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Schmitz + + + + + + + +Mit dreizehn Zeichnungen von Alfred Kubin +München und Leipzig bei Georg Müller MCMXIII + + + + + + + + + + + + + + +Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. + + + + + + +Inhalt + + +Haschisch + + Der Haschischklub + Die Geliebte des Teufels + Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts + Karneval + Die Sünde wider den Heiligen Geist + Die Botschaft + +Der Schmugglersteig + + + +Haschisch + Oh! là là! que d'amours splendides + j'ai rêvées! (Arthure Rimbaud). + + + + + + + + +Vorrede zur vierten Auflage + + +ICH würde und könnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902 zum ersten +Mal erschienene Buch -- also lange bevor der Satanismus und das »groteske« +Genre in Deutschland Mode waren -- heute nicht mehr schreiben, vielleicht +weil meine Phantasie in weniger übermütiger Fülle blüht, vielleicht weil +eine universellere Weltbetrachtung das rein ästhetische Flattern von Reiz +zu Reiz etwas hemmt. Dennoch freue ich mich, dieses Buch als ein +Vierundzwanzigjähriger geschrieben zu haben. Man hat mir die Notwendigkeit +nahe gelegt, sein Neuerscheinen in Einklang zu bringen mit meinen in der +letzten Zeit gelegentlich geäusserten und heftig angegriffenen Ansichten +über die Grenzen zwischen Kunst, Sittlichkeit und Religion. Nun, ein +Kunstwerk kann, wie ja heute bis zum Überdruss gepredigt wird, allerdings +in sich weder unsittlich noch irreligiös sein. Vielmehr hat es als +Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion überhaupt nichts zu tun. Wohl aber +kann ein unsittlicher Gebrauch davon gemacht werden und beschränkte Gemüter +mögen in ihrem Glauben daran Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange +ich mich nicht, an den Grundlagen der Familie und Ehe zu rütteln, wenn ich +mir auch als Künstler herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwürdigkeiten +zu suchen, die ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drücke ich eine +Missachtung vor der Religion aus -- was ganz und gar meiner eigenen +religiösen Gesinnung widersprechen würde --, wenn ich zeige, wie eine +gotteslästerliche Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie +glaubt die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht +Gottes anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal +versichert, dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht +eingehend konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstösst. +Ein Gläubiger wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die +grösste der Sünden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulässt. Immerhin +ist das Buch nur für gebildete Erwachsene geschrieben. Sein Äusseres wird +es aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es für die halbwüchsige +Jugend unzugänglich machen, und sein Stil dürfte kaum das Interesse der +Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der +sozialen Sittlichkeit genug getan. + +Ich wende mich zunächst an erfahrene Männer. Wenn ihnen das Büchlein +solcher Ehre würdig scheint, mögen sie es ihren Geliebten, die es doch in +dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren Los ist, +ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder Anmut zu +blühen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern und Töchtern zu +geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken aufbauen sollen, +wäre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist überflüssig, oft +gefährlich, doch kommt es natürlich immer auf die Frau an. + +Und dir, schöne Müssiggängerin, die du zufällig durch diese Vorrede gerade +zur Lektüre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht anders kannst, lies +es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf einen nicht ganz +einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehörst. Solange du selber +weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man sich nicht rühmen +soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es in des Teufels +Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt heuchlerischer +Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: »es ist ja nichts dabei,« oder +aber, gehörst du zu jenen schwatzhaften Gänsen, die immer wieder betonen, +die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben sittlichen Natur wie +der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu sagen. + +Nach der Aufführung eines Stückes von mir, welches das »Don-Juan«-Problem +behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und erzählte mir, wie +entzückt ihr achtzehnjähriges Töchterchen aus der Vorstellung gekommen sei +und wie erregt man am Familientisch die von mir berührten Fragen erörtert +habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir nun das Kind selber näherte, +und warnte die gute Dame aufrichtig davor, meine Werke jungen Mädchen zu +geben. »O wir sind vorurteilslos,« erwiderte sie. »Aber ich nicht,« sagte +ich in peinlicher Verlegenheit, »bitte, verhindern Sie Ihr Töchterchen, mit +mir über mein Stück zu sprechen. Ich wüsste kein Thema, das ich nicht mit +einer Frau behandeln könnte, aber zu sexueller Aufklärung fühle ich mich +nicht berufen.« + +Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es geben auch in +einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge von Gesetzgebern und +Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor. Gerade sie werden ihrer bunten +Abenteuerlichkeit wegen den Künstler besonders reizen. Sie verbieten ist +heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem zwecklos. Darum sollen sie noch +lange nicht öffentlich ausgeschrien werden. Auch von dem Künstler ist daher +zu verlangen, dass die Form, in der er solche Stoffe behandelt, und von dem +Verleger, dass die Art, wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu +der herrschenden Sittlichkeit wahrt. Man erzählt nicht am Familientisch, +dass man gestern mit einer »interessanten« Dame soupiert hat. So wird man +verhindern müssen, dass Bücher, die heikle Themen behandeln, in falsche +Hände geraten. Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System, +das dem Künstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem +jungen Mädchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Künstler die +Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mädchen bisweilen den +Zugang zu verbieten. Die französische Gesellschaft war darum so frei und +geistreich, weil junge Mädchen streng ausgeschlossen wurden; die englische +ist deshalb so langweilig und monoton, weil die »spinsters« bei allem dabei +sein müssen. + +Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines besonders +gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten der +Sittlichkeit und des Taktes erfüllt. Das weitere ist Sorge der Verleger, +Buchhändler, Eltern und Vormünder. + +Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Büchlein meiner Jugend +offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch stecke ich es +vielleicht heimlich unter das Kopfkissen! + +FRANKFURT A. M., JANUAR 1913. + + O. A. H. S. + + + + +Der Haschischklub + + +AN einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig besuchten +Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung zu achten, +ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt war, hörte ich neben mir eine +halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz dem +fremdländischen Akzent gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den +Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem +schlanken, diskret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio +Alta-Carrara. Ich beobachtete, während er, ohne mich zu sehen, sein Menü +zusammenstellte, dass sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem +letzten Zusammentreffen noch verstärkt hatte und eine unübertreffliche +Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde; die schmalen +langen Beine liess er in die schlanksten Stiefel auslaufen, während die +fast entfleischten Finger in spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine +dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken liessen, hatten neben dem +»ennui« eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine kühle Persönlichkeit +fast menschlicher und etwas nahbarer erscheinen liess. + +»Ah, Sie sind in Paris«, sagte der Graf und zeigte sich nur aus +Liebenswürdigkeit erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten +Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen. + +Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt, wo wir eines +Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse in der Hand, +zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander standen. Später +erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in einer +geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen des +Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, die +immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Südländer den +Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. -- + +Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen +Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert +van Assen, suchte. Dieser Meister -- so versicherte er -- hatte in +Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten, +dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur törichte Menschen +nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die +Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit +Schneeumschlägen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und +seine Werke vernichtet oder entstellt. -- Zum letzten Male hatte ich den +Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er +einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische +Literatur der Europäer überflüssig machte. + +Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze Aufmerksamkeit +schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach seiner besonderen +Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Plötzlich +unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung +wachzurufen schien: + +»Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht -- so etwas wie . . . + + . . . und eine Lust, gepflückt in tausend Lanzen, + der sich die Seele wie aus früherm Sein + entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein + die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen . . .? + +Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies +darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir +schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium +entthronen . . .!« + +Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so +eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und das +geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher +geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu halten. +Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit +zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister +verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des Christentums +Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, wenn nicht +bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen wären. -- Ich +hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen +Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe +angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich +abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die +satanischen Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten. +-- Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der +Alta-Carrara wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen +getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar +Worte gesprochen hat. + +»Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,« sagte er plötzlich. +»Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?« + +Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir +nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitäten meines +Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten +Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen zwischen +jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner Persönlichkeit +hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einführen wollte. + +Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich einige +vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras zu hören. Er +sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser Leichtheit über die +verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fühlte, dass es +ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden. -- Nachdem +wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen, wies man uns in +einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dämmerigen Licht +rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Männer, die in bequemen, wie +mir schien, orientalischen Kleidern auf niedern Polstern lagen. Zwischen +den Ruhebetten standen Taburetts mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen. +Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter +englischer Zigaretten. An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze +Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die +Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied +ich zwischen fremdartigen Gewächsen altmodische musikalische Instrumente +wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten. +Leichte Grüsse wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine +Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen +nieder. Von einem zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige +Haschischpillen und bot mir lächelnd die Schale. + +»Die Umherliegenden«, erklärte er halblaut, »befinden sich in einem Zustand +der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur ganz +geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortfolgen +reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge finden sehen, als +sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, können wir uns wie in +einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler befinden, denen +fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren Glanz sie morgen kaum +selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf den Genuss des Haschischs +und bewundern die Wirkung, die er in den übrigen hervorbringt. Wer dazu +imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzählungen den Vorstellungen +der übrigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen +Blick durch diese offene Tür in die Nebenräume; dort befinden sich die, +welche ganz in die Abgründe der Unbewusstheit versinken wollen.« + +Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venetianischen Spiegeln +ausgestreckt. + +»Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte +Wasserteiche unterzutauchen«, sagte der Graf. »Die beiden auf Zehen +herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und Durst +schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die Lippen +verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst an den Mund +zu führen.« + +Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur +die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen +tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu +geniessen. + +Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne +französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden teils +Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet haben, als in +einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches +italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit besonderem +Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang, +durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, wie nun +alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten +die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gütig. Die +Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien aufgehoben; alles war farbiges +Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; die Wortfolgen, die ich hörte, +waren bestimmt und einfach, wie mathematische Sätze, schienen in Zahlen +auflösbar. Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das +Ergebnis mühseliger Überlegung sind; die Worte funkelten in den +verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben »Kirche« klangen zugleich +gross und hell wie »église«, misstrauisch-puritanisch wie »church«. Die +Buchstaben »Wort« enthielten gleichzeitig das talismanähnliche »logos«, das +runenhafte »waurd«, das spitze fliegende »mot«, die ein wenig gewichtig +aufgeputzte »parole«. Bei allen Silben klangen wie Untertöne halbverwehte +Reime mit; ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide +oder Marmor; ich sah nicht mehr bloss Flächen, sondern ganze Körper von +allen Seiten zugleich. Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus +der ich keineswegs heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und +dankbar, so dass ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, dass +ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir +übrigens vollkommen bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine +farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern +vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben +eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge +wirklich und gefärbt betrachten. + +Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter denen +fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob sich vor diesem +blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so ungeheuer ausdehnte, +dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen dem reichen rötlichen +Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das blasse Gesicht war fast starr, +und in der Erinnerung meine ich, es hätte bisweilen leichenhaft grüne und +violette Reflexe angenommen. Dieser Mann sagte, er sei in Deutschland +geboren, und so möge man ihm die unvollkommene Aussprache des Französischen +verzeihen. Seine klaren verständlichen Worte erweckten meine Neugier. +Bewusst hielt ich mich wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem +Mann aufmerksam zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf +einem Clavichord gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist +seinen Worten zu folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu +müssen. Er erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit +einer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse +selten behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten +wieder zu finden: + + + + +Die Geliebte des Teufels + + +VOR fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle in einer +britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismässig geringe Bosheit +der Menschen in meiner Vaterstadt hatte mir gestattet, ein ziemlich +zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu verbinden; ja, ich durfte mir +erlauben, dorthin einen leichten Duft von draussen zu bringen und gewisse +Vorrechte eines verwöhnten, unartigen Kindes zu beanspruchen. Das ist nun +ein halbes Menschenalter her. Aus dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in +die bürgerlichste englische Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort +»respectability« durchaus bezeichnet. Stellen Sie sich eine Stadt vor, +deren Häuser mit einem rauchigen Schwarzrot bestrichen und durch winzige +Fenster von kümmerlicher Gotik erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben +hinaufgeschoben, so dass der sich herausbeugende Kopf gewissermassen unter +einer Guillotine liegt; denken Sie sich Strassen von ungesunder, gleichsam +desinfizierter Sauberkeit, die an die kranke Fadheit gewisser nie +schweissabsondernder Häute erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung +geschlossen sind. In diesen Strassen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung. +Alle sind peinlich korrekt gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der +Farbe schmutziger oder vom Regen aufgeweichter Landstrassen. Die Gesichter +müssen einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem +fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehen geblieben sein. Überall glaubt man +Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben die +Strassen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage spielten sich +daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine Gesellschaft +spärlich blonder, lymphatischer Menschen versammelte; die roten Pusteln in +den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmassen, und besonders +die wie von einer Maschine hervorgebrachten wärmelosen Stimmen erweckten in +mir anfangs nur ein kaltes Starren. Fast den ganzen Tag wurden durch die in +ihrer Düsterkeit endlos scheinenden Gänge und Speiseräume von +verschwiegenen Bedienten zugedeckte Schüsseln und Platten mit riesenhaften +blutenden Braten getragen. Schon um neun Uhr morgens hatte man dicke +Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, so dass ich mich schon früh in jenem +dumpfen Zustand befand, der einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt. +Ein breidickes, schwarzes bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden +Geist in einen Sumpf. Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt +das Gehirn wie eine warme schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein +spitziges böses Ding fest steckt: der Spleen. + +Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster +begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H. +angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche +Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale +englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig die Instinkte +verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen. Die hartnäckige +Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich +extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten +Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle +Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden, +fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der für die +Gesellschaft überhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen +angehörten. In einem Keller der übelsten Vorstadt versammelten sich nachts +die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske, +oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen, als die +abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft. Diese Schauspieler, zum Teil +verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den +Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen, +meist nüchterner als sie, in dem rauchigen trüben Keller eine Reihe von +Winternächten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben hätten, +und nicht eher verliess ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich +sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre +Lieblingsrollen durcheinander schreien hörte. Wenn ich dann, von Müdigkeit +übermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine +Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem +harten Schnee Verse aus Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst +diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer +wieder floh ich zu den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener +feuchte neblige Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens, +dann trat in mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns +schämen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen +abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalität. Wie oft hatte ich die +Nachmittage über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit +entfernte, aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die +feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, um +meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein +Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt und nun war ich +für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein +Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich +atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie +in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begnügt sich vor ihr +wie über eine süsse Torheit zu lächeln. Ich aber behaupte, dass uns dieser +hinterlistige Feind in den Rausch stösst, wenn wir gern nüchtern blieben, +dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn wir wissen, +dass er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen Stunden +erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und auf den Blumen der +Tapeten Gestalten schaukeln lässt, die uns zurufen, und zwar mitleidig, +dass wir das Leben versäumt haben. Wir halten das nicht aus, wir rennen +davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um über +einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann +beleidigt, ja als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen +dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität besudeln wir uns nach +Kräften. + +Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn ich konnte +mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre +musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie +ich war, befriedigen würden. + +Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen Winter. Ich +erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar +verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen +Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge, +phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte +vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete: + +»Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was +übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich von einer +Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft dieser +Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht gesehen, +aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte Sie kennen +lernen. Da mich das Äussere eines Menschen -- besonders der nicht +angelsächsischen Rassen -- sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit +Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine Sorge sein. +Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die +Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes +verrät, als dass sie eine Dame ist.« »Es scheint mir der Mühe wert,« +schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem +Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im +James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte. + + +»Ich halte Sie für klug genug,« so endete der Brief, »den Reiz dieses +Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die +Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte +Unterhaltung zu bedauern.« + +Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: »Montag nachmittag sechs +Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der +Kutscher auf die Parole >Miramare< öffnen wird.« + +In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen +Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer +ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf +»Miramare« sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung machen. Der +Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in +Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus. +Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen setzte sich in +Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg +achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, dass statt +der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen +waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein +Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu +drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband +mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte +mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr oder ob wir die +Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine +einfache Strecke in der kleinen Stadt; doch der Kutscher konnte ja den +Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irre zu leiten. Mein +Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen +durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene +Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich +draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete +sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein +anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein +fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht +verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort +schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. Das Wesen hatte +sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, sie zuerst +reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen, als das Knistern und +der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere ziemlich tiefe +Frauenstimme: + +»Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.« + +Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer, wie mir +schien, in ihrem Kleid. + +»Geben Sie mir Ihren Revolver!« sagte sie darauf kurz und bestimmt. + +»Ihren Revolver«, drängte sie. + +Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir führe, da ich mir +bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen würde. + +»Ausser heute,« bemerkte sie halb ironisch. + +»Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten,« erklärte +ich, »dazu hätte mir dieser Stock genügt; mit Vergnügen liefere ich ihn +aus.« + +»Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.« + +»Aber vor einem Revolver?« + +»Solch ein Instrument«, erwiderte sie rasch, »gibt einem Abenteuer so +leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.« + +In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett +legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen und machte +dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch. + +»Was tun Sie?« fragte sie. + +»Ich suche meine Handschuhe.« + +Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht. + +»Ich hätte Lust, Licht zu machen«, rief sie lachend, »um zu sehen, ob Sie +jetzt erröten.« Ich kam mir vor wie ein Schulknabe. + +»Ich gestehe, mir eine Blösse gegeben zu haben,« sagte ich, »aber verrät es +nicht auch eine Schwäche, dass Sie es für nötig hielten, einen Revolver +mitzubringen, während ich waffenlos kam?« + +»Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,« antwortete sie, +»als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, dass Sie +waffenlos sind.« + +»Darf ich Ihnen die Hand drücken?« + +»Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe +an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrät.« + +Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun hatte, +sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter +Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervös. + +»Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?« fragte sie. + +»Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?« + +»Ich langweile mich ein wenig.« + +»Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem +Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen +empfindet. Aus Scheu vor der Banalität fürchten Sie, die notwendigen ersten +Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amüsiert diese Angst der Männer +sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie würden ja gar nicht +nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter spräche. Ich will nun +auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen Sie mich doch einfach, +wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland ebenso schön ist . . .?« + +»Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen,« erwiderte sie +verblüfft, fast gekränkt. + +»Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden,« sagte ich lachend. »Es +langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der ich mir +nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, schweigend +durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, mir die +ausserordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen +wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.« + +»Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?« fragte sie naiv. »Da ich Sie +selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu +denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.« + +»Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben,« sagte sie plötzlich, »ich +glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.« + +Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich, fühlte +eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, an den +Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets +andere Formen hervorzubringen scheint. + +»Glauben Sie, dass ich schön bin?« fragte sie, während ich im Dunkeln mit +ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte. + +»Nein,« erwiderte ich, »aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das Schönsein +überflüssig macht.« + +»Ah,« rief sie, wie es schien, entrüstet, überrascht und verlegen zugleich. +Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte, +begann sie wieder nervös: + +»Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?« + +»Vermutlich aus Neugier?« + +»Vermutlich? Halten Sie mich denn für ganz temperamentlos?« + +Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; während sie sich +wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drückte +meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwächer unter +einem Kuss, währenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster +Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner feiner Mund jedoch hatte etwas +so naiv Anschmiegendes, dass ich den -- vielleicht irrigen -- Eindruck +empfing, als entdeckte sie zum erstenmal die Wonnen eines Kusses. Plötzlich +stiess sie mich von sich, als hätte ich sie durch irgend etwas verletzt. + +»Sie gefallen mir nicht mehr,« sagte sie kurz. + +»Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lässt, als Sie +glaubten?« + +»Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?« + +»Noch lange nicht!« erwiderte ich kühl. + +»Und das sagen Sie so ruhig?« + +»Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.« + +»Das ist stark.« + +»Finden Sie?« + +Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen. + +»Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.« + +»Schellen Sie!« + +Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im +selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen und +schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen setzte sich +in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer Gefangener in der +duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen +das Abenteuer verdorben haben, währenddessen ich vielleicht das Idol meiner +Träume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am +meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grünäugige Perverse mit kleinen +Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich unterbrach das Anhalten des Wagens +meine Gedanken. Der Schlag öffnete sich, ich stieg aus und befand mich an +der bekannten Strassenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine +Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe, +der, aus einem Märchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht +wieder zurechtzufinden weiss. + +Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, als mir +eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von +dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr Coupé am nächsten +Abend um dieselbe Stunde erwarten. + +Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen +rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung +der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in +dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die +von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben +erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal öffneten, durch das +ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus trat. Man schob mich +gewissermassen durch eine Flügeltür in ein dunkles Zimmer. Meine Füsse +fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem +Holz und schweren Seidenstoffen, der in üppigen, wenig betretenen Räumen +herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie +an einer entfernten Wand eine Tür auf- und zugeschoben wurde. + +»Wo sind Sie, mein Freund?« fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem +Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied überraschen +musste. »Bleiben Sie, ich werde Sie finden.« + +Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich ihre Hände +in meinem Haar. + +»Folgen Sie mir!« flüsterte sie. + +Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete die laue +vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze Wintertage +unter leichten Gewändern in ihren warmen parfümierten Gemächern geblieben +sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses Zimmer, worin feuchte +tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel +war so undurchdringlich, dass ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher +Seite sich die Fenster befanden. + +»Ich habe Sie nun gesehen,« begann sie, »man hat Sie mir gezeigt.« + +»Das ist ein Kompliment,« erwiderte ich. + +»Wieso?« + +»Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.« + +»Ich finde Sie in der Tat totenhaft hässlich. Aber das ist Ihre Chance bei +mir.« + +»Dann sind Sie ja lasterhaft.« + +»Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus,« sagte sie leise +lachend. + +»Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch«, erwiderte ich +plötzlich skeptisch. + +»Das verstehe ich nicht.« + +»Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen +gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu +frönen.« + +»Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nähe +gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris +war ich nie, möchte auch gar nicht hin; ich stelle es mir zu albern vor; in +London hielt ich mich nur vorübergehend auf. Mein Vermögen hat mir ein paar +Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was +literarische Lasterhaftigkeit ist.« + +»Um so besser,« erwiderte ich, »aber woher wissen Sie etwas von Satanismus? +Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?« + +»Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzählen,« begann sie behaglich. »Schon +als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie +mir, es ist nicht mehr, als ein Sport für mich -- ich gebe im Grund keinen +Penny dafür -- ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung; später +kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit +vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist +enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, dass diese +Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der +Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich +ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter +die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität +von dem Pater Sinistrari d'Ameno in die Hände . . .« + +»Den kennen Sie?« unterbrach ich überrascht. + +»Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen mit sehr +sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas gehört, was +meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb der +Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem +menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen +Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren +kann, -- denn was der katholische Verfasser da von Todsünde spricht, gilt +ja nicht für uns Protestanten -- das schien mir eine so unerhört geniale +Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um besonders intelligente +Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der Öffentlichkeit zu +verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses +ausserirdische Glück zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles +Aussergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine +Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste Ereignis meines Lebens würde +in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu +begegnen. Ermattet und enttäuscht kam ich jüngst zurück.« + +»Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben!« warf ich belustigt +ein. + +»Unterbrechen Sie mich nicht.« Aufgeregt fuhr sie fort: »Wo ich hier in H. +erschien, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend, Ihr Name verfolgte +mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müssten mit dem erhofften +Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen sollten Sie mir Rede +stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein; vielleicht +redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man könnte ja in eine beinahe +übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man, +um den Enttäuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die +Augen zumacht. Meinen Sie nicht?« + +Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer Schäferstunde +gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit +kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit +konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu das unbehagliche +Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen zu sein. Um ein +peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich: + +»Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie +geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.« + +»Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können,« rief sie ganz +verwundert, »ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?« + +Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension trug +diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse. + +»Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?« + +»Nicht nur die,« flüsterte sie, plötzlich wieder erregt; ich fühlte, wie +sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. »Ich weiss nun auch, dass Sie +wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter +gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen -- nicht +eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden; und diese +Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir +stehlen -- ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich +mir den Satan gedacht!« + +Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war plötzlich ganz +von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor +mir gähnenden Abgrund zu stürzen. + +»Still . . . kein Wort mehr . . .« stöhnte ich wie in dunkeler Angst vor +dem Erwachen -- »zerstöre das nicht . . .!« Und ich presste ihr die Lippen +zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich fühlte mich in +undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische traumhafte +Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das Weib im Arm, +dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkörpern +kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume und enttäuschende +Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos +bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, als an diesem mageren, +geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich keine Persönlichkeit +enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später behauptete, soll ich +bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen haben, ähnlich den +Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren bewusstlosen heiligen +Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden höchster Erregungen +der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet. Sie hatte diese Laute +vergessen; sie müssten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den +Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, so wie manche Erinnerungen +mit Melodien oder Gerüchen verknüpft seien. Ich selbst kann meine Gefühle +nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit +den Fingerspitzen über einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein +ganzes Leben, von rückwärts beginnend, in einem Augenblick an mir +vorüberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei, +die ich gekannt, und ich hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte +Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglückte +Abenteuer gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Königinnen sanken +in meine Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte +Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher und +glühender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche +phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde an +der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden +Wünsche messen. + +Ich weiss nicht wie und in was für Augenblicken ich in den Armen dieser +Frau entschlummerte; plötzlich erwachte ich; noch eben hatte ich heisse +hohe Wohlgerüche gespürt; nun vernahm ich ein Rauschen von Gewändern, das +Schieben einer Tür; um mich erglühten zahllose Lampen. Ich erschrak, als +ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich +von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten +Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen, bunten Federbüschen und +anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme herausstreckten. Das war +das Boudoir meiner Freundin. Ich trat in das Nachbarzimmer zurück und +befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in +Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte: + +»Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu können.« + +Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der Kutscher +brachte mich wieder an die Strassenecke zurück. + +Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach den +verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe +Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei +Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Körper bedienten +zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan +liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und +schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als +hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die unter +meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Städte +um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren, +wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der Wunsch, sie selbst +einmal zu besitzen. + +Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung meiner +quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit und der +Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller erschienen waren, als +die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwächlicher Spätgeborener zu +beneiden, ich wusste sie neu zu leben. »Warte bis heute abend,« sagte ich +mir, wenn sich die Phantasie in müssigen Bildern verschwendete, und es +kamen Nächte, wo ich die Adria an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich +dichten Samt neben ihrer Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre +Glieder anzuschwellen schienen; eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir +und freute sich, dass ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe +kosten kann. -- Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder, +ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends +am Brunnen sangen . . . Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes +_abbetteln_ müssen, dann _einmal alles_ vergessen können, sogar die +heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass +dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen +werden, wenn _er_ draussen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt. +-- Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine Gelächter +meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein fast herb +duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir war, als sei das +Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf irgendeinem nicht +ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere +Umarmung war wie von dünnen Goldfäden durchwirkt und umsponnen mit kleinen +Schnörkeln, welche die Form von Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war +meine Geliebte sehr kitzlich. + + +Diese Erlebnisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine +Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In +Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein +Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes. Das, was sie +brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste mich aber +doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war +ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war sie meiner müde, so +entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie +darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser +Gleichmut ärgerte mich, ich beschloss, sie zu reizen, sie wütend zu machen, +indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr +Haar duftete, als müsse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern +Formen in nervöser Hast umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie höchste +Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann +vergass ich allen Ärger, alle Absichten; dann fühlte ich mich als der +Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen +muss und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will, +was sie nur noch fassen kann, die noch schnell so viel fremde Kraft +aufzusaugen, zu zerstören begierig ist, als ihr irgend möglich. -- Mein +Überlegenheitsdünkel verstummte, wenn ich sie träge und regungslos fand, +wie eine Bajadere, die sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer +Gewächse gewälzt und gedankenlos zu viele fadsüsse Früchte verschlungen +hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wusste seltsame +Bauchbewegungen, so dass sie mir fast zu üppig vorkam. So vergass ich gern, +dass mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja +gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten +in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte +rechtzeitig, dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater +geworden wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können. -- +Natürlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann +gar nicht sagen, ob ich sie mir schöner oder hässlicher dachte, als die mir +begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die +Ausserordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen +Niveau zu messen. + +Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die +Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese +ausserordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende +wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig, allerdings auf +meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich +sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte +herausbekommen, dass meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger waren +als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an +meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe Wesen zu küssen, +wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft +genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre >ladylike< Vorsicht und +Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, dass sie dann heute +einen delikaten Georges Brummel, morgen einen römischen Gladiator umarmt +hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige Wut. + +»Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen,« sagte sie einmal empört, +»und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.« + +Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte. + +»Bitte nicht!« rief ich, »ich laufe fort.« + +»Sie wollen mich nicht sehen?« + +»Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.« + +»Das ist unerhört.« + +»Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.« + +Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden verliess +sie mich. + +Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine +grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit +weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; aber +sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte +etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse Unterlegenheit, +an die zu denken kaum der Mühe wert ist. + +Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man +nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir sassen Leute, +die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei Herren in korrekter +schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast weissen Bart mit +ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem, +sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen sass eine blasse Frau von +etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in +regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein mageres Gesicht von +keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine +ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen +schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne -- ein +Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen; denn +irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; wahrscheinlich aber +fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank und mit mehreren +Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche +anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei +Nachbarn im Theater oder an der Table d'hôte gern hat, die durch nichts +stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang, +mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, dass mich die Dame +gleichfalls beobachtete. »Vielleicht ist es die Unbekannte,« dachte ich +gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen. +Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner +abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so dass ich die Fremden vor Augen +hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer +zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen +das Restaurant. + +Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. »Die Komödie ist aus,« lautete +der eine in der gewohnten Schrift, »ich fühle mich erkannt, lassen wir die +Masken fallen.« Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar +unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer +mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese +Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht +wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische +Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena war in die Immaterialität +zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick +doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H. Ich habe die Dame nie wieder +gesehen. + + * * * + +Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun etwas +fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne dass ich +tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden. + +»Eine neue Geschichte,« rief jemand, »diese Leere ist ja unerträglich!« + +Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen +Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft +wachte und verlangte -- selbst unfruchtbar --, dass ein anderer, Stärkerer, +Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle. + + + + +Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts + + +UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen, +lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts. +Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten gutgenährte Amoretten, +die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Säulen +umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor +knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten über den famosen +Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken unterhielt. Ich +bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, um Erklärung. Liebenswürdig +wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der +Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, die am prächtigsten +gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen +und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob +ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem +Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit +ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden. +Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess. + +»Alta-Carrara!« rief ich gereizt. + +»Pst, pst,« flüsterte der Sakristan begütigend, »verraten Sie ihn doch +nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von +Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben. +Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten +Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist +relativ,« sagte er pfiffig. + +»Und du, unausstehlicher Schwätzer,« fragte ich, »welchem Jahrhundert +bildest du dir denn ein, anzugehören?« + +»Ich?« fragte er stolz, »natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so +unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute -- mit +Vergunst -- den 15. September 1768.« + +Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine +unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke vor +dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick abzuwarten, um +ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen +Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an +der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer +Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende +sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, von den +bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die +Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. Er wusste +nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lächelte er und +sagte mit Ironie: + +»Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert +sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?« + +»Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,« erwiderte ich ärgerlich, +»Sie versprachen mir . . . .« + +»Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich +wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor uns« -- dabei +zog er seine Uhr aus der Tasche -- »es sind noch über zwanzig Jahre bis zur +Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.« + +Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach +ausgelassenster Lustigkeit abgelöst. + +»Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,« bemerkte ich +aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig. + +»Wir werden ja sehen,« begütigte er. + +Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht, +aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte +Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte +ausgelassenes trunkenes Geschrei. + +»Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,« sagte +Saint-Germain. »Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich +werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden +ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.« + +Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten. + +»Warum haben Sie denn das getan?« fragte ich verständnislos. + +»Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine +weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens. +Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver? +Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den +Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch +die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das -- glaube ich +-- Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat +ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie +können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit +Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in +Wirklichkeit sehen.« + +»Halten Sie nur Wort!« erwiderte ich etwas ungläubig. + +»Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei +dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland -- so viel +ich weiss -- Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo +sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird; +verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als +Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte +Jahrhundert nicht sehr.« + +Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben +uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher +und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen. +Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren, +schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges +Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes +Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte +Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er +stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er +strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in +einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch +zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel. +Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir +traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren, +kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und +Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden +Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis +nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die +mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen +Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich +trat ein Auvergnat aus der Tür. + +»Ah Castel-Bajac,« rief man. + + +»Alles ist bereit,« sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines +Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die beiden +Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung stiegen +nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tür. +Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten +in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns her in dem hellen +prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten +war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, schien der Saal +selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit zu gewähren, in eine +ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewächse und +Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbändige Phantastik +des sterbenden Mittelalters voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal, +in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht +verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche +Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die +verblüffendsten Gläserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen +heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der +Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete. +Plötzlich hörte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern +schienen. Zwei weite Türen taten sich auseinander und eine Schar +auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und +verwundert unter der Führung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit +ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu +reden, während sie bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo +man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein +Hauptvergnügen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend, +wie diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe +ungeschlachte Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr +Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und +würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam +vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern +von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt. + +»Sie sind entzückend, diese Leute . . .« sagte eine kleine Marquise. + +»Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen +werden,« fügte Saint-Germain hinzu. + + »Demain donnons au diable + un monde turbulent« + +trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig. +Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern +überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen +Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen, +sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des +schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick +verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der +Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten +sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der +Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir +unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende +Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet +haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich +es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel +fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften +Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes +kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt. +Lächelnd trat er an mich heran. + +»Was geht hier vor?« fragte ich, »wohin haben Sie mich geführt? Ist es +schon die Revolution?« + +»Noch lange nicht,« sagte er milde, »man gibt den guten Leuten nur ein +wenig Aroph zu trinken.« + +Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden. +Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen. +Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen +Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu +ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut +ausbrechen. + +»Das ist die Revolution!« rief ich entsetzt. »Diese Bauern werden uns +töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der +Guillotine sehen.« + +Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie +nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken +stört. + +»Das ist die Revolution!« rief ich wiederholt. + +»Und wenn auch,« sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel +wurde. + +»Damit machen Sie ihnen keine Angst,« bemerkte der Graf, »übrigens ist es +nicht die Revolution.« + +Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes +sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu +haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes +Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein +für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die +andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen +seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf +der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer +Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei +vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte. + +»Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .« riefen sie und schlugen sich +gegenseitig auf den Bauch. + +»Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,« flüsterte mir der Graf +lächelnd zu. + +»Ich muss mich entblössen,« rief ein junges Bauernweib. + +Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider. + +»Ich auch . . . mir auch!« riefen sie durcheinander. + +Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog +umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der +Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen +erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu +ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre +Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf »Blut . . . Blut« hinab. Mitten +in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein +schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn +brach. + +»O das Leben, das prächtige Leben!« rief er wie verzückt, »ich will baden +im Leben!« + +Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick +sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit +schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte +sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die +blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem +Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen +liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer +unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas +und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder +zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man +erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel, +Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte +brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd +dazwischen. Manchmal wollte er reden: + +»In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen +gesehen.« + +Aber niemand hörte ihm zu. + +»Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?« rief die kleine Marquise, »meine +Liebe dem, der es wagt!« + +Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich +aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners. + +»Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .« + +»Gilles de Laval,« rief die Marquise ausser sich. »Ich erkenne dich . . . +ganz das abscheuliche Porträt . . .« + +Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de +Laval wie unter den Wellen des Meeres. + +Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen. +Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie +hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem +andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die +Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die +Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen +sehen. + +Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie +sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das +Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die +Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts +damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl +gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen +wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese +Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen +aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand +im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren +auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein +Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine, +verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser +gewaschen werden und schlotternd rufen: »Hu . . . wie warm.« Die Damen +sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar +schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich +verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die +Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser +Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches +Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de +Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein +Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben. +Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst. + +Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen +versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und +erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden +Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von +Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte, +entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in +dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen +wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals +Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen +Leuten. + + +»Haben Sie etwas bemerkt?« fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse +waren. + +»Sehr viel,« erwiderte ich. + +»Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So +heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.« Triumphierend blickte er mich an. + +»Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von +London . . .« + +»Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und +mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?« + +»Das nicht, aber . . .« + +»Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach +Italien ein.« + +Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief. + + * * * + +Als ich wieder erwachte, -- ich glaubte länger geschlafen zu haben, als +vorher mein ganzes Leben gedauert hatte -- stand eine Schale mit Früchten +vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach +zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem +eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein +Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte +würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle +fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von +einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand. + +»Wissen Sie nun, wo Sie sind?« fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir +gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag. + +In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem +Befinden und gaben mir Ratschläge. + +»Sie waren dabei,« dachte ich, »als ich mein Leben zwecklos in künstlichen +Sensationen vergeudete.« Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle +in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack, +wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft +und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte. + +Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle +Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war, +als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die +Notwendigkeit eines neuen Lebens -- ohne den verhassten Rausch, der noch in +mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie +unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben +betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und +doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer +Seele wie der meinigen. + +Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen: + + + + +Karneval + + +Vor dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des +Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine +hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen. +Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als schon die ersten +hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt +für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man kam in zerrissenem +Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die +bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von +phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Räuschen erzählen. +Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der anderen zu erwecken und +ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner +des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, dass viele der Ankommenden +weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen +kleinen Kabinetten kamen, sondern dass sie sich soeben aus dem Bett +erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette vorbereitet hatten und der +Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del +Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen +galten besonders einer gelbseidenen Maske. Ihre Stimme hatte einen +wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste sich weich anzuschmiegen und +liess unter der Spitze der Maske grosse weisse Zähne glänzen. Ich war +achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens für eine verkleidete Herzogin. + +»Führ mich zur Erberia,« bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt mit +ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare, +die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten. + +»Marchesina, ich kenne dich.« rief eine Maske im Vorbeigehen meiner Dame zu + +»Doch nur eine Marchesina,« dachte ich. + +»Wo ist Ersilia?« fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette. + +»Krank, sehr krank,« erwiderte meine Begleiterin. + +Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den Markt +brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia für ein +Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden +lüstern einsogen. + +»Mich friert,« sagte meine Freundin Dolcisa, »komm mit mir nach Hause! Du +gefällst mir.« + +»Wer bist du?« fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn bis dahin +hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene +Dame der Gesellschaft zu vermuten. + +»Du bist dumm,« sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie +zog mich in eine Seitengasse. + +»Bist du wirklich eine Marchesina?« fragte ich verlegen. + +»Lächerlich, ein Spitzname.« + +»Wer ist Ersilia?« forschte ich nach einer Pause. + +»Ach, die arme Schwester Ersilia!« seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen, +»sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir +tun.« + +Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum. + +»Ich bin ein gutes Mädchen,« fuhr sie fort, »ich schenke nicht allen meine +Liebe, aber ich bin arm.« + +Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre weiche offene +Harmlosigkeit entzückte mich. + +Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die +finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa wollte +um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns. + + + +Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In +der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloss ein wild +verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war +stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen. Vor +einer Tür standen wir still. + +»Erwarte mich hier,« flüsterte sie, »lass mich zuerst in die Kammer gehn +und die Kleider wechseln.« + +Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein +Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum +drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen +Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein +Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste werden +ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich lange +warten. »Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,« dachte ich +und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. Aus der Ecke +vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich jemand auf einem +Lager. + +»Sie wartet auf mich,« sagte ich mir, »es ist galant, ihr die Lage so +leicht als möglich zu machen.« + +Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das Weib lag. +Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur +Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung. + +»Sie ist vielleicht aus Neapel,« reimte ich mir zusammen; ich wusste +bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen. +Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich -- +ich will nicht sagen -- Widerwille, aber vollkommene Sattheit im Augenblick +nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen +eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei dieses ganz +gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der +vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie +hielt mich nicht zurück. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich +mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, die sich +krampfhaft schloss. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich +Schritte hinter mir. + +»Komm doch, mein Lieber,« rief Dolcisa, »warum gehst du denn fort?« + +Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der +Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein Gesicht. +Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa führte +mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstossende kleine +Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne Dämmerung herein. Auf einem +Stuhle hingen schwarze Gewänder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen +darauf. + +»Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,« erklärte Dolcisa; ihr weisses Hemd +triefte von gespenstischer Helle. + +»Mach doch Licht,« sagte ich ein wenig gedrückt. + +»Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier oben +wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen auch erst +hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.« + +»Bist du eine Marchesina?« fragte ich wieder erstaunt. + +»Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.« + +Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der +Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, dessen +Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme. + +»Was machst du?« fragte ich unruhig. + +»So sieht die Madonna nicht, was wir tun.« + +Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss ich die +sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin. + +Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun +auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen +und schob die Hand unter die Laken. + +»Tot!« rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor +dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht. + +Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen an. Das +Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an +der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit +glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine +geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war ganz +blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike Götterstatue. +Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten. + +»Sie ist tot!« rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher +Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. »Sie war keine Sünderin wie +ich, sie ist als Jungfrau gestorben.« + +Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche gleiten, +deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen. + +»Sie war viel schöner als ich,« seufzte sie und es schien, als wolle sie +durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren +Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die Augen +zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie +es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die +Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; doch Dolcisa stiess einen +Freudenschrei aus: + +»Die Madonna war gnädig,« rief sie, »sie hat mein Gebet erhört, nun kann +ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.« + +Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück. + +Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa, +oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank sofort +wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie. + +Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den +Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den Tod umarmt hatte. Am +dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel +wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren. +Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um +das weit geöffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester +mit zwei Chorknaben trat auf die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg +herausgetragen, der, mit verschnörkelten Silberblumen verziert, einen +Eindruck von Grossartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete +Gondel und breitete die wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa +folgte schluchzend in dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie +bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen +Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien. +Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der +Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut. + +Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern. + + +»Die armen Marchesinen«, sagte eine Alte . . . »und früher welch' ein +glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .« +»Sie waren liederlich,« sagte eine dicke Bäckersfrau, »keiner wollte mehr +mit ihnen zu tun haben . . .« »Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,« +meinte ein junger Mann, »sie war tugendhaft.« Dann gingen viele Stimmen +durcheinander: ». . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme +einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim +. . . sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu +pflegen . . .« + + * * * + +Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes +geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam morsche, +jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall +lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die +Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben +Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum +Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit +die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage +schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie +freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich +gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt +etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als +ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit +vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch +Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst +fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, +denn ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben. + +»Weiter . . . weiter . . .« rief ich, »mehr von dieser bittersüssen +Weisheit.« Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er hatte +einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer +Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze +streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich +aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte: + + + + +Die Sünde wider den Heiligen Geist + + +IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen +Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital +erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen +einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit +nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der +Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die +exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des +Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit +unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden. +Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden -- +eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden +wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im +Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den +Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die +Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel +gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie +erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott +lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute, +von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts +Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser +unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich +sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der +Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete. + +Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn +beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille, +das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen +Frevel begehen _wollen_, muss _wissen_, wen er beleidigt und was er damit +wagt, also den _Glauben_ haben, er muss durch die _Kraft_ seines Willens, +seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen +dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser +von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und +sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann +die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im +Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge +versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet. + +Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl +Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich, +dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an +Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren +ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt. + +Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter +einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine +peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie gehen +würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab +sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der +Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen +Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den +Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der _Substitution_ +gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte +Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen +war es ihr nämlich -- durch Vermittlung der heiligen Teresa -- gelungen, +dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu +_substituieren_: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der +Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten. +Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strömungen +erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse der Hölle +von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge davon war, +dass die Mutter -- zu ihrer eigenen Verwunderung -- auf einmal imstande +war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl +machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel, +der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen. + +Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen +als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die +Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der +grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu +bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also +darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen +Geist zu lästern. + +Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, da +sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im geheimen +dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt genaueres über +Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem er stand, verbunden mit +einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die +Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwählen. + +Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, dass sich +immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine Vorwürfe, +Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester +pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprüfung +zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte diese +selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn auch ganz +frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht bisweilen für +eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die +Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; war aber Teresa +wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester täglich den Finger in +die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsägliche +Verwirrung zu schaffen. + +Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit ihrer +Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. Das könne +Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine Hure, der er +sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine Jungfrau durch +die Todsünde des Hochmuts fangen könne? + +Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution nicht +wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen zu +lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der +Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in +den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch +eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder +verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die +Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution +versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre +ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige +Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt, +vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit wurde ihr +immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein, +weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine +schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches +unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug die Gemeinheit +ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten. +Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen Seligkeit gehalten, +erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu +vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie +hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. Diesen Seelenzustand beichtete +sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufrieden +gab. Er sah, dass die Sünde wider den Heiligen Geist vorläufig nur in +Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. Zunächst bestärkte er sie in +ihrem Irrtum. + + +»Diese fehlerhaften besudelten Gebete,« erklärte er, »sind freilich +schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist +unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch +die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht +lauter und kräftig genug -- wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen +--, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu +vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren +Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die +Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die +Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestossen, +wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit +heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn +unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrücken, bis er in +seiner Sündigkeit erstickt.« + +Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit +ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen +Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das +der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten +Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie +abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte +der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die +Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die +Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische +Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser +aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste er +ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen, +beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin +zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde. + +Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein +Gartenpförtchen. Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden, +halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte +sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens +durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen ersetzen. +Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige Arbeit ihre +verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Tomàs +besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder in das alte +Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, vor denen die +Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten und +besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das Verschwinden der Tochter +nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen hinreissen lassen. +Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche Nachrichten. Teresa wäre am liebsten +sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie +zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in das Kloster zurückliefern. +Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart eigentlich nützen? Sie +solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frühere Reinheit +zurückgewinnen und -- die geziemende Demut vorausgesetzt -- von neuem das +Wunder der Substitution versuchen. Einmal rief sie aus: + +»Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es denn nicht +sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.« + +Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmählich +eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht. + +»Was du verlangst, meine Tochter,« sagte er ruhig, »ist möglich. Wenn du +dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er +es an.« + +»Ich will,« erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf +die Knie und küsste den Boden. + +»Gebenedeite unter den Weibern,« rief er aus. »Tochter Gottes, Schwester +des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du +_freiwillig_ den _Schein_ der grössten Missetat auf dich nahmst; aber +zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er +irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt, +nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich +nicht erkannt.« + +In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört. + +»Steh auf,« rief sie zitternd, »was verlangst du von mir? Willst du mich +versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?« + +Fray Tomàs stand auf: + +»Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu +enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt[*]. Jesus +Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte +sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der +Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn dorthin führt nur +die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann. +In den spätesten Zeiten aber -- so heisst es -- soll ein Weib geboren +werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem +sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl +wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an +die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte +des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss +sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu +Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend +auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.« + +Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie. + +»Steh auf, steh auf,« rief Teresa, »ich darf dir nicht glauben -- ich +zittere, eine Erwählte zu sein -- eine andere wird kommen; nur sage mir -- +ich beschwöre dich -- was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu +schützen?« + +Der Priester erhob sich. + +»Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hölle +eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten Sündern dich +und die Mutter erlösen.« + +»Was kann ich dazu tun?« fragte Teresa zitternd. + +Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort: + +»Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen; +nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur +Hölle fahren.« + +»Die Sünde wider . . .?« stotterte Teresa. + +»So ist's, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen +Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er +überlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse? +Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der +Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner +freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.« + +Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa lag die +ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um +Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte, +vielleicht doch die Erwählte zu sein? + +Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter sei von +einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der +kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als +Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen +lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslästerungen +nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle +nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern die wohlbekannten Züge +des dornengekrönten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum +habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen Gebeten entrissen, soll sie +gerufen haben, nun sei es _seine_ Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe. +-- Zweifellos -- meinte der Priester -- habe sie eine entsetzliche +Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider den Heiligen Geist. + +Teresa fiel kraftlos zu Boden. + +»Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?« sagte Fray Tomàs; +»mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, wo du +freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein die +Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle +Verdammten erlöst hast?« + +»Ich verstehe dich nicht.« + +»Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du +deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten +Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt +bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der +Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein +hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will +ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber +wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt +zusammentragen, den Tanz vollführen. _Du wirst die Sünden der Verdammnis +tanzen:_ den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die +du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen, +das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der +ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir öffnen +und du alle Verdammten -- unter ihnen aber deine Mutter -- zum Himmel +führest.« + +Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl +dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte. + +»So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, die je +begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach +dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, wird er im eigenen +Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen +Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu +bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so wird -- als letztes Mysterium! +-- der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die +Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa +Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen, +werden singen: + +»Gloria patri et filiae!« + +Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun +vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können. + +In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor +dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes +Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die +Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei +zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart: + +»Gloria patri et filiae.« + +Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der +Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit +einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war +silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein. + +»Steh auf, Gebenedeite!« rief er ihr zu, »lass den niedrigsten der Diener +deinen Leib zum Opfer schmücken!« + +Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig durch das +Gewölbe. + +»Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!« + +Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, erhob sie +sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige Klostergewand +zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle einer Verklärten. +Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham +wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder fielen nieder; sanft +zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hände über das +nackte Weib. Dann öffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide +heraus . . . + +»Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, die Last +unserer trügerischen Sehnsucht!« + +Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals. + +»Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen +der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner +götzendienerischen Kunst.« + +Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen Topasen +unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten. + +»Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen der +Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dämmern, +Geschwister der schwülsten Begierden!« + +Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, sanften +Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich +schillernde Opale lagen um ihre Lenden. + +»Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den +Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!« + +In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von +glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und Korallen +sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau. + +»Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen +Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt über den +Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!« + +Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte eine +Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er: + +»Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Sünden +hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!« Doch, wie in plötzlicher, +verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: »Deine Schritte beschwere der +finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da uns die Atemzüge der +Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Empörung und +Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!« + +Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen Saphir und +Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt bis zu den +Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen. + +Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die +Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht, wie ihr +geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das grünlich +schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie +gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein erstrahlt war. +Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken +Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs führte die Zagende +mitten auf den Teppich. + +»Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und erfülle in +prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan +noch von der Menschheit zu fordern hat!« + +Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken +der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe wie Becken und Zimbeln +aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertönte das +barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene Weiberschreie drangen hinter +den geblähten Vorhängen der Beichtstühle hervor. + +»Tanze, tanze!« schrie der Priester voll Ungeduld und schien die Zögernde, +die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch +springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schüchternen +Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca über +den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken, +wo sich Männer und Frauen schaugierig drängten, sprangen nun plötzlich die +jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen +Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich. + +»Wilder, toller!« riefen sie der Ängstlichen zu. »Du musst uns alle +erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, räuberischer, +als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die +gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!« + +Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa zu immer +wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und +fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrümmungen der +asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss offen der Kerzenhelle dar und +entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die Blume ihres Jungfrauentums, so dass +ihr weisser Körper über die roten Rubinen blutete. + +»Eine blutende Hostie des Satans!« rief Fray Tomàs verzückt. Sie aber +heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt vor ihren +Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die Zähne hinein, +ihre Qual zu verbeissen. + +_Und sie tanzte die Sünden der Hölle!_ + +»Küss ihn,« rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was er +befahl. »Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg, +zertritt ihn, zermalm ihn -- lästere die Dreieinigkeit -- rufe zu Satan!« + +Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca: + +»Satan, Lucifer, Adonai!« + +»Was willst du?« rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta. + +»Nimm mich in die ewige Qual!« stöhnte Teresa. + + + +»Und Gott? -- Glaubst du an ihn?« + +»Ich glaub' an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie ich mich +von ihm los, -- _dein_ will ich sein --!« + +»Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?« + +»Tat ich's nicht schon?« rief sie atemlos. + +»Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn darum +hasst?« + +»Ich sehe Gott,« rief Teresa ekstastisch, »und will doch deine Dirne sein, +Satan!« + +In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf +den Teppich. + +»Schnell . . . schnell . . .« rief Fray Tomàs, »ehe sie bereuen kann, ehe +sie das grosse Werk zerstört!« + +Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. Sechs +Dolche staken in Teresas Leib -- im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den +Lenden, in der Scham -- _aber keiner schien sie verwunden zu können._ +Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche +umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen Schmuck. + +»Sie fühlt nichts mehr,« rief einer erschrocken. Mit einem Messer schnitt +er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam fielen die +Dolche wie reife Früchte von ihr ab. + +Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung. +Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. Leer -- +gebrechlich -- standen die Ernüchterten da und wussten kaum im plötzlich +erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben +geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie fühlten, wie +kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten. + +Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich +Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine +Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklärung. Er aber +wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der +Hand nach der Decke deutend brüllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh: + +»Gott . . . Gott . . .!« + +Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe. + +_»Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht geschehen!_ + +Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele +fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!« + +Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und +zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. Teresa +taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme +erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings +niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den +Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg verzweifeltes +Stöhnen und Beten der Reue empor. + + * * * + +Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es mir möglich +war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich +Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel +des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben +werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an +eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich +dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich +auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um. + +[Fußnote *: Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas +Ähnliches anerkannte!] + + + + + +Die Botschaft + + +ICH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, dass +ich mich meiner Wohnung näherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch genommen. +Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fühlte mich ruhig und +zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde ich nie Haschisch oder Opium +geniessen; man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Möbeln +hängen bleibt. Meine Zimmer mussten rein sein. Da empfing ich eine Frau, +die ich liebte, da arbeitete ich, manchmal kamen Freunde; alles war dort +nach meinem Geschmack; jeden Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo +gekauft . . . oder er war ein Geschenk . . . . oder ein Erbstück . . . +meine ganze Lebensgeschichte hing an diesen Möbeln, meine Reisen . . . eine +Art Tagebuch: mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine +Spielsachen dann kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater +sass und erzählte . . . so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren +Schein ich mich auf eine Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die +Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine +erste Geliebte in entzückender Wut zerbrochen, und später einmal ein +geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in +dieser Wohnung. Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien +dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen +darin abzuhalten. Nichts Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich +ganz glücklich, dass ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des +Jahrhunderts hatte. + +Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer Dirne in +geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. Ihre +Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von +Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere ihresgleichen mit +einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten Ungeeigneten +unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese ganz und +gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen Abwehr +fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen +waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass das lange +Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu +verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder +lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken +konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl folgen? +Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der +Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit -- einem das anzubieten! Auf welche +Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall +musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die +meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine Spiessbürgerin der Halbwelt, ein +Leib, der mechanisch als Weib funktionierte. + +»Das ist ja der Tod,« dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte ich den +Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden oder mir schien +vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle nun alle Strassen, +liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar Menschen, die mir in +der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser Strassen, deren +selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir +plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten, +schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet; weshalb? für ein +Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst +morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen für +alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum? +Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten +trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig, blickten sich kaum um. Da +fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die +verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit dieses ganzen dummen +Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und freute mich auf den Schlaf. So kam +ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustür zuwerfen wollte, +schlüpfte jemand hinter mir herein. + +»Inkubus,« murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich +nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt. Eine Lähmung, wie +sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen +oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts wurde ich die Treppe +hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines Arbeitszimmers stand. Wie jede +Nacht zündete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschöpft auf die +Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe +Dirne, die mir zuerst auf der Strasse den Weg versperrt hatte. Das sinnlose +Elend, das sich mir draussen über die Nerven gelegt, war in mein Zimmer +getreten. + +Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben und +ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt +antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise +und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit. + +». . . stelle dich nicht wie ein Kind,« sagte sie, »das weisst du doch, +alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose +hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler, +der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit +deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen +Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrücken darf. Denke doch an +die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, dass sie +keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft, +Versprechungen, Verzichtleistungen -- weiss der Teufel, was -- verlangt. +Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die +Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafür schuldest, dass +er dich noch leben lässt. Um dich nicht zu erschrecken, näherte ich mich +dir draussen. Du siehst, wie ich dir die Pille versüsse. Du hättest mich, +wenn ich gewollt, ebensogut auf deinem Bette sitzend finden können. Denke +dir einmal, wie du da überrascht gewesen wärest.« Sie lachte heiser. »Du +siehst, ich bin ganz bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd. +Weisst du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal +bewusst solch einen Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein; +gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen +vorkommen werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und +sie werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts +vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast du +wenigstens etwas mit ihnen gemein.« Sie schaute im Zimmer umher. »Übrigens, +ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten des Todes gleich +mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch +hervorzurufen.« + +»Keine, verfluchtes Tier!« schrie ich ihr entgegen. »Du bist die erste, die +diese Räume besudelt.« + +Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige +Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei. + +»Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir +wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafür bleiben dir auch die viel +schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen Bürger, +den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts erleben, das +werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, weisst du, wir +können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die +amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. Übrigens +noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst deshalb noch lange nicht +zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe +nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose Jugend für dich +verrauscht ist.« + +Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien Mitleid +mit mir zu haben. + +». . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer die andern +waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du einst um +Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute +alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie +gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir +kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen morgens je einmal +gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht. +Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weisst +du weniger Gutes oder mehr Böses von mir?« + +»Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.« + +Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes Lachen +aus. + +»Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht von +Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an +deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier an allen Möbeln +herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. Ich weiss, mit wem +du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage hier unterhältst. +Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich von mir wie ein Knabe +verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir +machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas +vorzulügen.« + +Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener +Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen +Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den schwammigen +schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen sein. + +Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war +überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu +befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir plötzlich +das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. Ich sprang auf und eilte +nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle +Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der +geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich +zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der +Strasse zu und brummte, weil ich sie schon weckte. + +»Hinaus . . . fort . . .« schrie ich. + +Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, indem +sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken antwortete. +Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hörte; das war doch +wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf und sie schimpfte; gut, +das liess man sich gefallen, das war logisch; aber sonst, das andere war ja +ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem Bett lag. + +Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte man sehen +sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem +Staunen, rief sie aus: + + +»Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen? +. . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so +gut gefallen hat . . .?« + +Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte: +»Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .« + +Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder. + +Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand. + +Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte +sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete +meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr +sinnlicher Schein war fort. + +»Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,« rief ich +aus, »das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun +herumschleppen!« + +Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch +aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein +mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich +nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. Ich kannte ja +niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain +ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem +schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus +pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe +hinunter. + +Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre. + +Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich nach +einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen +mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien +durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend da gesessen +habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war +ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte. +Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung +wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts +mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse +gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus +Europa in irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es +merkwürdig, dass ich -- gerade ich -- so etwas empfand. Fast war mir, als +wäre das alles gar kein Rausch gewesen; die körperlose Geliebte, die kein +Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume -- das Bachanal der wütendsten +Selbstvernichtung -- die Umarmung des Todes -- das lüsterne Betasten und +Belauern des Heiligen -- hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo +hatte ich ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es? +Ich fühlte, dass ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war +mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich +schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen +Gesundheit beginnen? + + + + +Der Schmugglersteig + + +.sub Eine vormärzliche Begebenheit aus den privaten Aufzeichnungen eines +Journalisten. + +EIN halbes Jahrhundert habe ich über mich selbst geschwiegen, ich war ein +Sprachrohr der andern. Heute bin ich fünfundsiebzig Jahre alt. Es ist daher +höchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten, wenn es überhaupt noch berichtet +werden soll. + +Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne +gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal auf +Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap Finisterre bis zum +Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Königen, vier Häuptlingen, +einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan und 214 Ministern habe ich +gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen Sonnenorden verliehen, aber mein +Souverän erlaubte mir nicht, ihn zu tragen, denn mit seinen Sternen und +Bändern bedeckt er mehr als dreiviertel einer mittelgrossen Personnage, +bezaubert daher Unwissende stärker als der Schwarze Adlerorden, und das ist +nicht gut; Heinrich Heine hat mir persönlich göttliche Grobheiten gesagt, +Fanny Elsler hätte mich fast geliebt, Napoleon III. hörte mit gnädigem +Lächeln meine Finanzpläne zur Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen +war ich Zeuge (die letzte war eine elektrische); mehr als 200 +erwerbsbedürftigen Müttern habe ich die Doppelköpfigkeit, unmässige +Behaarung oder die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Missgeburten +öffentlich bezeugt; ich habe betrunkene Könige, ehrliche Dirnen und +bescheidene Tenöre gekannt, in Louisiana sollte ich skalpiert, in Tibet +geschunden werden, aber mein gewandtes Auftreten rettete mich; ich kann +keine Sprache ganz, sechsunddreissig dreiviertel oder halb, in allen habe +ich eine vortreffliche Aussprache. Mit einem Wort, ich gleiche dem +nordischen Gotte Heimdall, der von neun Müttern geboren war (also +neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger Schlaf brauchte als ein Vogel, +bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei Tag, und das Gras auf der Erde, +die Wolle auf den Schafen wachsen hörte. + +Aber von alledem will ich heute nichts erzählen, ihr Damen der Provinz, die +ihr mich für einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr berichten, +was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte halbe +Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Blätter meines +Lebensbuches zurück. + +Ich besass die kümmerliche Monatsrente von fünfzig Gulden (später gab es +Monate, in denen ich bei Gott -- 5000 anzubringen verstand). Dies und ein +unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum Dichter. Wie es +sich für diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer mit Aussicht +auf einen altertümlichen Hof und zahllose Giebeldächer, auf denen im +Mondschein Katzen und Kater tanzten, während in den dunklen Ecken des +morschen Baus die Mädchen des Hauses verfängliche Gespräche mit ihren +Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren wie Saiten in den Rahmen +meines Fensters gespannt und mein überquellendes Herz harfte seine +Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich ein Mädchen. Es war nicht +schön (die Geliebten der Dichter sind nie schön, denn wessen +Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen schmiedet, muss so viel +Wirklichkeit übersehen, dass es auf ein paar Extrahässlichkeiten, wie etwa +Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung von Augen zu Sternen macht, +braucht nicht viel weiter zu springen, ob die Augen schielen oder nicht). +Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas struppiges Haar, ohne dass ich +es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig. Aber auch sie war ein Weib, +ihre körperlichen Merkmale waren feminini generis, wie bei Venus und Maria. +Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett in das Mysterium der stets +streitenden und stets sich ergänzenden Hälften der Welt, des ewig +Männlichen und des ewig Weiblichen. Dazu genügte Manolitha, wie meine +Dachkammer für meine Poesie. Das arme Kind wusste nicht wie ihm geschah. +Sie musste wohl meinen: So sind die Männer. + +Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die über einem See +aufsteigende Felsenstrasse -- im letzten Haus diente Manolitha -- führte in +das Nachbarland. In einer Mondnacht -- mir ist, als wären in jener Zeit +alle Nächte Mondnächte gewesen -- hatte ich Manolitha an ihre Türe +gebracht. Ich stand allein, hoch über dem See. Fern glitzerten die Lichter +der Stadt. Längs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklüftet und oft +von lärmenden Giessbächen zerrissen. Auf dem fast taghell beschienenen See +irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und da schwamm ein Fischerboot +auf der Fläche, dessen Insasse bei einer Laterne sein schweigsames Gewerbe +trieb. Auf meinen Lippen brannten noch die Küsse der Geliebten, die mir +jetzt in der Erinnerung wirklich ein wenig zu dürftig vorkommt. (Bei +Heimdall, dem Journalistengott, später habe ich wahrhaftig andere Frauen +geliebt!) Ich eilte vorwärts auf der Felsenstrasse, vorwärts in die Ferne, +nach Süden, in dumpfem Drang, aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht, +den Gedanken, das Wort zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte. +Halb trunken wanderte ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die +Felsenstrasse rechts ab in das Geklüft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in +die Wand gehauen, die über dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir +war, als stünde ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts +ging es in die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen +Wasserfälle, links führte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch über +der unten ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dünnem +Seil glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, während ich, der Gefahr +spottend, über dem Abgrund mühselig einherkroch. Der Gedanke belustigte +mich, es könnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad +entgegenkommen und ich war neugierig, was sich dann ereignen würde. Einer +hätte umkehren oder in die Tiefe stürzen müssen. Es kam mir vor, als ziehe +sich der Pfad unendlich in die Länge. Da ich infolge der Krümmungen den +Ausgangspunkt längst nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase, die sich +vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich weiter mit jener +fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwärts zwingt, damit wir nur +nicht auf denselben Weg zurück müssen, und ginge es in den Tod. +Körperlicher Anstrengungen ungewohnt, fühlte ich bald eine kaum noch +erträgliche Müdigkeit, die Hände schmerzten bei jeder Berührung mit dem +Felsen, ich fühlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein Zittern in den +Unterschenkeln kündete einen nahenden Schwindelanfall an. Fast weiss lag +der See unter mir, ein unwahrscheinliches künstliches Licht durchzitterte +die Luft . . . . . . Des folgenden Zeitabschnitts vermag ich mich durchaus +nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestürzt und unter der Flut +in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum Spass unsere Welt +nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem Mummenschanz? Oder bin +ich mit übernatürlicher Anspannung meiner Kräfte weitergegangen, so dass +für die Tätigkeit des Bewusstseins nichts mehr übrig blieb? Kurz, ich fühle +meine Erinnerungen an dieser Stelle wie in zwei Leben zerbrochen, eine +Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits. Ich stelle mir vor, dass +viele Menschen so eine Lücke in ihrem Dasein haben, die sie vergeblich +auszufüllen suchen. Entweder nehmen sie diesen Mangel ernst, lassen in +Gedanken nicht davon ab und werden verrückt, oder sie betäuben sich, wie +ich mit Arbeit, Vergnügen und ähnlichen narkotischen Mitteln, dass heisst, +sie machen einen Umweg um ihr eigenes Leben. + +Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich sitze in einem +allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und Tüchern bedeckt, vor +mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf einen Kreis wildbärtiger +Männer wirft. An ihren Gürteln sehe ich reich besetzte Dolche funkeln, ihre +rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in Lumpen, halb in köstliche, +orientalische Decken gehüllt, Offenbar sind es Schmuggler. -- Als ich den +Blick aufwärts wendete, sah ich den gestirnten Himmel über mir. Wir +befanden uns in einer dachlosen Stube, deren Wände Felsen bildeten. In den +Ecken schienen dunkle Stollen in den viereckigen Raum zu münden. Vor jedem, +auch vor mir, waren kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Gläser +aufgestellt mit Speisen und Getränken, die appetitlicher aussahen, als der +Ort erhoffen liess. Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit +der Mahlzeit zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte +mich besonders zum Trinken, war überhaupt sehr höflich und zuvorkommend. +Ein altes Weib, das nicht anders als »Skelett« angeredet wurde, bediente +uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich hätte allzu gerne +gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber ich +fürchtete, mir eine Blösse zu geben, wenn ich fragte. (Um übrigens keinen +unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke ich gleich, dass +ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange Geistesabwesenheit +nach Kräften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist, und ich mich, ohne +betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung befand, schlugen +meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen, in der, wie sie sagten, von +den Schätzen der Erde das Beste und Kurioseste aufgestapelt sei. Wir traten +mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide Wände von eisernen Türen +durchbrochen waren. + + +»Wir können Ihnen unmöglich alles zeigen,« sagte einer, »aber Sie werden +sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen können.« + +Man öffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung der +kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermüden. Die Aufsätze, +die ich in den folgenden fünfzig Jahren aus allen Teilen der Welt an die +*** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur kurz einiges +allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wüste, das starre Trandasein +der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig gewordenen nordischen +Göttern, um die sich der Reichtum beider Welten schart. (Ich muss bemerken, +dass dies in den vierziger Jahren geschah, als noch kein Mensch an Bayreuth +dachte). Ich sah die Schlachtfelder des Deutsch-Französischen Kriegs, aber +ich entdeckte noch mehr: leibhaftige Gedanken, die in zeitweiligen oder +lebenslänglichen Ruhestand versetzt, auf köstlichen Polstern lagen, +menschheitbeglückende und weltzerstörende Ideen; kommunistische Systeme +sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen wälzten sich knurrend an der +Kette; Dichterträume gingen in fabelhafter Nacktheit -- ich muss gestehen +etwas dreist -- zwischen anständig, wenn auch dürftig gekleideten +bureaukratischen Schrullen umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung +waren, schrien nach Wöchnerinnen, die man ihnen versagte; einige neue +Laster machten sich von weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nähe +schlecht, weshalb ich nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich +einzuprägen. Lues, eine Schöne, grämte sich, weil man sie nicht zu den +assyrischen Lasterkönigen liess, aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler +ungeheuren Respekt zu haben schienen, wollte es nicht so, wie man mir +versicherte. Auch fixe Ideen drängten unverschämt heran. Nur diesen +gegenüber musste ich mich unhöflicher Worte, einer, die einen Lorbeerkranz +trug, sogar meiner Fäuste bedienen, sonst benahmen sich selbst die +Leidenschaften und die Todsünden recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie +derbe Leute, die sich einmal in den Zwang eines Salons fügen, um sich +später anderwärts schadlos zu halten. + +Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all' diesen +Kuriositäten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich einer +meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den +Sammlungen fand, höflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen +einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke +unentschlossen umherschweifen. Wieder drängten sich die fixen Ideen +ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden +rotschimmernden Gemach, in dem -- obwohl es gar nicht gross war -- +fünfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten, die +still vor sich hin lächelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht +vorzudrängen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer der Leiber +geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen, ich meinte, +die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hässlich, aber wer ein rechter +Dichter sei, der setze sich darüber hinweg. Die Schmuggler freuten sich +offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die zunächst liegende +durch ihre brennenden Blicke versetzte. + +»Die will ich haben . . . alle 500,« rief ich gierig und wurde gleich sehr +verlegen. + +Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergnügt, ich solle noch +einmal wählen. Man öffnete vor mir eine andere Tür, durch die ein heftiges +gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich mich daran +gewöhnt hatte, sah ich, dass Wände, Boden und Decke des geöffneten Gemaches +mit geprägten Goldstücken gepflastert waren. Ich wollte weiter gehen. + +»Es ist rund eine Million,« sagte man mir. + +»So?« erwiderte ich gleichgültig und blickte bald lüstern zurück in das +Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend über den andern +Kostbarkeiten umher. + +»Es ist eine Million,« wiederholte der Schmuggler erstaunt, »wollen Sie die +nicht . . .?« + +»Ach nein, geben Sie mir lieber die Wüste mit den Kamelen und Oasen oder +sonst etwas Romantisches . . .« + +»Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber schenken und +nun verschmähen Sie das lumpige Milliönchen. Was wollen Sie denn ohne Geld +mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden Ihnen Ruhe lassen? +Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und Kleidern . . .« »Aber nackt +gefallen sie mir viel besser.« + +»Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden sie sich +schon von andern etwas schenken lassen.« + +Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die Million +versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun dürfe ich +noch ein letztes Mal wählen. Dieses Mal wolle man mich nicht beeinflussen, +aber sie müssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was mir gewiss ganz +besonders gefallen würde. Sie schoben eine Tapetentür auf, die sich ohne +Schlüssel öffnen liess, während alle andern Pforten von Eisen waren und +schwere Schlösser hatten. Dafür war diese Tür so kunstvoll verborgen, dass +sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten in ein Zimmer, in dem +offenbar niemals aufgeräumt wurde. Ein Haufe Metaphern, Anaphern, Symbole, +Allegorien, geprägte Redensarten, Zitate, Sprichwörter, in Fäulnis +übergegangene Witze lagen wie Kraut und Rüben durcheinander. An den Mauern +hingen ohne Ordnung poetische Bilder und Vergleiche in festen Rahmen, +Tropen und Metonymien blickten verwirrend dazwischen hervor. Um die vier +Wände des Zimmers ging nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen +Windöfchen, Kolben, Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe +Gläser voll Flüssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus, +Gedanken, ganz gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflösung +befanden, manche waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende +Flüssigkeit nur leise gefärbt, andere waren bereits formlos, gallertartig +geworden, während die Flüssigkeit immer trüber schien; in einzelnen Gläsern +befand sich nichts als ein formloser, missfarbiger Brei. + +Auf meine Frage, was diese Gedankenverdünnung bedeute, wollten mir die +Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich würde das schon eines Tages +begreifen; wenn nicht, so wäre mir nur um so wohler. Ich muss gestehen, +dass mir das verdächtig vorkam. Ich wurde unwillkürlich an die +Wirtshausküche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch soviel Brühe +gewonnen werden kann, als -- Wasser da ist. Es wurden hier offenbar +Fälschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute die zur Verdünnung +benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe keine von meinen Versen +vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren konnte. Vielleicht würden +sie daraus eine Wassersuppe kochen. -- Indessen schweiften meine Blicke +wieder über die Merkwürdigkeiten am Boden und an den Wänden; mein Herz ging +auf, als ich darunter zwischen vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige +Symbole, erhabene Weisheitssprüche hervorschimmern sah. + +»Wer dahinein Ordnung brächte!« rief ich begeistert aus, »würde das Zeug zu +der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das Gerümpel, mich +soll die Mühe nicht verdriessen!« + +Die Schmuggler erklärten sich gerne bereit. + +Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen in dem +Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte Einzelheiten über das +Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel. Klein hatten sie +angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten sie am Weg gefunden haben. +Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte Tauschgeschäfte. Ich gewann +immer mehr den Eindruck, als ob das alles nicht immer redlich zuginge. + +»Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt für unsere Gaben zurücklassen?« +fragte man mich. + +Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable +deutsche Dichterzigarre. + +»Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Träume ab und wir +sind zufrieden.« + +»Träume?« rief ich aufatmend, »davon habe ich genug; wenn Sie ein Mittel +wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien . . .« + +Wir kamen dann auf andere Gesprächsthemen, auf Politik, auf die damals +herrschende Unzufriedenheit der Völker mit ihren Herrschern. Die Schmuggler +taten so, als hätten sie dabei irgendwie die Hand im Spiel. + +»Nein, nein,« rief einer aus, »die echte Revolution geben wir so bald nicht +wieder her. Wir haben sie nur mühsam zurückbekommen gegen die Heuchelei, +die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich erhalten wir fast +täglich Briefe, wir möchten sie wieder hergeben, sie wollen uns dafür die +Glorie Bonapartes ungeschmälert ausliefern. Aber wir tun es nicht. Sie +bekommen höchstens ein paar Barrikadenkämpfe.« (Ich bemerke, dass das Jahr +48 vor der Tür stand.) + +Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der Ecke. Es +war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts. + +»Grossmäuler Ihr,« rief die Alte, »Ihr müsst sie ja doch hergeben, wenn die +Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, dass die Euch +ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf den Kopf stellen. +Hi . . . hi . . .« + +Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend die Alte an +einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und hängte sie +damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der Felswand +ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente +Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die Pforte noch offen +stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas fremdländischem +Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen. Mit ihr hätte es aber +wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche Formen. + +Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer mehr. Sie +schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich zu setzen +wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende Geschäfte, +wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe verzettelten, +die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel besonnene +Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche Nichtigkeiten +bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren Kniffen das +Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher Gedanke stieg in mir +auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, würden sie +schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen und ihre +Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt haben. Mir graute vor der +Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung, die dann zur Herrschaft kämen, +während die Freiheit, die Schönheit, die Erkenntnis in Felsenkammern als +Kuriositäten moderten oder alchimistisch entstellt würden. Es war nur gut, +dass sie wenigstens vor dem Schicksal Angst hatten, vielleicht weil es das +einzige auf der Welt ist, womit man nicht Handel treiben kann. + +Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben, denn nur +mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt wurde, einen +überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und in die Mitte rücken musste +und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande darin herumquirlte; man +warf mir unerkennbare Gegenstände hinein, Flaschen wurden darüber +ausgegossen; wenn der Kessel zu voll war, stellte man ihn einfach schräg, +bis ein Teil der Flüssigkeit überlief, die sich wie kriechendes Gewürm +lautlos und dick in die Stollen verteilte. Dann wurde weiter gepantscht. +Zuletzt klebte die Alte auf einer Etikette das Datum des folgenden Tages an +den Kessel, den mehrere Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine +eiserne Tür. Durch den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten +Himmel. Ich merkte, dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel +wurde bis auf die Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und +nun rollte er auf einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande +heulte ihm die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte +überhaupt die Rutschbahn aufs unflätigste. + +»Er ist geplatzt,« rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft vor, +wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen würde. +Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion. + +Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich aber tat +als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen +ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter +beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte, +in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume +waren. + +Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie +lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. Ich +wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da kam +einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte +Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der +Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine +merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent +erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben stand +zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild: + + Nachtschelle für + Mlle Rose, Modes. + +Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den +Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet und ein +recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem Gesicht +flüsterte: + +»Sie sind doch empfohlen . . . durch Dr. M., nicht? . . . Sie wissen, nur +auf Empfehlungen lassen wir . . .« + +Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich wieder in das +halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen lagerten, die nun mir +gehörten. Aber die Tür flog gleich zu. + +Das anständige Mädchen schob mich auf eine breite verschnörkelte +Holztreppe, wie sie in alten Bürgerhäusern sind. Ich ging hinauf. Es roch +nach samstäglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastür, vor der auf +einem Schildchen mein Name stand. Ich öffnete mit meinem Hausschlüssel, der +genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch gedeckt, beim +Schein einer geblümten Petroleumlampe strikte Manolitha Socken. Hinter dem +Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehäkelten, kranzförmigen Pfühl; +darüber hingen Familienporträts in ovalen Rahmen. Manolitha stand auf; sie +nahm sich als Hausfrau ganz gut aus. + +»Alter,« sagte sie, »es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war der +Metzger mit der Rechnung . . .« + +Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar küssen, aber +da kam wieder der Schmuggler, machte sich über Manolithas Kopf zu schaffen +und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder in den Stollen +trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch befand ich mich +in einem kleinen Gemach voll orientalischer Teppiche am Boden und an den +Wänden. Ein Diener erwartete mich mit Tee. Neben meiner Tasse lag ein +Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme, nach denen ich griff, während +der Diener mir die Stiefel auszog. Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen +vor Spiegeln. In der Mitte war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan +gedeckt, seltene Blumen dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte +bescheiden, alles sei für das Diner angeordnet, wie ich es befohlen hätte. +In diesem Augenblick schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen. + +Als ich aber die Hörmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich einen +Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild. Tief im +Abgrund wand sich ein Fluss zwischen südländisch üppig bewachsenen Ufern, +an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen hellerem Grün hervorstach. +Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt, die immer höher schwebte, bis sie +ganz dicht vor mir war. Ich erkannte Manolithas Züge, schön wie sie in mir +lebten. Sie trug ein antikes Gewand. Gemessen schritt sie auf mich zu, hob +ihre beiden Arme und wollte mir einen Lorbeerkranz auf die Schläfen +drücken, aber zum dritten Male erschien der Schmuggler, rollte das Bild +auf, gab es dem Skelett, das damit in dem Stollen verschwand. In dem +Guckkasten aber gewahrte ich ein anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem +Vater ähnlich sah, nur viel vornehmer erschien, sprach von einer +Rednerbühne herab zu einer festlichen Versammlung. Man jubelte ihm zu, er +schien seine Rede gerade beendet zu haben. Ich hörte noch, wie er die Worte +sagte: + +»Und für diese Broschüre, in der ich sein Land in den wahrsten und hellsten +Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey von Tunis mir +seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souverän -- Gott erhalte ihn -- +konnte mir aus geheimen Gründen der Staatsräson das Tragen dieser +Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich genötigt, diesen Beweis seiner +Gunst dem hohen Bey -- auch ihn erhalte Gott -- zurückzusenden. Vorher aber +kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen, verehrte Zuhörer, und -- +wie ich mir wohl schmeicheln darf -- Freunde, dieses Kleinod zu zeigen!« + +In diesen Worten öffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm derselbe +Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die Stiefel +ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene Schleifen, +die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht enthalten, +sie einen Augenblick anzulegen. + +In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand rief: +»Schluss!« Ich hängte die Hörmuschel an, und als ich mich umsah, war es +heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer Felsenstube. + +Man wünschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen ganz +erträglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die Schmuggler +nach dem Frühstück an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten, d. h. einige +Streifzüge in der Umgegend machen wollten, weil heute der Fürst Metternich, +auf einer Italienreise begriffen, durchkommen müsse und sie ihm einige +freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften durch derartige +Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen. Man brach auf, +und mir blieb nichts anderes übrig als mitzugehen. Die Schmuggler bemerkten +meine enttäuschte Miene. + +»Ach so, die Geschenke,« sagte einer, »Sie müssen wissen, dass Sie das +nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt +werden. Aber Sie werden noch heute spüren, dass wir Wort halten.« + +Ich glaubte natürlich kein Wort und war überzeugt, dass man mich betrogen +hatte. + +Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns schließlich an +eine Stelle des Sees führte, wo zwischen Wasser und Felsen kein Pfad ging. +Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen, lag in einer kleinen +natürlichen Bucht. Ich wurde eine halbe Stunde weit gerudert und dann an +der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt. Die Schmuggler hielten sich keine +volle Minute auf, sondern fuhren mit unbegreiflicher Geschwindigkeit +zurück. + +Ohne im geringsten Klarheit über das Erlebnis zu finden, ging ich der Stadt +zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo sie Fische gekauft +hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hässlich sie war, sie schien +mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hände nach Fischen riechen! +Glücklicherweise führte der Weg über eine Brücke, unter die ich leicht +durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte. Dort verbarg ich +mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals wieder gesehen. + +Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten +Gasthaus ein grosses Gedränge, das von galonierten Bedienten zurückgehalten +wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen, einen der +Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand. Auf meine +Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe Persönlichkeit +auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse aber nicht wer, da +die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste sofort, dass es niemand +anders als Fürst Metternich sein konnte. Mit einer mir sonst gar nicht +eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten von hinten ins Haus +zu schleichen. Vor einer Tapetentür im ersten Stock blieb ich, der sonst +eher schüchtern war, so ungeniert stehen, dass alle Vorübergehenden meinen +mussten, ich gehörte dahin. Durch die Tür aber vernahm ich die Stimme des +Fürsten im Gespräch mit dem Bürgermeister der Stadt. Ich verstand nur +abgerissene Sätze. Vor allem wünschte er ganz unerkannt durchzureisen, da +er leidend war, im übrigen sei er der Stadt sehr gewogen; er habe nichts +einzuwenden gegen die Ernennung des beliebten X. zum Oberpostmeister, +obgleich der Mann im Geruche des Liberalismus stehe; man solle überhaupt +ihn (den Fürsten) doch ja nicht für einen Währwolf halten, er beabsichtige +auch im Lauf der Jahre die Zensur und die Pressgesetze, selbst in den +Grenzdistrikten, etwas milder zu handhaben etc. etc. + + +Als ich hörte, dass der Bürgermeister verabschiedet wurde, eilte ich fort, +um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf die Redaktion der +ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet. + +»Metternich hier?« rief der Redakteur, »wenn Sie sich nur nicht täuschen +. . .« + +»Aber Herr Redakteur,« erwiderte ich, »was glauben Sie von mir, ich kenne +Fürst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.« + +Ich erschrak über diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich hatte +Metternich nie gesehen, noch früher je sprechen gehört. + +»Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen,« erwiderte der +Redakteur, durch meine Sicherheit überzeugt. »Hier ist ein Pult, Tinte und +Feder . . .« + +Während ich schrieb, flossen mir -- ich wusste nicht wie -- Bilder und +Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt hatte. In +einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie ich selbst +fand, äusserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein überreichte +ich dem Redakteur die Blätter, der sie überflog und erstaunt rief: + +»Sie sind der geborene Journalist, junger Mann . . . Ihre Findigkeit ist +nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer +Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?« + +»Das ist mein erster Versuch,« erwiderte ich etwas schüchtern. + +»Was waren Sie denn früher? Jeder Journalist war früher etwas anders.« + +»Dichter,« sagte ich beschämt. + +»Na, das haben Sie sich glücklich abgewöhnt. Ich habe Beschäftigung für +Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in die Oper +und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.« + +»Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.« + +»Unsinn,« antwortete er grob, »solche Bedenken gewöhnen Sie sich nur ja ab, +mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch, theosophisch +. . . was verlangt wird . . . verstehen Sie? Ich sehe übrigens, dass Sie, +um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollständigen müssen. Hier +haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben Sie dieses Blatt.« + +Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten, was +darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo ich mich +völlig ausrüstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner Zimmertür +stand eine pompöse, übermässig elegant gekleidete Dame. + +»O . . . Sie kommen endlich . . .« rief sie in einem gebrochenen Deutsch. +»Ich bin Rubini . . ., Carlotta Rubini . . . ich höre, dass Sie heute abend +die Kritik schreiben.« + +Ich geriet etwas in Verlegenheit. + +»Verzeihen Sie . . . Signora . . .« stammelte ich . . . »ich wohne nur +vorübergehend in dieser Höhle . . . bis ich eine Wohnung nach meinem +Geschmack finde.« + +»O ich begreife . . . ich begreife . . .« sagte die Rubini und trat ein. + +Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von den 500 +Frauen, die mir in der Schmugglerhöhle zunächst gelegen hatte. + +»Ach . . . ich hin so müde . . .« sagte sie . . . »darf ich ein wenig +ausruhen . . . seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.« + +»Gewiss . . . gewiss . . . Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten +könnte . . .« + +»Ach ja, mein Herr . . . bieten Sie mir etwas an . . . lassen Sie etwas +holen.« + +Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster +arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus +Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern, die +ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach die so +unentbehrliche Million zukommen lassen würden. + +Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich's die Rubini sehr bequem +gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt ich bereits +besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen übermässig starken Pulsschlag +. . . + + -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- + +Aber sie war nur ein Präzedenzfall. Ich könnte noch 499 Geschichten +erzählen, wenn nicht die hohe Geburt, der europäische Name und der Reichtum +meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten. Aber aus rein +psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal indiskret sein; +nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhäuser abwarten. + + + + + + + + +Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Müller +Verlag in München in einer Auflage von 800 +Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg & Lefson +in Berlin hergestellt und nach den Entwürfen von +Paul Renner bei Hübel & Denck in Leipzig gebunden. +Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van +Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden. + +Dieses Exemplar trägt die Nr. 551 + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH *** + +***** This file should be named 37763-8.txt or 37763-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/7/6/37763/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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H. Schmitz + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Haschisch + Erzählungen + +Author: Oscar A. H. Schmitz + +Illustrator: Alfred Kubin + +Release Date: October 15, 2011 [EBook #37763] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + +<p> </p> +<p> </p> +<div class="centerpic"><img src="images/cover.jpg" alt="Cover"/></div> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<div class="trnote"> +<p class="center"> +<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches. +</p> +</div> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1 style="page-break-before:always"> +<span style="font-size:larger">Haschisch</span><br /> +Erzählungen von<br /> +Oscar A. H. Schmitz +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase;"> +Mit dreizehn Zeichnungen von Alfred Kubin<br /> +München und Leipzig bei Georg Müller MCMXIII +</p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p style="text-align:right;margin-right:10%;text-indent:0%;font-size:small;"> +Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68. +</p> + + +<h2 class="chapter" style="text-align:left">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Haschisch</a></p> +<p class="contents2"><a href="#chapter-2">Der Haschischklub</a></p> +<p class="contents2"><a href="#chapter-3">Die Geliebte des Teufels</a></p> +<p class="contents2"><a href="#chapter-4">Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts</a></p> +<p class="contents2"><a href="#chapter-5">Karneval</a></p> +<p class="contents2"><a href="#chapter-6">Die Sünde wider den Heiligen Geist</a></p> +<p class="contents2"><a href="#chapter-7">Die Botschaft</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-8">Der Schmugglersteig</a><a id="corr-0"></a></p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p style="text-indent:0; margin-left:10%;text-transform:uppercase;font-size:large;"> +Haschisch +</p> +<p style="text-indent:0; margin-left:20%;"> +Oh! là là! que d'amours splendides<br /> +j'ai rêvées! (Arthure Rimbaud). +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorrede zur vierten Auflage +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>CH würde und könnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902 +zum ersten Mal erschienene Buch — also lange bevor der Satanismus +und das „groteske“ Genre in Deutschland Mode waren — heute +nicht mehr schreiben, vielleicht weil meine Phantasie in weniger übermütiger +Fülle blüht, vielleicht weil eine universellere Weltbetrachtung +das rein ästhetische Flattern von Reiz zu Reiz etwas hemmt. Dennoch +freue ich mich, dieses Buch als ein Vierundzwanzigjähriger geschrieben zu +haben. Man hat mir die Notwendigkeit nahe gelegt, sein Neuerscheinen in +Einklang zu bringen mit meinen in der letzten Zeit gelegentlich geäusserten +und heftig angegriffenen Ansichten über die Grenzen zwischen Kunst, +Sittlichkeit und Religion. Nun, ein Kunstwerk kann, wie ja heute bis +zum Überdruss gepredigt wird, allerdings in sich weder unsittlich noch +irreligiös sein. Vielmehr hat es als Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion +überhaupt nichts zu tun. Wohl aber kann ein unsittlicher Gebrauch davon +gemacht werden und beschränkte Gemüter mögen in ihrem Glauben daran +Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange ich mich nicht, an den +Grundlagen der Familie und Ehe zu rütteln, wenn ich mir auch als Künstler +herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwürdigkeiten zu suchen, die +ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drücke ich eine Missachtung +vor der Religion aus — was ganz und gar meiner eigenen religiösen Gesinnung +widersprechen würde —, wenn ich zeige, wie eine gotteslästerliche +Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie glaubt +die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht Gottes +anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal versichert, +dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht eingehend +konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstösst. Ein Gläubiger +wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die grösste +der Sünden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulässt. Immerhin ist das +Buch nur für gebildete Erwachsene geschrieben. Sein Äusseres wird es +aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es für die halbwüchsige +Jugend unzugänglich machen, und sein Stil dürfte kaum das Interesse der +Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der +sozialen Sittlichkeit genug getan. + +</p><p>Ich wende mich zunächst an erfahrene Männer. Wenn ihnen das +Büchlein solcher Ehre würdig scheint, mögen sie es ihren Geliebten, die es +doch in dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren +Los ist, ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder +Anmut zu blühen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern +und Töchtern zu geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken +aufbauen sollen, wäre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist +überflüssig, oft gefährlich, doch kommt es natürlich immer auf die Frau an. + +</p><p>Und dir, schöne Müssiggängerin, die du zufällig durch diese Vorrede +gerade zur Lektüre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht +anders kannst, lies es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf +einen nicht ganz einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehörst. +Solange du selber weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man +sich nicht rühmen soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es +in des Teufels Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt +heuchlerischer Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: „es ist ja nichts +dabei,“ oder aber, gehörst du zu jenen schwatzhaften Gänsen, die immer +wieder betonen, die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben +sittlichen Natur wie der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu +sagen. + +</p><p>Nach der Aufführung eines Stückes von mir, welches das „Don-Juan“-Problem +behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und +erzählte mir, wie entzückt ihr achtzehnjähriges Töchterchen aus der Vorstellung +gekommen sei und wie erregt man am Familientisch die von mir +berührten Fragen erörtert habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir +nun das Kind selber näherte, und warnte die gute Dame aufrichtig davor, +meine Werke jungen Mädchen zu geben. „O wir sind vorurteilslos,“ +erwiderte sie. „Aber ich nicht,“ sagte ich in peinlicher Verlegenheit, +„bitte, verhindern Sie Ihr Töchterchen, mit mir über mein Stück zu sprechen. +Ich wüsste kein Thema, das ich nicht mit einer Frau behandeln könnte, +aber zu sexueller Aufklärung fühle ich mich nicht berufen.“ + +</p><p>Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es +geben<a id="corr-1"></a> auch in einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge +von Gesetzgebern und Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor. +Gerade sie werden ihrer bunten Abenteuerlichkeit wegen den Künstler +besonders reizen. Sie verbieten ist heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem +zwecklos. Darum sollen sie noch lange nicht öffentlich ausgeschrien +werden. Auch von dem Künstler ist daher zu verlangen, dass die Form, +in der er solche Stoffe behandelt, und von dem Verleger, dass die Art, +wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu der herrschenden Sittlichkeit +wahrt. Man erzählt nicht am Familientisch, dass man gestern +mit einer „interessanten“ Dame soupiert hat. So wird man verhindern +müssen, dass Bücher, die heikle Themen behandeln, in falsche Hände geraten. +Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System, das +dem Künstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem +jungen Mädchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Künstler +die Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mädchen bisweilen +den Zugang zu verbieten. Die französische Gesellschaft war darum so +frei und geistreich, weil junge Mädchen streng ausgeschlossen wurden; +die englische ist deshalb so langweilig und monoton, weil die „spinsters“ +bei allem dabei sein müssen. + +</p><p>Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines +besonders gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten +der Sittlichkeit und des Taktes erfüllt. Das weitere ist Sorge der Verleger, +Buchhändler, Eltern und Vormünder. + +</p><p>Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Büchlein meiner +Jugend offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch +stecke ich es vielleicht heimlich unter das Kopfkissen! + +</p><p>FRANKFURT A. M., JANUAR 1913. + +</p><p class="signature"> +O. A. H. S. + + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der Haschischklub +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>N einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig +besuchten Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung +zu achten, ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt +war, hörte ich neben mir eine halblaute Stimme, die sich an den Kellner +wendete. Die trotz dem fremdländischen Akzent gewandte Ausdrucksweise, +welche Vertrautheit mit den Boulevards verriet, fesselte meine +Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem schlanken, diskret blonden, schon +etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio Alta-Carrara. Ich beobachtete, +während er, ohne mich zu sehen, sein Menü zusammenstellte, dass sich die +vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem letzten Zusammentreffen noch +verstärkt hatte und eine unübertreffliche Kunst des Anzugs dieser Veranlagung +durchaus gerecht wurde; die schmalen langen Beine liess er in die +schlanksten Stiefel auslaufen, während die fast entfleischten Finger in +spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit +merken liessen, hatten neben dem „ennui“ eine gewisse Bitterkeit +angenommen, die seine kühle Persönlichkeit fast menschlicher und etwas +nahbarer erscheinen liess. + +</p><p>„Ah, Sie sind in Paris“, sagte der Graf und zeigte sich nur aus Liebenswürdigkeit +erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten Zusammentreffen +und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen. + +</p><p>Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt, +wo wir eines Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse +in der Hand, zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander +standen. Später erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in +einer geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen +des Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, +die immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Südländer +den Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. — + +</p><p>Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen +Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, +Allaert van Assen, suchte. Dieser Meister — so versicherte er — hatte +in Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten, +dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur törichte Menschen +nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die +Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit Schneeumschlägen +auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und +seine Werke vernichtet oder entstellt. — Zum letzten Male hatte ich den +Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, +wo er einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische +Literatur der Europäer überflüssig machte. + +</p><p>Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze +Aufmerksamkeit schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach +seiner besonderen Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. +Plötzlich unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung +wachzurufen schien: + +</p><p>„Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht — so etwas wie . . . + +</p><div class="poem"> +<p class="line">. . . und eine Lust, gepflückt in tausend Lanzen,</p> +<p class="line">der sich die Seele wie aus früherm Sein</p> +<p class="line">entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein</p> +<p class="line">die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen . . .?</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent">Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies +darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir +schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium entthronen +. . .!“ + +</p><p>Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so +eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und +das geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher +geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu +halten. Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der +Unendlichkeit zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute +manche Geister verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des +Christentums Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, +wenn nicht bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen +wären. — Ich hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den +Augen Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe +angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich +abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die satanischen +Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten. — +Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der Alta-Carrara +wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen +getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar +Worte gesprochen hat. + +</p><p>„Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,“ sagte er plötzlich. +„Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?“ + +</p><p>Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er +konnte von mir nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitäten +meines Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten +Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen +zwischen jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner +Persönlichkeit hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich +einführen wollte. + +</p><p>Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte +ich einige vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras +zu hören. Er sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser +Leichtheit über die verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu +sagen. Ich fühlte, dass es ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen +zu vermeiden. — Nachdem wir die sechs Treppen eines modernen +Mietshauses erstiegen, wies man uns in einen weiten, atelierartigen +Raum. In dem dämmerigen Licht rotverschleierter Kerzen gewahrte ich +mehrere Männer, die in bequemen, wie mir schien, orientalischen Kleidern +auf niedern Polstern lagen. Zwischen den Ruhebetten standen Taburetts +mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen. Ein sanfter Geruch brennender +Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter englischer Zigaretten. +An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze Radierungen und Stiche, +deren kaum erkennbare Darstellungen wie die Gesichte eines Alpdrucks +auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied ich zwischen fremdartigen +Gewächsen altmodische musikalische Instrumente wie seltsame +Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten. Leichte Grüsse +wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine Handbewegung, +als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen nieder. Von einem +zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige Haschischpillen +und bot mir lächelnd die Schale. + +</p><p>„Die Umherliegenden“, erklärte er halblaut, „befinden sich in einem +Zustand der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben +nur ganz geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen +Wortfolgen reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge +finden sehen, als sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, +können wir uns wie in einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler +befinden, denen fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren +Glanz sie morgen kaum selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf +den Genuss des Haschischs und bewundern die Wirkung, die er in den +übrigen hervorbringt. Wer dazu imstande ist, wird durch Musik oder +seltsame Erzählungen den Vorstellungen der übrigen besondere Richtungen +zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen Blick durch diese offene Tür +in die Nebenräume; dort befinden sich die, welche ganz in die Abgründe +der Unbewusstheit versinken wollen.“ + +</p><p>Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venetianischen +Spiegeln ausgestreckt. + +</p><p>„Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte +Wasserteiche unterzutauchen“, sagte der Graf. „Die beiden auf Zehen +herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und +Durst schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die +Lippen verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst +an den Mund zu führen.“ + +</p><p>Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis +nur die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen +tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu +geniessen. + +</p><p>Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne +französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden +teils Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet +haben, als in einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches +italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit +besonderem Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings +durchdrang, durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, +wie nun alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des +Lebens. Vorher hatten die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und +vor allem sehr gütig. Die Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien +aufgehoben; alles war farbiges Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; +die Wortfolgen, die ich hörte, waren bestimmt und einfach, wie mathematische +Sätze, schienen in Zahlen auflösbar. Mit einem Blick übersah +ich Zusammenhänge, die sonst das Ergebnis mühseliger Überlegung sind; +die Worte funkelten in den verschiedenen Farben aller Sprachen. Die +Silben „Kirche“ klangen zugleich gross und hell wie „église“, misstrauisch-puritanisch +wie „church“. Die Buchstaben „Wort“ enthielten gleichzeitig +das talismanähnliche „logos“, das runenhafte „waurd“, das spitze +fliegende „mot“, die ein wenig gewichtig aufgeputzte „parole“. Bei allen +Silben klangen wie Untertöne halbverwehte Reime mit; ich roch, sah, +schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide oder Marmor; ich sah +nicht mehr bloss Flächen, sondern ganze Körper von allen Seiten zugleich. +Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus der ich keineswegs +heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und dankbar, so dass +ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, dass ich dabei auf der +Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir übrigens vollkommen +bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine farbige Brille +auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern vorbeischielen +und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben eigentlich +ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge +wirklich und gefärbt betrachten. + +</p><p>Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter +denen fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob +sich vor diesem blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so +ungeheuer ausdehnte, dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen +dem reichen rötlichen Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das +blasse Gesicht war fast starr, und in der Erinnerung meine ich, es hätte +bisweilen leichenhaft grüne und violette Reflexe angenommen. Dieser +Mann sagte, er sei in Deutschland geboren, und so möge man ihm die +unvollkommene Aussprache des Französischen verzeihen. Seine klaren +verständlichen Worte erweckten meine Neugier. Bewusst hielt ich mich +wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem Mann aufmerksam +zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf einem Clavichord +gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist seinen Worten zu +folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu müssen. Er +erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit einer +Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse selten +behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten +wieder zu finden: + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Die Geliebte des Teufels +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>OR fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle +in einer britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismässig +geringe Bosheit der Menschen in meiner Vaterstadt hatte +mir gestattet, ein ziemlich zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu +verbinden; ja, ich durfte mir erlauben, dorthin einen leichten Duft von +draussen zu bringen und gewisse Vorrechte eines verwöhnten, unartigen +Kindes zu beanspruchen. Das ist nun ein halbes Menschenalter her. Aus +dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in die bürgerlichste englische +Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort „respectability“ durchaus +bezeichnet. Stellen Sie sich eine Stadt vor, deren Häuser mit einem rauchigen +Schwarzrot bestrichen und durch winzige Fenster von kümmerlicher Gotik +erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben hinaufgeschoben, so dass +der sich herausbeugende Kopf gewissermassen unter einer Guillotine liegt; +denken Sie sich Strassen von ungesunder, gleichsam desinfizierter Sauberkeit, +die an die kranke Fadheit gewisser nie schweissabsondernder Häute +erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung geschlossen sind. In diesen +Strassen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung. Alle sind peinlich korrekt +gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der Farbe schmutziger +oder vom Regen aufgeweichter Landstrassen. Die Gesichter müssen +einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem +fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehen geblieben sein. Überall glaubt +man Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben +die Strassen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage +spielten sich daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine +Gesellschaft spärlich blonder, lymphatischer Menschen versammelte; die +roten Pusteln in den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmassen, +und besonders die wie von einer Maschine hervorgebrachten +wärmelosen Stimmen erweckten in mir anfangs nur ein kaltes Starren. +Fast den ganzen Tag wurden durch die in ihrer Düsterkeit endlos scheinenden +Gänge und Speiseräume von verschwiegenen Bedienten zugedeckte +Schüsseln und Platten mit riesenhaften blutenden Braten getragen. Schon +um neun Uhr morgens hatte man dicke Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, +so dass ich mich schon früh in jenem dumpfen Zustand befand, der +einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt. Ein breidickes, schwarzes +bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden Geist in einen Sumpf. +Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt das Gehirn wie eine +warme schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein spitziges böses Ding +fest steckt: der Spleen. + +</p><p>Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster +begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H. +angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche +Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das +provinziale englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig +die Instinkte verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen. +Die hartnäckige Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, +meine ziemlich extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die +zweifelhaftesten Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten +Fremden, alle Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden +Stadt offenstanden, fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein +wenig hingezogen, der für die Gesellschaft überhaupt nicht da war, da +ihm die verachtetsten Menschen angehörten. In einem Keller der übelsten +Vorstadt versammelten sich nachts die Mitglieder einer kleinen hungrigen +Schauspielertruppe, deren groteske, oft recht abgeschmackte Sitten mich +immer noch mehr anzogen, als die abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft. +Diese Schauspieler, zum Teil verkommene Talente, hatten sich der einzigen +Panazee ergeben, die gegen den Jammer des englischen Lebens besteht: +dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen, meist nüchterner als sie, in dem +rauchigen trüben Keller eine Reihe von Winternächten, die mich vielleicht +sonst zum Selbstmord getrieben hätten, und nicht eher verliess ich die +hagern, pathetischen Zecher, als bis ich sie mit verzerrten Gesichtern in +der Emphase der Betrunkenheit ihre Lieblingsrollen durcheinander schreien +hörte. Wenn ich dann, von Müdigkeit übermannt, diese Stimmen nicht +mehr ertrug, stieg ich in die reine Winternacht empor und unterschied +noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem harten Schnee Verse aus +Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst diese Ausschweifungen, +die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer wieder floh ich zu +den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener feuchte neblige +Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens, dann trat in +mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns schämen +einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen abgesehen +zu haben scheint: die Sentimentalität. Wie oft hatte ich die Nachmittage +über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit entfernte, +aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die +feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, +um meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. +Ein Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt und nun +war ich für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen +mein Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, +oder ich atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave +der nie in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begnügt sich +vor ihr wie über eine süsse Torheit zu lächeln. Ich aber behaupte, dass +uns dieser hinterlistige Feind in den Rausch stösst, wenn wir gern nüchtern +blieben, dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn +wir wissen, dass er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen +Stunden erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und +auf den Blumen der Tapeten Gestalten schaukeln lässt, die uns zurufen, +und zwar mitleidig, dass wir das Leben versäumt haben. Wir halten das +nicht aus, wir rennen davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, +ist uns recht, um über einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige +Wesen daheim tut dann beleidigt, ja als verletzten wir unser +Bestes, und aus Widerspruch gegen dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität +besudeln wir uns nach Kräften. + +</p><p>Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn +ich konnte mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien +ihre musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes +Wesen, wie ich war, befriedigen würden. + +</p><p>Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen +Winter. Ich erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift +war offenbar verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen +Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der +Züge, phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte +vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete: + +</p><p>„Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch +in H., was übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich +von einer Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft +dieser Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht +gesehen, aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte +Sie kennen lernen. Da mich das Äussere eines Menschen — besonders +der nicht angelsächsischen Rassen — sehr leicht abschreckt, möchte ich +mich mit Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine +Sorge sein. Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert<a id="corr-2"></a> +scheint, die Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts +anderes verrät, als dass sie eine Dame ist.“ „Es scheint mir der Mühe wert,“ +schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem +Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle +im James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte. + +<span class="centerpic" id="img-017"><img src="images/017.jpg" alt="Illustration 017" /></span> + +</p><p>„Ich halte Sie für klug genug,“ so endete der Brief, „den Reiz dieses +Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie +die Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte +Unterhaltung zu bedauern.“ + +</p><p>Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: „Montag nachmittag +sechs Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, +das Ihnen der Kutscher auf die Parole ‚Miramare‘ öffnen wird.“ + +</p><p>In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit +des frühen Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher +starrte, einer ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. +Auf den Ruf „Miramare“ sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung +machen. Der Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete +Innere war in Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten +Verbenengeruch aus. Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen +setzte sich in Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte +auf den Weg achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte +ich, dass statt der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge +eingelassen waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. +Ich war also ein Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf +den Knopf zu drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an +der Decke verband mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung +der Gummiräder machte mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über +Pflaster fuhr oder ob wir die Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt +dauerte erheblich länger als eine einfache Strecke in der kleinen Stadt; +doch der Kutscher konnte ja den Auftrag haben, durch Umwege meine +Vermutungen irre zu leiten. Mein Aufenthalt in der duftenden Helle dieses +rollenden Boudoirs war indessen durchaus erträglich. Ich versuchte die +Zigaretten, deren auserlesene Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der +Wagen an. Während ich draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische +Birne. Der Schlag öffnete sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück +Nachthimmel und ein anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig +wie ein fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die +so dicht verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen +konnte. Sofort schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. +Das Wesen hatte sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, +sie zuerst reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen, +als das Knistern und der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere +ziemlich tiefe Frauenstimme: + +</p><p>„Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.“ + +</p><p>Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer, +wie mir schien, in ihrem Kleid. + +</p><p>„Geben Sie mir Ihren Revolver!“ sagte sie darauf kurz und bestimmt. + +</p><p>„Ihren Revolver“, drängte sie. + +</p><p>Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir führe, da +ich mir bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen +würde. + +</p><p>„Ausser heute,“ bemerkte sie halb ironisch. + +</p><p>„Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten,“ +erklärte ich, „dazu hätte mir dieser Stock genügt; mit Vergnügen liefere +ich ihn aus.“ + +</p><p>„Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.“ + +</p><p>„Aber vor einem Revolver?“ + +</p><p>„Solch ein Instrument“, erwiderte sie rasch, „gibt einem Abenteuer +so leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.“ + +</p><p>In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das +Wandbrett legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen +und machte dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch. + +</p><p>„Was tun Sie?“ fragte sie. + +</p><p>„Ich suche meine Handschuhe.“ + +</p><p>Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht. + +</p><p>„Ich hätte Lust, Licht zu machen“, rief sie lachend, „um zu sehen, +ob Sie jetzt erröten.“ Ich kam mir vor wie ein Schulknabe. + +</p><p>„Ich gestehe, mir eine Blösse gegeben zu haben,“ sagte ich, „aber +verrät es nicht auch eine Schwäche, dass Sie es für nötig hielten, einen +Revolver mitzubringen, während ich waffenlos kam?“ + +</p><p>„Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,“ antwortete +sie, „als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, +dass Sie waffenlos sind.“ + +</p><p>„Darf ich Ihnen die Hand drücken?“ + +</p><p>„Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe +Pelzhandschuhe an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt +nichts verrät.“ + +</p><p>Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun +hatte, sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter +Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervös. + +</p><p>„Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?“ fragte sie. + +</p><p>„Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?“ + +</p><p>„Ich langweile mich ein wenig.“ + +</p><p>„Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem +Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen +empfindet. Aus Scheu vor der Banalität fürchten Sie, die notwendigen +ersten Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amüsiert diese Angst +der Männer sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie +würden ja gar nicht nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter +spräche. Ich will nun auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen +Sie mich doch einfach, wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland +ebenso schön ist . . .?“ + +</p><p>„Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen,“ erwiderte +sie verblüfft, fast gekränkt. + +</p><p>„Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden,“ sagte ich lachend. +„Es langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der +ich mir nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, +schweigend durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, +mir die ausserordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn +Sie sprechen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.“ + +</p><p>„Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?“ fragte sie naiv. „Da ich Sie +selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu denken, +als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.“ + +</p><p>„Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben,“ sagte sie plötzlich, +„ich glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.“ + +</p><p>Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich, +fühlte eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, +an den Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit +stets andere Formen hervorzubringen scheint. + +</p><p>„Glauben Sie, dass ich schön bin?“ fragte sie, während ich im Dunkeln +mit ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte. + +</p><p>„Nein,“ erwiderte ich, „aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das +Schönsein überflüssig macht.“ + +</p><p>„Ah,“ rief sie, wie es schien, entrüstet, überrascht und verlegen zugleich. +Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke +lehnte, begann sie wieder nervös: + +</p><p>„Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?“ + +</p><p>„Vermutlich aus Neugier?“ + +</p><p>„Vermutlich? Halten Sie mich denn für ganz temperamentlos?“ + +</p><p>Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; während +sie sich wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz +und drückte meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer +schwächer unter einem Kuss, währenddessen ich den Pudergeruch von +nicht mehr in allererster Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner +feiner Mund jedoch hatte etwas so naiv Anschmiegendes, dass ich den +— vielleicht irrigen — Eindruck empfing, als entdeckte sie zum erstenmal +die Wonnen eines Kusses. Plötzlich stiess sie mich von sich, als hätte +ich sie durch irgend etwas verletzt. + +</p><p>„Sie gefallen mir nicht mehr,“ sagte sie kurz. + +</p><p>„Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lässt, als Sie +glaubten?“ + +</p><p>„Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?“ + +</p><p>„Noch lange nicht!“ erwiderte ich kühl. + +</p><p>„Und das sagen Sie so ruhig?“ + +</p><p>„Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.“ + +</p><p>„Das ist stark.“ + +</p><p>„Finden Sie?“ + +</p><p>Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen. + +</p><p>„Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.“ + +</p><p>„Schellen Sie!“ + +</p><p>Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der +Wagen. Im selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen +und schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen +setzte sich in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer +Gefangener in der duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch +zu schnelles Vorgehen das Abenteuer verdorben haben, währenddessen +ich vielleicht das Idol meiner Träume umarmte oder eine antike Kurtisane +zu mir herabgestiegen war? Am meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine +grünäugige Perverse mit kleinen Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich +unterbrach das Anhalten des Wagens meine Gedanken. Der Schlag öffnete +sich, ich stieg aus und befand mich an der bekannten Strassenecke. Noch ehe +ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. +Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe, der, aus einem Märchentraum +erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht wieder zurechtzufinden weiss. + +</p><p>Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, +als mir eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. +In einem von dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr +Coupé am nächsten Abend um dieselbe Stunde erwarten. + +</p><p>Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in +dem hellen rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich +eine Wiederholung der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt +dessen befand ich mich in dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor +mir stieg eine Freitreppe, die von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, +zum Hochparterre hinauf. Oben erwarteten mich zwei Diener, die stumm +ein Glasportal öffneten, durch das ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus +trat. Man schob mich gewissermassen durch eine Flügeltür in ein +dunkles Zimmer. Meine Füsse fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete +jenen seltsamen Duft von feinem Holz und schweren Seidenstoffen, der +in üppigen, wenig betretenen Räumen herrscht. Langsam tastete ich mich +bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie an einer entfernten Wand eine +Tür auf- und zugeschoben wurde. + +</p><p>„Wo sind Sie, mein Freund?“ fragte die mir bekannte tiefe Stimme +mit einem Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied +überraschen musste. „Bleiben Sie, ich werde Sie finden.“ + +</p><p>Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich +ihre Hände in meinem Haar. + +</p><p>„Folgen Sie mir!“ flüsterte sie. + +</p><p>Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete +die laue vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze +Wintertage unter leichten Gewändern in ihren warmen parfümierten +Gemächern geblieben sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses +Zimmer, worin feuchte tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich +auf einen Divan. Das Dunkel war so undurchdringlich, dass ich nicht +einmal vermuten konnte, auf welcher Seite sich die Fenster befanden. + +</p><p>„Ich habe Sie nun gesehen,“ begann sie, „man hat Sie mir gezeigt.“ + +</p><p>„Das ist ein Kompliment,“ erwiderte ich. + +</p><p>„Wieso?“ + +</p><p>„Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.“ + +</p><p>„Ich finde Sie in der Tat totenhaft hässlich. Aber das ist Ihre +Chance bei mir.“ + +</p><p>„Dann sind Sie ja lasterhaft.“ + +</p><p>„Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus,“ sagte sie leise +lachend. + +</p><p>„Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch“, erwiderte ich +plötzlich skeptisch. + +</p><p>„Das verstehe ich nicht.“ + +</p><p>„Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen +gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu +frönen.“ + +</p><p>„Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in +meine Nähe gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika +zugebracht. In Paris war ich nie, möchte auch gar nicht hin; ich stelle es +mir zu albern vor; in London hielt ich mich nur vorübergehend auf. +Mein Vermögen hat mir ein paar Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe +bis jetzt noch nicht erfahren, was literarische Lasterhaftigkeit ist.“ + +</p><p>„Um so besser,“ erwiderte ich, „aber woher wissen Sie etwas von +Satanismus? Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer +Salons?“ + +</p><p>„Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzählen,“ begann sie behaglich. +„Schon als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben +Sie mir, es ist nicht mehr, als ein Sport für mich — ich gebe im Grund +keinen Penny dafür — ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung; +später kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit vielversprechenden, +beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist +enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, dass diese +Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der +Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich +ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter +die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität +von dem Pater Sinistrari d’Ameno in die Hände . . .“ + +</p><p>„Den kennen Sie?“ unterbrach ich überrascht. + +</p><p>„Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen +mit sehr sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas +gehört, was meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb +der Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit +keinem menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen +Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren +kann, — denn was der katholische Verfasser da von Todsünde +spricht, gilt ja nicht für uns Protestanten — das schien mir eine so +unerhört geniale Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um +besonders intelligente Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der +Öffentlichkeit zu verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur +noch den Zweck, dieses ausserirdische Glück zu kosten. Jahrelang +lauschte ich auf alles Aussergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis +mir vor einiger Zeit eine Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste +Ereignis meines Lebens würde in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich +auf Reisen, um dem Wunderbaren zu begegnen. Ermattet und enttäuscht +kam ich jüngst zurück.“ + +</p><p>„Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben!“ warf ich +belustigt ein. + +</p><p>„Unterbrechen Sie mich nicht.“ Aufgeregt fuhr sie fort: „Wo ich +hier in H. erschien, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend, Ihr Name +verfolgte mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müssten mit +dem erhofften Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen +sollten Sie mir Rede stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug +zu sein; vielleicht redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man +könnte ja in eine beinahe übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen +Wesen treten, indem man, um den Enttäuschungen und Gefahren der +Sinnenwelt zu entgehen, einfach die Augen zumacht. Meinen Sie nicht?“ + +</p><p>Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer +Schäferstunde gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit +mit kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit +konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu +das unbehagliche Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen +zu sein. Um ein peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich: + +</p><p>„Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer +Phantasie geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.“ + +</p><p>„Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können,“ rief sie ganz +verwundert, „ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?“ + +</p><p>Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension +trug diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse. + +</p><p>„Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?“ + +</p><p>„Nicht nur die,“ flüsterte sie, plötzlich wieder erregt; ich fühlte, +wie sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. „Ich weiss nun auch, dass +Sie wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter +gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen — nicht +eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden; und diese +Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir +stehlen — ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe +ich mir den Satan gedacht!“ + +</p><p>Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war plötzlich +ganz von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen +in den vor mir gähnenden Abgrund zu stürzen. + +</p><p>„Still . . . kein Wort mehr . . .“ stöhnte ich wie in dunkeler Angst +vor dem Erwachen — „zerstöre das nicht . . .!“ Und ich presste ihr die +Lippen zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich +fühlte mich in undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische +traumhafte Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das +Weib im Arm, dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals +ganz verkörpern kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume +und enttäuschende Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe +mich niemals so sinnlos bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, +als an diesem mageren, geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich +keine Persönlichkeit enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später +behauptete, soll ich bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen +haben, ähnlich den Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren +bewusstlosen heiligen Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden +höchster Erregungen der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet. +Sie hatte diese Laute vergessen; sie müssten ihr aber, meinte sie, wieder +einfallen, wenn sie den Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, +so wie manche Erinnerungen mit Melodien oder Gerüchen verknüpft +seien. Ich selbst kann meine Gefühle nur mit denen vergleichen, die ich +einmal hatte, als ich in den Alpen mit den Fingerspitzen über einem Abgrund +hing und angesichts des Todes mein ganzes Leben, von rückwärts +beginnend, in einem Augenblick an mir vorüberziehen sah. So kamen in +dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei, die ich gekannt, und ich +hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte Umarmungen wiederholten +sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglückte Abenteuer +gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Königinnen sanken in meine +Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte +Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher +und glühender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche +phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde +an der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden +Wünsche messen. + +</p><p>Ich weiss nicht wie und in was für Augenblicken ich in den Armen +dieser Frau entschlummerte; plötzlich erwachte ich; noch eben hatte ich +heisse hohe Wohlgerüche gespürt; nun vernahm ich ein Rauschen von +Gewändern, das Schieben einer Tür; um mich erglühten zahllose Lampen. +Ich erschrak, als ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten +Raum befand, wo mich von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten, +die ihre braunen behaarten Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen, +bunten Federbüschen und anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme +herausstreckten. Das war das Boudoir meiner Freundin. Ich trat +in das Nachbarzimmer zurück und befand mich in einem hellen, wenig +eigenartigen Salon Louis XV. in Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein +und sagte: + +</p><p>„Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu können.“ + +</p><p>Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der +Kutscher brachte mich wieder an die Strassenecke zurück. + +</p><p>Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach +den verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe +Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei +Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Körper bedienten +zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den +Satan liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und +schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, +als hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die +unter meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten +Städte um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen +waren, wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der +Wunsch, sie selbst einmal zu besitzen. + +</p><p>Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung +meiner quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit +und der Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller +erschienen waren, als die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als +schwächlicher Spätgeborener zu beneiden, ich wusste sie neu zu leben. +„Warte bis heute abend,“ sagte ich mir, wenn sich die Phantasie in +müssigen Bildern verschwendete, und es kamen Nächte, wo ich die Adria +an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich dichten Samt neben ihrer +Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre Glieder anzuschwellen +schienen; eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir und freute sich, dass +ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe kosten kann. — +Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder, ihre +Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends +am Brunnen sangen . . . Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes +<i>abbetteln</i> müssen, dann <i>einmal alles</i> vergessen können, sogar die heimliche +Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass +dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen +werden, wenn <i>er</i> draussen in der Fremde ist und blendendere +Frauen liebt. — Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine +Gelächter meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein +fast herb duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir +war, als sei das Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf +irgendeinem nicht ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere +schwammen. Und unsere Umarmung war wie von dünnen Goldfäden +durchwirkt und umsponnen mit kleinen Schnörkeln, welche die Form von +Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war meine Geliebte sehr kitzlich. + +<span class="centerpic" id="img-031"><img src="images/031.jpg" alt="Illustration 031" /></span> + +</p><p>Diese Erlebnisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine +Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In +Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein +Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes. Das, +was sie brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste +mich aber doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, +so war ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war +sie meiner müde, so entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune +nicht, dann verlor sie darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer +eine neue Einladung. Dieser Gleichmut ärgerte mich, ich beschloss, sie zu +reizen, sie wütend zu machen, indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben +erfand. Aber wenn dann ihr Haar duftete, als müsse es in der +Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern Formen in nervöser Hast +umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie höchste Qual oder Lust empfand, +ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann vergass ich allen Ärger, +alle Absichten; dann fühlte ich mich als der Beichtvater, der die Zelle +einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen muss und heute noch einmal +von der Wollust in sich hineinschlingen will, was sie nur noch fassen +kann, die noch schnell so viel fremde Kraft aufzusaugen, zu zerstören +begierig ist, als ihr irgend möglich. — Mein Überlegenheitsdünkel verstummte, +wenn ich sie träge und regungslos fand, wie eine Bajadere, die +sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer Gewächse gewälzt und +gedankenlos zu viele fadsüsse Früchte verschlungen hat. Dann roch sie +nach indischen Blumen, sie wusste seltsame Bauchbewegungen, so dass +sie mir fast zu üppig vorkam. So vergass ich gern, dass mich vielleicht +eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja gar nicht. Manchmal +kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten in ihr +fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte rechtzeitig, +dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater geworden +wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können. — Natürlich +machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann gar nicht +sagen, ob ich sie mir schöner oder hässlicher dachte, als die mir begegnenden +Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die Ausserordentlichkeit +meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen Niveau zu messen. + +</p><p>Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen +die Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese ausserordentlichste +aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende wie +eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig, allerdings auf +meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich +sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte +herausbekommen, dass meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger +waren als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne +nun einmal an meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe +Wesen zu küssen, wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt +hatte. Ich war boshaft genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre +‚ladylike‘ Vorsicht und Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, +dass sie dann heute einen delikaten Georges Brummel, morgen einen +römischen Gladiator umarmt hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige +Wut. + +</p><p>„Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen,“ sagte sie einmal +empört, „und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.“ + +</p><p>Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte. + +</p><p>„Bitte nicht!“ rief ich, „ich laufe fort.“ + +</p><p>„Sie wollen mich nicht sehen?“ + +</p><p>„Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.“ + +</p><p>„Das ist unerhört.“ + +</p><p>„Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.“ + +</p><p>Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden +verliess sie mich. + +</p><p>Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich +fühlte eine grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit +weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; +aber sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. +Ich fühlte etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse +Unterlegenheit, an die zu denken kaum der Mühe wert ist. + +</p><p>Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, +wo man nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir +sassen Leute, die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei +Herren in korrekter schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast +weissen Bart mit ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger +Mensch mit frischem, sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen +sass eine blasse Frau von etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles +Haar, das geradlinig in regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein +mageres Gesicht von keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen +Augen. Eine ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu +langen schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne +— ein Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen; +denn irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; +wahrscheinlich aber fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank +und mit mehreren Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine +selbstverständliche anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, +wie man es bei Nachbarn im Theater oder an der Table d’hôte gern +hat, die durch nichts stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch +fühlte ich einen Zwang, mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte +zu bemerken, dass mich die Dame gleichfalls beobachtete. „Vielleicht +ist es die Unbekannte,“ dachte ich gleichgültig, aber dieser Gedanke kam +mir natürlich bei sehr vielen Frauen. Ich bestellte Kaffee und benutzte +die Gelegenheit, während der Kellner abdeckte, meinen Platz zu wechseln, +so dass ich die Fremden vor Augen hatte. Ich bemerkte, wie die Dame +unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer zu dem alten Herrn sprach. +Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen das Restaurant. + +</p><p>Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. „Die Komödie ist aus,“ +lautete der eine in der gewohnten Schrift, „ich fühle mich erkannt, +lassen wir die Masken fallen.“ Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, +offenbar unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung +zum Ball bei einer mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen +Orgien schien diese Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt +zu setzen oder vielleicht wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, +meine phantastische Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena +war in die Immaterialität zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, +war ich im Augenblick doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H. +Ich habe die Dame nie wieder gesehen. + +</p><p class="tb">* *<br />* + +</p><p class="noindent">Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun +etwas fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne +dass ich tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden. + +</p><p>„Eine neue Geschichte,“ rief jemand, „diese Leere ist ja unerträglich!“ + +</p><p>Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der +menschlichen Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die +Einbildungskraft wachte und verlangte — selbst unfruchtbar —, dass ein +anderer, Stärkerer, Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle. + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">U</span>ND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen, +lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten +Jahrhunderts. Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten +gutgenährte Amoretten, die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene +goldgezierte Säulen umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und +wie lustig die Herzoginnen davor knieten! Wie das nach Puder roch; und +alle lachten über den famosen Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken +unterhielt. Ich bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, +um Erklärung. Liebenswürdig wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir +die Namen aller Anwesenden. Der Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, +die am prächtigsten gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. +Wie war ich nur hierher gekommen und was sollte ich an einem Orte tun, +wo ich keinen Menschen kannte? (ob ich mich gleich deutlich erinnerte, den +Grafen schon einmal auf einem Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir +ein, dass ich ja noch heute mit ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen +wollte, zu Freunden. Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess. + +</p><p>„Alta-Carrara!“ rief ich gereizt. + +</p><p>„Pst, pst,“ flüsterte der Sakristan begütigend, „verraten Sie ihn +doch nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er +Graf von Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert +getroffen haben. Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine +Dame aus dem vierzehnten Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso +Pitti, Sie sehen, alles ist relativ,“ sagte er pfiffig. + +</p><p>„Und du, unausstehlicher Schwätzer,“ fragte ich, „welchem Jahrhundert +bildest du dir denn ein, anzugehören?“ + +</p><p>„Ich?“ fragte er stolz, „natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen +sind so unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe +heute — mit Vergunst — den 15. September 1768.“ + +</p><p>Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte +eine unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke +vor dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick +abzuwarten, um ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen +gewundenen Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und +stellte mich an der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf +mit einer Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung +zu Ende sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, +von den bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte +er auf die Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. +Er wusste nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt +lächelte er und sagte mit Ironie: + +</p><p>„Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten +Jahrhundert sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?“ + +</p><p>„Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,“ erwiderte ich ärgerlich, +„Sie versprachen mir . . . .“ + +</p><p>„Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun +bin ich wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor +uns“ — dabei zog er seine Uhr aus der Tasche — „es sind noch über +zwanzig Jahre bis zur Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.“ + +</p><p>Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach +ausgelassenster Lustigkeit abgelöst. + +</p><p>„Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,“ bemerkte ich +aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig. + +</p><p>„Wir werden ja sehen,“ begütigte er. + +</p><p>Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war +Nacht, aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval +sein. Bunte Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. +Überall herrschte ausgelassenes trunkenes Geschrei. + +</p><p>„Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,“ sagte Saint-Germain. +„Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich werden +wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden +ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.“ + +</p><p>Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum +halten. + +</p><p>„Warum haben Sie denn das getan?“ fragte ich verständnislos. + +</p><p>„Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche +kleine weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines +Lebens. Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche +Ahasver? Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte +mit den Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die +Sünde durch die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das +— glaube ich — Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten +sich in der Tat ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. +Nun, Sie können sich denken, was das für Szenen gab. Aber +ich will Sie nicht mit Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute +etwas Ähnliches in Wirklichkeit sehen.“ + +</p><p>„Halten Sie nur Wort!“ erwiderte ich etwas ungläubig. + +</p><p>„Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem +Fest bei dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland +— so viel ich weiss — Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen +selbst nicht, wo sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass +geben wird; verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, +als Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte +Jahrhundert nicht sehr.“ + +</p><p>Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. +Wir trieben uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter +den Arkaden umher und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais +im Marais tragen. Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die +Träger weit entfernt waren, schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren +Ende sich ein sehr armseliges Holzpförtchen befand. Der Graf schlug +an die Tür. Ein scheussliches altes Weib öffnete. Wir standen in einem +feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte Saint-Germain durch einige +schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er stehen blieb, seinen +Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er strich sich das gepuderte +Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in einem Handspiegel +sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch zusammenzufalten und wieder +aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel. Ich wurde vor Ungeduld +ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir traten in einen gelb +und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren, kerzenlichtüberströmten +Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und Kavaliere. Eine breite +Treppe führte nach einer an die Decke stossenden Flügeltür hinauf; alle +schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis nach Lustigkeit wich +einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die mich umwogten, vor +den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen Blumengerüchen. +Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich trat ein +Auvergnat aus der Tür. + +</p><p>„Ah Castel-Bajac,“ rief man. + +<span class="centerpic" id="img-045"><img src="images/045.jpg" alt="Illustration 045" /></span> + +</p><p>„Alles ist bereit,“ sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht +eines Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die +beiden Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung +stiegen nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten +durch die Tür. Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie +Platz und blickten in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns +her in dem hellen prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten +Jahrhunderts gehalten war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, +schien der Saal selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit +zu gewähren, in eine ausschweifende sinnlose Gotik voll +zitternder wilder Schlinggewächse und Schlangen um die spitzbogigen +Fenster, in die finstere unbändige Phantastik des sterbenden Mittelalters +voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal, in dem zahllose lange +Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht verbreiteten, war ganz +menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche Tafel, deren Goldgeschirr +aus der Kirche genommen schien. Die verblüffendsten Gläserformen +ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen heraus. Ich war +erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der Tafel Platz +nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete. Plötzlich hörte +man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern schienen. Zwei weite +Türen taten sich auseinander und eine Schar auvergnatischer Bauern in +steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und verwundert unter der Führung +Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit ihren Weibern um die prachtvollen +Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu reden, während sie +bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo man aufgeregt +ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein Hauptvergnügen +von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend, wie +diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe ungeschlachte +Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr +Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und +würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr +seltsam vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem +Innern von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt. + +</p><p>„Sie sind entzückend, diese Leute . . .“ sagte eine kleine Marquise. + +</p><p>„Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle +totschlagen werden,“ fügte Saint-Germain hinzu. + +</p><div class="poem"> +<p class="line">„Demain donnons au diable</p> +<p class="line">un monde turbulent“</p> +</div><p> + +</p><p class="noindent">trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig. +Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die +Bauern überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen +Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen, +sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des +schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick +verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen +auf der Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. +Sie blickten sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, +besonders die der Frauen, schienen<a id="corr-3"></a> ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob +alle von einer mir unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um +mich her stumme wogende Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend +etwas Scheussliches verabredet haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander +hergefallen wären, hätte ich es noch nicht für das schlimmste +gehalten. Es mussten sich viel fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese +durch das Vergnügen abgestumpften Leute schienen zu wissen, dass nun +etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes kommen würde. Nur der +Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt. Lächelnd trat er an +mich heran. + +</p><p>„Was geht hier vor?“ fragte ich, „wohin haben Sie mich geführt? +Ist es schon die Revolution?“ + +</p><p>„Noch lange nicht,“ sagte er milde, „man gibt den guten Leuten +nur ein wenig Aroph zu trinken.“ + +</p><p>Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser +gegossen worden. Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen +begannen zu blitzen. Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als +glaubten sie ihren eigenen Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich +gegenseitig zu irgend etwas zu ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem +Augenblick konnte die Wut ausbrechen. + +</p><p>„Das ist die Revolution!“ rief ich entsetzt. „Diese Bauern werden +uns töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf +der Guillotine sehen.“ + +</p><p>Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir +um, wie nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch +Nüsseknacken stört. + +</p><p>„Das ist die Revolution!“ rief ich wiederholt. + +</p><p>„Und wenn auch,“ sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch +zu viel wurde. + +</p><p>„Damit machen Sie ihnen keine Angst,“ bemerkte der Graf, „übrigens +ist es nicht die Revolution.“ + +</p><p>Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der +in ein lautes sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen +alle gewartet zu haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein +brüllendes, johlendes Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher +jeder im geheimen allein für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig +überrascht war, die andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich +zum grössten Erstaunen seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der +Kirche verbotenen Begierden auf der Stirn geschrieben. Sie schienen sich +auf einmal gegenseitig in ihrer Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich +gierig an den andern, wobei vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle +spielte. + +</p><p>„Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .“ riefen sie und schlugen sich +gegenseitig auf den Bauch. + +</p><p>„Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,“ flüsterte mir +der Graf lächelnd zu. + +</p><p>„Ich muss mich entblössen,“ rief ein junges Bauernweib. + +</p><p>Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die +Kleider. + +</p><p>„Ich auch . . . mir auch!“ riefen sie durcheinander. + +</p><p>Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät +flog umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. +Auf der Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die +Damen riefen erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer +in der Arena zu ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der +Galerie hatten ihre Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf „Blut . . . +Blut“ hinab. Mitten in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte +sich plötzlich ein schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis +an die Brüstung Bahn brach. + +</p><p>„O das Leben, das prächtige Leben!“ rief er wie verzückt, „ich will +baden im Leben!“ + +</p><p>Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick +sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die +sich mit schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose +Wut hatte sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern +hingen um die blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, +die Frauen, die dem Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in +die neben ihnen liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der +sie von ihrer unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den +Scherben von Glas und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem +Lachen zu blenden oder zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen +nicht mehr, was man erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar +war, Wandspiegel, Champagnergläser, Stühle, man riss sogar +Portieren herab, schleuderte brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain +stand heiter lächelnd dazwischen. Manchmal wollte er reden: + +</p><p>„In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere +Sachen gesehen.“ + +</p><p>Aber niemand hörte ihm zu. + +</p><p>„Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?“ rief die kleine Marquise, +„meine Liebe dem, der es wagt!“ + +</p><p>Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich +erhoben sich aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners. + +</p><p>„Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte +. . .“ + +</p><p>„Gilles de Laval,“ rief die Marquise ausser sich. „Ich erkenne +dich . . . ganz das abscheuliche Porträt . . .“ + +</p><p>Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit +Gilles de Laval wie unter den Wellen des Meeres. + +</p><p>Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen. +Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle +sie hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer +nach dem andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über +die Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, +die Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch +die Luft fliegen sehen. + +</p><p>Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig +suchten sie sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum +schien indessen das Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten +sie über die Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie +wussten gar nichts damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so +ein mutiges Gefühl gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man +sich hatte hineinstürzen wollen; und nun, als man unten ankam, war alles +aus. Wie gern hätten diese Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit +genossen! Der Mut war ihnen aber wohl zu spät gekommen. Manchmal +krallte sich oder stach noch eine Hand im Todeskrampf nach diesen zarten +weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren auf dem Schlachtfeld umherwandelten. +Bisweilen brachte ihnen sogar ein Finger noch eine mittelmässige +Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine, verzückte Schreie +aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser gewaschen werden +und schlotternd rufen: „Hu . . . wie warm.“ Die Damen sahen traurig +ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar schon Diener +mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich verschämt +in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die Diener +öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser Feierlichkeit +hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches Menschengebein, +das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de Laval +zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein +Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu +haben. Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst. + +</p><p>Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes +Schweigen versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten +zum Aufbruch und erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für +den folgenden Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten +noch soupieren gehen. Der Graf von Saint-Germain, den man unter keinen +Umständen losgeben wollte, entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach +Hause fahren, da er noch in dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara +Para Brahma Yog übersetzen wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten +Grafen pflegte man niemals Einwände zu machen und so verabschiedeten +wir uns von diesen höflichen Leuten. + +<span class="centerpic" id="img-053"><img src="images/053.jpg" alt="Illustration 053" /></span> + + +</p><p>„Haben Sie etwas bemerkt?“ fragte mich der Graf, als wir auf der +Strasse waren. + +</p><p>„Sehr viel,“ erwiderte ich. + +</p><p>„Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So +heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.“ Triumphierend blickte er mich an. + +</p><p>„Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie +sprachen von London . . .“ + +</p><p>„Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles +und mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?“ + +</p><p>„Das nicht, aber . . .“ + +</p><p>„Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug +nach Italien ein.“ + +</p><p>Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief. + +</p><p class="tb">* *<br />* + +</p><p class="noindent">Als ich wieder erwachte, — ich glaubte länger geschlafen zu haben, +als vorher mein ganzes Leben gedauert hatte — stand eine Schale mit +Früchten vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu +finden, danach zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte +Abscheu vor meinem eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem +Wirbel ich wie durch ein Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. +Diese unerreichbaren Früchte würden mir Gesundung bringen, reine, +leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle fieberhafter Gelüste. Es hatte +mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von einem Abgrund gerissen, +vor dem ich nichtsahnend stand. + +</p><p>„Wissen Sie nun, wo Sie sind?“ fragte lächelnd Alta-Carrara, der +mir gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag. + +</p><p>In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten +nach meinem Befinden und gaben mir Ratschläge. + +</p><p>„Sie waren dabei,“ dachte ich, „als ich mein Leben zwecklos in +künstlichen Sensationen vergeudete.“ Dennoch freute ich mich, ganz +unbekannte Gefühle in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte +einen bitteren Geschmack, wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf +eine glühende Einbildungskraft und einen fieberhaft zerlegenden Verstand +gegründet hatte. + +</p><p>Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte +die kühle Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein +und mir war, als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte +die Notwendigkeit eines neuen Lebens — ohne den verhassten Rausch, +der noch in mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste +ich erdulden, sie unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch +um das Beste im Leben betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. +Ich schämte mich fast. Und doch freute ich mich über die Seltenheit +einer solchen Empfindung in einer Seele wie der meinigen. + +</p><p>Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen: + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Karneval +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>or dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule +des Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische +Nobili eine hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts +wieder aufzufrischen. Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als +schon die ersten hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der +Erberia, und es galt für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man +kam in zerrissenem Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen +Haar der Frauen; die bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den +Mitmenschen von phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen +Räuschen erzählen. Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der +anderen zu erwecken und ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand. +Es braucht dem Kenner des menschlichen Herzens kaum betont zu +werden, dass viele der Ankommenden weder aus dem Ballsaal, noch vom +Spieltisch, noch aus verschwiegenen kleinen Kabinetten kamen, sondern dass +sie sich soeben aus dem Bett erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette +vorbereitet hatten und der Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte +die Nacht in der Sala del Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. +Meine Huldigungen galten besonders einer gelbseidenen Maske. +Ihre Stimme hatte einen wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste +sich weich anzuschmiegen und liess unter der Spitze der Maske grosse +weisse Zähne glänzen. Ich war achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens +für eine verkleidete Herzogin. + +</p><p>„Führ mich zur Erberia,“ bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt +mit ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die +lachenden Paare, die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder +wandelten. + +</p><p>„Marchesina, ich kenne dich.“ rief eine Maske im Vorbeigehen +meiner Dame zu + +</p><p>„Doch nur eine Marchesina,“ dachte ich. + +</p><p>„Wo ist Ersilia?“ fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette. + +</p><p>„Krank, sehr krank,“ erwiderte meine Begleiterin. + +</p><p>Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den +Markt brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia +für ein Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle +Umstehenden lüstern einsogen. + +</p><p>„Mich friert,“ sagte meine Freundin Dolcisa, „komm mit mir nach +Hause! Du gefällst mir.“ + +</p><p>„Wer bist du?“ fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn +bis dahin hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas +ausgelassene Dame der Gesellschaft zu vermuten. + +</p><p>„Du bist dumm,“ sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der +Maske. Sie zog mich in eine Seitengasse. + +</p><p>„Bist du wirklich eine Marchesina?“ fragte ich verlegen. + +</p><p>„Lächerlich, ein Spitzname.“ + +</p><p>„Wer ist Ersilia?“ forschte ich nach einer Pause. + +</p><p>„Ach, die arme Schwester Ersilia!“ seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen, +„sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, +was wir tun.“ + +</p><p>Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum. + +</p><p>„Ich bin ein gutes Mädchen,“ fuhr sie fort, „ich schenke nicht allen +meine Liebe, aber ich bin arm.“ + +</p><p>Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre +weiche offene Harmlosigkeit entzückte mich. + +</p><p>Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch +die finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa +wollte um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns. + +<span class="centerpic" id="img-061"><img src="images/061.jpg" alt="Illustration 061" /></span> + + +</p><p>Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. +In der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa<a id="corr-4"></a> schloss ein wild +verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war +stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen. +Vor einer Tür standen wir still. + +</p><p>„Erwarte mich hier,“ flüsterte sie, „lass mich zuerst in die Kammer +gehn und die Kleider wechseln.“ + +</p><p>Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein +Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum +drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen +Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein +Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste +werden ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich +lange warten. „Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,“ +dachte ich und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. +Aus der Ecke vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich +jemand auf einem Lager. + +</p><p>„Sie wartet auf mich,“ sagte ich mir, „es ist galant, ihr die Lage so +leicht als möglich zu machen.“ + +</p><p>Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das +Weib lag. Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich +und rief zur Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung. + +</p><p>„Sie ist vielleicht aus Neapel,“ reimte ich mir zusammen; ich wusste +bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen. +Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich +— ich will nicht sagen — Widerwille, aber vollkommene Sattheit im +Augenblick nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, +nach meinen eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei +dieses ganz gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei +einem Verbrecher, der vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen +empfindet. Ich sprang auf, sie hielt mich nicht zurück. Durch die Art +unserer Zusammenkunft glaubte ich mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke +in die Hand zu drücken, die sich krampfhaft schloss. Dann eilte +ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich Schritte hinter mir. + +</p><p>„Komm doch, mein Lieber,“ rief Dolcisa, „warum gehst du denn fort?“ + +</p><p>Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte +sich in der Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein +Gesicht. Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. +Dolcisa führte mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine +anstossende kleine Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne +Dämmerung herein. Auf einem Stuhle hingen schwarze Gewänder und +zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen darauf. + +</p><p>„Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,“ erklärte Dolcisa; ihr weisses +Hemd triefte von gespenstischer Helle. + +</p><p>„Mach doch Licht,“ sagte ich ein wenig gedrückt. + +</p><p>„Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier +oben wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen +auch erst hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.“ + +</p><p>„Bist du eine Marchesina?“ fragte ich wieder erstaunt. + +</p><p>„Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.“ + +</p><p>Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild +der Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, +dessen Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der +Flamme. + +</p><p>„Was machst du?“ fragte ich unruhig. + +</p><p>„So sieht die Madonna nicht, was wir tun.“ + +</p><p>Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss +ich die sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin. + +</p><p>Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, +in das nun auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo +ich vorher gelegen und schob die Hand unter die Laken. + +</p><p>„Tot!“ rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank +sie vor dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht. + +</p><p>Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen +an. Das Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt +blieb ich an der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. +Dort lag mit glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie +eine geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie +war ganz blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike +Götterstatue. Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten. + +</p><p>„Sie ist tot!“ rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher +Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. „Sie war keine Sünderin +wie ich, sie ist als Jungfrau gestorben.“ + +</p><p>Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche +gleiten, deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen. + +</p><p>„Sie war viel schöner als ich,“ seufzte sie und es schien, als wolle +sie durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren +Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die +Augen zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte +sie, wie es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. +Sie entdeckte die Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; +doch Dolcisa stiess<a id="corr-5"></a> einen Freudenschrei aus: + +</p><p>„Die Madonna war gnädig,“ rief sie, „sie hat mein Gebet erhört, +nun kann ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.“ + +</p><p>Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück. + +</p><p>Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte +Dolcisa, oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank +sofort wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie. + +</p><p>Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, +noch in den Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den +Tod umarmt hatte. Am dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche +Neugier. Ich suchte das Viertel wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen +des alten Palazzo zu erfahren. Als ich den kleinen Platz betrat, +sah ich eine Menschenmenge, die sich um das weit geöffnete Hauptportal +des Palastes geschart hatte. Ein Priester mit zwei Chorknaben trat auf +die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg herausgetragen, der, mit +verschnörkelten Silberblumen verziert, einen Eindruck von Grossartigkeit +machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete Gondel und breitete die +wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa folgte schluchzend in +dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie bestieg eine zweite +Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen Herrn in altmodischer +Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien. Einige Personen +bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der Leichenzug durch die +Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut. + +</p><p>Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem +Plaudern. + +<span class="centerpic" id="img-067"><img src="images/067.jpg" alt="Illustration 067" /></span> + +</p><p>„Die armen Marchesinen“, sagte eine Alte . . . „und früher welch’ +ein glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .“ +„Sie waren liederlich,“ sagte eine dicke Bäckersfrau, „keiner wollte mehr +mit ihnen zu tun haben . . .“ „Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,“ +meinte ein junger Mann, „sie war tugendhaft.“ Dann gingen viele Stimmen +durcheinander: „. . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme +einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim . . . +sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu +pflegen . . .“ + +</p><p class="tb">* *<br />* + +</p><p class="noindent">Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch +ich altes geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam +morsche, jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos +wuchs. Überall lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch +die Zeit hindurch die Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten +die Jahrhunderte in trüben Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des +Todes berührt und war zum Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe +Gefühl, als trüge ich selbst mit die Schuld, dass die Welt sterben sollte. +Ach, ich hatte meine Tage schlecht benutzt. Es hätte anders werden +können, wenn ich gewollt. Wie freute ich mich über die Züchtigung, +die mir ward. Die Leiden, auf die ich gewartet, begannen. Mir war, als +stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt etwas klirrend zusammen, was +mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als ich hinblickte, nur aus +wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit vergoldeten Spiegeln, +vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch Gucklöcher die +Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst fatal, dass +so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, denn +ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben. + +</p><p>„Weiter . . . weiter . . .“ rief ich, „mehr von dieser bittersüssen +Weisheit.“ Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er +hatte einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer +Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte +Katze streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der +sich aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte: + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Die Sünde wider den Heiligen Geist +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>N Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen +Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital +erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen +einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen +Zeit nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake +der Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit +die exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der +Kraft des Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit +unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen +werden. Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits +werfen würden — eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. +Die Reihe der Todsünden wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. +Hier erschlägt einer im Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine +klägliche Wissenschaft den Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst +sich und wie die Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen +mögen. Nur einen Frevel gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine +Sonderstellung anweist, dass sie erklärt, er könne nie vergeben werden; +die Priester behaupten sogar, Gott lasse ihn kaum zu: die Sünde wider +den heiligen Geist. Die jungen Leute, von denen ich erzählen wollte, +konnten sich daher gar nichts Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, +als das Geschehen dieser unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, +ob sie überhaupt möglich sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen +träte, ob der Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar +nichts ereignete. + +</p><p>Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man +ihn beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der +Wille, das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen +Frevel begehen <i>wollen</i>, muss <i>wissen</i>, wen er beleidigt und +was er damit wagt, also den <i>Glauben</i> haben, er muss durch die <i>Kraft</i> +seines Willens, seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. +Seine Schmähungen dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen +Hundes abprallen. Ausser von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der +schönste der Engel war und sich jetzt in beständiger Empörung gegen den +Heiligen Geist befindet, kann die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen +begangen werden, der die im Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, +des Glaubens, der Berge versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet. + +</p><p>Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich +eine Anzahl Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. +Aber es erwies sich, dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr +war, als der Mangel an Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott +lebendig in sich fühlten, so waren ihnen die Kniffe und Schliche Satans +fast ganz unbekannt. + +</p><p>Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die +Tochter einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes +keine peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie +gehen würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so +übergab sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster +der Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den +anderen Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig +von den Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der <i>Substitution</i> +gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte +Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten +und Kasteiungen war es ihr nämlich — durch Vermittlung der heiligen +Teresa — gelungen, dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, +sich ihr zu <i>substituieren</i>: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust +und der Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen +hatten. Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen +Strömungen erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse +der Hölle von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. +Die Folge davon war, dass die Mutter — zu ihrer eigenen Verwunderung — +auf einmal imstande war, die Versprechungen zu halten, die sie immer +wieder im Beichtstuhl machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu +führen und dankte dem Himmel, der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst +die Gnade hatte kommen lassen. + +</p><p>Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter +erscheinen als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, +sondern auch die Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. +Die Kraft zu der grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne +Berauschung dazu bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. +Es handelte sich also darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den +Willen, den Heiligen Geist zu lästern. + +</p><p>Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, +da sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im +geheimen dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt +genaueres über Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem +er stand, verbunden mit einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche +Seele, hatte die Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu +erwählen. + +</p><p>Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, +dass sich immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine +Vorwürfe, Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende +Priester pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende +Gewissensprüfung zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte +diese selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn +auch ganz frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht +bisweilen für eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf +sich nehme. Die Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; +war aber Teresa wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester +täglich den Finger in die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in +Teresa eine unsägliche Verwirrung zu schaffen. + +</p><p>Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit +ihrer Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. +Das könne Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine +Hure, der er sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine +Jungfrau durch die Todsünde des Hochmuts fangen könne? + +</p><p>Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution +nicht wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen +zu lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der +Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in +den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch +eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder +verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die +Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution +versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre +ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige +Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt, +vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit +wurde ihr immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein +Weib zu sein, weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? +Sie war ja eine schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit +des Fleisches unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug +die Gemeinheit ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust +mit den Gebeten. Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen +Seligkeit gehalten, erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen +der Heiligen, die sie zu vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute +der schwelgenden Sinne. Sie hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. +Diesen Seelenzustand beichtete sie dem Priester, der sich jedoch mit dem +Erfolg noch keineswegs zufrieden gab. Er sah, dass die Sünde wider den +Heiligen Geist vorläufig nur in Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. +Zunächst bestärkte er sie in ihrem Irrtum. + +<span class="centerpic" id="img-077"><img src="images/077.jpg" alt="Illustration 077" /></span> + +</p><p>„Diese fehlerhaften besudelten Gebete,“ erklärte er, „sind freilich +schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist +unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten +durch die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind +zwar nicht lauter und kräftig genug — wie das reine Flehen der unbefleckten +Herzen —, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit +zu vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren +Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die +Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl +die Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom +abgestossen, wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit +wie mit heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben +verdunkeln, ihn unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken +erdrücken, bis er in seiner Sündigkeit erstickt.“ + +</p><p>Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit +ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen +Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, +das der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten +Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie abgetrennt +von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte +der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die +Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die +Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische Ausstrahlung. +Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser +aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste +er ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen, +beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin +zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde. + +</p><p>Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein Gartenpförtchen. +Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden, +halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort +sollte sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen +Lebens durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen +ersetzen. Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige +Arbeit ihre verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. +Fray Tomàs besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder +in das alte Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, +vor denen die Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst +herangetreten und besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das +Verschwinden der Tochter nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen +hinreissen lassen. Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche +Nachrichten. Teresa wäre am liebsten sofort zur Mutter geeilt, aber der +Priester verstand es, sie zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in +das Kloster zurückliefern. Was konnte sie auch der Mutter durch ihre +Gegenwart eigentlich nützen? Sie solle lieber durch Kasteiung und Gebete +ihre frühere Reinheit zurückgewinnen und — die geziemende Demut +vorausgesetzt — von neuem das Wunder der Substitution versuchen. +Einmal rief sie aus: + +</p><p>„Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es +denn nicht sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.“ + +</p><p>Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr +allmählich eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht. + +</p><p>„Was du verlangst, meine Tochter,“ sagte er ruhig, „ist möglich. +Wenn du dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, +so nimmt er es an.“ + +</p><p>„Ich will,“ erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor +ihr auf die Knie und küsste den Boden. + +</p><p>„Gebenedeite unter den Weibern,“ rief er aus. „Tochter Gottes, +Schwester des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin +hielt, da du <i>freiwillig</i> den <i>Schein</i> der grössten Missetat auf dich +nahmst; aber zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des +Herrn, weil er irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir +niederfällt, nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, +wenn ich dich nicht erkannt.“ + +</p><p>In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört. + +</p><p>„Steh auf,“ rief sie zitternd, „was verlangst du von mir? Willst du +mich versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem +erwecken?“ + +</p><p>Fray Tomàs stand auf: + +</p><p>„Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung +zu enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt<a href="#footnote-1" id="fn-1"><sup>*</sup></a>. +Jesus Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer +reichte sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den +Pforten der Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn +dorthin führt nur die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn +nicht begehen kann. In den spätesten Zeiten aber — so heisst es — soll +ein Weib geboren werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. +Ihrem sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. +Aus freier Wahl wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer +zu lösen, die an die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte +Vollendung der Güte des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und +gen Himmel fahren; sprengen muss sie die Dreieinigkeit, die nunmehr +erfüllt ist, und sie wird thronen zu Häupten Gottes, des Vaters, des +Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.“ + +</p><p>Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie. + +</p><p>„Steh auf, steh auf,“ rief Teresa, „ich darf dir nicht glauben — ich +zittere, eine Erwählte zu sein — eine andere wird kommen; nur sage mir +— ich beschwöre dich — was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis +zu schützen?“ + +</p><p>Der Priester erhob sich. + +</p><p>„Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du +in der Hölle eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten +Sündern dich und die Mutter erlösen.“ + +</p><p>„Was kann ich dazu tun?“ fragte Teresa zitternd. + +</p><p>Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort: + +</p><p>„Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen +Leib erlangen; nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden +kann, wird zur Hölle fahren.“ + +</p><p>„Die Sünde wider . . .?“ stotterte Teresa. + +</p><p>„So ist’s, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen +Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er überlegte, +als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse? +Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit +der Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner +freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.“ + +</p><p>Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa +lag die ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen<a id="corr-6"></a> der Kirche und +flehte um Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal +jubeln wollte, vielleicht doch die Erwählte zu sein? + +</p><p>Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter +sei von einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, +in einer der kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck +bedeckt, vor ihnen als Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen +Johanneskopf anfertigen lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche +vor Gotteslästerungen nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag +gegeben, man solle nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern +die wohlbekannten Züge des dornengekrönten Christus in der Kapelle der +heiligen Ignazia. Warum habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen +Gebeten entrissen, soll sie gerufen haben, nun sei es <i>seine</i> Schuld, wenn +sie sich dem Satan ergebe. — Zweifellos — meinte der Priester — habe +sie eine entsetzliche Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider +den Heiligen Geist. + +</p><p>Teresa fiel kraftlos zu Boden. + +</p><p>„Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?“ sagte Fray +Tomàs; „mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, +wo du freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein +die Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle +Verdammten erlöst hast?“ + +</p><p>„Ich verstehe dich nicht.“ + +</p><p>„Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, +wo du deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner +nächsten Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten +gewohnt bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? +Das Laster der Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren +nur Fingerzeige für dein hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille +so klar. Mit einem Trank will ich deine Mutter an dem verfänglichen +Abend in Schlaf versenken. Du aber wirst, angetan mit dem Schmuck, +den die reichsten Jünglinge der Stadt zusammentragen, den Tanz vollführen. +<i>Du wirst die Sünden der Verdammnis tanzen:</i> den Hochmut, +die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die du demütig, +nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen, das +Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der +ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir +öffnen und du alle Verdammten — unter ihnen aber deine Mutter — zum +Himmel führest.“ + +</p><p>Teresa wand<a id="corr-7"></a> sich verzweifelt am Boden, während den Priester +das Vorgefühl dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte. + +</p><p>„So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, +die je begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern +den Arm nach dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, +wird er im eigenen Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch +deinen menschlichen Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht +haben, sich des Betrugs zu bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so +wird — als letztes Mysterium! — der Teufel durch sich selbst vernichtet, +der Betrüger betrogen, die Sünde ist für immer tot. Das aber wird das +Werk der heiligen Teresa Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, +die sie aufwärts tragen, werden singen: + +</p><p>„Gloria patri et filiae!“ + +</p><p>Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun +vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können. + +</p><p>In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit +vor dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. +Ihr lautes Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, +indem die Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und +zwei zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart: + +</p><p>„Gloria patri et filiae.“ + +</p><p>Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der +Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat +mit einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar +hervor. Er war silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein. + +</p><p>„Steh auf, Gebenedeite!“ rief er ihr zu, „lass den niedrigsten der +Diener deinen Leib zum Opfer schmücken!“ + +</p><p>Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig +durch das Gewölbe. + +</p><p>„Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!“ + +</p><p>Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, +erhob sie sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige +Klostergewand zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle +einer Verklärten. Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, +suchte sie ihre Scham wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder +fielen nieder; sanft zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und +legte segnend die Hände über das nackte Weib. Dann öffnete er den +Schrein und nahm funkelnde Geschmeide heraus . . . + +</p><p>„Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, +die Last unserer trügerischen Sehnsucht!“ + +</p><p>Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals. + +</p><p>„Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, +vom Jauchzen<a id="corr-8"></a> der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz +seiner götzendienerischen Kunst.“ + +</p><p>Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen +Topasen unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten. + +</p><p>„Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen +der Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere +dämmern, Geschwister der schwülsten Begierden!“ + +</p><p>Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, +sanften Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich +schillernde Opale lagen um ihre Lenden. + +</p><p>„Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, +den Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!“ + +</p><p>In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von +glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und +Korallen sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau. + +</p><p>„Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen +Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt +über den Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!“ + +</p><p>Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte +eine Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke +sagte er: + +</p><p>„Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den +Sünden hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!“ Doch, wie in +plötzlicher, verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: „Deine Schritte beschwere +der finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da +uns die Atemzüge der Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt +in steter Empörung und Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!“ + +</p><p>Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen +Saphir und Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt +bis zu den Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen. + +</p><p>Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte +die Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht, +wie ihr geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das +grünlich schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand +und wandte sie gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein +erstrahlt war. Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an +dessen Ecken Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs +führte die Zagende mitten auf den Teppich. + +</p><p>„Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und +erfülle in prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die +der Satan noch von der Menschheit zu fordern hat!“ + +</p><p>Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen +Ecken der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe +wie Becken und Zimbeln aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der +Feierlichkeit ertönte das barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene +Weiberschreie drangen hinter den geblähten Vorhängen der Beichtstühle +hervor. + +</p><p>„Tanze, tanze!“ schrie der Priester voll Ungeduld und schien die +Zögernde, die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen +wagte, durch springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, +schüchternen Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich +Teresa Alicocca über den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer +Schale tragend. Aus den Ecken, wo sich Männer und Frauen schaugierig +drängten, sprangen nun plötzlich die jungen Leute, des Priesters +Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen Schwertern im Arm tanzten +sie jauchzend um den Teppich. + +</p><p>„Wilder, toller!“ riefen sie der Ängstlichen zu. „Du musst uns +alle erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, +räuberischer, als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere +Missetaten sind, die gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum +Heile sein!“ + +</p><p>Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa +zu immer wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem +Haupte von sich und fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten +Gliederkrümmungen der asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss +offen der Kerzenhelle dar und entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die +Blume ihres Jungfrauentums, so dass ihr weisser Körper über die roten +Rubinen blutete. + +</p><p>„Eine blutende Hostie des Satans!“ rief Fray Tomàs verzückt. Sie +aber heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt +vor ihren Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die +Zähne hinein, ihre Qual zu verbeissen. + +</p><p><i>Und sie tanzte die Sünden der Hölle!</i> + +</p><p>„Küss ihn,“ rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was +er befahl. „Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg, +zertritt ihn, zermalm ihn — lästere die Dreieinigkeit — rufe zu Satan!“ + +</p><p>Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie +Teresa Alicocca: + +</p><p>„Satan, Lucifer, Adonai!“ + +</p><p>„Was willst du?“ rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta. + +</p><p>„Nimm mich in die ewige Qual!“ stöhnte Teresa. + +<span class="centerpic" id="img-089"><img src="images/089.jpg" alt="Illustration 089" /></span> + + +</p><p>„Und Gott? — Glaubst du an ihn?“ + +</p><p>„Ich glaub’ an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie +ich mich von ihm los, — <i>dein</i> will ich sein —!“ + +</p><p>„Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?“ + +</p><p>„Tat ich’s nicht schon?“ rief sie atemlos. + +</p><p>„Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn +darum hasst?“ + +</p><p>„Ich sehe Gott,“ rief Teresa ekstastisch, „und will doch deine Dirne +sein, Satan!“ + +</p><p>In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet +auf den Teppich. + +</p><p>„Schnell . . . schnell . . .“ rief Fray Tomàs, „ehe sie bereuen kann, +ehe sie das grosse Werk zerstört!“ + +</p><p>Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. +Sechs Dolche staken in Teresas Leib — im Herzen, im Nacken, im +Bauch, in den Lenden, in der Scham — <i>aber keiner schien sie verwunden +zu können.</i> Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. +Sechs Dolche umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen +Schmuck. + +</p><p>„Sie fühlt nichts mehr,“ rief einer erschrocken. Mit einem Messer +schnitt er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam +fielen die Dolche wie reife Früchte von ihr ab. + +</p><p>Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung. +Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. +Leer — gebrechlich — standen die Ernüchterten da und wussten kaum +im plötzlich erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das +ihnen Leben geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie +fühlten, wie kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten. + +</p><p>Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, +wie sich Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, +klammerte seine Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn +um Erklärung. Er aber wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden +vom Gekreuzigten. Mit der Hand nach der Decke deutend brüllte +er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh: + +</p><p>„Gott . . . Gott . . .!“ + +</p><p>Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe. + +</p><p><i>„Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht +geschehen!</i> + +</p><p>Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige +ihre Seele fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!“ + +</p><p>Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen +und zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. +Teresa taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme +erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die +rings niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, +hinter den Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg +verzweifeltes Stöhnen und Beten der Reue empor. + +</p><p class="tb">* *<br />* + +</p><p class="noindent">Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es +mir möglich war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo +ich Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das +Spiel des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben +werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an +eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich +dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich +auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um. + +</p><p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fn-1">* Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas +Ähnliches anerkannte!</a> + + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-7">Die Botschaft +</h2><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>CH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, +dass ich mich meiner Wohnung näherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch +genommen. Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich +fühlte mich ruhig und zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde +ich nie Haschisch oder Opium geniessen; man kann ja nicht wissen, was +von den Phantasien an den Möbeln hängen bleibt. Meine Zimmer mussten +rein sein. Da empfing ich eine Frau, die ich liebte, da arbeitete ich, +manchmal kamen Freunde; alles war dort nach meinem Geschmack; jeden +Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo gekauft . . . oder er war +ein Geschenk . . . . oder ein Erbstück . . . meine ganze Lebensgeschichte +hing an diesen Möbeln, meine Reisen . . . eine Art Tagebuch: mit einem +Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine Spielsachen dann +kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater sass und erzählte . . . +so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren Schein ich mich auf eine +Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die Photographien und Bilder! +Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine erste Geliebte in entzückender +Wut zerbrochen, und später einmal ein geschickter Knabe +wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in dieser Wohnung. +Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien dringen lassen? Oft +hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen darin abzuhalten. Nichts +Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich ganz glücklich, dass +ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des Jahrhunderts hatte. + +</p><p>Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer +Dirne in geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. +Ihre Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung +einer von Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere +ihresgleichen mit einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten +Ungeeigneten unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich +diese ganz und gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen +Abwehr fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen +Wangen waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass +das lange Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck +zu verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder +lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken +konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl +folgen? Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des +Schmutzes, der Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit — einem das +anzubieten! Auf welche Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit +ihr zu befassen? Aus Zufall musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, +ohne Neigung, so wie die meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine +Spiessbürgerin der Halbwelt, ein Leib, der mechanisch als Weib +funktionierte. + +</p><p>„Das ist ja der Tod,“ dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte +ich den Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden +oder mir schien vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle +nun alle Strassen, liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar +Menschen, die mir in der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser +Strassen, deren selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern +hatte, kamen mir plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen, +die mir begegneten, schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet; +weshalb? für ein Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen +nun einmal erst morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, +und bezahlen für alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, +verarmen. Warum? Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. +Viele Dirnen huschten trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig, +blickten sich kaum um. Da fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen +hatte. Sie war die verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit +dieses ganzen dummen Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und +freute mich auf den Schlaf. So kam ich vor mein Haus. Im Augenblick, +wo ich die Haustür zuwerfen wollte, schlüpfte jemand hinter +mir herein. + +</p><p>„Inkubus,“ murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an +fühlte ich mich nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt. +Eine Lähmung, wie sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den +Eindringling hinauszuweisen oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts +wurde ich die Treppe hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines +Arbeitszimmers stand. Wie jede Nacht zündete ich mechanisch die Lampe +an. Dann sank ich erschöpft auf die Chaiselongue. Das Wesen setzte sich +mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe Dirne, die mir zuerst auf der Strasse +den Weg versperrt hatte. Das sinnlose Elend, das sich mir draussen über +die Nerven gelegt, war in mein Zimmer getreten. + +</p><p>Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben +und ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht, +ob ich überhaupt antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige +Gesinnungsweise und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte +meine Geneigtheit. + +</p><p>„. . . stelle dich nicht wie ein Kind,“ sagte sie, „das weisst du doch, +alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der +Willenlose hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische +Nebenbuhler, der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte +haben, die du mit deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament +oder nach seinen Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch +ausdrücken darf. Denke doch an die Freunde, mit denen du den Abend +verbracht hast. Glaubst du, dass sie keinen ungeladenen Gast daheim +finden, der von ihnen Rechenschaft, Versprechungen, Verzichtleistungen — +weiss der Teufel, was — verlangt. Dich hat man bisher unbegreiflicherweise +vergessen. Nun komme ich, die Steuer an inneren Leiden zu fordern, +die du dem Tod dafür schuldest, dass er dich noch leben lässt. Um dich +nicht zu erschrecken, näherte ich mich dir draussen. Du siehst, wie ich +dir die Pille versüsse. Du hättest mich, wenn ich gewollt, ebensogut +auf deinem Bette sitzend finden können. Denke dir einmal, wie du da +überrascht gewesen wärest.“ Sie lachte heiser. „Du siehst, ich bin ganz +bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd. Weisst du, eigentlich +bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal bewusst solch einen +Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein; gib nur acht, +wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen vorkommen +werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und sie +werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts +vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast +du wenigstens etwas mit ihnen gemein.“ Sie schaute im Zimmer umher. +„Übrigens, ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten +des Todes gleich mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden +Leichengeruch hervorzurufen.“ + +</p><p>„Keine, verfluchtes Tier!“ schrie ich ihr entgegen. „Du bist die +erste, die diese Räume besudelt.“ + +</p><p>Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine +einzige Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei. + +</p><p>„Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche +sie dir wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafür bleiben dir auch +die viel schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen +Bürger, den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts +erleben, das werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, +weisst du, wir können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen +ist wirklich die amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung +zu treten. Übrigens noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst +deshalb noch lange nicht zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das +geringste zu tun. Ich bringe nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose +Jugend für dich verrauscht ist.“ + +</p><p>Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien +Mitleid mit mir zu haben. + +</p><p>„. . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer +die andern waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du +einst um Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie +eine gute alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und +wohin sie gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung +war, ehe sie zu dir kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen +morgens je einmal gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch +hattest du keine Furcht. Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich +denn anders, als jene? Weisst du weniger Gutes oder mehr Böses +von mir?“ + +</p><p>„Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.“ + +</p><p>Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes +Lachen aus. + +</p><p>„Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht +von Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, +an deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier +an allen Möbeln herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. +Ich weiss, mit wem du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage +hier unterhältst. Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich +von mir wie ein Knabe verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich +zu klug. Ich denke, wir machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne +uns gegenseitig etwas vorzulügen.“ + +</p><p>Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es +ihr eigener Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen +Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den +schwammigen schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen +sein. + +</p><p>Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. +Ich war überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers +zu befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider +riefen mir plötzlich das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. +Ich sprang auf und eilte nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers. +Da lag das fette, aschfahle Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing +wie tot auf den Boden herab, der geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche +Wut wallte in mir auf. Ich zerrte sie aus dem Schlummer. +Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der Strasse zu und brummte, weil ich +sie schon weckte. + +</p><p>„Hinaus . . . fort . . .“ schrie ich. + +</p><p>Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, +indem sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken +antwortete. Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen +hörte; das war doch wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf +und sie schimpfte; gut, das liess man sich gefallen, das war logisch; aber +sonst, das andere war ja ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem +Bett lag. + +</p><p>Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte +man sehen sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem +Staunen, rief sie aus: + +<span class="centerpic" id="img-101"><img src="images/101.jpg" alt="Illustration 101" /></span> + +</p><p>„Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen? +. . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine +Nase so gut gefallen hat . . .?“ + +</p><p>Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte: +„Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .“ + +</p><p>Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder. + +</p><p>Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand. + +</p><p>Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer +spiegelte sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, +ich betastete meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. +Aber ihr sinnlicher Schein war fort. + +</p><p>„Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,“ +rief ich aus, „das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich +nun herumschleppen!“ + +</p><p>Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel +noch aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen +sein mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass +ich mich nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. +Ich kannte ja niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von +Saint-Germain ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt +an allem schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. +Vom Fenster aus pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. +Ich eilte die Treppe hinunter. + +</p><p>Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre. + +</p><p>Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich +nach einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen +mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne +schien durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend +da gesessen habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam +beruhigt. Es war ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch +eingelassen hatte. Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem +Gedanken, meine Wohnung wieder betreten zu müssen. Es war dort +etwas, womit ich durchaus nichts mehr zu tun haben wollte. In dieser +Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse gekommen. Wo sollte ich nun +hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus Europa in irgendeine Farm auf +jungfräulichem Boden. Dann fand ich es merkwürdig, dass ich — gerade +ich — so etwas empfand. Fast war mir, als wäre das alles gar kein Rausch +gewesen; die körperlose Geliebte, die kein Weib ist, sondern der Vorwand +unserer Träume — das Bachanal der wütendsten Selbstvernichtung — die +Umarmung des Todes — das lüsterne Betasten und Belauern des Heiligen +— hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo hatte ich ähnliches +selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es? Ich fühlte, dass +ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war mir gewiss: +Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich schon dem +Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen Gesundheit +beginnen? + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-8">Der Schmugglersteig +</h2><p> + +</p> +<h3 class="sub">Eine vormärzliche Begebenheit aus den privaten +Aufzeichnungen eines Journalisten. +</h3><p> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>IN halbes Jahrhundert habe ich über mich selbst geschwiegen, ich +war ein Sprachrohr der andern. Heute bin ich fünfundsiebzig +Jahre alt. Es ist daher höchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten, +wenn es überhaupt noch berichtet werden soll. + +</p><p>Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne +gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal +auf Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap +Finisterre bis zum Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Königen, +vier Häuptlingen, einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan +und 214 Ministern habe ich gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen +Sonnenorden verliehen, aber mein Souverän erlaubte mir nicht, ihn zu +tragen, denn mit seinen Sternen und Bändern bedeckt er mehr als dreiviertel +einer mittelgrossen Personnage, bezaubert daher Unwissende stärker +als der Schwarze Adlerorden, und das ist nicht gut; Heinrich Heine hat +mir persönlich göttliche Grobheiten gesagt, Fanny Elsler hätte mich fast +geliebt, Napoleon III. hörte mit gnädigem Lächeln meine Finanzpläne zur +Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen war ich Zeuge (die letzte +war eine elektrische); mehr als 200 erwerbsbedürftigen Müttern habe +ich die Doppelköpfigkeit, unmässige Behaarung oder die wissenschaftliche +Bedeutung ihrer Missgeburten öffentlich bezeugt; ich habe betrunkene +Könige, ehrliche Dirnen und bescheidene Tenöre gekannt, in Louisiana +sollte ich skalpiert, in Tibet geschunden werden, aber mein gewandtes +Auftreten rettete mich; ich kann keine Sprache ganz, sechsunddreissig +dreiviertel oder halb, in allen habe ich eine vortreffliche Aussprache. +Mit einem Wort, ich gleiche dem nordischen Gotte Heimdall, der von neun +Müttern geboren war (also neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger +Schlaf brauchte als ein Vogel, bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei +Tag, und das Gras auf der Erde, die Wolle auf den Schafen wachsen hörte. + +</p><p>Aber von alledem will ich heute nichts erzählen, ihr Damen der +Provinz, die ihr mich für einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr +berichten, was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte +halbe Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Blätter +meines Lebensbuches zurück. + +</p><p>Ich besass die kümmerliche Monatsrente von fünfzig Gulden (später +gab es Monate, in denen ich bei Gott — 5000 anzubringen verstand). Dies +und ein unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum +Dichter. Wie es sich für diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer +mit Aussicht auf einen altertümlichen Hof und zahllose Giebeldächer, +auf denen im Mondschein Katzen und Kater tanzten, während in +den dunklen Ecken des morschen Baus die Mädchen des Hauses verfängliche +Gespräche mit ihren Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren +wie Saiten in den Rahmen meines Fensters gespannt und mein überquellendes +Herz harfte seine Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich +ein Mädchen. Es war nicht schön (die Geliebten der Dichter sind nie +schön, denn wessen Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen +schmiedet, muss so viel Wirklichkeit übersehen, dass es auf ein paar Extrahässlichkeiten, +wie etwa Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung +von Augen zu Sternen macht, braucht nicht viel weiter zu springen, ob die +Augen schielen oder nicht). Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas +struppiges Haar, ohne dass ich es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig. +Aber auch sie war ein Weib, ihre körperlichen Merkmale waren feminini +generis, wie bei Venus und Maria. Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett +in das Mysterium der stets streitenden und stets sich ergänzenden +Hälften der Welt, des ewig Männlichen und des ewig Weiblichen. Dazu genügte +Manolitha, wie meine Dachkammer für meine Poesie. Das arme Kind +wusste nicht wie ihm geschah. Sie musste wohl meinen: So sind die Männer. + +</p><p>Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die über einem +See aufsteigende Felsenstrasse — im letzten Haus diente Manolitha — +führte in das Nachbarland. In einer Mondnacht — mir ist, als wären in +jener Zeit alle Nächte Mondnächte gewesen — hatte ich Manolitha an +ihre Türe gebracht. Ich stand allein, hoch über dem See. Fern glitzerten +die Lichter der Stadt. Längs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklüftet +und oft von lärmenden Giessbächen zerrissen. Auf dem fast taghell +beschienenen See irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und +da schwamm ein Fischerboot auf der Fläche, dessen Insasse bei einer +Laterne sein schweigsames Gewerbe trieb. Auf meinen Lippen brannten +noch die Küsse der Geliebten, die mir jetzt in der Erinnerung wirklich +ein wenig zu dürftig vorkommt. (Bei Heimdall, dem Journalistengott, +später habe ich wahrhaftig andere Frauen geliebt!) Ich eilte vorwärts auf +der Felsenstrasse, vorwärts in die Ferne, nach Süden, in dumpfem Drang, +aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht, den Gedanken, das Wort +zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte. Halb trunken wanderte +ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die Felsenstrasse rechts ab in +das Geklüft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in die Wand gehauen, +die über dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir war, als stünde +ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts ging es in +die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen<a id="corr-9"></a> Wasserfälle, +links führte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch über der unten +ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dünnem Seil +glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, während ich, der Gefahr spottend, +über dem Abgrund mühselig einherkroch. Der Gedanke belustigte mich, +es könnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad entgegenkommen +und ich war neugierig, was sich dann ereignen würde. Einer +hätte umkehren oder in die Tiefe stürzen müssen. Es kam mir vor, als +ziehe sich der Pfad unendlich in die Länge. Da ich infolge der Krümmungen +den Ausgangspunkt längst<a id="corr-10"></a> nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase, +die sich vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich +weiter mit jener fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwärts zwingt, +damit wir nur nicht auf denselben Weg zurück müssen, und ginge es in +den Tod. Körperlicher Anstrengungen ungewohnt, fühlte ich bald eine +kaum noch erträgliche Müdigkeit, die Hände schmerzten bei jeder Berührung +mit dem Felsen, ich fühlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein +Zittern in den Unterschenkeln kündete einen nahenden Schwindelanfall +an. Fast weiss lag der See unter mir, ein unwahrscheinliches künstliches +Licht durchzitterte die Luft . . . . . . Des folgenden Zeitabschnitts vermag +ich mich durchaus nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestürzt +und unter der Flut in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum +Spass unsere Welt nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem +Mummenschanz? Oder bin ich mit übernatürlicher Anspannung meiner +Kräfte weitergegangen, so dass für die Tätigkeit des Bewusstseins nichts +mehr übrig blieb? Kurz, ich fühle meine Erinnerungen an dieser Stelle wie +in zwei Leben zerbrochen, eine Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits. +Ich stelle mir vor, dass viele Menschen so eine Lücke in ihrem Dasein +haben, die sie vergeblich auszufüllen suchen. Entweder nehmen sie diesen +Mangel ernst, lassen in Gedanken nicht davon ab und werden verrückt, +oder sie betäuben sich, wie ich mit Arbeit, Vergnügen und ähnlichen +narkotischen Mitteln, dass heisst, sie machen einen Umweg um ihr eigenes +Leben. + +</p><p>Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich +sitze in einem allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und +Tüchern bedeckt, vor mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf +einen Kreis wildbärtiger Männer wirft. An ihren Gürteln sehe ich reich +besetzte Dolche funkeln, ihre rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in +Lumpen, halb in köstliche, orientalische Decken gehüllt, Offenbar sind +es Schmuggler. — Als ich den Blick aufwärts wendete, sah ich den gestirnten +Himmel über mir. Wir befanden uns in einer dachlosen Stube, +deren Wände Felsen bildeten. In den Ecken schienen dunkle Stollen in +den viereckigen Raum zu münden. Vor jedem, auch vor mir, waren +kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Gläser aufgestellt mit Speisen +und Getränken, die appetitlicher aussahen, als der Ort erhoffen liess. +Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit der Mahlzeit +zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte mich +besonders zum Trinken, war überhaupt sehr höflich und zuvorkommend. +Ein altes Weib, das nicht anders als „Skelett“ angeredet wurde, bediente +uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich hätte allzu gerne +gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber +ich fürchtete, mir eine Blösse zu geben, wenn ich fragte. (Um übrigens +keinen unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke +ich gleich, dass ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange +Geistesabwesenheit nach Kräften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist, +und ich mich, ohne betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung +befand, schlugen meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen, +in der, wie sie sagten, von den Schätzen der Erde das Beste und Kurioseste +aufgestapelt sei. Wir traten mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide +Wände von eisernen Türen durchbrochen waren. + +<span class="centerpic" id="img-113"><img src="images/113.jpg" alt="Illustration 113" /></span> + +</p><p>„Wir können Ihnen unmöglich alles zeigen,“ sagte einer, „aber Sie +werden sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen +können.“ + +</p><p>Man öffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung +der kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermüden. Die +Aufsätze, die ich in den folgenden fünfzig Jahren aus allen Teilen der +Welt an die *** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur +kurz einiges allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wüste, das +starre Trandasein der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig +gewordenen nordischen Göttern, um die sich der Reichtum beider Welten +schart. (Ich muss bemerken, dass dies in den vierziger Jahren geschah, als +noch kein Mensch an Bayreuth dachte). Ich sah die Schlachtfelder des +Deutsch-Französischen Kriegs, aber ich entdeckte noch mehr: leibhaftige +Gedanken, die in zeitweiligen oder lebenslänglichen Ruhestand versetzt, +auf köstlichen Polstern lagen, menschheitbeglückende und weltzerstörende +Ideen; kommunistische Systeme sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen +wälzten sich knurrend an der Kette; Dichterträume<a id="corr-11"></a> gingen in +fabelhafter Nacktheit — ich muss gestehen etwas dreist — zwischen +anständig, wenn auch dürftig gekleideten bureaukratischen Schrullen +umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung waren, schrien nach Wöchnerinnen, +die man ihnen versagte; einige neue Laster machten sich von +weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nähe schlecht, weshalb ich +nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich einzuprägen. Lues, eine Schöne, +grämte sich, weil man sie nicht zu den assyrischen Lasterkönigen liess, +aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler ungeheuren Respekt zu haben +schienen, wollte es nicht so, wie man mir versicherte. Auch fixe Ideen +drängten unverschämt heran. Nur diesen gegenüber musste ich mich unhöflicher +Worte, einer, die einen Lorbeerkranz trug, sogar meiner Fäuste +bedienen, sonst benahmen sich selbst die Leidenschaften und die Todsünden +recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie derbe Leute, die sich einmal in +den Zwang eines Salons fügen, um sich später anderwärts schadlos zu halten. + +</p><p>Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all’ diesen +Kuriositäten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich +einer meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den +Sammlungen fand, höflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen +einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke +unentschlossen umherschweifen. Wieder drängten sich die fixen Ideen +ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden +rotschimmernden Gemach, in dem — obwohl es gar nicht gross +war — fünfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten, +die still vor sich hin lächelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht +vorzudrängen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer +der Leiber geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen, +ich meinte, die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hässlich, aber +wer ein rechter Dichter sei, der setze sich darüber hinweg. Die Schmuggler +freuten sich offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die +zunächst liegende durch ihre brennenden Blicke versetzte. + +</p><p>„Die will ich haben . . . alle 500,“ rief ich gierig und wurde gleich +sehr verlegen. + +</p><p>Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergnügt, ich solle +noch einmal wählen. Man öffnete vor mir eine andere Tür, durch die ein +heftiges gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich +mich daran gewöhnt hatte, sah ich, dass Wände, Boden und Decke des +geöffneten Gemaches mit geprägten Goldstücken gepflastert waren. Ich +wollte weiter gehen. + +</p><p>„Es ist rund eine Million,“ sagte man mir. + +</p><p>„So?“ erwiderte ich gleichgültig und blickte bald lüstern zurück +in das Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend +über den andern Kostbarkeiten umher. + +</p><p>„Es ist eine Million,“ wiederholte der Schmuggler erstaunt, „wollen +Sie die nicht . . .?“ + +</p><p>„Ach nein, geben Sie mir lieber die Wüste mit den Kamelen und +Oasen oder sonst etwas Romantisches . . .“ + +</p><p>„Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber +schenken und nun verschmähen Sie das lumpige Milliönchen. Was wollen +Sie denn ohne Geld mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden +Ihnen Ruhe lassen? Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und +Kleidern . . .“ „Aber nackt gefallen sie mir viel besser.“ + +</p><p>„Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden +sie sich schon von andern etwas schenken lassen.“ + +</p><p>Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die +Million versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun +dürfe ich noch ein letztes Mal wählen. Dieses Mal wolle man mich nicht +beeinflussen, aber sie müssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was +mir gewiss ganz besonders gefallen würde. Sie schoben eine Tapetentür +auf, die sich ohne Schlüssel öffnen liess, während alle andern Pforten von +Eisen waren und schwere Schlösser hatten. Dafür war diese Tür so kunstvoll +verborgen, dass sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten +in ein Zimmer, in dem offenbar niemals aufgeräumt wurde. Ein Haufe +Metaphern, Anaphern, Symbole, Allegorien, geprägte Redensarten, Zitate, +Sprichwörter, in Fäulnis übergegangene Witze lagen wie Kraut und +Rüben durcheinander. An den Mauern hingen ohne Ordnung poetische +Bilder und Vergleiche in festen Rahmen, Tropen und Metonymien blickten +verwirrend dazwischen hervor. Um die vier Wände des Zimmers ging +nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen Windöfchen, Kolben, +Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe Gläser voll +Flüssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus, Gedanken, ganz +gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflösung befanden, manche +waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende Flüssigkeit nur +leise gefärbt, andere waren bereits formlos, gallertartig geworden, während +die Flüssigkeit immer trüber schien; in einzelnen Gläsern befand sich nichts +als ein formloser, missfarbiger Brei. + +</p><p>Auf meine Frage, was diese Gedankenverdünnung bedeute, wollten +mir die Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich würde das schon +eines Tages begreifen; wenn nicht, so wäre mir nur um so wohler. +Ich muss gestehen, dass mir das verdächtig vorkam. Ich wurde unwillkürlich +an die Wirtshausküche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch +soviel Brühe gewonnen werden kann, als — Wasser da ist. Es wurden +hier offenbar Fälschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute +die zur Verdünnung benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe +keine von meinen Versen vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren +konnte. Vielleicht würden sie daraus eine Wassersuppe kochen. — Indessen +schweiften meine Blicke wieder über die Merkwürdigkeiten am +Boden und an den Wänden; mein Herz ging auf, als ich darunter zwischen +vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige Symbole, erhabene Weisheitssprüche +hervorschimmern sah. + +</p><p>„Wer dahinein Ordnung brächte!“ rief ich begeistert aus, „würde +das Zeug zu der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das +Gerümpel, mich soll die Mühe nicht verdriessen!“ + +</p><p>Die Schmuggler erklärten sich gerne bereit. + +</p><p>Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen +in dem Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte +Einzelheiten über das Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel. +Klein hatten sie angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten +sie am Weg gefunden haben. Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte +Tauschgeschäfte. Ich gewann immer mehr den Eindruck, als ob das +alles nicht immer redlich zuginge. + +</p><p>„Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt für unsere Gaben zurücklassen?“ +fragte man mich. + +</p><p>Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable +deutsche Dichterzigarre. + +</p><p>„Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Träume ab +und wir sind zufrieden.“ + +</p><p>„Träume?“ rief ich aufatmend, „davon habe ich genug; wenn Sie +ein Mittel wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien . . .“ + +</p><p>Wir kamen dann auf andere Gesprächsthemen, auf Politik, auf die +damals herrschende Unzufriedenheit der Völker mit ihren Herrschern. +Die Schmuggler taten so, als hätten sie dabei irgendwie die Hand +im Spiel. + +</p><p>„Nein, nein,“ rief einer aus, „die echte Revolution geben wir so +bald nicht wieder her. Wir haben sie nur mühsam zurückbekommen gegen +die Heuchelei, die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich +erhalten wir fast täglich Briefe, wir möchten sie wieder hergeben, sie +wollen uns dafür die Glorie Bonapartes ungeschmälert ausliefern. Aber +wir tun es nicht. Sie bekommen höchstens ein paar Barrikadenkämpfe.“ +(Ich bemerke, dass das Jahr 48 vor der Tür stand.) + +</p><p>Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der +Ecke. Es war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts. + +</p><p>„Grossmäuler Ihr,“ rief die Alte, „Ihr müsst sie ja doch hergeben, +wenn die Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, +dass die Euch ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf +den Kopf stellen. Hi . . . hi . . .“ + +</p><p>Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend +die Alte an einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und +hängte sie damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der +Felswand ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente +Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die +Pforte noch offen stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas +fremdländischem Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen. +Mit ihr hätte es aber wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche +Formen. + +</p><p>Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer +mehr. Sie schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich +zu setzen wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende +Geschäfte, wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe +verzettelten, die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel +besonnene Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche +Nichtigkeiten bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren +Kniffen das Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher +Gedanke stieg in mir auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, +würden sie schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen +und ihre Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt +haben. Mir graute vor der Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung, +die dann zur Herrschaft kämen, während die Freiheit, die Schönheit, die +Erkenntnis in Felsenkammern als Kuriositäten moderten oder alchimistisch +entstellt würden. Es war nur gut, dass sie wenigstens vor dem Schicksal +Angst hatten, vielleicht weil es das einzige auf der Welt ist, womit man +nicht Handel treiben kann. + +</p><p>Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben, +denn nur mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt +wurde, einen überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und +in die Mitte rücken musste und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande +darin herumquirlte; man warf mir unerkennbare Gegenstände +hinein, Flaschen wurden darüber ausgegossen; wenn der Kessel zu voll +war, stellte man ihn einfach schräg, bis ein Teil der Flüssigkeit überlief, +die sich wie kriechendes Gewürm lautlos und dick in die Stollen verteilte. +Dann wurde weiter gepantscht. Zuletzt klebte die Alte auf einer +Etikette das Datum des folgenden Tages an den Kessel, den mehrere +Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine eiserne Tür. Durch +den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten Himmel. Ich merkte, +dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel wurde bis auf die +Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und nun rollte er auf +einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande heulte ihm +die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte überhaupt +die Rutschbahn aufs unflätigste. + +</p><p>„Er ist geplatzt,“ rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft +vor, wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen +würde. Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion. + +</p><p>Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich +aber tat als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen +ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter +beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte, +in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume +waren. + +</p><p>Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie +lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. +Ich wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da +kam einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte +Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der +Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine +merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent +erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben +stand zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild: + +</p><p class="center"> +Nachtschelle für<br /> +M<sup>lle</sup> Rose, Modes.<br /> + +</p><p class="noindent">Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den +Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet +und ein recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem +Gesicht flüsterte: + +</p><p>„Sie sind doch empfohlen . . . durch Dr. M., nicht? . . . Sie wissen, +nur auf Empfehlungen lassen wir . . .“ + +</p><p>Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich +wieder in das halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen +lagerten, die nun mir gehörten. Aber die Tür flog gleich zu. + +</p><p>Das anständige Mädchen schob mich auf eine breite verschnörkelte +Holztreppe, wie sie in alten Bürgerhäusern sind. Ich ging hinauf. Es +roch nach samstäglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastür, vor +der auf einem Schildchen mein Name stand. Ich öffnete mit meinem Hausschlüssel, +der genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch +gedeckt, beim Schein einer geblümten Petroleumlampe strikte Manolitha +Socken. Hinter dem Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehäkelten, +kranzförmigen Pfühl; darüber hingen Familienporträts in ovalen Rahmen. +Manolitha stand auf; sie nahm sich als Hausfrau ganz gut aus. + +</p><p>„Alter,“ sagte sie, „es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war +der Metzger mit der Rechnung . . .“ + +</p><p>Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar +küssen, aber da kam wieder der Schmuggler, machte sich über Manolithas +Kopf zu schaffen und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder +in den Stollen trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch +befand ich mich in einem kleinen Gemach voll orientalischer +Teppiche am Boden und an den Wänden. Ein Diener erwartete mich mit +Tee. Neben meiner Tasse lag ein Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme, +nach denen ich griff, während der Diener mir die Stiefel auszog. +Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen vor Spiegeln. In der Mitte +war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan gedeckt, seltene Blumen +dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte bescheiden, alles sei für +das Diner angeordnet, wie ich es befohlen hätte. In diesem Augenblick +schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen. + +</p><p>Als ich aber die Hörmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich +einen Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild. +Tief im Abgrund wand sich ein Fluss zwischen südländisch üppig bewachsenen +Ufern, an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen +hellerem Grün hervorstach. Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt, +die immer höher schwebte, bis sie ganz dicht vor mir war. Ich erkannte +Manolithas Züge, schön wie sie in mir lebten. Sie trug ein antikes Gewand. +Gemessen schritt sie auf mich zu, hob ihre beiden Arme und wollte mir +einen Lorbeerkranz auf die Schläfen drücken, aber zum dritten Male erschien +der Schmuggler, rollte das Bild auf, gab es dem Skelett, das damit +in dem Stollen verschwand. In dem Guckkasten aber gewahrte ich ein +anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem Vater ähnlich sah, nur viel +vornehmer erschien, sprach von einer Rednerbühne herab zu einer festlichen +Versammlung. Man jubelte ihm zu, er schien seine Rede gerade +beendet zu haben. Ich hörte noch, wie er die Worte sagte: + +</p><p>„Und für diese Broschüre, in der ich sein Land in den wahrsten +und hellsten Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey +von Tunis mir seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souverän — Gott +erhalte ihn — konnte mir aus geheimen Gründen der Staatsräson das +Tragen dieser Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich genötigt, diesen +Beweis seiner Gunst dem hohen Bey — auch ihn erhalte Gott — zurückzusenden. +Vorher aber kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen, +verehrte Zuhörer, und — wie ich mir wohl schmeicheln darf — Freunde, +dieses Kleinod zu zeigen!“ + +</p><p>In diesen Worten öffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm +derselbe Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die +Stiefel ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene +Schleifen, die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht +enthalten, sie einen Augenblick anzulegen. + +</p><p>In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand +rief: „Schluss!“ Ich hängte die Hörmuschel an, und als ich mich umsah, +war es heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer +Felsenstube. + +</p><p>Man wünschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen +ganz erträglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die +Schmuggler nach dem Frühstück an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten, +d. h. einige Streifzüge in der Umgegend machen wollten, weil heute der +Fürst Metternich, auf einer Italienreise begriffen, durchkommen müsse +und sie ihm einige freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften +durch derartige Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen. +Man brach auf, und mir blieb nichts anderes übrig als mitzugehen. Die +Schmuggler bemerkten meine enttäuschte Miene. + +</p><p>„Ach so, die Geschenke,“ sagte einer, „Sie müssen wissen, dass Sie +das nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt +werden. Aber Sie werden noch heute spüren, dass wir Wort halten.“ + +</p><p>Ich glaubte natürlich kein Wort und war überzeugt, dass man mich +betrogen hatte. + +</p><p>Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns +schließlich an eine Stelle des Sees führte, wo zwischen Wasser und +Felsen kein Pfad ging. Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen, +lag in einer kleinen natürlichen Bucht. Ich wurde eine halbe +Stunde weit gerudert und dann an der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt. +Die Schmuggler hielten sich keine volle Minute auf, sondern fuhren mit +unbegreiflicher Geschwindigkeit zurück. + +</p><p>Ohne im geringsten Klarheit über das Erlebnis zu finden, ging ich +der Stadt zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo +sie Fische gekauft hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hässlich +sie war, sie schien mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hände +nach Fischen riechen! Glücklicherweise führte der Weg über eine Brücke, +unter die ich leicht durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte. +Dort verbarg ich mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals +wieder gesehen. + +</p><p>Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten +Gasthaus ein grosses Gedränge, das von galonierten Bedienten +zurückgehalten wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen, +einen der Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand. +Auf meine Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe +Persönlichkeit auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse +aber nicht wer, da die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste +sofort, dass es niemand anders als Fürst Metternich sein konnte. Mit einer +mir sonst gar nicht eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten +von hinten ins Haus zu schleichen. Vor einer Tapetentür im ersten Stock +blieb ich, der sonst eher schüchtern war, so ungeniert stehen, dass alle +Vorübergehenden meinen mussten, ich gehörte dahin. Durch die Tür aber +vernahm ich die Stimme des Fürsten im Gespräch mit dem Bürgermeister +der Stadt. Ich verstand nur abgerissene Sätze. Vor allem wünschte er +ganz unerkannt durchzureisen, da er leidend war, im übrigen sei er der +Stadt sehr gewogen; er habe nichts einzuwenden gegen die Ernennung des +beliebten X. zum Oberpostmeister, obgleich der Mann im Geruche des +Liberalismus stehe; man solle überhaupt ihn (den Fürsten) doch ja nicht +für einen Währwolf halten, er beabsichtige auch im Lauf der Jahre die +Zensur und die Pressgesetze, selbst in den Grenzdistrikten, etwas milder +zu handhaben etc. etc. + +<span class="centerpic" id="img-127"><img src="images/127.jpg" alt="Illustration 127" /></span> + +</p><p>Als ich hörte, dass der Bürgermeister verabschiedet wurde, eilte +ich fort, um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf +die Redaktion der ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet. + +</p><p>„Metternich hier?“ rief der Redakteur, „wenn Sie sich nur nicht +täuschen . . .“ + +</p><p>„Aber Herr Redakteur,“ erwiderte ich, „was glauben Sie von mir, +ich kenne Fürst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.“ + +</p><p>Ich erschrak über diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich +hatte Metternich nie gesehen, noch früher je sprechen gehört. + +</p><p>„Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen,“ erwiderte +der Redakteur, durch meine Sicherheit überzeugt. „Hier ist ein Pult, +Tinte und Feder . . .“ + +</p><p>Während ich schrieb, flossen mir — ich wusste nicht wie — Bilder +und Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt +hatte. In einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie +ich selbst fand, äusserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein überreichte +ich dem Redakteur die Blätter, der sie überflog und erstaunt rief: + +</p><p>„Sie sind der geborene Journalist, junger Mann . . . Ihre Findigkeit +ist nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer +Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?“ + +</p><p>„Das ist mein erster Versuch,“ erwiderte ich etwas schüchtern. + +</p><p>„Was waren Sie denn früher? Jeder Journalist war früher etwas +anders.“ + +</p><p>„Dichter,“ sagte ich beschämt. + +</p><p>„Na, das haben Sie sich glücklich abgewöhnt. Ich habe Beschäftigung +für Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in +die Oper und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.“ + +</p><p>„Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.“ + +</p><p>„Unsinn,“ antwortete er grob, „solche Bedenken gewöhnen Sie sich +nur ja ab, mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch, +theosophisch . . . was verlangt wird . . . verstehen Sie? Ich sehe übrigens, +dass Sie, um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollständigen +müssen. Hier haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben +Sie dieses Blatt.“ + +</p><p>Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten, +was darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo +ich mich völlig ausrüstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner +Zimmertür stand eine pompöse, übermässig elegant gekleidete Dame. + +</p><p>„O . . . Sie kommen endlich . . .“ rief sie in einem gebrochenen +Deutsch. „Ich bin Rubini . . ., Carlotta Rubini . . . ich höre, dass Sie heute +abend die Kritik schreiben.“ + +</p><p>Ich geriet etwas in Verlegenheit. + +</p><p>„Verzeihen Sie . . . Signora . . .“ stammelte ich . . . „ich wohne nur +vorübergehend in dieser Höhle . . . bis ich eine Wohnung nach meinem +Geschmack finde.“ + +</p><p>„O ich begreife . . . ich begreife . . .“ sagte die Rubini und trat ein. + +</p><p>Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von +den 500 Frauen, die mir in der Schmugglerhöhle zunächst gelegen hatte. + +</p><p>„Ach . . . ich hin so müde . . .“ sagte sie . . . „darf ich ein wenig ausruhen +. . . seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.“ + +</p><p>„Gewiss . . . gewiss . . . Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten +könnte . . .“ + +</p><p>„Ach ja, mein Herr . . . bieten Sie mir etwas an . . . lassen Sie +etwas holen.“ + +</p><p>Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster +arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus +Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern, +die ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach +die so unentbehrliche Million zukommen lassen würden. + +</p><p>Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich’s die Rubini sehr bequem +gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt +ich bereits besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen übermässig starken +Pulsschlag . . . + +</p><p class="center"> +— — — — — — — — — — — — — —<br /> + +</p><p class="noindent">Aber sie war nur ein Präzedenzfall<a id="corr-12"></a>. Ich könnte noch 499 Geschichten +erzählen, wenn nicht die hohe Geburt, der europäische Name und +der Reichtum meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten. +Aber aus rein psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal +indiskret sein; nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhäuser +abwarten. + +<span class="centerpic" id="img-133"><img src="images/133.jpg" alt="Illustration 133" /></span> + + +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="blockquote" style="page-break-before:always"> +Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Müller +Verlag in München in einer Auflage von 800 +Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg & Lefson +in Berlin hergestellt und nach den Entwürfen von +Paul Renner bei Hübel & Denck in Leipzig gebunden. +Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van +Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden. +</p> + +<p class="center"> +Dieses Exemplar trägt die Nr. 551 +</p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<div class="trnote"> +<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p> + +<p class="noindent"> +Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen: +</p> + +<ul> +<li> Schmugglerstieg — geändert in <a href="#corr-0"><i>Schmugglersteig</i></a></li> +<li> gehen — geändert in <a href="#corr-1"><i>geben</i></a></li> +<li> wer — geändert in <a href="#corr-2"><i>wert</i></a></li> +<li> schiener — geändert in <a href="#corr-3"><i>schienen</i></a></li> +<li> Dolsica — geändert in <a href="#corr-4"><i>Dolcisa</i></a></li> +<li> sties — geändert in <a href="#corr-5"><i>stiess</i></a></li> +<li> Steinfliessen — geändert in <a href="#corr-6"><i>Steinfliesen</i></a></li> +<li> wandte — geändert in <a href="#corr-7"><i>wand</i></a></li> +<li> Jauchsen — geändert in <a href="#corr-8"><i>Jauchzen</i></a></li> +<li> geheimnissvollen — geändert in <a href="#corr-9"><i>geheimnisvollen</i></a></li> +<li> längs — geändert in <a href="#corr-10"><i>längst</i></a></li> +<li> Dichterträme — geändert in <a href="#corr-11"><i>Dichterträume</i></a></li> +<li> Präzedenfall — geändert in <a href="#corr-12"><i>Präzedenzfall</i></a></li> + +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH *** + +***** This file should be named 37763-h.htm or 37763-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/7/6/37763/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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