+zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle einer Verklärten.
+Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham
+wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder fielen nieder; sanft
+zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hände über das
+nackte Weib. Dann öffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide
+heraus . . .
+
+»Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, die Last
+unserer trügerischen Sehnsucht!«
+
+Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals.
+
+»Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen
+der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner
+götzendienerischen Kunst.«
+
+Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen Topasen
+unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten.
+
+»Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen der
+Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dämmern,
+Geschwister der schwülsten Begierden!«
+
+Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, sanften
+Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich
+schillernde Opale lagen um ihre Lenden.
+
+»Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den
+Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!«
+
+In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von
+glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und Korallen
+sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau.
+
+»Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen
+Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt über den
+Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!«
+
+Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte eine
+Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er:
+
+»Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Sünden
+hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!« Doch, wie in plötzlicher,
+verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: »Deine Schritte beschwere der
+finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da uns die Atemzüge der
+Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Empörung und
+Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!«
+
+Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen Saphir und
+Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt bis zu den
+Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen.
+
+Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die
+Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht, wie ihr
+geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das grünlich
+schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie
+gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein erstrahlt war.
+Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken
+Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs führte die Zagende
+mitten auf den Teppich.
+
+»Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und erfülle in
+prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan
+noch von der Menschheit zu fordern hat!«
+
+Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken
+der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe wie Becken und Zimbeln
+aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertönte das
+barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene Weiberschreie drangen hinter
+den geblähten Vorhängen der Beichtstühle hervor.
+
+»Tanze, tanze!« schrie der Priester voll Ungeduld und schien die Zögernde,
+die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch
+springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schüchternen
+Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca über
+den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken,
+wo sich Männer und Frauen schaugierig drängten, sprangen nun plötzlich die
+jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen
+Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich.
+
+»Wilder, toller!« riefen sie der Ängstlichen zu. »Du musst uns alle
+erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, räuberischer,
+als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die
+gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!«
+
+Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa zu immer
+wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und
+fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrümmungen der
+asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss offen der Kerzenhelle dar und
+entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die Blume ihres Jungfrauentums, so dass
+ihr weisser Körper über die roten Rubinen blutete.
+
+»Eine blutende Hostie des Satans!« rief Fray Tomàs verzückt. Sie aber
+heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt vor ihren
+Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die Zähne hinein,
+ihre Qual zu verbeissen.
+
+_Und sie tanzte die Sünden der Hölle!_
+
+»Küss ihn,« rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was er
+befahl. »Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg,
+zertritt ihn, zermalm ihn -- lästere die Dreieinigkeit -- rufe zu Satan!«
+
+Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca:
+
+»Satan, Lucifer, Adonai!«
+
+»Was willst du?« rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta.
+
+»Nimm mich in die ewige Qual!« stöhnte Teresa.
+
+
+
+»Und Gott? -- Glaubst du an ihn?«
+
+»Ich glaub' an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie ich mich
+von ihm los, -- _dein_ will ich sein --!«
+
+»Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?«
+
+»Tat ich's nicht schon?« rief sie atemlos.
+
+»Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn darum
+hasst?«
+
+»Ich sehe Gott,« rief Teresa ekstastisch, »und will doch deine Dirne sein,
+Satan!«
+
+In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf
+den Teppich.
+
+»Schnell . . . schnell . . .« rief Fray Tomàs, »ehe sie bereuen kann, ehe
+sie das grosse Werk zerstört!«
+
+Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. Sechs
+Dolche staken in Teresas Leib -- im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den
+Lenden, in der Scham -- _aber keiner schien sie verwunden zu können._
+Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche
+umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen Schmuck.
+
+»Sie fühlt nichts mehr,« rief einer erschrocken. Mit einem Messer schnitt
+er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam fielen die
+Dolche wie reife Früchte von ihr ab.
+
+Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung.
+Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. Leer --
+gebrechlich -- standen die Ernüchterten da und wussten kaum im plötzlich
+erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben
+geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie fühlten, wie
+kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten.
+
+Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich
+Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine
+Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklärung. Er aber
+wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der
+Hand nach der Decke deutend brüllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh:
+
+»Gott . . . Gott . . .!«
+
+Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe.
+
+_»Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht geschehen!_
+
+Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele
+fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!«
+
+Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und
+zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. Teresa
+taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme
+erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings
+niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den
+Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg verzweifeltes
+Stöhnen und Beten der Reue empor.
+
+ * * *
+
+Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es mir möglich
+war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich
+Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel
+des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben
+werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an
+eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich
+dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich
+auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.
+
+[Fußnote *: Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas
+Ähnliches anerkannte!]
+
+
+
+
+
+Die Botschaft
+
+
+ICH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, dass
+ich mich meiner Wohnung näherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch genommen.
+Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fühlte mich ruhig und
+zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde ich nie Haschisch oder Opium
+geniessen; man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Möbeln
+hängen bleibt. Meine Zimmer mussten rein sein. Da empfing ich eine Frau,
+die ich liebte, da arbeitete ich, manchmal kamen Freunde; alles war dort
+nach meinem Geschmack; jeden Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo
+gekauft . . . oder er war ein Geschenk . . . . oder ein Erbstück . . .
+meine ganze Lebensgeschichte hing an diesen Möbeln, meine Reisen . . . eine
+Art Tagebuch: mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine
+Spielsachen dann kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater
+sass und erzählte . . . so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren
+Schein ich mich auf eine Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die
+Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine
+erste Geliebte in entzückender Wut zerbrochen, und später einmal ein
+geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in
+dieser Wohnung. Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien
+dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen
+darin abzuhalten. Nichts Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich
+ganz glücklich, dass ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des
+Jahrhunderts hatte.
+
+Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer Dirne in
+geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. Ihre
+Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von
+Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere ihresgleichen mit
+einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten Ungeeigneten
+unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese ganz und
+gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen Abwehr
+fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen
+waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass das lange
+Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu
+verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder
+lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken
+konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl folgen?
+Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der
+Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit -- einem das anzubieten! Auf welche
+Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall
+musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die
+meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine Spiessbürgerin der Halbwelt, ein
+Leib, der mechanisch als Weib funktionierte.
+
+»Das ist ja der Tod,« dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte ich den
+Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden oder mir schien
+vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle nun alle Strassen,
+liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar Menschen, die mir in
+der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser Strassen, deren
+selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir
+plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten,
+schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet; weshalb? für ein
+Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst
+morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen für
+alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum?
+Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten
+trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig, blickten sich kaum um. Da
+fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die
+verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit dieses ganzen dummen
+Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und freute mich auf den Schlaf. So kam
+ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustür zuwerfen wollte,
+schlüpfte jemand hinter mir herein.
+
+»Inkubus,« murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich
+nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt. Eine Lähmung, wie
+sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen
+oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts wurde ich die Treppe
+hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines Arbeitszimmers stand. Wie jede
+Nacht zündete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschöpft auf die
+Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe
+Dirne, die mir zuerst auf der Strasse den Weg versperrt hatte. Das sinnlose
+Elend, das sich mir draussen über die Nerven gelegt, war in mein Zimmer
+getreten.
+
+Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben und
+ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt
+antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise
+und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit.
+
+». . . stelle dich nicht wie ein Kind,« sagte sie, »das weisst du doch,
+alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose
+hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler,
+der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit
+deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen
+Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrücken darf. Denke doch an
+die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, dass sie
+keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft,
+Versprechungen, Verzichtleistungen -- weiss der Teufel, was -- verlangt.
+Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die
+Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafür schuldest, dass
+er dich noch leben lässt. Um dich nicht zu erschrecken, näherte ich mich
+dir draussen. Du siehst, wie ich dir die Pille versüsse. Du hättest mich,
+wenn ich gewollt, ebensogut auf deinem Bette sitzend finden können. Denke
+dir einmal, wie du da überrascht gewesen wärest.« Sie lachte heiser. »Du
+siehst, ich bin ganz bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd.
+Weisst du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal
+bewusst solch einen Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein;
+gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen
+vorkommen werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und
+sie werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts
+vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast du
+wenigstens etwas mit ihnen gemein.« Sie schaute im Zimmer umher. »Übrigens,
+ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten des Todes gleich
+mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch
+hervorzurufen.«
+
+»Keine, verfluchtes Tier!« schrie ich ihr entgegen. »Du bist die erste, die
+diese Räume besudelt.«
+
+Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige
+Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei.
+
+»Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir
+wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafür bleiben dir auch die viel
+schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen Bürger,
+den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts erleben, das
+werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, weisst du, wir
+können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die
+amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. Übrigens
+noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst deshalb noch lange nicht
+zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe
+nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose Jugend für dich
+verrauscht ist.«
+
+Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien Mitleid
+mit mir zu haben.
+
+». . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer die andern
+waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du einst um
+Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute
+alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie
+gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir
+kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen morgens je einmal
+gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht.
+Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weisst
+du weniger Gutes oder mehr Böses von mir?«
+
+»Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.«
+
+Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes Lachen
+aus.
+
+»Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht von
+Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an
+deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier an allen Möbeln
+herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. Ich weiss, mit wem
+du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage hier unterhältst.
+Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich von mir wie ein Knabe
+verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir
+machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas
+vorzulügen.«
+
+Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener
+Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen
+Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den schwammigen
+schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen sein.
+
+Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war
+überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu
+befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir plötzlich
+das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. Ich sprang auf und eilte
+nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle
+Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der
+geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich
+zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der
+Strasse zu und brummte, weil ich sie schon weckte.
+
+»Hinaus . . . fort . . .« schrie ich.
+
+Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, indem
+sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken antwortete.
+Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hörte; das war doch
+wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf und sie schimpfte; gut,
+das liess man sich gefallen, das war logisch; aber sonst, das andere war ja
+ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem Bett lag.
+
+Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte man sehen
+sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem
+Staunen, rief sie aus:
+
+
+»Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen?
+. . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so
+gut gefallen hat . . .?«
+
+Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte:
+»Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .«
+
+Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.
+
+Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.
+
+Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte
+sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete
+meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr
+sinnlicher Schein war fort.
+
+»Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,« rief ich
+aus, »das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun
+herumschleppen!«
+
+Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch
+aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein
+mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich
+nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. Ich kannte ja
+niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain
+ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem
+schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus
+pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe
+hinunter.
+
+Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.
+
+Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich nach
+einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen
+mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien
+durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend da gesessen
+habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war
+ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte.
+Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung
+wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts
+mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse
+gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus
+Europa in irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es
+merkwürdig, dass ich -- gerade ich -- so etwas empfand. Fast war mir, als
+wäre das alles gar kein Rausch gewesen; die körperlose Geliebte, die kein
+Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume -- das Bachanal der wütendsten
+Selbstvernichtung -- die Umarmung des Todes -- das lüsterne Betasten und
+Belauern des Heiligen -- hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo
+hatte ich ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es?
+Ich fühlte, dass ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war
+mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich
+schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen
+Gesundheit beginnen?
+
+
+
+
+Der Schmugglersteig
+
+
+.sub Eine vormärzliche Begebenheit aus den privaten Aufzeichnungen eines
+Journalisten.
+
+EIN halbes Jahrhundert habe ich über mich selbst geschwiegen, ich war ein
+Sprachrohr der andern. Heute bin ich fünfundsiebzig Jahre alt. Es ist daher
+höchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten, wenn es überhaupt noch berichtet
+werden soll.
+
+Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne
+gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal auf
+Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap Finisterre bis zum
+Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Königen, vier Häuptlingen,
+einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan und 214 Ministern habe ich
+gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen Sonnenorden verliehen, aber mein
+Souverän erlaubte mir nicht, ihn zu tragen, denn mit seinen Sternen und
+Bändern bedeckt er mehr als dreiviertel einer mittelgrossen Personnage,
+bezaubert daher Unwissende stärker als der Schwarze Adlerorden, und das ist
+nicht gut; Heinrich Heine hat mir persönlich göttliche Grobheiten gesagt,
+Fanny Elsler hätte mich fast geliebt, Napoleon III. hörte mit gnädigem
+Lächeln meine Finanzpläne zur Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen
+war ich Zeuge (die letzte war eine elektrische); mehr als 200
+erwerbsbedürftigen Müttern habe ich die Doppelköpfigkeit, unmässige
+Behaarung oder die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Missgeburten
+öffentlich bezeugt; ich habe betrunkene Könige, ehrliche Dirnen und
+bescheidene Tenöre gekannt, in Louisiana sollte ich skalpiert, in Tibet
+geschunden werden, aber mein gewandtes Auftreten rettete mich; ich kann
+keine Sprache ganz, sechsunddreissig dreiviertel oder halb, in allen habe
+ich eine vortreffliche Aussprache. Mit einem Wort, ich gleiche dem
+nordischen Gotte Heimdall, der von neun Müttern geboren war (also
+neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger Schlaf brauchte als ein Vogel,
+bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei Tag, und das Gras auf der Erde,
+die Wolle auf den Schafen wachsen hörte.
+
+Aber von alledem will ich heute nichts erzählen, ihr Damen der Provinz, die
+ihr mich für einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr berichten,
+was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte halbe
+Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Blätter meines
+Lebensbuches zurück.
+
+Ich besass die kümmerliche Monatsrente von fünfzig Gulden (später gab es
+Monate, in denen ich bei Gott -- 5000 anzubringen verstand). Dies und ein
+unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum Dichter. Wie es
+sich für diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer mit Aussicht
+auf einen altertümlichen Hof und zahllose Giebeldächer, auf denen im
+Mondschein Katzen und Kater tanzten, während in den dunklen Ecken des
+morschen Baus die Mädchen des Hauses verfängliche Gespräche mit ihren
+Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren wie Saiten in den Rahmen
+meines Fensters gespannt und mein überquellendes Herz harfte seine
+Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich ein Mädchen. Es war nicht
+schön (die Geliebten der Dichter sind nie schön, denn wessen
+Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen schmiedet, muss so viel
+Wirklichkeit übersehen, dass es auf ein paar Extrahässlichkeiten, wie etwa
+Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung von Augen zu Sternen macht,
+braucht nicht viel weiter zu springen, ob die Augen schielen oder nicht).
+Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas struppiges Haar, ohne dass ich
+es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig. Aber auch sie war ein Weib,
+ihre körperlichen Merkmale waren feminini generis, wie bei Venus und Maria.
+Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett in das Mysterium der stets
+streitenden und stets sich ergänzenden Hälften der Welt, des ewig
+Männlichen und des ewig Weiblichen. Dazu genügte Manolitha, wie meine
+Dachkammer für meine Poesie. Das arme Kind wusste nicht wie ihm geschah.
+Sie musste wohl meinen: So sind die Männer.
+
+Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die über einem See
+aufsteigende Felsenstrasse -- im letzten Haus diente Manolitha -- führte in
+das Nachbarland. In einer Mondnacht -- mir ist, als wären in jener Zeit
+alle Nächte Mondnächte gewesen -- hatte ich Manolitha an ihre Türe
+gebracht. Ich stand allein, hoch über dem See. Fern glitzerten die Lichter
+der Stadt. Längs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklüftet und oft
+von lärmenden Giessbächen zerrissen. Auf dem fast taghell beschienenen See
+irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und da schwamm ein Fischerboot
+auf der Fläche, dessen Insasse bei einer Laterne sein schweigsames Gewerbe
+trieb. Auf meinen Lippen brannten noch die Küsse der Geliebten, die mir
+jetzt in der Erinnerung wirklich ein wenig zu dürftig vorkommt. (Bei
+Heimdall, dem Journalistengott, später habe ich wahrhaftig andere Frauen
+geliebt!) Ich eilte vorwärts auf der Felsenstrasse, vorwärts in die Ferne,
+nach Süden, in dumpfem Drang, aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht,
+den Gedanken, das Wort zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte.
+Halb trunken wanderte ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die
+Felsenstrasse rechts ab in das Geklüft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in
+die Wand gehauen, die über dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir
+war, als stünde ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts
+ging es in die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen
+Wasserfälle, links führte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch über
+der unten ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dünnem
+Seil glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, während ich, der Gefahr
+spottend, über dem Abgrund mühselig einherkroch. Der Gedanke belustigte
+mich, es könnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad
+entgegenkommen und ich war neugierig, was sich dann ereignen würde. Einer
+hätte umkehren oder in die Tiefe stürzen müssen. Es kam mir vor, als ziehe
+sich der Pfad unendlich in die Länge. Da ich infolge der Krümmungen den
+Ausgangspunkt längst nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase, die sich
+vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich weiter mit jener
+fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwärts zwingt, damit wir nur
+nicht auf denselben Weg zurück müssen, und ginge es in den Tod.
+Körperlicher Anstrengungen ungewohnt, fühlte ich bald eine kaum noch
+erträgliche Müdigkeit, die Hände schmerzten bei jeder Berührung mit dem
+Felsen, ich fühlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein Zittern in den
+Unterschenkeln kündete einen nahenden Schwindelanfall an. Fast weiss lag
+der See unter mir, ein unwahrscheinliches künstliches Licht durchzitterte
+die Luft . . . . . . Des folgenden Zeitabschnitts vermag ich mich durchaus
+nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestürzt und unter der Flut
+in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum Spass unsere Welt
+nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem Mummenschanz? Oder bin
+ich mit übernatürlicher Anspannung meiner Kräfte weitergegangen, so dass
+für die Tätigkeit des Bewusstseins nichts mehr übrig blieb? Kurz, ich fühle
+meine Erinnerungen an dieser Stelle wie in zwei Leben zerbrochen, eine
+Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits. Ich stelle mir vor, dass
+viele Menschen so eine Lücke in ihrem Dasein haben, die sie vergeblich
+auszufüllen suchen. Entweder nehmen sie diesen Mangel ernst, lassen in
+Gedanken nicht davon ab und werden verrückt, oder sie betäuben sich, wie
+ich mit Arbeit, Vergnügen und ähnlichen narkotischen Mitteln, dass heisst,
+sie machen einen Umweg um ihr eigenes Leben.
+
+Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich sitze in einem
+allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und Tüchern bedeckt, vor
+mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf einen Kreis wildbärtiger
+Männer wirft. An ihren Gürteln sehe ich reich besetzte Dolche funkeln, ihre
+rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in Lumpen, halb in köstliche,
+orientalische Decken gehüllt, Offenbar sind es Schmuggler. -- Als ich den
+Blick aufwärts wendete, sah ich den gestirnten Himmel über mir. Wir
+befanden uns in einer dachlosen Stube, deren Wände Felsen bildeten. In den
+Ecken schienen dunkle Stollen in den viereckigen Raum zu münden. Vor jedem,
+auch vor mir, waren kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Gläser
+aufgestellt mit Speisen und Getränken, die appetitlicher aussahen, als der
+Ort erhoffen liess. Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit
+der Mahlzeit zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte
+mich besonders zum Trinken, war überhaupt sehr höflich und zuvorkommend.
+Ein altes Weib, das nicht anders als »Skelett« angeredet wurde, bediente
+uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich hätte allzu gerne
+gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber ich
+fürchtete, mir eine Blösse zu geben, wenn ich fragte. (Um übrigens keinen
+unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke ich gleich, dass
+ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange Geistesabwesenheit
+nach Kräften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist, und ich mich, ohne
+betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung befand, schlugen
+meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen, in der, wie sie sagten, von
+den Schätzen der Erde das Beste und Kurioseste aufgestapelt sei. Wir traten
+mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide Wände von eisernen Türen
+durchbrochen waren.
+
+
+»Wir können Ihnen unmöglich alles zeigen,« sagte einer, »aber Sie werden
+sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen können.«
+
+Man öffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung der
+kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermüden. Die Aufsätze,
+die ich in den folgenden fünfzig Jahren aus allen Teilen der Welt an die
+*** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur kurz einiges
+allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wüste, das starre Trandasein
+der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig gewordenen nordischen
+Göttern, um die sich der Reichtum beider Welten schart. (Ich muss bemerken,
+dass dies in den vierziger Jahren geschah, als noch kein Mensch an Bayreuth
+dachte). Ich sah die Schlachtfelder des Deutsch-Französischen Kriegs, aber
+ich entdeckte noch mehr: leibhaftige Gedanken, die in zeitweiligen oder
+lebenslänglichen Ruhestand versetzt, auf köstlichen Polstern lagen,
+menschheitbeglückende und weltzerstörende Ideen; kommunistische Systeme
+sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen wälzten sich knurrend an der
+Kette; Dichterträume gingen in fabelhafter Nacktheit -- ich muss gestehen
+etwas dreist -- zwischen anständig, wenn auch dürftig gekleideten
+bureaukratischen Schrullen umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung
+waren, schrien nach Wöchnerinnen, die man ihnen versagte; einige neue
+Laster machten sich von weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nähe
+schlecht, weshalb ich nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich
+einzuprägen. Lues, eine Schöne, grämte sich, weil man sie nicht zu den
+assyrischen Lasterkönigen liess, aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler
+ungeheuren Respekt zu haben schienen, wollte es nicht so, wie man mir
+versicherte. Auch fixe Ideen drängten unverschämt heran. Nur diesen
+gegenüber musste ich mich unhöflicher Worte, einer, die einen Lorbeerkranz
+trug, sogar meiner Fäuste bedienen, sonst benahmen sich selbst die
+Leidenschaften und die Todsünden recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie
+derbe Leute, die sich einmal in den Zwang eines Salons fügen, um sich
+später anderwärts schadlos zu halten.
+
+Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all' diesen
+Kuriositäten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich einer
+meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den
+Sammlungen fand, höflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen
+einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke
+unentschlossen umherschweifen. Wieder drängten sich die fixen Ideen
+ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden
+rotschimmernden Gemach, in dem -- obwohl es gar nicht gross war --
+fünfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten, die
+still vor sich hin lächelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht
+vorzudrängen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer der Leiber
+geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen, ich meinte,
+die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hässlich, aber wer ein rechter
+Dichter sei, der setze sich darüber hinweg. Die Schmuggler freuten sich
+offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die zunächst liegende
+durch ihre brennenden Blicke versetzte.
+
+»Die will ich haben . . . alle 500,« rief ich gierig und wurde gleich sehr
+verlegen.
+
+Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergnügt, ich solle noch
+einmal wählen. Man öffnete vor mir eine andere Tür, durch die ein heftiges
+gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich mich daran
+gewöhnt hatte, sah ich, dass Wände, Boden und Decke des geöffneten Gemaches
+mit geprägten Goldstücken gepflastert waren. Ich wollte weiter gehen.
+
+»Es ist rund eine Million,« sagte man mir.
+
+»So?« erwiderte ich gleichgültig und blickte bald lüstern zurück in das
+Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend über den andern
+Kostbarkeiten umher.
+
+»Es ist eine Million,« wiederholte der Schmuggler erstaunt, »wollen Sie die
+nicht . . .?«
+
+»Ach nein, geben Sie mir lieber die Wüste mit den Kamelen und Oasen oder
+sonst etwas Romantisches . . .«
+
+»Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber schenken und
+nun verschmähen Sie das lumpige Milliönchen. Was wollen Sie denn ohne Geld
+mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden Ihnen Ruhe lassen?
+Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und Kleidern . . .« »Aber nackt
+gefallen sie mir viel besser.«
+
+»Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden sie sich
+schon von andern etwas schenken lassen.«
+
+Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die Million
+versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun dürfe ich
+noch ein letztes Mal wählen. Dieses Mal wolle man mich nicht beeinflussen,
+aber sie müssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was mir gewiss ganz
+besonders gefallen würde. Sie schoben eine Tapetentür auf, die sich ohne
+Schlüssel öffnen liess, während alle andern Pforten von Eisen waren und
+schwere Schlösser hatten. Dafür war diese Tür so kunstvoll verborgen, dass
+sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten in ein Zimmer, in dem
+offenbar niemals aufgeräumt wurde. Ein Haufe Metaphern, Anaphern, Symbole,
+Allegorien, geprägte Redensarten, Zitate, Sprichwörter, in Fäulnis
+übergegangene Witze lagen wie Kraut und Rüben durcheinander. An den Mauern
+hingen ohne Ordnung poetische Bilder und Vergleiche in festen Rahmen,
+Tropen und Metonymien blickten verwirrend dazwischen hervor. Um die vier
+Wände des Zimmers ging nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen
+Windöfchen, Kolben, Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe
+Gläser voll Flüssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus,
+Gedanken, ganz gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflösung
+befanden, manche waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende
+Flüssigkeit nur leise gefärbt, andere waren bereits formlos, gallertartig
+geworden, während die Flüssigkeit immer trüber schien; in einzelnen Gläsern
+befand sich nichts als ein formloser, missfarbiger Brei.
+
+Auf meine Frage, was diese Gedankenverdünnung bedeute, wollten mir die
+Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich würde das schon eines Tages
+begreifen; wenn nicht, so wäre mir nur um so wohler. Ich muss gestehen,
+dass mir das verdächtig vorkam. Ich wurde unwillkürlich an die
+Wirtshausküche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch soviel Brühe
+gewonnen werden kann, als -- Wasser da ist. Es wurden hier offenbar
+Fälschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute die zur Verdünnung
+benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe keine von meinen Versen
+vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren konnte. Vielleicht würden
+sie daraus eine Wassersuppe kochen. -- Indessen schweiften meine Blicke
+wieder über die Merkwürdigkeiten am Boden und an den Wänden; mein Herz ging
+auf, als ich darunter zwischen vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige
+Symbole, erhabene Weisheitssprüche hervorschimmern sah.
+
+»Wer dahinein Ordnung brächte!« rief ich begeistert aus, »würde das Zeug zu
+der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das Gerümpel, mich
+soll die Mühe nicht verdriessen!«
+
+Die Schmuggler erklärten sich gerne bereit.
+
+Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen in dem
+Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte Einzelheiten über das
+Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel. Klein hatten sie
+angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten sie am Weg gefunden haben.
+Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte Tauschgeschäfte. Ich gewann
+immer mehr den Eindruck, als ob das alles nicht immer redlich zuginge.
+
+»Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt für unsere Gaben zurücklassen?«
+fragte man mich.
+
+Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable
+deutsche Dichterzigarre.
+
+»Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Träume ab und wir
+sind zufrieden.«
+
+»Träume?« rief ich aufatmend, »davon habe ich genug; wenn Sie ein Mittel
+wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien . . .«
+
+Wir kamen dann auf andere Gesprächsthemen, auf Politik, auf die damals
+herrschende Unzufriedenheit der Völker mit ihren Herrschern. Die Schmuggler
+taten so, als hätten sie dabei irgendwie die Hand im Spiel.
+
+»Nein, nein,« rief einer aus, »die echte Revolution geben wir so bald nicht
+wieder her. Wir haben sie nur mühsam zurückbekommen gegen die Heuchelei,
+die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich erhalten wir fast
+täglich Briefe, wir möchten sie wieder hergeben, sie wollen uns dafür die
+Glorie Bonapartes ungeschmälert ausliefern. Aber wir tun es nicht. Sie
+bekommen höchstens ein paar Barrikadenkämpfe.« (Ich bemerke, dass das Jahr
+48 vor der Tür stand.)
+
+Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der Ecke. Es
+war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts.
+
+»Grossmäuler Ihr,« rief die Alte, »Ihr müsst sie ja doch hergeben, wenn die
+Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, dass die Euch
+ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf den Kopf stellen.
+Hi . . . hi . . .«
+
+Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend die Alte an
+einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und hängte sie
+damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der Felswand
+ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente
+Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die Pforte noch offen
+stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas fremdländischem
+Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen. Mit ihr hätte es aber
+wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche Formen.
+
+Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer mehr. Sie
+schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich zu setzen
+wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende Geschäfte,
+wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe verzettelten,
+die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel besonnene
+Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche Nichtigkeiten
+bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren Kniffen das
+Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher Gedanke stieg in mir
+auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, würden sie
+schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen und ihre
+Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt haben. Mir graute vor der
+Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung, die dann zur Herrschaft kämen,
+während die Freiheit, die Schönheit, die Erkenntnis in Felsenkammern als
+Kuriositäten moderten oder alchimistisch entstellt würden. Es war nur gut,
+dass sie wenigstens vor dem Schicksal Angst hatten, vielleicht weil es das
+einzige auf der Welt ist, womit man nicht Handel treiben kann.
+
+Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben, denn nur
+mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt wurde, einen
+überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und in die Mitte rücken musste
+und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande darin herumquirlte; man
+warf mir unerkennbare Gegenstände hinein, Flaschen wurden darüber
+ausgegossen; wenn der Kessel zu voll war, stellte man ihn einfach schräg,
+bis ein Teil der Flüssigkeit überlief, die sich wie kriechendes Gewürm
+lautlos und dick in die Stollen verteilte. Dann wurde weiter gepantscht.
+Zuletzt klebte die Alte auf einer Etikette das Datum des folgenden Tages an
+den Kessel, den mehrere Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine
+eiserne Tür. Durch den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten
+Himmel. Ich merkte, dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel
+wurde bis auf die Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und
+nun rollte er auf einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande
+heulte ihm die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte
+überhaupt die Rutschbahn aufs unflätigste.
+
+»Er ist geplatzt,« rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft vor,
+wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen würde.
+Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion.
+
+Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich aber tat
+als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen
+ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter
+beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte,
+in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume
+waren.
+
+Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie
+lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. Ich
+wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da kam
+einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte
+Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der
+Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine
+merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent
+erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben stand
+zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild:
+
+ Nachtschelle für
+ Mlle Rose, Modes.
+
+Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den
+Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet und ein
+recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem Gesicht
+flüsterte:
+
+»Sie sind doch empfohlen . . . durch Dr. M., nicht? . . . Sie wissen, nur
+auf Empfehlungen lassen wir . . .«
+
+Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich wieder in das
+halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen lagerten, die nun mir
+gehörten. Aber die Tür flog gleich zu.
+
+Das anständige Mädchen schob mich auf eine breite verschnörkelte
+Holztreppe, wie sie in alten Bürgerhäusern sind. Ich ging hinauf. Es roch
+nach samstäglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastür, vor der auf
+einem Schildchen mein Name stand. Ich öffnete mit meinem Hausschlüssel, der
+genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch gedeckt, beim
+Schein einer geblümten Petroleumlampe strikte Manolitha Socken. Hinter dem
+Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehäkelten, kranzförmigen Pfühl;
+darüber hingen Familienporträts in ovalen Rahmen. Manolitha stand auf; sie
+nahm sich als Hausfrau ganz gut aus.
+
+»Alter,« sagte sie, »es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war der
+Metzger mit der Rechnung . . .«
+
+Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar küssen, aber
+da kam wieder der Schmuggler, machte sich über Manolithas Kopf zu schaffen
+und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder in den Stollen
+trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch befand ich mich
+in einem kleinen Gemach voll orientalischer Teppiche am Boden und an den
+Wänden. Ein Diener erwartete mich mit Tee. Neben meiner Tasse lag ein
+Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme, nach denen ich griff, während
+der Diener mir die Stiefel auszog. Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen
+vor Spiegeln. In der Mitte war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan
+gedeckt, seltene Blumen dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte
+bescheiden, alles sei für das Diner angeordnet, wie ich es befohlen hätte.
+In diesem Augenblick schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen.
+
+Als ich aber die Hörmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich einen
+Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild. Tief im
+Abgrund wand sich ein Fluss zwischen südländisch üppig bewachsenen Ufern,
+an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen hellerem Grün hervorstach.
+Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt, die immer höher schwebte, bis sie
+ganz dicht vor mir war. Ich erkannte Manolithas Züge, schön wie sie in mir
+lebten. Sie trug ein antikes Gewand. Gemessen schritt sie auf mich zu, hob
+ihre beiden Arme und wollte mir einen Lorbeerkranz auf die Schläfen
+drücken, aber zum dritten Male erschien der Schmuggler, rollte das Bild
+auf, gab es dem Skelett, das damit in dem Stollen verschwand. In dem
+Guckkasten aber gewahrte ich ein anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem
+Vater ähnlich sah, nur viel vornehmer erschien, sprach von einer
+Rednerbühne herab zu einer festlichen Versammlung. Man jubelte ihm zu, er
+schien seine Rede gerade beendet zu haben. Ich hörte noch, wie er die Worte
+sagte:
+
+»Und für diese Broschüre, in der ich sein Land in den wahrsten und hellsten
+Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey von Tunis mir
+seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souverän -- Gott erhalte ihn --
+konnte mir aus geheimen Gründen der Staatsräson das Tragen dieser
+Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich genötigt, diesen Beweis seiner
+Gunst dem hohen Bey -- auch ihn erhalte Gott -- zurückzusenden. Vorher aber
+kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen, verehrte Zuhörer, und --
+wie ich mir wohl schmeicheln darf -- Freunde, dieses Kleinod zu zeigen!«
+
+In diesen Worten öffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm derselbe
+Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die Stiefel
+ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene Schleifen,
+die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht enthalten,
+sie einen Augenblick anzulegen.
+
+In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand rief:
+»Schluss!« Ich hängte die Hörmuschel an, und als ich mich umsah, war es
+heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer Felsenstube.
+
+Man wünschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen ganz
+erträglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die Schmuggler
+nach dem Frühstück an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten, d. h. einige
+Streifzüge in der Umgegend machen wollten, weil heute der Fürst Metternich,
+auf einer Italienreise begriffen, durchkommen müsse und sie ihm einige
+freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften durch derartige
+Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen. Man brach auf,
+und mir blieb nichts anderes übrig als mitzugehen. Die Schmuggler bemerkten
+meine enttäuschte Miene.
+
+»Ach so, die Geschenke,« sagte einer, »Sie müssen wissen, dass Sie das
+nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt
+werden. Aber Sie werden noch heute spüren, dass wir Wort halten.«
+
+Ich glaubte natürlich kein Wort und war überzeugt, dass man mich betrogen
+hatte.
+
+Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns schließlich an
+eine Stelle des Sees führte, wo zwischen Wasser und Felsen kein Pfad ging.
+Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen, lag in einer kleinen
+natürlichen Bucht. Ich wurde eine halbe Stunde weit gerudert und dann an
+der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt. Die Schmuggler hielten sich keine
+volle Minute auf, sondern fuhren mit unbegreiflicher Geschwindigkeit
+zurück.
+
+Ohne im geringsten Klarheit über das Erlebnis zu finden, ging ich der Stadt
+zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo sie Fische gekauft
+hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hässlich sie war, sie schien
+mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hände nach Fischen riechen!
+Glücklicherweise führte der Weg über eine Brücke, unter die ich leicht
+durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte. Dort verbarg ich
+mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals wieder gesehen.
+
+Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten
+Gasthaus ein grosses Gedränge, das von galonierten Bedienten zurückgehalten
+wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen, einen der
+Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand. Auf meine
+Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe Persönlichkeit
+auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse aber nicht wer, da
+die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste sofort, dass es niemand
+anders als Fürst Metternich sein konnte. Mit einer mir sonst gar nicht
+eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten von hinten ins Haus
+zu schleichen. Vor einer Tapetentür im ersten Stock blieb ich, der sonst
+eher schüchtern war, so ungeniert stehen, dass alle Vorübergehenden meinen
+mussten, ich gehörte dahin. Durch die Tür aber vernahm ich die Stimme des
+Fürsten im Gespräch mit dem Bürgermeister der Stadt. Ich verstand nur
+abgerissene Sätze. Vor allem wünschte er ganz unerkannt durchzureisen, da
+er leidend war, im übrigen sei er der Stadt sehr gewogen; er habe nichts
+einzuwenden gegen die Ernennung des beliebten X. zum Oberpostmeister,
+obgleich der Mann im Geruche des Liberalismus stehe; man solle überhaupt
+ihn (den Fürsten) doch ja nicht für einen Währwolf halten, er beabsichtige
+auch im Lauf der Jahre die Zensur und die Pressgesetze, selbst in den
+Grenzdistrikten, etwas milder zu handhaben etc. etc.
+
+
+Als ich hörte, dass der Bürgermeister verabschiedet wurde, eilte ich fort,
+um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf die Redaktion der
+ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet.
+
+»Metternich hier?« rief der Redakteur, »wenn Sie sich nur nicht täuschen
+. . .«
+
+»Aber Herr Redakteur,« erwiderte ich, »was glauben Sie von mir, ich kenne
+Fürst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.«
+
+Ich erschrak über diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich hatte
+Metternich nie gesehen, noch früher je sprechen gehört.
+
+»Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen,« erwiderte der
+Redakteur, durch meine Sicherheit überzeugt. »Hier ist ein Pult, Tinte und
+Feder . . .«
+
+Während ich schrieb, flossen mir -- ich wusste nicht wie -- Bilder und
+Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt hatte. In
+einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie ich selbst
+fand, äusserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein überreichte
+ich dem Redakteur die Blätter, der sie überflog und erstaunt rief:
+
+»Sie sind der geborene Journalist, junger Mann . . . Ihre Findigkeit ist
+nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer
+Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?«
+
+»Das ist mein erster Versuch,« erwiderte ich etwas schüchtern.
+
+»Was waren Sie denn früher? Jeder Journalist war früher etwas anders.«
+
+»Dichter,« sagte ich beschämt.
+
+»Na, das haben Sie sich glücklich abgewöhnt. Ich habe Beschäftigung für
+Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in die Oper
+und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.«
+
+»Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.«
+
+»Unsinn,« antwortete er grob, »solche Bedenken gewöhnen Sie sich nur ja ab,
+mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch, theosophisch
+. . . was verlangt wird . . . verstehen Sie? Ich sehe übrigens, dass Sie,
+um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollständigen müssen. Hier
+haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben Sie dieses Blatt.«
+
+Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten, was
+darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo ich mich
+völlig ausrüstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner Zimmertür
+stand eine pompöse, übermässig elegant gekleidete Dame.
+
+»O . . . Sie kommen endlich . . .« rief sie in einem gebrochenen Deutsch.
+»Ich bin Rubini . . ., Carlotta Rubini . . . ich höre, dass Sie heute abend
+die Kritik schreiben.«
+
+Ich geriet etwas in Verlegenheit.
+
+»Verzeihen Sie . . . Signora . . .« stammelte ich . . . »ich wohne nur
+vorübergehend in dieser Höhle . . . bis ich eine Wohnung nach meinem
+Geschmack finde.«
+
+»O ich begreife . . . ich begreife . . .« sagte die Rubini und trat ein.
+
+Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von den 500
+Frauen, die mir in der Schmugglerhöhle zunächst gelegen hatte.
+
+»Ach . . . ich hin so müde . . .« sagte sie . . . »darf ich ein wenig
+ausruhen . . . seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.«
+
+»Gewiss . . . gewiss . . . Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten
+könnte . . .«
+
+»Ach ja, mein Herr . . . bieten Sie mir etwas an . . . lassen Sie etwas
+holen.«
+
+Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster
+arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus
+Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern, die
+ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach die so
+unentbehrliche Million zukommen lassen würden.
+
+Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich's die Rubini sehr bequem
+gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt ich bereits
+besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen übermässig starken Pulsschlag
+. . .
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Aber sie war nur ein Präzedenzfall. Ich könnte noch 499 Geschichten
+erzählen, wenn nicht die hohe Geburt, der europäische Name und der Reichtum
+meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten. Aber aus rein
+psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal indiskret sein;
+nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhäuser abwarten.
+
+
+
+
+
+
+
+
+Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Müller
+Verlag in München in einer Auflage von 800
+Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg & Lefson
+in Berlin hergestellt und nach den Entwürfen von
+Paul Renner bei Hübel & Denck in Leipzig gebunden.
+Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van
+Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden.
+
+Dieses Exemplar trägt die Nr. 551
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH ***
+
+***** This file should be named 37763-8.txt or 37763-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/7/7/6/37763/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
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+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
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+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
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+
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+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
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+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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