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authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:08:01 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:08:01 -0700
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+Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by Johannes R. Becher
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Verfall und Triumph, Zweiter Teil
+ Versuche in Prosa
+
+Author: Johannes R. Becher
+
+Release Date: September 15, 2011 [EBook #37436]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Johannes R. Becher
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+Verfall und Triumph
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+Zweiter Teil
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+Versuche in Prosa
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+Berlin
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+Hyperionverlag
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+1914
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+Inhalt
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+De Profundis
+Das kleine Leben
+Der Dragoner
+Kindheit
+Der Idiot
+Um Dagny heulen wir Gespenster
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+De Profundis
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+Hymne / Fragmentarisch
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+Möge es mir gelingen, -- _zum Abschied, denn ich eile anderen, lichteren
+Zielen zu!_ -- möge es mir gelingen, den lauen, mittelmäßigen und
+begnügsamen Geist eueres armen, irdischen Alltags noch einmal
+aufzustacheln, euch zu erheben! Euch festtäglicher, erstaunter, heiterer zu
+stimmen durch das erhabene und fromme, das ernste und wahrhaft furchtbare
+Schauspiel dieses seltsamst entarteten und am maßlosest entfesseltsten
+Leidens. Tretet näher! Kommt heran! Brüder, Schwestern! Mit hellen
+Frühjahrsfarben habe ich mich geschmückt, mit reichlich bunten und
+verzierten, mit flatternden Wolkenbändern. Hört! . . . Ach!
+
+Was gafft ihr, ihr albernen Gänse, zieht die geschminkten Fressen wie zum
+Lachen breit! Sperrt die großen Mäuler auf, wie vor der Jahrmarktsbude
+eines fremdländischen Wunders, -- bin ich denn gar so ein Scheusal, ein
+zerfressenes Gerippe! -- die dreckigen Hände in den nassen Hosentaschen,
+Laufburschen, Louis, lausige Hanswursten! Ach, schon bin ich wieder
+gelangweilt und ermüdet durch euere, ach so wenig unterhaltsame
+Gesellschaft, ach, schon wieder gelangweilt und ermüdet, bevor ich noch den
+Mund zum ersten Worte aufgetan. Es wird ja unnütz sein. Euch nicht mehr als
+eine mehr oder minder mißverstandene spaßige oder gruselige
+Abendunterhaltung, während welcher ihr einander bestehlt oder den Weibern
+unter die Röcke greift. Wahrlich! und dazu muß ich noch -- so: ein
+eigentümlicher Kuppler und närrischer Schmerzensausschreier -- gewärtigen,
+daß einer von euch plötzlich veitstanzt oder ein anderer aus euerer
+sauberen Genossenschaft mir in einem manischen Anfall mit einem Schiefer
+rücklings den Schädel einschlägt. So lockt mich einzig nur die Gefahr, ihr
+Guten. Die Laune, euere erstaunten Mienen zu beobachten, wie ihr empört und
+im Innersten beleidigt oder aufgebracht allerhand tolle Fratzen schneidet,
+bald zu plärren anfangt, bald davonlauft, wiederkommt, murmelt, schreit
+oder aufhorcht. Euer Gesicht aus Scham und Wut verzerrt. Erzürnt die Fäuste
+hebt! . . . So hört! Ich singe euch vor meinem endgültigen Abschied noch
+das religiöse Lied meiner fanatischsten Ekstasen, das arge Ende meiner
+entzückten Liebesräusche. Die große Jeremiade, eine pathetische und
+mystisch verklärte Agonie. Das zynische Klagelied. Vernehmt bewundernd oder
+im Tiefsten angewidert das Ende einer bitteren Passion. Seltsame Träume.
+Meine Taten, die guten und die bösen. Sie ziehen an euch vorüber in einem
+bunt abwechselnden, aufreizenden, karnevalesken Reigen. Flammen leuchten
+auf. Trommeln. Trompeten schmettern. Der laute Schlachtruf der Kämpfenden,
+der himmlische Päan, dem ich, hörte ich ihn nur von weit, schon als Knabe
+wild wie ein Tier nachstürzte, wobei ich alles im Stiche ließ und um keinen
+Preis zu halten war, vielleicht in der sicheren Vorahnung, daß er einst
+meiner letzten Kämpfe, meiner ärgsten Schlacht Begleiter sei, in der
+Hoffnung, daß er einst mich zur Heimat geleite, einst mich erlöse.
+
+Was? Ihr lacht? Macht Beifall, Lärm? Nein. Nichts, nichts von alledem. Der
+silberne Mond schwebt hoch über dem verlassenen Platz. In seiner Mitte,
+unter der Säule, gegenüber dem Löwentor des zerfallenen Palastes stehe ich.
+Laut und eindringlich habe ich, meiner Gewohnheit nach, in einer visionären
+Erregung zu einer unsichtbaren Versammlung gesprochen. Doch wer vernähme
+meine Rede auch in dieser raschen Zeit! Doch! Von neuem! Ich versuche es.
+Ich gebrauche die hohle Hand! Dann beginne ich! Stammle entzückt und voll
+Wonnen! Also, zum Anfang!
+
+Ich beginne! _Und lauschten mir auch nur die flüsternden Nachtwinde, die
+rauschenden Bäume und das vom Mondlicht beglänzte Rieseln der Brunnen, und
+hörten mich auch nur die weißen Wege, und horchten auch nur die harten
+Steine auf mein trauriges Lied!_ --
+
+Aus der Tiefe, Herr, rufe ich. Die tägliche Welt scheint in tiefe, graue
+Schattenabgründe hinabversunken. Ich fühle mich leicht wie Äther, frei und
+wahrhaft glücklich erhoben. Der goldene Himmel blüht. Visionäre Träume von
+sonst nie geahnter Ungeduld erfüllen mich, bedrängen mich. Goldene Feuer
+lohen empor und umlichten furchtbar meine eisige Grabesnacht.
+Scheiterhaufen warten aufgerichtet. Hellebarden, Dolche blitzen.
+Trommelwirbel. Rote Lichter vor schmutzigen Bordellen flammen in blaue
+Liebesnacht. Breite, langgezogene, geschminkte Lippen. Geheul der
+zerschundenen Tiere. Rotgelbe Sonnen leuchten magisch empor aus dunklen
+Moortümpeln. Gefallene Engel. Aufgerissene Menschenleiber. Beben, Zittern,
+Schluchzen, Seufzen, Stöhnen, Stallgeruch. Helle Rufe zu Kreuzzügen in
+fernste Wunderländer erwecken mich. Flagellantenheere kreischen.
+Feuersbrünste wüten. Stierkämpfe. Hetzjagden auf Wilde. Wüsteneien. Die
+Pest erhebt ihr durchlöchertes Haupt. Ein Dogma, eine Tyrannis, grausam
+über alle Maßen, beherrscht mich. Eine göttliche Phantasie belebt mich.
+Engel mit himmlisch verzückten Händen schweben hernieder. Weiße
+blutbefleckte Knaben- und Mädchenleiber in unsagbar süßen Verschlingungen
+und eine große, rasende Orgie des Inzests. Und dies sehe ich oft in meinen
+Grabnächten und es ist, als walle eine lange, endlose Schleppe über die
+schlafende Erde, daß die Wipfel der Wälder sich darunter erregen und
+erbrausen, und die Gewässer der Erde wie Tautropfen am Saume jenes
+himmlischen Gewandes haften. Und ein Duft geht davon aus, wie von altem
+Blut und rotem Wein. _Doch die Gestalt, die solches trägt, bleibt mir
+unsichtbar._ Es ist weißlich, gläsern. Ich befinde mich einsam auf der
+stillen Warte des Grenzgebirges der Welt. Aufgelöst in Tränen kniee ich zu
+Gottes Füßen, spüre den Hauch seines Atems, den Druck seiner väterlichen
+Hand, fasse sein Herz. Das irdische Reich hört auf. Neue Gestade, gräulich
+und mattglänzend, grüne Eismeere, blaue unermeßliche Gletscherflächen
+tauchen langsam und leis, unter einem süßlich klingenden, leicht und
+allmählich anschwillenden Gesang, hinter den Gräueln und Verruchtheiten der
+roten Mitternacht empor. Tausender Leben finde ich in mir. In mir, dem
+äußersten, leidenden Glied eines reichen, verderbten Geschlechts. Und doch
+im Blut die wehe Ahnung einer maßlos berauschten, rasenden Demokratie. Bin
+jung. Bin alt. Bin Kind, bin Berg, bin Stadt, bin Land. Jungfrau, Dirne,
+Soldat, Matrose. Lebendig. Tot. Fühle mich von großen, langewundenen
+Würmern weh zerfressen: Herz, Magen, Nieren, Achselhöhlen, Gehirn; die
+Lippen schwammig, aufgedunsen, naß und grün. Schimmelig. Welk oder trocken
+ausgezehrt von Fäulnis. Die schleimigen Augen voll Eiter; Nester kleinen
+stinkenden Gewürms. Der Mund voll Erde. Die Zähne brüchig, grün. Ein
+berückendes Arom umgibt mich: Weihrauchdämpfe, Verwesungsduft und der helle
+Geruch weißen Äthers oder gelben Karbols aus dem Operationssaal. Ecce homo!
+Ecce homo! . . .
+
+Einst, o einst, da ich wuchs empor, blühend heran, inmitten kläglichen,
+schmutzigen Kindergewimmels. Auf engen, dunklen Höfen, steilen, brüchigen
+Holztreppen, verdreckten Straßenplätzen. Graue Mauern starren auf. Rote
+Fenster in weißen Kalkgemäuern, ewig verschlossen. Die Mietskasernen.
+Ausflüchte der Seele, hart vergittert. Aber das Lied des umherziehenden
+Orgelmanns tat zum ersten Male mein Herz auf und aller Knaben und Mädchen
+schüchterner, aufjauchzender Ringeltanz. Veilchenblauer Himmel. Blühende
+Sonne. Sterne und der Mond am feurigen Nachtfirmament. Das Kindlein in der
+Krippen . . . Einst, o einst: zwischen gleichmäßigem Löffelgeklirr das
+unaufhörliche Getropfe der mütterlichen Tränen auf den irdenen Teller. Die
+Schläge, das harte Schweigen oder die Schelte des erzürnten Vaters. Streit
+der Geschwister. Unzufriedenheit, Intrigen, Haß, Neid und Zank, Gegrein und
+Geschluchze aus kalten, rohen, roten, zerrissenen und zerschlissenen
+Betten. Ungeziefer schwirrt. Zerfetzte Kleider, Hunger, Kälte. Finstere,
+verrußte Ecken. Erbrochene Kassenschränke und Wanderungen. O, da meine
+Sehnsucht übergroß ward und nach wunderlichen Sonnen und fremdartigen
+Ländern, großen, rauschenden Städten, mächtig mein Verlangen ging. Mich
+mein Sehnen zog. Das Herz schlug.
+
+Mit Trine und Louis eingepfercht in den Viehwagen. Es pfeift. Stimmen.
+Vorwärts. Man fährt ab. Zerrüttelt. Lechzend. Mit offenen, trockenen
+Mäulern. Einer hat Schnaps. Die Augen harren. Alles ist unbestimmt. Keiner
+weiß. Man fährt in die Nacht. _O, daß man einer Heimat entgegenführe!_
+. . . Schon der Morgen bringt neue Seltsamkeiten und mancherlei eigenartige
+Überraschungen. Er hat milchige, kühle Wangen, gleich einem Mädchen. Doch
+der glühende Mittag naht. Die schwere Nacht. Die kristallene Klarheit
+frischer Morgenlüfte bleibt ein Traum . . .
+
+Armut! Armut! Man übernachtet in Menge in Heustadeln oder auf freiem Feld,
+oder lagert gleich einer räudigen und übelriechenden Herde Viehs in wüsten
+Gassenschenken.
+
+Armut! Armut! Du schändliches Königreich! Der enge Schlafraum ist voll von
+dem Geruch der nassen Windeln, dem grünlichen Salzgestank verpißter Betten,
+erfüllt von dem Geschrei gebärender Weiber, eierköpfiger Kretins, kleiner
+Kinder. Mensch, zieh deine Hand ein! Schlaf! Strecke dich nicht! Nichts!
+Denn bei einer Berührung greifst du an Schöße, stinkende, nasse,
+verschleimte, verkrebste Schöße, zerfressen, angefault, von großen gelben
+Geschwüren, Würmern angeknabbert, oder an Bäuche, kleine Bäuche, steinhart
+und mit dem Fraß roher Kartoffeln furchtbar angefüllt. Dein Trank ist ein
+Napf voll Urin und Blut! Dein Fraß sind Steine, Grind und Kot! Armut!
+Armut! Wurzel schlugst du im Gehirn, Geschlecht. _Stunde, du kommst, die
+mich zerbricht._ Die mich zermartert. Du zertrümmerst mich. O, so viel Blut
+drückt schwer. So viel Blut beglückt nicht mehr. So viel Blut bringt die
+Welt in Aufregung.
+
+Erinnerung, du umschimmerst mich. Erinnerung du aus frühen Kampftagen.
+Zerbrochen bin ich, doch nicht geschlagen. Geträumte Länder, warme Länder,
+Sonnenländer! O ihr, meine Länder, herrlich und prächtig, durchzogen von
+den trunkenen Scharen jauchzender Vögel und den flatternden Kolonnen der
+singenden Fische! Apokalyptische Himmel! Blutige Sternengewölbe, violett
+umhaucht von der Glut silberner Sonnen, dem Geknister elektrischer Monde,
+jäh emporgetaucht aus dunkelgrünen Eisnächten. Riesenschlangen, träg und
+schwer auf den Ästen der Laubbäume. Raubtiere lauernd in Dickichten.
+Blumen, eine helle, fröhliche Sprache sprechend und umherblickend mit
+blauen, unschuldigen Menschenaugen. Geträumte Länder, warme Länder,
+Sonnenländer! O, so hört mein Freiheitlied! Denn aus den großen, kalten,
+nordischen Städten komme ich, aus Strohhütten, Spelunken, trübsten Höhlen
+der Hungernden, Verworfenen, Verbrecher und Verbannten. So hört mein
+Freiheitlied:
+
+»Ihr Lumpenhunde, Saufkumpane! Gaukler, Gecken! Onanisten! Päderasten!
+Fetischisten! Kaufleute, Bürger, Aviatiker, Soldaten! Louis, Dirnen! Ihr
+großen Metzen! Syphilitiker! Brüder, Menschenkinder alle! Erwacht! Erwacht!
+Ich rufe euch zum hitzigsten Aufruhr, zur brennendsten Anarchie. Zum
+bösesten Widerstreit begeistere, reize ich euch. Revolution! Revolutionäre!
+Anarchisten! Gegen den Tod! Gegen den Tod! Brüder! Höllen und Dämone! Mein
+sprühendes Manifest. Kanonendonner, Lichtgarben! Ich führe euch. Vorwärts.
+Marsch! Marsch! Den gelben Klang der Trompete, den grauen, gleichmäßigen
+Wirbelschlag der Trommel, das weiße Aufschrillen der Pfeife, das flatternde
+Blut der roten Fahne, die violette Farbe unregelmäßiger, gefährlicher,
+schwärmender oder konzentrierter, tödlicher Bewegungen --: fühle ich in
+meinem Blut. Ich wittere Morgenluft. Sonnenluft. Auf! Granaten zerplatzt!
+Kartätschen, Fanfarenhymnen steigt! Infernalisches Geschmetter! Vorwärts,
+wir kommen. Dieser stählerne Vogel, der laut jubelnd der Morgensonne
+entgegenschießt, ist unser Bote, diese Granate, die hell durch die Luft
+pfeift, unser Gruß. Wir rücken an. Aus unseren Schildern, auf unseren
+Helmspitzen leuchtet auf, steil und flammend, der Triumph der neuen Zeit.
+Das silberne, zart aufjauchzende Lied glitzernder Bajonette umschmiegt sie.
+Glänzende Riesenstädte schlagen erstaunt Märchenaugen auf aus grauen,
+nebelverschleierten Ebenen. Blühende Himmel. Voll Türmen und Zinnen. Und
+Gold! Und Gold! . . .«
+
+ * * *
+
+Alles Körperhafte habe ich von mir gestreift. Alles Irdische habe ich von
+mir getan. Nackt bin ich in diese einsamsten Hallen getreten. Die kühl sind
+und vom Glanze mattesten Goldes. Die wie vergessen schwebende Räume
+inmitten kreisender Welten sind . . . Suchte ich dich Ewigen nicht im
+zaghaften Geflüster aller erwachenden Liebe oder auch in den drohenden
+Brandstürmen aufgepeitschten, dampfenden Blutes? Dich, der du der Richter
+bist der ewigen Kriege. Aber auch im Morgenraunen der Bäume, wie im
+verlöschenden Gold der Sonne über der abendlichen Flur, oder im
+heimatlichen Gesang der Vögel, sowie die schwere Nacht angeht. Aber in
+allen Räuschen des Blutes fand ich mich dir am nächsten. Oder im
+verschrillenden Sausen, im helldröhnenden Fanfarengeschmetter oder dumpfem
+Marschschritt, heulendem Anmarsch nahenden Todes. Die verpestete Luft
+erfüllt vom dumpfen Gedröhn ziehender Belagerungsgeschütze, vom glorreichen
+Aufstrom schallender Vogelchöre, vom Gestöhn der schmerzvoll Hinsterbenden,
+vom weißen Schweigen der Gefallenen in den verfeuchteten Laufgräben, vom
+Siegesgeschrei, dem rauhen Gebrüll der Lebendigen . . .
+
+Mein Gehirn ist nur mehr ein Fühlbares, ein nur mehr Begreifbares. Etwas
+nur mehr sich durch einen kleinen, gleichmäßigen Schlag Bemerkbarmachendes.
+Als ob wer die knöcherne Umhüllung sprengen möchte. Vergangenheit,
+Vergangenheit wohnt darin. Wir, die wir Vergangenheit sind.
+Gegenwartsfremd. Zukunftfeind. Wir, die wir die bedrückten Träger einer
+trüben Tradition sind. Wir, die wir die Nachtgeborenen sind. Der helle Tag
+findet unsern Körper müd, unsere Seelen verschlossen. Doch die dunkle
+Mutter öffnet ihren Kindern die schweren Augen. Auf den samtenen Fittichen
+einer trunkenen Traurigkeit werden die Ahndungsvollen mit sanfter Gewalt
+dem Bann der dunklen Erde entrückt und zu den Gefilden der Seligen, den
+himmlischen Gärten hin entführt, wo die leuchtenden Sternkugeln
+überherrlich entzündet sind.
+
+Ich treib auf Trümmern, ziellos, unentwegt. Lang ist die Irrfahrt. Das
+Haupt drückt schwer. Müd ist die Hand. O, alles zerbarst, alles zerkrachte.
+Wie wütend die Wellen schlugen. Alles über Bord -- O, splittert Planken!
+Noch einmal, o, noch einmal und -- letzter Kampf! O: alles dann aus und
+Raub der Wogen . . . Und ich warte. Alles geht über mich. Alles verweht
+mich. Was hilft mir zur Ewigkeit? Komm Untergang!
+
+O, und Blut! Blut! Blut! O, über ein Meer von geschändeten Nonnenleichnamen
+die Morgensonne aufgehn sehen, mit krampfhaft verstreckten Händen über den
+Weltenraum hin, aus Opiumdüften unerhörte Visionen des Kreuzes, daß es
+purpurn flattert. O, wir tragen unsere reinsten Wünsche nach dem Untergang.
+Wir erarbeiten ihn. Alles wird Geschlecht. Uns betrübt kein kleinlicher
+Unterschied. Wir endigen in einem Hexensabbath der Hysterie. In einem
+Teufelstanz der unerhörtesten Perversitäten. Nur große Schauspiele befreien
+euch den Geist. Daß ihr erlöst werdet vom Fleisch, peitscht euch das Blut
+auf! _Rhythmitisiert euch! Steht auf! Steht auf! Schlagt nieder! Stoßt zu!
+Brecht auf!_ O, du ätherische Wollust des Nur-Gedenkens! O: und aus den
+überwehten Grüften der Entschlafenen in die ewige, zeitlose Helle steigend!
+. . .
+
+Seht, oben bin ich seltsam gut und träumerisch. Unten aber schlecht,
+verseucht und angefault. Das bin ich. Doch meine Tiefen sollen wieder Höhen
+werden. Aller Schmerzen Abgründe jubelnde Bläuen. Und meine Verirrungen --
+denn noch jage ich trunken dahin, unbewußt, dumpf benommen und wie von dem
+schwülen Duft aufblühender Rosenhecken und dem betäubenden Geruch süßer
+Mädchenleiber umhüllt -- und meine Verirrungen sind mir Gewähr eines einst
+sich besseren Zurechtfindens. Doch das wird lange dauern. Das braucht Zeit.
+Ich habe Zeit . . .
+
+ * * *
+
+Wenn ihr klug seid, vertut die schöne irdische Zeit mit Spiel und Tanz, mit
+Weib und Wein! Schlaft trunken ein unter Rosenhecken, unter goldenem
+Sternenglanz, umspielt vom weichen Strome milder Frühlingsdüfte. Erwacht
+dann wieder, süß umschlungen, erweckt von holdem Engelsgesang, der
+himmlischen Musik . . . Die Nacht vergeht. Der Tag bricht an. Die Sonne
+sinkt. Dazwischen schallender Gesang der Vögel. Wasserrauschen. Durch die
+Wipfel der Bäume Brausen des Windes.
+
+Unsere Heimat ist die Erde. Von Erde sind wir. Zu Erde werden wir.
+Dornenkränze um die geneigten Stirnen, Wunden an Händen und Füßen, Narben
+in den schmerzlich entstellten Angesichtern, mit bleichen verbluteten
+Lippen: allen Leiden der Menschheit, dem Tode vertraut, der raschen Zeit,
+dem lauten Leben fremd und leidlos abgewandt: so wandern wir einst,
+Millionen Gekreuzigte, im blauen Abendschein unserer Heimat, unserer Erde
+zu. Einsam waren wir. Einsam ziehen wir von hinnen. Unser Schicksal hieß
+Kampf und Begehr. Ein Unbestimmtes trieb uns. Ein Geheimnis zwang uns
+Ohnmächtigen gebieterisch seinen unbarmherzigen Willen auf. Es bannte uns.
+Es jagte uns. Über grüne Frühlingsfluren, besprengt mit Blut dahin. Von
+Ängsten zerfetzt, von Wahnsinn zermartert, standen wir plötzlich hilflos,
+gleich den von ersten Blütendüften trunkenen Kindern, unschlüssig und
+staunend vor feurigen Abgründen. Ein Flammenstrom verschlang uns.
+
+Wir führten die Waffen im jugendlichen Heldenkampfe um ein geträumtes
+Reich, dessen strahlende Herrlichkeit und lichte Himmelswonnen wir aber
+nicht im Irdischen erschauen durften. Denn es blüht bei Gott. Hier
+zermalmen uns Not und Gefahr, verruchte Willkür, Blut und Sehnsucht, heller
+Tag. Doch uns Ermüdete tröstet die blaue Nacht. Ein himmlischer Gesang, der
+fernher näher dringt. Über die Gräber weht er. Über die Gräber braust er.
+Die Toten erweckt er. Das Innere der Erde durchdringt ein warmer,
+göttlicher Hauch. Die irdische Decke birst. Ineinander stürzen Strom und
+Berg, Acker, Wald und Tal. Das dunkle Grab bricht auf. Dampfendes,
+stöhnendes Gewühl von Millionen heiß ineinander verschlungener, blanker
+Menschenleiber. Aus dunklen, verfeuchteten Grabkammern und Gewölben
+Rasseln, Schall und Gedröhn der schweren, zerklirrenden Ketten. Goldene
+Spangen, glänzende Rüstungen, silberne Schwerter. Das hell aufblitzende,
+bleich schimmernde, das erwachende Totenmeer. Ewigkeiten, Firmamente jubeln
+auf darin.
+
+ * * *
+
+Wie ich so daliege, die beiden Hände gefaltet, das Angesicht nach oben, die
+Augen den Sternen zugekehrt, vergeht wieder diese törichte, schwärmerische
+Schwäche. Ich sehe wieder klar. Ein klein wenig Auswurf Blut kommt aus
+meinem Herzen. Aus meinem Munde strömt es nun. Aus Nase, Ohren. Ich sehe
+die kleine Welt durch einen blutig nassen Schleier. Bemale mich. Das Messer
+streckt sich steil aus meiner Brust. Wippt bei jedem Atemzug. Ein
+vergessenes Holzscheit, das tief in der Erde steckt. Ein Anblick, der
+gleich zum frivolsten Gelächter als zum gläubigsten Erschauen zwingt. Doch
+ich will nicht daran rühren . . . Was ist Leben: Rausch, Taumel, Versinken
+in Blut. Nur am Ende: aus rötlichen Dämmerungen empor und befreit goldene
+Flügel spannen.
+
+ * * *
+
+Die Flammen, die auf mich eindringen, mich glühend und heiß bedrängen,
+wandeln sich in rauschende, wildflatternde Ströme purpurnen Weines und
+wallenden Blutes, die ich gierig in mich hineintrinke.
+
+Kommt, gebt den Abschiedskuß, o Brüder, Schwestern den Entschlafenden!
+. . . Unsere Körper sind zertreten, unsere Seelen sind zerschlagen.
+Himmlische Räume! Himmlische Räume! Dort werden Blumen blühen, herrlich wie
+auf diesen Erdenauen. Ewige Sonne wird uns leuchten. Ihr Licht wird uns auf
+singenden Pfaden durch blumige Gelände leiten. Eine milde Hand wird uns
+führen. Kein irdisches Leid betrübt uns. Keine Müdigkeit wird unsere Körper
+befallen. Wir sollen gesättigt werden. Leicht und frei werden uns über
+unermessene Länder englische Schwingen tragen. Unter großen rauschenden
+Schattenbäumen werden wir ruhen, unverdrossen und munter. Wo kräftige
+Quellen sprudeln. Wo herrliche Blumen aus tiefen duftigen Talgründen
+auferblühen. _Wir harren der himmlischen Welt._
+
+
+
+
+Das kleine Leben
+
+
+ _Si j'ai du goût, ce n'est guères
+ Que pour la terre et les pierres.
+ Je déjeune toujours d'air,
+ De ver, de charbons, de fer._
+
+
+ _Rimbaud._
+
+
+Wir wohnen Quellenstraße 16, III. Stock, bei Frau Cäcilie Naßl,
+Geflügelhändlerswitwe. Das Haus, sehr alt und morsch, gleicht einem Wrack.
+Die Höfe qualmen und schallen. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Wir
+haben zwei Zimmer. Die Miete, vorauszuzahlen, ist dreißig Mark. Die
+Einrichtung, bestehend aus zwei Betten, Kleiderschrank, einem Tisch, vier
+Stühlen, haben wir auf Abzahlung. Das Sofa, Kommode sind von meiner Frau,
+Gasleuchter, Waschtisch, Bücherregal gehören mir. Unsere Vormieter haben
+einen bunten Papierofenschirm hinterlassen: alt, durchlöchert, verstaubt.
+Der große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln einem hellen Wald
+zueilend aufzeigt. In der Ferne starr, unbewegt ein See, der wie Blei
+aussieht. Das ist das einzige Helle der Zimmer. Die sehr böse sind,
+heimtückisch, gefahrvoll, geduckt.
+
+»Ich möchte mit dir in einer Kaschemme wohnen, unter der Brücke
+übernachten, deine Apache, deine kleine Dirne sein -- wenn wir nur immer
+beisammen sein könnten!«
+
+»Unsere Liebe wird uns alles überwinden helfen!«
+
+Wir legen uns, uns umarmend, nieder. Wir schlafen selig ein, eng
+aneinandergeschmiegt. Stehen umschlungen auf. Essen zusammen. Wir sind
+immer beieinander. Es wäre erreicht!
+
+Wir sind sehr glücklich.
+
+Heute nacht -- wir leben eine Woche so -- überfällt mich zum erstenmal und
+brennend der Gedanke, daß man allmählich bedacht sein müsse, sich Geld zu
+verschaffen. Es gibt wohl sehr viele Erwerbsmöglichkeiten, aber die liegen,
+so scheint es mir, für uns alle (und plötzlich!) auf ein- und derselben
+Linie. Meine Frau wälzt sich unruhig neben mir. Sie spricht
+Unverständliches im Traum. Ich suche irgendwo Rat und Halt. Da ich ihren
+warmen Körper fühle, bin ich beruhigt. Ich kann nicht länger mehr darüber
+nachdenken.
+
+Bin ich nicht sehr glücklich?
+
+Das Haus zittert. Ich glaube auf untergehendem Schiff zu sein, auf hoher
+See. Es ist sehr ölig, verworren und dumpf. Stöße. Rennen. Stimmengewirr.
+Fackeln flackern. Das Fahrzeug schaukelt wie eine Wiege. Doch die Musik des
+Sturmes ist sehr süß.
+
+Umschlungen versinken wir.
+
+Am kommenden Morgen will ich meine Besorgnis meiner Frau mitteilen. Doch
+weshalb sie in Unruh setzen? Ich unterlaß es. Zwei Tage können wir noch
+auskommen. Sie wird es ja selbst wissen. Aber ich fürchte mich bei dem
+Gedanken, daß sie das weiß. Weiß sie es denn auch wirklich? Zwei Tage
+. . . das übrige ist mir wurscht. Wird meine Frau auch so denken? Ich bin
+sehr in Sorge, sie könne es nicht tun. Es überläuft mich heiß und kalt,
+wenn ich länger solchen Erwägungen nachhänge.
+
+Nachmittags gehen wir aus, Arm in Arm. Sie bittet immer, sehr dünn: »Faß
+unter!« Unsere Kleidung ist sehr dürftig, aber es ist Gott sei Dank sehr
+warm geworden, über Nacht. Wir betrachten uns oft in den Spiegelscheiben
+der Schauläden. Sie lacht überglücklich dabei auf, mich heftig pressend
+. . .
+
+Da sie aber, plötzlich erschauernd, sich an mich schmiegt, weiß ich, auch
+sie muß also heute nacht darüber nachgedacht haben, daß unsere Mittel bald
+zu Ende sind, daß wir erschöpft sind. Ich erstaune heftig darüber, daß sie
+das weiß. Aber es ist eigentlich doch nicht mehr als natürlich. Auch sie
+hat es mir also verschwiegen. Sie wollte mich nicht verletzen; ja,
+wahrscheinlich. Sie hat sich für mich geschämt; ja. Ich sollte doch für den
+Lebensunterhalt meiner Frau aufkommen. Das ist klar. Sie wird mir das ja
+nie ins Gesicht sagen, dies Selbstverständliche. Aber sie sagt es mir dafür
+in jedem Blick, sie bedeutet es mir vorwurfsvoll mit jeder Bewegung.
+
+»Nein, Dorka, ich werde dich nie verlassen. Zwei Tage werden wir noch
+aushalten. Dann . . . man verzichtet ja auf das Leben leicht. Nicht? Zwei
+Tage, Dorka, sind sehr lang. Unser Glück kann noch sehr groß werden . . .«
+
+Und mir fällt ein: auf der Neuhauserstraße lernte ich sie eines Sonntags,
+nachts, kennen. Sie ließ die Handtasche lang herunterhängen. Sie
+schlenkerte. Sie blieb oft herausfordernd vor den hellerleuchteten
+Schaufenstern stehn, richtete ihr Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier
+fest. Manchmal drehte sie sich um. Wir haben uns eigentlich nie darüber
+näher ausgesprochen, ich habe immer so Angst davor gehabt.
+
+»Nun bist du acht Tage lang nicht im Geschäft gewesen. Du, Dorka,
+vielleicht geht es doch noch. Versuch es einmal.«
+
+Abends besuchen wir das Kino. Alles sitzt da in diesem Raum, umschlungen.
+Wir legen friedlich die Hände ineinander, unsere Kniee berühren sich mit
+zärtlichem Druck, ihr Kopf neigt sich langsam auf meine Brust herab. Wie
+schön das ist! Es ist ruhig und andächtig wie in einer Kirche. Dorka
+schluchzt oft und auch ich muß mich bezwingen, meine Tränen zurückzuhalten.
+Eine Liebestragödie wird gespielt. Die Leinwand ist aufs äußerste bewegt.
+Sie erinnert mich an unseren Papierofenschirm, den unsere Vormieter
+hinterlassen haben. Es zuckt und rinnt. Die Musik: zittrige Geige,
+schwaches Klavier, ist sehr süß. Wir sind tief erschüttert. Es ist, als
+gehe ein Sturm durchs Haus, es braust, und wir befinden uns auf
+untergehendem Schiff, auf hoher See. Umschlungen versinken wir.
+
+Wir gehen Arm in Arm nach Haus. Wir tauchen aus blendender Lichterfülle,
+bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen, tänzelnder Equipagen, flimmernder
+Kavaliere in unser Dunkel wieder, verworren, ölig und dumpf. Die Nacht
+beschert seltsame Träume, gute und böse. Oft ist es hell, wie es nur am
+lieben Tag sein mag, oft schwarz, wie es nur unter der Erde sein kann.
+
+Meine Frau geht wieder ins Geschäft. Sie besäuft sich jede Nacht, sie muß
+sich besaufen jede Nacht. Die Herren geben ihr ziemlich viel Geld, dafür
+muß sie ihnen schön tun, zärtlich sein, die Arme um den Hals legen, sich
+streicheln lassen, den Mund geben, ihnen Hoffnungen machen und oft bis spät
+in den Tag hinein mit ihnen bummeln. Sie tanzt einen Apachentanz, tanzt
+Twostep, kann Cancan. Sie stellt sich auf einen Stuhl, führt unter
+allgemeinem Beifall unanständige Gespräche, hält große Reden. Lacht
+unnatürlich, sehr gezwungen, hell. Hebt die Röcke hoch, dreht sich, nach
+allen Seiten hin sich bewundernd, vor dem Spiegel. Sie ist ein Karussell.
+Ich sitze dabei. Das Blut schließt mir die Faust.
+
+Einige Ausländer, neun Schweden, gehören zu ihrem nächsten Verehrerkreis.
+Sie sind sehr für sie interessiert. Der eine, Andreas Söraas mit Namen,
+liebt sie. Er ist ein kleiner blonder Junge, zwanzig Jahre alt, mit blauen
+Augen. Er hat viel Geld, das er achtlos, sehr elegant für sie verschwendet,
+indem er sie häufig zu Automobilfahrten, fast täglich zum Abendbrod
+einlädt. Sie hat immer Blumen von ihm. Er tut ihr bereitwilligst alles, was
+sie nur will. Begleitet sie oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo sie
+vor allen Schaufenstern stehn bleiben, sich unterhalten, unermüdlich,
+herzlich interessiert über alle Strümpfe, Unterwäsche, Blusen, Schmuck,
+Hüte, Röcke. Ich kann das nicht.
+
+ * * *
+
+Ich warte nachts zwei Uhr, nach Geschäftsschluß, auf meine Frau. Versteckt,
+im Schatten, an einer Ecke. Ein Haufen Studenten kommt angeheitert, den
+Dessauer pfeifend, ausspeiend und johlend, sehr langsam daher.
+
+»Bei der ist heute nichts zu wollen,« flüstert einer, etwas beklommen, im
+Vorübergehn, »ihr Zuhälter wartet auf sie.«
+
+Ich bin unendlich stolz darauf; kindisch, wie ich es so oft bin, freut mich
+das.
+
+Oder ich liege unruhig im Bett und warte, bis sie knarrend über die Treppe
+heraufkommt. Höre sie schon, schwer das Haustor aufschließend, sich
+verabschiedend von ihrer Begleitung, das leichtere Geräusch der
+Türschlüssel, das Öffnen der Außentür . . . Gleiten über den Gang . . . und
+sie tritt zu mir, läßt mich an ihren Blumen riechen, entkleidet sich rasch,
+umschlingt mich heiß. Wir wälzen uns wie Tiere. Sie rülpst. Sie stinkt
+immer nach Wein, Tabak, sehr aufdringlichem Parfüm und Sekt. Sie klebt.
+
+Den Tag verbringe ich untätig, meist schlafend im Bett. Oder sehr
+verträumt. Was soll man auch tun? Und nichts geschieht. Nur die Zeit
+vergeht, sehr langsam. Wir langweilen uns.
+
+»Man kann ja schließlich, auf die Dauer, nicht von Umarmungen leben, das
+wird einem am Ende auch fad. Laß mich in Ruh!«
+
+»_Es muß etwas geschehen._ Was Aufregendes, Aufpeitschendes, Aufreizendes.
+Man benötigt Sensationen.«
+
+Wir mimen der Öffentlichkeit gegenüber Ausländer, Russen. Wir sprechen
+fließend, obwohl wir nur,[**] vielleicht fünf Worte können. Wir halten die
+deutschen Bürger zu Narren. Das belustigt uns ungemein, eine Zeitlang.
+Meine Frau gibt sich als Schauspielerin aus. Sie trägt sehr sentimentale
+Lieder vor, tanzt russische Tänze. Aber auch das wird fad. Auch fehlt es
+immer an Geld.
+
+Meine Frau ist in den letzten Tagen stark gealtert. Immer müder und
+gebrochener kommt sie nach Haus. Sie ist stark angewidert. Sie flieht das
+Leben. Sie ist ganz pathogen konvertiert. Nichts macht ihr mehr Freude. Sie
+ist satt. Ich bemühe mich. Alles ist umsonst. Ich ringe die Hände. Ich
+verzweifle.
+
+ * * *
+
+Moritz Düsterweg, Magistratsbeamter, hat fünftausend Mark aus der
+städtischen Krankenversicherung unterschlagen. Mit zweitausend Mark war er
+für die Schulden der allgemeiner Beliebtheit sich erfreuenden
+internationalen Transformationstänzerin Lila Lieblich aufgekommen,
+fünfhundert Mark hat er in einer gemeinschaftlichen, aufs Schönste
+verlaufenen Automobiltour ins bayrische Alpenvorland angelegt,
+eintausendundfünfhundert Mark für Straßendirnen verausgabt, den Rest bringt
+er, auf mein Anraten -- ich treffe ihn, wie es gerade der Zufall will,
+völlig betrunken gegen Morgen auf dem Bahnhofplatz -- eintausend Mark
+bringt er in das Weinlokal S. Früh sieben Uhr beginnt man. Der
+Klavierspieler Bruno Maria Wagner wird gerufen, meine Frau aus dem Bett
+gerissen, ich bin zur Stelle . . . Der Phonograph schnarrt. Und vor einem
+Glas Bier und einem Paar Weißwürsten, träumerisch zurückgelehnt, genießt
+der Moritz Düsterweg jenen Anblick: wie sie seinen Sekt versaufen: Dorka,
+rasch, klirrend, Madame, schläfrig, leicht nippend; die »Kapelle«
+vornehmlich, mit langen Fingern, den Kopf taktmäßig, hervorgequollenen
+Augs, überfallender Locke, herabgeneigt, ich gleichgültig, schlecht
+amüsiert. Und während man draußen durch den erwachten Morgen eilt:
+schnatternde Scharen farbiger Schulkinder, runde Haufen buntdurcheinander
+gewürfelter Fabrikarbeiterinnen, schwarze rechteckige Männer mit kleinen
+roten Kugelköpfen, wehklagende Hunde, traurige Pferde, freche Automobile,
+verträumte Lastfuhrwerke, böse Radler . . . (und Busenmädchen flattern
+freundlich, heilige Studenten kreisen singend) . . . während man
+hereindringt, einen Imbiß zu sich zu nehmen: dicke, listige Chauffeure,
+grimmige Dienstmänner, während am Fenster Frau Marie Wöbers Kinder die
+Suppe klirrend auslöffeln, stricken --: tanzt man: der Moritz Düsterweg und
+die Dorka, deren Haare sich auflösen, deren Locken wild fliegen, die sich
+plötzlich in die Knie läßt, die Hüften beugt, wild vorwärts drängt,
+stampft, aufbraust, hingebend sich zurückbeugt, schiebt: _die böse Dorka!_
+Doch der sich so ganz vergißt in diesem rollenden Taumel: Moritz Düsterweg:
+er weint plötzlich. Man bäumt. Der Tanz stockt. Man dreht noch einmal, eine
+halbe Wendung . . . einige Schritte . . . vorwärts, zurück . . . noch
+einmal . . . eine viertel Wendung . . . mit Mühe . . . gerade noch --: und
+Düsterweg -: er sinkt um.
+
+Man müht sich: Dorka erweicht, voll zärtlicher Fürsorge, als gelte es einem
+verschüchterten, einem verstockten Kind, ich, ganz uninteressiert, peinlich
+berührt, verlegen, Madame, von Doppelkinn und Busen arg beengt, heftig
+prustend und: indem sie die Vorhänge dichter vor die Fenster zieht: »_der
+Wirtin Angelika Hundebald ist erst neulich das Lokal geschlossen worden
+. . ._«; die »Kapelle«, zurückgebeugt, traurig, verhalten über das Klavier
+hinplätschernd . . .
+
+Düsterweg ist unter Schluchzen eingeschlafen, den Kopf in Dorkas Schoß
+gelegt, die unermüdlich ihn mit Worten streichelt. Ein Lächeln gleitet über
+sein Gesicht . . .
+
+Er erwacht, springt empor, schlägt wild, heftig die »Kapelle« vom Stuhl
+drängend, die einleitenden Takte eines furiosen Walzers an, gibt das
+Zeichen zum Beginn des Tanzes. Alle reißt er mit sich empor. Und man tanzt.
+Bricht wieder zusammen. Tanzt von neuem wieder: und alles, immer dasselbe
+wiederholt sich . . .
+
+Um zwölf Uhr ißt man zu Mittag. Die Speisen werden über die Straße
+gebracht. Die Zahl der zwar ungeladenen, aber doch herzlich bewillkommten
+Gäste ist inzwischen auf ein Dutzend angewachsen. Immer neue kommen hinzu.
+Ein jeder bestellt sich, was er nur will. Heut ist ein Festtag. Was einem
+jeden zusagt, wird ihm gebracht, eines jeden Wunsch geht heute restlos in
+Erfüllung. Was braucht man sparen?
+
+Würste dampfen. In Schüsseln werden sie herbeigebracht, aufgerollt gleich
+dicken weißen Ketten, in lustigem Streit auseinandergerissen. Braunes Bier
+fließt. Man ist verschwenderisch. Sektflaschen knallen. Dunkler Wein rollt.
+Tabakgeruch schwängert die Luft. Rauch wie von einem ausgehenden Brand
+lagert unwirklich und schwer. Musik tönt ununterbrochen. Der Phonograph
+abwechselnd und die »Kapelle«.
+
+Man betäubt sich. Man schläft wach. Träumt vor sich hin, summend. Sitzt
+dumpf mit halbgeschlossenen Augen. Es brütet. Fip, die schwarze Katze, auf
+dem roten Tischtuch dick ausgebreitet, schnurrt. _Ein Schnapsglas daneben
+steigt wie eine silberne Blume blühend aus rotem Klee._
+
+Gegen drei Uhr nachmittags trinkt man schwarzen Kaffee. Um sechs Uhr gibt
+es Tee. Bei einbrechender Dämmerung ißt man zu Abend. Der Geruch aller
+Getränke, aller Speisen haftet, da weder Fenster, noch die Tür geöffnet
+wird. Fünfzig Personen nehmen schon an den Gelagen teil. Sie glucksen
+glücklich. Dröhnend verdauen sie. Kreischen. Man gebärdet sich wie toll.
+Man ist ausgelassen, voll sprühender Lust.
+
+Düsterweg hat, ganz durchhitzt, den Rock abgelegt. Die Hemdärmel
+aufgestülpt, hochgeröteten Kopfs hastet er wie wahnsinnig umher, den
+Appetit seiner Gästeschar anfeuernd, eifrig besorgt, daß alle genug
+bekämen. Eigenhändig gießt er Wein ein, zerschmettert unter hellem
+Geschrei, lang grinsend, Gläser und Sektflaschen, kindisch sich daran
+erfreuend; stopft Fleisch, Brot, Gemüse den Fressern ins Maul, die
+aufbrüllen, ihm ins Gesicht speien.
+
+Gegen zehn Uhr kommen Alois Wurm, der Pferdehändler: groß, aufgedrehten
+Schnurrbarts, gelb, schnapsdurchtränkt, verschnupft, von Sonne durchsotten,
+ein wenig später Moses Mies, sein Freund, der Salzagent: klein, dick,
+rothändig. Beide Stammgäste. Sie reichen Moritz Düsterweg die Hand, sehr
+gnädig und herablassend von ihm begrüßt.
+
+Düsterweg --: _herrscht er nicht über alle?_ Ist er nicht maßgebend?
+Herrscht er nicht unumschränkt, königlich, maßlos? Er ist in bester
+Stimmung. Weiß nicht wohin vor Glück. Fängt, vor Kraft überquillend, mit
+allen spaßhalber Händel an. Man pufft und boxt sich. Ein Wettrennen über
+Stühle wird inszeniert. Ein Ringkampf aufgeführt: man stürzt, wälzt sich,
+steht wieder auf, taumelt, wankt, sinkt um. (Und Moses Mies reibt sich an
+Alois Wurm.) Man lacht, belustigt sich dabei allgemein.
+
+Gegen Mitternacht zieht der Düsterweg meine Frau näher zu sich, die, schwer
+benommen, inständig nach frischer Luft ringt. Kindlich bittend wiederholt
+er breiigen Munds, mit grünen funkelnden Schusseraugen, käsigen
+Plattfingern seine Anträge; er erklärt wiederholt und flehentlich seine
+Absichten, nötigt ihr auf den Knieen das Treuwort ab, gibt strahlend Dorka
+das seine hin, spricht lang und erregt von naher Verlobung, baldiger
+Hochzeit, und ist tief beglückt und süß durchronnen, als Dorka endlich,
+nicht ohne zu zögern, ja sagt. Einen Hundertmarkschein händigt er ihr
+sofort ein.
+
+Inzwischen rechnet die Wöber ab. Die Schuld beträgt fünfhundertundzehn
+Mark, von Düsterweg sofort bereinigt. Das Fest setzt sich fort. Und Dorka,
+Düsterweg zärtlich umschlingend: er sehe aus wie Fip, die schwarze Katze,
+die auf der roten Tischdecke, dick ausgebreitet, behaglich schnurre. Sie
+nennt ihn Onkel. Und plötzlich, mitleidig, mit großen Augen:
+
+»Onkel, wo hast du das viele Geld her?«
+
+Die Frage, unangenehm, beengt. Man überhört sie.
+
+Ich werde gerufen. Düsterweg drückt mir einen Kuß auf die Stirn, dankbar,
+daß ich ihn geführt habe. Und selig lächelnd auf meine Frau weisend: zum
+Glück geführt habe! Ich müsse sie bewachen, bei ihr bleiben, Tag wie Nacht;
+müsse ihm versprechen, Dorka immer zu behüten, während seiner Abwesenheit:
+Dorka, die sein sei. Und heiter angeregt gedenkt der Düsterweg der
+allgemeinen Beliebtheit sich erfreuenden Transformationstänzerin Lila
+Lieblich, für deren Schulden in der Höhe von zweitausend Mark er
+aufgekommen war. Und renommierend: »Sie ist faul. Nach fünf Nummern
+schlapp. Total verbraucht. Unbrauchbar. Ungenügend!« Schallendes Gelächter
+folgt.
+
+Doch plötzlich ernüchtert entsinnt er sich: vor drei Tagen habe ich meinen
+Gehalt empfangen: einhundertundfünfzig Mark. Und lächelnd versucht er: »ein
+. . . hundert . . . und . . . fünf . . . zig . . . Mark«.
+
+Es wird ihm kühl. Es ist, als umwehte ihn Morgenluft. Und sein Messer
+ziehend, springt er auf: »Meint ihr, ich bin euere Wurzen? Windige Bagage.
+Ich laß mich nicht neppen von euch, nein! Hurenvolk! Luder, dreckige!«
+
+Und der Wandspiegel wirft ihm sein Bild entgegen: verändert, fremd, vor Wut
+entstellt, lächerlich . . . Man versucht ihn zu halten. Er schreit,
+flüchtet . . . Doch seine goldene Uhr zerschlägt er, indem er sie mitten in
+das Glas schleudert, das zerklirrt . . . _Sein Gesicht platzt entzwei._ Ein
+großes schwarzes Loch wird sichtbar. Und da alles vor Schreck verstummt,
+gespannt aufhorcht: »Sich erschießen? Sich in den Mund schießen? Oder etwa,
+etwas rückwärts, die Pistole angesetzt, fünf Kugeln durch die Schläfe?
+Einen Tag, eine Nacht . . . nein, zwei Tage, zwei Nächte geherrscht zu
+haben, maßgebend gewesen zu sein, wiegt das nicht alles auf, ist das nicht
+alles wert? _Man muß sich doch einmal Luft machen!_« . . . Und »es ist
+schön«, weiß er: Und »Dorka, Dorka mein!«
+
+Man macht Schluß, pfeift einem Auto. Verabschiedet sich. Frau Marie Wöber
+drückt dem Düsterweg die Hand, lang, Madame, deren Brust sich um diese
+späte Zeit immer schwer aus der Bluse zwängt . . . und mir vertraulich
+zublinzelnd: »das haben sie brav arrangiert. Sie haben ein artiges Fest
+gemacht. Auf Wiedersehen.« Von Bruno Maria Wagner, der »Kapelle«, nimmt man
+Abschied, der, betrunken, mit Händen und Füßen durch die Luft fährt. Von
+Alois Wurm, der abenteuerlustig unter der Tür sein Geld zählt. Von Moses
+Mies, dem Salzagent, der pfauchend in die Nacht entweicht. Und nimmt
+Abschied mit einem letzten Blick von den unzähligen Sumpfkumpanen, die
+fluchend unter Stühlen, Tischen, vom Schlaf aufgestört, hinter Bänken,
+unter Vorhängen und Decken, hervorkriechen, wie aus einer Höhle zum Lokal
+hinaus, gebeugt, mit schlotternden Knieen in die Finsternis sinkend.
+
+Man fährt zum Bahnhof, Dorka den Kopf müde an meine Schulter gelehnt, der
+Moritz Düsterweg uns beiden gegenüber sitzend, etwas sehr dumpf. Die Luft
+ist anders. Man spricht wenig. Nur der Düsterweg einmal überselig: »Ich
+besitze . . .« _Er sieht alt und häßlich dabei aus._ Sein Gesicht verzerrt
+sich idiotisch. Die kleinen, grünen Schusseraugen funkeln, die platten
+Käsfinger spreizen sich . . . Man macht eine Biegung. Man fliegt förmlich.
+Der Düsterweg zählt die Stunden bis zum kommenden Morgen, sorgfältig, immer
+wieder. Daß er sich nicht verrechne: drei Stunden! . . . Durchsucht seine
+Taschen: dreißig Mark! Bis zum folgenden Abend: zwölf Stunden! . . . Ich
+werde geruht haben; man wird meine Abwesenheit inzwischen bemerkt haben.
+Man wird die Unterschlagung entdeckt haben, ich werde nichts dagegen,
+nichts dazu tun, ich lasse den Dingen ruhig ihren Lauf, man wird mich
+verhaften . . .
+
+Vom Bahnhof geht es in den Donisl! Es ist dreiviertel Fünf. Ich gehe mit
+Düsterweg zu Fuß voran. Lasse das Auto halten, etwas vom Lokal entfernt.
+Dorka will es. Man müsse nachsehen, ob X. drin sei. Sie könne X. nicht
+leiden. Dann fahre man besser gleich heim. X. ist nicht da . . . Es beginnt
+zu regnen. Man kehrt um --: Dorka holen. Dorka --: wartete sie nicht hier?
+Sie ist nicht mehr da. Doch Düsterweg bleibt hier, erstarrt. Er bleibt. Ich
+etwas unschlüssig, höflich grüßend, entferne mich . . .
+
+Und aus der Ferne, durch den Morgen, Dorka, meiner Dorka nachstürmend, rufe
+ich, schallend: »Dorka, die Dorka suche ich . . .«
+
+ * * *
+
+Heute treff ich Josef, meinen alten Freund. Er ist sehr erstaunt, mich
+wiederzusehen: »Ja, Hans, wo treibst denn du dich herum?« Aber ich merke
+gleich, daß er alles schon weiß. »Hans, du siehst sehr angegriffen aus.«
+Und er erkundigt sich sehr eingehend, merkwürdig interessiert, nach meinen
+Verhältnissen und fragt, lauernd und sehr beteiligt, nach meiner Frau. Mir
+ist das sehr unangenehm, wie immer, wenn darauf die Rede kommt. Ich habe
+immer irgendwie Angst davor. Ich nehme Ausreden . . .
+
+Es ist sehr schön und wir machen einen großen Spaziergang durch den
+englischen Garten. Ich trinke tief die warme Luft ein, ich fühle mich
+glücklich wieder, sorglos und heiter, und vollkommen gekräftigt. Die
+Menschen gehen sehr entfernt. Sie scheinen durch blühende Luftgärten zu
+wandeln, über der grünen Landschaft gleichwie auf samtenen Teppichen
+friedlich, engelhaft dahinzuschweben. Der Kleinhesselohersee glänzt,
+unbewegt und starr, er sieht wie Blei aus . . .
+
+Ich weiß, Josef hat es immer gut mit mir gemeint. »Vorgestern nacht, Hans,
+hat deine Frau bei Andreas Söraas geschlafen. Und sie hat es aus Liebe
+getan« . . .
+
+Ich zucke zusammen. Aber ich fasse mich gleich. Ich muß zugeben, vorgestern
+nacht war meine Frau nicht bei mir. Hat sie also wirklich bei Andre
+geschlafen? Aber, so tröste ich mich, so hat sie es sicher nicht aus Liebe
+getan, denn sie brachte mir am Mittag zwanzig Mark. Und die Tränen mühsam
+unterdrückend, mit brechender Stimme: »Josef, bitte, sei ruhig, ich weiß es
+. . .«
+
+»Du brauchst dich nicht darüber aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst
+wissen, sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .«
+
+Und ich, die Fäuste geballt, verhaltenen Zorns: »Josef, bitte sei ruhig,
+ich weiß alles, ich weiß es.« Ich zittere am ganzen Körper. Ich hatte immer
+so Angst davor gehabt. Aber es hat mich doch irgendwie befreit. Es ist
+heraus . . .
+
+ * * *
+
+Doch nachdem wir uns verabschiedet haben, mache ich mich langsam auf zu
+Andre. Andreas Söraas, stud. ing., Schellingstraße 62, III. Ich treffe ihn
+bei der Arbeit. Mitten in Zirkeln, Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln.
+Ja, er ist ein kleiner, blonder Junge, zwanzig Jahre alt, sehr kräftig, mit
+sehr blauen Augen.
+
+»Sie entschuldigen, B. ist mein Name, aber Sie scheinen näher für diese
+Dame interessiert . . .« auf das Bild hindeutend, das unmittelbar vor ihm
+auf seinem Schreibtisch steht . . .
+
+Und er sofort: »Ja, sie hat vorgestern nacht bei mir geschlafen.«
+
+»Verstehen Sie: sie ist meine Frau.«
+
+Und gesteigert: »Sie werden wissen, was das heißt: meine Frau, Herr Söraas
+. . . haben Sie ihr Geld gegeben? . . .«
+
+»Was denken Sie, nein« . . . Einfach. Ohne mit den Augen zu zwinkern.
+
+Und mein Blick fällt auf das Bett, das links in der Ecke steht. _Es ist
+sehr breit._ Das beunruhigt mich . . . Er scheint sehr zufrieden zu sein.
+Es ist sehr sauber bei ihm. Er ist sehr gut eingerichtet. Ich denke an
+unsere Wohnung in der Quellenstraße 16. Und wie wir jeden Abend aus jener
+blendenden Lichterfülle, bunt belebt, voll schöner, sanfter Damen,
+tänzelnder Equipagen, flimmernder Kavaliere immer wieder ganz ergeben in
+unser Dunkel tauchen, verworren, ölig und dumpf . . .
+
+Er ist auch gar nicht aufgeregt. Er lächelt.
+
+Warf sie mir nicht als vor: »Sieh, Hans, Andre tut mir alles, was ich nur
+will.« Und: »Er begleitet mich oft, oft stundenlang durch die Stadt, wo wir
+vor allen Schaufenstern stehen bleiben, uns unermüdlich unterhalten über
+Strümpfe, Wäsche, Blusen, Schmuck, Hüte, Röcke . . . du kannst das nicht.«
+Und: »_Er hat gesagt, er würde mich, wenn ich nur wollte, gleich von dir
+nehmen, auf immer zu sich, mich heiraten . . ._«
+
+Ich siede. Und obwohl ich deutlich fühle: ich habe kein Recht dazu, es ist
+eine Gemeinheit, ja, sogar ein Verbrechen, zucke ich nach meiner Tasche,
+meiner Pistole, hebe sie, ziele, drücke, knalle ihn nieder. Ich bin eiskalt
+. . .
+
+Und ich frage mich, nachdem ich das getan habe: habe ich es denn auch
+wirklich getan? Und mir scheint die Welt auf einmal verändert. Ja, ich habe
+es getan, denn ich hörte den dumpfen Knall und dann den Schlag, als sein
+Körper den Stuhl langsam herunterglitt. Ich habe die Pistole noch in der
+Hand, in dieser, in dieser rechten Hand. Und ich stecke sie wieder ein
+. . . Aber wie, wie bin ich dazu gekommen? Aber ich kann mir mit bestem
+Willen jetzt, im Augenblick, keine Rechenschaft darüber geben. Es wird
+später geschehen. Und ich muß mich immer wieder davon überzeugen, daß ich
+Andreas Söraas wirklich niedergeschossen habe. Ja. Es ist eine Tatsache.
+_Es ist eine Tat. Wie wohl das tut_, wie reinigend das wirkt: eine Tat. Sei
+froh! Nein! Es ist keine Einbildung. Man kann nicht daran zweifeln. Man
+wird daran glauben müssen. Und die Blutlache über dem hellgelben
+Parkettboden sieht aus wie eine große braunrote, aufgeschwollene Sonne, die
+spritzt kleine zitterige Strahlen aus nach allen Seiten. Und ich bemerke:
+_Andre hat blauseidene Strümpfe an!_ Die heiße Scheibe glüht wild auf
+hinter Andres blondem Jungenkopf, der unaufhörlich rinnt. Sie brennt, sie
+schreit. Und Glocken gellen, Kanonen knallen, Trompeten, Trommeln, das
+Anmarschieren von Infanterieregimentern, glänzende Kavallerieattacken,
+Barrikaden, Kommandos, Stille, Schnellfeuer, Sturmlauf aufgepflanzten
+Bajonetts gegen Bastillen, Explosionen, Pulverwolken: und ich erlebe die
+ratternde Symphonie des Aufruhrs.
+
+Nun erst bin ich meiner Tat gewiß.
+
+Und ich gehe sehr beruhigt, erleichtert die Treppe herunter. Wie ich das
+Haustor öffne, _erblicke ich einen älteren Mann, einen Blumenverkäufer, und
+ich habe das Empfinden, ich müsse ihm was recht Gutes tun._ Die Sonne
+scheint. Und plötzlich fällt mir heiß ein: »Ich habe einen Mord begangen!
+Ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es mir immer vor, in einem
+fort, immerfort, sausend. _Und ich will es dem Alten eingestehn_, er wird
+ja schweigen, und nichts verlauten lassen. Mich aber erleichterte das. Doch
+ich fürchte, vielleicht könne er mich doch verraten. Und ich sage mir, das
+kann auch später noch geschehen . . . _Aber ich kaufe ihm alle seine Blumen
+ab._ Und ich sage mir: das ist ein »rotes« Haus. Und ich starre
+unausgesetzt, die Blumen in den Händen, nach oben.
+
+_Und ich brauche lange Zeit, bis ich endlich von diesem Haus fortkomme._
+
+ * * *
+
+Meine Frau trägt zwei goldene Vorderzähne. Man sagt mir: »Deine Frau ist
+eine Dirne, die sich bei der Prostitution beide Vorderzähne eingeschlagen
+hat.« Ich springe dem Schuft an die Kehle.
+
+Man sagt mir: »Deine Frau ist eine Abortgrube.« Ich speie dem Schwein ins
+Gesicht.
+
+Man spöttelt weiter: »Deine Frau: 'n prächtiges Weib, ne schöne Hur'
+. . . wer hat diese olle Spinatwachtel nicht schon alles . . .?« Ich kann
+mich nicht mehr rühren. Ich bin kraftlos. Ich höre alles mit an, aber ich
+heule im Innern auf. Ich verblute. Ich sinke in mich zusammen.
+
+Man kennt uns. Wir verkehren im Café F. Wenn meine Frau kommt, meint der
+ernste Ober: »Herr B., jetzt kommt das Betriebskapital.« Oder: »Gegen
+Mitternacht steigen die Aktien.« Man macht ringsherum Witze. Ich bin
+wehrlos. Nur Josef hält mit mir aus. Er hat mich nicht im Stich gelassen.
+Nur Josef und ich warten oft jetzt nachts auf sie. Wenn sie unter die Tür
+kommt, ganz rot, meint Josef: »_Sie ist eine Flamme . . . es knallt._« Man
+deutet mit den Fingern auf uns. Man zischelt. Wir kauern zusammen, geduckt,
+frierend, zwei arme Tiere vor unserer Tasse Kaffee, in einer Ecke. Und die
+deutschen Bürger lagern sich immer ringsumher: sie paffen Ringe durch die
+Luft, spielen Billard, trinken aus hohen Gläsern Weißbier, tragen Namen wie
+Ziegler, Zacherl, Beermann, Rind, Küchler, haben breite Stiefel, Platt- und
+Schweißfüße, einen massiven Gang, und lieben es, durch wiederholte
+Händedrücke sich zärtlich ihren Weibern gegenüber zu erweisen, die,
+vollgefressenen Spatzen auf Telegraphenstangen gleich, eng an ihre Männer
+geschmiegt, dahindösen: Schlagrahm weiß in den aufgedunsenen Gesichtern,
+große Torten verzehrend (--: fett, doppelkinnig, hängebusenhaft . . .).
+Ihrem Beruf nach Pferdehändler, Salzagenten, Buchhändler, Dichter, Maler:
+kropfig, dickbäuchig, oft aber auch sehr schön, sonnenhaft, langgebartet,
+goldblond . . .
+
+Die Instrumente zittern, stöhnen, singen, rülpsen. Es splittert, fließt,
+knaxt . . . Die Musik: sie ist »dorkan« . . . und die runden Marmortische
+drehen sich, die Kronleuchter knistern, zertrümmern . . .
+
+Und ganz entfernt sitzt Annie, klein, schwarz und bleich, meine frühere
+Freundin. Sie lächelt sanft. Sie wünscht nicht meine Frau kennen zu lernen.
+
+ * * *
+
+Ich denke immer an Andre, den toten Andre. Ich wiederhole mir immer: »ich
+habe einen Mord begangen! ich habe einen Mord begangen!« Und ich sage es
+mir immer vor, in einem fort, immerfort, sausend. Ich werde noch wahnsinnig
+darüber. Ich verliere den Verstand. Ich denke, Andre habe ich um
+ihretwillen niedergeknallt. Was habe ich nicht schon alles um ihretwillen
+getan. Und doch ich weiß, ich lüge, ich belüge mich, ich habe Andre sehr
+meinetwegen niedergeknallt. Und denke immer an Andre. _Ich liebe ihn fast_
+. . . Der kleine blonde Junge, zwanzig Jahre alt; zwischen Zirkeln,
+Linealen, Karten, Rechtecken, Winkeln . . . Mit blauen Augen. Wie ähnlich
+er mir ist! Er hat den Mund sehr weit geöffnet. Er hat blendend weiße
+Zähne. Die Lippen sind sehr schmal, blutleer, verkümmert fast, nach oben
+gekrümmt. _Und ich bemerke seine blauseidenen Strümpfe._ Und ich denke an
+das »rote« Haus. _Und ich starre unausgesetzt, Blumen in den Händen, nach
+oben._
+
+Wahnsinnig irre ich umher, voller Angst. Ich kann nicht ertragen, daß meine
+Frau einem anderen gehört hat. Nur einem, nur einem anderen! Es ist
+furchtbar, daß mir das der Josef ins Gesicht sagen mußte. Er wird immer
+über mich lachen. Und trostlos: »Wie verkommen, wie haltlos ich bin!«
+. . . Aber Josef hat auch gesagt: »Hans, aber du wirst ja selbst wissen,
+sie ging schon längst, bevor du sie kanntest, -- -- -- . . .«
+
+ * * *
+
+Ich begegne der sanften Annie, meiner früheren Freundin, klein, schwarz und
+bleich. Ich verbringe die Nacht bei ihr. Sie sättigt mich. Ich bade.
+
+Ich trete frisch, singend wieder in den blauen Morgen hinein. Ich kehre
+fröhlich heim. Meine Frau liebe ich unsäglich wieder. Ich habe alles
+vergessen.
+
+Doch meine Frau ist krank. Sie zerbricht, sie wird älter Tag für Tag. Heute
+ist Madame bei ihr. Sie bringt Kuchen mit, heftig prustend, von Doppelkinn
+und Busen arg beengt. Aber meine Frau muß ihre Stellung aufgeben. Sie kann
+es nicht mehr leisten. _Das freut mich irgendwie._ Aber zugleich dämmert es
+allmählich in mir auf: die Türen werden langsam zugemacht. Und kurz vor
+ihrem Weggehn bemerkt noch wichtig die Wöber: »Moritz Düsterweg hat sich im
+Gefängnis aufgehängt. An seinen Hosenträgern. Denkt euch nur: er, der Lump
+hat fünftausend Mark aus der städtischen Krankenversicherung unterschlagen
+. . .« Und ich sehe Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen traurig und sehr
+aus der Ferne funkeln. Und eine Spinne klebt hoch, unbewegt, an einer
+grauen Wand.
+
+Ich richte das Bett zurecht. Ich putze auf. Ich koche.
+
+Heut haben wir nichts zu essen. Gestern haben wir das letzte Geld im
+Automat verbraucht. Jemand ließ das elektrische Klavier spielen.
+
+Ich bin zu jeder Arbeit unfähig. Ich brauche stundenlang, um aufzustehn.
+Ich bin schwer belastet.
+
+»Daß sich Andre nicht mehr sehen läßt?«
+
+Mir schnürt sich die Kehle zusammen. Ich sinke um. Gibt es keine Rettung?
+Und sie, fern aus dem Bett, ganz darin vergraben, sehr dünn: »Arbeite!«
+
+Ich hatte immer so Angst davor. Und ich sehe ungeheuere Schneemassen,
+furchtbar, drohend übereinandergetürmt und ein grüner Bach rieselt
+vergraben, ganz unten, sehr dünn.
+
+Es geht uns stündlich schlechter. Es ist nichts zum Essen da. Trotzdem hat
+sich meine Frau etwas erholt. Bei einbrechender Dämmerung entfernt sie
+sich. Sie hat sich sehr auffallend gekleidet, sorgfältig herausgeputzt. Sie
+ist stark geschminkt. Sie hat Ordnung im vorderen Zimmer gemacht, das Bett
+zugedeckt, das Sofa in die Mitte gerückt. Den Waschkrug hat sie mit
+frischem Wasser aufgefüllt, bei Frau Naßl ein neues, sauberes Handtuch
+geborgt. Sie ist sehr entschlossen. _Alle Krankheit scheint von ihr
+gewichen._ Sie steckt die Schlüssel zu sich, betrachtet sich noch einmal im
+Spiegel: das rote Jackett blinkt, der blau- und weißgewürfelte Rock, ein
+kleiner brauner Hut, mit roten und weißen Blumen bunt besteckt, gelbe Bluse
+. . . und sie zieht sich straff und geht mit einem Seufzer, etwas
+schmerzlich lächelnd und »Adio«. Aber es scheint ihr nicht gar so arg hart
+anzukommen. Und ich sage mir: _meine Frau hat ne feine Fresse._
+
+Mir fällt wieder ein, was Josef gesagt hat: »Du brauchst dich nicht darüber
+aufzuregen, Hans, aber du wirst ja selbst wissen, deine Frau ging schon
+längst, bevor du sie kanntest, -- -- --.« Ich entsinne mich, eines
+Sonntags, nachts, lernte ich sie auf der Neuhauserstraße kennen. Sie ließ
+die Handtasche lang herunterhängen. Sie schlenkerte. Sie blieb oft
+herausfordernd vor den hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtete ihr
+Haar zurecht oder knüpfte ihren Schleier fest, manchmal drehte sie sich um.
+Ich denke mir: jetzt will auch ich recht schlecht werden, und bin froh, daß
+ich Andre erschossen habe. Wie bin ich froh! Und _wir wollen beide recht
+herrlich untergehn!_ Ich höre die ferne Musik des anziehenden Sturmes. Sie
+ist sehr süß. Umschlungen versinken wir. Aber ich sehe auch wieder ein: ich
+bin ein großes Kind, träumerisch, voll törichter Rachegedanken, dem Leben
+abgewandt.
+
+Ich gehe dumpf in mein Zimmer, bleibe im Dunkeln, mache kein Licht, sperre
+ab. Ich horche gespannt. Jedes Geräusch schreckt mich. Nach zwanzig Minuten
+kommt sie mit dem ersten. Sie zündet die Stehlampe an. Es ist ganz rot. Und
+ich denke an Andres Zimmer. Und ich sage mir: auch das ist ein »rotes«
+Haus.
+
+Sie wechseln einige Worte. Geld klirrt. Er versucht sie zu küssen. Man
+sinkt auf das Sofa. Ihre Arbeit beginnt. Ich sehe neugierig durch eine
+Hitze. Es ist ein großer wütender Kerl, aufgedrehten Schnurrbarts,
+verschnupft, schnapsdurchdrängt, von Sonne versotten, ein Bierbrauer. Wild,
+unbarmherzig reißt er sie auf und nieder. Sie ist ganz gleichgültig.
+
+Bis Mitternacht hat sie vier heraufgebracht. Sie belegen sie mit allen
+möglichen Namen: Marie, Lina, Püppchen, Schlingel, Lümmelchen, Toppsau,
+Mensch. So verkehrt man mit meiner Frau.
+
+Sie kommt zu mir. Sie klopft an meine Tür. Es ist, als ob sie um Einlaß
+bitte. Als bettelte sie. »Ich bin sehr müde, Hans, gute Nacht!« Sie händigt
+mir ein großes Goldstück aus. »Also für fünf Mark . . .« _Und auf dem Tisch
+stehen viele Blumen_ . . . Ich aber weine leise in mich hinein. Dorka
+wimmert laut.
+
+Sie schläft bis gegen Abend. Dann geht sie wieder weg. Auch ich gehe weg.
+Mir ist das, wenn ich mich prüfe, nie so fern gelegen. Ich »geißle« mich.
+»Arbeiten!« Am Stachus treffe ich einen älteren Herrn, mit goldener Brille,
+kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen, _der jenem Blumenverkäufer sehr
+ähnlich sieht, den ich vom toten Andre herabkommend, auf der Straße
+erblickte._ Er schließt sich mir an. Ich bin guter Dinge. Doch an Dorka
+denkend, unterziehe ich mich allem gern. Ich demütige, ich erniedrige mich.
+
+Wie ich nach Hause komme, wartet schon meine Frau auf mich. Wir zählen
+beide unseren Verdienst. Wir müssen lachen. Wir umarmen uns nach langem
+wieder, küssen uns herzlich. Wir schlafen beieinander. Doch bald wird ein
+jedes von uns sehr traurig. Wir ermüden. Wir vermeiden es ängstlich wieder,
+uns gegenseitig zu berühren.
+
+Es ist verworren, ölig und dumpf. _Wie lang wir die Sonne nicht gesehen
+haben! Denn erst, wenn es ganz dunkel geworden ist, kriechen wir aus._ Wir
+sind beide sehr gereizt. Wegen einer ganz geringfügigen Ursache entsteht
+eine Schlägerei. Ich habe vordem nie ein Weib geschlagen. Ich werfe ihr den
+Stuhl an den Kopf, daß ihr die Stirn weit auseinanderklafft. Sie gibt mir
+einen Tritt in den Bauch, daß ich rückwärts taumle. Waschkrug, Spiegel,
+Teller gehen in Scherben. Die Tür zerkracht. Wir prügeln uns auf offener
+Straße. Eigentlich ganz ohne Haß. Sehr roh und kühl. Sehr mechanisch. Wie
+Fuhrknechte auf Pferde einhauen. _Nur um uns gegenseitig etwas zu
+erleichtern._ Auf einer frisch angestrichenen Bank bearbeiten wir uns beide
+mit den Fäusten. Die Dorka kratzt und beißt. Sie ist ein böses Raubtier.
+Die kleinen Augen, meergrün, funkeln. Sie beißt sich in meiner Oberlippe
+fest, die blutig herunterhängt. Menschen sammeln sich an, halb sich
+belustigend, halb sich entsetzend. Einer, ein uraltes spinniges Kerlchen,
+zerbröckelt, grauhaarig, trippelnd, kurzhosig, mit goldener Brille,
+langbehaart, kleinen grünen, funkelnden Schusseraugen zählt immer sehr,
+sehr dünn: »Eins, zwei! Eins, zwei! Eins, zwei!!«
+
+Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße.
+
+ * * *
+
+. . . »Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist«
+Und: »Warum liebe ich sie . . .« aber ich kann mir darüber nicht klar
+werden. Alles ist verworren, ölig und dumpf. Ihr Gesicht ist eine
+schwammige Masse, gelb, trüb, immer bewegt. Die Dorka ist immer betrunken.
+Sie torkelt. Wir irdisch sie ist! Sie zieht mich herab. Sie fällt mich. Ich
+bin ganz widerstandslos, hemmungslos. Ich muß ihr die Bluse zumachen, die
+Stiefel zuknöpfen. Ich will mich dagegen auflehnen, die Schamröte steigt
+mir ins Gesicht. Ich siede. Ich will mich empören; meine Hand zuckt oft
+nach der Tasche . . . _Sie sagt nur »Pferd« und streichelt mich und ich bin
+wehrlos._ Wieder ist sie lustig und singt. Sucht Gesellschaft auf, um zu
+wirken. Das Zimmer ist oft ganz voll von Russen, Polen, Franzosen,
+Italienern. Es wimmelt. Ein Bein streckt sich steil hervor. Sie ist
+vergraben . . . »Oh, ich möchte eine große Rolle spielen, ich werde
+glänzende Kleider tragen, im englischen Garten jeden Tag früh ausreiten,
+spazieren fahren, _du kannst immer im Café sitzen . . . Du kannst essen,
+trinken, schlafen, schlafen . . . Du . . . dann: mein ganz feingemachter
+Lucki!_« . . . Und sie hätschelt kleine Hunde, bewehklagt Bettler, kost
+ihre Puppe, immer sie streichelnd und in einem fort: »Buberl! Buberl!«
+
+»Verlasse sie! Es ist noch Zeit. Verlasse sie, eh es zu spät ist!« Doch
+diese Worte, immer und immer wieder mich quälend, bedrängend, und
+ausgesprochen _von einem von oben herab_, sehr blond und in einem langen
+schwarzen Mantel, sie scheinen mir unermeßlich. Es ist ein Rat
+unausführbar. Es brennt.
+
+Mein Körper ist voll böser Flecken. Geschwüren, Flechten, Narben,
+Nadelrissen. Bevor wir ins Bett steigen, kratzen wir uns gegenseitig wund.
+Unsere Körper sind Blutäcker. Wir waschen uns die Rücken. Wasser klatscht.
+Man scheuert Bänke so. Meine Frau hantiert ununterbrochen mit Jod,
+Irrigator, Schwefelteerseife, grauer Salbe. Es schwelt. Ich renne, während
+meine Frau sich stöhnend im Bett hin- und herwälzt mit erhobenen Händen
+gegen die Wände an. Dann kauere ich dumpf in der Ecke nieder. »Gib mir
+etwas Wasser, Hans« . . . bittet sie, sehr dünn . . . »Halt dein Maul,
+Luder. Du, du hast mich zu Grund gerichtet.« Und aufbrausend: »Verreck,
+du!« . . . Ihre Augen weiten sich. Sie wird sehr ruhig. Es tut mir
+furchtbar leid, so gesprochen zu haben. Ja, es tat mir schon leid in dem
+Augenblick, als ich so sprach. Ich falle vor ihr auf die Kniee nieder,
+schluchzend, um Verzeihung bittend. So haltlos bin ich. »Hans, mir ist, als
+sei eben etwas zwischen uns getreten!« Und mit erhobenen Händen, grell:
+»Jemand hat uns auseinandergerissen. Wie weh, oh, wie weh das tut!« . . .
+
+»So soll alles umsonst gewesen sein?«
+
+Und stürze, ein Tier, aufheulend am Bett nieder. Die Dorka wimmert.
+
+Ein Gewitter zieht herauf. Dunkle Vogelschwärme nisten. Ein feuriger Hund
+läuft über den Himmel. Es bellt.
+
+Die Freier bleiben aus. Es ist eine sehr schlechte Zeit. Sie kann keine
+Besuche mehr empfangen. Auch müssen wir Obacht auf die Polizei geben, die
+uns seit einigen Tagen schon gründlich auf der Spur ist. »Wenn man mich
+erwischt,« meint meine Frau, »werde ich eingeliefert.« Und: »ich habe schon
+einmal zwei Monate gesessen.« Und: »ich habe auch keine Lust mehr ins
+Krankenhaus.« Und ich denke an mein Elternhaus. Mein Vater war Arzt. Das
+Vorzimmer, in dem die Kranken warten mußten, war dicht gefüllt. Sie kamen
+aus allen Gegenden: die Gesichter zerschlagen, Arme, Beine eingebunden, die
+Augen fiebrig glänzend oder schon starr, ermattet. Ein Kind wimmerte. Ein
+Gestochener schrie, und in purpurenen Traufen troff ihnen das Blut von der
+Stirn. Ich aber stürzte in den blühenden Garten hinaus, die Hände geballt,
+der prächtig untergehenden Sonne nach.
+
+In demselben Zimmer hing auch das Bild der verstorbenen Mutter, ein Mädchen
+noch, voll blühender Anmut, das Haar gold, und wie Feuer leuchtend, die
+kaumgeöffneten Lippen rot, einer halbverschlossenen Frucht vergleichbar,
+die Augen in Klarheit aufgetan. Und sie, die Wartenden, sie saßen, alle den
+brechenden Blick flehend emporgewandt.
+
+Die Naßl hat uns heute die Wohnung gekündigt, so leid es ihr tue, aber
+gestern seien drei Kriminaler da gewesen, die sich auffallend eingehend
+nach uns erkundigt hätten, auch sei die Wohnung unsauber, Spinnengewebe
+überall, wir fielen zu sehr auf, die Miete des vergangenen Monats sei noch
+nicht bezahlt, es kämen zu viele Besuche . . .
+
+Ich begegne in den Isaranlagen einem Mädchen, rothändig, mit großen Füßen,
+dürftig angezogen, kurzhaarig, im Nacken ausrasiert. Wir sitzen beieinander
+auf einer Bank und sie erzählt mir, sie heiße Elly und sei eben erst aus
+Stadelheim entlassen, wegen Gewerbsunzucht zum erstenmal bestraft. Sie ist
+ganz und gar ausgehungert, seit drei Wochen hat sie nur auf Stroh
+geschlafen. Ich hole ihr von zu Haus das letzte Stück Brot und gebe ihr den
+letzten Schnaps. Meine Frau merkt nichts. Ich gehe mit ihr zu Josef. Er
+wundert sich, mich mit einem anderen Mädchen zu sehen, doch scheint ihn das
+irgendwie zu freuen. Er stellt Elly sein Bett zur Verfügung, er selbst
+übernachtet, in seinen schwarzen Mantel gehüllt, auf einer Bank. Ich
+schlafe bei Elly. Ihr Körper ist hart, sie gräbt sich tief, überglücklich
+aufschauernd, in die weißen Kissen, schlägt die weiche Decke ganz über uns.
+Sie ruht, das Gesicht käsig, doch umrahmt von rotem Haar, dessen Schimmer
+weit in die Stirn fällt, die Nase platt, eingedrückt, großen Munds, mit
+kleinen grünen Schusseraugen, ein häßlicher Engel. Da sie friert, lege ich
+mich auf sie und wir schlafen, Brust an Brust, Mund an Mund. Oft ist es,
+als ertöne unirdische Musik, die Erde sinkt, die Wände weiten sich, wir
+schweben.
+
+Ich erwache. Es ist Tag. Der Himmel ist ein blutiges Tuch. Elly schläft
+noch. Sie lächelt. Ich drücke ihr einen flüchtigen Kuß auf die Lippen, ich
+bemerke, wie ihr Körper entstellt ist, strotzend, aufgerissen, mißbraucht.
+Ich gehe weg . . .
+
+Ich irre durch die Stadt, die von roten Meeren ganz verschwemmt ist . . .
+»Wo habe ich heut geschlafen . . .?« Und ich jage durch Wüsten: Straßen,
+Straßen, Straßen. Neubauten, wo Kalk dampft, unergründliche Grüfte,
+Vorstadtwiesen, mit Kindern, Hunden und Fußball, ein Friedhof mit plumpem
+Geläut und schwarzem Zug, ein Fluß, Brücken; und ich gelange endlich in
+einen Wald und über Exerzierplätze voll räudiger Winselhunde, Krankenhäuser
+mit Karbolgeruch, Fabriken, Bahnhöfe wieder zurück. »Wo habe ich heut
+geschlafen . . .« Ich bin zerschmettert. Und ich weiß mich, sehe ich mich
+nur einem Weib gegenüber, unendlich schuldig. Und ich entsinne mich, ich
+habe meiner kleinen dreizehnjährigen Kusine einmal eine Bitte abgeschlagen,
+sie weinte, am anderen Tag war sie tot. Und meine Mutter sagte immer zu
+mir, war ich unfolgsam »Du bringst mich noch ins Grab.« Und mein Vater
+sagte das und alle anderen, alle Menschen sagten das. Und sie alle sind
+tot. Und ich habe sie, alle habe ich die ins Grab gebracht. Und ich komme
+eben am »roten« Haus vorüber. Ja, auch Andre habe ich ins Grab gebracht,
+und ich sehe hoch eine große Spinne kleben, unbewegt, an einer grauen Wand,
+und Düsterwegs kleine grüne Schusseraugen funkeln, traurig und sehr
+entfernt. Schlief ich nicht bei Düsterweg heut nacht? Und ich sage mir: die
+Türen werden langsam zugemacht.
+
+Meine Frau und ich gehen wieder los. Ich treffe sie jede Nacht. Sie
+schleicht auf der linken Seite langsam dahin, ich gehe auf der rechten. Ich
+beobachte sie. Ich traue ihr nicht mehr. Sie läßt die Handtasche lang
+herunterhängen. Sie schlenkert. Sie bleibt oft herausfordernd vor den
+hellerleuchteten Schaufenstern stehn. Richtet ihr Haar zurecht oder knüpft
+ihren Schleier fest. Manchmal dreht sie sich um.
+
+Wenn sie sich einen anderen anschaffte.
+
+Ich wüte. Ich erwürgte sie.
+
+Ich bin vollständig kaput. Ich versuche loszukommen, ich habe es ja immer
+schon gewollt, ich war nur zu schwach dazu. Ich habe nur nicht den Mut zu
+mir gehabt. Ich habe es mir nur nicht eingestanden. Ich fürchtete mich
+immer so davor. Aber habe ich nicht Pflichten? Geht sie nicht für mich, für
+mich auf den »Talon«? Und auf den Knieen rutsche ich durch das Zimmer,
+taste mich langsam hinaus, schleppe mich zur Treppe. Ich höre Schritte.
+Eine Tür klappt. Die Dorka! Und ich ziehe mich, schweißbedeckt, am ganzen
+Körper zitternd, mit Mühe noch am Geländer empor. Es wird Licht. Eine
+Gestalt beugt sich nieder. Nimmt mich in ihren Arm. Oh, wie ich sie hasse!
+Sie hebt mich auf, trägt mich zurück, ich jammernd an ihrer Brust,
+streichelt meine Wangen: »Buberl! Buberl!« Dann: »Pferd!« Sie ist zärtlich,
+als sei ich eben erst zu ihr zurückgekehrt, jahrelang von ihr entfernt.
+
+Am folgenden Tag wiederhole ich meinen Fluchtversuch. Bald sehe ich ein, es
+ist unmöglich. Und: »Ich muß ja, ach, viel, viel Gutes noch tun; denn habe
+ich nicht meine Frau geschlagen?! Ich will erdulden und alles willig auf
+mich nehmen, ich habe viel Schlimmes schon getan« . . . Und ich komme so
+nicht los von ihr. Es ist unmöglich. Was soll ich auch fliehen? Es
+erscheint mir kindisch.
+
+Ich finde die Haustür verschlossen. Meine Schlüssel sind fort. In den
+Zimmern ist Licht. Ich suche nach Schatten. Es sind viele Schatten. Will
+sie mich nicht mehr? Hat sie sich einen andern angeschafft? Und ich höre
+wüste Schreie, Stimmengewirr. Und ich sehe eine schwebende hellerleuchtete,
+klirrende Schaukel, in der mir meine Welt ins Dunkel entfliegt. Ich werfe
+die Fenster ein. Alles bleibt ruhig. Das Licht geht aus, doch nichts rührt
+sich, niemand kommt herab. Und ich erinnere mich, sie sagte oft, stritten
+wir, sei nur ruhig, ich werde mich schon zu revanchieren wissen. Also, sie
+hat sich einen anderen angeschafft. Ich warte Stunde um Stunde, in eine
+Ecke gelehnt. Wenn ich den wenigstens sehen könnte! Die Bogenlampen löschen
+aus. Der Himmel wird tiefblau. Über den Dächern rötet er sich. Das
+Gezwitscher der Vögel beginnt. Ich gehe in die Kirche gegenüber. Ich höre
+die Messe. Ich trete wieder, beruhigt und gestärkt, in den erwachten Tag
+hinaus. Die Fensterscheiben sind zertrümmert. Ich fahre mit den Händen
+durch die Luft. Ich drossele sie und ich habe . . . ich habe die Dorka, die
+Dorka erwürgt! Ich fühle die Last ihres Körpers in meinen Armen; ich lege
+sie irgendwo in einem Hausgang nieder. Ich mache mich schnell fort. Ich
+eile zu Josef. Ich falle ihm um den Hals, ich habe ihm Äpfel und
+Zigaretten, die ich irgendwo stahl, in Menge mitgebracht. Er schaut mich
+groß an. »Josef, ich habe meine Frau erwürgt, ich habe meine Frau
+umgebracht! Josef, leb wohl . . . und ich habe auch Andre umgebracht
+. . . leb wohl . . . und ich habe auch Düsterweg umgebracht . . . leb wohl
+. . . und meine Mutter habe ich umgebracht . . . und meinen Vater habe ich
+umgebracht . . .« und brüllend: »alle Menschen habe ich umgebracht . . .
+leb wohl, Josef, sieh, ich bin ein Mörder . . . leb wohl . . . der auch
+dich noch . . .«
+
+Er ringt nach Worten, seine blauen Augen hängen lang herab, ich küsse ihn,
+ich bin so glücklich: »ich habe meine Frau erwürgt.« Und ich fühle mich
+seit langem wieder das erstemal frei. Und Josef: »Ob Dorka das wert war,
+mußt ja du selbst am besten wissen, ich weiß das nicht . . . Ich werde
+überlegen, was zu tun ist, aber bedauern kann ich Dorka nicht . . .« Auf
+seinem Tische aber liegt eine Zeitung, ganz zergriffen: »Andreas Söraas,
+stud. ing., wurde heute erschossen in seiner Wohnung, Schellingstraße 62,
+III. Stock, aufgefunden. Der Mörder ist bis jetzt unbekannt . . .«
+
+Am Abend kehre ich, halb fröhlich, halb niedergedrückt, nach Haus zurück.
+Es wird dunkel. Es war alles ein Traum. Und ich sage mir, eine Tür nach der
+anderen wird langsam zugemacht. _Das Haustor steht weit offen._ Meine Frau
+singt, sie ist sehr munter, sie empfängt mich mit guten Worten, sie
+streichelt mich mit ihren Blicken, sie ist sehr sanft: »Du solltest klug
+genug sein, um das verstehen zu können. Es waren Schlager . . .« Und ich:
+»Ja! Ja!!« Und ich seh zu, ob ich ihr nicht weh getan habe. Ich will alles
+wieder gut machen. Ich habe sie gestern so gewürgt! Sie hat ein warmes
+Abendessen hergerichtet und hat sehr viel Geld. Wir sprechen uns über den
+gestrigen Vorfall nicht weiter aus, aber ich muß an mich halten, nichts
+verlauten zu lassen. Sie sagt, sie wollte gestern nachmittag Andre
+besuchen. Aber es sei alles verschlossen gewesen. Ich triumphiere heimlich.
+Wenn sie wüßte. Sie sagt: »Hans, liebe mich.« Sie ist sehr erregt. »Du
+meinst wohl, ich solle dich . . .?« Sie, aber sehr traurig: »Hans, du bist
+so roh, bei dir wenigstens möchte ich nichts dergleichen hören, du solltest
+zart sein gegen mich, ich will nicht mehr deine Apache, deine kleine Dirne
+sein, ich bin dein >Franzosenweibchen<, du mußt dein kleines Frauchen
+schonen.« Das ist gewiß sehr lieb von ihr gesprochen, aber mir kommt es
+sehr albern vor. Und ich sage nur: »_Du hast ne feine Fresse!_« . . .
+
+Wir essen zu Nacht, am offenen Fenster. Wir sind im Dunkel. Doch die Straße
+schwimmt im Licht. Wir sind hoch über dieser Welt. Die Glocken läuten.
+
+ * * *
+
+Seit heute kann meine Frau nicht mehr aufstehn. Wir haben nun alles Geld
+wieder verbraucht. Wir haben alles versetzt. Man bekommt nur sehr wenig.
+Übermorgen sollen wir umziehn. Also wieder zwei Tage. Die alte Galgenfrist!
+Ich kann keine Medizin mehr kaufen. Ich schaue meiner Frau groß ins
+Gesicht, ihre Augen, die wie Blei aussehen, sind weit: »Weib . . .« Ich
+nenn sie das erste Mal so. Es durchschauert mich. Ich lege mich zu meinem
+Weib ins Bett, sie ruht neben mir mit halbgeschlossenen Augen. Sie kann
+ihre Notdurft nicht mehr außerhalb verrichten. Alles ist voll. Ich stöhne:
+»Ach Dorka, du hast ja das ganze Bett . . .« Sie dreht nur den Kopf: »Ach,
+Hans, du lügst . . .« Noch einmal schlägt sie zu mir die Augen auf: »Ach
+Hans, mein Hans, mach mich tot!« Und ich denke bei mir: soll das heißen
+. . . will sie etwa damit sagen . . . ich solle sie jetzt . . . in diesem
+Zustande . . .?! Ich lache wild auf. Ich schäme mich. Wie sie mir leid tut!
+Sie ist ein elendes Geschöpf, das sich nicht rühren kann. Ihr Gesicht ist
+ganz schmal, spitz, zermürbt und zermalmt, die Lippen weiß. Sie bedeutet
+durch eine schwache Handbewegung, daß ich den Papierofenschirm ans Bett
+heranrücken soll, sie betastet ihn unausgesetzt. Auf ihren Lippen bildet
+sich ein Lächeln. Ich küsse sie heiß und zart, beides, und am ganzen
+Körper. Es kostet mich gar keine Überwindung. Ich bin gar nicht angeekelt.
+Sie phantasiert. Sie spricht Unverständliches im Traum, doch manchmal klar
+und eindringlich: »Noch ne Flasche oder vielleicht Sekt, Herr Mies, ach
+Herr Wurm . . . geh, Schatz sei nicht so fad. Ach, seid ihr schlechte Gäste
+. . . Also, wie du willst, Onkel . . . Ne Flasche Feist, Frau Wöber!
+. . .« Und sie nennt einen Namen: »Isaak«. Ich weiß, das ist der erste
+Mann. Sie spricht nunmehr mit ihm: »Lieber Gott, so nennt sie ihn, wo hast
+du mein Buberl« . . . Dann schreiend: »Andre! Andre!« Und mit ihren Händen
+wild in meine Haare: »Isaak! Isaak!« Und mich inbrünstig küssend:
+»Liebster!« Und weiter: »Das andere waren ja -- ach! -- nur schlechte Gäste
+. . . Du bist der beste Gast . . . Doch nein, ach nein: du bist ja was viel
+anderes als ein Gast . . . Du bist der Wirt aller Wirte . . . Ich habe
+tüchtig geklaut für dich . . . alle geneppt . . . ich habe viel aufgespart
+für dich . . . ach, schon vorhin bist du ja herausgetreten . . . auf dich
+war ich immer am meisten scharf . . . wie heiß ich bin! . . . auf dich
+. . . Ich bin krank geworden für dich . . . Das ich so verkommen bin
+. . . _Das Leben ist beschissen_ . . . Aber, ach, du weißt ja, alle Wege
+gehen über das Bett! Doch sie sind alle schlecht bei mir weggekommen
+. . .«
+
+Sie biegt sich ganz weg von mir. Als ich sie berühren und zart umfassen
+will, furchtbar, entsetzlich, drohend: »Laß mich! Du laß mich! Du fremder
+Mann . . .« Die Welt liegt ihr zu Füßen; sie dient ihr. Sie spendet allen.
+Um ihre Gunst bemühen sich alle . . .
+
+Sie lächelt wieder und ihre Lippen formen immer den einen, sehr sorgfältig,
+den geliebten Namen: »Isaak! Isaak! . . .«
+
+_Ein jedes liegt bei sich ganz zerkrümmt._ Ich sinke in einen
+Halbschlummer, ich wandle auf einer Wiese und Annie klein, schwarz und
+bleich, kommt mir entgegen, sanft: »mein großer Junge!« Wie ähnlich sie
+Dorka wird! Warum Annie nicht eigentlich neben mir liegt? Ich glaube die
+Dorka nicht wieder zu erkennen. So fremd, so zufällig erscheint sie mir.
+Ich schließe die Augen, versuche mir ihr Bild vorzustellen. Ich kann es
+nicht. Sie ist nicht mehr gegenwärtig. Und schmerzlich: »O Dorka, daß ich
+dich bald vergessen werde! So werde ich immer, Dorka, dein Bild ruhelos
+suchen müssen. In allem, was mir begegnet: im Café, auf der einsamen
+Landstraße des Nachts, unter den Gestirnen am Himmel, im Geklimper der
+Schreibmaschinen, auf der Promenade, beim Tanz, in den Zeitungen, in allen
+Büchern, im Geklingel der Telephone, in der Tram! Immer werde ich dir
+quälend nachbeten müssen, Seele, wenn du entschwunden bist! O Dorka!
+. . .«
+
+Wie ich ihre Hand berühre, merke ich, daß sie sehr kalt ist. »Friert dich
+nicht, Dorka.« Sie aber antwortet nicht mehr. Ich hülle sie in die Decke
+ein, daß sie ja nicht friert. »Kann ich sie nicht erwärmen?« Und ich denke
+an Elly. Und ich lege mich auf sie. Brust an Brust, Mund an Mund. Doch sie
+bleibt kalt und stumm. Ich sage mir, nun sind alle Türen zu.
+
+Es scheint tief in der Nacht. Ein Zitronenfalter flattert im Zimmer. Aber
+wie ich näher hinschaue, ist es ein Streif der Morgensonne, der über dem
+Papierofenschirm liegt. Der Himmel ist sehr blau und die Vögel alle machen
+eine herzerquickende Musik. Soll ich nicht aufstehn, mich waschen und den
+Josef aufsuchen? Oder soll ich nicht zu der Frau Wöber ins Geschäft gehn
+und ihr mitteilen, daß Dorka, meine Dorka tot ist? Ich kann das ganz ruhig
+überdenken. Ich rege mich gar nicht auf. Mir ist wie damals, als ich Andre
+niedergeschossen hatte und später, als ich fest daran glaubte, meine Frau
+erwürgt zu haben. Ich bin sehr frei. Aber ich komme nicht los. Etwas zieht
+mich immer wieder an ihrer Seite nieder. Ich bin sehr schmutzig. Und es
+erfaßt mich ein süßer Taumel und ich fühle mich an Dorkas Seite
+entschweben, hoch ins Licht gehoben, die grauen Wände weiten sich, die
+Nebel heben sich, die Erde sinkt, ein Rosenregen fällt, Wolken wehen,
+Halleluja, Sterne wirbeln, und wir treten hoch aus den Wolken hervor, von
+allen Engeln des Himmels umschirmt, einer blendenden Gloriole umgeben
+. . . »Madonna Madonna!« und mit dem Wesen, das furchtbar und gütig über
+allem waltet, dem Ewigen, von Angesicht zu Angesicht . . .
+
+Ich breite die Arme aus und meine Hände greifen im Halbschlummer, den jene
+himmlischen Wonnen selig durchblitzen, den Papierofenschirm, den unsere
+Vormieter hinterlassen haben. Er war immer das einzige Helle der Zimmer.
+Ich träume weiter.
+
+Ein Zaubergarten lockt, umgittert. Ein berauschender Duft strömt daraus;
+himmlische Musik erklingt. Das Tor, das eherne Portal springen auf, öffnen
+sich. Den Dahinschreitenden umfängt mit sanft bezaubernder Gewalt der
+schwüle Geruch blühender Hecken. Der betäubende Duft glühender Rosenbeete
+erfüllt ihn. Schmale Pfade senken sich tief hernieder, breite Wege,
+rosenbestreut, leiten empor, stürzen wieder jäh ab in die dunkle, zittrige
+Glut schwüler Gärten oder münden in die glänzige Goldluft, als führten sie
+in den Himmel. Ein langer dunkler Laubgang, überdacht von rauschenden
+Zweigen, reich behangen und überschwellend von vielgearteten Früchten,
+kugelrunden, spitzgestalteten und eierförmigen, zieht sich herab auf eine
+weite, saftige Wiese, auf der sich allerhand Getier, buntvermischt,
+friedlich tummelt: violette Zebras, weiß gestreift, die glühenden Köpfe
+stolz erhoben, liegen im Gras, schwarze Hasen rotäugig, grüne Pferde, weiße
+Elefanten, die Rüssel, wie Äste hoch in die Luft gestreckt, die gewaltigen
+Fangzähne tief im Boden vergraben, lagern ihnen zur Seite, silberne
+Schlangen gleiten klirrend dahin, rote Bären, langgeschweifte Goldfüchse
+und graue Hunde, gelbe, buschige Katzen lachen und tanzen. Hai und Ala, die
+beiden steinernen Löwen vor dem Schloßtor, meine ersten und meine besten
+Freunde, kommen herbei mit heftig wedelnden Schwänzen, ein Zeichen
+freudiger Erregung, sie schmiegen zutraulich ihre ungeheuren Tierköpfe an
+mein blaues, lose herabwallendes Gewand und so wandeln wir dahin, ich in
+der Mitte, glücklich heiter und schön. Flatternde Kolonnen singender Fische
+ziehen hoch über uns durch die weiße Luft, ein Riesenvogel, blaugefiedert,
+durchschneidet mit scharfem Flügelschlag den blassen Äther, einen spitzen
+Schrei ausstoßend, als erscheine ihm das Glück -- wie auch mir, der ich
+ununterbrochen jauchze oder überselig schweige -- unfaßlich und
+märchenhaft, so hell, so inbrünstig jubelt er. Die wachsgelbe Scheibe der
+Sonne deckt fast den ganzen Himmel, ihr flüssiges Goldlicht tropft nieder,
+honigschwer. Ein Regenbogen wölbt sich, er strahlt in allen Farben.
+Kristallene Schlösser, rubinrote Paläste, blau aufflammende Burgen,
+verwitterte Ruinen, paradiesische Gebirge, hängende Wundergärten steigen
+zur Rechten und zur Linken enorm, unendlich empor. Ich bin körperlos, in
+alles restlos aufgelöst, ein vielfaches Echo von allem, ganz voll,
+gesättigt, vollkommen. Es ist wunderschön. Und mir ist, als verstünde ich
+nun auch die Sprache der Wesen, die ja sonst dem Menschen unverständlich
+und verschlossen, das Geheimnis der Seele, die ihnen unzugänglich ist. »Wie
+glücklich bin ich,« brüllt Hai, »wie wohl ich mich fühle,« entgegnet,
+freundlich brummend, der Kamerad. »Meinen Gruß! Meinen Gruß!« zwitschert
+hoch in den sich wiegenden und leise von einem goldenen Windstrom bewegten
+Zweigen ein kleiner roter Paradiesvogel! »Wo habt ihr das große Kind
+hergebracht?« Und: »Es geht wohl zum Silbersee?« erkundigte sich eiligen
+Laufs die flüchtige Gazelle, die soeben in den Wunderwald einbiegt mit den
+Riesenbäumen, deren Stämme schwarz wie dunkler Marmor glänzen, doch deren
+Wipfel lauter wie Gold leuchten, blendende Dolche ins Blaue gezückt. Auf
+einer Anhöhe angelangt, bietet sich ein herrlicher Anblick, tief unten
+schillert der See, eine sanft bewegte Silberfläche, am Ufer, auf einem
+smaragdenen, hellblitzenden Edelstein sitzt ein schönes Mädchen und flicht
+mit spitzen Händen die goldenen Zöpfe, die von flüssigem Purpurgold
+überquillen, das leuchtend, alles bedeckend, niedertropft. Trunken und
+selig dehnt sie die wohlgebauten Glieder, breitet voll rührender Sehnsucht
+die weißen dünnen Arme aus, sie schmerzhaft und voll Seufzer an die volle
+Brust pressend, streckt sich einer weißen, leicht im Windhauch sich
+neigenden Blume vergleichbar auf den Boden hin, dem Wasser entlang, dessen
+klare Wellen heranspülen, den Körper benetzend. --
+
+ * * *
+
+»Der Kaffee, Herr B. Der Kaffee! . . .« Ich erwache. Alles ist spinnig. Man
+ruft. Man klopft an die Tür. Und ich, laut und fest: »Gleich, Frau Naßl
+. . .« Ich erhebe mich. Ich drücke Dorka sanft zur Seite, schließe ihr die
+Augen zu, lege ihr ein Tuch über das Gesicht, gelange die Treppen hinunter,
+unbemerkt, so wie bei Andre. Ich befinde mich schon auf der Straße. Es ist
+sehr kühl. Es regnet . . . »Dort oben ist die Höhle, in der wir gehaust
+haben . . .« Und es ist ölig, verworren und dumpf. Und die Quellenstraße
+ist eine »Aschen«--Straße . . . Ich denke, die Zimmer waren bös wie
+Raubtiere, sie lauerten, sie waren heimtückisch, geduckt . . . Mir kommt es
+vor, als qualmte es. Ich bin ganz durchnäßt. Ein Auto, vorübersausend,
+halte ich mit geschwungenen Armen auf. Alle Menschen, die mir begegnen,
+frage ich nach Dorka. Die Dorka --: »eine Dame hellen gewürfelten Rocks,
+roten Jacketts, schwarz, mit zwei goldenen Vorderzähnen?!« Man schüttelt
+die Köpfe. »Was stehe ich im Regen hier, laß mich die Gosse hinunterspülen:
+in den Fluß, durch den See -- (und bei See denke ich immer an Dorkas
+starres, geweitetes Auge, das wie Blei aussieht . . . also ist es doch
+eingetroffen!) -- durch den See, wieder durch den großen Fluß zum stillen
+Meer.« Und wie ich so oft als Kind gedacht habe, das Wasser der Gosse führt
+in den Fluß, der wohl in das Meer mündet, dort steigt das Wasser als Dunst
+auf, verdichtet sich, bildet die Wolken und fällt wieder, dem Gesetz ewigen
+Kreislaufes folgend, als Regen nieder. Und ich starre immer nach oben.
+»Soll ich hinweggespült werden, verwaschen werden, glatt wie Stein werden,
+daß die Nase hinschwindet, das Kinn.« Ich trete von einem Bein auf das
+andere. Ich pfeife. Das tue ich immer aus Verlegenheit. Ein altes
+Kinderlied fällt mir ein. Der Regen singt es. Nun müssen mich doch schon
+Leute bemerkt haben!
+
+Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße,
+in seinen großen schwarzen Regenmantel gehüllt; die Helmspitze blinkt. Und
+plötzlich gewahre ich, daß es der rothaarige Lehrer Goll ist. »Herr Lehrer,
+ich habe wirklich die Schule geschwänzt . . . Ja, ja, auch das hab ich
+. . . Ich träume immer von weißen Windeln, Wolkenfetzen und schwermütigen
+Molken . . . das alles auf blauem Grund . . .« Und er: »Gut, daß du
+wenigstens den Mut hattest, das einzugestehen . . . du weißt: das ist sehr
+gesundheitsschädlich . . . Tritt näher! . . . Müller, halt ihn . . .« Und
+haut mir eine mit dem Stock über . . .
+
+Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam über die Straße
+. . . Es ist aber mein Vater: »Vater, du Arger, mir graut vor dir. Habe ich
+dich wirklich ins Grab gebracht? . . . Laß mich heut. Sei nicht so streng
+. . . Bitte . . .« Und ich denke wieder an das Wartezimmer, an die Kranken,
+denen in purpurnen Traufen Blut von der Stirn tropft . . . und es
+verbreitet sich in ungezählten Rinnsalen wie rote Fäden auf dem Fußboden,
+es bleibt an Decken, Tischen und allem Hausgerät haften, es färbt die Wände
+rot, es erfüllt das Innere des Hauses mit einem unaustilgbaren süßlichen
+Blutgeruch.
+
+Ein Schutzmann streicht in einiger Entfernung sehr langsam . . . Es ist
+aber der liebe Gott! Er aber wandelt sehr langsam durch eine von rotem Duft
+erfüllte Landschaft einem märchenhaften hellerleuchteten Wald zu, in den
+ununterbrochen große schwarze Vögel mit ungeheueren Schnäbeln lautschreiend
+ziehen. Und ich breche in die Kniee, stammelnd, versuchend mich zu
+rechtfertigen: »Meine Eltern habe ich ins Grab gebracht, das weißt du
+. . . Wievielen Menschen ich sonst noch Schlimmes getan habe . . .
+Düsterweg . . . du weißt es . . . Meine dreizehnjährige Kusine . . . du
+weißt es . . . Habe ich nicht auch Annie Unrecht getan . . . Und die Dorka
+habe ich geschlagen . . . Und bei Elly geschlafen . . . Andre habe ich
+erschossen . . . Ich habe meine Frau erwürgt . . .« Das aber brülle ich
+Schaum um den Mund . . . Und ausatmend: »_Nimm alle Schuld von mir_ . . .«
+
+Ich trete wieder von einem Bein auf das andere . . . Nein, bei Gott,
+wahrhaftig, ich komme nicht los. Ich muß mich unbedingt versichern, daß ich
+noch auf festen Füßen stehe, und trete wieder von einem Bein auf das
+andere. So stampfe ich mich förmlich in den Boden ein. Ich ringe, beengt
+nach Luft. Ich versinke. Ich stöhne: »Luft Luft!« Mir schwindelt. Ich werfe
+die Arme empor, ich zerre, ich reiße, aber ich bin wie an Armen und Beinen
+gefesselt. Doch ich stehe wirklich noch auf meinen Beinen, bemerke ich
+plötzlich, und konstatierend: ich bin noch nicht versunken. Und daß ich den
+rothaarigen Lehrer Goll, meinen Vater und: den lieben Gott gesehen habe,
+muß wohl auch ein Irrtum gewesen sein. Der Regen klatscht. Der Wind reißt
+an den Dächern. »Oder soll es vielleicht doch wahr gewesen sein? Man weiß
+das ja nie so genau.« Mein Kopf schlägt knallend auf das Pflaster. Ich
+zucke zusammen, auseinander schnelle ich, die Hände gekreuzt, die Arme
+gerungen, die Beine empor, doch ich erhebe mich. Ich bemerke niemanden. Ich
+fühle mich sehr frei. Nur auf meinem Kopf lastet ein dumpfer Druck. Als sei
+ein Meer über mich hinweggeschritten. Alle Einzelheiten habe ich vergessen.
+Josef kommt auf mich zu, in einen großen schwarzen Regenmantel gehüllt,
+sein Haar ist sehr blond. Ich erkenne ihn nicht. »Guten Morgen, Hans, ich
+suche dich schon lang, du stehst scheinbar schon lang hier. Du bist ganz
+durchnäßt!« Das alles aber kommt sehr unwirklich und von oben herab. Und
+ich: »Mein Herr, Sie entschuldigen, aber Sie scheinen ein Engel zu sein,
+also führen Sie mich zu Gott.« Er nimmt mich unter den Arm. Ich folge ihm
+willenlos. Wir gelangen zum Bahnhof. Er ist ein Engel: er führt mich zu
+Gott. Und er kurz: »In zehn Minuten geht unser Zug nach Berlin.«
+
+Wir sitzen im Zug. Ich rege mich nicht. Ich habe so Angst. Ich bin ganz
+eingeschüchtert. »Ich fahre zu Gott.« Josef schaut mich fest an. Ich presse
+mich dicht an ihn. Es pfeift. Der Zug setzt sich in Bewegung. Da wird mir
+plötzlich wieder alles bewußt. »Das ist kein Engel.« Und aufkreischend:
+»Josef! Josef!«. So muß doch alles ein Irrtum gewesen sein und nur das Böse
+bleibt wahr. Und ausbrechend: »Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht
+verlassen. Sie ist mein Schicksal. Du wimmerst. Du bist die Stadt von roten
+Meeren ganz verschwemmt, krank und schwül. Du verschlingst alles. Wie rot
+du bist.« Und aufgelöst, in Tränen: »Überall ist dein Name im Flattern
+grüner Bäume, im Gedröhn der Automobilhupen, im Tanz der Alleen, in allen
+meinen Bewegungen: Dorka! An allen Haltestellen stehst du, an allen
+Straßenecken wartest du, du bist Schauflug, das Wettschwimmen, meine
+Heimkehr in der Nacht, das Lied der Soldaten beim Nachhauseweg, das einsame
+Gartenhaus des Freundes, Wachtparade bist du und Eislaufbahn, Militärmusik,
+glitzernde Abendpromenade und Geplätscher der Springbrunnen, du wächst
+empor, du erstreckst dich, du breitest dich aus, unendlich. Alles bedeckst
+du. _Du tauchst des Nachts empor hinter den grauen einförmigen Mauern der
+Kasernen, über den blitzenden Kuppen der Paläste stehst du, hinter den
+fernsten Gebirgen erwachst du, des Abends, auf Säulen, Statuen,
+Kirchturmspitzen thronst du. Aus allen Fenstern lugst du. Du hockst, du
+schreitest aus, vermessen, riesenhaft, mit der Sonne, mit den Sternen
+fliegst du. Dein Mantel sind die Wolken, der Aether dein Leib._«
+
+Ich höre, ganz fern, unwirklich und von oben herab: »Sie hat Andre geliebt,
+sie hat Düsterweg geliebt, sie hat Moses Mies geliebt, sie hat Alois Wurm
+geliebt, Bruno Maria Wagner hat sie geliebt, dich hat sie geliebt, alle hat
+sie geliebt, sie hat alle geliebt.«
+
+Ich frage mich wieder, hat sie Schuld? Und immer: sie ist schuldlos, sie
+ist rein, ich bin die Hur, sie ist das Kind! Und ich sehe mich mit zwei
+Gesichtern, das eine halb verwest, das andere voll Müdigkeit. Ich sage mir,
+»ich fahre doch zu Gott«. Und: »Ich war ein Büßer«. Ich fühle mich ganz
+voll. Ich könnte zerplatzen. Etwas saugt mich auf. Oh, geschähe es! Etwas
+reißt in mir, und es ist so schmerzlich, daß es nicht zerreißt. Das tut
+furchtbar weh. Wir entfernen uns rasch. Ich jammere wie ein kleines Kind:
+»Ich kann, nein, ich kann diese Stadt nicht verlassen.« Und sie schlägt
+immer um sich, sie tobt, sie ist eine rauschende Revolution. Sie kreist in
+meinem Blut.
+
+Ich liege in den Armen Josefs. Ich behalte die Augen zu, obwohl ich wache,
+denn die Sonne, einer Glorie vergleichbar, versendet einen magischen Glanz,
+der stark blendet. Ich suche nach Worten, ich finde keine. Endlich
+aufgelöst stammle ich: »Leb wohl, Andre! Leb wohl, Dorka!« und ich erinnere
+mich an alles wieder, kühl und sehr entfernt.
+
+Und ausbrechend: »Alles ist Rückzug, Verfall, Flucht. Kanonen am Weg.
+Brust, Bauch, Hirn durchschossen. Brennende Horizonte. Äcker von Geschossen
+zerwühlt. Geheul der Irren. Abulie. Sterile Dissoziationen. Überlebte
+Staatsverfassungen. Zerbröckelte Leiber, Verrat, Mißbrauch der
+Persönlichkeit. Enttäuschung ist alles, Ekel bleibt. Was will man mehr?!
+_Aber ich werde wiederkommen, die Augen klar, die Muskeln Stahl, die Brust
+ein Panzer, der Körper gebräunt, allen Anstrengungen, Gefahren, Strapazen
+gewachsen, die Beine gestrafft, elastisch, fibrierend: ein fabelhaftes,
+ekstatisch-heroisches Nerveninstrumentalorchester._ Ich werde sechsfacher
+Träger euerer Nobelpreise sein. Sätze werde ich bauen, unendlich
+kompliziert, rasend gefügt, stahlseitenhaft, dogmatisch, unverrückbar, im
+brausenden Rhythmus wimmelnder Cafés, toller Kapellen. (O Scigo: Primas:
+Tönemäher!) --: euch alle berauschend. Ich werde glänzende politische Reden
+halten. Meine Plakate, grell, exzentrisch, superb, werden euch zur größten
+aller Revolutionen begeistern. Erfinden werde ich den rapidesten Aeroplan,
+das phänomenalste Auto werde ich ausdenken. Diplomatisieren. Splendide
+Verträge abschließen, Frieden zwischen den Völkern stiften, Pole werde ich
+entdecken, den fermatschen Satz lösen, die Unzulänglichkeit alter
+Einrichtungen restlos erweisen. Meine Tragödien, gekinntopt, werden zu
+Millionen sprechen, werden Millionen bewegen. Negerstämme, Fieber,
+tuberkulöse-venerische Epidemien, intellektuelle-psychische Defekte werde
+ich bekämpfen, bezwingen. Die große physische Abstinenz werde ich euch
+lehren. Verkünder des intellektuellen Koitus, des enorm sublimierten
+Geschlechts.«
+
+Ich falle in einen letzten Schlaf. Als ich erwache, ist voller
+Sonnenschein. Wir sausen durch Wiesen, an Hügeln vorbei, auf denen
+Windmühlen stehn, deren Flügel sich rasch drehen. Ein kühler Luftzug geht
+davon aus. Das erfrischt. Die Landschaft ist von einem weißen Duft erfüllt.
+Ein alter weißhaariger Bauer steht hinter seinem Pflug. Ein blonder Knabe
+holt Wasser aus einem Brunnen. Ein Mädchen plätschert in einem Weiher, der
+leicht vom Wind bewegt ist. Ich möchte Gras fressen. Die Erde ruft. Ein
+Weib sitzt irgendwo am Weg, ein Kind an der Brust. Rauch zieht, dunkel wie
+ein Vogelschwarm, über den Wald. Und eine Frauenstimme, sehr dünn, erhebt
+sich, schwillt an zu einem klaren Gesang.
+
+
+
+
+Der Dragoner
+
+
+Vor ihr her lief immer, wie ein Licht, ein weißer Spitz.
+
+Der hieß Kony.
+
+Sie hieß Beate.
+
+Und Beate bewegte sich prustend, unermüdlich den Mauern der
+Infanteriekaserne entlang. (. . . vom »General Finkenkeller« bis »Zu
+unserem lieben Kronprinz« . . .) Hier standen sie, Wally und Mizzl, und um
+sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis endlich zwei aus
+der Masse losbröckelten. Die übrigen trollten sich schreiend weiter.
+
+Die Werthergasse war entleert. Sie war staubig, ein ausgetrocknetes
+Flußbett. Trotzdem es Samstag war. --
+
+Und Wally und Mizzl standen, das zweitemal, beim »Zu unserem lieben
+Kronprinz«, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Bis
+zwei aus der Masse losbröckelten.
+
+Die Laternen wurden gelöscht. Die einzige Helligkeit verbreiteten
+Leucht-Wolken am Himmel, und Kony, der wie ein Licht vor Beate herlief. Und
+das Dunkel stürzte sich wie ein böses Raubtier, plötzlich, laut gähnend,
+offenen Rachens über den »General Finkenkeller« und »Zu unserem lieben
+Kronprinz« und fraß die. Das polterte, tobte, schrie, flackerte rot und
+feucht, hier einige Male, dort einige Male, dann war auf einmal Schluß.
+
+Da mußte Beate heiß an ihren Kony denken. Der war Athlet. Drei Preise hatte
+er errungen, zwei zweite, einen ersten, Eichenkränze, ganz grün, mit
+schwarz-weißen Seidenschleifen und Goldschrift. Und alles schrie »Hoch!«
+und laut »Hurra!«, und die Musik blies furchtbar, als der Vorstand der
+»Stämmigen Brüder«, der Gerichtssekretär Huber (der graue, der mit dem
+Bismarck auf dem Bauch! ) sie ihm aufs Haupt setzte. Und Kony war ganz rot
+vor Freude, sein großer aufgedrehter Schnurrbart glänzte. Und er betrank
+sich diesen Abend, den Siegeskranz um das Haupt.
+
+Und sie entsann sich, wie ihm jene glänzende Medaille angesteckt ward (--
+und das war auf der Siegesfeier des »Freideutschen Stemmklubs von 1893« --)
+und sie ihm der Schiller, der Oberbaurat Schiller, höchst eigenhändig auf
+die Brust heftete. Und alles schrie »Hoch!« und laut »Hurra!«
+
+Und die Musik blies furchtbar. Und Kony, vor Freude ganz rot, aufgedrehten,
+glänzenden Schnurrbarts, kam an ihren Tisch, setzte sich zu ihr und er
+tätschelte ihr (-- die Medaille auf der Brust! --) auf den Hintern.
+
+Und sie lächelte. Ihr Spitz hieß Kony.
+
+Der schnupperte.
+
+Beim »General Finkenkeller« aber stand stramm, hochaufgerichtet ein Soldat,
+ein Riesenkerl. Der stieß den langen Schleppsäbel immer eigensinnig
+klirrend auf das Pflaster. Er sang dazu und kommandierte laut. Plötzlich
+war er an Beatens Seite, hatte den Arm um sie gelegt, der kalt war und
+eisern, wie eine Klammer. Und Kony, der Spitz, lief ganz unbeirrt den
+beiden wie ein Licht voran, doch immer, wenn der Säbel klirrend ins
+Pflaster fuhr, ruckte er aufgeschreckt, mechanisch vor.
+
+Es war ein Dragoner.
+
+Und beim »Zu unserem lieben Kronprinz« standen sie, Wally und Mizzl, zum
+drittenmal, und um sie herum ein Haufen Lärm-Infanteristen, betrunken. Und
+sie stiegen daher, Arm in Arm, die Beate heiß, unermüdlich, prustend,
+gereckt, der Dragoner enorm, ganz gelb, eine ungeheuere Zigarre mitten ins
+Gesicht gesteckt, glänzenden, aufgedrehten Schnurrbarts, von Rauchwolken
+umhüllt. Und Wally: »Nacht, Beate . . .«
+
+Doch die Mizzl: »Nacht, Frau Major . . .«
+
+Und die Beate ganz glücklich bei sich: »So ghört sichs.«
+
+Doch da bemerkte sie plötzlich, daß sich Kony, der Spitz, und der Dragoner
+verwundert anschauten. Die beiden blinzelten einander vertraulichst zu und
+der Dragoner sagte dem Kony etwas ins Ohr. Die beiden hatten scheinbar
+etwas miteinander. _Und der Kony lachte wie ein Mensch, antwortete und
+nickte._
+
+Da brach die Masse der Lärm-Infanteristen in schallendes Gelächter aus:
+»Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major! . . . Nacht, Frau Major!
+. . .« Aber standen dabei gar nicht stramm und das empörte sie. --
+
+Sie zündete das Licht an.
+
+Sie betrachtete ihren Dragoner lange. Der aber sah sich sehr genau in ihrem
+Zimmer um. Er war wirklich ungeheuer und ganz gelb. Und die Beate fragte
+sich, an wen erinnert mich der nur. Und sie mußte sofort an das Café
+Krenkel in der Madenstraße denken. Das war auch ganz gelb. Gelbe Vorhänge,
+gelbes Licht, und die Musik war gelb. Und sie entsann sich, daß sie dort
+den letzten Samstag auf einen kleinen runden Marmortisch gestiegen war, (--
+auch die Wally und die Mizzl waren dabei! --) den Fuß in den Aschenbecher
+setzte . . . schrie, das seien Steigbügel . . . und gleich davonreiten
+wollte, -- wohin, das wußte sie selber nicht, durch die Luft! Ach, sie war
+ja so oft schon dort betrunken. Und sann weiter nach: Man hatte sie ja dort
+auch schon so oft hinausgeschmissen. Doch plötzlich auffahrend, ganz
+unvermittelt: »Mein Eisschrank . . . und Wachs . . .«
+
+Nur der glänzende aufgedrehte Schnurrbart, das rote Gesicht, die
+ungeheuere, immer noch glimmende Zigarre mitten drin, die waren ja ganz
+lebendig. Und sie bemerkte auch, daß er große und sehr feuchte Hände hatte.
+Und sie dachte sehr versonnen, mechanisch weiter: »Wasser ist genug da, die
+zu waschen, auch Sandseife . . . auch ein großes frisches Handtuch ist da
+. . . _er kann sie darnach daran abtrocknen_ . . .«
+
+Er schnallte den Säbel ab, der sehr groß war. Viel größer als die
+Seitengewehre der windigen Infanteristen, stellte sie zufrieden fest. »Die
+Schmierer, die schiachen . . .«
+
+Aber er sprach auch so gar nichts.
+
+Was tat er denn? Hatte er sich nicht bei ihr einfach eingeschmuggelt?
+Kümmerte er sich denn überhaupt um sie?
+
+Und unermeßlich erdehnte er sich plötzlich, ragte durch die Decke, die
+blitzende Helmspitze hartnäckig in den tiefblauen Nachthimmel bohrend. Das
+flimmerte. Es tropfte. Ein dichter Goldregen stieb prasselnd nieder. Und
+der Säbel, plötzlich ein endloses Seil, an dem die Erde schwebte, das
+Himmel und Erde verband . . . und plötzlich ein eiskalter Wasserstrahl, der
+jäh niederfuhr, mitten durch, ein Blitz.
+
+Sie bat: »Geh, Schatz, leg deinen Helm ab!« Und sie dachte plötzlich wieder
+heiß an Kony, ihren Athleten. Der wollte sie einmal erstechen. Im Rausch
+. . . Und sie flüsterte selig, emporschauend: »Kony!« . . . Und da hing er
+an der Wand, ein photographisches Brustbild mit Medaille und Eichenkranz,
+die Arme nach hinten verschränkt, aufgedrehten Schnurrbarts, von
+Postkarten, Fächern, Tanzschleifen umgeben: Kony.
+
+Da knurrte der Spitz.
+
+Und da erinnerte sich die Beate: auch der ist also noch da.
+
+_Und stand hilflos zwischen dem gelben Dragoner, dem Spitz und dem
+photographischen Brustbild._
+
+Und sie steckte dem gelben Dragoner eine Blume ins Knopfloch, wie es damals
+Schiller, der Oberbaurat Schiller, getan, und band ihm eine grüne
+Samtschleife um den Kopf und drückte sie ihm sorgfältig zurecht, wie
+seinerzeit der Huber, der Gerichtssekretär Huber auf dem Fest der
+»Stämmigen Brüder«. Da der Dragoner wehrte, bat sie. Und endlich, unsinnig
+lachend: »Nun kannst du dich wieder besaufen, Kony . . .« Ja! Hatte er
+nicht eine glänzende Medaille im Knopfloch, schmückte sein Haupt nicht ein
+Eichenkranz, ganz grün?! . . . Und er kam an den Tisch, setzte sich zu ihr
+und tätschelte ihr auf den Hintern. Und irgendwer schrie: »Hoch!« und laut
+»Hurra!« Und eine Musik blies irgendwo furchtbar.
+
+Und die Beate (das war ja zu närrisch!) --: sie lachte unsinnig.
+
+Sie brachte Bier in Flaschen. Das trank er.
+
+Aber sein Aussehen änderte sich, denn als er aus dem Schatten nach vorn
+plötzlich unter das Licht trat, sah sie, er war blau, blau sein Gesicht,
+ganz blau. Doch als er wieder sich schwankend nach rückwärts verzog, sah
+sie: er war grün, grün sein Gesicht, ganz grün. Doch als er bald darauf
+wieder rülpsend hervorkam, sah sie, er war wieder gelb geworden, ja wieder
+ganz gelb. Sein Gesicht, die Hände rot, und der aufgedrehte Schnurrbart
+glänzte.
+
+Auch sang er wieder und kommandierte laut. »Ich hab es mir ja gleich
+gedacht, daß du schon wieder besoffen bist . . .«
+
+Kony knurrte.
+
+Der Dragoner blickte ihn nur an. Da schwieg er. Die beiden verstanden sich
+scheinbar gut.
+
+Da aber Kony plötzlich laut aufbellte, fuhr der gelbe Dragoner mit seinem
+langen Säbel nach ihm. Da wand er sich sogleich verröchelnd.
+
+Da die Beate laut aufheulte, warf er sie nieder. Sie kreischte auf. Er aber
+setzte den Fuß auf ihre Brust. Da schwieg sie.
+
+Sie lag auf dem Rücken. Versuchte wieder hochzukommen. Wälzte sich, krümmte
+sich. Sie konnte nicht.
+
+Er nahm die Schlüssel an sich. Die Handtasche öffnete er. Zählte: drei Mark
+und fünfzig . . .
+
+Sie versuchte sich am Bett hochzuziehen. Los riß er sie, hob sie empor,
+unendlich hoch empor und mit beiden Armen niederschleuderte er sie. Er
+schmetterte sie alle Stockwerke durch. Daß sie tief vergraben in der Erde
+stak. Den Körper voll Splitter. Sie wimmerte.
+
+Da kommandierte er laut: »Achtung!« und zog den Säbel.
+
+Sie dachte wieder an Kony.
+
+Ja --: da stand er, die Medaille auf der Brust, den Eichenkranz ums Haupt,
+ein wenig in die Stirn gerutscht, ganz grün. Der aufgedrehte Schnurrbart
+glänzte . . . und jemand schrie »Hoch!« und laut »Hurra!« . . . und eine
+Musik blies furchtbar. Sie lachte unsinnig.
+
+Und wieder: »Achtung!« . . . und er war ganz gelb . . .
+
+Sie lachte unsinnig. »Wie närrisch!«
+
+Doch plötzlich flehentlich: »Herr Schmetterling! Herr Schmetterling!«
+
+Der aber lachte wild auf.
+
+Sie erstarrte. Ward zur Puppe. Haftete. Zerbrochen. In die Knie geknickt.
+Schon vorher durchbohrt. Und weit zum Stoß ausholend: »Achtung! Liebste!
+Achtung!«
+
+Und er stieß zu, aber nur ein ganz klein wenig, zog wieder zurück, zielte,
+prüfte. Er spielte mit ihr.
+
+Beate prustete, arbeitete mit Händen und Füßen, unermüdlich. Umschlang
+zärtlich den Stahl. Zerrte. Als wollte sie: »O, gellten alle Himmel der
+Welt jetzt! . . .« Und laut: »Zu Hilfe, Frau Wadenklee! Zu Hilfe!« Ihre
+Hände bluteten.
+
+Doch --: sie _stand!_
+
+Und jubelnd ihm entgegen: »O, dich kenn ich . . .«
+
+Und er: »Kröte! . . . Verfluchtes!«
+
+Und stieß durch.
+
+
+
+
+Kindheit
+
+
+Heinrich Franz Bachmair dankbar
+
+
+
+
+Kurt war von Frau Schaa eingeladen worden, er schüttelte Äpfel von den
+Bäumen, las sie auf und sammelte sie in Körbe, die er ins kleine Haus trug,
+das darnach roch.
+
+Durchs Fenster sah Kurt Frau Schaa wieder. Sie hatte ein langes, dünnes
+Kleid an, das die untergehende Sonne blutig durchfuhr.
+
+Der Photograph Schaa arbeitete gebückt, zog Rettiche aus und hüstelte.
+
+Frau Schaa trat ins kleine Haus, nahm einen bunten Schal auf und führte
+Kurt an der Hand heraus, schnitt ihm eine Rose ab und steckte sie ihm
+langsam ins Knopfloch.
+
+Frau Schaa und Kurt setzten sich auf den Rand des Zierbrunnens und wuschen
+die Rettiche.
+
+Zu Hause fragte Kurts Vater, der Gerichtsvollzieher Vogt, wie es bei Schaas
+gewesen sei. Kurt fuhr auf, er hatte gerade an Frau Schaa gedacht . . . und
+er bemerkte die Mutter, die, über den Suppenteller gebückt,
+hineinschluchzte. Er hat sie wieder geschlagen, sagte sich Kurt, und
+schwieg, trotzdem ihn der Vater zum zweitenmal fragte. Ein weißer, fast
+plastischer Streifen, zog sich über die Wange der Mutter --: ein Striemen.
+Dahin hat er sie also getroffen, und mit dem Stock wieder, erklärte Kurt
+sich selbst . . . und das ganze Gesicht ist angeschwollen und
+blutunterlaufen, auch der Hals ist blutig, voll von Nägelspuren, roten
+Flecken und Bißwunden. Er hat sie wieder gewürgt. Er widersprach dem Vater
+trotzig:
+
+»Laß mich!«
+
+Herrn Vogts Gabel pfiff über den Teller.
+
+Herr Vogt sprang hoch, griff den Sohn bei den Haaren, würgte ihn, riß ihn
+zu Boden und trat ihn mit dem Fuß. Kurt kauerte und zuckte. Er bäumte sich
+auf, schreiend --: er wurde niedergeschlagen. _Das nahm kein Ende für ihn._
+
+Die Mutter heulte auf, stürzte auf den Balkon und schrie auf die Straße
+hinunter.
+
+Herr Vogt richtete sich sogleich auf, und die Großmutter kam aus ihrem
+Verschlag hervorgekrochen, blieb in der Mitte des Zimmers stehen und setzte
+sich zitternd unter sie.
+
+Kurt schlich in seine Kammer, wo er losheulte. Er wollte sich rächen.
+
+Herr Schaa kam, wedelte und holte den Gerichtsvollzieher zum Tarock ab.
+
+Frau Vogt blätterte in ihrem Postkartenalbum, spielte Klavier, bis es
+zweimal läutete und Frau Schaa kam.
+
+Frau Schaa spreizte die Finger, zog die Schultern hoch und bat weich:
+
+»Geh, Marie (so hieß Frau Vogt beim Vornamen), spiel was! Bei der Musik
+fang ich immer zu phantasieren an . . .«
+
+Frau Vogt aber konnte nicht. Die Schaa brüllte auf . . .
+
+Der Gerichtsvollzieher stolperte fluchend die Treppe herauf. Er war
+besoffen. Er schimpfte auf die Vorgesetzten, er drohte ihnen, er
+verurteilte sie zum Tode.
+
+Widerspruch gebe es keinen. Er sei Autorität. Trage er nicht die Mütze der
+Gewalt? Von Gott ihm verliehen? Widerspreche man ihm, widerspreche man dem
+Gesetz, der Verfassung, dem König, Gott. Die Familie, sie gleiche dem
+Staat. Er sei ihr Oberhaupt. Oder wolle wer daran zweifeln? . . .
+Unantastbare Macht . . .
+
+Kurt hörte alles, er konnte nicht einschlafen, er fürchtete sich und fand
+den Vater ungeheuerlich.
+
+Dumpfe Schläge.
+
+Die Mutter wimmerte . . .
+
+Es riß verzweifelt an der Glocke, der Photograph Schaa winselte: ob seine
+Frau nicht dagewesen sei, da sei . . . man nicht wisse . . .?
+
+Es blieb still, bis lange in den Morgen hinein. --
+
+Der Gerichtsvollzieher verreiste auf längere Zeit dienstlich. Kurt schlief
+im Bett des Vaters neben der Mutter. Er ging vor ihr ins Bett, konnte aber
+nie einschlafen. Sie kam, und er sah erschauernd auf zu ihr. Er beugte sich
+einmal nachts über die Schlafende, die Haare ringelten wie schwarze Wellen
+um das weiße Milchgesicht, die aufgesprungenen Lippen waren halb geöffnet.
+
+Er flüsterte.
+
+Marie schlug die Augen auf, strich die Decke glatt und sagte:
+
+»Laß mich, Liebling! . . . Schlaf!«
+
+Frau Vogt weinte wieder jeden Tag, trotzdem der Mann fort war. Sie lag im
+Fenster und sah die Straße hinab. Sie stopfte fleißig Socken, flickte die
+zerrissenen Hemden des Gerichtsvollziehers und besserte seine alten Anzüge
+aus.
+
+_Kurt fing die Briefe ab, die von ihm an sie, regelmäßig jeden zweiten Tag,
+kamen._
+
+Doch eines Tages war der Vater wieder da. Kurt glotzte ihn groß an. Herr
+Vogt aber schmiß seinen Sohn zum Bett hinaus, fluchend. Er war wieder
+betrunken und sah aus wie ein Strolch.
+
+Die Mutter wollte ein gutes Wort einlegen, da schlug er auch sie.
+
+Sie heulte.
+
+Die Großmutter aber kam wieder aus ihrem Verschlag hervorgekrochen.
+
+Da umarmte der Gerichtsvollzieher seine Frau und küßte sie. Die bärtigen
+Wangen rollten dicke Tränen herab, die, wie Perlen gereiht, an seinem
+strohigen Schnurrbart hängen blieben.
+
+Die kommende Nacht schlich Kurt vor das Zimmer der Eltern mit dem
+Küchenbeil. Kein Licht brannte mehr. Er wollte sie beide töten.
+
+Die Großmutter stöhnte aus ihrem Verschlag heraus . . .
+
+Er ward wieder von Frau Schaa aufs Land eingeladen.
+
+Frau Schaa erzählte, sie fahre noch diese Woche auf zwei Monate nach
+Rußland, in ihre Heimat. Ob er mitwolle?
+
+Der Photograph knurrte.
+
+Frau Schaa aber lachte ihn aus, sang und tanzte. Sie nahm Kurts Kopf in
+ihre große, rauhe Hand, zog ihn an die Brust und liebkoste ihn.
+
+Herr Schaa holte sein Tesching und schoß nach Spatzen.
+
+Frau Schaa herzte ihre Katze.
+
+Herr Schaa zischelte.
+
+Frau Schaa schnitt eine Grimasse, ballte die Hände gegen den Photographen,
+der bleich an der Gartentür hing.
+
+Herr Schaa zerbröckelte.
+
+Der Tesching lag geladen vor ihm.
+
+Herr Schaa grub Rettiche aus.
+
+Bussi, die Katze, huschte über den Zaun. Kurt zuckte nach der Büchse.
+
+Aber der Photograph kam herbeigesprungen, nahm die Büchse auf und schoß. Er
+fehlte. Kurt atmete erleichtert auf. Bussi erschien auf der anderen Seite
+des Gartens. Kurt griff und drückte ab.
+
+Bussi sprang ein wenig vor, überpurzelte sich und schlug den nassen Boden
+lang . . . wälzte sich, die grünen Augen trieben lang, gewaltsam heraus,
+die fleckige Zunge stach spitz vor . . . der weiße Bauch öffnete sich
+. . . Kurt aber schaute nach Ange um (so hieß Frau Schaa beim Vornamen).
+
+Frau Schaa kam, doch als sie Bussi verendet sah, wandte sie sich ab.
+
+Der Photograph hüstelte und drehte das Tier mit dem Fuße um.
+
+Kurt schämte sich.
+
+. . . Und lange Zahlenreihen erschienen an einem grauen Horizont.
+
+Kurt hatte seine Hausaufgabe noch nicht.
+
+Streng und gemessen schritt draußen Herr Nebukadnezar vorüber, der
+Oberlehrer.
+
+Kurt nahm von Frau Schaa Abschied.
+
+Nach Ablauf dreier Tage erkundigte sich Kurt beim Photographen, der betrübt
+im kleinen Haus saß. Frau Schaa war fort.
+
+Die Mutter litt die Rose am Matrosenanzug Kurts nicht. Kurt überlegte
+ernstlicher, wie das Reisegeld aufbringen. Er bemerkte den Striemen über
+der rechten Wange seiner Mutter und glaubte, er müsse noch verweilen. Sie
+versetzte ihm eine Ohrfeige, er schlug wieder. Er erinnerte sich der Nacht,
+da er neben ihr schlief . . .
+
+Er schlief nicht mehr zu Hause. Auf einer Bank im Park lag er. Er dachte an
+die Schaa, und daß es süß sein müsse, von ihr geschlagen zu werden. Er
+sehnte sich nach ihr. Menschen hingen über den Bänken: schlapp, den Hut im
+Gesicht, die Beine vorgestreckt; es waren Tote.
+
+Er träumte einen Vogel, der sich aus einem Moortümpel aufhob. Der flog vor
+ihm her. Er wanderte zu. Er kreuzte unbekannte Morgen- und Abendländer. Der
+Vogel aber schwebte über ihm, des Nachts als Feuerschein oder Stern, des
+Tags als Wolke, bei nahendem Abend in Sonne ertrinkend.
+
+Kurt hatte nichts zu essen. Aber er hungerte weder, noch litt er Durst. Auf
+glühenden Wiesen lagen Früchte bereit, in den Wäldern rauschten
+Milchquellen.
+
+Er verträumte den Tag. Die Kameraden spielten Soldaten, er war nicht dabei.
+
+Plötzlich aber stürzte er sich, von ferne aufgeschreckt, mitten unter sie.
+
+Er hetzte durch die Nacht, bis er ermüdet zusammenbrach.
+
+Er wußte, daß die Großmutter Geld besaß, ein wenig nur, doch schlecht
+aufbewahrt, aus ihrer Rente.
+
+Die Großmutter saß in ihrem Verschlag.
+
+Er gedachte der Schaa.
+
+». . . Ihr an die Kehle springen, sie niederwerfen, den Kopf einschlagen,
+oder nicht an den Hals springen . . . denn wie dünn der Hals ist . . .
+splitternd . . . wie Holz . . . nicht niederwerfen . . . gleich mit einem
+Hieb den Schädel entzwei . . . den Schrank auf . . . und dann --: o dies
+Glänzen! . . .«
+
+(. . . _Und sie nickte ihm zu_ . . .)
+
+Das Küchenbeil zwischen den Zähnen, kroch er vorwärts. Nur noch einen
+Sprung von ihr --: die verschrumpften Lippen zuckten.
+
+Man hörte aber nichts.
+
+Die Hakennase bog sich lang herab.
+
+Die Großmutter war weiß. Sie schlug mit den beiden Armen wie zu einem Flug.
+
+Die Wangen, eingefallen, grünlich und gelb, begannen rosen zu werden.
+
+Das Beil entglitt ihm.
+
+Er quälte Tiere oder lungerte bei den Droschkenkutschern umher. Auch
+Räuberromane las er.
+
+Plötzlich erinnerte er sich in irgendeiner Gestalt auf der Straße an seine
+Schaa. Daß er sie beinahe vergessen hatte, schmerzte ihn. Er machte sich
+Vorwürfe darüber _und strafte sich selbst, indem er sich »Hund! Hund!«
+schalt._
+
+Er wollte ihr schreiben.
+
+Eine kleine weißglühende Kugel sprang auf. Sie begann zu erklingen in einem
+molkigen Luftgemisch. Sie sauste. Augen, Arme, Beine wirbelten mit, die
+Nasenflügel blähten sich. Schleim und Tränen rannen. Ein tiefer Schlaf
+folgte.
+
+Er erbrach mit dem Küchenbeil den väterlichen Schreibtisch, der stöhnte und
+sich wand. Er demolierte ihn gänzlich.
+
+Mit dem wenigen, was er vorfand, ging er los.
+
+Er fuhr mit einem Zug.
+
+Er durcheilte die nächste Stadt. Was er suche, wußte er nicht, nur, daß es
+unbeschreiblich schön sei. Er lebte in Märchen. Er dachte die Schaa. Es
+peitschte ihn, es jagte ihn dahin. Durch die brüllenden Lüfte sauste es. Es
+gewitterte. Der Rücken, das Gesicht schälten sich, Hagelstacheln trieben
+ein. Haut hing in Fetzen . . .
+
+Ein grüner Himmel rollte sich.
+
+_Das schmutzige Gesicht erglänzte:_
+
+»_Ihr nach!_«
+
+Verdorrte Gelände durchzitterte er, sonneversengt.
+
+Doch unbeschadet wandelte er und traumhaft über die gewölbte Fläche eines
+Silbersees, unberührt durchzog er einen gelben Strom, die Wellen, sie
+wichen vor ihm zurück.
+
+Ein Schatten rang sich vor die Sonne.
+
+Der Vater.
+
+Kurt entsetzte sich.
+
+Glühender Staub regnete. Landschaften stiegen, bunte Blasen, auf, Städte
+zerfielen, Schiffe sanken, Berge spieen, Prozessionen schwankten durch die
+Luft. Ebenen überschlugen sich.
+
+Der Himmel töste.
+
+Er trieb durch einen Krieg. Berge schmetterten. Lazarette dampften. Violett
+explodierte ein Wald. Die Luft zerhackt.
+
+Der große Vogel zeigte sich. Er bog sich zertrümmerte Hügel hinab, surrend.
+
+Jahreszeiten wechselten.
+
+_Eine Stadt schob sich mit grauen Häuserquadraten vor, massiv und gewaltig,
+von Straßen bösen Gesichts und dünner Herbstleute, wie Gespenster,
+zerschachtet._ Ein Milchwagen rasselte. Cafés schäumten. Er schwamm an
+zerrissenen Ufern, besteckt mit roten Papierlaternen, hin. Der Atem von
+Schläfern sang.
+
+Klaviere jammerten.
+
+Er übernachtete in Schlafstellen. Fäulnis. Wanzenbruten. Mütter gebärten
+kreischend. Kinder flatterten. Gestelle von Leibern wippten. Betrunkene
+torkelten. Idioten blökten. Selbstmörder wankten.
+
+Es fiel von ihm ab.
+
+Eine Alte saß unter ihnen, schlug Karten und prophezeite aus den
+Handlinien.
+
+Das Krankenhaus roch wie nach verfaulten Äpfeln. Kurt erschrak darüber.
+Schwester Anna mit weißer Spitzhaube und kleinem Wachsgesicht brachte die
+grüne Breisuppe im braunen Hundnapf. Ein Mensch, die Arme nach hinten
+geschleudert, wurde zerstückt. Wärter Johann erzählte Schnurren. Gewaltig
+und dickbäuchig schritt der Herr Geheimrat.
+
+Halbwüchsige Burschen schleppten ihn in ein Varieté. Musik platschte. Eine
+Glatze schnalzte mit der Zunge. Ein Mädchen tanzte, zog sich zurück, und
+die Wände vertieften sich, die Decke barst, es wurde nachtblau.
+
+Ein Pockennarbiger stieß ihn an. Kurt verstand nicht gleich, er gab sein
+letztes Geld.
+
+Es ergriff ihn: _noch heute werde ich sie wiedersehen_, und er
+verabschiedete sich höflichst von allen.
+
+Ein Dorf streckte sich in die Nacht mit Zitterstimmen, Schleichtritten,
+Wirrstimmen, dem dumpfen Gerassel der Kühe in den Ställen und dem Anschlag
+der Wachthunde.
+
+Gärten.
+
+Eine Böschung hinab: der Schlangenstrom und magischer Kugelmond hinter
+Krüppelweiden im Nebel hoch.
+
+Der Landstreicher hatte ihn eingeholt. Er trug ein gelbes Wollhemd und
+hatte Haare auf der Brust. Er dünstet stark aus. Er legt eine welke
+Holzhand Kurt auf.
+
+Kurt schrie.
+
+Er wollte sich wehren . . .
+
+Er bellte wie ein Hund und zog die Beine an.
+
+
+
+
+Der Idiot
+
+
+(. . . Er aber kroch immer mehr in sie . . .)
+
+Als er sie zum erstenmal erblickte -- das war mitten am hitzigen Tag auf
+der Friedrichstraße . . . doch er erhaschte flüchtigen Blicks nur ein
+helles Rauschkleid --, da schlugen weiße Blütenwälder auf, bedeckten ihn.
+
+Die ihm begegneten, rempelte er an. Die aber schrieen: »Oha!«
+
+Er aber sann: ». . . und so wirken sie aufs Ganze auch im geringsten. In
+jedem Wort, durch jede Geste. Ihre Handflächen bedecken Kontinente, und
+glühen ihre Augenmulden, jubeln getröstet alle Armen auf. Doch heulet
+trunken ihr Mund, endloser Trichter, zerreißen Schallwellen Damm, Gebäude.
+Deren Tränen rühren schmerzlich unerkannte Himmel, deren Lächeln aber
+streichet, Kühlwind, lindernd über erstarrte Falten auf verhärmten
+Kindgesichtern, in allerfernsten Träumen. Doch nur Fäuste erhoben --: und
+ihr seid Zeuger geworden tumultuöser Gewitter . . .«
+
+Das zweitemal traf er sie -- acht Tage hernach -- am Abend des
+Kaiserjubiläums. Fahnen brausten hoch über dem Platzgewimmel. Plötzlich
+explodierte alles. Militärmusik, Menschenmasse, Feuerwerk, und einer, der
+immer schrie »Hoch! Hoch!« . . . und der K. Akademieprofessor Crispin Adolf
+Ritter von Beermann, erhöht, auf birkenlaubumwundenem Podium, der reckte
+beschwörend -- goldblond -- Hand und Zylinder, doch Maximilian Stössinger,
+Dirigent der vereinigten Militärkapellen, dick auf dickem Tanzschimmel den
+Taktstock . . . und hinter dem mittleren Fenster ersten Stocks (samtroter
+Teppich fiel über, streckte sich, eine ungeheure Rotzunge, heraus . . .)
+ward sehr deutlich der Vorhang bewegt, allen sichtbar, knickste und sank.
+
+Und da stand sie, im Gebraus der Fahnen über dem Platzgewimmel, im
+Flackerschein entsteigender Pechflammen, im Gedröhn der musikalischen
+Explosionen, den Kopf nachdenklich gesenkt, halb zur Seite geneigt. Sie war
+sehr groß, überragte viele. Und Hans Marterer bemerkte, sie trug auch einen
+Hut mit einer großen, sehr grünen Pleureuse, die wippte unausgesetzt und
+zuckte immer sehr nervös, wenn der eine »Hoch! Hoch!« schrie. Das brachte
+die Lüfte in Aufruhr. Es flammte. Wolken trommelten.
+
+Er dachte an die Wäsche, die Windeln, Hemden, Unterhosen, die weiße,
+bogenförmig ausgeschnittene Wand, die einst auf grüner Wiese steckte. Der
+Wind bauschte sie. Es knallte. Und weiter: »Wie schön, sich in der
+Hängematte wiegen, schwingen! . . . Die Schaukel . . .«
+
+Da krümmte sich jener Jagdgehilfe, den man vorgestern im Garten einer
+Wirtschaft unter einem Handkarren aufgefunden, der sich im Rausch mit dem
+Hirschfänger den Bauch aufgeschlitzt hatte. Den brachte Marterer nicht aus
+dem Sinn. Dann aber überkamen ihn wieder geräuschvolle Riesenbrände und
+Revolutionen. Es rauschte kühl, wehte grün. Doch als die Menschenmasse
+polternd und heulend die Straßenschächte hinabrann, versank auch sie,
+gefolgt von einem glitzernden Sternlein, das klirrend -- ihr nach! --
+unterging.
+
+Hans Marterer ward in die Vorstädte verschwemmt. Trieb bald allein dahin.
+Doch stieß immer rechts irgendwie an gräulichen Ufern an. Sträucher
+streiften ihn weich. Winter war. Ein höckriger Mond humpelte über schräge
+Silberflächen. Weißer Nebel stieg. Roch schwer. Der Himmel aber, der Stadt
+zu, rot entzündet. Doch die Nacht vollkommen weiß. Ganz von kühlen
+Residenzen durchbaut. Menschen, Wagen, anmarschierende Paradetruppen,
+Trommeln, Pfeifen, Zylinder, Tanzschimmel, Taktstock wirbelten, und immer
+noch der eine, der schoß, Rakete, zwischendurch, geröteten Kopfs, heiser,
+Quollaugen, Zunge lang aus dem Maul: »Hoch! Hoch« . . . und die Pappeln zu
+beiden Seiten, trotz Nacht sehr grün leuchtend, zuckten heftig.
+
+Hans Marterer wiederholte sich: »_Sie werden sich ja doch alle einmal in
+die Arme fallen, auf eine kurze, selige Zeit:_ >Seht! Seht!< werden sie
+einander zurufen . . . >Seht! Seht!< . . . und: >daß wir es nicht gesehen
+haben, daß unsere Augen so mit Blindheit geschlagen waren . . . seht! seht!
+. . .< und werden Tore einrammen, Paläste verbrennen und -- die Majestät im
+Hemd ertappen.«
+
+Er trieb einer Kreuzungsstelle von Trams zu. Teeröfen qualmten.
+Schienenhobel scharrten. Feuerschein. Pechflammen entstiegen. Nackte
+Rußmänner mit behaarter Brust sprangen fluchend und heulend umher,
+Eisenhauen geschultert. Unterhalb zerfallenem Haustor italienisches
+Mädchen, bunten Kopftuchs, zerschlissenen Schals: »Maroni, Herr, Maroni
+. . .«
+
+Sie kicherte immerfort, wie irrsinnig.
+
+Marterer blieb stehn. Senkte nachdenklich den Kopf, halb zur Seite geneigt,
+und ihn überkamen wieder geräuschvolle Riesenbrände und Revolutionen.
+Tiefer neigte er. Wollte Boden mit Wange berühren. Aufgelöst, dankbar. Der
+auch ihr Boden war! Die Knie zitterten. _Noch ließ er sie nicht los . . ._
+
+(. . . Der Jagdgehilfe krümmte sich . . .)
+
+Marterer zuckte hoch. --
+
+Er sah sie wieder in der »Großen Oper«. In der »Götterdämmerung«. Wieder
+acht Tage hernach. Er schwitzte. Er dachte: »Gott! Welche Musik!«
+
+Sie aber saß dicht vor ihm, Goldkette um den Hals, Haar in einem Knäuel,
+daneben ein kleiner Bauchherr, roter Glatze und Faltennackens. Marterer
+seufzte: »Gott, welche Gesellschaft!«
+
+Da drehte sich der Kleine um. Weiße Weste mit Goldkette, rinnend über
+Kugelbauch. Man sah --: der trug einen Ordensstern auf der linken
+Brustseite. »Vielleicht ist das der berühmte Komponist Richard Wagner
+selber«, überfuhr es Marterer plötzlich. Da streichelte sie dem Kleinen die
+Wursthand, flüsternd: »Wie schön, Dickerl!«
+
+Und er: »Wahrhaft erhebend, Erna!«
+
+Da wandte auch sie sich um. Ihr Blick brach in ihn. Ein Vorhang rauschte.
+Schlug ihm Kopf ab. Prasselten: Regen, Schwerter, Hufe, Peitschenhiebe. Er
+war aufgestanden, aber wieder setzte er sich, gebückt, nein, halb nur
+. . . tastete vor sich hin . . . suchte . . . (heller, als ob er schon
+fände) . . . an sich hinunter . . . etwas . . . beschaute sich: »Weiße
+Weste? Goldkette? Kugelbauch? Ordensstern? . . .«
+
+Hans Marterer vergaß weißes Rauschkleid, Kaiserjubiläum, Große Oper. Er
+schrie: »_Ich will das Leben haben!_«
+
+Er zerrte, er stieß alles von sich. Er irrte. Traf wo eine. Die nahm ihn
+mit. Geknister über ihm, nahm zwei Stufen auf einmal. Oben.
+
+Fragte den Namen. Weshalb? Kenne ihn. Erna. Weißes Rauschkleid,
+Kaiserjubiläum, Große Oper. Ihm schwindelte. Ob man ihn für Narren halte?
+Sie beteuerte. Er packte sie: »Weg! Weg!«
+
+Und aufschreiend: »Ich will das Leben haben!«
+
+Sie hakte sich in ihn.
+
+Er schlug ihr ins Gesicht.
+
+Sie wehrte ihm nicht. Sank nur hin, ermattet aufs Bett. Er schlug sie
+wieder. Diesmal mit dem Handrücken. Sie wehrte ihm nicht. Dann wieder mit
+der Handfläche. _Aber ein jedesmal schob sich die Schlagfläche rasch vor,
+durchschnitt ihn . . ._ Sie wimmerte. Er schlug sie von oben herab,
+mechanisch, zählte leis, zuerst die Nase, bis Blut sprang, hart über die
+Stirn.
+
+Sie wehrte ihm nicht.
+
+Brach herab ins Knie.
+
+Er trat: »Weg! Weg!«
+
+Sie erfüllte ihn ganz. Umkrallte ihn. Er rang mit ihr.
+
+Er tastete sich, gebrochen, hinunter. Lichtstümpfchen verlosch. Da sah er
+sich im Dunkel, wie in einem tieferen Spiegel, sehr weiß von Gesicht, die
+Augen kohlschwarz umrändert, die Lippen dunkelrot geschminkt, mit in die
+Stirn fallenden Franshaaren, die Hände schmal und vorgestreckt, mit blauem
+Ring im Harlekinanzug, als Knabe (. . . und eine Gouvernante zwitscherte:
+»Hans Tolpatsch, du wirst nie dem Riesen das Haupt abschlagen . . .«).
+
+Er wehrte, beschwor: »Nichts! Nichts! Alles in Ordnung.«
+
+Der Schatten wich.
+
+Als er aber das Haustor öffnete, _ertappte er sich bei einer Bewegung, die
+er bei seinem Vater kannte._
+
+Er schlug sich verzweifelt vor die Stirn: »Gott! O Gott!«
+
+Es roch nach Bäckereien, Brauereien. Arbeiter schritten rüstig. Er deckte
+mit beiden Händen das Gesicht. Schluchzte:
+
+»Abtöten, abtöten . . . Abreißen, ausreißen: Arme, Beine, den Kopf. Alle
+Glieder . . . Abtöten, abtöten . . . Bauch aufschlitzen, Brust aufreißen!
+Wühlen, wühlen . . . Fleisch! Das Fleisch! Das Tier . . . Einsam werden,
+rein. Ganz Geist. Selig sein! Heilig . . .«
+
+Haine rauschten. Lerchen sangen.
+
+So ward es Morgen.
+
+Marterer setzte sich einen Augenblick. Wusch sich an einem Brunnen. Strich
+sich die Haare glatt. Richtete sich auf. Bog in die Krausenstraße. Der
+Gastwirtschaft und Metzgerei »Zum grünen Hof, ausgeübt von Alois Lüttich«
+gegenüber. Alois Lüttich aber stand in der Tür, gelben Schnurrbarts,
+aufgeblasen, in einem weiß-blau gestreiften Trikot, die weiße
+blutbespritzte Schürze über, mit Hängebauch, schwarzer Soldatenhose.
+
+Vor ihm ein Feld roten Trottoirs.
+
+Auf anderer Seite Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen, Henkelkörbe
+unter Hakenarmen, schnarrend, dürre Hennenhälse ausgerenkt nach oben.
+
+Herr Lüttich begann schon sein Gespräch: »Schöner Tag« usw.
+
+Doch plötzlich Hans Marterer: »Wen haben Sie denn da abgeschlachtet?«, auf
+das Feld roten Trottoirs vor sich deutend, und bemerkte, daß Blut in der
+Straßenrinne handhoch stand. Ablaufkanal verstopft --
+
+Und der Lüttich: »Tjaja, drei Tag verheiratet.«
+
+Und schon fiel die Lüttich ein, lebhaft gestikulierend, die Hände immer
+über den Bauch zusammenschlagend, wobei der Schlüsselbund ein jedesmal hell
+aufklirrte:
+
+»Schad, schad . . . So a hübsch Weiberl, erst ihre achtzehne alt, drei Tag
+erst verheirat, a Kreuz is, wenn is sag, und springt die eim zum Fenster
+nunter, heut früh, um halb siebene . . .«
+
+Es verfinsterte sich.
+
+Doch gleich wieder sprang Licht auf.
+
+Dienstmädchen, Marktweiber, Küchenfrauen in breiter Front über den Fahrdamm
+. . . der Schlüsselbund der Frau Lüttich klirrte. Eine tiefe Stimme (und
+ein Polizeimann warf die Hand): »Sie, Herr, gebens acht, daß net
+neintretn.«
+
+Es qualmte, klingelte, rauschte weiß. Eine Masse teilte sich, wich zurück,
+in die Knie --: Kreuz, Weihrauchkessel, Priester, Trauerwagen, gefranstes
+Wieherpferd . . .
+
+Schwenkte und schwand. --
+
+Als Hans Marterer aus der Betäubung erwachte, las er: Grubenstraße. Eine
+Glocke schlug, mittel und bestimmt. Die Schule war aus. Kinder wälzten
+sich, farbige Würfelströme. Das überschlug sich kreischend, zerflutete.
+Zuletzt kam der Schulinspektor, blickte nach allen Seiten um, grüßte wen in
+der Ferne, stieg in die Tram.
+
+Hans Marterer fuhr weiter:
+
+»Ist der ihr nachgelaufen? In der ersten Nacht, in der zweiten Nacht und
+wieder in der dritten? Keuchend? Nackt? Fürchtete sie sich vor ihm? Glaubte
+sie wohl, von ihm ermordet zu werden? Sie wußte ja wahrscheinlich gar
+nichts von alledem . . . _Hat er sie geschlagen?_ Zu Boden geworfen?
+Brutal? Doch untergekriegt? . . . Aber auf jeden Fall: sie ist um halb
+sieben heute früh -- jetzt ist es dreiviertel fünf! (schaute auf die Uhr)
+-- zum Fenster hinuntergesprungen, war achtzehn Jahre alt -- hört ihr! --
+und drei Tage verheiratet.« Und das in einem anklägerischen Ton, als
+drängten viele um ihn.
+
+An einem Instrumentenladen, einer Tischlerwerkstatt, einer Vogelhandlung
+kam er vorüber. Grüne, rote, silbern schillernde Vögel saßen auf
+weißgestrichenen Stäben in goldenen Käfigen. Ein Papagei sprach. Weiße
+Mäuse rannten durcheinander. Wie irrsinnig. Die hatten blutunterlaufene
+Äuglein.
+
+Er erinnerte sich wieder des Jagdgehilfen. Jene Wirtschaft aber hieß: »Die
+frohe Welt«.
+
+»Das ist der Unterschied«, bei sich.
+
+Doch aufschreckend:
+
+»Die gehen nun vielleicht Arm in Arm miteinander. An einem Tag, der schön
+ist. Einem Sonntag vielleicht. Die treffen sich irgendwo in der Stadt, vor
+einem Café, unter einem Torbogen, am Bahnhof oder er holt sie ab oder auch
+umgekehrt. Sicher trägt sie einen großen weißen, runden Strohhut mit
+Flatterbändern. Doch die Bluse, die ist noch nicht ganz zu -- sie hat ja so
+Eile gehabt! --, und so richtet sie an sich, zieht an sich herum, die erste
+Strecke des Wegs . . . und dann erst ist alles in Ordnung. Er hat aber
+immer noch etwas an ihr auszusetzen, Hut zu tief im Gesicht, Rock zu weit,
+Gürtel zu locker, nicht in der Mitte . . . und so frozzelt er sie, bis die
+sich endlich losreißt:
+
+»Du Frechling!« und schmollt.
+
+Er aber greift sie wieder, sagt irgendein böses Wort, da aber hält sie ihm
+lachend den Mund zu --: und dann küssen sich die beiden herzlich, wenn
+niemand herschaut. Man trinkt sich satt aneinander, bleibt ganz für sich,
+unter Bürgermenschen, Tanzmusik, Karussellorgeln, Dampfergewimmel,
+vaterländischen Vereinen.
+
+So war wohl jeder schon einmal fröhlich, jubelte, hatte er seine Liebste
+heimgebracht: »O du, du meine liebe Kleine!«
+
+Wie koste ich meine eigene Jugend aus! Die ist ein schwingendes Plateau
+hoch auf schlanken Zedernsäulen unter einem freundlichen Blinkstern. Das
+alles, das eines Tages verschwunden war. _Und die neue Landschaft war da,
+die endlose Öde unter Brennsonne und verwunschenem Mond . . ._
+
+Wie sich die beiden haben! Wie sie miteinander tanzen!
+
+Von jeder Art Körperlichkeit ist abgesehen. Lichter sind sie, den Bergen
+entlang. Flammen in feuchtem Grund.
+
+Es ist ja bei derartigen Dingen gewöhnlich weit anders, als man gemeinhin
+anzunehmen geneigt ist . . .«
+
+Diesen Tag verbrachte er im Bett. Nahm Morphium. Er flog buntgewirkte
+Teppiche hoch.
+
+Der Abend aber machte sein Zimmer leuchtend hell.
+
+Hans Marterer ging hinab.
+
+Grüne Kränze die gelben Bogenlampen umschwebten.
+
+Café »Dom«.
+
+Er duckte sich in seine Ecke. Rauchte stumpf. Entschwebende Ringe. Dann
+stieg es wieder klarer auf, -- etwas jubelte! -- mühte sich hoch in ihm, in
+Windungen.
+
+Er dachte an einen Sommeraufenthalt, sehr fern in der Schweiz, in der
+Kindheit, irgendwo, an eine Bergbesteigung.
+
+Musik stieg in Spiralen.
+
+Er sann: »Es gibt zwei Welten. Die eine heißt: K. Akademieprofessor Crispin
+Adolf Ritter von Beermann, Kapellmeister Maximilian Stössinger, grüne
+Sportmütze und »Hochhoch!«, entfalteter Kavalleriemantel, Richard Wagner,
+Bauchherr, Familie Lüttich. Die andere aber: Jagdgehilfe, Maronimädchen,
+Feuerschein bei Nacht, die späte Nachhausekehr im Morgen, die Zerstürzte
+. . . Nie werden die beiden zueinander kommen. _Der mittelnde Geist aber
+sei verdammt! Er werde gesteinigt! Man kreuzige ihn! . . ._ Zwei Welten.
+Aber es ist schon viel getan, wenn ein jeder zu der seinen kommt . . .«
+
+Breit prallte das Orchester gegen die vier Wände; die Spiegel zitterten,
+die Aufsätze klirrten, die Tassen auf den Tischen . . . prallte zurück,
+prallte wider, wider.
+
+Die Instrumente stiegen herab, Flöte, Violine, Cello, Zymbal.
+
+»Sie sind eine aufgelegte Lügnerin, Sie Violine. Sie sind eine ganz gemeine
+Flöte.«
+
+»Wie meinen Sie?« machte die Flöte, sah von unten auf, blähte die
+Pausbacken.
+
+Er war mißtrauisch geworden. Man hatte ihn täuschen wollen. Offenbar. _Er
+aber hatte die Schwindlerin entlarvt._
+
+Da rauschte es grün auf. Kühl wie aus unermeßlichen Waldgründen kam es. Und
+sentimental:
+
+»Länder, wohin unser Fuß nie tritt.«
+
+Und sie saß nur zwei Tische von ihm: ragend, strahlend (die grüne Pleureuse
+wippte), und neben ihr -- den kannte er -- ein Stadtreisender,
+kahlgeschoren, im Gehrock, schlank, elegant, dünnen Strohbart aufgedreht,
+Arme in die Hüften gestemmt. Er gab sich gern als Korpsstudenten aus, trug
+Bierzipfel, dreifarbenes Band.
+
+Sie sog aus einem Halm.
+
+Und um ihn.
+
+»Weizenbier, Herr Köpke, ich sage Ihnen: glänzend!« --
+
+»Wenn Sie mit mir sprechen, dann tuen Sie gefälligst den Hut ab!« --
+
+»Der Platz ist frei. Allerdings . . .« --
+
+»Der Stoff, der mich alleine seine fünfzig kostet . . .« --
+
+»Sie scheinen eine große anzügliche Intimität zu besitzen, mein Herr
+. . .« --
+
+»Ach ja, der Chiemsee! Der Chiemsee . . .«
+
+Ein älterer Herr mißbilligte die Wehrvorlage, soziale Fürsorge, Ausbau der
+Eisenbahnlinien, Heilstätten für Tuberkulöse, Mesothorium. Ein Einjähriger
+widersprach ihm. Notwendigkeit der Grenzbefestigungen, neuer Regimenter,
+Nutzen militärischer Organisation, Volkserziehung usw. Die Hinrichtung des
+Raubmörders Sternickel, das verunglückte Festspiel Hauptmanns, eine
+drohende Bierpreiserhöhung im selben Ton, in einem Zug.
+
+Kellner schoben. Weißbier schäumte.
+
+Da lachte sie ihm glatt ins Gesicht. Auch der Stadtreisende lächelte.
+
+Marterer errötete. Besah seinen Anzug.
+
+Jenes Gesicht aber zerschlagen. Bisse, Ausschläge, Striemen; überpudert;
+unter Schleier.
+
+Man sang sich an, trank sich zu. In nächster Nähe aber: »Der guckt wie aus
+einer anderen Welt.«
+
+Marterer zuckte hoch.
+
+Mußte sich festhalten. Doch gleich wieder versank er:
+
+»Nun, wann werde ich über dies alles getröstet sein: euere einsamen
+Sonntage, euere suchenden Promenaden im Stadtpark, die Schwermut euerer
+Singspielhallen . . . _Die Gitter euerer Gefängnisse aber werden zu
+Strahlen der Sonne werden. Ihr werdet durch sie hindurchschreiten,
+erleuchtet und gewärmt._«
+
+Er flehte.
+
+Dessen Blicke durchirrten Gänge, Gewölbe. Fanden keinen Ausweg.
+
+. . . Eine weiße Gestalt . . .
+
+Nahte gebeugt ihr. Tastet sich an sie.
+
+Bemerkte noch: der Stadtreisende maß ihn streng . . . schon in nächster
+Nähe . . . wollte aufbrechen . . . sie aber nahm dessen Hand: es belustigte
+sie so . . . bat ihn . . . _Marterer kroch_ . . . der Stadtreisende mahnte,
+erhob sich halb . . . sie aber wollte noch die Musik abwarten, die aber
+fing immer wieder von neuem an . . . auf allen Vieren schon (die platzten
+vor Lachen! ): »Den Saum nur deines Gewandes!« Jemand reichte einen großen
+gelben Überzieher, der verhüllte sie auf einen Augenblick. Sie tauchte
+wieder empor. In Schönheit.
+
+Zerspringender Triller.
+
+Da --: er berührte sie.
+
+Sie hob die Hand nur ein ganz klein wenig, die kleine flache Hand.
+Lächelte, streckte, verzog das Gesicht, das kleine Gesicht (wie maß ihn der
+Stadtreisende streng!) . . . aufbrauste sie . . . Stöcke, Gläser, Tassen,
+Schirme, Kannen, Stühle und über allem, hoch über allem:
+
+»_I--d--i--o--t!_«
+
+Das kotzte sie.
+
+Man trat ihn durch den Saal. Puffte, bespie ihn. Tür schon offen . . . --
+er kollerte im Bogen. Einige ergriffen die Partei des Idioten. Eine
+allgemeine Schlägerei entstand. Massen wälzten sich. Gekreisch. Hüte
+flogen. Zuletzt erschien, groß und gehäbig, der Türsteher, ein Neger in
+blauer, goldbetreßter Uniform; blendend. Brüllte. Der Idiot aber übersann
+noch:
+
+»Werde ich aus der Schule gejagt?«
+
+Schutzleute drückten sich. Tumult schwoll. Bis wer schoß.
+
+Nebel ballte sich.
+
+Der Idiot aber flüchtete aufwärts, immer aufwärts, hochgespült, wie in
+einem Schacht, -- oben glänzte etwas blau -- um- und umgewirbelt, wie in
+einem Strudel. Stieß immer an Wände. Riß es in sich, würgte ihn mühsam
+hinunter, diesen Brocken, hartkantig, kristallen:
+
+»I--d--i--o--t!«
+
+Das aber schallte auch hell und weit.
+
+Nebel ballte sich.
+
+Er schob diese graue Wand immer vor sich her, mit beiden Händen. Endlich
+teilte er sie auseinander, zu beiden Seiten: Häuserreihen,
+Fenster-Bleiaugen, Balkone sprangen, Gebisse, vor. Stadt, Vorstadt, das
+Ende. Ein rotes Wolkenfeld am Himmel:
+
+»Steh ich auf dem Kopf?«
+
+Hügel.
+
+»Eine Palme?«
+
+Aber ein großer grüner Vogel flog auf.
+
+»Es gibt also Vögel, die Blumen, Vögel, die Bäumen gleichen . . .«
+
+Er sank erschöpft auf einen Stein nieder.
+
+»_Verfall ist. Aber schon spielet Abglanz neuer Welten auf zerwirkten
+Gesichtern. Sie fallen unter aufsprühenden Lichtbündeln und unter
+Siegesposaunen, die der Zukunft Geweihten . . ._«
+
+Aus Grauen tauchte die Stadt. Feuerschein und Waffenlärm. --
+
+Der Idiot aber saß auf seinem Stein. Seine Augen ruckten in den Boden. Er
+ließ sich los, versank im blühenden Chaos der Zeiten. (. . . rote
+Zipfelmützen, bunte Lager, fratzenhafte Schiffsschnäbel . . . bis endlich
+jener Knabe dem Riesen das Haupt abschlägt . . .) Und dann --: eine Sonne!
+Fernste Dinge erkannten sich. Er fühlte sich schwächer werden, schwächer.
+Der Fels aber flammte. Gekrönte Stirn. Die Welt wuchs.
+
+Er breitete die Arme an ein imaginäres Kreuz. Verrann . . .
+
+Das Meer aber bäumte sich, erstarrte schimmernd im Gebirg. Die Ebene
+streckte sich. Ihre Wasser gähnten, ihre Wiesen schäumten, ihre Wälder
+atmeten. Die Stadt erklang. Tausend silberne Glocken, Trompeten
+schmetterten, Gesänge strömten. Ein Glanz lag auf wehenden Fahnen und
+Menschenzügen.
+
+
+
+
+Um Dagny heulen wir Gespenster . . .
+
+
+Studie zu einem Roman
+
+
+
+
+ _Wie ein sterbendes Tier
+ Lieg' ich in deinen Armen . . ._
+
+
+ _Dagny._
+
+
+ _Mais de toi je n'implore, ange, que tes prières . . ._
+
+
+ _Baudelaire._
+
+
+
+
+
+I Die grüne Nacht
+
+
+Er saß, mitternächtlich, an einem der kleinen Marmortische des
+»Urania-Cafés« -- (. . . da die ungarische Magnaten-Kapelle phantastische
+Lawinenflügel hochspannte, von zagem Anflug, ekstatisch-blendender
+Kulmination, sentimentalisch-jämmerlichem Hinfall . . . wiederum mit
+tödlichem Attacken-Elan gegen dunsenes Himmelsgemäuer aufprallend, . . .)
+-- der junge deutsche Mann, normal gebaut, bürgerlich aussehend, die
+dunklen Haare geordnet -- weit in die Stirn gekämmt --: Jean Bousset.
+
+Ein schmächtiger Herr, ein Vierziger, trat zu ihm, fragte höflichst, ob
+wohl ein Stuhl noch frei sei, setzte sich umständlich ihm gegenüber und
+bestellte einen heißen Tee (mit Zitrone).
+
+Jean Bousset achtete seiner kaum, fuhr fort in der Betrachtung der
+niederschmetternden Wucht einer ferngelegenen Großstadt, jenes B . . ., in
+dem Dagny weilen mußte, Dagny, seit deren geheimnisvollen Flucht von M
+. . . . . . Jean Bousset, feminin-schändlich, wie er war, einen Untergang
+forcierte. Hatte er sich doch geradezu, im Verlauf zweier Wochen schon, ein
+System des Verfalls zurechtgebildet, indem er häufig Hemmungen in den
+allgemeinen Abrutsch einschob, -- so _markierte_ er den raffinierten
+Dekadent, den zersetzungseitlen Genußmenschen! -- umfangreiche
+Verzweiflungskomplexe plötzlich willkürlich abbrach, gewisse »Kunst«-Pausen
+zwischenschaltete, darin er sich allen Symptomen der Verwesung restlos zu
+entziehen vermochte, bürgerlich-gesittet und beamtenhaft früh am blauen
+Morgen dahinflog, sich aber bald wieder, ein Rowdy, ausgehungert und
+fieberig in den Zertrümmerungstrichter giftiger Nächte stürzte, heulend an
+einer niedrigen Nebelatmosphäre zerschellend, (ein elendes Wrack), von
+elektrischen Monden beaudelaire-trüb zerschwiert.
+
+Da riß ihn, Jean Bousset, den Entsunkenen, ein dünner Luftzug wach. Es
+waren die funkelnden Augen seines Gegenüber (eines seltsamen Ungetüms, wie
+Jean Bousset auf einmal wahrnahm), die ihn getroffen hatten. Ein scharfer
+Verwesungsgeruch -- wie wunderbar! -- strich. Die grauen struppigen Haare
+des Fremden (wenn man von schimmeligen Moosflechten also sprechen darf)
+knisterten jäh auf in einem grünlichen Schein, der intensiv durch die
+wehenden Vorhänge von außen, wo ein wimmernder Tumult erscholl, eindrang.
+Transparent gloste im schmalen hageren Gesicht die Backenhaut, die
+zerfressene Nase schimmerte, der Mund, ausgefretzt, stellte sich
+geheimnisvoll schief, die knöchernen Finger hoben und senkten, spreizten
+und querten sich unter magischem Zeichen.
+
+Dies Gespenst (diese tagscheue Schauerfratze, dieser wohlverleichte
+Bureaukrat oder verruchte Totenkommis!) rief mit pfeifender Stimme den
+Kellner, zahlte klirrend, stand unbeholfen auf (so, daß der Stuhl
+umklappte), ließ sich in einen dünnen schäbigen Überrock helfen, nahm den
+großen, schwarzen Hut zur Hand, der einem Wagenrad glich, verbeugte sich
+tief vor Jean Bousset und zischelte, schon halb in der Tür, noch rasch in
+einem gebrochenen Deutsch:
+
+»Gestatten Sie mir, mein junger Herr, daß ich mich Ihnen vorstelle: ich bin
+Philippe (wenn Sie wollen, kommen Sie ungestört mit!), zurückgekehrt, zu
+spazieren durch die grüne Nacht!« --
+
+-- -- Die Nacht war grün, verworren-grün, katholisch-grün, eine betäubende
+Mischung von Chloroform, Blüten und heißem Fleisch. Die Häuserkais,
+triefend und alt, wölbten hoch imaginäre Spitzbogen, schwelende Kerzen
+starrten rings qualmende Fabrikschlöte (die auch finsteren
+hintergründlichen Cellisten im Orchester eventuell vergleichbar wären).
+Sturmzerschlagene Masten, abgehackte Baumarme streckten sich: Kreuzstämme,
+an verhüllten Horizonten hochwachsend, verbogen und zerdehnt. Die Orgel der
+Straßenwagen, Menschentritte und Hundelaute ratterte.
+
+O du endlos ragender, mystisch-hochheiliger Nachtdom! . . .
+
+Philippe und Jean Bousset schritten eng nebeneinander, schweigsam, Arm in
+Arm. Wortlos hatten sich die beiden angefreundet, war der Fremde doch ein
+Jean Boussets längst Bekannter. Ja, er liebte diesen geradezu, abgöttisch
+umschwärmte er ihn, er verehrte ihn kniefällig: Charles-Luis Philippe, den
+Franzosen, diesen geharnischten Apostel öliger und dumpfer Nächte, diesen
+unentwegten Durchforscher menschlicher Gehirnlabyrinthe, diesen
+gewissenhaftesten Aufzeichner subcutaner Schlachten, immer korrekt und
+kühn, inmitten der ihn umschwirrenden Seuchen und berstenden Vorhöllen.
+
+Eine Gasse schob sich finster an, die fast senkrecht, abstürzte . . .
+
+Aus schwarzen Wasserlachen blinzten schwankende Gaslaternen. Eine
+Kasernenmauer stand schräg zu einem Kehrichtstrom mit Flössen, Tonnen und
+Petroleumflecken, die bunt schillernd obenauf schwammen.
+
+Vorgebeugt, spitzen Kindergesichts, schmal und goldblond war sie, die
+Kleine, die den beiden, als sie eben im Begriff waren in eine Unterfahrt
+herabzubrechen, begegnete. Ein scheuer Hund, schlich sie, in kurzem
+schwarzen Kleid mit weißem Spitzenkragen.
+
+Was für ein Mädchen!
+
+Ein Schrei!
+
+Jean Bousset griff sich an die Stirn, die heftig blutete . . .
+
+Da schwebte unter vieler Glocken Gezymbel, dem Siegesgeschrill zahlloser
+Vogelchöre, dem Triumphgeschmetter erregter Straßenläufe des Lebens
+Nährmutter und Fürsprecherin, _unser aller Sonne_, in heiliger Frühe
+. . .
+
+
+
+
+II Jean Bousset
+
+
+Nicht zu leugnen --: seit jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . .
+(bei der, wie sich immer mehr und mehr herausstellte, Georg Forstner die
+Hauptrolle spielte, Georg Forstner, der einzige unter den jungen Leuten,
+diesen Romains und Adolphes, der den Mut hatte, sich als Deutschen zu
+bekennen . . . denn auch Jean Bousset hieß ursprünglich Hans Witting) seit
+jener geheimnisvollen Flucht Dagnys von M . . . war Jean Bousset
+vollständig zusammengebrochen.
+
+Ja, Dagny war der geeignete Angriffspunkt, eine uneinnehmbare Stellung, wie
+sich bald herausstellte, ein sturmsicheres Objekt, auf das Jean Bousset
+unermüdlich und verachtungsvollst seine von vornherein nutzlosen Attacken
+konzentrierte, an Dagny zerhetzte er seine Kräfte. Wie herrlich war es,
+sich zu vernichten, wie reizvoll dieser Rückzug, diese Auflösung einer
+glänzenden Armee!
+
+_Nun tauten aus Schwäche und Ohnmacht, Gefühlsruinen und Zusammenstürzen
+klingende Himmelfahrten und jubelnde Aufbrüche!_
+
+Die Abreise Dagnys von M . . . lag vier Wochen zurück.
+
+Dagny, das kleine blonde Tier, hatte ein Todesurteil gesprochen.
+
+Jean Boussets Blut, gepeischt und berauscht, revolutionierte.
+
+»Fetzen«, zischelte er, erfüllt von maßloser Empörung, aber er ergab sich,
+blaß, demütig und fromm (. . . beseligend: sich so wegwerfen zu müssen
+. . . tiefer, immer tiefer, wenn ich bitten darf . . . haben Sie vielleicht
+nicht noch eine etwas unfreundlichere Kammer, Madame, ein Kellerloch, das
+genügte, sehr feucht, rechteckig und hölzern? . . .)
+
+Jean Bousset zog sich auf sein Zimmer zurück, früh am Abend, legte sich zu
+Bett und begann, die Hände wie zum Gebet gefaltet (. . . derweil seine
+Augen Distanzen durchstachen, tief einmündend in jenes morbide
+Hyazinthenwunder . . .):
+
+»Erhöre mich, ich flehe zu dir, großer, allmächtiger, ewiger Gott! Ich bin
+niedrig und voller Qual, widerlich und unausstehlich, ein elendes, vor dir
+winselndes Vieh, das -- o wolltest du! -- bald Frieden finde,
+zusammengekauert, zu deinen heiligen Füßen liegend, in einem kleinen
+einsamen und stillen Winkel.«
+
+»Meine Herrlichkeiten, die die Menschen nennen, heißen im Grunde Betrug und
+Verrat und sind ohne Bestand, und ich danke Dir, Dir Linderer meiner
+Schmerzen, daß Du mir Deinen Trost schicktest, Dein süßes Gift, das ich, so
+er sich wild aufstürzt und empört, dem armen Leib eingebe.«
+
+»Ich danke Dir für den Tag, ich sage Dir Dank für die Nacht. Ich preise
+Dich ob der Wunder und der durchströmenden Wärme des Sonnenlichtes, für die
+Wohltat des Schlafes benedeie ich Dich dreifach.«
+
+»Ich lobe Dich, der Du mich schlägst mit Marter, der mich wirft in
+Gefängnis und Krankenhaus, mich züchtigt mit Jammer und Trübsal, ich lobe
+Dich, Dich Peiniger, der Du die Tritte der Menschen ob meinem Haupte
+sammelst.«
+
+»Siehe, ich bin Dein ekles Tier, eine vernutzte Sache, ein verbrauchter und
+abgegriffener Gegenstand, ein abgelegter Rock, den man zum Trödler schenkt,
+ein Spülicht, ein Kehricht, ein Abfall . . .«
+
+
+
+
+III Die Große Stunde
+
+
+Von Dagny kamen noch zwei Briefe.
+
+Der eine lautete:
+
+»Lieber Jean! Bis heute habe ich es ausgehalten, Dir nicht zu schreiben.
+Ich dachte auch, Du würdest kommen. Ich bin von einer Unruhe, die mich fast
+tötet. Meine Schwester ist im Irrenhaus. Ich habe gespielt in einem Film
+und mach nur noch nächste Woche eine Aufnahme im Freien mit, dann komme ich
+nach M . . . . ., obwohl ich hier meine eigene kleine Wohnung habe. Ich bin
+sehr verzweifelt und denke an Dich, habe immer an Dich gedacht. Ach, ich
+bin verrückt! Mein Herz ist voll und ich kann nicht sprechen. Leb wohl, ich
+wollte so viel schreiben. Wenn ich in mein Bett gehe, treibt mich etwas zu
+Dir, und ich habe mich gewehrt, aber es geht nicht. Vielleicht komme ich an
+und falle tot zu Deinen Füßen. Deine Dagny.«
+
+Der andere:
+
+»Lieber Jean! Es ist eine falsche Ansicht von Dir, mir Geld zu senden. Ich
+bin es gar nicht wert, weil ich huren und stehlen will. Alles Gute. Dagny.«
+
+. . . Jean Bousset kam gegen Morgen heim.
+
+Vogelchöre heulten, daß sich Jean Bousset die Ohren zuhielt. Ein scharfer
+Eiswind warf sich ihm entgegen, eine ganze Welt brannte dahinter. Alles
+hatte sich gegen ihn verschworen.
+
+Als er in sein Zimmer trat, war es von einem hellen blendenden Glanz
+erfüllt. Jean Bousset dachte zuerst, er befinde sich bei seinen Eltern zu
+Haus, in seinem Kinderzimmer, und wäre wieder ganz jung. Daß es nicht so
+war, erkannte er sofort.
+
+Er fiel über einen Stuhl, er blieb über der Lehne hängen, das Gesicht nach
+unten.
+
+Später gelang es ihm, sich aufs Bett zu schleppen.
+
+Er deckte mit den Händen die Augen zu.
+
+Die Große Stunde war gekommen.
+
+Der Mond stieg aus einer grünen Nacht, schaukelnd, unter sprühendem
+Feuerwerk.
+
+Eine andere Nacht nahm ihn, warm und lind, duftig um ihn wehend . . .
+
+_(. . . wie süß du bist, Liebling, wie schön es ist, bei dir zu liegen
+. . . es wird uns leicht, wir schweben . . .)_
+
+. . . eine dritte Nacht, feurig und voll fliegender Brände . . .
+
+_(. . . Bestie! . . . Saukerl . . . He?! . . .)_
+
+. . . eine weitere Nacht, heiß und tiefblau . . . (und er war Staunens
+voll, daß es soviel Nächte gäbe! . . .)
+
+. . . eine weitere Nacht, kühl und erschauernd . . .
+
+_(. . . laß mich . . . he?! . . . etwa dein Schnellschreiber, bei dem du
+. . . Äh . . . keen Geld . . . eene in die Fresse . . . he?!)_
+
+. . . und endlich eine letzte, (. . . da bildeten seine Lippen wohl den
+Namen Dagny . . .) eine letzte Nacht (eng wie ein Bett) hölzern, rechteckig
+und feucht . . .
+
+_(. . . fahr hinab, Liebling . . . äh . . . du?! . . . so schlottrig,
+schmutzig, zerbrechlich und dünn . . . kleene blonde Klapperschlange mit
+großen, abgesprungenen Raubtierzähnen . . . äh . . . Schscheiße . . .)_
+
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Zweiter Teil, by
+Johannes R. Becher
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ZWEITER TEIL ***
+
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+This and all associated files of various formats will be found in:
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+
+Produced by Jens Sadowski
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
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+Creating the works from public domain print editions means that no
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+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
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+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
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+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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