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+The Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Haschisch
+ Erzählungen
+
+Author: Oscar A. H. Schmitz
+
+Illustrator: Alfred Kubin
+
+Release Date: October 15, 2011 [EBook #37763]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH ***
+
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+Produced by Jens Sadowski
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+Haschisch
+
+Erzählungen von
+Oscar A. H. Schmitz
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+Mit dreizehn Zeichnungen von Alfred Kubin
+München und Leipzig bei Georg Müller MCMXIII
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+Gedruckt bei Imberg & Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68.
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+Inhalt
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+Haschisch
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+ Der Haschischklub
+ Die Geliebte des Teufels
+ Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
+ Karneval
+ Die Sünde wider den Heiligen Geist
+ Die Botschaft
+
+Der Schmugglersteig
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+Haschisch
+ Oh! là là! que d'amours splendides
+ j'ai rêvées! (Arthure Rimbaud).
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+Vorrede zur vierten Auflage
+
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+ICH würde und könnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902 zum ersten
+Mal erschienene Buch -- also lange bevor der Satanismus und das »groteske«
+Genre in Deutschland Mode waren -- heute nicht mehr schreiben, vielleicht
+weil meine Phantasie in weniger übermütiger Fülle blüht, vielleicht weil
+eine universellere Weltbetrachtung das rein ästhetische Flattern von Reiz
+zu Reiz etwas hemmt. Dennoch freue ich mich, dieses Buch als ein
+Vierundzwanzigjähriger geschrieben zu haben. Man hat mir die Notwendigkeit
+nahe gelegt, sein Neuerscheinen in Einklang zu bringen mit meinen in der
+letzten Zeit gelegentlich geäusserten und heftig angegriffenen Ansichten
+über die Grenzen zwischen Kunst, Sittlichkeit und Religion. Nun, ein
+Kunstwerk kann, wie ja heute bis zum Überdruss gepredigt wird, allerdings
+in sich weder unsittlich noch irreligiös sein. Vielmehr hat es als
+Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion überhaupt nichts zu tun. Wohl aber
+kann ein unsittlicher Gebrauch davon gemacht werden und beschränkte Gemüter
+mögen in ihrem Glauben daran Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange
+ich mich nicht, an den Grundlagen der Familie und Ehe zu rütteln, wenn ich
+mir auch als Künstler herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwürdigkeiten
+zu suchen, die ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drücke ich eine
+Missachtung vor der Religion aus -- was ganz und gar meiner eigenen
+religiösen Gesinnung widersprechen würde --, wenn ich zeige, wie eine
+gotteslästerliche Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie
+glaubt die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht
+Gottes anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal
+versichert, dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht
+eingehend konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstösst.
+Ein Gläubiger wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die
+grösste der Sünden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulässt. Immerhin
+ist das Buch nur für gebildete Erwachsene geschrieben. Sein Äusseres wird
+es aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es für die halbwüchsige
+Jugend unzugänglich machen, und sein Stil dürfte kaum das Interesse der
+Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der
+sozialen Sittlichkeit genug getan.
+
+Ich wende mich zunächst an erfahrene Männer. Wenn ihnen das Büchlein
+solcher Ehre würdig scheint, mögen sie es ihren Geliebten, die es doch in
+dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren Los ist,
+ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder Anmut zu
+blühen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern und Töchtern zu
+geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken aufbauen sollen,
+wäre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist überflüssig, oft
+gefährlich, doch kommt es natürlich immer auf die Frau an.
+
+Und dir, schöne Müssiggängerin, die du zufällig durch diese Vorrede gerade
+zur Lektüre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht anders kannst, lies
+es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf einen nicht ganz
+einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehörst. Solange du selber
+weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man sich nicht rühmen
+soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es in des Teufels
+Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt heuchlerischer
+Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: »es ist ja nichts dabei,« oder
+aber, gehörst du zu jenen schwatzhaften Gänsen, die immer wieder betonen,
+die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben sittlichen Natur wie
+der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu sagen.
+
+Nach der Aufführung eines Stückes von mir, welches das »Don-Juan«-Problem
+behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und erzählte mir, wie
+entzückt ihr achtzehnjähriges Töchterchen aus der Vorstellung gekommen sei
+und wie erregt man am Familientisch die von mir berührten Fragen erörtert
+habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir nun das Kind selber näherte,
+und warnte die gute Dame aufrichtig davor, meine Werke jungen Mädchen zu
+geben. »O wir sind vorurteilslos,« erwiderte sie. »Aber ich nicht,« sagte
+ich in peinlicher Verlegenheit, »bitte, verhindern Sie Ihr Töchterchen, mit
+mir über mein Stück zu sprechen. Ich wüsste kein Thema, das ich nicht mit
+einer Frau behandeln könnte, aber zu sexueller Aufklärung fühle ich mich
+nicht berufen.«
+
+Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es geben auch in
+einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge von Gesetzgebern und
+Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor. Gerade sie werden ihrer bunten
+Abenteuerlichkeit wegen den Künstler besonders reizen. Sie verbieten ist
+heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem zwecklos. Darum sollen sie noch
+lange nicht öffentlich ausgeschrien werden. Auch von dem Künstler ist daher
+zu verlangen, dass die Form, in der er solche Stoffe behandelt, und von dem
+Verleger, dass die Art, wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu
+der herrschenden Sittlichkeit wahrt. Man erzählt nicht am Familientisch,
+dass man gestern mit einer »interessanten« Dame soupiert hat. So wird man
+verhindern müssen, dass Bücher, die heikle Themen behandeln, in falsche
+Hände geraten. Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System,
+das dem Künstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem
+jungen Mädchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Künstler die
+Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mädchen bisweilen den
+Zugang zu verbieten. Die französische Gesellschaft war darum so frei und
+geistreich, weil junge Mädchen streng ausgeschlossen wurden; die englische
+ist deshalb so langweilig und monoton, weil die »spinsters« bei allem dabei
+sein müssen.
+
+Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines besonders
+gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten der
+Sittlichkeit und des Taktes erfüllt. Das weitere ist Sorge der Verleger,
+Buchhändler, Eltern und Vormünder.
+
+Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Büchlein meiner Jugend
+offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch stecke ich es
+vielleicht heimlich unter das Kopfkissen!
+
+FRANKFURT A. M., JANUAR 1913.
+
+ O. A. H. S.
+
+
+
+
+Der Haschischklub
+
+
+AN einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig besuchten
+Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung zu achten,
+ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt war, hörte ich neben mir eine
+halblaute Stimme, die sich an den Kellner wendete. Die trotz dem
+fremdländischen Akzent gewandte Ausdrucksweise, welche Vertrautheit mit den
+Boulevards verriet, fesselte meine Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem
+schlanken, diskret blonden, schon etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio
+Alta-Carrara. Ich beobachtete, während er, ohne mich zu sehen, sein Menü
+zusammenstellte, dass sich die vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem
+letzten Zusammentreffen noch verstärkt hatte und eine unübertreffliche
+Kunst des Anzugs dieser Veranlagung durchaus gerecht wurde; die schmalen
+langen Beine liess er in die schlanksten Stiefel auslaufen, während die
+fast entfleischten Finger in spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine
+dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit merken liessen, hatten neben dem
+»ennui« eine gewisse Bitterkeit angenommen, die seine kühle Persönlichkeit
+fast menschlicher und etwas nahbarer erscheinen liess.
+
+»Ah, Sie sind in Paris«, sagte der Graf und zeigte sich nur aus
+Liebenswürdigkeit erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten
+Zusammentreffen und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen.
+
+Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt, wo wir eines
+Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse in der Hand,
+zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander standen. Später
+erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in einer
+geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen des
+Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte, die
+immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Südländer den
+Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. --
+
+Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen
+Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers, Allaert
+van Assen, suchte. Dieser Meister -- so versicherte er -- hatte in
+Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten,
+dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur törichte Menschen
+nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die
+Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit
+Schneeumschlägen auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und
+seine Werke vernichtet oder entstellt. -- Zum letzten Male hatte ich den
+Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen, wo er
+einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische
+Literatur der Europäer überflüssig machte.
+
+Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze Aufmerksamkeit
+schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach seiner besonderen
+Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen. Plötzlich
+unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung
+wachzurufen schien:
+
+»Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht -- so etwas wie . . .
+
+ . . . und eine Lust, gepflückt in tausend Lanzen,
+ der sich die Seele wie aus früherm Sein
+ entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein
+ die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen . . .?
+
+Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies
+darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir
+schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium
+entthronen . . .!«
+
+Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so
+eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und das
+geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher
+geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu halten.
+Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der Unendlichkeit
+zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute manche Geister
+verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des Christentums
+Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden, wenn nicht
+bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen wären. -- Ich
+hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den Augen
+Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe
+angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich
+abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die
+satanischen Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten.
+-- Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der
+Alta-Carrara wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen
+getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar
+Worte gesprochen hat.
+
+»Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,« sagte er plötzlich.
+»Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?«
+
+Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er konnte von mir
+nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitäten meines
+Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten
+Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen zwischen
+jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner Persönlichkeit
+hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich einführen wollte.
+
+Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte ich einige
+vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras zu hören. Er
+sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser Leichtheit über die
+verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu sagen. Ich fühlte, dass es
+ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen zu vermeiden. -- Nachdem
+wir die sechs Treppen eines modernen Mietshauses erstiegen, wies man uns in
+einen weiten, atelierartigen Raum. In dem dämmerigen Licht
+rotverschleierter Kerzen gewahrte ich mehrere Männer, die in bequemen, wie
+mir schien, orientalischen Kleidern auf niedern Polstern lagen. Zwischen
+den Ruhebetten standen Taburetts mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen.
+Ein sanfter Geruch brennender Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter
+englischer Zigaretten. An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze
+Radierungen und Stiche, deren kaum erkennbare Darstellungen wie die
+Gesichte eines Alpdrucks auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied
+ich zwischen fremdartigen Gewächsen altmodische musikalische Instrumente
+wie seltsame Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten.
+Leichte Grüsse wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine
+Handbewegung, als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen
+nieder. Von einem zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige
+Haschischpillen und bot mir lächelnd die Schale.
+
+»Die Umherliegenden«, erklärte er halblaut, »befinden sich in einem Zustand
+der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben nur ganz
+geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen Wortfolgen
+reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge finden sehen, als
+sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben, können wir uns wie in
+einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler befinden, denen
+fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren Glanz sie morgen kaum
+selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf den Genuss des Haschischs
+und bewundern die Wirkung, die er in den übrigen hervorbringt. Wer dazu
+imstande ist, wird durch Musik oder seltsame Erzählungen den Vorstellungen
+der übrigen besondere Richtungen zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen
+Blick durch diese offene Tür in die Nebenräume; dort befinden sich die,
+welche ganz in die Abgründe der Unbewusstheit versinken wollen.«
+
+Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venetianischen Spiegeln
+ausgestreckt.
+
+»Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte
+Wasserteiche unterzutauchen«, sagte der Graf. »Die beiden auf Zehen
+herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und Durst
+schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die Lippen
+verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst an den Mund
+zu führen.«
+
+Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis nur
+die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen
+tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu
+geniessen.
+
+Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne
+französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden teils
+Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet haben, als in
+einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches
+italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit besonderem
+Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings durchdrang,
+durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich, wie nun
+alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des Lebens. Vorher hatten
+die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und vor allem sehr gütig. Die
+Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien aufgehoben; alles war farbiges
+Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg; die Wortfolgen, die ich hörte,
+waren bestimmt und einfach, wie mathematische Sätze, schienen in Zahlen
+auflösbar. Mit einem Blick übersah ich Zusammenhänge, die sonst das
+Ergebnis mühseliger Überlegung sind; die Worte funkelten in den
+verschiedenen Farben aller Sprachen. Die Silben »Kirche« klangen zugleich
+gross und hell wie »église«, misstrauisch-puritanisch wie »church«. Die
+Buchstaben »Wort« enthielten gleichzeitig das talismanähnliche »logos«, das
+runenhafte »waurd«, das spitze fliegende »mot«, die ein wenig gewichtig
+aufgeputzte »parole«. Bei allen Silben klangen wie Untertöne halbverwehte
+Reime mit; ich roch, sah, schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide
+oder Marmor; ich sah nicht mehr bloss Flächen, sondern ganze Körper von
+allen Seiten zugleich. Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus
+der ich keineswegs heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und
+dankbar, so dass ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, dass
+ich dabei auf der Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir
+übrigens vollkommen bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine
+farbige Brille auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern
+vorbeischielen und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben
+eigentlich ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge
+wirklich und gefärbt betrachten.
+
+Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter denen
+fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob sich vor diesem
+blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so ungeheuer ausdehnte,
+dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen dem reichen rötlichen
+Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das blasse Gesicht war fast starr,
+und in der Erinnerung meine ich, es hätte bisweilen leichenhaft grüne und
+violette Reflexe angenommen. Dieser Mann sagte, er sei in Deutschland
+geboren, und so möge man ihm die unvollkommene Aussprache des Französischen
+verzeihen. Seine klaren verständlichen Worte erweckten meine Neugier.
+Bewusst hielt ich mich wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem
+Mann aufmerksam zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf
+einem Clavichord gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist
+seinen Worten zu folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu
+müssen. Er erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit
+einer Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse
+selten behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten
+wieder zu finden:
+
+
+
+
+Die Geliebte des Teufels
+
+
+VOR fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle in einer
+britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismässig geringe Bosheit
+der Menschen in meiner Vaterstadt hatte mir gestattet, ein ziemlich
+zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu verbinden; ja, ich durfte mir
+erlauben, dorthin einen leichten Duft von draussen zu bringen und gewisse
+Vorrechte eines verwöhnten, unartigen Kindes zu beanspruchen. Das ist nun
+ein halbes Menschenalter her. Aus dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in
+die bürgerlichste englische Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort
+»respectability« durchaus bezeichnet. Stellen Sie sich eine Stadt vor,
+deren Häuser mit einem rauchigen Schwarzrot bestrichen und durch winzige
+Fenster von kümmerlicher Gotik erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben
+hinaufgeschoben, so dass der sich herausbeugende Kopf gewissermassen unter
+einer Guillotine liegt; denken Sie sich Strassen von ungesunder, gleichsam
+desinfizierter Sauberkeit, die an die kranke Fadheit gewisser nie
+schweissabsondernder Häute erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung
+geschlossen sind. In diesen Strassen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung.
+Alle sind peinlich korrekt gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der
+Farbe schmutziger oder vom Regen aufgeweichter Landstrassen. Die Gesichter
+müssen einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem
+fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehen geblieben sein. Überall glaubt man
+Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben die
+Strassen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage spielten sich
+daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine Gesellschaft
+spärlich blonder, lymphatischer Menschen versammelte; die roten Pusteln in
+den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmassen, und besonders
+die wie von einer Maschine hervorgebrachten wärmelosen Stimmen erweckten in
+mir anfangs nur ein kaltes Starren. Fast den ganzen Tag wurden durch die in
+ihrer Düsterkeit endlos scheinenden Gänge und Speiseräume von
+verschwiegenen Bedienten zugedeckte Schüsseln und Platten mit riesenhaften
+blutenden Braten getragen. Schon um neun Uhr morgens hatte man dicke
+Ragouts und schwere Pasteten verzehrt, so dass ich mich schon früh in jenem
+dumpfen Zustand befand, der einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt.
+Ein breidickes, schwarzes bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden
+Geist in einen Sumpf. Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt
+das Gehirn wie eine warme schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein
+spitziges böses Ding fest steckt: der Spleen.
+
+Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster
+begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H.
+angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche
+Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das provinziale
+englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig die Instinkte
+verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen. Die hartnäckige
+Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen, meine ziemlich
+extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die zweifelhaftesten
+Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten Fremden, alle
+Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden Stadt offenstanden,
+fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein wenig hingezogen, der für die
+Gesellschaft überhaupt nicht da war, da ihm die verachtetsten Menschen
+angehörten. In einem Keller der übelsten Vorstadt versammelten sich nachts
+die Mitglieder einer kleinen hungrigen Schauspielertruppe, deren groteske,
+oft recht abgeschmackte Sitten mich immer noch mehr anzogen, als die
+abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft. Diese Schauspieler, zum Teil
+verkommene Talente, hatten sich der einzigen Panazee ergeben, die gegen den
+Jammer des englischen Lebens besteht: dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen,
+meist nüchterner als sie, in dem rauchigen trüben Keller eine Reihe von
+Winternächten, die mich vielleicht sonst zum Selbstmord getrieben hätten,
+und nicht eher verliess ich die hagern, pathetischen Zecher, als bis ich
+sie mit verzerrten Gesichtern in der Emphase der Betrunkenheit ihre
+Lieblingsrollen durcheinander schreien hörte. Wenn ich dann, von Müdigkeit
+übermannt, diese Stimmen nicht mehr ertrug, stieg ich in die reine
+Winternacht empor und unterschied noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem
+harten Schnee Verse aus Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst
+diese Ausschweifungen, die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer
+wieder floh ich zu den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener
+feuchte neblige Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens,
+dann trat in mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns
+schämen einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen
+abgesehen zu haben scheint: die Sentimentalität. Wie oft hatte ich die
+Nachmittage über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit
+entfernte, aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die
+feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten, um
+meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten. Ein
+Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt und nun war ich
+für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen mein
+Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein, oder ich
+atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave der nie
+in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begnügt sich vor ihr
+wie über eine süsse Torheit zu lächeln. Ich aber behaupte, dass uns dieser
+hinterlistige Feind in den Rausch stösst, wenn wir gern nüchtern blieben,
+dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn wir wissen,
+dass er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen Stunden
+erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und auf den Blumen der
+Tapeten Gestalten schaukeln lässt, die uns zurufen, und zwar mitleidig,
+dass wir das Leben versäumt haben. Wir halten das nicht aus, wir rennen
+davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft, ist uns recht, um über
+einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige Wesen daheim tut dann
+beleidigt, ja als verletzten wir unser Bestes, und aus Widerspruch gegen
+dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität besudeln wir uns nach
+Kräften.
+
+Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn ich konnte
+mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien ihre
+musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes Wesen, wie
+ich war, befriedigen würden.
+
+Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen Winter. Ich
+erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift war offenbar
+verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen
+Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der Züge,
+phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte
+vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:
+
+»Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch in H., was
+übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich von einer
+Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft dieser
+Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht gesehen,
+aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte Sie kennen
+lernen. Da mich das Äussere eines Menschen -- besonders der nicht
+angelsächsischen Rassen -- sehr leicht abschreckt, möchte ich mich mit
+Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine Sorge sein.
+Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert scheint, die
+Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts anderes
+verrät, als dass sie eine Dame ist.« »Es scheint mir der Mühe wert,«
+schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem
+Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle im
+James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.
+
+
+»Ich halte Sie für klug genug,« so endete der Brief, »den Reiz dieses
+Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie die
+Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte
+Unterhaltung zu bedauern.«
+
+Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: »Montag nachmittag sechs
+Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé, das Ihnen der
+Kutscher auf die Parole >Miramare< öffnen wird.«
+
+In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit des frühen
+Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher starrte, einer
+ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin. Auf den Ruf
+»Miramare« sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung machen. Der
+Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete Innere war in
+Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten Verbenengeruch aus.
+Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen setzte sich in
+Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte auf den Weg
+achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte ich, dass statt
+der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge eingelassen
+waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben. Ich war also ein
+Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf den Knopf zu
+drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an der Decke verband
+mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung der Gummiräder machte
+mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über Pflaster fuhr oder ob wir die
+Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt dauerte erheblich länger als eine
+einfache Strecke in der kleinen Stadt; doch der Kutscher konnte ja den
+Auftrag haben, durch Umwege meine Vermutungen irre zu leiten. Mein
+Aufenthalt in der duftenden Helle dieses rollenden Boudoirs war indessen
+durchaus erträglich. Ich versuchte die Zigaretten, deren auserlesene
+Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der Wagen an. Während ich
+draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische Birne. Der Schlag öffnete
+sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück Nachthimmel und ein
+anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig wie ein
+fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die so dicht
+verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen konnte. Sofort
+schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter. Das Wesen hatte
+sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss, sie zuerst
+reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen, als das Knistern und
+der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere ziemlich tiefe
+Frauenstimme:
+
+»Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.«
+
+Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer, wie mir
+schien, in ihrem Kleid.
+
+»Geben Sie mir Ihren Revolver!« sagte sie darauf kurz und bestimmt.
+
+»Ihren Revolver«, drängte sie.
+
+Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir führe, da ich mir
+bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen würde.
+
+»Ausser heute,« bemerkte sie halb ironisch.
+
+»Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten,« erklärte
+ich, »dazu hätte mir dieser Stock genügt; mit Vergnügen liefere ich ihn
+aus.«
+
+»Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.«
+
+»Aber vor einem Revolver?«
+
+»Solch ein Instrument«, erwiderte sie rasch, »gibt einem Abenteuer so
+leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.«
+
+In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das Wandbrett
+legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen und machte
+dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch.
+
+»Was tun Sie?« fragte sie.
+
+»Ich suche meine Handschuhe.«
+
+Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.
+
+»Ich hätte Lust, Licht zu machen«, rief sie lachend, »um zu sehen, ob Sie
+jetzt erröten.« Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.
+
+»Ich gestehe, mir eine Blösse gegeben zu haben,« sagte ich, »aber verrät es
+nicht auch eine Schwäche, dass Sie es für nötig hielten, einen Revolver
+mitzubringen, während ich waffenlos kam?«
+
+»Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,« antwortete sie,
+»als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich, dass Sie
+waffenlos sind.«
+
+»Darf ich Ihnen die Hand drücken?«
+
+»Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe Pelzhandschuhe
+an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt nichts verrät.«
+
+Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun hatte,
+sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter
+Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervös.
+
+»Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?« fragte sie.
+
+»Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?«
+
+»Ich langweile mich ein wenig.«
+
+»Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem
+Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen
+empfindet. Aus Scheu vor der Banalität fürchten Sie, die notwendigen ersten
+Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amüsiert diese Angst der Männer
+sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie würden ja gar nicht
+nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter spräche. Ich will nun
+auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen Sie mich doch einfach,
+wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland ebenso schön ist . . .?«
+
+»Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen,« erwiderte sie
+verblüfft, fast gekränkt.
+
+»Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden,« sagte ich lachend. »Es
+langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der ich mir
+nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann, schweigend
+durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen, mir die
+ausserordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn Sie sprechen
+wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.«
+
+»Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?« fragte sie naiv. »Da ich Sie
+selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu
+denken, als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.«
+
+»Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben,« sagte sie plötzlich, »ich
+glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.«
+
+Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich, fühlte
+eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen, an den
+Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit stets
+andere Formen hervorzubringen scheint.
+
+»Glauben Sie, dass ich schön bin?« fragte sie, während ich im Dunkeln mit
+ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte.
+
+»Nein,« erwiderte ich, »aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das Schönsein
+überflüssig macht.«
+
+»Ah,« rief sie, wie es schien, entrüstet, überrascht und verlegen zugleich.
+Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke lehnte,
+begann sie wieder nervös:
+
+»Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?«
+
+»Vermutlich aus Neugier?«
+
+»Vermutlich? Halten Sie mich denn für ganz temperamentlos?«
+
+Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; während sie sich
+wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz und drückte
+meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer schwächer unter
+einem Kuss, währenddessen ich den Pudergeruch von nicht mehr in allererster
+Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner feiner Mund jedoch hatte etwas
+so naiv Anschmiegendes, dass ich den -- vielleicht irrigen -- Eindruck
+empfing, als entdeckte sie zum erstenmal die Wonnen eines Kusses. Plötzlich
+stiess sie mich von sich, als hätte ich sie durch irgend etwas verletzt.
+
+»Sie gefallen mir nicht mehr,« sagte sie kurz.
+
+»Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lässt, als Sie
+glaubten?«
+
+»Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?«
+
+»Noch lange nicht!« erwiderte ich kühl.
+
+»Und das sagen Sie so ruhig?«
+
+»Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.«
+
+»Das ist stark.«
+
+»Finden Sie?«
+
+Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen.
+
+»Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.«
+
+»Schellen Sie!«
+
+Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der Wagen. Im
+selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen und
+schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen setzte sich
+in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer Gefangener in der
+duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch zu schnelles Vorgehen
+das Abenteuer verdorben haben, währenddessen ich vielleicht das Idol meiner
+Träume umarmte oder eine antike Kurtisane zu mir herabgestiegen war? Am
+meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine grünäugige Perverse mit kleinen
+Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich unterbrach das Anhalten des Wagens
+meine Gedanken. Der Schlag öffnete sich, ich stieg aus und befand mich an
+der bekannten Strassenecke. Noch ehe ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine
+Münze zu geben, fuhr der Wagen davon. Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe,
+der, aus einem Märchentraum erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht
+wieder zurechtzufinden weiss.
+
+Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben, als mir
+eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde. In einem von
+dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr Coupé am nächsten
+Abend um dieselbe Stunde erwarten.
+
+Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in dem hellen
+rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich eine Wiederholung
+der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt dessen befand ich mich in
+dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor mir stieg eine Freitreppe, die
+von zwei Kandelabern erleuchtet wurde, zum Hochparterre hinauf. Oben
+erwarteten mich zwei Diener, die stumm ein Glasportal öffneten, durch das
+ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus trat. Man schob mich
+gewissermassen durch eine Flügeltür in ein dunkles Zimmer. Meine Füsse
+fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete jenen seltsamen Duft von feinem
+Holz und schweren Seidenstoffen, der in üppigen, wenig betretenen Räumen
+herrscht. Langsam tastete ich mich bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie
+an einer entfernten Wand eine Tür auf- und zugeschoben wurde.
+
+»Wo sind Sie, mein Freund?« fragte die mir bekannte tiefe Stimme mit einem
+Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied überraschen
+musste. »Bleiben Sie, ich werde Sie finden.«
+
+Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich ihre Hände
+in meinem Haar.
+
+»Folgen Sie mir!« flüsterte sie.
+
+Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete die laue
+vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze Wintertage
+unter leichten Gewändern in ihren warmen parfümierten Gemächern geblieben
+sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses Zimmer, worin feuchte
+tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich auf einen Divan. Das Dunkel
+war so undurchdringlich, dass ich nicht einmal vermuten konnte, auf welcher
+Seite sich die Fenster befanden.
+
+»Ich habe Sie nun gesehen,« begann sie, »man hat Sie mir gezeigt.«
+
+»Das ist ein Kompliment,« erwiderte ich.
+
+»Wieso?«
+
+»Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.«
+
+»Ich finde Sie in der Tat totenhaft hässlich. Aber das ist Ihre Chance bei
+mir.«
+
+»Dann sind Sie ja lasterhaft.«
+
+»Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus,« sagte sie leise
+lachend.
+
+»Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch«, erwiderte ich
+plötzlich skeptisch.
+
+»Das verstehe ich nicht.«
+
+»Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen
+gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu
+frönen.«
+
+»Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in meine Nähe
+gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika zugebracht. In Paris
+war ich nie, möchte auch gar nicht hin; ich stelle es mir zu albern vor; in
+London hielt ich mich nur vorübergehend auf. Mein Vermögen hat mir ein paar
+Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe bis jetzt noch nicht erfahren, was
+literarische Lasterhaftigkeit ist.«
+
+»Um so besser,« erwiderte ich, »aber woher wissen Sie etwas von Satanismus?
+Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer Salons?«
+
+»Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzählen,« begann sie behaglich. »Schon
+als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben Sie
+mir, es ist nicht mehr, als ein Sport für mich -- ich gebe im Grund keinen
+Penny dafür -- ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung; später
+kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit
+vielversprechenden, beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist
+enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, dass diese
+Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der
+Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich
+ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter
+die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität
+von dem Pater Sinistrari d'Ameno in die Hände . . .«
+
+»Den kennen Sie?« unterbrach ich überrascht.
+
+»Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen mit sehr
+sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas gehört, was
+meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb der
+Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit keinem
+menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen
+Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren
+kann, -- denn was der katholische Verfasser da von Todsünde spricht, gilt
+ja nicht für uns Protestanten -- das schien mir eine so unerhört geniale
+Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um besonders intelligente
+Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der Öffentlichkeit zu
+verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur noch den Zweck, dieses
+ausserirdische Glück zu kosten. Jahrelang lauschte ich auf alles
+Aussergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis mir vor einiger Zeit eine
+Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste Ereignis meines Lebens würde
+in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich auf Reisen, um dem Wunderbaren zu
+begegnen. Ermattet und enttäuscht kam ich jüngst zurück.«
+
+»Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben!« warf ich belustigt
+ein.
+
+»Unterbrechen Sie mich nicht.« Aufgeregt fuhr sie fort: »Wo ich hier in H.
+erschien, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend, Ihr Name verfolgte
+mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müssten mit dem erhofften
+Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen sollten Sie mir Rede
+stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug zu sein; vielleicht
+redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man könnte ja in eine beinahe
+übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen Wesen treten, indem man,
+um den Enttäuschungen und Gefahren der Sinnenwelt zu entgehen, einfach die
+Augen zumacht. Meinen Sie nicht?«
+
+Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer Schäferstunde
+gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit mit
+kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit
+konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu das unbehagliche
+Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen zu sein. Um ein
+peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich:
+
+»Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer Phantasie
+geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.«
+
+»Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können,« rief sie ganz
+verwundert, »ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?«
+
+Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension trug
+diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse.
+
+»Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?«
+
+»Nicht nur die,« flüsterte sie, plötzlich wieder erregt; ich fühlte, wie
+sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. »Ich weiss nun auch, dass Sie
+wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter
+gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen -- nicht
+eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden; und diese
+Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir
+stehlen -- ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe ich
+mir den Satan gedacht!«
+
+Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war plötzlich ganz
+von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen in den vor
+mir gähnenden Abgrund zu stürzen.
+
+»Still . . . kein Wort mehr . . .« stöhnte ich wie in dunkeler Angst vor
+dem Erwachen -- »zerstöre das nicht . . .!« Und ich presste ihr die Lippen
+zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich fühlte mich in
+undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische traumhafte
+Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das Weib im Arm,
+dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals ganz verkörpern
+kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume und enttäuschende
+Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe mich niemals so sinnlos
+bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet, als an diesem mageren,
+geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich keine Persönlichkeit
+enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später behauptete, soll ich
+bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen haben, ähnlich den
+Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren bewusstlosen heiligen
+Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden höchster Erregungen
+der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet. Sie hatte diese Laute
+vergessen; sie müssten ihr aber, meinte sie, wieder einfallen, wenn sie den
+Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte, so wie manche Erinnerungen
+mit Melodien oder Gerüchen verknüpft seien. Ich selbst kann meine Gefühle
+nur mit denen vergleichen, die ich einmal hatte, als ich in den Alpen mit
+den Fingerspitzen über einem Abgrund hing und angesichts des Todes mein
+ganzes Leben, von rückwärts beginnend, in einem Augenblick an mir
+vorüberziehen sah. So kamen in dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei,
+die ich gekannt, und ich hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte
+Umarmungen wiederholten sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglückte
+Abenteuer gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Königinnen sanken
+in meine Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte
+Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher und
+glühender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche
+phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde an
+der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden
+Wünsche messen.
+
+Ich weiss nicht wie und in was für Augenblicken ich in den Armen dieser
+Frau entschlummerte; plötzlich erwachte ich; noch eben hatte ich heisse
+hohe Wohlgerüche gespürt; nun vernahm ich ein Rauschen von Gewändern, das
+Schieben einer Tür; um mich erglühten zahllose Lampen. Ich erschrak, als
+ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten Raum befand, wo mich
+von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten, die ihre braunen behaarten
+Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen, bunten Federbüschen und
+anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme herausstreckten. Das war
+das Boudoir meiner Freundin. Ich trat in das Nachbarzimmer zurück und
+befand mich in einem hellen, wenig eigenartigen Salon Louis XV. in
+Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein und sagte:
+
+»Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu können.«
+
+Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der Kutscher
+brachte mich wieder an die Strassenecke zurück.
+
+Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach den
+verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe
+Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei
+Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Körper bedienten
+zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den Satan
+liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und
+schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war, als
+hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die unter
+meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten Städte
+um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen waren,
+wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der Wunsch, sie selbst
+einmal zu besitzen.
+
+Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung meiner
+quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit und der
+Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller erschienen waren, als
+die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als schwächlicher Spätgeborener zu
+beneiden, ich wusste sie neu zu leben. »Warte bis heute abend,« sagte ich
+mir, wenn sich die Phantasie in müssigen Bildern verschwendete, und es
+kamen Nächte, wo ich die Adria an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich
+dichten Samt neben ihrer Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre
+Glieder anzuschwellen schienen; eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir
+und freute sich, dass ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe
+kosten kann. -- Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder,
+ihre Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends
+am Brunnen sangen . . . Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes
+_abbetteln_ müssen, dann _einmal alles_ vergessen können, sogar die
+heimliche Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass
+dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen
+werden, wenn _er_ draussen in der Fremde ist und blendendere Frauen liebt.
+-- Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine Gelächter
+meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein fast herb
+duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir war, als sei das
+Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf irgendeinem nicht
+ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere schwammen. Und unsere
+Umarmung war wie von dünnen Goldfäden durchwirkt und umsponnen mit kleinen
+Schnörkeln, welche die Form von Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war
+meine Geliebte sehr kitzlich.
+
+
+Diese Erlebnisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine
+Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In
+Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein
+Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes. Das, was sie
+brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste mich aber
+doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete, so war
+ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war sie meiner müde, so
+entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune nicht, dann verlor sie
+darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer eine neue Einladung. Dieser
+Gleichmut ärgerte mich, ich beschloss, sie zu reizen, sie wütend zu machen,
+indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben erfand. Aber wenn dann ihr
+Haar duftete, als müsse es in der Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern
+Formen in nervöser Hast umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie höchste
+Qual oder Lust empfand, ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann
+vergass ich allen Ärger, alle Absichten; dann fühlte ich mich als der
+Beichtvater, der die Zelle einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen
+muss und heute noch einmal von der Wollust in sich hineinschlingen will,
+was sie nur noch fassen kann, die noch schnell so viel fremde Kraft
+aufzusaugen, zu zerstören begierig ist, als ihr irgend möglich. -- Mein
+Überlegenheitsdünkel verstummte, wenn ich sie träge und regungslos fand,
+wie eine Bajadere, die sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer
+Gewächse gewälzt und gedankenlos zu viele fadsüsse Früchte verschlungen
+hat. Dann roch sie nach indischen Blumen, sie wusste seltsame
+Bauchbewegungen, so dass sie mir fast zu üppig vorkam. So vergass ich gern,
+dass mich vielleicht eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja
+gar nicht. Manchmal kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten
+in ihr fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte
+rechtzeitig, dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater
+geworden wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können. --
+Natürlich machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann
+gar nicht sagen, ob ich sie mir schöner oder hässlicher dachte, als die mir
+begegnenden Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die
+Ausserordentlichkeit meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen
+Niveau zu messen.
+
+Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen die
+Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese
+ausserordentlichste aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende
+wie eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig, allerdings auf
+meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich
+sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte
+herausbekommen, dass meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger waren
+als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne nun einmal an
+meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe Wesen zu küssen,
+wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt hatte. Ich war boshaft
+genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre >ladylike< Vorsicht und
+Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte, dass sie dann heute
+einen delikaten Georges Brummel, morgen einen römischen Gladiator umarmt
+hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige Wut.
+
+»Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen,« sagte sie einmal empört,
+»und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.«
+
+Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte.
+
+»Bitte nicht!« rief ich, »ich laufe fort.«
+
+»Sie wollen mich nicht sehen?«
+
+»Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.«
+
+»Das ist unerhört.«
+
+»Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.«
+
+Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden verliess
+sie mich.
+
+Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich fühlte eine
+grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit
+weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben; aber
+sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht. Ich fühlte
+etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse Unterlegenheit,
+an die zu denken kaum der Mühe wert ist.
+
+Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt, wo man
+nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir sassen Leute,
+die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei Herren in korrekter
+schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast weissen Bart mit
+ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger Mensch mit frischem,
+sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen sass eine blasse Frau von
+etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles Haar, das geradlinig in
+regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein mageres Gesicht von
+keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen Augen. Eine
+ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu langen
+schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne -- ein
+Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen; denn
+irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu; wahrscheinlich aber
+fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank und mit mehreren
+Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine selbstverständliche
+anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart, wie man es bei
+Nachbarn im Theater oder an der Table d'hôte gern hat, die durch nichts
+stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch fühlte ich einen Zwang,
+mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte zu bemerken, dass mich die Dame
+gleichfalls beobachtete. »Vielleicht ist es die Unbekannte,« dachte ich
+gleichgültig, aber dieser Gedanke kam mir natürlich bei sehr vielen Frauen.
+Ich bestellte Kaffee und benutzte die Gelegenheit, während der Kellner
+abdeckte, meinen Platz zu wechseln, so dass ich die Fremden vor Augen
+hatte. Ich bemerkte, wie die Dame unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer
+zu dem alten Herrn sprach. Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen
+das Restaurant.
+
+Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. »Die Komödie ist aus,« lautete
+der eine in der gewohnten Schrift, »ich fühle mich erkannt, lassen wir die
+Masken fallen.« Der andere trug ähnliche, doch natürlichere, offenbar
+unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung zum Ball bei einer
+mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen Orgien schien diese
+Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt zu setzen oder vielleicht
+wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor, meine phantastische
+Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena war in die Immaterialität
+zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen, war ich im Augenblick
+doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H. Ich habe die Dame nie wieder
+gesehen.
+
+ * * *
+
+Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun etwas
+fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne dass ich
+tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden.
+
+»Eine neue Geschichte,« rief jemand, »diese Leere ist ja unerträglich!«
+
+Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der menschlichen
+Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die Einbildungskraft
+wachte und verlangte -- selbst unfruchtbar --, dass ein anderer, Stärkerer,
+Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.
+
+
+
+
+Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
+
+
+UND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen,
+lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten Jahrhunderts.
+Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten gutgenährte Amoretten,
+die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene goldgezierte Säulen
+umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und wie lustig die Herzoginnen davor
+knieten! Wie das nach Puder roch; und alle lachten über den famosen
+Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken unterhielt. Ich
+bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte, um Erklärung. Liebenswürdig
+wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir die Namen aller Anwesenden. Der
+Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain, die am prächtigsten
+gekleidete Dame die Herzogin von Chartres. Wie war ich nur hierher gekommen
+und was sollte ich an einem Orte tun, wo ich keinen Menschen kannte? (ob
+ich mich gleich deutlich erinnerte, den Grafen schon einmal auf einem
+Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir ein, dass ich ja noch heute mit
+ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen wollte, zu Freunden.
+Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess.
+
+»Alta-Carrara!« rief ich gereizt.
+
+»Pst, pst,« flüsterte der Sakristan begütigend, »verraten Sie ihn doch
+nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er Graf von
+Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert getroffen haben.
+Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine Dame aus dem vierzehnten
+Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso Pitti, Sie sehen, alles ist
+relativ,« sagte er pfiffig.
+
+»Und du, unausstehlicher Schwätzer,« fragte ich, »welchem Jahrhundert
+bildest du dir denn ein, anzugehören?«
+
+»Ich?« fragte er stolz, »natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen sind so
+unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe heute -- mit
+Vergunst -- den 15. September 1768.«
+
+Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte eine
+unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke vor
+dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick abzuwarten, um
+ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen gewundenen
+Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und stellte mich an
+der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf mit einer
+Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung zu Ende
+sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche, von den
+bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte er auf die
+Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf. Er wusste
+nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt lächelte er und
+sagte mit Ironie:
+
+»Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten Jahrhundert
+sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?«
+
+»Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,« erwiderte ich ärgerlich,
+»Sie versprachen mir . . . .«
+
+»Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun bin ich
+wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor uns« -- dabei
+zog er seine Uhr aus der Tasche -- »es sind noch über zwanzig Jahre bis zur
+Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.«
+
+Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach
+ausgelassenster Lustigkeit abgelöst.
+
+»Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,« bemerkte ich
+aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.
+
+»Wir werden ja sehen,« begütigte er.
+
+Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war Nacht,
+aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval sein. Bunte
+Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen. Überall herrschte
+ausgelassenes trunkenes Geschrei.
+
+»Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,« sagte
+Saint-Germain. »Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich
+werden wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden
+ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.«
+
+Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum halten.
+
+»Warum haben Sie denn das getan?« fragte ich verständnislos.
+
+»Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche kleine
+weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines Lebens.
+Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche Ahasver?
+Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte mit den
+Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die Sünde durch
+die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das -- glaube ich
+-- Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten sich in der Tat
+ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen. Nun, Sie
+können sich denken, was das für Szenen gab. Aber ich will Sie nicht mit
+Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute etwas Ähnliches in
+Wirklichkeit sehen.«
+
+»Halten Sie nur Wort!« erwiderte ich etwas ungläubig.
+
+»Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem Fest bei
+dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland -- so viel
+ich weiss -- Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen selbst nicht, wo
+sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass geben wird;
+verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte, als
+Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte
+Jahrhundert nicht sehr.«
+
+Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an. Wir trieben
+uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter den Arkaden umher
+und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais im Marais tragen.
+Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die Träger weit entfernt waren,
+schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren Ende sich ein sehr armseliges
+Holzpförtchen befand. Der Graf schlug an die Tür. Ein scheussliches altes
+Weib öffnete. Wir standen in einem feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte
+Saint-Germain durch einige schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er
+stehen blieb, seinen Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er
+strich sich das gepuderte Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in
+einem Handspiegel sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch
+zusammenzufalten und wieder aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel.
+Ich wurde vor Ungeduld ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir
+traten in einen gelb und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren,
+kerzenlichtüberströmten Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und
+Kavaliere. Eine breite Treppe führte nach einer an die Decke stossenden
+Flügeltür hinauf; alle schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis
+nach Lustigkeit wich einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die
+mich umwogten, vor den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen
+Blumengerüchen. Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich
+trat ein Auvergnat aus der Tür.
+
+»Ah Castel-Bajac,« rief man.
+
+
+»Alles ist bereit,« sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht eines
+Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die beiden
+Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung stiegen
+nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten durch die Tür.
+Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie Platz und blickten
+in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns her in dem hellen
+prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten Jahrhunderts gehalten
+war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen, schien der Saal
+selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit zu gewähren, in eine
+ausschweifende sinnlose Gotik voll zitternder wilder Schlinggewächse und
+Schlangen um die spitzbogigen Fenster, in die finstere unbändige Phantastik
+des sterbenden Mittelalters voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal,
+in dem zahllose lange Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht
+verbreiteten, war ganz menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche
+Tafel, deren Goldgeschirr aus der Kirche genommen schien. Die
+verblüffendsten Gläserformen ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen
+heraus. Ich war erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der
+Tafel Platz nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete.
+Plötzlich hörte man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern
+schienen. Zwei weite Türen taten sich auseinander und eine Schar
+auvergnatischer Bauern in steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und
+verwundert unter der Führung Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit
+ihren Weibern um die prachtvollen Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu
+reden, während sie bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo
+man aufgeregt ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein
+Hauptvergnügen von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend,
+wie diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe
+ungeschlachte Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr
+Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und
+würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr seltsam
+vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem Innern
+von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.
+
+»Sie sind entzückend, diese Leute . . .« sagte eine kleine Marquise.
+
+»Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle totschlagen
+werden,« fügte Saint-Germain hinzu.
+
+ »Demain donnons au diable
+ un monde turbulent«
+
+trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig.
+Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die Bauern
+überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen
+Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen,
+sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des
+schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick
+verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen auf der
+Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung. Sie blickten
+sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen, besonders die der
+Frauen, schienen ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob alle von einer mir
+unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um mich her stumme wogende
+Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend etwas Scheussliches verabredet
+haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander hergefallen wären, hätte ich
+es noch nicht für das schlimmste gehalten. Es mussten sich viel
+fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese durch das Vergnügen abgestumpften
+Leute schienen zu wissen, dass nun etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes
+kommen würde. Nur der Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt.
+Lächelnd trat er an mich heran.
+
+»Was geht hier vor?« fragte ich, »wohin haben Sie mich geführt? Ist es
+schon die Revolution?«
+
+»Noch lange nicht,« sagte er milde, »man gibt den guten Leuten nur ein
+wenig Aroph zu trinken.«
+
+Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser gegossen worden.
+Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen begannen zu blitzen.
+Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als glaubten sie ihren eigenen
+Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich gegenseitig zu irgend etwas zu
+ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem Augenblick konnte die Wut
+ausbrechen.
+
+»Das ist die Revolution!« rief ich entsetzt. »Diese Bauern werden uns
+töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf der
+Guillotine sehen.«
+
+Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir um, wie
+nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch Nüsseknacken
+stört.
+
+»Das ist die Revolution!« rief ich wiederholt.
+
+»Und wenn auch,« sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch zu viel
+wurde.
+
+»Damit machen Sie ihnen keine Angst,« bemerkte der Graf, »übrigens ist es
+nicht die Revolution.«
+
+Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der in ein lautes
+sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen alle gewartet zu
+haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein brüllendes, johlendes
+Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher jeder im geheimen allein
+für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig überrascht war, die
+andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich zum grössten Erstaunen
+seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der Kirche verbotenen Begierden auf
+der Stirn geschrieben. Sie schienen sich auf einmal gegenseitig in ihrer
+Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich gierig an den andern, wobei
+vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle spielte.
+
+»Du Mordskerl . . . . Du Luder . . . .« riefen sie und schlugen sich
+gegenseitig auf den Bauch.
+
+»Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,« flüsterte mir der Graf
+lächelnd zu.
+
+»Ich muss mich entblössen,« rief ein junges Bauernweib.
+
+Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die Kleider.
+
+»Ich auch . . . mir auch!« riefen sie durcheinander.
+
+Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät flog
+umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl. Auf der
+Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die Damen riefen
+erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer in der Arena zu
+ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der Galerie hatten ihre
+Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf »Blut . . . Blut« hinab. Mitten
+in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte sich plötzlich ein
+schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis an die Brüstung Bahn
+brach.
+
+»O das Leben, das prächtige Leben!« rief er wie verzückt, »ich will baden
+im Leben!«
+
+Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick
+sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die sich mit
+schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose Wut hatte
+sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern hingen um die
+blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt, die Frauen, die dem
+Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in die neben ihnen
+liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der sie von ihrer
+unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den Scherben von Glas
+und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem Lachen zu blenden oder
+zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen nicht mehr, was man
+erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar war, Wandspiegel,
+Champagnergläser, Stühle, man riss sogar Portieren herab, schleuderte
+brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain stand heiter lächelnd
+dazwischen. Manchmal wollte er reden:
+
+»In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere Sachen
+gesehen.«
+
+Aber niemand hörte ihm zu.
+
+»Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?« rief die kleine Marquise, »meine
+Liebe dem, der es wagt!«
+
+Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich erhoben sich
+aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.
+
+»Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte . . .«
+
+»Gilles de Laval,« rief die Marquise ausser sich. »Ich erkenne dich . . .
+ganz das abscheuliche Porträt . . .«
+
+Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit Gilles de
+Laval wie unter den Wellen des Meeres.
+
+Gilles de Laval . . .! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen.
+Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle sie
+hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer nach dem
+andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über die
+Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen, die
+Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch die Luft fliegen
+sehen.
+
+Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig suchten sie
+sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum schien indessen das
+Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten sie über die
+Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie wussten gar nichts
+damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so ein mutiges Gefühl
+gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man sich hatte hineinstürzen
+wollen; und nun, als man unten ankam, war alles aus. Wie gern hätten diese
+Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit genossen! Der Mut war ihnen
+aber wohl zu spät gekommen. Manchmal krallte sich oder stach noch eine Hand
+im Todeskrampf nach diesen zarten weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren
+auf dem Schlachtfeld umherwandelten. Bisweilen brachte ihnen sogar ein
+Finger noch eine mittelmässige Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine,
+verzückte Schreie aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser
+gewaschen werden und schlotternd rufen: »Hu . . . wie warm.« Die Damen
+sahen traurig ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar
+schon Diener mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich
+verschämt in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die
+Diener öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser
+Feierlichkeit hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches
+Menschengebein, das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de
+Laval zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein
+Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu haben.
+Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.
+
+Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes Schweigen
+versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten zum Aufbruch und
+erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für den folgenden
+Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten noch soupieren gehen. Der Graf von
+Saint-Germain, den man unter keinen Umständen losgeben wollte,
+entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach Hause fahren, da er noch in
+dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara Para Brahma Yog übersetzen
+wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten Grafen pflegte man niemals
+Einwände zu machen und so verabschiedeten wir uns von diesen höflichen
+Leuten.
+
+
+»Haben Sie etwas bemerkt?« fragte mich der Graf, als wir auf der Strasse
+waren.
+
+»Sehr viel,« erwiderte ich.
+
+»Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So
+heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.« Triumphierend blickte er mich an.
+
+»Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie sprachen von
+London . . .«
+
+»Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles und
+mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?«
+
+»Das nicht, aber . . .«
+
+»Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug nach
+Italien ein.«
+
+Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
+
+ * * *
+
+Als ich wieder erwachte, -- ich glaubte länger geschlafen zu haben, als
+vorher mein ganzes Leben gedauert hatte -- stand eine Schale mit Früchten
+vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu finden, danach
+zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte Abscheu vor meinem
+eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem Wirbel ich wie durch ein
+Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte. Diese unerreichbaren Früchte
+würden mir Gesundung bringen, reine, leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle
+fieberhafter Gelüste. Es hatte mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von
+einem Abgrund gerissen, vor dem ich nichtsahnend stand.
+
+»Wissen Sie nun, wo Sie sind?« fragte lächelnd Alta-Carrara, der mir
+gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
+
+In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten nach meinem
+Befinden und gaben mir Ratschläge.
+
+»Sie waren dabei,« dachte ich, »als ich mein Leben zwecklos in künstlichen
+Sensationen vergeudete.« Dennoch freute ich mich, ganz unbekannte Gefühle
+in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte einen bitteren Geschmack,
+wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf eine glühende Einbildungskraft
+und einen fieberhaft zerlegenden Verstand gegründet hatte.
+
+Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte die kühle
+Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein und mir war,
+als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte die
+Notwendigkeit eines neuen Lebens -- ohne den verhassten Rausch, der noch in
+mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste ich erdulden, sie
+unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch um das Beste im Leben
+betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte. Ich schämte mich fast. Und
+doch freute ich mich über die Seltenheit einer solchen Empfindung in einer
+Seele wie der meinigen.
+
+Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:
+
+
+
+
+Karneval
+
+
+Vor dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule des
+Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische Nobili eine
+hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts wieder aufzufrischen.
+Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als schon die ersten
+hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der Erberia, und es galt
+für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man kam in zerrissenem
+Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen Haar der Frauen; die
+bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den Mitmenschen von
+phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen Räuschen erzählen.
+Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der anderen zu erwecken und
+ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand. Es braucht dem Kenner
+des menschlichen Herzens kaum betont zu werden, dass viele der Ankommenden
+weder aus dem Ballsaal, noch vom Spieltisch, noch aus verschwiegenen
+kleinen Kabinetten kamen, sondern dass sie sich soeben aus dem Bett
+erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette vorbereitet hatten und der
+Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte die Nacht in der Sala del
+Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken. Meine Huldigungen
+galten besonders einer gelbseidenen Maske. Ihre Stimme hatte einen
+wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste sich weich anzuschmiegen und
+liess unter der Spitze der Maske grosse weisse Zähne glänzen. Ich war
+achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens für eine verkleidete Herzogin.
+
+»Führ mich zur Erberia,« bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt mit
+ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die lachenden Paare,
+die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder wandelten.
+
+»Marchesina, ich kenne dich.« rief eine Maske im Vorbeigehen meiner Dame zu
+
+»Doch nur eine Marchesina,« dachte ich.
+
+»Wo ist Ersilia?« fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.
+
+»Krank, sehr krank,« erwiderte meine Begleiterin.
+
+Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den Markt
+brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia für ein
+Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle Umstehenden
+lüstern einsogen.
+
+»Mich friert,« sagte meine Freundin Dolcisa, »komm mit mir nach Hause! Du
+gefällst mir.«
+
+»Wer bist du?« fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn bis dahin
+hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas ausgelassene
+Dame der Gesellschaft zu vermuten.
+
+»Du bist dumm,« sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der Maske. Sie
+zog mich in eine Seitengasse.
+
+»Bist du wirklich eine Marchesina?« fragte ich verlegen.
+
+»Lächerlich, ein Spitzname.«
+
+»Wer ist Ersilia?« forschte ich nach einer Pause.
+
+»Ach, die arme Schwester Ersilia!« seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen,
+»sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht, was wir
+tun.«
+
+Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.
+
+»Ich bin ein gutes Mädchen,« fuhr sie fort, »ich schenke nicht allen meine
+Liebe, aber ich bin arm.«
+
+Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre weiche offene
+Harmlosigkeit entzückte mich.
+
+Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch die
+finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa wollte
+um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.
+
+
+
+Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz. In
+der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa schloss ein wild
+verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war
+stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen. Vor
+einer Tür standen wir still.
+
+»Erwarte mich hier,« flüsterte sie, »lass mich zuerst in die Kammer gehn
+und die Kleider wechseln.«
+
+Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein
+Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum
+drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen
+Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein
+Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste werden
+ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich lange
+warten. »Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,« dachte ich
+und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen. Aus der Ecke
+vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich jemand auf einem
+Lager.
+
+»Sie wartet auf mich,« sagte ich mir, »es ist galant, ihr die Lage so
+leicht als möglich zu machen.«
+
+Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das Weib lag.
+Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich und rief zur
+Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.
+
+»Sie ist vielleicht aus Neapel,« reimte ich mir zusammen; ich wusste
+bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen.
+Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich --
+ich will nicht sagen -- Widerwille, aber vollkommene Sattheit im Augenblick
+nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein, nach meinen
+eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei dieses ganz
+gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei einem Verbrecher, der
+vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen empfindet. Ich sprang auf, sie
+hielt mich nicht zurück. Durch die Art unserer Zusammenkunft glaubte ich
+mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke in die Hand zu drücken, die sich
+krampfhaft schloss. Dann eilte ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich
+Schritte hinter mir.
+
+»Komm doch, mein Lieber,« rief Dolcisa, »warum gehst du denn fort?«
+
+Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte sich in der
+Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein Gesicht.
+Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen. Dolcisa führte
+mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine anstossende kleine
+Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne Dämmerung herein. Auf einem
+Stuhle hingen schwarze Gewänder und zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen
+darauf.
+
+»Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,« erklärte Dolcisa; ihr weisses Hemd
+triefte von gespenstischer Helle.
+
+»Mach doch Licht,« sagte ich ein wenig gedrückt.
+
+»Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier oben
+wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen auch erst
+hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.«
+
+»Bist du eine Marchesina?« fragte ich wieder erstaunt.
+
+»Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.«
+
+Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild der
+Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein, dessen
+Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der Flamme.
+
+»Was machst du?« fragte ich unruhig.
+
+»So sieht die Madonna nicht, was wir tun.«
+
+Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss ich die
+sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin.
+
+Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach, in das nun
+auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo ich vorher gelegen
+und schob die Hand unter die Laken.
+
+»Tot!« rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank sie vor
+dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht.
+
+Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen an. Das
+Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt blieb ich an
+der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte. Dort lag mit
+glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie eine
+geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie war ganz
+blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike Götterstatue.
+Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten.
+
+»Sie ist tot!« rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher
+Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. »Sie war keine Sünderin wie
+ich, sie ist als Jungfrau gestorben.«
+
+Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche gleiten,
+deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen.
+
+»Sie war viel schöner als ich,« seufzte sie und es schien, als wolle sie
+durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren
+Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die Augen
+zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte sie, wie
+es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte. Sie entdeckte die
+Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten; doch Dolcisa stiess einen
+Freudenschrei aus:
+
+»Die Madonna war gnädig,« rief sie, »sie hat mein Gebet erhört, nun kann
+ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.«
+
+Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück.
+
+Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte Dolcisa,
+oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank sofort
+wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie.
+
+Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung, noch in den
+Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den Tod umarmt hatte. Am
+dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche Neugier. Ich suchte das Viertel
+wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen des alten Palazzo zu erfahren.
+Als ich den kleinen Platz betrat, sah ich eine Menschenmenge, die sich um
+das weit geöffnete Hauptportal des Palastes geschart hatte. Ein Priester
+mit zwei Chorknaben trat auf die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg
+herausgetragen, der, mit verschnörkelten Silberblumen verziert, einen
+Eindruck von Grossartigkeit machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete
+Gondel und breitete die wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa
+folgte schluchzend in dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie
+bestieg eine zweite Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen
+Herrn in altmodischer Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien.
+Einige Personen bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der
+Leichenzug durch die Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.
+
+Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem Plaudern.
+
+
+»Die armen Marchesinen«, sagte eine Alte . . . »und früher welch' ein
+glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte . . .«
+»Sie waren liederlich,« sagte eine dicke Bäckersfrau, »keiner wollte mehr
+mit ihnen zu tun haben . . .« »Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,«
+meinte ein junger Mann, »sie war tugendhaft.« Dann gingen viele Stimmen
+durcheinander: ». . . Schwindsucht, langsames Hinsterben . . . die arme
+einsame Dolcisa . . . noch so jung . . . aber sie hat den alten Oheim
+. . . sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu
+pflegen . . .«
+
+ * * *
+
+Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch ich altes
+geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam morsche,
+jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos wuchs. Überall
+lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch die Zeit hindurch die
+Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten die Jahrhunderte in trüben
+Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des Todes berührt und war zum
+Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe Gefühl, als trüge ich selbst mit
+die Schuld, dass die Welt sterben sollte. Ach, ich hatte meine Tage
+schlecht benutzt. Es hätte anders werden können, wenn ich gewollt. Wie
+freute ich mich über die Züchtigung, die mir ward. Die Leiden, auf die ich
+gewartet, begannen. Mir war, als stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt
+etwas klirrend zusammen, was mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als
+ich hinblickte, nur aus wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit
+vergoldeten Spiegeln, vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch
+Gucklöcher die Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst
+fatal, dass so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst,
+denn ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.
+
+»Weiter . . . weiter . . .« rief ich, »mehr von dieser bittersüssen
+Weisheit.« Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er hatte
+einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer
+Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte Katze
+streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der sich
+aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:
+
+
+
+
+Die Sünde wider den Heiligen Geist
+
+
+IN Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen
+Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital
+erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen
+einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen Zeit
+nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake der
+Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit die
+exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der Kraft des
+Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit
+unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen werden.
+Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits werfen würden --
+eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit. Die Reihe der Todsünden
+wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft. Hier erschlägt einer im
+Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine klägliche Wissenschaft den
+Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst sich und wie die
+Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen mögen. Nur einen Frevel
+gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine Sonderstellung anweist, dass sie
+erklärt, er könne nie vergeben werden; die Priester behaupten sogar, Gott
+lasse ihn kaum zu: die Sünde wider den heiligen Geist. Die jungen Leute,
+von denen ich erzählen wollte, konnten sich daher gar nichts
+Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen, als das Geschehen dieser
+unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen, ob sie überhaupt möglich
+sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen träte, ob der
+Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar nichts ereignete.
+
+Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man ihn
+beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der Wille,
+das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen
+Frevel begehen _wollen_, muss _wissen_, wen er beleidigt und was er damit
+wagt, also den _Glauben_ haben, er muss durch die _Kraft_ seines Willens,
+seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen. Seine Schmähungen
+dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen Hundes abprallen. Ausser
+von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der schönste der Engel war und
+sich jetzt in beständiger Empörung gegen den Heiligen Geist befindet, kann
+die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen begangen werden, der die im
+Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes, des Glaubens, der Berge
+versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.
+
+Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich eine Anzahl
+Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte. Aber es erwies sich,
+dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr war, als der Mangel an
+Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott lebendig in sich fühlten, so waren
+ihnen die Kniffe und Schliche Satans fast ganz unbekannt.
+
+Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die Tochter
+einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes keine
+peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie gehen
+würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so übergab
+sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster der
+Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den anderen
+Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig von den
+Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der _Substitution_
+gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte
+Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten und Kasteiungen
+war es ihr nämlich -- durch Vermittlung der heiligen Teresa -- gelungen,
+dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten, sich ihr zu
+_substituieren_: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust und der
+Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen hatten.
+Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen Strömungen
+erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse der Hölle
+von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden. Die Folge davon war,
+dass die Mutter -- zu ihrer eigenen Verwunderung -- auf einmal imstande
+war, die Versprechungen zu halten, die sie immer wieder im Beichtstuhl
+machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu führen und dankte dem Himmel,
+der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst die Gnade hatte kommen lassen.
+
+Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter erscheinen
+als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott, sondern auch die
+Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt. Die Kraft zu der
+grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne Berauschung dazu
+bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben. Es handelte sich also
+darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den Willen, den Heiligen
+Geist zu lästern.
+
+Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern, da
+sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im geheimen
+dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt genaueres über
+Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem er stand, verbunden mit
+einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche Seele, hatte die
+Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu erwählen.
+
+Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind, dass sich
+immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine Vorwürfe,
+Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende Priester
+pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende Gewissensprüfung
+zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte diese
+selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn auch ganz
+frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht bisweilen für
+eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf sich nehme. Die
+Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke; war aber Teresa
+wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester täglich den Finger in
+die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in Teresa eine unsägliche
+Verwirrung zu schaffen.
+
+Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit ihrer
+Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden. Das könne
+Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine Hure, der er
+sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine Jungfrau durch
+die Todsünde des Hochmuts fangen könne?
+
+Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution nicht
+wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen zu
+lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der
+Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in
+den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch
+eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder
+verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die
+Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution
+versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre
+ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige
+Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt,
+vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit wurde ihr
+immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein Weib zu sein,
+weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte? Sie war ja eine
+schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit des Fleisches
+unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug die Gemeinheit
+ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust mit den Gebeten.
+Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen Seligkeit gehalten,
+erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen der Heiligen, die sie zu
+vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute der schwelgenden Sinne. Sie
+hatte wider den Heiligen Geist gesündigt. Diesen Seelenzustand beichtete
+sie dem Priester, der sich jedoch mit dem Erfolg noch keineswegs zufrieden
+gab. Er sah, dass die Sünde wider den Heiligen Geist vorläufig nur in
+Teresas gequälter Einbildungskraft bestand. Zunächst bestärkte er sie in
+ihrem Irrtum.
+
+
+»Diese fehlerhaften besudelten Gebete,« erklärte er, »sind freilich
+schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist
+unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten durch
+die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind zwar nicht
+lauter und kräftig genug -- wie das reine Flehen der unbefleckten Herzen
+--, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit zu
+vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren
+Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die
+Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl die
+Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom abgestossen,
+wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit wie mit
+heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben verdunkeln, ihn
+unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken erdrücken, bis er in
+seiner Sündigkeit erstickt.«
+
+Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit
+ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen
+Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe, das
+der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten
+Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie
+abgetrennt von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte
+der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die
+Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die
+Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische
+Ausstrahlung. Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser
+aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste er
+ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen,
+beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin
+zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde.
+
+Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein
+Gartenpförtchen. Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden,
+halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort sollte
+sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen Lebens
+durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen ersetzen.
+Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige Arbeit ihre
+verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen. Fray Tomàs
+besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder in das alte
+Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen, vor denen die
+Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst herangetreten und
+besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das Verschwinden der Tochter
+nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen hinreissen lassen.
+Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche Nachrichten. Teresa wäre am liebsten
+sofort zur Mutter geeilt, aber der Priester verstand es, sie
+zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in das Kloster zurückliefern.
+Was konnte sie auch der Mutter durch ihre Gegenwart eigentlich nützen? Sie
+solle lieber durch Kasteiung und Gebete ihre frühere Reinheit
+zurückgewinnen und -- die geziemende Demut vorausgesetzt -- von neuem das
+Wunder der Substitution versuchen. Einmal rief sie aus:
+
+»Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es denn nicht
+sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.«
+
+Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr allmählich
+eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.
+
+»Was du verlangst, meine Tochter,« sagte er ruhig, »ist möglich. Wenn du
+dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten, so nimmt er
+es an.«
+
+»Ich will,« erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor ihr auf
+die Knie und küsste den Boden.
+
+»Gebenedeite unter den Weibern,« rief er aus. »Tochter Gottes, Schwester
+des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin hielt, da du
+_freiwillig_ den _Schein_ der grössten Missetat auf dich nahmst; aber
+zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des Herrn, weil er
+irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir niederfällt,
+nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir, wenn ich dich
+nicht erkannt.«
+
+In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.
+
+»Steh auf,« rief sie zitternd, »was verlangst du von mir? Willst du mich
+versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem erwecken?«
+
+Fray Tomàs stand auf:
+
+»Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung zu
+enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt[*]. Jesus
+Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer reichte
+sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den Pforten der
+Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn dorthin führt nur
+die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn nicht begehen kann.
+In den spätesten Zeiten aber -- so heisst es -- soll ein Weib geboren
+werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten. Ihrem
+sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen. Aus freier Wahl
+wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer zu lösen, die an
+die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte Vollendung der Güte
+des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und gen Himmel fahren; sprengen muss
+sie die Dreieinigkeit, die nunmehr erfüllt ist, und sie wird thronen zu
+Häupten Gottes, des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend
+auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.«
+
+Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.
+
+»Steh auf, steh auf,« rief Teresa, »ich darf dir nicht glauben -- ich
+zittere, eine Erwählte zu sein -- eine andere wird kommen; nur sage mir --
+ich beschwöre dich -- was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis zu
+schützen?«
+
+Der Priester erhob sich.
+
+»Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du in der Hölle
+eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten Sündern dich
+und die Mutter erlösen.«
+
+»Was kann ich dazu tun?« fragte Teresa zitternd.
+
+Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort:
+
+»Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen Leib erlangen;
+nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden kann, wird zur
+Hölle fahren.«
+
+»Die Sünde wider . . .?« stotterte Teresa.
+
+»So ist's, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen
+Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er
+überlegte, als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse?
+Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit der
+Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner
+freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.«
+
+Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa lag die
+ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen der Kirche und flehte um
+Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal jubeln wollte,
+vielleicht doch die Erwählte zu sein?
+
+Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter sei von
+einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden, in einer der
+kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck bedeckt, vor ihnen als
+Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen Johanneskopf anfertigen
+lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche vor Gotteslästerungen
+nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag gegeben, man solle
+nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern die wohlbekannten Züge
+des dornengekrönten Christus in der Kapelle der heiligen Ignazia. Warum
+habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen Gebeten entrissen, soll sie
+gerufen haben, nun sei es _seine_ Schuld, wenn sie sich dem Satan ergebe.
+-- Zweifellos -- meinte der Priester -- habe sie eine entsetzliche
+Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider den Heiligen Geist.
+
+Teresa fiel kraftlos zu Boden.
+
+»Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?« sagte Fray Tomàs;
+»mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist, wo du
+freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein die
+Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle
+Verdammten erlöst hast?«
+
+»Ich verstehe dich nicht.«
+
+»Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick, wo du
+deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner nächsten
+Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten gewohnt
+bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen? Das Laster der
+Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren nur Fingerzeige für dein
+hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille so klar. Mit einem Trank will
+ich deine Mutter an dem verfänglichen Abend in Schlaf versenken. Du aber
+wirst, angetan mit dem Schmuck, den die reichsten Jünglinge der Stadt
+zusammentragen, den Tanz vollführen. _Du wirst die Sünden der Verdammnis
+tanzen:_ den Hochmut, die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die
+du demütig, nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen,
+das Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der
+ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir öffnen
+und du alle Verdammten -- unter ihnen aber deine Mutter -- zum Himmel
+führest.«
+
+Teresa wand sich verzweifelt am Boden, während den Priester das Vorgefühl
+dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.
+
+»So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste, die je
+begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern den Arm nach
+dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben, wird er im eigenen
+Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch deinen menschlichen
+Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht haben, sich des Betrugs zu
+bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so wird -- als letztes Mysterium!
+-- der Teufel durch sich selbst vernichtet, der Betrüger betrogen, die
+Sünde ist für immer tot. Das aber wird das Werk der heiligen Teresa
+Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen, die sie aufwärts tragen,
+werden singen:
+
+»Gloria patri et filiae!«
+
+Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun
+vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.
+
+In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit vor
+dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt. Ihr lautes
+Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen, indem die
+Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und zwei
+zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:
+
+»Gloria patri et filiae.«
+
+Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der
+Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat mit
+einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar hervor. Er war
+silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.
+
+»Steh auf, Gebenedeite!« rief er ihr zu, »lass den niedrigsten der Diener
+deinen Leib zum Opfer schmücken!«
+
+Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig durch das
+Gewölbe.
+
+»Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!«
+
+Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss, erhob sie
+sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige Klostergewand
+zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle einer Verklärten.
+Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet, suchte sie ihre Scham
+wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder fielen nieder; sanft
+zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und legte segnend die Hände über das
+nackte Weib. Dann öffnete er den Schrein und nahm funkelnde Geschmeide
+heraus . . .
+
+»Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage, die Last
+unserer trügerischen Sehnsucht!«
+
+Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals.
+
+»Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel, vom Jauchzen
+der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz seiner
+götzendienerischen Kunst.«
+
+Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen Topasen
+unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten.
+
+»Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen der
+Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere dämmern,
+Geschwister der schwülsten Begierden!«
+
+Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd, sanften
+Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich
+schillernde Opale lagen um ihre Lenden.
+
+»Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt, den
+Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!«
+
+In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von
+glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und Korallen
+sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau.
+
+»Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen
+Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt über den
+Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!«
+
+Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte eine
+Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke sagte er:
+
+»Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den Sünden
+hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!« Doch, wie in plötzlicher,
+verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: »Deine Schritte beschwere der
+finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da uns die Atemzüge der
+Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt in steter Empörung und
+Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!«
+
+Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen Saphir und
+Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt bis zu den
+Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen.
+
+Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte die
+Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht, wie ihr
+geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das grünlich
+schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand und wandte sie
+gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein erstrahlt war.
+Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an dessen Ecken
+Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs führte die Zagende
+mitten auf den Teppich.
+
+»Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und erfülle in
+prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die der Satan
+noch von der Menschheit zu fordern hat!«
+
+Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen Ecken
+der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe wie Becken und Zimbeln
+aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der Feierlichkeit ertönte das
+barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene Weiberschreie drangen hinter
+den geblähten Vorhängen der Beichtstühle hervor.
+
+»Tanze, tanze!« schrie der Priester voll Ungeduld und schien die Zögernde,
+die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen wagte, durch
+springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen, schüchternen
+Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich Teresa Alicocca über
+den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer Schale tragend. Aus den Ecken,
+wo sich Männer und Frauen schaugierig drängten, sprangen nun plötzlich die
+jungen Leute, des Priesters Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen
+Schwertern im Arm tanzten sie jauchzend um den Teppich.
+
+»Wilder, toller!« riefen sie der Ängstlichen zu. »Du musst uns alle
+erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender, räuberischer,
+als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere Missetaten sind, die
+gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum Heile sein!«
+
+Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa zu immer
+wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem Haupte von sich und
+fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten Gliederkrümmungen der
+asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss offen der Kerzenhelle dar und
+entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die Blume ihres Jungfrauentums, so dass
+ihr weisser Körper über die roten Rubinen blutete.
+
+»Eine blutende Hostie des Satans!« rief Fray Tomàs verzückt. Sie aber
+heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt vor ihren
+Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die Zähne hinein,
+ihre Qual zu verbeissen.
+
+_Und sie tanzte die Sünden der Hölle!_
+
+»Küss ihn,« rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was er
+befahl. »Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg,
+zertritt ihn, zermalm ihn -- lästere die Dreieinigkeit -- rufe zu Satan!«
+
+Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie Teresa Alicocca:
+
+»Satan, Lucifer, Adonai!«
+
+»Was willst du?« rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta.
+
+»Nimm mich in die ewige Qual!« stöhnte Teresa.
+
+
+
+»Und Gott? -- Glaubst du an ihn?«
+
+»Ich glaub' an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie ich mich
+von ihm los, -- _dein_ will ich sein --!«
+
+»Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?«
+
+»Tat ich's nicht schon?« rief sie atemlos.
+
+»Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn darum
+hasst?«
+
+»Ich sehe Gott,« rief Teresa ekstastisch, »und will doch deine Dirne sein,
+Satan!«
+
+In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet auf
+den Teppich.
+
+»Schnell . . . schnell . . .« rief Fray Tomàs, »ehe sie bereuen kann, ehe
+sie das grosse Werk zerstört!«
+
+Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein. Sechs
+Dolche staken in Teresas Leib -- im Herzen, im Nacken, im Bauch, in den
+Lenden, in der Scham -- _aber keiner schien sie verwunden zu können._
+Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin. Sechs Dolche
+umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen Schmuck.
+
+»Sie fühlt nichts mehr,« rief einer erschrocken. Mit einem Messer schnitt
+er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam fielen die
+Dolche wie reife Früchte von ihr ab.
+
+Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung.
+Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt. Leer --
+gebrechlich -- standen die Ernüchterten da und wussten kaum im plötzlich
+erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das ihnen Leben
+geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie fühlten, wie
+kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten.
+
+Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie, wie sich
+Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke, klammerte seine
+Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn um Erklärung. Er aber
+wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden vom Gekreuzigten. Mit der
+Hand nach der Decke deutend brüllte er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh:
+
+»Gott . . . Gott . . .!«
+
+Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe.
+
+_»Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht geschehen!_
+
+Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige ihre Seele
+fest und machte ihr Leben unverwundbar . . .!«
+
+Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen und
+zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete. Teresa
+taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme
+erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die rings
+niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber, hinter den
+Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg verzweifeltes
+Stöhnen und Beten der Reue empor.
+
+ * * *
+
+Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es mir möglich
+war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo ich
+Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das Spiel
+des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben
+werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an
+eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich
+dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich
+auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.
+
+[Fußnote *: Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas
+Ähnliches anerkannte!]
+
+
+
+
+
+Die Botschaft
+
+
+ICH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst, dass
+ich mich meiner Wohnung näherte . . . Ja so, ich hatte Haschisch genommen.
+Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich fühlte mich ruhig und
+zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde ich nie Haschisch oder Opium
+geniessen; man kann ja nicht wissen, was von den Phantasien an den Möbeln
+hängen bleibt. Meine Zimmer mussten rein sein. Da empfing ich eine Frau,
+die ich liebte, da arbeitete ich, manchmal kamen Freunde; alles war dort
+nach meinem Geschmack; jeden Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo
+gekauft . . . oder er war ein Geschenk . . . . oder ein Erbstück . . .
+meine ganze Lebensgeschichte hing an diesen Möbeln, meine Reisen . . . eine
+Art Tagebuch: mit einem Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine
+Spielsachen dann kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater
+sass und erzählte . . . so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren
+Schein ich mich auf eine Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die
+Photographien und Bilder! Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine
+erste Geliebte in entzückender Wut zerbrochen, und später einmal ein
+geschickter Knabe wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in
+dieser Wohnung. Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien
+dringen lassen? Oft hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen
+darin abzuhalten. Nichts Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich
+ganz glücklich, dass ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des
+Jahrhunderts hatte.
+
+Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer Dirne in
+geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus. Ihre
+Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung einer von
+Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere ihresgleichen mit
+einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten Ungeeigneten
+unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich diese ganz und
+gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen Abwehr
+fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen Wangen
+waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass das lange
+Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck zu
+verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder
+lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken
+konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl folgen?
+Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des Schmutzes, der
+Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit -- einem das anzubieten! Auf welche
+Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit ihr zu befassen? Aus Zufall
+musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu, ohne Neigung, so wie die
+meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine Spiessbürgerin der Halbwelt, ein
+Leib, der mechanisch als Weib funktionierte.
+
+»Das ist ja der Tod,« dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte ich den
+Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden oder mir schien
+vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle nun alle Strassen,
+liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar Menschen, die mir in
+der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser Strassen, deren
+selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern hatte, kamen mir
+plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen, die mir begegneten,
+schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet; weshalb? für ein
+Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen nun einmal erst
+morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben, und bezahlen für
+alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig, verarmen. Warum?
+Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten. Viele Dirnen huschten
+trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig, blickten sich kaum um. Da
+fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen hatte. Sie war die
+verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit dieses ganzen dummen
+Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und freute mich auf den Schlaf. So kam
+ich vor mein Haus. Im Augenblick, wo ich die Haustür zuwerfen wollte,
+schlüpfte jemand hinter mir herein.
+
+»Inkubus,« murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an fühlte ich mich
+nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt. Eine Lähmung, wie
+sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den Eindringling hinauszuweisen
+oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts wurde ich die Treppe
+hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines Arbeitszimmers stand. Wie jede
+Nacht zündete ich mechanisch die Lampe an. Dann sank ich erschöpft auf die
+Chaiselongue. Das Wesen setzte sich mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe
+Dirne, die mir zuerst auf der Strasse den Weg versperrt hatte. Das sinnlose
+Elend, das sich mir draussen über die Nerven gelegt, war in mein Zimmer
+getreten.
+
+Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben und
+ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht, ob ich überhaupt
+antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige Gesinnungsweise
+und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte meine Geneigtheit.
+
+». . . stelle dich nicht wie ein Kind,« sagte sie, »das weisst du doch,
+alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der Willenlose
+hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische Nebenbuhler,
+der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte haben, die du mit
+deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament oder nach seinen
+Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch ausdrücken darf. Denke doch an
+die Freunde, mit denen du den Abend verbracht hast. Glaubst du, dass sie
+keinen ungeladenen Gast daheim finden, der von ihnen Rechenschaft,
+Versprechungen, Verzichtleistungen -- weiss der Teufel, was -- verlangt.
+Dich hat man bisher unbegreiflicherweise vergessen. Nun komme ich, die
+Steuer an inneren Leiden zu fordern, die du dem Tod dafür schuldest, dass
+er dich noch leben lässt. Um dich nicht zu erschrecken, näherte ich mich
+dir draussen. Du siehst, wie ich dir die Pille versüsse. Du hättest mich,
+wenn ich gewollt, ebensogut auf deinem Bette sitzend finden können. Denke
+dir einmal, wie du da überrascht gewesen wärest.« Sie lachte heiser. »Du
+siehst, ich bin ganz bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd.
+Weisst du, eigentlich bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal
+bewusst solch einen Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein;
+gib nur acht, wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen
+vorkommen werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und
+sie werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts
+vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast du
+wenigstens etwas mit ihnen gemein.« Sie schaute im Zimmer umher. »Übrigens,
+ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten des Todes gleich
+mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden Leichengeruch
+hervorzurufen.«
+
+»Keine, verfluchtes Tier!« schrie ich ihr entgegen. »Du bist die erste, die
+diese Räume besudelt.«
+
+Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine einzige
+Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei.
+
+»Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche sie dir
+wohl nicht erst zu nennen . . . Kindereien! Dafür bleiben dir auch die viel
+schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen Bürger,
+den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts erleben, das
+werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt, weisst du, wir
+können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen ist wirklich die
+amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung zu treten. Übrigens
+noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst deshalb noch lange nicht
+zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das geringste zu tun. Ich bringe
+nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose Jugend für dich
+verrauscht ist.«
+
+Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien Mitleid
+mit mir zu haben.
+
+». . . Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer die andern
+waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du einst um
+Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie eine gute
+alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und wohin sie
+gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung war, ehe sie zu dir
+kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen morgens je einmal
+gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch hattest du keine Furcht.
+Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich denn anders, als jene? Weisst
+du weniger Gutes oder mehr Böses von mir?«
+
+»Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.«
+
+Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes Lachen
+aus.
+
+»Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht von
+Fleisch und Blut rede . . . denke doch bitte einmal an deine Phantasien, an
+deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier an allen Möbeln
+herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen. Ich weiss, mit wem
+du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage hier unterhältst.
+Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich von mir wie ein Knabe
+verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich zu klug. Ich denke, wir
+machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne uns gegenseitig etwas
+vorzulügen.«
+
+Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es ihr eigener
+Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen
+Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den schwammigen
+schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen sein.
+
+Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer. Ich war
+überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers zu
+befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider riefen mir plötzlich
+das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück. Ich sprang auf und eilte
+nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers. Da lag das fette, aschfahle
+Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing wie tot auf den Boden herab, der
+geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche Wut wallte in mir auf. Ich
+zerrte sie aus dem Schlummer. Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der
+Strasse zu und brummte, weil ich sie schon weckte.
+
+»Hinaus . . . fort . . .« schrie ich.
+
+Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an, indem
+sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken antwortete.
+Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen hörte; das war doch
+wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf und sie schimpfte; gut,
+das liess man sich gefallen, das war logisch; aber sonst, das andere war ja
+ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem Bett lag.
+
+Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte man sehen
+sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem
+Staunen, rief sie aus:
+
+
+»Und die zwanzig Francs . . . wie? . . . Hast du mir nicht versprochen?
+. . . du Schmutzkerl . . . glaubst du vielleicht, dass mir deine Nase so
+gut gefallen hat . . .?«
+
+Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte:
+»Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht . . .«
+
+Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.
+
+Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.
+
+Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer spiegelte
+sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas, ich betastete
+meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst. Aber ihr
+sinnlicher Schein war fort.
+
+»Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,« rief ich
+aus, »das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich nun
+herumschleppen!«
+
+Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel noch
+aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen sein
+mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass ich mich
+nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke. Ich kannte ja
+niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von Saint-Germain
+ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt an allem
+schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen. Vom Fenster aus
+pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren. Ich eilte die Treppe
+hinunter.
+
+Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.
+
+Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich nach
+einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen
+mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne schien
+durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend da gesessen
+habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam beruhigt. Es war
+ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch eingelassen hatte.
+Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem Gedanken, meine Wohnung
+wieder betreten zu müssen. Es war dort etwas, womit ich durchaus nichts
+mehr zu tun haben wollte. In dieser Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse
+gekommen. Wo sollte ich nun hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus
+Europa in irgendeine Farm auf jungfräulichem Boden. Dann fand ich es
+merkwürdig, dass ich -- gerade ich -- so etwas empfand. Fast war mir, als
+wäre das alles gar kein Rausch gewesen; die körperlose Geliebte, die kein
+Weib ist, sondern der Vorwand unserer Träume -- das Bachanal der wütendsten
+Selbstvernichtung -- die Umarmung des Todes -- das lüsterne Betasten und
+Belauern des Heiligen -- hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo
+hatte ich ähnliches selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es?
+Ich fühlte, dass ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war
+mir gewiss: Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich
+schon dem Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen
+Gesundheit beginnen?
+
+
+
+
+Der Schmugglersteig
+
+
+.sub Eine vormärzliche Begebenheit aus den privaten Aufzeichnungen eines
+Journalisten.
+
+EIN halbes Jahrhundert habe ich über mich selbst geschwiegen, ich war ein
+Sprachrohr der andern. Heute bin ich fünfundsiebzig Jahre alt. Es ist daher
+höchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten, wenn es überhaupt noch berichtet
+werden soll.
+
+Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne
+gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal auf
+Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap Finisterre bis zum
+Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Königen, vier Häuptlingen,
+einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan und 214 Ministern habe ich
+gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen Sonnenorden verliehen, aber mein
+Souverän erlaubte mir nicht, ihn zu tragen, denn mit seinen Sternen und
+Bändern bedeckt er mehr als dreiviertel einer mittelgrossen Personnage,
+bezaubert daher Unwissende stärker als der Schwarze Adlerorden, und das ist
+nicht gut; Heinrich Heine hat mir persönlich göttliche Grobheiten gesagt,
+Fanny Elsler hätte mich fast geliebt, Napoleon III. hörte mit gnädigem
+Lächeln meine Finanzpläne zur Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen
+war ich Zeuge (die letzte war eine elektrische); mehr als 200
+erwerbsbedürftigen Müttern habe ich die Doppelköpfigkeit, unmässige
+Behaarung oder die wissenschaftliche Bedeutung ihrer Missgeburten
+öffentlich bezeugt; ich habe betrunkene Könige, ehrliche Dirnen und
+bescheidene Tenöre gekannt, in Louisiana sollte ich skalpiert, in Tibet
+geschunden werden, aber mein gewandtes Auftreten rettete mich; ich kann
+keine Sprache ganz, sechsunddreissig dreiviertel oder halb, in allen habe
+ich eine vortreffliche Aussprache. Mit einem Wort, ich gleiche dem
+nordischen Gotte Heimdall, der von neun Müttern geboren war (also
+neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger Schlaf brauchte als ein Vogel,
+bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei Tag, und das Gras auf der Erde,
+die Wolle auf den Schafen wachsen hörte.
+
+Aber von alledem will ich heute nichts erzählen, ihr Damen der Provinz, die
+ihr mich für einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr berichten,
+was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte halbe
+Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Blätter meines
+Lebensbuches zurück.
+
+Ich besass die kümmerliche Monatsrente von fünfzig Gulden (später gab es
+Monate, in denen ich bei Gott -- 5000 anzubringen verstand). Dies und ein
+unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum Dichter. Wie es
+sich für diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer mit Aussicht
+auf einen altertümlichen Hof und zahllose Giebeldächer, auf denen im
+Mondschein Katzen und Kater tanzten, während in den dunklen Ecken des
+morschen Baus die Mädchen des Hauses verfängliche Gespräche mit ihren
+Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren wie Saiten in den Rahmen
+meines Fensters gespannt und mein überquellendes Herz harfte seine
+Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich ein Mädchen. Es war nicht
+schön (die Geliebten der Dichter sind nie schön, denn wessen
+Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen schmiedet, muss so viel
+Wirklichkeit übersehen, dass es auf ein paar Extrahässlichkeiten, wie etwa
+Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung von Augen zu Sternen macht,
+braucht nicht viel weiter zu springen, ob die Augen schielen oder nicht).
+Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas struppiges Haar, ohne dass ich
+es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig. Aber auch sie war ein Weib,
+ihre körperlichen Merkmale waren feminini generis, wie bei Venus und Maria.
+Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett in das Mysterium der stets
+streitenden und stets sich ergänzenden Hälften der Welt, des ewig
+Männlichen und des ewig Weiblichen. Dazu genügte Manolitha, wie meine
+Dachkammer für meine Poesie. Das arme Kind wusste nicht wie ihm geschah.
+Sie musste wohl meinen: So sind die Männer.
+
+Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die über einem See
+aufsteigende Felsenstrasse -- im letzten Haus diente Manolitha -- führte in
+das Nachbarland. In einer Mondnacht -- mir ist, als wären in jener Zeit
+alle Nächte Mondnächte gewesen -- hatte ich Manolitha an ihre Türe
+gebracht. Ich stand allein, hoch über dem See. Fern glitzerten die Lichter
+der Stadt. Längs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklüftet und oft
+von lärmenden Giessbächen zerrissen. Auf dem fast taghell beschienenen See
+irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und da schwamm ein Fischerboot
+auf der Fläche, dessen Insasse bei einer Laterne sein schweigsames Gewerbe
+trieb. Auf meinen Lippen brannten noch die Küsse der Geliebten, die mir
+jetzt in der Erinnerung wirklich ein wenig zu dürftig vorkommt. (Bei
+Heimdall, dem Journalistengott, später habe ich wahrhaftig andere Frauen
+geliebt!) Ich eilte vorwärts auf der Felsenstrasse, vorwärts in die Ferne,
+nach Süden, in dumpfem Drang, aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht,
+den Gedanken, das Wort zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte.
+Halb trunken wanderte ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die
+Felsenstrasse rechts ab in das Geklüft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in
+die Wand gehauen, die über dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir
+war, als stünde ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts
+ging es in die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen
+Wasserfälle, links führte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch über
+der unten ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dünnem
+Seil glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, während ich, der Gefahr
+spottend, über dem Abgrund mühselig einherkroch. Der Gedanke belustigte
+mich, es könnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad
+entgegenkommen und ich war neugierig, was sich dann ereignen würde. Einer
+hätte umkehren oder in die Tiefe stürzen müssen. Es kam mir vor, als ziehe
+sich der Pfad unendlich in die Länge. Da ich infolge der Krümmungen den
+Ausgangspunkt längst nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase, die sich
+vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich weiter mit jener
+fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwärts zwingt, damit wir nur
+nicht auf denselben Weg zurück müssen, und ginge es in den Tod.
+Körperlicher Anstrengungen ungewohnt, fühlte ich bald eine kaum noch
+erträgliche Müdigkeit, die Hände schmerzten bei jeder Berührung mit dem
+Felsen, ich fühlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein Zittern in den
+Unterschenkeln kündete einen nahenden Schwindelanfall an. Fast weiss lag
+der See unter mir, ein unwahrscheinliches künstliches Licht durchzitterte
+die Luft . . . . . . Des folgenden Zeitabschnitts vermag ich mich durchaus
+nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestürzt und unter der Flut
+in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum Spass unsere Welt
+nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem Mummenschanz? Oder bin
+ich mit übernatürlicher Anspannung meiner Kräfte weitergegangen, so dass
+für die Tätigkeit des Bewusstseins nichts mehr übrig blieb? Kurz, ich fühle
+meine Erinnerungen an dieser Stelle wie in zwei Leben zerbrochen, eine
+Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits. Ich stelle mir vor, dass
+viele Menschen so eine Lücke in ihrem Dasein haben, die sie vergeblich
+auszufüllen suchen. Entweder nehmen sie diesen Mangel ernst, lassen in
+Gedanken nicht davon ab und werden verrückt, oder sie betäuben sich, wie
+ich mit Arbeit, Vergnügen und ähnlichen narkotischen Mitteln, dass heisst,
+sie machen einen Umweg um ihr eigenes Leben.
+
+Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich sitze in einem
+allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und Tüchern bedeckt, vor
+mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf einen Kreis wildbärtiger
+Männer wirft. An ihren Gürteln sehe ich reich besetzte Dolche funkeln, ihre
+rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in Lumpen, halb in köstliche,
+orientalische Decken gehüllt, Offenbar sind es Schmuggler. -- Als ich den
+Blick aufwärts wendete, sah ich den gestirnten Himmel über mir. Wir
+befanden uns in einer dachlosen Stube, deren Wände Felsen bildeten. In den
+Ecken schienen dunkle Stollen in den viereckigen Raum zu münden. Vor jedem,
+auch vor mir, waren kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Gläser
+aufgestellt mit Speisen und Getränken, die appetitlicher aussahen, als der
+Ort erhoffen liess. Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit
+der Mahlzeit zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte
+mich besonders zum Trinken, war überhaupt sehr höflich und zuvorkommend.
+Ein altes Weib, das nicht anders als »Skelett« angeredet wurde, bediente
+uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich hätte allzu gerne
+gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber ich
+fürchtete, mir eine Blösse zu geben, wenn ich fragte. (Um übrigens keinen
+unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke ich gleich, dass
+ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange Geistesabwesenheit
+nach Kräften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist, und ich mich, ohne
+betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung befand, schlugen
+meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen, in der, wie sie sagten, von
+den Schätzen der Erde das Beste und Kurioseste aufgestapelt sei. Wir traten
+mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide Wände von eisernen Türen
+durchbrochen waren.
+
+
+»Wir können Ihnen unmöglich alles zeigen,« sagte einer, »aber Sie werden
+sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen können.«
+
+Man öffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung der
+kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermüden. Die Aufsätze,
+die ich in den folgenden fünfzig Jahren aus allen Teilen der Welt an die
+*** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur kurz einiges
+allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wüste, das starre Trandasein
+der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig gewordenen nordischen
+Göttern, um die sich der Reichtum beider Welten schart. (Ich muss bemerken,
+dass dies in den vierziger Jahren geschah, als noch kein Mensch an Bayreuth
+dachte). Ich sah die Schlachtfelder des Deutsch-Französischen Kriegs, aber
+ich entdeckte noch mehr: leibhaftige Gedanken, die in zeitweiligen oder
+lebenslänglichen Ruhestand versetzt, auf köstlichen Polstern lagen,
+menschheitbeglückende und weltzerstörende Ideen; kommunistische Systeme
+sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen wälzten sich knurrend an der
+Kette; Dichterträume gingen in fabelhafter Nacktheit -- ich muss gestehen
+etwas dreist -- zwischen anständig, wenn auch dürftig gekleideten
+bureaukratischen Schrullen umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung
+waren, schrien nach Wöchnerinnen, die man ihnen versagte; einige neue
+Laster machten sich von weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nähe
+schlecht, weshalb ich nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich
+einzuprägen. Lues, eine Schöne, grämte sich, weil man sie nicht zu den
+assyrischen Lasterkönigen liess, aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler
+ungeheuren Respekt zu haben schienen, wollte es nicht so, wie man mir
+versicherte. Auch fixe Ideen drängten unverschämt heran. Nur diesen
+gegenüber musste ich mich unhöflicher Worte, einer, die einen Lorbeerkranz
+trug, sogar meiner Fäuste bedienen, sonst benahmen sich selbst die
+Leidenschaften und die Todsünden recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie
+derbe Leute, die sich einmal in den Zwang eines Salons fügen, um sich
+später anderwärts schadlos zu halten.
+
+Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all' diesen
+Kuriositäten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich einer
+meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den
+Sammlungen fand, höflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen
+einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke
+unentschlossen umherschweifen. Wieder drängten sich die fixen Ideen
+ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden
+rotschimmernden Gemach, in dem -- obwohl es gar nicht gross war --
+fünfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten, die
+still vor sich hin lächelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht
+vorzudrängen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer der Leiber
+geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen, ich meinte,
+die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hässlich, aber wer ein rechter
+Dichter sei, der setze sich darüber hinweg. Die Schmuggler freuten sich
+offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die zunächst liegende
+durch ihre brennenden Blicke versetzte.
+
+»Die will ich haben . . . alle 500,« rief ich gierig und wurde gleich sehr
+verlegen.
+
+Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergnügt, ich solle noch
+einmal wählen. Man öffnete vor mir eine andere Tür, durch die ein heftiges
+gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich mich daran
+gewöhnt hatte, sah ich, dass Wände, Boden und Decke des geöffneten Gemaches
+mit geprägten Goldstücken gepflastert waren. Ich wollte weiter gehen.
+
+»Es ist rund eine Million,« sagte man mir.
+
+»So?« erwiderte ich gleichgültig und blickte bald lüstern zurück in das
+Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend über den andern
+Kostbarkeiten umher.
+
+»Es ist eine Million,« wiederholte der Schmuggler erstaunt, »wollen Sie die
+nicht . . .?«
+
+»Ach nein, geben Sie mir lieber die Wüste mit den Kamelen und Oasen oder
+sonst etwas Romantisches . . .«
+
+»Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber schenken und
+nun verschmähen Sie das lumpige Milliönchen. Was wollen Sie denn ohne Geld
+mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden Ihnen Ruhe lassen?
+Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und Kleidern . . .« »Aber nackt
+gefallen sie mir viel besser.«
+
+»Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden sie sich
+schon von andern etwas schenken lassen.«
+
+Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die Million
+versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun dürfe ich
+noch ein letztes Mal wählen. Dieses Mal wolle man mich nicht beeinflussen,
+aber sie müssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was mir gewiss ganz
+besonders gefallen würde. Sie schoben eine Tapetentür auf, die sich ohne
+Schlüssel öffnen liess, während alle andern Pforten von Eisen waren und
+schwere Schlösser hatten. Dafür war diese Tür so kunstvoll verborgen, dass
+sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten in ein Zimmer, in dem
+offenbar niemals aufgeräumt wurde. Ein Haufe Metaphern, Anaphern, Symbole,
+Allegorien, geprägte Redensarten, Zitate, Sprichwörter, in Fäulnis
+übergegangene Witze lagen wie Kraut und Rüben durcheinander. An den Mauern
+hingen ohne Ordnung poetische Bilder und Vergleiche in festen Rahmen,
+Tropen und Metonymien blickten verwirrend dazwischen hervor. Um die vier
+Wände des Zimmers ging nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen
+Windöfchen, Kolben, Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe
+Gläser voll Flüssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus,
+Gedanken, ganz gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflösung
+befanden, manche waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende
+Flüssigkeit nur leise gefärbt, andere waren bereits formlos, gallertartig
+geworden, während die Flüssigkeit immer trüber schien; in einzelnen Gläsern
+befand sich nichts als ein formloser, missfarbiger Brei.
+
+Auf meine Frage, was diese Gedankenverdünnung bedeute, wollten mir die
+Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich würde das schon eines Tages
+begreifen; wenn nicht, so wäre mir nur um so wohler. Ich muss gestehen,
+dass mir das verdächtig vorkam. Ich wurde unwillkürlich an die
+Wirtshausküche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch soviel Brühe
+gewonnen werden kann, als -- Wasser da ist. Es wurden hier offenbar
+Fälschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute die zur Verdünnung
+benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe keine von meinen Versen
+vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren konnte. Vielleicht würden
+sie daraus eine Wassersuppe kochen. -- Indessen schweiften meine Blicke
+wieder über die Merkwürdigkeiten am Boden und an den Wänden; mein Herz ging
+auf, als ich darunter zwischen vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige
+Symbole, erhabene Weisheitssprüche hervorschimmern sah.
+
+»Wer dahinein Ordnung brächte!« rief ich begeistert aus, »würde das Zeug zu
+der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das Gerümpel, mich
+soll die Mühe nicht verdriessen!«
+
+Die Schmuggler erklärten sich gerne bereit.
+
+Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen in dem
+Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte Einzelheiten über das
+Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel. Klein hatten sie
+angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten sie am Weg gefunden haben.
+Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte Tauschgeschäfte. Ich gewann
+immer mehr den Eindruck, als ob das alles nicht immer redlich zuginge.
+
+»Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt für unsere Gaben zurücklassen?«
+fragte man mich.
+
+Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable
+deutsche Dichterzigarre.
+
+»Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Träume ab und wir
+sind zufrieden.«
+
+»Träume?« rief ich aufatmend, »davon habe ich genug; wenn Sie ein Mittel
+wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien . . .«
+
+Wir kamen dann auf andere Gesprächsthemen, auf Politik, auf die damals
+herrschende Unzufriedenheit der Völker mit ihren Herrschern. Die Schmuggler
+taten so, als hätten sie dabei irgendwie die Hand im Spiel.
+
+»Nein, nein,« rief einer aus, »die echte Revolution geben wir so bald nicht
+wieder her. Wir haben sie nur mühsam zurückbekommen gegen die Heuchelei,
+die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich erhalten wir fast
+täglich Briefe, wir möchten sie wieder hergeben, sie wollen uns dafür die
+Glorie Bonapartes ungeschmälert ausliefern. Aber wir tun es nicht. Sie
+bekommen höchstens ein paar Barrikadenkämpfe.« (Ich bemerke, dass das Jahr
+48 vor der Tür stand.)
+
+Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der Ecke. Es
+war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts.
+
+»Grossmäuler Ihr,« rief die Alte, »Ihr müsst sie ja doch hergeben, wenn die
+Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi . . . hi . . . Gut, dass die Euch
+ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf den Kopf stellen.
+Hi . . . hi . . .«
+
+Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend die Alte an
+einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und hängte sie
+damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der Felswand
+ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente
+Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die Pforte noch offen
+stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas fremdländischem
+Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen. Mit ihr hätte es aber
+wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche Formen.
+
+Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer mehr. Sie
+schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich zu setzen
+wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende Geschäfte,
+wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe verzettelten,
+die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel besonnene
+Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche Nichtigkeiten
+bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren Kniffen das
+Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher Gedanke stieg in mir
+auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten, würden sie
+schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen und ihre
+Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt haben. Mir graute vor der
+Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung, die dann zur Herrschaft kämen,
+während die Freiheit, die Schönheit, die Erkenntnis in Felsenkammern als
+Kuriositäten moderten oder alchimistisch entstellt würden. Es war nur gut,
+dass sie wenigstens vor dem Schicksal Angst hatten, vielleicht weil es das
+einzige auf der Welt ist, womit man nicht Handel treiben kann.
+
+Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben, denn nur
+mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt wurde, einen
+überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und in die Mitte rücken musste
+und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande darin herumquirlte; man
+warf mir unerkennbare Gegenstände hinein, Flaschen wurden darüber
+ausgegossen; wenn der Kessel zu voll war, stellte man ihn einfach schräg,
+bis ein Teil der Flüssigkeit überlief, die sich wie kriechendes Gewürm
+lautlos und dick in die Stollen verteilte. Dann wurde weiter gepantscht.
+Zuletzt klebte die Alte auf einer Etikette das Datum des folgenden Tages an
+den Kessel, den mehrere Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine
+eiserne Tür. Durch den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten
+Himmel. Ich merkte, dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel
+wurde bis auf die Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und
+nun rollte er auf einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande
+heulte ihm die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte
+überhaupt die Rutschbahn aufs unflätigste.
+
+»Er ist geplatzt,« rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft vor,
+wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen würde.
+Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion.
+
+Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich aber tat
+als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen
+ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter
+beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte,
+in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume
+waren.
+
+Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie
+lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz. Ich
+wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da kam
+einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte
+Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der
+Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine
+merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent
+erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben stand
+zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild:
+
+ Nachtschelle für
+ Mlle Rose, Modes.
+
+Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den
+Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet und ein
+recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem Gesicht
+flüsterte:
+
+»Sie sind doch empfohlen . . . durch Dr. M., nicht? . . . Sie wissen, nur
+auf Empfehlungen lassen wir . . .«
+
+Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich wieder in das
+halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen lagerten, die nun mir
+gehörten. Aber die Tür flog gleich zu.
+
+Das anständige Mädchen schob mich auf eine breite verschnörkelte
+Holztreppe, wie sie in alten Bürgerhäusern sind. Ich ging hinauf. Es roch
+nach samstäglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastür, vor der auf
+einem Schildchen mein Name stand. Ich öffnete mit meinem Hausschlüssel, der
+genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch gedeckt, beim
+Schein einer geblümten Petroleumlampe strikte Manolitha Socken. Hinter dem
+Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehäkelten, kranzförmigen Pfühl;
+darüber hingen Familienporträts in ovalen Rahmen. Manolitha stand auf; sie
+nahm sich als Hausfrau ganz gut aus.
+
+»Alter,« sagte sie, »es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war der
+Metzger mit der Rechnung . . .«
+
+Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar küssen, aber
+da kam wieder der Schmuggler, machte sich über Manolithas Kopf zu schaffen
+und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder in den Stollen
+trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch befand ich mich
+in einem kleinen Gemach voll orientalischer Teppiche am Boden und an den
+Wänden. Ein Diener erwartete mich mit Tee. Neben meiner Tasse lag ein
+Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme, nach denen ich griff, während
+der Diener mir die Stiefel auszog. Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen
+vor Spiegeln. In der Mitte war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan
+gedeckt, seltene Blumen dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte
+bescheiden, alles sei für das Diner angeordnet, wie ich es befohlen hätte.
+In diesem Augenblick schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen.
+
+Als ich aber die Hörmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich einen
+Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild. Tief im
+Abgrund wand sich ein Fluss zwischen südländisch üppig bewachsenen Ufern,
+an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen hellerem Grün hervorstach.
+Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt, die immer höher schwebte, bis sie
+ganz dicht vor mir war. Ich erkannte Manolithas Züge, schön wie sie in mir
+lebten. Sie trug ein antikes Gewand. Gemessen schritt sie auf mich zu, hob
+ihre beiden Arme und wollte mir einen Lorbeerkranz auf die Schläfen
+drücken, aber zum dritten Male erschien der Schmuggler, rollte das Bild
+auf, gab es dem Skelett, das damit in dem Stollen verschwand. In dem
+Guckkasten aber gewahrte ich ein anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem
+Vater ähnlich sah, nur viel vornehmer erschien, sprach von einer
+Rednerbühne herab zu einer festlichen Versammlung. Man jubelte ihm zu, er
+schien seine Rede gerade beendet zu haben. Ich hörte noch, wie er die Worte
+sagte:
+
+»Und für diese Broschüre, in der ich sein Land in den wahrsten und hellsten
+Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey von Tunis mir
+seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souverän -- Gott erhalte ihn --
+konnte mir aus geheimen Gründen der Staatsräson das Tragen dieser
+Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich genötigt, diesen Beweis seiner
+Gunst dem hohen Bey -- auch ihn erhalte Gott -- zurückzusenden. Vorher aber
+kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen, verehrte Zuhörer, und --
+wie ich mir wohl schmeicheln darf -- Freunde, dieses Kleinod zu zeigen!«
+
+In diesen Worten öffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm derselbe
+Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die Stiefel
+ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene Schleifen,
+die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht enthalten,
+sie einen Augenblick anzulegen.
+
+In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand rief:
+»Schluss!« Ich hängte die Hörmuschel an, und als ich mich umsah, war es
+heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer Felsenstube.
+
+Man wünschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen ganz
+erträglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die Schmuggler
+nach dem Frühstück an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten, d. h. einige
+Streifzüge in der Umgegend machen wollten, weil heute der Fürst Metternich,
+auf einer Italienreise begriffen, durchkommen müsse und sie ihm einige
+freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften durch derartige
+Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen. Man brach auf,
+und mir blieb nichts anderes übrig als mitzugehen. Die Schmuggler bemerkten
+meine enttäuschte Miene.
+
+»Ach so, die Geschenke,« sagte einer, »Sie müssen wissen, dass Sie das
+nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt
+werden. Aber Sie werden noch heute spüren, dass wir Wort halten.«
+
+Ich glaubte natürlich kein Wort und war überzeugt, dass man mich betrogen
+hatte.
+
+Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns schließlich an
+eine Stelle des Sees führte, wo zwischen Wasser und Felsen kein Pfad ging.
+Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen, lag in einer kleinen
+natürlichen Bucht. Ich wurde eine halbe Stunde weit gerudert und dann an
+der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt. Die Schmuggler hielten sich keine
+volle Minute auf, sondern fuhren mit unbegreiflicher Geschwindigkeit
+zurück.
+
+Ohne im geringsten Klarheit über das Erlebnis zu finden, ging ich der Stadt
+zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo sie Fische gekauft
+hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hässlich sie war, sie schien
+mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hände nach Fischen riechen!
+Glücklicherweise führte der Weg über eine Brücke, unter die ich leicht
+durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte. Dort verbarg ich
+mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals wieder gesehen.
+
+Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten
+Gasthaus ein grosses Gedränge, das von galonierten Bedienten zurückgehalten
+wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen, einen der
+Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand. Auf meine
+Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe Persönlichkeit
+auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse aber nicht wer, da
+die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste sofort, dass es niemand
+anders als Fürst Metternich sein konnte. Mit einer mir sonst gar nicht
+eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten von hinten ins Haus
+zu schleichen. Vor einer Tapetentür im ersten Stock blieb ich, der sonst
+eher schüchtern war, so ungeniert stehen, dass alle Vorübergehenden meinen
+mussten, ich gehörte dahin. Durch die Tür aber vernahm ich die Stimme des
+Fürsten im Gespräch mit dem Bürgermeister der Stadt. Ich verstand nur
+abgerissene Sätze. Vor allem wünschte er ganz unerkannt durchzureisen, da
+er leidend war, im übrigen sei er der Stadt sehr gewogen; er habe nichts
+einzuwenden gegen die Ernennung des beliebten X. zum Oberpostmeister,
+obgleich der Mann im Geruche des Liberalismus stehe; man solle überhaupt
+ihn (den Fürsten) doch ja nicht für einen Währwolf halten, er beabsichtige
+auch im Lauf der Jahre die Zensur und die Pressgesetze, selbst in den
+Grenzdistrikten, etwas milder zu handhaben etc. etc.
+
+
+Als ich hörte, dass der Bürgermeister verabschiedet wurde, eilte ich fort,
+um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf die Redaktion der
+ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet.
+
+»Metternich hier?« rief der Redakteur, »wenn Sie sich nur nicht täuschen
+. . .«
+
+»Aber Herr Redakteur,« erwiderte ich, »was glauben Sie von mir, ich kenne
+Fürst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.«
+
+Ich erschrak über diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich hatte
+Metternich nie gesehen, noch früher je sprechen gehört.
+
+»Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen,« erwiderte der
+Redakteur, durch meine Sicherheit überzeugt. »Hier ist ein Pult, Tinte und
+Feder . . .«
+
+Während ich schrieb, flossen mir -- ich wusste nicht wie -- Bilder und
+Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt hatte. In
+einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie ich selbst
+fand, äusserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein überreichte
+ich dem Redakteur die Blätter, der sie überflog und erstaunt rief:
+
+»Sie sind der geborene Journalist, junger Mann . . . Ihre Findigkeit ist
+nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer
+Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?«
+
+»Das ist mein erster Versuch,« erwiderte ich etwas schüchtern.
+
+»Was waren Sie denn früher? Jeder Journalist war früher etwas anders.«
+
+»Dichter,« sagte ich beschämt.
+
+»Na, das haben Sie sich glücklich abgewöhnt. Ich habe Beschäftigung für
+Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in die Oper
+und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.«
+
+»Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.«
+
+»Unsinn,« antwortete er grob, »solche Bedenken gewöhnen Sie sich nur ja ab,
+mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch, theosophisch
+. . . was verlangt wird . . . verstehen Sie? Ich sehe übrigens, dass Sie,
+um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollständigen müssen. Hier
+haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben Sie dieses Blatt.«
+
+Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten, was
+darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo ich mich
+völlig ausrüstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner Zimmertür
+stand eine pompöse, übermässig elegant gekleidete Dame.
+
+»O . . . Sie kommen endlich . . .« rief sie in einem gebrochenen Deutsch.
+»Ich bin Rubini . . ., Carlotta Rubini . . . ich höre, dass Sie heute abend
+die Kritik schreiben.«
+
+Ich geriet etwas in Verlegenheit.
+
+»Verzeihen Sie . . . Signora . . .« stammelte ich . . . »ich wohne nur
+vorübergehend in dieser Höhle . . . bis ich eine Wohnung nach meinem
+Geschmack finde.«
+
+»O ich begreife . . . ich begreife . . .« sagte die Rubini und trat ein.
+
+Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von den 500
+Frauen, die mir in der Schmugglerhöhle zunächst gelegen hatte.
+
+»Ach . . . ich hin so müde . . .« sagte sie . . . »darf ich ein wenig
+ausruhen . . . seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.«
+
+»Gewiss . . . gewiss . . . Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten
+könnte . . .«
+
+»Ach ja, mein Herr . . . bieten Sie mir etwas an . . . lassen Sie etwas
+holen.«
+
+Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster
+arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus
+Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern, die
+ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach die so
+unentbehrliche Million zukommen lassen würden.
+
+Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich's die Rubini sehr bequem
+gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt ich bereits
+besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen übermässig starken Pulsschlag
+. . .
+
+ -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- -- --
+
+Aber sie war nur ein Präzedenzfall. Ich könnte noch 499 Geschichten
+erzählen, wenn nicht die hohe Geburt, der europäische Name und der Reichtum
+meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten. Aber aus rein
+psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal indiskret sein;
+nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhäuser abwarten.
+
+
+
+
+
+
+
+
+Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Müller
+Verlag in München in einer Auflage von 800
+Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg & Lefson
+in Berlin hergestellt und nach den Entwürfen von
+Paul Renner bei Hübel & Denck in Leipzig gebunden.
+Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van
+Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden.
+
+Dieses Exemplar trägt die Nr. 551
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH ***
+
+***** This file should be named 37763-8.txt or 37763-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ http://www.gutenberg.org/3/7/7/6/37763/
+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+*** START: FULL LICENSE ***
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+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
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+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
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+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
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+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
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+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
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+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
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+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
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+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
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+
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+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
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+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
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+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
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+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+The Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz
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+Title: Haschisch
+ Erzählungen
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+Author: Oscar A. H. Schmitz
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+Release Date: October 15, 2011 [EBook #37763]
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<div class="trnote">
+<p class="center">
+<a href="#Anmerkungen">Anmerkungen zur Transkription</a> finden sich am Ende des Buches.
+</p>
+</div>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h1 style="page-break-before:always">
+<span style="font-size:larger">Haschisch</span><br />
+Erzählungen von<br />
+Oscar A. H. Schmitz
+</h1>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="center" style="text-transform:uppercase;">
+Mit dreizehn Zeichnungen von Alfred Kubin<br />
+München und Leipzig bei Georg Müller MCMXIII
+</p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-align:right;margin-right:10%;text-indent:0%;font-size:small;">
+Gedruckt bei Imberg &amp; Lefson G. m. b. H. in Berlin SW. 68.
+</p>
+
+
+<h2 class="chapter" style="text-align:left">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Haschisch</a></p>
+<p class="contents2"><a href="#chapter-2">Der Haschischklub</a></p>
+<p class="contents2"><a href="#chapter-3">Die Geliebte des Teufels</a></p>
+<p class="contents2"><a href="#chapter-4">Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts</a></p>
+<p class="contents2"><a href="#chapter-5">Karneval</a></p>
+<p class="contents2"><a href="#chapter-6">Die Sünde wider den Heiligen Geist</a></p>
+<p class="contents2"><a href="#chapter-7">Die Botschaft</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-8">Der Schmugglersteig</a><a id="corr-0"></a></p>
+
+<p style="page-break-before:always">&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p style="text-indent:0; margin-left:10%;text-transform:uppercase;font-size:large;">
+Haschisch
+</p>
+<p style="text-indent:0; margin-left:20%;">
+Oh! là là! que d'amours splendides<br />
+j'ai rêvées! (Arthure Rimbaud).
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
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+<p>
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+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">Vorrede zur vierten Auflage
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>CH würde und könnte dieses 1897 und 1900 entstandene und 1902
+zum ersten Mal erschienene Buch &mdash; also lange bevor der Satanismus
+und das &bdquo;groteske&ldquo; Genre in Deutschland Mode waren &mdash; heute
+nicht mehr schreiben, vielleicht weil meine Phantasie in weniger übermütiger
+Fülle blüht, vielleicht weil eine universellere Weltbetrachtung
+das rein ästhetische Flattern von Reiz zu Reiz etwas hemmt. Dennoch
+freue ich mich, dieses Buch als ein Vierundzwanzigjähriger geschrieben zu
+haben. Man hat mir die Notwendigkeit nahe gelegt, sein Neuerscheinen in
+Einklang zu bringen mit meinen in der letzten Zeit gelegentlich geäusserten
+und heftig angegriffenen Ansichten über die Grenzen zwischen Kunst,
+Sittlichkeit und Religion. Nun, ein Kunstwerk kann, wie ja heute bis
+zum Überdruss gepredigt wird, allerdings in sich weder unsittlich noch
+irreligiös sein. Vielmehr hat es als Kunstwerk mit Sittlichkeit und Religion
+überhaupt nichts zu tun. Wohl aber kann ein unsittlicher Gebrauch davon
+gemacht werden und beschränkte Gemüter mögen in ihrem Glauben daran
+Anstoss nehmen. In diesem Buche nun unterfange ich mich nicht, an den
+Grundlagen der Familie und Ehe zu rütteln, wenn ich mir auch als Künstler
+herausnehme, meine Stoffe unter den Merkwürdigkeiten zu suchen, die
+ausserhalb der Familie liegen. Ebensowenig drücke ich eine Missachtung
+vor der Religion aus &mdash; was ganz und gar meiner eigenen religiösen Gesinnung
+widersprechen würde &mdash;, wenn ich zeige, wie eine gotteslästerliche
+Schar verruchter junger Leute in dem Augenblick, wo sie glaubt
+die Sünde wider den Heiligen Geist zu begehen, vor der Allmacht Gottes
+anbetend in die Knie sinkt. Ein Monsignore in Rom hat mir einmal versichert,
+dass meine Darstellung, wenn sie auch den Teufel recht eingehend
+konterfeit, in nichts gegen die katholischen Dogmen verstösst. Ein Gläubiger
+wird sogar von dem Gedanken erbaut sein, dass Gott die grösste
+der Sünden, die wider den Heiligen Geist, kaum zulässt. Immerhin ist das
+Buch nur für gebildete Erwachsene geschrieben. Sein Äusseres wird es
+aus der Kinderstube fernhalten, sein Preis muss es für die halbwüchsige
+Jugend unzugänglich machen, und sein Stil dürfte kaum das Interesse der
+Halbgebildeten erwecken. Damit ist den berechtigten Forderungen der
+sozialen Sittlichkeit genug getan.
+
+</p><p>Ich wende mich zunächst an erfahrene Männer. Wenn ihnen das
+Büchlein solcher Ehre würdig scheint, mögen sie es ihren Geliebten, die es
+doch in dieser christlich-moralischen Welt nun einmal gibt, und deren
+Los ist, ausserhalb der Schranken der gesellschaftlichen Moral in wilder
+Anmut zu blühen, auf den Toilettentisch legen. Es jungen Schwestern
+und Töchtern zu geben, die sich ihr Schicksal innerhalb dieser Schranken
+aufbauen sollen, wäre tadelnswert. Es seiner Frau zu schenken, ist meist
+überflüssig, oft gefährlich, doch kommt es natürlich immer auf die Frau an.
+
+</p><p>Und dir, schöne Müssiggängerin, die du zufällig durch diese Vorrede
+gerade zur Lektüre gelockt wirst, sage ich dies: wenn du nicht
+anders kannst, lies es heimlich, so wie du dich einmal gelegentlich auf
+einen nicht ganz einwandfreien Ball stehlen magst, wohin du nicht gehörst.
+Solange du selber weisst, dass du nur eine Escapade begehst, deren man
+sich nicht rühmen soll, um kein schlechtes Beispiel zu geben, magst du es
+in des Teufels Namen lesen. Stellst du dich aber auf den Standpunkt
+heuchlerischer Liederlichkeit, deren drittes Wort lautet: &bdquo;es ist ja nichts
+dabei,&ldquo; oder aber, gehörst du zu jenen schwatzhaften Gänsen, die immer
+wieder betonen, die Frau sei in erster Linie Mensch und von derselben
+sittlichen Natur wie der Mann, dann haben wir beide uns nichts zu
+sagen.
+
+</p><p>Nach der Aufführung eines Stückes von mir, welches das &bdquo;Don-Juan&ldquo;-Problem
+behandelt, kam eine moderne Mutter auf mich zu und
+erzählte mir, wie entzückt ihr achtzehnjähriges Töchterchen aus der Vorstellung
+gekommen sei und wie erregt man am Familientisch die von mir
+berührten Fragen erörtert habe. Ich war ganz erschrocken, zumal sich mir
+nun das Kind selber näherte, und warnte die gute Dame aufrichtig davor,
+meine Werke jungen Mädchen zu geben. &bdquo;O wir sind vorurteilslos,&ldquo;
+erwiderte sie. &bdquo;Aber ich nicht,&ldquo; sagte ich in peinlicher Verlegenheit,
+&bdquo;bitte, verhindern Sie Ihr Töchterchen, mit mir über mein Stück zu sprechen.
+Ich wüsste kein Thema, das ich nicht mit einer Frau behandeln könnte,
+aber zu sexueller Aufklärung fühle ich mich nicht berufen.&ldquo;
+
+</p><p>Warum werden diese einfachen Fragen heute so verwirrt? Es
+geben<a id="corr-1"></a> auch in einer gesund funktionierenden Gesellschaft eine Menge
+von Gesetzgebern und Moralphilosophen unvorhergesehene Dinge vor.
+Gerade sie werden ihrer bunten Abenteuerlichkeit wegen den Künstler
+besonders reizen. Sie verbieten ist heuchlerisch, philisterhaft und ausserdem
+zwecklos. Darum sollen sie noch lange nicht öffentlich ausgeschrien
+werden. Auch von dem Künstler ist daher zu verlangen, dass die Form,
+in der er solche Stoffe behandelt, und von dem Verleger, dass die Art,
+wie er sie auf den Markt bringt, die Distanzen zu der herrschenden Sittlichkeit
+wahrt. Man erzählt nicht am Familientisch, dass man gestern
+mit einer &bdquo;interessanten&ldquo; Dame soupiert hat. So wird man verhindern
+müssen, dass Bücher, die heikle Themen behandeln, in falsche Hände geraten.
+Ganz verkehrt, weil kunstmordend, ist das englische System, das
+dem Künstler einfach die Darstellung solcher Dinge verbietet und dem
+jungen Mädchen alles zu lesen und zu sehen erlaubt, statt dem Künstler
+die Freiheit der Darstellung zu lassen, aber jungen Mädchen bisweilen
+den Zugang zu verbieten. Die französische Gesellschaft war darum so
+frei und geistreich, weil junge Mädchen streng ausgeschlossen wurden;
+die englische ist deshalb so langweilig und monoton, weil die &bdquo;spinsters&ldquo;
+bei allem dabei sein müssen.
+
+</p><p>Der Autor, der sich auf gewagte Pfade begibt, muss sich eines
+besonders gepflegten Stils befleissigen und damit hat er die Pflichten
+der Sittlichkeit und des Taktes erfüllt. Das weitere ist Sorge der Verleger,
+Buchhändler, Eltern und Vormünder.
+
+</p><p>Also, Ihr lachenden Curtisanen, Euch lege ich dieses Büchlein meiner
+Jugend offen ans Herz, und Ihr, selbstsichere und kluge Damen, Euch
+stecke ich es vielleicht heimlich unter das Kopfkissen!
+
+</p><p>FRANKFURT A. M., JANUAR 1913.
+
+</p><p class="signature">
+O. A. H. S.
+
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Der Haschischklub
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">A</span>N einem Abend des Winters 189* befand ich mich in einem wenig
+besuchten Pariser Speisehaus. Während ich, ohne meiner Umgebung
+zu achten, ausschliesslich mit der Mahlzeit beschäftigt
+war, hörte ich neben mir eine halblaute Stimme, die sich an den Kellner
+wendete. Die trotz dem fremdländischen Akzent gewandte Ausdrucksweise,
+welche Vertrautheit mit den Boulevards verriet, fesselte meine
+Aufmerksamkeit, und ich erkannte in dem schlanken, diskret blonden, schon
+etwas alternden Dandy den Grafen Vittorio Alta-Carrara. Ich beobachtete,
+während er, ohne mich zu sehen, sein Menü zusammenstellte, dass sich die
+vertikale Tendenz seiner Linien seit unserem letzten Zusammentreffen noch
+verstärkt hatte und eine unübertreffliche Kunst des Anzugs dieser Veranlagung
+durchaus gerecht wurde; die schmalen langen Beine liess er in die
+schlanksten Stiefel auslaufen, während die fast entfleischten Finger in
+spitzbogenförmigen Nägeln endigten. Seine dünnen Lippen, die keine Sinnlichkeit
+merken liessen, hatten neben dem &bdquo;ennui&ldquo; eine gewisse Bitterkeit
+angenommen, die seine kühle Persönlichkeit fast menschlicher und etwas
+nahbarer erscheinen liess.
+
+</p><p>&bdquo;Ah, Sie sind in Paris&ldquo;, sagte der Graf und zeigte sich nur aus Liebenswürdigkeit
+erstaunt, obgleich zwischen unserem letzten Zusammentreffen
+und diesem Abend in Paris mehrere Jahre und Länder lagen.
+
+</p><p>Wir hatten uns einmal in einem römischen Salon kennen gelernt,
+wo wir eines Abends nach dem Brauch des Landes, jeder mit einer Teetasse
+in der Hand, zwischen seltenen Statuen eine Stunde lang nebeneinander
+standen. Später erfuhr ich, dass er einen kalabrischen Vater hatte, der ihn in
+einer geheimnisvollen Schwärmerei für die grossen, blondhaarigen Frauen
+des Nordens mit einer ziemlich untergeordneten Norwegerin erzeugt hatte,
+die immerhin blond und schlank genug war, um den phantastischen Südländer
+den Duft der Freiaäpfel wenigstens von weitem wittern zu lassen. &mdash;
+
+</p><p>Ein anderes Mal sah ich den Grafen in einem abgelegenen niederländischen
+Museum, wo er nach den Fragmenten eines unbekannten Kupferstechers,
+Allaert van Assen, suchte. Dieser Meister &mdash; so versicherte er &mdash; hatte
+in Höllenszenen sehr sinnreiche Foltern dargestellt, die beweisen sollten,
+dass der Schmerz eine gesteigerte Lust sei, dass nur törichte Menschen
+nicht nach den Genüssen einer ewigen Verdammnis lechzen könnten. Die
+Inquisition hat diesen Satanisten, der sich nach Spanien verirrte, mit Schneeumschlägen
+auf Herz und Hirn, wohlweislich und langsam verbrannt und
+seine Werke vernichtet oder entstellt. &mdash; Zum letzten Male hatte ich den
+Grafen im Handschriftenkabinet einer kleinen deutschen Stadt gesehen,
+wo er einen arabischen Kodex auszog, der, wie er schwur, die ganze erotische
+Literatur der Europäer überflüssig machte.
+
+</p><p>Heute abend war Alta-Carrara wenig mitteilsam. Seine ganze
+Aufmerksamkeit schien von den Speisen gefesselt zu sein, die ihn, nach
+seiner besonderen Anweisung zubereitet, durchaus zu befriedigen schienen.
+Plötzlich unterbrach er sich bei einer Kastaniensuppe, die ihm eine Erinnerung
+wachzurufen schien:
+
+</p><p>&bdquo;Haben Sie nicht einmal einen Vers gemacht &mdash; so etwas wie .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><div class="poem">
+<p class="line">.&nbsp;.&nbsp;. und eine Lust, gepflückt in tausend Lanzen,</p>
+<p class="line">der sich die Seele wie aus früherm Sein</p>
+<p class="line">entsinnt, verklärt mit gelbem Morgenschein</p>
+<p class="line">die Tiefen, die das Leben schwarz umgrenzen .&nbsp;.&nbsp;.?</p>
+</div><p>
+
+</p><p class="noindent">Sehen Sie, diese Lust aus tausend Lenzen, dieses Haschischparadies
+darstellen, das wäre grosse Kunst, aber wir alle reden nur davon, wir
+schaffen es nicht. Die neue Kunst müsste den Haschisch, das Opium entthronen
+.&nbsp;.&nbsp;.!&ldquo;
+
+</p><p>Ich war überrascht. Niemals hatte ich diesen blassen Menschen so
+eindringlich mit dem Ton unverkennbarer Aufrichtigkeit reden hören. Und
+das geschah wegen einer Strophe, die ihn unbefriedigt liess. Ich war bisher
+geneigt gewesen, ihn nur für einen gebildeten ästhetischen Dandy zu
+halten. Nun aber kam es mir fast vor, von ihm einen Schrei nach der
+Unendlichkeit zu hören aus jenem seltsamen Schmerz heraus, der heute
+manche Geister verwirrt, die früher in gewissen feineren Richtungen des
+Christentums Genugtuung fanden, vielleicht heute noch finden würden,
+wenn nicht bestimmte Kapellen (wer weiss auf wie lange) verschlossen
+wären. &mdash; Ich hatte an diesem Abend noch keine Gelegenheit gehabt, den
+Augen Alta-Carraras zu begegnen und beobachtete erst jetzt jenes beinahe
+angestrengte Starren, das aussermenschliche Horizonte zu berühren sich
+abmüht, Ausblicke in künstliche Paradiese sucht, zu denen nur die satanischen
+Drogen, die der Graf bereits genannt, den Übergang gestatten. &mdash;
+Wir hatten ungefähr gleichzeitig die Mahlzeit beendet, während der Alta-Carrara
+wieder in die bewusste Zurückhaltung eines einsamen Menschen
+getreten war, der glaubt sehr höflich gewesen zu sein, weil er ein paar
+Worte gesprochen hat.
+
+</p><p>&bdquo;Ich werde diesen Abend mit Freunden verbringen,&ldquo; sagte er plötzlich.
+&bdquo;Vielleicht haben Sie Lust und Zeit, an unserer Gesellschaft teilzunehmen?&ldquo;
+
+</p><p>Ich war wieder überrascht. Alta-Carrara kannte mich kaum. Er
+konnte von mir nicht viel mehr mit Sicherheit beurteilen, als die Qualitäten
+meines Schneiders. Eine unüberlegte Höflichkeit war diesem stets bewussten
+Menschen nicht zuzutrauen. Ich musste also eine Beziehung annehmen
+zwischen jener Strophe, die er vielleicht für ein Pantakel meiner
+Persönlichkeit hielt, und dem Charakter der Gesellschaft, in die er mich
+einführen wollte.
+
+</p><p>Wir fuhren nach dem Viertel Batignolles. Unterwegs hoffte
+ich einige vorbereitende Bemerkungen über den Freundeskreis Alta-Carraras
+zu hören. Er sprach indessen mit oberflächlicher, fast graziöser
+Leichtheit über die verschiedensten Dinge, ohne gerade Dummheiten zu
+sagen. Ich fühlte, dass es ihm nur darum zu tun war, ein neues Stillschweigen
+zu vermeiden. &mdash; Nachdem wir die sechs Treppen eines modernen
+Mietshauses erstiegen, wies man uns in einen weiten, atelierartigen
+Raum. In dem dämmerigen Licht rotverschleierter Kerzen gewahrte ich
+mehrere Männer, die in bequemen, wie mir schien, orientalischen Kleidern
+auf niedern Polstern lagen. Zwischen den Ruhebetten standen Taburetts
+mit Nargilehs und dampfenden Duftschalen. Ein sanfter Geruch brennender
+Harze vermengte sich mit dem Rauch leichter englischer Zigaretten.
+An den dunkelroten Wänden hingen tiefschwarze Radierungen und Stiche,
+deren kaum erkennbare Darstellungen wie die Gesichte eines Alpdrucks
+auf uns niederstarrten. In den Ecken unterschied ich zwischen fremdartigen
+Gewächsen altmodische musikalische Instrumente wie seltsame
+Reptilien. Man bewegte sich kaum bei unserem Eintreten. Leichte Grüsse
+wurden getauscht. Alta-Carrara machte schweigend eine Handbewegung,
+als stelle er mich vor. Dann liessen wir uns auf Kissen nieder. Von einem
+zwischen uns stehenden Tischchen nahm der Graf einige Haschischpillen
+und bot mir lächelnd die Schale.
+
+</p><p>&bdquo;Die Umherliegenden&ldquo;, erklärte er halblaut, &bdquo;befinden sich in einem
+Zustand der Angeregtheit, den man nicht Rausch nennen kann. Sie haben
+nur ganz geringe Dosen Haschisch geschluckt. Sie werden sie in logischen
+Wortfolgen reden hören, nur vielfachere, seltsamere Zusammenhänge
+finden sehen, als sie sich sonst erkennen lassen. Wenn wir Glück haben,
+können wir uns wie in einer Versammlung plötzlich erleuchteter Künstler
+befinden, denen fabelhafte Worte von den Lippen fliessen, von deren
+Glanz sie morgen kaum selbst noch etwas ahnen. Andere verzichten auf
+den Genuss des Haschischs und bewundern die Wirkung, die er in den
+übrigen hervorbringt. Wer dazu imstande ist, wird durch Musik oder
+seltsame Erzählungen den Vorstellungen der übrigen besondere Richtungen
+zu geben suchen. Werfen Sie einmal einen Blick durch diese offene Tür
+in die Nebenräume; dort befinden sich die, welche ganz in die Abgründe
+der Unbewusstheit versinken wollen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich sah in der Dämmerung schlafende Menschen vor venetianischen
+Spiegeln ausgestreckt.
+
+</p><p>&bdquo;Durch die bunten Glasblumen der Spiegel glauben sie in fabelhafte
+Wasserteiche unterzutauchen&ldquo;, sagte der Graf. &bdquo;Die beiden auf Zehen
+herumgehenden Männer sind geschickte Diener, die sie gegen Kälte und
+Durst schützen, da sie in ihrer Willenslähmung vorziehen würden, die
+Lippen verbrennen zu lassen, als das vor ihnen stehende Getränk selbst
+an den Mund zu führen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich beschloss gleich meinen Nachbarn durch eine leichte Haschischdosis
+nur die Sinne zu verfeinern, die Hemmungsvorstellungen des oft ungerufen
+tätigen Intellekts zu beseitigen, kurz, ein gesteigertes Leben zu
+geniessen.
+
+</p><p>Es herrschte grosse Ruhe in dem Raum. Bisweilen fielen einzelne
+französische Worte, deren Aussprache mir verriet, dass die Anwesenden
+teils Fremde waren. Ich mochte eine halbe Stunde träumend gewartet
+haben, als in einer Ecke auf einem Clavichord und einer Gambe ein altmodisches
+italienisches Divertimento gespielt wurde. Ich fühlte mit
+besonderem Behagen, wie diese Musik mich und die Gegenstände rings
+durchdrang, durchblutete, durchglomm. Es schien mir ganz selbstverständlich,
+wie nun alles aufglühte. Das war die eigentliche Farbe des
+Lebens. Vorher hatten die Dinge geschlafen. Alles rings war leicht und
+vor allem sehr gütig. Die Undurchsichtigkeit der Gegenstände schien
+aufgehoben; alles war farbiges Glas, hinter dem sich nichts mehr verbarg;
+die Wortfolgen, die ich hörte, waren bestimmt und einfach, wie mathematische
+Sätze, schienen in Zahlen auflösbar. Mit einem Blick übersah
+ich Zusammenhänge, die sonst das Ergebnis mühseliger Überlegung sind;
+die Worte funkelten in den verschiedenen Farben aller Sprachen. Die
+Silben &bdquo;Kirche&ldquo; klangen zugleich gross und hell wie &bdquo;église&ldquo;, misstrauisch-puritanisch
+wie &bdquo;church&ldquo;. Die Buchstaben &bdquo;Wort&ldquo; enthielten gleichzeitig
+das talismanähnliche &bdquo;logos&ldquo;, das runenhafte &bdquo;waurd&ldquo;, das spitze
+fliegende &bdquo;mot&ldquo;, die ein wenig gewichtig aufgeputzte &bdquo;parole&ldquo;. Bei allen
+Silben klangen wie Untertöne halbverwehte Reime mit; ich roch, sah,
+schmeckte jedes Wort, ich fühlte es an wie Seide oder Marmor; ich sah
+nicht mehr bloss Flächen, sondern ganze Körper von allen Seiten zugleich.
+Und dieser plötzliche Reichtum der Wirklichkeit, aus der ich keineswegs
+heraustrat, machte mich übersprudelnd glücklich und dankbar, so dass
+ich gern anderen Leuten Gutes getan hätte, gesetzt, dass ich dabei auf der
+Ottomane ausgestreckt bleiben konnte. Ich war mir übrigens vollkommen
+bewusst, wo ich mich befand. Mir schien, ich hätte eine farbige Brille
+auf. Wenn ich wollte, konnte ich aber auch an den Gläsern vorbeischielen
+und sehen, wie unbestimmt, verwirrt und verstaubt das Leben eigentlich
+ist. Ich war Herr meines Willens und konnte nach Laune die Dinge
+wirklich und gefärbt betrachten.
+
+</p><p>Während die dunkelroten Tapeten wie Glaswände erglühten, hinter
+denen fabelhafte Sonnen in tollen Glutausbrüchen versanken, erhob
+sich vor diesem blendenden Hintergrund plötzlich ein Kopf, der sich so
+ungeheuer ausdehnte, dass er mein ganzes Gesichtsfeld einnahm. Zwischen
+dem reichen rötlichen Bart bemerkte ich feste, dünne Lippen. Das
+blasse Gesicht war fast starr, und in der Erinnerung meine ich, es hätte
+bisweilen leichenhaft grüne und violette Reflexe angenommen. Dieser
+Mann sagte, er sei in Deutschland geboren, und so möge man ihm die
+unvollkommene Aussprache des Französischen verzeihen. Seine klaren
+verständlichen Worte erweckten meine Neugier. Bewusst hielt ich mich
+wieder an der Wirklichkeit fest und beschloss, dem Mann aufmerksam
+zuzuhören, in dem ich denselben erkannte, der vorher auf einem Clavichord
+gespielt hatte. So leicht es mir auch wurde, im Geist seinen Worten zu
+folgen, so froh war ich, dabei den Körper nicht bewegen zu müssen. Er
+erzählte eine Geschichte, aus der mir Bilder und Gespräche mit einer
+Deutlichkeit im Gedächtnis geblieben sind, wie sie eigene Erlebnisse selten
+behalten. Es ist mir gelungen, die Zusammenhänge dieser Einzelheiten
+wieder zu finden:
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Die Geliebte des Teufels
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>OR fünfzehn Jahren trieb mich die Not, eine Kapellmeisterstelle
+in einer britischen Provinzialstadt anzunehmen. Die verhältnismässig
+geringe Bosheit der Menschen in meiner Vaterstadt hatte
+mir gestattet, ein ziemlich zwangloses Leben mit dem Besuch der Salons zu
+verbinden; ja, ich durfte mir erlauben, dorthin einen leichten Duft von
+draussen zu bringen und gewisse Vorrechte eines verwöhnten, unartigen
+Kindes zu beanspruchen. Das ist nun ein halbes Menschenalter her. Aus
+dieser Umgebung sah ich mich plötzlich in die bürgerlichste englische
+Atmosphäre versetzt, deren Charakter das Wort &bdquo;respectability&ldquo; durchaus
+bezeichnet. Stellen Sie sich eine Stadt vor, deren Häuser mit einem rauchigen
+Schwarzrot bestrichen und durch winzige Fenster von kümmerlicher Gotik
+erhellt sind. Zum Öffnen werden die Scheiben hinaufgeschoben, so dass
+der sich herausbeugende Kopf gewissermassen unter einer Guillotine liegt;
+denken Sie sich Strassen von ungesunder, gleichsam desinfizierter Sauberkeit,
+die an die kranke Fadheit gewisser nie schweissabsondernder Häute
+erinnert, deren Poren gegen Ausdünstung geschlossen sind. In diesen
+Strassen bewegt sich eine lautlose Bevölkerung. Alle sind peinlich korrekt
+gekleidet. Die Männer tragen Anzüge von der Farbe schmutziger
+oder vom Regen aufgeweichter Landstrassen. Die Gesichter müssen
+einmal im Augenblick verzweifelter seelischer Stumpfheit, von einem
+fürchterlichen Ereignis entsetzt, stehen geblieben sein. Überall glaubt
+man Versteinerungen zu sehen. Keine Kaffee- und Speisehäuser beleben
+die Strassen, nur heftig riechende Whiskyausschänke. Meine Tage
+spielten sich daher in einem boarding-house ab, an dessen Tafel sich eine
+Gesellschaft spärlich blonder, lymphatischer Menschen versammelte; die
+roten Pusteln in den wässerigen, bartlosen Gesichtern, die langen Gliedmassen,
+und besonders die wie von einer Maschine hervorgebrachten
+wärmelosen Stimmen erweckten in mir anfangs nur ein kaltes Starren.
+Fast den ganzen Tag wurden durch die in ihrer Düsterkeit endlos scheinenden
+Gänge und Speiseräume von verschwiegenen Bedienten zugedeckte
+Schüsseln und Platten mit riesenhaften blutenden Braten getragen. Schon
+um neun Uhr morgens hatte man dicke Ragouts und schwere Pasteten verzehrt,
+so dass ich mich schon früh in jenem dumpfen Zustand befand, der
+einen nach zu reichlicher Mahlzeit überkommt. Ein breidickes, schwarzes
+bitteres Bier lockt den gradlinig denkenwollenden Geist in einen Sumpf.
+Das Blut verdickt sich bis zur Stagnation, man fühlt das Gehirn wie eine
+warme schwere Masse im Kopfe lasten, in der ein spitziges böses Ding
+fest steckt: der Spleen.
+
+</p><p>Meine Tätigkeit bestand in der Leitung eines nach deutschem Muster
+begründeten musikalischen Klubs, in dem sich die Gesellschaft von H.
+angeblich zur Pflege klassischer Komponisten versammelte. Die eigentliche
+Ursache der Zusammenkünfte war jener geistlose Flirt, den das
+provinziale englische Bürgertum so über alles liebt, worin es beständig
+die Instinkte verflüchtigt, ohne nach stärkeren Entladungen zu verlangen.
+Die hartnäckige Weigerung, sonst an der Geselligkeit teilzunehmen,
+meine ziemlich extravaganten Halsbinden und Westen setzten bald die
+zweifelhaftesten Gerüchte über mich in Umlauf. Obwohl mir, dem interessanten
+Fremden, alle Häuser dieser vor Neugier und Langeweile vergehenden
+Stadt offenstanden, fühlte ich mich nur zu einem Kreis ein
+wenig hingezogen, der für die Gesellschaft überhaupt nicht da war, da
+ihm die verachtetsten Menschen angehörten. In einem Keller der übelsten
+Vorstadt versammelten sich nachts die Mitglieder einer kleinen hungrigen
+Schauspielertruppe, deren groteske, oft recht abgeschmackte Sitten mich
+immer noch mehr anzogen, als die abgezirkelten jener blutlosen Gesellschaft.
+Diese Schauspieler, zum Teil verkommene Talente, hatten sich der einzigen
+Panazee ergeben, die gegen den Jammer des englischen Lebens besteht:
+dem Whisky. Ich verbrachte mit ihnen, meist nüchterner als sie, in dem
+rauchigen trüben Keller eine Reihe von Winternächten, die mich vielleicht
+sonst zum Selbstmord getrieben hätten, und nicht eher verliess ich die
+hagern, pathetischen Zecher, als bis ich sie mit verzerrten Gesichtern in
+der Emphase der Betrunkenheit ihre Lieblingsrollen durcheinander schreien
+hörte. Wenn ich dann, von Müdigkeit übermannt, diese Stimmen nicht
+mehr ertrug, stieg ich in die reine Winternacht empor und unterschied
+noch in dem ferndumpfen Geheul unter dem harten Schnee Verse aus
+Hamlet und König Lear. Oft beklagte ich selbst diese Ausschweifungen,
+die mich halbe Tage verschlafen liessen. Aber immer wieder floh ich zu
+den Schauspielern; denn wenn der Abend kam, jener feuchte neblige
+Abend, mit seinen Schauern der Kälte und des Schreckens, dann trat in
+mein Zimmer das dümmste der Gespenster, dessen Namen wir uns schämen
+einzugestehen, das es besonders auf die germanischen Rassen abgesehen
+zu haben scheint: die Sentimentalität. Wie oft hatte ich die Nachmittage
+über einem Buche verbracht, das mich weit von der Wirklichkeit entfernte,
+aber leise, wenn die Dämmerung kam, fühlte ich, wie sich die
+feucht-kalten Hände des Gespenstes, die zu liebkosen scheinen möchten,
+um meine Stirn, über die Augen legten und mich am Weiterlesen hinderten.
+Ein Wort hatte vielleicht begehrliche Schwächen in mir erweckt und nun
+war ich für den Abend der grausamen Macht verfallen. Oder zwischen
+mein Klavierspiel tönte eine gleichgültige Stimme vom Vorplatz herein,
+oder ich atmete den Duft des Tees, einer Zigarette, und ich war ein Sklave
+der nie in ihrer Entsetzlichkeit genannten Gewalt, denn man begnügt sich
+vor ihr wie über eine süsse Torheit zu lächeln. Ich aber behaupte, dass
+uns dieser hinterlistige Feind in den Rausch stösst, wenn wir gern nüchtern
+blieben, dass er Angst vor uns selbst, vor dem Alleinsein erweckt, denn
+wir wissen, dass er dort auf den Möbeln liegt, Düfte aus gottlob vergessenen
+Stunden erweckt, alberne Melodien aus dem Flügel lockt und
+auf den Blumen der Tapeten Gestalten schaukeln lässt, die uns zurufen,
+und zwar mitleidig, dass wir das Leben versäumt haben. Wir halten das
+nicht aus, wir rennen davon und alles, was uns der Zufall entgegenwirft,
+ist uns recht, um über einige Stunden hinwegzukommen. Und dieses unsinnige
+Wesen daheim tut dann beleidigt, ja als verletzten wir unser
+Bestes, und aus Widerspruch gegen dieses altjüngferliche Gespenst Sentimentalität
+besudeln wir uns nach Kräften.
+
+</p><p>Täglich wartete ich auf einen Umschwung in meinem Leben, denn
+ich konnte mir nicht denken, dass diese ernsthaften, vorsichtigen Händlerfamilien
+ihre musikalischen Bedürfnisse lange Zeit durch ein so zweifelhaftes
+Wesen, wie ich war, befriedigen würden.
+
+</p><p>Eines Morgens unterbrach ein ausserordentliches Ereignis diesen
+Winter. Ich erhielt einen Brief mit dem Poststempel der Stadt. Die Schrift
+war offenbar verstellt. Unter der üblichen steifen Korrektheit der englischen
+Kalligraphie beobachtete ich eine auffallende Beweglichkeit der
+Züge, phantastisch angelegte Majuskeln, die mich überraschten. Ich suchte
+vergeblich nach einer Unterschrift. Das Schreiben lautete:
+
+</p><p>&bdquo;Zweifellos, mein Herr, sind Sie der bemerkenswerteste Mensch
+in H., was übrigens nicht viel heissen will. Seit voriger Woche bin ich
+von einer Reise zurück und beobachte überall, dass sich die Einbildungskraft
+dieser Stadt fast ausschliesslich mit Ihnen befasst. Ich habe Sie nicht
+gesehen, aber man sagt mir, dass Sie totenhaft hässlich sind. Ich möchte
+Sie kennen lernen. Da mich das Äussere eines Menschen &mdash; besonders
+der nicht angelsächsischen Rassen &mdash; sehr leicht abschreckt, möchte ich
+mich mit Ihnen unterhalten ohne Sie zu sehen; wie, das lassen Sie meine
+Sorge sein. Vorläufig schreiben Sie mir nur, ob es Ihnen der Mühe wert<a id="corr-2"></a>
+scheint, die Bekanntschaft einer Persönlichkeit zu machen, die Ihnen nichts
+anderes verrät, als dass sie eine Dame ist.&ldquo; &bdquo;Es scheint mir der Mühe wert,&ldquo;
+schrieb ich ohne Zögern, denn selbst ein schlechter Scherz hätte meinem
+Leben Abwechslung gebracht. Ich brauchte nicht lange nach der Baumhöhle
+im James Park zu suchen, wo ich meine Antwort niederlegen sollte.
+
+<span class="centerpic" id="img-017"><img src="images/017.jpg" alt="Illustration 017" /></span>
+
+</p><p>&bdquo;Ich halte Sie für klug genug,&ldquo; so endete der Brief, &bdquo;den Reiz dieses
+Abenteuers nicht durch Belauern des Abholers zu stören. Sollten Sie
+die Geschichte durch eine Unklugheit verderben, so hätte ich eine missglückte
+Unterhaltung zu bedauern.&ldquo;
+
+</p><p>Am nächsten Tag erhielt ich folgende Einladung: &bdquo;Montag nachmittag
+sechs Uhr erwartet Sie Ecke Pier Road und King Street ein Coupé,
+das Ihnen der Kutscher auf die Parole &sbquo;Miramare&lsquo; öffnen wird.&ldquo;
+
+</p><p>In der Tat fand ich dort an dem bestimmten Tag in der Dunkelheit
+des frühen Winterabends unter einem Gasarm ein Coupé. Der Kutscher
+starrte, einer ägyptischen Basaltgottheit ähnlich, regungslos vor sich hin.
+Auf den Ruf &bdquo;Miramare&ldquo; sah ich ihn eine kurze automatische Handbewegung
+machen. Der Wagen öffnete sich von selbst. Das elektrisch beleuchtete
+Innere war in Resedafarbe gepolstert und strömte einen leichten
+Verbenengeruch aus. Sofort schloss sich hinter mir die Tür und der Wagen
+setzte sich in Bewegung. Auf einem Eckbrett fand ich Zigaretten. Ich wollte
+auf den Weg achten, doch als ich die Vorhänge zurückschlug, bemerkte
+ich, dass statt der Fenster hell polierte Holzplatten in die Wagenschläge
+eingelassen waren. Zum Öffnen der Türen gab es keinerlei Handhaben.
+Ich war also ein Gefangener, bis es dem basaltnen Kutscher einfiele, auf
+den Knopf zu drücken. Nur ein undurchsichtiger Ventilationsapparat an
+der Decke verband mich mit der Aussenwelt. Die fast lautlose Bewegung
+der Gummiräder machte mir unmöglich zu unterscheiden, ob ich über
+Pflaster fuhr oder ob wir die Stadt etwa verlassen hätten. Die Fahrt
+dauerte erheblich länger als eine einfache Strecke in der kleinen Stadt;
+doch der Kutscher konnte ja den Auftrag haben, durch Umwege meine
+Vermutungen irre zu leiten. Mein Aufenthalt in der duftenden Helle dieses
+rollenden Boudoirs war indessen durchaus erträglich. Ich versuchte die
+Zigaretten, deren auserlesene Qualität ich feststellte. Plötzlich hielt der
+Wagen an. Während ich draussen Stimmen vernahm, erlosch die elektrische
+Birne. Der Schlag öffnete sich. Ich sah ein verschneites Gehölz, ein Stück
+Nachthimmel und ein anderes Coupé. In wenigen Sekunden glitt geschmeidig
+wie ein fremdländisches Tier eine schwarzgekleidete Gestalt herein, die
+so dicht verschleiert war, dass ich weder Alter noch Statur erkennen
+konnte. Sofort schloss sich der Schlag hinter ihr, der Wagen fuhr weiter.
+Das Wesen hatte sich in der Finsternis neben mir niedergelassen. Ich beschloss,
+sie zuerst reden zu lassen. Vorläufig war nichts wahrzunehmen,
+als das Knistern und der Duft schwerer Seide. Dann sagte eine sichere
+ziemlich tiefe Frauenstimme:
+
+</p><p>&bdquo;Geben Sie mir bitte Ihre Streichhölzer.&ldquo;
+
+</p><p>Ich fühlte ihre Hand an meinem Arm. Sie verbarg meine Zündhölzer,
+wie mir schien, in ihrem Kleid.
+
+</p><p>&bdquo;Geben Sie mir Ihren Revolver!&ldquo; sagte sie darauf kurz und bestimmt.
+
+</p><p>&bdquo;Ihren Revolver&ldquo;, drängte sie.
+
+</p><p>Ich versicherte ihr, dass ich nie einen Revolver bei mir führe, da
+ich mir bei meiner Erregbarkeit mehr Unheil als Schutz damit schaffen
+würde.
+
+</p><p>&bdquo;Ausser heute,&ldquo; bemerkte sie halb ironisch.
+
+</p><p>&bdquo;Ich hatte schlimmstenfalls einen boshaften Scherz zu erwarten,&ldquo;
+erklärte ich, &bdquo;dazu hätte mir dieser Stock genügt; mit Vergnügen liefere
+ich ihn aus.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Danke, vor einem Stock habe ich keine Angst.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber vor einem Revolver?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Solch ein Instrument&ldquo;, erwiderte sie rasch, &bdquo;gibt einem Abenteuer
+so leicht den Anstrich von faits divers für die Morgenzeitung.&ldquo;
+
+</p><p>In diesem Augenblick bemerkte ich, wie sie etwas Hartes auf das
+Wandbrett legte. Leise erhob ich die Hand, um den Gegenstand zu befühlen
+und machte dabei unvorsichtigerweise ein Geräusch.
+
+</p><p>&bdquo;Was tun Sie?&ldquo; fragte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Ich suche meine Handschuhe.&ldquo;
+
+</p><p>Sofort bereute ich diese dumme Ausflucht.
+
+</p><p>&bdquo;Ich hätte Lust, Licht zu machen&ldquo;, rief sie lachend, &bdquo;um zu sehen,
+ob Sie jetzt erröten.&ldquo; Ich kam mir vor wie ein Schulknabe.
+
+</p><p>&bdquo;Ich gestehe, mir eine Blösse gegeben zu haben,&ldquo; sagte ich, &bdquo;aber
+verrät es nicht auch eine Schwäche, dass Sie es für nötig hielten, einen
+Revolver mitzubringen, während ich waffenlos kam?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Insofern haben Sie sogar schon einen Sieg zu verzeichnen,&ldquo; antwortete
+sie, &bdquo;als Sie mein Vertrauen besitzen. Ich glaube Ihnen nämlich,
+dass Sie waffenlos sind.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Darf ich Ihnen die Hand drücken?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Damit Sie mich mit einem Mal durchschauen? Nun, ich habe
+Pelzhandschuhe an. Hier haben Sie eine maskierte Hand, deren Gestalt
+nichts verrät.&ldquo;
+
+</p><p>Ich konnte bereits merken, dass ich es mit keiner Bovary zu tun
+hatte, sondern mit einer ganz bewusst handelnden Frau von abgefeimter
+Spitzfindigkeit. Manchmal schwieg ich minutenlang; das machte sie nervös.
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben wohl heute einen schlechten Tag?&ldquo; fragte sie.
+
+</p><p>&bdquo;Im Gegenteil, den besten, seit ich in H. lebe. Und Sie?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich langweile mich ein wenig.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Zu Ihrer Erheiterung will ich Ihnen verraten, dass Sie in diesem
+Augenblick genau dasselbe erleben, was der Mann so oft vor Frauen
+empfindet. Aus Scheu vor der Banalität fürchten Sie, die notwendigen
+ersten Worte auszusprechen. Ich weiss, Frauen amüsiert diese Angst
+der Männer sehr, denn sie merken, dass man sie zu ernst nimmt. Sie
+würden ja gar nicht nachdenken, ob es banal ist, wenn man über das Wetter
+spräche. Ich will nun auch einmal kritiklos sein, wie eine Frau. Fragen
+Sie mich doch einfach, wie es mir in H. gefällt, ob es in Deutschland
+ebenso schön ist .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber Sie können das alles doch auch ungefragt sagen,&ldquo; erwiderte
+sie verblüfft, fast gekränkt.
+
+</p><p>&bdquo;Mir kommt es ja gar nicht darauf an, zu reden,&ldquo; sagte ich lachend.
+&bdquo;Es langweilt mich nicht im geringsten mit einer Unbekannten, unter der
+ich mir nach Belieben eine Semiramis oder die Otéro vorstellen kann,
+schweigend durch unbekannte Gegenden zu rollen und ihr zu überlassen,
+mir die ausserordentlichsten Überraschungen zu verschaffen. Aber wenn
+Sie sprechen wollen, stehe ich gerne zur Verfügung.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ist das eigentlich eine Unhöflichkeit?&ldquo; fragte sie naiv. &bdquo;Da ich Sie
+selbst noch nicht kenne, finde ich es interessanter, an Cleopatra zu denken,
+als an eine Gouvernante aus den Romanen von Mrs. Bradford.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nun will ich Ihnen freiwillig die Hand geben,&ldquo; sagte sie plötzlich,
+&bdquo;ich glaube, mir von dem Abenteuer etwas versprechen zu dürfen.&ldquo;
+
+</p><p>Langsam schoben sich kühle, trockene Finger auf die meinen. Ich,
+fühlte eine jener schlanken, fast etwas zu knochigen Hände mit langen,
+an den Gelenken etwas ausbuchtenden Fingern, deren zitternde Beweglichkeit
+stets andere Formen hervorzubringen scheint.
+
+</p><p>&bdquo;Glauben Sie, dass ich schön bin?&ldquo; fragte sie, während ich im Dunkeln
+mit ihrer Hand spielte, die sich langsam in der meinen erwärmte.
+
+</p><p>&bdquo;Nein,&ldquo; erwiderte ich, &bdquo;aber Ihre Hand verrät eine Seele, die das
+Schönsein überflüssig macht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ah,&ldquo; rief sie, wie es schien, entrüstet, überrascht und verlegen zugleich.
+Sie rückte weg. Da ich mich gleich ihr schweigend in die Ecke
+lehnte, begann sie wieder nervös:
+
+</p><p>&bdquo;Warum, glauben Sie, habe ich diese ganze Geschichte eingeleitet?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Vermutlich aus Neugier?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Vermutlich? Halten Sie mich denn für ganz temperamentlos?&ldquo;
+
+</p><p>Statt einer Antwort schlang ich heftig die Arme um sie; während
+sie sich wehrte, bahnte ich mir den Weg zu ihrem verschleierten Antlitz
+und drückte meine Lippen auf die ihren. Der Widerstand wurde immer
+schwächer unter einem Kuss, währenddessen ich den Pudergeruch von
+nicht mehr in allererster Jugend blühenden Wangen einsog. Ihr dünner
+feiner Mund jedoch hatte etwas so naiv Anschmiegendes, dass ich den
+&mdash; vielleicht irrigen &mdash; Eindruck empfing, als entdeckte sie zum erstenmal
+die Wonnen eines Kusses. Plötzlich stiess sie mich von sich, als hätte
+ich sie durch irgend etwas verletzt.
+
+</p><p>&bdquo;Sie gefallen mir nicht mehr,&ldquo; sagte sie kurz.
+
+</p><p>&bdquo;Weil Ihre Neugier sich nicht so schnell befriedigen lässt, als Sie
+glaubten?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Und Sie? Sind Sie denn zufrieden?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Noch lange nicht!&ldquo; erwiderte ich kühl.
+
+</p><p>&bdquo;Und das sagen Sie so ruhig?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Durchaus, weil ich der Befriedigung gewiss bin.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist stark.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Finden Sie?&ldquo;
+
+</p><p>Ich presste sie wieder in die Arme. Sie suchte sich los zu machen.
+
+</p><p>&bdquo;Lassen Sie mich oder ich schelle dem Kutscher.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Schellen Sie!&ldquo;
+
+</p><p>Ohne dass ich eine Bewegung von ihr wahrgenommen, hielt der
+Wagen. Im selben Augenblick öffnete sich der Schlag, um sie hinauszulassen
+und schloss sich wieder. Die elektrische Birne erglühte, der Wagen
+setzte sich in schnelle Bewegung. Ich befand mich wieder als einsamer
+Gefangener in der duftenden Helle des Boudoirs. Sollte ich mir durch
+zu schnelles Vorgehen das Abenteuer verdorben haben, währenddessen
+ich vielleicht das Idol meiner Träume umarmte oder eine antike Kurtisane
+zu mir herabgestiegen war? Am meisten neigte ich jedoch dazu, mir eine
+grünäugige Perverse mit kleinen Katzenzähnen vorzustellen. Plötzlich
+unterbrach das Anhalten des Wagens meine Gedanken. Der Schlag öffnete
+sich, ich stieg aus und befand mich an der bekannten Strassenecke. Noch ehe
+ich Zeit gefunden, dem Kutscher eine Münze zu geben, fuhr der Wagen davon.
+Ich stand am Weg wie ein Bettelknabe, der, aus einem Märchentraum
+erwacht, sich in der Wirklichkeit noch nicht wieder zurechtzufinden weiss.
+
+</p><p>Eine Woche lang mochte ich über das Abenteuer gegrübelt haben,
+als mir eines Morgens wieder ein Brief der Unbekannten gebracht wurde.
+In einem von dem vorigen weit entfernten Stadtviertel würde mich ihr
+Coupé am nächsten Abend um dieselbe Stunde erwarten.
+
+</p><p>Wieder war ich während einer halben Stunde ein Gefangener in
+dem hellen rollenden Boudoir. Als der Wagen anhielt, erwartete ich
+eine Wiederholung der Vorgänge des letzten Zusammentreffens. Statt
+dessen befand ich mich in dem Hof eines palastähnlichen Gebäudes. Vor
+mir stieg eine Freitreppe, die von zwei Kandelabern erleuchtet wurde,
+zum Hochparterre hinauf. Oben erwarteten mich zwei Diener, die stumm
+ein Glasportal öffneten, durch das ich in ein helles, durchwärmtes Treppenhaus
+trat. Man schob mich gewissermassen durch eine Flügeltür in ein
+dunkles Zimmer. Meine Füsse fühlten einen dichten Teppich. Ich atmete
+jenen seltsamen Duft von feinem Holz und schweren Seidenstoffen, der
+in üppigen, wenig betretenen Räumen herrscht. Langsam tastete ich mich
+bis zu einem Sessel. Dann hörte ich, wie an einer entfernten Wand eine
+Tür auf- und zugeschoben wurde.
+
+</p><p>&bdquo;Wo sind Sie, mein Freund?&ldquo; fragte die mir bekannte tiefe Stimme
+mit einem Ton von Vertraulichkeit, der mich nach unserem letzten Abschied
+überraschen musste. &bdquo;Bleiben Sie, ich werde Sie finden.&ldquo;
+
+</p><p>Ich vernahm, wie sie über den Teppich herankam, dann fühlte ich
+ihre Hände in meinem Haar.
+
+</p><p>&bdquo;Folgen Sie mir!&ldquo; flüsterte sie.
+
+</p><p>Wieder umschloss ich jene magere Hand, die mich führte. Ich atmete
+die laue vertrauliche Atmosphäre, die Frauen ausströmen, welche ganze
+Wintertage unter leichten Gewändern in ihren warmen parfümierten
+Gemächern geblieben sind. Wir traten in ein anstossendes, sehr heisses
+Zimmer, worin feuchte tropische Pflanzen leben mussten. Sie zog mich
+auf einen Divan. Das Dunkel war so undurchdringlich, dass ich nicht
+einmal vermuten konnte, auf welcher Seite sich die Fenster befanden.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe Sie nun gesehen,&ldquo; begann sie, &bdquo;man hat Sie mir gezeigt.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist ein Kompliment,&ldquo; erwiderte ich.
+
+</p><p>&bdquo;Wieso?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dass Sie dennoch das Abenteuer fortsetzen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich finde Sie in der Tat totenhaft hässlich. Aber das ist Ihre
+Chance bei mir.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dann sind Sie ja lasterhaft.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Und das Laster, Sie zu lieben, heisst Satanismus,&ldquo; sagte sie leise
+lachend.
+
+</p><p>&bdquo;Ich fürchte, Ihre Lasterhaftigkeit ist nur literarisch&ldquo;, erwiderte ich
+plötzlich skeptisch.
+
+</p><p>&bdquo;Das verstehe ich nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben vielleicht in London oder in Paris in literarischen Kreisen
+gelebt, wo es noch vor kurzem für sehr elegant galt, seltenen Lastern zu
+frönen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Niemals. Nur Finanzleute und bestenfalls Seeoffiziere sind in
+meine Nähe gekommen. Einen Teil meines Lebens habe ich in Amerika
+zugebracht. In Paris war ich nie, möchte auch gar nicht hin; ich stelle es
+mir zu albern vor; in London hielt ich mich nur vorübergehend auf.
+Mein Vermögen hat mir ein paar Exzentrizitäten gestattet, aber ich habe
+bis jetzt noch nicht erfahren, was literarische Lasterhaftigkeit ist.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Um so besser,&ldquo; erwiderte ich, &bdquo;aber woher wissen Sie etwas von
+Satanismus? Das Wort gehört doch nicht in das Vokabularium amerikanischer
+Salons?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Es macht mir Spass, Ihnen das zu erzählen,&ldquo; begann sie behaglich.
+&bdquo;Schon als Kind reizte mich die Phantastik des Katholizismus, aber glauben
+Sie mir, es ist nicht mehr, als ein Sport für mich &mdash; ich gebe im Grund
+keinen Penny dafür &mdash; ich bin Protestantin, und zwar aus Überzeugung;
+später kaufte ich mir aufs Geratewohl katholische Schriften mit vielversprechenden,
+beinahe indezenten Titeln, die mich dann freilich meist
+enttäuschten. Das reizte mich um so mehr. Es ärgerte mich, dass diese
+Autoren die Geheimnisse, welche sie zu wissen vorgeben, von denen der
+Protestantismus nichts sagt, für sich zu behalten schienen. Wahrscheinlich
+ist das alles Gerede, sagte ich mir oft, aber ich wollte durchaus hinter
+die Schliche dieser Leute kommen. So fiel mir ein Buch über Dämonialität
+von dem Pater Sinistrari d&rsquo;Ameno in die Hände .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Den kennen Sie?&ldquo; unterbrach ich überrascht.
+
+</p><p>&bdquo;Da fand ich die Beschreibung geheimer Zusammenkünfte von Frauen
+mit sehr sinnenstarken Wesen, genannt Inkubus; niemals hatte ich etwas
+gehört, was meine Einbildungskraft mehr entflammte. Irgendwo ausserhalb
+der Gesellschaft einen übersinnlichen Verkehr zu haben, der mit
+keinem menschlichen Mass zu messen ist, der darum auch keine menschlichen
+Sittengesetze verletzen, noch eine Dame gesellschaftlich kompromittieren
+kann, &mdash; denn was der katholische Verfasser da von Todsünde
+spricht, gilt ja nicht für uns Protestanten &mdash; das schien mir eine so
+unerhört geniale Idee, eines wirklich vollkommenen Gottes würdig, um
+besonders intelligente Gläubige zu belohnen, die ihre Handlungen vor der
+Öffentlichkeit zu verbergen lieben. Mein Leben hatte von jetzt an nur
+noch den Zweck, dieses ausserirdische Glück zu kosten. Jahrelang
+lauschte ich auf alles Aussergewöhnliche, das in meine Kreise drang, bis
+mir vor einiger Zeit eine Chiromantin weissagte, das ausserordentlichste
+Ereignis meines Lebens würde in diesem Jahre eintreten. Ich begab mich
+auf Reisen, um dem Wunderbaren zu begegnen. Ermattet und enttäuscht
+kam ich jüngst zurück.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was mögen Sie auf dieser Reise alles angestellt haben!&ldquo; warf ich
+belustigt ein.
+
+</p><p>&bdquo;Unterbrechen Sie mich nicht.&ldquo; Aufgeregt fuhr sie fort: &bdquo;Wo ich
+hier in H. erschien, hörte ich von Ihnen. Es war beängstigend, Ihr Name
+verfolgte mich, wenn ich allein war. Ich war überzeugt, Sie müssten mit
+dem erhofften Ereignis in Verbindung sein. Unter allen Umständen
+sollten Sie mir Rede stehen. Vielleicht wären Sie bestimmt, mein Werkzeug
+zu sein; vielleicht redete der Pater Sinistrari nur symbolisch. Man
+könnte ja in eine beinahe übersinnliche Beziehung auch zu einem lebendigen
+Wesen treten, indem man, um den Enttäuschungen und Gefahren der
+Sinnenwelt zu entgehen, einfach die Augen zumacht. Meinen Sie nicht?&ldquo;
+
+</p><p>Mir war ganz und gar nicht zumute wie jemand, der zu einer
+Schäferstunde gekommen ist. Diese Mischung kalter berechnender Lasterhaftigkeit
+mit kasuistischer Spekulation und protestantisch-bürgerlicher Beschränktheit
+konnten einen wirklich aus dem Gleichgewicht bringen; dazu
+das unbehagliche Gefühl, als Werkzeug zu dienen, gewissermassen herbefohlen
+zu sein. Um ein peinliches Stillschweigen zu vermeiden, sagte ich:
+
+</p><p>&bdquo;Sie haben sich leider alle Möglichkeit zur Befriedigung Ihrer
+Phantasie geraubt, indem Sie meinen Anblick gesucht haben.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wie hätte ich Sie denn in mein Haus lassen können,&ldquo; rief sie ganz
+verwundert, &bdquo;ohne zu wissen, dass Sie ein Gentleman sind?&ldquo;
+
+</p><p>Ich konnte kaum das Lachen unterdrücken. Bis in die vierte Dimension
+trug diese Angelsächsin die Vorurteile ihrer Klasse.
+
+</p><p>&bdquo;Und nun haben Sie diese Überzeugung gewonnen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nicht nur die,&ldquo; flüsterte sie, plötzlich wieder erregt; ich fühlte,
+wie sie mir in der Dunkelheit ganz nahe war. &bdquo;Ich weiss nun auch, dass
+Sie wirklich der Erwählte für mein Erlebnis sind. Ich habe die Lichter
+gelöscht, damit Sie sich vorstellen können, Ihr Idol zu umarmen &mdash; nicht
+eine Frau, an der Sie tausend Kleinigkeiten stören würden; und diese
+Urliebkosungen, die sich an keiner Wirklichkeit abnutzen, will ich mir
+stehlen &mdash; ein Diebstahl! Ich habe Sie gesehen, so wie Sie sind, habe
+ich mir den Satan gedacht!&ldquo;
+
+</p><p>Sie war atemlos. Ich schlug heftig die Arme um sie und war plötzlich
+ganz von der namenlosen Begier erfüllt, mich mit geschlossenen Augen
+in den vor mir gähnenden Abgrund zu stürzen.
+
+</p><p>&bdquo;Still .&nbsp;.&nbsp;. kein Wort mehr .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; stöhnte ich wie in dunkeler Angst
+vor dem Erwachen &mdash; &bdquo;zerstöre das nicht .&nbsp;.&nbsp;.!&ldquo; Und ich presste ihr die
+Lippen zusammen. Widerstandslos, schweigend gehörte sie mir. Ich
+fühlte mich in undurchdringlicher Nacht, hinter der ich phantastische
+traumhafte Landschaften vermuten konnte. Zum erstenmal hielt ich das
+Weib im Arm, dieses dunkle grosse ferne Ewige, das eine Frau niemals
+ganz verkörpern kann. Alles glühte auf, was sonst ohnmächtige Träume
+und enttäuschende Wirklichkeiten in mir verschüttet hatten. Ich habe
+mich niemals so sinnlos bis zum Gefühl der Auflösung verschwendet,
+als an diesem mageren, geschmeidigen, fremdartigen Leib, der für mich
+keine Persönlichkeit enthielt, der wirklich das Idol war. Wie sie später
+behauptete, soll ich bisweilen laut fremdartige barbarische Worte gerufen
+haben, ähnlich den Naturlauten, die sie von wilden Völkern bei ihren
+bewusstlosen heiligen Tänzen gehört hatte, ein unwillkürliches Klangwerden
+höchster Erregungen der Seele, die in das Geheimnisvollste tastet.
+Sie hatte diese Laute vergessen; sie müssten ihr aber, meinte sie, wieder
+einfallen, wenn sie den Geschmack gewisser Gifte auf der Zunge spürte,
+so wie manche Erinnerungen mit Melodien oder Gerüchen verknüpft
+seien. Ich selbst kann meine Gefühle nur mit denen vergleichen, die ich
+einmal hatte, als ich in den Alpen mit den Fingerspitzen über einem Abgrund
+hing und angesichts des Todes mein ganzes Leben, von rückwärts
+beginnend, in einem Augenblick an mir vorüberziehen sah. So kamen in
+dieser Umarmung alle Frauen an mir vorbei, die ich gekannt, und ich
+hatte das Gefühl, alle, alle zu besitzen. Erlebte Umarmungen wiederholten
+sich in vollkommeneren Vereinigungen, missglückte Abenteuer
+gestalteten sich neu; einst begehrte unnahbare Königinnen sanken in meine
+Arme und zum Schluss kamen wundervolle, verschleierte, traumhafte
+Frauen. Das waren die Geliebten meiner Knabenträume, denen ich früher
+und glühender gehuldigt, als jenen Lebendigen. Nur wer als Kind solche
+phantastischen Sehnsüchte gekannt, der mag die Erfüllungen dieser Stunde
+an der Stärke seiner damaligen, alle wirkliche Liebessehnsucht übersteigenden
+Wünsche messen.
+
+</p><p>Ich weiss nicht wie und in was für Augenblicken ich in den Armen
+dieser Frau entschlummerte; plötzlich erwachte ich; noch eben hatte ich
+heisse hohe Wohlgerüche gespürt; nun vernahm ich ein Rauschen von
+Gewändern, das Schieben einer Tür; um mich erglühten zahllose Lampen.
+Ich erschrak, als ich mich auf einmal in einem engen, grell erleuchteten
+Raum befand, wo mich von allen Seiten scheussliche Larven angrinsten,
+die ihre braunen behaarten Gesichter zwischen riesenhaften Schiessbogen,
+bunten Federbüschen und anderen phantastischen Geräten wilder Volksstämme
+herausstreckten. Das war das Boudoir meiner Freundin. Ich trat
+in das Nachbarzimmer zurück und befand mich in einem hellen, wenig
+eigenartigen Salon Louis XV. in Erdbeerfarbe. Ein Diener trat ein
+und sagte:
+
+</p><p>&bdquo;Madame ist leidend. Sie bedauert heute nicht empfangen zu können.&ldquo;
+
+</p><p>Ich folgte ihm in den Hof, wo mich das Coupé erwartete. Der
+Kutscher brachte mich wieder an die Strassenecke zurück.
+
+</p><p>Alle vier bis fünf Tage erhielt ich nun ähnliche Einladungen nach
+den verschiedensten Vierteln, aber stets brachte mich das Coupé an dasselbe
+Ziel. Wir sprachen immer weniger zusammen. Was hätten sich auch zwei
+Menschen sagen sollen, die sich nur ihrer gegenseitigen Körper bedienten
+zum Vorwand für die Orgien der Phantasie. Nicht mich, sondern den
+Satan liebte diese Frau. Und wenn sie in der Dunkelheit vor mir lag und
+schweigend litt, wie ich ihre Linien mit der Hand suchte, wenn mir war,
+als hätte ich im Gras des Gartens eine umgestürzte Statue gefunden, die
+unter meiner Berührung lebendig ward, dann liebte ich Lais, dann loderten
+Städte um mich auf, in die auf den Wink dieser Frau Brandfackeln geflogen
+waren, wie in meine Seele und nichts war mir ferner, als der
+Wunsch, sie selbst einmal zu besitzen.
+
+</p><p>Vor allem schaffte sie mir zum erstenmal im Leben die Befriedigung
+meiner quälenden Einbildungskraft. Die Liebesräusche der Vergangenheit
+und der Dichtung, die mir immer unerhörter, geheimnisvoller
+erschienen waren, als die meinen, brauchte ich nun nicht mehr als
+schwächlicher Spätgeborener zu beneiden, ich wusste sie neu zu leben.
+&bdquo;Warte bis heute abend,&ldquo; sagte ich mir, wenn sich die Phantasie in
+müssigen Bildern verschwendete, und es kamen Nächte, wo ich die Adria
+an die Marmorpaläste schlagen hörte, wo ich dichten Samt neben ihrer
+Haut fühlte, prunkenden Samt, unter dem ihre Glieder anzuschwellen
+schienen; eine bös-schöne Dogaressa spielte mit mir und freute sich, dass
+ich um ihretwillen den Tod verachtete, den ihre Liebe kosten kann. &mdash;
+Oder aus ihrem Haar stieg der Duft der fränkischen Wälder, ihre
+Linien wurden weich wie die Lieder, die einst deutsche Mädchen abends
+am Brunnen sangen .&nbsp;.&nbsp;. Mädchen, die ihre Liebe scheu der Muttergottes
+<i>abbetteln</i> müssen, dann <i>einmal alles</i> vergessen können, sogar die heimliche
+Kapelle ihrer Kindergebete, und doch froh sind zu wissen, dass
+dort die Madonna lächelt, auch dann noch, wenn sie spät zu ihr zurückkommen
+werden, wenn <i>er</i> draussen in der Fremde ist und blendendere
+Frauen liebt. &mdash; Und launenhafte Stunden kamen; da rief das spitze kleine
+Gelächter meiner Geliebten kecke Herzoginnen der Régence hervor; ein
+fast herb duftender Puder gab ihrer Haut eine kranke Glätte. Und mir
+war, als sei das Gemach um uns hell und eng, eine Nuss, in der wir auf
+irgendeinem nicht ganz echten, jedenfalls sehr wenig wilden Meere
+schwammen. Und unsere Umarmung war wie von dünnen Goldfäden
+durchwirkt und umsponnen mit kleinen Schnörkeln, welche die Form von
+Mandeln hatten. Und an solchen Tagen war meine Geliebte sehr kitzlich.
+
+<span class="centerpic" id="img-031"><img src="images/031.jpg" alt="Illustration 031" /></span>
+
+</p><p>Diese Erlebnisse wären nicht möglich gewesen, hätte sie nicht eine
+Eigenschaft besessen, die man sonst einer Frau nicht leicht verzeiht. In
+Wirklichkeit war sie nämlich selbst gar nicht fühlbar; keine Laune, kein
+Scherz, kein Einfall, keine Wünsche, nichts Unvorhergesehenes. Das,
+was sie brauchte, schien sie zu finden, ohne mein Zutun. Etwas musste
+mich aber doch verstimmen: Wenn ich sie auch als mein Werkzeug betrachtete,
+so war ich noch mehr das ihre. Winkte sie, so kam ich; war
+sie meiner müde, so entliess sie mich. Erschien ich einmal aus Laune
+nicht, dann verlor sie darüber kein Wort. Nach einigen Tagen kam immer
+eine neue Einladung. Dieser Gleichmut ärgerte mich, ich beschloss, sie zu
+reizen, sie wütend zu machen, indem ich alberne Gründe für mein Wegbleiben
+erfand. Aber wenn dann ihr Haar duftete, als müsse es in der
+Sonne rot leuchten, wenn mich ihre hagern Formen in nervöser Hast
+umkrampften, dass ich nicht wusste, ob sie höchste Qual oder Lust empfand,
+ob sie mich liebte oder züchtigen wollte, dann vergass ich allen Ärger,
+alle Absichten; dann fühlte ich mich als der Beichtvater, der die Zelle
+einer jungen Hexe betritt, die morgen brennen muss und heute noch einmal
+von der Wollust in sich hineinschlingen will, was sie nur noch fassen
+kann, die noch schnell so viel fremde Kraft aufzusaugen, zu zerstören
+begierig ist, als ihr irgend möglich. &mdash; Mein Überlegenheitsdünkel verstummte,
+wenn ich sie träge und regungslos fand, wie eine Bajadere, die
+sich eines heissen Morgens im Schatten bizarrer Gewächse gewälzt und
+gedankenlos zu viele fadsüsse Früchte verschlungen hat. Dann roch sie
+nach indischen Blumen, sie wusste seltsame Bauchbewegungen, so dass
+sie mir fast zu üppig vorkam. So vergass ich gern, dass mich vielleicht
+eine nichtige Dame zum besten hielt. Sie existierte ja gar nicht. Manchmal
+kam mir der Gedanke, sie zu gewissen erregenden Worten in ihr
+fremden oder in toten Sprachen abzurichten. Aber ich merkte rechtzeitig,
+dass dadurch die Lebendigkeit meiner Idole Literatur, Theater geworden
+wäre, ein kleiner Scherz, den jede Dirne hätte erlernen können. &mdash; Natürlich
+machte ich mir eine bestimmte Vorstellung von ihr, aber ich kann gar nicht
+sagen, ob ich sie mir schöner oder hässlicher dachte, als die mir begegnenden
+Frauen, hinter denen ich sie bisweilen vermutete. Die Ausserordentlichkeit
+meiner Freuden war gar nicht an einem wirklichen Niveau zu messen.
+
+</p><p>Obwohl also alle Berührungen mit dem Alltag fern lagen, in denen
+die Todeskeime der menschlichen Beziehungen liegen, nahm diese ausserordentlichste
+aller Liebesgeschichten ein so dummes triviales Ende wie
+eine Sergeantenliebschaft. Die Dame wurde eifersüchtig, allerdings auf
+meine Idole. Eines Tages fragte sie mich wie eine kleine Näherin, ob ich
+sie liebe. Und damit ist die Geschichte eigentlich zu Ende. Sie hatte
+herausbekommen, dass meine Freuden doch glühender und mannigfaltiger
+waren als die ihren. Durch ihre vorzeitige Neugier waren ihre Sinne
+nun einmal an meine Gestalt gebunden. Sie war es müde, immer dasselbe
+Wesen zu küssen, wenn sie es auch in den Flitterwochen Satan genannt
+hatte. Ich war boshaft genug, sie merken zu lassen, dass sie ohne ihre
+&sbquo;ladylike&lsquo; Vorsicht und Neugier gleich mir über ein Serail verfügen könnte,
+dass sie dann heute einen delikaten Georges Brummel, morgen einen
+römischen Gladiator umarmt hätte. Solche Worte trieben sie in ohnmächtige
+Wut.
+
+</p><p>&bdquo;Sie sollen mich nun doch auch kennen lernen,&ldquo; sagte sie einmal
+empört, &bdquo;und wir wollen sehen, ob Sie dann noch Ihre Idole vorziehen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich erriet, dass sie das Licht aufdrehen wollte.
+
+</p><p>&bdquo;Bitte nicht!&ldquo; rief ich, &bdquo;ich laufe fort.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie wollen mich nicht sehen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie können unmöglich so schön sein, als ich glauben möchte.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist unerhört.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie wollten doch den Weihrauch eines Idols empfangen.&ldquo;
+
+</p><p>Nun hatte sie doch wohl Angst, mich zu enttäuschen. Ohne zu reden
+verliess sie mich.
+
+</p><p>Ich erhielt nun keine Einladung mehr. Wochen vergingen, und ich
+fühlte eine grosse Lücke in meinem Leben, das in ununterbrochener Trostlosigkeit
+weiterging. Ich war traurig, als sei mir eine gute Geliebte gestorben;
+aber sobald ich an diese Frau dachte, verging mir alle Sehnsucht.
+Ich fühlte etwas wie leisen Hohn, eine Art Verachtung für allzu grosse
+Unterlegenheit, an die zu denken kaum der Mühe wert ist.
+
+</p><p>Eines Abends war ich allein in dem einzigen Restaurant der Stadt,
+wo man nach dem Theater speisen konnte. An einem Tisch hinter mir
+sassen Leute, die bei meinem Kommen noch nicht dagewesen waren: zwei
+Herren in korrekter schwarzer Abendkleidung; einer hatte einen fast
+weissen Bart mit ausrasiertem Kinn, der andere war ein blonder junger
+Mensch mit frischem, sehr englischem Knabengesicht. Zwischen ihnen
+sass eine blasse Frau von etwa fünfunddreissig Jahren. Sie hatte dunkles
+Haar, das geradlinig in regelmässigen Löckchen die Stirn abschloss, ein
+mageres Gesicht von keltischem Typus mit stillen, fast starren braunen
+Augen. Eine ausserordentliche Distinguiertheit lag über ihr. Den fast zu
+langen schmalen Mund schmückten sehr weisse, auffallend kleine Zähne
+&mdash; ein Gesicht, von dem man meinen könnte, es sei einmal schön gewesen;
+denn irgend etwas fehlt und das schreibt man den Jahren zu;
+wahrscheinlich aber fehlte es immer. Die Hände waren gross, doch schlank
+und mit mehreren Opalen geschmückt. Diese drei Menschen hatten eine
+selbstverständliche anspruchslose Vornehmheit ohne aufdringende Eigenart,
+wie man es bei Nachbarn im Theater oder an der Table d&rsquo;hôte gern
+hat, die durch nichts stören, nicht einmal Interesse erwecken. Dennoch
+fühlte ich einen Zwang, mich nach ihnen umzudrehen. Ich glaubte
+zu bemerken, dass mich die Dame gleichfalls beobachtete. &bdquo;Vielleicht
+ist es die Unbekannte,&ldquo; dachte ich gleichgültig, aber dieser Gedanke kam
+mir natürlich bei sehr vielen Frauen. Ich bestellte Kaffee und benutzte
+die Gelegenheit, während der Kellner abdeckte, meinen Platz zu wechseln,
+so dass ich die Fremden vor Augen hatte. Ich bemerkte, wie die Dame
+unruhig wurde und mit plötzlichem Eifer zu dem alten Herrn sprach.
+Dieser beglich die Rechnung, die drei verliessen das Restaurant.
+
+</p><p>Am folgenden Tage erhielt ich zwei Briefe. &bdquo;Die Komödie ist aus,&ldquo;
+lautete der eine in der gewohnten Schrift, &bdquo;ich fühle mich erkannt,
+lassen wir die Masken fallen.&ldquo; Der andere trug ähnliche, doch natürlichere,
+offenbar unverstellte Züge. Er enthielt eine förmliche Einladung
+zum Ball bei einer mir völlig unbekannten Dame. Auf unsere phantastischen
+Orgien schien diese Frau willens, einen unvermeidlichen Flirt
+zu setzen oder vielleicht wirklich gar eine Liebschaft. Ich aber zog vor,
+meine phantastische Geliebte nicht aus dem Grab zu erwecken. Helena
+war in die Immaterialität zurückgekehrt. Um den angebotenen Ersatz anzunehmen,
+war ich im Augenblick doch zu verwöhnt. Bald verliess ich H.
+Ich habe die Dame nie wieder gesehen.
+
+</p><p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+
+</p><p class="noindent">Der Erzähler schwieg. Ich hatte das trostlose Gefühl, dass nun
+etwas fertig, unwiederbringlich vorbei sei. Ein Leben hörte auf, ohne
+dass ich tot war. Die anderen schienen ähnliches zu empfinden.
+
+</p><p>&bdquo;Eine neue Geschichte,&ldquo; rief jemand, &bdquo;diese Leere ist ja unerträglich!&ldquo;
+
+</p><p>Wir lagen wie blind in einer dunklen Höhle, hungrig nach der
+menschlichen Stimme. Unser Leben, unser Wille war erstarrt. Nur die
+Einbildungskraft wachte und verlangte &mdash; selbst unfruchtbar &mdash;, dass ein
+anderer, Stärkerer, Nüchterner sie mit Vorstellungen füllen solle.
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Eine Nacht des achtzehnten Jahrhunderts
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">U</span>ND irgendeiner kam und liess eine helle heitere Musik über uns ergehen,
+lustig wie eine Gavotte oder eine Passacaglia des achtzehnten
+Jahrhunderts. Um uns erstand eine helle Kirche, überall schwebten
+gutgenährte Amoretten, die Fruchtschnüre von Loge zu Loge trugen: gewundene
+goldgezierte Säulen umgaben ein blau und rosa Altarbild. Und
+wie lustig die Herzoginnen davor knieten! Wie das nach Puder roch; und
+alle lachten über den famosen Priester, der sie mit richtigen Taschenspieler-Kunststücken
+unterhielt. Ich bat den Sakristan, der an mir vorüber wollte,
+um Erklärung. Liebenswürdig wie ein weltgewandter Jesuit nannte er mir
+die Namen aller Anwesenden. Der Priester war der berühmte Graf von Saint-Germain,
+die am prächtigsten gekleidete Dame die Herzogin von Chartres.
+Wie war ich nur hierher gekommen und was sollte ich an einem Orte tun,
+wo ich keinen Menschen kannte? (ob ich mich gleich deutlich erinnerte, den
+Grafen schon einmal auf einem Kupferstich gesehen zu haben). Da fiel mir
+ein, dass ich ja noch heute mit ihm gespeist hatte, dass er mich irgendwohin mitnehmen
+wollte, zu Freunden. Ich ärgerte mich, dass er mich nun allein liess.
+
+</p><p>&bdquo;Alta-Carrara!&ldquo; rief ich gereizt.
+
+</p><p>&bdquo;Pst, pst,&ldquo; flüsterte der Sakristan begütigend, &bdquo;verraten Sie ihn
+doch nicht, warum denn immer gleich Namen nennen? Hier heisst er
+Graf von Saint-Germain. Sie müssen ihn im neunzehnten Jahrhundert
+getroffen haben. Dort nennt er sich Alta-Carrara. Neulich war eine
+Dame aus dem vierzehnten Jahrhundert hier, die nannte ihn Buonaccorso
+Pitti, Sie sehen, alles ist relativ,&ldquo; sagte er pfiffig.
+
+</p><p>&bdquo;Und du, unausstehlicher Schwätzer,&ldquo; fragte ich, &bdquo;welchem Jahrhundert
+bildest du dir denn ein, anzugehören?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich?&ldquo; fragte er stolz, &bdquo;natürlich dem achtzehnten, Sie hingegen
+sind so unhöflich, dass Sie nur in das neunzehnte passen. Ich schreibe
+heute &mdash; mit Vergunst &mdash; den 15. September 1768.&ldquo;
+
+</p><p>Mit einer überaus gezierten Bewegung verliess er mich. Ich hatte
+eine unbezwingliche Wut auf Alta-Carrara, der noch immer seine Kunststücke
+vor dem Altare machte. Ich beschloss, einen günstigen Augenblick
+abzuwarten, um ihn zur Rede zu stellen. Einstweilen zog ich einen langen
+gewundenen Schnörkel von einer Säule, machte eine Schlinge daraus und
+stellte mich an der Kirchentür auf. Es dauerte nicht lange, bis der Graf
+mit einer Verbeugung seinen Zuschauerinnen anzeigte, dass die Vorstellung
+zu Ende sei. Mit selbstzufriedenem Lächeln durchschritt er die Kirche,
+von den bewundernden Blicken der Herzoginnen verfolgt. Eben wollte
+er auf die Strasse treten, als ich ihm meine Schlinge über den Kopf warf.
+Er wusste nicht recht, was mit ihm vorging, aber als Mann von Welt
+lächelte er und sagte mit Ironie:
+
+</p><p>&bdquo;Ihrer hübschen Tracht nach müssen Sie aus dem neunzehnten
+Jahrhundert sein. Kann ich Ihnen mit etwas dienen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Tun Sie nicht, als ob Sie mich nicht kennen,&ldquo; erwiderte ich ärgerlich,
+&bdquo;Sie versprachen mir .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Oh verzeihen Sie, diese Damen hielten mich ein wenig auf. Nun
+bin ich wieder ganz der Ihre. Wir haben übrigens noch viel Zeit vor
+uns&ldquo; &mdash; dabei zog er seine Uhr aus der Tasche &mdash; &bdquo;es sind noch über
+zwanzig Jahre bis zur Revolution. Wir können uns noch lange unterhalten.&ldquo;
+
+</p><p>Mein Ärger wurde plötzlich durch ein rasendes Bedürfnis nach
+ausgelassenster Lustigkeit abgelöst.
+
+</p><p>&bdquo;Ich will lachen, schreien, purpurne Visionen haben,&ldquo; bemerkte ich
+aufgeregt. Der Graf erschrak ein wenig.
+
+</p><p>&bdquo;Wir werden ja sehen,&ldquo; begütigte er.
+
+</p><p>Wir stiegen in ein Kabriolett, um nach dem Marais zu fahren. Es war
+Nacht, aber ungemein belebt in den Strassen. Es musste wohl Karneval
+sein. Bunte Masken begegneten uns und warfen Blumen in den Wagen.
+Überall herrschte ausgelassenes trunkenes Geschrei.
+
+</p><p>&bdquo;Die Leute wissen, dass es nur noch zwanzig Jahre dauert,&ldquo; sagte Saint-Germain.
+&bdquo;Aber sie stellen es sich schlimmer vor, als es wirklich werden
+wird. Ich habe ihnen nämlich vorgeschwindelt, die Jakobiner würden
+ganz Paris niederbrennen und alle, die fortlaufen wollten, erschlagen.&ldquo;
+
+</p><p>Saint-Germain konnte sich vor Lachen über diesen Spass kaum
+halten.
+
+</p><p>&bdquo;Warum haben Sie denn das getan?&ldquo; fragte ich verständnislos.
+
+</p><p>&bdquo;Ganz einfach, um ihre Lustigkeit ins masslose zu steigern. Solche
+kleine weltgeschichtliche Schauspiele sind das einzige Amüsement meines
+Lebens. Glauben Sie, ich wolle mich langweilen wie der kleinbürgerliche
+Ahasver? Das hübscheste, was ich mir leistete, war doch die Geschichte
+mit den Albigensern. Denen habe ich nämlich eingeredet, sie müssten die
+Sünde durch die Sünde heilen. Im neunzehnten Jahrhundert nennen sie das
+&mdash; glaube ich &mdash; Homöopathie, similia similibus. Die guten Leute bildeten
+sich in der Tat ein, sie müssten alles Böse mit Gewalt aus sich heraussündigen.
+Nun, Sie können sich denken, was das für Szenen gab. Aber
+ich will Sie nicht mit Beschreibungen ermüden, denn Sie sollen heute
+etwas Ähnliches in Wirklichkeit sehen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Halten Sie nur Wort!&ldquo; erwiderte ich etwas ungläubig.
+
+</p><p>&bdquo;Ich habe nämlich eine kleine auserlesene Gesellschaft zu einem
+Fest bei dem Grafen Gilles de Laval eingeladen, den Sie in Deutschland
+&mdash; so viel ich weiss &mdash; Ritter Blaubart nennen, aber die Gäste wissen
+selbst nicht, wo sie sich befinden. Man ahnt nur, dass es einen Hauptspass
+geben wird; verraten Sie also nichts, denn mein Freund Gilles möchte,
+als Kapuzinermönch verkleidet, unbekannt bleiben. Er liebt das achtzehnte
+Jahrhundert nicht sehr.&ldquo;
+
+</p><p>Unter solchen Gesprächen kamen wir auf der Place des Vosges an.
+Wir trieben uns einige Zeit, ohne Aufmerksamkeit zu erwecken, unter
+den Arkaden umher und liessen uns dann in einer Sänfte an das Guisenpalais
+im Marais tragen. Nachdem wir uns überzeugt hatten, dass die
+Träger weit entfernt waren, schlüpften wir in eine kleine Gasse, an deren
+Ende sich ein sehr armseliges Holzpförtchen befand. Der Graf schlug
+an die Tür. Ein scheussliches altes Weib öffnete. Wir standen in einem
+feuchtkalten dunklen Vorraum: ich folgte Saint-Germain durch einige
+schlecht beleuchtete, unangenehme Gänge, bis er stehen blieb, seinen
+Mantel abwarf und in reicher Hoftracht dastand. Er strich sich das gepuderte
+Haar zurecht, betrachtete unter einer Kerze in einem Handspiegel
+sein Gesicht, das er wie ein seidenes Tuch zusammenzufalten und wieder
+aufzurollen schien, bis ihm eine Lage gefiel. Ich wurde vor Ungeduld
+ganz nervös. Schliesslich öffnete er eine Tür. Wir traten in einen gelb
+und silbernen Vorraum. Vor ungeheueren, kerzenlichtüberströmten
+Spiegeln bewegten sich reichgekleidete Damen und Kavaliere. Eine breite
+Treppe führte nach einer an die Decke stossenden Flügeltür hinauf; alle
+schauten gespannt nach dieser Tür. Mein Bedürfnis nach Lustigkeit wich
+einem faszinierten Starren vor den Lichtfluten, die mich umwogten, vor
+den bunten kostbaren Gewändern und den heftigen Blumengerüchen.
+Gebannt liess ich alles über meine Sinne ergehen. Plötzlich trat ein
+Auvergnat aus der Tür.
+
+</p><p>&bdquo;Ah Castel-Bajac,&ldquo; rief man.
+
+<span class="centerpic" id="img-045"><img src="images/045.jpg" alt="Illustration 045" /></span>
+
+</p><p>&bdquo;Alles ist bereit,&ldquo; sagte Castel-Bajac mit dem pfiffigen Gesicht
+eines Kochs, der einen neuen Leckerbissen erfunden hat. Er öffnete die
+beiden Flügel nach der Galerie eines grossen Saales. In höchster Aufregung
+stiegen nun alle diese eleganten Leute die Treppe hinauf und traten
+durch die Tür. Ich mischte mich unter sie. Wir nahmen auf der Galerie
+Platz und blickten in den leeren Saal hinab. Während oben alles um uns
+her in dem hellen prunkenden Gold- und Spiegelgeschmack des achtzehnten
+Jahrhunderts gehalten war, dem auch die lustigen reichen Gewänder entsprachen,
+schien der Saal selbst einen Ausblick in fremde düstere Vergangenheit
+zu gewähren, in eine ausschweifende sinnlose Gotik voll
+zitternder wilder Schlinggewächse und Schlangen um die spitzbogigen
+Fenster, in die finstere unbändige Phantastik des sterbenden Mittelalters
+voll wüster, henkerhafter Lustigkeit. Der Saal, in dem zahllose lange
+Kirchenkerzen ein unbestimmtes gelbes Licht verbreiteten, war ganz
+menschenleer. In der Mitte stand eine lange reiche Tafel, deren Goldgeschirr
+aus der Kirche genommen schien. Die verblüffendsten Gläserformen
+ragten zwischen seltenen traumhaften Pflanzen heraus. Ich war
+erstaunt, dass meine erlauchte Umgebung nicht unten an der Tafel Platz
+nahm, sondern sie nur von der hellen Galerie aus betrachtete. Plötzlich hörte
+man draussen Stimmen, die sich dem Saale zu nähern schienen. Zwei weite
+Türen taten sich auseinander und eine Schar auvergnatischer Bauern in
+steifem Sonntagsstaat trat schüchtern und verwundert unter der Führung
+Castel-Bajacs herein. Sie liessen sich mit ihren Weibern um die prachtvollen
+Tafeln Plätze anweisen und wagten kaum zu reden, während sie
+bisweilen schüchterne Blicke auf die Galerie warfen, wo man aufgeregt
+ihnen vertraulich und ermutigend zuwinkte. Man schien ein Hauptvergnügen
+von ihnen zu erwarten. Es war in der Tat sehr unterhaltend, wie
+diese steifen Menschen, teils ernste würdige Gestalten, teils plumpe ungeschlachte
+Lümmel allmählich unbefangener und kühner wurden, je mehr
+Nahrung sie in sich aufnahmen. Diener reichten ihnen schweigend und
+würdevoll die Speisen umher und bald schien es ihnen gar nicht mehr
+seltsam vorzukommen, dass sie sich hier befanden. Jeder hielt sich in seinem
+Innern von Rechts wegen zu dem Leben eines Grandseigneur bestimmt.
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind entzückend, diese Leute .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; sagte eine kleine Marquise.
+
+</p><p>&bdquo;Wenn man bedenkt, dass uns ihre Kinder in zwanzig Jahren alle
+totschlagen werden,&ldquo; fügte Saint-Germain hinzu.
+
+</p><div class="poem">
+<p class="line">&bdquo;Demain donnons au diable</p>
+<p class="line">un monde turbulent&ldquo;</p>
+</div><p>
+
+</p><p class="noindent">trällerte die Marquise nervös. Die Leute auf der Galerie wurden ungeduldig.
+Man schien auf etwas zu warten, was zu lange ausblieb. Die
+Bauern überliessen sich indes einer derben aber unterdrückten, pfiffigen
+Heiterkeit. Da traten sechs Diener in den Saal und brachten in schmalen,
+sehr langen Karaffen einen dunklen Wein, der als Lieblingsgetränk des
+schwelgerischen Königs Karls VII. angekündigt wurde. In diesem Augenblick
+verstummten alle die nervösen, ungeduldigen, witzelnden Bemerkungen
+auf der Galerie. Es bemächtigte sich aller eine grenzenlose Erregung.
+Sie blickten sich wie in geheimem Einverständnis an. Die Augen,
+besonders die der Frauen, schienen<a id="corr-3"></a> ekstatisch zu glänzen. Es war, als ob
+alle von einer mir unsichtbaren Vision geblendet wurden. Überall um
+mich her stumme wogende Erregung. Wenn diese Menschen, die irgend
+etwas Scheussliches verabredet haben mussten, jetzt mit Dolchen übereinander
+hergefallen wären, hätte ich es noch nicht für das schlimmste
+gehalten. Es mussten sich viel fürchterlichere Dinge vorbereiten. Diese
+durch das Vergnügen abgestumpften Leute schienen zu wissen, dass nun
+etwas selbst für ihre Sinne Unerhörtes kommen würde. Nur der
+Graf von Saint-Germain hatte seine Ruhe bewahrt. Lächelnd trat er an
+mich heran.
+
+</p><p>&bdquo;Was geht hier vor?&ldquo; fragte ich, &bdquo;wohin haben Sie mich geführt?
+Ist es schon die Revolution?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Noch lange nicht,&ldquo; sagte er milde, &bdquo;man gibt den guten Leuten
+nur ein wenig Aroph zu trinken.&ldquo;
+
+</p><p>Indessen war unten im Saal das schwarze Getränk in Gläser
+gegossen worden. Einige der Bauern hatten schon getrunken. Ihre Augen
+begannen zu blitzen. Sie schauten sich anfangs etwas unsicher an, als
+glaubten sie ihren eigenen Empfindungen nicht. Dann schienen sie sich
+gegenseitig zu irgend etwas zu ermutigen. Man zögerte noch, aber in jedem
+Augenblick konnte die Wut ausbrechen.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist die Revolution!&ldquo; rief ich entsetzt. &bdquo;Diese Bauern werden
+uns töten. Saint-Germain macht sich über uns lustig, er will uns alle auf
+der Guillotine sehen.&ldquo;
+
+</p><p>Empört und mit unsäglicher Verachtung blickte man sich nach mir
+um, wie nach einem, der die erregende Vorstellung einer Tragödie durch
+Nüsseknacken stört.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist die Revolution!&ldquo; rief ich wiederholt.
+
+</p><p>&bdquo;Und wenn auch,&ldquo; sagte die Marquise, der mein Geschrei nun doch
+zu viel wurde.
+
+</p><p>&bdquo;Damit machen Sie ihnen keine Angst,&ldquo; bemerkte der Graf, &bdquo;übrigens
+ist es nicht die Revolution.&ldquo;
+
+</p><p>Plötzlich packte einer der Bauern seinen Nachbar am Arm, der
+in ein lautes sinnliches Gelächter ausbrach. Auf dieses Zeichen schienen
+alle gewartet zu haben. Die vorsichtigen, plumpen Leute schlugen ein
+brüllendes, johlendes Lachen an. Man schien zu merken, dass sich bisher
+jeder im geheimen allein für die niedrigste Bestie gehalten und nun freudig
+überrascht war, die andern genau ebenso zu finden. Jeder trug plötzlich
+zum grössten Erstaunen seiner Nachbarn die wohlbekannten, von der
+Kirche verbotenen Begierden auf der Stirn geschrieben. Sie schienen sich
+auf einmal gegenseitig in ihrer Tierheit zu entdecken. Einer drückte sich
+gierig an den andern, wobei vorläufig das Geschlecht gar keine Rolle
+spielte.
+
+</p><p>&bdquo;Du Mordskerl .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Du Luder .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; riefen sie und schlugen sich
+gegenseitig auf den Bauch.
+
+</p><p>&bdquo;Sie sehen, dass das für uns ganz ungefährlich ist,&ldquo; flüsterte mir
+der Graf lächelnd zu.
+
+</p><p>&bdquo;Ich muss mich entblössen,&ldquo; rief ein junges Bauernweib.
+
+</p><p>Viele Männerhände streckten sich nach ihr und entrissen ihr die
+Kleider.
+
+</p><p>&bdquo;Ich auch .&nbsp;.&nbsp;. mir auch!&ldquo; riefen sie durcheinander.
+
+</p><p>Alle verliessen ihre Plätze, die Stühle fielen um, das Tafelgerät
+flog umher, ein irrsinniges Geschrei erhob sich aus dem Menschengewühl.
+Auf der Galerie konnte man sich vor Entzücken nicht mehr halten. Die
+Damen riefen erregt zu den Männern hinunter, so wie man Stierkämpfer
+in der Arena zu ermutigen pflegt. Einige von den Kavalieren auf der
+Galerie hatten ihre Degen gezogen und warfen sie unter dem Ruf &bdquo;Blut .&nbsp;.&nbsp;.
+Blut&ldquo; hinab. Mitten in diese allgemeine Erregung der Galerie drängte
+sich plötzlich ein schwarzbärtiger Kapuzinermönch, der sich atemlos bis
+an die Brüstung Bahn brach.
+
+</p><p>&bdquo;O das Leben, das prächtige Leben!&ldquo; rief er wie verzückt, &bdquo;ich will
+baden im Leben!&ldquo;
+
+</p><p>Mit diesen Worten riss er sein braunes härenes Kleid ab. Einen Augenblick
+sah man auf der Balustrade seine nackte, nervige Gestalt, die
+sich mit schnellem Schwung hinab in das Gewühl schwang. Eine namenlose
+Wut hatte sich der Bauern bemächtigt. Nur noch Fetzen von Kleidern
+hingen um die blutenden Körper; die Adern der Männer waren gereckt,
+die Frauen, die dem Ansturm erlagen, krallten unersättlich die Finger in
+die neben ihnen liegenden Körper. Manche heulten nach dem Tod, der
+sie von ihrer unstillbaren Raserei heilen sollte; sie griffen nach den
+Scherben von Glas und Porzellan, um sich oder andere in wahnsinnigem
+Lachen zu blenden oder zu töten. Auf der Galerie wusste man vor Vergnügen
+nicht mehr, was man erfinden sollte: man warf hinunter, was erreichbar
+war, Wandspiegel, Champagnergläser, Stühle, man riss sogar
+Portieren herab, schleuderte brennende Kerzen. Nur der Graf von Saint-Germain
+stand heiter lächelnd dazwischen. Manchmal wollte er reden:
+
+</p><p>&bdquo;In London habe ich im vierzehnten Jahrhundert viel amüsantere
+Sachen gesehen.&ldquo;
+
+</p><p>Aber niemand hörte ihm zu.
+
+</p><p>&bdquo;Wer hat den Mut, mich hinabzuschleudern?&ldquo; rief die kleine Marquise,
+&bdquo;meine Liebe dem, der es wagt!&ldquo;
+
+</p><p>Keiner der Kavaliere schien das für ernst zu nehmen. Plötzlich
+erhoben sich aus dem Gewoge des Saales die Arme des Kapuziners.
+
+</p><p>&bdquo;Kommen Sie, kleine Marquise, Ihre Urahnin war meine erste Geliebte
+.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Gilles de Laval,&ldquo; rief die Marquise ausser sich. &bdquo;Ich erkenne
+dich .&nbsp;.&nbsp;. ganz das abscheuliche Porträt .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Sie riss sich die Kleider ab, sprang hinunter und verschwand mit
+Gilles de Laval wie unter den Wellen des Meeres.
+
+</p><p>Gilles de Laval .&nbsp;.&nbsp;.! Der Name wirkte faszinierend auf die Frauen.
+Plötzlich wollten es alle der Marquise gleichtun und schrien, man solle
+sie hinunterwerfen. Wie von fremder Gewalt getrieben, ergriff einer
+nach dem andern fast feierlich seine Nachbarin und schleuderte sie über
+die Brüstung; wenige Sekunden lang konnte man Herzoginnen und Marquisen,
+die Trägerinnen der schönsten Namen Frankreichs, nackt durch
+die Luft fliegen sehen.
+
+</p><p>Mit zerschlagenen Gliedern kamen die Damen unten an. Schwindlig
+suchten sie sich zu erheben und hinkten ein wenig umher. Ringsum
+schien indessen das Feuer wie erloschen zu sein. Ein wenig verlegen blickten
+sie über die Haufen von Gliedmassen und zerschlagenen Geräten. Sie
+wussten gar nichts damit anzufangen. Und eben hatte man doch noch so
+ein mutiges Gefühl gehabt. Es ging doch etwas ganz Tolles vor, wo man
+sich hatte hineinstürzen wollen; und nun, als man unten ankam, war alles
+aus. Wie gern hätten diese Damen einige kleine Freuden der Grausamkeit
+genossen! Der Mut war ihnen aber wohl zu spät gekommen. Manchmal
+krallte sich oder stach noch eine Hand im Todeskrampf nach diesen zarten
+weissen Körpern, die wie Miniaturwalküren auf dem Schlachtfeld umherwandelten.
+Bisweilen brachte ihnen sogar ein Finger noch eine mittelmässige
+Wunde bei und da stiessen sie nette, kleine, verzückte Schreie
+aus, wie gut gezogene Kinder, die mit kaltem Wasser gewaschen werden
+und schlotternd rufen: &bdquo;Hu .&nbsp;.&nbsp;. wie warm.&ldquo; Die Damen sahen traurig
+ein, dass sie zu spät gekommen waren, und nun traten gar schon Diener
+mit Schaufeln in den Saal. Die nackten Marquisen drückten sich verschämt
+in die Ecken und hielten die Hände über Brust und Schoss. Die Diener
+öffneten die Fenster und schaufelten die Überreste dieser Feierlichkeit
+hinaus. Unten im Hofe sah man im ersten Morgenlicht bleiches Menschengebein,
+das von früheren ausgelassenen Stunden des Grafen Gilles de Laval
+zeugte. Die Marquisen aber schlichen betrübt und verschämt durch ein
+Seitenpförtchen hinaus. Sie bereuten, sich ungeschickt benommen zu
+haben. Die armen Damen hatten sich umsonst entblösst.
+
+</p><p>Auf der Galerie waren die Zurückgebliebenen in ermattetes
+Schweigen versunken. Man kam langsam wieder zu Atem. Einige mahnten
+zum Aufbruch und erhoben sich, Händedrücke wurden getauscht, Verabredungen für
+den folgenden Tag gemacht. Einige Unermüdliche wollten
+noch soupieren gehen. Der Graf von Saint-Germain, den man unter keinen
+Umständen losgeben wollte, entschuldigte sich lächelnd. Er müsse nach
+Hause fahren, da er noch in dieser Nacht einige Kapitel aus dem Akshara
+Para Brahma Yog übersetzen wolle. Gegen solche Gründe des gelehrten
+Grafen pflegte man niemals Einwände zu machen und so verabschiedeten
+wir uns von diesen höflichen Leuten.
+
+<span class="centerpic" id="img-053"><img src="images/053.jpg" alt="Illustration 053" /></span>
+
+
+</p><p>&bdquo;Haben Sie etwas bemerkt?&ldquo; fragte mich der Graf, als wir auf der
+Strasse waren.
+
+</p><p>&bdquo;Sehr viel,&ldquo; erwiderte ich.
+
+</p><p>&bdquo;Ich meine, haben Sie bemerkt, dass ich selbst Gilles de Laval bin? So
+heisse ich im fünfzehnten Jahrhundert.&ldquo; Triumphierend blickte er mich an.
+
+</p><p>&bdquo;Unmöglich; Sie waren doch die ganze Zeit auf der Galerie, Sie
+sprachen von London .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Einen Augenblick allerdings; können Sie sich aber erinnern, Gilles
+und mich nur eine Sekunde lang gleichzeitig gesehen zu haben?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das nicht, aber .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Nun sehen Sie. Nächstens lade ich Sie zu einem Flagellantenzug
+nach Italien ein.&ldquo;
+
+</p><p>Er half mir in einen Wagen, wo ich sofort einschlief.
+
+</p><p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+
+</p><p class="noindent">Als ich wieder erwachte, &mdash; ich glaubte länger geschlafen zu haben,
+als vorher mein ganzes Leben gedauert hatte &mdash; stand eine Schale mit
+Früchten vor mir, die ich äusserst heftig begehrte, ohne die Kraft zu
+finden, danach zu greifen. Tränen traten mir in die Augen. Ich fühlte
+Abscheu vor meinem eigenen Leben, dessen trost- und gedankenlosem
+Wirbel ich wie durch ein Wunder entronnen zu sein geglaubt hatte.
+Diese unerreichbaren Früchte würden mir Gesundung bringen, reine,
+leicht zu erfüllende Wünsche an Stelle fieberhafter Gelüste. Es hatte
+mich jemand wohlmeinend, aber etwas derb von einem Abgrund gerissen,
+vor dem ich nichtsahnend stand.
+
+</p><p>&bdquo;Wissen Sie nun, wo Sie sind?&ldquo; fragte lächelnd Alta-Carrara, der
+mir gegenüber gleich wie ich auf einem Diwan lag.
+
+</p><p>In dem Zimmer unterhielten sich mehrere Herren. Einige fragten
+nach meinem Befinden und gaben mir Ratschläge.
+
+</p><p>&bdquo;Sie waren dabei,&ldquo; dachte ich, &bdquo;als ich mein Leben zwecklos in
+künstlichen Sensationen vergeudete.&ldquo; Dennoch freute ich mich, ganz
+unbekannte Gefühle in mir zu entdecken, etwas wie Reue. Ich fühlte
+einen bitteren Geschmack, wenn ich an mein Leben dachte, das sich auf
+eine glühende Einbildungskraft und einen fieberhaft zerlegenden Verstand
+gegründet hatte.
+
+</p><p>Es musste jemand meinen Wunsch erraten haben, denn ich fühlte
+die kühle Herbheit eines Apfels dicht an meinen Lippen. Ich biss hinein
+und mir war, als witterte ich junge Morgenwinde um mich her. Ich erkannte
+die Notwendigkeit eines neuen Lebens &mdash; ohne den verhassten Rausch,
+der noch in mir war. Ich verlangte schwere Aufgaben; Leiden müsste
+ich erdulden, sie unumwunden vom Schicksal fordern, das mich dadurch
+um das Beste im Leben betrogen hatte, dass es mir keine Leiden sandte.
+Ich schämte mich fast. Und doch freute ich mich über die Seltenheit
+einer solchen Empfindung in einer Seele wie der meinigen.
+
+</p><p>Alta-Carrara aber begann mit halblauter Stimme zu erzählen:
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Karneval
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>or dreissig Jahren, als ich noch die ersten Lektionen in der Schule
+des Vergnügens empfing, versuchten einmal einige venezianische
+Nobili eine hübsche Karnevalssitte des achtzehnten Jahrhunderts
+wieder aufzufrischen. Man versammelte sich in der letzten Nachtstunde, als
+schon die ersten hellen Schimmer über den Lagunen erschienen, auf der
+Erberia, und es galt für sehr elegant, möglichst verwüstet auszusehen. Man
+kam in zerrissenem Maskenkostüm, schlaffe Blumen hingen in dem losen
+Haar der Frauen; die bleichen Wangen, die flackernden Augen, sollten den
+Mitmenschen von phantastischen, noch vor einer Viertelstunde genossenen
+Räuschen erzählen. Man liebte es, die Eifersucht und Mutmassungen der
+anderen zu erwecken und ihnen zu zeigen, dass man darüber zu lachen verstand.
+Es braucht dem Kenner des menschlichen Herzens kaum betont zu
+werden, dass viele der Ankommenden weder aus dem Ballsaal, noch vom
+Spieltisch, noch aus verschwiegenen kleinen Kabinetten kamen, sondern dass
+sie sich soeben aus dem Bett erhoben, sorgfältig ihre nachlässige Toilette
+vorbereitet hatten und der Mode ihren Morgenschlaf opferten. Ich hatte
+die Nacht in der Sala del Ridotto verbracht, viel getanzt, gespielt und getrunken.
+Meine Huldigungen galten besonders einer gelbseidenen Maske.
+Ihre Stimme hatte einen wundervollen warmen Flüsterton, Sie wusste
+sich weich anzuschmiegen und liess unter der Spitze der Maske grosse
+weisse Zähne glänzen. Ich war achtzehn Jahre alt und hielt sie mindestens
+für eine verkleidete Herzogin.
+
+</p><p>&bdquo;Führ mich zur Erberia,&ldquo; bat sie mich gegen Morgen und ich überschritt
+mit ihr die leere dunkle Piazza. Wir mischten uns unter die
+lachenden Paare, die am Ufer des Kanals bei der Erberia auf und nieder
+wandelten.
+
+</p><p>&bdquo;Marchesina, ich kenne dich.&ldquo; rief eine Maske im Vorbeigehen
+meiner Dame zu
+
+</p><p>&bdquo;Doch nur eine Marchesina,&ldquo; dachte ich.
+
+</p><p>&bdquo;Wo ist Ersilia?&ldquo; fragte im Vorbeistreifen eine Pierrette.
+
+</p><p>&bdquo;Krank, sehr krank,&ldquo; erwiderte meine Begleiterin.
+
+</p><p>Es legten viele Kähne an der Erberia an, die Nahrungsmittel für den
+Markt brachten. Eine lachende Kurtisane kaufte einer Bäuerin aus Chioggia
+für ein Goldstück ihre rauchende Morgenkohlsuppe ab, deren Duft alle
+Umstehenden lüstern einsogen.
+
+</p><p>&bdquo;Mich friert,&ldquo; sagte meine Freundin Dolcisa, &bdquo;komm mit mir nach
+Hause! Du gefällst mir.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer bist du?&ldquo; fragte ich fast sprachlos vor Überraschung, denn
+bis dahin hatte ich allen Grund gehabt, in meiner Begleiterin eine etwas
+ausgelassene Dame der Gesellschaft zu vermuten.
+
+</p><p>&bdquo;Du bist dumm,&ldquo; sagte sie. Ihre dunklen Augen blitzten unter der
+Maske. Sie zog mich in eine Seitengasse.
+
+</p><p>&bdquo;Bist du wirklich eine Marchesina?&ldquo; fragte ich verlegen.
+
+</p><p>&bdquo;Lächerlich, ein Spitzname.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wer ist Ersilia?&ldquo; forschte ich nach einer Pause.
+
+</p><p>&bdquo;Ach, die arme Schwester Ersilia!&ldquo; seufzte sie, doch nicht sehr ergriffen,
+&bdquo;sie muss sterben, sie flüstert mit ihrer Heiligen und sieht nicht,
+was wir tun.&ldquo;
+
+</p><p>Ich erschrak, ohne nachzudenken, warum.
+
+</p><p>&bdquo;Ich bin ein gutes Mädchen,&ldquo; fuhr sie fort, &bdquo;ich schenke nicht allen
+meine Liebe, aber ich bin arm.&ldquo;
+
+</p><p>Nun glaubte ich zu wissen, woran ich mich halten konnte. Ihre
+weiche offene Harmlosigkeit entzückte mich.
+
+</p><p>Kühle feuchte Morgenluft umwehte uns. Wir gingen schweigend durch
+die finsteren Gassen und überschritten zahllose schmale Kanäle. Dolcisa
+wollte um keinen Preis eine Gondel nehmen. Niemand begegnete uns.
+
+<span class="centerpic" id="img-061"><img src="images/061.jpg" alt="Illustration 061" /></span>
+
+
+</p><p>Schliesslich traten wir wie in eine Lichtung auf einen kleinen Platz.
+In der Ecke starrte ein finsterer alter Palazzo. Dolcisa<a id="corr-4"></a> schloss ein wild
+verschnörkeltes Seitenpförtchen auf und schob mich hinein. Um uns war
+stickiges Dunkel. Wir gingen über viele krachende ausgetretene Stufen.
+Vor einer Tür standen wir still.
+
+</p><p>&bdquo;Erwarte mich hier,&ldquo; flüsterte sie, &bdquo;lass mich zuerst in die Kammer
+gehn und die Kleider wechseln.&ldquo;
+
+</p><p>Sie küsste mich im Dunkeln und trat in die Tür. Ich ging an ein
+Gitterfenster, durch das die erste Dämmerung in den engen Treppenraum
+drang. Mein Blick fiel in einen zerfallenen, ehemals gewiss sehr prächtigen
+Palasthof. Sollte sie doch eine Dame sein, die heimlich einmal ein
+Karnevalabenteuer haben wollte? Aber diese alten zerfallenen Paläste
+werden ja oft zu Spottpreisen an alle Welt vermietet. Dolcisa liess mich
+lange warten. &bdquo;Vielleicht hat sie nicht den Mut, mich hereinzurufen,&ldquo;
+dachte ich und trat leise in das Gemach. Es war dunkel wie draussen.
+Aus der Ecke vernahm ich leises Seufzen, und mir war, als wälze sich
+jemand auf einem Lager.
+
+</p><p>&bdquo;Sie wartet auf mich,&ldquo; sagte ich mir, &bdquo;es ist galant, ihr die Lage so
+leicht als möglich zu machen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich ging vorwärts, bis ich an die Kante des Lagers stiess, wo das
+Weib lag. Unter meinen Küssen stöhnte sie auf, krallte sich um mich
+und rief zur Madonna. Mich erschreckte diese entsetzliche Erregung.
+
+</p><p>&bdquo;Sie ist vielleicht aus Neapel,&ldquo; reimte ich mir zusammen; ich wusste
+bereits, dass die Frauen Venedigs anders lieben, ruhig die Küsse schlürfen.
+Wie es so oft bei diesen schnellen Abenteuern geschieht, überkam mich
+&mdash; ich will nicht sagen &mdash; Widerwille, aber vollkommene Sattheit im
+Augenblick nach dem Genuss. Ein unbezwinglicher Trieb nach Alleinsein,
+nach meinen eigenen Zimmern erfasste mich und mir schien, als sei
+dieses ganz gewöhnliche Gefühl heute masslos gesteigert, wie bei
+einem Verbrecher, der vor dem Schauplatz seiner Tat ein Grausen
+empfindet. Ich sprang auf, sie hielt mich nicht zurück. Durch die Art
+unserer Zusammenkunft glaubte ich mich berechtigt, ihr ein paar Goldstücke
+in die Hand zu drücken, die sich krampfhaft schloss. Dann eilte
+ich hinaus. Auf der Treppe vernahm ich Schritte hinter mir.
+
+</p><p>&bdquo;Komm doch, mein Lieber,&ldquo; rief Dolcisa, &bdquo;warum gehst du denn fort?&ldquo;
+
+</p><p>Zwei nackte Arme umschlangen mich. Eine weiche Wange lehnte
+sich in der Finsternis an die meine; junger heisser Odem umquoll mein
+Gesicht. Willenlos liess ich mich wieder die Treppen hinaufziehen.
+Dolcisa führte mich durch das Gemach, wo ich vorher gewesen, in eine
+anstossende kleine Kammer. Durch ein Dachfenster floss ganz dünne
+Dämmerung herein. Auf einem Stuhle hingen schwarze Gewänder und
+zwei dicke strohgelbe Kerzen lagen darauf.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist für Ersilia, wenn sie tot ist,&ldquo; erklärte Dolcisa; ihr weisses
+Hemd triefte von gespenstischer Helle.
+
+</p><p>&bdquo;Mach doch Licht,&ldquo; sagte ich ein wenig gedrückt.
+
+</p><p>&bdquo;Nein, nein; es ist alles so einfach und ärmlich. Wir müssen hier
+oben wohnen, denn die grossen Säle sind im Winter so kalt; sie sollen
+auch erst hergerichtet werden. Aber wir haben unser Geld verloren.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Bist du eine Marchesina?&ldquo; fragte ich wieder erstaunt.
+
+</p><p>&bdquo;Das kann dir doch gleich sein. Du bist noch ein rechtes Kind.&ldquo;
+
+</p><p>Hatte ich sie verletzt? Sie trat an die Wand, wo ein buntes Wachsbild
+der Muttergottes hing. Davor züngelte hinter rotem Glas ein Ölflämmlein,
+dessen Schein das Bild rosig benetzte. Dolcisa blies nach der
+Flamme.
+
+</p><p>&bdquo;Was machst du?&ldquo; fragte ich unruhig.
+
+</p><p>&bdquo;So sieht die Madonna nicht, was wir tun.&ldquo;
+
+</p><p>Dann kam sie zu mir; wir sanken auf ein Lager und dieses Mal genoss
+ich die sanfte, schwere, fast etwas träge Umarmung einer Venezianerin.
+
+</p><p>Dolcisa erhob sich zuerst. Nackt ging sie in das andere Gemach,
+in das nun auch die Dämmerung drang. Sie näherte sich dem Lager, wo
+ich vorher gelegen und schob die Hand unter die Laken.
+
+</p><p>&bdquo;Tot!&ldquo; rief sie plötzlich mit leichtem Schrecken. Willenlos sank
+sie vor dem Bett auf die Knie. Das nackte Weib betete im Dämmerlicht.
+
+</p><p>Erschrocken sprang ich auf; ich zündete eine der strohgelben Kerzen
+an. Das Licht hochhaltend, trat ich in das Nebenzimmer. Wie erstarrt
+blieb ich an der Tür stehen, als der flackernde Schein das Bett erhellte.
+Dort lag mit glasig blickenden Augen ein wundervolles junges Weib, dem wie
+eine geheimnisvolle Wolke reiches dunkles Haar um den Kopf wallte. Sie
+war ganz blass, von unnahbarer weihevoller Schönheit, wie eine antike
+Götterstatue. Dolcisa kniete vor ihr in hastigen, sich übereilenden Gebeten.
+
+</p><p>&bdquo;Sie ist tot!&ldquo; rief sie, sich umwendend, und etwas wie ein wirklicher
+Schmerz lag in der tränengedämpften Stimme. &bdquo;Sie war keine Sünderin
+wie ich, sie ist als Jungfrau gestorben.&ldquo;
+
+</p><p>Zitternd trat ich näher. Dolcisa liess den Blick über die Leiche
+gleiten, deren prachtvolle weisse Formen halb entblösst vor uns lagen.
+
+</p><p>&bdquo;Sie war viel schöner als ich,&ldquo; seufzte sie und es schien, als wolle
+sie durch dieses plötzliche Geständnis bei der Toten irgend etwas zu ihren
+Lebzeiten Versäumtes wieder gut machen. Sie drückte der Schwester die
+Augen zu und wollte die abstarrenden Arme an den Leib legen. Da bemerkte
+sie, wie es zwischen den zusammengekrampften Fingern funkelte.
+Sie entdeckte die Goldstücke. Ich konnte mich kaum aufrecht halten;
+doch Dolcisa stiess<a id="corr-5"></a> einen Freudenschrei aus:
+
+</p><p>&bdquo;Die Madonna war gnädig,&ldquo; rief sie, &bdquo;sie hat mein Gebet erhört,
+nun kann ich der Schwester ein würdiges Begräbnis schaffen.&ldquo;
+
+</p><p>Dankbar fiel sie wieder in ihr Gebet zurück.
+
+</p><p>Es war hell geworden. Ratlos stand ich vor der Gruppe. Ich fragte
+Dolcisa, oh ich ihr irgendwie dienen könne. Aber sie verneinte und sank
+sofort wieder in inbrünstiges Gebet. Ich verliess sie.
+
+</p><p>Zwei Tage ging ich wie verstört umher. Weder in meiner Wohnung,
+noch in den Strassen fand ich Ruhe vor dem Gedanken, dass ich den
+Tod umarmt hatte. Am dritten Tag fasste mich eine unbezwingliche
+Neugier. Ich suchte das Viertel wieder auf, um etwas über die Bewohnerinnen
+des alten Palazzo zu erfahren. Als ich den kleinen Platz betrat,
+sah ich eine Menschenmenge, die sich um das weit geöffnete Hauptportal
+des Palastes geschart hatte. Ein Priester mit zwei Chorknaben trat auf
+die Strasse. Dann wurde ein schwarzer Sarg herausgetragen, der, mit
+verschnörkelten Silberblumen verziert, einen Eindruck von Grossartigkeit
+machen sollte. Man lud ihn in eine gemietete Gondel und breitete die
+wenigen Kränze möglichst darüber aus. Dolcisa folgte schluchzend in
+dürftigem, doch aufgeputztem Trauergewand. Sie bestieg eine zweite
+Gondel, begleitet von einem uralten, gebrechlichen Herrn in altmodischer
+Eleganz, der sich sehr unbehaglich zu fühlen schien. Einige Personen
+bestiegen eine dritte Gondel und still schlich der Leichenzug durch die
+Lagunen. Ich hatte fast besinnungslos zugeschaut.
+
+</p><p>Der Flüsterton der Umstehenden erhob sich nun zu lebhaftem
+Plaudern.
+
+<span class="centerpic" id="img-067"><img src="images/067.jpg" alt="Illustration 067" /></span>
+
+</p><p>&bdquo;Die armen Marchesinen&ldquo;, sagte eine Alte .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;und früher welch&rsquo;
+ein glänzendes Leben in dem Palazzo, als der alte Marchese noch lebte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+&bdquo;Sie waren liederlich,&ldquo; sagte eine dicke Bäckersfrau, &bdquo;keiner wollte mehr
+mit ihnen zu tun haben .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Gegen Ersilia kann niemand etwas sagen,&ldquo;
+meinte ein junger Mann, &bdquo;sie war tugendhaft.&ldquo; Dann gingen viele Stimmen
+durcheinander: &bdquo;.&nbsp;.&nbsp;. Schwindsucht, langsames Hinsterben .&nbsp;.&nbsp;. die arme
+einsame Dolcisa .&nbsp;.&nbsp;. noch so jung .&nbsp;.&nbsp;. aber sie hat den alten Oheim .&nbsp;.&nbsp;.
+sie wird sich ein glänzenderes Schicksal suchen, als ihn zu Tode zu
+pflegen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+
+</p><p class="noindent">Alta-Carraras Erzählung war zu Ende. Um mich her sah und roch
+ich altes geschnitztes wurmstichiges Holz; ich hörte, wie langsam
+morsche, jahrhundertealte Marmorpaläste zerbröckelten, an denen Moos
+wuchs. Überall lag Moderduft; es war zum Ersticken. Man hörte durch
+die Zeit hindurch die Werke der Menschen faulen. Ringsum rauschten
+die Jahrhunderte in trüben Dämpfen empor. Alles schien vom Kuss des
+Todes berührt und war zum Niedergang bestimmt. Ich hatte das dumpfe
+Gefühl, als trüge ich selbst mit die Schuld, dass die Welt sterben sollte.
+Ach, ich hatte meine Tage schlecht benutzt. Es hätte anders werden
+können, wenn ich gewollt. Wie freute ich mich über die Züchtigung,
+die mir ward. Die Leiden, auf die ich gewartet, begannen. Mir war, als
+stürzte mitten in der zerbröckelnden Welt etwas klirrend zusammen, was
+mich in hohem Masse betraf. Es sah zwar, als ich hinblickte, nur aus
+wie eine Messbude, so eine purpurrot tapezierte mit vergoldeten Spiegeln,
+vor denen Lampen brennen; darin aber konnte man durch Gucklöcher die
+Haupthandlungen meines Lebens sehen. Und es war mir höchst fatal, dass
+so viele Leute hineingeschaut hatten. Das wunderte mich selbst, denn
+ich war früher stolz gewesen auf mein reiches, buntes Leben.
+
+</p><p>&bdquo;Weiter .&nbsp;.&nbsp;. weiter .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; rief ich, &bdquo;mehr von dieser bittersüssen
+Weisheit.&ldquo; Und wie aus einem Abgrund tauchte ein kräftiger Mann. Er
+hatte einen blauschwarzen viereckig geschnittenen Bart, wie ein assyrischer
+Magier und war von violettem Samt umwogt, den er wie eine geliebte
+Katze streichelte. Er sprach gleichgültig, in fast verächtlichem Ton, der
+sich aber später zu heftiger Erregung steigerte. Er erzählte:
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Die Sünde wider den Heiligen Geist
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>N Spanien gab es einmal ein paar junge Leute, die sich einen wirklichen
+Spass machen wollten. Alles, was an Wahnsinn oder an das Hospital
+erinnerte, lag ihnen fern. Sie verschmähten auch, berauschende Drogen
+einzunehmen. Diese höchst schwächlichen Notbehelfe waren der damaligen
+Zeit nicht gemäss. Man wusste auch nichts vom Spiritismus, dieser Kloake
+der Mystik, noch von der Hypnose, mit der in unserer wunderlosen Zeit
+die exakte Wissenschaft nachgehinkt kommt. Es sollten einfach aus der
+Kraft des Willens heraus, mit Hilfe von Witz, Phantasie, Mut und Gewandtheit
+unerhörte seelische Schauspiele in andern Personen hervorgerufen
+werden. Schauspiele, die womöglich ihre Schatten bis ins Jenseits
+werfen würden &mdash; eine Art Fopperei mit Perspektiven in die Ewigkeit.
+Die Reihe der Todsünden wird leider fast täglich in unserer Nähe erschöpft.
+Hier erschlägt einer im Jähzorn die Geliebte, einem andern erweckt eine
+klägliche Wissenschaft den Hochmut der Gottähnlichkeit, ein dritter überfrisst
+sich und wie die Missetaten phantasieloser Leute nur immer heissen
+mögen. Nur einen Frevel gibt es, dem die Kirche schon dadurch eine
+Sonderstellung anweist, dass sie erklärt, er könne nie vergeben werden;
+die Priester behaupten sogar, Gott lasse ihn kaum zu: die Sünde wider
+den heiligen Geist. Die jungen Leute, von denen ich erzählen wollte,
+konnten sich daher gar nichts Geheimnisvolleres, Sehenswerteres vorstellen,
+als das Geschehen dieser unerhörten Sünde. Sie wollten vor allem wissen,
+ob sie überhaupt möglich sei, wie sie sich vollziehen würde, ob Gott dazwischen
+träte, ob der Weltlauf stillstünde, oder ob sich vielleicht gar
+nichts ereignete.
+
+</p><p>Die Sünde wider den Heiligen Geist besteht einfach darin, dass man
+ihn beleidigt, das Heiligste lästert. Dazu gehören drei Bedingungen: der
+Wille, das Bewusstsein und die Kraft des Lästerers. Er muss den höchstmöglichen
+Frevel begehen <i>wollen</i>, muss <i>wissen</i>, wen er beleidigt und
+was er damit wagt, also den <i>Glauben</i> haben, er muss durch die <i>Kraft</i>
+seines Willens, seiner Werke imstande sein, Gott überhaupt zu treffen.
+Seine Schmähungen dürfen nicht wie das Gebell eines bösen kleinen
+Hundes abprallen. Ausser von Satan selbst, der, wie man weiss, früher der
+schönste der Engel war und sich jetzt in beständiger Empörung gegen den
+Heiligen Geist befindet, kann die Sünde eigentlich nur von einem Heiligen
+begangen werden, der die im Dienste Gottes erworbene Kraft des Gebetes,
+des Glaubens, der Berge versetzt, plötzlich gegen Gott selbst wendet.
+
+</p><p>Man suchte zunächst nach einem geeigneten Opfer. Es fänden sich
+eine Anzahl Jungfrauen, deren Reinheit sogar Wunder hervorbrachte.
+Aber es erwies sich, dass ihre Tugend, ihr Glaube doch nicht viel mehr
+war, als der Mangel an Gelegenheit zum Fall. Wenn sie auch Gott
+lebendig in sich fühlten, so waren ihnen die Kniffe und Schliche Satans
+fast ganz unbekannt.
+
+</p><p>Schliesslich dachte man an die vierzehnjährige Teresa Alicocca, die
+Tochter einer Kurtisane. Ihre Mutter hatte seit der Geburt des Kindes
+keine peinigendere Sorge gehabt, als dass es einen ähnlichen Weg wie sie
+gehen würde, und wenn auch an ihr selbst nichts mehr zu verderben war, so
+übergab sie doch die Tochter der strengsten Erziehung in einem Kloster
+der Karmeliterinnen. Man hätte von ihr nicht mehr erfahren als von den
+anderen Zöglingen, wenn sie nicht schon in so frühem Alter beständig
+von den Priestern als leuchtendes Beispiel für das Wunder der <i>Substitution</i>
+gepriesen worden wäre, worin sich ja auch Teresas namensverwandte
+Schutzpatronin bekanntlich ausgezeichnet hat. Mit Gebeten
+und Kasteiungen war es ihr nämlich &mdash; durch Vermittlung der heiligen
+Teresa &mdash; gelungen, dem Bösen gegenüber an Stelle ihrer Mutter zu treten,
+sich ihr zu <i>substituieren</i>: sie ging freiwillig den Dämonen der Wollust
+und der Geldgier entgegen, die es eigentlich auf die Mutter abgesehen
+hatten. Während diese fortgesetzt, trotz ihrem Glauben, den satanischen
+Strömungen erlag und sich mitreissen liess, wusste Teresa solche Ausflüsse
+der Hölle von nun an auf sich zu lenken und sie zu überwinden.
+Die Folge davon war, dass die Mutter &mdash; zu ihrer eigenen Verwunderung &mdash;
+auf einmal imstande war, die Versprechungen zu halten, die sie immer
+wieder im Beichtstuhl machte. Sie begann ein bussfertiges Leben zu
+führen und dankte dem Himmel, der ihr von der Frucht ihrer Sünde selbst
+die Gnade hatte kommen lassen.
+
+</p><p>Niemand konnte den jungen Leuten zu ihrem Vorhaben geeigneter
+erscheinen als Teresa Alicocca. Sie fühlte und sah nicht nur Gott,
+sondern auch die Fallen Satans waren ihr, die nie gesündigt hatte, bekannt.
+Die Kraft zu der grossen Sünde besass sie zweifellos; wenn man sie ohne
+Berauschung dazu bringen könnte, würde sie auch das Bewusstsein haben.
+Es handelte sich also darum, die dritte Bedingung in ihr zu schaffen, den
+Willen, den Heiligen Geist zu lästern.
+
+</p><p>Den jungen Leuten wurde es nicht sehr schwer, sich Teresa zu nähern,
+da sich unter ihnen ein Priester befand, Fray Tomàs de Leon, der im
+geheimen dem Satanismus ergeben war. Durch ihn hatten sie überhaupt
+genaueres über Teresa erfahren. Der Geruch der Frömmigkeit, in dem
+er stand, verbunden mit einem ungemeinen Scharfblick in die menschliche
+Seele, hatte die Karmeliterinnen veranlasst, ihn zu ihrem Beichtvater zu
+erwählen.
+
+</p><p>Er wusste, dass Menschen wie Teresa nie mit sich zufrieden sind,
+dass sich immer wieder Falten ihres Bewusstseins öffnen, in denen kleine
+Vorwürfe, Zweifel, Mahnungen an Unterlassenes liegen. Kluge, wohlwollende
+Priester pflegen daher solchen Beichtkindern die eingehende
+Gewissensprüfung zeitweise zu verbieten. Fray Tomàs dagegen verstärkte
+diese selbstquälerischen Stimmen, indem er fragte, ob sich Teresa denn
+auch ganz frei von der Todsünde des Hochmuts fühle, ob sie sich nicht
+bisweilen für eine Heilige halte, da sie sogar die Missetaten anderer auf
+sich nehme. Die Substitution sei zwar eines der gottgefälligsten Werke;
+war aber Teresa wirklich rein und demütig genug? Indem der Priester
+täglich den Finger in die zuerst leichte Wunde legte, gelang es ihm, in
+Teresa eine unsägliche Verwirrung zu schaffen.
+
+</p><p>Ob denn nicht die Bekehrung der Mutter als Beweis für die Reinheit
+ihrer Gebete gehalten werden könne? wagte sie schüchtern einzuwenden.
+Das könne Teufelswerk sein. Was verschlüge es dem Bösen, dass eine
+Hure, der er sicher war, einige Zeit züchtig lebte, wenn er dafür eine
+Jungfrau durch die Todsünde des Hochmuts fangen könne?
+
+</p><p>Teresa wurde nun so unsicher, dass sie tagelang die Substitution
+nicht wagte; sie bat sogar Gott, nicht mehr Anfechtungen über sie ergehen
+zu lassen, als er ihr in seinem gerechten Zorne zugedacht hatte. Als der
+Priester so ihre Kraft gebrochen sah, fragte er sie, ob sie jetzt nicht in
+den entgegengesetzten Fehler verfallen sei? Ob sie, die vielleicht doch
+eine Erwählte war, nicht aus Kleinmut und Trägheit auf das Wunder
+verzichte, sie, die schon aus blosser Kindesliebe alles tun müsse, um die
+Seele der Mutter zu retten. Teresa wollte von neuem die Substitution
+versuchen, aber wenn sie vor dem Heiland kniete, fühlte sie, dass ihre
+ängstlichen, zerrissenen Gebete keine Kraft mehr hatten. Eine wahnsinnige
+Angst vor dem Teufel erfasste sie und, von ihren eigenen Sünden gepeinigt,
+vermochte sie das Wunder nicht mehr zu erfüllen. Ihre Unreinheit
+wurde ihr immer mehr bewusst. Hatte sie nicht manchmal gejauchzt, ein
+Weib zu sein, weil sie darum den Heiland viel inniger lieben konnte?
+Sie war ja eine schlimmere Dirne, als die Mutter, die der Schwachheit
+des Fleisches unterlag und dann reuig zur Madonna floh; sie aber trug
+die Gemeinheit ihres Geschlechts an den Altar, sie vermengte ihre Wollust
+mit den Gebeten. Ihre Ekstasen, die sie für ein Vorgefühl der ewigen
+Seligkeit gehalten, erwiesen sich als Schändungen Gottes; die Stimmen
+der Heiligen, die sie zu vernehmen glaubte, waren die Schmeichellaute
+der schwelgenden Sinne. Sie hatte wider den Heiligen Geist gesündigt.
+Diesen Seelenzustand beichtete sie dem Priester, der sich jedoch mit dem
+Erfolg noch keineswegs zufrieden gab. Er sah, dass die Sünde wider den
+Heiligen Geist vorläufig nur in Teresas gequälter Einbildungskraft bestand.
+Zunächst bestärkte er sie in ihrem Irrtum.
+
+<span class="centerpic" id="img-077"><img src="images/077.jpg" alt="Illustration 077" /></span>
+
+</p><p>&bdquo;Diese fehlerhaften besudelten Gebete,&ldquo; erklärte er, &bdquo;sind freilich
+schlimmer, als die eingestandene Gottlosigkeit. Der offene Unglaube ist
+unfruchtbar, dumm, ohnmächtig. Aber solche fiebernde Gebete erhalten
+durch die brünstig erregte Seele immerhin eine gewisse Macht. Sie sind
+zwar nicht lauter und kräftig genug &mdash; wie das reine Flehen der unbefleckten
+Herzen &mdash;, sich mit dem ewig aufsteigenden Gebetsstrom der Christenheit
+zu vereinen und so den Beter unaufhörlich mit der allgemeinen unsichtbaren
+Kirche zu verketten, die ihn trägt und schützt, in deren Schoss ihn die
+Anfechtungen Satans unbekümmert lassen. Solche Gebete haben aber wohl
+die Macht, Sonderströme zu schaffen, die, von dem Hauptgebetsstrom
+abgestossen, wieder zu dem Beter zurückkehren, ihn mit ihrer Unreinigkeit
+wie mit heissen Händen umschlingen, seine Zelle wie mit Spinnweben
+verdunkeln, ihn unter den Larven seiner eigenen unheiligen Gedanken
+erdrücken, bis er in seiner Sündigkeit erstickt.&ldquo;
+
+</p><p>Fray Tomàs erreichte durch diese Erklärung, dass Teresa die Einsamkeit
+ihrer Zelle nicht mehr ertrug. In der Luft schienen die flüchtigen
+Spiegelbilder ihrer Sünden zu schwirren. Ihr war, als sei das Gewebe,
+das der Böse um sie geschlungen, schon so dicht, dass ihre aufrichtigsten
+Gebete nicht mehr herauszudringen vermochten. Sie fühlte sich wie abgetrennt
+von der allgemeinen unsichtbaren Kirche. Diesen Zustand benutzte
+der Priester, um Teresa zu bestimmen, ihre Zelle zu verlassen. Auf die
+Klöster habe es ja Satan ganz besonders abgesehen, und zumal die, wo die
+Substitution geübt werde, seien wahre Magnete für die satanische Ausstrahlung.
+Eine schwache Natur, wie Teresa, sei daher überall besser
+aufgehoben als in einer einsamen Klosterzelle. Als Beichtvater wusste
+er ihr klarzumachen, dass es ihre Pflicht sei, einen so aussergewöhnlichen,
+beunruhigenden Fall, wie den ihren, dem sanften, heiteren Gemüt der Oberin
+zu verschweigen, die dadurch nur in die höchste Verwirrung geraten würde.
+
+</p><p>Eines Nachts verliess Teresa Alicocca das Kloster durch ein Gartenpförtchen.
+Fray Tomàs brachte sie in einem Kahn zu dem halb blinden,
+halb tauben Küster einer abgelegenen, wenig besuchten Kirche. Dort
+sollte sie eine Zeitlang die gefährliche Beschaulichkeit ihres bisherigen
+Lebens durch die niederen Handreichungen in einem ärmlichen Hauswesen
+ersetzen. Nichts schien ihr einleuchtender, als durch ermüdende, demütige
+Arbeit ihre verwirrte Seele allmählich wieder zur Ruhe kommen zu lassen.
+Fray Tomàs besuchte sie täglich. Er erzählte, Teresas Mutter sei wieder
+in das alte Sündenleben zurückgefallen. Die früheren Versuchungen,
+vor denen die Tochter sie geschützt, seien nun von neuem an sie selbst
+herangetreten und besonders habe sie sich, der Verzweiflung über das
+Verschwinden der Tochter nachgebend, zu den schimpflichsten Gotteslästerungen
+hinreissen lassen. Täglich brachte Fray Tomàs ähnliche
+Nachrichten. Teresa wäre am liebsten sofort zur Mutter geeilt, aber der
+Priester verstand es, sie zurückzuhalten. Man würde sie entdecken und in
+das Kloster zurückliefern. Was konnte sie auch der Mutter durch ihre
+Gegenwart eigentlich nützen? Sie solle lieber durch Kasteiung und Gebete
+ihre frühere Reinheit zurückgewinnen und &mdash; die geziemende Demut
+vorausgesetzt &mdash; von neuem das Wunder der Substitution versuchen.
+Einmal rief sie aus:
+
+</p><p>&bdquo;Wenn schon ein Opfer Satans fallen muss, warum kann ich es
+denn nicht sein? Ich bin ja viel schlechter als die Mutter.&ldquo;
+
+</p><p>Der Priester sah sie lange forschend an. Der Gedanke, den er ihr
+allmählich eingeben wollte, war von selbst in ihr erwacht.
+
+</p><p>&bdquo;Was du verlangst, meine Tochter,&ldquo; sagte er ruhig, &bdquo;ist möglich.
+Wenn du dich dem Bösen als Pfand geben willst, um die Mutter zu retten,
+so nimmt er es an.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich will,&ldquo; erwiderte sie tonlos; und Fray Tomàs de Leon fiel vor
+ihr auf die Knie und küsste den Boden.
+
+</p><p>&bdquo;Gebenedeite unter den Weibern,&ldquo; rief er aus. &bdquo;Tochter Gottes,
+Schwester des Heilands. Weh mir Blindem, der ich dich für eine Sünderin
+hielt, da du <i>freiwillig</i> den <i>Schein</i> der grössten Missetat auf dich
+nahmst; aber zweifelte nicht auch Nikodemus zuerst an der Gottheit des
+Herrn, weil er irdischen Leib trug? Siehe, ich bin der erste, der vor dir
+niederfällt, nicht wert, die Riemen deiner Schuhe zu lösen. Vergib mir,
+wenn ich dich nicht erkannt.&ldquo;
+
+</p><p>In höchster Verwirrung hatte Teresa Alicocca zugehört.
+
+</p><p>&bdquo;Steh auf,&ldquo; rief sie zitternd, &bdquo;was verlangst du von mir? Willst du
+mich versuchen, willst du in mir den Teufel des Hochmuts von neuem
+erwecken?&ldquo;
+
+</p><p>Fray Tomàs stand auf:
+
+</p><p>&bdquo;Siehe, ich bin berufen, dir eine letzte erschütternde Prophezeiung
+zu enthüllen, welche die Kirche bisher als tiefstes Geheimnis hielt<a href="#footnote-1" id="fn-1"><sup>*</sup></a>.
+Jesus Christus ist Mensch geworden; über die Welt bis in das Fegefeuer
+reichte sein rettender Arm, doch seine Göttlichkeit stand still vor den
+Pforten der Verdammnis; unerlöst blieben die Kinder der Hölle; denn
+dorthin führt nur die Sünde wider den Heiligen Geist, die der Gottessohn
+nicht begehen kann. In den spätesten Zeiten aber &mdash; so heisst es &mdash; soll
+ein Weib geboren werden. Freiwillig wird sie die Tore der Hölle durchschreiten.
+Ihrem sündigen Menschentum werden sie sich nicht verschliessen.
+Aus freier Wahl wird sie die grösste Sünde begehen, um die Fesseln derer
+zu lösen, die an die Ewigkeit ihrer Qual geglaubt. Das ist die letzte
+Vollendung der Güte des Herrn. Dann aber wird sie umkehren und
+gen Himmel fahren; sprengen muss sie die Dreieinigkeit, die nunmehr
+erfüllt ist, und sie wird thronen zu Häupten Gottes, des Vaters, des
+Sohnes und des Heiligen Geistes, reitend auf der Taube, in ewiger Viereinigkeit.&ldquo;
+
+</p><p>Wieder fiel Fray Tomàs auf die Knie.
+
+</p><p>&bdquo;Steh auf, steh auf,&ldquo; rief Teresa, &bdquo;ich darf dir nicht glauben &mdash; ich
+zittere, eine Erwählte zu sein &mdash; eine andere wird kommen; nur sage mir
+&mdash; ich beschwöre dich &mdash; was kann ich tun, um die Mutter vor der Verdammnis
+zu schützen?&ldquo;
+
+</p><p>Der Priester erhob sich.
+
+</p><p>&bdquo;Wie Christus eine Spanne Zeit auf Erden wandelte, so wirst du
+in der Hölle eine Frist der Verdammnis erfüllen und mit den verstocktesten
+Sündern dich und die Mutter erlösen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was kann ich dazu tun?&ldquo; fragte Teresa zitternd.
+
+</p><p>Und unerbittlich fuhr Fray Tomàs fort:
+
+</p><p>&bdquo;Nur wer von einem Weibe geboren wird, kann einen irdischen
+Leib erlangen; nur wer die grosse Sünde begeht, die nie vergeben werden
+kann, wird zur Hölle fahren.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Die Sünde wider .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo; stotterte Teresa.
+
+</p><p>&bdquo;So ist&rsquo;s, die Sünde, die Christus nicht begehen konnte, vor dessen
+Göttlichkeit sich darum die Hölle verschloss. Glaubst du, dass er überlegte,
+als er Mensch wurde, ob er seine Göttlichkeit einbüssen müsse?
+Und du setzest nur dein Menschentum aufs Spiel. So wie die Unreinheit
+der Empfängnis von Maria genommen wurde, so sollst auch du von deiner
+freiwilligen Sünde nicht befleckt werden.&ldquo;
+
+</p><p>Ohne auf Antwort zu warten, ging Fray Tomàs von dannen. Teresa
+lag die ganze Nacht in Tränen auf den Steinfliesen<a id="corr-6"></a> der Kirche und
+flehte um Erleuchtung. War es Mangel an Demut, wenn sie manchmal
+jubeln wollte, vielleicht doch die Erwählte zu sein?
+
+</p><p>Am nächsten Tag brachte Fray Tomàs die Nachricht, Teresas Mutter
+sei von einer Gesellschaft junger Schwelger durch Gold bewogen worden,
+in einer der kommenden Nächte nackt, nur mit masslosem Schmuck
+bedeckt, vor ihnen als Salome zu tanzen. Man wollte ihr aus Wachs einen
+Johanneskopf anfertigen lassen; sie selbst aber, die sich seit einer Woche
+vor Gotteslästerungen nicht zu halten wisse, habe im geheimen den Auftrag
+gegeben, man solle nicht das Johannesantlitz in Wachs giessen, sondern
+die wohlbekannten Züge des dornengekrönten Christus in der Kapelle der
+heiligen Ignazia. Warum habe ihr Gott die Tochter mit ihren kräftigen
+Gebeten entrissen, soll sie gerufen haben, nun sei es <i>seine</i> Schuld, wenn
+sie sich dem Satan ergebe. &mdash; Zweifellos &mdash; meinte der Priester &mdash; habe
+sie eine entsetzliche Schändung des Jesushauptes vor, die Sünde wider
+den Heiligen Geist.
+
+</p><p>Teresa fiel kraftlos zu Boden.
+
+</p><p>&bdquo;Erkennst du den Fingerzeig Gottes, meine Tochter?&ldquo; sagte Fray
+Tomàs; &bdquo;mahnt er dich nicht selbst, dass jetzt die Stunde gekommen ist,
+wo du freiwillig der Mutter Sünde auf dich nehmen sollst, die dir allein
+die Hölle öffnet, auf dass sie nimmer geschlossen werde, nachdem du alle
+Verdammten erlöst hast?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich verstehe dich nicht.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Glaubst du, dass Gott oft diese Sünde erlaubt? Heute, im Augenblick,
+wo du deine Berufung erfüllen sollst, will er sie zulassen in deiner
+nächsten Nähe, an deiner Mutter, die du ohnehin vor dem Bösen zu vertreten
+gewohnt bist? Sollen mehr Fäden in einem Knoten zusammentreffen?
+Das Laster der Mutter, deine Sehnsucht, sie zu retten, waren
+nur Fingerzeige für dein hohes Werk. Selten enthüllt sich Gottes Wille
+so klar. Mit einem Trank will ich deine Mutter an dem verfänglichen
+Abend in Schlaf versenken. Du aber wirst, angetan mit dem Schmuck,
+den die reichsten Jünglinge der Stadt zusammentragen, den Tanz vollführen.
+<i>Du wirst die Sünden der Verdammnis tanzen:</i> den Hochmut,
+die Trunkenheit, die Wollust an der Kreatur, du, die du demütig,
+nüchtern und keusch bist. Freiwillig wirst du Gott verfluchen, das
+Christushaupt bespeien und den Satan brünstig lachend um die Lust der
+ewigen Verdammnis anflehen, auf dass sich die Tore der Hölle vor dir
+öffnen und du alle Verdammten &mdash; unter ihnen aber deine Mutter &mdash; zum
+Himmel führest.&ldquo;
+
+</p><p>Teresa wand<a id="corr-7"></a> sich verzweifelt am Boden, während den Priester
+das Vorgefühl dieses Schauspiels bis zum Taumel erregte.
+
+</p><p>&bdquo;So nimmst du alle Sünden der Zukunft vorweg durch die grösste,
+die je begangen werden kann. Im Augenblick aber, wo der Satan lüstern
+den Arm nach dir streckt, um dich zur Königin der Hölle zu erheben,
+wird er im eigenen Lager geschlagen, gefangen in seinem Netz; denn durch
+deinen menschlichen Leib wird dann Gott ein schreckliches Mal geruht
+haben, sich des Betrugs zu bedienen, dessen Verkörperung Satan ist; so
+wird &mdash; als letztes Mysterium! &mdash; der Teufel durch sich selbst vernichtet,
+der Betrüger betrogen, die Sünde ist für immer tot. Das aber wird das
+Werk der heiligen Teresa Alicocca sein, und die himmlischen Heerscharen,
+die sie aufwärts tragen, werden singen:
+
+</p><p>&bdquo;Gloria patri et filiae!&ldquo;
+
+</p><p>Fray Tomàs bekreuzte sich und liess sie allein. Er wusste sie nun
+vorbereitet genug, um sie im letzten Augenblick überrumpeln zu können.
+
+</p><p>In einer der folgenden Nächte lag Teresa Alicocca nach ihrer Gewohnheit
+vor dem Altar der dunkeln kleinen Kirche flehend ausgestreckt.
+Ihr lautes Schluchzen durch die Finsternis wurde plötzlich unterbrochen,
+indem die Orgel wie unter Geisterhänden leise zu spielen begann, und
+zwei zerbrechliche Kinderstimmen sangen hell und zart:
+
+</p><p>&bdquo;Gloria patri et filiae.&ldquo;
+
+</p><p>Ein heftiges Beben überkam Teresa. Sie glaubte an ein Wunder der
+Erleuchtung und heisse Dankgebete strömten von ihren Lippen. Da trat
+mit einer Kerze in der Hand Fray Tomàs de Leon hinter dem Altar
+hervor. Er war silberweiss gekleidet. Unter dem Arm trug er einen Schrein.
+
+</p><p>&bdquo;Steh auf, Gebenedeite!&ldquo; rief er ihr zu, &bdquo;lass den niedrigsten der
+Diener deinen Leib zum Opfer schmücken!&ldquo;
+
+</p><p>Und die hellen Kinderstimmen tönten licht und wie durchsichtig
+durch das Gewölbe.
+
+</p><p>&bdquo;Steh auf Tochter Gottes, Schwester Jesu!&ldquo;
+
+</p><p>Willenlos, geblendet von der Helle, die den Priester umfloss,
+erhob sie sich. Mit sanften, gewandten Händen half er ihr das armselige
+Klostergewand zu öffnen, Es sank um sie herab, wie die irdische Hülle
+einer Verklärten. Die Augen mit Heftigkeit auf den Christ gerichtet,
+suchte sie ihre Scham wie einen Schmerz zu verbeissen. Die letzten Gewänder
+fielen nieder; sanft zog ihr der Priester das rauhe Hemd ab und
+legte segnend die Hände über das nackte Weib. Dann öffnete er den
+Schrein und nahm funkelnde Geschmeide heraus .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>&bdquo;Trage die sündenschwangere Schwüle der mattgrauen Wolkentage,
+die Last unserer trügerischen Sehnsucht!&ldquo;
+
+</p><p>Er legte blasse, siebenfache Perlenschnüre um ihren Hals.
+
+</p><p>&bdquo;Lass dich umwinden vom gold-durchfunkelten Blau der Himmel,
+vom Jauchzen<a id="corr-8"></a> der Kreatur, die den Menschen aufregt zum farbigen Baalstanz
+seiner götzendienerischen Kunst.&ldquo;
+
+</p><p>Der Priester wand ein hellblaues Atlasband mit masslosen sonnigen
+Topasen unter ihre Brüste, die spitz und starr heraustraten.
+
+</p><p>&bdquo;Lass dich lüstern streifen von lauen Wäldern, den Unterschlupfen
+der Wollust, von den gärenden Wassern im Regenbogenglanz, wo Tiere
+dämmern, Geschwister der schwülsten Begierden!&ldquo;
+
+</p><p>Wie Blätter des Waldlaubs streute er tannengrün-tiefen Smaragd,
+sanften Beryll, birkenblasse Chrysoprase; moosiger Nephrit und verfänglich
+schillernde Opale lagen um ihre Lenden.
+
+</p><p>&bdquo;Beuge dich dem zehrenden Feuer, das den Bauch der Erde zersprengt,
+den Aufruhr entzündet im Schosse der Völker!&ldquo;
+
+</p><p>In fesselloser Verschwendungsgier umschloss er sie mit Spangen von
+glühendem Rubin und weichrotem Karneol; Granaten, Almandinen und
+Korallen sanken wie Blutstropfen auf den Schoss der Jungfrau.
+
+</p><p>&bdquo;Wühle auf deine Locken, den Ozean, den Duftausbruch des verworrenen
+Verlangens, trage darin das Irrlicht der Erkenntnis, das schaukelt
+über den Sümpfen der Sinne, die ewige Lampe des Hochmuts der Wissenden!&ldquo;
+
+</p><p>Fray Tomàs löste mit wildem Griff das wogende Haar und drückte
+eine Diamantenkrone hinein. Trunken vor seinem funkelnden Werke
+sagte er:
+
+</p><p>&bdquo;Nackt prunke, leuchte, singe dein Leib unter der Pracht und den
+Sünden hervor, auf dass dich Satan zeichnen möge!&ldquo; Doch, wie in
+plötzlicher, verzweifelnder Entsagung fuhr er fort: &bdquo;Deine Schritte beschwere
+der finstere Fluch unserer purpurnen wühlenden Nächte, da
+uns die Atemzüge der Hölle glühend ins Antlitz fauchen, das da funkelt
+in steter Empörung und Wollust, im Schrei nach endlichem Licht!&ldquo;
+
+</p><p>Und Fray Tomàs de Leon legte ihr trüben Amethyst, nächtigen
+Saphir und Aquamarin in finster-bläulichen Schnüren von dem Lendengurt
+bis zu den Knöcheln wie durchsichtige orientalische Beinhüllen.
+
+</p><p>Beladen mit aller Herrlichkeit, mit allen Freveln der Erde starrte
+die Vierzehnjährige auf den Christ über dem Altar und wusste nicht,
+wie ihr geschah. Auf einer goldenen Schale reichte ihr Fray Tomàs das
+grünlich schimmernde Wachshaupt Jesu. Dann ergriff er sie an der Hand
+und wandte sie gegen die Kirche, die indessen in überhellem Kerzenschein
+erstrahlt war. Auf den Fliesen lag ein weisser Teppich ausgestreckt, an
+dessen Ecken Fackeln brannten und Myrrhenbecken dampften. Fray Tomàs
+führte die Zagende mitten auf den Teppich.
+
+</p><p>&bdquo;Tanze, Tochter des Himmels, tanze den Tanz der Erlösung und
+erfülle in prahlender Unzucht in dieser einen Stunde alle die Frevel, die
+der Satan noch von der Menschheit zu fordern hat!&ldquo;
+
+</p><p>Plötzlich fiel die Orgel in wilden Rhythmen ein. In den halbdunklen
+Ecken der Kirche schlugen vermummte Männer heilige Gefässe
+wie Becken und Zimbeln aneinander. In entsetzlichem Gemisch mit der
+Feierlichkeit ertönte das barbarische Geräusch von Tamburinen; trunkene
+Weiberschreie drangen hinter den geblähten Vorhängen der Beichtstühle
+hervor.
+
+</p><p>&bdquo;Tanze, tanze!&ldquo; schrie der Priester voll Ungeduld und schien die
+Zögernde, die sich unter der Last der Geschmeide kaum zu bewegen
+wagte, durch springende Schritte ermutigen zu wollen. Und langsamen,
+schüchternen Ganges, beladen mit den Freveln der Welt, bewegte sich
+Teresa Alicocca über den Teppich, den Kopf des Heilands auf einer
+Schale tragend. Aus den Ecken, wo sich Männer und Frauen schaugierig
+drängten, sprangen nun plötzlich die jungen Leute, des Priesters
+Freunde, hervor; mit Fackeln und blossen Schwertern im Arm tanzten
+sie jauchzend um den Teppich.
+
+</p><p>&bdquo;Wilder, toller!&ldquo; riefen sie der Ängstlichen zu. &bdquo;Du musst uns
+alle erlösen; aber unsere Sünden sind noch brennender, empörender,
+räuberischer, als dein Tanz. Du musst verruchter tanzen, als unsere
+Missetaten sind, die gen Himmel schreien. Nur so kannst du uns zum
+Heile sein!&ldquo;
+
+</p><p>Während die Wut der Orgel niederdonnerte, liess sich Teresa
+zu immer wilderem Tanze treiben. Sie warf die Schale mit dem
+Haupte von sich und fand in plötzlicher Erleuchtung die versonnensten
+Gliederkrümmungen der asiatischen Tänzerinnen. Sie bot ihren Schoss
+offen der Kerzenhelle dar und entriss ihm mit gewaltiger Gebärde die
+Blume ihres Jungfrauentums, so dass ihr weisser Körper über die roten
+Rubinen blutete.
+
+</p><p>&bdquo;Eine blutende Hostie des Satans!&ldquo; rief Fray Tomàs verzückt. Sie
+aber heulte auf vor Schmerz und stürzte sich auf das wächserne Haupt
+vor ihren Füssen, umschlang es, wie den Kopf eines Tänzers, krallte die
+Zähne hinein, ihre Qual zu verbeissen.
+
+</p><p><i>Und sie tanzte die Sünden der Hölle!</i>
+
+</p><p>&bdquo;Küss ihn,&ldquo; rief ihr der Priester zu; willenlos tat sie nun alles, was
+er befahl. &bdquo;Verspott ihn, spei ihn an, wirf ihn hin, tanze drüber weg,
+zertritt ihn, zermalm ihn &mdash; lästere die Dreieinigkeit &mdash; rufe zu Satan!&ldquo;
+
+</p><p>Und gebeugt von der Last der Sünden der Verdammnis schrie
+Teresa Alicocca:
+
+</p><p>&bdquo;Satan, Lucifer, Adonai!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Was willst du?&ldquo; rief eine dumpfe Stimme aus der Krypta.
+
+</p><p>&bdquo;Nimm mich in die ewige Qual!&ldquo; stöhnte Teresa.
+
+<span class="centerpic" id="img-089"><img src="images/089.jpg" alt="Illustration 089" /></span>
+
+
+</p><p>&bdquo;Und Gott? &mdash; Glaubst du an ihn?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich glaub&rsquo; an ihn, ich fühle seine Majestät, aber dennoch schreie
+ich mich von ihm los, &mdash; <i>dein</i> will ich sein &mdash;!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Bist du willens, den Heiligen Geist zu schmähen?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Tat ich&rsquo;s nicht schon?&ldquo; rief sie atemlos.
+
+</p><p>&bdquo;Willst du Lucifers Beischläferin sein, der Gott kennt und ihn
+darum hasst?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich sehe Gott,&ldquo; rief Teresa ekstastisch, &bdquo;und will doch deine Dirne
+sein, Satan!&ldquo;
+
+</p><p>In diesem Augenblick sprangen die jungen Leute mit Dolchen bewaffnet
+auf den Teppich.
+
+</p><p>&bdquo;Schnell .&nbsp;.&nbsp;. schnell .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; rief Fray Tomàs, &bdquo;ehe sie bereuen kann,
+ehe sie das grosse Werk zerstört!&ldquo;
+
+</p><p>Und im Nu stürzten sie auf das verzückt dahintanzende Weib ein.
+Sechs Dolche staken in Teresas Leib &mdash; im Herzen, im Nacken, im
+Bauch, in den Lenden, in der Scham &mdash; <i>aber keiner schien sie verwunden
+zu können.</i> Gefühllos tanzte sie weiter, wie eine Nachtwandlerin.
+Sechs Dolche umstarrten sie, als gehörten sie zu ihrem masslosen
+Schmuck.
+
+</p><p>&bdquo;Sie fühlt nichts mehr,&ldquo; rief einer erschrocken. Mit einem Messer
+schnitt er in den Arm der Tanzenden, ohne dass Blut floss. Langsam
+fielen die Dolche wie reife Früchte von ihr ab.
+
+</p><p>Das Leben schien still zu stehen im Augenblick fessellosester Entladung.
+Die Fülle des Rausches war plötzlich aus den Seelen geschnellt.
+Leer &mdash; gebrechlich &mdash; standen die Ernüchterten da und wussten kaum
+im plötzlich erstarrten Geist die Züge des entflohenen Phantoms, das
+ihnen Leben geschienen, zurückzuhalten. Sie schämten sich zu reden; sie
+fühlten, wie kläglich ihre Stimmen jetzt klingen mussten.
+
+</p><p>Stöhnen, Heulen riss sie aus ihrer Erstarrung. Entsetzt sahen sie,
+wie sich Fray Tomàs de Leon am Boden wand. Er bohrte die Blicke,
+klammerte seine Hände an ein Kruzifix und schrie. Man beschwor ihn
+um Erklärung. Er aber wagte nicht emporzublicken, die Augen abzuwenden
+vom Gekreuzigten. Mit der Hand nach der Decke deutend brüllte
+er wie ein zu Boden geschlagenes Vieh:
+
+</p><p>&bdquo;Gott .&nbsp;.&nbsp;. Gott .&nbsp;.&nbsp;.!&ldquo;
+
+</p><p>Er bellte den Namen Gottes durch das Gewölbe.
+
+</p><p><i>&bdquo;Gott lässt die Sünde wider den Heiligen Geist nicht
+geschehen!</i>
+
+</p><p>Derweil ihr Leib das Gefäss unseres Unrats war, hielt der Ewige
+ihre Seele fest und machte ihr Leben unverwundbar .&nbsp;.&nbsp;.!&ldquo;
+
+</p><p>Den jungen Leuten war, als peitsche ihnen einer in die Kniekehlen
+und zwänge sie nieder. Am Boden liegend wimmerten sie klägliche Gebete.
+Teresa taumelte immer langsamer, das Haupt fiel ihr vornüber, die Arme
+erschlafften und sie sank zusammen wie die Flammen der Kerzen, die
+rings niedergebrannt waren. Aus den Ecken der dunklen Kirche aber,
+hinter den Vorhängen der Beichtstühle, von dem weissen Teppich stieg
+verzweifeltes Stöhnen und Beten der Reue empor.
+
+</p><p class="tb">*&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;&nbsp;*<br />*
+
+</p><p class="noindent">Der Abgrund meines Lebens hatte sich so weit geöffnet, dass es
+mir möglich war, bis auf den Boden zu blicken. Ich sah eine Grenze, wo
+ich Unendlichkeit vermutet hatte. Die menschliche Einbildungskraft, das
+Spiel des Verstandes zeigte sich erschöpft, es konnte nicht weiter getrieben
+werden. Mir war, als sei ich auf dem Weg der Erkenntnis mit der Stirn an
+eine dunkle Wand gestossen, die nicht weichen wollte, wie sehr ich mich
+dagegen stemmte. Konnte ich einen deutlicheren Beweis verlangen, dass ich
+auf dem Irrweg war, dass ich mich verlaufen hatte? Und ich kehrte um.
+
+</p><p class="footnote" id="footnote-1"><a href="#fn-1">* Ist es nötig zu erklären, dass die Kirche niemals etwas
+Ähnliches anerkannte!</a>
+
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-7">Die Botschaft
+</h2><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">I</span>CH ging in den Strassen der Stadt, wo ich wohnte. Es war mir bewusst,
+dass ich mich meiner Wohnung näherte .&nbsp;.&nbsp;. Ja so, ich hatte Haschisch
+genommen. Wo war denn eigentlich mein Rausch hingekommen? Ich
+fühlte mich ruhig und zufrieden. Nun ging ich nach Hause. Dort würde
+ich nie Haschisch oder Opium geniessen; man kann ja nicht wissen, was
+von den Phantasien an den Möbeln hängen bleibt. Meine Zimmer mussten
+rein sein. Da empfing ich eine Frau, die ich liebte, da arbeitete ich,
+manchmal kamen Freunde; alles war dort nach meinem Geschmack; jeden
+Gegenstand hatte ich mit Bewusstsein irgendwo gekauft .&nbsp;.&nbsp;. oder er war
+ein Geschenk .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. oder ein Erbstück .&nbsp;.&nbsp;. meine ganze Lebensgeschichte
+hing an diesen Möbeln, meine Reisen .&nbsp;.&nbsp;. eine Art Tagebuch: mit einem
+Wiegenbett fing es an, darin lagen einst meine Spielsachen dann
+kam ein alter Sessel, auf dem früher abends mein Vater sass und erzählte .&nbsp;.&nbsp;.
+so ging es weiter. Da war eine Lampe, bei deren Schein ich mich auf eine
+Prüfung vorbereitet hatte, und nun gar die Photographien und Bilder!
+Dann ein altes chinesisches Tintenfass, das meine erste Geliebte in entzückender
+Wut zerbrochen, und später einmal ein geschickter Knabe
+wieder zusammengesetzt hatte. Alles war lebendig in dieser Wohnung.
+Und dorthin sollte ich regellose Haschischphantasien dringen lassen? Oft
+hatte ich mich geweigert, spiritistische Sitzungen darin abzuhalten. Nichts
+Fremdes über meine Schwelle! Ich war eigentlich ganz glücklich, dass
+ich solch ein Asyl mitten in dem unsauberen Leben des Jahrhunderts hatte.
+
+</p><p>Eben wollte ich eine Strasse überschreiten, als ich mich von einer
+Dirne in geradezu roher Art angestossen fühlte. Sie sah ältlich und fett aus.
+Ihre Lippen waren in jenem Lächeln erstarrt, das wie die Versteinerung
+einer von Anfang an geheuchelten Empfindung scheint. Während andere
+ihresgleichen mit einem gewissen Kennerblick sofort den für ihre Absichten
+Ungeeigneten unterscheiden und seines Weges ziehen lassen, wollte mich
+diese ganz und gar nicht freigeben. Sie drängte sich trotz meiner heftigen
+Abwehr fortgesetzt an mich heran und sprach auf mich ein. Ihre schlaffen
+Wangen waren mit Schminke geradezu überladen. Es fiel mir auf, dass
+das lange Elend diesem puppenhaften Gesicht nicht den geringsten Ausdruck
+zu verleihen imstand war, nicht einmal einen besonders bösartigen oder
+lasterhaften. Ohne zu antworten, ging ich weiter, aber meine Gedanken
+konnten nicht von ihr loskommen. Was für Männer mögen ihr wohl
+folgen? Dieses Nichts hatte ja nicht einmal die Anziehungskraft des
+Schmutzes, der Gemeinheit. Was für eine Sinnlosigkeit &mdash; einem das
+anzubieten! Auf welche Art sollte wohl jemand dazu kommen, sich mit
+ihr zu befassen? Aus Zufall musste sie Dirne geworden sein, ohne Abscheu,
+ohne Neigung, so wie die meisten Menschen ihren Beruf wählen, eine
+Spiessbürgerin der Halbwelt, ein Leib, der mechanisch als Weib
+funktionierte.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist ja der Tod,&ldquo; dachte ich, und unwillkürlich beschleunigte
+ich den Schritt, um nach Hause zukommen. Das Wesen war verschwunden
+oder mir schien vielmehr, es habe sich in die Luft aufgelöst und erfülle
+nun alle Strassen, liege über den Häusern, über den Bäumen, über den paar
+Menschen, die mir in der ersten Morgendämmerung begegneten. Die Pariser
+Strassen, deren selbstverständliche, einfache Eleganz ich sonst so gern
+hatte, kamen mir plötzlich so gleichgültig, so dumm vor. Die Menschen,
+die mir begegneten, schienen geradezu sinnlos: alle blass und übermüdet;
+weshalb? für ein Vergnügen etwa? So sahen sie gar nicht aus. Sie gehen
+nun einmal erst morgens zu Bett, haben Maitressen, die sie nicht lieben,
+und bezahlen für alles mehr, als es wert ist, werden krank, wahnsinnig,
+verarmen. Warum? Keiner weiss es, sie selbst wissen es am wenigsten.
+Viele Dirnen huschten trübselig an mir vorbei. Sie waren übernächtig,
+blickten sich kaum um. Da fiel mir wieder die erste ein, die mich angesprochen
+hatte. Sie war die verkörperte Zwecklosigkeit, die Blödsinnigkeit
+dieses ganzen dummen Stadtlebens. Ich war wenigstens müde und
+freute mich auf den Schlaf. So kam ich vor mein Haus. Im Augenblick,
+wo ich die Haustür zuwerfen wollte, schlüpfte jemand hinter
+mir herein.
+
+</p><p>&bdquo;Inkubus,&ldquo; murmelte eine Stimme. Von diesem Augenblick an
+fühlte ich mich nicht mehr selbsthandelnd. Ich wurde von aussen gedrängt.
+Eine Lähmung, wie sie uns im Traum überkommt, hinderte mich, den
+Eindringling hinauszuweisen oder dem Hausmeister zu rufen. Von rückwärts
+wurde ich die Treppe hinaufgeschoben, bis ich vor der Tür meines
+Arbeitszimmers stand. Wie jede Nacht zündete ich mechanisch die Lampe
+an. Dann sank ich erschöpft auf die Chaiselongue. Das Wesen setzte sich
+mir gegenüber. Ich erkannte dieselbe Dirne, die mir zuerst auf der Strasse
+den Weg versperrt hatte. Das sinnlose Elend, das sich mir draussen über
+die Nerven gelegt, war in mein Zimmer getreten.
+
+</p><p>Sie suchte mich mit vielen Gründen zu überzeugen, dass sie dableiben
+und ich ihr ein gutes Geschenk machen müsse. Ich weiss nicht,
+ob ich überhaupt antwortete. Sie schalt, nicht sehr erregt, meine niedrige
+Gesinnungsweise und suchte dann wieder durch alberne Schmeichelworte
+meine Geneigtheit.
+
+</p><p>&bdquo;.&nbsp;.&nbsp;. stelle dich nicht wie ein Kind,&ldquo; sagte sie, &bdquo;das weisst du doch,
+alle Menschen müssen solche Beziehungen zum Tod unterhalten. Der
+Willenlose hat dort einen gewalttätigen Herrn, der Ehrgeizige neidische
+Nebenbuhler, der Egoist bösartige Kinder. Du sollst nur eine Geliebte
+haben, die du mit deinem Blute wärmen musst. Jeder nach seinem Temperament
+oder nach seinen Sünden, wenn ich mich ein wenig altmodisch
+ausdrücken darf. Denke doch an die Freunde, mit denen du den Abend
+verbracht hast. Glaubst du, dass sie keinen ungeladenen Gast daheim
+finden, der von ihnen Rechenschaft, Versprechungen, Verzichtleistungen &mdash;
+weiss der Teufel, was &mdash; verlangt. Dich hat man bisher unbegreiflicherweise
+vergessen. Nun komme ich, die Steuer an inneren Leiden zu fordern,
+die du dem Tod dafür schuldest, dass er dich noch leben lässt. Um dich
+nicht zu erschrecken, näherte ich mich dir draussen. Du siehst, wie ich
+dir die Pille versüsse. Du hättest mich, wenn ich gewollt, ebensogut
+auf deinem Bette sitzend finden können. Denke dir einmal, wie du da
+überrascht gewesen wärest.&ldquo; Sie lachte heiser. &bdquo;Du siehst, ich bin ganz
+bequem zu ertragen; auch Eifersucht ist mir fremd. Weisst du, eigentlich
+bist du noch ein Kind, da du heute zum erstenmal bewusst solch einen
+Besuch empfängst. Morgen wirst du kein Kind mehr sein; gib nur acht,
+wie anders, wie viel verwandter dir morgen die Menschen vorkommen
+werden. Die Hälfte deines Hochmuts wird verschwunden sein. Und sie
+werden dir mehr trauen, denn bisher haben sie gefühlt, dass du nichts
+vom Tod wusstest. Ist es nicht so? Das wird sich nun ändern. Nun hast
+du wenigstens etwas mit ihnen gemein.&ldquo; Sie schaute im Zimmer umher.
+&bdquo;Übrigens, ohne dass du sie erkanntest, müssen doch schon viele Boten
+des Todes gleich mir hier durchgekommen sein, um diesen durchdringenden
+Leichengeruch hervorzurufen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Keine, verfluchtes Tier!&ldquo; schrie ich ihr entgegen. &bdquo;Du bist die
+erste, die diese Räume besudelt.&ldquo;
+
+</p><p>Aber die blecherne Stimme klirrte unaufhaltsam weiter. Meine
+einzige Hoffnung war, dass alles nur ein Traum sei.
+
+</p><p>&bdquo;Deine Verbrechen sind ja eigentlich ziemlich harmlos, ich brauche
+sie dir wohl nicht erst zu nennen .&nbsp;.&nbsp;. Kindereien! Dafür bleiben dir auch
+die viel schrecklicheren Besuche erspart, die nachts den duckmäuserischen
+Bürger, den satten Berufs- und Geldmenschen quälen. Was die nachts
+erleben, das werde ich dir gelegentlich einmal erzählen. Überhaupt,
+weisst du, wir können ganz behaglich zusammen plaudern. Deinesgleichen
+ist wirklich die amüsanteste Art zugefallen, mit dem Tod in Beziehung
+zu treten. Übrigens noch eins, dass ich es nicht vergesse: du brauchst
+deshalb noch lange nicht zu sterben, mein Besuch hat damit nicht das
+geringste zu tun. Ich bringe nur die Botschaft, dass die allererste, gedankenlose
+Jugend für dich verrauscht ist.&ldquo;
+
+</p><p>Ihre Stimme war allmählich ein wenig wärmer geworden. Sie schien
+Mitleid mit mir zu haben.
+
+</p><p>&bdquo;.&nbsp;.&nbsp;. Hast du immer noch Angst vor mir? Weisst du denn, wer
+die andern waren, von denen du nicht das geringste wusstest, die du
+einst um Mitternacht in dein Haus brachtest und neben dich legtest, wie
+eine gute alte Geliebte? Wusstest du vielleicht, woher die kamen und
+wohin sie gingen? Wusstest du, welcher Sarg tagsüber ihre Wohnung
+war, ehe sie zu dir kamen und nachdem sie dich verliessen? Bist du ihnen
+morgens je einmal gefolgt? Nichts wusstest du von ihnen, und doch
+hattest du keine Furcht. Und nun erschrickst du vor mir? Was bin ich
+denn anders, als jene? Weisst du weniger Gutes oder mehr Böses
+von mir?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich sage dir, dass noch keine diese Schwelle betrat.&ldquo;
+
+</p><p>Sie brach in ein furchtbares, gar nicht einmal sehr lautes hölzernes
+Lachen aus.
+
+</p><p>&bdquo;Du bist ein Kasuist, mein Freund, du weisst wohl, dass ich nicht
+von Fleisch und Blut rede .&nbsp;.&nbsp;. denke doch bitte einmal an deine Phantasien,
+an deine geheimsten Gedanken; wie Spinnweben hängen die hier
+an allen Möbeln herum. Es ist lächerlich, mir etwas vorlügen zu wollen.
+Ich weiss, mit wem du dich schlafen legst, mit wem du dich ganze Nachmittage
+hier unterhältst. Willst du dir etwa das Vergnügen machen, dich
+von mir wie ein Knabe verführen zu lassen? Dazu bist du zu alt und ich
+zu klug. Ich denke, wir machen das lieber wie gute alte Freunde, ohne
+uns gegenseitig etwas vorzulügen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich sah wie sie aufstand und Holz in den Kamin legte, als ob es
+ihr eigener Herd wäre. Am Feuer entkleidete sie sich und warf ihre zerschlissenen
+Kleider an den Boden. Ich schloss die Augen, als ich den
+schwammigen schlaffen Körper sah. Dann muss ich wohl eingeschlafen
+sein.
+
+</p><p>Als ich aufwachte, schien der blasse Wintermorgen in mein Zimmer.
+Ich war überrascht, mich im Anzug auf der Chaiselongue meines Arbeitszimmers
+zu befinden. Die umherliegenden schmutzigen Frauenkleider
+riefen mir plötzlich das Geschehnis der Nacht in die Erinnerung zurück.
+Ich sprang auf und eilte nach der Tür des anstossenden Schlafzimmers.
+Da lag das fette, aschfahle Weib in meinem Bett. Ein nackter Arm hing
+wie tot auf den Boden herab, der geöffnete Mund röchelte. Eine unaussprechliche
+Wut wallte in mir auf. Ich zerrte sie aus dem Schlummer.
+Schlaftrunken rief sie mir ein Wort der Strasse zu und brummte, weil ich
+sie schon weckte.
+
+</p><p>&bdquo;Hinaus .&nbsp;.&nbsp;. fort .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; schrie ich.
+
+</p><p>Halb erzürnt, halb erstaunt kleidete sie sich in träger Bosheit an,
+indem sie meinem Drängen fortwährend mit groben, gereizten Ausdrücken
+antwortete. Es ward mir fast wohl, als ich sie so schimpfen
+hörte; das war doch wenigstens begreiflich: ich riss sie aus dem Schlaf
+und sie schimpfte; gut, das liess man sich gefallen, das war logisch; aber
+sonst, das andere war ja ganz unfassbar, dass sie hier war, in meinem
+Bett lag.
+
+</p><p>Schliesslich wollte ich sie zur Tür hinausschieben; aber da hätte
+man sehen sollen: im Tiefinnersten verletzt und geradezu entseelt vor versteinerndem
+Staunen, rief sie aus:
+
+<span class="centerpic" id="img-101"><img src="images/101.jpg" alt="Illustration 101" /></span>
+
+</p><p>&bdquo;Und die zwanzig Francs .&nbsp;.&nbsp;. wie? .&nbsp;.&nbsp;. Hast du mir nicht versprochen?
+.&nbsp;.&nbsp;. du Schmutzkerl .&nbsp;.&nbsp;. glaubst du vielleicht, dass mir deine
+Nase so gut gefallen hat .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+
+</p><p>Kaum hatte sie das Geldstück in der Hand, als sie schmeichelnd einlenkte:
+&bdquo;Sei nicht böse, mein Wölfchen, ich wusste ja nicht .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Sie ging. Halb ohnmächtig fiel ich nieder.
+
+</p><p>Ich besann mich, wo und in welcher Zeit ich mich eigentlich befand.
+
+</p><p>Ich trat vor den grossen Spiegel über dem Kamin; das ganze Zimmer
+spiegelte sich darin, aber ich sah mich nicht. Ich klopfte an das Glas,
+ich betastete meinen Kopf, meine Glieder, sie fühlten sich an wie sonst.
+Aber ihr sinnlicher Schein war fort.
+
+</p><p>&bdquo;Das Frauenzimmer hat ihn mitgenommen, sie hat mich gestohlen,&ldquo;
+rief ich aus, &bdquo;das ist ja zum Tollwerden. In was für Löchern mag die mich
+nun herumschleppen!&ldquo;
+
+</p><p>Plötzlich wurde ich ruhiger, denn mir fiel ein, dass dieser Spiegel
+noch aus dem Jahr 189* war, seitdem doch schon viele Jahre vergangen
+sein mussten. Was hatte ich indessen alles erlebt! Kein Wunder, dass
+ich mich nicht darin sah. Doch da kam ein neuer quälender Gedanke.
+Ich kannte ja niemand in der neuen Zeit. Plötzlich fiel mir der Graf von
+Saint-Germain ein, der lebte ja in allen Zeiten zugleich. Der war überhaupt
+an allem schuld. Er hatte übrigens gesagt, ich sollte ihn besuchen.
+Vom Fenster aus pfiff ich einem Kutscher, um zu dem Grafen zu fahren.
+Ich eilte die Treppe hinunter.
+
+</p><p>Ich fuhr und fuhr, unaufhaltsam, Tage, Wochen, Jahre.
+
+</p><p>Im bois de Boulogne stieg ich aus. Als ob es so sein müsste, ging ich
+nach einer Bank, auf der ich früher oft in stillen Stunden geruht, die bisweilen
+mein unruhiges Dasein kurz unterbrachen. Eine sanfte Wintersonne
+schien durch das kahle Gehölz. Ich weiss nicht, wie lange ich träumend
+da gesessen habe. Über den nächtlichen Besuch hatte ich mich langsam
+beruhigt. Es war ja erklärlich, dass ich dieses Wesen im Haschischrausch
+eingelassen hatte. Aber ich empfand einen heftigen Unwillen bei dem
+Gedanken, meine Wohnung wieder betreten zu müssen. Es war dort
+etwas, womit ich durchaus nichts mehr zu tun haben wollte. In dieser
+Nacht waren mir sonderbare Erkenntnisse gekommen. Wo sollte ich nun
+hin? Fort von Paris, am liebsten fort aus Europa in irgendeine Farm auf
+jungfräulichem Boden. Dann fand ich es merkwürdig, dass ich &mdash; gerade
+ich &mdash; so etwas empfand. Fast war mir, als wäre das alles gar kein Rausch
+gewesen; die körperlose Geliebte, die kein Weib ist, sondern der Vorwand
+unserer Träume &mdash; das Bachanal der wütendsten Selbstvernichtung &mdash; die
+Umarmung des Todes &mdash; das lüsterne Betasten und Belauern des Heiligen
+&mdash; hatte ich das wirklich nur geträumt? Irgendwo hatte ich ähnliches
+selbst erlebt, selbst getan. Wo aber? Wann geschah es? Ich fühlte, dass
+ich darüber noch lange nachzudenken hätte. Eines nur war mir gewiss:
+Ich war von einer schrecklichen Krankheit genesen, die mich schon dem
+Tod hatte ins Gesicht schauen lassen. Was aber nun mit der neuen Gesundheit
+beginnen?
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-8">Der Schmugglersteig
+</h2><p>
+
+</p>
+<h3 class="sub">Eine vormärzliche Begebenheit aus den privaten
+Aufzeichnungen eines Journalisten.
+</h3><p>
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">E</span>IN halbes Jahrhundert habe ich über mich selbst geschwiegen, ich
+war ein Sprachrohr der andern. Heute bin ich fünfundsiebzig
+Jahre alt. Es ist daher höchste Zeit, ein Erlebnis zu berichten,
+wenn es überhaupt noch berichtet werden soll.
+
+</p><p>Zweimal bin ich um die Welt gereist, dreimal habe ich die Mitternachtssonne
+gesehen, in Amerika war ich viermal auf Segelschiffen, sechzehnmal
+auf Dampfern, die Eisenbahnen haben mich umsonst vom Kap
+Finisterre bis zum Gelben Meere gebracht, mit zwei Kaisern, elf Königen,
+vier Häuptlingen, einem Hetman, einem Begler-Beg, einem Gross-Chan
+und 214 Ministern habe ich gespeist, der Bey von Tunis hat mir seinen
+Sonnenorden verliehen, aber mein Souverän erlaubte mir nicht, ihn zu
+tragen, denn mit seinen Sternen und Bändern bedeckt er mehr als dreiviertel
+einer mittelgrossen Personnage, bezaubert daher Unwissende stärker
+als der Schwarze Adlerorden, und das ist nicht gut; Heinrich Heine hat
+mir persönlich göttliche Grobheiten gesagt, Fanny Elsler hätte mich fast
+geliebt, Napoleon III. hörte mit gnädigem Lächeln meine Finanzpläne zur
+Rettung Frankreichs an; bei 113 Hinrichtungen war ich Zeuge (die letzte
+war eine elektrische); mehr als 200 erwerbsbedürftigen Müttern habe
+ich die Doppelköpfigkeit, unmässige Behaarung oder die wissenschaftliche
+Bedeutung ihrer Missgeburten öffentlich bezeugt; ich habe betrunkene
+Könige, ehrliche Dirnen und bescheidene Tenöre gekannt, in Louisiana
+sollte ich skalpiert, in Tibet geschunden werden, aber mein gewandtes
+Auftreten rettete mich; ich kann keine Sprache ganz, sechsunddreissig
+dreiviertel oder halb, in allen habe ich eine vortreffliche Aussprache.
+Mit einem Wort, ich gleiche dem nordischen Gotte Heimdall, der von neun
+Müttern geboren war (also neunfachen Mutterwitz haben musste), weniger
+Schlaf brauchte als ein Vogel, bei Nacht hundert Meilen weit sah wie bei
+Tag, und das Gras auf der Erde, die Wolle auf den Schafen wachsen hörte.
+
+</p><p>Aber von alledem will ich heute nichts erzählen, ihr Damen der
+Provinz, die ihr mich für einen interessanten Mann haltet. Ich will vielmehr
+berichten, was mir in der letzten Nacht begegnete, ehe dieses bewegte
+halbe Jahrhundert begann, und schlage darum die holzpapiernen Blätter
+meines Lebensbuches zurück.
+
+</p><p>Ich besass die kümmerliche Monatsrente von fünfzig Gulden (später
+gab es Monate, in denen ich bei Gott &mdash; 5000 anzubringen verstand). Dies
+und ein unheilvolles Rumoren in meinem Kopf bestimmten mich zum
+Dichter. Wie es sich für diesen Beruf geziemt, bewohnte ich eine Dachkammer
+mit Aussicht auf einen altertümlichen Hof und zahllose Giebeldächer,
+auf denen im Mondschein Katzen und Kater tanzten, während in
+den dunklen Ecken des morschen Baus die Mädchen des Hauses verfängliche
+Gespräche mit ihren Liebsten hielten. Die Mondstrahlen aber waren
+wie Saiten in den Rahmen meines Fensters gespannt und mein überquellendes
+Herz harfte seine Sehnsucht gen Himmel. Bisweilen besuchte mich
+ein Mädchen. Es war nicht schön (die Geliebten der Dichter sind nie
+schön, denn wessen Einbildungskraft aus blondem Haar goldene Kronen
+schmiedet, muss so viel Wirklichkeit übersehen, dass es auf ein paar Extrahässlichkeiten,
+wie etwa Struppigkeit, nicht ankommt, und wer den Sprung
+von Augen zu Sternen macht, braucht nicht viel weiter zu springen, ob die
+Augen schielen oder nicht). Ach, Manolitha, die Marie hiess, hatte etwas
+struppiges Haar, ohne dass ich es merkte, und ihre Augen schielten ein wenig.
+Aber auch sie war ein Weib, ihre körperlichen Merkmale waren feminini
+generis, wie bei Venus und Maria. Meine Phantasie besass an ihr ein Sprungbrett
+in das Mysterium der stets streitenden und stets sich ergänzenden
+Hälften der Welt, des ewig Männlichen und des ewig Weiblichen. Dazu genügte
+Manolitha, wie meine Dachkammer für meine Poesie. Das arme Kind
+wusste nicht wie ihm geschah. Sie musste wohl meinen: So sind die Männer.
+
+</p><p>Die Stadt, in der ich wohnte, lag unweit der Grenze. Die über einem
+See aufsteigende Felsenstrasse &mdash; im letzten Haus diente Manolitha &mdash;
+führte in das Nachbarland. In einer Mondnacht &mdash; mir ist, als wären in
+jener Zeit alle Nächte Mondnächte gewesen &mdash; hatte ich Manolitha an
+ihre Türe gebracht. Ich stand allein, hoch über dem See. Fern glitzerten
+die Lichter der Stadt. Längs der Strasse zog sich die Felswand hin, zerklüftet
+und oft von lärmenden Giessbächen zerrissen. Auf dem fast taghell
+beschienenen See irrten formlose dunkle Wolkenschatten. Hie und
+da schwamm ein Fischerboot auf der Fläche, dessen Insasse bei einer
+Laterne sein schweigsames Gewerbe trieb. Auf meinen Lippen brannten
+noch die Küsse der Geliebten, die mir jetzt in der Erinnerung wirklich
+ein wenig zu dürftig vorkommt. (Bei Heimdall, dem Journalistengott,
+später habe ich wahrhaftig andere Frauen geliebt!) Ich eilte vorwärts auf
+der Felsenstrasse, vorwärts in die Ferne, nach Süden, in dumpfem Drang,
+aus den silbernen Armen dieser Jugendnacht, den Gedanken, das Wort
+zu empfangen, das mich unsterblich machen sollte. Halb trunken wanderte
+ich immer weiter. Nach kurzer Zeit bog die Felsenstrasse rechts ab in
+das Geklüft. Nur ein kaum fussbreiter Weg war in die Wand gehauen,
+die über dem See emporragte: der Schmugglersteig. Mir war, als stünde
+ich vor einer wichtigen Entscheidung meines Lebens. Rechts ging es in
+die felsumschlossene Fichtennacht der geheimnisvollen<a id="corr-9"></a> Wasserfälle,
+links führte der halsbrecherische Steig im Mondlicht hoch über der unten
+ausgedehnten Flut. Ihn beschloss ich zu gehen, und wie auf dünnem Seil
+glaubte ich frei ins Licht zu wandeln, während ich, der Gefahr spottend,
+über dem Abgrund mühselig einherkroch. Der Gedanke belustigte mich,
+es könnte mir ein hochbepackter Schmuggler auf dem engen Pfad entgegenkommen
+und ich war neugierig, was sich dann ereignen würde. Einer
+hätte umkehren oder in die Tiefe stürzen müssen. Es kam mir vor, als
+ziehe sich der Pfad unendlich in die Länge. Da ich infolge der Krümmungen
+den Ausgangspunkt längst<a id="corr-10"></a> nicht mehr sah und hinter jeder Felsennase,
+die sich vor mir breit machte, irgendein Ziel erhoffte, ging ich
+weiter mit jener fast unheimlichen Pedanterie, die uns oft vorwärts zwingt,
+damit wir nur nicht auf denselben Weg zurück müssen, und ginge es in
+den Tod. Körperlicher Anstrengungen ungewohnt, fühlte ich bald eine
+kaum noch erträgliche Müdigkeit, die Hände schmerzten bei jeder Berührung
+mit dem Felsen, ich fühlte meine Selbstbeherrschung nachlassen, ein
+Zittern in den Unterschenkeln kündete einen nahenden Schwindelanfall
+an. Fast weiss lag der See unter mir, ein unwahrscheinliches künstliches
+Licht durchzitterte die Luft .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Des folgenden Zeitabschnitts vermag
+ich mich durchaus nicht mehr zu entsinnen. Bin ich in die Tiefe gestürzt
+und unter der Flut in ein Feenreich geraten, wo man als Maskerade zum
+Spass unsere Welt nachahmt, und befinde ich mich heute noch bei diesem
+Mummenschanz? Oder bin ich mit übernatürlicher Anspannung meiner
+Kräfte weitergegangen, so dass für die Tätigkeit des Bewusstseins nichts
+mehr übrig blieb? Kurz, ich fühle meine Erinnerungen an dieser Stelle wie
+in zwei Leben zerbrochen, eine Leere, ein Loch trennt diesseits und jenseits.
+Ich stelle mir vor, dass viele Menschen so eine Lücke in ihrem Dasein
+haben, die sie vergeblich auszufüllen suchen. Entweder nehmen sie diesen
+Mangel ernst, lassen in Gedanken nicht davon ab und werden verrückt,
+oder sie betäuben sich, wie ich mit Arbeit, Vergnügen und ähnlichen
+narkotischen Mitteln, dass heisst, sie machen einen Umweg um ihr eigenes
+Leben.
+
+</p><p>Meine Erinnerung beginnt wieder bei folgender Situation: ich
+sitze in einem allseitig geschlossenen Raum am Boden, mit Fellen und
+Tüchern bedeckt, vor mir brennt ein Reisigfeuer, das seinen Schein auf
+einen Kreis wildbärtiger Männer wirft. An ihren Gürteln sehe ich reich
+besetzte Dolche funkeln, ihre rauhen, ungepflegten Glieder sind halb in
+Lumpen, halb in köstliche, orientalische Decken gehüllt, Offenbar sind
+es Schmuggler. &mdash; Als ich den Blick aufwärts wendete, sah ich den gestirnten
+Himmel über mir. Wir befanden uns in einer dachlosen Stube,
+deren Wände Felsen bildeten. In den Ecken schienen dunkle Stollen in
+den viereckigen Raum zu münden. Vor jedem, auch vor mir, waren
+kostbare, aber teils zerbrochene Teller und Gläser aufgestellt mit Speisen
+und Getränken, die appetitlicher aussahen, als der Ort erhoffen liess.
+Man hatte offenbar auf mein Erwachen gewartet, um mit der Mahlzeit
+zu beginnen. Ich war sehr hungrig und griff zu. Man ermunterte mich
+besonders zum Trinken, war überhaupt sehr höflich und zuvorkommend.
+Ein altes Weib, das nicht anders als &bdquo;Skelett&ldquo; angeredet wurde, bediente
+uns mit dem, was es selbst gekocht zu haben schien. Ich hätte allzu gerne
+gewusst, wie ich hierher gekommen und wer diese Menschen waren, aber
+ich fürchtete, mir eine Blösse zu geben, wenn ich fragte. (Um übrigens
+keinen unberechtigten Hoffnungen im Leser Raum zu geben, bemerke
+ich gleich, dass ich es niemals erfahren habe.) Ich suchte meine lange
+Geistesabwesenheit nach Kräften zu verheimlichen. Nachdem wir gespeist,
+und ich mich, ohne betrunken zu sein, in jener gehobenen Nachtischstimmung
+befand, schlugen meine Wirte vor, mir ihre Wohnung zu zeigen,
+in der, wie sie sagten, von den Schätzen der Erde das Beste und Kurioseste
+aufgestapelt sei. Wir traten mit Fackeln in einen der Stollen, dessen beide
+Wände von eisernen Türen durchbrochen waren.
+
+<span class="centerpic" id="img-113"><img src="images/113.jpg" alt="Illustration 113" /></span>
+
+</p><p>&bdquo;Wir können Ihnen unmöglich alles zeigen,&ldquo; sagte einer, &bdquo;aber Sie
+werden sich immerhin einen Begriff von unsern Sammlungen machen
+können.&ldquo;
+
+</p><p>Man öffnete die erste Pforte. Ich will nicht mit der Beschreibung
+der kostbaren und seltsamen Dinge in den Felsenkammern ermüden. Die
+Aufsätze, die ich in den folgenden fünfzig Jahren aus allen Teilen der
+Welt an die *** Zeitung schickte, geben deutliches Zeugnis davon. Nur
+kurz einiges allgemeine: ich sah die abendliche Pracht der Wüste, das
+starre Trandasein der Eskimos, ich sah Bayreuth mit den wieder lebendig
+gewordenen nordischen Göttern, um die sich der Reichtum beider Welten
+schart. (Ich muss bemerken, dass dies in den vierziger Jahren geschah, als
+noch kein Mensch an Bayreuth dachte). Ich sah die Schlachtfelder des
+Deutsch-Französischen Kriegs, aber ich entdeckte noch mehr: leibhaftige
+Gedanken, die in zeitweiligen oder lebenslänglichen Ruhestand versetzt,
+auf köstlichen Polstern lagen, menschheitbeglückende und weltzerstörende
+Ideen; kommunistische Systeme sassen liebenswert um Teetische, Revolutionen
+wälzten sich knurrend an der Kette; Dichterträume<a id="corr-11"></a> gingen in
+fabelhafter Nacktheit &mdash; ich muss gestehen etwas dreist &mdash; zwischen
+anständig, wenn auch dürftig gekleideten bureaukratischen Schrullen
+umher; Hoffnungen, die stets in der Hoffnung waren, schrien nach Wöchnerinnen,
+die man ihnen versagte; einige neue Laster machten sich von
+weitem angenehm bemerkbar, rochen aber in der Nähe schlecht, weshalb ich
+nicht dazukam, mir ihre Gestalt ordentlich einzuprägen. Lues, eine Schöne,
+grämte sich, weil man sie nicht zu den assyrischen Lasterkönigen liess,
+aber das Schicksal, vor dem die Schmuggler ungeheuren Respekt zu haben
+schienen, wollte es nicht so, wie man mir versicherte. Auch fixe Ideen
+drängten unverschämt heran. Nur diesen gegenüber musste ich mich unhöflicher
+Worte, einer, die einen Lorbeerkranz trug, sogar meiner Fäuste
+bedienen, sonst benahmen sich selbst die Leidenschaften und die Todsünden
+recht gut, wenn auch etwas verlegen, wie derbe Leute, die sich einmal in
+den Zwang eines Salons fügen, um sich später anderwärts schadlos zu halten.
+
+</p><p>Man kann sich denken, mit welchem Staunen ich zwischen all&rsquo; diesen
+Kuriositäten umherging, aber meine Verwunderung wuchs, als mich
+einer meiner Begleiter, geschmeichelt durch das Gefallen, das ich an den
+Sammlungen fand, höflich aufforderte, ich solle mir von dem Gesehenen
+einiges aussuchen, was mir besonders gefiele. Da liess ich denn die Blicke
+unentschlossen umherschweifen. Wieder drängten sich die fixen Ideen
+ungezogen heran. Aber ich brach mir Bahn nach einem halb offenstehenden
+rotschimmernden Gemach, in dem &mdash; obwohl es gar nicht gross
+war &mdash; fünfhundert (so sagte man mir) wundervolle, nackte Frauen lagerten,
+die still vor sich hin lächelten, als wollten sie sagen: wir brauchen uns nicht
+vorzudrängen, man kommt zu uns. Ich war von dem weissen Schimmer
+der Leiber geblendet; solche Formen hatte ich bisher nur in Gips gesehen,
+ich meinte, die wirklichen Frauen seien nun einmal immer hässlich, aber
+wer ein rechter Dichter sei, der setze sich darüber hinweg. Die Schmuggler
+freuten sich offenbar an meiner Verwirrung, in die mich besonders die
+zunächst liegende durch ihre brennenden Blicke versetzte.
+
+</p><p>&bdquo;Die will ich haben .&nbsp;.&nbsp;. alle 500,&ldquo; rief ich gierig und wurde gleich
+sehr verlegen.
+
+</p><p>Nichts sei leichter als das, antwortete man mir vergnügt, ich solle
+noch einmal wählen. Man öffnete vor mir eine andere Tür, durch die ein
+heftiges gelbes Licht herausfiel, das mir in den Augen weh tat. Als ich
+mich daran gewöhnt hatte, sah ich, dass Wände, Boden und Decke des
+geöffneten Gemaches mit geprägten Goldstücken gepflastert waren. Ich
+wollte weiter gehen.
+
+</p><p>&bdquo;Es ist rund eine Million,&ldquo; sagte man mir.
+
+</p><p>&bdquo;So?&ldquo; erwiderte ich gleichgültig und blickte bald lüstern zurück
+in das Gemach zu den 500 Frauen, bald schweifte mein Blick suchend
+über den andern Kostbarkeiten umher.
+
+</p><p>&bdquo;Es ist eine Million,&ldquo; wiederholte der Schmuggler erstaunt, &bdquo;wollen
+Sie die nicht .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach nein, geben Sie mir lieber die Wüste mit den Kamelen und
+Oasen oder sonst etwas Romantisches .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind ein Narr, mein Herr. Erst lassen Sie sich 500 Weiber
+schenken und nun verschmähen Sie das lumpige Milliönchen. Was wollen
+Sie denn ohne Geld mit Ihren Weibern anfangen? Glauben Sie, die werden
+Ihnen Ruhe lassen? Dieses Volk will beschenkt sein mit Schmuck und
+Kleidern .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &bdquo;Aber nackt gefallen sie mir viel besser.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist den Weibern gleich; wenn Sie ihnen nichts geben, werden
+sie sich schon von andern etwas schenken lassen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich erschrak sehr bei diesen Worten und liess mir nun ruhig die
+Million versprechen. Die Schmuggler waren sehr zufrieden und sagten, nun
+dürfe ich noch ein letztes Mal wählen. Dieses Mal wolle man mich nicht
+beeinflussen, aber sie müssten mir doch vorher noch etwas zeigen, was
+mir gewiss ganz besonders gefallen würde. Sie schoben eine Tapetentür
+auf, die sich ohne Schlüssel öffnen liess, während alle andern Pforten von
+Eisen waren und schwere Schlösser hatten. Dafür war diese Tür so kunstvoll
+verborgen, dass sie nur ein Eingeweihter finden konnte. Wir traten
+in ein Zimmer, in dem offenbar niemals aufgeräumt wurde. Ein Haufe
+Metaphern, Anaphern, Symbole, Allegorien, geprägte Redensarten, Zitate,
+Sprichwörter, in Fäulnis übergegangene Witze lagen wie Kraut und
+Rüben durcheinander. An den Mauern hingen ohne Ordnung poetische
+Bilder und Vergleiche in festen Rahmen, Tropen und Metonymien blickten
+verwirrend dazwischen hervor. Um die vier Wände des Zimmers ging
+nahe der Decke ein Wandbrett, auf dem zwischen Windöfchen, Kolben,
+Retorten und anderen Apparaten der Schwarzkunst hohe Gläser voll
+Flüssigkeit standen; darin lagen, wie Tiere in Spiritus, Gedanken, ganz
+gute Gedanken, die sich im Zustand langsamer Auflösung befanden, manche
+waren noch deutlich erkennbar und hatten die umgebende Flüssigkeit nur
+leise gefärbt, andere waren bereits formlos, gallertartig geworden, während
+die Flüssigkeit immer trüber schien; in einzelnen Gläsern befand sich nichts
+als ein formloser, missfarbiger Brei.
+
+</p><p>Auf meine Frage, was diese Gedankenverdünnung bedeute, wollten
+mir die Schmuggler keine rechte Auskunft geben; ich würde das schon
+eines Tages begreifen; wenn nicht, so wäre mir nur um so wohler.
+Ich muss gestehen, dass mir das verdächtig vorkam. Ich wurde unwillkürlich
+an die Wirtshausküche erinnert, wo aus ein paar Pfund Fleisch
+soviel Brühe gewonnen werden kann, als &mdash; Wasser da ist. Es wurden
+hier offenbar Fälschungen vorgenommen. Und woher bezogen die Leute
+die zur Verdünnung benutzten Gedanken? Ich schwur mir, ihnen beileibe
+keine von meinen Versen vorzulegen, was mir sonst gar leicht passieren
+konnte. Vielleicht würden sie daraus eine Wassersuppe kochen. &mdash; Indessen
+schweiften meine Blicke wieder über die Merkwürdigkeiten am
+Boden und an den Wänden; mein Herz ging auf, als ich darunter zwischen
+vielem Unrat reine Dichterworte, tiefsinnige Symbole, erhabene Weisheitssprüche
+hervorschimmern sah.
+
+</p><p>&bdquo;Wer dahinein Ordnung brächte!&ldquo; rief ich begeistert aus, &bdquo;würde
+das Zeug zu der wundervollsten Dichtung finden, schenken Sie mir das
+Gerümpel, mich soll die Mühe nicht verdriessen!&ldquo;
+
+</p><p>Die Schmuggler erklärten sich gerne bereit.
+
+</p><p>Indessen waren wir wieder hungrig geworden. Wir speisten zusammen
+in dem Felsenviereck. Bei Tisch erfuhr ich bemerkenswerte
+Einzelheiten über das Dasein dieser Menschen. Sie lebten vom Tauschhandel.
+Klein hatten sie angefangen; einige ihrer Kostbarkeiten wollten
+sie am Weg gefunden haben. Sie vermehrten ihren Besitz durch vorteilhafte
+Tauschgeschäfte. Ich gewann immer mehr den Eindruck, als ob das
+alles nicht immer redlich zuginge.
+
+</p><p>&bdquo;Sie werden uns doch auch etwas als Entgelt für unsere Gaben zurücklassen?&ldquo;
+fragte man mich.
+
+</p><p>Ich erschrak, denn ich hatte nichts bei mir als eine recht miserable
+deutsche Dichterzigarre.
+
+</p><p>&bdquo;Beunruhigen Sie sich nicht; Sie lassen uns drei Ihrer Träume ab
+und wir sind zufrieden.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Träume?&ldquo; rief ich aufatmend, &bdquo;davon habe ich genug; wenn Sie
+ein Mittel wissen, mich schmerzlos von einigen zu befreien .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Wir kamen dann auf andere Gesprächsthemen, auf Politik, auf die
+damals herrschende Unzufriedenheit der Völker mit ihren Herrschern.
+Die Schmuggler taten so, als hätten sie dabei irgendwie die Hand
+im Spiel.
+
+</p><p>&bdquo;Nein, nein,&ldquo; rief einer aus, &bdquo;die echte Revolution geben wir so
+bald nicht wieder her. Wir haben sie nur mühsam zurückbekommen gegen
+die Heuchelei, die doch sonst so hoch im Preise stand. Aus Frankreich
+erhalten wir fast täglich Briefe, wir möchten sie wieder hergeben, sie
+wollen uns dafür die Glorie Bonapartes ungeschmälert ausliefern. Aber
+wir tun es nicht. Sie bekommen höchstens ein paar Barrikadenkämpfe.&ldquo;
+(Ich bemerke, dass das Jahr 48 vor der Tür stand.)
+
+</p><p>Ein über alle Massen widerliches, trockenes Lachen tönte aus der
+Ecke. Es war ein Heiterkeitsausbruch des Skeletts.
+
+</p><p>&bdquo;Grossmäuler Ihr,&ldquo; rief die Alte, &bdquo;Ihr müsst sie ja doch hergeben,
+wenn die Dame Schicksal kommt und es verlangt. Hi .&nbsp;.&nbsp;. hi .&nbsp;.&nbsp;. Gut,
+dass die Euch ein wenig überwacht, sonst würdet Ihr die ganze Welt auf
+den Kopf stellen. Hi .&nbsp;.&nbsp;. hi .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Der Schmuggler, der vorher gesprochen hatte, fasste schweigend
+die Alte an einem Strick, den sie stets um den linken Knöchel trug und
+hängte sie damit, den Kopf nach unten, an einen Nagel, der hoch aus der
+Felswand ragte. Sie wimmerte ein wenig, schien aber an diese wohlverdiente
+Züchtigungsart gewohnt. Die 500 Frauen, zu denen die
+Pforte noch offen stand, jauchzten, die zunächst liegende sagte mit etwas
+fremdländischem Akzent, sie würde sich so etwas nicht bieten lassen.
+Mit ihr hätte es aber wohl kaum einer versucht. Sie hatte königliche
+Formen.
+
+</p><p>Meine üble Meinung von diesen Leuten bestätigte sich immer
+mehr. Sie schienen Kenner der Echtheit zu sein, in deren Besitz sie sich
+zu setzen wussten, um sie zu entwürdigen. Natürlich machten sie glänzende
+Geschäfte, wenn sie die grosse Revolution in zahllose Barrikadenkämpfe
+verzettelten, die sie einzeln feilboten. Ich konnte mir vorstellen, wie viel
+besonnene Gedanken und ehrwürdige Empfindungen sie sich für solche
+Nichtigkeiten bezahlen liessen, und es dämmerte mir, auf welchen unlauteren
+Kniffen das Geschäft dieser Menschen beruhte. Ein unheimlicher
+Gedanke stieg in mir auf: wenn sie noch eine Zeitlang so weiter wirtschafteten,
+würden sie schliesslich alles Wertvolle aus der Welt herausgezogen
+und ihre Scheinwerte und Verdünnungen hineingeschmuggelt
+haben. Mir graute vor der Feigheit, Heuchelei, Unwahrheit, Bedrückung,
+die dann zur Herrschaft kämen, während die Freiheit, die Schönheit, die
+Erkenntnis in Felsenkammern als Kuriositäten moderten oder alchimistisch
+entstellt würden. Es war nur gut, dass sie wenigstens vor dem Schicksal
+Angst hatten, vielleicht weil es das einzige auf der Welt ist, womit man
+nicht Handel treiben kann.
+
+</p><p>Man muss mir etwas Einschläferndes in das Getränk gegossen haben,
+denn nur mit Mühe bemerkte ich noch, wie das Skelett wieder abgehängt
+wurde, einen überkochenden Kessel aus einem Stollen holen und
+in die Mitte rücken musste und unter Höllenlärm der ganzen Schmugglerbande
+darin herumquirlte; man warf mir unerkennbare Gegenstände
+hinein, Flaschen wurden darüber ausgegossen; wenn der Kessel zu voll
+war, stellte man ihn einfach schräg, bis ein Teil der Flüssigkeit überlief,
+die sich wie kriechendes Gewürm lautlos und dick in die Stollen verteilte.
+Dann wurde weiter gepantscht. Zuletzt klebte die Alte auf einer
+Etikette das Datum des folgenden Tages an den Kessel, den mehrere
+Schmuggler verschlossen. Man schob ihn bis vor eine eiserne Tür. Durch
+den geöffneten Flügel sah ich nichts als den gestirnten Himmel. Ich merkte,
+dass wir uns sehr hoch befinden mussten. Der Kessel wurde bis auf die
+Schwelle geschoben, das Skelett gab ihm einen Tritt und nun rollte er auf
+einer Art Rutschbahn ins Tal. Die ganze Schmugglerbande heulte ihm
+die gröbsten Ausdrücke nach, spie hinunter und verunreinigte überhaupt
+die Rutschbahn aufs unflätigste.
+
+</p><p>&bdquo;Er ist geplatzt,&ldquo; rief einer entzückt, und ich stellte mir lebhaft
+vor, wie dieses elende Gebräu die Welt am folgenden Morgen überschwemmen
+würde. Offenbar gab es jeden Tag solch eine Portion.
+
+</p><p>Nun schien der Zweck erreicht zu sein, man schloss die Tür. Ich
+aber tat als ob ich schlief, denn ich verhehlte mir nicht, dass ich in einen
+ungewöhnlichen Kreis geraten war, dessen Tun und Treiben ich weiter
+beobachten wollte. Bald aber geriet ich, wie sehr ich auch dagegen kämpfte,
+in Halbschlummer. Ich träumte lebhaft, doch ich wusste, dass es Träume
+waren.
+
+</p><p>Zuerst sah ich Manolitha, göttlich schön, wie sie in meiner Phantasie
+lebte, mit ihrer Krone goldener Haare und den Sternen im Antlitz.
+Ich wusste, dass es ein Traumbild war, aber ich freute mich daran; doch da
+kam einer der Schmuggler, suchte mit den Händen etwas über dem Haupte
+Manolithas, rollte behutsam das ganze Bild zusammen und reichte es der
+Alten, die es in einen der Stollen trug. An Stelle des Bildes sah ich eine
+merkwürdige Haustür mit grünen Jalousien. Darüber hing eine transparent
+erleuchtete Hausnummer in der Grösse einer Fensterscheibe. Daneben
+stand zwischen zwei ordinären Amoretten auf einem Schild:
+
+</p><p class="center">
+Nachtschelle für<br />
+M<sup>lle</sup> Rose, Modes.<br />
+
+</p><p class="noindent">Ich war so keck, auf die Klingel zu drücken; da sah ich hinter den
+Jalousien zwei spähende Augen. Ein Spalt der Tür wurde geöffnet
+und ein recht anständig gekleidetes Mädchen mit etwas pockennarbigem
+Gesicht flüsterte:
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind doch empfohlen .&nbsp;.&nbsp;. durch Dr. M., nicht? .&nbsp;.&nbsp;. Sie wissen,
+nur auf Empfehlungen lassen wir .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Ich nickte bloss und trat ein. Am Ende des Korridors sah ich
+wieder in das halboffene rote Gemach, in dem die 500 nackten Frauen
+lagerten, die nun mir gehörten. Aber die Tür flog gleich zu.
+
+</p><p>Das anständige Mädchen schob mich auf eine breite verschnörkelte
+Holztreppe, wie sie in alten Bürgerhäusern sind. Ich ging hinauf. Es
+roch nach samstäglicher Putzerei. Im vierten Stock war eine Glastür, vor
+der auf einem Schildchen mein Name stand. Ich öffnete mit meinem Hausschlüssel,
+der genau in das Schloss passte. Im Zimmer war ein Kaffeetisch
+gedeckt, beim Schein einer geblümten Petroleumlampe strikte Manolitha
+Socken. Hinter dem Tisch stand ein Ledersofa mit einem gehäkelten,
+kranzförmigen Pfühl; darüber hingen Familienporträts in ovalen Rahmen.
+Manolitha stand auf; sie nahm sich als Hausfrau ganz gut aus.
+
+</p><p>&bdquo;Alter,&ldquo; sagte sie, &bdquo;es ist gut, dass du kommst; schon dreimal war
+der Metzger mit der Rechnung .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Ich wollte auf sie zugehen und ihr schlicht gescheiteltes Haar
+küssen, aber da kam wieder der Schmuggler, machte sich über Manolithas
+Kopf zu schaffen und rollte das ganze Traumbild auf, das die Alte wieder
+in den Stollen trug. Statt in dem altmodischen Zimmer mit dem Kaffeegeruch
+befand ich mich in einem kleinen Gemach voll orientalischer
+Teppiche am Boden und an den Wänden. Ein Diener erwartete mich mit
+Tee. Neben meiner Tasse lag ein Haufen eingelaufener Briefe und Telegramme,
+nach denen ich griff, während der Diener mir die Stiefel auszog.
+Im Nebenzimmer brannten zahllose Kerzen vor Spiegeln. In der Mitte
+war ein Tisch mit reichem Silber und Porzellan gedeckt, seltene Blumen
+dufteten in bunten Vasen. Der Diener bemerkte bescheiden, alles sei für
+das Diner angeordnet, wie ich es befohlen hätte. In diesem Augenblick
+schellte es; ich wurde ans Telephon gerufen.
+
+</p><p>Als ich aber die Hörmuschel ans Ohr legte, bemerkte ich, dass ich
+einen Guckkasten vor mir hatte. Ich sah darin ein wundervolles Bild.
+Tief im Abgrund wand sich ein Fluss zwischen südländisch üppig bewachsenen
+Ufern, an denen ein fast schwarzer Lorbeerhain zwischen
+hellerem Grün hervorstach. Aus diesem Hain erhob sich eine Gestalt,
+die immer höher schwebte, bis sie ganz dicht vor mir war. Ich erkannte
+Manolithas Züge, schön wie sie in mir lebten. Sie trug ein antikes Gewand.
+Gemessen schritt sie auf mich zu, hob ihre beiden Arme und wollte mir
+einen Lorbeerkranz auf die Schläfen drücken, aber zum dritten Male erschien
+der Schmuggler, rollte das Bild auf, gab es dem Skelett, das damit
+in dem Stollen verschwand. In dem Guckkasten aber gewahrte ich ein
+anderes Schauspiel. Ein Herr, der meinem Vater ähnlich sah, nur viel
+vornehmer erschien, sprach von einer Rednerbühne herab zu einer festlichen
+Versammlung. Man jubelte ihm zu, er schien seine Rede gerade
+beendet zu haben. Ich hörte noch, wie er die Worte sagte:
+
+</p><p>&bdquo;Und für diese Broschüre, in der ich sein Land in den wahrsten
+und hellsten Farben zugleich geschildert, geruhten Seine Hoheit der Bey
+von Tunis mir seinen Sonnenorden zu verleihen. Mein Souverän &mdash; Gott
+erhalte ihn &mdash; konnte mir aus geheimen Gründen der Staatsräson das
+Tragen dieser Auszeichnung nicht gestatten, und so bin ich genötigt, diesen
+Beweis seiner Gunst dem hohen Bey &mdash; auch ihn erhalte Gott &mdash; zurückzusenden.
+Vorher aber kann ich mir die Genugtuung nicht versagen, Ihnen,
+verehrte Zuhörer, und &mdash; wie ich mir wohl schmeicheln darf &mdash; Freunde,
+dieses Kleinod zu zeigen!&ldquo;
+
+</p><p>In diesen Worten öffnete der vornehme Mann eine Kiste, die ihm
+derselbe Diener brachte, der mich vorher mit Tee bedient und mir die
+Stiefel ausgezogen hatte, und entnahm daraus goldene Sterne und seidene
+Schleifen, die er der laut jubelnden Menge zeigte; ja er konnte sich nicht
+enthalten, sie einen Augenblick anzulegen.
+
+</p><p>In diesem Augenblick klingelte es wieder am Telephon. Jemand
+rief: &bdquo;Schluss!&ldquo; Ich hängte die Hörmuschel an, und als ich mich umsah,
+war es heller Morgen. Die Schmuggler sassen beim Mahl in ihrer
+Felsenstube.
+
+</p><p>Man wünschte mir einen guten Tag, das Skelett brachte einen
+ganz erträglichen Morgenkaffee an mein Lager. Ich erfuhr, dass die
+Schmuggler nach dem Frühstück an ihr Tagewerk zu gehen beabsichtigten,
+d. h. einige Streifzüge in der Umgegend machen wollten, weil heute der
+Fürst Metternich, auf einer Italienreise begriffen, durchkommen müsse
+und sie ihm einige freiheitliche Ideen aufschwindeln wollten. Sie hofften
+durch derartige Manipulationen die Revolution nicht hergeben zu brauchen.
+Man brach auf, und mir blieb nichts anderes übrig als mitzugehen. Die
+Schmuggler bemerkten meine enttäuschte Miene.
+
+</p><p>&bdquo;Ach so, die Geschenke,&ldquo; sagte einer, &bdquo;Sie müssen wissen, dass Sie
+das nicht alles auf einmal erhalten, es wird auf Ihr ganzes Leben verteilt
+werden. Aber Sie werden noch heute spüren, dass wir Wort halten.&ldquo;
+
+</p><p>Ich glaubte natürlich kein Wort und war überzeugt, dass man mich
+betrogen hatte.
+
+</p><p>Wir gingen durch einen endlos scheinenden Stollen, der uns
+schließlich an eine Stelle des Sees führte, wo zwischen Wasser und
+Felsen kein Pfad ging. Ein breites Warenboot, wie es die Schiffer benutzen,
+lag in einer kleinen natürlichen Bucht. Ich wurde eine halbe
+Stunde weit gerudert und dann an der mir bekannten Uferstrasse abgesetzt.
+Die Schmuggler hielten sich keine volle Minute auf, sondern fuhren mit
+unbegreiflicher Geschwindigkeit zurück.
+
+</p><p>Ohne im geringsten Klarheit über das Erlebnis zu finden, ging ich
+der Stadt zu. Von weitem sah ich Manolitha, die vom Markt kam, wo
+sie Fische gekauft hatte. Sie trug sie in einem Korb. Pfui! wie hässlich
+sie war, sie schien mir krankhaft mager, und wie mussten erst ihre Hände
+nach Fischen riechen! Glücklicherweise führte der Weg über eine Brücke,
+unter die ich leicht durch einen Graben neben der Strasse gelangen konnte.
+Dort verbarg ich mich, bis Manolitha vorbei war. Ich habe sie niemals
+wieder gesehen.
+
+</p><p>Als ich auf den Marktplatz der Stadt kam, fand ich vor dem vornehmsten
+Gasthaus ein grosses Gedränge, das von galonierten Bedienten
+zurückgehalten wurde. Ich glaubte unter denen, die aus dem Haus kamen,
+einen der Schmuggler zu gewahren, der sofort in der Menge verschwand.
+Auf meine Erkundigung erfuhr ich von meinem Nachbar, es sei eine hohe
+Persönlichkeit auf der Durchreise nach Italien angekommen, man wisse
+aber nicht wer, da die Personnage unerkannt bleiben wolle. Ich wusste
+sofort, dass es niemand anders als Fürst Metternich sein konnte. Mit einer
+mir sonst gar nicht eigenen Gewandtheit verstand ich mich durch den Garten
+von hinten ins Haus zu schleichen. Vor einer Tapetentür im ersten Stock
+blieb ich, der sonst eher schüchtern war, so ungeniert stehen, dass alle
+Vorübergehenden meinen mussten, ich gehörte dahin. Durch die Tür aber
+vernahm ich die Stimme des Fürsten im Gespräch mit dem Bürgermeister
+der Stadt. Ich verstand nur abgerissene Sätze. Vor allem wünschte er
+ganz unerkannt durchzureisen, da er leidend war, im übrigen sei er der
+Stadt sehr gewogen; er habe nichts einzuwenden gegen die Ernennung des
+beliebten X. zum Oberpostmeister, obgleich der Mann im Geruche des
+Liberalismus stehe; man solle überhaupt ihn (den Fürsten) doch ja nicht
+für einen Währwolf halten, er beabsichtige auch im Lauf der Jahre die
+Zensur und die Pressgesetze, selbst in den Grenzdistrikten, etwas milder
+zu handhaben etc. etc.
+
+<span class="centerpic" id="img-127"><img src="images/127.jpg" alt="Illustration 127" /></span>
+
+</p><p>Als ich hörte, dass der Bürgermeister verabschiedet wurde, eilte
+ich fort, um nicht entdeckt zu werden. Mein Weg ging geradeaus auf
+die Redaktion der ersten Zeitung, wo ich meine ganze Wissenschaft verriet.
+
+</p><p>&bdquo;Metternich hier?&ldquo; rief der Redakteur, &bdquo;wenn Sie sich nur nicht
+täuschen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber Herr Redakteur,&ldquo; erwiderte ich, &bdquo;was glauben Sie von mir,
+ich kenne Fürst Metternichs Stimme wie die meines Vaters.&ldquo;
+
+</p><p>Ich erschrak über diese mir selbst unbegreifliche Frechheit, denn ich
+hatte Metternich nie gesehen, noch früher je sprechen gehört.
+
+</p><p>&bdquo;Nun, so schreiben Sie einmal alles auf, was Sie wissen,&ldquo; erwiderte
+der Redakteur, durch meine Sicherheit überzeugt. &bdquo;Hier ist ein Pult,
+Tinte und Feder .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Während ich schrieb, flossen mir &mdash; ich wusste nicht wie &mdash; Bilder
+und Sprachwendungen zu, die ich in dem Gemach der Schmuggler bemerkt
+hatte. In einer Viertelstunde waren zwei Spalten geschrieben in einem, wie
+ich selbst fand, äusserst brillanten Stil. Mit grossem Selbstbewusstsein überreichte
+ich dem Redakteur die Blätter, der sie überflog und erstaunt rief:
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind der geborene Journalist, junger Mann .&nbsp;.&nbsp;. Ihre Findigkeit
+ist nichts gegen Ihren Stil, und alles beides verschwindet wieder vor Ihrer
+Schnelligkeit. Seit wann sind Sie bei der Presse?&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Das ist mein erster Versuch,&ldquo; erwiderte ich etwas schüchtern.
+
+</p><p>&bdquo;Was waren Sie denn früher? Jeder Journalist war früher etwas
+anders.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Dichter,&ldquo; sagte ich beschämt.
+
+</p><p>&bdquo;Na, das haben Sie sich glücklich abgewöhnt. Ich habe Beschäftigung
+für Sie. Heute abend singt die Rubini die Cenerontola. Gehen Sie in
+die Oper und bringen Sie mir nachts noch die Kritik.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Aber Herr Redakteur, ich bin ja ganz unmusikalisch.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Unsinn,&ldquo; antwortete er grob, &bdquo;solche Bedenken gewöhnen Sie sich
+nur ja ab, mit Ihrem Stil ist man musikalisch, agronomisch, geographisch,
+theosophisch .&nbsp;.&nbsp;. was verlangt wird .&nbsp;.&nbsp;. verstehen Sie? Ich sehe übrigens,
+dass Sie, um in die Oper zu gehen, Ihre Toilette etwas vervollständigen
+müssen. Hier haben Sie hundert Gulden Vorschuss und unterschreiben
+Sie dieses Blatt.&ldquo;
+
+</p><p>Er reichte mir einen Zettel, den ich unterschrieb, ohne zu beachten,
+was darauf stand. Ich empfahl mich und ging in die Modemagazine, wo
+ich mich völlig ausrüstete. Als Stutzer kam ich nach Hause. Vor meiner
+Zimmertür stand eine pompöse, übermässig elegant gekleidete Dame.
+
+</p><p>&bdquo;O .&nbsp;.&nbsp;. Sie kommen endlich .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; rief sie in einem gebrochenen
+Deutsch. &bdquo;Ich bin Rubini .&nbsp;.&nbsp;., Carlotta Rubini .&nbsp;.&nbsp;. ich höre, dass Sie heute
+abend die Kritik schreiben.&ldquo;
+
+</p><p>Ich geriet etwas in Verlegenheit.
+
+</p><p>&bdquo;Verzeihen Sie .&nbsp;.&nbsp;. Signora .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; stammelte ich .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;ich wohne nur
+vorübergehend in dieser Höhle .&nbsp;.&nbsp;. bis ich eine Wohnung nach meinem
+Geschmack finde.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;O ich begreife .&nbsp;.&nbsp;. ich begreife .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; sagte die Rubini und trat ein.
+
+</p><p>Sie nahm ihren Schleier ab und ich erkannte in ihr diejenige von
+den 500 Frauen, die mir in der Schmugglerhöhle zunächst gelegen hatte.
+
+</p><p>&bdquo;Ach .&nbsp;.&nbsp;. ich hin so müde .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; sagte sie .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;darf ich ein wenig ausruhen
+.&nbsp;.&nbsp;. seit einer halben Stunde stehe ich auf der Treppe.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Gewiss .&nbsp;.&nbsp;. gewiss .&nbsp;.&nbsp;. Signora, wenn ich Ihnen nur etwas anbieten
+könnte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ach ja, mein Herr .&nbsp;.&nbsp;. bieten Sie mir etwas an .&nbsp;.&nbsp;. lassen Sie
+etwas holen.&ldquo;
+
+</p><p>Ich ging hinaus und gab einem Jungen, der nebenan bei einem Schuster
+arbeitete, den Rest meines Geldes und beauftragte ihn, aus dem Kaffeehaus
+Champagner heraufzubringen. Wie recht gab ich jetzt den Schmugglern,
+die ihr Versprechen hielten, und mir zu den 500 Frauen nach und nach
+die so unentbehrliche Million zukommen lassen würden.
+
+</p><p>Als ich wieder in die Kammer trat, hatte sich&rsquo;s die Rubini sehr bequem
+gemacht. Es war ihr so heiss. Und als der Champagner kam, hielt
+ich bereits besorgt ihre Hand, denn sie hatte einen übermässig starken
+Pulsschlag .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="center">
+&mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash; &mdash;<br />
+
+</p><p class="noindent">Aber sie war nur ein Präzedenzfall<a id="corr-12"></a>. Ich könnte noch 499 Geschichten
+erzählen, wenn nicht die hohe Geburt, der europäische Name und
+der Reichtum meiner Heldinnen zu besonderer Diskretion verpflichteten.
+Aber aus rein psychologischem Interesse werde ich vielleicht doch einmal
+indiskret sein; nur muss ich vorher das Aussterben einiger Herrscherhäuser
+abwarten.
+
+<span class="centerpic" id="img-133"><img src="images/133.jpg" alt="Illustration 133" /></span>
+
+
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p class="blockquote" style="page-break-before:always">
+Dieses Buch wurde im Auftrage von Georg Müller
+Verlag in München in einer Auflage von 800
+Exemplaren bei der Buchdruckerei Imberg &amp; Lefson
+in Berlin hergestellt und nach den Entwürfen von
+Paul Renner bei Hübel &amp; Denck in Leipzig gebunden.
+Ausserdem wurden 50 Exemplare auf van
+Geldern abgezogen und in Ganzleder gebunden.
+</p>
+
+<p class="center">
+Dieses Exemplar trägt die Nr. 551
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<div class="trnote">
+<p class="center"><a id="Anmerkungen"><b>Anmerkungen zur Transkription</b></a></p>
+
+<p class="noindent">
+Die folgenden Korrekturen am Originaltext wurden vorgenommen:
+</p>
+
+<ul>
+<li> Schmugglerstieg &mdash; geändert in <a href="#corr-0"><i>Schmugglersteig</i></a></li>
+<li> gehen &mdash; geändert in <a href="#corr-1"><i>geben</i></a></li>
+<li> wer &mdash; geändert in <a href="#corr-2"><i>wert</i></a></li>
+<li> schiener &mdash; geändert in <a href="#corr-3"><i>schienen</i></a></li>
+<li> Dolsica &mdash; geändert in <a href="#corr-4"><i>Dolcisa</i></a></li>
+<li> sties &mdash; geändert in <a href="#corr-5"><i>stiess</i></a></li>
+<li> Steinfliessen &mdash; geändert in <a href="#corr-6"><i>Steinfliesen</i></a></li>
+<li> wandte &mdash; geändert in <a href="#corr-7"><i>wand</i></a></li>
+<li> Jauchsen &mdash; geändert in <a href="#corr-8"><i>Jauchzen</i></a></li>
+<li> geheimnissvollen &mdash; geändert in <a href="#corr-9"><i>geheimnisvollen</i></a></li>
+<li> längs &mdash; geändert in <a href="#corr-10"><i>längst</i></a></li>
+<li> Dichterträme &mdash; geändert in <a href="#corr-11"><i>Dichterträume</i></a></li>
+<li> Präzedenfall &mdash; geändert in <a href="#corr-12"><i>Präzedenzfall</i></a></li>
+
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Haschisch, by Oscar A. H. Schmitz
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK HASCHISCH ***
+
+***** This file should be named 37763-h.htm or 37763-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+such as creation of derivative works, reports, performances and
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+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
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+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
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+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
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+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
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+ License. You must require such a user to return or
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
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+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
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+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
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+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
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+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
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+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
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+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
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