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+The Project Gutenberg EBook of Aufsätze, by Robert Walser
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Aufsätze
+
+Author: Robert Walser
+
+Illustrator: Karl Walser
+
+Release Date: September 30, 2011 [EBook #37579]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUFSÄTZE ***
+
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+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at https://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
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+
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+ ]
+
+
+
+
+ Aufsätze
+ von
+ Robert Walser
+
+
+ Leipzig
+ Kurt Wolff Verlag
+ 1913
+
+
+ Einband und Vignetten zeichnete
+ Karl Walser. Gedruckt bei Oscar
+ Brandstetter, Leipzig. 25 Exemplare
+ wurden auf Bütten abgezogen
+ und handschriftlich numeriert
+
+ Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Seite
+
+ Brief von Simon Tanner 9
+
+ An die Heimat 16
+
+ Brief eines Mannes an einen Mann 17
+
+ Eine Theatervorstellung 20
+
+ In der Provinz 29
+
+ Frau und Schauspieler 39
+
+ Entwurf zu einem Vorspiel 46
+
+ Zwei kleine Märchen 49
+
+ Vier Späße 52
+
+ Tell in Prosa 57
+
+ Berühmter Auftritt 60
+
+ Percy 63
+
+ Gebirgshallen 67
+
+ Auf Knien 70
+
+ »Guten Abend, Jungfer!« 73
+
+ Porträtskizze 76
+
+ Ein Genie 79
+
+ Don Juan 82
+
+ Kino 87
+
+ Wanda 90
+
+ Fanny 92
+
+ Lebendes Bild 95
+
+ Ovation 100
+
+ Guten Tag, Riesin! 103
+
+ Aschinger 109
+
+ Markt 114
+
+ Dinerabend 118
+
+ Friedrichstraße 123
+
+ Berlin W 128
+
+ Ballonfahrt 132
+
+ Tiergarten 137
+
+ Die kleine Berlinerin 142
+
+ Brentano 157
+
+ Aus Stendhal 165
+
+ Kotzebue 168
+
+ Büchners Flucht 171
+
+ Birch-Pfeiffer 173
+
+ Lenz 176
+
+ Germer 184
+
+ Das Büebli 193
+
+ Paganini 202
+
+ Der Schriftsteller 207
+
+ Allerlei 215
+
+ Der Wald 224
+
+ Zwei sonderbare Geschichten vom Sterben 227
+
+ Der fremde Geselle 230
+
+ Die Einsiedelei 233
+
+ Reigen 236
+
+
+
+
+ Es kommt mich Lachen
+ und Lächeln an.
+ Was liegt daran!
+ Das sind so Sachen ...
+
+
+
+
+Brief von Simon Tanner
+
+
+Das alles, was ich jetzt hier schreibe, ist für Sie, liebe Frau. Ich
+sehe so viel Zeit vor mir, die ich zu nichts anderem als zu einer
+künstlichen Spielerei verwenden kann, eine solche Menge, einen solchen
+Haufen von Zeit, daß ich nur von Herzen froh sein kann, diesen
+Zeitvertreib gefunden zu haben. Man will und kann mich nicht
+beschäftigen, man braucht mich nicht, ich stehe völlig außerhalb jedes
+Bedürfnisses, wohlan, so gebrauche ich mich eben selber, wähle mir
+selber den Zweck und halte mich für gut genug, irgendein Werk, wäre es
+auch das sonderbarste und nutzloseste, zu vollführen. Ich bin breit und
+schwer und voll von Empfindungen. So kläglich auch meine jetzige Lage
+sein mag in dieser Spiegelgasse, so seltsam frei und mutig komme ich mir
+vor, so leicht und erfinderisch in wohltuenden Gedanken ist mein Herz.
+Nur ab und zu, um es offen herauszusagen, bin ich traurig und
+hoffnungslos, denke an meine Zukunft als wie an etwas Verlorenes und
+Düsteres, aber das sind Augenblicke, weiter nichts.
+
+Ich schreibe an Sie, weil Sie eine schöne und liebe Frau sind, weil ich
+jemanden im Sinne tragen muß, um lebhaft und aufrichtig schreiben zu
+können, weil ich auf Erden immer das Nächste liebgehabt habe, und weil
+Sie mir die Nächste sind, Sie, von der ich nur durch eine dünne, dumme
+Zimmerwand abgetrennt atme und lebe. Ich finde darin etwas Schönes, es
+hat für mich etwas Berauschendes und Geheimnisvolles und
+Weithintragendes. Ich bin zu Ihnen gekommen an einem heißen Tag, Sie
+wissen es auch, wo die Sonne die Gasse verbrannte, durch Zufall und
+Einfall, vielleicht auch durch Wunderlichkeit, weil ich dachte, daß in
+dieser Gasse die Zimmer besonders dunkel, sonnenlos, schattig, eng und
+auch ... billig sein müßten. Sie standen auf dem Treppenansatz und sahen
+mich mit Ihren Augen ziemlich durchdringlich an, und ich muß gestehen,
+ich zitterte ein wenig vor diesem Blick, denn ich kam mir so recht vor
+wie ein Suchender, Bittender, auch hatte ich nur noch eine Kleinigkeit
+von Geld in der Tasche und glaubte, Sie müßten mir das ansehen. Bettler
+betragen sich bekanntlich immer unsicher. Sie zeigten mir das Zimmer,
+und ich drückte Ihnen, ich weiß nicht mehr aus welchem Gefühl des
+Stolztuns, meine letzten Geldmünzen in die Hand; Sie nickten befriedigt
+und der Handel war abgeschlossen. Seitdem habe ich kein Wort mehr mit
+Ihnen gesprochen, und doch ist beinahe ein Monat seither verflossen, und
+ich nehme an, Sie halten mich für einen stolzen Menschen. Es macht mir
+Vergnügen, dies annehmen zu dürfen und zu denken, daß Sie es gar nicht
+wagen, mich mit einem Wort anzureden, der doch glücklich wäre, wenn Sie
+es tun würden. Nun, ich bin auch so glücklich. Ich sehe, ich mache einen
+günstigen Eindruck auf Sie, mein Schweigen erzwingt sich Ihre Achtung,
+denn gewöhnlich sind Bettler geschwätzig. Sie halten mich für einen
+armen Menschen, Sie haben schon Mitleid mit mir und fürchten sicher, daß
+ich nicht werde bezahlen können, wenn der Monat zu Ende geht, und doch
+wagen Sie nicht die geringste Annäherung, sagen kein Wort, machen immer
+ein achtungsvoll freundliches Gesicht, wenn Sie mir begegnen, in dessen
+Zügen ich den Wunsch, zu reden, lebhaft unterdrückt sehe. Während Sie
+fürchten müssen, von mir hintergangen zu werden, werden Sie immer
+freundlicher zu mir, erweisen mir kleine Aufmerksamkeiten, die man
+schätzt, weil sie schweigend geschehen, stellen mir einen Teppich und
+einen Spiegel ins Zimmer und gestatten mir, Sie nachts, wenn Sie
+schlafen, aus der Ruhe zu schrecken, um mich ins Haus einzulassen,
+verzeihen mir das und verzeihen sogar, wenn ich nicht einmal dafür um
+Entschuldigung bitte. Im ganzen genommen, Sie sehen etwas Besonderes an
+mir, Sie meinen vielleicht, daß ich ein guter Mensch bin, der etwas in
+die Klemme geraten ist, Sie sind davon überzeugt, daß meine Eltern
+hochachtbare Menschen gewesen sind, oder noch sind, Sie schätzen mich
+und wünschen, mich nicht zu kränken; nun, aus all diesen Gründen, die
+ich mir zunutze machen will, und die ich deutlich klar sehe, will ich,
+wenn der Monat zu Ende sein wird, vor Sie hintreten, kurz und rasch,
+vielleicht mit etwas empfindlicher Röte im Gesicht, mit etwas
+absichtlicher Wärme in der Stimme, und Ihnen offen bekennen, und Sie
+dabei anblicken, wie, das weiß ich noch nicht, aber jedenfalls
+bezwingend, Ihnen einfach frech das Bekenntnis ablegen, daß ich außer
+der Lage sei, bezahlen zu können. Ich weiß, daß ich siegen werde und daß
+der Sieg nicht einmal ein unfreundlicher sein wird, Sie liebe Frau! Wie
+ich Sie liebe, daß ich dieses alles so genau weiß. Sie kennen mich und
+ich kenne Sie, ich finde das so wunderschön, so erwärmend. Es kann mir,
+solange ich bei Ihnen bin, unmöglich schlecht gehen. Nein, unmöglich!
+
+Habe ich es nicht zum voraus gesagt? Sie hatten nicht einmal Zeit, mich
+zu beruhigen und mir die Versicherung zu geben, daß ich mir doch
+deswegen nicht die mindesten Gedanken zu machen brauche, so rasch
+schnitt ich ab, indem ich einfach fortlief. Ich habe nur den Kopf und
+ein Viertel des Leibes zur Türe ins Zimmer hineingestreckt und ziemlich
+fließend und kalt mein Geständnis vorgebracht und bin verschwunden, ohne
+nur hören zu wollen, was Sie auch dazu sagen würden. Sie saßen, mit
+einer Handarbeit beschäftigt, auf dem Sofa und waren verwundert und
+wiederum gar nicht im mindesten verwundert darüber. Sie haben gelächelt,
+und Sie scheinen über diesen Punkt sorglos zu sein. Mein Betragen
+scheint Ihnen, trotz seiner Kaltblütigkeit, oder vielleicht gerade
+deshalb, gefallen zu haben. Es ist allerdings wahr, ich bin pünktlich
+erschienen, absichtlich pünktlich, mit meiner Eröffnung: ich bin Ihr
+Schuldner; ich scheine also in Ihren Augen ein ordnungsliebender Mann zu
+sein, einer, der genau weiß, wann Termine ablaufen, einer, der den
+Kalender mit seinen dreißig Tagen genau im Kopfe hat. Es hat also einen
+guten Eindruck auf Sie gemacht, daß ich so genau wußte, wieviel und von
+welchem Tage ab ich Ihnen schuldig bin, und ich bin Ihnen ganz gern
+etwas schuldig und freue mich sehr, eines Tages vor Ihnen zu erscheinen,
+ebenso rasch und achtlos, wie es diesmal geschah, um meine Schuld
+abzubezahlen. Sie werden sich alsdann sehr wahrscheinlich fürchterlich,
+und in ganz überflüssig großer Weise, bedanken, und das wird mich lachen
+machen. Ich lache sehr gern über solche Sachen, man kommt so am besten
+darüber hinweg. Jetzt verdiene ich etwas Geld, durch Aufsätze, die ich
+an eine christliche Zeitung einsende. Außerdem schreibe ich Adressen und
+rechne Rechnungen durch, so daß ich hoffen darf, Sie bald zu
+befriedigen. Wenn Sie nur wüßten, wie sehr es mir Vergnügen macht, für
+Sie zu sparen. Es ist doch ganz gut, daß ich Sie nicht bezahlen konnte,
+nun kann ich doch Ihretwegen etwas tun, Ihre Gestalt erscheint mir
+freundlich, wenn ich arbeite, ich arbeite dann sozusagen für Sie, wegen
+Ihnen, unter Ihrem Eindruck. Nein, ganz sorglos möchte ich nie sein.
+Sorgen haben müssen, das verfeinert das Leben und gibt dem Tag einen,
+wenn auch engen und kleinen, so doch innigen Anstrich. Es ist doch ganz
+gut so.
+
+
+
+
+An die Heimat
+
+
+Die Sonne scheint durch das kleine Loch in das kleine Zimmer, wo ich
+sitze und träume, die Glocken der Heimat tönen. Es ist Sonntag, und im
+Sonntag ist es Morgen, und im Morgen weht Wind, und im Wind fliegen alle
+meine Sorgen wie scheue Vögel davon. Ich fühle zu sehr die wohlklingende
+Nähe der Heimat, als daß ich mit einer Sorge im Wettstreit grübeln
+könnte. Ehemals weinte ich. Ich war so weit entfernt von meiner Heimat;
+es lagen so viele Berge, Seen, Wälder, Flüsse, Felder und Schluchten
+zwischen mir und ihr, der Geliebten, der Bewunderten, der Angebeteten.
+Heute morgen umarmt sie mich, und ich vergesse mich in ihrer üppigen
+Umarmung. Keine Frau hat so weiche, so gebieterische Arme, keine Frau,
+auch die schönste nicht, so gefühlvolle Lippen, keine Frau, auch die
+gefühlvollste nicht, küßt mit so unendlicher Inbrunst, wie meine Heimat
+mich küßt. Tönt Glocken, spiele Wind, braust Wälder, leuchtet Farben, es
+ist doch alles in dem einzigen, süßen Kuß, welcher in diesem Augenblick
+meine Sprache gefangen nimmt, in dem süßen, unendlich köstlichen Kuß der
+Heimat, der Heimat enthalten.
+
+
+
+
+Brief eines Mannes an einen Mann
+
+
+Sie schreiben mir, daß Sie sich ängstigen, weil Sie ohne Stelle sind,
+und weil Sie fürchten müßten, lange ohne Verdienst zu bleiben. Ich bin
+etwas älter als Sie und darf Ihnen aus der Erfahrung raten. Fürchten Sie
+sich doch ja nicht. Denken Sie weiter nichts. Wenn Sie Entbehrungen zu
+tragen haben, so seien Sie stolz, sie ertragen zu dürfen. Leben Sie so,
+daß Sie mit einer Suppe, einem Stück Brot und einem Glas Wein leben
+können. Das kann man. Rauchen Sie nicht, denn das nimmt Ihnen die
+wenigen körperlichen Stärkungen, die Sie sich leisten können, weg. Sie
+haben eine ungeheure Freiheit vor sich. Rund um Sie duftet die Erde,
+Ihnen gehört sie, will Ihnen gehören. Genießen Sie sie. Fürchtlinge
+genießen nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und
+fluchen Sie keinem Menschen, auch dem Bösesten nicht. Versuchen Sie
+lieber, zu lieben, wo ein anderer, weniger Besonnener und Starker,
+hassen würde. Glauben Sie mir dieses Wort: Der Haß zerstört den Geist im
+Menschen auf eine vernichtende Weise. Lieben Sie nur gleich alles. Es
+schadet nichts, zu verschwenden. Stehen Sie am Morgen früh auf, sitzen
+Sie wenig, schlafen Sie korrekt und schnell. Man kann das. Wenn Sie an
+der Hitze leiden, so achten Sie nicht übermäßig viel darauf, sondern tun
+Sie so, als ob Sie es nicht bemerkten. Wenn Sie an eine frische
+Waldquelle kommen, so versäumen Sie nicht, daraus zu trinken. Wenn man
+Ihnen mit Anstand schenkt, nur genommen, aber, mit Anstand. Prüfen Sie
+sich jede Stunde, rechnen Sie mit sich, unterhalten Sie sich lieber mit
+Ihrem eigenen Geist, als mit dem Verstand gelehrter Menschen. Meiden Sie
+die Gelehrten, denn es sind, mit wenig Ausnahmen, herzlose Menschen.
+Schaffen Sie sich öfters Gelegenheit, zu lachen, zu tändeln. Die Folge
+davon: Sie werden ein schöner, ernsthafter Mensch. Seien Sie, wenn es
+Ihnen auch oft schwer ankommt, in allem schön. Kleiden Sie sich elegant,
+das verschafft Ihnen Achtung und Liebe. Es braucht kein Geld, nur die
+Anstrengung der Sinne dazu. Was die Mädchen betrifft, so halten Sie sich
+die meisten vom Halse. Üben Sie sich im Verschmähen. Gewöhnen Sie sich
+daran, immer eine Leidenschaft zu haben, das kennzeichnet den schönen
+Mann. Der Leidenschaftlichste ist der Beste: lernen Sie es. Man lernt
+alles. Ich werde Ihnen ein anderes Mal schreiben.
+
+Simon war ein zwanzigjähriger Mann. Er war arm, aber er tat nichts,
+seine Lage zu verbessern.
+
+
+
+
+Eine Theatervorstellung
+
+
+Der Winternachthimmel war ganz mit Sternen gespickt, ich lief den
+Schneeberg hinunter, in die Stadt, an die Kasse des Madretscher
+Stadttheaters, ließ mir eine Fahrkarte verabfolgen und fuhr wie ein
+geistig nicht mehr Normaler die steinerne, uralte Wendeltreppe hinauf,
+die ins Stehparterre führte. Das ganze Theater war dickvoll von
+Menschen, eine schlechte Luft schlug mir unter die Nasenflügel, ich
+erbebte und versteckte mich hinter einen Technikumsschüler. Ich war ganz
+atemlos und konnte nun ein wenig verschnaufen, bis der Vorhang in die
+Höhe ging, das tat er nach etwa zehn Minuten, er erhob sich und ließ in
+ein Loch voll Feuer blicken. Die Gestalten bewegten sich alsobald,
+riesige, plastische, übernatürlich scharf gezeichnete Gestalten, und
+spielten Maria Stuart von Schiller. Königin Maria saß im Kerker, und
+ihre gute Kammerfrau stand daneben, und dann zeigte sich ein finster
+aussehender, mit einer Rüstung bedeckter Mann, die Königin brach in
+Tränen des Zornes und des Schmerzes aus. Wie wundervoll sich das ansah.
+Meine Augen brannten. Ich hatte vorher stundenlang in den hellen,
+weißschimmernden Schnee gesehen und dann in das Dunkel der Logen, und
+jetzt mußten sie in eitel Feuer, Glut, Pracht und Glanz schauen. Wie
+schön und groß das war. Wie das von den rötlichen Lippen taktmäßig
+herabtönte, in Uhrmacher-, Techniker- und sonstige Ohren hinein, schöne,
+edel hin und her und auf und nieder tanzende, schwankende, tönende
+Verse. Ah, das sind die Verse Schillers, so dachte wohl mancher.
+
+Der junge, schlanke Mortimer, mit einem Busch heller, goldener Locken
+auf dem Kopf, sprang aus der Szene in die offene Szene hinein und sprach
+der Königin, die lächelnd zuhörte, verführerische Worte vor. Er hatte
+ein merkwürdig blaß gefärbtes Gesicht, als sei ihm der ahnungsvolle
+Schrecken darin gelegen, und schwarzumränderte Augen, als habe er viele
+vorangegangene Nächte hindurch, von Träumen hin- und hergeschleudert,
+kein Auge zudrücken können. Er spielte meiner Meinung nach herrlich;
+nicht so Maria, die ihre Rolle nicht auswendig wußte, die sich eher wie
+eine Kneipenkellnerin niederster Stufe benahm, als wie eine so vornehme
+Frau, vornehm im zugespitzt kältesten Sinne: Königin und dazu noch
+Dulderin, wie man sich Maria Stuart denken mußte. Aber sie rührte
+unendlich. Das Nichtskönnen rührte in erster Linie und dann jener Mangel
+an Hoheit. Der Mangel dessen, was sein sollte, erschütterte und blendete
+und trieb mir das Wasser der Empfindung schamvoll zu den erregten Augen
+heraus. O du Zauber der theatralischen Bühne. Ich dachte immer: »Wie
+schlecht sie doch spielt, diese Maria,« und ward im selben Moment von
+dem unmöglichen Spiel an Leib und Seele hingerissen. Wenn sie etwas
+Trauervolles sagte, lächelte sie verschmitzt und ganz unpassend dazu,
+ich korrigierte in Gedanken an ihren Gesichtszügen, Tönen und Bewegungen
+herum, und indem ich das tat, hatte ich den lebendigeren und
+ergreifenderen Eindruck von ihrem fehlerhaften Spiel, als ich ihn vor
+dem tadellosen hätte haben können. Sie war mir so nah auf diese Weise,
+es war, als würde da oben eine Schwester, Cousine oder Freundin von mir
+gespielt haben, um deren Äußerungen ich Ursache gehabt hätte, ängstlich
+zu zittern. Bisweilen stand sie ganz vergnügt und ratlos, also ratlos
+und doch nicht fassungslos da, sah in den dunkeln Zuschauerraum hinein,
+zupfte an ihrem Schleier und lächelte ganz keck, ließ das Spiel liegen,
+während dieses von ihr eine bestimmte Haltung und Empfindung verlangte.
+Und warum war sie trotzdem wundervoll?
+
+In den Zwischenpausen bog ich meinen Kopf um und blickte in die Logen
+hinein, in deren einer eine vornehme Dame saß, in ausgeschnittenem
+Kleid, daß die Brust und die Arme aus der dunkeln Umgebung nur so
+herausschimmerten. In der behandschuhten Hand hielt sie ein Lorgnon mit
+langem Stiel, das sie von Zeit zu Zeit an die Augen führte. Sie schien
+eine alte, doch noch immer berückende Zauberin zu sein, so allein saß
+sie dort hinten, abgesondert von den übrigen Menschen. Sie wohnte, weiß
+der Teufel, vielleicht in einem jener graziös erbauten Häuser aus der
+Zeit Ludwigs von Frankreich, die man in Madretsch häufig hinter den
+hohen Bäumen alter, verträumter Gärten weiß hervorglänzen sieht. In
+einer andern Loge hockte der Präsident des Madretscher Gemeinderats und
+Mitglied des Verwaltungsrats des Stadttheaters, so ein alter Bock, wie
+man sich zuflüsterte, der es als ein Vergnügen empfand, den
+Schauspielerinnen unter die Röcke zu greifen. Das ließ sich ja
+schließlich solch eine herumwandernde Maria Stuart noch ganz gerne
+gefallen. So sah sie nämlich auch aus auf der Bühne, wie eine Dirne, und
+nicht einmal wie eine gut-, sondern wie eine minderwertig geartete. Wie
+kam es, daß sie trotzdem so schön war?
+
+Der Vorhang ging wieder auf. Ein breiter, weißlicher Strom Parfüm floß
+aus dem offenen Loch in die Zuschauerdunkelkammer und beklemmte und
+befreite die Nasen. Man war froh, wieder diesen holden Duft einzuziehen;
+ich hinter meinem Technikumsschüler war es wahrscheinlich ganz
+besonders. Der Bühnenrachen fing wieder an zu reden, diesmal war die
+Szene ein Zimmer im königlichen Palast von England. Elisabeth saß auf
+einem mit blauen Tüchern behangenen Thron, einen Baldachin über sich,
+vor ihr die Großen des Hofes, Lester und jener andere mit der sanften
+Denkermiene. Im Hintergrund standen dicke Weibsbilder als Pagen, nicht
+etwa Knaben, nein, vierzigjährige Weiber in Trikots. Das war schamlos
+schön. Diese Pagen standen mit der barocken Schwere ihrer gedunsenen
+Leiber in wahnsinnig kleinen, zierlichen Schuhen auf dem Boden wie
+unbegreifliche, phantastische Traumfiguren, die ins Publikum
+hineinlächelten. Es war, als hätten sie sich ein wenig geniert, so
+auffällig zu sein, aber dann war's wieder nichts mit diesem Genieren.
+Die Sache verhielt sich so: wer sie ansah, der genierte sich. Ich zum
+Beispiel genierte mich bis zur Glückseligkeit. Elisabeth stieg dann vom
+Thron herab, jeder Zoll an ihr lieb und einfach, fast tantlich,
+mütterlich, sie gab Zeichen von Ungnade, und die Szene verschwand.
+
+Ein wenig später gab es eine Parkszene mit grünem, verschwommenem
+Waldhintergrund, Jagdhörner tönten in der Ferne in wundervoll fern
+herklingendem Spiel. Ich glaubte mich augenblicklich in das Dickicht
+eines Waldes versetzt; die Hände liefen, Pferde stürzten aus dem
+Laubwerk hervor, schöne, kostbar gekleidete Reiterinnen tragend, und
+überall sprangen die Knechte und Falkoniere und Pagen, die Jäger in den
+knappen, grünen Trachten herum. Alles das spiegelte sich ganz natürlich
+in den paar Fetzen von Dekorationen tönend und leuchtend wieder. Maria,
+die Königindirne, trat auf und sang, man kennt ja die Worte, nein, sie
+sang nicht, aber es hörte sich ganz wie ein wehklagendes, sehnsüchtiges
+Singen an. Die Frau schien eine Riesin geworden zu sein, so sehr
+vergrößerte sie ihr Seelenausbruch. Sie sprang wie irrsinnig vor Freude
+und Herzensqual umher, und jammerte, als sie zu jubeln meinte. Außerdem
+war sie ein bißchen der Rolle wegen, die sie nicht studiert hatte, in
+Verlegenheit, aber ich glaubte steif und fest, das sei der Wahnsinn des
+Nicht-mehr-an-sich-halten-Könnens, die Qual der Freiheit, das Versagen
+der ruhigeren Frauenvernunft. Als sie weinte, da schrie sie, denn weinen
+wäre ihr zu wenig gewesen. Für nichts, was sie empfand, hatte sie einen
+entsprechenden Ausdruck mehr. Das Empfinden peitschte seinen Ausdruck.
+Im Übermaß alles dessen, was sie war und sah und hörte und fühlte, warf
+sie sich köpflings an die Erde, da trat Elisabeth auf.
+
+Die Peitsche in der Hand, hinter ihr her die Trabanten. Die Frau ganz
+anschließend, anschmiegend in dunkelgrünen Samt gekleidet, der Rock
+hinaufgerafft, daß das männerhaft bestiefelte und bespornte Bein grell
+sichtbar ist. Zorn, Hohn und Furcht im Gesicht. Auf dem Jagdhut eine
+schwer herunterfallende Feder, deren Spitze bei jeder Bewegung des
+Hauptes die Schulter berührt. Und dann sprach sie, ah, sie spielte
+meisterhaft. Überdies war sie mir eine liebe Erscheinung. Nicht lange
+ging es, so prallten sie aneinander und hauchten einander das Feuer des
+Wehs in die Gesichter; beider Frauen Leiber zitterten wie vom Sturm
+gepackte Baumstämme. Maria, die schlechte Schauspielerin, schlug der
+guten eins ins Gesicht. Darob schmerzhaftes Frohlocken der einen und
+jähe Flucht der andern. Die liebe Elisabeth muß fliehen, und die dumme
+Maria muß jetzt in Verlegenheit sein, wie sie es angattern soll, in die
+Ohnmacht befriedigten Rachegefühls zu sinken. Sie machte es schlecht,
+aber in der Art und Weise, wie sie es verpfuschte, lag wiederum das
+Grandiose. Das ganze Frauengeschlecht, das vergangene und gegenwärtige
+und zukünftige, schien hinten über, den Kopf seitwärts gesenkt, in
+herrlich-süßer Beugung und Empfindung umfallen zu wollen. So schön
+machte sie's. Dem Verstand war's hurenhaft, dem Gefühl titanisch. Ich
+wußte nichts mehr, ich hatte genug, ich packte das Bild mit meinen
+Augen, wie mit zwei wehrhaften Fäusten, an und trug es über die
+steinerne Wendeltreppe hinunter, zum Theater hinaus, an die kalte,
+winterliche Madretscher Luft hinaus, unter den eisig-schauerlichen
+Sternenhimmel, in eine Kneipe von zweifelhafter Existenzberechtigung, um
+es zu ersäufen.
+
+
+
+
+In der Provinz
+
+
+Ja, in der Provinz, da kann es der Schauspieler etwa noch schön haben.
+Dort, in den kleinen Landstädtchen, die noch von alten Ringmauern
+trotzig umschlossen sind, gibt es keine Premieren und keine
+fünfhundertste Aufführung ein und desselben Salates. Die Stücke wechseln
+mit den Tagen oder Wochen wie die blendenden Toiletten einer geborenen
+Fürstin, die zornig würde, wenn einer ihr zumuten wollte, jahrelang
+immer dasselbe Kleid zu tragen. Auch keine solche schnauzige Kritik gibt
+es in der Provinz, wie dergleichen der Schauspieler in den Weltstädten
+zu ertragen hat, wo es nichts mehr Ungewöhnliches ist, mit anzusehen,
+wie der Künstler von oben bis unten von grimmigen Witzen wie von
+wütenden Hunden zerrissen wird. Nein, in der guten, ehrlichen Provinz
+wohnt erstens der Mann mit der Maske vor dem Gesicht im Hôtel de Paris,
+allwo es toll und urgemütlich zugeht, und zweitens lädt man ihn etwa
+noch zu Abendgeselligkeiten ein, in feine, alte Häuser, wo es ein ebenso
+wohlschmeckendes Essen wie eine delikate Unterhaltung mit den ersten
+Personen der Kleinstadt gibt. Zum Beispiel meine Tante in Madretsch, die
+gab es nie und nimmermehr zu, daß von den Komödianten in unziemlichem,
+wegwerfendem Ton geredet wurde, im Gegenteil, nichts war ihr angenehmer
+und erschien ihr passender, als zum Abendessen, dessen Zubereitung sie
+selber beaufsichtigte, jede Woche einmal mindestens, so lange sie in der
+Stadt spielten, diese umherziehenden Leute recht lustig und fidel bei
+sich zu sehen. Meine Tante, die jetzt gestorben ist, war eine geradezu
+schöne Frau, auch noch zu einer Zeit, wo andere Frauen beginnen, ältlich
+und runzelig zu werden. Mit ihren fünfzig Jahren schien sie noch eine
+der allerjüngsten zu sein, und während in ihrer Umgebung die Frauen
+plumpe, mißförmige Figuren zur Schau trugen, zeichnete sie sich durch
+eine feste, üppig-schlanke Körperform zu ihrem eigenen, sehr großen
+Vorteil aus, daß sie jedermann, der sie ansah, für schön erklären mußte.
+Nie vergesse ich ihr helles, zartes Gelächter und nie den Mund, aus
+dessen reizender Öffnung das Lachen heraustönte. Sie wohnte in einem
+seltsamen, alten Haus; wenn man die schwere Tür auftat und eintrat, in
+den stets dunkeln Korridor, lispelte einem das Plätschern eines
+unaufhörlich fallenden Brunnens entgegen, der kunstreich in die Mauer
+eingefügt worden war. Die Treppen und deren Geländer strotzten und
+dufteten förmlich von Sauberkeit, und erst die Zimmer. Ich habe nie
+nachher wieder solche Zimmer gesehen, solche heitere, polierte,
+zimmerliche Zimmer. Ich glaube, wenn ich mich nicht irre, man sagt
+Gemach, wenn man von einem Zimmer redet, das traulich und zugleich
+äußerst vornehm und etwas altertümlich ausgestattet ist. In einem
+solchen Hause, bitte ich zu beachten, dürfen also in der Provinz
+Bühnenkünstler aus- und eingehen, dürfen solche Treppen mit ihren
+wahrscheinlich manchmal ungeputzten Stiefeln berühren, solche Klinken,
+messingene und rasend peinlich glänzende, mit ihren Händen anfassen, um
+in solche Gemächer hineinzutreten, und dann einer solchen Frau, wie
+meiner Tante, ungezwungen Guten Abend zu sagen. Was tut der Schauspieler
+in der Großstadt? Er schuftet, läuft wie wahnsinnig in die Proben und
+reibt sich auf, um es ja der säuerlichen Kritik recht zu machen. So
+etwas gibt es in der Umgegend von Madretsch nicht, meine Damen und
+Herren. Von Kranksein und Aufreiben wird da kaum die Rede sein dürfen,
+vielmehr bummelt so ein Kerl, den Zylinder, den er weiß der Himmel woher
+hat, auf dem Kopf, die Hände in womöglich hellgelben Handschuhen, den
+Stock in der Rechten, in einem tragischen Mantel, dessen Schöße im Winde
+flattern, so gegen elf Uhr vormittags oder halb zwölf, um nicht gelogen
+zu haben, seelenheiter und von allen Passanten auf der Straße für einen
+illegitimen Fürstensohn gehalten, angeblinzelt von Mädchenaugen, die
+schöne Promenade entlang, um vielleicht zum See hinauszugehen und dort
+eine halbe Stunde lang, bis es Zeit zum Essen ist, in die Ferne zu
+schauen. Das, meine Herren, verschafft Appetit, ist gesund und wohl etwa
+noch zu ertragen. Wo gibt es in der Großstadt einen See, einen
+Felssturz, dessen Gipfel von einem im griechischen Stil erbauten,
+niedlichen Pavillon gekrönt wird, wo man in der hellen Vormittagssonne
+mit einer Frau, die man eben hat kennen lernen und die, sagen wir mal,
+dreißig Jahre alt ist, ein seelenvolles Gespräch führen kann? Wo gibt es
+ein Schulhaus in Weltstädten, in das der Herr jugendlicher Liebhaber,
+Herr von Beck, so gegen drei Uhr, weil er gerade Lust zu einem solchen
+Unternehmen hat, eintreten und den kleinen neun- bis zwölfjährigen
+Schulmädchen einen Schulbesuch abstatten kann? Es ist gerade
+Religionsstunde, die Mädchen langweilen sich ein bißchen, da tritt Beck
+ein und frägt an, ob ihm wohl gestattet wäre, dem ihn im höchsten Grade
+interessierenden Unterricht beizuwohnen. Der Pfarrer, ein durchaus
+weltmännisch gebildeter, sympathischer Herr, errötet über die Keckheit
+und weiß nicht recht, was er sagen soll, im ersten Augenblick nämlich,
+wo ihm die Heldenmanieren eines von Beck den Verstand rauben. Aber schon
+hat er sich gefaßt und schiebt den Darsteller des Ferdinand in Kabale
+und Liebe sanft zur Tür hinaus, wohin er ja schließlich, wenn man die
+Umstände bedenkt, auch gehört. Aber, Hand aufs Herz, ist das etwa nicht
+reizend, und gibt's in Millionenstädten etwas Derartiges? Wie hübsch
+dieser Herr Pfarrer gehandelt hat, Herrn Beck zu verbieten, in der edlen
+Religionsstunde mit den Schülerinnen Allotria zu treiben. Aber wie
+entzückend wiederum dieser Beck ist, der den Pfarrer zu dem
+liebenswürdigen Benehmen veranlaßt hat; denn wenn es keine Becks gäbe,
+die die Unverschämtheit besitzen, den Schulaufsichtsrat zu spielen, am
+hellen Tag, wo die Sonne überall scheint und es in ganz Madretsch nach
+Käsekuchen duftet, so gäbe es auch kein pfarrerlich-schönes Betragen,
+wie denn Spitzbuben nicht fehlen dürfen, wo man noch hoffen will,
+Tugenden anzutreffen. Solche Dinge ergeben sich in einer Kleinstadt von
+selber; das reizende Erlebnis nimmt dort noch gern plastische Gestalt
+an, und wer eignet sich in der Provinz besser zu Erlebnissen aller Art
+als die Lumpenkomödianten, denen der Ruf des Gefährlichen, Schönen,
+Geheimnisvollen und Abenteuerlichen immer vorangeht? Da sieht sie der
+Bewohner von Bözingen oder Mett oder Madretsch in Gruppen vor dem
+Rathause stehen, gestikulierend und in fremdartigen, eleganten Akzenten
+sprechend, die Rollen, die sie abends spielen, in den blassen
+durchgeistigten Händen, so wildfremd, so sehr scheinbar aus
+Königsschlössern und Mätressenboudoirs herkommend, mit so schönen, hohen
+Stirnen und mit wenn immer denkbar goldenen Haarlocken! Kann der
+hauptstädtische oder gar reichshauptstädtische oder gar noch
+literarische Schauspieler diese Genugtuung auch genießen, eine
+wildfremde Figur auf Straßen, Plätzen und Promenaden zu sein? Kann er
+überhaupt auch nur noch tiefer und inniger interessieren, als was auf
+fünf Spalten im Lokalanzeiger gedruckt paßt? Und wenn er gar berühmt ist
+und viel genannt wird, was ist das? Ich muß geradezu lächeln, daran zu
+denken, wie oberflächlich das Interesse im Laufe der Jahre wird, das man
+Berühmtheiten zollt. Nein und noch einmal nein. Wer gern mag, daß ihm
+eine rote, warme, saftvolle, gequetschte, spritzende, sprühende und
+duftende Empfindung dargebracht wird, der werde so rasch wie möglich
+Schmierenschauspieler. Das bißchen finanzielle und ökonomische Elend,
+das mit diesem Berufszweig ja allerdings immer verbunden sein wird, ist
+zu ertragen. Ich mache gern noch auf ein paar Einzelheiten aufmerksam:
+Schauspieler Beck wird eines Nachts von einem unkultivierten Burschen
+einfach mir nichts dir nichts Hundsfott genannt. Das ist allerdings
+starker Schnupftabak. Beck stürzt vor, und beide, der lümmelhafte Sohn
+des Uhrenfabrikanten und das zierliche Söhnchen der dramatischen Kunst
+packen einander am beiderseitigen Stehkragen, an den Haaren, beim
+Genick, am Schopf, bei den Nasen, an den Lippen und Ohren, unterm Knie,
+rund um die Leiber, um den Kampf zweier erzürnter Gottheiten
+aufzuführen. Auch nicht denkbar in Reichsmetropolen, wo die Menschen
+anfangen, so windig gesittet zu werden und ihren Zorn immer in die
+Taschen stecken, wenn zu befürchten ist, daß er losbrennen will. Im
+Hôtel de Paris sind immerhin noch ganz andere Sachen möglich. Dort küßt
+man beispielsweise den Kellnerinnen die Hände, so fein sind sie, und
+plaudert englisch mit der Leiterin des Geschäfts am Bufett, so lange,
+bis einer kommt und einem von hinten her quer eins hinüberhaut, bis man
+genug hat. Und dann die Natur in Kleinstädten. Das ist nun geradezu die
+Wunderquelle, in der sich Karl Moor bis zum Strotzen gesund baden kann,
+denn überall lockt's ihn, in Schluchten zu gehen, in denen Wasserfälle
+schäumend und zischend und kühlend niederbrausen; über ebene, weite
+Felder bis an den Rand mächtig-hoher und grüner Eichenwälder; über
+Waldhügel hinüber, allwo er Blumen suchen und sie in seine
+Botanisierbüchse stecken kann, um sie zu Hause in ein Glas Wasser zu
+tun; auf breite, tausend Meter hohe Berge, entweder zu Fuß oder zu Roß,
+wenn er eins auftreiben kann, oder per Drahtseilbahn, zu der entzückend
+gelegenen Weide mit ihrer Blumen- und Gräserpracht, bis er am Abend,
+erschöpft und erfüllt von schönen, müden Empfindungen, unter einer
+hundertjährigen Tanne in die Matte sinkt, um den herrlichen
+Sonnenuntergang zu betrachten. In Krächen und Schluchten liegt noch der
+winterliche Schnee, obgleich es schon toller, üppiger Frühling ist. Oder
+es lockt ihn, in eine leichte, schwankende Gondel zu steigen, die zu
+haben ist bei Frau Hügli, Schiffsvermieterin, dicht am Ufer des Sees,
+und aufs schöne, spiegelglatte Wasser hinauszufahren, zwischen
+knirschenden Schilfgewächsen hindurch, bis er in der Mitte des Sees
+angelangt ist und, die Ruder fahren lassend, sieht, wie köstlich die
+Rebberge und Landhäuser und kleinen Jägerschlösser sich im tiefen Wasser
+naturgetreu widerspiegeln. Und so noch vieles, und zu allen
+Jahreszeiten, im Winter, Herbst, Sommer und Frühling. Die Natur ist
+bekanntlich in allen ihren Verkleidungen erfrischend und bezaubernd und
+immer des ganz und gar innigen Ansehens und Genusses wert. Geht in die
+Provinz, in Kleinstädte; dort habt ihr noch Hoffnung, daß man euch an
+euerm Benefizabend einen Lorbeerkranz vor die Füße und Nase wirft, den
+ihr dankend aufheben und freudig nach Hause tragen könnt. Den
+schauspielenden Damen nicht minder als den Herren sind diese Städte zu
+empfehlen, auch sie werden sehr bald finden, daß ich nicht unrecht
+gehabt habe, ihnen anzuraten, es einmal wieder mit der Provinz zu
+versuchen. Zu guter Letzt: Es wird gut gekocht an solchen Orten, und es
+muß ratsam erscheinen, bald einmal hinzugehen und diese vortreffliche
+Kost zu probieren. Schmackhaftes Essen ist nicht zu verachten.
+
+
+
+
+Frau und Schauspieler
+
+
+Mein Herr, ich bin gestern abend im Stadttheater gewesen und habe Sie
+als Prinzen Max in der »Hofgunst« gesehen, und ich schreibe Ihnen jetzt.
+Ich bin, damit Sie es gleich im voraus wissen, eine Frau von dreißig
+Jahren, etwas darüber, interessiert Sie das? Sie sind jung und hübsch,
+machen eine gute Figur und sind wohl schon viel von Frauen angeschwärmt
+worden. Apropos, rechnen Sie mich nicht zu den Frauen, die für Sie
+schwärmen, und doch, ich muß es Ihnen nur gleich gestehen, Sie gefallen
+mir, und ich sehe mich genötigt, Ihnen zu sagen, warum. Dieser Brief
+wird vielleicht etwas zu lang werden, glauben Sie? Als ich Sie gestern
+spielen sah, ist es mir gleich vom ersten Moment an aufgefallen, wie
+unschuldig Sie sind; jedenfalls haben Sie viel Kindliches an sich, und
+Sie haben sich den ganzen Abend auf der Bühne so benommen, daß ich mir
+sagte, ich würde Ihnen vielleicht einiges schreiben dürfen. Ich tu es ja
+jetzt; werde ich diesen Brief abschicken? Verzeihen Sie, oder so: Sie
+sollen stolz sein, daß man wegen Ihnen im Zweifel sein muß. Vielleicht
+schicke ich diese Worte nicht ab, dann wissen Sie nichts und werden auch
+keinen Grund haben, in ein unschönes Gelächter auszubrechen. Machen Sie
+so etwas? Sehen Sie, ich vermute ein schönes, frisches, reines Herz in
+Ihnen, aber Sie sind vielleicht noch zu jung, um wissen zu können, daß
+das wichtig ist. Wo verkehren Sie, sagen Sie mir das, wenn Sie mir
+antworten, oder sagen Sie es mir mündlich, kommen Sie zu mir, morgen
+nachmittag um fünf, ich erwarte Sie. Die meisten Menschen setzen ihren
+ganzen Ehrgeiz in die unedle Unmöglichkeit, einer Torheit fähig zu sein,
+sie lieben den Anstand des Benehmens nicht, obwohl das so scheint. Die
+Sitte liebt eines nur dann, wenn es sich um ihretwillen einiger Gefahr
+unterziehen mag. Denn Gefahren erziehen, und ohne die beständige Lust
+mit sich zu tragen, auf lebendige Art über wichtige Dinge belehrt zu
+werden, ist man sittenlos. Ängstlichkeit scheint oft die wahre Sitte zu
+sein -- welch eine träge Gedankenlosigkeit! Hören Sie mir noch zu, und
+tun Sie's auch aufrichtig? Oder sind Sie einer der leider vielen
+Menschen, die glauben, alles, was ein wenig beschämend und anstrengend
+ist, langweilig finden zu müssen? Spucken Sie auf dieses Schreiben und
+zerreißen Sie es, wenn es Sie langweilt, aber nicht wahr, es reizt Sie,
+es kann Sie anregen, es ist nicht langweilig. Wie hübsch Sie sind, mein
+Herr, mein Gott, und so jung, sicher kaum zwanzig. Ein bischen steif
+habe ich Sie gestern abend gefunden und Ihre schöne Stimme ein bischen
+geschraubt. Entschuldigen Sie es, daß ich so rede? Ich bin zehn Jahre
+älter als Sie, und es tut mir so wohl, mit einem Menschen reden zu
+dürfen, der jung genug ist, daß ich mich als zehn Jahre älter ihm
+gegenüber fühlen darf. Sie haben in Ihrem Benehmen etwas, was Sie noch
+jünger erscheinen läßt, als man Sie, wenn man mit dem Verstand
+nachrechnet, schätzen muß; das ist das bischen Geschraubtheit. Gewöhnen
+Sie es sich, ich bitte Sie, noch nicht so rasch ab, es gefällt mir, es
+wäre schade um dieses Stück, ich möchte sagen, natürlicher
+Unnatürlichkeit. Kinder sind so. Beleidige ich Sie? Ich bin so offen,
+nicht wahr, aber Sie wissen gar nicht, welche Freude für mich in der
+Einbildung liegt, die mir zuflüstert: er gestattet es, er liebt das. Wie
+Ihnen die Offiziersuniform gut gestanden hat, die engen Stiefel, der
+Rock, der Kragen, das Beinkleid, ich bin entzückt gewesen, und was für
+prinzliche Manieren Sie gehabt haben, was für energische Bewegungen! Und
+wie Sie gesprochen haben: so ganz überflüssig heldenhaft, daß ich mich
+beinahe ein bischen vor mir, vor Ihnen, vor alle dem habe genieren
+müssen. So laut und wichtig haben Sie im Salon Ihres oder Ihres Herrn
+Vaters Schlosse gesprochen. Wie Ihre großen Augen manchmal hin und her
+rollten, als wenn Sie jemanden aus dem Zuschauerraum hätten aufessen
+wollen, und so nah waren Sie. Einmal zuckte es mir im Arm, ich wollte
+unwillkürlich die Hand ausstrecken, um Sie, wo Sie standen, anzurühren.
+Ich sehe Sie so groß und laut vor mir. Werden Sie bei mir, wenn Sie
+morgen zu mir kommen, auch so gewichtig auftreten? In meinem Zimmer,
+müssen Sie wissen, ist alles so still und so einfach, ich habe noch nie
+einen Offizier empfangen, und es hat noch nie eine Szene bei mir
+gegeben. Wie werden Sie sich betragen? Aber das ganze, hochaufgepflanzte,
+fahnenstangenhafte Wesen an Ihnen gefällt mir, es ist neu,
+frisch, gut, edel und rein für mich, ich möchte es kennen lernen,
+weil, wie ich es empfinde, etwas Unschuldiges und Ungebrochenes in ihm
+steckt. Zeigen Sie es mir, wie es ist, ich achte es im voraus und ich
+glaube, ich liebe es. Sie kennen keinen Hochmut mit diesem Ihrem ganzen
+scheinbar so hochmütigen Wesen. Sie sind keines Truges fähig, Sie sind
+zu jung dazu und ich zu erfahren, um mich in Ihnen täuschen zu können,
+und jetzt zweifle ich nicht mehr, daß ich diesen Brief an Sie abschicken
+werde, aber lassen Sie mich Ihnen noch einiges sagen. Sie kommen jetzt
+also zu mir, es ist abgemacht. Putzen Sie dann zuerst Ihre Stiefel vor
+der Treppe ab, bevor Sie ins Haus treten, ich werde am Fenster stehen
+und Ihr Benehmen beobachten. Wie ich mich darauf freue, so dumm zu sein
+und das zu tun. Sie sehen, wie ich mich freue. Vielleicht sind Sie ein
+Unflätiger und werden mich dafür strafen, daß ich es unternommen habe,
+Zutrauen zu mir in Ihnen zu erwecken. Wenn Sie so sind, so kommen Sie,
+machen Sie sich einen Spaß, strafen Sie mich, ich habe es ja verdient.
+Aber Sie sind jung, das ist ja das Gegenteil von unflätig, nicht wahr?
+Wie deutlich ich Ihre Augen vor mir sehe, und ich will Ihnen etwas
+sagen: für gar so klug halte ich Sie nicht, aber für recht, für gerade,
+das kann mehr sein als klug. Bin ich da auf einem Holzweg? Gehören Sie
+zu den Raffinierten? Wenn das ist, muß ich in Zukunft allein und
+verlassen in der Stube sitzen, denn dann verstehe ich die Menschen nicht
+mehr. Ich werde am Fenster stehen und Ihnen dann die Tür auftun, Sie
+brauchen dann vielleicht gar nicht erst noch lange zu klingeln, und dann
+werden Sie mich sehen, so bald schon. Eigentlich wünschte ich -- nein,
+ich will nicht so viel sagen. Lesen Sie noch? Ich bin ziemlich schön,
+ich muß Sie auch darauf im voraus aufmerksam machen, damit Sie sich ein
+wenig Mühe geben und Ihr Bestes und Gebürstetstes anziehen. Was wollen
+Sie trinken? Sie werden es mir ungeniert sagen, ich habe Wein im Keller,
+das Mädchen wird heraufholen, aber vielleicht ist es am besten, wir
+trinken zuerst eine Tasse Tee, nicht? Wir werden allein sein, mein Mann
+arbeitet zu dieser Zeit im Geschäft, aber fassen Sie das nicht als eine
+Aufforderung, unehrerbietig zu sein, auf, das muß Sie im Gegenteil
+schüchtern machen. So will ich Sie sehen, schüchtern und schön, sonst
+laufe ich dem Briefboten nach, der Ihnen diese Zeilen überbringen will,
+schreie ihn an, nenne ihn einen Räuber und Mörder, begehe
+Ungeheuerlichkeiten und komme ins Gefängnis. Wie mich danach verlangt,
+Sie anzusehen, Sie in der Nähe zu haben; weil ich so mutig auf meiner
+guten Meinung von Ihnen beharre, spreche ich so, und wenn Sie nach all
+dem Gesagten kommen, so haben Sie Mut, und dann werden die anderthalb
+Stunden, die wir miteinander verbringen, schön sein, und dann ist es
+überflüssig gewesen, zu zittern, wie ich jetzt tue, denn es ist dann
+keine solche Tollkühnheit gewesen, Sie zu mir eingeladen zu haben. Sie
+sind so schlank, ich werde Sie schon erkennen, wenn Sie noch unten auf
+der Straße vor der Gartentüre stehen werden. Was machen Sie jetzt? Was
+meinen Sie, soll ich jetzt aufhören zu schreiben? Sie werden lachen,
+wenn ich vor Sie hintrete und Ihnen vormache, wie Sie als Prinz Max
+dagestanden haben. Ich beschwöre Sie, verneigen Sie sich tief vor mir,
+wenn Sie mich erblicken, und seien Sie steif und benehmen Sie sich
+herkömmlich, gestatten Sie sich keine freie Bewegung, ich warne Sie, und
+ich werde Ihnen dafür danken, daß Sie mir gehorcht haben, wie man Ihnen
+vielleicht nie in Ihrem Leben wieder danken wird.
+
+
+
+
+Entwurf zu einem Vorspiel
+
+
+Eine Bühne
+
+Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine
+rötlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine große, breite
+Zunge leckt. Die Zähne, die den Bühnenmund umrahmen, sind spitz und
+blendend weiß, das Ganze sieht dem Rachen eines Ungetüms ähnlich, die
+Lippen sind wie ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach
+vorn, über die Rampe hinaus und berührt mit ihrer feurigen Spitze
+beinahe die Köpfe der Zuschauer, dann geht sie wieder zurück, und ein
+anderes Mal tritt sie wieder vor, ein schlafendes schönangekleidetes
+Mädchen auf ihrer breiten, weichen Fläche dahertragend. Die
+golden-hellen Haare des Mädchens fließen wie eine Flüssigkeit von ihrem
+Kopf um ihr Kleid herum, in der Hand hält sie einen glitzernden Stern,
+ähnlich einem großen, weichen, sonnigen Schneeflocken. Auf dem Haar
+eingedrückt sitzt eine zierliche grüne Krone, ihr Mund lächelt im
+Schlaf, während sie so liegt, auf ihren Ellbogen gestützt, auf der Zunge
+wie in Bettkissen ruhend. Auf einmal öffnet sie ihre Augen, und das sind
+Augen, wie man sie manchmal in Träumen sieht, wenn sie sich, von
+irgendeinem übernatürlichen Licht umflossen, zu den unsern herabneigen.
+Diese Augen haben einen wunderbar erfrischenden Glanz, und sie schauen
+jetzt so nach allen Seiten herum, wie es Kinderaugen tun, die fragend
+und suchend und schuldlos in die Welt blicken. Aus der feurig-schwärzlichen
+Kehle klettert jetzt ein Mann hervor, angezogen mit fliegenden,
+scheinbar von einem halbtollen Schneider entworfenen Tüchern,
+die wie Fetzen seine massiven Glieder umgeben, schreitet auf
+der unter seinen Tritten zusammenzuckenden Zunge nach vorn, zu dem
+Mädchen hin, beugt sich über sie und küßt sie. Im selben Augenblick
+sprühen aus dem Schlund Feuerflammen und Funken hervor, die über die
+beiden, ohne sie im mindesten ängstlich zu machen, herabregnen. Der
+schlanke Mann hebt die junge Dame in seinen Arm und trägt sie nach
+rückwärts, die große Zunge wirft sich, indem sie sich hoch aufbäumt,
+über das Paar, um es im Rachen krachend und hinabpolternd zu
+verschlingen. Der weiße Stern des Mädchens blitzt vorn bei den Zähnen,
+da schießen mit einem Male blaue, grüne, gelbe, hochrote,
+dunkelbläuliche und schimmernd weiße Sterne in einem feurig-farbigen
+Sturzregenbogen aus der dunkeln Kehle hervor, Musik spielt dazu, und die
+Sterne zerspringen immer in der Luft ins Nichts, endlich bewegen sich
+die Lippen des großen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und
+warm hörbare Wort:
+
+Das Stück beginnt.
+
+Vorhang.
+
+
+
+
+Zwei kleine Märchen
+
+
+1.
+
+Es schneite in der Straße. Da kamen die Droschken und Autos vorgefahren,
+setzten ihren Inhalt ab und fuhren wieder von dannen. Die Damen staken
+alle in Pelzen. An der Garderobe wimmelte es von Leuten. In den Foyers
+gab es ein Grüßen, Anlächeln und gegenseitiges Händedrücken. Die Kerzen
+schimmerten, die Roben rauschten, die Stiefelchen flüsterten und
+knarrten. Der Boden war ganz glatt gewichst und Diener standen da und
+machten Handbewegungen, bald so, bald anders. Die Herren waren in Fräcke
+geschnürt, so ein Frack muß sitzen. Man verbeugte sich. Artigkeiten
+flogen wie Tauben von Mund zu Mund, die Frauen strahlten, manche alte
+auch noch. Alles stand aufrecht bei den Sitzplätzen, um Bekannte zu
+sehen, nur wenige saßen. Die Gesichter waren so nahe beisammen, der Atem
+des einen berührte die Nasenflügel des zunächst Stehenden. Die Kleider
+der Frauen dufteten, die Scheitel der Herren waren glatt, die Augen
+blitzten, die Hände sagten: Na, auch wieder, du? Wo denn solange
+gewesen? In der ersten Reihe saßen die Kritiker wie Gläubige in einer
+hohen Kirche, so still, so andächtig. Der Vorhang bewegte sich ein
+bischen, da ertönte das Zeichen zum Anfang, wer sich räuspern zu müssen
+glaubte, tat es rasch, und da saßen sie alle wie Kinder in der
+Schulstube, gradausschauend, mäuschenstill, da erhob sich was und
+spielte sich was.
+
+
+2.
+
+Der Vorhang ging in die Höhe, alles war gespannt, was es geben würde, da
+trat ein Knabe auf, und der fing an zu tanzen. In einer Loge im ersten
+Rang saß die Königin, umringt von den Hofdamen. Der Tanz gefiel ihr so
+gut, daß sie sich entschloß, auf die Bühne zu gehen, um dem Knaben etwas
+Liebevolles zu sagen. Bald darauf erschien sie auf der Bühne, der Knabe
+schaute sie mit seinen jungen, schönen Augen an. Er lächelte. Da
+durchfuhr es die Königin wie ein Blitz, an dem Lächeln erkannte sie
+ihren eigenen Sohn, sie stürzte zu Boden. Was hast du, fragte der Knabe.
+Da erkannte sie ihn immer deutlicher, an der Stimme auch noch. Da war es
+mit ihrer königlichen Würde vorbei. Sie warf die Hoheit beiseite und
+schämte sich nicht, den Jungen fest an ihr Herz zu pressen. Ihre Brüste
+hoben und senkten sich, sie weinte vor Freude, du bist mein Sohn, sagte
+sie. Das Publikum klatschte Beifall, aber was wollte der Beifall? Das
+Glück dieser Frau war gewiß über allen Beifall erhaben, es würde auch
+ein Zischen haben ertragen können, der Kopf des Knaben wurde immer
+wieder genommen und an den wogenden Busen gedrückt. Sie küßte ihn, dann
+kamen die Hofdamen und erinnerten ihre Gebieterin an die
+Unschicklichkeit der Szene. Da lachte das Publikum, aber die Hofdamen
+streuten Verachtung auf die vielköpfige Plebs herab. Sie zuckten mit dem
+Mund, da zuckte der Vorhang und fiel herab.
+
+
+
+
+Vier Späße
+
+
+1.
+
+Bei Wertheim, zu oberst, dort, wo man Kaffee trinkt, ist gegenwärtig
+etwas Köstliches zu sehen, nämlich der dramatische Dichter Seltmann. Er
+hockt auf einem kleinen Rohrstuhl auf erhöhtem Gestell, allen Blicken
+eine leichte Zielscheibe, hämmert und nagelt und klopft in einem fort
+und schustert, wie es denen vorkommt, die ihn betrachten, Blankverse.
+Das kleine, viereckige Gestell ist mit dunkelgrünen Tannenzweigen
+geschmackvoll bekränzt. Der Dichter ist anständig angezogen worden,
+Frack, Lackschuh und weiße Binde, das alles ist da, und keiner wird sich
+zu genieren haben, dem Mann seine Aufmerksamkeit zu schenken. Das
+Wunderbare aber ist der rostgelbe, herrliche Haarsturz, der sich von
+Seltmanns Kopf, über die Schulter weg, mächtig bis an den Fußboden
+niederwölbt. Er gleicht der Mähne eines Löwen. Wer ist Seltmann? Wird er
+uns von der Schmach befreien, unser Theater etlichen Salpeterfabriken
+ausgeliefert zu wissen? Wird er das nationale Schauspiel schreiben? Wird
+er uns eines Tages als der Kerl erscheinen, nach dem wir uns jetzt alle
+wieder mal so blutwürstig sehnen? Jedenfalls aber muß man der Leitung
+des Warenhauses Wertheim für die Ausstellung Seltmanns Dank wissen.
+
+
+2.
+
+Wie dem Theater allmählich die besten und gediegensten Kräfte
+dahinschwinden, geht zu unserm großen Leidwesen aus einer Zuschrift
+hervor, die Frau Gertrud Eysoldt an uns adressiert hat. Sie teilt uns
+mit, daß sie an der Kantstraße, Ecke Joachimsthaler Straße, nächstens
+einen Korsettladen eröffnen werde, um sich allda gänzlich als
+Geschäftsfrau zu etablieren. Welch sonderbarer Entschluß, und wie
+schade! Auch Schauspieler Kayßler will wegmachen, und zwar, wie wir
+hören, aus der Empfindung heraus, daß es sich in die Zeitläufe besser
+schicke, hinter einem Schanktisch zu stehen, als Figurinen auf den
+Brettern zu spielen. Er soll zum ersten Mai eine kleine Kneipe im Osten
+übernommen haben, und er freut sich schon darauf, sagen einige, Bier
+einzuschenken, Gläser zu putzen, Butterbrote zu streichen, Bücklinge zu
+servieren und nachts die Besoffenen zur Bude herauszustiefelwichsen. Ein
+Jammer! Wir aber müssen aufs tiefste bedauern, zwei so sehr bewunderte
+und wertgeschätzte Künstler ihrer Kunst untreu werden zu sehen, und wir
+wollen hoffen, daß solches nicht Mode werde.
+
+
+3.
+
+In den Kammerspielen ist noch kurz vor Toresschluß eine kleine Änderung
+getroffen worden. Die Direktion hat den Dramaturgen kleidsame hellblaue
+Fräcke übergeworfen, mit großen, silbernen Knöpfen dran. Wir halten das
+für hübsch, denn wir halten's für richtig. Die Theaterdiener sind
+abgeschafft worden, und die Dramaturgen nehmen nun an den Spielabenden,
+also zu einer Zeit, wo sie ja sowieso nichts zu tun haben, den Damen die
+Mäntel ab und weisen den theaterbesuchenden Herrschaften die Plätze an.
+Auch öffnen sie Türen und geben allerhand kleine, aber notwendige
+Auskünfte. An den Beinen tragen sie jetzt lange, dicke, ledergelbe,
+kniehohe Getern, auch können sie einem schon ganz ausgezeichnet, unter
+einer eleganten Verbeugung, Programme darreichen und Guckgläser
+anbieten. In der Provinz würden sie außerdem noch Zettel vertragen; dies
+ist aber hier in Berlin nicht nötig. Kurz und gut, kein Kritiker wird
+nunmehr noch fragen dürfen, was ein Dramaturg sei, und was er für
+Obliegenheiten zu erfüllen habe. Sie tun jetzt ihr Äußerstes, und man
+wird sie in Zukunft in Ruhe lassen müssen.
+
+
+4.
+
+Um endlich einmal dem ewigen Gejammer und den beständigen Vorwürfen, er
+gebe nur Ausstattungen, keine Stücke, energisch auszuweichen, ist
+Direktor Reinhardt auf die Idee gekommen, zukünftig seine Stücke einfach
+vor weißer Wäsche spielen zu lassen. Seine Dramaturgen haben natürlich
+das Geheimnis bereits ausplaudern müssen, und er wird erstaunt, wenn
+nicht entrüstet sein, uns schon heut mit der Neuigkeit auftrompeten zu
+sehen. Weiße Wäsche! Muß es denn gerade schneeweiße sein? Kann sie nicht
+von irgendeiner unbekannten Riesendame aus dem Panoptikum, sagen wir,
+etwa anderthalb Tage lang getragen worden sein? Alsdann würden die
+Dekorationsstücke einen sicherlich bezaubernden Schenkelduft ausströmen,
+was den Herren Kritikern nur gut tun könnte, die dann vergäßen, wo sie
+säßen, und betäubt würden in ihren schärfern Sinnen. Ohne Spaß.
+Reinhardts Idee scheint uns entwicklungsfähig, also glänzend. Auf den
+weißen Tüchern werden sich die Gesichter und Spukgestalten der Akteure
+und Aktricen außerordentlich farbig abheben. Ob Reinhardt das aber auch
+am Hoftheater durchsetzen wird?
+
+
+
+
+Tell in Prosa
+
+
+Hohlweg bei Küßnacht
+
+=Tell= (tritt zwischen den Büschen hervor): Durch diese hohle Gasse,
+glaube ich, muß er kommen. Wenn ich es recht überlege, führt kein andrer
+Weg nach Küßnacht. Hier muß es sein. Es ist vielleicht ein Wahnsinn, zu
+sagen: Hier muß es sein, aber die Tat, die ich vorhabe, bedarf des
+Wahnsinns. Diese Armbrust ist bis jetzt nur auf Tiere gerichtet gewesen,
+ich habe friedlich gelebt, ich habe gearbeitet, und wenn ich müde von
+der Anstrengung des Tages gewesen bin, habe ich mich schlafen gelegt.
+Wer hat ihm befohlen, mich zu stören, auf wessen Veranlassung hin hat er
+mich drücken müssen? Seine böse Stellung im Land hat es ihm eingegeben.
+(Er setzt sich auf einen Stein.) Tell läßt sich beleidigen, aber nicht
+am Hals würgen. Er ist Herr, er darf meiner spotten, aber er hat mich an
+Leib, Liebe und Gut angegriffen, er hat es zu weit getrieben. Heraus aus
+dem Köcher! (Er nimmt einen Pfeil heraus.) Der Entschluß ist gefaßt, das
+Schrecklichste ist getan, er ist schon erschossen durch den Gedanken.
+Wie aber? Warum lege ich mich in den Hinterhalt? Wäre es nicht besser,
+vor ihn hinzutreten und ihn vor den Augen seiner Knechte vom Pferd
+herunterzuschlagen? Nein, ich will ihn als das ahnungslose Wild
+betrachten, mich als den Jäger, das ist sicherer. (Er spannt den Bogen.)
+Mit der friedlichen Welt ist es nun vorbei, ich habe auf das Haupt
+meines Kindes zielen müssen, so ziele ich jetzt auf die Brust des
+Wüterichs. Es ist mir, als hätte ich es bereits getan und könnte nach
+Hause ziehen; was im Geist schon geschehen ist, tun die Hände hinterher
+nur noch mechanisch, ich kann den Entschluß verzögern, aber nicht
+brechen, das müßte Gott tun. Was höre ich. (Er horcht.) Kommt er schon?
+Hat er es eilig? Ist er so ahnungslos? Das ist das Eigentümliche an
+diesen Herren, daß sie ruhigen Herzens Jammervolles begehen können. (Er
+zittert.) Wenn ich jetzt den Schuß verfehle, so muß ich hinabspringen
+und das verfehlte Ziel zerreißen. Tell, nimm dich zusammen, die kleinste
+Ungeschicklichkeit macht dich zum wilden Tier. (Hornruf hinter der
+Szene.) Wie frech er durch die Länder, die er erniedrigt, blasen läßt.
+Er meint, herrisch zu sein, aber er ist nur ohne Ahnung. Er ist so
+sorglos wie ein tanzendes Kind. Hundertfacher Räuber und Mörder. Er
+tötet, wenn er tänzelt. Ein Ungeheuer muß in der Ahnungslosigkeit
+sterben. (Er macht sich zum Schuß bereit.) Jetzt bin ich ruhig. Ich
+würde beten, wenn ich weniger ruhig wäre. Ruhige wie ich erledigen
+Pflichten. (Der Landvogt mit Gefolge auf Pferden. Prachtvoller Auftritt.
+Tell schießt.) Du kennst den Schützen. Frei ist das Land von dir. (Ab.)
+
+
+
+
+Berühmter Auftritt
+
+
+Gräfliches Zimmer. Der alte Moor ist gegangen.
+
+=Franz= (allein): Du mein Gott, wie plump ich gewesen bin. Ich geniere
+mich ordentlich. Ich habe ihm die Schurkerei wie ein übelduftendes
+Fressen aufgetischt, und er hat es bereitwillig eingenommen. Sei's. Wie
+müde ich mich fühle, mich so schmutzig benommen zu haben. Ich hatte kaum
+recht die Absicht, zu töten, da gelang's mir schon. Ich habe, glaube
+ich, nur eine vorläufige Probe anstellen wollen, und da ist das
+widerwärtige Meisterwerk schon fertig. Meinetwegen. Alter Schafskopf.
+Was sind das für lieblose Töne? (Er besieht sich im Spiegel.) Wie hübsch
+ich aussehe. Eine vollkommen ruhige Miene. (Er lächelt.) Und dieses
+Lächeln. Wie unboshaft. Ich hätte nicht so rohe Mittel brauchen ins Werk
+zu setzen, Schrecken zu verbreiten. Aber das ist es: das Unfeine
+überzeugt am raschesten. Ich bin um eine Erfahrung reicher. Wie faul ich
+bin. (Er streckt sich auf einem Ruhebett aus.) Ich würde indischen Tabak
+rauchen, wenn ich gerade welchen hätte. Ich bin ein bischen angeödet von
+all dem Vorgefallenen. Ich habe zu schmierig gelogen, und es ist mir zu
+brutal geglaubt worden. Das entkräftet. Mag's. Was soll ich jetzt tun?
+Heda, Hermann! (Hermann tritt auf.) Geh wieder. Es war ein Traum, dich
+zu rufen. Ich hasse Träume. (Hermann ab.) Ich will der Amalie einen
+erneuten Liebesantrag machen. Ich glaube, ich habe Lust, beschimpft zu
+werden. O, die Herrlichkeit der Beleidigung. Mich so zu verkennen, das
+grenzt an Irrsinn. Ich habe ein zu zart entwickeltes Empfindungsvermögen,
+und ich langweile mich ein wenig. Mich langweilt das Natürliche.
+Mich entsetzt der Gedanke, ich könnte Erfolg in der Welt
+haben. (Amalie tritt auf.) Ich habe soeben gelogen, ich habe deinen Karl
+verdächtigt. Ich bitte dich, eile, sonst geschieht ein Unglück. Der alte
+Moor ist daran, ihn zu verdammen. Aber ich lüge. Dieses offene
+Bekenntnis ist die Kaprize eines Nichtswürdigen. (Amalie geht
+verächtlich lächelnd ab.) Sie glaubt es. Und so taucht langsam hervor,
+Ungeheuerlichkeiten. Breite dich aus, Schauder. Furchtbarkeiten, tretet
+heran, amüsiert mich. (Er springt auf.) Ich habe der geordneten Natur
+jetzt einen Fußtritt versetzt. Sie wird nie wieder gesunden. Ich
+zitterte, aber vor Weh. Wenn es nicht möglich ist, zart zu sein, so ist
+es erlaubt, zum Tier zu werden. (Er gähnt.) Ich glaube unerschütterlich
+fest an den Segen des Furchtbaren. Ich will die Güte zur Welt
+hinauspeitschen. (Er sieht ein Band am Boden.) Ich will sie zur Hure
+machen, dafür, daß ich ihr nicht habe begreiflich machen können, daß ich
+edlen und großen Herzens bin. Los. Vorwärts. Hermann! (Hermann
+erscheint.) Mach' mich betrunken. Ich muß schlemmen. Ich muß die
+Höllenkräfte, die in mir donnern, künstlich ersticken. Ich bilde mir
+sonst ein, ich sei Gott und vernichte das Weltall. (Geht ab.)
+
+
+
+
+Percy
+
+
+Wenn man sagt, er sei ritterlich vom Scheitel bis zur Fußzehe, so ist
+das noch lange keine Porträtskizze. Sein Gesicht ist nicht gerade schön.
+Fast gar keine Nase. Die Nase ist in den Gesichtsball eingedrückt, als
+wäre sie in irgendeiner Stunde von einem unbarmherzigen Schwerthieb zur
+Hälfte abrasiert worden. Ich sage absichtlich: wegrasiert. Die
+Nichtachtung des Schicklichen paßt zu dieser Manneserscheinung. Percy
+haßt die treffenden Worte, die Grazie, die Parfüms. Die Zeichnung seines
+Mundes drückt Wehmut und Zorn zugleich aus, aber in seine großen Augen
+scheint sich das Entzücken von hundert blauen Himmeln ein für allemal
+verliebt zu haben. Wenn der Mann diese Augen schließt, erwarten die
+Umstehenden etwas Furchtbares, die Gegend zuckt zusammen, die Welt wird
+finster. Die Gestalt ist eher klein als groß, eher unscheinbar als
+imponierend. Die Rüstung ist einfach, aber die Haltung ergibt das
+unsichtbar-sichtbare Bild des Königlichen. Die Lippen sind unbeweglich,
+sie lächeln wunderselten, und wenn sie es einmal tun, so schießt Hohn
+zum Gesicht heraus. Spott bedeutet bei Percy, infolge der Rauheit, die
+ihn beherrscht, die Spitze der Gutmütigkeit. Wen er verspottet, den
+liebt er, und er kann lieben. Sein Körper macht nicht die geringste
+überflüssige Bewegung. Er haßt das Schöne, er bemüht sich, eckig
+aufzutreten. Was an ihm schön erscheint, ist unbewußt. Wenn er wüßte,
+wie hübsch er ist, zerrisse er sein eigenes goldenes Wesen, ja, er würde
+sich selber ins Gesicht spucken. Aber dazu müßte er einen Spiegel haben,
+und diesen Gebrauchsgegenstand kennt er gar nicht. Was er liebt,
+verachtet er, was er bevorzugt, findet er langweilig, wovon er träumt,
+das ist lebensgefährlich. Wo das Leben nicht auf dem Spiel steht, mag er
+nicht leben. Nie ist ein Ehemann von seiner Gattin so geliebt worden und
+nie mit mehr Ursache. Percy kennt gar keine Tapferkeit. Man kennt nur,
+was man studiert. Percys Kühnheit ist Percy angeboren, er kann nichts
+dafür, daß er ein Held ist. Seine Leibfarbe ist grau, sein Schmuck grün,
+der Federbusch rot. Einer seiner Diener stülpt ihm den Helm auf den
+Kopf, gleichviel welchen; Percy ist geschmacklos. Er ist zu voll von
+Ahnung, als daß er in solchen Dingen eine Wahl treffen könnte. Er ist zu
+frech zu irgendwelcher Bekleidungsfrage und zu zartfühlend zur
+Farbenlehre. Seiner Frau ist er Gott, er weiß das, und das plagt ihn,
+wenn er frühstückt. Die Zärtlichkeit, die er empfindet, sobald er sein
+Weib nur anschaut, will ihn »jedesmal kaput machen«. Hoffentlich sind
+das seine eigenen Worte. Er macht dann Witze, sagt Adieu und reitet zum
+Teufel. Die Manieren des Rittertums sind ihm viel zu fade, er benimmt
+sich wie ein heutiger einfacher Arbeiter. Die Musik liebt er wie nicht
+gescheit. Wenn sie ihm, abends, nach der Schlacht, wenn er sich ermüdet
+an einen Baum anlehnt, ertönt, will ihm das Herz, von Tränen getragen,
+wegschwimmen. Er, der am Tag eine stattliche Sammlung von abgehauenen
+Armen, Beinen, Köpfen und Händen auf die blutiggefärbte Wiese
+zusammengejähzornt hat, versteht es, unmittelbar nach Vollendung des
+schrecklichen Werkes, aus der Natur schöne und sonderbare Stimmungen zu
+ziehen und sich denselben, wenn auch nur für kurze Zeit, hinzugeben.
+Seine Stimme, wenn sie genug geschrien und trompetengeblasen hat, will
+sich zur Abwechslung auch mal die Wonne des Erzitterns gönnen. Zur
+Religion steht er sich, na! Lieber nicht aussprechen. Ich glaube, sie
+ist ihm mehr als gleichgültig. Sie ist ihm eine Krähe oder sonst was,
+genug, er bedarf ihrer nicht. Er hat Hölle und Himmel auf Erden. Ideale
+hat er keine, nicht einmal Ehrgefühl; es reißt ihn zum Wagnis hin,
+zufällig ist das gerade sein Ideal, er tobt und erwirbt Ehre. Er träumt
+davon, den Prinzen von Wales kampfunfähig zu machen, dann zu lachen und
+den Überwundenen zu küssen. Bis dahin tötet er, was ihm unter das
+Schwert läuft, von da an würde er möglicherweise ein gesitteter Mensch
+werden, aber wahrscheinlich auch dann nicht, sein Trotz würde es ihm
+kaum gestatten. Er stirbt als Junge, aber man hat, wenn man ihn röcheln
+und sterben sieht, das Gefühl, ein Riese hauche da seinen Atem aus.
+
+
+
+
+Gebirgshallen
+
+
+Kennen Sie die Gebirgshallen unter den Linden? Vielleicht probieren Sie
+einmal einen Gang dorthin. Der Eintritt kostet nur dreißig Pfennige.
+Wenn Sie die Kassiererin auch Brot oder Wurst essen sehen, so müssen Sie
+nicht degoutiert umkehren, sondern sogleich bedenken, daß es Abendbrot
+ist, welches da verzehrt wird. Die Natur fordert überall ihre Rechte. Wo
+Natur ist, da ist Bedeutung. Und nun werden Sie eintreten, ins Gebirge.
+Und da wird Ihnen eine große Figur, eine Art Rübezahl, begegnen, es ist
+der Wirt des Lokals, und Sie werden gut tun, ihm durch Hutlüften zu
+salutieren. Er sieht das gern, und er wird Ihnen artig für Ihre
+Höflichkeit danken, dadurch, daß er sich halb vom Stuhl, auf dem er
+sitzt, hochhebt. In der Seele geschmeichelt, treten Sie näher an den
+Gletscher heran, es ist dies die Bühne, eine geologische, geographische
+und architektonische Merkwürdigkeit. Sowie Sie sich gesetzt haben,
+bekommen Sie Trinkofferten von einer vielleicht leidlich hübschen
+Kellnerin. Man muß vorlieb nehmen mit dem, was da ist. Es strotzt auch
+an Kammerspielabenden vielleicht nicht einmal von fraulichen Finessen.
+Geben Sie acht, daß sich nicht allzu viele geschlagen und geworfen volle
+Apfelweingläser um Ihre Zahlperson herum gruppieren. Die Mädchen machen
+sich zu gern an solche Herren ran, die Mitleid mit ihnen haben. Mitleid
+ist unschicklich bei Kunstgenüssen. Haben Sie jetzt auf diese Tänzerin
+acht gegeben? Kleist hat auch jahrelang auf Anerkennung lauern müssen.
+Klatschen Sie nur tapfer in die Hände, auch wenn es Ihnen beinahe
+mißfallen hat. Wo haben Sie Ihren Bergstock? Zu Hause gelassen? Das
+nächste Mal müssen Sie wohl oder übel sportmäßig ausgerüstet im Gebirge
+erscheinen, für alle Fälle. Besser ist besser. Was trippelt da für eine
+reizende Sennhütten-Prinzessin auf Sie zu? Das ist die Kleine. Die will
+ein geschmettert Volles für fünfzig Pfennig von Ihnen. Werden Sie diesen
+Lippen, diesen Augen, dieser süßen, dummen Bitte widerstehen können? Sie
+wären zu beklagen, wenn Sie das könnten. Nun öffnet sich Ihnen wieder
+der Bühnen-Gletscherspalt, und eine dänische Liedersängerin wirft Sie
+mit Tönen und Anmutsschneeflocken an. Sie nehmen gerade einen Schluck
+von Ihrer kuhwarmen Gebirgsmilch. Der Wirt macht die aufpassende
+Rausschmeißrunde durch das Lokal. Er sorgt für den Anstand und für das
+gute Betragen. Gehen Sie doch mal hin, ich kann Ihnen sagen, na!
+Vielleicht treffen Sie dort auch mich wieder einmal an. Ich aber werde
+Sie gar nicht kennen, ich pflege dort, von Zaubereien gebannt,
+stillzusitzen. Ich lösche dort meine Dürste, Melodien wiegen mich ein,
+ich träume.
+
+
+
+
+Auf Knien!
+
+
+ Wo sind die schönen Zeiten hin,
+ da es noch Kavaliere gab?
+
+Kann es eine reizendere Liebhaberrolle geben als den jungen Römer
+Ventidius? Sonst können etwa Liebhaber auf die Nerven fallen,
+anlangweilen, anöden, dieser da in keinem Moment. Der Elegant aus dem
+alten Rom vermeidet es, überflüssige Worte zu machen, und doch fließt
+ihm die Rede nur so sturzweise, nicht nur glas-, sondern
+literflaschenweise zum Mund heraus.
+
+ Vergib, erlauchte Frau, dem Freund des Hauses --
+
+Glänzend versteht er es, Frauen den Hof zu machen. Er ist eher eine
+liebe, als eine bedeutende Erscheinung, ein reizender Quatschkopf, ein
+Gelegenheitsarbeiter, der in Schwung kommt, wo's was zu erschnappen
+gibt. Seine gute Erziehung macht ihn poetisch, er ist durch und durch
+Großstadtpflanze, er würde mitleidig lächeln, wenn man ihm zumuten
+wollte, tief zu empfinden.
+
+ Wie selig bin ich, Königin --
+
+Seine Sprache atmet Aufrichtigkeit, und das ist er auch, er ist
+aufrichtig, denn er ist jung, aber er ist zugleich ein Italiener, was
+heißen will: ein Abkömmling von Leuten, die das Talent hatten, die Welt
+zu unterjochen. Er ist herrisch und zugleich graziös, was aber ist Anmut
+anderes als Demut? Unser junger Mann mit der flehenden Bitte auf der
+Lippe ist ein Lügner, ein Unterdrücker aus Gewohnheit, daher
+interessiert er so lebhaft.
+
+ Nicht eh'r, Vergötterte, als bis du meiner Brust --
+
+Wie eitel er ist. Augenblickserfolgsmensch, was er ist, verwundet es ihn
+tief, sich glauben machen zu sollen, daß man ihn entbehren kann. Daß man
+ihn verächtlich finden kann, das kann er unter keinen Umständen glauben.
+Der Glaube an Siege war die Religion der Römer.
+
+ Und müßt' ich so in Anbetung gestreckt --
+
+Hier wird er zornig. Wenn er jetzt nicht entzückt, ist er lächerlich.
+Der Schauspieler, der ihn spielt, muß Tränen gutgespielten Schmerzes zur
+Verfügung haben. Außerdem muß er zu knien gelernt haben.
+»Leidenschaftlich« wird hier, laut Kleistscher Textanmerkung gekniet.
+Wie aber benimmt sich der Schauspieler bei Mondschein?
+
+ Dies ist der stille Park, von Bergen eingeschlossen --
+
+Eine Minute später wird er von Bären zerrissen. Jetzt hat er die
+Pflicht, eines elenden Todes zu sterben.
+
+
+
+
+»Guten Abend, Jungfer!«
+
+
+Wurm, Haussekretär des Präsidenten. Welch eine merkwürdige Figur. Dieser
+großartig angelegte Schleicher. In seiner Seele hat einstmals
+jugendliches Feuer gebrannt. Man muß sich einen Wurm als jung denken.
+Damals hat er noch weinen, beben, beten und hell auflachen können. Es
+ist möglich, daß er sogar Gedichte geschrieben hat, und jetzt! Er möchte
+gern etwas ganz Großes sein, er hat Phantasie, und er ist in den
+Bezirken des Hohen und Guten wie zu Hause. Aber er hat es zu nichts
+Hohem und Fertigem gebracht, zu nichts Befehlshaberischem. Da er sich
+vor unfeinen, ja scheußlichen Gewalten bücken muß, hat er sich auf die
+betörende Grausamkeit verlegt, das zeigt unanfechtbar deutlich an, daß
+er die Hoheit des Schönen und Guten schauerlich empfindet. Er wäre ein
+guter Kerl, wenn ihm ein schöner Mund zulächeln wollte. Da schleicht er
+nun, wie so ein vollendeter Schleicher, das vollkommene Bild eines
+lebentötenden und -vergiftenden Schurken, und hat doch eine krankhafte
+Sehnsucht nach dem Lieblichen. Wie wünscht er, gut und rechtschaffen und
+wohlwollend zu sein. Schon allein seine Klugheit wünscht das. O, er weiß
+in allen Herzenssachen so trefflich Bescheid, er kennt die Welt, und er
+weiß, daß er das beste Weltgeschäft verpaßt hat: Zündende Wärme und
+Liebe. Und da geht er nun hin, eines Abends, es fängt schon zu dunkeln
+an, zu Luise, die er anbetet, und will nun um sie werben, obschon er von
+der Nutzlosigkeit seiner Absichten überzeugt ist. Und nun beginnt diese
+furchtbare Folterung der liebenden Seelen. Unzweifelhaft ist Wurm ein
+Schurke, es macht ihm Spaß, zu quälen, aber ebenso gewiß tut er sich
+weh, er liebt, und das ist sehr wichtig. Denn nun tut sich vor unsern
+Augen da eine wahre Seelenschmerzenhölle auf, es regnet in dieser
+herrlichen Abendszene Qualen. Das Luisen-Zimmer ist gleichsam tapeziert
+mit Bildern der unnennbarsten Pein. Rache und Zärtlichkeit, körperliche
+Lust und Bosheit, Schurkerei und herrische Standhaftigkeit, wie wimmelt
+das kraß durcheinander. Wurm ist Weltmann, er besitzt die solide Bildung
+eines Mannes mit guten Beziehungen, er ist genau informiert über die
+Charaktereigenschaften des Heldenmädchens. Er bewundert sie ohnegleichen
+in dem Moment, wo sie sich seinen entsetzlichen Plänen überliefert. Er
+fühlt die grenzenlose Verachtung, welcher er sich aussetzt, er hält das
+aus, ja, er übersteigt noch die Grenze, er zwingt sich zuletzt noch zu
+Widerlichkeiten. Er steht unbedingt groß da, er ist Held. Inwiefern
+Ferdinand Kavalier ist, kann er stolz sein, durch so kühne Intrigen zu
+fallen.
+
+
+
+
+Porträtskizze
+
+
+Es ist mir, als sähe ich ihn vor mir, den Prinzen von Homburg. Er ist in
+das Kostüm seiner Zeit gesteckt worden, und nun bildet er sich etwas ein
+auf die Farben, die er trägt, ein scheinbar so eitler Fritze ist er.
+Übrigens ist er ein Talent, er kann reden, und das ist wiederum etwas,
+worauf er sich etwas einbildet. Er hat hohe, glänzend gewichste Stiefel
+an den gespreizten Beinen und, Donnerwetter, ritterliche Handschuhe an
+den Händen, das hat nicht jeder, ein einfacher Bourgeois zum Beispiel
+kann das nicht haben. Auf dem Kopf hat er eine Perücke, sein Schnurrbart
+ist fabelhaft geringelt, das allein bürgt für den künstlerischen Erfolg.
+Er braucht jetzt nur noch ärgerlich mit seinem Soldatenbein auf den
+Boden zu stampfen, um alle übelwollenden Kritiken wegzufegen, er tut's,
+und von diesem Augenblick an ist dieser Herr Prinz von Homburg ein
+gottbegnadeter Künstler. Übrigens hat er seine Rolle auswendig gelernt,
+reiner Überfluß, sich die Stellen gemerkt, wo sein ganzes prinzlich
+homburgisches Wesen zum Durchbruch kommen soll, absoluter Mangel an
+Kunstunbewußtheit. Er braucht nichts zu können, ja, es ist sogar gut,
+wenn er nichts kann, der echte Schauspieler ist nicht fürs Lernen, denn
+er hat's von der Geburt her. Das ist es ja, was diesen hohen Beruf von
+den übrigen Erdenberufen rühmlich unterscheidet: Man stiefelt einfach in
+Stiefeln hervor, rasselt mit dem Degen, macht eine Geste und heimst
+Beifall ein. Das sind keine so einfachen Menschen, die sagen können:
+
+ Nun denn auf deiner Kugel, Ungeheures --
+
+So etwas kann ein Arzt, ein Techniker, ein Journalist, ein Buchbinder
+oder ein Bergebesteiger nicht sagen, hat ja auch, Gott soll mich
+strafen, keine Veranlassung dazu. Prinz von Homburgs Augen rollen
+schrecklich, er spricht die Verse mehr mit seinem Augenrollen als mit
+seinen Lippen. Übrigens spricht er die Verse schlecht, das beweist, daß
+er ein guter Mensch ist, daß er Seele, Frau und Kind hat, Charakter hat,
+und es beweist auch, ja, jetzt merke ich es endlich, daß er tief, tief
+über seine Rolle nachgedacht hat. Dieser Prinz von Homburg ist von einer
+bezaubernden Naturburschenhaftigkeit, wenn es gilt, zu sagen:
+
+ Pah, eines Schuftes Fassung, keines Prinzen.
+ Ich denk' mir eine andre Wendung aus.
+
+Diese Worte brüllt er womöglich. Und jetzt gewärtigt er Beifall, aber
+über den Bürger, dessen Beifall er will, fühlt er sich adlig erhaben.
+Nun, er ist von Adel, er besitzt Güter am Rhein:
+
+ Da will ich bauen, will ich niederreißen.
+
+Du liebe Zeit, er geht eben ganz in der Rolle auf. Talent hat der
+Schuster gehabt, der ihm die Kanonenstiefel angemessen hat, nicht er,
+das heißt, ja, Talent schon, aber alles das geht ja den einfach
+geborenen Bürger nichts an.
+
+
+
+
+Ein Genie
+
+
+Ich bereite mich gegenwärtig darauf vor, Schauspieler zu werden. Mein
+erstes Auftreten auf den Brettern ist nur noch die übliche Frage der
+Zeit. Momentan lerne ich Rollen auswendig. Den ganzen Tag, trotz des
+herrlichsten Wetters, sitze oder stehe ich aufrecht in meiner Bude und
+deklamiere in allen Tonarten. Ich bin vollständig vom Theaterteufel
+verschlungen. Meine Nachbarschaft bringe ich durch mein Brüllen zur
+Verzweiflung. Was soll aus mir werden? Aber das hat so kommen müssen.
+Ich erblicke in dem Mimenberuf die höchste und reinste Menschenaufgabe,
+und ich glaube nicht, daß ich mich täusche. Ich werde fürs erste in das
+Heldenfach eintreten, später wird es sich dann zeigen, ob ich der Mann
+dazu bin, in Charakterrollen hinüberzuspringen. Ich bin, was meine ganze
+Naturanlage betrifft, einer der süßlichsten Kerls in Europa, meine
+Lippen sind Zuckerfabriken, und mein Benehmen ist ein total
+schokoladenes. Dagegen gibt es in mir und an mir eine Art
+Männlichkeitston, der reine Fels. Ich kann plötzlich, wenn ich es für
+gut finde, Stein sein, oder Holz; das wird den Liebhabern, die ich
+spielen werde, notwendigerweise zu statten kommen. Von meiner Figur, die
+eine sehr altbackene ist, wird Erschütterung ausgehen, meine Augen
+werden faszinieren, mein Betragen wird blenden, denn es besteht aus
+lauter Glühstrümpfen. Ich habe einen etwas krummen Rücken nebst einem
+kleinern Buckel. Diese Verunstaltung meines Körpers wird hinreißen, denn
+ich gedenke sie vergessen zu machen durch die plastische Darstellung
+meiner zahlreichen innern Vollkommenheiten. Man wird etwas Häßliches und
+zugleich etwas Schönes sehen, und das Schöne wird den Sieg davontragen.
+Mein Kopf ist mächtig groß, meine Lippen sind dick wie starke Folianten,
+meine Hände gleichen den Füßen von Elefanten, und dazu besitze ich eine
+furchtbar modulationsfähige Stimme. Wenn jener melancholische Königssohn
+sagen konnte, er habe Dolche geredet, so darf ich behaupten, und zwar
+füglich, ich rede und schwatze Schwerter. Schon als Junge bin ich einmal
+im dramatischen Verein »Edelweiß« aufgetreten, nämlich als Hausknecht,
+ich spielte schlecht, denn ich fühlte mich zu Höherem berufen. Nunmehr
+ist die Sache ja für mich entschieden. Nächste Woche findet mein Debüt
+statt, das Stück heißt: »Du lachst dich kaput«. Hoffentlich erscheinen
+nun die billettlösenden Herrschaften recht zahlreich, wenn nicht, dann
+eben nicht, umbringen wird mich die Gleichgültigkeit eines
+verständnislosen Publikums niemals.
+
+
+
+
+Don Juan
+
+
+Das Theater war voll besetzt. Das Zeichen zum Beginn der Vorstellung
+ertönte. Der Vorhang ging in die Höhe. Nein, vorher tönte schon das
+Orchester mit seiner Ouvertüre, und jetzt erst ging der Vorhang in die
+Höhe, und Don Juan, der Verführer der Frauen, trat auf, und gar nicht
+lange dauerte es, und so zog er seinen Degen und rannte ihn dem
+schwächlichen Gegner in den Leib. Dies war der arme alte Vater, worauf
+nun, unter einem überaus melodiösen Geschrei, das einem das Herz zerriß,
+die Tochter herbeieilte, um am Leichnam des Erschlagenen
+niederzustürzen. Hierauf sang die verzweifelte Frau ein so schönes, in
+die höchsten Schmerzen steigendes Klagelied, daß den Hörern die Tränen
+in die Augen treten mußten. Und so wogte der Inhalt der Oper auf und ab,
+und Lichter schossen aus der Finsternis blendend hervor, und Geister
+tauchten, zum Entsetzen derer, die sie sahen, auf, und Augen wurden naß,
+und frevelhafte Worte wurden ausgesprochen, wobei die Musik bald zu
+tönen aufhörte und bald wieder mit Gesang und Klang von neuem einsetzte,
+um jedes Ohr zu bezaubern. Die Ohren, die das alles hörten, wurden von
+der Musik verwundet, um gleich darauf wieder, nur von einem neuen Strom
+von Musik, geheilt und erlöst zu werden. So wechselten der Tod mit dem
+Leben, die Erschöpfung mit der Erquickung, die Verwundung mit der
+Gesundung ab, und Bilder taten sich vor den Augen der Zuschauer auf, die
+sie, so sagten sie sich, nie wieder würden vergessen können. Die
+wunderbare Musik tröstete und beengte alle Seelen, betörte und beglückte
+alle Herzen. Und der schöne, edle, volltönende Gesang glich dem
+glücklichen Kind, das getragen und gehoben wird von den Armen der
+vielleicht noch viel glücklicheren Mutter. Und so strömte und loderte es
+gleich einer überanmutvollen, schreckenerregenden Feuersbrunst, und
+gleich einem in sich selber tosenden und in die Schlucht hinabstürzenden
+und brüllenden wilden Wasserfall. Dann wieder war es ein stilles, kaum
+hörbares Seufzen. Einige Zeit lang glich es einem süßen, liebevollen
+Anmutgeriesel oder wohltuendem Schneegestöber. Dann schien es zu sein,
+als regne es leise auf Dächer herab, worauf wieder ein gereizter
+gewaltiger Löwe zu brüllen schien, so daß Furcht und Schönheitsempfinden
+miteinander kämpften. Und immer war es getaucht in silberne, milde
+Mondesgroßartigkeit, daß man meinte, nicht ein Mensch, sondern ein
+himmlischer, erdenunabhängiger Engel müsse das alles erfunden und
+gemacht haben. Man dachte überhaupt, weil das Ganze eine so schöne
+Schöpfung war, nicht an eine Schöpfung, denn man hatte zu viel mit dem
+Bewußtsein des Genusses zu tun. Jagdhörner, Waldhörner klangen zwischen
+den Flöten, Klarinetten und elegischen Geigen, daß ganze rauschende,
+uralte Eichen-, Buchen- und Tannenwälder sich vor der Seele und vor dem
+musikdurchschauenden Auge auftaten. Und dann, was war dann? Dann, und so
+kam ja die herrliche, gnaden- und tonüberströmte Verzeihungsszene, wo
+die liebliche Zerline ihren Gatten um Verzeihung des Fehltrittes bittet,
+die gewährt wurde unter einem unsagbar schönen Gesang, wobei sie beide
+singen, die Verzeihliche sowohl wie der liebe gute Verzeihende. So
+versöhnten und verziehen sie sich, und man wußte gar nicht mehr, wo man
+war vor lauter Schwelgen und Träumen in wehmutvoll-empfindungsvollen
+Rätseln. In den Logen und Parketten schauten sich Gatte und Gattin,
+Bruder und Schwester, Freund und Freundin, Sohn und Vater, Tochter und
+Mutter in die Augen und nickten mit den gedankenvollen Köpfen. In einer
+Loge, wie in einem Lusthaus oder wie in einem Tempel, saß eine schöne
+Frau mit großen, schwarzen, leidenschaftdurchglühten Augen, die sich
+nicht verwinden konnte, eine Bewegung zu machen, als wolle und müsse sie
+an den sterblich schönen und süßen Tönen kranken und sterben, um im
+Schönheitsgenuß zu endigen. Und so vielleicht noch allerlei andere,
+weniger bedeutsame Personen. Oskar, der finstere Oskar, der Held der
+Epoche, in der er lebte, lehnte an einer goldenen Säule, und er mußte
+schaudern vor den Gewinnsüchtigkeiten und Schlechtigkeiten des Lebens,
+das er führte, da er so himmlisch Schönes und Wohllautendes hörte. Doch
+er verzog keine Miene seines harten Gesichtes, und er rührte kein Glied
+seines schlanken, wie aus schmiegsamem Eisen gebauten Körpers. »Komm auf
+mein Schloß, mein Leben« -- so sang der verwilderte Kerl mit dem
+rabenschwarzen Bart im Wüstlingsgesicht. Doch wir scheinen vergessen zu
+haben, zu sagen, wie eine Dame, ganz in schwarz gekleidet, mit nicht
+endenwollendem Gram- und Schmerzgesang aus dem Hintergrund der Welt an
+das Licht hervortrat. Zuletzt, als alles nichts half bei dem Verworfenen
+und Verderblichen, öffnete sich feurig rot der Höllenschlund und
+verschlang den unverbesserlichen Bösewicht mit Gepolter, Gekrach und
+Geknatter. Die Musik spielte noch einige nachtragende Töne, und auf
+einmal war alles mäuschenstill, der Vorhang fiel nieder, und das
+Publikum ging nach Hause. An diesem Abend machte Oskar die Bekanntschaft
+der schönen Gräfin von Erlach, die die Männer liebte, um sie zu
+vernichten. In der Folge wußte er sich aber den schrecklichen Einflüssen
+dieser Frau zu entziehen, wozu ihm die näher mit den Dingen Vertrauten
+gratulierten.
+
+
+
+
+Kino
+
+
+Graf und Gräfin sitzen beim Frühstück. In der Tür erscheint der Diener
+und überreicht seiner gnädigen Herrschaft einen anscheinend gewichtigen
+Brief, den der Graf erbricht und liest.
+
+Inhalt des Briefes: »Sehr geehrter, oder, wenn Sie lieber wollen,
+hochwohlgeborener, nicht genug zu rühmender, guter Herr, hören Sie,
+Ihnen ist eine Erbschaft zugefallen von rund zweimalhunderttausend Mark.
+Staunen Sie und seien Sie glücklich. Sie können das Geld persönlich,
+sobald es Ihnen beliebt, in Empfang nehmen.«
+
+Der Graf setzt seine Frau von dem Glück, das ihm in den Schoß gefallen
+ist, in Kenntnis, und die Gräfin, die einige Ähnlichkeit mit einer
+Kellnerin hat, umarmt den höchst unwahrscheinlichen Grafen. Die beiden
+Leute begeben sich weg, lassen aber den Brief auf dem Tisch liegen. Der
+Kammerdiener kommt und liest, unter einem teuflischen Mienenspiel, den
+Brief. Er weiß, was er zu tun hat, der Schurke.
+
+»Bier, wurstbelegte Brötchen, Schokolade, Salzstangen, Apfelsinen
+gefällig, meine Herrschaften!« ruft jetzt in der Zwischenpause der
+Kellner.
+
+Der Graf und der Kammerdiener, das ungetreue Scheusal, als welches er
+sich nach und nach entwickelt, haben sich aufs Meerschiff begeben, und
+jetzt sind sie in der Kajüte. Der Diener zieht seinem Herrn die Stiefel
+aus, und letzterer legt sich schlafen. Wie unvorsichtig das ist, soll
+sich alsbald zeigen, denn nun entpuppt sich der Schurke, und ein
+mörderischer Kammerdiener gießt seinem Gebieter eine sinnberaubende
+Flüssigkeit in den Mund, den er gewaltsam aufreißt. Im Nu sind dem Herrn
+Hände und Füße gefesselt, und im nächsten Augenblick hat der Räuber den
+Geldbrief an sich gerissen, und der arme Herr wird in den Koffer
+geworfen, worauf der Deckel zugeklappt wird.
+
+»Bier, Brause, Nußstangen, Schokolade, belegte Brötchen gefällig, meine
+Herrschaften«, ruft wieder das Ungeheuer von Kellner. Einige der
+anwesenden Vorortherrschaften genehmigen eine kleine Erfrischung.
+
+Nun prunkt der verräterische Diener in den Anzügen des vergewaltigten
+Grafen, der in dem Amerikakoffer schmachtet. Dämonisch sieht er aus, der
+unvergleichliche Spitzbube.
+
+Es rollen noch weitere Bilder auf. Zuletzt endet alles gut. Der Diener
+wird von Detektivfäusten gepackt, und der Graf kehrt mit seinen
+zweimalhunderttausend Mark glücklich, obgleich unwahrscheinlich, wieder
+nach Hause.
+
+Nun folgt ein Klavierstück mit erneuertem »Bier gefällig, meine
+Herrschaften«.
+
+
+
+
+Wanda
+
+
+Als ganz junger Mensch schon, zu der Zeit, da ich Volksbanklehrling war,
+fühlte ich mich auf das entschiedenste als Dramatiker geboren. Was für
+einen wackern Schaffensdrang und -mut ich entwickelte, mag daraus
+hervorgehen, daß ich oben in einer staubigen Dachstube an einem Stehpult
+stand, das meinem ältern Bruder, der Student war und der ebenfalls in
+großen Linien drauflos dramatisierte, von einer Verehrerin und Gönnerin
+zum Geschenk gemacht worden war. Mein Bruder wälzte sich an einem
+historischen Stoff herum, der den Titel trug: »Der Bürgermeister von
+Zürich«. Ich aber, indem ich mich in das Polentum verliebte, hatte mich
+in den polnischen Freiheitskampf geworfen, und der Gegenstand meiner
+leidenschaftlichen dichterischen Bestrebungen hieß: »Wanda, die
+Polenfürstin«. O Gott, wie schwelgte ich am Genuß dieses hochherzigen
+Heldenkindes. Andrerseits aber träumten wir beide, mein produktiver
+Bruder und ich, der ich mir nicht minder produktiv erschien, von
+rauschendem Applaus, von Lorbeerkränzen und von mehr-, ja, vielleicht
+hundertfach wiederholten Aufführungen, hervorgerufen durch allseitiges
+stürmisches Verlangen, unsre bezaubernden Werke immer von neuem wieder
+zu sehen. Es war im Sommer, und in der Dichterdachkammer herrschte eine
+versengende, brütende Hitze, und den beiden jungen hoffnungsvollen
+Theatralikern lief der Schweiß von den erfinderischen und schöngeistigen
+Stirnen herunter. Meine Polen schienen das Leben, das doch so amüsant
+sein kann, nicht sonderlich hochzuschätzen, sondern sie warfen es,
+erfüllt, wie sie waren, von glühender Vaterlandsliebe, weg, als tauge es
+keinen Pfifferling, oder als tauge es nur angesichts des Todes etwas.
+Ich erschrecke heute, wo aus mir ein Genüßling und Lüstling geworden
+ist, der die Teller leckt und den üppigen Frauen bereitwilligst den Hof
+macht, über den vormaligen dramatischen Heldenmut, womit ich umging, als
+sei ich nicht meiner lieben Mutter, sondern einer Löwin Sohn, bestimmt
+für die Schlacht und für den grausigen Kanonendonner. »Wanda« ist
+indessen nie als Buch erschienen, und ebensowenig habe ich erfahren, daß
+dieses herrliche Stück je seine Aufführung erlebte.
+
+
+
+
+Fanny
+
+
+Meine bescheidene Wenigkeit war im elterlichen Hause, als kleiner Junge,
+der noch unglaublich grün und noch ziemlich naß hinter den Ohren war,
+der bevorzugte Inszeneur, Theaterspieler, Dramaturg, Regisseur und
+Geschichtenmacher meiner jüngern Schwester, der ich eine Zeitlang immer
+Geschichten, nicht etwa nur erzählen, nein, machen mußte, wessen ich
+mich heute glücklicherweise noch deutlich erinnere, da ich sonst diesen
+interessanten Aufsatz ja gar nicht schreiben könnte. Fanny, so, meine
+ich, hieß die entsetzliche kindliche Tyrannin, die gebieterisch von mir
+verlangte, ich solle ein dichterisches Genie sein, um sie mit Vorgängen
+zu erbauen und mit Geschichten zu unterhalten, wobei sie mir stets, und
+das war das Schreckliche, drohte, zu Mama zu gehen und mich als
+Bösewicht zu verklagen, wenn ich mich von Zeit zu Zeit eines so
+ermüdenden und geistig so aufreibenden Geschäftes, wie das edle
+Dramatisieren ist, ein wenig entziehen wollte. Stundenlang dauerte das
+Theater; und die Geschichten, die ich machte und in Szene setzte,
+wollten schon, aber durften nicht enden, da sonst mein gestrenges
+Publikum, das heißt: meine liebe Schwester, indem sie eine mir nur zu
+wohlbekannte zürnende Miene aufsetzte, sogleich sagte: »Du scheinst
+heute keine besondere Lust zu haben, mir eine Geschichte zu machen, an
+welcher ich mich ergötzen könnte. Ich rate dir, habe nur Lust, sonst geh
+ich zu Mama und sage ihr, daß du mich immer ärgerst, und dann bekommst
+du Prügel, das weißt du. Nimm nur deine Phantasie mit aller Kraft
+zusammen und gib mir stets nur das Beste von deinem Können. Ich weiß,
+daß du kannst, wenn du willst, und ich will keinerlei Entschuldigungen
+anhören, wie die, daß dir der Geist erlahme. Umsonst sind alle deine
+Bemühungen, die du machst, um dich deiner Aufgabe, einer Aufgabe, zu
+deren Lösung du verpflichtet bist, zu entziehen. Du mußt, du mußt
+spielen. Sonst werde ich erbärmlich zu weinen anfangen, was Mama haßt,
+und was das für unausbleibliche peinliche Folgen für dich hat, das kann
+dir dein Geschichtenmacherkopf erzählen, den schon so mancher Schlag von
+Mamas Hand getroffen hat.« So oder ähnlich redete eine schauderhafte
+Unterdrückerin zum erbarmungswürdigen, armseligen Gedrückten, Gepreßten,
+Verkauften und Unterdrückten. Machte ich meine Sache gut und war
+Schwesterchen zufrieden mit der Kunst, die ich ausübte, so belohnte ein
+reizendes, gnädiges, wenngleich etwas höhnisches Lächeln den
+Angstschweiß, mit dem ich gekämpft hatte. Wenn ich aber der Tyrannin
+trotzte und mich den schwesterlichen Befehlen nicht fügen wollte, so kam
+es heran, das Ungeheure, und ich erhielt Hiebe auf meinen phantasielosen
+Schädel, eine Maßregel, die ich natürlicherweise im höchsten Grade
+verabscheute. Und da mir Mamas Zorn stets mindestens ebenso weh tat wie
+die Ohrfeige, die sie mir versetzte, so suchte ich im allgemeinen meines
+geehrten Publikums Gunst zu erwerben und Mißfallen zu vermeiden, und
+bald kam ja dann die Zeit, wo die lästige Geschichtenmacherei und
+dramatische Kunst überhaupt aufhörte.
+
+
+
+
+Lebendes Bild
+
+
+Ein großstädtischer Hof, vom Mond beleuchtet. Mitten im Hof eine eiserne
+Kiste. Eine Partie Gesang von innen her in den Zuschauerraum tönend. Ein
+Löwe an einer Kette angebunden. Ein Schwert neben der Kiste. Eine
+dunkle, unerkennbare Gestalt etwas weiter davon entfernt. Der Gesang,
+das heißt, eine junge, schöne Frau, beugt sich oben zu einem
+lampenerhellten Fenster hinaus, immer weiter singend. Es scheint
+entweder eine gefangen gehaltene Prinzessin königlichen Ursprungs oder
+eine Opernsängerin zu sein. Zuerst ist der Gesang wie eine schlichte,
+ziemlich schülerhafte Gesangsübung gewesen, aber nach und nach erweitert
+und verbreitert er sich zu was Großem, zu was Menschlichem, er ist
+hinreißend, er klagt, dann wieder scheint er sich im eigenen Schmerz zu
+gefallen. Dieser Gesang reißt das Fenster auseinander und gibt der Luft
+eine schöngebaute Treppe zum Hinuntersteigen. Die Frau kommt hinunter,
+aber immer noch singend. Aus der eisernen oder stählernen Kiste taucht
+jetzt ein Mannskopf hervor, furchtbar blaß und von schwarzen, wilden
+Haaren umrahmt. Die Augen des Mannes reden die stumme Sprache der
+Verzweiflung, der breite, man darf wohl sagen: volkstümliche Mund
+lächelt, aber was ist das für ein schreckliches Lächeln? Der Zorn und
+der Gram scheinen es in jahrelanger Übung still zusammengebaut zu haben.
+Die Wangen sind eingefallen, aber das ganze Gesicht drückt
+unaussprechliche Güte aus, nicht solche, der es leicht geht, sondern
+solche, die das Schwerste erfahren hat. Die Sängerin setzt sich unter
+einer unnachahmlichen Bewegung auf den Rand der Kiste, die Hand legt sie
+wie liebkosend auf den Kopf des Eingeschlossenen. Der Löwe rasselt mit
+der Kette. Ist hier alles, alles gefangen? Laß sehen. Wirklich, auch das
+Schwert am Boden rührt sich in keiner Weise, aber es lebt, denn es gibt
+jetzt einen kurzen Ton von sich, es seufzt. Was ist das für ein
+Zeitalter, das Künstlerinnen zu Löwen wirft, neben eine klirrende Kette,
+vor ein seufzendes Schwert, an die Seite von Leuten, die die sonderbare
+Laune haben, in eisernen Kasten zu wohnen? Plötzlich stürzt der Mond von
+seiner unermeßlichen Höhe in den Hof hinab, der Frau vor die Füße. Diese
+setzt den Fuß auf die blasse, schimmernde Kugel und bewegt sich
+solchermaßen rund um die Kiste herum. Da zerteilt und zerlegt sich der
+Mond in ein weites Gewand, oder in eine Art Teppich, oder in eine
+Schicht weißlichen Nebel, die Häuser, die den Hof bilden, verschwinden,
+blendend weiße Alpengipfel steigen aus dem Abgrund der Bühne langsam in
+die Höhe, der Nebel legt sich den Alpen zu Füßen, ein rötlicher Stern
+schießt aus der bläulich-schwärzlichen Luft herab in die Haartracht der
+Sängerin. Dieser Schmuck ist blendend, aber in diesem Moment entsteigt
+der Kiste eine hohe, dunkelgrüne Tanne, und der Mann steht, mit einer
+prachtvollen Rüstung bedeckt, unter den Ästen dieser Tanne, aber noch
+mehr: da, wo ein Löwe an der Kette gerissen hat, steht jetzt ein
+zierlicher Tempel von altgriechischer Bauart. Das Schwert hat, wie es
+scheint, Bewegung gefunden, denn es befindet sich wunderbarerweise jetzt
+in den Händen des Mannes, und dieser Mann! Worte wagen sich nicht an die
+Beschreibung seiner kräftestrotzenden Erscheinung heran. Er singt, oder
+irgend etwas um ihn herum scheint zu erbeben unter Klängen. Hinter den
+Bergen läuten die Glocken. Ein ferner, blauer See spiegelt sich in der
+Luft über den Häuptern der Darsteller formvollendet, aber verkleinert
+ab. Dem Bühnenboden entsprießen Gräser, Kräuter und Blumen, wir befinden
+uns, glauben wir, auf der üppigen Matte eines breiten Vorberges. Da
+kommt auch noch eine Kuh mit bim bam und bum bum und weidet friedlich.
+Ein Summen umhüllt alles. Aber wo ist die Sonne. Ei, unter dem Sonnigen
+vergißt man eben die Gegenwart der Sonne. Aber plötzlich legt sich eine
+schwarze, ungeheuerlich große Hand breitfingrig über das alles und
+erdrückt es. Hinab! donnert eine höllische Stimme, und wieder taucht der
+schwärzliche Hof auf, der Löwe brüllt, die Zeit steht etwas abseits von
+dem Gebrüll an einen Pfahl angelehnt, unerkennbar und totenstill, der
+Kopf des Mannes ragt zur Kiste heraus, er murmelt jetzt etwas, und der
+künstlerische Schmerz singt wieder zum Fenster hinaus. Dazwischen hört
+man das ferne, ferne Gezwitscher eines Vogels, wobei man an den See
+denken muß, der in der losen Luft gehangen ist. Das Schwert schlägt
+dumpf zu Boden. Und nun sinkt der Gesang der Frau zu der anfänglichen
+Gesangschule herab, der Mann duckt sich eilig und verschwindet
+vollständig in seiner eisernen oder gußeisernen Umgebung. Die dunkle
+Gestalt raucht eine Zigarette, als wollte sie sagen: das ist mein
+Kennzeichen. Sie gibt dadurch tatsächlich dem Bild eine andre Wendung,
+denn nach einer momentanen Dunkelheit blicken die Zuschauer in ein
+modern ausgestattetes Kaffeehaus, worin einzelne Leute gierig Zeitungen
+lesen. Sie tippen mit den Fingern auf Gedrucktes, lächeln fein und
+farblos dazu und rufen dann: Bitte zahlen, Ober! Der Löwe spaziert
+manierlich herein, hinter ihm die vermeintliche Prinzessin, auch der
+Mann kommt, eine »interessante Erscheinung«, dann das hübsch frisierte
+Schwert, dann der blauäugige See in ganz neuem Anzug, und bestellen alle
+hintereinander eine Tasse Kaffee und schwatzen miteinander.
+
+
+
+
+Ovation
+
+
+Stelle dir, lieber Leser, vor, wie schön, wie zauberhaft das ist, wenn
+eine Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin durch ihr Können und durch
+die Wirkung desselben ein ganzes Theaterpublikum zu stürmischem Jubel
+hinreißt, daß alle Hände in Bewegung gesetzt werden und der schönste
+Beifall durch das Haus braust. Stelle dir vor, daß du selber mit
+hingerissen seiest, der Glanzleistung deine Huldigung darzubringen. Von
+der umdunkelten, dichtbevölkerten Galerie herab hallen, Hagelschauern
+ähnlich, Beifallskundgebungen herab, und gleich dem rieselnden Regen
+regnet es Blumen über die Köpfe der Leute auf die Bühne, von denen
+einige von der Künstlerin aufgehoben und, glücklich lächelnd, an die
+Lippen gedrückt werden. Die beglückte, vom Beifall wie von einer Wolke
+in die Höhe gehobene Künstlerin wirft dem Publikum, als wenn es ein
+kleines, liebes, artiges Kind sei, Kußhand und Dankesgeste zu, und das
+große und doch kleine Kind freut sich über diese süße Gebärde, wie eben
+nur immer Kinder wieder sich freuen können. Das Rauschen bricht bald in
+Toben aus, welches sich wieder ein wenig zur Ruhe legt, um gleich darauf
+von neuem wieder auszubrechen. Stelle dir die goldene, wenn nicht
+diamantene Jubelstimmung vor, die wie ein sichtbarer göttlicher
+Nebelhauch den Raum erfüllt. Kränze werden geworfen, Buketts; und ein
+schwärmerischer Baron ist vielleicht da, der ganz dicht am Rand der
+Bühne steht, den Schwärmerkopf bei der Künstlerin kleinen, kostbaren
+Füßen. Nun, und dieser adlige Begeisterungsfähige legt vielleicht dem
+umschwärmten und umjubelten Kinde eine Tausendmarknote unter das
+bestrickende Füßchen. »Du Einfaltspinsel, der du bist, behalte du doch
+deine Reichtümer.« Mit solchem Wort bückt sich das Mädchen, nimmt die
+Banknote und wirft sie verächtlich lächelnd dem Geber wieder zurück, den
+die Scham beinahe erdrückt. Stelle dir das und andres recht lebhaft vor,
+unter anderm die Klänge des Orchesters, lieber Leser, und du wirst
+gestehen müssen, daß eine Ovation etwas Herrliches ist. Die Wangen
+glühen, die Augen leuchten, die Herzen zittern, und die Seelen fliegen
+in süßer Freiheit, als Duft, im Zuschauerraum umher, und immer wieder
+muß der Vorhangmann fleißig den Vorhang hinaufziehen und herunterfallen
+lassen, und immer wieder muß sie hervortreten, die Frau, die es
+verstanden hat, das ganze Haus im Sturm für sich zu gewinnen. Endlich
+tritt Stille ein, und das Stück kann zu Ende gespielt werden.
+
+
+
+
+Guten Tag, Riesin!
+
+
+Es ist einem, als schüttle da eine Riesin ihre Locken und strecke ein
+Bein zum Bett heraus, wenn man am frühen Morgen, noch ehe die
+Elektrischen fahren, von irgendeiner Pflicht angetrieben, in die
+Weltstadt hineingeht. Kalt und weiß liegen die Straßen wie ausgestreckte
+Menschenarme da; man läuft, reibt sich die Hände und sieht, wie zu den
+Toren und Türen der Häuser Menschen heraustreten, als speie ein
+ungeduldiges Ungeheuer seinen warmen, flammenden Speichel aus. Augen
+begegnen dir, wenn du so dahergehst, Mädchen- und Männeraugen, trübe und
+frohmütige; Beine laufen hinter und vor dir, und du selber beinelst
+auch, was du nur kannst und schaust mit deinen eigenen Augen, mit
+denselben Blicken, wie alle blicken. Und die Brüste tragen alle
+irgendein verschlafenes Geheimnis, und in den Köpfen allen spukt
+irgendein wehmütiger oder anspornender Gedanke. Herrlich, herrlich. Da
+ist es also kalter, halb sonniger, halb trüber Morgen, viele, viele
+Menschen liegen noch in ihren Betten, Schwärmer, die die Nacht und den
+halben Morgen durchgelebt und -geabenteuert haben, Vornehme, zu deren
+Lebensgewohnheiten es gehört, spät aufzustehen, faule Hunde, die
+zwanzigmal erwachen, gähnen und wieder einschnarchen, Greise und Kranke,
+die sich überhaupt nicht mehr, oder nur mühsam erheben können, Frauen,
+die geliebt haben, Künstler, die sich sagen: a was, quatsch, früh
+aufstehen, Kinder von reichen, schönen Eltern, fabelhaft gepflegte und
+behütete Wesen, die in ihren eigenen Stuben, hinter schneeweißen
+Fensterumhängen, das Mündchen offen, märchenhaft träumend, bis neun,
+zehn oder elf Uhr schlafen. Was zu solch früher Morgenstunde aus den
+wild ineinander verschlungenen Straßen gramselt und ameiselt, das sind,
+wenn nicht Dekorationsmaler, so doch vielleicht Tapezierer,
+Adressenschreiber, kleine, lausichte Agenten, Menschen auch, die einen
+frühen Eisenbahnzug nach Wien, München, Paris oder Hamburg erreichen
+wollen, kleine Menschen in der Regel, Mädchen von allen möglichen
+Erwerbszweigen, Erwerbende also. Einer, der dem Rummel zusieht, muß das
+notwendigerweise einzig finden. Er geht dann so und meint beinahe, auch
+rennen, atempusten und seine Arme hin und her schwenken zu müssen; das
+Treiben und Emsigtun ist ja so ansteckend, wie etwa ein schönes Lächeln
+ansteckend sein kann. Nein, nicht so. Der frühe Morgen ist noch etwas
+ganz anderes. Er schleudert aus Kneipen etwa noch ein paar schmierig
+gekleidete Nachtgestalten mit ekelhaft rotbemalten Gesichtern auf die
+blendend-staubig-weiße Straße hinaus, wo sie eine gute Weile, den
+Hakenstock an der Schulter tragend, blödsinnig stehen bleiben, um
+Vorübergehende anzuöden. Wie ihnen die trunkene Nacht zu den schmutzigen
+Augen hinausblendet! Weiter, weiter. Bei Besoffenen hält sich das
+blauäugige Wunder, der frühe Morgen, nicht auf. Er hat tausend
+schimmernde Fäden, womit er dich weiterzieht, er schiebt dich von hinten
+und lockt und lächelt dich von vorne an, du siehst hinauf, wo ein
+weißlich verschleierter Himmel ein paar zerrissene Stücke Blau
+hervorläßt; hinter dich, um einem Menschen, der dich interessiert,
+nachzuschauen, neben dich, an ein reiches Portal, hinter dem ein
+fürstliches Palais verdrossen und vornehm emporragt. Statuen winken dir
+aus Gärten und Parkanlagen entgegen; immer gehst du und hast flüchtige
+Blicke für alles, für Bewegliches und Feststehendes, für Droschken, die
+träge fortrumpeln, für die Elektrische, die jetzt zu fahren beginnt, von
+der herab Menschenaugen dich ansehen, für den stupiden Helm eines
+Schutzmannes, für einen Menschen mit zerrissenen Schuhen und Hosen, für
+einen zweifellos ehemals Gutsituierten, der im Pelzmantel und Zylinder
+die Straße fegt, für alles, wie du selber für alles ein flüchtiges
+Augenmerk bist. Das ist das Wunder der Stadt, daß eines jeden Haltung
+und Benehmen untertaucht in all diesen tausend Arten, daß das Betrachten
+ein flüchtiges, das Urteil ein schnelles und das Vergessen ein
+selbstverständliches ist. Vorüber. Was ist vorüber? Eine Fassade aus der
+Empirezeit? Wo? Da hinten? Ob sich da einer wohl entschließen kann, sich
+nochmals umzudrehen, um der alten Baukunst einen Extrablick zu schenken?
+I woher. Weiter, weiter. Die Brust dehnt sich, die Riesin Weltstadt hat
+jetzt in aller üppigen Gemächlichkeit ihr schimmernd-durchsonntes Hemd
+angezogen. So eine Riesin kleidet sich eben ein bißchen langsam an;
+dafür aber duftet und dampft und pocht und läutet jede ihrer schönen,
+großen Bewegungen. Droschken mit Amerikakoffern obenauf poltern und
+radebrechen vorbei, du gehst jetzt im Park; die stillen Kanäle sind noch
+mit grauem Eis bedeckt, die Matten frieren dich an, die schlanken,
+dünnen, kahlen Bäume jagen dich mit ihrem zitternd-frörlichen Aussehen
+flugs weiter; Karren werden geschoben, zwei herrschaftliche Fuhrwerke
+aus der Remise irgendeines Menschen von offiziellem Gepräge, jedes zwei
+Kutscher und einen Lakaien tragend, jagen vorüber; immer ist etwas, und
+jedesmal ist das Etwas, wenn man es näher betrachten will, verschwunden.
+Natürlich hast du eine Unmenge Gedanken während deines einstündigen
+Marsches, du bist Dichter und kannst dazu ruhig deine Hände in den
+Taschen deines hoffentlich anständigen Überziehers behalten, du bist
+Maler und hast vielleicht bereits während deines Morgenspazierganges
+fünf Bilder fix und fertig gemacht. Du bist Aristokrat, Held,
+Löwenbändiger, Sozialist, Afrikaforscher, Tänzer, Turner oder
+Kneipenwirt gewesen, hast flüchtig geträumt, eben jetzt dem Kaiser
+vorgestellt worden zu sein. Er ist vom Thron herniedergestiegen und hat
+dich in ein halbstündiges, vertrauliches Gespräch, an welchem sich auch
+die Frau Kaiserin dürfte beteiligt haben, gezogen. Du bist in Gedanken
+Stadtbahn gefahren, hast Dernburg seinen Lorbeerkranz vom Haupte
+gerissen, geheiratet und dich in einer Ortschaft in der Schweiz heimisch
+niedergelassen, ein bühnenfähiges Drama geschaffen -- lustig, lustig,
+weiter, he da, was? Sollte das? Ja, da ist dir dein Kollege Kitsch
+begegnet, und da seid ihr zusammen nach Hause gegangen und habt
+Schokolade getrunken.
+
+
+
+
+Aschinger
+
+
+Ein Helles bitte! Der Biereingießer kennt mich schon seit geraumer Zeit.
+Ich schaue das gefüllte Glas einen Moment an, nehme es mit zwei Fingern
+an seinem Henkel und trage es nachlässig zu einem der runden Tische, die
+mit Gabeln, Messern, Brötchen, Essig und Öl versehen sind. Ich stelle
+das nässende Glas ordnungsgemäß auf den Filzuntersatz und überlege, ob
+ich mir etwas zu essen holen soll, oder nicht. Der Eßgedanke treibt mich
+zu dem blauweiß gestreiften Schnittwaren-Fräulein. Von dieser Dame lasse
+ich mir eine Auswahl Belegtes auf einem Teller verabreichen, derart
+bereichert trabe ich ordentlich träge an meinen Platz zurück. Ich
+gebrauche weder Gabel noch Messer, nur das Senflöffelchen, mit dem ich
+meine Schnitten braun anstreiche, worauf ich dieselben gemütvoll in den
+Mund hineinschiebe, daß es die Seelenruhe selber ist, die mir jetzt
+unter Umständen zuschauen darf. Bitte, noch ein Helles. Bei Aschinger
+gewöhnt man sich rasch einen Eß- und Trink-Vertraulichkeitston an, man
+spricht dort nach einiger Zeit fast nur noch wie Waßmann im deutschen
+Theater. Mit dem zweiten oder dritten Glas Hellem in der Faust treibt's
+einen dann gewöhnlich an, allerlei Beobachtungen zu machen. Man will
+gern recht exakt notiert haben, wie die Berliner essen. Sie stehen
+dabei, aber sie nehmen sich ganz nett Zeit dazu. Es ist ein Märchen, zu
+glauben, in Berlin haste, zische oder trabe man nur. Man versteht hier
+geradezu drollig, Zeit dahinfließen zu lassen, man ist eben auch Mensch.
+Es ist eine innige Freude, zu sehen, wie hier nach Wurstbrötchen und
+italienischen Salaten geangelt wird. Die Gelder werden meistens aus
+Westentaschen hervorgezogen, es handelt sich ja doch beinahe regelmäßig
+nur um einen Groschen. Jetzt habe ich mir eine Zigarette gedreht und
+nehme am Selbstbrenner, der unter grünem Glas steckt, Feuer. Wie gut ich
+dieses Glas kenne und die Messingkette zum Anziehen. Immer wimmelt es
+ein und aus von eßlustigen und satten Menschen. Die Unbefriedigten
+finden rasch an der Bierquelle und am warmen Wurstturm Befriedigung, und
+die Satten springen wieder an die Geschäftsluft hinaus, gewöhnlich eine
+Mappe unter dem Arm, einen Brief in der Tasche, einen Auftrag im Gehirn,
+einen festen Plan im Schädel, eine Uhr in der offenen Hand, die sagt,
+daß es jetzt Zeit ist. Im runden Turm in der Mitte des Gemaches thront
+eine junge Königin, es ist die Beherrscherin der Würste und des
+Kartoffelsalates, sie langweilt sich ein wenig in ihrer köcherlichen
+Umgebung. Eine feine Dame tritt ein und spießt ein Kaviarbrötchen an
+zwei Fingern auf, sofort mache ich mich ihr bemerkbar, aber so, als ob
+mir das Bemerktwerden Wurst wäre. Ich habe inzwischen Zeit gefunden,
+mich an einem neuen Hellen festzuhalten. Die feine Frau geniert sich ein
+bischen, in die Kaviarherrlichkeit hineinzubeißen, ich bilde mir
+natürlich sogleich ein, das sei ich und kein anderer, wegen dem sie
+ihrer Zubeißesinne nicht so ganz völlig mächtig wäre. Man täuscht sich
+so leicht und so gern. Draußen auf dem Platz ist ein Lärm, den man
+eigentlich gar nicht hört, ein Durcheinander von Wagen, Menschen, Autos,
+Zeitungsverkäufern, Elektrischen, Handwagen und Fahrrädern, das man
+eigentlich auch gar nicht mal sieht. Es ist beinahe unpassend, zu
+denken, man wolle das hören und sehen, man ist doch kein Zugereister.
+Die elegant-geschweifte Taille, die soeben noch Brot geknuspert hat,
+verläßt jetzt Aschinger. Wie lange habe eigentlich denn ich im Sinn,
+dazubleiben? Die Bierburschen haben momentan ein wenig Ruhe, aber nicht
+lange, denn es wälzt sich wieder von draußen herein und wirft sich
+durstig an die sprudelnde Quelle. Menschen, die essen, betrachten
+andere, die ebenfalls mit den Zähnen arbeiten. Wenn einer den Mund
+gerade voll hat, so sehen zu gleicher Zeit seine Augen einen, der mit
+Hereinschieben betätigt ist, an. Und die Leute lachen nicht einmal, auch
+ich nicht. Seit ich in Berlin bin, habe ich mir abgewöhnt, das
+Menschheitliche lächerlich zu finden. Übrigens lasse ich mir in diesem
+Augenblick selber ein neues Eßzauberstück geben, es ist dies ein
+Brotbrett mit einer schlafenden Sardine darauf, sie liegt auf einem
+Butterlaken, dies gewährt einen so reizenden Anblick, daß ich das ganze
+Schauspiel beinahe auf einen Ruck in den offenen Drehbühnen-Rachen
+hinunterwerfe. Ist so etwas lächerlich? Keineswegs. Nun also. Was an mir
+nicht lächerlich ist, kann es an den andern noch weniger sein, denn man
+hat die Pflicht, andere unter allen Umständen höher zu achten, als sich
+selber, eine Weltanschauung, die zu dem Ernst, mit dem ich jetzt an den
+ruckweisen Untergang meines Sardinennachtlagers denke, prächtig paßt.
+Einige von den Menschen, die mich umgeben, unterhalten sich essend. Die
+Gewichtigkeit, mit der sie solches tun, ist ansprechend. Wenn man schon
+dabei ist, etwas zu unternehmen, unternehme man es würdig und sachlich.
+Würde und Selbstbewußtsein wirken behaglich, auf mich wenigstens, und
+deshalb stehe ich so gern in irgendeinem von unsern Aschingerhäusern, wo
+die Menschen zu gleicher Zeit trinken, essen, reden und denken. Wie
+viele Geschäfte sind hier schon ersonnen worden. Und das Schönste ist:
+man kann stundenlang am Fleck stehen, das verletzt niemanden, das findet
+kein einziger von all denen, die kommen und gehen, auffällig. Wer hier
+an der Bescheidenheit Geschmack findet, der kann auskommen, er kann
+leben, es hindert ihn niemand. Wer keine gar so besondere Herzlichkeit
+beansprucht, der darf ein Herz haben, man erlaubt ihm das.
+
+
+
+
+Markt
+
+
+Ein Wochenmarkt ist etwas Helles, Lebendiges, Reichliches und Lustiges.
+Durch die breite, sonst so stille Straße ziehen sich zwei lange, von
+Lücken unterbrochene Reihen Warenstände, belegt und behängt mit allem,
+was Haushaltungen und Familien tagtäglich nötig haben. Die Sonne, die
+sonst hier herum herrisch und träge liegen kann, hat heute zu springen
+und zu blitzen, sozusagen zu fuchteln, denn jedes bewegliche Ding, das
+hier herumrührt, jeder Gegenstand, jeder Hut, jede Schürze, jeder Topf,
+jede Wurst, alles will angeblendet sein. Würste in Sonnenschein gebadet
+sehen prächtig aus. Das Fleisch prahlt und prunkt von den Haken, an
+denen es hängt, stolz und purpurrot herunter. Das Gemüse grünt und
+lacht, Apfelsinen scherzen in prachtvoll gelben Mengen, Fische schwimmen
+in breiten wassergefüllten Kübeln. Man steht so, und dann tut man einen
+Schritt. Man tut. Es kommt so genau nicht darauf an, ob der geplante,
+probierte und ausgeführte Schritt wirklich ein wahrhaftiger Schritt ist.
+Dieses fröhliche, einfache Leben, wie es bescheiden anzieht, wie es
+einen kleinbürgerlich und häuslich anlacht. Dazu ist der Himmel von
+einem allererstklassigen Blau. Erstklassig! Man will sich nicht zu dem
+Wort »süß« versteigen. Wo man Poesie empfindet, bedarf's keinerlei
+poetischer Anwandlungen. »Drei Abbelsinen for'n Jroschen.« Wie oft,
+Mann, hast du das eigentlich schon bald mal gesagt? Welche Auswahl
+prächtiger, dicker Weiber. Unfeine Menschenfiguren mahnen so recht an
+die Erde, an das Landweben und -leben, den Gott selbst, der sicher auch
+keinen gar so übertrieben schönen Leib hat. Gott ist das Gegenteil von
+Rodin. Wie entzückend ist das: an etwas Bäurischem ein wenig, wenn auch
+nur für einen »Jroschen« Geschmack empfinden zu dürfen. Frische Eier,
+Landschinken, Land- und Stadtleberwürste! Ich muß es heraussagen: ich
+stehe und taugenichtse gern in der Nähe von lockenden Eßwaren umher.
+Wieder erinnert's ans lebhaft Vergängliche, und das Lebendige ist mir
+lieber als das Unsterbliche. Hier sind Blumen, dort Kachelgeschirre,
+nebenan Käse, Schweizer, Tilsiter, Holländer, Harzer, und entsprechender
+Geruch dazu. Wenn man nun in die Ferne schaut, so wimmelt es von
+Landschaftsmalmotiven, schaut man zur Erde, so entdeckt man Schalen von
+Äpfeln und Nüssen, Fleischabfälle, Papierreste, halbe und ganze
+Weltblätter, einen Hosenknopf, ein Strumpfband. Blickt man hoch auf, so
+ist es ein Himmel, blickt man gerade vor sich, so ist es ein
+Durchschnittsmenschengesicht, von Durchschnittstagen und -nächten redet
+man nicht, von einer Durchschnittsnatur auch nicht. Ist denn nicht das
+Durchschnittliche das Festeste und Beste? Ich bedanke mich für Genietage
+und -wochen, oder für einen außergewöhnlichen Herrgott. Das Bewegliche
+ist stets das Gerechteste. -- Und wie zierlich können einen Bauernweiber
+angucken. Mit welch seltsamen leisen Gebärden sich hin und her drehen.
+Der Markt läßt immer ein Stück Landahnung im Stadtviertel zurück,
+gleichsam, um es aus seinem monotonen Hochmut aufzurütteln. Wie hübsch
+ist das, daß alle diese Kaufgegenstände in der freien, frischen Luft
+liegen. Jungens kaufen sich warme Würste, sie lassen sich dieselben der
+ganzen saftigen Länge nach an- und abstreichen, damit sie sie gleich
+kunstgerecht verzehren können. Essen paßt so gut unter den blauen, hohen
+Himmel. Wie reizend sehen mir da die üppigen Blumenkohlbüschel aus. Ich
+vergleiche sie (nicht ganz gern) mit weiblichen straffen Brüsten. Der
+Vergleich ist impertinent, wenn er nicht klappt. Wieviel Frauen da um
+einen herum sind. Aber der Markt geht, sehe ich, zu Ende. Die Zeit des
+Abrüstens ist da. Obst wird in Körbe zusammengescharrt. Bücklinge und
+Sprotten werden eingepackt, Buden abgeschlagen. Das Gewimmel hat sich
+verzogen. Nach kurzer Zeit wird die Straße wieder ihr vorheriges
+Aussehen zurückerwischt haben. Adieu Farben. Adieu vielerlei. Adieu
+Gesprenkel von Lauten, Düften, Bewegungen, Schritten und Lichtern.
+Übrigens habe ich ein Pfund Wallnüsse eingehandelt. So kann ich nun nach
+Hause traben, in meine Wi-wi- und Wä-wä-Kindergeschrei-Wohnung. Ich esse
+so ziemlich alles gern, aber wenn ich Nuß esse, bin ich direkt
+glücklich.
+
+
+
+
+Dinerabend
+
+
+O, in Gesellschaft zu gehen, das ist gar nicht so ohne. Man zieht sich
+so hübsch an, wie es einem die Verhältnisse, in denen man vegetiert,
+gestatten, und begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener öffnet die
+gastliche Pforte. Gastliche Pforte? Ein etwas feuilletonistischer
+Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil kleiner Tagesware zu bewegen.
+Ich gebe mit so viel Manier, als ich kann, Hut und Mantel ab, streiche
+mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch ein wenig glätter, trete
+ein, stürze mich dicht vor die Herrin des Hauses, möchte ihr die Hand
+gleich küssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnüge mich damit,
+eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht,
+vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung
+und übe mich in den Tönen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am
+besten zu passen scheinen. »Zum Essen, Kinder«, ruft die Hausfrau aus.
+Schon will ich rennen, ich erinnere mich aber rasch, daß man so etwas
+nicht tun soll, und ich zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen,
+stolzen, bescheidenen, gelassenen, geduldigen, lächelnden, flüsternden
+und schicklichen Gangart. Es geht vortrefflich. Entzückend sieht mir da
+wieder einmal die Tafel aus. Man setzt sich, mit und ohne Dame. Ich
+prüfe das Arrangement und nenne es im stillen ein schönes. Wäre noch
+schöner, wenn einer wie ich irgend was an der Dekoration auszusetzen
+hätte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, indem ich jetzt zugreife,
+zugable und messere und löffle und esse. Wunderbar schmecken einem
+gesunden Menschen solch zartsinnig zubereitete Speisen, und das Besteck,
+wie es glänzt, die Gläser, wie sie beinahe duften, die Blumen, wie sie
+freundlich grüßen und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits
+eine ziemlich ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber
+wunder, wo und wie ich's hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum
+Mund führen, und dazwischen parlieren zu können. Wie doch die Gesichter
+purpurn anlaufen, je mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon
+könnte man satt sein, wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in
+erster Linie aus Schicklichkeitsgründen. Man hat weiter zu danken und
+weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Sünde an so reichbesetzten
+Tischen. Ich gieße immer mehr flüssige und leuchtende Laune in die
+allezeit, wie es scheint, durstige Kehle hinunter. Wie das anhumort.
+Jetzt schenkt der Diener auch noch aus dicken Flaschen schäumende
+Begeisterung ein, in Gläser, breitgeformte, in denen das holde Wasser
+wie in schönen Seebecken ruhen und glänzen kann. Und nun prosten alle,
+Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich geborner
+Nachahmer. Aber stützt sich denn nicht alles, was in der Gesellschaft
+taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer
+sind in der Regel glückliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz
+glücklich, schicklich und unauffällig sein zu dürfen. Und jetzt erhebt
+sich der leichte Witz, die Zunge wird lose, das lachende Wort will
+jedesmal an die sorglose, süße Ungezogenheit streifen. Es lebe, es lebe!
+Wie dumm! Aber das Schöne und Reiche ist immer ein ganz klein wenig
+dumm. Es gibt Menschen, die plötzlich lachen müssen beim Küssen. Das
+Glück ist ein Kind, das »heute« wieder gottlob einmal nicht zur Schule
+zu gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von
+unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschüttet. Ich
+schütte geradezu unedel hinunter. Aber die silbernen Flügel hübschen
+Anstandes rauschen um mich und zwicken mich öfters mahnend an die
+Wangen. Hinwiederum verpflichten die Weine und die Schönheit der Frauen
+zu leisen, feinen Unverschämtheiten. Die Verzeihung dazu ist der
+Kirschkuchen, der jetzt galant serviert wird. O, ich freue mich über das
+alles, ich Proletarier, was ich bin. Mein Gesicht ist ein wahres,
+hochrotes Eßgesicht, aber essen Aristokraten etwa nicht auch? Es ist
+dumm, allzufein sein zu wollen. Die Eß- und Trinklust hat vielleicht
+einen ganz aparten feinen Ton des Umganges. Das Wohlbefinden bewegt sich
+möglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so. Was? Auch noch Käse?
+Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See voll Sekt? Und nun steht
+man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch
+die Räume. Welche Weltsicherheit. In reizenden kleinen Nischen setzt man
+sich ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht
+ganz zu verlernen, schritthüpft man zu den Likörtischen, um sich in
+Wolken von Genüssen von neuem einzuhüllen. Der Herr des Hauses scheint
+fröhlich. Das genügt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lässig
+und witzig redet man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer
+zündet man sich neue Zigarettenstangen an. Das Vergnügen, einen neuen
+Menschen kennen zu lernen, tippt einen an die Stirne, kurz, es ist ein
+beständiges, gutes, dummes, behagliches Lachen um einen herum. Nichts
+kann mehr aufregend sein. Gewöhnt an das Schwelgen, bewegt man sich mit
+einer behäbigen Sicherheit und mit dem Mindestmaß an Formen im Glanz und
+im Menschenkranz einher, daß man leise und glücklich staunen muß, es im
+Leben so weit gebracht zu haben. Spät sagt man gute Nacht, und dem
+Diener drückt man mit Gewicht sein in mancherlei Beziehung redlich
+verdientes Trinkgeld in die Hand.
+
+
+
+
+Friedrichstraße
+
+
+Oben ist ein schmaler Streifen Himmel, unten der glatte, schwärzliche,
+gleichsam von Schicksalen polierte Boden. Die Häuser zu beiden Seiten
+ragen kühn, zierlich und phantastisch in die architektonische Höhe. Die
+Luft bebt und erschrickt von Weltleben. Bis zu den Dächern hinauf und
+über die Dächer noch hinaus schweben und kleben Reklamen. Große
+Buchstaben fallen in die Augen. Und immer gehen hier Menschen. Noch nie,
+seit sie ist, hat in dieser Straße das Leben aufgehört zu leben. Hier
+ist das Herz, die unaufhörlich atmende Brust des großstädtischen Lebens.
+Hier atmet es hoch auf und tief nieder, als wenn das Leben selber über
+seinem Schritt und Tritt unangenehm beengt wäre. Hier ist die Quelle,
+der Bach, der Fluß, der Strom und das Meer der Bewegungen. Niemals
+sterben hier die Bewegungen und die Erregungen ganz aus, und wenn das
+Leben am obern Ende der Straße beinahe aufhören will, so fängt es am
+untern Ende von neuem an. Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb,
+Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß,
+feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und
+Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier
+wild und zugleich ohnmächtig durcheinander. Eine Fessel ohnegleichen
+bändigt und sänftigt hier die Leidenschaften, und Verlockungen ohne Zahl
+führen zugleich in die begehrlichen Versuchungen, derart, daß die
+Entsagung mit dem Rockärmel den Rücken der befriedigten Begierde
+streifen, daß die Unersättlichkeit mit den lodernden Augen in den weisen
+Frieden der Augen des Durch-sich-selbst-gesättigten schauen muß. Hier
+klaffen Abgründe, hier herrschen und gebieten bis zum offenen Unanstand,
+durch den sich kein vernünftiger Mensch verletzen läßt, Gegensätze, die
+unbeschreiblich sind. Wagen fahren immer an Menschenleibern, -köpfen und
+-händen dicht vorüber, und auf den Verdecken und im hohlen Innern der
+Wagen sitzen, dicht aneinandergepreßt und geknechtet, Menschen, die aus
+irgendwelchen Gründen hier drinnen sitzen, hier oben sitzen, sich
+drängen und pressen und fahren lassen. Für jede Dummheit gibt es hier
+unsagbar rasch rechtfertigende, gute, kluge Gründe. Jede Torheit ist
+hier durch die offenbare Schwierigkeit des Lebens geadelt und geheiligt.
+Jede Bewegung hat Sinn, jeder Ton hat hier praktische Ursache, und aus
+jedem Lächeln, jeder Geste, jedem Wort strahlt eine sonderbar anmutige
+Gesetztheit und Korrektheit billigend hervor. Hier billigt man alles,
+weil jeder einzelne, durch den Zwang des zusammengeknebelten Verkehrs
+genötigt, ohne Zaudern alles, was er hört und sieht, billigen muß. Zu
+Mißbilligungen scheint niemand Lust, zu Abneinungen niemand Zeit und zu
+Unlust niemand ein Recht zu haben, denn hier, und das ist das
+Großartige, fühlen sich alle auf leichte, vorwärtshelfende Manier,
+gleichsam säuberlich, verpflichtet. Jeder Bettler, Gauner, Unhold usw.
+ist hier Mitmensch und muß einstweilen, weil alles schiebt, stößt und
+drängt, als etwas Mithinzugehöriges geduldet werden. Ah, hier ist die
+Heimat der Nichtswürdigen, der Kleinen, nein, der ganz Kleinen, der
+irgendwo und wann schon einmal Entehrten, hier, hier herrscht Duldung,
+und zwar deshalb, weil sich niemand mit Ungeduld und Unfrieden aufhalten
+und abgeben will. Hier wird im Sonnenschein friedlich spaziert, wie auf
+einer entlegenen stillen Bergesmatte, und im Laternenschimmer elegant
+gebummelt wie in einem Feenmärchen voller Zauberkünste und -worte.
+Wunderbar ist, wie der zweiteilige Menschenstrom auf den Trottoirs
+unaufhaltbar und unaufhörlich ist, gleich einem dickflüssigen,
+schimmernden, vielbedeutenden Wasser, und herrlich ist, wie hier die
+Qualen gemeistert, die Wunden verschwiegen, die Träume gefesselt, die
+Brünste gebändigt, die Freuden unterdrückt und die Begierden gemäßigt
+werden, weil alles Rücksicht, Rücksicht und nochmals liebende und
+achtende Rücksicht nehmen muß. Wo der Mensch so nah am Menschen ist, da
+erhält der Begriff Nebenmensch eine tatsächlich geübte, begriffene und
+rasch verstandene Bedeutung, und es darf da niemandem mehr einfallen,
+überlaut zu lachen, übereifrig sich seinen persönlichen Bedrängnissen
+hinzugeben oder überhastig Geschäfte machen zu wollen, und doch, welch
+eine hinreißende betörende Hast ist in all der scheinbaren Gedrängtheit
+und Besonnenheit. Die Sonne scheint hier in einer Stunde auf unzählige
+Köpfe, der Regen netzt und näßt hier einen Boden, der gesalbt ist
+gleichsam von Lustspielen und Tragödien, und abends, ah, wenn es beginnt
+zu dunkeln und wenn die Lichter angezündet werden, tut sich ein Vorhang
+langsam auf, um in ein Stück üppig voll immer derselben Gewohnheiten,
+Lüsternheiten und Begebenheiten schauen zu lassen. Die Sirene Vergnügen
+fängt dann an in himmlisch lockenden und anmutenden Tönen zu singen, und
+Seelen werden dann zerrissen von den vibrierenden Wünschen und
+Nichtbefriedigungen, und ein Geldauswerfen beginnt dann, wie es der
+bescheidene kluge Begriff nicht kennt, wie es sich kaum eine
+dichterische Phantasie mühselig vorstellen kann. Ein wollüstig auf und
+nieder atmender Körpertraum sinkt dann auf die Straße herab, und alles
+läuft, läuft und läuft diesem vorherrschenden Traum mit ungewissen
+Schritten nach.
+
+
+
+
+Berlin W
+
+
+Es scheint hier jedermann zu wissen, was sich schickt, und das erzeugt
+eine gewisse Kälte, und es scheint ferner, daß hier jedermann sich durch
+sich selbst behauptet, und dies ruft die Ungestörtheit hervor, die der
+Neuling hier bewundert. Die Armut scheint hinausgeschoben in die
+Viertel, die an die offenen Felder streifen oder nach innen ins Düster
+und Dunkel der Hinterhäuser gedrängt, die von den herrschaftlichen
+Vorderhäusern verdeckt werden wie von mächtigen Körpern. Es scheint, als
+habe hier die Menschheit aufgehört zu seufzen und angefangen, ihres
+Lebens und Daseins endgültig froh zu sein. Doch der Schein trügt, und
+die Pracht und Eleganz sind nur ein Traum. Aber auch das Elend ist
+vielleicht nur eine Einbildung. Was die Eleganz des Westens von Berlin
+betrifft, so scheint sie ausgezeichnet durch Lebhaftigkeit und zugleich
+ein wenig verdorben durch die Unmöglichkeit, sie ruhig zu entfalten. Es
+steckt hier übrigens alles in einer fortlaufenden Entfaltung und
+Veränderung. Die Männer sind ebenso bescheiden wie unritterlich, und man
+kann sehr glücklich darüber sein, denn die Ritterlichkeit ist stets zu
+drei Vierteln unpassend. Die Galanterie ist etwas außerordentlich Dummes
+und Vorlautes. Es gibt hier demnach wenig gefühlvolle Auftritte, und wo
+sich irgendein feinsinniges Abenteuer entspinnt, merkt man es gar nicht,
+das ist doch immerhin sehr fein. Die Herrenwelt ist heute eine
+Geschäftswelt, und wer Geld verdienen muß, hat keine oder wenig Zeit,
+sich auffallend schön zu benehmen. Daher eine gewisse rauhe abfertigende
+Tonart. Im allgemeinen gibt es viel Amüsantes im Westen; die
+Lächerlichkeiten leben so reizend und hübsch, wie man es sich nur
+träumen kann, weiter. Da ist die Emporkömmlingin, eine Gewaltsdame, naiv
+wie ein kleines Kind. Ich persönlich schätze sie sehr, weil sie so üppig
+und zugleich so drollig ist. Da ist die »Kleine vom Kurfürstendamm«. Sie
+gleicht einer Gemse, und es ist viel Braves und Liebes an ihr. Da ist
+der Lebegreis. Es spazieren nur noch sehr wenige Exemplare dieses
+Kalibers in der Welt, die zu leben weiß, herum. Die Sorte ist im
+Aussterben begriffen, und ich finde, daß das sehr schade ist. Ich sah
+neulich einen solchen Herrn, er kam mir wie eine Erscheinung aus
+verschwundenen Zeiten vor. Da haben wir wieder etwas anderes, den
+reichgewordenen ländlichen Ansiedler. Er hat sich noch nicht abgewöhnt,
+Augen zu machen, wie wenn er über sich selbst und über das Glück, in dem
+er sitzt, staune. Er benimmt sich viel zu sittsam, so, als fürchte er,
+zu offenbaren, woher er stamme. Da haben wir wieder die ganz, ganz
+gestrenge Gnädige aus der Bismarckzeit. Ich bin ein Bewunderer von
+strengen Gesichtern und von ins Wesen des Menschen übergegangenen guten
+Manieren. Mich rührt ja überhaupt das Alte, sowohl an Bauten wie an
+Menschengestalten; deswegen erquickt mich aber das Frische, Neue und
+Junge nicht weniger; und jung ist's hier, und gesund scheint mir der
+Westen zu sein. Sollte eine gewisse Portion Gesundheit eine gewisse
+Portion Schönheit verdrängen? Mitnichten. Das Lebhafte ist zuletzt das
+Schönste. Nun ja, vielleicht wedle und scharwenzle und schmeichle ich
+jetzt ein bißchen; wie z. B. durch folgenden Satz: Die hiesigen Frauen
+sind schön und anmutig! Die Gärten sind sauber, die Architektur ist
+vielleicht ein wenig drastisch, was kann das mich kümmern. Es ist heute
+ja jedermann überzeugt, daß wir Stümper sind im Großen, Stilvollen und
+Monumentalen und wahrscheinlich deshalb, weil in uns zu sehr der Wunsch
+lebt, Stil, Größe und Monumentalität zu besitzen oder zu erzeugen.
+Wünsche sind schlimme Dinge. Unser Zeitalter ist entschieden das
+Zeitalter der Empfindlichkeit und Rechtlichkeit, und das ist doch sehr
+hübsch von uns. Wir haben Fürsorgeanstalten, Krankenhäuser,
+Säuglingsheime, und ich bilde mir gerne ein, das sei doch auch etwas.
+Wozu alles wollen? Man denke an die Schauder der alten Fritzen-Kriege
+und an sein -- Sanssouci. Wir haben wenig Gegensätze; das beweist, daß
+wir uns danach sehnen, ein gutes Gewissen zu haben. Aber wie schwenke
+ich da nur ab. Darf man das? Es gibt einen sogenannten alten Westen,
+einen neueren Westen (rund um die Gedächtniskirche) und einen ganz neuen
+Westen. Der mittlere ist vielleicht der netteste. Ganz bestimmt trifft
+man in der Tauenzienstraße die höchste und meiste Eleganz an; der
+Kurfürstendamm ist reizend mit seinen Bäumen und seinen Kaleschen. Ich
+sehe mich mit großem Bedauern schon an den Rahmen meines Aufsatzes
+anstoßen, in der fatalen Überzeugung, daß ich vieles, was ich unbedingt
+habe sagen wollen, gar nicht gesagt habe.
+
+
+
+
+Ballonfahrt
+
+
+Die drei Menschen, der Kapitän, ein Herr und ein junges Mädchen, steigen
+in den Korb ein, die befestigenden Stricke werden losgeknöpft, und das
+seltsame Haus fliegt langsam, als ob es sich erst noch auf irgend etwas
+besänne, in die Höhe; gute Reise!, rufen die versammelten Menschen von
+unten her, hüte- und taschentuchschwenkend, nach. Es ist zehn Uhr abends
+im Sommer. Der Kapitän zieht eine Landkarte zu einer Tasche heraus und
+bittet den Herrn, sich mit Kartenlesen beschäftigen zu wollen. Man kann
+lesen und vergleichen, alles Sichtbare ist hell. Es hat alles eine
+beinahe bräunliche Helle. Die schöne Mondnacht scheint den prachtvollen
+Ballon in unsichtbare Arme zu nehmen, sanft und still fliegt der
+rundliche Körper zur Höhe, und nun wird er, kaum, daß man es bemerkt,
+von feinen Winden nördlich getrieben. Der kartenstudierende Herr wirft
+von Zeit zu Zeit auf Anleitung des Führers eine Hand voll Ballast in die
+Tiefe hinunter. Es befinden sich fünf Säcke voll Sand an Bord, und es
+muß sparsam damit umgegangen werden. Wie schön ist die runde, blasse,
+dunkle Tiefe. Das liebe, bedeutsame Mondlicht macht die Flüsse silbern
+kenntlich. Man sieht Häuser da unten, so klein, dem unschuldigen
+Spielzeug ähnlich. Die Wälder scheinen dunkle, uralte Lieder zu singen,
+aber dieser Gesang mutet eher wie eine edle, stumme Wissenschaft an. Das
+Bild der Erde sieht den Zügen eines schlafenden, großen Mannes ähnlich,
+wenigstens träumt so das jugendliche Mädchen, es läßt seine bezaubernde
+Hand träge über den Rand des Korbes herabhängen. Einer Kaprice zufolge
+ist der Kopf des Kavaliers mit einem ritterlichen Federhut bedeckt, im
+übrigen ist er modern gekleidet. Wie still die Erde ist. Man sieht alles
+deutlich, die einzelnen Menschen in den Dorfgassen, die Kirchspitzen,
+den Knecht, wie er, vom langen Tagwerk ermüdet, schwerfällig über den
+Hof schreitet, die geisterhafte, vorbeisausende Eisenbahn, die
+blendendweiße lange Landstraße. Bekanntes und unbekanntes Menschenleid
+scheint von unten heraufzumurmeln. Die Einsamkeit verlorner Gegenden hat
+ihren besondern Ton, und man meint, dieses Besondere, dieses
+Unverständliche verstehen, ja sogar sehen zu sollen. Wundervoll blendet
+jetzt die drei Menschen der herrlich gefärbte und beleuchtete Lauf der
+Elbe an. Der nächtliche Strom entreißt dem Mädchen einen leisen
+Sehnsuchtsschrei. An was mag sie denken? Sie nimmt von einem Bukett, das
+sie mitgenommen hat, eine dunkle, prangende Rose und wirft sie ins
+glitzernde Wasser. Wie ihre Augen traurig dabei blitzen. Es ist, als
+wenn die junge Frau jetzt qualvollen Lebenskampf hinuntergeworfen hätte,
+für immer. Es ist ein großer Schmerz, von einer Qual Abschied nehmen zu
+müssen. Und wie lautlos die ganze Welt ist. In der Ferne glitzern die
+Lichter eines Hauptortes, der Kapitän nennt sachkundig den Namen der
+Stadt. Schöne, verlockende Tiefe! Man hat schon unzählige Stücke Wälder
+und Felder hinter sich, es ist jetzt Mitternacht. Jetzt schleicht auf
+der festen Erde irgendwo ein beutelauernder Dieb, Einbruch geschieht,
+und alle diese Menschen in ihren Betten da unten, dieser große Schlaf,
+geschlafen von Millionen. Eine ganze Erde träumt jetzt, und ein Volk
+ruht von Mühsalen aus. Das Mädchen lächelt. Und wie es warm ist, es ist,
+als säße man in einer heimatanmutenden Stube, bei Mutter, Tante,
+Schwester, Bruder, oder bei dem Geliebten, bei der friedlichen Lampe und
+läse in einer schönen, aber etwas eintönigen, langen, langen Geschichte.
+Das Mädchen will einschlafen, sie ist jetzt etwas ermüdet vom Schauen.
+Die beiden im Korb stehenden Männer blicken schweigend aber fest in die
+Nacht hinaus. Merkwürdige weiße, gleichsam blank geputzte Ebenen
+wechseln mit Gärten und kleinen Buschwildnissen ab. Man sieht in
+Gegenden hinunter, in die einen der Fuß nie, nie hintrüge, weil man in
+gewissen, ja, in den meisten Gegenden nie etwas Zweckvolles zu suchen
+hat. Wie groß und wie unbekannt uns die Erde ist!, denkt der
+federhutbedeckte Herr. Ja, das eigene Vaterland wird hier oben, Blicke
+hinunterwerfend, endlich zum Teil verständlich. Man empfindet, wie
+unerforscht und wie kraftvoll es ist. Zwei Provinzen sind durchwandert,
+als es beginnt zu tagen. Unten in den Siedelungen erwacht schon wieder
+das menschliche Leben. »Wie heißt dieser Ort?« schreit der Führer
+hinunter. Eine helle Jungenstimme antwortet. Und immer noch schauen die
+drei Menschen; auch das Mädchen ist jetzt wieder erwacht. Es zeigen sich
+jetzt Farben, und die Dinge werden bestimmter. Man sieht Seen in ihren
+zeichnerischen Umrissen, wundervoll zwischen Wäldern verborgen, man
+erblickt Ruinen alter Festungen zwischen altem Laubwerk hochaufragen;
+Hügel erheben sich fast spurlos, Schwäne sieht man weißlich im Gewässer
+zittern, und Stimmen des menschlichen Lebens werden sympathisch laut,
+und man fliegt immer weiter, und endlich zeigt sich die herrliche Sonne,
+und von diesem stolzen Gestirn angezogen schießt der Ballon in
+zauberische, schwindelerregende Höhe. Das Mädchen stößt einen
+Schreckensschrei aus. Die Männer lachen.
+
+
+
+
+Tiergarten
+
+
+Vom Zoologischen Garten her tönt Regimentsmusik. Man geht so, ganz
+gemächlich. Ist es denn nicht Sonntag? Wie warm es ist. Jedermann
+scheint erstaunt darüber zu sein, daß es jetzt, wie auf Zauberschlag, so
+leicht, so hell, so warm ist. Wärme allein gibt schon Farbe. Die Umwelt
+ist wie ein Lächeln, und es wird einem ganz weiblich zumut. Wie gern
+möchte ich jetzt (beinahe) ein Kind auf dem Arm tragen und treubesorgtes
+Dienstmädchen spielen. Wie stimmt der beginnende, herzbetörende Frühling
+zärtlich. Ich könnte, bilde ich mir ein, geradezu Mutter sein. Im
+Frühling, so scheint es, werden Männer und Mannestaten plötzlich so
+überflüssig, so dumm. Nur keine Tat jetzt. Horchen, bleiben, am Fleck
+stehen. Göttlich durch ganz weniges berührt sein. In dieses wonnensüße
+kindheitartige Grün schauen. Ach, ist doch Berlin und sein Tiergarten
+jetzt schön. Es wimmelt von Menschen. Die Menschen sind starke,
+bewegliche Flecke im zarten, verlornen Sonnenschimmer. Oben ist der
+lichtblaue Himmel, der wie ein Traum das untenliegende Grün berührt. Die
+Leute gehen leicht und bequem, so, als fürchteten sie, in
+Marschierschritt und in grobes Gebärden zu verfallen. Es soll Leute
+geben, die nie daran denken, oder die sich zieren, sich am Sonntag auf
+eine Tiergartenbank zu setzen. Wie doch solche Leute sich des
+reizendsten Vergnügens berauben. Ich selbst finde das Sonntagspublikum
+in seiner offensichtlichen harmlosen Sonntagslust bedeutender als alles
+Kairo- und Rivierareisen. Da wird das Harte gefällig, das Starre
+lieblich, und alle Linien und Gewöhnlichkeiten gehen traumhaft
+ineinander über. Unnennbar zart ist solch ein allgemeines Spazieren. Die
+Spaziergänger verlieren sich bald einzeln, bald in anmutigen dichten
+Gruppen oder Haufen zwischen den Bäumen, die hoch oben noch luftig-kahl
+sind, und zwischen dem niedrigen Gesträuch, das ein Hauch von jungem,
+süßem Grün ist. Es zittert und bebt in der weichen Luft von Knospen, die
+zu singen, zu tanzen, zu schweben scheinen. Das ganze Tiergartenbild ist
+wie ein gemaltes Bild, dann wie ein Traum, dann wie ein weitschweifiger
+angenehmer Kuß. Überall ist leichte, verständliche Lockung zum lange
+Hinschauen. Auf einer Bank am Schiffahrtskanal sitzen zwei Ammen im
+schneeweißen imposanten Kopfputz, weißer Schürze und knallroten Röcken.
+Indem man geht, ist man befriedigt; indem man sitzt, ist man ganz ruhig
+und schaut gelassen in die Augen der vorübergehenden Gestalten. Diese
+sind Kinder, an Leinen geführte Hunde, Soldaten mit dem Mädel im Arm,
+schöne Frauen, kokette Damen, alleinstehende, -tretende und -gehende
+Herren, ganze Familien, schüchterne Liebespaare. Schleier wehen, grüne
+und blaue und gelbliche. Dunkle und helle Kleider wechseln ab. Die
+Herren tragen meistens die unvermeidlichen trockenen halbhohen steifen
+Hügelhüte auf den Kegelköpfen. Man möchte lachen und zugleich ernst
+sein. Es ist alles zugleich lustig und heilig, und man ist sehr ernst
+dabei, wie alle. Alle zeigen denselben schicklichen leichten Ernst. Ist
+nicht so auch der Himmel, der auch so ein Gesicht macht, als spreche er:
+»Wie wunderbar ist mir?« Jetzt huschen, freundlichen Schemen ähnlich,
+windähnliche Schatten durch die Bäume, über die hellen weißen Wege,
+wohin? Man weiß es nicht. Kaum sieht man es, so zart ist es. Maler
+machen auf solche Delikatessen aufmerksam. In einiger sanfter Entfernung
+rollen roträdrige Droschken durch das milde grüne Gewebe, als gleite ein
+rotes Band durch ein Stück zartes Frauenhaar. Alles atmet Fraulichkeit,
+alles ist Helle und Milde, alles ist so weit, so durchsichtig, so rund,
+nach allen Seiten dreht man den Sonntagskopf, um die Sonntagswelt hübsch
+zu genießen. Menschen machen das Ganze eigentlich. Ohne die Menschen
+würde man die Schönheit des Tiergartens nicht sehen, nicht merken, nicht
+empfinden. Wie das Publikum ist? Na, gemischt, alles durcheinander,
+Elegantes und Einfaches, Stolzes und Demütiges, Fröhliches und
+Besorgtes. Ich selbst sorge mit meiner eigenen Person ebenfalls für
+Buntheit und trage mit zur Gemischtheit bei. Ich bin gemischt genug.
+Doch wo ist der Traum? Laß uns ihn doch noch rasch einmal betrachten.
+Auf einer rundgebogenen Brücke stehen viele Leute. Man steht selbst da,
+lehnt sich leicht und voll guter Manier an das Geländer und schaut hinab
+in das zärtlich-bläulich glimmende, warme Wasser, wo Boote und Kähne,
+menschenbesetzt und fähnchengeschmückt, leise, wie von guten Ahnungen
+gezogen, umherfahren. Die Schiffe und Gondeln schimmern in der Sonne. Da
+bricht ein Stück dunkles Samtgrün aus der Lichtheit hervor, es ist eine
+Bluse. Enten mit farbigen Köpfen schaukeln auf dem Gekräusel und
+Gezitter des Wassers, das manchmal schimmert wie Bronze oder wie
+Emaille. Herrlich ist es, wie das Feld des Wassers so eng und so klein
+ist und doch so vollbesetzt mit gleitenden Lustkähnen und
+Freudenfarben-Hüten. Überall, wohin man blickt, glänzt und bricht der
+Damenhut mit rot, blau und andern Augengenüssen aus dem Gebüsch hervor.
+Wie ist alles so einfach. Wohin geht man jetzt? In ein Kaffeehaus?
+Wirklich? Ist man jetzt so barbarisch? Jawohl, man tut's. Was tut man
+nicht alles? Wie schön ist es, zu tun, was ein anderer ebenfalls tut.
+Wie ist er nur schön, der Tiergarten. Welcher Einwohner von Berlin
+liebte ihn nicht?
+
+
+
+
+Die kleine Berlinerin
+
+
+Heute hat mir Papa eine Ohrfeige gegeben, natürlich eine echt
+väterliche, eine zärtliche. Ich gebrauchte die Redensart: »Vater, du
+hast wohl einen Knall.« Das war allerdings ein wenig unvorsichtig.
+»Damen sollen sich einer gewählten Sprache bedienen«, sagt unsere
+Deutschlehrerin. Sie ist entsetzlich. Aber Papa will nicht haben, daß
+ich diese Person lächerlich finde, und vielleicht hat er recht. Man geht
+schließlich zur Schule, um einen gewissen Lerneifer und einen gewissen
+Respekt an den Tag zu legen. Übrigens ist es billig und unedel, an den
+Mitmenschen Komisches zu entdecken und darüber zu lachen. Junge Damen
+sollen sich an das Feine und Edle gewöhnen, das sehe ich sehr gut ein.
+Man verlangt keine Arbeit von mir, man wird nie eine solche von mir
+fordern, dafür aber wird man vornehmes Wesen bei mir voraussetzen. Werde
+ich im späteren Leben irgendwelchen Beruf ausüben? Nicht doch. Ich werde
+eine junge feine Frau sein, ich werde mich verheiraten. Es ist möglich,
+daß ich meinen Mann quälen werde. Doch das wäre fürchterlich. Man
+verachtet sich immer selbst, sobald man einen andern glaubt verachten zu
+sollen. Ich bin zwölf Jahre alt. Ich muß geistig sehr entwickelt sein,
+sonst würde ich niemals an so etwas denken. Werde ich Kinder haben? Und
+wie wird das zugehen? Wenn mein zukünftiger Mann kein verachtungswürdiger
+Mensch sein wird, dann, ja dann, das glaube ich bestimmt,
+werde ich ein Kind haben. Dann werde ich dieses Kind erziehen.
+Aber ich bedarf ja selber noch der Erziehung. Wie man nur so dummes Zeug
+denken kann.
+
+Berlin ist die schönste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre
+abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre. Lebt
+nicht hier der Kaiser? Würde er hier zu wohnen nötig haben, wenn es ihm
+hier nicht am besten gefiele? Neulich sah ich Kronprinzens im offenen
+Wagen. Sie sind entzückend. Der Kronprinz sieht wie ein junger, heiterer
+Gott aus, und wie schön erschien mir die hohe Frau an seiner Seite. Sie
+war ganz in duftende Pelze gehüllt. Es schien Blüten aus dem blauen
+Himmel auf das Paar herabzuregnen. Der Tiergarten ist herrlich. Ich gehe
+beinahe jeden Tag mit unserem Fräulein, der Erzieherin, darin spazieren.
+Man kann stundenlang, auf geraden und krummen Wegen, unter dem Grün
+gehen. Auch Vater, der sich doch eigentlich nicht zu begeistern
+brauchte, begeistert sich für den Tiergarten. Vater ist ein gebildeter
+Mensch. Ich glaube, er liebt mich rasend. Schrecklich, wenn er dies
+läse, aber ich werde das Geschriebene zerreißen. Im Grunde schickt es
+sich ja gar nicht, zugleich noch so dumm und so unreif zu sein wie ich
+und schon ein Tagebuch führen zu wollen. Aber manchmal langweilt man
+sich ein wenig, und dann läßt man sich sehr leicht zu Unpassendem
+hinreißen. Das Fräulein ist sehr nett. Nun ja, im allgemeinen. Sie ist
+treu, und sie liebt mich. Außerdem hat sie wirklichen Respekt vor Papa,
+das ist die Hauptsache. Sie ist dünn von Figur. Unsere frühere
+Erzieherin war dick wie ein Frosch. Sie schien immer zu platzen. Sie war
+Engländerin. Sie ist gewiß auch heute noch eine Engländerin, aber sie
+ging uns von dem Augenblick an, wo sie sich Frechheiten erlaubte, nichts
+mehr an. Vater hat sie fortgejagt.
+
+Wir beide, Papa und ich, werden bald reisen. Es ist jetzt ja die Zeit,
+wo honette Leute einfach reisen müssen. Ist der nicht verdächtig, der zu
+solch einer grünenden und blühenden Zeit nicht reist? Papa zieht an den
+Meeresstrand, und er wird dort offenbar tagelang im Sand liegen und sich
+von der Sommersonne dunkelbraun braten lassen. Er sieht im September
+immer am gesündesten aus. Seinem Gesicht steht die Blässe der
+Abgespanntheit nicht gut. Übrigens liebe ich persönlich das
+Sonnverbrannte im Gesicht eines Mannes. Es ist dann, wie wenn er aus dem
+Krieg käme. Sind das nicht echte Kinderdummheiten? Ja, gewiß bin ich
+noch ein Kind. Was mich angeht, so reise ich nach dem Süden. Zuerst ein
+wenig nach München, dann nach Venedig, wo ein Mensch wohnt, der mir
+unsagbar nah steht, Mama. Meine Eltern leben aus Ursachen, deren Tiefe
+ich nicht zu verstehen, also nicht zu würdigen imstande bin, getrennt.
+Ich lebe die meiste Zeit bei Vati. Aber Mama hat natürlich auch das
+Recht, mich wenigstens für eine Zeitlang zu besitzen. Ich freue mich
+mächtig auf die bevorstehende Reise. Ich reise gern, und ich glaube, daß
+fast alle Menschen gern reisen. Man steigt ein, der Zug fährt ab, und
+nun geht es ins Weite. Man sitzt und wird in ungewisse Ferne getragen.
+Wie gut ich es doch eigentlich habe. Weiß ich, was Not, was Armut ist?
+Keine Spur. Ich finde, es ist auch gar nicht notwendig, daß ich so
+nichtswürdige Erfahrungen mache. Aber die armen Kinder dauern mich. Ich
+würde zum Fenster hinausspringen in solchen Verhältnissen.
+
+Ich und Papa wohnen im vornehmsten Viertel. Viertel, die still, peinlich
+sauber und von einer gewissen Älte sind, sind vornehm. Das ganz Neue?
+Ich möchte nicht in einem ganz neuen Haus wohnen. Am Neuen ist stets
+irgend etwas nicht ganz in Ordnung. Man sieht fast gar keine armen
+Leute, z. B. Arbeiter, in unserer Gegend, wo die Häuser ihre Gärten
+haben. Es wohnen Fabrikbesitzer, Bankiers und reiche Leute, deren Beruf
+der Reichtum ist, in unserer Nähe. Nun, da muß also Papa zum mindesten
+sehr wohlhabend sein. Arme und ärmere Leute können hier herum einfach
+gar nicht wohnen, weil die Räumlichkeiten viel zu teuer sind. Papa sagt,
+die Klasse, in welcher das Elend herrscht, lebe im Norden der Stadt.
+Welch eine Stadt. Was ist das: der Norden? Ich kenne Moskau besser als
+den Norden unserer Stadt. Von Moskau, Petersburg, Wladiwostok und aus
+Yokohama sind mir zahlreiche Ansichtspostkarten geschickt worden. Ich
+kenne den belgischen und holländischen Strand, ich kenne das Engadin mit
+seinen himmelhohen Bergen und grünen Matten, aber die eigene Stadt?
+Berlin ist vielleicht vielen, vielen Menschen, die es bewohnen, ein
+Rätsel. Papa unterstützt die Kunst und die Künstler. Es ist Handel, was
+er treibt. Nun, Fürsten treiben ebenfalls oft Handel, und dann sind die
+Geschäfte Papas von einer absoluten Vornehmheit. Er kauft und verkauft
+Gemälde. Es hängen sehr schöne Gemälde in unserer Wohnung. Die Sache mit
+Vaters Geschäften, glaube ich, ist so: die Künstler verstehen in der
+Regel nichts von Geschäften, oder sie dürfen aus irgendwelchen Gründen
+nichts davon verstehen. Oder es ist so: die Welt ist groß und
+kaltherzig. Die Welt denkt nie an die Existenz von Künstlern. Da tritt
+nun mein Vater auf, der Weltmanieren besitzt und allerhand
+bedeutungsreiche Beziehungen hat und macht diese im Grunde vielleicht
+ganz kunstunbedürftige Welt auf die Kunst und auf die Künstler, die
+darben, auf schickliche und kluge Art aufmerksam. Papa verachtet oft
+seine Käufer. Aber er verachtet oft auch die Künstler. Es kommt da ganz
+darauf an.
+
+Nein, ich möchte nirgends anderswo fest wohnen als in Berlin. Leben die
+Kinder der Kleinstädte, solcher Städte, die ganz alt und morsch sind,
+schöner? Gewiß gibt's dort manches, was es bei uns nicht gibt. Romantik?
+Ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich etwas, was nur noch halb lebt,
+für romantisch halte. Das Defekte, Zerbröckelte, Kranke, z. B. eine
+uralte Stadtmauer. Das, was zu nichts nützt, was auf geheimnisvolle Art
+schön ist, das ist romantisch. Ich träume gern von derartigen Dingen,
+und wie ich empfinde, genügt es, davon zu träumen. Schließlich ist das
+Romantischste, was es gibt, das Herz, und jeder fühlende Mensch trägt
+alte Städte, die von uralten Mauern umschlossen sind, in sich. Unser
+Berlin platzt bald überhaupt von Neuheit. Vater sagt, alles historisch
+Denkwürdige werde hier verschwinden, das alte Berlin kenne kein Mensch
+mehr. Vater weiß alles oder wenigstens fast alles. Nun, davon profitiert
+natürlich seine Tochter. Ja, kleine, mitten in der Landschaft gelegene
+Städte mögen schon auch schön sein. Es wird da reizende verborgene
+Schlupfwinkel zum Spielen geben, Höhlen, in die man hineinkriechen kann,
+Wiesen, Felder und nur ein paar Schritte weit entfernt der Wald. Solche
+Ortschaften sind ganz wie von Grün umkränzt, aber Berlin hat einen
+Eispalast, wo die Menschen mitten im heißesten Sommer Schlittschuh
+fahren. Berlin ist allen übrigen deutschen Städten eben einmal voran, in
+allen Dingen. Es ist die sauberste, modernste Stadt der Welt. Wer sagt
+das? Nun, natürlich Papa. Wie gut er eigentlich ist. Ja, ich kann viel
+von ihm lernen. Unsere Berliner Straßen haben alles Schmutzige und
+Holprige überwunden. Sie sind so glatt wie Eisflächen, und sie schimmern
+wie peinlich polierte Fußböden. Gegenwärtig sieht man einzelne Menschen
+Rollschuh laufen. Wer weiß, vielleicht werde ich das auch eines Tages
+tun, wenn es nicht vorher schon wieder außer Mode geraten ist. Es gibt
+hier Moden, die kaum Zeit haben, recht aufzutreten. Voriges Jahr haben
+alle Kinder, auch viele Erwachsene, Diabolo gespielt. Nun, dieses Spiel
+ist aus der Mode, man mag es nicht mehr spielen. So wechselt alles ab.
+Berlin gibt immer den Ton an. Es ist niemand zur Nachahmung
+verpflichtet, und doch ist die Frau Nachahmung die große und erhabene
+Gebieterin dieses Lebens. Jedermann ahmt nach.
+
+Papa kann reizend sein, er ist eigentlich immer nett, aber zuweilen wird
+er wütend, über was, das kann man nicht wissen, und dann ist er häßlich.
+Ja, ich merke es an ihm, wie die heimliche Wut, wie der Mißmut den
+Menschen häßlich macht. Ist Papa nicht gut aufgelegt, so fühle ich mich
+unwillkürlich als geprügelter Hund; und deshalb sollte Papa vermeiden,
+seiner Umgebung, auch wenn sie nur aus einer Tochter besteht, seine
+Unpäßlichkeit und seine innere Unzufriedenheit zu zeigen. Väter begehen
+da, gerade da, Sünden. Das empfinde ich lebhaft. Aber wer hat keine
+Schwächen, keine, gar keine Fehler? Wer ist ohne Sünde? Eltern, die es
+nicht für nötig erachten, ihren Kindern ihre persönlichen Stürme
+vorzuenthalten, würdigen dieselben im Nu zu Sklaven herab. Böse
+Stimmungen soll ein Vater im stillen besiegen (aber wie schwer ist das!)
+oder er soll sie zu fremden Leuten tragen. Eine Tochter ist eine junge
+Dame, und in jedem gebildeten Erzeuger soll ein Kavalier lebendig sein.
+Ich sage ausdrücklich: ich befinde mich bei Vater überhaupt wie im
+Paradies, und wenn ich Mängel an ihm entdecke, so ist es die ohne
+Zweifel von ihm auf mich übergegangene, also seine, nicht meine
+Klugheit, die ihn scharf beobachtet. Papa mag nur füglich seinen Zorn an
+Leuten auslassen, die von ihm in gewisser Beziehung abhängig sind. Es
+umflattern ihn genug solche Leute.
+
+Ich habe meine eigene Stube, meine Möbel, meinen Luxus, meine Bücher
+usw. Gott, ich bin eigentlich sehr reich ausgestattet. Bin ich Papa
+dankbar dafür? Welch eine geschmacklose Frage. Ich bin ihm gehorsam, und
+dann bin ich doch sein Besitz, und er darf schließlich doch stolz auf
+mich sein. Ich mache ihm Gedanken, ich bin seine häusliche Sorge, er
+darf mich anschnauzen, und ich sehe es immer als eine Art von
+feinsinniger Pflicht an, ihn auszulachen, wenn er mich anschnauzt. Papa
+schnauzt gern an, er hat Humor und ist zugleich temperamentvoll.
+Weihnachten überhäuft er mich mit Geschenken. Übrigens sind meine Möbel
+von einem gewiß nicht unberühmten Künstler entworfen. Papa verkehrt fast
+nur mit Leuten, die irgendeinen Namen haben. Er verkehrt mit Namen.
+Steckt in solch einem Namen etwa auch noch ein Mensch, um so besser. Wie
+gräßlich muß es sein, zu wissen, daß man berühmt ist und zu fühlen, daß
+man das gar nicht verdient. Ich stelle mir viele solcher Berühmtheiten
+vor. Ist solch ein Ruhm nicht wie eine unheilbare Krankheit? Wie ich
+mich nur ausdrücke. Meine Möbel sind weiß lackiert und von einer
+kunstverständigen Hand mit Blumen und Früchten bemalt. Die sehen reizend
+aus, und der sie bemalt hat, ist ein ausgezeichneter Mensch, der von
+Vater sehr geschätzt wird. Wen Vater schätzt, der soll sich aber auch
+geschmeichelt fühlen. Ich meine, es bedeutet etwas, wenn Papa
+wohlwollend zu jemandem ist, und diejenigen, die das nicht empfinden und
+tun, als wenn es ihnen pipe sei, die schaden sich natürlich. Die blicken
+zu wenig hell in die Welt. Ich halte meinen Vater für einen durchaus
+seltenen Menschen; daß er in der Welt Einfluß ausübt, liegt klar auf der
+Hand. -- Viele meiner Bücher langweilen mich. Nun, dann sind es eben
+nicht die rechten, wie z. B. sogenannte Bücher für »das Kind«. Solche
+Bücher sind eine Unverschämtheit. Wie? Man erkühnt sich, Kindern Bücher
+zum Lesen zu geben, die nicht über ihren Horizont hinausgehen? Zu
+Kindern soll man nicht kindlich reden, das ist kindisch. Ich, die ich
+doch auch ein Kind bin, hasse das Kindische.
+
+Wann werde ich aufhören, mich mit Spielsachen abzugeben? Nein.
+Spielsachen sind süß, und ich spiele mit der Puppe noch lang, das weiß
+ich, aber ich spiele bewußt. Ich weiß, daß es dumm ist, aber wie schön
+ist das Dumme und Nutzlose. So, denke ich mir, empfinden
+Künstlernaturen. Zu uns, d. h. zu Papa, kommen öfters verschiedene
+jüngere Künstler essen. Nun, sie werden eingeladen, und dann erscheinen
+sie. Oft schreibe die Einladungen ich, oft das Fräulein, und es herrscht
+dann eine große, amüsante Munterkeit an unserm Eßtisch, der natürlich,
+ohne zu prahlen oder geflissentlich zu prunken, wie der gedeckte Tisch
+eines feinen Hauses aussieht. Papa umgibt sich scheinbar sehr gern mit
+jungen Leuten, mit Leuten, die jünger sind als er, und doch ist er
+eigentlich immer der Lebhafteste und Jüngste. Man hört die meiste Zeit
+ihn reden; die übrigen horchen, oder sie erlauben sich kleine
+Bemerkungen, was oft sehr drollig ist. Vater überragt sie alle an
+Bildung und Schwung der Weltauffassung, und alle diese Leute lernen von
+ihm, das sehe ich deutlich. Oft muß ich lachen bei Tisch, dann kriege
+ich eine sanfte oder unsanfte Zurechtweisung. Ja, und nach dem Essen
+wird bei uns gefaulenzt. Papa legt sich aufs Ledersofa und fängt an zu
+schnarchen, was eigentlich recht schlechter Ton ist. Aber in Papas
+Benehmen bin ich verliebt. Mir gefällt auch seine aufrichtige
+Schnarcherei. Will man, oder kann man denn immer Unterhaltung machen?
+
+Vater gibt sicher viel Geld aus. Er hat Einnahmen und Ausgaben, er lebt,
+er erzielt Gewinne, und er läßt leben. Er sieht sogar ein wenig nach
+Vergeudung und Verschwendung aus. Er ist stets in Bewegung. Ganz
+offenbar gehört er zu den Menschen, für die es ein Genuß, ja eine
+Notwendigkeit ist, immer irgend etwas zu riskieren. Es ist bei uns viel
+von Erfolg und Mißerfolg die Rede. Wer bei uns ißt und mit uns verkehrt,
+der hat irgendwelche kleinere oder größere Erfolge in der Welt erzielt.
+Was ist Welt? Ein Gerücht, ein Gerede? Mein Vater steht jedenfalls
+mitten drin, in diesem Gerede. Vielleicht dirigiert er es sogar bis zu
+gewissen Grenzen. Papas Ziel ist auf alle Fälle, Macht auszuüben. Er
+sucht sich und diejenigen, für die er sich interessiert, zu entfalten,
+zu behaupten. Sein Grundsatz ist: für wen ich mich nicht interessiere,
+der schadet sich. Infolge dieser Auffassung ist Papa immer von seinem
+gesunden Menschenwert durchdrungen und kann fest und sicher auftreten,
+und das schickt sich. Wer sich keine Bedeutung zumutet, dem macht es
+nichts, Schlechtigkeiten zu verüben. Wie rede ich? Habe ich das von
+Vater?
+
+Genieße ich eine gute Erziehung? Ich verzichte darauf, das zu
+bezweifeln. Man erzieht mich, wie eine Großstädterin erzogen werden
+soll, mit Vertraulichkeit und zugleich mit einer gewissen gemessenen
+Strenge, die mir erlaubt und zugleich gebietet, mich an Takt zu
+gewöhnen. Der Mann, der mich heiraten wird, muß reich sein oder er muß
+begründete Aussichten auf einen festen Wohlstand besitzen. Arm? Ich kann
+nicht arm sein. Mir und Geschöpfen, die mir gleichen, ist es unmöglich,
+pekuniäre Not zu leiden. Das sind Dummheiten. Im übrigen werde ich ganz
+bestimmt die Einfachheit der Lebensführung bevorzugen. Ich mag äußern
+Prunk nicht leiden. Die Schlichtheit muß ein Luxus sein. Schimmern muß
+es von Propperkeit in jeder Beziehung, und solche bis ins Letzte
+geforderte Lebensreinlichkeit kostet Geld. Die Annehmlichkeiten sind
+teuer. Wie energisch ich da rede. Ist das nicht ein bißchen
+unvorsichtig? Werde ich lieben? Was ist Liebe? Was für Seltsamkeiten und
+Herrlichkeiten müssen mir noch bevorstehen, da ich mir noch so unwissend
+vorkomme in Dingen, für deren Kenntnis ich noch zu jung bin. Was werde
+ich erleben?
+
+
+
+
+Brentano
+
+
+Er sah keine Zukunft mehr vor sich, und die Vergangenheit glich, wie
+sehr er sich auch bemühte, sie erklärlich zu finden, etwas
+Unverständlichem. Die Rechtfertigungen zerstoben, und das Gefühl der
+Wollust schien immer mehr zu verschwinden. Reisen und Wanderungen,
+ehemals seine geheimnisvolle Freude, waren ihm seltsam zuwider geworden;
+er fürchtete sich, einen Schritt zu tun, und er erbebte wie vor etwas
+Ungeheuerlichem vor dem Wechsel des Aufenthaltsortes. Er war weder
+ehrlich heimatlos noch auch redlich und natürlich irgendwo in der Welt
+zu Hause. Er hätte so gern ein Orgelmann oder ein Bettler oder ein
+Krüppel sein mögen, damit er Ursache hätte, um das Mitleid und um das
+Almosen der Menschen zu flehen, aber noch inbrünstiger wünschte er zu
+sterben. Er war nicht tot und doch tot, nicht bettelarm und doch solch
+ein Bettler, aber er bettelte nicht, er trug sich auch jetzt noch
+elegant, machte auch jetzt noch, ähnlich einer langweiligen Maschine,
+seine Verbeugungen und machte Phrasen und entrüstete und entsetzte sich
+darüber. Wie qualvoll kam ihm sein eigenes Leben vor, wie lügenhaft
+seine Seele, wie tot sein elender Körper, wie fremd die Welt, wie leer
+die Bewegungen, Dinge und Geschehnisse, die ihn umgaben. Er hätte sich
+in einen Abgrund hinunterstürzen mögen, er hätte einen Glasberg
+hinanklimmen mögen, er hätte sich auf die Folter spannen lassen mögen,
+und mit Wollust würde er sich als ein Ketzer haben mögen langsam
+verbrennen lassen. Die Natur glich einer Gemäldeausstellung, durch deren
+Räumlichkeiten er mit geschlossenen Augen wanderte, ohne sich gelockt zu
+fühlen, die Augen zu öffnen, da er doch alles mit den Augen schon längst
+durchschaut hatte. Es war ihm, als sähe er den Menschen durch die Körper
+mitten durch die elendiglichen Eingeweide, es war ihm, als höre er sie
+denken und wissen, als sähe er sie Irrtümer und Albernheiten begehen,
+als könne er es einatmen, wie unzuverlässig, dumm, feig und treulos sie
+seien, und es war ihm zu guter Letzt, als sei er selber das
+Unzuverlässigste, Lüsternste und Treuloseste, was es gebe auf der Erde,
+und er hätte laut aufschreien, laut um Hilfe rufen, in die Knie sinken
+und laut weinen, tage-, wochenlang schluchzen mögen. Dessen aber war er
+nicht fähig, er war leer, hart und frostig, und vor der Härte, die ihn
+erfüllte, schauderte es ihn. Wo waren die Schmelzungen, die
+Bezauberungen, die er empfand, wo die Liebe, die ihn beseligte, die
+Güte, die ihn durchglühte, das endlose meergleiche Vertrauen, an das er
+glaubte, der Gott, der ihn durchentzückte, das Leben, das er umarmte,
+die Wonnen und die Verherrlichungen, die ihn umarmten, die Wälder, die
+er durchwandert, das Grün, das sein Auge erfrischte, der Himmel, in
+dessen Anblick er sich verloren? Er wußte es nicht, so wenig wie er noch
+wußte, was er sollte und wohinaus es mit ihm mußte. O, seine Person.
+Abreißen von seinem Wesen, das noch immer gut war, hätte er sie mögen.
+Die eine Hälfte des Selbst töten, damit die andere nicht zugrunde gehe,
+damit der Mensch nicht zugrunde gehe, damit der Gott in ihm nicht völlig
+sich verlöre. Es war ihm alles noch schön und doch zugleich so
+furchtbar, noch so lieb und gut und doch so zerrissen, und nächtlich war
+alles, und wüst und er selber war seine eigene Wüste. Oftmals, beim
+Anhören eines Tones meinte er zurücksterben zu können in die vorigen
+heißen, empfindungsvollen Sicherheiten, in die bewegliche reiche warme
+Stärke von früher. Wie gespießt auf einen Eisberggipfel kam er sich vor,
+schrecklich, schrecklich. -- -- --
+
+Beim Gehen schwankte er wie ein Fiebernder oder wie ein Betrunkener, und
+er hatte das Gefühl, als müßten die Häuser über ihn umstürzen. Die
+Gärten, so gepflegt sie auch sein mochten, schienen ihm traurig und
+unordentlich dazuliegen, er glaubte an keinen Stolz, an keine Ehre, an
+kein Vergnügen, an keinen wahren, echten Jammer und an keine wahre,
+echte Freude mehr. Wie ein Kartenhaus erschien ihm das bisher feste
+üppige Weltgebäude: nur ein Hauch, ein Schritt, eine leichte Rührung
+oder Bewegung, und es bricht in dünne papierne Platten zusammen. Wie
+dumm, und wie fürchterlich -- --
+
+In die Gesellschaft der Menschen wagte er nicht zu gehen, aus
+panikartiger Furcht, man könnte merken, wie schlimm, wie trostlos es mit
+ihm stand; zu Freunden zu gehen und sich auszusprechen: dieser bloße
+Gedanke peinigte ihn aufs ärgste. Kleist war unzugänglich, ein elender
+grandioser Glücklicher, aus dem kein Wort mehr herauszubringen war. Der
+glich einem Maulwurf, einem Lebendigbegrabenen. Die andern waren ihm so
+schrecklich, so greulich zuversichtlich, und die Frauen? Brentano
+lächelte. Es war ein Gemisch von Kinderlächeln und Teufelslächeln. Und
+er machte eine abwehrende furchtsame Handbewegung. Und dann seine
+vielen, vielen Erinnerungen, wie sie ihn töteten, wie sie ihn marterten.
+Die Abende voller Melodien, die Morgen mit dem Blau und Tau, die heißen,
+tollen, schwülen, wunderbaren Mittagsstunden, der Winter, den er über
+alles liebte, der Herbst -- -- nur nicht denken. Es soll alles
+auseinandergehen, wie gelbe Blätter. Nichts soll stehen, nichts soll
+einen Wert haben, nichts, nichts soll bleiben.
+
+Ein Mädchen aus guten Kreisen, das ebenso klar-vernünftig wie schön
+dachte, sagte ihm eines Tages folgendes: »Brentano, sagen Sie, fürchten
+Sie sich denn nicht vor sich selber, so ohne einen höheren Wert und so
+ohne Inhalt Ihr Leben dahinzuleben? Mußte es mit einem Menschen, den man
+lieben, ehren und bewundern möchte, so weit kommen, daß man ihn beinahe
+verabscheuen möchte? Kann ein Mensch, der so viel und so schön fühlt,
+zugleich so gefühlsarm sein, kann es Sie denn wirklich immer, immer
+wieder hinreißen, sich zu zerstreuen und Ihre Kräfte zu zersplittern?
+Fangen, fesseln Sie sich doch. Sie sagen, daß Sie mich lieben? Und daß
+Sie durch mich glücklich und wahr und aufrichtig würden? Ich aber, o des
+Grauens, Brentano, kann nicht glauben an das, was Sie sagen. Sie sind
+ein Unmensch, Sie sind ein lieber Mensch, und doch ein Unmensch, Sie
+sollten sich hassen, und ich weiß, daß Sie das tun, ich weiß, daß Sie
+sich hassen. Sonst verschwendete ich kein so warmes Wort an Sie. Bitte,
+verlassen Sie mich.«
+
+Er geht und kommt wieder, er schüttet ihr sein Herz aus, er fühlt etwas
+Wunderbares in ihrer Nähe in sich aufquellen, er spricht ihr immer
+wieder von seiner Verlassenheit und von seiner Liebe, sie aber bleibt
+stark und starr und erklärt ihm, daß sie seine Freundin sei, daß es aber
+dabei bleibe, und daß sie nie seine Frau werden kann noch will noch darf
+und ersucht ihn, aufzuhören zu hoffen, daß das je geschehen könne. Er
+verzweifelt, sie aber glaubt nicht an die Tiefe und an die
+Wahrhaftigkeit seiner Verzweiflung. Sie bittet ihn eines Abends in einer
+Gesellschaft von sehr vielen feinen und angesehenen Leuten, er möchte
+ein paar seiner schönen Gedichte vortragen, er tut es und erntet großen
+Beifall. Jedermann ist entzückt über den Wohllaut und über die
+überquellende Lebendigkeit dieser Poesien.
+
+Ein Jahr oder auch zwei Jahre vergehen. Er mag nicht mehr leben, und so
+entschließt er sich denn, sich selber gleichsam das Leben, das ihm
+lästig ist, zu nehmen, und er begibt sich dorthin, wo er weiß, daß sich
+eine tiefe Höhle befindet. Freilich schaudert er davor zurück,
+hinunterzugehen, aber er besinnt sich mit einer Art von Entzücken, daß
+er nichts mehr zu hoffen hat, und daß es für ihn keinen Besitz und keine
+Sehnsucht, etwas zu besitzen, mehr gibt, und er tritt durch das finstere
+große Tor und steigt Stufe um Stufe hinunter, immer tiefer, ihm ist nach
+den ersten Schritten, als wandere er schon tagelang, und kommt endlich
+unten, ganz zu unterst, in der stillen kühlen tiefverborgenen Gruft an.
+Eine Lampe brennt hier, und Brentano klopft an eine Türe. Hier muß er
+lange, lange warten, bis endlich, nach so langer, langer Zeit des
+Harrens und Bangens, ihm der Bescheid und der grausige Befehl erteilt
+wird, einzutreten, und er tritt mit einer Schüchternheit, die ihn an
+seine Kindheit erinnert, ein, und da steht er vor einem Mann, und dieser
+Mann, dessen Gesicht mit einer Maske verhüllt ist, ersucht ihn schroff,
+ihm zu folgen. »Du willst ein Diener der katholischen Kirche werden?
+Hier durch geht es.« So spricht die düstere Gestalt. Und von da an weiß
+man nichts mehr von Brentano.
+
+
+
+
+Aus Stendhal
+
+
+Stendhal erzählt in seinem schönen Buch von der Liebe eine ebenso
+einfache wie schauervolle und tragische Geschichte, die von einer Gräfin
+und von einem jungen Pagen handelt, die sich lieben, weil sie ein süßes
+Gefallen aneinander finden. Der Graf ist eine finstere,
+schrecknisversprechende Figur. Die Liebesgeschichte spielt in
+Südfrankreich. Ich stelle mir Südfrankreich reich an mittelalterlichen
+Burgen, Kastellen und Schlössern vor, und die Luft träumt und lispelt
+dort von holder, heimlicher, schwermütiger Liebe. Es ist ziemlich lange
+her, daß ich die Geschichte gelesen habe, die in einem sonderbaren
+altmodischen naiven Französisch geschrieben ist, welches rauh und
+lieblich zugleich klingt. Auch die Sitten müssen damals rauh und dennoch
+schön gewesen sein. Da sehen sie sich also an, die Frau und der
+Edelknabe, und so gewöhnen sich ihre Augen aneinander. Sie lächeln, wenn
+sich ihre Blicke begegnen, und doch kennen beide wohl die grausame
+barbarische Gefahr, in die sie sich begeben, wenn sie glücklich sind im
+gegenseitigen Wohlgefallen. Der junge Mann singt so schön, da bittet sie
+ihn, etwas zu singen, und er tut es, er greift zum Instrument, das er
+mit Grazie zu handhaben weiß, und singt ein Liebeslied dazu, und sie
+lauscht ihm, sie lauscht seinen Tönen. Ihr Gatte ist ein Liebhaber der
+Jagd und der wilden Raufereien. Händel und Krieg interessieren ihn mehr
+als die Lippen der Frau, die der milden wonnigen Mainacht an Schönheit
+gleicht. So begegnen sich denn eines Tages, zu gegebener Stunde, die
+Lippen des jungen Edelknechtes und der schönen Frau, und das Ergebnis
+dieser reizenden Begegnung ist ein langer, heißer, wilder, süßer,
+herrlicher Kuß, an dessen Wonne die beiden zu sterben wünschen. Das
+Gesicht der Gräfin ist mit einer heiligen, entsetzlichen Blässe bedeckt,
+und in ihren großen dunklen Augen flammt und lodert ein verzehrendes
+Feuer, das mit dem Himmel und mit der Hölle verwandt ist. Doch sie
+lächelt ein seliges, überglückliches Lächeln, das einer duftenden,
+träumerischen Blüte gleicht. Zu bedenken ist, daß diese Frau, indem sie
+am Kusse hängt, zum Tode entschlossen ist, da der Graf, ihr Gemahl, ein
+schrecklicher Mann ist, von dem sie weiß, daß er tötet, wenn er in Zorn
+gerät. Auf wie hohe Art liebt sie, wenn sie liebt, wo sie weiß, daß die
+Liebe ihr das Leben kostet, wenn es auskommt, was nicht auskommen soll,
+was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des Geliebten hängt an
+einem Haar, wo er sich dem Vergnügen des Kusses hingibt, woraus
+notwendig folgt, daß es ein Vergnügen hoher Art ist, das er kostet. Der
+Liebende und die Liebende sind beide gleich kühn, gleich entschlossen
+zum Äußersten, aber sie genießen dafür auch das Höchste. Sie erleben den
+Gipfel des Lebens, da sie spielen mit ihrem Leben, und nur so ist es
+möglich, den Gipfel zu erreichen. Wo das Leben nie in Gefahr ist, gibt
+es nie eine Beseligung eben dieses Lebens.
+
+
+
+
+Kotzebue
+
+
+Eigentlich kann man nicht sagen, daß Kotzebue Unvergängliches geschaffen
+hat, obgleich man doch seinen kotzebutzlichen katzlichen Namen auch
+heute noch hin und wieder nennt. Es ist mit Berühmtheiten, vielmehr
+Unsterblichkeiten, wie Kotzebue eine ist, ein seltsames Ding. Ich
+persönlich, das heißt: still für mich, stelle mir vor, daß Kotzebue
+entsetzlich gewesen ist. Er bestand nicht aus Knochen und anliegendem
+zähen oder weichlichem Fleisch, nein, er war Asche. So blies man zum
+Beispiel: und weg war Kotzebue. Kotzebue hat einer stets dankbaren und
+freundlich-anhänglichen Nachwelt seine massiven, sämtlichen, gepreßten,
+gedruckten, in Kalbsleder gebundenen, gekotzten und gebutzten Werke
+hinterlassen, und dennoch, so darf man sich wohl erdreisten, zu sagen,
+wird er kaum noch je wieder gelesen. Die ihn lesen, müssen erblassen,
+und die ihn nicht lesen, scheinen nicht viel zu verlieren, indem sie ihn
+ignorieren. Immerhin ist er ein Biedermann. Sein Gesicht war ganz
+verkrochen und verborgen in einem ungeheuerlich großen und kühnen
+Rockkragen. Einen Hals hatte Kotzebue gar nicht. Seine Nase war lang,
+und was seine Augen betrifft, so glotzten sie. Er hat zahlreiche
+Lustspiele geschrieben, die mit glänzendem Kassensturzerfolg während der
+Zeit, da Kleist verzweifelte, aufgeführt worden sind. Im allgemeinen,
+das muß man ihm lassen, hat er saubere Arbeit geliefert. Wenn man in
+Kotzebues Nähe trat, so kutzelte und kotzelte es ganz bedenklich, und
+diejenigen Mitmenschen und Zeitgenossen, die mit ihm zu tun hatten,
+schämten sich unwillkürlich, daß sie lebten. So und nicht anders war es
+rund um Kotzebue, der denn auch, wie wir hoffen, zu den Heroen der
+deutschen Geisteswelt gerechnet werden darf, wie so mancher andere, der
+ein ebenso seltsamer Kotzebukauz war wie er. Wenn ich nicht ganz vom
+Irrtum befangen bin, war er in Weimar tätig. Wo er aber erzogen worden
+ist, und wer ihm sein bischen Bildung eingeimpft hat, das wissen die
+Götter. Die Götter wissen alles. Die Großherzigen, die Gütigen! Sie
+wissen sogar über einen Kotzebue Bescheid. Kotzebue hat die Götter in
+jeder Beziehung beleidigt, und zwar durch nichts andres als einzig und
+allein schon dadurch, daß er sich einbildete, er habe die Pflicht, sich
+für was Bedeutendes zu halten. Ein dummer Mensch, der Sand hieß, glaubte
+in seiner Blindheit, die Welt von Kotzebue befreien zu sollen und schoß
+ihm eine Kugel durch den Schädel. So endete Kotzebue.
+
+
+
+
+Büchners Flucht
+
+
+In der und der geheimnisvollen Nacht, durchzuckt von der häßlichen und
+entsetzlichen Furcht, durch die Häscher der Polizei arretiert zu werden,
+entwischte Georg Büchner, der hellblitzende jugendliche Stern am Himmel
+der deutschen Dichtkunst, den Roheiten, Dummheiten und Gewalttätigkeiten
+des politischen Gaukelspiels. In der nervösen Eile, die ihn beseelte, um
+schleunigst fortzukommen, steckte er das Manuskript von »Dantons Tod« in
+die Tasche seines weitschweifigen, kühn geschnittenen Studentenrockes,
+aus welcher es weißlich hervorblitzte. Sturm und Drang fluteten, einem
+breiten königlichen Strom ähnlich, durch seine Seele; und eine vorher
+nie gekannte und geahnte Freude bemächtigte sich seines Wesens, als er,
+indem er mit raschen und großen Schritten auf der mondbeglänzten
+Landstraße dahinschritt, das weite Land offen vor sich daliegen sah, das
+die Mitternacht mit ihren großherzigen, wollüstigen Armen umarmte.
+Deutschland lag sinnlich und natürlich vor ihm, und es fielen dem edlen
+Jüngling unwillkürlich einige alte schöne Volkslieder ein, deren
+Wortlaut und Melodie er laut vor sich hersang, als sei er ein
+unbefangener, munterer Schneider- oder Schustergeselle, befindlich auf
+nächtlicher Handwerkswanderung. Von Zeit zu Zeit griff er mit der
+schlanken feinen Hand nach dem dramatischen, nachmals berühmt gewordenen
+Kunstwerk in der Tasche, um sich zu überzeugen, daß es noch da sei. Und
+es war noch da, und ein fröhliches, lustsprudelndes Gewaltiges überkam
+und überrieselte ihn, daß er sich in der Freiheit befand, eben da er in
+das Kerkerloch des Tyrannen hatte wandern sollen. Schwarze, große,
+wildzerrissene Wolken verdeckten oft den Mond, als wollten sie ihn
+einkerkern, oder als wollten sie ihn erdrosseln, aber stets wieder trat
+er, gleich einem schönen Kind mit neugierigen Augen, aus der
+Umfinsterung an die Hoheit und an die Freiheit hervor, Strahlen auf die
+stille Welt niederwerfend. Büchner hätte sich vor lauter wilder, süßer
+Flüchtlingslust auf die Knie an die Erde werfen und zu Gott beten mögen,
+doch er tat das in seinen Gedanken ab, und so schnell er laufen konnte,
+lief er vorwärts, hinter sich das erlebte Gewaltige und vor sich das
+unbekannte, noch unerlebte Gewaltige, das ihm zu erleben bevorstand. So
+lief er, und Wind wehte ihm in das schöne Gesicht.
+
+
+
+
+Birch-Pfeiffer
+
+
+Wenn jemals jemand, so kalkuliere ich, Talent besessen hat, so war es
+die berühmte Birch-Pfeiffer. Sie hat in dem idyllisch gelegenen Zürich
+gewohnt und nannte sich Gräfin. Dick und zugleich gewissermaßen schlank
+von Figur, war sie eine imponierende, ja, man darf sagen, berückende und
+bezaubernde Erscheinung. Alles huldigte ihr, alles und jedes kniete vor
+ihr nieder. Sie hat sowohl als Mensch wie als Dichterin die üppigsten
+Erfolge errungen. Sie erschwang sich, indem sie ihre breiten Röcke
+raffte, mit einem prachtvollen Schwung die Bühne, und von da an
+beherrschte sie sie. Sie war eine Begnadete, und sie selbst teilte in
+Hülle und Fülle Gnaden, Genüsse und Entzückungen aus. Noch heute, nach
+so vielen Jahren, werden ihre Bonbons, das heißt: Stücke gegeben. Sie
+hat so süß und so liebreizend gedichtet, daß alle diejenigen Leute, die
+ins Theater liefen, um sich ihr Stück anzusehen, vor Rührung und
+Seelenbeklemmung weinen mußten. Sie hat einer liebelechzenden Welt das
+Rührstück, das stets auch zugleich Zugstück war, vor die Nase geworfen,
+und die gerührte und erschütterte Welt dankte ihr, indem sie sie hochhob
+und im Triumph auf der Achsel herumführte. Eins ihrer am häufigsten
+gegebenen Stücke heißt: Das Lorle oder Dorf und Stadt, Schauspiel in
+fünf Ab- und Aufzügen. Während ein Büchner, der zu gleicher Zeit lebte
+wie die Birch-Pfeiffer, so gut wie verschollen und unbekannt blieb,
+schrie man nach ihr, und wenn sie vor dem Vorhang, breit und groß, wie
+sie war, erschien, so wollte der Jubel kein Ende nehmen. Noch einige
+Merkwürdigkeiten, die die große Frau an sich hatte, wollen wir uns
+erlauben zum besten zu geben: O, daß wir stürben am Andenken an die
+Unvergleichliche und Unvergeßliche. Die Süße, sie hatte einen so starken
+Busen, daß, wer sie zu Gesicht bekam, umfiel, als wäre er von einer
+Kanonenkugel getroffen worden. Gleich einem beweglichen Hektoliterfaß
+stürmte sie daher, und ihre Adlernase konnte niemand anschauen, ohne
+aufs tiefste von dem edlen Anblick betroffen zu sein. Sie trug, so heißt
+es in den Annalen, mit Vorliebe grellgelbe Strümpfe mit
+getrocknet-schwarzen Strumpfbändern. Ihre Taille war mächtig, und ihr
+Rücken stemmte sich hinten hoch zu Berg, als wenn er zersprengen wollte.
+Ihre gewitterdunklen Augen blickten stets strafend, und ihr Mund war
+zugebissen. So, das sind einige der markantesten Züge. Es bliebe noch
+manches zu sagen -- aber wir wollen lieber schweigen und ... ehren!
+
+
+
+
+Lenz
+
+
+Sesenheim. Stube
+
+=Friederike=: Warum sind Sie traurig, lieber Herr Lenz? Machen Sie doch
+eine muntere Miene. Sehen Sie: ich bin so fröhlich. Kann ich denn etwas
+dafür, daß ich guter Laune bin? Nehmen Sie mir das übel? Nehmen Sie mir
+übel, daß ich nicht trüb und mißgestimmt sein mag? Wie kommt mir nur
+heute die Welt so schön vor. Ihnen nicht?
+
+=Lenz=: Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muß hinaus. Schnell. Sie
+sind glücklich, Sie sind göttlich. Um so elender bin ich. Wenn ich Sie
+so schön sehe, muß ich Sie beim Kopf nehmen und küssen, und das wollen
+Sie nicht, das werden Sie nie wollen, nie wünschen. Wir sind nicht für
+einander. Ich bin für nichts auf der Welt.
+
+=Friederike=: Warum nur gleich so den ganzen Mut sinken lassen. Sie
+können mir recht weh tun. Sie könnten mir eine wahre Lust schenken, wenn
+Sie sich ein wenig wohlbefinden wollten, aber das wollen Sie nicht.
+
+=Lenz=: Ich kann nicht.
+
+=Friederike=: Ja, gehen Sie. Gehen Sie hinaus. Lassen Sie mich. Es ist
+besser.
+
+=Lenz=: Wissen Sie, wie ich Sie liebe? Wie ich Sie vergöttere?
+
+=Friederike=: Das hätten Sie nicht nötig gehabt zu sagen. Hier kommt
+Goethe. Weiß Gott, es nimmt mich, es reißt mich, wie ich diesen lieben
+Menschen sehe.
+
+
+Friederikens Kammer. Dämmerung
+
+=Lenz=: Leise, leise. Daß nur ja kein Mensch mich sieht. Wie bin ich
+abscheulich. Aber es ist besser, abscheulich und häßlich sein als so
+trostlos. Mag denn ein Elender auch seine Freude haben. Warum muß einem
+Menschen gar nichts, gar nichts und einem andern alles, was es Schönes
+gibt, gegönnt sein? Lieber verworfen sein als gar nichts sein. O Natur.
+Wie himmlisch bist du. Selbst denen, die dich entstellen, wirfst du
+Wonnen und Seligkeiten vor die Seele. Hier sind ihre Strümpfe. (Küßt
+sie.) Ich bin wahnsinnig. Wie ich zittre. So zittert der Verbrecher. Wie
+heilig mir diese Gegenstände sind. Wie's mir über den Kopf kommt. Wenn
+jemand käme. Fort. Ich wäre auf immer zuschanden.
+
+
+Straßburg. Auf dem Münster
+
+=Goethe=: Wie herrlich dieser Blick ist. Studium und Genuß sind nie
+besser verbunden als an einem solchen erhabenen Ort. Indem man Lust hat,
+immer weiter mit dem Auge zu schweifen, wird die schöne weite Aussicht
+immer lehrreicher. Dort der Fluß im breiten, wohlwollenden Land, wie er
+schimmert. Wie eine Sage, wie eine alte, gute Wahrheit schlängelt er
+sich durch die ausgedehnte Ebene. Dort hinten in der Ferne die Berge.
+Man kann alles auf einmal sehen und sich doch nicht satt sehen. Unser
+Auge ist eine seltsame Maschine. Es greift und läßt alles wieder fahren.
+Da unten in den alten, lieben Gassen: wie sie treten, gehen und
+tagewerken, die traumhaft befangenen Menschen. Man kann von hier oben
+herab so recht sehen, wie wohltätig und wie rechtschaffen wir sind
+ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer
+wieder das Schöne?
+
+=Lenz=: In unsere deutsche Literatur muß der Sturm fahren, daß das alte,
+morsche Haus in seinen Gebalken, Wänden und Gliedern zittert. Wenn die
+Kerls doch einmal natürlich von der Leber weg reden wollten. Mein
+»Hofmeister« soll sie in eine gelinde Angst jagen. Jagen, stürmen. Man
+muß klettern. Man muß wagen. In der Natur ist es wie in Rauschen und
+Flüstern von Blut. Blut muß sie in ihre aschgrauen, blassen, alten
+Backen bekommen, die schöne Literatur. Was: schön. Schön ist nur das
+Wogende, das Frische. Ah, ich wollte Hämmer nehmen und drauflos hämmern.
+Der Funke, Goethe, der Funke. Die »Soldaten«, bilde ich mir ein, müssen
+so etwas wie ein Blitz werden, daß es zündet.
+
+=Goethe= (schaut ihn an, lächelt).
+
+
+Gasse. Es regnet
+
+=Lenz=: Es wird mir hier alles barbarisch. Ich verkomme. Kein
+Fingerzeig. Die Illusionen schwinden. Kein Traum mehr. Und wie tot, wie
+schwül ist alles. Muß es denn gerade jetzt regnen? Wozu ist überhaupt
+der Regen? Der Regen ist dazu da, daß es Regenschirme und nasse Straßen
+in der Welt gibt. Unter meinen Augen ist es mir siedend heiß. Am
+liebsten möchte ich jetzt kriechen. Dieses ewige Gehen. Was man sich
+doch für dumme Mühe macht ...
+
+
+Weimar. Saal im Schloß
+
+=Die Herzogin=: Also so sehen Sie aus? Treten Sie ungescheut näher. Wie
+man Sie willkommen heißt, dürfen Sie auch ein Zutrauen haben. Ihre
+dramatischen Arbeiten sehen Ihnen ähnlich. Es ist etwas Schüchternes und
+etwas Wildes an beiden. Legen Sie beides ein wenig ab, so werden Sie
+mehr Genuß an Ihrem Dichterfeuer und an Ihnen selbst haben. Es freut
+mich aber wirklich sehr, daß Sie Neigung gefunden haben, zu uns zu
+kommen, und hoffentlich wird es Ihnen bald auch bei uns einigermaßen
+behagen. Das Leben will eine gewisse behagliche Wärme und auch eine
+gewisse schickliche Breite haben. Doch ich tu' ja, als wenn ich Ihnen
+einen Vortrag halten wollte. Das will ich und soll ich nicht; ich soll
+mich nur sehr von Herzen freuen, daß Sie hier sind, und das tu' ich,
+glauben Sie es mir. Haben Sie auch schon eine günstige Wohnung gefunden?
+Ja? Das ist gut. Unser Weimar kann Ihnen sicher heimisch werden, es
+bietet mancherlei. Nur müssen Sie es eben, wie es ist, auch zu nehmen
+und zu genießen wissen. Sieht man Sie so, so glaubt man, Sie ein bischen
+schulmeistern zu dürfen. Verübeln Sie, daß ich warm mit Ihnen rede?
+Nicht? Um so besser. Aber ich schwatze, und der Herzog wartet auf mich.
+
+=Lenz= (errötend; sehr unsicher, will etwas sagen).
+
+=Herzogin=: Ach, nur keine sonderlichen Danksagungen. Sagen Sie sie mir
+ein andres Mal. Oder lieber gar nicht. Ihr Gesicht gefällt mir. Das
+genügt. Es hat alle Artigkeiten und Höflichkeiten schon längst
+ausgesprochen. Ich werde sorgen, daß wir uns wiedersehen. (Ab.)
+
+=Lenz=: Schweb' ich? Wo bin ich?
+
+
+Terrasse. Ausblick in den Park
+
+=Lenz=: Ich dichte, schaffe nichts. Dieses ewige Knixen und Schöntun.
+Dieser Frost, diese nichtssagenden Förmlichkeiten. Bin ich noch ein
+Mensch? Warum bin ich enttäuscht? Warum will ich mich nur gar nirgends
+in der Welt anschmiegen? Da war's doch in Straßburg anders. War's denn
+etwa dort besser? Ich weiß nicht. Kann ich nirgends Fuß fassen? Kann ich
+mich nirgends behaupten? Ich fürchte mich. Ich bin grauenhaft.
+
+
+Nacht. Zimmer der Hofdame Gräfin so und so
+
+=Gräfin=: Was soll das heißen?
+
+=Lenz=: Lassen, lassen Sie mich. Vergönnen Sie mir den Genuß, zu Ihren
+Füßen liegen zu dürfen. Wie schön, wie trostreich für die verdurstende,
+schrecklich gepeinigte Seele ist dieser Moment. O, klingeln Sie nicht,
+rufen Sie nicht Ihre Leute. Bin ich denn ein Räuber, ein Einbrecher?
+Freilich bin ich unangemeldet hergestürzt. Wo man liebt: soll man sich
+da erst noch lange um die hergebrachte Sitte kümmern müssen? Wie sind
+Sie schön, und wie bin ich glücklich, und wie feurig, wie innig wünsche
+ich, nicht Ihr Mißfallen zu erregen. Können Worte, die aus der Brust
+eines Menschen kommen, der Sie anbetet, Sie beleidigen? Gewiß ist das ja
+möglich, gewiß, gewiß. Ich Sie beleidigen, ich Sie auch nur mit einem
+Hauch beunruhigen? Wie wäre das möglich? Schauen, schauen Sie mich nicht
+so hart an. Ihre Augen, die so schön sind, haben nicht verdient, daß sie
+so kalt, so unfreundlich, so ungütig blicken müssen. Retten Sie mich.
+Ich bin dem Verderben preisgegeben, wenn Sie kein Gefühl für mich haben.
+Haben Sie kein Gefühl? Dürfen Sie keins haben? Bin ich denn jetzt
+zerschmettert? Bin ich verloren mit allen meinen himmlisch-schönen
+Träumen? Wissen Sie, wie süß, wie schön ich träumte? Doch ich weiß nicht
+mehr, was ich sagen soll. Ich soll schweigen, ich soll jetzt wohl
+einsehen, daß ich die höchste aller Unziemlichkeiten begangen habe, ich
+soll fühlen, daß alles kalt ist, und daß alles zu Ende ist.
+
+=Gräfin=: Ich bin sprachlos.
+
+=Lenz=: Wie schön du bist. Dieser Busen, diese Arme, dieser Körper.
+Können so viele Herrlichkeiten sich anders als sanft gebärden?
+
+=Gräfin=: Entfernen Sie sich auf der Stelle. Soll ich Ihnen erst noch
+sagen, daß Sie bewiesen haben, wie verzweifelt und wie unmöglich Sie
+sind. Sind Sie um die gesunde Vernunft gekommen? Ich muß es glauben.
+
+
+Arbeitskabinett des Herzogs
+
+=Goethe=: Er ist ein Esel.
+
+=Herzog=: Ein unglückliches Kind. Was er getan hat, wäre sonst
+unbegreiflich. Man schaffe ihn auf eine sanfte Manier fort. Mein Hof
+kann dergleichen nicht dulden.
+
+
+
+
+Germer
+
+
+Ein Lebensposten ist gar nicht so ohne. Ganz gewiß nicht. Jedermann
+sieht gern ein, daß mit einer Weltposition hundert kleine Schönheiten,
+Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten verbunden sein können, so zum
+Beispiel die reizende, ruhige Mitgliedschaft zum literarischen
+Lesezirkel. Wer eine Existenz hat, darf sich gemütliche Bockbierabende
+erlauben. Das regelmäßige Einkommen sitzt abends im Konzert oder im
+Theater. Der gute Monatslohn macht mit Schwung und Selbstbewußtsein
+Maskenbälle mit. Und doch hängt an der Lebenspostenexistenz manches, was
+nicht fein ist, unter anderem die Unterminierung der körperlichen und
+geistigen Gesundheit. Hier sei schüchtern an das menschliche
+Nervensystem erinnert.
+
+Germer, langjähriger Inhaber eines schwierigen Wechselportfeuillepostens,
+kann den Atem und die leibliche Bildung seiner Herren Kollegen
+nicht mehr ertragen. Wer gesund und robust ist, der macht
+gern Witze, die Meier vom Landgut und Stadthaus zum Beispiel.
+Diese beiden sind Witzbolde ersten Ranges. Germer ist ungeduldig. Wer
+ungeduldig ist, haßt das gemütliche Bockwurstwitzwesen. Außerdem hat ihn
+die Langjährigkeit seines Postens krank im Geist gemacht. Er macht zwar
+noch immer sein Pflichtchen, freilich, aber mit permanenter
+Zusammenraffung seiner letzten Geniekräfte. Ja, ja, so ein Weltposten.
+
+Fast täglich gibt es in der hochberühmten Bankkomptabilität, so gegen
+halb zwei Uhr mittags, gratis Volksschauspiele. Zugelassen werden
+natürlich nur die Herren Angestellten und Maschinenrechner, aber das ist
+schon ein ganz artiges Theaterpublikum. Vollzählig sind sie da, die
+Senn, die Glauser, die Tanner, die Helbling, die Schürch, die Meier von
+da und dort, die Binz und die Wunderli. Sitz- und Stehplätze werden
+nonchalant, den Zigarrenstumpen im Mund, eingenommen. Duft und Stimmung,
+Wesen und Privatabsicht, Spezielles und Allgemeingültiges, und draußen
+scheint die Sonne. »Herr Germer!« sagt einer. Dieser eine geht langsam
+zu Germer hin und stellt sich dicht neben ihm auf. »Lassen Sie mich!
+Weg!« sagt Germer, indem er mit der gräßlich flachen Hand wegwischt.
+Alles schmettert und schnattert vor Lachen. Ja, ja, so eine duftvolle
+Mittagspause.
+
+Was gesund, rotwangig und robust ist, das muß etwas zum Spielen,
+Unterhalten und Peinigen haben. Schon die lieben Kinder gehen da mit
+einem selten guten Beispiel voran. Wie köstlich macht sich das, und
+solch ein tönendes Lachen, wie ist das göttlich! Das heilige Lachen! Die
+Götter im Olymp sind auch Angestellte. Auch sie langweilen sich
+wahrscheinlich zuzeiten ziemlich stark, und auch sie begrüßen daher
+Gratisvolksschauspiele und -auftritte mit dankbar schallendem Vergnügen.
+Sicher ist die gepriesene Götterwohnung auch nur eine Art Komptabilität,
+gerade wie die unsere, und die Götter und Göttinnen schreiben und
+rechnen und korrespondieren vielleicht auch an solchen schmalen
+Pultreihen, angeschmiedet, gerade wie wir's hier so furchtbar deutlich
+schauen, an öden Lebensposten.
+
+Jedes Ding auf dieser Erde hat seine trivialen zwei Seiten, eine
+schattige düstere und eine fidele helle. Wem das saure tägliche Brot nur
+so auf den Monatssalärtisch fällt, der muß sich verpflichtet fühlen,
+nach und nach zur kontraktlich regelmäßigen Maschine zu werden. Im
+Ernst: dies ist erste und letzte Aufgabe. Germer ist eine schlechte
+Maschine, er beherrscht seine Empfindungen nicht, er tobt, er brüllt, er
+pfeift, er wischt ab, er knirscht mit den Zähnen, er macht großzügige
+Arm- und Handbewegungen, er schreitet einher wie ein König der Bretter,
+die die Welt bedeuten sollen, er ist krank. Es gibt ja Krankheiten, die
+zu Lebensstellungen noch ganz gut passen. Germers Krankheit aber ist der
+scheinbar persönliche und überzeugte Feind seines kräftefordernden
+Postens. Schickt sich das? Wer einen Posten besetzt, der muß alles
+Unpostengemäße wegwischen. Unser Mann aber wischt mit der Hand seinen
+Posten weg. Das ist dumm, weil es unmöglich ist. Niemand kann Existenzen
+abwischen. Germer sagt immer: »Weg! Lassen Sie mich in Ruhe!« Ja, ja, so
+eine defekte Maschine.
+
+Ein Herr Kollege soll auch kollegialisch empfinden. Das Prinzip der
+Kollegialität ist ein herrisches und ein nur zu tief begründetes. Das
+ist so gewesen und wird sicher so bleiben. Ein hungernder Vagabund hat
+nicht nötig, Rücksicht zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer
+aber hat jeden Tag sein Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Spazieren und
+Stumpenrauchen, diese wie vom Himmel auf seine Person heruntergefallenen
+Tischlein-deck-dich-Sachen kommen von der weltgebietenden
+Kollegenschaft. Darf er das hintansetzen? Darf er dem Herrn Buchhalter
+Binz die Zunge ausstrecken, darf er »Affen!« zu den Korrespondenten
+sagen? Ganz gewiß nicht, und doch tut er's, aber nicht er tut's
+eigentlich, seine Krankheit begeht diese Sünden, also ist Germers
+Krankheit ein Feind des mächtigen Kollegengedankens. Meier vom Land, der
+weiß, wie schön es auf dem Land ist, hat schon mehrmals der Idee
+Ausdruck verliehen, daß Germer aufs Land gehöre. Diese Idee wird von
+Kollege Helbling, zur Abwechslung scheinbar, wieder einmal, von Mann zu
+Mann im ganzen Bureau herumgetragen: »Es wäre bald besser, man täte den
+Germer aufs Land.« Chef Hasler, der stets Umsichtige, macht der
+Verbreitung guter Literatur in die breiten Volksschichten ein rasches,
+stirnrunzelndes Ende: »Es ist mir lieber, Sie arbeiten, Helbling.«
+
+Die Landidee ist aber nicht mehr auszurotten. Binz, der Buchhalter im
+Profil, gibt ihr weiteren Ausdruck: »Da hätte er's doch verflucht gut.
+Die Landluft könnte ihn am Ende wieder völlig gesund machen. Hier wird
+er von Tag zu Tag dümmer. Es ist bald eine Schande, so einen Menschen
+überhaupt nur anzusehen. Es ekelt einen ja bald einmal. Auf dem Land
+würde er Sonnenschein und eine leichte Beschäftigung haben. Den halben
+Tag könnte er unter einem Baume im Gras liegen und 'Weg von mir!' sagen.
+Die Mücken und Fliegen würden es ihm beim Eid nicht übelnehmen. Man
+geniert sich bald. Und mit dem Helbling müßte man eigentlich auch bald
+endlich einmal kurzen Prozeß machen. Wenn ich Chef wäre, ich würde hier
+herum allweg bald besser Ordnung machen.« Wenn ich Chef wäre! Herr Binz
+im Quadrat möchte gern Chef der gesamten Abteilung sein. Seiner Nase nach
+steht es schlimm mit der Zucht und Würde in den Buchhaltungsräumlichkeiten.
+An seine dicken täglichen Folianten gedrückt, träumt er
+von eisernen Reformen und von sich als von dem gestrengen
+Vollstrecker derselben. Ja, ja, die Untergebenen.
+
+Es wird auch nicht schlecht über die vermutlichen und vermeintlichen
+Ursachen von Germers geistiger Verwilderung hin und her gesprochen. Der
+Posten ist schuld. Der Posten ist zu aufreibend. Längst gehörte Germer
+vom Posten weg. Jeder andere würde an solch einem Posten ebenfalls
+verrückt. Und dann wird geflüstert, Rüegg sei schuld, Herr Rüegg, der
+Unterchef. Dieser habe den Germer mit kalter Berechnung in den Wahnsinn
+gehetzt. Kein anderer als Rüegg trägt Schuld. Das sei ein Schikaneur von
+der durchtriebensten Sorte. Neben diesem Satan zu arbeiten, das sei eine
+Qual. Erstens das teuflische Portefeuille, zweitens Rüegg, der
+figürliche Teufel. Der Germer sei zu bedauern. Warum sich das Kalb habe
+abhetzen lassen? Jedenfalls müsse er vom Posten weg. Helbling unternimmt
+es bereitwilligst, im ganzen Bureau herum die Qualen des Germerschen
+Postens zu schildern, er malt mit den absichtlich schwärzesten und
+zeitraubendsten Malmitteln. Er schildert wieder einmal Zeit tot. Aber
+Chef Hasler, kunstfeindlich wie immer, zerstört das Wandgemälde.
+
+»Herr Germer, Sie müssen exakter arbeiten,« sagt Rüegg, der Chef des
+Portefeuilles, ein älteres, stilles, bebrilltes, schmächtiges,
+monotones, graues, bebartetes, bleiches Herrchen mit schmachtender,
+bohrender Stimme. »Herr Rüegg, lassen Sie mich in Frieden. Verstanden!
+Weg!« sagt Germer. Nun sind das ja keineswegs Untergebenenworte, noch
+viel weniger Tägliche-Brots-Worte, und noch weniger Worte eines
+Menschen, der fürchten muß, vom Posten weggewischt zu werden. Aber was
+kann man dafür, wenn es in Gottes Namen aus einem heraussprudelt. O wie
+Rüegg Germer haßt, aber noch schrecklicher ist es, wie Germer Rüegg
+haßt, und am fürchterlichsten ist es, wie beide einander in den Tod sich
+hassen. Und doch müssen sie zusammen arbeiten, eng verschlungen wie die
+geschmeidig sein sollenden Bestandteile einer schnurrenden Maschine. Des
+einen Tätigkeit ist futsch ohne die bereitwillige Tätigkeit des andern.
+Macht einer Fehler, so müssen drei drunter leiden, und Germer macht
+immer Fehler, aber er glaubt steif und fest, er arbeite nur deshalb
+schlecht, weil Rüeggs Bosheit ihn kaput macht. Rüegg dagegen ist ein
+feiner, geschmackvoller Mensch, er beteiligt sich nie an den
+»Volksschauspielen«, er behandelt Germer als einen völlig Normalen, und
+das gerade reizt den Kranken: »Weg!« Sagt Hebel _A_ zu Hebel _B_ solche
+Worte? Ja, ja, so ein Bestandteil.
+
+Und jahrelang haben die beiden Hebel _A_ und _B_ zusammen das Rad der
+Arbeit mühsam geschwungen. Unter: »Sie müssen besser arbeiten!« und:
+»Gehen Sie mir weg!« Unter heimlich fressendem Ärger. Rüegg hat den
+Germer immer unter der Brille schräg hinauf angeschaut. Vielleicht haben
+diese Blicke das Ungestüm in Germers Wesen heraufbeschworen. Wer kann
+einer Seele sagen, woran sie erkrankt. Überlassen wir die zeitgemäße
+Beantwortung dieser Frage unsern Herren der Wissenschaft. Die haben's
+Patent drauf. Wenn so eine fleißige, emsige Stille im Saal herrscht,
+pfeift einer plötzlich, und wer ist es? Germer. Auch laut lachen kann er
+plötzlich. Und immer wischt er mit der schrecklich großen und flachen
+Hand etwas aus der Luft weg. Armer Germer.
+
+Ja, ja, das Leben ist hart, Helbling weiß auch ein Lied davon zu singen.
+Man sagt, die eintönigen Lieder seien die rührendsten. Germer ist
+verheiratet, er hat Frau und zwei Kinder, Mädchen, die jetzt anfangen
+zur Schule zu gehen. Alle sechs bis acht Wochen besucht Frau Germer den
+Direktor der Bank, um diesen hochachtbaren Mann weinend zu bitten, er
+möge das Nötige tun und veranlassen, daß man ihren Mann möglichst schone
+und in Ruhe lasse. Es ist der Kollegenschaft bedeutet worden, die
+Veranstaltung von Extravorstellungen zu unterlassen. »Besser wäre, man
+täte ihn aufs Land,« meint Meier vom Land.
+
+
+
+
+Das Büebli
+
+
+Er ist Bankkommis und ein kleiner Kerl, »Säubübli« von seinen Kollegen
+genannt, eine Benennung, die er mit scheinbarer Gleichgültigkeit
+erträgt. Etwas Geringfügiges schwebt um seine Gestalt, und eigentlich
+ist er nur eine Figur, keine Gestalt, nur ein menschliches Etwas, keine
+Erscheinung. Ein bißchen ländlich beträgt er sich, und er stammt in der
+Tat auch vom Land, sein Vater verträgt in dem Dorf, wo er her ist, die
+Briefe. Es soll also wohl oder übel auch etwas Pöstliches an ihm sein,
+ja, beinahe, aber dies kommt ungefähr so schwach zum Ausdruck, wie die
+Mienen an den Personen eines schlechtgeschriebenen Romanes, oder wie das
+Lächeln eines jener geriebenen Menschen, die nicht mit den Lippen,
+sondern mit den Ohrlappen zu lächeln pflegen. Im übrigen heißt unser
+Statist Glauser, Fritz mit Vornamen. Er nimmt Fechtstunden, »so ein
+Dräckbürschli«. Seine Körperhaltung ist infolgedessen eine recht gute,
+die Haltung schulmeistert beständig das, vermöge dessen sie da ist, den
+Körper, und der kleine, gute Glauser-Körper läßt sich ruhig und ergeben
+von der unzufriedenen Geist-Haltung kommandieren. An der Haltung merkt
+man etwas, und am Körper belächelt man etwas, und an Glauser will man
+immer etwas auszusetzen haben.
+
+So zum Beispiel sagt man, er sei ein Streber, was ja nun allerdings ein
+wenig wahr ist, aber sein Strebertum ist ein feines und bewußtes, es
+korrespondiert mit den »Fechtstunden«. Er strebt danach, seinen Herren
+Abteilungschefs und Meistern Vorgesetzten zu gefallen. Keine üble Idee,
+aber in den Augen des Kollegen Senn, des »aufrührischen Vasallen«, ist
+das gemein. Den säuerlich dampfenden und kochenden Atem seines Meisters
+Hasler verträgt Glauser, wenn derselbe unvermutet hinter ihm steht, mit
+Bravour, ja sogar mit Liebe, denn er sagt sich: »Anstandshalber habe ich
+gegen solcherlei Atemübungen nichts einzuwenden. Ein besserer Duft wäre
+mir lieber. Aber wenn Chefs so atmen, so nehme ich 's hin.«
+
+Er ist klug, und er hat Charakter, er kennt keine Torheiten. Seinen
+weiteren Kollegen Helbling verachtet er, aber vorsichtig, und seinen
+noch weiteren Kollegen Tanner hält er für einen netten Kerl, aber für
+prinzipienlos. Helbling will nicht arbeiten, Tanner bezweckt nichts mit
+der Arbeit, aber Glauser arbeitet an seiner persönlichen
+Weiterentwicklung, er fühlt sich berufen, Großes zu erreichen, er macht
+im Geist Karriere.
+
+Er spart auch, er ißt für vierzig oder für dreißig Rappen zu Mittag,
+eine Ausgabe, die ihm imponiert, weil sie zu seinen Plänen paßt. Zu
+rauchen gestattet er sich nicht, obwohl er es gern täte, dafür aber
+trägt er Handschuhe und einen gewichtigen Spazierstock mit silbernem
+Knopf. Es ist dies ein Luxus, aber erstens nur ein einmaliger, und
+zweitens gibt der Mensch, der etwas erstrebt, gerne zu merken, daß es
+ihm eine Unmöglichkeit ist, sich zu unterschätzen.
+
+»Ich bin vom Land,« denkt öfters Glauser, »und habe aus diesem Umstand
+heraus die Verpflichtung, es den Städtern zu zeigen, was ein fester
+Willen vermag.« Er benützt und besucht die Lesehallen, er ist im
+höchsten Grade bildungsbedürftig, und er weiß sich die Vorteile, die die
+Stadt bietet, zu Nutzen zu machen. Er sagt sich: »Diese Städter! Da
+schwärmen sie für die Landschaft. Ihre Bibliotheken vernachlässigen sie.
+Gut, dann übernehmen eben die Söhne vom Land ihre Errungenschaften.«
+
+Glauser hat scheinbar ein Verhältnis mit der Kellnerin des »Ochsen«.
+Dort pflegt er zu Abend zu essen, das ist etwas teurer als im
+Volkswohltätigkeitshaus, man trinkt Bier zu einer Portion saurer Lebern,
+aber es gehört sich, infolgedessen tut er's. Die Verbindung mit dem
+Mädchen kostet nichts, denn sie liebt ihn. Das »Säubübli« ist also
+irgendwo Hahn im Korb, hat irgendwo einen Stein im Brett, das wirkt
+wohltuend, das erhebt, das macht, daß man sich seiner Vorteile beständig
+bewußt bleibt. Da kann man die andern reden lassen.
+
+Sein Gehalt ist ein geringer, aber Glauser verbietet sich auf das
+strengste, von einem höheren Salär zu träumen. So etwas reibt auf und
+ist inkorrekt, denn es lenkt von den Obliegenheiten des Tages ab, und
+das verhindert ein Mensch, der weiß, was Pflicht und Schuldigkeit sind.
+»Das ist helblingisch,« denkt er und ist stolz und froh, sich derart
+bemeistern zu können. Absichtlich macht er Fehler, um ab und zu einen
+Verweis zu hören, aus Diplomatie, damit es nicht in der hintersten Ecke
+heißt: »Dieser kleine Luscheib von Streber!« -- Jeder will gern ein
+bischen populär sein, am liebsten die zukünftigen Herrscher.
+
+An Gehaltszahltagen freuen sich die meisten Angestellten kindlich. Der
+Klang des klimpernden Goldes erinnert an schöne Naturmomente, an
+Genüsse, an das Verhalten-Menschliche. Es spricht eben zu den Herzen und
+zu den Einbildungskräften. Nicht so Glauser. Der begegnet der fein
+lächelnden Angestelltin, die gewöhnlich auszahlt, kalt und gebärdet
+sich, während die liebliche Zahlerin ihres Amtes bei ihm waltet,
+folgendermaßen: »Dummköpfin! Mach's rasch!« -- Es paßt ihm nicht, sich
+zu freuen, seine Lüste sind tieferer und bewußterer Art.
+
+An gemeinschaftlichen Sonntagsvergnügungen nimmt er indessen teil, aus
+Politik, aber auch aus Anstandsgefühl, da er nicht ein versteckter
+Einsamer sein will. So etwas gehört sich, Grund genug, mit dabei zu
+sein. Das Tanzbein schwingt er trocken, aber er schwingt es wenigstens.
+Das Tanzen gehört im Vergleich zum »Saufen« noch in den schönen Kreis
+des Geistigen, demnach hat man sich's in keinerlei Weise zu verbieten.
+Daneben kann Glauser sich ja noch ruhig über die Sache erhaben fühlen,
+sowohl als über den armen Helbling, der dem Vergnügen leidenschaftlich
+ergeben ist, und der sich von der »Sache« hinreißen läßt.
+
+Glauser liest Nietzsche, er liest ihn, aber er läßt sich durch diesen
+Autor nur zeitweise fesseln, niemals bestürmen, auch nicht irgendwelche
+Muster vorschreiben. Er hat seine ganz eigenen Gedanken, ihm imponiert
+so leicht keiner. Die Geschichte Napoleons aber hat es ihm angetan,
+diesen Mann nimmt er zum Vorbild. Daneben ist es eine englische
+Grammatik, der er vorzugsweise seine Nebenstunden widmet. Er ist
+Mitglied des Kaufmännischen Vereines, aber ein laxes, die
+Verbandsinteressen berühren ihn wenig, übrigens ist er erst zwanzig und
+ein halbes Jahr alt.
+
+Gesundheitshalber begibt sich das kleine »Glauserli« fast jeden Mittag,
+während der Bureaupause, zum See hinaus, in die dortigen, hübschen
+Quaianlagen, um sich auf eine Bank zu setzen. Der Schatten ist ihm
+ebenso lieb wie die Sonne, aber um kein Haar lieber. Der Wind ist ihm
+angenehm, aber nicht süß wie »diesem Poeten Tanner«. Die Natur ist
+nützlich und gut, keineswegs entzückend. Auf der Bank liest er ein Buch.
+Drum herum ist Natur, aber eben, das ist es, die Natur ist gut zum
+Drumherumliegen, das Buch ist die Hauptsache. Die Natur wärmt und
+freundet sich an: von selber: eine Art Dienstbotin, eine stumme,
+gutmütige Pflegerin. Man nutzt das aus, denn das lohnt sich.
+
+Schritt für Schritt schreitet unser Held vorwärts, und das heißt soviel
+als, er macht immer seine Sache ordentlich. Nie verspätet er sich. Sein
+Anzug ist ebenso sauber wie seine Arbeiten, die er abliefert, sein
+Auftreten aber entspricht seinen Plänen, das heißt, es ist bescheiden,
+hohe Pläne schreiben das vor. Während er arbeitet, scheint er
+verschwunden zu sein, er ist gar nicht mehr auf der Welt, er lebt in den
+unsichtbaren und unsichtbarmachenden Regionen der Pflichterfüllung.
+»Meine Arbeit ist zu geistlos für mich,« denkt er, aber es genügt ihm,
+daß er diesen Einfall gehabt hat, er macht kein Drama daraus. Er
+arbeitet langsam, Zahl für Zahl, Buchstabe für Buchstabe, richtig,
+gesetzt, leidenschaftslos, wie es sich schickt vor einer Leistung, die
+keine Anforderungen an die Begabung stellt. Das freut ihn kalt, daß es
+so ist. Glauser, »das Lusbübli«, ist von einer durchtriebenen
+Zufriedenheit beseelt, und das ist es, was andern in die Augen sticht,
+denn »dahinter steckt etwas!« --
+
+»Eines Tages,« denkt 'dä chli Hagel', »werde ich ihr Chef sein. Die
+werden sich wundern.« Er hat sich im stillen längst vorgenommen, nie
+Stellung zu wechseln, eigenmächtig, sondern sich langsam an immer
+bessere Posten versetzen zu lassen. Er weiß, daß es jahrelang dauert,
+ehe er avancieren kann, aber das schreckt ihn nicht, im Gegenteil, er
+hat eine diabolische Genugtuung, empfinden zu dürfen, daß man ihm
+reichlich Gelegenheit zum hartnäckig Ausharren geben wird. Er weiß sich
+im Besitz der hierzu erforderlichen Tugenden, und er lacht auf den
+Stockzähnen hinten. Er hat Geduld wie eine Bahnübergangsbarriere. Er
+sieht ja täglich das Muster der natürlichen Ungeduld vor sich, den
+Helbling, der mit den Uhren kokettiert. Von diesem denkt er: »Der
+macht's nicht mehr lange.«
+
+Tanner macht's auch nicht mehr lange. Der arbeitet um des Arbeitens
+willen. Das ist so eine Art zweckloser Künstlernatur! Das still
+beobachtende »Bübli« ist seiner Sache sehr sicher. Nach kurzer Zeit
+fliegen die beiden »hinaus«, Helbling auf dem Wege des Schassens und
+Tanner aus eigenem Drang. Der eine »geht« zwecklos und der andere mit
+Schand und Spott. Glauser aber stickt und zeichnet an dem fein erdachten
+Gewebe seines Berufsprogrammes ruhig weiter.
+
+Er hält das Ding aus, und weit mehr: Die Bureausystemseele ist wie seine
+eigene, das heißt, keine Verdächtigungen! Er meistert eben seine Seele.
+Er sieht: aha, hier geht es so zu, und da geht es sofort in ihm selber
+ähnlich zu. Seine Energie läßt kein Unwohlbefinden aufkommen. So eine
+Seele ist weich, und wozu? Zum Daraufdrücken! Eine Seele ist nach
+Glausers Prinzipien zum Zermalmen da.
+
+O er bringt es weit, aber noch lange nicht. Es geht langsam, aber dann,
+nachdem es ein Leben gedauert hat, wird er konstatieren können, daß er
+es weit gebracht hat. Und wenn er's zu nichts bringt, so hat er doch
+reich gelebt: er hat gewollt! --
+
+
+
+
+Paganini
+
+
+Obwohl dieses Spiel für immer dahin ist, und obwohl meine Ohren es
+niemals vernommen haben, so kann ich doch träumen davon, dichten und
+phantasieren und kann mir vorstellen und ausmalen, wie süß es geklungen
+haben muß, wie herrlich es geklagt, wie wunderbar es gejubelt und wie
+betörend es geschluchzt haben muß. Wo der Name Paganini ausgesprochen
+wird, hört man noch heute die Tonwellen auf und nieder rauschen, sieht
+man heute noch eine gespenstisch dünne und schlanke weiße Hand den
+Zauberbogen führen, glaubt man heute noch sein himmlisches Konzert zu
+hören. Dämonisch soll er gespielt haben auf seinem Seeleninstrument, auf
+der Herzengeige, und ich glaube es. Er gibt Dinge, an die man mit aller
+Gewalt glaubt, an die man glauben -- -- will, und so glaube ich denn,
+daß Paganini zaubervoll spielte und daß er mit seinem Bogen umging, wie
+Napoleon mit seinen Armeen. Gewiß, eine kühne Vergleichung. Doch lassen
+wir das. Er spielte so schön, daß die Frauen ihre geheimsten Träume von
+den Herrlichkeiten der Liebe in Erfüllung gehen sahen, indem sie sich
+von den liebsten und schönsten Lippen geküßt, und zwar mit einer so
+großen Gewalt geküßt fühlten, daß sie vergehen zu müssen meinten. Es war
+nicht, als wenn Hände, nein, es war, als wenn die Liebe selber spielte;
+es war weniger der Gipfel der Geigenspielerkunst, obgleich es ein
+völliger Gipfel war, als vielmehr die bloße, große Seele, die ja aller
+und jeder Kunst erst die Weihe, den Klang und den Inhalt gibt. Dadurch,
+daß er spielte, als wenn er lachte, redete und weinte, küßte und
+mordete, eine Schlacht mitkämpfte und in der Schlacht verwundet wurde,
+ein Pferd bestieg und auf und davon jagte, oder als wenn er in
+unendlicher, unsagbarer Einsamkeit schwermütigen Gedanken nachhinge,
+oder als wenn er auf stürmischer See Schiffbruch litte, oder als wenn er
+zittere im Genuß eines wilden, unverhofften Glückes -- war er dämonisch.
+Weil er einfach war, war er groß. Gütiger Leser, lächle, ich bitte dich,
+über alle diese, wie du sagen wirst, überreizten Einbildungen, doch höre
+weiter, wie er spielte, wie Paganini spielte. Mir ist es, als hörte ich
+ihn in diesem Augenblick toben, wüten, zürnen, schwelgen und spielen. Er
+spielte sein Spiel so herunter, daß die Hörer glaubten, er zerrisse die
+Tonwelt mit dem Bogen, um sie wieder zusammensetzen zu können, sich
+verlierend in Harmonien. Nachtigallen, arabische Feenschlösser, Nächte,
+von denen die träumerische Liebe träumt, Treue, Güte und engelgleiche
+Zärtlichkeiten wurden wahr durch seines Spieles mondscheinmilden Zauber,
+und das Spiel selber, welchem Fürsten mit Vergnügen lauschten, floß
+dahin, wie zerrinnender, unter dem Kuß der Sonne sich langsam, langsam
+auflösender Schnee, floß dahin wie ein musikalischer Honigstrom, sich
+verliebend in die eigene Hoheit, Schönheit und Flüssigkeit. So spielte
+er. Aber er spielte noch viel schöner, er spielte so, daß der Haß sich
+in Liebe, die Treulosigkeit sich in Treue, der Übermut sich in Wehmut,
+der Mißmut sich in Wonne, die Häßlichkeit sich in Schönheit und die
+Hartnäckigkeit sich in süße, purpurn strahlende Freudigkeit,
+Freundlichkeit, Versöhnlichkeit und Willigkeit verwandelte. Goethe
+lauschte seinem märchenhaften Spiel, das ihn entzündete und bis tief in
+die große Seele entzückte. Je größer der war, der ihm zuhörte, um so
+höher und größer war auch der Genuß. Es ist dies ja das Geheimnis des
+Kunstgenusses überhaupt. Paganini wußte im voraus nie genau, wie und was
+er spielen wollte und würde; er ließ sich von den Tönen zu den Tönen,
+von den Stufen zu den Stufen, von den Wellen zu den Wellen, von den
+Unbewußtheiten zu den goldenen Bewußtheiten hinreißen, derart, daß ihm
+das Geigenspiel wie eine stolze Palme aus dem Boden des Beginnens
+emporwuchs und größer und größer, schöner und schöner wurde wie ein
+breites, gedankenvolles, wollüstiges Meer. Ähnlich geht der Mensch durch
+das Leben, nicht wissend, was aus ihm wird, keimend oder fallend, je
+nachdem das Schicksal es will. So war sein Spiel ein schicksalhaftes,
+zwischen Wollen und Sollen schwebendes menschliches Spiel, das darum
+auch alle Herzen gefangen nahm, alle Ohren bezauberte und alle Seelen
+überschwemmte mit seiner Bedeutung. Napoleon hörte ihm zu, zwei volle
+Stunden lang, wiewohl ich mir das vielleicht nur einbilde, wozu ich ein
+gewisses Recht habe, da doch dieser ganze Aufsatz nur auf der Einbildung
+und auf der Erhebung beruht. Strenggläubige Leute, Katholiken wie
+Protestanten, lauschten ihm mit Freuden, denn es strömte Religion, wie
+liebliche nahrhafte Milch, aus seinem Bogen. Seine Kunst glich einem
+Regen, einem Segen, einem Sonntag, einer wundervollen hinreißenden
+Predigt. Der Krieger lauschte ihm, alles, alles lauschte ihm, ganz
+Aufmerksamkeit, ganz nur Ohr.
+
+
+
+
+Der Schriftsteller
+
+
+Der Schriftsteller besitzt in der Regel zwei Anzüge, einen für die
+Straße und zum Besuche machen und einen für die Arbeit. Er ist ein
+ordentlicher Mensch; das Sitzen am engen Schreibtisch hat ihn bescheiden
+gemacht, er verzichtet auf die heitern Genüsse des Lebens, und wenn er
+von irgendeinem nützlichen Ausgang nach Hause kommt, so zieht er seinen
+guten Anzug rasch vom Leib, hängt Hose und Rock, wie es sich gehört,
+säuberlich in den Kleiderschrank, wirft sich in seine Arbeiterbluse und
+Hausschuhe, geht in die Küche, macht Tee zurecht und begibt sich zur
+gewohnten Arbeit. Er trinkt nämlich immer Tee während des Schaffens, das
+behagt ihm sehr, es erhält ihn gesund, und seiner Meinung nach ersetzt
+ihm das alle übrigen weltlichen Genüsse. Verheiratet ist er nicht, denn
+er hat nicht die Kühnheit gehabt, sich zu verlieben, weil er allen ihm
+zu Gebote stehenden Mut dazu hat anwenden müssen, seiner künstlerischen
+Pflicht gegenüber, die, wie es vielleicht bekannt ist, eine sehr harte
+sein kann, treu zu bleiben. Er hauswirtschaftet in der Regel gänzlich
+allein, es sei denn, eine Freundin helfe ihm beim Ausruhen und ein
+unsichtbarer Schutzgeist beim Arbeiten. Seiner innersten Überzeugung
+nach ist sein Leben weder besonders freudig noch gar sehr trübe, weder
+leicht noch schwer, weder eintönig noch abwechslungsreich, weder eine
+fortdauernde noch eine oft unterbrochene Lustbarkeit, weder ein Schrei
+noch ein anhaltendes, munteres Lächeln: er schafft, das ist sein Leben.
+Er versucht in einem fort, sich in alles und jedes hineinzuleben, darin
+besteht sein Schaffen, und wenn er von seiner Arbeit einen Augenblick
+aufsteht, um sich eine neue Zigarette zu drehen, einen Schluck Tee zu
+trinken, ein Wort zur Katze zu sagen, jemandem die Tür zu öffnen oder
+rasch aus dem Fenster zu schauen, so sind das nicht wesentliche
+Unterbrechungen, sondern gewissermaßen nur Kunstpausen oder Atemübungen.
+Manchmal turnt er ein bischen im Zimmer, oder es fällt ihm ein, ein
+wenig zu jonglieren; auch Übungen im Gesang oder in der tönenden
+Deklamation sind ihm willkommen. Diese kleinen Dinge tut er, damit er
+beim Schreiben nicht ganz und gar, wie er sonst leicht befürchten müßte,
+zum Narren wird. Er ist ein exakter Mensch; sein Beruf hat ihn dazu
+gezwungen, denn was sollten Liederlichkeit oder Unordentlichkeit
+tagelang am Schreibtisch zu suchen haben? Der Wunsch und die
+Leidenschaft, das Leben in Worten zu zeichnen, entstammen schließlich
+nur einer gewissen Genauigkeit und schönen Pedanterie der Seele, der es
+Schmerz bereitet, beobachten zu müssen, wie so viel Schönes, Lebendiges,
+Eilendes und Flüchtiges in der Welt davonfliegt, ohne daß man es hat ins
+Notizbuch bannen können. Welche ewige Sorge! Der Mann mit der Feder in
+der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb
+kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen
+kann. Man spricht nicht umsonst von »Helden der Feder«. Vielleicht ist
+das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso triviale Sache, aber ein
+Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon nicht ausgeschlossen
+ist, daß er gesetzten Falls ein Held und ein Lebensretter sein kann.
+Wenn es bisweilen einem Mutigen gelingt, ein Kind, oder was es sei, mit
+Lebensgefahr aus dem strömenden Wasser zu retten, so dürfte es
+vielleicht des öftern der Kunst und dem aufopfernden Bemühen eines
+Schriftstellers vorbehalten bleiben, dem achtlos und gedankenlos
+dahinflutenden Strom des Lebens Schönheitswerte, die eben am Ertrinken
+und Untergehen sind, mit Gefahr seiner Gesundheit zu entreißen, denn
+gesund ist es nicht, zehn bis dreizehn Stunden hintereinander am
+Romanen- oder Novellentisch zu sitzen. Er kann also wohl zu den mutigen,
+kühnen Naturen gerechnet werden. In der Gesellschaft, wo es immer so
+glänzend und glatt zugeht, benimmt er sich mitunter steif aus
+Schüchternheit, rauh aus Gutmütigkeit und holperig aus Mangel an
+Schliff. Aber man unternehme es doch, ihn in ein Gespräch zu ziehen oder
+ins Netz einer herzlichen Unterhaltung einzufädeln, und man wird ihn
+alsobald sein linkisches Wesen abwerfen sehen; seine Zunge wird sprechen
+wie jede beliebige andre Zunge, seine Hände bekommen die
+allernatürlichsten Bewegungen, und in seinen Augen wird gewiß ebensoviel
+Feuer schimmern, als in den Augen irgendeines Staats-, Industrie- oder
+Marinemenschen. Er ist gesellig, wie nur irgendeiner. Er erlebt
+vielleicht einmal während eines ganzen Jahres nichts Neues, da er sich
+immer mit Satz- und Tonreihen abgegeben hat und mit der Vollendung
+seines Werkes, aber, ich bitte, hat er dafür nicht Phantasie? Schätzt
+man die gar nicht mehr heutzutage? Er ist fähig, mit seinen Einfällen
+eine Gesellschaft von, sagen wir, zwanzig Menschen sich beinahe kaput
+lachen zu machen, oder er kann Staunen erwecken, und zwar im
+Handumdrehen, oder er kann Tränen entlocken, indem er einfach ein
+Gedicht, das er gemacht hat, vorliest. Und dann, wenn seine Bücher auf
+dem Markt erscheinen! Alle Welt, bildet er sich in seiner dachstubigten
+Verlassenheit ein, springt danach und reißt sich um die hübsch
+eingebundenen oder sogar in braunes Leder gepreßten Exemplare. Auf dem
+Titelblatt steht sein Name, ein Umstand, der seiner naiven Meinung nach
+genügt, ihn überall in der runden, weiten Welt bekannt zu machen.
+Alsdann kommen die Enttäuschungen, die Zurechtweisungen in den Blättern,
+das Zischen zu Tode, das Verschweigen ins Grab hinein; unser Mann
+erträgt es eben. Er geht nach Hause, vernichtet alle seine Papiere,
+versetzt dem Schreibtisch einen furchtbaren Stoß, daß er umfliegt,
+zerreißt einen angefangenen Roman, zerfetzt die Schreibunterlage, wirft
+den Vorrat an Schreibfedern zum offenen Fenster hinaus, schreibt seinem
+Verleger: »Sehr geehrter Herr, ich bitte Sie, aufzuhören, an mich zu
+glauben,« und segelt auf Wanderschaften. Sein Zorn und seine Scham
+kommen ihm übrigens nach kurzer Zeit lächerlich vor, und er sagt sich,
+daß es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, von neuem mit seiner Arbeit
+zu beginnen. So macht's der eine, der andre macht's vielleicht um eine
+Schattierung anders. Nie verliert ein zum Schriftstellern geborener
+Schriftsteller den Mut; er hat ein beinahe ununterbrochenes Vertrauen
+zur Welt und zu den tausend neuen Möglichkeiten, die sie ihm jeden neuen
+Morgen bietet. Er kennt jede Art Verzweiflung, aber auch jede Art
+Glücksgefühl. Das Sonderbare ist, daß ihn eher die Erfolge als die
+Mißerfolge mißtrauisch gegen sich machen; das kommt aber vielleicht nur
+daher, weil die Maschine seines Denkens fortgesetzt in Bewegung ist. Hin
+und wieder macht der Schriftsteller Vermögen, aber er geniert sich
+beinahe, Haufen Geldes erworben zu haben, und er macht sich in solchen
+Fällen absichtlich klein, um den vergifteten Pfeilen des Neides und der
+Spottsucht möglichst auszuweichen. Ein ganz natürliches Verhalten! Wie
+aber, wenn er arm und verachtet dahinlebt, in feuchten, kalten Stuben,
+an Tischen, über deren Platten ihm das Ungeziefer kriecht, in Betten aus
+Stroh, in Häusern voll wüsten Gelärms und Geschreis, auf ganz und gar
+einsamen Wegen, in der Nässe des herabströmenden Regens, auf der Suche
+nach Lebensunterhalt, den ihm, weil er vielleicht eine dumme Figur
+macht, kein vernünftiger Mensch gewähren will, unter der Glut der
+hauptstädtischen Sonne, in Herbergen voll Ungemach, in Gegenden voll
+Sturm oder in Asylen ohne die Freundlichkeit und Heimatlichkeit, die in
+dem Namen so schön enthalten ist? Ist ein derartiges Unglück
+ausgeschlossen? Nun also: auch Gefahren kann der Schriftsteller
+durchmachen, und von seinem Genie, sich in alle üblen Umstände zu
+schicken, wird es abhängen, wie er sie durchmacht. Der Schriftsteller
+liebt die Welt, denn er fühlt, daß er aufhört, ihr Kind zu sein, wenn er
+sie nicht mehr lieben kann. In diesem Fall ist er ja auch meist nur noch
+ein mittelmäßiger Schriftsteller, das empfindet er deutlich, und deshalb
+vermeidet er es, dem Leben ein mißmutiges Gesicht zu zeigen.
+Infolgedessen kommt es auch oft vor, daß man ihn für einen urteilslosen,
+beschränkten Schwärmer ansieht, während man doch gar nicht bedenkt, daß
+er ein Mensch ist, der sich weder den Spott, noch den Haß gestatten
+darf, weil ihm diese Empfindungen zu leicht die Lust am Schaffen rauben.
+
+
+
+
+Allerlei
+
+
+Das Sittsame fördert; das Rücksichtvolle scheint es zu etwas zu bringen.
+Der, der die Zeit niemals mit irgend etwas Ablenkendem verlieren will,
+trocknet und rostet ein. Es scheint, daß es unklug und bösartig ist,
+immer energisch zu sein. Mangel an Zuversicht gebärdet sich gern
+konstant energisch. Nun ist ja das alles so wunderbar. Fallen und seinen
+Posten verlieren, heißt oft: einen neuen unter die Füße bekommen.
+Triumphieren ist oft nichts anderes als Versinken in den Wellen der
+Anmaßung; und doch triumphiert man so gern. Immer und immer gesetzt,
+gerecht und gefaßt sein, ist hart und streift ans Unmenschliche, während
+doch menschlich sein unser unabänderliches Los ist. Schön und
+vortrefflich ist nur das Menschliche. Gewisse Tugenden sind ein Laster
+oder die Blüte eines solchen. Das Laster scheint eine Höhle voll Unrat
+und Unverständnis zu sein, aber aus dem Laster hervortreten, mit Reue in
+der Seele, ist schöner als niemals sündigen. Sind denn nicht vielfach
+die Fehler der Anlaß zu den Entzückungen und Rührungen? Wie willkommen
+ist dem alten Vater der verlorene Sohn; wie herrlich, wie herrlich ist
+es, Gnade und Erbarmen zu finden. Die Tugend beißt sich in die Lippen
+und kehrt dem liebevollen Schauspiel schamhaft und boshaft den Rücken,
+schauervoll fühlend, wie häßlich es ist, nie fehlzugehen. Das Sittsame,
+das Kämpfe duldet und übersteht, ist das Wundervolle. Der wirkliche
+Weltmann, zum Beispiel, ist sittsam; er ist fromm und duldet.
+
+ * * * * *
+
+Die Wortkargheit kann in eine Schwäche ausarten; genau wie das
+Gegenteil. Das Schweigen beherrscht uns oft, wie uns die Sucht, alles
+auszuplaudern, beherrschen kann. Man soll nicht schweigen, wo es uns
+schicklich scheint, den Mund aufzutun; nur müssen wir freilich ungefähr
+wissen, was schicklich ist: und das weiß der Seelenvolle. Kann man nicht
+auch durch das Schweigen verleumden? Jedenfalls sehr unangenehm kann man
+sein. Man soll stets ein wenig lügen, das, was man nicht sagen darf, so
+sagen können, daß es wie eine einfache Unterhaltung klingt. Das Gehörte
+dem, den es angeht, genau so wiedersagen, wie es uns gesagt wurde, ist
+taktlos und muß verletzen. Aus Rücksicht ein wenig die Wahrheit
+entstellen, heißt sie vertiefen und verfeinern. Die Liebe versteht zu
+lügen, die Liebe versteht zu reden, die Liebe allein versteht, auf
+schöne Art zu schweigen. Übrigens sind das alles Schwankungen. Es kommt
+da auf die Fälle an und auf die Personen. Zu gewissen Menschen steht man
+so, daß ich und der andere es fühlen, wie unmöglich es ist, daß wir
+einander verkennen oder mißverstehen können. Beleidigungen, zum
+Beispiel, liegen nie im Ausdruck, sondern immer in den besonderen
+Umständen. Plötzlich habe ich irgendwen tief verletzt und ich weiß es
+gar nicht. Dich liebt jemand: und du drehst dieser Person im Weltleben
+den Rücken. Du liebst dann wieder dort, wo du mißverstanden und verkannt
+wirst.
+
+ * * * * *
+
+Der große Dienst, den wir einer Frau erweisen, stürzt uns in die Gefahr,
+von ihr für einen Dummkopf gehalten zu werden. Man muß ihr dann grausam
+hart begegnen, um sie zu überzeugen, daß sie es mit einem Menschen von
+Selbstbewußtsein zu tun hatte. Nichts verachten und verschmähen echte
+weibliche Naturen so sehr wie Güte so ins Blaue hinein. Die Frauen
+erziehen den anwachsenden Mann zur Schätzung und Wertung seiner selber.
+Vielleicht geht im Meer dieser Erziehung manche feine, gute und tüchtige
+Mannesgesinnung für immer unter, denn edel und hochherzig ist man nicht
+gern zum zweitenmal, wo man das erstemal ausgelacht worden ist. Doch wer
+könnte edel von Natur sein und nicht für immer?
+
+ * * * * *
+
+Das Schweizerland, wie kühn und klein steht es da, umarmt von den
+Staaten! Was ist es als Land allein für eine zugleich hehre und anmutige
+Erscheinung! Europas schneeige Pelzboa könnte man es nennen. Wundervoll
+wie seine Geschichte ist seine Natur. Merkwürdig wie sein Volk ist sein
+Bestand. Es ist, als ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein
+Panther, denn es hat keine Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit
+ist seine Festigkeit, seine Bescheidenheit ist seine Schönheit, seine
+Beschränkung sein unvergleichliches Ideal. Wie ein politischer Felsen
+steht es da, umbrüllt von den politischen Wogen. So lange es bleibt, was
+es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern es sich klein fühlt,
+darf es sich stark und eigen und unabhängig fühlen, abhängig nur von der
+Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Würde ist seine Grenze; und
+solange es diese in ihrer Art unübersehbare Grenze zu bewahren weiß, ist
+es in seiner Art ein bedeutendes und großes Land, groß als Gedanke. Wie
+reizend und wie gefährlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie
+heimatlich wissen sie, das Altertum bekräftigend, zu leben. Sein Handel
+geht hoch, seine Wissenschaften blühen. Doch wozu ihm schmeicheln? Daß
+es sein Eigen ist, schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen
+im Ausland, die Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen
+unzuverlässig, den Deutschen anmaßend, den Türken unsauber, den Russen
+rückständig. Wie verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse
+Gerüchte das Leben!
+
+ * * * * *
+
+Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natürlich. Man ist
+eingestiegen und immer fährt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist
+reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen:
+Das ist so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. Süß,
+einfach göttlich. Und nun sitzt man; draußen ist Winternacht, es
+schneit. Von der Wagendecke lächelt das Lämpchen wie ein unaufgeklärtes
+tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an. Tränen treten dir plötzlich in
+die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter Reisender? Empfindest
+du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von wehmutvollen
+Erinnerungen. Ich werde in die fernen Länder davongetragen. Übrigens
+lese ich ja jetzt die Zeitung. Plötzlich ist mir vollkommenem
+Weltreisenden, als fahre ich zurück in die freudenüberströmte, liebe
+Kindheit. Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich
+Mama tief in die Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glück ist es, klein
+zu sein! Mir ist, als möchte ich gerade jetzt von Papa verprügelt
+werden. Doch weiter fährt es, weiter, weiter. Reisender sein: ach ja;
+und draußen der Mitternachtschnee. Ach ja, Reisender sein, ist hübsch.
+Aber richtiger attachierter Reisender muß man sein.
+
+ * * * * *
+
+»Das alles ist nicht so schlimm«: finde ich hübsch gesagt. Mein lieber
+Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch
+Treue. Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: »Das
+alles ist nicht so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus.« Mir scheint,
+Ehre und Liebe reden so. Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn
+du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der
+Humor ist die unübertreffliche Königin des Weltlebens. Hier wäre wieder
+ein Wörtchen vom Wesen des wahren Weltmannes zu sagen. Doch man muß sich
+diese Schreibfreude leider versagen; und das ist gar nicht so schlimm.
+Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so schlimm. Verachtung wecken, wo man
+meinte, es recht getan zu haben, ist auch nicht so schlimm. Was ist
+schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich so schlimm? Ja: das,
+das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar nicht so
+schlimm. Wenn ich mich aber über die Niederlage ärgere, dann ist es
+schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthält
+nicht nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei!
+
+ * * * * *
+
+Wenn ich eine Weile nicht habe denken dürfen, sondern habe wirken
+müssen, wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken!
+Wenn es mir schlecht in der Welt geht, wie wünsche ich da wieder,
+geachtet, ausgezeichnet, gestreichelt, verwöhnt und geliebt zu werden!
+Wenn ich lange Zeit mit gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie
+schwebt mir da der Umgang mit feinen, ungewöhnlichen Menschen
+paradiesgartenähnlich wieder vor! Und wenn ich dahingesunken bin in den
+Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern betrage ich mich nachher
+wieder gesetzt und gesittet! Muß alles so sein Gegengewicht haben? Soll
+man immer und immer wieder durch die Schärfe der Gegensätze gerüttelt
+und geschüttelt werden? So scheint es; und so mache du dich nur stets
+auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefaßt. Trage es immer
+wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde es
+immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pünktliche
+Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja
+nicht versessen auf die Ordentlichkeit. Dies stört, macht feig und
+blendet.
+
+ * * * * *
+
+Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die über die
+Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt,
+irren arg. Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so
+leicht würde, daß man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen,
+daß die Menschen der Kultur und ihrer Peinlichkeiten überdrüssig werden,
+sind vorhanden. Eine Welt glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine
+Stube am Sonntag. Keine Kirchen und keine Gedanken mehr. Puh, mich
+friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich
+würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich bewegte.
+
+
+
+
+Der Wald
+
+
+Von allerlei seltsamen Empfindungen durchdrungen, ging ich langsam auf
+dem felsigen Weg in den Wald hinauf, der mir wie ein dunkelgrünes
+undurchdringliches Rätsel entgegentrat. Er war still, und doch schien es
+mir, als bewege er sich und trete mir mit allen seinen Schönheiten
+entgegen. Es war Abend, und soviel ich mich erinnere, war die Luft von
+süßer melodischer Kühle erfüllt. Der Himmel warf goldene Gluten in das
+Dickicht hinein, und die Gräser und Kräuter dufteten so sonderbar. Der
+Duft der Walderde bezauberte mir die Seele, und ich vermochte, benommen
+und beklommen wie ich war, nur langsamen, ganz langsamen Schrittes
+vorwärtszugehen. Da tauchte aus dem niedrigen Eichengebüsch, zwischen
+Tannenstämmen, eine wilde, große, schöne fremde Frau hervor, angetan mit
+wenigen Kleidern und den Kopf bedeckt mit einem kleinen Strohhut, von
+dem ein Band aufs schwarze Haar herabfiel. Es war eine Waldfrau. Sie
+nickte und winkte mir mit ihrer Hand zu und kam mir langsam entgegen.
+Der Abend war schon so schön, die Vögel, die unsichtbaren, sangen schon
+so süß, und nun noch diese schöne Frau, die mir wie der Traum einer
+Frau, wie die bloße Vorstellung dessen, was sie war, erschien. Wir
+traten uns näher und begrüßten uns. Sie lächelte, und ich, ich mußte
+ebenfalls lächeln, bezwungen von ihrem Lächeln und gefangen genommen von
+der herrlichen, tannengleichen Gestalt, die sie hatte. Ihr Gesicht war
+blaß. Der Mond trat nun auch zwischen den Ästen hervor und schaute uns
+beide mit gedankenvollem Ernst an, und da setzten wir uns nebeneinander
+ins feuchte, weiche, süßduftende Moos und schauten uns zufrieden in die
+Augen. O, was hatte sie für schöne, große, wehmutsvolle Augen. Eine Welt
+schien in ihnen zu liegen. Ich faßte sie um den großen weichen Leib und
+bat sie, mit so viel Schmeichelei in der Stimme, als ich hineinzulegen
+vermochte (und das war nicht schwer), mir ihre Beine zu zeigen; und sie
+nahm den Rock von den Beinen weg, und da schimmerte mir durch das Dunkel
+des Waldes sanft das himmlisch schöne weiße Elfenbein entgegen. Ich
+neigte mich und küßte beide Beine, und ein freundlicher willkommener
+Strom strömte mir durch den beseligten Körper, und ich küßte nun ihren
+Mund, der die schwellende nachgiebige Güte und Liebe selber war, und wir
+umarmten uns und hielten uns lange, lange, zu unserem gegenseitigen
+stillen Entzücken, umschlungen. Ach, wie mich der Duft der Waldnacht
+entzückte, wie mich aber auch der Duft entzückte, der dem Körper der
+Frau entströmte. Wir lagerten auf dem Moos wie in einem kostbaren,
+reichgeschmückten Bett, Stille und Finsternis und Frieden um uns her,
+über uns die tanzenden und blitzenden Sterne und der gute, sorglose,
+liebe, große, göttliche Mond.
+
+
+
+
+Zwei sonderbare Geschichten vom Sterben
+
+
+=Die Magd=. Eine reiche Dame hatte eine Magd, die mußte das Kind hüten.
+Das Kind war so zart wie Mondstrahlen, so rein wie frisch gefallener
+Schnee und so lieb wie die Sonne. Die Magd hatte es lieb wie Mond, wie
+Sonne, fast wie ihren lieben Gott selbst. Aber da ging das Kind einmal
+verloren, man wußte nicht wie, und da suchte es die Magd, suchte es in
+der ganzen Welt, in allen Städten und Ländern, sogar in Persien. Dort in
+Persien kam die Magd eines Nachts vor einen finstern, hohen Turm, der
+stand an einem breiten, dunklen Strom. Hoch oben aber im Turm brannte
+ein rotes Licht, und dieses Licht fragte die treue Magd: Kannst du mir
+nicht sagen, wo mein Kind ist? es ist verloren gegangen, ich suche es
+nun schon zehn Jahre! -- So suche noch weitere zehn Jahre! antwortete
+das Licht und erlosch. Da suchte die Magd weitere zehn Jahre lang nach
+dem Kind, in allen Gegenden und Umgegenden der Erde, sogar in
+Frankreich. In Frankreich ist eine große, prächtige Stadt, die heißt
+Paris, zu der kam sie. Da stand sie eines Abends vor einem schönen
+Garten, weinte, daß sie das Kind nicht zu finden vermochte und nahm ihr
+rotes Schnupftuch hervor, um ihre Augen damit abzuwischen. Da ging der
+Garten plötzlich auf, und ihr Kind trat heraus. Da sah sie es, und da
+starb sie vor Freude. Warum starb sie? Hat das denn etwas genützt? Sie
+war aber schon alt und konnte nicht mehr soviel vertragen. Das Kind ist
+jetzt eine große, schöne Dame. Wenn du ihr begegnest, so grüße sie doch
+von mir.
+
+ * * * * *
+
+=Der Mann mit dem Kürbiskopf=. Es war einmal ein Mann, der hatte statt
+eines Kopfes einen hohlen Kürbis auf den Schultern. Damit konnte er
+nicht weit kommen. Und doch wollte er der Vorderste sein! So einer! --
+Als Zunge hatte er ein Eichblatt aus dem Munde hängen, und die Zähne
+waren nur mit dem Messer ausgeschnitzt. Statt der Augen hatte er bloß
+zwei runde Löcher. Hinter den Löchern flackten zwei Kerzenstümpchen. Das
+waren die Augen. Damit konnte er nicht weit sehen. Und doch sagte er, er
+habe die besten Augen, der Prahler! -- Auf dem Kopf hatte er einen hohen
+Hut; den zog er ab, wenn jemand zu ihm redete, so höflich war er. Da
+ging der Mann einmal spazieren. Doch der Wind blies so heftig, daß die
+Augen ausloschen. Da wollte er sie wieder anzünden; aber er hatte keine
+Zündhölzchen. Er fing an zu weinen mit seinen Kerzenrestchen, weil er
+den Weg nach Hause nicht mehr finden konnte. Da saß er nun, nahm den
+Kürbiskopf zwischen seine beiden Hände und wünschte zu sterben. Aber das
+Sterben ging ihm nicht so leicht. Es kam vorher noch ein Maikäfer und
+fraß ihm das Eichblatt vom Munde weg. Es kam vorher noch ein Vogel, und
+pickte ein Loch in seinen Kürbisschädel. Es kam vorher noch ein Kind und
+nahm ihm beide Kerzenstümpchen weg. Da konnte er sterben. Noch frißt der
+Käfer am Blatt, noch pickt der Vogel, und das Kind spielt mit den
+Kerzchen.
+
+
+
+
+Der fremde Geselle
+
+
+Das sind große Unterlassungssünden. Ich bin ein bedeutender Schurke
+gegen mich selber. An mir sehe ich, wie die Menschen durch Trägheit
+sündigen. Ich warte immer auf etwas, das mir entgegenzutreten habe. Wie
+nun, wenn alle Menschen das tun; wenn jeder so wartet auf das, was da
+kommen soll? Es kommt nie etwas. Es kommt demnach für niemand das
+betreffende Etwas. Was einer so erwartet und erwartet, kommt nie. Was
+also alle erwarten, erscheint allen nie. Hier ist die große Sünde.
+Anstatt daß ich gehe und jemand entgegengehe, warte ich, bis jemand mir
+gefällig entgegentritt, das ist die rechte Trägheit, der rechte
+ungerechtfertigte Stolz. Gestern abend schaute ein sonderbarer
+wildfremder Geselle, der irgend etwas zu suchen schien, zu mir hinauf.
+Ich stand am offenen Fenster. Ich schaute ihn an, der zu mir
+hinaufschaute, so, als sei er eines kleinen Zeichens gewärtig. Ich hätte
+nur zu nicken brauchen mit dem Kopf, und eine seltsame, ungewöhnliche
+Menschenverbindung wäre vielleicht schon angebahnt gewesen. Vielleicht
+auch nicht. Wer vermag es zu wissen. Etwas Ungewisses vermag man nicht
+zu wissen, aber gleichviel. Ich hätte der dunklen, ungewissen, vom
+zauberischen Abendlicht umflossenen Menschengestalt ein Zeichen geben
+sollen. Es sah aus, als sei der fremde Mensch einsam, arm und einsam.
+Doch sah es zur selben Zeit aus, als wisse er viel und vermöge manches,
+das wert sei, vernommen zu werden, zu erzählen, als sei alles das, was
+er zu sagen habe, angetan, zu Herzen genommen zu werden. Und warum bin
+ich ihm nun gar nicht entgegengekommen? Ich begreife mein Benehmen kaum;
+auf solche Art und Weise kommen sich Menschen in die Nähe und gehen,
+ohne Spuren zu hinterlassen, wieder voneinander weg. Das ist nicht gut.
+Das ist eigentlich recht schlecht. Es ist eine rechte Sünde. Nun will
+ich natürlich eine Ausrede suchen und mir vorsagen, daß an dem Fremdling
+möglicherweise nichts gelegen sei. Möglicherweise? Da bin ich schon
+gefangen; denn ich gebe ja zu, daß, auf der andern Seite, d. h. bei
+anderem Licht besehen, irgend etwas ist an ihm. Ich bin demnach also
+keineswegs zu entschuldigen. Kalt habe ich den Gesellen, der mir
+vielleicht ein Freund hätte werden, und dem auch ich ein Freund hätte
+werden können, abziehen lassen. Seltsam, seltsam. Ich bin erstaunt,
+nein, ich bin mehr als erstaunt, ich bin ergriffen, und Trauer schleicht
+sich mir in das Herz.
+
+Ich komme mir ganz unverantwortlich vor, und ich könnte sagen, daß ich
+unglücklich sei. Doch ich liebe die Worte Glück und Unglück nicht; sie
+sagen nicht das Rechte. Ich habe bereits dem unbekannten Menschen, der
+zu mir hinaufgeschaut hat, einen Namen gegeben. Ich nenne ihn, wenn ich
+an ihn denke, Tobold. Mir ist dieser Name zwischen Schlafen und Wachen
+eingefallen. Wo ist er jetzt, und an was denkt er? Ob es mir wohl
+möglich sein wird, seine Gedanken zu denken, zu erraten, was er denkt,
+und das gleiche, wie er, zu denken? Meine Gedanken sind bei ihm, der
+mich suchte. Offenbar hat er mich gesucht, und ich habe ihn nicht
+eingeladen, zu mir zu kommen, und er ist dann wieder gegangen. An der
+Ecke des Hauses hat er sich nochmals umgedreht, dann verschwand er. Ist
+er nun für immer verschwunden?
+
+
+
+
+Die Einsiedelei
+
+
+Irgendwo in der Schweiz, in bergiger Gegend, findet sich, zwischen
+Felsen eingeklemmt und von Tannenwald umgeben, eine Einsiedelei, die so
+schön ist, daß man, wenn man sie erblickt, nicht an Wirklichkeit glaubt,
+sondern daß man sie für die zarte und träumerische Phantasie eines
+Dichters hält. Wie aus einem anmutigen Gedicht gesprungen, sitzt und
+liegt und steht das kleine, gartenumsäumte, friedliche Häuschen da, mit
+dem Kreuz Christi davor, und mit all dem holden, lieben Duft der
+Frömmigkeit umschlungen, der nicht auszusprechen ist in Worten, den man
+nur empfinden, sinnen, fühlen und singen kann. Hoffentlich steht das
+liebliche, kleine Bauwerk noch heute. Ich sah es vor ein paar Jahren,
+und ich müßte weinen bei dem Gedanken, daß es verschwunden sei, was ich
+nicht für möglich halten mag. Es wohnt ein Einsiedler dort. Schöner,
+feiner und besser kann man nicht wohnen. Gleicht das Haus, das er
+bewohnt, einem Bild, so ist auch das Leben, das er lebt, einem Bilde
+ähnlich. Wortlos und einflußlos lebt er seinen Tag dahin. Tag und Nacht
+sind in der stillen Einsiedelei wie Bruder und Schwester. Die Woche
+fließt dahin wie ein stiller, kleiner, tiefer Bach, die Monate kennen
+und grüßen und lieben einander wie alte, gute Freunde, und das Jahr ist
+ein langer und ein kurzer Traum. O wie beneidenswert, wie schön, wie
+reich ist dieses einsamen Mannes Leben, der sein Gebet und seine
+tägliche, gesunde Arbeit gleich schön und ruhig verrichtet. Wenn er am
+frühen Morgen erwacht, so schmettert das heilige und fröhliche Konzert,
+das die Waldvögel unaufgefordert anstimmen, in sein Ohr, und die ersten,
+süßen Sonnenstrahlen hüpfen in sein Zimmer. Beglückter Mann. Sein
+bedächtiger Schritt ist sein gutes Recht, und Natur umgibt ihn, wohin er
+mit den Augen schauen mag. Ein Millionär mit all dem Aufwand, den er
+treibt, erscheint wie ein Bettler, verglichen mit dem Bewohner dieser
+Lieblichkeit und Heimlichkeit. Jede Bewegung ist hier ein Gedanke, und
+jede Verrichtung umkleidet die Hoheit; doch der Einsiedler braucht an
+nichts zu denken, denn der, zu dem er betet, denkt für ihn. Wie aus
+weiter Ferne Königssöhne geheimnisvoll und graziös daherkommen, so
+kommen, um dem lieben Tag einen Kuß zu geben und ihn einzuschläfern, die
+Abende heran, und ihnen nach folgen, mit Schleier und Sternen und
+wundersamer Dunkelheit, die Nächte. Wie gerne möchte ich der Einsiedler
+sein und in der Einsiedelei leben.
+
+
+
+
+Reigen
+
+
+Plötzlich, ehe es die andern alle nur wissen, ist einer als groß und
+bedeutend erklärt. Wer zuerst die Erklärung gegeben hat, das weiß später
+niemand unter der Schar ganz genau. Das Leben und das Spiel des Lebens
+scheinen auf einer Fülle von erhitzenden und erregenden Ungenauigkeiten
+zu beruhen, und es fühlen es alle, daß die Besonnenheit nicht das Hohe
+erreicht. Es sind aber auch welche da, die mit Mäßigem erstaunlich
+zufrieden sind, und so erstaunlich ist das wohl gar nicht. Die Wünsche
+und Begierden harmonieren letzten Endes immer mit den Fähigkeiten, und
+es vergeht kein Jahr, so empfindet der Mensch, was er ungefähr vermag.
+Im rundlichen Kreis des Spiels befindet sich eine Einsame, die weint.
+Nun benehmen sich die übrigen so, als bemerkten sie das nicht, und das
+ist doch immerhin schicklich. Wen ich bemitleide, zu dem soll ich auch
+hintreten und ihn umhalsen und ihm das Leben weihen, und davor scheut
+man denn doch ein wenig zurück. Wie tief und wie sehr müssen sie alle
+sich selbst schätzen und lieben. So lautet das Naturgesetz. Die Liebe
+spielt eine eigentümliche Rolle auf dem grünen Rasen des Lebens. Es
+lieben sich zwei, aber sie vermögen nicht einander auch zu ehren. Hier
+verachten sich zwei, und können doch sehr gut miteinander für den
+täglichen Verkehr auskommen. Liebe ist unergründlich und ein Ziel für
+Irrtümer. Da ist einer, der gern ein Gewaltiger wäre, aber man merkt es
+ihm schon an, daß er niemals Gelegenheit haben wird, zu herrschen und
+anzuordnen. Ein andrer möchte Bevormundeter sein und muß bevormunden.
+Seltsames Spiel des Lebens. Man sieht schneeweiße Schmetterlinge
+umherflattern: das sind Gedanken, deren Los das Flattern, Ermüden und
+Stürzen ist. Die Luft ist voll unsagbarer Sehnsucht, heiß von Entsagung.
+An einem entfernten Ort steht der Vater, und wenn eins der
+Menschenkinder zu ihm hinspringt, um eine Klage vorzubringen, lächelt er
+und bittet es, in den spielerischen Kreis zurückzutreten. Wenn ein Kind
+stirbt, hat es ausgespielt. Die andern aber spielen fort und fort
+weiter.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben der Geliebten hängt an
+ was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des Geliebten hängt an
+
+ ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit, Ist nicht Ordnung immer
+ ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer
+
+ nicht nötig, Rücksich zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer
+ nicht nötig, Rücksicht zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer
+
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Aufsätze, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUFSÄTZE ***
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+even without complying with the full terms of this agreement. See
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
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+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.