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Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original in Antiqua gedruckter Text wurde mit _ markiert. + ] + + + + + Aufsätze + von + Robert Walser + + + Leipzig + Kurt Wolff Verlag + 1913 + + + Einband und Vignetten zeichnete + Karl Walser. Gedruckt bei Oscar + Brandstetter, Leipzig. 25 Exemplare + wurden auf Bütten abgezogen + und handschriftlich numeriert + + Copyright 1913 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig + + + + +Inhalt + + + Seite + + Brief von Simon Tanner 9 + + An die Heimat 16 + + Brief eines Mannes an einen Mann 17 + + Eine Theatervorstellung 20 + + In der Provinz 29 + + Frau und Schauspieler 39 + + Entwurf zu einem Vorspiel 46 + + Zwei kleine Märchen 49 + + Vier Späße 52 + + Tell in Prosa 57 + + Berühmter Auftritt 60 + + Percy 63 + + Gebirgshallen 67 + + Auf Knien 70 + + »Guten Abend, Jungfer!« 73 + + Porträtskizze 76 + + Ein Genie 79 + + Don Juan 82 + + Kino 87 + + Wanda 90 + + Fanny 92 + + Lebendes Bild 95 + + Ovation 100 + + Guten Tag, Riesin! 103 + + Aschinger 109 + + Markt 114 + + Dinerabend 118 + + Friedrichstraße 123 + + Berlin W 128 + + Ballonfahrt 132 + + Tiergarten 137 + + Die kleine Berlinerin 142 + + Brentano 157 + + Aus Stendhal 165 + + Kotzebue 168 + + Büchners Flucht 171 + + Birch-Pfeiffer 173 + + Lenz 176 + + Germer 184 + + Das Büebli 193 + + Paganini 202 + + Der Schriftsteller 207 + + Allerlei 215 + + Der Wald 224 + + Zwei sonderbare Geschichten vom Sterben 227 + + Der fremde Geselle 230 + + Die Einsiedelei 233 + + Reigen 236 + + + + + Es kommt mich Lachen + und Lächeln an. + Was liegt daran! + Das sind so Sachen ... + + + + +Brief von Simon Tanner + + +Das alles, was ich jetzt hier schreibe, ist für Sie, liebe Frau. Ich +sehe so viel Zeit vor mir, die ich zu nichts anderem als zu einer +künstlichen Spielerei verwenden kann, eine solche Menge, einen solchen +Haufen von Zeit, daß ich nur von Herzen froh sein kann, diesen +Zeitvertreib gefunden zu haben. Man will und kann mich nicht +beschäftigen, man braucht mich nicht, ich stehe völlig außerhalb jedes +Bedürfnisses, wohlan, so gebrauche ich mich eben selber, wähle mir +selber den Zweck und halte mich für gut genug, irgendein Werk, wäre es +auch das sonderbarste und nutzloseste, zu vollführen. Ich bin breit und +schwer und voll von Empfindungen. So kläglich auch meine jetzige Lage +sein mag in dieser Spiegelgasse, so seltsam frei und mutig komme ich mir +vor, so leicht und erfinderisch in wohltuenden Gedanken ist mein Herz. +Nur ab und zu, um es offen herauszusagen, bin ich traurig und +hoffnungslos, denke an meine Zukunft als wie an etwas Verlorenes und +Düsteres, aber das sind Augenblicke, weiter nichts. + +Ich schreibe an Sie, weil Sie eine schöne und liebe Frau sind, weil ich +jemanden im Sinne tragen muß, um lebhaft und aufrichtig schreiben zu +können, weil ich auf Erden immer das Nächste liebgehabt habe, und weil +Sie mir die Nächste sind, Sie, von der ich nur durch eine dünne, dumme +Zimmerwand abgetrennt atme und lebe. Ich finde darin etwas Schönes, es +hat für mich etwas Berauschendes und Geheimnisvolles und +Weithintragendes. Ich bin zu Ihnen gekommen an einem heißen Tag, Sie +wissen es auch, wo die Sonne die Gasse verbrannte, durch Zufall und +Einfall, vielleicht auch durch Wunderlichkeit, weil ich dachte, daß in +dieser Gasse die Zimmer besonders dunkel, sonnenlos, schattig, eng und +auch ... billig sein müßten. Sie standen auf dem Treppenansatz und sahen +mich mit Ihren Augen ziemlich durchdringlich an, und ich muß gestehen, +ich zitterte ein wenig vor diesem Blick, denn ich kam mir so recht vor +wie ein Suchender, Bittender, auch hatte ich nur noch eine Kleinigkeit +von Geld in der Tasche und glaubte, Sie müßten mir das ansehen. Bettler +betragen sich bekanntlich immer unsicher. Sie zeigten mir das Zimmer, +und ich drückte Ihnen, ich weiß nicht mehr aus welchem Gefühl des +Stolztuns, meine letzten Geldmünzen in die Hand; Sie nickten befriedigt +und der Handel war abgeschlossen. Seitdem habe ich kein Wort mehr mit +Ihnen gesprochen, und doch ist beinahe ein Monat seither verflossen, und +ich nehme an, Sie halten mich für einen stolzen Menschen. Es macht mir +Vergnügen, dies annehmen zu dürfen und zu denken, daß Sie es gar nicht +wagen, mich mit einem Wort anzureden, der doch glücklich wäre, wenn Sie +es tun würden. Nun, ich bin auch so glücklich. Ich sehe, ich mache einen +günstigen Eindruck auf Sie, mein Schweigen erzwingt sich Ihre Achtung, +denn gewöhnlich sind Bettler geschwätzig. Sie halten mich für einen +armen Menschen, Sie haben schon Mitleid mit mir und fürchten sicher, daß +ich nicht werde bezahlen können, wenn der Monat zu Ende geht, und doch +wagen Sie nicht die geringste Annäherung, sagen kein Wort, machen immer +ein achtungsvoll freundliches Gesicht, wenn Sie mir begegnen, in dessen +Zügen ich den Wunsch, zu reden, lebhaft unterdrückt sehe. Während Sie +fürchten müssen, von mir hintergangen zu werden, werden Sie immer +freundlicher zu mir, erweisen mir kleine Aufmerksamkeiten, die man +schätzt, weil sie schweigend geschehen, stellen mir einen Teppich und +einen Spiegel ins Zimmer und gestatten mir, Sie nachts, wenn Sie +schlafen, aus der Ruhe zu schrecken, um mich ins Haus einzulassen, +verzeihen mir das und verzeihen sogar, wenn ich nicht einmal dafür um +Entschuldigung bitte. Im ganzen genommen, Sie sehen etwas Besonderes an +mir, Sie meinen vielleicht, daß ich ein guter Mensch bin, der etwas in +die Klemme geraten ist, Sie sind davon überzeugt, daß meine Eltern +hochachtbare Menschen gewesen sind, oder noch sind, Sie schätzen mich +und wünschen, mich nicht zu kränken; nun, aus all diesen Gründen, die +ich mir zunutze machen will, und die ich deutlich klar sehe, will ich, +wenn der Monat zu Ende sein wird, vor Sie hintreten, kurz und rasch, +vielleicht mit etwas empfindlicher Röte im Gesicht, mit etwas +absichtlicher Wärme in der Stimme, und Ihnen offen bekennen, und Sie +dabei anblicken, wie, das weiß ich noch nicht, aber jedenfalls +bezwingend, Ihnen einfach frech das Bekenntnis ablegen, daß ich außer +der Lage sei, bezahlen zu können. Ich weiß, daß ich siegen werde und daß +der Sieg nicht einmal ein unfreundlicher sein wird, Sie liebe Frau! Wie +ich Sie liebe, daß ich dieses alles so genau weiß. Sie kennen mich und +ich kenne Sie, ich finde das so wunderschön, so erwärmend. Es kann mir, +solange ich bei Ihnen bin, unmöglich schlecht gehen. Nein, unmöglich! + +Habe ich es nicht zum voraus gesagt? Sie hatten nicht einmal Zeit, mich +zu beruhigen und mir die Versicherung zu geben, daß ich mir doch +deswegen nicht die mindesten Gedanken zu machen brauche, so rasch +schnitt ich ab, indem ich einfach fortlief. Ich habe nur den Kopf und +ein Viertel des Leibes zur Türe ins Zimmer hineingestreckt und ziemlich +fließend und kalt mein Geständnis vorgebracht und bin verschwunden, ohne +nur hören zu wollen, was Sie auch dazu sagen würden. Sie saßen, mit +einer Handarbeit beschäftigt, auf dem Sofa und waren verwundert und +wiederum gar nicht im mindesten verwundert darüber. Sie haben gelächelt, +und Sie scheinen über diesen Punkt sorglos zu sein. Mein Betragen +scheint Ihnen, trotz seiner Kaltblütigkeit, oder vielleicht gerade +deshalb, gefallen zu haben. Es ist allerdings wahr, ich bin pünktlich +erschienen, absichtlich pünktlich, mit meiner Eröffnung: ich bin Ihr +Schuldner; ich scheine also in Ihren Augen ein ordnungsliebender Mann zu +sein, einer, der genau weiß, wann Termine ablaufen, einer, der den +Kalender mit seinen dreißig Tagen genau im Kopfe hat. Es hat also einen +guten Eindruck auf Sie gemacht, daß ich so genau wußte, wieviel und von +welchem Tage ab ich Ihnen schuldig bin, und ich bin Ihnen ganz gern +etwas schuldig und freue mich sehr, eines Tages vor Ihnen zu erscheinen, +ebenso rasch und achtlos, wie es diesmal geschah, um meine Schuld +abzubezahlen. Sie werden sich alsdann sehr wahrscheinlich fürchterlich, +und in ganz überflüssig großer Weise, bedanken, und das wird mich lachen +machen. Ich lache sehr gern über solche Sachen, man kommt so am besten +darüber hinweg. Jetzt verdiene ich etwas Geld, durch Aufsätze, die ich +an eine christliche Zeitung einsende. Außerdem schreibe ich Adressen und +rechne Rechnungen durch, so daß ich hoffen darf, Sie bald zu +befriedigen. Wenn Sie nur wüßten, wie sehr es mir Vergnügen macht, für +Sie zu sparen. Es ist doch ganz gut, daß ich Sie nicht bezahlen konnte, +nun kann ich doch Ihretwegen etwas tun, Ihre Gestalt erscheint mir +freundlich, wenn ich arbeite, ich arbeite dann sozusagen für Sie, wegen +Ihnen, unter Ihrem Eindruck. Nein, ganz sorglos möchte ich nie sein. +Sorgen haben müssen, das verfeinert das Leben und gibt dem Tag einen, +wenn auch engen und kleinen, so doch innigen Anstrich. Es ist doch ganz +gut so. + + + + +An die Heimat + + +Die Sonne scheint durch das kleine Loch in das kleine Zimmer, wo ich +sitze und träume, die Glocken der Heimat tönen. Es ist Sonntag, und im +Sonntag ist es Morgen, und im Morgen weht Wind, und im Wind fliegen alle +meine Sorgen wie scheue Vögel davon. Ich fühle zu sehr die wohlklingende +Nähe der Heimat, als daß ich mit einer Sorge im Wettstreit grübeln +könnte. Ehemals weinte ich. Ich war so weit entfernt von meiner Heimat; +es lagen so viele Berge, Seen, Wälder, Flüsse, Felder und Schluchten +zwischen mir und ihr, der Geliebten, der Bewunderten, der Angebeteten. +Heute morgen umarmt sie mich, und ich vergesse mich in ihrer üppigen +Umarmung. Keine Frau hat so weiche, so gebieterische Arme, keine Frau, +auch die schönste nicht, so gefühlvolle Lippen, keine Frau, auch die +gefühlvollste nicht, küßt mit so unendlicher Inbrunst, wie meine Heimat +mich küßt. Tönt Glocken, spiele Wind, braust Wälder, leuchtet Farben, es +ist doch alles in dem einzigen, süßen Kuß, welcher in diesem Augenblick +meine Sprache gefangen nimmt, in dem süßen, unendlich köstlichen Kuß der +Heimat, der Heimat enthalten. + + + + +Brief eines Mannes an einen Mann + + +Sie schreiben mir, daß Sie sich ängstigen, weil Sie ohne Stelle sind, +und weil Sie fürchten müßten, lange ohne Verdienst zu bleiben. Ich bin +etwas älter als Sie und darf Ihnen aus der Erfahrung raten. Fürchten Sie +sich doch ja nicht. Denken Sie weiter nichts. Wenn Sie Entbehrungen zu +tragen haben, so seien Sie stolz, sie ertragen zu dürfen. Leben Sie so, +daß Sie mit einer Suppe, einem Stück Brot und einem Glas Wein leben +können. Das kann man. Rauchen Sie nicht, denn das nimmt Ihnen die +wenigen körperlichen Stärkungen, die Sie sich leisten können, weg. Sie +haben eine ungeheure Freiheit vor sich. Rund um Sie duftet die Erde, +Ihnen gehört sie, will Ihnen gehören. Genießen Sie sie. Fürchtlinge +genießen nichts. Also weg mit der Furcht. Seien Sie nicht grob, und +fluchen Sie keinem Menschen, auch dem Bösesten nicht. Versuchen Sie +lieber, zu lieben, wo ein anderer, weniger Besonnener und Starker, +hassen würde. Glauben Sie mir dieses Wort: Der Haß zerstört den Geist im +Menschen auf eine vernichtende Weise. Lieben Sie nur gleich alles. Es +schadet nichts, zu verschwenden. Stehen Sie am Morgen früh auf, sitzen +Sie wenig, schlafen Sie korrekt und schnell. Man kann das. Wenn Sie an +der Hitze leiden, so achten Sie nicht übermäßig viel darauf, sondern tun +Sie so, als ob Sie es nicht bemerkten. Wenn Sie an eine frische +Waldquelle kommen, so versäumen Sie nicht, daraus zu trinken. Wenn man +Ihnen mit Anstand schenkt, nur genommen, aber, mit Anstand. Prüfen Sie +sich jede Stunde, rechnen Sie mit sich, unterhalten Sie sich lieber mit +Ihrem eigenen Geist, als mit dem Verstand gelehrter Menschen. Meiden Sie +die Gelehrten, denn es sind, mit wenig Ausnahmen, herzlose Menschen. +Schaffen Sie sich öfters Gelegenheit, zu lachen, zu tändeln. Die Folge +davon: Sie werden ein schöner, ernsthafter Mensch. Seien Sie, wenn es +Ihnen auch oft schwer ankommt, in allem schön. Kleiden Sie sich elegant, +das verschafft Ihnen Achtung und Liebe. Es braucht kein Geld, nur die +Anstrengung der Sinne dazu. Was die Mädchen betrifft, so halten Sie sich +die meisten vom Halse. Üben Sie sich im Verschmähen. Gewöhnen Sie sich +daran, immer eine Leidenschaft zu haben, das kennzeichnet den schönen +Mann. Der Leidenschaftlichste ist der Beste: lernen Sie es. Man lernt +alles. Ich werde Ihnen ein anderes Mal schreiben. + +Simon war ein zwanzigjähriger Mann. Er war arm, aber er tat nichts, +seine Lage zu verbessern. + + + + +Eine Theatervorstellung + + +Der Winternachthimmel war ganz mit Sternen gespickt, ich lief den +Schneeberg hinunter, in die Stadt, an die Kasse des Madretscher +Stadttheaters, ließ mir eine Fahrkarte verabfolgen und fuhr wie ein +geistig nicht mehr Normaler die steinerne, uralte Wendeltreppe hinauf, +die ins Stehparterre führte. Das ganze Theater war dickvoll von +Menschen, eine schlechte Luft schlug mir unter die Nasenflügel, ich +erbebte und versteckte mich hinter einen Technikumsschüler. Ich war ganz +atemlos und konnte nun ein wenig verschnaufen, bis der Vorhang in die +Höhe ging, das tat er nach etwa zehn Minuten, er erhob sich und ließ in +ein Loch voll Feuer blicken. Die Gestalten bewegten sich alsobald, +riesige, plastische, übernatürlich scharf gezeichnete Gestalten, und +spielten Maria Stuart von Schiller. Königin Maria saß im Kerker, und +ihre gute Kammerfrau stand daneben, und dann zeigte sich ein finster +aussehender, mit einer Rüstung bedeckter Mann, die Königin brach in +Tränen des Zornes und des Schmerzes aus. Wie wundervoll sich das ansah. +Meine Augen brannten. Ich hatte vorher stundenlang in den hellen, +weißschimmernden Schnee gesehen und dann in das Dunkel der Logen, und +jetzt mußten sie in eitel Feuer, Glut, Pracht und Glanz schauen. Wie +schön und groß das war. Wie das von den rötlichen Lippen taktmäßig +herabtönte, in Uhrmacher-, Techniker- und sonstige Ohren hinein, schöne, +edel hin und her und auf und nieder tanzende, schwankende, tönende +Verse. Ah, das sind die Verse Schillers, so dachte wohl mancher. + +Der junge, schlanke Mortimer, mit einem Busch heller, goldener Locken +auf dem Kopf, sprang aus der Szene in die offene Szene hinein und sprach +der Königin, die lächelnd zuhörte, verführerische Worte vor. Er hatte +ein merkwürdig blaß gefärbtes Gesicht, als sei ihm der ahnungsvolle +Schrecken darin gelegen, und schwarzumränderte Augen, als habe er viele +vorangegangene Nächte hindurch, von Träumen hin- und hergeschleudert, +kein Auge zudrücken können. Er spielte meiner Meinung nach herrlich; +nicht so Maria, die ihre Rolle nicht auswendig wußte, die sich eher wie +eine Kneipenkellnerin niederster Stufe benahm, als wie eine so vornehme +Frau, vornehm im zugespitzt kältesten Sinne: Königin und dazu noch +Dulderin, wie man sich Maria Stuart denken mußte. Aber sie rührte +unendlich. Das Nichtskönnen rührte in erster Linie und dann jener Mangel +an Hoheit. Der Mangel dessen, was sein sollte, erschütterte und blendete +und trieb mir das Wasser der Empfindung schamvoll zu den erregten Augen +heraus. O du Zauber der theatralischen Bühne. Ich dachte immer: »Wie +schlecht sie doch spielt, diese Maria,« und ward im selben Moment von +dem unmöglichen Spiel an Leib und Seele hingerissen. Wenn sie etwas +Trauervolles sagte, lächelte sie verschmitzt und ganz unpassend dazu, +ich korrigierte in Gedanken an ihren Gesichtszügen, Tönen und Bewegungen +herum, und indem ich das tat, hatte ich den lebendigeren und +ergreifenderen Eindruck von ihrem fehlerhaften Spiel, als ich ihn vor +dem tadellosen hätte haben können. Sie war mir so nah auf diese Weise, +es war, als würde da oben eine Schwester, Cousine oder Freundin von mir +gespielt haben, um deren Äußerungen ich Ursache gehabt hätte, ängstlich +zu zittern. Bisweilen stand sie ganz vergnügt und ratlos, also ratlos +und doch nicht fassungslos da, sah in den dunkeln Zuschauerraum hinein, +zupfte an ihrem Schleier und lächelte ganz keck, ließ das Spiel liegen, +während dieses von ihr eine bestimmte Haltung und Empfindung verlangte. +Und warum war sie trotzdem wundervoll? + +In den Zwischenpausen bog ich meinen Kopf um und blickte in die Logen +hinein, in deren einer eine vornehme Dame saß, in ausgeschnittenem +Kleid, daß die Brust und die Arme aus der dunkeln Umgebung nur so +herausschimmerten. In der behandschuhten Hand hielt sie ein Lorgnon mit +langem Stiel, das sie von Zeit zu Zeit an die Augen führte. Sie schien +eine alte, doch noch immer berückende Zauberin zu sein, so allein saß +sie dort hinten, abgesondert von den übrigen Menschen. Sie wohnte, weiß +der Teufel, vielleicht in einem jener graziös erbauten Häuser aus der +Zeit Ludwigs von Frankreich, die man in Madretsch häufig hinter den +hohen Bäumen alter, verträumter Gärten weiß hervorglänzen sieht. In +einer andern Loge hockte der Präsident des Madretscher Gemeinderats und +Mitglied des Verwaltungsrats des Stadttheaters, so ein alter Bock, wie +man sich zuflüsterte, der es als ein Vergnügen empfand, den +Schauspielerinnen unter die Röcke zu greifen. Das ließ sich ja +schließlich solch eine herumwandernde Maria Stuart noch ganz gerne +gefallen. So sah sie nämlich auch aus auf der Bühne, wie eine Dirne, und +nicht einmal wie eine gut-, sondern wie eine minderwertig geartete. Wie +kam es, daß sie trotzdem so schön war? + +Der Vorhang ging wieder auf. Ein breiter, weißlicher Strom Parfüm floß +aus dem offenen Loch in die Zuschauerdunkelkammer und beklemmte und +befreite die Nasen. Man war froh, wieder diesen holden Duft einzuziehen; +ich hinter meinem Technikumsschüler war es wahrscheinlich ganz +besonders. Der Bühnenrachen fing wieder an zu reden, diesmal war die +Szene ein Zimmer im königlichen Palast von England. Elisabeth saß auf +einem mit blauen Tüchern behangenen Thron, einen Baldachin über sich, +vor ihr die Großen des Hofes, Lester und jener andere mit der sanften +Denkermiene. Im Hintergrund standen dicke Weibsbilder als Pagen, nicht +etwa Knaben, nein, vierzigjährige Weiber in Trikots. Das war schamlos +schön. Diese Pagen standen mit der barocken Schwere ihrer gedunsenen +Leiber in wahnsinnig kleinen, zierlichen Schuhen auf dem Boden wie +unbegreifliche, phantastische Traumfiguren, die ins Publikum +hineinlächelten. Es war, als hätten sie sich ein wenig geniert, so +auffällig zu sein, aber dann war's wieder nichts mit diesem Genieren. +Die Sache verhielt sich so: wer sie ansah, der genierte sich. Ich zum +Beispiel genierte mich bis zur Glückseligkeit. Elisabeth stieg dann vom +Thron herab, jeder Zoll an ihr lieb und einfach, fast tantlich, +mütterlich, sie gab Zeichen von Ungnade, und die Szene verschwand. + +Ein wenig später gab es eine Parkszene mit grünem, verschwommenem +Waldhintergrund, Jagdhörner tönten in der Ferne in wundervoll fern +herklingendem Spiel. Ich glaubte mich augenblicklich in das Dickicht +eines Waldes versetzt; die Hände liefen, Pferde stürzten aus dem +Laubwerk hervor, schöne, kostbar gekleidete Reiterinnen tragend, und +überall sprangen die Knechte und Falkoniere und Pagen, die Jäger in den +knappen, grünen Trachten herum. Alles das spiegelte sich ganz natürlich +in den paar Fetzen von Dekorationen tönend und leuchtend wieder. Maria, +die Königindirne, trat auf und sang, man kennt ja die Worte, nein, sie +sang nicht, aber es hörte sich ganz wie ein wehklagendes, sehnsüchtiges +Singen an. Die Frau schien eine Riesin geworden zu sein, so sehr +vergrößerte sie ihr Seelenausbruch. Sie sprang wie irrsinnig vor Freude +und Herzensqual umher, und jammerte, als sie zu jubeln meinte. Außerdem +war sie ein bißchen der Rolle wegen, die sie nicht studiert hatte, in +Verlegenheit, aber ich glaubte steif und fest, das sei der Wahnsinn des +Nicht-mehr-an-sich-halten-Könnens, die Qual der Freiheit, das Versagen +der ruhigeren Frauenvernunft. Als sie weinte, da schrie sie, denn weinen +wäre ihr zu wenig gewesen. Für nichts, was sie empfand, hatte sie einen +entsprechenden Ausdruck mehr. Das Empfinden peitschte seinen Ausdruck. +Im Übermaß alles dessen, was sie war und sah und hörte und fühlte, warf +sie sich köpflings an die Erde, da trat Elisabeth auf. + +Die Peitsche in der Hand, hinter ihr her die Trabanten. Die Frau ganz +anschließend, anschmiegend in dunkelgrünen Samt gekleidet, der Rock +hinaufgerafft, daß das männerhaft bestiefelte und bespornte Bein grell +sichtbar ist. Zorn, Hohn und Furcht im Gesicht. Auf dem Jagdhut eine +schwer herunterfallende Feder, deren Spitze bei jeder Bewegung des +Hauptes die Schulter berührt. Und dann sprach sie, ah, sie spielte +meisterhaft. Überdies war sie mir eine liebe Erscheinung. Nicht lange +ging es, so prallten sie aneinander und hauchten einander das Feuer des +Wehs in die Gesichter; beider Frauen Leiber zitterten wie vom Sturm +gepackte Baumstämme. Maria, die schlechte Schauspielerin, schlug der +guten eins ins Gesicht. Darob schmerzhaftes Frohlocken der einen und +jähe Flucht der andern. Die liebe Elisabeth muß fliehen, und die dumme +Maria muß jetzt in Verlegenheit sein, wie sie es angattern soll, in die +Ohnmacht befriedigten Rachegefühls zu sinken. Sie machte es schlecht, +aber in der Art und Weise, wie sie es verpfuschte, lag wiederum das +Grandiose. Das ganze Frauengeschlecht, das vergangene und gegenwärtige +und zukünftige, schien hinten über, den Kopf seitwärts gesenkt, in +herrlich-süßer Beugung und Empfindung umfallen zu wollen. So schön +machte sie's. Dem Verstand war's hurenhaft, dem Gefühl titanisch. Ich +wußte nichts mehr, ich hatte genug, ich packte das Bild mit meinen +Augen, wie mit zwei wehrhaften Fäusten, an und trug es über die +steinerne Wendeltreppe hinunter, zum Theater hinaus, an die kalte, +winterliche Madretscher Luft hinaus, unter den eisig-schauerlichen +Sternenhimmel, in eine Kneipe von zweifelhafter Existenzberechtigung, um +es zu ersäufen. + + + + +In der Provinz + + +Ja, in der Provinz, da kann es der Schauspieler etwa noch schön haben. +Dort, in den kleinen Landstädtchen, die noch von alten Ringmauern +trotzig umschlossen sind, gibt es keine Premieren und keine +fünfhundertste Aufführung ein und desselben Salates. Die Stücke wechseln +mit den Tagen oder Wochen wie die blendenden Toiletten einer geborenen +Fürstin, die zornig würde, wenn einer ihr zumuten wollte, jahrelang +immer dasselbe Kleid zu tragen. Auch keine solche schnauzige Kritik gibt +es in der Provinz, wie dergleichen der Schauspieler in den Weltstädten +zu ertragen hat, wo es nichts mehr Ungewöhnliches ist, mit anzusehen, +wie der Künstler von oben bis unten von grimmigen Witzen wie von +wütenden Hunden zerrissen wird. Nein, in der guten, ehrlichen Provinz +wohnt erstens der Mann mit der Maske vor dem Gesicht im Hôtel de Paris, +allwo es toll und urgemütlich zugeht, und zweitens lädt man ihn etwa +noch zu Abendgeselligkeiten ein, in feine, alte Häuser, wo es ein ebenso +wohlschmeckendes Essen wie eine delikate Unterhaltung mit den ersten +Personen der Kleinstadt gibt. Zum Beispiel meine Tante in Madretsch, die +gab es nie und nimmermehr zu, daß von den Komödianten in unziemlichem, +wegwerfendem Ton geredet wurde, im Gegenteil, nichts war ihr angenehmer +und erschien ihr passender, als zum Abendessen, dessen Zubereitung sie +selber beaufsichtigte, jede Woche einmal mindestens, so lange sie in der +Stadt spielten, diese umherziehenden Leute recht lustig und fidel bei +sich zu sehen. Meine Tante, die jetzt gestorben ist, war eine geradezu +schöne Frau, auch noch zu einer Zeit, wo andere Frauen beginnen, ältlich +und runzelig zu werden. Mit ihren fünfzig Jahren schien sie noch eine +der allerjüngsten zu sein, und während in ihrer Umgebung die Frauen +plumpe, mißförmige Figuren zur Schau trugen, zeichnete sie sich durch +eine feste, üppig-schlanke Körperform zu ihrem eigenen, sehr großen +Vorteil aus, daß sie jedermann, der sie ansah, für schön erklären mußte. +Nie vergesse ich ihr helles, zartes Gelächter und nie den Mund, aus +dessen reizender Öffnung das Lachen heraustönte. Sie wohnte in einem +seltsamen, alten Haus; wenn man die schwere Tür auftat und eintrat, in +den stets dunkeln Korridor, lispelte einem das Plätschern eines +unaufhörlich fallenden Brunnens entgegen, der kunstreich in die Mauer +eingefügt worden war. Die Treppen und deren Geländer strotzten und +dufteten förmlich von Sauberkeit, und erst die Zimmer. Ich habe nie +nachher wieder solche Zimmer gesehen, solche heitere, polierte, +zimmerliche Zimmer. Ich glaube, wenn ich mich nicht irre, man sagt +Gemach, wenn man von einem Zimmer redet, das traulich und zugleich +äußerst vornehm und etwas altertümlich ausgestattet ist. In einem +solchen Hause, bitte ich zu beachten, dürfen also in der Provinz +Bühnenkünstler aus- und eingehen, dürfen solche Treppen mit ihren +wahrscheinlich manchmal ungeputzten Stiefeln berühren, solche Klinken, +messingene und rasend peinlich glänzende, mit ihren Händen anfassen, um +in solche Gemächer hineinzutreten, und dann einer solchen Frau, wie +meiner Tante, ungezwungen Guten Abend zu sagen. Was tut der Schauspieler +in der Großstadt? Er schuftet, läuft wie wahnsinnig in die Proben und +reibt sich auf, um es ja der säuerlichen Kritik recht zu machen. So +etwas gibt es in der Umgegend von Madretsch nicht, meine Damen und +Herren. Von Kranksein und Aufreiben wird da kaum die Rede sein dürfen, +vielmehr bummelt so ein Kerl, den Zylinder, den er weiß der Himmel woher +hat, auf dem Kopf, die Hände in womöglich hellgelben Handschuhen, den +Stock in der Rechten, in einem tragischen Mantel, dessen Schöße im Winde +flattern, so gegen elf Uhr vormittags oder halb zwölf, um nicht gelogen +zu haben, seelenheiter und von allen Passanten auf der Straße für einen +illegitimen Fürstensohn gehalten, angeblinzelt von Mädchenaugen, die +schöne Promenade entlang, um vielleicht zum See hinauszugehen und dort +eine halbe Stunde lang, bis es Zeit zum Essen ist, in die Ferne zu +schauen. Das, meine Herren, verschafft Appetit, ist gesund und wohl etwa +noch zu ertragen. Wo gibt es in der Großstadt einen See, einen +Felssturz, dessen Gipfel von einem im griechischen Stil erbauten, +niedlichen Pavillon gekrönt wird, wo man in der hellen Vormittagssonne +mit einer Frau, die man eben hat kennen lernen und die, sagen wir mal, +dreißig Jahre alt ist, ein seelenvolles Gespräch führen kann? Wo gibt es +ein Schulhaus in Weltstädten, in das der Herr jugendlicher Liebhaber, +Herr von Beck, so gegen drei Uhr, weil er gerade Lust zu einem solchen +Unternehmen hat, eintreten und den kleinen neun- bis zwölfjährigen +Schulmädchen einen Schulbesuch abstatten kann? Es ist gerade +Religionsstunde, die Mädchen langweilen sich ein bißchen, da tritt Beck +ein und frägt an, ob ihm wohl gestattet wäre, dem ihn im höchsten Grade +interessierenden Unterricht beizuwohnen. Der Pfarrer, ein durchaus +weltmännisch gebildeter, sympathischer Herr, errötet über die Keckheit +und weiß nicht recht, was er sagen soll, im ersten Augenblick nämlich, +wo ihm die Heldenmanieren eines von Beck den Verstand rauben. Aber schon +hat er sich gefaßt und schiebt den Darsteller des Ferdinand in Kabale +und Liebe sanft zur Tür hinaus, wohin er ja schließlich, wenn man die +Umstände bedenkt, auch gehört. Aber, Hand aufs Herz, ist das etwa nicht +reizend, und gibt's in Millionenstädten etwas Derartiges? Wie hübsch +dieser Herr Pfarrer gehandelt hat, Herrn Beck zu verbieten, in der edlen +Religionsstunde mit den Schülerinnen Allotria zu treiben. Aber wie +entzückend wiederum dieser Beck ist, der den Pfarrer zu dem +liebenswürdigen Benehmen veranlaßt hat; denn wenn es keine Becks gäbe, +die die Unverschämtheit besitzen, den Schulaufsichtsrat zu spielen, am +hellen Tag, wo die Sonne überall scheint und es in ganz Madretsch nach +Käsekuchen duftet, so gäbe es auch kein pfarrerlich-schönes Betragen, +wie denn Spitzbuben nicht fehlen dürfen, wo man noch hoffen will, +Tugenden anzutreffen. Solche Dinge ergeben sich in einer Kleinstadt von +selber; das reizende Erlebnis nimmt dort noch gern plastische Gestalt +an, und wer eignet sich in der Provinz besser zu Erlebnissen aller Art +als die Lumpenkomödianten, denen der Ruf des Gefährlichen, Schönen, +Geheimnisvollen und Abenteuerlichen immer vorangeht? Da sieht sie der +Bewohner von Bözingen oder Mett oder Madretsch in Gruppen vor dem +Rathause stehen, gestikulierend und in fremdartigen, eleganten Akzenten +sprechend, die Rollen, die sie abends spielen, in den blassen +durchgeistigten Händen, so wildfremd, so sehr scheinbar aus +Königsschlössern und Mätressenboudoirs herkommend, mit so schönen, hohen +Stirnen und mit wenn immer denkbar goldenen Haarlocken! Kann der +hauptstädtische oder gar reichshauptstädtische oder gar noch +literarische Schauspieler diese Genugtuung auch genießen, eine +wildfremde Figur auf Straßen, Plätzen und Promenaden zu sein? Kann er +überhaupt auch nur noch tiefer und inniger interessieren, als was auf +fünf Spalten im Lokalanzeiger gedruckt paßt? Und wenn er gar berühmt ist +und viel genannt wird, was ist das? Ich muß geradezu lächeln, daran zu +denken, wie oberflächlich das Interesse im Laufe der Jahre wird, das man +Berühmtheiten zollt. Nein und noch einmal nein. Wer gern mag, daß ihm +eine rote, warme, saftvolle, gequetschte, spritzende, sprühende und +duftende Empfindung dargebracht wird, der werde so rasch wie möglich +Schmierenschauspieler. Das bißchen finanzielle und ökonomische Elend, +das mit diesem Berufszweig ja allerdings immer verbunden sein wird, ist +zu ertragen. Ich mache gern noch auf ein paar Einzelheiten aufmerksam: +Schauspieler Beck wird eines Nachts von einem unkultivierten Burschen +einfach mir nichts dir nichts Hundsfott genannt. Das ist allerdings +starker Schnupftabak. Beck stürzt vor, und beide, der lümmelhafte Sohn +des Uhrenfabrikanten und das zierliche Söhnchen der dramatischen Kunst +packen einander am beiderseitigen Stehkragen, an den Haaren, beim +Genick, am Schopf, bei den Nasen, an den Lippen und Ohren, unterm Knie, +rund um die Leiber, um den Kampf zweier erzürnter Gottheiten +aufzuführen. Auch nicht denkbar in Reichsmetropolen, wo die Menschen +anfangen, so windig gesittet zu werden und ihren Zorn immer in die +Taschen stecken, wenn zu befürchten ist, daß er losbrennen will. Im +Hôtel de Paris sind immerhin noch ganz andere Sachen möglich. Dort küßt +man beispielsweise den Kellnerinnen die Hände, so fein sind sie, und +plaudert englisch mit der Leiterin des Geschäfts am Bufett, so lange, +bis einer kommt und einem von hinten her quer eins hinüberhaut, bis man +genug hat. Und dann die Natur in Kleinstädten. Das ist nun geradezu die +Wunderquelle, in der sich Karl Moor bis zum Strotzen gesund baden kann, +denn überall lockt's ihn, in Schluchten zu gehen, in denen Wasserfälle +schäumend und zischend und kühlend niederbrausen; über ebene, weite +Felder bis an den Rand mächtig-hoher und grüner Eichenwälder; über +Waldhügel hinüber, allwo er Blumen suchen und sie in seine +Botanisierbüchse stecken kann, um sie zu Hause in ein Glas Wasser zu +tun; auf breite, tausend Meter hohe Berge, entweder zu Fuß oder zu Roß, +wenn er eins auftreiben kann, oder per Drahtseilbahn, zu der entzückend +gelegenen Weide mit ihrer Blumen- und Gräserpracht, bis er am Abend, +erschöpft und erfüllt von schönen, müden Empfindungen, unter einer +hundertjährigen Tanne in die Matte sinkt, um den herrlichen +Sonnenuntergang zu betrachten. In Krächen und Schluchten liegt noch der +winterliche Schnee, obgleich es schon toller, üppiger Frühling ist. Oder +es lockt ihn, in eine leichte, schwankende Gondel zu steigen, die zu +haben ist bei Frau Hügli, Schiffsvermieterin, dicht am Ufer des Sees, +und aufs schöne, spiegelglatte Wasser hinauszufahren, zwischen +knirschenden Schilfgewächsen hindurch, bis er in der Mitte des Sees +angelangt ist und, die Ruder fahren lassend, sieht, wie köstlich die +Rebberge und Landhäuser und kleinen Jägerschlösser sich im tiefen Wasser +naturgetreu widerspiegeln. Und so noch vieles, und zu allen +Jahreszeiten, im Winter, Herbst, Sommer und Frühling. Die Natur ist +bekanntlich in allen ihren Verkleidungen erfrischend und bezaubernd und +immer des ganz und gar innigen Ansehens und Genusses wert. Geht in die +Provinz, in Kleinstädte; dort habt ihr noch Hoffnung, daß man euch an +euerm Benefizabend einen Lorbeerkranz vor die Füße und Nase wirft, den +ihr dankend aufheben und freudig nach Hause tragen könnt. Den +schauspielenden Damen nicht minder als den Herren sind diese Städte zu +empfehlen, auch sie werden sehr bald finden, daß ich nicht unrecht +gehabt habe, ihnen anzuraten, es einmal wieder mit der Provinz zu +versuchen. Zu guter Letzt: Es wird gut gekocht an solchen Orten, und es +muß ratsam erscheinen, bald einmal hinzugehen und diese vortreffliche +Kost zu probieren. Schmackhaftes Essen ist nicht zu verachten. + + + + +Frau und Schauspieler + + +Mein Herr, ich bin gestern abend im Stadttheater gewesen und habe Sie +als Prinzen Max in der »Hofgunst« gesehen, und ich schreibe Ihnen jetzt. +Ich bin, damit Sie es gleich im voraus wissen, eine Frau von dreißig +Jahren, etwas darüber, interessiert Sie das? Sie sind jung und hübsch, +machen eine gute Figur und sind wohl schon viel von Frauen angeschwärmt +worden. Apropos, rechnen Sie mich nicht zu den Frauen, die für Sie +schwärmen, und doch, ich muß es Ihnen nur gleich gestehen, Sie gefallen +mir, und ich sehe mich genötigt, Ihnen zu sagen, warum. Dieser Brief +wird vielleicht etwas zu lang werden, glauben Sie? Als ich Sie gestern +spielen sah, ist es mir gleich vom ersten Moment an aufgefallen, wie +unschuldig Sie sind; jedenfalls haben Sie viel Kindliches an sich, und +Sie haben sich den ganzen Abend auf der Bühne so benommen, daß ich mir +sagte, ich würde Ihnen vielleicht einiges schreiben dürfen. Ich tu es ja +jetzt; werde ich diesen Brief abschicken? Verzeihen Sie, oder so: Sie +sollen stolz sein, daß man wegen Ihnen im Zweifel sein muß. Vielleicht +schicke ich diese Worte nicht ab, dann wissen Sie nichts und werden auch +keinen Grund haben, in ein unschönes Gelächter auszubrechen. Machen Sie +so etwas? Sehen Sie, ich vermute ein schönes, frisches, reines Herz in +Ihnen, aber Sie sind vielleicht noch zu jung, um wissen zu können, daß +das wichtig ist. Wo verkehren Sie, sagen Sie mir das, wenn Sie mir +antworten, oder sagen Sie es mir mündlich, kommen Sie zu mir, morgen +nachmittag um fünf, ich erwarte Sie. Die meisten Menschen setzen ihren +ganzen Ehrgeiz in die unedle Unmöglichkeit, einer Torheit fähig zu sein, +sie lieben den Anstand des Benehmens nicht, obwohl das so scheint. Die +Sitte liebt eines nur dann, wenn es sich um ihretwillen einiger Gefahr +unterziehen mag. Denn Gefahren erziehen, und ohne die beständige Lust +mit sich zu tragen, auf lebendige Art über wichtige Dinge belehrt zu +werden, ist man sittenlos. Ängstlichkeit scheint oft die wahre Sitte zu +sein -- welch eine träge Gedankenlosigkeit! Hören Sie mir noch zu, und +tun Sie's auch aufrichtig? Oder sind Sie einer der leider vielen +Menschen, die glauben, alles, was ein wenig beschämend und anstrengend +ist, langweilig finden zu müssen? Spucken Sie auf dieses Schreiben und +zerreißen Sie es, wenn es Sie langweilt, aber nicht wahr, es reizt Sie, +es kann Sie anregen, es ist nicht langweilig. Wie hübsch Sie sind, mein +Herr, mein Gott, und so jung, sicher kaum zwanzig. Ein bischen steif +habe ich Sie gestern abend gefunden und Ihre schöne Stimme ein bischen +geschraubt. Entschuldigen Sie es, daß ich so rede? Ich bin zehn Jahre +älter als Sie, und es tut mir so wohl, mit einem Menschen reden zu +dürfen, der jung genug ist, daß ich mich als zehn Jahre älter ihm +gegenüber fühlen darf. Sie haben in Ihrem Benehmen etwas, was Sie noch +jünger erscheinen läßt, als man Sie, wenn man mit dem Verstand +nachrechnet, schätzen muß; das ist das bischen Geschraubtheit. Gewöhnen +Sie es sich, ich bitte Sie, noch nicht so rasch ab, es gefällt mir, es +wäre schade um dieses Stück, ich möchte sagen, natürlicher +Unnatürlichkeit. Kinder sind so. Beleidige ich Sie? Ich bin so offen, +nicht wahr, aber Sie wissen gar nicht, welche Freude für mich in der +Einbildung liegt, die mir zuflüstert: er gestattet es, er liebt das. Wie +Ihnen die Offiziersuniform gut gestanden hat, die engen Stiefel, der +Rock, der Kragen, das Beinkleid, ich bin entzückt gewesen, und was für +prinzliche Manieren Sie gehabt haben, was für energische Bewegungen! Und +wie Sie gesprochen haben: so ganz überflüssig heldenhaft, daß ich mich +beinahe ein bischen vor mir, vor Ihnen, vor alle dem habe genieren +müssen. So laut und wichtig haben Sie im Salon Ihres oder Ihres Herrn +Vaters Schlosse gesprochen. Wie Ihre großen Augen manchmal hin und her +rollten, als wenn Sie jemanden aus dem Zuschauerraum hätten aufessen +wollen, und so nah waren Sie. Einmal zuckte es mir im Arm, ich wollte +unwillkürlich die Hand ausstrecken, um Sie, wo Sie standen, anzurühren. +Ich sehe Sie so groß und laut vor mir. Werden Sie bei mir, wenn Sie +morgen zu mir kommen, auch so gewichtig auftreten? In meinem Zimmer, +müssen Sie wissen, ist alles so still und so einfach, ich habe noch nie +einen Offizier empfangen, und es hat noch nie eine Szene bei mir +gegeben. Wie werden Sie sich betragen? Aber das ganze, hochaufgepflanzte, +fahnenstangenhafte Wesen an Ihnen gefällt mir, es ist neu, +frisch, gut, edel und rein für mich, ich möchte es kennen lernen, +weil, wie ich es empfinde, etwas Unschuldiges und Ungebrochenes in ihm +steckt. Zeigen Sie es mir, wie es ist, ich achte es im voraus und ich +glaube, ich liebe es. Sie kennen keinen Hochmut mit diesem Ihrem ganzen +scheinbar so hochmütigen Wesen. Sie sind keines Truges fähig, Sie sind +zu jung dazu und ich zu erfahren, um mich in Ihnen täuschen zu können, +und jetzt zweifle ich nicht mehr, daß ich diesen Brief an Sie abschicken +werde, aber lassen Sie mich Ihnen noch einiges sagen. Sie kommen jetzt +also zu mir, es ist abgemacht. Putzen Sie dann zuerst Ihre Stiefel vor +der Treppe ab, bevor Sie ins Haus treten, ich werde am Fenster stehen +und Ihr Benehmen beobachten. Wie ich mich darauf freue, so dumm zu sein +und das zu tun. Sie sehen, wie ich mich freue. Vielleicht sind Sie ein +Unflätiger und werden mich dafür strafen, daß ich es unternommen habe, +Zutrauen zu mir in Ihnen zu erwecken. Wenn Sie so sind, so kommen Sie, +machen Sie sich einen Spaß, strafen Sie mich, ich habe es ja verdient. +Aber Sie sind jung, das ist ja das Gegenteil von unflätig, nicht wahr? +Wie deutlich ich Ihre Augen vor mir sehe, und ich will Ihnen etwas +sagen: für gar so klug halte ich Sie nicht, aber für recht, für gerade, +das kann mehr sein als klug. Bin ich da auf einem Holzweg? Gehören Sie +zu den Raffinierten? Wenn das ist, muß ich in Zukunft allein und +verlassen in der Stube sitzen, denn dann verstehe ich die Menschen nicht +mehr. Ich werde am Fenster stehen und Ihnen dann die Tür auftun, Sie +brauchen dann vielleicht gar nicht erst noch lange zu klingeln, und dann +werden Sie mich sehen, so bald schon. Eigentlich wünschte ich -- nein, +ich will nicht so viel sagen. Lesen Sie noch? Ich bin ziemlich schön, +ich muß Sie auch darauf im voraus aufmerksam machen, damit Sie sich ein +wenig Mühe geben und Ihr Bestes und Gebürstetstes anziehen. Was wollen +Sie trinken? Sie werden es mir ungeniert sagen, ich habe Wein im Keller, +das Mädchen wird heraufholen, aber vielleicht ist es am besten, wir +trinken zuerst eine Tasse Tee, nicht? Wir werden allein sein, mein Mann +arbeitet zu dieser Zeit im Geschäft, aber fassen Sie das nicht als eine +Aufforderung, unehrerbietig zu sein, auf, das muß Sie im Gegenteil +schüchtern machen. So will ich Sie sehen, schüchtern und schön, sonst +laufe ich dem Briefboten nach, der Ihnen diese Zeilen überbringen will, +schreie ihn an, nenne ihn einen Räuber und Mörder, begehe +Ungeheuerlichkeiten und komme ins Gefängnis. Wie mich danach verlangt, +Sie anzusehen, Sie in der Nähe zu haben; weil ich so mutig auf meiner +guten Meinung von Ihnen beharre, spreche ich so, und wenn Sie nach all +dem Gesagten kommen, so haben Sie Mut, und dann werden die anderthalb +Stunden, die wir miteinander verbringen, schön sein, und dann ist es +überflüssig gewesen, zu zittern, wie ich jetzt tue, denn es ist dann +keine solche Tollkühnheit gewesen, Sie zu mir eingeladen zu haben. Sie +sind so schlank, ich werde Sie schon erkennen, wenn Sie noch unten auf +der Straße vor der Gartentüre stehen werden. Was machen Sie jetzt? Was +meinen Sie, soll ich jetzt aufhören zu schreiben? Sie werden lachen, +wenn ich vor Sie hintrete und Ihnen vormache, wie Sie als Prinz Max +dagestanden haben. Ich beschwöre Sie, verneigen Sie sich tief vor mir, +wenn Sie mich erblicken, und seien Sie steif und benehmen Sie sich +herkömmlich, gestatten Sie sich keine freie Bewegung, ich warne Sie, und +ich werde Ihnen dafür danken, daß Sie mir gehorcht haben, wie man Ihnen +vielleicht nie in Ihrem Leben wieder danken wird. + + + + +Entwurf zu einem Vorspiel + + +Eine Bühne + +Der Vorhang geht auf, man sieht in einen offenen Mund hinein, in eine +rötlich beleuchtete Kehle hinunter, daraus hervor eine große, breite +Zunge leckt. Die Zähne, die den Bühnenmund umrahmen, sind spitz und +blendend weiß, das Ganze sieht dem Rachen eines Ungetüms ähnlich, die +Lippen sind wie ungeheure menschliche Lippen, die Zunge bewegt sich nach +vorn, über die Rampe hinaus und berührt mit ihrer feurigen Spitze +beinahe die Köpfe der Zuschauer, dann geht sie wieder zurück, und ein +anderes Mal tritt sie wieder vor, ein schlafendes schönangekleidetes +Mädchen auf ihrer breiten, weichen Fläche dahertragend. Die +golden-hellen Haare des Mädchens fließen wie eine Flüssigkeit von ihrem +Kopf um ihr Kleid herum, in der Hand hält sie einen glitzernden Stern, +ähnlich einem großen, weichen, sonnigen Schneeflocken. Auf dem Haar +eingedrückt sitzt eine zierliche grüne Krone, ihr Mund lächelt im +Schlaf, während sie so liegt, auf ihren Ellbogen gestützt, auf der Zunge +wie in Bettkissen ruhend. Auf einmal öffnet sie ihre Augen, und das sind +Augen, wie man sie manchmal in Träumen sieht, wenn sie sich, von +irgendeinem übernatürlichen Licht umflossen, zu den unsern herabneigen. +Diese Augen haben einen wunderbar erfrischenden Glanz, und sie schauen +jetzt so nach allen Seiten herum, wie es Kinderaugen tun, die fragend +und suchend und schuldlos in die Welt blicken. Aus der feurig-schwärzlichen +Kehle klettert jetzt ein Mann hervor, angezogen mit fliegenden, +scheinbar von einem halbtollen Schneider entworfenen Tüchern, +die wie Fetzen seine massiven Glieder umgeben, schreitet auf +der unter seinen Tritten zusammenzuckenden Zunge nach vorn, zu dem +Mädchen hin, beugt sich über sie und küßt sie. Im selben Augenblick +sprühen aus dem Schlund Feuerflammen und Funken hervor, die über die +beiden, ohne sie im mindesten ängstlich zu machen, herabregnen. Der +schlanke Mann hebt die junge Dame in seinen Arm und trägt sie nach +rückwärts, die große Zunge wirft sich, indem sie sich hoch aufbäumt, +über das Paar, um es im Rachen krachend und hinabpolternd zu +verschlingen. Der weiße Stern des Mädchens blitzt vorn bei den Zähnen, +da schießen mit einem Male blaue, grüne, gelbe, hochrote, +dunkelbläuliche und schimmernd weiße Sterne in einem feurig-farbigen +Sturzregenbogen aus der dunkeln Kehle hervor, Musik spielt dazu, und die +Sterne zerspringen immer in der Luft ins Nichts, endlich bewegen sich +die Lippen des großen Maules und sprechen das stille, aber deutlich und +warm hörbare Wort: + +Das Stück beginnt. + +Vorhang. + + + + +Zwei kleine Märchen + + +1. + +Es schneite in der Straße. Da kamen die Droschken und Autos vorgefahren, +setzten ihren Inhalt ab und fuhren wieder von dannen. Die Damen staken +alle in Pelzen. An der Garderobe wimmelte es von Leuten. In den Foyers +gab es ein Grüßen, Anlächeln und gegenseitiges Händedrücken. Die Kerzen +schimmerten, die Roben rauschten, die Stiefelchen flüsterten und +knarrten. Der Boden war ganz glatt gewichst und Diener standen da und +machten Handbewegungen, bald so, bald anders. Die Herren waren in Fräcke +geschnürt, so ein Frack muß sitzen. Man verbeugte sich. Artigkeiten +flogen wie Tauben von Mund zu Mund, die Frauen strahlten, manche alte +auch noch. Alles stand aufrecht bei den Sitzplätzen, um Bekannte zu +sehen, nur wenige saßen. Die Gesichter waren so nahe beisammen, der Atem +des einen berührte die Nasenflügel des zunächst Stehenden. Die Kleider +der Frauen dufteten, die Scheitel der Herren waren glatt, die Augen +blitzten, die Hände sagten: Na, auch wieder, du? Wo denn solange +gewesen? In der ersten Reihe saßen die Kritiker wie Gläubige in einer +hohen Kirche, so still, so andächtig. Der Vorhang bewegte sich ein +bischen, da ertönte das Zeichen zum Anfang, wer sich räuspern zu müssen +glaubte, tat es rasch, und da saßen sie alle wie Kinder in der +Schulstube, gradausschauend, mäuschenstill, da erhob sich was und +spielte sich was. + + +2. + +Der Vorhang ging in die Höhe, alles war gespannt, was es geben würde, da +trat ein Knabe auf, und der fing an zu tanzen. In einer Loge im ersten +Rang saß die Königin, umringt von den Hofdamen. Der Tanz gefiel ihr so +gut, daß sie sich entschloß, auf die Bühne zu gehen, um dem Knaben etwas +Liebevolles zu sagen. Bald darauf erschien sie auf der Bühne, der Knabe +schaute sie mit seinen jungen, schönen Augen an. Er lächelte. Da +durchfuhr es die Königin wie ein Blitz, an dem Lächeln erkannte sie +ihren eigenen Sohn, sie stürzte zu Boden. Was hast du, fragte der Knabe. +Da erkannte sie ihn immer deutlicher, an der Stimme auch noch. Da war es +mit ihrer königlichen Würde vorbei. Sie warf die Hoheit beiseite und +schämte sich nicht, den Jungen fest an ihr Herz zu pressen. Ihre Brüste +hoben und senkten sich, sie weinte vor Freude, du bist mein Sohn, sagte +sie. Das Publikum klatschte Beifall, aber was wollte der Beifall? Das +Glück dieser Frau war gewiß über allen Beifall erhaben, es würde auch +ein Zischen haben ertragen können, der Kopf des Knaben wurde immer +wieder genommen und an den wogenden Busen gedrückt. Sie küßte ihn, dann +kamen die Hofdamen und erinnerten ihre Gebieterin an die +Unschicklichkeit der Szene. Da lachte das Publikum, aber die Hofdamen +streuten Verachtung auf die vielköpfige Plebs herab. Sie zuckten mit dem +Mund, da zuckte der Vorhang und fiel herab. + + + + +Vier Späße + + +1. + +Bei Wertheim, zu oberst, dort, wo man Kaffee trinkt, ist gegenwärtig +etwas Köstliches zu sehen, nämlich der dramatische Dichter Seltmann. Er +hockt auf einem kleinen Rohrstuhl auf erhöhtem Gestell, allen Blicken +eine leichte Zielscheibe, hämmert und nagelt und klopft in einem fort +und schustert, wie es denen vorkommt, die ihn betrachten, Blankverse. +Das kleine, viereckige Gestell ist mit dunkelgrünen Tannenzweigen +geschmackvoll bekränzt. Der Dichter ist anständig angezogen worden, +Frack, Lackschuh und weiße Binde, das alles ist da, und keiner wird sich +zu genieren haben, dem Mann seine Aufmerksamkeit zu schenken. Das +Wunderbare aber ist der rostgelbe, herrliche Haarsturz, der sich von +Seltmanns Kopf, über die Schulter weg, mächtig bis an den Fußboden +niederwölbt. Er gleicht der Mähne eines Löwen. Wer ist Seltmann? Wird er +uns von der Schmach befreien, unser Theater etlichen Salpeterfabriken +ausgeliefert zu wissen? Wird er das nationale Schauspiel schreiben? Wird +er uns eines Tages als der Kerl erscheinen, nach dem wir uns jetzt alle +wieder mal so blutwürstig sehnen? Jedenfalls aber muß man der Leitung +des Warenhauses Wertheim für die Ausstellung Seltmanns Dank wissen. + + +2. + +Wie dem Theater allmählich die besten und gediegensten Kräfte +dahinschwinden, geht zu unserm großen Leidwesen aus einer Zuschrift +hervor, die Frau Gertrud Eysoldt an uns adressiert hat. Sie teilt uns +mit, daß sie an der Kantstraße, Ecke Joachimsthaler Straße, nächstens +einen Korsettladen eröffnen werde, um sich allda gänzlich als +Geschäftsfrau zu etablieren. Welch sonderbarer Entschluß, und wie +schade! Auch Schauspieler Kayßler will wegmachen, und zwar, wie wir +hören, aus der Empfindung heraus, daß es sich in die Zeitläufe besser +schicke, hinter einem Schanktisch zu stehen, als Figurinen auf den +Brettern zu spielen. Er soll zum ersten Mai eine kleine Kneipe im Osten +übernommen haben, und er freut sich schon darauf, sagen einige, Bier +einzuschenken, Gläser zu putzen, Butterbrote zu streichen, Bücklinge zu +servieren und nachts die Besoffenen zur Bude herauszustiefelwichsen. Ein +Jammer! Wir aber müssen aufs tiefste bedauern, zwei so sehr bewunderte +und wertgeschätzte Künstler ihrer Kunst untreu werden zu sehen, und wir +wollen hoffen, daß solches nicht Mode werde. + + +3. + +In den Kammerspielen ist noch kurz vor Toresschluß eine kleine Änderung +getroffen worden. Die Direktion hat den Dramaturgen kleidsame hellblaue +Fräcke übergeworfen, mit großen, silbernen Knöpfen dran. Wir halten das +für hübsch, denn wir halten's für richtig. Die Theaterdiener sind +abgeschafft worden, und die Dramaturgen nehmen nun an den Spielabenden, +also zu einer Zeit, wo sie ja sowieso nichts zu tun haben, den Damen die +Mäntel ab und weisen den theaterbesuchenden Herrschaften die Plätze an. +Auch öffnen sie Türen und geben allerhand kleine, aber notwendige +Auskünfte. An den Beinen tragen sie jetzt lange, dicke, ledergelbe, +kniehohe Getern, auch können sie einem schon ganz ausgezeichnet, unter +einer eleganten Verbeugung, Programme darreichen und Guckgläser +anbieten. In der Provinz würden sie außerdem noch Zettel vertragen; dies +ist aber hier in Berlin nicht nötig. Kurz und gut, kein Kritiker wird +nunmehr noch fragen dürfen, was ein Dramaturg sei, und was er für +Obliegenheiten zu erfüllen habe. Sie tun jetzt ihr Äußerstes, und man +wird sie in Zukunft in Ruhe lassen müssen. + + +4. + +Um endlich einmal dem ewigen Gejammer und den beständigen Vorwürfen, er +gebe nur Ausstattungen, keine Stücke, energisch auszuweichen, ist +Direktor Reinhardt auf die Idee gekommen, zukünftig seine Stücke einfach +vor weißer Wäsche spielen zu lassen. Seine Dramaturgen haben natürlich +das Geheimnis bereits ausplaudern müssen, und er wird erstaunt, wenn +nicht entrüstet sein, uns schon heut mit der Neuigkeit auftrompeten zu +sehen. Weiße Wäsche! Muß es denn gerade schneeweiße sein? Kann sie nicht +von irgendeiner unbekannten Riesendame aus dem Panoptikum, sagen wir, +etwa anderthalb Tage lang getragen worden sein? Alsdann würden die +Dekorationsstücke einen sicherlich bezaubernden Schenkelduft ausströmen, +was den Herren Kritikern nur gut tun könnte, die dann vergäßen, wo sie +säßen, und betäubt würden in ihren schärfern Sinnen. Ohne Spaß. +Reinhardts Idee scheint uns entwicklungsfähig, also glänzend. Auf den +weißen Tüchern werden sich die Gesichter und Spukgestalten der Akteure +und Aktricen außerordentlich farbig abheben. Ob Reinhardt das aber auch +am Hoftheater durchsetzen wird? + + + + +Tell in Prosa + + +Hohlweg bei Küßnacht + +=Tell= (tritt zwischen den Büschen hervor): Durch diese hohle Gasse, +glaube ich, muß er kommen. Wenn ich es recht überlege, führt kein andrer +Weg nach Küßnacht. Hier muß es sein. Es ist vielleicht ein Wahnsinn, zu +sagen: Hier muß es sein, aber die Tat, die ich vorhabe, bedarf des +Wahnsinns. Diese Armbrust ist bis jetzt nur auf Tiere gerichtet gewesen, +ich habe friedlich gelebt, ich habe gearbeitet, und wenn ich müde von +der Anstrengung des Tages gewesen bin, habe ich mich schlafen gelegt. +Wer hat ihm befohlen, mich zu stören, auf wessen Veranlassung hin hat er +mich drücken müssen? Seine böse Stellung im Land hat es ihm eingegeben. +(Er setzt sich auf einen Stein.) Tell läßt sich beleidigen, aber nicht +am Hals würgen. Er ist Herr, er darf meiner spotten, aber er hat mich an +Leib, Liebe und Gut angegriffen, er hat es zu weit getrieben. Heraus aus +dem Köcher! (Er nimmt einen Pfeil heraus.) Der Entschluß ist gefaßt, das +Schrecklichste ist getan, er ist schon erschossen durch den Gedanken. +Wie aber? Warum lege ich mich in den Hinterhalt? Wäre es nicht besser, +vor ihn hinzutreten und ihn vor den Augen seiner Knechte vom Pferd +herunterzuschlagen? Nein, ich will ihn als das ahnungslose Wild +betrachten, mich als den Jäger, das ist sicherer. (Er spannt den Bogen.) +Mit der friedlichen Welt ist es nun vorbei, ich habe auf das Haupt +meines Kindes zielen müssen, so ziele ich jetzt auf die Brust des +Wüterichs. Es ist mir, als hätte ich es bereits getan und könnte nach +Hause ziehen; was im Geist schon geschehen ist, tun die Hände hinterher +nur noch mechanisch, ich kann den Entschluß verzögern, aber nicht +brechen, das müßte Gott tun. Was höre ich. (Er horcht.) Kommt er schon? +Hat er es eilig? Ist er so ahnungslos? Das ist das Eigentümliche an +diesen Herren, daß sie ruhigen Herzens Jammervolles begehen können. (Er +zittert.) Wenn ich jetzt den Schuß verfehle, so muß ich hinabspringen +und das verfehlte Ziel zerreißen. Tell, nimm dich zusammen, die kleinste +Ungeschicklichkeit macht dich zum wilden Tier. (Hornruf hinter der +Szene.) Wie frech er durch die Länder, die er erniedrigt, blasen läßt. +Er meint, herrisch zu sein, aber er ist nur ohne Ahnung. Er ist so +sorglos wie ein tanzendes Kind. Hundertfacher Räuber und Mörder. Er +tötet, wenn er tänzelt. Ein Ungeheuer muß in der Ahnungslosigkeit +sterben. (Er macht sich zum Schuß bereit.) Jetzt bin ich ruhig. Ich +würde beten, wenn ich weniger ruhig wäre. Ruhige wie ich erledigen +Pflichten. (Der Landvogt mit Gefolge auf Pferden. Prachtvoller Auftritt. +Tell schießt.) Du kennst den Schützen. Frei ist das Land von dir. (Ab.) + + + + +Berühmter Auftritt + + +Gräfliches Zimmer. Der alte Moor ist gegangen. + +=Franz= (allein): Du mein Gott, wie plump ich gewesen bin. Ich geniere +mich ordentlich. Ich habe ihm die Schurkerei wie ein übelduftendes +Fressen aufgetischt, und er hat es bereitwillig eingenommen. Sei's. Wie +müde ich mich fühle, mich so schmutzig benommen zu haben. Ich hatte kaum +recht die Absicht, zu töten, da gelang's mir schon. Ich habe, glaube +ich, nur eine vorläufige Probe anstellen wollen, und da ist das +widerwärtige Meisterwerk schon fertig. Meinetwegen. Alter Schafskopf. +Was sind das für lieblose Töne? (Er besieht sich im Spiegel.) Wie hübsch +ich aussehe. Eine vollkommen ruhige Miene. (Er lächelt.) Und dieses +Lächeln. Wie unboshaft. Ich hätte nicht so rohe Mittel brauchen ins Werk +zu setzen, Schrecken zu verbreiten. Aber das ist es: das Unfeine +überzeugt am raschesten. Ich bin um eine Erfahrung reicher. Wie faul ich +bin. (Er streckt sich auf einem Ruhebett aus.) Ich würde indischen Tabak +rauchen, wenn ich gerade welchen hätte. Ich bin ein bischen angeödet von +all dem Vorgefallenen. Ich habe zu schmierig gelogen, und es ist mir zu +brutal geglaubt worden. Das entkräftet. Mag's. Was soll ich jetzt tun? +Heda, Hermann! (Hermann tritt auf.) Geh wieder. Es war ein Traum, dich +zu rufen. Ich hasse Träume. (Hermann ab.) Ich will der Amalie einen +erneuten Liebesantrag machen. Ich glaube, ich habe Lust, beschimpft zu +werden. O, die Herrlichkeit der Beleidigung. Mich so zu verkennen, das +grenzt an Irrsinn. Ich habe ein zu zart entwickeltes Empfindungsvermögen, +und ich langweile mich ein wenig. Mich langweilt das Natürliche. +Mich entsetzt der Gedanke, ich könnte Erfolg in der Welt +haben. (Amalie tritt auf.) Ich habe soeben gelogen, ich habe deinen Karl +verdächtigt. Ich bitte dich, eile, sonst geschieht ein Unglück. Der alte +Moor ist daran, ihn zu verdammen. Aber ich lüge. Dieses offene +Bekenntnis ist die Kaprize eines Nichtswürdigen. (Amalie geht +verächtlich lächelnd ab.) Sie glaubt es. Und so taucht langsam hervor, +Ungeheuerlichkeiten. Breite dich aus, Schauder. Furchtbarkeiten, tretet +heran, amüsiert mich. (Er springt auf.) Ich habe der geordneten Natur +jetzt einen Fußtritt versetzt. Sie wird nie wieder gesunden. Ich +zitterte, aber vor Weh. Wenn es nicht möglich ist, zart zu sein, so ist +es erlaubt, zum Tier zu werden. (Er gähnt.) Ich glaube unerschütterlich +fest an den Segen des Furchtbaren. Ich will die Güte zur Welt +hinauspeitschen. (Er sieht ein Band am Boden.) Ich will sie zur Hure +machen, dafür, daß ich ihr nicht habe begreiflich machen können, daß ich +edlen und großen Herzens bin. Los. Vorwärts. Hermann! (Hermann +erscheint.) Mach' mich betrunken. Ich muß schlemmen. Ich muß die +Höllenkräfte, die in mir donnern, künstlich ersticken. Ich bilde mir +sonst ein, ich sei Gott und vernichte das Weltall. (Geht ab.) + + + + +Percy + + +Wenn man sagt, er sei ritterlich vom Scheitel bis zur Fußzehe, so ist +das noch lange keine Porträtskizze. Sein Gesicht ist nicht gerade schön. +Fast gar keine Nase. Die Nase ist in den Gesichtsball eingedrückt, als +wäre sie in irgendeiner Stunde von einem unbarmherzigen Schwerthieb zur +Hälfte abrasiert worden. Ich sage absichtlich: wegrasiert. Die +Nichtachtung des Schicklichen paßt zu dieser Manneserscheinung. Percy +haßt die treffenden Worte, die Grazie, die Parfüms. Die Zeichnung seines +Mundes drückt Wehmut und Zorn zugleich aus, aber in seine großen Augen +scheint sich das Entzücken von hundert blauen Himmeln ein für allemal +verliebt zu haben. Wenn der Mann diese Augen schließt, erwarten die +Umstehenden etwas Furchtbares, die Gegend zuckt zusammen, die Welt wird +finster. Die Gestalt ist eher klein als groß, eher unscheinbar als +imponierend. Die Rüstung ist einfach, aber die Haltung ergibt das +unsichtbar-sichtbare Bild des Königlichen. Die Lippen sind unbeweglich, +sie lächeln wunderselten, und wenn sie es einmal tun, so schießt Hohn +zum Gesicht heraus. Spott bedeutet bei Percy, infolge der Rauheit, die +ihn beherrscht, die Spitze der Gutmütigkeit. Wen er verspottet, den +liebt er, und er kann lieben. Sein Körper macht nicht die geringste +überflüssige Bewegung. Er haßt das Schöne, er bemüht sich, eckig +aufzutreten. Was an ihm schön erscheint, ist unbewußt. Wenn er wüßte, +wie hübsch er ist, zerrisse er sein eigenes goldenes Wesen, ja, er würde +sich selber ins Gesicht spucken. Aber dazu müßte er einen Spiegel haben, +und diesen Gebrauchsgegenstand kennt er gar nicht. Was er liebt, +verachtet er, was er bevorzugt, findet er langweilig, wovon er träumt, +das ist lebensgefährlich. Wo das Leben nicht auf dem Spiel steht, mag er +nicht leben. Nie ist ein Ehemann von seiner Gattin so geliebt worden und +nie mit mehr Ursache. Percy kennt gar keine Tapferkeit. Man kennt nur, +was man studiert. Percys Kühnheit ist Percy angeboren, er kann nichts +dafür, daß er ein Held ist. Seine Leibfarbe ist grau, sein Schmuck grün, +der Federbusch rot. Einer seiner Diener stülpt ihm den Helm auf den +Kopf, gleichviel welchen; Percy ist geschmacklos. Er ist zu voll von +Ahnung, als daß er in solchen Dingen eine Wahl treffen könnte. Er ist zu +frech zu irgendwelcher Bekleidungsfrage und zu zartfühlend zur +Farbenlehre. Seiner Frau ist er Gott, er weiß das, und das plagt ihn, +wenn er frühstückt. Die Zärtlichkeit, die er empfindet, sobald er sein +Weib nur anschaut, will ihn »jedesmal kaput machen«. Hoffentlich sind +das seine eigenen Worte. Er macht dann Witze, sagt Adieu und reitet zum +Teufel. Die Manieren des Rittertums sind ihm viel zu fade, er benimmt +sich wie ein heutiger einfacher Arbeiter. Die Musik liebt er wie nicht +gescheit. Wenn sie ihm, abends, nach der Schlacht, wenn er sich ermüdet +an einen Baum anlehnt, ertönt, will ihm das Herz, von Tränen getragen, +wegschwimmen. Er, der am Tag eine stattliche Sammlung von abgehauenen +Armen, Beinen, Köpfen und Händen auf die blutiggefärbte Wiese +zusammengejähzornt hat, versteht es, unmittelbar nach Vollendung des +schrecklichen Werkes, aus der Natur schöne und sonderbare Stimmungen zu +ziehen und sich denselben, wenn auch nur für kurze Zeit, hinzugeben. +Seine Stimme, wenn sie genug geschrien und trompetengeblasen hat, will +sich zur Abwechslung auch mal die Wonne des Erzitterns gönnen. Zur +Religion steht er sich, na! Lieber nicht aussprechen. Ich glaube, sie +ist ihm mehr als gleichgültig. Sie ist ihm eine Krähe oder sonst was, +genug, er bedarf ihrer nicht. Er hat Hölle und Himmel auf Erden. Ideale +hat er keine, nicht einmal Ehrgefühl; es reißt ihn zum Wagnis hin, +zufällig ist das gerade sein Ideal, er tobt und erwirbt Ehre. Er träumt +davon, den Prinzen von Wales kampfunfähig zu machen, dann zu lachen und +den Überwundenen zu küssen. Bis dahin tötet er, was ihm unter das +Schwert läuft, von da an würde er möglicherweise ein gesitteter Mensch +werden, aber wahrscheinlich auch dann nicht, sein Trotz würde es ihm +kaum gestatten. Er stirbt als Junge, aber man hat, wenn man ihn röcheln +und sterben sieht, das Gefühl, ein Riese hauche da seinen Atem aus. + + + + +Gebirgshallen + + +Kennen Sie die Gebirgshallen unter den Linden? Vielleicht probieren Sie +einmal einen Gang dorthin. Der Eintritt kostet nur dreißig Pfennige. +Wenn Sie die Kassiererin auch Brot oder Wurst essen sehen, so müssen Sie +nicht degoutiert umkehren, sondern sogleich bedenken, daß es Abendbrot +ist, welches da verzehrt wird. Die Natur fordert überall ihre Rechte. Wo +Natur ist, da ist Bedeutung. Und nun werden Sie eintreten, ins Gebirge. +Und da wird Ihnen eine große Figur, eine Art Rübezahl, begegnen, es ist +der Wirt des Lokals, und Sie werden gut tun, ihm durch Hutlüften zu +salutieren. Er sieht das gern, und er wird Ihnen artig für Ihre +Höflichkeit danken, dadurch, daß er sich halb vom Stuhl, auf dem er +sitzt, hochhebt. In der Seele geschmeichelt, treten Sie näher an den +Gletscher heran, es ist dies die Bühne, eine geologische, geographische +und architektonische Merkwürdigkeit. Sowie Sie sich gesetzt haben, +bekommen Sie Trinkofferten von einer vielleicht leidlich hübschen +Kellnerin. Man muß vorlieb nehmen mit dem, was da ist. Es strotzt auch +an Kammerspielabenden vielleicht nicht einmal von fraulichen Finessen. +Geben Sie acht, daß sich nicht allzu viele geschlagen und geworfen volle +Apfelweingläser um Ihre Zahlperson herum gruppieren. Die Mädchen machen +sich zu gern an solche Herren ran, die Mitleid mit ihnen haben. Mitleid +ist unschicklich bei Kunstgenüssen. Haben Sie jetzt auf diese Tänzerin +acht gegeben? Kleist hat auch jahrelang auf Anerkennung lauern müssen. +Klatschen Sie nur tapfer in die Hände, auch wenn es Ihnen beinahe +mißfallen hat. Wo haben Sie Ihren Bergstock? Zu Hause gelassen? Das +nächste Mal müssen Sie wohl oder übel sportmäßig ausgerüstet im Gebirge +erscheinen, für alle Fälle. Besser ist besser. Was trippelt da für eine +reizende Sennhütten-Prinzessin auf Sie zu? Das ist die Kleine. Die will +ein geschmettert Volles für fünfzig Pfennig von Ihnen. Werden Sie diesen +Lippen, diesen Augen, dieser süßen, dummen Bitte widerstehen können? Sie +wären zu beklagen, wenn Sie das könnten. Nun öffnet sich Ihnen wieder +der Bühnen-Gletscherspalt, und eine dänische Liedersängerin wirft Sie +mit Tönen und Anmutsschneeflocken an. Sie nehmen gerade einen Schluck +von Ihrer kuhwarmen Gebirgsmilch. Der Wirt macht die aufpassende +Rausschmeißrunde durch das Lokal. Er sorgt für den Anstand und für das +gute Betragen. Gehen Sie doch mal hin, ich kann Ihnen sagen, na! +Vielleicht treffen Sie dort auch mich wieder einmal an. Ich aber werde +Sie gar nicht kennen, ich pflege dort, von Zaubereien gebannt, +stillzusitzen. Ich lösche dort meine Dürste, Melodien wiegen mich ein, +ich träume. + + + + +Auf Knien! + + + Wo sind die schönen Zeiten hin, + da es noch Kavaliere gab? + +Kann es eine reizendere Liebhaberrolle geben als den jungen Römer +Ventidius? Sonst können etwa Liebhaber auf die Nerven fallen, +anlangweilen, anöden, dieser da in keinem Moment. Der Elegant aus dem +alten Rom vermeidet es, überflüssige Worte zu machen, und doch fließt +ihm die Rede nur so sturzweise, nicht nur glas-, sondern +literflaschenweise zum Mund heraus. + + Vergib, erlauchte Frau, dem Freund des Hauses -- + +Glänzend versteht er es, Frauen den Hof zu machen. Er ist eher eine +liebe, als eine bedeutende Erscheinung, ein reizender Quatschkopf, ein +Gelegenheitsarbeiter, der in Schwung kommt, wo's was zu erschnappen +gibt. Seine gute Erziehung macht ihn poetisch, er ist durch und durch +Großstadtpflanze, er würde mitleidig lächeln, wenn man ihm zumuten +wollte, tief zu empfinden. + + Wie selig bin ich, Königin -- + +Seine Sprache atmet Aufrichtigkeit, und das ist er auch, er ist +aufrichtig, denn er ist jung, aber er ist zugleich ein Italiener, was +heißen will: ein Abkömmling von Leuten, die das Talent hatten, die Welt +zu unterjochen. Er ist herrisch und zugleich graziös, was aber ist Anmut +anderes als Demut? Unser junger Mann mit der flehenden Bitte auf der +Lippe ist ein Lügner, ein Unterdrücker aus Gewohnheit, daher +interessiert er so lebhaft. + + Nicht eh'r, Vergötterte, als bis du meiner Brust -- + +Wie eitel er ist. Augenblickserfolgsmensch, was er ist, verwundet es ihn +tief, sich glauben machen zu sollen, daß man ihn entbehren kann. Daß man +ihn verächtlich finden kann, das kann er unter keinen Umständen glauben. +Der Glaube an Siege war die Religion der Römer. + + Und müßt' ich so in Anbetung gestreckt -- + +Hier wird er zornig. Wenn er jetzt nicht entzückt, ist er lächerlich. +Der Schauspieler, der ihn spielt, muß Tränen gutgespielten Schmerzes zur +Verfügung haben. Außerdem muß er zu knien gelernt haben. +»Leidenschaftlich« wird hier, laut Kleistscher Textanmerkung gekniet. +Wie aber benimmt sich der Schauspieler bei Mondschein? + + Dies ist der stille Park, von Bergen eingeschlossen -- + +Eine Minute später wird er von Bären zerrissen. Jetzt hat er die +Pflicht, eines elenden Todes zu sterben. + + + + +»Guten Abend, Jungfer!« + + +Wurm, Haussekretär des Präsidenten. Welch eine merkwürdige Figur. Dieser +großartig angelegte Schleicher. In seiner Seele hat einstmals +jugendliches Feuer gebrannt. Man muß sich einen Wurm als jung denken. +Damals hat er noch weinen, beben, beten und hell auflachen können. Es +ist möglich, daß er sogar Gedichte geschrieben hat, und jetzt! Er möchte +gern etwas ganz Großes sein, er hat Phantasie, und er ist in den +Bezirken des Hohen und Guten wie zu Hause. Aber er hat es zu nichts +Hohem und Fertigem gebracht, zu nichts Befehlshaberischem. Da er sich +vor unfeinen, ja scheußlichen Gewalten bücken muß, hat er sich auf die +betörende Grausamkeit verlegt, das zeigt unanfechtbar deutlich an, daß +er die Hoheit des Schönen und Guten schauerlich empfindet. Er wäre ein +guter Kerl, wenn ihm ein schöner Mund zulächeln wollte. Da schleicht er +nun, wie so ein vollendeter Schleicher, das vollkommene Bild eines +lebentötenden und -vergiftenden Schurken, und hat doch eine krankhafte +Sehnsucht nach dem Lieblichen. Wie wünscht er, gut und rechtschaffen und +wohlwollend zu sein. Schon allein seine Klugheit wünscht das. O, er weiß +in allen Herzenssachen so trefflich Bescheid, er kennt die Welt, und er +weiß, daß er das beste Weltgeschäft verpaßt hat: Zündende Wärme und +Liebe. Und da geht er nun hin, eines Abends, es fängt schon zu dunkeln +an, zu Luise, die er anbetet, und will nun um sie werben, obschon er von +der Nutzlosigkeit seiner Absichten überzeugt ist. Und nun beginnt diese +furchtbare Folterung der liebenden Seelen. Unzweifelhaft ist Wurm ein +Schurke, es macht ihm Spaß, zu quälen, aber ebenso gewiß tut er sich +weh, er liebt, und das ist sehr wichtig. Denn nun tut sich vor unsern +Augen da eine wahre Seelenschmerzenhölle auf, es regnet in dieser +herrlichen Abendszene Qualen. Das Luisen-Zimmer ist gleichsam tapeziert +mit Bildern der unnennbarsten Pein. Rache und Zärtlichkeit, körperliche +Lust und Bosheit, Schurkerei und herrische Standhaftigkeit, wie wimmelt +das kraß durcheinander. Wurm ist Weltmann, er besitzt die solide Bildung +eines Mannes mit guten Beziehungen, er ist genau informiert über die +Charaktereigenschaften des Heldenmädchens. Er bewundert sie ohnegleichen +in dem Moment, wo sie sich seinen entsetzlichen Plänen überliefert. Er +fühlt die grenzenlose Verachtung, welcher er sich aussetzt, er hält das +aus, ja, er übersteigt noch die Grenze, er zwingt sich zuletzt noch zu +Widerlichkeiten. Er steht unbedingt groß da, er ist Held. Inwiefern +Ferdinand Kavalier ist, kann er stolz sein, durch so kühne Intrigen zu +fallen. + + + + +Porträtskizze + + +Es ist mir, als sähe ich ihn vor mir, den Prinzen von Homburg. Er ist in +das Kostüm seiner Zeit gesteckt worden, und nun bildet er sich etwas ein +auf die Farben, die er trägt, ein scheinbar so eitler Fritze ist er. +Übrigens ist er ein Talent, er kann reden, und das ist wiederum etwas, +worauf er sich etwas einbildet. Er hat hohe, glänzend gewichste Stiefel +an den gespreizten Beinen und, Donnerwetter, ritterliche Handschuhe an +den Händen, das hat nicht jeder, ein einfacher Bourgeois zum Beispiel +kann das nicht haben. Auf dem Kopf hat er eine Perücke, sein Schnurrbart +ist fabelhaft geringelt, das allein bürgt für den künstlerischen Erfolg. +Er braucht jetzt nur noch ärgerlich mit seinem Soldatenbein auf den +Boden zu stampfen, um alle übelwollenden Kritiken wegzufegen, er tut's, +und von diesem Augenblick an ist dieser Herr Prinz von Homburg ein +gottbegnadeter Künstler. Übrigens hat er seine Rolle auswendig gelernt, +reiner Überfluß, sich die Stellen gemerkt, wo sein ganzes prinzlich +homburgisches Wesen zum Durchbruch kommen soll, absoluter Mangel an +Kunstunbewußtheit. Er braucht nichts zu können, ja, es ist sogar gut, +wenn er nichts kann, der echte Schauspieler ist nicht fürs Lernen, denn +er hat's von der Geburt her. Das ist es ja, was diesen hohen Beruf von +den übrigen Erdenberufen rühmlich unterscheidet: Man stiefelt einfach in +Stiefeln hervor, rasselt mit dem Degen, macht eine Geste und heimst +Beifall ein. Das sind keine so einfachen Menschen, die sagen können: + + Nun denn auf deiner Kugel, Ungeheures -- + +So etwas kann ein Arzt, ein Techniker, ein Journalist, ein Buchbinder +oder ein Bergebesteiger nicht sagen, hat ja auch, Gott soll mich +strafen, keine Veranlassung dazu. Prinz von Homburgs Augen rollen +schrecklich, er spricht die Verse mehr mit seinem Augenrollen als mit +seinen Lippen. Übrigens spricht er die Verse schlecht, das beweist, daß +er ein guter Mensch ist, daß er Seele, Frau und Kind hat, Charakter hat, +und es beweist auch, ja, jetzt merke ich es endlich, daß er tief, tief +über seine Rolle nachgedacht hat. Dieser Prinz von Homburg ist von einer +bezaubernden Naturburschenhaftigkeit, wenn es gilt, zu sagen: + + Pah, eines Schuftes Fassung, keines Prinzen. + Ich denk' mir eine andre Wendung aus. + +Diese Worte brüllt er womöglich. Und jetzt gewärtigt er Beifall, aber +über den Bürger, dessen Beifall er will, fühlt er sich adlig erhaben. +Nun, er ist von Adel, er besitzt Güter am Rhein: + + Da will ich bauen, will ich niederreißen. + +Du liebe Zeit, er geht eben ganz in der Rolle auf. Talent hat der +Schuster gehabt, der ihm die Kanonenstiefel angemessen hat, nicht er, +das heißt, ja, Talent schon, aber alles das geht ja den einfach +geborenen Bürger nichts an. + + + + +Ein Genie + + +Ich bereite mich gegenwärtig darauf vor, Schauspieler zu werden. Mein +erstes Auftreten auf den Brettern ist nur noch die übliche Frage der +Zeit. Momentan lerne ich Rollen auswendig. Den ganzen Tag, trotz des +herrlichsten Wetters, sitze oder stehe ich aufrecht in meiner Bude und +deklamiere in allen Tonarten. Ich bin vollständig vom Theaterteufel +verschlungen. Meine Nachbarschaft bringe ich durch mein Brüllen zur +Verzweiflung. Was soll aus mir werden? Aber das hat so kommen müssen. +Ich erblicke in dem Mimenberuf die höchste und reinste Menschenaufgabe, +und ich glaube nicht, daß ich mich täusche. Ich werde fürs erste in das +Heldenfach eintreten, später wird es sich dann zeigen, ob ich der Mann +dazu bin, in Charakterrollen hinüberzuspringen. Ich bin, was meine ganze +Naturanlage betrifft, einer der süßlichsten Kerls in Europa, meine +Lippen sind Zuckerfabriken, und mein Benehmen ist ein total +schokoladenes. Dagegen gibt es in mir und an mir eine Art +Männlichkeitston, der reine Fels. Ich kann plötzlich, wenn ich es für +gut finde, Stein sein, oder Holz; das wird den Liebhabern, die ich +spielen werde, notwendigerweise zu statten kommen. Von meiner Figur, die +eine sehr altbackene ist, wird Erschütterung ausgehen, meine Augen +werden faszinieren, mein Betragen wird blenden, denn es besteht aus +lauter Glühstrümpfen. Ich habe einen etwas krummen Rücken nebst einem +kleinern Buckel. Diese Verunstaltung meines Körpers wird hinreißen, denn +ich gedenke sie vergessen zu machen durch die plastische Darstellung +meiner zahlreichen innern Vollkommenheiten. Man wird etwas Häßliches und +zugleich etwas Schönes sehen, und das Schöne wird den Sieg davontragen. +Mein Kopf ist mächtig groß, meine Lippen sind dick wie starke Folianten, +meine Hände gleichen den Füßen von Elefanten, und dazu besitze ich eine +furchtbar modulationsfähige Stimme. Wenn jener melancholische Königssohn +sagen konnte, er habe Dolche geredet, so darf ich behaupten, und zwar +füglich, ich rede und schwatze Schwerter. Schon als Junge bin ich einmal +im dramatischen Verein »Edelweiß« aufgetreten, nämlich als Hausknecht, +ich spielte schlecht, denn ich fühlte mich zu Höherem berufen. Nunmehr +ist die Sache ja für mich entschieden. Nächste Woche findet mein Debüt +statt, das Stück heißt: »Du lachst dich kaput«. Hoffentlich erscheinen +nun die billettlösenden Herrschaften recht zahlreich, wenn nicht, dann +eben nicht, umbringen wird mich die Gleichgültigkeit eines +verständnislosen Publikums niemals. + + + + +Don Juan + + +Das Theater war voll besetzt. Das Zeichen zum Beginn der Vorstellung +ertönte. Der Vorhang ging in die Höhe. Nein, vorher tönte schon das +Orchester mit seiner Ouvertüre, und jetzt erst ging der Vorhang in die +Höhe, und Don Juan, der Verführer der Frauen, trat auf, und gar nicht +lange dauerte es, und so zog er seinen Degen und rannte ihn dem +schwächlichen Gegner in den Leib. Dies war der arme alte Vater, worauf +nun, unter einem überaus melodiösen Geschrei, das einem das Herz zerriß, +die Tochter herbeieilte, um am Leichnam des Erschlagenen +niederzustürzen. Hierauf sang die verzweifelte Frau ein so schönes, in +die höchsten Schmerzen steigendes Klagelied, daß den Hörern die Tränen +in die Augen treten mußten. Und so wogte der Inhalt der Oper auf und ab, +und Lichter schossen aus der Finsternis blendend hervor, und Geister +tauchten, zum Entsetzen derer, die sie sahen, auf, und Augen wurden naß, +und frevelhafte Worte wurden ausgesprochen, wobei die Musik bald zu +tönen aufhörte und bald wieder mit Gesang und Klang von neuem einsetzte, +um jedes Ohr zu bezaubern. Die Ohren, die das alles hörten, wurden von +der Musik verwundet, um gleich darauf wieder, nur von einem neuen Strom +von Musik, geheilt und erlöst zu werden. So wechselten der Tod mit dem +Leben, die Erschöpfung mit der Erquickung, die Verwundung mit der +Gesundung ab, und Bilder taten sich vor den Augen der Zuschauer auf, die +sie, so sagten sie sich, nie wieder würden vergessen können. Die +wunderbare Musik tröstete und beengte alle Seelen, betörte und beglückte +alle Herzen. Und der schöne, edle, volltönende Gesang glich dem +glücklichen Kind, das getragen und gehoben wird von den Armen der +vielleicht noch viel glücklicheren Mutter. Und so strömte und loderte es +gleich einer überanmutvollen, schreckenerregenden Feuersbrunst, und +gleich einem in sich selber tosenden und in die Schlucht hinabstürzenden +und brüllenden wilden Wasserfall. Dann wieder war es ein stilles, kaum +hörbares Seufzen. Einige Zeit lang glich es einem süßen, liebevollen +Anmutgeriesel oder wohltuendem Schneegestöber. Dann schien es zu sein, +als regne es leise auf Dächer herab, worauf wieder ein gereizter +gewaltiger Löwe zu brüllen schien, so daß Furcht und Schönheitsempfinden +miteinander kämpften. Und immer war es getaucht in silberne, milde +Mondesgroßartigkeit, daß man meinte, nicht ein Mensch, sondern ein +himmlischer, erdenunabhängiger Engel müsse das alles erfunden und +gemacht haben. Man dachte überhaupt, weil das Ganze eine so schöne +Schöpfung war, nicht an eine Schöpfung, denn man hatte zu viel mit dem +Bewußtsein des Genusses zu tun. Jagdhörner, Waldhörner klangen zwischen +den Flöten, Klarinetten und elegischen Geigen, daß ganze rauschende, +uralte Eichen-, Buchen- und Tannenwälder sich vor der Seele und vor dem +musikdurchschauenden Auge auftaten. Und dann, was war dann? Dann, und so +kam ja die herrliche, gnaden- und tonüberströmte Verzeihungsszene, wo +die liebliche Zerline ihren Gatten um Verzeihung des Fehltrittes bittet, +die gewährt wurde unter einem unsagbar schönen Gesang, wobei sie beide +singen, die Verzeihliche sowohl wie der liebe gute Verzeihende. So +versöhnten und verziehen sie sich, und man wußte gar nicht mehr, wo man +war vor lauter Schwelgen und Träumen in wehmutvoll-empfindungsvollen +Rätseln. In den Logen und Parketten schauten sich Gatte und Gattin, +Bruder und Schwester, Freund und Freundin, Sohn und Vater, Tochter und +Mutter in die Augen und nickten mit den gedankenvollen Köpfen. In einer +Loge, wie in einem Lusthaus oder wie in einem Tempel, saß eine schöne +Frau mit großen, schwarzen, leidenschaftdurchglühten Augen, die sich +nicht verwinden konnte, eine Bewegung zu machen, als wolle und müsse sie +an den sterblich schönen und süßen Tönen kranken und sterben, um im +Schönheitsgenuß zu endigen. Und so vielleicht noch allerlei andere, +weniger bedeutsame Personen. Oskar, der finstere Oskar, der Held der +Epoche, in der er lebte, lehnte an einer goldenen Säule, und er mußte +schaudern vor den Gewinnsüchtigkeiten und Schlechtigkeiten des Lebens, +das er führte, da er so himmlisch Schönes und Wohllautendes hörte. Doch +er verzog keine Miene seines harten Gesichtes, und er rührte kein Glied +seines schlanken, wie aus schmiegsamem Eisen gebauten Körpers. »Komm auf +mein Schloß, mein Leben« -- so sang der verwilderte Kerl mit dem +rabenschwarzen Bart im Wüstlingsgesicht. Doch wir scheinen vergessen zu +haben, zu sagen, wie eine Dame, ganz in schwarz gekleidet, mit nicht +endenwollendem Gram- und Schmerzgesang aus dem Hintergrund der Welt an +das Licht hervortrat. Zuletzt, als alles nichts half bei dem Verworfenen +und Verderblichen, öffnete sich feurig rot der Höllenschlund und +verschlang den unverbesserlichen Bösewicht mit Gepolter, Gekrach und +Geknatter. Die Musik spielte noch einige nachtragende Töne, und auf +einmal war alles mäuschenstill, der Vorhang fiel nieder, und das +Publikum ging nach Hause. An diesem Abend machte Oskar die Bekanntschaft +der schönen Gräfin von Erlach, die die Männer liebte, um sie zu +vernichten. In der Folge wußte er sich aber den schrecklichen Einflüssen +dieser Frau zu entziehen, wozu ihm die näher mit den Dingen Vertrauten +gratulierten. + + + + +Kino + + +Graf und Gräfin sitzen beim Frühstück. In der Tür erscheint der Diener +und überreicht seiner gnädigen Herrschaft einen anscheinend gewichtigen +Brief, den der Graf erbricht und liest. + +Inhalt des Briefes: »Sehr geehrter, oder, wenn Sie lieber wollen, +hochwohlgeborener, nicht genug zu rühmender, guter Herr, hören Sie, +Ihnen ist eine Erbschaft zugefallen von rund zweimalhunderttausend Mark. +Staunen Sie und seien Sie glücklich. Sie können das Geld persönlich, +sobald es Ihnen beliebt, in Empfang nehmen.« + +Der Graf setzt seine Frau von dem Glück, das ihm in den Schoß gefallen +ist, in Kenntnis, und die Gräfin, die einige Ähnlichkeit mit einer +Kellnerin hat, umarmt den höchst unwahrscheinlichen Grafen. Die beiden +Leute begeben sich weg, lassen aber den Brief auf dem Tisch liegen. Der +Kammerdiener kommt und liest, unter einem teuflischen Mienenspiel, den +Brief. Er weiß, was er zu tun hat, der Schurke. + +»Bier, wurstbelegte Brötchen, Schokolade, Salzstangen, Apfelsinen +gefällig, meine Herrschaften!« ruft jetzt in der Zwischenpause der +Kellner. + +Der Graf und der Kammerdiener, das ungetreue Scheusal, als welches er +sich nach und nach entwickelt, haben sich aufs Meerschiff begeben, und +jetzt sind sie in der Kajüte. Der Diener zieht seinem Herrn die Stiefel +aus, und letzterer legt sich schlafen. Wie unvorsichtig das ist, soll +sich alsbald zeigen, denn nun entpuppt sich der Schurke, und ein +mörderischer Kammerdiener gießt seinem Gebieter eine sinnberaubende +Flüssigkeit in den Mund, den er gewaltsam aufreißt. Im Nu sind dem Herrn +Hände und Füße gefesselt, und im nächsten Augenblick hat der Räuber den +Geldbrief an sich gerissen, und der arme Herr wird in den Koffer +geworfen, worauf der Deckel zugeklappt wird. + +»Bier, Brause, Nußstangen, Schokolade, belegte Brötchen gefällig, meine +Herrschaften«, ruft wieder das Ungeheuer von Kellner. Einige der +anwesenden Vorortherrschaften genehmigen eine kleine Erfrischung. + +Nun prunkt der verräterische Diener in den Anzügen des vergewaltigten +Grafen, der in dem Amerikakoffer schmachtet. Dämonisch sieht er aus, der +unvergleichliche Spitzbube. + +Es rollen noch weitere Bilder auf. Zuletzt endet alles gut. Der Diener +wird von Detektivfäusten gepackt, und der Graf kehrt mit seinen +zweimalhunderttausend Mark glücklich, obgleich unwahrscheinlich, wieder +nach Hause. + +Nun folgt ein Klavierstück mit erneuertem »Bier gefällig, meine +Herrschaften«. + + + + +Wanda + + +Als ganz junger Mensch schon, zu der Zeit, da ich Volksbanklehrling war, +fühlte ich mich auf das entschiedenste als Dramatiker geboren. Was für +einen wackern Schaffensdrang und -mut ich entwickelte, mag daraus +hervorgehen, daß ich oben in einer staubigen Dachstube an einem Stehpult +stand, das meinem ältern Bruder, der Student war und der ebenfalls in +großen Linien drauflos dramatisierte, von einer Verehrerin und Gönnerin +zum Geschenk gemacht worden war. Mein Bruder wälzte sich an einem +historischen Stoff herum, der den Titel trug: »Der Bürgermeister von +Zürich«. Ich aber, indem ich mich in das Polentum verliebte, hatte mich +in den polnischen Freiheitskampf geworfen, und der Gegenstand meiner +leidenschaftlichen dichterischen Bestrebungen hieß: »Wanda, die +Polenfürstin«. O Gott, wie schwelgte ich am Genuß dieses hochherzigen +Heldenkindes. Andrerseits aber träumten wir beide, mein produktiver +Bruder und ich, der ich mir nicht minder produktiv erschien, von +rauschendem Applaus, von Lorbeerkränzen und von mehr-, ja, vielleicht +hundertfach wiederholten Aufführungen, hervorgerufen durch allseitiges +stürmisches Verlangen, unsre bezaubernden Werke immer von neuem wieder +zu sehen. Es war im Sommer, und in der Dichterdachkammer herrschte eine +versengende, brütende Hitze, und den beiden jungen hoffnungsvollen +Theatralikern lief der Schweiß von den erfinderischen und schöngeistigen +Stirnen herunter. Meine Polen schienen das Leben, das doch so amüsant +sein kann, nicht sonderlich hochzuschätzen, sondern sie warfen es, +erfüllt, wie sie waren, von glühender Vaterlandsliebe, weg, als tauge es +keinen Pfifferling, oder als tauge es nur angesichts des Todes etwas. +Ich erschrecke heute, wo aus mir ein Genüßling und Lüstling geworden +ist, der die Teller leckt und den üppigen Frauen bereitwilligst den Hof +macht, über den vormaligen dramatischen Heldenmut, womit ich umging, als +sei ich nicht meiner lieben Mutter, sondern einer Löwin Sohn, bestimmt +für die Schlacht und für den grausigen Kanonendonner. »Wanda« ist +indessen nie als Buch erschienen, und ebensowenig habe ich erfahren, daß +dieses herrliche Stück je seine Aufführung erlebte. + + + + +Fanny + + +Meine bescheidene Wenigkeit war im elterlichen Hause, als kleiner Junge, +der noch unglaublich grün und noch ziemlich naß hinter den Ohren war, +der bevorzugte Inszeneur, Theaterspieler, Dramaturg, Regisseur und +Geschichtenmacher meiner jüngern Schwester, der ich eine Zeitlang immer +Geschichten, nicht etwa nur erzählen, nein, machen mußte, wessen ich +mich heute glücklicherweise noch deutlich erinnere, da ich sonst diesen +interessanten Aufsatz ja gar nicht schreiben könnte. Fanny, so, meine +ich, hieß die entsetzliche kindliche Tyrannin, die gebieterisch von mir +verlangte, ich solle ein dichterisches Genie sein, um sie mit Vorgängen +zu erbauen und mit Geschichten zu unterhalten, wobei sie mir stets, und +das war das Schreckliche, drohte, zu Mama zu gehen und mich als +Bösewicht zu verklagen, wenn ich mich von Zeit zu Zeit eines so +ermüdenden und geistig so aufreibenden Geschäftes, wie das edle +Dramatisieren ist, ein wenig entziehen wollte. Stundenlang dauerte das +Theater; und die Geschichten, die ich machte und in Szene setzte, +wollten schon, aber durften nicht enden, da sonst mein gestrenges +Publikum, das heißt: meine liebe Schwester, indem sie eine mir nur zu +wohlbekannte zürnende Miene aufsetzte, sogleich sagte: »Du scheinst +heute keine besondere Lust zu haben, mir eine Geschichte zu machen, an +welcher ich mich ergötzen könnte. Ich rate dir, habe nur Lust, sonst geh +ich zu Mama und sage ihr, daß du mich immer ärgerst, und dann bekommst +du Prügel, das weißt du. Nimm nur deine Phantasie mit aller Kraft +zusammen und gib mir stets nur das Beste von deinem Können. Ich weiß, +daß du kannst, wenn du willst, und ich will keinerlei Entschuldigungen +anhören, wie die, daß dir der Geist erlahme. Umsonst sind alle deine +Bemühungen, die du machst, um dich deiner Aufgabe, einer Aufgabe, zu +deren Lösung du verpflichtet bist, zu entziehen. Du mußt, du mußt +spielen. Sonst werde ich erbärmlich zu weinen anfangen, was Mama haßt, +und was das für unausbleibliche peinliche Folgen für dich hat, das kann +dir dein Geschichtenmacherkopf erzählen, den schon so mancher Schlag von +Mamas Hand getroffen hat.« So oder ähnlich redete eine schauderhafte +Unterdrückerin zum erbarmungswürdigen, armseligen Gedrückten, Gepreßten, +Verkauften und Unterdrückten. Machte ich meine Sache gut und war +Schwesterchen zufrieden mit der Kunst, die ich ausübte, so belohnte ein +reizendes, gnädiges, wenngleich etwas höhnisches Lächeln den +Angstschweiß, mit dem ich gekämpft hatte. Wenn ich aber der Tyrannin +trotzte und mich den schwesterlichen Befehlen nicht fügen wollte, so kam +es heran, das Ungeheure, und ich erhielt Hiebe auf meinen phantasielosen +Schädel, eine Maßregel, die ich natürlicherweise im höchsten Grade +verabscheute. Und da mir Mamas Zorn stets mindestens ebenso weh tat wie +die Ohrfeige, die sie mir versetzte, so suchte ich im allgemeinen meines +geehrten Publikums Gunst zu erwerben und Mißfallen zu vermeiden, und +bald kam ja dann die Zeit, wo die lästige Geschichtenmacherei und +dramatische Kunst überhaupt aufhörte. + + + + +Lebendes Bild + + +Ein großstädtischer Hof, vom Mond beleuchtet. Mitten im Hof eine eiserne +Kiste. Eine Partie Gesang von innen her in den Zuschauerraum tönend. Ein +Löwe an einer Kette angebunden. Ein Schwert neben der Kiste. Eine +dunkle, unerkennbare Gestalt etwas weiter davon entfernt. Der Gesang, +das heißt, eine junge, schöne Frau, beugt sich oben zu einem +lampenerhellten Fenster hinaus, immer weiter singend. Es scheint +entweder eine gefangen gehaltene Prinzessin königlichen Ursprungs oder +eine Opernsängerin zu sein. Zuerst ist der Gesang wie eine schlichte, +ziemlich schülerhafte Gesangsübung gewesen, aber nach und nach erweitert +und verbreitert er sich zu was Großem, zu was Menschlichem, er ist +hinreißend, er klagt, dann wieder scheint er sich im eigenen Schmerz zu +gefallen. Dieser Gesang reißt das Fenster auseinander und gibt der Luft +eine schöngebaute Treppe zum Hinuntersteigen. Die Frau kommt hinunter, +aber immer noch singend. Aus der eisernen oder stählernen Kiste taucht +jetzt ein Mannskopf hervor, furchtbar blaß und von schwarzen, wilden +Haaren umrahmt. Die Augen des Mannes reden die stumme Sprache der +Verzweiflung, der breite, man darf wohl sagen: volkstümliche Mund +lächelt, aber was ist das für ein schreckliches Lächeln? Der Zorn und +der Gram scheinen es in jahrelanger Übung still zusammengebaut zu haben. +Die Wangen sind eingefallen, aber das ganze Gesicht drückt +unaussprechliche Güte aus, nicht solche, der es leicht geht, sondern +solche, die das Schwerste erfahren hat. Die Sängerin setzt sich unter +einer unnachahmlichen Bewegung auf den Rand der Kiste, die Hand legt sie +wie liebkosend auf den Kopf des Eingeschlossenen. Der Löwe rasselt mit +der Kette. Ist hier alles, alles gefangen? Laß sehen. Wirklich, auch das +Schwert am Boden rührt sich in keiner Weise, aber es lebt, denn es gibt +jetzt einen kurzen Ton von sich, es seufzt. Was ist das für ein +Zeitalter, das Künstlerinnen zu Löwen wirft, neben eine klirrende Kette, +vor ein seufzendes Schwert, an die Seite von Leuten, die die sonderbare +Laune haben, in eisernen Kasten zu wohnen? Plötzlich stürzt der Mond von +seiner unermeßlichen Höhe in den Hof hinab, der Frau vor die Füße. Diese +setzt den Fuß auf die blasse, schimmernde Kugel und bewegt sich +solchermaßen rund um die Kiste herum. Da zerteilt und zerlegt sich der +Mond in ein weites Gewand, oder in eine Art Teppich, oder in eine +Schicht weißlichen Nebel, die Häuser, die den Hof bilden, verschwinden, +blendend weiße Alpengipfel steigen aus dem Abgrund der Bühne langsam in +die Höhe, der Nebel legt sich den Alpen zu Füßen, ein rötlicher Stern +schießt aus der bläulich-schwärzlichen Luft herab in die Haartracht der +Sängerin. Dieser Schmuck ist blendend, aber in diesem Moment entsteigt +der Kiste eine hohe, dunkelgrüne Tanne, und der Mann steht, mit einer +prachtvollen Rüstung bedeckt, unter den Ästen dieser Tanne, aber noch +mehr: da, wo ein Löwe an der Kette gerissen hat, steht jetzt ein +zierlicher Tempel von altgriechischer Bauart. Das Schwert hat, wie es +scheint, Bewegung gefunden, denn es befindet sich wunderbarerweise jetzt +in den Händen des Mannes, und dieser Mann! Worte wagen sich nicht an die +Beschreibung seiner kräftestrotzenden Erscheinung heran. Er singt, oder +irgend etwas um ihn herum scheint zu erbeben unter Klängen. Hinter den +Bergen läuten die Glocken. Ein ferner, blauer See spiegelt sich in der +Luft über den Häuptern der Darsteller formvollendet, aber verkleinert +ab. Dem Bühnenboden entsprießen Gräser, Kräuter und Blumen, wir befinden +uns, glauben wir, auf der üppigen Matte eines breiten Vorberges. Da +kommt auch noch eine Kuh mit bim bam und bum bum und weidet friedlich. +Ein Summen umhüllt alles. Aber wo ist die Sonne. Ei, unter dem Sonnigen +vergißt man eben die Gegenwart der Sonne. Aber plötzlich legt sich eine +schwarze, ungeheuerlich große Hand breitfingrig über das alles und +erdrückt es. Hinab! donnert eine höllische Stimme, und wieder taucht der +schwärzliche Hof auf, der Löwe brüllt, die Zeit steht etwas abseits von +dem Gebrüll an einen Pfahl angelehnt, unerkennbar und totenstill, der +Kopf des Mannes ragt zur Kiste heraus, er murmelt jetzt etwas, und der +künstlerische Schmerz singt wieder zum Fenster hinaus. Dazwischen hört +man das ferne, ferne Gezwitscher eines Vogels, wobei man an den See +denken muß, der in der losen Luft gehangen ist. Das Schwert schlägt +dumpf zu Boden. Und nun sinkt der Gesang der Frau zu der anfänglichen +Gesangschule herab, der Mann duckt sich eilig und verschwindet +vollständig in seiner eisernen oder gußeisernen Umgebung. Die dunkle +Gestalt raucht eine Zigarette, als wollte sie sagen: das ist mein +Kennzeichen. Sie gibt dadurch tatsächlich dem Bild eine andre Wendung, +denn nach einer momentanen Dunkelheit blicken die Zuschauer in ein +modern ausgestattetes Kaffeehaus, worin einzelne Leute gierig Zeitungen +lesen. Sie tippen mit den Fingern auf Gedrucktes, lächeln fein und +farblos dazu und rufen dann: Bitte zahlen, Ober! Der Löwe spaziert +manierlich herein, hinter ihm die vermeintliche Prinzessin, auch der +Mann kommt, eine »interessante Erscheinung«, dann das hübsch frisierte +Schwert, dann der blauäugige See in ganz neuem Anzug, und bestellen alle +hintereinander eine Tasse Kaffee und schwatzen miteinander. + + + + +Ovation + + +Stelle dir, lieber Leser, vor, wie schön, wie zauberhaft das ist, wenn +eine Schauspielerin, Sängerin oder Tänzerin durch ihr Können und durch +die Wirkung desselben ein ganzes Theaterpublikum zu stürmischem Jubel +hinreißt, daß alle Hände in Bewegung gesetzt werden und der schönste +Beifall durch das Haus braust. Stelle dir vor, daß du selber mit +hingerissen seiest, der Glanzleistung deine Huldigung darzubringen. Von +der umdunkelten, dichtbevölkerten Galerie herab hallen, Hagelschauern +ähnlich, Beifallskundgebungen herab, und gleich dem rieselnden Regen +regnet es Blumen über die Köpfe der Leute auf die Bühne, von denen +einige von der Künstlerin aufgehoben und, glücklich lächelnd, an die +Lippen gedrückt werden. Die beglückte, vom Beifall wie von einer Wolke +in die Höhe gehobene Künstlerin wirft dem Publikum, als wenn es ein +kleines, liebes, artiges Kind sei, Kußhand und Dankesgeste zu, und das +große und doch kleine Kind freut sich über diese süße Gebärde, wie eben +nur immer Kinder wieder sich freuen können. Das Rauschen bricht bald in +Toben aus, welches sich wieder ein wenig zur Ruhe legt, um gleich darauf +von neuem wieder auszubrechen. Stelle dir die goldene, wenn nicht +diamantene Jubelstimmung vor, die wie ein sichtbarer göttlicher +Nebelhauch den Raum erfüllt. Kränze werden geworfen, Buketts; und ein +schwärmerischer Baron ist vielleicht da, der ganz dicht am Rand der +Bühne steht, den Schwärmerkopf bei der Künstlerin kleinen, kostbaren +Füßen. Nun, und dieser adlige Begeisterungsfähige legt vielleicht dem +umschwärmten und umjubelten Kinde eine Tausendmarknote unter das +bestrickende Füßchen. »Du Einfaltspinsel, der du bist, behalte du doch +deine Reichtümer.« Mit solchem Wort bückt sich das Mädchen, nimmt die +Banknote und wirft sie verächtlich lächelnd dem Geber wieder zurück, den +die Scham beinahe erdrückt. Stelle dir das und andres recht lebhaft vor, +unter anderm die Klänge des Orchesters, lieber Leser, und du wirst +gestehen müssen, daß eine Ovation etwas Herrliches ist. Die Wangen +glühen, die Augen leuchten, die Herzen zittern, und die Seelen fliegen +in süßer Freiheit, als Duft, im Zuschauerraum umher, und immer wieder +muß der Vorhangmann fleißig den Vorhang hinaufziehen und herunterfallen +lassen, und immer wieder muß sie hervortreten, die Frau, die es +verstanden hat, das ganze Haus im Sturm für sich zu gewinnen. Endlich +tritt Stille ein, und das Stück kann zu Ende gespielt werden. + + + + +Guten Tag, Riesin! + + +Es ist einem, als schüttle da eine Riesin ihre Locken und strecke ein +Bein zum Bett heraus, wenn man am frühen Morgen, noch ehe die +Elektrischen fahren, von irgendeiner Pflicht angetrieben, in die +Weltstadt hineingeht. Kalt und weiß liegen die Straßen wie ausgestreckte +Menschenarme da; man läuft, reibt sich die Hände und sieht, wie zu den +Toren und Türen der Häuser Menschen heraustreten, als speie ein +ungeduldiges Ungeheuer seinen warmen, flammenden Speichel aus. Augen +begegnen dir, wenn du so dahergehst, Mädchen- und Männeraugen, trübe und +frohmütige; Beine laufen hinter und vor dir, und du selber beinelst +auch, was du nur kannst und schaust mit deinen eigenen Augen, mit +denselben Blicken, wie alle blicken. Und die Brüste tragen alle +irgendein verschlafenes Geheimnis, und in den Köpfen allen spukt +irgendein wehmütiger oder anspornender Gedanke. Herrlich, herrlich. Da +ist es also kalter, halb sonniger, halb trüber Morgen, viele, viele +Menschen liegen noch in ihren Betten, Schwärmer, die die Nacht und den +halben Morgen durchgelebt und -geabenteuert haben, Vornehme, zu deren +Lebensgewohnheiten es gehört, spät aufzustehen, faule Hunde, die +zwanzigmal erwachen, gähnen und wieder einschnarchen, Greise und Kranke, +die sich überhaupt nicht mehr, oder nur mühsam erheben können, Frauen, +die geliebt haben, Künstler, die sich sagen: a was, quatsch, früh +aufstehen, Kinder von reichen, schönen Eltern, fabelhaft gepflegte und +behütete Wesen, die in ihren eigenen Stuben, hinter schneeweißen +Fensterumhängen, das Mündchen offen, märchenhaft träumend, bis neun, +zehn oder elf Uhr schlafen. Was zu solch früher Morgenstunde aus den +wild ineinander verschlungenen Straßen gramselt und ameiselt, das sind, +wenn nicht Dekorationsmaler, so doch vielleicht Tapezierer, +Adressenschreiber, kleine, lausichte Agenten, Menschen auch, die einen +frühen Eisenbahnzug nach Wien, München, Paris oder Hamburg erreichen +wollen, kleine Menschen in der Regel, Mädchen von allen möglichen +Erwerbszweigen, Erwerbende also. Einer, der dem Rummel zusieht, muß das +notwendigerweise einzig finden. Er geht dann so und meint beinahe, auch +rennen, atempusten und seine Arme hin und her schwenken zu müssen; das +Treiben und Emsigtun ist ja so ansteckend, wie etwa ein schönes Lächeln +ansteckend sein kann. Nein, nicht so. Der frühe Morgen ist noch etwas +ganz anderes. Er schleudert aus Kneipen etwa noch ein paar schmierig +gekleidete Nachtgestalten mit ekelhaft rotbemalten Gesichtern auf die +blendend-staubig-weiße Straße hinaus, wo sie eine gute Weile, den +Hakenstock an der Schulter tragend, blödsinnig stehen bleiben, um +Vorübergehende anzuöden. Wie ihnen die trunkene Nacht zu den schmutzigen +Augen hinausblendet! Weiter, weiter. Bei Besoffenen hält sich das +blauäugige Wunder, der frühe Morgen, nicht auf. Er hat tausend +schimmernde Fäden, womit er dich weiterzieht, er schiebt dich von hinten +und lockt und lächelt dich von vorne an, du siehst hinauf, wo ein +weißlich verschleierter Himmel ein paar zerrissene Stücke Blau +hervorläßt; hinter dich, um einem Menschen, der dich interessiert, +nachzuschauen, neben dich, an ein reiches Portal, hinter dem ein +fürstliches Palais verdrossen und vornehm emporragt. Statuen winken dir +aus Gärten und Parkanlagen entgegen; immer gehst du und hast flüchtige +Blicke für alles, für Bewegliches und Feststehendes, für Droschken, die +träge fortrumpeln, für die Elektrische, die jetzt zu fahren beginnt, von +der herab Menschenaugen dich ansehen, für den stupiden Helm eines +Schutzmannes, für einen Menschen mit zerrissenen Schuhen und Hosen, für +einen zweifellos ehemals Gutsituierten, der im Pelzmantel und Zylinder +die Straße fegt, für alles, wie du selber für alles ein flüchtiges +Augenmerk bist. Das ist das Wunder der Stadt, daß eines jeden Haltung +und Benehmen untertaucht in all diesen tausend Arten, daß das Betrachten +ein flüchtiges, das Urteil ein schnelles und das Vergessen ein +selbstverständliches ist. Vorüber. Was ist vorüber? Eine Fassade aus der +Empirezeit? Wo? Da hinten? Ob sich da einer wohl entschließen kann, sich +nochmals umzudrehen, um der alten Baukunst einen Extrablick zu schenken? +I woher. Weiter, weiter. Die Brust dehnt sich, die Riesin Weltstadt hat +jetzt in aller üppigen Gemächlichkeit ihr schimmernd-durchsonntes Hemd +angezogen. So eine Riesin kleidet sich eben ein bißchen langsam an; +dafür aber duftet und dampft und pocht und läutet jede ihrer schönen, +großen Bewegungen. Droschken mit Amerikakoffern obenauf poltern und +radebrechen vorbei, du gehst jetzt im Park; die stillen Kanäle sind noch +mit grauem Eis bedeckt, die Matten frieren dich an, die schlanken, +dünnen, kahlen Bäume jagen dich mit ihrem zitternd-frörlichen Aussehen +flugs weiter; Karren werden geschoben, zwei herrschaftliche Fuhrwerke +aus der Remise irgendeines Menschen von offiziellem Gepräge, jedes zwei +Kutscher und einen Lakaien tragend, jagen vorüber; immer ist etwas, und +jedesmal ist das Etwas, wenn man es näher betrachten will, verschwunden. +Natürlich hast du eine Unmenge Gedanken während deines einstündigen +Marsches, du bist Dichter und kannst dazu ruhig deine Hände in den +Taschen deines hoffentlich anständigen Überziehers behalten, du bist +Maler und hast vielleicht bereits während deines Morgenspazierganges +fünf Bilder fix und fertig gemacht. Du bist Aristokrat, Held, +Löwenbändiger, Sozialist, Afrikaforscher, Tänzer, Turner oder +Kneipenwirt gewesen, hast flüchtig geträumt, eben jetzt dem Kaiser +vorgestellt worden zu sein. Er ist vom Thron herniedergestiegen und hat +dich in ein halbstündiges, vertrauliches Gespräch, an welchem sich auch +die Frau Kaiserin dürfte beteiligt haben, gezogen. Du bist in Gedanken +Stadtbahn gefahren, hast Dernburg seinen Lorbeerkranz vom Haupte +gerissen, geheiratet und dich in einer Ortschaft in der Schweiz heimisch +niedergelassen, ein bühnenfähiges Drama geschaffen -- lustig, lustig, +weiter, he da, was? Sollte das? Ja, da ist dir dein Kollege Kitsch +begegnet, und da seid ihr zusammen nach Hause gegangen und habt +Schokolade getrunken. + + + + +Aschinger + + +Ein Helles bitte! Der Biereingießer kennt mich schon seit geraumer Zeit. +Ich schaue das gefüllte Glas einen Moment an, nehme es mit zwei Fingern +an seinem Henkel und trage es nachlässig zu einem der runden Tische, die +mit Gabeln, Messern, Brötchen, Essig und Öl versehen sind. Ich stelle +das nässende Glas ordnungsgemäß auf den Filzuntersatz und überlege, ob +ich mir etwas zu essen holen soll, oder nicht. Der Eßgedanke treibt mich +zu dem blauweiß gestreiften Schnittwaren-Fräulein. Von dieser Dame lasse +ich mir eine Auswahl Belegtes auf einem Teller verabreichen, derart +bereichert trabe ich ordentlich träge an meinen Platz zurück. Ich +gebrauche weder Gabel noch Messer, nur das Senflöffelchen, mit dem ich +meine Schnitten braun anstreiche, worauf ich dieselben gemütvoll in den +Mund hineinschiebe, daß es die Seelenruhe selber ist, die mir jetzt +unter Umständen zuschauen darf. Bitte, noch ein Helles. Bei Aschinger +gewöhnt man sich rasch einen Eß- und Trink-Vertraulichkeitston an, man +spricht dort nach einiger Zeit fast nur noch wie Waßmann im deutschen +Theater. Mit dem zweiten oder dritten Glas Hellem in der Faust treibt's +einen dann gewöhnlich an, allerlei Beobachtungen zu machen. Man will +gern recht exakt notiert haben, wie die Berliner essen. Sie stehen +dabei, aber sie nehmen sich ganz nett Zeit dazu. Es ist ein Märchen, zu +glauben, in Berlin haste, zische oder trabe man nur. Man versteht hier +geradezu drollig, Zeit dahinfließen zu lassen, man ist eben auch Mensch. +Es ist eine innige Freude, zu sehen, wie hier nach Wurstbrötchen und +italienischen Salaten geangelt wird. Die Gelder werden meistens aus +Westentaschen hervorgezogen, es handelt sich ja doch beinahe regelmäßig +nur um einen Groschen. Jetzt habe ich mir eine Zigarette gedreht und +nehme am Selbstbrenner, der unter grünem Glas steckt, Feuer. Wie gut ich +dieses Glas kenne und die Messingkette zum Anziehen. Immer wimmelt es +ein und aus von eßlustigen und satten Menschen. Die Unbefriedigten +finden rasch an der Bierquelle und am warmen Wurstturm Befriedigung, und +die Satten springen wieder an die Geschäftsluft hinaus, gewöhnlich eine +Mappe unter dem Arm, einen Brief in der Tasche, einen Auftrag im Gehirn, +einen festen Plan im Schädel, eine Uhr in der offenen Hand, die sagt, +daß es jetzt Zeit ist. Im runden Turm in der Mitte des Gemaches thront +eine junge Königin, es ist die Beherrscherin der Würste und des +Kartoffelsalates, sie langweilt sich ein wenig in ihrer köcherlichen +Umgebung. Eine feine Dame tritt ein und spießt ein Kaviarbrötchen an +zwei Fingern auf, sofort mache ich mich ihr bemerkbar, aber so, als ob +mir das Bemerktwerden Wurst wäre. Ich habe inzwischen Zeit gefunden, +mich an einem neuen Hellen festzuhalten. Die feine Frau geniert sich ein +bischen, in die Kaviarherrlichkeit hineinzubeißen, ich bilde mir +natürlich sogleich ein, das sei ich und kein anderer, wegen dem sie +ihrer Zubeißesinne nicht so ganz völlig mächtig wäre. Man täuscht sich +so leicht und so gern. Draußen auf dem Platz ist ein Lärm, den man +eigentlich gar nicht hört, ein Durcheinander von Wagen, Menschen, Autos, +Zeitungsverkäufern, Elektrischen, Handwagen und Fahrrädern, das man +eigentlich auch gar nicht mal sieht. Es ist beinahe unpassend, zu +denken, man wolle das hören und sehen, man ist doch kein Zugereister. +Die elegant-geschweifte Taille, die soeben noch Brot geknuspert hat, +verläßt jetzt Aschinger. Wie lange habe eigentlich denn ich im Sinn, +dazubleiben? Die Bierburschen haben momentan ein wenig Ruhe, aber nicht +lange, denn es wälzt sich wieder von draußen herein und wirft sich +durstig an die sprudelnde Quelle. Menschen, die essen, betrachten +andere, die ebenfalls mit den Zähnen arbeiten. Wenn einer den Mund +gerade voll hat, so sehen zu gleicher Zeit seine Augen einen, der mit +Hereinschieben betätigt ist, an. Und die Leute lachen nicht einmal, auch +ich nicht. Seit ich in Berlin bin, habe ich mir abgewöhnt, das +Menschheitliche lächerlich zu finden. Übrigens lasse ich mir in diesem +Augenblick selber ein neues Eßzauberstück geben, es ist dies ein +Brotbrett mit einer schlafenden Sardine darauf, sie liegt auf einem +Butterlaken, dies gewährt einen so reizenden Anblick, daß ich das ganze +Schauspiel beinahe auf einen Ruck in den offenen Drehbühnen-Rachen +hinunterwerfe. Ist so etwas lächerlich? Keineswegs. Nun also. Was an mir +nicht lächerlich ist, kann es an den andern noch weniger sein, denn man +hat die Pflicht, andere unter allen Umständen höher zu achten, als sich +selber, eine Weltanschauung, die zu dem Ernst, mit dem ich jetzt an den +ruckweisen Untergang meines Sardinennachtlagers denke, prächtig paßt. +Einige von den Menschen, die mich umgeben, unterhalten sich essend. Die +Gewichtigkeit, mit der sie solches tun, ist ansprechend. Wenn man schon +dabei ist, etwas zu unternehmen, unternehme man es würdig und sachlich. +Würde und Selbstbewußtsein wirken behaglich, auf mich wenigstens, und +deshalb stehe ich so gern in irgendeinem von unsern Aschingerhäusern, wo +die Menschen zu gleicher Zeit trinken, essen, reden und denken. Wie +viele Geschäfte sind hier schon ersonnen worden. Und das Schönste ist: +man kann stundenlang am Fleck stehen, das verletzt niemanden, das findet +kein einziger von all denen, die kommen und gehen, auffällig. Wer hier +an der Bescheidenheit Geschmack findet, der kann auskommen, er kann +leben, es hindert ihn niemand. Wer keine gar so besondere Herzlichkeit +beansprucht, der darf ein Herz haben, man erlaubt ihm das. + + + + +Markt + + +Ein Wochenmarkt ist etwas Helles, Lebendiges, Reichliches und Lustiges. +Durch die breite, sonst so stille Straße ziehen sich zwei lange, von +Lücken unterbrochene Reihen Warenstände, belegt und behängt mit allem, +was Haushaltungen und Familien tagtäglich nötig haben. Die Sonne, die +sonst hier herum herrisch und träge liegen kann, hat heute zu springen +und zu blitzen, sozusagen zu fuchteln, denn jedes bewegliche Ding, das +hier herumrührt, jeder Gegenstand, jeder Hut, jede Schürze, jeder Topf, +jede Wurst, alles will angeblendet sein. Würste in Sonnenschein gebadet +sehen prächtig aus. Das Fleisch prahlt und prunkt von den Haken, an +denen es hängt, stolz und purpurrot herunter. Das Gemüse grünt und +lacht, Apfelsinen scherzen in prachtvoll gelben Mengen, Fische schwimmen +in breiten wassergefüllten Kübeln. Man steht so, und dann tut man einen +Schritt. Man tut. Es kommt so genau nicht darauf an, ob der geplante, +probierte und ausgeführte Schritt wirklich ein wahrhaftiger Schritt ist. +Dieses fröhliche, einfache Leben, wie es bescheiden anzieht, wie es +einen kleinbürgerlich und häuslich anlacht. Dazu ist der Himmel von +einem allererstklassigen Blau. Erstklassig! Man will sich nicht zu dem +Wort »süß« versteigen. Wo man Poesie empfindet, bedarf's keinerlei +poetischer Anwandlungen. »Drei Abbelsinen for'n Jroschen.« Wie oft, +Mann, hast du das eigentlich schon bald mal gesagt? Welche Auswahl +prächtiger, dicker Weiber. Unfeine Menschenfiguren mahnen so recht an +die Erde, an das Landweben und -leben, den Gott selbst, der sicher auch +keinen gar so übertrieben schönen Leib hat. Gott ist das Gegenteil von +Rodin. Wie entzückend ist das: an etwas Bäurischem ein wenig, wenn auch +nur für einen »Jroschen« Geschmack empfinden zu dürfen. Frische Eier, +Landschinken, Land- und Stadtleberwürste! Ich muß es heraussagen: ich +stehe und taugenichtse gern in der Nähe von lockenden Eßwaren umher. +Wieder erinnert's ans lebhaft Vergängliche, und das Lebendige ist mir +lieber als das Unsterbliche. Hier sind Blumen, dort Kachelgeschirre, +nebenan Käse, Schweizer, Tilsiter, Holländer, Harzer, und entsprechender +Geruch dazu. Wenn man nun in die Ferne schaut, so wimmelt es von +Landschaftsmalmotiven, schaut man zur Erde, so entdeckt man Schalen von +Äpfeln und Nüssen, Fleischabfälle, Papierreste, halbe und ganze +Weltblätter, einen Hosenknopf, ein Strumpfband. Blickt man hoch auf, so +ist es ein Himmel, blickt man gerade vor sich, so ist es ein +Durchschnittsmenschengesicht, von Durchschnittstagen und -nächten redet +man nicht, von einer Durchschnittsnatur auch nicht. Ist denn nicht das +Durchschnittliche das Festeste und Beste? Ich bedanke mich für Genietage +und -wochen, oder für einen außergewöhnlichen Herrgott. Das Bewegliche +ist stets das Gerechteste. -- Und wie zierlich können einen Bauernweiber +angucken. Mit welch seltsamen leisen Gebärden sich hin und her drehen. +Der Markt läßt immer ein Stück Landahnung im Stadtviertel zurück, +gleichsam, um es aus seinem monotonen Hochmut aufzurütteln. Wie hübsch +ist das, daß alle diese Kaufgegenstände in der freien, frischen Luft +liegen. Jungens kaufen sich warme Würste, sie lassen sich dieselben der +ganzen saftigen Länge nach an- und abstreichen, damit sie sie gleich +kunstgerecht verzehren können. Essen paßt so gut unter den blauen, hohen +Himmel. Wie reizend sehen mir da die üppigen Blumenkohlbüschel aus. Ich +vergleiche sie (nicht ganz gern) mit weiblichen straffen Brüsten. Der +Vergleich ist impertinent, wenn er nicht klappt. Wieviel Frauen da um +einen herum sind. Aber der Markt geht, sehe ich, zu Ende. Die Zeit des +Abrüstens ist da. Obst wird in Körbe zusammengescharrt. Bücklinge und +Sprotten werden eingepackt, Buden abgeschlagen. Das Gewimmel hat sich +verzogen. Nach kurzer Zeit wird die Straße wieder ihr vorheriges +Aussehen zurückerwischt haben. Adieu Farben. Adieu vielerlei. Adieu +Gesprenkel von Lauten, Düften, Bewegungen, Schritten und Lichtern. +Übrigens habe ich ein Pfund Wallnüsse eingehandelt. So kann ich nun nach +Hause traben, in meine Wi-wi- und Wä-wä-Kindergeschrei-Wohnung. Ich esse +so ziemlich alles gern, aber wenn ich Nuß esse, bin ich direkt +glücklich. + + + + +Dinerabend + + +O, in Gesellschaft zu gehen, das ist gar nicht so ohne. Man zieht sich +so hübsch an, wie es einem die Verhältnisse, in denen man vegetiert, +gestatten, und begibt sich an Ort und Stelle. Der Diener öffnet die +gastliche Pforte. Gastliche Pforte? Ein etwas feuilletonistischer +Ausdruck, aber ich liebe es, mich im Stil kleiner Tagesware zu bewegen. +Ich gebe mit so viel Manier, als ich kann, Hut und Mantel ab, streiche +mein ohnehin glattes Haar vor dem Spiegel noch ein wenig glätter, trete +ein, stürze mich dicht vor die Herrin des Hauses, möchte ihr die Hand +gleich küssen, gebe indessen diesen Gedanken auf und begnüge mich damit, +eine vollendete (?) Verbeugung vor ihr zu machen. Vollendet oder nicht, +vom geselligen Zug hingerissen, entfalte ich jetzt eine Menge Schwung +und übe mich in den Tönen und Sitten, die zu den Lichtern und Blumen am +besten zu passen scheinen. »Zum Essen, Kinder«, ruft die Hausfrau aus. +Schon will ich rennen, ich erinnere mich aber rasch, daß man so etwas +nicht tun soll, und ich zwinge mich zu einer langsamen, ruhigen, +stolzen, bescheidenen, gelassenen, geduldigen, lächelnden, flüsternden +und schicklichen Gangart. Es geht vortrefflich. Entzückend sieht mir da +wieder einmal die Tafel aus. Man setzt sich, mit und ohne Dame. Ich +prüfe das Arrangement und nenne es im stillen ein schönes. Wäre noch +schöner, wenn einer wie ich irgend was an der Dekoration auszusetzen +hätte. Gottlob, ich bin bescheiden, ich danke, indem ich jetzt zugreife, +zugable und messere und löffle und esse. Wunderbar schmecken einem +gesunden Menschen solch zartsinnig zubereitete Speisen, und das Besteck, +wie es glänzt, die Gläser, wie sie beinahe duften, die Blumen, wie sie +freundlich grüßen und lispeln. Und jetzt lispelt auch schon meinerseits +eine ziemlich ungenierte Unterhaltung. Nimmt mich bald einmal selber +wunder, wo und wie ich's hernehme, dieses Weltbetragen, derart Essen zum +Mund führen, und dazwischen parlieren zu können. Wie doch die Gesichter +purpurn anlaufen, je mehr Speisen und Weine dahergetragen werden. Schon +könnte man satt sein, wenn man wollte, aber man will nicht, und zwar in +erster Linie aus Schicklichkeitsgründen. Man hat weiter zu danken und +weiter zu essen. Appetitlosigkeit ist eine Sünde an so reichbesetzten +Tischen. Ich gieße immer mehr flüssige und leuchtende Laune in die +allezeit, wie es scheint, durstige Kehle hinunter. Wie das anhumort. +Jetzt schenkt der Diener auch noch aus dicken Flaschen schäumende +Begeisterung ein, in Gläser, breitgeformte, in denen das holde Wasser +wie in schönen Seebecken ruhen und glänzen kann. Und nun prosten alle, +Damen und Herren, einander zu, ich mache es nach, ich geborner +Nachahmer. Aber stützt sich denn nicht alles, was in der Gesellschaft +taktvoll und lieblich ist, auf die fortlaufende Nachahmung? Nachahmer +sind in der Regel glückliche Kerls, so ich. Ich bin in der Tat ganz +glücklich, schicklich und unauffällig sein zu dürfen. Und jetzt erhebt +sich der leichte Witz, die Zunge wird lose, das lachende Wort will +jedesmal an die sorglose, süße Ungezogenheit streifen. Es lebe, es lebe! +Wie dumm! Aber das Schöne und Reiche ist immer ein ganz klein wenig +dumm. Es gibt Menschen, die plötzlich lachen müssen beim Küssen. Das +Glück ist ein Kind, das »heute« wieder gottlob einmal nicht zur Schule +zu gehen braucht. Immer wieder wird eingeschenkt, und das wie von +unsichtbarer Geisterhand Eingegossene wird hinuntergeschüttet. Ich +schütte geradezu unedel hinunter. Aber die silbernen Flügel hübschen +Anstandes rauschen um mich und zwicken mich öfters mahnend an die +Wangen. Hinwiederum verpflichten die Weine und die Schönheit der Frauen +zu leisen, feinen Unverschämtheiten. Die Verzeihung dazu ist der +Kirschkuchen, der jetzt galant serviert wird. O, ich freue mich über das +alles, ich Proletarier, was ich bin. Mein Gesicht ist ein wahres, +hochrotes Eßgesicht, aber essen Aristokraten etwa nicht auch? Es ist +dumm, allzufein sein zu wollen. Die Eß- und Trinklust hat vielleicht +einen ganz aparten feinen Ton des Umganges. Das Wohlbefinden bewegt sich +möglicherweise noch am zartesten. Das sage ich so. Was? Auch noch Käse? +Und noch Obst und jetzt noch einmal einen See voll Sekt? Und nun steht +man auf, um vorsichtig nach Zigarren angeln zu gehen. Man spaziert durch +die Räume. Welche Weltsicherheit. In reizenden kleinen Nischen setzt man +sich ungezwungen und eng neben die Damen nieder. Alsdann, um es nicht +ganz zu verlernen, schritthüpft man zu den Likörtischen, um sich in +Wolken von Genüssen von neuem einzuhüllen. Der Herr des Hauses scheint +fröhlich. Das genügt, um sich wie sonnenbeschienen vorzukommen. Lässig +und witzig redet man zum weiblichen Geschlecht, wenn man kann. Immer +zündet man sich neue Zigarettenstangen an. Das Vergnügen, einen neuen +Menschen kennen zu lernen, tippt einen an die Stirne, kurz, es ist ein +beständiges, gutes, dummes, behagliches Lachen um einen herum. Nichts +kann mehr aufregend sein. Gewöhnt an das Schwelgen, bewegt man sich mit +einer behäbigen Sicherheit und mit dem Mindestmaß an Formen im Glanz und +im Menschenkranz einher, daß man leise und glücklich staunen muß, es im +Leben so weit gebracht zu haben. Spät sagt man gute Nacht, und dem +Diener drückt man mit Gewicht sein in mancherlei Beziehung redlich +verdientes Trinkgeld in die Hand. + + + + +Friedrichstraße + + +Oben ist ein schmaler Streifen Himmel, unten der glatte, schwärzliche, +gleichsam von Schicksalen polierte Boden. Die Häuser zu beiden Seiten +ragen kühn, zierlich und phantastisch in die architektonische Höhe. Die +Luft bebt und erschrickt von Weltleben. Bis zu den Dächern hinauf und +über die Dächer noch hinaus schweben und kleben Reklamen. Große +Buchstaben fallen in die Augen. Und immer gehen hier Menschen. Noch nie, +seit sie ist, hat in dieser Straße das Leben aufgehört zu leben. Hier +ist das Herz, die unaufhörlich atmende Brust des großstädtischen Lebens. +Hier atmet es hoch auf und tief nieder, als wenn das Leben selber über +seinem Schritt und Tritt unangenehm beengt wäre. Hier ist die Quelle, +der Bach, der Fluß, der Strom und das Meer der Bewegungen. Niemals +sterben hier die Bewegungen und die Erregungen ganz aus, und wenn das +Leben am obern Ende der Straße beinahe aufhören will, so fängt es am +untern Ende von neuem an. Arbeit und Vergnügen, Laster und guter Trieb, +Streben und Müßiggang, Edelsinn und Niedertracht, Liebe und Haß, +feuriges und höhnisches Wesen, Buntheit und Einfachheit, Armut und +Reichtum schimmern, glitzern, blöden, träumen, eilen und stolpern hier +wild und zugleich ohnmächtig durcheinander. Eine Fessel ohnegleichen +bändigt und sänftigt hier die Leidenschaften, und Verlockungen ohne Zahl +führen zugleich in die begehrlichen Versuchungen, derart, daß die +Entsagung mit dem Rockärmel den Rücken der befriedigten Begierde +streifen, daß die Unersättlichkeit mit den lodernden Augen in den weisen +Frieden der Augen des Durch-sich-selbst-gesättigten schauen muß. Hier +klaffen Abgründe, hier herrschen und gebieten bis zum offenen Unanstand, +durch den sich kein vernünftiger Mensch verletzen läßt, Gegensätze, die +unbeschreiblich sind. Wagen fahren immer an Menschenleibern, -köpfen und +-händen dicht vorüber, und auf den Verdecken und im hohlen Innern der +Wagen sitzen, dicht aneinandergepreßt und geknechtet, Menschen, die aus +irgendwelchen Gründen hier drinnen sitzen, hier oben sitzen, sich +drängen und pressen und fahren lassen. Für jede Dummheit gibt es hier +unsagbar rasch rechtfertigende, gute, kluge Gründe. Jede Torheit ist +hier durch die offenbare Schwierigkeit des Lebens geadelt und geheiligt. +Jede Bewegung hat Sinn, jeder Ton hat hier praktische Ursache, und aus +jedem Lächeln, jeder Geste, jedem Wort strahlt eine sonderbar anmutige +Gesetztheit und Korrektheit billigend hervor. Hier billigt man alles, +weil jeder einzelne, durch den Zwang des zusammengeknebelten Verkehrs +genötigt, ohne Zaudern alles, was er hört und sieht, billigen muß. Zu +Mißbilligungen scheint niemand Lust, zu Abneinungen niemand Zeit und zu +Unlust niemand ein Recht zu haben, denn hier, und das ist das +Großartige, fühlen sich alle auf leichte, vorwärtshelfende Manier, +gleichsam säuberlich, verpflichtet. Jeder Bettler, Gauner, Unhold usw. +ist hier Mitmensch und muß einstweilen, weil alles schiebt, stößt und +drängt, als etwas Mithinzugehöriges geduldet werden. Ah, hier ist die +Heimat der Nichtswürdigen, der Kleinen, nein, der ganz Kleinen, der +irgendwo und wann schon einmal Entehrten, hier, hier herrscht Duldung, +und zwar deshalb, weil sich niemand mit Ungeduld und Unfrieden aufhalten +und abgeben will. Hier wird im Sonnenschein friedlich spaziert, wie auf +einer entlegenen stillen Bergesmatte, und im Laternenschimmer elegant +gebummelt wie in einem Feenmärchen voller Zauberkünste und -worte. +Wunderbar ist, wie der zweiteilige Menschenstrom auf den Trottoirs +unaufhaltbar und unaufhörlich ist, gleich einem dickflüssigen, +schimmernden, vielbedeutenden Wasser, und herrlich ist, wie hier die +Qualen gemeistert, die Wunden verschwiegen, die Träume gefesselt, die +Brünste gebändigt, die Freuden unterdrückt und die Begierden gemäßigt +werden, weil alles Rücksicht, Rücksicht und nochmals liebende und +achtende Rücksicht nehmen muß. Wo der Mensch so nah am Menschen ist, da +erhält der Begriff Nebenmensch eine tatsächlich geübte, begriffene und +rasch verstandene Bedeutung, und es darf da niemandem mehr einfallen, +überlaut zu lachen, übereifrig sich seinen persönlichen Bedrängnissen +hinzugeben oder überhastig Geschäfte machen zu wollen, und doch, welch +eine hinreißende betörende Hast ist in all der scheinbaren Gedrängtheit +und Besonnenheit. Die Sonne scheint hier in einer Stunde auf unzählige +Köpfe, der Regen netzt und näßt hier einen Boden, der gesalbt ist +gleichsam von Lustspielen und Tragödien, und abends, ah, wenn es beginnt +zu dunkeln und wenn die Lichter angezündet werden, tut sich ein Vorhang +langsam auf, um in ein Stück üppig voll immer derselben Gewohnheiten, +Lüsternheiten und Begebenheiten schauen zu lassen. Die Sirene Vergnügen +fängt dann an in himmlisch lockenden und anmutenden Tönen zu singen, und +Seelen werden dann zerrissen von den vibrierenden Wünschen und +Nichtbefriedigungen, und ein Geldauswerfen beginnt dann, wie es der +bescheidene kluge Begriff nicht kennt, wie es sich kaum eine +dichterische Phantasie mühselig vorstellen kann. Ein wollüstig auf und +nieder atmender Körpertraum sinkt dann auf die Straße herab, und alles +läuft, läuft und läuft diesem vorherrschenden Traum mit ungewissen +Schritten nach. + + + + +Berlin W + + +Es scheint hier jedermann zu wissen, was sich schickt, und das erzeugt +eine gewisse Kälte, und es scheint ferner, daß hier jedermann sich durch +sich selbst behauptet, und dies ruft die Ungestörtheit hervor, die der +Neuling hier bewundert. Die Armut scheint hinausgeschoben in die +Viertel, die an die offenen Felder streifen oder nach innen ins Düster +und Dunkel der Hinterhäuser gedrängt, die von den herrschaftlichen +Vorderhäusern verdeckt werden wie von mächtigen Körpern. Es scheint, als +habe hier die Menschheit aufgehört zu seufzen und angefangen, ihres +Lebens und Daseins endgültig froh zu sein. Doch der Schein trügt, und +die Pracht und Eleganz sind nur ein Traum. Aber auch das Elend ist +vielleicht nur eine Einbildung. Was die Eleganz des Westens von Berlin +betrifft, so scheint sie ausgezeichnet durch Lebhaftigkeit und zugleich +ein wenig verdorben durch die Unmöglichkeit, sie ruhig zu entfalten. Es +steckt hier übrigens alles in einer fortlaufenden Entfaltung und +Veränderung. Die Männer sind ebenso bescheiden wie unritterlich, und man +kann sehr glücklich darüber sein, denn die Ritterlichkeit ist stets zu +drei Vierteln unpassend. Die Galanterie ist etwas außerordentlich Dummes +und Vorlautes. Es gibt hier demnach wenig gefühlvolle Auftritte, und wo +sich irgendein feinsinniges Abenteuer entspinnt, merkt man es gar nicht, +das ist doch immerhin sehr fein. Die Herrenwelt ist heute eine +Geschäftswelt, und wer Geld verdienen muß, hat keine oder wenig Zeit, +sich auffallend schön zu benehmen. Daher eine gewisse rauhe abfertigende +Tonart. Im allgemeinen gibt es viel Amüsantes im Westen; die +Lächerlichkeiten leben so reizend und hübsch, wie man es sich nur +träumen kann, weiter. Da ist die Emporkömmlingin, eine Gewaltsdame, naiv +wie ein kleines Kind. Ich persönlich schätze sie sehr, weil sie so üppig +und zugleich so drollig ist. Da ist die »Kleine vom Kurfürstendamm«. Sie +gleicht einer Gemse, und es ist viel Braves und Liebes an ihr. Da ist +der Lebegreis. Es spazieren nur noch sehr wenige Exemplare dieses +Kalibers in der Welt, die zu leben weiß, herum. Die Sorte ist im +Aussterben begriffen, und ich finde, daß das sehr schade ist. Ich sah +neulich einen solchen Herrn, er kam mir wie eine Erscheinung aus +verschwundenen Zeiten vor. Da haben wir wieder etwas anderes, den +reichgewordenen ländlichen Ansiedler. Er hat sich noch nicht abgewöhnt, +Augen zu machen, wie wenn er über sich selbst und über das Glück, in dem +er sitzt, staune. Er benimmt sich viel zu sittsam, so, als fürchte er, +zu offenbaren, woher er stamme. Da haben wir wieder die ganz, ganz +gestrenge Gnädige aus der Bismarckzeit. Ich bin ein Bewunderer von +strengen Gesichtern und von ins Wesen des Menschen übergegangenen guten +Manieren. Mich rührt ja überhaupt das Alte, sowohl an Bauten wie an +Menschengestalten; deswegen erquickt mich aber das Frische, Neue und +Junge nicht weniger; und jung ist's hier, und gesund scheint mir der +Westen zu sein. Sollte eine gewisse Portion Gesundheit eine gewisse +Portion Schönheit verdrängen? Mitnichten. Das Lebhafte ist zuletzt das +Schönste. Nun ja, vielleicht wedle und scharwenzle und schmeichle ich +jetzt ein bißchen; wie z. B. durch folgenden Satz: Die hiesigen Frauen +sind schön und anmutig! Die Gärten sind sauber, die Architektur ist +vielleicht ein wenig drastisch, was kann das mich kümmern. Es ist heute +ja jedermann überzeugt, daß wir Stümper sind im Großen, Stilvollen und +Monumentalen und wahrscheinlich deshalb, weil in uns zu sehr der Wunsch +lebt, Stil, Größe und Monumentalität zu besitzen oder zu erzeugen. +Wünsche sind schlimme Dinge. Unser Zeitalter ist entschieden das +Zeitalter der Empfindlichkeit und Rechtlichkeit, und das ist doch sehr +hübsch von uns. Wir haben Fürsorgeanstalten, Krankenhäuser, +Säuglingsheime, und ich bilde mir gerne ein, das sei doch auch etwas. +Wozu alles wollen? Man denke an die Schauder der alten Fritzen-Kriege +und an sein -- Sanssouci. Wir haben wenig Gegensätze; das beweist, daß +wir uns danach sehnen, ein gutes Gewissen zu haben. Aber wie schwenke +ich da nur ab. Darf man das? Es gibt einen sogenannten alten Westen, +einen neueren Westen (rund um die Gedächtniskirche) und einen ganz neuen +Westen. Der mittlere ist vielleicht der netteste. Ganz bestimmt trifft +man in der Tauenzienstraße die höchste und meiste Eleganz an; der +Kurfürstendamm ist reizend mit seinen Bäumen und seinen Kaleschen. Ich +sehe mich mit großem Bedauern schon an den Rahmen meines Aufsatzes +anstoßen, in der fatalen Überzeugung, daß ich vieles, was ich unbedingt +habe sagen wollen, gar nicht gesagt habe. + + + + +Ballonfahrt + + +Die drei Menschen, der Kapitän, ein Herr und ein junges Mädchen, steigen +in den Korb ein, die befestigenden Stricke werden losgeknöpft, und das +seltsame Haus fliegt langsam, als ob es sich erst noch auf irgend etwas +besänne, in die Höhe; gute Reise!, rufen die versammelten Menschen von +unten her, hüte- und taschentuchschwenkend, nach. Es ist zehn Uhr abends +im Sommer. Der Kapitän zieht eine Landkarte zu einer Tasche heraus und +bittet den Herrn, sich mit Kartenlesen beschäftigen zu wollen. Man kann +lesen und vergleichen, alles Sichtbare ist hell. Es hat alles eine +beinahe bräunliche Helle. Die schöne Mondnacht scheint den prachtvollen +Ballon in unsichtbare Arme zu nehmen, sanft und still fliegt der +rundliche Körper zur Höhe, und nun wird er, kaum, daß man es bemerkt, +von feinen Winden nördlich getrieben. Der kartenstudierende Herr wirft +von Zeit zu Zeit auf Anleitung des Führers eine Hand voll Ballast in die +Tiefe hinunter. Es befinden sich fünf Säcke voll Sand an Bord, und es +muß sparsam damit umgegangen werden. Wie schön ist die runde, blasse, +dunkle Tiefe. Das liebe, bedeutsame Mondlicht macht die Flüsse silbern +kenntlich. Man sieht Häuser da unten, so klein, dem unschuldigen +Spielzeug ähnlich. Die Wälder scheinen dunkle, uralte Lieder zu singen, +aber dieser Gesang mutet eher wie eine edle, stumme Wissenschaft an. Das +Bild der Erde sieht den Zügen eines schlafenden, großen Mannes ähnlich, +wenigstens träumt so das jugendliche Mädchen, es läßt seine bezaubernde +Hand träge über den Rand des Korbes herabhängen. Einer Kaprice zufolge +ist der Kopf des Kavaliers mit einem ritterlichen Federhut bedeckt, im +übrigen ist er modern gekleidet. Wie still die Erde ist. Man sieht alles +deutlich, die einzelnen Menschen in den Dorfgassen, die Kirchspitzen, +den Knecht, wie er, vom langen Tagwerk ermüdet, schwerfällig über den +Hof schreitet, die geisterhafte, vorbeisausende Eisenbahn, die +blendendweiße lange Landstraße. Bekanntes und unbekanntes Menschenleid +scheint von unten heraufzumurmeln. Die Einsamkeit verlorner Gegenden hat +ihren besondern Ton, und man meint, dieses Besondere, dieses +Unverständliche verstehen, ja sogar sehen zu sollen. Wundervoll blendet +jetzt die drei Menschen der herrlich gefärbte und beleuchtete Lauf der +Elbe an. Der nächtliche Strom entreißt dem Mädchen einen leisen +Sehnsuchtsschrei. An was mag sie denken? Sie nimmt von einem Bukett, das +sie mitgenommen hat, eine dunkle, prangende Rose und wirft sie ins +glitzernde Wasser. Wie ihre Augen traurig dabei blitzen. Es ist, als +wenn die junge Frau jetzt qualvollen Lebenskampf hinuntergeworfen hätte, +für immer. Es ist ein großer Schmerz, von einer Qual Abschied nehmen zu +müssen. Und wie lautlos die ganze Welt ist. In der Ferne glitzern die +Lichter eines Hauptortes, der Kapitän nennt sachkundig den Namen der +Stadt. Schöne, verlockende Tiefe! Man hat schon unzählige Stücke Wälder +und Felder hinter sich, es ist jetzt Mitternacht. Jetzt schleicht auf +der festen Erde irgendwo ein beutelauernder Dieb, Einbruch geschieht, +und alle diese Menschen in ihren Betten da unten, dieser große Schlaf, +geschlafen von Millionen. Eine ganze Erde träumt jetzt, und ein Volk +ruht von Mühsalen aus. Das Mädchen lächelt. Und wie es warm ist, es ist, +als säße man in einer heimatanmutenden Stube, bei Mutter, Tante, +Schwester, Bruder, oder bei dem Geliebten, bei der friedlichen Lampe und +läse in einer schönen, aber etwas eintönigen, langen, langen Geschichte. +Das Mädchen will einschlafen, sie ist jetzt etwas ermüdet vom Schauen. +Die beiden im Korb stehenden Männer blicken schweigend aber fest in die +Nacht hinaus. Merkwürdige weiße, gleichsam blank geputzte Ebenen +wechseln mit Gärten und kleinen Buschwildnissen ab. Man sieht in +Gegenden hinunter, in die einen der Fuß nie, nie hintrüge, weil man in +gewissen, ja, in den meisten Gegenden nie etwas Zweckvolles zu suchen +hat. Wie groß und wie unbekannt uns die Erde ist!, denkt der +federhutbedeckte Herr. Ja, das eigene Vaterland wird hier oben, Blicke +hinunterwerfend, endlich zum Teil verständlich. Man empfindet, wie +unerforscht und wie kraftvoll es ist. Zwei Provinzen sind durchwandert, +als es beginnt zu tagen. Unten in den Siedelungen erwacht schon wieder +das menschliche Leben. »Wie heißt dieser Ort?« schreit der Führer +hinunter. Eine helle Jungenstimme antwortet. Und immer noch schauen die +drei Menschen; auch das Mädchen ist jetzt wieder erwacht. Es zeigen sich +jetzt Farben, und die Dinge werden bestimmter. Man sieht Seen in ihren +zeichnerischen Umrissen, wundervoll zwischen Wäldern verborgen, man +erblickt Ruinen alter Festungen zwischen altem Laubwerk hochaufragen; +Hügel erheben sich fast spurlos, Schwäne sieht man weißlich im Gewässer +zittern, und Stimmen des menschlichen Lebens werden sympathisch laut, +und man fliegt immer weiter, und endlich zeigt sich die herrliche Sonne, +und von diesem stolzen Gestirn angezogen schießt der Ballon in +zauberische, schwindelerregende Höhe. Das Mädchen stößt einen +Schreckensschrei aus. Die Männer lachen. + + + + +Tiergarten + + +Vom Zoologischen Garten her tönt Regimentsmusik. Man geht so, ganz +gemächlich. Ist es denn nicht Sonntag? Wie warm es ist. Jedermann +scheint erstaunt darüber zu sein, daß es jetzt, wie auf Zauberschlag, so +leicht, so hell, so warm ist. Wärme allein gibt schon Farbe. Die Umwelt +ist wie ein Lächeln, und es wird einem ganz weiblich zumut. Wie gern +möchte ich jetzt (beinahe) ein Kind auf dem Arm tragen und treubesorgtes +Dienstmädchen spielen. Wie stimmt der beginnende, herzbetörende Frühling +zärtlich. Ich könnte, bilde ich mir ein, geradezu Mutter sein. Im +Frühling, so scheint es, werden Männer und Mannestaten plötzlich so +überflüssig, so dumm. Nur keine Tat jetzt. Horchen, bleiben, am Fleck +stehen. Göttlich durch ganz weniges berührt sein. In dieses wonnensüße +kindheitartige Grün schauen. Ach, ist doch Berlin und sein Tiergarten +jetzt schön. Es wimmelt von Menschen. Die Menschen sind starke, +bewegliche Flecke im zarten, verlornen Sonnenschimmer. Oben ist der +lichtblaue Himmel, der wie ein Traum das untenliegende Grün berührt. Die +Leute gehen leicht und bequem, so, als fürchteten sie, in +Marschierschritt und in grobes Gebärden zu verfallen. Es soll Leute +geben, die nie daran denken, oder die sich zieren, sich am Sonntag auf +eine Tiergartenbank zu setzen. Wie doch solche Leute sich des +reizendsten Vergnügens berauben. Ich selbst finde das Sonntagspublikum +in seiner offensichtlichen harmlosen Sonntagslust bedeutender als alles +Kairo- und Rivierareisen. Da wird das Harte gefällig, das Starre +lieblich, und alle Linien und Gewöhnlichkeiten gehen traumhaft +ineinander über. Unnennbar zart ist solch ein allgemeines Spazieren. Die +Spaziergänger verlieren sich bald einzeln, bald in anmutigen dichten +Gruppen oder Haufen zwischen den Bäumen, die hoch oben noch luftig-kahl +sind, und zwischen dem niedrigen Gesträuch, das ein Hauch von jungem, +süßem Grün ist. Es zittert und bebt in der weichen Luft von Knospen, die +zu singen, zu tanzen, zu schweben scheinen. Das ganze Tiergartenbild ist +wie ein gemaltes Bild, dann wie ein Traum, dann wie ein weitschweifiger +angenehmer Kuß. Überall ist leichte, verständliche Lockung zum lange +Hinschauen. Auf einer Bank am Schiffahrtskanal sitzen zwei Ammen im +schneeweißen imposanten Kopfputz, weißer Schürze und knallroten Röcken. +Indem man geht, ist man befriedigt; indem man sitzt, ist man ganz ruhig +und schaut gelassen in die Augen der vorübergehenden Gestalten. Diese +sind Kinder, an Leinen geführte Hunde, Soldaten mit dem Mädel im Arm, +schöne Frauen, kokette Damen, alleinstehende, -tretende und -gehende +Herren, ganze Familien, schüchterne Liebespaare. Schleier wehen, grüne +und blaue und gelbliche. Dunkle und helle Kleider wechseln ab. Die +Herren tragen meistens die unvermeidlichen trockenen halbhohen steifen +Hügelhüte auf den Kegelköpfen. Man möchte lachen und zugleich ernst +sein. Es ist alles zugleich lustig und heilig, und man ist sehr ernst +dabei, wie alle. Alle zeigen denselben schicklichen leichten Ernst. Ist +nicht so auch der Himmel, der auch so ein Gesicht macht, als spreche er: +»Wie wunderbar ist mir?« Jetzt huschen, freundlichen Schemen ähnlich, +windähnliche Schatten durch die Bäume, über die hellen weißen Wege, +wohin? Man weiß es nicht. Kaum sieht man es, so zart ist es. Maler +machen auf solche Delikatessen aufmerksam. In einiger sanfter Entfernung +rollen roträdrige Droschken durch das milde grüne Gewebe, als gleite ein +rotes Band durch ein Stück zartes Frauenhaar. Alles atmet Fraulichkeit, +alles ist Helle und Milde, alles ist so weit, so durchsichtig, so rund, +nach allen Seiten dreht man den Sonntagskopf, um die Sonntagswelt hübsch +zu genießen. Menschen machen das Ganze eigentlich. Ohne die Menschen +würde man die Schönheit des Tiergartens nicht sehen, nicht merken, nicht +empfinden. Wie das Publikum ist? Na, gemischt, alles durcheinander, +Elegantes und Einfaches, Stolzes und Demütiges, Fröhliches und +Besorgtes. Ich selbst sorge mit meiner eigenen Person ebenfalls für +Buntheit und trage mit zur Gemischtheit bei. Ich bin gemischt genug. +Doch wo ist der Traum? Laß uns ihn doch noch rasch einmal betrachten. +Auf einer rundgebogenen Brücke stehen viele Leute. Man steht selbst da, +lehnt sich leicht und voll guter Manier an das Geländer und schaut hinab +in das zärtlich-bläulich glimmende, warme Wasser, wo Boote und Kähne, +menschenbesetzt und fähnchengeschmückt, leise, wie von guten Ahnungen +gezogen, umherfahren. Die Schiffe und Gondeln schimmern in der Sonne. Da +bricht ein Stück dunkles Samtgrün aus der Lichtheit hervor, es ist eine +Bluse. Enten mit farbigen Köpfen schaukeln auf dem Gekräusel und +Gezitter des Wassers, das manchmal schimmert wie Bronze oder wie +Emaille. Herrlich ist es, wie das Feld des Wassers so eng und so klein +ist und doch so vollbesetzt mit gleitenden Lustkähnen und +Freudenfarben-Hüten. Überall, wohin man blickt, glänzt und bricht der +Damenhut mit rot, blau und andern Augengenüssen aus dem Gebüsch hervor. +Wie ist alles so einfach. Wohin geht man jetzt? In ein Kaffeehaus? +Wirklich? Ist man jetzt so barbarisch? Jawohl, man tut's. Was tut man +nicht alles? Wie schön ist es, zu tun, was ein anderer ebenfalls tut. +Wie ist er nur schön, der Tiergarten. Welcher Einwohner von Berlin +liebte ihn nicht? + + + + +Die kleine Berlinerin + + +Heute hat mir Papa eine Ohrfeige gegeben, natürlich eine echt +väterliche, eine zärtliche. Ich gebrauchte die Redensart: »Vater, du +hast wohl einen Knall.« Das war allerdings ein wenig unvorsichtig. +»Damen sollen sich einer gewählten Sprache bedienen«, sagt unsere +Deutschlehrerin. Sie ist entsetzlich. Aber Papa will nicht haben, daß +ich diese Person lächerlich finde, und vielleicht hat er recht. Man geht +schließlich zur Schule, um einen gewissen Lerneifer und einen gewissen +Respekt an den Tag zu legen. Übrigens ist es billig und unedel, an den +Mitmenschen Komisches zu entdecken und darüber zu lachen. Junge Damen +sollen sich an das Feine und Edle gewöhnen, das sehe ich sehr gut ein. +Man verlangt keine Arbeit von mir, man wird nie eine solche von mir +fordern, dafür aber wird man vornehmes Wesen bei mir voraussetzen. Werde +ich im späteren Leben irgendwelchen Beruf ausüben? Nicht doch. Ich werde +eine junge feine Frau sein, ich werde mich verheiraten. Es ist möglich, +daß ich meinen Mann quälen werde. Doch das wäre fürchterlich. Man +verachtet sich immer selbst, sobald man einen andern glaubt verachten zu +sollen. Ich bin zwölf Jahre alt. Ich muß geistig sehr entwickelt sein, +sonst würde ich niemals an so etwas denken. Werde ich Kinder haben? Und +wie wird das zugehen? Wenn mein zukünftiger Mann kein verachtungswürdiger +Mensch sein wird, dann, ja dann, das glaube ich bestimmt, +werde ich ein Kind haben. Dann werde ich dieses Kind erziehen. +Aber ich bedarf ja selber noch der Erziehung. Wie man nur so dummes Zeug +denken kann. + +Berlin ist die schönste, die bildungsreichste Stadt der Welt. Ich wäre +abscheulich, wenn ich hiervon nicht felsenfest überzeugt wäre. Lebt +nicht hier der Kaiser? Würde er hier zu wohnen nötig haben, wenn es ihm +hier nicht am besten gefiele? Neulich sah ich Kronprinzens im offenen +Wagen. Sie sind entzückend. Der Kronprinz sieht wie ein junger, heiterer +Gott aus, und wie schön erschien mir die hohe Frau an seiner Seite. Sie +war ganz in duftende Pelze gehüllt. Es schien Blüten aus dem blauen +Himmel auf das Paar herabzuregnen. Der Tiergarten ist herrlich. Ich gehe +beinahe jeden Tag mit unserem Fräulein, der Erzieherin, darin spazieren. +Man kann stundenlang, auf geraden und krummen Wegen, unter dem Grün +gehen. Auch Vater, der sich doch eigentlich nicht zu begeistern +brauchte, begeistert sich für den Tiergarten. Vater ist ein gebildeter +Mensch. Ich glaube, er liebt mich rasend. Schrecklich, wenn er dies +läse, aber ich werde das Geschriebene zerreißen. Im Grunde schickt es +sich ja gar nicht, zugleich noch so dumm und so unreif zu sein wie ich +und schon ein Tagebuch führen zu wollen. Aber manchmal langweilt man +sich ein wenig, und dann läßt man sich sehr leicht zu Unpassendem +hinreißen. Das Fräulein ist sehr nett. Nun ja, im allgemeinen. Sie ist +treu, und sie liebt mich. Außerdem hat sie wirklichen Respekt vor Papa, +das ist die Hauptsache. Sie ist dünn von Figur. Unsere frühere +Erzieherin war dick wie ein Frosch. Sie schien immer zu platzen. Sie war +Engländerin. Sie ist gewiß auch heute noch eine Engländerin, aber sie +ging uns von dem Augenblick an, wo sie sich Frechheiten erlaubte, nichts +mehr an. Vater hat sie fortgejagt. + +Wir beide, Papa und ich, werden bald reisen. Es ist jetzt ja die Zeit, +wo honette Leute einfach reisen müssen. Ist der nicht verdächtig, der zu +solch einer grünenden und blühenden Zeit nicht reist? Papa zieht an den +Meeresstrand, und er wird dort offenbar tagelang im Sand liegen und sich +von der Sommersonne dunkelbraun braten lassen. Er sieht im September +immer am gesündesten aus. Seinem Gesicht steht die Blässe der +Abgespanntheit nicht gut. Übrigens liebe ich persönlich das +Sonnverbrannte im Gesicht eines Mannes. Es ist dann, wie wenn er aus dem +Krieg käme. Sind das nicht echte Kinderdummheiten? Ja, gewiß bin ich +noch ein Kind. Was mich angeht, so reise ich nach dem Süden. Zuerst ein +wenig nach München, dann nach Venedig, wo ein Mensch wohnt, der mir +unsagbar nah steht, Mama. Meine Eltern leben aus Ursachen, deren Tiefe +ich nicht zu verstehen, also nicht zu würdigen imstande bin, getrennt. +Ich lebe die meiste Zeit bei Vati. Aber Mama hat natürlich auch das +Recht, mich wenigstens für eine Zeitlang zu besitzen. Ich freue mich +mächtig auf die bevorstehende Reise. Ich reise gern, und ich glaube, daß +fast alle Menschen gern reisen. Man steigt ein, der Zug fährt ab, und +nun geht es ins Weite. Man sitzt und wird in ungewisse Ferne getragen. +Wie gut ich es doch eigentlich habe. Weiß ich, was Not, was Armut ist? +Keine Spur. Ich finde, es ist auch gar nicht notwendig, daß ich so +nichtswürdige Erfahrungen mache. Aber die armen Kinder dauern mich. Ich +würde zum Fenster hinausspringen in solchen Verhältnissen. + +Ich und Papa wohnen im vornehmsten Viertel. Viertel, die still, peinlich +sauber und von einer gewissen Älte sind, sind vornehm. Das ganz Neue? +Ich möchte nicht in einem ganz neuen Haus wohnen. Am Neuen ist stets +irgend etwas nicht ganz in Ordnung. Man sieht fast gar keine armen +Leute, z. B. Arbeiter, in unserer Gegend, wo die Häuser ihre Gärten +haben. Es wohnen Fabrikbesitzer, Bankiers und reiche Leute, deren Beruf +der Reichtum ist, in unserer Nähe. Nun, da muß also Papa zum mindesten +sehr wohlhabend sein. Arme und ärmere Leute können hier herum einfach +gar nicht wohnen, weil die Räumlichkeiten viel zu teuer sind. Papa sagt, +die Klasse, in welcher das Elend herrscht, lebe im Norden der Stadt. +Welch eine Stadt. Was ist das: der Norden? Ich kenne Moskau besser als +den Norden unserer Stadt. Von Moskau, Petersburg, Wladiwostok und aus +Yokohama sind mir zahlreiche Ansichtspostkarten geschickt worden. Ich +kenne den belgischen und holländischen Strand, ich kenne das Engadin mit +seinen himmelhohen Bergen und grünen Matten, aber die eigene Stadt? +Berlin ist vielleicht vielen, vielen Menschen, die es bewohnen, ein +Rätsel. Papa unterstützt die Kunst und die Künstler. Es ist Handel, was +er treibt. Nun, Fürsten treiben ebenfalls oft Handel, und dann sind die +Geschäfte Papas von einer absoluten Vornehmheit. Er kauft und verkauft +Gemälde. Es hängen sehr schöne Gemälde in unserer Wohnung. Die Sache mit +Vaters Geschäften, glaube ich, ist so: die Künstler verstehen in der +Regel nichts von Geschäften, oder sie dürfen aus irgendwelchen Gründen +nichts davon verstehen. Oder es ist so: die Welt ist groß und +kaltherzig. Die Welt denkt nie an die Existenz von Künstlern. Da tritt +nun mein Vater auf, der Weltmanieren besitzt und allerhand +bedeutungsreiche Beziehungen hat und macht diese im Grunde vielleicht +ganz kunstunbedürftige Welt auf die Kunst und auf die Künstler, die +darben, auf schickliche und kluge Art aufmerksam. Papa verachtet oft +seine Käufer. Aber er verachtet oft auch die Künstler. Es kommt da ganz +darauf an. + +Nein, ich möchte nirgends anderswo fest wohnen als in Berlin. Leben die +Kinder der Kleinstädte, solcher Städte, die ganz alt und morsch sind, +schöner? Gewiß gibt's dort manches, was es bei uns nicht gibt. Romantik? +Ich glaube, ich irre mich nicht, wenn ich etwas, was nur noch halb lebt, +für romantisch halte. Das Defekte, Zerbröckelte, Kranke, z. B. eine +uralte Stadtmauer. Das, was zu nichts nützt, was auf geheimnisvolle Art +schön ist, das ist romantisch. Ich träume gern von derartigen Dingen, +und wie ich empfinde, genügt es, davon zu träumen. Schließlich ist das +Romantischste, was es gibt, das Herz, und jeder fühlende Mensch trägt +alte Städte, die von uralten Mauern umschlossen sind, in sich. Unser +Berlin platzt bald überhaupt von Neuheit. Vater sagt, alles historisch +Denkwürdige werde hier verschwinden, das alte Berlin kenne kein Mensch +mehr. Vater weiß alles oder wenigstens fast alles. Nun, davon profitiert +natürlich seine Tochter. Ja, kleine, mitten in der Landschaft gelegene +Städte mögen schon auch schön sein. Es wird da reizende verborgene +Schlupfwinkel zum Spielen geben, Höhlen, in die man hineinkriechen kann, +Wiesen, Felder und nur ein paar Schritte weit entfernt der Wald. Solche +Ortschaften sind ganz wie von Grün umkränzt, aber Berlin hat einen +Eispalast, wo die Menschen mitten im heißesten Sommer Schlittschuh +fahren. Berlin ist allen übrigen deutschen Städten eben einmal voran, in +allen Dingen. Es ist die sauberste, modernste Stadt der Welt. Wer sagt +das? Nun, natürlich Papa. Wie gut er eigentlich ist. Ja, ich kann viel +von ihm lernen. Unsere Berliner Straßen haben alles Schmutzige und +Holprige überwunden. Sie sind so glatt wie Eisflächen, und sie schimmern +wie peinlich polierte Fußböden. Gegenwärtig sieht man einzelne Menschen +Rollschuh laufen. Wer weiß, vielleicht werde ich das auch eines Tages +tun, wenn es nicht vorher schon wieder außer Mode geraten ist. Es gibt +hier Moden, die kaum Zeit haben, recht aufzutreten. Voriges Jahr haben +alle Kinder, auch viele Erwachsene, Diabolo gespielt. Nun, dieses Spiel +ist aus der Mode, man mag es nicht mehr spielen. So wechselt alles ab. +Berlin gibt immer den Ton an. Es ist niemand zur Nachahmung +verpflichtet, und doch ist die Frau Nachahmung die große und erhabene +Gebieterin dieses Lebens. Jedermann ahmt nach. + +Papa kann reizend sein, er ist eigentlich immer nett, aber zuweilen wird +er wütend, über was, das kann man nicht wissen, und dann ist er häßlich. +Ja, ich merke es an ihm, wie die heimliche Wut, wie der Mißmut den +Menschen häßlich macht. Ist Papa nicht gut aufgelegt, so fühle ich mich +unwillkürlich als geprügelter Hund; und deshalb sollte Papa vermeiden, +seiner Umgebung, auch wenn sie nur aus einer Tochter besteht, seine +Unpäßlichkeit und seine innere Unzufriedenheit zu zeigen. Väter begehen +da, gerade da, Sünden. Das empfinde ich lebhaft. Aber wer hat keine +Schwächen, keine, gar keine Fehler? Wer ist ohne Sünde? Eltern, die es +nicht für nötig erachten, ihren Kindern ihre persönlichen Stürme +vorzuenthalten, würdigen dieselben im Nu zu Sklaven herab. Böse +Stimmungen soll ein Vater im stillen besiegen (aber wie schwer ist das!) +oder er soll sie zu fremden Leuten tragen. Eine Tochter ist eine junge +Dame, und in jedem gebildeten Erzeuger soll ein Kavalier lebendig sein. +Ich sage ausdrücklich: ich befinde mich bei Vater überhaupt wie im +Paradies, und wenn ich Mängel an ihm entdecke, so ist es die ohne +Zweifel von ihm auf mich übergegangene, also seine, nicht meine +Klugheit, die ihn scharf beobachtet. Papa mag nur füglich seinen Zorn an +Leuten auslassen, die von ihm in gewisser Beziehung abhängig sind. Es +umflattern ihn genug solche Leute. + +Ich habe meine eigene Stube, meine Möbel, meinen Luxus, meine Bücher +usw. Gott, ich bin eigentlich sehr reich ausgestattet. Bin ich Papa +dankbar dafür? Welch eine geschmacklose Frage. Ich bin ihm gehorsam, und +dann bin ich doch sein Besitz, und er darf schließlich doch stolz auf +mich sein. Ich mache ihm Gedanken, ich bin seine häusliche Sorge, er +darf mich anschnauzen, und ich sehe es immer als eine Art von +feinsinniger Pflicht an, ihn auszulachen, wenn er mich anschnauzt. Papa +schnauzt gern an, er hat Humor und ist zugleich temperamentvoll. +Weihnachten überhäuft er mich mit Geschenken. Übrigens sind meine Möbel +von einem gewiß nicht unberühmten Künstler entworfen. Papa verkehrt fast +nur mit Leuten, die irgendeinen Namen haben. Er verkehrt mit Namen. +Steckt in solch einem Namen etwa auch noch ein Mensch, um so besser. Wie +gräßlich muß es sein, zu wissen, daß man berühmt ist und zu fühlen, daß +man das gar nicht verdient. Ich stelle mir viele solcher Berühmtheiten +vor. Ist solch ein Ruhm nicht wie eine unheilbare Krankheit? Wie ich +mich nur ausdrücke. Meine Möbel sind weiß lackiert und von einer +kunstverständigen Hand mit Blumen und Früchten bemalt. Die sehen reizend +aus, und der sie bemalt hat, ist ein ausgezeichneter Mensch, der von +Vater sehr geschätzt wird. Wen Vater schätzt, der soll sich aber auch +geschmeichelt fühlen. Ich meine, es bedeutet etwas, wenn Papa +wohlwollend zu jemandem ist, und diejenigen, die das nicht empfinden und +tun, als wenn es ihnen pipe sei, die schaden sich natürlich. Die blicken +zu wenig hell in die Welt. Ich halte meinen Vater für einen durchaus +seltenen Menschen; daß er in der Welt Einfluß ausübt, liegt klar auf der +Hand. -- Viele meiner Bücher langweilen mich. Nun, dann sind es eben +nicht die rechten, wie z. B. sogenannte Bücher für »das Kind«. Solche +Bücher sind eine Unverschämtheit. Wie? Man erkühnt sich, Kindern Bücher +zum Lesen zu geben, die nicht über ihren Horizont hinausgehen? Zu +Kindern soll man nicht kindlich reden, das ist kindisch. Ich, die ich +doch auch ein Kind bin, hasse das Kindische. + +Wann werde ich aufhören, mich mit Spielsachen abzugeben? Nein. +Spielsachen sind süß, und ich spiele mit der Puppe noch lang, das weiß +ich, aber ich spiele bewußt. Ich weiß, daß es dumm ist, aber wie schön +ist das Dumme und Nutzlose. So, denke ich mir, empfinden +Künstlernaturen. Zu uns, d. h. zu Papa, kommen öfters verschiedene +jüngere Künstler essen. Nun, sie werden eingeladen, und dann erscheinen +sie. Oft schreibe die Einladungen ich, oft das Fräulein, und es herrscht +dann eine große, amüsante Munterkeit an unserm Eßtisch, der natürlich, +ohne zu prahlen oder geflissentlich zu prunken, wie der gedeckte Tisch +eines feinen Hauses aussieht. Papa umgibt sich scheinbar sehr gern mit +jungen Leuten, mit Leuten, die jünger sind als er, und doch ist er +eigentlich immer der Lebhafteste und Jüngste. Man hört die meiste Zeit +ihn reden; die übrigen horchen, oder sie erlauben sich kleine +Bemerkungen, was oft sehr drollig ist. Vater überragt sie alle an +Bildung und Schwung der Weltauffassung, und alle diese Leute lernen von +ihm, das sehe ich deutlich. Oft muß ich lachen bei Tisch, dann kriege +ich eine sanfte oder unsanfte Zurechtweisung. Ja, und nach dem Essen +wird bei uns gefaulenzt. Papa legt sich aufs Ledersofa und fängt an zu +schnarchen, was eigentlich recht schlechter Ton ist. Aber in Papas +Benehmen bin ich verliebt. Mir gefällt auch seine aufrichtige +Schnarcherei. Will man, oder kann man denn immer Unterhaltung machen? + +Vater gibt sicher viel Geld aus. Er hat Einnahmen und Ausgaben, er lebt, +er erzielt Gewinne, und er läßt leben. Er sieht sogar ein wenig nach +Vergeudung und Verschwendung aus. Er ist stets in Bewegung. Ganz +offenbar gehört er zu den Menschen, für die es ein Genuß, ja eine +Notwendigkeit ist, immer irgend etwas zu riskieren. Es ist bei uns viel +von Erfolg und Mißerfolg die Rede. Wer bei uns ißt und mit uns verkehrt, +der hat irgendwelche kleinere oder größere Erfolge in der Welt erzielt. +Was ist Welt? Ein Gerücht, ein Gerede? Mein Vater steht jedenfalls +mitten drin, in diesem Gerede. Vielleicht dirigiert er es sogar bis zu +gewissen Grenzen. Papas Ziel ist auf alle Fälle, Macht auszuüben. Er +sucht sich und diejenigen, für die er sich interessiert, zu entfalten, +zu behaupten. Sein Grundsatz ist: für wen ich mich nicht interessiere, +der schadet sich. Infolge dieser Auffassung ist Papa immer von seinem +gesunden Menschenwert durchdrungen und kann fest und sicher auftreten, +und das schickt sich. Wer sich keine Bedeutung zumutet, dem macht es +nichts, Schlechtigkeiten zu verüben. Wie rede ich? Habe ich das von +Vater? + +Genieße ich eine gute Erziehung? Ich verzichte darauf, das zu +bezweifeln. Man erzieht mich, wie eine Großstädterin erzogen werden +soll, mit Vertraulichkeit und zugleich mit einer gewissen gemessenen +Strenge, die mir erlaubt und zugleich gebietet, mich an Takt zu +gewöhnen. Der Mann, der mich heiraten wird, muß reich sein oder er muß +begründete Aussichten auf einen festen Wohlstand besitzen. Arm? Ich kann +nicht arm sein. Mir und Geschöpfen, die mir gleichen, ist es unmöglich, +pekuniäre Not zu leiden. Das sind Dummheiten. Im übrigen werde ich ganz +bestimmt die Einfachheit der Lebensführung bevorzugen. Ich mag äußern +Prunk nicht leiden. Die Schlichtheit muß ein Luxus sein. Schimmern muß +es von Propperkeit in jeder Beziehung, und solche bis ins Letzte +geforderte Lebensreinlichkeit kostet Geld. Die Annehmlichkeiten sind +teuer. Wie energisch ich da rede. Ist das nicht ein bißchen +unvorsichtig? Werde ich lieben? Was ist Liebe? Was für Seltsamkeiten und +Herrlichkeiten müssen mir noch bevorstehen, da ich mir noch so unwissend +vorkomme in Dingen, für deren Kenntnis ich noch zu jung bin. Was werde +ich erleben? + + + + +Brentano + + +Er sah keine Zukunft mehr vor sich, und die Vergangenheit glich, wie +sehr er sich auch bemühte, sie erklärlich zu finden, etwas +Unverständlichem. Die Rechtfertigungen zerstoben, und das Gefühl der +Wollust schien immer mehr zu verschwinden. Reisen und Wanderungen, +ehemals seine geheimnisvolle Freude, waren ihm seltsam zuwider geworden; +er fürchtete sich, einen Schritt zu tun, und er erbebte wie vor etwas +Ungeheuerlichem vor dem Wechsel des Aufenthaltsortes. Er war weder +ehrlich heimatlos noch auch redlich und natürlich irgendwo in der Welt +zu Hause. Er hätte so gern ein Orgelmann oder ein Bettler oder ein +Krüppel sein mögen, damit er Ursache hätte, um das Mitleid und um das +Almosen der Menschen zu flehen, aber noch inbrünstiger wünschte er zu +sterben. Er war nicht tot und doch tot, nicht bettelarm und doch solch +ein Bettler, aber er bettelte nicht, er trug sich auch jetzt noch +elegant, machte auch jetzt noch, ähnlich einer langweiligen Maschine, +seine Verbeugungen und machte Phrasen und entrüstete und entsetzte sich +darüber. Wie qualvoll kam ihm sein eigenes Leben vor, wie lügenhaft +seine Seele, wie tot sein elender Körper, wie fremd die Welt, wie leer +die Bewegungen, Dinge und Geschehnisse, die ihn umgaben. Er hätte sich +in einen Abgrund hinunterstürzen mögen, er hätte einen Glasberg +hinanklimmen mögen, er hätte sich auf die Folter spannen lassen mögen, +und mit Wollust würde er sich als ein Ketzer haben mögen langsam +verbrennen lassen. Die Natur glich einer Gemäldeausstellung, durch deren +Räumlichkeiten er mit geschlossenen Augen wanderte, ohne sich gelockt zu +fühlen, die Augen zu öffnen, da er doch alles mit den Augen schon längst +durchschaut hatte. Es war ihm, als sähe er den Menschen durch die Körper +mitten durch die elendiglichen Eingeweide, es war ihm, als höre er sie +denken und wissen, als sähe er sie Irrtümer und Albernheiten begehen, +als könne er es einatmen, wie unzuverlässig, dumm, feig und treulos sie +seien, und es war ihm zu guter Letzt, als sei er selber das +Unzuverlässigste, Lüsternste und Treuloseste, was es gebe auf der Erde, +und er hätte laut aufschreien, laut um Hilfe rufen, in die Knie sinken +und laut weinen, tage-, wochenlang schluchzen mögen. Dessen aber war er +nicht fähig, er war leer, hart und frostig, und vor der Härte, die ihn +erfüllte, schauderte es ihn. Wo waren die Schmelzungen, die +Bezauberungen, die er empfand, wo die Liebe, die ihn beseligte, die +Güte, die ihn durchglühte, das endlose meergleiche Vertrauen, an das er +glaubte, der Gott, der ihn durchentzückte, das Leben, das er umarmte, +die Wonnen und die Verherrlichungen, die ihn umarmten, die Wälder, die +er durchwandert, das Grün, das sein Auge erfrischte, der Himmel, in +dessen Anblick er sich verloren? Er wußte es nicht, so wenig wie er noch +wußte, was er sollte und wohinaus es mit ihm mußte. O, seine Person. +Abreißen von seinem Wesen, das noch immer gut war, hätte er sie mögen. +Die eine Hälfte des Selbst töten, damit die andere nicht zugrunde gehe, +damit der Mensch nicht zugrunde gehe, damit der Gott in ihm nicht völlig +sich verlöre. Es war ihm alles noch schön und doch zugleich so +furchtbar, noch so lieb und gut und doch so zerrissen, und nächtlich war +alles, und wüst und er selber war seine eigene Wüste. Oftmals, beim +Anhören eines Tones meinte er zurücksterben zu können in die vorigen +heißen, empfindungsvollen Sicherheiten, in die bewegliche reiche warme +Stärke von früher. Wie gespießt auf einen Eisberggipfel kam er sich vor, +schrecklich, schrecklich. -- -- -- + +Beim Gehen schwankte er wie ein Fiebernder oder wie ein Betrunkener, und +er hatte das Gefühl, als müßten die Häuser über ihn umstürzen. Die +Gärten, so gepflegt sie auch sein mochten, schienen ihm traurig und +unordentlich dazuliegen, er glaubte an keinen Stolz, an keine Ehre, an +kein Vergnügen, an keinen wahren, echten Jammer und an keine wahre, +echte Freude mehr. Wie ein Kartenhaus erschien ihm das bisher feste +üppige Weltgebäude: nur ein Hauch, ein Schritt, eine leichte Rührung +oder Bewegung, und es bricht in dünne papierne Platten zusammen. Wie +dumm, und wie fürchterlich -- -- + +In die Gesellschaft der Menschen wagte er nicht zu gehen, aus +panikartiger Furcht, man könnte merken, wie schlimm, wie trostlos es mit +ihm stand; zu Freunden zu gehen und sich auszusprechen: dieser bloße +Gedanke peinigte ihn aufs ärgste. Kleist war unzugänglich, ein elender +grandioser Glücklicher, aus dem kein Wort mehr herauszubringen war. Der +glich einem Maulwurf, einem Lebendigbegrabenen. Die andern waren ihm so +schrecklich, so greulich zuversichtlich, und die Frauen? Brentano +lächelte. Es war ein Gemisch von Kinderlächeln und Teufelslächeln. Und +er machte eine abwehrende furchtsame Handbewegung. Und dann seine +vielen, vielen Erinnerungen, wie sie ihn töteten, wie sie ihn marterten. +Die Abende voller Melodien, die Morgen mit dem Blau und Tau, die heißen, +tollen, schwülen, wunderbaren Mittagsstunden, der Winter, den er über +alles liebte, der Herbst -- -- nur nicht denken. Es soll alles +auseinandergehen, wie gelbe Blätter. Nichts soll stehen, nichts soll +einen Wert haben, nichts, nichts soll bleiben. + +Ein Mädchen aus guten Kreisen, das ebenso klar-vernünftig wie schön +dachte, sagte ihm eines Tages folgendes: »Brentano, sagen Sie, fürchten +Sie sich denn nicht vor sich selber, so ohne einen höheren Wert und so +ohne Inhalt Ihr Leben dahinzuleben? Mußte es mit einem Menschen, den man +lieben, ehren und bewundern möchte, so weit kommen, daß man ihn beinahe +verabscheuen möchte? Kann ein Mensch, der so viel und so schön fühlt, +zugleich so gefühlsarm sein, kann es Sie denn wirklich immer, immer +wieder hinreißen, sich zu zerstreuen und Ihre Kräfte zu zersplittern? +Fangen, fesseln Sie sich doch. Sie sagen, daß Sie mich lieben? Und daß +Sie durch mich glücklich und wahr und aufrichtig würden? Ich aber, o des +Grauens, Brentano, kann nicht glauben an das, was Sie sagen. Sie sind +ein Unmensch, Sie sind ein lieber Mensch, und doch ein Unmensch, Sie +sollten sich hassen, und ich weiß, daß Sie das tun, ich weiß, daß Sie +sich hassen. Sonst verschwendete ich kein so warmes Wort an Sie. Bitte, +verlassen Sie mich.« + +Er geht und kommt wieder, er schüttet ihr sein Herz aus, er fühlt etwas +Wunderbares in ihrer Nähe in sich aufquellen, er spricht ihr immer +wieder von seiner Verlassenheit und von seiner Liebe, sie aber bleibt +stark und starr und erklärt ihm, daß sie seine Freundin sei, daß es aber +dabei bleibe, und daß sie nie seine Frau werden kann noch will noch darf +und ersucht ihn, aufzuhören zu hoffen, daß das je geschehen könne. Er +verzweifelt, sie aber glaubt nicht an die Tiefe und an die +Wahrhaftigkeit seiner Verzweiflung. Sie bittet ihn eines Abends in einer +Gesellschaft von sehr vielen feinen und angesehenen Leuten, er möchte +ein paar seiner schönen Gedichte vortragen, er tut es und erntet großen +Beifall. Jedermann ist entzückt über den Wohllaut und über die +überquellende Lebendigkeit dieser Poesien. + +Ein Jahr oder auch zwei Jahre vergehen. Er mag nicht mehr leben, und so +entschließt er sich denn, sich selber gleichsam das Leben, das ihm +lästig ist, zu nehmen, und er begibt sich dorthin, wo er weiß, daß sich +eine tiefe Höhle befindet. Freilich schaudert er davor zurück, +hinunterzugehen, aber er besinnt sich mit einer Art von Entzücken, daß +er nichts mehr zu hoffen hat, und daß es für ihn keinen Besitz und keine +Sehnsucht, etwas zu besitzen, mehr gibt, und er tritt durch das finstere +große Tor und steigt Stufe um Stufe hinunter, immer tiefer, ihm ist nach +den ersten Schritten, als wandere er schon tagelang, und kommt endlich +unten, ganz zu unterst, in der stillen kühlen tiefverborgenen Gruft an. +Eine Lampe brennt hier, und Brentano klopft an eine Türe. Hier muß er +lange, lange warten, bis endlich, nach so langer, langer Zeit des +Harrens und Bangens, ihm der Bescheid und der grausige Befehl erteilt +wird, einzutreten, und er tritt mit einer Schüchternheit, die ihn an +seine Kindheit erinnert, ein, und da steht er vor einem Mann, und dieser +Mann, dessen Gesicht mit einer Maske verhüllt ist, ersucht ihn schroff, +ihm zu folgen. »Du willst ein Diener der katholischen Kirche werden? +Hier durch geht es.« So spricht die düstere Gestalt. Und von da an weiß +man nichts mehr von Brentano. + + + + +Aus Stendhal + + +Stendhal erzählt in seinem schönen Buch von der Liebe eine ebenso +einfache wie schauervolle und tragische Geschichte, die von einer Gräfin +und von einem jungen Pagen handelt, die sich lieben, weil sie ein süßes +Gefallen aneinander finden. Der Graf ist eine finstere, +schrecknisversprechende Figur. Die Liebesgeschichte spielt in +Südfrankreich. Ich stelle mir Südfrankreich reich an mittelalterlichen +Burgen, Kastellen und Schlössern vor, und die Luft träumt und lispelt +dort von holder, heimlicher, schwermütiger Liebe. Es ist ziemlich lange +her, daß ich die Geschichte gelesen habe, die in einem sonderbaren +altmodischen naiven Französisch geschrieben ist, welches rauh und +lieblich zugleich klingt. Auch die Sitten müssen damals rauh und dennoch +schön gewesen sein. Da sehen sie sich also an, die Frau und der +Edelknabe, und so gewöhnen sich ihre Augen aneinander. Sie lächeln, wenn +sich ihre Blicke begegnen, und doch kennen beide wohl die grausame +barbarische Gefahr, in die sie sich begeben, wenn sie glücklich sind im +gegenseitigen Wohlgefallen. Der junge Mann singt so schön, da bittet sie +ihn, etwas zu singen, und er tut es, er greift zum Instrument, das er +mit Grazie zu handhaben weiß, und singt ein Liebeslied dazu, und sie +lauscht ihm, sie lauscht seinen Tönen. Ihr Gatte ist ein Liebhaber der +Jagd und der wilden Raufereien. Händel und Krieg interessieren ihn mehr +als die Lippen der Frau, die der milden wonnigen Mainacht an Schönheit +gleicht. So begegnen sich denn eines Tages, zu gegebener Stunde, die +Lippen des jungen Edelknechtes und der schönen Frau, und das Ergebnis +dieser reizenden Begegnung ist ein langer, heißer, wilder, süßer, +herrlicher Kuß, an dessen Wonne die beiden zu sterben wünschen. Das +Gesicht der Gräfin ist mit einer heiligen, entsetzlichen Blässe bedeckt, +und in ihren großen dunklen Augen flammt und lodert ein verzehrendes +Feuer, das mit dem Himmel und mit der Hölle verwandt ist. Doch sie +lächelt ein seliges, überglückliches Lächeln, das einer duftenden, +träumerischen Blüte gleicht. Zu bedenken ist, daß diese Frau, indem sie +am Kusse hängt, zum Tode entschlossen ist, da der Graf, ihr Gemahl, ein +schrecklicher Mann ist, von dem sie weiß, daß er tötet, wenn er in Zorn +gerät. Auf wie hohe Art liebt sie, wenn sie liebt, wo sie weiß, daß die +Liebe ihr das Leben kostet, wenn es auskommt, was nicht auskommen soll, +was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des Geliebten hängt an +einem Haar, wo er sich dem Vergnügen des Kusses hingibt, woraus +notwendig folgt, daß es ein Vergnügen hoher Art ist, das er kostet. Der +Liebende und die Liebende sind beide gleich kühn, gleich entschlossen +zum Äußersten, aber sie genießen dafür auch das Höchste. Sie erleben den +Gipfel des Lebens, da sie spielen mit ihrem Leben, und nur so ist es +möglich, den Gipfel zu erreichen. Wo das Leben nie in Gefahr ist, gibt +es nie eine Beseligung eben dieses Lebens. + + + + +Kotzebue + + +Eigentlich kann man nicht sagen, daß Kotzebue Unvergängliches geschaffen +hat, obgleich man doch seinen kotzebutzlichen katzlichen Namen auch +heute noch hin und wieder nennt. Es ist mit Berühmtheiten, vielmehr +Unsterblichkeiten, wie Kotzebue eine ist, ein seltsames Ding. Ich +persönlich, das heißt: still für mich, stelle mir vor, daß Kotzebue +entsetzlich gewesen ist. Er bestand nicht aus Knochen und anliegendem +zähen oder weichlichem Fleisch, nein, er war Asche. So blies man zum +Beispiel: und weg war Kotzebue. Kotzebue hat einer stets dankbaren und +freundlich-anhänglichen Nachwelt seine massiven, sämtlichen, gepreßten, +gedruckten, in Kalbsleder gebundenen, gekotzten und gebutzten Werke +hinterlassen, und dennoch, so darf man sich wohl erdreisten, zu sagen, +wird er kaum noch je wieder gelesen. Die ihn lesen, müssen erblassen, +und die ihn nicht lesen, scheinen nicht viel zu verlieren, indem sie ihn +ignorieren. Immerhin ist er ein Biedermann. Sein Gesicht war ganz +verkrochen und verborgen in einem ungeheuerlich großen und kühnen +Rockkragen. Einen Hals hatte Kotzebue gar nicht. Seine Nase war lang, +und was seine Augen betrifft, so glotzten sie. Er hat zahlreiche +Lustspiele geschrieben, die mit glänzendem Kassensturzerfolg während der +Zeit, da Kleist verzweifelte, aufgeführt worden sind. Im allgemeinen, +das muß man ihm lassen, hat er saubere Arbeit geliefert. Wenn man in +Kotzebues Nähe trat, so kutzelte und kotzelte es ganz bedenklich, und +diejenigen Mitmenschen und Zeitgenossen, die mit ihm zu tun hatten, +schämten sich unwillkürlich, daß sie lebten. So und nicht anders war es +rund um Kotzebue, der denn auch, wie wir hoffen, zu den Heroen der +deutschen Geisteswelt gerechnet werden darf, wie so mancher andere, der +ein ebenso seltsamer Kotzebukauz war wie er. Wenn ich nicht ganz vom +Irrtum befangen bin, war er in Weimar tätig. Wo er aber erzogen worden +ist, und wer ihm sein bischen Bildung eingeimpft hat, das wissen die +Götter. Die Götter wissen alles. Die Großherzigen, die Gütigen! Sie +wissen sogar über einen Kotzebue Bescheid. Kotzebue hat die Götter in +jeder Beziehung beleidigt, und zwar durch nichts andres als einzig und +allein schon dadurch, daß er sich einbildete, er habe die Pflicht, sich +für was Bedeutendes zu halten. Ein dummer Mensch, der Sand hieß, glaubte +in seiner Blindheit, die Welt von Kotzebue befreien zu sollen und schoß +ihm eine Kugel durch den Schädel. So endete Kotzebue. + + + + +Büchners Flucht + + +In der und der geheimnisvollen Nacht, durchzuckt von der häßlichen und +entsetzlichen Furcht, durch die Häscher der Polizei arretiert zu werden, +entwischte Georg Büchner, der hellblitzende jugendliche Stern am Himmel +der deutschen Dichtkunst, den Roheiten, Dummheiten und Gewalttätigkeiten +des politischen Gaukelspiels. In der nervösen Eile, die ihn beseelte, um +schleunigst fortzukommen, steckte er das Manuskript von »Dantons Tod« in +die Tasche seines weitschweifigen, kühn geschnittenen Studentenrockes, +aus welcher es weißlich hervorblitzte. Sturm und Drang fluteten, einem +breiten königlichen Strom ähnlich, durch seine Seele; und eine vorher +nie gekannte und geahnte Freude bemächtigte sich seines Wesens, als er, +indem er mit raschen und großen Schritten auf der mondbeglänzten +Landstraße dahinschritt, das weite Land offen vor sich daliegen sah, das +die Mitternacht mit ihren großherzigen, wollüstigen Armen umarmte. +Deutschland lag sinnlich und natürlich vor ihm, und es fielen dem edlen +Jüngling unwillkürlich einige alte schöne Volkslieder ein, deren +Wortlaut und Melodie er laut vor sich hersang, als sei er ein +unbefangener, munterer Schneider- oder Schustergeselle, befindlich auf +nächtlicher Handwerkswanderung. Von Zeit zu Zeit griff er mit der +schlanken feinen Hand nach dem dramatischen, nachmals berühmt gewordenen +Kunstwerk in der Tasche, um sich zu überzeugen, daß es noch da sei. Und +es war noch da, und ein fröhliches, lustsprudelndes Gewaltiges überkam +und überrieselte ihn, daß er sich in der Freiheit befand, eben da er in +das Kerkerloch des Tyrannen hatte wandern sollen. Schwarze, große, +wildzerrissene Wolken verdeckten oft den Mond, als wollten sie ihn +einkerkern, oder als wollten sie ihn erdrosseln, aber stets wieder trat +er, gleich einem schönen Kind mit neugierigen Augen, aus der +Umfinsterung an die Hoheit und an die Freiheit hervor, Strahlen auf die +stille Welt niederwerfend. Büchner hätte sich vor lauter wilder, süßer +Flüchtlingslust auf die Knie an die Erde werfen und zu Gott beten mögen, +doch er tat das in seinen Gedanken ab, und so schnell er laufen konnte, +lief er vorwärts, hinter sich das erlebte Gewaltige und vor sich das +unbekannte, noch unerlebte Gewaltige, das ihm zu erleben bevorstand. So +lief er, und Wind wehte ihm in das schöne Gesicht. + + + + +Birch-Pfeiffer + + +Wenn jemals jemand, so kalkuliere ich, Talent besessen hat, so war es +die berühmte Birch-Pfeiffer. Sie hat in dem idyllisch gelegenen Zürich +gewohnt und nannte sich Gräfin. Dick und zugleich gewissermaßen schlank +von Figur, war sie eine imponierende, ja, man darf sagen, berückende und +bezaubernde Erscheinung. Alles huldigte ihr, alles und jedes kniete vor +ihr nieder. Sie hat sowohl als Mensch wie als Dichterin die üppigsten +Erfolge errungen. Sie erschwang sich, indem sie ihre breiten Röcke +raffte, mit einem prachtvollen Schwung die Bühne, und von da an +beherrschte sie sie. Sie war eine Begnadete, und sie selbst teilte in +Hülle und Fülle Gnaden, Genüsse und Entzückungen aus. Noch heute, nach +so vielen Jahren, werden ihre Bonbons, das heißt: Stücke gegeben. Sie +hat so süß und so liebreizend gedichtet, daß alle diejenigen Leute, die +ins Theater liefen, um sich ihr Stück anzusehen, vor Rührung und +Seelenbeklemmung weinen mußten. Sie hat einer liebelechzenden Welt das +Rührstück, das stets auch zugleich Zugstück war, vor die Nase geworfen, +und die gerührte und erschütterte Welt dankte ihr, indem sie sie hochhob +und im Triumph auf der Achsel herumführte. Eins ihrer am häufigsten +gegebenen Stücke heißt: Das Lorle oder Dorf und Stadt, Schauspiel in +fünf Ab- und Aufzügen. Während ein Büchner, der zu gleicher Zeit lebte +wie die Birch-Pfeiffer, so gut wie verschollen und unbekannt blieb, +schrie man nach ihr, und wenn sie vor dem Vorhang, breit und groß, wie +sie war, erschien, so wollte der Jubel kein Ende nehmen. Noch einige +Merkwürdigkeiten, die die große Frau an sich hatte, wollen wir uns +erlauben zum besten zu geben: O, daß wir stürben am Andenken an die +Unvergleichliche und Unvergeßliche. Die Süße, sie hatte einen so starken +Busen, daß, wer sie zu Gesicht bekam, umfiel, als wäre er von einer +Kanonenkugel getroffen worden. Gleich einem beweglichen Hektoliterfaß +stürmte sie daher, und ihre Adlernase konnte niemand anschauen, ohne +aufs tiefste von dem edlen Anblick betroffen zu sein. Sie trug, so heißt +es in den Annalen, mit Vorliebe grellgelbe Strümpfe mit +getrocknet-schwarzen Strumpfbändern. Ihre Taille war mächtig, und ihr +Rücken stemmte sich hinten hoch zu Berg, als wenn er zersprengen wollte. +Ihre gewitterdunklen Augen blickten stets strafend, und ihr Mund war +zugebissen. So, das sind einige der markantesten Züge. Es bliebe noch +manches zu sagen -- aber wir wollen lieber schweigen und ... ehren! + + + + +Lenz + + +Sesenheim. Stube + +=Friederike=: Warum sind Sie traurig, lieber Herr Lenz? Machen Sie doch +eine muntere Miene. Sehen Sie: ich bin so fröhlich. Kann ich denn etwas +dafür, daß ich guter Laune bin? Nehmen Sie mir das übel? Nehmen Sie mir +übel, daß ich nicht trüb und mißgestimmt sein mag? Wie kommt mir nur +heute die Welt so schön vor. Ihnen nicht? + +=Lenz=: Ich kann es nicht mehr aushalten. Ich muß hinaus. Schnell. Sie +sind glücklich, Sie sind göttlich. Um so elender bin ich. Wenn ich Sie +so schön sehe, muß ich Sie beim Kopf nehmen und küssen, und das wollen +Sie nicht, das werden Sie nie wollen, nie wünschen. Wir sind nicht für +einander. Ich bin für nichts auf der Welt. + +=Friederike=: Warum nur gleich so den ganzen Mut sinken lassen. Sie +können mir recht weh tun. Sie könnten mir eine wahre Lust schenken, wenn +Sie sich ein wenig wohlbefinden wollten, aber das wollen Sie nicht. + +=Lenz=: Ich kann nicht. + +=Friederike=: Ja, gehen Sie. Gehen Sie hinaus. Lassen Sie mich. Es ist +besser. + +=Lenz=: Wissen Sie, wie ich Sie liebe? Wie ich Sie vergöttere? + +=Friederike=: Das hätten Sie nicht nötig gehabt zu sagen. Hier kommt +Goethe. Weiß Gott, es nimmt mich, es reißt mich, wie ich diesen lieben +Menschen sehe. + + +Friederikens Kammer. Dämmerung + +=Lenz=: Leise, leise. Daß nur ja kein Mensch mich sieht. Wie bin ich +abscheulich. Aber es ist besser, abscheulich und häßlich sein als so +trostlos. Mag denn ein Elender auch seine Freude haben. Warum muß einem +Menschen gar nichts, gar nichts und einem andern alles, was es Schönes +gibt, gegönnt sein? Lieber verworfen sein als gar nichts sein. O Natur. +Wie himmlisch bist du. Selbst denen, die dich entstellen, wirfst du +Wonnen und Seligkeiten vor die Seele. Hier sind ihre Strümpfe. (Küßt +sie.) Ich bin wahnsinnig. Wie ich zittre. So zittert der Verbrecher. Wie +heilig mir diese Gegenstände sind. Wie's mir über den Kopf kommt. Wenn +jemand käme. Fort. Ich wäre auf immer zuschanden. + + +Straßburg. Auf dem Münster + +=Goethe=: Wie herrlich dieser Blick ist. Studium und Genuß sind nie +besser verbunden als an einem solchen erhabenen Ort. Indem man Lust hat, +immer weiter mit dem Auge zu schweifen, wird die schöne weite Aussicht +immer lehrreicher. Dort der Fluß im breiten, wohlwollenden Land, wie er +schimmert. Wie eine Sage, wie eine alte, gute Wahrheit schlängelt er +sich durch die ausgedehnte Ebene. Dort hinten in der Ferne die Berge. +Man kann alles auf einmal sehen und sich doch nicht satt sehen. Unser +Auge ist eine seltsame Maschine. Es greift und läßt alles wieder fahren. +Da unten in den alten, lieben Gassen: wie sie treten, gehen und +tagewerken, die traumhaft befangenen Menschen. Man kann von hier oben +herab so recht sehen, wie wohltätig und wie rechtschaffen wir sind +ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer +wieder das Schöne? + +=Lenz=: In unsere deutsche Literatur muß der Sturm fahren, daß das alte, +morsche Haus in seinen Gebalken, Wänden und Gliedern zittert. Wenn die +Kerls doch einmal natürlich von der Leber weg reden wollten. Mein +»Hofmeister« soll sie in eine gelinde Angst jagen. Jagen, stürmen. Man +muß klettern. Man muß wagen. In der Natur ist es wie in Rauschen und +Flüstern von Blut. Blut muß sie in ihre aschgrauen, blassen, alten +Backen bekommen, die schöne Literatur. Was: schön. Schön ist nur das +Wogende, das Frische. Ah, ich wollte Hämmer nehmen und drauflos hämmern. +Der Funke, Goethe, der Funke. Die »Soldaten«, bilde ich mir ein, müssen +so etwas wie ein Blitz werden, daß es zündet. + +=Goethe= (schaut ihn an, lächelt). + + +Gasse. Es regnet + +=Lenz=: Es wird mir hier alles barbarisch. Ich verkomme. Kein +Fingerzeig. Die Illusionen schwinden. Kein Traum mehr. Und wie tot, wie +schwül ist alles. Muß es denn gerade jetzt regnen? Wozu ist überhaupt +der Regen? Der Regen ist dazu da, daß es Regenschirme und nasse Straßen +in der Welt gibt. Unter meinen Augen ist es mir siedend heiß. Am +liebsten möchte ich jetzt kriechen. Dieses ewige Gehen. Was man sich +doch für dumme Mühe macht ... + + +Weimar. Saal im Schloß + +=Die Herzogin=: Also so sehen Sie aus? Treten Sie ungescheut näher. Wie +man Sie willkommen heißt, dürfen Sie auch ein Zutrauen haben. Ihre +dramatischen Arbeiten sehen Ihnen ähnlich. Es ist etwas Schüchternes und +etwas Wildes an beiden. Legen Sie beides ein wenig ab, so werden Sie +mehr Genuß an Ihrem Dichterfeuer und an Ihnen selbst haben. Es freut +mich aber wirklich sehr, daß Sie Neigung gefunden haben, zu uns zu +kommen, und hoffentlich wird es Ihnen bald auch bei uns einigermaßen +behagen. Das Leben will eine gewisse behagliche Wärme und auch eine +gewisse schickliche Breite haben. Doch ich tu' ja, als wenn ich Ihnen +einen Vortrag halten wollte. Das will ich und soll ich nicht; ich soll +mich nur sehr von Herzen freuen, daß Sie hier sind, und das tu' ich, +glauben Sie es mir. Haben Sie auch schon eine günstige Wohnung gefunden? +Ja? Das ist gut. Unser Weimar kann Ihnen sicher heimisch werden, es +bietet mancherlei. Nur müssen Sie es eben, wie es ist, auch zu nehmen +und zu genießen wissen. Sieht man Sie so, so glaubt man, Sie ein bischen +schulmeistern zu dürfen. Verübeln Sie, daß ich warm mit Ihnen rede? +Nicht? Um so besser. Aber ich schwatze, und der Herzog wartet auf mich. + +=Lenz= (errötend; sehr unsicher, will etwas sagen). + +=Herzogin=: Ach, nur keine sonderlichen Danksagungen. Sagen Sie sie mir +ein andres Mal. Oder lieber gar nicht. Ihr Gesicht gefällt mir. Das +genügt. Es hat alle Artigkeiten und Höflichkeiten schon längst +ausgesprochen. Ich werde sorgen, daß wir uns wiedersehen. (Ab.) + +=Lenz=: Schweb' ich? Wo bin ich? + + +Terrasse. Ausblick in den Park + +=Lenz=: Ich dichte, schaffe nichts. Dieses ewige Knixen und Schöntun. +Dieser Frost, diese nichtssagenden Förmlichkeiten. Bin ich noch ein +Mensch? Warum bin ich enttäuscht? Warum will ich mich nur gar nirgends +in der Welt anschmiegen? Da war's doch in Straßburg anders. War's denn +etwa dort besser? Ich weiß nicht. Kann ich nirgends Fuß fassen? Kann ich +mich nirgends behaupten? Ich fürchte mich. Ich bin grauenhaft. + + +Nacht. Zimmer der Hofdame Gräfin so und so + +=Gräfin=: Was soll das heißen? + +=Lenz=: Lassen, lassen Sie mich. Vergönnen Sie mir den Genuß, zu Ihren +Füßen liegen zu dürfen. Wie schön, wie trostreich für die verdurstende, +schrecklich gepeinigte Seele ist dieser Moment. O, klingeln Sie nicht, +rufen Sie nicht Ihre Leute. Bin ich denn ein Räuber, ein Einbrecher? +Freilich bin ich unangemeldet hergestürzt. Wo man liebt: soll man sich +da erst noch lange um die hergebrachte Sitte kümmern müssen? Wie sind +Sie schön, und wie bin ich glücklich, und wie feurig, wie innig wünsche +ich, nicht Ihr Mißfallen zu erregen. Können Worte, die aus der Brust +eines Menschen kommen, der Sie anbetet, Sie beleidigen? Gewiß ist das ja +möglich, gewiß, gewiß. Ich Sie beleidigen, ich Sie auch nur mit einem +Hauch beunruhigen? Wie wäre das möglich? Schauen, schauen Sie mich nicht +so hart an. Ihre Augen, die so schön sind, haben nicht verdient, daß sie +so kalt, so unfreundlich, so ungütig blicken müssen. Retten Sie mich. +Ich bin dem Verderben preisgegeben, wenn Sie kein Gefühl für mich haben. +Haben Sie kein Gefühl? Dürfen Sie keins haben? Bin ich denn jetzt +zerschmettert? Bin ich verloren mit allen meinen himmlisch-schönen +Träumen? Wissen Sie, wie süß, wie schön ich träumte? Doch ich weiß nicht +mehr, was ich sagen soll. Ich soll schweigen, ich soll jetzt wohl +einsehen, daß ich die höchste aller Unziemlichkeiten begangen habe, ich +soll fühlen, daß alles kalt ist, und daß alles zu Ende ist. + +=Gräfin=: Ich bin sprachlos. + +=Lenz=: Wie schön du bist. Dieser Busen, diese Arme, dieser Körper. +Können so viele Herrlichkeiten sich anders als sanft gebärden? + +=Gräfin=: Entfernen Sie sich auf der Stelle. Soll ich Ihnen erst noch +sagen, daß Sie bewiesen haben, wie verzweifelt und wie unmöglich Sie +sind. Sind Sie um die gesunde Vernunft gekommen? Ich muß es glauben. + + +Arbeitskabinett des Herzogs + +=Goethe=: Er ist ein Esel. + +=Herzog=: Ein unglückliches Kind. Was er getan hat, wäre sonst +unbegreiflich. Man schaffe ihn auf eine sanfte Manier fort. Mein Hof +kann dergleichen nicht dulden. + + + + +Germer + + +Ein Lebensposten ist gar nicht so ohne. Ganz gewiß nicht. Jedermann +sieht gern ein, daß mit einer Weltposition hundert kleine Schönheiten, +Bequemlichkeiten und Annehmlichkeiten verbunden sein können, so zum +Beispiel die reizende, ruhige Mitgliedschaft zum literarischen +Lesezirkel. Wer eine Existenz hat, darf sich gemütliche Bockbierabende +erlauben. Das regelmäßige Einkommen sitzt abends im Konzert oder im +Theater. Der gute Monatslohn macht mit Schwung und Selbstbewußtsein +Maskenbälle mit. Und doch hängt an der Lebenspostenexistenz manches, was +nicht fein ist, unter anderem die Unterminierung der körperlichen und +geistigen Gesundheit. Hier sei schüchtern an das menschliche +Nervensystem erinnert. + +Germer, langjähriger Inhaber eines schwierigen Wechselportfeuillepostens, +kann den Atem und die leibliche Bildung seiner Herren Kollegen +nicht mehr ertragen. Wer gesund und robust ist, der macht +gern Witze, die Meier vom Landgut und Stadthaus zum Beispiel. +Diese beiden sind Witzbolde ersten Ranges. Germer ist ungeduldig. Wer +ungeduldig ist, haßt das gemütliche Bockwurstwitzwesen. Außerdem hat ihn +die Langjährigkeit seines Postens krank im Geist gemacht. Er macht zwar +noch immer sein Pflichtchen, freilich, aber mit permanenter +Zusammenraffung seiner letzten Geniekräfte. Ja, ja, so ein Weltposten. + +Fast täglich gibt es in der hochberühmten Bankkomptabilität, so gegen +halb zwei Uhr mittags, gratis Volksschauspiele. Zugelassen werden +natürlich nur die Herren Angestellten und Maschinenrechner, aber das ist +schon ein ganz artiges Theaterpublikum. Vollzählig sind sie da, die +Senn, die Glauser, die Tanner, die Helbling, die Schürch, die Meier von +da und dort, die Binz und die Wunderli. Sitz- und Stehplätze werden +nonchalant, den Zigarrenstumpen im Mund, eingenommen. Duft und Stimmung, +Wesen und Privatabsicht, Spezielles und Allgemeingültiges, und draußen +scheint die Sonne. »Herr Germer!« sagt einer. Dieser eine geht langsam +zu Germer hin und stellt sich dicht neben ihm auf. »Lassen Sie mich! +Weg!« sagt Germer, indem er mit der gräßlich flachen Hand wegwischt. +Alles schmettert und schnattert vor Lachen. Ja, ja, so eine duftvolle +Mittagspause. + +Was gesund, rotwangig und robust ist, das muß etwas zum Spielen, +Unterhalten und Peinigen haben. Schon die lieben Kinder gehen da mit +einem selten guten Beispiel voran. Wie köstlich macht sich das, und +solch ein tönendes Lachen, wie ist das göttlich! Das heilige Lachen! Die +Götter im Olymp sind auch Angestellte. Auch sie langweilen sich +wahrscheinlich zuzeiten ziemlich stark, und auch sie begrüßen daher +Gratisvolksschauspiele und -auftritte mit dankbar schallendem Vergnügen. +Sicher ist die gepriesene Götterwohnung auch nur eine Art Komptabilität, +gerade wie die unsere, und die Götter und Göttinnen schreiben und +rechnen und korrespondieren vielleicht auch an solchen schmalen +Pultreihen, angeschmiedet, gerade wie wir's hier so furchtbar deutlich +schauen, an öden Lebensposten. + +Jedes Ding auf dieser Erde hat seine trivialen zwei Seiten, eine +schattige düstere und eine fidele helle. Wem das saure tägliche Brot nur +so auf den Monatssalärtisch fällt, der muß sich verpflichtet fühlen, +nach und nach zur kontraktlich regelmäßigen Maschine zu werden. Im +Ernst: dies ist erste und letzte Aufgabe. Germer ist eine schlechte +Maschine, er beherrscht seine Empfindungen nicht, er tobt, er brüllt, er +pfeift, er wischt ab, er knirscht mit den Zähnen, er macht großzügige +Arm- und Handbewegungen, er schreitet einher wie ein König der Bretter, +die die Welt bedeuten sollen, er ist krank. Es gibt ja Krankheiten, die +zu Lebensstellungen noch ganz gut passen. Germers Krankheit aber ist der +scheinbar persönliche und überzeugte Feind seines kräftefordernden +Postens. Schickt sich das? Wer einen Posten besetzt, der muß alles +Unpostengemäße wegwischen. Unser Mann aber wischt mit der Hand seinen +Posten weg. Das ist dumm, weil es unmöglich ist. Niemand kann Existenzen +abwischen. Germer sagt immer: »Weg! Lassen Sie mich in Ruhe!« Ja, ja, so +eine defekte Maschine. + +Ein Herr Kollege soll auch kollegialisch empfinden. Das Prinzip der +Kollegialität ist ein herrisches und ein nur zu tief begründetes. Das +ist so gewesen und wird sicher so bleiben. Ein hungernder Vagabund hat +nicht nötig, Rücksicht zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer +aber hat jeden Tag sein Essen, Trinken, Schlafen, Wohnen, Spazieren und +Stumpenrauchen, diese wie vom Himmel auf seine Person heruntergefallenen +Tischlein-deck-dich-Sachen kommen von der weltgebietenden +Kollegenschaft. Darf er das hintansetzen? Darf er dem Herrn Buchhalter +Binz die Zunge ausstrecken, darf er »Affen!« zu den Korrespondenten +sagen? Ganz gewiß nicht, und doch tut er's, aber nicht er tut's +eigentlich, seine Krankheit begeht diese Sünden, also ist Germers +Krankheit ein Feind des mächtigen Kollegengedankens. Meier vom Land, der +weiß, wie schön es auf dem Land ist, hat schon mehrmals der Idee +Ausdruck verliehen, daß Germer aufs Land gehöre. Diese Idee wird von +Kollege Helbling, zur Abwechslung scheinbar, wieder einmal, von Mann zu +Mann im ganzen Bureau herumgetragen: »Es wäre bald besser, man täte den +Germer aufs Land.« Chef Hasler, der stets Umsichtige, macht der +Verbreitung guter Literatur in die breiten Volksschichten ein rasches, +stirnrunzelndes Ende: »Es ist mir lieber, Sie arbeiten, Helbling.« + +Die Landidee ist aber nicht mehr auszurotten. Binz, der Buchhalter im +Profil, gibt ihr weiteren Ausdruck: »Da hätte er's doch verflucht gut. +Die Landluft könnte ihn am Ende wieder völlig gesund machen. Hier wird +er von Tag zu Tag dümmer. Es ist bald eine Schande, so einen Menschen +überhaupt nur anzusehen. Es ekelt einen ja bald einmal. Auf dem Land +würde er Sonnenschein und eine leichte Beschäftigung haben. Den halben +Tag könnte er unter einem Baume im Gras liegen und ›Weg von mir!‹ sagen. +Die Mücken und Fliegen würden es ihm beim Eid nicht übelnehmen. Man +geniert sich bald. Und mit dem Helbling müßte man eigentlich auch bald +endlich einmal kurzen Prozeß machen. Wenn ich Chef wäre, ich würde hier +herum allweg bald besser Ordnung machen.« Wenn ich Chef wäre! Herr Binz +im Quadrat möchte gern Chef der gesamten Abteilung sein. Seiner Nase nach +steht es schlimm mit der Zucht und Würde in den Buchhaltungsräumlichkeiten. +An seine dicken täglichen Folianten gedrückt, träumt er +von eisernen Reformen und von sich als von dem gestrengen +Vollstrecker derselben. Ja, ja, die Untergebenen. + +Es wird auch nicht schlecht über die vermutlichen und vermeintlichen +Ursachen von Germers geistiger Verwilderung hin und her gesprochen. Der +Posten ist schuld. Der Posten ist zu aufreibend. Längst gehörte Germer +vom Posten weg. Jeder andere würde an solch einem Posten ebenfalls +verrückt. Und dann wird geflüstert, Rüegg sei schuld, Herr Rüegg, der +Unterchef. Dieser habe den Germer mit kalter Berechnung in den Wahnsinn +gehetzt. Kein anderer als Rüegg trägt Schuld. Das sei ein Schikaneur von +der durchtriebensten Sorte. Neben diesem Satan zu arbeiten, das sei eine +Qual. Erstens das teuflische Portefeuille, zweitens Rüegg, der +figürliche Teufel. Der Germer sei zu bedauern. Warum sich das Kalb habe +abhetzen lassen? Jedenfalls müsse er vom Posten weg. Helbling unternimmt +es bereitwilligst, im ganzen Bureau herum die Qualen des Germerschen +Postens zu schildern, er malt mit den absichtlich schwärzesten und +zeitraubendsten Malmitteln. Er schildert wieder einmal Zeit tot. Aber +Chef Hasler, kunstfeindlich wie immer, zerstört das Wandgemälde. + +»Herr Germer, Sie müssen exakter arbeiten,« sagt Rüegg, der Chef des +Portefeuilles, ein älteres, stilles, bebrilltes, schmächtiges, +monotones, graues, bebartetes, bleiches Herrchen mit schmachtender, +bohrender Stimme. »Herr Rüegg, lassen Sie mich in Frieden. Verstanden! +Weg!« sagt Germer. Nun sind das ja keineswegs Untergebenenworte, noch +viel weniger Tägliche-Brots-Worte, und noch weniger Worte eines +Menschen, der fürchten muß, vom Posten weggewischt zu werden. Aber was +kann man dafür, wenn es in Gottes Namen aus einem heraussprudelt. O wie +Rüegg Germer haßt, aber noch schrecklicher ist es, wie Germer Rüegg +haßt, und am fürchterlichsten ist es, wie beide einander in den Tod sich +hassen. Und doch müssen sie zusammen arbeiten, eng verschlungen wie die +geschmeidig sein sollenden Bestandteile einer schnurrenden Maschine. Des +einen Tätigkeit ist futsch ohne die bereitwillige Tätigkeit des andern. +Macht einer Fehler, so müssen drei drunter leiden, und Germer macht +immer Fehler, aber er glaubt steif und fest, er arbeite nur deshalb +schlecht, weil Rüeggs Bosheit ihn kaput macht. Rüegg dagegen ist ein +feiner, geschmackvoller Mensch, er beteiligt sich nie an den +»Volksschauspielen«, er behandelt Germer als einen völlig Normalen, und +das gerade reizt den Kranken: »Weg!« Sagt Hebel _A_ zu Hebel _B_ solche +Worte? Ja, ja, so ein Bestandteil. + +Und jahrelang haben die beiden Hebel _A_ und _B_ zusammen das Rad der +Arbeit mühsam geschwungen. Unter: »Sie müssen besser arbeiten!« und: +»Gehen Sie mir weg!« Unter heimlich fressendem Ärger. Rüegg hat den +Germer immer unter der Brille schräg hinauf angeschaut. Vielleicht haben +diese Blicke das Ungestüm in Germers Wesen heraufbeschworen. Wer kann +einer Seele sagen, woran sie erkrankt. Überlassen wir die zeitgemäße +Beantwortung dieser Frage unsern Herren der Wissenschaft. Die haben's +Patent drauf. Wenn so eine fleißige, emsige Stille im Saal herrscht, +pfeift einer plötzlich, und wer ist es? Germer. Auch laut lachen kann er +plötzlich. Und immer wischt er mit der schrecklich großen und flachen +Hand etwas aus der Luft weg. Armer Germer. + +Ja, ja, das Leben ist hart, Helbling weiß auch ein Lied davon zu singen. +Man sagt, die eintönigen Lieder seien die rührendsten. Germer ist +verheiratet, er hat Frau und zwei Kinder, Mädchen, die jetzt anfangen +zur Schule zu gehen. Alle sechs bis acht Wochen besucht Frau Germer den +Direktor der Bank, um diesen hochachtbaren Mann weinend zu bitten, er +möge das Nötige tun und veranlassen, daß man ihren Mann möglichst schone +und in Ruhe lasse. Es ist der Kollegenschaft bedeutet worden, die +Veranstaltung von Extravorstellungen zu unterlassen. »Besser wäre, man +täte ihn aufs Land,« meint Meier vom Land. + + + + +Das Büebli + + +Er ist Bankkommis und ein kleiner Kerl, »Säubübli« von seinen Kollegen +genannt, eine Benennung, die er mit scheinbarer Gleichgültigkeit +erträgt. Etwas Geringfügiges schwebt um seine Gestalt, und eigentlich +ist er nur eine Figur, keine Gestalt, nur ein menschliches Etwas, keine +Erscheinung. Ein bißchen ländlich beträgt er sich, und er stammt in der +Tat auch vom Land, sein Vater verträgt in dem Dorf, wo er her ist, die +Briefe. Es soll also wohl oder übel auch etwas Pöstliches an ihm sein, +ja, beinahe, aber dies kommt ungefähr so schwach zum Ausdruck, wie die +Mienen an den Personen eines schlechtgeschriebenen Romanes, oder wie das +Lächeln eines jener geriebenen Menschen, die nicht mit den Lippen, +sondern mit den Ohrlappen zu lächeln pflegen. Im übrigen heißt unser +Statist Glauser, Fritz mit Vornamen. Er nimmt Fechtstunden, »so ein +Dräckbürschli«. Seine Körperhaltung ist infolgedessen eine recht gute, +die Haltung schulmeistert beständig das, vermöge dessen sie da ist, den +Körper, und der kleine, gute Glauser-Körper läßt sich ruhig und ergeben +von der unzufriedenen Geist-Haltung kommandieren. An der Haltung merkt +man etwas, und am Körper belächelt man etwas, und an Glauser will man +immer etwas auszusetzen haben. + +So zum Beispiel sagt man, er sei ein Streber, was ja nun allerdings ein +wenig wahr ist, aber sein Strebertum ist ein feines und bewußtes, es +korrespondiert mit den »Fechtstunden«. Er strebt danach, seinen Herren +Abteilungschefs und Meistern Vorgesetzten zu gefallen. Keine üble Idee, +aber in den Augen des Kollegen Senn, des »aufrührischen Vasallen«, ist +das gemein. Den säuerlich dampfenden und kochenden Atem seines Meisters +Hasler verträgt Glauser, wenn derselbe unvermutet hinter ihm steht, mit +Bravour, ja sogar mit Liebe, denn er sagt sich: »Anstandshalber habe ich +gegen solcherlei Atemübungen nichts einzuwenden. Ein besserer Duft wäre +mir lieber. Aber wenn Chefs so atmen, so nehme ich 's hin.« + +Er ist klug, und er hat Charakter, er kennt keine Torheiten. Seinen +weiteren Kollegen Helbling verachtet er, aber vorsichtig, und seinen +noch weiteren Kollegen Tanner hält er für einen netten Kerl, aber für +prinzipienlos. Helbling will nicht arbeiten, Tanner bezweckt nichts mit +der Arbeit, aber Glauser arbeitet an seiner persönlichen +Weiterentwicklung, er fühlt sich berufen, Großes zu erreichen, er macht +im Geist Karriere. + +Er spart auch, er ißt für vierzig oder für dreißig Rappen zu Mittag, +eine Ausgabe, die ihm imponiert, weil sie zu seinen Plänen paßt. Zu +rauchen gestattet er sich nicht, obwohl er es gern täte, dafür aber +trägt er Handschuhe und einen gewichtigen Spazierstock mit silbernem +Knopf. Es ist dies ein Luxus, aber erstens nur ein einmaliger, und +zweitens gibt der Mensch, der etwas erstrebt, gerne zu merken, daß es +ihm eine Unmöglichkeit ist, sich zu unterschätzen. + +»Ich bin vom Land,« denkt öfters Glauser, »und habe aus diesem Umstand +heraus die Verpflichtung, es den Städtern zu zeigen, was ein fester +Willen vermag.« Er benützt und besucht die Lesehallen, er ist im +höchsten Grade bildungsbedürftig, und er weiß sich die Vorteile, die die +Stadt bietet, zu Nutzen zu machen. Er sagt sich: »Diese Städter! Da +schwärmen sie für die Landschaft. Ihre Bibliotheken vernachlässigen sie. +Gut, dann übernehmen eben die Söhne vom Land ihre Errungenschaften.« + +Glauser hat scheinbar ein Verhältnis mit der Kellnerin des »Ochsen«. +Dort pflegt er zu Abend zu essen, das ist etwas teurer als im +Volkswohltätigkeitshaus, man trinkt Bier zu einer Portion saurer Lebern, +aber es gehört sich, infolgedessen tut er's. Die Verbindung mit dem +Mädchen kostet nichts, denn sie liebt ihn. Das »Säubübli« ist also +irgendwo Hahn im Korb, hat irgendwo einen Stein im Brett, das wirkt +wohltuend, das erhebt, das macht, daß man sich seiner Vorteile beständig +bewußt bleibt. Da kann man die andern reden lassen. + +Sein Gehalt ist ein geringer, aber Glauser verbietet sich auf das +strengste, von einem höheren Salär zu träumen. So etwas reibt auf und +ist inkorrekt, denn es lenkt von den Obliegenheiten des Tages ab, und +das verhindert ein Mensch, der weiß, was Pflicht und Schuldigkeit sind. +»Das ist helblingisch,« denkt er und ist stolz und froh, sich derart +bemeistern zu können. Absichtlich macht er Fehler, um ab und zu einen +Verweis zu hören, aus Diplomatie, damit es nicht in der hintersten Ecke +heißt: »Dieser kleine Luscheib von Streber!« -- Jeder will gern ein +bischen populär sein, am liebsten die zukünftigen Herrscher. + +An Gehaltszahltagen freuen sich die meisten Angestellten kindlich. Der +Klang des klimpernden Goldes erinnert an schöne Naturmomente, an +Genüsse, an das Verhalten-Menschliche. Es spricht eben zu den Herzen und +zu den Einbildungskräften. Nicht so Glauser. Der begegnet der fein +lächelnden Angestelltin, die gewöhnlich auszahlt, kalt und gebärdet +sich, während die liebliche Zahlerin ihres Amtes bei ihm waltet, +folgendermaßen: »Dummköpfin! Mach's rasch!« -- Es paßt ihm nicht, sich +zu freuen, seine Lüste sind tieferer und bewußterer Art. + +An gemeinschaftlichen Sonntagsvergnügungen nimmt er indessen teil, aus +Politik, aber auch aus Anstandsgefühl, da er nicht ein versteckter +Einsamer sein will. So etwas gehört sich, Grund genug, mit dabei zu +sein. Das Tanzbein schwingt er trocken, aber er schwingt es wenigstens. +Das Tanzen gehört im Vergleich zum »Saufen« noch in den schönen Kreis +des Geistigen, demnach hat man sich's in keinerlei Weise zu verbieten. +Daneben kann Glauser sich ja noch ruhig über die Sache erhaben fühlen, +sowohl als über den armen Helbling, der dem Vergnügen leidenschaftlich +ergeben ist, und der sich von der »Sache« hinreißen läßt. + +Glauser liest Nietzsche, er liest ihn, aber er läßt sich durch diesen +Autor nur zeitweise fesseln, niemals bestürmen, auch nicht irgendwelche +Muster vorschreiben. Er hat seine ganz eigenen Gedanken, ihm imponiert +so leicht keiner. Die Geschichte Napoleons aber hat es ihm angetan, +diesen Mann nimmt er zum Vorbild. Daneben ist es eine englische +Grammatik, der er vorzugsweise seine Nebenstunden widmet. Er ist +Mitglied des Kaufmännischen Vereines, aber ein laxes, die +Verbandsinteressen berühren ihn wenig, übrigens ist er erst zwanzig und +ein halbes Jahr alt. + +Gesundheitshalber begibt sich das kleine »Glauserli« fast jeden Mittag, +während der Bureaupause, zum See hinaus, in die dortigen, hübschen +Quaianlagen, um sich auf eine Bank zu setzen. Der Schatten ist ihm +ebenso lieb wie die Sonne, aber um kein Haar lieber. Der Wind ist ihm +angenehm, aber nicht süß wie »diesem Poeten Tanner«. Die Natur ist +nützlich und gut, keineswegs entzückend. Auf der Bank liest er ein Buch. +Drum herum ist Natur, aber eben, das ist es, die Natur ist gut zum +Drumherumliegen, das Buch ist die Hauptsache. Die Natur wärmt und +freundet sich an: von selber: eine Art Dienstbotin, eine stumme, +gutmütige Pflegerin. Man nutzt das aus, denn das lohnt sich. + +Schritt für Schritt schreitet unser Held vorwärts, und das heißt soviel +als, er macht immer seine Sache ordentlich. Nie verspätet er sich. Sein +Anzug ist ebenso sauber wie seine Arbeiten, die er abliefert, sein +Auftreten aber entspricht seinen Plänen, das heißt, es ist bescheiden, +hohe Pläne schreiben das vor. Während er arbeitet, scheint er +verschwunden zu sein, er ist gar nicht mehr auf der Welt, er lebt in den +unsichtbaren und unsichtbarmachenden Regionen der Pflichterfüllung. +»Meine Arbeit ist zu geistlos für mich,« denkt er, aber es genügt ihm, +daß er diesen Einfall gehabt hat, er macht kein Drama daraus. Er +arbeitet langsam, Zahl für Zahl, Buchstabe für Buchstabe, richtig, +gesetzt, leidenschaftslos, wie es sich schickt vor einer Leistung, die +keine Anforderungen an die Begabung stellt. Das freut ihn kalt, daß es +so ist. Glauser, »das Lusbübli«, ist von einer durchtriebenen +Zufriedenheit beseelt, und das ist es, was andern in die Augen sticht, +denn »dahinter steckt etwas!« -- + +»Eines Tages,« denkt ›dä chli Hagel‹, »werde ich ihr Chef sein. Die +werden sich wundern.« Er hat sich im stillen längst vorgenommen, nie +Stellung zu wechseln, eigenmächtig, sondern sich langsam an immer +bessere Posten versetzen zu lassen. Er weiß, daß es jahrelang dauert, +ehe er avancieren kann, aber das schreckt ihn nicht, im Gegenteil, er +hat eine diabolische Genugtuung, empfinden zu dürfen, daß man ihm +reichlich Gelegenheit zum hartnäckig Ausharren geben wird. Er weiß sich +im Besitz der hierzu erforderlichen Tugenden, und er lacht auf den +Stockzähnen hinten. Er hat Geduld wie eine Bahnübergangsbarriere. Er +sieht ja täglich das Muster der natürlichen Ungeduld vor sich, den +Helbling, der mit den Uhren kokettiert. Von diesem denkt er: »Der +macht's nicht mehr lange.« + +Tanner macht's auch nicht mehr lange. Der arbeitet um des Arbeitens +willen. Das ist so eine Art zweckloser Künstlernatur! Das still +beobachtende »Bübli« ist seiner Sache sehr sicher. Nach kurzer Zeit +fliegen die beiden »hinaus«, Helbling auf dem Wege des Schassens und +Tanner aus eigenem Drang. Der eine »geht« zwecklos und der andere mit +Schand und Spott. Glauser aber stickt und zeichnet an dem fein erdachten +Gewebe seines Berufsprogrammes ruhig weiter. + +Er hält das Ding aus, und weit mehr: Die Bureausystemseele ist wie seine +eigene, das heißt, keine Verdächtigungen! Er meistert eben seine Seele. +Er sieht: aha, hier geht es so zu, und da geht es sofort in ihm selber +ähnlich zu. Seine Energie läßt kein Unwohlbefinden aufkommen. So eine +Seele ist weich, und wozu? Zum Daraufdrücken! Eine Seele ist nach +Glausers Prinzipien zum Zermalmen da. + +O er bringt es weit, aber noch lange nicht. Es geht langsam, aber dann, +nachdem es ein Leben gedauert hat, wird er konstatieren können, daß er +es weit gebracht hat. Und wenn er's zu nichts bringt, so hat er doch +reich gelebt: er hat gewollt! -- + + + + +Paganini + + +Obwohl dieses Spiel für immer dahin ist, und obwohl meine Ohren es +niemals vernommen haben, so kann ich doch träumen davon, dichten und +phantasieren und kann mir vorstellen und ausmalen, wie süß es geklungen +haben muß, wie herrlich es geklagt, wie wunderbar es gejubelt und wie +betörend es geschluchzt haben muß. Wo der Name Paganini ausgesprochen +wird, hört man noch heute die Tonwellen auf und nieder rauschen, sieht +man heute noch eine gespenstisch dünne und schlanke weiße Hand den +Zauberbogen führen, glaubt man heute noch sein himmlisches Konzert zu +hören. Dämonisch soll er gespielt haben auf seinem Seeleninstrument, auf +der Herzengeige, und ich glaube es. Er gibt Dinge, an die man mit aller +Gewalt glaubt, an die man glauben -- -- will, und so glaube ich denn, +daß Paganini zaubervoll spielte und daß er mit seinem Bogen umging, wie +Napoleon mit seinen Armeen. Gewiß, eine kühne Vergleichung. Doch lassen +wir das. Er spielte so schön, daß die Frauen ihre geheimsten Träume von +den Herrlichkeiten der Liebe in Erfüllung gehen sahen, indem sie sich +von den liebsten und schönsten Lippen geküßt, und zwar mit einer so +großen Gewalt geküßt fühlten, daß sie vergehen zu müssen meinten. Es war +nicht, als wenn Hände, nein, es war, als wenn die Liebe selber spielte; +es war weniger der Gipfel der Geigenspielerkunst, obgleich es ein +völliger Gipfel war, als vielmehr die bloße, große Seele, die ja aller +und jeder Kunst erst die Weihe, den Klang und den Inhalt gibt. Dadurch, +daß er spielte, als wenn er lachte, redete und weinte, küßte und +mordete, eine Schlacht mitkämpfte und in der Schlacht verwundet wurde, +ein Pferd bestieg und auf und davon jagte, oder als wenn er in +unendlicher, unsagbarer Einsamkeit schwermütigen Gedanken nachhinge, +oder als wenn er auf stürmischer See Schiffbruch litte, oder als wenn er +zittere im Genuß eines wilden, unverhofften Glückes -- war er dämonisch. +Weil er einfach war, war er groß. Gütiger Leser, lächle, ich bitte dich, +über alle diese, wie du sagen wirst, überreizten Einbildungen, doch höre +weiter, wie er spielte, wie Paganini spielte. Mir ist es, als hörte ich +ihn in diesem Augenblick toben, wüten, zürnen, schwelgen und spielen. Er +spielte sein Spiel so herunter, daß die Hörer glaubten, er zerrisse die +Tonwelt mit dem Bogen, um sie wieder zusammensetzen zu können, sich +verlierend in Harmonien. Nachtigallen, arabische Feenschlösser, Nächte, +von denen die träumerische Liebe träumt, Treue, Güte und engelgleiche +Zärtlichkeiten wurden wahr durch seines Spieles mondscheinmilden Zauber, +und das Spiel selber, welchem Fürsten mit Vergnügen lauschten, floß +dahin, wie zerrinnender, unter dem Kuß der Sonne sich langsam, langsam +auflösender Schnee, floß dahin wie ein musikalischer Honigstrom, sich +verliebend in die eigene Hoheit, Schönheit und Flüssigkeit. So spielte +er. Aber er spielte noch viel schöner, er spielte so, daß der Haß sich +in Liebe, die Treulosigkeit sich in Treue, der Übermut sich in Wehmut, +der Mißmut sich in Wonne, die Häßlichkeit sich in Schönheit und die +Hartnäckigkeit sich in süße, purpurn strahlende Freudigkeit, +Freundlichkeit, Versöhnlichkeit und Willigkeit verwandelte. Goethe +lauschte seinem märchenhaften Spiel, das ihn entzündete und bis tief in +die große Seele entzückte. Je größer der war, der ihm zuhörte, um so +höher und größer war auch der Genuß. Es ist dies ja das Geheimnis des +Kunstgenusses überhaupt. Paganini wußte im voraus nie genau, wie und was +er spielen wollte und würde; er ließ sich von den Tönen zu den Tönen, +von den Stufen zu den Stufen, von den Wellen zu den Wellen, von den +Unbewußtheiten zu den goldenen Bewußtheiten hinreißen, derart, daß ihm +das Geigenspiel wie eine stolze Palme aus dem Boden des Beginnens +emporwuchs und größer und größer, schöner und schöner wurde wie ein +breites, gedankenvolles, wollüstiges Meer. Ähnlich geht der Mensch durch +das Leben, nicht wissend, was aus ihm wird, keimend oder fallend, je +nachdem das Schicksal es will. So war sein Spiel ein schicksalhaftes, +zwischen Wollen und Sollen schwebendes menschliches Spiel, das darum +auch alle Herzen gefangen nahm, alle Ohren bezauberte und alle Seelen +überschwemmte mit seiner Bedeutung. Napoleon hörte ihm zu, zwei volle +Stunden lang, wiewohl ich mir das vielleicht nur einbilde, wozu ich ein +gewisses Recht habe, da doch dieser ganze Aufsatz nur auf der Einbildung +und auf der Erhebung beruht. Strenggläubige Leute, Katholiken wie +Protestanten, lauschten ihm mit Freuden, denn es strömte Religion, wie +liebliche nahrhafte Milch, aus seinem Bogen. Seine Kunst glich einem +Regen, einem Segen, einem Sonntag, einer wundervollen hinreißenden +Predigt. Der Krieger lauschte ihm, alles, alles lauschte ihm, ganz +Aufmerksamkeit, ganz nur Ohr. + + + + +Der Schriftsteller + + +Der Schriftsteller besitzt in der Regel zwei Anzüge, einen für die +Straße und zum Besuche machen und einen für die Arbeit. Er ist ein +ordentlicher Mensch; das Sitzen am engen Schreibtisch hat ihn bescheiden +gemacht, er verzichtet auf die heitern Genüsse des Lebens, und wenn er +von irgendeinem nützlichen Ausgang nach Hause kommt, so zieht er seinen +guten Anzug rasch vom Leib, hängt Hose und Rock, wie es sich gehört, +säuberlich in den Kleiderschrank, wirft sich in seine Arbeiterbluse und +Hausschuhe, geht in die Küche, macht Tee zurecht und begibt sich zur +gewohnten Arbeit. Er trinkt nämlich immer Tee während des Schaffens, das +behagt ihm sehr, es erhält ihn gesund, und seiner Meinung nach ersetzt +ihm das alle übrigen weltlichen Genüsse. Verheiratet ist er nicht, denn +er hat nicht die Kühnheit gehabt, sich zu verlieben, weil er allen ihm +zu Gebote stehenden Mut dazu hat anwenden müssen, seiner künstlerischen +Pflicht gegenüber, die, wie es vielleicht bekannt ist, eine sehr harte +sein kann, treu zu bleiben. Er hauswirtschaftet in der Regel gänzlich +allein, es sei denn, eine Freundin helfe ihm beim Ausruhen und ein +unsichtbarer Schutzgeist beim Arbeiten. Seiner innersten Überzeugung +nach ist sein Leben weder besonders freudig noch gar sehr trübe, weder +leicht noch schwer, weder eintönig noch abwechslungsreich, weder eine +fortdauernde noch eine oft unterbrochene Lustbarkeit, weder ein Schrei +noch ein anhaltendes, munteres Lächeln: er schafft, das ist sein Leben. +Er versucht in einem fort, sich in alles und jedes hineinzuleben, darin +besteht sein Schaffen, und wenn er von seiner Arbeit einen Augenblick +aufsteht, um sich eine neue Zigarette zu drehen, einen Schluck Tee zu +trinken, ein Wort zur Katze zu sagen, jemandem die Tür zu öffnen oder +rasch aus dem Fenster zu schauen, so sind das nicht wesentliche +Unterbrechungen, sondern gewissermaßen nur Kunstpausen oder Atemübungen. +Manchmal turnt er ein bischen im Zimmer, oder es fällt ihm ein, ein +wenig zu jonglieren; auch Übungen im Gesang oder in der tönenden +Deklamation sind ihm willkommen. Diese kleinen Dinge tut er, damit er +beim Schreiben nicht ganz und gar, wie er sonst leicht befürchten müßte, +zum Narren wird. Er ist ein exakter Mensch; sein Beruf hat ihn dazu +gezwungen, denn was sollten Liederlichkeit oder Unordentlichkeit +tagelang am Schreibtisch zu suchen haben? Der Wunsch und die +Leidenschaft, das Leben in Worten zu zeichnen, entstammen schließlich +nur einer gewissen Genauigkeit und schönen Pedanterie der Seele, der es +Schmerz bereitet, beobachten zu müssen, wie so viel Schönes, Lebendiges, +Eilendes und Flüchtiges in der Welt davonfliegt, ohne daß man es hat ins +Notizbuch bannen können. Welche ewige Sorge! Der Mann mit der Feder in +der Hand ist quasi ein Held im Halbdunkel, dessen Betragen nur deshalb +kein heroisches und edles ist, weil es der Welt nicht zu Gesicht kommen +kann. Man spricht nicht umsonst von »Helden der Feder«. Vielleicht ist +das nur ein trivialer Ausdruck für eine ebenso triviale Sache, aber ein +Feuerwehrsmann ist auch etwas Triviales, obschon nicht ausgeschlossen +ist, daß er gesetzten Falls ein Held und ein Lebensretter sein kann. +Wenn es bisweilen einem Mutigen gelingt, ein Kind, oder was es sei, mit +Lebensgefahr aus dem strömenden Wasser zu retten, so dürfte es +vielleicht des öftern der Kunst und dem aufopfernden Bemühen eines +Schriftstellers vorbehalten bleiben, dem achtlos und gedankenlos +dahinflutenden Strom des Lebens Schönheitswerte, die eben am Ertrinken +und Untergehen sind, mit Gefahr seiner Gesundheit zu entreißen, denn +gesund ist es nicht, zehn bis dreizehn Stunden hintereinander am +Romanen- oder Novellentisch zu sitzen. Er kann also wohl zu den mutigen, +kühnen Naturen gerechnet werden. In der Gesellschaft, wo es immer so +glänzend und glatt zugeht, benimmt er sich mitunter steif aus +Schüchternheit, rauh aus Gutmütigkeit und holperig aus Mangel an +Schliff. Aber man unternehme es doch, ihn in ein Gespräch zu ziehen oder +ins Netz einer herzlichen Unterhaltung einzufädeln, und man wird ihn +alsobald sein linkisches Wesen abwerfen sehen; seine Zunge wird sprechen +wie jede beliebige andre Zunge, seine Hände bekommen die +allernatürlichsten Bewegungen, und in seinen Augen wird gewiß ebensoviel +Feuer schimmern, als in den Augen irgendeines Staats-, Industrie- oder +Marinemenschen. Er ist gesellig, wie nur irgendeiner. Er erlebt +vielleicht einmal während eines ganzen Jahres nichts Neues, da er sich +immer mit Satz- und Tonreihen abgegeben hat und mit der Vollendung +seines Werkes, aber, ich bitte, hat er dafür nicht Phantasie? Schätzt +man die gar nicht mehr heutzutage? Er ist fähig, mit seinen Einfällen +eine Gesellschaft von, sagen wir, zwanzig Menschen sich beinahe kaput +lachen zu machen, oder er kann Staunen erwecken, und zwar im +Handumdrehen, oder er kann Tränen entlocken, indem er einfach ein +Gedicht, das er gemacht hat, vorliest. Und dann, wenn seine Bücher auf +dem Markt erscheinen! Alle Welt, bildet er sich in seiner dachstubigten +Verlassenheit ein, springt danach und reißt sich um die hübsch +eingebundenen oder sogar in braunes Leder gepreßten Exemplare. Auf dem +Titelblatt steht sein Name, ein Umstand, der seiner naiven Meinung nach +genügt, ihn überall in der runden, weiten Welt bekannt zu machen. +Alsdann kommen die Enttäuschungen, die Zurechtweisungen in den Blättern, +das Zischen zu Tode, das Verschweigen ins Grab hinein; unser Mann +erträgt es eben. Er geht nach Hause, vernichtet alle seine Papiere, +versetzt dem Schreibtisch einen furchtbaren Stoß, daß er umfliegt, +zerreißt einen angefangenen Roman, zerfetzt die Schreibunterlage, wirft +den Vorrat an Schreibfedern zum offenen Fenster hinaus, schreibt seinem +Verleger: »Sehr geehrter Herr, ich bitte Sie, aufzuhören, an mich zu +glauben,« und segelt auf Wanderschaften. Sein Zorn und seine Scham +kommen ihm übrigens nach kurzer Zeit lächerlich vor, und er sagt sich, +daß es seine Pflicht und Schuldigkeit sei, von neuem mit seiner Arbeit +zu beginnen. So macht's der eine, der andre macht's vielleicht um eine +Schattierung anders. Nie verliert ein zum Schriftstellern geborener +Schriftsteller den Mut; er hat ein beinahe ununterbrochenes Vertrauen +zur Welt und zu den tausend neuen Möglichkeiten, die sie ihm jeden neuen +Morgen bietet. Er kennt jede Art Verzweiflung, aber auch jede Art +Glücksgefühl. Das Sonderbare ist, daß ihn eher die Erfolge als die +Mißerfolge mißtrauisch gegen sich machen; das kommt aber vielleicht nur +daher, weil die Maschine seines Denkens fortgesetzt in Bewegung ist. Hin +und wieder macht der Schriftsteller Vermögen, aber er geniert sich +beinahe, Haufen Geldes erworben zu haben, und er macht sich in solchen +Fällen absichtlich klein, um den vergifteten Pfeilen des Neides und der +Spottsucht möglichst auszuweichen. Ein ganz natürliches Verhalten! Wie +aber, wenn er arm und verachtet dahinlebt, in feuchten, kalten Stuben, +an Tischen, über deren Platten ihm das Ungeziefer kriecht, in Betten aus +Stroh, in Häusern voll wüsten Gelärms und Geschreis, auf ganz und gar +einsamen Wegen, in der Nässe des herabströmenden Regens, auf der Suche +nach Lebensunterhalt, den ihm, weil er vielleicht eine dumme Figur +macht, kein vernünftiger Mensch gewähren will, unter der Glut der +hauptstädtischen Sonne, in Herbergen voll Ungemach, in Gegenden voll +Sturm oder in Asylen ohne die Freundlichkeit und Heimatlichkeit, die in +dem Namen so schön enthalten ist? Ist ein derartiges Unglück +ausgeschlossen? Nun also: auch Gefahren kann der Schriftsteller +durchmachen, und von seinem Genie, sich in alle üblen Umstände zu +schicken, wird es abhängen, wie er sie durchmacht. Der Schriftsteller +liebt die Welt, denn er fühlt, daß er aufhört, ihr Kind zu sein, wenn er +sie nicht mehr lieben kann. In diesem Fall ist er ja auch meist nur noch +ein mittelmäßiger Schriftsteller, das empfindet er deutlich, und deshalb +vermeidet er es, dem Leben ein mißmutiges Gesicht zu zeigen. +Infolgedessen kommt es auch oft vor, daß man ihn für einen urteilslosen, +beschränkten Schwärmer ansieht, während man doch gar nicht bedenkt, daß +er ein Mensch ist, der sich weder den Spott, noch den Haß gestatten +darf, weil ihm diese Empfindungen zu leicht die Lust am Schaffen rauben. + + + + +Allerlei + + +Das Sittsame fördert; das Rücksichtvolle scheint es zu etwas zu bringen. +Der, der die Zeit niemals mit irgend etwas Ablenkendem verlieren will, +trocknet und rostet ein. Es scheint, daß es unklug und bösartig ist, +immer energisch zu sein. Mangel an Zuversicht gebärdet sich gern +konstant energisch. Nun ist ja das alles so wunderbar. Fallen und seinen +Posten verlieren, heißt oft: einen neuen unter die Füße bekommen. +Triumphieren ist oft nichts anderes als Versinken in den Wellen der +Anmaßung; und doch triumphiert man so gern. Immer und immer gesetzt, +gerecht und gefaßt sein, ist hart und streift ans Unmenschliche, während +doch menschlich sein unser unabänderliches Los ist. Schön und +vortrefflich ist nur das Menschliche. Gewisse Tugenden sind ein Laster +oder die Blüte eines solchen. Das Laster scheint eine Höhle voll Unrat +und Unverständnis zu sein, aber aus dem Laster hervortreten, mit Reue in +der Seele, ist schöner als niemals sündigen. Sind denn nicht vielfach +die Fehler der Anlaß zu den Entzückungen und Rührungen? Wie willkommen +ist dem alten Vater der verlorene Sohn; wie herrlich, wie herrlich ist +es, Gnade und Erbarmen zu finden. Die Tugend beißt sich in die Lippen +und kehrt dem liebevollen Schauspiel schamhaft und boshaft den Rücken, +schauervoll fühlend, wie häßlich es ist, nie fehlzugehen. Das Sittsame, +das Kämpfe duldet und übersteht, ist das Wundervolle. Der wirkliche +Weltmann, zum Beispiel, ist sittsam; er ist fromm und duldet. + + * * * * * + +Die Wortkargheit kann in eine Schwäche ausarten; genau wie das +Gegenteil. Das Schweigen beherrscht uns oft, wie uns die Sucht, alles +auszuplaudern, beherrschen kann. Man soll nicht schweigen, wo es uns +schicklich scheint, den Mund aufzutun; nur müssen wir freilich ungefähr +wissen, was schicklich ist: und das weiß der Seelenvolle. Kann man nicht +auch durch das Schweigen verleumden? Jedenfalls sehr unangenehm kann man +sein. Man soll stets ein wenig lügen, das, was man nicht sagen darf, so +sagen können, daß es wie eine einfache Unterhaltung klingt. Das Gehörte +dem, den es angeht, genau so wiedersagen, wie es uns gesagt wurde, ist +taktlos und muß verletzen. Aus Rücksicht ein wenig die Wahrheit +entstellen, heißt sie vertiefen und verfeinern. Die Liebe versteht zu +lügen, die Liebe versteht zu reden, die Liebe allein versteht, auf +schöne Art zu schweigen. Übrigens sind das alles Schwankungen. Es kommt +da auf die Fälle an und auf die Personen. Zu gewissen Menschen steht man +so, daß ich und der andere es fühlen, wie unmöglich es ist, daß wir +einander verkennen oder mißverstehen können. Beleidigungen, zum +Beispiel, liegen nie im Ausdruck, sondern immer in den besonderen +Umständen. Plötzlich habe ich irgendwen tief verletzt und ich weiß es +gar nicht. Dich liebt jemand: und du drehst dieser Person im Weltleben +den Rücken. Du liebst dann wieder dort, wo du mißverstanden und verkannt +wirst. + + * * * * * + +Der große Dienst, den wir einer Frau erweisen, stürzt uns in die Gefahr, +von ihr für einen Dummkopf gehalten zu werden. Man muß ihr dann grausam +hart begegnen, um sie zu überzeugen, daß sie es mit einem Menschen von +Selbstbewußtsein zu tun hatte. Nichts verachten und verschmähen echte +weibliche Naturen so sehr wie Güte so ins Blaue hinein. Die Frauen +erziehen den anwachsenden Mann zur Schätzung und Wertung seiner selber. +Vielleicht geht im Meer dieser Erziehung manche feine, gute und tüchtige +Mannesgesinnung für immer unter, denn edel und hochherzig ist man nicht +gern zum zweitenmal, wo man das erstemal ausgelacht worden ist. Doch wer +könnte edel von Natur sein und nicht für immer? + + * * * * * + +Das Schweizerland, wie kühn und klein steht es da, umarmt von den +Staaten! Was ist es als Land allein für eine zugleich hehre und anmutige +Erscheinung! Europas schneeige Pelzboa könnte man es nennen. Wundervoll +wie seine Geschichte ist seine Natur. Merkwürdig wie sein Volk ist sein +Bestand. Es ist, als ducke es sich. Doch scheint es auch nicht ein +Panther, denn es hat keine Grenzenbeute zu machen. Seine Enthaltsamkeit +ist seine Festigkeit, seine Bescheidenheit ist seine Schönheit, seine +Beschränkung sein unvergleichliches Ideal. Wie ein politischer Felsen +steht es da, umbrüllt von den politischen Wogen. So lange es bleibt, was +es ist, schadet ihm, scheint es, nichts. Inwiefern es sich klein fühlt, +darf es sich stark und eigen und unabhängig fühlen, abhängig nur von der +Besonnenheit und Unerschrockenheit. Seine Würde ist seine Grenze; und +solange es diese in ihrer Art unübersehbare Grenze zu bewahren weiß, ist +es in seiner Art ein bedeutendes und großes Land, groß als Gedanke. Wie +reizend und wie gefährlich ist seine Lage. Seine Menschen, wie +heimatlich wissen sie, das Altertum bekräftigend, zu leben. Sein Handel +geht hoch, seine Wissenschaften blühen. Doch wozu ihm schmeicheln? Daß +es sein Eigen ist, schmeichelt ihm am tiefsten. Man will sie grob nennen +im Ausland, die Schweizer. Das ist so, als nennte man den Franzosen +unzuverlässig, den Deutschen anmaßend, den Türken unsauber, den Russen +rückständig. Wie verpesten Redensarten die Erde! Wie vergiften gewisse +Gerüchte das Leben! + + * * * * * + +Reisen, im Eisenbahnwagen sitzen, erster Klasse natürlich. Man ist +eingestiegen und immer fährt man ins unbekannte, fremde Weite. Das ist +reizend. Man beherrscht so ein bischen alle Sprachen. Kauderwelschen: +Das ist so nett. Attachiert ist man als richtiger Reisender. Süß, +einfach göttlich. Und nun sitzt man; draußen ist Winternacht, es +schneit. Von der Wagendecke lächelt das Lämpchen wie ein unaufgeklärtes +tiefes Menschenbrust-Geheimnis dich an. Tränen treten dir plötzlich in +die Augen. Wie ist dir, du attachierter perfekter Reisender? Empfindest +du Schmerzliches? Ja, ich bin versunken in ein Meer von wehmutvollen +Erinnerungen. Ich werde in die fernen Länder davongetragen. Übrigens +lese ich ja jetzt die Zeitung. Plötzlich ist mir vollkommenem +Weltreisenden, als fahre ich zurück in die freudenüberströmte, liebe +Kindheit. Die Eltern tauchen vor mir auf; und da schaue ich namentlich +Mama tief in die Augen. Welch eine Wonne, welch ein Glück ist es, klein +zu sein! Mir ist, als möchte ich gerade jetzt von Papa verprügelt +werden. Doch weiter fährt es, weiter, weiter. Reisender sein: ach ja; +und draußen der Mitternachtschnee. Ach ja, Reisender sein, ist hübsch. +Aber richtiger attachierter Reisender muß man sein. + + * * * * * + +»Das alles ist nicht so schlimm«: finde ich hübsch gesagt. Mein lieber +Bruder Hans sagte das immer. Er ist ein goldener Mensch, golden durch +Treue. Ja, wenn es bei uns zu Haus oft schlimm aussah, sagte Hans: »Das +alles ist nicht so schlimm. Es sieht nur so schlimm aus.« Mir scheint, +Ehre und Liebe reden so. Tragisch die Dinge nehmen, ist ja plump. Wenn +du keinen Erfolg in der Welt hast, so ist das gar nicht so schlimm. Der +Humor ist die unübertreffliche Königin des Weltlebens. Hier wäre wieder +ein Wörtchen vom Wesen des wahren Weltmannes zu sagen. Doch man muß sich +diese Schreibfreude leider versagen; und das ist gar nicht so schlimm. +Einen Hieb bekommen, ist gar nicht so schlimm. Verachtung wecken, wo man +meinte, es recht getan zu haben, ist auch nicht so schlimm. Was ist +schlimm? Mutlos und freudlos sein? Ist das wirklich so schlimm? Ja: das, +das ist schlimm. Wenn ich falle und dazu lache, ist das gar nicht so +schlimm. Wenn ich mich aber über die Niederlage ärgere, dann ist es +schlimm. Doch ich habe noch allerlei anderes zu sagen. Das Leben enthält +nicht nur einerlei, sondern gar mancherlei. Also auf ins Allerlei! + + * * * * * + +Wenn ich eine Weile nicht habe denken dürfen, sondern habe wirken +müssen, wie sehne ich mich da wieder nach dem Leben in den Gedanken! +Wenn es mir schlecht in der Welt geht, wie wünsche ich da wieder, +geachtet, ausgezeichnet, gestreichelt, verwöhnt und geliebt zu werden! +Wenn ich lange Zeit mit gewöhnlichen Menschen zu tun gehabt habe, wie +schwebt mir da der Umgang mit feinen, ungewöhnlichen Menschen +paradiesgartenähnlich wieder vor! Und wenn ich dahingesunken bin in den +Abgrund der Verwilderung, ach, wie so gern betrage ich mich nachher +wieder gesetzt und gesittet! Muß alles so sein Gegengewicht haben? Soll +man immer und immer wieder durch die Schärfe der Gegensätze gerüttelt +und geschüttelt werden? So scheint es; und so mache du dich nur stets +auf Schwankungen, Unklarheiten und Unordnungen gefaßt. Trage es immer +wieder, das Schwere, dulde es immer wieder, das Unangenehme, finde es +immer wieder beherzigenswert und liebenswert, das Vielerlei. Pünktliche +Ordnung schaffst du nie rund um dich und in dir. Deshalb sei doch ja +nicht versessen auf die Ordentlichkeit. Dies stört, macht feig und +blendet. + + * * * * * + +Wir stecken immer noch sehr im Mittelalter, und diejenigen, die über die +Neuzeit murren, weil sie seelenarm sei, im Vergleich mit der Vorwelt, +irren arg. Abschaffen ist der Lauf der Welt? Wie? Wenn alles so leer, so +leicht würde, daß man an gar nichts mehr zu denken brauchte? Anzeichen, +daß die Menschen der Kultur und ihrer Peinlichkeiten überdrüssig werden, +sind vorhanden. Eine Welt glatt wie Glas, ein Leben sauber wie eine +Stube am Sonntag. Keine Kirchen und keine Gedanken mehr. Puh, mich +friert. Es sollte doch wohl immer noch allerlei in der Welt geben. Mich +würde nichts bewegen, wenn nicht allerlei mich bewegte. + + + + +Der Wald + + +Von allerlei seltsamen Empfindungen durchdrungen, ging ich langsam auf +dem felsigen Weg in den Wald hinauf, der mir wie ein dunkelgrünes +undurchdringliches Rätsel entgegentrat. Er war still, und doch schien es +mir, als bewege er sich und trete mir mit allen seinen Schönheiten +entgegen. Es war Abend, und soviel ich mich erinnere, war die Luft von +süßer melodischer Kühle erfüllt. Der Himmel warf goldene Gluten in das +Dickicht hinein, und die Gräser und Kräuter dufteten so sonderbar. Der +Duft der Walderde bezauberte mir die Seele, und ich vermochte, benommen +und beklommen wie ich war, nur langsamen, ganz langsamen Schrittes +vorwärtszugehen. Da tauchte aus dem niedrigen Eichengebüsch, zwischen +Tannenstämmen, eine wilde, große, schöne fremde Frau hervor, angetan mit +wenigen Kleidern und den Kopf bedeckt mit einem kleinen Strohhut, von +dem ein Band aufs schwarze Haar herabfiel. Es war eine Waldfrau. Sie +nickte und winkte mir mit ihrer Hand zu und kam mir langsam entgegen. +Der Abend war schon so schön, die Vögel, die unsichtbaren, sangen schon +so süß, und nun noch diese schöne Frau, die mir wie der Traum einer +Frau, wie die bloße Vorstellung dessen, was sie war, erschien. Wir +traten uns näher und begrüßten uns. Sie lächelte, und ich, ich mußte +ebenfalls lächeln, bezwungen von ihrem Lächeln und gefangen genommen von +der herrlichen, tannengleichen Gestalt, die sie hatte. Ihr Gesicht war +blaß. Der Mond trat nun auch zwischen den Ästen hervor und schaute uns +beide mit gedankenvollem Ernst an, und da setzten wir uns nebeneinander +ins feuchte, weiche, süßduftende Moos und schauten uns zufrieden in die +Augen. O, was hatte sie für schöne, große, wehmutsvolle Augen. Eine Welt +schien in ihnen zu liegen. Ich faßte sie um den großen weichen Leib und +bat sie, mit so viel Schmeichelei in der Stimme, als ich hineinzulegen +vermochte (und das war nicht schwer), mir ihre Beine zu zeigen; und sie +nahm den Rock von den Beinen weg, und da schimmerte mir durch das Dunkel +des Waldes sanft das himmlisch schöne weiße Elfenbein entgegen. Ich +neigte mich und küßte beide Beine, und ein freundlicher willkommener +Strom strömte mir durch den beseligten Körper, und ich küßte nun ihren +Mund, der die schwellende nachgiebige Güte und Liebe selber war, und wir +umarmten uns und hielten uns lange, lange, zu unserem gegenseitigen +stillen Entzücken, umschlungen. Ach, wie mich der Duft der Waldnacht +entzückte, wie mich aber auch der Duft entzückte, der dem Körper der +Frau entströmte. Wir lagerten auf dem Moos wie in einem kostbaren, +reichgeschmückten Bett, Stille und Finsternis und Frieden um uns her, +über uns die tanzenden und blitzenden Sterne und der gute, sorglose, +liebe, große, göttliche Mond. + + + + +Zwei sonderbare Geschichten vom Sterben + + +=Die Magd=. Eine reiche Dame hatte eine Magd, die mußte das Kind hüten. +Das Kind war so zart wie Mondstrahlen, so rein wie frisch gefallener +Schnee und so lieb wie die Sonne. Die Magd hatte es lieb wie Mond, wie +Sonne, fast wie ihren lieben Gott selbst. Aber da ging das Kind einmal +verloren, man wußte nicht wie, und da suchte es die Magd, suchte es in +der ganzen Welt, in allen Städten und Ländern, sogar in Persien. Dort in +Persien kam die Magd eines Nachts vor einen finstern, hohen Turm, der +stand an einem breiten, dunklen Strom. Hoch oben aber im Turm brannte +ein rotes Licht, und dieses Licht fragte die treue Magd: Kannst du mir +nicht sagen, wo mein Kind ist? es ist verloren gegangen, ich suche es +nun schon zehn Jahre! -- So suche noch weitere zehn Jahre! antwortete +das Licht und erlosch. Da suchte die Magd weitere zehn Jahre lang nach +dem Kind, in allen Gegenden und Umgegenden der Erde, sogar in +Frankreich. In Frankreich ist eine große, prächtige Stadt, die heißt +Paris, zu der kam sie. Da stand sie eines Abends vor einem schönen +Garten, weinte, daß sie das Kind nicht zu finden vermochte und nahm ihr +rotes Schnupftuch hervor, um ihre Augen damit abzuwischen. Da ging der +Garten plötzlich auf, und ihr Kind trat heraus. Da sah sie es, und da +starb sie vor Freude. Warum starb sie? Hat das denn etwas genützt? Sie +war aber schon alt und konnte nicht mehr soviel vertragen. Das Kind ist +jetzt eine große, schöne Dame. Wenn du ihr begegnest, so grüße sie doch +von mir. + + * * * * * + +=Der Mann mit dem Kürbiskopf=. Es war einmal ein Mann, der hatte statt +eines Kopfes einen hohlen Kürbis auf den Schultern. Damit konnte er +nicht weit kommen. Und doch wollte er der Vorderste sein! So einer! -- +Als Zunge hatte er ein Eichblatt aus dem Munde hängen, und die Zähne +waren nur mit dem Messer ausgeschnitzt. Statt der Augen hatte er bloß +zwei runde Löcher. Hinter den Löchern flackten zwei Kerzenstümpchen. Das +waren die Augen. Damit konnte er nicht weit sehen. Und doch sagte er, er +habe die besten Augen, der Prahler! -- Auf dem Kopf hatte er einen hohen +Hut; den zog er ab, wenn jemand zu ihm redete, so höflich war er. Da +ging der Mann einmal spazieren. Doch der Wind blies so heftig, daß die +Augen ausloschen. Da wollte er sie wieder anzünden; aber er hatte keine +Zündhölzchen. Er fing an zu weinen mit seinen Kerzenrestchen, weil er +den Weg nach Hause nicht mehr finden konnte. Da saß er nun, nahm den +Kürbiskopf zwischen seine beiden Hände und wünschte zu sterben. Aber das +Sterben ging ihm nicht so leicht. Es kam vorher noch ein Maikäfer und +fraß ihm das Eichblatt vom Munde weg. Es kam vorher noch ein Vogel, und +pickte ein Loch in seinen Kürbisschädel. Es kam vorher noch ein Kind und +nahm ihm beide Kerzenstümpchen weg. Da konnte er sterben. Noch frißt der +Käfer am Blatt, noch pickt der Vogel, und das Kind spielt mit den +Kerzchen. + + + + +Der fremde Geselle + + +Das sind große Unterlassungssünden. Ich bin ein bedeutender Schurke +gegen mich selber. An mir sehe ich, wie die Menschen durch Trägheit +sündigen. Ich warte immer auf etwas, das mir entgegenzutreten habe. Wie +nun, wenn alle Menschen das tun; wenn jeder so wartet auf das, was da +kommen soll? Es kommt nie etwas. Es kommt demnach für niemand das +betreffende Etwas. Was einer so erwartet und erwartet, kommt nie. Was +also alle erwarten, erscheint allen nie. Hier ist die große Sünde. +Anstatt daß ich gehe und jemand entgegengehe, warte ich, bis jemand mir +gefällig entgegentritt, das ist die rechte Trägheit, der rechte +ungerechtfertigte Stolz. Gestern abend schaute ein sonderbarer +wildfremder Geselle, der irgend etwas zu suchen schien, zu mir hinauf. +Ich stand am offenen Fenster. Ich schaute ihn an, der zu mir +hinaufschaute, so, als sei er eines kleinen Zeichens gewärtig. Ich hätte +nur zu nicken brauchen mit dem Kopf, und eine seltsame, ungewöhnliche +Menschenverbindung wäre vielleicht schon angebahnt gewesen. Vielleicht +auch nicht. Wer vermag es zu wissen. Etwas Ungewisses vermag man nicht +zu wissen, aber gleichviel. Ich hätte der dunklen, ungewissen, vom +zauberischen Abendlicht umflossenen Menschengestalt ein Zeichen geben +sollen. Es sah aus, als sei der fremde Mensch einsam, arm und einsam. +Doch sah es zur selben Zeit aus, als wisse er viel und vermöge manches, +das wert sei, vernommen zu werden, zu erzählen, als sei alles das, was +er zu sagen habe, angetan, zu Herzen genommen zu werden. Und warum bin +ich ihm nun gar nicht entgegengekommen? Ich begreife mein Benehmen kaum; +auf solche Art und Weise kommen sich Menschen in die Nähe und gehen, +ohne Spuren zu hinterlassen, wieder voneinander weg. Das ist nicht gut. +Das ist eigentlich recht schlecht. Es ist eine rechte Sünde. Nun will +ich natürlich eine Ausrede suchen und mir vorsagen, daß an dem Fremdling +möglicherweise nichts gelegen sei. Möglicherweise? Da bin ich schon +gefangen; denn ich gebe ja zu, daß, auf der andern Seite, d. h. bei +anderem Licht besehen, irgend etwas ist an ihm. Ich bin demnach also +keineswegs zu entschuldigen. Kalt habe ich den Gesellen, der mir +vielleicht ein Freund hätte werden, und dem auch ich ein Freund hätte +werden können, abziehen lassen. Seltsam, seltsam. Ich bin erstaunt, +nein, ich bin mehr als erstaunt, ich bin ergriffen, und Trauer schleicht +sich mir in das Herz. + +Ich komme mir ganz unverantwortlich vor, und ich könnte sagen, daß ich +unglücklich sei. Doch ich liebe die Worte Glück und Unglück nicht; sie +sagen nicht das Rechte. Ich habe bereits dem unbekannten Menschen, der +zu mir hinaufgeschaut hat, einen Namen gegeben. Ich nenne ihn, wenn ich +an ihn denke, Tobold. Mir ist dieser Name zwischen Schlafen und Wachen +eingefallen. Wo ist er jetzt, und an was denkt er? Ob es mir wohl +möglich sein wird, seine Gedanken zu denken, zu erraten, was er denkt, +und das gleiche, wie er, zu denken? Meine Gedanken sind bei ihm, der +mich suchte. Offenbar hat er mich gesucht, und ich habe ihn nicht +eingeladen, zu mir zu kommen, und er ist dann wieder gegangen. An der +Ecke des Hauses hat er sich nochmals umgedreht, dann verschwand er. Ist +er nun für immer verschwunden? + + + + +Die Einsiedelei + + +Irgendwo in der Schweiz, in bergiger Gegend, findet sich, zwischen +Felsen eingeklemmt und von Tannenwald umgeben, eine Einsiedelei, die so +schön ist, daß man, wenn man sie erblickt, nicht an Wirklichkeit glaubt, +sondern daß man sie für die zarte und träumerische Phantasie eines +Dichters hält. Wie aus einem anmutigen Gedicht gesprungen, sitzt und +liegt und steht das kleine, gartenumsäumte, friedliche Häuschen da, mit +dem Kreuz Christi davor, und mit all dem holden, lieben Duft der +Frömmigkeit umschlungen, der nicht auszusprechen ist in Worten, den man +nur empfinden, sinnen, fühlen und singen kann. Hoffentlich steht das +liebliche, kleine Bauwerk noch heute. Ich sah es vor ein paar Jahren, +und ich müßte weinen bei dem Gedanken, daß es verschwunden sei, was ich +nicht für möglich halten mag. Es wohnt ein Einsiedler dort. Schöner, +feiner und besser kann man nicht wohnen. Gleicht das Haus, das er +bewohnt, einem Bild, so ist auch das Leben, das er lebt, einem Bilde +ähnlich. Wortlos und einflußlos lebt er seinen Tag dahin. Tag und Nacht +sind in der stillen Einsiedelei wie Bruder und Schwester. Die Woche +fließt dahin wie ein stiller, kleiner, tiefer Bach, die Monate kennen +und grüßen und lieben einander wie alte, gute Freunde, und das Jahr ist +ein langer und ein kurzer Traum. O wie beneidenswert, wie schön, wie +reich ist dieses einsamen Mannes Leben, der sein Gebet und seine +tägliche, gesunde Arbeit gleich schön und ruhig verrichtet. Wenn er am +frühen Morgen erwacht, so schmettert das heilige und fröhliche Konzert, +das die Waldvögel unaufgefordert anstimmen, in sein Ohr, und die ersten, +süßen Sonnenstrahlen hüpfen in sein Zimmer. Beglückter Mann. Sein +bedächtiger Schritt ist sein gutes Recht, und Natur umgibt ihn, wohin er +mit den Augen schauen mag. Ein Millionär mit all dem Aufwand, den er +treibt, erscheint wie ein Bettler, verglichen mit dem Bewohner dieser +Lieblichkeit und Heimlichkeit. Jede Bewegung ist hier ein Gedanke, und +jede Verrichtung umkleidet die Hoheit; doch der Einsiedler braucht an +nichts zu denken, denn der, zu dem er betet, denkt für ihn. Wie aus +weiter Ferne Königssöhne geheimnisvoll und graziös daherkommen, so +kommen, um dem lieben Tag einen Kuß zu geben und ihn einzuschläfern, die +Abende heran, und ihnen nach folgen, mit Schleier und Sternen und +wundersamer Dunkelheit, die Nächte. Wie gerne möchte ich der Einsiedler +sein und in der Einsiedelei leben. + + + + +Reigen + + +Plötzlich, ehe es die andern alle nur wissen, ist einer als groß und +bedeutend erklärt. Wer zuerst die Erklärung gegeben hat, das weiß später +niemand unter der Schar ganz genau. Das Leben und das Spiel des Lebens +scheinen auf einer Fülle von erhitzenden und erregenden Ungenauigkeiten +zu beruhen, und es fühlen es alle, daß die Besonnenheit nicht das Hohe +erreicht. Es sind aber auch welche da, die mit Mäßigem erstaunlich +zufrieden sind, und so erstaunlich ist das wohl gar nicht. Die Wünsche +und Begierden harmonieren letzten Endes immer mit den Fähigkeiten, und +es vergeht kein Jahr, so empfindet der Mensch, was er ungefähr vermag. +Im rundlichen Kreis des Spiels befindet sich eine Einsame, die weint. +Nun benehmen sich die übrigen so, als bemerkten sie das nicht, und das +ist doch immerhin schicklich. Wen ich bemitleide, zu dem soll ich auch +hintreten und ihn umhalsen und ihm das Leben weihen, und davor scheut +man denn doch ein wenig zurück. Wie tief und wie sehr müssen sie alle +sich selbst schätzen und lieben. So lautet das Naturgesetz. Die Liebe +spielt eine eigentümliche Rolle auf dem grünen Rasen des Lebens. Es +lieben sich zwei, aber sie vermögen nicht einander auch zu ehren. Hier +verachten sich zwei, und können doch sehr gut miteinander für den +täglichen Verkehr auskommen. Liebe ist unergründlich und ein Ziel für +Irrtümer. Da ist einer, der gern ein Gewaltiger wäre, aber man merkt es +ihm schon an, daß er niemals Gelegenheit haben wird, zu herrschen und +anzuordnen. Ein andrer möchte Bevormundeter sein und muß bevormunden. +Seltsames Spiel des Lebens. Man sieht schneeweiße Schmetterlinge +umherflattern: das sind Gedanken, deren Los das Flattern, Ermüden und +Stürzen ist. Die Luft ist voll unsagbarer Sehnsucht, heiß von Entsagung. +An einem entfernten Ort steht der Vater, und wenn eins der +Menschenkinder zu ihm hinspringt, um eine Klage vorzubringen, lächelt er +und bittet es, in den spielerischen Kreis zurückzutreten. Wenn ein Kind +stirbt, hat es ausgespielt. Die andern aber spielen fort und fort +weiter. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben der Geliebten hängt an + was aber so leicht auskommen kann. Auch das Leben des Geliebten hängt an + + ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit, Ist nicht Ordnung immer + ergriffen von der gesunden täglichen Gewohnheit. Ist nicht Ordnung immer + + nicht nötig, Rücksich zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer + nicht nötig, Rücksicht zu nehmen, dafür hungert er aber auch. Germer + + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Aufsätze, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK AUFSÄTZE *** + +***** This file should be named 37579-0.txt or 37579-0.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/5/7/37579/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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