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diff --git a/37435-8.txt b/37435-8.txt new file mode 100644 index 0000000..5365c43 --- /dev/null +++ b/37435-8.txt @@ -0,0 +1,5030 @@ +Project Gutenberg's Verfall und Triumph, Erster Teil, by Johannes R. Becher + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Verfall und Triumph, Erster Teil + Gedichte + +Author: Johannes R. Becher + +Release Date: September 15, 2011 [EBook #37435] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ERSTER TEIL *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Johannes R. Becher + +Verfall und Triumph + + + +Erster Teil + +Gedichte + + + + + +Berlin + +Hyperionverlag + +1914 + + + + + +Gedruckt bei +Poeschel & Trepte in Leipzig. +Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin +Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf +Old Stratford abgezogen und in +der Presse numeriert + + + + +»Verfall und Triumph« wurde in der Zeit +vom Dezember 1912 bis zum November 1913 +geschrieben. »Verfall und Triumph« ist +Frau _Emmy Hennings_ zugeeignet. + + + + + +Inhaltsverzeichnis + + +Eingang + +Verfall +Der Freund +Mystisches Dasein +Gesang vor Morgen +Herbstgesänge I--V +Baudelaire +Verfall +Café I--III +Die Armen +Der Fetzen I--VII +Der Idiot +Geburt +Deutschland +Rückzug +Ahnung +Beengung + +De Profundis +Päan des Aufruhrs I--III +Familie +De Profundis I--XIX +Krankenhaus I--III +Totenmesse I--V +Kleist + +Die Stadt der Qual +Erscheinen des Engels I--II +Abend +Gesang zur Nacht +Die Stadt der Qual I--III +Bordell I--III +Begräbnis +Stunde des Todes +Der Mörder + +Der irdische und der himmlische Gesang +Berlin +Mensch im Abend +Rimbaud +Der irdische und der himmlische Gesang +Die Huren +Der Wald +Aufbruch +Die Mutter +Die Nächte +Das Dreigestirn + +Triumph +Entrückung +Trauer +Elegie +Fest +Frühlingsgesänge I--V +Kino I--III +Hymne an die ewige Geliebte +Die große Stunde I--VIII +Die Geißler +Drei geistliche Lieder +Ruhe +Der Tod +Triumph + +Ausgang + + + + + +Eingang + + +Der düstere Dichter im gewohnten Straßenkleide +Stelzt durch den heiligen Tag, den Sonne groß entzündet. +Die blonde Muse trippelt zwitschernd ihm zur Seite. +Geschwellt vom milden Hauch der guten Frühjahrswinde +Gibt Stadt mit Menschheit sich anheim der lauen Welle. +Die vielen Plätze wirbeln um als Karusselle. +Doch des Gestirnes Scheibe rußet. Finsternis +Bestürzt die Erde, dunkler Regenwolken Wald, +Erfüllt mit Ungeziefer, Schlangen Sprung und Biß +Und brüchigem Labyrinthe, graus und kalt. +Verachtungsvollst er im verlassenen Café kauert, +Voll Haß und Ekel er auf brave Bürger lauert, +Von Speise, Rauch und Gift sich fühlend angewidert, +Mit Hände kühnem Griff er ein Gehirn zergliedert. +»Ward Findling ich gesäugt an kranker Mutter Brust? +Es rütteln Fieber mich. Mich zerren Träume wilde. +Verdammung schwieret bös aus Nächte greller Lust +Und ausgehöhlt von Fäulnis schwankt der Jungfrau Bilde. +Hah! Wenn ich denke meiner reinen Kindheit Raub, +Entschleudr ich, ein Athlet, der Lieder Eisenbälle, +Die platzen Bomben, doch verbreiten weitum Helle. +Der Dämon höhnet. Ja, Verzweiflung schlug mich taub . . .« +Das Messer in der Tasche und zum Schuß bereit +Den Browning strolcht er auf dem nächtigen Boulevard. +Die schmale Dame blinzt und lächelt lüstern-breit. +Er wartet wohlversteckt vor einer kleinen Bar. +Er balgt sich öffentlich mit seiner tückischen Katze. +Die Tiere sich zerfleischen, springen hoch, sich pressen. +Die Zähne fetzen blutig aus zerstampften Fressen. +Ihn narrt Vergangenheit mit Schuld und schiefer Fratze, +Die Zukunft tastet nach ihm, irrer Geist und trüb. +Den spitzen Schädel rennt er in die Mauer. +Es ziehen Träume auf voll Qual und blutiger Schauer. +Um seine schlanken Hüften zuckt der Geißel Hieb. +Demütig er und knieend flehet Gott um Gnade. +Er haust asketisch in des Sarges dumpfer Lade. +Die Hölle brauset wirr, die Himmel sich empören. +In finsterer Gasse frierend seine Hure schleicht. +Die sanfte Schwester ihm die laue Suppe reicht. +Luft stiebet pfeifend aus zerfressener Atemröhre. +»Wenn ich die Finger krampfend in die Decke kralle, +Verwünschend meiner Freunde Glück und holde Stunde, +War anders je mein Los, als daß ich einsam wallte, +Vernichtung sinnend, klügelnd aus, wie ich verwunde, +Wie ich gewaltig schreck die gänzlich Unbedachten, +Umstricke tödlich sie mit schmählichstem Verdachte, +In selige Räusche menge unerhörtes Gift . . . +O Rache! Rache, die zurück den Rächer trifft! -- --« +Jetzt, da der Flüsse Lauf vor Winters Bollwerk stockt, +Er steigt getrost zu ewiger Grüfte engem Porte. +Der Blitz sprüht seine Schrift. Im Donner dröhnt sein Wort. +Ein schwarzer Engel auf dem Stein als Denkmal hockt. + + + + +Verfall + + + + + +Der Freund + + +Er streichet wieder durch die blauen Nächte leis, +Verstöret mich mit langem Flüsterwort. +Er ist beständig auf der Weltenreise. +Er fährt mit heller Lüfte Wolken fort. + +Er saß in Trümmertempeln plötzlich ungeheuer, +Wo rote Düsterlampen schwelten ganz allein, +Und Rillensäulen sich aufbäumten, Feuer +Verbreitend, leuchtend ungemein. + +Bald hockte er in spitzer Felsen Höhle, +Von schräger Sonne gänzlich ausgebrannt, +Die Kinderhände um die Hälse jammernder Kamele. +Brennender Dorn in Sturm und Wüstensand. + +Bis gelben Strom er ward hinabgetrieben, +Der fiel ins Meer der vielen Inseln licht. +Von bösen Wintern unberührt geblieben, +Er wandte sein unwirkliches Gesicht. + +Aufschlug ein Wald mit rauhen Blätterzungen +Und grüne Wiese hob sich halb und sang wie Flöte süß, +Von großer Liebe Himmel blau durchdrungen, +Der niederfuhr und Goldposaunen blies. + +Auf einem Esel grau durchritt er weite Städte, +Wo schlanke Palmen bauten wieder Tempel kühl. +Die Frauen rauschten. Er ward aller Nacht und Bette, +Dann Sonnenglanz und buntes Marktgewühl. + +Nun treibt er wieder mit Gesang und weißen Schafen +Durch wirre Öde, Fels und düsterer Trauer Hain -- +(. . . Du mögest einmal bei mir schlafen! +Das enge Bett wär nicht zu klein . . .) + +Du bist es, den ich nächtlich oft auf Bänken +In Parkanlagen oder unten tief am Flusse finde, +Du armer Bettler, den ich denke, +Wenn ich den aufgegangenen Schuh mir binde. + +Ein wenig gleichst du der Geliebten auch. +Bist Duft von ihr und Hauch von ihrem Hauch. + + + + +Mystisches Dasein + + +Ich bin nur da, um selig dir zu weinen +Und daß vielleicht mir dieses noch gelinge, +Auf daß ich makellos vor dir erscheine +Und nichts mich in Verwirrung bringe, +Nicht jenes strahlende Gespann, +Das brüllend sauset über Kluft und Bogen -- +Daß ich von dir nur angezogen +Mich ganz in dich verlieren kann. + + + + +Gesang vor Morgen + + +Da kotzt auf Dächer Mondes schiefer Mund +Gallgrünen Schleim. Noch Autobusse zögern. +Die Straße heult, ein aufgeteilter Hund, +Dadurch wir waten dünn mit Aktenschmökern. + +In hohen Lüften Kohlenhaufen glosen. +Der Wolken graue Röcke weisen Schlitze. +Geschwollene Scham quillt auf ein Himmel rosen, +In dessen Fleisch wohl krumme Messer blitzen. + +Die Mörder unter düsterem Baldachin +An Galgen baumeln, schlagend oft zusammen. +Auf Plätze klatschen Kübel Blutes hin. +Der Häuser Hüften peitschen Scharlachflammen. + +Die Huren sammeln sich vor blinder Kneipe, +Wie Vogelscheuchen flatternd auf dem Felde, +Die klappern in der Morgenwinde Kälte. -- +Wir werden uns an fernem Ort entleiben. + + + + +Herbst-Gesänge + + + + +I + + +Laubkronen schon beginnen zu entschweben, +Weiß überfallen uns die Dämmerungen. +Von Fäulnis ist des Himmels Schwamm durchdrungen. +Wie Schnecken wir an schleimigen Straßen kleben. + +Wo bliebst du Held in goldener Strahlen Panzer? +Du schlafest, Gott, im Haar der Sterne Streifen. +Von Dunkelheiten sind wir rings umschanzet. +Geduckt. Vergangenheiten nach uns schleifen. + +Der uns in Krankheit warf und Zuchthauszwang, +Der niederstieß den Stock, daß klaffend sprang +Der Halle Boden, und den Kopf uns schor -- + +Gealtert früh und vorzeitig bekümmert, +Von Lampennacht und eklem Tag verschlimmert, +Uns Kauernde saugt tief ein finsteres Tor. + + + +II + + +Verkünderinnen großer Himmelsfreude +Schwebt durch die Nacht, die schlimm Verwesung würzt, +Um mich, des Herbstes dumpfen Fall und Beute, +Der unheilvoll den weißen Tag mir kürzt. + +Schminkt Wangen bunt mit eueren Schattenhänden, +Die ihr wie Brunnen euch jetzt höher dreht! +Durchbohret mich erschauernd, tiefer . . . wendet +Nochmals das Antlitz her, bis bang verweht + +Musik, die aufquoll von Hotelterrassen, +Um die ich schleiche, matt und ausgeraubt. +_Vor Jener Nahn ich muß euch schnell verlassen._ + +Fahret empor im Winde rund als Staub, +Hinstöhnend unter Rädern, die euch fassen, +Als Donner kalt, der kracht die Plätze taub. + + + +III + + +Ich Made in dem flimmernden Totenkleide, +Das mit viel gelben Lichtern niederhängt. +Die Kohlenstadt, verschmiert von Winters Kreide +Begräbt der Sturm, der Meer und Himmel mengt. + +Nun eingesperrt im ewigen Geklüfte, +In eisiger Hölle Nimmerwiederkehr . . . +Doch steigen wir auf zur Nacht als Nebellüfte +Und ziehen überm weißen Flusse her. + +Wir träumen Sommer nach, und was gewesen +Erscheint uns warm, von besserem Stern erhellt. +Uns reiben wund der fliegenden Wälder Besen. + +Uns kratzet auf das böse Stoppelfeld. +Uns töten bald der goldenen Strahlen Stöße. +Bei blauen Küsten sinken wir, zerschellt. + + + +IV + + +Ein matter Mond wie dumpfes Gong ertönt. +Nicht reise du in Armut mehr und Körperfülle! +Aufblitze du, o silberne Kanüle, +Und schwebe Bett, aus dem du springst und stöhnst! + +Von Stadt und Landschaft knieend vorgelassen --: +Durchjage mich, vernichte mich, o Strahl! +Im Café scheppern die entleerten Tassen, +Ein Zug fällt steil wo in ein dunkles Tal. + +Um einen Tag bog ich, der voller Feuer stand, +Der fachte an der vorgegangenen Tage Reihe. +Ein Wurm ich mich durch brennende Gegend wand. + +_Wann rauschet über meines Kerkers Dickicht Bläue,_ +_Wann liege ich am Meer im Sonnenbrand_ +_Und schweife aus durch Wind und Schaum ins Freie?_ + + + +V + + +Ich bin nur Frage und Verkommenheit, +Fetzen im Wind, der um Balkone fährt. +Ich bin der Einspruch im entbrannten Streit, +Gewicht, das eueren Höhenflug beschwert. + +Wie plump, hinfällig, kalt und widerlich! +O daß du Vieh dich tief im Stall verkröchest! +Daß dich, der scheu um windige Ecken schlich +Des Nachts --: ein Strolch, ein Strolch bald niedersteche! + +Verwickele dich ins Dunkele! Pack dich ein! +An Nasenhaaren baumelt grüner Stein. +In deinen Augen Schimmelmond gerann. + +Dein Kopf ist Schorf. Verfrorene Ohren sind +Papierene Schirme, dick verklebt mit Grind. +Aus stinkichtem Maule wächst dir brauner Zahn. + + + + +Baudelaire + + +Schwarzer Engel meine Schritte leitet. +Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts. +Bruder, den ich aufgelöst umarm. +Atem feucht, den ich erschauernd spür. +Schwarzer Engel meine Schritte leitet. + +Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde. +Schlägt ein giftiger Dunst aus nassem Wald. +Nebelhauche blanke Fenster trüben. +Mauern sprengen Fäulnis, Brand und Frost. +Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde. + +Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche. +Ruf ich dich an Sees verwachsenem Ufer. +Kauerst du im Abendhorizonte, +Der sich färbt mit deiner Gräuel Blut. +Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche. + +Atem feucht, den ich erschauernd spür. +Bruder, den ich aufgelöst umarm. +Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts. +Schwarzer Engel meine Schritte leitet. +Atem feucht, den ich erschauernd spür. + +Fressen Schatten gier an meinen Schultern. +Saugt aus meinen Adern Natternbrut. +Balanziere ich durch klitschige Gassen. +Himmel dräut als Eises starrer Klotz. +Fressen Schatten gier an meinen Schultern. + +Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde, +Wüst verschminkt in Bogenlampe Glanz. +Ein Klavier bespeit mich mit Geklimper. +Rausch mich trostlos Traurigen verschwemmt. +Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde. + +Bruder, den ich aufgelöst umarm. +Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts. +Schwarzer Engel meine Schritte leitet. +Atem feucht, den ich erschauernd spür. +Bruder, den ich aufgelöst umarm. + +Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster. +Unsere Lippen leiern schauernd das Gebet. +In Gefängniszellen toben wir zerprallend. +In den Krankenhäusern humpeln wir zerstückt. +Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster. + +Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende, +Hinfällig, in Azur ragende Gerippe. +Daß der Blitz des Zorns uns bald entzünde, +_Daß wir Leuchten seien letzter Nacht!_ +Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende. + +Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts. +Schwarzer Engel meine Schritte leitet. +Atem feucht, den ich erschauernd spür. +Bruder, den ich aufgelöst umarm. +Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts. + + + + +Verfall + + +Unsere Leiber zerfallen, +Graben uns singend ein: +Berauschte Abende wir, +Nachtsturm- und meerverscharrt. +Heißes Blut vertrocknet, +Eitergeschwür verrinnt. +Mund, Ohr, Auge verhüllet +Schlaf, Traum, Erde, der Wind. + +Gelblich träger Würmer +Enggewundener Gang. +Pochen rollender Stürme. +Wimpern, blutrot lang. +. . . _»Bin ich zerbröckelnde Mauer,_ +_Säule am Wegrand, die schweigt?_ +_Oder Baum der Trauer,_ +_Über den Abgrund geneigt?«_ . . . +Süßer Geruch der Verwesung, +Raum, Haus, Haupt erfüllend. +Blumen, flatternde Gräser. +Vögel, Lieder, quillend. + +»_Ja --: verfaulter Stamm_ . . .« +Schimmel. Geächz. Gestöhn. +Unter wimmelnder Himmel Flucht +Furchtbarer Laut ertönt: +Pauke. Tubegedröhn. +Donner. Wildflammiges Licht. +Zymbel. Schlagender Ton. +Trommelgeschrill. Das zerbricht. -- + +Der ich mich dir, weite Welt, +Hingab, leicht vertrauend, +Sieh, der arme Leib verfällt, +Doch mein Geist die Heimat schaut. +Nacht, dein Schlummer tröstet mich, +Mund ruht tief und Arm. +Heller Tag, du lösest mich +Auf in Unruh ganz und Harm. + +Daß ich keinen Ausweg finde, +Ach, so weh zerteilt! +Blende bald, bald blind und Binde. +Daß kein Kuß mich heilt! +Daß ich keinen Ausweg finde, +Trag wohl ich nur Schuld: +Wildstrom, Blut und Feuerwind, +Schande, Ungeduld. + +Tag, du herbe Bitternis! +Nacht, gib Traum und Rat! +Kot, Verzerrung, Schnitt und Riß -- +Kühle Lagerstatt . . . +Alles muß noch ferne sein, +Fern, o fern von mir -- +Blüh empor im Sternenschein, +Heimat, über mir! + +Einmal werde ich am Wege stehn, +Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt. +Umronnen von goldener Winde Wehn. +Licht fällt durch der Wolken Flucht matt. +Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt . . . +Meine Hände rühren +An Himmel, die von Gold erfüllt, +Sich öffnen gleich Wundertüren. + +Wiesen, Wälder ziehen herauf. +Gewässer sich wälzen. Brücken. +Gewölbe. Endloser Ströme Lauf. +Grauer Gebirge Rücken. +Rotes Gedonner entsetzlich schwillt. +Drachen, Erde speiend. +Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt. +Empörung. Lachen. Geschrei. + +Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack. +Knäuel. Gemetzel weit . . . +. . . »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_ +Oder hat es noch Zeit? +Wann ertönest du, schallendes Horn, +Schrei du der Meerflut schwer? +Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn +Rufend die Schläfer her?« . . . + + + + +Café + + + + +I + + +Die runden Tische drehen gut im Takt. +Es kollern Flöten wimmernd im Gerölle. +Ein Bogenlicht in wirren Strahlen zackt. +Wir schmoren ausgezehrt in lauter Hölle. + +Was sind wir, daß in jenem gleichen Grau +Die Schleierdame in uns Reize weckt? +Ach, krochen wir aus hohler Gassen Bau +In dies Gewölb, das jeden Schmerz aufdeckt? + +Ach, dürften wir gesunden so in Schnelle, +Uns atmen frei durch diesen trüben Dunst! +Die vielen ernsten Kellner eilen schnelle. +Ein finsteres Vieh, die fette Pauke, grunzt. + +O, werden wir aus unserem Rausch erwachen, +Kühl Morgens einmal Nüchternheit erleben? +Wir schreien eingepfercht in Qual nach Rache. +Es wär uns klug, nach einem Amt zu streben. + +Daß uns die Zukunft anders offenbare! +Daß ackere um uns toller Leiden Pflug! +Daß wir das Tröstliche dereinst erfahren! +Daß freudig schreiten wir gewaltigen Zugs! + +Es rasseln Geigen, Geigen tödlich-schrill. +Die Lärmtrompeten heulen elend-heiser. +_Wir schweben durch verworrene Nächte still_ +_Mit Augenaufschlag und als Wunderpreiser._ + +Daß du entnimmst uns in die große Stunde, +Ein gütiger Geist, und schlürfst uns als Oblate. +Daß wir zergehen süß in deinem Munde . . . +Da schlängeln sich durchs Blut der Gifte Pfade, + +Da auch Gestalten wandeln scheinumrandet +Und Tote sind in weißen Linnen da. +Wir aber, rings von Tönen Schlamms umbrandet, +_Zersetzen_ uns, uns manchmal trunken-nah. + + + +II + + +So harren wir in allen Nächten spät, +_Daß unser Herz was Seltsames erfahre._ +Daß nur kein fremder Hauch, kein Licht uns rühre, +Sonst sind zerfallen wir und ausgeweht. + +Wo haben euch die Stunden hingenommen +Dich blonden Nachbarn, dich, du mageres Kind? +Dich Weißbierschale, Tasse und Absinth? +Zu welchen Meeren seid ihr hingeschwommen? + +Ists klar bei euch? Ists Frühling oder kalt? +Und steigen auf verkohlter Wälder Pfähle? +Ja, wenn wir uns aus diesen Hallen stehlen, +Wir treten wieder müde den Asphalt. + +Jetzt aber sollen uns die Wände fressen. +Wir sind gelangweilt. Müssen heftig gähnen. +Wir krachen unter den sehr kräftigen Zähnen +Von Ungeheuern und die Hände pressend + +Wir flehen wütend, flehen brünstig bang, +_Auf daß ein Unerhörtes uns errette!_ +Ob es erwächst aus einem warmen Bette, +Ob es ersteht beim Todesröchelklang + +Der in der weiten Dämmerung erwachten, +Bald schläferig abwärts schwankenden Kapelle? +Es blitzt ein ewiger Tag in blutiger Helle. -- +_Wir wollen fürder hassen und verachten._ + + + +III + + +Wir finden uns geängstet im Gewahrsam +Von tausend Menschen, die sich kreisend ranken. +Wir neigen uns demütig, leben sparsam +Und treten rückwärts vor geschlossener Schranke. + +Oft bricht gehässig wohl aus unserer Rede +Ein Wort und manchmal wird ein Fluch geschleudert. +Nun knieen wir, zur holden Magd zu beten, +Derweil die Bande toller Lüste meutert. + +Wer führte uns aus diesen Engbezirken, +Wer höbe auf der Fenster helle Pracht? +_Wir wollen tiefer in uns Ekel würgen,_ +_Verzweifelt angehören stumpfer Nacht._ + +_Sie wird erblassen._ In den schwarzen Haaren +Wird sich ein Silberfaden glänzend zeigen +Und Strahlen werden sich rings um uns scharen, +Bejubelt von dem Ablauf winziger Geigen. + +O Dirigent, fach an das höllische Feuer, +Treib auf die Spitze dieser Töne Schwall! +_Erpeitsche uns das letzte Abenteuer!_ +Durchjage uns mit Blitz und Wasserfall! + +O dröhne, dröhne Donner! Zacke Schwert! +Vernichte Jubel Ohr und fetze Mund! +Und, sind wir nicht der spröden Klarheit wert, +Barmherziger Gott, o richte uns zugrund! -- + +Schon flutet wieder nieder die Empörung. +Wir fuchteln nur mit Armen zuckend-wirr. +Wir schlingen trüber lächelnd die Verschwörung, +Da wirbeln alle Gläser mit Geklirr. + + + + +Die Armen + + +Im Wintersturm die gelben Bogenlampen klappernd schwanken. +Ein falber Schein der Plätze heulende Rotunde füllt. +Die Droschkengäule kreiseln enger. Autobusse ankern. +Geschleudert durch vereiste Öden saust des Mondes Schild. + +Aus Domes feuchtem Kerker dringen furchtbare Choräle. +Hell rascheln Klingeln durch der Priester monotonen Sang. +Da Kerzen flackern in dem muffigen Hauch aus Gräberkehlen +Und zündeln hoch den Schimmelwänden, längs der Säulen Gang. + +Die Blinde ächzet leis, ein Klumpen, in der Ecke knieend, +Die durchs Gebiß verrückend-grün die schmale Zunge bleckt. +Ein Veteranenkrüppel mit des Armes welkem Gliede +Die Krücke schräg auf Christi dürres Holzkreuz weisend streckt. + +In düsterer Gegend wallen schimmernd blasse Büßerfrauen, +Den gelben Engeln ähnlich, die vom Strahlenaltar blicken +Mit ausgebrochenen Augen in ein kaltes Dämmergrauen, +Nur manchmal lächelnd mit den dünnen Palmenstengeln nicken, + +Wenn hoch die bleiche Hostie in der güldenen Monstranz +Wie Sonne in der Frühe über Berge zymbelnd steiget, +Wobei die holde Gottesmagd, verklärt im Lilienkranz +Erlauchter Mutterschmerzen gnädig durch die Niederung äuget . . . + +»Jetzt lallen wir mit trockenen Lippen unser Nachtgebet, +Dann flüchten eilends wir zurück in finstere Asyle. +Da heute uns kein guter Mensch ins Haus zu Gaste lädt, +So schlingen hüstelnd wir als Fraß der weißen Nebel Kühle + +Und jenen heißenden Hauch, bei dem der arge Frost gefriert, +Und brechen wir mit knöchernen Fingern krampfend dürre Äste, +Man läßt vielleicht uns, räudigen Hunden, Küchenreste. +Dem gütigen Geist, der also uns erhält, viel Dank gebührt.« + +Im Zwischendecke schlafend mit den Koffern, um die Kisten +Sie schlingen ihre schwarzen Arme, ausgezehrt und schwach. +In schäbiger Klause sie wie grauer Vögel Schwärme nisten. +Es schleudern erste Föhne taumelnd-irre sie vom Dach. + +Der Arzt tut bitter, der mit dicker Lauge ätzt und Spritze. +Habt ihr genähret euch die kalten Wochen durch mit Lauch? +Habt ihr gespült den Darm, durchschwemmt den Bauch mit Brei und Grütze? +In wunde Lungen eingesaugt der Salze Hauch? + +Die Tische wackeln, stehen schief, zerhacket von Gezänke, +Da Väter kollern um die Stürze schwangerer Mütter her. +O ahntet ihr der Reichen Spiel und Traum und heitere Schwänke, +Die Tänze hinterm Vorhang, leicht beschwingt und schwer! + +»Christus, du Siechen-Hort, du unser Freund, wardst zum Verräter, +Ein Mörder schleichend durch die trübe Gasse, schmal und streng. +Durch unsere schlimmen Nächte heult dein himmlischer Trompeter, +Der Engel schwarz mit Feuersturz aus wolkichtem Gedräng. + +Christus! . . . Und waren wir doch Huren, Kranke und Verbrecher +Voll gläubigen Vertrauens innig-schüchtern dir Genahte? +_Du aber übtest nur Gewalt als Block und Henker-Rächer,_ +Uns nicht besänftigend mit Balsamguß und Trostes Gnade. + +Christus! Wie hofften wir, daß herrlich du uns einst erschienest! +Christus! Wie wünschten wir, daß du ein Bruder mit uns weintest! +Christus! Wie flehten wir, daß du dem zornigen Gott uns eintest! +Christus! Wie zittern wir, daß herrlich du dereinst erscheinest! + +Die Ungerechten sollten blutend in die Flüsse taumeln. +Die Lauen würden sich verröchelnd auf den Plätzen strecken. +Die Bürgermädchen müßten zwar an ihren Zöpfen baumeln +Und die Beamten-Schnauzen würdest du in Jauche stecken. + +Wir kämen dir entgegen laut mit Jubelschwall und Fahne, +Wir führten Reisemüden dich in unsere Gemächer, +Dann trätest du verklärt-entzückt auf luftige Altane, +Da tief im Straßenschacht die Völker in die Kniee brechen . . . + +Was rufen wir verzweifelt dich, der tut sich niemals kund, +Der bleibt, ein kalt Geripp, versargt in Erde nasser Hülle? +Kein reiner Kuß blüht hoch aus unserer Fieber faulem Schlund, +Wild wächst nur Angstgeschrei und Marter pfauchendes Gebrülle. + +Um Allerseelen aber wandern wir in langen Zügen +Zum Friedhof, schlagend uns durch Park und Hain in spätes Grün. +Der Herbste dünne Winde tief die Wipfelbäume biegen, +Bald jagen wir auf Karussellen froh am Feste hin. + +_Brecht ein in unsere Körper wie in dornichtes Gestrüppe,_ +_An unserer Hüften Knochen stoßt euch nässend-wund!_ +Da blinkeln Eiterknoten, Narbenschorf auf Stirn und Lippe, +Und Seuchen wälzen träg sich, Schlangenbrut, auf finsterem Grund. + +Im hellen Laden schöne Ringe und Demanten schillern. +Die vielen Singevögel in den weiten Gärten trillern. +Wir schleppen uns zum letztenmal, veraltert und gebückt +Durch diese Pracht. Ein billiger Blumenstrauß, zerzaust -- zerpflückt. + +Im Hause müssen wir bei Gases schlechtem Schein verwelken. +Das frische Wasser kann uns nicht den harten Tod ersparen. +Da ziehen vor als dichte Schleier wir die Strähnenhaare +Und sausen nieder unterm Krachen der Gehirn-Gebälke. + +Wir jauchzen gell. Beginnt! Wacht auf uns zu empfangen! +Wir wollen tüchtig helfen euch den eisernen Kessel schüren. +Wir wollen Gott, der Kräfte Dieb, mit glühenden Fesselzangen +In unseren Kerker im Triumph zu heißer Folter führen. + +Hier müßte er die tausend Qualenstunden dreifach büßen +Und leiden in das Dunkel eisiger Spalten eingepreßt. +Ihn überwuchere heftig Ausschlag, raffe nieder Pest! +Der Brände Strahlenfälle spitz ins weiche Fleisch ihm schießen! + +Wir wollen ihn erniedrigen, zu Unseresgleichen reißen, +Daß ihn Gemeinheit zauberisch locke, tückisch ihn bestrick! +Wir wollen ihn mit unseren gekotzten Brocken speisen +Und tränken ihn mit eklem Spülicht. Auf sein Stiergenick + +Die Füße dröhnend setzen, bis ein fetter Wurm er sich +Am Boden krümmt. Die Engel in den Höhen schauerig jammern. +Wir wühlen hoch uns. Bohren durch uns. Aus den kaltem Kammern +Marschieren wir mit Paukenknall in jäher Sonne Stich, + +Befreit von Gottes Druck in ätherflüssigen Gewändern +(Da Düfte-Meere unsere Dulder-Körper lind umstreichen, +Wo, schöne Bräute, harren unser neue Himmelreiche) +Zu fernen Horizonten, die sich rosig-flammend rändern.« + + + + +Der Fetzen + + + _Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal_ + _Einander zu . . ._ + + + +I + + +Auftritt Sängerin im ganz verschlissenen Kleide, +Wangen grabgehöhlt, der Haare Stroh gescheitelt. +Tänzelnd schwebend über rosenem Schwall von Rauch. +Heimatlieder zirpend. Ventilator faucht. + +Vorgebeugt. Jetzt rückwärts stürzend zum Klavier. +Strahlenden Blicks, als ob sie Himmel offen säh. +Heulend auf, als ob sie Todes Schatten rühr . . . +Blonder Engel, schenkst dich aus im Cabaret! . . . + +Gift und Küsse haben jauchzend dich zerstückt! +Schreite wie ein Pilger hinter dir gebückt, +Reih mich ein demütig in die Brüderschar, +Die um dich einst, tollverzückt, entglommen war. + +Deine Vogelaugen kränzet Lilaflor. +Ach, wir fallen nieder unter jedem Tor, +Auf den nassen Bänken. Steil wächst goldenes Licht. +Fliederschleier wallen um dein Schmerzgesicht. + +In den großen Kirchen sind wir gern zuhaus. +Selig uns durchströmet flammender Orgel Braus. +Blasse Jungfrau, hast du die Verkommenen lieb? +Überstreich mit Salbe kranken Leibes Sieb! . . . + +Fremde Stadt mit der Paläste gradem Bau! +Krümme mich zerpeitscht von spitzen Regen grau. +Daß vielleicht ich Näh und Linderung fühl, +Eilt ich spät ans Ufer düsteren Flusses kühl. + +Von Pistolen, unter Messern hingestreckt +Springende Wunden deiner Hände Schale deckt, +Schleppe mich, auf dich gestützt, in dein Gemach, +Wo ich etwas noch, verblutend, bleibe wach . . . + +Krankenhaus und Haft und Hungers Pein, +Kavaliere, Schlägerei, gebrochener Wein . . . +Flattere ängstlich durch die Nächte, schäbiger Fetzen, +Den der Winterstürme kläffende Meute hetzet. + +Der Kasernen Mauern wanke alt entlang! +Kauere Bettelweib in Wirtschaft schmalem Gang! +Würg aus trockener Kehle dein »A la Villette«! +Dreh dich schlaflos in Hotels verdrecktem Bette! + +Schluchz bei sanften Schwestern, wächsernes Mädchenkind! +Spucke Lungenblut! Langer Eiter rinn! +Löse die Verbände fiebernd! Mach dich frei! +Bäum empor dich! Reiß dich los mit brennendem Schrei! . . . + + + +II + + +Deines Atems heller Wind +Schwellet Segel leicht +Und enthüllet +Goldene Abendländer über Wolken weiß. + +Über Glutgebirgen +Blutet Sonne schwer, +Zu den himmlischen Bezirken +Wogt entrücktes Meer. + +Was mag noch gelingen? +Man wird nichts mehr tun. +Kühle Lüfte, Tote bringen +Heiligen Schlaf. Komm, laßt uns ruhn! + +Hirt mit Flöte. Sanftes Tier. +Zerrissener Ufer bunter Klang. +Eng umschlungen sinken wir: +Seliger, süßer Untergang. + + + +III + + +Nun, da längstens hörten auf zu rollen +Wilder Städte Donner von den Hängebrücken, +Schrille Laute, die vom Platz erschollen +Ruhen starr in tränenden Mondes Blicken: + +Treiben wir dahin, wo die Blätter fielen, +Die ein weißer Sturm des Tags herabgejagt, +Die Allee entlang im laubichten Gewühle, +Das jetzt eines Turmes silbernes Horn durchragt. + +Und wir schlafen ein im großen Bette, +Das, ein Schiff, uns von der Erde trägt. +Unserer heißen Küsse dichte Kette +Sich, als Traum süß, über Müde legt. + +Lasset uns auch beten für die Armen, +Die wir sahn an windiger Ecke stehn, +Lasset uns auch wünschen Frierenden Tücher warme, +Linderung der Mütter Wehn! + +Wir jetzt liegen wie in Zuchthaushallen, +Nackte Büßer auf verfaultem Stroh. +Draußen heulend schwarze Regen fallen +Unter Blitze zackichtem Geloh. + +Die erfüllen mit verworrener Helle +Unser niedriges Gemach. +Züge flattern durch mit Hundgebelle, +Pferdewiehern und mit Schüssekrach . . . + +O, so fasse meine zitternden Hände, +Daß ich in empörte Gründe stürze nicht! +Da in weiße Wälder wandeln schon sich kalkige Wände, +Heiliger Morgen frischet dunsenes Gesicht. + +Fette Kräuter aus dem Boden sprießen. +Werden wir mit Sommer schön beschenkt? +Die Gebirge schaukeln hinter Wiesen, +Ein Gewitter grau am Himmel hängt . . . + + + +IV + + +Klagende du aus ächzender Bäume Zweigen, +Die bald leuchtend fallende Nacht begräbt, +Bald entrückt in jenen flimmernden Reigen, +Der um Mondes silbernes Denkmal schwebt: + +Noch tönt Stimme dein aus knieenden Wäldern. +Lege um die Brust ein wollenes Tuch! +Ruf im Schlafe an die toten Eltern! +Lös dich auf im herbstlichen Geruch! + +Tauch in öligen Strom hinein! +Laß dich tragen von den heißen Winden! +Steige auf im Abendschein, +Daß du hin in Wolken schwindest! + +Winke vom brennenden Turme den heulenden Völkern zu! +Dröhne wild als Paukenschlag im glühenden Orchester! +Strahle kühn in unerhörtem Clou! +_Schlinge, schlinge deine Arme fester!!_ + + + +V + + +Du bists, Quartier mit den verhängten Fenstern +Und bunten Mädchen über nassem Strich! +In allen, die vorüberschlenkern +Und denen an den Ecken seh ich dich. + +Es ist nicht schön zu hungern +Und zu spazieren durch die Stadt, +Um früh in einem Beisel sich zu treffen, +Sich essen an den Brocken aus den verdreckten Töpfen satt. + +Wie arm wir sind! Wir zucken beim Berühren. +Ganz aufgeschwollen bist du und dein Leib ist wund. +Nur manchmal wir wie einstmals uns verführen, +Ich liebe deinen großen Mund! + +So alle Tage wir verschlafen. +Du hast noch eine Stunde Zeit -- +Wir liegen berstend in den Betten +Und lesen Kriminalromane. + + + +VI + + +Komm ins warme Haus! +Nein, du willst mich nicht. +Du bleibst lieber draus. +Blauen Schneees Licht + +Flimmert, blondes Haar +Glänzt so eisig naß, +Antlitz wunderbar +Zerret Lieb und Haß. + +Schlottern meine Kniee, +Denn ich wart auf dich. +Wilden Tag ich fliehe, +Der sich stellt vor mich. + +Einmal in der Nacht +Wirds schon wieder klopfen: +Weinend Regentropfen +Bist du aufgewacht. + +Ach, ich wieder fühl +Dich an meiner Seite. +Auf der Strahlen Brücke stiegst +Du herab in schwarzem Kleid. + + + +VII + + +Wir aus des Stalles Stank und Feuchtigkeit +Dein ekles Vieh, +Herrgott, +Du tränke uns noch einmal vor Morgen! +Aus roten quadratischen Gebäuden +Wir wittern Abfluß unseres Bluts. +Doch, +Auf dem wir heute noch flacken, Stroh, +Rauschet wie Korn und duftet wie Heu und ist Sommer. +Herrgott, unser Gebrüll töst Gebet. +Unsere stachlichten Zungen, Herrgott, belecken dich, +Deines Fußes und Gewandes Marmor. +Tränke uns! +Ach, und +_Streu etwas Frühsonne in unser letztes Geschwank!_ + + + + +Der Idiot + + +Er schwirrte durch der großen Städte Flucht. Das traf ihn schwer. +Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste. +Staubwirbel bliesen ihn durch grüner Abendhimmel flaches Meer. +Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste. + +Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte +Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand, +Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte, +Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich niederwand. + +Er schlug, die Augen grün, Schaum dick ums Maul +Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei. +Ganz leise sang ein Droschkengaul +Und weiße Schleier wehten dicht vorbei. + +Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen. +Auf allen Dächern tosten Flammen laut. +Die Dome knieten nieder. Berge schwammen +Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut. + +Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn. +Es gellte. Mövenschwärme schreckten auf. +Blütenwälder weiß begruben ihn. + + + + +Geburt + + +Die Alte streckt sich weiß mit prallem Bauch. +Sie hat Katarrh. Sie hängt voll Blut und Rotz. +Im kleinen Raum der eiserne Ofen raucht. +Ihr kleiner Kopf von gelben Haaren strotzt. + +Mit glänzenden Augen sie zum Kreuze glotzt, +Das in die bittere Umwelt goldig taucht, +Und während rings die kühle Dämmerung haucht +Hat sie den Klumpen brüllend ausgekotzt. + + + + +Deutschland + + +Ein Gymnasialdirektor stelzt im Grunewalde. +Ein Weib spaziert im Dunkel, grünlich und zernagt. +Ein kleiner Fürst kommt an, ganz Wichs und Bügelfalte. +Der Reichstag ward zum fünften Male heut vertagt. +Es steigen weiße Straßen, jubelnd im Geglänze +Erwachten Frühjahrs. Finster streift Napoleons +Schatten. Starr im Schein der fahlen Flammenkränze +Bewachen Batterien einen Hügelthron. + + Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, + Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen, + Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. + Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum. + +Ein Kritiker hat einen Dichter totgeschwiegen. +Kleists Dämon höhnisch aus verworrenem Schilfrohr grinst. +In wüsten Knäueln kotzend die Betrunkenen liegen, +Derweil ein grüner Mond in schwarze Lachen blinzt. +Auf vollem Platze sich die dumpfen Trommeln rühren. +Es ziehen bunte Haufen johlend zur Bastille. +Die Priester hetzen auf die Schar zu blutigen Schwüren. +Die weiße Dame reicht mit spitzen Fingern Pillen. + + Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, + Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen, + Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. + Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum. + +Mit Richard Wagner heult ein arges Pack besessen. +Die plumpen Autobusse zeigen wenig Eile. +Die Schildwache entschläft. Das Volk hat nichts zu fressen. +Ein blonder Staatsminister starb an Langerweile. +Die Fahne aber flattert stolz der Republik. +Paris beschließt der heiligen Städte ewigen Bund. +Ihr fabelhafter Ruhm erschallt von Mund zu Mund. +Paris springt auf, ein Tier, ertötend mit dem Blick. + + Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, + Nicht nach den Schönheiten Frankreichs zu brennen, + Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. + Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum. + + + + +Rückzug + + +Was soll dies unter klatschendem Regen Tönen, +Der ich voll Trauer bin und klage um Verlust? +Was soll der halbverfallenen Gebäude Stöhnen +Bei rasselnder Stürme Sägen und Gehust? + +Ich will mich mit dem Alltag jetzt versöhnen, +Wild schuften in der Berge glühendem Bruch, +Gern unter Hämmerdonner und der Karren Dröhnen +Gedrückter Untertan sein harten Fluchs. + +Dämonen sich im Traume um mich scharen, +Zerwirkt bin ich vom Sturm und aufgebraucht, +Doch werd ich manchmal mit den Zügen fahren, + +Die gegen Abend gehn, bei steilem Rauch +Mit hohem Pfiff nach schönen Ländern wimmern, +Wo über menschlichem Gestrüpp noch Sterne flimmern. + + + + +Ahnung + + + Franz Jung gewidmet + +Triumph wird über uns schreiten. +Es soll Triumph über uns leuchten. +Triumph über uns. + +Aufbruch ruft. +Wir aber werden am Boden liegen, schlafend, +Berauscht, kotzend oder greinend. +An uns vorüberrauschen, über uns rauschen wird +Tag und Getümmel. +Wenn des Ewigen Hand die goldenen Vorhänge löst . . . +Trompeten stoßen, +Pauken donnern. +Wir müssen Schläfer sein. + +Triumph wird über uns schreiten, +Es soll Triumph über uns leuchten. +Triumph über uns. + + + + +Beengung + + +Die Welt wird zu enge. Die Städte langweilig. +So schmal alle Länder. Die Meere zu klein. +Die Körper, in giftigen Räuschen entheiligt, +Sie welken und stürzen zu Schutthaufen ein. + +Da ahnen wir Himmel wohl gischtenden Blutes. +Ekstasen trommeln wach Hölle und Grab. +Wir stöhnen verkommend in kalkfeuchter Bude, +Daß uns der Zusammenbruch rette und lab! + +Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge. +Der Polizei gelingen unglaubliche Fänge +Und humpeln verzweifelt wir über den Strich: +Die Mädchen ausgepreßt, fade und trocken. +In Cafés und Cinémas Spießbürger hocken +Und Goethe glänzt, aufrecht und widerlich. + +Verflucht sei der Straßen einförmige Strenge, +Die strecken sich grinsend in endlose Länge. +Oh, daß doch ein Brand unsere Haupte bewölb! +Es rascheln gewitternd Horizonte fahlgelb. + +Daß auf der Galeere wir duldsam bald schwitzten, +Daß wälzten wir uns auf der Ruderer Bank! +So aber wir faulen an hohen Pultsitzen +Und bröckeln zu Mehlstaub in Wartsälen bang. + +Wir horchen auf wilder Trompetdonner Stöße +Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg. +In unseren Ohren der Waffen Lärm töset, +Kanonen und Stürme in buntem Gewieg. + +Erreget Skandale! Die Welt wird zu enge. +Es johlt vor Palästen die ärmliche Menge. +Es trümmern die Tore. Es klirren die Fenster. +Die Mauern, sie wanken, die schüssedurchsiebten. +Vergessen wir unsere schmerzlich Geliebten! +Wir bleiben am besten zurück als Gespenster. + +Wie funkelt das Dunkel! Der Abend voll Gräuel. +Die Wagen und Nachtmenschen waten in Schmutz. +Kinder, aber Kinder in flammender Bläue +Flehen zur ewigen Mutter um Schutz. + +Nicht ehren wir Gott mehr. Er hat uns geraubt +Die Kräfte. Verwarf uns zu Fetzen und Scherben. +Er hat uns mit Wolken des Zornes belaubt. +Erpresser mit Krankenhaus, Hunger und Sterben. + +Die Nerven gepeitschet! Die Welt wird zu enge. +Laßt schlagen uns durchs Gestrüpp und Gedrängel! +Es wackeln Soldaten mit schiefen Hüten. +Die Welt wird zu enge. Wir zittern und frieren +In Domen und modrigen Schauerrevieren . . . +Und poltern und würgen und drohen und wüten . . . + + + + +De Profundis + + + + + +Päan des Aufruhrs + + + + +I + + +Inmitten der Getümmel, knochig und robust, +Steh ich, befeuernd den Tumult mit Schrei. +Es schneiden Messer durch die steile Brust, +Den Acker, hackend Fleisch zu Mampf und Brei. + +Ich euerer Länder preisgekrönter Akrobat! +Mit Muskeln straff, drauf spitze Schwerter tanzen. +Aus Winkeln aufgeschrien zu großer Tat, +Aus Kneipen und Bordellen, Gräuel und Wanzen. + +Als unterm Tor ich einst mein erstes Mädchen küßte, +Die Arme heftig um die eckigen Hüften schlang, +Wie saftige Frucht zerpressend runde Brüste . . . +O erster Rausch, der Geist und Blut beschwang! + +Durch fernste Träume irrend, brauner Weiber Schöße, +Die sich gebärdeten, Verrückte toll, +Bis daß ich niedersank, entblößet, +Ermattet schwer, da Tag und Stadt verscholl . . . + +Hah! Rasselnd atmen schon die Lungen +Der Sonne, die zerreißet euch zu Fetzen. +Die Himmel brechen, plötzlich aufgesprungen, +Auf euch herein mit Wassersturz und Schloßenklötzen. + +Ihr Hurenvölker, Metzen, aller Länder Schlampen! +Die euch zermalmt, steinerne Flut, sie naht. +Es schaukeln düsterer jener Monde Lampen. +Ihr kochet aus in heißem Würgebad. + +Verrecket! Aus Gestank und dumpfem Bette +Zerrt schon der Sturm euch, schmeißt euch in die Helle, +Wo ihr erstarret. Rettet +Euch auf die Speicher, flüchtet in die Keller! + +Auch dort, auch dort faßt es euch an und schleppet +Euch an den Ort, wo spritzen Körperstümpfe. +Verlaustes Pack! Verhuret und verneppet, +Bis tief ins Blut verdorben, in den Sümpfen + +Der Unzucht fett wie Kröten aufgequollen +Mit triefenden Augen, Mäulern voll Gequak! +Es faßt euch an! Mit einem wundervollen +Bravourschwung schleudernd in den kalten Tag! + +Hah! Schon erblindet! Aus den schwarzen Löchern +Quillt gelber Schleim . . . »Gewährt uns doch den Stoß!« . . . +Ihr zappelt, hänget Lumpen von den Dächern, +Ihr treibet, Klumpen Haut, in Flüssen groß. -- + +Zerstampfet ist des Reiches fade Herrlichkeit. +Wir Bären heben unsere blanken Eisentatzen. +An unseren Zähnen kleben Haar und Därme. Speit +Aus den Fraß! Fast unsere Bäuche platzen. + + + +II + + +Ich wecke dich, verdrängte Kraft! O Anarchie! +Die Schienen steigen, Harfen, aufgerissen. +Die Länder überschwemmet weit der Sümpfe Vieh, +Versoffene Himmel auf die Erde pissen. + +Verdammet ewig! Kraftlos, ausgegoren . . . +Hah! Ihr verröchelnd in verstopften Rinnen, +Versauten Kübeln. Gitterspitzen bohren +Euch durch die Schädel. Spinnen + +Ihr, die ihr tastend steile Schächte ziehet +Und mischet euch in Stürze, die sich trüben. +Die Augen Glas und maßlos vorgetrieben, +Verbrannt ihr über Dächer gen den Himmel fliehet. + +Verdammet ewig! Schwerterblitze schwingen, +Es brechet auf aussätzige Kastenbrust. +Da schreien Trommeln, alle Türme klingen. +Hah! Ungestört in nie erträumter Lust! + +Verdammet ewig! Ordnet euch zum Zug! +Schon wallen Fahnen. Schwarze Chore klopfen. +Ihr ausgehöhlt von spitzer Hagel Tropfen, +Hinwegrasiert von steilgestellter Winde Flug . . . + +Verdammet ewig! Eng das Himmelreich, +Nieder die Tore, wo ihr tretet ein, +Der Weg verschottert . . . regenaufgeweicht. +Hah! Vorwärts marsch in euer Qualdasein! + +Hah! Zögert nicht! Verfault in grünen Ecken. +Da einer wahrte noch die Kerze gelb. +Wo Arme steif an Schimmelleichen stecken, +Wie Kreuze . . . Heiliges Nachtgewölb, + +Das nicht mehr Mond durchfurchet, nicht die Schar +Der Feuersterne mehr, da es zu spät +Geworden. Netzehaar, +Das, finsterer Wald, traurig herniederweht. + + + +III + + +Stellet wie Schirme Hände vor euere Lichter, +Daß nicht der Sturm sie verlösche, der aufsprang zur Nacht! +Schließet die Reihen! Scharet euch dichter! +Daß wir werden, Brüder, heil an den Morgen gebracht! + +Brücken bäumet euch! . . . Teiche voll stinkender Fische +Rasend sich drehen, eitriger Wolken Säcke, +Schalen auf grüner Wälder wehenden Tischen. +Vulkane schwälend vergrabene Himmel belecken. + +In die Arme euch fallet . . . Ein Irrer, wo glotzet +An einsamer Straße, der bös prophezeit: +»Fraß und Trank, ihr Räuber und Mörder, auskotzet! +Euer Morgen, der schöne, ist weit, ist weit . . . + +Auf den Hügel euch schwinget, ob ihr erspähet +Der Sonne Ball. Landschaft, die schwebt. +Nicht die Mauer der Nebel zerfallet. Die bläulichten Seeen +Erwachen. Voll Glanz ein Gebirg sich erhebt . . . + +Erstarrend am Wege ihr, schlaget die Mäntel um! +Hüllet euch ein, erwartend, was nie erscheinet! +Beweget nur Arme, die Hände, die Beine stumm! +Uhren nie schlagend, Schlagwerk, das weinet. + +Vergesset den Takt nicht! Rennet nicht, jaget nicht durch! +Lauschet! . . . Ists nichts?! . . . Kommt da nicht wer gegangen?! -- -- +Die Augen hinfließen, schallender Winde Gefurch. +Bäume hoch greifen, knackender Äste Zangen. + +Einmal noch singet! . . . Auf eueren Köpfen +Hocken der Wetter Bäuche. Ach, ihr so maßlos gewachsen. +Oder treiben jene so tief?! . . . Einst dreckige Töpfe +Ihr, trauriger Tollheiten jetzt brennende Achsen. + +War es nicht Rausch, nicht Wahn? Wie ward es erfunden? +Einer träumte. Der schrie es herum. +Rausch und Wahn . . . Einst mit Gärten umwunden +Die Stirnen, jetzt Öden, verwelket und plump . . . + +Keiner schrickt auf mehr. Nirgends ertönet mehr Klage. +Waldung mit Körper sich mischet, Haare mit Meer und Grün, +Aber im Finstern pfeifend ein Knochenturm raget, +Trotzend den Völkern der Stürme und Hagel kühn . . .« + + + + +Familie + + +Sie sitzen warm am Tische. In der Fiebel +Die Kinder blättern. Rings behaglich-stumm. +Es trägt die Mutter auf den Suppenkübel. +Der Vater bringt jetzt eine Henne um. + +Die Uhr, sie hinkt mit furchtbarem Gedröhn +Durch Tag und Nacht. Da rauscht ein Sturm vorbei. +Der Unterricht beginnt um viertel zwei. +Ein Telegramm verheißt den Sonntag schön. + + + + +De Profundis + + + + +I + + +Es rauschen die Flammen. Ich leide. Ich leide. +Das schuf der Sehnsucht gefährlicher Drang. +Einst liebten wir heiß uns und innig beide, +Doch unser Leben im Blut, im Blut versank. + +O ihr Engel Gottes mit den blassen Händen +Über den Sterbenden schwebend in den leuchtenden Höhen! +Wer kann das Unabwendbare wenden? +Wer macht das Geschehene ungeschehn?! + +Vielleicht ist's nicht viel. Nur matt und gewöhnlich. +Höchst albern, nur von Zeit zu Zeit +Ein Aufbrüllen wie ein Tier. Ganz unversöhnlich. +Ein schwirrender Tumult trunkenster Zerrissenheit. + + + +II + + +O alle die Nächte, o alle die Nächte, +Die ich durchirrte und die ich durchsuchte und die ich durchlitt: +Waren unendliche brausende Schächte, +In die ich, sausender Ball, mit Sturmgewalt +Dem sicheren Halt +Einer allmächtigen Hand entglitt. + +Nun winzele ich furchtbar durch die windige Nacht, +In der der sündige Geist der großen Toten haust. +Ich bin ein Hund verlaust, +Aussätzig und voll ekler Niedertracht. + + + +III + + +Singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte. +Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht! +Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. +Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht! + +Schwer schallt aus ewig dröhnendem Dunkel euerer ziehenden Kolonnen und Scharen +Marschtritt, gedämpfter Waffen- und Trommelklang. +Feuerschein. Rasende Automobile an schimmernden Palästen vorfahren. +Auf glänzenden Treppen der Damen und Kavaliere flimmernder Gang. + +Liebende. Einsam und weinend am düsteren Gestade +Schmutzigen Stroms, der träg durch die Vorstadt hinzieht. +Höret die alte, die ewige Bitte um die lichte, die himmlische Gnade +Verhallen im Strudel der Wasser als Schlummer- und Todeslied! + +Rote Laternen blinken und winken aus finsteren Gassen. +Schwarze Schatten gebückt hinschleichen, die Böses tun. +Fabriken, Lagerräume, Baracken, die öd, die verlassen +Im falben Scheine des Mondes gleich großen schlafenden Heerlagern ruhn. + +Aus verfeuchteten Kellern gebärender Weiber schallende Schreie. +Schwarzer Zug. Geheul. Begräbnis. Glockenton. +Horchet begeistert, wie sich erleuchteten Saals eine neue +Meinung durchsetzt in stürmischer Diskussion! + +Volk. Fahnen. Ernst. Eiserne Fäuste. +Rußig. Ruhig. Mann, Weib und Kind. +Geruch der Fäulnis steigt auf aus den blutverschweißten +Hemden, doch die, wie ich glaube, _einst leuchtend gleich purpurenen Rosen sind!_ -- + +Blühen dann wieder des Sonntags die himmlischen Feste, +Flattern Bänder weit, wehen Wimpel bunt über dem ländlichen Grün. +Man tanzt. Ist fröhlich. Unterhält sich so am besten. +Hoch am blauen Himmel wieder die weißen Wolken ziehn. + +Aber schon brausen und sausen über Brücken und Viadukte +Die Züge. Durchs Abendgold +Heimführend die Fröhlichen, die Vergnügten. +Dumpf der Zug in der dämonischen Bahnhofshalle einrollt. + +Niederströmt die Masse. Die Ketten +Klirren. Der irdische Dämon Hölle und Feuer schürt . . . +Und doch --: singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte! +Von euch verdorben. In euch verirrt. Von euch verführt. +Doch sterbend vom Schein himmlischen Lichtes berührt . . . + +Denn plötzlich schrillen empor Sturmglocken und Pfeifen. +Ekstatisch schwillt ein unendlicher Brand. +Wasser stürzen. Rote Flammenfangarme in die schwarze Nacht hineingreifen. +Millionen versinken. Tief glüht das Land . . . + +Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte, +Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht. +Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. +Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht! + + + +IV + + +Da ich überwand +Im steten Aufwärtssteigen selig mich mühend +Glühende Gipfel: sei mir gegrüßt +Ebene, weites blühendes Land! + +Du Sinn der Erde! Wie oft hat mich dein Blühen +Aufgeweckt und der herbe Duft deiner Saaten. +Wie oft hat mir der Geruch deiner Fluren verliehen +Hoffnung und Mut zu neuen Taten. + +Ach, deiner verschwenderischen Fruchtbarkeit +Goldener Segen +War oft als stille Hoffnung über meinem tiefen Leid, +Als ein heller Himmelstrost über meiner argen Schmach gelegen. + +O, und wie liebte ich deiner Wälder Brausen, +Das Sausen des Sturms über die Heide. +Das Rauschen deiner großen Ströme. +O Wandermusik! Welch fröhlich Geleite! + +Ihr fliehenden, ziehenden Wolken hoch dort oben! +Ihr purpurglühenden in dunkel wehenden, bewegten Lüften! +Ihr Feuerwolken, Feuerrosen! Glut über meinem Menschenhaupt! +O Frühling du! Himmlischer Heros du! Verschwender du in Blut und Düften! +Ich nenn mich deinen besten Held. Ich habe dir geglaubt . . . + +Sieh, alle Menschenherrlichkeiten und Verworfenheiten, +Wenn auch seltsamst verworren noch, trag ich in meinem irdischen Menschenblut. +Aus tiefstem Niederfall hast du erbarmend dich mich jäh erhoben. +Dereinst, das weiß ich, herrsch ich königlich. Du gabst mir Kraft dazu und Mut. + +Goldene Schätze sind in mir enthalten. +Einst werde ich die Arme ausbreiten, +Einst werde ich Schwingen entfalten +Zum Flug in die sternenen Unendlichkeiten. + +So träume ich oft, und mein himmlisches Schweben +Geht verzückt von hinnen zu silbernen Wolken hin. +Die großen Städte im Abendrot heben +Ihre blinkenden Zinnen. Brücken, Wälder, Ströme vorüberfliehn. +So wird alles Traurige, dein irdisches Leben, +O Mensch einst unter dir vorüberziehn + +Überwunden, klein und doch so bedeutend +Und das alles in einem großen kosmischen Zusammenhang +Und du wirst kaum mehr unterscheiden +Können, wo ist von diesem Ding das Ende und wo von jenem der Anfang . . . +Du wirst staunen nur. Über alles dich tief verwundern. +Jahrhunderte brechen auf. +Deine blaue Glocke, Himmel, wird herrlich läuten. +Deiner Engel Posaunen schmettern den Triumphgesang. + + + +V + + +Ich komme spät nachts noch betrunken ins Bierlokal: +Ganz am Ende der Stadt gelegen. Verrufen. Wild +Lärmt man der versunkenen Nacht nach. Dem Sonntag entgegen. Im Saal +Das Gedröhn und Getön der erhitzten Stimmen zunimmt und furchtbar anschwillt. + +Vier Weiber. Sehr schmutzig. Verschwitzt. Fett. Höchst gemein. +Musizierend. Klavier. Zwei Geigen. Die Älteste schmetternd mit tropfendem Mund singt. +Man säuft. Füllt sich den ausgetrockneten Schlund mit Schnaps, mit Branntwein. Rülpst. Stopft sich hinein, +Während draußen vielleicht die schöne Welt schon im erwachenden Morgen aufklingt. + +Ich sitz in der Mitte. Umbrandet. Da entlockt zärtlich der verwirrte Tumult +Dem müden Gehirn phantasievoll ein rührend Bild. +Das tilgt, o Mensch, das überdeckt einst reichlich all deine Schuld. +Du kniest hin wie ein Kind. Du neigst deine Stirn. Du Ärger wirst weich und mild. + +Dort oben, o sieh: sie spielen auf jenem Podium -- +O, wer dies nur einmal sah, es sicherlich nie mehr vergißt! -- +Die Engel, die Engel, die lichten, blondgelockt, die weißen. Ringsum, ringsum +Die muffige Luft vom goldenen Klingen ihrer heiligen Gesänge duftend angefüllt ist! + +Was soll mir da der helle Tag noch? Oh, so sagt mir. Ich lausche ja hier einem Lied, +So himmlisch entrückt. Dem kommt so leicht nicht mehr eins meiner Erde gleich. +Kein Rauschen der Ströme. Kein Klang der Glocken. Kein Lerchenschlag . . . Mein Gemüt +Erblickt ein unnennbar süßes Himmelreich. + + + +VI + + +Wir wandern heimwärts durch die eisige Nacht +Wir Saufkumpane. Unser Schritt hallt schwer. +Versprengte wir wie nach verlorener Schlacht. +Gaslicht schwimmt gelb im weißen Flockenmeer. + +Wir Schar. Zerschlagen und zermalmt. +Gehirn zersetzt schon Wahn. Wir haben +Zum Letzten wohl geludert. Pest und Qualm +Und Dirnenpack und Luis und Straßengraben. + +Unmerklich rinnt auch diese Nacht zum Tag. +So schwarz in Grau. Von unerhörter Qual +Brecht ihr empor: rote Glorie und Glockenschlag. +Verstörte, Tote wir im Morgenstrahl . . . + + + +VII + + +Rasche Jugend, du sinkst und fällst, +Rasche Jugend verblühend! +Die du all Licht, o all Licht enthältst, +Stark und über die Maßen so kühn. + +Und wenn du jetzt auch scheiden mußt, +-- du harrst ja schon im weißen Kleid +Des Todes wehen Abschieds -- +Oh, wer hat so wie ich gewußt +Um allen Schmerz, von deiner Freude +Und blutiger Nacht und dumpfem Tag! +Wer bot so frei die offene Brust +Den Stürmen wilden Lebens dar, +So fromm und ohne Klage? + +Wer hat so wie ich getan +Alles, was du nur wolltest? +Wer stieg so kühn die steile Bahn! +Oh, nun leuchte du mir stolz voran +So glühend, warm umgoldet +Und wie in diesem letzten Strahl +Die sinkende Abendsonne! +O deiner Kämpfe tiefster Sinn! +Jetzt weiß ich erst, daß ich gesegnet bin +Und daß ich segnen kann. + +Und wenn du jetzt auch scheiden mußt, +-- du harrst ja schon im weißen Kleid +Des Todes wehen Abschieds -- +Leb wohl, dein seliges Licht vereint +Uns doch für alle, alle Zeit. +Reiß mich empor zur Ewigkeit, +O stürmisches Brausen deines trunkenen Liedes! + +Rasche Jugend, du sinkst und fällst, +Rasche Jugend verblühend! +Die du all Licht, o all Licht enthältst, +Stark und über die Maßen so kühn. + + + +VIII + + +Ich, der Gottes Angesicht +Nacht für Nacht geschaut: +Ich dünke mir ein festlich grelles Flackerlicht +Dem abendlichen Tage anvertraut. +Ich bin ein Rausch verklungener Zeit, +Ein Traum trunkenster Herrlichkeit. + +Es rauschen Bäume schwer im Wind, +Mein Wald, du wirst entlaubt. +Wir die aus dunkler Erde sind, +Wir neigen schwer das Haupt. +Wir sind ein Rausch verklungener Zeit, +Ein Traum trunkenster Herrlichkeit. + +Wo lacht dem Leid der heilige Stern? +Erwachst du große Güte? +Ich hab dich liebe Welt so gern, +Ich hab dich lieben Herrn so gern, +Dich Jesu, Schmerzensblüte. +Auch du ein Rausch verklungener Zeit, +Ein Traum trunkenster Herrlichkeit. + +Und hab ich alles recht bedacht, +Den Schmerz und auch die Freude, +Den hellen Tag, die dunkle Nacht +Und Lust und Liebe, beide -- +Ich bin ein Rausch verklungener Zeit, +Ein Traum trunkenster Herrlichkeit. + + + +IX + + +Die trunkenen Nächte! Die trunkenen Nächte! -- +Oh, meine Jugend du, blutende du! Empor, empor und +Aufstehn, o auferstehn! +Die schlaffen Muskeln wieder strecken! +Die matten Flügel wieder spreiten! +Die müden Schwingen wieder entfalten +Der Sonne zu! +O wieder +Morgenröte-Umarmungen! + +Ja empor und aufstehn! Wenn es nicht anders geht, +Dich aufreißen, dein wimmerndes Herz ausreißen, +Dich aufreißen aus Traumdämmerungen, Abendruhen +Mit der kalten höhnischen Gelassenheit und Grausamkeit der +Starken über die Vergewaltigten. + +Dann +Mit gebreiteten Armen springen ins Morgenrot, +Fliegen im Strahl der Sonne über die großen Städte hin, +Über namenlose Finsternisse hin, +Donnergründe, brausende Geheimnisse hin, +Höher empor +Über alle Not, alle Armut, alle Schmerzen hin, +Höher, höher empor +Dem Aufgang zu! + +Ja empor und auferstehn! Empor aus +Qualmigen Verbrecherhöhlen, empor aus fettigen Dirnenspelunken +Mit dem roten gedämpften Ampellicht, mit dem geputzten Schielen +Weißhaariger Kupplerinnen, all der plumpen bäuerischen, +Jämmerlichen Koketterie der Fleischschau. +Empor aus Spielhöllen, dem stieren Blick, dem Münzengeklirr, +Empor aus Zuhälterkneipen, Ställen voll Absinthgerüchen, +Schmierigen Aborten, Samengestank und Eitergeträufel, +Dem Geklimper all der Tamburins, Klaviers und Musikautomaten. +Empor aus Freudenhäusern, den Kneiplokalen der Homosexuellen, +Empor aus Asylen, Krankenhäusern, Zuchthäusern. +Empor aus Irrenanstalten, Pestbaracken, all den Gehegen +Tobender Alkoholiker, +Ächzender Tuberkulöser, +Demaskierter Syphilitiker . . . + +O du mein Schrei auch Schrei der Zeit! +Steht auf! Steht auf! +Schlagt nieder! +Stoßt zu! +Brecht auf! + + + +X + + +Die Wünsche, die ich Tags gedacht, +Sehnsüchte, die ich Tags nicht stillen konnte, +Werden die Ängste meiner Nacht. +Ich rings in Feuern steh, +In der Geliebten meine Mutter seh, +Meinen Vater wie einen Fraß der Hunde. + +Aus den Wänden trete ich, +Geschändet am Geschlecht, +Der weiße Leib +Beglüht und fein gehüftet, +So ganz und echt: +Ich Weib. + +Ich hebe meine furchtbar spitzen Hände, im innern Mark +Längst leer und schlimm vergiftet, +Will um meine Sehnsucht zu übertören +Allen, o allen gehören, +Geb mich jedem Bettler hin, +Nur kummervoll besorgt, daß ich Gefallen fände, +Und kühn, +Daß ich sie alle niederkrallen könnte. + +Schon höre ich die Dämmerung fallen. +Klänge wiegen mich in die Welt. +O Tag! +Jetzt bin ich allen Träumen fremd . . . + +Sei gütig! Dein Toben +Will sich erlösen. +Was du gewesen +Im träumenden Bösen +Befreit sich nach oben. + + + + +XI + + +Wie mag noch lieben, wer dich klar gesehn? +Was kann vor deinem Bild bestehn? +Was hat noch Anmut, was noch Sinn, +Du gute Himmelskönigin! + +Oh, all das Gute, +Das du mir getan, +Wo faß ich es an? + +Du trugst auf deinen wunden Lenden +Mich, der dich bittend traf. +Du sprengeltest mit Zitterhänden +Weichen Traum durch meinen Schlaf. + +Oh, all das Gute, +Das du mir getan, +Wo faß ich es an? + +Oh, all das Gute, +Das du mir getan, +Ich verblute, +Ich sterbe dran. + + + +XII + + +Oh, einmal dich umarmen +Noch, an dir niedersinken! +Einmal noch das warme +Gold des Abends trinken! + +Wieviel haben wir geweint +Um uns! Nun soll das Schwerste erst kommen . . . +Wirst du mir einst entführt, +Muß ich wohl sterbend hinfallen. + + + +XIII + + +Gottes gute Sonne ist erloschen +Und die böse Nacht drückt schwer. +Meines Blutes Verlangen +Weiß von keinem Frieden mehr. + +In der Ferne ruht ein Glühen +Über dem entschlafenen Land. +_Was mich bitter traf, wird blühen_ +_Einst._ Darum lächle ich so unverwandt. + +Darum hat ein großes Hoffen +Meinem Herzen sich auf ewig eingeprägt. +Alles Irdische, das mich so schwer betroffen, +Ist von jenem Schmerz, der einst das Wunder wirkt. + +Es entgleitet meinen müden Armen +Jetzt der Leib, den nicht mehr Wärme hält. +Sieh, mein Tod ist ein entzückt ekstatisch und erbarmend +Niedersinken, wie die Abendsonne niederfällt. + +Übertu du heimatliches Leuchten +Der Natur mit mild versöhnendem Glanz +Alle Qualen meines Herzens, +Daß, gleich sprühenden Sternenreigen, +Himmlische Wonnen mich umfahen, blühend ganz. + + + +XIV + + +Aufgepeitscht, von roten Flammenschlünden +Irr umtobt, glüh ich in nächtiger Haft. +Weh zerfetzt, selig verblutend +Schau ich stier in ein entzücktes Land. + +Brausend kreisen unermeßliche Ströme Blutes, +Unerschöpfliche Kelche spenden dunklen Wein, +Daß wir ganz trunken und sinnlos werden, +Daß unser Leib im wirbelnden Strudel der Lust verbraust. +Mond und Sterne, der leuchtende Glanz im nächtlichen Blau, +Erster Lichtschimmer vom kommenden Tag, +Zerstieben in Purpurglut. +Aber hoch, hoch über allem, über allem noch Begreifbaren +Der Welt, in letzter, höchster, traurigster Nachteinsamkeit +Spannt sich, spannt sich ein Schoß, spreizt sich zur Gruft, +Flammend enthüllen sich tiefste, nie erschaute Röten, +Scharlachen aufgetan, nie geahnt, +Deren brennende Reize kein irdisches Aug erfaßt . . . + + + +XV + + +Wir ringen. Wir ringen. +Doch wir wissen, wir werden die dunklen Gewalten +Einst noch bezwingen +Und unsere Kämpfe werden uns nicht dumpf behalten, +Sie werden nur unsere Kräfte entfalten +Und uns beschwingen +Und uns den Triumph bringen. + +Durch alle Erdenkämpfe werden wir zuletzt +Das Herz unberührt +Doch noch heimwärtstragen +Und durch alles, was uns jetzt +Noch mit Schmerz verführt +Und zu Boden drückt. +Wenn auch jetzt noch dämonisch die Flammen über uns zusammenschlagen +Und unsere Augen rot das Leid benetzt, +Einst werden wir sagen: +Es ist uns schön geglückt. + +O daß ein jeder auf seine herrliche Jugendzeit +Stolz sei und sich derer freut! +Wo wir den Wert der Dinge erforschen, +Das Alte vergessen, +Das Neue ermessen, +Fanatisch den alten hergebrachten Rechten +Entgegenwirken und aus den morschen, +Zerfallenen Reichen neue Reiche aufrichten +Und die Grenzen der neuen mit Ekstase verfechten. + +Was wir dabei entheiligen, +Was zerstörerische Glut zerreißt, +Wird sich einst wunderbar an jedem Aufstieg beteiligen, +So daß sich am Ende doch alles als gut erweist. +So laßt uns glühen +Und ernst bestehen nach heißem Bemühen! + + + +XVI + + +Du enteilst mir, schwere Nacht. +Schon bist halb du, heller Tag erwacht. +Kalt sinkt Stern um Stern. +Glocken läuten fern. +Goldenes Feuer! Blauer Morgenschein! +Herz! Bald sollst du geborgen sein! . . . + + + +XVII + + +Trink! Es ist ja nur Wein! Trink ihn zur Neige. +Mehr als Wein: es ist mein einsamstes Leid +Nicht in mir, nicht in dir zur Erlösung +Meiner irdischen Qualen gelangt. +Trink! Es ist ja nur Wein, trink ihn, mein Leben! +Trink ihn, Geliebte, es ist ja nur Wein! +Doch tiefer denn alles. In ihm funkelt die Sonne, +Spiegel der Sterne, des Monds, Abglanz des Alls, +Traumschein des Ewigen, Lippen Gottes . . . +Trink, es ist ja nur Wein, oh, wär es mein Blut, +Wäre es mein Herz, o wären es jubelnde Ströme! +Schlösse den Mund auf ewig ein einziger Kuß, +Der von den blühenden Lippen Gottes käme! -- + +Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen! +Schattenumrissen droht der glühende Schlund, +Letzten Verhängnisses voll, im Antlitz des Todes. +Nur im Bann des strahlenden Leibes, +Nur in der Kraft des Sehnsuchtgedankens +Kehrt das Heimweh über die Stätte der Erde +Zu den Gefilden der Heimat, selig und klar . . . + +Sieh: eine Seele verblutet, eine Seele entfacht +Blutige Leuchten in den Stürmen der Nacht! +Gellende Jubel, so schreien geängstigt die Glocken, +Wo nur Verderben die menschliche Hoffnung birgt. + +Heilige Himmelfahrt du! Im Brausen des Feuers +Tiefste Ergriffenheit und wie ein Segen von Gott +Kindliche Trauer im flackernden Taumel des Herzens. +Heilige Himmelfahrt du, die Toten erwachen, +Ihre Macht, die lebendiger ist als menschlichen Sinnen +Je nur verständlich. Die gnadlos walten! +Heilige Himmelfahrt du! Einer der Reinsten, die je +Auf dem Wege zu Gott die Hände erhoben: +Sende die Engel des Friedens gütig herab, +Daß die Marter der Zeit und unsere Leiden +Golden verklärt an deinem Herzen entruhn! +Sieh, wie diese glühenden Flammenschwerter +Schlägt unsere Inbrunst zu dir, Gott, +Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen! +Sende die Engel des Friedens gütig herab! -- +Wenn unser Leib zu Asche -- sende die Engel herab! +Vater! Sende die Engel herab! + + + +XVIII + + +Hoch, bekränzt von aller Traurigkeiten +Goldenem Schein umsternt, weit über diesem Erdenland, +Sah ich, wie ein armer Leib in allen Herrlichkeiten +Gottes jubeltönend aufschlug und erstand. + + + +XIX + + +Ich bin ein Namenrufer über weites Land, +Selbst namenlos, und Namenlose sind es, +Die ich rufe. Im warmen Hauch des goldenen Morgenwindes +Schmerzlich Erweckte aus uralt schattigem Bezirk zu neuem Leben. +Um ihre grabzerfetzten Lippen ein gelindes, +Letztes, doch starres Lächeln der Verwesung, +Manche in der Anmut eines holden Kindes, +Träumerisch, im Frieden endlicher Genesung, +Manche in den dunklen Trauertrachten +Verstorbenster Ahnen, manche in den funkelndsten Schauerprachten +Stolzester verdorbenster Frauen. Über marmorglänzende +Fluren hin, in samtenen +Prunkgemächern oder in der blassen Helligkeit +Der Abendlichter. Immer ists, als +Hörte ich Orgeln brausen, +Große dumpfe Orgeln irgendwo, +So im Aufgang von den Himmelshöhen, +So im dunklen Wehn +Des Abendwindes. +Oder hellen Silberklang geschwungener Gefäße +Oder lallendes Hinträumen junger sterbender Seelen, +Weinen oder die Andacht blasser Frauen, +Zwischen offenen gespreizten Schößen +Wunden und entzückte Dolche, funkelnden +Berückenden Schimmer heiliger Geräte, +Kinderstimmen tönend durch die seltsam hohen +Feierlichen spitzgewölbten Hallen. +Alles Ferne, Trübe, Grausam-Schöne irgendwo . . . + +Was ich litt, +Blinkt auf darin in tausend Narben +Und stöhnt nach Reinigung. +Und was ich lebte, um was ich stritt, +Durchspringt in tausend Farben +Grell kreischend den Weltenraum, Vereinigung +Im Höchsten heischend und Entfaltung, +Gigantische Kräfte zur Vollendung dauernder Gebärden +In mystischer Verzücktheit und Gestaltung. -- + +O Friedensstätten siegverklärte! +Nach irdischer Not und Tod und schwerem Krieg! +O ihr Begehrten! +Ihr Vielgeliebten! +Ihr von leuchtenden Sonnenstürmen +Und ewigen Sternglorien Beglückten! +Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder, +Reiche der Seligen ihr, ewiger Träume bleiche Heimatstätten +Und der Schwermut müde schweigende Gewässer, +Wenn der silberne Mond zuhöchst zur Neige kommt. +Euch, euch grüß ich, euch ihr weiten Länder, +Euch noch ungesehene, euch nur geahnte, euch +Einst herrlich leuchtende Gestade +Im Morgenlicht! + +Euch, euch grüße ich +In stürmischer Nacht von hohem Wanderschiffe, dessen +Mürber Kiel zersplittert, dessen +Stolze Masten jählings berstend übersinken, dessen +Rumpf mit dumpfer Donnerstimme in ewige Vergessenheit zerkracht. +Durch Tod und durch Gewittersturm +Ist mein hohes Heimwehlied der einzige Gesang der Nacht. + +O blutiger Aufruhr! Flammenstöße! +O ihr meines irdischen verbrauchten Leibs +Zerschellende Mächte! O Stimme Gottes, +Die durchs Dunkel dringt, +Die Firmamente leuchten macht, +Die Sterne aus bewährten Bahnen reißt, +Mit einem Hauch Frühlinge aus Trümmern weckt, +Gräber sprengt, +Tote Herzen wieder schlagen macht. +O Stimme Gottes, die die Brust beengt +Uns Menschen, daß der Rasende den Leib sich aufreißt +Und zerfleischt, den Körper peitscht, sich bis aufs Blut +Zerbeißt und steinigt. +Entstellt, zermartert und gepeinigt +Zum Tod sich hinschleppt, bis auf Flügeln der Ohnmacht er entschwebt, +Bis ganz das Tönen deiner reinen Stimme ihn durchdringt, +Bis ganz das stille Leuchten deiner Harmonie ihn süß durchdringt, +Bis ganz dein milder Glanz ihn sanft umhüllt +Und den Erlösten +Blaue Nächte und die Sterne trösten. + +Du Freudensturm des Lichts! Du Wort, du Tat! +Du Sonnengold und Traum der Nacht! Du Tag der Erde! +Du Wonne! Jubelglanz! Du All, du Nichts, versteinende Gebärde! +Du Sammelruf! Bezirk des ewigen Heils! Umworbene Stadt! +Engel der Morgenröte du und heißer Kampf! Gefährte +Und Hilfe der Schlacht! Zärtlich Leuchten, Siegesklang und Harmonie, +Du goldener Schnitt, du Schwerkraft, Mittelpunkt +Und Sinn der Welt! Ausatmen und Ertrinken! +Natur! +Du Frucht im Schoß, du Nein und Amen, +Du Ewig-Wacher, Nie-Vergessender, du Heiß-Erträumter! +Du grausam Unbarmherziger, du, du -- nein Nie-Beirrter! +Sieh unsere Hände hält ein Fluch gebunden, +Doch unsere Kämpfe führen deinen Namen. +O Volk Verlaufener! O Volk Verirrter! +O Volk Geschändeter! Zu Wut und Haß Emporgeschäumter! +O Volk Geächteter! O Volk Verblendeter! Mit Wunden +Gleich Frühlingssaaten überströmt. Blutüberströmt . . . + +Du Unbeirrter! +O segne mich, den Trunkenen, Begeisterten, von dir zu dir Entflammten, +Dein Kind, dir Held zugleich und Priester, o Meister! Der +Seine tiefsten Träume nicht erfüllte noch gestaltete, der nie zur hellen Tat entbrannte, der sie nun unberührt +An dein Herz wieder niederlegt, o Meister und Verwalter. Woher +Sie erdwärts niederstiegen und entstammten . . . +Ich, auch einer der Versunkenen, Verführten und Verdammten. +O daß deine reine Gnade unverhüllt und licht +Sich mir zuneige und erwäge, doch daß dein Gericht +Mein Leid unwägbar und ganz unvergleichbar finde . . . +(Ach Worten gliche keins. Und Worte wären Winde und Sünde für dies!) . . . +Bis deine unnennbare Güte den so weh Entflammten +Aus grauen Mitternächten +Im dröhnenden Aufstrom sprühender Gewitternächte +Zu blühenden Lichtwelten schön entführt. -- + +Daß ich aus allen meinen glühendsten Ekstasen, +Die mich hinschleudern und zerknirschen, drosseln, +Mich kalt umpacken, den Nacken brechen, +Gleich wirbelnden, aufpeitschenden Orkanen, die blühende Gelände mit einem Hauch verwehn, +Daß ich aus allen Orgien, die meine kranken, getäuschten Sinne feiern, +Und stolzen, ungebärdigen Gewalttaten, +Entblößenden Räuschen und allen Trunkenheiten, +Willküren, rohen Anmaßungen, +Aufrührerischem Trotz und Mord, +Aus allem Wühlen, Sehnen, Branden, Ringen, +Aus allen Stürzen in Abgründe und Zusammenbrüchen, +Aus allen Anfechtungen und Verzweiflungen, +Aus allen Ängsten, Lastern und Versuchungen +Und allen Verirrungen und Halluzinationen +Und allen Peinigungen des herrischen Geschlechts, das +Alles überwächst und sich ins Unermessene erdehnt: + +Daß ich mich einst aufhebe, +Den Staub abschüttle, der an zerschrundenen Flügeln haftet, +Traurige Augen öffnend und das Herz erschließend, +Daß ich mich einst aufhebe, +Schwingen spanne, +In jenes Land hinfindend, +Mit einem letzten Anflug gläubigen Muts und frommer Kraft: + +Wo du in Reinheit der azurenen Höhe, +Im schimmernden Chaos, wo goldene Sonnen schwanken, +Und alle Gestirne tönende Lichtreigen inbrünstig um deine Majestäten ranken, +Wo jauchzende Chore ihn umgeben und reiner Himmelswonnen brausende Melodien, +Wo harte Engel ihn umschweben mit Blitzen und sausendem Speergewimmel, die ihn +Zu Bronnen des Lebens schön geleiten, zum Herzen Gottes, die der Einsamkeit +Gewandung von ihm abtun, +Seiner schmerzhaften Erdenzeiten +Verhärmte Schatten. +O gleißende zitternde Lichtblitze, ewige Gnadenwonnen! +O du inmitten kreisender Sonnen stürmische Erhöhung: +Bis die Adern von tanzendem Blut und die Brüste von schimmernden Gluten geschwellt, +Und die Augen von himmlischen Feuern entbrannt und erhellt: +Sein Geist als Geist Gottes durchstürmt die brechende Welt. -- + +O Herrlicher du, senke der Flammen schlagende Fahnen auf uns mit glühendem Bewenden! +Du Ewiger, lenke den Marsch der Verdammten gnädig aus finsteren Bahnen zu blühenden Enden! +Du Ewiger, sprenge die irdischen Bande! Mache uns frei! +O Herrlicher du, erfülle die Länder mit großem Triumphgeschrei! + +Kür uns zu Helden, gekrönt mit leidlosem Kranz! +Daß über unsere schmerzentstellten Stirnen hinströme der Glanz +Endloser Güte unendlicher Macht! +Schimmernder Frieden du! Segen du unserer Nacht! + +Daß wir an deinem Herzen ausruhn! +Daß unseren Schmerzen sich Himmel auftun! + + + + +Krankenhaus + + + + +I + + +Gott brauset mächtig in den Werken, +Die rings umwandeln sich, vergehend und geschehend. +Im donnernden Flug der weißen Wolkensärge, +In Wetterzorn und klirrendem Geträn. + +Da wir des Abends wurden eingeliefert, +An hoher Decke klebte Perlenlicht. +Wir wollen uns behalten, nie verlassen, +Uns wenden zu das schreckliche Gesicht. + +Es steigen kühl zu uns herein +Wälder, Wiesen und der Berge Flor, +Auch die Stadt will gegenwärtig sein +Mit Brutplätzen und der Menschen Chor. + +Die sich zwängten durch die Gitterstangen, +Streuend Träume durchs Gezell --: +Klagemeer und Schrei hat sie empfangen, +Flackern böser Augen, fieberhell . . . + +Ja, Bitternis ward in die Brunnen eingelassen. +Nicht herzet Goldluft mehr uns innig-lieb. +Gott, den wir in uns faulen lassen, +Verfärbt die Ströme unseres Blutes trüb. + +Mit Mondes Sichel, jäh gekrümmt, +Pflügt auf er den verpönten Leib. +Wir haben Gott in Jammer eingenommen, +Berauschet uns an seinem giftigen Leib. + +Gott schreit in uns nach blauer Heimat Frieden. +Gott gräbt empor sich in Erschütterungsstößen. +Der Schlafe Ruh sei ihm wie uns beschieden! +Daß wir in ihm, daß er in uns sich löse! + + + +II + + +Erwachend aus dem Taumel der Narkosen +Wir fanden uns zerrissen und geschnürt. +Die Mauern stieben auf wie Blätter lose, +Doch lindert Spritze Schnitte und Geschwür. + +Wir blicken traurig auf den runden Hof, +Wo kreisen mummelnd blaue Kittelrupfen. +Wir schlagen jauchzend Purzelbäume oft. +Die Wärter uns mit eisernen Pinseln tupfen. + +O flögen immer wir durchs Luftgeglänze, +Wo Strahlentürme aus den Wolken blitzen! +O segelten wir mit den ewigen Lenzen! +Ein Heiland war bereit, uns zu beschützen! . . . + +So sind wir jung durch jede Nacht gewallt, +Das Dunkel aber fraß sich in die Hirne. +Es schuppet sich das fleckige Antlitz alt. +Empor wir schwanken zwischen den Gestirnen. + +Oft, wenn wir drehn uns nach den Brüdern hin, +Dünkt endlos uns gestreckt der Betten Reihe. +Im Flammenhorizont der Priester kniet, +Der Sonne bricht als Todesarzeneie. + +In Wartezimmern hocken wir gebückt. +In Magenhöhlen rinselt Eiter frisch. +Im Mutterleibe wird ein Mensch zerstückt. +Wir liegen lang auf weißem Marmortisch. + +_Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal_ +_Einander zu_, erlebend süße Nähe, +Wenn man uns reicht das letzte Abendmahl, +Uns salbet ein mit Öles weichem Schnee. + + + +III + + +Der Marter Gott hat liebend uns umarmet, +Als Sehnsucht Not uns in die Fieber warf. +Auf Dächergletscher wandelten wir Arme, +Gepeitschet von den freien Winden scharf. + +Erhebet euch, ihr teuflischen Matratzen! +Euch Siechetücher Hauch der Himmel schwelle! +Der heiße Kopf wie eine Bombe platze! +Der Leiber Grab bestürz der Hitze Welle! + +Wir Elenden zergehn, in Krämpfen weinend, +Gestäubet aus. Uns packen an Visionen. +Das heilige Tier im Dämmertraum erscheinet. +Wir schlürfen ein karbolische Ozone. + +Nicht Frieden mehr die düstere Stirn umheitert. +Es raschelt schnell der Schläfer Atemtakt. +Wir Wachenden noch Bittgebete leiern. +Wir kuschen uns in grauer Kissen Sack. + +O Qualen letzte Schlacht im Lazarette, +Trostloser rot umzirkter Höllenstadt! +Mit argem Fleische fahren fort die Betten. +Schon brennen Kerzen in den Gängen matt. + +Ihr Mädchen mit den weißen Spitzenhauben! +Du Arzt im Mantel, der wie Frühjahr weht! +Wir liegen in Verbänden naß umlaubet. +Ein Licht beträuft kühl unserer Wunden Beet. + +Tag! Endetest mit Tobsucht und Gebrülle +Uns Irrer aus den Dauerbädern bang! +O Trauer deck uns zu mit Tränenhülle, +Aus der Station mit Schwesternachtgesang! + +Im Garten aber hinter schwarzem Gitter +Der Engel steht bei alten Bäumen schwank. +Er schüttelt sein Gefieder voll Geflitter. +Ein Stern zersprüht in seines Haars Gerank. + +Er flieget auf zu Mondes grüner Klippe, +Die bald das Meer des Morgens übergraut. +Es fährt sein Schwert uns zwischendurch die Rippen. +Wir sterben, rufend seinen Namen laut. + + + + +Toten-Messe + + + Dem Gedächtnis der Fanny Fuß + + + +I + + +Die schwarze Flur, sie gleicht des Meeres Fläche, +Wo rote Flecken irren tief am Grund. +Es brechen durch Korallen grüne Bäche. + +Wo Züge rollen schwimmen Lichter bunt +Und braune Wälder in den Lüften bangen, +Die wälzen Schatten über Aug und Mund . . . + +Und warest du nicht schon von mir gegangen, +Da wölbte sich ein ungewisser Mond? +Und habest jenen Fremden nicht empfangen + +Und habest nie zur Nacht mit ihm gewohnt? +Und jenes Leib im Traum voraus genossen, +Der dich mit Lilienküssen süß belohnt? + +Schau ich bin arm und oftmals ausgegossen +In viele Näpfe, ein Gefäß bald leer. +Auch jener Rest ist nun zerflossen. + +Es füllet nichts die hohen Krüge mehr. + + + +II + + +Bald sprenget Tag die grauen Läden auf, +Der mich umbraust mit Lärm und Stimmen Schall, +Die Straße blitzet und der Schienen Lauf. + +_Ich bin Triumphzug, blühend aus Verfall._ +Du Bitternis zerrinnst in diesen Stunden, +Da Häuser wanken bei der Pauken Schwall. + +Schon tropfet Purpur aus des Himmels Wunde. +Das ward mir längst zu fröhlicher Gewähr: +Gefesselt wohl, doch so dem Blut verbunden. + +Es jaget Morgen mildere Lüfte her, +Ein Bad auf heiteren Mittag mir bereitend, +Da purzelt Clown und knallet Schießgewehr + +Und ich spaziere friedlich, neugekleidet, +Auch tönt ein Horn, wo man die Fahne hißt, +Auf dem Kamel ein roter Affe reitet. + +Doch jenen Tag, fast wunschlos, ihn vergißt +Nicht weicher Schlaf, der weißen Dämmer lischet. +Ich darf wohl sagen, daß getröstet ist, + +Wer sich mit solcher Dunkelheit vermischet. + + + +III + + +Es schwingen Sternenvölker ihre Arme, +Die Hacken, wirbelnd an den Sonnemond +Und Lavastrom sich wälzet, der mit warmem + +Strahl bohret durch papierenen Horizont +Und schartige Flut die blonden Felder mähet, +Der flammenden Straßenbäume starre Front . . . + +Du wieder leuchtend in den Abend spähest, +Du über allen Räumen weit und groß, +Ersehnter Hauch, der letzte Segel blähet. + +Du bist das Lächeln spitz wie Schwerter Stoß +Und, Sonnenlanzen, wehen deine Haare. +Du brichst als Sturm in finsteren Städten los. + +Ein Vogelheer, das sich zusammenscharet +Und kommet plötzlich überm Berg in Sicht, +Ein Wolkenschiff, das durch die Lüfte fahret . . . + +Dich überglänzet grün Laternenlicht, +Dich überstimmen Ruf und Orgelpfeifen . . . +Doch weiß ich, daß du schlafest nicht. + +Du steigst empor in langen Achterschleifen, +Du tropfest nieder als der Kerzen Flaum, +Du fließest hin am Weg als heller Streifen, + +Dich hängend an der schönen Kleider Saum . . . +Palast mit Tanzmusik in Wüstenei -- +Und stellst dich ein in böser Fratzen Traum. + +Wir fahren auf, ganz Schweiß, mit Schlafgeschrei. + + + +IV + + +Die Katzen schreien aus der Höfe Fluchten, +Naß unterm Tore glotzt des Heiligen Bild. +Wir atmen heiß nach ewiger Liebe Frucht . . . + +Du nahest wieder als die Mutter mild, +Mit Hängebrust und gelbem Suppennapf. +Gekreisch der ausgedörrten Kehlen quillt. + +Die Windeln steigen aus dem Wasserschaff. +Du legst den Bruder noch im Bett zurecht. -- +Nun bist du Mensch, das Puppe herzt im Schlaf. + +Zum Ausgehn ist das Wetter dir zu schlecht, +Auch hast du frei heut, brauchst nicht aufzutreten. +Bös irrt ein Glanz durch schwarzen Baums Geflecht. + +Es schwirren Pfeile wild verzweigter Reden +Und einer nimmt dich, kaum mehr auszudenken, +So fern schon: Tränengüsse der Erflehten . . . + +Wir aber schliefen oft auf diesen Bänken. + + + +V + + +Nun niemand mehr in dem Bezirke hungert, +Der, seidener Teppich, zwischen Monden hängt +Und niemand hutlos an den Ecken lungert + +Und keiner bös sich in die Züge mengt -- +Da flüchtet Priester mit der Klingel leis, +Die Dome blühen, Jahre arg beengt, + +Und schlagen auf die Dächeraugen weiß, +Die Glocken dröhnend, bunte Blasen, schweben +Und singen im Verein des Höchsten Preis, + +Derweil die Flüsse Silberarme heben +Und wirre Landschaft jubelt und zerrinnt, +Doch wir, erwacht von seligen Räuschen, beben + +Und bleiben Tastende, verwahrlost, blind +Und suchen dich, die gleichet ewigem Wald, +Da wechseln Höhlen feucht mit Höhen lind. + +Wir finden uns heraus als Wanderer alt. + + + + +Kleist + + +Schakale winseln Dächer in den Öden. +Der Abend dünn in aschene Nacht zerrinnselt. +Aus blindem Hafen die Sirene flötet. +Leuchtfeuer matt wie grüne Sterne blinzeln. + +Er stehet auf und schlägt den Mantel um, +Der sich im finsteren Regen klatschend ballet. +Durch öliges Tor er schiebt den Buckel krumm, +Die Fingernägel er im Sturm verkrallet. + +Um seine Paukenfüße wirbeln Lehme. +Petroleum schillernd um das Haupt ihm spritzet, +Aus dem, scharlachenes Rund, das Auge blitzet. + +Verdüstert von der Schattenhäuser Fehme . . . +Es platschen Gäule durch des Mondes Pfütze . . . +Er auf dem Bock der Kohlenfuhre sitzet. + + + + +Die Stadt der Qual + + + + + +Erscheinen des Engels + + + Dem Doktor Otto Groß gewidmet + + + +I + + +Schon färbet Nacht uns. -- Sieh, als heiliger Würger +Stolziert er durch die Nacht mit Wohlbehagen. +Er spucket Kugelköpfe, rote Bürger +Und Gäule stürzt er, sanfte Trambahn-Wagen. + +Er schmettert seine rauschenden Fanfaren, +Er rufet Pest und Fieber, die Dämonen. +Er zerret Weiber in den Fluß an Strickehaaren. +Er balancieret auf bedenklichen Balkonen. + +Sein Mantel hänget Haut herab in Fetzen. +Die dunkle Luft ist irgendwie erschüttert. +Schon dünne Nonnen durch die Straßen hetzen. + +Im Arsenal die Bogenlampe zittert. +Das Flammenschwert er schwinget, sich ergötzend. +Es dröhnet Orgel weit das himmlische Gewitter. + + + +II + + +Nun ruhend über, ach, gefallenen Säulen, +Zerborstenen Theatern und Konzerten . . . +Er füget Glieder an zerbrochene Leiber +Und streicht mit Erde Wunden aus. + +Wo Dunst aufbricht verwelkter Seuchen +Und Flüsse spülen endlos blaue Leichen . . . +Und jammernd kindlich über offenen Gräbern +Und stößet Seufzer hell durch Blätterruß. + +Sich streckend, daß dies Leid er fasse, +Bis jene Ewigkeit ins Aug ihm wächst. + + + + +Abend + + +Verschüttet unterm Strahle des Planeten +Lag ich, war Ort, Vergangenheit und manch Gesicht, +Ich stöhnte in der Klage des Propheten, +War Hundelaut und Stimme im Gericht. + +Der Tag vergehet wieder und schon ankert +Im Hohen fern des weißen Mondes Boot, +Bald sich ein Schein um meine Stirne ranket +Und großer Zukunft Ruhm mich heiß umdroht. + +Ich hab genug dich harte Zeit erlitten, +Da ich Empfängnis war, feig und befleckt, +Wir über Land auf hellen Schienen glitten. +Wir Ziele euch. Wie Scheiben aufgesteckt. + +Da nun aus schwacher Brust, durchwühlt von Toben, +Schon warmer Hauch in kühles Dämmer schied, +So will ich gern den mächtigen Herren loben, +Der mit der Sonne rot im Westen zieht. + +Er treibet heim das blutgeschwollene Tier, +Das schlang die Städte über Tag und fraß +Sich satt an Hirnen und mit böser Gier +Riß es den Boden auf, bis Büschelgras, + +Bis Wiesen flammten, spitz die Wälder schrieen, +Die Dächer barsten und der Flüsse Schaum +Aufkochte, an verträumter Hügel Kniee +Hinquoll, die konnten atmen kaum. + +Nun kriecht es zwinkernd und voll wahrer Reue, +Nicht murrend in der grauen Berge Stall. +Schon glänzet auf der Stern in heiliger Bläue +Als jenes Stabes Spitze und der Wall + +Von Wolken, jenes Kleides Falten, +Er schimmert und zerfließet, wird verweht. +Noch zuckt ein Streif aus rauher Türe Spalte. +Es grollet dumpf er, der auf Wache steht. + + + + +Gesang zur Nacht + + +Auf hellen Wagenstraßen Päderasten stelzen. +Verblaßte Mädchen streifen an mit buntem Kleid. +Der Lichtreklame Teufel farbenes Feuer speit. +Ein trüber Kehrichtstrom im breiten Mond sich wälzet. + +Verzweifelt werden wir noch diesen Leib umfassen, +Darein Laternen kollern wie in finstere Kluft. +Mit knöchernen Händen wollen wir ein Weib zerfasern, +Derweil das kichernd unseren schwarzen Bart zerzupft. + +Es müssen Messer schreiend aus den Taschen springen! +Zerstochene und Säufer poltern im Lokal! +Bordelle sollen bluten und Klaviere klingen! +Exzesse rasen furchtbar bei der Reichstagswahl! + +Vom roten Forum aber tackt ein Trauermarsch. +Ein König wird in die Familiengruft getragen. +Ein feiner Graf besieht sich einen vollen Arsch. +Es liegen Puppenjungen rund bei Lustgelagen. + +Ein kleines Leben däucht jetzt bleichem Fant beschissen +Und möcht den neuen Browning an die Schläfe setzen. +Sich Meuchelmörder schminken. Diebe Feilen wetzen. +Zuhälter strolchen auf dem Boulevard jagdbeflissen. + +Mit Schlafes giftigem Strauße in der narbigen Hand +Des Todes Engel hocket bei des Marktes Halle. +Wir Armen werden müde am verlassenen Strand +Vor Morgens blauem Meere auf die Knie fallen. + + + + +Die Stadt der Qual + + + + +I + + +Stadt du der Qual: -- in Höllenschlunde eingeschlossen +Von eherner Gebirge Ring und Festungswalle . . . +Dein Dulder-Körper blüht, rinnenden Lichts begossen, +Azurene Meere sprengen deiner Grüfte Halle! + +Stadt der Qual: -- die Toten atmen in den Gängen, +Ein Marsch beginnt mit Trommelkrach und buntem Spiel. +An schmalen Schultern lehnen Hyazinthenstengel. +Aus silbernen Kesseln wirbeln Düfte Weihrauch schwül. + +Stadt du der Qual: -- erbaut an des Verfalles Ende +Raget dein Dom, die dürre Knospe des Jahrhunderts. +Wir mit den Tüchern schwenkend uns zum Morgen wenden. +Wir gehn, verfaulte Wracks, in Abends Schatten unter. -- + +Sie speiet aus ihr schwarzes Blut und im Geschirre +Der hageren Flüsse brüllet auf sie wie ein Stier. +Die Sonnenheilige durch Dächerwildnis irret +Und hauchet aus in Todes rosigem Geschwür. + +Sie winket mit den Türmen nach der goldenen Schwester, +Die sterbend träufelt Öl auf ihre eisernen Locken. +Ein zorniger Sturm beruft das himmlische Orchester, +Das stöhnet auf mit Flammenschrei und Donners Glocken. + +Ein Kind zuckt knallend hin, das spielet Ball im Hofe. +Des Dämmers Schwall würgt keuchend Giebel und Balkone. +Es prasseln Scheiter aus der Stube kleinem Ofen. +Der nackte König wandelt mit der Dornenkrone. + +Es prallen Salven ihm vom Marktplatz gell entgegen. +Kasernen, die in Reihenmassen aufgebrochen, +Sie überkreuzen ihn mit wirren Säbelschlägen. +Geschütze heiser von dem Stachelhügel pochen. + +Es flammen weit im Rund der Räume Baldachine. +Man hetzet Minen auf die Blöden, die wie Hasen +Aufflüchten, stürzend in die dampfenden Latrinen, +In Grubenteich, wo träge Schlangenkröten grasen. + +Die Schimmelwände der Gefängnisse zerbröckeln. +Als Seliger Brücke glänzt der Purpurwunde Streifen. +Wie Fackeln starren hoch der Lanzen rostige Nägel. +Zertrümmerte Gerüste schleiert Winters Reife. + +Der König ward als Fraß den Hunden vorgeworfen, +Die kotzten ihn verreckend an den Ecken wieder. +Des Königs welker Leib stinkt wie von Pest verdorben, +Doch gelber Strahlen Bündel sprüht sein Haargefieder. + +Der König ist versoffen in der Huren Gosse. +Der König schwemmet langsam durch die Kotkanäle. +Sein Bauch erdröhnt im Tunnel. In der Hände Flossen +Hält er das Schilfrohr-Zepter, ewiger Nacht vermählet. + +Der König sickerte in gieriger Poren Schächte, +Die stoßen dumpfen Dunst, der Marterängste Schweiß. +Der Mond blitzt krumm. Ihn schwingt als Beil der Schlächter, +Ein Engel schwarz in blendender Orifeuer Kreis. + +Die weißen Betten schweben durch der Zimmer Decken +Und gondeln, Schiffe, durch die Lüfte mit Gebraus. +Zementene Uferdämme Wogenstrom belecket +Und Straßen steigen finster in die Welt hinaus. + +Wie Ziegen meckernd hopsern schief die Invaliden. +Die braunen Kuttenmönche schwirren mit Geflüster, +Es wallen aus den Toren Fahnenzüge düster. +Es stehen Sieche auf. Es kommen Jungfraun nieder. + +Die Nonnen winzelnd an den Kreuzaltären bangen +Mit Lila-Augen brennend unter Spitzenhauben. +Kalk spritzet über die verrannzten Butterwangen. +Wild scheuchen Fledermäuse auf, die Schar belaubend. + +Der süße Wein, der in der Priester Kelche quoll, +Zerschliß die Magendärme ruckweis an den Hüften. +Geheul Vergifteter an Wasserbrunnen scholl. +Signale trillern auf. Ein Brand ward angestiftet. + +Sprungkünstler hüpfen über Dach der Irren Horten. +Mit Peitschen produzieren sich die Flagellanten. +Es züngeln grüne Gase pfauchend aus Aborten. +Es platzen rauschend vor den Häusern die Hydranten. + +Da reißet auf des Wolkenschlammes zähes Siegel. +Es fahren Schwäne auf dem Seee ruhig-glatt. +Hoch wölbet sich der zarten Bläue flacher Spiegel, +Der Armen Klagetöne klopfen traurig-matt. + +». . . Ich bin die Stadt der Qual . . . Die Schmerzen anderer Städte +Sind in den Zellen meines Kerkers eingezogen. +In meinem tiefsten Bau ringt alles Leid verkettet. +Aus meinen Kuppeln widerstrahlt der Gnade Bogen. + +Ich bin die Stadt der Qual . . . Die irdische Kreatur +Zerstäubt in mir, wie Fliegenschwarm in Schwefel. +Ich bin zerfetzet ganz von der Verdammung Schwur. +Ohnmachten mich in kurzer Lieder Träume schläfern. + +Ich bin die Stadt der Qual . . . Fluch klebt an meiner Stirne, +_Doch werd ich einst auf Flammenteller hochgereichet_ +_Zu Gottes Speise_ . . . der gefallenem Gestirne +Mit Lilienhand die Furche aus dem Antlitz streichet.« + + + +II + + +Weh euch! Weh euch! Die ihr den König ausgespeiet, +Besudelt mit der Finger Dreck den Hermelin. +Er tummelt sich im trüben Teich mit Wimmelschleien +Und Molchenbrut in fleckigen Schwerterschilfen dünn. + +Weh euch! Denn er erwacht mit silberner Zymbel Schellen +Und schroffem Blitz, der eueren morschen Fels zerhaut, +Er wird sich nackt im Traum vor euere Weiber stellen, +Ein Adler, rasselnd mit den ehernen Flügeln laut. + +Weh euch! So tragt wie Büßer euer Haupt gesenkt +Und schleicht die Mauern lang, die wie ein Alb euch drücken, +Der Rosenkränze Stricke um das Handgelenk, +Erfrorener Sterne Haufen in den Augenlücken. + +. . . Da Bettelweiber auf der Kirchen Stufen hocken +Und ums Portal, das klafft, sich kreischend raufen. +Ein härener Sack hängt das Gestirn in Wolkenflocken, +Durch die der Abendengel düstere Schatten laufen. + +Laternen schlingen gierig auf der Nebel Grunde, +Aus denen fahler Pferde Vier, sich bäumend, steigen. +Raketen sprühen aus der Reiter heulendem Munde. +Verbrannte Blätter sich die Horizonte neigen. + +. . . Wir warten, während rings die Autobusse sausen, +Geduldig. Hupen bohren durch uns scharlach-schrill. +Wo sich die Wunden kratzen, sich die Armen lausen +Und Buden jammern unter herbstlichem Geknüll. + +Kommt eine schwarze Fahne nicht herabgewehet? +Bedecket uns mit schleimiger Blässe finsterem Grind? +Nah hinter uns der Morde böse Schatten stehen. +Wer bricht ins Knie? Ein heißer Blutquell rinnt. + +O Regen! Deiner grünen Wassermassen Stürze +Verwaschen Haus und Wald. Es bröckelt mein Gesicht. +. . . Und stampfen platschend durch der Straßen gelbe Pfützen. +Uns schützt kein sicherer Unterstand. Uns hellt kein Licht . . . + +O Regen! Färbest Wände aschenfahl uns: Tinte +Und grauer Trauer Schleier über uns gezogen, +Bewegt leicht von unerforschter Pohle Winde. +Ein blonder Star hat uns zu irrer Fahrt bewogen . . . + +O Regen! Leise schluchzend schied der Tag verweinet, +Da webet bleiche Laken dichtes Schneegefäll. +In Kneipenlöchern dumpf der Hunde Völker greinen, +Und Clowne kreiseln winzelnd um ein Zirkuszelt. + +Die Vorstellungen werden jählings abgebrochen. +Der Primadonnen Phantasiekostüme -- Feuer! +Wirr krümmen sich der Rennmotore Eisenknochen. +Tragflächen reißen mittendurch und Höhensteuer. + +Wo sind wir hin auf brüchiger Gassen Pfad gelanget? +Und der es ruft, versinkt wie Stein in gröhlendem Sumpf. +Auf öden Ackerfeldern wachsen Lanzenstangen, +Durchschossene Tornister und Gamaschenstrumpf. -- + +»Wir sind die Untergänge vor ersehntem Ziele. +Wir sind die Trauernden beim Tangorausch der Zeit. +Wir sind die Fallenden in der Erfüllung Streit. +Wir sind die Untersten im knäulichten Gewühle. + +Wir brannten kreischend ab mit Sardes Königsfeste. +Wir ließen murrend uns ins Land Ägypten schleppen. +Wir litten den Erstickungstod im Burgenneste +Und waren Flucht Napoleons aus Rußlands Steppe. + +Wir schlangen innig-heiß den Todesblock der Guillotine +Und taten gerne mit bei Metzel und Gegräuel. +Wir wühlen uns durch Fleisches Gänge als Trichine. +Wir offenbaren uns am Kopf als Eiterbeule . . .« + +. . . Schon wirbeln Fackeln durch die kubischen Räume leer. +Aus rissigen Spalten prasseln flammende Geschwader. +Mit weißem Krach zerbirst der Finsternisse Krater. +Aus rußigen Stollen stößt ein roter Höllenspeer. + +In andern Welten wird die Erde fortgeboren, +Geschleudert durch vergilbten Äther, glühender Samen. +Sie spiegelt sich entflüchtend in der Meere Rahmen +Und in der blendenden Gletscher Ebene, kahlgeschoren. + +Es plaudern Stürme über dem entrückten Werk +Mit nackten Einsamkeiten, die sich zitternd scharen. +Aus blauen Schalen träufeln flimmernd Sonnenhaare, +Die ballen drehend sich zu goldenem Klumpenberg. + +Da jeder Name sank, in Dunkelheit vergessen, +Da jeder Schall erstarb, in Dunkelheit getauchet. +Ihr mögt der Dunkelheiten Reiche kaum ermessen, +Die blähen, Moore, endlos sich mit schwangerem Bauche. + +Die Dunkelheiten haben unseren Sinn verstöret. +Die Dunkelheiten halten Weg und Platz verborgen. +Die Dunkelheiten haben Raum und Ort verzehret. +Die Dunkelheiten rückten donnernd vor den Morgen. + +Wir werden eingelullet sein . . . In nassen Gräbern +Der Nächte wie in Bettlersärge eingezwängt. +In Marmorplatten sich die blasse Wölbung fängt. +Des Winds Hyänen schnuppernd durch die Grüfte stöbern. + + + +III + + +Es klingeln alle Türme. Lautlos auf Kanälen, +Schwarzsilbergründig der Paläste Reih durchschneidend, +Erdolchen Gondeln sich. Aus branddurchrasten Sälen +Sich Lichtteppiche grell wie Treppen aufwärtsbreiten. + +Da wiegen Stürme sich, im Meer zur Ruh gelegt, +Und schreiten Regen, Tröster über trockener Flur. +Des Mondes Sichel blitzet groß im Nachtgeheg +Und ein Komet schleppt zischend seine Feuerschnur. + +Melodisch atmen Bäume, Teiche und Gesträucher +In Parkanlagen. Manchmal seufzet eine Bank. +Das Tulpenbeet entbrennt, ein weitverzweigter Leuchter +Und goldene Ströme poltern in der Klüfte Schrank. -- + +O Schlaf! Durchwalle zymbelnd unsere Gemächer +Und wen du antriffst schmerzzerrückt, den lulle ein! +Umzirke ihn! Traum, laß ihn weinend schwächer! +Gestrengen Engel rühr zu Wehmut auf dies Leiblichsein! + +O Stadt der Qual! Zu Marter Zwang erkoren! +Da wanken wir an Humpelkrücken, welk-zerbrochen. +Wir haben Halt und Spur im Labyrinth verloren. +In Einsamkeit vereist, zerbarsten unsere Knochen. + +Zertrümmert seufzt des Kirchendomes Pyramide. +Der Himmel greint, verschlissen-grau, ein Aufwaschtuch. +Auf offene Gräber träuft der Schneee bleicher Flieder. +Verweilet nicht im Zug betäubenden Geruchs! + +Steigt weiter, wo euch nicht zerwirkte Gassen hindern, +Wo dichter Ölwald rauschend sich herniederneigt! +In warmer Bucht die Schwanenschiffe überwintern, +Bis einst ein Frühjahr guten Wind und Sonne zeugt. + +. . . Es zuckte manchen diese Hoffnung um die Lippen +Und hatten sterbend wohl dies Wort geformet, daß +Wie Säulen gold aufleuchteten der Tode Klippen +Und Marmorprunk . . . Da aus der flammenden Steppen Gras + +Nahte im Schwarm von Vögeln geisterhaft der Hauch. +Von Paradiesen, ob von Höllen er Bescheid uns brächte, +Wir wußtens nicht. Vertrauten gläubig nur, daß auch, +Wenns schlimm wär, wir uns wehrten nicht, nur dulden möchten. + +Und wurden eingesargt in zorniger Mächte Kampf. +Der Rache Gott war furchtbar vor uns hingetreten. +Mit gelber Flüsse Schwert. Mit Augen, Feuerdampf. +Mit Schultern bergebreit, von Brand und Blitz umwehten. + +Die Brücken krachten, vor ihm auf die Kniee fallend. +Die Häuser sich wie Hände ineinanderschoben. +Die Eisenbahnen gröhlend durch die Straßen wallten, +Die haben Schlangen züngelnd sich emporgehoben + +Und sausten Geißeln durch die Lüfte mit Gesirre +Und krümmten pfeifend sich wie Hydren in der Faust +Des Ewigen. Wie Riesenbienen Plätze schwirrten. +Es schnellten Geysirstrudel aus der Klüfte Bau. + +So daß wir dumpf verwandt uns fühlten blutiger Gosse. +Ach Brüder ihr, im Morgen Kreide und kaput! +Ihr Schwestern hingeklatscht, mit breitem Mund verschlossen, +Grau übertüncht von Puders Moderstaub und Schutt. + +Vergeßt die Körper, quer zerhackt und aufgetrennt! +Zerfetzte Därme, die wie Bündel Würmer schleifen. +Der Leichen violetten Dunst! Das Instrument! +Der Watten Flockenbausch! Der Klebepflaster Streifen! + +Sie heulen schallend, grindig-blind ans Licht geworfen. +Es grinsen Totgeburten. Wüst stinkt Fleisch an Fleisch. +Die süße Milch gerinnt in Mütter Brust verdorben +Und Lungen bröckeln unter ratterndem Geräusch. + +Wir aber hören schon zerstampfte Länder schreiten +Und Tiere kreischen aus der Meere schwarzem Sumpf. +Die Sonne löst sich donnernd in Azurgebreiten +Und viele blonde Engel kichern im Triumph. + +Wir sind zerfasert mürber Seele und verhuret, +Voll Flecken und zerschlissen wehet unser Kleid. +Auf unser Antlitz ätzen Laster krumme Spuren +Und Narben zucken im geschwollenen Schoße weit. + +In den versunkenen Gewölben klappern wir Gerippe +Und winden uns und flattern auf im herrlichen Zug. +Verschnürte Häuteklumpen wir aus Särgen kippen. +Schon heilige Jungfraun geußen Öl in ihren Krug. + +So haben wir den Schmerz zu unserer Braut erwählet. +Das Muskelfleisch aufscheuern die Gewänder hären. +_Der Schmerz ist heilig._ Er wird Tat und Werk gebären. +Verhaltene Kräfte zünden. Uns dem Tod vermählen. + +Der Schmerz wird das Gehirn in harte Folter spannen, +Daß kalte Feuer sprühend diesen Raum entfachen. +Der Schmerz wird unsere armen Stunden streng bewachen +Und rinnen tönend-silbern aus den Opferkannen. + +Der Schmerz wird Ewigkeit bestürmen und ergründen +Und Babel selig preisen und den Himmel spalten, +Daß unsere Augen wohl in große Sterne münden, +Daß unser armer Leib nicht spät zur Nacht erkalte . . . + + + + +Bordell + + + + +I + + +Wenn wir uns verlassen fühlen ganz und fremd +In den Automaten und bei Anverwandten, +Müssen wir berauscht, in argen Frack geklemmt, +Zylinderschiffe an den kleinen Huren stranden. + +An den kleinen Huren in der niederen Halle matt, +Schläfrig hingesetzt auf jeden Stuhl ein Blatt, +Und wir folgen ihnen in die oberen Räume. +Abendrot dünkt uns der kurzen Röcke Säume. + +Nein, wir legen nicht die nächtige Maske ab. +Treppen steigen wir hernieder, mies und schlapp. +Eine neue Nacht umstreicht uns mit Getön. +Hoch in Lüften regt sich Heimat, klar und schön. + + + +II + + +Meiner Jugend Nächte sind in euch verbrandet. +Hingegeben ward ich langer Messer Stahl. +Euerer trüben Augen Lid fleht rotumrandet, +Euer Antlitz wild zerpflügt und aschenfahl. + +Eine schleichet immer um, ein böses Tier, +Stampfend auf und grinsend, würgend Fluch um Fluch. +Zwischen umgeworfenen Stühlen tanzen wir. +Lysoform ist da, und immer sauberes Tuch. + +Leicht gedämpft erklingen unten Geigen. +Drehen nicht die Wände mit im trunkenen Reigen. +Da -- ein starres Auge schreckhaft uns zerreißt. +Mond hängt schief, in hohem Meere grün vereist. + + + +III + + +Jetzt zu großer Stadt seid furchtbar ihr vereint, +Die erhebt ihr Marterangesicht versteint. +Kreuz und quer zerhackt von schlimmer Krankheit Biß, +Schräg zerfetzt von wüster Morde blutigem Riß. + +Gott wird betteln demütig um euere Gnade, +Doch ihr bleibet unerbittlich, grausam-stumm, +Löset auf euch nicht in heißer Tränen Bade, +Wendet euch nicht Lächeln schöner Engel um. + +Herrisch steiget auf ihr, grauer Säulen Quader, +Bohrt euch, starre Dolche, in des Ewigen Brust, +Daß zerplatzet seines Herzens blaue Ader. +Niederklatschet steil ein Purpur-Regenguß. + + + + +Begräbnis + + +Den Bleichgesichtern schlagen Fackeln Narben. +Die Trommel in die weite Runde bellt. +Ein Zuckerhut der Pyramide Zelt . . . +Fern nur geahnte Ufer hellen Lampenfarben. + +Ein Fremder bricht sich schreiend das Genick. +Schief neigen schon der Segel weiße Bogen. +Ein seltener Hauch kommt übers Land gezogen . . . +Wir aber harren auf den Plätzen düsteren Geschicks! + +Landschaften in den höheren Lüften wandeln +Und Sterne baumeln zwischendurch an Fäden. +Die Toten glotzen aus den Fensterläden. +Glutwogen überspülen Heimatstrande. + +Da hebt sich auf des Niles Silberband +Und bäumt sich, fette Schlange, bös empor. +Kamele bluten um der Brunnen Rand. +Bei der Oase brüllt ein Löwenchor. + +Die Mumien rütteln sich aus den Verbänden, +Sie tasten sich hinaus zum Labyrinth +Und graben Namen mit den Griffelhänden +In Wüstensand, der heiß vom Himmel rinnt. + + + + +Stunde des Todes + + +Stunde des Todes, da Tag sich sein Kleid +Borgte von Abends entlüfteter Weite. +Stunde des Todes im Rosengeschmeide +Und mit Kränzen zur Heimkehr bereit. + +Stunde des Todes. Mit Liebe Gewalt +Überflüsterst du uns, den bittern +Kelch füllend mit Honig. Die Beine zittern. +Ach, wir sind ja so gar nicht alt! + +Stunde des Todes. In schweflichtem Schein +Brennender Städte entmündend nach oben. +Schweben, sorgfältigst aufgehoben, +Wie Juwele aus finsterem Schrein. + +Stunde des Todes. Die Bataillone +Himmlischer Geister harren in Front. +Graue Gesichter golden versonnt, +Aber die Helmspitzen sprühen im Monde + +Und die Panzer, Kürasse und Fahnen. +Und die Armen stehn jubelnd im Tor, +Strecken Lilienhände vor, +Tiere mit Augen, die Frieden ahnen. + +Stunde des Todes. Da geifert und keucht +Schleimiger Schlund, nach Atem schnappend. +Kinnbacken schauernd vor Kälte klappern. +Wälzen sich Klumpen in Betten feucht + +Und mit Lüften Weihrauch vermengt +Und mit der Priester schalen Gebeten +Muffige Stuben Schatten betreten +Und die Fenster düster verhängt -- + +Stunde des Todes. Da hundsföttisch lacht +Der Laster Grimasse, am Bettende hockend. +Nebel, Züge, Glocken +Schleppen sich durch die verweste Nacht. + + + + +Der Mörder + + +Noch schreit ich durch die Stube grimmig-bang. +Jetzt wasch ich mich im neuen Wasserkrug. +Wie sie die Augen innig um mich schlang +Und schäumte stier, als ich sie niederschlug! + +Fahr Weibsbild hin und hur in Hölle Grab, +Mich laß, ein Vieh, in muffigem Stall verenden! +Wohl möcht ich, daß ein langer Rausch mich lab, +Doch kann ich nicht die Schritte abwärts wenden. + +Sie tanzte kurzen Rocks in heller Runde +Und Scheine Bluts benagten oft ihr Haar. +Ja, ihr Gesang in dieser nächtigen Stunde +Erschien mir immer fremd und wunderbar. + +Und führte ich sie Sonntags aus am Arm, +Wir eilten parkwärts mit der Straßenbahn. +Ich steuerte behutsam durch den Schwarm +Der Ausflügler zum Gartenrestaurant. + +Im Dunkel flammt ein schönes Feuerwerk. +Im Saal versammelt man sich froh zum Tanz. +Ach, und zuhaus erwuchs ein Blumenberg, +Postkarten flochten einen farbigen Kranz. + +Schon enget mich die feuchte Gitterzelle. +Was denk ich an das Hosenträgerseil? +Ich trete eisiger Frühe auf die Schwelle. +Der Block ist nicht zu fürchten, nicht das Beil! + +Ein Priester spricht im Winde leis die Messe +Und fleht, daß mir der Herr zur Seite bleib. +Ein schwarzes Tuch. Breit grinst der Toten Fresse +Und bietet sich voll Schwung der magere Leib. + + + + +Der irdische und der himmlische Gesang + + + _»Als aber das Zeichen des Kreuzes in den Wolken_ + _erschien, umgeben von Engeln, die einen himmlischen_ + _Päan anstimmten, fanden die Kämpfenden_ + _wieder neuen Mut.«_ + + + + +Berlin + + +Der Süden wird verbluten in der Sonne Stunden. +Der Taten Gott erzürnt aus Lavagrüften schlug. +Es kreiset um das Land der Berge Flammenrunde. +Da brachen auf wir schwarz, ein dünner Totenzug. + +Der Süden ist bestimmt zu ewiger Trauer Schlafe. +Wir haben unserer Träume Barken ausgebrannt. +Wir winken mit den Fackeln nach dem stillen Hafen, +Die streichet aus der Finsternisse Mutterhand. + +Des Südens Atem klebt an unseren krummen Rücken +Mit Winden lau und dumpfer Glocken Grabgedröhn. +Betrübet euch! Des Abends rote Nebelmücken +Bestürmen euch mit Sang. Laßt uns vorübergehn! + +Maultiere brechen hart von schartigem Messergrate. +Lawinen übertünchen uns mit Liebe weißem Fächer. +Wildbäche überblitzen hoch der Brücken Drahte. +Geysire platzen aus der brüchigen Felsen Köcher. + +Wir sanken morgens in der Spalten grüne Kammern. +Wir tauchten mittags ein in Gletschermühle Becken. +Es sauste nieder des Erdrutsches Keulenhammer. +Des Winters Sturm riß uns aus wohligem Verstecke. + +In Höhlenlöchern warteten die zarten Wunder. +Mit Gerten schlugen wir uns Labung aus dem Stein. +Wir stürzten ab mit nasser Büschel Fleckenschrunde. +Wir starben in den Kelchen der Enziane klein. + +Wir tauten auf beim Hirtengruß und dem Geblöke +Der Herden. Aus der Blumen Grunde warmem Lauch +Sog uns zu Funkengärten schräger Purpurkegel. +Es trug uns Raub der neuen Heimat Wirbelhauch. + +Aus Dächerfirnen strahlt der Meere Glanzgebreite, +Urwälder sind in Schlot und Balken hochgewachsen. +Der Rauche rußiger Hain beschattet die Gemäuer. +Der Krater Trichter schrumpften, schiefe Aschenzacken. + +Der Wiesen Fluren tanzen um als Wimmelplätze. +In langer Straßen Schluchten weinen Abendröten. +Ein Quellenstrudelschwarm zum Himmel hetzet +Bei Kellertunnel-Not und Krach der Speicherböden . . . + +Berlin! Du weißer Großstadt Spinnenungeheuer! +Orchester der Äonen! Feld der eisernen Schlacht! +Dein schillernder Schlangenleib ward rasselnd aufgescheuert, +Von der Geschwüre Schutt und Moder überdacht! + +Berlin! Du bäumst empor dich mit der Kuppeln Faust, +Um die der Wetter Schwärme schmutzige Klumpen ballen! +Europas mattes Herze träuft in deinen Krallen! +Berlin! In dessen Brust die Brut der Fieber haust! + +Berlin! Wie Donner rattert furchtbar dein Geröchel! +Die heiße Luft sich auf die schlaffen Lungen drückt. +D er Menschen Schlamm umwoget deine wurmichten Knöchel. +Mit blauer Narben Kranze ist dein Haupt geschmückt! + +Wir wohnen mit dem Monde in verlassener Klause, +Der wandelt nieder auf der Firste schmalem Joche. +Der Tage graue Gischt zu sternernen Küsten brauset. +Auf Winkeltreppe ward ein Mädchen wüst zerstochen. + +Wir lungern um die Staatsgebäude voll Gepränge. +Wir halten Bomben für der Wagen Fahrt bereit. +Die blonde Muse längs sich dem Kanale schlängelt, +Quecksilberlicht aus Läden lila sie beschneit. + +Auf Pflaster Nebeldämpfe feuchte Wickel pressen. +Auf trägem Damme erste Stadtbahnzüge schnaufen. +Die alten Huren mit den ausgefranzten Fressen, +Sie schleichen in den bleichen Morgen, den zerrauften . . . + +O Stadt der Schmerzen in Verzweiflung düsterer Zeit! +Wann grünen auf die toten Bäume mit Geklinge? +Wann steigt ihr Hügel an in weißer Schleier Kleid? +Eisflächen, wann entfaltet ihr der Silber Schwinge? + +Auf prasselnder Scheiter Haufen brennet der Prophet. +Der Kirchen Türme ragen hager auf wie Galgen. +Die Haare Flachs. Sein Leib auf Messingfüßen steht, +Im Ofen heiß wie glühender Erzkoloß zerwalket. + +Und seine Stimme schwillt wie Wasserrauschen groß, +Da löschet aus des Brandes Qual auf heiliges Zeichen. +Ein fahles Schiff, das löset sich vom Ufer los, +Sich das Gerüste hebt und in die Nacht entweichet. -- + +Einst kommen wird der Tag! . . . Es rufet ihn der Dichter, +Daß er aus Ursprungs Schächten schneller her euch reise! +Des Feuers Geist ward der Geschlechter Totenrichter. +Es zerren ihn herauf der Bettler Orgeln heiser. + +Einst kommen wird der Tag! . . . Die himmlischen Legionen, +Sie wimmeln aus der Wolken Hitze mit Geschmetter. +Es schlagen zu mit Knall der Häuser Särgebretter. +Zerschmeißen euch. Es hallelujen Explosionen. + +Einst kommen wird der Tag! . . . Da mit des Zorns Geschrei +Der Gott wie einst empört die milbige Kruste sprenget. +Im Scherbenhorizonte treibt ein fetter Hai, +Dem blutiger Leichen Fraß aus zackichtem Maule hänget. + + + + +Mensch im Abend + + + Für Josef Amberger + +Er treibet durch die Straßen voller Ruh, +Indes des Himmels Gründe Purpurröte färbet, +Die Arme weit, die weißen Augen zu. +Da flacher Bläuen Strahl ihn nicht verderbet + +Und nicht zerreißt mehr, ihn erhabenen Sinn. -- +Wo wirst du landen, Streuner, diese Nacht? +An welche Ufer schlägst du müde hin? +Verweinet und zerstöret? Ob du lachst? + +Ob du vielleicht dich in den schwarzen Träumen +So tief eingräbst, daß dich nicht Schrei aufschreckt? +Ruhend, da Laub fällt von den Bäumen, +Auf weichem Boden gut, sanft zugedeckt? + +Ob du vom Hügel aus, der Nacht entrücket, +Ins Land ausschaust, das heller Zukunft brennt? +Ob du verweilest schwer, wo Ausschlag drücket +Man in die Hand sich, Strom im Dunklen flennt? + +Da Dottermond durch flatterndes Gerippe +Verbrannter Wolkenstädte rennet, +Teilst du verzweifelt Äste und Gestrüppe +Und flehest, daß dich Jener Stimme nenne? + +». . . Schon hebet sich mein Blick, an Lampenmonden +Entlang sich findend. Städteplatz schon brauset. +Ich schlage wieder diesen Weg ein, den gewohnten, +Doch mild, und Sterne nicht zerkrampfend in der Faust. + +Ein wenig aus dem Bleietag mich aufzuschwingen +Kam ich und daß zu dir empor ich eile, +Geneigte Trösterin, mit heller Flöten Singen +Den Bann entzaubernd die Gebresten heilend. + +Vor meinen Augen flimmern Leuchtemücken, +Erst Punkte schwarz, die tanzen Surrerunden. +Die Schatten schlagen schwarze Tücherbrücken. +Es steigen Leitern, gläsern mondumwunden.« + + + + +Rimbaud + + +Aus öligem Hafen schwenken jetzt die Schiffe. +Im Straßenschachte ein Betrunkener schlappt. +Im Schein des vollen Monds, des blankgeschliffenen, +Er strolcht durch seine große Stadt verkappt. + +Der Engel hütet Kranke. In den Stieren +Entschleudert er gewaltigen Aufruhrsang. +Die Berge schauernd graus in Nächten frieren, +Doch Wiesen psaltern lieblich bunt am Hang. + +Es werden Arm und Beine amputiert. +Im dunklen Bauch des Krebses Blüte schwiert. +Da wehet Lenzluft milde durch Spitäler. +Er hocket stumm im Flackerschein der Mähler. + +Ein finsteres Los ist allen uns gefallen. +Nichts ward uns ganz und ungetrübt zuteil. +Auf Dächergletschern wir verzweifelt wallen. +Du zerre uns empor am Führerseil! + + + + +Der irdische und der himmlische Gesang + + + + +Die Lebenden + + +Wie öffnet schauerig sich der Hölle Pforte! +Jäh aufgerissen starrt der Erde Scholle. +Geheul von einem Hund schwirrt in der Luft. +Es schütteln schwarze Engel ihr Gefieder, +Und durch die Nacht zuckt flammend Gottes Stoß. + + + +Eine Hure + + +Die Stiege, die ich nächtlich schwank, knarrt düster. +Wir krümmen uns im Schweiß der Kavaliere. +Der Sonne Tag blitzt falb, voll Blut und Gräuel. +Wer mag an einer rauhen Brust leis wimmern? +Ein Kleines rutscht in den Abort. Es platscht. + + + +Ein Mörder + + +Die Straße, die ich finster schreit, glotzt feindlich. +Bin ich der Feind? Das Dunkel schwillt zum Loch. +Die schlanke Brücke soll mich heute bergen. +Mein Kopf zerplatzt, der Klumpen Haut und Blut. +Die Straßenbahn stürzt die Allee herab. + + + +Chor der schwarzen Engel + + +Wir kauern an den Türen grau-versteckt. +Des Haares Strähne baumelt schwank als Strick. +Jetzt klatscht aus unseren Mänteln Wassersturz. +Wir schlagen auf die großen Nebelflügel. +Wir rinseln durch die Finsternis als Brand. + + + +Der Dichter + + +Es jagt mich durch der Straßen Schächte hin. +Ich hoffe Wunder, doch Verderbnis lauert. +Wenn ein Klavier mich aus dem Wege schlägt . . . +Ich kenne sie an ihrem Trippelschritt +Und Hängetasche, schiefem Federhut. + + + +Chor der blonden Engel + + +Wir tragen unsere Haare glatt gekämmt, +Wir müssen auf gespannten Seilen tanzen. +Vom Platze wirbelt Militärmusik. +Der Fledermäuse-Schwestern falbe Wangen, +Wir wollen sie mit weichen Händen streichen. + + + +Eine Hure + + +Nur manchmal darf man sich im Schlafe strecken +So lang und müd, daß alle Glieder singen. +Und manchmal kann man in den schönen Abend stelzen +Allein und in dem hohen Dome knieen +Und fallen süß zurück in einen Park. + + + +Ein Mörder + + +Daß sie vielleicht ein holdes Lächeln zeigt! +Noch Tage Aufschub und noch manche Nacht +Und spitz am Ufer blinkt ein kleines Licht. +Ein schönes Schiff mit vollem Dampfe fährt. +Triumphgeschmetter kreischet die Fabrik. + + + +Der Dichter + + +Ich pralle feuerig wider Gott und Welt. +Ich spei Vernichtung, Haß, Verrat und Gift. +In meinen Muskeln strömt Empörungskraft. +Ein Akrobat ich mich im Zirkus schwinge, +Ich spiel mit Kugeln, schleudere Messer weit. + + + +Die Toten + + +In unseren Grüften zieht es eisig-streng. +In unseren Särgen schwiert ein kleines Loch. +Jetzt hat ein toter Wurm den Ritz verstopft. +Grün schillern Gase, steigen Dämpfe matt. +Mit zackichter Fresse wandeln wir Gespenster. + + + + +Die Huren + + +An langer Mauer stehn die Huren, angereiht wie Perlen. +In Wolken duckt des Mondes grüne Katze sturzbereit. +Der Sturm der Herbste wird die seidenen Spitzenröcke schwellen, +Die werden leuchten auf wie Tulpen rot in nächtiger Zeit. + +Die Alten recken spähend ihrer welken Hälse Stiele +Und züngeln, Flämmchen trübe, dünn empor am Kirchenhaus. +Die Jungen stelzen üppig im Bazargewühle +Und suchen Herrn mit Stöcken gold und neuem Ulsterflaus. + +Sie schweben Statuen auf morscher Brücken Nebelpfade, +Von kleinem Kreuz beschirmet, in des hölzernen Heiligen Hut. +Sie streichen aus der Kammern Höhlengruft im Regenbade, +Das platzet zischend, Bombenknall, in die verstörte Brut. + +Sie leuchten wieder, Lämpchen von der niederen Häuser Klippen +Und duften süßlich nach Parfüms und dem Odor der Seuche. +Auf ihren samtenen Mützen weiße Reiherfedern wippen +Und schlummern sanft auf Polsterkissen runder Fuhrmannsbäuche. + +Sie stehen vor Gericht als Mordes einzige Eideszeugen. +Sie sind des Uhrenraubs verdächtigt oft und angeklagt. +Des Strizzis sicheren Aufenthalt beharrlichst sie verleugnen. +Grauhaariger Onkel sie des Tags mit wüsten Lüstchen plagt. + +Ein Dirigent hat heller Geigen Stimmen angefacht. +Sie gähnen in Cafés und torkeln in den Bars besoffen. +Sie knieen überrascht vor der Monstranze Pracht. +In braunen Wirtschaftsgärten lungern sie, zerrauft und offen. + +Sie prangen bunt in Reicher Galerieen, konterfeit. +In blauen Höfen zucken ächzend sie bei Kämpfen wild. +Die Harfenfrauen zittern in verworrener Dunkelheit. +Papierlampione pendeln über großer Nummern Schild. + +Auf Karrenwagen rollen sie bewacht ins Hospital. +Sie richten auf sich, schlagen Lärm und trümmern ein die Scheiben +Und brechen aus und dringen kreischend in den Sitzungssaal . . . +In euere schmutzigen Winkel euch die Bajonette treiben! + +Mit eueren Locken blond seid ihr die Musen blöder Dichter! +Myrthenbekränzet schwebet ihr aus schwälender Feuer Pfuhl. +Es wehen durch der Dämmer Fall die narbigen Gesichter. +_Ihr seid gestellt einst, Schwerterwächter, um der Gnade Stuhl . . .!_ + +Sie schlendern langsam und gebückt in lauer Jahre Zug, +_Bis früher Frühling einst Gewand und Fleisch zerschleißet._ +Sie strecken ihre fahlen Arme aus zu letztem Flug. +Sie schmücken sich in ihren Stuben kalt zur weiten Reise. + +». . . O warme Nacht, du breitest milde Sterne und Gefieder +Um uns und schaukelst Walzer heimnisvoll an unseren Gang. +Oft ists, als stückelten uns ruckweis ab der Körper Glieder +Und finden plötzlich uns gealtert in den Spiegeln bang . . .« + +Die habend heut beim Kriegerfeste schönes Geld geerbet, +Sie kleben an den Tischchen frohvergnügt der Automaten. +Das Holzklavier laut rasselnd sie zum Schiebertanze werbet. +In Ecken und bei Weißbier sitzen steif die Akrobaten. + +Zerkratzet sind die käsenen Wangen und der Leib voll Flecken. +Ein Ankerwappen blüht, im Oberarm blau tätowiert. +An den gespreizten Fingern gelbe Kettenringe stecken. +Ein Nadelriß an dem verschminkten Rosenmunde schwiert. + +Sie treten auf als Tänzerinnen und als Wunderdamen. +Sie kreiseln singend auf den Pferdchen zahm der Karuselle. +Sie steigen flüchtig durch Hotels, oft ändernd ihre Namen. +Verschlupfen plötzlich über Winter in Provinzbordellen. + +Sie promenieren in den Lüften auf gespannten Seilen. +Sie zirpen Heimwehlieder traurig-matt im Cabaret. +Sie sammeln Kupfermünzen, Waisenmädchen, an den Säulen. +Sie lösen schluchzend sich bei Grammophonkonzert mit Tee. + +». . . Sind wir gewandelt unsere schlimmen Stunden grimmigheiser! +Es ist, als sei ein Brief von fern gekommen, der uns ruft. +Laternen strömen über, unserer Wege schale Weiser. +Verlassen wollen wir Quartier dich, feuchter Tränen Gruft! . . .« + +Sie packen fiebernd ein, sie stapeln hoch der Wäsche Körbe. +Vergilbte Vorhänge bedecken Wirtinnen verweint. +Sie reißen hoch sich, schlingend um der schwarzen Mäntel Schärpe. +Sie sammeln sich wie dürre Rabenschar in finsterm Hain. + +Sie stampfen auf und schwenken dröhnend ihre Hängetaschen +Und flüstern, wie ein Hauch im Wald, sich zu des Kriegs Parole +_Und ordnen sich zum Vorwärtsmarsch, die himmlischen Apachen,_ +Mit der Kapellen Chor, die bläst des Schlummers Barkarole. + +». . . Wir kommen mit der schwefelnden Sonne Glanzesflor bekleidet, +Wir tauchen Wildnis auf vor euch und jagender Schrecken Heer. +Wo ist der starke Mann und wo das Meer bereitet +Für uns, die Wasserbrunnen aus den zerstürzten Schächten her? + +Ihr Mütter! Mütter! Wahret euere Söhne in den Häusern! +Wir spritzen Gift, in spätem Abende erweckte Nattern. +Ihr Mütter höret: -- unsere armen Püppchen quietschen leise. +Wir fegen wie die Föhne durch die Straßen mit Geratter. + +Wacht auf! Wacht auf! Wir schnellten blitzend aus der Gräber Schluchten. +Wacht auf! Wir ticken an die stummen Fenster, die zerspringen! +Wacht auf! Euch schmettern nieder die Posaunen der Verfluchten. +Wacht auf! Wir flammen haßgeschürt und spucken Galle bitter! + +Wir werden sein verruchter Jugendliebe grause Rächer. +Auf fetter Bürger Buckel flitzen unsere Peitschengürtel. +Wir jauchzen, Böller krachend, auf in höllischem Gelächter. +Der Erde Festen wanken. Himmel brechen ein erschüttert. + +Empfanget uns: die wir aus eisigen Särgen aufgefahren, +Die wir auf schattenen Koturnen herrlich sternwärts schwanken. +Die kranken Schwestern tragen wir verzückt auf Sträucherbahren. +In unseren gebleichten Haaren spielen Strahlenranken. + +_Die Huren werden grinsend euere Einsamkeit belauern._ +_Die Huren werden euch in böser Träume Schlaf erwürgen._ +_Die Huren werden um die Kindheit furchtbar opfernd trauern._ +_Die Huren werden euerer Städte gläsernen Bau zerwirken!« . . ._ + +-- -- -- Sie ziehen heulend auf, Gewitter in den Höhen finster. +Der Horizonte Augenlid eröffnet sich, entzündet. +Sie schreiten aus im Morgenrot, scharlachene Gespenster, +Mit silbernen Schwanenflügeln, die klirrend tönen in den Winden. + + + + +Der Wald + + +Ich bin der Wald voll Dunkelheit und Nässe. +Ich bin der Wald, den du sollst nicht besuchen, +Der Kerker, daraus braust die wilde Messe, +Mit der ich Gott, das Scheusal alt, verfluche. + +Ich bin der Wald, der muffige Kasten groß. +Zieht ein in mich mit Schmerzgeschrei, Verlorene! +Ich bette euere Schädel weich in faules Moos, +Versinkt in mir, in Schlamm und Teich, Verlorene! + +Ich bin der Wald, wie Sarg schwarz rings umhangen, +Mit Blätterbäumen lang und komisch ausgerenkt. +In meiner Finsternis war Gott zugrund gegangen . . . +Ich nasser Docht, der niemals Feuer fängt. + +Horcht, wie es aus schimmlichten Sümpfen raunt +Und trommelt grinsend mit der Scherben Klapper! +Versteckt in jauchichtem Moore frech posaunt +Ein Käfer flach mit Gabelhorn auf schwarzer Kappe. + +Nehmt euch in Acht vor mir, heimtückisch-kalt! +Der Boden brüchig öffnet sich, es spinnt +Euch ein mein Astwerk dicht, es knallt +Gewitter auf in berstendem Labyrinth. + +Doch du bist Ebene . . . Voll Sang, mit flatternder Mähne, +Von sanftem Luftzug glatt zurückgekämmt. +Gekniet vor mich, von stechender Hagel Tränen +Aus globiger Wolken Schaff grau überschwemmt. + +Ich bin der Wald, der einmal lächelt nur, +Wenn du ihn fern mit warmem Wind bestreichst. +Weicher umschlinget dürren Hals die Schnur. +Böses Getier sich in die Höhlen schleicht. + +Die Toten singen, Vögel aufgewacht, +Von farbenen Strahlen blendend illuminiert. +Heulender Hund, verreckt die böse Nacht. +Duftender Saft aus Wundenlöchern schwiert. + +Du bist die Ebene . . . Hoch schwanket die Zitrone +Verfallenden Mondes über deinem Scheitel grad. +Du schläferst ein mich Strolch mit schwerem Mohne, +Du, die im Traum ihm, blonder Engel, nahst. + +Ich bin der Wald . . . Goldbäche mir entsprungen, +Sie rascheln durch Schlinggräser mit Geflüster. +Wie Schlangen sanft mit langen Nadelzungen. +Es raset über mir der Sterne Lüster. + +Ich bin der Wald . . . Aufprasseln euere Länder +In meines letzten Brandes blutigem Höllenschein. +Es knicken um der eisigen Berge Bänder, +Gell springt der Meere flüssiges Gestein. + +Ich bin der Wald, der fährt durch abendliche Welt, gelöst +Vom Grund, verbreitend euch betäubenden Geruch, +Bis meine Flamme grell den Horizont durchstößt, +Der löscht, der deckt mich zu mit rosenem Tuch. + +Es ward der Blumen Wiese Gewölbe meines Grabes. +Aus meiner Trümmer Hallen sprießen empor der bunten Sträuße viel. +Da jene Ebene sank zu mir hinab, +Wie klingen wir schön, harmonisch Orgelspiel. + +Ich bin der Wald . . . Ich dringe leis durch euere Schlafe, +Da Lästerung und Raub und Mord ward abgebüßt, +Ich nicht Verhängnis mehr und schneidende Strafe. +Mein Dunkel euere brennenden Augen schließt. + + + + +Aufbruch + + +Schon rüsten Wanderaffen sich und Bambusstangen +Die stellen sie als Zeichen vor den großen Zug, +Zerzausen meckernd mit der Hände Pranken +Gevögel weiß, gehascht aus bitterem Flug, + +Und Weite schwillt, das längst verreckte Tier, +Zerfault, mit aufgetriebenem Schimmelbauch. +In nassen Waldverstecken lauern wir. +Rollt bald ein Kugelmond herauf? -- Der giftige Hauch + +Von grünen Winden an die Bäume rührt, +Die klappern mit den hageren Fingerästen. +. . . Bist du der Strom, der über Berge führt? . . . + +Nahst du, nahst du, du großer Käfigkasten, +Du Sarg mit Segelwolke, rotgeschürt +Und hüllest, Nacht du, trauernde Phantasten?! + + + + +Die Mutter + + +Hohe heilige Bläue, +Schrei aus Verwesung, Grab und Nacht. +Darf ich mich wieder freuen? +Ich bin dir dargebracht. + +Deine rauhen Hände falten +Sich, mir spendend Segen. +Deine entzündeten Augen walten, +Wie flackernde Lämpchen auf schwarzem Grubenwege. + +Deine zerklüfteten Wangen schlagen +Leichte an. Es heult ein Hund. +Ich schreite entgegen glücklicheren Tagen. +Sterne wirbeln rings im Bund. + +Ich mich wild empöre, +Zornig reißt es mich dahin. +Erhöre +Mich! Ich stammle auf den Knien. + +Wie lang ich noch verweile? +Trenn auf des Leibes Naht! +Mich raffen hin Verzweiflungs giftige Pfeile. +Du aber stürzest mich in Tränenguß und Bad. + +O Reinigung du, o Bad! +Abkehr irdischen Staubs! +Deiner Haare goldenes Laub +Belebt den Tod, verklärt die schlimme Tat. + + + + +Die Nächte + + +O schleichet durch die Nächte! Sie erlaben. +Da werden Tag und Schmerz und Wunsch heraufgespült. +Wir Blinden balde Seheaugen haben, +Uns Öfen heiß mildere Witterung kühlt. + +Hast du gesehen jenen Mensch, der fiel? +Er schnappte feixend in die Welt hinaus. +Schon blauet Nacht. Nun ist er Drang wie Ziel, +Der Stern im Baum, der fernsten Länder Braus. + +Er tönet ausgesöhnt mit allen Stücken +Und aufgelöst in den Zusammenhang. +Wir Lahmen tuen ab die Holperkrücken +Und schreiten aus in fabelhaftem Gang. + +Wir Arme füllen uns. Die Trauer tanzet +Und alles jauchzet, völlig eingewohnt. +Wir schöpfen aus der dunklen Troge Kranze +Ewigen Trank, den gelben Wonnemond. + +Es dehnet Wald schon weit sich. Helle Wiesen +Von dicken Mooren überfließen. +Es berstet kreischend irdisches Gewand. +Es greifen aus die Berge, gute Riesen. +Die Meere nagen an der Himmel Rand. + + + + +Das Dreigestirn + + +Wenn wir im Dunkel schlagen uns zum Flusse, +Der Hagel Schauer übers Haupt uns brechen: +Erwählte Führer ihr der irdischen Fahrt, +Als Flammen Türme in der Wetter Schwall! + +Da Leuchten in der Wolken Höhle kriechen, +Gerüste zucken nieder im Verfall. +Wir rufen euch, wir dünne Schar der Siechen, +Die heulet mit der Donner gellem Hall. + +Wie Balsamschalen, die einst Engel streuten, +Schafft Ruhe ihr dem aufgereizten Land, +Daß wild die Pferde vor den Droschken scheuen, +Und euer Denkmal loht als Feuers Brand. + +Rimbaud, Kleist und Baudelaire -- +(. . . um deren Haupt des Ruhmes Binde weht . . .) +Euch grüßt der Dichter, der zerrauft und leer, +Ein Bettler orgelnd auf dem Platze steht, + +Verwahrlost und vertrottelt zu der Helle, +Dem Lichte zu wie ein Insekte irrt, +Bis sich sein Lumpenflaus entzündet, grelle +Er Bundesstern in euerem Bilde schwirrt. + + + + +Triumph + + + _»Und da er auf dem Wege war, und nahe bei_ + _Damaskus kam, umleuchtete ihn plötzlich ein_ + _Licht vom Himmel . . .«_ + + + + +Entrückung + + +Mond in rosa Wolken steht, +Die verwittern schnell, verdunkeln. +Gletscher fern herüberweht. +Fenster und Laternen funkeln. + +Heller Gärten Walzer nahen. +Nimm mich hin, du schöner Traum! +Menschen, Tiere, Häuser klagen. +Tief im Fluß vergeht ein Baum. + +Ach, ich möchte weiter schicken +Körper dich von irdischem Ort! +Berge, Städte, Landschaft, Brücken +Stehn schon auf und wirbeln fort . . . + +Waldung schwanket. In den Haaren +Wühlet knöcherne Hand. +Es kommen an die heiligen Scharen. +Es dröhnet mein Gewand. + +Ich ward wie Meer, doch ohne Sturm, +Und Ebene ausgestreckt, +Aus meinem Munde wächst ein Turm, +Wald und Gebirg sich reckt. + +Wie herrlich hin ich aufgegangen! +In meinen Augen schläft der Mond. +In meinem Blut schon Sterne fangen +Zu kreisen an mit leisem Ton. + + + + +Trauer + + +Des Nachts muß ich zerpeitscht durch helle Gassen springen, +Des Tags soll ich vor euch von Auferstehung singen, +Den wunden Körper in die rauhe Kleidung zwingen. +Ich möchte schlafend tief in Schmerzen weiterschwingen. +Des Nachts muß ich zerpeitscht durch helle Gassen springen. + +Ich fühl mich einem roten Weibe ganz verbunden. +Was wirft mich Einsamen in giftig-bittere Stunden? +Daß schweife ich ein Hund im Mond durch helle Runden. +Ach, ihre große Schönheit habe ich erfunden. +Ich fühl mich einem roten Weibe ganz verbunden. + +Sie wird in einer großen fremden Stadt wohl weilen. +Sie muß ihr Bett mit dicken Kavalieren teilen. +Soll ich mich zu ihr flüchten, heftig zu ihr eilen? +Sie kann allein mich trösten, sie versteht zu heilen. +Sie wird in einer großen fremden Stadt wohl weilen. + +Ich will dich Liebste nicht in anderen genießen. +Du sollst vergöttert sein von mir und hoch gepriesen. +Ich will demütig-fromm im ewigen Meer zerfließen. +Kalt ists, als ob schon Winters spitze Stürme bliesen. +Ich will dich Liebste nicht in anderen genießen. + +Oft, wenn ich irre schüchtern tastend schwanken Weg, +Läufst du nicht rufend über nassen Fahrdamm schräg? +Ein jäher Lichtsturz meinen besten Traum zerschlägt. +Die wilde Nacht um mich die scharfen Krallen legt. +Oft wenn ich irre schüchtern tastend schwanken Weg. + +Kehrst du mir nie zurück von deinen fernen Fahrten? +Des Winters stampfe ich durch manchen öden Garten. +Darf ich vielleicht dich mit den Blumen bald erwarten? +O Erde, Blüten, Winter decket den Genarrten! +Du kehrst mir nie zurück von deinen fernen Fahrten. + + + + +Elegie + + +Goldener Mond an weißen Wolkenfasern, +Der du Welt zu hellen Klagen stimmst! +Tiere schreien auf aus ihren Schlafen. +Zug in anderes Dasein schwimmt. + +Muß ich wieder denken jener +Auf den Bänken oder unterm Tor -- +Weih ich Ihnen diese nächtige Träne, +Treten sie auf Strahlenbrücken vor. + +Ach, durch euch schon längst hindurchgegangen +Stadt, Gebirg und Wald! +Nehme jetzt im kühlen Flusse +Letzten Aufenthalt. + +Könnt ich jene fernen Hügel fassen, +Wenn Nacht drosselt Zwinkerlampen aus, +Mich zu jener Insel glänzend schweben lassen, +Wo du bist zu Haus! + + + + +Fest + + +Die Damen blühen, reiche Blumensträuße. +Es weben Düfte über Laubgeländen. +Die Straßen wandern Bäume. Städtehäuser +Vergehen blaß. Theaterplätze blenden. + +Wir schwinden, Melodie, in deinen Flügeln, +Ihr Schlager einst aus Kneipen und Kaschemmen, +Doch unbedingter jetzt! Zu weißen Hügeln, +Ein Strom vertraut uns, blöde Tiere, schwemmet. + +In schönen Gegenden bald aufgegangen, +Wir in den Wäldern, wir am Flusse stehn, +Abwaschend unsere geschminkten Wangen: +Als Engel groß wir durch die Räume gehn. + +Wir sind die Heiligen, die euch beglücken, +Mit unserem Atem löschend Brände leis. +Nach den Gestrauchelten wir gern uns bücken, +Wir bringen heim den irrgewordenen Greis. + +O blicket auf! Wir fliegen über dem Geschwärle +Der irdischen Mädchen, die zum Schluchzen schön, +Wo brüllet laut der Biergesang der Kerle, +Die gierig schwärmen wie der Lenze Föhn. + + + + +Frühlingsgesänge + + + + +I + + +Wir wallen, von Trompetenbraus umbrandet, +Und unter Strahlen, die sich kreuzen schräg. +Wir treiben los vom Fels, auf dem gestrandet, +Wir nicht mehr hofften, daß ein Sturm fortfegt + +Uns Wracks. In goldenen Äthers Glast gewandet +Uns Adler öffnen den verworrenen Weg. +Verhüllet noch von Dunst der Ufer Lande. +Wir schwanken auf der Wogen jähem Steg. + +Nochmals Musik in unerhörtem Schwalle! +Die Arme strecket aus, begrüßend alle +Auftauchend aus Verschüttung neue Stätte! + +Noch klirren unter furchtbarem Krawalle +Gewaltiger Kriege langer Donner Ketten. +Doch Himmel, Himmel sinken, die uns retten. + + + +II + + +Wir sind zermalmt für euerer Freuden Welt. +Ja, unter Lobgesängen in der großen Stunde +Wächst hoch zu Gott empor in ewigem Bunde +Die Menschheit. Unserer Schmerzen Leib zerfällt. + +Wir sind zermalmt für euerer Freuden Welt. +Wenn Donner dröhnend in die Runde kracht, +-- Kanonenfutter wir in letzter Schlacht -- +Da unser Sturm an Salven breit zerschellt. + +Im hellen Abende gehn blütenblaß +Die Engel mit verwundenen Strahlenfächern. +Sie führen schwarzes Volk aus dem Gelaß + +Der Kerkerschluchten und aus Burgenlöchern. +Es splittert grüner Himmel dünnes Glas. +Die Ouvertüre rattert jubelnd-blechern. + + + +III + + +Glorie der Freude in dem harten Glanz +Des Tages. Tag, der jauchzend auferstanden! +Da unsere Städte prasselnd niederbrannten, +Leid, unser Leid -- in Nächte Feuer schwands. + +Frisch wehet Luft. Die Gegend scheint gereinigt. +Die weite Wiese sanfter Strom zerschneidet. +Wir laben unsere Körper, schlimm gepeinigt, +In mildem Bade, abendlich bereitet + +Aus zarter Röte, dünnen Äthers Fülle. +Wie lange lag mein heiliges Land doch brach! -- +Ein alter Herr spaziert mit goldener Brille, + +Dem tänzeln Knabenkinder kreischend nach. +Die Straße, schmal von Grün besäumt und flach, +Wirft sich empor. Signale stehen stille. + + + +IV + + +Der Dichter, der die reichen Bürger haßt, +-- o heiliger Tag! -- ward heute früh geschaßt. +Die Erde, Erde dreht im Sonnenglast +Und wölbt sich jauchzend hoch, ein Goldpalast. + +»Ein wenig seid ihr alle aufgewacht, +Seid atemlos ins helle Glück Entführte. +Ein wenig seid ihr alle Aufgeschürte, +Da dürftige Glut ward lodernd angefacht. + +Ihr solltet in den kleinen Wolken baumeln, +Als gelbe Schmetterlinge trunken taumeln! +Wir werden unsere mürben Glieder schwingen, + +Die wir noch mit der Auferstehung ringen, +Daß uns die Lüfte ätzend-scharf durchdringen. +Durch unsere Adern warme Länder raunen.« + + + +V + + +Die große Glocke in die Runde tackt. +Die Sonne hat das grobe Eis zerhackt. +Gott füllt den Raum, ein leuchtender Smaragd. +Vollbusig wackelt eine Kindermagd. + +Vom Wirtschaftsgarten tutet ein Konzert. +(. . . ein runder Flötenbläser alfredkerrt . . ) +Der Kürassier klirrt mit dem Säbelschwert. +Die Landschaft qualmt. Die Straße wird geteert. + +Ein weißer Strom sich durchs Geklüfte zwingt. +Den Gnadenfraß ein gelber Kranker schlingt. +Ein heller Stern in trübem Schwall aufblinkt. + +Vorm Spiegel sich das kleine Mädchen schminkt, +Das bald vom hohen Turm aufs Pflaster springt. +Am Himmel leuchtend sich ein Engel schwingt. + + + + +Kino + + + + +I + + +Das Warenhaus wird gleich zusammenstürzen. +Die Löschfahrzeuge durch die Straßen flitzen. +Es heult und zischt die große Feuerspritze. +Das Warenhaus wird gleich zusammenstürzen. + +Kurt schluckte einen Apfelsinenkern. +Hofdamen ihre seidenen Schleppen raffen. +Die Schwindsucht-Mutter kann es nicht mehr schaffen. +Kurt starb an jenem Apfelsinenkern. + +Volksmassen trümmern ein die Kirchenfenster +Und kippen um die sanfte Straßenbahn. +Um _Dagny aber heulen wir Gespenster,_ +Ganz ausgefretzt von Morphium-Salvarsan. + + + +II + + +Ein Polizist im Vorstadtviertel strolcht. +Schon bröckelt aus der stählerne Kassenschrank. +Das Liebespaar schläft selig auf der Bank. +Ein Offizier ward in dem Park erdolcht. + +Die stolze Festung sei im Sturm genommen! +Die Hafenstadt zwing man zur Übergabe! +Man trägt den Staatsminister nachts zu Grabe. +In den Kasernen brüllen dumpf die Trommeln. + +Mit Knall erfolgt jetzt eine Explosion. +Die Arbeiter erklären stracks den Streik. +Die Residenz ersäuft in Flammen schon. +Der Kaiser heimlichst in ein Auto steigt. + + + +III + + +Von Fahnen blühn die Gräber überdeckt. +Zum Jahrestag macht man ein schönes Fest. +Ein großer Chor die Marseillaise bläst. +Man wird frühmorgens aus dem Schlaf geweckt. + +Auf weitem Platze wird ein Zug gestellt. +Die Säbel blitzen herrisch in der Runde. +Ein Priester benedeit die Freiheitsstunde. +Der Böller Schar im nahen Haine bellt. + +Die Mädchen sind mit frischem Laub bekränzt, +Sie schweben Engel weißlich, zart geneigt. +Die Kathedrale in die Höhe glänzt. +Ein Adler in die reinen Lüfte steigt. + + + + +Hymne an die ewige Geliebte + + +Als wir morgens aus Träumen auffuhren, +War das kleine Zimmer voll Hyazintenduft, +Die Mutter Gottes schwebte auf einem +Silbernen Seile +In der blauen Nacht, +Schwarzen Gewandes, +Nur die kleinen goldenen Schuhe glänzten +Und das schmale Gesicht (. . . verwesungs-grün . . .). +Christus aber brach aus der feuchten Wand +Mit grünen aufgequollenen Füßen, +Sich krümmend und heulend. + +Unsere Straße baut sich immer höher empor +Von den vielen Heimwegen. +Das Trottoir glänzt, +Die Pappeln rauschen, +Die Bogenlampen zerwerfen sich, +Der Spritzwagen der Straßenreinigungsgesellschaft +Rattert herum, ein Mensch hängt immer +Über einer Bank. + +Du stehst mir bei in meinen Zusammenbrüchen, +Ich stütze dich bei deinen Ohnmachten. +Man hilft sich. +Wir haben noch zwei Mark fünfundsechzig. +(. . . Café -- Kino -- Automat . . .) +_Wie herrlich leuchtet die Sonne in_ +_Unser letztes Geschwank!! --_ + +Dein Gang schwebt im Gefäll der frühen Winde. +An deinem Munde trink ich Leben, Tod. +Dein Leib reißt Trunkenen mich zu Hölle, Grab. +Dein Lächeln, das der Greisin, das des Kindes, +Und deine Haare wie Gebüsche rot +Voll Feuersbrunst. Dein Antlitz blaß-zernagt. + +Der Weg steigt durch die Nächte hoch und frei, +Am Ende er in Morgenröte sticht. +Er schwebet in den Lüften wie ein Boot. +Die Städte fallen um mit viel Geschrei. +Hernieder saust des eisigen Monds Gewicht. +Ein schwarzer Engel steht in Brand und loht. + +Ich will dich in dem Bett, wo wir zu zweit +Erwarten Gottes Stoß und Überfall, +Warm decken mit des Mantels warmem Tuch. +Da deine Augen fließen, Meere weit, +Da wirbeln toll der Stürze Schaum und Schwall . . . +Wir tun ergeben treu dem letzten Spruch. + + + + +Die Große Stunde + + + + +I + + +Daß meine Schritte deinen gleicher werden, +Daß deine Male meinen Körper zieren, +Daß deine Leiden heftig in mich dringen, +Daß mich Verlästerung und Schande treffen, +Bis mich Triumph aus ekler Not verklärt! +Daß ganz dein Aug aus ewig lichter Sphäre +In meinen Blick, in meine Art verwachs! +Ich gab mich hin, ward voll in dich gelassen, +Einst aufgesprungen groß aus deinem Blut +Mir deine Worte brausen jetzt vom Munde. +In deinem Sinn erwidere ich der Welt. +Dein Wunsch dem Jünger Fügung und Gebot. + + + +II + + +Du zürn mir nicht, wenn ich berauscht umarm, +Erpresse dir Tribut von Bett und Glück, +Wenn ich zurück mich aus den Tagen stürz +Jäh hin verzweifelt -- falb an deine Brust: +Zerhack mich Messer Strahl, durchzück mich Stoß! +Da Körper ächzt, ein Wrack, das Hirn zerwirkt, +Das Auge quillt, der rote Mund zerschleißt . . . +Was soll ich Ärmster noch, wenn du mich nicht +Zum Opfer annimmst, schwach und unscheinbar? +Der nie noch Heimat fand, er schwankt im Sturm. +Er heult auf Dächern deinen Namen weit. +Dumpf wie ein Stier er brüllt und bäumt sich krumm. + + + +III + + +Ich wart auf dich, wenn furchtbar schwirrt die Nacht. +Wo hinterm Wald der Brünste Lohe steigt. +Zu Funken stiebt den Brand dein Atemstrahl, +Da auf den Berg du schwingest dich als Stern, +Wo niederrutscht ins Tal der Wasser Fall. +Ja überall im Dunkel schwebt dein Bild, +Endlos wirkt deine Gnade, deine Güte weit, +Weit wie das Meer und wenn in Abgrund taucht +Mein Schiff und wirbelt um im Strudelschlund, +Bleibt doch in Lüften hoch dein silberner Schrei, +Dein Adlerschrei, _der mich Zerschlafenen weckt,_ +_Das Steuer umreißt und den Bug hochschraubt._ + + + +IV + + +Ich fühlte mich im Traum mit dir vereint. +Wir schlossen uns zum ewigen Bruderbund, +Und schallt Trompetenschrei in grauser Nacht, +Du wirst mich kämpfend dir zur Seite finden. +_Das Kreuz muß leuchtend sich am Himmel zeigen._ +_Das Kreuz soll aus den Gründen flammend steigen._ +_Das Kreuz wird als Gespenst im Nebel wanken._ +_Das Kreuz wird dämmern aus der Meere Glast._ +Um das geheiligte Denkmal braust die Schlacht. +Du streckest vor der Arme dünnes Schild. +Die Lanzen knicken wie Schilfrohre ab. +Dein Atem fegt die Höllischen hinweg. + + + +V + + +Der späte Jünger sei nicht minder treu. +Du hast dich herrlich um sein Schild geschrieben. +Im Morgen schreiten blonde Engel aus, +Die schwarzen Geister sind am Licht zerschellt. +Du streifst vorbei im weißen Sonnenfluß, +Du tost hinab in falbe Finsternis, +Wo Weg zerschleißt, ein tückisches Gespenst. +In starrer Zeit wir lernten dir vertrauen, +Da Hoheit wich, Mord waltet und Verrat. +Geharnischt züngeln um das Haus die Flammen. +Wir tauen auf aus Haß, Verachtung. Schutt +Von unserer Stirne bricht. (. . . o Lilienkranz! . . .) + + + +VI + + +Gehässig zischeln auf wir. Reich die Hand! +Wir dürfen singend über Trümmern schweben, +Da Fels riß auf uns, Ebene rieb uns wund, +Der Wald trieb ein den Stachel, Fluß grub spitz. +Durch hohlen Körper drang dein weiches Licht, +Auf die versengte Erde fiel dein Kuß. +Du gehst behäbig still durch unsere Stadt, +Du liest den Anschlag auf der Litfaßsäule, +Im leichten Auto kommst du angeeilt. +Schrill branden um uns Kinder Jammerschreie. +Ein Weib ersäuft. Ein Arbeiter erstickt. +Es schraubt die Nacht sich hoch. Tief krümmt sich Tag. + + + +VII + + +Jetzt flacken wir zerknirscht vor dir im Staub. +Die Helfer mögen uns nicht aufwärts raffen. +Schon wandeln wir geruhig durch Ölbergs Garten, +Da fern dein Kreuz sich wie ein Streitroß bäumt. +Du stiebtest Retter aus Empörungsgrüften, +Du schlugst des Mantels himmelblaues Tuch +Um uns, trugst uns hinweg, die schwache Beute, +Die Brut der Kinder aus verseuchtem Nest. +Der Fels blitzt rot. Steil wächst die Mittagsstunde. +Es schwillen Rufe aus der Unterwelt. +Gesichter springen auf in Flammengarben, +Dadurch die Engel mit Posaunen steigen . . . + + + +VIII + + +_So ward der Irrfahrt Ende Lob und Preis._ +Das Schiff schwenkt in den Hafen, froh geschmückt. +Auf allen Plätzen flammt ein Feuerwerk. +Der Berge Riesen springen jubelnd hoch, +Die Wälder brennen und die Meere sprühen. +Da regnet nieder farbenes Gefäll. +Aus finsteren Schluchten tauchen Prozessionen. +Es flattern Mäntel in den Lüften weiß. +Gespanne sausen auf des Himmels Bogen. +(Hoch wölben Strahlen über das Geklüft.) +Du fährst voran dem großen Hochzeitszug. +Die Erde donnert, klafft und bricht entzwei. + + + + +Die Geißler + + + Karl Otten, meinem Kamerad! + +Hah! Wie der Eisen Wut im Leibe haust, +Der zucket hin, der krümmt sich hoch als Brücke, +Darunter Blut in hellem Strome braust. +Ein Sturm auf spitzem Kopf sich Haare pflücket. + +Sie tanzen zugewandt dem Firmament. +Sie brechen heulend in die Kniee nieder. +In ihrem Schlund, dem Krater, Lava brennt. +Wie Raben scheuchen auf die düsteren Lieder. + +Aus Mund und Nase gischtet weißer Schaum. +Von falber Wange Schweiß und Tränen fließen. +Sie schläfern hin in süßer Ohnmacht Traum. + +Die Augen sie vor großer Helle schließen. +Gräulich umstarrt von Helmenblitz und Spießen, +Den Körper strecken sie am Marterbaum. + + + + +Drei geistliche Lieder + + + + +I + + + Wiedergeburt + +Durch finsterer Straßen Gang, +Der Schlöte Qualm und Gier . . . +_Wir sind ohne Belang,_ +Wir angehören dir. +Du hüllest die Geschwulst. +Am Ende du uns lullst +(. . . im Hemde dürr und klein . . .) +In süßen Schlaf-Tod ein. + +Gebrochen und zerhackt, +Du zogst uns in Kontrakt, +Du herrschest bitter-streng. +Wir taumeln im Gedräng. +Du zwangst uns dich zu rufen, +Du schleudertest den Speer. +Wir stürzten bei den Stufen +Des Tempels, bläßlich-leer. + +Du streckest aus die Hände, +Gewaltig weckst du uns. +Gelöst sind die Verbände. +Zu weißen Äthers Dunst +Hebst du uns auf den Flügeln +Von Schwanenengeln licht. +Entrückst uns Fluren, Hügeln, +Dem irdischen Gewicht. + + + +II + + + Anfechtung und Geißelung + +Fahl ziehen auf die Höllen, +Gespenst und geller Schrei. +Die blechernen Tuben gellen. +Rot rauscht ein Schwarm vorbei. +Die schwarzen Engel schlagen +Aus Flügeln Schlangenbrut. +Die nackten Toten jagen +Einher mit spitzem Hut. + +Legt um die eisernen Riemen! +Der Knochen Mark zerbricht. +Es streicht ein blutiger Striemen +Querüber das Gesicht. +Die Haare sind zerrissen +Von Hände Krampf und Zorn. +Gedärm quillt. Aufgeschlissen +Der Bauch von Stacheldorn. + +Jetzt tupft mit eisernen Pinseln! +Schon regt sich Glauben wach. +Ja, röchelnd schwer und winselnd +Wir stürzen ab vom Dach, +Wir brechen in die Gosse. +Du bist vorbeigerauscht, +Du hast dich aufgebauscht . . . +Wir sind in dir zerflossen. + + + +III + + + Tod + +Verwelkt wir liegen ganz +In deiner Hut. Gefaltet +Ruhn unsere Hände. Glanz +Auf unseren Stirnen waltet. +Hoch schwankt die düstere Lade +Voraus dem trüben Blick. +Du hast bewahrt vor Schaden +Uns und vor Mißgeschick. + +Du machtest uns zufrieden, +Du hast uns wohl bestellt, +Du hast uns nicht gemieden. +In graue Unterwelt, +Wo wir verhurt, verlaust +In Sumpfes Löchern staken, +Bist du hinabgebraust, +Als Strahl aus heiterem Tage. + +Umschleicht ein böser Sinn. +Nah uns! Komm her! Nimm hin! +Es raschelt finsteres Laub. +Ein Wagen blitzt im Staub. +Winkt da nicht Ufer schon, +Ist das nicht Fluß, dies Park? +_Und dies der einstige Ton,_ +_Der uns vorirdisch barg?!_ + + + + +Ruhe + + + Für Leonhard Frank + +Wir lagen in der Wiese feuchtem Nest, +Vergraben unsere Köpfe, hart wie Stein, +Derweil die Sonne sank im kühlen West +In grauer Berge langgestreckten Schrein. + +Mit schnellen Vögeln Abendtöne flogen. +Auf schwarzen Wegen schwankten Kinderreihn. +Durch unsere Glieder weiche Gräser zogen. +In unsere Augen bogen Blumen ein. + +Schon rauschte, Wassersturz, der Hunde Bellen, +Da unsere Körper sanken auf den Grund +Vergessener Meere: laues Spiel der Wellen, + +Der trägen Fische angestaunter Fund. +Es raschelten wie feine Silberschellen +Korallenbäume auf verborgenem Sund. + + + + +Der Tod + + + Für Annie Oppelt + +Der Tod, der in dem blassen Mädchen weinet, +Der aufgerollt liegt in der Alten Haar, +Der, was er bös oft trennet, besser einet, +Der jauchzet ungestüm durch manche Bar. + +Der gell erschallt im Volkstumult furchtbar, +Als Feuerschrift an schwarzer Wand erscheinet, +Als Strolch mit Hund und Messer nächtlich streunet, +Da werden ihn wohl viele bleich gewahr . . . + +Welch schönes Kleid hat er sich ausgesucht, +Da tat er ab den Flaus aus Kot und Schimmel! +Es bauschet sich in unerhörter Wucht + +Sein Mantel, jener zarte Lilahimmel, +Der Herbstzeitlose Kelch, endlose Bucht, +Aufsaugend uns und irdisches Gewimmel. + + + + +Triumph + + +Wir wollen heut bei goldenen Wolken ankern, +In Traumbezirken jener Seligen Andern. +Wo Engel winkend mit den Beinchen schlänkern, +Da werden wir in milden Häfen landen. + +Die Erde soll entfleuchen unseren Augen, +Die bald als Inseln wirbeln im Ozean +Beruhigter Bläue. Da des Äthers Lauge +Zersetzte unseres Körpers eklen Tran. + +Laßt uns behaglich in den Lüften schreiten, +Die sind verwandelt, ölig und begehrlich-weich. +_Verhaßten Bürgern wollen wir entgegenbreiten_ +_Wohl Arme und ein Antlitz, himmlisch-bleich._ + +Da Wunden schillern groß als Sonnenseee. +Geschwüre schweben, Wolken sanfte Matten. +Ihr fühlet euch geborgen in der Nähe +Der Fächerstrahlen und von Teppichschatten. + +Auswurf gesegnet sei und Schmerz gepriesen +Und jede Trennung schön und wunderbar! +Ins Heilige sei jeder Haß verwiesen! +Wir fassen uns ans Herze, innig-wahr. + +Einst wankten wir durch Gassen wirre Netze, +Zerdacht die Stirnen und von Fluch bedrückt. +Tod deckte auf die Herrlichkeiten-Schätze, +Wir voll erlebend, stumm und unzerstückt. + + + + +Ausgang + + +Die Toten wachten auf im Karneval. +Sie renken ein die vielen Gliederknochen. +Die Erde raucht, zerklafft und aufgebrochen. +Die Toten rüsten sich zum Faschingsball. +Sie hetzen durch die Straße mit Gebrüll, +Sie klappern mit den Fingern, trommeln, pfeifen, +An Pflanzenfasern sie die Särge schleifen, +Die Leichenkleider bergen sie zerknüllt. +Bei diesem fehlt das rechte Nasenstück, +Blut rinselt dem um die zerfranzte Fresse. +Sich brauner Lehm auf jenes Augen drückt, +Geschwüre sich im Nacken schimmelig pressen. +Sie wedeln uns mit Federn durchs Gesicht, +Auf dünner Flöte sie erschauernd blasen. +Sie halten auf dem Markte Hochgericht. +Wie Kühe manche auf den Dächern grasen. +Sie halten Kerzen in der Hand beim Tanz, +Weihrauch in schweren Düften schwelt und zischt. +Sie setzen johlend über Stuhl und Tisch +Und baumeln an dem hohen Lüsterkranz. +Es glühn wie Eisen rot die Schädel kahl. +Sie singen laut und kotzen sich beim Mahl . . . +Die Toten ziehen um in langem Zug, +Gedämpft erschallen Flüche und Gebete. +Ein Knabe schleppt sich mit dem Urnenkrug. +Schon wirbeln Trommeln laut zur Abschiedsrede. +Sie biegen vor und wallen durch das Tor. +Da stiebt herab der Schneee bleicher Schleier. +Noch einmal tönet gell der Tusch im Chor, +Da man versammelt sich zur Heimkehrfeier. -- +. . . Wo seid ihr hin, ihr Toten, mit Geklinge +Und Schellenlaut und Rasseln und Gedröhn? +Flogt ihr empor auf unsichtbarer Schwinge, +Fuhret ihr nieder, hingestürzt vom Föhn? +Ihr habt vergessen uns, die traurig heulen, +Verzweifelt winseln stier aus Dunkelheit. +Steht einer nicht von euch hinter den Säulen +Und flattern dort nicht euere Mäntel weit? +Wir schleichen nach euch in den stummen Jahren. +O, daß die Erde jäh in Flammen tauch, +Daß eisiger Sturm scharf in die Runde fahre, +Ein heißer Schwefelquell entsetzlich pfauch! +In düsterer Nacht wir um die Toten greinen +Und wandeln Frühjahrs auf der Gräber Deck. +Ein Trauerbaum die hageren Äste streckt +Zum Himmel auf. Die blassen Marmorsteine +Zersprungen, überwuchern Kraut und Moos. +Durch unseren Körper jagt ein harter Stoß. +Ein böser Krampf den vollen Bauch zerhackt. +Das ragende Gerippe schwankt und zittert. +Das herrliche Gehirn wie Glas zersplittert. +_Vom hohen Turm die große Stunde tackt._ + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Verfall und Triumph, Erster Teil, by +Johannes R. Becher + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK VERFALL UND TRIUMPH, ERSTER TEIL *** + +***** This file should be named 37435-8.txt or 37435-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/7/4/3/37435/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. 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General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. 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Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. 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