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+<title>Verfall und Triumph II</title>
+<!-- AUTHOR="Johannes R. Becher" -->
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+Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by Johannes R. Becher
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+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+Title: Verfall und Triumph, Zweiter Teil
+ Versuche in Prosa
+
+Author: Johannes R. Becher
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+Release Date: September 15, 2011 [EBook #37436]
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+Language: German
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+Character set encoding: ISO-8859-1
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+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+</h1>
+
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+Versuche in Prosa
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p class="center" style="text-transform:uppercase;"><span class="em">
+Berlin<br />
+Hyperionverlag<br />
+1914
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+<p>&nbsp;</p>
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+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+<p class="center"><img src="images/printer_logo.jpg" alt="Druckereilogo"/></p>
+<p class="center">
+Gedruckt bei<br />
+Poeschel &amp; Trepte in Leipzig.<br />
+Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin<br />
+Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf<br />
+Old Stratford abgezogen und in<br />
+der Presse numeriert
+</p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<h2 class="chapter">Inhalt</h2>
+
+<p class="contents"><a href="#chapter-1">De Profundis</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-2">Das kleine Leben</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-3">Der Dragoner</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-4">Kindheit</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der Idiot</a></p>
+<p class="contents"><a href="#chapter-6">Um Dagny heulen wir Gespenster</a></p>
+
+<p>&nbsp;</p>
+<p>&nbsp;</p>
+
+<p>
+<!-- page 005 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-1">De Profundis</h2><p>
+
+</p>
+<p class="subheading">Hymne / Fragmentarisch
+<!-- page 007 -->
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>öge es mir gelingen, &mdash; <i>zum Abschied, denn
+ich eile anderen, lichteren Zielen zu!</i> &mdash; möge
+es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und begnügsamen
+Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal
+aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher,
+erstaunter, heiterer zu stimmen durch das erhabene und
+fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare Schauspiel
+dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten
+Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern!
+Mit hellen Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit
+reichlich bunten und verzierten, mit flatternden Wolkenbändern.
+Hört! .&nbsp;.&nbsp;. Ach!
+
+</p><p>Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten
+Fressen wie zum Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler
+auf, wie vor der Jahrmarktsbude eines fremdländischen
+Wunders, &mdash; bin ich denn gar so ein Scheusal, ein zerfressenes
+Gerippe! &mdash; die dreckigen Hände in den nassen
+Hosentaschen, Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten!
+Ach, schon bin ich wieder gelangweilt und ermüdet durch
+euere, ach so wenig unterhaltsame Gesellschaft, ach, schon
+wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den Mund
+zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch
+nicht mehr als eine mehr oder minder mißverstandene
+spaßige oder gruselige Abendunterhaltung, während welcher
+ihr einander bestehlt oder den Weibern unter die
+Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch &mdash; so:
+ein eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier
+&mdash; gewärtigen, daß einer von euch plötzlich veitstanzt
+oder ein anderer aus euerer sauberen Genossenschaft
+<!-- page 008 -->
+mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer rücklings
+den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die
+Gefahr, ihr Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu
+beobachten, wie ihr empört und im Innersten beleidigt oder
+aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet, bald zu
+plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt,
+schreit oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut
+verzerrt. Erzürnt die Fäuste hebt! .&nbsp;.&nbsp;. So hört! Ich singe
+euch vor meinem endgültigen Abschied noch das religiöse
+Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner
+entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische
+und mystisch verklärte Agonie. Das zynische
+Klagelied. Vernehmt bewundernd oder im Tiefsten angewidert
+das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume.
+Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch
+vorüber in einem bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken
+Reigen. Flammen leuchten auf. Trommeln. Trompeten
+schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden,
+der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit,
+schon als Knabe wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich
+alles im Stiche ließ und um keinen Preis zu halten war,
+vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst meiner
+letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in
+der Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst
+mich erlöse.
+
+</p><p>Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lärm? Nein. Nichts,
+nichts von alledem. Der silberne Mond schwebt hoch über
+dem verlassenen Platz. In seiner Mitte, unter der Säule,
+gegenüber dem Löwentor des zerfallenen Palastes stehe ich.
+<!-- page 009 -->
+Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach,
+in einer visionären Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung
+gesprochen. Doch wer vernähme meine Rede
+auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche
+es. Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich!
+Stammle entzückt und voll Wonnen! Also, zum Anfang!
+
+</p><p>Ich beginne! <i>Und lauschten mir auch nur die flüsternden
+Nachtwinde, die rauschenden Bäume und das vom
+Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und hörten mich
+auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die
+harten Steine auf mein trauriges Lied!</i> &mdash;
+
+</p><p>Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint
+in tiefe, graue Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle
+mich leicht wie Äther, frei und wahrhaft glücklich erhoben.
+Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von sonst
+nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene
+Feuer lohen empor und umlichten furchtbar meine
+eisige Grabesnacht. Scheiterhaufen warten aufgerichtet.
+Hellebarden, Dolche blitzen. Trommelwirbel. Rote Lichter
+vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue Liebesnacht.
+Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der zerschundenen
+Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor
+aus dunklen Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene
+Menschenleiber. Beben, Zittern, Schluchzen,
+Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen
+in fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere
+kreischen. Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden
+auf Wilde. Wüsteneien. Die Pest erhebt ihr durchlöchertes
+Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam über alle Maßen,
+<!-- page 010 -->
+beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich.
+Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder.
+Weiße blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber
+in unsagbar süßen Verschlingungen und eine große, rasende
+Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen Grabnächten
+und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe
+über die schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich
+darunter erregen und erbrausen, und die Gewässer der Erde
+wie Tautropfen am Saume jenes himmlischen Gewandes
+haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem Blut
+und rotem Wein. <i>Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt
+mir unsichtbar.</i> Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich
+einsam auf der stillen Warte des Grenzgebirges der Welt.
+Aufgelöst in Tränen kniee ich zu Gottes Füßen, spüre den
+Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen Hand,
+fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade,
+gräulich und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche
+Gletscherflächen tauchen langsam und leis, unter
+einem süßlich klingenden, leicht und allmählich anschwillenden
+Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten
+der roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde
+ich in mir. In mir, dem äußersten, leidenden Glied eines
+reichen, verderbten Geschlechts. Und doch im Blut die wehe
+Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie.
+Bin jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land.
+Jungfrau, Dirne, Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle
+mich von großen, langewundenen Würmern weh zerfressen:
+Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die
+Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig.
+<!-- page 011 -->
+Welk oder trocken ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen
+Augen voll Eiter; Nester kleinen stinkenden Gewürms.
+Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün.
+Ein berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe,
+Verwesungsduft und der helle Geruch weißen Äthers oder
+gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo! Ecce
+homo! .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten
+kläglichen, schmutzigen Kindergewimmels. Auf
+engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen Holztreppen, verdreckten
+Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote
+Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die
+Mietskasernen. Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber
+das Lied des umherziehenden Orgelmanns tat zum ersten
+Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen schüchterner,
+aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel.
+Blühende Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament.
+Das Kindlein in der Krippen .&nbsp;.&nbsp;. Einst, o einst:
+zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das unaufhörliche
+Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller.
+Die Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten
+Vaters. Streit der Geschwister. Unzufriedenheit,
+Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und Geschluchze
+aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen
+Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger,
+Kälte. Finstere, verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke
+und Wanderungen. O, da meine Sehnsucht übergroß
+ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen
+Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig
+<!-- page 012 -->
+mein Verlangen ging. Mich mein Sehnen zog. Das Herz
+schlug.
+
+</p><p>Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es
+pfeift. Stimmen. Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend.
+Mit offenen, trockenen Mäulern. Einer hat Schnaps.
+Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner weiß. Man
+fährt in die Nacht. <i>O, daß man einer Heimat entgegenführe!</i>
+.&nbsp;.&nbsp;. Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten
+und mancherlei eigenartige Überraschungen. Er hat milchige,
+kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch der
+glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene
+Klarheit frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln
+oder auf freiem Feld, oder lagert gleich einer räudigen und
+übelriechenden Herde Viehs in wüsten Gassenschenken.
+
+</p><p>Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge
+Schlafraum ist voll von dem Geruch der nassen Windeln,
+dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten, erfüllt von
+dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins,
+kleiner Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf!
+Strecke dich nicht! Nichts! Denn bei einer Berührung
+greifst du an Schöße, stinkende, nasse, verschleimte, verkrebste
+Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben
+Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche,
+kleine Bäuche, steinhart und mit dem Fraß roher Kartoffeln
+furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein Napf voll Urin und
+Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut!
+Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. <i>Stunde,
+du kommst, die mich zerbricht.</i> Die mich zermartert. Du
+<!-- page 013 -->
+zertrümmerst mich. O, so viel Blut drückt schwer. So viel
+Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die Welt in
+Aufregung.
+
+</p><p>Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus
+frühen Kampftagen. Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen.
+Geträumte Länder, warme Länder, Sonnenländer!
+O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen
+von den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und
+den flatternden Kolonnen der singenden Fische! Apokalyptische
+Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett umhaucht
+von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer
+Monde, jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten.
+Riesenschlangen, träg und schwer auf den Ästen
+der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten. Blumen,
+eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend
+mit blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder,
+warme Länder, Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied!
+Denn aus den großen, kalten, nordischen Städten
+komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen
+der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten.
+So hört mein Freiheitlied:
+
+</p><p>&bdquo;Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken!
+Onanisten! Päderasten! Fetischisten! Kaufleute, Bürger,
+Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr großen Metzen!
+Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht!
+Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten
+Anarchie. Zum bösesten Widerstreit begeistere,
+reize ich euch. Revolution! Revolutionäre! Anarchisten!
+Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone!
+<!-- page 014 -->
+Mein sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben!
+Ich führe euch. Vorwärts. Marsch! Marsch! Den
+gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen
+Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der
+Pfeife, das flatternde Blut der roten Fahne, die violette
+Farbe unregelmäßiger, gefährlicher, schwärmender oder
+konzentrierter, tödlicher Bewegungen &mdash;: fühle ich in
+meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf!
+Granaten zerplatzt! Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt!
+Infernalisches Geschmetter! Vorwärts, wir kommen. Dieser
+stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne entgegenschießt,
+ist unser Bote, diese Granate, die hell durch
+die Luft pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren
+Schildern, auf unseren Helmspitzen leuchtet auf, steil und
+flammend, der Triumph der neuen Zeit. Das silberne, zart
+aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie.
+Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf
+aus grauen, nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel.
+Voll Türmen und Zinnen. Und Gold! Und Gold! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische
+habe ich von mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten
+Hallen getreten. Die kühl sind und vom Glanze
+mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume inmitten
+kreisender Welten sind .&nbsp;.&nbsp;. Suchte ich dich Ewigen
+nicht im zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder
+auch in den drohenden Brandstürmen aufgepeitschten,
+dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter bist der
+ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume,
+<!-- page 015 -->
+wie im verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen
+Flur, oder im heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die
+schwere Nacht angeht. Aber in allen Räuschen des Blutes
+fand ich mich dir am nächsten. Oder im verschrillenden
+Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder
+dumpfem Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden
+Todes. Die verpestete Luft erfüllt vom dumpfen Gedröhn
+ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen Aufstrom
+schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden,
+vom weißen Schweigen der Gefallenen in den
+verfeuchteten Laufgräben, vom Siegesgeschrei, dem rauhen
+Gebrüll der Lebendigen .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr
+Begreifbares. Etwas nur mehr sich durch einen kleinen,
+gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes. Als ob wer
+die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit,
+Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit
+sind. Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten
+Träger einer trüben Tradition sind. Wir, die wir
+die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag findet unsern
+Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle
+Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den
+samtenen Fittichen einer trunkenen Traurigkeit werden die
+Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt dem Bann der dunklen
+Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den himmlischen
+Gärten hin entführt, wo die leuchtenden
+Sternkugeln überherrlich entzündet sind.
+
+</p><p>Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die
+Irrfahrt. Das Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand.
+<!-- page 016 -->
+O, alles zerbarst, alles zerkrachte. Wie wütend die Wellen
+schlugen. Alles über Bord &mdash; O, splittert Planken! Noch
+einmal, o, noch einmal und &mdash; letzter Kampf! O: alles dann
+aus und Raub der Wogen .&nbsp;.&nbsp;. Und ich warte. Alles geht
+über mich. Alles verweht mich. Was hilft mir zur Ewigkeit?
+Komm Untergang!
+
+</p><p>O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten
+Nonnenleichnamen die Morgensonne aufgehn
+sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den Weltenraum
+hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des
+Kreuzes, daß es purpurn flattert. O, wir tragen unsere
+reinsten Wünsche nach dem Untergang. Wir erarbeiten ihn.
+Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher Unterschied.
+Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie.
+In einem Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur
+große Schauspiele befreien euch den Geist. Daß ihr erlöst
+werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut auf! <i>Rhythmitisiert
+euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt
+zu! Brecht auf!</i> O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens!
+O: und aus den überwehten Grüften der Entschlafenen
+in die ewige, zeitlose Helle steigend! .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Seht, oben bin ich seltsam gut und träumerisch. Unten
+aber schlecht, verseucht und angefault. Das bin ich. Doch
+meine Tiefen sollen wieder Höhen werden. Aller Schmerzen
+Abgründe jubelnde Bläuen. Und meine Verirrungen &mdash; denn
+noch jage ich trunken dahin, unbewußt, dumpf benommen
+und wie von dem schwülen Duft aufblühender Rosenhecken
+und dem betäubenden Geruch süßer Mädchenleiber umhüllt
+&mdash; und meine Verirrungen sind mir Gewähr eines einst
+<!-- page 017 -->
+sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern.
+Das braucht Zeit. Ich habe Zeit .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Wenn ihr klug seid, vertut die schöne irdische Zeit mit
+Spiel und Tanz, mit Weib und Wein! Schlaft trunken ein
+unter Rosenhecken, unter goldenem Sternenglanz, umspielt
+vom weichen Strome milder Frühlingsdüfte. Erwacht dann
+wieder, süß umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang,
+der himmlischen Musik .&nbsp;.&nbsp;. Die Nacht vergeht. Der
+Tag bricht an. Die Sonne sinkt. Dazwischen schallender
+Gesang der Vögel. Wasserrauschen. Durch die Wipfel der
+Bäume Brausen des Windes.
+
+</p><p>Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde
+werden wir. Dornenkränze um die geneigten Stirnen,
+Wunden an Händen und Füßen, Narben in den schmerzlich
+entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten
+Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut,
+der raschen Zeit, dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt:
+so wandern wir einst, Millionen Gekreuzigte, im
+blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde zu. Einsam
+waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal
+hieß Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein
+Geheimnis zwang uns Ohnmächtigen gebieterisch seinen
+unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns. Es jagte uns.
+Über grüne Frühlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von
+Ängsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir
+plötzlich hilflos, gleich den von ersten Blütendüften trunkenen
+Kindern, unschlüssig und staunend vor feurigen Abgründen.
+Ein Flammenstrom verschlang uns.
+<!-- page 018 -->
+
+</p><p>Wir führten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe
+um ein geträumtes Reich, dessen strahlende Herrlichkeit
+und lichte Himmelswonnen wir aber nicht im Irdischen erschauen
+durften. Denn es blüht bei Gott. Hier zermalmen
+uns Not und Gefahr, verruchte Willkür, Blut und Sehnsucht,
+heller Tag. Doch uns Ermüdete tröstet die blaue
+Nacht. Ein himmlischer Gesang, der fernher näher dringt.
+Über die Gräber weht er. Über die Gräber braust er. Die
+Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein
+warmer, göttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander
+stürzen Strom und Berg, Acker, Wald und Tal.
+Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes, stöhnendes Gewühl
+von Millionen heiß ineinander verschlungener, blanker
+Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern
+und Gewölben Rasseln, Schall und Gedröhn der schweren,
+zerklirrenden Ketten. Goldene Spangen, glänzende Rüstungen,
+silberne Schwerter. Das hell aufblitzende, bleich
+schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente
+jubeln auf darin.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Wie ich so daliege, die beiden Hände gefaltet, das Angesicht
+nach oben, die Augen den Sternen zugekehrt, vergeht
+wieder diese törichte, schwärmerische Schwäche. Ich
+sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus
+meinem Herzen. Aus meinem Munde strömt es nun. Aus
+Nase, Ohren. Ich sehe die kleine Welt durch einen blutig
+nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer streckt sich steil
+aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein vergessenes
+Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick,
+<!-- page 019 -->
+der gleich zum frivolsten Gelächter als zum gläubigsten Erschauen
+zwingt. Doch ich will nicht daran rühren .&nbsp;.&nbsp;. Was
+ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken in Blut. Nur am
+Ende: aus rötlichen Dämmerungen empor und befreit goldene
+Flügel spannen.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glühend
+und heiß bedrängen, wandeln sich in rauschende, wildflatternde
+Ströme purpurnen Weines und wallenden Blutes,
+die ich gierig in mich hineintrinke.
+
+</p><p>Kommt, gebt den Abschiedskuß, o Brüder, Schwestern
+den Entschlafenden! .&nbsp;.&nbsp;. Unsere Körper sind zertreten, unsere
+Seelen sind zerschlagen. Himmlische Räume! Himmlische
+Räume! Dort werden Blumen blühen, herrlich wie
+auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr
+Licht wird uns auf singenden Pfaden durch blumige Gelände
+leiten. Eine milde Hand wird uns führen. Kein
+irdisches Leid betrübt uns. Keine Müdigkeit wird unsere
+Körper befallen. Wir sollen gesättigt werden. Leicht und
+frei werden uns über unermessene Länder englische
+Schwingen tragen. Unter großen rauschenden Schattenbäumen
+werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo
+kräftige Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen
+duftigen Talgründen auferblühen. <i>Wir harren der himmlischen
+Welt.</i>
+<!-- page 021 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-2">Das kleine Leben</h2><p>
+
+</p><p class="lyrics">
+<i>Si j&rsquo;ai du goût, ce n&rsquo;est guères<br />
+Que pour la terre et les pierres.<br />
+Je déjeune toujours d&rsquo;air,<br />
+De ver, de charbons, de fer.</i>
+
+
+</p><p class="signature">
+<i>Rimbaud.</i>
+
+<!-- page 023 -->
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>ir wohnen Quellenstraße 16, III. Stock, bei Frau
+Cäcilie Naßl, Geflügelhändlerswitwe. Das Haus, sehr
+alt und morsch, gleicht einem Wrack. Die Höfe qualmen
+und schallen. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Wir
+haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreißig
+Mark. Die Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank,
+einem Tisch, vier Stühlen, haben wir auf Abzahlung.
+Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau, Gasleuchter,
+Waschtisch, Bücherregal gehören mir. Unsere
+Vormieter haben einen bunten Papierofenschirm hinterlassen:
+alt, durchlöchert, verstaubt. Der große schwarze
+Vögel mit ungeheueren Schnäbeln einem hellen Wald zueilend
+aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der
+wie Blei aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die
+sehr böse sind, heimtückisch, gefahrvoll, geduckt.
+
+</p><p>&bdquo;Ich möchte mit dir in einer Kaschemme wohnen,
+unter der Brücke übernachten, deine Apache, deine
+kleine Dirne sein &mdash; wenn wir nur immer beisammen
+sein könnten!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Unsere Liebe wird uns alles überwinden helfen!&ldquo;
+
+</p><p>Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig
+ein, eng aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf.
+Essen zusammen. Wir sind immer beieinander. Es wäre
+erreicht!
+
+</p><p>Wir sind sehr glücklich.
+
+</p><p>Heute nacht &mdash; wir leben eine Woche so &mdash; überfällt
+mich zum erstenmal und brennend der Gedanke, daß man
+allmählich bedacht sein müsse, sich Geld zu verschaffen.
+Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmöglichkeiten, aber die
+<!-- page 024 -->
+liegen, so scheint es mir, für uns alle (und plötzlich!) auf
+ein- und derselben Linie. Meine Frau wälzt sich unruhig
+neben mir. Sie spricht Unverständliches im Traum. Ich
+suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren warmen Körper
+fühle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht länger mehr darüber
+nachdenken.
+
+</p><p>Bin ich nicht sehr glücklich?
+
+</p><p>Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff
+zu sein, auf hoher See. Es ist sehr ölig, verworren und
+dumpf. Stöße. Rennen. Stimmengewirr. Fackeln flackern.
+Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik
+des Sturmes ist sehr süß.
+
+</p><p>Umschlungen versinken wir.
+
+</p><p>Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner
+Frau mitteilen. Doch weshalb sie in Unruh setzen? Ich
+unterlaß es. Zwei Tage können wir noch auskommen. Sie
+wird es ja selbst wissen. Aber ich fürchte mich bei dem Gedanken,
+daß sie das weiß. Weiß sie es denn auch wirklich?
+Zwei Tage .&nbsp;.&nbsp;. das übrige ist mir wurscht. Wird meine
+Frau auch so denken? Ich bin sehr in Sorge, sie könne es
+nicht tun. Es überläuft mich heiß und kalt, wenn ich länger
+solchen Erwägungen nachhänge.
+
+</p><p>Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet
+immer, sehr dünn: &bdquo;Faß unter!&ldquo; Unsere Kleidung ist sehr
+dürftig, aber es ist Gott sei Dank sehr warm geworden,
+über Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben
+der Schauläden. Sie lacht überglücklich dabei auf, mich
+heftig pressend .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Da sie aber, plötzlich erschauernd, sich an mich schmiegt,
+<!-- page 025 -->
+weiß ich, auch sie muß also heute nacht darüber nachgedacht
+haben, daß unsere Mittel bald zu Ende sind, daß wir
+erschöpft sind. Ich erstaune heftig darüber, daß sie das
+weiß. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natürlich.
+Auch sie hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich
+nicht verletzen; ja, wahrscheinlich. Sie hat sich für mich
+geschämt; ja. Ich sollte doch für den Lebensunterhalt
+meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das
+ja nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverständliche. Aber sie
+sagt es mir dafür in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll
+mit jeder Bewegung.
+
+</p><p>&bdquo;Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei
+Tage werden wir noch aushalten. Dann .&nbsp;.&nbsp;. man verzichtet
+ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei Tage,
+Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß
+werden .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie
+eines Sonntags, nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang
+herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd
+vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn, richtete
+ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest.
+Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie
+darüber näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor
+gehabt.
+
+</p><p>&bdquo;Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen.
+Du, Dorka, vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.&ldquo;
+
+</p><p>Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem
+Raum, umschlungen. Wir legen friedlich die Hände ineinander,
+unsere Kniee berühren sich mit zärtlichem Druck, ihr
+<!-- page 026 -->
+Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie
+schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer
+Kirche. Dorka schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen,
+meine Tränen zurückzuhalten. Eine Liebestragödie
+wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt. Sie
+erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere
+Vormieter hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik:
+zittrige Geige, schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir
+sind tief erschüttert. Es ist, als gehe ein Sturm durchs Haus,
+es braust, und wir befinden uns auf untergehendem Schiff,
+auf hoher See. Umschlungen versinken wir.
+
+</p><p>Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus
+blendender Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter
+Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere in
+unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die
+Nacht beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es
+hell, wie es nur am lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie
+es nur unter der Erde sein kann.
+
+</p><p>Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich
+jede Nacht, sie muß sich besaufen jede Nacht. Die Herren
+geben ihr ziemlich viel Geld, dafür muß sie ihnen schön
+tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich streicheln
+lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen
+und oft bis spät in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie
+tanzt einen Apachentanz, tanzt Twostep, kann Cancan. Sie
+stellt sich auf einen Stuhl, führt unter allgemeinem Beifall
+unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht unnatürlich,
+sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich,
+nach allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel.
+<!-- page 027 -->
+Sie ist ein Karussell. Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir
+die Faust.
+
+</p><p>Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem
+nächsten Verehrerkreis. Sie sind sehr für sie interessiert.
+Der eine, Andreas Söraas mit Namen, liebt sie. Er ist ein
+kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen Augen.
+Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet,
+indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast
+täglich zum Abendbrod einlädt. Sie hat immer Blumen von
+ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was sie nur will. Begleitet
+sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie vor
+allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich,
+herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche,
+Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke. Ich kann das nicht.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf
+meine Frau. Versteckt, im Schatten, an einer Ecke. Ein
+Haufen Studenten kommt angeheitert, den Dessauer pfeifend,
+ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.
+
+</p><p>&bdquo;Bei der ist heute nichts zu wollen,&ldquo; flüstert einer, etwas
+beklommen, im Vorübergehn, &bdquo;ihr Zuhälter wartet auf sie.&ldquo;
+
+</p><p>Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so
+oft bin, freut mich das.
+
+</p><p>Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend
+über die Treppe heraufkommt. Höre sie schon, schwer
+das Haustor aufschließend, sich verabschiedend von ihrer
+Begleitung, das leichtere Geräusch der Türschlüssel, das
+Öffnen der Außentür .&nbsp;.&nbsp;. Gleiten über den Gang .&nbsp;.&nbsp;. und
+sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet
+<!-- page 028 -->
+sich rasch, umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns
+wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt immer nach Wein, Tabak,
+sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt.
+
+</p><p>Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett.
+Oder sehr verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts
+geschieht. Nur die Zeit vergeht, sehr langsam. Wir langweilen
+uns.
+
+</p><p>&bdquo;Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen
+leben, das wird einem am Ende auch fad. Laß
+mich in Ruh!&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;<i>Es muß etwas geschehen.</i> Was Aufregendes, Aufpeitschendes,
+Aufreizendes. Man benötigt Sensationen.&ldquo;
+
+</p><p>Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer,
+Russen. Wir sprechen fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht
+fünf Worte können. Wir halten die deutschen Bürger zu
+Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang. Meine
+Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale
+Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das
+wird fad. Auch fehlt es immer an Geld.
+
+</p><p>Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer
+müder und gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist
+stark angewidert. Sie flieht das Leben. Sie ist ganz pathogen
+konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie ist
+satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die
+Hände. Ich verzweifle.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend
+Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen.
+Mit zweitausend Mark war er für die Schulden
+<!-- page 029 -->
+der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden internationalen
+Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen, fünfhundert
+Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs
+Schönste verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland
+angelegt, eintausendundfünfhundert Mark für
+Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt er, auf mein Anraten
+&mdash; ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will, völlig
+betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz &mdash; eintausend
+Mark bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr
+beginnt man. Der Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird
+gerufen, meine Frau aus dem Bett gerissen, ich bin zur
+Stelle .&nbsp;.&nbsp;. Der Phonograph schnarrt. Und vor einem Glas
+Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt,
+genießt der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie
+seinen Sekt versaufen: Dorka, rasch, klirrend, Madame,
+schläfrig, leicht nippend; die &bdquo;Kapelle&ldquo; vornehmlich, mit
+langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen
+Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig,
+schlecht amüsiert. Und während man draußen durch den
+erwachten Morgen eilt: schnatternde Scharen farbiger
+Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander gewürfelter
+Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit
+kleinen roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige
+Pferde, freche Automobile, verträumte Lastfuhrwerke, böse
+Radler .&nbsp;.&nbsp;. (und Busenmädchen flattern freundlich, heilige
+Studenten kreisen singend) .&nbsp;.&nbsp;. während man hereindringt,
+einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure,
+grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau
+Marie Wöbers Kinder die Suppe klirrend auslöffeln,
+<!-- page 030 -->
+stricken &mdash;: tanzt man: der Moritz Düsterweg und die
+Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild
+fliegen, die sich plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt,
+wild vorwärts drängt, stampft, aufbraust, hingebend sich
+zurückbeugt, schiebt: <i>die böse Dorka!</i> Doch der sich so
+ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg:
+er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man
+dreht noch einmal, eine halbe Wendung .&nbsp;.&nbsp;. einige Schritte
+.&nbsp;.&nbsp;. vorwärts, zurück .&nbsp;.&nbsp;. noch einmal .&nbsp;.&nbsp;. eine viertel Wendung
+.&nbsp;.&nbsp;. mit Mühe .&nbsp;.&nbsp;. gerade noch &mdash;: und Düsterweg -:
+er sinkt um.
+
+</p><p>Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge,
+als gelte es einem verschüchterten, einem verstockten Kind,
+ich, ganz uninteressiert, peinlich berührt, verlegen, Madame,
+von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig prustend
+und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht:
+&bdquo;<i>der Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal
+geschlossen worden .&nbsp;.&nbsp;.</i>&ldquo;; die &bdquo;Kapelle&ldquo;, zurückgebeugt,
+traurig, verhalten über das Klavier hinplätschernd .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf
+in Dorkas Schoß gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten
+streichelt. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die &bdquo;Kapelle&ldquo;
+vom Stuhl drängend, die einleitenden Takte eines furiosen
+Walzers an, gibt das Zeichen zum Beginn des Tanzes.
+Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt. Bricht wieder
+zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe
+wiederholt sich .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden
+<!-- page 031 -->
+über die Straße gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen,
+aber doch herzlich bewillkommten Gäste ist inzwischen auf
+ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu. Ein
+jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was
+einem jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch
+geht heute restlos in Erfüllung. Was braucht man sparen?
+
+</p><p>Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht,
+aufgerollt gleich dicken weißen Ketten, in lustigem Streit
+auseinandergerissen. Braunes Bier fließt. Man ist verschwenderisch.
+Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt.
+Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem
+ausgehenden Brand lagert unwirklich und schwer. Musik
+tönt ununterbrochen. Der Phonograph abwechselnd und die
+&bdquo;Kapelle&ldquo;.
+
+</p><p>Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin,
+summend. Sitzt dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es
+brütet. Fip, die schwarze Katze, auf dem roten Tischtuch
+dick ausgebreitet, schnurrt. <i>Ein Schnapsglas daneben steigt
+wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee.</i>
+
+</p><p>Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen
+Kaffee. Um sechs Uhr gibt es Tee. Bei einbrechender Dämmerung
+ißt man zu Abend. Der Geruch aller Getränke,
+aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet
+wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen
+teil. Sie glucksen glücklich. Dröhnend verdauen sie.
+Kreischen. Man gebärdet sich wie toll. Man ist ausgelassen,
+voll sprühender Lust.
+
+</p><p>Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die
+Hemdärmel aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie
+<!-- page 032 -->
+wahnsinnig umher, den Appetit seiner Gästeschar anfeuernd,
+eifrig besorgt, daß alle genug bekämen. Eigenhändig
+gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem Geschrei,
+lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich
+daran erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern
+ins Maul, die aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien.
+
+</p><p>Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler:
+groß, aufgedrehten Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt,
+verschnupft, von Sonne durchsotten, ein wenig
+später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick,
+rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg
+die Hand, sehr gnädig und herablassend von ihm begrüßt.
+
+</p><p>Düsterweg &mdash;: <i>herrscht er nicht über alle?</i> Ist er nicht
+maßgebend? Herrscht er nicht unumschränkt, königlich,
+maßlos? Er ist in bester Stimmung. Weiß nicht wohin vor
+Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit allen spaßhalber
+Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über
+Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man
+stürzt, wälzt sich, steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt
+um. (Und Moses Mies reibt sich an Alois Wurm.) Man
+lacht, belustigt sich dabei allgemein.
+
+</p><p>Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher
+zu sich, die, schwer benommen, inständig nach frischer
+Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt er breiigen Munds,
+mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen Plattfingern
+seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine
+Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt
+strahlend Dorka das seine hin, spricht lang und erregt von
+<!-- page 033 -->
+naher Verlobung, baldiger Hochzeit, und ist tief beglückt
+und süß durchronnen, als Dorka endlich, nicht ohne zu
+zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr
+sofort ein.
+
+</p><p>Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt
+fünfhundertundzehn Mark, von Düsterweg sofort bereinigt.
+Das Fest setzt sich fort. Und Dorka, Düsterweg zärtlich
+umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze, die
+auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich
+schnurre. Sie nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig,
+mit großen Augen:
+
+</p><p>&bdquo;Onkel, wo hast du das viele Geld her?&ldquo;
+
+</p><p>Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie.
+
+</p><p>Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf
+die Stirn, dankbar, daß ich ihn geführt habe. Und selig
+lächelnd auf meine Frau weisend: zum Glück geführt habe!
+Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht;
+müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während
+seiner Abwesenheit: Dorka, die sein sei. Und heiter
+angeregt gedenkt der Düsterweg der allgemeinen Beliebtheit
+sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila Lieblich,
+für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark
+er aufgekommen war. Und renommierend: &bdquo;Sie ist faul.
+Nach fünf Nummern schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar.
+Ungenügend!&ldquo; Schallendes Gelächter folgt.
+
+</p><p>Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen
+habe ich meinen Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig
+Mark. Und lächelnd versucht er: &bdquo;ein .&nbsp;.&nbsp;. hundert .&nbsp;.&nbsp;. und
+.&nbsp;.&nbsp;. fünf .&nbsp;.&nbsp;. zig .&nbsp;.&nbsp;. Mark&ldquo;.
+<!-- page 034 -->
+
+</p><p>Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft.
+Und sein Messer ziehend, springt er auf: &bdquo;Meint ihr, ich
+bin euere Wurzen? Windige Bagage. Ich laß mich nicht
+neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!&ldquo;
+
+</p><p>Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert,
+fremd, vor Wut entstellt, lächerlich .&nbsp;.&nbsp;. Man
+versucht ihn zu halten. Er schreit, flüchtet .&nbsp;.&nbsp;. Doch seine
+goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in das Glas
+schleudert, das zerklirrt .&nbsp;.&nbsp;. <i>Sein Gesicht platzt entzwei.</i>
+Ein großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor
+Schreck verstummt, gespannt aufhorcht: &bdquo;Sich erschießen?
+Sich in den Mund schießen? Oder etwa, etwas rückwärts,
+die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe? Einen
+Tag, eine Nacht .&nbsp;.&nbsp;. nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht
+zu haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles
+auf, ist das nicht alles wert? <i>Man muß sich doch einmal
+Luft machen!</i>&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Und &bdquo;es ist schön&ldquo;, weiß er: Und
+&bdquo;Dorka, Dorka mein!&ldquo;
+
+</p><p>Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich.
+Frau Marie Wöber drückt dem Düsterweg die Hand, lang,
+Madame, deren Brust sich um diese späte Zeit immer
+schwer aus der Bluse zwängt .&nbsp;.&nbsp;. und mir vertraulich zublinzelnd:
+&bdquo;das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein
+artiges Fest gemacht. Auf Wiedersehen.&ldquo; Von Bruno Maria
+Wagner, der &bdquo;Kapelle&ldquo;, nimmt man Abschied, der, betrunken,
+mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von
+Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld
+zählt. Von Moses Mies, dem Salzagent, der pfauchend in
+die Nacht entweicht. Und nimmt Abschied mit einem letzten
+<!-- page 035 -->
+Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die fluchend
+unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter
+Bänken, unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie
+aus einer Höhle zum Lokal hinaus, gebeugt, mit schlotternden
+Knieen in die Finsternis sinkend.
+
+</p><p>Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an
+meine Schulter gelehnt, der Moritz Düsterweg uns beiden
+gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft ist anders.
+Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig:
+&bdquo;Ich besitze .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; <i>Er sieht alt und häßlich dabei aus.</i> Sein
+Gesicht verzerrt sich idiotisch. Die kleinen, grünen
+Schusseraugen funkeln, die platten Käsfinger spreizen sich
+.&nbsp;.&nbsp;. Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich. Der
+Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen,
+sorgfältig, immer wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei
+Stunden! .&nbsp;.&nbsp;. Durchsucht seine Taschen: dreißig Mark!
+Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! .&nbsp;.&nbsp;. Ich werde
+geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen
+bemerkt haben. Man wird die Unterschlagung entdeckt
+haben, ich werde nichts dagegen, nichts dazu tun, ich
+lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich verhaften
+.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel
+Fünf. Ich gehe mit Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das
+Auto halten, etwas vom Lokal entfernt. Dorka will es. Man
+müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht leiden.
+Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da .&nbsp;.&nbsp;. Es
+beginnt zu regnen. Man kehrt um &mdash;: Dorka holen.
+Dorka &mdash;: wartete sie nicht hier? Sie ist nicht mehr da.
+<!-- page 036 -->
+Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich etwas
+unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner
+Dorka nachstürmend, rufe ich, schallend: &bdquo;Dorka, die
+Dorka suche ich .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr
+erstaunt, mich wiederzusehen: &bdquo;Ja, Hans, wo treibst denn
+du dich herum?&ldquo; Aber ich merke gleich, daß er alles schon
+weiß. &bdquo;Hans, du siehst sehr angegriffen aus.&ldquo; Und er erkundigt
+sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach
+meinen Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt,
+nach meiner Frau. Mir ist das sehr unangenehm,
+wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe immer
+irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang
+durch den englischen Garten. Ich trinke tief die warme
+Luft ein, ich fühle mich glücklich wieder, sorglos und
+heiter, und vollkommen gekräftigt. Die Menschen gehen
+sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu
+wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen
+Teppichen friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der
+Kleinhesselohersee glänzt, unbewegt und starr, er sieht wie
+Blei aus .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. &bdquo;Vorgestern
+nacht, Hans, hat deine Frau bei Andreas Söraas
+geschlafen. Und sie hat es aus Liebe getan&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich
+muß zugeben, vorgestern nacht war meine Frau nicht bei
+<!-- page 037 -->
+mir. Hat sie also wirklich bei Andre geschlafen? Aber, so
+tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe getan,
+denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die
+Tränen mühsam unterdrückend, mit brechender Stimme:
+&bdquo;Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber
+du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du
+sie kanntest, &mdash; &mdash; &mdash; .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: &bdquo;Josef,
+bitte sei ruhig, ich weiß alles, ich weiß es.&ldquo; Ich zittere am
+ganzen Körper. Ich hatte immer so Angst davor gehabt.
+Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist heraus .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich
+mich langsam auf zu Andre. Andreas Söraas, stud. ing.,
+Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn bei der Arbeit. Mitten
+in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln. Ja, er
+ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig,
+mit sehr blauen Augen.
+
+</p><p>&bdquo;Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen
+näher für diese Dame interessiert .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; auf das Bild hindeutend,
+das unmittelbar vor ihm auf seinem Schreibtisch
+steht .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Und er sofort: &bdquo;Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Verstehen Sie: sie ist meine Frau.&ldquo;
+
+</p><p>Und gesteigert: &bdquo;Sie werden wissen, was das heißt:
+meine Frau, Herr Söraas .&nbsp;.&nbsp;. haben Sie ihr Geld gegeben?
+.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+<!-- page 038 -->
+
+</p><p>&bdquo;Was denken Sie, nein&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Einfach. Ohne mit den
+Augen zu zwinkern.
+
+</p><p>Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke
+steht. <i>Es ist sehr breit.</i> Das beunruhigt mich .&nbsp;.&nbsp;. Er scheint
+sehr zufrieden zu sein. Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist
+sehr gut eingerichtet. Ich denke an unsere Wohnung in der
+Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener blendenden
+Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen,
+tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder
+ganz ergeben in unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und
+dumpf .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt.
+
+</p><p>Warf sie mir nicht als vor: &bdquo;Sieh, Hans, Andre tut mir
+alles, was ich nur will.&ldquo; Und: &bdquo;Er begleitet mich oft, oft
+stundenlang durch die Stadt, wo wir vor allen Schaufenstern
+stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über Strümpfe,
+Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke .&nbsp;.&nbsp;. du kannst das
+nicht.&ldquo; Und: &bdquo;<i>Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur
+wollte, gleich von dir nehmen, auf immer zu sich, mich
+heiraten .&nbsp;.&nbsp;.</i>&ldquo;
+
+</p><p>Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein
+Recht dazu, es ist eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen,
+zucke ich nach meiner Tasche, meiner Pistole, hebe sie,
+ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe
+ich es denn auch wirklich getan? Und mir scheint die Welt
+auf einmal verändert. Ja, ich habe es getan, denn ich hörte
+den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein Körper
+den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch
+<!-- page 039 -->
+in der Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich
+stecke sie wieder ein .&nbsp;.&nbsp;. Aber wie, wie bin ich dazu gekommen?
+Aber ich kann mir mit bestem Willen jetzt, im
+Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird
+später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon
+überzeugen, daß ich Andreas Söraas wirklich niedergeschossen
+habe. Ja. Es ist eine Tatsache. <i>Es ist eine Tat.
+Wie wohl das tut</i>, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei
+froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran
+zweifeln. Man wird daran glauben müssen. Und die Blutlache
+über dem hellgelben Parkettboden sieht aus wie eine
+große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die spritzt kleine
+zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke:
+<i>Andre hat blauseidene Strümpfe an!</i> Die heiße Scheibe
+glüht wild auf hinter Andres blondem Jungenkopf, der
+unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie schreit. Und Glocken
+gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das Anmarschieren
+von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken,
+Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer,
+Sturmlauf aufgepflanzten Bajonetts gegen Bastillen,
+Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die ratternde
+Symphonie des Aufruhrs.
+
+</p><p>Nun erst bin ich meiner Tat gewiß.
+
+</p><p>Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter.
+Wie ich das Haustor öffne, <i>erblicke ich einen älteren
+Mann, einen Blumenverkäufer, und ich habe das Empfinden,
+ich müsse ihm was recht Gutes tun.</i> Die Sonne scheint.
+Und plötzlich fällt mir heiß ein: &bdquo;Ich habe einen Mord begangen!
+Ich habe einen Mord begangen!&ldquo; Und ich sage
+<!-- page 040 -->
+es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. <i>Und
+ich will es dem Alten eingestehn</i>, er wird ja schweigen, und
+nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch ich
+fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich
+sage mir, das kann auch später noch geschehen .&nbsp;.&nbsp;. <i>Aber
+ich kaufe ihm alle seine Blumen ab.</i> Und ich sage mir: das
+ist ein &bdquo;rotes&ldquo; Haus. Und ich starre unausgesetzt, die
+Blumen in den Händen, nach oben.
+
+</p><p><i>Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem
+Haus fortkomme.</i>
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt
+mir: &bdquo;Deine Frau ist eine Dirne, die sich bei der Prostitution
+beide Vorderzähne eingeschlagen hat.&ldquo; Ich springe
+dem Schuft an die Kehle.
+
+</p><p>Man sagt mir: &bdquo;Deine Frau ist eine Abortgrube.&ldquo; Ich
+speie dem Schwein ins Gesicht.
+
+</p><p>Man spöttelt weiter: &bdquo;Deine Frau: &rsquo;n prächtiges Weib,
+ne schöne Hur&rsquo; .&nbsp;.&nbsp;. wer hat diese olle Spinatwachtel nicht
+schon alles .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo; Ich kann mich nicht mehr rühren. Ich
+bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich heule im Innern
+auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.
+
+</p><p>Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine
+Frau kommt, meint der ernste Ober: &bdquo;Herr B., jetzt kommt
+das Betriebskapital.&ldquo; Oder: &bdquo;Gegen Mitternacht steigen die
+Aktien.&ldquo; Man macht ringsherum Witze. Ich bin wehrlos.
+Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen.
+Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf
+sie. Wenn sie unter die Tür kommt, ganz rot, meint Josef:
+<!-- page 041 -->
+&bdquo;<i>Sie ist eine Flamme .&nbsp;.&nbsp;. es knallt.</i>&ldquo; Man deutet mit den
+Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt,
+frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee,
+in einer Ecke. Und die deutschen Bürger lagern sich immer
+ringsumher: sie paffen Ringe durch die Luft, spielen Billard,
+trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen
+wie Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite
+Stiefel, Platt- und Schweißfüße, einen massiven Gang, und
+lieben es, durch wiederholte Händedrücke sich zärtlich ihren
+Weibern gegenüber zu erweisen, die, vollgefressenen
+Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer
+geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen
+Gesichtern, große Torten verzehrend (&mdash;: fett,
+doppelkinnig, hängebusenhaft .&nbsp;.&nbsp;.). Ihrem Beruf nach
+Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler:
+kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft,
+langgebartet, goldblond .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es
+splittert, fließt, knaxt .&nbsp;.&nbsp;. Die Musik: sie ist &bdquo;dorkan&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+und die runden Marmortische drehen sich, die Kronleuchter
+knistern, zertrümmern .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich,
+meine frühere Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht
+nicht meine Frau kennen zu lernen.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole
+mir immer: &bdquo;ich habe einen Mord begangen! ich
+habe einen Mord begangen!&ldquo; Und ich sage es mir immer
+vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch
+<!-- page 042 -->
+wahnsinnig darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke,
+Andre habe ich um ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich
+nicht schon alles um ihretwillen getan. Und doch ich weiß,
+ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr meinetwegen
+niedergeknallt. Und denke immer an Andre. <i>Ich liebe ihn
+fast</i> .&nbsp;.&nbsp;. Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen
+Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln .&nbsp;.&nbsp;.
+Mit blauen Augen. Wie ähnlich er mir ist! Er hat den
+Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße Zähne. Die
+Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach
+oben gekrümmt. <i>Und ich bemerke seine blauseidenen
+Strümpfe.</i> Und ich denke an das &bdquo;rote&ldquo; Haus. <i>Und ich
+starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach oben.</i>
+
+</p><p>Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht
+ertragen, daß meine Frau einem anderen gehört hat. Nur
+einem, nur einem anderen! Es ist furchtbar, daß mir das
+der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer über
+mich lachen. Und trostlos: &bdquo;Wie verkommen, wie haltlos
+ich bin!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Aber Josef hat auch gesagt: &bdquo;Hans, aber du
+wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie
+kanntest, &mdash; &mdash; &mdash; .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin,
+klein, schwarz und bleich. Ich verbringe die Nacht bei
+ihr. Sie sättigt mich. Ich bade.
+
+</p><p>Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen
+hinein. Ich kehre fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich
+wieder. Ich habe alles vergessen.
+
+</p><p>Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter
+<!-- page 043 -->
+Tag für Tag. Heute ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen
+mit, heftig prustend, von Doppelkinn und Busen arg beengt.
+Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie
+kann es nicht mehr leisten. <i>Das freut mich irgendwie.</i> Aber
+zugleich dämmert es allmählich in mir auf: die Türen
+werden langsam zugemacht. Und kurz vor ihrem Weggehn
+bemerkt noch wichtig die Wöber: &bdquo;Moritz Düsterweg hat
+sich im Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern.
+Denkt euch nur: er, der Lump hat fünftausend Mark aus
+der städtischen Krankenversicherung unterschlagen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig
+und sehr aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt
+hoch, unbewegt, an einer grauen Wand.
+
+</p><p>Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.
+
+</p><p>Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das
+letzte Geld im Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische
+Klavier spielen.
+
+</p><p>Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang,
+um aufzustehn. Ich bin schwer belastet.
+
+</p><p>&bdquo;Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?&ldquo;
+
+</p><p>Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt
+es keine Rettung? Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin
+vergraben, sehr dünn: &bdquo;Arbeite!&ldquo;
+
+</p><p>Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere
+Schneemassen, furchtbar, drohend übereinandergetürmt
+und ein grüner Bach rieselt vergraben, ganz unten,
+sehr dünn.
+
+</p><p>Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen
+da. Trotzdem hat sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender
+<!-- page 044 -->
+Dämmerung entfernt sie sich. Sie hat sich sehr
+auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie ist stark
+geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht,
+das Bett zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt.
+Den Waschkrug hat sie mit frischem Wasser aufgefüllt, bei
+Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch geborgt. Sie ist
+sehr entschlossen. <i>Alle Krankheit scheint von ihr gewichen.</i>
+Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal
+im Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte
+Rock, ein kleiner brauner Hut, mit roten und
+weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse .&nbsp;.&nbsp;. und sie
+zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas schmerzlich
+lächelnd und &bdquo;Adio&ldquo;. Aber es scheint ihr nicht gar so
+arg hart anzukommen. Und ich sage mir: <i>meine Frau hat
+ne feine Fresse.</i>
+
+</p><p>Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: &bdquo;Du brauchst
+dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst
+wissen, deine Frau ging schon längst, bevor du sie kanntest,
+&mdash; &mdash; &mdash;.&ldquo; Ich entsinne mich, eines Sonntags, nachts,
+lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ die
+Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb
+oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern
+stehn. Richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier
+fest, manchmal drehte sie sich um. Ich denke mir: jetzt
+will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß ich
+Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und <i>wir wollen
+beide recht herrlich untergehn!</i> Ich höre die ferne Musik
+des anziehenden Sturmes. Sie ist sehr süß. Umschlungen
+versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich bin ein
+<!-- page 045 -->
+großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken,
+dem Leben abgewandt.
+
+</p><p>Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln,
+mache kein Licht, sperre ab. Ich horche gespannt. Jedes
+Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten kommt sie
+mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz
+rot. Und ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir:
+auch das ist ein &bdquo;rotes&ldquo; Haus.
+
+</p><p>Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie
+zu küssen. Man sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt.
+Ich sehe neugierig durch eine Hitze. Es ist ein großer wütender
+Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts, verschnupft, schnapsdurchdrängt,
+von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild,
+unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz
+gleichgültig.
+
+</p><p>Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen
+sie mit allen möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen,
+Schlingel, Lümmelchen, Toppsau, Mensch. So verkehrt
+man mit meiner Frau.
+
+</p><p>Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob
+sie um Einlaß bitte. Als bettelte sie. &bdquo;Ich bin sehr müde,
+Hans, gute Nacht!&ldquo; Sie händigt mir ein großes Goldstück
+aus. &bdquo;Also für fünf Mark .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; <i>Und auf dem Tisch stehen
+viele Blumen</i> .&nbsp;.&nbsp;. Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka
+wimmert laut.
+
+</p><p>Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg.
+Auch ich gehe weg. Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie
+so fern gelegen. Ich &bdquo;geißle&ldquo; mich. &bdquo;Arbeiten!&ldquo; Am
+Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille,
+<!-- page 046 -->
+kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, <i>der jenem
+Blumenverkäufer sehr ähnlich sieht, den ich vom toten
+Andre herabkommend, auf der Straße erblickte.</i> Er schließt
+sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka denkend,
+unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige
+mich.
+
+</p><p>Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau
+auf mich. Wir zählen beide unseren Verdienst. Wir müssen
+lachen. Wir umarmen uns nach langem wieder, küssen uns
+herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein
+jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden
+es ängstlich wieder, uns gegenseitig zu berühren.
+
+</p><p>Es ist verworren, ölig und dumpf. <i>Wie lang wir die
+Sonne nicht gesehen haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel
+geworden ist, kriechen wir aus.</i> Wir sind beide sehr gereizt.
+Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht eine
+Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich
+werfe ihr den Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit
+auseinanderklafft. Sie gibt mir einen Tritt in den Bauch,
+daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel, Teller
+gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns
+auf offener Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh
+und kühl. Sehr mechanisch. Wie Fuhrknechte auf Pferde
+einhauen. <i>Nur um uns gegenseitig etwas zu erleichtern.</i> Auf
+einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide
+mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein
+böses Raubtier. Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie
+beißt sich in meiner Oberlippe fest, die blutig herunterhängt.
+Menschen sammeln sich an, halb sich belustigend,
+<!-- page 047 -->
+halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen,
+zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener
+Brille, langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen
+zählt immer sehr, sehr dünn: &bdquo;Eins, zwei! Eins,
+zwei! Eins, zwei!!&ldquo;
+
+</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam
+über die Straße.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+.&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es
+zu spät ist&ldquo; Und: &bdquo;Warum liebe ich sie .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; aber ich
+kann mir darüber nicht klar werden. Alles ist verworren,
+ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine schwammige Masse,
+gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken.
+Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie
+fällt mich. Ich bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich
+muß ihr die Bluse zumachen, die Stiefel zuknöpfen. Ich
+will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt mir ins
+Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand
+zuckt oft nach der Tasche .&nbsp;.&nbsp;. <i>Sie sagt nur &bdquo;Pferd&ldquo; und
+streichelt mich und ich bin wehrlos.</i> Wieder ist sie lustig
+und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu wirken. Das
+Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen, Italienern.
+Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie
+ist vergraben .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Oh, ich möchte eine große Rolle spielen,
+ich werde glänzende Kleider tragen, im englischen Garten
+jeden Tag früh ausreiten, spazieren fahren, <i>du kannst
+immer im Café sitzen .&nbsp;.&nbsp;. Du kannst essen, trinken, schlafen,
+schlafen .&nbsp;.&nbsp;. Du .&nbsp;.&nbsp;. dann: mein ganz feingemachter Lucki!</i>&ldquo;
+.&nbsp;.&nbsp;. Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler,
+<!-- page 048 -->
+kost ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort:
+&bdquo;Buberl! Buberl!&ldquo;
+
+</p><p class="noindent">&bdquo;Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät
+ist!&ldquo; Doch diese Worte, immer und immer wieder mich
+quälend, bedrängend, und ausgesprochen <i>von einem von
+oben herab</i>, sehr blond und in einem langen schwarzen
+Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat unausführbar.
+Es brennt.
+
+</p><p>Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren,
+Flechten, Narben, Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen,
+kratzen wir uns gegenseitig wund. Unsere Körper sind Blutäcker.
+Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht. Man
+scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit
+Jod, Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt.
+Ich renne, während meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und
+herwälzt mit erhobenen Händen gegen die Wände an.
+Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. &bdquo;Gib mir etwas
+Wasser, Hans&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. bittet sie, sehr dünn .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Halt dein Maul,
+Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.&ldquo; Und aufbrausend:
+&bdquo;Verreck, du!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Ihre Augen weiten sich. Sie
+wird sehr ruhig. Es tut mir furchtbar leid, so gesprochen
+zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem Augenblick, als
+ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder,
+schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich.
+&bdquo;Hans, mir ist, als sei eben etwas zwischen uns getreten!&ldquo;
+Und mit erhobenen Händen, grell: &bdquo;Jemand
+hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das
+tut!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>&bdquo;So soll alles umsonst gewesen sein?&ldquo;
+<!-- page 049 -->
+
+</p><p>Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die
+Dorka wimmert.
+
+</p><p>Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten.
+Ein feuriger Hund läuft über den Himmel. Es bellt.
+
+</p><p>Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie
+kann keine Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir
+Obacht auf die Polizei geben, die uns seit einigen Tagen
+schon gründlich auf der Spur ist. &bdquo;Wenn man mich erwischt,&ldquo;
+meint meine Frau, &bdquo;werde ich eingeliefert.&ldquo; Und:
+&bdquo;ich habe schon einmal zwei Monate gesessen.&ldquo; Und: &bdquo;ich
+habe auch keine Lust mehr ins Krankenhaus.&ldquo; Und ich
+denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das Vorzimmer,
+in dem die Kranken warten mußten, war dicht
+gefüllt. Sie kamen aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen,
+Arme, Beine eingebunden, die Augen fiebrig glänzend
+oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein
+Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen
+das Blut von der Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden
+Garten hinaus, die Hände geballt, der prächtig untergehenden
+Sonne nach.
+
+</p><p>In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen
+Mutter, ein Mädchen noch, voll blühender Anmut,
+das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die kaumgeöffneten
+Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar,
+die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die
+Wartenden, sie saßen, alle den brechenden Blick flehend
+emporgewandt.
+<!-- page 050 -->
+
+</p><p>Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid
+es ihr tue, aber gestern seien drei Kriminaler da gewesen,
+die sich auffallend eingehend nach uns erkundigt hätten,
+auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe überall,
+wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats
+sei noch nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig,
+mit großen Füßen, dürftig angezogen, kurzhaarig, im
+Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander auf einer Bank
+und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus
+Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal
+bestraft. Sie ist ganz und gar ausgehungert, seit drei
+Wochen hat sie nur auf Stroh geschlafen. Ich hole ihr von
+zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den letzten
+Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu
+Josef. Er wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen
+zu sehen, doch scheint ihn das irgendwie zu freuen. Er stellt
+Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst übernachtet, in
+seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich
+schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief,
+überglücklich aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt
+die weiche Decke ganz über uns. Sie ruht, das Gesicht käsig,
+doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer weit in
+die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds,
+mit kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da
+sie friert, lege ich mich auf sie und wir schlafen, Brust an
+Brust, Mund an Mund. Oft ist es, als ertöne unirdische
+Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir schweben.
+
+</p><p>Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges
+<!-- page 051 -->
+Tuch. Elly schläft noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen
+flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich bemerke, wie ihr Körper
+entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht. Ich gehe
+weg .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt
+ist .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Wo habe ich heut geschlafen .&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo;
+Und ich jage durch Wüsten: Straßen, Straßen, Straßen.
+Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte, Vorstadtwiesen,
+mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof
+mit plumpem Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß,
+Brücken; und ich gelange endlich in einen Wald und über
+Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser
+mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. &bdquo;Wo
+habe ich heut geschlafen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ich bin zerschmettert. Und
+ich weiß mich, sehe ich mich nur einem Weib gegenüber,
+unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich habe meiner
+kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen,
+sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und
+meine Mutter sagte immer zu mir, war ich unfolgsam &bdquo;Du
+bringst mich noch ins Grab.&ldquo; Und mein Vater sagte das
+und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie
+alle sind tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins
+Grab gebracht. Und ich komme eben am &bdquo;roten&ldquo; Haus
+vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht, und
+ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer
+grauen Wand, und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen
+funkeln, traurig und sehr entfernt. Schlief ich nicht bei
+Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die Türen
+werden langsam zugemacht.
+<!-- page 052 -->
+
+</p><p>Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede
+Nacht. Sie schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich
+gehe auf der rechten. Ich beobachte sie. Ich traue ihr nicht
+mehr. Sie läßt die Handtasche lang herunterhängen. Sie
+schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den hellerleuchteten
+Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht
+oder knüpft ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie
+sich um.
+
+</p><p>Wenn sie sich einen anderen anschaffte.
+
+</p><p>Ich wüte. Ich erwürgte sie.
+
+</p><p>Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen,
+ich habe es ja immer schon gewollt, ich war nur zu schwach
+dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu mir gehabt. Ich habe
+es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich immer so
+davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für
+mich, für mich auf den &bdquo;Talon&ldquo;? Und auf den Knieen
+rutsche ich durch das Zimmer, taste mich langsam hinaus,
+schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte. Eine Tür
+klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt,
+am ganzen Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer
+empor. Es wird Licht. Eine Gestalt beugt sich nieder.
+Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse! Sie hebt
+mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer
+Brust, streichelt meine Wangen: &bdquo;Buberl! Buberl!&ldquo; Dann:
+&bdquo;Pferd!&ldquo; Sie ist zärtlich, als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt,
+jahrelang von ihr entfernt.
+
+</p><p>Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch.
+Bald sehe ich ein, es ist unmöglich. Und: &bdquo;Ich muß ja,
+ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe ich nicht meine
+<!-- page 053 -->
+Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf
+mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+Und ich komme so nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was
+soll ich auch fliehen? Es erscheint mir kindisch.
+
+</p><p>Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind
+fort. In den Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten.
+Es sind viele Schatten. Will sie mich nicht mehr? Hat
+sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre wüste
+Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende
+hellerleuchtete, klirrende Schaukel, in der mir meine Welt
+ins Dunkel entfliegt. Ich werfe die Fenster ein. Alles bleibt
+ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt sich, niemand
+kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten
+wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren
+wissen. Also, sie hat sich einen anderen angeschafft. Ich
+warte Stunde um Stunde, in eine Ecke gelehnt. Wenn ich
+den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen
+aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er
+sich. Das Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die
+Kirche gegenüber. Ich höre die Messe. Ich trete wieder, beruhigt
+und gestärkt, in den erwachten Tag hinaus. Die
+Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den
+Händen durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe .&nbsp;.&nbsp;. ich
+habe die Dorka, die Dorka erwürgt! Ich fühle die Last
+ihres Körpers in meinen Armen; ich lege sie irgendwo in
+einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich
+eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel
+und Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht.
+Er schaut mich groß an. &bdquo;Josef, ich habe meine
+<!-- page 054 -->
+Frau erwürgt, ich habe meine Frau umgebracht! Josef,
+leb wohl .&nbsp;.&nbsp;. und ich habe auch Andre umgebracht .&nbsp;.&nbsp;. leb
+wohl .&nbsp;.&nbsp;. und ich habe auch Düsterweg umgebracht .&nbsp;.&nbsp;. leb
+wohl .&nbsp;.&nbsp;. und meine Mutter habe ich umgebracht .&nbsp;.&nbsp;. und
+meinen Vater habe ich umgebracht .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; und brüllend: &bdquo;alle
+Menschen habe ich umgebracht .&nbsp;.&nbsp;. leb wohl, Josef, sieh,
+ich bin ein Mörder .&nbsp;.&nbsp;. leb wohl .&nbsp;.&nbsp;. der auch dich noch .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang
+herab, ich küsse ihn, ich bin so glücklich: &bdquo;ich habe meine
+Frau erwürgt.&ldquo; Und ich fühle mich seit langem wieder das
+erstemal frei. Und Josef: &bdquo;Ob Dorka das wert war, mußt
+ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht .&nbsp;.&nbsp;. Ich
+werde überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich
+Dorka nicht .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Auf seinem Tische aber liegt eine Zeitung,
+ganz zergriffen: &bdquo;Andreas Söraas, stud. ing., wurde heute
+erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62,
+III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt
+.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt,
+nach Haus zurück. Es wird dunkel. Es war alles ein Traum.
+Und ich sage mir, eine Tür nach der anderen wird langsam
+zugemacht. <i>Das Haustor steht weit offen.</i> Meine Frau singt,
+sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten,
+sie streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft:
+&bdquo;Du solltest klug genug sein, um das verstehen zu können.
+Es waren Schlager .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und ich: &bdquo;Ja! Ja!!&ldquo; Und ich seh
+zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles wieder
+gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein
+warmes Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld.
+<!-- page 055 -->
+Wir sprechen uns über den gestrigen Vorfall nicht weiter
+aus, aber ich muß an mich halten, nichts verlauten zu
+lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre besuchen.
+Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere
+heimlich. Wenn sie wüßte. Sie sagt: &bdquo;Hans, liebe
+mich.&ldquo; Sie ist sehr erregt. &bdquo;Du meinst wohl, ich solle dich
+.&nbsp;.&nbsp;.?&ldquo; Sie, aber sehr traurig: &bdquo;Hans, du bist so roh,
+bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören,
+du solltest zart sein gegen mich, ich will nicht mehr
+deine Apache, deine kleine Dirne sein, ich bin dein &sbquo;Franzosenweibchen&lsquo;,
+du mußt dein kleines Frauchen schonen.&ldquo;
+Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt
+es sehr albern vor. Und ich sage nur: &bdquo;<i>Du hast ne feine
+Fresse!</i>&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im
+Dunkel. Doch die Straße schwimmt im Licht. Wir sind
+hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten.
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir
+haben nun alles Geld wieder verbraucht. Wir haben alles
+versetzt. Man bekommt nur sehr wenig. Übermorgen sollen
+wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist!
+Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner
+Frau groß ins Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen,
+sind weit: &bdquo;Weib .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ich nenn sie das erste Mal so. Es
+durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem Weib ins
+Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie
+kann ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles
+ist voll. Ich stöhne: &bdquo;Ach Dorka, du hast ja das ganze
+<!-- page 056 -->
+Bett .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Sie dreht nur den Kopf: &bdquo;Ach, Hans, du
+lügst .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf:
+&bdquo;Ach Hans, mein Hans, mach mich tot!&ldquo; Und ich denke
+bei mir: soll das heißen .&nbsp;.&nbsp;. will sie etwa damit sagen .&nbsp;.&nbsp;.
+ich solle sie jetzt .&nbsp;.&nbsp;. in diesem Zustande .&nbsp;.&nbsp;.?! Ich lache
+wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut! Sie ist
+ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht
+ist ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die
+Lippen weiß. Sie bedeutet durch eine schwache Handbewegung,
+daß ich den Papierofenschirm ans Bett heranrücken
+soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen
+bildet sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides,
+und am ganzen Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung.
+Ich bin gar nicht angeekelt. Sie phantasiert. Sie
+spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar
+und eindringlich: &bdquo;Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt,
+Herr Mies, ach Herr Wurm .&nbsp;.&nbsp;. geh, Schatz sei nicht so
+fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste .&nbsp;.&nbsp;. Also, wie du willst,
+Onkel .&nbsp;.&nbsp;. Ne Flasche Feist, Frau Wöber! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und sie
+nennt einen Namen: &bdquo;Isaak&ldquo;. Ich weiß, das ist der erste
+Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: &bdquo;Lieber Gott, so
+nennt sie ihn, wo hast du mein Buberl&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Dann schreiend:
+&bdquo;Andre! Andre!&ldquo; Und mit ihren Händen wild in meine
+Haare: &bdquo;Isaak! Isaak!&ldquo; Und mich inbrünstig küssend:
+&bdquo;Liebster!&ldquo; Und weiter: &bdquo;Das andere waren ja &mdash; ach! &mdash;
+nur schlechte Gäste .&nbsp;.&nbsp;. Du bist der beste Gast .&nbsp;.&nbsp;. Doch
+nein, ach nein: du bist ja was viel anderes als ein Gast .&nbsp;.&nbsp;.
+Du bist der Wirt aller Wirte .&nbsp;.&nbsp;. Ich habe tüchtig geklaut
+für dich .&nbsp;.&nbsp;. alle geneppt .&nbsp;.&nbsp;. ich habe viel aufgespart für
+<!-- page 057 -->
+dich .&nbsp;.&nbsp;. ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten .&nbsp;.&nbsp;.
+auf dich war ich immer am meisten scharf .&nbsp;.&nbsp;. wie heiß ich
+bin! .&nbsp;.&nbsp;. auf dich .&nbsp;.&nbsp;. Ich bin krank geworden für dich .&nbsp;.&nbsp;.
+Das ich so verkommen bin .&nbsp;.&nbsp;. <i>Das Leben ist beschissen</i>
+.&nbsp;.&nbsp;. Aber, ach, du weißt ja, alle Wege gehen über das
+Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen
+.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren
+und zart umfassen will, furchtbar, entsetzlich, drohend:
+&bdquo;Laß mich! Du laß mich! Du fremder Mann .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Die
+Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen.
+Um ihre Gunst bemühen sich alle .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den
+einen, sehr sorgfältig, den geliebten Namen: &bdquo;Isaak!
+Isaak! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p><i>Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt.</i> Ich sinke in
+einen Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie
+klein, schwarz und bleich, kommt mir entgegen, sanft:
+&bdquo;mein großer Junge!&ldquo; Wie ähnlich sie Dorka wird! Warum
+Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die Dorka
+nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie
+mir. Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen.
+Ich kann es nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig.
+Und schmerzlich: &bdquo;O Dorka, daß ich dich bald vergessen
+werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos
+suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf
+der einsamen Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen
+am Himmel, im Geklimper der Schreibmaschinen, auf der
+Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen Büchern,
+<!-- page 058 -->
+im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde
+ich dir quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden
+bist! O Dorka! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt
+ist. &bdquo;Friert dich nicht, Dorka.&ldquo; Sie aber antwortet nicht
+mehr. Ich hülle sie in die Decke ein, daß sie ja nicht friert.
+&bdquo;Kann ich sie nicht erwärmen?&ldquo; Und ich denke an Elly.
+Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund.
+Doch sie bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle
+Türen zu.
+
+</p><p>Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert
+im Zimmer. Aber wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif
+der Morgensonne, der über dem Papierofenschirm liegt.
+Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen eine
+herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich
+waschen und den Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu
+der Frau Wöber ins Geschäft gehn und ihr mitteilen, daß
+Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig überdenken.
+Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals,
+als ich Andre niedergeschossen hatte und später, als ich
+fest daran glaubte, meine Frau erwürgt zu haben. Ich bin
+sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht mich
+immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig.
+Und es erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich
+an Dorkas Seite entschweben, hoch ins Licht gehoben, die
+grauen Wände weiten sich, die Nebel heben sich, die Erde
+sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen, Halleluja,
+Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor,
+von allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden
+<!-- page 059 -->
+Gloriole umgeben .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Madonna Madonna!&ldquo; und
+mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über allem waltet,
+dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im
+Halbschlummer, den jene himmlischen Wonnen selig
+durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere Vormieter
+hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der
+Zimmer. Ich träume weiter.
+
+</p><p>Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender
+Duft strömt daraus; himmlische Musik erklingt. Das Tor,
+das eherne Portal springen auf, öffnen sich. Den Dahinschreitenden
+umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der
+schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft
+glühender Rosenbeete erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich
+tief hernieder, breite Wege, rosenbestreut, leiten empor,
+stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige Glut schwüler
+Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten
+sie in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht
+von rauschenden Zweigen, reich behangen und überschwellend
+von vielgearteten Früchten, kugelrunden, spitzgestalteten
+und eierförmigen, zieht sich herab auf eine
+weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt,
+friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift,
+die glühenden Köpfe stolz erhoben, liegen im Gras,
+schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße Elefanten,
+die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen
+Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur
+Seite, silberne Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären,
+langgeschweifte Goldfüchse und graue Hunde, gelbe,
+<!-- page 060 -->
+buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die beiden
+steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und
+meine besten Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden
+Schwänzen, ein Zeichen freudiger Erregung, sie schmiegen
+zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an mein blaues, lose
+herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in
+der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen
+singender Fische ziehen hoch über uns durch die weiße
+Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert, durchschneidet mit
+scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen
+Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück &mdash; wie
+auch mir, der ich ununterbrochen jauchze oder überselig
+schweige &mdash; unfaßlich und märchenhaft, so hell, so inbrünstig
+jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der Sonne deckt
+fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft
+nieder, honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt
+in allen Farben. Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste,
+blau aufflammende Burgen, verwitterte Ruinen, paradiesische
+Gebirge, hängende Wundergärten steigen zur Rechten
+und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos,
+in alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem,
+ganz voll, gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und
+mir ist, als verstünde ich nun auch die Sprache der Wesen,
+die ja sonst dem Menschen unverständlich und verschlossen,
+das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. &bdquo;Wie
+glücklich bin ich,&ldquo; brüllt Hai, &bdquo;wie wohl ich mich fühle,&ldquo;
+entgegnet, freundlich brummend, der Kamerad. &bdquo;Meinen
+Gruß! Meinen Gruß!&ldquo; zwitschert hoch in den sich wiegenden
+und leise von einem goldenen Windstrom bewegten
+<!-- page 061 -->
+Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! &bdquo;Wo habt ihr
+das große Kind hergebracht?&ldquo; Und: &bdquo;Es geht wohl zum
+Silbersee?&ldquo; erkundigte sich eiligen Laufs die flüchtige Gazelle,
+die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den
+Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor
+glänzen, doch deren Wipfel lauter wie Gold leuchten,
+blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf einer Anhöhe angelangt,
+bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten
+schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer,
+auf einem smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein
+schönes Mädchen und flicht mit spitzen Händen die goldenen
+Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold überquillen,
+das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und
+selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender
+Sehnsucht die weißen dünnen Arme aus, sie
+schmerzhaft und voll Seufzer an die volle Brust pressend,
+streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich neigenden
+Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser
+entlang, dessen klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend.
+&mdash;
+
+</p><p class="tb">&nbsp;
+
+</p><p class="noindent">&bdquo;Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ich erwache.
+Alles ist spinnig. Man ruft. Man klopft an die Tür. Und
+ich, laut und fest: &bdquo;Gleich, Frau Naßl .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ich erhebe mich.
+Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die Augen
+zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen
+hinunter, unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich
+schon auf der Straße. Es ist sehr kühl. Es regnet .&nbsp;.&nbsp;. &bdquo;Dort
+oben ist die Höhle, in der wir gehaust haben .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und es ist
+<!-- page 062 -->
+ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße ist eine
+&bdquo;Aschen&ldquo;&mdash;Straße .&nbsp;.&nbsp;. Ich denke, die Zimmer waren bös wie
+Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt .&nbsp;.&nbsp;.
+Mir kommt es vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt.
+Ein Auto, vorübersausend, halte ich mit geschwungenen
+Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen, frage ich
+nach Dorka. Die Dorka &mdash;: &bdquo;eine Dame hellen gewürfelten
+Rocks, roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!&ldquo;
+Man schüttelt die Köpfe. &bdquo;Was stehe ich im
+Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen: in den
+Fluß, durch den See &mdash; (und bei See denke ich immer an
+Dorkas starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht .&nbsp;.&nbsp;.
+also ist es doch eingetroffen!) &mdash; durch den See, wieder
+durch den großen Fluß zum stillen Meer.&ldquo; Und wie ich so
+oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt in
+den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das
+Wasser als Dunst auf, verdichtet sich, bildet die Wolken
+und fällt wieder, dem Gesetz ewigen Kreislaufes folgend,
+als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben. &bdquo;Soll
+ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie
+Stein werden, daß die Nase hinschwindet, das Kinn.&ldquo; Ich
+trete von einem Bein auf das andere. Ich pfeife. Das tue ich
+immer aus Verlegenheit. Ein altes Kinderlied fällt mir ein.
+Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon Leute
+bemerkt haben!
+
+</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam
+über die Straße, in seinen großen schwarzen Regenmantel
+gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und plötzlich gewahre
+ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. &bdquo;Herr
+<!-- page 063 -->
+Lehrer, ich habe wirklich die Schule geschwänzt .&nbsp;.&nbsp;. Ja, ja,
+auch das hab ich .&nbsp;.&nbsp;. Ich träume immer von weißen Windeln,
+Wolkenfetzen und schwermütigen Molken .&nbsp;.&nbsp;. das alles
+auf blauem Grund .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und er: &bdquo;Gut, daß du wenigstens
+den Mut hattest, das einzugestehen .&nbsp;.&nbsp;. du weißt: das ist
+sehr gesundheitsschädlich .&nbsp;.&nbsp;. Tritt näher! .&nbsp;.&nbsp;. Müller, halt
+ihn .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und haut mir eine mit dem Stock über .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam
+über die Straße .&nbsp;.&nbsp;. Es ist aber mein Vater: &bdquo;Vater, du
+Arger, mir graut vor dir. Habe ich dich wirklich ins Grab
+gebracht? .&nbsp;.&nbsp;. Laß mich heut. Sei nicht so streng .&nbsp;.&nbsp;.
+Bitte .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an
+die Kranken, denen in purpurnen Traufen Blut von der
+Stirn tropft .&nbsp;.&nbsp;. und es verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen
+wie rote Fäden auf dem Fußboden, es bleibt an
+Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die
+Wände rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren
+süßlichen Blutgeruch.
+
+</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam
+.&nbsp;.&nbsp;. Es ist aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr
+langsam durch eine von rotem Duft erfüllte Landschaft
+einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den ununterbrochen
+große schwarze Vögel mit ungeheueren
+Schnäbeln lautschreiend ziehen. Und ich breche in die
+Kniee, stammelnd, versuchend mich zu rechtfertigen:
+&bdquo;Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du
+.&nbsp;.&nbsp;. Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan
+habe .&nbsp;.&nbsp;. Düsterweg .&nbsp;.&nbsp;. du weißt es .&nbsp;.&nbsp;. Meine dreizehnjährige
+Kusine .&nbsp;.&nbsp;. du weißt es .&nbsp;.&nbsp;. Habe ich nicht auch
+<!-- page 064 -->
+Annie Unrecht getan .&nbsp;.&nbsp;. Und die Dorka habe ich geschlagen
+.&nbsp;.&nbsp;. Und bei Elly geschlafen .&nbsp;.&nbsp;. Andre habe ich
+erschossen .&nbsp;.&nbsp;. Ich habe meine Frau erwürgt .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Das aber
+brülle ich Schaum um den Mund .&nbsp;.&nbsp;. Und ausatmend:
+&bdquo;<i>Nimm alle Schuld von mir</i> .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Ich trete wieder von einem Bein auf das andere .&nbsp;.&nbsp;. Nein,
+bei Gott, wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich
+unbedingt versichern, daß ich noch auf festen Füßen stehe,
+und trete wieder von einem Bein auf das andere. So stampfe
+ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt nach
+Luft. Ich versinke. Ich stöhne: &bdquo;Luft Luft!&ldquo; Mir schwindelt.
+Ich werfe die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber
+ich bin wie an Armen und Beinen gefesselt. Doch ich stehe
+wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich plötzlich,
+und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß
+ich den rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den
+lieben Gott gesehen habe, muß wohl auch ein Irrtum gewesen
+sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt an den
+Dächern. &bdquo;Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein?
+Man weiß das ja nie so genau.&ldquo; Mein Kopf schlägt knallend
+auf das Pflaster. Ich zucke zusammen, auseinander schnelle
+ich, die Hände gekreuzt, die Arme gerungen, die Beine empor,
+doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich
+fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein
+dumpfer Druck. Als sei ein Meer über mich hinweggeschritten.
+Alle Einzelheiten habe ich vergessen. Josef kommt
+auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt,
+sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht.
+&bdquo;Guten Morgen, Hans, ich suche dich schon lang, du stehst
+<!-- page 065 -->
+scheinbar schon lang hier. Du bist ganz durchnäßt!&ldquo; Das
+alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und
+ich: &bdquo;Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein
+Engel zu sein, also führen Sie mich zu Gott.&ldquo; Er nimmt
+mich unter den Arm. Ich folge ihm willenlos. Wir gelangen
+zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu Gott.
+Und er kurz: &bdquo;In zehn Minuten geht unser Zug nach
+Berlin.&ldquo;
+
+</p><p>Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe
+so Angst. Ich bin ganz eingeschüchtert. &bdquo;Ich fahre zu
+Gott.&ldquo; Josef schaut mich fest an. Ich presse mich dicht an
+ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird
+mir plötzlich wieder alles bewußt. &bdquo;Das ist kein Engel.&ldquo;
+Und aufkreischend: &bdquo;Josef! Josef!&ldquo;. So muß doch alles
+ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse bleibt wahr.
+Und ausbrechend: &bdquo;Ich kann, nein, ich kann diese Stadt
+nicht verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du
+bist die Stadt von roten Meeren ganz verschwemmt, krank
+und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot du bist.&ldquo; Und
+aufgelöst, in Tränen: &bdquo;Überall ist dein Name im Flattern
+grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz
+der Alleen, in allen meinen Bewegungen: Dorka! An allen
+Haltestellen stehst du, an allen Straßenecken wartest du,
+du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine Heimkehr
+in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg,
+das einsame Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist
+du und Eislaufbahn, Militärmusik, glitzernde Abendpromenade
+und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst empor,
+du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles
+<!-- page 066 -->
+bedeckst du. <i>Du tauchst des Nachts empor hinter den
+grauen einförmigen Mauern der Kasernen, über den blitzenden
+Kuppen der Paläste stehst du, hinter den fernsten Gebirgen
+erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen, Kirchturmspitzen
+thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du
+hockst, du schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der
+Sonne, mit den Sternen fliegst du. Dein Mantel sind die
+Wolken, der Aether dein Leib.</i>&ldquo;
+
+</p><p>Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab:
+&bdquo;Sie hat Andre geliebt, sie hat Düsterweg geliebt, sie hat
+Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm geliebt, Bruno
+Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat
+sie geliebt, sie hat alle geliebt.&ldquo;
+
+</p><p>Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie
+ist schuldlos, sie ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind!
+Und ich sehe mich mit zwei Gesichtern, das eine halb verwest,
+das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir, &bdquo;ich fahre
+doch zu Gott&ldquo;. Und: &bdquo;Ich war ein Büßer&ldquo;. Ich fühle mich
+ganz voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf.
+Oh, geschähe es! Etwas reißt in mir, und es ist so schmerzlich,
+daß es nicht zerreißt. Das tut furchtbar weh. Wir
+entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind:
+&bdquo;Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.&ldquo; Und
+sie schlägt immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende
+Revolution. Sie kreist in meinem Blut.
+
+</p><p>Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu,
+obwohl ich wache, denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar,
+versendet einen magischen Glanz, der stark blendet.
+Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich aufgelöst
+<!-- page 067 -->
+stammle ich: &bdquo;Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!&ldquo; und
+ich erinnere mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt.
+
+</p><p>Und ausbrechend: &bdquo;Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht.
+Kanonen am Weg. Brust, Bauch, Hirn durchschossen.
+Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen zerwühlt. Geheul
+der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte
+Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch
+der Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was
+will man mehr?! <i>Aber ich werde wiederkommen, die Augen
+klar, die Muskeln Stahl, die Brust ein Panzer, der Körper
+gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen gewachsen,
+die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein
+fabelhaftes, ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester.</i>
+Ich werde sechsfacher Träger euerer Nobelpreise
+sein. Sätze werde ich bauen, unendlich kompliziert, rasend
+gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im brausenden
+Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen.
+(O Scigo: Primas: Tönemäher!) &mdash;: euch alle berauschend.
+Ich werde glänzende politische Reden halten. Meine Plakate,
+grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten
+aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten
+Aeroplan, das phänomenalste Auto werde ich ausdenken.
+Diplomatisieren. Splendide Verträge abschließen,
+Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich entdecken,
+den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit
+alter Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt,
+werden zu Millionen sprechen, werden Millionen
+bewegen. Negerstämme, Fieber, tuberkulöse-venerische Epidemien,
+intellektuelle-psychische Defekte werde ich bekämpfen,
+<!-- page 068 -->
+bezwingen. Die große physische Abstinenz werde
+ich euch lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des
+enorm sublimierten Geschlechts.&ldquo;
+
+</p><p>Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist
+voller Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln
+vorbei, auf denen Windmühlen stehn, deren Flügel sich
+rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht davon aus. Das erfrischt.
+Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt.
+Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein
+blonder Knabe holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen
+plätschert in einem Weiher, der leicht vom Wind bewegt
+ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein Weib
+sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht,
+dunkel wie ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine
+Frauenstimme, sehr dünn, erhebt sich, schwillt an zu einem
+klaren Gesang.
+<!-- page 069 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der Dragoner</h2><p>
+<!-- page 071 -->
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>or ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weißer Spitz.
+
+</p><p>Der hieß Kony.
+
+</p><p>Sie hieß Beate.
+
+</p><p>Und Beate bewegte sich prustend, unermüdlich den
+Mauern der Infanteriekaserne entlang. (.&nbsp;.&nbsp;. vom &bdquo;General
+Finkenkeller&ldquo; bis &bdquo;Zu unserem lieben Kronprinz&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;.) Hier
+standen sie, Wally und Mizzl, und um sie herum ein Haufen
+Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus der
+Masse losbröckelten. Die übrigen trollten sich schreiend
+weiter.
+
+</p><p>Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes
+Flußbett. Trotzdem es Samstag war. &mdash;
+
+</p><p>Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim &bdquo;Zu
+unserem lieben Kronprinz&ldquo;, und um sie herum ein Haufen
+Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis zwei aus der Masse losbröckelten.
+
+</p><p>Die Laternen wurden gelöscht. Die einzige Helligkeit
+verbreiteten Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der
+wie ein Licht vor Beate herlief. Und das Dunkel stürzte
+sich wie ein böses Raubtier, plötzlich, laut gähnend, offenen
+Rachens über den &bdquo;General Finkenkeller&ldquo; und &bdquo;Zu unserem
+lieben Kronprinz&ldquo; und fraß die. Das polterte, tobte, schrie,
+flackerte rot und feucht, hier einige Male, dort einige Male,
+dann war auf einmal Schluß.
+
+</p><p>Da mußte Beate heiß an ihren Kony denken. Der war
+Athlet. Drei Preise hatte er errungen, zwei zweite, einen
+ersten, Eichenkränze, ganz grün, mit schwarz-weißen
+Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie &bdquo;Hoch!&ldquo;
+und laut &bdquo;Hurra!&ldquo;, und die Musik blies furchtbar, als der
+<!-- page 072 -->
+Vorstand der &bdquo;Stämmigen Brüder&ldquo;, der Gerichtssekretär
+Huber (der graue, der mit dem Bismarck auf dem Bauch! )
+sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot vor
+Freude, sein großer aufgedrehter Schnurrbart glänzte. Und
+er betrank sich diesen Abend, den Siegeskranz um das
+Haupt.
+
+</p><p>Und sie entsann sich, wie ihm jene glänzende Medaille
+angesteckt ward (&mdash; und das war auf der Siegesfeier des
+&bdquo;Freideutschen Stemmklubs von 1893&ldquo; &mdash;) und sie ihm
+der Schiller, der Oberbaurat Schiller, höchst eigenhändig
+auf die Brust heftete. Und alles schrie &bdquo;Hoch!&ldquo; und laut
+&bdquo;Hurra!&ldquo;
+
+</p><p>Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude
+ganz rot, aufgedrehten, glänzenden Schnurrbarts, kam an
+ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er tätschelte ihr (&mdash; die
+Medaille auf der Brust! &mdash;) auf den Hintern.
+
+</p><p>Und sie lächelte. Ihr Spitz hieß Kony.
+
+</p><p>Der schnupperte.
+
+</p><p>Beim &bdquo;General Finkenkeller&ldquo; aber stand stramm, hochaufgerichtet
+ein Soldat, ein Riesenkerl. Der stieß den
+langen Schleppsäbel immer eigensinnig klirrend auf das
+Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Plötzlich
+war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der
+kalt war und eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der
+Spitz, lief ganz unbeirrt den beiden wie ein Licht voran,
+doch immer, wenn der Säbel klirrend ins Pflaster fuhr,
+ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor.
+
+</p><p>Es war ein Dragoner.
+
+</p><p>Und beim &bdquo;Zu unserem lieben Kronprinz&ldquo; standen sie,
+<!-- page 073 -->
+Wally und Mizzl, zum drittenmal, und um sie herum ein
+Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Und sie stiegen daher,
+Arm in Arm, die Beate heiß, unermüdlich, prustend,
+gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere
+Zigarre mitten ins Gesicht gesteckt, glänzenden, aufgedrehten
+Schnurrbarts, von Rauchwolken umhüllt. Und
+Wally: &bdquo;Nacht, Beate .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Doch die Mizzl: &bdquo;Nacht, Frau Major .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Und die Beate ganz glücklich bei sich: &bdquo;So ghört sichs.&ldquo;
+
+</p><p>Doch da bemerkte sie plötzlich, daß sich Kony, der Spitz,
+und der Dragoner verwundert anschauten. Die beiden blinzelten
+einander vertraulichst zu und der Dragoner sagte
+dem Kony etwas ins Ohr. Die beiden hatten scheinbar etwas
+miteinander. <i>Und der Kony lachte wie ein Mensch, antwortete
+und nickte.</i>
+
+</p><p>Da brach die Masse der Lärm-Infanteristen in schallendes
+Gelächter aus: &bdquo;Nacht, Frau Major! .&nbsp;.&nbsp;. Nacht, Frau
+Major! .&nbsp;.&nbsp;. Nacht, Frau Major! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Aber standen dabei
+gar nicht stramm und das empörte sie. &mdash;
+
+</p><p>Sie zündete das Licht an.
+
+</p><p>Sie betrachtete ihren Dragoner lange. Der aber sah sich
+sehr genau in ihrem Zimmer um. Er war wirklich ungeheuer
+und ganz gelb. Und die Beate fragte sich, an wen
+erinnert mich der nur. Und sie mußte sofort an das Café
+Krenkel in der Madenstraße denken. Das war auch ganz
+gelb. Gelbe Vorhänge, gelbes Licht, und die Musik war
+gelb. Und sie entsann sich, daß sie dort den letzten Samstag
+auf einen kleinen runden Marmortisch gestiegen war,
+(&mdash; auch die Wally und die Mizzl waren dabei! &mdash;) den
+<!-- page 074 -->
+Fuß in den Aschenbecher setzte .&nbsp;.&nbsp;. schrie, das seien Steigbügel
+.&nbsp;.&nbsp;. und gleich davonreiten wollte, &mdash; wohin, das
+wußte sie selber nicht, durch die Luft! Ach, sie war ja so
+oft schon dort betrunken. Und sann weiter nach: Man
+hatte sie ja dort auch schon so oft hinausgeschmissen. Doch
+plötzlich auffahrend, ganz unvermittelt: &bdquo;Mein Eisschrank
+.&nbsp;.&nbsp;. und Wachs .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Nur der glänzende aufgedrehte Schnurrbart, das rote Gesicht,
+die ungeheuere, immer noch glimmende Zigarre
+mitten drin, die waren ja ganz lebendig. Und sie bemerkte
+auch, daß er große und sehr feuchte Hände hatte. Und sie
+dachte sehr versonnen, mechanisch weiter: &bdquo;Wasser ist genug
+da, die zu waschen, auch Sandseife .&nbsp;.&nbsp;. auch ein großes
+frisches Handtuch ist da .&nbsp;.&nbsp;. <i>er kann sie darnach daran abtrocknen</i>
+.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Er schnallte den Säbel ab, der sehr groß war. Viel größer
+als die Seitengewehre der windigen Infanteristen, stellte sie
+zufrieden fest. &bdquo;Die Schmierer, die schiachen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Aber er sprach auch so gar nichts.
+
+</p><p>Was tat er denn? Hatte er sich nicht bei ihr einfach
+eingeschmuggelt? Kümmerte er sich denn überhaupt
+um sie?
+
+</p><p>Und unermeßlich erdehnte er sich plötzlich, ragte durch
+die Decke, die blitzende Helmspitze hartnäckig in den tiefblauen
+Nachthimmel bohrend. Das flimmerte. Es tropfte.
+Ein dichter Goldregen stieb prasselnd nieder. Und der
+Säbel, plötzlich ein endloses Seil, an dem die Erde schwebte,
+das Himmel und Erde verband .&nbsp;.&nbsp;. und plötzlich ein eiskalter
+Wasserstrahl, der jäh niederfuhr, mitten durch, ein Blitz.
+<!-- page 075 -->
+
+</p><p>Sie bat: &bdquo;Geh, Schatz, leg deinen Helm ab!&ldquo; Und sie
+dachte plötzlich wieder heiß an Kony, ihren Athleten. Der
+wollte sie einmal erstechen. Im Rausch .&nbsp;.&nbsp;. Und sie flüsterte
+selig, emporschauend: &bdquo;Kony!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. Und da hing er an der
+Wand, ein photographisches Brustbild mit Medaille und
+Eichenkranz, die Arme nach hinten verschränkt, aufgedrehten
+Schnurrbarts, von Postkarten, Fächern, Tanzschleifen
+umgeben: Kony.
+
+</p><p>Da knurrte der Spitz.
+
+</p><p>Und da erinnerte sich die Beate: auch der ist also
+noch da.
+
+</p><p><i>Und stand hilflos zwischen dem gelben Dragoner, dem
+Spitz und dem photographischen Brustbild.</i>
+
+</p><p>Und sie steckte dem gelben Dragoner eine Blume ins
+Knopfloch, wie es damals Schiller, der Oberbaurat Schiller,
+getan, und band ihm eine grüne Samtschleife um den Kopf
+und drückte sie ihm sorgfältig zurecht, wie seinerzeit der
+Huber, der Gerichtssekretär Huber auf dem Fest der &bdquo;Stämmigen
+Brüder&ldquo;. Da der Dragoner wehrte, bat sie. Und endlich,
+unsinnig lachend: &bdquo;Nun kannst du dich wieder besaufen,
+Kony .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Ja! Hatte er nicht eine glänzende Medaille
+im Knopfloch, schmückte sein Haupt nicht ein
+Eichenkranz, ganz grün?! .&nbsp;.&nbsp;. Und er kam an den Tisch,
+setzte sich zu ihr und tätschelte ihr auf den Hintern. Und
+irgendwer schrie: &bdquo;Hoch!&ldquo; und laut &bdquo;Hurra!&ldquo; Und eine
+Musik blies irgendwo furchtbar.
+
+</p><p>Und die Beate (das war ja zu närrisch!) &mdash;: sie lachte
+unsinnig.
+
+</p><p>Sie brachte Bier in Flaschen. Das trank er.
+<!-- page 076 -->
+
+</p><p>Aber sein Aussehen änderte sich, denn als er aus dem
+Schatten nach vorn plötzlich unter das Licht trat, sah sie,
+er war blau, blau sein Gesicht, ganz blau. Doch als er wieder
+sich schwankend nach rückwärts verzog, sah sie: er war
+grün, grün sein Gesicht, ganz grün. Doch als er bald darauf
+wieder rülpsend hervorkam, sah sie, er war wieder gelb geworden,
+ja wieder ganz gelb. Sein Gesicht, die Hände rot,
+und der aufgedrehte Schnurrbart glänzte.
+
+</p><p>Auch sang er wieder und kommandierte laut. &bdquo;Ich hab
+es mir ja gleich gedacht, daß du schon wieder besoffen
+bist .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Kony knurrte.
+
+</p><p>Der Dragoner blickte ihn nur an. Da schwieg er. Die
+beiden verstanden sich scheinbar gut.
+
+</p><p>Da aber Kony plötzlich laut aufbellte, fuhr der gelbe
+Dragoner mit seinem langen Säbel nach ihm. Da wand
+er sich sogleich verröchelnd.
+
+</p><p>Da die Beate laut aufheulte, warf er sie nieder. Sie
+kreischte auf. Er aber setzte den Fuß auf ihre Brust. Da
+schwieg sie.
+
+</p><p>Sie lag auf dem Rücken. Versuchte wieder hochzukommen.
+Wälzte sich, krümmte sich. Sie konnte nicht.
+
+</p><p>Er nahm die Schlüssel an sich. Die Handtasche öffnete
+er. Zählte: drei Mark und fünfzig .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Sie versuchte sich am Bett hochzuziehen. Los riß er sie,
+hob sie empor, unendlich hoch empor und mit beiden
+Armen niederschleuderte er sie. Er schmetterte sie alle
+Stockwerke durch. Daß sie tief vergraben in der Erde stak.
+Den Körper voll Splitter. Sie wimmerte.
+<!-- page 077 -->
+
+</p><p>Da kommandierte er laut: &bdquo;Achtung!&ldquo; und zog den
+Säbel.
+
+</p><p>Sie dachte wieder an Kony.
+
+</p><p>Ja &mdash;: da stand er, die Medaille auf der Brust, den Eichenkranz
+ums Haupt, ein wenig in die Stirn gerutscht, ganz
+grün. Der aufgedrehte Schnurrbart glänzte .&nbsp;.&nbsp;. und jemand
+schrie &bdquo;Hoch!&ldquo; und laut &bdquo;Hurra!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. und eine Musik blies
+furchtbar. Sie lachte unsinnig.
+
+</p><p>Und wieder: &bdquo;Achtung!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. und er war ganz gelb .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Sie lachte unsinnig. &bdquo;Wie närrisch!&ldquo;
+
+</p><p>Doch plötzlich flehentlich: &bdquo;Herr Schmetterling! Herr
+Schmetterling!&ldquo;
+
+</p><p>Der aber lachte wild auf.
+
+</p><p>Sie erstarrte. Ward zur Puppe. Haftete. Zerbrochen. In
+die Knie geknickt. Schon vorher durchbohrt. Und weit
+zum Stoß ausholend: &bdquo;Achtung! Liebste! Achtung!&ldquo;
+
+</p><p>Und er stieß zu, aber nur ein ganz klein wenig, zog
+wieder zurück, zielte, prüfte. Er spielte mit ihr.
+
+</p><p>Beate prustete, arbeitete mit Händen und Füßen, unermüdlich.
+Umschlang zärtlich den Stahl. Zerrte. Als wollte
+sie: &bdquo;O, gellten alle Himmel der Welt jetzt! .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; Und
+laut: &bdquo;Zu Hilfe, Frau Wadenklee! Zu Hilfe!&ldquo; Ihre Hände
+bluteten.
+
+</p><p>Doch &mdash;: sie <i>stand!</i>
+
+</p><p>Und jubelnd ihm entgegen: &bdquo;O, dich kenn ich .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Und er: &bdquo;Kröte! .&nbsp;.&nbsp;. Verfluchtes!&ldquo;
+
+</p><p>Und stieß durch.
+<!-- page 079 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-4">Kindheit</h2><p>
+
+</p>
+<p class="subheading">Heinrich Franz Bachmair dankbar
+<!-- page 081 -->
+
+</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>urt war von Frau Schaa eingeladen worden, er
+schüttelte Äpfel von den Bäumen, las sie auf und sammelte
+sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug, das darnach
+roch.
+
+</p><p>Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte
+ein langes, dünnes Kleid an, das die untergehende Sonne
+blutig durchfuhr.
+
+</p><p>Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche
+aus und hüstelte.
+
+</p><p>Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten
+Schal auf und führte Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm
+eine Rose ab und steckte sie ihm langsam ins Knopfloch.
+
+</p><p>Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens
+und wuschen die Rettiche.
+
+</p><p>Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher
+Vogt, wie es bei Schaas gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte
+gerade an Frau Schaa gedacht .&nbsp;.&nbsp;. und er bemerkte die
+Mutter, die, über den Suppenteller gebückt, hineinschluchzte.
+Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt,
+und schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte.
+Ein weißer, fast plastischer Streifen, zog sich über die
+Wange der Mutter &mdash;: ein Striemen. Dahin hat er sie also
+getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt sich
+selbst .&nbsp;.&nbsp;. und das ganze Gesicht ist angeschwollen und blutunterlaufen,
+auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren,
+roten Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt.
+Er widersprach dem Vater trotzig:
+
+</p><p>&bdquo;Laß mich!&ldquo;
+
+</p><p>Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller.
+<!-- page 082 -->
+
+</p><p>Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den
+Haaren, würgte ihn, riß ihn zu Boden und trat ihn mit
+dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich auf,
+schreiend &mdash;: er wurde niedergeschlagen. <i>Das nahm kein
+Ende für ihn.</i>
+
+</p><p>Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie
+auf die Straße hinunter.
+
+</p><p>Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter
+kam aus ihrem Verschlag hervorgekrochen, blieb in der
+Mitte des Zimmers stehen und setzte sich zitternd
+unter sie.
+
+</p><p>Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er
+wollte sich rächen.
+
+</p><p>Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher
+zum Tarock ab.
+
+</p><p>Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte
+Klavier, bis es zweimal läutete und Frau Schaa kam.
+
+</p><p>Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch
+und bat weich:
+
+</p><p>&bdquo;Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen),
+spiel was! Bei der Musik fang ich immer zu phantasieren
+an .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe
+herauf. Er war besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten,
+er drohte ihnen, er verurteilte sie zum Tode.
+
+</p><p>Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er
+nicht die Mütze der Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche
+man ihm, widerspreche man dem Gesetz, der
+<!-- page 083 -->
+Verfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem
+Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln?
+.&nbsp;.&nbsp;. Unantastbare Macht .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete
+sich und fand den Vater ungeheuerlich.
+
+</p><p>Dumpfe Schläge.
+
+</p><p>Die Mutter wimmerte .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa
+winselte: ob seine Frau nicht dagewesen sei, da sei .&nbsp;.&nbsp;. man
+nicht wisse .&nbsp;.&nbsp;.?
+
+</p><p>Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. &mdash;
+
+</p><p>Der Gerichtsvollzieher verreiste auf längere Zeit dienstlich.
+Kurt schlief im Bett des Vaters neben der Mutter. Er
+ging vor ihr ins Bett, konnte aber nie einschlafen. Sie kam,
+und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich einmal
+nachts über die Schlafende, die Haare ringelten wie
+schwarze Wellen um das weiße Milchgesicht, die aufgesprungenen
+Lippen waren halb geöffnet.
+
+</p><p>Er flüsterte.
+
+</p><p>Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und
+sagte:
+
+</p><p>&bdquo;Laß mich, Liebling! .&nbsp;.&nbsp;. Schlaf!&ldquo;
+
+</p><p>Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann
+fort war. Sie lag im Fenster und sah die Straße hinab. Sie
+stopfte fleißig Socken, flickte die zerrissenen Hemden des
+Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzüge aus.
+
+</p><p><i>Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmäßig
+jeden zweiten Tag, kamen.</i>
+
+</p><p>Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzte
+<!-- page 084 -->
+ihn groß an. Herr Vogt aber schmiß seinen Sohn zum Bett
+hinaus, fluchend. Er war wieder betrunken und sah aus wie
+ein Strolch.
+
+</p><p>Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er
+auch sie.
+
+</p><p>Sie heulte.
+
+</p><p>Die Großmutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag
+hervorgekrochen.
+
+</p><p>Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und küßte
+sie. Die bärtigen Wangen rollten dicke Tränen herab, die,
+wie Perlen gereiht, an seinem strohigen Schnurrbart hängen
+blieben.
+
+</p><p>Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der
+Eltern mit dem Küchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er
+wollte sie beide töten.
+
+</p><p>Die Großmutter stöhnte aus ihrem Verschlag heraus .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen.
+
+</p><p>Frau Schaa erzählte, sie fahre noch diese Woche auf zwei
+Monate nach Rußland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle?
+
+</p><p>Der Photograph knurrte.
+
+</p><p>Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie
+nahm Kurts Kopf in ihre große, rauhe Hand, zog ihn an
+die Brust und liebkoste ihn.
+
+</p><p>Herr Schaa holte sein Tesching und schoß nach Spatzen.
+
+</p><p>Frau Schaa herzte ihre Katze.
+
+</p><p>Herr Schaa zischelte.
+
+</p><p>Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hände gegen
+den Photographen, der bleich an der Gartentür hing.
+
+</p><p>Herr Schaa zerbröckelte.
+<!-- page 085 -->
+
+</p><p>Der Tesching lag geladen vor ihm.
+
+</p><p>Herr Schaa grub Rettiche aus.
+
+</p><p>Bussi, die Katze, huschte über den Zaun. Kurt zuckte
+nach der Büchse.
+
+</p><p>Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die
+Büchse auf und schoß. Er fehlte. Kurt atmete erleichtert
+auf. Bussi erschien auf der anderen Seite des Gartens. Kurt
+griff und drückte ab.
+
+</p><p>Bussi sprang ein wenig vor, überpurzelte sich und schlug
+den nassen Boden lang .&nbsp;.&nbsp;. wälzte sich, die grünen Augen
+trieben lang, gewaltsam heraus, die fleckige Zunge stach
+spitz vor .&nbsp;.&nbsp;. der weiße Bauch öffnete sich .&nbsp;.&nbsp;. Kurt aber
+schaute nach Ange um (so hieß Frau Schaa beim Vornamen).
+
+</p><p>Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte
+sie sich ab.
+
+</p><p>Der Photograph hüstelte und drehte das Tier mit dem
+Fuße um.
+
+</p><p>Kurt schämte sich.
+
+.&nbsp;.&nbsp;. Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen
+Horizont.
+
+</p><p>Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht.
+
+</p><p>Streng und gemessen schritt draußen Herr Nebukadnezar
+vorüber, der Oberlehrer.
+
+</p><p>Kurt nahm von Frau Schaa Abschied.
+
+</p><p>Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim
+Photographen, der betrübt im kleinen Haus saß. Frau Schaa
+war fort.
+
+</p><p>Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht.
+<!-- page 086 -->
+Kurt überlegte ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen.
+Er bemerkte den Striemen über der rechten Wange seiner
+Mutter und glaubte, er müsse noch verweilen. Sie versetzte
+ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der
+Nacht, da er neben ihr schlief .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park
+lag er. Er dachte an die Schaa, und daß es süß sein müsse,
+von ihr geschlagen zu werden. Er sehnte sich nach ihr.
+Menschen hingen über den Bänken: schlapp, den Hut im
+Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote.
+
+</p><p>Er träumte einen Vogel, der sich aus einem Moortümpel
+aufhob. Der flog vor ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte
+unbekannte Morgen- und Abendländer. Der Vogel aber
+schwebte über ihm, des Nachts als Feuerschein oder
+Stern, des Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne
+ertrinkend.
+
+</p><p>Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch
+litt er Durst. Auf glühenden Wiesen lagen Früchte bereit,
+in den Wäldern rauschten Milchquellen.
+
+</p><p>Er verträumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten,
+er war nicht dabei.
+
+</p><p>Plötzlich aber stürzte er sich, von ferne aufgeschreckt,
+mitten unter sie.
+
+</p><p>Er hetzte durch die Nacht, bis er ermüdet zusammenbrach.
+
+</p><p>Er wußte, daß die Großmutter Geld besaß, ein wenig
+nur, doch schlecht aufbewahrt, aus ihrer Rente.
+
+</p><p>Die Großmutter saß in ihrem Verschlag.
+
+</p><p>Er gedachte der Schaa.
+<!-- page 087 -->
+
+</p><p>&bdquo;.&nbsp;.&nbsp;. Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den
+Kopf einschlagen, oder nicht an den Hals springen .&nbsp;.&nbsp;. denn
+wie dünn der Hals ist .&nbsp;.&nbsp;. splitternd .&nbsp;.&nbsp;. wie Holz .&nbsp;.&nbsp;. nicht
+niederwerfen .&nbsp;.&nbsp;. gleich mit einem Hieb den Schädel entzwei
+.&nbsp;.&nbsp;. den Schrank auf .&nbsp;.&nbsp;. und dann &mdash;: o dies Glänzen!
+.&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>(.&nbsp;.&nbsp;. <i>Und sie nickte ihm zu</i> .&nbsp;.&nbsp;.)
+
+</p><p>Das Küchenbeil zwischen den Zähnen, kroch er vorwärts.
+Nur noch einen Sprung von ihr &mdash;: die verschrumpften
+Lippen zuckten.
+
+</p><p>Man hörte aber nichts.
+
+</p><p>Die Hakennase bog sich lang herab.
+
+</p><p>Die Großmutter war weiß. Sie schlug mit den beiden
+Armen wie zu einem Flug.
+
+</p><p>Die Wangen, eingefallen, grünlich und gelb, begannen
+rosen zu werden.
+
+</p><p>Das Beil entglitt ihm.
+
+</p><p>Er quälte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern
+umher. Auch Räuberromane las er.
+
+</p><p>Plötzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der
+Straße an seine Schaa. Daß er sie beinahe vergessen hatte,
+schmerzte ihn. Er machte sich Vorwürfe darüber <i>und strafte
+sich selbst, indem er sich &bdquo;Hund! Hund!&ldquo; schalt.</i>
+
+</p><p>Er wollte ihr schreiben.
+
+</p><p>Eine kleine weißglühende Kugel sprang auf. Sie begann
+zu erklingen in einem molkigen Luftgemisch. Sie sauste.
+Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die Nasenflügel blähten
+sich. Schleim und Tränen rannen. Ein tiefer Schlaf folgte.
+
+</p><p>Er erbrach mit dem Küchenbeil den väterlichen Schreibtisch,
+<!-- page 088 -->
+der stöhnte und sich wand. Er demolierte ihn
+gänzlich.
+
+</p><p>Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los.
+
+</p><p>Er fuhr mit einem Zug.
+
+</p><p>Er durcheilte die nächste Stadt. Was er suche, wußte
+er nicht, nur, daß es unbeschreiblich schön sei. Er lebte
+in Märchen. Er dachte die Schaa. Es peitschte ihn, es jagte
+ihn dahin. Durch die brüllenden Lüfte sauste es. Es gewitterte.
+Der Rücken, das Gesicht schälten sich, Hagelstacheln
+trieben ein. Haut hing in Fetzen .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Ein grüner Himmel rollte sich.
+
+</p><p><i>Das schmutzige Gesicht erglänzte:</i>
+
+</p><p>&bdquo;<i>Ihr nach!</i>&ldquo;
+
+</p><p>Verdorrte Gelände durchzitterte er, sonneversengt.
+
+</p><p>Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft über die
+gewölbte Fläche eines Silbersees, unberührt durchzog er
+einen gelben Strom, die Wellen, sie wichen vor ihm zurück.
+
+</p><p>Ein Schatten rang sich vor die Sonne.
+
+</p><p>Der Vater.
+
+</p><p>Kurt entsetzte sich.
+
+</p><p>Glühender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte
+Blasen, auf, Städte zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen,
+Prozessionen schwankten durch die Luft. Ebenen überschlugen
+sich.
+
+</p><p>Der Himmel töste.
+
+</p><p>Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette
+dampften. Violett explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt.
+
+</p><p>Der große Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrümmerte
+Hügel hinab, surrend.
+<!-- page 089 -->
+
+</p><p>Jahreszeiten wechselten.
+
+</p><p><i>Eine Stadt schob sich mit grauen Häuserquadraten vor,
+massiv und gewaltig, von Straßen bösen Gesichts und
+dünner Herbstleute, wie Gespenster, zerschachtet.</i> Ein
+Milchwagen rasselte. Cafés schäumten. Er schwamm an zerrissenen
+Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der
+Atem von Schläfern sang.
+
+</p><p>Klaviere jammerten.
+
+</p><p>Er übernachtete in Schlafstellen. Fäulnis. Wanzenbruten.
+Mütter gebärten kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von
+Leibern wippten. Betrunkene torkelten. Idioten blökten.
+Selbstmörder wankten.
+
+</p><p>Es fiel von ihm ab.
+
+</p><p>Eine Alte saß unter ihnen, schlug Karten und prophezeite
+aus den Handlinien.
+
+</p><p>Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten Äpfeln. Kurt
+erschrak darüber. Schwester Anna mit weißer Spitzhaube
+und kleinem Wachsgesicht brachte die grüne Breisuppe im
+braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten geschleudert,
+wurde zerstückt. Wärter Johann erzählte Schnurren.
+Gewaltig und dickbäuchig schritt der Herr Geheimrat.
+
+</p><p>Halbwüchsige Burschen schleppten ihn in ein Varieté.
+Musik platschte. Eine Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein
+Mädchen tanzte, zog sich zurück, und die Wände vertieften
+sich, die Decke barst, es wurde nachtblau.
+
+</p><p>Ein Pockennarbiger stieß ihn an. Kurt verstand nicht
+gleich, er gab sein letztes Geld.
+
+</p><p>Es ergriff ihn: <i>noch heute werde ich sie wiedersehen</i>,
+und er verabschiedete sich höflichst von allen.
+<!-- page 090 -->
+
+</p><p>Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen,
+Schleichtritten, Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der
+Kühe in den Ställen und dem Anschlag der Wachthunde.
+
+</p><p>Gärten.
+
+</p><p>Eine Böschung hinab: der Schlangenstrom und magischer
+Kugelmond hinter Krüppelweiden im Nebel hoch.
+
+</p><p>Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes
+Wollhemd und hatte Haare auf der Brust. Er dünstet stark
+aus. Er legt eine welke Holzhand Kurt auf.
+
+</p><p>Kurt schrie.
+
+</p><p>Er wollte sich wehren .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an.
+<!-- page 091 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der Idiot</h2><p>
+<!-- page 093 -->
+
+</p><p class="first">(.&nbsp;.&nbsp;. Er aber kroch immer mehr in sie .&nbsp;.&nbsp;.)
+
+</p><p>Als er sie zum erstenmal erblickte &mdash; das war mitten am
+hitzigen Tag auf der Friedrichstraße .&nbsp;.&nbsp;. doch er erhaschte
+flüchtigen Blicks nur ein helles Rauschkleid &mdash;, da
+schlugen weiße Blütenwälder auf, bedeckten ihn.
+
+</p><p>Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen:
+&bdquo;Oha!&ldquo;
+
+</p><p>Er aber sann: &bdquo;.&nbsp;.&nbsp;. und so wirken sie aufs Ganze auch im
+geringsten. In jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflächen
+bedecken Kontinente, und glühen ihre Augenmulden,
+jubeln getröstet alle Armen auf. Doch heulet trunken ihr
+Mund, endloser Trichter, zerreißen Schallwellen Damm, Gebäude.
+Deren Tränen rühren schmerzlich unerkannte Himmel,
+deren Lächeln aber streichet, Kühlwind, lindernd über
+erstarrte Falten auf verhärmten Kindgesichtern, in allerfernsten
+Träumen. Doch nur Fäuste erhoben &mdash;: und ihr
+seid Zeuger geworden tumultuöser Gewitter .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Das zweitemal traf er sie &mdash; acht Tage hernach &mdash; am
+Abend des Kaiserjubiläums. Fahnen brausten hoch über
+dem Platzgewimmel. Plötzlich explodierte alles. Militärmusik,
+Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der immer
+schrie &bdquo;Hoch! Hoch!&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. und der K. Akademieprofessor
+Crispin Adolf Ritter von Beermann, erhöht, auf birkenlaubumwundenem
+Podium, der reckte beschwörend &mdash; goldblond
+&mdash; Hand und Zylinder, doch Maximilian Stössinger,
+Dirigent der vereinigten Militärkapellen, dick auf dickem
+Tanzschimmel den Taktstock .&nbsp;.&nbsp;. und hinter dem mittleren
+Fenster ersten Stocks (samtroter Teppich fiel über, streckte
+sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus .&nbsp;.&nbsp;.) ward sehr
+<!-- page 094 -->
+deutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste
+und sank.
+
+</p><p>Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen über dem Platzgewimmel,
+im Flackerschein entsteigender Pechflammen,
+im Gedröhn der musikalischen Explosionen, den Kopf
+nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war sehr
+groß, überragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie
+trug auch einen Hut mit einer großen, sehr grünen Pleureuse,
+die wippte unausgesetzt und zuckte immer sehr nervös,
+wenn der eine &bdquo;Hoch! Hoch!&ldquo; schrie. Das brachte die
+Lüfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten.
+
+</p><p>Er dachte an die Wäsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen,
+die weiße, bogenförmig ausgeschnittene Wand, die
+einst auf grüner Wiese steckte. Der Wind bauschte sie. Es
+knallte. Und weiter: &bdquo;Wie schön, sich in der Hängematte
+wiegen, schwingen! .&nbsp;.&nbsp;. Die Schaukel .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Da krümmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern
+im Garten einer Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden,
+der sich im Rausch mit dem Hirschfänger den
+Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus
+dem Sinn. Dann aber überkamen ihn wieder geräuschvolle
+Riesenbrände und Revolutionen. Es rauschte kühl, wehte
+grün. Doch als die Menschenmasse polternd und heulend
+die Straßenschächte hinabrann, versank auch sie, gefolgt
+von einem glitzernden Sternlein, das klirrend &mdash; ihr nach!
+&mdash; unterging.
+
+</p><p>Hans Marterer ward in die Vorstädte verschwemmt. Trieb
+bald allein dahin. Doch stieß immer rechts irgendwie an
+gräulichen Ufern an. Sträucher streiften ihn weich. Winter
+<!-- page 095 -->
+war. Ein höckriger Mond humpelte über schräge Silberflächen.
+Weißer Nebel stieg. Roch schwer. Der Himmel
+aber, der Stadt zu, rot entzündet. Doch die Nacht vollkommen
+weiß. Ganz von kühlen Residenzen durchbaut.
+Menschen, Wagen, anmarschierende Paradetruppen, Trommeln,
+Pfeifen, Zylinder, Tanzschimmel, Taktstock wirbelten,
+und immer noch der eine, der schoß, Rakete, zwischendurch,
+geröteten Kopfs, heiser, Quollaugen, Zunge
+lang aus dem Maul: &bdquo;Hoch! Hoch&ldquo; .&nbsp;.&nbsp;. und die Pappeln
+zu beiden Seiten, trotz Nacht sehr grün leuchtend, zuckten
+heftig.
+
+</p><p>Hans Marterer wiederholte sich: &bdquo;<i>Sie werden sich ja
+doch alle einmal in die Arme fallen, auf eine kurze, selige
+Zeit:</i> &sbquo;Seht! Seht!&lsquo; werden sie einander zurufen .&nbsp;.&nbsp;. &sbquo;Seht!
+Seht!&lsquo; .&nbsp;.&nbsp;. und: &sbquo;daß wir es nicht gesehen haben, daß unsere
+Augen so mit Blindheit geschlagen waren .&nbsp;.&nbsp;. seht!
+seht! .&nbsp;.&nbsp;.&lsquo; und werden Tore einrammen, Paläste verbrennen
+und &mdash; die Majestät im Hemd ertappen.&ldquo;
+
+</p><p>Er trieb einer Kreuzungsstelle von Trams zu. Teeröfen
+qualmten. Schienenhobel scharrten. Feuerschein. Pechflammen
+entstiegen. Nackte Rußmänner mit behaarter
+Brust sprangen fluchend und heulend umher, Eisenhauen
+geschultert. Unterhalb zerfallenem Haustor italienisches
+Mädchen, bunten Kopftuchs, zerschlissenen Schals: &bdquo;Maroni,
+Herr, Maroni .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Sie kicherte immerfort, wie irrsinnig.
+
+</p><p>Marterer blieb stehn. Senkte nachdenklich den Kopf, halb
+zur Seite geneigt, und ihn überkamen wieder geräuschvolle
+Riesenbrände und Revolutionen. Tiefer neigte er. Wollte
+<!-- page 096 -->
+Boden mit Wange berühren. Aufgelöst, dankbar. Der auch
+ihr Boden war! Die Knie zitterten. <i>Noch ließ er sie nicht
+los .&nbsp;.&nbsp;.</i>
+
+</p><p>(.&nbsp;.&nbsp;. Der Jagdgehilfe krümmte sich .&nbsp;.&nbsp;.)
+
+</p><p>Marterer zuckte hoch. &mdash;
+
+</p><p>Er sah sie wieder in der &bdquo;Großen Oper&ldquo;. In der &bdquo;Götterdämmerung&ldquo;.
+Wieder acht Tage hernach. Er schwitzte. Er
+dachte: &bdquo;Gott! Welche Musik!&ldquo;
+
+</p><p>Sie aber saß dicht vor ihm, Goldkette um den Hals, Haar
+in einem Knäuel, daneben ein kleiner Bauchherr, roter
+Glatze und Faltennackens. Marterer seufzte: &bdquo;Gott, welche
+Gesellschaft!&ldquo;
+
+</p><p>Da drehte sich der Kleine um. Weiße Weste mit Goldkette,
+rinnend über Kugelbauch. Man sah &mdash;: der trug einen
+Ordensstern auf der linken Brustseite. &bdquo;Vielleicht ist das
+der berühmte Komponist Richard Wagner selber&ldquo;, überfuhr
+es Marterer plötzlich. Da streichelte sie dem Kleinen
+die Wursthand, flüsternd: &bdquo;Wie schön, Dickerl!&ldquo;
+
+</p><p>Und er: &bdquo;Wahrhaft erhebend, Erna!&ldquo;
+
+</p><p>Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein
+Vorhang rauschte. Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen,
+Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er war aufgestanden, aber
+wieder setzte er sich, gebückt, nein, halb nur .&nbsp;.&nbsp;. tastete vor
+sich hin .&nbsp;.&nbsp;. suchte .&nbsp;.&nbsp;. (heller, als ob er schon fände) .&nbsp;.&nbsp;.
+an sich hinunter .&nbsp;.&nbsp;. etwas .&nbsp;.&nbsp;. beschaute sich: &bdquo;Weiße
+Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Hans Marterer vergaß weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum,
+Große Oper. Er schrie: &bdquo;<i>Ich will das Leben
+haben!</i>&ldquo;
+<!-- page 097 -->
+
+</p><p>Er zerrte, er stieß alles von sich. Er irrte. Traf wo eine.
+Die nahm ihn mit. Geknister über ihm, nahm zwei Stufen
+auf einmal. Oben.
+
+</p><p>Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weißes
+Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Ihm schwindelte.
+Ob man ihn für Narren halte? Sie beteuerte. Er
+packte sie: &bdquo;Weg! Weg!&ldquo;
+
+</p><p>Und aufschreiend: &bdquo;Ich will das Leben haben!&ldquo;
+
+</p><p>Sie hakte sich in ihn.
+
+</p><p>Er schlug ihr ins Gesicht.
+
+</p><p>Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett.
+Er schlug sie wieder. Diesmal mit dem Handrücken. Sie
+wehrte ihm nicht. Dann wieder mit der Handfläche. <i>Aber
+ein jedesmal schob sich die Schlagfläche rasch vor, durchschnitt
+ihn .&nbsp;.&nbsp;.</i> Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab,
+mechanisch, zählte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang,
+hart über die Stirn.
+
+</p><p>Sie wehrte ihm nicht.
+
+</p><p>Brach herab ins Knie.
+
+</p><p>Er trat: &bdquo;Weg! Weg!&ldquo;
+
+</p><p>Sie erfüllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr.
+
+</p><p>Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstümpfchen
+verlosch. Da sah er sich im Dunkel, wie in einem tieferen
+Spiegel, sehr weiß von Gesicht, die Augen kohlschwarz umrändert,
+die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die Stirn
+fallenden Franshaaren, die Hände schmal und vorgestreckt,
+mit blauem Ring im Harlekinanzug, als Knabe (.&nbsp;.&nbsp;. und eine
+Gouvernante zwitscherte: &bdquo;Hans Tolpatsch, du wirst nie
+dem Riesen das Haupt abschlagen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;).
+<!-- page 098 -->
+
+</p><p>Er wehrte, beschwor: &bdquo;Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.&ldquo;
+
+</p><p>Der Schatten wich.
+
+</p><p>Als er aber das Haustor öffnete, <i>ertappte er sich bei einer
+Bewegung, die er bei seinem Vater kannte.</i>
+
+</p><p>Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: &bdquo;Gott! O
+Gott!&ldquo;
+
+</p><p>Es roch nach Bäckereien, Brauereien. Arbeiter schritten
+rüstig. Er deckte mit beiden Händen das Gesicht.
+Schluchzte:
+
+</p><p>&bdquo;Abtöten, abtöten .&nbsp;.&nbsp;. Abreißen, ausreißen: Arme, Beine,
+den Kopf. Alle Glieder .&nbsp;.&nbsp;. Abtöten, abtöten .&nbsp;.&nbsp;. Bauch aufschlitzen,
+Brust aufreißen! Wühlen, wühlen .&nbsp;.&nbsp;. Fleisch!
+Das Fleisch! Das Tier .&nbsp;.&nbsp;. Einsam werden, rein. Ganz Geist.
+Selig sein! Heilig .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Haine rauschten. Lerchen sangen.
+
+</p><p>So ward es Morgen.
+
+</p><p>Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an
+einem Brunnen. Strich sich die Haare glatt. Richtete sich
+auf. Bog in die Krausenstraße. Der Gastwirtschaft und
+Metzgerei &bdquo;Zum grünen Hof, ausgeübt von Alois Lüttich&ldquo;
+gegenüber. Alois Lüttich aber stand in der Tür, gelben
+Schnurrbarts, aufgeblasen, in einem weiß-blau gestreiften
+Trikot, die weiße blutbespritzte Schürze über, mit Hängebauch,
+schwarzer Soldatenhose.
+
+</p><p>Vor ihm ein Feld roten Trottoirs.
+
+</p><p>Auf anderer Seite Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen,
+Henkelkörbe unter Hakenarmen, schnarrend, dürre
+Hennenhälse ausgerenkt nach oben.
+<!-- page 099 -->
+
+</p><p>Herr Lüttich begann schon sein Gespräch: &bdquo;Schöner
+Tag&ldquo; usw.
+
+</p><p>Doch plötzlich Hans Marterer: &bdquo;Wen haben Sie denn
+da abgeschlachtet?&ldquo;, auf das Feld roten Trottoirs vor sich
+deutend, und bemerkte, daß Blut in der Straßenrinne handhoch
+stand. Ablaufkanal verstopft &mdash;
+
+</p><p>Und der Lüttich: &bdquo;Tjaja, drei Tag verheiratet.&ldquo;
+
+</p><p>Und schon fiel die Lüttich ein, lebhaft gestikulierend,
+die Hände immer über den Bauch zusammenschlagend, wobei
+der Schlüsselbund ein jedesmal hell aufklirrte:
+
+</p><p>&bdquo;Schad, schad .&nbsp;.&nbsp;. So a hübsch Weiberl, erst ihre achtzehne
+alt, drei Tag erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag,
+und springt die eim zum Fenster nunter, heut früh, um
+halb siebene .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Es verfinsterte sich.
+
+</p><p>Doch gleich wieder sprang Licht auf.
+
+</p><p>Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen in breiter
+Front über den Fahrdamm .&nbsp;.&nbsp;. der Schlüsselbund der Frau
+Lüttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und ein Polizeimann
+warf die Hand): &bdquo;Sie, Herr, gebens acht, daß net neintretn.&ldquo;
+
+</p><p>Es qualmte, klingelte, rauschte weiß. Eine Masse teilte
+sich, wich zurück, in die Knie &mdash;: Kreuz, Weihrauchkessel,
+Priester, Trauerwagen, gefranstes Wieherpferd .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Schwenkte und schwand. &mdash;
+
+</p><p>Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er:
+Grubenstraße. Eine Glocke schlug, mittel und bestimmt.
+Die Schule war aus. Kinder wälzten sich, farbige Würfelströme.
+Das überschlug sich kreischend, zerflutete. Zuletzt
+<!-- page 100 -->
+kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um,
+grüßte wen in der Ferne, stieg in die Tram.
+
+</p><p>Hans Marterer fuhr weiter:
+
+</p><p>&bdquo;Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der
+zweiten Nacht und wieder in der dritten? Keuchend?
+Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte sie wohl, von
+ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar
+nichts von alledem .&nbsp;.&nbsp;. <i>Hat er sie geschlagen?</i> Zu Boden geworfen?
+Brutal? Doch untergekriegt? .&nbsp;.&nbsp;. Aber auf jeden
+Fall: sie ist um halb sieben heute früh &mdash; jetzt ist es dreiviertel
+fünf! (schaute auf die Uhr) &mdash; zum Fenster hinuntergesprungen,
+war achtzehn Jahre alt &mdash; hört ihr! &mdash;
+und drei Tage verheiratet.&ldquo; Und das in einem anklägerischen
+Ton, als drängten viele um ihn.
+
+</p><p>An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt,
+einer Vogelhandlung kam er vorüber. Grüne, rote, silbern
+schillernde Vögel saßen auf weißgestrichenen Stäben in goldenen
+Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße Mäuse rannten
+durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene
+Äuglein.
+
+</p><p>Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft
+aber hieß: &bdquo;Die frohe Welt&ldquo;.
+
+</p><p>&bdquo;Das ist der Unterschied&ldquo;, bei sich.
+
+</p><p>Doch aufschreckend:
+
+</p><p>&bdquo;Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An
+einem Tag, der schön ist. Einem Sonntag vielleicht. Die
+treffen sich irgendwo in der Stadt, vor einem Café, unter
+einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch
+umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, runden
+<!-- page 101 -->
+Strohhut mit Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch
+nicht ganz zu &mdash; sie hat ja so Eile gehabt! &mdash;, und so richtet
+sie an sich, zieht an sich herum, die erste Strecke des Wegs
+.&nbsp;.&nbsp;. und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber immer
+noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock
+zu weit, Gürtel zu locker, nicht in der Mitte .&nbsp;.&nbsp;. und so
+frozzelt er sie, bis die sich endlich losreißt:
+
+</p><p>&bdquo;Du Frechling!&ldquo; und schmollt.
+
+</p><p>Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da
+aber hält sie ihm lachend den Mund zu &mdash;: und dann
+küssen sich die beiden herzlich, wenn niemand herschaut.
+Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich, unter
+Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel,
+vaterländischen Vereinen.
+
+</p><p>So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte
+er seine Liebste heimgebracht: &bdquo;O du, du meine liebe
+Kleine!&ldquo;
+
+</p><p>Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein
+schwingendes Plateau hoch auf schlanken Zedernsäulen
+unter einem freundlichen Blinkstern. Das alles, das eines
+Tages verschwunden war. <i>Und die neue Landschaft war
+da, die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem
+Mond .&nbsp;.&nbsp;.</i>
+
+</p><p>Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander
+tanzen!
+
+</p><p>Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind
+sie, den Bergen entlang. Flammen in feuchtem Grund.
+
+</p><p>Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders,
+als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+<!-- page 102 -->
+
+</p><p>Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er
+flog buntgewirkte Teppiche hoch.
+
+</p><p>Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell.
+
+</p><p>Hans Marterer ging hinab.
+
+</p><p>Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten.
+
+</p><p>Café &bdquo;Dom&ldquo;.
+
+</p><p>Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende
+Ringe. Dann stieg es wieder klarer auf, &mdash; etwas
+jubelte! &mdash; mühte sich hoch in ihm, in Windungen.
+
+</p><p>Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der
+Schweiz, in der Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung.
+
+</p><p>Musik stieg in Spiralen.
+
+</p><p>Er sann: &bdquo;Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor
+Crispin Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister
+Maximilian Stössinger, grüne Sportmütze und
+&bdquo;Hochhoch!&ldquo;, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner,
+Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe,
+Maronimädchen, Feuerschein bei Nacht, die späte
+Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte .&nbsp;.&nbsp;. Nie werden
+die beiden zueinander kommen. <i>Der mittelnde Geist aber
+sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! .&nbsp;.&nbsp;.</i>
+Zwei Welten. Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder
+zu der seinen kommt .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die
+Spiegel zitterten, die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den
+Tischen .&nbsp;.&nbsp;. prallte zurück, prallte wider, wider.
+
+</p><p>Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello,
+Zymbal.
+<!-- page 103 -->
+
+</p><p>&bdquo;Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind
+eine ganz gemeine Flöte.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Wie meinen Sie?&ldquo; machte die Flöte, sah von unten auf,
+blähte die Pausbacken.
+
+</p><p>Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen
+wollen. Offenbar. <i>Er aber hatte die Schwindlerin entlarvt.</i>
+
+</p><p>Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen
+Waldgründen kam es. Und sentimental:
+
+</p><p>&bdquo;Länder, wohin unser Fuß nie tritt.&ldquo;
+
+</p><p>Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend
+(die grüne Pleureuse wippte), und neben ihr &mdash; den kannte
+er &mdash; ein Stadtreisender, kahlgeschoren, im Gehrock,
+schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht, Arme in die
+Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus,
+trug Bierzipfel, dreifarbenes Band.
+
+</p><p>Sie sog aus einem Halm.
+
+</p><p>Und um ihn.
+
+</p><p>&bdquo;Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst
+den Hut ab!&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Der Platz ist frei. Allerdings .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen,
+mein Herr .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>&bdquo;Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale
+Fürsorge, Ausbau der Eisenbahnlinien, Heilstätten für
+Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger widersprach
+ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter,
+<!-- page 104 -->
+Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung
+usw. Die Hinrichtung des Raubmörders Sternickel, das verunglückte
+Festspiel Hauptmanns, eine drohende Bierpreiserhöhung
+im selben Ton, in einem Zug.
+
+</p><p>Kellner schoben. Weißbier schäumte.
+
+</p><p>Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende
+lächelte.
+
+</p><p>Marterer errötete. Besah seinen Anzug.
+
+</p><p>Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen;
+überpudert; unter Schleier.
+
+</p><p>Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber:
+&bdquo;Der guckt wie aus einer anderen Welt.&ldquo;
+
+</p><p>Marterer zuckte hoch.
+
+</p><p>Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er:
+
+</p><p>&bdquo;Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein:
+euere einsamen Sonntage, euere suchenden Promenaden im
+Stadtpark, die Schwermut euerer Singspielhallen .&nbsp;.&nbsp;. <i>Die
+Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu Strahlen der
+Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten, erleuchtet
+und gewärmt.</i>&ldquo;
+
+</p><p>Er flehte.
+
+</p><p>Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden
+keinen Ausweg.
+
+.&nbsp;.&nbsp;. Eine weiße Gestalt .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie.
+
+</p><p>Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng .&nbsp;.&nbsp;.
+schon in nächster Nähe .&nbsp;.&nbsp;. wollte aufbrechen .&nbsp;.&nbsp;. sie aber
+nahm dessen Hand: es belustigte sie so .&nbsp;.&nbsp;. bat ihn .&nbsp;.&nbsp;. <i>Marterer
+kroch</i> .&nbsp;.&nbsp;. der Stadtreisende mahnte, erhob sich halb
+<!-- page 105 -->
+.&nbsp;.&nbsp;. sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber fing
+immer wieder von neuem an .&nbsp;.&nbsp;. auf allen Vieren schon
+(die platzten vor Lachen! ): &bdquo;Den Saum nur deines Gewandes!&ldquo;
+Jemand reichte einen großen gelben Überzieher,
+der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte wieder
+empor. In Schönheit.
+
+</p><p>Zerspringender Triller.
+
+</p><p>Da &mdash;: er berührte sie.
+
+</p><p>Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine
+flache Hand. Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das
+kleine Gesicht (wie maß ihn der Stadtreisende streng!) .&nbsp;.&nbsp;.
+aufbrauste sie .&nbsp;.&nbsp;. Stöcke, Gläser, Tassen, Schirme, Kannen,
+Stühle und über allem, hoch über allem:
+
+</p><p>&bdquo;<i>I&mdash;d&mdash;i&mdash;o&mdash;t!</i>&ldquo;
+
+</p><p>Das kotzte sie.
+
+</p><p>Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür
+schon offen .&nbsp;.&nbsp;. &mdash; er kollerte im Bogen. Einige ergriffen
+die Partei des Idioten. Eine allgemeine Schlägerei entstand.
+Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte flogen. Zuletzt erschien,
+groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in
+blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der
+Idiot aber übersann noch:
+
+</p><p>&bdquo;Werde ich aus der Schule gejagt?&ldquo;
+
+</p><p>Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer
+schoß.
+
+</p><p>Nebel ballte sich.
+
+</p><p>Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült,
+wie in einem Schacht, &mdash; oben glänzte etwas blau
+&mdash; um- und umgewirbelt, wie in einem Strudel. Stieß immer
+<!-- page 106 -->
+an Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam hinunter,
+diesen Brocken, hartkantig, kristallen:
+
+</p><p>&bdquo;I&mdash;d&mdash;i&mdash;o&mdash;t!&ldquo;
+
+</p><p>Das aber schallte auch hell und weit.
+
+</p><p>Nebel ballte sich.
+
+</p><p>Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit
+beiden Händen. Endlich teilte er sie auseinander, zu beiden
+Seiten: Häuserreihen, Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen,
+Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das Ende. Ein rotes Wolkenfeld
+am Himmel:
+
+</p><p>&bdquo;Steh ich auf dem Kopf?&ldquo;
+
+</p><p>Hügel.
+
+</p><p>&bdquo;Eine Palme?&ldquo;
+
+</p><p>Aber ein großer grüner Vogel flog auf.
+
+</p><p>&bdquo;Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen
+gleichen .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p><p>Er sank erschöpft auf einen Stein nieder.
+
+</p><p>&bdquo;<i>Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten
+auf zerwirkten Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden
+Lichtbündeln und unter Siegesposaunen, die der Zukunft
+Geweihten .&nbsp;.&nbsp;.</i>&ldquo;
+
+</p><p>Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlärm.
+&mdash;
+
+</p><p>Der Idiot aber saß auf seinem Stein. Seine Augen ruckten
+in den Boden. Er ließ sich los, versank im blühenden Chaos
+der Zeiten. (.&nbsp;.&nbsp;. rote Zipfelmützen, bunte Lager, fratzenhafte
+Schiffsschnäbel .&nbsp;.&nbsp;. bis endlich jener Knabe dem
+Riesen das Haupt abschlägt .&nbsp;.&nbsp;.) Und dann &mdash;: eine Sonne!
+Fernste Dinge erkannten sich. Er fühlte sich schwächer
+<!-- page 107 -->
+werden, schwächer. Der Fels aber flammte. Gekrönte Stirn.
+Die Welt wuchs.
+
+</p><p>Er breitete die Arme an ein imaginäres Kreuz. Verrann .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Das Meer aber bäumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg.
+Die Ebene streckte sich. Ihre Wasser gähnten, ihre
+Wiesen schäumten, ihre Wälder atmeten. Die Stadt erklang.
+Tausend silberne Glocken, Trompeten schmetterten, Gesänge
+strömten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und
+Menschenzügen.
+<!-- page 109 -->
+
+</p>
+<h2 class="chapter" id="chapter-6">Um Dagny heulen wir Gespenster .&nbsp;.&nbsp;.</h2><p>
+
+</p>
+<p class="subheading">Studie zu einem Roman
+
+</p><p class="lyrics">
+<i>Wie ein sterbendes Tier<br />
+Lieg&rsquo; ich in deinen Armen .&nbsp;.&nbsp;.</i>
+
+
+</p><p class="signature">
+<i>Dagny.</i>
+
+
+</p><p class="lyrics">
+<i>Mais de toi je n&rsquo;implore, ange, que tes prières .&nbsp;.&nbsp;.</i>
+
+
+</p><p class="signature">
+<i>Baudelaire.</i>
+
+<!-- page 111 -->
+
+</p>
+<h3 class="number">I<br />
+Die grüne Nacht</h3><p>
+
+</p><p class="noindent">Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische
+des &bdquo;Urania-Cafés&ldquo; &mdash; (.&nbsp;.&nbsp;. da die ungarische Magnaten-Kapelle
+phantastische Lawinenflügel hochspannte,
+von zagem Anflug, ekstatisch-blendender Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem
+Hinfall .&nbsp;.&nbsp;. wiederum mit tödlichem
+Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend,
+.&nbsp;.&nbsp;.) &mdash; der junge deutsche Mann, normal gebaut,
+bürgerlich aussehend, die dunklen Haare geordnet &mdash; weit
+in die Stirn gekämmt &mdash;: Jean Bousset.
+
+</p><p>Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte
+höflichst, ob wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich
+ihm gegenüber und bestellte einen heißen Tee (mit
+Zitrone).
+
+</p><p>Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung
+der niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen
+Großstadt, jenes B .&nbsp;.&nbsp;., in dem Dagny weilen
+mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von
+M .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;. Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war,
+einen Untergang forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im
+Verlauf zweier Wochen schon, ein System des Verfalls zurechtgebildet,
+indem er häufig Hemmungen in den allgemeinen
+Abrutsch einschob, &mdash; so <i>markierte</i> er den raffinierten
+Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! &mdash; umfangreiche
+Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich
+abbrach, gewisse &bdquo;Kunst&ldquo;-Pausen zwischenschaltete, darin
+er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu entziehen
+<!-- page 112 -->
+vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh
+am blauen Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein
+Rowdy, ausgehungert und fieberig in den Zertrümmerungstrichter
+giftiger Nächte stürzte, heulend an einer niedrigen
+Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von
+elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert.
+
+</p><p>Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner
+Luftzug wach. Es waren die funkelnden Augen seines
+Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie Jean Bousset
+auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein
+scharfer Verwesungsgeruch &mdash; wie wunderbar! &mdash; strich.
+Die grauen struppigen Haare des Fremden (wenn man von
+schimmeligen Moosflechten also sprechen darf) knisterten
+jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die
+wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult
+erscholl, eindrang. Transparent gloste im schmalen
+hageren Gesicht die Backenhaut, die zerfressene Nase
+schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich geheimnisvoll
+schief, die knöchernen Finger hoben und senkten,
+spreizten und querten sich unter magischem Zeichen.
+
+</p><p>Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser
+wohlverleichte Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!)
+rief mit pfeifender Stimme den Kellner, zahlte klirrend,
+stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl umklappte), ließ
+sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den
+großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad
+glich, verbeugte sich tief vor Jean Bousset und zischelte,
+schon halb in der Tür, noch rasch in einem gebrochenen
+Deutsch:
+<!-- page 113 -->
+
+</p><p>&bdquo;Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen
+vorstelle: ich bin Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie
+ungestört mit!), zurückgekehrt, zu spazieren durch die
+grüne Nacht!&ldquo; &mdash;
+
+</p><p>&mdash; &mdash; Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün,
+eine betäubende Mischung von Chloroform, Blüten
+und heißem Fleisch. Die Häuserkais, triefend und alt,
+wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen
+starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren
+hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar
+wären). Sturmzerschlagene Masten, abgehackte
+Baumarme streckten sich: Kreuzstämme, an verhüllten Horizonten
+hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel
+der Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.
+
+</p><p>O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom!
+.&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander,
+schweigsam, Arm in Arm. Wortlos hatten sich die beiden
+angefreundet, war der Fremde doch ein Jean Boussets
+längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch
+umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den Franzosen, diesen geharnischten Apostel
+öliger und dumpfer Nächte, diesen unentwegten Durchforscher
+menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen gewissenhaftesten
+Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt
+und kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und
+berstenden Vorhöllen.
+
+</p><p>Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte
+.&nbsp;.&nbsp;.
+<!-- page 114 -->
+
+</p><p>Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen.
+Eine Kasernenmauer stand schräg zu einem
+Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und Petroleumflecken,
+die bunt schillernd obenauf schwammen.
+
+</p><p>Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond
+war sie, die Kleine, die den beiden, als sie eben im
+Begriff waren in eine Unterfahrt herabzubrechen, begegnete.
+Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem schwarzen
+Kleid mit weißem Spitzenkragen.
+
+</p><p>Was für ein Mädchen!
+
+</p><p>Ein Schrei!
+
+</p><p>Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p>Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill
+zahlloser Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter
+erregter Straßenläufe des Lebens Nährmutter und Fürsprecherin,
+<i>unser aller Sonne</i>, in heiliger Frühe .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p>
+<h3 class="number">II<br />
+Jean Bousset</h3><p>
+
+</p><p class="noindent">Nicht zu leugnen &mdash;: seit jener geheimnisvollen Flucht
+Dagnys von M .&nbsp;.&nbsp;. (bei der, wie sich immer mehr und mehr
+herausstellte, Georg Forstner die Hauptrolle spielte, Georg
+Forstner, der einzige unter den jungen Leuten, diesen Romains
+und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen
+zu bekennen .&nbsp;.&nbsp;. denn auch Jean Bousset hieß ursprünglich
+Hans Witting) seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys
+von M .&nbsp;.&nbsp;. war Jean Bousset vollständig zusammengebrochen.
+<!-- page 115 -->
+
+</p><p>Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare
+Stellung, wie sich bald herausstellte, ein sturmsicheres
+Objekt, auf das Jean Bousset unermüdlich und
+verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken
+konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Kräfte. Wie herrlich
+war es, sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rückzug,
+diese Auflösung einer glänzenden Armee!
+
+</p><p><i>Nun tauten aus Schwäche und Ohnmacht, Gefühlsruinen
+und Zusammenstürzen klingende Himmelfahrten und jubelnde
+Aufbrüche!</i>
+
+</p><p>Die Abreise Dagnys von M .&nbsp;.&nbsp;. lag vier Wochen zurück.
+
+</p><p>Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen.
+
+</p><p>Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte.
+
+</p><p>&bdquo;Fetzen&ldquo;, zischelte er, erfüllt von maßloser Empörung,
+aber er ergab sich, blaß, demütig und fromm (.&nbsp;.&nbsp;. beseligend:
+sich so wegwerfen zu müssen .&nbsp;.&nbsp;. tiefer, immer tiefer,
+wenn ich bitten darf .&nbsp;.&nbsp;. haben Sie vielleicht nicht noch eine
+etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch,
+das genügte, sehr feucht, rechteckig und hölzern? .&nbsp;.&nbsp;.)
+
+</p><p>Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurück, früh am
+Abend, legte sich zu Bett und begann, die Hände wie zum
+Gebet gefaltet (.&nbsp;.&nbsp;. derweil seine Augen Distanzen durchstachen,
+tief einmündend in jenes morbide Hyazinthenwunder .&nbsp;.&nbsp;.):
+
+</p><p>&bdquo;Erhöre mich, ich flehe zu dir, großer, allmächtiger,
+ewiger Gott! Ich bin niedrig und voller Qual, widerlich und
+unausstehlich, ein elendes, vor dir winselndes Vieh, das
+<!-- page 116 -->
+&mdash; o wolltest du! &mdash; bald Frieden finde, zusammengekauert,
+zu deinen heiligen Füßen liegend, in einem kleinen einsamen
+und stillen Winkel.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heißen
+im Grunde Betrug und Verrat und sind ohne Bestand, und
+ich danke Dir, Dir Linderer meiner Schmerzen, daß Du
+mir Deinen Trost schicktest, Dein süßes Gift, das ich, so
+er sich wild aufstürzt und empört, dem armen Leib eingebe.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich danke Dir für den Tag, ich sage Dir Dank für
+die Nacht. Ich preise Dich ob der Wunder und der durchströmenden
+Wärme des Sonnenlichtes, für die Wohltat des
+Schlafes benedeie ich Dich dreifach.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Ich lobe Dich, der Du mich schlägst mit Marter, der
+mich wirft in Gefängnis und Krankenhaus, mich züchtigt
+mit Jammer und Trübsal, ich lobe Dich, Dich Peiniger,
+der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte
+sammelst.&ldquo;
+
+</p><p>&bdquo;Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein
+verbrauchter und abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter
+Rock, den man zum Trödler schenkt, ein Spülicht, ein Kehricht,
+ein Abfall .&nbsp;.&nbsp;.&ldquo;
+
+</p>
+<h3 class="number">III<br />
+Die Große Stunde</h3><p>
+
+</p><p class="noindent">Von Dagny kamen noch zwei Briefe.
+
+</p><p>Der eine lautete:
+
+</p><p>&bdquo;Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir
+nicht zu schreiben. Ich dachte auch, Du würdest kommen.
+Ich bin von einer Unruhe, die mich fast tötet. Meine
+<!-- page 117 -->
+Schwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film
+und mach nur noch nächste Woche eine Aufnahme im
+Freien mit, dann komme ich nach M .&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;.&nbsp;., obwohl ich hier
+meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin sehr verzweifelt
+und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich
+bin verrückt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht
+sprechen. Leb wohl, ich wollte so viel schreiben. Wenn
+ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu Dir, und ich
+habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich
+an und falle tot zu Deinen Füßen. Deine Dagny.&ldquo;
+
+</p><p>Der andere:
+
+</p><p>&bdquo;Lieber Jean! Es ist eine falsche Ansicht von Dir, mir
+Geld zu senden. Ich bin es gar nicht wert, weil ich huren
+und stehlen will. Alles Gute. Dagny.&ldquo;
+
+.&nbsp;.&nbsp;. Jean Bousset kam gegen Morgen heim.
+
+</p><p>Vogelchöre heulten, daß sich Jean Bousset die Ohren zuhielt.
+Ein scharfer Eiswind warf sich ihm entgegen, eine
+ganze Welt brannte dahinter. Alles hatte sich gegen ihn verschworen.
+
+</p><p>Als er in sein Zimmer trat, war es von einem hellen
+blendenden Glanz erfüllt. Jean Bousset dachte zuerst, er befinde
+sich bei seinen Eltern zu Haus, in seinem Kinderzimmer,
+und wäre wieder ganz jung. Daß es nicht so war,
+erkannte er sofort.
+
+</p><p>Er fiel über einen Stuhl, er blieb über der Lehne hängen,
+das Gesicht nach unten.
+
+</p><p>Später gelang es ihm, sich aufs Bett zu schleppen.
+
+</p><p>Er deckte mit den Händen die Augen zu.
+
+</p><p>Die Große Stunde war gekommen.
+<!-- page 118 -->
+
+</p><p>Der Mond stieg aus einer grünen Nacht, schaukelnd,
+unter sprühendem Feuerwerk.
+
+</p><p>Eine andere Nacht nahm ihn, warm und lind, duftig um
+ihn wehend .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p><i>(.&nbsp;.&nbsp;. wie süß du bist, Liebling, wie schön es ist, bei dir
+zu liegen .&nbsp;.&nbsp;. es wird uns leicht, wir schweben .&nbsp;.&nbsp;.)</i>
+
+.&nbsp;.&nbsp;. eine dritte Nacht, feurig und voll fliegender Brände .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p><i>(.&nbsp;.&nbsp;. Bestie! .&nbsp;.&nbsp;. Saukerl .&nbsp;.&nbsp;. He?! .&nbsp;.&nbsp;.)</i>
+
+.&nbsp;.&nbsp;. eine weitere Nacht, heiß und tiefblau .&nbsp;.&nbsp;. (und er
+war Staunens voll, daß es soviel Nächte gäbe! .&nbsp;.&nbsp;.)
+
+.&nbsp;.&nbsp;. eine weitere Nacht, kühl und erschauernd .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p><i>(.&nbsp;.&nbsp;. laß mich .&nbsp;.&nbsp;. he?! .&nbsp;.&nbsp;. etwa dein Schnellschreiber,
+bei dem du .&nbsp;.&nbsp;. Äh .&nbsp;.&nbsp;. keen Geld .&nbsp;.&nbsp;. eene in die Fresse
+.&nbsp;.&nbsp;. he?!)</i>
+
+.&nbsp;.&nbsp;. und endlich eine letzte, (.&nbsp;.&nbsp;. da bildeten seine Lippen
+wohl den Namen Dagny .&nbsp;.&nbsp;.) eine letzte Nacht (eng wie ein
+Bett) hölzern, rechteckig und feucht .&nbsp;.&nbsp;.
+
+</p><p><i>(.&nbsp;.&nbsp;. fahr hinab, Liebling .&nbsp;.&nbsp;. äh .&nbsp;.&nbsp;. du?! .&nbsp;.&nbsp;. so schlottrig,
+schmutzig, zerbrechlich und dünn .&nbsp;.&nbsp;. kleene blonde
+Klapperschlange mit großen, abgesprungenen Raubtierzähnen
+.&nbsp;.&nbsp;. äh .&nbsp;.&nbsp;. Schscheiße .&nbsp;.&nbsp;.)</i>
+
+</p>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by
+Johannes R. Becher
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL ***
+
+***** This file should be named 37436-h.htm or 37436-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
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+Produced by Jens Sadowski
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+will be renamed.
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+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
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+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
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+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
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+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
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+ must be paid within 60 days following each date on which you
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
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+ and discontinue all use of and all access to other copies of
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
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+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
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+Foundation as set forth in Section 3 below.
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+1.F.
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+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
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+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
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+works, and the medium on which they may be stored, may contain
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
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+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
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+
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