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+Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Erster Teil, by Johannes R. Becher
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Verfall und Triumph, Erster Teil
+ Gedichte
+
+Author: Johannes R. Becher
+
+Release Date: September 15, 2011 [EBook #37435]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ERSTER TEIL ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+Johannes R. Becher
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+Verfall und Triumph
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+Erster Teil
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+Gedichte
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+Berlin
+
+Hyperionverlag
+
+1914
+
+
+
+
+
+Gedruckt bei
+Poeschel & Trepte in Leipzig.
+Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin
+Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf
+Old Stratford abgezogen und in
+der Presse numeriert
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+»Verfall und Triumph« wurde in der Zeit
+vom Dezember 1912 bis zum November 1913
+geschrieben. »Verfall und Triumph« ist
+Frau _Emmy Hennings_ zugeeignet.
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+Inhaltsverzeichnis
+
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+Eingang
+
+Verfall
+Der Freund
+Mystisches Dasein
+Gesang vor Morgen
+Herbstgesänge I--V
+Baudelaire
+Verfall
+Café I--III
+Die Armen
+Der Fetzen I--VII
+Der Idiot
+Geburt
+Deutschland
+Rückzug
+Ahnung
+Beengung
+
+De Profundis
+Päan des Aufruhrs I--III
+Familie
+De Profundis I--XIX
+Krankenhaus I--III
+Totenmesse I--V
+Kleist
+
+Die Stadt der Qual
+Erscheinen des Engels I--II
+Abend
+Gesang zur Nacht
+Die Stadt der Qual I--III
+Bordell I--III
+Begräbnis
+Stunde des Todes
+Der Mörder
+
+Der irdische und der himmlische Gesang
+Berlin
+Mensch im Abend
+Rimbaud
+Der irdische und der himmlische Gesang
+Die Huren
+Der Wald
+Aufbruch
+Die Mutter
+Die Nächte
+Das Dreigestirn
+
+Triumph
+Entrückung
+Trauer
+Elegie
+Fest
+Frühlingsgesänge I--V
+Kino I--III
+Hymne an die ewige Geliebte
+Die große Stunde I--VIII
+Die Geißler
+Drei geistliche Lieder
+Ruhe
+Der Tod
+Triumph
+
+Ausgang
+
+
+
+
+
+Eingang
+
+
+Der düstere Dichter im gewohnten Straßenkleide
+Stelzt durch den heiligen Tag, den Sonne groß entzündet.
+Die blonde Muse trippelt zwitschernd ihm zur Seite.
+Geschwellt vom milden Hauch der guten Frühjahrswinde
+Gibt Stadt mit Menschheit sich anheim der lauen Welle.
+Die vielen Plätze wirbeln um als Karusselle.
+Doch des Gestirnes Scheibe rußet. Finsternis
+Bestürzt die Erde, dunkler Regenwolken Wald,
+Erfüllt mit Ungeziefer, Schlangen Sprung und Biß
+Und brüchigem Labyrinthe, graus und kalt.
+Verachtungsvollst er im verlassenen Café kauert,
+Voll Haß und Ekel er auf brave Bürger lauert,
+Von Speise, Rauch und Gift sich fühlend angewidert,
+Mit Hände kühnem Griff er ein Gehirn zergliedert.
+»Ward Findling ich gesäugt an kranker Mutter Brust?
+Es rütteln Fieber mich. Mich zerren Träume wilde.
+Verdammung schwieret bös aus Nächte greller Lust
+Und ausgehöhlt von Fäulnis schwankt der Jungfrau Bilde.
+Hah! Wenn ich denke meiner reinen Kindheit Raub,
+Entschleudr ich, ein Athlet, der Lieder Eisenbälle,
+Die platzen Bomben, doch verbreiten weitum Helle.
+Der Dämon höhnet. Ja, Verzweiflung schlug mich taub . . .«
+Das Messer in der Tasche und zum Schuß bereit
+Den Browning strolcht er auf dem nächtigen Boulevard.
+Die schmale Dame blinzt und lächelt lüstern-breit.
+Er wartet wohlversteckt vor einer kleinen Bar.
+Er balgt sich öffentlich mit seiner tückischen Katze.
+Die Tiere sich zerfleischen, springen hoch, sich pressen.
+Die Zähne fetzen blutig aus zerstampften Fressen.
+Ihn narrt Vergangenheit mit Schuld und schiefer Fratze,
+Die Zukunft tastet nach ihm, irrer Geist und trüb.
+Den spitzen Schädel rennt er in die Mauer.
+Es ziehen Träume auf voll Qual und blutiger Schauer.
+Um seine schlanken Hüften zuckt der Geißel Hieb.
+Demütig er und knieend flehet Gott um Gnade.
+Er haust asketisch in des Sarges dumpfer Lade.
+Die Hölle brauset wirr, die Himmel sich empören.
+In finsterer Gasse frierend seine Hure schleicht.
+Die sanfte Schwester ihm die laue Suppe reicht.
+Luft stiebet pfeifend aus zerfressener Atemröhre.
+»Wenn ich die Finger krampfend in die Decke kralle,
+Verwünschend meiner Freunde Glück und holde Stunde,
+War anders je mein Los, als daß ich einsam wallte,
+Vernichtung sinnend, klügelnd aus, wie ich verwunde,
+Wie ich gewaltig schreck die gänzlich Unbedachten,
+Umstricke tödlich sie mit schmählichstem Verdachte,
+In selige Räusche menge unerhörtes Gift . . .
+O Rache! Rache, die zurück den Rächer trifft! -- --«
+Jetzt, da der Flüsse Lauf vor Winters Bollwerk stockt,
+Er steigt getrost zu ewiger Grüfte engem Porte.
+Der Blitz sprüht seine Schrift. Im Donner dröhnt sein Wort.
+Ein schwarzer Engel auf dem Stein als Denkmal hockt.
+
+
+
+
+Verfall
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+
+
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+
+Der Freund
+
+
+Er streichet wieder durch die blauen Nächte leis,
+Verstöret mich mit langem Flüsterwort.
+Er ist beständig auf der Weltenreise.
+Er fährt mit heller Lüfte Wolken fort.
+
+Er saß in Trümmertempeln plötzlich ungeheuer,
+Wo rote Düsterlampen schwelten ganz allein,
+Und Rillensäulen sich aufbäumten, Feuer
+Verbreitend, leuchtend ungemein.
+
+Bald hockte er in spitzer Felsen Höhle,
+Von schräger Sonne gänzlich ausgebrannt,
+Die Kinderhände um die Hälse jammernder Kamele.
+Brennender Dorn in Sturm und Wüstensand.
+
+Bis gelben Strom er ward hinabgetrieben,
+Der fiel ins Meer der vielen Inseln licht.
+Von bösen Wintern unberührt geblieben,
+Er wandte sein unwirkliches Gesicht.
+
+Aufschlug ein Wald mit rauhen Blätterzungen
+Und grüne Wiese hob sich halb und sang wie Flöte süß,
+Von großer Liebe Himmel blau durchdrungen,
+Der niederfuhr und Goldposaunen blies.
+
+Auf einem Esel grau durchritt er weite Städte,
+Wo schlanke Palmen bauten wieder Tempel kühl.
+Die Frauen rauschten. Er ward aller Nacht und Bette,
+Dann Sonnenglanz und buntes Marktgewühl.
+
+Nun treibt er wieder mit Gesang und weißen Schafen
+Durch wirre Öde, Fels und düsterer Trauer Hain --
+(. . . Du mögest einmal bei mir schlafen!
+Das enge Bett wär nicht zu klein . . .)
+
+Du bist es, den ich nächtlich oft auf Bänken
+In Parkanlagen oder unten tief am Flusse finde,
+Du armer Bettler, den ich denke,
+Wenn ich den aufgegangenen Schuh mir binde.
+
+Ein wenig gleichst du der Geliebten auch.
+Bist Duft von ihr und Hauch von ihrem Hauch.
+
+
+
+
+Mystisches Dasein
+
+
+Ich bin nur da, um selig dir zu weinen
+Und daß vielleicht mir dieses noch gelinge,
+Auf daß ich makellos vor dir erscheine
+Und nichts mich in Verwirrung bringe,
+Nicht jenes strahlende Gespann,
+Das brüllend sauset über Kluft und Bogen --
+Daß ich von dir nur angezogen
+Mich ganz in dich verlieren kann.
+
+
+
+
+Gesang vor Morgen
+
+
+Da kotzt auf Dächer Mondes schiefer Mund
+Gallgrünen Schleim. Noch Autobusse zögern.
+Die Straße heult, ein aufgeteilter Hund,
+Dadurch wir waten dünn mit Aktenschmökern.
+
+In hohen Lüften Kohlenhaufen glosen.
+Der Wolken graue Röcke weisen Schlitze.
+Geschwollene Scham quillt auf ein Himmel rosen,
+In dessen Fleisch wohl krumme Messer blitzen.
+
+Die Mörder unter düsterem Baldachin
+An Galgen baumeln, schlagend oft zusammen.
+Auf Plätze klatschen Kübel Blutes hin.
+Der Häuser Hüften peitschen Scharlachflammen.
+
+Die Huren sammeln sich vor blinder Kneipe,
+Wie Vogelscheuchen flatternd auf dem Felde,
+Die klappern in der Morgenwinde Kälte. --
+Wir werden uns an fernem Ort entleiben.
+
+
+
+
+Herbst-Gesänge
+
+
+
+
+I
+
+
+Laubkronen schon beginnen zu entschweben,
+Weiß überfallen uns die Dämmerungen.
+Von Fäulnis ist des Himmels Schwamm durchdrungen.
+Wie Schnecken wir an schleimigen Straßen kleben.
+
+Wo bliebst du Held in goldener Strahlen Panzer?
+Du schlafest, Gott, im Haar der Sterne Streifen.
+Von Dunkelheiten sind wir rings umschanzet.
+Geduckt. Vergangenheiten nach uns schleifen.
+
+Der uns in Krankheit warf und Zuchthauszwang,
+Der niederstieß den Stock, daß klaffend sprang
+Der Halle Boden, und den Kopf uns schor --
+
+Gealtert früh und vorzeitig bekümmert,
+Von Lampennacht und eklem Tag verschlimmert,
+Uns Kauernde saugt tief ein finsteres Tor.
+
+
+
+II
+
+
+Verkünderinnen großer Himmelsfreude
+Schwebt durch die Nacht, die schlimm Verwesung würzt,
+Um mich, des Herbstes dumpfen Fall und Beute,
+Der unheilvoll den weißen Tag mir kürzt.
+
+Schminkt Wangen bunt mit eueren Schattenhänden,
+Die ihr wie Brunnen euch jetzt höher dreht!
+Durchbohret mich erschauernd, tiefer . . . wendet
+Nochmals das Antlitz her, bis bang verweht
+
+Musik, die aufquoll von Hotelterrassen,
+Um die ich schleiche, matt und ausgeraubt.
+_Vor Jener Nahn ich muß euch schnell verlassen._
+
+Fahret empor im Winde rund als Staub,
+Hinstöhnend unter Rädern, die euch fassen,
+Als Donner kalt, der kracht die Plätze taub.
+
+
+
+III
+
+
+Ich Made in dem flimmernden Totenkleide,
+Das mit viel gelben Lichtern niederhängt.
+Die Kohlenstadt, verschmiert von Winters Kreide
+Begräbt der Sturm, der Meer und Himmel mengt.
+
+Nun eingesperrt im ewigen Geklüfte,
+In eisiger Hölle Nimmerwiederkehr . . .
+Doch steigen wir auf zur Nacht als Nebellüfte
+Und ziehen überm weißen Flusse her.
+
+Wir träumen Sommer nach, und was gewesen
+Erscheint uns warm, von besserem Stern erhellt.
+Uns reiben wund der fliegenden Wälder Besen.
+
+Uns kratzet auf das böse Stoppelfeld.
+Uns töten bald der goldenen Strahlen Stöße.
+Bei blauen Küsten sinken wir, zerschellt.
+
+
+
+IV
+
+
+Ein matter Mond wie dumpfes Gong ertönt.
+Nicht reise du in Armut mehr und Körperfülle!
+Aufblitze du, o silberne Kanüle,
+Und schwebe Bett, aus dem du springst und stöhnst!
+
+Von Stadt und Landschaft knieend vorgelassen --:
+Durchjage mich, vernichte mich, o Strahl!
+Im Café scheppern die entleerten Tassen,
+Ein Zug fällt steil wo in ein dunkles Tal.
+
+Um einen Tag bog ich, der voller Feuer stand,
+Der fachte an der vorgegangenen Tage Reihe.
+Ein Wurm ich mich durch brennende Gegend wand.
+
+_Wann rauschet über meines Kerkers Dickicht Bläue,_
+_Wann liege ich am Meer im Sonnenbrand_
+_Und schweife aus durch Wind und Schaum ins Freie?_
+
+
+
+V
+
+
+Ich bin nur Frage und Verkommenheit,
+Fetzen im Wind, der um Balkone fährt.
+Ich bin der Einspruch im entbrannten Streit,
+Gewicht, das eueren Höhenflug beschwert.
+
+Wie plump, hinfällig, kalt und widerlich!
+O daß du Vieh dich tief im Stall verkröchest!
+Daß dich, der scheu um windige Ecken schlich
+Des Nachts --: ein Strolch, ein Strolch bald niedersteche!
+
+Verwickele dich ins Dunkele! Pack dich ein!
+An Nasenhaaren baumelt grüner Stein.
+In deinen Augen Schimmelmond gerann.
+
+Dein Kopf ist Schorf. Verfrorene Ohren sind
+Papierene Schirme, dick verklebt mit Grind.
+Aus stinkichtem Maule wächst dir brauner Zahn.
+
+
+
+
+Baudelaire
+
+
+Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
+Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
+Bruder, den ich aufgelöst umarm.
+Atem feucht, den ich erschauernd spür.
+Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
+
+Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.
+Schlägt ein giftiger Dunst aus nassem Wald.
+Nebelhauche blanke Fenster trüben.
+Mauern sprengen Fäulnis, Brand und Frost.
+Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.
+
+Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche.
+Ruf ich dich an Sees verwachsenem Ufer.
+Kauerst du im Abendhorizonte,
+Der sich färbt mit deiner Gräuel Blut.
+Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche.
+
+Atem feucht, den ich erschauernd spür.
+Bruder, den ich aufgelöst umarm.
+Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
+Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
+Atem feucht, den ich erschauernd spür.
+
+Fressen Schatten gier an meinen Schultern.
+Saugt aus meinen Adern Natternbrut.
+Balanziere ich durch klitschige Gassen.
+Himmel dräut als Eises starrer Klotz.
+Fressen Schatten gier an meinen Schultern.
+
+Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde,
+Wüst verschminkt in Bogenlampe Glanz.
+Ein Klavier bespeit mich mit Geklimper.
+Rausch mich trostlos Traurigen verschwemmt.
+Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde.
+
+Bruder, den ich aufgelöst umarm.
+Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
+Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
+Atem feucht, den ich erschauernd spür.
+Bruder, den ich aufgelöst umarm.
+
+Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster.
+Unsere Lippen leiern schauernd das Gebet.
+In Gefängniszellen toben wir zerprallend.
+In den Krankenhäusern humpeln wir zerstückt.
+Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster.
+
+Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende,
+Hinfällig, in Azur ragende Gerippe.
+Daß der Blitz des Zorns uns bald entzünde,
+_Daß wir Leuchten seien letzter Nacht!_
+Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende.
+
+Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
+Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
+Atem feucht, den ich erschauernd spür.
+Bruder, den ich aufgelöst umarm.
+Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
+
+
+
+
+Verfall
+
+
+Unsere Leiber zerfallen,
+Graben uns singend ein:
+Berauschte Abende wir,
+Nachtsturm- und meerverscharrt.
+Heißes Blut vertrocknet,
+Eitergeschwür verrinnt.
+Mund, Ohr, Auge verhüllet
+Schlaf, Traum, Erde, der Wind.
+
+Gelblich träger Würmer
+Enggewundener Gang.
+Pochen rollender Stürme.
+Wimpern, blutrot lang.
+. . . _»Bin ich zerbröckelnde Mauer,_
+_Säule am Wegrand, die schweigt?_
+_Oder Baum der Trauer,_
+_Über den Abgrund geneigt?«_ . . .
+Süßer Geruch der Verwesung,
+Raum, Haus, Haupt erfüllend.
+Blumen, flatternde Gräser.
+Vögel, Lieder, quillend.
+
+»_Ja --: verfaulter Stamm_ . . .«
+Schimmel. Geächz. Gestöhn.
+Unter wimmelnder Himmel Flucht
+Furchtbarer Laut ertönt:
+Pauke. Tubegedröhn.
+Donner. Wildflammiges Licht.
+Zymbel. Schlagender Ton.
+Trommelgeschrill. Das zerbricht. --
+
+Der ich mich dir, weite Welt,
+Hingab, leicht vertrauend,
+Sieh, der arme Leib verfällt,
+Doch mein Geist die Heimat schaut.
+Nacht, dein Schlummer tröstet mich,
+Mund ruht tief und Arm.
+Heller Tag, du lösest mich
+Auf in Unruh ganz und Harm.
+
+Daß ich keinen Ausweg finde,
+Ach, so weh zerteilt!
+Blende bald, bald blind und Binde.
+Daß kein Kuß mich heilt!
+Daß ich keinen Ausweg finde,
+Trag wohl ich nur Schuld:
+Wildstrom, Blut und Feuerwind,
+Schande, Ungeduld.
+
+Tag, du herbe Bitternis!
+Nacht, gib Traum und Rat!
+Kot, Verzerrung, Schnitt und Riß --
+Kühle Lagerstatt . . .
+Alles muß noch ferne sein,
+Fern, o fern von mir --
+Blüh empor im Sternenschein,
+Heimat, über mir!
+
+Einmal werde ich am Wege stehn,
+Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.
+Umronnen von goldener Winde Wehn.
+Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.
+Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt . . .
+Meine Hände rühren
+An Himmel, die von Gold erfüllt,
+Sich öffnen gleich Wundertüren.
+
+Wiesen, Wälder ziehen herauf.
+Gewässer sich wälzen. Brücken.
+Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.
+Grauer Gebirge Rücken.
+Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.
+Drachen, Erde speiend.
+Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.
+Empörung. Lachen. Geschrei.
+
+Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.
+Knäuel. Gemetzel weit . . .
+. . . »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_
+Oder hat es noch Zeit?
+Wann ertönest du, schallendes Horn,
+Schrei du der Meerflut schwer?
+Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn
+Rufend die Schläfer her?« . . .
+
+
+
+
+Café
+
+
+
+
+I
+
+
+Die runden Tische drehen gut im Takt.
+Es kollern Flöten wimmernd im Gerölle.
+Ein Bogenlicht in wirren Strahlen zackt.
+Wir schmoren ausgezehrt in lauter Hölle.
+
+Was sind wir, daß in jenem gleichen Grau
+Die Schleierdame in uns Reize weckt?
+Ach, krochen wir aus hohler Gassen Bau
+In dies Gewölb, das jeden Schmerz aufdeckt?
+
+Ach, dürften wir gesunden so in Schnelle,
+Uns atmen frei durch diesen trüben Dunst!
+Die vielen ernsten Kellner eilen schnelle.
+Ein finsteres Vieh, die fette Pauke, grunzt.
+
+O, werden wir aus unserem Rausch erwachen,
+Kühl Morgens einmal Nüchternheit erleben?
+Wir schreien eingepfercht in Qual nach Rache.
+Es wär uns klug, nach einem Amt zu streben.
+
+Daß uns die Zukunft anders offenbare!
+Daß ackere um uns toller Leiden Pflug!
+Daß wir das Tröstliche dereinst erfahren!
+Daß freudig schreiten wir gewaltigen Zugs!
+
+Es rasseln Geigen, Geigen tödlich-schrill.
+Die Lärmtrompeten heulen elend-heiser.
+_Wir schweben durch verworrene Nächte still_
+_Mit Augenaufschlag und als Wunderpreiser._
+
+Daß du entnimmst uns in die große Stunde,
+Ein gütiger Geist, und schlürfst uns als Oblate.
+Daß wir zergehen süß in deinem Munde . . .
+Da schlängeln sich durchs Blut der Gifte Pfade,
+
+Da auch Gestalten wandeln scheinumrandet
+Und Tote sind in weißen Linnen da.
+Wir aber, rings von Tönen Schlamms umbrandet,
+_Zersetzen_ uns, uns manchmal trunken-nah.
+
+
+
+II
+
+
+So harren wir in allen Nächten spät,
+_Daß unser Herz was Seltsames erfahre._
+Daß nur kein fremder Hauch, kein Licht uns rühre,
+Sonst sind zerfallen wir und ausgeweht.
+
+Wo haben euch die Stunden hingenommen
+Dich blonden Nachbarn, dich, du mageres Kind?
+Dich Weißbierschale, Tasse und Absinth?
+Zu welchen Meeren seid ihr hingeschwommen?
+
+Ists klar bei euch? Ists Frühling oder kalt?
+Und steigen auf verkohlter Wälder Pfähle?
+Ja, wenn wir uns aus diesen Hallen stehlen,
+Wir treten wieder müde den Asphalt.
+
+Jetzt aber sollen uns die Wände fressen.
+Wir sind gelangweilt. Müssen heftig gähnen.
+Wir krachen unter den sehr kräftigen Zähnen
+Von Ungeheuern und die Hände pressend
+
+Wir flehen wütend, flehen brünstig bang,
+_Auf daß ein Unerhörtes uns errette!_
+Ob es erwächst aus einem warmen Bette,
+Ob es ersteht beim Todesröchelklang
+
+Der in der weiten Dämmerung erwachten,
+Bald schläferig abwärts schwankenden Kapelle?
+Es blitzt ein ewiger Tag in blutiger Helle. --
+_Wir wollen fürder hassen und verachten._
+
+
+
+III
+
+
+Wir finden uns geängstet im Gewahrsam
+Von tausend Menschen, die sich kreisend ranken.
+Wir neigen uns demütig, leben sparsam
+Und treten rückwärts vor geschlossener Schranke.
+
+Oft bricht gehässig wohl aus unserer Rede
+Ein Wort und manchmal wird ein Fluch geschleudert.
+Nun knieen wir, zur holden Magd zu beten,
+Derweil die Bande toller Lüste meutert.
+
+Wer führte uns aus diesen Engbezirken,
+Wer höbe auf der Fenster helle Pracht?
+_Wir wollen tiefer in uns Ekel würgen,_
+_Verzweifelt angehören stumpfer Nacht._
+
+_Sie wird erblassen._ In den schwarzen Haaren
+Wird sich ein Silberfaden glänzend zeigen
+Und Strahlen werden sich rings um uns scharen,
+Bejubelt von dem Ablauf winziger Geigen.
+
+O Dirigent, fach an das höllische Feuer,
+Treib auf die Spitze dieser Töne Schwall!
+_Erpeitsche uns das letzte Abenteuer!_
+Durchjage uns mit Blitz und Wasserfall!
+
+O dröhne, dröhne Donner! Zacke Schwert!
+Vernichte Jubel Ohr und fetze Mund!
+Und, sind wir nicht der spröden Klarheit wert,
+Barmherziger Gott, o richte uns zugrund! --
+
+Schon flutet wieder nieder die Empörung.
+Wir fuchteln nur mit Armen zuckend-wirr.
+Wir schlingen trüber lächelnd die Verschwörung,
+Da wirbeln alle Gläser mit Geklirr.
+
+
+
+
+Die Armen
+
+
+Im Wintersturm die gelben Bogenlampen klappernd schwanken.
+Ein falber Schein der Plätze heulende Rotunde füllt.
+Die Droschkengäule kreiseln enger. Autobusse ankern.
+Geschleudert durch vereiste Öden saust des Mondes Schild.
+
+Aus Domes feuchtem Kerker dringen furchtbare Choräle.
+Hell rascheln Klingeln durch der Priester monotonen Sang.
+Da Kerzen flackern in dem muffigen Hauch aus Gräberkehlen
+Und zündeln hoch den Schimmelwänden, längs der Säulen Gang.
+
+Die Blinde ächzet leis, ein Klumpen, in der Ecke knieend,
+Die durchs Gebiß verrückend-grün die schmale Zunge bleckt.
+Ein Veteranenkrüppel mit des Armes welkem Gliede
+Die Krücke schräg auf Christi dürres Holzkreuz weisend streckt.
+
+In düsterer Gegend wallen schimmernd blasse Büßerfrauen,
+Den gelben Engeln ähnlich, die vom Strahlenaltar blicken
+Mit ausgebrochenen Augen in ein kaltes Dämmergrauen,
+Nur manchmal lächelnd mit den dünnen Palmenstengeln nicken,
+
+Wenn hoch die bleiche Hostie in der güldenen Monstranz
+Wie Sonne in der Frühe über Berge zymbelnd steiget,
+Wobei die holde Gottesmagd, verklärt im Lilienkranz
+Erlauchter Mutterschmerzen gnädig durch die Niederung äuget . . .
+
+»Jetzt lallen wir mit trockenen Lippen unser Nachtgebet,
+Dann flüchten eilends wir zurück in finstere Asyle.
+Da heute uns kein guter Mensch ins Haus zu Gaste lädt,
+So schlingen hüstelnd wir als Fraß der weißen Nebel Kühle
+
+Und jenen heißenden Hauch, bei dem der arge Frost gefriert,
+Und brechen wir mit knöchernen Fingern krampfend dürre Äste,
+Man läßt vielleicht uns, räudigen Hunden, Küchenreste.
+Dem gütigen Geist, der also uns erhält, viel Dank gebührt.«
+
+Im Zwischendecke schlafend mit den Koffern, um die Kisten
+Sie schlingen ihre schwarzen Arme, ausgezehrt und schwach.
+In schäbiger Klause sie wie grauer Vögel Schwärme nisten.
+Es schleudern erste Föhne taumelnd-irre sie vom Dach.
+
+Der Arzt tut bitter, der mit dicker Lauge ätzt und Spritze.
+Habt ihr genähret euch die kalten Wochen durch mit Lauch?
+Habt ihr gespült den Darm, durchschwemmt den Bauch mit Brei und Grütze?
+In wunde Lungen eingesaugt der Salze Hauch?
+
+Die Tische wackeln, stehen schief, zerhacket von Gezänke,
+Da Väter kollern um die Stürze schwangerer Mütter her.
+O ahntet ihr der Reichen Spiel und Traum und heitere Schwänke,
+Die Tänze hinterm Vorhang, leicht beschwingt und schwer!
+
+»Christus, du Siechen-Hort, du unser Freund, wardst zum Verräter,
+Ein Mörder schleichend durch die trübe Gasse, schmal und streng.
+Durch unsere schlimmen Nächte heult dein himmlischer Trompeter,
+Der Engel schwarz mit Feuersturz aus wolkichtem Gedräng.
+
+Christus! . . . Und waren wir doch Huren, Kranke und Verbrecher
+Voll gläubigen Vertrauens innig-schüchtern dir Genahte?
+_Du aber übtest nur Gewalt als Block und Henker-Rächer,_
+Uns nicht besänftigend mit Balsamguß und Trostes Gnade.
+
+Christus! Wie hofften wir, daß herrlich du uns einst erschienest!
+Christus! Wie wünschten wir, daß du ein Bruder mit uns weintest!
+Christus! Wie flehten wir, daß du dem zornigen Gott uns eintest!
+Christus! Wie zittern wir, daß herrlich du dereinst erscheinest!
+
+Die Ungerechten sollten blutend in die Flüsse taumeln.
+Die Lauen würden sich verröchelnd auf den Plätzen strecken.
+Die Bürgermädchen müßten zwar an ihren Zöpfen baumeln
+Und die Beamten-Schnauzen würdest du in Jauche stecken.
+
+Wir kämen dir entgegen laut mit Jubelschwall und Fahne,
+Wir führten Reisemüden dich in unsere Gemächer,
+Dann trätest du verklärt-entzückt auf luftige Altane,
+Da tief im Straßenschacht die Völker in die Kniee brechen . . .
+
+Was rufen wir verzweifelt dich, der tut sich niemals kund,
+Der bleibt, ein kalt Geripp, versargt in Erde nasser Hülle?
+Kein reiner Kuß blüht hoch aus unserer Fieber faulem Schlund,
+Wild wächst nur Angstgeschrei und Marter pfauchendes Gebrülle.
+
+Um Allerseelen aber wandern wir in langen Zügen
+Zum Friedhof, schlagend uns durch Park und Hain in spätes Grün.
+Der Herbste dünne Winde tief die Wipfelbäume biegen,
+Bald jagen wir auf Karussellen froh am Feste hin.
+
+_Brecht ein in unsere Körper wie in dornichtes Gestrüppe,_
+_An unserer Hüften Knochen stoßt euch nässend-wund!_
+Da blinkeln Eiterknoten, Narbenschorf auf Stirn und Lippe,
+Und Seuchen wälzen träg sich, Schlangenbrut, auf finsterem Grund.
+
+Im hellen Laden schöne Ringe und Demanten schillern.
+Die vielen Singevögel in den weiten Gärten trillern.
+Wir schleppen uns zum letztenmal, veraltert und gebückt
+Durch diese Pracht. Ein billiger Blumenstrauß, zerzaust -- zerpflückt.
+
+Im Hause müssen wir bei Gases schlechtem Schein verwelken.
+Das frische Wasser kann uns nicht den harten Tod ersparen.
+Da ziehen vor als dichte Schleier wir die Strähnenhaare
+Und sausen nieder unterm Krachen der Gehirn-Gebälke.
+
+Wir jauchzen gell. Beginnt! Wacht auf uns zu empfangen!
+Wir wollen tüchtig helfen euch den eisernen Kessel schüren.
+Wir wollen Gott, der Kräfte Dieb, mit glühenden Fesselzangen
+In unseren Kerker im Triumph zu heißer Folter führen.
+
+Hier müßte er die tausend Qualenstunden dreifach büßen
+Und leiden in das Dunkel eisiger Spalten eingepreßt.
+Ihn überwuchere heftig Ausschlag, raffe nieder Pest!
+Der Brände Strahlenfälle spitz ins weiche Fleisch ihm schießen!
+
+Wir wollen ihn erniedrigen, zu Unseresgleichen reißen,
+Daß ihn Gemeinheit zauberisch locke, tückisch ihn bestrick!
+Wir wollen ihn mit unseren gekotzten Brocken speisen
+Und tränken ihn mit eklem Spülicht. Auf sein Stiergenick
+
+Die Füße dröhnend setzen, bis ein fetter Wurm er sich
+Am Boden krümmt. Die Engel in den Höhen schauerig jammern.
+Wir wühlen hoch uns. Bohren durch uns. Aus den kaltem Kammern
+Marschieren wir mit Paukenknall in jäher Sonne Stich,
+
+Befreit von Gottes Druck in ätherflüssigen Gewändern
+(Da Düfte-Meere unsere Dulder-Körper lind umstreichen,
+Wo, schöne Bräute, harren unser neue Himmelreiche)
+Zu fernen Horizonten, die sich rosig-flammend rändern.«
+
+
+
+
+Der Fetzen
+
+
+ _Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal_
+ _Einander zu . . ._
+
+
+
+I
+
+
+Auftritt Sängerin im ganz verschlissenen Kleide,
+Wangen grabgehöhlt, der Haare Stroh gescheitelt.
+Tänzelnd schwebend über rosenem Schwall von Rauch.
+Heimatlieder zirpend. Ventilator faucht.
+
+Vorgebeugt. Jetzt rückwärts stürzend zum Klavier.
+Strahlenden Blicks, als ob sie Himmel offen säh.
+Heulend auf, als ob sie Todes Schatten rühr . . .
+Blonder Engel, schenkst dich aus im Cabaret! . . .
+
+Gift und Küsse haben jauchzend dich zerstückt!
+Schreite wie ein Pilger hinter dir gebückt,
+Reih mich ein demütig in die Brüderschar,
+Die um dich einst, tollverzückt, entglommen war.
+
+Deine Vogelaugen kränzet Lilaflor.
+Ach, wir fallen nieder unter jedem Tor,
+Auf den nassen Bänken. Steil wächst goldenes Licht.
+Fliederschleier wallen um dein Schmerzgesicht.
+
+In den großen Kirchen sind wir gern zuhaus.
+Selig uns durchströmet flammender Orgel Braus.
+Blasse Jungfrau, hast du die Verkommenen lieb?
+Überstreich mit Salbe kranken Leibes Sieb! . . .
+
+Fremde Stadt mit der Paläste gradem Bau!
+Krümme mich zerpeitscht von spitzen Regen grau.
+Daß vielleicht ich Näh und Linderung fühl,
+Eilt ich spät ans Ufer düsteren Flusses kühl.
+
+Von Pistolen, unter Messern hingestreckt
+Springende Wunden deiner Hände Schale deckt,
+Schleppe mich, auf dich gestützt, in dein Gemach,
+Wo ich etwas noch, verblutend, bleibe wach . . .
+
+Krankenhaus und Haft und Hungers Pein,
+Kavaliere, Schlägerei, gebrochener Wein . . .
+Flattere ängstlich durch die Nächte, schäbiger Fetzen,
+Den der Winterstürme kläffende Meute hetzet.
+
+Der Kasernen Mauern wanke alt entlang!
+Kauere Bettelweib in Wirtschaft schmalem Gang!
+Würg aus trockener Kehle dein »A la Villette«!
+Dreh dich schlaflos in Hotels verdrecktem Bette!
+
+Schluchz bei sanften Schwestern, wächsernes Mädchenkind!
+Spucke Lungenblut! Langer Eiter rinn!
+Löse die Verbände fiebernd! Mach dich frei!
+Bäum empor dich! Reiß dich los mit brennendem Schrei! . . .
+
+
+
+II
+
+
+Deines Atems heller Wind
+Schwellet Segel leicht
+Und enthüllet
+Goldene Abendländer über Wolken weiß.
+
+Über Glutgebirgen
+Blutet Sonne schwer,
+Zu den himmlischen Bezirken
+Wogt entrücktes Meer.
+
+Was mag noch gelingen?
+Man wird nichts mehr tun.
+Kühle Lüfte, Tote bringen
+Heiligen Schlaf. Komm, laßt uns ruhn!
+
+Hirt mit Flöte. Sanftes Tier.
+Zerrissener Ufer bunter Klang.
+Eng umschlungen sinken wir:
+Seliger, süßer Untergang.
+
+
+
+III
+
+
+Nun, da längstens hörten auf zu rollen
+Wilder Städte Donner von den Hängebrücken,
+Schrille Laute, die vom Platz erschollen
+Ruhen starr in tränenden Mondes Blicken:
+
+Treiben wir dahin, wo die Blätter fielen,
+Die ein weißer Sturm des Tags herabgejagt,
+Die Allee entlang im laubichten Gewühle,
+Das jetzt eines Turmes silbernes Horn durchragt.
+
+Und wir schlafen ein im großen Bette,
+Das, ein Schiff, uns von der Erde trägt.
+Unserer heißen Küsse dichte Kette
+Sich, als Traum süß, über Müde legt.
+
+Lasset uns auch beten für die Armen,
+Die wir sahn an windiger Ecke stehn,
+Lasset uns auch wünschen Frierenden Tücher warme,
+Linderung der Mütter Wehn!
+
+Wir jetzt liegen wie in Zuchthaushallen,
+Nackte Büßer auf verfaultem Stroh.
+Draußen heulend schwarze Regen fallen
+Unter Blitze zackichtem Geloh.
+
+Die erfüllen mit verworrener Helle
+Unser niedriges Gemach.
+Züge flattern durch mit Hundgebelle,
+Pferdewiehern und mit Schüssekrach . . .
+
+O, so fasse meine zitternden Hände,
+Daß ich in empörte Gründe stürze nicht!
+Da in weiße Wälder wandeln schon sich kalkige Wände,
+Heiliger Morgen frischet dunsenes Gesicht.
+
+Fette Kräuter aus dem Boden sprießen.
+Werden wir mit Sommer schön beschenkt?
+Die Gebirge schaukeln hinter Wiesen,
+Ein Gewitter grau am Himmel hängt . . .
+
+
+
+IV
+
+
+Klagende du aus ächzender Bäume Zweigen,
+Die bald leuchtend fallende Nacht begräbt,
+Bald entrückt in jenen flimmernden Reigen,
+Der um Mondes silbernes Denkmal schwebt:
+
+Noch tönt Stimme dein aus knieenden Wäldern.
+Lege um die Brust ein wollenes Tuch!
+Ruf im Schlafe an die toten Eltern!
+Lös dich auf im herbstlichen Geruch!
+
+Tauch in öligen Strom hinein!
+Laß dich tragen von den heißen Winden!
+Steige auf im Abendschein,
+Daß du hin in Wolken schwindest!
+
+Winke vom brennenden Turme den heulenden Völkern zu!
+Dröhne wild als Paukenschlag im glühenden Orchester!
+Strahle kühn in unerhörtem Clou!
+_Schlinge, schlinge deine Arme fester!!_
+
+
+
+V
+
+
+Du bists, Quartier mit den verhängten Fenstern
+Und bunten Mädchen über nassem Strich!
+In allen, die vorüberschlenkern
+Und denen an den Ecken seh ich dich.
+
+Es ist nicht schön zu hungern
+Und zu spazieren durch die Stadt,
+Um früh in einem Beisel sich zu treffen,
+Sich essen an den Brocken aus den verdreckten Töpfen satt.
+
+Wie arm wir sind! Wir zucken beim Berühren.
+Ganz aufgeschwollen bist du und dein Leib ist wund.
+Nur manchmal wir wie einstmals uns verführen,
+Ich liebe deinen großen Mund!
+
+So alle Tage wir verschlafen.
+Du hast noch eine Stunde Zeit --
+Wir liegen berstend in den Betten
+Und lesen Kriminalromane.
+
+
+
+VI
+
+
+Komm ins warme Haus!
+Nein, du willst mich nicht.
+Du bleibst lieber draus.
+Blauen Schneees Licht
+
+Flimmert, blondes Haar
+Glänzt so eisig naß,
+Antlitz wunderbar
+Zerret Lieb und Haß.
+
+Schlottern meine Kniee,
+Denn ich wart auf dich.
+Wilden Tag ich fliehe,
+Der sich stellt vor mich.
+
+Einmal in der Nacht
+Wirds schon wieder klopfen:
+Weinend Regentropfen
+Bist du aufgewacht.
+
+Ach, ich wieder fühl
+Dich an meiner Seite.
+Auf der Strahlen Brücke stiegst
+Du herab in schwarzem Kleid.
+
+
+
+VII
+
+
+Wir aus des Stalles Stank und Feuchtigkeit
+Dein ekles Vieh,
+Herrgott,
+Du tränke uns noch einmal vor Morgen!
+Aus roten quadratischen Gebäuden
+Wir wittern Abfluß unseres Bluts.
+Doch,
+Auf dem wir heute noch flacken, Stroh,
+Rauschet wie Korn und duftet wie Heu und ist Sommer.
+Herrgott, unser Gebrüll töst Gebet.
+Unsere stachlichten Zungen, Herrgott, belecken dich,
+Deines Fußes und Gewandes Marmor.
+Tränke uns!
+Ach, und
+_Streu etwas Frühsonne in unser letztes Geschwank!_
+
+
+
+
+Der Idiot
+
+
+Er schwirrte durch der großen Städte Flucht. Das traf ihn schwer.
+Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste.
+Staubwirbel bliesen ihn durch grüner Abendhimmel flaches Meer.
+Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.
+
+Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte
+Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand,
+Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte,
+Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich niederwand.
+
+Er schlug, die Augen grün, Schaum dick ums Maul
+Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei.
+Ganz leise sang ein Droschkengaul
+Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.
+
+Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen.
+Auf allen Dächern tosten Flammen laut.
+Die Dome knieten nieder. Berge schwammen
+Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.
+
+Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.
+Es gellte. Mövenschwärme schreckten auf.
+Blütenwälder weiß begruben ihn.
+
+
+
+
+Geburt
+
+
+Die Alte streckt sich weiß mit prallem Bauch.
+Sie hat Katarrh. Sie hängt voll Blut und Rotz.
+Im kleinen Raum der eiserne Ofen raucht.
+Ihr kleiner Kopf von gelben Haaren strotzt.
+
+Mit glänzenden Augen sie zum Kreuze glotzt,
+Das in die bittere Umwelt goldig taucht,
+Und während rings die kühle Dämmerung haucht
+Hat sie den Klumpen brüllend ausgekotzt.
+
+
+
+
+Deutschland
+
+
+Ein Gymnasialdirektor stelzt im Grunewalde.
+Ein Weib spaziert im Dunkel, grünlich und zernagt.
+Ein kleiner Fürst kommt an, ganz Wichs und Bügelfalte.
+Der Reichstag ward zum fünften Male heut vertagt.
+Es steigen weiße Straßen, jubelnd im Geglänze
+Erwachten Frühjahrs. Finster streift Napoleons
+Schatten. Starr im Schein der fahlen Flammenkränze
+Bewachen Batterien einen Hügelthron.
+
+ Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen,
+ Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen,
+ Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum.
+ Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
+
+Ein Kritiker hat einen Dichter totgeschwiegen.
+Kleists Dämon höhnisch aus verworrenem Schilfrohr grinst.
+In wüsten Knäueln kotzend die Betrunkenen liegen,
+Derweil ein grüner Mond in schwarze Lachen blinzt.
+Auf vollem Platze sich die dumpfen Trommeln rühren.
+Es ziehen bunte Haufen johlend zur Bastille.
+Die Priester hetzen auf die Schar zu blutigen Schwüren.
+Die weiße Dame reicht mit spitzen Fingern Pillen.
+
+ Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen,
+ Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen,
+ Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum.
+ Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
+
+Mit Richard Wagner heult ein arges Pack besessen.
+Die plumpen Autobusse zeigen wenig Eile.
+Die Schildwache entschläft. Das Volk hat nichts zu fressen.
+Ein blonder Staatsminister starb an Langerweile.
+Die Fahne aber flattert stolz der Republik.
+Paris beschließt der heiligen Städte ewigen Bund.
+Ihr fabelhafter Ruhm erschallt von Mund zu Mund.
+Paris springt auf, ein Tier, ertötend mit dem Blick.
+
+ Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen,
+ Nicht nach den Schönheiten Frankreichs zu brennen,
+ Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum.
+ Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
+
+
+
+
+Rückzug
+
+
+Was soll dies unter klatschendem Regen Tönen,
+Der ich voll Trauer bin und klage um Verlust?
+Was soll der halbverfallenen Gebäude Stöhnen
+Bei rasselnder Stürme Sägen und Gehust?
+
+Ich will mich mit dem Alltag jetzt versöhnen,
+Wild schuften in der Berge glühendem Bruch,
+Gern unter Hämmerdonner und der Karren Dröhnen
+Gedrückter Untertan sein harten Fluchs.
+
+Dämonen sich im Traume um mich scharen,
+Zerwirkt bin ich vom Sturm und aufgebraucht,
+Doch werd ich manchmal mit den Zügen fahren,
+
+Die gegen Abend gehn, bei steilem Rauch
+Mit hohem Pfiff nach schönen Ländern wimmern,
+Wo über menschlichem Gestrüpp noch Sterne flimmern.
+
+
+
+
+Ahnung
+
+
+ Franz Jung gewidmet
+
+Triumph wird über uns schreiten.
+Es soll Triumph über uns leuchten.
+Triumph über uns.
+
+Aufbruch ruft.
+Wir aber werden am Boden liegen, schlafend,
+Berauscht, kotzend oder greinend.
+An uns vorüberrauschen, über uns rauschen wird
+Tag und Getümmel.
+Wenn des Ewigen Hand die goldenen Vorhänge löst . . .
+Trompeten stoßen,
+Pauken donnern.
+Wir müssen Schläfer sein.
+
+Triumph wird über uns schreiten,
+Es soll Triumph über uns leuchten.
+Triumph über uns.
+
+
+
+
+Beengung
+
+
+Die Welt wird zu enge. Die Städte langweilig.
+So schmal alle Länder. Die Meere zu klein.
+Die Körper, in giftigen Räuschen entheiligt,
+Sie welken und stürzen zu Schutthaufen ein.
+
+Da ahnen wir Himmel wohl gischtenden Blutes.
+Ekstasen trommeln wach Hölle und Grab.
+Wir stöhnen verkommend in kalkfeuchter Bude,
+Daß uns der Zusammenbruch rette und lab!
+
+Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge.
+Der Polizei gelingen unglaubliche Fänge
+Und humpeln verzweifelt wir über den Strich:
+Die Mädchen ausgepreßt, fade und trocken.
+In Cafés und Cinémas Spießbürger hocken
+Und Goethe glänzt, aufrecht und widerlich.
+
+Verflucht sei der Straßen einförmige Strenge,
+Die strecken sich grinsend in endlose Länge.
+Oh, daß doch ein Brand unsere Haupte bewölb!
+Es rascheln gewitternd Horizonte fahlgelb.
+
+Daß auf der Galeere wir duldsam bald schwitzten,
+Daß wälzten wir uns auf der Ruderer Bank!
+So aber wir faulen an hohen Pultsitzen
+Und bröckeln zu Mehlstaub in Wartsälen bang.
+
+Wir horchen auf wilder Trompetdonner Stöße
+Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg.
+In unseren Ohren der Waffen Lärm töset,
+Kanonen und Stürme in buntem Gewieg.
+
+Erreget Skandale! Die Welt wird zu enge.
+Es johlt vor Palästen die ärmliche Menge.
+Es trümmern die Tore. Es klirren die Fenster.
+Die Mauern, sie wanken, die schüssedurchsiebten.
+Vergessen wir unsere schmerzlich Geliebten!
+Wir bleiben am besten zurück als Gespenster.
+
+Wie funkelt das Dunkel! Der Abend voll Gräuel.
+Die Wagen und Nachtmenschen waten in Schmutz.
+Kinder, aber Kinder in flammender Bläue
+Flehen zur ewigen Mutter um Schutz.
+
+Nicht ehren wir Gott mehr. Er hat uns geraubt
+Die Kräfte. Verwarf uns zu Fetzen und Scherben.
+Er hat uns mit Wolken des Zornes belaubt.
+Erpresser mit Krankenhaus, Hunger und Sterben.
+
+Die Nerven gepeitschet! Die Welt wird zu enge.
+Laßt schlagen uns durchs Gestrüpp und Gedrängel!
+Es wackeln Soldaten mit schiefen Hüten.
+Die Welt wird zu enge. Wir zittern und frieren
+In Domen und modrigen Schauerrevieren . . .
+Und poltern und würgen und drohen und wüten . . .
+
+
+
+
+De Profundis
+
+
+
+
+
+Päan des Aufruhrs
+
+
+
+
+I
+
+
+Inmitten der Getümmel, knochig und robust,
+Steh ich, befeuernd den Tumult mit Schrei.
+Es schneiden Messer durch die steile Brust,
+Den Acker, hackend Fleisch zu Mampf und Brei.
+
+Ich euerer Länder preisgekrönter Akrobat!
+Mit Muskeln straff, drauf spitze Schwerter tanzen.
+Aus Winkeln aufgeschrien zu großer Tat,
+Aus Kneipen und Bordellen, Gräuel und Wanzen.
+
+Als unterm Tor ich einst mein erstes Mädchen küßte,
+Die Arme heftig um die eckigen Hüften schlang,
+Wie saftige Frucht zerpressend runde Brüste . . .
+O erster Rausch, der Geist und Blut beschwang!
+
+Durch fernste Träume irrend, brauner Weiber Schöße,
+Die sich gebärdeten, Verrückte toll,
+Bis daß ich niedersank, entblößet,
+Ermattet schwer, da Tag und Stadt verscholl . . .
+
+Hah! Rasselnd atmen schon die Lungen
+Der Sonne, die zerreißet euch zu Fetzen.
+Die Himmel brechen, plötzlich aufgesprungen,
+Auf euch herein mit Wassersturz und Schloßenklötzen.
+
+Ihr Hurenvölker, Metzen, aller Länder Schlampen!
+Die euch zermalmt, steinerne Flut, sie naht.
+Es schaukeln düsterer jener Monde Lampen.
+Ihr kochet aus in heißem Würgebad.
+
+Verrecket! Aus Gestank und dumpfem Bette
+Zerrt schon der Sturm euch, schmeißt euch in die Helle,
+Wo ihr erstarret. Rettet
+Euch auf die Speicher, flüchtet in die Keller!
+
+Auch dort, auch dort faßt es euch an und schleppet
+Euch an den Ort, wo spritzen Körperstümpfe.
+Verlaustes Pack! Verhuret und verneppet,
+Bis tief ins Blut verdorben, in den Sümpfen
+
+Der Unzucht fett wie Kröten aufgequollen
+Mit triefenden Augen, Mäulern voll Gequak!
+Es faßt euch an! Mit einem wundervollen
+Bravourschwung schleudernd in den kalten Tag!
+
+Hah! Schon erblindet! Aus den schwarzen Löchern
+Quillt gelber Schleim . . . »Gewährt uns doch den Stoß!« . . .
+Ihr zappelt, hänget Lumpen von den Dächern,
+Ihr treibet, Klumpen Haut, in Flüssen groß. --
+
+Zerstampfet ist des Reiches fade Herrlichkeit.
+Wir Bären heben unsere blanken Eisentatzen.
+An unseren Zähnen kleben Haar und Därme. Speit
+Aus den Fraß! Fast unsere Bäuche platzen.
+
+
+
+II
+
+
+Ich wecke dich, verdrängte Kraft! O Anarchie!
+Die Schienen steigen, Harfen, aufgerissen.
+Die Länder überschwemmet weit der Sümpfe Vieh,
+Versoffene Himmel auf die Erde pissen.
+
+Verdammet ewig! Kraftlos, ausgegoren . . .
+Hah! Ihr verröchelnd in verstopften Rinnen,
+Versauten Kübeln. Gitterspitzen bohren
+Euch durch die Schädel. Spinnen
+
+Ihr, die ihr tastend steile Schächte ziehet
+Und mischet euch in Stürze, die sich trüben.
+Die Augen Glas und maßlos vorgetrieben,
+Verbrannt ihr über Dächer gen den Himmel fliehet.
+
+Verdammet ewig! Schwerterblitze schwingen,
+Es brechet auf aussätzige Kastenbrust.
+Da schreien Trommeln, alle Türme klingen.
+Hah! Ungestört in nie erträumter Lust!
+
+Verdammet ewig! Ordnet euch zum Zug!
+Schon wallen Fahnen. Schwarze Chore klopfen.
+Ihr ausgehöhlt von spitzer Hagel Tropfen,
+Hinwegrasiert von steilgestellter Winde Flug . . .
+
+Verdammet ewig! Eng das Himmelreich,
+Nieder die Tore, wo ihr tretet ein,
+Der Weg verschottert . . . regenaufgeweicht.
+Hah! Vorwärts marsch in euer Qualdasein!
+
+Hah! Zögert nicht! Verfault in grünen Ecken.
+Da einer wahrte noch die Kerze gelb.
+Wo Arme steif an Schimmelleichen stecken,
+Wie Kreuze . . . Heiliges Nachtgewölb,
+
+Das nicht mehr Mond durchfurchet, nicht die Schar
+Der Feuersterne mehr, da es zu spät
+Geworden. Netzehaar,
+Das, finsterer Wald, traurig herniederweht.
+
+
+
+III
+
+
+Stellet wie Schirme Hände vor euere Lichter,
+Daß nicht der Sturm sie verlösche, der aufsprang zur Nacht!
+Schließet die Reihen! Scharet euch dichter!
+Daß wir werden, Brüder, heil an den Morgen gebracht!
+
+Brücken bäumet euch! . . . Teiche voll stinkender Fische
+Rasend sich drehen, eitriger Wolken Säcke,
+Schalen auf grüner Wälder wehenden Tischen.
+Vulkane schwälend vergrabene Himmel belecken.
+
+In die Arme euch fallet . . . Ein Irrer, wo glotzet
+An einsamer Straße, der bös prophezeit:
+»Fraß und Trank, ihr Räuber und Mörder, auskotzet!
+Euer Morgen, der schöne, ist weit, ist weit . . .
+
+Auf den Hügel euch schwinget, ob ihr erspähet
+Der Sonne Ball. Landschaft, die schwebt.
+Nicht die Mauer der Nebel zerfallet. Die bläulichten Seeen
+Erwachen. Voll Glanz ein Gebirg sich erhebt . . .
+
+Erstarrend am Wege ihr, schlaget die Mäntel um!
+Hüllet euch ein, erwartend, was nie erscheinet!
+Beweget nur Arme, die Hände, die Beine stumm!
+Uhren nie schlagend, Schlagwerk, das weinet.
+
+Vergesset den Takt nicht! Rennet nicht, jaget nicht durch!
+Lauschet! . . . Ists nichts?! . . . Kommt da nicht wer gegangen?! -- --
+Die Augen hinfließen, schallender Winde Gefurch.
+Bäume hoch greifen, knackender Äste Zangen.
+
+Einmal noch singet! . . . Auf eueren Köpfen
+Hocken der Wetter Bäuche. Ach, ihr so maßlos gewachsen.
+Oder treiben jene so tief?! . . . Einst dreckige Töpfe
+Ihr, trauriger Tollheiten jetzt brennende Achsen.
+
+War es nicht Rausch, nicht Wahn? Wie ward es erfunden?
+Einer träumte. Der schrie es herum.
+Rausch und Wahn . . . Einst mit Gärten umwunden
+Die Stirnen, jetzt Öden, verwelket und plump . . .
+
+Keiner schrickt auf mehr. Nirgends ertönet mehr Klage.
+Waldung mit Körper sich mischet, Haare mit Meer und Grün,
+Aber im Finstern pfeifend ein Knochenturm raget,
+Trotzend den Völkern der Stürme und Hagel kühn . . .«
+
+
+
+
+Familie
+
+
+Sie sitzen warm am Tische. In der Fiebel
+Die Kinder blättern. Rings behaglich-stumm.
+Es trägt die Mutter auf den Suppenkübel.
+Der Vater bringt jetzt eine Henne um.
+
+Die Uhr, sie hinkt mit furchtbarem Gedröhn
+Durch Tag und Nacht. Da rauscht ein Sturm vorbei.
+Der Unterricht beginnt um viertel zwei.
+Ein Telegramm verheißt den Sonntag schön.
+
+
+
+
+De Profundis
+
+
+
+
+I
+
+
+Es rauschen die Flammen. Ich leide. Ich leide.
+Das schuf der Sehnsucht gefährlicher Drang.
+Einst liebten wir heiß uns und innig beide,
+Doch unser Leben im Blut, im Blut versank.
+
+O ihr Engel Gottes mit den blassen Händen
+Über den Sterbenden schwebend in den leuchtenden Höhen!
+Wer kann das Unabwendbare wenden?
+Wer macht das Geschehene ungeschehn?!
+
+Vielleicht ist's nicht viel. Nur matt und gewöhnlich.
+Höchst albern, nur von Zeit zu Zeit
+Ein Aufbrüllen wie ein Tier. Ganz unversöhnlich.
+Ein schwirrender Tumult trunkenster Zerrissenheit.
+
+
+
+II
+
+
+O alle die Nächte, o alle die Nächte,
+Die ich durchirrte und die ich durchsuchte und die ich durchlitt:
+Waren unendliche brausende Schächte,
+In die ich, sausender Ball, mit Sturmgewalt
+Dem sicheren Halt
+Einer allmächtigen Hand entglitt.
+
+Nun winzele ich furchtbar durch die windige Nacht,
+In der der sündige Geist der großen Toten haust.
+Ich bin ein Hund verlaust,
+Aussätzig und voll ekler Niedertracht.
+
+
+
+III
+
+
+Singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte.
+Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht!
+Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette.
+Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
+
+Schwer schallt aus ewig dröhnendem Dunkel euerer ziehenden Kolonnen und Scharen
+Marschtritt, gedämpfter Waffen- und Trommelklang.
+Feuerschein. Rasende Automobile an schimmernden Palästen vorfahren.
+Auf glänzenden Treppen der Damen und Kavaliere flimmernder Gang.
+
+Liebende. Einsam und weinend am düsteren Gestade
+Schmutzigen Stroms, der träg durch die Vorstadt hinzieht.
+Höret die alte, die ewige Bitte um die lichte, die himmlische Gnade
+Verhallen im Strudel der Wasser als Schlummer- und Todeslied!
+
+Rote Laternen blinken und winken aus finsteren Gassen.
+Schwarze Schatten gebückt hinschleichen, die Böses tun.
+Fabriken, Lagerräume, Baracken, die öd, die verlassen
+Im falben Scheine des Mondes gleich großen schlafenden Heerlagern ruhn.
+
+Aus verfeuchteten Kellern gebärender Weiber schallende Schreie.
+Schwarzer Zug. Geheul. Begräbnis. Glockenton.
+Horchet begeistert, wie sich erleuchteten Saals eine neue
+Meinung durchsetzt in stürmischer Diskussion!
+
+Volk. Fahnen. Ernst. Eiserne Fäuste.
+Rußig. Ruhig. Mann, Weib und Kind.
+Geruch der Fäulnis steigt auf aus den blutverschweißten
+Hemden, doch die, wie ich glaube, _einst leuchtend gleich purpurenen Rosen sind!_ --
+
+Blühen dann wieder des Sonntags die himmlischen Feste,
+Flattern Bänder weit, wehen Wimpel bunt über dem ländlichen Grün.
+Man tanzt. Ist fröhlich. Unterhält sich so am besten.
+Hoch am blauen Himmel wieder die weißen Wolken ziehn.
+
+Aber schon brausen und sausen über Brücken und Viadukte
+Die Züge. Durchs Abendgold
+Heimführend die Fröhlichen, die Vergnügten.
+Dumpf der Zug in der dämonischen Bahnhofshalle einrollt.
+
+Niederströmt die Masse. Die Ketten
+Klirren. Der irdische Dämon Hölle und Feuer schürt . . .
+Und doch --: singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte!
+Von euch verdorben. In euch verirrt. Von euch verführt.
+Doch sterbend vom Schein himmlischen Lichtes berührt . . .
+
+Denn plötzlich schrillen empor Sturmglocken und Pfeifen.
+Ekstatisch schwillt ein unendlicher Brand.
+Wasser stürzen. Rote Flammenfangarme in die schwarze Nacht hineingreifen.
+Millionen versinken. Tief glüht das Land . . .
+
+Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte,
+Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht.
+Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette.
+Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
+
+
+
+IV
+
+
+Da ich überwand
+Im steten Aufwärtssteigen selig mich mühend
+Glühende Gipfel: sei mir gegrüßt
+Ebene, weites blühendes Land!
+
+Du Sinn der Erde! Wie oft hat mich dein Blühen
+Aufgeweckt und der herbe Duft deiner Saaten.
+Wie oft hat mir der Geruch deiner Fluren verliehen
+Hoffnung und Mut zu neuen Taten.
+
+Ach, deiner verschwenderischen Fruchtbarkeit
+Goldener Segen
+War oft als stille Hoffnung über meinem tiefen Leid,
+Als ein heller Himmelstrost über meiner argen Schmach gelegen.
+
+O, und wie liebte ich deiner Wälder Brausen,
+Das Sausen des Sturms über die Heide.
+Das Rauschen deiner großen Ströme.
+O Wandermusik! Welch fröhlich Geleite!
+
+Ihr fliehenden, ziehenden Wolken hoch dort oben!
+Ihr purpurglühenden in dunkel wehenden, bewegten Lüften!
+Ihr Feuerwolken, Feuerrosen! Glut über meinem Menschenhaupt!
+O Frühling du! Himmlischer Heros du! Verschwender du in Blut und Düften!
+Ich nenn mich deinen besten Held. Ich habe dir geglaubt . . .
+
+Sieh, alle Menschenherrlichkeiten und Verworfenheiten,
+Wenn auch seltsamst verworren noch, trag ich in meinem irdischen Menschenblut.
+Aus tiefstem Niederfall hast du erbarmend dich mich jäh erhoben.
+Dereinst, das weiß ich, herrsch ich königlich. Du gabst mir Kraft dazu und Mut.
+
+Goldene Schätze sind in mir enthalten.
+Einst werde ich die Arme ausbreiten,
+Einst werde ich Schwingen entfalten
+Zum Flug in die sternenen Unendlichkeiten.
+
+So träume ich oft, und mein himmlisches Schweben
+Geht verzückt von hinnen zu silbernen Wolken hin.
+Die großen Städte im Abendrot heben
+Ihre blinkenden Zinnen. Brücken, Wälder, Ströme vorüberfliehn.
+So wird alles Traurige, dein irdisches Leben,
+O Mensch einst unter dir vorüberziehn
+
+Überwunden, klein und doch so bedeutend
+Und das alles in einem großen kosmischen Zusammenhang
+Und du wirst kaum mehr unterscheiden
+Können, wo ist von diesem Ding das Ende und wo von jenem der Anfang . . .
+Du wirst staunen nur. Über alles dich tief verwundern.
+Jahrhunderte brechen auf.
+Deine blaue Glocke, Himmel, wird herrlich läuten.
+Deiner Engel Posaunen schmettern den Triumphgesang.
+
+
+
+V
+
+
+Ich komme spät nachts noch betrunken ins Bierlokal:
+Ganz am Ende der Stadt gelegen. Verrufen. Wild
+Lärmt man der versunkenen Nacht nach. Dem Sonntag entgegen. Im Saal
+Das Gedröhn und Getön der erhitzten Stimmen zunimmt und furchtbar anschwillt.
+
+Vier Weiber. Sehr schmutzig. Verschwitzt. Fett. Höchst gemein.
+Musizierend. Klavier. Zwei Geigen. Die Älteste schmetternd mit tropfendem Mund singt.
+Man säuft. Füllt sich den ausgetrockneten Schlund mit Schnaps, mit Branntwein. Rülpst. Stopft sich hinein,
+Während draußen vielleicht die schöne Welt schon im erwachenden Morgen aufklingt.
+
+Ich sitz in der Mitte. Umbrandet. Da entlockt zärtlich der verwirrte Tumult
+Dem müden Gehirn phantasievoll ein rührend Bild.
+Das tilgt, o Mensch, das überdeckt einst reichlich all deine Schuld.
+Du kniest hin wie ein Kind. Du neigst deine Stirn. Du Ärger wirst weich und mild.
+
+Dort oben, o sieh: sie spielen auf jenem Podium --
+O, wer dies nur einmal sah, es sicherlich nie mehr vergißt! --
+Die Engel, die Engel, die lichten, blondgelockt, die weißen. Ringsum, ringsum
+Die muffige Luft vom goldenen Klingen ihrer heiligen Gesänge duftend angefüllt ist!
+
+Was soll mir da der helle Tag noch? Oh, so sagt mir. Ich lausche ja hier einem Lied,
+So himmlisch entrückt. Dem kommt so leicht nicht mehr eins meiner Erde gleich.
+Kein Rauschen der Ströme. Kein Klang der Glocken. Kein Lerchenschlag . . . Mein Gemüt
+Erblickt ein unnennbar süßes Himmelreich.
+
+
+
+VI
+
+
+Wir wandern heimwärts durch die eisige Nacht
+Wir Saufkumpane. Unser Schritt hallt schwer.
+Versprengte wir wie nach verlorener Schlacht.
+Gaslicht schwimmt gelb im weißen Flockenmeer.
+
+Wir Schar. Zerschlagen und zermalmt.
+Gehirn zersetzt schon Wahn. Wir haben
+Zum Letzten wohl geludert. Pest und Qualm
+Und Dirnenpack und Luis und Straßengraben.
+
+Unmerklich rinnt auch diese Nacht zum Tag.
+So schwarz in Grau. Von unerhörter Qual
+Brecht ihr empor: rote Glorie und Glockenschlag.
+Verstörte, Tote wir im Morgenstrahl . . .
+
+
+
+VII
+
+
+Rasche Jugend, du sinkst und fällst,
+Rasche Jugend verblühend!
+Die du all Licht, o all Licht enthältst,
+Stark und über die Maßen so kühn.
+
+Und wenn du jetzt auch scheiden mußt,
+-- du harrst ja schon im weißen Kleid
+Des Todes wehen Abschieds --
+Oh, wer hat so wie ich gewußt
+Um allen Schmerz, von deiner Freude
+Und blutiger Nacht und dumpfem Tag!
+Wer bot so frei die offene Brust
+Den Stürmen wilden Lebens dar,
+So fromm und ohne Klage?
+
+Wer hat so wie ich getan
+Alles, was du nur wolltest?
+Wer stieg so kühn die steile Bahn!
+Oh, nun leuchte du mir stolz voran
+So glühend, warm umgoldet
+Und wie in diesem letzten Strahl
+Die sinkende Abendsonne!
+O deiner Kämpfe tiefster Sinn!
+Jetzt weiß ich erst, daß ich gesegnet bin
+Und daß ich segnen kann.
+
+Und wenn du jetzt auch scheiden mußt,
+-- du harrst ja schon im weißen Kleid
+Des Todes wehen Abschieds --
+Leb wohl, dein seliges Licht vereint
+Uns doch für alle, alle Zeit.
+Reiß mich empor zur Ewigkeit,
+O stürmisches Brausen deines trunkenen Liedes!
+
+Rasche Jugend, du sinkst und fällst,
+Rasche Jugend verblühend!
+Die du all Licht, o all Licht enthältst,
+Stark und über die Maßen so kühn.
+
+
+
+VIII
+
+
+Ich, der Gottes Angesicht
+Nacht für Nacht geschaut:
+Ich dünke mir ein festlich grelles Flackerlicht
+Dem abendlichen Tage anvertraut.
+Ich bin ein Rausch verklungener Zeit,
+Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
+
+Es rauschen Bäume schwer im Wind,
+Mein Wald, du wirst entlaubt.
+Wir die aus dunkler Erde sind,
+Wir neigen schwer das Haupt.
+Wir sind ein Rausch verklungener Zeit,
+Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
+
+Wo lacht dem Leid der heilige Stern?
+Erwachst du große Güte?
+Ich hab dich liebe Welt so gern,
+Ich hab dich lieben Herrn so gern,
+Dich Jesu, Schmerzensblüte.
+Auch du ein Rausch verklungener Zeit,
+Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
+
+Und hab ich alles recht bedacht,
+Den Schmerz und auch die Freude,
+Den hellen Tag, die dunkle Nacht
+Und Lust und Liebe, beide --
+Ich bin ein Rausch verklungener Zeit,
+Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
+
+
+
+IX
+
+
+Die trunkenen Nächte! Die trunkenen Nächte! --
+Oh, meine Jugend du, blutende du! Empor, empor und
+Aufstehn, o auferstehn!
+Die schlaffen Muskeln wieder strecken!
+Die matten Flügel wieder spreiten!
+Die müden Schwingen wieder entfalten
+Der Sonne zu!
+O wieder
+Morgenröte-Umarmungen!
+
+Ja empor und aufstehn! Wenn es nicht anders geht,
+Dich aufreißen, dein wimmerndes Herz ausreißen,
+Dich aufreißen aus Traumdämmerungen, Abendruhen
+Mit der kalten höhnischen Gelassenheit und Grausamkeit der
+Starken über die Vergewaltigten.
+
+Dann
+Mit gebreiteten Armen springen ins Morgenrot,
+Fliegen im Strahl der Sonne über die großen Städte hin,
+Über namenlose Finsternisse hin,
+Donnergründe, brausende Geheimnisse hin,
+Höher empor
+Über alle Not, alle Armut, alle Schmerzen hin,
+Höher, höher empor
+Dem Aufgang zu!
+
+Ja empor und auferstehn! Empor aus
+Qualmigen Verbrecherhöhlen, empor aus fettigen Dirnenspelunken
+Mit dem roten gedämpften Ampellicht, mit dem geputzten Schielen
+Weißhaariger Kupplerinnen, all der plumpen bäuerischen,
+Jämmerlichen Koketterie der Fleischschau.
+Empor aus Spielhöllen, dem stieren Blick, dem Münzengeklirr,
+Empor aus Zuhälterkneipen, Ställen voll Absinthgerüchen,
+Schmierigen Aborten, Samengestank und Eitergeträufel,
+Dem Geklimper all der Tamburins, Klaviers und Musikautomaten.
+Empor aus Freudenhäusern, den Kneiplokalen der Homosexuellen,
+Empor aus Asylen, Krankenhäusern, Zuchthäusern.
+Empor aus Irrenanstalten, Pestbaracken, all den Gehegen
+Tobender Alkoholiker,
+Ächzender Tuberkulöser,
+Demaskierter Syphilitiker . . .
+
+O du mein Schrei auch Schrei der Zeit!
+Steht auf! Steht auf!
+Schlagt nieder!
+Stoßt zu!
+Brecht auf!
+
+
+
+X
+
+
+Die Wünsche, die ich Tags gedacht,
+Sehnsüchte, die ich Tags nicht stillen konnte,
+Werden die Ängste meiner Nacht.
+Ich rings in Feuern steh,
+In der Geliebten meine Mutter seh,
+Meinen Vater wie einen Fraß der Hunde.
+
+Aus den Wänden trete ich,
+Geschändet am Geschlecht,
+Der weiße Leib
+Beglüht und fein gehüftet,
+So ganz und echt:
+Ich Weib.
+
+Ich hebe meine furchtbar spitzen Hände, im innern Mark
+Längst leer und schlimm vergiftet,
+Will um meine Sehnsucht zu übertören
+Allen, o allen gehören,
+Geb mich jedem Bettler hin,
+Nur kummervoll besorgt, daß ich Gefallen fände,
+Und kühn,
+Daß ich sie alle niederkrallen könnte.
+
+Schon höre ich die Dämmerung fallen.
+Klänge wiegen mich in die Welt.
+O Tag!
+Jetzt bin ich allen Träumen fremd . . .
+
+Sei gütig! Dein Toben
+Will sich erlösen.
+Was du gewesen
+Im träumenden Bösen
+Befreit sich nach oben.
+
+
+
+
+XI
+
+
+Wie mag noch lieben, wer dich klar gesehn?
+Was kann vor deinem Bild bestehn?
+Was hat noch Anmut, was noch Sinn,
+Du gute Himmelskönigin!
+
+Oh, all das Gute,
+Das du mir getan,
+Wo faß ich es an?
+
+Du trugst auf deinen wunden Lenden
+Mich, der dich bittend traf.
+Du sprengeltest mit Zitterhänden
+Weichen Traum durch meinen Schlaf.
+
+Oh, all das Gute,
+Das du mir getan,
+Wo faß ich es an?
+
+Oh, all das Gute,
+Das du mir getan,
+Ich verblute,
+Ich sterbe dran.
+
+
+
+XII
+
+
+Oh, einmal dich umarmen
+Noch, an dir niedersinken!
+Einmal noch das warme
+Gold des Abends trinken!
+
+Wieviel haben wir geweint
+Um uns! Nun soll das Schwerste erst kommen . . .
+Wirst du mir einst entführt,
+Muß ich wohl sterbend hinfallen.
+
+
+
+XIII
+
+
+Gottes gute Sonne ist erloschen
+Und die böse Nacht drückt schwer.
+Meines Blutes Verlangen
+Weiß von keinem Frieden mehr.
+
+In der Ferne ruht ein Glühen
+Über dem entschlafenen Land.
+_Was mich bitter traf, wird blühen_
+_Einst._ Darum lächle ich so unverwandt.
+
+Darum hat ein großes Hoffen
+Meinem Herzen sich auf ewig eingeprägt.
+Alles Irdische, das mich so schwer betroffen,
+Ist von jenem Schmerz, der einst das Wunder wirkt.
+
+Es entgleitet meinen müden Armen
+Jetzt der Leib, den nicht mehr Wärme hält.
+Sieh, mein Tod ist ein entzückt ekstatisch und erbarmend
+Niedersinken, wie die Abendsonne niederfällt.
+
+Übertu du heimatliches Leuchten
+Der Natur mit mild versöhnendem Glanz
+Alle Qualen meines Herzens,
+Daß, gleich sprühenden Sternenreigen,
+Himmlische Wonnen mich umfahen, blühend ganz.
+
+
+
+XIV
+
+
+Aufgepeitscht, von roten Flammenschlünden
+Irr umtobt, glüh ich in nächtiger Haft.
+Weh zerfetzt, selig verblutend
+Schau ich stier in ein entzücktes Land.
+
+Brausend kreisen unermeßliche Ströme Blutes,
+Unerschöpfliche Kelche spenden dunklen Wein,
+Daß wir ganz trunken und sinnlos werden,
+Daß unser Leib im wirbelnden Strudel der Lust verbraust.
+Mond und Sterne, der leuchtende Glanz im nächtlichen Blau,
+Erster Lichtschimmer vom kommenden Tag,
+Zerstieben in Purpurglut.
+Aber hoch, hoch über allem, über allem noch Begreifbaren
+Der Welt, in letzter, höchster, traurigster Nachteinsamkeit
+Spannt sich, spannt sich ein Schoß, spreizt sich zur Gruft,
+Flammend enthüllen sich tiefste, nie erschaute Röten,
+Scharlachen aufgetan, nie geahnt,
+Deren brennende Reize kein irdisches Aug erfaßt . . .
+
+
+
+XV
+
+
+Wir ringen. Wir ringen.
+Doch wir wissen, wir werden die dunklen Gewalten
+Einst noch bezwingen
+Und unsere Kämpfe werden uns nicht dumpf behalten,
+Sie werden nur unsere Kräfte entfalten
+Und uns beschwingen
+Und uns den Triumph bringen.
+
+Durch alle Erdenkämpfe werden wir zuletzt
+Das Herz unberührt
+Doch noch heimwärtstragen
+Und durch alles, was uns jetzt
+Noch mit Schmerz verführt
+Und zu Boden drückt.
+Wenn auch jetzt noch dämonisch die Flammen über uns zusammenschlagen
+Und unsere Augen rot das Leid benetzt,
+Einst werden wir sagen:
+Es ist uns schön geglückt.
+
+O daß ein jeder auf seine herrliche Jugendzeit
+Stolz sei und sich derer freut!
+Wo wir den Wert der Dinge erforschen,
+Das Alte vergessen,
+Das Neue ermessen,
+Fanatisch den alten hergebrachten Rechten
+Entgegenwirken und aus den morschen,
+Zerfallenen Reichen neue Reiche aufrichten
+Und die Grenzen der neuen mit Ekstase verfechten.
+
+Was wir dabei entheiligen,
+Was zerstörerische Glut zerreißt,
+Wird sich einst wunderbar an jedem Aufstieg beteiligen,
+So daß sich am Ende doch alles als gut erweist.
+So laßt uns glühen
+Und ernst bestehen nach heißem Bemühen!
+
+
+
+XVI
+
+
+Du enteilst mir, schwere Nacht.
+Schon bist halb du, heller Tag erwacht.
+Kalt sinkt Stern um Stern.
+Glocken läuten fern.
+Goldenes Feuer! Blauer Morgenschein!
+Herz! Bald sollst du geborgen sein! . . .
+
+
+
+XVII
+
+
+Trink! Es ist ja nur Wein! Trink ihn zur Neige.
+Mehr als Wein: es ist mein einsamstes Leid
+Nicht in mir, nicht in dir zur Erlösung
+Meiner irdischen Qualen gelangt.
+Trink! Es ist ja nur Wein, trink ihn, mein Leben!
+Trink ihn, Geliebte, es ist ja nur Wein!
+Doch tiefer denn alles. In ihm funkelt die Sonne,
+Spiegel der Sterne, des Monds, Abglanz des Alls,
+Traumschein des Ewigen, Lippen Gottes . . .
+Trink, es ist ja nur Wein, oh, wär es mein Blut,
+Wäre es mein Herz, o wären es jubelnde Ströme!
+Schlösse den Mund auf ewig ein einziger Kuß,
+Der von den blühenden Lippen Gottes käme! --
+
+Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen!
+Schattenumrissen droht der glühende Schlund,
+Letzten Verhängnisses voll, im Antlitz des Todes.
+Nur im Bann des strahlenden Leibes,
+Nur in der Kraft des Sehnsuchtgedankens
+Kehrt das Heimweh über die Stätte der Erde
+Zu den Gefilden der Heimat, selig und klar . . .
+
+Sieh: eine Seele verblutet, eine Seele entfacht
+Blutige Leuchten in den Stürmen der Nacht!
+Gellende Jubel, so schreien geängstigt die Glocken,
+Wo nur Verderben die menschliche Hoffnung birgt.
+
+Heilige Himmelfahrt du! Im Brausen des Feuers
+Tiefste Ergriffenheit und wie ein Segen von Gott
+Kindliche Trauer im flackernden Taumel des Herzens.
+Heilige Himmelfahrt du, die Toten erwachen,
+Ihre Macht, die lebendiger ist als menschlichen Sinnen
+Je nur verständlich. Die gnadlos walten!
+Heilige Himmelfahrt du! Einer der Reinsten, die je
+Auf dem Wege zu Gott die Hände erhoben:
+Sende die Engel des Friedens gütig herab,
+Daß die Marter der Zeit und unsere Leiden
+Golden verklärt an deinem Herzen entruhn!
+Sieh, wie diese glühenden Flammenschwerter
+Schlägt unsere Inbrunst zu dir, Gott,
+Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen!
+Sende die Engel des Friedens gütig herab! --
+Wenn unser Leib zu Asche -- sende die Engel herab!
+Vater! Sende die Engel herab!
+
+
+
+XVIII
+
+
+Hoch, bekränzt von aller Traurigkeiten
+Goldenem Schein umsternt, weit über diesem Erdenland,
+Sah ich, wie ein armer Leib in allen Herrlichkeiten
+Gottes jubeltönend aufschlug und erstand.
+
+
+
+XIX
+
+
+Ich bin ein Namenrufer über weites Land,
+Selbst namenlos, und Namenlose sind es,
+Die ich rufe. Im warmen Hauch des goldenen Morgenwindes
+Schmerzlich Erweckte aus uralt schattigem Bezirk zu neuem Leben.
+Um ihre grabzerfetzten Lippen ein gelindes,
+Letztes, doch starres Lächeln der Verwesung,
+Manche in der Anmut eines holden Kindes,
+Träumerisch, im Frieden endlicher Genesung,
+Manche in den dunklen Trauertrachten
+Verstorbenster Ahnen, manche in den funkelndsten Schauerprachten
+Stolzester verdorbenster Frauen. Über marmorglänzende
+Fluren hin, in samtenen
+Prunkgemächern oder in der blassen Helligkeit
+Der Abendlichter. Immer ists, als
+Hörte ich Orgeln brausen,
+Große dumpfe Orgeln irgendwo,
+So im Aufgang von den Himmelshöhen,
+So im dunklen Wehn
+Des Abendwindes.
+Oder hellen Silberklang geschwungener Gefäße
+Oder lallendes Hinträumen junger sterbender Seelen,
+Weinen oder die Andacht blasser Frauen,
+Zwischen offenen gespreizten Schößen
+Wunden und entzückte Dolche, funkelnden
+Berückenden Schimmer heiliger Geräte,
+Kinderstimmen tönend durch die seltsam hohen
+Feierlichen spitzgewölbten Hallen.
+Alles Ferne, Trübe, Grausam-Schöne irgendwo . . .
+
+Was ich litt,
+Blinkt auf darin in tausend Narben
+Und stöhnt nach Reinigung.
+Und was ich lebte, um was ich stritt,
+Durchspringt in tausend Farben
+Grell kreischend den Weltenraum, Vereinigung
+Im Höchsten heischend und Entfaltung,
+Gigantische Kräfte zur Vollendung dauernder Gebärden
+In mystischer Verzücktheit und Gestaltung. --
+
+O Friedensstätten siegverklärte!
+Nach irdischer Not und Tod und schwerem Krieg!
+O ihr Begehrten!
+Ihr Vielgeliebten!
+Ihr von leuchtenden Sonnenstürmen
+Und ewigen Sternglorien Beglückten!
+Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder,
+Reiche der Seligen ihr, ewiger Träume bleiche Heimatstätten
+Und der Schwermut müde schweigende Gewässer,
+Wenn der silberne Mond zuhöchst zur Neige kommt.
+Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder,
+Euch noch ungesehene, euch nur geahnte, euch
+Einst herrlich leuchtende Gestade
+Im Morgenlicht!
+
+Euch, euch grüße ich
+In stürmischer Nacht von hohem Wanderschiffe, dessen
+Mürber Kiel zersplittert, dessen
+Stolze Masten jählings berstend übersinken, dessen
+Rumpf mit dumpfer Donnerstimme in ewige Vergessenheit zerkracht.
+Durch Tod und durch Gewittersturm
+Ist mein hohes Heimwehlied der einzige Gesang der Nacht.
+
+O blutiger Aufruhr! Flammenstöße!
+O ihr meines irdischen verbrauchten Leibs
+Zerschellende Mächte! O Stimme Gottes,
+Die durchs Dunkel dringt,
+Die Firmamente leuchten macht,
+Die Sterne aus bewährten Bahnen reißt,
+Mit einem Hauch Frühlinge aus Trümmern weckt,
+Gräber sprengt,
+Tote Herzen wieder schlagen macht.
+O Stimme Gottes, die die Brust beengt
+Uns Menschen, daß der Rasende den Leib sich aufreißt
+Und zerfleischt, den Körper peitscht, sich bis aufs Blut
+Zerbeißt und steinigt.
+Entstellt, zermartert und gepeinigt
+Zum Tod sich hinschleppt, bis auf Flügeln der Ohnmacht er entschwebt,
+Bis ganz das Tönen deiner reinen Stimme ihn durchdringt,
+Bis ganz das stille Leuchten deiner Harmonie ihn süß durchdringt,
+Bis ganz dein milder Glanz ihn sanft umhüllt
+Und den Erlösten
+Blaue Nächte und die Sterne trösten.
+
+Du Freudensturm des Lichts! Du Wort, du Tat!
+Du Sonnengold und Traum der Nacht! Du Tag der Erde!
+Du Wonne! Jubelglanz! Du All, du Nichts, versteinende Gebärde!
+Du Sammelruf! Bezirk des ewigen Heils! Umworbene Stadt!
+Engel der Morgenröte du und heißer Kampf! Gefährte
+Und Hilfe der Schlacht! Zärtlich Leuchten, Siegesklang und Harmonie,
+Du goldener Schnitt, du Schwerkraft, Mittelpunkt
+Und Sinn der Welt! Ausatmen und Ertrinken!
+Natur!
+Du Frucht im Schoß, du Nein und Amen,
+Du Ewig-Wacher, Nie-Vergessender, du Heiß-Erträumter!
+Du grausam Unbarmherziger, du, du -- nein Nie-Beirrter!
+Sieh unsere Hände hält ein Fluch gebunden,
+Doch unsere Kämpfe führen deinen Namen.
+O Volk Verlaufener! O Volk Verirrter!
+O Volk Geschändeter! Zu Wut und Haß Emporgeschäumter!
+O Volk Geächteter! O Volk Verblendeter! Mit Wunden
+Gleich Frühlingssaaten überströmt. Blutüberströmt . . .
+
+Du Unbeirrter!
+O segne mich, den Trunkenen, Begeisterten, von dir zu dir Entflammten,
+Dein Kind, dir Held zugleich und Priester, o Meister! Der
+Seine tiefsten Träume nicht erfüllte noch gestaltete, der nie zur hellen Tat entbrannte, der sie nun unberührt
+An dein Herz wieder niederlegt, o Meister und Verwalter. Woher
+Sie erdwärts niederstiegen und entstammten . . .
+Ich, auch einer der Versunkenen, Verführten und Verdammten.
+O daß deine reine Gnade unverhüllt und licht
+Sich mir zuneige und erwäge, doch daß dein Gericht
+Mein Leid unwägbar und ganz unvergleichbar finde . . .
+(Ach Worten gliche keins. Und Worte wären Winde und Sünde für dies!) . . .
+Bis deine unnennbare Güte den so weh Entflammten
+Aus grauen Mitternächten
+Im dröhnenden Aufstrom sprühender Gewitternächte
+Zu blühenden Lichtwelten schön entführt. --
+
+Daß ich aus allen meinen glühendsten Ekstasen,
+Die mich hinschleudern und zerknirschen, drosseln,
+Mich kalt umpacken, den Nacken brechen,
+Gleich wirbelnden, aufpeitschenden Orkanen, die blühende Gelände mit einem Hauch verwehn,
+Daß ich aus allen Orgien, die meine kranken, getäuschten Sinne feiern,
+Und stolzen, ungebärdigen Gewalttaten,
+Entblößenden Räuschen und allen Trunkenheiten,
+Willküren, rohen Anmaßungen,
+Aufrührerischem Trotz und Mord,
+Aus allem Wühlen, Sehnen, Branden, Ringen,
+Aus allen Stürzen in Abgründe und Zusammenbrüchen,
+Aus allen Anfechtungen und Verzweiflungen,
+Aus allen Ängsten, Lastern und Versuchungen
+Und allen Verirrungen und Halluzinationen
+Und allen Peinigungen des herrischen Geschlechts, das
+Alles überwächst und sich ins Unermessene erdehnt:
+
+Daß ich mich einst aufhebe,
+Den Staub abschüttle, der an zerschrundenen Flügeln haftet,
+Traurige Augen öffnend und das Herz erschließend,
+Daß ich mich einst aufhebe,
+Schwingen spanne,
+In jenes Land hinfindend,
+Mit einem letzten Anflug gläubigen Muts und frommer Kraft:
+
+Wo du in Reinheit der azurenen Höhe,
+Im schimmernden Chaos, wo goldene Sonnen schwanken,
+Und alle Gestirne tönende Lichtreigen inbrünstig um deine Majestäten ranken,
+Wo jauchzende Chore ihn umgeben und reiner Himmelswonnen brausende Melodien,
+Wo harte Engel ihn umschweben mit Blitzen und sausendem Speergewimmel, die ihn
+Zu Bronnen des Lebens schön geleiten, zum Herzen Gottes, die der Einsamkeit
+Gewandung von ihm abtun,
+Seiner schmerzhaften Erdenzeiten
+Verhärmte Schatten.
+O gleißende zitternde Lichtblitze, ewige Gnadenwonnen!
+O du inmitten kreisender Sonnen stürmische Erhöhung:
+Bis die Adern von tanzendem Blut und die Brüste von schimmernden Gluten geschwellt,
+Und die Augen von himmlischen Feuern entbrannt und erhellt:
+Sein Geist als Geist Gottes durchstürmt die brechende Welt. --
+
+O Herrlicher du, senke der Flammen schlagende Fahnen auf uns mit glühendem Bewenden!
+Du Ewiger, lenke den Marsch der Verdammten gnädig aus finsteren Bahnen zu blühenden Enden!
+Du Ewiger, sprenge die irdischen Bande! Mache uns frei!
+O Herrlicher du, erfülle die Länder mit großem Triumphgeschrei!
+
+Kür uns zu Helden, gekrönt mit leidlosem Kranz!
+Daß über unsere schmerzentstellten Stirnen hinströme der Glanz
+Endloser Güte unendlicher Macht!
+Schimmernder Frieden du! Segen du unserer Nacht!
+
+Daß wir an deinem Herzen ausruhn!
+Daß unseren Schmerzen sich Himmel auftun!
+
+
+
+
+Krankenhaus
+
+
+
+
+I
+
+
+Gott brauset mächtig in den Werken,
+Die rings umwandeln sich, vergehend und geschehend.
+Im donnernden Flug der weißen Wolkensärge,
+In Wetterzorn und klirrendem Geträn.
+
+Da wir des Abends wurden eingeliefert,
+An hoher Decke klebte Perlenlicht.
+Wir wollen uns behalten, nie verlassen,
+Uns wenden zu das schreckliche Gesicht.
+
+Es steigen kühl zu uns herein
+Wälder, Wiesen und der Berge Flor,
+Auch die Stadt will gegenwärtig sein
+Mit Brutplätzen und der Menschen Chor.
+
+Die sich zwängten durch die Gitterstangen,
+Streuend Träume durchs Gezell --:
+Klagemeer und Schrei hat sie empfangen,
+Flackern böser Augen, fieberhell . . .
+
+Ja, Bitternis ward in die Brunnen eingelassen.
+Nicht herzet Goldluft mehr uns innig-lieb.
+Gott, den wir in uns faulen lassen,
+Verfärbt die Ströme unseres Blutes trüb.
+
+Mit Mondes Sichel, jäh gekrümmt,
+Pflügt auf er den verpönten Leib.
+Wir haben Gott in Jammer eingenommen,
+Berauschet uns an seinem giftigen Leib.
+
+Gott schreit in uns nach blauer Heimat Frieden.
+Gott gräbt empor sich in Erschütterungsstößen.
+Der Schlafe Ruh sei ihm wie uns beschieden!
+Daß wir in ihm, daß er in uns sich löse!
+
+
+
+II
+
+
+Erwachend aus dem Taumel der Narkosen
+Wir fanden uns zerrissen und geschnürt.
+Die Mauern stieben auf wie Blätter lose,
+Doch lindert Spritze Schnitte und Geschwür.
+
+Wir blicken traurig auf den runden Hof,
+Wo kreisen mummelnd blaue Kittelrupfen.
+Wir schlagen jauchzend Purzelbäume oft.
+Die Wärter uns mit eisernen Pinseln tupfen.
+
+O flögen immer wir durchs Luftgeglänze,
+Wo Strahlentürme aus den Wolken blitzen!
+O segelten wir mit den ewigen Lenzen!
+Ein Heiland war bereit, uns zu beschützen! . . .
+
+So sind wir jung durch jede Nacht gewallt,
+Das Dunkel aber fraß sich in die Hirne.
+Es schuppet sich das fleckige Antlitz alt.
+Empor wir schwanken zwischen den Gestirnen.
+
+Oft, wenn wir drehn uns nach den Brüdern hin,
+Dünkt endlos uns gestreckt der Betten Reihe.
+Im Flammenhorizont der Priester kniet,
+Der Sonne bricht als Todesarzeneie.
+
+In Wartezimmern hocken wir gebückt.
+In Magenhöhlen rinselt Eiter frisch.
+Im Mutterleibe wird ein Mensch zerstückt.
+Wir liegen lang auf weißem Marmortisch.
+
+_Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal_
+_Einander zu_, erlebend süße Nähe,
+Wenn man uns reicht das letzte Abendmahl,
+Uns salbet ein mit Öles weichem Schnee.
+
+
+
+III
+
+
+Der Marter Gott hat liebend uns umarmet,
+Als Sehnsucht Not uns in die Fieber warf.
+Auf Dächergletscher wandelten wir Arme,
+Gepeitschet von den freien Winden scharf.
+
+Erhebet euch, ihr teuflischen Matratzen!
+Euch Siechetücher Hauch der Himmel schwelle!
+Der heiße Kopf wie eine Bombe platze!
+Der Leiber Grab bestürz der Hitze Welle!
+
+Wir Elenden zergehn, in Krämpfen weinend,
+Gestäubet aus. Uns packen an Visionen.
+Das heilige Tier im Dämmertraum erscheinet.
+Wir schlürfen ein karbolische Ozone.
+
+Nicht Frieden mehr die düstere Stirn umheitert.
+Es raschelt schnell der Schläfer Atemtakt.
+Wir Wachenden noch Bittgebete leiern.
+Wir kuschen uns in grauer Kissen Sack.
+
+O Qualen letzte Schlacht im Lazarette,
+Trostloser rot umzirkter Höllenstadt!
+Mit argem Fleische fahren fort die Betten.
+Schon brennen Kerzen in den Gängen matt.
+
+Ihr Mädchen mit den weißen Spitzenhauben!
+Du Arzt im Mantel, der wie Frühjahr weht!
+Wir liegen in Verbänden naß umlaubet.
+Ein Licht beträuft kühl unserer Wunden Beet.
+
+Tag! Endetest mit Tobsucht und Gebrülle
+Uns Irrer aus den Dauerbädern bang!
+O Trauer deck uns zu mit Tränenhülle,
+Aus der Station mit Schwesternachtgesang!
+
+Im Garten aber hinter schwarzem Gitter
+Der Engel steht bei alten Bäumen schwank.
+Er schüttelt sein Gefieder voll Geflitter.
+Ein Stern zersprüht in seines Haars Gerank.
+
+Er flieget auf zu Mondes grüner Klippe,
+Die bald das Meer des Morgens übergraut.
+Es fährt sein Schwert uns zwischendurch die Rippen.
+Wir sterben, rufend seinen Namen laut.
+
+
+
+
+Toten-Messe
+
+
+ Dem Gedächtnis der Fanny Fuß
+
+
+
+I
+
+
+Die schwarze Flur, sie gleicht des Meeres Fläche,
+Wo rote Flecken irren tief am Grund.
+Es brechen durch Korallen grüne Bäche.
+
+Wo Züge rollen schwimmen Lichter bunt
+Und braune Wälder in den Lüften bangen,
+Die wälzen Schatten über Aug und Mund . . .
+
+Und warest du nicht schon von mir gegangen,
+Da wölbte sich ein ungewisser Mond?
+Und habest jenen Fremden nicht empfangen
+
+Und habest nie zur Nacht mit ihm gewohnt?
+Und jenes Leib im Traum voraus genossen,
+Der dich mit Lilienküssen süß belohnt?
+
+Schau ich bin arm und oftmals ausgegossen
+In viele Näpfe, ein Gefäß bald leer.
+Auch jener Rest ist nun zerflossen.
+
+Es füllet nichts die hohen Krüge mehr.
+
+
+
+II
+
+
+Bald sprenget Tag die grauen Läden auf,
+Der mich umbraust mit Lärm und Stimmen Schall,
+Die Straße blitzet und der Schienen Lauf.
+
+_Ich bin Triumphzug, blühend aus Verfall._
+Du Bitternis zerrinnst in diesen Stunden,
+Da Häuser wanken bei der Pauken Schwall.
+
+Schon tropfet Purpur aus des Himmels Wunde.
+Das ward mir längst zu fröhlicher Gewähr:
+Gefesselt wohl, doch so dem Blut verbunden.
+
+Es jaget Morgen mildere Lüfte her,
+Ein Bad auf heiteren Mittag mir bereitend,
+Da purzelt Clown und knallet Schießgewehr
+
+Und ich spaziere friedlich, neugekleidet,
+Auch tönt ein Horn, wo man die Fahne hißt,
+Auf dem Kamel ein roter Affe reitet.
+
+Doch jenen Tag, fast wunschlos, ihn vergißt
+Nicht weicher Schlaf, der weißen Dämmer lischet.
+Ich darf wohl sagen, daß getröstet ist,
+
+Wer sich mit solcher Dunkelheit vermischet.
+
+
+
+III
+
+
+Es schwingen Sternenvölker ihre Arme,
+Die Hacken, wirbelnd an den Sonnemond
+Und Lavastrom sich wälzet, der mit warmem
+
+Strahl bohret durch papierenen Horizont
+Und schartige Flut die blonden Felder mähet,
+Der flammenden Straßenbäume starre Front . . .
+
+Du wieder leuchtend in den Abend spähest,
+Du über allen Räumen weit und groß,
+Ersehnter Hauch, der letzte Segel blähet.
+
+Du bist das Lächeln spitz wie Schwerter Stoß
+Und, Sonnenlanzen, wehen deine Haare.
+Du brichst als Sturm in finsteren Städten los.
+
+Ein Vogelheer, das sich zusammenscharet
+Und kommet plötzlich überm Berg in Sicht,
+Ein Wolkenschiff, das durch die Lüfte fahret . . .
+
+Dich überglänzet grün Laternenlicht,
+Dich überstimmen Ruf und Orgelpfeifen . . .
+Doch weiß ich, daß du schlafest nicht.
+
+Du steigst empor in langen Achterschleifen,
+Du tropfest nieder als der Kerzen Flaum,
+Du fließest hin am Weg als heller Streifen,
+
+Dich hängend an der schönen Kleider Saum . . .
+Palast mit Tanzmusik in Wüstenei --
+Und stellst dich ein in böser Fratzen Traum.
+
+Wir fahren auf, ganz Schweiß, mit Schlafgeschrei.
+
+
+
+IV
+
+
+Die Katzen schreien aus der Höfe Fluchten,
+Naß unterm Tore glotzt des Heiligen Bild.
+Wir atmen heiß nach ewiger Liebe Frucht . . .
+
+Du nahest wieder als die Mutter mild,
+Mit Hängebrust und gelbem Suppennapf.
+Gekreisch der ausgedörrten Kehlen quillt.
+
+Die Windeln steigen aus dem Wasserschaff.
+Du legst den Bruder noch im Bett zurecht. --
+Nun bist du Mensch, das Puppe herzt im Schlaf.
+
+Zum Ausgehn ist das Wetter dir zu schlecht,
+Auch hast du frei heut, brauchst nicht aufzutreten.
+Bös irrt ein Glanz durch schwarzen Baums Geflecht.
+
+Es schwirren Pfeile wild verzweigter Reden
+Und einer nimmt dich, kaum mehr auszudenken,
+So fern schon: Tränengüsse der Erflehten . . .
+
+Wir aber schliefen oft auf diesen Bänken.
+
+
+
+V
+
+
+Nun niemand mehr in dem Bezirke hungert,
+Der, seidener Teppich, zwischen Monden hängt
+Und niemand hutlos an den Ecken lungert
+
+Und keiner bös sich in die Züge mengt --
+Da flüchtet Priester mit der Klingel leis,
+Die Dome blühen, Jahre arg beengt,
+
+Und schlagen auf die Dächeraugen weiß,
+Die Glocken dröhnend, bunte Blasen, schweben
+Und singen im Verein des Höchsten Preis,
+
+Derweil die Flüsse Silberarme heben
+Und wirre Landschaft jubelt und zerrinnt,
+Doch wir, erwacht von seligen Räuschen, beben
+
+Und bleiben Tastende, verwahrlost, blind
+Und suchen dich, die gleichet ewigem Wald,
+Da wechseln Höhlen feucht mit Höhen lind.
+
+Wir finden uns heraus als Wanderer alt.
+
+
+
+
+Kleist
+
+
+Schakale winseln Dächer in den Öden.
+Der Abend dünn in aschene Nacht zerrinnselt.
+Aus blindem Hafen die Sirene flötet.
+Leuchtfeuer matt wie grüne Sterne blinzeln.
+
+Er stehet auf und schlägt den Mantel um,
+Der sich im finsteren Regen klatschend ballet.
+Durch öliges Tor er schiebt den Buckel krumm,
+Die Fingernägel er im Sturm verkrallet.
+
+Um seine Paukenfüße wirbeln Lehme.
+Petroleum schillernd um das Haupt ihm spritzet,
+Aus dem, scharlachenes Rund, das Auge blitzet.
+
+Verdüstert von der Schattenhäuser Fehme . . .
+Es platschen Gäule durch des Mondes Pfütze . . .
+Er auf dem Bock der Kohlenfuhre sitzet.
+
+
+
+
+Die Stadt der Qual
+
+
+
+
+
+Erscheinen des Engels
+
+
+ Dem Doktor Otto Groß gewidmet
+
+
+
+I
+
+
+Schon färbet Nacht uns. -- Sieh, als heiliger Würger
+Stolziert er durch die Nacht mit Wohlbehagen.
+Er spucket Kugelköpfe, rote Bürger
+Und Gäule stürzt er, sanfte Trambahn-Wagen.
+
+Er schmettert seine rauschenden Fanfaren,
+Er rufet Pest und Fieber, die Dämonen.
+Er zerret Weiber in den Fluß an Strickehaaren.
+Er balancieret auf bedenklichen Balkonen.
+
+Sein Mantel hänget Haut herab in Fetzen.
+Die dunkle Luft ist irgendwie erschüttert.
+Schon dünne Nonnen durch die Straßen hetzen.
+
+Im Arsenal die Bogenlampe zittert.
+Das Flammenschwert er schwinget, sich ergötzend.
+Es dröhnet Orgel weit das himmlische Gewitter.
+
+
+
+II
+
+
+Nun ruhend über, ach, gefallenen Säulen,
+Zerborstenen Theatern und Konzerten . . .
+Er füget Glieder an zerbrochene Leiber
+Und streicht mit Erde Wunden aus.
+
+Wo Dunst aufbricht verwelkter Seuchen
+Und Flüsse spülen endlos blaue Leichen . . .
+Und jammernd kindlich über offenen Gräbern
+Und stößet Seufzer hell durch Blätterruß.
+
+Sich streckend, daß dies Leid er fasse,
+Bis jene Ewigkeit ins Aug ihm wächst.
+
+
+
+
+Abend
+
+
+Verschüttet unterm Strahle des Planeten
+Lag ich, war Ort, Vergangenheit und manch Gesicht,
+Ich stöhnte in der Klage des Propheten,
+War Hundelaut und Stimme im Gericht.
+
+Der Tag vergehet wieder und schon ankert
+Im Hohen fern des weißen Mondes Boot,
+Bald sich ein Schein um meine Stirne ranket
+Und großer Zukunft Ruhm mich heiß umdroht.
+
+Ich hab genug dich harte Zeit erlitten,
+Da ich Empfängnis war, feig und befleckt,
+Wir über Land auf hellen Schienen glitten.
+Wir Ziele euch. Wie Scheiben aufgesteckt.
+
+Da nun aus schwacher Brust, durchwühlt von Toben,
+Schon warmer Hauch in kühles Dämmer schied,
+So will ich gern den mächtigen Herren loben,
+Der mit der Sonne rot im Westen zieht.
+
+Er treibet heim das blutgeschwollene Tier,
+Das schlang die Städte über Tag und fraß
+Sich satt an Hirnen und mit böser Gier
+Riß es den Boden auf, bis Büschelgras,
+
+Bis Wiesen flammten, spitz die Wälder schrieen,
+Die Dächer barsten und der Flüsse Schaum
+Aufkochte, an verträumter Hügel Kniee
+Hinquoll, die konnten atmen kaum.
+
+Nun kriecht es zwinkernd und voll wahrer Reue,
+Nicht murrend in der grauen Berge Stall.
+Schon glänzet auf der Stern in heiliger Bläue
+Als jenes Stabes Spitze und der Wall
+
+Von Wolken, jenes Kleides Falten,
+Er schimmert und zerfließet, wird verweht.
+Noch zuckt ein Streif aus rauher Türe Spalte.
+Es grollet dumpf er, der auf Wache steht.
+
+
+
+
+Gesang zur Nacht
+
+
+Auf hellen Wagenstraßen Päderasten stelzen.
+Verblaßte Mädchen streifen an mit buntem Kleid.
+Der Lichtreklame Teufel farbenes Feuer speit.
+Ein trüber Kehrichtstrom im breiten Mond sich wälzet.
+
+Verzweifelt werden wir noch diesen Leib umfassen,
+Darein Laternen kollern wie in finstere Kluft.
+Mit knöchernen Händen wollen wir ein Weib zerfasern,
+Derweil das kichernd unseren schwarzen Bart zerzupft.
+
+Es müssen Messer schreiend aus den Taschen springen!
+Zerstochene und Säufer poltern im Lokal!
+Bordelle sollen bluten und Klaviere klingen!
+Exzesse rasen furchtbar bei der Reichstagswahl!
+
+Vom roten Forum aber tackt ein Trauermarsch.
+Ein König wird in die Familiengruft getragen.
+Ein feiner Graf besieht sich einen vollen Arsch.
+Es liegen Puppenjungen rund bei Lustgelagen.
+
+Ein kleines Leben däucht jetzt bleichem Fant beschissen
+Und möcht den neuen Browning an die Schläfe setzen.
+Sich Meuchelmörder schminken. Diebe Feilen wetzen.
+Zuhälter strolchen auf dem Boulevard jagdbeflissen.
+
+Mit Schlafes giftigem Strauße in der narbigen Hand
+Des Todes Engel hocket bei des Marktes Halle.
+Wir Armen werden müde am verlassenen Strand
+Vor Morgens blauem Meere auf die Knie fallen.
+
+
+
+
+Die Stadt der Qual
+
+
+
+
+I
+
+
+Stadt du der Qual: -- in Höllenschlunde eingeschlossen
+Von eherner Gebirge Ring und Festungswalle . . .
+Dein Dulder-Körper blüht, rinnenden Lichts begossen,
+Azurene Meere sprengen deiner Grüfte Halle!
+
+Stadt der Qual: -- die Toten atmen in den Gängen,
+Ein Marsch beginnt mit Trommelkrach und buntem Spiel.
+An schmalen Schultern lehnen Hyazinthenstengel.
+Aus silbernen Kesseln wirbeln Düfte Weihrauch schwül.
+
+Stadt du der Qual: -- erbaut an des Verfalles Ende
+Raget dein Dom, die dürre Knospe des Jahrhunderts.
+Wir mit den Tüchern schwenkend uns zum Morgen wenden.
+Wir gehn, verfaulte Wracks, in Abends Schatten unter. --
+
+Sie speiet aus ihr schwarzes Blut und im Geschirre
+Der hageren Flüsse brüllet auf sie wie ein Stier.
+Die Sonnenheilige durch Dächerwildnis irret
+Und hauchet aus in Todes rosigem Geschwür.
+
+Sie winket mit den Türmen nach der goldenen Schwester,
+Die sterbend träufelt Öl auf ihre eisernen Locken.
+Ein zorniger Sturm beruft das himmlische Orchester,
+Das stöhnet auf mit Flammenschrei und Donners Glocken.
+
+Ein Kind zuckt knallend hin, das spielet Ball im Hofe.
+Des Dämmers Schwall würgt keuchend Giebel und Balkone.
+Es prasseln Scheiter aus der Stube kleinem Ofen.
+Der nackte König wandelt mit der Dornenkrone.
+
+Es prallen Salven ihm vom Marktplatz gell entgegen.
+Kasernen, die in Reihenmassen aufgebrochen,
+Sie überkreuzen ihn mit wirren Säbelschlägen.
+Geschütze heiser von dem Stachelhügel pochen.
+
+Es flammen weit im Rund der Räume Baldachine.
+Man hetzet Minen auf die Blöden, die wie Hasen
+Aufflüchten, stürzend in die dampfenden Latrinen,
+In Grubenteich, wo träge Schlangenkröten grasen.
+
+Die Schimmelwände der Gefängnisse zerbröckeln.
+Als Seliger Brücke glänzt der Purpurwunde Streifen.
+Wie Fackeln starren hoch der Lanzen rostige Nägel.
+Zertrümmerte Gerüste schleiert Winters Reife.
+
+Der König ward als Fraß den Hunden vorgeworfen,
+Die kotzten ihn verreckend an den Ecken wieder.
+Des Königs welker Leib stinkt wie von Pest verdorben,
+Doch gelber Strahlen Bündel sprüht sein Haargefieder.
+
+Der König ist versoffen in der Huren Gosse.
+Der König schwemmet langsam durch die Kotkanäle.
+Sein Bauch erdröhnt im Tunnel. In der Hände Flossen
+Hält er das Schilfrohr-Zepter, ewiger Nacht vermählet.
+
+Der König sickerte in gieriger Poren Schächte,
+Die stoßen dumpfen Dunst, der Marterängste Schweiß.
+Der Mond blitzt krumm. Ihn schwingt als Beil der Schlächter,
+Ein Engel schwarz in blendender Orifeuer Kreis.
+
+Die weißen Betten schweben durch der Zimmer Decken
+Und gondeln, Schiffe, durch die Lüfte mit Gebraus.
+Zementene Uferdämme Wogenstrom belecket
+Und Straßen steigen finster in die Welt hinaus.
+
+Wie Ziegen meckernd hopsern schief die Invaliden.
+Die braunen Kuttenmönche schwirren mit Geflüster,
+Es wallen aus den Toren Fahnenzüge düster.
+Es stehen Sieche auf. Es kommen Jungfraun nieder.
+
+Die Nonnen winzelnd an den Kreuzaltären bangen
+Mit Lila-Augen brennend unter Spitzenhauben.
+Kalk spritzet über die verrannzten Butterwangen.
+Wild scheuchen Fledermäuse auf, die Schar belaubend.
+
+Der süße Wein, der in der Priester Kelche quoll,
+Zerschliß die Magendärme ruckweis an den Hüften.
+Geheul Vergifteter an Wasserbrunnen scholl.
+Signale trillern auf. Ein Brand ward angestiftet.
+
+Sprungkünstler hüpfen über Dach der Irren Horten.
+Mit Peitschen produzieren sich die Flagellanten.
+Es züngeln grüne Gase pfauchend aus Aborten.
+Es platzen rauschend vor den Häusern die Hydranten.
+
+Da reißet auf des Wolkenschlammes zähes Siegel.
+Es fahren Schwäne auf dem Seee ruhig-glatt.
+Hoch wölbet sich der zarten Bläue flacher Spiegel,
+Der Armen Klagetöne klopfen traurig-matt.
+
+». . . Ich bin die Stadt der Qual . . . Die Schmerzen anderer Städte
+Sind in den Zellen meines Kerkers eingezogen.
+In meinem tiefsten Bau ringt alles Leid verkettet.
+Aus meinen Kuppeln widerstrahlt der Gnade Bogen.
+
+Ich bin die Stadt der Qual . . . Die irdische Kreatur
+Zerstäubt in mir, wie Fliegenschwarm in Schwefel.
+Ich bin zerfetzet ganz von der Verdammung Schwur.
+Ohnmachten mich in kurzer Lieder Träume schläfern.
+
+Ich bin die Stadt der Qual . . . Fluch klebt an meiner Stirne,
+_Doch werd ich einst auf Flammenteller hochgereichet_
+_Zu Gottes Speise_ . . . der gefallenem Gestirne
+Mit Lilienhand die Furche aus dem Antlitz streichet.«
+
+
+
+II
+
+
+Weh euch! Weh euch! Die ihr den König ausgespeiet,
+Besudelt mit der Finger Dreck den Hermelin.
+Er tummelt sich im trüben Teich mit Wimmelschleien
+Und Molchenbrut in fleckigen Schwerterschilfen dünn.
+
+Weh euch! Denn er erwacht mit silberner Zymbel Schellen
+Und schroffem Blitz, der eueren morschen Fels zerhaut,
+Er wird sich nackt im Traum vor euere Weiber stellen,
+Ein Adler, rasselnd mit den ehernen Flügeln laut.
+
+Weh euch! So tragt wie Büßer euer Haupt gesenkt
+Und schleicht die Mauern lang, die wie ein Alb euch drücken,
+Der Rosenkränze Stricke um das Handgelenk,
+Erfrorener Sterne Haufen in den Augenlücken.
+
+. . . Da Bettelweiber auf der Kirchen Stufen hocken
+Und ums Portal, das klafft, sich kreischend raufen.
+Ein härener Sack hängt das Gestirn in Wolkenflocken,
+Durch die der Abendengel düstere Schatten laufen.
+
+Laternen schlingen gierig auf der Nebel Grunde,
+Aus denen fahler Pferde Vier, sich bäumend, steigen.
+Raketen sprühen aus der Reiter heulendem Munde.
+Verbrannte Blätter sich die Horizonte neigen.
+
+. . . Wir warten, während rings die Autobusse sausen,
+Geduldig. Hupen bohren durch uns scharlach-schrill.
+Wo sich die Wunden kratzen, sich die Armen lausen
+Und Buden jammern unter herbstlichem Geknüll.
+
+Kommt eine schwarze Fahne nicht herabgewehet?
+Bedecket uns mit schleimiger Blässe finsterem Grind?
+Nah hinter uns der Morde böse Schatten stehen.
+Wer bricht ins Knie? Ein heißer Blutquell rinnt.
+
+O Regen! Deiner grünen Wassermassen Stürze
+Verwaschen Haus und Wald. Es bröckelt mein Gesicht.
+. . . Und stampfen platschend durch der Straßen gelbe Pfützen.
+Uns schützt kein sicherer Unterstand. Uns hellt kein Licht . . .
+
+O Regen! Färbest Wände aschenfahl uns: Tinte
+Und grauer Trauer Schleier über uns gezogen,
+Bewegt leicht von unerforschter Pohle Winde.
+Ein blonder Star hat uns zu irrer Fahrt bewogen . . .
+
+O Regen! Leise schluchzend schied der Tag verweinet,
+Da webet bleiche Laken dichtes Schneegefäll.
+In Kneipenlöchern dumpf der Hunde Völker greinen,
+Und Clowne kreiseln winzelnd um ein Zirkuszelt.
+
+Die Vorstellungen werden jählings abgebrochen.
+Der Primadonnen Phantasiekostüme -- Feuer!
+Wirr krümmen sich der Rennmotore Eisenknochen.
+Tragflächen reißen mittendurch und Höhensteuer.
+
+Wo sind wir hin auf brüchiger Gassen Pfad gelanget?
+Und der es ruft, versinkt wie Stein in gröhlendem Sumpf.
+Auf öden Ackerfeldern wachsen Lanzenstangen,
+Durchschossene Tornister und Gamaschenstrumpf. --
+
+»Wir sind die Untergänge vor ersehntem Ziele.
+Wir sind die Trauernden beim Tangorausch der Zeit.
+Wir sind die Fallenden in der Erfüllung Streit.
+Wir sind die Untersten im knäulichten Gewühle.
+
+Wir brannten kreischend ab mit Sardes Königsfeste.
+Wir ließen murrend uns ins Land Ägypten schleppen.
+Wir litten den Erstickungstod im Burgenneste
+Und waren Flucht Napoleons aus Rußlands Steppe.
+
+Wir schlangen innig-heiß den Todesblock der Guillotine
+Und taten gerne mit bei Metzel und Gegräuel.
+Wir wühlen uns durch Fleisches Gänge als Trichine.
+Wir offenbaren uns am Kopf als Eiterbeule . . .«
+
+. . . Schon wirbeln Fackeln durch die kubischen Räume leer.
+Aus rissigen Spalten prasseln flammende Geschwader.
+Mit weißem Krach zerbirst der Finsternisse Krater.
+Aus rußigen Stollen stößt ein roter Höllenspeer.
+
+In andern Welten wird die Erde fortgeboren,
+Geschleudert durch vergilbten Äther, glühender Samen.
+Sie spiegelt sich entflüchtend in der Meere Rahmen
+Und in der blendenden Gletscher Ebene, kahlgeschoren.
+
+Es plaudern Stürme über dem entrückten Werk
+Mit nackten Einsamkeiten, die sich zitternd scharen.
+Aus blauen Schalen träufeln flimmernd Sonnenhaare,
+Die ballen drehend sich zu goldenem Klumpenberg.
+
+Da jeder Name sank, in Dunkelheit vergessen,
+Da jeder Schall erstarb, in Dunkelheit getauchet.
+Ihr mögt der Dunkelheiten Reiche kaum ermessen,
+Die blähen, Moore, endlos sich mit schwangerem Bauche.
+
+Die Dunkelheiten haben unseren Sinn verstöret.
+Die Dunkelheiten halten Weg und Platz verborgen.
+Die Dunkelheiten haben Raum und Ort verzehret.
+Die Dunkelheiten rückten donnernd vor den Morgen.
+
+Wir werden eingelullet sein . . . In nassen Gräbern
+Der Nächte wie in Bettlersärge eingezwängt.
+In Marmorplatten sich die blasse Wölbung fängt.
+Des Winds Hyänen schnuppernd durch die Grüfte stöbern.
+
+
+
+III
+
+
+Es klingeln alle Türme. Lautlos auf Kanälen,
+Schwarzsilbergründig der Paläste Reih durchschneidend,
+Erdolchen Gondeln sich. Aus branddurchrasten Sälen
+Sich Lichtteppiche grell wie Treppen aufwärtsbreiten.
+
+Da wiegen Stürme sich, im Meer zur Ruh gelegt,
+Und schreiten Regen, Tröster über trockener Flur.
+Des Mondes Sichel blitzet groß im Nachtgeheg
+Und ein Komet schleppt zischend seine Feuerschnur.
+
+Melodisch atmen Bäume, Teiche und Gesträucher
+In Parkanlagen. Manchmal seufzet eine Bank.
+Das Tulpenbeet entbrennt, ein weitverzweigter Leuchter
+Und goldene Ströme poltern in der Klüfte Schrank. --
+
+O Schlaf! Durchwalle zymbelnd unsere Gemächer
+Und wen du antriffst schmerzzerrückt, den lulle ein!
+Umzirke ihn! Traum, laß ihn weinend schwächer!
+Gestrengen Engel rühr zu Wehmut auf dies Leiblichsein!
+
+O Stadt der Qual! Zu Marter Zwang erkoren!
+Da wanken wir an Humpelkrücken, welk-zerbrochen.
+Wir haben Halt und Spur im Labyrinth verloren.
+In Einsamkeit vereist, zerbarsten unsere Knochen.
+
+Zertrümmert seufzt des Kirchendomes Pyramide.
+Der Himmel greint, verschlissen-grau, ein Aufwaschtuch.
+Auf offene Gräber träuft der Schneee bleicher Flieder.
+Verweilet nicht im Zug betäubenden Geruchs!
+
+Steigt weiter, wo euch nicht zerwirkte Gassen hindern,
+Wo dichter Ölwald rauschend sich herniederneigt!
+In warmer Bucht die Schwanenschiffe überwintern,
+Bis einst ein Frühjahr guten Wind und Sonne zeugt.
+
+. . . Es zuckte manchen diese Hoffnung um die Lippen
+Und hatten sterbend wohl dies Wort geformet, daß
+Wie Säulen gold aufleuchteten der Tode Klippen
+Und Marmorprunk . . . Da aus der flammenden Steppen Gras
+
+Nahte im Schwarm von Vögeln geisterhaft der Hauch.
+Von Paradiesen, ob von Höllen er Bescheid uns brächte,
+Wir wußtens nicht. Vertrauten gläubig nur, daß auch,
+Wenns schlimm wär, wir uns wehrten nicht, nur dulden möchten.
+
+Und wurden eingesargt in zorniger Mächte Kampf.
+Der Rache Gott war furchtbar vor uns hingetreten.
+Mit gelber Flüsse Schwert. Mit Augen, Feuerdampf.
+Mit Schultern bergebreit, von Brand und Blitz umwehten.
+
+Die Brücken krachten, vor ihm auf die Kniee fallend.
+Die Häuser sich wie Hände ineinanderschoben.
+Die Eisenbahnen gröhlend durch die Straßen wallten,
+Die haben Schlangen züngelnd sich emporgehoben
+
+Und sausten Geißeln durch die Lüfte mit Gesirre
+Und krümmten pfeifend sich wie Hydren in der Faust
+Des Ewigen. Wie Riesenbienen Plätze schwirrten.
+Es schnellten Geysirstrudel aus der Klüfte Bau.
+
+So daß wir dumpf verwandt uns fühlten blutiger Gosse.
+Ach Brüder ihr, im Morgen Kreide und kaput!
+Ihr Schwestern hingeklatscht, mit breitem Mund verschlossen,
+Grau übertüncht von Puders Moderstaub und Schutt.
+
+Vergeßt die Körper, quer zerhackt und aufgetrennt!
+Zerfetzte Därme, die wie Bündel Würmer schleifen.
+Der Leichen violetten Dunst! Das Instrument!
+Der Watten Flockenbausch! Der Klebepflaster Streifen!
+
+Sie heulen schallend, grindig-blind ans Licht geworfen.
+Es grinsen Totgeburten. Wüst stinkt Fleisch an Fleisch.
+Die süße Milch gerinnt in Mütter Brust verdorben
+Und Lungen bröckeln unter ratterndem Geräusch.
+
+Wir aber hören schon zerstampfte Länder schreiten
+Und Tiere kreischen aus der Meere schwarzem Sumpf.
+Die Sonne löst sich donnernd in Azurgebreiten
+Und viele blonde Engel kichern im Triumph.
+
+Wir sind zerfasert mürber Seele und verhuret,
+Voll Flecken und zerschlissen wehet unser Kleid.
+Auf unser Antlitz ätzen Laster krumme Spuren
+Und Narben zucken im geschwollenen Schoße weit.
+
+In den versunkenen Gewölben klappern wir Gerippe
+Und winden uns und flattern auf im herrlichen Zug.
+Verschnürte Häuteklumpen wir aus Särgen kippen.
+Schon heilige Jungfraun geußen Öl in ihren Krug.
+
+So haben wir den Schmerz zu unserer Braut erwählet.
+Das Muskelfleisch aufscheuern die Gewänder hären.
+_Der Schmerz ist heilig._ Er wird Tat und Werk gebären.
+Verhaltene Kräfte zünden. Uns dem Tod vermählen.
+
+Der Schmerz wird das Gehirn in harte Folter spannen,
+Daß kalte Feuer sprühend diesen Raum entfachen.
+Der Schmerz wird unsere armen Stunden streng bewachen
+Und rinnen tönend-silbern aus den Opferkannen.
+
+Der Schmerz wird Ewigkeit bestürmen und ergründen
+Und Babel selig preisen und den Himmel spalten,
+Daß unsere Augen wohl in große Sterne münden,
+Daß unser armer Leib nicht spät zur Nacht erkalte . . .
+
+
+
+
+Bordell
+
+
+
+
+I
+
+
+Wenn wir uns verlassen fühlen ganz und fremd
+In den Automaten und bei Anverwandten,
+Müssen wir berauscht, in argen Frack geklemmt,
+Zylinderschiffe an den kleinen Huren stranden.
+
+An den kleinen Huren in der niederen Halle matt,
+Schläfrig hingesetzt auf jeden Stuhl ein Blatt,
+Und wir folgen ihnen in die oberen Räume.
+Abendrot dünkt uns der kurzen Röcke Säume.
+
+Nein, wir legen nicht die nächtige Maske ab.
+Treppen steigen wir hernieder, mies und schlapp.
+Eine neue Nacht umstreicht uns mit Getön.
+Hoch in Lüften regt sich Heimat, klar und schön.
+
+
+
+II
+
+
+Meiner Jugend Nächte sind in euch verbrandet.
+Hingegeben ward ich langer Messer Stahl.
+Euerer trüben Augen Lid fleht rotumrandet,
+Euer Antlitz wild zerpflügt und aschenfahl.
+
+Eine schleichet immer um, ein böses Tier,
+Stampfend auf und grinsend, würgend Fluch um Fluch.
+Zwischen umgeworfenen Stühlen tanzen wir.
+Lysoform ist da, und immer sauberes Tuch.
+
+Leicht gedämpft erklingen unten Geigen.
+Drehen nicht die Wände mit im trunkenen Reigen.
+Da -- ein starres Auge schreckhaft uns zerreißt.
+Mond hängt schief, in hohem Meere grün vereist.
+
+
+
+III
+
+
+Jetzt zu großer Stadt seid furchtbar ihr vereint,
+Die erhebt ihr Marterangesicht versteint.
+Kreuz und quer zerhackt von schlimmer Krankheit Biß,
+Schräg zerfetzt von wüster Morde blutigem Riß.
+
+Gott wird betteln demütig um euere Gnade,
+Doch ihr bleibet unerbittlich, grausam-stumm,
+Löset auf euch nicht in heißer Tränen Bade,
+Wendet euch nicht Lächeln schöner Engel um.
+
+Herrisch steiget auf ihr, grauer Säulen Quader,
+Bohrt euch, starre Dolche, in des Ewigen Brust,
+Daß zerplatzet seines Herzens blaue Ader.
+Niederklatschet steil ein Purpur-Regenguß.
+
+
+
+
+Begräbnis
+
+
+Den Bleichgesichtern schlagen Fackeln Narben.
+Die Trommel in die weite Runde bellt.
+Ein Zuckerhut der Pyramide Zelt . . .
+Fern nur geahnte Ufer hellen Lampenfarben.
+
+Ein Fremder bricht sich schreiend das Genick.
+Schief neigen schon der Segel weiße Bogen.
+Ein seltener Hauch kommt übers Land gezogen . . .
+Wir aber harren auf den Plätzen düsteren Geschicks!
+
+Landschaften in den höheren Lüften wandeln
+Und Sterne baumeln zwischendurch an Fäden.
+Die Toten glotzen aus den Fensterläden.
+Glutwogen überspülen Heimatstrande.
+
+Da hebt sich auf des Niles Silberband
+Und bäumt sich, fette Schlange, bös empor.
+Kamele bluten um der Brunnen Rand.
+Bei der Oase brüllt ein Löwenchor.
+
+Die Mumien rütteln sich aus den Verbänden,
+Sie tasten sich hinaus zum Labyrinth
+Und graben Namen mit den Griffelhänden
+In Wüstensand, der heiß vom Himmel rinnt.
+
+
+
+
+Stunde des Todes
+
+
+Stunde des Todes, da Tag sich sein Kleid
+Borgte von Abends entlüfteter Weite.
+Stunde des Todes im Rosengeschmeide
+Und mit Kränzen zur Heimkehr bereit.
+
+Stunde des Todes. Mit Liebe Gewalt
+Überflüsterst du uns, den bittern
+Kelch füllend mit Honig. Die Beine zittern.
+Ach, wir sind ja so gar nicht alt!
+
+Stunde des Todes. In schweflichtem Schein
+Brennender Städte entmündend nach oben.
+Schweben, sorgfältigst aufgehoben,
+Wie Juwele aus finsterem Schrein.
+
+Stunde des Todes. Die Bataillone
+Himmlischer Geister harren in Front.
+Graue Gesichter golden versonnt,
+Aber die Helmspitzen sprühen im Monde
+
+Und die Panzer, Kürasse und Fahnen.
+Und die Armen stehn jubelnd im Tor,
+Strecken Lilienhände vor,
+Tiere mit Augen, die Frieden ahnen.
+
+Stunde des Todes. Da geifert und keucht
+Schleimiger Schlund, nach Atem schnappend.
+Kinnbacken schauernd vor Kälte klappern.
+Wälzen sich Klumpen in Betten feucht
+
+Und mit Lüften Weihrauch vermengt
+Und mit der Priester schalen Gebeten
+Muffige Stuben Schatten betreten
+Und die Fenster düster verhängt --
+
+Stunde des Todes. Da hundsföttisch lacht
+Der Laster Grimasse, am Bettende hockend.
+Nebel, Züge, Glocken
+Schleppen sich durch die verweste Nacht.
+
+
+
+
+Der Mörder
+
+
+Noch schreit ich durch die Stube grimmig-bang.
+Jetzt wasch ich mich im neuen Wasserkrug.
+Wie sie die Augen innig um mich schlang
+Und schäumte stier, als ich sie niederschlug!
+
+Fahr Weibsbild hin und hur in Hölle Grab,
+Mich laß, ein Vieh, in muffigem Stall verenden!
+Wohl möcht ich, daß ein langer Rausch mich lab,
+Doch kann ich nicht die Schritte abwärts wenden.
+
+Sie tanzte kurzen Rocks in heller Runde
+Und Scheine Bluts benagten oft ihr Haar.
+Ja, ihr Gesang in dieser nächtigen Stunde
+Erschien mir immer fremd und wunderbar.
+
+Und führte ich sie Sonntags aus am Arm,
+Wir eilten parkwärts mit der Straßenbahn.
+Ich steuerte behutsam durch den Schwarm
+Der Ausflügler zum Gartenrestaurant.
+
+Im Dunkel flammt ein schönes Feuerwerk.
+Im Saal versammelt man sich froh zum Tanz.
+Ach, und zuhaus erwuchs ein Blumenberg,
+Postkarten flochten einen farbigen Kranz.
+
+Schon enget mich die feuchte Gitterzelle.
+Was denk ich an das Hosenträgerseil?
+Ich trete eisiger Frühe auf die Schwelle.
+Der Block ist nicht zu fürchten, nicht das Beil!
+
+Ein Priester spricht im Winde leis die Messe
+Und fleht, daß mir der Herr zur Seite bleib.
+Ein schwarzes Tuch. Breit grinst der Toten Fresse
+Und bietet sich voll Schwung der magere Leib.
+
+
+
+
+Der irdische und der himmlische Gesang
+
+
+ _»Als aber das Zeichen des Kreuzes in den Wolken_
+ _erschien, umgeben von Engeln, die einen himmlischen_
+ _Päan anstimmten, fanden die Kämpfenden_
+ _wieder neuen Mut.«_
+
+
+
+
+Berlin
+
+
+Der Süden wird verbluten in der Sonne Stunden.
+Der Taten Gott erzürnt aus Lavagrüften schlug.
+Es kreiset um das Land der Berge Flammenrunde.
+Da brachen auf wir schwarz, ein dünner Totenzug.
+
+Der Süden ist bestimmt zu ewiger Trauer Schlafe.
+Wir haben unserer Träume Barken ausgebrannt.
+Wir winken mit den Fackeln nach dem stillen Hafen,
+Die streichet aus der Finsternisse Mutterhand.
+
+Des Südens Atem klebt an unseren krummen Rücken
+Mit Winden lau und dumpfer Glocken Grabgedröhn.
+Betrübet euch! Des Abends rote Nebelmücken
+Bestürmen euch mit Sang. Laßt uns vorübergehn!
+
+Maultiere brechen hart von schartigem Messergrate.
+Lawinen übertünchen uns mit Liebe weißem Fächer.
+Wildbäche überblitzen hoch der Brücken Drahte.
+Geysire platzen aus der brüchigen Felsen Köcher.
+
+Wir sanken morgens in der Spalten grüne Kammern.
+Wir tauchten mittags ein in Gletschermühle Becken.
+Es sauste nieder des Erdrutsches Keulenhammer.
+Des Winters Sturm riß uns aus wohligem Verstecke.
+
+In Höhlenlöchern warteten die zarten Wunder.
+Mit Gerten schlugen wir uns Labung aus dem Stein.
+Wir stürzten ab mit nasser Büschel Fleckenschrunde.
+Wir starben in den Kelchen der Enziane klein.
+
+Wir tauten auf beim Hirtengruß und dem Geblöke
+Der Herden. Aus der Blumen Grunde warmem Lauch
+Sog uns zu Funkengärten schräger Purpurkegel.
+Es trug uns Raub der neuen Heimat Wirbelhauch.
+
+Aus Dächerfirnen strahlt der Meere Glanzgebreite,
+Urwälder sind in Schlot und Balken hochgewachsen.
+Der Rauche rußiger Hain beschattet die Gemäuer.
+Der Krater Trichter schrumpften, schiefe Aschenzacken.
+
+Der Wiesen Fluren tanzen um als Wimmelplätze.
+In langer Straßen Schluchten weinen Abendröten.
+Ein Quellenstrudelschwarm zum Himmel hetzet
+Bei Kellertunnel-Not und Krach der Speicherböden . . .
+
+Berlin! Du weißer Großstadt Spinnenungeheuer!
+Orchester der Äonen! Feld der eisernen Schlacht!
+Dein schillernder Schlangenleib ward rasselnd aufgescheuert,
+Von der Geschwüre Schutt und Moder überdacht!
+
+Berlin! Du bäumst empor dich mit der Kuppeln Faust,
+Um die der Wetter Schwärme schmutzige Klumpen ballen!
+Europas mattes Herze träuft in deinen Krallen!
+Berlin! In dessen Brust die Brut der Fieber haust!
+
+Berlin! Wie Donner rattert furchtbar dein Geröchel!
+Die heiße Luft sich auf die schlaffen Lungen drückt.
+D er Menschen Schlamm umwoget deine wurmichten Knöchel.
+Mit blauer Narben Kranze ist dein Haupt geschmückt!
+
+Wir wohnen mit dem Monde in verlassener Klause,
+Der wandelt nieder auf der Firste schmalem Joche.
+Der Tage graue Gischt zu sternernen Küsten brauset.
+Auf Winkeltreppe ward ein Mädchen wüst zerstochen.
+
+Wir lungern um die Staatsgebäude voll Gepränge.
+Wir halten Bomben für der Wagen Fahrt bereit.
+Die blonde Muse längs sich dem Kanale schlängelt,
+Quecksilberlicht aus Läden lila sie beschneit.
+
+Auf Pflaster Nebeldämpfe feuchte Wickel pressen.
+Auf trägem Damme erste Stadtbahnzüge schnaufen.
+Die alten Huren mit den ausgefranzten Fressen,
+Sie schleichen in den bleichen Morgen, den zerrauften . . .
+
+O Stadt der Schmerzen in Verzweiflung düsterer Zeit!
+Wann grünen auf die toten Bäume mit Geklinge?
+Wann steigt ihr Hügel an in weißer Schleier Kleid?
+Eisflächen, wann entfaltet ihr der Silber Schwinge?
+
+Auf prasselnder Scheiter Haufen brennet der Prophet.
+Der Kirchen Türme ragen hager auf wie Galgen.
+Die Haare Flachs. Sein Leib auf Messingfüßen steht,
+Im Ofen heiß wie glühender Erzkoloß zerwalket.
+
+Und seine Stimme schwillt wie Wasserrauschen groß,
+Da löschet aus des Brandes Qual auf heiliges Zeichen.
+Ein fahles Schiff, das löset sich vom Ufer los,
+Sich das Gerüste hebt und in die Nacht entweichet. --
+
+Einst kommen wird der Tag! . . . Es rufet ihn der Dichter,
+Daß er aus Ursprungs Schächten schneller her euch reise!
+Des Feuers Geist ward der Geschlechter Totenrichter.
+Es zerren ihn herauf der Bettler Orgeln heiser.
+
+Einst kommen wird der Tag! . . . Die himmlischen Legionen,
+Sie wimmeln aus der Wolken Hitze mit Geschmetter.
+Es schlagen zu mit Knall der Häuser Särgebretter.
+Zerschmeißen euch. Es hallelujen Explosionen.
+
+Einst kommen wird der Tag! . . . Da mit des Zorns Geschrei
+Der Gott wie einst empört die milbige Kruste sprenget.
+Im Scherbenhorizonte treibt ein fetter Hai,
+Dem blutiger Leichen Fraß aus zackichtem Maule hänget.
+
+
+
+
+Mensch im Abend
+
+
+ Für Josef Amberger
+
+Er treibet durch die Straßen voller Ruh,
+Indes des Himmels Gründe Purpurröte färbet,
+Die Arme weit, die weißen Augen zu.
+Da flacher Bläuen Strahl ihn nicht verderbet
+
+Und nicht zerreißt mehr, ihn erhabenen Sinn. --
+Wo wirst du landen, Streuner, diese Nacht?
+An welche Ufer schlägst du müde hin?
+Verweinet und zerstöret? Ob du lachst?
+
+Ob du vielleicht dich in den schwarzen Träumen
+So tief eingräbst, daß dich nicht Schrei aufschreckt?
+Ruhend, da Laub fällt von den Bäumen,
+Auf weichem Boden gut, sanft zugedeckt?
+
+Ob du vom Hügel aus, der Nacht entrücket,
+Ins Land ausschaust, das heller Zukunft brennt?
+Ob du verweilest schwer, wo Ausschlag drücket
+Man in die Hand sich, Strom im Dunklen flennt?
+
+Da Dottermond durch flatterndes Gerippe
+Verbrannter Wolkenstädte rennet,
+Teilst du verzweifelt Äste und Gestrüppe
+Und flehest, daß dich Jener Stimme nenne?
+
+». . . Schon hebet sich mein Blick, an Lampenmonden
+Entlang sich findend. Städteplatz schon brauset.
+Ich schlage wieder diesen Weg ein, den gewohnten,
+Doch mild, und Sterne nicht zerkrampfend in der Faust.
+
+Ein wenig aus dem Bleietag mich aufzuschwingen
+Kam ich und daß zu dir empor ich eile,
+Geneigte Trösterin, mit heller Flöten Singen
+Den Bann entzaubernd die Gebresten heilend.
+
+Vor meinen Augen flimmern Leuchtemücken,
+Erst Punkte schwarz, die tanzen Surrerunden.
+Die Schatten schlagen schwarze Tücherbrücken.
+Es steigen Leitern, gläsern mondumwunden.«
+
+
+
+
+Rimbaud
+
+
+Aus öligem Hafen schwenken jetzt die Schiffe.
+Im Straßenschachte ein Betrunkener schlappt.
+Im Schein des vollen Monds, des blankgeschliffenen,
+Er strolcht durch seine große Stadt verkappt.
+
+Der Engel hütet Kranke. In den Stieren
+Entschleudert er gewaltigen Aufruhrsang.
+Die Berge schauernd graus in Nächten frieren,
+Doch Wiesen psaltern lieblich bunt am Hang.
+
+Es werden Arm und Beine amputiert.
+Im dunklen Bauch des Krebses Blüte schwiert.
+Da wehet Lenzluft milde durch Spitäler.
+Er hocket stumm im Flackerschein der Mähler.
+
+Ein finsteres Los ist allen uns gefallen.
+Nichts ward uns ganz und ungetrübt zuteil.
+Auf Dächergletschern wir verzweifelt wallen.
+Du zerre uns empor am Führerseil!
+
+
+
+
+Der irdische und der himmlische Gesang
+
+
+
+
+Die Lebenden
+
+
+Wie öffnet schauerig sich der Hölle Pforte!
+Jäh aufgerissen starrt der Erde Scholle.
+Geheul von einem Hund schwirrt in der Luft.
+Es schütteln schwarze Engel ihr Gefieder,
+Und durch die Nacht zuckt flammend Gottes Stoß.
+
+
+
+Eine Hure
+
+
+Die Stiege, die ich nächtlich schwank, knarrt düster.
+Wir krümmen uns im Schweiß der Kavaliere.
+Der Sonne Tag blitzt falb, voll Blut und Gräuel.
+Wer mag an einer rauhen Brust leis wimmern?
+Ein Kleines rutscht in den Abort. Es platscht.
+
+
+
+Ein Mörder
+
+
+Die Straße, die ich finster schreit, glotzt feindlich.
+Bin ich der Feind? Das Dunkel schwillt zum Loch.
+Die schlanke Brücke soll mich heute bergen.
+Mein Kopf zerplatzt, der Klumpen Haut und Blut.
+Die Straßenbahn stürzt die Allee herab.
+
+
+
+Chor der schwarzen Engel
+
+
+Wir kauern an den Türen grau-versteckt.
+Des Haares Strähne baumelt schwank als Strick.
+Jetzt klatscht aus unseren Mänteln Wassersturz.
+Wir schlagen auf die großen Nebelflügel.
+Wir rinseln durch die Finsternis als Brand.
+
+
+
+Der Dichter
+
+
+Es jagt mich durch der Straßen Schächte hin.
+Ich hoffe Wunder, doch Verderbnis lauert.
+Wenn ein Klavier mich aus dem Wege schlägt . . .
+Ich kenne sie an ihrem Trippelschritt
+Und Hängetasche, schiefem Federhut.
+
+
+
+Chor der blonden Engel
+
+
+Wir tragen unsere Haare glatt gekämmt,
+Wir müssen auf gespannten Seilen tanzen.
+Vom Platze wirbelt Militärmusik.
+Der Fledermäuse-Schwestern falbe Wangen,
+Wir wollen sie mit weichen Händen streichen.
+
+
+
+Eine Hure
+
+
+Nur manchmal darf man sich im Schlafe strecken
+So lang und müd, daß alle Glieder singen.
+Und manchmal kann man in den schönen Abend stelzen
+Allein und in dem hohen Dome knieen
+Und fallen süß zurück in einen Park.
+
+
+
+Ein Mörder
+
+
+Daß sie vielleicht ein holdes Lächeln zeigt!
+Noch Tage Aufschub und noch manche Nacht
+Und spitz am Ufer blinkt ein kleines Licht.
+Ein schönes Schiff mit vollem Dampfe fährt.
+Triumphgeschmetter kreischet die Fabrik.
+
+
+
+Der Dichter
+
+
+Ich pralle feuerig wider Gott und Welt.
+Ich spei Vernichtung, Haß, Verrat und Gift.
+In meinen Muskeln strömt Empörungskraft.
+Ein Akrobat ich mich im Zirkus schwinge,
+Ich spiel mit Kugeln, schleudere Messer weit.
+
+
+
+Die Toten
+
+
+In unseren Grüften zieht es eisig-streng.
+In unseren Särgen schwiert ein kleines Loch.
+Jetzt hat ein toter Wurm den Ritz verstopft.
+Grün schillern Gase, steigen Dämpfe matt.
+Mit zackichter Fresse wandeln wir Gespenster.
+
+
+
+
+Die Huren
+
+
+An langer Mauer stehn die Huren, angereiht wie Perlen.
+In Wolken duckt des Mondes grüne Katze sturzbereit.
+Der Sturm der Herbste wird die seidenen Spitzenröcke schwellen,
+Die werden leuchten auf wie Tulpen rot in nächtiger Zeit.
+
+Die Alten recken spähend ihrer welken Hälse Stiele
+Und züngeln, Flämmchen trübe, dünn empor am Kirchenhaus.
+Die Jungen stelzen üppig im Bazargewühle
+Und suchen Herrn mit Stöcken gold und neuem Ulsterflaus.
+
+Sie schweben Statuen auf morscher Brücken Nebelpfade,
+Von kleinem Kreuz beschirmet, in des hölzernen Heiligen Hut.
+Sie streichen aus der Kammern Höhlengruft im Regenbade,
+Das platzet zischend, Bombenknall, in die verstörte Brut.
+
+Sie leuchten wieder, Lämpchen von der niederen Häuser Klippen
+Und duften süßlich nach Parfüms und dem Odor der Seuche.
+Auf ihren samtenen Mützen weiße Reiherfedern wippen
+Und schlummern sanft auf Polsterkissen runder Fuhrmannsbäuche.
+
+Sie stehen vor Gericht als Mordes einzige Eideszeugen.
+Sie sind des Uhrenraubs verdächtigt oft und angeklagt.
+Des Strizzis sicheren Aufenthalt beharrlichst sie verleugnen.
+Grauhaariger Onkel sie des Tags mit wüsten Lüstchen plagt.
+
+Ein Dirigent hat heller Geigen Stimmen angefacht.
+Sie gähnen in Cafés und torkeln in den Bars besoffen.
+Sie knieen überrascht vor der Monstranze Pracht.
+In braunen Wirtschaftsgärten lungern sie, zerrauft und offen.
+
+Sie prangen bunt in Reicher Galerieen, konterfeit.
+In blauen Höfen zucken ächzend sie bei Kämpfen wild.
+Die Harfenfrauen zittern in verworrener Dunkelheit.
+Papierlampione pendeln über großer Nummern Schild.
+
+Auf Karrenwagen rollen sie bewacht ins Hospital.
+Sie richten auf sich, schlagen Lärm und trümmern ein die Scheiben
+Und brechen aus und dringen kreischend in den Sitzungssaal . . .
+In euere schmutzigen Winkel euch die Bajonette treiben!
+
+Mit eueren Locken blond seid ihr die Musen blöder Dichter!
+Myrthenbekränzet schwebet ihr aus schwälender Feuer Pfuhl.
+Es wehen durch der Dämmer Fall die narbigen Gesichter.
+_Ihr seid gestellt einst, Schwerterwächter, um der Gnade Stuhl . . .!_
+
+Sie schlendern langsam und gebückt in lauer Jahre Zug,
+_Bis früher Frühling einst Gewand und Fleisch zerschleißet._
+Sie strecken ihre fahlen Arme aus zu letztem Flug.
+Sie schmücken sich in ihren Stuben kalt zur weiten Reise.
+
+». . . O warme Nacht, du breitest milde Sterne und Gefieder
+Um uns und schaukelst Walzer heimnisvoll an unseren Gang.
+Oft ists, als stückelten uns ruckweis ab der Körper Glieder
+Und finden plötzlich uns gealtert in den Spiegeln bang . . .«
+
+Die habend heut beim Kriegerfeste schönes Geld geerbet,
+Sie kleben an den Tischchen frohvergnügt der Automaten.
+Das Holzklavier laut rasselnd sie zum Schiebertanze werbet.
+In Ecken und bei Weißbier sitzen steif die Akrobaten.
+
+Zerkratzet sind die käsenen Wangen und der Leib voll Flecken.
+Ein Ankerwappen blüht, im Oberarm blau tätowiert.
+An den gespreizten Fingern gelbe Kettenringe stecken.
+Ein Nadelriß an dem verschminkten Rosenmunde schwiert.
+
+Sie treten auf als Tänzerinnen und als Wunderdamen.
+Sie kreiseln singend auf den Pferdchen zahm der Karuselle.
+Sie steigen flüchtig durch Hotels, oft ändernd ihre Namen.
+Verschlupfen plötzlich über Winter in Provinzbordellen.
+
+Sie promenieren in den Lüften auf gespannten Seilen.
+Sie zirpen Heimwehlieder traurig-matt im Cabaret.
+Sie sammeln Kupfermünzen, Waisenmädchen, an den Säulen.
+Sie lösen schluchzend sich bei Grammophonkonzert mit Tee.
+
+». . . Sind wir gewandelt unsere schlimmen Stunden grimmigheiser!
+Es ist, als sei ein Brief von fern gekommen, der uns ruft.
+Laternen strömen über, unserer Wege schale Weiser.
+Verlassen wollen wir Quartier dich, feuchter Tränen Gruft! . . .«
+
+Sie packen fiebernd ein, sie stapeln hoch der Wäsche Körbe.
+Vergilbte Vorhänge bedecken Wirtinnen verweint.
+Sie reißen hoch sich, schlingend um der schwarzen Mäntel Schärpe.
+Sie sammeln sich wie dürre Rabenschar in finsterm Hain.
+
+Sie stampfen auf und schwenken dröhnend ihre Hängetaschen
+Und flüstern, wie ein Hauch im Wald, sich zu des Kriegs Parole
+_Und ordnen sich zum Vorwärtsmarsch, die himmlischen Apachen,_
+Mit der Kapellen Chor, die bläst des Schlummers Barkarole.
+
+». . . Wir kommen mit der schwefelnden Sonne Glanzesflor bekleidet,
+Wir tauchen Wildnis auf vor euch und jagender Schrecken Heer.
+Wo ist der starke Mann und wo das Meer bereitet
+Für uns, die Wasserbrunnen aus den zerstürzten Schächten her?
+
+Ihr Mütter! Mütter! Wahret euere Söhne in den Häusern!
+Wir spritzen Gift, in spätem Abende erweckte Nattern.
+Ihr Mütter höret: -- unsere armen Püppchen quietschen leise.
+Wir fegen wie die Föhne durch die Straßen mit Geratter.
+
+Wacht auf! Wacht auf! Wir schnellten blitzend aus der Gräber Schluchten.
+Wacht auf! Wir ticken an die stummen Fenster, die zerspringen!
+Wacht auf! Euch schmettern nieder die Posaunen der Verfluchten.
+Wacht auf! Wir flammen haßgeschürt und spucken Galle bitter!
+
+Wir werden sein verruchter Jugendliebe grause Rächer.
+Auf fetter Bürger Buckel flitzen unsere Peitschengürtel.
+Wir jauchzen, Böller krachend, auf in höllischem Gelächter.
+Der Erde Festen wanken. Himmel brechen ein erschüttert.
+
+Empfanget uns: die wir aus eisigen Särgen aufgefahren,
+Die wir auf schattenen Koturnen herrlich sternwärts schwanken.
+Die kranken Schwestern tragen wir verzückt auf Sträucherbahren.
+In unseren gebleichten Haaren spielen Strahlenranken.
+
+_Die Huren werden grinsend euere Einsamkeit belauern._
+_Die Huren werden euch in böser Träume Schlaf erwürgen._
+_Die Huren werden um die Kindheit furchtbar opfernd trauern._
+_Die Huren werden euerer Städte gläsernen Bau zerwirken!« . . ._
+
+-- -- -- Sie ziehen heulend auf, Gewitter in den Höhen finster.
+Der Horizonte Augenlid eröffnet sich, entzündet.
+Sie schreiten aus im Morgenrot, scharlachene Gespenster,
+Mit silbernen Schwanenflügeln, die klirrend tönen in den Winden.
+
+
+
+
+Der Wald
+
+
+Ich bin der Wald voll Dunkelheit und Nässe.
+Ich bin der Wald, den du sollst nicht besuchen,
+Der Kerker, daraus braust die wilde Messe,
+Mit der ich Gott, das Scheusal alt, verfluche.
+
+Ich bin der Wald, der muffige Kasten groß.
+Zieht ein in mich mit Schmerzgeschrei, Verlorene!
+Ich bette euere Schädel weich in faules Moos,
+Versinkt in mir, in Schlamm und Teich, Verlorene!
+
+Ich bin der Wald, wie Sarg schwarz rings umhangen,
+Mit Blätterbäumen lang und komisch ausgerenkt.
+In meiner Finsternis war Gott zugrund gegangen . . .
+Ich nasser Docht, der niemals Feuer fängt.
+
+Horcht, wie es aus schimmlichten Sümpfen raunt
+Und trommelt grinsend mit der Scherben Klapper!
+Versteckt in jauchichtem Moore frech posaunt
+Ein Käfer flach mit Gabelhorn auf schwarzer Kappe.
+
+Nehmt euch in Acht vor mir, heimtückisch-kalt!
+Der Boden brüchig öffnet sich, es spinnt
+Euch ein mein Astwerk dicht, es knallt
+Gewitter auf in berstendem Labyrinth.
+
+Doch du bist Ebene . . . Voll Sang, mit flatternder Mähne,
+Von sanftem Luftzug glatt zurückgekämmt.
+Gekniet vor mich, von stechender Hagel Tränen
+Aus globiger Wolken Schaff grau überschwemmt.
+
+Ich bin der Wald, der einmal lächelt nur,
+Wenn du ihn fern mit warmem Wind bestreichst.
+Weicher umschlinget dürren Hals die Schnur.
+Böses Getier sich in die Höhlen schleicht.
+
+Die Toten singen, Vögel aufgewacht,
+Von farbenen Strahlen blendend illuminiert.
+Heulender Hund, verreckt die böse Nacht.
+Duftender Saft aus Wundenlöchern schwiert.
+
+Du bist die Ebene . . . Hoch schwanket die Zitrone
+Verfallenden Mondes über deinem Scheitel grad.
+Du schläferst ein mich Strolch mit schwerem Mohne,
+Du, die im Traum ihm, blonder Engel, nahst.
+
+Ich bin der Wald . . . Goldbäche mir entsprungen,
+Sie rascheln durch Schlinggräser mit Geflüster.
+Wie Schlangen sanft mit langen Nadelzungen.
+Es raset über mir der Sterne Lüster.
+
+Ich bin der Wald . . . Aufprasseln euere Länder
+In meines letzten Brandes blutigem Höllenschein.
+Es knicken um der eisigen Berge Bänder,
+Gell springt der Meere flüssiges Gestein.
+
+Ich bin der Wald, der fährt durch abendliche Welt, gelöst
+Vom Grund, verbreitend euch betäubenden Geruch,
+Bis meine Flamme grell den Horizont durchstößt,
+Der löscht, der deckt mich zu mit rosenem Tuch.
+
+Es ward der Blumen Wiese Gewölbe meines Grabes.
+Aus meiner Trümmer Hallen sprießen empor der bunten Sträuße viel.
+Da jene Ebene sank zu mir hinab,
+Wie klingen wir schön, harmonisch Orgelspiel.
+
+Ich bin der Wald . . . Ich dringe leis durch euere Schlafe,
+Da Lästerung und Raub und Mord ward abgebüßt,
+Ich nicht Verhängnis mehr und schneidende Strafe.
+Mein Dunkel euere brennenden Augen schließt.
+
+
+
+
+Aufbruch
+
+
+Schon rüsten Wanderaffen sich und Bambusstangen
+Die stellen sie als Zeichen vor den großen Zug,
+Zerzausen meckernd mit der Hände Pranken
+Gevögel weiß, gehascht aus bitterem Flug,
+
+Und Weite schwillt, das längst verreckte Tier,
+Zerfault, mit aufgetriebenem Schimmelbauch.
+In nassen Waldverstecken lauern wir.
+Rollt bald ein Kugelmond herauf? -- Der giftige Hauch
+
+Von grünen Winden an die Bäume rührt,
+Die klappern mit den hageren Fingerästen.
+. . . Bist du der Strom, der über Berge führt? . . .
+
+Nahst du, nahst du, du großer Käfigkasten,
+Du Sarg mit Segelwolke, rotgeschürt
+Und hüllest, Nacht du, trauernde Phantasten?!
+
+
+
+
+Die Mutter
+
+
+Hohe heilige Bläue,
+Schrei aus Verwesung, Grab und Nacht.
+Darf ich mich wieder freuen?
+Ich bin dir dargebracht.
+
+Deine rauhen Hände falten
+Sich, mir spendend Segen.
+Deine entzündeten Augen walten,
+Wie flackernde Lämpchen auf schwarzem Grubenwege.
+
+Deine zerklüfteten Wangen schlagen
+Leichte an. Es heult ein Hund.
+Ich schreite entgegen glücklicheren Tagen.
+Sterne wirbeln rings im Bund.
+
+Ich mich wild empöre,
+Zornig reißt es mich dahin.
+Erhöre
+Mich! Ich stammle auf den Knien.
+
+Wie lang ich noch verweile?
+Trenn auf des Leibes Naht!
+Mich raffen hin Verzweiflungs giftige Pfeile.
+Du aber stürzest mich in Tränenguß und Bad.
+
+O Reinigung du, o Bad!
+Abkehr irdischen Staubs!
+Deiner Haare goldenes Laub
+Belebt den Tod, verklärt die schlimme Tat.
+
+
+
+
+Die Nächte
+
+
+O schleichet durch die Nächte! Sie erlaben.
+Da werden Tag und Schmerz und Wunsch heraufgespült.
+Wir Blinden balde Seheaugen haben,
+Uns Öfen heiß mildere Witterung kühlt.
+
+Hast du gesehen jenen Mensch, der fiel?
+Er schnappte feixend in die Welt hinaus.
+Schon blauet Nacht. Nun ist er Drang wie Ziel,
+Der Stern im Baum, der fernsten Länder Braus.
+
+Er tönet ausgesöhnt mit allen Stücken
+Und aufgelöst in den Zusammenhang.
+Wir Lahmen tuen ab die Holperkrücken
+Und schreiten aus in fabelhaftem Gang.
+
+Wir Arme füllen uns. Die Trauer tanzet
+Und alles jauchzet, völlig eingewohnt.
+Wir schöpfen aus der dunklen Troge Kranze
+Ewigen Trank, den gelben Wonnemond.
+
+Es dehnet Wald schon weit sich. Helle Wiesen
+Von dicken Mooren überfließen.
+Es berstet kreischend irdisches Gewand.
+Es greifen aus die Berge, gute Riesen.
+Die Meere nagen an der Himmel Rand.
+
+
+
+
+Das Dreigestirn
+
+
+Wenn wir im Dunkel schlagen uns zum Flusse,
+Der Hagel Schauer übers Haupt uns brechen:
+Erwählte Führer ihr der irdischen Fahrt,
+Als Flammen Türme in der Wetter Schwall!
+
+Da Leuchten in der Wolken Höhle kriechen,
+Gerüste zucken nieder im Verfall.
+Wir rufen euch, wir dünne Schar der Siechen,
+Die heulet mit der Donner gellem Hall.
+
+Wie Balsamschalen, die einst Engel streuten,
+Schafft Ruhe ihr dem aufgereizten Land,
+Daß wild die Pferde vor den Droschken scheuen,
+Und euer Denkmal loht als Feuers Brand.
+
+Rimbaud, Kleist und Baudelaire --
+(. . . um deren Haupt des Ruhmes Binde weht . . .)
+Euch grüßt der Dichter, der zerrauft und leer,
+Ein Bettler orgelnd auf dem Platze steht,
+
+Verwahrlost und vertrottelt zu der Helle,
+Dem Lichte zu wie ein Insekte irrt,
+Bis sich sein Lumpenflaus entzündet, grelle
+Er Bundesstern in euerem Bilde schwirrt.
+
+
+
+
+Triumph
+
+
+ _»Und da er auf dem Wege war, und nahe bei_
+ _Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein_
+ _Licht vom Himmel . . .«_
+
+
+
+
+Entrückung
+
+
+Mond in rosa Wolken steht,
+Die verwittern schnell, verdunkeln.
+Gletscher fern herüberweht.
+Fenster und Laternen funkeln.
+
+Heller Gärten Walzer nahen.
+Nimm mich hin, du schöner Traum!
+Menschen, Tiere, Häuser klagen.
+Tief im Fluß vergeht ein Baum.
+
+Ach, ich möchte weiter schicken
+Körper dich von irdischem Ort!
+Berge, Städte, Landschaft, Brücken
+Stehn schon auf und wirbeln fort . . .
+
+Waldung schwanket. In den Haaren
+Wühlet knöcherne Hand.
+Es kommen an die heiligen Scharen.
+Es dröhnet mein Gewand.
+
+Ich ward wie Meer, doch ohne Sturm,
+Und Ebene ausgestreckt,
+Aus meinem Munde wächst ein Turm,
+Wald und Gebirg sich reckt.
+
+Wie herrlich hin ich aufgegangen!
+In meinen Augen schläft der Mond.
+In meinem Blut schon Sterne fangen
+Zu kreisen an mit leisem Ton.
+
+
+
+
+Trauer
+
+
+Des Nachts muß ich zerpeitscht durch helle Gassen springen,
+Des Tags soll ich vor euch von Auferstehung singen,
+Den wunden Körper in die rauhe Kleidung zwingen.
+Ich möchte schlafend tief in Schmerzen weiterschwingen.
+Des Nachts muß ich zerpeitscht durch helle Gassen springen.
+
+Ich fühl mich einem roten Weibe ganz verbunden.
+Was wirft mich Einsamen in giftig-bittere Stunden?
+Daß schweife ich ein Hund im Mond durch helle Runden.
+Ach, ihre große Schönheit habe ich erfunden.
+Ich fühl mich einem roten Weibe ganz verbunden.
+
+Sie wird in einer großen fremden Stadt wohl weilen.
+Sie muß ihr Bett mit dicken Kavalieren teilen.
+Soll ich mich zu ihr flüchten, heftig zu ihr eilen?
+Sie kann allein mich trösten, sie versteht zu heilen.
+Sie wird in einer großen fremden Stadt wohl weilen.
+
+Ich will dich Liebste nicht in anderen genießen.
+Du sollst vergöttert sein von mir und hoch gepriesen.
+Ich will demütig-fromm im ewigen Meer zerfließen.
+Kalt ists, als ob schon Winters spitze Stürme bliesen.
+Ich will dich Liebste nicht in anderen genießen.
+
+Oft, wenn ich irre schüchtern tastend schwanken Weg,
+Läufst du nicht rufend über nassen Fahrdamm schräg?
+Ein jäher Lichtsturz meinen besten Traum zerschlägt.
+Die wilde Nacht um mich die scharfen Krallen legt.
+Oft wenn ich irre schüchtern tastend schwanken Weg.
+
+Kehrst du mir nie zurück von deinen fernen Fahrten?
+Des Winters stampfe ich durch manchen öden Garten.
+Darf ich vielleicht dich mit den Blumen bald erwarten?
+O Erde, Blüten, Winter decket den Genarrten!
+Du kehrst mir nie zurück von deinen fernen Fahrten.
+
+
+
+
+Elegie
+
+
+Goldener Mond an weißen Wolkenfasern,
+Der du Welt zu hellen Klagen stimmst!
+Tiere schreien auf aus ihren Schlafen.
+Zug in anderes Dasein schwimmt.
+
+Muß ich wieder denken jener
+Auf den Bänken oder unterm Tor --
+Weih ich Ihnen diese nächtige Träne,
+Treten sie auf Strahlenbrücken vor.
+
+Ach, durch euch schon längst hindurchgegangen
+Stadt, Gebirg und Wald!
+Nehme jetzt im kühlen Flusse
+Letzten Aufenthalt.
+
+Könnt ich jene fernen Hügel fassen,
+Wenn Nacht drosselt Zwinkerlampen aus,
+Mich zu jener Insel glänzend schweben lassen,
+Wo du bist zu Haus!
+
+
+
+
+Fest
+
+
+Die Damen blühen, reiche Blumensträuße.
+Es weben Düfte über Laubgeländen.
+Die Straßen wandern Bäume. Städtehäuser
+Vergehen blaß. Theaterplätze blenden.
+
+Wir schwinden, Melodie, in deinen Flügeln,
+Ihr Schlager einst aus Kneipen und Kaschemmen,
+Doch unbedingter jetzt! Zu weißen Hügeln,
+Ein Strom vertraut uns, blöde Tiere, schwemmet.
+
+In schönen Gegenden bald aufgegangen,
+Wir in den Wäldern, wir am Flusse stehn,
+Abwaschend unsere geschminkten Wangen:
+Als Engel groß wir durch die Räume gehn.
+
+Wir sind die Heiligen, die euch beglücken,
+Mit unserem Atem löschend Brände leis.
+Nach den Gestrauchelten wir gern uns bücken,
+Wir bringen heim den irrgewordenen Greis.
+
+O blicket auf! Wir fliegen über dem Geschwärle
+Der irdischen Mädchen, die zum Schluchzen schön,
+Wo brüllet laut der Biergesang der Kerle,
+Die gierig schwärmen wie der Lenze Föhn.
+
+
+
+
+Frühlingsgesänge
+
+
+
+
+I
+
+
+Wir wallen, von Trompetenbraus umbrandet,
+Und unter Strahlen, die sich kreuzen schräg.
+Wir treiben los vom Fels, auf dem gestrandet,
+Wir nicht mehr hofften, daß ein Sturm fortfegt
+
+Uns Wracks. In goldenen Äthers Glast gewandet
+Uns Adler öffnen den verworrenen Weg.
+Verhüllet noch von Dunst der Ufer Lande.
+Wir schwanken auf der Wogen jähem Steg.
+
+Nochmals Musik in unerhörtem Schwalle!
+Die Arme strecket aus, begrüßend alle
+Auftauchend aus Verschüttung neue Stätte!
+
+Noch klirren unter furchtbarem Krawalle
+Gewaltiger Kriege langer Donner Ketten.
+Doch Himmel, Himmel sinken, die uns retten.
+
+
+
+II
+
+
+Wir sind zermalmt für euerer Freuden Welt.
+Ja, unter Lobgesängen in der großen Stunde
+Wächst hoch zu Gott empor in ewigem Bunde
+Die Menschheit. Unserer Schmerzen Leib zerfällt.
+
+Wir sind zermalmt für euerer Freuden Welt.
+Wenn Donner dröhnend in die Runde kracht,
+-- Kanonenfutter wir in letzter Schlacht --
+Da unser Sturm an Salven breit zerschellt.
+
+Im hellen Abende gehn blütenblaß
+Die Engel mit verwundenen Strahlenfächern.
+Sie führen schwarzes Volk aus dem Gelaß
+
+Der Kerkerschluchten und aus Burgenlöchern.
+Es splittert grüner Himmel dünnes Glas.
+Die Ouvertüre rattert jubelnd-blechern.
+
+
+
+III
+
+
+Glorie der Freude in dem harten Glanz
+Des Tages. Tag, der jauchzend auferstanden!
+Da unsere Städte prasselnd niederbrannten,
+Leid, unser Leid -- in Nächte Feuer schwands.
+
+Frisch wehet Luft. Die Gegend scheint gereinigt.
+Die weite Wiese sanfter Strom zerschneidet.
+Wir laben unsere Körper, schlimm gepeinigt,
+In mildem Bade, abendlich bereitet
+
+Aus zarter Röte, dünnen Äthers Fülle.
+Wie lange lag mein heiliges Land doch brach! --
+Ein alter Herr spaziert mit goldener Brille,
+
+Dem tänzeln Knabenkinder kreischend nach.
+Die Straße, schmal von Grün besäumt und flach,
+Wirft sich empor. Signale stehen stille.
+
+
+
+IV
+
+
+Der Dichter, der die reichen Bürger haßt,
+-- o heiliger Tag! -- ward heute früh geschaßt.
+Die Erde, Erde dreht im Sonnenglast
+Und wölbt sich jauchzend hoch, ein Goldpalast.
+
+»Ein wenig seid ihr alle aufgewacht,
+Seid atemlos ins helle Glück Entführte.
+Ein wenig seid ihr alle Aufgeschürte,
+Da dürftige Glut ward lodernd angefacht.
+
+Ihr solltet in den kleinen Wolken baumeln,
+Als gelbe Schmetterlinge trunken taumeln!
+Wir werden unsere mürben Glieder schwingen,
+
+Die wir noch mit der Auferstehung ringen,
+Daß uns die Lüfte ätzend-scharf durchdringen.
+Durch unsere Adern warme Länder raunen.«
+
+
+
+V
+
+
+Die große Glocke in die Runde tackt.
+Die Sonne hat das grobe Eis zerhackt.
+Gott füllt den Raum, ein leuchtender Smaragd.
+Vollbusig wackelt eine Kindermagd.
+
+Vom Wirtschaftsgarten tutet ein Konzert.
+(. . . ein runder Flötenbläser alfredkerrt . . )
+Der Kürassier klirrt mit dem Säbelschwert.
+Die Landschaft qualmt. Die Straße wird geteert.
+
+Ein weißer Strom sich durchs Geklüfte zwingt.
+Den Gnadenfraß ein gelber Kranker schlingt.
+Ein heller Stern in trübem Schwall aufblinkt.
+
+Vorm Spiegel sich das kleine Mädchen schminkt,
+Das bald vom hohen Turm aufs Pflaster springt.
+Am Himmel leuchtend sich ein Engel schwingt.
+
+
+
+
+Kino
+
+
+
+
+I
+
+
+Das Warenhaus wird gleich zusammenstürzen.
+Die Löschfahrzeuge durch die Straßen flitzen.
+Es heult und zischt die große Feuerspritze.
+Das Warenhaus wird gleich zusammenstürzen.
+
+Kurt schluckte einen Apfelsinenkern.
+Hofdamen ihre seidenen Schleppen raffen.
+Die Schwindsucht-Mutter kann es nicht mehr schaffen.
+Kurt starb an jenem Apfelsinenkern.
+
+Volksmassen trümmern ein die Kirchenfenster
+Und kippen um die sanfte Straßenbahn.
+Um _Dagny aber heulen wir Gespenster,_
+Ganz ausgefretzt von Morphium-Salvarsan.
+
+
+
+II
+
+
+Ein Polizist im Vorstadtviertel strolcht.
+Schon bröckelt aus der stählerne Kassenschrank.
+Das Liebespaar schläft selig auf der Bank.
+Ein Offizier ward in dem Park erdolcht.
+
+Die stolze Festung sei im Sturm genommen!
+Die Hafenstadt zwing man zur Übergabe!
+Man trägt den Staatsminister nachts zu Grabe.
+In den Kasernen brüllen dumpf die Trommeln.
+
+Mit Knall erfolgt jetzt eine Explosion.
+Die Arbeiter erklären stracks den Streik.
+Die Residenz ersäuft in Flammen schon.
+Der Kaiser heimlichst in ein Auto steigt.
+
+
+
+III
+
+
+Von Fahnen blühn die Gräber überdeckt.
+Zum Jahrestag macht man ein schönes Fest.
+Ein großer Chor die Marseillaise bläst.
+Man wird frühmorgens aus dem Schlaf geweckt.
+
+Auf weitem Platze wird ein Zug gestellt.
+Die Säbel blitzen herrisch in der Runde.
+Ein Priester benedeit die Freiheitsstunde.
+Der Böller Schar im nahen Haine bellt.
+
+Die Mädchen sind mit frischem Laub bekränzt,
+Sie schweben Engel weißlich, zart geneigt.
+Die Kathedrale in die Höhe glänzt.
+Ein Adler in die reinen Lüfte steigt.
+
+
+
+
+Hymne an die ewige Geliebte
+
+
+Als wir morgens aus Träumen auffuhren,
+War das kleine Zimmer voll Hyazintenduft,
+Die Mutter Gottes schwebte auf einem
+Silbernen Seile
+In der blauen Nacht,
+Schwarzen Gewandes,
+Nur die kleinen goldenen Schuhe glänzten
+Und das schmale Gesicht (. . . verwesungs-grün . . .).
+Christus aber brach aus der feuchten Wand
+Mit grünen aufgequollenen Füßen,
+Sich krümmend und heulend.
+
+Unsere Straße baut sich immer höher empor
+Von den vielen Heimwegen.
+Das Trottoir glänzt,
+Die Pappeln rauschen,
+Die Bogenlampen zerwerfen sich,
+Der Spritzwagen der Straßenreinigungsgesellschaft
+Rattert herum, ein Mensch hängt immer
+Über einer Bank.
+
+Du stehst mir bei in meinen Zusammenbrüchen,
+Ich stütze dich bei deinen Ohnmachten.
+Man hilft sich.
+Wir haben noch zwei Mark fünfundsechzig.
+(. . . Café -- Kino -- Automat . . .)
+_Wie herrlich leuchtet die Sonne in_
+_Unser letztes Geschwank!! --_
+
+Dein Gang schwebt im Gefäll der frühen Winde.
+An deinem Munde trink ich Leben, Tod.
+Dein Leib reißt Trunkenen mich zu Hölle, Grab.
+Dein Lächeln, das der Greisin, das des Kindes,
+Und deine Haare wie Gebüsche rot
+Voll Feuersbrunst. Dein Antlitz blaß-zernagt.
+
+Der Weg steigt durch die Nächte hoch und frei,
+Am Ende er in Morgenröte sticht.
+Er schwebet in den Lüften wie ein Boot.
+Die Städte fallen um mit viel Geschrei.
+Hernieder saust des eisigen Monds Gewicht.
+Ein schwarzer Engel steht in Brand und loht.
+
+Ich will dich in dem Bett, wo wir zu zweit
+Erwarten Gottes Stoß und Überfall,
+Warm decken mit des Mantels warmem Tuch.
+Da deine Augen fließen, Meere weit,
+Da wirbeln toll der Stürze Schaum und Schwall . . .
+Wir tun ergeben treu dem letzten Spruch.
+
+
+
+
+Die Große Stunde
+
+
+
+
+I
+
+
+Daß meine Schritte deinen gleicher werden,
+Daß deine Male meinen Körper zieren,
+Daß deine Leiden heftig in mich dringen,
+Daß mich Verlästerung und Schande treffen,
+Bis mich Triumph aus ekler Not verklärt!
+Daß ganz dein Aug aus ewig lichter Sphäre
+In meinen Blick, in meine Art verwachs!
+Ich gab mich hin, ward voll in dich gelassen,
+Einst aufgesprungen groß aus deinem Blut
+Mir deine Worte brausen jetzt vom Munde.
+In deinem Sinn erwidere ich der Welt.
+Dein Wunsch dem Jünger Fügung und Gebot.
+
+
+
+II
+
+
+Du zürn mir nicht, wenn ich berauscht umarm,
+Erpresse dir Tribut von Bett und Glück,
+Wenn ich zurück mich aus den Tagen stürz
+Jäh hin verzweifelt -- falb an deine Brust:
+Zerhack mich Messer Strahl, durchzück mich Stoß!
+Da Körper ächzt, ein Wrack, das Hirn zerwirkt,
+Das Auge quillt, der rote Mund zerschleißt . . .
+Was soll ich Ärmster noch, wenn du mich nicht
+Zum Opfer annimmst, schwach und unscheinbar?
+Der nie noch Heimat fand, er schwankt im Sturm.
+Er heult auf Dächern deinen Namen weit.
+Dumpf wie ein Stier er brüllt und bäumt sich krumm.
+
+
+
+III
+
+
+Ich wart auf dich, wenn furchtbar schwirrt die Nacht.
+Wo hinterm Wald der Brünste Lohe steigt.
+Zu Funken stiebt den Brand dein Atemstrahl,
+Da auf den Berg du schwingest dich als Stern,
+Wo niederrutscht ins Tal der Wasser Fall.
+Ja überall im Dunkel schwebt dein Bild,
+Endlos wirkt deine Gnade, deine Güte weit,
+Weit wie das Meer und wenn in Abgrund taucht
+Mein Schiff und wirbelt um im Strudelschlund,
+Bleibt doch in Lüften hoch dein silberner Schrei,
+Dein Adlerschrei, _der mich Zerschlafenen weckt,_
+_Das Steuer umreißt und den Bug hochschraubt._
+
+
+
+IV
+
+
+Ich fühlte mich im Traum mit dir vereint.
+Wir schlossen uns zum ewigen Bruderbund,
+Und schallt Trompetenschrei in grauser Nacht,
+Du wirst mich kämpfend dir zur Seite finden.
+_Das Kreuz muß leuchtend sich am Himmel zeigen._
+_Das Kreuz soll aus den Gründen flammend steigen._
+_Das Kreuz wird als Gespenst im Nebel wanken._
+_Das Kreuz wird dämmern aus der Meere Glast._
+Um das geheiligte Denkmal braust die Schlacht.
+Du streckest vor der Arme dünnes Schild.
+Die Lanzen knicken wie Schilfrohre ab.
+Dein Atem fegt die Höllischen hinweg.
+
+
+
+V
+
+
+Der späte Jünger sei nicht minder treu.
+Du hast dich herrlich um sein Schild geschrieben.
+Im Morgen schreiten blonde Engel aus,
+Die schwarzen Geister sind am Licht zerschellt.
+Du streifst vorbei im weißen Sonnenfluß,
+Du tost hinab in falbe Finsternis,
+Wo Weg zerschleißt, ein tückisches Gespenst.
+In starrer Zeit wir lernten dir vertrauen,
+Da Hoheit wich, Mord waltet und Verrat.
+Geharnischt züngeln um das Haus die Flammen.
+Wir tauen auf aus Haß, Verachtung. Schutt
+Von unserer Stirne bricht. (. . . o Lilienkranz! . . .)
+
+
+
+VI
+
+
+Gehässig zischeln auf wir. Reich die Hand!
+Wir dürfen singend über Trümmern schweben,
+Da Fels riß auf uns, Ebene rieb uns wund,
+Der Wald trieb ein den Stachel, Fluß grub spitz.
+Durch hohlen Körper drang dein weiches Licht,
+Auf die versengte Erde fiel dein Kuß.
+Du gehst behäbig still durch unsere Stadt,
+Du liest den Anschlag auf der Litfaßsäule,
+Im leichten Auto kommst du angeeilt.
+Schrill branden um uns Kinder Jammerschreie.
+Ein Weib ersäuft. Ein Arbeiter erstickt.
+Es schraubt die Nacht sich hoch. Tief krümmt sich Tag.
+
+
+
+VII
+
+
+Jetzt flacken wir zerknirscht vor dir im Staub.
+Die Helfer mögen uns nicht aufwärts raffen.
+Schon wandeln wir geruhig durch Ölbergs Garten,
+Da fern dein Kreuz sich wie ein Streitroß bäumt.
+Du stiebtest Retter aus Empörungsgrüften,
+Du schlugst des Mantels himmelblaues Tuch
+Um uns, trugst uns hinweg, die schwache Beute,
+Die Brut der Kinder aus verseuchtem Nest.
+Der Fels blitzt rot. Steil wächst die Mittagsstunde.
+Es schwillen Rufe aus der Unterwelt.
+Gesichter springen auf in Flammengarben,
+Dadurch die Engel mit Posaunen steigen . . .
+
+
+
+VIII
+
+
+_So ward der Irrfahrt Ende Lob und Preis._
+Das Schiff schwenkt in den Hafen, froh geschmückt.
+Auf allen Plätzen flammt ein Feuerwerk.
+Der Berge Riesen springen jubelnd hoch,
+Die Wälder brennen und die Meere sprühen.
+Da regnet nieder farbenes Gefäll.
+Aus finsteren Schluchten tauchen Prozessionen.
+Es flattern Mäntel in den Lüften weiß.
+Gespanne sausen auf des Himmels Bogen.
+(Hoch wölben Strahlen über das Geklüft.)
+Du fährst voran dem großen Hochzeitszug.
+Die Erde donnert, klafft und bricht entzwei.
+
+
+
+
+Die Geißler
+
+
+ Karl Otten, meinem Kamerad!
+
+Hah! Wie der Eisen Wut im Leibe haust,
+Der zucket hin, der krümmt sich hoch als Brücke,
+Darunter Blut in hellem Strome braust.
+Ein Sturm auf spitzem Kopf sich Haare pflücket.
+
+Sie tanzen zugewandt dem Firmament.
+Sie brechen heulend in die Kniee nieder.
+In ihrem Schlund, dem Krater, Lava brennt.
+Wie Raben scheuchen auf die düsteren Lieder.
+
+Aus Mund und Nase gischtet weißer Schaum.
+Von falber Wange Schweiß und Tränen fließen.
+Sie schläfern hin in süßer Ohnmacht Traum.
+
+Die Augen sie vor großer Helle schließen.
+Gräulich umstarrt von Helmenblitz und Spießen,
+Den Körper strecken sie am Marterbaum.
+
+
+
+
+Drei geistliche Lieder
+
+
+
+
+I
+
+
+ Wiedergeburt
+
+Durch finsterer Straßen Gang,
+Der Schlöte Qualm und Gier . . .
+_Wir sind ohne Belang,_
+Wir angehören dir.
+Du hüllest die Geschwulst.
+Am Ende du uns lullst
+(. . . im Hemde dürr und klein . . .)
+In süßen Schlaf-Tod ein.
+
+Gebrochen und zerhackt,
+Du zogst uns in Kontrakt,
+Du herrschest bitter-streng.
+Wir taumeln im Gedräng.
+Du zwangst uns dich zu rufen,
+Du schleudertest den Speer.
+Wir stürzten bei den Stufen
+Des Tempels, bläßlich-leer.
+
+Du streckest aus die Hände,
+Gewaltig weckst du uns.
+Gelöst sind die Verbände.
+Zu weißen Äthers Dunst
+Hebst du uns auf den Flügeln
+Von Schwanenengeln licht.
+Entrückst uns Fluren, Hügeln,
+Dem irdischen Gewicht.
+
+
+
+II
+
+
+ Anfechtung und Geißelung
+
+Fahl ziehen auf die Höllen,
+Gespenst und geller Schrei.
+Die blechernen Tuben gellen.
+Rot rauscht ein Schwarm vorbei.
+Die schwarzen Engel schlagen
+Aus Flügeln Schlangenbrut.
+Die nackten Toten jagen
+Einher mit spitzem Hut.
+
+Legt um die eisernen Riemen!
+Der Knochen Mark zerbricht.
+Es streicht ein blutiger Striemen
+Querüber das Gesicht.
+Die Haare sind zerrissen
+Von Hände Krampf und Zorn.
+Gedärm quillt. Aufgeschlissen
+Der Bauch von Stacheldorn.
+
+Jetzt tupft mit eisernen Pinseln!
+Schon regt sich Glauben wach.
+Ja, röchelnd schwer und winselnd
+Wir stürzen ab vom Dach,
+Wir brechen in die Gosse.
+Du bist vorbeigerauscht,
+Du hast dich aufgebauscht . . .
+Wir sind in dir zerflossen.
+
+
+
+III
+
+
+ Tod
+
+Verwelkt wir liegen ganz
+In deiner Hut. Gefaltet
+Ruhn unsere Hände. Glanz
+Auf unseren Stirnen waltet.
+Hoch schwankt die düstere Lade
+Voraus dem trüben Blick.
+Du hast bewahrt vor Schaden
+Uns und vor Mißgeschick.
+
+Du machtest uns zufrieden,
+Du hast uns wohl bestellt,
+Du hast uns nicht gemieden.
+In graue Unterwelt,
+Wo wir verhurt, verlaust
+In Sumpfes Löchern staken,
+Bist du hinabgebraust,
+Als Strahl aus heiterem Tage.
+
+Umschleicht ein böser Sinn.
+Nah uns! Komm her! Nimm hin!
+Es raschelt finsteres Laub.
+Ein Wagen blitzt im Staub.
+Winkt da nicht Ufer schon,
+Ist das nicht Fluß, dies Park?
+_Und dies der einstige Ton,_
+_Der uns vorirdisch barg?!_
+
+
+
+
+Ruhe
+
+
+ Für Leonhard Frank
+
+Wir lagen in der Wiese feuchtem Nest,
+Vergraben unsere Köpfe, hart wie Stein,
+Derweil die Sonne sank im kühlen West
+In grauer Berge langgestreckten Schrein.
+
+Mit schnellen Vögeln Abendtöne flogen.
+Auf schwarzen Wegen schwankten Kinderreihn.
+Durch unsere Glieder weiche Gräser zogen.
+In unsere Augen bogen Blumen ein.
+
+Schon rauschte, Wassersturz, der Hunde Bellen,
+Da unsere Körper sanken auf den Grund
+Vergessener Meere: laues Spiel der Wellen,
+
+Der trägen Fische angestaunter Fund.
+Es raschelten wie feine Silberschellen
+Korallenbäume auf verborgenem Sund.
+
+
+
+
+Der Tod
+
+
+ Für Annie Oppelt
+
+Der Tod, der in dem blassen Mädchen weinet,
+Der aufgerollt liegt in der Alten Haar,
+Der, was er bös oft trennet, besser einet,
+Der jauchzet ungestüm durch manche Bar.
+
+Der gell erschallt im Volkstumult furchtbar,
+Als Feuerschrift an schwarzer Wand erscheinet,
+Als Strolch mit Hund und Messer nächtlich streunet,
+Da werden ihn wohl viele bleich gewahr . . .
+
+Welch schönes Kleid hat er sich ausgesucht,
+Da tat er ab den Flaus aus Kot und Schimmel!
+Es bauschet sich in unerhörter Wucht
+
+Sein Mantel, jener zarte Lilahimmel,
+Der Herbstzeitlose Kelch, endlose Bucht,
+Aufsaugend uns und irdisches Gewimmel.
+
+
+
+
+Triumph
+
+
+Wir wollen heut bei goldenen Wolken ankern,
+In Traumbezirken jener Seligen Andern.
+Wo Engel winkend mit den Beinchen schlänkern,
+Da werden wir in milden Häfen landen.
+
+Die Erde soll entfleuchen unseren Augen,
+Die bald als Inseln wirbeln im Ozean
+Beruhigter Bläue. Da des Äthers Lauge
+Zersetzte unseres Körpers eklen Tran.
+
+Laßt uns behaglich in den Lüften schreiten,
+Die sind verwandelt, ölig und begehrlich-weich.
+_Verhaßten Bürgern wollen wir entgegenbreiten_
+_Wohl Arme und ein Antlitz, himmlisch-bleich._
+
+Da Wunden schillern groß als Sonnenseee.
+Geschwüre schweben, Wolken sanfte Matten.
+Ihr fühlet euch geborgen in der Nähe
+Der Fächerstrahlen und von Teppichschatten.
+
+Auswurf gesegnet sei und Schmerz gepriesen
+Und jede Trennung schön und wunderbar!
+Ins Heilige sei jeder Haß verwiesen!
+Wir fassen uns ans Herze, innig-wahr.
+
+Einst wankten wir durch Gassen wirre Netze,
+Zerdacht die Stirnen und von Fluch bedrückt.
+Tod deckte auf die Herrlichkeiten-Schätze,
+Wir voll erlebend, stumm und unzerstückt.
+
+
+
+
+Ausgang
+
+
+Die Toten wachten auf im Karneval.
+Sie renken ein die vielen Gliederknochen.
+Die Erde raucht, zerklafft und aufgebrochen.
+Die Toten rüsten sich zum Faschingsball.
+Sie hetzen durch die Straße mit Gebrüll,
+Sie klappern mit den Fingern, trommeln, pfeifen,
+An Pflanzenfasern sie die Särge schleifen,
+Die Leichenkleider bergen sie zerknüllt.
+Bei diesem fehlt das rechte Nasenstück,
+Blut rinselt dem um die zerfranzte Fresse.
+Sich brauner Lehm auf jenes Augen drückt,
+Geschwüre sich im Nacken schimmelig pressen.
+Sie wedeln uns mit Federn durchs Gesicht,
+Auf dünner Flöte sie erschauernd blasen.
+Sie halten auf dem Markte Hochgericht.
+Wie Kühe manche auf den Dächern grasen.
+Sie halten Kerzen in der Hand beim Tanz,
+Weihrauch in schweren Düften schwelt und zischt.
+Sie setzen johlend über Stuhl und Tisch
+Und baumeln an dem hohen Lüsterkranz.
+Es glühn wie Eisen rot die Schädel kahl.
+Sie singen laut und kotzen sich beim Mahl . . .
+Die Toten ziehen um in langem Zug,
+Gedämpft erschallen Flüche und Gebete.
+Ein Knabe schleppt sich mit dem Urnenkrug.
+Schon wirbeln Trommeln laut zur Abschiedsrede.
+Sie biegen vor und wallen durch das Tor.
+Da stiebt herab der Schneee bleicher Schleier.
+Noch einmal tönet gell der Tusch im Chor,
+Da man versammelt sich zur Heimkehrfeier. --
+. . . Wo seid ihr hin, ihr Toten, mit Geklinge
+Und Schellenlaut und Rasseln und Gedröhn?
+Flogt ihr empor auf unsichtbarer Schwinge,
+Fuhret ihr nieder, hingestürzt vom Föhn?
+Ihr habt vergessen uns, die traurig heulen,
+Verzweifelt winseln stier aus Dunkelheit.
+Steht einer nicht von euch hinter den Säulen
+Und flattern dort nicht euere Mäntel weit?
+Wir schleichen nach euch in den stummen Jahren.
+O, daß die Erde jäh in Flammen tauch,
+Daß eisiger Sturm scharf in die Runde fahre,
+Ein heißer Schwefelquell entsetzlich pfauch!
+In düsterer Nacht wir um die Toten greinen
+Und wandeln Frühjahrs auf der Gräber Deck.
+Ein Trauerbaum die hageren Äste streckt
+Zum Himmel auf. Die blassen Marmorsteine
+Zersprungen, überwuchern Kraut und Moos.
+Durch unseren Körper jagt ein harter Stoß.
+Ein böser Krampf den vollen Bauch zerhackt.
+Das ragende Gerippe schwankt und zittert.
+Das herrliche Gehirn wie Glas zersplittert.
+_Vom hohen Turm die große Stunde tackt._
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Erster Teil, by
+Johannes R. Becher
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ERSTER TEIL ***
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+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
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+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
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+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
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+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
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+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
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+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
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+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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