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diff --git a/37436-h/37436-h.htm b/37436-h/37436-h.htm new file mode 100644 index 0000000..c469bcc --- /dev/null +++ b/37436-h/37436-h.htm @@ -0,0 +1,4019 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> +<title>Verfall und Triumph II</title> +<!-- AUTHOR="Johannes R. Becher" --> +<!-- LANGUAGE="de" --> + +<style type='text/css'> +body { margin-left: 10%; margin-right: 10%; } +h1 { text-transform:uppercase;letter-spacing:.1em; text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 5%; } +h2 { text-transform:uppercase;text-align: center; margin-top: 15%; margin-bottom: 2%; page-break-before: always; } +h3 { text-align: center; margin-top: 5%; margin-bottom: 2%; } +p { margin-left: 0%; + margin-right: 0%; + margin-top: 0%; + margin-bottom: 0%; + text-align: justify; + text-indent: 1em; + } +p.lyrics {text-align:left; + text-indent: 0%; + margin-left: 8%; margin-right: 8%; + margin-top: 10%; margin-bottom: 2%; + } +p.signature { text-indent: 0%; text-align: left; margin-left: 16%; margin-top: 0%; margin-bottom: 15%; } +p.center { text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } +p.right { text-indent: 0%; text-align: right; margin-top: 10%; margin-right: 10%; margin-bottom: 0%; } +p.subheading { text-transform:uppercase; text-indent: 0%; text-align: center; margin-top: 0%; margin-bottom: 15%; } +p.contents { text-indent: 0%; text-align: left; margin-top: 0%; margin-bottom: 0%; } + +p.first { text-indent: 0em; page-break-before: always } +span.firstchar { +float:left;font-size:3em;line-height:80%;padding-top:1px;padding-bottom:1px;padding-right:2px; +} + +p.noindent { text-indent: 0em; } + +span.em { text-transform:uppercase; letter-spacing:.1em; } + +a:link { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:visited { text-decoration: none; color: rgb(10%,30%,60%); } +a:hover { text-decoration: underline; } +a:active { text-decoration: underline; } + +</style> +</head> + +<body> + + +<pre> + +Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by Johannes R. Becher + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Verfall und Triumph, Zweiter Teil + Versuche in Prosa + +Author: Johannes R. Becher + +Release Date: September 15, 2011 [EBook #37436] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +</pre> + + +<p> </p> +<p class="right"><img src="images/logo_small.jpg" alt="Verlagslogo"/></p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<h1 style="page-break-before: always"> +Johannes R. Becher<br /> +<br /> +Verfall und Triumph +</h1> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size: 110%"><span class="em"> +<i>Zweiter Teil</i> +</span></p> + +<p> </p> +<p class="center" style="text-transform:uppercase; font-size: 130%"><span class="em"> +Versuche in Prosa +</span></p> + +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> + +<p class="center" style="text-transform:uppercase;"><span class="em"> +Berlin<br /> +Hyperionverlag<br /> +1914 +</span></p> + +<p style="page-break-before:always"> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p> </p> +<p class="center"><img src="images/printer_logo.jpg" alt="Druckereilogo"/></p> +<p class="center"> +Gedruckt bei<br /> +Poeschel & Trepte in Leipzig.<br /> +Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin<br /> +Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf<br /> +Old Stratford abgezogen und in<br /> +der Presse numeriert +</p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<h2 class="chapter">Inhalt</h2> + +<p class="contents"><a href="#chapter-1">De Profundis</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-2">Das kleine Leben</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-3">Der Dragoner</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-4">Kindheit</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-5">Der Idiot</a></p> +<p class="contents"><a href="#chapter-6">Um Dagny heulen wir Gespenster</a></p> + +<p> </p> +<p> </p> + +<p> +<!-- page 005 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-1">De Profundis</h2><p> + +</p> +<p class="subheading">Hymne / Fragmentarisch +<!-- page 007 --> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">M</span>öge es mir gelingen, — <i>zum Abschied, denn +ich eile anderen, lichteren Zielen zu!</i> — möge +es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und begnügsamen +Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal +aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher, +erstaunter, heiterer zu stimmen durch das erhabene und +fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare Schauspiel +dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten +Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern! +Mit hellen Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit +reichlich bunten und verzierten, mit flatternden Wolkenbändern. +Hört! . . . Ach! + +</p><p>Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten +Fressen wie zum Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler +auf, wie vor der Jahrmarktsbude eines fremdländischen +Wunders, — bin ich denn gar so ein Scheusal, ein zerfressenes +Gerippe! — die dreckigen Hände in den nassen +Hosentaschen, Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! +Ach, schon bin ich wieder gelangweilt und ermüdet durch +euere, ach so wenig unterhaltsame Gesellschaft, ach, schon +wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den Mund +zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch +nicht mehr als eine mehr oder minder mißverstandene +spaßige oder gruselige Abendunterhaltung, während welcher +ihr einander bestehlt oder den Weibern unter die +Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch — so: +ein eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier +— gewärtigen, daß einer von euch plötzlich veitstanzt +oder ein anderer aus euerer sauberen Genossenschaft +<!-- page 008 --> +mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer rücklings +den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die +Gefahr, ihr Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu +beobachten, wie ihr empört und im Innersten beleidigt oder +aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet, bald zu +plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, +schreit oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut +verzerrt. Erzürnt die Fäuste hebt! . . . So hört! Ich singe +euch vor meinem endgültigen Abschied noch das religiöse +Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner +entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische +und mystisch verklärte Agonie. Das zynische +Klagelied. Vernehmt bewundernd oder im Tiefsten angewidert +das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume. +Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch +vorüber in einem bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken +Reigen. Flammen leuchten auf. Trommeln. Trompeten +schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden, +der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit, +schon als Knabe wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich +alles im Stiche ließ und um keinen Preis zu halten war, +vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst meiner +letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in +der Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst +mich erlöse. + +</p><p>Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lärm? Nein. Nichts, +nichts von alledem. Der silberne Mond schwebt hoch über +dem verlassenen Platz. In seiner Mitte, unter der Säule, +gegenüber dem Löwentor des zerfallenen Palastes stehe ich. +<!-- page 009 --> +Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, +in einer visionären Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung +gesprochen. Doch wer vernähme meine Rede +auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche +es. Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! +Stammle entzückt und voll Wonnen! Also, zum Anfang! + +</p><p>Ich beginne! <i>Und lauschten mir auch nur die flüsternden +Nachtwinde, die rauschenden Bäume und das vom +Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und hörten mich +auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die +harten Steine auf mein trauriges Lied!</i> — + +</p><p>Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint +in tiefe, graue Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle +mich leicht wie Äther, frei und wahrhaft glücklich erhoben. +Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von sonst +nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene +Feuer lohen empor und umlichten furchtbar meine +eisige Grabesnacht. Scheiterhaufen warten aufgerichtet. +Hellebarden, Dolche blitzen. Trommelwirbel. Rote Lichter +vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue Liebesnacht. +Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der zerschundenen +Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor +aus dunklen Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene +Menschenleiber. Beben, Zittern, Schluchzen, +Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen +in fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere +kreischen. Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden +auf Wilde. Wüsteneien. Die Pest erhebt ihr durchlöchertes +Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam über alle Maßen, +<!-- page 010 --> +beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich. +Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder. +Weiße blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber +in unsagbar süßen Verschlingungen und eine große, rasende +Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen Grabnächten +und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe +über die schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich +darunter erregen und erbrausen, und die Gewässer der Erde +wie Tautropfen am Saume jenes himmlischen Gewandes +haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem Blut +und rotem Wein. <i>Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt +mir unsichtbar.</i> Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich +einsam auf der stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. +Aufgelöst in Tränen kniee ich zu Gottes Füßen, spüre den +Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen Hand, +fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade, +gräulich und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche +Gletscherflächen tauchen langsam und leis, unter +einem süßlich klingenden, leicht und allmählich anschwillenden +Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten +der roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde +ich in mir. In mir, dem äußersten, leidenden Glied eines +reichen, verderbten Geschlechts. Und doch im Blut die wehe +Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie. +Bin jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. +Jungfrau, Dirne, Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle +mich von großen, langewundenen Würmern weh zerfressen: +Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die +Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig. +<!-- page 011 --> +Welk oder trocken ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen +Augen voll Eiter; Nester kleinen stinkenden Gewürms. +Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün. +Ein berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe, +Verwesungsduft und der helle Geruch weißen Äthers oder +gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo! Ecce +homo! . . . + +</p><p>Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten +kläglichen, schmutzigen Kindergewimmels. Auf +engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen Holztreppen, verdreckten +Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote +Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die +Mietskasernen. Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber +das Lied des umherziehenden Orgelmanns tat zum ersten +Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen schüchterner, +aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. +Blühende Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. +Das Kindlein in der Krippen . . . Einst, o einst: +zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das unaufhörliche +Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller. +Die Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten +Vaters. Streit der Geschwister. Unzufriedenheit, +Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und Geschluchze +aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen +Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, +Kälte. Finstere, verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke +und Wanderungen. O, da meine Sehnsucht übergroß +ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen +Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig +<!-- page 012 --> +mein Verlangen ging. Mich mein Sehnen zog. Das Herz +schlug. + +</p><p>Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es +pfeift. Stimmen. Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend. +Mit offenen, trockenen Mäulern. Einer hat Schnaps. +Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner weiß. Man +fährt in die Nacht. <i>O, daß man einer Heimat entgegenführe!</i> +. . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten +und mancherlei eigenartige Überraschungen. Er hat milchige, +kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch der +glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene +Klarheit frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum . . . + +</p><p>Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln +oder auf freiem Feld, oder lagert gleich einer räudigen und +übelriechenden Herde Viehs in wüsten Gassenschenken. + +</p><p>Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge +Schlafraum ist voll von dem Geruch der nassen Windeln, +dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten, erfüllt von +dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins, +kleiner Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! +Strecke dich nicht! Nichts! Denn bei einer Berührung +greifst du an Schöße, stinkende, nasse, verschleimte, verkrebste +Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben +Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche, +kleine Bäuche, steinhart und mit dem Fraß roher Kartoffeln +furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein Napf voll Urin und +Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut! +Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. <i>Stunde, +du kommst, die mich zerbricht.</i> Die mich zermartert. Du +<!-- page 013 --> +zertrümmerst mich. O, so viel Blut drückt schwer. So viel +Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die Welt in +Aufregung. + +</p><p>Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus +frühen Kampftagen. Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. +Geträumte Länder, warme Länder, Sonnenländer! +O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen +von den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und +den flatternden Kolonnen der singenden Fische! Apokalyptische +Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett umhaucht +von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer +Monde, jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten. +Riesenschlangen, träg und schwer auf den Ästen +der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten. Blumen, +eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend +mit blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder, +warme Länder, Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied! +Denn aus den großen, kalten, nordischen Städten +komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen +der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. +So hört mein Freiheitlied: + +</p><p>„Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! +Onanisten! Päderasten! Fetischisten! Kaufleute, Bürger, +Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr großen Metzen! +Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht! +Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten +Anarchie. Zum bösesten Widerstreit begeistere, +reize ich euch. Revolution! Revolutionäre! Anarchisten! +Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone! +<!-- page 014 --> +Mein sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! +Ich führe euch. Vorwärts. Marsch! Marsch! Den +gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen +Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der +Pfeife, das flatternde Blut der roten Fahne, die violette +Farbe unregelmäßiger, gefährlicher, schwärmender oder +konzentrierter, tödlicher Bewegungen —: fühle ich in +meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! +Granaten zerplatzt! Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt! +Infernalisches Geschmetter! Vorwärts, wir kommen. Dieser +stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne entgegenschießt, +ist unser Bote, diese Granate, die hell durch +die Luft pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren +Schildern, auf unseren Helmspitzen leuchtet auf, steil und +flammend, der Triumph der neuen Zeit. Das silberne, zart +aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie. +Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf +aus grauen, nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel. +Voll Türmen und Zinnen. Und Gold! Und Gold! . . .“ + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische +habe ich von mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten +Hallen getreten. Die kühl sind und vom Glanze +mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume inmitten +kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen +nicht im zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder +auch in den drohenden Brandstürmen aufgepeitschten, +dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter bist der +ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume, +<!-- page 015 --> +wie im verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen +Flur, oder im heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die +schwere Nacht angeht. Aber in allen Räuschen des Blutes +fand ich mich dir am nächsten. Oder im verschrillenden +Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder +dumpfem Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden +Todes. Die verpestete Luft erfüllt vom dumpfen Gedröhn +ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen Aufstrom +schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden, +vom weißen Schweigen der Gefallenen in den +verfeuchteten Laufgräben, vom Siegesgeschrei, dem rauhen +Gebrüll der Lebendigen . . . + +</p><p>Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr +Begreifbares. Etwas nur mehr sich durch einen kleinen, +gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes. Als ob wer +die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit, +Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit +sind. Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten +Träger einer trüben Tradition sind. Wir, die wir +die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag findet unsern +Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle +Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den +samtenen Fittichen einer trunkenen Traurigkeit werden die +Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt dem Bann der dunklen +Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den himmlischen +Gärten hin entführt, wo die leuchtenden +Sternkugeln überherrlich entzündet sind. + +</p><p>Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die +Irrfahrt. Das Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand. +<!-- page 016 --> +O, alles zerbarst, alles zerkrachte. Wie wütend die Wellen +schlugen. Alles über Bord — O, splittert Planken! Noch +einmal, o, noch einmal und — letzter Kampf! O: alles dann +aus und Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht +über mich. Alles verweht mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? +Komm Untergang! + +</p><p>O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten +Nonnenleichnamen die Morgensonne aufgehn +sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den Weltenraum +hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des +Kreuzes, daß es purpurn flattert. O, wir tragen unsere +reinsten Wünsche nach dem Untergang. Wir erarbeiten ihn. +Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher Unterschied. +Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. +In einem Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur +große Schauspiele befreien euch den Geist. Daß ihr erlöst +werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut auf! <i>Rhythmitisiert +euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt +zu! Brecht auf!</i> O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens! +O: und aus den überwehten Grüften der Entschlafenen +in die ewige, zeitlose Helle steigend! . . . + +</p><p>Seht, oben bin ich seltsam gut und träumerisch. Unten +aber schlecht, verseucht und angefault. Das bin ich. Doch +meine Tiefen sollen wieder Höhen werden. Aller Schmerzen +Abgründe jubelnde Bläuen. Und meine Verirrungen — denn +noch jage ich trunken dahin, unbewußt, dumpf benommen +und wie von dem schwülen Duft aufblühender Rosenhecken +und dem betäubenden Geruch süßer Mädchenleiber umhüllt +— und meine Verirrungen sind mir Gewähr eines einst +<!-- page 017 --> +sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern. +Das braucht Zeit. Ich habe Zeit . . . + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Wenn ihr klug seid, vertut die schöne irdische Zeit mit +Spiel und Tanz, mit Weib und Wein! Schlaft trunken ein +unter Rosenhecken, unter goldenem Sternenglanz, umspielt +vom weichen Strome milder Frühlingsdüfte. Erwacht dann +wieder, süß umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang, +der himmlischen Musik . . . Die Nacht vergeht. Der +Tag bricht an. Die Sonne sinkt. Dazwischen schallender +Gesang der Vögel. Wasserrauschen. Durch die Wipfel der +Bäume Brausen des Windes. + +</p><p>Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde +werden wir. Dornenkränze um die geneigten Stirnen, +Wunden an Händen und Füßen, Narben in den schmerzlich +entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten +Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut, +der raschen Zeit, dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt: +so wandern wir einst, Millionen Gekreuzigte, im +blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde zu. Einsam +waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal +hieß Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein +Geheimnis zwang uns Ohnmächtigen gebieterisch seinen +unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns. Es jagte uns. +Über grüne Frühlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von +Ängsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir +plötzlich hilflos, gleich den von ersten Blütendüften trunkenen +Kindern, unschlüssig und staunend vor feurigen Abgründen. +Ein Flammenstrom verschlang uns. +<!-- page 018 --> + +</p><p>Wir führten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe +um ein geträumtes Reich, dessen strahlende Herrlichkeit +und lichte Himmelswonnen wir aber nicht im Irdischen erschauen +durften. Denn es blüht bei Gott. Hier zermalmen +uns Not und Gefahr, verruchte Willkür, Blut und Sehnsucht, +heller Tag. Doch uns Ermüdete tröstet die blaue +Nacht. Ein himmlischer Gesang, der fernher näher dringt. +Über die Gräber weht er. Über die Gräber braust er. Die +Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein +warmer, göttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander +stürzen Strom und Berg, Acker, Wald und Tal. +Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes, stöhnendes Gewühl +von Millionen heiß ineinander verschlungener, blanker +Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern +und Gewölben Rasseln, Schall und Gedröhn der schweren, +zerklirrenden Ketten. Goldene Spangen, glänzende Rüstungen, +silberne Schwerter. Das hell aufblitzende, bleich +schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente +jubeln auf darin. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Wie ich so daliege, die beiden Hände gefaltet, das Angesicht +nach oben, die Augen den Sternen zugekehrt, vergeht +wieder diese törichte, schwärmerische Schwäche. Ich +sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus +meinem Herzen. Aus meinem Munde strömt es nun. Aus +Nase, Ohren. Ich sehe die kleine Welt durch einen blutig +nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer streckt sich steil +aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein vergessenes +Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick, +<!-- page 019 --> +der gleich zum frivolsten Gelächter als zum gläubigsten Erschauen +zwingt. Doch ich will nicht daran rühren . . . Was +ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken in Blut. Nur am +Ende: aus rötlichen Dämmerungen empor und befreit goldene +Flügel spannen. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glühend +und heiß bedrängen, wandeln sich in rauschende, wildflatternde +Ströme purpurnen Weines und wallenden Blutes, +die ich gierig in mich hineintrinke. + +</p><p>Kommt, gebt den Abschiedskuß, o Brüder, Schwestern +den Entschlafenden! . . . Unsere Körper sind zertreten, unsere +Seelen sind zerschlagen. Himmlische Räume! Himmlische +Räume! Dort werden Blumen blühen, herrlich wie +auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr +Licht wird uns auf singenden Pfaden durch blumige Gelände +leiten. Eine milde Hand wird uns führen. Kein +irdisches Leid betrübt uns. Keine Müdigkeit wird unsere +Körper befallen. Wir sollen gesättigt werden. Leicht und +frei werden uns über unermessene Länder englische +Schwingen tragen. Unter großen rauschenden Schattenbäumen +werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo +kräftige Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen +duftigen Talgründen auferblühen. <i>Wir harren der himmlischen +Welt.</i> +<!-- page 021 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-2">Das kleine Leben</h2><p> + +</p><p class="lyrics"> +<i>Si j’ai du goût, ce n’est guères<br /> +Que pour la terre et les pierres.<br /> +Je déjeune toujours d’air,<br /> +De ver, de charbons, de fer.</i> + + +</p><p class="signature"> +<i>Rimbaud.</i> + +<!-- page 023 --> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">W</span>ir wohnen Quellenstraße 16, III. Stock, bei Frau +Cäcilie Naßl, Geflügelhändlerswitwe. Das Haus, sehr +alt und morsch, gleicht einem Wrack. Die Höfe qualmen +und schallen. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Wir +haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreißig +Mark. Die Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank, +einem Tisch, vier Stühlen, haben wir auf Abzahlung. +Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau, Gasleuchter, +Waschtisch, Bücherregal gehören mir. Unsere +Vormieter haben einen bunten Papierofenschirm hinterlassen: +alt, durchlöchert, verstaubt. Der große schwarze +Vögel mit ungeheueren Schnäbeln einem hellen Wald zueilend +aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der +wie Blei aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die +sehr böse sind, heimtückisch, gefahrvoll, geduckt. + +</p><p>„Ich möchte mit dir in einer Kaschemme wohnen, +unter der Brücke übernachten, deine Apache, deine +kleine Dirne sein — wenn wir nur immer beisammen +sein könnten!“ + +</p><p>„Unsere Liebe wird uns alles überwinden helfen!“ + +</p><p>Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig +ein, eng aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf. +Essen zusammen. Wir sind immer beieinander. Es wäre +erreicht! + +</p><p>Wir sind sehr glücklich. + +</p><p>Heute nacht — wir leben eine Woche so — überfällt +mich zum erstenmal und brennend der Gedanke, daß man +allmählich bedacht sein müsse, sich Geld zu verschaffen. +Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmöglichkeiten, aber die +<!-- page 024 --> +liegen, so scheint es mir, für uns alle (und plötzlich!) auf +ein- und derselben Linie. Meine Frau wälzt sich unruhig +neben mir. Sie spricht Unverständliches im Traum. Ich +suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren warmen Körper +fühle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht länger mehr darüber +nachdenken. + +</p><p>Bin ich nicht sehr glücklich? + +</p><p>Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff +zu sein, auf hoher See. Es ist sehr ölig, verworren und +dumpf. Stöße. Rennen. Stimmengewirr. Fackeln flackern. +Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik +des Sturmes ist sehr süß. + +</p><p>Umschlungen versinken wir. + +</p><p>Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner +Frau mitteilen. Doch weshalb sie in Unruh setzen? Ich +unterlaß es. Zwei Tage können wir noch auskommen. Sie +wird es ja selbst wissen. Aber ich fürchte mich bei dem Gedanken, +daß sie das weiß. Weiß sie es denn auch wirklich? +Zwei Tage . . . das übrige ist mir wurscht. Wird meine +Frau auch so denken? Ich bin sehr in Sorge, sie könne es +nicht tun. Es überläuft mich heiß und kalt, wenn ich länger +solchen Erwägungen nachhänge. + +</p><p>Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet +immer, sehr dünn: „Faß unter!“ Unsere Kleidung ist sehr +dürftig, aber es ist Gott sei Dank sehr warm geworden, +über Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben +der Schauläden. Sie lacht überglücklich dabei auf, mich +heftig pressend . . . + +</p><p>Da sie aber, plötzlich erschauernd, sich an mich schmiegt, +<!-- page 025 --> +weiß ich, auch sie muß also heute nacht darüber nachgedacht +haben, daß unsere Mittel bald zu Ende sind, daß wir +erschöpft sind. Ich erstaune heftig darüber, daß sie das +weiß. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natürlich. +Auch sie hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich +nicht verletzen; ja, wahrscheinlich. Sie hat sich für mich +geschämt; ja. Ich sollte doch für den Lebensunterhalt +meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das +ja nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverständliche. Aber sie +sagt es mir dafür in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll +mit jeder Bewegung. + +</p><p>„Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei +Tage werden wir noch aushalten. Dann . . . man verzichtet +ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei Tage, +Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß +werden . . .“ + +</p><p>Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie +eines Sonntags, nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang +herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd +vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn, richtete +ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest. +Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie +darüber näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor +gehabt. + +</p><p>„Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen. +Du, Dorka, vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.“ + +</p><p>Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem +Raum, umschlungen. Wir legen friedlich die Hände ineinander, +unsere Kniee berühren sich mit zärtlichem Druck, ihr +<!-- page 026 --> +Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie +schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer +Kirche. Dorka schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, +meine Tränen zurückzuhalten. Eine Liebestragödie +wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt. Sie +erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere +Vormieter hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: +zittrige Geige, schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir +sind tief erschüttert. Es ist, als gehe ein Sturm durchs Haus, +es braust, und wir befinden uns auf untergehendem Schiff, +auf hoher See. Umschlungen versinken wir. + +</p><p>Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus +blendender Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter +Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere in +unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die +Nacht beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es +hell, wie es nur am lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie +es nur unter der Erde sein kann. + +</p><p>Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich +jede Nacht, sie muß sich besaufen jede Nacht. Die Herren +geben ihr ziemlich viel Geld, dafür muß sie ihnen schön +tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich streicheln +lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen +und oft bis spät in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie +tanzt einen Apachentanz, tanzt Twostep, kann Cancan. Sie +stellt sich auf einen Stuhl, führt unter allgemeinem Beifall +unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht unnatürlich, +sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, +nach allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. +<!-- page 027 --> +Sie ist ein Karussell. Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir +die Faust. + +</p><p>Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem +nächsten Verehrerkreis. Sie sind sehr für sie interessiert. +Der eine, Andreas Söraas mit Namen, liebt sie. Er ist ein +kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen Augen. +Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet, +indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast +täglich zum Abendbrod einlädt. Sie hat immer Blumen von +ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was sie nur will. Begleitet +sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie vor +allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich, +herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, +Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke. Ich kann das nicht. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf +meine Frau. Versteckt, im Schatten, an einer Ecke. Ein +Haufen Studenten kommt angeheitert, den Dessauer pfeifend, +ausspeiend und johlend, sehr langsam daher. + +</p><p>„Bei der ist heute nichts zu wollen,“ flüstert einer, etwas +beklommen, im Vorübergehn, „ihr Zuhälter wartet auf sie.“ + +</p><p>Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so +oft bin, freut mich das. + +</p><p>Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend +über die Treppe heraufkommt. Höre sie schon, schwer +das Haustor aufschließend, sich verabschiedend von ihrer +Begleitung, das leichtere Geräusch der Türschlüssel, das +Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und +sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet +<!-- page 028 --> +sich rasch, umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns +wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt immer nach Wein, Tabak, +sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt. + +</p><p>Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. +Oder sehr verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts +geschieht. Nur die Zeit vergeht, sehr langsam. Wir langweilen +uns. + +</p><p>„Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen +leben, das wird einem am Ende auch fad. Laß +mich in Ruh!“ + +</p><p>„<i>Es muß etwas geschehen.</i> Was Aufregendes, Aufpeitschendes, +Aufreizendes. Man benötigt Sensationen.“ + +</p><p>Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, +Russen. Wir sprechen fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht +fünf Worte können. Wir halten die deutschen Bürger zu +Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang. Meine +Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale +Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das +wird fad. Auch fehlt es immer an Geld. + +</p><p>Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer +müder und gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist +stark angewidert. Sie flieht das Leben. Sie ist ganz pathogen +konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie ist +satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die +Hände. Ich verzweifle. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend +Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen. +Mit zweitausend Mark war er für die Schulden +<!-- page 029 --> +der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden internationalen +Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen, fünfhundert +Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs +Schönste verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland +angelegt, eintausendundfünfhundert Mark für +Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt er, auf mein Anraten +— ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will, völlig +betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz — eintausend +Mark bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr +beginnt man. Der Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird +gerufen, meine Frau aus dem Bett gerissen, ich bin zur +Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem Glas +Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, +genießt der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie +seinen Sekt versaufen: Dorka, rasch, klirrend, Madame, +schläfrig, leicht nippend; die „Kapelle“ vornehmlich, mit +langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen +Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, +schlecht amüsiert. Und während man draußen durch den +erwachten Morgen eilt: schnatternde Scharen farbiger +Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander gewürfelter +Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit +kleinen roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige +Pferde, freche Automobile, verträumte Lastfuhrwerke, böse +Radler . . . (und Busenmädchen flattern freundlich, heilige +Studenten kreisen singend) . . . während man hereindringt, +einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure, +grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau +Marie Wöbers Kinder die Suppe klirrend auslöffeln, +<!-- page 030 --> +stricken —: tanzt man: der Moritz Düsterweg und die +Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild +fliegen, die sich plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, +wild vorwärts drängt, stampft, aufbraust, hingebend sich +zurückbeugt, schiebt: <i>die böse Dorka!</i> Doch der sich so +ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg: +er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man +dreht noch einmal, eine halbe Wendung . . . einige Schritte +. . . vorwärts, zurück . . . noch einmal . . . eine viertel Wendung +. . . mit Mühe . . . gerade noch —: und Düsterweg -: +er sinkt um. + +</p><p>Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, +als gelte es einem verschüchterten, einem verstockten Kind, +ich, ganz uninteressiert, peinlich berührt, verlegen, Madame, +von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig prustend +und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: +„<i>der Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal +geschlossen worden . . .</i>“; die „Kapelle“, zurückgebeugt, +traurig, verhalten über das Klavier hinplätschernd . . . + +</p><p>Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf +in Dorkas Schoß gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten +streichelt. Ein Lächeln gleitet über sein Gesicht . . . + +</p><p>Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die „Kapelle“ +vom Stuhl drängend, die einleitenden Takte eines furiosen +Walzers an, gibt das Zeichen zum Beginn des Tanzes. +Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt. Bricht wieder +zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe +wiederholt sich . . . + +</p><p>Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden +<!-- page 031 --> +über die Straße gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, +aber doch herzlich bewillkommten Gäste ist inzwischen auf +ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu. Ein +jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was +einem jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch +geht heute restlos in Erfüllung. Was braucht man sparen? + +</p><p>Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht, +aufgerollt gleich dicken weißen Ketten, in lustigem Streit +auseinandergerissen. Braunes Bier fließt. Man ist verschwenderisch. +Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt. +Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem +ausgehenden Brand lagert unwirklich und schwer. Musik +tönt ununterbrochen. Der Phonograph abwechselnd und die +„Kapelle“. + +</p><p>Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin, +summend. Sitzt dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es +brütet. Fip, die schwarze Katze, auf dem roten Tischtuch +dick ausgebreitet, schnurrt. <i>Ein Schnapsglas daneben steigt +wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee.</i> + +</p><p>Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen +Kaffee. Um sechs Uhr gibt es Tee. Bei einbrechender Dämmerung +ißt man zu Abend. Der Geruch aller Getränke, +aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet +wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen +teil. Sie glucksen glücklich. Dröhnend verdauen sie. +Kreischen. Man gebärdet sich wie toll. Man ist ausgelassen, +voll sprühender Lust. + +</p><p>Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die +Hemdärmel aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie +<!-- page 032 --> +wahnsinnig umher, den Appetit seiner Gästeschar anfeuernd, +eifrig besorgt, daß alle genug bekämen. Eigenhändig +gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem Geschrei, +lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich +daran erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern +ins Maul, die aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien. + +</p><p>Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler: +groß, aufgedrehten Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt, +verschnupft, von Sonne durchsotten, ein wenig +später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick, +rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg +die Hand, sehr gnädig und herablassend von ihm begrüßt. + +</p><p>Düsterweg —: <i>herrscht er nicht über alle?</i> Ist er nicht +maßgebend? Herrscht er nicht unumschränkt, königlich, +maßlos? Er ist in bester Stimmung. Weiß nicht wohin vor +Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit allen spaßhalber +Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über +Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man +stürzt, wälzt sich, steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt +um. (Und Moses Mies reibt sich an Alois Wurm.) Man +lacht, belustigt sich dabei allgemein. + +</p><p>Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher +zu sich, die, schwer benommen, inständig nach frischer +Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt er breiigen Munds, +mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen Plattfingern +seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine +Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt +strahlend Dorka das seine hin, spricht lang und erregt von +<!-- page 033 --> +naher Verlobung, baldiger Hochzeit, und ist tief beglückt +und süß durchronnen, als Dorka endlich, nicht ohne zu +zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr +sofort ein. + +</p><p>Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt +fünfhundertundzehn Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. +Das Fest setzt sich fort. Und Dorka, Düsterweg zärtlich +umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze, die +auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich +schnurre. Sie nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, +mit großen Augen: + +</p><p>„Onkel, wo hast du das viele Geld her?“ + +</p><p>Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie. + +</p><p>Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf +die Stirn, dankbar, daß ich ihn geführt habe. Und selig +lächelnd auf meine Frau weisend: zum Glück geführt habe! +Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht; +müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während +seiner Abwesenheit: Dorka, die sein sei. Und heiter +angeregt gedenkt der Düsterweg der allgemeinen Beliebtheit +sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila Lieblich, +für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark +er aufgekommen war. Und renommierend: „Sie ist faul. +Nach fünf Nummern schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. +Ungenügend!“ Schallendes Gelächter folgt. + +</p><p>Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen +habe ich meinen Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig +Mark. Und lächelnd versucht er: „ein . . . hundert . . . und +. . . fünf . . . zig . . . Mark“. +<!-- page 034 --> + +</p><p>Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. +Und sein Messer ziehend, springt er auf: „Meint ihr, ich +bin euere Wurzen? Windige Bagage. Ich laß mich nicht +neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!“ + +</p><p>Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, +fremd, vor Wut entstellt, lächerlich . . . Man +versucht ihn zu halten. Er schreit, flüchtet . . . Doch seine +goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in das Glas +schleudert, das zerklirrt . . . <i>Sein Gesicht platzt entzwei.</i> +Ein großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor +Schreck verstummt, gespannt aufhorcht: „Sich erschießen? +Sich in den Mund schießen? Oder etwa, etwas rückwärts, +die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe? Einen +Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht +zu haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles +auf, ist das nicht alles wert? <i>Man muß sich doch einmal +Luft machen!</i>“ . . . Und „es ist schön“, weiß er: Und +„Dorka, Dorka mein!“ + +</p><p>Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. +Frau Marie Wöber drückt dem Düsterweg die Hand, lang, +Madame, deren Brust sich um diese späte Zeit immer +schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich zublinzelnd: +„das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein +artiges Fest gemacht. Auf Wiedersehen.“ Von Bruno Maria +Wagner, der „Kapelle“, nimmt man Abschied, der, betrunken, +mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von +Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld +zählt. Von Moses Mies, dem Salzagent, der pfauchend in +die Nacht entweicht. Und nimmt Abschied mit einem letzten +<!-- page 035 --> +Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die fluchend +unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter +Bänken, unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie +aus einer Höhle zum Lokal hinaus, gebeugt, mit schlotternden +Knieen in die Finsternis sinkend. + +</p><p>Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an +meine Schulter gelehnt, der Moritz Düsterweg uns beiden +gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft ist anders. +Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: +„Ich besitze . . .“ <i>Er sieht alt und häßlich dabei aus.</i> Sein +Gesicht verzerrt sich idiotisch. Die kleinen, grünen +Schusseraugen funkeln, die platten Käsfinger spreizen sich +. . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich. Der +Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, +sorgfältig, immer wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei +Stunden! . . . Durchsucht seine Taschen: dreißig Mark! +Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich werde +geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen +bemerkt haben. Man wird die Unterschlagung entdeckt +haben, ich werde nichts dagegen, nichts dazu tun, ich +lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich verhaften +. . . + +</p><p>Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel +Fünf. Ich gehe mit Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das +Auto halten, etwas vom Lokal entfernt. Dorka will es. Man +müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht leiden. +Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es +beginnt zu regnen. Man kehrt um —: Dorka holen. +Dorka —: wartete sie nicht hier? Sie ist nicht mehr da. +<!-- page 036 --> +Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich etwas +unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . . + +</p><p>Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner +Dorka nachstürmend, rufe ich, schallend: „Dorka, die +Dorka suche ich . . .“ + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr +erstaunt, mich wiederzusehen: „Ja, Hans, wo treibst denn +du dich herum?“ Aber ich merke gleich, daß er alles schon +weiß. „Hans, du siehst sehr angegriffen aus.“ Und er erkundigt +sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach +meinen Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, +nach meiner Frau. Mir ist das sehr unangenehm, +wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe immer +irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . . + +</p><p>Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang +durch den englischen Garten. Ich trinke tief die warme +Luft ein, ich fühle mich glücklich wieder, sorglos und +heiter, und vollkommen gekräftigt. Die Menschen gehen +sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu +wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen +Teppichen friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der +Kleinhesselohersee glänzt, unbewegt und starr, er sieht wie +Blei aus . . . + +</p><p>Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. „Vorgestern +nacht, Hans, hat deine Frau bei Andreas Söraas +geschlafen. Und sie hat es aus Liebe getan“ . . . + +</p><p>Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich +muß zugeben, vorgestern nacht war meine Frau nicht bei +<!-- page 037 --> +mir. Hat sie also wirklich bei Andre geschlafen? Aber, so +tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe getan, +denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die +Tränen mühsam unterdrückend, mit brechender Stimme: +„Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es . . .“ + +</p><p>„Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber +du wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du +sie kanntest, — — — . . .“ + +</p><p>Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: „Josef, +bitte sei ruhig, ich weiß alles, ich weiß es.“ Ich zittere am +ganzen Körper. Ich hatte immer so Angst davor gehabt. +Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist heraus . . . + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich +mich langsam auf zu Andre. Andreas Söraas, stud. ing., +Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn bei der Arbeit. Mitten +in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln. Ja, er +ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig, +mit sehr blauen Augen. + +</p><p>„Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen +näher für diese Dame interessiert . . .“ auf das Bild hindeutend, +das unmittelbar vor ihm auf seinem Schreibtisch +steht . . . + +</p><p>Und er sofort: „Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.“ + +</p><p>„Verstehen Sie: sie ist meine Frau.“ + +</p><p>Und gesteigert: „Sie werden wissen, was das heißt: +meine Frau, Herr Söraas . . . haben Sie ihr Geld gegeben? +. . .“ +<!-- page 038 --> + +</p><p>„Was denken Sie, nein“ . . . Einfach. Ohne mit den +Augen zu zwinkern. + +</p><p>Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke +steht. <i>Es ist sehr breit.</i> Das beunruhigt mich . . . Er scheint +sehr zufrieden zu sein. Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist +sehr gut eingerichtet. Ich denke an unsere Wohnung in der +Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener blendenden +Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, +tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder +ganz ergeben in unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und +dumpf . . . + +</p><p>Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt. + +</p><p>Warf sie mir nicht als vor: „Sieh, Hans, Andre tut mir +alles, was ich nur will.“ Und: „Er begleitet mich oft, oft +stundenlang durch die Stadt, wo wir vor allen Schaufenstern +stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über Strümpfe, +Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke . . . du kannst das +nicht.“ Und: „<i>Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur +wollte, gleich von dir nehmen, auf immer zu sich, mich +heiraten . . .</i>“ + +</p><p>Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein +Recht dazu, es ist eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, +zucke ich nach meiner Tasche, meiner Pistole, hebe sie, +ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt . . . + +</p><p>Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe +ich es denn auch wirklich getan? Und mir scheint die Welt +auf einmal verändert. Ja, ich habe es getan, denn ich hörte +den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein Körper +den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch +<!-- page 039 --> +in der Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich +stecke sie wieder ein . . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? +Aber ich kann mir mit bestem Willen jetzt, im +Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird +später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon +überzeugen, daß ich Andreas Söraas wirklich niedergeschossen +habe. Ja. Es ist eine Tatsache. <i>Es ist eine Tat. +Wie wohl das tut</i>, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei +froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran +zweifeln. Man wird daran glauben müssen. Und die Blutlache +über dem hellgelben Parkettboden sieht aus wie eine +große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die spritzt kleine +zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke: +<i>Andre hat blauseidene Strümpfe an!</i> Die heiße Scheibe +glüht wild auf hinter Andres blondem Jungenkopf, der +unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie schreit. Und Glocken +gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das Anmarschieren +von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken, +Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, +Sturmlauf aufgepflanzten Bajonetts gegen Bastillen, +Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die ratternde +Symphonie des Aufruhrs. + +</p><p>Nun erst bin ich meiner Tat gewiß. + +</p><p>Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. +Wie ich das Haustor öffne, <i>erblicke ich einen älteren +Mann, einen Blumenverkäufer, und ich habe das Empfinden, +ich müsse ihm was recht Gutes tun.</i> Die Sonne scheint. +Und plötzlich fällt mir heiß ein: „Ich habe einen Mord begangen! +Ich habe einen Mord begangen!“ Und ich sage +<!-- page 040 --> +es mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. <i>Und +ich will es dem Alten eingestehn</i>, er wird ja schweigen, und +nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch ich +fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich +sage mir, das kann auch später noch geschehen . . . <i>Aber +ich kaufe ihm alle seine Blumen ab.</i> Und ich sage mir: das +ist ein „rotes“ Haus. Und ich starre unausgesetzt, die +Blumen in den Händen, nach oben. + +</p><p><i>Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem +Haus fortkomme.</i> + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt +mir: „Deine Frau ist eine Dirne, die sich bei der Prostitution +beide Vorderzähne eingeschlagen hat.“ Ich springe +dem Schuft an die Kehle. + +</p><p>Man sagt mir: „Deine Frau ist eine Abortgrube.“ Ich +speie dem Schwein ins Gesicht. + +</p><p>Man spöttelt weiter: „Deine Frau: ’n prächtiges Weib, +ne schöne Hur’ . . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht +schon alles . . .?“ Ich kann mich nicht mehr rühren. Ich +bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich heule im Innern +auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen. + +</p><p>Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine +Frau kommt, meint der ernste Ober: „Herr B., jetzt kommt +das Betriebskapital.“ Oder: „Gegen Mitternacht steigen die +Aktien.“ Man macht ringsherum Witze. Ich bin wehrlos. +Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen. +Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf +sie. Wenn sie unter die Tür kommt, ganz rot, meint Josef: +<!-- page 041 --> +„<i>Sie ist eine Flamme . . . es knallt.</i>“ Man deutet mit den +Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt, +frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, +in einer Ecke. Und die deutschen Bürger lagern sich immer +ringsumher: sie paffen Ringe durch die Luft, spielen Billard, +trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen +wie Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite +Stiefel, Platt- und Schweißfüße, einen massiven Gang, und +lieben es, durch wiederholte Händedrücke sich zärtlich ihren +Weibern gegenüber zu erweisen, die, vollgefressenen +Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer +geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen +Gesichtern, große Torten verzehrend (—: fett, +doppelkinnig, hängebusenhaft . . .). Ihrem Beruf nach +Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler: +kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, +langgebartet, goldblond . . . + +</p><p>Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es +splittert, fließt, knaxt . . . Die Musik: sie ist „dorkan“ . . . +und die runden Marmortische drehen sich, die Kronleuchter +knistern, zertrümmern . . . + +</p><p>Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, +meine frühere Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht +nicht meine Frau kennen zu lernen. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole +mir immer: „ich habe einen Mord begangen! ich +habe einen Mord begangen!“ Und ich sage es mir immer +vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch +<!-- page 042 --> +wahnsinnig darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, +Andre habe ich um ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich +nicht schon alles um ihretwillen getan. Und doch ich weiß, +ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr meinetwegen +niedergeknallt. Und denke immer an Andre. <i>Ich liebe ihn +fast</i> . . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen +Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . +Mit blauen Augen. Wie ähnlich er mir ist! Er hat den +Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße Zähne. Die +Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach +oben gekrümmt. <i>Und ich bemerke seine blauseidenen +Strümpfe.</i> Und ich denke an das „rote“ Haus. <i>Und ich +starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach oben.</i> + +</p><p>Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht +ertragen, daß meine Frau einem anderen gehört hat. Nur +einem, nur einem anderen! Es ist furchtbar, daß mir das +der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer über +mich lachen. Und trostlos: „Wie verkommen, wie haltlos +ich bin!“ . . . Aber Josef hat auch gesagt: „Hans, aber du +wirst ja selbst wissen, sie ging schon längst, bevor du sie +kanntest, — — — . . .“ + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, +klein, schwarz und bleich. Ich verbringe die Nacht bei +ihr. Sie sättigt mich. Ich bade. + +</p><p>Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen +hinein. Ich kehre fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich +wieder. Ich habe alles vergessen. + +</p><p>Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter +<!-- page 043 --> +Tag für Tag. Heute ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen +mit, heftig prustend, von Doppelkinn und Busen arg beengt. +Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie +kann es nicht mehr leisten. <i>Das freut mich irgendwie.</i> Aber +zugleich dämmert es allmählich in mir auf: die Türen +werden langsam zugemacht. Und kurz vor ihrem Weggehn +bemerkt noch wichtig die Wöber: „Moritz Düsterweg hat +sich im Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. +Denkt euch nur: er, der Lump hat fünftausend Mark aus +der städtischen Krankenversicherung unterschlagen . . .“ +Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig +und sehr aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt +hoch, unbewegt, an einer grauen Wand. + +</p><p>Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche. + +</p><p>Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das +letzte Geld im Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische +Klavier spielen. + +</p><p>Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, +um aufzustehn. Ich bin schwer belastet. + +</p><p>„Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?“ + +</p><p>Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt +es keine Rettung? Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin +vergraben, sehr dünn: „Arbeite!“ + +</p><p>Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere +Schneemassen, furchtbar, drohend übereinandergetürmt +und ein grüner Bach rieselt vergraben, ganz unten, +sehr dünn. + +</p><p>Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen +da. Trotzdem hat sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender +<!-- page 044 --> +Dämmerung entfernt sie sich. Sie hat sich sehr +auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie ist stark +geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, +das Bett zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. +Den Waschkrug hat sie mit frischem Wasser aufgefüllt, bei +Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch geborgt. Sie ist +sehr entschlossen. <i>Alle Krankheit scheint von ihr gewichen.</i> +Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal +im Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte +Rock, ein kleiner brauner Hut, mit roten und +weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse . . . und sie +zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas schmerzlich +lächelnd und „Adio“. Aber es scheint ihr nicht gar so +arg hart anzukommen. Und ich sage mir: <i>meine Frau hat +ne feine Fresse.</i> + +</p><p>Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: „Du brauchst +dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst +wissen, deine Frau ging schon längst, bevor du sie kanntest, +— — —.“ Ich entsinne mich, eines Sonntags, nachts, +lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ die +Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb +oft herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern +stehn. Richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier +fest, manchmal drehte sie sich um. Ich denke mir: jetzt +will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß ich +Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und <i>wir wollen +beide recht herrlich untergehn!</i> Ich höre die ferne Musik +des anziehenden Sturmes. Sie ist sehr süß. Umschlungen +versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich bin ein +<!-- page 045 --> +großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, +dem Leben abgewandt. + +</p><p>Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, +mache kein Licht, sperre ab. Ich horche gespannt. Jedes +Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten kommt sie +mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz +rot. Und ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: +auch das ist ein „rotes“ Haus. + +</p><p>Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie +zu küssen. Man sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. +Ich sehe neugierig durch eine Hitze. Es ist ein großer wütender +Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts, verschnupft, schnapsdurchdrängt, +von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild, +unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz +gleichgültig. + +</p><p>Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen +sie mit allen möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, +Schlingel, Lümmelchen, Toppsau, Mensch. So verkehrt +man mit meiner Frau. + +</p><p>Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob +sie um Einlaß bitte. Als bettelte sie. „Ich bin sehr müde, +Hans, gute Nacht!“ Sie händigt mir ein großes Goldstück +aus. „Also für fünf Mark . . .“ <i>Und auf dem Tisch stehen +viele Blumen</i> . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka +wimmert laut. + +</p><p>Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. +Auch ich gehe weg. Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie +so fern gelegen. Ich „geißle“ mich. „Arbeiten!“ Am +Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille, +<!-- page 046 --> +kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, <i>der jenem +Blumenverkäufer sehr ähnlich sieht, den ich vom toten +Andre herabkommend, auf der Straße erblickte.</i> Er schließt +sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka denkend, +unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige +mich. + +</p><p>Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau +auf mich. Wir zählen beide unseren Verdienst. Wir müssen +lachen. Wir umarmen uns nach langem wieder, küssen uns +herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein +jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden +es ängstlich wieder, uns gegenseitig zu berühren. + +</p><p>Es ist verworren, ölig und dumpf. <i>Wie lang wir die +Sonne nicht gesehen haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel +geworden ist, kriechen wir aus.</i> Wir sind beide sehr gereizt. +Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht eine +Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich +werfe ihr den Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit +auseinanderklafft. Sie gibt mir einen Tritt in den Bauch, +daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel, Teller +gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns +auf offener Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh +und kühl. Sehr mechanisch. Wie Fuhrknechte auf Pferde +einhauen. <i>Nur um uns gegenseitig etwas zu erleichtern.</i> Auf +einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide +mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein +böses Raubtier. Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie +beißt sich in meiner Oberlippe fest, die blutig herunterhängt. +Menschen sammeln sich an, halb sich belustigend, +<!-- page 047 --> +halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen, +zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener +Brille, langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen +zählt immer sehr, sehr dünn: „Eins, zwei! Eins, +zwei! Eins, zwei!!“ + +</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam +über die Straße. + +</p><p class="tb"> + +. . . „Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es +zu spät ist“ Und: „Warum liebe ich sie . . .“ aber ich +kann mir darüber nicht klar werden. Alles ist verworren, +ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine schwammige Masse, +gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken. +Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie +fällt mich. Ich bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich +muß ihr die Bluse zumachen, die Stiefel zuknöpfen. Ich +will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt mir ins +Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand +zuckt oft nach der Tasche . . . <i>Sie sagt nur „Pferd“ und +streichelt mich und ich bin wehrlos.</i> Wieder ist sie lustig +und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu wirken. Das +Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen, Italienern. +Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie +ist vergraben . . . „Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, +ich werde glänzende Kleider tragen, im englischen Garten +jeden Tag früh ausreiten, spazieren fahren, <i>du kannst +immer im Café sitzen . . . Du kannst essen, trinken, schlafen, +schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter Lucki!</i>“ +. . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, +<!-- page 048 --> +kost ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: +„Buberl! Buberl!“ + +</p><p class="noindent">„Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät +ist!“ Doch diese Worte, immer und immer wieder mich +quälend, bedrängend, und ausgesprochen <i>von einem von +oben herab</i>, sehr blond und in einem langen schwarzen +Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat unausführbar. +Es brennt. + +</p><p>Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, +Flechten, Narben, Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, +kratzen wir uns gegenseitig wund. Unsere Körper sind Blutäcker. +Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht. Man +scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit +Jod, Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. +Ich renne, während meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und +herwälzt mit erhobenen Händen gegen die Wände an. +Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. „Gib mir etwas +Wasser, Hans“ . . . bittet sie, sehr dünn . . . „Halt dein Maul, +Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.“ Und aufbrausend: +„Verreck, du!“ . . . Ihre Augen weiten sich. Sie +wird sehr ruhig. Es tut mir furchtbar leid, so gesprochen +zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem Augenblick, als +ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder, +schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. +„Hans, mir ist, als sei eben etwas zwischen uns getreten!“ +Und mit erhobenen Händen, grell: „Jemand +hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das +tut!“ . . . + +</p><p>„So soll alles umsonst gewesen sein?“ +<!-- page 049 --> + +</p><p>Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die +Dorka wimmert. + +</p><p>Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. +Ein feuriger Hund läuft über den Himmel. Es bellt. + +</p><p>Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie +kann keine Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir +Obacht auf die Polizei geben, die uns seit einigen Tagen +schon gründlich auf der Spur ist. „Wenn man mich erwischt,“ +meint meine Frau, „werde ich eingeliefert.“ Und: +„ich habe schon einmal zwei Monate gesessen.“ Und: „ich +habe auch keine Lust mehr ins Krankenhaus.“ Und ich +denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das Vorzimmer, +in dem die Kranken warten mußten, war dicht +gefüllt. Sie kamen aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, +Arme, Beine eingebunden, die Augen fiebrig glänzend +oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein +Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen +das Blut von der Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden +Garten hinaus, die Hände geballt, der prächtig untergehenden +Sonne nach. + +</p><p>In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen +Mutter, ein Mädchen noch, voll blühender Anmut, +das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die kaumgeöffneten +Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar, +die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die +Wartenden, sie saßen, alle den brechenden Blick flehend +emporgewandt. +<!-- page 050 --> + +</p><p>Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid +es ihr tue, aber gestern seien drei Kriminaler da gewesen, +die sich auffallend eingehend nach uns erkundigt hätten, +auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe überall, +wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats +sei noch nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . . + +</p><p>Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, +mit großen Füßen, dürftig angezogen, kurzhaarig, im +Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander auf einer Bank +und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus +Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal +bestraft. Sie ist ganz und gar ausgehungert, seit drei +Wochen hat sie nur auf Stroh geschlafen. Ich hole ihr von +zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den letzten +Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu +Josef. Er wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen +zu sehen, doch scheint ihn das irgendwie zu freuen. Er stellt +Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst übernachtet, in +seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich +schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, +überglücklich aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt +die weiche Decke ganz über uns. Sie ruht, das Gesicht käsig, +doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer weit in +die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, +mit kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da +sie friert, lege ich mich auf sie und wir schlafen, Brust an +Brust, Mund an Mund. Oft ist es, als ertöne unirdische +Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir schweben. + +</p><p>Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges +<!-- page 051 --> +Tuch. Elly schläft noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen +flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich bemerke, wie ihr Körper +entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht. Ich gehe +weg . . . + +</p><p>Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt +ist . . . „Wo habe ich heut geschlafen . . .?“ +Und ich jage durch Wüsten: Straßen, Straßen, Straßen. +Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte, Vorstadtwiesen, +mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof +mit plumpem Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, +Brücken; und ich gelange endlich in einen Wald und über +Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser +mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. „Wo +habe ich heut geschlafen . . .“ Ich bin zerschmettert. Und +ich weiß mich, sehe ich mich nur einem Weib gegenüber, +unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich habe meiner +kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen, +sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und +meine Mutter sagte immer zu mir, war ich unfolgsam „Du +bringst mich noch ins Grab.“ Und mein Vater sagte das +und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie +alle sind tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins +Grab gebracht. Und ich komme eben am „roten“ Haus +vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht, und +ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer +grauen Wand, und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen +funkeln, traurig und sehr entfernt. Schlief ich nicht bei +Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die Türen +werden langsam zugemacht. +<!-- page 052 --> + +</p><p>Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede +Nacht. Sie schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich +gehe auf der rechten. Ich beobachte sie. Ich traue ihr nicht +mehr. Sie läßt die Handtasche lang herunterhängen. Sie +schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den hellerleuchteten +Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht +oder knüpft ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie +sich um. + +</p><p>Wenn sie sich einen anderen anschaffte. + +</p><p>Ich wüte. Ich erwürgte sie. + +</p><p>Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, +ich habe es ja immer schon gewollt, ich war nur zu schwach +dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu mir gehabt. Ich habe +es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich immer so +davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für +mich, für mich auf den „Talon“? Und auf den Knieen +rutsche ich durch das Zimmer, taste mich langsam hinaus, +schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte. Eine Tür +klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, +am ganzen Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer +empor. Es wird Licht. Eine Gestalt beugt sich nieder. +Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse! Sie hebt +mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer +Brust, streichelt meine Wangen: „Buberl! Buberl!“ Dann: +„Pferd!“ Sie ist zärtlich, als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, +jahrelang von ihr entfernt. + +</p><p>Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. +Bald sehe ich ein, es ist unmöglich. Und: „Ich muß ja, +ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe ich nicht meine +<!-- page 053 --> +Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf +mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan“ . . . +Und ich komme so nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was +soll ich auch fliehen? Es erscheint mir kindisch. + +</p><p>Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind +fort. In den Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. +Es sind viele Schatten. Will sie mich nicht mehr? Hat +sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre wüste +Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende +hellerleuchtete, klirrende Schaukel, in der mir meine Welt +ins Dunkel entfliegt. Ich werfe die Fenster ein. Alles bleibt +ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt sich, niemand +kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten +wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren +wissen. Also, sie hat sich einen anderen angeschafft. Ich +warte Stunde um Stunde, in eine Ecke gelehnt. Wenn ich +den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen +aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er +sich. Das Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die +Kirche gegenüber. Ich höre die Messe. Ich trete wieder, beruhigt +und gestärkt, in den erwachten Tag hinaus. Die +Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den +Händen durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich +habe die Dorka, die Dorka erwürgt! Ich fühle die Last +ihres Körpers in meinen Armen; ich lege sie irgendwo in +einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich +eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel +und Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. +Er schaut mich groß an. „Josef, ich habe meine +<!-- page 054 --> +Frau erwürgt, ich habe meine Frau umgebracht! Josef, +leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht . . . leb +wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb +wohl . . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und +meinen Vater habe ich umgebracht . . .“ und brüllend: „alle +Menschen habe ich umgebracht . . . leb wohl, Josef, sieh, +ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch dich noch . . .“ + +</p><p>Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang +herab, ich küsse ihn, ich bin so glücklich: „ich habe meine +Frau erwürgt.“ Und ich fühle mich seit langem wieder das +erstemal frei. Und Josef: „Ob Dorka das wert war, mußt +ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich +werde überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich +Dorka nicht . . .“ Auf seinem Tische aber liegt eine Zeitung, +ganz zergriffen: „Andreas Söraas, stud. ing., wurde heute +erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62, +III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt +. . .“ + +</p><p>Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, +nach Haus zurück. Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. +Und ich sage mir, eine Tür nach der anderen wird langsam +zugemacht. <i>Das Haustor steht weit offen.</i> Meine Frau singt, +sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, +sie streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: +„Du solltest klug genug sein, um das verstehen zu können. +Es waren Schlager . . .“ Und ich: „Ja! Ja!!“ Und ich seh +zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles wieder +gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein +warmes Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld. +<!-- page 055 --> +Wir sprechen uns über den gestrigen Vorfall nicht weiter +aus, aber ich muß an mich halten, nichts verlauten zu +lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre besuchen. +Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere +heimlich. Wenn sie wüßte. Sie sagt: „Hans, liebe +mich.“ Sie ist sehr erregt. „Du meinst wohl, ich solle dich +. . .?“ Sie, aber sehr traurig: „Hans, du bist so roh, +bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, +du solltest zart sein gegen mich, ich will nicht mehr +deine Apache, deine kleine Dirne sein, ich bin dein ‚Franzosenweibchen‘, +du mußt dein kleines Frauchen schonen.“ +Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt +es sehr albern vor. Und ich sage nur: „<i>Du hast ne feine +Fresse!</i>“ . . . + +</p><p>Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im +Dunkel. Doch die Straße schwimmt im Licht. Wir sind +hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten. + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir +haben nun alles Geld wieder verbraucht. Wir haben alles +versetzt. Man bekommt nur sehr wenig. Übermorgen sollen +wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist! +Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner +Frau groß ins Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, +sind weit: „Weib . . .“ Ich nenn sie das erste Mal so. Es +durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem Weib ins +Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie +kann ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles +ist voll. Ich stöhne: „Ach Dorka, du hast ja das ganze +<!-- page 056 --> +Bett . . .“ Sie dreht nur den Kopf: „Ach, Hans, du +lügst . . .“ Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: +„Ach Hans, mein Hans, mach mich tot!“ Und ich denke +bei mir: soll das heißen . . . will sie etwa damit sagen . . . +ich solle sie jetzt . . . in diesem Zustande . . .?! Ich lache +wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut! Sie ist +ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht +ist ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die +Lippen weiß. Sie bedeutet durch eine schwache Handbewegung, +daß ich den Papierofenschirm ans Bett heranrücken +soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen +bildet sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, +und am ganzen Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. +Ich bin gar nicht angeekelt. Sie phantasiert. Sie +spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar +und eindringlich: „Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, +Herr Mies, ach Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so +fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste . . . Also, wie du willst, +Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber! . . .“ Und sie +nennt einen Namen: „Isaak“. Ich weiß, das ist der erste +Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: „Lieber Gott, so +nennt sie ihn, wo hast du mein Buberl“ . . . Dann schreiend: +„Andre! Andre!“ Und mit ihren Händen wild in meine +Haare: „Isaak! Isaak!“ Und mich inbrünstig küssend: +„Liebster!“ Und weiter: „Das andere waren ja — ach! — +nur schlechte Gäste . . . Du bist der beste Gast . . . Doch +nein, ach nein: du bist ja was viel anderes als ein Gast . . . +Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe tüchtig geklaut +für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart für +<!-- page 057 --> +dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . +auf dich war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich +bin! . . . auf dich . . . Ich bin krank geworden für dich . . . +Das ich so verkommen bin . . . <i>Das Leben ist beschissen</i> +. . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege gehen über das +Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen +. . .“ + +</p><p>Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren +und zart umfassen will, furchtbar, entsetzlich, drohend: +„Laß mich! Du laß mich! Du fremder Mann . . .“ Die +Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen. +Um ihre Gunst bemühen sich alle . . . + +</p><p>Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den +einen, sehr sorgfältig, den geliebten Namen: „Isaak! +Isaak! . . .“ + +</p><p><i>Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt.</i> Ich sinke in +einen Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie +klein, schwarz und bleich, kommt mir entgegen, sanft: +„mein großer Junge!“ Wie ähnlich sie Dorka wird! Warum +Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die Dorka +nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie +mir. Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. +Ich kann es nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. +Und schmerzlich: „O Dorka, daß ich dich bald vergessen +werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos +suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf +der einsamen Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen +am Himmel, im Geklimper der Schreibmaschinen, auf der +Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen Büchern, +<!-- page 058 --> +im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde +ich dir quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden +bist! O Dorka! . . .“ + +</p><p>Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt +ist. „Friert dich nicht, Dorka.“ Sie aber antwortet nicht +mehr. Ich hülle sie in die Decke ein, daß sie ja nicht friert. +„Kann ich sie nicht erwärmen?“ Und ich denke an Elly. +Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. +Doch sie bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle +Türen zu. + +</p><p>Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert +im Zimmer. Aber wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif +der Morgensonne, der über dem Papierofenschirm liegt. +Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen eine +herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich +waschen und den Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu +der Frau Wöber ins Geschäft gehn und ihr mitteilen, daß +Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig überdenken. +Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, +als ich Andre niedergeschossen hatte und später, als ich +fest daran glaubte, meine Frau erwürgt zu haben. Ich bin +sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht mich +immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. +Und es erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich +an Dorkas Seite entschweben, hoch ins Licht gehoben, die +grauen Wände weiten sich, die Nebel heben sich, die Erde +sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen, Halleluja, +Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, +von allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden +<!-- page 059 --> +Gloriole umgeben . . . „Madonna Madonna!“ und +mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über allem waltet, +dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . . + +</p><p>Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im +Halbschlummer, den jene himmlischen Wonnen selig +durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere Vormieter +hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der +Zimmer. Ich träume weiter. + +</p><p>Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender +Duft strömt daraus; himmlische Musik erklingt. Das Tor, +das eherne Portal springen auf, öffnen sich. Den Dahinschreitenden +umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der +schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft +glühender Rosenbeete erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich +tief hernieder, breite Wege, rosenbestreut, leiten empor, +stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige Glut schwüler +Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten +sie in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht +von rauschenden Zweigen, reich behangen und überschwellend +von vielgearteten Früchten, kugelrunden, spitzgestalteten +und eierförmigen, zieht sich herab auf eine +weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt, +friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, +die glühenden Köpfe stolz erhoben, liegen im Gras, +schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße Elefanten, +die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen +Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur +Seite, silberne Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, +langgeschweifte Goldfüchse und graue Hunde, gelbe, +<!-- page 060 --> +buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die beiden +steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und +meine besten Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden +Schwänzen, ein Zeichen freudiger Erregung, sie schmiegen +zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an mein blaues, lose +herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in +der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen +singender Fische ziehen hoch über uns durch die weiße +Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert, durchschneidet mit +scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen +Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück — wie +auch mir, der ich ununterbrochen jauchze oder überselig +schweige — unfaßlich und märchenhaft, so hell, so inbrünstig +jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der Sonne deckt +fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft +nieder, honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt +in allen Farben. Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, +blau aufflammende Burgen, verwitterte Ruinen, paradiesische +Gebirge, hängende Wundergärten steigen zur Rechten +und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, +in alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, +ganz voll, gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und +mir ist, als verstünde ich nun auch die Sprache der Wesen, +die ja sonst dem Menschen unverständlich und verschlossen, +das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. „Wie +glücklich bin ich,“ brüllt Hai, „wie wohl ich mich fühle,“ +entgegnet, freundlich brummend, der Kamerad. „Meinen +Gruß! Meinen Gruß!“ zwitschert hoch in den sich wiegenden +und leise von einem goldenen Windstrom bewegten +<!-- page 061 --> +Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! „Wo habt ihr +das große Kind hergebracht?“ Und: „Es geht wohl zum +Silbersee?“ erkundigte sich eiligen Laufs die flüchtige Gazelle, +die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den +Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor +glänzen, doch deren Wipfel lauter wie Gold leuchten, +blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf einer Anhöhe angelangt, +bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten +schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, +auf einem smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein +schönes Mädchen und flicht mit spitzen Händen die goldenen +Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold überquillen, +das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und +selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender +Sehnsucht die weißen dünnen Arme aus, sie +schmerzhaft und voll Seufzer an die volle Brust pressend, +streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich neigenden +Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser +entlang, dessen klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. +— + +</p><p class="tb"> + +</p><p class="noindent">„Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .“ Ich erwache. +Alles ist spinnig. Man ruft. Man klopft an die Tür. Und +ich, laut und fest: „Gleich, Frau Naßl . . .“ Ich erhebe mich. +Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die Augen +zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen +hinunter, unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich +schon auf der Straße. Es ist sehr kühl. Es regnet . . . „Dort +oben ist die Höhle, in der wir gehaust haben . . .“ Und es ist +<!-- page 062 --> +ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße ist eine +„Aschen“—Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie +Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . +Mir kommt es vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. +Ein Auto, vorübersausend, halte ich mit geschwungenen +Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen, frage ich +nach Dorka. Die Dorka —: „eine Dame hellen gewürfelten +Rocks, roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!“ +Man schüttelt die Köpfe. „Was stehe ich im +Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen: in den +Fluß, durch den See — (und bei See denke ich immer an +Dorkas starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . +also ist es doch eingetroffen!) — durch den See, wieder +durch den großen Fluß zum stillen Meer.“ Und wie ich so +oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt in +den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das +Wasser als Dunst auf, verdichtet sich, bildet die Wolken +und fällt wieder, dem Gesetz ewigen Kreislaufes folgend, +als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben. „Soll +ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie +Stein werden, daß die Nase hinschwindet, das Kinn.“ Ich +trete von einem Bein auf das andere. Ich pfeife. Das tue ich +immer aus Verlegenheit. Ein altes Kinderlied fällt mir ein. +Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon Leute +bemerkt haben! + +</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam +über die Straße, in seinen großen schwarzen Regenmantel +gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und plötzlich gewahre +ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. „Herr +<!-- page 063 --> +Lehrer, ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, +auch das hab ich . . . Ich träume immer von weißen Windeln, +Wolkenfetzen und schwermütigen Molken . . . das alles +auf blauem Grund . . .“ Und er: „Gut, daß du wenigstens +den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist +sehr gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt +ihn . . .“ Und haut mir eine mit dem Stock über . . . + +</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam +über die Straße . . . Es ist aber mein Vater: „Vater, du +Arger, mir graut vor dir. Habe ich dich wirklich ins Grab +gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng . . . +Bitte . . .“ Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an +die Kranken, denen in purpurnen Traufen Blut von der +Stirn tropft . . . und es verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen +wie rote Fäden auf dem Fußboden, es bleibt an +Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die +Wände rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren +süßlichen Blutgeruch. + +</p><p>Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam +. . . Es ist aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr +langsam durch eine von rotem Duft erfüllte Landschaft +einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den ununterbrochen +große schwarze Vögel mit ungeheueren +Schnäbeln lautschreiend ziehen. Und ich breche in die +Kniee, stammelnd, versuchend mich zu rechtfertigen: +„Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du +. . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan +habe . . . Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige +Kusine . . . du weißt es . . . Habe ich nicht auch +<!-- page 064 --> +Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka habe ich geschlagen +. . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich +erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .“ Das aber +brülle ich Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: +„<i>Nimm alle Schuld von mir</i> . . .“ + +</p><p>Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, +bei Gott, wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich +unbedingt versichern, daß ich noch auf festen Füßen stehe, +und trete wieder von einem Bein auf das andere. So stampfe +ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt nach +Luft. Ich versinke. Ich stöhne: „Luft Luft!“ Mir schwindelt. +Ich werfe die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber +ich bin wie an Armen und Beinen gefesselt. Doch ich stehe +wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich plötzlich, +und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß +ich den rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den +lieben Gott gesehen habe, muß wohl auch ein Irrtum gewesen +sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt an den +Dächern. „Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? +Man weiß das ja nie so genau.“ Mein Kopf schlägt knallend +auf das Pflaster. Ich zucke zusammen, auseinander schnelle +ich, die Hände gekreuzt, die Arme gerungen, die Beine empor, +doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich +fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein +dumpfer Druck. Als sei ein Meer über mich hinweggeschritten. +Alle Einzelheiten habe ich vergessen. Josef kommt +auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt, +sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. +„Guten Morgen, Hans, ich suche dich schon lang, du stehst +<!-- page 065 --> +scheinbar schon lang hier. Du bist ganz durchnäßt!“ Das +alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und +ich: „Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein +Engel zu sein, also führen Sie mich zu Gott.“ Er nimmt +mich unter den Arm. Ich folge ihm willenlos. Wir gelangen +zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu Gott. +Und er kurz: „In zehn Minuten geht unser Zug nach +Berlin.“ + +</p><p>Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe +so Angst. Ich bin ganz eingeschüchtert. „Ich fahre zu +Gott.“ Josef schaut mich fest an. Ich presse mich dicht an +ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird +mir plötzlich wieder alles bewußt. „Das ist kein Engel.“ +Und aufkreischend: „Josef! Josef!“. So muß doch alles +ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse bleibt wahr. +Und ausbrechend: „Ich kann, nein, ich kann diese Stadt +nicht verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du +bist die Stadt von roten Meeren ganz verschwemmt, krank +und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot du bist.“ Und +aufgelöst, in Tränen: „Überall ist dein Name im Flattern +grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz +der Alleen, in allen meinen Bewegungen: Dorka! An allen +Haltestellen stehst du, an allen Straßenecken wartest du, +du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine Heimkehr +in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, +das einsame Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist +du und Eislaufbahn, Militärmusik, glitzernde Abendpromenade +und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst empor, +du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles +<!-- page 066 --> +bedeckst du. <i>Du tauchst des Nachts empor hinter den +grauen einförmigen Mauern der Kasernen, über den blitzenden +Kuppen der Paläste stehst du, hinter den fernsten Gebirgen +erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen, Kirchturmspitzen +thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du +hockst, du schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der +Sonne, mit den Sternen fliegst du. Dein Mantel sind die +Wolken, der Aether dein Leib.</i>“ + +</p><p>Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: +„Sie hat Andre geliebt, sie hat Düsterweg geliebt, sie hat +Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm geliebt, Bruno +Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat +sie geliebt, sie hat alle geliebt.“ + +</p><p>Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie +ist schuldlos, sie ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! +Und ich sehe mich mit zwei Gesichtern, das eine halb verwest, +das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir, „ich fahre +doch zu Gott“. Und: „Ich war ein Büßer“. Ich fühle mich +ganz voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. +Oh, geschähe es! Etwas reißt in mir, und es ist so schmerzlich, +daß es nicht zerreißt. Das tut furchtbar weh. Wir +entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind: +„Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.“ Und +sie schlägt immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende +Revolution. Sie kreist in meinem Blut. + +</p><p>Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, +obwohl ich wache, denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, +versendet einen magischen Glanz, der stark blendet. +Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich aufgelöst +<!-- page 067 --> +stammle ich: „Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!“ und +ich erinnere mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt. + +</p><p>Und ausbrechend: „Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. +Kanonen am Weg. Brust, Bauch, Hirn durchschossen. +Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen zerwühlt. Geheul +der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte +Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch +der Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was +will man mehr?! <i>Aber ich werde wiederkommen, die Augen +klar, die Muskeln Stahl, die Brust ein Panzer, der Körper +gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen gewachsen, +die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein +fabelhaftes, ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester.</i> +Ich werde sechsfacher Träger euerer Nobelpreise +sein. Sätze werde ich bauen, unendlich kompliziert, rasend +gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im brausenden +Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. +(O Scigo: Primas: Tönemäher!) —: euch alle berauschend. +Ich werde glänzende politische Reden halten. Meine Plakate, +grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten +aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten +Aeroplan, das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. +Diplomatisieren. Splendide Verträge abschließen, +Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich entdecken, +den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit +alter Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, +werden zu Millionen sprechen, werden Millionen +bewegen. Negerstämme, Fieber, tuberkulöse-venerische Epidemien, +intellektuelle-psychische Defekte werde ich bekämpfen, +<!-- page 068 --> +bezwingen. Die große physische Abstinenz werde +ich euch lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des +enorm sublimierten Geschlechts.“ + +</p><p>Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist +voller Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln +vorbei, auf denen Windmühlen stehn, deren Flügel sich +rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht davon aus. Das erfrischt. +Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt. +Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein +blonder Knabe holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen +plätschert in einem Weiher, der leicht vom Wind bewegt +ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein Weib +sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, +dunkel wie ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine +Frauenstimme, sehr dünn, erhebt sich, schwillt an zu einem +klaren Gesang. +<!-- page 069 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-3">Der Dragoner</h2><p> +<!-- page 071 --> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">V</span>or ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weißer Spitz. + +</p><p>Der hieß Kony. + +</p><p>Sie hieß Beate. + +</p><p>Und Beate bewegte sich prustend, unermüdlich den +Mauern der Infanteriekaserne entlang. (. . . vom „General +Finkenkeller“ bis „Zu unserem lieben Kronprinz“ . . .) Hier +standen sie, Wally und Mizzl, und um sie herum ein Haufen +Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus der +Masse losbröckelten. Die übrigen trollten sich schreiend +weiter. + +</p><p>Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes +Flußbett. Trotzdem es Samstag war. — + +</p><p>Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim „Zu +unserem lieben Kronprinz“, und um sie herum ein Haufen +Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis zwei aus der Masse losbröckelten. + +</p><p>Die Laternen wurden gelöscht. Die einzige Helligkeit +verbreiteten Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der +wie ein Licht vor Beate herlief. Und das Dunkel stürzte +sich wie ein böses Raubtier, plötzlich, laut gähnend, offenen +Rachens über den „General Finkenkeller“ und „Zu unserem +lieben Kronprinz“ und fraß die. Das polterte, tobte, schrie, +flackerte rot und feucht, hier einige Male, dort einige Male, +dann war auf einmal Schluß. + +</p><p>Da mußte Beate heiß an ihren Kony denken. Der war +Athlet. Drei Preise hatte er errungen, zwei zweite, einen +ersten, Eichenkränze, ganz grün, mit schwarz-weißen +Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie „Hoch!“ +und laut „Hurra!“, und die Musik blies furchtbar, als der +<!-- page 072 --> +Vorstand der „Stämmigen Brüder“, der Gerichtssekretär +Huber (der graue, der mit dem Bismarck auf dem Bauch! ) +sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot vor +Freude, sein großer aufgedrehter Schnurrbart glänzte. Und +er betrank sich diesen Abend, den Siegeskranz um das +Haupt. + +</p><p>Und sie entsann sich, wie ihm jene glänzende Medaille +angesteckt ward (— und das war auf der Siegesfeier des +„Freideutschen Stemmklubs von 1893“ —) und sie ihm +der Schiller, der Oberbaurat Schiller, höchst eigenhändig +auf die Brust heftete. Und alles schrie „Hoch!“ und laut +„Hurra!“ + +</p><p>Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude +ganz rot, aufgedrehten, glänzenden Schnurrbarts, kam an +ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er tätschelte ihr (— die +Medaille auf der Brust! —) auf den Hintern. + +</p><p>Und sie lächelte. Ihr Spitz hieß Kony. + +</p><p>Der schnupperte. + +</p><p>Beim „General Finkenkeller“ aber stand stramm, hochaufgerichtet +ein Soldat, ein Riesenkerl. Der stieß den +langen Schleppsäbel immer eigensinnig klirrend auf das +Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Plötzlich +war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der +kalt war und eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der +Spitz, lief ganz unbeirrt den beiden wie ein Licht voran, +doch immer, wenn der Säbel klirrend ins Pflaster fuhr, +ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor. + +</p><p>Es war ein Dragoner. + +</p><p>Und beim „Zu unserem lieben Kronprinz“ standen sie, +<!-- page 073 --> +Wally und Mizzl, zum drittenmal, und um sie herum ein +Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Und sie stiegen daher, +Arm in Arm, die Beate heiß, unermüdlich, prustend, +gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere +Zigarre mitten ins Gesicht gesteckt, glänzenden, aufgedrehten +Schnurrbarts, von Rauchwolken umhüllt. Und +Wally: „Nacht, Beate . . .“ + +</p><p>Doch die Mizzl: „Nacht, Frau Major . . .“ + +</p><p>Und die Beate ganz glücklich bei sich: „So ghört sichs.“ + +</p><p>Doch da bemerkte sie plötzlich, daß sich Kony, der Spitz, +und der Dragoner verwundert anschauten. Die beiden blinzelten +einander vertraulichst zu und der Dragoner sagte +dem Kony etwas ins Ohr. Die beiden hatten scheinbar etwas +miteinander. <i>Und der Kony lachte wie ein Mensch, antwortete +und nickte.</i> + +</p><p>Da brach die Masse der Lärm-Infanteristen in schallendes +Gelächter aus: „Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau +Major! . . . Nacht, Frau Major! . . .“ Aber standen dabei +gar nicht stramm und das empörte sie. — + +</p><p>Sie zündete das Licht an. + +</p><p>Sie betrachtete ihren Dragoner lange. Der aber sah sich +sehr genau in ihrem Zimmer um. Er war wirklich ungeheuer +und ganz gelb. Und die Beate fragte sich, an wen +erinnert mich der nur. Und sie mußte sofort an das Café +Krenkel in der Madenstraße denken. Das war auch ganz +gelb. Gelbe Vorhänge, gelbes Licht, und die Musik war +gelb. Und sie entsann sich, daß sie dort den letzten Samstag +auf einen kleinen runden Marmortisch gestiegen war, +(— auch die Wally und die Mizzl waren dabei! —) den +<!-- page 074 --> +Fuß in den Aschenbecher setzte . . . schrie, das seien Steigbügel +. . . und gleich davonreiten wollte, — wohin, das +wußte sie selber nicht, durch die Luft! Ach, sie war ja so +oft schon dort betrunken. Und sann weiter nach: Man +hatte sie ja dort auch schon so oft hinausgeschmissen. Doch +plötzlich auffahrend, ganz unvermittelt: „Mein Eisschrank +. . . und Wachs . . .“ + +</p><p>Nur der glänzende aufgedrehte Schnurrbart, das rote Gesicht, +die ungeheuere, immer noch glimmende Zigarre +mitten drin, die waren ja ganz lebendig. Und sie bemerkte +auch, daß er große und sehr feuchte Hände hatte. Und sie +dachte sehr versonnen, mechanisch weiter: „Wasser ist genug +da, die zu waschen, auch Sandseife . . . auch ein großes +frisches Handtuch ist da . . . <i>er kann sie darnach daran abtrocknen</i> +. . .“ + +</p><p>Er schnallte den Säbel ab, der sehr groß war. Viel größer +als die Seitengewehre der windigen Infanteristen, stellte sie +zufrieden fest. „Die Schmierer, die schiachen . . .“ + +</p><p>Aber er sprach auch so gar nichts. + +</p><p>Was tat er denn? Hatte er sich nicht bei ihr einfach +eingeschmuggelt? Kümmerte er sich denn überhaupt +um sie? + +</p><p>Und unermeßlich erdehnte er sich plötzlich, ragte durch +die Decke, die blitzende Helmspitze hartnäckig in den tiefblauen +Nachthimmel bohrend. Das flimmerte. Es tropfte. +Ein dichter Goldregen stieb prasselnd nieder. Und der +Säbel, plötzlich ein endloses Seil, an dem die Erde schwebte, +das Himmel und Erde verband . . . und plötzlich ein eiskalter +Wasserstrahl, der jäh niederfuhr, mitten durch, ein Blitz. +<!-- page 075 --> + +</p><p>Sie bat: „Geh, Schatz, leg deinen Helm ab!“ Und sie +dachte plötzlich wieder heiß an Kony, ihren Athleten. Der +wollte sie einmal erstechen. Im Rausch . . . Und sie flüsterte +selig, emporschauend: „Kony!“ . . . Und da hing er an der +Wand, ein photographisches Brustbild mit Medaille und +Eichenkranz, die Arme nach hinten verschränkt, aufgedrehten +Schnurrbarts, von Postkarten, Fächern, Tanzschleifen +umgeben: Kony. + +</p><p>Da knurrte der Spitz. + +</p><p>Und da erinnerte sich die Beate: auch der ist also +noch da. + +</p><p><i>Und stand hilflos zwischen dem gelben Dragoner, dem +Spitz und dem photographischen Brustbild.</i> + +</p><p>Und sie steckte dem gelben Dragoner eine Blume ins +Knopfloch, wie es damals Schiller, der Oberbaurat Schiller, +getan, und band ihm eine grüne Samtschleife um den Kopf +und drückte sie ihm sorgfältig zurecht, wie seinerzeit der +Huber, der Gerichtssekretär Huber auf dem Fest der „Stämmigen +Brüder“. Da der Dragoner wehrte, bat sie. Und endlich, +unsinnig lachend: „Nun kannst du dich wieder besaufen, +Kony . . .“ Ja! Hatte er nicht eine glänzende Medaille +im Knopfloch, schmückte sein Haupt nicht ein +Eichenkranz, ganz grün?! . . . Und er kam an den Tisch, +setzte sich zu ihr und tätschelte ihr auf den Hintern. Und +irgendwer schrie: „Hoch!“ und laut „Hurra!“ Und eine +Musik blies irgendwo furchtbar. + +</p><p>Und die Beate (das war ja zu närrisch!) —: sie lachte +unsinnig. + +</p><p>Sie brachte Bier in Flaschen. Das trank er. +<!-- page 076 --> + +</p><p>Aber sein Aussehen änderte sich, denn als er aus dem +Schatten nach vorn plötzlich unter das Licht trat, sah sie, +er war blau, blau sein Gesicht, ganz blau. Doch als er wieder +sich schwankend nach rückwärts verzog, sah sie: er war +grün, grün sein Gesicht, ganz grün. Doch als er bald darauf +wieder rülpsend hervorkam, sah sie, er war wieder gelb geworden, +ja wieder ganz gelb. Sein Gesicht, die Hände rot, +und der aufgedrehte Schnurrbart glänzte. + +</p><p>Auch sang er wieder und kommandierte laut. „Ich hab +es mir ja gleich gedacht, daß du schon wieder besoffen +bist . . .“ + +</p><p>Kony knurrte. + +</p><p>Der Dragoner blickte ihn nur an. Da schwieg er. Die +beiden verstanden sich scheinbar gut. + +</p><p>Da aber Kony plötzlich laut aufbellte, fuhr der gelbe +Dragoner mit seinem langen Säbel nach ihm. Da wand +er sich sogleich verröchelnd. + +</p><p>Da die Beate laut aufheulte, warf er sie nieder. Sie +kreischte auf. Er aber setzte den Fuß auf ihre Brust. Da +schwieg sie. + +</p><p>Sie lag auf dem Rücken. Versuchte wieder hochzukommen. +Wälzte sich, krümmte sich. Sie konnte nicht. + +</p><p>Er nahm die Schlüssel an sich. Die Handtasche öffnete +er. Zählte: drei Mark und fünfzig . . . + +</p><p>Sie versuchte sich am Bett hochzuziehen. Los riß er sie, +hob sie empor, unendlich hoch empor und mit beiden +Armen niederschleuderte er sie. Er schmetterte sie alle +Stockwerke durch. Daß sie tief vergraben in der Erde stak. +Den Körper voll Splitter. Sie wimmerte. +<!-- page 077 --> + +</p><p>Da kommandierte er laut: „Achtung!“ und zog den +Säbel. + +</p><p>Sie dachte wieder an Kony. + +</p><p>Ja —: da stand er, die Medaille auf der Brust, den Eichenkranz +ums Haupt, ein wenig in die Stirn gerutscht, ganz +grün. Der aufgedrehte Schnurrbart glänzte . . . und jemand +schrie „Hoch!“ und laut „Hurra!“ . . . und eine Musik blies +furchtbar. Sie lachte unsinnig. + +</p><p>Und wieder: „Achtung!“ . . . und er war ganz gelb . . . + +</p><p>Sie lachte unsinnig. „Wie närrisch!“ + +</p><p>Doch plötzlich flehentlich: „Herr Schmetterling! Herr +Schmetterling!“ + +</p><p>Der aber lachte wild auf. + +</p><p>Sie erstarrte. Ward zur Puppe. Haftete. Zerbrochen. In +die Knie geknickt. Schon vorher durchbohrt. Und weit +zum Stoß ausholend: „Achtung! Liebste! Achtung!“ + +</p><p>Und er stieß zu, aber nur ein ganz klein wenig, zog +wieder zurück, zielte, prüfte. Er spielte mit ihr. + +</p><p>Beate prustete, arbeitete mit Händen und Füßen, unermüdlich. +Umschlang zärtlich den Stahl. Zerrte. Als wollte +sie: „O, gellten alle Himmel der Welt jetzt! . . .“ Und +laut: „Zu Hilfe, Frau Wadenklee! Zu Hilfe!“ Ihre Hände +bluteten. + +</p><p>Doch —: sie <i>stand!</i> + +</p><p>Und jubelnd ihm entgegen: „O, dich kenn ich . . .“ + +</p><p>Und er: „Kröte! . . . Verfluchtes!“ + +</p><p>Und stieß durch. +<!-- page 079 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-4">Kindheit</h2><p> + +</p> +<p class="subheading">Heinrich Franz Bachmair dankbar +<!-- page 081 --> + +</p><p class="first"><span class="firstchar">K</span>urt war von Frau Schaa eingeladen worden, er +schüttelte Äpfel von den Bäumen, las sie auf und sammelte +sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug, das darnach +roch. + +</p><p>Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte +ein langes, dünnes Kleid an, das die untergehende Sonne +blutig durchfuhr. + +</p><p>Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche +aus und hüstelte. + +</p><p>Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten +Schal auf und führte Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm +eine Rose ab und steckte sie ihm langsam ins Knopfloch. + +</p><p>Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens +und wuschen die Rettiche. + +</p><p>Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher +Vogt, wie es bei Schaas gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte +gerade an Frau Schaa gedacht . . . und er bemerkte die +Mutter, die, über den Suppenteller gebückt, hineinschluchzte. +Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, +und schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. +Ein weißer, fast plastischer Streifen, zog sich über die +Wange der Mutter —: ein Striemen. Dahin hat er sie also +getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt sich +selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und blutunterlaufen, +auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren, +roten Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt. +Er widersprach dem Vater trotzig: + +</p><p>„Laß mich!“ + +</p><p>Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller. +<!-- page 082 --> + +</p><p>Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den +Haaren, würgte ihn, riß ihn zu Boden und trat ihn mit +dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich auf, +schreiend —: er wurde niedergeschlagen. <i>Das nahm kein +Ende für ihn.</i> + +</p><p>Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie +auf die Straße hinunter. + +</p><p>Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter +kam aus ihrem Verschlag hervorgekrochen, blieb in der +Mitte des Zimmers stehen und setzte sich zitternd +unter sie. + +</p><p>Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er +wollte sich rächen. + +</p><p>Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher +zum Tarock ab. + +</p><p>Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte +Klavier, bis es zweimal läutete und Frau Schaa kam. + +</p><p>Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch +und bat weich: + +</p><p>„Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen), +spiel was! Bei der Musik fang ich immer zu phantasieren +an . . .“ + +</p><p>Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf . . . + +</p><p>Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe +herauf. Er war besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, +er drohte ihnen, er verurteilte sie zum Tode. + +</p><p>Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er +nicht die Mütze der Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche +man ihm, widerspreche man dem Gesetz, der +<!-- page 083 --> +Verfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem +Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? +. . . Unantastbare Macht . . . + +</p><p>Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete +sich und fand den Vater ungeheuerlich. + +</p><p>Dumpfe Schläge. + +</p><p>Die Mutter wimmerte . . . + +</p><p>Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa +winselte: ob seine Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man +nicht wisse . . .? + +</p><p>Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. — + +</p><p>Der Gerichtsvollzieher verreiste auf längere Zeit dienstlich. +Kurt schlief im Bett des Vaters neben der Mutter. Er +ging vor ihr ins Bett, konnte aber nie einschlafen. Sie kam, +und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich einmal +nachts über die Schlafende, die Haare ringelten wie +schwarze Wellen um das weiße Milchgesicht, die aufgesprungenen +Lippen waren halb geöffnet. + +</p><p>Er flüsterte. + +</p><p>Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und +sagte: + +</p><p>„Laß mich, Liebling! . . . Schlaf!“ + +</p><p>Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann +fort war. Sie lag im Fenster und sah die Straße hinab. Sie +stopfte fleißig Socken, flickte die zerrissenen Hemden des +Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzüge aus. + +</p><p><i>Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmäßig +jeden zweiten Tag, kamen.</i> + +</p><p>Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzte +<!-- page 084 --> +ihn groß an. Herr Vogt aber schmiß seinen Sohn zum Bett +hinaus, fluchend. Er war wieder betrunken und sah aus wie +ein Strolch. + +</p><p>Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er +auch sie. + +</p><p>Sie heulte. + +</p><p>Die Großmutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag +hervorgekrochen. + +</p><p>Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und küßte +sie. Die bärtigen Wangen rollten dicke Tränen herab, die, +wie Perlen gereiht, an seinem strohigen Schnurrbart hängen +blieben. + +</p><p>Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der +Eltern mit dem Küchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er +wollte sie beide töten. + +</p><p>Die Großmutter stöhnte aus ihrem Verschlag heraus . . . + +</p><p>Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen. + +</p><p>Frau Schaa erzählte, sie fahre noch diese Woche auf zwei +Monate nach Rußland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle? + +</p><p>Der Photograph knurrte. + +</p><p>Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie +nahm Kurts Kopf in ihre große, rauhe Hand, zog ihn an +die Brust und liebkoste ihn. + +</p><p>Herr Schaa holte sein Tesching und schoß nach Spatzen. + +</p><p>Frau Schaa herzte ihre Katze. + +</p><p>Herr Schaa zischelte. + +</p><p>Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hände gegen +den Photographen, der bleich an der Gartentür hing. + +</p><p>Herr Schaa zerbröckelte. +<!-- page 085 --> + +</p><p>Der Tesching lag geladen vor ihm. + +</p><p>Herr Schaa grub Rettiche aus. + +</p><p>Bussi, die Katze, huschte über den Zaun. Kurt zuckte +nach der Büchse. + +</p><p>Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die +Büchse auf und schoß. Er fehlte. Kurt atmete erleichtert +auf. Bussi erschien auf der anderen Seite des Gartens. Kurt +griff und drückte ab. + +</p><p>Bussi sprang ein wenig vor, überpurzelte sich und schlug +den nassen Boden lang . . . wälzte sich, die grünen Augen +trieben lang, gewaltsam heraus, die fleckige Zunge stach +spitz vor . . . der weiße Bauch öffnete sich . . . Kurt aber +schaute nach Ange um (so hieß Frau Schaa beim Vornamen). + +</p><p>Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte +sie sich ab. + +</p><p>Der Photograph hüstelte und drehte das Tier mit dem +Fuße um. + +</p><p>Kurt schämte sich. + +. . . Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen +Horizont. + +</p><p>Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht. + +</p><p>Streng und gemessen schritt draußen Herr Nebukadnezar +vorüber, der Oberlehrer. + +</p><p>Kurt nahm von Frau Schaa Abschied. + +</p><p>Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim +Photographen, der betrübt im kleinen Haus saß. Frau Schaa +war fort. + +</p><p>Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht. +<!-- page 086 --> +Kurt überlegte ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen. +Er bemerkte den Striemen über der rechten Wange seiner +Mutter und glaubte, er müsse noch verweilen. Sie versetzte +ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der +Nacht, da er neben ihr schlief . . . + +</p><p>Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park +lag er. Er dachte an die Schaa, und daß es süß sein müsse, +von ihr geschlagen zu werden. Er sehnte sich nach ihr. +Menschen hingen über den Bänken: schlapp, den Hut im +Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote. + +</p><p>Er träumte einen Vogel, der sich aus einem Moortümpel +aufhob. Der flog vor ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte +unbekannte Morgen- und Abendländer. Der Vogel aber +schwebte über ihm, des Nachts als Feuerschein oder +Stern, des Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne +ertrinkend. + +</p><p>Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch +litt er Durst. Auf glühenden Wiesen lagen Früchte bereit, +in den Wäldern rauschten Milchquellen. + +</p><p>Er verträumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten, +er war nicht dabei. + +</p><p>Plötzlich aber stürzte er sich, von ferne aufgeschreckt, +mitten unter sie. + +</p><p>Er hetzte durch die Nacht, bis er ermüdet zusammenbrach. + +</p><p>Er wußte, daß die Großmutter Geld besaß, ein wenig +nur, doch schlecht aufbewahrt, aus ihrer Rente. + +</p><p>Die Großmutter saß in ihrem Verschlag. + +</p><p>Er gedachte der Schaa. +<!-- page 087 --> + +</p><p>„. . . Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den +Kopf einschlagen, oder nicht an den Hals springen . . . denn +wie dünn der Hals ist . . . splitternd . . . wie Holz . . . nicht +niederwerfen . . . gleich mit einem Hieb den Schädel entzwei +. . . den Schrank auf . . . und dann —: o dies Glänzen! +. . .“ + +</p><p>(. . . <i>Und sie nickte ihm zu</i> . . .) + +</p><p>Das Küchenbeil zwischen den Zähnen, kroch er vorwärts. +Nur noch einen Sprung von ihr —: die verschrumpften +Lippen zuckten. + +</p><p>Man hörte aber nichts. + +</p><p>Die Hakennase bog sich lang herab. + +</p><p>Die Großmutter war weiß. Sie schlug mit den beiden +Armen wie zu einem Flug. + +</p><p>Die Wangen, eingefallen, grünlich und gelb, begannen +rosen zu werden. + +</p><p>Das Beil entglitt ihm. + +</p><p>Er quälte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern +umher. Auch Räuberromane las er. + +</p><p>Plötzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der +Straße an seine Schaa. Daß er sie beinahe vergessen hatte, +schmerzte ihn. Er machte sich Vorwürfe darüber <i>und strafte +sich selbst, indem er sich „Hund! Hund!“ schalt.</i> + +</p><p>Er wollte ihr schreiben. + +</p><p>Eine kleine weißglühende Kugel sprang auf. Sie begann +zu erklingen in einem molkigen Luftgemisch. Sie sauste. +Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die Nasenflügel blähten +sich. Schleim und Tränen rannen. Ein tiefer Schlaf folgte. + +</p><p>Er erbrach mit dem Küchenbeil den väterlichen Schreibtisch, +<!-- page 088 --> +der stöhnte und sich wand. Er demolierte ihn +gänzlich. + +</p><p>Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los. + +</p><p>Er fuhr mit einem Zug. + +</p><p>Er durcheilte die nächste Stadt. Was er suche, wußte +er nicht, nur, daß es unbeschreiblich schön sei. Er lebte +in Märchen. Er dachte die Schaa. Es peitschte ihn, es jagte +ihn dahin. Durch die brüllenden Lüfte sauste es. Es gewitterte. +Der Rücken, das Gesicht schälten sich, Hagelstacheln +trieben ein. Haut hing in Fetzen . . . + +</p><p>Ein grüner Himmel rollte sich. + +</p><p><i>Das schmutzige Gesicht erglänzte:</i> + +</p><p>„<i>Ihr nach!</i>“ + +</p><p>Verdorrte Gelände durchzitterte er, sonneversengt. + +</p><p>Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft über die +gewölbte Fläche eines Silbersees, unberührt durchzog er +einen gelben Strom, die Wellen, sie wichen vor ihm zurück. + +</p><p>Ein Schatten rang sich vor die Sonne. + +</p><p>Der Vater. + +</p><p>Kurt entsetzte sich. + +</p><p>Glühender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte +Blasen, auf, Städte zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen, +Prozessionen schwankten durch die Luft. Ebenen überschlugen +sich. + +</p><p>Der Himmel töste. + +</p><p>Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette +dampften. Violett explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt. + +</p><p>Der große Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrümmerte +Hügel hinab, surrend. +<!-- page 089 --> + +</p><p>Jahreszeiten wechselten. + +</p><p><i>Eine Stadt schob sich mit grauen Häuserquadraten vor, +massiv und gewaltig, von Straßen bösen Gesichts und +dünner Herbstleute, wie Gespenster, zerschachtet.</i> Ein +Milchwagen rasselte. Cafés schäumten. Er schwamm an zerrissenen +Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der +Atem von Schläfern sang. + +</p><p>Klaviere jammerten. + +</p><p>Er übernachtete in Schlafstellen. Fäulnis. Wanzenbruten. +Mütter gebärten kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von +Leibern wippten. Betrunkene torkelten. Idioten blökten. +Selbstmörder wankten. + +</p><p>Es fiel von ihm ab. + +</p><p>Eine Alte saß unter ihnen, schlug Karten und prophezeite +aus den Handlinien. + +</p><p>Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten Äpfeln. Kurt +erschrak darüber. Schwester Anna mit weißer Spitzhaube +und kleinem Wachsgesicht brachte die grüne Breisuppe im +braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten geschleudert, +wurde zerstückt. Wärter Johann erzählte Schnurren. +Gewaltig und dickbäuchig schritt der Herr Geheimrat. + +</p><p>Halbwüchsige Burschen schleppten ihn in ein Varieté. +Musik platschte. Eine Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein +Mädchen tanzte, zog sich zurück, und die Wände vertieften +sich, die Decke barst, es wurde nachtblau. + +</p><p>Ein Pockennarbiger stieß ihn an. Kurt verstand nicht +gleich, er gab sein letztes Geld. + +</p><p>Es ergriff ihn: <i>noch heute werde ich sie wiedersehen</i>, +und er verabschiedete sich höflichst von allen. +<!-- page 090 --> + +</p><p>Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen, +Schleichtritten, Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der +Kühe in den Ställen und dem Anschlag der Wachthunde. + +</p><p>Gärten. + +</p><p>Eine Böschung hinab: der Schlangenstrom und magischer +Kugelmond hinter Krüppelweiden im Nebel hoch. + +</p><p>Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes +Wollhemd und hatte Haare auf der Brust. Er dünstet stark +aus. Er legt eine welke Holzhand Kurt auf. + +</p><p>Kurt schrie. + +</p><p>Er wollte sich wehren . . . + +</p><p>Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an. +<!-- page 091 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-5">Der Idiot</h2><p> +<!-- page 093 --> + +</p><p class="first">(. . . Er aber kroch immer mehr in sie . . .) + +</p><p>Als er sie zum erstenmal erblickte — das war mitten am +hitzigen Tag auf der Friedrichstraße . . . doch er erhaschte +flüchtigen Blicks nur ein helles Rauschkleid —, da +schlugen weiße Blütenwälder auf, bedeckten ihn. + +</p><p>Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen: +„Oha!“ + +</p><p>Er aber sann: „. . . und so wirken sie aufs Ganze auch im +geringsten. In jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflächen +bedecken Kontinente, und glühen ihre Augenmulden, +jubeln getröstet alle Armen auf. Doch heulet trunken ihr +Mund, endloser Trichter, zerreißen Schallwellen Damm, Gebäude. +Deren Tränen rühren schmerzlich unerkannte Himmel, +deren Lächeln aber streichet, Kühlwind, lindernd über +erstarrte Falten auf verhärmten Kindgesichtern, in allerfernsten +Träumen. Doch nur Fäuste erhoben —: und ihr +seid Zeuger geworden tumultuöser Gewitter . . .“ + +</p><p>Das zweitemal traf er sie — acht Tage hernach — am +Abend des Kaiserjubiläums. Fahnen brausten hoch über +dem Platzgewimmel. Plötzlich explodierte alles. Militärmusik, +Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der immer +schrie „Hoch! Hoch!“ . . . und der K. Akademieprofessor +Crispin Adolf Ritter von Beermann, erhöht, auf birkenlaubumwundenem +Podium, der reckte beschwörend — goldblond +— Hand und Zylinder, doch Maximilian Stössinger, +Dirigent der vereinigten Militärkapellen, dick auf dickem +Tanzschimmel den Taktstock . . . und hinter dem mittleren +Fenster ersten Stocks (samtroter Teppich fiel über, streckte +sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus . . .) ward sehr +<!-- page 094 --> +deutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste +und sank. + +</p><p>Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen über dem Platzgewimmel, +im Flackerschein entsteigender Pechflammen, +im Gedröhn der musikalischen Explosionen, den Kopf +nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war sehr +groß, überragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie +trug auch einen Hut mit einer großen, sehr grünen Pleureuse, +die wippte unausgesetzt und zuckte immer sehr nervös, +wenn der eine „Hoch! Hoch!“ schrie. Das brachte die +Lüfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten. + +</p><p>Er dachte an die Wäsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen, +die weiße, bogenförmig ausgeschnittene Wand, die +einst auf grüner Wiese steckte. Der Wind bauschte sie. Es +knallte. Und weiter: „Wie schön, sich in der Hängematte +wiegen, schwingen! . . . Die Schaukel . . .“ + +</p><p>Da krümmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern +im Garten einer Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden, +der sich im Rausch mit dem Hirschfänger den +Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus +dem Sinn. Dann aber überkamen ihn wieder geräuschvolle +Riesenbrände und Revolutionen. Es rauschte kühl, wehte +grün. Doch als die Menschenmasse polternd und heulend +die Straßenschächte hinabrann, versank auch sie, gefolgt +von einem glitzernden Sternlein, das klirrend — ihr nach! +— unterging. + +</p><p>Hans Marterer ward in die Vorstädte verschwemmt. Trieb +bald allein dahin. Doch stieß immer rechts irgendwie an +gräulichen Ufern an. Sträucher streiften ihn weich. Winter +<!-- page 095 --> +war. Ein höckriger Mond humpelte über schräge Silberflächen. +Weißer Nebel stieg. Roch schwer. Der Himmel +aber, der Stadt zu, rot entzündet. Doch die Nacht vollkommen +weiß. Ganz von kühlen Residenzen durchbaut. +Menschen, Wagen, anmarschierende Paradetruppen, Trommeln, +Pfeifen, Zylinder, Tanzschimmel, Taktstock wirbelten, +und immer noch der eine, der schoß, Rakete, zwischendurch, +geröteten Kopfs, heiser, Quollaugen, Zunge +lang aus dem Maul: „Hoch! Hoch“ . . . und die Pappeln +zu beiden Seiten, trotz Nacht sehr grün leuchtend, zuckten +heftig. + +</p><p>Hans Marterer wiederholte sich: „<i>Sie werden sich ja +doch alle einmal in die Arme fallen, auf eine kurze, selige +Zeit:</i> ‚Seht! Seht!‘ werden sie einander zurufen . . . ‚Seht! +Seht!‘ . . . und: ‚daß wir es nicht gesehen haben, daß unsere +Augen so mit Blindheit geschlagen waren . . . seht! +seht! . . .‘ und werden Tore einrammen, Paläste verbrennen +und — die Majestät im Hemd ertappen.“ + +</p><p>Er trieb einer Kreuzungsstelle von Trams zu. Teeröfen +qualmten. Schienenhobel scharrten. Feuerschein. Pechflammen +entstiegen. Nackte Rußmänner mit behaarter +Brust sprangen fluchend und heulend umher, Eisenhauen +geschultert. Unterhalb zerfallenem Haustor italienisches +Mädchen, bunten Kopftuchs, zerschlissenen Schals: „Maroni, +Herr, Maroni . . .“ + +</p><p>Sie kicherte immerfort, wie irrsinnig. + +</p><p>Marterer blieb stehn. Senkte nachdenklich den Kopf, halb +zur Seite geneigt, und ihn überkamen wieder geräuschvolle +Riesenbrände und Revolutionen. Tiefer neigte er. Wollte +<!-- page 096 --> +Boden mit Wange berühren. Aufgelöst, dankbar. Der auch +ihr Boden war! Die Knie zitterten. <i>Noch ließ er sie nicht +los . . .</i> + +</p><p>(. . . Der Jagdgehilfe krümmte sich . . .) + +</p><p>Marterer zuckte hoch. — + +</p><p>Er sah sie wieder in der „Großen Oper“. In der „Götterdämmerung“. +Wieder acht Tage hernach. Er schwitzte. Er +dachte: „Gott! Welche Musik!“ + +</p><p>Sie aber saß dicht vor ihm, Goldkette um den Hals, Haar +in einem Knäuel, daneben ein kleiner Bauchherr, roter +Glatze und Faltennackens. Marterer seufzte: „Gott, welche +Gesellschaft!“ + +</p><p>Da drehte sich der Kleine um. Weiße Weste mit Goldkette, +rinnend über Kugelbauch. Man sah —: der trug einen +Ordensstern auf der linken Brustseite. „Vielleicht ist das +der berühmte Komponist Richard Wagner selber“, überfuhr +es Marterer plötzlich. Da streichelte sie dem Kleinen +die Wursthand, flüsternd: „Wie schön, Dickerl!“ + +</p><p>Und er: „Wahrhaft erhebend, Erna!“ + +</p><p>Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein +Vorhang rauschte. Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen, +Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er war aufgestanden, aber +wieder setzte er sich, gebückt, nein, halb nur . . . tastete vor +sich hin . . . suchte . . . (heller, als ob er schon fände) . . . +an sich hinunter . . . etwas . . . beschaute sich: „Weiße +Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? . . .“ + +</p><p>Hans Marterer vergaß weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, +Große Oper. Er schrie: „<i>Ich will das Leben +haben!</i>“ +<!-- page 097 --> + +</p><p>Er zerrte, er stieß alles von sich. Er irrte. Traf wo eine. +Die nahm ihn mit. Geknister über ihm, nahm zwei Stufen +auf einmal. Oben. + +</p><p>Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weißes +Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Ihm schwindelte. +Ob man ihn für Narren halte? Sie beteuerte. Er +packte sie: „Weg! Weg!“ + +</p><p>Und aufschreiend: „Ich will das Leben haben!“ + +</p><p>Sie hakte sich in ihn. + +</p><p>Er schlug ihr ins Gesicht. + +</p><p>Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett. +Er schlug sie wieder. Diesmal mit dem Handrücken. Sie +wehrte ihm nicht. Dann wieder mit der Handfläche. <i>Aber +ein jedesmal schob sich die Schlagfläche rasch vor, durchschnitt +ihn . . .</i> Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab, +mechanisch, zählte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang, +hart über die Stirn. + +</p><p>Sie wehrte ihm nicht. + +</p><p>Brach herab ins Knie. + +</p><p>Er trat: „Weg! Weg!“ + +</p><p>Sie erfüllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr. + +</p><p>Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstümpfchen +verlosch. Da sah er sich im Dunkel, wie in einem tieferen +Spiegel, sehr weiß von Gesicht, die Augen kohlschwarz umrändert, +die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die Stirn +fallenden Franshaaren, die Hände schmal und vorgestreckt, +mit blauem Ring im Harlekinanzug, als Knabe (. . . und eine +Gouvernante zwitscherte: „Hans Tolpatsch, du wirst nie +dem Riesen das Haupt abschlagen . . .“). +<!-- page 098 --> + +</p><p>Er wehrte, beschwor: „Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.“ + +</p><p>Der Schatten wich. + +</p><p>Als er aber das Haustor öffnete, <i>ertappte er sich bei einer +Bewegung, die er bei seinem Vater kannte.</i> + +</p><p>Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: „Gott! O +Gott!“ + +</p><p>Es roch nach Bäckereien, Brauereien. Arbeiter schritten +rüstig. Er deckte mit beiden Händen das Gesicht. +Schluchzte: + +</p><p>„Abtöten, abtöten . . . Abreißen, ausreißen: Arme, Beine, +den Kopf. Alle Glieder . . . Abtöten, abtöten . . . Bauch aufschlitzen, +Brust aufreißen! Wühlen, wühlen . . . Fleisch! +Das Fleisch! Das Tier . . . Einsam werden, rein. Ganz Geist. +Selig sein! Heilig . . .“ + +</p><p>Haine rauschten. Lerchen sangen. + +</p><p>So ward es Morgen. + +</p><p>Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an +einem Brunnen. Strich sich die Haare glatt. Richtete sich +auf. Bog in die Krausenstraße. Der Gastwirtschaft und +Metzgerei „Zum grünen Hof, ausgeübt von Alois Lüttich“ +gegenüber. Alois Lüttich aber stand in der Tür, gelben +Schnurrbarts, aufgeblasen, in einem weiß-blau gestreiften +Trikot, die weiße blutbespritzte Schürze über, mit Hängebauch, +schwarzer Soldatenhose. + +</p><p>Vor ihm ein Feld roten Trottoirs. + +</p><p>Auf anderer Seite Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen, +Henkelkörbe unter Hakenarmen, schnarrend, dürre +Hennenhälse ausgerenkt nach oben. +<!-- page 099 --> + +</p><p>Herr Lüttich begann schon sein Gespräch: „Schöner +Tag“ usw. + +</p><p>Doch plötzlich Hans Marterer: „Wen haben Sie denn +da abgeschlachtet?“, auf das Feld roten Trottoirs vor sich +deutend, und bemerkte, daß Blut in der Straßenrinne handhoch +stand. Ablaufkanal verstopft — + +</p><p>Und der Lüttich: „Tjaja, drei Tag verheiratet.“ + +</p><p>Und schon fiel die Lüttich ein, lebhaft gestikulierend, +die Hände immer über den Bauch zusammenschlagend, wobei +der Schlüsselbund ein jedesmal hell aufklirrte: + +</p><p>„Schad, schad . . . So a hübsch Weiberl, erst ihre achtzehne +alt, drei Tag erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag, +und springt die eim zum Fenster nunter, heut früh, um +halb siebene . . .“ + +</p><p>Es verfinsterte sich. + +</p><p>Doch gleich wieder sprang Licht auf. + +</p><p>Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen in breiter +Front über den Fahrdamm . . . der Schlüsselbund der Frau +Lüttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und ein Polizeimann +warf die Hand): „Sie, Herr, gebens acht, daß net neintretn.“ + +</p><p>Es qualmte, klingelte, rauschte weiß. Eine Masse teilte +sich, wich zurück, in die Knie —: Kreuz, Weihrauchkessel, +Priester, Trauerwagen, gefranstes Wieherpferd . . . + +</p><p>Schwenkte und schwand. — + +</p><p>Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er: +Grubenstraße. Eine Glocke schlug, mittel und bestimmt. +Die Schule war aus. Kinder wälzten sich, farbige Würfelströme. +Das überschlug sich kreischend, zerflutete. Zuletzt +<!-- page 100 --> +kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, +grüßte wen in der Ferne, stieg in die Tram. + +</p><p>Hans Marterer fuhr weiter: + +</p><p>„Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der +zweiten Nacht und wieder in der dritten? Keuchend? +Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte sie wohl, von +ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar +nichts von alledem . . . <i>Hat er sie geschlagen?</i> Zu Boden geworfen? +Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden +Fall: sie ist um halb sieben heute früh — jetzt ist es dreiviertel +fünf! (schaute auf die Uhr) — zum Fenster hinuntergesprungen, +war achtzehn Jahre alt — hört ihr! — +und drei Tage verheiratet.“ Und das in einem anklägerischen +Ton, als drängten viele um ihn. + +</p><p>An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, +einer Vogelhandlung kam er vorüber. Grüne, rote, silbern +schillernde Vögel saßen auf weißgestrichenen Stäben in goldenen +Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße Mäuse rannten +durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene +Äuglein. + +</p><p>Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft +aber hieß: „Die frohe Welt“. + +</p><p>„Das ist der Unterschied“, bei sich. + +</p><p>Doch aufschreckend: + +</p><p>„Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An +einem Tag, der schön ist. Einem Sonntag vielleicht. Die +treffen sich irgendwo in der Stadt, vor einem Café, unter +einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch +umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, runden +<!-- page 101 --> +Strohhut mit Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch +nicht ganz zu — sie hat ja so Eile gehabt! —, und so richtet +sie an sich, zieht an sich herum, die erste Strecke des Wegs +. . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber immer +noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock +zu weit, Gürtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so +frozzelt er sie, bis die sich endlich losreißt: + +</p><p>„Du Frechling!“ und schmollt. + +</p><p>Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da +aber hält sie ihm lachend den Mund zu —: und dann +küssen sich die beiden herzlich, wenn niemand herschaut. +Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich, unter +Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel, +vaterländischen Vereinen. + +</p><p>So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte +er seine Liebste heimgebracht: „O du, du meine liebe +Kleine!“ + +</p><p>Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein +schwingendes Plateau hoch auf schlanken Zedernsäulen +unter einem freundlichen Blinkstern. Das alles, das eines +Tages verschwunden war. <i>Und die neue Landschaft war +da, die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem +Mond . . .</i> + +</p><p>Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander +tanzen! + +</p><p>Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind +sie, den Bergen entlang. Flammen in feuchtem Grund. + +</p><p>Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders, +als man gemeinhin anzunehmen geneigt ist . . .“ +<!-- page 102 --> + +</p><p>Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er +flog buntgewirkte Teppiche hoch. + +</p><p>Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell. + +</p><p>Hans Marterer ging hinab. + +</p><p>Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten. + +</p><p>Café „Dom“. + +</p><p>Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende +Ringe. Dann stieg es wieder klarer auf, — etwas +jubelte! — mühte sich hoch in ihm, in Windungen. + +</p><p>Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der +Schweiz, in der Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung. + +</p><p>Musik stieg in Spiralen. + +</p><p>Er sann: „Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor +Crispin Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister +Maximilian Stössinger, grüne Sportmütze und +„Hochhoch!“, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner, +Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, +Maronimädchen, Feuerschein bei Nacht, die späte +Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte . . . Nie werden +die beiden zueinander kommen. <i>Der mittelnde Geist aber +sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . .</i> +Zwei Welten. Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder +zu der seinen kommt . . .“ + +</p><p>Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die +Spiegel zitterten, die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den +Tischen . . . prallte zurück, prallte wider, wider. + +</p><p>Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello, +Zymbal. +<!-- page 103 --> + +</p><p>„Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind +eine ganz gemeine Flöte.“ + +</p><p>„Wie meinen Sie?“ machte die Flöte, sah von unten auf, +blähte die Pausbacken. + +</p><p>Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen +wollen. Offenbar. <i>Er aber hatte die Schwindlerin entlarvt.</i> + +</p><p>Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen +Waldgründen kam es. Und sentimental: + +</p><p>„Länder, wohin unser Fuß nie tritt.“ + +</p><p>Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend +(die grüne Pleureuse wippte), und neben ihr — den kannte +er — ein Stadtreisender, kahlgeschoren, im Gehrock, +schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht, Arme in die +Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, +trug Bierzipfel, dreifarbenes Band. + +</p><p>Sie sog aus einem Halm. + +</p><p>Und um ihn. + +</p><p>„Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!“ — + +</p><p>„Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst +den Hut ab!“ — + +</p><p>„Der Platz ist frei. Allerdings . . .“ — + +</p><p>„Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet . . .“ — + +</p><p>„Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen, +mein Herr . . .“ — + +</p><p>„Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .“ + +</p><p>Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale +Fürsorge, Ausbau der Eisenbahnlinien, Heilstätten für +Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger widersprach +ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter, +<!-- page 104 --> +Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung +usw. Die Hinrichtung des Raubmörders Sternickel, das verunglückte +Festspiel Hauptmanns, eine drohende Bierpreiserhöhung +im selben Ton, in einem Zug. + +</p><p>Kellner schoben. Weißbier schäumte. + +</p><p>Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende +lächelte. + +</p><p>Marterer errötete. Besah seinen Anzug. + +</p><p>Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen; +überpudert; unter Schleier. + +</p><p>Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber: +„Der guckt wie aus einer anderen Welt.“ + +</p><p>Marterer zuckte hoch. + +</p><p>Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er: + +</p><p>„Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein: +euere einsamen Sonntage, euere suchenden Promenaden im +Stadtpark, die Schwermut euerer Singspielhallen . . . <i>Die +Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu Strahlen der +Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten, erleuchtet +und gewärmt.</i>“ + +</p><p>Er flehte. + +</p><p>Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden +keinen Ausweg. + +. . . Eine weiße Gestalt . . . + +</p><p>Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie. + +</p><p>Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng . . . +schon in nächster Nähe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber +nahm dessen Hand: es belustigte sie so . . . bat ihn . . . <i>Marterer +kroch</i> . . . der Stadtreisende mahnte, erhob sich halb +<!-- page 105 --> +. . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber fing +immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon +(die platzten vor Lachen! ): „Den Saum nur deines Gewandes!“ +Jemand reichte einen großen gelben Überzieher, +der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte wieder +empor. In Schönheit. + +</p><p>Zerspringender Triller. + +</p><p>Da —: er berührte sie. + +</p><p>Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine +flache Hand. Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das +kleine Gesicht (wie maß ihn der Stadtreisende streng!) . . . +aufbrauste sie . . . Stöcke, Gläser, Tassen, Schirme, Kannen, +Stühle und über allem, hoch über allem: + +</p><p>„<i>I—d—i—o—t!</i>“ + +</p><p>Das kotzte sie. + +</p><p>Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür +schon offen . . . — er kollerte im Bogen. Einige ergriffen +die Partei des Idioten. Eine allgemeine Schlägerei entstand. +Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte flogen. Zuletzt erschien, +groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in +blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der +Idiot aber übersann noch: + +</p><p>„Werde ich aus der Schule gejagt?“ + +</p><p>Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer +schoß. + +</p><p>Nebel ballte sich. + +</p><p>Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült, +wie in einem Schacht, — oben glänzte etwas blau +— um- und umgewirbelt, wie in einem Strudel. Stieß immer +<!-- page 106 --> +an Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam hinunter, +diesen Brocken, hartkantig, kristallen: + +</p><p>„I—d—i—o—t!“ + +</p><p>Das aber schallte auch hell und weit. + +</p><p>Nebel ballte sich. + +</p><p>Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit +beiden Händen. Endlich teilte er sie auseinander, zu beiden +Seiten: Häuserreihen, Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, +Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das Ende. Ein rotes Wolkenfeld +am Himmel: + +</p><p>„Steh ich auf dem Kopf?“ + +</p><p>Hügel. + +</p><p>„Eine Palme?“ + +</p><p>Aber ein großer grüner Vogel flog auf. + +</p><p>„Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen +gleichen . . .“ + +</p><p>Er sank erschöpft auf einen Stein nieder. + +</p><p>„<i>Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten +auf zerwirkten Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden +Lichtbündeln und unter Siegesposaunen, die der Zukunft +Geweihten . . .</i>“ + +</p><p>Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlärm. +— + +</p><p>Der Idiot aber saß auf seinem Stein. Seine Augen ruckten +in den Boden. Er ließ sich los, versank im blühenden Chaos +der Zeiten. (. . . rote Zipfelmützen, bunte Lager, fratzenhafte +Schiffsschnäbel . . . bis endlich jener Knabe dem +Riesen das Haupt abschlägt . . .) Und dann —: eine Sonne! +Fernste Dinge erkannten sich. Er fühlte sich schwächer +<!-- page 107 --> +werden, schwächer. Der Fels aber flammte. Gekrönte Stirn. +Die Welt wuchs. + +</p><p>Er breitete die Arme an ein imaginäres Kreuz. Verrann . . . + +</p><p>Das Meer aber bäumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg. +Die Ebene streckte sich. Ihre Wasser gähnten, ihre +Wiesen schäumten, ihre Wälder atmeten. Die Stadt erklang. +Tausend silberne Glocken, Trompeten schmetterten, Gesänge +strömten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und +Menschenzügen. +<!-- page 109 --> + +</p> +<h2 class="chapter" id="chapter-6">Um Dagny heulen wir Gespenster . . .</h2><p> + +</p> +<p class="subheading">Studie zu einem Roman + +</p><p class="lyrics"> +<i>Wie ein sterbendes Tier<br /> +Lieg’ ich in deinen Armen . . .</i> + + +</p><p class="signature"> +<i>Dagny.</i> + + +</p><p class="lyrics"> +<i>Mais de toi je n’implore, ange, que tes prières . . .</i> + + +</p><p class="signature"> +<i>Baudelaire.</i> + +<!-- page 111 --> + +</p> +<h3 class="number">I<br /> +Die grüne Nacht</h3><p> + +</p><p class="noindent">Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische +des „Urania-Cafés“ — (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle +phantastische Lawinenflügel hochspannte, +von zagem Anflug, ekstatisch-blendender Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem +Hinfall . . . wiederum mit tödlichem +Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend, +. . .) — der junge deutsche Mann, normal gebaut, +bürgerlich aussehend, die dunklen Haare geordnet — weit +in die Stirn gekämmt —: Jean Bousset. + +</p><p>Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte +höflichst, ob wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich +ihm gegenüber und bestellte einen heißen Tee (mit +Zitrone). + +</p><p>Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung +der niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen +Großstadt, jenes B . . ., in dem Dagny weilen +mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von +M . . . . . . Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war, +einen Untergang forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im +Verlauf zweier Wochen schon, ein System des Verfalls zurechtgebildet, +indem er häufig Hemmungen in den allgemeinen +Abrutsch einschob, — so <i>markierte</i> er den raffinierten +Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! — umfangreiche +Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich +abbrach, gewisse „Kunst“-Pausen zwischenschaltete, darin +er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu entziehen +<!-- page 112 --> +vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh +am blauen Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein +Rowdy, ausgehungert und fieberig in den Zertrümmerungstrichter +giftiger Nächte stürzte, heulend an einer niedrigen +Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von +elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert. + +</p><p>Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner +Luftzug wach. Es waren die funkelnden Augen seines +Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie Jean Bousset +auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein +scharfer Verwesungsgeruch — wie wunderbar! — strich. +Die grauen struppigen Haare des Fremden (wenn man von +schimmeligen Moosflechten also sprechen darf) knisterten +jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die +wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult +erscholl, eindrang. Transparent gloste im schmalen +hageren Gesicht die Backenhaut, die zerfressene Nase +schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich geheimnisvoll +schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, +spreizten und querten sich unter magischem Zeichen. + +</p><p>Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser +wohlverleichte Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) +rief mit pfeifender Stimme den Kellner, zahlte klirrend, +stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl umklappte), ließ +sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den +großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad +glich, verbeugte sich tief vor Jean Bousset und zischelte, +schon halb in der Tür, noch rasch in einem gebrochenen +Deutsch: +<!-- page 113 --> + +</p><p>„Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen +vorstelle: ich bin Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie +ungestört mit!), zurückgekehrt, zu spazieren durch die +grüne Nacht!“ — + +</p><p>— — Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, +eine betäubende Mischung von Chloroform, Blüten +und heißem Fleisch. Die Häuserkais, triefend und alt, +wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen +starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren +hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar +wären). Sturmzerschlagene Masten, abgehackte +Baumarme streckten sich: Kreuzstämme, an verhüllten Horizonten +hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel +der Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte. + +</p><p>O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! +. . . + +</p><p>Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, +schweigsam, Arm in Arm. Wortlos hatten sich die beiden +angefreundet, war der Fremde doch ein Jean Boussets +längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch +umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den Franzosen, diesen geharnischten Apostel +öliger und dumpfer Nächte, diesen unentwegten Durchforscher +menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen gewissenhaftesten +Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt +und kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und +berstenden Vorhöllen. + +</p><p>Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte +. . . +<!-- page 114 --> + +</p><p>Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. +Eine Kasernenmauer stand schräg zu einem +Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und Petroleumflecken, +die bunt schillernd obenauf schwammen. + +</p><p>Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond +war sie, die Kleine, die den beiden, als sie eben im +Begriff waren in eine Unterfahrt herabzubrechen, begegnete. +Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem schwarzen +Kleid mit weißem Spitzenkragen. + +</p><p>Was für ein Mädchen! + +</p><p>Ein Schrei! + +</p><p>Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . . + +</p><p>Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill +zahlloser Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter +erregter Straßenläufe des Lebens Nährmutter und Fürsprecherin, +<i>unser aller Sonne</i>, in heiliger Frühe . . . + +</p> +<h3 class="number">II<br /> +Jean Bousset</h3><p> + +</p><p class="noindent">Nicht zu leugnen —: seit jener geheimnisvollen Flucht +Dagnys von M . . . (bei der, wie sich immer mehr und mehr +herausstellte, Georg Forstner die Hauptrolle spielte, Georg +Forstner, der einzige unter den jungen Leuten, diesen Romains +und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen +zu bekennen . . . denn auch Jean Bousset hieß ursprünglich +Hans Witting) seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys +von M . . . war Jean Bousset vollständig zusammengebrochen. +<!-- page 115 --> + +</p><p>Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare +Stellung, wie sich bald herausstellte, ein sturmsicheres +Objekt, auf das Jean Bousset unermüdlich und +verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken +konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Kräfte. Wie herrlich +war es, sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rückzug, +diese Auflösung einer glänzenden Armee! + +</p><p><i>Nun tauten aus Schwäche und Ohnmacht, Gefühlsruinen +und Zusammenstürzen klingende Himmelfahrten und jubelnde +Aufbrüche!</i> + +</p><p>Die Abreise Dagnys von M . . . lag vier Wochen zurück. + +</p><p>Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen. + +</p><p>Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte. + +</p><p>„Fetzen“, zischelte er, erfüllt von maßloser Empörung, +aber er ergab sich, blaß, demütig und fromm (. . . beseligend: +sich so wegwerfen zu müssen . . . tiefer, immer tiefer, +wenn ich bitten darf . . . haben Sie vielleicht nicht noch eine +etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch, +das genügte, sehr feucht, rechteckig und hölzern? . . .) + +</p><p>Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurück, früh am +Abend, legte sich zu Bett und begann, die Hände wie zum +Gebet gefaltet (. . . derweil seine Augen Distanzen durchstachen, +tief einmündend in jenes morbide Hyazinthenwunder . . .): + +</p><p>„Erhöre mich, ich flehe zu dir, großer, allmächtiger, +ewiger Gott! Ich bin niedrig und voller Qual, widerlich und +unausstehlich, ein elendes, vor dir winselndes Vieh, das +<!-- page 116 --> +— o wolltest du! — bald Frieden finde, zusammengekauert, +zu deinen heiligen Füßen liegend, in einem kleinen einsamen +und stillen Winkel.“ + +</p><p>„Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heißen +im Grunde Betrug und Verrat und sind ohne Bestand, und +ich danke Dir, Dir Linderer meiner Schmerzen, daß Du +mir Deinen Trost schicktest, Dein süßes Gift, das ich, so +er sich wild aufstürzt und empört, dem armen Leib eingebe.“ + +</p><p>„Ich danke Dir für den Tag, ich sage Dir Dank für +die Nacht. Ich preise Dich ob der Wunder und der durchströmenden +Wärme des Sonnenlichtes, für die Wohltat des +Schlafes benedeie ich Dich dreifach.“ + +</p><p>„Ich lobe Dich, der Du mich schlägst mit Marter, der +mich wirft in Gefängnis und Krankenhaus, mich züchtigt +mit Jammer und Trübsal, ich lobe Dich, Dich Peiniger, +der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte +sammelst.“ + +</p><p>„Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein +verbrauchter und abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter +Rock, den man zum Trödler schenkt, ein Spülicht, ein Kehricht, +ein Abfall . . .“ + +</p> +<h3 class="number">III<br /> +Die Große Stunde</h3><p> + +</p><p class="noindent">Von Dagny kamen noch zwei Briefe. + +</p><p>Der eine lautete: + +</p><p>„Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir +nicht zu schreiben. Ich dachte auch, Du würdest kommen. +Ich bin von einer Unruhe, die mich fast tötet. Meine +<!-- page 117 --> +Schwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film +und mach nur noch nächste Woche eine Aufnahme im +Freien mit, dann komme ich nach M . . . . ., obwohl ich hier +meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin sehr verzweifelt +und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich +bin verrückt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht +sprechen. Leb wohl, ich wollte so viel schreiben. Wenn +ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu Dir, und ich +habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich +an und falle tot zu Deinen Füßen. Deine Dagny.“ + +</p><p>Der andere: + +</p><p>„Lieber Jean! Es ist eine falsche Ansicht von Dir, mir +Geld zu senden. Ich bin es gar nicht wert, weil ich huren +und stehlen will. Alles Gute. Dagny.“ + +. . . Jean Bousset kam gegen Morgen heim. + +</p><p>Vogelchöre heulten, daß sich Jean Bousset die Ohren zuhielt. +Ein scharfer Eiswind warf sich ihm entgegen, eine +ganze Welt brannte dahinter. Alles hatte sich gegen ihn verschworen. + +</p><p>Als er in sein Zimmer trat, war es von einem hellen +blendenden Glanz erfüllt. Jean Bousset dachte zuerst, er befinde +sich bei seinen Eltern zu Haus, in seinem Kinderzimmer, +und wäre wieder ganz jung. Daß es nicht so war, +erkannte er sofort. + +</p><p>Er fiel über einen Stuhl, er blieb über der Lehne hängen, +das Gesicht nach unten. + +</p><p>Später gelang es ihm, sich aufs Bett zu schleppen. + +</p><p>Er deckte mit den Händen die Augen zu. + +</p><p>Die Große Stunde war gekommen. +<!-- page 118 --> + +</p><p>Der Mond stieg aus einer grünen Nacht, schaukelnd, +unter sprühendem Feuerwerk. + +</p><p>Eine andere Nacht nahm ihn, warm und lind, duftig um +ihn wehend . . . + +</p><p><i>(. . . wie süß du bist, Liebling, wie schön es ist, bei dir +zu liegen . . . es wird uns leicht, wir schweben . . .)</i> + +. . . eine dritte Nacht, feurig und voll fliegender Brände . . . + +</p><p><i>(. . . Bestie! . . . Saukerl . . . He?! . . .)</i> + +. . . eine weitere Nacht, heiß und tiefblau . . . (und er +war Staunens voll, daß es soviel Nächte gäbe! . . .) + +. . . eine weitere Nacht, kühl und erschauernd . . . + +</p><p><i>(. . . laß mich . . . he?! . . . etwa dein Schnellschreiber, +bei dem du . . . Äh . . . keen Geld . . . eene in die Fresse +. . . he?!)</i> + +. . . und endlich eine letzte, (. . . da bildeten seine Lippen +wohl den Namen Dagny . . .) eine letzte Nacht (eng wie ein +Bett) hölzern, rechteckig und feucht . . . + +</p><p><i>(. . . fahr hinab, Liebling . . . äh . . . du?! . . . so schlottrig, +schmutzig, zerbrechlich und dünn . . . kleene blonde +Klapperschlange mit großen, abgesprungenen Raubtierzähnen +. . . äh . . . Schscheiße . . .)</i> + +</p> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by +Johannes R. Becher + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL *** + +***** This file should be named 37436-h.htm or 37436-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/4/3/37436/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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