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+Project Gutenberg's Kasperle auf Burg Himmelhoch, by Josephine Siebe
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Kasperle auf Burg Himmelhoch
+
+Author: Josephine Siebe
+
+Illustrator: Ernst Kutzer
+ Therese Bredt
+
+Release Date: August 25, 2011 [EBook #37202]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF BURG HIMMELHOCH ***
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+Produced by Jens Sadowski
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+
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+Kasperle
+auf Burg Himmelhoch
+
+
+Eine lustige Geschichte
+
+von
+
+Josephine Siebe
+Verfasserin von »Kasperle auf Reisen«
+
+
+Mit farbigem Decken- und Vollbild von Ernst Kutzer
+und zahlreichen Scherenschnitten von
+Therese Bredt
+
+
+
+
+Verlag von Levy & Müller in Stuttgart
+
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+
+
+
+Nachdruck verboten
+Alle Rechte, insbesondere das Übersetzungsrecht, vorbehalten
+Druck: Chr. Verlagshaus, G. m. b. H., Stuttgart
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+
+
+Inhalt
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+
+Erstes Kapitel. Der Kasperlemann erzählt
+Zweites Kapitel. Bei den Waldhausleuten
+Drittes Kapitel. Kasperles Brief
+Viertes Kapitel. Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie
+Fünftes Kapitel. Die Ankunft
+Sechstes Kapitel. Hochzeit und Reise
+Siebentes Kapitel. In der Haubenschachtel
+Achtes Kapitel. Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch
+Neuntes Kapitel. Das traurige Marlenchen
+Zehntes Kapitel. Eine neue Freundin
+Elftes Kapitel. Kasperles Krankheit
+Zwölftes Kapitel. Es geistert im Schloß
+Dreizehntes Kapitel. Das Nest auf der Ulme
+Vierzehntes Kapitel. Das traurige Marlenchen lernt lachen
+Fünfzehntes Kapitel. »Geh zum Teufel!«
+
+
+
+
+
+
+
+
+Erstes Kapitel
+
+Der Kasperlemann erzählt
+
+»Bimmelimbim, hollahe, ich bin da!« so rief unverdrossen ein Mann, der vor
+einem kleinen, mit einem roten Vorhang verhüllten Kasperletheater stand.
+Das Budchen befand sich auf einem großen Platz, auf dem es noch viele
+andere Buden gab, denn in dem Städtchen Wutzelheim war Schützenfest; dazu
+waren Karussellmänner und Schaubudenleute von weither gekommen. Um das
+Kasperlebudchen herum drängten sich die Kinder. Es sollte, so wurde gesagt,
+ein besonders lustiges Kasperle sein, das da spielte, und das Zusehen war
+billig. Für einen Pfennig konnte man lange stehen, und manchmal konnte man
+sogar ausreißen, ohne den Pfennig zu bezahlen. Aber das taten nur wenige,
+die meisten gaben gewichtig ihren Pfennig hin, man mußte doch Kasperle
+belohnen.
+
+Immer wieder tönte das Bimmelimbim des Budenbesitzers, immer mehr Kinder
+liefen herzu. Endlich ging der rote Vorhang auf, und Kasperle steckte seine
+große, große Nase heraus und fragte: »Seid ihr alle da?«
+
+»Ja!« scholl es im Chor.
+
+»Hm!« Kasperle seufzte, schwang ein Beinchen über die Brüstung und fragte
+trübselig: »Ihr denkt nun wohl, ich werde kaspern?«
+
+»Ja,« schrien die Kinder, und ein paar Ungeduldige drängten: »Fang doch an,
+sonst müssen wir zum Abendbrot nach Hause!« Es war aber erst drei Uhr
+nachmittags, und das Kasperle lachte etwas. »Abwarten und Tee trinken!«
+rief es. »Erst muß ich euch eine Geschichte erzählen. Wollt ihr sie
+wissen?«
+
+»Ja, ja,« ertönte es von unten herauf.
+
+»Na, dann paßt mal auf! Glaubt ihr, daß ich lebendig bin?«
+
+Die Kinder lachten, ein paar kleine sagten schüchtern ja, die größeren aber
+riefen alle: »Nä, du bist von Holz« -- »Von Blech,« rief sogar ein Mädel.
+
+»So,« brummte Kasperle, »na, das glaube ich doch nicht!« Dabei schlug er
+mit seinen hölzernen Armen und Beinen an die Bretterwand des Budchens. Es
+krachte laut, und die Kinder schrien alle: »Das klingt wie Holz, du bist
+von Holz.«
+
+»So, gut, also ich bin von Holz. Es gibt aber ein ganz putzlebendiges
+Kasperle, glaubt ihr das?«
+
+»Nä,« brüllten wieder die Kinder, »so was gibt's nicht.«
+
+»Doch, so etwas gibt's, und das Kasperle sieht aus wie ich, nur ist es
+viel, viel größer, so groß wie der da.« Und Kasperle streckte seinen
+Holzarm aus und zeigte auf Gottfried Schlippermilch, der etwa acht Jahre
+alt war.
+
+»Nä,« schrie Gottfried entrüstet, »das ist nicht wahr! Ich bin nicht wie 'n
+Kasperle.«
+
+»Doch, es ist wahr, und nun kommt meine Geschichte.«
+
+»Nä, das ist nicht wahr!« Gottfried war sehr entrüstet, daß er Ähnlichkeit
+mit einem Kasperle haben sollte, und seine Kameraden mußten ihm erst ein
+Weilchen gut zureden, bis er schließlich sich beruhigte und still wurde.
+
+Kasperle beugte sich weit vor und begann: »Ja, denkt euch, es gibt ein
+lebendiges, flinkes, lustiges Kasperle, und das wohnt seit vielen Jahren in
+einem Waldhaus. Das Häuschen gehört einem Kasperleschnitzer, der auch mich
+geschnitzt hat, und darum sehe ich so aus wie das putzlebendige Kasperle.«
+
+»I nä!« schrien ein paar Buben erstaunt, und Kasperle nahm flink eine alte
+Kartoffel und warf sie dem dicken Hansjörg an die Nase. Klatsch! Das
+knallte nur so.
+
+»Stille sein!« schrie Kasperle. »Was ich erzähle, ist wahr!«
+
+Hansjörg rieb sich erschrocken seine Nase, und er klappte vor lauter Angst
+seinen Mund nun gar nicht mehr zu, doch auch die andern schwiegen ein wenig
+erschrocken, und Kasperle fuhr fort zu erzählen: »Das lebendige Kasperle
+hat einmal ewig lange geschlafen, vielleicht achtzig Jahre und noch länger.
+Da hat es in einem alten Schrank gesteckt, und niemand wußte es. Meister
+Friedolin, der Kasperleschnitzer, aber hat eines Tages in dem Schrank
+herumgekramt und dabei das schlafende Kasperle entdeckt. Wie das ans Licht
+gekommen ist, ist's aufgewacht.«
+
+»Was hat's denn da gemacht?« Ein Stimmlein klang hell aus dem Kindergewühl
+heraus, und diesmal warf Kasperle keine Kartoffel, es drohte nur mit seiner
+steifen Holzhand, gab aber doch Antwort. »Dummheiten hat's gemacht, nichts
+wie Dummheiten. Das Waldhaus hat es bald auf den Kopf gestellt, und dann
+ist es ausgerissen.«
+
+Viele Ahs und Ohs ertönten. Die Kinder sahen sich um, ob gar das Kasperle
+hierher ausgerissen wäre, ein paar Buben aber schrien laut: »Das ist fein!«
+-- »Potz Wetter! Was sagt ihr da?« schrie Kasperle empört. »Fein, fein! Na,
+ich danke. Frech war es, so frech wie eure Nasen. Und wie hat sich das
+Kasperle aufgeführt, o jegerle! Erst ist's in ein Dorf gelaufen, --
+Protzendorf heißt es -- nachdem es ein paar Büblein Hosen und Jacke
+weggenommen, hat sich dort als Gänsejunge verdingt und dabei die armen
+Gänse halb tot gehütet; dann hat es den braven Schäfer Damian und seinen
+Bruder Florian schlimm geärgert, und nachher ist's wieder ausgerissen.«
+
+»Fein!« schrien wieder ein paar Buben. Diesmal warf Kasperle wütend ein
+paar trockene Kienäpfel von oben herab. Klatsch, klatsch! Einen bekam
+Drehers Frieder an die Nase, der andere hopste auf drei Köpfen herum, immer
+von einem zum andern.
+
+»Das ist frech!« schrien sie wieder.
+
+»Ih, frech war Kasperles Ausreißen!« zeterte oben das Kasperle. »Und frech
+war es, was er dann tat. Dem Grafen von Singerlingen ist er hinten auf den
+Wagen aufgesprungen; so ist er mit in ein Schloß gefahren, dort ist er in
+die Schlagsahne gefallen und hat sich in des Herzogs, unseres Herzogs, Bett
+gelegt.«
+
+»Fein!« schrien wieder ein paar Buben, aber da drohte Kasperle: »Ihr werdet
+eingesperrt.«
+
+Da verstummten die Schreier flink, und Kasperle erzählte weiter: »Unser
+guter Herzog August Erasmus war damals bei dem Grafen von Markfeld zu
+Gaste, eine Hochzeit wurde im Schloß gefeiert, und da hat das Kasperle
+herumgespukt. Die kleine Gräfin Rosemarie -- sie ist jetzt eine schöne
+junge Dame und wird nächstens einen Grafen heiraten -- hat den kleinen
+Unnützling aus Mitleid erst in ihr Puppenbett gesteckt, dann ihm geholfen,
+daß er ausreißen konnte.«
+
+»Fein, fein!« brüllten wieder die Kinder. Da wurde Kasperle wütend, er
+schrie: »Potztausend! Das hättet ihr wohl auch getan?«
+
+»Ja, ja!« jauchzten die Kinder. »Er soll nur kommen, wir helfen ihm schon!«
+
+Einige Augenblicke war Kasperle muckstill; der Kasperlemann, der hinter dem
+roten Vorhang stand, fuhr sich mit seinem schwefelgelben Schnupftuch über
+das Gesicht. Er ärgerte sich. »So ist nun das Kindervolk! Da reise ich von
+Jahrmarkt zu Jahrmarkt, bin auf Schützenfesten, überall und immer, wenn ich
+erzähle: >Kasperle ist ausgerissen<, schreien die dummen Kinder: >Fein,
+fein!< -- Haue müßten sie alle haben!«
+
+»Kasperle soll weiterreden,« verlangten die Kinder vor dem Budchen.
+
+Da ließ der Kasperlemann das hölzerne Kasperle wieder zappeln. Er steckte
+aber selbst seinen Kopf heraus und erzählte weiter: »Trotzdem die Landjäger
+aufpaßten, gelang es dem schlimmen lebendigen Kasperle doch, zu entkommen.
+Hoch hinauf in die Berge in das Dorf Waldrast hat er sich geflüchtet, und
+der Schullehrer dort hat sich seiner gar liebreich angenommen. Aber als
+Dank hat Kasperle nichts wie Dummheiten gemacht.«
+
+»Was hat er denn getan?« Hansjörg drängte sich ganz vor, und klatsch!
+schlug ihm Kasperle mit dem Bein an die Nase.
+
+»Au!« Hansjörg brüllte, die andern schrien: »Sei doch still! Wir wollen
+hören, wie's weiter geht. Was hat Kasperle gemacht?«
+
+»Nichts als Unsinn, und vor allem hat er die Base Mummeline im
+Schulmeisterhaus schlimm geärgert. Die hat aber herausgekriegt, daß es mit
+dem Kasperle nicht richtig war, und da sind Landjäger nach Waldrast
+gekommen, die haben Kasperle fangen wollen, denn der Herr Herzog August
+Erasmus hatte eine hohe Belohnung dem versprochen, der Kasperle fangen
+würde.«
+
+»O jemine! Die haben ihn wohl gefangen?«
+
+»I bewahre! Stille doch, Kinder! Ausgerissen ist -- --«
+
+»Hurra, hurra!«
+
+Der Kasperlemann ärgerte sich mehr und mehr, die Kinder jauchzten immer
+lauter, und von den andern Buden schauten die Leute neugierig herüber.
+»Beim Kasperle geht's mal wieder lustig zu,« sagten sie.
+
+»Stille, Kinder! Sonst erzähle ich nicht weiter,« schrie der Kasperlemann.
+
+»Ach ja doch, bitte, bitte, wohin ist Kasperle gelaufen?«
+
+»Erst auf den Kirchturm; da hat er die Glocken geläutet, so daß sie alle im
+Dorf gedacht haben, es brenne, und in der Verwirrung und in der Dunkelheit
+ist -- ritsch ratsch! -- das Kasperle ausgerissen.«
+
+»Hurra, Kasperle soll leben!«
+
+»Tut er ja auch,« brummte der Kasperlemann. »Und gut hat er dann eine Weile
+gelebt; in des Herzogs Jagdschloß hat er beinahe die Räucherkammer
+leergegessen mit seinem Freund, dem Geißbuben Michele. Das Michele hat dem
+Kasperle in das Schloß hinein geholfen, und als da der Herzog August
+Erasmus unversehens gekommen ist, hat sich Kasperle in eine verborgene
+Kammer geflüchtet, und alle im Schloß haben gedacht, es spuke ein Gespenst
+darin.«
+
+»Uje, das ist aber fein! Ich will auch mal Gespenst sein,« schrie Hansjörg.
+
+»Ich auch, ich auch! Gespenst sein, ist fein,« echote es. »Morgen spielen
+wir Gespenster!«
+
+»Wie hat er es denn als Gespenst gemacht?«
+
+Das schwätzte laut vor dem Budchen durcheinander, und der Kasperlemann
+brummte: »So dumm bin ich nicht, euch das zu verraten. Wer spukt, kriegt
+was auf den Hosenboden, und nun still! Wer redet, bekommt einen
+Nasenstüber.«
+
+Da waren die Kinder wieder muckstill, und der Kasperlemann erzählte weiter:
+»Na, kurz und gut, sie haben es im Schloß herausgekriegt, wo das Gespenst
+war, und da hat es Kasperle mit der Angst gekriegt und ist durch einen
+geheimen Gang entflohen. Vorher aber hat der Bösewicht dem Herzog noch
+einen schweren Geldbeutel auf den Magen geworfen.«
+
+»War Geld drinnen?« Hansjörg riß seinen Mund wieder sperrangelweit auf, und
+der Kasperlemann brummte: »Schafskopf, natürlich! Von was wäre er sonst
+schwer gewesen! Wer jetzt aber noch ein Wort dazwischenredet, muß drei
+Pfennige zahlen.«
+
+»Ich hab' nur einen Pfennig!« jammerte Minchen Hirsebrei.
+
+»Na, dann halt den Schnabel! -- Also, hört zu! Das Michele hat dann
+Kasperle wieder geholfen. Der ist ausgerissen, und wißt ihr, wohin er
+geraten ist?«
+
+»Nä!« schrien die Kinder.
+
+»Nach Torburg.«
+
+»Wir wollen ihn sehen, wir wollen ihn sehen!« kreischten die Kinder;
+Torburg lag im Tal; nur eine Stunde weit war es von Wutzelheim entfernt.
+
+»Donnerwetter, bleibt doch da!« Der Kasperlemann erschrak ordentlich. Alle
+Kinder wollten davonlaufen, und er saß dann da und hatte keine Pfennige.
+
+»Er ist ja nicht mehr dort,« rief er darum schnell.
+
+»Ach so!« jammerten die Wutzelheimer Kinder enttäuscht.
+
+»Wo ist er dann?« Hansjörg drängte sich wieder ganz nahe an das Budchen,
+und klitsch! bekam er einen Backenstreich, aber tüchtig. Kasperle schlug
+mit seinem Holzbein derb zu, und Hansjörg brach in ein Jammergeheul aus:
+»Ich sag's meinem Vater! Ich sag's meiner Mutter, Kasperle hat mir gehaut!«
+
+»Sei doch nicht dumm!« Die andern Kinder zerrten Hansjörg, der davonlaufen
+wollte, zurück, und der Kasperlemann fuhr zu erzählen fort: »Also, in
+Torburg wohnte ein alter Gärtner, Meister Helmer, in einem wunderschönen
+Garten, der nahm das Kasperle als Gärtnerburschen an. Dort hat er ein
+Weilchen gelebt, bis ich eines Tages nach Torburg kam und erfuhr, Kasperle
+sei dort. Nun hatte der Herzog August Erasmus eine noch höhere Belohnung
+ausgesetzt; die wollte ich mir verdienen und Kasperle fangen und --«
+
+»Pfui!« Bums sauste ein Holzpantoffel in die Kasperlebude hinein, schlug
+dem hölzernen Kasperle ein Stück von seiner Nase ab und traf des
+Kasperlemannes Bauch. Da schrie der nun auch und jammerte laut. Fritze
+Dünnebein aber, der den Pantoffel geworfen hatte, reckte sich stolz auf:
+»Warum haste Kasperle fangen wollen!« brüllte er. »Das war böse.«
+
+»Du Dummkopf!« Der Holzpantoffel kam zurück, aber er traf Fritze nicht; der
+fing ihn auf, steckte wieder seinen Fuß hinein und sagte patzig: »Ich geb'
+dir keinen Pfennig, weil du Kasperle gefangen hast.«
+
+»Dumm, dumm, dumm!« schrie der Kasperlemann. »Ich hab' ihn doch nicht
+gefangen! Da ist nämlich der Meister Severin gekommen, ein Geiger und
+Instrumentenmacher, der allen Instrumenten eine Seele geben kann, der hat
+ritsch, ratsch das Kasperle genommen und es in einen schwarzen Kasten
+gesteckt und es in das Waldhaus zurückgetragen.«
+
+»Hurra, das ist fein! Der Meister Severin gefällt uns,« brüllten die
+Kinder. Hansjörg aber fragte bedächtig: »Und wo ist's Kasperle nu?«
+
+»Na, im Waldhaus!«
+
+»Immer noch?«
+
+»Ja, freilich! Jetzt hat er Angst; wenn er nämlich von des Herzogs
+Landjäger erwischt wird, ergeht es ihm übel. Dann wird er ins Loch
+gesteckt.«
+
+»Er soll dort bleiben,« kreischten die Kinder.
+
+»Nein, er soll nicht dort bleiben,« rief der Kasperlemann grimmig, »ich
+will ihn fangen. Unser guter Herzog August Erasmus hat jetzt immer so arg
+das Zipperlein, und er möchte einen solchen Spaßmacher haben, der ihm die
+Langeweile vertreibt; da hat er die Belohnung erhöht, er will gern das
+Kasperle haben.«
+
+Die Kinder sahen sich an. Na, als Spaßmacher im herzoglichen Schloß leben,
+das mußte doch für ein Kasperle ganz lustig sein. Sie fragten etwas
+erstaunt: »Geht Kasperle net hin?«
+
+»I bewahre, fällt ihm nicht ein! Der fürchtet sich vor dem Herzog und
+bleibt im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen.«
+
+»Und der Meister Severin?«
+
+»Der lebt auch im Waldhaus. Der hat die schöne Liebetraut geheiratet,
+Meister Friedolins Pflegetochter. Alle leben sie vergnügt zusammen, und
+unser Herzog kann das Kasperle nicht fangen.«
+
+Das erschien den Kindern doch seltsam. Ein Herzog, der Landjäger hatte, der
+konnte doch Kasperle aus dem Waldhaus holen lassen, wenn er wußte, wo er
+war. Hansjörg fragte darum: »Warum holt er ihn net?«
+
+»Weil das Landhaus im Lande des Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias XXXIX.
+steht, und das ist unsers Herzogs Feind. Der sagt: >Kasperle kann bleiben,
+wo er ist, der Herzog August Erasmus soll ihn nicht bekommen.<«
+
+»Und das Michele?« fragte Minchen Hirsebrei mit feinem Stimmlein. »Hütet
+das noch die Geißen?«
+
+»Dumm, dumm, dumm!« Der Kasperlemann schüttelte sich ärgerlich. »Die
+Geschichte, die ich euch erzählt habe, ist geschehen, als ihr alle noch
+kaum auf der Welt gewesen seid. Das Michele ist inzwischen groß und
+stattlich geworden und ein weltberühmter Geiger. Meister Severin hat ihm
+eine Geige geschenkt, die eine wunderbar zarte Seele hat, und dann hat er
+ihn unterrichtet. Jetzt reist Michele von Land zu Land, er spielt an
+Königshöfen und in großen Städten und --«
+
+Da schwieg der Kasperlemann auf einmal und die Kinder brüllten: »Und, und,
+was ist und?«
+
+»Ach, papperlapapp, das versteht ihr nicht! Jetzt gebt mal eure Pfennige
+her! Die Geschichte ist aus.«
+
+»Nä, noch net!« Hansjörg stellte sich breitbeinig vor das Budchen hin und
+fragte: »Ich muß noch wissen, ob nun Kasperle auch so groß wie Michele
+geworden ist.«
+
+»Unsinn, du Quatschpeter! Ein Kasperle wächst nicht, das bleibt immer nur
+so groß wie ein kleiner Junge,« brummte der Kasperlemann. »Nun raus mit den
+Pfennigen!«
+
+»Leben die Leute in Waldrast noch?« rief Fritz Dünnebein.
+
+»Freilich, freilich, selbst die Base Mummeline!«
+
+»Und wen heiratet die Gräfin Rosemarie?« Ein kleines blondes Mädelchen, das
+Agathchen Morgenschön, stellte sich auf die Fußspitzen, damit es unter den
+langen Buben auch gesehen werde.
+
+»Die schöne junge Gräfin Rosemarie heiratet den Grafen von Singerlingen,«
+brummte der Kasperlemann. »Der ist freilich schon ein bißchen alt für sie,
+aber weil ihre Eltern gestorben sind, will der Herzog, der ihr Vormund ist,
+sie verheiraten. Sie will den Grafen gar nicht gern, aber sie muß ihn halt
+nehmen.«
+
+Da hielt sich Agathchen Morgenschön das Schürzlein vor die Augen, sie brach
+in Tränen aus und rief klagend: »Die arme, arme Gräfin Rosemarie!«
+
+»Ach, potz Wetter, laß das Geflenne! Was geht dich die Gräfin Rosemarie
+an!« schrie der Kasperlemann. »Raus mit den Pfennigen!«
+
+Da erhob sich plötzlich auf dem Platz ein lauter Lärm, Stimmen schwirrten
+auf: »Haltet ihn, haltet ihn!« Und da es keinen Löwen in Wutzelheim zu
+halten gab, mußte es jemand anders sein. Die Kinder drehten sich alle
+blitzschnell um, da sahen sie, wie sich ein Affe von Bude zu Bude schwang.
+Der war aus der Tierbude entflohen.
+
+»Haltet ihn, haltet ihn!« ertönte es wieder.
+
+Der Affe saß auf einem Leinwanddach und grinste von oben herab. Da vergaßen
+die Kinder alle miteinander den Kasperlemann und sein Kasperle, sie
+vergaßen aber auch, ihre Pfennige zu zahlen, sie rannten alle nach der Bude
+hin, auf der das Äffchen saß; selbst Agathchen Morgenschön vergaß die
+liebliche Gräfin Rosemarie, die den alten Grafen von Singerlingen heiraten
+mußte.
+
+Vergeblich rief der Kasperlemann den Kindern nach: »Meine Pfennige, meine
+Pfennige!«
+
+Husch, husch, war der Platz vor dem Budchen leer. Verdutzt sah der
+Kasperlemann den Kindern nach.
+
+»Das ist doch ein unnützes Gesindel, dies Kindervolk!« brummte er
+ärgerlich. »Alle meine schönen Pfennige sind futsch.« Er nahm seine Klingel
+und ließ sie laut tönen: »Bimmlimbim, bimmelimbim!«
+
+
+Aber ach, du lieber Himmel, keine Bubenbeine, keine Mädelfüße kamen
+angelaufen! Über den weiten Platz hin tönte das Rufen und Schreien: »Haltet
+ihn, haltet ihn, fangt den Affen!«
+
+Der sprang von Bude zu Bude, geriet schließlich an die Kletterstange und
+kletterte hinauf. Hurra, da wollten gleich zehn Buben ihm nach, aber der
+Mann neben der Kletterstange wehrte ab. »Gemach, gemach, immer langsam
+voran! Hansjörg, klettere du zuerst!«
+
+Da kletterte Hansjörg, und als er beinahe oben war, warf ihm der Affe einen
+oben angebundenen Groschenwecken platsch ins Gesicht. Da verlor Hansjörg
+das Gleichgewicht und sauste samt dem Wecken von oben herunter.
+
+Fritze Dünnebein und Klaus Brenner ging es nicht besser. Ein Bube nach dem
+andern versuchte sein Heil, aber auf einmal besann sich oben das Äfflein
+und ließ Gottfried Schlippermilch, der vorher sehr wichtig getan und gesagt
+hatte: »Ich schaff's schon,« ziemlich nahe kommen, dann ritsch, ratsch!
+fuhr es dem Buben in die Haare, daß es dem himmelangst wurde. Er schrie und
+zappelte, und als ihn das Äffchen los ließ, plumpste er wie ein dicker,
+reifer runder Apfel von oben herab, mitten in die Zuschauer hinein.
+
+Da lag auf einmal nicht Gottfried allein am Boden, sondern noch etliche
+andere auch, sogar der dicke Herr Bürgermeister saß unversehens da. Der
+schalt weidlich über den Affen und die Buben, aber er wußte auch nicht, wie
+der Affe herunterzuholen war. Darum sagte er, der Nachtwächter müsse sich
+unten an die Stange stellen und aufpassen, die ganze Nacht hindurch; wenn
+der Affe Hunger bekäme, würde er schon herabkommen.
+
+Das fanden alle sehr gescheit. Einstweilen blieben freilich noch die Kinder
+an der Stange stehen und warteten, bis ihnen ihre Mäglein knurrten, als
+säße in jedem ein hungriger Wolf. Da rannten sie geschwinde heim. Der
+Kasperlemann ließ wieder seine Klingel ertönen, aber die Pfennige blieben
+alle in den Kindertaschen stecken. Es war schon schlimm. Und dabei ahnte
+der Kasperlemann nicht einmal, daß die Kinder von seiner schönen Geschichte
+sagten: »Sie ist ja gar nicht wahr! Er hat uns nur etwas vorgeflunkert; ein
+lebendiges Kasperle das gibt es ja gar nicht!«
+
+Nur Agathchen Morgenschön lief zur Bude hin und wollte ihren Pfennig
+abgeben, aber da hatte schwuppdewupp der Kasperlemann gerade zugeschlossen.
+Ganz bitterböse war er und dachte: Daran ist nur das unnütze lebendige
+Kasperle schuld! Na, wenn ich das erst fange!
+
+Es gab nämlich wirklich ein richtiges lebendiges Kasperle, und der
+Kasperlemann hatte den Kindern eine wahre Geschichte erzählt. Wenn sie es
+auch nicht glaubten, wahr war die Geschichte doch.
+
+
+
+
+
+Zweites Kapitel
+
+Bei den Waldhausleuten
+
+In Wutzelheim schien den Kindern an diesem Abend allen der Mond auf die
+Näslein. Er stand nämlich voll und rund am dunkelblauen Nachthimmel. Der
+gute Mond sah aber noch mehr als die Kinder von Wutzelheim in ihren Betten
+liegen, die ihre Arme, Beinchen und Nasen aus ihren weißen oder
+rotkarierten Federnesten heraussteckten, der gute Mond sah auch auf eine
+grüne blühende Waldwiese nieder. Und auf die schaute er mit besonderer Lust
+herab, denn was er da sah und hörte, gefiel ihm besonders wohl.
+
+Ein Stückchen von der Grenze des Landes entfernt, in dem Herzog August
+Erasmus regierte, lag ein Häuschen im Walde, vor dem breitete sich eine
+Wiese aus und ringsum standen riesenhohe, uralte Tannen. In dem Häuschen
+aber wohnten der Puppenschnitzer Meister Friedolin und seine Frau
+Annettchen, sowie seine Tochter Liebetraut mit ihrem Mann, dem Meister
+Severin. Es war alles so, wie es der Kasperlemann in Wutzelheim erzählt
+hatte.
+
+An diesem Abend saßen die Bewohner des Waldhauses alle still auf der Wiese,
+sogar die Kinder der schönen Frau Liebetraut, das Zwillingspärchen Rose und
+Marie, waren noch auf. Die waren erst vier Jahre alt. Herr Severin und Frau
+Liebetraut hatten schon ganz traurig gedacht, sie bekämen keine Kinder, da
+hatte ihnen Gott doch noch die lieblichen Mädelchen geschenkt. Sie
+lauschten alle ganz still, denn an eine Tanne gelehnt stand da Michele und
+spielte Geige. Neben ihm aber hockte Kasperle, das richtige, lebendige
+Kasperle.
+
+Michele war kein kleines Büble mehr wie einst, als ihn Herr Severin
+mitgenommen hatte, er war ein großer, schöner Jüngling. In der Welt draußen
+nannten sie ihn den berühmten Geiger Michael. Daheim im Waldhaus, denn das
+Waldhaus war auch seine Heimat geworden, war er aber für alle noch das
+Michele.
+
+Wenn Michele draußen in der Welt in Königsschlössern und Festsälen gespielt
+hatte und heimkehrte ins Waldhaus, dann galt sein erster Gruß dem Kasperle,
+denn das lief ihm jedesmal schon weit entgegen.
+
+Kasperle war noch immer ein kleiner wilder Unnütz, und manchmal, wenn
+Michele wieder ein Stück gewachsen war, dann grämte er sich wohl über sein
+Kleinbleiben. Doch Michele lachte ihn aus und sagte neckend:
+
+ »Ob groß, ob klein,
+ Mein Freund mußt du sein.«
+
+
+Kasperle antwortete dann stets:
+
+ »Bleib ich auch ein kleiner Wicht,
+ Mein Michele vergess' ich nicht.«
+
+
+Und wenn Kasperle noch so toll und übermütig war, sobald das Michele auf
+seiner Geige spielte, dann wurde er muckstill und saß da wie in einer
+Kirche.
+
+Aber Michele spielte auch wunderschön! Herr Severin, der doch ein großer
+Meister und Micheles Lehrer war, sagte: »Er spielt, wie der Wald rauscht,
+der Bach plätschert, die Vögel singen; so wie er spielt keiner jetzt auf
+der Welt.«
+
+Und in dieser hellen Mondnacht spielte Michele schöner als je. Am
+Nachmittag war er heimgekommen, und das Kasperle war ihm wie immer
+entgegengesprungen. Aber gleich hatte Kasperle gemerkt, dem Freunde fehlte
+etwas. Und als Michele jetzt spielte, da dachte das unnütze, törichte
+Kasperle: »Ach, des Michele Herz weint!«
+
+»So hat er noch nie gespielt,« sagte Herr Severin leise zu seiner schönen
+Frau Liebetraut.
+
+Der flossen die Tränen in den Schoß. Leise rannen sie wie Regentropfen
+herab. Ach, dachte sie wie Kasperle, des Michele Herz weint ja!
+
+
+Die Bäume rauschten nicht mehr, die Vögel, die vorher noch gezwitschert und
+getschilpt hatten, schwiegen. Ein paar Rehe traten aus dem Walddunkel
+heraus, alles lauschte dem Spiel des Michele.
+
+Und als der den Bogen sinken ließ, konnte man die Gräser zittern hören, so
+stille war es im Walde.
+
+Die Waldhausleute saßen an diesem Abend lange auf der Wiese. Der Mond
+vergaß das Weiterwandern beinahe, so gut gefiel es ihm wieder einmal. Auch
+war der alte Bursch etwas neugierig, er hätte gern gehört, was Michele
+erzählte. Der redete von großen Städten, in denen er gespielt hatte, auch
+von Schlössern und vornehmen Leuten. Und endlich sagte er: »Bei dem Fürsten
+von Wolkenburg habe ich auch gespielt und weißt du, wer da war, Kasperle?«
+
+»Der Herzog!« schrie Kasperle. Er fiel vor Schreck beinahe hintenüber, denn
+vor dem Herzog August Erasmus, den er einmal als Gespenst arg erschreckt
+hatte, und der noch immer aufpassen ließ, ob das Kasperle nicht über die
+Grenze lief, hatte er eine Heidenangst.
+
+»Nein,« sagte Michele traurig, »der nicht, aber die schöne Gräfin Rosemarie
+war da, die nächstens den Grafen von Singerlingen heiraten wird.«
+
+Nun fiel Kasperle doch steif wie ein Stock hin. Denn was zuviel ist, ist
+zuviel, und daß die schöne Gräfin Rosemarie, die ihm einst als Kind
+geholfen hatte zu entfliehen, den alten Grafen von Singerlingen heiraten
+sollte, das ging über seine Nase.
+
+»Ist nicht wahr!« schrie er.
+
+»Ist doch wahr!« sagte Michele, und wieder war es, als ob sein Herz weinte.
+
+»Ist dumm!« Kasperle streckte vor Wut die Beine in die Luft.
+
+»Wer ist dumm? Was ist dumm?« fragte Michele.
+
+»Sie ist dumm, dumm, erzdumm!« kreischte Kasperle.
+
+Aber da rief Michele zornig: »Die schöne Rosemarie ist nicht dumm. Aber sie
+muß den Grafen von Singerlingen heiraten, der Herzog August Erasmus, der
+ihr Vormund ist, will es.«
+
+»Hach!« Kasperle überschlug sich dreimal, und dann hämmerte er mit den
+Fäusten auf dem Waldboden herum. »Ich mach dem Herzog wieder Schrecken, ich
+setz mich ihm als Gespenst auf den Magen, ih -- ih -- ih!«
+
+Fuchsteufelswild war das Kasperle, und Michele drohte: »Nimm du dich nur in
+acht! Der Herzog hat jetzt das Zipperlein, da hat er gesagt, er möchte dich
+als Spaßmacher haben. Wer dich findet, soll dich fangen.«
+
+»Hach, ich geh nicht zu ihm!« Kasperle kreischte so laut, daß die Vögel,
+die nun eingeschlafen waren, in ihren Nestern munter wurden.
+
+»Dann mußt du auch nicht immer so nahe an die Grenze laufen,« sagte Herr
+Severin, »dort bauen sie jetzt sogar ein Wachthäuschen und wehe, wenn sie
+dich erwischen!«
+
+Kasperle senkte seine große Nase. Die Geschichte war ihm bänglich. Vor dem
+Herzog August Erasmus und seinen Landjägern hatte er große Angst.
+Eigentlich war Kasperle ein kleiner Ausreißer, der himmelgern einmal durch
+die Welt wutschte, aber seit er alle die Geschichten erlebt hatte, die der
+Kasperlemann in Wutzelheim erzählte, traute er sich nicht mehr weit vom
+Waldhaus weg. Und wenn einer nur des Herzogs Namen nannte, gleich bekam
+Kasperle Bauchweh vor Angst.
+
+Über dem Gerede, daß der Herzog ihn von neuem verfolge, hatte Kasperle des
+Freundes weinendes Herz ganz vergessen, aber als nun Herr Severin bat:
+»Spiele uns noch ein Schlußlied!« und Micheles Geige so schmerzlich tönte,
+wurde es ihm ganz wind und weh. Sein kleines Kasperleherz brach fast vor
+Mitgefühl, und er war nachher beim Gutenachtsagen ganz still.
+
+Im Waldhaus gab es nicht allzu viele Zimmer, und Michele, der doch ein
+weltberühmter Künstler war und in der Welt draußen reich und vornehm
+wohnte, mußte, wenn er heimkam, im Waldhaus immer noch in seinem alten
+Bubenkämmerchen mit Kasperle zusammen hausen. Aber das tat Michele gern.
+Als Kind hatte er bei einem Bauern auf dem Heuboden seine Liegestatt gehabt
+und nichts besessen als ein Höslein und zwei Hemden. Daran und wie ihn
+durch Kasperle Meister Severin gefunden und ihn zu einem großen Künstler
+gemacht hatte, mußte er immer denken, wenn er ins Waldhaus kam. »Mein
+liebes Waldhaus!« sagte er immer.
+
+Auch heute stieg er ins Bubenkämmerchen hinauf; das lag unter dem Dach, und
+die volle, helle Mondscheibe stand vor dem kleinen Fenster. Da brauchte man
+nicht Licht anzuzünden, Michele sah beim Mondenlicht, daß Kasperle traurig
+dreinsah, und Kasperle sah das von Michele.
+
+Es mochte ein Weilchen aber keiner anfangen zu fragen. Endlich tat das
+Kasperle einen kellertiefen Seufzer und fragte: »Michele, was hast?«
+
+»Kasperle, was hast du?«
+
+»Hach, ich hab' zuerst gefragt!« schrie Kasperle und schoß über sein Bett
+einen Purzelbaum hinweg und kam gerade auf des Michele Magen zu sitzen.
+
+»Magenweh hab' ich,« schrie der. »Au, bist du schwer!«
+
+Da rutschte Kasperle auf den Bettrand und fragte noch einmal, und sein
+kleines, unnützes Gesicht sah dabei ganz traurig aus: »Michele, was hast?«
+
+»Mir tut das Herz weh,« antwortete Michele.
+
+»Warum tut's weh? Sitzt was Schlimmes drinnen?«
+
+»Ja, eine sitzt drinnen, die wird bald einen andern heiraten.«
+
+»Hach!« schrie Kasperle, »ich weiß, wer es ist: Rosemarie.«
+
+»Ja, die Gräfin Rosemarie.« Michele seufzte schwer. Und dann erzählte er,
+wie er die schöne Gräfin Rosemarie am Fürstenhofe gesehen habe, und er habe
+sie gar nicht anzusprechen gewagt. Aber da habe sie ihn auf einmal leise
+gefragt: »Ist Herr Michael, der berühmte Geiger, nicht des Kasperles
+Michele?«
+
+Da waren sie vertraut mitsammen geworden. Er hatte ihr vom Waldhaus
+erzählen müssen und von Kasperle, und sie waren beide glücklich mitsammen
+gewesen. Auf einmal aber sei der Herzog August Erasmus gekommen, mit ihm
+der Graf von Singerlingen, und da sei eins, zwei, drei Verlobung gefeiert
+worden, und in vier Wochen sollte Hochzeit sein. Michele aber hatte die
+schöne Gräfin Rosemarie nur noch einmal gesehen, da hatte er gespielt, und
+sie hatte dagesessen und die Tränen waren in ihren Schoß gefallen.
+
+
+»Seitdem weint meine Geige immer, wenn ich spiele,« sagte Michele, »und
+viele Menschen weinen mit. Das kommt, weil ihr Herr Severin eine so zarte
+Seele gegeben hat.«
+
+»Ich geh' als Gespenst zum Herzog,« kreischte Kasperle. Er trommelte wütend
+auf der Bettdecke herum.
+
+Michele aber erwiderte: »Kasperle, das hilft nichts. Die schöne Rosemarie
+wird Frau Gräfin von Singerlingen, und ich muß einsam bleiben mit meinem
+traurigen Herzen.«
+
+Kasperle schluchzte laut. Der Freund tat ihm zu leid, und er sagte:
+»Michele, ich helf' dir.«
+
+»Wie denn, Kasperle?«
+
+Ja, wie denn? Wenn Kasperle das nur gleich gewußt hätte! »Ich entführe
+Rosemarie,« schrie er endlich.
+
+»Da mußt du erst ins Schloß gelangen, und das ist schwer. Da gibt es viele
+Wächter und Hunde, an denen du vorbei mußt. Und jetzt läßt der Herzog sogar
+noch überall Kasperles aufstellen, die aussehen wie du, überall an Weg und
+Pfad, auf Grenzsteinen, an Schlagbäumen setzt er Kasperlepuppen hin,
+darunter steht: >Wer einen, der lebendig ist und so aussieht, fängt, der
+bekommt hunderttausend Taler.<«
+
+»Huuuh!« Kasperle riß nun aber seinen Mund sperrangelweit auf. »Das ist
+zuviel!« schrie er.
+
+»Ja, viel ist's schon, und du kannst dir denken, wie arg alle Leute
+aufpassen, um dich zu fangen.«
+
+Kasperle nickte trübselig. Das war nun arg schlimm! Er dachte, daß neulich
+der böse Bäcker aus Protzendorf am Waldhaus vorbeigefahren war und gerufen
+hatte: »Komm mit, Kasperle, ich fahr' dich ein Stück!« Ja, und beinahe wäre
+er der Einladung gefolgt. O jemine, da wäre er bös hereingefallen!
+
+»Aber woher hat der Herzog denn alle Kasperles?« fragte er plötzlich.
+
+»Die hat der gute Meister Friedolin selbst geschnitzt.« Michele streichelte
+seinen kleinen Freund. »Alle Kasperlemänner haben bei ihm neue Puppen
+bestellt; die hat ihnen dann der Herzog für viel, viel Geld abgekauft.«
+
+»Ich bleib' im Waldhaus und gehe keinen Schritt mehr raus,« rief Kasperle
+ängstlich.
+
+»Ja, das tu nur!«
+
+»Aber Rosemarie!« Auf einmal fiel die dem Kasperle wieder ein, er rief:
+»Ich helfe dir.«
+
+»Ach, mir kann niemand helfen!« klagte Michele. »Und meine Geige wird
+immer, immer weinen müssen.«
+
+»Nä,« schrie Kasperle, »ich helfe dir, ich weiß noch nicht wie, aber über
+Nacht ist's gedacht.«
+
+Und dann stieg Kasperle in sein Bett, denn allemal, wenn er über etwas
+nachdenken wollte, fand er es am besten, im Bett zu liegen oder draußen
+unter einer der großen, uralten Tannen. Viel dachte das Kasperle ja gerade
+nicht nach. Wenn es sagte: »Ich will's mir überlegen,« und im Bett lag,
+dann rasselte das nachher gleich fürchterlich: das Kasperle schlief und
+schnarchte.
+
+An diesem Abend aber blieb es still im Bubenstübchen, in dem nun auch
+wieder der berühmte Geiger Michael lag. Der seufzte manchmal tief, und dann
+steckte Kasperle seine Nase tief, tief in die Kissen hinein und seufzte
+auch.
+
+Und der Mond schüttete seine silbernen Strahlen in die kleine Kammer. Ach,
+hätten darauf doch lauter gute und absonderlich kluge Einfälle gesessen!
+Wunderbar war es aber, immer wenn der Mond so recht hell schien, dann
+meinte Kasperle ein weißes Haus zu sehen, einen Garten mit bunten Blumen,
+und in dem Garten saß er, sah froh zu dem Hause hin und dachte: Endlich bin
+ich daheim! Und dann kamen etliche Kasperlebuben und Kasperlemädels
+angehüpft, die riefen: »Endlich bist du wieder auf unserer Insel!«
+
+Wie sonderbar das war! Auch heute sah Kasperle das weiße Haus und den
+bunten Garten vor sich, und dabei lag er doch im Bett und dachte darüber
+nach, wie er dem Michele helfen könnte.
+
+Kasperle schlug die Augen wieder auf. Der Mond sah noch immer in das
+Kammerfenster hinein, er lachte ordentlich. Und auf einmal, er wußte kaum,
+wie es geschehen, stieg Kasperle leise, leise aus dem Bett, kletterte auf
+das Fenster, kletterte hinaus, schwang sich draußen auf das Dach, und da
+saß er im vollen Mondenlicht auf dem Dach des Waldhauses.
+
+Wie schön das war! Licht floß an den hohen Tannen herab, glitzerte unten
+auf der Waldwiese, und die Bäume rauschten geheimnisvoll. Und wie Kasperle
+so saß und in den Wald hineinsah, blickte er auch die drei Wege entlang,
+die von den Dörfern Lindendorf, Schönau und Protzendorf nach dem Waldhaus
+führten.
+
+
+Auf dem Wege aber, der von Protzendorf herkam, wanderte ein Mann. Komisch
+war das, der Mann ging gebückt, blieb manchmal stehen und schaute sich dann
+um, als ob er irgend etwas vorhätte und sich nicht recht traute.
+
+Warum nur Flock nicht bellt! dachte Kasperle, und gerade da kam Flock
+angerannt. »Wauwauwau!« bellte er laut, aber da warf ihm der Mann etwas hin
+und schnapp! griff Flock danach. Wahrhaftig, es sah wie eine große Wurst
+aus! Und Flock vergaß rasch das Bellen. Kasperle dachte: Na, warte du, du
+bist mir ein schöner Wächter!
+
+Himmel, und was geschah nun!
+
+Kasperle legte sich vor Schreck platt auf das Dach. Er sah nämlich, wie der
+Mann sich an das Waldhaus heranschlich, eine Leiter nahm und diese gerade
+an das offene Kammerfenster lehnte, aus dem Kasperle vor einem Weilchen
+herausgeklettert war.
+
+Ja, und potztausend, der Mann war der Schäfer Damian ohne Maul aus
+Protzendorf! Den hatte Kasperle einst arg gekränkt auf seiner kunterbunten
+Reise in die Welt hinaus, von der der Kasperlemann den Kindern in
+Wutzelheim erzählt hatte. Und jetzt wollte ihn Damian heimlich rauben, ganz
+sicher wollte er das!
+
+Ei, das soll dir schlecht bekommen! dachte Kasperle. Er rutschte auf dem
+Dach entlang, leise, ganz leise, und als Damian gerade in das Kammerfenster
+gewutscht war, gab er von oben der Leiter einen Stoß und fing ein
+mörderliches Geschrei an: »Michele, Michele, zur Hilfe!«
+
+Damian, der in dem Kämmerchen stand, erschrak, er hörte das Schreien und
+sah plötzlich, wie jemand aus dem Bett aufstand, der groß und kräftig war,
+gar nicht so klein wie das Kasperle.
+
+Michele hörte Kasperles Rufen, sah den fremden Mann in der Kammer und
+ripsch, rupsch nahm er einen Stuhl und schlug den Damian ohne Maul um die
+Ohren. Kasperle aber hatte auf dem Dach eine Latte gefunden; mit der
+rutschte er wieder in die Kammer, und klitsch, klatsch schlug er Damian auf
+den Hosenboden.
+
+Der wußte gar nicht, wie ihm geschah, er wollte ausreißen, denn die beiden
+in der Kammer bedrängten ihn hart, und dazu schrien alle beide, daß das
+ganze Haus munter wurde. Man hörte Rufen, Schritte polterten, und da hatte
+Damian ohne Maul das Fenster erreicht und potz Kuckuck! -- weg war die
+Leiter.
+
+Plumps! fiel Damian von oben herab. Er fiel mit der Nase in etwas Nasses,
+daß es hoch aufspritzte. Meister Friedolins rote Kasperlefarbe war es, die
+da unter dem Fenster stand, und weil er wieder eine Anzahl Kasperle anmalen
+wollte, hatte er gleich ein bißchen viel in einer flachen Schüssel
+angerührt.
+
+Pfui, wie das roch und schmeckte!
+
+Damian ohne Maul erhob sich stöhnend. Er witschte und spuckte, und da
+packten ihn kräftige Hände. Meister Friedolin war es und Herr Severin.
+Michele war auch dazu gekommen, und das Kasperle drosch mit seinem
+Holzscheit vergnügt auf Damians Hosenboden herum, als wäre das ein Teppich,
+den er ausklopfen sollte.
+
+Da hatte Damian ohne Maul auf einmal ein Maul. Das riß er sehr weit auf, er
+schrie mörderlich, bat, man solle ihn laufen lassen, und drehte und wand
+sich. Hops, hops sprang Kasperle um ihn herum, es war schon recht
+unangenehm für Damian.
+
+Herr Severin und Michele hielten ihn schließlich fest, und Herr Severin
+fragte: »Was wolltest du stehlen?«
+
+»Mich!« -- Klitsch, klatsch! -- »Mich, mich!« schrie Kasperle. »Das ist
+Damian ohne Maul, der hat mich stehlen wollen.«
+
+Da senkte Damian beschämt den Kopf und sagte kläglich, der Herzog August
+Erasmus habe so eine große Belohnung ausgeschrieben; die habe er sich
+verdienen und wirklich das Kasperle stehlen wollen. Der Kasperlemann, der
+ihn dazu ansgestiftet, der habe ihm verraten, wo Kasperles Kammer sei.
+
+»Ei, das sind ja schöne Geschichten!« rief Meister Friedolin. »Solange ich
+im Waldhaus wohne, ist so ein schlechter Mensch noch nicht dagewesen.«
+
+»Ich bin nicht schlecht, -- au, au!« schrie Damian, denn Kasperle schlug
+noch immer auf ihn los. Da faßte Michele Kasperles Hand und sagte: »Nun hat
+er genug. Die Geschichte wird unserem Fürsten Johann Jakob Joseph Jeremias
+gemeldet und dem Bauer Strohkopf in Protzendorf dazu, da wird der Damian
+schon seine Strafe bekommen.«
+
+Dem langen Damian wurde es himmelangst, und er, der sonst am Tag kaum drei
+Worte sprach, bettelte und bat jetzt kläglich, man möchte ihn nicht
+verraten, er würde Kasperle auch immer beschützen, wenn es einmal in Gefahr
+geriete.
+
+Der Damian jammerte so, daß Kasperle geschwind vor lauter Mitgefühl ein
+jämmerliches Geheul anfing und flehte: »Laßt ihn los, ach bitte, bitte,
+bitte!«
+
+»Na meinetwegen!« brummte Meister Friedolin, Herrn Severin war es auch
+recht, und Frau Liebetraut streichelte Kasperle und sagte: »Das ist mal
+recht von dir, daß du den Damian losbittest!«
+
+Da durfte der heimwärts ziehen, die Leute im Waldhaus sagten ihm zu, sie
+würden ihn nicht anklagen, und Damian versprach nochmals heilig und teuer,
+wenn er einmal dem Kasperle helfen könne, würde er es tun. Zu guter Letzt
+gab ihm Kasperle noch die Hand, und Damian trollte sich von dannen.
+
+Im Waldhaus gingen alle in ihre Betten, auch Kasperle kroch hinein, und
+jetzt lockte und rief ihn der Mond nicht mehr. Der war weiter gewandert,
+fing schon an, blaß vor Ärger zu werden, denn er sah den neuen Tag
+heraufziehen, und er fand, er könnte ganz gut einmal die Sonne vertreten
+und am Tage scheinen. Doch die wollte sich das nicht gefallen lassen. Auf
+einmal war sie da, die Vögel sangen ihr jubelnd entgegen, im
+Bubenkämmerlein aber lag Kasperle noch immer mit offenen Augen im Bett. Und
+gar nicht froh sah er aus, sondern höchst betrübt. Ihm war nämlich
+eingefallen, wie er dem Michele helfen könnte. Aber das war ein schweres
+Werk, fast zu schwer für ein Kasperle!
+
+
+
+
+Drittes Kapitel
+
+Kasperles Brief
+
+Der Kasperlemann in Wutzelheim kriegte seine Pfennige nicht, und er kehrte
+den Wutzelheimer Kindern erbost den Rücken. Ehe die am nächsten Morgen
+aufstanden, war der Kasperlemann samt seinem Budchen, das er auf einen
+Eselkarren geladen hatte, schon auf und davon gezogen. Weg war er. Niemand
+wußte wohin, niemand hatte ihn wegfahren sehen. In Wutzelheim sagten sie,
+so etwas tue man doch nicht, wenn einer einmal zum Schützenfest komme, dann
+müsse er auch bis zum Schluß bleiben. Aber alles Reden half nichts, der
+Kasperlemann war weg und blieb weg. Die Kinder fuhren für ihre Pfennige
+Karussell, das war auch lustig.
+
+Unterdessen aber rollte des Kasperlemanns Wäglein dem Schlosse zu, in dem
+die schöne Gräfin Rosemarie wohnte. Der Graf von Singerlingen hatte nämlich
+einen Boten geschickt, der Kasperlemann möchte flink dorthin kommen. Mit
+Prunk und Pracht sollte die Hochzeit gefeiert werden, der Herzog wollte
+dazu kommen, und um den Gästen einen Spaß zu bereiten, hatte der Graf von
+Singerlingen gemeint, ein Kasperlespiel wäre sehr lustig und unterhaltsam.
+
+In acht Tagen sollte die Hochzeit stattfinden. Die schöne Rosemarie ging
+mutterseelenallein durch den Wald, der sich östlich vom Schlosse hinzog.
+Sie dachte traurig daran, daß sie nun den alten Grafen von Singerlingen
+heiraten sollte und doch den Geiger Michael von Herzen liebhatte. In den
+Bäumen sangen die Vögel, die feinen, zarten Waldblumen drehten alle dem
+schönen Mädchen ihre Gesichtchen zu, und die hohen Bäume rauschten; wie ein
+liebes, lindes Trösten klang es. Ach, dachte Rosemarie, wenn mir doch
+jemand helfen möchte! Ich bin so mutterseelenallein in der Welt. Sie setzte
+sich auf einen umgeschlagenen Baumstamm und begann bitterlich zu weinen.
+
+Da kam ein Wanderbursch vorbei, der sang vergnügt vor sich hin:
+
+ »Nur tapfer sein,
+ Nur net verzagt!
+ Der Sonne Schein
+ Blinkt wieder, wenn's tagt.
+ Trallalala, Trallalala!
+
+
+ Meine Fiedel soll klingen
+ Lieblich und fein,
+ Ein Lied will ich singen
+ Wie's Waldvögelein.
+ Trallalala, Trallalala!
+
+
+ Drum zieh ich hinaus,
+ Die Fiedel zieht mit;
+ Im Wald steht ein Haus,
+ Da sag' ich meine Bitt'.
+ Trallalala, Trallalala!«
+
+
+Auf einmal entdeckte der Wanderbursch die schöne Rosemarie, und er fragte
+mitleidig: »Warum weint Ihr, schönes Fräulein?«
+
+»Weil mir das Herz weh tut,« antwortete Rosemarie. »Aber sage, wohin ziehst
+du? Wo ist das Haus im Walde, und was für eine Bitte wirst du dort sagen?«
+
+»Ei,« erwiderte der Wanderbursch, »mir tut's arg leid, daß Euch das Herz
+weh tut, schöne Gräfin! Aber wartet nur, ich werde kommen und Euch helfen.
+Ich ziehe ins Waldhaus, das liegt hinter dem Herzogtum; dort wohnt der
+Meister Severin, der kann allen Instrumenten eine Seele geben, zu dem will
+ich meine Fiedel bringen. Und der Herr Michael ist dort, der der
+allerberühmteste Geiger ist, den will ich bitten, er soll mir zeigen, wie
+man so wunderschön spielt. Und dann komme ich zurück und spiele Euch etwas
+vor; da werdet Ihr froh werden und wieder lachen.«
+
+Rosemarie seufzte nur bei diesen Worten, und sie fing noch bitterlicher zu
+weinen an. Dem Wanderburschen tat sie arg leid, und er dachte: Ich will
+flink laufen, damit meine Fiedel eine Seele bekommt und ich die arme schöne
+Rosemarie recht trösten kann. Und er rannte spornstreichs davon, um nur ja
+recht schnell in das Waldhaus zu kommen.
+
+In seinem Eifer sah der Wanderbursch gar nicht, daß die schöne Gräfin
+Rosemarie nur noch bitterlicher weinte. Er lief wie ein Hase, und als er
+auf der Landstraße eine schnelle Post fahren sah, sprang er hinten auf und
+dachte: So komme ich gewiß heute noch ins Waldhaus.
+
+Ein bißchen länger dauerte es aber doch. Die Post hielt sehr lange an einem
+Wirtshaus, und erst am zweiten Tag kam er nach Protzendorf. Dort fragte er
+den ersten besten, der ihm begegnete, nach dem Weg, der zum Waldhaus führe.
+Das war nun gerade der Schäfer Damian. Der schrie gleich los: »Ich leid's
+net, ich hab's versprochen, das Kasperle zu beschützen.« Und er hob drohend
+seinen langen Schäferstab gegen den Wanderbursch.
+
+Der dachte: Ei, bei dem Schäfer scheint's nicht richtig zu sein! Und weil
+er keinen so langen Stock hatte, lief er flink davon.
+
+So kam er schneller an die Grenze, als Damian dachte. Und weil er gerade im
+Laufen war, lief er auch an der Schildwache vorbei, ehe die sich noch recht
+besonnen hatte, wer wohl der Wanderer sein könnte.
+
+Nachher rief der Landjäger, der Wache stand, flink einen zweiten aus dem
+Häuschen heraus, und alle beide schrien: »Hollahe, nicht davonlaufen!« aber
+da war der Wanderbursch schon am Waldhaus.
+
+Vor dem Waldhaus schlug Kasperle Purzelbaum, einen, noch einen, schnell und
+schneller. Der Wanderbursch blieb verdutzt stehen, und auf einmal schlug
+ihm Kasperle mit seinem Bein an die Nase.
+
+»Au!« schrie der Wanderbursch und hielt sich seine Nase fest.
+
+»Au!« kreischte Kasperle und steckte seinen Fuß in den Mund.
+
+Beide schauten sich an, und beide fragten zu gleicher Zeit: »Wer bist du
+denn?«
+
+Kasperle, der nun schon wußte, es war besser, keinem Fremden zu sagen, er
+sei ein echtes, rechtes Kasperle, grinste nur, der Wanderbursch aber
+erzählte: »Ich heiße Jörgel und suche den Meister Severin und Herrn
+Michael.«
+
+»Hach!« schrie Kasperle. »Wo kommste denn her?«
+
+»Von weit her,« sagte Jörgel. »Aber weißt du, vor ein paar Wochen hab' ich
+einen Kasperlemann gesehen, dessen Kasperle sah genau so aus wie du.«
+
+»Hach!« schrie Kasperle wieder und schnitt ein fürchterliches Gesicht.
+»Dumm, dumm wenn du nichts weiter gesehen hast!«
+
+
+»Ei, was bist du für ein frecher kleiner Kerl!« rief Jörgel gekränkt.
+»Nennst mich dumm, und dabei bin ich noch einmal so lang wie du und gewiß
+noch einmal so gescheit wie du. Und gesehen habe ich schon allerlei,
+gestern zum Beispiel im Walde die schöne Gräfin Rosemarie. Die saß da und
+weinte, und sie sagte, ihr Herz täte ihr weh. Na, ist das auch dumm?«
+
+Kasperle gab keine Antwort. Er streckte sich auf einmal lang aus, lag da
+ganz steif, verdrehte die Augen, und dem Jörgel wurde himmelangst. Er
+wollte schon ins Waldhaus laufen und Hilfe holen, denn er dachte: Der
+schnurrige kleine Kerl stirbt hier unversehens auf der Waldwiese. Doch da
+richtete sich Kasperle auf und rief:
+
+»Bleib hier und kein Wort darfste von Rosemarie sagen! O jegerl, o jegerl,
+ich armes, armes Kasperle! Nun muß ich es doch tun.«
+
+Und flugs fing das Kasperle so schrecklich zu heulen an, daß es alle im
+Waldhaus hörten. Michele und die schöne Frau Liebetraut kamen gleich
+angerannt, und die dachten gar, der Wanderbursch hätte Kasperle etwas
+zuleide getan. Michele schalt heftig auf den armen Jörgel ein, doch da
+schrie Kasperle: »Er hat nichts getan. O jemine, o jemine, mein Bäuchle,
+mein Bäuchle!«
+
+Da hob Frau Liebetraut das Kasperle empor, trug es in das Haus, legte es in
+sein Bett, und das törichte Kasperle klagte nur immer: »Mein Bäuchle tut
+weh, mein Bäuchle!« Und dabei war es doch sein kleines Kasperleherz, das
+ihm vor lauter Mitgefühl so bitter weh tat. Er wollte ja so gern Michele
+und der schönen Rosemarie helfen, wußte auch, wie er es wohl anfangen
+könnte, aber -- aber schwer war es, sehr, arg schwer.
+
+Kasperle lag in seinem Bett und heulte. Jörgel saß unten und Herr Severin
+fing an, auf seiner Geige zu spielen. Das klang süß und fein durch das
+Haus, und dann nahm Michael die Geige und spielte darauf, und da schwiegen
+die Vögel im Walde, die Bäume stellten das Rauschen ein, alles lauschte, so
+lieblich und zart zugleich klang es.
+
+Kasperle hörte das Spielen, und plötzlich kletterte er aus seinem Bett
+heraus und ging an des Michele Schreibzeug. Der mußte oft Briefe in die
+Welt senden, und er hatte einen ganzen Berg Briefpapier daliegen. Von
+diesem suchte sich Kasperle den allerschönsten Bogen heraus, und weil er,
+seit er in Waldrast in die Schule gegangen war, etwas schreiben konnte,
+fing er an, einen Brief zu schreiben. Auf, ab, kreuz, quer -- die
+Buchstaben standen da wie die Halme eines Roggenfeldes, wenn Hagel darüber
+hingegangen ist. Zuletzt malte Kasperle mit ungeheuren Buchstaben seinen
+Namen darunter, und dann war der Brief fertig.
+
+Kleckslein gab es etliche. Wen störte das? Kasperle nicht. Der tat den
+Brief in einen Umschlag und verbarg ihn in seinem Wämslein. Und dann ging
+er auf Kasperleart die Treppe hinab, er schlug einen Purzelbaum und war
+schneller unten, als ein Sperling fliegt.
+
+Weil alle im Hause auf Micheles Spiel hörten, achtete niemand auf das
+Kasperle. Das flitzte davon; heidi! weg war es. Es rannte durch den Wald,
+den Weg entlang, der nach Protzendorf führte. Fein sorgsam hielt es sich
+aber im Gebüsch verborgen, und als es endlich Stimmen hörte, kletterte es
+flink auf eine hohe Tanne. Von dort aus erblickte Kasperle das neue
+Grenzwächterhaus; er sah zwei Grenzwächter vor der Türe sitzen, die redeten
+miteinander und schauten immer nach rechts und nach links, um heute ja
+niemand mehr zu verpassen.
+
+Kasperle nahm den Brief, wickelte ihn um einen Stein, den er sich
+mitgenommen hatte, knotete sein Taschentuch darum und warf alles den
+Grenzwächtern vor die Füße.
+
+Bums! fiel das Päckchen vor beiden nieder. Die schauten sich verdutzt um,
+sie sahen aber niemand und nichts. Kasperle war rasch von der Tanne halb
+heruntergeglitscht. Er konnte aber gerade noch die beiden Wächter sehen.
+Die knoteten das Tüchlein auf, fanden den Brief und lasen erstaunt: »An
+Härzog Aukuhst Ehrasssmuhs fon Kasperle.«
+
+»Potztausend!« riefen beide. »Das ist aber mal ein dummer Streich!« Weil
+Kasperle den Umschlag nicht geschlossen hatte, konnten sie auch lesen, was
+in dem Brief stand.
+
+ »Hähr Härzog iich Kasperle wil bai diech gomen un fiel
+ Schbaasen magen wen Krefin Rohsemarie heurathen dut main
+ Freund Michele. Un ich reisse niemalen auhs, nuhr wen du
+ sackst: gäh sum Teifele Kasperle. Dan gäht Kasperle -- ahber
+ for immer. Schmaise auch ainen Briff übber die Gränze miht
+ dain Wort. Dann gomd bästimt
+
+
+ Kasperle.«
+
+
+»Je, je, je! Ist das nun ein richtiger Brief, oder ist's 'n Schabernack?«
+meinte der eine Wächter, und der andere brummelte: »Hm, hm, so'n Geschreibe
+könnte schon ein Kasperle fertig bringen!«
+
+Und dann legten alle beide die Finger an die Nasen und überlegten, ob sie
+den Brief dem Herzog bringen sollten.
+
+»Ja,« sagte der eine.
+
+»Nein,« rief der andere.
+
+»Recht -- nein,« antwortete der erste.
+
+»Recht -- ja,« erwiderte der zweite.
+
+Da rief der erste wieder ja und der zweite wieder nein, und schließlich
+nahmen sie ein langes und ein kurzes Holz und zogen. Der erste zog das
+lange, und da fiel es beiden ein, sie hatten gar nicht ausgemacht, ob das
+lange oder das kurze Holz ja sein sollte.
+
+Das Gestreite ging noch eine Weile hin und her, und es wäre viele Tage wohl
+noch so gegangen, wenn nicht der Bauer Strohkopf aus Protzendorf gekommen
+wäre. Den hielten die beiden Wächter für einen absonderlich klugen Mann,
+und sie legten ihm Kasperles Brief vor und fragten: »Hat das Kasperle
+geschrieben?«
+
+Der Bauer Strohkopf nahm den Brief, las ihn bedächtig einmal, noch einmal,
+denn das Lesen war ihm eine mühsame Sache, und endlich legte er den Finger
+an die Stirn, schaute die beiden Wächter mitleidig an und sagte: »Na, da
+steht doch Kasperle darunter, also muß er doch den Brief geschrieben
+haben!«
+
+»Aber,« rief der eine Wächter und legte wieder den Finger an die Nase,
+»wenn sich doch jemand einen Spaß gemacht hätte?«
+
+»Aber es steht doch Kasperle darunter!« Der Bauer Strohkopf lachte, es
+klang, als rassle eine alte Pauke. »Dumm, dumm, dumm! So schlecht kann wohl
+überhaupt niemand schreiben, wie der Brief geschrieben ist,« rief er. Ach,
+lieber Himmel, und dabei konnte der Bauer selbst kaum schreiben!
+
+Aber die Grenzwächter sagten, sie glaubten, er habe recht, und einer von
+ihnen sollte den Brief zu dem Herzog tragen. Der ältere rief: »Allemal der
+Älteste.«
+
+»Nä,« rief der Bauer, »der Jüngste muß es sein, er hat die flinksten
+Beine!«
+
+Wieder sagten die beiden, der Bauer Strohkopf wäre doch erstaunlich klug,
+und der dicke Bauer grinste und versprach ihnen, er würde ihnen einen
+Schinken schicken, so sehr hatte ihm die Rede der Grenzwächter
+geschmeichelt.
+
+Der jüngere Wächter lief nun mit dem Bauer nach Protzendorf, denn der
+wollte ihm einen Wagen geben, damit er schneller zum Herzog käme, und er
+rannte so flink, daß der dicke Bauer kaum nachkommen konnte und unterwegs
+meinte, es wäre doch besser gewesen, den älteren zu nehmen.
+
+Das alles hörte Kasperle nicht, aber er sah den Grenzwächter rennen, und
+sein kleines Kasperleherz bebte vor Angst. Zu dem Herzog gehen, vor dem er
+sich so schrecklich fürchtete, es war wirklich sehr schwer! Und tiefbetrübt
+rutschte er von der großen Tanne herab und schlich sich in das Waldhaus
+zurück.
+
+Der Wächter fuhr unterdessen mit dem Bauer Strohkopf in das Land hinein.
+Dem war es auf einmal eingefallen, wenn er mitführe, könnte er gar noch
+eine Belohnung erhalten. Die beiden langten ganz spät am Abend am Schloß
+der Gräfin Rosemarie an, und der Wächter sagte: »Hier rasten wir.«
+
+»Ja,« brummte der Bauer und dachte bei sich: Ich fahr' allein weiter, denn
+dann sage ich dem Herzog zuerst die Botschaft. Es war dumm, daß ich den
+Wächter mitnahm.
+
+Dieser ging in das Schloß, um zu fragen, ob man ihm wohl gestatte, im
+Heuschober zu schlafen, und drinnen erfuhr er, der Herzog sei gerade
+angekommen. Er lief eiligst hinaus, sah den Bauer wer weiß wohin fahren,
+ließ ihn ziehen und sagte drinnen gewichtig: »Ich bringe einen Brief von
+Kasperle.«
+
+»Bewahr' mich vor dein Ungetüm!« rief die alte Liesetrine. »Raus, raus! Mit
+einem, der Kasperle kennt, will ich nichts zu schaffen haben.«
+
+Da wäre beinahe der Wächter mit seinem schönen Kasperlebrief noch
+hinausgeworfen worden. Er erhob aber seine Stimme laut und schrie so
+heftig, daß es durch das ganze Schloß hallte: »Ich komme von Kasperle, ich
+komme von Kasperle, Kaaasperle!«
+
+Das hörte ein Diener des Herzogs, der sagte es dem zweiten Kammerdiener,
+der wieder sagte es dem ersten Kammerdiener, der sagte es einem
+Kammerherrn, der sagte es dem Oberhofmeister, und der sagte es schließlich
+dem Herzog.
+
+Und gerade plagte den Herzog August Erasmus das Zipperlein, als er von
+Kasperles Brief erfuhr. Da ließ er sehr geschwinde den Wächter kommen, und
+der übergab ihm den Brief. Der Herzog las und schüttelte den Kopf, und er
+reichte den Brief seinem Oberhofmeister. Der las und schüttelte auch den
+Kopf. Der Kammerherr aber, der dann den Brief zu lesen bekam, schüttelte
+den Kopf, ohne zu lesen. Da sagte der Herzog: »Merkwürdig!« und alle im
+Zimmer sagten auch: »Merkwürdig!«
+
+Der Wächter mußte nun erzählen, wie er den Brief gefunden hatte, und er
+sagte: »Er ist gewißlich von Kasperle; der Bauer Strohkopf sagt's auch.«
+
+»Dummkopf!« brummte der Herzog, der es unschicklich fand, in seiner
+Gegenwart von einem Bauern zu reden, der Strohkopf hieß.
+
+»Strohkopf heißt er, halten zu Gnaden!« Der Wächter dachte, der Herzog habe
+ihn nicht richtig verstanden. Da rief der wieder ärgerlich: »Dummkopf!«
+
+»Strohkopf, halten zu Gnaden!« Puff, stieß ein Kammerherr den Wächter an,
+er solle stille sein.
+
+»Esel!« schrie der Herzog. »Geh er hinaus! Ich muß mich mit meinem ersten
+Minister beraten, was ich tun soll.«
+
+Da rannte der Wächter hinaus und schrie schon an der Türe: »Der Herr
+Minister soll zum Herzog kommen!«
+
+»Esel!« brüllte der Herzog.
+
+»Der Herr Minister Esel soll zum Herzog kommen!« brüllte der Wächter, der
+nicht anders meinte, als dies sei der Name des Ministers. Er selbst hielt
+sich für so klug, daß er nicht dachte, jemand, selbst ein Herzog, könnte
+ihn Dummkopf oder Esel schelten.
+
+Der gute Minister aber wollte gerade in sein Bett steigen, als sich draußen
+das Geschrei erhob. Er erschrak darob so sehr, daß er wieder aus seinem
+Bette herausfiel und in der Verwirrung seinen Rock als Hose nahm und die
+Hose als Jacke anziehen wollte. Zuletzt kam er aber doch in seine Sachen,
+er ging in des Herzogs Zimmer, und der hielt ihm Kasperles Brief hin.
+
+»Ich will das Kasperle haben,« rief der Herzog. »Meinetwegen mag die Gräfin
+Rosemarie in acht Tagen den Geiger Michael heiraten.«
+
+»Und der Graf von Singerlingen?« fragte der Minister.
+
+»Der kriegt eine Prinzessin. Ich habe doch noch meine Base Gundolfine, die
+will gerne einen Mann, und ich mag sie nicht heiraten. Der Graf von
+Singerlingen tut mir schon den Gefallen und heiratet sie. Nun soll
+geschwind an Kasperle geschrieben werden, wenn er zum Hochzeitstag mit
+seinem Michael hierherkommt, dann erhält der die Gräfin Rosemarie und ich
+mein Kasperle. Aber das ist ein großes, großes Geheimnis!«
+
+Wutsch! legten alle den Finger auf den Mund, und ein Diener lief hinaus, um
+den Wächter zu suchen, damit der nichts verrate. Er fand ihn, als der
+gerade der alten Liesetrine von Kasperles Brief erzählte. Eben wollte er
+sagen: »Der Geiger soll die Gräfin Rosemarie heiraten,« da schlug ihm der
+Diener mit der Hand auf den Mund. Das klatschte tüchtig, und der Wächter
+brachte kein Wörtlein heraus. Der Diener schleppte ihn zum Herzog, und dort
+hatte der Minister gerade den Brief fertig geschrieben. Der lautete:
+
+ »Wir Herzog August Erasmus VI. von Himmelhoch sagen
+ Dir, Kasperle, daß alles vergeben und vergessen sein soll, was Du
+ einstmals Unnützes getan hast, auch daß Du Uns vor zwölf
+ Jahren einen Geldsack auf den Bauch geworfen hast, wenn Du
+ fortan so lange in Unseren Diensten sein willst, bis Wir sagen:
+ >Scher Dich zum Teufel!< Alsdann magst Du zum Teufel gehen.
+ Sei in vier Tagen mit dem Geiger Michael hier, er soll dann die
+ Gräfin Rosemarie heiraten. Hältst Du Uns aber zum Narren,
+ dann wehe Dir, Kasperle, dann ergeht es Dir ganz schlimm!
+ So ist mein Wort.«
+
+
+»Punktum!« sagte der Herzog und klebte ein dickes, großes Siegel unter den
+Brief. Den bekam der Wächter, und der dachte, es gäbe nun auch eine
+Belohnung, aber die gab es nicht; der Herzog sagte, erst müsse er Kasperle
+haben.
+
+Da zog der Wächter ab, und weil es eine mondhelle Nacht war, ging er gleich
+zurück. Als er ein Weilchen gewandert war, kam der Bauer Strohkopf hinter
+ihm her. Der hatte im nächsten Ort erfahren, daß der Herzog bei der schönen
+Gräfin Rosemarie weile. Nun war er arg wütend, denn im Schloß hatte man ihn
+nicht einmal eingelassen. Der Herzog lag schon im Bett und der Wächter war
+unterwegs.
+
+»He, hollahe!« schrie der Bauer Strohkopf. Er dachte: Nun erfahre ich doch
+etwas! Aber klatsch! da hielt sich der Landjäger die Hand vor den Mund, und
+der gute Strohkopf konnte fragen, soviel er wollte, er erfuhr kein kleines
+Wort.
+
+Mitfahren tat sein Genosse schon, und von des Bauern Schinkenbroten
+schmauste er auch, aber reden tat er nichts, fiel ihm nicht ein! Und in
+Protzendorf sprang er sehr geschwinde vom Wagen und lief davon, und er
+vergaß sogar das Dankeschönsagen. Na, manierlich war das wirklich nicht!
+
+
+
+
+Viertes Kapitel
+
+Die Reise nach dem Schloß der Gräfin Rosemarie
+
+»Ich möchte nur wissen, was unserem Kasperle fehlt!« sagte im Waldhaus die
+schöne Frau Liebetraut zu ihrem Manne an diesem Abend.
+
+Ja, der wußte es auch nicht, niemand wußte es, selbst Michele nicht.
+Kasperle hing seine Nase wie eine Trauerweide ihre Zweige. Er redete nicht,
+er lachte nicht, er schlug keine Purzelbäume, -- Kasperle war gar nicht
+Kasperle.
+
+»Er ist krank,« sagte Michele. Und er bat den kleinen Freund herzlich und
+gut, er möge ihm sagen, was ihm fehle. Doch da brach Kasperle in ein
+erschreckliches Geheule aus, er heulte und heulte, die Vögel verkrochen
+sich vor Schreck in ihren Nestern, und die Rehe, die sonst bis an das
+Waldhaus gelaufen kamen, rannten davon.
+
+Nein, wie konnte Kasperle auch heulen!
+
+Michele legte ihn ins Bett, und alle Waldhausleute saßen drum herum,
+redeten ihm gut zu, trösteten und fragten nach seinem Herzeleid, aber
+Kasperle schwieg. Er steckte seine Nase in die Kissen und tat, als ob er
+schliefe. Da ließen sie ihn schließlich allein. Mutter Annettchen sagte:
+»Er muß sich ausschlafen, dann wird es schon wieder gut sein.«
+
+In dieser Nacht stand der Mond wieder über dem Waldhaus, sah wieder in das
+Stübchen hinein, in dem Michele fest schlief, das Kasperle aber traurig auf
+dem Bettrand hockte. Und wieder lockte und winkte der Mond, und Kasperle
+stieg leise aus dem Fenster, schwang sich auf das Dach und sah über den
+dunklen Wald hinweg. Dort ferne, ferne, wo die Berge dunkel gegen den
+Nachthimmel standen, lag des Herzogs Waldschloß und das Schloß, in dem
+Rosemarie wohnte.
+
+»Hach!« Kasperle seufzte auf einmal so erschrecklich laut, und eine große,
+dicke Eule, die neben dem Haus in einem Baum wohnte, purzelte vor Schreck
+in ihr Nest zurück. Gerade hatte sie auf die Jagd fliegen und ein paar
+Fledermäuse fangen wollen.
+
+Kasperle kümmerte sich gar nicht um die erschrockene Eule, er ächzte noch
+ein paarmal: »Hach, hach!« Dann kroch er traurig in das Kämmerlein zurück,
+rollte sich wie ein Igel zusammen und -- schlief ein. Er schlief, bis statt
+des Mondes die Sonne hoch und hell am Himmel stand, und über dem schönen
+Wetter vergaß Kasperle ganz und gar seinen Kummer. Er schoß wieder mit
+einem Purzelbaum die Treppe hinab, fiel mit seiner großen Nase beinahe in
+seine Milchtasse, schluckte und schluckte, da trat Herr Severin in das
+Zimmer und rief: »Nein, seht doch einmal diese Grenzwächter! Da haben sie
+diesen dicken Brief über die Grenze geworfen, als ich vorhin spazierenging,
+mir gerade vor die Füße.«
+
+Alle guten Geister, bekam Kasperle einen Schreck! Er versank mit seinem
+Gesicht ganz in der Milchtasse und heulte in die hinein: »Das ist für mich,
+für mich!«
+
+Herr Severin schüttelte erstaunt den Kopf über Kasperles wunderliches
+Gebaren, und auch alle andern schüttelten die Köpfe, dann aber wickelte
+Herr Severin das Päckchen aus; ein großer, feierlicher Brief, mit dem
+herzoglichen Siegel versehen, kam zum Vorschein und darauf stand: »An
+Kasperle.«
+
+Potztausend! Meister Friedolin fiel das Schnitzmesser aus der Hand vor
+Erstaunen, und alle sahen auf das heulende Kasperle. Selbst Michele dachte:
+Er hat gewiß an der Grenze einen dummen Streich gemacht.
+
+Herr Severin fragte ganz ernsthaft: »Kasperle, was hast du getan?«
+
+»Hach!« Kasperle schluchzte erschrecklich. »Ich hab' dem Herzog einen Brief
+geschribbt!«
+
+»Du -- Kasperle?«
+
+»Hm, hach, mein Bäuchle tut wieder so weh!«
+
+Dem Kasperle tat wieder vor Angst sein Herze weh, und er hielt das wieder
+für sein Bäuchle. Ganz matt deutete er auf den Brief und nickte Herrn
+Severin zu. Der dachte: Gewiß will er sagen, ich soll den Brief lesen. Er
+öffnete ihn also und las.
+
+Da staunten sie nun freilich alle sehr im Waldhaus, Michele aber nahm
+seinen kleinen Freund in die Arme und sagte traurig: »Nein, nein, armes
+Kasperle, ein so schweres Opfer sollst du nicht für mich bringen.«
+
+»Kasperle, ach Kasperle, du willst uns verlassen?« rief die schöne Frau
+Liebetraut traurig. »Das darfst du nicht.«
+
+»Er muß,« sagte plötzlich Meister Friedolin. »Versprochen ist versprochen,
+und wenn jetzt Kasperle dem Herzog sein Wort nicht hält, dann geht es uns
+noch allen schlecht im Waldhaus.«
+
+»Ja, er muß gehen.« Herr Severin sah auch ganz traurig aus und doch wieder
+froh, denn er freute sich, daß sein Lieblingsschüler Michael nun die schöne
+Gräfin Rosemarie heiraten sollte.
+
+So ging es schließlich allen. Sie waren alle traurig und freuten sich alle,
+am sonderbarsten aber war es dem Michele zumute, der hätte lachen und
+weinen mögen, und zuletzt nahm er seine Geige und spielte so schön wie noch
+nie. Das tönte in den Wald hinaus wie Engelsgesang, und alle Tiere, die das
+Spiel hörten, kamen gelaufen und lauschten. Da kamen Rehe und Hasen, der
+fette Dachs kam angetrabt, Mäuslein huschten herbei, das Eichhörnchen
+sprang von Baum zu Baum, die Vögel flogen um das Haus, und zuletzt guckte
+sogar der Fuchs um die Ecke.
+
+Als Michele sein Spiel geendet hatte, sagte Meister Friedolin: »Nun ist's
+Zeit; jetzt müßt ihr marschieren, denn sonst denkt der Herzog, ihr kommt
+nicht, und die Gräfin Rosemarie muß gar den Grafen von Singerlingen
+heiraten.«
+
+Meister Friedolin hatte schon recht, aber der Abschied wurde doch allen
+sehr schwer. Michele konnte freilich versprechen, er werde mit seiner Frau
+bald alle im Waldhaus besuchen, aber Kasperle konnte das nicht. Der gehörte
+dann ganz und gar dem Herzog. »Vielleicht sagt er bald: >Geh zum Teufel!<«
+meinte er, aber dazu schüttelte Herr Severin den Kopf. »So ein Wort spricht
+ein Herzog nicht aus, dazu ist er viel zu vornehm. Du warst dumm, kleines
+Kasperle, du hättest dir etwas anderes ausdenken sollen.«
+
+Kasperle hing die Nase, er wollte zwar Michele nicht zeigen, wie traurig er
+war, aber Michele merkte es doch, und als sie beide reisefertig waren,
+fragte er traurig: »Wirst du es auch nicht zu arg bereuen, mein armes
+Kasperle?«
+
+Heidi, da rannte das Kasperle davon! Es nahm nicht einmal recht Abschied,
+das brachte es vor lauter Herzeleid nicht fertig. Es rannte und rannte,
+Michele konnte ihm kaum folgen, und auf einmal waren sie an der Grenze und
+jenseits standen die beiden Landjäger. Die schrien: »Hurra, sie kommen,
+hurra!«
+
+Es war beinahe, als wäre der Herzog selber gekommen. Und als der Geiger mit
+dem Kasperle drüben war, sagten sie: »Nun marschieren wir mit, denn nun
+brauchen wir die Grenze nicht mehr zu bewachen. Jetzt ist ja Kasperle da.«
+
+Michele ging mit dem Kasperle voran. Er spielte auf seiner Geige, und der
+Wald, durch den sie gingen, sang mit, es rauschte in den Bäumen, die Vögel
+zwitscherten es: »Da geht einer zur Hochzeit, Hochzeit, Hochzeit!«
+
+Kasperle vergaß darüber ganz den Herzog, er kam sich ungeheuer wichtig vor,
+wie er so, von zwei Landjägern begleitet, dahinschritt. Und als sie sich
+Protzendorf näherten, dachte er: Na, ich will's ihnen schon zeigen, wer ich
+bin, ich, das berühmte Kasperle!
+
+In Protzendorf sahen etliche den Zug kommen, unter denen waren auch
+Kasperles alte Freunde Windgustel und Wassergustel. Das waren jetzt zwei
+stämmige, große, dicke Burschen geworden; klüger waren sie aber noch immer
+nicht, darum rissen sie auch die Mäuler weit auf, als sie den Zug kommen
+sahen, und brüllten: »Jetzt haben se Kasperle gefangen!«
+
+Daß einer, der gefangen ist, nicht ganz vergnügt voranmarschiert, bedachten
+die Protzendorfer nicht, das Geschrei pflanzte sich fort, und der Schäfer
+Damian ohne Maul, der heute ganz nahe am Dorfe seine Herde weidete, hörte
+es auch.
+
+Hallo, da kam der aber angelaufen! Er sah Kasperle, sah die Landjäger,
+dachte an sein Wort, er wolle Kasperle immer schützen, und auf einmal --
+ripsch, rapsch -- ergriff er den kleinen Kerl, setzte ihn auf seine
+Schulter, und fort ging es. Damian hatte längere Beine als die Landjäger
+und alle Protzendorfer, der war mit Kasperle zum Dorfe hinaus, ehe einer
+nur recht zur Besinnung kam.
+
+Als die Landjäger freilich merkten, Kasperle wurde wieder zurückgetragen,
+da rannten sie spornstreichs hinterher; Michele rannte auch. Die
+Protzendorfer blieben nicht zurück, was Beine hatte lief, sogar ein paar
+Schweinchen, etliche Hunde und Ziegen waren dazwischen.
+
+Kasperle schrie: »Halt, halt!« Aber Damian ohne Maul hörte nicht darauf;
+der lief bergauf, bergab, rannte beinahe das Wächterhaus an der Grenze um,
+und dann war er am Waldhaus, und da setzte er das schreiende Kasperle
+mitten in die Stube hinein. »Da!«
+
+»Jemine,« schrie Mutter Annettchen, »unser Kasperle, der zum Herzog wollte,
+ist wieder da!«
+
+»Was?« Damian sah drein, als wollte er das ganze Waldhaus verschlingen.
+
+Da kamen Meister Friedolin, Herr Severin, die schöne Frau Liebetraut und
+ihre Kinder alle herbei, und alle fragten sie: »Kasperle, was ist denn das?
+Wie kommst du denn wieder her? Willst du nicht mehr zum Herzog gehen?«
+
+»Ich will doch schon, aber der will net!« brüllte Kasperle ganz aufgeregt.
+
+»Na, potz Kuckuck, was hat denn da der Damian zu wollen!« rief Meister
+Friedolin.
+
+Damian ohne Maul stand ganz verdattert da. Er merkte schon, er hatte eine
+große Dummheit gemacht. Ehe er aber noch wie und was sagen konnte, kamen
+die Landjäger, Michele und die Protzendorfer Männer, Frauen, Kinder,
+Schweinchen, Ziegen und Hunde gelaufen, und um das sonst so stille Waldhaus
+toste ein ungeheurer Lärm. Michael trat in die Stube und erzählte, und als
+er das weinende Kasperle am Boden sitzen sah, sagte er mitleidig: »Nun
+kannst du hier bleiben; dein Wort hast du gehalten, hast zum Herzog gehen
+wollen; daß dich der Damian zurückgetragen hat, dafür kannst du nicht.«
+
+»Hm,« brummelte Meister Friedolin, »gewollt hat er, gegangen ist er, aber
+--«
+
+Kasperle hatte sich ganz zusammengekauert. Im Waldhaus bleiben dürfen, wie
+schön wäre das! Aber da fiel ihm Rosemarie ein, die dann den alten Grafen
+von Singerlingen heiraten mußte, und er dachte an seines Michele Geige, die
+immer weinte, wenn er spielte, und er sagte ganz, ganz leise: »Ich will zum
+Herzog.«
+
+»Wir wollen Kasperle, Kasperle soll wiederkommen!« schrien draußen die
+Landjäger und etliche Protzendorfer, dazwischen aber brüllten zwei: »Nä, er
+soll heeme bleiben!«
+
+
+Das waren Wassergustel und Windgustel, die ihren einstigen Freund noch
+immer gern hatten und auch dachten wie Damian, er wäre geraubt worden.
+
+Kasperle saß noch immer mitten in der Stube. Er war nämlich ein bißchen
+müde von dem Laufen, auch war ihm der Schreck in seine kleinen Beine
+gefahren. Er dachte bei sich: Wer mich hergetragen hat, mag mich auch
+zurückbringen. Und überhaupt -- zu einem Herzog läuft man nicht, da fährt
+man. Er erhob also plötzlich seine Stimme und schrie, so laut er konnte:
+»Ich will 'n Wagen, ich will zum Herzog fahren!«
+
+»Da hat er recht,« brummte draußen der dicke Bauer Strohkopf, der als
+letzter dahergekommen war. »Und 'n Kutschwagen muß es sein, anders geht das
+nicht.« In ganz Protzendorf aber hatte nur er einen Kutschwagen, in dem er
+freilich nie fuhr, weil er ihm zu schön war. Doch nun dachte er: Wenn der
+Herzog hört, daß ich, der Bauer Strohkopf, meinen Wagen hergegeben habe,
+dann kriege ich sicher einen Orden. Also rief er: »Recht hat Kasperle, und
+obgleich er mich mal schwer geärgert hat, soll er doch einen Wagen
+bekommen. Darin kann er gleich bis zu dem Schloß der Gräfin Rosemarie
+fahren.«
+
+Alle staunten den dicken Bauer ehrfurchtsvoll an, und der sagte: »Na, dann
+los! Jetzt müssen wir erst nach Protzendorf gehen, dort laß ich anspannen.«
+
+»Nä,« schrie Kasperle, »ich war schon dort; au, au, ich bin so müde!«
+
+Es half alles nichts, Damian ohne Maul mußte den kleinen Strick wieder nach
+Protzendorf zurücktragen, und als sie dort ankamen, sagte der Bauer, sie
+müßten aber bis morgen früh warten, denn sein schöner Wagen dürfe nur am
+Tage gefahren werden. Und morgen sollten die beiden doch schon auf dem
+Schloß sein. Da aber der Herzog keine Zeit angegeben hatte, konnten sie ja
+auch am Abend ankommen, und darum sagte der Geiger Michael, sie wollten bis
+zum Sonnenaufgang warten.
+
+Das mit dem Wagen war aber nur ein bißchen geflunkert von dem dicken Bauer.
+Er dachte nämlich: Kasperle soll uns heute Abend noch etwas vorkaspern. Das
+tat der kleine Schelm auch, und es gab in dem großen Bauernhofe einen
+lustigen Abend. Es lachten alle so viel, daß Kasperle darüber den Abschied
+vom Waldhaus beinahe vergaß. Aber als alle schliefen und der Mond schien,
+da wurde er wieder ganz traurig, er kletterte auf das Fensterbrett und sah
+lange, lange auf das stille Dorf hinab. Er dachte: Wenn der Herzog doch nur
+sagen wollte: »Geh zum Teufel!« aber ach, Herr Severin hatte ja gesagt, so
+etwas spricht ein Herzog nicht aus.
+
+Wie Kasperle so saß und den Mond unter sich auf dem Dorfbächlein glitzern
+sah, hörte er auf einmal eine liebe, linde Stimme, die sang:
+
+ »Nur net verzagt!
+ Bald der Morgen tagt.
+ Zum guten End'
+ sich alles wend't.
+ Mußt net greinen,
+ Mußt net weinen!
+ Auf Gott vertrau',
+ Zum Himmel schau'!«
+
+
+Da tat Kasperle wirklich, was die Stimme riet, schaute zum Himmel auf, und
+dabei sah er am Fenster über sich ein Mägdlein stehen, das war die
+Sängerin. Die erblickte nun auch das Kasperle auf der Fensterbrüstung, und
+sie rief sacht hinab: »Geh doch schlafen, kleines Kasperle!«
+
+»Kann net,« murmelte Kasperle, und dann kletterte er flugs am Weinspalier
+hoch und saß auf einmal auf dem Kammerfenster der Magd. Die lachte. »Ei,«
+fragte sie, »du Schelm, du willst wohl wieder ausreißen?« Aber als sie sah,
+wie dem Kasperle dicke, dicke Tränen über sein unnützes Gesichtlein liefen,
+fragte sie sanft: »Was fehlt dir denn, armes Kasperle?«
+
+Kasperle seufzte schwer: »Hach, hach!« und dann verriet er der Magd seinen
+Kummer. »Wenn der Herzog net sagt: >Geh zum Teufel!< muß ich bei ihm
+bleiben,« jammerte er.
+
+»Ei, weißt du was, ein schöner Spruch ist das nicht!« erwiderte die Magd,
+»und ein Herzog wird so etwas freilich net sagen, der denkt gar nicht an
+solche Worte. Aber weißt du, mir hat meine Großmutter einmal erzählt, ihre
+Urgroßmutter habe ein Mittel gewußt, daß ein Mensch sagen mußte, was sie
+wollte, hab's freilich nie ausprobiert, und meine Großmutter hat's auch nie
+ausprobiert, aber verraten will ich's dir. Du mußt um Mitternacht, wenn der
+Vollmond scheint, den Herzog an der großen Zehe fassen und sagen: >Geh zum
+Teufel!< dann sagt er's dir flink nach.« Sie lachte herzhaft, während sie
+dies sagte.
+
+Nun merkte Kasperle, die Magd war trotz ihres lieblichen Singens eine arme
+Schelmin, aber sie erreichte, was sie wollte: das Kasperle vergaß das
+Weinen, wurde ganz getrost und kletterte zuletzt purzelvergnügt in sein
+Bett.
+
+Die Magd, sie hieß Dörte, sah ihm traurig nach. Du armes kleines Kasperle,
+dachte sie, wenn ich dir helfen könnte, ich tät's schon himmelgern!
+
+Und als der Morgen anbrach und Bauer Strohkopf seinen Wagen anspannen ließ,
+in den Michael und Kasperle einstiegen, da sandte die Magd dem Kasperle
+viele gute Wünsche nach. Die waren wie Sonnenstrahlen so lieb und licht und
+zogen mit Kasperle nach dem Schloß, in dem die schöne Gräfin Rosemarie
+wohnte. --
+
+Der Bauer Strohkopf fuhr seinen schönen Wagen selbst. Und da er ein
+bedachtsamer Mann war und allzu große Eile nicht leiden konnte, ging das
+hübsch sacht voran. Die braunen Pferde, die so dick und rund wie ihr Herr
+waren, liebten auch die Eile nicht, und ob bergauf, bergab oder geradeaus,
+immer ging es im Schritt.
+
+Den beiden Reisenden wurde es mit der Zeit himmelangst. Die Sonne stieg
+höher, stieg wieder tiefer, noch waren sie nicht am Schloß, und da sagte
+der Bauer auch noch: »Jetzt müssen meine Rößles verschnaufen, so 'n Gelaufe
+tut ihnen net gut.«
+
+Michele seufzte tief, und Kasperle, so dumm er auch manchmal war, verstand
+ihn doch gut, verstand, der Freund hatte Angst, sie würden beide nicht zur
+rechten Zeit kommen. Da kletterte er flugs aus dem Wagen, blinkte dem
+Freunde zu und erhob ein mörderliches Geschrei: »Ich reiße aus, ich reiße
+aus!«
+
+Und geschwind sprang Michele ihm nach und schrie: »Ich fange dich, ich
+fange dich.«
+
+»So ein Unsinn!« brummte der Bauer Strohkopf. »Jetzt spielen die gar
+Haschens wie im Dorf die Bübles und Mädles. Na, wenn sie genug gelaufen
+sind, werden sie schon wieder kommen!« Und der dicke Bauer holte sich eine
+große Wurst und viele, viele Schnitten Kuchen und eine Flasche Wein aus
+seinem Wagenkasten und begann zu schmausen.
+
+Darüber fing es an zu dämmern, der Abend nahte und der Bauer dachte: Jetzt
+müssen wir halt bis zum nächsten Wirtshaus fahren. Jemine, aber wo sind die
+beiden? Er erhob seine Stimme laut: »Herr Michael -- Kasperle -- Herr
+Michael -- Kasperle!« aber niemand gab Antwort. Die beiden rannten, so
+schnell sie nur konnten, um noch zur rechten Zeit das Schloß der schönen
+Gräfin Rosemarie zu erreichen.
+
+Zuletzt merkte der Bauer doch, daß die beiden Schelme ausgerissen waren. Er
+brummte und knurrte wie ein Wolf, fuhr zum nächsten Wirtshaus und dachte:
+Morgen fahr' ich zum Herzog, der soll schon erfahren, was das für
+Bösewichter sind! Jegerl, einen Herzog und mich, den Bauer Strohkopf, so
+zum Narren zu halten! Die sind doch sicher nach ihrem Waldhaus
+zurückgelaufen.
+
+
+
+
+Fünftes Kapitel
+
+Die Ankunft
+
+Der Herzog August Erasmus wartete ungeduldig auf Kasperles Ankunft. Am
+liebsten hätte er den kleinen Burschen in aller Morgenfrühe schon dagehabt,
+doch als er den Weg berechnete, sah er ein, bis Mittag mußte er warten.
+Vielleicht daß die beiden da mit der Post kamen. Und die schöne Rosemarie
+wartete auch, sie sah gerade wie der Herzog immer ungeduldig zum Fenster
+hinaus, und als die Post mit Traratrara angerasselt kam, liefen alle Leute
+im Schloß zusammen und riefen: »Jetzt kommt Kasperle!«
+
+Und Michael, dachte Rosemarie.
+
+Aber da rumpelte und rasselte der Postwagen am Schloß vorbei, niemand stieg
+aus, niemand nickte und winkte, es saß nämlich nur eine alte Frau drin, die
+schlief ganz fest.
+
+Trarira, trarira, da war die Post vorbei.
+
+Der Herzog brummelte, die Gräfin Rosemarie seufzte und die alte Liesetrine
+sagte so laut, daß es der Herzog gerade noch hören konnte: »Das dachte ich
+mir gleich, das Kasperle kommt nicht. Ein Schabernack war's, weiter
+nichts.«
+
+Dies Wort ärgerte den Herzog gewaltig. Er geriet in eine bitterböse Laune,
+und als Rosemarie sagte, die Reisenden würden gewiß bald kommen, grunzte er
+sie an: »Morgen wird der Graf von Singerlingen geheiratet, punktum!«
+
+»Jetzt kommt der Graf von Singerlingen,« meldete just da der
+Haushofmeister. »Eben ist sein Wagen in den Schloßhof gefahren.«
+
+O du lieber Himmel, erschrak da die arme Rosemarie! Sie wurde so weiß wie
+die Rosen auf ihrer Mutter Grab, und ihre Kammerfrau sagte, dies sei eine
+Ohnmacht, und Rosemarie müsse sich zu Bett legen.
+
+»Trarira, trarira!« blies es da draußen auf der Landstraße, und Rosemarie
+wurde wieder so rot wie die schönsten Rosen im Garten.
+
+»Kasperle kommt, Kasperle kommt!« schrien alle, und selbst der Herzog
+vergaß den armen Grafen von Singerlingen und eilte hinaus. Ganz verdutzt
+sah sich der Graf von Singerlingen um, Niemand begrüßte ihn, niemand rief
+hurra, und dabei sollte doch morgen seine Hochzeit sein.
+
+»Trarira, trarira!« Eine große, schwerfällige Kutsche fuhr in den Schloßhof
+ein, und alles schrie wieder: »Kasperle, hurra, Kasperle! Da ist er!«
+
+Es war aber nicht Kasperle, sondern die Prinzessin Gundolfine, die eiligst
+gekommen war, um den Grafen von Singerlingen zu heiraten.
+
+Die Prinzessin war gar nicht sehr sanftmütig, und als alle »Kasperle« und
+immer wieder »Kasperle« schrien, rief sie: »Zum Kuckuck, was ist das für
+ein Gerufe hier! Ich bin eine Prinzessin und im Leben kein Kasperle! Das
+ist eine Beleidigung! Und wo ist der Graf von Singerlingen, daß ich ihn
+heiraten kann? Gleich will ich ihn sehen.«
+
+Der Herzog erschrak, der Graf erschrak, denn er wußte noch gar nicht, daß
+er die Prinzessin heiraten sollte, und Rosemarie wurde wieder so blaß wie
+die Rosen auf der Mutter Grab. Die Kammerfrau rief wieder: »Das ist eine
+Ohnmacht.« Die Prinzessin aber sagte: »So was gibt's nicht; wenn ich komme,
+wird man nicht ohnmächtig, her mit dem Grafen, den ich heiraten soll!«
+
+Da rief der Kammerdiener des Grafen von Singerlingen: »Jetzt wird mein Graf
+ohnmächtig, er ist schon unter die Bank gefallen.«
+
+Der gute Graf aber war gar nicht ohnmächtig geworden, der war von selbst
+unter die Bank in der weiten Schloßhalle gerutscht. Er war so über die
+Prinzessin erschrocken, die hatte eine Stimme, als säße sie tief unten in
+einem Brunnenloch, und mit ihren Augen spießte sie den Grafen beinahe auf.
+Nein, so eine Prinzessin wollte er nicht!
+
+Wieder klang das »Trarira, trarira!« auf der Landstraße, und wieder riefen
+alle: »Kasperle kommt!«
+
+Aber es waren Hochzeitsgäste, der Schwager und die Schwester der jungen
+Gräfin Rosemarie. Die fragten gleich: »Wo ist denn der Graf von
+Singerlingen, den du heiraten sollst?«
+
+»Den heirate ich,« schrie die Prinzessin.
+
+»Nein, ich heirate die Gräfin Rosemarie,« rief der Graf. Und die arme
+Rosemarie flüsterte zitternd: »Ich heirate den Geiger Michael.« Aber das
+hörte niemand, denn alle redeten durcheinander.
+
+Da entstand draußen ein wildes Geschrei: »Kasperle ist da, ja, bimmelimlim,
+das Kasperle ist da!«
+
+»Na, das ist schon gut,« sagte der Herzog, und er machte gleich ein ganz
+vergnügtes Gesicht, »führt ihn nur herein!«
+
+»Bimmelim, bimmelim!« klang's wieder, und dann kam ein Kasperle herein,
+aber das war ein hölzernes Kasperle, und der Kasperlemann trug es auf dem
+Arm. Das war doch zu toll!
+
+Der Herzog schaute den Kasperlemann so wütend an, daß der vor Schreck
+immerzu klingelte. Er dachte: Der Herzog hat mich doch rufen lassen! Warum
+ist er denn so böse?
+
+»Bimmelim, bimmelim, bimmelimlimlim!«
+
+»Stille!« schrie der Herzog.
+
+»Kasperle kommt, Kasperle kommt!« rief ein Diener. »Auf der Landstraße
+kommt er angelaufen.«
+
+Der Herzog war so neugierig auf Kasperle, daß er aufstand und durch den
+Garten ging bis zum Tor, das nach der Landstraße hin führte.
+
+Über den Garten sanken schon die Abendschatten, und der Herzog blieb an dem
+Springbrunnen am Eingang stehen; hier wollte er Kasperle erwarten.
+
+Kasperle war von dem eiligen Lauf arg müde, und er sagte zu Michele, als
+sie sich nun beide dem Schlosse näherten: »Ich schlage Purzelbäume, da
+geht's schneller.«
+
+»Tu's nicht!« riet der Geiger.
+
+Aber da tat es Kasperle schon: eins, zwei, drei und noch einen, und auf
+einmal lagen Herzog und Kasperle im Brunnenbecken, denn Kasperle hatte den
+Herzog einfach umgerannt.
+
+Vier Beine guckten in die Luft, und alle schrien und liefen herbei, zogen
+an den Beinen, und dann standen der Herzog und Kasperle nebeneinander, und
+tropf, tropf, lief an beiden das Wasser herab.
+
+Der Herzog fing mächtig an zu schelten, Kasperle aber erhob noch lauter
+seine Stimme, er brach in ein rechtes, furchtbares Kasperlegeheul aus, und
+allen, die mit am Tore standen, wurde es himmelangst. Der Herzog ließ vor
+Schreck das Schelten sein. »Um Himmels willen,« rief er, »Kasperle ist
+ertrunken!«
+
+»Na, wenn einer ertrunken ist, schreit er doch nicht so mörderlich!«
+brummte der alte Haushofmeister. Er nahm Kasperle, drehte ihn um und um,
+stellte ihn bums! wieder auf seine Füße und da -- schwieg Kasperle.
+
+Er sah sich um, bemerkte die vielen erschrockenen Gesichter, sah den Herzog
+plitschnaß dastehen, und plötzlich kam ihn das Lachen an; er lachte und
+lachte, wie eben nur ein Kasperle lachen kann, er schüttelte sich geradezu
+vor Lachen. Erst lachte die Gräfin Rosemarie ganz, ganz leise mit, und dann
+lachte der Graf von Singerlingen, der Herzog lachte, und auf einmal lachten
+alle, lachten und lachten.
+
+Nur die Prinzessin Gundolfine lachte nicht. Die machte ein Gesicht wie die
+Frau im Essigkrug, und die alte Liesetrine lachte auch nicht, doch das
+merkten die andern gar nicht. Schließlich sagte der Herzog, sein Bauch tue
+ihm vor Lachen weh, und weil er auch plitschnaß war, riet ihm sein
+Leibarzt, er möchte sich nur rasch ins Bett legen.
+
+Ja, erwiderte der Herzog, das werde er tun, und morgen früh solle die
+Hochzeit sein, heut wäre es doch zu spät. Aber erst müsse Kasperle
+erzählen, warum er zu spät gekommen sei.
+
+»Strohkopf,« rief Kasperle.
+
+Das nahm aber nun der Herzog gewaltig übel, er dachte, Kasperle redete ihn
+mit Strohkopf an. Er schwang deshalb seinen Stock und schlug Kasperle auf
+den Rücken, das knallte gar sehr; Und gleich begann Kasperle wieder zu
+heulen, Michele aber trat vor und erzählte dem Herzog, wer der Strohkopf
+sei, und er sagte, Kasperle fange manchmal eine Geschichte in der Mitte an,
+dann komme der Schluß und zuletzt der Anfang.
+
+
+Während er sprach, heulte Kasperle wie eine Dachrinne, und dem Herzog wurde
+es ganz weich und weh ums Herz. Er sagte, man solle Kasperle ins Bett
+bringen und ihm ein gutes Abendbrot geben, und morgen wollten sie alle
+Hochzeit feiern. Er nahm die Hand der Gräfin Rosemarie, nahm des Michele
+Hand und ging mit beiden ins Schloß hinein. Der Graf von Singerlingen aber
+stand da wie einer, dem eine Katze sein dickes Butterbrot aufgefressen hat.
+Und wie er noch so starrte und staunte, trat die Prinzessin Gundolfine zu
+ihm heran und sagte: »Morgen heiraten wir.«
+
+Der arme Graf setzte sich vor Schreck bald auf die Erde, er dachte: Ach,
+wie entrinne ich nur der Prinzessin! Und während alle in das Schloß gingen,
+blieb er allein draußen; er setzte sich in eine Rosenlaube, und wenn er
+nicht ein Graf und schon ziemlich alt gewesen wäre, dann hätte er
+sicherlich geweint, so traurig war er.
+
+Kasperle bekam neben seinem Freund Michele ein schönes Zimmer mit einem
+seidenen Bett, und die schöne Rosemarie gab ihm einen Gutenachtkuß und
+sagte, sie werde ihm immer dankbar bleiben.
+
+Das war alles sehr schön, auch daß Michele noch wundersamer denn je auf
+seiner Geige spielte, gefiel Kasperle sehr. Michele stand vor dem Schloß,
+und seine Geige tönte süß und zart, jeder im Schloß hörte ihn spielen, und
+selbst der Herzog hatte sich weit seine Fenster auftun lassen, und er
+lauschte dem Spiel.
+
+Rosemarie aber saß an ihrem Fenster und weinte vor lauter Glück. Sie wand
+sich selbst ein grünes Kränzlein, das wollte sie morgen tragen, und sie
+dachte: Nun werde ich so glücklich wie die schöne Liebetraut im Waldhaus.
+
+Dann verstummte die Geige, es wurde still im Schloß, und der Mond, der zwar
+schon ein etwas schiefes Gesicht hatte, kam hinter den hohen, alten Ulmen
+hervor und sah neugierig in alle Zimmer hinein. Er sah Michele am Fenster
+sitzen und von glücklichen Tagen träumen, er sah Rosemarie noch immer an
+ihrem grünen Kränzlein winden, und er sah -- ja, was sah der Mond einmal
+wieder! Das Kasperle sah er im Freien herumspazieren. Das hatte wieder
+einen Weg hinaus gefunden. Ganz, ganz leise war es aus dem Zimmer
+geschlüpft, selbst Michele hatte den Strick nicht gehört. Und dann war er
+auf dem Treppengeländer hinuntergerutscht, das ging schnell und leise, und
+war durch ein offenes Fenster in den Garten hinausgestiegen. In dem ging er
+auf und ab. Er sah den Mond die Rosen sachte streicheln, er hörte die Bäume
+rauschen und -- da rief jemand erschrocken: »Oho!«
+
+Kasperle war beinahe über den Grafen von Singerlingen gefallen.
+
+»Bums!« schrie er erschrocken.
+
+»Na nu, wer rennt denn da herum?« fragte der Graf.
+
+»Ich bin's!«
+
+»Ei, potz Wetter, Kasperle! Du willst wohl gar schon wieder ausreißen?«
+
+»Nä!« Kasperle seufzte tief.
+
+Der Graf von Singerlingen seufzte noch tiefer. Endlich, sagte er:
+»Kasperle, was hast du angerichtet!«
+
+Kasperle senkte tief seine Nase. »Ich kann doch nichts dafür! Warum ist der
+Herzog ins Wasser gefallen!« murmelte er.
+
+»Jemine, du Dummkopf! Das meine ich doch nicht. Aber ich muß nun eine
+Prinzessin heiraten, weil dein Michele die schöne Gräfin Rosemarie
+bekommt.«
+
+»Ist das schlimm?« fragte Kasperle verdutzt. »Ich denke, das ist fein.«
+
+»_Die_ Prinzessin heiraten, ist schlimm!« Der Graf von Singerlingen sah so
+traurig aus, daß Kasperle tiefes Mitleid mit ihm fühlte. Er hatte die
+Prinzessin gar nicht angesehen, und er fragte zutraulich: »Wie sieht se
+denn aus?«
+
+»Schrecklich, wie -- Gift!« Der Graf ächzte, und Kasperle blickte ängstlich
+zum Schlosse hin. Vor der Prinzessin begann er sich zu fürchten. »Wo wohnt
+se denn?«
+
+»Dort, das dritte Fenster, das offen steht.«
+
+Sssim, ssim! huschten die Fledermäuse auf und ab an den beiden vorbei. Ein
+paar flogen ganz dicht heran und klapp, da hatte Kasperle zwei in seinem
+Mützlein gefangen. »Die laß ich in ihr Zimmer,« flüsterte er dem Grafen von
+Singerlingen zu, »vielleicht reißt sie aus.«
+
+»Unsinn,« wollte der Graf sagen, »bleib hier!« aber da war das Kasperle
+schon weggeflitzt.
+
+Efeu wuchs am Schloß empor, da war es für Kasperle kein schweres Klettern.
+Er war eins, zwei, drei oben und ssim! huschten die Fledermäuse in das
+Zimmer der Prinzessin.
+
+Die war noch wach, beschaute sich gerade den Hochzeitsstaat für den
+nächsten Tag, als ihr eine Fledermaus an der Nase vorbeischwirrte, eine
+andere fuhr ihr ins Haar, und durch die Abendstille tönte das Geschrei der
+Prinzessin.
+
+Das ganze Schloß wurde davon munter, selbst der Herzog wachte auf. Er
+fragte ärgerlich, was denn geschehen sei. Als man ihm sagte, Fledermäuse
+seien im Zimmer der Prinzessin, brummte er, dies sei nicht schlimm, darum
+brauche niemand so zu schreien.
+
+»Kasperle, du bist aber ein arger Strick!« sagte unten der Graf von
+Singerlingen.
+
+Kasperle blickte ihn mit seinen schwarzen Äuglein ganz unschuldig an. »Ich
+wollte sie ja nur weggraulen!« sagte er.
+
+»Das gelingt dir nicht.«
+
+»Doch und dann -- biste mir wieder gut?«
+
+Da mußte der Graf lachen. »Geh du nur in dein Bett, du unnützes Kasperle!«
+sagte er. »Ich bin dir schon nicht mehr böse.«
+
+Der Graf von Singerlingen ging in das Schloß zurück. Böse war er nicht,
+aber traurig. Er dachte: Wenn der Herzog nur nicht auf den Gedanken
+gekommen wäre, mir die Prinzessin zur Frau zu geben! Dann hätte ich meine
+Base Mauritia geheiratet, die ist zwar weder jung noch schön, aber sie kann
+die allerbesten Puddings machen. Na, und das ist auch etwas wert! Das kann
+die Prinzessin Gundolfine sicher nicht.
+
+Und die Prinzessin dachte just in dem Augenblick: Besser einen Grafen als
+überhaupt keinen Mann! Ich will mich auch recht schön putzen morgen. »He,
+was ist denn das?« Sie blickte sich erschrocken um. Am Fenster, das jetzt
+geschlossen war, war ein schwarzer Schatten aufgetaucht, aber gleich wieder
+verschwunden. Die Prinzessin rief ihre Kammerfrau, und beide schauten nun
+hinaus. Sie sahen aber nichts als lauter dicke, schwarze Schatten, sahen
+nicht, wie sich das Kasperle in den uralten Efeu verkroch.
+
+»Das war gewiß eine alte Eule,« sagte die Kammerfrau.
+
+Dies nahm die Prinzessin ordentlich übel. »In meiner Gegenwart redet man
+nicht von alten Eulen,« brummte sie, und dann sah sie noch einmal zum
+Fenster hinaus. Es war aber nichts zu sehen, und da ging sie schließlich
+beruhigt in ihr Bett.
+
+Kasperle aber hockte im nachtstillen Garten. Er hatte der Prinzessin noch
+ein paar Fledermäuse ins Zimmer lassen wollen, er meinte, dies sei ein
+gutes Mittel, jemand wegzugraulen. Dabei hatte er aber etwas gesehen, das
+ihm sehr, sehr sonderbar vorkam. Kasperle überlegte; im Waldhause hatten
+sie doch alle die Haare auf dem Kopfe gehabt, und keiner hatte sie abends
+neben sich gelegt. Die Prinzessin aber hatte ihre dicken, dunklen Zöpfe auf
+einem Tische liegen gehabt. Sonderbar, höchst sonderbar! Vielleicht hatte
+sie sich die Haare alle abgeschnitten und kam morgen ohne Haare. Ob sie da
+dem Grafen von Singerlingen besser gefiel? Es war doch eine schwierige
+Sache!
+
+Kasperle seufzte, und dann sah er sich nach seinem Fenster um. Da war es,
+er sah zwei Fenster nebeneinander, die standen offen, und hinter einem
+schlief das Michele, hinter dem andern war seine Stube. Er kletterte also
+wieder hinauf und dachte dabei: Hinab ging es leichter, da war doch noch
+ein Blitzableiter da! Aber nun war er schon angelangt, und weil er
+purzelmüde war, gedachte er auf Kasperleart ins Bett zu steigen. Er zog
+sich gar nicht erst aus, sondern tat einen gewaltigen Hopser.
+
+»Uff,« schrie jemand, »mir ist ein Stein auf den Magen gefallen! Hilfe,
+Hilfe!«
+
+Ei, da hatte das Kasperle wieder etwas angerichtet! Dem dicken
+Oberhofmeister war er auf den Magen gesprungen. Der schrie ach und weh,
+stöhnte, er müsse nun sterben, und ehe noch Kasperle entwischen konnte,
+kamen ein paar Diener gerannt.
+
+»Der Kasper war's,« rief der eine und hielt Kasperle am Hosenbödlein fest.
+
+»Haue, Haue!« ächzte der Oberhofmeister, aber ehe Kasperle noch einen
+Schlag bekommen hatte, erhob er seine Stimme und brüllte so mörderlich, daß
+diesmal der Herzog nun wirklich vor Schreck beinahe starb.
+
+Himmel, das ist Kasperle! dachte der Geiger Michael, und er kam eiligst
+seinem kleinen Freund zu Hilfe. Türen taten sich auf, Stimmen schwirrten
+durcheinander, keiner wußte recht, was geschehen war, nur der
+Oberhofmeister wußte es, der rief, man solle den Doktor holen und Kasperle
+hauen. Der eine Diener tat dies, der andere das, und es wäre Kasperle trotz
+seines Zetergeschreis übel ergangen, wenn Michael nicht herbeigeeilt wäre.
+Der entriß ripsch, rapsch Kasperle den Händen des Dieners, und trotzdem der
+Oberhofmeister furchtbar schalt, lief er doch mit seinem kleinen Freunde
+aus dem Zimmer.
+
+Draußen aber prallte er mit einem zusammen, das war des Herzogs erster
+Kammerdiener. Der sagte, Kasperle solle sofort zum Herzog kommen, der sei
+ganz erschrecklich böse.
+
+Dies war nun schlimm. Kasperle ließ die Nase hängen, er klammerte sich an
+sein Michele an, und der ging wirklich ungerufen mit und trat mit an des
+Herzogs Bett, in dem der ganz matt vor Schreck lag.
+
+Wirklich, der Herzog sah sehr wütend drein. Der Geiger dachte: O mein
+armes, armes Kasperle, wie wird dir das noch ergehen!
+
+»Was hast du gemacht?« schrie der Herzog Kasperle an.
+
+Der senkte den Kopf, seufzte tief und sagte, er sei nur ein bißchen zum
+Fenster hinausgeklettert und in das verkehrte hinein. Na, und da war er
+eben dem Oberhofmeister wie ein dicker kleiner Feldstein auf den Magen
+gefallen!
+
+»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »über solche Dummheiten sind Wir sehr
+böse, das tut man nicht bei Hofe. Und überhaupt, wie kannst du denn so
+geschwinde zu einem Fenster hinausklettern?«
+
+Kasperle sperrte seinen Mund weit auf. Das war doch leicht, zu einem
+Fenster hinauszuklettern! »'s geht fix,« murmelte er.
+
+»Soooo?« Dem Herzog fielen plötzlich die Fledermäuse ein, die im Zimmer
+seiner Base herumgeschwirrt waren. »Geht Fledermäuse fangen auch so fix?«
+fragte er.
+
+»Na ob!« Kasperle grinste von einem Ohr bis zum andern, aber gleich
+erschrak er sehr, denn der Herzog erhob drohend seinen goldenen Degen, der
+immer an seinem Bette hängen mußte, und er sagte streng: »Kasperle, hüte
+dich, sonst wirst du in einen Käfig gesperrt! Jetzt geh, und wehe dir, wenn
+heute noch einmal solches Geschrei entsteht!«
+
+Da ging Kasperle mit hängender Nase zum Zimmer hinaus, und draußen seufzte
+der Geiger Michael tief. »Ach, mein Kasperle, mein armes Kasperle, wie
+wird's dir ergehen!« sagte er traurig.
+
+Kasperle brummelte: »Ach, gut!« Und bei sich dachte er: Vielleicht sagt er
+doch einmal: »Geh zum Teufel!« Ich will's schon versuchen, daß er es sagt!
+
+
+
+
+Sechstes Kapitel
+
+Hochzeit und Reise
+
+Der Tag der Hochzeit brach an. Von weither kamen die Leute gelaufen, um
+Rosemarie, die liebliche Braut, zu sehen. Und alle freuten sich, daß sie
+nicht den alten Grafen von Singerlingen, sondern den schönen jungen Geiger
+Michael zum Manne bekam.
+
+In aller Morgenfrühe, als der Herzog gerade frühstückte, spielte das
+Michele auf der Wiese vor dem Schloß auf seiner Geige. Das klang wundersam.
+Jetzt klagte und weinte die Geige nicht mehr, sondern sie jauchzte, und
+manch einer, der zuhörte, meinte, ihm müsse das Herz springen vor Freude,
+so jubelte die Geige.
+
+Die schöne Rosemarie stand still in ihrem weißen Kleide mit dem grünen
+Kränzlein im Haar neben dem Geiger, und jeder, der die beiden sah, erzählte
+noch sein Lebenlang, ein schöneres Paar habe er nie wieder gesehen.
+
+Und dann raunten und tuschelten sich die Leute zu: »Und morgen heiratet der
+Graf von Singerlingen des Königs Base, die Prinzessin Gundolfine.«
+
+»Warum denn morgen, warum nicht heute?« fragte ein naseweises Jungfräulein.
+
+»Weil die Kammerfrau der Prinzessin die Krone vergessen hat, und eine
+richtige Prinzessin muß eine Krone tragen, wenn sie heiratet,« erzählte der
+Kasperlemann, der auch unter den Zuschauern war.
+
+»Da kommt sie!« schrie ein rechter Dreikäsehoch.
+
+»Wer, die Krone?«
+
+»Nä, die Prinzessin!«
+
+Prinzessin Gundolfine kam wirklich daher. Sie hatte ein himbeerrotes Kleid
+an und war mit vielen Diamanten und Perlen geschmückt. Alle staunten sie
+an, das Kasperle aber, das auf einem Baum, ganz dicht in der Krone,
+verborgen saß, staunte am allermeisten. Nein, so etwas! Die Prinzessin
+hatte sich die Haare doch nicht abgeschnitten, sie trug sie heute wieder
+auf dem Kopf. Wie war das nur möglich?
+
+»Hurra, hurra!« brüllten unten die Leute, denn eben kam der Herzog an,
+gefolgt von seinen Hofherren; etliche Damen waren auch da, und alle waren
+sie köstlich und reich gekleidet. Sie gingen auf dem Platz auf und ab. Der
+Herzog meinte, die Leute, die zur Hochzeit gekommen waren, sollten doch
+auch die Hochzeitsgäste sehen.
+
+Die Prinzessin Gundolfine lächelte den Grafen von Singerlingen lieblich an,
+und der lächelte wieder, denn er fand die Prinzessin heute eigentlich recht
+nett. Er dachte: Vielleicht ist es gar nicht wahr, daß sie so boshaft ist,
+wie die Leute sagen; na, und die Puddings kann ja schließlich auch die
+Köchin kochen, von einer Prinzessin kann man so etwas doch nicht gut
+verlangen!
+
+Prinzessin Gundolfine stellte sich unter den Baum, auf dem Kasperle saß.
+Ganz dicht stand sie unter ihm, und Kasperle dachte: Ein klein, klein
+bißchen will ich sie mal zupfen; muß doch sehen, wie das mit den Haaren
+ist.
+
+Der Herzog stellte sich in die Mitte des Platzes, sagte allen Leuten einen
+schönen guten Tag und verkündete ihnen, daß jetzt gleich die Gräfin
+Rosemarie den Geiger Michael heiraten werde und morgen der Graf von
+Singerlingen seine Base Gundolfine zur Frau --
+
+
+»Jemine, sie hat keine Haare!« schrie ein vorwitziger Bub, und alle
+starrten verdutzt auf die Prinzessin. Die hatte sich ganz plötzlich bei den
+Worten des Herzogs tief verneigt und -- da waren alle ihre Haare am Baum
+hängen geblieben.
+
+Kasperle, der tief im dichten, grünen Laub saß, war am allerverdutztesten.
+Erst hatte er die Prinzessin ein wenig gezupft, die hatte das nicht
+gemerkt; da hatte er ein Zweiglein genommen, es in die Haare gesteckt, noch
+eins und noch eins, und es war wie bei Absalom: die Prinzessin blieb am
+Baume hängen oder vielmehr nur ihre Haare, denn sie stand kahlköpfig und
+sehr verdattert da.
+
+Ein paar Augenblicke wußte sie gar nicht, was sie sagen sollte, aber dann
+rief sie laut, sie falle in Ohnmacht, und just da rutschte Kasperle oben
+auf dem Baume aus, und ein Beinchen baumelte plötzlich herab.
+
+»Kasperle!« schrien viele Stimmen, alte und junge, freundliche und
+unfreundliche; eine aber schrie »Kasperle!«, als wollte sie das Kasperle
+gleich aufspießen. Das war die Prinzessin Gundolfine. Und wutsch! ergriff
+sie Kasperles Bein, zog und zerrte, Kasperle verlor das Gleichgewicht und
+plumpste wie ein Apfel vom Baume herab.
+
+»Er muß aufgehängt werden, eingesperrt, durchgeprügelt,« schrie die
+Prinzessin, und dabei schlug sie mit der Faust auf Kasperle ein; gar nicht
+ein bißchen prinzessinnenhaft sah das aus. Und so ein bitterliches Gesicht
+machte sie dazu, daß der Graf von Singerlingen bei sich dachte: Dem Himmel
+sei Dank, daß sie noch nicht meine Frau ist, die heirate ich nie und
+nimmermehr!
+
+Kasperle schrie, die Prinzessin schlug, und der Herzog wurde grün und gelb,
+so ärgerte er sich. »Nehmt Kasperle, tragt ihn ins Schloß und sperrt ihn
+ein!« sagte er hart zu seinen Dienern. Und diesen, denen das arme Kasperle
+leid tat, war der Befehl nur recht, sie entrissen Kasperle der wütenden
+Prinzessin und schleppten ihn ins Schloß. Dort sperrten sie ihn in ein
+kleines, dunkles Gemach, das nur ein vergittertes Fensterlein hatte.
+
+Da saß Kasperle am Hochzeitstag seines Freundes Michael gefangen, und
+niemand hörte sein bitterliches Weinen. Die schöne Gräfin Rosemarie bat
+zwar unter Tränen den Herzog, er möchte doch Kasperle freilassen, aber der
+sagte streng: »Nein, er bleibt eingesperrt, und wenn du noch ein Wort
+sagst, Rosemarie, dann bekommst du den Geiger nicht zum Mann.«
+
+Es war wirklich gar keine fröhliche Hochzeit. Wohl sangen die Vögel im
+Freien: Rosemarie ist Braut, Rosemarie, Rosemarie! Und die Blumen dufteten
+köstlicher als sonst. Im Dorf tanzten die Leute vergnügt und sangen dazu:
+
+ »Rosemarie, du feine,
+ Du bist nicht mehr alleine,
+ Einer, der schön geigen kann,
+ Ist nun dein herzlieber Mann
+ Lalala, lalala.«
+
+
+Aber die schöne Rosemarie war doch traurig an ihrem Hochzeitstag, und der
+Geiger Michael war es auch. Das tat einem leid, und zwar dem guten Grafen
+von Singerlingen. Der dachte: Wenn ich nun auch nicht die schöne Rosemarie
+bekommen habe, traurig soll sie doch nicht sein. Er stand darum von der
+Tafel auf, hielt sich sein Taschentuch vor das Gesicht, und die Prinzessin
+Gundolfine, die nun wieder Haare hatte, fragte ordentlich zärtlich: »Sie
+haben wohl Nasenbluten?«
+
+Der Graf sagte kein Tönlein, er ging zum Saal hinaus, ging schnurstracks in
+die Küche und verlangte von der alten Liesetrine Braten, Kompott und sehr
+viel Torten sowie Süßspeise. Darob sah ihn die alte Liesetrine sehr
+verwundert an, aber sie häufte alles, was er wollte, auf Teller, stellte
+sechs in eine Reihe auf ein Brett und fragte, ob's nun genug sei. Bei sich
+dachte sie: Nein, ist der Graf ein Vielfraß!
+
+Der Graf von Singerlingen nickte, nahm das Brett und spazierte damit ganz
+feierlich zur Küche hinaus. Er ging, bis er einen Diener fand, der Kasperle
+mit fortgetragen hatte. »Ich will zu Kasperle,« sagte er, »schließ mir
+auf!«
+
+Nun wagte der Diener dem Grafen, der morgen des Herzogs Base heiraten
+sollte, nicht zu widersprechen, auch gönnte er Kasperle wohl alle guten
+Dinge. Er zeigte dem Grafen also den Weg, holte den Schlüssel und schloß
+auf. Er brachte auch eine dicke, dicke Kerze herbei, weil es in Kasperles
+Kämmerchen ganz dunkel war.
+
+Kasperle kauerte im Winkel und heulte. Da fiel auf einmal ein heller
+Lichtschein herein, und er sah den Grafen von Singerlingen mit lauter guten
+Dingen mitten in der Kammer stehen. Er vergaß das Weinen, setzte sich
+vergnügt an den Tisch und begann zu schmausen. Das ging, potztausend!
+
+»Kasperle, lieber Himmel, kannst du aber flink essen!« rief der Graf
+verwundert. Und dann erzählte er Kasperle von der Hochzeit.
+
+Auf einmal rutschte Kasperle zu ihm hin, schlang seine Arme um ihn und bat:
+»Heirate sie nicht, sie ist schlimm! Tu's ja nicht!«
+
+»Ja, sie ist schlimm,« rief der Graf, »und ich heirate sie auch nicht.«
+
+Sie meinten aber alle beide die Prinzessin Gundolfine.
+
+Nun gab der Graf Kasperle noch allerlei gute Lehren, sagte ihm, der Herzog
+sei eigentlich nicht böse, sondern nur oft schlecht gelaunt, er solle ihn
+ja nicht ärgern. Und dann küßte der gute Graf das Kasperle, und Kasperle
+bekam plötzlich schrecklich Angst vor dem Alleinsein und bat: »Nimm mich
+mit!«
+
+»Kasperle,« sagte der Graf, »du hast doch dein Wort gegeben, denn sonst
+hätte dein Michele nicht die Gräfin Rosemarie bekommen.«
+
+Kasperle seufzte tief. Ja freilich, das hatte er, und selbst ein unnützes
+Kasperle hält sein Wort. Er versprach dem Grafen noch, erschrecklich brav
+zu sein, und dann ging der, und Kasperle trug ihm viele Grüße an Rosemarie
+und sein Michele auf.
+
+Die beiden staunten, als der Graf von Singerlingen ihnen erzählte, er sei
+bei Kasperle gewesen. »So, und nun reise ich heimlich ab,« flüsterte er der
+schönen Rosemarie zu. »Für die Prinzessin danke ich schön!« --
+
+»Man soll Kasperle holen,« rief in dem Augenblick der Herzog, »er soll uns
+etwas vorkaspern!«
+
+»Das muß ich noch sehen,« flüsterte der Graf. »O weh, o weh, wenn da nur
+nicht eine Dummheit herauskommt!«
+
+Ein paar Diener liefen und holten den Kasperlemann, holten auch Kasperle,
+der sollte in des Kasperlemanns Budchen spielen.
+
+»Mach's nur gut!« ermahnte der Kasperlemann.
+
+Schwipp! hatte er einen Nasenstüber von Kasperles Fuß bekommen.
+
+»Au!« schrie er, und im Saal riefen sie: »Anfangen!«
+
+Da steckte Kasperle flink den Kopf heraus und machte sein allerbösestes
+Räubergesicht, und dann auf einmal sah Kasperle wie die Prinzessin
+Gundolfine aus. Er wuschelte sich immer auf dem Kopf herum, als suche er
+sein Haar, und alle im Saal fingen an zu lachen.
+
+»Er macht es mir nach,« kreischte die Prinzessin, »er -- hach!« und pardauz
+fiel sie in Ohnmacht, denn gerade hatte Kasperle sein Teufelsgesicht
+gemacht.
+
+»Diese dummen Ohnmachten!« brummte der Herzog. Dem hatte Kasperle nämlich
+viel Spaß gemacht, und er lächelte sogar ein wenig.
+
+Rosemarie dachte schon, Kasperle würde nun dableiben können, aber der
+Herzog gebot: »Sperrt ihn wieder ein!«
+
+Das war betrüblich.
+
+Kasperle zog traurig ab. In seinem Kämmerlein legte er sich aber mitten auf
+den Tisch, und da schlief er ritze ratze ein. Und er hörte nicht, wie die
+Gäste abfuhren, wie es stiller und stiller im Schloß wurde, er hörte auch
+nicht, daß der Graf von Singerlingen in aller Stille abreiste. Er erwachte
+erst, als ihn jemand kräftig schüttelte. Gähnend richtete er sich auf und
+sah sich verschlafen um. Ein Diener stand da, der lachte, als er in das
+blitzdumme Kasperlegesicht sah. »Steh auf,« sagte der Mann, »wir reisen ab.
+Flink, flink, und dann, Kasperle, halte heute deinen Mund! Der Herr Herzog
+ist sehr schlechter Laune.«
+
+»Warum denn?« Kasperle starrte den Diener mit aufgerissenem Munde an. Er
+dachte: Aber ich habe doch geschlafen und keine Dummheit gemacht!
+
+»Weil der Graf von Singerlingen heimlich davongefahren ist und einen Brief
+geschrieben hat, er werde die Prinzessin Gundolfine nicht heiraten.«
+
+»Ich tät's auch nicht,« brummelte Kasperle, »nä, die nicht«
+
+»Das glaub' ich schon!« Der Diener lachte, und weil er es gut mit dem
+kleinen dummen Kasperle meinte, riet er dem noch: »Nimm dich aber vor der
+Prinzessin in acht, die ist schrecklich böse auf dich; sie sagt, du wärst
+an allem schuld und müßtest noch bestraft werden.«
+
+Na, eine erfreuliche Aussicht war das gerade nicht. Kasperle kletterte
+seufzend von dem Tisch herab und folgte dem Diener. Draußen standen die
+Wagen schon zur Abfahrt bereit, und der Herzog ließ sich eben von Rosemarie
+und Michael an den seinen geleiten. Er sah wirklich aus wie vierzehn Tage
+ganz abscheuliches Regenwetter, und selbst die schöne Rosemarie bekam
+keinen freundlichen Blick.
+
+Als der Herzog Kasperle sah, rief er: »Der soll auf dem Bock sitzen!«
+
+Da kreischte die Prinzessin Gundolfine: »Nein, nein, das soll er nicht!«
+
+»Doch, er soll!« rief der Herzog, und Kasperle wurde auf den Bock gehoben.
+Er wollte erst noch Abschied von seinem Michele und Rosemarie nehmen, aber
+der Herzog brummte: »Laß das, du gehörst mir und damit basta!«
+
+Da konnte Kasperle nicht einmal Abschied von seinen Freunden nehmen. Er saß
+auf dem Bock, zwischen Kutscher und Diener, und heidi, fort ging die Fahrt!
+
+Kasperle winkte und winkte noch, solange er Michele und Rosemarie sehen
+konnte, aber dann entschwand das Schloß seinen Blicken, er fuhr in die
+Fremde hinein.
+
+»Uff!« schrecklich tief seufzte Kasperle, und der Diener fragte mitleidig:
+»Du hast wohl Hunger?«
+
+Aber ach, da fing das Kasperle an zu heulen nach Kasperleart. Innen im
+Wagen erschrak der Herzog furchtbar. »Was ist das?« rief er. »Uns rennt
+wohl ein wildes Tier nach? Halten, halten!«
+
+Der Wagen hielt, Kasperle heulte unverdrossen weiter; und der Herzog bog
+sich erschrocken zum Fenster hinaus. »Was ist geschehen?«
+
+»Mit Verlaub, Euer Gnaden, Kasperle heult,« antwortete der Diener.
+
+»Kasperle heult!« Ganz verwirrt schaute der Herzog drein, aber die
+Prinzessin Gundolfine schrie: »Das ist eine neue Bosheit von ihm. Prügel
+muß er haben!«
+
+»Er soll gleich still sein, sonst gibt es Haue,« rief der Herzog. »Und dann
+steckt ihn in den Gepäckwagen, das ist besser.«
+
+Also wurde Kasperle in den Gepäckwagen gesteckt, zwischen alle Koffer,
+Schachteln und Kisten mitten hinein, und der Diener, der es tat, gab ihm
+mitleidig noch ein Paket Butterbrote. »Nun mach' also keine Dummheiten!«
+sagte er gutmütig. Er schloß die Türe, und weiter ging die Reise.
+
+Rumpel, pumpel, die Koffer und Schachteln wackelten hin und her, und
+Kasperle dachte: Na, schön ist das gerade nicht! Alle naselang bekam er
+einen Stoß von einem Koffer, und das wurde ihm doch zu toll. Er fing also
+an zu klettern und saß schließlich oben auf einer großen Rundschachtel. Da
+setzte er sich recht behaglich hin und begann zu schmausen. Aber gerade wie
+er beim dritten Butterbrot angelangt war, gab es einen lauten Krach: der
+Deckel der Schachtel barst und Kasperle fiel hinein. Er lag ganz weich
+zwischen Spitzen, Federn, Blumen und Bändern; er war nämlich in die
+Haubenschachtel der Prinzessin Gundolfine gefallen.
+
+Kasperle wuschelte und raschelte darin herum, warf dabei etliche
+Staatshauben hinaus, ein paar, die weich und fein waren, knüllte er
+zusammen, da hatte er ein schönes Kopfkissen, und dann setzte er sich noch
+eine riesengroße seidene, vielfach bebänderte Haube auf, rollte sich wie
+ein Igel zusammen und schlief ein.
+
+Kasperle verschlief wieder allerlei. Er verschlief zum Beispiel eine
+Mittagsrast, die der Herzog in einem kleinen Städtchen hielt.
+
+Weil die Prinzessin Gundolfine so arg wütend war, sagte der Herzog, man
+solle Kasperle ruhig im Gepäckwagen lassen, da sei er gut aufgehoben. Also
+kümmerte sich niemand um den kleinen Schelm, und nach einer Stunde gingen
+die Wagen weiter. Kasperle schlief und schlief.
+
+Am Nachmittag zog sich ein Ungewitter zusammen. Die schwarzen Wolken
+rannten dem herzoglichen Wagen nach, und weil sich der Herzog erschrecklich
+vor einem Gewitter fürchtete, befahl er, in Dingelhausen solle geschwind
+Rast gemacht werden. Dingelhausen war ein herzogliches Gut, und der Pächter
+kam gleich angelaufen, als die Wagen alle vor das Schloß fuhren.
+
+Just in dem Augenblicke wetterte es aber auch schon los. Bum, bum, krach!
+Der Regen platschte herab, und der Herzog, die Prinzessin und alle Hofleute
+rannten in das Schloß hinein, die Wagen wurden in den Schuppen geschoben,
+und kein Mensch kümmerte sich um Kasperle.
+
+Der Herzog sagte, er müsse gleich in sein Bett gehen, der Leibarzt riet, er
+solle Kamillentee trinken, die Prinzessin rief, sie müsse auch in das Bett
+gehen, und erst, als der Herzog im Bette lag, fiel ihm das Kasperle ein. Er
+rief erschrocken: »Kasperle ist ausgerissen!« Sein zweiter Kammerdiener
+aber kam und sagte, er habe Kasperle in den Wagen, in dem das große Gepäck
+sei, gesteckt, da könne er nicht hinaus, und Butterbrote habe er ihm auch
+dazu gegeben.
+
+»Na, dann ist's gut!« brummelte der Herzog. »Da mag er nur drin bleiben.
+Solange die Prinzessin, meine Base, noch mitreist, ist es besser, Kasperle
+kommt nicht zum Vorschein.«
+
+Und dann trank der Herzog lieber Schokolade als Kamillentee, streckte sich
+behaglich im Bett aus, denn seine Großmutter hatte behauptet, ins Bett
+schlage der Blitz nicht. Um das arme Kasperle aber kümmerte sich niemand.
+Ja, die Prinzessin Gundolfine sagte sogar, der Gepäckwagen sei eigentlich
+zu gut für das böse Kasperle.
+
+
+
+
+Siebentes Kapitel
+
+In der Haubenschachtel
+
+Es blitzte, donnerte und regnete arg an diesem Nachmittag, und es schien
+gar nicht aufhören zu wollen. Bum, bum, krach! ging das immerzu. Mal tat es
+so, als wollte es besser werden, aber gleich donnerte und blitzte es wieder
+heftig, und der Herzog gab die Weiterreise schließlich auf. Er hatte die
+Prinzessin Gundolfine noch nach ihrem Schloß Burggrün bringen wollen, aber
+da sich auch die Prinzessin schrecklich fürchtete, blieben alle beide in
+Dingelhausen, und alle beide blieben sie gleich im Bette liegen.
+
+Und weil die Begleiter des Herzogs und die Hofdamen der Prinzessin nichts
+anzufangen wußten und alle müde waren, gingen sie auch in das Bett. Bald
+lag das kleine Schloß dunkel da, der Pächter, seine Frau, seine Leute, alle
+schliefen, und alle hörten nur noch, wie der Regen nachließ. Das Wetter zog
+vorbei. Allmählich kamen die Sterne am Himmel zum Vorschein und der Mond,
+der nun schon ein recht schiefes Gesicht hatte, kam auch, um zu sehen, was
+tagsüber geschehen war.
+
+Im Wagenschuppen, wo der Gepäckwagen stand, war es ganz dunkel, aber der
+Mond fand doch einen Spalt, schaute durch den hinein, Kasperle gerade ins
+Gesicht. Daran wachte Kasperle nun freilich nicht auf, sondern von einem
+heftigen Gerumpel in seinem Mäglein. Er hatte Hunger. Als Kasperle die
+Augen aufschlug, wußte er erst nicht, wo er sich befand. Auch daß er Hunger
+hatte, kam ihm nicht zum Bewußtsein; nur daß da in seinem Magen etwas nicht
+in Ordnung war, merkte er. Verwirrt richtete er sich auf, das raschelte und
+rauschte um ihn herum, und der Mond schien so freundlich zu ihm herein. Da
+besann sich Kasperle nach und nach auf alles, was geschehen war. Auch die
+Butterbrote fielen ihm ein, und er fand die neben sich in dem großen
+Haubenkoffer liegen. Da begann er zu schmausen, und als er satt war, hatte
+er auch Lust, ein bißchen Dummheiten zu machen.
+
+Freilich, in einem Gepäckwagen läßt sich schwer etwas anstellen, zumal nur
+gerade das Fleckchen, auf dem der Haubenkoffer stand, etwas hell war; alles
+andere lag im tiefen Schatten.
+
+Kasperle gähnte, Kasperle seufzte, es war doch recht langweilig in einem
+Gepäckwagen! Auf einmal zwickte und zwackte ihn etwas, sein kleines
+Kasperleherz tat ihm weh. Er dachte an das Waldhaus und seine Bewohner, an
+sein Michele und die schöne Rosemarie, und da wuschelte er den Kopf in der
+Prinzessin Gundolfine Hauben und schluchzte bitterlich.
+
+Wie schwer war es doch, so ein armes, verlassenes Kasperle zu sein! Nun
+mußte er immer bei dem Herzog leben, vielleicht sah er die Waldhausleute
+nie, nie wieder und sein Michele nicht und Rosemarie nicht.
+
+Ach, sicher, der Herzog war boshaft! Der würde nie sagen: »Geh zum Teufel!«
+Der würde ihn immer gleich einsperren und auch hungern lassen.
+
+Kasperle trommelte mit beiden Fäusten wütend auf den Hauben herum. Schlimm,
+schlimm, schlimm erging es ihm!
+
+Ausreißen wäre am besten, dachte er.
+
+Aber da meinte er seines Michele Stimme zu hören, die sprach: Sein
+Versprechen muß man halten. Ein Schuft, wer sein Wort bricht.
+
+Kasperle stöhnte. Ach, er hatte es schon schlecht jetzt! Und dann fiel ihm
+seine Urheimat ein, die schöne Kasperleinsel, von der er oft geträumt
+hatte. So ganz genau wußte er es nicht mehr, wie es da war. Immer, wenn er
+an die ferne, unbekannte Insel im Weltmeer dachte, sah er ja nur viele,
+viele bunte, leuchtende Blumen, meinte seltsam schöne Vögel singen zu hören
+und andre kleine lustige Kasperles zu sehen. Aber alles war ihm nur noch
+wie ein Traum; er war schon so lange unter den Menschen, da hatte er vieles
+vergessen.
+
+Gewiß finde ich nicht mehr auf meine Kasperleinsel zurück, dachte der
+kleine Kerl traurig. Er wuschelte wieder den Kopf zwischen Prinzessin
+Gundolfines Staatshauben und weinte aufs neue. In einem Gepäckwagen
+eingeschlossen zu sein, so allein in der Nacht, ist aber auch so eine
+Sache.
+
+Doch allzulange kann ein Kasperle nicht traurig sein. Kasperle sah den Mond
+neugierig in den Gepäckwagen gucken, und weil der kleine Dummkopf meinte,
+der Mond hätte just nichts anderes zu tun, als ihn, das Kasperle,
+anzusehen, nahm er eine der Staatshauben, stülpte sie sich wieder auf den
+Kopf und grinste den Mond an.
+
+»Bäh!« machte Kasperle, aber -- plötzlich sank er vor Schreck in die große
+Haubenschachtel zurück.
+
+Was wisperte, flüsterte, raschelte und klirrte denn da draußen?
+
+Kasperle konnte nichts sehen, aber er hörte Stimmen, hörte leise, leise
+Schritte.
+
+Jemand sagte: »Dort in der Ecke, der ist's!«
+
+Eine andere Stimme antwortete: »Nur leise, leise, damit sie im Schloß
+nichts hören!«
+
+»Sie schlafen alle, kein Fenster ist mehr hell,« erwiderte die erste
+Stimme.
+
+Die andere sprach: »Nimm dich in acht, hier sind große Pfützen, platsch'
+nicht hinein! Werden auch die Hunde schweigen?«
+
+»Ach die! Denen habe ich jedem eine Wurst zugeworfen,« sagte wieder der
+erste. Und der zweite fragte: »Weißt du, wo der Koffer mit all den goldenen
+Orden und Diamanten steht?«
+
+»Freilich, gleich links an der Seite; ich habe doch den Wagen oft packen
+helfen.«
+
+Nun lachten beide und rippelten und rappelten draußen am Schloß, und dabei
+sagte die erste Stimme: »Der Prinzessin Gundolfine ihre Staatskleider sind
+auch im Wagen, vielleicht finden wir sie.«
+
+»Ich hab' eine Laterne, die kann ich im Wagen anzünden,« antwortete der
+andere wieder, und diese Stimme kam Kasperle merkwürdig bekannt vor.
+
+Wer konnte das nur sein?
+
+Kasperle zitterte vor Angst. Sicher waren es Diebe. Wenn die ihn fanden, --
+oh, dann konnte es ihm schlimm ergehen! Ich krieche unter die Hauben,
+dachte er, aber gleich fiel es ihm ein, wenn er recht, recht laut schrie,
+dann hörte man es wohl im Schloß, und vielleicht rissen die Diebe auch aus
+und stahlen nichts.
+
+»Potz Wetter, aber das ist fest verschlossen!« brummte einer.
+
+Rippel, rappel, der Wagen schwankte hin und her, da tuschelte draußen die
+Stimme: »Jetzt geht's.«
+
+Krach, sprang das Schloß auf, zwei Männer schauten in das Dunkel hinein.
+Einer tastete mit der Hand nach links und sagte enttäuscht: »Jetzt steht ja
+der kleine Koffer nicht mehr da!«
+
+»Ich zünde die Laterne an.«
+
+»Tu's lieber nicht!« mahnte der erste.
+
+»Ach was, hier sieht es ja niemand!« erwiderte der zweite. Er begann auf
+sein Feuerzeug zu schlagen, ein Fünkchen flammte auf, und gleich darauf
+brannte eine kleine Laterne.
+
+»Wir müssen alles durchsuchen,« sagte der erste.
+
+Kasperle wurde es glühheiß vor Angst. Ich muß sie erschrecken, dachte er.
+Und auf einmal fiel ihm ein, er wollte so ein essigsaures Gesicht wie die
+Prinzessin Gundolfine machen.
+
+Er hatte es kaum gedacht, da schoß er auch schon aus dem Haubenkoffer
+heraus. Die große Haube der Prinzessin wackelte auf seinem Kopf, und die
+beiden Diebe brüllten entsetzt: »Die Prinzessin, die Prinzessin!«
+
+Noch mehr als sie aber brüllte Kasperle, und eins, zwei, drei schlug er den
+beiden die Hauben um die Köpfe, daß denen Hören und Sehen verging.
+
+Klirr, fiel die Laterne zu Boden, schreiend wollten beide fliehen, beide
+rannten an die Schuppentüre, pardauz! schlug sie dem einen an den Kopf,
+bums! dem andern. Der erste verlor das Gleichgewicht, purzelte und versank
+draußen in einer großen Pfütze, der andere stolperte über ihn, -- platsch!
+lag er auch da. »Au,« stöhnte er, »mein Bein!«
+
+»Meine Nase!« ächzte der andere.
+
+Innen aber brüllte Kasperle, so gellend laut er nur konnte, und da wurde es
+hell im Schloß und im nahen Stall; der Pächter kam, Knechte kamen, die
+Hofleute wurden wach, und ehe die beiden Diebe noch auf den Beinen standen,
+da waren sie schon umringt.
+
+»Hallo, das ist der Kasperlemann!« rief einer.
+
+»Hallo, der fortgejagte Klaus!« schrie ein anderer.
+
+»Jemine, aber wer schreit im Wagen so schrecklich?« fragte der Pächter.
+
+»Ach du lieber Himmel, das ist ja Kasperle!« Der eine Diener leuchtete mit
+einer Laterne, ein paar andere drängten nach, während die Knechte die
+beiden Diebe fortschleppten. Da stand der Gepäckwagen auf und da --
+
+»Die Prinzessin!« rief der erste Diener entsetzt.
+
+
+»Alle guten Geister, die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!« kreischten die
+andern. Und weil sie alle vor der Prinzessin eine große Angst hatten,
+rannten sie alle zurück und schrien nur immerzu: »Die Prinzessin sitzt im
+Gepäckwagen, die Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!«
+
+Über dem Lärm wurde der Herzog munter, er fragte laut: »Was ist denn los?«
+
+Da stürzte sein Kammerdiener in das Zimmer und rief: »O, gnädiger Herr
+Herzog, die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepäckwagen, und beinahe wäre
+sie gestohlen worden!«
+
+»Im Gepäckwagen?« stammelte der Herzog. »Nein, sie hat doch auch zu
+wunderbare Launen!«
+
+»Wo soll ich sitzen?« kreischte draußen auf dem Flur die Prinzessin. »Wer
+sagt, daß ich im Gepäckwagen sitze? Was ist das für eine Frechheit!«
+
+»Die Prinzessin Gundolfine sitzt im Gepäckwagen.« Der jüngste Page rannte
+den Flur entlang, und schwipp, schwapp hatte er eine Ohrfeige rechts und
+eine links, und vor ihm stand die Prinzessin in einem dottergelben
+Schlafrock und rief ihm zu: »Siehst du nicht, daß ich hier stehe? Wie kann
+ich da im Gepäckwagen sitzen! Was ist das überhaupt für eine dumme Rede?
+Ich habe noch nie im Gepäckwagen geschlafen.«
+
+»Aber -- aber --« Der Page konnte vor Erstaunen kein Wort reden.
+
+Doch da kam schon wieder ein Diener gelaufen, der schrie auch: »Die
+Prinzessin sitzt im Gepäckwagen!«
+
+Schwipp, schwapp, hatte er auch ein paar Ohrfeigen weg, und als er darob
+ein furchtbares Gebrüll anfing, steckte der Herzog selbst seine Nase aus
+dem Zimmer heraus und fragte: »Aber liebe Gundolfine, was ist das? Warum
+hast du denn im Gepäckwagen gesessen?«
+
+»Jetzt das ist mir doch zu dumm!« rief die Prinzessin entrüstet. »In meinem
+ganzen Leben habe ich noch nicht im Gepäckwagen gesessen; das wäre ein ganz
+unschicklicher Aufenthalt und --«
+
+»Der hat im Gepäckwagen gesessen und die Diebe verjagt!« Der Pächter kam
+angelaufen, im Arm hielt er das Kasperle, das noch immer der Prinzessin
+allerschönste Staatshaube auf dem Kopfe trug. Es zappelte und schrie arg,
+als es die Prinzessin erblickte.
+
+»Hach, meine allerbeste, allerteuerste Haube!« Gundolfine stürzte sich
+wütend auf das Kasperle, und sie hätte ihm wohl die Haare ausgerissen, wenn
+der Pächter den kleinen Kerl nicht beschützt hätte.
+
+»Mit Verlaub,« sagte der, »dem darf nichts getan werden, das ist ein
+ungeheuer tapferer Bursch; der hat so geschrien, daß die Diebe in eine
+große Pfütze gefallen sind und --«
+
+»Meine Haube, meine Haube, du abscheuliches Kasperle!« Die Prinzessin
+stürzte sich wieder auf Kasperle, und der Pächter drehte sich vor Schreck
+mit dem rund um.
+
+Doch da gebot der Herzog streng: »Ruhe! Jetzt soll erst einmal Kasperle
+erzählen, was eigentlich geschehen ist. Niemand darf ihn anrühren.«
+
+Kasperle schluchzte, erst konnte er gar nicht sprechen, aber dann erzählte
+er doch, wie er die Diebe gehört habe, die des Herzogs Orden und der
+Prinzessin Staatskleider hätten rauben wollen. »Da habe ich mir flink eine
+Haube aufgesetzt und habe ein Gesicht wie die da gemacht,« schloß Kasperle
+und deutete mit dem Fingerlein auf die Prinzessin, »weil -- weil sich vor
+der alle graulen.«
+
+»Hach, ist das frech!« Die Prinzessin wollte in Ohnmacht fallen, aber sie
+sah auf einmal, wie alle lächelten; selbst der Herzog schmunzelte, als nun
+der Pächter erzählte, die Diebe, der Kasperlemann und ein früherer Diener
+Klaus, seien noch ganz verdattert vor Schreck, sie meinten wirklich, die
+Prinzessin habe selbst im Gepäckwagen gesessen.
+
+»Er muß Haue haben!« Die Prinzessin war wirklich zornig.
+
+»Nein,« sagte der Herzog, »Kasperle hat sehr mutig gehandelt. Sei doch
+froh, daß deine Staatskleider nicht geraubt sind!«
+
+»Aber meine Haube!«
+
+»Nun, der einen Haube ist ja nichts geschehen!« Der Herzog war ärgerlich.
+Er befahl, man solle Kasperle nun in ein Bett legen, damit er sich
+ausschlafen könne, er habe sich so mutig benommen, und er wäre ihm sehr,
+sehr dankbar. Und er nickte dem Kasperle freundlich zu, und alle nickten
+auch freundlich, nur die Prinzessin sah bitterböse aus, und dem Kasperle
+war das Herz recht schwer, als er daran dachte, daß er zwischen den Hauben
+und Hüten der Prinzessin gelegen hatte. O weh, das würde morgen eine böse
+Überraschung geben!
+
+Der Diener Veit, der Kasperle in ein Zimmer führte, war ein gutherziger
+Bursche; er merkte wohl, daß etwas Kasperle bedrückte, und freundlich
+fragte er: »Was fehlt dir denn?«
+
+Stöhnend vertraute ihm Kasperle an, wo er im Gepäckwagen gelegen hatte.
+
+Veit lachte. »Ja, warum stecken sie dich auch da hinein!« sagte er. »Aber
+sei getrost, ich schließe den Koffer noch, und morgen wird er abgeladen. Da
+merkt die Prinzessin erst auf ihrem Schloß, daß du zwischen ihren Hauben
+gesessen hast. Warum sperren sie dich auch da ein! Wenn einer im Dunkeln in
+etwas fällt, kann er nichts dafür.«
+
+Das tröstete Kasperle sehr. Er reckte und streckte sich in seinem Bett aus,
+und er kam sich schließlich selbst wie ein kleiner Held vor.
+
+Kasperle schlief vergnügt bis zum Morgen, er schmauste vergnügt sein
+Frühstück, und dann durfte er dem Herzog guten Morgen sagen. Der schenkte
+ihm zur Belohnung für seine Tapferkeit gestern eine große Tüte Zuckerwerk
+und sagte, nachher, wenn er sich von der Prinzessin, die nur noch zwei
+Stunden weit mitfahre, getrennt habe, solle er in den Wagen zu ihm kommen.
+Er dürfe auch noch um etwas bitten, er solle sich nur recht überlegen, um
+was; nur um seine Freiheit dürfe er nicht bitten.
+
+Das war ein ganz vergnüglicher Morgenanfang. Trotzdem man so etwas in eines
+Herzogs Gegenwart eigentlich nicht tut, steckte Kasperle doch gleich seine
+große Nase in die Zuckertüte.
+
+Da seufzte und stöhnte es vor der Türe; die tat sich auf, und herein wurden
+der Kasperlemann und Klaus geführt. Der Herzog sah sie streng an. »Ihr
+bekommt schwere Strafe,« sagte er; »ihr müßt viele Jahre im Gefängnis
+sitzen.«
+
+»Gnade, Gnade!« Der Kasperlemann weinte und Klaus weinte, sie knieten alle
+beide vor dem Herzog nieder und flehten immerzu, er möchte ihnen verzeihen,
+sie würden auch nie, nie wieder so etwas Schlimmes tun. »Die Kinder sind
+immer mit ihren Pfennigen davongelaufen, darum bin ich in große Not
+gekommen,« sagte der Kasperlemann. »Und dann dachte ich, bei der Hochzeit
+der Gräfin Rosemarie würde ich spielen dürfen; man hat mich aber gar nicht
+recht vorgelassen.«
+
+»Ach, und meine Kinder sind krank!« jammerte Klaus. »Ach bitte, guter,
+lieber Herr Herzog, seid mir doch gnädig!«
+
+»Nichts da, eingesperrt werdet ihr und viele, viele Jahre lang!« brummte
+der Herzog unwirsch.
+
+Kasperle dachte: Er ist doch nicht gut. Schlimm waren ja die beiden, aber
+da sie nun so baten und ihre Tat so bereuten, sollte der Herzog doch nicht
+so streng sein. Und plötzlich fiel Kasperle etwas ein. Er hob seine Nase
+aus der Zuckertüte heraus, schluckte rasch noch ein Stück hinab, schnitt
+dabei ein so furchtbares Gesicht, daß der Kasperlemann dachte: O weh, jetzt
+klagt mich Kasperle auch noch an!
+
+Der aber sagte: »Herr Herzog, du hast mir was versprochen; jetzt weiß ich,
+was ich mir wünsche.«
+
+»Gewiß noch eine Zuckertüte, deine ist bald leer,« sagte der Herzog.
+»Kasperle, du wirst noch Bauchweh bekommen!«
+
+»Nä,« rief Kasperle vergnügt. Er deutete mit dem Fingerlein auf die beiden
+Diebe. »Gib die frei, Herr Herzog!« bettelte er.
+
+»Was, Kasperle, du bittest für den Kasperlemann?« rief der Herzog erstaunt.
+»Der hat dich doch immerzu verfolgt!«
+
+»Ach!« Kasperle stopfte einen Schokoladekringel in den Mund, kaute mit
+vollen Backen und schnatterte vergnügt: »>Man muß vergessen und vergeben
+können,< hat immer Liebetraut gesagt; ich bin nicht mehr böse, nä.«
+
+Der Herzog schämte sich ordentlich ein bißchen über seine Härte. »Na,
+meinetwegen,« brummelte er, »die beiden mögen frei sein, frei, weil
+Kasperle darum gebeten hat. Aber weißt du auch, Kasperle, daß du nun keine
+Bitte mehr frei hast?«
+
+Kasperle grinste vergnügt und steckte ein großes rotes Zuckerherz in den
+Mund; schluck, schluck, da war es hinunter.
+
+»Aber Kasperle, du bist ein Vielfraß!« rief der Herzog erschrocken.
+
+»So 'n bißchen,« rief Kasperle und schwenkte die riesengroße Zuckertüte hin
+und her. Und plötzlich schrie er laut: »Hurra, sie sind frei, frei, frei!«
+Er brüllte so entsetzlich, daß der Herzog sich die Ohren zuhielt. »Geht,
+geht hinaus!« rief er, »und, Kasperle, iß du lieber weiter von deiner
+Zuckertüte, als so mörderlich zu schrein.«
+
+Der Kasperlemann und Klaus dankten dem Herzog nochmals, und als sie
+hinausgingen, flüsterten sie beide: »Kasperle, die Guttat vergessen wir dir
+unser Lebenlang nicht!«
+
+Kasperle aber fraß vergnügt weiter aus seiner Zuckertüte, vergnügt
+kletterte er dann zu seinem neuen Freund Veit in einen Wagen, und der
+erzählte ihm: »Kasperle, die Hüte und Hauben der Prinzessin sehen aber arg
+wüst aus! Na, das wird ein Geschimpfe geben! Gut, daß wir es nicht hören.
+Du bist doch aber ein rechter Schelm!« -- Hü, hott! Los ging die Reise, die
+Landstraße entlang, dann kam ein Waldweg, ein Fluß, und als sie über dessen
+Brücke kamen, standen da etliche Reisewagen; die Prinzessin Gundolfine
+stieg hier aus.
+
+Kasperle sah, wie das Gepäck ausgeladen wurde, er sah auch die riesengroße
+Hutschachtel, und er sah, wie die Prinzessin sie mißtrauisch musterte. »Der
+Deckel ist aufgewesen,« rief sie, »der sieht kaputt aus.«
+
+»Ach, Unsinn!« brummte der Herzog. »Bringt Kasperle in meinen Wagen! Und
+dann weiter, ich habe keine Zeit mehr.«
+
+Kasperle huschte flink in des Herzogs Wagen, die Pferde zogen an, und just
+in dem Augenblick sah Kasperle, wie die Prinzessin in ihre Hutschachtel
+hineinschaute. Die kreischte laut auf, denn innen war nur ein zerdrücktes
+Gewühl und Durcheinander, und mitten auf dem besten Sonntagshut, der ganz
+verbogen war, lag noch eine angebissene Butterschnitte.
+
+Die Prinzessin rang die Hände und drohte wütend den davonrollenden Wagen
+nach. Der Herzog sah es nicht, aber Kasperle sah es, und er brach in ein so
+unbändiges Lachen aus, daß selbst der grillige Herzog mitlachen mußte. Er
+mußte sich zuletzt den Bauch halten vor Lachen, und er dachte: Es ist doch
+gut, daß ich das Kasperle habe, das wird mir sicher immer meine böse Laune
+vertreiben.
+
+
+
+
+Achtes Kapitel
+
+Die erste Nacht auf Burg Himmelhoch
+
+Da saß nun Kasperle in des Herzogs Wagen und reiste nach Burg Himmelhoch.
+Dort wohnte der Herzog immer den Sommer über. Der Weg ging stetig aufwärts,
+und auf einmal tauchte auf luftiger Höhe ein großes, helles Schloß auf;
+seine Fenster glänzten in der Nachmittagssonne und bunte Fahnen flatterten
+von seinen Türmen herab.
+
+Kasperle vergaß in diesem Augenblick sogar seine Sehnsucht nach dem
+Waldhaus, so gut gefiel ihm das Schloß. Er steckte seinen Kopf zum
+Wagenfenster hinaus, weit, immer weiter, und der Herzog wollte gerade
+sagen: »Kasperle, fall nicht heraus!« Da lag Kasperle schon. Pardauz!
+mitten zwischen ein Trüpplein Kinder fiel er, die sich neugierig
+aufgestellt hatten, um den Herzog zu sehen.
+
+Erschrocken stoben die auseinander, aber kaum hatten sie in das putzige
+Kasperlegesicht geblickt, da kamen sie alle zurück und erhoben einen
+ungeheuren Lärm. Der Herzog dachte nicht anders, als Kasperle habe sich wer
+weiß was gebrochen; daß ein Kasperle sehr viel hinpurzeln kann, ohne sich
+Schaden zu tun, ahnte er nicht. Er rief aufgeregt: »Kasperle ist
+verunglückt, helft, helft!« Und der Wagen hielt, Diener sprangen herzu. Das
+Kasperle aber stand putzmunter auf, schüttelte sich und schnitt so
+blitzdumme Gesichter, daß die Kinder vor Lachen beinahe auseinander
+platzten.
+
+
+Dies ärgerte den Herzog August Erasmus sehr. Er konnte solches Gelärme
+nicht leiden. Auch wollte er, Kasperle sollte ihm allein etwas vorkaspern;
+er war der Herr, Kasperle sein Diener. »Steig ein!« befahl er streng, und
+vor seinem bösen Gesicht entflohen die Kinder scheu. Ganz ängstlich sahen
+sie dem Wagen nach, aber da auf einmal steckte wieder Kasperle den Kopf zum
+Fenster heraus, grinste, schnitt erst sein Räubergesicht, sah dann wie die
+Prinzessin Gundolfine aus, und jäh ertönte wieder das jauchzende Lachen der
+Kinder.
+
+Da nahm der Herzog seinen Stock und gab Kasperle eins auf die Nase. Es
+krachte ordentlich, und Kasperle sank in die Wagenecke und brach wieder in
+sein beliebtes Heulen aus. Doch da hatte er kein Glück damit bei dem
+Herzog. Der liebte alles, was laut war, nicht, und er hieb einfach mit
+seinem Stock auf Kasperle ein, bis er muckstill war. Nur ganz, ganz leise
+heulte er vor sich hin, seine Nase, sein Rücken, alles tat ihm weh, und die
+schöne Burg, der sie nun nahe waren, gefiel ihm gar nicht mehr.
+
+Der Herzog war ein grilliger Herr. Kasperles Geheule hatte ihm seine Laune
+gründlich verdorben, und er gab Befehl, den armen Schelm in eine
+vergitterte Kammer zu sperren. Die lag im Erdgeschoß und stammte noch aus
+der Zeit, da das erste Schloß auf dem Platze gestanden hatte. Das war
+einmal niedergebrannt und in einer Zeit, da die Menschen das Heitere, Helle
+liebten, neu aufgebaut worden.
+
+Die Kammern unten waren düster und kühl, und das arme Kasperle hätte es
+recht schlimm gehabt, wenn nicht der Diener Veit gewesen wäre. Der sorgte
+für den kleinen Burschen, brachte ihm ein Bett in die Kammer und Essen
+genug. Und dann kam er zu ihm, ein anderer folgte, und als oben der Herzog
+verdrießlich in seinem Bette lag und der Haushofmeister in seinem Zimmer
+Tee trank, saßen in Kasperles Kammer ein paar Diener und Kammermädchen, und
+der Kleine hockte auf dem Tisch und kasperte ihnen etwas vor. War das
+lustig!
+
+Das Lachen dröhnte durch den kleinen Raum und tönte zu dem Fensterchen
+hinaus; über dem, im ersten Stock, aber hatte der Herzog sein Zimmer. Der
+lag da satt und mißmutig; er hatte gerade die Augen geschlossen, als von
+unten herauf das Lachen ertönte.
+
+Was war denn das? Der Herzog richtete sich auf und lauschte. Es lachte und
+lachte. Das war doch zu toll! Wütend riß er an seiner Klingel, und sein
+erster Kammerdiener fiel beinahe in das Zimmer. Das Klingeln aber hatten
+sie unten auch gehört. Just in dem Augenblick, als oben der Herzog zornig
+fragte: »Wer lacht so?« rief unten Veit: »Flink, Kasperle, ins Bett und
+alle raus, der Herzog hat uns gehört!«
+
+Husch, husch, flitzten alle aus der Kammer. Veit drehte den Schlüssel um
+und Kasperle kroch in sein Bett.
+
+Oben rief der Kammerdiener den Haushofmeister; der hörte des Herzogs Klage,
+und er lief selbst, so schnell er konnte, hinab und schloß Kasperles Kammer
+auf. Muckstill war es innen, nur aus Kasperles Bett tönte lautes
+Geschnarche.
+
+Der Haushofmeister schüttelte den Kopf. Der Herzog hat geträumt, dachte er
+und stieg wieder die Treppe hinauf. »Kasperle schläft,« meldete er oben.
+
+»Unsinn, er hat gelacht! Man bringe ihn her!« befahl der Herzog.
+
+Da ging der Haushofmeister mit dem Kammerdiener hinab. Unten riefen sie:
+»Kasperle, du sollst zum Herzog kommen.«
+
+Kasperle, der Schelm, regte und rührte sich nicht, er schnarchte wie eine
+Eule. Schließlich nahm ihn der Kammerdiener auf den Arm, und da rekelte
+sich Kasperle und tat, als könne er gar nicht die Augen aufmachen, und oben
+in des Herzogs Zimmer riß er seinen Mund, so weit er konnte, auf und gähnte
+erschrecklich. »Uah, uah!« Und dabei dehnte er sich, und schnipp, bekam der
+Haushofmeister Kasperles Bein mitten ins Gesicht.
+
+»Kasperle,« rief der Herzog zornig, »was tust du da?«
+
+»Ich schlaaafe!«
+
+»Du hast gelacht!«
+
+Kasperle machte plötzlich sein bitterböses Räubergesicht, und der Herzog
+sank erschrocken in seine Kissen zurück. »Tragt ihn fort, schließt ihn ein,
+und der Schlüssel soll hier an meinem Bett liegen!« rief der Herzog
+ärgerlich. »Das ist ja ein ganz schlimmer Geselle!«
+
+Da trug der Kammerdiener Kasperle in seine Kammer zurück, warf ihn ins
+Bett, schloß zu, und wutsch, saß Kasperle aufrecht da. Er war kein bißchen
+müde, sondern hatte die größte Lust, ein dummes Streichlein zu machen. Er
+wartete ein Weilchen, bis alles still draußen auf den Gängen war, dann
+zündete er sich eine Kerze an. Veit hatte ihm ein Feuerzeug und Kerzen in
+einen Winkel gestellt. Und mit seinem Licht leuchtete Kasperle die ganze
+Kammer ab. Er dachte: Hoho, vielleicht finde ich ein geheimes Gänglein wie
+einstmals im Waldschloß des Herzogs. Aber soviel er auch klopfte und
+suchte, einen Ausschlupf fand er nicht. Nur ein winziges Türchen war da,
+das führte in den Schornstein. Gerade über seinem Bett war das.
+
+Der Herzog August Erasmus war gerade eingeschlafen, als plötzlich ein
+furchtbar dumpfes Getöse ihn weckte. Erschrocken richtete er sich auf. Was
+war das?
+
+»Huhuhu!« klagte, stöhnte, ächzte es, und der Herzog riß zitternd an seiner
+Klingel.
+
+Wieder stürzte der Kammerdiener herbei, der Haushofmeister kam, und beide
+lauschten schreckensbleich den unheimlichen Tönen.
+
+»Kasperle, sicher, das ist Kasperle!« ächzte der Herzog, und der
+Haushofmeister rannte die Treppen hinab, schloß die Kammer auf und -- da
+lag Kasperle und schlief ganz fest.
+
+Der Haushofmeister lief wieder hinaus und sagte: »Er ist's nicht, er
+schläft!«
+
+»Doch, er war's,« rief der Herzog. »Hört nur, jetzt ist es still geworden!«
+
+Es war wirklich still geworden, denn Kasperle hatte nun doch Angst
+bekommen. Er ließ das Ächzen und Stöhnen sein, und als der Haushofmeister
+und der Kammerdiener wieder in seine Kammer kamen, da schlief er nun
+wirklich ganz fest.
+
+Oben sagten die beiden: »Er ist's nicht gewesen.«
+
+»Doch, er war's, und morgen soll er seine Strafe haben,« rief der Herzog.
+»Jetzt will ich schlafen.«
+
+Das wollten alle Leute im Schloß. Bald herrschte die allertiefste Stille,
+nichts rührte und regte sich.
+
+In Kasperles Kammer aber flog ein kleiner Kauz; der flatterte Kasperle um
+die Nase herum, und davon wachte er auf. Er schrie aber nicht so
+erschrecklich wie die Prinzessin Gundolfine, sondern griff zu und fing den
+Kauz. Hach, dachte er, der kann auch durch den Schornstein zurückfliegen,
+hinaus kommt der schon! Und flink tat er das Türlein auf und steckte den
+armen Kauz hinein. Mochte er sich selber weiterhelfen.
+
+Na, so sehr gemütlich fand der das nicht, durch einen Schornstein zu
+fliegen. Er fing also an zu schrein, und wieder fuhr der Herzog erschrocken
+in seinem Bett empor. Das schrie und rauschte und flatterte, und der Herzog
+kroch unter sein Deckbett und schrie um Hilfe.
+
+Da wurde es wieder lebendig im Schloß, wieder rannte der Haushofmeister
+hinab und fand Kasperle schlafend. Diesmal nahm er Kasperle einfach beim
+Wickel und trug ihn in des Herzogs Zimmer. »Da ist er,« rief er, »er
+schläft wieder.«
+
+»Er ist es nicht,« rief der Kammerdiener, »es schreit noch immer.«
+
+Ja, es schrie noch immer, denn der arme kleine Kauz fand nicht so schnell
+zum Schornstein hinaus.
+
+»Uaah, uaah!« gähnte Kasperle. Den hatte der Haushofmeister auf den Boden
+gelegt, denn er hatte keine Lust, wieder Kasperles Fuß in sein Gesicht zu
+bekommen.
+
+»Er ist es wirklich nicht,« rief der Herzog zitternd. Der Kauz flog jetzt
+gerade durch den Schornstein seines Zimmers und er klagte laut.
+
+»Das ist ein Gespenst,« flüsterte der Kammerdiener.
+
+»Rissel, rassel,« schnarchte Kasperle am Boden.
+
+Noch einmal klagte der Kauz in der Esse wie ein kleines Kind, dann war
+alles still; der Kauz hatte hinausgefunden. Kasperle schnarchte am Boden
+und der Herzog sagte seufzend: »Weckt ihn, er soll mir etwas vorkaspern!«
+
+Ja, Kasperle wecken, wenn er tat, als schliefe er, war ein schweres Ding!
+Aber endlich bequemte sich Kasperle doch, riß seine Augen weit auf und
+fragte: »Was soll ich?«
+
+»Hast du vergessen, daß du mich unterhalten willst, wenn ich verdrießlich
+bin?« fragte der Herzog brummig.
+
+»Nä!« Kasperle grinste, und dann fing er an Purzelbäume zu schlagen. Eins,
+zwei, drei, klirrrr! ging der große Pfeilerspiegel in Scherben, weitherum
+spritzten die Glasstücke, und der Herzog rief erschrocken: »Aufhören,
+aufhören!«
+
+Da saß das Kasperle schon mitten auf seinem Bett, steckte sich sein eigenes
+Bein in den Mund und schickte sich an, auf dem Herzog und dem Bett
+herumzukollern.
+
+»Um Himmels willen, nehmt ihn weg, sperrt ihn ein! Aber nicht unten in die
+Kammer, irgendwo, wo er nicht ausreißen kann,« rief der Herzog. »Ganz
+schlecht soll er es haben.«
+
+Der Haushofmeister, der bald umfiel vor Müdigkeit, nahm das Kasperle,
+zerrte es mit sich fort, und draußen sagte er: »Kasperle, wenn du mir
+versprichst, ganz brav zu sein, kannst du auf meinem Sofa schlafen; sonst
+mußt du unten in eine dunkle Kammer gehen.«
+
+»Will brav sein,« rief Kasperle erschrocken.
+
+»Still, still!« mahnte der alte Haushofmeister, dem der arme kleine Schelm
+trotz des Nasenstübers leid tat, »damit es der Herr Herzog nicht hört,
+sonst geht es uns beiden übel.«
+
+Und er nahm Kasperle mit in seine Stube. Kasperle durfte sich auf ein
+weiches, rotes Sammetsofa legen und ungestört schlafen, und der alte
+Haushofmeister dachte, als Kasperle flink einschlief: Armer kleiner Bursch,
+wie wird es dir hier noch ergehen! Unserm Herzog es recht zu machen, wenn
+er schlechte Laune hat, ist ein übles Ding.
+
+Und dann legte er sich selbst in sein Bett, und nach ein paar Minuten
+schliefen alle im Schloß. Nur der Herzog nicht, der war putzmunter vor
+lauter Aufregung geworden. Er drehte sich rechtsum, linksum, lag auf dem
+Rücken, lag auf dem Bauch, drehte das Kopfkissen um, einschlafen konnte er
+nicht.
+
+»Daran ist nur Kasperle schuld,« brummte er; »ich werde einen Käfig machen
+lassen und ihn hineinstecken. Warte nur, Kasperle, zum Teufel schicke ich
+dich nicht, aber schlimm soll es dir ergehen, wenn du weiter so unnütz
+bist.«
+
+
+
+
+Neuntes Kapitel
+
+Das traurige Marlenchen
+
+Ausgeruht und purzelvergnügt flitzte Kasperle am nächsten Morgen in den
+Park, der das Schloß umgab. Der Haushofmeister hatte ihm ein gutes
+Frühstück gegeben, da war er satt, und der Herzog hatte ihn nicht rufen
+lassen, das gefiel ihm gut. Was der Herzog für bitterböse Gedanken hatte,
+ahnte er nicht.
+
+Der Herzog wieder dachte, das Kasperle sei eingesperrt, also mochte es
+eingesperrt bleiben. Doch der Haushofmeister war ein milder alter Mann und
+nicht sehr für das Einsperren. Der hatte nur gefragt: »Kasperle, läufst du
+auch nicht fort?« Und da hatte Kasperle ihn traurig angesehen und von
+seinem Versprechen erzählt, und der Haushofmeister merkte, das brach
+Kasperle nicht. Also durfte der kleine Kerl im Garten herumspazieren.
+
+Der war schön und weit; erst kamen Blumenbeete und Rasenflächen, dann ein
+kleines Wäldchen, durch das ein Bächlein rann. Vergißmeinnicht und
+Butterblumen blühten an seinem Rande und glänzende Kiesel lagen auf seinem
+Grunde. Flinke Forellen schwammen manchmal rasch vorbei und schimmernde
+Libellen tanzten über dem Wasser hin.
+
+Das Bächlein gefiel Kasperle gut. Er hörte es rauschen, lief dem Tone nach
+und sah dann das silberklare Wasser. Da dachte Kasperle gerade an
+hineinpatschen und Darinspielen, als er ein kleines Mädchen am Rande sitzen
+sah. Es war ein feines, schönes Kind, wie das Schneewittchen im Märchen,
+nur die Wänglein waren nicht rot wie Blut, sondern auch weiß wie
+frischgefallener Schnee.
+
+»Hollahe!« schrie Kasperle vergnügt. Der dachte: Das ist eine feine kleine
+Spielgenossin.
+
+Das Kind fuhr erschrocken zusammen, tat einen Seufzer und sank blaß und
+still ins Gras.
+
+Kasperle war arg erschrocken. Es sah wirklich aus, als ob die Kleine tot
+wäre. Ganz sachte ging er näher und betrachtete das zarte Gesichtchen. Da
+öffnete das Kind die großen, dunklen Augen und sah ihn traurig an. Dem
+Kasperle tat das Herz weh, so traurig war der Blick. Er blieb ganz still
+stehen, ließ die Nase hängen und wagte kaum sich zu rühren.
+
+Ein Weilchen war es ganz still, bis auf einmal eine leise, traurige Stimme
+fragte: »Wer bist du denn?«
+
+Kasperle sah die Kleine scheu an und antwortete: »Kasperle. Aber du, bist
+du eine Prinzessin?«
+
+»Nein,« antwortete die Kleine, »ich bin nur das traurige Marlenchen.«
+
+»Warum bist du denn traurig?« Kasperle schnitt die fürchterlichsten
+Gesichter vor lauter Mitleid. Sonst lachten alle Kinder darüber, das
+traurige Marlenchen aber beugte sich über den Bach, und ihre Tränen
+tropften in das Wasser. »Ich muß immer weinen,« klagte sie.
+
+»Warum mußte denn das?« Kasperle weinte ja auch oft und recht tüchtig, er
+konnte aber nicht begreifen, daß jemand immerzu weinen muß.
+
+»Um meinen Vater weine ich,« flüsterte das traurige Marlenchen.
+
+Ob der wohl tot war? Kasperle wagte nicht zu fragen, er setzte sich nur
+still neben die Kleine, und eine Weile war nur das Plätschern des Baches
+und das Rauschen der Bäume zu hören. Plötzlich aber rief ferne eine Stimme:
+»Kasperle, Kasperle!«
+
+Der sprang auf. Der Haushofmeister hatte gesagt: »Wenn du gerufen wirst,
+komme sofort, sonst sperrt dich der Herzog wirklich ein.« Kasperle schrie
+nur noch: »Ich komme wieder,« und dann rannte er in solchen Bocksprüngen
+dem Hause zu, daß ihm das traurige Marlenchen ganz verwundert nachsah.
+
+Im Schloß kam Veit schon Kasperle entgegen. »Schnell, schnell, du sollst
+zum Herzog kommen, aber schlage nicht wieder Purzelbäume!«
+
+Der Herzog saß in einem schönen, großen Zimmer und war verdrießlich. Das
+war er beinahe alle Tage, vielleicht weil er es zu gut hatte im Leben. Er
+gähnte und sah Kasperle streng an: »Wo warst du?«
+
+»Im Garten,« stammelte Kasperle und er wollte gerade sagen: Ich habe das
+traurige Marlenchen gesehen, als ihm der Haushofmeister zuflüsterte:
+»Still!«
+
+Klapp! machte Kasperle seinen Mund zu. Er stand da und schaute mit seinen
+glitzernden Äuglein den Herzog erstaunt an; nein, sah der brummig aus! Auf
+einmal fragte der Herzog: »Kannst du wirklich aussehen wie meine Base
+Gundolfine?«
+
+Kasperle verzog flink sein Gesicht, ganz wunderlich war es, wie er das
+konnte, und plötzlich schaute er wirklich beinahe wie die Base Gundolfine
+drein.
+
+Der Herzog lachte ein wenig und befahl: »Schneide noch mehr Gesichter!« Da
+schnitt Kasperle Gesicht um Gesicht und der Herzog dachte: Ein spaßiger
+Kerl ist's schon.
+
+Er war nachher auch ganz gnädig und sagte, Kasperle solle eine Stube im
+Turm bekommen. Die hatte auch vergitterte Fenster, und dann durfte Kasperle
+an des Herzogs Tafel Mittag essen.
+
+Jemine, das war aber eine Geschichte! Daheim im Waldhaus hatte selbst die
+schöne Frau Liebetraut, die doch dem Kasperle so vieles nachsah, über des
+kleinen Burschen flinkes Essen gescholten. Aber an des Herzogs Tafel war
+man so etwas nicht gewöhnt. Schluck, schluck, da war der Teller leer, und
+was für Portionen lud sich der Kleine auf!
+
+Der Herzog pflegte siebenmal am Tag zu essen, und dazwischen schleckte er
+immer Schokolade. Da aß er dann zu Mittag immer nur ganz wenig, und seine
+Hofleute aßen sich meist hinterher satt, weil sie am Tisch zu kurz kamen.
+Denn der Herzog ärgerte sich, wenn einer mehr als er selbst aß. Nur die
+Prinzessin Gundolfine pflegte tüchtig zu schmausen. Und nun fraß das
+Kasperle wie ein kleiner Werwolf. Nach der Suppe streckte er seinen Teller
+aus und schrie: »Nochmal!«
+
+»Genug,« rief der Herzog ärgerlich, »es gibt nur einmal.«
+
+Hei, dachte Kasperle, wenn es so ist, muß ich mich dazu halten! Und beim
+zweiten Gang lud er sich den Teller voll; wie ein Berg türmte er alles auf,
+und der Diener, der herumreichte, hatte Mühe sein Lachen zu verbergen. Nun
+konnte das Kasperle essen!
+
+Der Herzog sagte nichts, er sah nur ein paarmal streng hin, und der
+Kammerherr, neben dem Kasperle saß, schubste ihn und flüsterte leise: »Nimm
+nicht so viel!«
+
+Kasperle erschrak, und beim nächsten Gang nahm er nur bescheiden ein
+winziges Stückchen. Aber dann kam die süße Speise, und da war es um
+Kasperle geschehen. Den halben Pudding lud er sich auf den Teller, und der
+Herzog bekam ganz große, runde Augen vor Schreck. »Kasperle,« rief er, »das
+ist unbescheiden.«
+
+Kasperle versank erschrocken mit seiner großen Nase in dem Puddingberg. Ein
+leises Lachen erklang ringsum, der Herzog aber rief streng: »Kasperle soll
+aufstehen, den Pudding darf er nicht essen!«
+
+Das war bitter. Kasperle verzog sein Gesicht, er wollte heulen, aber sein
+Freund Veit hielt ihm einfach den Mund zu. Er hob ihn auf, führte ihn aus
+dem Saal, und draußen flüsterte er ihm zu: »Sei still, ich bringe dir
+deinen Pudding!«
+
+Ein anderer Diener, der nicht bei Tische aufwartete und der mürrisch und
+unfreundlich war, nahm Kasperle, führte ihn in den Turm, schloß brummig die
+Türe zu, und da saß Kasperle allein und gefangen. Er dachte wieder an das
+Waldhaus, an das traurige Marlenchen und den Pudding. Das war zuviel für
+ihn, und er brach in ein jämmerliches Geheule aus.
+
+Er weinte lange, bis er draußen Schritte hörte. Es war der alte
+Haushofmeister, der selbst kam, ihm seinen Pudding brachte und ihn
+gutherzig tröstete. »Kasperle,« sagte er, als der schon wieder
+purzelvergnügt zu schmausen begann, »wenn du mir fest versprichst, keine
+Dummheiten zu machen und nur dann aus dem Turm zu wutschen, wenn es gar
+niemand merken kann, will ich dir etwas verraten. Ich muß nämlich den
+Schlüssel dem Herzog geben; du sollst nur herausgelassen werden, wenn der
+Herzog von dir unterhalten sein will, sonst sollst du immer, immer im Turm
+stecken. Doch der Turm hat noch ein Türchen, von dem aus du die Treppe
+hinablaufen kannst. Der Turm ist nämlich noch von dem alten Schloß.«
+
+»Wie im Waldschloß,« rief Kasperle vergnügt, und flink schlug er dem Bild
+eines würdigen Herren auf den Magen, weil er dachte, das Türlein sei
+dahinter.
+
+Aber der Herr blieb steif und feierlich an der Wand hängen und der alte
+Haushofmeister lachte. »So flink findest du das nicht,« sagte er, »und erst
+mußt du mir dein Wort geben, keine Dummheiten zu machen.«
+
+Das gab ihm Kasperle. Freilich, der gute Haushofmeister wußte nicht, daß
+Kasperle für die harmlosesten Dinge ansah, was man sonst schon große,
+unnütze Streiche nennt.
+
+»Nun paß also auf!« Der Haushofmeister schloß den Schrank auf, verschwand
+drinnen und -- kam auf einmal ganz vergnügt durch die Türe von außen wieder
+in die kleine Stube hereinspaziert.
+
+Das war doch merkwürdig! Hops! sprang Kasperle auch in den Schrank, der
+Haushofmeister schloß von außen zu, und da saß Kasperle im Schrank. Er
+klopfte, drückte, aber nirgends war ein Spalt. Es wurde ihm himmelangst und
+er schrie flehend: »Rauslassen, rauslassen!«
+
+Der Haushofmeister schloß lachend die Türe wieder auf. »Siehst du, kleines
+Kasperle,« sagte er, »so rasch findest du hier nicht die geheimen Wege, um
+herumzugeistern. Aber nun paß einmal auf!« Und er drehte an einem
+Kleiderhaken, da schob sich die Wand auseinander und Kasperle stand
+unversehens draußen auf dem Treppengang.
+
+Das war fein! Vergnügt witschte er wieder in das Zimmer, wieder in den
+Schrank hinein, war draußen, war drinnen, und als er es dreimal gemacht
+hatte, sagte der Haushofmeister: »So, nun ist's genug, nun bleibe jetzt nur
+drinnen! Jetzt kannst du ein bißchen zum Fenster hinaussehen.«
+
+»Ach, ich möchte raus!« bettelte Kasperle, »ich möchte zum traurigen
+Marlenchen.« Da hielt ihm der Haushofmeister erschrocken den Mund zu.
+»Schweig!« sagte er, »davon dürfen der Herzog und der Oberhofmeister nichts
+hören, auch die Prinzessin Gundolfine nicht, sonst geht es uns übel.«
+
+Kasperle riß weit Mund und Augen auf. Was war denn das für eine
+geheimnisvolle Geschichte mit dem traurigen Marlenchen? Doch ehe er fragen
+konnte, erzählte sie ihm der Haushofmeister selbst. Der setzte sich an das
+kleine vergitterte Fenster und begann: »Der Vater des traurigen Marlenchens
+besitzt ein kleines Schloß; vom Bächlein aus, an dem Marlenchen immer
+sitzt, geht man dorthin etwa eine halbe Stunde. Da, schau, dort siehst du
+es in der Ferne liegen.« Er zeigte auf ein Schloß, das sich aus Bäumen
+heraushob. »Bei unserm Herzog war der Herr von Lindeneck, so heißt er und
+auch das Schlößchen, Jägermeister. Seine schöne junge Frau ist früh
+gestorben, und das Marlenchen ist sein einziges Kind. Einmal, die
+Prinzessin Gundolfine -- Himmel, Kasperle, was ist denn?«
+
+Kasperle hatte bei der Erwähnung der Prinzessin gleich sein bitterböses
+Räubergesicht gemacht, und der Haushofmeister sah ihn ganz erschrocken an.
+Als ihm Kasperle aber sagte, dies sei, weil er von der Prinzessin
+gesprochen habe, lachte er und brummelte: »Ja, die ist auch schlimm! --Na
+also,« fuhr er fort, »die Prinzessin Gundolfine war da und der Herzog jagte
+in dem Walde, der an den Park stößt. Es war ein heißer Tag, und der Herzog
+kam und kühlte sich einmal die Hände im Bach. Dabei zog er einen kostbaren
+Ring ab und legte ihn auf einen großen, flachen Stein. Der Platz ist unter
+einer riesengroßen, alten Ulme; dort wirst du heute das traurige Marlenchen
+getroffen haben.«
+
+Kasperle nickte eifrig. »Auf dem Baum ganz oben ist ein Vogelnest,« sagte
+er.
+
+»So, so!« Der Haushofmeister hörte kaum darauf, er erzählte weiter: »Wie
+sich der Herzog gewaschen hatte, kam ein Jägerbursche und rief, ein großer
+Raubvogel sitze im Wald auf dem Baum, es scheine fast ein Adler zu sein.
+Der habe sich gewiß aus dem hohen Gebirge verflogen.
+
+>Den muß ich schießen, aber allein,< rief der Herzog. Er vergaß seinen Ring
+und eilte davon und der Hofjägermeister blieb am Bach sitzen. Der wußte,
+der Herzog hatte es nicht gern, wenn er mit ging, weil er viel, viel besser
+schießen konnte. Und unser Herzog mag's nicht leiden, wenn einer etwas
+besser kann als er. Der Herr von Lindeneck blieb also am Bach sitzen, sah
+dessen Wellchen hüpfen und springen, er sah die Libellen tanzen und dachte
+dabei nicht an des Herzogs Ring. Plötzlich hörte er in der Ferne lautes
+Rufen und Schüsse und dann kam der Herzog zurück und er stand auf und ging
+ihm entgegen.
+
+>Es war wirklich ein verflogener Adler,< rief der Herzog ärgerlich, >aber
+mein Schuß ging fehl. Das ist nur davon gekommen, daß ich meinen Glücksring
+nicht angesteckt hatte!<
+
+Und rasch ging der Herzog auf den großen Stein zu, auf den er vorher den
+Ring niedergelegt hatte, doch der Ring war weg. >Haben Sie meinen Ring
+aufgehoben?< fragte der Herzog den Hofjägermeister. >Geben Sie mir ihn
+rasch!<
+
+Der Herr von Lindeneck erschrak. Er hatte gar nicht an den Ring gedacht und
+er sagte etwas verwirrt: >Er muß doch dort liegen!<«
+
+Der alte Haushofmeister seufzte. »Ich bin nicht dabei gewesen, aber der
+Veit, der ein guter Bursche ist, war dabei, und der hat gesagt, Marlenchens
+Vater sei nur etwas erschrocken gewesen, keine Maus hätte denken können, er
+habe ein schlechtes Gewissen. Doch die Prinzessin Gundolfine, die den Herrn
+von Lindeneck nicht leiden konnte, und die dazu kam, hat gleich gerufen:
+>Sie sehen ja so verlegen aus! Ei, ei, Sie haben wohl den Ring in der
+Tasche verwahrt?<
+
+Das war sehr böse und der Herzog war zuerst auch ärgerlich über die
+häßlichen Worte der Prinzessin, aber als sich der Ring nicht fand, wurde er
+immer verstimmter und die Prinzessin tuschelte ihm immer zu: >Der Herr von
+Lindeneck mag doch mal seine Taschen weisen!< und da hat er zuletzt das von
+seinem Hofjägermeister verlangt.
+
+Der ist totenbleich geworden, hat gleich alle seine Taschen aufgerissen,
+doch der Ring hat sich nicht gefunden. Die Prinzessin aber hat gerufen: >Er
+wird schon wissen, wo er ihn versteckt hat!<
+
+Darüber ist der Hofjägermeister so zornig geworden, daß er beinahe die
+Prinzessin geschlagen hätte. Es hat einen großen Streit gegeben. Der Herzog
+war auch böse auf die Prinzessin, und endlich ist der Herr von Lindeneck in
+den Schloßhof gegangen, hat sein Pferd bestiegen und ist davongeritten.
+
+Dem Herzog war es nicht recht, und gewiß wäre auch alles gut geworden, aber
+an dem Ring hing ein alter Aberglaube. Wer ihn trägt, bleibt immer gesund,
+wer ihn verliert, muß bald sterben. Wie nun alle eilig in das Schloß
+gegangen sind, hat sich der Herzog eine Beule am Türpfosten gestoßen, und
+da hat er gemeint, er müßte gleich sterben. Er hat gejammert: >Mein Ring,
+mein Ring!< und die Prinzessin hat wieder gerufen: >Der ist gestohlen!<
+
+Oh, die Prinzessin Gundolfine ist schon eine bitterböse Frau!«
+
+»Ja,« rief Kasperle dazwischen, und er nickte höchst lebhaft und schnitt
+gleich wieder sein Räubergesicht.
+
+Diesmal erschrak der Haushofmeister nicht, er nickte nur. »Ja, ja, du hast
+recht, das Gesicht verdient sie, kleiner Kasper. Sie hat schwere Sünde
+getan, hat die arme kleine Marlene angeschrien: >Dein Vater ist ein Dieb,
+er hat gestohlen!<
+
+Das Kind ist so totenbleich geworden, wir haben alle gedacht, es sterbe,
+und die schöne Gräfin Rosemarie hat es in den Armen gehalten und hat
+geweint und geklagt. Man hat nach dem Leibarzt gerufen, aber da ist das
+Marlenchen plötzlich aufgesprungen und ist davongelaufen, ehe es noch
+jemand halten konnte.
+
+Die Gräfin Rosemarie ist ihm nachgerannt, aber erst am Schloß Lindeneck hat
+sie die Kleine eingeholt. Doch da hat der Herr von Lindeneck sein Kind an
+die Hand genommen, ist im Schloß verschwunden, und seitdem darf dort kein
+Fremder mehr die Schwelle übertreten.
+
+Aus dem Marlenchen, das ein liebes, lustiges Dinglein war, ist das traurige
+Marlenchen geworden. Es sitzt oft am Bach an dem Platz, an dem der Ring
+verloren gegangen ist, und sucht und sucht; ich glaube, es ist kein Kiesel
+im Bach, den das Marlenchen nicht schon umgedreht hat. Davon weiß der
+Herzog nichts und ihr Vater auch nicht. Der Herzog meidet seit dem Tage den
+Platz, er geht nie mehr nach jener Seite des Parkes, und der Herr von
+Lindeneck wandert nur abends durch seinen Wald; er läßt sich vor niemand
+mehr sehen. Der Graf von Singerlingen hat schon oft an dem Schloßtor
+gestanden und Einlaß begehrt; man hat ihn nicht eingelassen, und dabei war
+er des Hofjägermeisters bester Freund.«
+
+Der Haushofmeister schwieg, und Kasperle sah ihn erwartungsvoll an. Endlich
+fragte er: »Wer hat denn den Ring?«
+
+»Ach lieber Himmel, du blitzdummes Kasperle!« rief der alte Herr. »Wenn das
+jemand wüßte, dann wäre doch alles gut! Nur weil sich der Ring nicht
+gefunden hat, denkt der arme Herr von Lindeneck, alle Leute halten ihn auch
+für einen Dieb, wie es die Prinzessin tut. Dabei denkt das kein Mensch; wer
+weiß, wohin der Ring geraten ist! Vielleicht hat ihn gar eine von den
+großen Forellen verschluckt. Ach, es ist ein Jammer! So ein lieber Herr war
+der Jägermeister, und das arme Marlenchen war ein rechtes Sonnenkind, und
+nun ist es immer blaß und traurig.«
+
+Plötzlich fiel dem Haushofmeister etwas ein. »Kasperle,« sagte er, »du
+könntest versuchen, das Marlenchen aufzuheitern. Jetzt im Sommer, um die
+Zeit, da unser Herzog regiert, sitzt die Kleine tagaus, tagein am Bach; da
+könntest du ihr etwas vorkaspern, vielleicht lernt das traurige Marlenchen
+das Lachen wieder.«
+
+»Ich geh gleich hin,« schrie Kasperle und wutschte flink in den Schrank
+hinein, aber sein Beschützer hielt ihn noch am Hosenzipfel fest. »Jetzt
+nicht, Kasperle, jetzt ist das Marlenchen nicht da. Jetzt bleibe du nur
+hier, denn wenn der Herzog von seinem Mittagsschlaf erwacht und du bist
+nicht da, dann gibt es großen Spektakel. Morgen früh darfst du an den Bach.
+Sieh, hier habe ich eine Pfeife; wenn ich dreimal auf der pfeife, dann mußt
+du zurückkommen. Du darfst aber auch niemand außer Veit etwas sagen, nur
+der und der Gärtner noch wissen es, daß das traurige Marlenchen dort alle
+Tage nach dem verlorenen Ringe sucht.«
+
+»Ich helf' suchen,« sagte Kasperle. »Paß auf, ich finde den Ring!«
+
+»Ach Unsinn, den findet niemand mehr!«
+
+»Doch, ich hab' mal geträumt, ich hätt'n Ring gefunden.«
+
+»Wo denn? Wann denn?«
+
+Da sperrte Kasperle den Mund weit auf und murmelte kleinlaut: »Ja, das weiß
+ich nicht mehr!«
+
+»O Kasperle!« Der alte Haushofmeister streichelte das dumme, unnütze
+Kasperle und er versprach ihm, nachher sollte Kasperle auch Milch und
+Kuchen bekommen, wenn er brav wäre.
+
+Das Bravsein gelobte Kasperle feierlich. Und er kletterte auch ganz still
+auf das Fensterbrett, als der Haushofmeister gegangen war, und schaute
+hinaus. Nicht weit vom Schloß lag eine mauerumrankte kleine Stadt, rechts
+kamen Wiesen und Wälder und auf einer Anhöhe lag Schloß Lindeneck.
+
+Kasperle guckte sich beinahe die Augen aus dem Kopf, und da sah er in der
+Ferne wieder ein Schloß liegen. Es war gut, daß just Veit in das
+Turmstübchen kam, denn sonst wäre Kasperle wohl vor Neugier noch aus dem
+Fenster gepurzelt. Veit sagte auch, das erste Schloß sei Lindeneck, das
+zweite dort in der Ferne aber Weidbronnen, dort wohne oft der Graf von
+Singerlingen.
+
+So nah wohnte der! Kasperles Augen glitzerten vor Freude und er sagte
+plötzlich: »Wenn er mich zum Teufel schickt, dann geh' ich dahin.«
+
+»Wer soll dich denn zum Teufel schicken?«
+
+»Na, der Herzog.«
+
+Veit lachte. »So etwas sagt der nicht, dazu ist er viel zu fein. Aber
+horch, Kasperle, es wird einmal gepfiffen; das heißt, du sollst zum Herzog
+kommen. Nun sei aber brav und benimm dich gut!«
+
+Kasperle versprach es, und dann ging er an Veits Hand bis an des Herzogs
+Nachmittagswohnzimmer. Veit machte die Türe auf, Kasperle übersah die
+Schwelle und platsch, lag er, so kurz er war, im Zimmer, und der Herzog
+ließ vor Schreck seine Tasse fallen. Er schalt heftig und Kasperle stand da
+wie ein begossenes Pudelchen. Veit aber dachte: Das nennt er nun sich gut
+benehmen! O mein armes, dummes Kasperle, wie wird es dir hier ergehen!
+
+
+
+
+Zehntes Kapitel
+
+Eine neue Freundin
+
+Gut ging es dem armen Kasperle nicht auf Burg Himmelhoch. Erst sollte er
+mit dem Herzog Kaffee trinken, da versank er wieder mit seiner großen Nase
+in der Kaffeetasse, was der Herzog sehr, sehr unschicklich fand. Dann mußte
+Kasperle mit spazierenfahren und wie ein kleiner Diener hinten aufsitzen.
+Kasperle fand das sehr lustig, und allemal, wenn jemand vorbeikam, lachte
+er und schnitt Gesichter. Die Leute lachten, oder sie erschraken furchtbar
+und liefen davon. Erst wußte der Herzog gar nicht, was das bedeuten sollte,
+bis ihm Kasperle einfiel, er drehte sich um, und just da machte Kasperle
+ein Gesicht wie die Prinzessin Gundolfine, und ein paar Kinder am Wege
+kreischten laut.
+
+Das war doch zu toll! Der Herzog nahm seinen Stock und schlug Kasperle auf
+den Rücken. Potzwetter, tat das weh!
+
+Und nicht einmal heulen durfte Kasperle, der Herzog drohte, er würde noch
+mehr Schläge bekommen. Dazu befahl der Herzog: »Schneller fahren!« und der
+Wagen sauste dahin, Kasperle hatte Mühe, nicht runterzufallen; ganz
+verdutzt war er, als sie wieder vor dem Schlosse anhielten.
+
+Abends mußte Kasperle dann dem Herzog etwas vorkaspern. Weil er aber vor
+lauter Angst zum Abendessen nicht recht gegessen hatte, fing plötzlich sein
+Magen an erschrecklich zu knurren. Der Herzog, der eben noch gelacht hatte,
+zog gleich wieder ein verdrießliches Gesicht und sagte, das sei sehr, sehr
+unschicklich. Magenknurren sei bei Hofe verboten.
+
+»Aber im Waldhaus nicht.« Das wollte Kasperle ganz, ganz leise sagen, aber
+seine Stimme rutschte ihm aus, und so hörte es der Herzog. Da bekam
+Kasperle Schläge, nichts zu essen, wurde ins Bett geschickt und
+eingeschlossen. Müde, hungrig weinte er sich in den Schlaf. Ach, es war
+doch schwer, eines grilligen Herzogs Diener zu sein!
+
+Als Kasperle aufwachte, dämmerte draußen erst der Morgen, und hinter der
+kleinen Stadt glühte der Himmel im Frührot. Kasperle schaute zum Fenster,
+er sah auch hinüber nach Schloß Lindeneck und das traurige Marlenchen fiel
+ihm ein. Und weil Kasperle ein gutherziger kleiner Kerl war, dachte er sich
+gleich aus, wie er das Marlenchen unterhalten wollte. Und damit er recht
+schöne Gesichter schneiden konnte und Purzelbäume schlagen, fing er an, das
+zu üben, und gerade wie er mitten drin war, kam Veit ins Turmstübchen.
+
+Der lachte vergnügt. »O Kasperle,« sagte er, »was bist du für ein
+schnurriger Kauz! Nun komm nur her und frühstücke! Der Haushofmeister läßt
+dir sagen, du sollst dich erst ordentlich satt essen, damit du nachher beim
+Herzog nicht wieder wie ein kleiner Vielfraß zulangst. Du sollst nämlich
+mit dem Herzog frühstücken.«
+
+Schön war diese Aussicht gerade nicht. Kasperle seufzte schwer, aber dann
+befolgte er den guten Rat des Haushofmeisters. Er aß sich so plumpsatt, daß
+er sich kaum noch rühren konnte. So wohl gerüstet ging er zum Frühstück des
+Herzogs.
+
+»Mach' eine schöne Verbeugung!« hatte Veit ihm geraten. Das wollte Kasperle
+auch tun. Er verbeugte sich tief, weil er aber so vollgegessen war,
+platzten ihm unversehens seine Hosenknöpflein, und das fand der Herzog nun
+wieder sehr, sehr unschicklich.
+
+Kasperle mußte das Zimmer verlassen, und die Hausverwalterin Babette nähte
+ihm erst die Knöpflein wieder an. Das war eine gutmütige Frau, die ihren
+Spaß an Kasperle hatte. Sie versprach ihm auch, sie wolle ihm einen neuen
+Kittel nähen, einen von himmelblauer Seide.
+
+»Lieber grün,« bettelte Kasperle.
+
+»Meinetwegen auch grün, aber warum denn?«
+
+Doch das sagte Kasperle nicht. Er dachte bei sich: Wenn ich ein grünes
+Wämslein habe und durch den Wald laufe, sieht man mich nicht. Ein ganz
+kleines bißchen dachte der Schelm nämlich ans Ausreißen. Wer weiß, der
+Herzog sagte doch einmal etwas vom Teufel!
+
+Jetzt freilich mußte er zum Herzog zurückgehen. Der war eigentlich kein
+böser Mann, nur seit er seinen Ring verloren hatte, war er noch grilliger
+als früher geworden. Unrecht tun wollte er niemand, aber weil ihn nie
+jemand ob seiner üblen Launen gescholten hatte, dachte er, diese seien gar
+nicht schlimm. In der Nacht hatte er an Kasperle gedacht, und der kleine
+Kerl hatte ihm sehr leid getan. Er sann nach: Kasperle war doch noch nie an
+einem Hofe gewesen, wie konnte er wissen, wie man sich da benehmen mußte!
+Morgen bin ich recht gut gegen ihn, hatte sich der Herzog vorgenommen,
+darum hatte er Kasperle auch zum Frühstück eingeladen.
+
+Wenn aber Hosenknöpflein abplatzen, ist es dumm. Kasperle kam ganz scheu
+mit den angenähten Knöpfles wieder herein, und zu seiner Verwunderung sagte
+der Herzog freundlich: »Nun komm nur und frühstücke!«
+
+Und weil der Herzog freundlich sein wollte, legte er Kasperle selbst auf:
+Brötchen mit Schinken darauf, ein großes Stück Kuchen dazu, und er
+ermahnte: »Nun iß nur, du bekommst mehr!«
+
+Ja, wie kann aber ein Kasperle essen, wenn es so plumpsatt ist, daß ihm die
+Hosenknöpfles abspringen!
+
+Kasperle kaute und kaute, würgte, schluckte, -- es ging nicht mehr.
+
+»Iß doch, trink' doch!« mahnte der Herzog. »Du bekommst noch mehr.«
+
+Da seufzte Kasperle so tief, als säße er unten im Turmverlies. Und weil er
+sich gar nicht zu helfen wußte, das Schinkenbrot durchaus nicht mehr in
+seinen Magen hineinwollte, fing er an, bitterlich zu weinen. Dicke, dicke
+Tränen kullerten in seine Schokoladentasse hinein, und der Herzog fühlte
+tiefes Mitleid mit dem kleinen Kerl. Zum erstenmal brummte er ihn nicht an,
+sondern sagte freundlich: »Geh in den Park, Kasperle, springe herum, damit
+du mittags wieder hungrig bist.«
+
+Kasperle war heilfroh, daß er hinausdurfte. Er schoß die Treppe hinab wie
+eine Kugel, und kaum war er im Park, da rannte er, so schnell er konnte, an
+das Bächlein bei der uralten großen Ulme.
+
+Und wirklich saß das traurige Marlenchen dort, es drehte die Kieselsteine
+im Wasser um und suchte den verlorenen Ring.
+
+»Da bin ich!« Plitsch, platsch, schoß Kasperle in den Bach hinein und
+Marlenchen sank vor Schreck wieder totenblaß am Ufer hin.
+
+Und Kasperle hatte doch gedacht, sie würde über seinen Purzelbaum lachen!
+Ach, hier war alles anders wie im Waldhaus! Kasperle legte sich neben das
+blasse Marlenchen ins Gras und fing wieder bitterlich zu weinen an.
+
+»Warum weinst du denn?« fragte da auf einmal ein feines Stimmchen.
+
+»Weil ich -- alles verkehrt mache.« Kasperle schluchzte erbärmlich, und da
+vergaß das traurige Marlenchen ihr eigenes bitteres Herzeleid. Es richtete
+sich auf, fuhr mit dem Zeigefingerlein sachte über Kasperles Gesicht und
+fragte: »Warum bist du denn hier?«
+
+»Weil ich's versprochen habe.« Und Kasperle fing an, dem kleinen Mädchen
+vom Waldhaus zu erzählen, von Michele und von Rosemarie.
+
+»Du bist gut, weil du der schönen Rosemarie und deinem Michele geholfen
+hast,« sagte Marlenchen da. Sie legte ihre kleine, weiße Hand in Kasperles
+derbe, braune Patsche, und so saßen die beiden unglücklichen Kameraden an
+dem Bächlein und Kasperle mußte immer mehr und mehr vom Waldhaus erzählen.
+Ein paarmal huschte es wohl wie ein Scheinchen über Marlenchens trauriges
+Gesicht, aber sie lachte noch nicht.
+
+Kasperle merkte es zum erstenmal: einen wirklich traurigen Menschen bringt
+auch ein Kasperle nicht so leicht zum Lachen.
+
+Ein wenig froher sah Marlenchen aber doch aus, als in der Ferne des
+Haushofmeister Pfeife ertönte und Kasperle Abschied nahm. Sie sagten beide
+zusammen: »Morgen,« schüttelten sich die Hände, und wieder ging ein ganz
+feiner, heller Schein über das Gesicht des traurigen Marlenchens; so wie
+manchmal an ganz grauen Tagen die Sonne ein wenig hinter den Wolken
+schimmert, war es.
+
+Dies machte Kasperle sehr froh. Er hopste und sprang dem Schlosse zu, lief
+mit Gepolter hinein, und der Haushofmeister hielt ihn noch zur rechten Zeit
+am Hosenzipfel fest. »Du,« sagte der, »jetzt schling nicht so bei Tisch, es
+sind noch Gäste da. Wirst du nicht satt, bekommst du nachher noch etwas.
+Also fein still und brav sein!«
+
+Das nahm sich Kasperle zu Herzen. Er aß wenig, saß auch ganz still und
+bescheiden am Tischende. Alles ging gut, nur -- ein Kasperle ist eben ein
+Kasperle. Da saß am Tisch ein fremder Graf, der hatte eine seltsame
+Gewohnheit. Jedesmal wenn er einen Bissen verschluckte, kniff er die Augen
+zu und nickte mit dem Kopf. Ein Weilchen sah Kasperle das an. Aber weil er
+nun eben ein echtes Kasperle war, verzog er unwillkürlich sein Gesicht,
+nickte, kniff die Augen zu, und es sah so pudelnärrisch aus, daß ein
+Hofjunker, der ohnehin noch lieber lachte als ernst war, plötzlich leise
+vor sich hin kicherte.
+
+Wenn aber jemand lachte, dann war es um Kasperle geschehen. Er kniff wieder
+die Augen zusammen, nickte wieder, und zwei junge Hofdamen kicherten vor
+sich hin. Ein Kammerherr lachte, der alte, dicke Oberstallmeister aber, der
+so etwas wie das Kasperle noch nicht gesehen hatte, lachte unversehens laut
+auf. Es dröhnte nur so, und da lachte es da und lachte dort, nur etliche
+Herren und Damen und der Herzog dazu saßen steif und ernsthaft da, über ein
+Kasperle lacht nur, wer sich im Herzen einen Rest des alten Kinderfrohsinns
+bewahrt hat. Menschen mit reinen, guten Herzen lachen leicht; die
+Hochmütigen, Stolzen, Harten haben in ihrem Leben das reine, frohe Lachen
+verlernt.
+
+Der Herzog August Erasmus hätte wohl mitgelacht, ja es zuckte einmal um
+seinen Mund, aber er war so schrecklich eingebildet auf seinen
+Herzogstitel, da hielt er das Lachen nicht für würdevoll. Er sah streng zu
+Kasperle hin, und der erschrak über den bösen Blick und tauchte vor Schreck
+die Nase in seinen Kompotteller. Es spritzte hoch auf.
+
+Der Herzog rümpfte die Nase. Nein, dieses Kasperle betrug sich zu schlimm!
+Er winkte Veit. »Bring' ihn hinaus!« sagte er streng.
+
+Da mußte Kasperle aufstehen und er dachte: Nun werde ich wieder
+eingesperrt. Sein Gesicht wurde ganz traurig, und der Herzog sah dieses
+traurige Kasperlegesicht und es war, als rede jemand zu ihm: Kasperle kann
+doch nichts anderes sein als eben ein kleiner Schelm, der immer
+herumkaspert!
+
+Weil der Herzog aber immer meinte, alles, was er tue, sei recht und gut,
+rief er Kasperle nicht zurück, und Veit sagte zu dem draußen: »Nun geh
+geschwinde in deinen Turm, ich dringe dir nachher noch allerlei Gutes.«
+
+Da stieg Kasperle in seinen Turm hinauf, kletterte wieder auf das
+Fensterbrett und schaute dahin, wo Schloß Lindeneck aus den Baumwipfeln
+hervorsah. Er dachte an das traurige Marlenchen, und auf einmal stieg ein
+ganz bitterer Groll gegen den Herzog in des Kasperles Herz empor. Der trug
+doch die Schuld an des Marlenchens Trauer; der Herzog und die Prinzessin
+Gundolfine, die beiden waren es.
+
+Kasperle sprang vom Fensterbrett herab, zerrte zwei Stühle heran, nahm
+einen Stock, der in der Ecke lehnte, und bums, bums! schlug er auf die
+Stühle ein. »Warte du, warte du!« schrie er.
+
+»Ja, warte du!« sagte jemand und hielt Kasperle fest »Aber Kasperle, was
+machst du denn?« Der alte Haushofmeister sah ganz verdutzt dem kleinen
+Burschen in das bitterböse Gesicht.
+
+»Ich hau' den Herzog da, und die Prinzessin da.« Kasperle riß sich los und
+schlug unverdrossen auf die Stühle ein. »Klapp, du, klapp, du!«
+
+»Jemine!« Sein guter, alter Freund sah Kasperle entsetzt an. »Aber
+Kasperle,« rief er, »du bist doch ein abscheulicher Strick! Wenn das unser
+Herr Herzog hörte, dann möchte es dir schlecht gehen. In das
+allerfinsterste Loch würdest du gesteckt.«
+
+Erschrocken ließ Kasperle den Stock sinken, und da er in das ehrlich
+betrübte Gesicht des Haushofmeisters sah, kam er flink, schmiegte sich an
+den an und bettelte: »Sei wieder gut!«
+
+Ja, wieder gut, das war der alte Mann dem Unnützling schon; er seufzte aber
+doch recht sehr, als er wieder das Turmgemach verließ. Wie würde das
+werden! Irgendeine Dummheit stellte das Kasperle doch wieder an.
+
+Er ahnte nicht, daß das Kasperle schon dabei war. Das dachte sich: Im Turm
+ist's langweilig allein, ich hole mir etwas zum Spielen. Und flugs
+entwischte er durch den geheimen Gang, geriet auf eine Hintertreppe und kam
+in den Park hinaus, ohne daß ihn jemand sah. Draußen raffte er sich Blumen
+zusammen, steckte sich Kieselsteine in sein Mützlein und fand zu seinem
+großen Vergnügen auch etliche dicke Fröschlein, die er in die weiten
+Taschen seines Kasperlegewandes tat. Dann lief er wieder zurück, irrte erst
+eine Weile im Schloß herum und mußte sich ein paarmal verstecken, ehe er
+seinen Turm wieder fand.
+
+Dort tat er erst die Blumen in ein Glas, ordnete die Steine und war gerade
+dabei, die Frösche aus den Hosensäcklein herauszunehmen, als Veit erschien.
+»Flink, flink, Kasperle!« rief er. »Du sollst kommen. Der Herzog sitzt mit
+seinen Gästen noch beim Kaffee; du sollst ihnen etwas vorkaspern. Nachher
+gibt es auch Kuchen.«
+
+Da ließ Kasperle alle seine Schätze im Stich, lief mit und wurde vom Herzog
+viel gnädiger empfangen, als er gedacht hatte. »Mache einmal dein
+Räubergesicht!« sagte der, »und auch das Teufelsgesicht.«
+
+Und Kasperle schnitt flugs ein Gesicht nach dem andern, er drehte und wand
+sich, stellte sich auch einmal auf den Kopf, steckte diesen durch die Beine
+durch und grinste die Gäste so an, daß die laut lachten.
+
+Der Herzog hielt eine Tasse Kaffee zierlich in der Hand, und er wollte
+gerade ein wenig von der Schlagsahne naschen, die obenauf schwamm, als ein
+dicker Frosch aus Kasperles Tasche herausplumpste, und plitsch, platsch,
+sprang der in die Höhe, mitten in des Herzogs Tasse hinein!
+
+»Mein Himmel, was ist das?« rief eine alte Gräfin, die neben dem Herzog
+saß, als der seine Tasse fallen ließ. Doch da saß ihr der Frosch schon auf
+dem Schoß. Sie schrie gellend auf und ein paar junge Fräulein kreischten
+entsetzt: »Frösche, Frösche!«
+
+»Wo denn?« Ein etwas kurzsichtiger Kammerherr bückte sich, und plitsch
+sprang ihm ein Fröschlein mitten ins Gesicht.
+
+Gab das ein Geschrei! »Frösche, Frösche!« quietschten die Damen immerzu,
+sie hielten sich ihre Kleider fest zusammen und sprangen auf die Stühle.
+Die Hofherren wollten die Frösche fangen, doch die waren schneller als sie
+und hopsten hierhin und dahin. Der Herzog aber lehnte schreckensbleich in
+seinem Sessel; vor Fröschen graulte er sich. Er stöhnte: »Wo kommen sie
+her?«
+
+Kasperle stand ganz verdattert da. Daß die Frösche aus seinen Hosensäcklein
+gefallen waren, hatte nur Veit gesehen und der schwieg ganz still. Die
+andern Diener aber riefen: »Sie sind sicher aus dem Garten
+hereingesprungen.«
+
+»Gewiß ist es ein Zeichen, daß es entweder schlechtes oder gutes Wetter
+gibt,« flüsterte die alte Gräfin zitternd.
+
+Der Herzog erhob sich bebend. »Ich muß mich in mein Bett legen,« stammelte
+er, »ich bin zu sehr erschrocken.«
+
+Und alle umdrängten den Herzog und bedauerten ihn, Kasperle aber schlich
+sich fort; niemand beobachtete ihn. Nur Veit zog ihn ein wenig an den Ohren
+und sagte: »Schelm du!« Dann ließ er ihn los und Kasperle rannte in den
+Park, rannte dahin, wo das Bächlein floß, und er fand dort wirklich das
+traurige Marlenchen. Vergnügt erzählte er, was ihm alles passiert war, und
+wieder huschte es wie ein ganz matter, zarter Sonnenschein über das blasse
+Gesicht der Kleinen.
+
+»Du lernst noch lachen,« schrie Kasperle vergnügt und schlug vor Freude
+einen riesengroßen Purzelbaum.
+
+Doch das gefiel Marlenchen weniger, sie bat sanft: »Erzähle vom Waldhaus,
+bitte, bitte!«
+
+Wie gern erzählte Kasperle davon! Er kauerte sich am Bachrand nieder wie
+ein kleiner Türke und sagte: »Wo soll ich anfangen?«
+
+»Beim großen, alten Schrank, in dem du so schrecklich lange geschlafen
+hast,« bat das traurige Marlenchen.
+
+Kasperle schwätzte vergnügt. Auf der hohen Ulme, unter der die Kinder
+saßen, wohnten Elstern; die ärgerten sich, denn so flink und lustig wie
+Kasperle konnten selbst sie das Schwatzen nicht. Sie erhoben ihre Stimmen
+und krächzten dazwischen. »Seid stille!« schrie Kasperle hinauf, und als
+die Elstern sich darum gar nicht kümmerten, sondern immer lauter ihre
+Stimmen erhoben, da kletterte Kasperle flugs ein Stück die Ulme hinan und
+schnitt sein Räubergesicht.
+
+Die Elstern fielen kreischend vor Schreck in ihr Nest zurück, und auf
+einmal waren sie muckstill. Und wieder flog ein Scheinchen über der kleinen
+Marlene Gesicht. »Ich kann die Elstern nicht leiden,« sagte sie, »sie haben
+so böse Stimmen. Gut, daß sie mal stille sein müssen!«
+
+»Ja,« rief Kasperle, »seid ganz stille, ich will --«
+
+Ach, da tönte vom Schlosse her ein schrilles Pfeifen, und nun mußte auch
+das arme Kasperle still sein. Er nahm betrübt Abschied, sie sagten wieder:
+»Morgen«, schüttelten sich die Hände, und dann rannte Kasperle ins Schloß.
+Er sollte mit dem Herzog spazierenfahren.
+
+»Aber keine Gesichter schneiden!« Der Herzog drohte streng mit dem Finger,
+und weil Kasperle ohnehin ein schlechtes Gewissen wegen der
+Froschgeschichte hatte, saß er wirklich muckstill auf seinem Sitz.
+
+Er war an diesem Abend überhaupt ungeheuer brav, denn der Herzog redete
+noch immerzu von den Fröschen und wie die wohl in sein Gartenzimmer
+gekommen seien. Da hatte Kasperle Angst, er könnte darum gefragt, werden,
+darum schwieg er und saß still mit gesenkten Augen am Tisch.
+
+Er wird noch, dachte der Herzog, ich werde ihn erziehen.
+
+Am nächsten Morgen rannte dann Kasperle wieder in den Park und traf dort
+das traurige Marlenchen. Er mußte wieder vom Waldhaus erzählen, mußte aber
+wieder vorher die Elstern zum Schweigen bringen. Und wieder saß Marlenchen
+da, still die Hände gefaltet, lauschte und das frohe Leuchten lag wieder
+auf ihrem blassen Gesicht.
+
+An diesem Tage überhörten beide beinahe des Haushofmeisters Pfeifen. Das
+wurde schriller und schriller, und zuletzt hörte es Kasperle doch und er
+rannte mit solcher Eile in das Schloß, daß er im Eifer über den großen
+Lieblingshund des Herzogs einen Purzelbaum hinweg schlug. Dies gefiel Lord
+sehr. Er schnappte vergnügt nach Kasperles Höslein, der wehrte sich, packte
+Lord am Schwanz und beide kugelten und kegelten durch die große Halle. Es
+gab einen argen Lärm. Lord bellte, Kasperle schrie, der Herzog kam
+angerannt und rief: »Er frißt ihn, er frißt ihn!«
+
+Er dachte, Lord wolle das Kasperle fressen, aber da stand das auf einmal
+putzmunter auf seinen Beinen und grinste den Herzog an.
+
+O der Schelm! Der Herzog merkte, daß die Geschichte nicht so schlimm
+gewesen war, und er schalt über den Lärm und sagte, dafür müsse Kasperle
+heute zur Strafe daheim bleiben, er dürfe nicht mit spazierenfahren.
+
+O weh, das dumme, dumme Kasperle! Es lachte vor Vergnügen hellauf, und der
+Herzog wurde bitterböse. Lachen, wenn er nicht mit ihm, dem Herzog,
+spazierenfahren durfte, das ging doch über die Hutschnur!
+
+»Die Schlüssel!« rief er, und der Haushofmeister mußte ihm die Schlüssel
+bringen, die alle Türen des Schlosses aufschlossen. »Bringt Kasperle!«
+gebot der Herzog streng und der Haushofmeister dachte: O weh, nun geht's
+dem armen Kasperle bös, jetzt wird er gar in einen Keller gesperrt!
+
+Und wirklich sperrte ihn der Herzog eigenhändig in ein kleines, finsteres
+Kellerloch. Kasperle konnte weinen und schreien, soviel er wollte, schwipp,
+schwapp, war er drin, rissel, rassel, drehte sich der Schlüssel im Schloß,
+er war gefangen.
+
+An diesem Nachmittag wartete das traurige Marlenchen lange, lange auf ihren
+kleinen Freund, er kam nicht. Da erlosch der matte Freudenschein wieder auf
+dem blassen Gesicht und Marlenchen ging traurig heim. Traurig saß es im
+Schloßhof von Lindeneck am Brunnen, der ganz von Rosen umblüht war, und
+dachte an das Kasperle. Warum war es nur nicht gekommen?
+
+Das arme Kasperle saß unterdessen im dunklen Keller und konnte wirklich
+nicht hinaus. Er versuchte es, sich durch das winzige Fenster zu zwängen,
+es ging nicht. Er wollte die Türe öffnen, sie gab nicht nach. Er heulte und
+schrie, niemand hörte ihn.
+
+Da dachte das kleine Kasperle bitterböse an allerlei Schabernack, den er
+dem Herzog spielen wollte, und dabei rannte er immer im Keller auf und ab,
+auf und ab, und plötzlich stieß er wieder einmal an die Wand. Ganz hohl
+klang es. Hei! dachte er, hier ist eine geheime Türe, hier kann ich raus.
+
+Eine Türe war freilich da, aber hinaus ins Freie kam Kasperle nicht; nur in
+einen Keller geriet er, in dem drei Fäßlein köstlichen Weines lagerten. Des
+Herzogs Lieblingswein war es. Nun wußte Kasperle, wenn man aus einem Faß
+den Zapfen herauszieht, dann läuft alles aus. Er zog einen Zapfen heraus,
+den zweiten, den dritten. Das rieselte und rauschte, das duftete köstlich;
+Kasperle hielt auch den Mund unter, schluckte und trank, aber da meinte er
+plötzlich draußen ein Geräusch zu hören, und flugs rannte er in seinen
+Keller zurück, zog die Türe zu, und bums fiel er, so kurz er war, auf den
+Boden nieder und schlief ein. Er schlief und schlief und träumte von dem
+traurigen Marlenchen; es war aber kein trauriges, sondern ein sehr
+vergnügtes Marlenchen. Das sang und tanzte und lachte immerzu; nein, war
+das lustig!
+
+Und dabei saß Marlenchen unter dem Rosenbusch und weinte; es hatte
+Sehnsucht nach seinem neuen kleinen Freund.
+
+
+
+
+Elftes Kapitel
+
+Kasperles Krankheit
+
+Der Herzog August Erasmus kam sehr brummig von seiner Spazierfahrt zurück.
+Er hatte Kasperle strafen wollen und hatte sich selbst gestraft, denn er
+hatte den lustigen kleinen Quirlewind sehr vermißt. Er befahl also, man
+solle schnell Kasperle holen, meinte, der könnte ihm die schlechte Laune
+vertreiben.
+
+Der Haushofmeister ging selbst das Kasperle holen. Er blieb an der Türe
+stehen und rief freundlich: »Komm, mein Kasperle, komm!«
+
+Aber er konnte lange rufen, kein Kasperle kam. Nur ein seltsames Stöhnen
+und Schnarchen war zu hören, und der Haushofmeister sah endlich den kleinen
+Burschen an der Erde liegen. Eingeschlafen ist der arme Kerl, dachte er
+mitleidig; er mag sich recht gefürchtet haben. Und er ging hin, rüttelte
+und schüttelte Kasperle, doch der schnarchte und stöhnte weiter. Nun hob
+ihn der Haushofmeister auf und trug ihn aus dem Keller. Draußen rief er
+nach Veit, und beide versuchten Kasperle zu wecken.
+
+Vergeblich, der wurde nicht munter. Veit kam auf den Gedanken, ihm ein
+Wassergüßlein über den Kopf zu gießen. Er holte ein Glas Wasser und goß es
+Kasperle auf die Nase. Da strampelte und zappelte der eine Weile und --
+schlief weiter.
+
+Inzwischen klingelte der Herzog ungeduldig. »Kasperle soll kommen!« rief
+er.
+
+»Kasperle schläft,« meldete der Diener.
+
+»Er schläft? Ja, da weckt ihn doch auf! Wie kann er schlafen, wenn ich ihn
+sprechen will!« schrie der Herzog.
+
+»Er wacht nicht auf,« stotterte der Diener erschrocken.
+
+»Er wacht nicht auf? Aber das ist ja unerhört! Man gieße ihm Wasser über
+den Kopf!« Der Herzog war ganz aufgeregt, und als er hörte, Veit habe
+Kasperle schon das zweite Wassergüßlein über den Kopf gegossen, bekam er
+Angst. Er verlangte den Leibarzt, und dann lief er selbst, sich das
+schlafende Kasperle anzusehen.
+
+Der schlief und schlief, grunzte, stöhnte und schnarchte, und der Leibarzt
+schüttelte bedenklich den Kopf. »Er ist krank,« sagte er, »ganz bestimmt
+ist er krank oder -- er schläft nun wieder einmal viele, viele Jahre. Bei
+einem Kasperle kann man eben nicht wissen, wie eine Sache ausgeht.«
+
+Der Herzog wurde leichenblaß. »Lieber Leibarzt,« flehte er, »machen Sie mir
+das Kasperle munter! Zwölf Jahre lang habe ich alles versucht, um Kasperle
+zu bekommen, und nun -- ja, nun schläft er vielleicht länger, als ich noch
+lebe. Oh, oh, ist das eine dumme Geschichte!«
+
+Der Leibarzt legte den Finger an die Nase, schüttelte wieder den Kopf und
+begehrte ganz genau zu wissen, was eigentlich Kasperle zuletzt getan hatte.
+
+»Eingesperrt war er in einem dunklen Keller,« brummte der Haushofmeister.
+
+»Ach, da haben wir's! Eingesperrt in einem dunklen Keller -- nein, das
+verträgt kein Kasperle,« rief der Leibarzt. Er war froh, etwas sagen zu
+können, und weil er auch fand, der Herzog sei zu streng mit dem kleinen
+Schelm gewesen, schüttelte er immer wieder ernsthaft den Kopf. »Schlimm,
+schlimm, schlimm!« murmelte er, »sehr schlimm!« Er verordnete, Kasperle
+müsse im Bett liegen und kalte Umschläge bekommen, und immer solle jemand
+neben ihm sitzen, damit, wenn er aufwache, er gleich ordentlich geschüttelt
+werden könne.
+
+»Alles soll geschehen, nur machen Sie mir mein Kasperle wieder gesund,«
+rief der Herzog.
+
+»Ja, das geht nicht so schnell!« Der Leibarzt runzelte die Stirne, wiegte
+wieder den Kopf hin und her und sagte wieder: »Schlimm, schlimm, sehr
+schlimm!«
+
+Kasperle wurde nun in sein Bett getragen, und eine ganze Stunde saß der
+Herzog neben seinem Bett. Und Kasperle schnarchte, stöhnte, ein paarmal
+murmelte er auch etwas im Schlaf, und jedesmal dachte der Herzog: Jetzt
+wacht er auf. Und er neigte sich über ihn und fragte zärtlich: »Bist du
+munter, mein Kasperle?«
+
+Und weil der nicht aufwachte, ließ er wieder den Leibarzt holen, und gerade
+da fing Kasperle an zu brummeln und zu murmeln, und als sich der Herzog
+über ihn beugte und sanft fragte: »Mein Kasperle, was fehlt dir denn?«
+griff Kasperle plötzlich nach des Herzogs Nase und schrie: »Hallo, hallo,
+Michele, der Kasperlemann! Hallo, hallo!«
+
+Und dabei zerrte und zog Kasperle an des Herzogs Nase, als wäre dies eine
+Klingelschnur. Zipp zapp, zipp zapp! Dem Herzog verging Hören und Sehen. Er
+brüllte laut und suchte sich zu befreien, die andern halfen, und da schlug
+Kasperle auf einmal seine Augen auf, gähnte erschrecklich, klappte die
+Augen wieder zu und schnarchte rissel, rassel weiter.
+
+»Oooh!« rief der Herzog und hielt sich seine Nase. Kasperle hatte schon
+einen festen Griff und die Nase war feuerrot geworden.
+
+»Eine sehr böse Krankheit! Er hat Fieber.« Der Leibarzt schüttelte wieder
+den Kopf und sah wieder höchst besorgt drein. »Ruhe, Ruhe!« sagte er.
+
+Und dann gingen alle. Der Herzog hielt sich seine Nase und der Leibarzt
+sagte, er müsse kalte Umschläge machen. Der Herzog war böse und traurig
+zugleich. Das Nasenanfassen und daß Kasperle ihn Kasperlemann genannt
+hatte, war verdrießlich. Aber freilich, Kasperle war krank, und wer weiß,
+ob es jemals wieder aufwachte!
+
+Kasperle schlief und schlief. Im Schloß fragte von Viertelstunde zu
+Viertelstunde einer den andern: »Ist er wieder ausgewacht?« Doch das
+Kasperle dachte nicht daran, das schnarchte weiter, rissel, rassel, sogar
+im Treppenhaus war es zu hören.
+
+Alle glaubten, das Kasperle sei wirklich furchtbar krank, nur der alte
+Haushofmeister nicht. Der wußte besser im Schloß Bescheid als der Herzog
+selbst; er kannte alle verborgenen Türen und Winkel. Sein Vater, der auch
+schon Haushofmeister gewesen war, hatte sie ihm verraten. Und als sich alle
+um das Kasperle sorgten, ging er ganz leise unten in den Keller hinein. Er
+meinte nämlich, von Kasperle sei ein Düftlein ausgegangen, das an Wein
+mahnte. Das verborgene Pförtchen fand er schnell und gelangte in des
+Herzogs geheimen Weinkeller, zu dem dieser den Schlüssel wohl verwahrt
+hatte. Und richtig, da fand der Haushofmeister Kasperles Spuren: alle drei
+Fässer leer, die Zapfen am Boden. »Ei, du heilloser Schelm, du kleiner
+Nichtsnutz, du, ein Schwipslein hast du!« schalt der alte Mann, aber er
+lachte leise dazu. Dann steckte er in jedes Faß den Zapfen und ging wieder
+zu dem verborgenen Türchen hinaus. Das schloß er sorgfältig und brummelte
+dabei vor sich hin: »Na, die Prinzessin Gundolfine wird böse sein!« Die
+Weine aus dem Keller liebte die Prinzessin nämlich sehr; allemal wenn sie
+zu Besuch kam, stieg der Herzog selbst in den Keller und holte ein Krüglein
+herauf.
+
+Was der Haushofmeister wußte, sagte er keinem Menschen. Nur als Veit
+klagte: »Kasperle wird noch sterben!« sagte er heiter: »I wo, der stirbt
+nicht! Paß auf, morgen ist er putzmunter.«
+
+Es dauerte aber wirklich lange, ehe Kasperle aufwachte. Vierundzwanzig
+Stunden schlief er wie ein Säcklein, und der Herzog stand gerade wieder
+traurig an seinem Bett und der Leibarzt sagte: »Sehr schlimm!«, da schlug
+Kasperle auf einmal die Augen auf. Er sah den Herzog, den Doktor und
+etliche Hofherren an seinem Bett stehen, und alle staunten sie ihn an.
+
+Wie sonderbar das war! Kasperle lag ein Weilchen, rührte und rappelte sich
+nicht und sah mit seinen schwarzen Glitzeräuglein nur immer in die
+verdutzten Gesichter. Er fand das ungemein spaßhaft, bis er plötzlich ein
+heftiges Grimmen in seinem Bäuchlein spürte. Das knurrte los und der Herzog
+drehte sich erschrocken rundum. »Man jage den Hund aus dem Zimmer!« rief
+er. »Wo ist der Hund, der so knurrt?«
+
+Und alle drehten sich um, suchten und suchten, bis Kasperle jäh in ein
+lautes, heftiges Geschrei ausbrach. »Hunger, Hunger!« jammerte er, und da
+merkten es erst alle: Kasperles Magen knurrte.
+
+»Er hat Hunger!« Der Herzog sank vor Erstaunen auf einen Stuhl, der
+Leibarzt schüttelte wieder den Kopf, er sagte aber doch: »Man bringe
+schnell etwas zu essen, ein Süppchen und ganz kleine Brötchen!«
+
+Kasperle, der Schelm, merkte wohl, alle waren in Angst um ihn. Er verstand
+zwar nicht recht warum, denn er konnte sich erst gar nicht besinnen, was
+mit ihm geschehen war. Das Angsthaben machte ihm aber den größten Spaß. Er
+verdrehte seine Äuglein, schnitt fürchterliche Gesichter und wiederholte
+kläglich: »Hunger, Hunger!«
+
+»Schnell, schnell, bringt doch etwas!« rief der Herzog.
+
+Da rannte auch schon ein Diener herbei, der brachte Suppe und ein paar
+hauchfeine Schinkenschnittchen, mehr nicht. Kasperle machte plötzlich sein
+Räubergesicht, steckte schwipp, schwapp sämtliche Schnitten in den Mund;
+schluck, schluck! weg waren sie und der Strick schrie: »Mehr, mehr, ich
+sterbe!«
+
+»Merkwürdig!« Der Leibarzt sah das Kasperle verwundert an, der Herzog aber
+rief: »Mehr, bringt mehr!« Und weil er selbst gern Schokolade lutschte,
+holte er eine feine silberne Dose aus der Tasche, reichte sie Kasperle und
+sagte: »Nimm eins!«
+
+Ein Schokoladeplätzchen, jemine! Kasperle nahm die Dose, und weg waren alle
+Plätzchen, verschwunden in seinem großen Mund. Kasperle aber schrie jetzt
+richtig unnütz: »Mehr, mehr!«
+
+Da rannte schon ein Diener in das Zimmer mit einer Platte, auf der die
+leckersten Dinge standen, und der Herzog sagte gerade: »Man muß ihm etwas
+aussuchen, er darf nicht zuviel essen,« da schluckte das Kasperle schon.
+
+Himmel, wie das ging! Dem Herzog, dem Leibarzt, den Hofherren, allen blieb
+der Mund vor Staunen offen. Wie ein richtiger kleiner Gierschlund war
+Kasperle. Belegte Schnittchen, Kuchen, Braten, ein Schüsselchen Gemüse,
+alles schluckte er hinab, und zuletzt nahm er sich den großen Pudding, der
+auch auf der Platte stand, und von dem er nur kosten sollte, und
+schnabulierte darauf los.
+
+»Es wird zuviel,« schrie der Herzog und wollte selbst den Pudding
+wegnehmen, aber Kasperle hielt seinen Pudding fest, er schmauste und
+schmauste und sah dabei so vergnügt drein, daß der Leibarzt plötzlich
+sagte: »Es scheint, er ist gesund.«
+
+»Aber er überißt sich. Kasperle, mein liebes Kasperle, gib den Pudding
+her!« bat der Herzog.
+
+»Nä!« Kasperle grinste, und als der Herzog wieder nach der Schüssel greifen
+wollte, schnitt er ein Hexengesicht.
+
+»Oooh!« Der Herzog wich erschrocken zurück.
+
+Da sagte auf einmal der alte Haushofmeister: »Es ist genug, Kasperle.« Und
+dabei sah er Kasperle freundlich und doch streng an, und der kleine Schelm
+spürte plötzlich, der gütige alte Mann meinte es am allerbesten mit ihm. Er
+gab ohne ein Widerwort die Schüssel zurück und streckte sich ganz still und
+brav in seinem Bett wieder aus.
+
+Der Leibarzt, der etwas sagen wollte und nicht recht wußte, was er sagen
+sollte, denn in seinem Leben hatte er noch kein Kasperle behandelt,
+murmelte: »Er muß im Bett bleiben.«
+
+Doch da redete der alte Haushofmeister freundlich dazwischen, es wäre wohl
+am besten, Kasperle stünde auf und liefe im Park herum. Dies wäre gewiß
+gesund.
+
+»Vortrefflich, ganz vortrefflich!« sagte der Leibarzt, und da stimmte auch
+der Herzog zu. Er ordnete freilich an, ein Diener müsse Kasperle zum Schutz
+begleiten, und der alte Haushofmeister sagte ferner, ja, das könne Veit
+tun. So war es dem Herzog recht. Kasperle durfte aufstehen und in den Park
+laufen und Veit sagte: »Geh nur an den Bach, das traurige Marlenchen wartet
+schon.«
+
+Marlenchen saß wirklich am Bach, und es war heute wieder ganz traurig. Es
+hatte das blasse Gesichtchen über das Wasser geneigt und drehte darin Stein
+um Stein um. Plötzlich aber schrie es auf. Kasperles Bild erschien im
+Wasserspiegel, und nun sah das traurige Marlenchen gleich ein klein wenig
+nach Sonne aus. »Du bist da?« sagte sie erfreut zu dem kleinen, unnützen
+Freund. »Ach, ich dachte schon, du kämst nie wieder.«
+
+Kasperle schoß vor Vergnügen über die Freiheit und das Zusammensein mit dem
+traurigen Marlenchen einen Purzelbaum und platschte dabei ins Wasser; es
+spritzte hoch auf, und erst als das Kasperle klitschnaß war, setzte es sich
+neben Marlenchen und begann zu erzählen, wie es ihm ergangen war. So nach
+und nach fiel ihm alles ein. Da erzählte er auch den Streich aus dem Keller
+und Marlenchen rief erschrocken: »Aber Kasperle!«
+
+Kasperle senkte die Nase. Er schielte seine kleine Freundin seitwärts an,
+wie es die rechten Schelme tun, und er sah so unnütz und drollig aus, daß
+Marlenchen ein ganz klein wenig lachen mußte.
+
+»Hach, du lachst!« Kasperle streckte die Beine in die Luft vor Vergnügen,
+und dann fing er an zu schwatzen, schneller als die Elstern in der hohen
+Ulme. Das Bächlein erschrak ordentlich, es rann und lief, gluckste und
+plätscherte, dachte: Nein, der unnütze Strick da darf nicht flinker reden,
+als ich renne. Die Elstern erhoben auch ihre Stimmen lauter, und es war im
+sonst so stillen Waldtälchen ein Geschwätz und Gelärme um das traurige
+Marlenchen herum, wie noch nie.
+
+Aber auch die Stunden hatten Eile wie das Bächlein; viel zu früh, meinten
+Kasperle und Marlenchen, kam Veit, und die beiden ungleichen Kamerädles
+mußten Abschied nehmen.
+
+Das war bitter. Marlenchen sagte betrübt: »Vielleicht wirst du nun wieder
+eingesperrt.«
+
+Kasperle seufzte. Ach, es war schon schwer, in des Herzogs Dienst zu
+stehen! Die Sehnsucht nach dem Waldhaus stieg wieder heiß in ihm empor.
+Traurig gab er Marlenchen die Hand und sagte, er werde wiederkommen. »Und
+wenn er mich nicht läßt, dann brenne ich durch,« fügte er trotzig hinzu.
+
+»Aber Kasperle!«
+
+»Ja, ich tu's.« Und Kasperle schnitt ein Teufelsgesicht, ein Räubergesicht,
+sah wie eine Hexe drein, und Marlenchen begann sich ordentlich zu fürchten.
+Sie wich erschrocken an das Bächlein zurück. Doch gleich machte Kasperle
+wieder ein so liebes, betrübtes Schelmengesicht, daß sie ihn flink
+streichelte: »Armes Kasperle!« sagte sie. »Aber ausreißen mußt du nicht,
+denn sonst -- bin ich wieder ganz allein.«
+
+»Ich reiße nicht aus,« versprach Kasperle gleich, und als er mit Veit dem
+Schlosse zuging, nahm er sich vor, ungeheuer brav zu sein, damit der Herzog
+ihn nicht wieder einsperren brauchte. Marlenchen sollte nicht wieder
+vergeblich auf ihn warten.
+
+Er saß auch wirklich stumm und stocksteif am Abendtisch, und der Herzog
+verwunderte sich sehr über Kasperle. Er dachte aber: Er ist müde, gewiß ist
+er doch noch krank, und dann fragte er sehr freundlich: »Willst du schlafen
+gehen, Kasperle?«
+
+Nun war der Kleine kein bißchen müde nach seinen vierundzwanzig Stunden
+Schlaf, er riß darum seinen Mund weit auf und schrie, so laut er konnte:
+»Nä!«
+
+»Mein Himmel, ich bin doch nicht taub!« sagte der Herzog beleidigt. »Schäme
+dich, so zu schreien!«
+
+Kasperle senkte den Kopf. Jemine, war es schwer bei Hofe, den rechten Ton
+zu treffen! Einmal war er zu laut, einmal zu leise; sagte er viel, war es
+nicht recht, sagte er gar nichts, auch nicht; Vor lauter Ärger schnitt er
+sein Teufelsgesicht und der Herzog rief wieder vorwurfsvoll: »Aber
+Kasperle!«
+
+Es saß aber einer an diesem Tage am Tisch des Herzogs, das war ein lustiger
+und gütiger Mann; der Oberstallmeister war es. Dem hatte Kasperle schon
+viel Spaß gemacht, und er begann sehr herzhaft über das Teufelsgesicht zu
+lachen. Da merkte Kasperle gleich: Der versteht dich, und er schnitt flugs
+böse und lustige Gesichter durcheinander, wie es ihm einfiel. Zuletzt mußte
+selbst der Herzog lachen und er sagte, Kasperle dürfe an diesem Abend bei
+ihm bleiben. Da trieb Kasperle die allergrößten Narrenpossen, und zuletzt
+sollte er dem Herzog noch etwas erzählen, als der schon im Bett lag und
+nicht einschlafen konnte.
+
+Kasperle hockte neben ihm auf einem Stuhle und machte das allerdümmste
+Gesicht von der Welt, als der Herzog sagte: »Erzähle mir etwas!« Dazu hatte
+er keine Lust. Den Herzog allein wollte er auch nicht unterhalten; er
+dachte an das Einsperren und das kranke Marlenchen. Da drehte er den Kopf
+schief und schaute den Herzog böse an.
+
+»So ein Gesicht sollst du nicht machen!« rief der Herzog zornig. »Gleich
+erzähle mir: Wer hat alles im Waldhaus gewohnt?«
+
+Im Waldhaus! Bei der Erinnerung daran vergaß Kasperle seinen Zorn auf den
+Herzog; sein unnützes Schelmengesicht bekam einen lieben, zärtlichen
+Ausdruck, und als der Herzog mahnte: »Erzähle mal vom Waldhaus! Lebt denn
+der Meister Friedolin noch?« Da fing Kasperle an. Wie das Bächlein so flink
+ging seine Rede. Er vergaß, daß es der Herzog war, der im Bett lag, er war
+auf einmal wieder im Waldhaus bei Meister Friedolin und Mutter Annettchen.
+Er schwatzte von der schönen Liebetraut und Herrn Severin, von seinem
+Michele, von dem am meisten. So etwas hatte der Herzog noch nie gehört. Daß
+man abends nur Milchsuppe und ein Stück Brot aß und Feste feierte, wenn das
+erste Schneeglöckchen, die ersten Primeln blühten, die Singvögel
+heimkehrten, kam ihm wie ein Märchen vor.
+
+Kasperles Augen glänzten. Er redete und redete, er erzählte von den Rehen,
+die ganz zahm waren und manchmal in die große Waldhausstube hereinschauten,
+und wie sie stille standen, wenn jemand aus dem kleinen Haus kam, und sich
+streicheln ließen. Und von dem zahmen Eichkätzchen, von dem Hasen
+Wackelbart und der Ziege Ludowisia erzählte Kasperle.
+
+Der Herzog lag ganz still und lauschte. Er meinte den Wald rauschen und die
+Vögel singen zu hören, und am liebsten wäre er aufgestanden und hätte
+gesagt: »Komm, Kasperle, wir gehen ins Waldhaus!«
+
+Da zupfte plötzlich der Kammerdiener Kasperle am Jackenzipfel und sagte
+leise: »Komm hinaus, sieh doch, der Herzog ist eingeschlafen!«
+
+Der war wirklich eingeschlafen, er lag und träumte vom Waldhaus, und er sah
+dabei gar nicht böse und streng wie sonst aus, sondern ganz milde. Kasperle
+schüttelte erstaunt den Kopf und brummelte: »Da liegt 'n anderer im Bett
+drin!«
+
+»I bewahre!« flüsterte der Kammerdiener, »es ist schon unser Herzog.
+Freilich, so freundlich hat er lange nicht dreingesehen. Lieber Himmel, ja,
+wenn er doch immer so aussehen möchte, dann diente ich ihm auch lieber! So,
+und nun gehe in dein Bett, Kasperle, und schlafe, es ist Zeit!«
+
+
+
+
+Zwölftes Kapitel
+
+Es geistert im Schloß
+
+So friedlich wie der Abend war der Morgen, der ihm folgte, nicht. Das gab
+gleich in aller Herrgottsfrühe ein lautes Rennen, Rufen und Klingeln im
+Schloß. Sogar in seinem Turm hörte es Kasperle. Der witschte ein paarmal
+durch den Schrank, lauschte hinaus, flitzte ängstlich wieder zurück, wenn
+er jemand kommen hörte, aber immer verhallten die Schritte in der Ferne.
+Endlich, endlich, Kasperle dachte schon, er hätte hundert Jahre nichts
+gegessen, kam Veit und brachte ihm das Frühstück.
+
+Der gutmütige Bursche sah sehr verdrießlich drein, und als ihn Kasperle
+ängstlich ansah, brummte er: »Nun kommt sie doch schon wieder!«
+
+»Wer denn?« fragte Kasperle und sah nach der Türe; er dachte, irgend jemand
+müßte da anspaziert kommen.
+
+»Die Prinzessin Gundolfine,« brummte Veit. »Na, du armes Kasperle, da nimm
+dich nur in acht!«
+
+Kasperle sah nun wirklich drein, als sei ihm nicht allein seine Milchtasse,
+sondern sein Zubrot, sein Wämslein und sonst etwas in den Brunnen gefallen.
+Er vergaß sogar das Frühstück.
+
+»Ja, ja,« knurrte Veit, »da staunste! Zum Vergnügtsein ist's auch nicht,
+und ich glaube, der Herzog wünscht seine liebe Base auch ins Pfefferland,
+heute mittag kommt sie schon. Nun flink, nimm dein Frühstück und laufe in
+den Park! Wer weiß, ob du es morgen noch darfst.«
+
+Da schluckte Kasperle selbst für ein Kasperle ungeheuer geschwinde alles
+hinab, was Veit gebracht hatte, und dann flitzte er die Treppe hinab in den
+Park hinein. Niemand sah ihn, und als er am Bächlein anlangte, saß wirklich
+das traurige Marlenchen schon da.
+
+»Die Prinzessin kommt,« schrie Kasperle.
+
+Marlenchen wurde totenbleich, und ehe sich Kasperle noch auf ein zweites
+Wort besonnen hatte, rannte sie schon weg. Sie flog mehr, als sie ging, und
+Kasperle blieb nichts weiter übrig, als hinter ihr her Purzelbäume zu
+schlagen, um sie einzuholen. Er schrie zwar immer: »Bleib doch, bleib
+doch!« aber Marlenchen hörte in ihrer Angst vor der Prinzessin gar nicht
+darauf.
+
+Endlich erwischte Kasperle sie an einem Zipfel ihres weißen Kleides, und da
+sank das traurige Marlenchen wie eine kleine, blasse Blume ins Gras.
+Kasperle dachte wirklich, sie wäre gestorben, und er erhob ein lautes
+Zetergeschrei.
+
+Zum Glück hörte es niemand, und das blasse Marlenchen öffnete nach einigen
+Minuten wieder ihre Augen. Sanft bat sie: »Mußt nicht so schreien,
+Kasperle!«
+
+Gleich war der muckstill. Er sah Marlenchen mit seinen schwarzen
+Glitzeräuglein aber so traurig an, daß die Kleine ihm sanft über den Kopf
+strich. »Die Prinzessin, die böse Prinzessin!« Und sie seufzte tief.
+
+»Aber sie kommt doch erst mittags!«
+
+Marlenchen richtete sich verwundert auf. Sie hatte gemeint, die Prinzessin
+liefe hinter Kasperle drein, und sie sagte sanft: »Warum hast du denn dann
+so geschrieen?«
+
+»Aber sie kommt doch!« rief Kasperle kläglich.
+
+Ja, sie wollte kommen. Trübselig genug war es den beiden zumute. Sie gingen
+langsam über die weite Wiese nach dem Bächlein zurück und Marlenchen sagte
+traurig: »Wenn sie kommt, darf ich nicht mehr am Bach sitzen.«
+
+»Ich vergraule sie,« schrie Kasperle und machte sein Teufels- und
+Hexengesicht zu gleicher Zeit.
+
+Das sanfte Marlenchen erschrak. Ganz leise sagte sie: »Du mußt nicht
+schlimm sein, Kasperle.«
+
+»Ich vergraule sie doch!« schrie Kasperle zornig.
+
+»Wie denn?«
+
+Da schwieg der kleine Schelm. Er wußte noch nicht wie, aber er wußte, etwas
+fiel ihm schon ein, und trotzdem die sanfte Freundin ein paarmal mahnte,
+keine Dummheiten zu machen, blieb er doch dabei: »Ich vergraule sie.«
+
+Und dann saßen die beiden ungleichen Kameraden lange am Bächlein, erzählten
+sich dies und das, sprachen wieder vom Waldhaus, und viel zu früh ertönte
+des Haushofmeisters Pfeife.
+
+»Jetzt ist sie vielleicht schon da,« flüsterte Marlenchen scheu.
+
+»Ich geh' nicht!« Kasperle blieb auf seinem Stein sitzen. Die Pfeife
+grillte und schrillte, er rührte sich nicht.
+
+»Geh doch!« mahnte Marlenchen.
+
+»Nä!« knurrte Kasperle wie ein kleiner Bär.
+
+»Tirillili, tirillili!« tönte die Pfeife. Kasperle rührte sich nicht.
+
+Da endlich kam Veit angelaufen. »Kasperle, Kasperle, wo bleibst du denn?«
+
+»Ich komme nicht,« schrie Kasperle patzig.
+
+Aber da hatte er sich doch in Veit verrechnet. Der kam mit langen Schritten
+herbei, packte das Kasperle und trug es ohne weiteres dem Schlosse zu.
+Nicht einmal recht Abschied nehmen konnte er von dem traurigen Marlenchen.
+
+Das verdiente in dem Augenblick seinen Namen wirklich. Tief traurig sah es
+dem lustigen kleinen Kameraden nach, bis sie ihn nicht mehr erblicken
+konnte. Und als sie heimging mit gesenktem Kopf, da sagten die Wiesenblumen
+zueinander: »Wie seltsam, Regentropfen fallen und der Himmel ist so blau.«
+Die Regentropfen aber waren des traurigen Marlenchens bittere, bittere
+Tränen.
+
+Inzwischen gelangte Kasperle noch rechtzeitig in das Schloß. Und just als
+sich der Herzog zum Mittagessen setzen wollte, rumpelte und rasselte es
+draußen, die Prinzessin kam angefahren. Ein paar Minuten lang lief und rief
+alles durcheinander. Der Herzog seufzte erschrecklich tief, denn ihm gefiel
+der Besuch gar nicht. Das Kasperle stand ganz verdattert herum, da
+schüttelte ihn jemand und raunte ihm zu: »Marsch, lauf in deinen Turm!
+Sonst gibt es gleich Zank und Streit, wenn dich die Prinzessin erblickt.«
+
+Der Haushofmeister war es. Kasperle ließ sich das nicht zweimal sagen. Er
+rannte davon und kam dabei durch das Anrichtezimmer. Dort standen allerlei
+schön verzierte Speisen, Schüsseln mit Kuchen und dergleichen, und Kasperle
+dachte: Davon bekomme ich nun nichts. Plötzlich blieb er stehen, eine feine
+rosenrote Torte hatte es ihm angetan, und eins, zwei, drei, nahm er die
+Torte und trug sie in seinen Turm hinauf. Er war beinahe oben, da traf ihn
+jemand; der gute, dicke Oberstallmeister war es. »Potzwetter!« rief der,
+»wo willst du denn mit der Torte hin? Bist du Küchenjunge geworden?«
+
+»Nä!« stammelte Kasperle und schielte den freundlichen Herrn scheu an. »Ich
+-- ich will sie essen!«
+
+»Die ganze Torte?«
+
+Kasperle sah den Oberstallmeister an, sah die Torte an und dachte: Sie
+langt schon für beide. Er sagte das auch ganz treuherzig und der dicke Herr
+lachte herzhaft darüber. Weil er aber auch schon einen rechtschaffenen
+Hunger hatte und wußte, nun würden noch viele Minuten vergehen bis zum
+Mittagessen, rief er: »Kasperle, du bist ein Schlauerchen. Aber
+meinetwegen, wir essen die Torte zusammen.«
+
+Und dann setzten sie sich auf die Turmtreppe, der Oberstallmeister nahm
+seinen Säbel, schnitt die Torte mittendurch, und dann schmausten sie höchst
+einträchtig zusammen. Danach war Kasperle pumpelsatt, der Oberstallmeister
+halbsatt, und als sie sich trennten, hatte Kasperle einen neuen Freund im
+Schloß gewonnen.
+
+Kasperle stieg sehr vergnügt in seinen Turm hinauf, kletterte auf das
+Fensterbrett und sah sich die Welt von oben an. Dabei sah er zwei
+Stockwerke tiefer zur Seite eine Anzahl Fenster offen stehen, die sonst
+geschlossen waren. Und wie er so hinsah, steckte aus dem einen jemand
+seinen Kopf heraus und das -- war die Prinzessin Gundolfine. Kasperle
+purzelte vor Schreck in seinen Turm zurück. Eine ganze Weile lag er da und
+schnappte nach Luft, so arg war er erschrocken.
+
+Aber Kasperle war eben ein zu dummen Streichen und Schabernack aufgelegtes
+Kasperle. Das dachte den ganzen langen Nachmittag an weiter nichts, als
+daran, der Prinzessin als ein Gespenstlein zu erscheinen. Niemand kümmerte
+sich um den Kleinen; zu Tisch wurde er nicht geholt, der Herzog wollte ihn
+am liebsten seiner Base nicht zeigen. Zu essen brachte ihm auch niemand
+etwas, weil der Oberstallmeister dem Haushofmeister von der verschwundenen
+Torte erzählt hatte. Da dachte der: Das reicht bis zum Abendessen.
+
+Hunger hatte Kasperle auch nicht, aber Langeweile. Er flitzte immer wieder
+zu seinem Schranktürchen hinaus, und da alles ganz, ganz still blieb unten,
+wagte er sich endlich weiter und geriet bei seinem Herumsuchen auf den
+Schloßboden. Da gab es Türe an Türe, gab weite, offene Kammern. Kasperle
+steckte überall seine Nase hinein, und als er einmal aus einer Fensterluke
+blickte, sah er, daß er gerade über dem Zimmer der Prinzessin war.
+
+»Hach!« Kasperle kreischte ganz laut, und dann sah er sich erschrocken um.
+Der weite, leere Raum gab das Echo zurück, und Kasperle fürchtete sich ein
+paar Augenblicke schrecklich. Dann merkte er aber, es war niemand da, nur
+ein Mäuslein huschte eilig an ihm vorbei. Der kleine Schelm sah sich um. In
+einer Ecke entdeckte er eine Anzahl Stäbe, aber als er einen zum Fenster
+hinaussteckte, merkte er wohl, die reichten nicht bis an die Zimmer der
+Prinzessin. Er flitzte in allen Winkeln und Ecken herum, und da fand
+Kasperle endlich eine lange, lange Waschleine. Gerade als er die gefunden
+hatte, meinte er von ferne Schritte zu hören. Er lief also eiligst in
+seinen Turm zurück und war kaum ein paar Minuten darin, als Veit kam.
+
+Kasperle saß ganz brav und bieder auf dem Fensterbrett und schaute hinaus,
+und Veit hatte rechtes Mitleid mit dem kleinen Kerl. »Armes Kasperle,«
+sagte er »gelt, das ist ein langweiliges Leben?«
+
+Kasperle nickte eifrig, aber als Veit in seine Glitzeräuglein sah, sagte er
+plötzlich: »Kasperle, mach' keine Streichlein! Du schaust recht wie ein
+Bruder Unnütz und Vetter Dummheitenmacher drein.«
+
+Da glitt Kasperle vom Fenstersims herab und hängte sich schmeichelnd an
+Veits Arm, und der streichelte den Schelm, versprach ihm allerlei gute
+Dinge zum Abendessen und sagte, heute dürfe er noch nicht herabkommen, der
+Herzog habe Angst, die Prinzessin Gundolfine könnte ihm etwas antun. »Also
+sei brav!« mahnte Veit noch.
+
+Kasperle gab keine Antwort, er dachte mehr ans Unnütz- als ans Bravsein und
+Veit dachte: Na, der stellt doch noch etwas an! Freilich, zum Turm kam er
+nicht hinaus. Von dem geheimen Türlein, das der gute alte Haushofmeister
+dem Schelm verraten hatte, ahnte Veit nichts.
+
+Ein wenig später brachte er wirklich Abendbrot. Kasperle schmauste und
+legte sich in sein Bett. Veit deckte ihn noch zu, und dann verschloß er
+sorgfältig die Türe, brachte den Schlüssel dem Herzog, und der zeigte ihn
+seiner Base und sagte: »Nun siehst du, jetzt ist Kasperle im Turm
+eingeschlossen. Du brauchst dich also nicht zu fürchten.«
+
+»Ein Kasperle ist ein halbes Gespenst,« brummte die Prinzessin, »wer weiß,
+was der noch anstellt! Ich wollte, er läge unten im Schloßbrunnen.«
+
+Nach dem feuchten, tiefen Schloßbrunnen hatte Kasperle gar keine Sehnsucht.
+Der lag in seinem Bett, strampelte vor Vergnügen und schielte immer wieder
+hinaus, ob es nicht bald dunkel werde. Als Dämmerung draußen über dem Lande
+lag, wuschelte er sein Bett zusammen, nahm das Kopfkissen unter den Arm,
+flitzte durch das verborgene Türlein und huschte durch die Bodenkammer.
+Dort nahm er die längste Stange, band das Kopfkissen daran und versuchte
+damit das offene Fenster der Prinzessin zu erreichen. Es langte gerade,
+weiter nicht. Da zog Kasperle das Kopfkissen wieder hinauf, setzte sich auf
+die Fensterbrüstung und dachte vergnügt: Nun kann es losgehen.
+
+Das Warten wurde ihm freilich lang, denn die Prinzessin blieb bis spät in
+die Nacht beim Herzog. Da wurde Kasperle schließlich müde, er kroch in die
+Kammer zurück, kauerte am Boden nieder und schlief ein.
+
+Als er erwachte, war es tiefstill ringsum, nirgends ein Laut zu hören.
+Kasperle schaute zum Fenster hinaus. Unzählige Sterne glänzten am Himmel.
+Es war eine helle, klare Nacht. Ein paar Fledermäuse huschten lautlos am
+Bodenfenster vorbei, sonst rührte und regte sich nichts. Da stopfte
+Kasperle flugs noch etliche Kieselsteine zwischen Kopfkissen und Bezug, und
+dann steckte er seine Stange zum Fenster hinaus.
+
+Die Prinzessin schlief noch nicht. Sie lag wach und dachte allerlei;
+freundliche Gedanken hatte sie nicht, sie wollte den Grafen von
+Singerlingen recht kränken und sann nach, durch was. Auf einmal rauschte
+etwas Weißes an ihrem Fenster vorbei, klapp, schlug es an, -- weg war es.
+
+Die Prinzessin rief erschrocken und sehr laut nach ihrer Kammerfrau, und
+das unnütze Kasperle hörte das Rufen, denn das Fenster stand halb offen. Es
+zog flugs sein Kopfkissen hinauf und lauschte. Unten sah jemand hinaus und
+sagte: »Es ist nichts zu sehen.«
+
+»Schließe das Fenster!« schrie die Prinzessin. Das Fenster klirrte, es war
+wieder alles still.
+
+Da fing plötzlich die Schloßuhr zu schlagen an, zwölfmal, die Geisterstunde
+begann.
+
+»Es ist unheimlich,« sagte die Prinzessin unten gerade. Da rauschte draußen
+etwas Weißes an ihrem Fenster vorbei, klappte heftig an, und sie schrie
+laut um Hilfe. Die Kammerfrau sah erschrocken hinaus, und da sah sie gerade
+über sich das Kopfkissen schweben.
+
+»Ein Gespenst, ein Gespenst!« kreischte sie, und ein paar Augenblicke
+später hallte durch das Schloß Schreien und Hilferufen, und Kasperle nahm
+sein Kopfkissen, so schnell er konnte, und witschte in seinen Turm.
+
+Er kam gerade noch hinein, da klirrten draußen Schritte, und er mußte den
+langen Stock mit ins Bett nehmen, weil er nicht schnell genug die Stricke
+davon losbekam. Da wuschelte er sich so in sein Bett, daß nur die Nase
+heraussah, und er tat, als schliefe er ganz fest. Er hörte draußen ein paar
+Diener sich über die Gespensterfurcht unterhalten, hörte sie auf den Boden
+gehen und wieder zurückkommen. Wieder war alles still.
+
+Die Prinzessin Gundolfine zeterte und schrie zwar noch eine Weile in ihrem
+Bett, und die arme Kammerfrau, die vor Angst bebte, mußte noch dreimal zum
+Fenster hinaussehen; es war aber nichts zu erblicken.
+
+Der Herzog lag in seinem Bett und schalt, Haushofmeister und Diener
+schalten, und zuletzt schliefen alle ein.
+
+Nur Kasperle schlief nicht. Der kugelte sich lachend in seinem Bett herum
+und hörte draußen die Uhr schlagen: halb, dreiviertel; da kletterte er
+wieder zum Turme hinaus, schleppte aber noch seinen Wasserkrug mit und
+schlich sich wieder in die Bodenkammer.
+
+Die Prinzessin war halb eingeschlafen, da ging es draußen klapp, klapp,
+etwas Weißes rauschte am Fenster entlang. Diesmal sprang die Prinzessin
+selbst auf und riß das Fenster auf. Es klirrte und krachte, dumpf dröhnte
+die Uhr, und schwapp! bekam die Prinzessin so ein Güßlein, daß sie pustend
+und stöhnend in das Zimmer zurücktaumelte.
+
+Wieder tönten Hilferufe, Jammern, Kreischen; Türen klappten, Schritte
+hallten und Kasperle lag gerade in seinem Bett, als er draußen des Herzogs
+Stimme hörte. Der wollte selbst dem Gespenst zu Leibe gehen. »Kasperle kann
+es nicht sein, der ist ja eingeschlossen, aber nachsehen will ich doch,«
+hörte der kleine Schelm ihn sagen.
+
+Der bekam einen argen Schreck. Er zog sich das Bett so fest über die Ohren,
+daß nur seine Nase herausschaute, und tat, als ob er ganz fest schliefe.
+
+Der Herzog kam in den Turm, sah Kasperle liegen, ließ ihm ins Gesicht
+leuchten und murmelte: »Nein, nein, der kann es nicht gewesen sein, aber --
+ich glaube, der denkt sogar im Schlaf an unnütze Dinge. Hm, hm,
+merkwürdig!«
+
+Der Herzog ging, der Haushofmeister drehte sich aber noch einmal um, und
+als Kasperle ein bißchen blinkerte, sah er, wie sein alter Freund ihm
+drohte.
+
+Auf dem Boden, nirgends wurde etwas gefunden, nur einer bückte sich rasch
+und hob etwas auf, die andern sahen es nicht, es war der Haushofmeister.
+
+Und wieder gingen alle in ihre Betten. Bei der Prinzessin mußten aber außer
+der Hofdame und der Kammerfrau noch drei Mädchen wachen, und alle graulten
+sie sich schrecklich. Alle schliefen sie aber ein, und plötzlich wachten
+alle von einem Zetergeschrei auf, das aber rasch verstummte.
+
+»Jetzt hat das Gespenst geschrien.« Die Prinzessin sah käseweiß aus und
+ihre Wächterinnen sahen ebenso käseweiß aus. Sie horchten alle zitternd,
+aber alles blieb still. Daß Kasperle oben in seinem Bett lag und bitterlich
+weinte, dies konnten sie nicht hören.
+
+Kasperle hatte eben gespürt, daß der gute alte Haushofmeister auch einmal
+einen unnützen Schelm tüchtig verwichsen konnte. Er war gerade
+eingeschlafen, da hatte er unversehens klatsch, klatsch! gespürt, wie weh
+Schläge tun. Darob hatte er so mörderlich gebrüllt. Er verstummte aber
+gleich, als ihm der Haushofmeister ein Hosenknöpflein vor die Nase hielt
+und sagte: »Kasperle, soll ich das dem Herzog zeigen und sagen, das hat das
+Gespenst verloren?« O lieber Himmel, es ist schon schlimm, wenn einer
+immerzu Hosenknöpfle verliert! Arg schlimm!
+
+Kasperle schluchzte in sein Bett hinein und der alte gute Haushofmeister
+fragte traurig: »Kasperle, warum bist du nur so unnütz?«
+
+»Sie ist böse,« knurrte Kasperle zornig wie ein kleiner wütender Hund.
+
+»Ja, das ist sie. Denk' aber an den Keller, Kasperle, und an -- die
+Fässer!«
+
+»Ich will's nicht wieder tun,« murmelte Kasperle bedrückt. Daß der gute
+Haushofmeister aber auch alles herausbekam! Es wurde ihm ordentlich etwas
+bange vor ihm, und scheu blinzelte er den alten Mann an.
+
+Der mußte ein wenig lachen. »O Kasperle, du Strick!« sagte er, »du machst
+doch sicher noch eine Dummheit, solange die Prinzessin da ist! Jetzt sperre
+ich aber das Schranktürchen zu, sonst geisterst du noch einmal herum.«
+
+Der Haushofmeister wollte gehen, da griff Kasperle bittend nach seiner
+Hand, und der alte Mann strich ihm linde über den Kopf. »Armer kleiner
+Kerl,« sagte er, »warum hat dich unser Herzog nicht in deinem Waldhaus
+gelassen!«
+
+Kasperle seufzte tief, tief, danach drehte er sich um und schlief wie ein
+Rätzlein, schlief bis zum sonnigen Morgen. Und als er aufwachte, dachte er
+an keine Gespensterei, nichts, nur daran, wie er wohl heute das traurige
+Marlenchen sehen könnte.
+
+
+
+
+Dreizehntes Kapitel
+
+Das Nest auf der Ulme
+
+An diesem Morgen kam die Prinzessin Gundolfine mit einem Gesicht zum
+Frühstück, als hätte sie drei Metzen Schlackerwetter aufessen müssen. »Es
+hat heute nacht gespukt,« sagte sie böse.
+
+»Das ist noch nie geschehen,« antwortete der Herzog.
+
+Da fiel der Prinzessin etwas ein und sie rief: »Dann war es Kasperle.«
+
+»Nein, der war es nicht. Der war eingeschlossen im Turm.«
+
+»Er soll kommen, ich will ihn fragen!«
+
+»Meinetwegen,« brummte der Herzog.
+
+Da wurde Kasperle geholt, und dem kleinen Schelm wurde es wind und weh bei
+dem Gedanken, die Prinzessin zu sehen. Dazu sagte ihm noch der
+Haushofmeister: »Kasperle, Kasperle, das wird bös! Sie denkt, du seiest das
+Gespenst gewesen.«
+
+Jemine und Kasperle konnte doch nicht lügen! Dummheiten machen, ja, aber
+schwindeln, nein, das brachte er nicht fertig.
+
+Da war er schon im Zimmer und der Herzog rief: »Hier kommt er.«
+
+Kasperle sah vor Verlegenheit nicht rechts und nicht links, trat zaghaft
+auf, und weil er ohnehin auf dem glatten Boden schlecht gehen konnte,
+glitschte er und stolperte. Er wollte sich an einem Kammerherrn, der neben
+ihm ging, festhalten, beide verloren das Gleichgewicht und rutschten in das
+Zimmer hinein, als wäre der Boden eine Eisbahn.
+
+Der Kammerherr wollte sich auch an etwas anhalten, und unglücklicherweise
+erwischte er das Bein des Stuhles, auf dem die Prinzessin saß. Da rutschte
+der, die Prinzessin wackelte hin und her, hielt sich am Herzog fest, und
+pardauz, bums! lagen alle miteinander auf dem Boden.
+
+Der Herzog wurde fuchsteufelswild und die Prinzessin Gundolfine schrie
+immerzu: »Daran ist Kasperle schuld.«
+
+Der aber dachte: Es ist am besten, mitzuschreien, und er schrie so
+gewaltig, daß die andern allmählich erstaunt verstummten. So ein Geschrei
+war nicht Mode am Herzogshof.
+
+»Stille!« rief der Herzog, aber das Kasperle schrie und schrie. Der kleine
+Schelm dachte: Wenn ich recht schreie, fragen sie mich nichts. Und er hatte
+recht gedacht. Der Herzog vergaß vor Ärger das Gespensterspiel der Nacht,
+er rief böse: »Bringt Kasperle in den Turm zurück, er soll dort eingesperrt
+bleiben!«
+
+Das ließ sich der gute Haushofmeister nicht zweimal sagen; er winkte Veit,
+der zerrte Kasperle hinaus, und als unten alle noch aufgeregt durcheinander
+redeten, saß der schon wieder vergnügt in seinem Turm. Er schaute, als Veit
+gegangen war, über das Land hinweg, hinüber nach Lindeneck. Ach, wie gern
+wäre er doch zu dem traurigen Marlenchen gelaufen!
+
+Da fiel es ihm ein, er war ja ganz und gar eingesperrt, selbst das
+Schranktürchen war zu. Oder vielleicht doch nicht. Er schlüpfte in den
+Schrank, und richtig, das Türchen drehte sich; er stand wieder im
+Treppenhaus. Ganz vergnügt flitzte er eine Weile hin und her, weil aber
+unten noch immer viel Gelärm war, wagte er es nicht, die Treppe
+hinabzugehen. So blieb er oben, kauerte sich auf den Boden nieder und
+lauschte hinab.
+
+Die Stimme der Prinzessin Gundolfine klang schrill bis zu ihm herauf. Die
+Türen des Zimmers, in dem diese mit dem Herzog saß, standen offen; die
+Prinzessin behauptete, sonst halte sie es nicht aus, so heiß sei es. Sie
+war noch immer sehr aufgeregt und schalt unverdrossen auf das Kasperle,
+verlangte strenge Bestrafung, und Kasperle, der das hörte, dachte wieder
+einmal: Ausreißen wäre am besten!
+
+Er hatte aber doch für sein Michele sein Wort gegeben, und das mußte er
+halten.
+
+Endlich wurde es still unten. Der Herzog und die Prinzessin gingen im Park
+spazieren und der Haushofmeister kam und sagte: »Heute mußt du oben
+bleiben, Kasperle, sonst wirst du erwischt.«
+
+Kasperle versprach Bravsein, aber das Bravsein wurde ihm bald langweilig.
+Er flitzte zum Türlein hinaus und hinein, und der Vormittag wollte gar kein
+Ende nehmen. Endlich kam Veit und brachte ihm Mittagessen, und dabei sagte
+er: »Heute geht es unten hoch her. Der Herzog steigt eben in den Weinkeller
+hinab und holt von dem ganz guten Wein herauf. Weißt du, der Keller liegt
+neben dem, in den sie dich neulich gesperrt hatten. Dahinein geht der
+Herzog immer selbst, nur die Prinzessin ist mitgegangen. -- Meine Güte, was
+ist da schon wieder?«
+
+Unten tönte Rufen, und Veit lief die Treppe hinab und das Kasperle stand,
+als wäre er mitten in ein Hagelwetter hineingeraten.
+
+Wenn der Herzog die leeren Fässer entdeckte!
+
+Daß der nichts von dem Türchen wußte, ahnte Kasperle ja nicht. Er zitterte
+vor Angst, und da Veit in der Eile die Türe offen gelassen hatte, ging er
+durch diese Türe, ließ sie weit offen stehen, schlich sich einen Gang
+entlang, kam an eine schmale Seitentreppe, und gerade als er die erreicht
+hatte, hörte er die Prinzessin kreischen.
+
+Jemine, jetzt hatten sie die leeren Fässer gefunden! Da war Kasperle schon
+unten, war draußen im Park und wutschte an den Sträuchern entlang bis zum
+Wäldchen hin.
+
+Das Bächlein gluckste und rann, aber Marlenchen saß nicht an seinem Rande.
+Kasperle blieb stehen. Wohin sollte er nur? Ehe er durch des Herzogs Land
+lief, fingen ihn dessen Landjäger schon; sie erkannten ihn sicher an seinem
+grasgrünen Kasperlekleid, das alle kannten. Und dann dachte er an sein
+Wort, das er gegeben hatte. Er seufzte tief. Am Bächlein kauerte er sich
+nieder, und sein kleines unnützes Kasperleherz war ihm zentnerschwer. Wäre
+doch Marlenchen dagewesen! Ach, die traurige kleine Freundin konnte ihn
+gewiß auch nicht schützen!
+
+Auf einmal fiel ihm der Graf von Singerlingen ein. Vielleicht half ihm der
+in seiner Not, weil er ihn von der Prinzessin befreit hatte. Vielleicht gab
+der dem Herzog ein gutes Wort und bat ihn frei. Er dachte: Wenn ich immer
+an Wiesen entlang wutsche oder durch den Wald gehe, dann sieht mich
+vielleicht niemand. Aber wie fand er den Weg? Da fiel es ihm ein, er würde
+auf die alte, hohe Ulme klettern; von dort aus konnte er gewiß das Schloß
+des Grafen von Singerlingen liegen sehen und auch den Weg, der dahin
+führte. Und auf der Ulme, im dichten Gezweig, sah ihn auch niemand vom
+Schloß aus. Da schützte ihn sein grasgrünes Röckchen.
+
+Die Ulme war hoch, aber Kasperle fürchtete sich vor der Höhe nicht. Rutsch,
+rutsch, da war er schon ein Stück oben. Rutsch, rutsch, höher und höher kam
+er. Er sah schon das Elsternnest an der Spitze und sah die Vögel neugierig
+ihre Köpfe herausrecken. Die schimpften böse, und Kasperle schnitt wieder
+Frätzlein um Frätzlein. Das empörte die Elstern, die fingen laut zu
+schelten an, sie beugten sich weit aus den Nestern und machten böse Augen.
+Drei Nester waren es und in jedem Nest saß eine ganze Elsternfamilie.
+Kasperle hätte sich schon fürchten können, er merkte aber, die
+schwatzhaften Vögel hatten Angst vor seinen Teufels- und Räubergesichtern.
+Da kletterte er vergnügt höher und höher, verdrehte die Augen, zog den Mund
+krumm und schief, wackelte mit Nase und Ohren, und die Elstern kreischten
+immer lauter vor Angst.
+
+Die Alten riefen den Jungen zu: »Wir wollen fliehen, fliegt auf, fliegt
+auf!« aber die Jungen konnten vor Angst ihre Flügel nicht heben. Sie
+flatterten erschrocken in den Nestern herum, und endlich sagte die älteste,
+würdigste Elstermadame, die schon viele Jahre in dem Neste wohnte: »Jetzt
+hacke ich ihm die Augen aus.«
+
+Da schnitt Kasperle ein Hexengesicht und plumps sank die mutige Elster
+zurück. Sie jammerte laut vor Angst und in dem Augenblick dachte Kasperle:
+Wenn sie doch ruhig wäre!, denn von unten tönte lautes Rufen: »Kasperle,
+Kasperle! -- Er ist ausgerissen, der Bösewicht,« gellte eine Stimme und
+Kasperle hörte ganz genau, es war die Prinzessin, die rief.
+
+Gewiß hatten sie die leeren Fässer entdeckt.
+
+Das hatten der Herzog und seine Base nun wirklich getan. Sie waren, gefolgt
+von etlichen Dienern, in den Keller gekommen, in dem die köstlichen Weine
+lagerten, und der Herzog hatte befohlen: »Von dem Faß in der Mitte.«
+
+Da hielt der Diener den silbernen Krug unter und -- kein Tropfen kam
+heraus.
+
+Die Prinzessin schnupperte unterdessen in dem Keller herum und sie sagte:
+»Wie sehr es hier nach Wein riecht, nein, sonderbar!«
+
+»Das Faß ist leer,« meldete der Diener.
+
+»Leer?« rief der Herzog verdutzt. »Ja, wie kommt denn das?« Er trat selbst
+an das Faß heran, pochte, schüttelte, -- es war leer.
+
+»Du hast es ausgetrunken,« sagte seine Base spitz.
+
+»Unsinn!« Der Herzog war wirklich ärgerlich. »Nimm aus dem linken Faß!«
+rief er dem Diener zu. Der zog den Zapfen aus und hielt das Krüglein unter,
+aber kein Tropfen kam. Das war doch toll! Und beim dritten Faß ging es
+ebenso.
+
+»Es muß jemand im Keller gewesen sein,« rief der Herzog. »Schnell, schnell,
+man bringe Licht, um alles zu untersuchen!«
+
+»Du hast gewiß alles allein ausgetrunken,« sagte die Prinzessin Gundolfine
+wieder spitz, und der Herzog ärgerte sich so, daß er ganz grün wurde. Er
+schrie immer lauter: »Licht her, Licht her!« und die Diener kamen mit
+Lampen und Kerzen gerannt. Sogar die Kammerherren trugen Kerzen und alle
+leuchteten in dem kleinen Keller herum. Plötzlich rief der jüngste
+Hofjunker, der Augen wie ein Falke hatte: »Hier ist eine Türe.«
+
+»Unsinn, der Keller hat nur eine Türe!« erwiderte der Herzog, aber da schob
+das Junkerlein das Pförtchen zurück, und alle sahen erstaunt in einen
+zweiten Keller hinein. Auf einmal riefen etliche: »In dem Keller hat
+Kasperle gesteckt.«
+
+»Ja, und dann war er krank und hat immerzu geschlafen.« Der dicke
+Oberstallmeister brach plötzlich in ein dröhnendes Lachen aus. »Am Ende hat
+das Kasperle ein Schwipslein gehabt.«
+
+»Oooh!« Der Herzog sah drein, als wäre vor ihm ein Kirchturm umgepurzelt.
+Die Prinzessin aber kreischte: »Dieser schreckliche Kasper, den muß man
+aufhängen, in den Brunnen werfen, schlagen, der muß furchtbar bestraft
+werden!«
+
+»Man hole ihn!« Der Herzog stöhnte. Wirklich, das Kasperle war doch ein
+arger Strick, den mußte er wirklich streng bestrafen!
+
+Unter den Dienern war auch Veit, der lief mit, um das Kasperle zu holen. In
+seinem Herzen dachte er mitleidig: Vielleicht kann er noch entwischen.
+
+Und dann fanden sie die Turmtüre offen und kein Kasperle war zu sehen. Der
+Schelm war ausgerissen.
+
+Als das der Herzog erfuhr, vergaß er Mittagessen und alles; er war
+bitterböse, rief, man solle überall suchen und die Landjäger ausschicken,
+um das Kasperle zu fangen.
+
+»Und dann wird es aufgehängt,« rief die Prinzessin Gundolfine.
+
+»Nein, denn von einem toten Kasperle habe ich nichts,« erwiderte der
+Herzog.
+
+»Ach, aufhängen ist am besten!«
+
+»Nein, es ist mein Kasperle!«
+
+»Und mich hat es geärgert. Das Gespenst heute nacht war sicher auch
+Kasperle,« rief die Prinzessin. »Er muß doch aufgehängt werden!«
+
+»Nein!« schrie der Herzog zornig, und so stritten sich beide eine ganze
+Weile herum, was mit dem Kasperle geschehen sollte. Sie hatten es aber noch
+gar nicht.
+
+Unterdessen suchten die Diener überall herum. Veit sagte: »Ich suche im
+Wäldchen.« Er dachte: Wenn ich da das Kasperle sehe, kann es noch
+ausreißen. Aber etliche Kammerherren sagten auch, sie suchten im Wäldchen,
+und der gute Veit mußte sich das gefallen lassen.
+
+Kasperle sah sie alle kommen von seinem hohen Sitz aus. Jemine, klopfte da
+sein unnützes kleines Kasperleherz! Und die dummen Elstern kreischten und
+flatterten. Kasperle wollte sie zur Ruhe bringen, aber je bösere Gesichter
+er schnitt, desto schlimmer krächzten sie. Er machte endlich sein dummes,
+gutmütiges Kasperlegesicht, aber da flatterten die Elstern gleich wütend
+auf ihn los und wollten ihm die Augen aushacken. Das war Kasperle zu toll,
+er schlug mit seiner Faust nach ihnen und machte ein Teufelsräubergesicht.
+
+»Wir müssen fliehen, fliehen,« krächzte die älteste Elsternmadame, »Kinder,
+strengt euch an!« Und die Kinder strengten sich an. Sie hoben die Flügel
+und flatterten, und auf einmal flog die ganze Elsternschar mit so lautem
+Schreien davon, daß die Menschen unten aufmerksam wurden. Sie sahen hinauf,
+und der jüngste Hofjunker mit seinen scharfen Augen erblickte das Kasperle
+trotz seines grasgrünen Röckleins hoch oben auf der alten Ulme.
+
+»Da sitzt er, da sitzt er!« rief er, und nun schauten alle hinauf und alle
+riefen: »Da sitzt er, da sitzt er!«
+
+Kasperle fuhr der Schreck arg in die Glieder. Er wäre beinahe von dem Baume
+heruntergesaust, und in seiner Angst griff er nach dem verlassenen
+Elsternest, um sich daran festzuhalten. Dabei ergriff er etwas hartes und
+hatte auf einmal einen großen goldenen Ring mit einem schönen Rubin in der
+Mitte in seiner Hand. Das war nun wirklich sonderbar. In einem Elsternest
+lag ein goldener Ring! Kasperle war ausnehmend neugierig, und vor Neugier
+vergaß er sogar seine Angst. Er kletterte noch ein Stückchen höher und
+schaute in das Nest hinein. Nein, so etwas, da lag noch ein kleiner
+silberner Löffel und ein goldener Ohrring! Aber der Ring, den er in der
+Hand hielt, war das schönste Stück.
+
+Himmel, vielleicht war das gar des Herzogs Ring, den der Herr von Lindeneck
+gestohlen haben sollte! Kasperle hielt das kostbare Ding in der Hand, besah
+es von allen Seiten und dachte: Vielleicht wenn ich den dem Herzog bringe,
+verzeiht er mir. Aber just da kam unten die Prinzessin Gundolfine
+angelaufen und kreischte: »Man hole eine Kanone und erschieße ihn!«
+
+Kasperle schnitt sein Teufelsgesicht hinab. Aber was half das, die unten
+liefen nicht davon, wie die Elstern davongeflogen waren. Die blieben
+stehen, schimpften hinauf, redeten von einer Kanone und der Wasserspritze;
+sehr freundlich klang das nicht.
+
+Kasperle überlegte. Ausreißen konnte er nicht, auch hatte der Herzog ja
+nicht gesagt: »Geh zum Teufel!«, also war er noch nicht frei. Aber wenn er
+mit dem Ring ankam, würde der Herzog vielleicht wieder gut werden. Wenn nur
+die Prinzessin nicht unten gestanden hätte, an der er vorbei mußte!
+
+Plötzlich kam dem Kasperle ein Gedanke. Blitzschnell nahm er das Nest, in
+dem außer den Kostbarkeiten auch noch allerlei Unrat lag, und warf es
+hinab, der Prinzessin gerade auf den Kopf.
+
+Unten erhob sich ein lautes Geschrei, aber alle sahen ein paar Augenblicke
+nicht zu Kasperle hinauf, sondern auf die Prinzessin, und da rutschte der
+kleine Schelm den Baum hinab und schoß auf einmal einen Purzelbaum über
+alle hinweg, rollte sich und kollerte bis zum Schlosse hin, ehe die unter
+dem Baume noch wußten, was geschehen war. Im Schloß flitzte er aber an ein
+paar Dienern vorbei, husch, husch in das Zimmer des Herzogs hinein, in dem
+der seine Mittagsruhe zu halten pflegte. Und richtig, da saß der Herzog
+auch verdrießlich in seinem großen Stuhl und ärgerte sich. Ja, über was
+ärgerte er sich alles! über Kasperle, den ausgelaufenen Wein, seine Base,
+das verspätete Mittagessen, am meisten aber doch über Kasperle.
+
+Er muß streng, ganz streng bestraft werden, dachte er, und da purzelbaumte
+gerade das Kasperle in das Zimmer hinein, stand plötzlich vor ihm und hielt
+ihm seinen Ring unter die Nase. Dazu machte der kleine Kerl das betrübteste
+unnützeste Kasperlegesicht.
+
+»Aber Kasperle!« rief der Herzog, »wo hast du den Ring her?«
+
+Kasperle legte den Kopf schief, schielte den Herzog bittend an und erzählte
+von seiner Kletterei und den scheltenden Elstern.
+
+»Mein Himmel,« sagte der Herzog, »eine Elster hat den Ring gestohlen und
+der arme Herr von Lindeneck ist darum in Verdacht gekommen! Kasperle, um
+des Ringes willen soll dir alles, alles verziehen sein.«
+
+Da kugelte und kollerte sich Kasperle im Zimmer herum, und plötzlich
+bettelte er: »Herr Herzog, laß mich nach Lindeneck laufen!«
+
+»Dann reißt du aus.« Der Herzog schüttelte ernst den Kopf, aber Kasperle
+hing tief betrübt die Nase. »Du hast doch noch nicht gesagt: >Geh zum
+Teufel!<«, murmelte er und seufzte schwer dazu.
+
+»Ei, das ist gut! Vorher reißt du also wirklich nicht aus?« rief der Herzog
+lachend. »Nun, dann brauche ich ja keine Sorge zu haben; das sage ich nie.
+Also laufe nur nach Lindeneck und bestelle, der Herr von Lindeneck möchte
+gleich kommen. -- Aber,« er rieb sich nachdenklich die Nase, »weißt du
+denn, wo Lindeneck liegt?«
+
+Kasperle nickte eifrig und ganz zutraulich erzählte er dem Herzog von
+seiner Freundschaft mit dem traurigen Marlenchen.
+
+Der Herzog wurde sehr, sehr nachdenklich. Er schämte sich, daß er dem Herrn
+von Lindeneck so unrecht getan hatte, und er dachte bei sich: Eigentlich
+ist das Kasperle besser als ich. -- Solche Gedanken hatte der Herzog
+selten, wenn sie ihm aber kamen, dann blickten seine Augen milde und gütig
+und das Kasperle dachte: Jetzt gefällt er mir.
+
+»Nun laufe nur schnell!« sagte der Herzog. »Halt, der Haushofmeister mag
+dich ein Stück geleiten, denn wenn dich die Base Gundolfine erwischt, geht
+es dir übel. Sie denkt sogar, du hättest heute nacht gegeistert, und du
+lagst doch in deinem -- Kasperle!« Der Herzog machte plötzlich wieder böse
+Augen, denn Kasperle ließ gar zu schuldbewußt seine Nase hängen. »Du warst
+es doch, Kasperle!«
+
+Der Schelm nickte, und schon wollte der Herzog schelten, da fiel sein Blick
+auf den Ring und er sagte: »Na ja, klettern kannst du freilich! Aber nun
+laufe nur, auch das soll dir verziehen sein!«
+
+Kasperle huschte hinaus, froh, daß der Herzog nicht weiter gefragt hatte.
+Er fand den Haushofmeister, erzählte ihm flink alles, und der ließ ihn zu
+einem schmalen Pförtchen hinaus.
+
+Als die Prinzessin zornig und scheltend in das Schloß zurückkehrte, rannte
+Kasperle schon über eine große Wiese Schloß Lindeneck zu. War die
+Prinzessin Gundolfine aber böse! Sie machte wirklich Kulleraugen, als sie
+erfuhr, Kasperle sei beim Herzog gewesen und alles, alles sei verziehen.
+
+»Ich verzeih' ihm nicht,« schrie sie, »nie und nimmer! Er soll seine Strafe
+schon bekommen!«
+
+Doch als der Herzog ihr sagte, der vermißte Ring sei im Elsternest gewesen
+und dem Herrn von Lindeneck sei bitteres Unrecht geschehen, da redete sie
+gleich von Abreisen. Sie fühlte ihre Schuld, aber sie wollte sie nicht, wie
+der Herzog es tat, eingestehen.
+
+Der Herzog, der die Gewohnheit hatte, manchmal laut mit sich selbst zu
+sprechen, sagte, als die Prinzessin von ihrer Abreise sprach: »Ach, das
+wär' fein!«
+
+»Hach,« kreischte die Prinzessin, »ich falle in Ohnmacht! Das sagt man
+_mir_!« Und weinend lief sie auf ihr Zimmer und sie schluchzte so laut, daß
+es bald im ganzen Schloß zu hören war.
+
+Wenn sie doch abreiste! dachten alle, und sie sagten es laut und leise
+zueinander. Aber die Prinzessin Gundolfine dachte gar nicht an die Abreise;
+die wollte bleiben, wollte sich an Kasperle rächen. Denn daß der kleine
+Schelm den Ring gefunden hatte, das rechnete sie ihm nur als neuen
+Schabernack an. Auf ihrem Zimmer hielt sie Rat mit einer Kammerfrau und
+einer Hofdame, die beide genau so boshaft wie sie selbst waren. Und weil
+sie dabei doch nicht weinen konnte, mußte eine andere Kammerfrau an der
+Türe stehen und schreien und jammern, denn der Herzog sollte das
+allergrößte Mitleid mit seiner Base bekommen.
+
+Doch was zuviel ist, ist zuviel. Der Herzog mochte das Geschrei nicht mehr
+hören, er sagte: »Bringt mir Watte!« Und dann steckte er sich Watte in die
+Ohren, sagte, man solle ihn nur wecken, wenn Kasperle käme, legte sich hin
+und hielt seinen Mittagschlaf.
+
+
+
+
+Vierzehntes Kapitel
+
+Das traurige Marlenchen lernt lachen
+
+Kasperle rannte unterdessen, so schnell er konnte, nach Schloß Lindeneck.
+Er hopste, kugelte, kollerte, purzelbaumte und gelangte schneller hin als
+einer, der bedächtig auf seinen zwei Beinen geht.
+
+Am Tor von Schloß Lindeneck aber stand einer Wache, der sehr grimmig
+dreinsah, ein Mann, groß wie ein Baum, dick wie ein Ofen; das war des
+Schloßherrn allertreuster Diener, Eicke Pimperling. Der schrie drohend, als
+er das Kasperle kommen sah: »Hier darf niemand rein! Wer bist du überhaupt?
+Aussehen tust du wie ein Laubfrosch, und hopsen kannst du auch so.«
+
+»Ich bin, wer ich bin, und ich will rein,« rief Kasperle patzig.
+
+»Nichts da, marsch kehrt, hier darf niemand rein!«
+
+Oho, dachte Kasperle, dem Grobian schlage ich schon noch einen Purzelbaum
+über den Kopf weg! Und bei dem Gedanken lachte er hell auf.
+
+»Hallo, gelacht wird hier nicht!« Eicke Pimperling nahm einen großen Stock,
+es sah bedrohlich aus, aber Kasperle dachte: Es mag kommen, wie es will,
+ich muß hinein. Und dann eins, zwei, drei, ging es über Eickes Kopf hinweg,
+daß der vor Schreck mit dem Kopf hin und her wackelte.
+
+Kasperle aber saß selbst unversehens mitten im Schloßhof vor dem traurigen
+Marlenchen. Das schrie erschrocken auf, und ein stattlicher, finster
+aussehender Herr, der an einem blühenden Rosenbusch saß, blickte erstaunt
+auf. Er zog die Augen finster zusammen, als er den kleinen Eindringling
+gewahrte, aber da rief schon Marlenchen: »Vater, das ist mein Freund
+Kasperle!«
+
+»Verzeihung, gnädiger Herr, daß dieser Laubfrosch hier eingedrungen ist,«
+dröhnte Eickes Stimme durch den Schloßhof, und der gewaltige Mann kam mit
+flinken Schritten näher gerade auf Kasperle zu.
+
+»Tu ihm nichts, Eicke!« rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein. »Das ist
+kein Laubfrosch, mein Freund Kasperle ist's.«
+
+»Dein Freund Kasperle?« Herr von Lindeneck sah sein blasses Kind erstaunt
+an, und Marlenchen legte die Hände auf ihr klopfendes Herzelein, sah scheu
+zu ihrem Vater auf und erzählte leise, leise, wo sie das Kasperle immer
+getroffen hatte.
+
+Und plötzlich schnatterte Kasperle vergnügt dazwischen: »Der Ring ist da,
+der Ring ist da! Im Elsternest hat er gelegen.«
+
+Der Herr von Lindeneck wurde totenbleich. Er packte Kasperle so fest an,
+daß es dem ganz schwindlig wurde, und rief: »Wo ist der Ring, wer hat ihn
+gefunden?«
+
+»Ich,« stotterte Kasperle, und dann erzählte er von seiner Flucht auf die
+Ulme und den bitterbösen Elstern und von dem Ring. »Und du sollst zum
+Herzog kommen,« schloß er.
+
+Das war doch wunderbar! So etwas hatte Kasperle noch nicht erlebt. Der Herr
+von Lindeneck weinte und das traurige Marlenchen weinte auch. Der kleine
+Schelm sah sich ganz hilflos um, und er sah Eicke Pimperling kerzengerade
+neben sich stehen und in die Luft starren. Da fragte er scheu: »Sind se nu
+traurig?«
+
+»Quatsch, du Laubfrosch, glücklich sind se!«
+
+Ja, weint man denn da?
+
+Der Herr von Lindeneck hob plötzlich seine Arme und dehnte und reckte sich,
+als fiele eine schwere Eisenkette von ihm ab, das Marlenchen aber fiel dem
+Kasperle um den Hals, als wäre es gar kein unnützes, häßliches Kasperle,
+sondern auch so ein feines, zartes Dinglein wie Marlenchen selbst. »O
+Kasperle, du liebes, gutes Kasperle!« rief Marlenchen und streichelte
+Kasperle, bis der vor Vergnügen den Mund von einem Ohr zum andern zog. »Du
+gutes, gutes Kasperle, du bist der beste Bube auf der ganzen Welt!« fügte
+sie hinzu.
+
+Na, so viele freundliche und liebe Worte hatte Kasperle lange nicht gehört.
+Und da nahm ihn auch noch der Herr von Lindeneck in seine Arme und
+streichelte ihn und sagte, er werde ihm immer dankbar sein. Es war wirklich
+fein.
+
+Kasperle konnte nicht anders, er mußte ein paar Hopser machen. Dann zupfte
+er eifrig Marlenchen, zupfte den Herrn von Lindeneck und bettelte: »Kommt,
+kommt, der Herzog wartet!«
+
+»Er mag warten.« Der Schloßherr sah auf einmal aus, als sei er selbst der
+Herzog, und so gefiel es dem Kasperle noch besser. »Geh, Kasperle, sag ihm,
+wer ein Unrecht gutmachen wolle, der müsse auch den Weg finden zu dem, dem
+er Unrecht getan hat. Wirst du das bestellen?«
+
+»Nä!« rief Kasperle erschrocken. Das ging nicht so flink in seinen
+Kasperlekopf hinein, so etwas dem Herzog zu sagen.
+
+Da rief Marlenchen mit klingendem Stimmlein: »Ich gehe mit dir, mein
+Herzenskasperle, ich fürchte mich gar nicht.«
+
+»So geh!« Der Herr von Lindeneck strich seinem blassen Mädel über die
+dunklen Locken, und Kasperle legte vergnügt seine Hand in die des zarten
+Kindes. »Herzenskasperle« hatte ihn nur manchmal die schöne Frau Liebetraut
+genannt, er war arg stolz darauf, daß Marlenchen ihn nun auch so nannte.
+
+Eicke Pimperling war es nur halb recht, daß Marlenchen allein mit dem
+Kasperle gehen sollte. »Mit so'nem Laubfrosch!« brummelte er eifersüchtig.
+
+»Bin kein Laubfrosch.« Kasperle zog seine Hand aus der Marlenchens, und
+heidi schoß er einen Purzelbaum über Eicke hinweg, kollerte gleich den
+halben Schloßberg hinab und blieb da lachend liegen, bis Marlenchen ihn
+eingeholt hatte.
+
+Und dann gingen sie beide den Berg ganz hinab und über eine blühende Wiese
+nach dem Schlosse des Herzogs. Unterwegs erzählte Kasperle von seinen
+Erlebnissen und seinen Streichen, vom Geistern und von den ausgelaufenen
+Weinfässern.
+
+»Oooh, Kasperle!« Marlenchen blieb stehen und sah ihren Gefährten ganz
+erstaunt an.
+
+Der senkte verlegen seine Nase. Doch da geschah etwas, über das er sich arg
+verwunderte. Ein Glöckchen fing an zu läuten, klinghell und fein, und als
+er aufsah, -- lachte das traurige Marlenchen. Es lachte und lachte, wie
+eine kleine Silberglocke tönt. Und es war gar nicht mehr das traurige
+Marlenchen, sondern ein sehr lustiges, schelmisches Marlenchen. Fast nicht
+aufhören konnte es mit Lachen und Kasperle fing auch an; sie lachten beide
+um die Wette und mußten sich zuletzt in das Gras setzen, denn Marlenchen,
+die so lange nicht gelacht hatte, behauptete, nun würde sie gleich
+zerspringen vor Lachen. »Irgend etwas ist bestimmt zersprungen,« sagte sie
+vergnügt.
+
+Aber das Marlenchen zersprang doch nicht ganz und gar, sondern sie besannen
+sich beide darauf, daß der Herzog wartete. Sie rannten also, so schnell sie
+konnten, dem Schlosse zu. Kasperle fand wieder das Nebenpförtchen und traf
+dort Veit, der auf ihn wartete. Der sagte: »Der Haushofmeister hat gemeint,
+du werdest allein kommen; aber wer ist denn das? Jemine, das ist ja das
+traurige Marlenchen! Und das sieht aus, als wäre es eben im Himmel
+gewesen.«
+
+Marlenchens Augen glänzten, ihre Bäckchen glühten. So trat sie mit Kasperle
+vor den Herzog und sagte dort ganz frank und frei ihres Vaters Botschaft.
+Sie sah dabei den Herzog unverwandt an, und der wurde nicht böse, wie
+Kasperle befürchtet hatte, der strich sogar sacht über Marlenchens dunkle
+Locken und sagte: »Ruhe dich aus, mein Kind, bis der Wagen bereit ist! Ich
+will gleich zu deinem Vater fahren.«
+
+»Und ich fahr' mit,« rief Kasperle, und er blinkerte den Herzog mit seinen
+kleinen, lustigen Schelmenaugen so vergnügt an, daß der lachen mußte. So
+herzhaft hatte er lange nicht mehr gelacht. Und das Lachen tat ihm so gut
+wie ein ganzes Krüglein seines guten Weines. Freilich, zu zerspringen wie
+das Marlenchen drohte er nicht; bei der Kleinen war der schwere Kummer
+zersprungen, bei dem Herzog hätten die Launenhaftigkeit und der Hochmut
+zerspringen müssen. Doch die lösten sich nur ein wenig und bekamen einen
+kleinen Riß.
+
+Durch das Schloß tönte noch immer das laute Heulen aus dem Zimmer der
+Prinzessin, als der Herzog in den Wagen stieg. Es heulte schon die zweite
+Kammerfrau, die erste war nämlich heiser geworden. Aber der Herzog achtete
+gar nicht darauf, und als der Wagen davonfuhr, schnitt Kasperle sehr
+vergnügt ein böses Teufelsgesicht zu den Fenstern der Prinzessin hinauf.
+
+Die stand am Fenster und sah es. Sie kreischte vor Schreck und Wut und
+drohte dem Kasperle bitterböse hinab. Aber der kleine Schelm sah es gar
+nicht, sonst hätte er vielleicht nicht so vergnügt in des Herzogs Wagen
+gesessen. Der fuhr die Landstraße entlang, und diesmal schnitt Kasperle in
+seiner Fröhlichkeit die allerfreundlichsten Gesichter und die Leute
+grüßten, knicksten, lachten und winkten mit Blumen und Taschentüchern. Da
+sah auch der Herzog vergnügt drein. Er lachte mit und die Leute sagten:
+
+»Nein, wie gut unser Herzog doch heute dreinschaut! Ach, wenn er doch nur
+immer ein so freundliches Gesicht machte!«
+
+Es dauerte nicht lange, da war Schloß Lindeneck erreicht. Der Wagen rollte
+den Berg hinan, Eicke Pimperling stand an dem Tor. Diesmal schrie er aber
+nicht: »Hier darf niemand herein!«, er half höflich dem Herzog aussteigen,
+und als Kasperle flink aus dem Wagen purzelte, da hielt er ihn am Kittel
+fest und sagte: »Bleib hier, die zwei müssen allein reden!«
+
+Der Herr von Lindeneck saß inmitten des Schloßhofes am blühenden
+Rosenbusch, als der Herzog kam. Er stand auf und ging ihm entgegen, und
+dann standen sie beide lange an dem Rosenbusch und redeten miteinander;
+aber das Kasperle mochte noch so sehr seine Ohren spitzen, es hörte nichts.
+
+Eicke Pimperling stand breit und fest da und hielt Kasperle immerzu am
+Jackenzipfel fest, denn er hatte doch Angst, der könnte wieder einen
+Purzelbaum über ihn hinweg schießen.
+
+Endlich rief Marlenchens Vater sein Kind und Kasperle, und der Herzog sagte
+zu beiden, er wolle noch eine Stunde dableiben und Erdbeeren essen, und
+Kasperle dürfe auch bleiben und sogar kaspern.
+
+Das wurde eine lustige Stunde, die ein langes, langes Schwänzlein bekam. So
+lang wurde das Schwänzlein, daß schon der Himmel im Abendrot erglühte, als
+der Herzog heimfuhr.
+
+Als Kasperle hinter dem Herzog das Schloß betrat, kam gerade die Prinzessin
+Gundolfine die Treppe herab. Sie tat, als wäre sie todkrank, hielt den Kopf
+geneigt, und als sie den Herzog und Kasperle erblickte, schrie sie auf und
+wollte gleich wieder ohnmächtig werden. »Der da,« flüsterte sie und zeigte
+auf Kasperle, »der hat mir eben die Zunge herausgestreckt.«
+
+Das war nun nicht wahr, denn Kasperle hatte beim Anblick der Prinzessin
+gleich ganz tief den Kopf gesenkt; Marlenchen hatte ihn ermahnt: »Sei brav
+und ärgere sie nicht, Kasperle!« Und Kasperle wollte doch so himmelgern von
+Marlenchen als brav angesehen werden. Er sagte darum auch gleich: »Ich hab'
+nichts getan, ich hab' keine Zunge rausgestreckt.«
+
+»Doch, du hast es getan.« Die Prinzessin log ganz unverzagt, aber Kasperle
+wollte sich das nicht gefallen lassen; er rief trotzig: »Und ich hab' doch
+nicht die Zunge rausgestreckt! Ich hab' sie gar nicht angesehen, sie -- sie
+ist mir viel zu wüst!«
+
+O Kasperle, das war schlimm!
+
+Der Herzog runzelte ärgerlich die Stirn, und die Prinzessin fing schon
+wieder zu weinen an. Da sagte der alte Haushofmeister: »Mit Verlaub,
+Kasperle hat wirklich nicht die Zunge herausgestreckt, ich hab' es
+gesehen.«
+
+»Aber wüst hat er mich genannt,« schrie die Prinzessin.
+
+Das stimmte nun freilich, das hatten alle gehört. Und darum sagte der
+Herzog auch: »Kasperle, du bleibst auf deinem Zimmer und --« er drohte ihm
+mit dem Finger.
+
+Kasperle wußte wohl, das sollte heißen: »Geistere nicht herum!« Er hatte
+auch gar keine Lust dazu. Heute war er arg müde und froh, als er in seinem
+Bett lag. Er dachte an Marlenchen, und wie schön es auf dem Schloßhof von
+Lindeneck war, wo die Rosen um das rauschende Brünnlein herumblühten. Und
+da überkam das einsame Kasperle wieder eine tiefe, tiefe Sehnsucht nach dem
+Waldhaus und einer fernen, schönen Insel, einer Insel, die ihm die rechte
+Heimat war. Er weinte bitterlich und schluchzte in seine Kissen hinein.
+
+Jemand hörte das, es war der alte Haushofmeister. Der liebte das kleine,
+närrische, unnütze Kasperle wirklich, und als er es draußen weinen hörte,
+kam er durch das Schranktürlein in das Turmzimmer, streichelte Kasperle
+freundlich und saß dann noch so lange an dem Bett des kleinen Schelmen, bis
+der fest und ruhig eingeschlafen war. Und als er ging, sagte er leise vor
+sich hin: »Ich wollte wirklich, unser Herzog sagte: >Scher' dich zum
+Teufel!< aber das sagt er nicht, dazu ist er zu fein.«
+
+
+
+
+Fünfzehntes Kapitel
+
+»Geh zum Teufel!«
+
+Kasperle dachte nun, er wäre herzlich befreundet mit dem Herzog. Am
+nächsten Morgen hatte er daher allen Abendkummer vergessen und er schrie
+vergnügt, als Veit seine Türe öffnete: »Jetzt will ich dem Herzog guten
+Morgen sagen.«
+
+»Sachte, sachte!« Veit hielt ihn am Kittelchen fest und sagte warnend:
+»Tu's nicht! Die Prinzessin sitzt beim Herzog und redet schlimm von dir;
+der Herzog ist schon ganz grillig geworden. Lauf lieber zum Marlenchen!«
+
+Da lief Kasperle an das Bächlein, fand dort Marlenchen und vertraute der
+an, daß die böse Prinzessin noch immer nicht abgereist sei.
+
+Marlenchen sah ernsthaft drein. »Sie ist wirklich böse, und mein Vater
+besucht den Herzog auch nicht, solange die Prinzessin da ist. Aber sei
+nicht traurig! Der Herzog hat doch gesagt, sie reise bald ab.«
+
+Und dann vergaßen die Kinder die schlimme Prinzessin. Sie spielten zusammen
+und Marlenchen lachte wieder hell und froh.
+
+Als Kasperle in das Schloß zurücklief, dachte er leichtsinnig: Vielleicht
+ist sie schon abgereist. Aber die Prinzessin Gundolfine hatte den ganzen
+Morgen kein Wörtlein vom Abreisen gesagt. Sie saß wieder in einem
+kornblumenblauen Seidenkleid am Tisch beim Mittagsmahl, und dem Kasperle
+blieb wirklich ein paarmal der Bissen im Halse stecken, so böse sah sie ihn
+an.
+
+Dazu sah der Herzog auch wieder so verdrießlich drein wie eine Waschfrau,
+der der Fluß die Wäsche mitgenommen hat. Von Freundschaft war nicht viel zu
+merken. Und als Kasperle sich nur so viel Pudding nahm, wie gerade noch auf
+seinen Teller hinaufging, rief die Prinzessin: »Pfui!« und der Herzog sagte
+auch: »Pfui!« Und dann winkte er Veit, und der mußte Kasperle
+hinausbringen. Aber Veit tat, als verstünde er den Herzog nicht richtig, er
+nahm den Teller voll Pudding mit, das war ein Trost.
+
+Nachher saß Kasperle in seiner Turmstube und schaute trübselig über das
+Land. Der Haushofmeister hatte ihm nämlich gesagt: »Ausreißen darfst du
+nicht, sonst merkt der Herzog noch das geheime Türchen, und du bist dann
+ganz gefangen.«
+
+Da blieb Kasperle im Turmzimmer, und weil er vor lauter Langeweile nicht
+wußte, was er anfangen sollte, stellte er sich vor den Spiegel und schnitt
+Gesichter. Er dachte: Ich will Prinzessin spielen, und er verzog und
+verzerrte sein Gesicht immer mehr, und schließlich brachte er es fertig
+auszusehen wie die Prinzessin, wenn sie freundlich tat, wenn sie weinte,
+schalt, auch wenn sie Karten spielte. Und als er gerade alle Gesichter
+konnte, kam Veit und holte ihn. Der Herzog war mit der Prinzessin
+spazierengefahren, und der gute dicke Oberstallmeister ließ Kasperle zum
+Schokoladetrinken einladen. Das war fein!
+
+Kasperle raste die Treppe hinab und schrie unten laut: »Eingeladen,
+eingeladen!« Dabei rannte er beinahe eine alte Frau um, die in der großen
+Flur stand und mit einem Diener redete. Die Alte sah ihm ganz verdattert
+nach. »Das -- das -- ist doch Kasperle!«
+
+»Ei freilich, Frau Mummeline!« antwortete der Diener. »Kennt Ihr ihn denn?«
+
+Die Base Mummeline aus dem Schulhaus in Waldrast brummte nur: »Hm!« Bei
+sich dachte sie: Was, das Kasperle ist hier am Herzogshof! Ei, wie ist denn
+das zugegangen! Sie war dem Kasperle seit vielen Jahren bitterböse. Einst
+hatte der im Schulhaus in Waldrast Zuflucht gefunden, und sie hatte sich
+schwer über den unnützen Schelm geärgert. Und nun lief der hier durch das
+Schloß, als müßte es so sein. Sie sah, wie ihm ein Diener die Türe
+aufmachte, wie alle bei seinem Anblick lachten, und da rief sie laut: »Eia,
+so ein böser Schelm hat es gar zu hohen Ehren gebracht!«
+
+Kasperle drehte sich flugs um. Jetzt erst sah er die Base Mummeline, er
+erkannte sie wohl, und flugs schnitt er ihr ein böses Prinzessinnengesicht.
+Da erschrak die Base arg. »Meine Güte,« brummelte sie, »der kann ja
+aussehen wie unsere Prinzessin Gundolfine, fast noch greulicher!«
+
+Frau Mummeline brachte der Prinzessin alljährlich gute Heilkräuter, die
+diese gegen allerlei Krankheiten, verdorbenen Magen und schlechte Laune
+gebrauchte. Für den Magen waren die Kräuter gut, die schlechte Laune
+dagegen wurde meist noch schlechter. Da nun die Prinzessin ausgefahren war,
+wollte ein Diener Frau Mummeline ihre Kräuter und Tränklein abnehmen, doch
+die sagte, nein, sie müsse der Prinzessin alles selbst geben. Also mußte
+sie warten.
+
+Inzwischen saß das Kasperle sehr vergnügt zwischen etlichen Hofherren und
+spielte Prinzessin Gundolfine. Und weil die alle die böse Prinzessin nicht
+leiden konnten, lachten sie sehr über das Kasperle, und das Lachen tönte in
+den Park hinaus, denn der Oberstallmeister hatte seine Fenster offen
+stehen.
+
+Weil aber der Herzog durch den Park heimkehrte, -- er war am ersten Parktor
+schon ausgestiegen -- hörten er und die Prinzessin das Gelächter. Die
+Prinzessin sagte spöttisch: »Dort ist man recht lustig, ich möchte wetten,
+es ist Kasperle.«
+
+»Unsinn,« rief der Herzog »der ist eingesperrt!«
+
+»Nun, wir können ja mal nachsehen, ob es noch im Turm ist, das Kasperle,«
+sagte die Prinzessin. Sie trat in die Flur, und dort saß die Base
+Mummeline. Die hatte das letzte Wort gehört und sie knickste sehr tief und
+sagte: »Mit Verlaub, allergnädigste Prinzessin, das Kasperle ist vor 'ner
+Stunde hier durchgelaufen und -- und --«
+
+»Na, was denn?« fragte der Herzog unwirsch. »Rede Sie doch, was ist >und<!«
+
+»Es hat -- jemine -- es ist schrecklich -- aber es hat wirklich ausgesehen
+wie die Prinzessin.«
+
+»Was,« schrie die Prinzessin, »er erlaubt es sich wieder, mein Gesicht
+nachzumachen!« Und geschwind rannte sie die Treppe hinauf, der Herzog lief
+ihr nach, und beide traten unerwartet in das Zimmer, in dem Kasperle
+kasperte.
+
+Der machte gerade ein Gesicht, wie es die Prinzessin schnitt, wenn von dem
+Grafen von Singerlingen geredet wurde.
+
+»Na, warte du!« Da war die Prinzessin plötzlich mitten im Zimmer und
+klatsch, klatsch schlug sie auf das Kasperle ein, und der Oberstallmeister
+mußte ihr den armen Schelm entreißen, sonst wäre es dem gar übel ergangen.
+
+Es war eine schlimme Geschichte! Der Herzog war bitterböse, die Prinzessin
+war noch bitterböser und der Oberstallmeister sagte, er wolle auch auf sein
+Gut zurückkehren, so viel schlechte Laune könne er nicht vertragen.
+
+Zwei Hofherren sagten das auch, der Herzog wurde zornig, und zuletzt mußte
+er sich wirklich wieder in das Bett legen und Kamillentee trinken. Und an
+allem war Kasperle schuld, sagte die Prinzessin. Der Herzog ging darum
+vorher selbst, schloß Kasperle in den Turm und sagte, morgen werde er
+streng bestraft, sehr, sehr streng.
+
+Da saß nun das Kasperle wieder allein, traurig und voll Angst. Es dachte:
+Ach, wer hilft mir nur in meiner Not! Wenn sich der Herzog immerzu über
+mich ärgert, warum läßt er mich nicht frei und sagt, ich möchte zum Teufel
+gehen!
+
+Und wie Kasperle so traurig saß und vor Heimweh nach dem Waldhaus ihm das
+Herzlein weh tat, hörte er ferne einen Wanderburschen singen. Der kam
+näher, unter dem Turm blieb er stehen und Kasperle verstand nun, was er
+sang. Es war ein altes Lied:
+
+ »Nur net verzagt!
+ Bald der Morgen tagt.
+ Zum guten End'
+ Sich alles wend't.
+ Mußt net greinen,
+ Mußt net weinen!
+ Auf Gott vertrau',
+ Zum Himmel schau!
+ Himmelslichter blinken
+ Und die Englein winken.
+ Halt nur aus!
+ Schon nach Haus
+ Finden ich und du
+ Einst in guter Ruh,
+ Einst in guter Ruh.«
+
+
+Der Wanderbursch zog weiter, das Lied verhallte, aber dem Kasperle war es
+ein rechter Trost gewesen. Er sann nach. Wo hatte er das Lied nur schon
+gehört? Da fiel ihm die Magd beim dicken Bauer Strohkopf ein. Die hatte an
+dem Abend, da er mit seinem Michele zur Hochzeit reiste, das Lied halb
+gesungen. Und dann hatte sie -- oh! Kasperle zupfte sich an seiner eigenen
+Nase -- einen wunderbaren Rat hatte sie ihm gegeben. Vielleicht half das
+Mittel doch.
+
+Kasperle blieb am Fenster hocken, bis es dunkel wurde, bis Stern um Stern
+auftauchte und schließlich alle die lieben Himmelslichter zu sehen waren.
+Und dann hörte er die Uhr schlagen, lauschte und lauschte, und als es
+Mitternacht war, erhob er sich leise. Vollmond war freilich noch nicht,
+aber wenn einer am nächsten Tag streng, sehr streng bestraft werden soll,
+dann kann er halt auf den Mond nicht warten.
+
+Kasperle schlüpfte durch den Schrank, kam auf die Treppe, und dann schlich
+er sich leise, leise bis an des Herzogs Schlafzimmer. Da mußte er durch ein
+Vorzimmer gehen, in dem ein Diener schlief. Eigentlich sollte der wachen,
+er schlief aber und das Kasperle huschte an ihm vorbei. Die Türe zu des
+Herzogs Zimmer war nur angelehnt. Sie knarrte nicht und Kasperle kam
+ungehört hinein. Eine kleine Nachtlampe brannte, und in ihrem Schein sah
+Kasperle den Herzog in seinem Bett liegen. Der schlief pumpelfest, rückte
+und rührte sich nicht.
+
+Ein bißchen bange war es Kasperle schon, aber endlich trat er doch an das
+Bett, schlug die Decke zurück, packte fest die große Zehe des rechten Fußes
+und sprach leise: »Sag': >Geh zum Teufel!<, sag: >Geh zum Teufel!<«
+
+Der Herzog zuckte zusammen. Was kniffte ihn denn da so? Er schlief aber
+weiter und Kasperle kniffte derber und derber und sagte wieder und wieder
+sein Sprüchlein. »Au!« Der Herzog fuhr in die Höhe. Was war denn an seiner
+Zehe? Da sah er das Kasperle stehen und hörte das immerzu sagen: »Geh zum
+Teufel, geh zum Teufel!«
+
+»Au!« schrie er noch einmal, denn Kasperle kniffte tüchtig, und
+unwillkürlich wiederholte der Herzog wütend: »Ja, geh zum Teufel, du
+Strick, du!«
+
+»Hurra!« schrie Kasperle, ließ die große Zehe des Herzogs los und raste
+hinaus. Er flitzte an dem Diener vorbei, der von dem Geschrei erwacht war,
+raste hinab durch die große Halle, öffnete flugs eins der Fenster, die nach
+dem Garten führten, schlug einen Purzelbaum -- und draußen war er, über
+Wege und Beete rannte Kasperle, es war ihm gleich, wohin er trat; er
+platschte durch das Wässerlein, kletterte auf einen Baum, schwang sich über
+die Mauer und war draußen, ehe sie im Schloß noch recht wußten, was
+geschehen war.
+
+Der Herzog war ganz munter geworden, und es war ihm eingefallen, er hatte
+doch gesagt: »Geh zum Teufel!« Also war das Kasperle frei. Da schrie er, so
+laut er konnte: »Haltet ihn, haltet ihn!«
+
+Der Diener, der jemand aus dem Zimmer hatte huschen sehen, rief um Hilfe.
+Er dachte, dem Herzog habe gar jemand etwas zuleide getan. Auf sein Rufen
+kamen andere Diener, Kammerherren, der Haushofmeister, alle herbei; alle
+fragten, was geschehen sei, der Herzog konnte aber vor Ärger eine ganze
+Weile kaum schnaufen. Als er endlich erzählte, was geschehen sei, da hopste
+Kasperle gerade über die Parkmauer.
+
+»Man muß ihn verfolgen, ihn fangen, einsperren!«
+
+»Mit Verlaub, das wäre aber unrecht,« sagte der Haushofmeister, der ein
+ehrlicher Mann war. »Der Herr Herzog hat gesagt: >Geh zum Teufel!< und da
+ist Kasperle fort.«
+
+Aber davon wollte der Herzog nichts wissen. Er wurde fuchsteufelswild. Der
+Hauptmann der Landjäger mußte kommen, und der Herzog befahl allen, sie
+müßten nach Kasperle suchen. Das ganze Schloß geriet in Aufregung, und als
+die Prinzessin Gundolfine hörte, was geschehen war, vergaß sie, sich vor
+Ärger ihre Haare aufzusetzen.
+
+Fackeln wurden angezündet, die Hunde losgelassen, Landjäger und Diener
+marschierten auf, und alle schickten sich an, nach Kasperle zu suchen.
+Zuletzt fiel es dem Herzog noch ein, Kasperle könnte beim Herrn von
+Lindeneck sein, und er befahl, man solle dort zuerst fragen.
+
+Da marschierten mitten in der Nacht mit Bumbum und Trara Landjäger vor
+Schloß Lindeneck auf, und Marlenchen, die gerade einen lieblichen Traum
+gehabt hatte, lief erschrocken an das Fenster. Was war denn geschehen?
+
+»Kasperle ist verschwunden,« hörte sie rufen. Da erschrak sie tief in ihrem
+Herzen. Hatte der kleine Freund wirklich sein Wort gebrochen? Sie schlüpfte
+rasch in ihre Kleider und lief barfuß die Treppe hinab. Unten stand ihr
+Vater, der redete mit dem Hauptmann und sagte, daß Kasperle nicht im Schloß
+sei. Und der Hauptmann erzählte, was eigentlich geschehen war. Auf einmal
+fragte er: »Haben Sie eine Glocke auf dem Hofe, Herr von Lindeneck?«
+
+Der schüttelte den Kopf, aber er horchte verwundert auf. Es war wirklich,
+als bimmele irgendwo ein Glöckchen, fein und zart. Von dorther klang es, wo
+der blühende Rosenbusch stand. Und das klang und tönte noch, als die
+Landjäger schon mit Bumbum und Trara das Schloß verlassen hatten.
+
+Da ging der Herr von Lindeneck an den Rosenbusch und fand dort sein
+Marlenchen sitzen. Das lachte und lachte, hing sich an seinen Hals und rief
+froh: »Kasperle ist frei! Er hat sein Versprechen nicht gebrochen.«
+
+»Wenn sie ihn nicht einfangen, den armen, lieben kleinen Schelm,« sagte der
+Herr von Lindeneck. Aber Marlenchen schüttelte den Kopf und sagte
+geheimnisvoll: »Da suchen sie ihn nicht, wo er hingelaufen ist.«
+
+Frau Mummeline aus Waldrast, die im Schloß hatte übernachten dürfen, war
+gleich zur Prinzessin gelaufen und hatte dort gesagt: »Gewiß ist Kasperle
+in den Wald hinausgerannt wie damals.«
+
+Da schrie die Prinzessin im ganzen Schloß herum, man möchte im Hochwald
+suchen. Doch der Herzog befahl, überall im ganzen Land und namentlich an
+der Grenze beim Waldhaus sollten Wächter stehen. Er brummte und schalt ganz
+schrecklich über Kasperles Davonlaufen, am meisten aber schalt er auf die
+Prinzessin; die sei an allem schuld, sagte er.
+
+Inzwischen hatte Kasperle schon den Wald erreicht. Er schlüpfte in seinem
+grasgrünen Kasperlekleid durch das Gebüsch, und als er einmal einen Förster
+daherkommen sah, warf er sich zu Boden und der Mann ging dicht an ihm
+vorbei und sah ihn nicht. Kasperle rannte, schlug Purzelbäume und gelangte
+ziemlich rasch an das Waldende. Der Morgen dämmerte schon, rosenrote Wolken
+segelten lustig am graublauen Himmel dahin, ein schöner Tag stieg herauf.
+
+Als Kasperle aus dem Walde trat, sah er das Land schon ganz hell vor sich
+liegen, er sah aber auch auf dem Stück Landstraße, das er noch bis zu dem
+Schloß des Grafen von Singerlingen zu gehen hatte, Menschen wandern. In der
+nahen Stadt war Markt und die Landleute fuhren und trugen ihre Waren dahin.
+
+Ein bißchen ungemütlich war das Kasperle, er dachte aber leichtsinnig: Ach
+was, ich schlupf' durch! Nun, er wollte gerade wieder seinen flinken Lauf
+beginnen, als er plötzlich neben sich etwas sehr Verwunderliches erblickte:
+ein Kasperle, das genau so aussah wie er. Aber es war aus Holz, und
+Kasperle erkannte es gleich, das hatte der gute Meister Friedolin
+geschnitzt. Unter der Kasperlefigur war eine Schrift zu lesen, und weil das
+Lesen Kasperles schwache Seite war, dauerte es ziemlich lange, bis er die
+Worte entziffert hatte. Dann aber riß er freilich auch seinen Mund
+sperrangelweit auf. Da stand nämlich: Wer einen kleinen Buben findet, der
+so aussieht, der soll ihn eiligst fangen und dem Herzog August Erasmus
+abliefern.
+
+Potzhundert, das war eine Geschichte! Kasperle war so verdonnert, daß er
+gar nicht die Schritte hörte, die sich ihm nahten, und dann fiel er vor
+Schreck platt um, als jemand zu ihm sagte: »Na, Kasperle, was sagst du denn
+dazu?«
+
+Es war der Kasperlemann, der so redete. Der Kasperlemann, der ihn immer
+verfolgt hatte.
+
+Kasperle schnappte vor Angst, als wäre er ein Fischlein, das man auf ein
+Sofa gelegt hat.
+
+»Du bist wohl ausgerissen?« fragte der Kasperlemann lächelnd.
+
+»Er hat's gesagt, ich durfte,« schrie Kasperle in seiner Angst.
+
+»Du, schrei nicht so! Komm ein wenig unter den großen Baum, da, wo mein
+Karren steht!« sagte der Kasperlemann. »Wenn dich Leute sehen, kann's dir
+schlecht gehen.«
+
+»Er hat's doch gesagt!« stöhnte Kasperle.
+
+»Wer hat was gesagt?«
+
+»Der Herzog! Ich solle zum Teufel gehen. Und nun bin ich frei.« Dem
+Kasperle rollten vor Angst dicke, dicke Tränen über seine Backen und der
+Kasperlemann sagte mitleidig: »Armes Kasperle! Wenn er dich fängt, läßt er
+dich doch nicht frei. Aber ich will dir helfen, denn du hast mir auch
+geholfen, damals, als ich mich zu einer sehr schlechten Tat habe verleiten
+lassen. Ich habe versprochen, es dir nie zu vergessen. Krieche mal
+vorläufig flink in meinen Karren! In der Ferne kommen Landjäger.«
+
+Da war Kasperle flinker im Karren, als die Landjäger ritten. »Verstecke
+dich nur tief hinein!« sagte der Kasperlemann. »Und wohin willst du
+eigentlich? Über die Grenze am Waldhaus kannst du doch nicht laufen!«
+
+»Zum Grafen von Singerlingen, der hilft mir schon,« murmelte Kasperle.
+
+»Heiho, Kasperlemann,« rief da ein Landjäger, »mit wem redest du denn da?«
+
+»Na, mit meinem Kasperle, wie's halt ein Kasperlemann tut,« antwortete der.
+»Ich will zum Herrn Grafen von Singerlingen und fragen, ob ich heute dort
+nicht einmal kaspern kann.«
+
+»Hei, wir suchen auch ein Kasperle!« antworteten die Landjäger, die näher
+gekommen waren und nun den ganzen Wagen umstanden. »Aber nicht so ein
+hölzernes Ding wie deine Kasperles, ein richtiges lebendiges Kasperle, das
+dem Herzog August Erasmus gehört und ihm ausgerissen ist. Wir müssen aber
+weiter, sonst läuft der Schelm gar noch über die Grenze.«
+
+»Viel Glück auf den Weg!« rief der Kasperlemann den Landjägern nach. Dann
+hockte er sich lachend neben seinen kleinen Karren hin und redete hinein:
+»Nun, warten wir noch, bis die Landjäger am Schloß vorbei sind! Dann fahre
+ich dich hin.«
+
+Dem Kasperle war es trotz der guten Worte doch recht bänglich ums Herz. Es
+traute dem Kasperlemann noch immer nicht recht, und als der mit seinem
+Eselswagen losfuhr, seufzte und stöhnte er jämmerlich. Der Mann hörte es,
+und der Esel hörte es; der Kasperlemann lachte ein wenig über den
+furchtsamen Schelm, der Esel aber, weil er eben ein Esel war, fing ein
+schreckliches Gerase an vor Angst. Rumpelpumpel, hoppedihopp ging es die
+Landstraße entlang, der Kasperlemann mußte springen, um nur mitzukommen.
+Ruck, schubb, hopsassa! Innen im Wäglein purzelten das lebendige Kasperle
+und sein hölzerner Gefährte durcheinander, schön war es gerade nicht.
+
+Aber auf einmal hielt der Wagen mitten aus dem Hof des Grafen von
+Singerlingen. Der wollte just in seinen Garten gehen und spazierte gerade
+über den Hof. Da sah er den Kasperlemann, und weil er ein freundlicher Herr
+war, blieb er stehen und fragte: »Was willst du denn?«
+
+»Ich bringe Kasperle,« antwortete der Mann.
+
+Da streckte auch schon Kasperle seine große Nase heraus und sagte kläglich:
+»Jemine, jemine, der dumme Esel!«
+
+»Na nu, wen meinst du denn? Woher kommst du überhaupt?«
+
+»Den da.« Kasperle hob sein Fingerlein, deutete auf den Esel und fügte
+etwas bedrückt hinzu: »Der Herr Herzog hat gesagt, ich soll zum Teufel
+gehen, und da bin ich hierher gekommen.«
+
+»Ei, du bist ja recht freundlich!« rief der Graf. »Hältst du mich gar für
+den Teufel?«
+
+»Nä!« Kasperle grinste, und dann kletterte er ganz aus dem Wäglein, faßte
+zutraulich des Grafen Hand und bettelte: »Gelt, du hilfst mir?«
+
+»Das schon, aber erst muß ich wissen, wie sich das mit dem Zum-Teufel-Gehen
+verhält. Hat das der Herzog wirklich gesagt?«
+
+Kasperle nickte, und dann erzählte er treuherzig, wie er den Herzog dazu
+gebracht hatte.
+
+»Ei, du Schelm, du!« Der Graf lachte herzhaft. »Da kann ich mir denken, daß
+der Herzog dein Ausreißen nicht gelten lassen will. Er mag sich recht
+ärgern.«
+
+»Aber er hat's doch gesagt!« Kasperle schaute kläglich drein, er fand,
+gesagt war gesagt. Und das fand auch der Graf von Singerlingen, gesagt war
+gesagt. Also durfte das Kasperle schon ausreißen, und er versprach ihm
+seine Hilfe. »Ich fahre dich ins Waldhaus,« versprach er.
+
+»Aber an der Grenze wird's bös,« erwiderte der Kasperlemann.
+
+»Bah, in meinem Wagen sucht niemand nach!« Der Graf befahl gleich das
+Anspannen, ließ im Wagen die Fenster verhängen, und dann ging die Reise
+los. Oben blies ein Diener ins Horn: »Trarira, Trarira!« und lustig liefen
+die Pferde die Landstraße entlang.
+
+»Hei, da fährt der Graf von Singerlingen!« sagten die Leute, und weil sie
+den Grafen gern hatten, nickten und winkten sie und riefen: »Guten Tag!«
+und »Glückliche Reise!«
+
+Ein Städtchen kam. »Trarira, trarira!« rasselte der Wagen hindurch. Vor
+einem Wirtshaus saßen Landjäger, die hatten ein hölzernes Kasperle
+aufgestellt und sie riefen: »Wer einen findet, der so aussieht, der soll
+ihn festhalten; er bekommt eine große, große Belohnung.«
+
+»Trarira, trarira!« Der Wagen des Grafen von Singerlingen rollte vorbei.
+Niemand sah hinein, niemand vermutete das Kasperle drin.
+
+Dörfer kamen, wieder eine Stadt, dann wieder ein Dorf. Und als Kasperle in
+seiner Nähe einmal ein bißchen hinaussah, prallte er erschrocken zurück.
+Jemine, das war ja Protzendorf!
+
+Auf einem Felde stand eine Magd. Ihr Haar glänzte in der Sonne wie lauteres
+Gold, sie schwang ihre Sichel und sang dazu. Hell tönte ihre Stimme und
+Kasperle sagte leise: »Das ist die Dörte vom Bauer Strohkopf.«
+
+»Ach so, die das Lied gesungen und dir den vortrefflichen Rat gegeben hat!«
+antwortete der Graf. »Na, warte, sie soll sich heute noch freuen!« Er ließ
+halten und fragte die Magd, ob sie ihm wohl etwas zu trinken bringen
+könnte.
+
+Dörte lief eifrig und holte aus einem nahen Quell Wasser für den Grafen und
+der sagte: »Halte beide Hände auf!« Und er schüttelte Goldstücke in die
+ausgebreiteten Hände und rief: »Das ist für den guten Rat, den du Kasperle
+gegeben. Nun, Kutscher, fahr' zu!«
+
+»Trarira, trarira!« Da kam die Grenze. Dort standen gleich vier Landjäger,
+die riefen alle vier: »Hier darf niemand vorbei!«
+
+»Ei, potz Wetter!« rief der Graf von Singerlingen, »wer will mich nicht
+vorbeilassen? Ja, das wäre ja eine neue Mode!«
+
+»Wir sind der Graf von Singerlingen,« schrie der Kutscher, und der Diener
+blies so laut »trarira, trarira!« daß die Landjäger ganz erschrocken
+zurückwichen.
+
+Und da war die Grenze und da rollte der Wagen darüber, und da -- steckte
+das Kasperle seine freche Nase zum Wagenfenster hinaus.
+
+»Kasperle, Kasperle!« schrien die Landjäger. »Ganz gewiß, er war es!«
+
+Aber der Wagen war vorüber, der rollte durch den Wald, rollte auf dem
+weichen Boden dahin, und auf einmal war das Waldhaus da und -- vor dem
+Waldhaus saßen Meister Friedolin, Mutter Annettchen, die schöne Frau
+Liebetraut und Herr Severin mit ihren Kindern.
+
+Ganz wunderhold aber saßen da auch Rosemarie und der Geiger Michele. Die
+waren just zu Besuch in das Waldhaus gekommen. Und gerade hatten sie alle
+von Kasperle gesprochen, als der Wagen hielt und das Kasperle mit einem
+großen Satz heraussprang. »Er hat gesagt, ich soll zum Teufel gehen, hurra,
+hurra!« schrie er, »ich bin frei, ich bin frei!«
+
+Auch der Graf von Singerlingen stieg aus, und als er das Waldhaus sah,
+uralt und putzniedlich, da sagte er, er könne schon begreifen, daß Kasperle
+so gern hier sei, lieber als im Herzogsschloß.
+
+Der Graf trank mit Kaffee und aß von dem Kuchen, den die schöne Frau
+Liebetraut gebacken hatte. Dann sah er sich Meister Friedolins
+Kasperlepuppen an, fand eine, die so groß wie das Kasperle selbst war, und
+meinte, die möchte er wohl dem Herzog mitbringen. Meister Friedolin gab sie
+ihm gern. Der Graf stieg wieder in den Wagen und versprach Kasperle, er
+wolle das Marlenchen grüßen, vielleicht dürfe ihn die Kleine einmal
+besuchen. Dann ging es fort mit Trarira, und als der Wagen an den
+Landjägern vorbeikam, ließ der Graf das hölzerne Kasperle hinausgucken. Da
+sagten die Landjäger verdutzt zueinander: »Er bringt es ja wieder mit!«
+
+Auch auf dem Herzogsschloß riefen die Diener zuerst alle: »Der Graf von
+Singerlingen bringt Kasperle!«
+
+»Hach,« schrie die Prinzessin, »er will mich gewiß heiraten! Flink, flink,
+ich will mein allerschönstes Kleid anziehen!«
+
+Doch der Graf wollte die Prinzessin nicht heiraten, und das richtige
+Kasperle brachte er auch nicht mit. Er sprach nur lange und ernsthaft mit
+dem Herzog, und da sagte der, er wolle das Kasperle nie mehr verfolgen,
+auch nicht, wenn es das Marlenchen besuchen würde. Ja, zuletzt schrieb der
+Herzog sogar einen Brief, in dem stand, Kasperle solle nicht eingesperrt
+und bestraft werden, wenn er in des Herzogs Land käme.
+
+Als der Graf von Singerlingen gerade das Schloß verlassen wollte, traf er
+die Prinzessin, sehr schön angetan, auf der Treppe. Der hielt er den Brief
+vor die Nase und die Prinzessin wurde ganz gelb vor Ärger und sie rief
+eiligst nach ihren Kammerfrauen, die sollten ihre Sachen packen, sie würde
+nicht mehr wiederkommen.
+
+Der Graf von Singerlingen reiste ab, er fuhr zu Marlenchens Vater und lud
+Marlenchen zu sich ein; sie sollten vier Wochen lang mit Kasperle zusammen
+bei ihm bleiben.
+
+Auch die Prinzessin reiste ab und der Herzog blieb allein in seinem Schloß.
+Da spürte er erst, wie lustig es doch mit dem Kasperle gewesen war. Er
+stieg hinauf auf den Turm, sah aus Kasperles Zimmer über das weite Land
+hin, und er dachte an das kleine Waldhaus, von dem Kasperle ihm erzählt
+hatte, an die glücklichen Menschen, die dort wohnten, und das Herz wurde
+ihm sehr, sehr schwer. Warum ist nur das Kasperle nicht bei mir geblieben?
+dachte er. Und da war es ihm auf einmal, als riefe in seinem Herzen eine
+Stimme: Du bist schuld, du bist schuld!
+
+Der Herzog seufzte. War er wirklich schuld daran? Er mußte daran denken,
+wie oft er schlechter Laune war, unfreundlich gegen seine Untergebenen,
+mürrisch, hart, und das arme kleine Kasperle hatte er eingesperrt hier in
+dem Turm, hatte es auch hungern lassen und nicht bedacht, daß eben ein
+Kasperle ein Kasperle bleibt und Gesichter schneiden und unnütze Streiche
+machen muß. Und nun hatte er das Kasperle verloren, das so lustig durch das
+Schloß geflitzt war, und eigentlich hatte das Kasperle ihm doch etwas sehr
+Gutes angetan, es hatte ihm seinen Glücksring zurückgebracht.
+
+Da stand der Herzog plötzlich wieder auf und stieg in sein Arbeitszimmer
+hinab. Dort setzte er sich hin und schrieb einen Brief.
+
+Am nächsten Tag, als Kasperle sehr vergnügt vor dem Waldhaus sich
+herumkugelte, kam auf einmal ein Reiter dahergeritten. Der rief schon von
+großer Weite: »Hollahe, Kasperle, Kasperle!«
+
+Na, da blieb dem Kasperle aber doch der Mund offen stehen! Denn der Reiter
+war niemand anders als Veit. Der hielt einen großen Brief und sagte: »An
+dich, Kasperle, vom Herzog!«
+
+Es war gut, daß das Michele zur Hilfe kam und den Brief lesen half, allein
+hätte Kasperle es wohl gar nicht fertig gebracht. Der Brief aber lautete:
+
+ Mein liebes Kasperle!
+
+
+ Ich bin dir gar nicht mehr böse, und ich lade dich ein, mich
+ recht, recht bald zu besuchen. Du sollst so viel Spaß machen
+ können, wie du willst, und die Prinzessin Gundolfine darf dich
+ nie wieder verklagen.
+
+
+ Mit einem schönen Gruß für dich, mein liebes Kasperle,
+
+
+ Dein Freund Herzog August Erasmus.
+
+
+Hurra! hurra! Kasperle stand flink mal Kopf vor Vergnügen, und dann lief er
+in das Haus hinein, purzelte in die Stube und schrie: »Ich bin eingeladen,
+eingeladen, eingeladen!«
+
+»Jemine! Von wem denn?« fragte Meister Friedolin.
+
+Da stellte sich Kasperle feierlich hin und sagte stolz: »Vom Herzog, der
+ist jetzt mein Freund.«
+
+Aber ach, mit der Freundschaft war es gar nicht weit her!
+
+
+
+
+
+
+
+ Von
+ Kasperles
+ erstem Ausflug in
+ die Welt, auf den hier viel-
+ fach Bezug genommen wurde, ist in
+ Josephine Siebes Buch »Kasperle auf Reisen«
+ (Verlag von Levy & Müller in Stuttgart) zu
+ lesen. Wer aber auch von Kasperles weiteren Schick-
+ salen noch etwas erfahren möchte, dem sei verraten, daß
+Josephine Siebe diese in einem weiteren Kasperleband erzählt.
+
+
+
+
+
+End of Project Gutenberg's Kasperle auf Burg Himmelhoch, by Josephine Siebe
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KASPERLE AUF BURG HIMMELHOCH ***
+
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+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
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+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
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+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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