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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:08:01 -0700 |
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Becher + +Verfall und Triumph + + + +Zweiter Teil + +Versuche in Prosa + + + + + +Berlin + +Hyperionverlag + +1914 + + + + + +Inhalt + + +De Profundis +Das kleine Leben +Der Dragoner +Kindheit +Der Idiot +Um Dagny heulen wir Gespenster + + + + + + + +De Profundis + + +Hymne / Fragmentarisch + + + + +Möge es mir gelingen, -- _zum Abschied, denn ich eile anderen, lichteren +Zielen zu!_ -- möge es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und +begnügsamen Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal +aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher, erstaunter, heiterer zu +stimmen durch das erhabene und fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare +Schauspiel dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten +Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern! Mit hellen +Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit reichlich bunten und +verzierten, mit flatternden Wolkenbändern. Hört! . . . Ach! + +Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten Fressen wie zum +Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler auf, wie vor der Jahrmarktsbude +eines fremdländischen Wunders, -- bin ich denn gar so ein Scheusal, ein +zerfressenes Gerippe! -- die dreckigen Hände in den nassen Hosentaschen, +Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! Ach, schon bin ich wieder +gelangweilt und ermüdet durch euere, ach so wenig unterhaltsame +Gesellschaft, ach, schon wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den +Mund zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch nicht mehr als +eine mehr oder minder mißverstandene spaßige oder gruselige +Abendunterhaltung, während welcher ihr einander bestehlt oder den Weibern +unter die Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch -- so: ein +eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier -- gewärtigen, +daß einer von euch plötzlich veitstanzt oder ein anderer aus euerer +sauberen Genossenschaft mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer +rücklings den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die Gefahr, ihr +Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu beobachten, wie ihr empört und +im Innersten beleidigt oder aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet, +bald zu plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, schreit +oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut verzerrt. Erzürnt die Fäuste +hebt! . . . So hört! Ich singe euch vor meinem endgültigen Abschied noch +das religiöse Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner +entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische und +mystisch verklärte Agonie. Das zynische Klagelied. Vernehmt bewundernd oder +im Tiefsten angewidert das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume. +Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch vorüber in einem +bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken Reigen. Flammen leuchten +auf. Trommeln. Trompeten schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden, +der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit, schon als Knabe +wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich alles im Stiche ließ und um keinen +Preis zu halten war, vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst +meiner letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in der +Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst mich erlöse. + +Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lärm? Nein. Nichts, nichts von alledem. Der +silberne Mond schwebt hoch über dem verlassenen Platz. In seiner Mitte, +unter der Säule, gegenüber dem Löwentor des zerfallenen Palastes stehe ich. +Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, in einer visionären +Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung gesprochen. Doch wer vernähme +meine Rede auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche es. +Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! Stammle entzückt und voll +Wonnen! Also, zum Anfang! + +Ich beginne! _Und lauschten mir auch nur die flüsternden Nachtwinde, die +rauschenden Bäume und das vom Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und +hörten mich auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die harten +Steine auf mein trauriges Lied!_ -- + +Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint in tiefe, graue +Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle mich leicht wie Äther, frei und +wahrhaft glücklich erhoben. Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von +sonst nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene Feuer +lohen empor und umlichten furchtbar meine eisige Grabesnacht. +Scheiterhaufen warten aufgerichtet. Hellebarden, Dolche blitzen. +Trommelwirbel. Rote Lichter vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue +Liebesnacht. Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der +zerschundenen Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor aus dunklen +Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene Menschenleiber. Beben, Zittern, +Schluchzen, Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen in +fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere kreischen. +Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden auf Wilde. Wüsteneien. Die +Pest erhebt ihr durchlöchertes Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam +über alle Maßen, beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich. +Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder. Weiße +blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber in unsagbar süßen Verschlingungen +und eine große, rasende Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen +Grabnächten und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe über die +schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich darunter erregen und +erbrausen, und die Gewässer der Erde wie Tautropfen am Saume jenes +himmlischen Gewandes haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem +Blut und rotem Wein. _Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt mir +unsichtbar._ Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich einsam auf der +stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. Aufgelöst in Tränen kniee ich zu +Gottes Füßen, spüre den Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen +Hand, fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade, gräulich +und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche Gletscherflächen +tauchen langsam und leis, unter einem süßlich klingenden, leicht und +allmählich anschwillenden Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten der +roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde ich in mir. In mir, dem +äußersten, leidenden Glied eines reichen, verderbten Geschlechts. Und doch +im Blut die wehe Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie. Bin +jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. Jungfrau, Dirne, +Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle mich von großen, langewundenen +Würmern weh zerfressen: Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die +Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig. Welk oder trocken +ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen Augen voll Eiter; Nester kleinen +stinkenden Gewürms. Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün. Ein +berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe, Verwesungsduft und der helle +Geruch weißen Äthers oder gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo! +Ecce homo! . . . + +Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten kläglichen, +schmutzigen Kindergewimmels. Auf engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen +Holztreppen, verdreckten Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote +Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die Mietskasernen. +Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber das Lied des umherziehenden +Orgelmanns tat zum ersten Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen +schüchterner, aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. Blühende +Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. Das Kindlein in der +Krippen . . . Einst, o einst: zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das +unaufhörliche Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller. Die +Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten Vaters. Streit +der Geschwister. Unzufriedenheit, Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und +Geschluchze aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen +Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, Kälte. Finstere, +verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke und Wanderungen. O, da meine +Sehnsucht übergroß ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen +Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig mein Verlangen ging. Mich +mein Sehnen zog. Das Herz schlug. + +Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es pfeift. Stimmen. +Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend. Mit offenen, trockenen +Mäulern. Einer hat Schnaps. Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner +weiß. Man fährt in die Nacht. _O, daß man einer Heimat entgegenführe!_ +. . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten und mancherlei eigenartige +Überraschungen. Er hat milchige, kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch +der glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene Klarheit +frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum . . . + +Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln oder auf freiem Feld, +oder lagert gleich einer räudigen und übelriechenden Herde Viehs in wüsten +Gassenschenken. + +Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge Schlafraum ist voll von +dem Geruch der nassen Windeln, dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten, +erfüllt von dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins, kleiner +Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! Strecke dich nicht! Nichts! +Denn bei einer Berührung greifst du an Schöße, stinkende, nasse, +verschleimte, verkrebste Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben +Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche, kleine Bäuche, steinhart +und mit dem Fraß roher Kartoffeln furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein +Napf voll Urin und Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut! +Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. _Stunde, du kommst, die +mich zerbricht._ Die mich zermartert. Du zertrümmerst mich. O, so viel Blut +drückt schwer. So viel Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die +Welt in Aufregung. + +Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus frühen Kampftagen. +Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. Geträumte Länder, warme Länder, +Sonnenländer! O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen von +den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und den flatternden Kolonnen der +singenden Fische! Apokalyptische Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett +umhaucht von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer Monde, +jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten. Riesenschlangen, träg und +schwer auf den Ästen der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten. +Blumen, eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend mit +blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder, warme Länder, +Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied! Denn aus den großen, kalten, +nordischen Städten komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen +der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. So hört mein +Freiheitlied: + +»Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! Onanisten! Päderasten! +Fetischisten! Kaufleute, Bürger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr +großen Metzen! Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht! +Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten Anarchie. Zum +bösesten Widerstreit begeistere, reize ich euch. Revolution! Revolutionäre! +Anarchisten! Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone! Mein +sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! Ich führe euch. Vorwärts. +Marsch! Marsch! Den gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen +Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der Pfeife, das flatternde +Blut der roten Fahne, die violette Farbe unregelmäßiger, gefährlicher, +schwärmender oder konzentrierter, tödlicher Bewegungen --: fühle ich in +meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! Granaten zerplatzt! +Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt! Infernalisches Geschmetter! Vorwärts, +wir kommen. Dieser stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne +entgegenschießt, ist unser Bote, diese Granate, die hell durch die Luft +pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren Schildern, auf unseren +Helmspitzen leuchtet auf, steil und flammend, der Triumph der neuen Zeit. +Das silberne, zart aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie. +Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf aus grauen, +nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel. Voll Türmen und Zinnen. Und +Gold! Und Gold! . . .« + + * * * + +Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische habe ich von +mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten Hallen getreten. Die kühl sind +und vom Glanze mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume +inmitten kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen nicht im +zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder auch in den drohenden +Brandstürmen aufgepeitschten, dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter +bist der ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume, wie im +verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen Flur, oder im +heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die schwere Nacht angeht. Aber in +allen Räuschen des Blutes fand ich mich dir am nächsten. Oder im +verschrillenden Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder dumpfem +Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden Todes. Die verpestete Luft +erfüllt vom dumpfen Gedröhn ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen +Aufstrom schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden, +vom weißen Schweigen der Gefallenen in den verfeuchteten Laufgräben, vom +Siegesgeschrei, dem rauhen Gebrüll der Lebendigen . . . + +Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr Begreifbares. Etwas +nur mehr sich durch einen kleinen, gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes. +Als ob wer die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit, +Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit sind. +Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten Träger einer +trüben Tradition sind. Wir, die wir die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag +findet unsern Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle +Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den samtenen Fittichen +einer trunkenen Traurigkeit werden die Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt +dem Bann der dunklen Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den +himmlischen Gärten hin entführt, wo die leuchtenden Sternkugeln +überherrlich entzündet sind. + +Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die Irrfahrt. Das +Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand. O, alles zerbarst, alles zerkrachte. +Wie wütend die Wellen schlugen. Alles über Bord -- O, splittert Planken! +Noch einmal, o, noch einmal und -- letzter Kampf! O: alles dann aus und +Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht über mich. Alles verweht +mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? Komm Untergang! + +O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten Nonnenleichnamen +die Morgensonne aufgehn sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den +Weltenraum hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des Kreuzes, daß es +purpurn flattert. O, wir tragen unsere reinsten Wünsche nach dem Untergang. +Wir erarbeiten ihn. Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher +Unterschied. Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. In einem +Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur große Schauspiele befreien +euch den Geist. Daß ihr erlöst werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut +auf! _Rhythmitisiert euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu! +Brecht auf!_ O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens! O: und aus den +überwehten Grüften der Entschlafenen in die ewige, zeitlose Helle steigend! +. . . + +Seht, oben bin ich seltsam gut und träumerisch. Unten aber schlecht, +verseucht und angefault. Das bin ich. Doch meine Tiefen sollen wieder Höhen +werden. Aller Schmerzen Abgründe jubelnde Bläuen. Und meine Verirrungen -- +denn noch jage ich trunken dahin, unbewußt, dumpf benommen und wie von dem +schwülen Duft aufblühender Rosenhecken und dem betäubenden Geruch süßer +Mädchenleiber umhüllt -- und meine Verirrungen sind mir Gewähr eines einst +sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern. Das braucht Zeit. +Ich habe Zeit . . . + + * * * + +Wenn ihr klug seid, vertut die schöne irdische Zeit mit Spiel und Tanz, mit +Weib und Wein! Schlaft trunken ein unter Rosenhecken, unter goldenem +Sternenglanz, umspielt vom weichen Strome milder Frühlingsdüfte. Erwacht +dann wieder, süß umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang, der +himmlischen Musik . . . Die Nacht vergeht. Der Tag bricht an. Die Sonne +sinkt. Dazwischen schallender Gesang der Vögel. Wasserrauschen. Durch die +Wipfel der Bäume Brausen des Windes. + +Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde werden wir. +Dornenkränze um die geneigten Stirnen, Wunden an Händen und Füßen, Narben +in den schmerzlich entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten +Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut, der raschen Zeit, +dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt: so wandern wir einst, +Millionen Gekreuzigte, im blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde +zu. Einsam waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal hieß +Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein Geheimnis zwang uns +Ohnmächtigen gebieterisch seinen unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns. +Es jagte uns. Über grüne Frühlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von +Ängsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir plötzlich hilflos, +gleich den von ersten Blütendüften trunkenen Kindern, unschlüssig und +staunend vor feurigen Abgründen. Ein Flammenstrom verschlang uns. + +Wir führten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe um ein geträumtes +Reich, dessen strahlende Herrlichkeit und lichte Himmelswonnen wir aber +nicht im Irdischen erschauen durften. Denn es blüht bei Gott. Hier +zermalmen uns Not und Gefahr, verruchte Willkür, Blut und Sehnsucht, heller +Tag. Doch uns Ermüdete tröstet die blaue Nacht. Ein himmlischer Gesang, der +fernher näher dringt. Über die Gräber weht er. Über die Gräber braust er. +Die Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein warmer, +göttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander stürzen Strom und +Berg, Acker, Wald und Tal. Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes, +stöhnendes Gewühl von Millionen heiß ineinander verschlungener, blanker +Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern und Gewölben +Rasseln, Schall und Gedröhn der schweren, zerklirrenden Ketten. Goldene +Spangen, glänzende Rüstungen, silberne Schwerter. Das hell aufblitzende, +bleich schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente jubeln +auf darin. + + * * * + +Wie ich so daliege, die beiden Hände gefaltet, das Angesicht nach oben, die +Augen den Sternen zugekehrt, vergeht wieder diese törichte, schwärmerische +Schwäche. Ich sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus +meinem Herzen. Aus meinem Munde strömt es nun. Aus Nase, Ohren. Ich sehe +die kleine Welt durch einen blutig nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer +streckt sich steil aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein +vergessenes Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick, der +gleich zum frivolsten Gelächter als zum gläubigsten Erschauen zwingt. Doch +ich will nicht daran rühren . . . Was ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken +in Blut. Nur am Ende: aus rötlichen Dämmerungen empor und befreit goldene +Flügel spannen. + + * * * + +Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glühend und heiß bedrängen, +wandeln sich in rauschende, wildflatternde Ströme purpurnen Weines und +wallenden Blutes, die ich gierig in mich hineintrinke. + +Kommt, gebt den Abschiedskuß, o Brüder, Schwestern den Entschlafenden! +. . . Unsere Körper sind zertreten, unsere Seelen sind zerschlagen. +Himmlische Räume! Himmlische Räume! Dort werden Blumen blühen, herrlich wie +auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr Licht wird uns auf +singenden Pfaden durch blumige Gelände leiten. Eine milde Hand wird uns +führen. Kein irdisches Leid betrübt uns. Keine Müdigkeit wird unsere Körper +befallen. Wir sollen gesättigt werden. Leicht und frei werden uns über +unermessene Länder englische Schwingen tragen. Unter großen rauschenden +Schattenbäumen werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo kräftige +Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen duftigen Talgründen +auferblühen. _Wir harren der himmlischen Welt._ + + + + +Das kleine Leben + + + _Si j'ai du goût, ce n'est guères + Que pour la terre et les pierres. + Je déjeune toujours d'air, + De ver, de charbons, de fer._ + + + _Rimbaud._ + + +Wir wohnen Quellenstraße 16, III. Stock, bei Frau Cäcilie Naßl, +Geflügelhändlerswitwe. Das Haus, sehr alt und morsch, gleicht einem Wrack. +Die Höfe qualmen und schallen. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Wir +haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreißig Mark. Die +Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank, einem Tisch, vier +Stühlen, haben wir auf Abzahlung. Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau, +Gasleuchter, Waschtisch, Bücherregal gehören mir. Unsere Vormieter haben +einen bunten Papierofenschirm hinterlassen: alt, durchlöchert, verstaubt. +Der große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln einem hellen Wald +zueilend aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der wie Blei +aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die sehr böse sind, +heimtückisch, gefahrvoll, geduckt. + +»Ich möchte mit dir in einer Kaschemme wohnen, unter der Brücke +übernachten, deine Apache, deine kleine Dirne sein -- wenn wir nur immer +beisammen sein könnten!« + +»Unsere Liebe wird uns alles überwinden helfen!« + +Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig ein, eng +aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf. Essen zusammen. Wir sind +immer beieinander. Es wäre erreicht! + +Wir sind sehr glücklich. + +Heute nacht -- wir leben eine Woche so -- überfällt mich zum erstenmal und +brennend der Gedanke, daß man allmählich bedacht sein müsse, sich Geld zu +verschaffen. Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmöglichkeiten, aber die liegen, +so scheint es mir, für uns alle (und plötzlich!) auf ein- und derselben +Linie. Meine Frau wälzt sich unruhig neben mir. Sie spricht +Unverständliches im Traum. Ich suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren +warmen Körper fühle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht länger mehr darüber +nachdenken. + +Bin ich nicht sehr glücklich? + +Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff zu sein, auf hoher +See. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Stöße. Rennen. Stimmengewirr. +Fackeln flackern. Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik des +Sturmes ist sehr süß. + +Umschlungen versinken wir. + +Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner Frau mitteilen. Doch +weshalb sie in Unruh setzen? Ich unterlaß es. Zwei Tage können wir noch +auskommen. Sie wird es ja selbst wissen. Aber ich fürchte mich bei dem +Gedanken, daß sie das weiß. Weiß sie es denn auch wirklich? Zwei Tage +. . . das übrige ist mir wurscht. Wird meine Frau auch so denken? Ich bin +sehr in Sorge, sie könne es nicht tun. Es überläuft mich heiß und kalt, +wenn ich länger solchen Erwägungen nachhänge. + +Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet immer, sehr dünn: »Faß +unter!« Unsere Kleidung ist sehr dürftig, aber es ist Gott sei Dank sehr +warm geworden, über Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben +der Schauläden. Sie lacht überglücklich dabei auf, mich heftig pressend +. . . + +Da sie aber, plötzlich erschauernd, sich an mich schmiegt, weiß ich, auch +sie muß also heute nacht darüber nachgedacht haben, daß unsere Mittel bald +zu Ende sind, daß wir erschöpft sind. Ich erstaune heftig darüber, daß sie +das weiß. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natürlich. Auch sie +hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich nicht verletzen; ja, +wahrscheinlich. Sie hat sich für mich geschämt; ja. Ich sollte doch für den +Lebensunterhalt meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das ja +nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverständliche. Aber sie sagt es mir dafür +in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll mit jeder Bewegung. + +»Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei Tage werden wir noch +aushalten. Dann . . . man verzichtet ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei +Tage, Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß werden . . .« + +Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie eines Sonntags, +nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie +schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten +Schaufenstern stehn, richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier +fest. Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie darüber +näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor gehabt. + +»Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen. Du, Dorka, +vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.« + +Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem Raum, umschlungen. +Wir legen friedlich die Hände ineinander, unsere Kniee berühren sich mit +zärtlichem Druck, ihr Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie +schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer Kirche. Dorka +schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, meine Tränen zurückzuhalten. +Eine Liebestragödie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt. +Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter +hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige, +schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir sind tief erschüttert. Es ist, als +gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf +untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir. + +Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterfülle, +bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder +Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die Nacht +beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es hell, wie es nur am +lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann. + +Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich jede Nacht, sie muß +sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafür +muß sie ihnen schön tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich +streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spät +in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt +Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, führt unter +allgemeinem Beifall unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht +unnatürlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, nach +allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. Sie ist ein Karussell. +Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir die Faust. + +Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem nächsten Verehrerkreis. +Sie sind sehr für sie interessiert. Der eine, Andreas Söraas mit Namen, +liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen +Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet, +indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast täglich zum Abendbrod +einlädt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was +sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie +vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich, +herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, Blusen, Schmuck, +Hüte, Röcke. Ich kann das nicht. + + * * * + +Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf meine Frau. Versteckt, +im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den +Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher. + +»Bei der ist heute nichts zu wollen,« flüstert einer, etwas beklommen, im +Vorübergehn, »ihr Zuhälter wartet auf sie.« + +Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich +das. + +Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend über die Treppe +heraufkommt. Höre sie schon, schwer das Haustor aufschließend, sich +verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Geräusch der +Türschlüssel, das Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und +sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet sich rasch, +umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt +immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt. + +Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. Oder sehr +verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit +vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns. + +»Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das +wird einem am Ende auch fad. Laß mich in Ruh!« + +»_Es muß etwas geschehen._ Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes. +Man benötigt Sensationen.« + +Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, Russen. Wir sprechen +fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fünf Worte können. Wir halten die +deutschen Bürger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang. +Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale +Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es +immer an Geld. + +Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer müder und +gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das +Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie +ist satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hände. Ich +verzweifle. + + * * * + +Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend Mark aus der +städtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er +für die Schulden der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden +internationalen Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen, +fünfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schönste +verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt, +eintausendundfünfhundert Mark für Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt +er, auf mein Anraten -- ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will, +völlig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz -- eintausend Mark +bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr beginnt man. Der +Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett +gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem +Glas Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, genießt +der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka, +rasch, klirrend, Madame, schläfrig, leicht nippend; die »Kapelle« +vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen +Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, schlecht +amüsiert. Und während man draußen durch den erwachten Morgen eilt: +schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander +gewürfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit kleinen +roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile, +verträumte Lastfuhrwerke, böse Radler . . . (und Busenmädchen flattern +freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . während man +hereindringt, einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure, +grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau Marie Wöbers Kinder die +Suppe klirrend auslöffeln, stricken --: tanzt man: der Moritz Düsterweg und +die Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild fliegen, die sich +plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, wild vorwärts drängt, +stampft, aufbraust, hingebend sich zurückbeugt, schiebt: _die böse Dorka!_ +Doch der sich so ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg: +er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine +halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwärts, zurück . . . noch +einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mühe . . . gerade noch --: und +Düsterweg -: er sinkt um. + +Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, als gelte es einem +verschüchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich +berührt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig +prustend und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: »_der +Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden +. . ._«; die »Kapelle«, zurückgebeugt, traurig, verhalten über das Klavier +hinplätschernd . . . + +Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Schoß +gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lächeln gleitet über +sein Gesicht . . . + +Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die »Kapelle« vom Stuhl +drängend, die einleitenden Takte eines furiosen Walzers an, gibt das +Zeichen zum Beginn des Tanzes. Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt. +Bricht wieder zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe +wiederholt sich . . . + +Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden über die Straße +gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, aber doch herzlich bewillkommten +Gäste ist inzwischen auf ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu. +Ein jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was einem +jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch geht heute restlos in +Erfüllung. Was braucht man sparen? + +Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht, aufgerollt gleich +dicken weißen Ketten, in lustigem Streit auseinandergerissen. Braunes Bier +fließt. Man ist verschwenderisch. Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt. +Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem ausgehenden Brand +lagert unwirklich und schwer. Musik tönt ununterbrochen. Der Phonograph +abwechselnd und die »Kapelle«. + +Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin, summend. Sitzt +dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es brütet. Fip, die schwarze Katze, auf +dem roten Tischtuch dick ausgebreitet, schnurrt. _Ein Schnapsglas daneben +steigt wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee._ + +Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen Kaffee. Um sechs Uhr gibt +es Tee. Bei einbrechender Dämmerung ißt man zu Abend. Der Geruch aller +Getränke, aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet +wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen teil. Sie glucksen +glücklich. Dröhnend verdauen sie. Kreischen. Man gebärdet sich wie toll. +Man ist ausgelassen, voll sprühender Lust. + +Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die Hemdärmel +aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie wahnsinnig umher, den +Appetit seiner Gästeschar anfeuernd, eifrig besorgt, daß alle genug +bekämen. Eigenhändig gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem +Geschrei, lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich daran +erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern ins Maul, die +aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien. + +Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler: groß, aufgedrehten +Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt, verschnupft, von Sonne durchsotten, +ein wenig später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick, +rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg die Hand, sehr +gnädig und herablassend von ihm begrüßt. + +Düsterweg --: _herrscht er nicht über alle?_ Ist er nicht maßgebend? +Herrscht er nicht unumschränkt, königlich, maßlos? Er ist in bester +Stimmung. Weiß nicht wohin vor Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit +allen spaßhalber Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über +Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man stürzt, wälzt sich, +steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt um. (Und Moses Mies reibt sich an +Alois Wurm.) Man lacht, belustigt sich dabei allgemein. + +Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher zu sich, die, schwer +benommen, inständig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt +er breiigen Munds, mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen +Plattfingern seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine +Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka +das seine hin, spricht lang und erregt von naher Verlobung, baldiger +Hochzeit, und ist tief beglückt und süß durchronnen, als Dorka endlich, +nicht ohne zu zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr +sofort ein. + +Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt fünfhundertundzehn +Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka, +Düsterweg zärtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze, +die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie +nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, mit großen Augen: + +»Onkel, wo hast du das viele Geld her?« + +Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie. + +Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf die Stirn, dankbar, +daß ich ihn geführt habe. Und selig lächelnd auf meine Frau weisend: zum +Glück geführt habe! Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht; +müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während seiner Abwesenheit: +Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Düsterweg der +allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila +Lieblich, für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark er +aufgekommen war. Und renommierend: »Sie ist faul. Nach fünf Nummern +schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungenügend!« Schallendes Gelächter +folgt. + +Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen +Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig Mark. Und lächelnd versucht er: »ein +. . . hundert . . . und . . . fünf . . . zig . . . Mark«. + +Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer +ziehend, springt er auf: »Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage. +Ich laß mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!« + +Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, fremd, vor Wut +entstellt, lächerlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit, +flüchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in +das Glas schleudert, das zerklirrt . . . _Sein Gesicht platzt entzwei._ Ein +großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt, +gespannt aufhorcht: »Sich erschießen? Sich in den Mund schießen? Oder etwa, +etwas rückwärts, die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe? +Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht zu +haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht +alles wert? _Man muß sich doch einmal Luft machen!_« . . . Und »es ist +schön«, weiß er: Und »Dorka, Dorka mein!« + +Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wöber +drückt dem Düsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese +späte Zeit immer schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich +zublinzelnd: »das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest +gemacht. Auf Wiedersehen.« Von Bruno Maria Wagner, der »Kapelle«, nimmt man +Abschied, der, betrunken, mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von +Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld zählt. Von Moses +Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt +Abschied mit einem letzten Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die +fluchend unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter Bänken, +unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Höhle zum Lokal +hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend. + +Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an meine Schulter gelehnt, der +Moritz Düsterweg uns beiden gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft +ist anders. Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: »Ich +besitze . . .« _Er sieht alt und häßlich dabei aus._ Sein Gesicht verzerrt +sich idiotisch. Die kleinen, grünen Schusseraugen funkeln, die platten +Käsfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich. +Der Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfältig, immer +wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine +Taschen: dreißig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich +werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben. +Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen, +nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich +verhaften . . . + +Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fünf. Ich gehe mit +Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt. +Dorka will es. Man müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht +leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt +zu regnen. Man kehrt um --: Dorka holen. Dorka --: wartete sie nicht hier? +Sie ist nicht mehr da. Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich +etwas unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . . + +Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstürmend, rufe +ich, schallend: »Dorka, die Dorka suche ich . . .« + + * * * + +Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich +wiederzusehen: »Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum?« Aber ich merke +gleich, daß er alles schon weiß. »Hans, du siehst sehr angegriffen aus.« +Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach meinen +Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir +ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe +immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . . + +Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang durch den +englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fühle mich +glücklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekräftigt. Die +Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu +wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen +friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glänzt, +unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . . + +Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. »Vorgestern nacht, Hans, +hat deine Frau bei Andreas Söraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe +getan« . . . + +Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich muß zugeben, vorgestern +nacht war meine Frau nicht bei mir. Hat sie also wirklich bei Andre +geschlafen? Aber, so tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe +getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Tränen mühsam +unterdrückend, mit brechender Stimme: »Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es +. . .« + +»Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst +wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .« + +Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: »Josef, bitte sei ruhig, +ich weiß alles, ich weiß es.« Ich zittere am ganzen Körper. Ich hatte immer +so Angst davor gehabt. Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist +heraus . . . + + * * * + +Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich mich langsam auf zu +Andre. Andreas Söraas, stud. ing., Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn +bei der Arbeit. Mitten in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln. +Ja, er ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig, mit +sehr blauen Augen. + +»Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen näher für diese +Dame interessiert . . .« auf das Bild hindeutend, das unmittelbar vor ihm +auf seinem Schreibtisch steht . . . + +Und er sofort: »Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.« + +»Verstehen Sie: sie ist meine Frau.« + +Und gesteigert: »Sie werden wissen, was das heißt: meine Frau, Herr Söraas +. . . haben Sie ihr Geld gegeben? . . .« + +»Was denken Sie, nein« . . . Einfach. Ohne mit den Augen zu zwinkern. + +Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke steht. _Es ist +sehr breit._ Das beunruhigt mich . . . Er scheint sehr zufrieden zu sein. +Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist sehr gut eingerichtet. Ich denke an +unsere Wohnung in der Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener +blendenden Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, +tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder ganz ergeben in +unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und dumpf . . . + +Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt. + +Warf sie mir nicht als vor: »Sieh, Hans, Andre tut mir alles, was ich nur +will.« Und: »Er begleitet mich oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo wir +vor allen Schaufenstern stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über +Strümpfe, Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke . . . du kannst das nicht.« +Und: »_Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur wollte, gleich von dir +nehmen, auf immer zu sich, mich heiraten . . ._« + +Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein Recht dazu, es ist +eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, zucke ich nach meiner Tasche, +meiner Pistole, hebe sie, ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt +. . . + +Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe ich es denn auch +wirklich getan? Und mir scheint die Welt auf einmal verändert. Ja, ich habe +es getan, denn ich hörte den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein +Körper den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch in der +Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich stecke sie wieder ein +. . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? Aber ich kann mir mit bestem +Willen jetzt, im Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird +später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon überzeugen, daß ich +Andreas Söraas wirklich niedergeschossen habe. Ja. Es ist eine Tatsache. +_Es ist eine Tat. Wie wohl das tut_, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei +froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran zweifeln. Man +wird daran glauben müssen. Und die Blutlache über dem hellgelben +Parkettboden sieht aus wie eine große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die +spritzt kleine zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke: +_Andre hat blauseidene Strümpfe an!_ Die heiße Scheibe glüht wild auf +hinter Andres blondem Jungenkopf, der unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie +schreit. Und Glocken gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das +Anmarschieren von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken, +Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, Sturmlauf aufgepflanzten +Bajonetts gegen Bastillen, Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die +ratternde Symphonie des Aufruhrs. + +Nun erst bin ich meiner Tat gewiß. + +Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. Wie ich das +Haustor öffne, _erblicke ich einen älteren Mann, einen Blumenverkäufer, und +ich habe das Empfinden, ich müsse ihm was recht Gutes tun._ Die Sonne +scheint. Und plötzlich fällt mir heiß ein: »Ich habe einen Mord begangen! +Ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es mir immer vor, in einem +fort, immerfort, sausend. _Und ich will es dem Alten eingestehn_, er wird +ja schweigen, und nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch +ich fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich sage mir, das +kann auch später noch geschehen . . . _Aber ich kaufe ihm alle seine Blumen +ab._ Und ich sage mir: das ist ein »rotes« Haus. Und ich starre +unausgesetzt, die Blumen in den Händen, nach oben. + +_Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem Haus fortkomme._ + + * * * + +Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt mir: »Deine Frau ist +eine Dirne, die sich bei der Prostitution beide Vorderzähne eingeschlagen +hat.« Ich springe dem Schuft an die Kehle. + +Man sagt mir: »Deine Frau ist eine Abortgrube.« Ich speie dem Schwein ins +Gesicht. + +Man spöttelt weiter: »Deine Frau: 'n prächtiges Weib, ne schöne Hur' +. . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .?« Ich kann +mich nicht mehr rühren. Ich bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich +heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen. + +Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine Frau kommt, meint der +ernste Ober: »Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital.« Oder: »Gegen +Mitternacht steigen die Aktien.« Man macht ringsherum Witze. Ich bin +wehrlos. Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen. +Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tür +kommt, ganz rot, meint Josef: »_Sie ist eine Flamme . . . es knallt._« Man +deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt, +frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die +deutschen Bürger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die +Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen wie +Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite Stiefel, Platt- und +Schweißfüße, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte +Händedrücke sich zärtlich ihren Weibern gegenüber zu erweisen, die, +vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer +geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen Gesichtern, +große Torten verzehrend (--: fett, doppelkinnig, hängebusenhaft . . .). +Ihrem Beruf nach Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler: +kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, langgebartet, +goldblond . . . + +Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es splittert, fließt, +knaxt . . . Die Musik: sie ist »dorkan« . . . und die runden Marmortische +drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrümmern . . . + +Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frühere +Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht nicht meine Frau kennen zu lernen. + + * * * + +Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: »ich +habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es +mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch wahnsinnig +darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um +ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen +getan. Und doch ich weiß, ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr +meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. _Ich liebe ihn fast_ +. . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln, +Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie ähnlich +er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße +Zähne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach oben +gekrümmt. _Und ich bemerke seine blauseidenen Strümpfe._ Und ich denke an +das »rote« Haus. _Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach +oben._ + +Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, daß meine +Frau einem anderen gehört hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist +furchtbar, daß mir das der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer +über mich lachen. Und trostlos: »Wie verkommen, wie haltlos ich bin!« +. . . Aber Josef hat auch gesagt: »Hans, aber du wirst ja selbst wissen, +sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .« + + * * * + +Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, klein, schwarz und +bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sättigt mich. Ich bade. + +Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre +fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich wieder. Ich habe alles +vergessen. + +Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter Tag für Tag. Heute +ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn +und Busen arg beengt. Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie kann +es nicht mehr leisten. _Das freut mich irgendwie._ Aber zugleich dämmert es +allmählich in mir auf: die Türen werden langsam zugemacht. Und kurz vor +ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wöber: »Moritz Düsterweg hat sich im +Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. Denkt euch nur: er, der Lump +hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen +. . .« Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig und sehr +aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer +grauen Wand. + +Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche. + +Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im +Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische Klavier spielen. + +Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn. +Ich bin schwer belastet. + +»Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?« + +Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung? +Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dünn: »Arbeite!« + +Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen, +furchtbar, drohend übereinandergetürmt und ein grüner Bach rieselt +vergraben, ganz unten, sehr dünn. + +Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat +sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender Dämmerung entfernt sie +sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie +ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett +zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. Den Waschkrug hat sie mit +frischem Wasser aufgefüllt, bei Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch +geborgt. Sie ist sehr entschlossen. _Alle Krankheit scheint von ihr +gewichen._ Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im +Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte Rock, ein +kleiner brauner Hut, mit roten und weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse +. . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas +schmerzlich lächelnd und »Adio«. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart +anzukommen. Und ich sage mir: _meine Frau hat ne feine Fresse._ + +Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: »Du brauchst dich nicht darüber +aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon +längst, bevor du sie kanntest, -- -- --.« Ich entsinne mich, eines +Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ +die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft +herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr +Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um. +Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß +ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und _wir wollen beide recht +herrlich untergehn!_ Ich höre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie +ist sehr süß. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich +bin ein großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, dem Leben +abgewandt. + +Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre +ab. Ich horche gespannt. Jedes Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten +kommt sie mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und +ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein »rotes« +Haus. + +Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu küssen. Man +sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine +Hitze. Es ist ein großer wütender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts, +verschnupft, schnapsdurchdrängt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild, +unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgültig. + +Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen +möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, Schlingel, Lümmelchen, Toppsau, +Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau. + +Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob sie um Einlaß +bitte. Als bettelte sie. »Ich bin sehr müde, Hans, gute Nacht!« Sie händigt +mir ein großes Goldstück aus. »Also für fünf Mark . . .« _Und auf dem Tisch +stehen viele Blumen_ . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka +wimmert laut. + +Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg. +Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie so fern gelegen. Ich »geißle« mich. +»Arbeiten!« Am Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille, +kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, _der jenem Blumenverkäufer sehr +ähnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Straße +erblickte._ Er schließt sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka +denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige mich. + +Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zählen +beide unseren Verdienst. Wir müssen lachen. Wir umarmen uns nach langem +wieder, küssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein +jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden es ängstlich wieder, +uns gegenseitig zu berühren. + +Es ist verworren, ölig und dumpf. _Wie lang wir die Sonne nicht gesehen +haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus._ Wir +sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht +eine Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den +Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir +einen Tritt in den Bauch, daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel, +Teller gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns auf offener +Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh und kühl. Sehr mechanisch. Wie +Fuhrknechte auf Pferde einhauen. _Nur um uns gegenseitig etwas zu +erleichtern._ Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide +mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein böses Raubtier. +Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie beißt sich in meiner Oberlippe +fest, die blutig herunterhängt. Menschen sammeln sich an, halb sich +belustigend, halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen, +zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille, +langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen zählt immer sehr, +sehr dünn: »Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!« + +Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße. + + * * * + +. . . »Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist« +Und: »Warum liebe ich sie . . .« aber ich kann mir darüber nicht klar +werden. Alles ist verworren, ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine +schwammige Masse, gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken. +Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fällt mich. Ich +bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich muß ihr die Bluse zumachen, die +Stiefel zuknöpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt +mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand zuckt oft +nach der Tasche . . . _Sie sagt nur »Pferd« und streichelt mich und ich bin +wehrlos._ Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu +wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen, +Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist +vergraben . . . »Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, ich werde +glänzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag früh ausreiten, +spazieren fahren, _du kannst immer im Café sitzen . . . Du kannst essen, +trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter +Lucki!_« . . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, kost +ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: »Buberl! Buberl!« + +»Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist!« Doch +diese Worte, immer und immer wieder mich quälend, bedrängend, und +ausgesprochen _von einem von oben herab_, sehr blond und in einem langen +schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat +unausführbar. Es brennt. + +Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, Flechten, Narben, +Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund. +Unsere Körper sind Blutäcker. Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht. +Man scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod, +Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, während +meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und herwälzt mit erhobenen Händen +gegen die Wände an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. »Gib mir +etwas Wasser, Hans« . . . bittet sie, sehr dünn . . . »Halt dein Maul, +Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.« Und aufbrausend: »Verreck, +du!« . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir +furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem +Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder, +schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. »Hans, mir ist, als +sei eben etwas zwischen uns getreten!« Und mit erhobenen Händen, grell: +»Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut!« . . . + +»So soll alles umsonst gewesen sein?« + +Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert. + +Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. Ein feuriger Hund +läuft über den Himmel. Es bellt. + +Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine +Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir Obacht auf die Polizei geben, die +uns seit einigen Tagen schon gründlich auf der Spur ist. »Wenn man mich +erwischt,« meint meine Frau, »werde ich eingeliefert.« Und: »ich habe schon +einmal zwei Monate gesessen.« Und: »ich habe auch keine Lust mehr ins +Krankenhaus.« Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das +Vorzimmer, in dem die Kranken warten mußten, war dicht gefüllt. Sie kamen +aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die +Augen fiebrig glänzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein +Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der +Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden Garten hinaus, die Hände geballt, +der prächtig untergehenden Sonne nach. + +In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mädchen +noch, voll blühender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die +kaumgeöffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar, +die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saßen, alle den +brechenden Blick flehend emporgewandt. + +Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid es ihr tue, aber +gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend +nach uns erkundigt hätten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe +überall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch +nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . . + +Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, mit großen Füßen, +dürftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander +auf einer Bank und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus +Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist +ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh +geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den +letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er +wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen zu sehen, doch scheint ihn das +irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst +übernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich +schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, überglücklich +aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt die weiche Decke ganz über uns. +Sie ruht, das Gesicht käsig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer +weit in die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, mit +kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da sie friert, lege ich +mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es, +als ertöne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir +schweben. + +Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges Tuch. Elly schläft +noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich +bemerke, wie ihr Körper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht. +Ich gehe weg . . . + +Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . . +»Wo habe ich heut geschlafen . . .?« Und ich jage durch Wüsten: Straßen, +Straßen, Straßen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte, +Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof mit plumpem +Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, Brücken; und ich gelange endlich in +einen Wald und über Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser +mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. »Wo habe ich heut +geschlafen . . .« Ich bin zerschmettert. Und ich weiß mich, sehe ich mich +nur einem Weib gegenüber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich +habe meiner kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen, +sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu +mir, war ich unfolgsam »Du bringst mich noch ins Grab.« Und mein Vater +sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind +tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme +eben am »roten« Haus vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht, +und ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand, +und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr +entfernt. Schlief ich nicht bei Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die +Türen werden langsam zugemacht. + +Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie +schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich +beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie läßt die Handtasche lang +herunterhängen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den +hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knüpft +ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um. + +Wenn sie sich einen anderen anschaffte. + +Ich wüte. Ich erwürgte sie. + +Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer +schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu +mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich +immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für mich, für +mich auf den »Talon«? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer, +taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte. +Eine Tür klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, am ganzen +Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer empor. Es wird Licht. Eine +Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse! +Sie hebt mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer Brust, +streichelt meine Wangen: »Buberl! Buberl!« Dann: »Pferd!« Sie ist zärtlich, +als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, jahrelang von ihr entfernt. + +Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es +ist unmöglich. Und: »Ich muß ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe +ich nicht meine Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf +mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan« . . . Und ich komme so +nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was soll ich auch fliehen? Es +erscheint mir kindisch. + +Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind fort. In den +Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will +sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre +wüste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete, +klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe +die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt +sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten +wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie +hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine +Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen +aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er sich. Das +Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenüber. Ich höre +die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestärkt, in den erwachten Tag +hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den Händen +durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die +Dorka erwürgt! Ich fühle die Last ihres Körpers in meinen Armen; ich lege +sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich +eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel und +Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich +groß an. »Josef, ich habe meine Frau erwürgt, ich habe meine Frau +umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht +. . . leb wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb wohl +. . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich +umgebracht . . .« und brüllend: »alle Menschen habe ich umgebracht . . . +leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch +dich noch . . .« + +Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang herab, ich küsse ihn, +ich bin so glücklich: »ich habe meine Frau erwürgt.« Und ich fühle mich +seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: »Ob Dorka das wert war, +mußt ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich werde +überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . .« Auf +seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: »Andreas Söraas, +stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62, +III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt . . .« + +Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, nach Haus zurück. +Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tür nach der +anderen wird langsam zugemacht. _Das Haustor steht weit offen._ Meine Frau +singt, sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, sie +streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: »Du solltest klug +genug sein, um das verstehen zu können. Es waren Schlager . . .« Und ich: +»Ja! Ja!!« Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles +wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein warmes +Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld. Wir sprechen uns über den +gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich muß an mich halten, nichts +verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre +besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich. +Wenn sie wüßte. Sie sagt: »Hans, liebe mich.« Sie ist sehr erregt. »Du +meinst wohl, ich solle dich . . .?« Sie, aber sehr traurig: »Hans, du bist +so roh, bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, du solltest +zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne +sein, ich bin dein >Franzosenweibchen<, du mußt dein kleines Frauchen +schonen.« Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es +sehr albern vor. Und ich sage nur: »_Du hast ne feine Fresse!_« . . . + +Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Straße +schwimmt im Licht. Wir sind hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten. + + * * * + +Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld +wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig. +Übermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist! +Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau groß ins +Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: »Weib . . .« Ich +nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem +Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann +ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich stöhne: +»Ach Dorka, du hast ja das ganze Bett . . .« Sie dreht nur den Kopf: »Ach, +Hans, du lügst . . .« Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: »Ach +Hans, mein Hans, mach mich tot!« Und ich denke bei mir: soll das heißen +. . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem +Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut! +Sie ist ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht ist +ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die Lippen weiß. Sie bedeutet +durch eine schwache Handbewegung, daß ich den Papierofenschirm ans Bett +heranrücken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet +sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, und am ganzen +Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. Ich bin gar nicht angeekelt. +Sie phantasiert. Sie spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar +und eindringlich: »Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach +Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste +. . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber! +. . .« Und sie nennt einen Namen: »Isaak«. Ich weiß, das ist der erste +Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: »Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast +du mein Buberl« . . . Dann schreiend: »Andre! Andre!« Und mit ihren Händen +wild in meine Haare: »Isaak! Isaak!« Und mich inbrünstig küssend: +»Liebster!« Und weiter: »Das andere waren ja -- ach! -- nur schlechte Gäste +. . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel +anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe +tüchtig geklaut für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart +für dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich +war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich bin! . . . auf dich +. . . Ich bin krank geworden für dich . . . Das ich so verkommen bin +. . . _Das Leben ist beschissen_ . . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege +gehen über das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen +. . .« + +Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren und zart umfassen +will, furchtbar, entsetzlich, drohend: »Laß mich! Du laß mich! Du fremder +Mann . . .« Die Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen. +Um ihre Gunst bemühen sich alle . . . + +Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfältig, +den geliebten Namen: »Isaak! Isaak! . . .« + +_Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt._ Ich sinke in einen +Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und +bleich, kommt mir entgegen, sanft: »mein großer Junge!« Wie ähnlich sie +Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die +Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie mir. +Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es +nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. Und schmerzlich: »O Dorka, daß ich +dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos +suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf der einsamen +Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der +Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen +Büchern, im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir +quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka! +. . .« + +Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt ist. »Friert dich +nicht, Dorka.« Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hülle sie in die Decke +ein, daß sie ja nicht friert. »Kann ich sie nicht erwärmen?« Und ich denke +an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie +bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Türen zu. + +Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber +wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der über dem +Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen +eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den +Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wöber ins Geschäft gehn +und ihr mitteilen, daß Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig +überdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre +niedergeschossen hatte und später, als ich fest daran glaubte, meine Frau +erwürgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht +mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es +erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich an Dorkas Seite +entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wände weiten sich, die +Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen, +Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von +allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden Gloriole umgeben +. . . »Madonna Madonna!« und mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über +allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . . + +Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im Halbschlummer, den jene +himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere +Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer. +Ich träume weiter. + +Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strömt daraus; +himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, öffnen +sich. Den Dahinschreitenden umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der +schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft glühender Rosenbeete +erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege, +rosenbestreut, leiten empor, stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige +Glut schwüler Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten sie +in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht von rauschenden +Zweigen, reich behangen und überschwellend von vielgearteten Früchten, +kugelrunden, spitzgestalteten und eierförmigen, zieht sich herab auf eine +weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt, +friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, die glühenden Köpfe +stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße +Elefanten, die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen +Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne +Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, langgeschweifte Goldfüchse +und graue Hunde, gelbe, buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die +beiden steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und meine besten +Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwänzen, ein Zeichen +freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an +mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in +der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen singender Fische +ziehen hoch über uns durch die weiße Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert, +durchschneidet mit scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen +Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück -- wie auch mir, der ich +ununterbrochen jauchze oder überselig schweige -- unfaßlich und +märchenhaft, so hell, so inbrünstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der +Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft nieder, +honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt in allen Farben. +Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, blau aufflammende Burgen, +verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hängende Wundergärten steigen +zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, in +alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll, +gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und mir ist, als verstünde ich +nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverständlich +und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. »Wie +glücklich bin ich,« brüllt Hai, »wie wohl ich mich fühle,« entgegnet, +freundlich brummend, der Kamerad. »Meinen Gruß! Meinen Gruß!« zwitschert +hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegten +Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! »Wo habt ihr das große Kind +hergebracht?« Und: »Es geht wohl zum Silbersee?« erkundigte sich eiligen +Laufs die flüchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den +Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor glänzen, doch deren +Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf +einer Anhöhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten +schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, auf einem +smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schönes Mädchen und flicht +mit spitzen Händen die goldenen Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold +überquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und +selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender Sehnsucht +die weißen dünnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle +Brust pressend, streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich +neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen +klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. -- + + * * * + +»Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .« Ich erwache. Alles ist spinnig. Man +ruft. Man klopft an die Tür. Und ich, laut und fest: »Gleich, Frau Naßl +. . .« Ich erhebe mich. Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die +Augen zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen hinunter, +unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Straße. Es ist +sehr kühl. Es regnet . . . »Dort oben ist die Höhle, in der wir gehaust +haben . . .« Und es ist ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße +ist eine »Aschen«--Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie +Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . Mir kommt es +vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. Ein Auto, vorübersausend, +halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen, +frage ich nach Dorka. Die Dorka --: »eine Dame hellen gewürfelten Rocks, +roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!« Man schüttelt +die Köpfe. »Was stehe ich im Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen: +in den Fluß, durch den See -- (und bei See denke ich immer an Dorkas +starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch +eingetroffen!) -- durch den See, wieder durch den großen Fluß zum stillen +Meer.« Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt +in den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das Wasser als Dunst +auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fällt wieder, dem Gesetz ewigen +Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben. +»Soll ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden, +daß die Nase hinschwindet, das Kinn.« Ich trete von einem Bein auf das +andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes +Kinderlied fällt mir ein. Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon +Leute bemerkt haben! + +Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße, +in seinen großen schwarzen Regenmantel gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und +plötzlich gewahre ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. »Herr Lehrer, +ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, auch das hab ich +. . . Ich träume immer von weißen Windeln, Wolkenfetzen und schwermütigen +Molken . . . das alles auf blauem Grund . . .« Und er: »Gut, daß du +wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist sehr +gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt ihn . . .« Und +haut mir eine mit dem Stock über . . . + +Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße +. . . Es ist aber mein Vater: »Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich +dich wirklich ins Grab gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng +. . . Bitte . . .« Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken, +denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es +verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen wie rote Fäden auf dem Fußboden, +es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die Wände +rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren süßlichen +Blutgeruch. + +Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist +aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft +erfüllte Landschaft einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den +ununterbrochen große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln lautschreiend +ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu +rechtfertigen: »Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du +. . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . . +Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige Kusine . . . du +weißt es . . . Habe ich nicht auch Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka +habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich +erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .« Das aber brülle ich +Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: »_Nimm alle Schuld von mir_ . . .« + +Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott, +wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich unbedingt versichern, daß ich +noch auf festen Füßen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das +andere. So stampfe ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt +nach Luft. Ich versinke. Ich stöhne: »Luft Luft!« Mir schwindelt. Ich werfe +die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber ich bin wie an Armen und Beinen +gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich +plötzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß ich den +rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe, +muß wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt +an den Dächern. »Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man weiß +das ja nie so genau.« Mein Kopf schlägt knallend auf das Pflaster. Ich +zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hände gekreuzt, die Arme +gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich +fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei +ein Meer über mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen. +Josef kommt auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt, +sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. »Guten Morgen, Hans, ich +suche dich schon lang, du stehst scheinbar schon lang hier. Du bist ganz +durchnäßt!« Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und +ich: »Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein, +also führen Sie mich zu Gott.« Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm +willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu +Gott. Und er kurz: »In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.« + +Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz +eingeschüchtert. »Ich fahre zu Gott.« Josef schaut mich fest an. Ich presse +mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir +plötzlich wieder alles bewußt. »Das ist kein Engel.« Und aufkreischend: +»Josef! Josef!«. So muß doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse +bleibt wahr. Und ausbrechend: »Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht +verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten +Meeren ganz verschwemmt, krank und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot +du bist.« Und aufgelöst, in Tränen: »Überall ist dein Name im Flattern +grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen +meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen +Straßenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine +Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame +Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militärmusik, +glitzernde Abendpromenade und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst +empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles bedeckst +du. _Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einförmigen Mauern der +Kasernen, über den blitzenden Kuppen der Paläste stehst du, hinter den +fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen, +Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du +schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen +fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib._« + +Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: »Sie hat Andre geliebt, +sie hat Düsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm +geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat +sie geliebt, sie hat alle geliebt.« + +Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie +ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei +Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir, +»ich fahre doch zu Gott«. Und: »Ich war ein Büßer«. Ich fühle mich ganz +voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschähe es! Etwas +reißt in mir, und es ist so schmerzlich, daß es nicht zerreißt. Das tut +furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind: +»Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.« Und sie schlägt +immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in +meinem Blut. + +Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache, +denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz, +der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich +aufgelöst stammle ich: »Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!« und ich erinnere +mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt. + +Und ausbrechend: »Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg. +Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen +zerwühlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte +Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch der +Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?! +_Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust +ein Panzer, der Körper gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen +gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes, +ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester._ Ich werde sechsfacher +Träger euerer Nobelpreise sein. Sätze werde ich bauen, unendlich +kompliziert, rasend gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im +brausenden Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. (O Scigo: Primas: +Tönemäher!) --: euch alle berauschend. Ich werde glänzende politische Reden +halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten +aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan, +das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide +Verträge abschließen, Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich +entdecken, den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit alter +Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, werden zu +Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstämme, Fieber, +tuberkulöse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde +ich bekämpfen, bezwingen. Die große physische Abstinenz werde ich euch +lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten +Geschlechts.« + +Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller +Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln vorbei, auf denen +Windmühlen stehn, deren Flügel sich rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht +davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt. +Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe +holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen plätschert in einem Weiher, der +leicht vom Wind bewegt ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein +Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie +ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dünn, erhebt +sich, schwillt an zu einem klaren Gesang. + + + + +Der Dragoner + + +Vor ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weißer Spitz. + +Der hieß Kony. + +Sie hieß Beate. + +Und Beate bewegte sich prustend, unermüdlich den Mauern der +Infanteriekaserne entlang. (. . . vom »General Finkenkeller« bis »Zu +unserem lieben Kronprinz« . . .) Hier standen sie, Wally und Mizzl, und um +sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus +der Masse losbröckelten. Die übrigen trollten sich schreiend weiter. + +Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes +Flußbett. Trotzdem es Samstag war. -- + +Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim »Zu unserem lieben +Kronprinz«, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis +zwei aus der Masse losbröckelten. + +Die Laternen wurden gelöscht. Die einzige Helligkeit verbreiteten +Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der wie ein Licht vor Beate herlief. Und +das Dunkel stürzte sich wie ein böses Raubtier, plötzlich, laut gähnend, +offenen Rachens über den »General Finkenkeller« und »Zu unserem lieben +Kronprinz« und fraß die. Das polterte, tobte, schrie, flackerte rot und +feucht, hier einige Male, dort einige Male, dann war auf einmal Schluß. + +Da mußte Beate heiß an ihren Kony denken. Der war Athlet. Drei Preise hatte +er errungen, zwei zweite, einen ersten, Eichenkränze, ganz grün, mit +schwarz-weißen Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie »Hoch!« +und laut »Hurra!«, und die Musik blies furchtbar, als der Vorstand der +»Stämmigen Brüder«, der Gerichtssekretär Huber (der graue, der mit dem +Bismarck auf dem Bauch! ) sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot +vor Freude, sein großer aufgedrehter Schnurrbart glänzte. Und er betrank +sich diesen Abend, den Siegeskranz um das Haupt. + +Und sie entsann sich, wie ihm jene glänzende Medaille angesteckt ward (-- +und das war auf der Siegesfeier des »Freideutschen Stemmklubs von 1893« --) +und sie ihm der Schiller, der Oberbaurat Schiller, höchst eigenhändig auf +die Brust heftete. Und alles schrie »Hoch!« und laut »Hurra!« + +Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude ganz rot, aufgedrehten, +glänzenden Schnurrbarts, kam an ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er +tätschelte ihr (-- die Medaille auf der Brust! --) auf den Hintern. + +Und sie lächelte. Ihr Spitz hieß Kony. + +Der schnupperte. + +Beim »General Finkenkeller« aber stand stramm, hochaufgerichtet ein Soldat, +ein Riesenkerl. Der stieß den langen Schleppsäbel immer eigensinnig +klirrend auf das Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Plötzlich +war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der kalt war und +eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der Spitz, lief ganz unbeirrt den +beiden wie ein Licht voran, doch immer, wenn der Säbel klirrend ins +Pflaster fuhr, ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor. + +Es war ein Dragoner. + +Und beim »Zu unserem lieben Kronprinz« standen sie, Wally und Mizzl, zum +drittenmal, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Und +sie stiegen daher, Arm in Arm, die Beate heiß, unermüdlich, prustend, +gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere Zigarre mitten ins +Gesicht gesteckt, glänzenden, aufgedrehten Schnurrbarts, von Rauchwolken +umhüllt. Und Wally: »Nacht, Beate . . .« + +Doch die Mizzl: »Nacht, Frau Major . . .« + +Und die Beate ganz glücklich bei sich: »So ghört sichs.« + +Doch da bemerkte sie plötzlich, daß sich Kony, der Spitz, und der Dragoner +verwundert anschauten. Die beiden blinzelten einander vertraulichst zu und +der Dragoner sagte dem Kony etwas ins Ohr. Die beiden hatten scheinbar +etwas miteinander. _Und der Kony lachte wie ein Mensch, antwortete und +nickte._ + +Da brach die Masse der Lärm-Infanteristen in schallendes Gelächter aus: +»Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major! +. . .« Aber standen dabei gar nicht stramm und das empörte sie. -- + +Sie zündete das Licht an. + +Sie betrachtete ihren Dragoner lange. Der aber sah sich sehr genau in ihrem +Zimmer um. Er war wirklich ungeheuer und ganz gelb. Und die Beate fragte +sich, an wen erinnert mich der nur. Und sie mußte sofort an das Café +Krenkel in der Madenstraße denken. Das war auch ganz gelb. Gelbe Vorhänge, +gelbes Licht, und die Musik war gelb. Und sie entsann sich, daß sie dort +den letzten Samstag auf einen kleinen runden Marmortisch gestiegen war, (-- +auch die Wally und die Mizzl waren dabei! --) den Fuß in den Aschenbecher +setzte . . . schrie, das seien Steigbügel . . . und gleich davonreiten +wollte, -- wohin, das wußte sie selber nicht, durch die Luft! Ach, sie war +ja so oft schon dort betrunken. Und sann weiter nach: Man hatte sie ja dort +auch schon so oft hinausgeschmissen. Doch plötzlich auffahrend, ganz +unvermittelt: »Mein Eisschrank . . . und Wachs . . .« + +Nur der glänzende aufgedrehte Schnurrbart, das rote Gesicht, die +ungeheuere, immer noch glimmende Zigarre mitten drin, die waren ja ganz +lebendig. Und sie bemerkte auch, daß er große und sehr feuchte Hände hatte. +Und sie dachte sehr versonnen, mechanisch weiter: »Wasser ist genug da, die +zu waschen, auch Sandseife . . . auch ein großes frisches Handtuch ist da +. . . _er kann sie darnach daran abtrocknen_ . . .« + +Er schnallte den Säbel ab, der sehr groß war. Viel größer als die +Seitengewehre der windigen Infanteristen, stellte sie zufrieden fest. »Die +Schmierer, die schiachen . . .« + +Aber er sprach auch so gar nichts. + +Was tat er denn? Hatte er sich nicht bei ihr einfach eingeschmuggelt? +Kümmerte er sich denn überhaupt um sie? + +Und unermeßlich erdehnte er sich plötzlich, ragte durch die Decke, die +blitzende Helmspitze hartnäckig in den tiefblauen Nachthimmel bohrend. Das +flimmerte. Es tropfte. Ein dichter Goldregen stieb prasselnd nieder. Und +der Säbel, plötzlich ein endloses Seil, an dem die Erde schwebte, das +Himmel und Erde verband . . . und plötzlich ein eiskalter Wasserstrahl, der +jäh niederfuhr, mitten durch, ein Blitz. + +Sie bat: »Geh, Schatz, leg deinen Helm ab!« Und sie dachte plötzlich wieder +heiß an Kony, ihren Athleten. Der wollte sie einmal erstechen. Im Rausch +. . . Und sie flüsterte selig, emporschauend: »Kony!« . . . Und da hing er +an der Wand, ein photographisches Brustbild mit Medaille und Eichenkranz, +die Arme nach hinten verschränkt, aufgedrehten Schnurrbarts, von +Postkarten, Fächern, Tanzschleifen umgeben: Kony. + +Da knurrte der Spitz. + +Und da erinnerte sich die Beate: auch der ist also noch da. + +_Und stand hilflos zwischen dem gelben Dragoner, dem Spitz und dem +photographischen Brustbild._ + +Und sie steckte dem gelben Dragoner eine Blume ins Knopfloch, wie es damals +Schiller, der Oberbaurat Schiller, getan, und band ihm eine grüne +Samtschleife um den Kopf und drückte sie ihm sorgfältig zurecht, wie +seinerzeit der Huber, der Gerichtssekretär Huber auf dem Fest der +»Stämmigen Brüder«. Da der Dragoner wehrte, bat sie. Und endlich, unsinnig +lachend: »Nun kannst du dich wieder besaufen, Kony . . .« Ja! Hatte er +nicht eine glänzende Medaille im Knopfloch, schmückte sein Haupt nicht ein +Eichenkranz, ganz grün?! . . . Und er kam an den Tisch, setzte sich zu ihr +und tätschelte ihr auf den Hintern. Und irgendwer schrie: »Hoch!« und laut +»Hurra!« Und eine Musik blies irgendwo furchtbar. + +Und die Beate (das war ja zu närrisch!) --: sie lachte unsinnig. + +Sie brachte Bier in Flaschen. Das trank er. + +Aber sein Aussehen änderte sich, denn als er aus dem Schatten nach vorn +plötzlich unter das Licht trat, sah sie, er war blau, blau sein Gesicht, +ganz blau. Doch als er wieder sich schwankend nach rückwärts verzog, sah +sie: er war grün, grün sein Gesicht, ganz grün. Doch als er bald darauf +wieder rülpsend hervorkam, sah sie, er war wieder gelb geworden, ja wieder +ganz gelb. Sein Gesicht, die Hände rot, und der aufgedrehte Schnurrbart +glänzte. + +Auch sang er wieder und kommandierte laut. »Ich hab es mir ja gleich +gedacht, daß du schon wieder besoffen bist . . .« + +Kony knurrte. + +Der Dragoner blickte ihn nur an. Da schwieg er. Die beiden verstanden sich +scheinbar gut. + +Da aber Kony plötzlich laut aufbellte, fuhr der gelbe Dragoner mit seinem +langen Säbel nach ihm. Da wand er sich sogleich verröchelnd. + +Da die Beate laut aufheulte, warf er sie nieder. Sie kreischte auf. Er aber +setzte den Fuß auf ihre Brust. Da schwieg sie. + +Sie lag auf dem Rücken. Versuchte wieder hochzukommen. Wälzte sich, krümmte +sich. Sie konnte nicht. + +Er nahm die Schlüssel an sich. Die Handtasche öffnete er. Zählte: drei Mark +und fünfzig . . . + +Sie versuchte sich am Bett hochzuziehen. Los riß er sie, hob sie empor, +unendlich hoch empor und mit beiden Armen niederschleuderte er sie. Er +schmetterte sie alle Stockwerke durch. Daß sie tief vergraben in der Erde +stak. Den Körper voll Splitter. Sie wimmerte. + +Da kommandierte er laut: »Achtung!« und zog den Säbel. + +Sie dachte wieder an Kony. + +Ja --: da stand er, die Medaille auf der Brust, den Eichenkranz ums Haupt, +ein wenig in die Stirn gerutscht, ganz grün. Der aufgedrehte Schnurrbart +glänzte . . . und jemand schrie »Hoch!« und laut »Hurra!« . . . und eine +Musik blies furchtbar. Sie lachte unsinnig. + +Und wieder: »Achtung!« . . . und er war ganz gelb . . . + +Sie lachte unsinnig. »Wie närrisch!« + +Doch plötzlich flehentlich: »Herr Schmetterling! Herr Schmetterling!« + +Der aber lachte wild auf. + +Sie erstarrte. Ward zur Puppe. Haftete. Zerbrochen. In die Knie geknickt. +Schon vorher durchbohrt. Und weit zum Stoß ausholend: »Achtung! Liebste! +Achtung!« + +Und er stieß zu, aber nur ein ganz klein wenig, zog wieder zurück, zielte, +prüfte. Er spielte mit ihr. + +Beate prustete, arbeitete mit Händen und Füßen, unermüdlich. Umschlang +zärtlich den Stahl. Zerrte. Als wollte sie: »O, gellten alle Himmel der +Welt jetzt! . . .« Und laut: »Zu Hilfe, Frau Wadenklee! Zu Hilfe!« Ihre +Hände bluteten. + +Doch --: sie _stand!_ + +Und jubelnd ihm entgegen: »O, dich kenn ich . . .« + +Und er: »Kröte! . . . Verfluchtes!« + +Und stieß durch. + + + + +Kindheit + + +Heinrich Franz Bachmair dankbar + + + + +Kurt war von Frau Schaa eingeladen worden, er schüttelte Äpfel von den +Bäumen, las sie auf und sammelte sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug, +das darnach roch. + +Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte ein langes, dünnes +Kleid an, das die untergehende Sonne blutig durchfuhr. + +Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche aus und hüstelte. + +Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten Schal auf und führte +Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm eine Rose ab und steckte sie ihm +langsam ins Knopfloch. + +Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens und wuschen +die Rettiche. + +Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher Vogt, wie es bei Schaas +gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte gerade an Frau Schaa gedacht . . . und +er bemerkte die Mutter, die, über den Suppenteller gebückt, +hineinschluchzte. Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, und +schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. Ein weißer, fast +plastischer Streifen, zog sich über die Wange der Mutter --: ein Striemen. +Dahin hat er sie also getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt +sich selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und +blutunterlaufen, auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren, roten +Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt. Er widersprach dem Vater +trotzig: + +»Laß mich!« + +Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller. + +Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den Haaren, würgte ihn, riß ihn +zu Boden und trat ihn mit dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich +auf, schreiend --: er wurde niedergeschlagen. _Das nahm kein Ende für ihn._ + +Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie auf die Straße +hinunter. + +Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter kam aus ihrem +Verschlag hervorgekrochen, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und setzte +sich zitternd unter sie. + +Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er wollte sich rächen. + +Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher zum Tarock ab. + +Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte Klavier, bis es +zweimal läutete und Frau Schaa kam. + +Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch und bat weich: + +»Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen), spiel was! Bei der Musik +fang ich immer zu phantasieren an . . .« + +Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf . . . + +Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe herauf. Er war +besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, er drohte ihnen, er +verurteilte sie zum Tode. + +Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er nicht die Mütze der +Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche man ihm, widerspreche man dem +Gesetz, der Verfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem +Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? . . . +Unantastbare Macht . . . + +Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete sich und fand +den Vater ungeheuerlich. + +Dumpfe Schläge. + +Die Mutter wimmerte . . . + +Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa winselte: ob seine +Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man nicht wisse . . .? + +Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. -- + +Der Gerichtsvollzieher verreiste auf längere Zeit dienstlich. Kurt schlief +im Bett des Vaters neben der Mutter. Er ging vor ihr ins Bett, konnte aber +nie einschlafen. Sie kam, und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich +einmal nachts über die Schlafende, die Haare ringelten wie schwarze Wellen +um das weiße Milchgesicht, die aufgesprungenen Lippen waren halb geöffnet. + +Er flüsterte. + +Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und sagte: + +»Laß mich, Liebling! . . . Schlaf!« + +Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann fort war. Sie lag im +Fenster und sah die Straße hinab. Sie stopfte fleißig Socken, flickte die +zerrissenen Hemden des Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzüge +aus. + +_Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmäßig jeden zweiten Tag, +kamen._ + +Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzte ihn groß an. Herr +Vogt aber schmiß seinen Sohn zum Bett hinaus, fluchend. Er war wieder +betrunken und sah aus wie ein Strolch. + +Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er auch sie. + +Sie heulte. + +Die Großmutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag hervorgekrochen. + +Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und küßte sie. Die bärtigen +Wangen rollten dicke Tränen herab, die, wie Perlen gereiht, an seinem +strohigen Schnurrbart hängen blieben. + +Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der Eltern mit dem +Küchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er wollte sie beide töten. + +Die Großmutter stöhnte aus ihrem Verschlag heraus . . . + +Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen. + +Frau Schaa erzählte, sie fahre noch diese Woche auf zwei Monate nach +Rußland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle? + +Der Photograph knurrte. + +Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie nahm Kurts Kopf in +ihre große, rauhe Hand, zog ihn an die Brust und liebkoste ihn. + +Herr Schaa holte sein Tesching und schoß nach Spatzen. + +Frau Schaa herzte ihre Katze. + +Herr Schaa zischelte. + +Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hände gegen den Photographen, +der bleich an der Gartentür hing. + +Herr Schaa zerbröckelte. + +Der Tesching lag geladen vor ihm. + +Herr Schaa grub Rettiche aus. + +Bussi, die Katze, huschte über den Zaun. Kurt zuckte nach der Büchse. + +Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die Büchse auf und schoß. Er +fehlte. Kurt atmete erleichtert auf. Bussi erschien auf der anderen Seite +des Gartens. Kurt griff und drückte ab. + +Bussi sprang ein wenig vor, überpurzelte sich und schlug den nassen Boden +lang . . . wälzte sich, die grünen Augen trieben lang, gewaltsam heraus, +die fleckige Zunge stach spitz vor . . . der weiße Bauch öffnete sich +. . . Kurt aber schaute nach Ange um (so hieß Frau Schaa beim Vornamen). + +Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte sie sich ab. + +Der Photograph hüstelte und drehte das Tier mit dem Fuße um. + +Kurt schämte sich. + +. . . Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen Horizont. + +Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht. + +Streng und gemessen schritt draußen Herr Nebukadnezar vorüber, der +Oberlehrer. + +Kurt nahm von Frau Schaa Abschied. + +Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim Photographen, der betrübt +im kleinen Haus saß. Frau Schaa war fort. + +Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht. Kurt überlegte +ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen. Er bemerkte den Striemen über +der rechten Wange seiner Mutter und glaubte, er müsse noch verweilen. Sie +versetzte ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der Nacht, +da er neben ihr schlief . . . + +Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park lag er. Er dachte an +die Schaa, und daß es süß sein müsse, von ihr geschlagen zu werden. Er +sehnte sich nach ihr. Menschen hingen über den Bänken: schlapp, den Hut im +Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote. + +Er träumte einen Vogel, der sich aus einem Moortümpel aufhob. Der flog vor +ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte unbekannte Morgen- und Abendländer. Der +Vogel aber schwebte über ihm, des Nachts als Feuerschein oder Stern, des +Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne ertrinkend. + +Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch litt er Durst. Auf +glühenden Wiesen lagen Früchte bereit, in den Wäldern rauschten +Milchquellen. + +Er verträumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten, er war nicht dabei. + +Plötzlich aber stürzte er sich, von ferne aufgeschreckt, mitten unter sie. + +Er hetzte durch die Nacht, bis er ermüdet zusammenbrach. + +Er wußte, daß die Großmutter Geld besaß, ein wenig nur, doch schlecht +aufbewahrt, aus ihrer Rente. + +Die Großmutter saß in ihrem Verschlag. + +Er gedachte der Schaa. + +». . . Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den Kopf einschlagen, +oder nicht an den Hals springen . . . denn wie dünn der Hals ist . . . +splitternd . . . wie Holz . . . nicht niederwerfen . . . gleich mit einem +Hieb den Schädel entzwei . . . den Schrank auf . . . und dann --: o dies +Glänzen! . . .« + +(. . . _Und sie nickte ihm zu_ . . .) + +Das Küchenbeil zwischen den Zähnen, kroch er vorwärts. Nur noch einen +Sprung von ihr --: die verschrumpften Lippen zuckten. + +Man hörte aber nichts. + +Die Hakennase bog sich lang herab. + +Die Großmutter war weiß. Sie schlug mit den beiden Armen wie zu einem Flug. + +Die Wangen, eingefallen, grünlich und gelb, begannen rosen zu werden. + +Das Beil entglitt ihm. + +Er quälte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern umher. Auch +Räuberromane las er. + +Plötzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der Straße an seine +Schaa. Daß er sie beinahe vergessen hatte, schmerzte ihn. Er machte sich +Vorwürfe darüber _und strafte sich selbst, indem er sich »Hund! Hund!« +schalt._ + +Er wollte ihr schreiben. + +Eine kleine weißglühende Kugel sprang auf. Sie begann zu erklingen in einem +molkigen Luftgemisch. Sie sauste. Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die +Nasenflügel blähten sich. Schleim und Tränen rannen. Ein tiefer Schlaf +folgte. + +Er erbrach mit dem Küchenbeil den väterlichen Schreibtisch, der stöhnte und +sich wand. Er demolierte ihn gänzlich. + +Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los. + +Er fuhr mit einem Zug. + +Er durcheilte die nächste Stadt. Was er suche, wußte er nicht, nur, daß es +unbeschreiblich schön sei. Er lebte in Märchen. Er dachte die Schaa. Es +peitschte ihn, es jagte ihn dahin. Durch die brüllenden Lüfte sauste es. Es +gewitterte. Der Rücken, das Gesicht schälten sich, Hagelstacheln trieben +ein. Haut hing in Fetzen . . . + +Ein grüner Himmel rollte sich. + +_Das schmutzige Gesicht erglänzte:_ + +»_Ihr nach!_« + +Verdorrte Gelände durchzitterte er, sonneversengt. + +Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft über die gewölbte Fläche eines +Silbersees, unberührt durchzog er einen gelben Strom, die Wellen, sie +wichen vor ihm zurück. + +Ein Schatten rang sich vor die Sonne. + +Der Vater. + +Kurt entsetzte sich. + +Glühender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte Blasen, auf, Städte +zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen, Prozessionen schwankten durch die +Luft. Ebenen überschlugen sich. + +Der Himmel töste. + +Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette dampften. Violett +explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt. + +Der große Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrümmerte Hügel hinab, surrend. + +Jahreszeiten wechselten. + +_Eine Stadt schob sich mit grauen Häuserquadraten vor, massiv und gewaltig, +von Straßen bösen Gesichts und dünner Herbstleute, wie Gespenster, +zerschachtet._ Ein Milchwagen rasselte. Cafés schäumten. Er schwamm an +zerrissenen Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der Atem von +Schläfern sang. + +Klaviere jammerten. + +Er übernachtete in Schlafstellen. Fäulnis. Wanzenbruten. Mütter gebärten +kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von Leibern wippten. Betrunkene +torkelten. Idioten blökten. Selbstmörder wankten. + +Es fiel von ihm ab. + +Eine Alte saß unter ihnen, schlug Karten und prophezeite aus den +Handlinien. + +Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten Äpfeln. Kurt erschrak darüber. +Schwester Anna mit weißer Spitzhaube und kleinem Wachsgesicht brachte die +grüne Breisuppe im braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten +geschleudert, wurde zerstückt. Wärter Johann erzählte Schnurren. Gewaltig +und dickbäuchig schritt der Herr Geheimrat. + +Halbwüchsige Burschen schleppten ihn in ein Varieté. Musik platschte. Eine +Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein Mädchen tanzte, zog sich zurück, und +die Wände vertieften sich, die Decke barst, es wurde nachtblau. + +Ein Pockennarbiger stieß ihn an. Kurt verstand nicht gleich, er gab sein +letztes Geld. + +Es ergriff ihn: _noch heute werde ich sie wiedersehen_, und er +verabschiedete sich höflichst von allen. + +Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen, Schleichtritten, +Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der Kühe in den Ställen und dem Anschlag +der Wachthunde. + +Gärten. + +Eine Böschung hinab: der Schlangenstrom und magischer Kugelmond hinter +Krüppelweiden im Nebel hoch. + +Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes Wollhemd und +hatte Haare auf der Brust. Er dünstet stark aus. Er legt eine welke +Holzhand Kurt auf. + +Kurt schrie. + +Er wollte sich wehren . . . + +Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an. + + + + +Der Idiot + + +(. . . Er aber kroch immer mehr in sie . . .) + +Als er sie zum erstenmal erblickte -- das war mitten am hitzigen Tag auf +der Friedrichstraße . . . doch er erhaschte flüchtigen Blicks nur ein +helles Rauschkleid --, da schlugen weiße Blütenwälder auf, bedeckten ihn. + +Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen: »Oha!« + +Er aber sann: ». . . und so wirken sie aufs Ganze auch im geringsten. In +jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflächen bedecken Kontinente, und +glühen ihre Augenmulden, jubeln getröstet alle Armen auf. Doch heulet +trunken ihr Mund, endloser Trichter, zerreißen Schallwellen Damm, Gebäude. +Deren Tränen rühren schmerzlich unerkannte Himmel, deren Lächeln aber +streichet, Kühlwind, lindernd über erstarrte Falten auf verhärmten +Kindgesichtern, in allerfernsten Träumen. Doch nur Fäuste erhoben --: und +ihr seid Zeuger geworden tumultuöser Gewitter . . .« + +Das zweitemal traf er sie -- acht Tage hernach -- am Abend des +Kaiserjubiläums. Fahnen brausten hoch über dem Platzgewimmel. Plötzlich +explodierte alles. Militärmusik, Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der +immer schrie »Hoch! Hoch!« . . . und der K. Akademieprofessor Crispin Adolf +Ritter von Beermann, erhöht, auf birkenlaubumwundenem Podium, der reckte +beschwörend -- goldblond -- Hand und Zylinder, doch Maximilian Stössinger, +Dirigent der vereinigten Militärkapellen, dick auf dickem Tanzschimmel den +Taktstock . . . und hinter dem mittleren Fenster ersten Stocks (samtroter +Teppich fiel über, streckte sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus . . .) +ward sehr deutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste und sank. + +Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen über dem Platzgewimmel, im +Flackerschein entsteigender Pechflammen, im Gedröhn der musikalischen +Explosionen, den Kopf nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war +sehr groß, überragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie trug auch einen +Hut mit einer großen, sehr grünen Pleureuse, die wippte unausgesetzt und +zuckte immer sehr nervös, wenn der eine »Hoch! Hoch!« schrie. Das brachte +die Lüfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten. + +Er dachte an die Wäsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen, die weiße, +bogenförmig ausgeschnittene Wand, die einst auf grüner Wiese steckte. Der +Wind bauschte sie. Es knallte. Und weiter: »Wie schön, sich in der +Hängematte wiegen, schwingen! . . . Die Schaukel . . .« + +Da krümmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern im Garten einer +Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden, der sich im Rausch mit dem +Hirschfänger den Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus +dem Sinn. Dann aber überkamen ihn wieder geräuschvolle Riesenbrände und +Revolutionen. Es rauschte kühl, wehte grün. Doch als die Menschenmasse +polternd und heulend die Straßenschächte hinabrann, versank auch sie, +gefolgt von einem glitzernden Sternlein, das klirrend -- ihr nach! -- +unterging. + +Hans Marterer ward in die Vorstädte verschwemmt. Trieb bald allein dahin. +Doch stieß immer rechts irgendwie an gräulichen Ufern an. Sträucher +streiften ihn weich. Winter war. Ein höckriger Mond humpelte über schräge +Silberflächen. Weißer Nebel stieg. Roch schwer. Der Himmel aber, der Stadt +zu, rot entzündet. Doch die Nacht vollkommen weiß. Ganz von kühlen +Residenzen durchbaut. Menschen, Wagen, anmarschierende Paradetruppen, +Trommeln, Pfeifen, Zylinder, Tanzschimmel, Taktstock wirbelten, und immer +noch der eine, der schoß, Rakete, zwischendurch, geröteten Kopfs, heiser, +Quollaugen, Zunge lang aus dem Maul: »Hoch! Hoch« . . . und die Pappeln zu +beiden Seiten, trotz Nacht sehr grün leuchtend, zuckten heftig. + +Hans Marterer wiederholte sich: »_Sie werden sich ja doch alle einmal in +die Arme fallen, auf eine kurze, selige Zeit:_ >Seht! Seht!< werden sie +einander zurufen . . . >Seht! Seht!< . . . und: >daß wir es nicht gesehen +haben, daß unsere Augen so mit Blindheit geschlagen waren . . . seht! seht! +. . .< und werden Tore einrammen, Paläste verbrennen und -- die Majestät im +Hemd ertappen.« + +Er trieb einer Kreuzungsstelle von Trams zu. Teeröfen qualmten. +Schienenhobel scharrten. Feuerschein. Pechflammen entstiegen. Nackte +Rußmänner mit behaarter Brust sprangen fluchend und heulend umher, +Eisenhauen geschultert. Unterhalb zerfallenem Haustor italienisches +Mädchen, bunten Kopftuchs, zerschlissenen Schals: »Maroni, Herr, Maroni +. . .« + +Sie kicherte immerfort, wie irrsinnig. + +Marterer blieb stehn. Senkte nachdenklich den Kopf, halb zur Seite geneigt, +und ihn überkamen wieder geräuschvolle Riesenbrände und Revolutionen. +Tiefer neigte er. Wollte Boden mit Wange berühren. Aufgelöst, dankbar. Der +auch ihr Boden war! Die Knie zitterten. _Noch ließ er sie nicht los . . ._ + +(. . . Der Jagdgehilfe krümmte sich . . .) + +Marterer zuckte hoch. -- + +Er sah sie wieder in der »Großen Oper«. In der »Götterdämmerung«. Wieder +acht Tage hernach. Er schwitzte. Er dachte: »Gott! Welche Musik!« + +Sie aber saß dicht vor ihm, Goldkette um den Hals, Haar in einem Knäuel, +daneben ein kleiner Bauchherr, roter Glatze und Faltennackens. Marterer +seufzte: »Gott, welche Gesellschaft!« + +Da drehte sich der Kleine um. Weiße Weste mit Goldkette, rinnend über +Kugelbauch. Man sah --: der trug einen Ordensstern auf der linken +Brustseite. »Vielleicht ist das der berühmte Komponist Richard Wagner +selber«, überfuhr es Marterer plötzlich. Da streichelte sie dem Kleinen die +Wursthand, flüsternd: »Wie schön, Dickerl!« + +Und er: »Wahrhaft erhebend, Erna!« + +Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein Vorhang rauschte. +Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen, Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er +war aufgestanden, aber wieder setzte er sich, gebückt, nein, halb nur +. . . tastete vor sich hin . . . suchte . . . (heller, als ob er schon +fände) . . . an sich hinunter . . . etwas . . . beschaute sich: »Weiße +Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? . . .« + +Hans Marterer vergaß weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Er +schrie: »_Ich will das Leben haben!_« + +Er zerrte, er stieß alles von sich. Er irrte. Traf wo eine. Die nahm ihn +mit. Geknister über ihm, nahm zwei Stufen auf einmal. Oben. + +Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weißes Rauschkleid, +Kaiserjubiläum, Große Oper. Ihm schwindelte. Ob man ihn für Narren halte? +Sie beteuerte. Er packte sie: »Weg! Weg!« + +Und aufschreiend: »Ich will das Leben haben!« + +Sie hakte sich in ihn. + +Er schlug ihr ins Gesicht. + +Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett. Er schlug sie +wieder. Diesmal mit dem Handrücken. Sie wehrte ihm nicht. Dann wieder mit +der Handfläche. _Aber ein jedesmal schob sich die Schlagfläche rasch vor, +durchschnitt ihn . . ._ Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab, +mechanisch, zählte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang, hart über die +Stirn. + +Sie wehrte ihm nicht. + +Brach herab ins Knie. + +Er trat: »Weg! Weg!« + +Sie erfüllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr. + +Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstümpfchen verlosch. Da sah er +sich im Dunkel, wie in einem tieferen Spiegel, sehr weiß von Gesicht, die +Augen kohlschwarz umrändert, die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die +Stirn fallenden Franshaaren, die Hände schmal und vorgestreckt, mit blauem +Ring im Harlekinanzug, als Knabe (. . . und eine Gouvernante zwitscherte: +»Hans Tolpatsch, du wirst nie dem Riesen das Haupt abschlagen . . .«). + +Er wehrte, beschwor: »Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.« + +Der Schatten wich. + +Als er aber das Haustor öffnete, _ertappte er sich bei einer Bewegung, die +er bei seinem Vater kannte._ + +Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: »Gott! O Gott!« + +Es roch nach Bäckereien, Brauereien. Arbeiter schritten rüstig. Er deckte +mit beiden Händen das Gesicht. Schluchzte: + +»Abtöten, abtöten . . . Abreißen, ausreißen: Arme, Beine, den Kopf. Alle +Glieder . . . Abtöten, abtöten . . . Bauch aufschlitzen, Brust aufreißen! +Wühlen, wühlen . . . Fleisch! Das Fleisch! Das Tier . . . Einsam werden, +rein. Ganz Geist. Selig sein! Heilig . . .« + +Haine rauschten. Lerchen sangen. + +So ward es Morgen. + +Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an einem Brunnen. Strich +sich die Haare glatt. Richtete sich auf. Bog in die Krausenstraße. Der +Gastwirtschaft und Metzgerei »Zum grünen Hof, ausgeübt von Alois Lüttich« +gegenüber. Alois Lüttich aber stand in der Tür, gelben Schnurrbarts, +aufgeblasen, in einem weiß-blau gestreiften Trikot, die weiße +blutbespritzte Schürze über, mit Hängebauch, schwarzer Soldatenhose. + +Vor ihm ein Feld roten Trottoirs. + +Auf anderer Seite Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen, Henkelkörbe +unter Hakenarmen, schnarrend, dürre Hennenhälse ausgerenkt nach oben. + +Herr Lüttich begann schon sein Gespräch: »Schöner Tag« usw. + +Doch plötzlich Hans Marterer: »Wen haben Sie denn da abgeschlachtet?«, auf +das Feld roten Trottoirs vor sich deutend, und bemerkte, daß Blut in der +Straßenrinne handhoch stand. Ablaufkanal verstopft -- + +Und der Lüttich: »Tjaja, drei Tag verheiratet.« + +Und schon fiel die Lüttich ein, lebhaft gestikulierend, die Hände immer +über den Bauch zusammenschlagend, wobei der Schlüsselbund ein jedesmal hell +aufklirrte: + +»Schad, schad . . . So a hübsch Weiberl, erst ihre achtzehne alt, drei Tag +erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag, und springt die eim zum Fenster +nunter, heut früh, um halb siebene . . .« + +Es verfinsterte sich. + +Doch gleich wieder sprang Licht auf. + +Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen in breiter Front über den Fahrdamm +. . . der Schlüsselbund der Frau Lüttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und +ein Polizeimann warf die Hand): »Sie, Herr, gebens acht, daß net +neintretn.« + +Es qualmte, klingelte, rauschte weiß. Eine Masse teilte sich, wich zurück, +in die Knie --: Kreuz, Weihrauchkessel, Priester, Trauerwagen, gefranstes +Wieherpferd . . . + +Schwenkte und schwand. -- + +Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er: Grubenstraße. Eine +Glocke schlug, mittel und bestimmt. Die Schule war aus. Kinder wälzten +sich, farbige Würfelströme. Das überschlug sich kreischend, zerflutete. +Zuletzt kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, grüßte wen in +der Ferne, stieg in die Tram. + +Hans Marterer fuhr weiter: + +»Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der zweiten Nacht und +wieder in der dritten? Keuchend? Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte +sie wohl, von ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar +nichts von alledem . . . _Hat er sie geschlagen?_ Zu Boden geworfen? +Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden Fall: sie ist um halb +sieben heute früh -- jetzt ist es dreiviertel fünf! (schaute auf die Uhr) +-- zum Fenster hinuntergesprungen, war achtzehn Jahre alt -- hört ihr! -- +und drei Tage verheiratet.« Und das in einem anklägerischen Ton, als +drängten viele um ihn. + +An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, einer Vogelhandlung +kam er vorüber. Grüne, rote, silbern schillernde Vögel saßen auf +weißgestrichenen Stäben in goldenen Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße +Mäuse rannten durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene +Äuglein. + +Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft aber hieß: »Die +frohe Welt«. + +»Das ist der Unterschied«, bei sich. + +Doch aufschreckend: + +»Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An einem Tag, der schön +ist. Einem Sonntag vielleicht. Die treffen sich irgendwo in der Stadt, vor +einem Café, unter einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch +umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, runden Strohhut mit +Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch nicht ganz zu -- sie hat ja so +Eile gehabt! --, und so richtet sie an sich, zieht an sich herum, die erste +Strecke des Wegs . . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber +immer noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock zu weit, +Gürtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so frozzelt er sie, bis die +sich endlich losreißt: + +»Du Frechling!« und schmollt. + +Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da aber hält sie ihm +lachend den Mund zu --: und dann küssen sich die beiden herzlich, wenn +niemand herschaut. Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich, +unter Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel, +vaterländischen Vereinen. + +So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte er seine Liebste +heimgebracht: »O du, du meine liebe Kleine!« + +Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein schwingendes Plateau +hoch auf schlanken Zedernsäulen unter einem freundlichen Blinkstern. Das +alles, das eines Tages verschwunden war. _Und die neue Landschaft war da, +die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem Mond . . ._ + +Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander tanzen! + +Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind sie, den Bergen +entlang. Flammen in feuchtem Grund. + +Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders, als man gemeinhin +anzunehmen geneigt ist . . .« + +Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er flog buntgewirkte +Teppiche hoch. + +Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell. + +Hans Marterer ging hinab. + +Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten. + +Café »Dom«. + +Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende Ringe. Dann +stieg es wieder klarer auf, -- etwas jubelte! -- mühte sich hoch in ihm, in +Windungen. + +Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der Schweiz, in der +Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung. + +Musik stieg in Spiralen. + +Er sann: »Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor Crispin +Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister Maximilian Stössinger, grüne +Sportmütze und »Hochhoch!«, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner, +Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, Maronimädchen, +Feuerschein bei Nacht, die späte Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte +. . . Nie werden die beiden zueinander kommen. _Der mittelnde Geist aber +sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . ._ Zwei Welten. +Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder zu der seinen kommt . . .« + +Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die Spiegel zitterten, +die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den Tischen . . . prallte zurück, +prallte wider, wider. + +Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello, Zymbal. + +»Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind eine ganz gemeine +Flöte.« + +»Wie meinen Sie?« machte die Flöte, sah von unten auf, blähte die +Pausbacken. + +Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen wollen. Offenbar. _Er +aber hatte die Schwindlerin entlarvt._ + +Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen Waldgründen kam es. Und +sentimental: + +»Länder, wohin unser Fuß nie tritt.« + +Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend (die grüne Pleureuse +wippte), und neben ihr -- den kannte er -- ein Stadtreisender, +kahlgeschoren, im Gehrock, schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht, +Arme in die Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, trug +Bierzipfel, dreifarbenes Band. + +Sie sog aus einem Halm. + +Und um ihn. + +»Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!« -- + +»Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst den Hut ab!« -- + +»Der Platz ist frei. Allerdings . . .« -- + +»Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet . . .« -- + +»Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen, mein Herr +. . .« -- + +»Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .« + +Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale Fürsorge, Ausbau der +Eisenbahnlinien, Heilstätten für Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger +widersprach ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter, +Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung usw. Die Hinrichtung des +Raubmörders Sternickel, das verunglückte Festspiel Hauptmanns, eine +drohende Bierpreiserhöhung im selben Ton, in einem Zug. + +Kellner schoben. Weißbier schäumte. + +Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende lächelte. + +Marterer errötete. Besah seinen Anzug. + +Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen; überpudert; +unter Schleier. + +Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber: »Der guckt wie aus +einer anderen Welt.« + +Marterer zuckte hoch. + +Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er: + +»Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein: euere einsamen +Sonntage, euere suchenden Promenaden im Stadtpark, die Schwermut euerer +Singspielhallen . . . _Die Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu +Strahlen der Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten, +erleuchtet und gewärmt._« + +Er flehte. + +Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden keinen Ausweg. + +. . . Eine weiße Gestalt . . . + +Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie. + +Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng . . . schon in nächster +Nähe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber nahm dessen Hand: es belustigte +sie so . . . bat ihn . . . _Marterer kroch_ . . . der Stadtreisende mahnte, +erhob sich halb . . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber +fing immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon (die platzten +vor Lachen! ): »Den Saum nur deines Gewandes!« Jemand reichte einen großen +gelben Überzieher, der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte +wieder empor. In Schönheit. + +Zerspringender Triller. + +Da --: er berührte sie. + +Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine flache Hand. +Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das kleine Gesicht (wie maß ihn der +Stadtreisende streng!) . . . aufbrauste sie . . . Stöcke, Gläser, Tassen, +Schirme, Kannen, Stühle und über allem, hoch über allem: + +»_I--d--i--o--t!_« + +Das kotzte sie. + +Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür schon offen . . . -- +er kollerte im Bogen. Einige ergriffen die Partei des Idioten. Eine +allgemeine Schlägerei entstand. Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte +flogen. Zuletzt erschien, groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in +blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der Idiot aber übersann +noch: + +»Werde ich aus der Schule gejagt?« + +Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer schoß. + +Nebel ballte sich. + +Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült, wie in +einem Schacht, -- oben glänzte etwas blau -- um- und umgewirbelt, wie in +einem Strudel. Stieß immer an Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam +hinunter, diesen Brocken, hartkantig, kristallen: + +»I--d--i--o--t!« + +Das aber schallte auch hell und weit. + +Nebel ballte sich. + +Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit beiden Händen. Endlich +teilte er sie auseinander, zu beiden Seiten: Häuserreihen, +Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das +Ende. Ein rotes Wolkenfeld am Himmel: + +»Steh ich auf dem Kopf?« + +Hügel. + +»Eine Palme?« + +Aber ein großer grüner Vogel flog auf. + +»Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen gleichen . . .« + +Er sank erschöpft auf einen Stein nieder. + +»_Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten auf zerwirkten +Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden Lichtbündeln und unter +Siegesposaunen, die der Zukunft Geweihten . . ._« + +Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlärm. -- + +Der Idiot aber saß auf seinem Stein. Seine Augen ruckten in den Boden. Er +ließ sich los, versank im blühenden Chaos der Zeiten. (. . . rote +Zipfelmützen, bunte Lager, fratzenhafte Schiffsschnäbel . . . bis endlich +jener Knabe dem Riesen das Haupt abschlägt . . .) Und dann --: eine Sonne! +Fernste Dinge erkannten sich. Er fühlte sich schwächer werden, schwächer. +Der Fels aber flammte. Gekrönte Stirn. Die Welt wuchs. + +Er breitete die Arme an ein imaginäres Kreuz. Verrann . . . + +Das Meer aber bäumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg. Die Ebene +streckte sich. Ihre Wasser gähnten, ihre Wiesen schäumten, ihre Wälder +atmeten. Die Stadt erklang. Tausend silberne Glocken, Trompeten +schmetterten, Gesänge strömten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und +Menschenzügen. + + + + +Um Dagny heulen wir Gespenster . . . + + +Studie zu einem Roman + + + + + _Wie ein sterbendes Tier + Lieg' ich in deinen Armen . . ._ + + + _Dagny._ + + + _Mais de toi je n'implore, ange, que tes prières . . ._ + + + _Baudelaire._ + + + + + +I Die grüne Nacht + + +Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische des +»Urania-Cafés« -- (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle phantastische +Lawinenflügel hochspannte, von zagem Anflug, ekstatisch-blendender +Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem Hinfall . . . wiederum mit +tödlichem Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend, . . .) +-- der junge deutsche Mann, normal gebaut, bürgerlich aussehend, die +dunklen Haare geordnet -- weit in die Stirn gekämmt --: Jean Bousset. + +Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte höflichst, ob +wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich ihm gegenüber und +bestellte einen heißen Tee (mit Zitrone). + +Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung der +niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen Großstadt, jenes B . . ., in +dem Dagny weilen mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von M +. . . . . . Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war, einen Untergang +forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im Verlauf zweier Wochen schon, ein +System des Verfalls zurechtgebildet, indem er häufig Hemmungen in den +allgemeinen Abrutsch einschob, -- so _markierte_ er den raffinierten +Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! -- umfangreiche +Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich abbrach, gewisse »Kunst«-Pausen +zwischenschaltete, darin er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu +entziehen vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh am blauen +Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und +fieberig in den Zertrümmerungstrichter giftiger Nächte stürzte, heulend an +einer niedrigen Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von +elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert. + +Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner Luftzug wach. Es +waren die funkelnden Augen seines Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie +Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer +Verwesungsgeruch -- wie wunderbar! -- strich. Die grauen struppigen Haare +des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf) +knisterten jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die +wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang. +Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die +zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich +geheimnisvoll schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, spreizten +und querten sich unter magischem Zeichen. + +Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte +Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den +Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl +umklappte), ließ sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den +großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich +tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tür, noch rasch in +einem gebrochenen Deutsch: + +»Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin +Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestört mit!), zurückgekehrt, zu +spazieren durch die grüne Nacht!« -- + +-- -- Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, eine betäubende +Mischung von Chloroform, Blüten und heißem Fleisch. Die Häuserkais, +triefend und alt, wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen +starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren +hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wären). +Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstämme, +an verhüllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der +Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte. + +O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . . + +Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in +Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein +Jean Boussets längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch +umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den +Franzosen, diesen geharnischten Apostel öliger und dumpfer Nächte, diesen +unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen +gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und +kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhöllen. + +Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte . . . + +Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine +Kasernenmauer stand schräg zu einem Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und +Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen. + +Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die +Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt +herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem +schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen. + +Was für ein Mädchen! + +Ein Schrei! + +Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . . + +Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill zahlloser +Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter erregter Straßenläufe des Lebens +Nährmutter und Fürsprecherin, _unser aller Sonne_, in heiliger Frühe +. . . + + + + +II Jean Bousset + + +Nicht zu leugnen --: seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . +(bei der, wie sich immer mehr und mehr herausstellte, Georg Forstner die +Hauptrolle spielte, Georg Forstner, der einzige unter den jungen Leuten, +diesen Romains und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen zu +bekennen . . . denn auch Jean Bousset hieß ursprünglich Hans Witting) seit +jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . war Jean Bousset +vollständig zusammengebrochen. + +Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare Stellung, wie +sich bald herausstellte, ein sturmsicheres Objekt, auf das Jean Bousset +unermüdlich und verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken +konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Kräfte. Wie herrlich war es, +sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rückzug, diese Auflösung einer +glänzenden Armee! + +_Nun tauten aus Schwäche und Ohnmacht, Gefühlsruinen und Zusammenstürzen +klingende Himmelfahrten und jubelnde Aufbrüche!_ + +Die Abreise Dagnys von M . . . lag vier Wochen zurück. + +Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen. + +Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte. + +»Fetzen«, zischelte er, erfüllt von maßloser Empörung, aber er ergab sich, +blaß, demütig und fromm (. . . beseligend: sich so wegwerfen zu müssen +. . . tiefer, immer tiefer, wenn ich bitten darf . . . haben Sie vielleicht +nicht noch eine etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch, das +genügte, sehr feucht, rechteckig und hölzern? . . .) + +Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurück, früh am Abend, legte sich zu +Bett und begann, die Hände wie zum Gebet gefaltet (. . . derweil seine +Augen Distanzen durchstachen, tief einmündend in jenes morbide +Hyazinthenwunder . . .): + +»Erhöre mich, ich flehe zu dir, großer, allmächtiger, ewiger Gott! Ich bin +niedrig und voller Qual, widerlich und unausstehlich, ein elendes, vor dir +winselndes Vieh, das -- o wolltest du! -- bald Frieden finde, +zusammengekauert, zu deinen heiligen Füßen liegend, in einem kleinen +einsamen und stillen Winkel.« + +»Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heißen im Grunde Betrug und +Verrat und sind ohne Bestand, und ich danke Dir, Dir Linderer meiner +Schmerzen, daß Du mir Deinen Trost schicktest, Dein süßes Gift, das ich, so +er sich wild aufstürzt und empört, dem armen Leib eingebe.« + +»Ich danke Dir für den Tag, ich sage Dir Dank für die Nacht. Ich preise +Dich ob der Wunder und der durchströmenden Wärme des Sonnenlichtes, für die +Wohltat des Schlafes benedeie ich Dich dreifach.« + +»Ich lobe Dich, der Du mich schlägst mit Marter, der mich wirft in +Gefängnis und Krankenhaus, mich züchtigt mit Jammer und Trübsal, ich lobe +Dich, Dich Peiniger, der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte +sammelst.« + +»Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein verbrauchter und +abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter Rock, den man zum Trödler schenkt, +ein Spülicht, ein Kehricht, ein Abfall . . .« + + + + +III Die Große Stunde + + +Von Dagny kamen noch zwei Briefe. + +Der eine lautete: + +»Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir nicht zu schreiben. +Ich dachte auch, Du würdest kommen. Ich bin von einer Unruhe, die mich fast +tötet. Meine Schwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film +und mach nur noch nächste Woche eine Aufnahme im Freien mit, dann komme ich +nach M . . . . ., obwohl ich hier meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin +sehr verzweifelt und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich +bin verrückt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht sprechen. Leb wohl, ich +wollte so viel schreiben. Wenn ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu +Dir, und ich habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich an +und falle tot zu Deinen Füßen. Deine Dagny.« + +Der andere: + +»Lieber Jean! Es ist eine falsche Ansicht von Dir, mir Geld zu senden. Ich +bin es gar nicht wert, weil ich huren und stehlen will. Alles Gute. Dagny.« + +. . . Jean Bousset kam gegen Morgen heim. + +Vogelchöre heulten, daß sich Jean Bousset die Ohren zuhielt. Ein scharfer +Eiswind warf sich ihm entgegen, eine ganze Welt brannte dahinter. Alles +hatte sich gegen ihn verschworen. + +Als er in sein Zimmer trat, war es von einem hellen blendenden Glanz +erfüllt. Jean Bousset dachte zuerst, er befinde sich bei seinen Eltern zu +Haus, in seinem Kinderzimmer, und wäre wieder ganz jung. Daß es nicht so +war, erkannte er sofort. + +Er fiel über einen Stuhl, er blieb über der Lehne hängen, das Gesicht nach +unten. + +Später gelang es ihm, sich aufs Bett zu schleppen. + +Er deckte mit den Händen die Augen zu. + +Die Große Stunde war gekommen. + +Der Mond stieg aus einer grünen Nacht, schaukelnd, unter sprühendem +Feuerwerk. + +Eine andere Nacht nahm ihn, warm und lind, duftig um ihn wehend . . . + +_(. . . wie süß du bist, Liebling, wie schön es ist, bei dir zu liegen +. . . es wird uns leicht, wir schweben . . .)_ + +. . . eine dritte Nacht, feurig und voll fliegender Brände . . . + +_(. . . Bestie! . . . Saukerl . . . He?! . . .)_ + +. . . eine weitere Nacht, heiß und tiefblau . . . (und er war Staunens +voll, daß es soviel Nächte gäbe! . . .) + +. . . eine weitere Nacht, kühl und erschauernd . . . + +_(. . . laß mich . . . he?! . . . etwa dein Schnellschreiber, bei dem du +. . . Äh . . . keen Geld . . . eene in die Fresse . . . he?!)_ + +. . . und endlich eine letzte, (. . . da bildeten seine Lippen wohl den +Namen Dagny . . .) eine letzte Nacht (eng wie ein Bett) hölzern, rechteckig +und feucht . . . + +_(. . . fahr hinab, Liebling . . . äh . . . du?! . . . so schlottrig, +schmutzig, zerbrechlich und dünn . . . kleene blonde Klapperschlange mit +großen, abgesprungenen Raubtierzähnen . . . äh . . . Schscheiße . . .)_ + + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by +Johannes R. Becher + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL *** + +***** This file should be named 37436-8.txt or 37436-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/4/3/37436/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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