diff options
Diffstat (limited to '37202-8.txt')
| -rw-r--r-- | 37202-8.txt | 6017 |
1 files changed, 6017 insertions, 0 deletions
diff --git a/37202-8.txt b/37202-8.txt new file mode 100644 index 0000000..7b60c91 --- /dev/null +++ b/37202-8.txt @@ -0,0 +1,6017 @@ +Project Gutenberg's Kasperle auf Burg Himmelhoch, by Josephine Siebe + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Kasperle auf Burg Himmelhoch + +Author: Josephine Siebe + +Illustrator: Ernst Kutzer + Therese Bredt + +Release Date: August 25, 2011 [EBook #37202] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF BURG HIMMELHOCH *** + + + + +Produced by Jens Sadowski + + + + + +Kasperle +auf Burg Himmelhoch + + +Eine lustige Geschichte + +von + +Josephine Siebe +Verfasserin von »Kasperle auf Reisen« + + +Mit farbigem Decken- und Vollbild von Ernst Kutzer +und zahlreichen Scherenschnitten von +Therese Bredt + + + + +Verlag von Levy & Müller in Stuttgart + + + + + +Nachdruck verboten +Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten +Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart + + + + +Inhalt + + +Erstes Kapitel. Der Kasperlemann erzählt +Zweites Kapitel. Bei den Waldhausleuten +Drittes Kapitel. Kasperles Brief +Viertes Kapitel. Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie +Fünftes Kapitel. Die Ankunft +Sechstes Kapitel. Hochzeit und Reise +Siebentes Kapitel. In der Haubenschachtel +Achtes Kapitel. Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch +Neuntes Kapitel. Das traurige Marlenchen +Zehntes Kapitel. Eine neue Freundin +Elftes Kapitel. Kasperles Krankheit +Zwölftes Kapitel. Es geistert im Schloß +Dreizehntes Kapitel. Das Nest auf der Ulme +Vierzehntes Kapitel. Das traurige Marlenchen lernt lachen +Fünfzehntes Kapitel. »Geh zum Teufel!« + + + + + + + + +Erstes Kapitel + +Der Kasperlemann erzählt + +»Bimmelimbim, hollahe, ich bin da!« so rief unverdrossen ein Mann, der vor +einem kleinen, mit einem roten Vorhang verhüllten Kasperletheater stand. +Das Budchen befand sich auf einem großen Platz, auf dem es noch viele +andere Buden gab, denn in dem Städtchen Wutzelheim war Schützenfest; dazu +waren Karussellmänner und Schaubudenleute von weither gekommen. Um das +Kasperlebudchen herum drängten sich die Kinder. Es sollte, so wurde gesagt, +ein besonders lustiges Kasperle sein, das da spielte, und das Zusehen war +billig. Für einen Pfennig konnte man lange stehen, und manchmal konnte man +sogar ausreißen, ohne den Pfennig zu bezahlen. Aber das taten nur wenige, +die meisten gaben gewichtig ihren Pfennig hin, man mußte doch Kasperle +belohnen. + +Immer wieder tönte das Bimmelimbim des Budenbesitzers, immer mehr Kinder +liefen herzu. Endlich ging der rote Vorhang auf, und Kasperle steckte seine +große, große Nase heraus und fragte: »Seid ihr alle da?« + +»Ja!« scholl es im Chor. + +»Hm!« Kasperle seufzte, schwang ein Beinchen über die Brüstung und fragte +trübselig: »Ihr denkt nun wohl, ich werde kaspern?« + +»Ja,« schrien die Kinder, und ein paar Ungeduldige drängten: »Fang doch an, +sonst müssen wir zum Abendbrot nach Hause!« Es war aber erst drei Uhr +nachmittags, und das Kasperle lachte etwas. »Abwarten und Tee trinken!« +rief es. »Erst muß ich euch eine Geschichte erzählen. Wollt ihr sie +wissen?« + +»Ja, ja,« ertönte es von unten herauf. + +»Na, dann paßt mal auf! Glaubt ihr, daß ich lebendig bin?« + +Die Kinder lachten, ein paar kleine sagten schüchtern ja, die größeren aber +riefen alle: »Nä, du bist von Holz« -- »Von Blech,« rief sogar ein Mädel. + +»So,« brummte Kasperle, »na, das glaube ich doch nicht!« Dabei schlug er +mit seinen hölzernen Armen und Beinen an die Bretterwand des Budchens. Es +krachte laut, und die Kinder schrien alle: »Das klingt wie Holz, du bist +von Holz.« + +»So, gut, also ich bin von Holz. Es gibt aber ein ganz putzlebendiges +Kasperle, glaubt ihr das?« + +»Nä,« brüllten wieder die Kinder, »so was gibt's nicht.« + +»Doch, so etwas gibt's, und das Kasperle sieht aus wie ich, nur ist es +viel, viel größer, so groß wie der da.« Und Kasperle streckte seinen +Holzarm aus und zeigte auf Gottfried Schlippermilch, der etwa acht Jahre +alt war. + +»Nä,« schrie Gottfried entrüstet, »das ist nicht wahr! Ich bin nicht wie 'n +Kasperle.« + +»Doch, es ist wahr, und nun kommt meine Geschichte.« + +»Nä, das ist nicht wahr!« Gottfried war sehr entrüstet, daß er Ähnlichkeit +mit einem Kasperle haben sollte, und seine Kameraden mußten ihm erst ein +Weilchen gut zureden, bis er schließlich sich beruhigte und still wurde. + +Kasperle beugte sich weit vor und begann: »Ja, denkt euch, es gibt ein +lebendiges, flinkes, lustiges Kasperle, und das wohnt seit vielen Jahren in +einem Waldhaus. Das Häuschen gehört einem Kasperleschnitzer, der auch mich +geschnitzt hat, und darum sehe ich so aus wie das putzlebendige Kasperle.« + +»I nä!« schrien ein paar Buben erstaunt, und Kasperle nahm flink eine alte +Kartoffel und warf sie dem dicken Hansjörg an die Nase. Klatsch! Das +knallte nur so. + +»Stille sein!« schrie Kasperle. »Was ich erzähle, ist wahr!« + +Hansjörg rieb sich erschrocken seine Nase, und er klappte vor lauter Angst +seinen Mund nun gar nicht mehr zu, doch auch die andern schwiegen ein wenig +erschrocken, und Kasperle fuhr fort zu erzählen: »Das lebendige Kasperle +hat einmal ewig lange geschlafen, vielleicht achtzig Jahre und noch länger. +Da hat es in einem alten Schrank gesteckt, und niemand wußte es. Meister +Friedolin, der Kasperleschnitzer, aber hat eines Tages in dem Schrank +herumgekramt und dabei das schlafende Kasperle entdeckt. Wie das ans Licht +gekommen ist, ist's aufgewacht.« + +»Was hat's denn da gemacht?« Ein Stimmlein klang hell aus dem Kindergewühl +heraus, und diesmal warf Kasperle keine Kartoffel, es drohte nur mit seiner +steifen Holzhand, gab aber doch Antwort. »Dummheiten hat's gemacht, nichts +wie Dummheiten. Das Waldhaus hat es bald auf den Kopf gestellt, und dann +ist es ausgerissen.« + +Viele Ahs und Ohs ertönten. Die Kinder sahen sich um, ob gar das Kasperle +hierher ausgerissen wäre, ein paar Buben aber schrien laut: »Das ist fein!« +-- »Potz Wetter! Was sagt ihr da?« schrie Kasperle empört. »Fein, fein! Na, +ich danke. Frech war es, so frech wie eure Nasen. Und wie hat sich das +Kasperle aufgeführt, o jegerle! Erst ist's in ein Dorf gelaufen, -- +Protzendorf heißt es -- nachdem es ein paar Büblein Hosen und Jacke +weggenommen, hat sich dort als Gänsejunge verdingt und dabei die armen +Gänse halb tot gehütet; dann hat es den braven Schäfer Damian und seinen +Bruder Florian schlimm geärgert, und nachher ist's wieder ausgerissen.« + +»Fein!« schrien wieder ein paar Buben. Diesmal warf Kasperle wütend ein +paar trockene Kienäpfel von oben herab. Klatsch, klatsch! Einen bekam +Drehers Frieder an die Nase, der andere hopste auf drei Köpfen herum, immer +von einem zum andern. + +»Das ist frech!« schrien sie wieder. + +»Ih, frech war Kasperles Ausreißen!« zeterte oben das Kasperle. »Und frech +war es, was er dann tat. Dem Grafen von Singerlingen ist er hinten auf den +Wagen aufgesprungen; so ist er mit in ein Schloß gefahren, dort ist er in +die Schlagsahne gefallen und hat sich in des Herzogs, unseres Herzogs, Bett +gelegt.« + +»Fein!« schrien wieder ein paar Buben, aber da drohte Kasperle: »Ihr werdet +eingesperrt.« + +Da verstummten die Schreier flink, und Kasperle erzählte weiter: »Unser +guter Herzog August Erasmus war damals bei dem Grafen von Markfeld zu +Gaste, eine Hochzeit wurde im Schloß gefeiert, und da hat das Kasperle +herumgespukt. Die kleine Gräfin Rosemarie -- sie ist jetzt eine schöne +junge Dame und wird nächstens einen Grafen heiraten -- hat den kleinen +Unnützling aus Mitleid erst in ihr Puppenbett gesteckt, dann ihm geholfen, +daß er ausreißen konnte.« + +»Fein, fein!« brüllten wieder die Kinder. Da wurde Kasperle wütend, er +schrie: »Potztausend! Das hättet ihr wohl auch getan?« + +»Ja, ja!« jauchzten die Kinder. »Er soll nur kommen, wir helfen ihm schon!« + +Einige Augenblicke war Kasperle muckstill; der Kasperlemann, der hinter dem +roten Vorhang stand, fuhr sich mit seinem schwefelgelben Schnupftuch über +das Gesicht. Er ärgerte sich. »So ist nun das Kindervolk! Da reise ich von +Jahrmarkt zu Jahrmarkt, bin auf Schützenfesten, überall und immer, wenn ich +erzähle: >Kasperle ist ausgerissen<, schreien die dummen Kinder: >Fein, +fein!< -- Haue müßten sie alle haben!« + +»Kasperle soll weiterreden,« verlangten die Kinder vor dem Budchen. + +Da ließ der Kasperlemann das hölzerne Kasperle wieder zappeln. Er steckte +aber selbst seinen Kopf heraus und erzählte weiter: »Trotzdem die Landjäger +aufpaßten, gelang es dem schlimmen lebendigen Kasperle doch, zu entkommen. +Hoch hinauf in die Berge in das Dorf Waldrast hat er sich geflüchtet, und +der Schullehrer dort hat sich seiner gar liebreich angenommen. Aber als +Dank hat Kasperle nichts wie Dummheiten gemacht.« + +»Was hat er denn getan?« Hansjörg drängte sich ganz vor, und klatsch! +schlug ihm Kasperle mit dem Bein an die Nase. + +»Au!« Hansjörg brüllte, die andern schrien: »Sei doch still! Wir wollen +hören, wie's weiter geht. Was hat Kasperle gemacht?« + +»Nichts als Unsinn, und vor allem hat er die Base Mummeline im +Schulmeisterhaus schlimm geärgert. Die hat aber herausgekriegt, daß es mit +dem Kasperle nicht richtig war, und da sind Landjäger nach Waldrast +gekommen, die haben Kasperle fangen wollen, denn der Herr Herzog August +Erasmus hatte eine hohe Belohnung dem versprochen, der Kasperle fangen +würde.« + +»O jemine! Die haben ihn wohl gefangen?« + +»I bewahre! Stille doch, Kinder! Ausgerissen ist -- --« + +»Hurra, hurra!« + +Der Kasperlemann ärgerte sich mehr und mehr, die Kinder jauchzten immer +lauter, und von den andern Buden schauten die Leute neugierig herüber. +»Beim Kasperle geht's mal wieder lustig zu,« sagten sie. + +»Stille, Kinder! Sonst erzähle ich nicht weiter,« schrie der Kasperlemann. + +»Ach ja doch, bitte, bitte, wohin ist Kasperle gelaufen?« + +»Erst auf den Kirchturm; da hat er die Glocken geläutet, so daß sie alle im +Dorf gedacht haben, es brenne, und in der Verwirrung und in der Dunkelheit +ist -- ritsch ratsch! -- das Kasperle ausgerissen.« + +»Hurra, Kasperle soll leben!« + +»Tut er ja auch,« brummte der Kasperlemann. »Und gut hat er dann eine Weile +gelebt; in des Herzogs Jagdschloß hat er beinahe die Räucherkammer +leergegessen mit seinem Freund, dem Geißbuben Michele. Das Michele hat dem +Kasperle in das Schloß hinein geholfen, und als da der Herzog August +Erasmus unversehens gekommen ist, hat sich Kasperle in eine verborgene +Kammer geflüchtet, und alle im Schloß haben gedacht, es spuke ein Gespenst +darin.« + +»Uje, das ist aber fein! Ich will auch mal Gespenst sein,« schrie Hansjörg. + +»Ich auch, ich auch! Gespenst sein, ist fein,« echote es. »Morgen spielen +wir Gespenster!« + +»Wie hat er es denn als Gespenst gemacht?« + +Das schwätzte laut vor dem Budchen durcheinander, und der Kasperlemann +brummte: »So dumm bin ich nicht, euch das zu verraten. Wer spukt, kriegt +was auf den Hosenboden, und nun still! Wer redet, bekommt einen +Nasenstüber.« + +Da waren die Kinder wieder muckstill, und der Kasperlemann erzählte weiter: +»Na, kurz und gut, sie haben es im Schloß herausgekriegt, wo das Gespenst +war, und da hat es Kasperle mit der Angst gekriegt und ist durch einen +geheimen Gang entflohen. Vorher aber hat der Bösewicht dem Herzog noch +einen schweren Geldbeutel auf den Magen geworfen.« + +»War Geld drinnen?« Hansjörg riß seinen Mund wieder sperrangelweit auf, und +der Kasperlemann brummte: »Schafskopf, natürlich! Von was wäre er sonst +schwer gewesen! Wer jetzt aber noch ein Wort dazwischenredet, muß drei +Pfennige zahlen.« + +»Ich hab' nur einen Pfennig!« jammerte Minchen Hirsebrei. + +»Na, dann halt den Schnabel! -- Also, hört zu! Das Michele hat dann +Kasperle wieder geholfen. Der ist ausgerissen, und wißt ihr, wohin er +geraten ist?« + +»Nä!« schrien die Kinder. + +»Nach Torburg.« + +»Wir wollen ihn sehen, wir wollen ihn sehen!« kreischten die Kinder; +Torburg lag im Tal; nur eine Stunde weit war es von Wutzelheim entfernt. + +»Donnerwetter, bleibt doch da!« Der Kasperlemann erschrak ordentlich. Alle +Kinder wollten davonlaufen, und er saß dann da und hatte keine Pfennige. + +»Er ist ja nicht mehr dort,« rief er darum schnell. + +»Ach so!« jammerten die Wutzelheimer Kinder enttäuscht. + +»Wo ist er dann?« Hansjörg drängte sich wieder ganz nahe an das Budchen, +und klitsch! bekam er einen Backenstreich, aber tüchtig. Kasperle schlug +mit seinem Holzbein derb zu, und Hansjörg brach in ein Jammergeheul aus: +»Ich sag's meinem Vater! Ich sag's meiner Mutter, Kasperle hat mir gehaut!« + +»Sei doch nicht dumm!« Die andern Kinder zerrten Hansjörg, der davonlaufen +wollte, zurück, und der Kasperlemann fuhr zu erzählen fort: »Also, in +Torburg wohnte ein alter Gärtner, Meister Helmer, in einem wunderschönen +Garten, der nahm das Kasperle als Gärtnerburschen an. Dort hat er ein +Weilchen gelebt, bis ich eines Tages nach Torburg kam und erfuhr, Kasperle +sei dort. Nun hatte der Herzog August Erasmus eine noch höhere Belohnung +ausgesetzt; die wollte ich mir verdienen und Kasperle fangen und --« + +»Pfui!« Bums sauste ein Holzpantoffel in die Kasperlebude hinein, schlug +dem hölzernen Kasperle ein Stück von seiner Nase ab und traf des +Kasperlemannes Bauch. Da schrie der nun auch und jammerte laut. Fritze +Dünnebein aber, der den Pantoffel geworfen hatte, reckte sich stolz auf: +»Warum haste Kasperle fangen wollen!« brüllte er. »Das war böse.« + +»Du Dummkopf!« Der Holzpantoffel kam zurück, aber er traf Fritze nicht; der +fing ihn auf, steckte wieder seinen Fuß hinein und sagte patzig: »Ich geb' +dir keinen Pfennig, weil du Kasperle gefangen hast.« + +»Dumm, dumm, dumm!« schrie der Kasperlemann. »Ich hab' ihn doch nicht +gefangen! Da ist nämlich der Meister Severin gekommen, ein Geiger und +Instrumentenmacher, der allen Instrumenten eine Seele geben kann, der hat +ritsch, ratsch das Kasperle genommen und es in einen schwarzen Kasten +gesteckt und es in das Waldhaus zurückgetragen.« + +»Hurra, das ist fein! Der Meister Severin gefällt uns,« brüllten die +Kinder. Hansjörg aber fragte bedächtig: »Und wo ist's Kasperle nu?« + +»Na, im Waldhaus!« + +»Immer noch?« + +»Ja, freilich! Jetzt hat er Angst; wenn er nämlich von des Herzogs +Landjäger erwischt wird, ergeht es ihm übel. Dann wird er ins Loch +gesteckt.« + +»Er soll dort bleiben,« kreischten die Kinder. + +»Nein, er soll nicht dort bleiben,« rief der Kasperlemann grimmig, »ich +will ihn fangen. Unser guter Herzog August Erasmus hat jetzt immer so arg +das Zipperlein, und er möchte einen solchen Spaßmacher haben, der ihm die +Langeweile vertreibt; da hat er die Belohnung erhöht, er will gern das +Kasperle haben.« + +Die Kinder sahen sich an. Na, als Spaßmacher im herzoglichen Schloß leben, +das mußte doch für ein Kasperle ganz lustig sein. Sie fragten etwas +erstaunt: »Geht Kasperle net hin?« + +»I bewahre, fällt ihm nicht ein! Der fürchtet sich vor dem Herzog und +bleibt im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen.« + +»Und der Meister Severin?« + +»Der lebt auch im Waldhaus. Der hat die schöne Liebetraut geheiratet, +Meister Friedolins Pflegetochter. Alle leben sie vergnügt zusammen, und +unser Herzog kann das Kasperle nicht fangen.« + +Das erschien den Kindern doch seltsam. Ein Herzog, der Landjäger hatte, der +konnte doch Kasperle aus dem Waldhaus holen lassen, wenn er wußte, wo er +war. Hansjörg fragte darum: »Warum holt er ihn net?« + +»Weil das Landhaus im Lande des Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias XXXIX. +steht, und das ist unsers Herzogs Feind. Der sagt: >Kasperle kann bleiben, +wo er ist, der Herzog August Erasmus soll ihn nicht bekommen.<« + +»Und das Michele?« fragte Minchen Hirsebrei mit feinem Stimmlein. »Hütet +das noch die Geißen?« + +»Dumm, dumm, dumm!« Der Kasperlemann schüttelte sich ärgerlich. »Die +Geschichte, die ich euch erzählt habe, ist geschehen, als ihr alle noch +kaum auf der Welt gewesen seid. Das Michele ist inzwischen groß und +stattlich geworden und ein weltberühmter Geiger. Meister Severin hat ihm +eine Geige geschenkt, die eine wunderbar zarte Seele hat, und dann hat er +ihn unterrichtet. Jetzt reist Michele von Land zu Land, er spielt an +Königshöfen und in großen Städten und --« + +Da schwieg der Kasperlemann auf einmal und die Kinder brüllten: »Und, und, +was ist und?« + +»Ach, papperlapapp, das versteht ihr nicht! Jetzt gebt mal eure Pfennige +her! Die Geschichte ist aus.« + +»Nä, noch net!« Hansjörg stellte sich breitbeinig vor das Budchen hin und +fragte: »Ich muß noch wissen, ob nun Kasperle auch so groß wie Michele +geworden ist.« + +»Unsinn, du Quatschpeter! Ein Kasperle wächst nicht, das bleibt immer nur +so groß wie ein kleiner Junge,« brummte der Kasperlemann. »Nun raus mit den +Pfennigen!« + +»Leben die Leute in Waldrast noch?« rief Fritz Dünnebein. + +»Freilich, freilich, selbst die Base Mummeline!« + +»Und wen heiratet die Gräfin Rosemarie?« Ein kleines blondes Mädelchen, das +Agathchen Morgenschön, stellte sich auf die Fußspitzen, damit es unter den +langen Buben auch gesehen werde. + +»Die schöne junge Gräfin Rosemarie heiratet den Grafen von Singerlingen,« +brummte der Kasperlemann. »Der ist freilich schon ein bißchen alt für sie, +aber weil ihre Eltern gestorben sind, will der Herzog, der ihr Vormund ist, +sie verheiraten. Sie will den Grafen gar nicht gern, aber sie muß ihn halt +nehmen.« + +Da hielt sich Agathchen Morgenschön das Schürzlein vor die Augen, sie brach +in Tränen aus und rief klagend: »Die arme, arme Gräfin Rosemarie!« + +»Ach, potz Wetter, laß das Geflenne! Was geht dich die Gräfin Rosemarie +an!« schrie der Kasperlemann. »Raus mit den Pfennigen!« + +Da erhob sich plötzlich auf dem Platz ein lauter Lärm, Stimmen schwirrten +auf: »Haltet ihn, haltet ihn!« Und da es keinen Löwen in Wutzelheim zu +halten gab, mußte es jemand anders sein. Die Kinder drehten sich alle +blitzschnell um, da sahen sie, wie sich ein Affe von Bude zu Bude schwang. +Der war aus der Tierbude entflohen. + +»Haltet ihn, haltet ihn!« ertönte es wieder. + +Der Affe saß auf einem Leinwanddach und grinste von oben herab. Da vergaßen +die Kinder alle miteinander den Kasperlemann und sein Kasperle, sie +vergaßen aber auch, ihre Pfennige zu zahlen, sie rannten alle nach der Bude +hin, auf der das Äffchen saß; selbst Agathchen Morgenschön vergaß die +liebliche Gräfin Rosemarie, die den alten Grafen von Singerlingen heiraten +mußte. + +Vergeblich rief der Kasperlemann den Kindern nach: »Meine Pfennige, meine +Pfennige!« + +Husch, husch, war der Platz vor dem Budchen leer. Verdutzt sah der +Kasperlemann den Kindern nach. + +»Das ist doch ein unnützes Gesindel, dies Kindervolk!« brummte er +ärgerlich. »Alle meine schönen Pfennige sind futsch.« Er nahm seine Klingel +und ließ sie laut tönen: »Bimmlimbim, bimmelimbim!« + + +Aber ach, du lieber Himmel, keine Bubenbeine, keine Mädelfüße kamen +angelaufen! Über den weiten Platz hin tönte das Rufen und Schreien: »Haltet +ihn, haltet ihn, fangt den Affen!« + +Der sprang von Bude zu Bude, geriet schließlich an die Kletterstange und +kletterte hinauf. Hurra, da wollten gleich zehn Buben ihm nach, aber der +Mann neben der Kletterstange wehrte ab. »Gemach, gemach, immer langsam +voran! Hansjörg, klettere du zuerst!« + +Da kletterte Hansjörg, und als er beinahe oben war, warf ihm der Affe einen +oben angebundenen Groschenwecken platsch ins Gesicht. Da verlor Hansjörg +das Gleichgewicht und sauste samt dem Wecken von oben herunter. + +Fritze Dünnebein und Klaus Brenner ging es nicht besser. Ein Bube nach dem +andern versuchte sein Heil, aber auf einmal besann sich oben das Äfflein +und ließ Gottfried Schlippermilch, der vorher sehr wichtig getan und gesagt +hatte: »Ich schaff's schon,« ziemlich nahe kommen, dann ritsch, ratsch! +fuhr es dem Buben in die Haare, daß es dem himmelangst wurde. Er schrie und +zappelte, und als ihn das Äffchen los ließ, plumpste er wie ein dicker, +reifer runder Apfel von oben herab, mitten in die Zuschauer hinein. + +Da lag auf einmal nicht Gottfried allein am Boden, sondern noch etliche +andere auch, sogar der dicke Herr Bürgermeister saß unversehens da. Der +schalt weidlich über den Affen und die Buben, aber er wußte auch nicht, wie +der Affe herunterzuholen war. Darum sagte er, der Nachtwächter müsse sich +unten an die Stange stellen und aufpassen, die ganze Nacht hindurch; wenn +der Affe Hunger bekäme, würde er schon herabkommen. + +Das fanden alle sehr gescheit. Einstweilen blieben freilich noch die Kinder +an der Stange stehen und warteten, bis ihnen ihre Mäglein knurrten, als +säße in jedem ein hungriger Wolf. Da rannten sie geschwinde heim. Der +Kasperlemann ließ wieder seine Klingel ertönen, aber die Pfennige blieben +alle in den Kindertaschen stecken. Es war schon schlimm. Und dabei ahnte +der Kasperlemann nicht einmal, daß die Kinder von seiner schönen Geschichte +sagten: »Sie ist ja gar nicht wahr! Er hat uns nur etwas vorgeflunkert; ein +lebendiges Kasperle das gibt es ja gar nicht!« + +Nur Agathchen Morgenschön lief zur Bude hin und wollte ihren Pfennig +abgeben, aber da hatte schwuppdewupp der Kasperlemann gerade zugeschlossen. +Ganz bitterböse war er und dachte: Daran ist nur das unnütze lebendige +Kasperle schuld! Na, wenn ich das erst fange! + +Es gab nämlich wirklich ein richtiges lebendiges Kasperle, und der +Kasperlemann hatte den Kindern eine wahre Geschichte erzählt. Wenn sie es +auch nicht glaubten, wahr war die Geschichte doch. + + + + + +Zweites Kapitel + +Bei den Waldhausleuten + +In Wutzelheim schien den Kindern an diesem Abend allen der Mond auf die +Näslein. Er stand nämlich voll und rund am dunkelblauen Nachthimmel. Der +gute Mond sah aber noch mehr als die Kinder von Wutzelheim in ihren Betten +liegen, die ihre Arme, Beinchen und Nasen aus ihren weißen oder +rotkarierten Federnesten heraussteckten, der gute Mond sah auch auf eine +grüne blühende Waldwiese nieder. Und auf die schaute er mit besonderer Lust +herab, denn was er da sah und hörte, gefiel ihm besonders wohl. + +Ein Stückchen von der Grenze des Landes entfernt, in dem Herzog August +Erasmus regierte, lag ein Häuschen im Walde, vor dem breitete sich eine +Wiese aus und ringsum standen riesenhohe, uralte Tannen. In dem Häuschen +aber wohnten der Puppenschnitzer Meister Friedolin und seine Frau +Annettchen, sowie seine Tochter Liebetraut mit ihrem Mann, dem Meister +Severin. Es war alles so, wie es der Kasperlemann in Wutzelheim erzählt +hatte. + +An diesem Abend saßen die Bewohner des Waldhauses alle still auf der Wiese, +sogar die Kinder der schönen Frau Liebetraut, das Zwillingspärchen Rose und +Marie, waren noch auf. Die waren erst vier Jahre alt. Herr Severin und Frau +Liebetraut hatten schon ganz traurig gedacht, sie bekämen keine Kinder, da +hatte ihnen Gott doch noch die lieblichen Mädelchen geschenkt. Sie +lauschten alle ganz still, denn an eine Tanne gelehnt stand da Michele und +spielte Geige. Neben ihm aber hockte Kasperle, das richtige, lebendige +Kasperle. + +Michele war kein kleines Büble mehr wie einst, als ihn Herr Severin +mitgenommen hatte, er war ein großer, schöner Jüngling. In der Welt draußen +nannten sie ihn den berühmten Geiger Michael. Daheim im Waldhaus, denn das +Waldhaus war auch seine Heimat geworden, war er aber für alle noch das +Michele. + +Wenn Michele draußen in der Welt in Königsschlössern und Festsälen gespielt +hatte und heimkehrte ins Waldhaus, dann galt sein erster Gruß dem Kasperle, +denn das lief ihm jedesmal schon weit entgegen. + +Kasperle war noch immer ein kleiner wilder Unnütz, und manchmal, wenn +Michele wieder ein Stück gewachsen war, dann grämte er sich wohl über sein +Kleinbleiben. Doch Michele lachte ihn aus und sagte neckend: + + »Ob groß, ob klein, + Mein Freund mußt du sein.« + + +Kasperle antwortete dann stets: + + »Bleib ich auch ein kleiner Wicht, + Mein Michele vergess' ich nicht.« + + +Und wenn Kasperle noch so toll und übermütig war, sobald das Michele auf +seiner Geige spielte, dann wurde er muckstill und saß da wie in einer +Kirche. + +Aber Michele spielte auch wunderschön! Herr Severin, der doch ein großer +Meister und Micheles Lehrer war, sagte: »Er spielt, wie der Wald rauscht, +der Bach plätschert, die Vögel singen; so wie er spielt keiner jetzt auf +der Welt.« + +Und in dieser hellen Mondnacht spielte Michele schöner als je. Am +Nachmittag war er heimgekommen, und das Kasperle war ihm wie immer +entgegengesprungen. Aber gleich hatte Kasperle gemerkt, dem Freunde fehlte +etwas. Und als Michele jetzt spielte, da dachte das unnütze, törichte +Kasperle: »Ach, des Michele Herz weint!« + +»So hat er noch nie gespielt,« sagte Herr Severin leise zu seiner schönen +Frau Liebetraut. + +Der flossen die Tränen in den Schoß. Leise rannen sie wie Regentropfen +herab. Ach, dachte sie wie Kasperle, des Michele Herz weint ja! + + +Die Bäume rauschten nicht mehr, die Vögel, die vorher noch gezwitschert und +getschilpt hatten, schwiegen. Ein paar Rehe traten aus dem Walddunkel +heraus, alles lauschte dem Spiel des Michele. + +Und als der den Bogen sinken ließ, konnte man die Gräser zittern hören, so +stille war es im Walde. + +Die Waldhausleute saßen an diesem Abend lange auf der Wiese. Der Mond +vergaß das Weiterwandern beinahe, so gut gefiel es ihm wieder einmal. Auch +war der alte Bursch etwas neugierig, er hätte gern gehört, was Michele +erzählte. Der redete von großen Städten, in denen er gespielt hatte, auch +von Schlössern und vornehmen Leuten. Und endlich sagte er: »Bei dem Fürsten +von Wolkenburg habe ich auch gespielt und weißt du, wer da war, Kasperle?« + +»Der Herzog!« schrie Kasperle. Er fiel vor Schreck beinahe hintenüber, denn +vor dem Herzog August Erasmus, den er einmal als Gespenst arg erschreckt +hatte, und der noch immer aufpassen ließ, ob das Kasperle nicht über die +Grenze lief, hatte er eine Heidenangst. + +»Nein,« sagte Michele traurig, »der nicht, aber die schöne Gräfin Rosemarie +war da, die nächstens den Grafen von Singerlingen heiraten wird.« + +Nun fiel Kasperle doch steif wie ein Stock hin. Denn was zuviel ist, ist +zuviel, und daß die schöne Gräfin Rosemarie, die ihm einst als Kind +geholfen hatte zu entfliehen, den alten Grafen von Singerlingen heiraten +sollte, das ging über seine Nase. + +»Ist nicht wahr!« schrie er. + +»Ist doch wahr!« sagte Michele, und wieder war es, als ob sein Herz weinte. + +»Ist dumm!« Kasperle streckte vor Wut die Beine in die Luft. + +»Wer ist dumm? Was ist dumm?« fragte Michele. + +»Sie ist dumm, dumm, erzdumm!« kreischte Kasperle. + +Aber da rief Michele zornig: »Die schöne Rosemarie ist nicht dumm. Aber sie +muß den Grafen von Singerlingen heiraten, der Herzog August Erasmus, der +ihr Vormund ist, will es.« + +»Hach!« Kasperle überschlug sich dreimal, und dann hämmerte er mit den +Fäusten auf dem Waldboden herum. »Ich mach dem Herzog wieder Schrecken, ich +setz mich ihm als Gespenst auf den Magen, ih -- ih -- ih!« + +Fuchsteufelswild war das Kasperle, und Michele drohte: »Nimm du dich nur in +acht! Der Herzog hat jetzt das Zipperlein, da hat er gesagt, er möchte dich +als Spaßmacher haben. Wer dich findet, soll dich fangen.« + +»Hach, ich geh nicht zu ihm!« Kasperle kreischte so laut, daß die Vögel, +die nun eingeschlafen waren, in ihren Nestern munter wurden. + +»Dann mußt du auch nicht immer so nahe an die Grenze laufen,« sagte Herr +Severin, »dort bauen sie jetzt sogar ein Wachthäuschen und wehe, wenn sie +dich erwischen!« + +Kasperle senkte seine große Nase. Die Geschichte war ihm bänglich. Vor dem +Herzog August Erasmus und seinen Landjägern hatte er große Angst. +Eigentlich war Kasperle ein kleiner Ausreißer, der himmelgern einmal durch +die Welt wutschte, aber seit er alle die Geschichten erlebt hatte, die der +Kasperlemann in Wutzelheim erzählte, traute er sich nicht mehr weit vom +Waldhaus weg. Und wenn einer nur des Herzogs Namen nannte, gleich bekam +Kasperle Bauchweh vor Angst. + +Über dem Gerede, daß der Herzog ihn von neuem verfolge, hatte Kasperle des +Freundes weinendes Herz ganz vergessen, aber als nun Herr Severin bat: +»Spiele uns noch ein Schlußlied!« und Micheles Geige so schmerzlich tönte, +wurde es ihm ganz wind und weh. Sein kleines Kasperleherz brach fast vor +Mitgefühl, und er war nachher beim Gutenachtsagen ganz still. + +Im Waldhaus gab es nicht allzu viele Zimmer, und Michele, der doch ein +weltberühmter Künstler war und in der Welt draußen reich und vornehm +wohnte, mußte, wenn er heimkam, im Waldhaus immer noch in seinem alten +Bubenkämmerchen mit Kasperle zusammen hausen. Aber das tat Michele gern. +Als Kind hatte er bei einem Bauern auf dem Heuboden seine Liegestatt gehabt +und nichts besessen als ein Höslein und zwei Hemden. Daran und wie ihn +durch Kasperle Meister Severin gefunden und ihn zu einem großen Künstler +gemacht hatte, mußte er immer denken, wenn er ins Waldhaus kam. »Mein +liebes Waldhaus!« sagte er immer. + +Auch heute stieg er ins Bubenkämmerchen hinauf; das lag unter dem Dach, und +die volle, helle Mondscheibe stand vor dem kleinen Fenster. Da brauchte man +nicht Licht anzuzünden, Michele sah beim Mondenlicht, daß Kasperle traurig +dreinsah, und Kasperle sah das von Michele. + +Es mochte ein Weilchen aber keiner anfangen zu fragen. Endlich tat das +Kasperle einen kellertiefen Seufzer und fragte: »Michele, was hast?« + +»Kasperle, was hast du?« + +»Hach, ich hab' zuerst gefragt!« schrie Kasperle und schoß über sein Bett +einen Purzelbaum hinweg und kam gerade auf des Michele Magen zu sitzen. + +»Magenweh hab' ich,« schrie der. »Au, bist du schwer!« + +Da rutschte Kasperle auf den Bettrand und fragte noch einmal, und sein +kleines, unnützes Gesicht sah dabei ganz traurig aus: »Michele, was hast?« + +»Mir tut das Herz weh,« antwortete Michele. + +»Warum tut's weh? Sitzt was Schlimmes drinnen?« + +»Ja, eine sitzt drinnen, die wird bald einen andern heiraten.« + +»Hach!« schrie Kasperle, »ich weiß, wer es ist: Rosemarie.« + +»Ja, die Gräfin Rosemarie.« Michele seufzte schwer. Und dann erzählte er, +wie er die schöne Gräfin Rosemarie am Fürstenhofe gesehen habe, und er habe +sie gar nicht anzusprechen gewagt. Aber da habe sie ihn auf einmal leise +gefragt: »Ist Herr Michael, der berühmte Geiger, nicht des Kasperles +Michele?« + +Da waren sie vertraut mitsammen geworden. Er hatte ihr vom Waldhaus +erzählen müssen und von Kasperle, und sie waren beide glücklich mitsammen +gewesen. Auf einmal aber sei der Herzog August Erasmus gekommen, mit ihm +der Graf von Singerlingen, und da sei eins, zwei, drei Verlobung gefeiert +worden, und in vier Wochen sollte Hochzeit sein. Michele aber hatte die +schöne Gräfin Rosemarie nur noch einmal gesehen, da hatte er gespielt, und +sie hatte dagesessen und die Tränen waren in ihren Schoß gefallen. + + +»Seitdem weint meine Geige immer, wenn ich spiele,« sagte Michele, »und +viele Menschen weinen mit. Das kommt, weil ihr Herr Severin eine so zarte +Seele gegeben hat.« + +»Ich geh' als Gespenst zum Herzog,« kreischte Kasperle. Er trommelte wütend +auf der Bettdecke herum. + +Michele aber erwiderte: »Kasperle, das hilft nichts. Die schöne Rosemarie +wird Frau Gräfin von Singerlingen, und ich muß einsam bleiben mit meinem +traurigen Herzen.« + +Kasperle schluchzte laut. Der Freund tat ihm zu leid, und er sagte: +»Michele, ich helf' dir.« + +»Wie denn, Kasperle?« + +Ja, wie denn? Wenn Kasperle das nur gleich gewußt hätte! »Ich entführe +Rosemarie,« schrie er endlich. + +»Da mußt du erst ins Schloß gelangen, und das ist schwer. Da gibt es viele +Wächter und Hunde, an denen du vorbei mußt. Und jetzt läßt der Herzog sogar +noch überall Kasperles aufstellen, die aussehen wie du, überall an Weg und +Pfad, auf Grenzsteinen, an Schlagbäumen setzt er Kasperlepuppen hin, +darunter steht: >Wer einen, der lebendig ist und so aussieht, fängt, der +bekommt hunderttausend Taler.<« + +»Huuuh!« Kasperle riß nun aber seinen Mund sperrangelweit auf. »Das ist +zuviel!« schrie er. + +»Ja, viel ist's schon, und du kannst dir denken, wie arg alle Leute +aufpassen, um dich zu fangen.« + +Kasperle nickte trübselig. Das war nun arg schlimm! Er dachte, daß neulich +der böse Bäcker aus Protzendorf am Waldhaus vorbeigefahren war und gerufen +hatte: »Komm mit, Kasperle, ich fahr' dich ein Stück!« Ja, und beinahe wäre +er der Einladung gefolgt. O jemine, da wäre er bös hereingefallen! + +»Aber woher hat der Herzog denn alle Kasperles?« fragte er plötzlich. + +»Die hat der gute Meister Friedolin selbst geschnitzt.« Michele streichelte +seinen kleinen Freund. »Alle Kasperlemänner haben bei ihm neue Puppen +bestellt; die hat ihnen dann der Herzog für viel, viel Geld abgekauft.« + +»Ich bleib' im Waldhaus und gehe keinen Schritt mehr raus,« rief Kasperle +ängstlich. + +»Ja, das tu nur!« + +»Aber Rosemarie!« Auf einmal fiel die dem Kasperle wieder ein, er rief: +»Ich helfe dir.« + +»Ach, mir kann niemand helfen!« klagte Michele. »Und meine Geige wird +immer, immer weinen müssen.« + +»Nä,« schrie Kasperle, »ich helfe dir, ich weiß noch nicht wie, aber über +Nacht ist's gedacht.« + +Und dann stieg Kasperle in sein Bett, denn allemal, wenn er über etwas +nachdenken wollte, fand er es am besten, im Bett zu liegen oder draußen +unter einer der großen, uralten Tannen. Viel dachte das Kasperle ja gerade +nicht nach. Wenn es sagte: »Ich will's mir überlegen,« und im Bett lag, +dann rasselte das nachher gleich fürchterlich: das Kasperle schlief und +schnarchte. + +An diesem Abend aber blieb es still im Bubenstübchen, in dem nun auch +wieder der berühmte Geiger Michael lag. Der seufzte manchmal tief, und dann +steckte Kasperle seine Nase tief, tief in die Kissen hinein und seufzte +auch. + +Und der Mond schüttete seine silbernen Strahlen in die kleine Kammer. Ach, +hätten darauf doch lauter gute und absonderlich kluge Einfälle gesessen! +Wunderbar war es aber, immer wenn der Mond so recht hell schien, dann +meinte Kasperle ein weißes Haus zu sehen, einen Garten mit bunten Blumen, +und in dem Garten saß er, sah froh zu dem Hause hin und dachte: Endlich bin +ich daheim! Und dann kamen etliche Kasperlebuben und Kasperlemädels +angehüpft, die riefen: »Endlich bist du wieder auf unserer Insel!« + +Wie sonderbar das war! Auch heute sah Kasperle das weiße Haus und den +bunten Garten vor sich, und dabei lag er doch im Bett und dachte darüber +nach, wie er dem Michele helfen könnte. + +Kasperle schlug die Augen wieder auf. Der Mond sah noch immer in das +Kammerfenster hinein, er lachte ordentlich. Und auf einmal, er wußte kaum, +wie es geschehen, stieg Kasperle leise, leise aus dem Bett, kletterte auf +das Fenster, kletterte hinaus, schwang sich draußen auf das Dach, und da +saß er im vollen Mondenlicht auf dem Dach des Waldhauses. + +Wie schön das war! Licht floß an den hohen Tannen herab, glitzerte unten +auf der Waldwiese, und die Bäume rauschten geheimnisvoll. Und wie Kasperle +so saß und in den Wald hineinsah, blickte er auch die drei Wege entlang, +die von den Dörfern Lindendorf, Schönau und Protzendorf nach dem Waldhaus +führten. + + +Auf dem Wege aber, der von Protzendorf herkam, wanderte ein Mann. Komisch +war das, der Mann ging gebückt, blieb manchmal stehen und schaute sich dann +um, als ob er irgend etwas vorhätte und sich nicht recht traute. + +Warum nur Flock nicht bellt! dachte Kasperle, und gerade da kam Flock +angerannt. »Wauwauwau!« bellte er laut, aber da warf ihm der Mann etwas hin +und schnapp! griff Flock danach. Wahrhaftig, es sah wie eine große Wurst +aus! Und Flock vergaß rasch das Bellen. Kasperle dachte: Na, warte du, du +bist mir ein schöner Wächter! + +Himmel, und was geschah nun! + +Kasperle legte sich vor Schreck platt auf das Dach. Er sah nämlich, wie der +Mann sich an das Waldhaus heranschlich, eine Leiter nahm und diese gerade +an das offene Kammerfenster lehnte, aus dem Kasperle vor einem Weilchen +herausgeklettert war. + +Ja, und potztausend, der Mann war der Schäfer Damian ohne Maul aus +Protzendorf! Den hatte Kasperle einst arg gekränkt auf seiner kunterbunten +Reise in die Welt hinaus, von der der Kasperlemann den Kindern in +Wutzelheim erzählt hatte. Und jetzt wollte ihn Damian heimlich rauben, ganz +sicher wollte er das! + +Ei, das soll dir schlecht bekommen! dachte Kasperle. Er rutschte auf dem +Dach entlang, leise, ganz leise, und als Damian gerade in das Kammerfenster +gewutscht war, gab er von oben der Leiter einen Stoß und fing ein +mörderliches Geschrei an: »Michele, Michele, zur Hilfe!« + +Damian, der in dem Kämmerchen stand, erschrak, er hörte das Schreien und +sah plötzlich, wie jemand aus dem Bett aufstand, der groß und kräftig war, +gar nicht so klein wie das Kasperle. + +Michele hörte Kasperles Rufen, sah den fremden Mann in der Kammer und +ripsch, rupsch nahm er einen Stuhl und schlug den Damian ohne Maul um die +Ohren. Kasperle aber hatte auf dem Dach eine Latte gefunden; mit der +rutschte er wieder in die Kammer, und klitsch, klatsch schlug er Damian auf +den Hosenboden. + +Der wußte gar nicht, wie ihm geschah, er wollte ausreißen, denn die beiden +in der Kammer bedrängten ihn hart, und dazu schrien alle beide, daß das +ganze Haus munter wurde. Man hörte Rufen, Schritte polterten, und da hatte +Damian ohne Maul das Fenster erreicht und potz Kuckuck! -- weg war die +Leiter. + +Plumps! fiel Damian von oben herab. Er fiel mit der Nase in etwas Nasses, +daß es hoch aufspritzte. Meister Friedolins rote Kasperlefarbe war es, die +da unter dem Fenster stand, und weil er wieder eine Anzahl Kasperle anmalen +wollte, hatte er gleich ein bißchen viel in einer flachen Schüssel +angerührt. + +Pfui, wie das roch und schmeckte! + +Damian ohne Maul erhob sich stöhnend. Er witschte und spuckte, und da +packten ihn kräftige Hände. Meister Friedolin war es und Herr Severin. +Michele war auch dazu gekommen, und das Kasperle drosch mit seinem +Holzscheit vergnügt auf Damians Hosenboden herum, als wäre das ein Teppich, +den er ausklopfen sollte. + +Da hatte Damian ohne Maul auf einmal ein Maul. Das riß er sehr weit auf, er +schrie mörderlich, bat, man solle ihn laufen lassen, und drehte und wand +sich. Hops, hops sprang Kasperle um ihn herum, es war schon recht +unangenehm für Damian. + +Herr Severin und Michele hielten ihn schließlich fest, und Herr Severin +fragte: »Was wolltest du stehlen?« + +»Mich!« -- Klitsch, klatsch! -- »Mich, mich!« schrie Kasperle. »Das ist +Damian ohne Maul, der hat mich stehlen wollen.« + +Da senkte Damian beschämt den Kopf und sagte kläglich, der Herzog August +Erasmus habe so eine große Belohnung ausgeschrieben; die habe er sich +verdienen und wirklich das Kasperle stehlen wollen. Der Kasperlemann, der +ihn dazu ansgestiftet, der habe ihm verraten, wo Kasperles Kammer sei. + +»Ei, das sind ja schöne Geschichten!« rief Meister Friedolin. »Solange ich +im Waldhaus wohne, ist so ein schlechter Mensch noch nicht dagewesen.« + +»Ich bin nicht schlecht, -- au, au!« schrie Damian, denn Kasperle schlug +noch immer auf ihn los. Da faßte Michele Kasperles Hand und sagte: »Nun hat +er genug. Die Geschichte wird unserem Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias +gemeldet und dem Bauer Strohkopf in Protzendorf dazu, da wird der Damian +schon seine Strafe bekommen.« + +Dem langen Damian wurde es himmelangst, und er, der sonst am Tag kaum drei +Worte sprach, bettelte und bat jetzt kläglich, man möchte ihn nicht +verraten, er würde Kasperle auch immer beschützen, wenn es einmal in Gefahr +geriete. + +Der Damian jammerte so, daß Kasperle geschwind vor lauter Mitgefühl ein +jämmerliches Geheul anfing und flehte: »Laßt ihn los, ach bitte, bitte, +bitte!« + +»Na meinetwegen!« brummte Meister Friedolin, Herrn Severin war es auch +recht, und Frau Liebetraut streichelte Kasperle und sagte: »Das ist mal +recht von dir, daß du den Damian losbittest!« + +Da durfte der heimwärts ziehen, die Leute im Waldhaus sagten ihm zu, sie +würden ihn nicht anklagen, und Damian versprach nochmals heilig und teuer, +wenn er einmal dem Kasperle helfen könne, würde er es tun. Zu guter Letzt +gab ihm Kasperle noch die Hand, und Damian trollte sich von dannen. + +Im Waldhaus gingen alle in ihre Betten, auch Kasperle kroch hinein, und +jetzt lockte und rief ihn der Mond nicht mehr. Der war weiter gewandert, +fing schon an, blaß vor Ärger zu werden, denn er sah den neuen Tag +heraufziehen, und er fand, er könnte ganz gut einmal die Sonne vertreten +und am Tage scheinen. Doch die wollte sich das nicht gefallen lassen. Auf +einmal war sie da, die Vögel sangen ihr jubelnd entgegen, im +Bubenkämmerlein aber lag Kasperle noch immer mit offenen Augen im Bett. Und +gar nicht froh sah er aus, sondern höchst betrübt. Ihm war nämlich +eingefallen, wie er dem Michele helfen könnte. Aber das war ein schweres +Werk, fast zu schwer für ein Kasperle! + + + + +Drittes Kapitel + +Kasperles Brief + +Der Kasperlemann in Wutzelheim kriegte seine Pfennige nicht, und er kehrte +den Wutzelheimer Kindern erbost den Rücken. Ehe die am nächsten Morgen +aufstanden, war der Kasperlemann samt seinem Budchen, das er auf einen +Eselkarren geladen hatte, schon auf und davon gezogen. Weg war er. Niemand +wußte wohin, niemand hatte ihn wegfahren sehen. In Wutzelheim sagten sie, +so etwas tue man doch nicht, wenn einer einmal zum Schützenfest komme, dann +müsse er auch bis zum Schluß bleiben. Aber alles Reden half nichts, der +Kasperlemann war weg und blieb weg. Die Kinder fuhren für ihre Pfennige +Karussell, das war auch lustig. + +Unterdessen aber rollte des Kasperlemanns Wäglein dem Schlosse zu, in dem +die schöne Gräfin Rosemarie wohnte. Der Graf von Singerlingen hatte nämlich +einen Boten geschickt, der Kasperlemann möchte flink dorthin kommen. Mit +Prunk und Pracht sollte die Hochzeit gefeiert werden, der Herzog wollte +dazu kommen, und um den Gästen einen Spaß zu bereiten, hatte der Graf von +Singerlingen gemeint, ein Kasperlespiel wäre sehr lustig und unterhaltsam. + +In acht Tagen sollte die Hochzeit stattfinden. Die schöne Rosemarie ging +mutterseelenallein durch den Wald, der sich östlich vom Schlosse hinzog. +Sie dachte traurig daran, daß sie nun den alten Grafen von Singerlingen +heiraten sollte und doch den Geiger Michael von Herzen liebhatte. In den +Bäumen sangen die Vögel, die feinen, zarten Waldblumen drehten alle dem +schönen Mädchen ihre Gesichtchen zu, und die hohen Bäume rauschten; wie ein +liebes, lindes Trösten klang es. Ach, dachte Rosemarie, wenn mir doch +jemand helfen möchte! Ich bin so mutterseelenallein in der Welt. Sie setzte +sich auf einen umgeschlagenen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen. + +Da kam ein Wanderbursch vorbei, der sang vergnügt vor sich hin: + + »Nur tapfer sein, + Nur net verzagt! + Der Sonne Schein + Blinkt wieder, wenn's tagt. + Trallalala, Trallalala! + + + Meine Fiedel soll klingen + Lieblich und fein, + Ein Lied will ich singen + Wie's Waldvögelein. + Trallalala, Trallalala! + + + Drum zieh ich hinaus, + Die Fiedel zieht mit; + Im Wald steht ein Haus, + Da sag' ich meine Bitt'. + Trallalala, Trallalala!« + + +Auf einmal entdeckte der Wanderbursch die schöne Rosemarie, und er fragte +mitleidig: »Warum weint Ihr, schönes Fräulein?« + +»Weil mir das Herz weh tut,« antwortete Rosemarie. »Aber sage, wohin ziehst +du? Wo ist das Haus im Walde, und was für eine Bitte wirst du dort sagen?« + +»Ei,« erwiderte der Wanderbursch, »mir tut's arg leid, daß Euch das Herz +weh tut, schöne Gräfin! Aber wartet nur, ich werde kommen und Euch helfen. +Ich ziehe ins Waldhaus, das liegt hinter dem Herzogtum; dort wohnt der +Meister Severin, der kann allen Instrumenten eine Seele geben, zu dem will +ich meine Fiedel bringen. Und der Herr Michael ist dort, der der +allerberühmteste Geiger ist, den will ich bitten, er soll mir zeigen, wie +man so wunderschön spielt. Und dann komme ich zurück und spiele Euch etwas +vor; da werdet Ihr froh werden und wieder lachen.« + +Rosemarie seufzte nur bei diesen Worten, und sie fing noch bitterlicher zu +weinen an. Dem Wanderburschen tat sie arg leid, und er dachte: Ich will +flink laufen, damit meine Fiedel eine Seele bekommt und ich die arme schöne +Rosemarie recht trösten kann. Und er rannte spornstreichs davon, um nur ja +recht schnell in das Waldhaus zu kommen. + +In seinem Eifer sah der Wanderbursch gar nicht, daß die schöne Gräfin +Rosemarie nur noch bitterlicher weinte. Er lief wie ein Hase, und als er +auf der Landstraße eine schnelle Post fahren sah, sprang er hinten auf und +dachte: So komme ich gewiß heute noch ins Waldhaus. + +Ein bißchen länger dauerte es aber doch. Die Post hielt sehr lange an einem +Wirtshaus, und erst am zweiten Tag kam er nach Protzendorf. Dort fragte er +den ersten besten, der ihm begegnete, nach dem Weg, der zum Waldhaus führe. +Das war nun gerade der Schäfer Damian. Der schrie gleich los: »Ich leid's +net, ich hab's versprochen, das Kasperle zu beschützen.« Und er hob drohend +seinen langen Schäferstab gegen den Wanderbursch. + +Der dachte: Ei, bei dem Schäfer scheint's nicht richtig zu sein! Und weil +er keinen so langen Stock hatte, lief er flink davon. + +So kam er schneller an die Grenze, als Damian dachte. Und weil er gerade im +Laufen war, lief er auch an der Schildwache vorbei, ehe die sich noch recht +besonnen hatte, wer wohl der Wanderer sein könnte. + +Nachher rief der Landjäger, der Wache stand, flink einen zweiten aus dem +Häuschen heraus, und alle beide schrien: »Hollahe, nicht davonlaufen!« aber +da war der Wanderbursch schon am Waldhaus. + +Vor dem Waldhaus schlug Kasperle Purzelbaum, einen, noch einen, schnell und +schneller. Der Wanderbursch blieb verdutzt stehen, und auf einmal schlug +ihm Kasperle mit seinem Bein an die Nase. + +»Au!« schrie der Wanderbursch und hielt sich seine Nase fest. + +»Au!« kreischte Kasperle und steckte seinen Fuß in den Mund. + +Beide schauten sich an, und beide fragten zu gleicher Zeit: »Wer bist du +denn?« + +Kasperle, der nun schon wußte, es war besser, keinem Fremden zu sagen, er +sei ein echtes, rechtes Kasperle, grinste nur, der Wanderbursch aber +erzählte: »Ich heiße Jörgel und suche den Meister Severin und Herrn +Michael.« + +»Hach!« schrie Kasperle. »Wo kommste denn her?« + +»Von weit her,« sagte Jörgel. »Aber weißt du, vor ein paar Wochen hab' ich +einen Kasperlemann gesehen, dessen Kasperle sah genau so aus wie du.« + +»Hach!« schrie Kasperle wieder und schnitt ein fürchterliches Gesicht. +»Dumm, dumm wenn du nichts weiter gesehen hast!« + + +»Ei, was bist du für ein frecher kleiner Kerl!« rief Jörgel gekränkt. +»Nennst mich dumm, und dabei bin ich noch einmal so lang wie du und gewiß +noch einmal so gescheit wie du. Und gesehen habe ich schon allerlei, +gestern zum Beispiel im Walde die schöne Gräfin Rosemarie. Die saß da und +weinte, und sie sagte, ihr Herz täte ihr weh. Na, ist das auch dumm?« + +Kasperle gab keine Antwort. Er streckte sich auf einmal lang aus, lag da +ganz steif, verdrehte die Augen, und dem Jörgel wurde himmelangst. Er +wollte schon ins Waldhaus laufen und Hilfe holen, denn er dachte: Der +schnurrige kleine Kerl stirbt hier unversehens auf der Waldwiese. Doch da +richtete sich Kasperle auf und rief: + +»Bleib hier und kein Wort darfste von Rosemarie sagen! O jegerl, o jegerl, +ich armes, armes Kasperle! Nun muß ich es doch tun.« + +Und flugs fing das Kasperle so schrecklich zu heulen an, daß es alle im +Waldhaus hörten. Michele und die schöne Frau Liebetraut kamen gleich +angerannt, und die dachten gar, der Wanderbursch hätte Kasperle etwas +zuleide getan. Michele schalt heftig auf den armen Jörgel ein, doch da +schrie Kasperle: »Er hat nichts getan. O jemine, o jemine, mein Bäuchle, +mein Bäuchle!« + +Da hob Frau Liebetraut das Kasperle empor, trug es in das Haus, legte es in +sein Bett, und das törichte Kasperle klagte nur immer: »Mein Bäuchle tut +weh, mein Bäuchle!« Und dabei war es doch sein kleines Kasperleherz, das +ihm vor lauter Mitgefühl so bitter weh tat. Er wollte ja so gern Michele +und der schönen Rosemarie helfen, wußte auch, wie er es wohl anfangen +könnte, aber -- aber schwer war es, sehr, arg schwer. + +Kasperle lag in seinem Bett und heulte. Jörgel saß unten und Herr Severin +fing an, auf seiner Geige zu spielen. Das klang süß und fein durch das +Haus, und dann nahm Michael die Geige und spielte darauf, und da schwiegen +die Vögel im Walde, die Bäume stellten das Rauschen ein, alles lauschte, so +lieblich und zart zugleich klang es. + +Kasperle hörte das Spielen, und plötzlich kletterte er aus seinem Bett +heraus und ging an des Michele Schreibzeug. Der mußte oft Briefe in die +Welt senden, und er hatte einen ganzen Berg Briefpapier daliegen. Von +diesem suchte sich Kasperle den allerschönsten Bogen heraus, und weil er, +seit er in Waldrast in die Schule gegangen war, etwas schreiben konnte, +fing er an, einen Brief zu schreiben. Auf, ab, kreuz, quer -- die +Buchstaben standen da wie die Halme eines Roggenfeldes, wenn Hagel darüber +hingegangen ist. Zuletzt malte Kasperle mit ungeheuren Buchstaben seinen +Namen darunter, und dann war der Brief fertig. + +Kleckslein gab es etliche. Wen störte das? Kasperle nicht. Der tat den +Brief in einen Umschlag und verbarg ihn in seinem Wämslein. Und dann ging +er auf Kasperleart die Treppe hinab, er schlug einen Purzelbaum und war +schneller unten, als ein Sperling fliegt. + +Weil alle im Hause auf Micheles Spiel hörten, achtete niemand auf das +Kasperle. Das flitzte davon; heidi! weg war es. Es rannte durch den Wald, +den Weg entlang, der nach Protzendorf führte. Fein sorgsam hielt es sich +aber im Gebüsch verborgen, und als es endlich Stimmen hörte, kletterte es +flink auf eine hohe Tanne. Von dort aus erblickte Kasperle das neue +Grenzwächterhaus; er sah zwei Grenzwächter vor der Türe sitzen, die redeten +miteinander und schauten immer nach rechts und nach links, um heute ja +niemand mehr zu verpassen. + +Kasperle nahm den Brief, wickelte ihn um einen Stein, den er sich +mitgenommen hatte, knotete sein Taschentuch darum und warf alles den +Grenzwächtern vor die Füße. + +Bums! fiel das Päckchen vor beiden nieder. Die schauten sich verdutzt um, +sie sahen aber niemand und nichts. Kasperle war rasch von der Tanne halb +heruntergeglitscht. Er konnte aber gerade noch die beiden Wächter sehen. +Die knoteten das Tüchlein auf, fanden den Brief und lasen erstaunt: »An +Härzog Aukuhst Ehrasssmuhs fon Kasperle.« + +»Potztausend!« riefen beide. »Das ist aber mal ein dummer Streich!« Weil +Kasperle den Umschlag nicht geschlossen hatte, konnten sie auch lesen, was +in dem Brief stand. + + »Hähr Härzog iich Kasperle wil bai diech gomen un fiel + Schbaasen magen wen Krefin Rohsemarie heurathen dut main + Freund Michele. Un ich reisse niemalen auhs, nuhr wen du + sackst: gäh sum Teifele Kasperle. Dan gäht Kasperle -- ahber + for immer. Schmaise auch ainen Briff übber die Gränze miht + dain Wort. Dann gomd bästimt + + + Kasperle.« + + +»Je, je, je! Ist das nun ein richtiger Brief, oder ist's 'n Schabernack?« +meinte der eine Wächter, und der andere brummelte: »Hm, hm, so'n Geschreibe +könnte schon ein Kasperle fertig bringen!« + +Und dann legten alle beide die Finger an die Nasen und überlegten, ob sie +den Brief dem Herzog bringen sollten. + +»Ja,« sagte der eine. + +»Nein,« rief der andere. + +»Recht -- nein,« antwortete der erste. + +»Recht -- ja,« erwiderte der zweite. + +Da rief der erste wieder ja und der zweite wieder nein, und schließlich +nahmen sie ein langes und ein kurzes Holz und zogen. Der erste zog das +lange, und da fiel es beiden ein, sie hatten gar nicht ausgemacht, ob das +lange oder das kurze Holz ja sein sollte. + +Das Gestreite ging noch eine Weile hin und her, und es wäre viele Tage wohl +noch so gegangen, wenn nicht der Bauer Strohkopf aus Protzendorf gekommen +wäre. Den hielten die beiden Wächter für einen absonderlich klugen Mann, +und sie legten ihm Kasperles Brief vor und fragten: »Hat das Kasperle +geschrieben?« + +Der Bauer Strohkopf nahm den Brief, las ihn bedächtig einmal, noch einmal, +denn das Lesen war ihm eine mühsame Sache, und endlich legte er den Finger +an die Stirn, schaute die beiden Wächter mitleidig an und sagte: »Na, da +steht doch Kasperle darunter, also muß er doch den Brief geschrieben +haben!« + +»Aber,« rief der eine Wächter und legte wieder den Finger an die Nase, +»wenn sich doch jemand einen Spaß gemacht hätte?« + +»Aber es steht doch Kasperle darunter!« Der Bauer Strohkopf lachte, es +klang, als rassle eine alte Pauke. »Dumm, dumm, dumm! So schlecht kann wohl +überhaupt niemand schreiben, wie der Brief geschrieben ist,« rief er. Ach, +lieber Himmel, und dabei konnte der Bauer selbst kaum schreiben! + +Aber die Grenzwächter sagten, sie glaubten, er habe recht, und einer von +ihnen sollte den Brief zu dem Herzog tragen. Der ältere rief: »Allemal der +Älteste.« + +»Nä,« rief der Bauer, »der Jüngste muß es sein, er hat die flinksten +Beine!« + +Wieder sagten die beiden, der Bauer Strohkopf wäre doch erstaunlich klug, +und der dicke Bauer grinste und versprach ihnen, er würde ihnen einen +Schinken schicken, so sehr hatte ihm die Rede der Grenzwächter +geschmeichelt. + +Der jüngere Wächter lief nun mit dem Bauer nach Protzendorf, denn der +wollte ihm einen Wagen geben, damit er schneller zum Herzog käme, und er +rannte so flink, daß der dicke Bauer kaum nachkommen konnte und unterwegs +meinte, es wäre doch besser gewesen, den älteren zu nehmen. + +Das alles hörte Kasperle nicht, aber er sah den Grenzwächter rennen, und +sein kleines Kasperleherz bebte vor Angst. Zu dem Herzog gehen, vor dem er +sich so schrecklich fürchtete, es war wirklich sehr schwer! Und tiefbetrübt +rutschte er von der großen Tanne herab und schlich sich in das Waldhaus +zurück. + +Der Wächter fuhr unterdessen mit dem Bauer Strohkopf in das Land hinein. +Dem war es auf einmal eingefallen, wenn er mitführe, könnte er gar noch +eine Belohnung erhalten. Die beiden langten ganz spät am Abend am Schloß +der Gräfin Rosemarie an, und der Wächter sagte: »Hier rasten wir.« + +»Ja,« brummte der Bauer und dachte bei sich: Ich fahr' allein weiter, denn +dann sage ich dem Herzog zuerst die Botschaft. Es war dumm, daß ich den +Wächter mitnahm. + +Dieser ging in das Schloß, um zu fragen, ob man ihm wohl gestatte, im +Heuschober zu schlafen, und drinnen erfuhr er, der Herzog sei gerade +angekommen. Er lief eiligst hinaus, sah den Bauer wer weiß wohin fahren, +ließ ihn ziehen und sagte drinnen gewichtig: »Ich bringe einen Brief von +Kasperle.« + +»Bewahr' mich vor dein Ungetüm!« rief die alte Liesetrine. »Raus, raus! Mit +einem, der Kasperle kennt, will ich nichts zu schaffen haben.« + +Da wäre beinahe der Wächter mit seinem schönen Kasperlebrief noch +hinausgeworfen worden. Er erhob aber seine Stimme laut und schrie so +heftig, daß es durch das ganze Schloß hallte: »Ich komme von Kasperle, ich +komme von Kasperle, Kaaasperle!« + +Das hörte ein Diener des Herzogs, der sagte es dem zweiten Kammerdiener, +der wieder sagte es dem ersten Kammerdiener, der sagte es einem +Kammerherrn, der sagte es dem Oberhofmeister, und der sagte es schließlich +dem Herzog. + +Und gerade plagte den Herzog August Erasmus das Zipperlein, als er von +Kasperles Brief erfuhr. Da ließ er sehr geschwinde den Wächter kommen, und +der übergab ihm den Brief. Der Herzog las und schüttelte den Kopf, und er +reichte den Brief seinem Oberhofmeister. Der las und schüttelte auch den +Kopf. Der Kammerherr aber, der dann den Brief zu lesen bekam, schüttelte +den Kopf, ohne zu lesen. Da sagte der Herzog: »Merkwürdig!« und alle im +Zimmer sagten auch: »Merkwürdig!« + +Der Wächter mußte nun erzählen, wie er den Brief gefunden hatte, und er +sagte: »Er ist gewißlich von Kasperle; der Bauer Strohkopf sagt's auch.« + +»Dummkopf!« brummte der Herzog, der es unschicklich fand, in seiner +Gegenwart von einem Bauern zu reden, der Strohkopf hieß. + +»Strohkopf heißt er, halten zu Gnaden!« Der Wächter dachte, der Herzog habe +ihn nicht richtig verstanden. Da rief der wieder ärgerlich: »Dummkopf!« + +»Strohkopf, halten zu Gnaden!« Puff, stieß ein Kammerherr den Wächter an, +er solle stille sein. + +»Esel!« schrie der Herzog. »Geh er hinaus! Ich muß mich mit meinem ersten +Minister beraten, was ich tun soll.« + +Da rannte der Wächter hinaus und schrie schon an der Türe: »Der Herr +Minister soll zum Herzog kommen!« + +»Esel!« brüllte der Herzog. + +»Der Herr Minister Esel soll zum Herzog kommen!« brüllte der Wächter, der +nicht anders meinte, als dies sei der Name des Ministers. Er selbst hielt +sich für so klug, daß er nicht dachte, jemand, selbst ein Herzog, könnte +ihn Dummkopf oder Esel schelten. + +Der gute Minister aber wollte gerade in sein Bett steigen, als sich draußen +das Geschrei erhob. Er erschrak darob so sehr, daß er wieder aus seinem +Bette herausfiel und in der Verwirrung seinen Rock als Hose nahm und die +Hose als Jacke anziehen wollte. Zuletzt kam er aber doch in seine Sachen, +er ging in des Herzogs Zimmer, und der hielt ihm Kasperles Brief hin. + +»Ich will das Kasperle haben,« rief der Herzog. »Meinetwegen mag die Gräfin +Rosemarie in acht Tagen den Geiger Michael heiraten.« + +»Und der Graf von Singerlingen?« fragte der Minister. + +»Der kriegt eine Prinzessin. Ich habe doch noch meine Base Gundolfine, die +will gerne einen Mann, und ich mag sie nicht heiraten. Der Graf von +Singerlingen tut mir schon den Gefallen und heiratet sie. Nun soll +geschwind an Kasperle geschrieben werden, wenn er zum Hochzeitstag mit +seinem Michael hierherkommt, dann erhält der die Gräfin Rosemarie und ich +mein Kasperle. Aber das ist ein großes, großes Geheimnis!« + +Wutsch! legten alle den Finger auf den Mund, und ein Diener lief hinaus, um +den Wächter zu suchen, damit der nichts verrate. Er fand ihn, als der +gerade der alten Liesetrine von Kasperles Brief erzählte. Eben wollte er +sagen: »Der Geiger soll die Gräfin Rosemarie heiraten,« da schlug ihm der +Diener mit der Hand auf den Mund. Das klatschte tüchtig, und der Wächter +brachte kein Wörtlein heraus. Der Diener schleppte ihn zum Herzog, und dort +hatte der Minister gerade den Brief fertig geschrieben. Der lautete: + + »Wir Herzog August Erasmus VI. von Himmelhoch sagen + Dir, Kasperle, daß alles vergeben und vergessen sein soll, was Du + einstmals Unnützes getan hast, auch daß Du Uns vor zwölf + Jahren einen Geldsack auf den Bauch geworfen hast, wenn Du + fortan so lange in Unseren Diensten sein willst, bis Wir sagen: + >Scher Dich zum Teufel!< Alsdann magst Du zum Teufel gehen. + Sei in vier Tagen mit dem Geiger Michael hier, er soll dann die + Gräfin Rosemarie heiraten. Hältst Du Uns aber zum Narren, + dann wehe Dir, Kasperle, dann ergeht es Dir ganz schlimm! + So ist mein Wort.« + + +»Punktum!« sagte der Herzog und klebte ein dickes, großes Siegel unter den +Brief. Den bekam der Wächter, und der dachte, es gäbe nun auch eine +Belohnung, aber die gab es nicht; der Herzog sagte, erst müsse er Kasperle +haben. + +Da zog der Wächter ab, und weil es eine mondhelle Nacht war, ging er gleich +zurück. Als er ein Weilchen gewandert war, kam der Bauer Strohkopf hinter +ihm her. Der hatte im nächsten Ort erfahren, daß der Herzog bei der schönen +Gräfin Rosemarie weile. Nun war er arg wütend, denn im Schloß hatte man ihn +nicht einmal eingelassen. Der Herzog lag schon im Bett und der Wächter war +unterwegs. + +»He, hollahe!« schrie der Bauer Strohkopf. Er dachte: Nun erfahre ich doch +etwas! Aber klatsch! da hielt sich der Landjäger die Hand vor den Mund, und +der gute Strohkopf konnte fragen, soviel er wollte, er erfuhr kein kleines +Wort. + +Mitfahren tat sein Genosse schon, und von des Bauern Schinkenbroten +schmauste er auch, aber reden tat er nichts, fiel ihm nicht ein! Und in +Protzendorf sprang er sehr geschwinde vom Wagen und lief davon, und er +vergaß sogar das Dankeschönsagen. Na, manierlich war das wirklich nicht! + + + + +Viertes Kapitel + +Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie + +»Ich möchte nur wissen, was unserem Kasperle fehlt!« sagte im Waldhaus die +schöne Frau Liebetraut zu ihrem Manne an diesem Abend. + +Ja, der wußte es auch nicht, niemand wußte es, selbst Michele nicht. +Kasperle hing seine Nase wie eine Trauerweide ihre Zweige. Er redete nicht, +er lachte nicht, er schlug keine Purzelbäume, -- Kasperle war gar nicht +Kasperle. + +»Er ist krank,« sagte Michele. Und er bat den kleinen Freund herzlich und +gut, er möge ihm sagen, was ihm fehle. Doch da brach Kasperle in ein +erschreckliches Geheule aus, er heulte und heulte, die Vögel verkrochen +sich vor Schreck in ihren Nestern, und die Rehe, die sonst bis an das +Waldhaus gelaufen kamen, rannten davon. + +Nein, wie konnte Kasperle auch heulen! + +Michele legte ihn ins Bett, und alle Waldhausleute saßen drum herum, +redeten ihm gut zu, trösteten und fragten nach seinem Herzeleid, aber +Kasperle schwieg. Er steckte seine Nase in die Kissen und tat, als ob er +schliefe. Da ließen sie ihn schließlich allein. Mutter Annettchen sagte: +»Er muß sich ausschlafen, dann wird es schon wieder gut sein.« + +In dieser Nacht stand der Mond wieder über dem Waldhaus, sah wieder in das +Stübchen hinein, in dem Michele fest schlief, das Kasperle aber traurig auf +dem Bettrand hockte. Und wieder lockte und winkte der Mond, und Kasperle +stieg leise aus dem Fenster, schwang sich auf das Dach und sah über den +dunklen Wald hinweg. Dort ferne, ferne, wo die Berge dunkel gegen den +Nachthimmel standen, lag des Herzogs Waldschloß und das Schloß, in dem +Rosemarie wohnte. + +»Hach!« Kasperle seufzte auf einmal so erschrecklich laut, und eine große, +dicke Eule, die neben dem Haus in einem Baum wohnte, purzelte vor Schreck +in ihr Nest zurück. Gerade hatte sie auf die Jagd fliegen und ein paar +Fledermäuse fangen wollen. + +Kasperle kümmerte sich gar nicht um die erschrockene Eule, er ächzte noch +ein paarmal: »Hach, hach!« Dann kroch er traurig in das Kämmerlein zurück, +rollte sich wie ein Igel zusammen und -- schlief ein. Er schlief, bis statt +des Mondes die Sonne hoch und hell am Himmel stand, und über dem schönen +Wetter vergaß Kasperle ganz und gar seinen Kummer. Er schoß wieder mit +einem Purzelbaum die Treppe hinab, fiel mit seiner großen Nase beinahe in +seine Milchtasse, schluckte und schluckte, da trat Herr Severin in das +Zimmer und rief: »Nein, seht doch einmal diese Grenzwächter! Da haben sie +diesen dicken Brief über die Grenze geworfen, als ich vorhin spazierenging, +mir gerade vor die Füße.« + +Alle guten Geister, bekam Kasperle einen Schreck! Er versank mit seinem +Gesicht ganz in der Milchtasse und heulte in die hinein: »Das ist für mich, +für mich!« + +Herr Severin schüttelte erstaunt den Kopf über Kasperles wunderliches +Gebaren, und auch alle andern schüttelten die Köpfe, dann aber wickelte +Herr Severin das Päckchen aus; ein großer, feierlicher Brief, mit dem +herzoglichen Siegel versehen, kam zum Vorschein und darauf stand: »An +Kasperle.« + +Potztausend! Meister Friedolin fiel das Schnitzmesser aus der Hand vor +Erstaunen, und alle sahen auf das heulende Kasperle. Selbst Michele dachte: +Er hat gewiß an der Grenze einen dummen Streich gemacht. + +Herr Severin fragte ganz ernsthaft: »Kasperle, was hast du getan?« + +»Hach!« Kasperle schluchzte erschrecklich. »Ich hab' dem Herzog einen Brief +geschribbt!« + +»Du -- Kasperle?« + +»Hm, hach, mein Bäuchle tut wieder so weh!« + +Dem Kasperle tat wieder vor Angst sein Herze weh, und er hielt das wieder +für sein Bäuchle. Ganz matt deutete er auf den Brief und nickte Herrn +Severin zu. Der dachte: Gewiß will er sagen, ich soll den Brief lesen. Er +öffnete ihn also und las. + +Da staunten sie nun freilich alle sehr im Waldhaus, Michele aber nahm +seinen kleinen Freund in die Arme und sagte traurig: »Nein, nein, armes +Kasperle, ein so schweres Opfer sollst du nicht für mich bringen.« + +»Kasperle, ach Kasperle, du willst uns verlassen?« rief die schöne Frau +Liebetraut traurig. »Das darfst du nicht.« + +»Er muß,« sagte plötzlich Meister Friedolin. »Versprochen ist versprochen, +und wenn jetzt Kasperle dem Herzog sein Wort nicht hält, dann geht es uns +noch allen schlecht im Waldhaus.« + +»Ja, er muß gehen.« Herr Severin sah auch ganz traurig aus und doch wieder +froh, denn er freute sich, daß sein Lieblingsschüler Michael nun die schöne +Gräfin Rosemarie heiraten sollte. + +So ging es schließlich allen. Sie waren alle traurig und freuten sich alle, +am sonderbarsten aber war es dem Michele zumute, der hätte lachen und +weinen mögen, und zuletzt nahm er seine Geige und spielte so schön wie noch +nie. Das tönte in den Wald hinaus wie Engelsgesang, und alle Tiere, die das +Spiel hörten, kamen gelaufen und lauschten. Da kamen Rehe und Hasen, der +fette Dachs kam angetrabt, Mäuslein huschten herbei, das Eichhörnchen +sprang von Baum zu Baum, die Vögel flogen um das Haus, und zuletzt guckte +sogar der Fuchs um die Ecke. + +Als Michele sein Spiel geendet hatte, sagte Meister Friedolin: »Nun ist's +Zeit; jetzt müßt ihr marschieren, denn sonst denkt der Herzog, ihr kommt +nicht, und die Gräfin Rosemarie muß gar den Grafen von Singerlingen +heiraten.« + +Meister Friedolin hatte schon recht, aber der Abschied wurde doch allen +sehr schwer. Michele konnte freilich versprechen, er werde mit seiner Frau +bald alle im Waldhaus besuchen, aber Kasperle konnte das nicht. Der gehörte +dann ganz und gar dem Herzog. »Vielleicht sagt er bald: >Geh zum Teufel!<« +meinte er, aber dazu schüttelte Herr Severin den Kopf. »So ein Wort spricht +ein Herzog nicht aus, dazu ist er viel zu vornehm. Du warst dumm, kleines +Kasperle, du hättest dir etwas anderes ausdenken sollen.« + +Kasperle hing die Nase, er wollte zwar Michele nicht zeigen, wie traurig er +war, aber Michele merkte es doch, und als sie beide reisefertig waren, +fragte er traurig: »Wirst du es auch nicht zu arg bereuen, mein armes +Kasperle?« + +Heidi, da rannte das Kasperle davon! Es nahm nicht einmal recht Abschied, +das brachte es vor lauter Herzeleid nicht fertig. Es rannte und rannte, +Michele konnte ihm kaum folgen, und auf einmal waren sie an der Grenze und +jenseits standen die beiden Landjäger. Die schrien: »Hurra, sie kommen, +hurra!« + +Es war beinahe, als wäre der Herzog selber gekommen. Und als der Geiger mit +dem Kasperle drüben war, sagten sie: »Nun marschieren wir mit, denn nun +brauchen wir die Grenze nicht mehr zu bewachen. Jetzt ist ja Kasperle da.« + +Michele ging mit dem Kasperle voran. Er spielte auf seiner Geige, und der +Wald, durch den sie gingen, sang mit, es rauschte in den Bäumen, die Vögel +zwitscherten es: »Da geht einer zur Hochzeit, Hochzeit, Hochzeit!« + +Kasperle vergaß darüber ganz den Herzog, er kam sich ungeheuer wichtig vor, +wie er so, von zwei Landjägern begleitet, dahinschritt. Und als sie sich +Protzendorf näherten, dachte er: Na, ich will's ihnen schon zeigen, wer ich +bin, ich, das berühmte Kasperle! + +In Protzendorf sahen etliche den Zug kommen, unter denen waren auch +Kasperles alte Freunde Windgustel und Wassergustel. Das waren jetzt zwei +stämmige, große, dicke Burschen geworden; klüger waren sie aber noch immer +nicht, darum rissen sie auch die Mäuler weit auf, als sie den Zug kommen +sahen, und brüllten: »Jetzt haben se Kasperle gefangen!« + +Daß einer, der gefangen ist, nicht ganz vergnügt voranmarschiert, bedachten +die Protzendorfer nicht, das Geschrei pflanzte sich fort, und der Schäfer +Damian ohne Maul, der heute ganz nahe am Dorfe seine Herde weidete, hörte +es auch. + +Hallo, da kam der aber angelaufen! Er sah Kasperle, sah die Landjäger, +dachte an sein Wort, er wolle Kasperle immer schützen, und auf einmal -- +ripsch, rapsch -- ergriff er den kleinen Kerl, setzte ihn auf seine +Schulter, und fort ging es. Damian hatte längere Beine als die Landjäger +und alle Protzendorfer, der war mit Kasperle zum Dorfe hinaus, ehe einer +nur recht zur Besinnung kam. + +Als die Landjäger freilich merkten, Kasperle wurde wieder zurückgetragen, +da rannten sie spornstreichs hinterher; Michele rannte auch. Die +Protzendorfer blieben nicht zurück, was Beine hatte lief, sogar ein paar +Schweinchen, etliche Hunde und Ziegen waren dazwischen. + +Kasperle schrie: »Halt, halt!« Aber Damian ohne Maul hörte nicht darauf; +der lief bergauf, bergab, rannte beinahe das Wächterhaus an der Grenze um, +und dann war er am Waldhaus, und da setzte er das schreiende Kasperle +mitten in die Stube hinein. »Da!« + +»Jemine,« schrie Mutter Annettchen, »unser Kasperle, der zum Herzog wollte, +ist wieder da!« + +»Was?« Damian sah drein, als wollte er das ganze Waldhaus verschlingen. + +Da kamen Meister Friedolin, Herr Severin, die schöne Frau Liebetraut und +ihre Kinder alle herbei, und alle fragten sie: »Kasperle, was ist denn das? +Wie kommst du denn wieder her? Willst du nicht mehr zum Herzog gehen?« + +»Ich will doch schon, aber der will net!« brüllte Kasperle ganz aufgeregt. + +»Na, potz Kuckuck, was hat denn da der Damian zu wollen!« rief Meister +Friedolin. + +Damian ohne Maul stand ganz verdattert da. Er merkte schon, er hatte eine +große Dummheit gemacht. Ehe er aber noch wie und was sagen konnte, kamen +die Landjäger, Michele und die Protzendorfer Männer, Frauen, Kinder, +Schweinchen, Ziegen und Hunde gelaufen, und um das sonst so stille Waldhaus +toste ein ungeheurer Lärm. Michael trat in die Stube und erzählte, und als +er das weinende Kasperle am Boden sitzen sah, sagte er mitleidig: »Nun +kannst du hier bleiben; dein Wort hast du gehalten, hast zum Herzog gehen +wollen; daß dich der Damian zurückgetragen hat, dafür kannst du nicht.« + +»Hm,« brummelte Meister Friedolin, »gewollt hat er, gegangen ist er, aber +--« + +Kasperle hatte sich ganz zusammengekauert. Im Waldhaus bleiben dürfen, wie +schön wäre das! Aber da fiel ihm Rosemarie ein, die dann den alten Grafen +von Singerlingen heiraten mußte, und er dachte an seines Michele Geige, die +immer weinte, wenn er spielte, und er sagte ganz, ganz leise: »Ich will zum +Herzog.« + +»Wir wollen Kasperle, Kasperle soll wiederkommen!« schrien draußen die +Landjäger und etliche Protzendorfer, dazwischen aber brüllten zwei: »Nä, er +soll heeme bleiben!« + + +Das waren Wassergustel und Windgustel, die ihren einstigen Freund noch +immer gern hatten und auch dachten wie Damian, er wäre geraubt worden. + +Kasperle saß noch immer mitten in der Stube. Er war nämlich ein bißchen +müde von dem Laufen, auch war ihm der Schreck in seine kleinen Beine +gefahren. Er dachte bei sich: Wer mich hergetragen hat, mag mich auch +zurückbringen. Und überhaupt -- zu einem Herzog läuft man nicht, da fährt +man. Er erhob also plötzlich seine Stimme und schrie, so laut er konnte: +»Ich will 'n Wagen, ich will zum Herzog fahren!« + +»Da hat er recht,« brummte draußen der dicke Bauer Strohkopf, der als +letzter dahergekommen war. »Und 'n Kutschwagen muß es sein, anders geht das +nicht.« In ganz Protzendorf aber hatte nur er einen Kutschwagen, in dem er +freilich nie fuhr, weil er ihm zu schön war. Doch nun dachte er: Wenn der +Herzog hört, daß ich, der Bauer Strohkopf, meinen Wagen hergegeben habe, +dann kriege ich sicher einen Orden. Also rief er: »Recht hat Kasperle, und +obgleich er mich mal schwer geärgert hat, soll er doch einen Wagen +bekommen. Darin kann er gleich bis zu dem Schloß der Gräfin Rosemarie +fahren.« + +Alle staunten den dicken Bauer ehrfurchtsvoll an, und der sagte: »Na, dann +los! Jetzt müssen wir erst nach Protzendorf gehen, dort laß ich anspannen.« + +»Nä,« schrie Kasperle, »ich war schon dort; au, au, ich bin so müde!« + +Es half alles nichts, Damian ohne Maul mußte den kleinen Strick wieder nach +Protzendorf zurücktragen, und als sie dort ankamen, sagte der Bauer, sie +müßten aber bis morgen früh warten, denn sein schöner Wagen dürfe nur am +Tage gefahren werden. Und morgen sollten die beiden doch schon auf dem +Schloß sein. Da aber der Herzog keine Zeit angegeben hatte, konnten sie ja +auch am Abend ankommen, und darum sagte der Geiger Michael, sie wollten bis +zum Sonnenaufgang warten. + +Das mit dem Wagen war aber nur ein bißchen geflunkert von dem dicken Bauer. +Er dachte nämlich: Kasperle soll uns heute Abend noch etwas vorkaspern. Das +tat der kleine Schelm auch, und es gab in dem großen Bauernhofe einen +lustigen Abend. Es lachten alle so viel, daß Kasperle darüber den Abschied +vom Waldhaus beinahe vergaß. Aber als alle schliefen und der Mond schien, +da wurde er wieder ganz traurig, er kletterte auf das Fensterbrett und sah +lange, lange auf das stille Dorf hinab. Er dachte: Wenn der Herzog doch nur +sagen wollte: »Geh zum Teufel!« aber ach, Herr Severin hatte ja gesagt, so +etwas spricht ein Herzog nicht aus. + +Wie Kasperle so saß und den Mond unter sich auf dem Dorfbächlein glitzern +sah, hörte er auf einmal eine liebe, linde Stimme, die sang: + + »Nur net verzagt! + Bald der Morgen tagt. + Zum guten End' + sich alles wend't. + Mußt net greinen, + Mußt net weinen! + Auf Gott vertrau', + Zum Himmel schau'!« + + +Da tat Kasperle wirklich, was die Stimme riet, schaute zum Himmel auf, und +dabei sah er am Fenster über sich ein Mägdlein stehen, das war die +Sängerin. Die erblickte nun auch das Kasperle auf der Fensterbrüstung, und +sie rief sacht hinab: »Geh doch schlafen, kleines Kasperle!« + +»Kann net,« murmelte Kasperle, und dann kletterte er flugs am Weinspalier +hoch und saß auf einmal auf dem Kammerfenster der Magd. Die lachte. »Ei,« +fragte sie, »du Schelm, du willst wohl wieder ausreißen?« Aber als sie sah, +wie dem Kasperle dicke, dicke Tränen über sein unnützes Gesichtlein liefen, +fragte sie sanft: »Was fehlt dir denn, armes Kasperle?« + +Kasperle seufzte schwer: »Hach, hach!« und dann verriet er der Magd seinen +Kummer. »Wenn der Herzog net sagt: >Geh zum Teufel!< muß ich bei ihm +bleiben,« jammerte er. + +»Ei, weißt du was, ein schöner Spruch ist das nicht!« erwiderte die Magd, +»und ein Herzog wird so etwas freilich net sagen, der denkt gar nicht an +solche Worte. Aber weißt du, mir hat meine Großmutter einmal erzählt, ihre +Urgroßmutter habe ein Mittel gewußt, daß ein Mensch sagen mußte, was sie +wollte, hab's freilich nie ausprobiert, und meine Großmutter hat's auch nie +ausprobiert, aber verraten will ich's dir. Du mußt um Mitternacht, wenn der +Vollmond scheint, den Herzog an der großen Zehe fassen und sagen: >Geh zum +Teufel!< dann sagt er's dir flink nach.« Sie lachte herzhaft, während sie +dies sagte. + +Nun merkte Kasperle, die Magd war trotz ihres lieblichen Singens eine arme +Schelmin, aber sie erreichte, was sie wollte: das Kasperle vergaß das +Weinen, wurde ganz getrost und kletterte zuletzt purzelvergnügt in sein +Bett. + +Die Magd, sie hieß Dörte, sah ihm traurig nach. Du armes kleines Kasperle, +dachte sie, wenn ich dir helfen könnte, ich tät's schon himmelgern! + +Und als der Morgen anbrach und Bauer Strohkopf seinen Wagen anspannen ließ, +in den Michael und Kasperle einstiegen, da sandte die Magd dem Kasperle +viele gute Wünsche nach. Die waren wie Sonnenstrahlen so lieb und licht und +zogen mit Kasperle nach dem Schloß, in dem die schöne Gräfin Rosemarie +wohnte. -- + +Der Bauer Strohkopf fuhr seinen schönen Wagen selbst. Und da er ein +bedachtsamer Mann war und allzu große Eile nicht leiden konnte, ging das +hübsch sacht voran. Die braunen Pferde, die so dick und rund wie ihr Herr +waren, liebten auch die Eile nicht, und ob bergauf, bergab oder geradeaus, +immer ging es im Schritt. + +Den beiden Reisenden wurde es mit der Zeit himmelangst. Die Sonne stieg +höher, stieg wieder tiefer, noch waren sie nicht am Schloß, und da sagte +der Bauer auch noch: »Jetzt müssen meine Rößles verschnaufen, so 'n Gelaufe +tut ihnen net gut.« + +Michele seufzte tief, und Kasperle, so dumm er auch manchmal war, verstand +ihn doch gut, verstand, der Freund hatte Angst, sie würden beide nicht zur +rechten Zeit kommen. Da kletterte er flugs aus dem Wagen, blinkte dem +Freunde zu und erhob ein mörderliches Geschrei: »Ich reiße aus, ich reiße +aus!« + +Und geschwind sprang Michele ihm nach und schrie: »Ich fange dich, ich +fange dich.« + +»So ein Unsinn!« brummte der Bauer Strohkopf. »Jetzt spielen die gar +Haschens wie im Dorf die Bübles und Mädles. Na, wenn sie genug gelaufen +sind, werden sie schon wieder kommen!« Und der dicke Bauer holte sich eine +große Wurst und viele, viele Schnitten Kuchen und eine Flasche Wein aus +seinem Wagenkasten und begann zu schmausen. + +Darüber fing es an zu dämmern, der Abend nahte und der Bauer dachte: Jetzt +müssen wir halt bis zum nächsten Wirtshaus fahren. Jemine, aber wo sind die +beiden? Er erhob seine Stimme laut: »Herr Michael -- Kasperle -- Herr +Michael -- Kasperle!« aber niemand gab Antwort. Die beiden rannten, so +schnell sie nur konnten, um noch zur rechten Zeit das Schloß der schönen +Gräfin Rosemarie zu erreichen. + +Zuletzt merkte der Bauer doch, daß die beiden Schelme ausgerissen waren. Er +brummte und knurrte wie ein Wolf, fuhr zum nächsten Wirtshaus und dachte: +Morgen fahr' ich zum Herzog, der soll schon erfahren, was das für +Bösewichter sind! Jegerl, einen Herzog und mich, den Bauer Strohkopf, so +zum Narren zu halten! Die sind doch sicher nach ihrem Waldhaus +zurückgelaufen. + + + + +Fünftes Kapitel + +Die Ankunft + +Der Herzog August Erasmus wartete ungeduldig auf Kasperles Ankunft. Am +liebsten hätte er den kleinen Burschen in aller Morgenfrühe schon dagehabt, +doch als er den Weg berechnete, sah er ein, bis Mittag mußte er warten. +Vielleicht daß die beiden da mit der Post kamen. Und die schöne Rosemarie +wartete auch, sie sah gerade wie der Herzog immer ungeduldig zum Fenster +hinaus, und als die Post mit Traratrara angerasselt kam, liefen alle Leute +im Schloß zusammen und riefen: »Jetzt kommt Kasperle!« + +Und Michael, dachte Rosemarie. + +Aber da rumpelte und rasselte der Postwagen am Schloß vorbei, niemand stieg +aus, niemand nickte und winkte, es saß nämlich nur eine alte Frau drin, die +schlief ganz fest. + +Trarira, trarira, da war die Post vorbei. + +Der Herzog brummelte, die Gräfin Rosemarie seufzte und die alte Liesetrine +sagte so laut, daß es der Herzog gerade noch hören konnte: »Das dachte ich +mir gleich, das Kasperle kommt nicht. Ein Schabernack war's, weiter +nichts.« + +Dies Wort ärgerte den Herzog gewaltig. Er geriet in eine bitterböse Laune, +und als Rosemarie sagte, die Reisenden würden gewiß bald kommen, grunzte er +sie an: »Morgen wird der Graf von Singerlingen geheiratet, punktum!« + +»Jetzt kommt der Graf von Singerlingen,« meldete just da der +Haushofmeister. »Eben ist sein Wagen in den Schloßhof gefahren.« + +O du lieber Himmel, erschrak da die arme Rosemarie! Sie wurde so weiß wie +die Rosen auf ihrer Mutter Grab, und ihre Kammerfrau sagte, dies sei eine +Ohnmacht, und Rosemarie müsse sich zu Bett legen. + +»Trarira, trarira!« blies es da draußen auf der Landstraße, und Rosemarie +wurde wieder so rot wie die schönsten Rosen im Garten. + +»Kasperle kommt, Kasperle kommt!« schrien alle, und selbst der Herzog +vergaß den armen Grafen von Singerlingen und eilte hinaus. Ganz verdutzt +sah sich der Graf von Singerlingen um, Niemand begrüßte ihn, niemand rief +hurra, und dabei sollte doch morgen seine Hochzeit sein. + +»Trarira, trarira!« Eine große, schwerfällige Kutsche fuhr in den Schloßhof +ein, und alles schrie wieder: »Kasperle, hurra, Kasperle! Da ist er!« + +Es war aber nicht Kasperle, sondern die Prinzessin Gundolfine, die eiligst +gekommen war, um den Grafen von Singerlingen zu heiraten. + +Die Prinzessin war gar nicht sehr sanftmütig, und als alle »Kasperle« und +immer wieder »Kasperle« schrien, rief sie: »Zum Kuckuck, was ist das für +ein Gerufe hier! Ich bin eine Prinzessin und im Leben kein Kasperle! Das +ist eine Beleidigung! Und wo ist der Graf von Singerlingen, daß ich ihn +heiraten kann? Gleich will ich ihn sehen.« + +Der Herzog erschrak, der Graf erschrak, denn er wußte noch gar nicht, daß +er die Prinzessin heiraten sollte, und Rosemarie wurde wieder so blaß wie +die Rosen auf der Mutter Grab. Die Kammerfrau rief wieder: »Das ist eine +Ohnmacht.« Die Prinzessin aber sagte: »So was gibt's nicht; wenn ich komme, +wird man nicht ohnmächtig, her mit dem Grafen, den ich heiraten soll!« + +Da rief der Kammerdiener des Grafen von Singerlingen: »Jetzt wird mein Graf +ohnmächtig, er ist schon unter die Bank gefallen.« + +Der gute Graf aber war gar nicht ohnmächtig geworden, der war von selbst +unter die Bank in der weiten Schloßhalle gerutscht. Er war so über die +Prinzessin erschrocken, die hatte eine Stimme, als säße sie tief unten in +einem Brunnenloch, und mit ihren Augen spießte sie den Grafen beinahe auf. +Nein, so eine Prinzessin wollte er nicht! + +Wieder klang das »Trarira, trarira!« auf der Landstraße, und wieder riefen +alle: »Kasperle kommt!« + +Aber es waren Hochzeitsgäste, der Schwager und die Schwester der jungen +Gräfin Rosemarie. Die fragten gleich: »Wo ist denn der Graf von +Singerlingen, den du heiraten sollst?« + +»Den heirate ich,« schrie die Prinzessin. + +»Nein, ich heirate die Gräfin Rosemarie,« rief der Graf. Und die arme +Rosemarie flüsterte zitternd: »Ich heirate den Geiger Michael.« Aber das +hörte niemand, denn alle redeten durcheinander. + +Da entstand draußen ein wildes Geschrei: »Kasperle ist da, ja, bimmelimlim, +das Kasperle ist da!« + +»Na, das ist schon gut,« sagte der Herzog, und er machte gleich ein ganz +vergnügtes Gesicht, »führt ihn nur herein!« + +»Bimmelim, bimmelim!« klang's wieder, und dann kam ein Kasperle herein, +aber das war ein hölzernes Kasperle, und der Kasperlemann trug es auf dem +Arm. Das war doch zu toll! + +Der Herzog schaute den Kasperlemann so wütend an, daß der vor Schreck +immerzu klingelte. Er dachte: Der Herzog hat mich doch rufen lassen! Warum +ist er denn so böse? + +»Bimmelim, bimmelim, bimmelimlimlim!« + +»Stille!« schrie der Herzog. + +»Kasperle kommt, Kasperle kommt!« rief ein Diener. »Auf der Landstraße +kommt er angelaufen.« + +Der Herzog war so neugierig auf Kasperle, daß er aufstand und durch den +Garten ging bis zum Tor, das nach der Landstraße hin führte. + +Über den Garten sanken schon die Abendschatten, und der Herzog blieb an dem +Springbrunnen am Eingang stehen; hier wollte er Kasperle erwarten. + +Kasperle war von dem eiligen Lauf arg müde, und er sagte zu Michele, als +sie sich nun beide dem Schlosse näherten: »Ich schlage Purzelbäume, da +geht's schneller.« + +»Tu's nicht!« riet der Geiger. + +Aber da tat es Kasperle schon: eins, zwei, drei und noch einen, und auf +einmal lagen Herzog und Kasperle im Brunnenbecken, denn Kasperle hatte den +Herzog einfach umgerannt. + +Vier Beine guckten in die Luft, und alle schrien und liefen herbei, zogen +an den Beinen, und dann standen der Herzog und Kasperle nebeneinander, und +tropf, tropf, lief an beiden das Wasser herab. + +Der Herzog fing mächtig an zu schelten, Kasperle aber erhob noch lauter +seine Stimme, er brach in ein rechtes, furchtbares Kasperlegeheul aus, und +allen, die mit am Tore standen, wurde es himmelangst. Der Herzog ließ vor +Schreck das Schelten sein. »Um Himmels willen,« rief er, »Kasperle ist +ertrunken!« + +»Na, wenn einer ertrunken ist, schreit er doch nicht so mörderlich!« +brummte der alte Haushofmeister. Er nahm Kasperle, drehte ihn um und um, +stellte ihn bums! wieder auf seine Füße und da -- schwieg Kasperle. + +Er sah sich um, bemerkte die vielen erschrockenen Gesichter, sah den Herzog +plitschnaß dastehen, und plötzlich kam ihn das Lachen an; er lachte und +lachte, wie eben nur ein Kasperle lachen kann, er schüttelte sich geradezu +vor Lachen. Erst lachte die Gräfin Rosemarie ganz, ganz leise mit, und dann +lachte der Graf von Singerlingen, der Herzog lachte, und auf einmal lachten +alle, lachten und lachten. + +Nur die Prinzessin Gundolfine lachte nicht. Die machte ein Gesicht wie die +Frau im Essigkrug, und die alte Liesetrine lachte auch nicht, doch das +merkten die andern gar nicht. Schließlich sagte der Herzog, sein Bauch tue +ihm vor Lachen weh, und weil er auch plitschnaß war, riet ihm sein +Leibarzt, er möchte sich nur rasch ins Bett legen. + +Ja, erwiderte der Herzog, das werde er tun, und morgen früh solle die +Hochzeit sein, heut wäre es doch zu spät. Aber erst müsse Kasperle +erzählen, warum er zu spät gekommen sei. + +»Strohkopf,« rief Kasperle. + +Das nahm aber nun der Herzog gewaltig übel, er dachte, Kasperle redete ihn +mit Strohkopf an. Er schwang deshalb seinen Stock und schlug Kasperle auf +den Rücken, das knallte gar sehr; Und gleich begann Kasperle wieder zu +heulen, Michele aber trat vor und erzählte dem Herzog, wer der Strohkopf +sei, und er sagte, Kasperle fange manchmal eine Geschichte in der Mitte an, +dann komme der Schluß und zuletzt der Anfang. + + +Während er sprach, heulte Kasperle wie eine Dachrinne, und dem Herzog wurde +es ganz weich und weh ums Herz. Er sagte, man solle Kasperle ins Bett +bringen und ihm ein gutes Abendbrot geben, und morgen wollten sie alle +Hochzeit feiern. Er nahm die Hand der Gräfin Rosemarie, nahm des Michele +Hand und ging mit beiden ins Schloß hinein. Der Graf von Singerlingen aber +stand da wie einer, dem eine Katze sein dickes Butterbrot aufgefressen hat. +Und wie er noch so starrte und staunte, trat die Prinzessin Gundolfine zu +ihm heran und sagte: »Morgen heiraten wir.« + +Der arme Graf setzte sich vor Schreck bald auf die Erde, er dachte: Ach, +wie entrinne ich nur der Prinzessin! Und während alle in das Schloß gingen, +blieb er allein draußen; er setzte sich in eine Rosenlaube, und wenn er +nicht ein Graf und schon ziemlich alt gewesen wäre, dann hätte er +sicherlich geweint, so traurig war er. + +Kasperle bekam neben seinem Freund Michele ein schönes Zimmer mit einem +seidenen Bett, und die schöne Rosemarie gab ihm einen Gutenachtkuß und +sagte, sie werde ihm immer dankbar bleiben. + +Das war alles sehr schön, auch daß Michele noch wundersamer denn je auf +seiner Geige spielte, gefiel Kasperle sehr. Michele stand vor dem Schloß, +und seine Geige tönte süß und zart, jeder im Schloß hörte ihn spielen, und +selbst der Herzog hatte sich weit seine Fenster auftun lassen, und er +lauschte dem Spiel. + +Rosemarie aber saß an ihrem Fenster und weinte vor lauter Glück. Sie wand +sich selbst ein grünes Kränzlein, das wollte sie morgen tragen, und sie +dachte: Nun werde ich so glücklich wie die schöne Liebetraut im Waldhaus. + +Dann verstummte die Geige, es wurde still im Schloß, und der Mond, der zwar +schon ein etwas schiefes Gesicht hatte, kam hinter den hohen, alten Ulmen +hervor und sah neugierig in alle Zimmer hinein. Er sah Michele am Fenster +sitzen und von glücklichen Tagen träumen, er sah Rosemarie noch immer an +ihrem grünen Kränzlein winden, und er sah -- ja, was sah der Mond einmal +wieder! Das Kasperle sah er im Freien herumspazieren. Das hatte wieder +einen Weg hinaus gefunden. Ganz, ganz leise war es aus dem Zimmer +geschlüpft, selbst Michele hatte den Strick nicht gehört. Und dann war er +auf dem Treppengeländer hinuntergerutscht, das ging schnell und leise, und +war durch ein offenes Fenster in den Garten hinausgestiegen. In dem ging er +auf und ab. Er sah den Mond die Rosen sachte streicheln, er hörte die Bäume +rauschen und -- da rief jemand erschrocken: »Oho!« + +Kasperle war beinahe über den Grafen von Singerlingen gefallen. + +»Bums!« schrie er erschrocken. + +»Na nu, wer rennt denn da herum?« fragte der Graf. + +»Ich bin's!« + +»Ei, potz Wetter, Kasperle! Du willst wohl gar schon wieder ausreißen?« + +»Nä!« Kasperle seufzte tief. + +Der Graf von Singerlingen seufzte noch tiefer. Endlich, sagte er: +»Kasperle, was hast du angerichtet!« + +Kasperle senkte tief seine Nase. »Ich kann doch nichts dafür! Warum ist der +Herzog ins Wasser gefallen!« murmelte er. + +»Jemine, du Dummkopf! Das meine ich doch nicht. Aber ich muß nun eine +Prinzessin heiraten, weil dein Michele die schöne Gräfin Rosemarie +bekommt.« + +»Ist das schlimm?« fragte Kasperle verdutzt. »Ich denke, das ist fein.« + +»_Die_ Prinzessin heiraten, ist schlimm!« Der Graf von Singerlingen sah so +traurig aus, daß Kasperle tiefes Mitleid mit ihm fühlte. Er hatte die +Prinzessin gar nicht angesehen, und er fragte zutraulich: »Wie sieht se +denn aus?« + +»Schrecklich, wie -- Gift!« Der Graf ächzte, und Kasperle blickte ängstlich +zum Schlosse hin. Vor der Prinzessin begann er sich zu fürchten. »Wo wohnt +se denn?« + +»Dort, das dritte Fenster, das offen steht.« + +Sssim, ssim! huschten die Fledermäuse auf und ab an den beiden vorbei. Ein +paar flogen ganz dicht heran und klapp, da hatte Kasperle zwei in seinem +Mützlein gefangen. »Die laß ich in ihr Zimmer,« flüsterte er dem Grafen von +Singerlingen zu, »vielleicht reißt sie aus.« + +»Unsinn,« wollte der Graf sagen, »bleib hier!« aber da war das Kasperle +schon weggeflitzt. + +Efeu wuchs am Schloß empor, da war es für Kasperle kein schweres Klettern. +Er war eins, zwei, drei oben und ssim! huschten die Fledermäuse in das +Zimmer der Prinzessin. + +Die war noch wach, beschaute sich gerade den Hochzeitsstaat für den +nächsten Tag, als ihr eine Fledermaus an der Nase vorbeischwirrte, eine +andere fuhr ihr ins Haar, und durch die Abendstille tönte das Geschrei der +Prinzessin. + +Das ganze Schloß wurde davon munter, selbst der Herzog wachte auf. Er +fragte ärgerlich, was denn geschehen sei. Als man ihm sagte, Fledermäuse +seien im Zimmer der Prinzessin, brummte er, dies sei nicht schlimm, darum +brauche niemand so zu schreien. + +»Kasperle, du bist aber ein arger Strick!« sagte unten der Graf von +Singerlingen. + +Kasperle blickte ihn mit seinen schwarzen Äuglein ganz unschuldig an. »Ich +wollte sie ja nur weggraulen!« sagte er. + +»Das gelingt dir nicht.« + +»Doch und dann -- biste mir wieder gut?« + +Da mußte der Graf lachen. »Geh du nur in dein Bett, du unnützes Kasperle!« +sagte er. »Ich bin dir schon nicht mehr böse.« + +Der Graf von Singerlingen ging in das Schloß zurück. Böse war er nicht, +aber traurig. Er dachte: Wenn der Herzog nur nicht auf den Gedanken +gekommen wäre, mir die Prinzessin zur Frau zu geben! Dann hätte ich meine +Base Mauritia geheiratet, die ist zwar weder jung noch schön, aber sie kann +die allerbesten Puddings machen. Na, und das ist auch etwas wert! Das kann +die Prinzessin Gundolfine sicher nicht. + +Und die Prinzessin dachte just in dem Augenblick: Besser einen Grafen als +überhaupt keinen Mann! Ich will mich auch recht schön putzen morgen. »He, +was ist denn das?« Sie blickte sich erschrocken um. Am Fenster, das jetzt +geschlossen war, war ein schwarzer Schatten aufgetaucht, aber gleich wieder +verschwunden. Die Prinzessin rief ihre Kammerfrau, und beide schauten nun +hinaus. Sie sahen aber nichts als lauter dicke, schwarze Schatten, sahen +nicht, wie sich das Kasperle in den uralten Efeu verkroch. + +»Das war gewiß eine alte Eule,« sagte die Kammerfrau. + +Dies nahm die Prinzessin ordentlich übel. »In meiner Gegenwart redet man +nicht von alten Eulen,« brummte sie, und dann sah sie noch einmal zum +Fenster hinaus. Es war aber nichts zu sehen, und da ging sie schließlich +beruhigt in ihr Bett. + +Kasperle aber hockte im nachtstillen Garten. Er hatte der Prinzessin noch +ein paar Fledermäuse ins Zimmer lassen wollen, er meinte, dies sei ein +gutes Mittel, jemand wegzugraulen. Dabei hatte er aber etwas gesehen, das +ihm sehr, sehr sonderbar vorkam. Kasperle überlegte; im Waldhause hatten +sie doch alle die Haare auf dem Kopfe gehabt, und keiner hatte sie abends +neben sich gelegt. Die Prinzessin aber hatte ihre dicken, dunklen Zöpfe auf +einem Tische liegen gehabt. Sonderbar, höchst sonderbar! Vielleicht hatte +sie sich die Haare alle abgeschnitten und kam morgen ohne Haare. Ob sie da +dem Grafen von Singerlingen besser gefiel? Es war doch eine schwierige +Sache! + +Kasperle seufzte, und dann sah er sich nach seinem Fenster um. Da war es, +er sah zwei Fenster nebeneinander, die standen offen, und hinter einem +schlief das Michele, hinter dem andern war seine Stube. Er kletterte also +wieder hinauf und dachte dabei: Hinab ging es leichter, da war doch noch +ein Blitzableiter da! Aber nun war er schon angelangt, und weil er +purzelmüde war, gedachte er auf Kasperleart ins Bett zu steigen. Er zog +sich gar nicht erst aus, sondern tat einen gewaltigen Hopser. + +»Uff,« schrie jemand, »mir ist ein Stein auf den Magen gefallen! Hilfe, +Hilfe!« + +Ei, da hatte das Kasperle wieder etwas angerichtet! Dem dicken +Oberhofmeister war er auf den Magen gesprungen. Der schrie ach und weh, +stöhnte, er müsse nun sterben, und ehe noch Kasperle entwischen konnte, +kamen ein paar Diener gerannt. + +»Der Kasper war's,« rief der eine und hielt Kasperle am Hosenbödlein fest. + +»Haue, Haue!« ächzte der Oberhofmeister, aber ehe Kasperle noch einen +Schlag bekommen hatte, erhob er seine Stimme und brüllte so mörderlich, daß +diesmal der Herzog nun wirklich vor Schreck beinahe starb. + +Himmel, das ist Kasperle! dachte der Geiger Michael, und er kam eiligst +seinem kleinen Freund zu Hilfe. Türen taten sich auf, Stimmen schwirrten +durcheinander, keiner wußte recht, was geschehen war, nur der +Oberhofmeister wußte es, der rief, man solle den Doktor holen und Kasperle +hauen. Der eine Diener tat dies, der andere das, und es wäre Kasperle trotz +seines Zetergeschreis übel ergangen, wenn Michael nicht herbeigeeilt wäre. +Der entriß ripsch, rapsch Kasperle den Händen des Dieners, und trotzdem der +Oberhofmeister furchtbar schalt, lief er doch mit seinem kleinen Freunde +aus dem Zimmer. + +Draußen aber prallte er mit einem zusammen, das war des Herzogs erster +Kammerdiener. Der sagte, Kasperle solle sofort zum Herzog kommen, der sei +ganz erschrecklich böse. + +Dies war nun schlimm. Kasperle ließ die Nase hängen, er klammerte sich an +sein Michele an, und der ging wirklich ungerufen mit und trat mit an des +Herzogs Bett, in dem der ganz matt vor Schreck lag. + +Wirklich, der Herzog sah sehr wütend drein. Der Geiger dachte: O mein +armes, armes Kasperle, wie wird dir das noch ergehen! + +»Was hast du gemacht?« schrie der Herzog Kasperle an. + +Der senkte den Kopf, seufzte tief und sagte, er sei nur ein bißchen zum +Fenster hinausgeklettert und in das verkehrte hinein. Na, und da war er +eben dem Oberhofmeister wie ein dicker kleiner Feldstein auf den Magen +gefallen! + +»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »über solche Dummheiten sind Wir sehr +böse, das tut man nicht bei Hofe. Und überhaupt, wie kannst du denn so +geschwinde zu einem Fenster hinausklettern?« + +Kasperle sperrte seinen Mund weit auf. Das war doch leicht, zu einem +Fenster hinauszuklettern! »'s geht fix,« murmelte er. + +»Soooo?« Dem Herzog fielen plötzlich die Fledermäuse ein, die im Zimmer +seiner Base herumgeschwirrt waren. »Geht Fledermäuse fangen auch so fix?« +fragte er. + +»Na ob!« Kasperle grinste von einem Ohr bis zum andern, aber gleich +erschrak er sehr, denn der Herzog erhob drohend seinen goldenen Degen, der +immer an seinem Bette hängen mußte, und er sagte streng: »Kasperle, hüte +dich, sonst wirst du in einen Käfig gesperrt! Jetzt geh, und wehe dir, wenn +heute noch einmal solches Geschrei entsteht!« + +Da ging Kasperle mit hängender Nase zum Zimmer hinaus, und draußen seufzte +der Geiger Michael tief. »Ach, mein Kasperle, mein armes Kasperle, wie +wird's dir ergehen!« sagte er traurig. + +Kasperle brummelte: »Ach, gut!« Und bei sich dachte er: Vielleicht sagt er +doch einmal: »Geh zum Teufel!« Ich will's schon versuchen, daß er es sagt! + + + + +Sechstes Kapitel + +Hochzeit und Reise + +Der Tag der Hochzeit brach an. Von weither kamen die Leute gelaufen, um +Rosemarie, die liebliche Braut, zu sehen. Und alle freuten sich, daß sie +nicht den alten Grafen von Singerlingen, sondern den schönen jungen Geiger +Michael zum Manne bekam. + +In aller Morgenfrühe, als der Herzog gerade frühstückte, spielte das +Michele auf der Wiese vor dem Schloß auf seiner Geige. Das klang wundersam. +Jetzt klagte und weinte die Geige nicht mehr, sondern sie jauchzte, und +manch einer, der zuhörte, meinte, ihm müsse das Herz springen vor Freude, +so jubelte die Geige. + +Die schöne Rosemarie stand still in ihrem weißen Kleide mit dem grünen +Kränzlein im Haar neben dem Geiger, und jeder, der die beiden sah, erzählte +noch sein Lebenlang, ein schöneres Paar habe er nie wieder gesehen. + +Und dann raunten und tuschelten sich die Leute zu: »Und morgen heiratet der +Graf von Singerlingen des Königs Base, die Prinzessin Gundolfine.« + +»Warum denn morgen, warum nicht heute?« fragte ein naseweises Jungfräulein. + +»Weil die Kammerfrau der Prinzessin die Krone vergessen hat, und eine +richtige Prinzessin muß eine Krone tragen, wenn sie heiratet,« erzählte der +Kasperlemann, der auch unter den Zuschauern war. + +»Da kommt sie!« schrie ein rechter Dreikäsehoch. + +»Wer, die Krone?« + +»Nä, die Prinzessin!« + +Prinzessin Gundolfine kam wirklich daher. Sie hatte ein himbeerrotes Kleid +an und war mit vielen Diamanten und Perlen geschmückt. Alle staunten sie +an, das Kasperle aber, das auf einem Baum, ganz dicht in der Krone, +verborgen saß, staunte am allermeisten. Nein, so etwas! Die Prinzessin +hatte sich die Haare doch nicht abgeschnitten, sie trug sie heute wieder +auf dem Kopf. Wie war das nur möglich? + +»Hurra, hurra!« brüllten unten die Leute, denn eben kam der Herzog an, +gefolgt von seinen Hofherren; etliche Damen waren auch da, und alle waren +sie köstlich und reich gekleidet. Sie gingen auf dem Platz auf und ab. Der +Herzog meinte, die Leute, die zur Hochzeit gekommen waren, sollten doch +auch die Hochzeitsgäste sehen. + +Die Prinzessin Gundolfine lächelte den Grafen von Singerlingen lieblich an, +und der lächelte wieder, denn er fand die Prinzessin heute eigentlich recht +nett. Er dachte: Vielleicht ist es gar nicht wahr, daß sie so boshaft ist, +wie die Leute sagen; na, und die Puddings kann ja schließlich auch die +Köchin kochen, von einer Prinzessin kann man so etwas doch nicht gut +verlangen! + +Prinzessin Gundolfine stellte sich unter den Baum, auf dem Kasperle saß. +Ganz dicht stand sie unter ihm, und Kasperle dachte: Ein klein, klein +bißchen will ich sie mal zupfen; muß doch sehen, wie das mit den Haaren +ist. + +Der Herzog stellte sich in die Mitte des Platzes, sagte allen Leuten einen +schönen guten Tag und verkündete ihnen, daß jetzt gleich die Gräfin +Rosemarie den Geiger Michael heiraten werde und morgen der Graf von +Singerlingen seine Base Gundolfine zur Frau -- + + +»Jemine, sie hat keine Haare!« schrie ein vorwitziger Bub, und alle +starrten verdutzt auf die Prinzessin. Die hatte sich ganz plötzlich bei den +Worten des Herzogs tief verneigt und -- da waren alle ihre Haare am Baum +hängen geblieben. + +Kasperle, der tief im dichten, grünen Laub saß, war am allerverdutztesten. +Erst hatte er die Prinzessin ein wenig gezupft, die hatte das nicht +gemerkt; da hatte er ein Zweiglein genommen, es in die Haare gesteckt, noch +eins und noch eins, und es war wie bei Absalom: die Prinzessin blieb am +Baume hängen oder vielmehr nur ihre Haare, denn sie stand kahlköpfig und +sehr verdattert da. + +Ein paar Augenblicke wußte sie gar nicht, was sie sagen sollte, aber dann +rief sie laut, sie falle in Ohnmacht, und just da rutschte Kasperle oben +auf dem Baume aus, und ein Beinchen baumelte plötzlich herab. + +»Kasperle!« schrien viele Stimmen, alte und junge, freundliche und +unfreundliche; eine aber schrie »Kasperle!«, als wollte sie das Kasperle +gleich aufspießen. Das war die Prinzessin Gundolfine. Und wutsch! ergriff +sie Kasperles Bein, zog und zerrte, Kasperle verlor das Gleichgewicht und +plumpste wie ein Apfel vom Baume herab. + +»Er muß aufgehängt werden, eingesperrt, durchgeprügelt,« schrie die +Prinzessin, und dabei schlug sie mit der Faust auf Kasperle ein; gar nicht +ein bißchen prinzessinnenhaft sah das aus. Und so ein bitterliches Gesicht +machte sie dazu, daß der Graf von Singerlingen bei sich dachte: Dem Himmel +sei Dank, daß sie noch nicht meine Frau ist, die heirate ich nie und +nimmermehr! + +Kasperle schrie, die Prinzessin schlug, und der Herzog wurde grün und gelb, +so ärgerte er sich. »Nehmt Kasperle, tragt ihn ins Schloß und sperrt ihn +ein!« sagte er hart zu seinen Dienern. Und diesen, denen das arme Kasperle +leid tat, war der Befehl nur recht, sie entrissen Kasperle der wütenden +Prinzessin und schleppten ihn ins Schloß. Dort sperrten sie ihn in ein +kleines, dunkles Gemach, das nur ein vergittertes Fensterlein hatte. + +Da saß Kasperle am Hochzeitstag seines Freundes Michael gefangen, und +niemand hörte sein bitterliches Weinen. Die schöne Gräfin Rosemarie bat +zwar unter Tränen den Herzog, er möchte doch Kasperle freilassen, aber der +sagte streng: »Nein, er bleibt eingesperrt, und wenn du noch ein Wort +sagst, Rosemarie, dann bekommst du den Geiger nicht zum Mann.« + +Es war wirklich gar keine fröhliche Hochzeit. Wohl sangen die Vögel im +Freien: Rosemarie ist Braut, Rosemarie, Rosemarie! Und die Blumen dufteten +köstlicher als sonst. Im Dorf tanzten die Leute vergnügt und sangen dazu: + + »Rosemarie, du feine, + Du bist nicht mehr alleine, + Einer, der schön geigen kann, + Ist nun dein herzlieber Mann + Lalala, lalala.« + + +Aber die schöne Rosemarie war doch traurig an ihrem Hochzeitstag, und der +Geiger Michael war es auch. Das tat einem leid, und zwar dem guten Grafen +von Singerlingen. Der dachte: Wenn ich nun auch nicht die schöne Rosemarie +bekommen habe, traurig soll sie doch nicht sein. Er stand darum von der +Tafel auf, hielt sich sein Taschentuch vor das Gesicht, und die Prinzessin +Gundolfine, die nun wieder Haare hatte, fragte ordentlich zärtlich: »Sie +haben wohl Nasenbluten?« + +Der Graf sagte kein Tönlein, er ging zum Saal hinaus, ging schnurstracks in +die Küche und verlangte von der alten Liesetrine Braten, Kompott und sehr +viel Torten sowie Süßspeise. Darob sah ihn die alte Liesetrine sehr +verwundert an, aber sie häufte alles, was er wollte, auf Teller, stellte +sechs in eine Reihe auf ein Brett und fragte, ob's nun genug sei. Bei sich +dachte sie: Nein, ist der Graf ein Vielfraß! + +Der Graf von Singerlingen nickte, nahm das Brett und spazierte damit ganz +feierlich zur Küche hinaus. Er ging, bis er einen Diener fand, der Kasperle +mit fortgetragen hatte. »Ich will zu Kasperle,« sagte er, »schließ mir +auf!« + +Nun wagte der Diener dem Grafen, der morgen des Herzogs Base heiraten +sollte, nicht zu widersprechen, auch gönnte er Kasperle wohl alle guten +Dinge. Er zeigte dem Grafen also den Weg, holte den Schlüssel und schloß +auf. Er brachte auch eine dicke, dicke Kerze herbei, weil es in Kasperles +Kämmerchen ganz dunkel war. + +Kasperle kauerte im Winkel und heulte. Da fiel auf einmal ein heller +Lichtschein herein, und er sah den Grafen von Singerlingen mit lauter guten +Dingen mitten in der Kammer stehen. Er vergaß das Weinen, setzte sich +vergnügt an den Tisch und begann zu schmausen. Das ging, potztausend! + +»Kasperle, lieber Himmel, kannst du aber flink essen!« rief der Graf +verwundert. Und dann erzählte er Kasperle von der Hochzeit. + +Auf einmal rutschte Kasperle zu ihm hin, schlang seine Arme um ihn und bat: +»Heirate sie nicht, sie ist schlimm! Tu's ja nicht!« + +»Ja, sie ist schlimm,« rief der Graf, »und ich heirate sie auch nicht.« + +Sie meinten aber alle beide die Prinzessin Gundolfine. + +Nun gab der Graf Kasperle noch allerlei gute Lehren, sagte ihm, der Herzog +sei eigentlich nicht böse, sondern nur oft schlecht gelaunt, er solle ihn +ja nicht ärgern. Und dann küßte der gute Graf das Kasperle, und Kasperle +bekam plötzlich schrecklich Angst vor dem Alleinsein und bat: »Nimm mich +mit!« + +»Kasperle,« sagte der Graf, »du hast doch dein Wort gegeben, denn sonst +hätte dein Michele nicht die Gräfin Rosemarie bekommen.« + +Kasperle seufzte tief. Ja freilich, das hatte er, und selbst ein unnützes +Kasperle hält sein Wort. Er versprach dem Grafen noch, erschrecklich brav +zu sein, und dann ging der, und Kasperle trug ihm viele Grüße an Rosemarie +und sein Michele auf. + +Die beiden staunten, als der Graf von Singerlingen ihnen erzählte, er sei +bei Kasperle gewesen. »So, und nun reise ich heimlich ab,« flüsterte er der +schönen Rosemarie zu. »Für die Prinzessin danke ich schön!« -- + +»Man soll Kasperle holen,« rief in dem Augenblick der Herzog, »er soll uns +etwas vorkaspern!« + +»Das muß ich noch sehen,« flüsterte der Graf. »O weh, o weh, wenn da nur +nicht eine Dummheit herauskommt!« + +Ein paar Diener liefen und holten den Kasperlemann, holten auch Kasperle, +der sollte in des Kasperlemanns Budchen spielen. + +»Mach's nur gut!« ermahnte der Kasperlemann. + +Schwipp! hatte er einen Nasenstüber von Kasperles Fuß bekommen. + +»Au!« schrie er, und im Saal riefen sie: »Anfangen!« + +Da steckte Kasperle flink den Kopf heraus und machte sein allerbösestes +Räubergesicht, und dann auf einmal sah Kasperle wie die Prinzessin +Gundolfine aus. Er wuschelte sich immer auf dem Kopf herum, als suche er +sein Haar, und alle im Saal fingen an zu lachen. + +»Er macht es mir nach,« kreischte die Prinzessin, »er -- hach!« und pardauz +fiel sie in Ohnmacht, denn gerade hatte Kasperle sein Teufelsgesicht +gemacht. + +»Diese dummen Ohnmachten!« brummte der Herzog. Dem hatte Kasperle nämlich +viel Spaß gemacht, und er lächelte sogar ein wenig. + +Rosemarie dachte schon, Kasperle würde nun dableiben können, aber der +Herzog gebot: »Sperrt ihn wieder ein!« + +Das war betrüblich. + +Kasperle zog traurig ab. In seinem Kämmerlein legte er sich aber mitten auf +den Tisch, und da schlief er ritze ratze ein. Und er hörte nicht, wie die +Gäste abfuhren, wie es stiller und stiller im Schloß wurde, er hörte auch +nicht, daß der Graf von Singerlingen in aller Stille abreiste. Er erwachte +erst, als ihn jemand kräftig schüttelte. Gähnend richtete er sich auf und +sah sich verschlafen um. Ein Diener stand da, der lachte, als er in das +blitzdumme Kasperlegesicht sah. »Steh auf,« sagte der Mann, »wir reisen ab. +Flink, flink, und dann, Kasperle, halte heute deinen Mund! Der Herr Herzog +ist sehr schlechter Laune.« + +»Warum denn?« Kasperle starrte den Diener mit aufgerissenem Munde an. Er +dachte: Aber ich habe doch geschlafen und keine Dummheit gemacht! + +»Weil der Graf von Singerlingen heimlich davongefahren ist und einen Brief +geschrieben hat, er werde die Prinzessin Gundolfine nicht heiraten.« + +»Ich tät's auch nicht,« brummelte Kasperle, »nä, die nicht« + +»Das glaub' ich schon!« Der Diener lachte, und weil er es gut mit dem +kleinen dummen Kasperle meinte, riet er dem noch: »Nimm dich aber vor der +Prinzessin in acht, die ist schrecklich böse auf dich; sie sagt, du wärst +an allem schuld und müßtest noch bestraft werden.« + +Na, eine erfreuliche Aussicht war das gerade nicht. Kasperle kletterte +seufzend von dem Tisch herab und folgte dem Diener. Draußen standen die +Wagen schon zur Abfahrt bereit, und der Herzog ließ sich eben von Rosemarie +und Michael an den seinen geleiten. Er sah wirklich aus wie vierzehn Tage +ganz abscheuliches Regenwetter, und selbst die schöne Rosemarie bekam +keinen freundlichen Blick. + +Als der Herzog Kasperle sah, rief er: »Der soll auf dem Bock sitzen!« + +Da kreischte die Prinzessin Gundolfine: »Nein, nein, das soll er nicht!« + +»Doch, er soll!« rief der Herzog, und Kasperle wurde auf den Bock gehoben. +Er wollte erst noch Abschied von seinem Michele und Rosemarie nehmen, aber +der Herzog brummte: »Laß das, du gehörst mir und damit basta!« + +Da konnte Kasperle nicht einmal Abschied von seinen Freunden nehmen. Er saß +auf dem Bock, zwischen Kutscher und Diener, und heidi, fort ging die Fahrt! + +Kasperle winkte und winkte noch, solange er Michele und Rosemarie sehen +konnte, aber dann entschwand das Schloß seinen Blicken, er fuhr in die +Fremde hinein. + +»Uff!« schrecklich tief seufzte Kasperle, und der Diener fragte mitleidig: +»Du hast wohl Hunger?« + +Aber ach, da fing das Kasperle an zu heulen nach Kasperleart. Innen im +Wagen erschrak der Herzog furchtbar. »Was ist das?« rief er. »Uns rennt +wohl ein wildes Tier nach? Halten, halten!« + +Der Wagen hielt, Kasperle heulte unverdrossen weiter; und der Herzog bog +sich erschrocken zum Fenster hinaus. »Was ist geschehen?« + +»Mit Verlaub, Euer Gnaden, Kasperle heult,« antwortete der Diener. + +»Kasperle heult!« Ganz verwirrt schaute der Herzog drein, aber die +Prinzessin Gundolfine schrie: »Das ist eine neue Bosheit von ihm. Prügel +muß er haben!« + +»Er soll gleich still sein, sonst gibt es Haue,« rief der Herzog. »Und dann +steckt ihn in den Gepäckwagen, das ist besser.« + +Also wurde Kasperle in den Gepäckwagen gesteckt, zwischen alle Koffer, +Schachteln und Kisten mitten hinein, und der Diener, der es tat, gab ihm +mitleidig noch ein Paket Butterbrote. »Nun mach' also keine Dummheiten!« +sagte er gutmütig. Er schloß die Türe, und weiter ging die Reise. + +Rumpel, pumpel, die Koffer und Schachteln wackelten hin und her, und +Kasperle dachte: Na, schön ist das gerade nicht! Alle naselang bekam er +einen Stoß von einem Koffer, und das wurde ihm doch zu toll. Er fing also +an zu klettern und saß schließlich oben auf einer großen Rundschachtel. Da +setzte er sich recht behaglich hin und begann zu schmausen. Aber gerade wie +er beim dritten Butterbrot angelangt war, gab es einen lauten Krach: der +Deckel der Schachtel barst und Kasperle fiel hinein. Er lag ganz weich +zwischen Spitzen, Federn, Blumen und Bändern; er war nämlich in die +Haubenschachtel der Prinzessin Gundolfine gefallen. + +Kasperle wuschelte und raschelte darin herum, warf dabei etliche +Staatshauben hinaus, ein paar, die weich und fein waren, knüllte er +zusammen, da hatte er ein schönes Kopfkissen, und dann setzte er sich noch +eine riesengroße seidene, vielfach bebänderte Haube auf, rollte sich wie +ein Igel zusammen und schlief ein. + +Kasperle verschlief wieder allerlei. Er verschlief zum Beispiel eine +Mittagsrast, die der Herzog in einem kleinen Städtchen hielt. + +Weil die Prinzessin Gundolfine so arg wütend war, sagte der Herzog, man +solle Kasperle ruhig im Gepäckwagen lassen, da sei er gut aufgehoben. Also +kümmerte sich niemand um den kleinen Schelm, und nach einer Stunde gingen +die Wagen weiter. Kasperle schlief und schlief. + +Am Nachmittag zog sich ein Ungewitter zusammen. Die schwarzen Wolken +rannten dem herzoglichen Wagen nach, und weil sich der Herzog erschrecklich +vor einem Gewitter fürchtete, befahl er, in Dingelhausen solle geschwind +Rast gemacht werden. Dingelhausen war ein herzogliches Gut, und der Pächter +kam gleich angelaufen, als die Wagen alle vor das Schloß fuhren. + +Just in dem Augenblicke wetterte es aber auch schon los. Bum, bum, krach! +Der Regen platschte herab, und der Herzog, die Prinzessin und alle Hofleute +rannten in das Schloß hinein, die Wagen wurden in den Schuppen geschoben, +und kein Mensch kümmerte sich um Kasperle. + +Der Herzog sagte, er müsse gleich in sein Bett gehen, der Leibarzt riet, er +solle Kamillentee trinken, die Prinzessin rief, sie müsse auch in das Bett +gehen, und erst, als der Herzog im Bette lag, fiel ihm das Kasperle ein. Er +rief erschrocken: »Kasperle ist ausgerissen!« Sein zweiter Kammerdiener +aber kam und sagte, er habe Kasperle in den Wagen, in dem das große Gepäck +sei, gesteckt, da könne er nicht hinaus, und Butterbrote habe er ihm auch +dazu gegeben. + +»Na, dann ist's gut!« brummelte der Herzog. »Da mag er nur drin bleiben. +Solange die Prinzessin, meine Base, noch mitreist, ist es besser, Kasperle +kommt nicht zum Vorschein.« + +Und dann trank der Herzog lieber Schokolade als Kamillentee, streckte sich +behaglich im Bett aus, denn seine Großmutter hatte behauptet, ins Bett +schlage der Blitz nicht. Um das arme Kasperle aber kümmerte sich niemand. +Ja, die Prinzessin Gundolfine sagte sogar, der Gepäckwagen sei eigentlich +zu gut für das böse Kasperle. + + + + +Siebentes Kapitel + +In der Haubenschachtel + +Es blitzte, donnerte und regnete arg an diesem Nachmittag, und es schien +gar nicht aufhören zu wollen. Bum, bum, krach! ging das immerzu. Mal tat es +so, als wollte es besser werden, aber gleich donnerte und blitzte es wieder +heftig, und der Herzog gab die Weiterreise schließlich auf. Er hatte die +Prinzessin Gundolfine noch nach ihrem Schloß Burggrün bringen wollen, aber +da sich auch die Prinzessin schrecklich fürchtete, blieben alle beide in +Dingelhausen, und alle beide blieben sie gleich im Bette liegen. + +Und weil die Begleiter des Herzogs und die Hofdamen der Prinzessin nichts +anzufangen wußten und alle müde waren, gingen sie auch in das Bett. Bald +lag das kleine Schloß dunkel da, der Pächter, seine Frau, seine Leute, alle +schliefen, und alle hörten nur noch, wie der Regen nachließ. Das Wetter zog +vorbei. Allmählich kamen die Sterne am Himmel zum Vorschein und der Mond, +der nun schon ein recht schiefes Gesicht hatte, kam auch, um zu sehen, was +tagsüber geschehen war. + +Im Wagenschuppen, wo der Gepäckwagen stand, war es ganz dunkel, aber der +Mond fand doch einen Spalt, schaute durch den hinein, Kasperle gerade ins +Gesicht. Daran wachte Kasperle nun freilich nicht auf, sondern von einem +heftigen Gerumpel in seinem Mäglein. Er hatte Hunger. Als Kasperle die +Augen aufschlug, wußte er erst nicht, wo er sich befand. Auch daß er Hunger +hatte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; nur daß da in seinem Magen etwas nicht +in Ordnung war, merkte er. Verwirrt richtete er sich auf, das raschelte und +rauschte um ihn herum, und der Mond schien so freundlich zu ihm herein. Da +besann sich Kasperle nach und nach auf alles, was geschehen war. Auch die +Butterbrote fielen ihm ein, und er fand die neben sich in dem großen +Haubenkoffer liegen. Da begann er zu schmausen, und als er satt war, hatte +er auch Lust, ein bißchen Dummheiten zu machen. + +Freilich, in einem Gepäckwagen läßt sich schwer etwas anstellen, zumal nur +gerade das Fleckchen, auf dem der Haubenkoffer stand, etwas hell war; alles +andere lag im tiefen Schatten. + +Kasperle gähnte, Kasperle seufzte, es war doch recht langweilig in einem +Gepäckwagen! Auf einmal zwickte und zwackte ihn etwas, sein kleines +Kasperleherz tat ihm weh. Er dachte an das Waldhaus und seine Bewohner, an +sein Michele und die schöne Rosemarie, und da wuschelte er den Kopf in der +Prinzessin Gundolfine Hauben und schluchzte bitterlich. + +Wie schwer war es doch, so ein armes, verlassenes Kasperle zu sein! Nun +mußte er immer bei dem Herzog leben, vielleicht sah er die Waldhausleute +nie, nie wieder und sein Michele nicht und Rosemarie nicht. + +Ach, sicher, der Herzog war boshaft! Der würde nie sagen: »Geh zum Teufel!« +Der würde ihn immer gleich einsperren und auch hungern lassen. + +Kasperle trommelte mit beiden Fäusten wütend auf den Hauben herum. Schlimm, +schlimm, schlimm erging es ihm! + +Ausreißen wäre am besten, dachte er. + +Aber da meinte er seines Michele Stimme zu hören, die sprach: Sein +Versprechen muß man halten. Ein Schuft, wer sein Wort bricht. + +Kasperle stöhnte. Ach, er hatte es schon schlecht jetzt! Und dann fiel ihm +seine Urheimat ein, die schöne Kasperleinsel, von der er oft geträumt +hatte. So ganz genau wußte er es nicht mehr, wie es da war. Immer, wenn er +an die ferne, unbekannte Insel im Weltmeer dachte, sah er ja nur viele, +viele bunte, leuchtende Blumen, meinte seltsam schöne Vögel singen zu hören +und andre kleine lustige Kasperles zu sehen. Aber alles war ihm nur noch +wie ein Traum; er war schon so lange unter den Menschen, da hatte er vieles +vergessen. + +Gewiß finde ich nicht mehr auf meine Kasperleinsel zurück, dachte der +kleine Kerl traurig. Er wuschelte wieder den Kopf zwischen Prinzessin +Gundolfines Staatshauben und weinte aufs neue. In einem Gepäckwagen +eingeschlossen zu sein, so allein in der Nacht, ist aber auch so eine +Sache. + +Doch allzulange kann ein Kasperle nicht traurig sein. Kasperle sah den Mond +neugierig in den Gepäckwagen gucken, und weil der kleine Dummkopf meinte, +der Mond hätte just nichts anderes zu tun, als ihn, das Kasperle, +anzusehen, nahm er eine der Staatshauben, stülpte sie sich wieder auf den +Kopf und grinste den Mond an. + +»Bäh!« machte Kasperle, aber -- plötzlich sank er vor Schreck in die große +Haubenschachtel zurück. + +Was wisperte, flüsterte, raschelte und klirrte denn da draußen? + +Kasperle konnte nichts sehen, aber er hörte Stimmen, hörte leise, leise +Schritte. + +Jemand sagte: »Dort in der Ecke, der ist's!« + +Eine andere Stimme antwortete: »Nur leise, leise, damit sie im Schloß +nichts hören!« + +»Sie schlafen alle, kein Fenster ist mehr hell,« erwiderte die erste +Stimme. + +Die andere sprach: »Nimm dich in acht, hier sind große Pfützen, platsch' +nicht hinein! Werden auch die Hunde schweigen?« + +»Ach die! Denen habe ich jedem eine Wurst zugeworfen,« sagte wieder der +erste. Und der zweite fragte: »Weißt du, wo der Koffer mit all den goldenen +Orden und Diamanten steht?« + +»Freilich, gleich links an der Seite; ich habe doch den Wagen oft packen +helfen.« + +Nun lachten beide und rippelten und rappelten draußen am Schloß, und dabei +sagte die erste Stimme: »Der Prinzessin Gundolfine ihre Staatskleider sind +auch im Wagen, vielleicht finden wir sie.« + +»Ich hab' eine Laterne, die kann ich im Wagen anzünden,« antwortete der +andere wieder, und diese Stimme kam Kasperle merkwürdig bekannt vor. + +Wer konnte das nur sein? + +Kasperle zitterte vor Angst. Sicher waren es Diebe. Wenn die ihn fanden, -- +oh, dann konnte es ihm schlimm ergehen! Ich krieche unter die Hauben, +dachte er, aber gleich fiel es ihm ein, wenn er recht, recht laut schrie, +dann hörte man es wohl im Schloß, und vielleicht rissen die Diebe auch aus +und stahlen nichts. + +»Potz Wetter, aber das ist fest verschlossen!« brummte einer. + +Rippel, rappel, der Wagen schwankte hin und her, da tuschelte draußen die +Stimme: »Jetzt geht's.« + +Krach, sprang das Schloß auf, zwei Männer schauten in das Dunkel hinein. +Einer tastete mit der Hand nach links und sagte enttäuscht: »Jetzt steht ja +der kleine Koffer nicht mehr da!« + +»Ich zünde die Laterne an.« + +»Tu's lieber nicht!« mahnte der erste. + +»Ach was, hier sieht es ja niemand!« erwiderte der zweite. Er begann auf +sein Feuerzeug zu schlagen, ein Fünkchen flammte auf, und gleich darauf +brannte eine kleine Laterne. + +»Wir müssen alles durchsuchen,« sagte der erste. + +Kasperle wurde es glühheiß vor Angst. Ich muß sie erschrecken, dachte er. +Und auf einmal fiel ihm ein, er wollte so ein essigsaures Gesicht wie die +Prinzessin Gundolfine machen. + +Er hatte es kaum gedacht, da schoß er auch schon aus dem Haubenkoffer +heraus. Die große Haube der Prinzessin wackelte auf seinem Kopf, und die +beiden Diebe brüllten entsetzt: »Die Prinzessin, die Prinzessin!« + +Noch mehr als sie aber brüllte Kasperle, und eins, zwei, drei schlug er den +beiden die Hauben um die Köpfe, daß denen Hören und Sehen verging. + +Klirr, fiel die Laterne zu Boden, schreiend wollten beide fliehen, beide +rannten an die Schuppentüre, pardauz! schlug sie dem einen an den Kopf, +bums! dem andern. Der erste verlor das Gleichgewicht, purzelte und versank +draußen in einer großen Pfütze, der andere stolperte über ihn, -- platsch! +lag er auch da. »Au,« stöhnte er, »mein Bein!« + +»Meine Nase!« ächzte der andere. + +Innen aber brüllte Kasperle, so gellend laut er nur konnte, und da wurde es +hell im Schloß und im nahen Stall; der Pächter kam, Knechte kamen, die +Hofleute wurden wach, und ehe die beiden Diebe noch auf den Beinen standen, +da waren sie schon umringt. + +»Hallo, das ist der Kasperlemann!« rief einer. + +»Hallo, der fortgejagte Klaus!« schrie ein anderer. + +»Jemine, aber wer schreit im Wagen so schrecklich?« fragte der Pächter. + +»Ach du lieber Himmel, das ist ja Kasperle!« Der eine Diener leuchtete mit +einer Laterne, ein paar andere drängten nach, während die Knechte die +beiden Diebe fortschleppten. Da stand der Gepäckwagen auf und da -- + +»Die Prinzessin!« rief der erste Diener entsetzt. + + +»Alle guten Geister, die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!« kreischten die +andern. Und weil sie alle vor der Prinzessin eine große Angst hatten, +rannten sie alle zurück und schrien nur immerzu: »Die Prinzessin sitzt im +Gepäckwagen, die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!« + +Über dem Lärm wurde der Herzog munter, er fragte laut: »Was ist denn los?« + +Da stürzte sein Kammerdiener in das Zimmer und rief: »O, gnädiger Herr +Herzog, die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepäckwagen, und beinahe wäre +sie gestohlen worden!« + +»Im Gepäckwagen?« stammelte der Herzog. »Nein, sie hat doch auch zu +wunderbare Launen!« + +»Wo soll ich sitzen?« kreischte draußen auf dem Flur die Prinzessin. »Wer +sagt, daß ich im Gepäckwagen sitze? Was ist das für eine Frechheit!« + +»Die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepäckwagen.« Der jüngste Page rannte +den Flur entlang, und schwipp, schwapp hatte er eine Ohrfeige rechts und +eine links, und vor ihm stand die Prinzessin in einem dottergelben +Schlafrock und rief ihm zu: »Siehst du nicht, daß ich hier stehe? Wie kann +ich da im Gepäckwagen sitzen! Was ist das überhaupt für eine dumme Rede? +Ich habe noch nie im Gepäckwagen geschlafen.« + +»Aber -- aber --« Der Page konnte vor Erstaunen kein Wort reden. + +Doch da kam schon wieder ein Diener gelaufen, der schrie auch: »Die +Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!« + +Schwipp, schwapp, hatte er auch ein paar Ohrfeigen weg, und als er darob +ein furchtbares Gebrüll anfing, steckte der Herzog selbst seine Nase aus +dem Zimmer heraus und fragte: »Aber liebe Gundolfine, was ist das? Warum +hast du denn im Gepäckwagen gesessen?« + +»Jetzt das ist mir doch zu dumm!« rief die Prinzessin entrüstet. »In meinem +ganzen Leben habe ich noch nicht im Gepäckwagen gesessen; das wäre ein ganz +unschicklicher Aufenthalt und --« + +»Der hat im Gepäckwagen gesessen und die Diebe verjagt!« Der Pächter kam +angelaufen, im Arm hielt er das Kasperle, das noch immer der Prinzessin +allerschönste Staatshaube auf dem Kopfe trug. Es zappelte und schrie arg, +als es die Prinzessin erblickte. + +»Hach, meine allerbeste, allerteuerste Haube!« Gundolfine stürzte sich +wütend auf das Kasperle, und sie hätte ihm wohl die Haare ausgerissen, wenn +der Pächter den kleinen Kerl nicht beschützt hätte. + +»Mit Verlaub,« sagte der, »dem darf nichts getan werden, das ist ein +ungeheuer tapferer Bursch; der hat so geschrien, daß die Diebe in eine +große Pfütze gefallen sind und --« + +»Meine Haube, meine Haube, du abscheuliches Kasperle!« Die Prinzessin +stürzte sich wieder auf Kasperle, und der Pächter drehte sich vor Schreck +mit dem rund um. + +Doch da gebot der Herzog streng: »Ruhe! Jetzt soll erst einmal Kasperle +erzählen, was eigentlich geschehen ist. Niemand darf ihn anrühren.« + +Kasperle schluchzte, erst konnte er gar nicht sprechen, aber dann erzählte +er doch, wie er die Diebe gehört habe, die des Herzogs Orden und der +Prinzessin Staatskleider hätten rauben wollen. »Da habe ich mir flink eine +Haube aufgesetzt und habe ein Gesicht wie die da gemacht,« schloß Kasperle +und deutete mit dem Fingerlein auf die Prinzessin, »weil -- weil sich vor +der alle graulen.« + +»Hach, ist das frech!« Die Prinzessin wollte in Ohnmacht fallen, aber sie +sah auf einmal, wie alle lächelten; selbst der Herzog schmunzelte, als nun +der Pächter erzählte, die Diebe, der Kasperlemann und ein früherer Diener +Klaus, seien noch ganz verdattert vor Schreck, sie meinten wirklich, die +Prinzessin habe selbst im Gepäckwagen gesessen. + +»Er muß Haue haben!« Die Prinzessin war wirklich zornig. + +»Nein,« sagte der Herzog, »Kasperle hat sehr mutig gehandelt. Sei doch +froh, daß deine Staatskleider nicht geraubt sind!« + +»Aber meine Haube!« + +»Nun, der einen Haube ist ja nichts geschehen!« Der Herzog war ärgerlich. +Er befahl, man solle Kasperle nun in ein Bett legen, damit er sich +ausschlafen könne, er habe sich so mutig benommen, und er wäre ihm sehr, +sehr dankbar. Und er nickte dem Kasperle freundlich zu, und alle nickten +auch freundlich, nur die Prinzessin sah bitterböse aus, und dem Kasperle +war das Herz recht schwer, als er daran dachte, daß er zwischen den Hauben +und Hüten der Prinzessin gelegen hatte. O weh, das würde morgen eine böse +Überraschung geben! + +Der Diener Veit, der Kasperle in ein Zimmer führte, war ein gutherziger +Bursche; er merkte wohl, daß etwas Kasperle bedrückte, und freundlich +fragte er: »Was fehlt dir denn?« + +Stöhnend vertraute ihm Kasperle an, wo er im Gepäckwagen gelegen hatte. + +Veit lachte. »Ja, warum stecken sie dich auch da hinein!« sagte er. »Aber +sei getrost, ich schließe den Koffer noch, und morgen wird er abgeladen. Da +merkt die Prinzessin erst auf ihrem Schloß, daß du zwischen ihren Hauben +gesessen hast. Warum sperren sie dich auch da ein! Wenn einer im Dunkeln in +etwas fällt, kann er nichts dafür.« + +Das tröstete Kasperle sehr. Er reckte und streckte sich in seinem Bett aus, +und er kam sich schließlich selbst wie ein kleiner Held vor. + +Kasperle schlief vergnügt bis zum Morgen, er schmauste vergnügt sein +Frühstück, und dann durfte er dem Herzog guten Morgen sagen. Der schenkte +ihm zur Belohnung für seine Tapferkeit gestern eine große Tüte Zuckerwerk +und sagte, nachher, wenn er sich von der Prinzessin, die nur noch zwei +Stunden weit mitfahre, getrennt habe, solle er in den Wagen zu ihm kommen. +Er dürfe auch noch um etwas bitten, er solle sich nur recht überlegen, um +was; nur um seine Freiheit dürfe er nicht bitten. + +Das war ein ganz vergnüglicher Morgenanfang. Trotzdem man so etwas in eines +Herzogs Gegenwart eigentlich nicht tut, steckte Kasperle doch gleich seine +große Nase in die Zuckertüte. + +Da seufzte und stöhnte es vor der Türe; die tat sich auf, und herein wurden +der Kasperlemann und Klaus geführt. Der Herzog sah sie streng an. »Ihr +bekommt schwere Strafe,« sagte er; »ihr müßt viele Jahre im Gefängnis +sitzen.« + +»Gnade, Gnade!« Der Kasperlemann weinte und Klaus weinte, sie knieten alle +beide vor dem Herzog nieder und flehten immerzu, er möchte ihnen verzeihen, +sie würden auch nie, nie wieder so etwas Schlimmes tun. »Die Kinder sind +immer mit ihren Pfennigen davongelaufen, darum bin ich in große Not +gekommen,« sagte der Kasperlemann. »Und dann dachte ich, bei der Hochzeit +der Gräfin Rosemarie würde ich spielen dürfen; man hat mich aber gar nicht +recht vorgelassen.« + +»Ach, und meine Kinder sind krank!« jammerte Klaus. »Ach bitte, guter, +lieber Herr Herzog, seid mir doch gnädig!« + +»Nichts da, eingesperrt werdet ihr und viele, viele Jahre lang!« brummte +der Herzog unwirsch. + +Kasperle dachte: Er ist doch nicht gut. Schlimm waren ja die beiden, aber +da sie nun so baten und ihre Tat so bereuten, sollte der Herzog doch nicht +so streng sein. Und plötzlich fiel Kasperle etwas ein. Er hob seine Nase +aus der Zuckertüte heraus, schluckte rasch noch ein Stück hinab, schnitt +dabei ein so furchtbares Gesicht, daß der Kasperlemann dachte: O weh, jetzt +klagt mich Kasperle auch noch an! + +Der aber sagte: »Herr Herzog, du hast mir was versprochen; jetzt weiß ich, +was ich mir wünsche.« + +»Gewiß noch eine Zuckertüte, deine ist bald leer,« sagte der Herzog. +»Kasperle, du wirst noch Bauchweh bekommen!« + +»Nä,« rief Kasperle vergnügt. Er deutete mit dem Fingerlein auf die beiden +Diebe. »Gib die frei, Herr Herzog!« bettelte er. + +»Was, Kasperle, du bittest für den Kasperlemann?« rief der Herzog erstaunt. +»Der hat dich doch immerzu verfolgt!« + +»Ach!« Kasperle stopfte einen Schokoladekringel in den Mund, kaute mit +vollen Backen und schnatterte vergnügt: »>Man muß vergessen und vergeben +können,< hat immer Liebetraut gesagt; ich bin nicht mehr böse, nä.« + +Der Herzog schämte sich ordentlich ein bißchen über seine Härte. »Na, +meinetwegen,« brummelte er, »die beiden mögen frei sein, frei, weil +Kasperle darum gebeten hat. Aber weißt du auch, Kasperle, daß du nun keine +Bitte mehr frei hast?« + +Kasperle grinste vergnügt und steckte ein großes rotes Zuckerherz in den +Mund; schluck, schluck, da war es hinunter. + +»Aber Kasperle, du bist ein Vielfraß!« rief der Herzog erschrocken. + +»So 'n bißchen,« rief Kasperle und schwenkte die riesengroße Zuckertüte hin +und her. Und plötzlich schrie er laut: »Hurra, sie sind frei, frei, frei!« +Er brüllte so entsetzlich, daß der Herzog sich die Ohren zuhielt. »Geht, +geht hinaus!« rief er, »und, Kasperle, iß du lieber weiter von deiner +Zuckertüte, als so mörderlich zu schrein.« + +Der Kasperlemann und Klaus dankten dem Herzog nochmals, und als sie +hinausgingen, flüsterten sie beide: »Kasperle, die Guttat vergessen wir dir +unser Lebenlang nicht!« + +Kasperle aber fraß vergnügt weiter aus seiner Zuckertüte, vergnügt +kletterte er dann zu seinem neuen Freund Veit in einen Wagen, und der +erzählte ihm: »Kasperle, die Hüte und Hauben der Prinzessin sehen aber arg +wüst aus! Na, das wird ein Geschimpfe geben! Gut, daß wir es nicht hören. +Du bist doch aber ein rechter Schelm!« -- Hü, hott! Los ging die Reise, die +Landstraße entlang, dann kam ein Waldweg, ein Fluß, und als sie über dessen +Brücke kamen, standen da etliche Reisewagen; die Prinzessin Gundolfine +stieg hier aus. + +Kasperle sah, wie das Gepäck ausgeladen wurde, er sah auch die riesengroße +Hutschachtel, und er sah, wie die Prinzessin sie mißtrauisch musterte. »Der +Deckel ist aufgewesen,« rief sie, »der sieht kaputt aus.« + +»Ach, Unsinn!« brummte der Herzog. »Bringt Kasperle in meinen Wagen! Und +dann weiter, ich habe keine Zeit mehr.« + +Kasperle huschte flink in des Herzogs Wagen, die Pferde zogen an, und just +in dem Augenblick sah Kasperle, wie die Prinzessin in ihre Hutschachtel +hineinschaute. Die kreischte laut auf, denn innen war nur ein zerdrücktes +Gewühl und Durcheinander, und mitten auf dem besten Sonntagshut, der ganz +verbogen war, lag noch eine angebissene Butterschnitte. + +Die Prinzessin rang die Hände und drohte wütend den davonrollenden Wagen +nach. Der Herzog sah es nicht, aber Kasperle sah es, und er brach in ein so +unbändiges Lachen aus, daß selbst der grillige Herzog mitlachen mußte. Er +mußte sich zuletzt den Bauch halten vor Lachen, und er dachte: Es ist doch +gut, daß ich das Kasperle habe, das wird mir sicher immer meine böse Laune +vertreiben. + + + + +Achtes Kapitel + +Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch + +Da saß nun Kasperle in des Herzogs Wagen und reiste nach Burg Himmelhoch. +Dort wohnte der Herzog immer den Sommer über. Der Weg ging stetig aufwärts, +und auf einmal tauchte auf luftiger Höhe ein großes, helles Schloß auf; +seine Fenster glänzten in der Nachmittagssonne und bunte Fahnen flatterten +von seinen Türmen herab. + +Kasperle vergaß in diesem Augenblick sogar seine Sehnsucht nach dem +Waldhaus, so gut gefiel ihm das Schloß. Er steckte seinen Kopf zum +Wagenfenster hinaus, weit, immer weiter, und der Herzog wollte gerade +sagen: »Kasperle, fall nicht heraus!« Da lag Kasperle schon. Pardauz! +mitten zwischen ein Trüpplein Kinder fiel er, die sich neugierig +aufgestellt hatten, um den Herzog zu sehen. + +Erschrocken stoben die auseinander, aber kaum hatten sie in das putzige +Kasperlegesicht geblickt, da kamen sie alle zurück und erhoben einen +ungeheuren Lärm. Der Herzog dachte nicht anders, als Kasperle habe sich wer +weiß was gebrochen; daß ein Kasperle sehr viel hinpurzeln kann, ohne sich +Schaden zu tun, ahnte er nicht. Er rief aufgeregt: »Kasperle ist +verunglückt, helft, helft!« Und der Wagen hielt, Diener sprangen herzu. Das +Kasperle aber stand putzmunter auf, schüttelte sich und schnitt so +blitzdumme Gesichter, daß die Kinder vor Lachen beinahe auseinander +platzten. + + +Dies ärgerte den Herzog August Erasmus sehr. Er konnte solches Gelärme +nicht leiden. Auch wollte er, Kasperle sollte ihm allein etwas vorkaspern; +er war der Herr, Kasperle sein Diener. »Steig ein!« befahl er streng, und +vor seinem bösen Gesicht entflohen die Kinder scheu. Ganz ängstlich sahen +sie dem Wagen nach, aber da auf einmal steckte wieder Kasperle den Kopf zum +Fenster heraus, grinste, schnitt erst sein Räubergesicht, sah dann wie die +Prinzessin Gundolfine aus, und jäh ertönte wieder das jauchzende Lachen der +Kinder. + +Da nahm der Herzog seinen Stock und gab Kasperle eins auf die Nase. Es +krachte ordentlich, und Kasperle sank in die Wagenecke und brach wieder in +sein beliebtes Heulen aus. Doch da hatte er kein Glück damit bei dem +Herzog. Der liebte alles, was laut war, nicht, und er hieb einfach mit +seinem Stock auf Kasperle ein, bis er muckstill war. Nur ganz, ganz leise +heulte er vor sich hin, seine Nase, sein Rücken, alles tat ihm weh, und die +schöne Burg, der sie nun nahe waren, gefiel ihm gar nicht mehr. + +Der Herzog war ein grilliger Herr. Kasperles Geheule hatte ihm seine Laune +gründlich verdorben, und er gab Befehl, den armen Schelm in eine +vergitterte Kammer zu sperren. Die lag im Erdgeschoß und stammte noch aus +der Zeit, da das erste Schloß auf dem Platze gestanden hatte. Das war +einmal niedergebrannt und in einer Zeit, da die Menschen das Heitere, Helle +liebten, neu aufgebaut worden. + +Die Kammern unten waren düster und kühl, und das arme Kasperle hätte es +recht schlimm gehabt, wenn nicht der Diener Veit gewesen wäre. Der sorgte +für den kleinen Burschen, brachte ihm ein Bett in die Kammer und Essen +genug. Und dann kam er zu ihm, ein anderer folgte, und als oben der Herzog +verdrießlich in seinem Bette lag und der Haushofmeister in seinem Zimmer +Tee trank, saßen in Kasperles Kammer ein paar Diener und Kammermädchen, und +der Kleine hockte auf dem Tisch und kasperte ihnen etwas vor. War das +lustig! + +Das Lachen dröhnte durch den kleinen Raum und tönte zu dem Fensterchen +hinaus; über dem, im ersten Stock, aber hatte der Herzog sein Zimmer. Der +lag da satt und mißmutig; er hatte gerade die Augen geschlossen, als von +unten herauf das Lachen ertönte. + +Was war denn das? Der Herzog richtete sich auf und lauschte. Es lachte und +lachte. Das war doch zu toll! Wütend riß er an seiner Klingel, und sein +erster Kammerdiener fiel beinahe in das Zimmer. Das Klingeln aber hatten +sie unten auch gehört. Just in dem Augenblick, als oben der Herzog zornig +fragte: »Wer lacht so?« rief unten Veit: »Flink, Kasperle, ins Bett und +alle raus, der Herzog hat uns gehört!« + +Husch, husch, flitzten alle aus der Kammer. Veit drehte den Schlüssel um +und Kasperle kroch in sein Bett. + +Oben rief der Kammerdiener den Haushofmeister; der hörte des Herzogs Klage, +und er lief selbst, so schnell er konnte, hinab und schloß Kasperles Kammer +auf. Muckstill war es innen, nur aus Kasperles Bett tönte lautes +Geschnarche. + +Der Haushofmeister schüttelte den Kopf. Der Herzog hat geträumt, dachte er +und stieg wieder die Treppe hinauf. »Kasperle schläft,« meldete er oben. + +»Unsinn, er hat gelacht! Man bringe ihn her!« befahl der Herzog. + +Da ging der Haushofmeister mit dem Kammerdiener hinab. Unten riefen sie: +»Kasperle, du sollst zum Herzog kommen.« + +Kasperle, der Schelm, regte und rührte sich nicht, er schnarchte wie eine +Eule. Schließlich nahm ihn der Kammerdiener auf den Arm, und da rekelte +sich Kasperle und tat, als könne er gar nicht die Augen aufmachen, und oben +in des Herzogs Zimmer riß er seinen Mund, so weit er konnte, auf und gähnte +erschrecklich. »Uah, uah!« Und dabei dehnte er sich, und schnipp, bekam der +Haushofmeister Kasperles Bein mitten ins Gesicht. + +»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »was tust du da?« + +»Ich schlaaafe!« + +»Du hast gelacht!« + +Kasperle machte plötzlich sein bitterböses Räubergesicht, und der Herzog +sank erschrocken in seine Kissen zurück. »Tragt ihn fort, schließt ihn ein, +und der Schlüssel soll hier an meinem Bett liegen!« rief der Herzog +ärgerlich. »Das ist ja ein ganz schlimmer Geselle!« + +Da trug der Kammerdiener Kasperle in seine Kammer zurück, warf ihn ins +Bett, schloß zu, und wutsch, saß Kasperle aufrecht da. Er war kein bißchen +müde, sondern hatte die größte Lust, ein dummes Streichlein zu machen. Er +wartete ein Weilchen, bis alles still draußen auf den Gängen war, dann +zündete er sich eine Kerze an. Veit hatte ihm ein Feuerzeug und Kerzen in +einen Winkel gestellt. Und mit seinem Licht leuchtete Kasperle die ganze +Kammer ab. Er dachte: Hoho, vielleicht finde ich ein geheimes Gänglein wie +einstmals im Waldschloß des Herzogs. Aber soviel er auch klopfte und +suchte, einen Ausschlupf fand er nicht. Nur ein winziges Türchen war da, +das führte in den Schornstein. Gerade über seinem Bett war das. + +Der Herzog August Erasmus war gerade eingeschlafen, als plötzlich ein +furchtbar dumpfes Getöse ihn weckte. Erschrocken richtete er sich auf. Was +war das? + +»Huhuhu!« klagte, stöhnte, ächzte es, und der Herzog riß zitternd an seiner +Klingel. + +Wieder stürzte der Kammerdiener herbei, der Haushofmeister kam, und beide +lauschten schreckensbleich den unheimlichen Tönen. + +»Kasperle, sicher, das ist Kasperle!« ächzte der Herzog, und der +Haushofmeister rannte die Treppen hinab, schloß die Kammer auf und -- da +lag Kasperle und schlief ganz fest. + +Der Haushofmeister lief wieder hinaus und sagte: »Er ist's nicht, er +schläft!« + +»Doch, er war's,« rief der Herzog. »Hört nur, jetzt ist es still geworden!« + +Es war wirklich still geworden, denn Kasperle hatte nun doch Angst +bekommen. Er ließ das Ächzen und Stöhnen sein, und als der Haushofmeister +und der Kammerdiener wieder in seine Kammer kamen, da schlief er nun +wirklich ganz fest. + +Oben sagten die beiden: »Er ist's nicht gewesen.« + +»Doch, er war's, und morgen soll er seine Strafe haben,« rief der Herzog. +»Jetzt will ich schlafen.« + +Das wollten alle Leute im Schloß. Bald herrschte die allertiefste Stille, +nichts rührte und regte sich. + +In Kasperles Kammer aber flog ein kleiner Kauz; der flatterte Kasperle um +die Nase herum, und davon wachte er auf. Er schrie aber nicht so +erschrecklich wie die Prinzessin Gundolfine, sondern griff zu und fing den +Kauz. Hach, dachte er, der kann auch durch den Schornstein zurückfliegen, +hinaus kommt der schon! Und flink tat er das Türlein auf und steckte den +armen Kauz hinein. Mochte er sich selber weiterhelfen. + +Na, so sehr gemütlich fand der das nicht, durch einen Schornstein zu +fliegen. Er fing also an zu schrein, und wieder fuhr der Herzog erschrocken +in seinem Bett empor. Das schrie und rauschte und flatterte, und der Herzog +kroch unter sein Deckbett und schrie um Hilfe. + +Da wurde es wieder lebendig im Schloß, wieder rannte der Haushofmeister +hinab und fand Kasperle schlafend. Diesmal nahm er Kasperle einfach beim +Wickel und trug ihn in des Herzogs Zimmer. »Da ist er,« rief er, »er +schläft wieder.« + +»Er ist es nicht,« rief der Kammerdiener, »es schreit noch immer.« + +Ja, es schrie noch immer, denn der arme kleine Kauz fand nicht so schnell +zum Schornstein hinaus. + +»Uaah, uaah!« gähnte Kasperle. Den hatte der Haushofmeister auf den Boden +gelegt, denn er hatte keine Lust, wieder Kasperles Fuß in sein Gesicht zu +bekommen. + +»Er ist es wirklich nicht,« rief der Herzog zitternd. Der Kauz flog jetzt +gerade durch den Schornstein seines Zimmers und er klagte laut. + +»Das ist ein Gespenst,« flüsterte der Kammerdiener. + +»Rissel, rassel,« schnarchte Kasperle am Boden. + +Noch einmal klagte der Kauz in der Esse wie ein kleines Kind, dann war +alles still; der Kauz hatte hinausgefunden. Kasperle schnarchte am Boden +und der Herzog sagte seufzend: »Weckt ihn, er soll mir etwas vorkaspern!« + +Ja, Kasperle wecken, wenn er tat, als schliefe er, war ein schweres Ding! +Aber endlich bequemte sich Kasperle doch, riß seine Augen weit auf und +fragte: »Was soll ich?« + +»Hast du vergessen, daß du mich unterhalten willst, wenn ich verdrießlich +bin?« fragte der Herzog brummig. + +»Nä!« Kasperle grinste, und dann fing er an Purzelbäume zu schlagen. Eins, +zwei, drei, klirrrr! ging der große Pfeilerspiegel in Scherben, weitherum +spritzten die Glasstücke, und der Herzog rief erschrocken: »Aufhören, +aufhören!« + +Da saß das Kasperle schon mitten auf seinem Bett, steckte sich sein eigenes +Bein in den Mund und schickte sich an, auf dem Herzog und dem Bett +herumzukollern. + +»Um Himmels willen, nehmt ihn weg, sperrt ihn ein! Aber nicht unten in die +Kammer, irgendwo, wo er nicht ausreißen kann,« rief der Herzog. »Ganz +schlecht soll er es haben.« + +Der Haushofmeister, der bald umfiel vor Müdigkeit, nahm das Kasperle, +zerrte es mit sich fort, und draußen sagte er: »Kasperle, wenn du mir +versprichst, ganz brav zu sein, kannst du auf meinem Sofa schlafen; sonst +mußt du unten in eine dunkle Kammer gehen.« + +»Will brav sein,« rief Kasperle erschrocken. + +»Still, still!« mahnte der alte Haushofmeister, dem der arme kleine Schelm +trotz des Nasenstübers leid tat, »damit es der Herr Herzog nicht hört, +sonst geht es uns beiden übel.« + +Und er nahm Kasperle mit in seine Stube. Kasperle durfte sich auf ein +weiches, rotes Sammetsofa legen und ungestört schlafen, und der alte +Haushofmeister dachte, als Kasperle flink einschlief: Armer kleiner Bursch, +wie wird es dir hier noch ergehen! Unserm Herzog es recht zu machen, wenn +er schlechte Laune hat, ist ein übles Ding. + +Und dann legte er sich selbst in sein Bett, und nach ein paar Minuten +schliefen alle im Schloß. Nur der Herzog nicht, der war putzmunter vor +lauter Aufregung geworden. Er drehte sich rechtsum, linksum, lag auf dem +Rücken, lag auf dem Bauch, drehte das Kopfkissen um, einschlafen konnte er +nicht. + +»Daran ist nur Kasperle schuld,« brummte er; »ich werde einen Käfig machen +lassen und ihn hineinstecken. Warte nur, Kasperle, zum Teufel schicke ich +dich nicht, aber schlimm soll es dir ergehen, wenn du weiter so unnütz +bist.« + + + + +Neuntes Kapitel + +Das traurige Marlenchen + +Ausgeruht und purzelvergnügt flitzte Kasperle am nächsten Morgen in den +Park, der das Schloß umgab. Der Haushofmeister hatte ihm ein gutes +Frühstück gegeben, da war er satt, und der Herzog hatte ihn nicht rufen +lassen, das gefiel ihm gut. Was der Herzog für bitterböse Gedanken hatte, +ahnte er nicht. + +Der Herzog wieder dachte, das Kasperle sei eingesperrt, also mochte es +eingesperrt bleiben. Doch der Haushofmeister war ein milder alter Mann und +nicht sehr für das Einsperren. Der hatte nur gefragt: »Kasperle, läufst du +auch nicht fort?« Und da hatte Kasperle ihn traurig angesehen und von +seinem Versprechen erzählt, und der Haushofmeister merkte, das brach +Kasperle nicht. Also durfte der kleine Kerl im Garten herumspazieren. + +Der war schön und weit; erst kamen Blumenbeete und Rasenflächen, dann ein +kleines Wäldchen, durch das ein Bächlein rann. Vergißmeinnicht und +Butterblumen blühten an seinem Rande und glänzende Kiesel lagen auf seinem +Grunde. Flinke Forellen schwammen manchmal rasch vorbei und schimmernde +Libellen tanzten über dem Wasser hin. + +Das Bächlein gefiel Kasperle gut. Er hörte es rauschen, lief dem Tone nach +und sah dann das silberklare Wasser. Da dachte Kasperle gerade an +hineinpatschen und Darinspielen, als er ein kleines Mädchen am Rande sitzen +sah. Es war ein feines, schönes Kind, wie das Schneewittchen im Märchen, +nur die Wänglein waren nicht rot wie Blut, sondern auch weiß wie +frischgefallener Schnee. + +»Hollahe!« schrie Kasperle vergnügt. Der dachte: Das ist eine feine kleine +Spielgenossin. + +Das Kind fuhr erschrocken zusammen, tat einen Seufzer und sank blaß und +still ins Gras. + +Kasperle war arg erschrocken. Es sah wirklich aus, als ob die Kleine tot +wäre. Ganz sachte ging er näher und betrachtete das zarte Gesichtchen. Da +öffnete das Kind die großen, dunklen Augen und sah ihn traurig an. Dem +Kasperle tat das Herz weh, so traurig war der Blick. Er blieb ganz still +stehen, ließ die Nase hängen und wagte kaum sich zu rühren. + +Ein Weilchen war es ganz still, bis auf einmal eine leise, traurige Stimme +fragte: »Wer bist du denn?« + +Kasperle sah die Kleine scheu an und antwortete: »Kasperle. Aber du, bist +du eine Prinzessin?« + +»Nein,« antwortete die Kleine, »ich bin nur das traurige Marlenchen.« + +»Warum bist du denn traurig?« Kasperle schnitt die fürchterlichsten +Gesichter vor lauter Mitleid. Sonst lachten alle Kinder darüber, das +traurige Marlenchen aber beugte sich über den Bach, und ihre Tränen +tropften in das Wasser. »Ich muß immer weinen,« klagte sie. + +»Warum mußte denn das?« Kasperle weinte ja auch oft und recht tüchtig, er +konnte aber nicht begreifen, daß jemand immerzu weinen muß. + +»Um meinen Vater weine ich,« flüsterte das traurige Marlenchen. + +Ob der wohl tot war? Kasperle wagte nicht zu fragen, er setzte sich nur +still neben die Kleine, und eine Weile war nur das Plätschern des Baches +und das Rauschen der Bäume zu hören. Plötzlich aber rief ferne eine Stimme: +»Kasperle, Kasperle!« + +Der sprang auf. Der Haushofmeister hatte gesagt: »Wenn du gerufen wirst, +komme sofort, sonst sperrt dich der Herzog wirklich ein.« Kasperle schrie +nur noch: »Ich komme wieder,« und dann rannte er in solchen Bocksprüngen +dem Hause zu, daß ihm das traurige Marlenchen ganz verwundert nachsah. + +Im Schloß kam Veit schon Kasperle entgegen. »Schnell, schnell, du sollst +zum Herzog kommen, aber schlage nicht wieder Purzelbäume!« + +Der Herzog saß in einem schönen, großen Zimmer und war verdrießlich. Das +war er beinahe alle Tage, vielleicht weil er es zu gut hatte im Leben. Er +gähnte und sah Kasperle streng an: »Wo warst du?« + +»Im Garten,« stammelte Kasperle und er wollte gerade sagen: Ich habe das +traurige Marlenchen gesehen, als ihm der Haushofmeister zuflüsterte: +»Still!« + +Klapp! machte Kasperle seinen Mund zu. Er stand da und schaute mit seinen +glitzernden Äuglein den Herzog erstaunt an; nein, sah der brummig aus! Auf +einmal fragte der Herzog: »Kannst du wirklich aussehen wie meine Base +Gundolfine?« + +Kasperle verzog flink sein Gesicht, ganz wunderlich war es, wie er das +konnte, und plötzlich schaute er wirklich beinahe wie die Base Gundolfine +drein. + +Der Herzog lachte ein wenig und befahl: »Schneide noch mehr Gesichter!« Da +schnitt Kasperle Gesicht um Gesicht und der Herzog dachte: Ein spaßiger +Kerl ist's schon. + +Er war nachher auch ganz gnädig und sagte, Kasperle solle eine Stube im +Turm bekommen. Die hatte auch vergitterte Fenster, und dann durfte Kasperle +an des Herzogs Tafel Mittag essen. + +Jemine, das war aber eine Geschichte! Daheim im Waldhaus hatte selbst die +schöne Frau Liebetraut, die doch dem Kasperle so vieles nachsah, über des +kleinen Burschen flinkes Essen gescholten. Aber an des Herzogs Tafel war +man so etwas nicht gewöhnt. Schluck, schluck, da war der Teller leer, und +was für Portionen lud sich der Kleine auf! + +Der Herzog pflegte siebenmal am Tag zu essen, und dazwischen schleckte er +immer Schokolade. Da aß er dann zu Mittag immer nur ganz wenig, und seine +Hofleute aßen sich meist hinterher satt, weil sie am Tisch zu kurz kamen. +Denn der Herzog ärgerte sich, wenn einer mehr als er selbst aß. Nur die +Prinzessin Gundolfine pflegte tüchtig zu schmausen. Und nun fraß das +Kasperle wie ein kleiner Werwolf. Nach der Suppe streckte er seinen Teller +aus und schrie: »Nochmal!« + +»Genug,« rief der Herzog ärgerlich, »es gibt nur einmal.« + +Hei, dachte Kasperle, wenn es so ist, muß ich mich dazu halten! Und beim +zweiten Gang lud er sich den Teller voll; wie ein Berg türmte er alles auf, +und der Diener, der herumreichte, hatte Mühe sein Lachen zu verbergen. Nun +konnte das Kasperle essen! + +Der Herzog sagte nichts, er sah nur ein paarmal streng hin, und der +Kammerherr, neben dem Kasperle saß, schubste ihn und flüsterte leise: »Nimm +nicht so viel!« + +Kasperle erschrak, und beim nächsten Gang nahm er nur bescheiden ein +winziges Stückchen. Aber dann kam die süße Speise, und da war es um +Kasperle geschehen. Den halben Pudding lud er sich auf den Teller, und der +Herzog bekam ganz große, runde Augen vor Schreck. »Kasperle,« rief er, »das +ist unbescheiden.« + +Kasperle versank erschrocken mit seiner großen Nase in dem Puddingberg. Ein +leises Lachen erklang ringsum, der Herzog aber rief streng: »Kasperle soll +aufstehen, den Pudding darf er nicht essen!« + +Das war bitter. Kasperle verzog sein Gesicht, er wollte heulen, aber sein +Freund Veit hielt ihm einfach den Mund zu. Er hob ihn auf, führte ihn aus +dem Saal, und draußen flüsterte er ihm zu: »Sei still, ich bringe dir +deinen Pudding!« + +Ein anderer Diener, der nicht bei Tische aufwartete und der mürrisch und +unfreundlich war, nahm Kasperle, führte ihn in den Turm, schloß brummig die +Türe zu, und da saß Kasperle allein und gefangen. Er dachte wieder an das +Waldhaus, an das traurige Marlenchen und den Pudding. Das war zuviel für +ihn, und er brach in ein jämmerliches Geheule aus. + +Er weinte lange, bis er draußen Schritte hörte. Es war der alte +Haushofmeister, der selbst kam, ihm seinen Pudding brachte und ihn +gutherzig tröstete. »Kasperle,« sagte er, als der schon wieder +purzelvergnügt zu schmausen begann, »wenn du mir fest versprichst, keine +Dummheiten zu machen und nur dann aus dem Turm zu wutschen, wenn es gar +niemand merken kann, will ich dir etwas verraten. Ich muß nämlich den +Schlüssel dem Herzog geben; du sollst nur herausgelassen werden, wenn der +Herzog von dir unterhalten sein will, sonst sollst du immer, immer im Turm +stecken. Doch der Turm hat noch ein Türchen, von dem aus du die Treppe +hinablaufen kannst. Der Turm ist nämlich noch von dem alten Schloß.« + +»Wie im Waldschloß,« rief Kasperle vergnügt, und flink schlug er dem Bild +eines würdigen Herren auf den Magen, weil er dachte, das Türlein sei +dahinter. + +Aber der Herr blieb steif und feierlich an der Wand hängen und der alte +Haushofmeister lachte. »So flink findest du das nicht,« sagte er, »und erst +mußt du mir dein Wort geben, keine Dummheiten zu machen.« + +Das gab ihm Kasperle. Freilich, der gute Haushofmeister wußte nicht, daß +Kasperle für die harmlosesten Dinge ansah, was man sonst schon große, +unnütze Streiche nennt. + +»Nun paß also auf!« Der Haushofmeister schloß den Schrank auf, verschwand +drinnen und -- kam auf einmal ganz vergnügt durch die Türe von außen wieder +in die kleine Stube hereinspaziert. + +Das war doch merkwürdig! Hops! sprang Kasperle auch in den Schrank, der +Haushofmeister schloß von außen zu, und da saß Kasperle im Schrank. Er +klopfte, drückte, aber nirgends war ein Spalt. Es wurde ihm himmelangst und +er schrie flehend: »Rauslassen, rauslassen!« + +Der Haushofmeister schloß lachend die Türe wieder auf. »Siehst du, kleines +Kasperle,« sagte er, »so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um +herumzugeistern. Aber nun paß einmal auf!« Und er drehte an einem +Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand +unversehens draußen auf dem Treppengang. + +Das war fein! Vergnügt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den +Schrank hinein, war draußen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht +hatte, sagte der Haushofmeister: »So, nun ist's genug, nun bleibe jetzt nur +drinnen! Jetzt kannst du ein bißchen zum Fenster hinaussehen.« + +»Ach, ich möchte raus!« bettelte Kasperle, »ich möchte zum traurigen +Marlenchen.« Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu. +»Schweig!« sagte er, »davon dürfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts +hören, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns übel.« + +Kasperle riß weit Mund und Augen auf. Was war denn das für eine +geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen +konnte, erzählte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das +kleine vergitterte Fenster und begann: »Der Vater des traurigen Marlenchens +besitzt ein kleines Schloß; vom Bächlein aus, an dem Marlenchen immer +sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du +es in der Ferne liegen.« Er zeigte auf ein Schloß, das sich aus Bäumen +heraushob. »Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heißt er und +auch das Schlößchen, Jägermeister. Seine schöne junge Frau ist früh +gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die +Prinzessin Gundolfine -- Himmel, Kasperle, was ist denn?« + +Kasperle hatte bei der Erwähnung der Prinzessin gleich sein bitterböses +Räubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an. +Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin +gesprochen habe, lachte er und brummelte: »Ja, die ist auch schlimm! --Na +also,« fuhr er fort, »die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte +in dem Walde, der an den Park stößt. Es war ein heißer Tag, und der Herzog +kam und kühlte sich einmal die Hände im Bach. Dabei zog er einen kostbaren +Ring ab und legte ihn auf einen großen, flachen Stein. Der Platz ist unter +einer riesengroßen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen +getroffen haben.« + +Kasperle nickte eifrig. »Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest,« sagte +er. + +»So, so!« Der Haushofmeister hörte kaum darauf, er erzählte weiter: »Wie +sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jägerbursche und rief, ein großer +Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein. +Der habe sich gewiß aus dem hohen Gebirge verflogen. + +>Den muß ich schießen, aber allein,< rief der Herzog. Er vergaß seinen Ring +und eilte davon und der Hofjägermeister blieb am Bach sitzen. Der wußte, +der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser +schießen konnte. Und unser Herzog mag's nicht leiden, wenn einer etwas +besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah +dessen Wellchen hüpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte +dabei nicht an des Herzogs Ring. Plötzlich hörte er in der Ferne lautes +Rufen und Schüsse und dann kam der Herzog zurück und er stand auf und ging +ihm entgegen. + +>Es war wirklich ein verflogener Adler,< rief der Herzog ärgerlich, >aber +mein Schuß ging fehl. Das ist nur davon gekommen, daß ich meinen Glücksring +nicht angesteckt hatte!< + +Und rasch ging der Herzog auf den großen Stein zu, auf den er vorher den +Ring niedergelegt hatte, doch der Ring war weg. >Haben Sie meinen Ring +aufgehoben?< fragte der Herzog den Hofjägermeister. >Geben Sie mir ihn +rasch!< + +Der Herr von Lindeneck erschrak. Er hatte gar nicht an den Ring gedacht und +er sagte etwas verwirrt: >Er muß doch dort liegen!<« + +Der alte Haushofmeister seufzte. »Ich bin nicht dabei gewesen, aber der +Veit, der ein guter Bursche ist, war dabei, und der hat gesagt, Marlenchens +Vater sei nur etwas erschrocken gewesen, keine Maus hätte denken können, er +habe ein schlechtes Gewissen. Doch die Prinzessin Gundolfine, die den Herrn +von Lindeneck nicht leiden konnte, und die dazu kam, hat gleich gerufen: +>Sie sehen ja so verlegen aus! Ei, ei, Sie haben wohl den Ring in der +Tasche verwahrt?< + +Das war sehr böse und der Herzog war zuerst auch ärgerlich über die +häßlichen Worte der Prinzessin, aber als sich der Ring nicht fand, wurde er +immer verstimmter und die Prinzessin tuschelte ihm immer zu: >Der Herr von +Lindeneck mag doch mal seine Taschen weisen!< und da hat er zuletzt das von +seinem Hofjägermeister verlangt. + +Der ist totenbleich geworden, hat gleich alle seine Taschen aufgerissen, +doch der Ring hat sich nicht gefunden. Die Prinzessin aber hat gerufen: >Er +wird schon wissen, wo er ihn versteckt hat!< + +Darüber ist der Hofjägermeister so zornig geworden, daß er beinahe die +Prinzessin geschlagen hätte. Es hat einen großen Streit gegeben. Der Herzog +war auch böse auf die Prinzessin, und endlich ist der Herr von Lindeneck in +den Schloßhof gegangen, hat sein Pferd bestiegen und ist davongeritten. + +Dem Herzog war es nicht recht, und gewiß wäre auch alles gut geworden, aber +an dem Ring hing ein alter Aberglaube. Wer ihn trägt, bleibt immer gesund, +wer ihn verliert, muß bald sterben. Wie nun alle eilig in das Schloß +gegangen sind, hat sich der Herzog eine Beule am Türpfosten gestoßen, und +da hat er gemeint, er müßte gleich sterben. Er hat gejammert: >Mein Ring, +mein Ring!< und die Prinzessin hat wieder gerufen: >Der ist gestohlen!< + +Oh, die Prinzessin Gundolfine ist schon eine bitterböse Frau!« + +»Ja,« rief Kasperle dazwischen, und er nickte höchst lebhaft und schnitt +gleich wieder sein Räubergesicht. + +Diesmal erschrak der Haushofmeister nicht, er nickte nur. »Ja, ja, du hast +recht, das Gesicht verdient sie, kleiner Kasper. Sie hat schwere Sünde +getan, hat die arme kleine Marlene angeschrien: >Dein Vater ist ein Dieb, +er hat gestohlen!< + +Das Kind ist so totenbleich geworden, wir haben alle gedacht, es sterbe, +und die schöne Gräfin Rosemarie hat es in den Armen gehalten und hat +geweint und geklagt. Man hat nach dem Leibarzt gerufen, aber da ist das +Marlenchen plötzlich aufgesprungen und ist davongelaufen, ehe es noch +jemand halten konnte. + +Die Gräfin Rosemarie ist ihm nachgerannt, aber erst am Schloß Lindeneck hat +sie die Kleine eingeholt. Doch da hat der Herr von Lindeneck sein Kind an +die Hand genommen, ist im Schloß verschwunden, und seitdem darf dort kein +Fremder mehr die Schwelle übertreten. + +Aus dem Marlenchen, das ein liebes, lustiges Dinglein war, ist das traurige +Marlenchen geworden. Es sitzt oft am Bach an dem Platz, an dem der Ring +verloren gegangen ist, und sucht und sucht; ich glaube, es ist kein Kiesel +im Bach, den das Marlenchen nicht schon umgedreht hat. Davon weiß der +Herzog nichts und ihr Vater auch nicht. Der Herzog meidet seit dem Tage den +Platz, er geht nie mehr nach jener Seite des Parkes, und der Herr von +Lindeneck wandert nur abends durch seinen Wald; er läßt sich vor niemand +mehr sehen. Der Graf von Singerlingen hat schon oft an dem Schloßtor +gestanden und Einlaß begehrt; man hat ihn nicht eingelassen, und dabei war +er des Hofjägermeisters bester Freund.« + +Der Haushofmeister schwieg, und Kasperle sah ihn erwartungsvoll an. Endlich +fragte er: »Wer hat denn den Ring?« + +»Ach lieber Himmel, du blitzdummes Kasperle!« rief der alte Herr. »Wenn das +jemand wüßte, dann wäre doch alles gut! Nur weil sich der Ring nicht +gefunden hat, denkt der arme Herr von Lindeneck, alle Leute halten ihn auch +für einen Dieb, wie es die Prinzessin tut. Dabei denkt das kein Mensch; wer +weiß, wohin der Ring geraten ist! Vielleicht hat ihn gar eine von den +großen Forellen verschluckt. Ach, es ist ein Jammer! So ein lieber Herr war +der Jägermeister, und das arme Marlenchen war ein rechtes Sonnenkind, und +nun ist es immer blaß und traurig.« + +Plötzlich fiel dem Haushofmeister etwas ein. »Kasperle,« sagte er, »du +könntest versuchen, das Marlenchen aufzuheitern. Jetzt im Sommer, um die +Zeit, da unser Herzog regiert, sitzt die Kleine tagaus, tagein am Bach; da +könntest du ihr etwas vorkaspern, vielleicht lernt das traurige Marlenchen +das Lachen wieder.« + +»Ich geh gleich hin,« schrie Kasperle und wutschte flink in den Schrank +hinein, aber sein Beschützer hielt ihn noch am Hosenzipfel fest. »Jetzt +nicht, Kasperle, jetzt ist das Marlenchen nicht da. Jetzt bleibe du nur +hier, denn wenn der Herzog von seinem Mittagsschlaf erwacht und du bist +nicht da, dann gibt es großen Spektakel. Morgen früh darfst du an den Bach. +Sieh, hier habe ich eine Pfeife; wenn ich dreimal auf der pfeife, dann mußt +du zurückkommen. Du darfst aber auch niemand außer Veit etwas sagen, nur +der und der Gärtner noch wissen es, daß das traurige Marlenchen dort alle +Tage nach dem verlorenen Ringe sucht.« + +»Ich helf' suchen,« sagte Kasperle. »Paß auf, ich finde den Ring!« + +»Ach Unsinn, den findet niemand mehr!« + +»Doch, ich hab' mal geträumt, ich hätt'n Ring gefunden.« + +»Wo denn? Wann denn?« + +Da sperrte Kasperle den Mund weit auf und murmelte kleinlaut: »Ja, das weiß +ich nicht mehr!« + +»O Kasperle!« Der alte Haushofmeister streichelte das dumme, unnütze +Kasperle und er versprach ihm, nachher sollte Kasperle auch Milch und +Kuchen bekommen, wenn er brav wäre. + +Das Bravsein gelobte Kasperle feierlich. Und er kletterte auch ganz still +auf das Fensterbrett, als der Haushofmeister gegangen war, und schaute +hinaus. Nicht weit vom Schloß lag eine mauerumrankte kleine Stadt, rechts +kamen Wiesen und Wälder und auf einer Anhöhe lag Schloß Lindeneck. + +Kasperle guckte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, und da sah er in der +Ferne wieder ein Schloß liegen. Es war gut, daß just Veit in das +Turmstübchen kam, denn sonst wäre Kasperle wohl vor Neugier noch aus dem +Fenster gepurzelt. Veit sagte auch, das erste Schloß sei Lindeneck, das +zweite dort in der Ferne aber Weidbronnen, dort wohne oft der Graf von +Singerlingen. + +So nah wohnte der! Kasperles Augen glitzerten vor Freude und er sagte +plötzlich: »Wenn er mich zum Teufel schickt, dann geh' ich dahin.« + +»Wer soll dich denn zum Teufel schicken?« + +»Na, der Herzog.« + +Veit lachte. »So etwas sagt der nicht, dazu ist er viel zu fein. Aber +horch, Kasperle, es wird einmal gepfiffen; das heißt, du sollst zum Herzog +kommen. Nun sei aber brav und benimm dich gut!« + +Kasperle versprach es, und dann ging er an Veits Hand bis an des Herzogs +Nachmittagswohnzimmer. Veit machte die Türe auf, Kasperle übersah die +Schwelle und platsch, lag er, so kurz er war, im Zimmer, und der Herzog +ließ vor Schreck seine Tasse fallen. Er schalt heftig und Kasperle stand da +wie ein begossenes Pudelchen. Veit aber dachte: Das nennt er nun sich gut +benehmen! O mein armes, dummes Kasperle, wie wird es dir hier ergehen! + + + + +Zehntes Kapitel + +Eine neue Freundin + +Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er +mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner großen Nase +in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mußte +Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen. +Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte +er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar +und liefen davon. Erst wußte der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte, +bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle +ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege +kreischten laut. + +Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf +den Rücken. Potzwetter, tat das weh! + +Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er würde noch +mehr Schläge bekommen. Dazu befahl der Herzog: »Schneller fahren!« und der +Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mühe, nicht runterzufallen; ganz +verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten. + +Abends mußte Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor +lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing plötzlich sein +Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte, +zog gleich wieder ein verdrießliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr +unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten. + +»Aber im Waldhaus nicht.« Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber +seine Stimme rutschte ihm aus, und so hörte es der Herzog. Da bekam +Kasperle Schläge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und +eingeschlossen. Müde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war +doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein! + +Als Kasperle aufwachte, dämmerte draußen erst der Morgen, und hinter der +kleinen Stadt glühte der Himmel im Frührot. Kasperle schaute zum Fenster, +er sah auch hinüber nach Schloß Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel +ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich +gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht +schöne Gesichter schneiden konnte und Purzelbäume schlagen, fing er an, das +zu üben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstübchen. + +Der lachte vergnügt. »O Kasperle,« sagte er, »was bist du für ein +schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frühstücke! Der Haushofmeister läßt +dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim +Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfraß zulangst. Du sollst nämlich +mit dem Herzog frühstücken.« + +Schön war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann +befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er aß sich so plumpsatt, daß +er sich kaum noch rühren konnte. So wohl gerüstet ging er zum Frühstück des +Herzogs. + +»Mach' eine schöne Verbeugung!« hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle +auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war, +platzten ihm unversehens seine Hosenknöpflein, und das fand der Herzog nun +wieder sehr, sehr unschicklich. + +Kasperle mußte das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nähte +ihm erst die Knöpflein wieder an. Das war eine gutmütige Frau, die ihren +Spaß an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen +Kittel nähen, einen von himmelblauer Seide. + +»Lieber grün,« bettelte Kasperle. + +»Meinetwegen auch grün, aber warum denn?« + +Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grünes +Wämslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz +kleines bißchen dachte der Schelm nämlich ans Ausreißen. Wer weiß, der +Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel! + +Jetzt freilich mußte er zum Herzog zurückgehen. Der war eigentlich kein +böser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger +als früher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie +jemand ob seiner üblen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar +nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine +Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an +einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mußte! +Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen, +darum hatte er Kasperle auch zum Frühstück eingeladen. + +Wenn aber Hosenknöpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu +mit den angenähten Knöpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte +der Herzog freundlich: »Nun komm nur und frühstücke!« + +Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf: +Brötchen mit Schinken darauf, ein großes Stück Kuchen dazu, und er +ermahnte: »Nun iß nur, du bekommst mehr!« + +Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, daß ihm die +Hosenknöpfles abspringen! + +Kasperle kaute und kaute, würgte, schluckte, -- es ging nicht mehr. + +»Iß doch, trink' doch!« mahnte der Herzog. »Du bekommst noch mehr.« + +Da seufzte Kasperle so tief, als säße er unten im Turmverlies. Und weil er +sich gar nicht zu helfen wußte, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in +seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke +Tränen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fühlte +tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an, +sondern sagte freundlich: »Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit +du mittags wieder hungrig bist.« + +Kasperle war heilfroh, daß er hinausdurfte. Er schoß die Treppe hinab wie +eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an +das Bächlein bei der uralten großen Ulme. + +Und wirklich saß das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine +im Wasser um und suchte den verlorenen Ring. + +»Da bin ich!« Plitsch, platsch, schoß Kasperle in den Bach hinein und +Marlenchen sank vor Schreck wieder totenblaß am Ufer hin. + +Und Kasperle hatte doch gedacht, sie würde über seinen Purzelbaum lachen! +Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das +blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an. + +»Warum weinst du denn?« fragte da auf einmal ein feines Stimmchen. + +»Weil ich -- alles verkehrt mache.« Kasperle schluchzte erbärmlich, und da +vergaß das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete +sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte über Kasperles Gesicht und +fragte: »Warum bist du denn hier?« + +»Weil ich's versprochen habe.« Und Kasperle fing an, dem kleinen Mädchen +vom Waldhaus zu erzählen, von Michele und von Rosemarie. + +»Du bist gut, weil du der schönen Rosemarie und deinem Michele geholfen +hast,« sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weiße Hand in Kasperles +derbe, braune Patsche, und so saßen die beiden unglücklichen Kameraden an +dem Bächlein und Kasperle mußte immer mehr und mehr vom Waldhaus erzählen. +Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen über Marlenchens trauriges +Gesicht, aber sie lachte noch nicht. + +Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt +auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen. + +Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des +Haushofmeister Pfeife ertönte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide +zusammen: »Morgen,« schüttelten sich die Hände, und wieder ging ein ganz +feiner, heller Schein über das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie +manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken +schimmert, war es. + +Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief +mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit +am Hosenzipfel fest. »Du,« sagte der, »jetzt schling nicht so bei Tisch, es +sind noch Gäste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas. +Also fein still und brav sein!« + +Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er aß wenig, saß auch ganz still und +bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur -- ein Kasperle ist eben ein +Kasperle. Da saß am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame +Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen +zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er +nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkürlich sein Gesicht, +nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnärrisch aus, daß ein +Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, plötzlich leise +vor sich hin kicherte. + +Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder +die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor +sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der +so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut +auf. Es dröhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche +Herren und Damen und der Herzog dazu saßen steif und ernsthaft da, über ein +Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns +bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die +Hochmütigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen +verlernt. + +Der Herzog August Erasmus hätte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um +seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen +Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht für würdevoll. Er sah streng zu +Kasperle hin, und der erschrak über den bösen Blick und tauchte vor Schreck +die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf. + +Der Herzog rümpfte die Nase. Nein, dieses Kasperle betrug sich zu schlimm! +Er winkte Veit. »Bring' ihn hinaus!« sagte er streng. + +Da mußte Kasperle aufstehen und er dachte: Nun werde ich wieder +eingesperrt. Sein Gesicht wurde ganz traurig, und der Herzog sah dieses +traurige Kasperlegesicht und es war, als rede jemand zu ihm: Kasperle kann +doch nichts anderes sein als eben ein kleiner Schelm, der immer +herumkaspert! + +Weil der Herzog aber immer meinte, alles, was er tue, sei recht und gut, +rief er Kasperle nicht zurück, und Veit sagte zu dem draußen: »Nun geh +geschwinde in deinen Turm, ich dringe dir nachher noch allerlei Gutes.« + +Da stieg Kasperle in seinen Turm hinauf, kletterte wieder auf das +Fensterbrett und schaute dahin, wo Schloß Lindeneck aus den Baumwipfeln +hervorsah. Er dachte an das traurige Marlenchen, und auf einmal stieg ein +ganz bitterer Groll gegen den Herzog in des Kasperles Herz empor. Der trug +doch die Schuld an des Marlenchens Trauer; der Herzog und die Prinzessin +Gundolfine, die beiden waren es. + +Kasperle sprang vom Fensterbrett herab, zerrte zwei Stühle heran, nahm +einen Stock, der in der Ecke lehnte, und bums, bums! schlug er auf die +Stühle ein. »Warte du, warte du!« schrie er. + +»Ja, warte du!« sagte jemand und hielt Kasperle fest »Aber Kasperle, was +machst du denn?« Der alte Haushofmeister sah ganz verdutzt dem kleinen +Burschen in das bitterböse Gesicht. + +»Ich hau' den Herzog da, und die Prinzessin da.« Kasperle riß sich los und +schlug unverdrossen auf die Stühle ein. »Klapp, du, klapp, du!« + +»Jemine!« Sein guter, alter Freund sah Kasperle entsetzt an. »Aber +Kasperle,« rief er, »du bist doch ein abscheulicher Strick! Wenn das unser +Herr Herzog hörte, dann möchte es dir schlecht gehen. In das +allerfinsterste Loch würdest du gesteckt.« + +Erschrocken ließ Kasperle den Stock sinken, und da er in das ehrlich +betrübte Gesicht des Haushofmeisters sah, kam er flink, schmiegte sich an +den an und bettelte: »Sei wieder gut!« + +Ja, wieder gut, das war der alte Mann dem Unnützling schon; er seufzte aber +doch recht sehr, als er wieder das Turmgemach verließ. Wie würde das +werden! Irgendeine Dummheit stellte das Kasperle doch wieder an. + +Er ahnte nicht, daß das Kasperle schon dabei war. Das dachte sich: Im Turm +ist's langweilig allein, ich hole mir etwas zum Spielen. Und flugs +entwischte er durch den geheimen Gang, geriet auf eine Hintertreppe und kam +in den Park hinaus, ohne daß ihn jemand sah. Draußen raffte er sich Blumen +zusammen, steckte sich Kieselsteine in sein Mützlein und fand zu seinem +großen Vergnügen auch etliche dicke Fröschlein, die er in die weiten +Taschen seines Kasperlegewandes tat. Dann lief er wieder zurück, irrte erst +eine Weile im Schloß herum und mußte sich ein paarmal verstecken, ehe er +seinen Turm wieder fand. + +Dort tat er erst die Blumen in ein Glas, ordnete die Steine und war gerade +dabei, die Frösche aus den Hosensäcklein herauszunehmen, als Veit erschien. +»Flink, flink, Kasperle!« rief er. »Du sollst kommen. Der Herzog sitzt mit +seinen Gästen noch beim Kaffee; du sollst ihnen etwas vorkaspern. Nachher +gibt es auch Kuchen.« + +Da ließ Kasperle alle seine Schätze im Stich, lief mit und wurde vom Herzog +viel gnädiger empfangen, als er gedacht hatte. »Mache einmal dein +Räubergesicht!« sagte der, »und auch das Teufelsgesicht.« + +Und Kasperle schnitt flugs ein Gesicht nach dem andern, er drehte und wand +sich, stellte sich auch einmal auf den Kopf, steckte diesen durch die Beine +durch und grinste die Gäste so an, daß die laut lachten. + +Der Herzog hielt eine Tasse Kaffee zierlich in der Hand, und er wollte +gerade ein wenig von der Schlagsahne naschen, die obenauf schwamm, als ein +dicker Frosch aus Kasperles Tasche herausplumpste, und plitsch, platsch, +sprang der in die Höhe, mitten in des Herzogs Tasse hinein! + +»Mein Himmel, was ist das?« rief eine alte Gräfin, die neben dem Herzog +saß, als der seine Tasse fallen ließ. Doch da saß ihr der Frosch schon auf +dem Schoß. Sie schrie gellend auf und ein paar junge Fräulein kreischten +entsetzt: »Frösche, Frösche!« + +»Wo denn?« Ein etwas kurzsichtiger Kammerherr bückte sich, und plitsch +sprang ihm ein Fröschlein mitten ins Gesicht. + +Gab das ein Geschrei! »Frösche, Frösche!« quietschten die Damen immerzu, +sie hielten sich ihre Kleider fest zusammen und sprangen auf die Stühle. +Die Hofherren wollten die Frösche fangen, doch die waren schneller als sie +und hopsten hierhin und dahin. Der Herzog aber lehnte schreckensbleich in +seinem Sessel; vor Fröschen graulte er sich. Er stöhnte: »Wo kommen sie +her?« + +Kasperle stand ganz verdattert da. Daß die Frösche aus seinen Hosensäcklein +gefallen waren, hatte nur Veit gesehen und der schwieg ganz still. Die +andern Diener aber riefen: »Sie sind sicher aus dem Garten +hereingesprungen.« + +»Gewiß ist es ein Zeichen, daß es entweder schlechtes oder gutes Wetter +gibt,« flüsterte die alte Gräfin zitternd. + +Der Herzog erhob sich bebend. »Ich muß mich in mein Bett legen,« stammelte +er, »ich bin zu sehr erschrocken.« + +Und alle umdrängten den Herzog und bedauerten ihn, Kasperle aber schlich +sich fort; niemand beobachtete ihn. Nur Veit zog ihn ein wenig an den Ohren +und sagte: »Schelm du!« Dann ließ er ihn los und Kasperle rannte in den +Park, rannte dahin, wo das Bächlein floß, und er fand dort wirklich das +traurige Marlenchen. Vergnügt erzählte er, was ihm alles passiert war, und +wieder huschte es wie ein ganz matter, zarter Sonnenschein über das blasse +Gesicht der Kleinen. + +»Du lernst noch lachen,« schrie Kasperle vergnügt und schlug vor Freude +einen riesengroßen Purzelbaum. + +Doch das gefiel Marlenchen weniger, sie bat sanft: »Erzähle vom Waldhaus, +bitte, bitte!« + +Wie gern erzählte Kasperle davon! Er kauerte sich am Bachrand nieder wie +ein kleiner Türke und sagte: »Wo soll ich anfangen?« + +»Beim großen, alten Schrank, in dem du so schrecklich lange geschlafen +hast,« bat das traurige Marlenchen. + +Kasperle schwätzte vergnügt. Auf der hohen Ulme, unter der die Kinder +saßen, wohnten Elstern; die ärgerten sich, denn so flink und lustig wie +Kasperle konnten selbst sie das Schwatzen nicht. Sie erhoben ihre Stimmen +und krächzten dazwischen. »Seid stille!« schrie Kasperle hinauf, und als +die Elstern sich darum gar nicht kümmerten, sondern immer lauter ihre +Stimmen erhoben, da kletterte Kasperle flugs ein Stück die Ulme hinan und +schnitt sein Räubergesicht. + +Die Elstern fielen kreischend vor Schreck in ihr Nest zurück, und auf +einmal waren sie muckstill. Und wieder flog ein Scheinchen über der kleinen +Marlene Gesicht. »Ich kann die Elstern nicht leiden,« sagte sie, »sie haben +so böse Stimmen. Gut, daß sie mal stille sein müssen!« + +»Ja,« rief Kasperle, »seid ganz stille, ich will --« + +Ach, da tönte vom Schlosse her ein schrilles Pfeifen, und nun mußte auch +das arme Kasperle still sein. Er nahm betrübt Abschied, sie sagten wieder: +»Morgen«, schüttelten sich die Hände, und dann rannte Kasperle ins Schloß. +Er sollte mit dem Herzog spazierenfahren. + +»Aber keine Gesichter schneiden!« Der Herzog drohte streng mit dem Finger, +und weil Kasperle ohnehin ein schlechtes Gewissen wegen der +Froschgeschichte hatte, saß er wirklich muckstill auf seinem Sitz. + +Er war an diesem Abend überhaupt ungeheuer brav, denn der Herzog redete +noch immerzu von den Fröschen und wie die wohl in sein Gartenzimmer +gekommen seien. Da hatte Kasperle Angst, er könnte darum gefragt, werden, +darum schwieg er und saß still mit gesenkten Augen am Tisch. + +Er wird noch, dachte der Herzog, ich werde ihn erziehen. + +Am nächsten Morgen rannte dann Kasperle wieder in den Park und traf dort +das traurige Marlenchen. Er mußte wieder vom Waldhaus erzählen, mußte aber +wieder vorher die Elstern zum Schweigen bringen. Und wieder saß Marlenchen +da, still die Hände gefaltet, lauschte und das frohe Leuchten lag wieder +auf ihrem blassen Gesicht. + +An diesem Tage überhörten beide beinahe des Haushofmeisters Pfeifen. Das +wurde schriller und schriller, und zuletzt hörte es Kasperle doch und er +rannte mit solcher Eile in das Schloß, daß er im Eifer über den großen +Lieblingshund des Herzogs einen Purzelbaum hinweg schlug. Dies gefiel Lord +sehr. Er schnappte vergnügt nach Kasperles Höslein, der wehrte sich, packte +Lord am Schwanz und beide kugelten und kegelten durch die große Halle. Es +gab einen argen Lärm. Lord bellte, Kasperle schrie, der Herzog kam +angerannt und rief: »Er frißt ihn, er frißt ihn!« + +Er dachte, Lord wolle das Kasperle fressen, aber da stand das auf einmal +putzmunter auf seinen Beinen und grinste den Herzog an. + +O der Schelm! Der Herzog merkte, daß die Geschichte nicht so schlimm +gewesen war, und er schalt über den Lärm und sagte, dafür müsse Kasperle +heute zur Strafe daheim bleiben, er dürfe nicht mit spazierenfahren. + +O weh, das dumme, dumme Kasperle! Es lachte vor Vergnügen hellauf, und der +Herzog wurde bitterböse. Lachen, wenn er nicht mit ihm, dem Herzog, +spazierenfahren durfte, das ging doch über die Hutschnur! + +»Die Schlüssel!« rief er, und der Haushofmeister mußte ihm die Schlüssel +bringen, die alle Türen des Schlosses aufschlossen. »Bringt Kasperle!« +gebot der Herzog streng und der Haushofmeister dachte: O weh, nun geht's +dem armen Kasperle bös, jetzt wird er gar in einen Keller gesperrt! + +Und wirklich sperrte ihn der Herzog eigenhändig in ein kleines, finsteres +Kellerloch. Kasperle konnte weinen und schreien, soviel er wollte, schwipp, +schwapp, war er drin, rissel, rassel, drehte sich der Schlüssel im Schloß, +er war gefangen. + +An diesem Nachmittag wartete das traurige Marlenchen lange, lange auf ihren +kleinen Freund, er kam nicht. Da erlosch der matte Freudenschein wieder auf +dem blassen Gesicht und Marlenchen ging traurig heim. Traurig saß es im +Schloßhof von Lindeneck am Brunnen, der ganz von Rosen umblüht war, und +dachte an das Kasperle. Warum war es nur nicht gekommen? + +Das arme Kasperle saß unterdessen im dunklen Keller und konnte wirklich +nicht hinaus. Er versuchte es, sich durch das winzige Fenster zu zwängen, +es ging nicht. Er wollte die Türe öffnen, sie gab nicht nach. Er heulte und +schrie, niemand hörte ihn. + +Da dachte das kleine Kasperle bitterböse an allerlei Schabernack, den er +dem Herzog spielen wollte, und dabei rannte er immer im Keller auf und ab, +auf und ab, und plötzlich stieß er wieder einmal an die Wand. Ganz hohl +klang es. Hei! dachte er, hier ist eine geheime Türe, hier kann ich raus. + +Eine Türe war freilich da, aber hinaus ins Freie kam Kasperle nicht; nur in +einen Keller geriet er, in dem drei Fäßlein köstlichen Weines lagerten. Des +Herzogs Lieblingswein war es. Nun wußte Kasperle, wenn man aus einem Faß +den Zapfen herauszieht, dann läuft alles aus. Er zog einen Zapfen heraus, +den zweiten, den dritten. Das rieselte und rauschte, das duftete köstlich; +Kasperle hielt auch den Mund unter, schluckte und trank, aber da meinte er +plötzlich draußen ein Geräusch zu hören, und flugs rannte er in seinen +Keller zurück, zog die Türe zu, und bums fiel er, so kurz er war, auf den +Boden nieder und schlief ein. Er schlief und schlief und träumte von dem +traurigen Marlenchen; es war aber kein trauriges, sondern ein sehr +vergnügtes Marlenchen. Das sang und tanzte und lachte immerzu; nein, war +das lustig! + +Und dabei saß Marlenchen unter dem Rosenbusch und weinte; es hatte +Sehnsucht nach seinem neuen kleinen Freund. + + + + +Elftes Kapitel + +Kasperles Krankheit + +Der Herzog August Erasmus kam sehr brummig von seiner Spazierfahrt zurück. +Er hatte Kasperle strafen wollen und hatte sich selbst gestraft, denn er +hatte den lustigen kleinen Quirlewind sehr vermißt. Er befahl also, man +solle schnell Kasperle holen, meinte, der könnte ihm die schlechte Laune +vertreiben. + +Der Haushofmeister ging selbst das Kasperle holen. Er blieb an der Türe +stehen und rief freundlich: »Komm, mein Kasperle, komm!« + +Aber er konnte lange rufen, kein Kasperle kam. Nur ein seltsames Stöhnen +und Schnarchen war zu hören, und der Haushofmeister sah endlich den kleinen +Burschen an der Erde liegen. Eingeschlafen ist der arme Kerl, dachte er +mitleidig; er mag sich recht gefürchtet haben. Und er ging hin, rüttelte +und schüttelte Kasperle, doch der schnarchte und stöhnte weiter. Nun hob +ihn der Haushofmeister auf und trug ihn aus dem Keller. Draußen rief er +nach Veit, und beide versuchten Kasperle zu wecken. + +Vergeblich, der wurde nicht munter. Veit kam auf den Gedanken, ihm ein +Wassergüßlein über den Kopf zu gießen. Er holte ein Glas Wasser und goß es +Kasperle auf die Nase. Da strampelte und zappelte der eine Weile und -- +schlief weiter. + +Inzwischen klingelte der Herzog ungeduldig. »Kasperle soll kommen!« rief +er. + +»Kasperle schläft,« meldete der Diener. + +»Er schläft? Ja, da weckt ihn doch auf! Wie kann er schlafen, wenn ich ihn +sprechen will!« schrie der Herzog. + +»Er wacht nicht auf,« stotterte der Diener erschrocken. + +»Er wacht nicht auf? Aber das ist ja unerhört! Man gieße ihm Wasser über +den Kopf!« Der Herzog war ganz aufgeregt, und als er hörte, Veit habe +Kasperle schon das zweite Wassergüßlein über den Kopf gegossen, bekam er +Angst. Er verlangte den Leibarzt, und dann lief er selbst, sich das +schlafende Kasperle anzusehen. + +Der schlief und schlief, grunzte, stöhnte und schnarchte, und der Leibarzt +schüttelte bedenklich den Kopf. »Er ist krank,« sagte er, »ganz bestimmt +ist er krank oder -- er schläft nun wieder einmal viele, viele Jahre. Bei +einem Kasperle kann man eben nicht wissen, wie eine Sache ausgeht.« + +Der Herzog wurde leichenblaß. »Lieber Leibarzt,« flehte er, »machen Sie mir +das Kasperle munter! Zwölf Jahre lang habe ich alles versucht, um Kasperle +zu bekommen, und nun -- ja, nun schläft er vielleicht länger, als ich noch +lebe. Oh, oh, ist das eine dumme Geschichte!« + +Der Leibarzt legte den Finger an die Nase, schüttelte wieder den Kopf und +begehrte ganz genau zu wissen, was eigentlich Kasperle zuletzt getan hatte. + +»Eingesperrt war er in einem dunklen Keller,« brummte der Haushofmeister. + +»Ach, da haben wir's! Eingesperrt in einem dunklen Keller -- nein, das +verträgt kein Kasperle,« rief der Leibarzt. Er war froh, etwas sagen zu +können, und weil er auch fand, der Herzog sei zu streng mit dem kleinen +Schelm gewesen, schüttelte er immer wieder ernsthaft den Kopf. »Schlimm, +schlimm, schlimm!« murmelte er, »sehr schlimm!« Er verordnete, Kasperle +müsse im Bett liegen und kalte Umschläge bekommen, und immer solle jemand +neben ihm sitzen, damit, wenn er aufwache, er gleich ordentlich geschüttelt +werden könne. + +»Alles soll geschehen, nur machen Sie mir mein Kasperle wieder gesund,« +rief der Herzog. + +»Ja, das geht nicht so schnell!« Der Leibarzt runzelte die Stirne, wiegte +wieder den Kopf hin und her und sagte wieder: »Schlimm, schlimm, sehr +schlimm!« + +Kasperle wurde nun in sein Bett getragen, und eine ganze Stunde saß der +Herzog neben seinem Bett. Und Kasperle schnarchte, stöhnte, ein paarmal +murmelte er auch etwas im Schlaf, und jedesmal dachte der Herzog: Jetzt +wacht er auf. Und er neigte sich über ihn und fragte zärtlich: »Bist du +munter, mein Kasperle?« + +Und weil der nicht aufwachte, ließ er wieder den Leibarzt holen, und gerade +da fing Kasperle an zu brummeln und zu murmeln, und als sich der Herzog +über ihn beugte und sanft fragte: »Mein Kasperle, was fehlt dir denn?« +griff Kasperle plötzlich nach des Herzogs Nase und schrie: »Hallo, hallo, +Michele, der Kasperlemann! Hallo, hallo!« + +Und dabei zerrte und zog Kasperle an des Herzogs Nase, als wäre dies eine +Klingelschnur. Zipp zapp, zipp zapp! Dem Herzog verging Hören und Sehen. Er +brüllte laut und suchte sich zu befreien, die andern halfen, und da schlug +Kasperle auf einmal seine Augen auf, gähnte erschrecklich, klappte die +Augen wieder zu und schnarchte rissel, rassel weiter. + +»Oooh!« rief der Herzog und hielt sich seine Nase. Kasperle hatte schon +einen festen Griff und die Nase war feuerrot geworden. + +»Eine sehr böse Krankheit! Er hat Fieber.« Der Leibarzt schüttelte wieder +den Kopf und sah wieder höchst besorgt drein. »Ruhe, Ruhe!« sagte er. + +Und dann gingen alle. Der Herzog hielt sich seine Nase und der Leibarzt +sagte, er müsse kalte Umschläge machen. Der Herzog war böse und traurig +zugleich. Das Nasenanfassen und daß Kasperle ihn Kasperlemann genannt +hatte, war verdrießlich. Aber freilich, Kasperle war krank, und wer weiß, +ob es jemals wieder aufwachte! + +Kasperle schlief und schlief. Im Schloß fragte von Viertelstunde zu +Viertelstunde einer den andern: »Ist er wieder ausgewacht?« Doch das +Kasperle dachte nicht daran, das schnarchte weiter, rissel, rassel, sogar +im Treppenhaus war es zu hören. + +Alle glaubten, das Kasperle sei wirklich furchtbar krank, nur der alte +Haushofmeister nicht. Der wußte besser im Schloß Bescheid als der Herzog +selbst; er kannte alle verborgenen Türen und Winkel. Sein Vater, der auch +schon Haushofmeister gewesen war, hatte sie ihm verraten. Und als sich alle +um das Kasperle sorgten, ging er ganz leise unten in den Keller hinein. Er +meinte nämlich, von Kasperle sei ein Düftlein ausgegangen, das an Wein +mahnte. Das verborgene Pförtchen fand er schnell und gelangte in des +Herzogs geheimen Weinkeller, zu dem dieser den Schlüssel wohl verwahrt +hatte. Und richtig, da fand der Haushofmeister Kasperles Spuren: alle drei +Fässer leer, die Zapfen am Boden. »Ei, du heilloser Schelm, du kleiner +Nichtsnutz, du, ein Schwipslein hast du!« schalt der alte Mann, aber er +lachte leise dazu. Dann steckte er in jedes Faß den Zapfen und ging wieder +zu dem verborgenen Türchen hinaus. Das schloß er sorgfältig und brummelte +dabei vor sich hin: »Na, die Prinzessin Gundolfine wird böse sein!« Die +Weine aus dem Keller liebte die Prinzessin nämlich sehr; allemal wenn sie +zu Besuch kam, stieg der Herzog selbst in den Keller und holte ein Krüglein +herauf. + +Was der Haushofmeister wußte, sagte er keinem Menschen. Nur als Veit +klagte: »Kasperle wird noch sterben!« sagte er heiter: »I wo, der stirbt +nicht! Paß auf, morgen ist er putzmunter.« + +Es dauerte aber wirklich lange, ehe Kasperle aufwachte. Vierundzwanzig +Stunden schlief er wie ein Säcklein, und der Herzog stand gerade wieder +traurig an seinem Bett und der Leibarzt sagte: »Sehr schlimm!«, da schlug +Kasperle auf einmal die Augen auf. Er sah den Herzog, den Doktor und +etliche Hofherren an seinem Bett stehen, und alle staunten sie ihn an. + +Wie sonderbar das war! Kasperle lag ein Weilchen, rührte und rappelte sich +nicht und sah mit seinen schwarzen Glitzeräuglein nur immer in die +verdutzten Gesichter. Er fand das ungemein spaßhaft, bis er plötzlich ein +heftiges Grimmen in seinem Bäuchlein spürte. Das knurrte los und der Herzog +drehte sich erschrocken rundum. »Man jage den Hund aus dem Zimmer!« rief +er. »Wo ist der Hund, der so knurrt?« + +Und alle drehten sich um, suchten und suchten, bis Kasperle jäh in ein +lautes, heftiges Geschrei ausbrach. »Hunger, Hunger!« jammerte er, und da +merkten es erst alle: Kasperles Magen knurrte. + +»Er hat Hunger!« Der Herzog sank vor Erstaunen auf einen Stuhl, der +Leibarzt schüttelte wieder den Kopf, er sagte aber doch: »Man bringe +schnell etwas zu essen, ein Süppchen und ganz kleine Brötchen!« + +Kasperle, der Schelm, merkte wohl, alle waren in Angst um ihn. Er verstand +zwar nicht recht warum, denn er konnte sich erst gar nicht besinnen, was +mit ihm geschehen war. Das Angsthaben machte ihm aber den größten Spaß. Er +verdrehte seine Äuglein, schnitt fürchterliche Gesichter und wiederholte +kläglich: »Hunger, Hunger!« + +»Schnell, schnell, bringt doch etwas!« rief der Herzog. + +Da rannte auch schon ein Diener herbei, der brachte Suppe und ein paar +hauchfeine Schinkenschnittchen, mehr nicht. Kasperle machte plötzlich sein +Räubergesicht, steckte schwipp, schwapp sämtliche Schnitten in den Mund; +schluck, schluck! weg waren sie und der Strick schrie: »Mehr, mehr, ich +sterbe!« + +»Merkwürdig!« Der Leibarzt sah das Kasperle verwundert an, der Herzog aber +rief: »Mehr, bringt mehr!« Und weil er selbst gern Schokolade lutschte, +holte er eine feine silberne Dose aus der Tasche, reichte sie Kasperle und +sagte: »Nimm eins!« + +Ein Schokoladeplätzchen, jemine! Kasperle nahm die Dose, und weg waren alle +Plätzchen, verschwunden in seinem großen Mund. Kasperle aber schrie jetzt +richtig unnütz: »Mehr, mehr!« + +Da rannte schon ein Diener in das Zimmer mit einer Platte, auf der die +leckersten Dinge standen, und der Herzog sagte gerade: »Man muß ihm etwas +aussuchen, er darf nicht zuviel essen,« da schluckte das Kasperle schon. + +Himmel, wie das ging! Dem Herzog, dem Leibarzt, den Hofherren, allen blieb +der Mund vor Staunen offen. Wie ein richtiger kleiner Gierschlund war +Kasperle. Belegte Schnittchen, Kuchen, Braten, ein Schüsselchen Gemüse, +alles schluckte er hinab, und zuletzt nahm er sich den großen Pudding, der +auch auf der Platte stand, und von dem er nur kosten sollte, und +schnabulierte darauf los. + +»Es wird zuviel,« schrie der Herzog und wollte selbst den Pudding +wegnehmen, aber Kasperle hielt seinen Pudding fest, er schmauste und +schmauste und sah dabei so vergnügt drein, daß der Leibarzt plötzlich +sagte: »Es scheint, er ist gesund.« + +»Aber er überißt sich. Kasperle, mein liebes Kasperle, gib den Pudding +her!« bat der Herzog. + +»Nä!« Kasperle grinste, und als der Herzog wieder nach der Schüssel greifen +wollte, schnitt er ein Hexengesicht. + +»Oooh!« Der Herzog wich erschrocken zurück. + +Da sagte auf einmal der alte Haushofmeister: »Es ist genug, Kasperle.« Und +dabei sah er Kasperle freundlich und doch streng an, und der kleine Schelm +spürte plötzlich, der gütige alte Mann meinte es am allerbesten mit ihm. Er +gab ohne ein Widerwort die Schüssel zurück und streckte sich ganz still und +brav in seinem Bett wieder aus. + +Der Leibarzt, der etwas sagen wollte und nicht recht wußte, was er sagen +sollte, denn in seinem Leben hatte er noch kein Kasperle behandelt, +murmelte: »Er muß im Bett bleiben.« + +Doch da redete der alte Haushofmeister freundlich dazwischen, es wäre wohl +am besten, Kasperle stünde auf und liefe im Park herum. Dies wäre gewiß +gesund. + +»Vortrefflich, ganz vortrefflich!« sagte der Leibarzt, und da stimmte auch +der Herzog zu. Er ordnete freilich an, ein Diener müsse Kasperle zum Schutz +begleiten, und der alte Haushofmeister sagte ferner, ja, das könne Veit +tun. So war es dem Herzog recht. Kasperle durfte aufstehen und in den Park +laufen und Veit sagte: »Geh nur an den Bach, das traurige Marlenchen wartet +schon.« + +Marlenchen saß wirklich am Bach, und es war heute wieder ganz traurig. Es +hatte das blasse Gesichtchen über das Wasser geneigt und drehte darin Stein +um Stein um. Plötzlich aber schrie es auf. Kasperles Bild erschien im +Wasserspiegel, und nun sah das traurige Marlenchen gleich ein klein wenig +nach Sonne aus. »Du bist da?« sagte sie erfreut zu dem kleinen, unnützen +Freund. »Ach, ich dachte schon, du kämst nie wieder.« + +Kasperle schoß vor Vergnügen über die Freiheit und das Zusammensein mit dem +traurigen Marlenchen einen Purzelbaum und platschte dabei ins Wasser; es +spritzte hoch auf, und erst als das Kasperle klitschnaß war, setzte es sich +neben Marlenchen und begann zu erzählen, wie es ihm ergangen war. So nach +und nach fiel ihm alles ein. Da erzählte er auch den Streich aus dem Keller +und Marlenchen rief erschrocken: »Aber Kasperle!« + +Kasperle senkte die Nase. Er schielte seine kleine Freundin seitwärts an, +wie es die rechten Schelme tun, und er sah so unnütz und drollig aus, daß +Marlenchen ein ganz klein wenig lachen mußte. + +»Hach, du lachst!« Kasperle streckte die Beine in die Luft vor Vergnügen, +und dann fing er an zu schwatzen, schneller als die Elstern in der hohen +Ulme. Das Bächlein erschrak ordentlich, es rann und lief, gluckste und +plätscherte, dachte: Nein, der unnütze Strick da darf nicht flinker reden, +als ich renne. Die Elstern erhoben auch ihre Stimmen lauter, und es war im +sonst so stillen Waldtälchen ein Geschwätz und Gelärme um das traurige +Marlenchen herum, wie noch nie. + +Aber auch die Stunden hatten Eile wie das Bächlein; viel zu früh, meinten +Kasperle und Marlenchen, kam Veit, und die beiden ungleichen Kamerädles +mußten Abschied nehmen. + +Das war bitter. Marlenchen sagte betrübt: »Vielleicht wirst du nun wieder +eingesperrt.« + +Kasperle seufzte. Ach, es war schon schwer, in des Herzogs Dienst zu +stehen! Die Sehnsucht nach dem Waldhaus stieg wieder heiß in ihm empor. +Traurig gab er Marlenchen die Hand und sagte, er werde wiederkommen. »Und +wenn er mich nicht läßt, dann brenne ich durch,« fügte er trotzig hinzu. + +»Aber Kasperle!« + +»Ja, ich tu's.« Und Kasperle schnitt ein Teufelsgesicht, ein Räubergesicht, +sah wie eine Hexe drein, und Marlenchen begann sich ordentlich zu fürchten. +Sie wich erschrocken an das Bächlein zurück. Doch gleich machte Kasperle +wieder ein so liebes, betrübtes Schelmengesicht, daß sie ihn flink +streichelte: »Armes Kasperle!« sagte sie. »Aber ausreißen mußt du nicht, +denn sonst -- bin ich wieder ganz allein.« + +»Ich reiße nicht aus,« versprach Kasperle gleich, und als er mit Veit dem +Schlosse zuging, nahm er sich vor, ungeheuer brav zu sein, damit der Herzog +ihn nicht wieder einsperren brauchte. Marlenchen sollte nicht wieder +vergeblich auf ihn warten. + +Er saß auch wirklich stumm und stocksteif am Abendtisch, und der Herzog +verwunderte sich sehr über Kasperle. Er dachte aber: Er ist müde, gewiß ist +er doch noch krank, und dann fragte er sehr freundlich: »Willst du schlafen +gehen, Kasperle?« + +Nun war der Kleine kein bißchen müde nach seinen vierundzwanzig Stunden +Schlaf, er riß darum seinen Mund weit auf und schrie, so laut er konnte: +»Nä!« + +»Mein Himmel, ich bin doch nicht taub!« sagte der Herzog beleidigt. »Schäme +dich, so zu schreien!« + +Kasperle senkte den Kopf. Jemine, war es schwer bei Hofe, den rechten Ton +zu treffen! Einmal war er zu laut, einmal zu leise; sagte er viel, war es +nicht recht, sagte er gar nichts, auch nicht; Vor lauter Ärger schnitt er +sein Teufelsgesicht und der Herzog rief wieder vorwurfsvoll: »Aber +Kasperle!« + +Es saß aber einer an diesem Tage am Tisch des Herzogs, das war ein lustiger +und gütiger Mann; der Oberstallmeister war es. Dem hatte Kasperle schon +viel Spaß gemacht, und er begann sehr herzhaft über das Teufelsgesicht zu +lachen. Da merkte Kasperle gleich: Der versteht dich, und er schnitt flugs +böse und lustige Gesichter durcheinander, wie es ihm einfiel. Zuletzt mußte +selbst der Herzog lachen und er sagte, Kasperle dürfe an diesem Abend bei +ihm bleiben. Da trieb Kasperle die allergrößten Narrenpossen, und zuletzt +sollte er dem Herzog noch etwas erzählen, als der schon im Bett lag und +nicht einschlafen konnte. + +Kasperle hockte neben ihm auf einem Stuhle und machte das allerdümmste +Gesicht von der Welt, als der Herzog sagte: »Erzähle mir etwas!« Dazu hatte +er keine Lust. Den Herzog allein wollte er auch nicht unterhalten; er +dachte an das Einsperren und das kranke Marlenchen. Da drehte er den Kopf +schief und schaute den Herzog böse an. + +»So ein Gesicht sollst du nicht machen!« rief der Herzog zornig. »Gleich +erzähle mir: Wer hat alles im Waldhaus gewohnt?« + +Im Waldhaus! Bei der Erinnerung daran vergaß Kasperle seinen Zorn auf den +Herzog; sein unnützes Schelmengesicht bekam einen lieben, zärtlichen +Ausdruck, und als der Herzog mahnte: »Erzähle mal vom Waldhaus! Lebt denn +der Meister Friedolin noch?« Da fing Kasperle an. Wie das Bächlein so flink +ging seine Rede. Er vergaß, daß es der Herzog war, der im Bett lag, er war +auf einmal wieder im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen. +Er schwatzte von der schönen Liebetraut und Herrn Severin, von seinem +Michele, von dem am meisten. So etwas hatte der Herzog noch nie gehört. Daß +man abends nur Milchsuppe und ein Stück Brot aß und Feste feierte, wenn das +erste Schneeglöckchen, die ersten Primeln blühten, die Singvögel +heimkehrten, kam ihm wie ein Märchen vor. + +Kasperles Augen glänzten. Er redete und redete, er erzählte von den Rehen, +die ganz zahm waren und manchmal in die große Waldhausstube hereinschauten, +und wie sie stille standen, wenn jemand aus dem kleinen Haus kam, und sich +streicheln ließen. Und von dem zahmen Eichkätzchen, von dem Hasen +Wackelbart und der Ziege Ludowisia erzählte Kasperle. + +Der Herzog lag ganz still und lauschte. Er meinte den Wald rauschen und die +Vögel singen zu hören, und am liebsten wäre er aufgestanden und hätte +gesagt: »Komm, Kasperle, wir gehen ins Waldhaus!« + +Da zupfte plötzlich der Kammerdiener Kasperle am Jackenzipfel und sagte +leise: »Komm hinaus, sieh doch, der Herzog ist eingeschlafen!« + +Der war wirklich eingeschlafen, er lag und träumte vom Waldhaus, und er sah +dabei gar nicht böse und streng wie sonst aus, sondern ganz milde. Kasperle +schüttelte erstaunt den Kopf und brummelte: »Da liegt 'n anderer im Bett +drin!« + +»I bewahre!« flüsterte der Kammerdiener, »es ist schon unser Herzog. +Freilich, so freundlich hat er lange nicht dreingesehen. Lieber Himmel, ja, +wenn er doch immer so aussehen möchte, dann diente ich ihm auch lieber! So, +und nun gehe in dein Bett, Kasperle, und schlafe, es ist Zeit!« + + + + +Zwölftes Kapitel + +Es geistert im Schloß + +So friedlich wie der Abend war der Morgen, der ihm folgte, nicht. Das gab +gleich in aller Herrgottsfrühe ein lautes Rennen, Rufen und Klingeln im +Schloß. Sogar in seinem Turm hörte es Kasperle. Der witschte ein paarmal +durch den Schrank, lauschte hinaus, flitzte ängstlich wieder zurück, wenn +er jemand kommen hörte, aber immer verhallten die Schritte in der Ferne. +Endlich, endlich, Kasperle dachte schon, er hätte hundert Jahre nichts +gegessen, kam Veit und brachte ihm das Frühstück. + +Der gutmütige Bursche sah sehr verdrießlich drein, und als ihn Kasperle +ängstlich ansah, brummte er: »Nun kommt sie doch schon wieder!« + +»Wer denn?« fragte Kasperle und sah nach der Türe; er dachte, irgend jemand +müßte da anspaziert kommen. + +»Die Prinzessin Gundolfine,« brummte Veit. »Na, du armes Kasperle, da nimm +dich nur in acht!« + +Kasperle sah nun wirklich drein, als sei ihm nicht allein seine Milchtasse, +sondern sein Zubrot, sein Wämslein und sonst etwas in den Brunnen gefallen. +Er vergaß sogar das Frühstück. + +»Ja, ja,« knurrte Veit, »da staunste! Zum Vergnügtsein ist's auch nicht, +und ich glaube, der Herzog wünscht seine liebe Base auch ins Pfefferland, +heute mittag kommt sie schon. Nun flink, nimm dein Frühstück und laufe in +den Park! Wer weiß, ob du es morgen noch darfst.« + +Da schluckte Kasperle selbst für ein Kasperle ungeheuer geschwinde alles +hinab, was Veit gebracht hatte, und dann flitzte er die Treppe hinab in den +Park hinein. Niemand sah ihn, und als er am Bächlein anlangte, saß wirklich +das traurige Marlenchen schon da. + +»Die Prinzessin kommt,« schrie Kasperle. + +Marlenchen wurde totenbleich, und ehe sich Kasperle noch auf ein zweites +Wort besonnen hatte, rannte sie schon weg. Sie flog mehr, als sie ging, und +Kasperle blieb nichts weiter übrig, als hinter ihr her Purzelbäume zu +schlagen, um sie einzuholen. Er schrie zwar immer: »Bleib doch, bleib +doch!« aber Marlenchen hörte in ihrer Angst vor der Prinzessin gar nicht +darauf. + +Endlich erwischte Kasperle sie an einem Zipfel ihres weißen Kleides, und da +sank das traurige Marlenchen wie eine kleine, blasse Blume ins Gras. +Kasperle dachte wirklich, sie wäre gestorben, und er erhob ein lautes +Zetergeschrei. + +Zum Glück hörte es niemand, und das blasse Marlenchen öffnete nach einigen +Minuten wieder ihre Augen. Sanft bat sie: »Mußt nicht so schreien, +Kasperle!« + +Gleich war der muckstill. Er sah Marlenchen mit seinen schwarzen +Glitzeräuglein aber so traurig an, daß die Kleine ihm sanft über den Kopf +strich. »Die Prinzessin, die böse Prinzessin!« Und sie seufzte tief. + +»Aber sie kommt doch erst mittags!« + +Marlenchen richtete sich verwundert auf. Sie hatte gemeint, die Prinzessin +liefe hinter Kasperle drein, und sie sagte sanft: »Warum hast du denn dann +so geschrieen?« + +»Aber sie kommt doch!« rief Kasperle kläglich. + +Ja, sie wollte kommen. Trübselig genug war es den beiden zumute. Sie gingen +langsam über die weite Wiese nach dem Bächlein zurück und Marlenchen sagte +traurig: »Wenn sie kommt, darf ich nicht mehr am Bach sitzen.« + +»Ich vergraule sie,« schrie Kasperle und machte sein Teufels- und +Hexengesicht zu gleicher Zeit. + +Das sanfte Marlenchen erschrak. Ganz leise sagte sie: »Du mußt nicht +schlimm sein, Kasperle.« + +»Ich vergraule sie doch!« schrie Kasperle zornig. + +»Wie denn?« + +Da schwieg der kleine Schelm. Er wußte noch nicht wie, aber er wußte, etwas +fiel ihm schon ein, und trotzdem die sanfte Freundin ein paarmal mahnte, +keine Dummheiten zu machen, blieb er doch dabei: »Ich vergraule sie.« + +Und dann saßen die beiden ungleichen Kameraden lange am Bächlein, erzählten +sich dies und das, sprachen wieder vom Waldhaus, und viel zu früh ertönte +des Haushofmeisters Pfeife. + +»Jetzt ist sie vielleicht schon da,« flüsterte Marlenchen scheu. + +»Ich geh' nicht!« Kasperle blieb auf seinem Stein sitzen. Die Pfeife +grillte und schrillte, er rührte sich nicht. + +»Geh doch!« mahnte Marlenchen. + +»Nä!« knurrte Kasperle wie ein kleiner Bär. + +»Tirillili, tirillili!« tönte die Pfeife. Kasperle rührte sich nicht. + +Da endlich kam Veit angelaufen. »Kasperle, Kasperle, wo bleibst du denn?« + +»Ich komme nicht,« schrie Kasperle patzig. + +Aber da hatte er sich doch in Veit verrechnet. Der kam mit langen Schritten +herbei, packte das Kasperle und trug es ohne weiteres dem Schlosse zu. +Nicht einmal recht Abschied nehmen konnte er von dem traurigen Marlenchen. + +Das verdiente in dem Augenblick seinen Namen wirklich. Tief traurig sah es +dem lustigen kleinen Kameraden nach, bis sie ihn nicht mehr erblicken +konnte. Und als sie heimging mit gesenktem Kopf, da sagten die Wiesenblumen +zueinander: »Wie seltsam, Regentropfen fallen und der Himmel ist so blau.« +Die Regentropfen aber waren des traurigen Marlenchens bittere, bittere +Tränen. + +Inzwischen gelangte Kasperle noch rechtzeitig in das Schloß. Und just als +sich der Herzog zum Mittagessen setzen wollte, rumpelte und rasselte es +draußen, die Prinzessin kam angefahren. Ein paar Minuten lang lief und rief +alles durcheinander. Der Herzog seufzte erschrecklich tief, denn ihm gefiel +der Besuch gar nicht. Das Kasperle stand ganz verdattert herum, da +schüttelte ihn jemand und raunte ihm zu: »Marsch, lauf in deinen Turm! +Sonst gibt es gleich Zank und Streit, wenn dich die Prinzessin erblickt.« + +Der Haushofmeister war es. Kasperle ließ sich das nicht zweimal sagen. Er +rannte davon und kam dabei durch das Anrichtezimmer. Dort standen allerlei +schön verzierte Speisen, Schüsseln mit Kuchen und dergleichen, und Kasperle +dachte: Davon bekomme ich nun nichts. Plötzlich blieb er stehen, eine feine +rosenrote Torte hatte es ihm angetan, und eins, zwei, drei, nahm er die +Torte und trug sie in seinen Turm hinauf. Er war beinahe oben, da traf ihn +jemand; der gute, dicke Oberstallmeister war es. »Potzwetter!« rief der, +»wo willst du denn mit der Torte hin? Bist du Küchenjunge geworden?« + +»Nä!« stammelte Kasperle und schielte den freundlichen Herrn scheu an. »Ich +-- ich will sie essen!« + +»Die ganze Torte?« + +Kasperle sah den Oberstallmeister an, sah die Torte an und dachte: Sie +langt schon für beide. Er sagte das auch ganz treuherzig und der dicke Herr +lachte herzhaft darüber. Weil er aber auch schon einen rechtschaffenen +Hunger hatte und wußte, nun würden noch viele Minuten vergehen bis zum +Mittagessen, rief er: »Kasperle, du bist ein Schlauerchen. Aber +meinetwegen, wir essen die Torte zusammen.« + +Und dann setzten sie sich auf die Turmtreppe, der Oberstallmeister nahm +seinen Säbel, schnitt die Torte mittendurch, und dann schmausten sie höchst +einträchtig zusammen. Danach war Kasperle pumpelsatt, der Oberstallmeister +halbsatt, und als sie sich trennten, hatte Kasperle einen neuen Freund im +Schloß gewonnen. + +Kasperle stieg sehr vergnügt in seinen Turm hinauf, kletterte auf das +Fensterbrett und sah sich die Welt von oben an. Dabei sah er zwei +Stockwerke tiefer zur Seite eine Anzahl Fenster offen stehen, die sonst +geschlossen waren. Und wie er so hinsah, steckte aus dem einen jemand +seinen Kopf heraus und das -- war die Prinzessin Gundolfine. Kasperle +purzelte vor Schreck in seinen Turm zurück. Eine ganze Weile lag er da und +schnappte nach Luft, so arg war er erschrocken. + +Aber Kasperle war eben ein zu dummen Streichen und Schabernack aufgelegtes +Kasperle. Das dachte den ganzen langen Nachmittag an weiter nichts, als +daran, der Prinzessin als ein Gespenstlein zu erscheinen. Niemand kümmerte +sich um den Kleinen; zu Tisch wurde er nicht geholt, der Herzog wollte ihn +am liebsten seiner Base nicht zeigen. Zu essen brachte ihm auch niemand +etwas, weil der Oberstallmeister dem Haushofmeister von der verschwundenen +Torte erzählt hatte. Da dachte der: Das reicht bis zum Abendessen. + +Hunger hatte Kasperle auch nicht, aber Langeweile. Er flitzte immer wieder +zu seinem Schranktürchen hinaus, und da alles ganz, ganz still blieb unten, +wagte er sich endlich weiter und geriet bei seinem Herumsuchen auf den +Schloßboden. Da gab es Türe an Türe, gab weite, offene Kammern. Kasperle +steckte überall seine Nase hinein, und als er einmal aus einer Fensterluke +blickte, sah er, daß er gerade über dem Zimmer der Prinzessin war. + +»Hach!« Kasperle kreischte ganz laut, und dann sah er sich erschrocken um. +Der weite, leere Raum gab das Echo zurück, und Kasperle fürchtete sich ein +paar Augenblicke schrecklich. Dann merkte er aber, es war niemand da, nur +ein Mäuslein huschte eilig an ihm vorbei. Der kleine Schelm sah sich um. In +einer Ecke entdeckte er eine Anzahl Stäbe, aber als er einen zum Fenster +hinaussteckte, merkte er wohl, die reichten nicht bis an die Zimmer der +Prinzessin. Er flitzte in allen Winkeln und Ecken herum, und da fand +Kasperle endlich eine lange, lange Waschleine. Gerade als er die gefunden +hatte, meinte er von ferne Schritte zu hören. Er lief also eiligst in +seinen Turm zurück und war kaum ein paar Minuten darin, als Veit kam. + +Kasperle saß ganz brav und bieder auf dem Fensterbrett und schaute hinaus, +und Veit hatte rechtes Mitleid mit dem kleinen Kerl. »Armes Kasperle,« +sagte er »gelt, das ist ein langweiliges Leben?« + +Kasperle nickte eifrig, aber als Veit in seine Glitzeräuglein sah, sagte er +plötzlich: »Kasperle, mach' keine Streichlein! Du schaust recht wie ein +Bruder Unnütz und Vetter Dummheitenmacher drein.« + +Da glitt Kasperle vom Fenstersims herab und hängte sich schmeichelnd an +Veits Arm, und der streichelte den Schelm, versprach ihm allerlei gute +Dinge zum Abendessen und sagte, heute dürfe er noch nicht herabkommen, der +Herzog habe Angst, die Prinzessin Gundolfine könnte ihm etwas antun. »Also +sei brav!« mahnte Veit noch. + +Kasperle gab keine Antwort, er dachte mehr ans Unnütz- als ans Bravsein und +Veit dachte: Na, der stellt doch noch etwas an! Freilich, zum Turm kam er +nicht hinaus. Von dem geheimen Türlein, das der gute alte Haushofmeister +dem Schelm verraten hatte, ahnte Veit nichts. + +Ein wenig später brachte er wirklich Abendbrot. Kasperle schmauste und +legte sich in sein Bett. Veit deckte ihn noch zu, und dann verschloß er +sorgfältig die Türe, brachte den Schlüssel dem Herzog, und der zeigte ihn +seiner Base und sagte: »Nun siehst du, jetzt ist Kasperle im Turm +eingeschlossen. Du brauchst dich also nicht zu fürchten.« + +»Ein Kasperle ist ein halbes Gespenst,« brummte die Prinzessin, »wer weiß, +was der noch anstellt! Ich wollte, er läge unten im Schloßbrunnen.« + +Nach dem feuchten, tiefen Schloßbrunnen hatte Kasperle gar keine Sehnsucht. +Der lag in seinem Bett, strampelte vor Vergnügen und schielte immer wieder +hinaus, ob es nicht bald dunkel werde. Als Dämmerung draußen über dem Lande +lag, wuschelte er sein Bett zusammen, nahm das Kopfkissen unter den Arm, +flitzte durch das verborgene Türlein und huschte durch die Bodenkammer. +Dort nahm er die längste Stange, band das Kopfkissen daran und versuchte +damit das offene Fenster der Prinzessin zu erreichen. Es langte gerade, +weiter nicht. Da zog Kasperle das Kopfkissen wieder hinauf, setzte sich auf +die Fensterbrüstung und dachte vergnügt: Nun kann es losgehen. + +Das Warten wurde ihm freilich lang, denn die Prinzessin blieb bis spät in +die Nacht beim Herzog. Da wurde Kasperle schließlich müde, er kroch in die +Kammer zurück, kauerte am Boden nieder und schlief ein. + +Als er erwachte, war es tiefstill ringsum, nirgends ein Laut zu hören. +Kasperle schaute zum Fenster hinaus. Unzählige Sterne glänzten am Himmel. +Es war eine helle, klare Nacht. Ein paar Fledermäuse huschten lautlos am +Bodenfenster vorbei, sonst rührte und regte sich nichts. Da stopfte +Kasperle flugs noch etliche Kieselsteine zwischen Kopfkissen und Bezug, und +dann steckte er seine Stange zum Fenster hinaus. + +Die Prinzessin schlief noch nicht. Sie lag wach und dachte allerlei; +freundliche Gedanken hatte sie nicht, sie wollte den Grafen von +Singerlingen recht kränken und sann nach, durch was. Auf einmal rauschte +etwas Weißes an ihrem Fenster vorbei, klapp, schlug es an, -- weg war es. + +Die Prinzessin rief erschrocken und sehr laut nach ihrer Kammerfrau, und +das unnütze Kasperle hörte das Rufen, denn das Fenster stand halb offen. Es +zog flugs sein Kopfkissen hinauf und lauschte. Unten sah jemand hinaus und +sagte: »Es ist nichts zu sehen.« + +»Schließe das Fenster!« schrie die Prinzessin. Das Fenster klirrte, es war +wieder alles still. + +Da fing plötzlich die Schloßuhr zu schlagen an, zwölfmal, die Geisterstunde +begann. + +»Es ist unheimlich,« sagte die Prinzessin unten gerade. Da rauschte draußen +etwas Weißes an ihrem Fenster vorbei, klappte heftig an, und sie schrie +laut um Hilfe. Die Kammerfrau sah erschrocken hinaus, und da sah sie gerade +über sich das Kopfkissen schweben. + +»Ein Gespenst, ein Gespenst!« kreischte sie, und ein paar Augenblicke +später hallte durch das Schloß Schreien und Hilferufen, und Kasperle nahm +sein Kopfkissen, so schnell er konnte, und witschte in seinen Turm. + +Er kam gerade noch hinein, da klirrten draußen Schritte, und er mußte den +langen Stock mit ins Bett nehmen, weil er nicht schnell genug die Stricke +davon losbekam. Da wuschelte er sich so in sein Bett, daß nur die Nase +heraussah, und er tat, als schliefe er ganz fest. Er hörte draußen ein paar +Diener sich über die Gespensterfurcht unterhalten, hörte sie auf den Boden +gehen und wieder zurückkommen. Wieder war alles still. + +Die Prinzessin Gundolfine zeterte und schrie zwar noch eine Weile in ihrem +Bett, und die arme Kammerfrau, die vor Angst bebte, mußte noch dreimal zum +Fenster hinaussehen; es war aber nichts zu erblicken. + +Der Herzog lag in seinem Bett und schalt, Haushofmeister und Diener +schalten, und zuletzt schliefen alle ein. + +Nur Kasperle schlief nicht. Der kugelte sich lachend in seinem Bett herum +und hörte draußen die Uhr schlagen: halb, dreiviertel; da kletterte er +wieder zum Turme hinaus, schleppte aber noch seinen Wasserkrug mit und +schlich sich wieder in die Bodenkammer. + +Die Prinzessin war halb eingeschlafen, da ging es draußen klapp, klapp, +etwas Weißes rauschte am Fenster entlang. Diesmal sprang die Prinzessin +selbst auf und riß das Fenster auf. Es klirrte und krachte, dumpf dröhnte +die Uhr, und schwapp! bekam die Prinzessin so ein Güßlein, daß sie pustend +und stöhnend in das Zimmer zurücktaumelte. + +Wieder tönten Hilferufe, Jammern, Kreischen; Türen klappten, Schritte +hallten und Kasperle lag gerade in seinem Bett, als er draußen des Herzogs +Stimme hörte. Der wollte selbst dem Gespenst zu Leibe gehen. »Kasperle kann +es nicht sein, der ist ja eingeschlossen, aber nachsehen will ich doch,« +hörte der kleine Schelm ihn sagen. + +Der bekam einen argen Schreck. Er zog sich das Bett so fest über die Ohren, +daß nur seine Nase herausschaute, und tat, als ob er ganz fest schliefe. + +Der Herzog kam in den Turm, sah Kasperle liegen, ließ ihm ins Gesicht +leuchten und murmelte: »Nein, nein, der kann es nicht gewesen sein, aber -- +ich glaube, der denkt sogar im Schlaf an unnütze Dinge. Hm, hm, +merkwürdig!« + +Der Herzog ging, der Haushofmeister drehte sich aber noch einmal um, und +als Kasperle ein bißchen blinkerte, sah er, wie sein alter Freund ihm +drohte. + +Auf dem Boden, nirgends wurde etwas gefunden, nur einer bückte sich rasch +und hob etwas auf, die andern sahen es nicht, es war der Haushofmeister. + +Und wieder gingen alle in ihre Betten. Bei der Prinzessin mußten aber außer +der Hofdame und der Kammerfrau noch drei Mädchen wachen, und alle graulten +sie sich schrecklich. Alle schliefen sie aber ein, und plötzlich wachten +alle von einem Zetergeschrei auf, das aber rasch verstummte. + +»Jetzt hat das Gespenst geschrien.« Die Prinzessin sah käseweiß aus und +ihre Wächterinnen sahen ebenso käseweiß aus. Sie horchten alle zitternd, +aber alles blieb still. Daß Kasperle oben in seinem Bett lag und bitterlich +weinte, dies konnten sie nicht hören. + +Kasperle hatte eben gespürt, daß der gute alte Haushofmeister auch einmal +einen unnützen Schelm tüchtig verwichsen konnte. Er war gerade +eingeschlafen, da hatte er unversehens klatsch, klatsch! gespürt, wie weh +Schläge tun. Darob hatte er so mörderlich gebrüllt. Er verstummte aber +gleich, als ihm der Haushofmeister ein Hosenknöpflein vor die Nase hielt +und sagte: »Kasperle, soll ich das dem Herzog zeigen und sagen, das hat das +Gespenst verloren?« O lieber Himmel, es ist schon schlimm, wenn einer +immerzu Hosenknöpfle verliert! Arg schlimm! + +Kasperle schluchzte in sein Bett hinein und der alte gute Haushofmeister +fragte traurig: »Kasperle, warum bist du nur so unnütz?« + +»Sie ist böse,« knurrte Kasperle zornig wie ein kleiner wütender Hund. + +»Ja, das ist sie. Denk' aber an den Keller, Kasperle, und an -- die +Fässer!« + +»Ich will's nicht wieder tun,« murmelte Kasperle bedrückt. Daß der gute +Haushofmeister aber auch alles herausbekam! Es wurde ihm ordentlich etwas +bange vor ihm, und scheu blinzelte er den alten Mann an. + +Der mußte ein wenig lachen. »O Kasperle, du Strick!« sagte er, »du machst +doch sicher noch eine Dummheit, solange die Prinzessin da ist! Jetzt sperre +ich aber das Schranktürchen zu, sonst geisterst du noch einmal herum.« + +Der Haushofmeister wollte gehen, da griff Kasperle bittend nach seiner +Hand, und der alte Mann strich ihm linde über den Kopf. »Armer kleiner +Kerl,« sagte er, »warum hat dich unser Herzog nicht in deinem Waldhaus +gelassen!« + +Kasperle seufzte tief, tief, danach drehte er sich um und schlief wie ein +Rätzlein, schlief bis zum sonnigen Morgen. Und als er aufwachte, dachte er +an keine Gespensterei, nichts, nur daran, wie er wohl heute das traurige +Marlenchen sehen könnte. + + + + +Dreizehntes Kapitel + +Das Nest auf der Ulme + +An diesem Morgen kam die Prinzessin Gundolfine mit einem Gesicht zum +Frühstück, als hätte sie drei Metzen Schlackerwetter aufessen müssen. »Es +hat heute nacht gespukt,« sagte sie böse. + +»Das ist noch nie geschehen,« antwortete der Herzog. + +Da fiel der Prinzessin etwas ein und sie rief: »Dann war es Kasperle.« + +»Nein, der war es nicht. Der war eingeschlossen im Turm.« + +»Er soll kommen, ich will ihn fragen!« + +»Meinetwegen,« brummte der Herzog. + +Da wurde Kasperle geholt, und dem kleinen Schelm wurde es wind und weh bei +dem Gedanken, die Prinzessin zu sehen. Dazu sagte ihm noch der +Haushofmeister: »Kasperle, Kasperle, das wird bös! Sie denkt, du seiest das +Gespenst gewesen.« + +Jemine und Kasperle konnte doch nicht lügen! Dummheiten machen, ja, aber +schwindeln, nein, das brachte er nicht fertig. + +Da war er schon im Zimmer und der Herzog rief: »Hier kommt er.« + +Kasperle sah vor Verlegenheit nicht rechts und nicht links, trat zaghaft +auf, und weil er ohnehin auf dem glatten Boden schlecht gehen konnte, +glitschte er und stolperte. Er wollte sich an einem Kammerherrn, der neben +ihm ging, festhalten, beide verloren das Gleichgewicht und rutschten in das +Zimmer hinein, als wäre der Boden eine Eisbahn. + +Der Kammerherr wollte sich auch an etwas anhalten, und unglücklicherweise +erwischte er das Bein des Stuhles, auf dem die Prinzessin saß. Da rutschte +der, die Prinzessin wackelte hin und her, hielt sich am Herzog fest, und +pardauz, bums! lagen alle miteinander auf dem Boden. + +Der Herzog wurde fuchsteufelswild und die Prinzessin Gundolfine schrie +immerzu: »Daran ist Kasperle schuld.« + +Der aber dachte: Es ist am besten, mitzuschreien, und er schrie so +gewaltig, daß die andern allmählich erstaunt verstummten. So ein Geschrei +war nicht Mode am Herzogshof. + +»Stille!« rief der Herzog, aber das Kasperle schrie und schrie. Der kleine +Schelm dachte: Wenn ich recht schreie, fragen sie mich nichts. Und er hatte +recht gedacht. Der Herzog vergaß vor Ärger das Gespensterspiel der Nacht, +er rief böse: »Bringt Kasperle in den Turm zurück, er soll dort eingesperrt +bleiben!« + +Das ließ sich der gute Haushofmeister nicht zweimal sagen; er winkte Veit, +der zerrte Kasperle hinaus, und als unten alle noch aufgeregt durcheinander +redeten, saß der schon wieder vergnügt in seinem Turm. Er schaute, als Veit +gegangen war, über das Land hinweg, hinüber nach Lindeneck. Ach, wie gern +wäre er doch zu dem traurigen Marlenchen gelaufen! + +Da fiel es ihm ein, er war ja ganz und gar eingesperrt, selbst das +Schranktürchen war zu. Oder vielleicht doch nicht. Er schlüpfte in den +Schrank, und richtig, das Türchen drehte sich; er stand wieder im +Treppenhaus. Ganz vergnügt flitzte er eine Weile hin und her, weil aber +unten noch immer viel Gelärm war, wagte er es nicht, die Treppe +hinabzugehen. So blieb er oben, kauerte sich auf den Boden nieder und +lauschte hinab. + +Die Stimme der Prinzessin Gundolfine klang schrill bis zu ihm herauf. Die +Türen des Zimmers, in dem diese mit dem Herzog saß, standen offen; die +Prinzessin behauptete, sonst halte sie es nicht aus, so heiß sei es. Sie +war noch immer sehr aufgeregt und schalt unverdrossen auf das Kasperle, +verlangte strenge Bestrafung, und Kasperle, der das hörte, dachte wieder +einmal: Ausreißen wäre am besten! + +Er hatte aber doch für sein Michele sein Wort gegeben, und das mußte er +halten. + +Endlich wurde es still unten. Der Herzog und die Prinzessin gingen im Park +spazieren und der Haushofmeister kam und sagte: »Heute mußt du oben +bleiben, Kasperle, sonst wirst du erwischt.« + +Kasperle versprach Bravsein, aber das Bravsein wurde ihm bald langweilig. +Er flitzte zum Türlein hinaus und hinein, und der Vormittag wollte gar kein +Ende nehmen. Endlich kam Veit und brachte ihm Mittagessen, und dabei sagte +er: »Heute geht es unten hoch her. Der Herzog steigt eben in den Weinkeller +hinab und holt von dem ganz guten Wein herauf. Weißt du, der Keller liegt +neben dem, in den sie dich neulich gesperrt hatten. Dahinein geht der +Herzog immer selbst, nur die Prinzessin ist mitgegangen. -- Meine Güte, was +ist da schon wieder?« + +Unten tönte Rufen, und Veit lief die Treppe hinab und das Kasperle stand, +als wäre er mitten in ein Hagelwetter hineingeraten. + +Wenn der Herzog die leeren Fässer entdeckte! + +Daß der nichts von dem Türchen wußte, ahnte Kasperle ja nicht. Er zitterte +vor Angst, und da Veit in der Eile die Türe offen gelassen hatte, ging er +durch diese Türe, ließ sie weit offen stehen, schlich sich einen Gang +entlang, kam an eine schmale Seitentreppe, und gerade als er die erreicht +hatte, hörte er die Prinzessin kreischen. + +Jemine, jetzt hatten sie die leeren Fässer gefunden! Da war Kasperle schon +unten, war draußen im Park und wutschte an den Sträuchern entlang bis zum +Wäldchen hin. + +Das Bächlein gluckste und rann, aber Marlenchen saß nicht an seinem Rande. +Kasperle blieb stehen. Wohin sollte er nur? Ehe er durch des Herzogs Land +lief, fingen ihn dessen Landjäger schon; sie erkannten ihn sicher an seinem +grasgrünen Kasperlekleid, das alle kannten. Und dann dachte er an sein +Wort, das er gegeben hatte. Er seufzte tief. Am Bächlein kauerte er sich +nieder, und sein kleines unnützes Kasperleherz war ihm zentnerschwer. Wäre +doch Marlenchen dagewesen! Ach, die traurige kleine Freundin konnte ihn +gewiß auch nicht schützen! + +Auf einmal fiel ihm der Graf von Singerlingen ein. Vielleicht half ihm der +in seiner Not, weil er ihn von der Prinzessin befreit hatte. Vielleicht gab +der dem Herzog ein gutes Wort und bat ihn frei. Er dachte: Wenn ich immer +an Wiesen entlang wutsche oder durch den Wald gehe, dann sieht mich +vielleicht niemand. Aber wie fand er den Weg? Da fiel es ihm ein, er würde +auf die alte, hohe Ulme klettern; von dort aus konnte er gewiß das Schloß +des Grafen von Singerlingen liegen sehen und auch den Weg, der dahin +führte. Und auf der Ulme, im dichten Gezweig, sah ihn auch niemand vom +Schloß aus. Da schützte ihn sein grasgrünes Röckchen. + +Die Ulme war hoch, aber Kasperle fürchtete sich vor der Höhe nicht. Rutsch, +rutsch, da war er schon ein Stück oben. Rutsch, rutsch, höher und höher kam +er. Er sah schon das Elsternnest an der Spitze und sah die Vögel neugierig +ihre Köpfe herausrecken. Die schimpften böse, und Kasperle schnitt wieder +Frätzlein um Frätzlein. Das empörte die Elstern, die fingen laut zu +schelten an, sie beugten sich weit aus den Nestern und machten böse Augen. +Drei Nester waren es und in jedem Nest saß eine ganze Elsternfamilie. +Kasperle hätte sich schon fürchten können, er merkte aber, die +schwatzhaften Vögel hatten Angst vor seinen Teufels- und Räubergesichtern. +Da kletterte er vergnügt höher und höher, verdrehte die Augen, zog den Mund +krumm und schief, wackelte mit Nase und Ohren, und die Elstern kreischten +immer lauter vor Angst. + +Die Alten riefen den Jungen zu: »Wir wollen fliehen, fliegt auf, fliegt +auf!« aber die Jungen konnten vor Angst ihre Flügel nicht heben. Sie +flatterten erschrocken in den Nestern herum, und endlich sagte die älteste, +würdigste Elstermadame, die schon viele Jahre in dem Neste wohnte: »Jetzt +hacke ich ihm die Augen aus.« + +Da schnitt Kasperle ein Hexengesicht und plumps sank die mutige Elster +zurück. Sie jammerte laut vor Angst und in dem Augenblick dachte Kasperle: +Wenn sie doch ruhig wäre!, denn von unten tönte lautes Rufen: »Kasperle, +Kasperle! -- Er ist ausgerissen, der Bösewicht,« gellte eine Stimme und +Kasperle hörte ganz genau, es war die Prinzessin, die rief. + +Gewiß hatten sie die leeren Fässer entdeckt. + +Das hatten der Herzog und seine Base nun wirklich getan. Sie waren, gefolgt +von etlichen Dienern, in den Keller gekommen, in dem die köstlichen Weine +lagerten, und der Herzog hatte befohlen: »Von dem Faß in der Mitte.« + +Da hielt der Diener den silbernen Krug unter und -- kein Tropfen kam +heraus. + +Die Prinzessin schnupperte unterdessen in dem Keller herum und sie sagte: +»Wie sehr es hier nach Wein riecht, nein, sonderbar!« + +»Das Faß ist leer,« meldete der Diener. + +»Leer?« rief der Herzog verdutzt. »Ja, wie kommt denn das?« Er trat selbst +an das Faß heran, pochte, schüttelte, -- es war leer. + +»Du hast es ausgetrunken,« sagte seine Base spitz. + +»Unsinn!« Der Herzog war wirklich ärgerlich. »Nimm aus dem linken Faß!« +rief er dem Diener zu. Der zog den Zapfen aus und hielt das Krüglein unter, +aber kein Tropfen kam. Das war doch toll! Und beim dritten Faß ging es +ebenso. + +»Es muß jemand im Keller gewesen sein,« rief der Herzog. »Schnell, schnell, +man bringe Licht, um alles zu untersuchen!« + +»Du hast gewiß alles allein ausgetrunken,« sagte die Prinzessin Gundolfine +wieder spitz, und der Herzog ärgerte sich so, daß er ganz grün wurde. Er +schrie immer lauter: »Licht her, Licht her!« und die Diener kamen mit +Lampen und Kerzen gerannt. Sogar die Kammerherren trugen Kerzen und alle +leuchteten in dem kleinen Keller herum. Plötzlich rief der jüngste +Hofjunker, der Augen wie ein Falke hatte: »Hier ist eine Türe.« + +»Unsinn, der Keller hat nur eine Türe!« erwiderte der Herzog, aber da schob +das Junkerlein das Pförtchen zurück, und alle sahen erstaunt in einen +zweiten Keller hinein. Auf einmal riefen etliche: »In dem Keller hat +Kasperle gesteckt.« + +»Ja, und dann war er krank und hat immerzu geschlafen.« Der dicke +Oberstallmeister brach plötzlich in ein dröhnendes Lachen aus. »Am Ende hat +das Kasperle ein Schwipslein gehabt.« + +»Oooh!« Der Herzog sah drein, als wäre vor ihm ein Kirchturm umgepurzelt. +Die Prinzessin aber kreischte: »Dieser schreckliche Kasper, den muß man +aufhängen, in den Brunnen werfen, schlagen, der muß furchtbar bestraft +werden!« + +»Man hole ihn!« Der Herzog stöhnte. Wirklich, das Kasperle war doch ein +arger Strick, den mußte er wirklich streng bestrafen! + +Unter den Dienern war auch Veit, der lief mit, um das Kasperle zu holen. In +seinem Herzen dachte er mitleidig: Vielleicht kann er noch entwischen. + +Und dann fanden sie die Turmtüre offen und kein Kasperle war zu sehen. Der +Schelm war ausgerissen. + +Als das der Herzog erfuhr, vergaß er Mittagessen und alles; er war +bitterböse, rief, man solle überall suchen und die Landjäger ausschicken, +um das Kasperle zu fangen. + +»Und dann wird es aufgehängt,« rief die Prinzessin Gundolfine. + +»Nein, denn von einem toten Kasperle habe ich nichts,« erwiderte der +Herzog. + +»Ach, aufhängen ist am besten!« + +»Nein, es ist mein Kasperle!« + +»Und mich hat es geärgert. Das Gespenst heute nacht war sicher auch +Kasperle,« rief die Prinzessin. »Er muß doch aufgehängt werden!« + +»Nein!« schrie der Herzog zornig, und so stritten sich beide eine ganze +Weile herum, was mit dem Kasperle geschehen sollte. Sie hatten es aber noch +gar nicht. + +Unterdessen suchten die Diener überall herum. Veit sagte: »Ich suche im +Wäldchen.« Er dachte: Wenn ich da das Kasperle sehe, kann es noch +ausreißen. Aber etliche Kammerherren sagten auch, sie suchten im Wäldchen, +und der gute Veit mußte sich das gefallen lassen. + +Kasperle sah sie alle kommen von seinem hohen Sitz aus. Jemine, klopfte da +sein unnützes kleines Kasperleherz! Und die dummen Elstern kreischten und +flatterten. Kasperle wollte sie zur Ruhe bringen, aber je bösere Gesichter +er schnitt, desto schlimmer krächzten sie. Er machte endlich sein dummes, +gutmütiges Kasperlegesicht, aber da flatterten die Elstern gleich wütend +auf ihn los und wollten ihm die Augen aushacken. Das war Kasperle zu toll, +er schlug mit seiner Faust nach ihnen und machte ein Teufelsräubergesicht. + +»Wir müssen fliehen, fliehen,« krächzte die älteste Elsternmadame, »Kinder, +strengt euch an!« Und die Kinder strengten sich an. Sie hoben die Flügel +und flatterten, und auf einmal flog die ganze Elsternschar mit so lautem +Schreien davon, daß die Menschen unten aufmerksam wurden. Sie sahen hinauf, +und der jüngste Hofjunker mit seinen scharfen Augen erblickte das Kasperle +trotz seines grasgrünen Röckleins hoch oben auf der alten Ulme. + +»Da sitzt er, da sitzt er!« rief er, und nun schauten alle hinauf und alle +riefen: »Da sitzt er, da sitzt er!« + +Kasperle fuhr der Schreck arg in die Glieder. Er wäre beinahe von dem Baume +heruntergesaust, und in seiner Angst griff er nach dem verlassenen +Elsternest, um sich daran festzuhalten. Dabei ergriff er etwas hartes und +hatte auf einmal einen großen goldenen Ring mit einem schönen Rubin in der +Mitte in seiner Hand. Das war nun wirklich sonderbar. In einem Elsternest +lag ein goldener Ring! Kasperle war ausnehmend neugierig, und vor Neugier +vergaß er sogar seine Angst. Er kletterte noch ein Stückchen höher und +schaute in das Nest hinein. Nein, so etwas, da lag noch ein kleiner +silberner Löffel und ein goldener Ohrring! Aber der Ring, den er in der +Hand hielt, war das schönste Stück. + +Himmel, vielleicht war das gar des Herzogs Ring, den der Herr von Lindeneck +gestohlen haben sollte! Kasperle hielt das kostbare Ding in der Hand, besah +es von allen Seiten und dachte: Vielleicht wenn ich den dem Herzog bringe, +verzeiht er mir. Aber just da kam unten die Prinzessin Gundolfine +angelaufen und kreischte: »Man hole eine Kanone und erschieße ihn!« + +Kasperle schnitt sein Teufelsgesicht hinab. Aber was half das, die unten +liefen nicht davon, wie die Elstern davongeflogen waren. Die blieben +stehen, schimpften hinauf, redeten von einer Kanone und der Wasserspritze; +sehr freundlich klang das nicht. + +Kasperle überlegte. Ausreißen konnte er nicht, auch hatte der Herzog ja +nicht gesagt: »Geh zum Teufel!«, also war er noch nicht frei. Aber wenn er +mit dem Ring ankam, würde der Herzog vielleicht wieder gut werden. Wenn nur +die Prinzessin nicht unten gestanden hätte, an der er vorbei mußte! + +Plötzlich kam dem Kasperle ein Gedanke. Blitzschnell nahm er das Nest, in +dem außer den Kostbarkeiten auch noch allerlei Unrat lag, und warf es +hinab, der Prinzessin gerade auf den Kopf. + +Unten erhob sich ein lautes Geschrei, aber alle sahen ein paar Augenblicke +nicht zu Kasperle hinauf, sondern auf die Prinzessin, und da rutschte der +kleine Schelm den Baum hinab und schoß auf einmal einen Purzelbaum über +alle hinweg, rollte sich und kollerte bis zum Schlosse hin, ehe die unter +dem Baume noch wußten, was geschehen war. Im Schloß flitzte er aber an ein +paar Dienern vorbei, husch, husch in das Zimmer des Herzogs hinein, in dem +der seine Mittagsruhe zu halten pflegte. Und richtig, da saß der Herzog +auch verdrießlich in seinem großen Stuhl und ärgerte sich. Ja, über was +ärgerte er sich alles! über Kasperle, den ausgelaufenen Wein, seine Base, +das verspätete Mittagessen, am meisten aber doch über Kasperle. + +Er muß streng, ganz streng bestraft werden, dachte er, und da purzelbaumte +gerade das Kasperle in das Zimmer hinein, stand plötzlich vor ihm und hielt +ihm seinen Ring unter die Nase. Dazu machte der kleine Kerl das betrübteste +unnützeste Kasperlegesicht. + +»Aber Kasperle!« rief der Herzog, »wo hast du den Ring her?« + +Kasperle legte den Kopf schief, schielte den Herzog bittend an und erzählte +von seiner Kletterei und den scheltenden Elstern. + +»Mein Himmel,« sagte der Herzog, »eine Elster hat den Ring gestohlen und +der arme Herr von Lindeneck ist darum in Verdacht gekommen! Kasperle, um +des Ringes willen soll dir alles, alles verziehen sein.« + +Da kugelte und kollerte sich Kasperle im Zimmer herum, und plötzlich +bettelte er: »Herr Herzog, laß mich nach Lindeneck laufen!« + +»Dann reißt du aus.« Der Herzog schüttelte ernst den Kopf, aber Kasperle +hing tief betrübt die Nase. »Du hast doch noch nicht gesagt: >Geh zum +Teufel!<«, murmelte er und seufzte schwer dazu. + +»Ei, das ist gut! Vorher reißt du also wirklich nicht aus?« rief der Herzog +lachend. »Nun, dann brauche ich ja keine Sorge zu haben; das sage ich nie. +Also laufe nur nach Lindeneck und bestelle, der Herr von Lindeneck möchte +gleich kommen. -- Aber,« er rieb sich nachdenklich die Nase, »weißt du +denn, wo Lindeneck liegt?« + +Kasperle nickte eifrig und ganz zutraulich erzählte er dem Herzog von +seiner Freundschaft mit dem traurigen Marlenchen. + +Der Herzog wurde sehr, sehr nachdenklich. Er schämte sich, daß er dem Herrn +von Lindeneck so unrecht getan hatte, und er dachte bei sich: Eigentlich +ist das Kasperle besser als ich. -- Solche Gedanken hatte der Herzog +selten, wenn sie ihm aber kamen, dann blickten seine Augen milde und gütig +und das Kasperle dachte: Jetzt gefällt er mir. + +»Nun laufe nur schnell!« sagte der Herzog. »Halt, der Haushofmeister mag +dich ein Stück geleiten, denn wenn dich die Base Gundolfine erwischt, geht +es dir übel. Sie denkt sogar, du hättest heute nacht gegeistert, und du +lagst doch in deinem -- Kasperle!« Der Herzog machte plötzlich wieder böse +Augen, denn Kasperle ließ gar zu schuldbewußt seine Nase hängen. »Du warst +es doch, Kasperle!« + +Der Schelm nickte, und schon wollte der Herzog schelten, da fiel sein Blick +auf den Ring und er sagte: »Na ja, klettern kannst du freilich! Aber nun +laufe nur, auch das soll dir verziehen sein!« + +Kasperle huschte hinaus, froh, daß der Herzog nicht weiter gefragt hatte. +Er fand den Haushofmeister, erzählte ihm flink alles, und der ließ ihn zu +einem schmalen Pförtchen hinaus. + +Als die Prinzessin zornig und scheltend in das Schloß zurückkehrte, rannte +Kasperle schon über eine große Wiese Schloß Lindeneck zu. War die +Prinzessin Gundolfine aber böse! Sie machte wirklich Kulleraugen, als sie +erfuhr, Kasperle sei beim Herzog gewesen und alles, alles sei verziehen. + +»Ich verzeih' ihm nicht,« schrie sie, »nie und nimmer! Er soll seine Strafe +schon bekommen!« + +Doch als der Herzog ihr sagte, der vermißte Ring sei im Elsternest gewesen +und dem Herrn von Lindeneck sei bitteres Unrecht geschehen, da redete sie +gleich von Abreisen. Sie fühlte ihre Schuld, aber sie wollte sie nicht, wie +der Herzog es tat, eingestehen. + +Der Herzog, der die Gewohnheit hatte, manchmal laut mit sich selbst zu +sprechen, sagte, als die Prinzessin von ihrer Abreise sprach: »Ach, das +wär' fein!« + +»Hach,« kreischte die Prinzessin, »ich falle in Ohnmacht! Das sagt man +_mir_!« Und weinend lief sie auf ihr Zimmer und sie schluchzte so laut, daß +es bald im ganzen Schloß zu hören war. + +Wenn sie doch abreiste! dachten alle, und sie sagten es laut und leise +zueinander. Aber die Prinzessin Gundolfine dachte gar nicht an die Abreise; +die wollte bleiben, wollte sich an Kasperle rächen. Denn daß der kleine +Schelm den Ring gefunden hatte, das rechnete sie ihm nur als neuen +Schabernack an. Auf ihrem Zimmer hielt sie Rat mit einer Kammerfrau und +einer Hofdame, die beide genau so boshaft wie sie selbst waren. Und weil +sie dabei doch nicht weinen konnte, mußte eine andere Kammerfrau an der +Türe stehen und schreien und jammern, denn der Herzog sollte das +allergrößte Mitleid mit seiner Base bekommen. + +Doch was zuviel ist, ist zuviel. Der Herzog mochte das Geschrei nicht mehr +hören, er sagte: »Bringt mir Watte!« Und dann steckte er sich Watte in die +Ohren, sagte, man solle ihn nur wecken, wenn Kasperle käme, legte sich hin +und hielt seinen Mittagschlaf. + + + + +Vierzehntes Kapitel + +Das traurige Marlenchen lernt lachen + +Kasperle rannte unterdessen, so schnell er konnte, nach Schloß Lindeneck. +Er hopste, kugelte, kollerte, purzelbaumte und gelangte schneller hin als +einer, der bedächtig auf seinen zwei Beinen geht. + +Am Tor von Schloß Lindeneck aber stand einer Wache, der sehr grimmig +dreinsah, ein Mann, groß wie ein Baum, dick wie ein Ofen; das war des +Schloßherrn allertreuster Diener, Eicke Pimperling. Der schrie drohend, als +er das Kasperle kommen sah: »Hier darf niemand rein! Wer bist du überhaupt? +Aussehen tust du wie ein Laubfrosch, und hopsen kannst du auch so.« + +»Ich bin, wer ich bin, und ich will rein,« rief Kasperle patzig. + +»Nichts da, marsch kehrt, hier darf niemand rein!« + +Oho, dachte Kasperle, dem Grobian schlage ich schon noch einen Purzelbaum +über den Kopf weg! Und bei dem Gedanken lachte er hell auf. + +»Hallo, gelacht wird hier nicht!« Eicke Pimperling nahm einen großen Stock, +es sah bedrohlich aus, aber Kasperle dachte: Es mag kommen, wie es will, +ich muß hinein. Und dann eins, zwei, drei, ging es über Eickes Kopf hinweg, +daß der vor Schreck mit dem Kopf hin und her wackelte. + +Kasperle aber saß selbst unversehens mitten im Schloßhof vor dem traurigen +Marlenchen. Das schrie erschrocken auf, und ein stattlicher, finster +aussehender Herr, der an einem blühenden Rosenbusch saß, blickte erstaunt +auf. Er zog die Augen finster zusammen, als er den kleinen Eindringling +gewahrte, aber da rief schon Marlenchen: »Vater, das ist mein Freund +Kasperle!« + +»Verzeihung, gnädiger Herr, daß dieser Laubfrosch hier eingedrungen ist,« +dröhnte Eickes Stimme durch den Schloßhof, und der gewaltige Mann kam mit +flinken Schritten näher gerade auf Kasperle zu. + +»Tu ihm nichts, Eicke!« rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein. »Das ist +kein Laubfrosch, mein Freund Kasperle ist's.« + +»Dein Freund Kasperle?« Herr von Lindeneck sah sein blasses Kind erstaunt +an, und Marlenchen legte die Hände auf ihr klopfendes Herzelein, sah scheu +zu ihrem Vater auf und erzählte leise, leise, wo sie das Kasperle immer +getroffen hatte. + +Und plötzlich schnatterte Kasperle vergnügt dazwischen: »Der Ring ist da, +der Ring ist da! Im Elsternest hat er gelegen.« + +Der Herr von Lindeneck wurde totenbleich. Er packte Kasperle so fest an, +daß es dem ganz schwindlig wurde, und rief: »Wo ist der Ring, wer hat ihn +gefunden?« + +»Ich,« stotterte Kasperle, und dann erzählte er von seiner Flucht auf die +Ulme und den bitterbösen Elstern und von dem Ring. »Und du sollst zum +Herzog kommen,« schloß er. + +Das war doch wunderbar! So etwas hatte Kasperle noch nicht erlebt. Der Herr +von Lindeneck weinte und das traurige Marlenchen weinte auch. Der kleine +Schelm sah sich ganz hilflos um, und er sah Eicke Pimperling kerzengerade +neben sich stehen und in die Luft starren. Da fragte er scheu: »Sind se nu +traurig?« + +»Quatsch, du Laubfrosch, glücklich sind se!« + +Ja, weint man denn da? + +Der Herr von Lindeneck hob plötzlich seine Arme und dehnte und reckte sich, +als fiele eine schwere Eisenkette von ihm ab, das Marlenchen aber fiel dem +Kasperle um den Hals, als wäre es gar kein unnützes, häßliches Kasperle, +sondern auch so ein feines, zartes Dinglein wie Marlenchen selbst. »O +Kasperle, du liebes, gutes Kasperle!« rief Marlenchen und streichelte +Kasperle, bis der vor Vergnügen den Mund von einem Ohr zum andern zog. »Du +gutes, gutes Kasperle, du bist der beste Bube auf der ganzen Welt!« fügte +sie hinzu. + +Na, so viele freundliche und liebe Worte hatte Kasperle lange nicht gehört. +Und da nahm ihn auch noch der Herr von Lindeneck in seine Arme und +streichelte ihn und sagte, er werde ihm immer dankbar sein. Es war wirklich +fein. + +Kasperle konnte nicht anders, er mußte ein paar Hopser machen. Dann zupfte +er eifrig Marlenchen, zupfte den Herrn von Lindeneck und bettelte: »Kommt, +kommt, der Herzog wartet!« + +»Er mag warten.« Der Schloßherr sah auf einmal aus, als sei er selbst der +Herzog, und so gefiel es dem Kasperle noch besser. »Geh, Kasperle, sag ihm, +wer ein Unrecht gutmachen wolle, der müsse auch den Weg finden zu dem, dem +er Unrecht getan hat. Wirst du das bestellen?« + +»Nä!« rief Kasperle erschrocken. Das ging nicht so flink in seinen +Kasperlekopf hinein, so etwas dem Herzog zu sagen. + +Da rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein: »Ich gehe mit dir, mein +Herzenskasperle, ich fürchte mich gar nicht.« + +»So geh!« Der Herr von Lindeneck strich seinem blassen Mädel über die +dunklen Locken, und Kasperle legte vergnügt seine Hand in die des zarten +Kindes. »Herzenskasperle« hatte ihn nur manchmal die schöne Frau Liebetraut +genannt, er war arg stolz darauf, daß Marlenchen ihn nun auch so nannte. + +Eicke Pimperling war es nur halb recht, daß Marlenchen allein mit dem +Kasperle gehen sollte. »Mit so'nem Laubfrosch!« brummelte er eifersüchtig. + +»Bin kein Laubfrosch.« Kasperle zog seine Hand aus der Marlenchens, und +heidi schoß er einen Purzelbaum über Eicke hinweg, kollerte gleich den +halben Schloßberg hinab und blieb da lachend liegen, bis Marlenchen ihn +eingeholt hatte. + +Und dann gingen sie beide den Berg ganz hinab und über eine blühende Wiese +nach dem Schlosse des Herzogs. Unterwegs erzählte Kasperle von seinen +Erlebnissen und seinen Streichen, vom Geistern und von den ausgelaufenen +Weinfässern. + +»Oooh, Kasperle!« Marlenchen blieb stehen und sah ihren Gefährten ganz +erstaunt an. + +Der senkte verlegen seine Nase. Doch da geschah etwas, über das er sich arg +verwunderte. Ein Glöckchen fing an zu läuten, klinghell und fein, und als +er aufsah, -- lachte das traurige Marlenchen. Es lachte und lachte, wie +eine kleine Silberglocke tönt. Und es war gar nicht mehr das traurige +Marlenchen, sondern ein sehr lustiges, schelmisches Marlenchen. Fast nicht +aufhören konnte es mit Lachen und Kasperle fing auch an; sie lachten beide +um die Wette und mußten sich zuletzt in das Gras setzen, denn Marlenchen, +die so lange nicht gelacht hatte, behauptete, nun würde sie gleich +zerspringen vor Lachen. »Irgend etwas ist bestimmt zersprungen,« sagte sie +vergnügt. + +Aber das Marlenchen zersprang doch nicht ganz und gar, sondern sie besannen +sich beide darauf, daß der Herzog wartete. Sie rannten also, so schnell sie +konnten, dem Schlosse zu. Kasperle fand wieder das Nebenpförtchen und traf +dort Veit, der auf ihn wartete. Der sagte: »Der Haushofmeister hat gemeint, +du werdest allein kommen; aber wer ist denn das? Jemine, das ist ja das +traurige Marlenchen! Und das sieht aus, als wäre es eben im Himmel +gewesen.« + +Marlenchens Augen glänzten, ihre Bäckchen glühten. So trat sie mit Kasperle +vor den Herzog und sagte dort ganz frank und frei ihres Vaters Botschaft. +Sie sah dabei den Herzog unverwandt an, und der wurde nicht böse, wie +Kasperle befürchtet hatte, der strich sogar sacht über Marlenchens dunkle +Locken und sagte: »Ruhe dich aus, mein Kind, bis der Wagen bereit ist! Ich +will gleich zu deinem Vater fahren.« + +»Und ich fahr' mit,« rief Kasperle, und er blinkerte den Herzog mit seinen +kleinen, lustigen Schelmenaugen so vergnügt an, daß der lachen mußte. So +herzhaft hatte er lange nicht mehr gelacht. Und das Lachen tat ihm so gut +wie ein ganzes Krüglein seines guten Weines. Freilich, zu zerspringen wie +das Marlenchen drohte er nicht; bei der Kleinen war der schwere Kummer +zersprungen, bei dem Herzog hätten die Launenhaftigkeit und der Hochmut +zerspringen müssen. Doch die lösten sich nur ein wenig und bekamen einen +kleinen Riß. + +Durch das Schloß tönte noch immer das laute Heulen aus dem Zimmer der +Prinzessin, als der Herzog in den Wagen stieg. Es heulte schon die zweite +Kammerfrau, die erste war nämlich heiser geworden. Aber der Herzog achtete +gar nicht darauf, und als der Wagen davonfuhr, schnitt Kasperle sehr +vergnügt ein böses Teufelsgesicht zu den Fenstern der Prinzessin hinauf. + +Die stand am Fenster und sah es. Sie kreischte vor Schreck und Wut und +drohte dem Kasperle bitterböse hinab. Aber der kleine Schelm sah es gar +nicht, sonst hätte er vielleicht nicht so vergnügt in des Herzogs Wagen +gesessen. Der fuhr die Landstraße entlang, und diesmal schnitt Kasperle in +seiner Fröhlichkeit die allerfreundlichsten Gesichter und die Leute +grüßten, knicksten, lachten und winkten mit Blumen und Taschentüchern. Da +sah auch der Herzog vergnügt drein. Er lachte mit und die Leute sagten: + +»Nein, wie gut unser Herzog doch heute dreinschaut! Ach, wenn er doch nur +immer ein so freundliches Gesicht machte!« + +Es dauerte nicht lange, da war Schloß Lindeneck erreicht. Der Wagen rollte +den Berg hinan, Eicke Pimperling stand an dem Tor. Diesmal schrie er aber +nicht: »Hier darf niemand herein!«, er half höflich dem Herzog aussteigen, +und als Kasperle flink aus dem Wagen purzelte, da hielt er ihn am Kittel +fest und sagte: »Bleib hier, die zwei müssen allein reden!« + +Der Herr von Lindeneck saß inmitten des Schloßhofes am blühenden +Rosenbusch, als der Herzog kam. Er stand auf und ging ihm entgegen, und +dann standen sie beide lange an dem Rosenbusch und redeten miteinander; +aber das Kasperle mochte noch so sehr seine Ohren spitzen, es hörte nichts. + +Eicke Pimperling stand breit und fest da und hielt Kasperle immerzu am +Jackenzipfel fest, denn er hatte doch Angst, der könnte wieder einen +Purzelbaum über ihn hinweg schießen. + +Endlich rief Marlenchens Vater sein Kind und Kasperle, und der Herzog sagte +zu beiden, er wolle noch eine Stunde dableiben und Erdbeeren essen, und +Kasperle dürfe auch bleiben und sogar kaspern. + +Das wurde eine lustige Stunde, die ein langes, langes Schwänzlein bekam. So +lang wurde das Schwänzlein, daß schon der Himmel im Abendrot erglühte, als +der Herzog heimfuhr. + +Als Kasperle hinter dem Herzog das Schloß betrat, kam gerade die Prinzessin +Gundolfine die Treppe herab. Sie tat, als wäre sie todkrank, hielt den Kopf +geneigt, und als sie den Herzog und Kasperle erblickte, schrie sie auf und +wollte gleich wieder ohnmächtig werden. »Der da,« flüsterte sie und zeigte +auf Kasperle, »der hat mir eben die Zunge herausgestreckt.« + +Das war nun nicht wahr, denn Kasperle hatte beim Anblick der Prinzessin +gleich ganz tief den Kopf gesenkt; Marlenchen hatte ihn ermahnt: »Sei brav +und ärgere sie nicht, Kasperle!« Und Kasperle wollte doch so himmelgern von +Marlenchen als brav angesehen werden. Er sagte darum auch gleich: »Ich hab' +nichts getan, ich hab' keine Zunge rausgestreckt.« + +»Doch, du hast es getan.« Die Prinzessin log ganz unverzagt, aber Kasperle +wollte sich das nicht gefallen lassen; er rief trotzig: »Und ich hab' doch +nicht die Zunge rausgestreckt! Ich hab' sie gar nicht angesehen, sie -- sie +ist mir viel zu wüst!« + +O Kasperle, das war schlimm! + +Der Herzog runzelte ärgerlich die Stirn, und die Prinzessin fing schon +wieder zu weinen an. Da sagte der alte Haushofmeister: »Mit Verlaub, +Kasperle hat wirklich nicht die Zunge herausgestreckt, ich hab' es +gesehen.« + +»Aber wüst hat er mich genannt,« schrie die Prinzessin. + +Das stimmte nun freilich, das hatten alle gehört. Und darum sagte der +Herzog auch: »Kasperle, du bleibst auf deinem Zimmer und --« er drohte ihm +mit dem Finger. + +Kasperle wußte wohl, das sollte heißen: »Geistere nicht herum!« Er hatte +auch gar keine Lust dazu. Heute war er arg müde und froh, als er in seinem +Bett lag. Er dachte an Marlenchen, und wie schön es auf dem Schloßhof von +Lindeneck war, wo die Rosen um das rauschende Brünnlein herumblühten. Und +da überkam das einsame Kasperle wieder eine tiefe, tiefe Sehnsucht nach dem +Waldhaus und einer fernen, schönen Insel, einer Insel, die ihm die rechte +Heimat war. Er weinte bitterlich und schluchzte in seine Kissen hinein. + +Jemand hörte das, es war der alte Haushofmeister. Der liebte das kleine, +närrische, unnütze Kasperle wirklich, und als er es draußen weinen hörte, +kam er durch das Schranktürlein in das Turmzimmer, streichelte Kasperle +freundlich und saß dann noch so lange an dem Bett des kleinen Schelmen, bis +der fest und ruhig eingeschlafen war. Und als er ging, sagte er leise vor +sich hin: »Ich wollte wirklich, unser Herzog sagte: >Scher' dich zum +Teufel!< aber das sagt er nicht, dazu ist er zu fein.« + + + + +Fünfzehntes Kapitel + +»Geh zum Teufel!« + +Kasperle dachte nun, er wäre herzlich befreundet mit dem Herzog. Am +nächsten Morgen hatte er daher allen Abendkummer vergessen und er schrie +vergnügt, als Veit seine Türe öffnete: »Jetzt will ich dem Herzog guten +Morgen sagen.« + +»Sachte, sachte!« Veit hielt ihn am Kittelchen fest und sagte warnend: +»Tu's nicht! Die Prinzessin sitzt beim Herzog und redet schlimm von dir; +der Herzog ist schon ganz grillig geworden. Lauf lieber zum Marlenchen!« + +Da lief Kasperle an das Bächlein, fand dort Marlenchen und vertraute der +an, daß die böse Prinzessin noch immer nicht abgereist sei. + +Marlenchen sah ernsthaft drein. »Sie ist wirklich böse, und mein Vater +besucht den Herzog auch nicht, solange die Prinzessin da ist. Aber sei +nicht traurig! Der Herzog hat doch gesagt, sie reise bald ab.« + +Und dann vergaßen die Kinder die schlimme Prinzessin. Sie spielten zusammen +und Marlenchen lachte wieder hell und froh. + +Als Kasperle in das Schloß zurücklief, dachte er leichtsinnig: Vielleicht +ist sie schon abgereist. Aber die Prinzessin Gundolfine hatte den ganzen +Morgen kein Wörtlein vom Abreisen gesagt. Sie saß wieder in einem +kornblumenblauen Seidenkleid am Tisch beim Mittagsmahl, und dem Kasperle +blieb wirklich ein paarmal der Bissen im Halse stecken, so böse sah sie ihn +an. + +Dazu sah der Herzog auch wieder so verdrießlich drein wie eine Waschfrau, +der der Fluß die Wäsche mitgenommen hat. Von Freundschaft war nicht viel zu +merken. Und als Kasperle sich nur so viel Pudding nahm, wie gerade noch auf +seinen Teller hinaufging, rief die Prinzessin: »Pfui!« und der Herzog sagte +auch: »Pfui!« Und dann winkte er Veit, und der mußte Kasperle +hinausbringen. Aber Veit tat, als verstünde er den Herzog nicht richtig, er +nahm den Teller voll Pudding mit, das war ein Trost. + +Nachher saß Kasperle in seiner Turmstube und schaute trübselig über das +Land. Der Haushofmeister hatte ihm nämlich gesagt: »Ausreißen darfst du +nicht, sonst merkt der Herzog noch das geheime Türchen, und du bist dann +ganz gefangen.« + +Da blieb Kasperle im Turmzimmer, und weil er vor lauter Langeweile nicht +wußte, was er anfangen sollte, stellte er sich vor den Spiegel und schnitt +Gesichter. Er dachte: Ich will Prinzessin spielen, und er verzog und +verzerrte sein Gesicht immer mehr, und schließlich brachte er es fertig +auszusehen wie die Prinzessin, wenn sie freundlich tat, wenn sie weinte, +schalt, auch wenn sie Karten spielte. Und als er gerade alle Gesichter +konnte, kam Veit und holte ihn. Der Herzog war mit der Prinzessin +spazierengefahren, und der gute dicke Oberstallmeister ließ Kasperle zum +Schokoladetrinken einladen. Das war fein! + +Kasperle raste die Treppe hinab und schrie unten laut: »Eingeladen, +eingeladen!« Dabei rannte er beinahe eine alte Frau um, die in der großen +Flur stand und mit einem Diener redete. Die Alte sah ihm ganz verdattert +nach. »Das -- das -- ist doch Kasperle!« + +»Ei freilich, Frau Mummeline!« antwortete der Diener. »Kennt Ihr ihn denn?« + +Die Base Mummeline aus dem Schulhaus in Waldrast brummte nur: »Hm!« Bei +sich dachte sie: Was, das Kasperle ist hier am Herzogshof! Ei, wie ist denn +das zugegangen! Sie war dem Kasperle seit vielen Jahren bitterböse. Einst +hatte der im Schulhaus in Waldrast Zuflucht gefunden, und sie hatte sich +schwer über den unnützen Schelm geärgert. Und nun lief der hier durch das +Schloß, als müßte es so sein. Sie sah, wie ihm ein Diener die Türe +aufmachte, wie alle bei seinem Anblick lachten, und da rief sie laut: »Eia, +so ein böser Schelm hat es gar zu hohen Ehren gebracht!« + +Kasperle drehte sich flugs um. Jetzt erst sah er die Base Mummeline, er +erkannte sie wohl, und flugs schnitt er ihr ein böses Prinzessinnengesicht. +Da erschrak die Base arg. »Meine Güte,« brummelte sie, »der kann ja +aussehen wie unsere Prinzessin Gundolfine, fast noch greulicher!« + +Frau Mummeline brachte der Prinzessin alljährlich gute Heilkräuter, die +diese gegen allerlei Krankheiten, verdorbenen Magen und schlechte Laune +gebrauchte. Für den Magen waren die Kräuter gut, die schlechte Laune +dagegen wurde meist noch schlechter. Da nun die Prinzessin ausgefahren war, +wollte ein Diener Frau Mummeline ihre Kräuter und Tränklein abnehmen, doch +die sagte, nein, sie müsse der Prinzessin alles selbst geben. Also mußte +sie warten. + +Inzwischen saß das Kasperle sehr vergnügt zwischen etlichen Hofherren und +spielte Prinzessin Gundolfine. Und weil die alle die böse Prinzessin nicht +leiden konnten, lachten sie sehr über das Kasperle, und das Lachen tönte in +den Park hinaus, denn der Oberstallmeister hatte seine Fenster offen +stehen. + +Weil aber der Herzog durch den Park heimkehrte, -- er war am ersten Parktor +schon ausgestiegen -- hörten er und die Prinzessin das Gelächter. Die +Prinzessin sagte spöttisch: »Dort ist man recht lustig, ich möchte wetten, +es ist Kasperle.« + +»Unsinn,« rief der Herzog »der ist eingesperrt!« + +»Nun, wir können ja mal nachsehen, ob es noch im Turm ist, das Kasperle,« +sagte die Prinzessin. Sie trat in die Flur, und dort saß die Base +Mummeline. Die hatte das letzte Wort gehört und sie knickste sehr tief und +sagte: »Mit Verlaub, allergnädigste Prinzessin, das Kasperle ist vor 'ner +Stunde hier durchgelaufen und -- und --« + +»Na, was denn?« fragte der Herzog unwirsch. »Rede Sie doch, was ist >und<!« + +»Es hat -- jemine -- es ist schrecklich -- aber es hat wirklich ausgesehen +wie die Prinzessin.« + +»Was,« schrie die Prinzessin, »er erlaubt es sich wieder, mein Gesicht +nachzumachen!« Und geschwind rannte sie die Treppe hinauf, der Herzog lief +ihr nach, und beide traten unerwartet in das Zimmer, in dem Kasperle +kasperte. + +Der machte gerade ein Gesicht, wie es die Prinzessin schnitt, wenn von dem +Grafen von Singerlingen geredet wurde. + +»Na, warte du!« Da war die Prinzessin plötzlich mitten im Zimmer und +klatsch, klatsch schlug sie auf das Kasperle ein, und der Oberstallmeister +mußte ihr den armen Schelm entreißen, sonst wäre es dem gar übel ergangen. + +Es war eine schlimme Geschichte! Der Herzog war bitterböse, die Prinzessin +war noch bitterböser und der Oberstallmeister sagte, er wolle auch auf sein +Gut zurückkehren, so viel schlechte Laune könne er nicht vertragen. + +Zwei Hofherren sagten das auch, der Herzog wurde zornig, und zuletzt mußte +er sich wirklich wieder in das Bett legen und Kamillentee trinken. Und an +allem war Kasperle schuld, sagte die Prinzessin. Der Herzog ging darum +vorher selbst, schloß Kasperle in den Turm und sagte, morgen werde er +streng bestraft, sehr, sehr streng. + +Da saß nun das Kasperle wieder allein, traurig und voll Angst. Es dachte: +Ach, wer hilft mir nur in meiner Not! Wenn sich der Herzog immerzu über +mich ärgert, warum läßt er mich nicht frei und sagt, ich möchte zum Teufel +gehen! + +Und wie Kasperle so traurig saß und vor Heimweh nach dem Waldhaus ihm das +Herzlein weh tat, hörte er ferne einen Wanderburschen singen. Der kam +näher, unter dem Turm blieb er stehen und Kasperle verstand nun, was er +sang. Es war ein altes Lied: + + »Nur net verzagt! + Bald der Morgen tagt. + Zum guten End' + Sich alles wend't. + Mußt net greinen, + Mußt net weinen! + Auf Gott vertrau', + Zum Himmel schau! + Himmelslichter blinken + Und die Englein winken. + Halt nur aus! + Schon nach Haus + Finden ich und du + Einst in guter Ruh, + Einst in guter Ruh.« + + +Der Wanderbursch zog weiter, das Lied verhallte, aber dem Kasperle war es +ein rechter Trost gewesen. Er sann nach. Wo hatte er das Lied nur schon +gehört? Da fiel ihm die Magd beim dicken Bauer Strohkopf ein. Die hatte an +dem Abend, da er mit seinem Michele zur Hochzeit reiste, das Lied halb +gesungen. Und dann hatte sie -- oh! Kasperle zupfte sich an seiner eigenen +Nase -- einen wunderbaren Rat hatte sie ihm gegeben. Vielleicht half das +Mittel doch. + +Kasperle blieb am Fenster hocken, bis es dunkel wurde, bis Stern um Stern +auftauchte und schließlich alle die lieben Himmelslichter zu sehen waren. +Und dann hörte er die Uhr schlagen, lauschte und lauschte, und als es +Mitternacht war, erhob er sich leise. Vollmond war freilich noch nicht, +aber wenn einer am nächsten Tag streng, sehr streng bestraft werden soll, +dann kann er halt auf den Mond nicht warten. + +Kasperle schlüpfte durch den Schrank, kam auf die Treppe, und dann schlich +er sich leise, leise bis an des Herzogs Schlafzimmer. Da mußte er durch ein +Vorzimmer gehen, in dem ein Diener schlief. Eigentlich sollte der wachen, +er schlief aber und das Kasperle huschte an ihm vorbei. Die Türe zu des +Herzogs Zimmer war nur angelehnt. Sie knarrte nicht und Kasperle kam +ungehört hinein. Eine kleine Nachtlampe brannte, und in ihrem Schein sah +Kasperle den Herzog in seinem Bett liegen. Der schlief pumpelfest, rückte +und rührte sich nicht. + +Ein bißchen bange war es Kasperle schon, aber endlich trat er doch an das +Bett, schlug die Decke zurück, packte fest die große Zehe des rechten Fußes +und sprach leise: »Sag': >Geh zum Teufel!<, sag: >Geh zum Teufel!<« + +Der Herzog zuckte zusammen. Was kniffte ihn denn da so? Er schlief aber +weiter und Kasperle kniffte derber und derber und sagte wieder und wieder +sein Sprüchlein. »Au!« Der Herzog fuhr in die Höhe. Was war denn an seiner +Zehe? Da sah er das Kasperle stehen und hörte das immerzu sagen: »Geh zum +Teufel, geh zum Teufel!« + +»Au!« schrie er noch einmal, denn Kasperle kniffte tüchtig, und +unwillkürlich wiederholte der Herzog wütend: »Ja, geh zum Teufel, du +Strick, du!« + +»Hurra!« schrie Kasperle, ließ die große Zehe des Herzogs los und raste +hinaus. Er flitzte an dem Diener vorbei, der von dem Geschrei erwacht war, +raste hinab durch die große Halle, öffnete flugs eins der Fenster, die nach +dem Garten führten, schlug einen Purzelbaum -- und draußen war er, über +Wege und Beete rannte Kasperle, es war ihm gleich, wohin er trat; er +platschte durch das Wässerlein, kletterte auf einen Baum, schwang sich über +die Mauer und war draußen, ehe sie im Schloß noch recht wußten, was +geschehen war. + +Der Herzog war ganz munter geworden, und es war ihm eingefallen, er hatte +doch gesagt: »Geh zum Teufel!« Also war das Kasperle frei. Da schrie er, so +laut er konnte: »Haltet ihn, haltet ihn!« + +Der Diener, der jemand aus dem Zimmer hatte huschen sehen, rief um Hilfe. +Er dachte, dem Herzog habe gar jemand etwas zuleide getan. Auf sein Rufen +kamen andere Diener, Kammerherren, der Haushofmeister, alle herbei; alle +fragten, was geschehen sei, der Herzog konnte aber vor Ärger eine ganze +Weile kaum schnaufen. Als er endlich erzählte, was geschehen sei, da hopste +Kasperle gerade über die Parkmauer. + +»Man muß ihn verfolgen, ihn fangen, einsperren!« + +»Mit Verlaub, das wäre aber unrecht,« sagte der Haushofmeister, der ein +ehrlicher Mann war. »Der Herr Herzog hat gesagt: >Geh zum Teufel!< und da +ist Kasperle fort.« + +Aber davon wollte der Herzog nichts wissen. Er wurde fuchsteufelswild. Der +Hauptmann der Landjäger mußte kommen, und der Herzog befahl allen, sie +müßten nach Kasperle suchen. Das ganze Schloß geriet in Aufregung, und als +die Prinzessin Gundolfine hörte, was geschehen war, vergaß sie, sich vor +Ärger ihre Haare aufzusetzen. + +Fackeln wurden angezündet, die Hunde losgelassen, Landjäger und Diener +marschierten auf, und alle schickten sich an, nach Kasperle zu suchen. +Zuletzt fiel es dem Herzog noch ein, Kasperle könnte beim Herrn von +Lindeneck sein, und er befahl, man solle dort zuerst fragen. + +Da marschierten mitten in der Nacht mit Bumbum und Trara Landjäger vor +Schloß Lindeneck auf, und Marlenchen, die gerade einen lieblichen Traum +gehabt hatte, lief erschrocken an das Fenster. Was war denn geschehen? + +»Kasperle ist verschwunden,« hörte sie rufen. Da erschrak sie tief in ihrem +Herzen. Hatte der kleine Freund wirklich sein Wort gebrochen? Sie schlüpfte +rasch in ihre Kleider und lief barfuß die Treppe hinab. Unten stand ihr +Vater, der redete mit dem Hauptmann und sagte, daß Kasperle nicht im Schloß +sei. Und der Hauptmann erzählte, was eigentlich geschehen war. Auf einmal +fragte er: »Haben Sie eine Glocke auf dem Hofe, Herr von Lindeneck?« + +Der schüttelte den Kopf, aber er horchte verwundert auf. Es war wirklich, +als bimmele irgendwo ein Glöckchen, fein und zart. Von dorther klang es, wo +der blühende Rosenbusch stand. Und das klang und tönte noch, als die +Landjäger schon mit Bumbum und Trara das Schloß verlassen hatten. + +Da ging der Herr von Lindeneck an den Rosenbusch und fand dort sein +Marlenchen sitzen. Das lachte und lachte, hing sich an seinen Hals und rief +froh: »Kasperle ist frei! Er hat sein Versprechen nicht gebrochen.« + +»Wenn sie ihn nicht einfangen, den armen, lieben kleinen Schelm,« sagte der +Herr von Lindeneck. Aber Marlenchen schüttelte den Kopf und sagte +geheimnisvoll: »Da suchen sie ihn nicht, wo er hingelaufen ist.« + +Frau Mummeline aus Waldrast, die im Schloß hatte übernachten dürfen, war +gleich zur Prinzessin gelaufen und hatte dort gesagt: »Gewiß ist Kasperle +in den Wald hinausgerannt wie damals.« + +Da schrie die Prinzessin im ganzen Schloß herum, man möchte im Hochwald +suchen. Doch der Herzog befahl, überall im ganzen Land und namentlich an +der Grenze beim Waldhaus sollten Wächter stehen. Er brummte und schalt ganz +schrecklich über Kasperles Davonlaufen, am meisten aber schalt er auf die +Prinzessin; die sei an allem schuld, sagte er. + +Inzwischen hatte Kasperle schon den Wald erreicht. Er schlüpfte in seinem +grasgrünen Kasperlekleid durch das Gebüsch, und als er einmal einen Förster +daherkommen sah, warf er sich zu Boden und der Mann ging dicht an ihm +vorbei und sah ihn nicht. Kasperle rannte, schlug Purzelbäume und gelangte +ziemlich rasch an das Waldende. Der Morgen dämmerte schon, rosenrote Wolken +segelten lustig am graublauen Himmel dahin, ein schöner Tag stieg herauf. + +Als Kasperle aus dem Walde trat, sah er das Land schon ganz hell vor sich +liegen, er sah aber auch auf dem Stück Landstraße, das er noch bis zu dem +Schloß des Grafen von Singerlingen zu gehen hatte, Menschen wandern. In der +nahen Stadt war Markt und die Landleute fuhren und trugen ihre Waren dahin. + +Ein bißchen ungemütlich war das Kasperle, er dachte aber leichtsinnig: Ach +was, ich schlupf' durch! Nun, er wollte gerade wieder seinen flinken Lauf +beginnen, als er plötzlich neben sich etwas sehr Verwunderliches erblickte: +ein Kasperle, das genau so aussah wie er. Aber es war aus Holz, und +Kasperle erkannte es gleich, das hatte der gute Meister Friedolin +geschnitzt. Unter der Kasperlefigur war eine Schrift zu lesen, und weil das +Lesen Kasperles schwache Seite war, dauerte es ziemlich lange, bis er die +Worte entziffert hatte. Dann aber riß er freilich auch seinen Mund +sperrangelweit auf. Da stand nämlich: Wer einen kleinen Buben findet, der +so aussieht, der soll ihn eiligst fangen und dem Herzog August Erasmus +abliefern. + +Potzhundert, das war eine Geschichte! Kasperle war so verdonnert, daß er +gar nicht die Schritte hörte, die sich ihm nahten, und dann fiel er vor +Schreck platt um, als jemand zu ihm sagte: »Na, Kasperle, was sagst du denn +dazu?« + +Es war der Kasperlemann, der so redete. Der Kasperlemann, der ihn immer +verfolgt hatte. + +Kasperle schnappte vor Angst, als wäre er ein Fischlein, das man auf ein +Sofa gelegt hat. + +»Du bist wohl ausgerissen?« fragte der Kasperlemann lächelnd. + +»Er hat's gesagt, ich durfte,« schrie Kasperle in seiner Angst. + +»Du, schrei nicht so! Komm ein wenig unter den großen Baum, da, wo mein +Karren steht!« sagte der Kasperlemann. »Wenn dich Leute sehen, kann's dir +schlecht gehen.« + +»Er hat's doch gesagt!« stöhnte Kasperle. + +»Wer hat was gesagt?« + +»Der Herzog! Ich solle zum Teufel gehen. Und nun bin ich frei.« Dem +Kasperle rollten vor Angst dicke, dicke Tränen über seine Backen und der +Kasperlemann sagte mitleidig: »Armes Kasperle! Wenn er dich fängt, läßt er +dich doch nicht frei. Aber ich will dir helfen, denn du hast mir auch +geholfen, damals, als ich mich zu einer sehr schlechten Tat habe verleiten +lassen. Ich habe versprochen, es dir nie zu vergessen. Krieche mal +vorläufig flink in meinen Karren! In der Ferne kommen Landjäger.« + +Da war Kasperle flinker im Karren, als die Landjäger ritten. »Verstecke +dich nur tief hinein!« sagte der Kasperlemann. »Und wohin willst du +eigentlich? Über die Grenze am Waldhaus kannst du doch nicht laufen!« + +»Zum Grafen von Singerlingen, der hilft mir schon,« murmelte Kasperle. + +»Heiho, Kasperlemann,« rief da ein Landjäger, »mit wem redest du denn da?« + +»Na, mit meinem Kasperle, wie's halt ein Kasperlemann tut,« antwortete der. +»Ich will zum Herrn Grafen von Singerlingen und fragen, ob ich heute dort +nicht einmal kaspern kann.« + +»Hei, wir suchen auch ein Kasperle!« antworteten die Landjäger, die näher +gekommen waren und nun den ganzen Wagen umstanden. »Aber nicht so ein +hölzernes Ding wie deine Kasperles, ein richtiges lebendiges Kasperle, das +dem Herzog August Erasmus gehört und ihm ausgerissen ist. Wir müssen aber +weiter, sonst läuft der Schelm gar noch über die Grenze.« + +»Viel Glück auf den Weg!« rief der Kasperlemann den Landjägern nach. Dann +hockte er sich lachend neben seinen kleinen Karren hin und redete hinein: +»Nun, warten wir noch, bis die Landjäger am Schloß vorbei sind! Dann fahre +ich dich hin.« + +Dem Kasperle war es trotz der guten Worte doch recht bänglich ums Herz. Es +traute dem Kasperlemann noch immer nicht recht, und als der mit seinem +Eselswagen losfuhr, seufzte und stöhnte er jämmerlich. Der Mann hörte es, +und der Esel hörte es; der Kasperlemann lachte ein wenig über den +furchtsamen Schelm, der Esel aber, weil er eben ein Esel war, fing ein +schreckliches Gerase an vor Angst. Rumpelpumpel, hoppedihopp ging es die +Landstraße entlang, der Kasperlemann mußte springen, um nur mitzukommen. +Ruck, schubb, hopsassa! Innen im Wäglein purzelten das lebendige Kasperle +und sein hölzerner Gefährte durcheinander, schön war es gerade nicht. + +Aber auf einmal hielt der Wagen mitten aus dem Hof des Grafen von +Singerlingen. Der wollte just in seinen Garten gehen und spazierte gerade +über den Hof. Da sah er den Kasperlemann, und weil er ein freundlicher Herr +war, blieb er stehen und fragte: »Was willst du denn?« + +»Ich bringe Kasperle,« antwortete der Mann. + +Da streckte auch schon Kasperle seine große Nase heraus und sagte kläglich: +»Jemine, jemine, der dumme Esel!« + +»Na nu, wen meinst du denn? Woher kommst du überhaupt?« + +»Den da.« Kasperle hob sein Fingerlein, deutete auf den Esel und fügte +etwas bedrückt hinzu: »Der Herr Herzog hat gesagt, ich soll zum Teufel +gehen, und da bin ich hierher gekommen.« + +»Ei, du bist ja recht freundlich!« rief der Graf. »Hältst du mich gar für +den Teufel?« + +»Nä!« Kasperle grinste, und dann kletterte er ganz aus dem Wäglein, faßte +zutraulich des Grafen Hand und bettelte: »Gelt, du hilfst mir?« + +»Das schon, aber erst muß ich wissen, wie sich das mit dem Zum-Teufel-Gehen +verhält. Hat das der Herzog wirklich gesagt?« + +Kasperle nickte, und dann erzählte er treuherzig, wie er den Herzog dazu +gebracht hatte. + +»Ei, du Schelm, du!« Der Graf lachte herzhaft. »Da kann ich mir denken, daß +der Herzog dein Ausreißen nicht gelten lassen will. Er mag sich recht +ärgern.« + +»Aber er hat's doch gesagt!« Kasperle schaute kläglich drein, er fand, +gesagt war gesagt. Und das fand auch der Graf von Singerlingen, gesagt war +gesagt. Also durfte das Kasperle schon ausreißen, und er versprach ihm +seine Hilfe. »Ich fahre dich ins Waldhaus,« versprach er. + +»Aber an der Grenze wird's bös,« erwiderte der Kasperlemann. + +»Bah, in meinem Wagen sucht niemand nach!« Der Graf befahl gleich das +Anspannen, ließ im Wagen die Fenster verhängen, und dann ging die Reise +los. Oben blies ein Diener ins Horn: »Trarira, Trarira!« und lustig liefen +die Pferde die Landstraße entlang. + +»Hei, da fährt der Graf von Singerlingen!« sagten die Leute, und weil sie +den Grafen gern hatten, nickten und winkten sie und riefen: »Guten Tag!« +und »Glückliche Reise!« + +Ein Städtchen kam. »Trarira, trarira!« rasselte der Wagen hindurch. Vor +einem Wirtshaus saßen Landjäger, die hatten ein hölzernes Kasperle +aufgestellt und sie riefen: »Wer einen findet, der so aussieht, der soll +ihn festhalten; er bekommt eine große, große Belohnung.« + +»Trarira, trarira!« Der Wagen des Grafen von Singerlingen rollte vorbei. +Niemand sah hinein, niemand vermutete das Kasperle drin. + +Dörfer kamen, wieder eine Stadt, dann wieder ein Dorf. Und als Kasperle in +seiner Nähe einmal ein bißchen hinaussah, prallte er erschrocken zurück. +Jemine, das war ja Protzendorf! + +Auf einem Felde stand eine Magd. Ihr Haar glänzte in der Sonne wie lauteres +Gold, sie schwang ihre Sichel und sang dazu. Hell tönte ihre Stimme und +Kasperle sagte leise: »Das ist die Dörte vom Bauer Strohkopf.« + +»Ach so, die das Lied gesungen und dir den vortrefflichen Rat gegeben hat!« +antwortete der Graf. »Na, warte, sie soll sich heute noch freuen!« Er ließ +halten und fragte die Magd, ob sie ihm wohl etwas zu trinken bringen +könnte. + +Dörte lief eifrig und holte aus einem nahen Quell Wasser für den Grafen und +der sagte: »Halte beide Hände auf!« Und er schüttelte Goldstücke in die +ausgebreiteten Hände und rief: »Das ist für den guten Rat, den du Kasperle +gegeben. Nun, Kutscher, fahr' zu!« + +»Trarira, trarira!« Da kam die Grenze. Dort standen gleich vier Landjäger, +die riefen alle vier: »Hier darf niemand vorbei!« + +»Ei, potz Wetter!« rief der Graf von Singerlingen, »wer will mich nicht +vorbeilassen? Ja, das wäre ja eine neue Mode!« + +»Wir sind der Graf von Singerlingen,« schrie der Kutscher, und der Diener +blies so laut »trarira, trarira!« daß die Landjäger ganz erschrocken +zurückwichen. + +Und da war die Grenze und da rollte der Wagen darüber, und da -- steckte +das Kasperle seine freche Nase zum Wagenfenster hinaus. + +»Kasperle, Kasperle!« schrien die Landjäger. »Ganz gewiß, er war es!« + +Aber der Wagen war vorüber, der rollte durch den Wald, rollte auf dem +weichen Boden dahin, und auf einmal war das Waldhaus da und -- vor dem +Waldhaus saßen Meister Friedolin, Mutter Annettchen, die schöne Frau +Liebetraut und Herr Severin mit ihren Kindern. + +Ganz wunderhold aber saßen da auch Rosemarie und der Geiger Michele. Die +waren just zu Besuch in das Waldhaus gekommen. Und gerade hatten sie alle +von Kasperle gesprochen, als der Wagen hielt und das Kasperle mit einem +großen Satz heraussprang. »Er hat gesagt, ich soll zum Teufel gehen, hurra, +hurra!« schrie er, »ich bin frei, ich bin frei!« + +Auch der Graf von Singerlingen stieg aus, und als er das Waldhaus sah, +uralt und putzniedlich, da sagte er, er könne schon begreifen, daß Kasperle +so gern hier sei, lieber als im Herzogsschloß. + +Der Graf trank mit Kaffee und aß von dem Kuchen, den die schöne Frau +Liebetraut gebacken hatte. Dann sah er sich Meister Friedolins +Kasperlepuppen an, fand eine, die so groß wie das Kasperle selbst war, und +meinte, die möchte er wohl dem Herzog mitbringen. Meister Friedolin gab sie +ihm gern. Der Graf stieg wieder in den Wagen und versprach Kasperle, er +wolle das Marlenchen grüßen, vielleicht dürfe ihn die Kleine einmal +besuchen. Dann ging es fort mit Trarira, und als der Wagen an den +Landjägern vorbeikam, ließ der Graf das hölzerne Kasperle hinausgucken. Da +sagten die Landjäger verdutzt zueinander: »Er bringt es ja wieder mit!« + +Auch auf dem Herzogsschloß riefen die Diener zuerst alle: »Der Graf von +Singerlingen bringt Kasperle!« + +»Hach,« schrie die Prinzessin, »er will mich gewiß heiraten! Flink, flink, +ich will mein allerschönstes Kleid anziehen!« + +Doch der Graf wollte die Prinzessin nicht heiraten, und das richtige +Kasperle brachte er auch nicht mit. Er sprach nur lange und ernsthaft mit +dem Herzog, und da sagte der, er wolle das Kasperle nie mehr verfolgen, +auch nicht, wenn es das Marlenchen besuchen würde. Ja, zuletzt schrieb der +Herzog sogar einen Brief, in dem stand, Kasperle solle nicht eingesperrt +und bestraft werden, wenn er in des Herzogs Land käme. + +Als der Graf von Singerlingen gerade das Schloß verlassen wollte, traf er +die Prinzessin, sehr schön angetan, auf der Treppe. Der hielt er den Brief +vor die Nase und die Prinzessin wurde ganz gelb vor Ärger und sie rief +eiligst nach ihren Kammerfrauen, die sollten ihre Sachen packen, sie würde +nicht mehr wiederkommen. + +Der Graf von Singerlingen reiste ab, er fuhr zu Marlenchens Vater und lud +Marlenchen zu sich ein; sie sollten vier Wochen lang mit Kasperle zusammen +bei ihm bleiben. + +Auch die Prinzessin reiste ab und der Herzog blieb allein in seinem Schloß. +Da spürte er erst, wie lustig es doch mit dem Kasperle gewesen war. Er +stieg hinauf auf den Turm, sah aus Kasperles Zimmer über das weite Land +hin, und er dachte an das kleine Waldhaus, von dem Kasperle ihm erzählt +hatte, an die glücklichen Menschen, die dort wohnten, und das Herz wurde +ihm sehr, sehr schwer. Warum ist nur das Kasperle nicht bei mir geblieben? +dachte er. Und da war es ihm auf einmal, als riefe in seinem Herzen eine +Stimme: Du bist schuld, du bist schuld! + +Der Herzog seufzte. War er wirklich schuld daran? Er mußte daran denken, +wie oft er schlechter Laune war, unfreundlich gegen seine Untergebenen, +mürrisch, hart, und das arme kleine Kasperle hatte er eingesperrt hier in +dem Turm, hatte es auch hungern lassen und nicht bedacht, daß eben ein +Kasperle ein Kasperle bleibt und Gesichter schneiden und unnütze Streiche +machen muß. Und nun hatte er das Kasperle verloren, das so lustig durch das +Schloß geflitzt war, und eigentlich hatte das Kasperle ihm doch etwas sehr +Gutes angetan, es hatte ihm seinen Glücksring zurückgebracht. + +Da stand der Herzog plötzlich wieder auf und stieg in sein Arbeitszimmer +hinab. Dort setzte er sich hin und schrieb einen Brief. + +Am nächsten Tag, als Kasperle sehr vergnügt vor dem Waldhaus sich +herumkugelte, kam auf einmal ein Reiter dahergeritten. Der rief schon von +großer Weite: »Hollahe, Kasperle, Kasperle!« + +Na, da blieb dem Kasperle aber doch der Mund offen stehen! Denn der Reiter +war niemand anders als Veit. Der hielt einen großen Brief und sagte: »An +dich, Kasperle, vom Herzog!« + +Es war gut, daß das Michele zur Hilfe kam und den Brief lesen half, allein +hätte Kasperle es wohl gar nicht fertig gebracht. Der Brief aber lautete: + + Mein liebes Kasperle! + + + Ich bin dir gar nicht mehr böse, und ich lade dich ein, mich + recht, recht bald zu besuchen. Du sollst so viel Spaß machen + können, wie du willst, und die Prinzessin Gundolfine darf dich + nie wieder verklagen. + + + Mit einem schönen Gruß für dich, mein liebes Kasperle, + + + Dein Freund Herzog August Erasmus. + + +Hurra! hurra! Kasperle stand flink mal Kopf vor Vergnügen, und dann lief er +in das Haus hinein, purzelte in die Stube und schrie: »Ich bin eingeladen, +eingeladen, eingeladen!« + +»Jemine! Von wem denn?« fragte Meister Friedolin. + +Da stellte sich Kasperle feierlich hin und sagte stolz: »Vom Herzog, der +ist jetzt mein Freund.« + +Aber ach, mit der Freundschaft war es gar nicht weit her! + + + + + + + + Von + Kasperles + erstem Ausflug in + die Welt, auf den hier viel- + fach Bezug genommen wurde, ist in + Josephine Siebes Buch »Kasperle auf Reisen« + (Verlag von Levy & Müller in Stuttgart) zu + lesen. Wer aber auch von Kasperles weiteren Schick- + salen noch etwas erfahren möchte, dem sei verraten, daß +Josephine Siebe diese in einem weiteren Kasperleband erzählt. + + + + + +End of Project Gutenberg's Kasperle auf Burg Himmelhoch, by Josephine Siebe + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF BURG HIMMELHOCH *** + +***** This file should be named 37202-8.txt or 37202-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/7/2/0/37202/ + +Produced by Jens Sadowski + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at https://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit https://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including including checks, online payments and credit card +donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. |
