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+The Project Gutenberg EBook of Kleine Dichtungen, by Robert Walser
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
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+
+Title: Kleine Dichtungen
+
+Author: Robert Walser
+
+Release Date: August 19, 2011 [EBook #37128]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINE DICHTUNGEN ***
+
+
+
+
+Produced by Norbert H. Langkau, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+ [ Anmerkungen zur Transkription:
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+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
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+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit _ markiert.
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+
+
+
+
+ Kleine Dichtungen
+ von
+ Robert Walser
+
+ Erste Auflage hergestellt
+ für den Frauenbund
+ zur Ehrung rheinländischer
+ Dichter
+
+ Leipzig
+ Kurt Wolff Verlag
+ 1914
+
+
+ Copyright 1914 by Kurt Wolff Verlag, Leipzig
+
+
+
+
+Inhalt
+
+
+ Brief eines Dichters an einen Herrn 9
+
+ Mittagspause 14
+
+ Die Göttin 16
+
+ Der Nachen 18
+
+ Pierot 20
+
+ Sommerfrische 22
+
+ Frau von Twann 24
+
+ Die Insel 27
+
+ Meta 29
+
+ Fußwanderung 34
+
+ Der Kuß 37
+
+ Das Traumgesicht 40
+
+ Nächtliche Wanderung 43
+
+ Johanna 46
+
+ Der Bursche 49
+
+ Der Knabe 51
+
+ Das Götzenbild 54
+
+ »Apollo und Diana« 56
+
+ Zwei Bilder meines Bruders
+
+ »Die Frau am Fenster« 59
+
+ »Der Traum« 61
+
+ Die Gedichte 65
+
+ Rinaldini 67
+
+ Lenau 70
+
+ Tobold 73
+
+ Helblings Geschichte 86
+
+ Brief eines Vaters an seinen Sohn 111
+
+ Spazieren 116
+
+ Der Schäfer 119
+
+ Die Einladung 121
+
+ Der nächtliche Aufstieg 124
+
+ Die Landschaft 127
+
+ Der Dichter 129
+
+ Das Liebespaar 131
+
+ Der Mond 134
+
+ Ein Nachmittag 136
+
+ Die kleine Schneelandschaft 139
+
+ Das Mädchen 141
+
+ Das Eisenbahnabenteuer 143
+
+ Die Stadt 146
+
+ Das Veilchen 149
+
+ Die Kapelle 152
+
+ Der Tänzer 155
+
+ Die Sonate 158
+
+ Das Gebirge 161
+
+ Der Traum 165
+
+ Der Jagdhund 168
+
+ Der Vater 171
+
+ Der Träumer 174
+
+ Der Pole 177
+
+ Der Doktor 181
+
+ Der Liebesbrief 184
+
+ Der Hanswurst 187
+
+ Sonntagmorgen 189
+
+ Ausgang 191
+
+ Die Millionärin 193
+
+ Erinnerung 196
+
+ Die Schneiderin 199
+
+ Das Stellengesuch 202
+
+ »Geschwister Tanner« 205
+
+ Eine Stadt 208
+
+ Spaziergang 212
+
+ Das Kätzchen 216
+
+ Tannenzweig, Taschentuch und Käppchen 218
+
+ Der Mann 220
+
+ Das Pferd und die Frau 222
+
+ Die Handharfe 224
+
+ Die Fee 226
+
+ Kleine Wanderung 228
+
+ Wirtshäuselei 230
+
+ Der Morgen 232
+
+ Der Ausflug 234
+
+ Schnee 236
+
+ Der Blick 238
+
+ Der Heidenstein 240
+
+ Der Waldberg 242
+
+ Zwei kleine Sachen 246
+
+ Herbstnachmittag 248
+
+ Der Felsen 252
+
+ Die Eisenbahnfahrt 255
+
+ Das Lachen 258
+
+ Der Berg 261
+
+ Schwärmerei 264
+
+ Oskar 267
+
+ Die Einfahrt 271
+
+ Die Vaterstadt 274
+
+ Das Grab der Mutter 276
+
+ Abend 278
+
+ An den Bruder 281
+
+
+
+
+ Ich wanderte und wandre noch,
+ doch war mein Geh'n nicht immer gleich.
+ Bald trug ich Heiterkeit mit mir.
+ Bald, wie es auch dem Himmel geht,
+ verlor sich plötzlich meine Lust
+ in einen langen Tag von Leid --
+
+
+
+
+Brief eines Dichters an einen Herrn
+
+
+Auf Ihren Brief, hochverehrter Herr, den ich heute abend auf dem Tisch
+fand, und worin Sie mich ersuchen, Ihnen Zeit und Ort anzugeben, wo Sie
+mich kennen lernen könnten, muß ich Ihnen antworten, daß ich nicht recht
+weiß, was ich Ihnen sagen soll. Einiges und anderes Bedenken steigt in
+mir auf, denn ich bin ein Mensch, müssen Sie wissen, der nicht lohnt,
+kennen gelernt zu werden. Ich bin außerordentlich unhöflich, und an
+Manieren besitze ich so gut wie nichts. Ihnen Gelegenheit geben, mich zu
+sehen, hieße, Sie mit einem Menschen bekannt machen, der seinen
+Filzhüten den Rand mit der Schere halb abschneidet, um ihnen ein
+wüsteres Aussehen zu verleihen. Möchten Sie einen solchen Sonderling vor
+Augen haben? Ihr liebenswürdiger Brief hat mich sehr gefreut. Doch Sie
+irren sich in der Adresse. Ich bin Der nicht, der verdient, solcherlei
+Höflichkeiten zu empfangen. Ich bitte Sie: Stehen Sie sogleich ab von
+dem Wunsch, meine Bekanntschaft zu machen. Artigkeit steht mir schlecht
+zu Gesicht. Ich müßte Ihnen gegenüber die notwendige Artigkeit
+hervorkehren; und das eben möchte ich vermeiden, da ich weiß, daß
+artiges und manierliches Betragen mich nicht kleidet. Auch bin ich nicht
+gern artig; es langweilt mich. Ich vermute, daß Sie eine Frau haben, daß
+Ihre Frau elegant ist, und daß bei Ihnen so etwas wie ein Salon ist. Wer
+sich so feiner und schöner Ausdrücke bedient wie Sie, hat einen Salon.
+Ich aber bin nur Mensch auf der Straße, in Wald und Feld, im Wirtshaus
+und in meinem eigenen Zimmer; in irgend jemandes Salon stünde ich da wie
+ein Erztölpel. Ich bin noch nie in einem Salon gewesen, ich fürchte mich
+davor; und als Mann von gesunder Vernunft muß ich meiden, was mich
+ängstigt. Sie sehen, ich bin offenherzig. Sie sind wahrscheinlich ein
+wohlhabender Mann und lassen wohlhabende Worte fallen. Ich dagegen bin
+arm, und alles, was ich spreche, klingt nach Ärmlichkeit. Entweder
+würden Sie mich mit Ihrem Hergebrachten oder ich würde mit meinem
+Hergebrachten Sie verstimmen. Sie machen sich keine Vorstellung davon,
+wie aufrichtig ich den Stand, in welchem ich lebe, bevorzuge und liebe.
+So arm ich bin, ist es mir doch bis heute noch nie eingefallen, mich zu
+beklagen; im Gegenteil: ich schätze, was mich umgibt, so hoch, daß ich
+stets eifrig bemüht bin, es zu hüten. Ich wohne in einem wüsten, alten
+Haus, in einer Art von Ruine. Doch das macht mich glücklich. Der Anblick
+armer Leute und armseliger Häuser macht mich glücklich; so sehr ich auch
+denke, wie wenig Grund Sie haben, dies zu begreifen. Ein bestimmtes
+Gewicht und eine gewisse Menge von Verwahrlosung, von Verlotterung und
+von Zerrissenheit muß um mich sein: sonst ist mir das Atmen eine Pein.
+Das Leben würde mir zur Qual, wenn ich fein, vortrefflich und elegant
+sein sollte. Die Eleganz ist mein Feind, und ich will lieber versuchen,
+drei Tage lang nichts zu essen als mich in die gewagte Unternehmung
+verstricken, eine Verbeugung zu machen. Verehrter Herr, so spricht nicht
+der Stolz, sondern der ausgesprochene Sinn für Harmonie und
+Bequemlichkeit. Warum sollte ich sein, was ich nicht bin, und nicht
+sein, was ich bin? Das wäre eine Dummheit. Wenn ich bin, was ich bin,
+bin ich mit mir zufrieden; und dann tönt alles, ist alles gut um mich.
+Sehen Sie, es ist so: schon ein neuer Anzug macht mich ganz unzufrieden
+und unglücklich; woraus ich entnehme, wie ich alles, was schön, neu und
+fein ist, hasse und wie ich alles, was alt, verschabt und verbraucht
+ist, liebe. Ich liebe Ungeziefer nicht gerade; ich möchte Ungeziefer
+nicht geradezu essen, aber Ungeziefer stört mich nicht. In dem Haus, in
+welchem ich wohne, wimmelt es von Ungeziefer: und doch wohne ich gern in
+dem Haus. Das Haus sieht aus wie ein Räuberhaus, zum ans Herz drücken.
+Wenn alles neu und ordentlich ist in der Welt, dann will ich nicht mehr
+leben, dann morde ich mich. Ich fürchte also quasi etwas, wenn ich
+denken soll, ich solle mit einem vornehmen und gebildeten Menschen
+bekannt werden. Wenn ich befürchte, daß ich Sie nur störe und keine
+Förderlichkeit und Erquicklichkeit für Sie bedeute, so ist die andere
+Befürchtung ebenso lebendig in mir, nämlich die (um ganz und gar offen
+zu reden), daß auch Sie mich stören und mir nicht erquicklich und
+erfreulich sein könnten. Es ist eine Seele in eines jeden Menschen
+Zustand; und Sie müssen unbedingt erfahren, und ich muß Ihnen das
+unbedingt mitteilen: ich schätze hoch, was ich bin, so karg und ärmlich
+es ist. Ich halte allen Neid für eine Dummheit. Der Neid ist eine Art
+Irrsinn. Respektiere jeder die Lage, in der er ist: so ist jedem
+gedient. Ich fürchte auch den Einfluß, den Sie auf mich ausüben könnten;
+das heißt: ich fürchte mich vor der überflüssigen innerlichen Arbeit,
+die getan werden müßte, mich Ihres Einflusses zu erwehren. Und deshalb
+renne ich nicht nach Bekanntschaften, kann nicht danach rennen. Jemand
+Neues kennen lernen: Das ist zum mindesten stets ein Stück Arbeit, und
+ich habe mir bereits erlaubt, Ihnen zu sagen, daß ich die Bequemlichkeit
+liebe. Was werden Sie denken von mir? Doch das muß mir gleichgültig
+sein. Ich will, daß mir das gleichgültig sei. Ich will Sie auch nicht um
+Verzeihung wegen dieser Sprache bitten. Das wäre Phrase. Man ist immer
+unartig, wenn man die Wahrheit sagt. Ich liebe die Sterne, und der Mond
+ist mein heimlicher Freund. Über mir ist der Himmel. Solange ich lebe,
+werde ich nie verlernen, zu ihm hinaufzuschauen. Ich stehe auf der Erde:
+Dies ist mein Standpunkt. Die Stunden scherzen mit mir, und ich scherze
+mit ihnen. Ich vermag mir keine köstlichere Unterhaltung zu denken. Tag
+und Nacht sind meine Gesellschaft. Ich stehe auf vertrautem Fuß mit dem
+Abend und mit dem Morgen. Und hiermit grüßt Sie freundlich
+
+ der arme junge Dichter.
+
+
+
+
+Mittagspause
+
+
+Ich lag eines Tages, in der Mittagspause, im Gras, unter einem
+Apfelbaum. Heiß war es, und es schwamm alles in einem leichten Hellgrün
+vor meinen Augen. Durch den Baum und durch das liebe Gras strich der
+Wind. Hinter mir lag der dunkle Waldrand mit seinen ernsten, treuen
+Tannen. Wünsche gingen mir durch den Kopf. Ich wünschte mir eine
+Geliebte, die zum süßen duftenden Wind paßte. Da ich nun die Augen
+schloß und so dalag, mit gegen den Himmel gerichtetem Gesichte, bequem
+und träg auf dem Rücken, umsummt vom sommerlichen Gesumm, erschienen
+mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligkeit herab, zwei
+Augen, die mich unendlich liebenswürdig anschauten. Auch die Wangen sah
+ich deutlich, die sich den meinigen näherten, als wollten sie sie
+berühren, und ein wunderbar schöner, wie aus lauter Sonne geformter,
+feingeschweifter und üppiger Mund kam aus der rötlich-bläulichen Luft
+nahe bis zu dem meinigen, ebenfalls so, als wolle er ihn berühren. Das
+Firmament, das ich zugedrückten Auges sah, war ganz rosarot, umsäumt von
+edlem Sammetschwarz. Es war eine Welt von lichter Seligkeit, in die ich
+schaute. Doch da öffnete ich dummerweise plötzlich die Augen, und da
+waren Mund und Wangen und Augen verschwunden, und des süßen
+Himmelskusses war ich mit einmal beraubt. Auch war es ja Zeit, in die
+Stadt hinunterzugehen, in das Geschäft, an die tägliche Arbeit. Soviel
+ich mich erinnere, machte ich mich nur ungern auf die Beine, um die
+Wiese, den Baum, den Wind und den schönen Traum zu verlassen. Doch in
+der Welt hat alles, was das Gemüt bezaubert und die Seele beglückt,
+seine Grenze, wie ja auch, was uns Angst und Unbehagen einflößt,
+glücklicherweise begrenzt ist. So sprang ich denn hinunter in mein
+trockenes Bureau und war hübsch fleißig bis an den Feierabend.
+
+
+
+
+Die Göttin
+
+
+Ich ging einst, ganz in Gedanken, die elegante Hauptstraße entlang.
+Viele Menschen spazierten in derselben. Die Sonne schien so freundlich.
+Die Bäume waren grün, der Himmel war blau. Ich weiß nicht mehr genau, ob
+es Sonntag war. Ich erinnere mich nur, daß etwas Süßes, etwas
+Freundliches um mich war. Doch etwas noch Schöneres sollte folgen, indem
+sich nämlich vom ungewissen leichten Himmel herab eine schneeweiße Wolke
+auf die Straße niedersenkte. Die Wolke glich einem großen und graziösen
+Schwan, und auf dem weichen, weißen, flaumigen Rücken der Wolke saß, in
+liegender Haltung, den Arm nachlässig ausgestreckt, voller freundlicher,
+kindlicher Majestät, eine nackte Frau. So hatte ich mir stets die
+Göttinnen aus Griechenland vorgestellt. Die Göttin lächelte, und alle
+Menschen, die sie sahen, waren genötigt, mitzulächeln, bezaubert von der
+holdseligen Schönheit. O wie ihr Haar in der Sonne schimmerte! Mit ihren
+großen blauen gütigen Augen schaute sie die Welt an, die sie gleichsam
+mit ihrem hohen kurzen Besuch beehrte. Die Wolke flog auf, gleich einem
+Luftschiff, und nach kurzer Zeit war mir und allen andern der herrliche
+Anblick wieder entschwunden. Da gingen die Leute ins nächstgelegene
+Kaffeehaus und erzählten einander die wunderbare Neuigkeit. Noch schien
+die Sonne freundlich, auch ohne Göttin.
+
+
+
+
+Der Nachen
+
+
+Ich glaube, ich habe diese Szene schon geschrieben, aber ich will sie
+noch einmal schreiben. In einem Nachen, mitten auf dem See, sitzen ein
+Mann und eine Frau. Hoch oben am dunklen Himmel steht der Mond. Die
+Nacht ist still und warm, recht geeignet für das träumerische
+Liebesabenteuer. Ist der Mann im Nachen ein Entführer? Ist die Frau die
+glückliche, bezauberte Verführte? Das wissen wir nicht; wir sehen nur,
+wie sie beide sich küssen. Der dunkle Berg liegt wie ein Riese im
+glänzenden Wasser. Am Ufer liegt ein Schloß oder Landhaus mit einem
+erhellten Fenster. Kein Laut, kein Ton. Alles ist in ein schwarzes,
+süßes Schweigen gehüllt. Die Sterne zittern hoch oben am Himmel und auch
+von tief unten aus dem Himmel herauf, der im Wasserspiegel liegt. Das
+Wasser ist die Freundin des Mondes, es hat ihn zu sich herabgezogen, und
+nun küssen sich das Wasser und der Mond wie Freund und Freundin. Der
+schöne Mond ist in das Wasser gesunken wie ein junger kühner Fürst in
+eine Flut von Gefahren. Er spiegelt sich im Wasser, wie ein schönes
+liebevolles Herz sich in einem andern liebesdurstigen Herzen
+widerspiegelt. Herrlich ist es, wie der Mond dem Liebenden gleicht,
+ertrunken in Genüssen, und wie das Wasser der glücklichen Geliebten
+gleicht, umhalsend und umarmend den königlichen Liebsten. Mann und Frau
+im Boot sind ganz still. Ein langer Kuß hält sie gefangen. Die Ruder
+liegen lässig auf dem Wasser. Werden sie glücklich, werden sie glücklich
+werden, die zwei, die da im Nachen sind, die zwei, die sich küssen, die
+zwei, die der Mond bescheint, die zwei, die sich lieben?
+
+
+
+
+Pierot
+
+
+Auf den Maskenball war auch ein langer, hochaufgeschossener,
+ungelenkiger Gesell gekommen. Er nannte sich Pierot. Vielleicht wäre es
+für ihn besser getan gewesen, hübsch ruhig zu Hause zu bleiben und
+zwischen seinen eigenen vier Wänden Trübsal zu blasen, als hier im
+schönen Vergnügungssaal durch Langeweile hervorzuragen. Er schlenkerte
+und schleuderte die langen Arme hin und her. Es sah zum Verzweifeln aus,
+wie er seinen Kopf zur Erde hängen ließ. Wo wollte er hinaus mit sich,
+und was gedachte er auf dem lustigen Maskenball zu beginnen? Übermütig
+tanzten die Liebespaare rund um ihn herum. O wie schön die Kerzen
+strahlten, wie süß die Musik spielte! War es nicht, als wenn
+Mondstrahlen in den Saal hineinfliegen? Pierot legte sich, wie ein
+geschlagener Hund, in einen Winkel an den Boden und schlug die Hände
+über dem Kopf zusammen. Unterdessen wirbelte und wedelte und hüpfte,
+einem artigen, guterzogenen Hündchen gleich, die Tanzlust hin und her.
+Gläser klirrten, Pfropfen knallten, Wein wurde getrunken, und Gelächter
+ertönte. Ein glühender Verehrer hatte die Geliebte und abgöttisch
+Verehrte aus den Augen verloren und suchte sie. Ein anderer, vom
+Entzücken hingerissen, kniete vor der Dame seines Herzens nieder. Zwei
+Glückliche küßten und liebkosten sich. Jedermann schien das Seinige zu
+haben. Alles war bewegt; alles war in Bewegung. Nur er, der arme, arme
+Pierot, war unbeweglich. Für ihn gab es keine Lust. Er begriff sich
+selbst und die Welt nicht. Leblos, einer weißen Statue ähnlich, oder
+einem Gemälde ähnlich, lag er da und schaute verständnislos vor sich
+hin. Ein kaum merkliches trauervolles Lächeln spielte ihm um die blassen
+Lippen. Sein Gesicht war ganz mehlern. Er hatte sich gepudert, der
+Dummkopf. Armer Dummkopf, armer Bursche! Wo alles außer sich war, wo
+alles lebte und lachte, wo alles, was Beine hatte, tanzte und
+Luftsprünge machte, glich er dem tödlich getroffenen Verwundeten,
+verblutend an den spitzfindigen, dolchähnlichen Melancholien. Ja, er
+hätte zu Hause bleiben sollen. Derlei hoffnungslose Menschen sollen der
+Lust, dem Glanz, dem Glück und der Freude fernbleiben. Sie sollen in der
+Einsamkeit leben.
+
+
+
+
+Sommerfrische
+
+
+Was tut man in der Sommerfrische? Du mein Gott, was soll man viel tun?
+Man erfrischt sich. Man steht ziemlich spät auf. Das Zimmer ist sehr
+sauber. Das Haus, das du bewohnst, verdient nur den Namen Häuschen. Die
+Dorfstraßen sind weich und grün. Das Gras bedeckt sie wie ein grüner
+Teppich. Die Leute sind freundlich. Man braucht an nichts zu denken.
+Gegessen wird ziemlich viel. Gefrühstückt wird in einer lauschigen,
+sonnendurchstochenen Gartenlaube. Die appetitliche Wirtin trägt das
+Frühstück auf, du brauchst nur zuzugreifen. Bienen summen um deinen Kopf
+herum, der ein wahrer Sommerfrischenkopf ist. Schmetterlinge gaukeln von
+Blume zu Blume, und ein Kätzchen springt durch das Gras. Ein wunderbarer
+Wohlgeruch duftet dir in die Nase. Hiernach macht man einen Spaziergang
+an den Rand eines Wäldchens, das Meer ist tiefblau, und muntere braune
+Segelschiffe fahren auf dem schönen Wasser. Alles ist schön. Es hat
+alles einen gewinnenden Anstrich. Dann kommt das reichliche Mittagessen,
+und nach dem Mittagessen wird unter Kastanienbäumen ein Kartenspiel
+gespielt. Nachmittags wird im Wellenbad gebadet. Die Wellen schlagen
+dich mit Erfrischung und Erquickung an. Das Meer ist bald sanft, bald
+stürmisch. Bei Regen und Sturm bietet es einen großartigen Anblick dar.
+Nun kommen die schönen stillen Abende, wo in den Bauernstuben die Lampen
+angezündet werden und wo der Mond am Himmel steht. Die Nacht ist ganz
+schwarz, kaum durch ein Licht unterbrochen. Etwas so Tiefes sieht man
+nirgends. So kommt ein Tag nach dem andern, eine Nacht nach der andern,
+in friedlicher Abwechslung. Sonne, Mond und Sterne erklären dir ihre
+Liebe, und du ihnen ebenfalls. Die Wiese ist deine Freundin, und du ihr
+Freund, du schaust während des Tages öfters hinauf in den Himmel und
+hinaus in die weite zarte weiche Ferne. Am Abend, zur bestimmten Stunde,
+ziehen die Rinder und Kühe ins Dorf hinein, und du schaust zu, du
+Faulenzer. Ja, in der Sommerfrische wird ganz gewaltig gefaulenzt, und
+eben das ist ja das Schöne.
+
+
+
+
+Frau von Twann
+
+
+Waren Sie schon einmal bei Frau von Twann? Nicht? Dann beeilen Sie sich,
+dieser Frau eine Artigkeit zu sagen, damit Sie eine Einladung bekommen,
+bei ihr zum Essen zu erscheinen. Frau von Twann ist geistvoll, aber sie
+ist noch mehr als das, sie ist schön. Sie ist in ihrer Art eine reife
+Birne, weich, doch von ausnehmend schöner Form. Das Essen, das sie gibt,
+ist vorzüglich; die Weine sind ausgezeichnet. Doch das ist das wenigste.
+Wenn du Frau von Twann die Hand küßt, schwebst du schon im Himmel. Ein
+Lächeln hat diese Frau. Geh hin zu ihr und sieh zu, daß sie dir ein
+Lächeln schenkt. Ihr Lächeln ist wie ein Kuß. Sie weiß das, und daher
+hütet sie sich, es zu verschwenden. Die Blumen, die Lichter, die Musik
+bei Frau von Twann. Schon der bloße Gedanke macht mich schwelgen. B...,
+dieser Kenner der Genüsse, lechzt danach, der seltenen Frau vorgestellt
+zu werden, und sie wird sicherlich den ausgezeichneten Mann gern
+empfangen. Sie besitzt Geschmack, doch sie besitzt mehr, sie besitzt
+Größe. Sie ist von einer Munterkeit durchdrungen, die auf denjenigen
+überspringt, der die Freude empfindet, sich an der Unterhaltung
+beteiligen zu dürfen, deren Lenkerin und Leiterin sie ist. Sie ist die
+Herrin und Gebieterin vieler reizender Einfälle, und zu wem sie ein Wort
+spricht, der ist von ihr bezaubert. Ihr Eßzimmer ist schneeweiß, von
+zartem Gold durchbrochen. Süße Malereien schmücken die Wände. Der
+Empfangsraum ist grün, gleich der frohlockenden Hoffnung, die Gunst der
+Herrin des Hauses zu gewinnen. Wer bei ihr im Hause ist, der muß
+frohlocken, ob er will oder nicht. Die Bedienung ist tadellos. Die
+Diener der Frau von Twann sind derart einexerziert, daß man gar nicht
+merkt, daß sie überhaupt da sind. Kann man einer Dienerschaft ein
+besseres Zeugnis ausstellen? Die unsichtbare Musik, die während des
+Essens in die Ohren der Schmausenden niederträufelt, ist so schön, daß
+man sich einbildet, Mozart selbst dirigiere sie. Poeten tragen gern bei
+Frau von Twann ihre neuesten, noch ganz warmen und feuchten Gedichte
+vor, und sie ernten meist reichen Beifall, den sie redlich verdienen.
+Wen lädt die holde hohe Frau ein? Nun, alle, die von der Absicht beseelt
+sind, sich ehrlich zu amüsieren. Sie liebt die Ausgelassenheit. O das
+Mondlicht, das zarte, silberne, das dort in die heimlichen, duftenden
+Gemächer hineinbricht. Eines ihrer Zimmer ist ganz blau, wie ein Himmel.
+Dorthin verlieren sich die Liebenden, um sich zu küssen. Noch hat kein
+Mensch sich bei Frau von Twann gelangweilt. Das müßte ein elender Mensch
+sein, der sich bei der Liebenswürdigen, Anbetenswerten langweilen
+könnte. Aber das ist ja unmöglich. Sie macht den, der sie kennen lernt,
+zum guten, edlen und unterhaltenden Menschen.
+
+
+
+
+Die Insel
+
+
+Ein Hochzeitspaar aus Berlin ging auf die Reise. Die Fahrt war lang.
+Endlich kamen die beiden jungen Vermählten in einer Stadt an, die war
+ganz aus roten ernsten Steinen gebaut, und ein breiter blauer Strom floß
+daran vorüber. Ein hoher majestätischer Dom spiegelte sich im Spiegel
+des Wassers. Doch die Stadt schien ihnen nicht geschaffen, längeren
+Aufenthalt zu nehmen, und sie zogen weiter, und da es regnete, spannten
+sie einen großen Regenschirm auf und versteckten sich unter demselben.
+Sie kamen vor ein altes, in einem weitläufigen Garten verborgenes Schloß
+und gingen schüchtern hinein. Eine schöne steinerne Wendeltreppe,
+geschaffen wie für einen regierenden Fürsten, führte hinauf ins erste
+Stockwerk. Alte dunkle Gemälde hingen an den hohen, schneeweißen Wänden.
+Sie klopften an einer schweren alten Türe. »Herein.« Und da saß, in eine
+gelehrte geheimnisvolle Arbeit vertieft, ein uraltes Männchen am
+Schreibtisch. Die Leute aus Berlin fragten, ob sie im Schloß wohnen
+könnten, es gefiel ihnen. Doch es war nichts anzufangen mit dem alten
+Mann, der nur schwerfällig den Kopf schüttelte. So zogen sie weiter. Sie
+kamen in ein Schneegestöber hinein, arbeiteten sich aber wieder heraus,
+und so ging es fort durch Wälder, Dörfer und Städte. Nirgends wollte
+sich ein passendes Lustplätzchen ausfindig machen lassen, und in den
+Hotels waren obendrein noch die Kellner frech, die Spitzbuben. Sie
+übernachteten einmal in einem Hotel, wo es freilich die weichsten und
+schönsten Roßhaarbetten gab und liebliche Gardinen vor den Fenstern,
+aber die Preise, unverschämt teuer, drückten ihnen beinahe das Herz ab.
+Bis nach Venedig kamen sie, zu den höhnischen Italienern. Die Schurken,
+sie singen Serenaden, pressen aber dafür den Fremden das Geld mit Hebeln
+und mit Schrauben ab. Schließlich hatten sie Glück. Sie erblickten aus
+der Ferne, mitten in einen anmutigen See gelegt, eine liebliche,
+hellgrün schimmernde Insel, auf diese steuerten sie zu, und dort fanden
+sie es so schön, daß sie nicht mehr fort konnten. Sie blieben auf der
+Insel wohnen. Die Insel glich an landschaftlicher Schönheit einem holden
+süßen Mädchenlächeln. Dort logierten sie und waren glücklich.
+
+
+
+
+Meta
+
+
+Es trug sich zu, daß ich eines Nachts, nur noch dunkel erinnere ich mich
+der kleinen aber rührenden Szene, von einer wilden Trinkwanderung
+verstört und taumelnd heimkehrend, in einer der monotonen Straßen der
+großen Stadt eine Frau antraf, die mich aufforderte, mit ihr nach Hause
+zu gehen. Es war keine schöne und doch eine schöne Frau. Entsprechend
+dem Zustand, in welchem ich mich befand, richtete ich allerhand mich
+selber höchlich belustigende, törichte, wenngleich vielleicht witzige
+Redensarten an das nächtliche Geschöpf, wobei ich mit der Gabe, die den
+Leuten eigen ist, die einen Rausch haben, merkte, daß ich ihr sehr
+amüsant erschien. Noch mehr: ich gefiel ihr, und ich gewann den
+Eindruck, daß sie sich einer liebenswürdigen Schwäche in bezug auf mich
+hinzugeben begann. Ich wollte sie verlassen, doch sie ließ mich nicht
+los, und sie sagte: »O, geh nicht von mir weg. Komm mit mir, lieber
+Freund. Willst du kaltherzig sein und nichts empfinden für mich? Nicht
+doch. Du hast viel getrunken, du kleines Kerlchen. Trotzdem sieht man
+dir an, daß du lieb bist. Willst du nun böse sein und mich so schmählich
+abweisen, wo doch ich dich so rasch liebgewonnen habe? Nicht doch. O,
+wenn du wüßtest -- -- doch man darf ja den Herren nicht mit Gefühlen
+kommen, sonst verachten und verlachen sie unsereinen nur. Wenn du
+wüßtest, was ich leide unter der Kälte, unter der Leere all dieser
+Sinnlichkeiten, die mein trauerspielgleiches, schreckenerregendes
+Gewerbe sind. Ich erschien mir bis heute nur immer wie ein Ungeheuer,
+wert, mit Fußtritten behandelt zu werden. Ich habe jetzt eine milde,
+süße, fromme Empfindung in mir, erweckt durch dich, mein Lieber, und du,
+du willst mich jetzt wieder in den Scheusalabgrund zurückwerfen? Nicht
+doch. Bleib, bleib, und komm mit mir. Wir wollen die ganze Nacht
+verscherzen miteinander. O, ich werde dich zu unterhalten wissen, du
+sollst sehen. Wer Freude hat, ist der nicht am ehesten zur Unterhaltung
+geschaffen? Und ich, ich habe jetzt, nach langer, langer Zeit, wieder
+einmal eine Freude. Weißt du, was das für mich, die Entmenschte,
+bedeutet? Weißt du das? Du lächelst? Du lächelst hübsch, und ich liebe
+dein Lächeln. Und willst du nun lieblos, und ganz entfernt von aller
+schönen Freundschaft, treten auf die Freude, die ich bei deinem Anblick
+empfinde? Willst du zerstören und zunichte machen, was mich glücklich,
+was mich, nach so langer, langer Zeit, wieder einmal glücklich macht?
+Süßer Freund! Soll ich, nachdem ich immer mit dem Grausen und mit dem
+bleiernen Entsetzen mich habe einlassen müssen, nun mich nicht auch
+einmal mit dem wahrhaftigen Vergnügen befassen dürfen? Sei nicht
+grausam. Bitte, bitte. Nein, du wirst es nicht bereuen. Du wirst die
+Stunden, mit der Verachteten und Entehrten zugebracht, willkommen heißen
+und in deinem Innern segnen. Sei weich und komm mit mir. Sei sonst
+meinetwegen nie weich, aber jetzt, jetzt sei es und knüpfe vertraulich
+an mit der Geschmähten. Sieh, wie die Tränen mir in die Augen kommen,
+und höre, wie ich flehe. Wenn du gehst, ohne freundlich zu mir zu sein,
+ist mir alles schwarz vor den Augen; hingegen, wenn du lieb bist,
+strahlt in der Nacht die helle Sonne. Sei du heute nacht der
+glückversprechende, freundliche Stern an meinem Himmel. Du bist gerührt?
+Du gibst mir die Hand? Du willst mit mir kommen? Du liebst mich?« -- --
+
+ * * * * *
+
+Nachwort: Könnte dies nicht Kirke sein, die den seefahrenden
+ritterlichen Griechen bittet, bei ihr zu bleiben? Er will heim, doch
+sie, sie fleht ihn an, sie nicht zu verlassen. Sie ist eine böse
+Zauberin, die diejenigen, die sie anschaut, in grunzende Schweine
+verwandelt. Sie bestreitet es zwar; sie sagt, sie sei keine böse
+Zauberin, sondern unterliege selber dem bösen Zauber. Das kann schon
+möglich sein. Übrigens ist sie rührend schön. Sie besitzt eine weiche,
+lispelnde Stimme, und aus ihren meergrünen und -blauen Augen, wie wir
+sie oft bei ausländischen Katzen sehen, bricht ein wunderbarer, stolzer
+und lieber Glanz. Sie ist nicht unglücklich und doch auch wieder nicht
+glücklich. Bei dem Griechen sucht und findet sie ihr Glück, und nun will
+er sie verlassen, um zur harrenden Gattin zurückzukehren. O zartes
+Trauerspiel. Unter anderem sagt sie ihm, daß die Gefährten sich ja ganz
+von selbst in Schweine verwandelt hätten. Nicht bei ihr, sondern bei
+ihnen selber sei die Schande und die Schuld zu suchen. Weil sie wollen
+Schweine sein, sind sie's. Sie lächelt, und in das Lächeln schleicht
+sich eine Träne. Sie ist ironisch und zugleich tiefernst, frivol und
+gleichzeitig schwermütig. »Siehst du denn nicht,« spricht sie, seine
+Hand erfassend, »daß nicht ich die Zauberin jetzt bin, sondern daß du
+der Zauberer bist? O, sei mein Freund, mein Schützer, mein lieber,
+herrlicher Zauberer. Schütze mich vor der Kirke. Ich bin nicht die
+Kirke, wenn du bei mir bist. Sie geht weg, wenn du nicht weggehst.« So
+redet sie und überschüttet ihn mit süßen Liebkosungen, doch er, er -- --
+geht. Er überläßt sie der Kirke, er überläßt sie sich selbst, er
+überläßt sie der ihr innewohnenden Grausamkeit, er überläßt sie der
+Schmach, deren Sklavin sie ist. Kann er gehen? Ist er so hart?
+
+
+
+
+Fußwanderung
+
+
+Wie war der Mond auf dieser Wanderung schön, und wie blitzten und
+liebäugelten die guten, zarten Sterne aus dem hohen Himmel auf den
+stürmischen ungeduldigen Fußgänger herab, der da fleißig weiter und
+weiter marschierte. War er ein Dichter, der da von dem leuchtenden Tag
+in den sanften blassen Abend hineinlief? Wie? Oder war es ein Vagabund?
+Oder war er beides? Gleichviel, gleichviel: Glücklich war er und
+bestürmt von beunruhigendem Sehnen. Das Sehnen und Suchen, das
+Niebefriedigtsein und der Durst nach Schönheit trieben ihn vorwärts, und
+hinter, weit hinter ihm schlummerten die bilderreichen Erinnerungen. Was
+hinter ihm lag, ging ihm durch den Wanderkopf, und was Unbekanntes vor
+ihm lag, zog wie Musik durch seine begierige Seele. Die Sonne brannte,
+und der Himmel war blau, und der blaue weite große Himmel schien sich
+immer mehr auszudehnen, als werde, was groß sei, immer größer, und was
+schön sei, immer schöner, und was unaussprechlich sei, immer
+unermeßlicher, unendlicher und unaussprechlicher. Aus golden-dunklen,
+dämonisch blitzenden Abgründen duftete edle wilde Romantik herauf, und
+Zaubergärten schienen rechts und links von der Landstraße zu liegen,
+lockend mit reifen, süßen, schönfarbenen Früchten, lockend mit
+geheimnisvollen unbeschreiblichen Genüssen, die die Seele schon
+schmelzen und schwelgen machen im bloßen flüchtig-zuckenden Gedanken.
+O was war das für ein lustiges, tanzendes Marschieren, und dazu
+zwitscherten die Vögel, daß das Ohr am Gesang noch lange hing, wenn es
+von dem Herrlichen schon nichts mehr hörte, daß das Herz meinte aus dem
+Leib heraustreten und in den Himmel hinauffliegen zu müssen. Dörfer
+wechselten mit weiten Wiesen, Wiesen mit Wäldern und Hügel mit Bergen
+ab, und wenn der Abend kam, wie wurde da nach und nach alles leiser und
+leiser. Schöne Frauen traten aus dem Düster, Geflüster und Dunkel groß
+hervor und grüßten mit stiller, königinnen- und kaiserinnengleicher
+Gebärde den Wanderer. Und wie war es doch erst in den stillen, von der
+heißen mittäglichen Sonne beschienenen und verzauberten Dörfern, wo das
+heimelige Pfarrhaus stand in der grünen rätselhaften Gasse, und die
+Leute dastanden mit großgeöffneten, erstaunten und sorgsam forschenden
+und fragenden Augen. Wunderbar war das Einkehren in das Gasthaus und das
+Schlafen im sauberen, nach frischem Bettzeug duftenden Gasthausbett. Das
+Zimmer roch zum Entzücken nach reifen Äpfeln, und am frühen Morgen
+stellte sich der Wanderbursche an das offene Fenster und schaute in die
+bläulich-goldene, grüne und weiße Morgenlandschaft hinaus und atmete die
+süße Morgenluft in seine wildbewegte Brust hinein, von all der
+Schönheit, die er sah, überwältigt. Wieder und wieder wanderte er
+weiter, mit heiteren und mit düsteren Gedanken, unter dem Tag- und unter
+dem Nachthimmel, unter der Sonne und unter dem Mond, unter schmerzenden
+und unter glücklich lächelnden Gefühlen. Ach, und wie schmeckten ihm Käs
+und Brot und die zwiebelbelegte köstliche, ländlich zubereitete
+Bratwurst. Denn wenn dem rüstigen Wandersmann das Essen nicht schmeckt,
+wem sonst soll es dann noch schmecken?
+
+
+
+
+Der Kuß
+
+
+Was habe ich Merkwürdiges geträumt? Was widerfuhr mir? Welch eine
+seltsame Heimsuchung ist gestern nacht, als ich im Schlafe dalag,
+urplötzlich, wie aus einem hohen Himmel herab, dem fürchterlichen Blitz
+ähnlich, über mich gekommen? Ahnungslos und willenlos und gänzlich
+bewußtlos, der Sklave des Schlafes, der mich fesselte und mich in seinen
+Kerker schloß, lag ich da, ohne Wehr und ohne Waffen, ohne Voraussetzung
+und ohne Verantwortung (denn im Schlaf ist man unverantwortlich), als
+das Herrliche und Schreckliche, das Große und Süße, das Liebe und
+Furchtbare, das Entzückende und Entsetzliche über mich herfuhr, als
+wolle es mich mit seinem Druck und Kuß ersticken. Der Schlaf hat innere
+Augen, und so muß ich denn gestehen, daß ich mit einer Art von zweiten
+und anderen Augen dasjenige sah, was auf mich zustürzte. Ich sah es, wie
+es mit Windes- und Blitzesgeschwindigkeit, den unendlichen Raum
+zerschneidend, aus der unermeßlichen, gigantenartigen Höhe herabschoß
+auf meinen Mund. Ich sah's, und ich war entsetzt, und ich war doch nicht
+imstande, mich zu bewegen und mich zu wehren. Auch hörte ich sein Nahen.
+Ich hörte es. Ich sah und hörte den niegesehenen, nieerlebten Kuß, der
+mit Worten nicht zu beschreiben ist, ganz wie mit Worten, die die
+Sprache enthält, nicht das Grausen und das Freuen zu beschreiben ist,
+welches mich schüttelte. Der Kuß in Träumen hat nichts gemein mit dem
+zarten, sanften, beidseitig gewollten und gewünschten Kuß in der
+Wirklichkeit. Es war nicht ein Mund, der mich küßte, nein, es war ein
+Kuß in der Alleinigkeit und Einzigkeit. Es war ein Kuß, der völlig und
+einzig nur Kuß war und weiter nichts. Etwas Unabhängiges,
+Seelenähnliches, Gespenstisches war's, und als ich getroffen worden war
+von dem Verständlichen und wieder höchst Unverständlichen, zerfloß ich
+auch schon in solchen gliederdurchstürmenden, ich möchte sagen,
+grandiosen Wonnen, wie ich mir verbiete, es näher zu sagen. Ah, das war
+ein Kuß, ein Kuß, das! Der Schmerz, den er mir bereitete, preßte mir
+einen Schrei des Jammers ab, und gleichzeitig mit dem Empfang des Kusses
+und mit seiner himmlischen und höllischen Wirkung erwachte ich und
+vermochte mich lang nachher noch immer nicht zu fassen. Was ist der
+Mann, der Mensch. Was ist der Kuß, den ich freundlich gebe, am hellen
+Tag oder bei Mondschein, in der friedlich-glücklichen Liebesnacht, unter
+einem Baum oder sonstwo, verglichen mit der Raserei des
+eingebildet-aufgezwungenen Kusses, geküßt von den Dämonen.
+
+
+
+
+Das Traumgesicht
+
+
+Ich habe etwas Süßes gesehen, etwas Loses, Lustiges, Flatterhaftes, das
+doch wieder auch nicht so flatterhaft war, daß es nicht tiefen Eindruck
+auf mich und auf viele andere hätte machen können. Der Ernst des Lebens
+klang wie eine Glocke in das liederliche Geflüster und Geklingel und
+Gelispel hinein. Die Blätter flüsterten, süßer, leiser Nachtwind wehte,
+Gelächter tönte, Tränen rannen aus großgeöffneten Augen, Herzen
+erzitterten unter all den zaubervollen Eindrücken, und Musik umrahmte
+und umfloß und umgoldete das Ganze. Wunderbar, gleich einem Märchen, an
+dessen schönen Inhalt die Kinder gerne glauben, drangen mir die lieben,
+holden, tausend Jahr alten Melodien zu Herzen. Indem ich sah, was ich
+sah, wurde ich zum Kind, und die ganze Welt, so weit ich schauen konnte,
+schien mir neu geboren, ganz wie ich selber und wie der, der es
+ebenfalls mit ansah. Bänder, rote, grüne und blaue, schlangen sich wie
+anmutreiche, harmlose Schlangen durch den milden Tumult des Lebens. Das
+Leben war mild und wild zugleich und duftete, ach, so namenlos nach
+Glück, und mit einem Mal lag auch schon das gutwillige, unschuldige
+Liebesglück zerrissen am Boden. Es gab niemand, der nicht liebte und der
+nicht begehrte. Alle waren in den schönen Silber- und Feuerstrom mit
+hineingerissen, und alle wollten das ja auch. Weh und Freude, Schmerz
+und Lust schauten allen, die das Spiel mitspielten, schimmernd und
+lechzend aus den Augen. Einige Augen waren niedergeschlagen, und Lippen
+waren da, die entfärbten sich und stammelten. Schwelgerische Rosen, die
+in ihren eigenen Farben zerflossen, prangten aus dem üppigen Bild
+lockend und bezaubernd hervor. Lichter züngelten und liebäugelten hinter
+dunklem, traumhaftem Grün wie rätselhafte Augen hinter Augenbrauen, und
+Wellen liefen über das glatte Gestein, und Hoffnungen und Sehnsuchten
+gaben in dem Raum den Ton an. Bald war der Raum, was er war, bald wieder
+war er ein Gedanke, so zart, daß der, der ihn dachte, fürchten mußte, er
+verliere ihn. Ist nicht immer der verloren gegangene Gedanke der
+schönste? Was man hat, schätzt man nicht, und was man besitzt, ist
+entwertet. O wie schön war der See in der nahen Ferne, vom Mond
+versilbert, der sich, indem er sich ins Wasser verliebte, in den See
+glühend niederstürzte, sich nun in dem Leib, den er vergötterte, selig
+widerspiegelnd. Das Wasser schauerte und lag ganz still, beglückt durch
+die Vergötterung. Mond und Wasser waren wie Freund und Freundin,
+gefesselt durch den Kuß, dem sie sich überließen. So zerfloß und zerrann
+bald alles, und bald sah ich es von neuem, nur noch reicher
+ausgestattet, aus der Undeutlichkeit hervortauchen. Schweigend, ganz nur
+Auge, saß ich da und hatte alle Wirklichkeit vergessen.
+
+
+
+
+Nächtliche Wanderung
+
+
+Einmal machte ich eine Nachtwanderung, es war eine dunkle, wolkige,
+warme Mainacht. Die Erde blühte und duftete. Aus den schweigenden
+nächtlichen Gärten flüsterte und lispelte es mir zu, als sei alles
+Geheime nun offen und als rede das Verschwiegene. Mein leichter,
+behender, fleißiger Fuß trug mich leicht über die harte Landstraße. Das
+Harte war weich wie Flaum, und das Mühselige machte mich nur lachen, als
+sei es die Freundlichkeit selber. Ich hatte eine merkwürdige Freude an
+dem eigenen fröhlichen Weiter- und Weitermarschieren. Taktgemäß ging es
+von Dorf zu Dorf, und die Dörfer schlummerten so schön, so friedlich.
+Nur aus den Gasthäusern drang manchmal noch einiger später Lärm, und
+betrunkene Wirtshausgestalten taumelten mir hie und da entgegen. Ich
+lief, als sei ich der behende Wind, oder als sei ich ein Bote, der mit
+Windesgeschwindigkeit eine geheime Botschaft an einen weit entfernten
+Ort trägt. Alsdann war es mir wieder ums Herz, als sei ich ein
+flüchtiger Verbrecher, der die Nachtstunden benutzt, um auszureißen und
+sich in Sicherheit zu bringen. Ich war wie ein Indianer, der über die
+Ebene springt; doch bei mir ging es hin und wieder bergauf, um wieder in
+die Tiefe zu sinken. Neugierig guckten oft die süßen Sterne blinzelnd
+zwischen geheimnisvollem Gewölk auf den Fußgänger herab, und der Mond,
+der wackere Freund aller derjenigen, die nächtlings wandern, trat groß
+und majestätisch und freundlich aus der schwarzen Umhülltheit hervor, um
+bald darauf wieder zu verschwinden. So kam es und verschwand es und
+tauchte bald wieder auf, und ein unhörbares Rauschen war in allem, die
+Nacht rauschte, als sei sie eine Quelle, und das ist wahr: sie ist die
+Quelle alles Schönen, Lieben und Guten. So war mir dann wieder, als sei
+ich ein Liebender, befindlich auf der Suche nach der lockenden
+lieblichen Geliebten. Irgendwo im Land, das so schön dunkel war, wohnte
+sie: ihr Fenster stand jetzt vielleicht offen, daß alle ihre
+träumerischen Gedanken wie Vögel hinausflatterten, um sich in der
+herrlichen Nacht zu verlieren. Sie lag im Bett, aber ohne schlafen zu
+können und ohne einschlafen zu wollen, da sie an den fremden kühnen
+lieben Burschen dachte, den sie liebte, und von dem sie wußte, daß er
+sie liebte. Solchermaßen vertrieb ich mir die Zeit, die ich mit Laufen
+zubrachte, mit krausen dunklen Einbildungen, indes die Brunnen neben der
+Straße leise plätscherten. Einige Fenster hatten noch Licht, und das
+einsame Licht nahm sich aus wie die Idee im Kopf eines seltsamen
+Menschen. Auf solche Weise schritt ich vorwärts, fröhlich und voll
+Bangen, mutig und voll Verzagen, ganz gedankenlos und wieder voll
+Gedanken.
+
+
+
+
+Johanna
+
+
+Ich war, fällt mir ein, neunzehn Jahre alt, machte Gedichte, trug noch
+keinen ordentlichen Kragen, lief in den Schnee und in den Regen, stand
+des Morgens immer früh auf, las Lenau, fand, daß ein Überzieher etwas
+Überflüssiges sei, bezog monatlich hundertfünfundzwanzig Franken Gehalt
+und wußte nicht, was ich mit dem vielen Geld anfangen sollte. Kost und
+Logis hatte ich beim Paketmann Senn. Senn ist mir unvergeßlich. Er
+machte stets eine ebenso dumme wie finstere Miene, hatte einen
+struppigen, rabenschwarzen Bart im Gesicht und spielte den ärgerlichen
+Tyrannen, eine Rolle, in die er, so häßlich sie sein mochte, wie
+vernarrt war. Seine beiden Söhne, Theodor und Emil Senn, prügelte er.
+Die armen Jungen, sie bekamen Hiebe dafür, weil sie des Dummkopfes von
+Vaters schlechtes Betragen nachahmten. Frau Senn war eine liebe arme
+geplagte Frau, völlig des kleinlichen Gewalthabers Sklavin. Das Essen
+war gut; lustige Pensionäre waren stets da, und der Weißwein des
+Postpaketmenschen mundete vortrefflich. Doch was bedeutete aller
+Weißwein gegen das Mädchen Johanna, die ebenfalls das Vergnügen hatte,
+beim wilden Pöstler logieren und kostgängern zu dürfen. Sie war auf dem
+Kontor beschäftigt, ähnlich wie ich, und jeden Morgen gingen wir
+zusammen, sie die Dame, und ich ihr Ritter, nach unsern
+Geschäftshäusern, um hübsch tätig zu sein. Sie diente bei der
+Schreibmaschinenbranche, während ich mein bißchen Kraft und guten Willen
+der Unfallversicherungs-Aktiengesellschaft freundlich zur Verfügung
+stellte. Johanna war lieb über alle Begriffe und sanft wie Mondschein.
+Ich schrieb ihr ein Gedicht ins Album, einen kühnen extravaganten
+Erstling, sie zeigte es ihrer Mutter, und diese warnte ihr Töchterchen
+vor mir, wir mußten beide herzlich lachen. O wie süß mutete mich der
+anmutvolle Ritterdienst an. Wir wohnten vier Treppen. Hatte nun
+vielleicht Johanna, schon unten an der Haustüre stehend, ihren Schirm
+oder ihr Taschentuch oder sonst etwas vergessen, so erhielt ich den
+Auftrag, hinaufzuspringen und das Liegengelassene zu holen. Wie machte
+mich das glücklich, und wie süß, wie schön, wie zart lächelte sie
+darüber. Ihre Hände waren üppig und weich und so weiß wie Schnee, und
+der Kuß darauf, wie berauschte, wie bezauberte er mich. Senn war wütend
+auf uns, weil wir bis in alle Nacht hinein auf Johannas Zimmer
+miteinander Englisch lernten. Er hörte wohl durch die Wand, was das für
+eine kosende, belustigende Art von Englisch war, das wir trieben. Holde,
+unvergeßliche Sprachstunde, liebes unvergeßliches weibliches Wesen.
+
+
+
+
+Der Bursche
+
+
+Ein Bursche, der einem Bäckermeister als Laufbursche diente, stahl
+demselben Mehl weg, um es, gleichsam als Zeichen von zärtlicher
+Aufmerksamkeit, der Frau zu überreichen, die er verehrte. Reizende
+Liebe, bestrickendes Verbrechen, sinnreicher Diebstahl. Der Bursche
+wurde endlich bei seinem ritterlichen Bemühen ertappt und kam ins
+Gefängnis. Die gestrengen Herren Richter hatten Mitleid mit ihm und
+erteilten ihm eine obgleich immerhin angemessene, so doch
+verhältnismäßig nur gelinde Strafe. Armer dummer Bursche. Ich kann nicht
+verhehlen, daß ich Sympathie für ihn empfinde. Wie glücklich mögen seine
+Augen geglänzt haben in den prickelnden Augenblicken, wo er das Mehl
+stibitzte, und wie süß muß ihm der Kuß gemundet haben, den er geben und
+empfangen durfte von der, in deren Interesse er Spitzbubenstreiche
+verübte. Wenn je, so duftet hier, der schwelgerischen Rose ähnlich,
+Romantik, und wenn je, so ist hier, wo Mehl gestohlen worden ist, süße
+Liebe. Simpel ist die kleine mehlene Geschichte. Mich hat sie gerührt,
+als ich sie las, und ich wage sie dem freundlichen, huldreichen Leser
+aufzutischen, in der Hoffnung, daß sie auch ihn ein wenig rühren wird.
+Wie mancher, der fein gekleidet geht und sich auf die feinste Differenz
+versteht, und der sich einbildet, daß er verliebt sei, ist nicht
+imstande und bringt nicht den Mut auf, gleich dem armen dummen
+Bäckerburschen, Mehl für die Person zu stehlen, die er vergöttert. Was
+ist Geliebtsein und Beliebtsein gegen dieses blühende holdselige Wunder:
+selber lieben! Und was ist alle Bildung, alle Belesenheit, Weisheit und
+Feinheit, gehalten gegen die duftende Blume: Aufrichtigkeit? Dieser
+Bursche, der mit einem gestohlenen Paket Mehl dahersprang, um seiner
+Geliebten eine Freude zu machen, war, als er das tat, groß, denn er war
+aufrichtig; war, als er das tat, im höchsten Grad sympathisch, denn er
+war tapfer; war, als er das tat, höchst liebenswürdig, denn er tat es
+aus echter Zärtlichkeit und Liebe. Schenke, lieber Leser, dem armen
+Burschen ein kleines gütiges Andenken, ich bitte dich darum. Nicht wahr,
+du tust es?
+
+
+
+
+Der Knabe
+
+
+Ein Tierbändiger wurde eines Abends vor den Augen der Leute, die
+gekommen waren, um sich die Vorstellung anzusehen, von seinem Löwen,
+einem Prachtexemplar, angegriffen und so furchtbar zugerichtet, daß er,
+nachdem man ihn aus den Tatzen des Ungetüms befreit hatte, nur noch
+einen letzten überaus traurigen Blick auf seine Frau und auf seine
+Kinder werfen konnte, woraus er, zerfleischt und zerrissen, wie er war,
+den Geist aufgeben und sterben mußte. Die arme, derart ihres Gatten und
+Ernährers beraubte Frau sah sich hohläugiger, erbarmungsloser
+Verzweiflung gegenübergestellt; denn woher sollte nun das Geld kommen,
+und wer, wer um Gottes willen sollte nun das gefährliche Geschäft der
+Tierbändigung mit einigem Glück weitertreiben? Der Verstorbene schien
+unersetzlich, und das Elend und der Jammer schienen allgewaltig; da
+trat, blitzenden Auges und getrieben von einer höchst staunenswürdigen
+Willenskraft, von Energie sprühend, gleich, als sei er eine
+hochauflodernde Flamme und kein zarter Knabe, der Sohn des eben
+Gestorbenen vor die unglückliche Mutter und sagte ihr mit einer Stimme,
+die die Festigkeit und die eiserne Entschlossenheit durchzitterten, daß
+er und kein anderer jetzt den Beruf seines Vaters übernehmen und
+weiterführen werde. Ah, ein junger Held glühte, und nichts nutzten bei
+dem stolzen Feuerkopf die Vorstellungen, die die tödlich erschrockene
+Mutter dem Kinde machte. Er wartete den nächstfolgenden Schauspielabend
+mit brennender Begierde ab, um seiner Mutter den Mut zu zeigen, der ihn
+beseelte, und als die Stunde gekommen war, trat er mit gebieterischer
+Miene, einem jugendlichen Fürsten ähnlich, die Peitsche und die Pistole
+nachlässig in der Hand, so, als sei er meilenweit davon entfernt, zu
+denken, sich irgendeiner andern Waffe als nur seiner Todesverachtung zu
+bedienen, in den Käfig und errang schon mit dem bloßen Eintritt in
+denselben stürmischen Beifall. Atemlos schaute das Publikum von seinen
+Bänken dem herzbeklemmenden Schauspiel zu, und als der mächtige Löwe nun
+dem zarten, lieben, tapferen, schönen Knaben gehorchte und alles
+pünktlich ausführte, was von ihm verlangt wurde, sich dem Kind zu Füßen
+legte, er, der am vorherigen Abend den Vater zerrissen hatte, erhob sich
+ein Tücherwinken, ein Geschenkezuwerfen, ein Klatschen und eine so
+gewaltige Begeisterung, wie die Menagerie sie nie zuvor erlebte. Der
+Knabe verdiente den Jubel, er lächelte. Doch wo nehmen wir die Worte
+her, die nötig wären, den mütterlichen Stolz und Jubel zu beschreiben,
+der nun mit ungestümen wilden heißen Küssen auf die Wangen, auf das Haar
+und auf die kleinen Hände des Knaben regnete, als er wohlbehalten zu der
+Mutter zurückkehrte. Mit namenloser Liebe schaute sie dem Helden, den
+sie geboren hatte, in die Augen, und immer wieder, immer wieder, ganz
+überwältigt, mußte sie ihn küssen, ihn, der dastand, so bescheiden, als
+verstehe er nicht, was er Großes und Schönes getan hatte.
+
+
+
+
+Das Götzenbild
+
+
+Ein junger Mann, an dessen Eleganz, Bildung und Herkunft niemand
+zweifelte, und der das fraglose Glück genoß, zu den gesitteten Menschen
+zu zählen, erlebte eines Tages, indem er das Völkermuseum besuchte,
+um die Altertümer zu studieren, folgendes sonderbares, wenn nicht
+furchtbares und grauenhaftes Abenteuer. Der junge Mann, nachdem er
+sich mit vielem Interesse in den weitschweifigen Räumlichkeiten,
+vollgepfropft mit allen nur erdenklichen Sehenswürdigkeiten, umgeschaut
+hatte, stand plötzlich, er wußte nicht wie, vor einer uralten hölzernen
+Figur, die, so abschreckend und plump sie auch war, einen mächtigen und
+gleich darauf übermächtigen Eindruck auf ihn machte, derart, daß er sich
+durch das rohe Götzenbild, denn ein solches war es, an Leib und Seele
+verzaubert sah. Der Atem stockte ihm, das Herz klopfte laut, das Blut
+strömte ihm, gleich einem angeschwollenen reißenden Bach, durch alle
+Adern, das Haar stieg ihm zu Berg, die Glieder zitterten, und eine
+ungeheuerliche, entsetzliche Lust packte ihn jählings an, sich an
+den Boden zu werfen, in die Zerknirschung und Erniedrigung, um das
+furchtbare Bild, das den Wüsten Afrikas entnommen worden war, aufs
+lebhafteste anzubeten; Barbarenwonne rieselte ihm durch die geblendete
+und der Vernunft beraubte Seele. Er stieß einen Schrei aus, der durch
+die weite Halle gräßlich tönte, und nur eben so viel Fassungskraft blieb
+ihm übrig, als nötig war, sich mit einem verzweifelten Ruck aus der
+schreckenerregenden Umdunkelung an das lieblich helle Bewußtsein
+einigermaßen emporzuraffen. Das tat er, und mit weitausholenden
+stürmischen Schritten, so, als wenn hinter ihm Feuer ausgebrochen sei,
+und allen eifrigen Interesses für die Wissenschaften mit einem Mal
+verlustig, jagte und stürzte er gegen die Türe, und erst, als er sich in
+freier Luft befand und sich wieder umgeben sah von lebendig-tätigen
+Menschen, erholte er sich vom panikartigen Entsetzen, eine Geschichte,
+die ihn, der sie erlebte, tief nachdenken machte, über die ich jedoch
+den Leser bitte zu lächeln.
+
+
+
+
+»Apollo und Diana«
+
+
+Ich war, erinnere ich mich, bei der Aktienbrauerei in Thun tätig. Vor
+ungefähr zehn Jahren war's, und ich hatte das Glück, in einem schönen,
+geräumigen alten Haus dicht neben dem herrlichen Schloß auf dem
+Schloßhügel wohnen zu dürfen. Ich trank viel Bier, wozu mich schon meine
+bierbrauerliche Beschäftigung verleitete, badete in der reißenden Aare,
+ging öfter in die Ebene, die sich um Thun ausbreitet, spazieren und
+staunte zu den Kolossen empor, zu den Bergen, die, ungeheuerlichen
+Burgen ähnlich, dort in den Himmel hinaufragen. Eines Tages hatte ich
+mit meiner Wirtin, der Frau Amtschreiber, ein kleines reizendes
+Erlebnis, und zwar wegen einem Bild, das an der Wand meines Zimmers
+hing. Dieses Zimmer, es war die Wohnlichkeit, Traulichkeit und
+Heimeligkeit selber. Ich vergesse nie diesen saftgrün angehauchten
+bildhübschen Raum, ich vergesse aber auch die Sonnenstrahlen nie,
+die dort so goldig und zugleich so listig ins versteckte Zimmer
+hineinlächelten. Nun aber zur Frau Amtschreiber. Sie nahm mir das Bild,
+eine Photographie des Gemäldes »Apollo und Diana« von Kranach (das
+Original hängt im Kaiser-Friedrich-Museum zu Berlin), von der Wand, an
+welcher es zu meiner Belustigung und Erquickung hing, weg und legte es,
+schamhaft und vorwurfsvoll umgekehrt, auf meinen Tisch. Ich kam heim und
+merkte sogleich mit meinen beiden stets aufmerksamen Augen das Werk der
+falschen Sittlichkeitsbegriffe, und rasch entschlossen ergriff ich die
+allezeit dienstfertige Feder und schrieb folgendes keckes Billett:
+»Verehrte Frau, hat Ihnen das Bild, das mir lieb ist, weil es ganz aus
+lauterer Schönheit besteht, vielleicht etwas zuleid getan, daß Sie es
+von der Wand gemeint haben wegnehmen zu sollen? Finden Sie, daß das Bild
+häßlich ist? Sind Sie der Meinung, daß es ein unanständiges Bild ist?
+Dann bitte ich ergebenst, es einfach keines Blickes zu würdigen. Mir
+aber wollen verehrte Frau in der Güte, in deren Besitz ich dieselbe
+glaube, gestatten, das Bild wieder dorthin zu tun, wo es gewesen ist.
+Ich werde es sogleich wieder an die Wand anheften und bin überzeugt, daß
+niemand es mir nochmals fortnimmt.« Frau Amtschreiber las und nahm das
+Billett. Ich Schurke! Einer so liebenswürdigen Frau so harte Worte zu
+sagen. Doch die paar Worte, was hatten sie nicht für eine schöne
+Wirkung. Wie lieb war Frau Amtschreiber von nun an zu mir. Reizend,
+reizend benahm sie sich. Sogar meine zerrissenen Hosen erbat sie sich,
+damit sie sie flicke, sie, die Frau Amtschreiber.
+
+
+
+
+Zwei Bilder meines Bruders
+
+
+»Die Frau am Fenster«
+
+Warum steht diese Frau am Fenster? Steht sie nur da, um in die Gegend
+hinauszuschauen? Oder hat ihr Gefühl sie ans Fenster geführt, damit
+sie könne in die Weite hinausdenken? An was denkt die Dame? An etwas
+Verlorenes, an etwas unwiederbringlich Verlorenes? So scheint es dem zu
+sein, der mit aufmerksamen Augen das zarte Bild betrachtet. Weint die
+Frau, oder ist sie nahe daran, zu weinen? Hat sie, kurz bevor sie
+ans Fenster trat, geweint oder wird sie, wenn sie wird vom Fenster
+weggetreten sein, in Tränen ausbrechen? Wer das Bild betrachtet, hält
+dies nicht für unmöglich. Hat die Frau, die hier so einsam an dem
+Fenster steht, einen Geliebten, und ist nun vielleicht dieser liebe
+Freund für immer fortgegangen? Höchst wahrscheinlich. Also hatte -- --
+sie einen Geliebten? Sie hat demnach also jetzt keinen holden Freund
+mehr? Steht nicht die arme liebe Frau da, als sei, was ihr das Liebste
+gewesen ist, von ihr weggegangen, und als bleibe ihr jetzt für immer
+nichts mehr anderes übrig als an den zu denken, den sie verlor? Ihre
+Haltung scheint zu sprechen: »Ich habe ihn, kaum daß er mir gestand, daß
+er mich liebe, und kaum, daß ich ihn umhalst und an das Herz gedrückt
+habe, schon verloren. Wie grausam ist das.« -- Was hat ihn denn bewogen,
+sie zu verlassen, die er liebte und von der er sich geliebt fand? Hat
+das Schicksal, haben die Wogen und Wellen des Lebens, die weder je nach
+Liebe noch überhaupt je nach Zartheit fragen, sie getrennt, die sich
+liebten? Das läßt sich denken. Alles Unschöne läßt sich ebenso leicht
+denken wie alles Schöne. Vielleicht hat die Frau jetzt noch nicht alle
+Hoffnung auf ein süßes Wiedersehen aufgegeben? Nein, sie hat keine
+Hoffnung mehr außer der Hoffnung, weinen zu dürfen, stundenlang, und
+sich im Schmerz, der die Seele erschüttert, zu baden. Für die Frau,
+die ihren Freund verloren hat, ist der Schmerz der heimliche Freund,
+und das ist die letzte Art von Freund, die ein Mensch besitzen kann.
+Entsetzlicher Freund, bleich im Gesicht, mit dem furchtbaren Lächeln
+unauslöschlicher Trauer auf den Lippen, sage zu der Frau etwas, liebkose
+sie. Und in der Tat, er tut es: der Schmerz über die Trennung vom
+Geliebten muß jetzt der Geliebte sein und sie liebkosen. Vielleicht ist
+jetzt das Weh des Verlustes noch nicht so groß, wie es nach einem Jahr
+oder erst nach zwei Jahren sein wird; denn das Weh kann in der Stille
+wachsen. Erst ist es ein zartes Glöckchen mit leisem seufzendem Bim-Bim.
+Doch es kann eine Glocke daraus werden mit rasendem, vernunftüberflutendem
+Geläute, gemützerstörend, herzzerreißend. Entsteht nicht aus der simplen
+Melodie das gewaltig brausende und schallende Konzert? Wenn dem so ist,
+so hat die Frau, die da am Fenster steht, noch einen schweren Kampf zu
+kämpfen.
+
+
+»Der Traum«
+
+Mir träumte, daß ich ein winzig kleiner, unschuldiger, junger Bursche
+sei, so zart und jung, wie noch nie ein Mensch war, wie man nur in
+dunklen, tiefen, schönen Träumen sein kann. Ich hatte weder Vater noch
+Mutter, weder Vaterhaus noch Vaterland, weder ein Recht noch ein Glück,
+weder eine Hoffnung noch auch nur die blasse Vorstellung einer solchen.
+Ich war wie ein Traum mitten im Traum, wie ein Gedanke, gelegt in einen
+anderen. Ich war weder ein Mann, der sich je nach dem Weibe sehnte, noch
+ein Mensch, der sich jemals Mensch unter Menschen fühlte. Ich war wie
+ein Duft, wie ein Gefühl; ich war wie das Gefühl im Herzen der Dame, die
+an mich dachte. Ich hatte keinen Freund und wünschte mir auch keinen,
+genoß keine Achtung und wünschte auch keine, besaß nichts und begehrte
+auch nie irgend etwas zu haben. Was man hat, hat man schon wieder nicht
+mehr, und was man besitzt, hat man schon wieder verloren. Nur das,
+wonach man sich sehnt, besitzt und hat man; nur, was man noch nie
+gewesen, ist man. Ich war weniger eine Erscheinung als ein Sehnen, ich
+lebte nur im Sehnen und war, war nur ein Sehnen. Weil ich nichts
+kostete, schwamm ich im Genuß, und weil ich klein war, hatte ich hübsch
+Platz, in eines Menschen Brust zu wohnen. Entzückend war, wie ich es mir
+in der Seele, die mich liebte, bequem machte. Da ging ich also. Ging
+ich? Nein, ich ging nicht: ich spazierte in der leeren Luft, ich
+brauchte, um zu gehen, keinen Boden; höchstens berührte ich den Boden
+leise mit den Fußspitzen, als sei ich ein talentreicher, von den Göttern
+mit allen Gaben der Tanzkunst begnadeter Tänzer. Mein Kleid war weiß
+wie Schnee, und Ärmel und Hosen schleppte ich nach; sie waren mir
+um ein Erkleckliches zu lang. Auf dem Kopf trug ich ein zierliches
+Dummkopfkäppchen. Die Lippen waren rot wie Rosen, das Haar war goldgelb
+und ringelte sich mir um die schmalen Schläfen in anmutigen Locken.
+Einen Körper hatte ich nicht oder kaum. Aus meinen blauen Augen schaute
+die Unschuld. Ein schönes Lächeln hätte ich gar zu gern gelächelt; doch
+es war zu zart; es war so zart, daß ich es nicht zu lächeln, sondern nur
+zu denken und zu fühlen vermochte. Eine große Frau führte mich an der
+Hand. Jede Frau ist groß, wenn sie zärtlich ist, und der Mann, der
+geliebt wird, ist immer klein. Liebe macht mich groß; und geliebt und
+begehrt sein, macht mich klein. Da war ich dir, lieber huldreicher
+Leser, so fein und klein, daß ich bequem in den weichen Muff meiner
+hohen, lieben, süßen Frau hätte schlüpfen können. Die Hand, die mich
+hielt, und an der ich tanzend schwebte, war mit einem schwarzen
+Handschuh bedeckt, der hoch hinauf bis über die Ellbogen reichte. Wir
+gingen über eine graziös geschweifte und gebogene Brücke und die
+rötliche, dichterisch-phantastische Schleppe meiner holden Herrin
+schlang sich der Länge nach über die ganze Brücke, unter welcher
+schwarzes, warmes, duftendes Wasser träge floß, goldene Blätter mit sich
+tragend. War es Herbst? Oder war es ein Frühling nicht mit grünen,
+sondern mit goldenen Blättern? Ich kann es nicht mehr sagen. Unsagbar
+zärtlich schaute mich die Frau an: ich war bald ihr Kind, bald ihr
+Mäuschen, bald ihr Mann. Und immer war ich ihr alles. Sie war das
+überragend gewaltige und große Wesen, ich das kleine. Kahle Äste stachen
+hoch oben in die Luft. So wurde ich weiter, immer weiter weggeführt als
+eine Art von niedlichem Besitz, den der Eigentümer ruhig mit sich nimmt.
+Ich dachte nichts und wollte und durfte auch von Denken nichts wissen.
+Alles war weich und wie verloren. Hatte mich die Macht des Weibes zum
+Knirps gemacht? Die Macht des Weibes: wo, wann und wie regiert sie? In
+der Männer Augen? Wenn wir träumen? Mit Gedanken?
+
+
+
+
+Die Gedichte
+
+
+Im Sommer schrieb ich nie ein Gedicht. Das Blühen und Prangen war mir zu
+sinnlich. Ich war traurig im Sommer. Mit dem Herbst kam eine Melodie
+über die Welt. Ich war in den Nebel, in die früh schon beginnende
+Dunkelheit, in die Kälte verliebt. Den Schnee fand ich göttlich, aber
+vielleicht noch schöner und göttlicher kamen mir die dunklen, wilden,
+warmen Stürme des Vorfrühlings vor. Im kalten Winter glänzten und
+schimmerten die Abende bezaubernd. Die Töne taten es mir an, die Farben
+redeten mit mir. Ich brauche kaum zu sagen, daß ich unendlich einsam
+lebte. Die Einsamkeit war die Braut, welcher ich huldigte, der Kamerad,
+den ich bevorzugte, das Gespräch, das ich liebte, die Schönheit, die
+ich genoß, die Gesellschaft, in welcher ich lebte. Es gab nichts
+Natürlicheres und nichts Freundlicheres für mich. Ich war Kommis und
+sehr oft ohne passende Stelle. Das paßte mir. O die reizende
+träumerische Schwermut, das wonnige Verzagen, die himmlisch-schöne
+Mutlosigkeit, die gesellige Trauer, die süße Härte. Ich liebte die
+Vorstädte mit den vereinzelten Gestalten der Arbeiter. Die verschneiten
+Felder sprachen mich vertraulich an, der Mond schien mir auf den
+gespenstisch weißen Schnee niederzuweinen; die Sterne! Es war herrlich.
+Ich war so fürstlich arm und so königlich frei. Ich stand in der
+winterlichen Nacht, gegen den Morgen, am offenen Fenster und ließ mir
+das Gesicht und die nur mit dem Nachthemd bedeckte Brust anhauchen vom
+eisigen Atem. Und dabei hatte ich die sonderbare Einbildung, daß es
+glühe rund um mich. Sehr oft warf ich mich, in dem entlegenen Zimmer,
+das ich bewohnte, auf die Knie und bat Gott um einen hübschen Vers. Dann
+ging ich zur Tür hinaus und verlor mich in die Natur.
+
+
+
+
+Rinaldini
+
+
+Über Paganini habe ich bereits geschrieben. So will ich mir denn heute
+die Freiheit nehmen und einen geeigneten Aufsatz schreiben über
+Rinaldini. Das Aufsatzschreiben und Essayieren ist gegenwärtig in großem
+Schwang und erfreut sich einer weitverbreiteten Beliebtheit. Rinaldini,
+dem vorliegender Essay gilt, war ein bedeutender Mann und ein großer
+Räuber. Andere Leute waren groß als Künstler, er aber war ein Künstler
+im Rauben und Morden, und groß war er als der prädestinierte Hauptmann
+seiner Rotte oder Bande, die er zum Schrecken des friedlichen Teiles der
+Einwohnerschaft befehligte. Groß von Gestalt, kühn von Charakter und
+grausam von Sinnesart, schwang er sich gleichsam mit leichter Mühe zum
+Herrn der Berge und der Wälder hinauf, und wer sein Feind war, lebte
+keine vierundzwanzig Stunden länger. Rinaldini teilte mit andern
+Mordbrennern und Mordbuben, von denen die Chronik berichtet, die edle
+Eigenschaft, daß er das Kapital und den feigen Geldsack haßte, daß er
+dagegen die armen Leute schonte. Wer irgendwie unterdrückt war, dem war
+er ein Freund; wer dagegen auf den Vorteilen und auf den Wertpapieren
+trotzte und protzte, dem spaltete er den Schädel, daß es eine Lust war.
+Die Regierung setzte einen hohen Preis auf seinen Kopf; er jedoch, als
+der freie Gewalt- und Renaissancemensch, der er war, trug ebendenselben
+Kopf hoch und lachte über die Maßnahmen derer, die ihn fürchteten. Seine
+Geliebte hieß Rosa, und sie war sein Alles. Wo Rosa war, war auch er,
+und wo sie nicht mehr war, war auch er nicht mehr. Sie war sein Herz,
+seine Seele. Sie war seine Mordlust. Ihr trug er, was er raubte, zu den
+Füßen. Er stattete ihr das Felsengemach, in welchem sie wohnte, wahrhaft
+fürstlich aus, bekleidete es mit den kostbarsten Teppichen und füllte es
+an mit den zierlichsten und edelsten Gegenständen. Er war ihr Löwe, ihr
+bis in den Tod treuer Löwe, und sie, sie liebkoste den Löwen, sie liebte
+ihren Löwen. Der Jubel, die Freude und die Wonne durchzuckten sie, wenn
+sie sah, wie er so grausam morden konnte, und wie er dann bei ihr so
+sanft, so schüchtern war. Sie war möglicherweise eine kleine Sadistin,
+diese Rosa. Doch zu Rinaldinis Zeiten nahm man dieses Kapitel noch nicht
+so genau. Herrlich war sie, wenn sie, angetan mit den schönsten
+Gewändern und mit schweren, goldenen Ohrringen in den Ohren, vor das
+Zelt oder vor die Höhle trat, eine Zigarette zwischen den blendend
+weißen Zähnen. Stolz wie eine Königin blickte sie in die Runde, und wer
+sie so sah, verneigte sich vor ihr. Das taten die Herren Spitzbuben und
+Räuber. Sie verehrten sie wie ihre Königin. Rinaldini, der sonst doch
+ganz gewiß im höchsten Grade verunglückte Bursche, war glücklich durch
+sie, dieser Galgenhalunke. Schließlich, und so wurde er doch aufs Rad
+geflochten.
+
+
+
+
+Lenau
+
+
+Der Liebling des Grames, der Freund des Schmerzes war er. Seltsam war
+er, und noch viel seltsamer ist es, daß man von ihm eigentlich gar
+nichts kennt, und daß trotzdem sein Ruhm bis zu den Wolken hinaufragt.
+Das macht sein Name. Sein Name ist so schön, so zigeunerhaft-romantisch.
+Ich bin allein schon in den Namen Lenau verliebt, der nicht wie nach
+realem Leben, sondern wie nach einem Roman, nach einer holdseligen
+Liebesaffäre tönt. Lenau liebte den Herbst, das herbstliche Welken, das
+Fallen der Blätter, das Entfärben, das Vergehen. Er liebte das
+schneeweiße, kalte Schweigen des Winters. An den Tod und an das Ende zu
+denken, war ihm ein sonderbarer Genuß. Sonderbar war Lenau. Er war
+herrlich in seiner Art. Das Leben liebte er nicht, und dennoch liebte
+er es, er liebte es um der darin enthaltenen Enttäuschungen willen.
+Er war in die Enttäuschungen, in die Hoffnungslosigkeit, in die
+Unergründlichkeit, in die harte Unentrinnbarkeit verliebt. Er liebte den
+rauhen, kalten November, mithin also das sogenannte schlechte Wetter.
+Schönes, mildes, sonniges Wetter irritierte ihn, machte ihn stutzen.
+Dagegen, wenn die Stürme stürmten, wenn der Wind durch die Gegend
+brauste, wenn der Schnee fiel, da erkannte er sein Wesen und lebte das
+ihm angeborene Leben. Er fühlte sich wohl beim schauervollen Gedanken an
+die Gräber, und auf den Genuß dessen, was nicht zu genießen ist,
+verstand er sich vortrefflich. O, was für schöne, schmerzenbange,
+wehmuttrunkene Herbstgedichte hat er gemacht. Sein Hauptausstattungsstück
+bestand in einem schwarzen, flatternden Pellerinenmantel,
+und Nummer zwei seiner Requisiten war ein Rinaldini-Schlapphut,
+ebenfalls tiefernst und rabenschwarz von Farbe. Schwarz
+war sein Haar, das sich gleich tiefen, schönen, anmutigen
+Gedanken um seine ausdrucksvollen Schläfen ringelte. Voll schwarzen
+Glanzes waren seine traurig-lieben Augen, mit denen er in die Welt
+schaute, als verzweifle er, oder als sehne er sich nach einer
+Verzweiflung. Augenbrauen schwarz und Bart schwarz, falls er einen
+solchen hatte, was ich nicht geradezu behaupten möchte. Und in der
+trüben, grauen, kalten Novemberluft flogen Raben, und Lenau stand am
+Wege, unter einem entblätterten Baum, das Notizbuch in der Hand,
+schreibend einen seiner schwermutvollen Verse. Seine Herbstlieder sind
+weltberühmt. Ich selbst habe sie schon lange, lange nicht mehr gelesen.
+Aus ferner, umflorter Erinnerung nur tauchen die Worte dieser Gedichte
+vor mir auf, aber ich weiß, daß sie schön sind. Unverwelkliches Welken,
+blühender, unsterblicher Gram, rosengleiches Verzagen und Klagen,
+immergrüner Schmerz, ewig junger, ewig lebendiger Tod.
+
+
+
+
+Tobold
+
+
+ _Der Schurke_
+
+ Glaubst du, ich sei ein Schurke? Ich
+ bin keiner. Glaube mir, ich bin
+ nicht solch ein Bösewicht. Das hat
+ die Zunge so aus mir gemacht.
+ Die Welt will gleich ein Bildnis sehn.
+ 's ist sonderbar. Man ist nicht das,
+ was man in seinem Innern ist,
+ nein, du bist Werk von ihnen, bist
+ Abguß von dem Geflüster. Sie
+ woll'n dich so handeln sehn, und so
+ auch handelst du. Ich bin nicht schlecht;
+ nur krank.
+
+ _Tobold_
+
+ Wie? Ja. 's ist sonderbar.
+ Auch ich bin nicht der Meinung, du seist ein
+ Halunke. Zwar bin ich
+ ja nur ein dummer Junge, und
+ ich kann mich irren, doch kann denn
+ nicht auch die Welt im Irrtum sein?
+ Könn'n sie nicht auch sich irr'n, die dich
+ verdammen? Du hast Augen, die
+ mir, wie doch soll ich sagen, sehr
+ gefallen. Krank bist du? Ich glaub's.
+ Doch warum gehst du nicht zum Arzt?
+
+ _Schurke_
+
+ Vielleicht bist du der Arzt. Du bist
+ jed'falles gut.
+
+ _Tobold_
+
+ Hier kommt ja, wie ich sehe, der
+ schlicht-ehrliche Bedrängte. Sein
+ Gesicht ist falsch. Er hält sich für
+ was Bess'res als er ist. Er ist
+ mehr Schaf als fromm. Ich mag ihn nicht.
+ Dich, Schurke, jedoch mag ich gern.
+
+ _Der Bedrängte_
+
+ Voll Bosheit, bild' ich stets mir ein,
+ sei diese ungereimte Welt.
+ Ich blicke stets nur selbst mich an
+ und sehe immer mich verfolgt:
+ Hier steht der Bös'wicht, der mich drängt.
+
+ _Tobold_
+
+ Das bildet sich ein Dummkopf ein.
+
+ _Der Bedrängte_
+
+ Wer bist du, der so keck sich mischt
+ in dieses Spiel? Ich sah dich nie
+ und achte deiner deshalb nicht.
+ Du scheinst ein frecher Betteljung'!
+
+ _Tobold_
+
+ Tobold heiß' ich, und ich gab nie
+ Schafsköpfen Anlaß, mich
+ zu achten. 's ist ein mageres Geschäft
+ und es kommt nichts dabei heraus.
+ Ich bin mein selbst. Ich selbst
+ hab Achtung vor mir. Wisse das. Und dann
+ hab ich auch Freude an der Welt.
+ Hier beispielsweis' am Schurken hab'
+ ich Freude. An der Sonne hab'
+ ich Freude. Doch an dir nicht. Du
+ freust mich in keiner Art und Weis'.
+ Nicht Art hast du. Was Art hat, das
+ entzückt mich. Dieb' und Schelm'
+ selbst sind erfreulich. Packt man sie,
+ so sperrt man sie ins Zuchthaus ein
+ und weiß auch, was getan man hat.
+ Doch du bist ein Chamäleon.
+ Nichtswürdig bist du. Teufel sind
+ doch Teufel. -- Hier dem Schurken geb'
+ die Hand ich. Dir kann man die Hand
+ nicht reichen. Spinnen sind verständlicher,
+ Mäus', Ratt' und Kröten, als
+ ein Mensch, wie du, dem's nur auf das
+ Verfolgtsein ankommt.
+
+ _Schurke_
+
+ Ha ha ha!
+ Recht so, mein Junge, schimpf ihn aus.
+
+ _Bedrängter_
+
+ Auch hier, auch hier bedrängt man mich.
+ Die Welt ist voll von Hinterlist.
+ Ich will nur gleich zur Fürstin gehn
+ und ihr das melden.
+
+ _Schurke_
+
+ Tritt nur ab.
+ Komm, du mein wackrer Junge, komm.
+ Ich will zu einer Tänzerin
+ dich führen. Wein soll sprühn. Der Ort,
+ wo sie sich aufhält, ist nicht fern.
+ In dem Gebüsch, das du dort siehst,
+ liegt sie im schwellend weichen Gras.
+ Schön ist sie, göttergleich tanzt sie.
+ Doch du wirst sehn. Sie soll dich an
+ die Brüste drücken. Schlemmen ist
+ nicht schlecht, wenn man's mit Grazie tut.
+
+ _Tobold_
+
+ Ich gehe gern an solchen Ort.
+
+ Verwandlung
+
+ _Tobold_
+
+ Ich soll mich finden, sagt mir das
+ Gestirn. Mich finden? Müßt' ich da
+ mich nicht vorher verlieren? Kann
+ ich mich denn finden, wenn's an mir
+ nichts aufzufinden gibt? Wer nie
+ verloren gehn will, kann sich auch
+ nie finden. Also will ich mich
+ verlieren. Hier nun tapp' ich ganz
+ im Dunkeln. Nacht ist es, und ein
+ Geräusch, so sieht's hier aus, läßt sich
+ hier gar nicht denken. Wenn ein Schuß
+ jetzt fiele, wär's mir, wie wenn ich
+ ihn mir nur träumte. Was denn such'
+ ich hier? Mich selbst? Nein, denn ich bin
+ nicht gar so sehr erpicht auf mich.
+ Es muß hier jemand sein, sonst wär'
+ ich hier nicht auf der Suche. Pst.
+ Sprach da nicht jemand? Ganz bestimmt
+ ist irgend jemand hier, doch wer,
+ ist mir ein Rätsel. Doch wenn auch
+ der Glaube nur, es sei hier wer,
+ hier ist, so ist schon viel hier. Mir
+ sagt es der Glaube, daß es hier
+ ein Leben gibt, und daß wer hier
+ ist, schön ist. Horch. War das? Nein, es
+ ist alles still. Nichts regt sich, als
+ der Wunsch in mir, es möchte hier
+ jemand sich regen.
+
+ _Die Verlassene_
+
+ Bös' bin ich? Nein, ich bin nicht bös'.
+ Verfehmt bin ich und muß hier am
+ entlegnen Ort verlassen sein.
+ Um Liebe willen, die mich hat
+ betrügen müssen, muß ich hier
+ verstoßen und verlassen sein.
+ Niemand kommt zu mir her, es fällt
+ niemandem ein, bei mir zu sein.
+ Niemand kommt bis zum düstern Ort
+ der finstern Ausgestoßenheit.
+ Es will mich niemand kennen, es
+ will niemand mehr gerecht mir sein.
+ Ich kann nicht klagen. Klagt' ich, so
+ riß es mich bis zum Wahnsinn hin.
+ Drum still, drum nur gelitten, nur
+ allein gelitten. Ist nichts anderes
+ übrig, so leidet man
+ wie in dem Grund des Meers das Naß
+ nur naß sein kann, wie, wer sich sticht,
+ nur bluten kann. Verlassenheit,
+ sei du mir Krone. Schmerz, sei du
+ Palast mir, und ich Fürstin so.
+
+ _Tobold_
+
+ Horch, horch, es tönt. Wie süß das tönt.
+ Ich habe stets Musik geliebt.
+ Mir immer als ein Wunder kam
+ sie vor.
+
+ _Verlassene_
+
+ Ist jemand hier?
+
+ _Tobold_
+
+ Ich bin's.
+
+ _Verlassene_
+
+ Wer bist du?
+
+ _Tobold_
+
+ Eine Wenigkeit.
+ Ein junger dummer Mensch bin ich.
+ Sonst brav vielleicht, vielleicht auch nicht;
+ arbeitsam, doch vielleicht auch nicht;
+ fähig zum Guten, doch vielleicht
+ auch zu was anderem fähig. Un-
+ bekannt ist mir's. Ich habe mich
+ da so, wie soll ich sagen, in
+ der Finsternis verloren, doch
+ hielt ich stets wacker mich gradauf.
+ Es soll der Mensch auf Haltung sehn,
+ als wenn er selbst sich immer ge-
+ genüberstände. Fürstin nannt'st
+ du dich. Ich habe es gehört. Ich hab'
+ gelauscht. Verzeih. Ich bin
+ solch einer, der das, was er hört,
+ beiseite schiebt. Es scheint, daß du
+ unglücklich bist. So paßt es; denn
+ ich liebe und verehre, was
+ nicht fröhlich ist. Ich selbst, mußt du
+ erfahren, bin mir, glaub' mir, fast
+ zu fröhlich. Ich verachte mich
+ ja auch dafür. Sehr gerne dient'
+ ich dir. Ich seh' dich nicht, denn es
+ ist dunkel hier. Was macht's. Es sieht
+ die Seele dich. Doch daß du's weißt:
+ ich sterbe vor Verlangen, dich
+ zu sehn, und wünscht', ich hätt' ein Licht
+ zur Hand, damit ich Schönheit säh'
+ und nicht nur fühle. Sag', was soll
+ ich tun. Kann ich dir helfen? Ich
+ bin einer, den's entzückt, zu Dienst
+ zu stehn. Ich will für dich hinab
+ in die Verdammnis gehn, um zu
+ verdienen, dich zu küssen. So
+ sprich doch. Ich rede hier, und du
+ schweigst. Bist du bös'?
+
+ _Verlassene_
+
+ Ich bin nicht bös'.
+ Ich bin nur leid. Sprich weiter. Dein
+ Gespräch hat was wie Trost für mich.
+ Du sprichst zutraulich. Sage, bist
+ du ein so armer Mensch, und als
+ Person so niedrig, daß du mußt
+ zu der Verfehmten reden, und
+ noch in so gutem Ton? Es muß nicht viel
+ Stand, Würde und Bedeutendheit
+ am Menschen sein, der zu mir spricht
+ und noch, wie's scheint, so gern.
+
+ _Tobold_
+
+ Es gibt mehr Armut als du träumst.
+
+ _Verlassene_
+
+ Kann jemand ärmer sein als ich?
+
+ _Tobold_
+
+ Wohl kann noch jemand ärmer sein.
+ Sind denn nicht alle Menschen sehr,
+ sehr arm? Wer brüstet sich und sagt:
+ »Ich bin wahrhaftig reich«? Niemand
+ ist reich. Geboren sein heißt in
+ die Armut sinken. Leben heißt
+ mit Nöten kämpfen. Es gab nie
+ solch einen Lebensreichtum. Reich
+ ist, wer nicht bös' ist. Wenn du kein
+ Gelüst hast, dich zu rächen, kein
+ Gefühl des Zorns hast, bist du nicht
+ die Ärmste. Wer noch weint, ist reich.
+ Wer unrecht hat, ist reich. Zu den
+ Besitzenden gehört nicht der
+ Besitzende, nicht der, der auf dem Recht beharrt,
+ nicht der Starrköpfige, der
+ recht haben will. Unrecht ist süß,
+ wonnig und reich, und wenn du im
+ Gefängnis sitz'st und büß'st, so bist
+ du reich.
+
+ _Verlassene_
+
+ So bin ich reich im Leid?
+ Welch eine Sprache führst du da?
+ Bist du zu mir gekommen, mir
+ zu sagen, daß ich reicher sei
+ als die, die glauben, ich sei sehr
+ elend, als die, die denken, ich
+ müsse verzweifeln?
+
+ _Tobold_
+
+ Ja, gewiß.
+
+ _Verlassene_
+
+ Bist du ein Engel?
+
+ _Tobold_
+
+ I bewahr!
+ Ein Häufchen Unzulänglichkeit,
+ das bin ich. Schlecht bin ich. Seh's ein.
+
+ _Verlassene_
+
+ So ist es Kunst nur, was du sprichst?
+
+ _Tobold_
+
+ Nein, Seele. Wie auch könnt' es Kunst
+ sein, da ich doch kein Künstler bin.
+
+ _Verlassene_
+
+ Was bist du?
+
+ _Tobold_
+
+ Weiß es selber nicht.
+ Muß erst erfahren, was ich bin.
+
+ _Verlassene_
+
+ Du redest lieb. Und da ich von
+ Stand und Geburt bin (worauf ich
+ nicht stolz bin), nimm den Ring von mir
+ und geh'. Du kannst nichts weiter für
+ mich tun, als gehn. Verlaß den Ort. --
+
+ Anderswo
+
+ _Tobold_
+
+ Ganz wie ein blauer Baldachin
+ ist hier der Himmel ausgespannt.
+ Welch eine Freiheit duftet hier,
+ welch ein Gefühl geht durch die Luft.
+ Die Luft ist frisch, man atmet sie
+ in köstlich gierigen Zügen ein.
+ Wenn man nur nicht verdrossen ist,
+ so ist der Tag wie ein Kristall.
+ Wie schön ist's hier. Dort fällt ein Blatt.
+ Man möchte gehen und es an
+ die Lippen drücken. Nebel streicht
+ durch das Revier. Es blitzt. Es ist
+ alles ganz feucht. Es schimmert, es
+ ist Wonne für die Augen, und
+ wie warm, wie gut die Bäume stehn,
+ ganz voll noch von dem gelben Laub.
+ Hier ist ein Stückchen grün noch vom
+ versunknen üppigen Sommer her.
+ Dort sieht man Tannen. Feierlich
+ stehn sie an Teiches Rand, sich in
+ dem Wasser spiegelnd. Horch. Ein Schrei.
+ Das ist der Vogel in der Luft.
+ Und schön und schön und schöner wird's.
+ Man faßt es nicht. Das Gelb ist wie
+ der Ruhm, das Blau, das zärtliche,
+ wie Liebe, und das Braun dort gleicht
+ der Ehre. Wege schlängeln sich
+ durch das Gebüsch, und alles dies
+ hängt wie ein süßes Farbenwerk
+ zusammen. Glücklich ist's. Nicht ich
+ bin glücklich. Es, das All, ist es.
+ Doch ganz gewiß auch ich. Wenn das
+ Gesamte, das Verbund'ne, das
+ Zerfloss'ne und Umwobene
+ so schön ist, bin auch ich so schön,
+ schön durch Genuß. Denn das
+ Umfassende faßt ja auch mich ein. So
+ gehör' ich dir, Natur. So bin
+ ich Ton im Chor, und im Gesang
+ bin eine dünne Stimme ich.
+
+ _Der Gebieter_
+
+ Du Lümmel, sag', was tust du hier?
+ Du schaffst wohl g'rad' am Tagwerk? Was?
+ Natur begaffen, fauler Strick!
+ Wart'. Mit der Peitsche will ich dich
+ das All erfassen lehren. So. Und jetzt
+ marsch an die Arbeit. Fort.
+
+
+
+
+Helblings Geschichte
+
+
+Ich heiße Helbling und erzähle hier meine Geschichte selbst, da sie
+sonst wahrscheinlich von niemandem aufgeschrieben würde. Heutzutage, wo
+die Menschheit raffiniert geworden ist, kann es keine besonders kuriose
+Sache mehr sein, wenn einer, wie ich, sich hinsetzt und anfängt, an
+seiner eigenen Geschichte zu schreiben. Sie ist kurz, meine Geschichte,
+denn ich bin noch jung, und sie wird nicht zu Ende geschrieben, denn ich
+habe voraussichtlich noch lange zu leben. Das Hervorstechende an mir
+ist, daß ich ein ganz, beinahe übertrieben gewöhnlicher Mensch bin. Ich
+bin einer der Vielen, und das gerade finde ich so seltsam. Ich finde die
+Vielen seltsam, und denke immer: »Was machen, was treiben sie nur alle?«
+Ich verschwinde förmlich unter der Masse dieser Vielen. Wenn ich
+mittags, wenn es zwölf Uhr schlägt, von der Bank, wo ich beschäftigt
+bin, nach Hause eile, so eilen sie alle mit, einer sucht den andern zu
+überholen, einer will längere Schritte nehmen als der andere, und doch
+denkt man dabei: »Es kommen doch alle nach Hause.« In der Tat kommen sie
+alle nach Hause, denn es ist kein ungewöhnlicher Mensch unter ihnen, dem
+es arrivieren könnte, daß er den Weg nicht mehr fände nach Hause. Ich
+bin mittelgroß von Gestalt und habe deshalb Gelegenheit, mich zu freuen,
+darüber, daß ich weder hervorstechend klein, noch herausplatzend groß
+bin. Ich habe so das Maß, wie man auf schriftdeutsch sagt. Wenn ich zu
+Mittag esse, denke ich immer, ich könnte eigentlich anderswo, wo es
+vielleicht fideler zuginge am Eßtisch, ebenso gut, oder noch feiner
+essen, und denke dann darüber nach, wo das wohl sein könnte, wo die
+lebhaftere Unterhaltung mit dem besseren Essen verbunden wäre. Ich lasse
+alle Stadtteile und alle Häuser, die ich kenne, in meiner Erinnerung
+vorübergehen, bis ich etwas ausfindig gemacht habe, das etwas für mich
+sein könnte. Im allgemeinen halte ich sehr viel auf meine Person, ja,
+ich denke eigentlich nur an mich, und bin immer darauf bedacht, es mir
+so gut gehen zu lassen, wie nur irgend denkbar. Da ich ein Mensch aus
+guter Familie bin, mein Vater ist ein angesehener Kaufmann in der
+Provinz, so finde ich leicht an den Dingen, die sich mir nähern wollen,
+und denen ich auf den Leib rücken soll, allerlei auszusetzen, zum
+Beispiel: es ist mir alles zu wenig fein. Ich habe stets die Empfindung,
+daß an mir etwas Kostbares, Empfindsames und Leichtzerbrechliches ist,
+das geschont werden muß, und halte die andern für lange nicht so kostbar
+und feinfühlig. Wieso das nur kommen mag! Es ist gerade, als wäre man zu
+wenig grob geschnitzt für dieses Leben. Es ist jedenfalls ein Hemmnis,
+das mich hindert, mich auszuzeichnen, denn wenn ich beispielsweise einen
+Auftrag erledigen soll, so besinne ich mich immer erst eine halbe
+Stunde, manchmal auch eine ganze! Ich überlege und träume so vor mich
+hin: »Soll ich es anpacken, oder soll ich noch zögern, es anzupacken!«,
+und unterdessen, ich fühle das, werden schon einige meiner Kollegen
+bemerkt haben, daß ich ein träger Mensch bin, während ich doch nur als
+zu empfindsam gelten kann. Ach, man wird so falsch beurteilt. Ein
+Auftrag erschreckt mich immer, veranlaßt mich, mit meiner flachen Hand
+strichweise über den Pultdeckel zu fahren, bis ich entdecke, daß ich
+höhnisch beobachtet werde, oder ich tätschle mir mit der Hand die
+Wangen, greife mich unter das Kinn, fahre mir über die Augen, reibe die
+Nase und streiche die Haare von der Stirne weg, als ob dort meine
+Aufgabe läge, und nicht auf dem Bogen Papier, der vor mir, auf dem Pult,
+ausgebreitet liegt. Vielleicht habe ich meinen Beruf verfehlt, und
+dennoch glaube ich zuversichtlich, daß ich es mit jedem Beruf so hätte,
+so machen würde und verderben würde. Ich genieße, infolge meiner
+vermeintlichen Trägheit, wenig Achtung. Man nennt mich einen Träumer und
+Schlafpelz. O, die Menschen sind darin talentvoll, einem ungebührliche
+Titel anzuhängen. Es ist allerdings wahr: die Arbeit liebe ich nicht
+besonders, weil ich mir immer einbilde, sie beschäftige und locke zu
+wenig meinen Geist. Das ist auch wieder so ein Punkt. Ich weiß nicht, ob
+ich Geist besitze, und ich darf es kaum glauben, denn ich habe bereits
+öfters die Überzeugung gewonnen, daß ich mich jedesmal dumm anstelle,
+wenn man mir einen verstand- und scharfsinnfordernden Auftrag gibt. Das
+macht mich in der Tat stutzig, und veranlaßt mich darüber nachzudenken,
+ob ich zu den seltsamen Menschen gehöre, die nur klug sind, wenn sie es
+sich einbilden, und aufhören, klug zu sein, sobald sie zeigen sollten,
+daß sie es wirklich sind. Es fallen mir eine Menge intelligenter,
+schöner, spitzfindiger Sachen ein, aber sobald ich sie in Anwendung
+bringen soll, versagen sie mir und verlassen mich, und ich stehe dann da
+wie ein ungelehriger Lehrjunge. Deshalb mag ich meine Arbeit nicht gern,
+weil sie mir einesteils zu wenig geistvoll ist und mir andersteils
+sogleich über den Kopf hinauswächst, sobald sie den Anstrich des
+Geistvollen erhält. Wo ich nicht denken soll, da denke ich immer, und wo
+ich verpflichtet wäre, es zu tun, kann ich es nicht. Aus diesem
+zwiespältigen Grunde verlasse ich auch den Bureausaal immer einige
+Minuten vor zwölf und komme immer erst einige Minuten später als die
+andern an, was mir schon einen ziemlich schlechten Ruf eingetragen hat.
+Aber es ist mir so gleichgültig, so unsäglich gleichgültig, was sie von
+mir sagen. Ich weiß zum Beispiel sehr wohl, daß sie mich für einen
+Schafskopf ansehen, aber ich fühle, daß wenn sie ein Recht zu dieser
+Annahme haben, ich sie daran nicht verhindern kann. Ich sehe auch
+wirklich etwas schafsköpfisch aus in meinem Gesicht, Betragen, Gang,
+Sprechen und Wesen. Es ist kein Zweifel, daß ich, um ein Beispiel
+herauszunehmen, in den Augen einen etwas blödsinnigen Ausdruck habe, der
+die Menschen leicht irreführt und ihnen eine geringe Meinung von meinem
+Verstand gibt. Mein Wesen hat viel Läppisches und dazu noch Eitles an
+sich, meine Stimme klingt sonderbar, so als wüßte ich selber, der
+Sprecher, nicht, daß ich rede, wenn ich rede. Etwas Verschlafenes,
+Noch-nicht-ganz-Aufgewecktes haftet mir an, und daß es bemerkt wird,
+habe ich bereits aufgezeichnet. Mein Haar streiche ich immer ganz glatt
+auf dem Kopf, das erhöht vielleicht noch den Eindruck trotziger und
+hilfloser Dummheit, den ich mache. Dann stehe ich so da, am Pult, und
+kann halbstundenlang in den Saal, oder zum Fenster hinausglotzen. Die
+Feder, mit der ich schreiben sollte, halte ich in der untätigen Hand.
+Ich stehe und trete von einem Fuß auf den andern, da mir eine größere
+Beweglichkeit nicht gestattet ist, sehe meine Kollegen an und begreife
+gar nicht, daß ich in ihren Augen, die zu mir hinüberschielen, ein
+erbärmlicher, gewissenloser Faulenzer bin, lächle, wenn mich einer
+ansieht, und träume, ohne zu sinnen. Wenn ich das könnte: Träumen! Nein,
+ich habe keine Vorstellung davon. Nicht die mindeste! Ich denke mir
+immer, wenn ich einen Haufen Geld hätte, würde ich nicht mehr arbeiten,
+und freue mich wie ein Kind darüber, daß ich dieses denken konnte, wenn
+der Gedanke ausgedacht ist. Das Gehalt, das ich bekomme, erscheint mir
+zu klein, und ich denke gar nicht daran, mir zu sagen, daß ich nicht
+einmal so viel verdiene mit meinen Leistungen, trotzdem ich weiß, daß
+ich so gut wie nichts leiste. Seltsam, ich habe gar nicht das Talent,
+mich einigermaßen zu schämen. Wenn mich einer, zum Beispiel ein
+Vorgesetzter, anschnauzt, so bin ich darüber im höchsten Grade empört,
+denn es verletzt mich, angeschnauzt zu werden. Ich ertrage das nicht,
+obgleich ich mir sage, daß ich eine Rüge verdient habe. Ich glaube, ich
+widersetze mich dem Vorwurf des Vorgesetzten deshalb, damit ich das
+Gespräch mit ihm ein wenig in die Länge ziehen kann, vielleicht eine
+halbe Stunde, dann ist doch wiederum eine halbe Stunde verstrichen,
+während deren Verlauf ich mich wenigstens nicht gelangweilt habe. Wenn
+meine Kollegen glauben, ich langweile mich, so haben sie allerdings
+recht, denn ich langweile mich zum Entsetzen. Nicht die geringste
+Anregung! Mich langweilen, und darüber nachsinnen, wie ich die
+Langeweile etwa unterbrechen könnte: darin besteht eigentlich meine
+Beschäftigung. Ich vollbringe so wenig, daß ich selber von mir denke:
+»Wirklich, du vollbringst nichts!« Oftmals kommt es über mich, daß ich
+gähnen muß, ganz unabsichtlich, indem ich meinen Mund aufsperre, gegen
+die Höhe der Zimmerdecke, und dann mit der Hand nachfahre, um langsam
+die Mundöffnung zu verdecken. Alsdann finde ich es für angebracht, mit
+den Fingerspitzen meinen Schnurrbart zu drehen und etwa auf das Pult zu
+klopfen, mit der Innenfläche eines meiner Finger, ganz wie in einem
+Traum. Manchmal erscheint mir das alles wie ein unverständlicher Traum.
+Dann bemitleide ich mich und möchte über mich weinen. Aber, wenn das
+Traumartige verfliegt, möchte ich mich, der Länge und Breite nach, auf
+den Boden werfen, möchte umstürzen, mir an einer Kante des Pultes recht
+weh tun, damit ich den zeitvertreibenden Genuß eines Schmerzes empfinden
+könnte. Meine Seele ist nicht ganz schmerzlos über meinen Zustand, denn
+ich vernehme manchmal, wenn ich recht das Ohr spitze, darin einen
+leisen, klagenden Ton der Anklage, ähnlich der Stimme meiner noch
+lebenden Mutter, die mich immer für etwas Rechtes gehalten hat, im
+Gegensatz zum Vater, der da viel strengere Grundsätze besitzt, als sie.
+Aber meine Seele ist mir ein zu dunkles und wertloses Ding, als daß ich
+schätzte, was sie vernehmen läßt. Ich halte nichts von ihrem Ton. Ich
+denke mir, daß man nur aus Langeweile auf das Gemurmel der Seele horcht.
+Wenn ich im Bureau stehe, werden meine Glieder langsam zu Holz, das man
+wünscht, anzünden zu können, damit es verbrenne: Pult und Mensch werden
+Eines mit der Zeit. Die Zeit, das gibt mir immer zu denken. Sie vergeht
+schnell, doch in all der Schnelligkeit scheint sie sich plötzlich zu
+krümmen, scheint zu brechen, und dann ist es, als ob gar keine Zeit mehr
+da wäre. Manchmal hört man sie rauschen wie eine Schar auffliegender
+Vögel, oder zum Beispiel im Wald: da höre ich immer die Zeit rauschen,
+und das tut einem recht wohl, denn dann braucht der Mensch nicht mehr zu
+denken. Aber es ist meistens anders: so totenstill! Kann das ein
+Menschenleben sein, das man nicht spürt, sich vorwärts, dem Ende
+zudrängen! Mein Leben scheint mir bis zu diesem Augenblick ziemlich
+inhaltlos gewesen zu sein, und die Gewißheit, daß es inhaltlos bleiben
+wird, gibt etwas Endloses, etwas, das einem befiehlt, einzuschlafen und
+nur noch das Unumgänglichste zu verrichten. So tue ich es denn auch: ich
+tu nur so, als ob ich eifrig schaffe, wenn ich den übelriechenden Atem
+meines Chefs hinter mir spüre, der heranschleicht, um mich bei der
+Trägheit überraschen zu können. Seine Luft, die er ausströmt, ist sein
+Verräter. Der gute Mann verschafft mir immer eine kleine Abwechslung,
+deshalb mag ich ihn noch ganz wohl leiden. Aber was veranlaßt mich denn
+eigentlich nur, so wenig meine Pflicht und meine Vorschriften zu
+respektieren? Ich bin ein kleines, blasses, schüchternes, schwaches,
+elegantes, zimperliches Kerlchen voll lebensuntüchtiger Empfindsamkeiten
+und würde die Härte des Lebens, wenn es mir einmal schief gehen sollte,
+nicht ertragen können. Kann mir der Gedanke, daß man mich aus meiner
+Stellung entlassen wird, wenn ich so fortfahre, keine Furcht einjagen?
+Wie es scheint, nicht, und wie es wiederum scheint: wohl! Ich fürchte
+mich ein bißchen, und fürchte mich wieder ein bißchen nicht. Vielleicht
+bin ich zur Furcht zu unintelligent, ja, es scheint mir beinahe, als ob
+der kindliche Trotz, den ich anwende, um mir vor meinen Mitmenschen
+Genugtuung zu verschaffen, ein Zeichen von Schwachköpfigkeit ist. Aber,
+aber: es paßt wundervoll zu meinem Charakter, der mir stets vorschreibt,
+mich ein wenig außergewöhnlich zu benehmen, wenn auch zu meinem
+Nachteil. So zum Beispiel bringe ich, was auch nicht statthaft ist,
+kleine Bücher ins Bureau, wo ich sie ausschneide und lese, ohne
+eigentlich Genuß am Lesen zu haben. Aber es sieht wie die feine
+Widerspenstigkeit eines gebildeten, mehr, als die andern sein wollenden
+Menschen aus. Ich will eben immer mehr sein, und habe einen
+Jagdhundeifer nach Auszeichnung. Wenn ich das Buch jetzt lese, und es
+tritt ein Kollege zu mir heran mit der Frage, die vielleicht ganz am
+Platz ist: »Was lesen Sie da, Helbling?«, so ärgert mich das, weil es in
+diesem Fall anständig ist, ein ärgerliches Wesen zu zeigen, das den
+zutulichen Fragenden wegtreibt. Ich tue ungemein wichtig, wenn ich lese,
+blicke mich nach allen Seiten nach Menschen um, die mir zusehen, wie
+klug da einer seinen Geist und Witz ausbilde, schneide mit prachtvoller
+Langsamkeit Seite für Seite aus, lese nicht einmal mehr, sondern lasse
+es mir genügen, die Haltung eines in eine Lektüre Versunkenen angenommen
+zu haben. So bin ich: schwindelköpfig und auf den Effekt berechnet. Ich
+bin eitel, aber von einer merkwürdig billigen Zufriedenheit in meiner
+Eitelkeit. Meine Kleider sind von plumpem Ansehen, aber ich bin eifrig
+im Wechseln von Anzügen, denn es macht mir ein Vergnügen, den Kollegen
+zu zeigen, daß ich mehrere Anzüge besitze und daß ich einigen Geschmack
+in der Wahl von Farben habe. Grün trage ich gern, weil es mich an den
+Wald erinnert, und Gelb trage ich an windigen, luftigen Tagen, weil es
+zum Wind und zum Tanzen paßt. Es kann sein, daß ich mich darin irre, ich
+zweifle gar nicht daran, denn wie oft ich mich am Tag irre, wird mir
+genugsam vorgehalten. Man glaubt schließlich selber, daß man ein
+Einfaltspinsel ist. Aber was macht es aus, ob man ein Tropf oder ein
+Mann von Achtung ist, da doch der Regen ebensogut auf einen Esel wie auf
+eine respektable Erscheinung herabregnet. Und gar die Sonne! Ich bin
+glücklich, in der Sonne, wenn es zwölf Uhr geschlagen hat, nach Hause
+laufen zu dürfen, und wenn es regnet, spanne ich den üppigen, bauchigen
+Regenschirm über mich, damit mein Hut, den ich sehr schätze, nicht naß
+wird. Mit meinem Hut gehe ich sehr sanft um, und es scheint mir immer,
+wenn ich meinen Hut noch berühren kann, in der zarten Weise, wie ich es
+gewohnt bin, so sei ich immer noch ein ganz glücklicher Mensch.
+Besondere Freude macht es mir, ihn, wenn es Feierabend geworden ist,
+sorgsam auf die Scheitel zu setzen. Das ist mir immer der geliebte
+Abschluß eines jeden Tages. Mein Leben besteht ja aus lauter
+Kleinigkeiten, das wiederhole ich mir immer wieder, und das kommt mir so
+wunderlich vor. Für große Ideale, die die Menschheit betreffen, habe ich
+es nie passend gefunden, zu schwärmen, denn ich bin im Grunde mehr
+kritisch als schwärmerisch veranlagt, wofür ich mir ein Kompliment
+mache. Ich bin so einer, der es als herabsetzend empfindet, wenn er
+einem idealen Menschen in langen Haaren, Sandalen an den nackten Beinen,
+Schurzfell um die Lenden und Blumen im Haar begegnet. Ich lächle dann
+verlegen in solchen Fällen. Laut lachen, was man doch am liebsten
+möchte, kann man nicht, auch ist es eigentlich mehr zum
+Ärgerlich-werden, als zum Lachen, unter Menschen zu leben, die an einer
+glatten Scheitel, wie ich sie trage, keinen Geschmack finden. Ich ärgere
+mich eben gerne, deshalb ärgere ich mich, wo sich mir nur immer eine
+Gelegenheit bietet. Ich mache öfters hämische Bemerkungen, und habe es
+doch sicherlich wenig nötig, meine Bosheit an andern auszulassen, da ich
+doch genug weiß, was es heißt, unter der Spottsucht anderer zu leiden.
+Aber das ist es ja: ich mache gar keine Beobachtungen, nehme keine
+Lehren an und verfahre immer noch so, wie an dem Tage, da ich aus der
+Schule entlassen wurde. Viel Schulknabenhaftes klebt an mir und wird
+wahrscheinlich mein beständiger Begleiter durchs Leben bleiben. Es soll
+solche Menschen geben, die gar keine Spur von Besserungsfähigkeit und
+kein Talent besitzen, sich an der anderen Benehmen auszubilden. Nein,
+ich bilde mich nicht, denn ich finde es unter meiner Würde, mich dem
+Bildungsdrang hinzugeben. Außerdem bin ich schon gebildet genug, um
+einen Stock mit einiger Manier in der Hand zu tragen und eine Schleife
+um den Hemdkragen binden zu können und den Eßlöffel mit der rechten Hand
+anzufassen und zu sagen, auf eine bezügliche Frage: »Danke, ja, es war
+sehr hübsch gestern abend!« Was soll die Bildung viel aus mir machen?
+Hand auf die Brust: ich glaube, da käme die Bildung ganz und gar an den
+Unrichtigen. Ich strebe nach Geld und nach bequemen Würden, das ist mein
+Bildungsdrang! Über einen Erdarbeiter komme ich mir furchtbar erhaben
+vor, wenn er mich auch, wenn er wollte, mit dem Zeigefinger seiner
+linken Hand in ein Erdloch, wo ich mich beschmutzen würde,
+hinabschleudern könnte. Kraft und Schönheit an armen Menschen und in
+bescheidenem Gewande machen auf mich keinen Eindruck. Ich denke immer,
+wenn ich solch einen Menschen sehe, wie gut es unsereiner doch habe mit
+der überlegenen Weltstellung, einem solch ausgearbeiteten Tropf
+gegenüber, und kein Mitleid beschleicht mein Herz. Wo hätte ich ein
+Herz? Ich habe vergessen, daß ich eines habe. Gewiß ist das traurig,
+aber wo fände ich es für angebracht, Trauer zu empfinden. Trauer
+empfindet man nur, wenn man einen Geldverlust aufzuweisen hat, oder wenn
+einem der neue Hut nicht recht passen will, oder wenn plötzlich die
+Werte auf der Börse sinken, und dann muß man sich noch fragen, ob das
+Trauer ist oder nicht, und es ist bei näherem Zusehen keine, sondern nur
+ein angeflogenes Bedauern, das verfliegt wie der Wind. Es ist, nein, wie
+kann ich mich da ausdrücken: es ist wunderbar seltsam, so keine Gefühle
+zu haben, so gar nicht zu wissen, was ein Empfinden ist. Gefühle, die
+die eigene Person betreffen, hat jeder, und das sind im Grunde
+verwerfliche, der Gesamtheit gegenüber anmaßliche Gefühle. Aber Gefühle
+für einen jeden? Wohl hat man bisweilen Lust, sich darüber zu befragen,
+spürt etwas wie eine leise Sehnsucht danach, ein guter, bereitwilliger
+Mensch zu werden, aber, wann käme man dazu? Etwa um sieben Uhr des
+Morgens, oder sonst wann? Schon am Freitag und dann während des darauf
+folgenden ganzen Samstages besinne ich mich darauf, was ich am Sonntage
+unternehmen könnte, weil doch immer am Sonntag etwas unternommen werden
+muß. Allein gehe ich selten. Gewöhnlich schließe ich mich einer
+Gesellschaft von jungen Leuten an, wie sich eben einer anschließt, es
+geht ganz einfach, man geht einfach mit, obschon man weiß, daß man ein
+ziemlich langweiliger Geselle ist. Ich fahre zum Beispiel mit einem
+Dampfboot über den See, oder gehe zu Fuß in den Wald, oder fahre mit der
+Eisenbahn an entferntere schöne Orte. Oft begleite ich junge Mädchen zum
+Tanz, und ich habe die Erfahrung gemacht, daß mich die Mädchen gerne
+leiden mögen. Ich habe ein weißes Gesicht, schöne Hände, einen
+eleganten, flatternden Frack, Handschuhe, Ringe an den Fingern, einen
+mit Silber beschlagenen Stock, sauber gewichste Schuhe und ein zartes,
+sonntägliches Wesen, eine so merkwürdige Stimme und etwas leis
+Verdrossenes um den Mund, etwas, wofür ich selber kein Wort habe, das
+mich aber den jungen Mädchen zu empfehlen scheint. Wenn ich spreche,
+klingt es, als ob ein Mann von Gewicht spräche. Das Wichtigtuerische
+gefällt, da ist kein Zweifel zu hegen. Was den Tanz betrifft, so tanze
+ich, wie einer, der eben erst Tanzunterricht genommen und genossen hat:
+flott, zierlich, pünktlich, genau, aber zu schnell und zu saftlos. Es
+ist Genauigkeit und Sprunghaftigkeit in meinem Tanz, aber nur keine
+Grazie. Wie könnte ich der Grazie fähig sein! Aber ich tanze
+leidenschaftlich gern. Wenn ich tanze, vergesse ich, daß ich Helbling
+bin, denn ich bin dann nichts mehr als nur noch ein glückliches
+Schweben. Das Bureau mit seinen mannigfaltigen Qualen würde mir keine
+Erinnerung zu Gesicht bringen. Um mich herum sind gerötete Gesichter,
+Duft und Glanz von Mädchenkleidern, Mädchenaugen blicken mich an, ich
+fliege: kann man sich seliger denken? Nun habe ich es doch: einmal in
+dem Kreise der Woche vermag ich selig zu sein. Eines der Mädchen, die
+ich stets begleite, ist meine Braut, aber sie behandelt mich schlecht,
+schlechter, als mich die andern behandeln. Sie ist mir, wie ich wohl
+bemerke, auch keineswegs treu, liebt mich wohl kaum, und ich, liebe ich
+sie etwa? Ich habe viele Fehler an mir, die ich freimütig ausgesprochen
+habe, aber hier scheinen mir alle meine Fehler und Mängel vergeben zu
+sein: ich liebe sie. Es ist mein Glück, daß ich sie lieben, und um
+ihretwillen oft verzagen darf. Sie gibt mir ihre Handschuhe und ihren
+rosaseidenen Schirm zu tragen, wenn es Sommer ist, und im Winter darf
+ich ihr im tiefen Schnee nachtrotteln, um ihr die Schlittschuhe
+nachzutragen. Ich begreife die Liebe nicht, aber spüre sie. Gut und böse
+sind doch nichts gegen die Liebe, die gar nichts anderes und übriges
+kennt, als Liebe. Wie soll ich das sagen: so nichtswürdig und leer ich
+sonst immer bin, so ist doch noch nicht alles verloren, denn ich bin
+wirklich der treuen Liebe fähig, obschon ich zur Treulosigkeit
+Gelegenheit genug hätte. Ich fahre mit ihr im Sonnenschein, unter dem
+blauen Himmel, in einem Nachen, den ich vorwärtsrudere, auf dem See, und
+lächle sie immer an, während sie sich zu langweilen scheint. Ich bin ja
+auch ein ganz langweiliger Kerl. Ihre Mutter hat eine kleine, armselige,
+etwas verrufene Arbeiterkneipe, wo ich Sonntage lang zubringen kann mit
+Sitzen, Schweigen und sie-Ansehen. Manchmal beugt sich auch ihr Gesicht
+zu dem meinigen hinunter, um mich einen Kuß ihr auf den Mund drücken zu
+lassen. Sie hat ein süßes, süßes Gesicht. An ihrer Wange befindet sich
+eine alte, vernarbte Schramme, was ihren Mund ein wenig verzerrt, aber
+ins Süße. Augen hat sie ganz kleine, mit denen sie einen so listig
+anblinzelt, als wollte sie sagen: »Dir will ich es auch noch zeigen!«
+Oft setzt sie sich zu mir auf das schäbige, harte Wirtshaussofa, und
+flüstert mir ins Ohr, daß es doch schön sei, verlobt zu sein. Ich weiß
+selten etwas zu ihr zu sagen, denn ich fürchte immer, daß es nicht
+passend wäre, so schweige ich, und wünsche doch heftig, zu ihr etwas zu
+sprechen. Einmal hat sie mir ihr kleines, duftendes Ohr an meine Lippen
+gereicht: Ob ich ihr nichts zu sagen hätte, das man nur flüstern könne?
+Ich sagte zitternd, daß ich nichts wüßte, und da hat sie mir eine
+Ohrfeige gegeben und hat dazu gelacht, aber nicht freundlich, sondern
+kalt. Mit ihrer Mutter und ihrer kleinen Schwester steht sie nicht gut
+und will nicht haben, daß ich der Kleinen Freundlichkeiten erweise. Ihre
+Mutter hat eine rote Nase vom Trinken, und ist ein lebhaftes, kleines
+Weib, das sich gern zu den Männern an den Tisch setzt. Aber meine Braut
+setzt sich auch zu den Männern. Sie hat mir einmal leise gesagt: »Ich
+bin nicht mehr keusch,« in einem Ton der Natürlichkeit, und ich habe
+nichts dagegen einzuwenden gehabt. Was wäre es gewesen, was ich ihr dazu
+hätte sagen können. Andern Mädchen gegenüber habe ich einen gewissen
+Schneid, sogar Wortwitz, aber bei ihr sitze ich stumm und sehe sie an
+und verfolge jede ihrer Manieren mit meinen Augen. Ich sitze jedesmal so
+lang, bis die Wirtschaft geschlossen werden muß, oder noch länger, bis
+sie mich nach Hause schickt. Wenn die Tochter nicht da ist, setzt sich
+ihre Mutter zu mir an den Tisch und versucht, die Abwesende in meinen
+Augen schlecht zu machen. Ich wehre nur so mit der Hand ab und lächle
+dazu. Die Mutter haßt ihre Tochter, und es liegt auf der Hand, daß sie
+sich beide hassen, denn sie sind sich im Wege mit ihren Absichten. Beide
+wollen einen Mann haben, und beide mißgönnen einander den Mann. Wenn ich
+abends so auf dem Sofa sitze, merken es alle Leute, die in der Kneipe
+verkehren, daß ich der Bräutigam bin, und jeder will an mich
+wohlwollende Worte richten, was mir ziemlich gleichgültig ist. Das
+kleine Mädchen, das noch in die Schule geht, liest neben mir in ihren
+Büchern, oder sie schreibt große, lange Buchstaben in ihr Schreibheft
+und reicht es mir immer dar, um mich das Geschriebene durchsehen zu
+lassen. Sonst habe ich nie auf so kleine Geschöpfe geachtet, und nun mit
+einem Male sehe ich ein, wie interessant jedes kleine, aufwachsende
+Geschöpf ist. Daran ist meine Liebe zu der andern schuld. Man wird
+besser und aufgeweckter durch eine ehrliche Liebe. Im Winter sagt sie zu
+mir: »Du, es wird schön sein im Frühling, wenn wir zusammen durch die
+Gartenwege spazieren werden,« und im Frühling sagt sie: »Es ist
+langweilig mit dir.« Sie will in einer großen Stadt verheiratet sein,
+denn sie will noch etwas haben vom Leben. Die Theater und Maskenbälle,
+schöne Kostüme, Wein, lachende Unterhaltung, fröhliche, erhitzte
+Menschen, das liebt sie, dafür schwärmt sie. Ich schwärme eigentlich
+auch dafür, aber wie das sich alles machen soll, weiß ich nicht. Ich
+habe ihr gesagt: »Vielleicht verliere ich auf nächsten Winter meine
+Stellung!« Da hat sie mich groß angeschaut und mich gefragt: »Warum?«
+Was hätte ich ihr für eine Antwort geben sollen? Ich kann ihr doch nicht
+meine ganze Charakteranlage in einem Atem herunterschildern. Sie würde
+mich verachten. Bis jetzt meint sie immer, daß ich ein Mann sei von
+einiger Tüchtigkeit, ein Mann, allerdings ein etwas komischer und
+langweiliger, aber doch ein Mann, der seine Stellung in der Welt habe.
+Wenn ich ihr nun sage: »Du irrst dich, meine Stellung ist eine äußerst
+schwankende,« so hat sie keinen Grund, weiter meinen Umgang zu wünschen,
+da sie doch alle ihre Hoffnungen in bezug auf mich zerstört sieht. Ich
+lasse es gehen, ich bin ein Meister darin, eine Sache schlitteln zu
+lassen, wie man zu sagen pflegt. Vielleicht, wenn ich Tanzlehrer oder
+Restaurateur oder Regisseur wäre, oder sonst irgendeinen Beruf hätte,
+der mit dem Vergnügen der Menschen zusammenhängt, würde ich Glück haben,
+denn ich bin so ein Mensch, so ein tänzelnder, schwebender,
+beineherumwerfender, leichter, flotter, leiser, sich stets verbückender
+und zartempfindender, der Glück hätte, wenn er Wirt, Tänzer,
+Bühnenleiter oder so etwas wie Schneider wäre. Wenn ich Gelegenheit
+habe, ein Kompliment zu machen, bin ich glücklich. Läßt das nicht tief
+blicken? Ich bringe sogar da Verneigungen an, wo es gar nicht üblich
+ist, oder wo nur Scharwenzler und Dummköpfe sich verbeugen, so sehr bin
+ich in die Sache verliebt. Für eine ernste Mannesarbeit habe ich weder
+einen Geist noch eine Vernunft, noch Ohr, noch Auge und Sinn. Es ist mir
+das mir am fernsten Liegende, was es auf der Welt geben könnte. Ich will
+Profit machen, aber es soll mich nur ein Zwinkern mit den Augen,
+höchstens ein faules Handausstrecken kosten. Sonst ist Scheu vor der
+Arbeit an Männern etwas nicht ganz Natürliches, aber mich kleidet es,
+mir paßt es, wenn es auch ein trauriges Kleid ist, das mir da so
+vorzüglich paßt, und wenn der Schnitt des Kleides auch ein erbärmlicher
+ist: warum sollte ich nicht sagen: »Es sitzt mir,« wenn doch jedes
+Menschenauge sieht, daß es mir faltenlos sitzt. Die Scheu vor der
+Arbeit! Aber ich will nichts mehr darüber sagen. Ich meine übrigens
+immer, das Klima, die feuchte Seeluft, sei schuld daran, daß ich nicht
+zum Arbeiten komme, und suche jetzt, gedrängt von dieser Erkenntnis,
+Stellung im Süden, oder in den Bergen. Ich könnte ein Hotel dirigieren,
+oder eine Fabrik leiten, oder die Kasse einer kleineren Bank verwalten.
+Eine sonnige, freie Landschaft müßte imstande sein, in mir Talente zu
+entwickeln, die bis jetzt in mir geschlafen haben. Eine
+Südfruchthandlung wäre auch nichts übles. Auf jeden Fall bin ich ein
+Mensch, der immer meint, durch eine äußerliche Veränderung innerlich
+ungeheuer zu gewinnen. Ein anderes Klima würde auch eine andere
+Mittagstafel erzeugen, und das ist es vielleicht, was mir fehlt. Bin ich
+eigentlich krank? Mir fehlt so viel, mir mangelt eigentlich alles.
+Sollte ich ein unglücklicher Mensch sein? Sollte ich ungewöhnliche
+Anlagen besitzen? Sollte es eine Art Krankheit sein, sich beständig, wie
+ich es tue, mit solchen Fragen abzugeben? Jedenfalls ist es eine nicht
+ganz normale Sache. Heute bin ich wieder zehn Minuten zu spät in die
+Bank gekommen. Ich komme nicht mehr dazu, zur rechten Zeit anzutreten,
+wie andere. Ich sollte eigentlich ganz allein auf der Welt sein, ich,
+Helbling, und sonst kein anderes lebendes Wesen. Keine Sonne, keine
+Kultur, ich nackt auf einem hohen Stein, kein Sturm, nicht einmal eine
+Welle, kein Wasser, kein Wind, keine Straßen, keine Banken, kein Geld,
+keine Zeit und kein Atem. Ich würde dann jedenfalls nicht mehr Angst
+haben. Keine Angst mehr und keine Fragen, und ich würde auch nicht mehr
+zu spät kommen. Ich könnte die Vorstellung haben, daß ich im Bett läge,
+ewig im Bett. Das wäre vielleicht das Schönste!
+
+
+
+
+Brief eines Vaters an seinen Sohn
+
+
+Du beklagst dich, mein lieber Sohn, darüber, daß ich dich höchst
+mangelhaft erziehe, daß ich dich z. B. nach Nidau hinausschicke, um eine
+Kommission zu verrichten, und darüber, daß ich dir befehle, in den
+Holzkeller hinunterzuspazieren, um Holz zu spalten. Sei nicht
+unaufrichtig, sei nicht sentimental, Junge: weiß ich ja doch ganz genau,
+daß dir das Laufen auf der heißen und staubbedeckten Landstraße, die
+nach Nidau, dem altersgrauen Städtchen hinausführt, Vergnügen macht, und
+daß du leidenschaftlich gern Holz spaltest. Du wirfst mir vor, daß im
+Mülleimerheruntertragen und im Holzhacken keine Erziehung liege. Ich bin
+aber anderer Ansicht. Es liegt sehr viel Erziehung von der besten Sorte
+in der Verrichtung gewissermaßen schäbiger, schimmeliger und niedriger
+Arbeiten. Wenn du z. B. mit dem Milchtopf in der Hand über die Gasse
+gehen mußt, um Milch beim Milchhändler zu holen, eine Verrichtung, deren
+du dich vielleicht ein wenig schämst, weil bekannte Leute dir begegnen,
+von denen du weißt, daß sie sich sagen, »jetzt muß er sogar Milch über
+die Gasse holen,« so ist das, wenn auch nicht scheinbar, doch aber in
+Wirklichkeit eine ausgezeichnete Erziehung, denn da lernst du dich
+demütigen, und im Genuß dessen, was demütigend ist, liegt eine köstliche
+Bildung. So und ähnlich, lieber Sohn, bilde ich dich, und ich glaube, du
+darfst mir dankbar sein dafür. Du scheinst es nicht zu sein: nun, ich
+denke, du verstehst es eben noch nicht. Später wirst du es zu schätzen,
+zu würdigen und zu verstehen wissen.
+
+Ferner, mein Junge, glaubst du sollen dürfen herausgemerkt haben (eine
+richtige Sohnes-Spitzfindigkeit), daß ich dich gerade dann an irgendeine
+Beschäftigung anzuspannen liebe, wenn ich weiß oder du mir zu verstehen
+gibst, daß du dich gern mit deinen bevorzugten Kameraden im Freien, sei
+es im Wald oder sei es am See, herumtummeln möchtest. So boshaft, meinst
+du, bin ich? Und wenn auch? Sollen denn arme, sorgengeplagte Väter,
+stets angespannt an den kläglichen, elendiglichen Täglichen-Brot-Gedanken,
+nicht auch, zur Erheiterung und Abwechslung, sich kleine,
+feine, reizende Bosheiten leisten dürfen? Bedenke das. Bedenke,
+wie viele Sorgen ich habe, und du wirst generös genug sein, mir
+zu erlauben, dich von Zeit zu Zeit ein wenig zu necken mit: »Du spaltest
+jetzt hübsch Holz, verstanden!«, sowie ich etwa merke, daß du das Baden
+oder das Herumstreifen in den Gassen im Sinne hast. Väter haben auch
+ihre Schwächen, merke dir das.
+
+Etwas sehr Seltsames, in der Tat Frappierendes sagst du, indem du mir
+den Vorwurf machst, daß ich ja selber Sonntagnachmittag, zum schwarzen
+Kaffee, die Schundromane lese, die ich geruhe, dir, dem Sohn, wenn ich
+dich beim heimlichen Lesen und Verschlingen ertappe, um den Kopf
+herumzuschlagen. Doch du bist im Unrecht, und dein Vorwurf ist eine
+Weinerlichkeit. Ich werde fortfahren, dir die Romanlektüre zu verbieten,
+so gut, wie ich fortfahren zu dürfen meine, sie mir persönlich zu
+gestatten. Sei taktvoll und mißgönne nicht ein Vergnügen einem Menschen,
+der anfängt zu altern, deshalb, weil es Pflicht dieses Menschen ist, den
+Genuß dieses Vergnügens seinem Sohne zu versagen.
+
+Ich gebe nun im allgemeinen von Herzen gern zu, daß ich deine Erziehung
+ziemlich vernachlässige, doch ich mache mir deswegen keine Sorgen. Sei
+versichert: Deinen Weg durch das Leben wirst du schon finden, denn es
+gibt Dutzende Lebenswege, und jeder Lebensweg führt ohne alle Frage vor
+das eherne, erzene Tor der Unabänderlichkeit. Du wirst mir erlauben, ein
+wenig mit dir zu philosophieren. Werde ein Philosoph, mein Junge, was
+sagen will, bilde Tapferkeit in dir aus, und dann brauchst du gar nicht
+so viel Erziehung, das Leben wird dich genügend erziehen, habe keine
+Bange. Sieh, wenn ich dich ein bißchen wild und unerzogen lasse, so
+taugst du um so viel besser für das Leben; ungebildet lasse, so wird
+dich um so viel besser das spätere Leben bilden, striegeln, glätten und
+plätten können; ungehobelt lasse, so wirst du dich um so besser eignen
+für die Zurechthobelung und Polierung durch eben das Leben, welches mit
+Vergnügen an den Menschen herumhobelt. Die Welt, in welche du wirst zu
+sitzen und zu stehen kommen, wird Erzieher an dir sein und dich
+gründlich erziehen. Auch dafür, also dafür, daß ich dich vernachlässigt
+habe, wirst du mir einst danken. Bedenke, ich bitte dich, folgendes; und
+alsdann lasse mich ausruhen vom Schreiben und diesen väterlichen Brief
+beendigen.
+
+Nimm an, ich hätte dich mustergültig erziehen lassen: mit was für
+einer furchtbaren Verantwortungslast auf Kopf und auf Rücken würdest
+du dann dastehen. Denn wisse: eine wirklich und in jeder Hinsicht
+gute, eine sogenannte glänzende Erziehung verpflichtet, sie
+verpflichtet den Empfänger zu ihr entsprechenden glänzenden Leistungen,
+sie verpflichtet auch zu der glänzenden Karriere. Sei du glücklich,
+mein Sohn, daß du wirst atmen dürfen, ohne immer nur an das Emporkommen
+denken zu müssen. Deine mangelhafte Erziehung verpflichtet dich nicht
+zu dem Gespenste, zu der Mustergültigkeit, zu dem fürchterlichen
+Müssen-in-jeder-Hinsicht-hervorragen. Frei wirst du sein. Ein Sohn der
+Natur, ein Sohn der Welt wirst du sein. Atmen und leben wirst du dürfen.
+Die da musterhaft sind, die leben nicht, und hiermit grüßt dich überaus
+herzlich, im Bewußtsein, daß er dir etwas Vernünftiges gesagt hat, dein
+
+ Vater.
+
+
+
+
+Spazieren
+
+
+Es ging einer spazieren. Er hätte in die Eisenbahn steigen und in die
+Ferne reisen können, doch er wollte nur in die Nähe wandern. Das Nahe
+kam ihm bedeutender vor als das bedeutende und wichtige Ferne. Demnach
+also kam ihm das Unbedeutende bedeutend vor. Das mag man ihm wohl
+gönnen. Er hieß Tobold, doch ob er nun so hieß oder anders, so besaß er
+jedenfalls wenig Geld in der Tasche und lustigen Mut im Herzen. So ging
+er hübsch langsam vorwärts, er war kein Freund übergroßer Schnelligkeit.
+Die Hast verachtete er; mit dem stürmischen Eilen wäre er nur in ein
+Schwitzen gekommen. Wozu das, dachte er, und er marschierte bedächtig,
+sorgfältig, artig und mäßig. Die Schritte, die er machte, waren gemessen
+und wohlabgewogen, und das Tempo enthielt eine sehenswerte
+Behaglichkeit, die Sonne brannte schön heiß, worüber sich Tobold
+aufrichtig und ehrlich freute. Zwar hätte er auch Regen gerne
+hingenommen. Er würde dann einen Regenschirm aufgespannt haben und
+säuberlich unter dem Regen marschiert sein. Er sehnte sich sogar ein
+bißchen nach Nässe, aber da Sonne schien, war er mit Sonne
+einverstanden. Er war nämlich einer, der fast an nichts etwas
+auszusetzen hatte. Nun nahm er seinen Hut vom Kopfe ab, um ihn in der
+Hand zu tragen. Der Hut war alt. Eine gewisse handwerksburschenmäßige
+Abgeschossenheit zeichnete den Hut sichtlich aus. Es war ein schäbiger
+Hut, und dennoch behandelte ihn sein Träger mit Hochachtung, und zwar
+deshalb, weil Erinnerungen am Hut hingen. Tobold vermochte sich stets
+nur schwer von langgetragenen und abgeschabten Sachen zu trennen. So zum
+Beispiel trug er jetzt zerrissene Schuhe. Er hätte ein neues Paar
+Stiefel wohl kaufen können. So über und über arm war er denn doch nicht.
+Als gänzlich bettelarm wollen wir ihn nicht hinstellen. Aber die Schuhe
+waren alt, sie hingen voll Erinnerungen, mit ihnen war er schon viele
+Wege gegangen, und wie hatten die Schuhe bis dahin so treu ausgehalten.
+Tobold liebte alles Alte, alles Ge- und Verbrauchte, ja, er liebte sogar
+bisweilen Verschimmeltes. So zum Beispiel liebte er alte Leute, hübsch
+abgenutzte alte Menschen. Kann man daraus Tobold einen berechtigten
+Vorwurf machen? Kaum! denn es ist ja ein hübscher Zug von Pietät. Nicht
+wahr? Und so schrittwechselte er denn ins herrliche liebe Blaue hinaus
+weiter. O wie blau war der Himmel, und wie schneeigweiß waren die
+Wolken. Wolken und Himmel immer wieder anzuschauen war für Tobold ein
+Glück. Deshalb reiste er ja so gern zu Fuß, weil der Fußgänger alles so
+ruhig und reich und frei betrachten kann, während der Eisenbahnfahrer
+nirgends stehenbleiben und anhalten kann als gerade exakt nur auf den
+Bahnstationen, wo meistens elegant befrackte Kellner fragen, ob ein Glas
+Bier gefällig sei. Tobold verzichtete gern auf einige acht Gläser Bier,
+wenn er nur frei sein konnte und auf seinen Beinen gehen durfte, denn
+seine eigenen Beine freuten ihn, und das Gehen machte ihm ein stilles
+Vergnügen. Ein Kind sagte ihm jetzt guten Tag, und Tobold sagte ihm auch
+guten Tag, und so ging er, und er dachte noch lang an das liebe kleine
+Kind, das ihn so schön angeschaut, ihn so reizend angelächelt, und ihm
+so freundlich guten Tag gesagt hatte.
+
+
+
+
+Der Schäfer
+
+
+Es liegt einer in der Sonne, nein, nicht ganz. Er liegt unter einem
+hohen Baum, die Beine und faulenzenden Füße an der Sonne und den Kopf,
+der ein träumerischer Kopf ist, im Schatten. Er ist ein Schäfer, der da
+halb in der Sonne und halb im Schatten liegt; seine Tiere weiden nicht
+fern von hier, er darf sie ruhig sich selber überlassen. So liegt er
+denn da und weiß nicht recht, an was er denken soll. Er darf an alles
+denken, und er braucht wieder an nichts zu denken. Bald denkt er an
+dies, bald an das, bald an jenes, bald wieder an etwas anderes. Die
+Gedanken kommen und gehen, tauchen vor dem Kopf auf und verschwinden
+wieder; sie sammeln sich und zerstreuen sich wieder, verbinden sich zu
+einem großen Ganzen und lösen sich wieder in kleine Teile auf. Der da
+liegt, hat Zeit zu denken, hat Zeit, gedankenlos und arbeitslos zu sein.
+Arbeit mag schön sein und nützlich, doch um wie viel, um wie viel
+schöner ist es, nichts zu tun, den Tag zu verträumen und zu
+verfaulenzen, wie er, der da schläft unter dem hohen Baum. Schläft er?
+O, von Zeit zu Zeit, bilden wir uns ein, fallen ihm vor Trunkenheit und
+Müdigkeit, vor lauter Daseinslust die Augen zu, die Sinne schwinden ihm,
+und er schlummert ein in die süße Bewußtlosigkeit. Schlafen ist schön,
+aber wie schön ist erst wieder das leise liebe Erwachen, und so schläft
+er denn bald ein und bald erwacht er wieder, und so verfließt und
+vergeht und verweht ihm, den Winden ähnlich, die über den grünen Plan
+wegstreichen, die Zauberin Zeit, vier Uhr, fünf Uhr, sechs und sieben
+Uhr, bis es allmählich Abend wird und goldenes angenehmes Dunkel vom
+Himmel zur Erde herabschwebt. Schäfer, Schläfer, der du die Zeit
+verträumst, bist du glücklich? Ja, ganz gewiß, du bist es, du bist
+glücklich. Finstere Gedanken kennst du nicht, willst du nicht kennen.
+Kommt dir je etwas Unholdes in den Sinn, so legst du dich auf die andere
+Seite, oder du greifst nach dem Instrument, das du stets bei dir hast
+und machst Musik, und bald umgibt dich wieder sonnenhelle Heiterkeit.
+Nun, so lassen wir ihn denn liegen. Es braucht sich niemand um ihn zu
+bekümmern. Macht er sich doch auch selbst keinen Kummer.
+
+
+
+
+Die Einladung
+
+
+Ich habe dir ein himmlisch schönes Plätzchen zu zeigen, Himmlische. Der
+Ort liegt ganz im stillen, bescheidenen, grünen Wald verborgen, wie ein
+Gedanke in einem Gedanken. Es ist eine weiche, milde Schlucht, die von
+niemand besucht wird. Sie liegt in den Bäumen so warm begraben, o so süß
+versteckt, dort, bilde ich mir ein, möchte ich dich küssen, mit innigen,
+sanften, süßen und langen Küssen, mit Küssen, die alles Reden, selbst
+das schönste und beste, verbieten. Der Ort, so zart und so abgelegen,
+wie er ist, steht in keinem Reisebuch als Sehenswürdigkeit verzeichnet.
+Ein kleiner, durch dichtes Gebüsch sich windender Fußpfad führt zu der
+Schlucht, zu dem Wunderort, wo ich dir zeigen möchte, Wunderbare, wie
+ich dich liebe, wo ich dir zeigen möchte, Engel, wie ich dich
+vergöttere. Dort umschlingt und umhalst man sich wie von selber, und wie
+von selber berühren sich die Lippen. Du weißt noch nicht, wie ich küssen
+kann. So komm an den Ort, wo nichts ist als das liebliche Rauschen der
+hohen Bäume, dort wirst du es erfahren. Ich werde kein Wort reden, und
+auch du wirst kein Wort reden, wir werden beide schweigen, nur die
+Blätter werden leise flüstern, und der süße Sonnenschein wird durch das
+zierliche Geäste brechen. O wie still, wie still wird es sein, wenn wir
+uns küssen, wie schön wird es sein, wenn unsere Lippen liebesdurstig und
+-hungrig aneinanderhängen, wie süß wird es sein, wenn wir in der
+stillen, lieben Schlucht uns lieben. Wir wollen uns liebkosen und küssen
+in einem fort, bis der Abend kommt und mit ihm die silbern blitzenden
+Sterne und der Mond, der göttliche. Zu sagen werden wir uns nichts
+haben, denn es soll alles nur ein Kuß, ein unaufhörlicher,
+ununterbrochener, stunden-stundenlanger entzückender Kuß sein. Wer
+lieben will, will nicht mehr sprechen, denn wer sprechen will, will
+nicht mehr lieben. O komm an den heilig entrückten Ort der Tat, an den
+Ort der Ausübung, wo alles sich verliert in Erfüllung, und wo alles
+ertrinkt und erstirbt in Liebe. Die Vögel werden uns mit ihrem
+fröhlichen Gesang umzwitschern und in der Nacht wird eine himmlische
+Stille um uns sein. Was man Welt nennt, wird hinter uns liegen, und
+gefangen gehalten von dem Entzücken, werden wir beide Kinder der Erde
+sein und fühlen, was Leben heißt, empfinden, was Dasein heißt. Wer nicht
+liebt, hat kein Dasein, ist nicht da, ist gestorben. Wer Lust zu lieben
+hat, steht von den Toten auf, und nur wer liebt, ist lebendig.
+
+
+
+
+Der nächtliche Aufstieg
+
+
+Alles war mir so seltsam, so, als hätte ich es nie gesehen und sähe es
+zum erstenmal im Leben. Ich fuhr mit der Eisenbahn durch ein Gebirge. Es
+war Abend, und die Sonne war so schön. Die Berge kamen mir so groß vor,
+so gewaltig, und sie waren es auch. Durch Höhe und Tiefe wird ein Land
+reich und groß, es gewinnt an Raum. Verschwenderisch mutete mich die
+Bergnatur an mit den hochaufragenden Felsgebilden und mit den
+hochaufschießenden schönen dunklen Wäldern. Ich sah die schmalen Wege
+sich um die Berge schlängeln, so anmutig, so poesiereich. Der Himmel war
+klar und hoch, und auf den Wegen gingen Männer und Frauen. An den Halden
+standen so schön, so still die Häuser. Ein Gedicht schien mir das Ganze,
+ein altes herrliches Gedicht, ewig neu durch lebendiges Fortdauern. Dann
+wurde es dunkler. Bald schimmerten die Sterne in die tiefe schwarze
+Schlucht hinab, und ein glänzend weißer Mond trat an den Himmel.
+Schneeweiß war die Straße, die durch die Schluchten lief. Eine tiefe
+Freude bemächtigte sich meiner. Ich war glücklich, daß ich in den Bergen
+war. Und die reine frische, kalte Luft. Wie herrlich war sie. Ich atmete
+sie mit Leidenschaft ein. So fuhr der Zug langsam weiter, und endlich
+stieg ich aus. Ich gab meine Sachen ab und schritt nun zu Fuß weiter,
+hinaus in die Berge. Es war so hell und zugleich so schwarz. Die Nacht
+war göttlich. Hohe Tannen ragten vor mir auf, Quellen hörte ich gurgeln
+und murmeln, das war eine so köstliche Melodie, ein so geheimnisvolles
+Sagen und Singen. Ich sang selber ein Lied in die Nacht hinein, während
+ich auf der hellen Straße immer höher stieg. Es kam ein Dorf, und dann
+ging es durch einen ganz finstern Wald. Ich stieß mit dem Fuß gegen
+Wurzeln und Steine, und da ich den geraden Weg verloren hatte, stieß ich
+oft auch den Wandererkopf an Bäume hart an. Ich mußte aber nur lachen
+darüber. O wie prächtig war dieser erste nächtliche Aufstieg. Alles so
+still. Es lag etwas Heiliges über allem. Der Anblick der schwarzen
+Tannen freute mich tief. Mitternacht war es, als ich oben im Hochtale
+vor dem kleinen dunklen Hause anlangte, im Fenster war Licht. Es wartete
+jemand auf mich. Wie ist das doch schön, in stiller rauschender Nacht in
+einer hochgelegenen Natureinöde anzulangen, zu Fuß, gleich einem wild
+daherfahrenden Handwerksgesellen und zu wissen, daß man von jemand
+Liebem erwartet wird. Ich klopfte. Ein Hund fing an zu bellen, daß es
+weithin hallte. Ich hörte, daß jemand die Treppe eilig hinunter zu
+laufen kam. Die Tür wurde geöffnet. Jemand hielt mir die Lampe oder
+Laterne vor das Gesicht. Man erkannte mich, o das war schön, das war so
+schön -- --
+
+
+
+
+Die Landschaft
+
+
+Alles war so schaurig. Nirgends ein Himmel, und die Erde war naß. Ich
+ging, und indem ich ging, legte ich mir die Frage vor, ob es nicht
+besser sei, mich umzudrehen und wieder heimzugehen. Aber ein
+unbestimmtes Etwas zog mich an, und ich verfolgte meinen Weg durch all
+die düstere Verhängtheit weiter. Ich fand an der unendlichen Trauer, die
+hier ringsum herrschte, Gefallen. Herz und Phantasie gingen mir auf in
+dem Nebel, in dem Grau. Es war alles so grau. Ich blieb stehen, gebannt
+vom Schönen in diesem Unschönen, bezaubert von den Hoffnungen inmitten
+dieser Hoffnungslosigkeiten. Es schien mir, als sei es mir fortan
+unmöglich, noch irgend etwas zu hoffen. Dann schien es mir wieder, als
+schlängle sich ein süßes, unsagbar reizendes Glück durch die trauervolle
+Landschaft, und ich glaubte Töne zu hören, aber es war alles still.
+Noch ein anderer Mensch schritt durch das Gehölz, durch all dieses
+schwermütige Schwarz. Seine vermummte Gestalt war noch um etwas
+schwärzer als das Schwarz der Landschaft. Wer war er, und was wollte er?
+Und nun tauchten bald noch andere schwarze Gestalten auf, aber keine der
+Gestalten kümmerte sich um die andere, jede schien genug mit sich selbst
+zu tun zu haben. Auch ich kümmerte mich nicht mehr, was diese Leute
+wollten und wohin sie gehen mochten in der Finsternis, sondern ich
+kümmerte mich um mich selbst und zog hinaus in die eigene Unklarheit
+hinein, die mich mit nassen, kalten Armen rasch umarmte und an sich riß.
+O es kam mir vor, als sei ich einst ein König gewesen und müsse nun als
+ein Bettler ziehen in die weite Welt, die da strotzt von Unkenntnis, die
+da strotzt von dicken und finsteren Gedanken- und Gefühlslosigkeiten; es
+kam mir vor, als sei es ewig nutzlos, gut zu sein, und ewig unmöglich,
+redliche Absichten zu tragen, und als sei alles töricht und als seien
+wir alle nur kleine Kinder, zum voraus den Torheiten und Unmöglichkeiten
+überliefert. Dann gleich nachher war wieder alles, alles gut, und ich
+ging mit unaussprechlich freudiger Seele weiter durch die schöne fromme
+Dunkelheit.
+
+
+
+
+Der Dichter
+
+
+Der Morgentraum und der Abendtraum, das Licht und die Nacht; Mond, Sonne
+und Sterne. Das rosige Licht des Tages und das bleiche Licht der Nacht.
+Die Stunden und die Minuten; die Wochen und das ganze liebe Jahr.
+Vielmals schaute ich zum Mond empor wie zum heimlichen Freund meiner
+Seele. Die Sterne waren meine lieben Kameraden. Wenn in die blasse kalte
+Nebelwelt hinab die Sonne goldig schien, wie freute ich mich da. Die
+Natur war mein Garten, meine Leidenschaft, meine Liebste. Alles, was ich
+sah, war mein eigen, der Wald und das Feld, die Bäume und die Wege. Wenn
+ich in den Himmel sah, glich ich einem Prinzen. Aber das Schönste war
+der Abend. Abende waren mir Märchen und die Nacht mit ihrer himmlischen
+Finsternis war für mich ein Zauberschloß voll von süßen und
+undurchdringlichen Geheimnissen. Oft durchdrang die Nacht der
+seelenvolle Ton einer Handharfe, von irgendeinem armen Manne gespielt.
+Da konnte ich lauschen, lauschen. Da war alles gut, gerecht und schön,
+und die Welt war voll unaussprechlicher Herrlichkeit und Heiterkeit.
+Aber ich war auch ohne Musik heiter. Ich fühlte mich umgarnt von den
+Stunden. Ich redete mit ihnen, wie mit liebevollen Wesen und bildete mir
+ein, daß auch sie mit mir sprächen, ich schaute sie an, wie wenn sie ein
+Gesicht gehabt hätten, und hatte das Gefühl, als ob auch sie mich still
+betrachteten, wie mit einer seltsamen Art von freundlichen Augen. Oft
+kam ich mir wie im Meer ertrunken vor, so still und geräuschlos und
+lautlos lebte ich dahin. Ich pflegte einen vertraulichen Umgang mit
+allem, was kein Mensch merkt. Daran, an was zu denken kein Mensch sich
+Mühe gibt, dachte ich tagelang. Doch war es ein süßes Denken, und nur
+selten besuchte mich die Trauer. Mitunter sprang es wie ein unsichtbarer
+übermütiger Tänzer zu mir in die abgelegene Stube hinein und reizte mich
+zu einem Lachen. Ich tat niemand weh, und auch mir tat niemand weh. Ich
+war so hübsch, so schön beiseit.
+
+
+
+
+Das Liebespaar
+
+
+Sie und er gingen zusammen spazieren. Allerlei reizende Gedanken kamen
+ihnen in den Kopf, doch jedes behielt hübsch für sich, was es dachte.
+Der Tag war schön, wie ein Kind, das in der Wiege oder im Arm seiner
+Mutter liegt und lächelt. Die Welt war zusammengesetzt aus lauter
+Hellgrün und Hellblau und Hellgelb. Grün waren die Wiesen, blau war der
+Himmel, und gelb war das Kornfeld. Blau war wieder der Fluß, der sich in
+der Ferne, zu des wohligen Hügels Füßen, durch die lichte, süße, warme
+Gegend schlängelte, welche, wie wir bereits angedeutet haben, einem
+Kinderlächeln an Schönheit und Lieblichkeit glich. Die beiden, die durch
+die Landschaft gingen, schwiegen. Er hatte ihr etwas zu sagen, und sie,
+sie fühlte es. Sie ging neben ihm her in der Erwartung dessen, was er
+ihr sagen sollte. Längst schon hatte er ihr sagen wollen, was er jetzt
+willens war zu sagen, und längst schon hatte sie gehofft, er werde ihr
+endlich einmal sagen, was ihm, wie sie sah, auf den Lippen schwebte.
+Eine Liebeserklärung, eine stotternde, lag ihm auf den Lippen, und sie
+sah das. Seine Augen und der Ton seiner Stimme hatten ihr längst
+gestanden, daß er sie liebe. Sie fühlte, daß sie reizend sei für ihn,
+und indem sie dies fühlte, umstrickte sie ihn immer noch mehr mit ihren
+Reizen, ohne es fast zu wollen. Gibst du einem Mädchen zu verstehen, daß
+sie schön sei, so ist sie dadurch um so viel schöner, als du Verständnis
+zeigst. Nie ist eine Frau so reizend als dann, wenn sie sieht, daß sie
+reizt. Also wurde denn die, die hier ging, nur immer reizender, je
+weniger sie mehr zu fürchten brauchte, es gebreche ihr an der Kunst und
+an der Kraft, ihn, der dicht neben ihr herging, zu fesseln. Sie
+betrachtete ihn im geheimen bereits als ihren Gefangenen, und sie
+fühlte, daß sie für ihn der Zaubergarten sei voll von verführerischen
+Düften, daß sie für ihn das Netz sei, in dessen Wunderfäden er sich
+verstrickt hatte. Sie war sein Meer, in dessen Fluten er ertrunken war
+-- sie war das Gesetz, dem er gehorchte. Er legte jetzt, statt irgend
+etwas zu sagen, seinen Arm um ihren schlanken Leib, und damit war
+bereits alles getan, um die beiden in gleich hohem Maß oder Unmaß zu
+beglücken. Damit war alles gesagt, was er ihr schon so lange hatte sagen
+wollen und hatte sagen sollen, und alles gestanden, was er Süßes um
+ihretwillen fühlte. Sie kamen nun in einen kleinen, aber wunderbaren
+Wald hinein, der ihnen wie ein Liebesort erschien. Es war so still, so
+grün, so dunkel im Wald wie in einer uralten Kirche. Der Waldboden glich
+einem grünen Teppich, einem grünen Bett. Kein Fürstensaal in alter und
+neuer Welt war je so schön wie dieser liebe grüne Wald, der sie wie mit
+weichen Märchenarmen umfing. Hier nun fing ein sanftes, überinniges und
+über-übersüßes Küssen an, als schnäbelten und liebkosten sich zwei
+Waldvögelchen in der Weltabgeschiedenheit, verloren und verborgen in
+Verborgenheiten und Verlorenheiten. Bisher Stümper in der Liebe, war er
+mit einmal ein Meister geworden. Er erdrückte und erstickte sein Mädchen
+nicht mit Küssen; er setzte nur Lippe an Lippe und beharrte so in einem
+langen, langen, himmlischen Brennen, die Hand ganz zart an ihr Haar
+gedrückt. Es war nichts mehr da als der Wald und der Kuß, als die Stämme
+im Wald und die beiden glücklichen Menschen, als die ununterbrochene
+Stille und der ununterbrochene süße, herrliche Kuß.
+
+
+
+
+Der Mond
+
+
+Gestern war eine wunderbar schöne Mondnacht, so leise, so mild, so
+still, als sei die ganze Welt in ein dunkeles süßes Entzücken gesunken.
+Ich ging durch die Gassen und Gäßchen. Viele Menschen waren auf den
+Beinen, als habe der Mondeszauber die Leute aus den Häusern ins Freie
+hinausgezogen. Die Straßen ganz glatt und weich und hell im Mondlicht
+und alles so still und so freundlich. Eine verhaltene Freude strahlte
+durch alle Straßen, überdies war gerade in dieser schönen Nacht
+Weihnachtsmarkt und darum viel Leben in der Stadt. Ich ging durch ein
+enges Gartengäßchen, das sich den Berg entlang schmiegt. Dort war der
+Zauber überwältigend. Es war wie ein Märchen, der felsige Boden klang
+unter den Tritten und Schritten. Langsam ging ich weiter. Bei jedem
+Schritt, den ich tat, blieb ich stehen, drehte mich um und schaute zum
+göttlich schönen sanften Mond hinauf und zu den Tannen und uralten
+Stadttürmen. -- Zwischen den aufwärts gebogenen, ärmelartigen
+Tannenästen zitterten und schimmerten die Sterne, Liebesblicken ähnlich,
+hindurch. Bald war ich oben am Berge, der sich über der traulichen Stadt
+erhebt wie ein alter Riese. Eine in den weißen Felsen gehauene Treppe
+führte mich hinauf, und oben angekommen, schaute ich hinunter in die
+weiche, schleierhafte, milde Tiefe, die einer Traumerscheinung glich.
+Ich ging noch weiter hinauf, durch den Wald, der ganz weiß war. Alles
+war weiß vom Mond, so bleich, so süß. Ich dachte an Vater und Mutter,
+und ein unnennbar zartes, weiblich-banges, zaghaftes Empfinden beschlich
+mich. Ich wünschte, daß ich ewig so in der Mondnacht stehen und alten
+lieben Gedanken mich überlassen könne, ewig so bleiben und in die
+Vergangenheit zurückdenken könne. Der dunkelhelle Himmel mit seinen
+weißlich-wolligen Wolken erschien mir wie eine schöne, liebe, üppige
+Wiese. Der Mond glich dem träumerischen Schäfer, das weiche Gewölk den
+Schäfchen, und die Sterne, die ab und zu daraus hervorblinzelten, waren
+wie die Blumen. Aus der Stadt herauf drang Musik und Stimmenlärm.
+Unsagbar feierlich war mir zumute. Es kam mir vor, als sei die ganze
+weitausgedehnte stille Nacht ein körperartiges Wesen, und der Mond sei
+seine Seele. Lange blieb ich noch stehen.
+
+
+
+
+Ein Nachmittag
+
+
+Ich ging den sonnigen Hang des langgestreckten, hohen Berges entlang auf
+einem hübschen Weg unter niederhängenden Tannenzweigen, an vereinzelten
+Bauernhöfen vorbei, bis ich zu einem Schlößchen kam, in welchem ehedem
+ein adliger Sonderling wohnte. Oftmals schaute ich zu den hohen weißen
+Felsen hinauf. Der Tag war so mild, es war Ende Dezember. Eine feine,
+sozusagen sorgsame, zarte Kälte vereinigte sich mit der nachmittäglichen
+Sonnenwärme. In der Luft lag es wie etwas Süßes, die ganze waldige
+Gegend schien wie aus sich selber heraus schön und wie für sich selber
+still-glücklich. Ich kam in das weite, breite, imposante und behagliche
+Dorf. Die Häuser sahen aus, wie wenn sie stolz auf sich seien, so alt
+und so schön waren sie. Frauen und spielende Kinder begegneten mir. Da
+in dem Dorf die Uhrmacherkunst heimisch ist, so traf ich auch einen
+Uhrmacher an. Ich stieg zu der alten, zierlich-ehrwürdigen Kirche
+hinauf, die auf dicht mit dunkelgrünem Buchs besetzter kühner Anhöhe,
+hart über dem Dorfe steht. Sinnend schaute ich mir die alten Gräber mit
+ihren Inschriften an. Die Kirchuhr zeigte halb fünf, es fing an, Abend
+zu werden. Da beeilte ich mich, den Berg hinaufzusteigen. Oben auf der
+winterlichen Bergweide lag Schnee, der wunderbar glänzte, die
+Schneefläche so silbern, und unten in der Tiefe so abendsonnig-dunkel
+das weite, graugrüne Land, und in der Ferne das göttlich-schöne, kühne,
+zarte Hochgebirge. Es war mir, als wolle meine Seele in die Seele der
+Landschaft, die ich da so groß vor mir sah, hineintauchen. Ein Abendrot,
+wie ich es so schön und so reich noch nie glaubte gesehen zu haben, kam
+nun noch über die Welt und machte sie zur bezaubernden Rätselerscheinung.
+Die Welt war ein Gedicht, und der Abend war ein Traum. Der
+kalte, glänzendweiße Silberschnee und das glühende Rot befreundeten
+sich miteinander, es war, als liebe der Abendhimmel den
+bleichen Freund, den Schnee, und sinke in ein süßes, phantastisches und
+überglückliches Erröten darüber. Schnee und Abendrot schienen sich
+getraut zu haben, und es war, als küßten und liebkosten sie einander.
+Herrlich standen auf der Winterweide die großen, kahlen Buchen, einst so
+grün, so grün im vergangenen heißen Sommer. Ich kam ins Dorf, alles war
+verschneit, es war schon dunkel geworden, eine Bauernfrau stand in der
+Dorfstraße. Ich ging ins einsame Tal hinunter, es kam eine Kirche und
+ein zweites Dorf. Es war Nacht, und ein prächtiger, wundersamer
+Sternenhimmel schimmerte auf die dunkle, liebe, stille Welt herab.
+
+
+
+
+Die kleine Schneelandschaft
+
+
+Gestern haben wir Schnee bekommen, und heute in der Morgenfrühe ging ich
+hinaus zur sorgsamen und ruhigen Besichtigung der Schneelandschaft.
+Niedlich, wie ein artiges Kätzchen, das sich geputzt hat, liegt jetzt
+das reiche, liebliche Land da. Jedes Kind, sollte ich meinen, kann die
+Schönheit einer Schneelandschaft im Herzen verstehen, das feine saubere
+Weiß ist so leicht verständlich, ist so kindlich. Etwas Engelhaftes
+liegt jetzt über der Erde, und eine süße, reizvolle Unschuld liegt
+weißlich und grünlich ausgebreitet da. Ich freute mich über meine
+Aufgabe, über das Amt, über die angenehme Pflicht, die mir vorschrieb,
+sorgfältig und aufmerksam Notiz vom Schnee und seinen Reizen zu nehmen.
+Wunderbare Feinheit und Schönheit lag darin, daß das Gras so artig und
+mit so zarten Spitzen aus der Schneefläche herausschaute. Ich ging
+wieder zu meinem alten unverwüstlichen, gütigen Zauberer, zum Wald, und
+zum Wald wie im Traum wieder hinaus, und da lag es da, das Kinderland in
+seiner Kinderfarbe. Die Bäumchen und Bäume schienen einen graziösen Tanz
+auf dem weißen Felde aufzuführen, und die Häuser hatten weiße Mützen,
+Kappen, Kopfbedeckungen oder Dächer. Es sah so appetitlich, so lockig,
+so lustig und so lieb aus, ganz wie das zarte, süße Kunstwerk eines
+geschickten Zuckerbäckers. Noch ein Morgenlicht leuchtete in einem
+Fenster, und ein anmutig Haus stand in einiger Entfernung, das hatte
+Fenster wie Augen, welche fröhlich und listig blinzelten. Das Haus war
+wie ein Gesicht, und die fünf grünen Fenster waren wie seine Augen. Geh
+doch hin, lieber Leser, noch steht das zauberische Landbild da, mit
+Schnee auf seinem lieblichen Antlitz. Man darf nur nie zu träge sein und
+sich vor ein paar hundert Schritten nicht fürchten, zeitig aus dem
+Faulenzerbett aufstehen, sich auf die Glieder stellen und nur ein wenig
+hinauswandern, so sieht sich das Auge satt, und das freiheitsbedürftige
+Herz kann aufatmen. Geh hin zu der artigen Schneelandschaft, welche dich
+wie mit einem schönen freundschaftlichen Munde anlächelt. Lächle auch du
+sie an und grüße sie von mir.
+
+
+
+
+Das Mädchen
+
+
+Vor einigen Tagen machte ich in einer anrüchigen Kneipe die
+Bekanntschaft eines kühnen Professors der schönen Künste, der mich
+huldvoll einlud, ihn in seiner Schaffenswerkstätte zu besuchen, um die
+fertigen und werdenden Kunstwerke zu besichtigen. Doch was will das
+bedeuten im Vergleich mit dem Schulkind, das ich vor noch nicht ganz
+einer Stunde sah, als ich vom leisen, milden sauberen Morgenspaziergang
+behaglich heimkehrte. Die süße Kleine, sie führte an ihrer Hand, gleich
+einer überzarten und überjungen Mutter, eine noch Kleinere, die wohl ihr
+Schwesterchen war. Göttlich mutete mich das lebendige, unschuldige,
+liebe Menschenbildnis an, und ich wünschte allsogleich, daß ich doch ein
+tapferer und meisterlicher Maler sei, damit ich das reizende Mädchen
+abmalen könnte, frisch und wonnig nach der Natur. Still und unauffällig,
+damit ihr meine Bewunderung und meine Rührung verborgen bleibe, und
+damit sie ja nichts merke von dem Entzücken, in welches ihre Erscheinung
+mich versetzte, ging ich hinter ihr her. Sie glich dem Wunder, das darum
+so wunderbar ist, weil es sich selbst noch nie gelernt hat,
+hochzuschätzen, und weil es lächelt in aller gütigen und kindlichen
+Bescheidenheit. Zwei längliche zarte Zöpfchen hingen der Holden über
+Nacken und Rücken, und an jeden lieben, lustigen Zopf war ein blaues
+Band zierlich gebunden. Himmlisch weich ging sie dahin, und einmal
+drehte sie das Köpfchen um, und da war es mir, als trete die Sonne aus
+dem grauen kalten Gewölk hervor, um die Erde mit ihren süßen Strahlen zu
+beglücken, so freundlich war das runde liebe Gesicht der kleinen
+Schönen. -- Ihr Gang war wie eine herzumstrickende, jugendlich-fröhliche
+Melodie. Mozartische Melodien können nicht schöner und frischer tönen.
+Das Allersüßeste und -lieblichste war, wie von ihren Kinderhöschen der
+schneeweiße Rand ein ganz klein wenig zum Vorschein trat. O, solch ein
+Kind macht dich, wenn du es siehst, zum edleren, willigeren,
+freundlicheren und besseren Menschen; du lernst wieder Gott für das
+segenüberschüttete, bilderreiche Dasein danken; du bist wieder so recht
+aus dem entzückten Herzen froh, darüber, daß du Mensch bist unter
+Menschen. Eine Straßenecke kam, da bog ich links ab, um nach Hause zu
+gehen.
+
+
+
+
+Das Eisenbahn-Abenteuer
+
+
+Einmal machte ich eine Eisenbahnfahrt, wobei ich ganz allein in einem
+Wagenabteil saß wie der gedankenreiche Eremit in seiner schweigsamen,
+weltabgelegenen Klause. Auf irgendeiner Station hielt der Zug an, die
+Türe wurde mit beamtenhafter Schroffheit aufgerissen, und zu mir hinein
+in das sonderbare, auf Rädern gestellte Zimmer stieg eine Frau. Es war
+mir nicht anders, als wenn der Sonnenschein ins nächtlich-schwärzliche
+Kupee einstiege, so hell mutete mich die liebe frauliche Erscheinung an,
+die wie auf Besuch zu mir kam. Freundlich sagte sie guten Abend. Wer als
+ich war glücklicher darüber? Der Zug setzte sich alsbald wieder in
+Bewegung, und hinaus in die Nacht und ins unbekannte Land wurde die
+Kammer getragen, in welcher nun zwei Personen saßen, die sich
+gegenseitig freundlich anschauten. Ein Lächeln ergab ein Wort und indes
+die Räder fleißig fort und fortrasselten, hatte ich wie ein Schelm und
+Dieb die passende Gelegenheit wahrgenommen, saß schon an ihrer Seite und
+legte den Arm um ihre reizende Figur. Emsig arbeiteten die Räder, und
+Gegenden, die ich nicht kannte, flogen draußen in der stillen
+Mitternacht an uns beiden glücklichen Leuten vorüber. Emsig arbeitete
+ich mit meinen Lippen auf den ihrigen, die köstlich waren, wie Lippen
+eines Kindes. Ein Kuß lockte den andern hervor, ein Kuß folgte auf den
+andern. Ich ließ mir bei dem süßen Geschäft so recht Zeit, und da wurde
+ich zum Künstler im Küssen, zum Künstler in der Liebkosung. O wie die
+Liebe, die Süße lächelte mit dem schönen Mund und mit den schönen
+dunklen Augen, welche, indem sie in die meinigen schauten, mich küßten.
+Paradieseslüsternheit lag auf ihren Lippen, und Paradieseslust glänzte
+ihr aus den Augen. Ich unterdessen hatte es so recht schön gelernt, wie
+man es anstellen muß, um dem Kuß den höchsten Reiz abzugewinnen und ihm
+die tiefste Wonne mitzugeben. Unter unserem lusterfüllten Liebesgemach
+rasselten immerfort die Räder, und der Zug sauste durch die Länder, und
+wir zwei hielten uns umschlungen wie die Seligen in den überirdischen
+Gefilden, Wange an Wange gedrückt und Körper an Körper, als seien wir
+vorher zwei verschiedene Gedanken gewesen, doch jetzt nur noch ein
+einziger. Wie beglückte es mich, daß sich das süße Geschöpf durch das,
+was ich tat, glücklich fühlte. Ihren wonnigen Liebesdurst zu stillen
+machte mich zum Glücklichsten der Sterblichen, machte mich zum Gott.
+Doch jetzt blieb der Eisenbahnzug wieder stehen, die reizendste der
+Frauen stieg aus, während ich weiterfahren mußte.
+
+
+
+
+Die Stadt
+
+
+Es war an einem sonnigen Wintertag, als der Reisende mit der Eisenbahn
+in der Stadt anlangte. Eine einzige zusammenhängende Freundlichkeit war
+die ganze Welt. Die Häuser waren so hell, und der Himmel war so blau.
+Zwar war das Essen im Bahnhofsrestaurant herzlich schlecht mit hartem
+Schafsbraten und lieblosem Gemüse. Aber das Herz des Reisenden war mit
+einer eigentümlichen Freude erfüllt. Er konnte es sich selber nicht
+erklären. Die Bahnhofshalle war so groß, so licht, der arme alte
+Dienstmann, der ihm den Koffer trug, war so dienstfertig mit seinen
+alten Gliedmaßen und so artig mit seinem alten zerriebenen Gesicht.
+Alles war schön, alles, alles. Selbst das Geldwechseln am Schalter des
+Wechselbureaus hatte einen eigenen undefinierbaren Zauber. Der Reisende
+mußte nur immer über alle die wehmütig-warmen Erscheinungen lächeln, und
+weil er alles, was er sah, schön fand, fühlte er sich auch wieder von
+allem angelächelt. Er hatte sein Mittagessen verzehrt, seinen schwarzen
+Kaffee mit Kirschwasser ausgetrunken und ging jetzt mit eleganten,
+leichten, scherzenden Schritten, so recht reisendenmäßig, in die
+wundervolle uralte Stadt hinein, die da blendete im gelblich-hellen
+Mittagssonnenlicht. Menschen jeglichen Schlages, Mädchen, Knaben und
+erwachsene Leute gingen eilig an dem Gemächlichen und Vergnüglichen
+vorüber. Der Reisende konnte sich so recht Zeit nehmen. Die Leute aber
+mußten an ihre täglichen Arbeitsplätze eilen, daß es nur so an ihm
+vorüberglitt, wie deutliche und doch wieder undeutliche und
+unverständliche Geistererscheinungen. Wie kam dem schauenden und
+denkenden Fremdling der Anblick des täglichen Lebens so rätselhaft und
+fremdartig vor. Da kam er über eine hohe, breite, freie Brücke, unter
+welcher ein großer blauer Strom herrlich-tiefsinnig vorüberfloß. Er
+stand still, es überwältigte ihn. Zu beiden Seiten des Stromes war die
+alte Stadt aufgebaut, graziös und kühn. Leichten, milden Schwunges
+ragten die Dächer in die helle heitere Luft. Es glich einer romantischen
+Musik, einem unvergänglichen, reizenden Gedicht. Er ging langsamen,
+sorgfältigen Schrittes weiter. Mit jedem neuen Schritt ward er
+aufmerksam auf eine neue Schönheit. Alles kam ihm wie altbekannt vor,
+und doch war ihm alles neu. Alles überraschte ihn, und indem es das tat,
+beglückte es ihn. Auf hoher Plattform stand ein uralter wunderbarer Dom,
+der mit seinem dunkelroten Stein in der blauen Luft stand wie ein Held
+aus undenklich alten Zeiten. In der Sonne, auf den Fensterbänken lagen
+wohlig ausgestreckt die Katzen, und alte Mütterchen schauten zu den
+Fenstern hinaus, als seien die alten schönen Zeiten wieder lebendig
+geworden. O, es war so schön für den Reisenden, daß er in der
+gassenreichen, halbdunklen, warmen Stadt so angenehm und leicht
+umherspazieren konnte. Burgen und Kirchen und vornehme Patrizierhäuser
+wechselten mit dem Marktplatz und mit dem Rathaus ab. Mit einmal stand
+der Reisende wieder im Freien, dann stand er wieder in einer stillen,
+feinen Vorstadtstraße, gelblich angehaucht vom süßen, lieben
+Winterlichte, dann schaute er an einem Wohnhaus hinauf, dann ging er
+wieder, dann fragte er einen Knaben nach dem Weg. Zuletzt stand er auf
+einer kleinen anmutigen, von einer Mauer eingefaßten, luftigen Anhöhe,
+und von hier aus konnte er die ganze Stadt so recht überblicken und aus
+dem befriedigten Herzen grüßen.
+
+
+
+
+Das Veilchen
+
+
+Es war ein dunkler, warmer Märzabend, als ich durch das reizende,
+gartenreiche Villenviertel ging. Vielerlei Menschenaugen hatten mich
+schon gestreift. Es war mir, als schauten die Augen mich tiefer und
+ernster an als sonst, und auch ich schaute den vorübergehenden Menschen
+ernster und länger in die Augen. Vielleicht ist es der beginnende
+Frühling mit der wohllüstigen warmen Luft, der in die Augen einen
+höheren Glanz legt und in die Menschenseelen einen alten und neuen
+Zauber. Frauen nehmen sich in der Frühlings- und Vorfrühlingsluft mit
+den weichen Brüsten, die sie tragen, und von denen sie gehoben und
+getragen werden, wunderbar aus. Die Gartenstraße war schwärzlich, aber
+sehr sauber und weich. Es kam mir vor, und ich wollte mir einbilden, ich
+gehe auf einem weichen, kostbaren Teppich. Voll Melodien schien die
+Atmosphäre. Aus der dunklen geheimnisvollen Gartenerde streckten schon
+die ersten Blumen ihre blauen und gelben und roten Köpfchen schüchtern
+hervor. Es duftete, und ich wußte nicht recht nach was. Es schwebte ein
+stilles, angenehmes Fragen durch die süße, dunkle, weiche Luft. Ich ging
+so, und indem ich ging, schmeichelte sich ein zartes unbestimmtes
+Glücksgefühl in mein Herz hinein. Mir war zumute, als gehe ich durch
+einen herrlichen, lieben und uralten Park, da kam eine schöne, junge,
+zarte Frau auf mich zu, violett gekleidet. Anmutig war ihr Gang
+und edel ihre Haltung, und wie sie näher kam, schaute sie mich mit
+rehartig-braunen Augen seltsam scheu an. Auch ich schaute sie an, und
+als sie weiter gegangen war, drehte ich mich nach ihr um, denn ich
+konnte der Lust und dem hinreißenden Verlangen, sie noch einmal,
+wenn auch nur im Rücken, zu sehen, nicht widerstehen. Wie eine
+Phantasieerscheinung glitt die reizende Gestalt mehr und mehr in die
+Ferne. Ein Weh durchschnitt mir die Seele. »Warum muß sie davongehen?«
+sagte ich mir. Ich schaute ihr nach, bis sie im zunehmenden Abenddunkel
+verschwand und wie ein süßer, übersüßer Duft verduftete. Da träumte ich
+vor mich hin, es sei mir ein großes, frauenförmiges Veilchen begegnet
+mit braunen Augen, und das Veilchen sei nun verschwunden. Die Laternen
+indessen waren schon angezündet und strahlten rötlich-gelb in den
+blassen Abend. Ich ging in mein Zimmer, zündete die Lampe an, setzte
+mich an meinen altertümlichen Schreibtisch und versank in Gedanken.
+
+
+
+
+Die Kapelle
+
+
+In der Großstadt, mitten in dem unabsehbaren Meer von gleichförmigen
+Häusern findet sich in einem finsteren Hof eine Art von Kapelle, in
+welcher allerlei Leute aus den niederen Ständen zum freundlichen
+Gottesdienst zusammenkommen. Auch ich war einmal in der Versammlung.
+Ein drolliges, munteres Dienstmädchen, dem ich gut war, hatte mich
+eingeladen, mitzukommen, und ich bereute nicht, daß ich mit ihr gegangen
+war. Ehrbare Bürger, die mehr an die Hoheit des Geldes als an die Hoheit
+und Herrlichkeit Gottes glauben, hängen den armen, schlichten Leuten,
+die in die bescheidenen Versammlungen gehen, gern diesen oder jenen
+Spottnamen an, und versuchen lächerlich zu machen, was den gläubigen und
+unschuldigen Seelen heilig ist. Auch ich also ging eines Abends, da
+schon in den dunklen Straßen die Lichter brannten, zu den Kindern in die
+Versammlung. Ich will gern die Leute, die noch an einen Gott glauben,
+Kinder nennen. Kinder sind mitunter geistreicher als die Erwachsenen,
+und die Unklugen sind mitunter klüger als die Klugen. Gewiß! es kam auch
+mich ein Anflug spöttischen Lächelns an, als ich eintrat in das
+kindlich-fromme Lokal, dessen Wände weiß waren wie die zierlose,
+schmucklose Unschuld selber. Ich setzte mich jedoch still nieder, und
+alsbald fingen die Leute, Männer wie Frauen, an zu singen wie aus einem
+einzigen frohmütigen Munde zum Lobe Gottes. Engel schienen zu singen,
+nicht schlichte, schlechte Menschen. Von dem süßen jungen, blühenden
+Glauben getragen, hallte der Gesang, gleich einem feinen Duft, der die
+Eigenschaft hat, zu tönen, hin und her und verhallte an den Wänden. Ich
+schaute mit eigentümlichen Empfindungen, ganz bezaubert von den Tönen,
+zur Decke des Saales hinauf, welche blau war, wie ein milder
+träumerischer Himmel. Weiße Sterne waren in den hellblauen Grund
+hineingezeichnet, und die Sterne schienen zu lächeln vom göttlichen
+Himmel hinab auf die jubilierende Versammlung. Eine heitere Kraft lag in
+dem Gesang, und der Gesang selber war ein sonderbares, leichtes, liebes
+Wesen, welches auf geistergleiche Weise lebte. Die, die sangen, schienen
+sich zu freuen über den Gesang, doch schienen sie nicht zu ahnen, wie
+die Töne sich von ihnen sonderten und ihr eigenes Leben in der Luft des
+Saales lebten. Es klang, als werde es geboren und lebe eine kurze Weile
+und müsse alsdann sterben. Aber es fing von Neuem wieder an zu tönen und
+sich am sterblich-schönen Dasein zu erfreuen. Ruhig und liebevoll
+glitzerten und schimmerten die goldenhellen Kerzenlichter hinab in das
+Singen, das einem Himmel glich an Keuschheit und Schönheit, und als sie
+mit dem Gesang innehielten, mußten sie lächeln, die lieben guten Leute,
+wie kleine Kinder, die ihre Aufgabe vollendet haben und sich nun darüber
+freuen. Nach einer Weile war der Gottesdienst beendet, und ebenso still,
+wie sie die Kapelle aufgesucht hatten, verließen die Leute sie wieder.
+
+
+
+
+Der Tänzer
+
+
+Ich sah einst im Theater einen Tänzer, der mir und vielen anderen
+Leuten, die ihn ebenfalls sahen, einen tiefen Eindruck machte. Er
+verspottete den Boden mit seinen Beinen, so wenig Schwere kannte er, und
+so leicht schritt er dahin. Eine graziöse Musik spielte zu seinem Tanz,
+und wir alle, die im Theater saßen, dachten darüber nach, was wohl
+schöner und süßer könne genannt werden, die leichtfertigen lieblichen
+Töne oder das Spiel von des lieben, schönen Tänzers Beinen. Er hüpfte
+daher wie ein artiges sprungfertiges, wohlerzogenes Hündchen, welches,
+indem es übermütig umherspringt, Rührung und Sympathie erweckt. Gleich
+dem Wiesel im Walde lief er über die Bühne, und wie der ausgelassene
+Wind tauchte er auf und verschwand er. -- Solcherlei Lustigkeit schien
+keiner von allen denen, die im Theater saßen, je gesehen oder für
+möglich gehalten zu haben. Der Tanz wirkte wie ein Märchen aus
+unschuldigen, alten Zeiten, wo die Menschen, mit Kraft und Gesundheit
+ausgestattet, Kinder waren, die miteinander in königlicher Freiheit
+spielten. Der Tänzer selber wirkte wie ein Wunderkind aus wunderbaren
+Sphären. Wie ein Engel flog er durch die Luft, die er mit seiner
+Schönheit zu versilbern, zu vergolden und zu verherrlichen schien. Es
+war, als liebe die Luft ihren Liebling, den göttlichen Tänzer. Wenn er
+aus der Luft niederschwebte, so war es weniger ein Fallen als ein
+Fliegen, ähnlich wie ein großer Vogel fliegt, der nicht fallen kann, und
+wenn er den Boden wieder mit seinen leichten Füßen berührte, so setzte
+er auch sogleich wieder zu neuen kühnen Schritten und Sprüngen an, als
+sei es ihm unmöglich, je mit Tanzen und Schweben aufzuhören, als wolle,
+als solle und als müsse er unaufhörlich weitertanzen. Indem er tanzte,
+machte er den schönsten Eindruck, den ein junger Tänzer zu machen
+vermag, nämlich den, daß er glücklich sei im Tanze. Er war selig durch
+die Ausübung seines Berufes. Hier machte einmal die gewohnte tägliche
+Arbeit einen Menschen selig -- aber es war ja nicht Arbeit, oder aber er
+bewältigte sie spielend, gleich, als scherze und tändele er mit den
+Schwierigkeiten, und so, als küsse er die Hindernisse, derart, daß sie
+ihn lieb gewinnen und ihn wieder küssen mußten. Einem heiteren, über und
+über in Anmut getauchten Königssohne aus dem goldenen Zeitalter glich
+er, und alle Sorgen und Bekümmernisse, alle unschönen Gedanken schwanden
+denen dahin, die ihn anschauten. Ihn anschauen hieß ihn gleich auch
+schon lieben und verehren und bewundern. Ihn seine Kunst ausüben sehen,
+hieß für ihn schwärmen. Wer ihn gesehen hatte, träumte und phantasierte
+noch lang nachher von ihm.
+
+
+
+
+Die Sonate
+
+
+Angenehme Wehmut -- Schmerz, der den Stolz nicht kränkt. Freude über
+solcherlei Schmerz. Ein leichter, gefälliger Gram. Selige Erinnerungen.
+Die Erinnerungen üppig wie eine blühende Wiese. Leises, wehmutreiches
+Andenken. Jetzt eine Schar von Vorwürfen, die er sich selber macht. Nur
+die Vorwürfe, die man sich selber macht, sind schöne. Die andern soll
+man und will man vergessen. Man hat zuletzt niemandem als nur sich
+selbst Vorwürfe zu machen. O, daß doch alle, alle Menschen nur allein
+sich selbst und sonst niemandem etwas vorwerfen wollten. Reue? Ja, Reue!
+Reue ist süß und tönereich. Die Reue ist ein Weltreich, unendlich und
+unermeßlich an Ausdehnung. Aber die Reue ist etwas Zartes. Kaum vernimmt
+man sie. Freude über die Reue. Ein edles Herz freut sich über eine edle
+Empfindung. Dann will ich auch etwas von Hoffnungslosigkeit dabei haben.
+Engel sind ohne Hoffnung, haben Hoffnung nicht nötig. Hofft ein Engel?
+Nein. Engel sind über alle, alle Hoffnungen erhaben. Etwas Engelgleiches
+soll in der Sonate tönen, die ich im Sinne habe. Doch soll auch Hoffnung
+wieder dazwischen klingen, wie wenn jemand ganz, ganz arm und verlassen
+ist und dennoch immer, immer wieder hofft, gleichsam wie aus lieber,
+alter kindlicher Gewohnheit. Jetzt wieder Freude, und zwar Freude über
+jemandes andern Freude. Reine Kindlichkeit, reines glückliches
+Mitempfinden. Selig sein im Gedanken, daß jemand anders es ist. Ist
+nicht die Musik selber so? Ist nicht die Musik selber selig, darüber,
+daß sie Herrlichkeit, Heiterkeit und Seligkeit verbreitet? Dann und so
+kommt eine unsagbare perlende Verzagtheit. Stilles, süßes Weinen.
+Auflösung in eine göttlich schöne Schwäche. Ein Weinen über sich selber
+und über alles, was da ist und je da war. Nicht ein Entsetzen, nicht ein
+Grauen. Die Sonate hier verbietet derlei Heftigkeiten. Sanft wie ein
+leicht betrübter blauer Himmel will und soll sie tönen. Ihre Farbe ist
+das matte Edelweiß der Perle, und ihr Ton ist das Entschuldigen. Es gibt
+keine Schuld, weil es zu viel gibt, es gibt keinen Schmerz, weil er zu
+groß, zu gewaltig ist für das Verständnis. Weil es zu viel
+Enttäuschungen gibt, gibt es keine, soll es mit ein -- einmal keine
+geben, keine mehr, keine mehr geben. Ah, dergleichen und ähnliches soll
+sich in der Sonate, von welcher ich träume, widerspiegeln, und ein
+junges schönes Mädchen, welches sich mit Leichtigkeit einzubilden
+vermag, sie sei ein Engel, soll sie spielen. Ein Engel muß die
+engelgleiche Sonate spielen, und es muß herniedertönen aus dem Himmel
+des Spieles wie himmlischer Trost, wie himmelreichähnliches Behagen,
+denn eine reizende Behaglichkeit, eine tiefsinnige Vergnügtheit denke
+ich dem Werke einzugeben. Schmerz und Freude sind wie Freund und
+Freundin, die sich umhalsen, umarmen und küssen. Lust und Weh sind wie
+Bruder und Schwester, die sich geschwisterlich lieben. Das liebliche
+sonnige Entzücken ist die Braut, und der Kummer, der sich ihr ins Herz
+schleicht, ist der Bräutigam. Genugtuung und Enttäuschung sind
+unzertrennlich.
+
+
+
+
+Das Gebirge
+
+
+Ich mußte mich an die Stille erst gewöhnen, auch an die rauhe Bergluft.
+Alles atmete Einsamkeit und Reinheit, alles war Ruhe, Stille und Größe.
+Im Anfang meines Aufenthaltes schneite es noch. Es schneite noch
+manchmal auf die ausgedehnten Weiden und auf die vielen schönen Tannen
+herab, aber nach und nach wurde es wärmer. Auch in die Berge kam der
+süße Knabe Frühling und beglückte das Land mit seinem schönen,
+glücklichen Lächeln. Die blauen und gelben Blumen sprossen aus der Erde
+hervor, und der Felsen bekam ein milderes, weißeres, weicheres Aussehen.
+Des Nachts hörte ich in all der wundersamen tiefen Stille nur das
+ruhige, leise Plätschern eines Brunnens. Einsam stand im Schwarz der
+Nacht als noch schwärzerer Fleck das Wirtshaus da. Ein einzelnes Fenster
+etwa war erleuchtet. Ich las viel. Bei schlechtem Wetter saß ich in der
+kleinen, heimeligen, reinlichen Stube und beschäftigte mich mit dem
+Ordnen und Zerlegen von allerlei Gedanken. Ich war ein rechter
+Müßiggänger. Eine alte ruinenhafte Klosterkirche war in der Nähe. Doch
+ich schenkte dem Gebäude längst schon keine Aufmerksamkeit mehr. Ich war
+in der Gegend kein Fremder mehr. Mich lockte es, immer wieder zu den
+Tannen, diesen Königinnen, zu gehen und bewundernd an ihnen
+emporzuschauen. Ich staunte immer wieder von neuem über ihre
+Zierlichkeit, Pracht und Schönheit, über die Hoheit, deren Abbild sie
+sind, und über den Edelsinn, den sie verkörpern. Wohin ich schaute,
+überall waren Tannen; in der Ferne und in der Nähe, unten in der
+Schlucht und oben aus dem Rücken der Berge. Die Berge wurden immer
+grüner und schöner, und es war süß für mich, im hellen warmen
+Sonnenschein über ihre weichen, milden und üppigen Weiden zu gehen, auf
+denen jetzt die lieben treuen Tiere friedlich und wonnig weideten.
+Pferde und Kühe standen oder lagen, zu schönen Gruppen vereinigt, unter
+den prächtigen, langästigen Tannen. Die Blumen dufteten, alles war ein
+Summen, ein Singen, ein Sinnen und ein Ruhen. Die ganze Bergnatur schien
+ein glückliches, liebes, fröhliches Kind zu sein, und ich ging jeden
+Tag, am Vor- oder am Nachmittag, zu diesem Kinde hin und schaute ihm in
+die glänzend-unschuldigen Augen. Mir war, als werde ich selber dadurch
+mit jedem Tag schöner. Muß mich nicht die Betrachtung und der
+sorgfältige Genuß von etwas Edlem und Schönem schön und edel machen? Ich
+bildete mir solcherlei jedenfalls ein und ging in der Gegend herum wie
+ein Träumer und Dichter. Die holde Dichterin Natur dichtete immer
+größere und schönere Gedichte; indem ich so stand oder still davonging,
+war es mir, als spaziere und lustwandele ich in einem Gedicht, in einem
+tiefen, sonnenhellen, grünen und goldenen Traum herum, und ich war
+glücklich. Es war kein Geräusch, das nicht anmutig klang, alles war ein
+Klingen, ein Tönen, bald ein nahes, bald wieder ein entferntes, ich
+konnte nur horchen, es genießen und mit meinem Ohr es trinken. Ein
+paarmal machte ich weitere Ausflüge, meistens aber blieb ich in inniger
+sanfter Nähe warm daliegen, bezaubert vom blauen Himmel und gebannt von
+der himmlisch-schönen, weißen Götterlandschaft, die mich wie mit großen
+weichen Götterarmen zu sich zog. Alle Begierden, weiter in die lichte
+Ferne zu wandern, starben an dem Entzücken und am Genuß, die die Nähe
+mich empfinden ließ mit ihrem beseligenden Tönen. Von allen Weiden
+tönten die Glocken, die die Tiere am Halse leise schüttelten beim
+sanften Grasen. Tag und Nacht tönte es und duftete es. Ich habe einen
+solchen Frieden nie gesehen, und ich werde ihn nie wieder so sehen.
+Eines Tages reiste ich ab. O wie oft, wie oft drehte ich mich beim
+Weggehen um, damit ich all das Schöne, das ich nun verließ, noch einmal
+sähe, die heiteren Berge, die lieben roten Dächer zwischen den edlen
+Tannen, den stolzen Felsen, das ganze reizende Gebirge.
+
+
+
+
+Der Traum
+
+
+Ich habe einen traurigen, freudlosen Traum gehabt in der vergangenen
+Nacht. Wohl sechsmal erwachte ich davon, aber immer wieder, so, als
+sollte ich stets von neuem geprüft werden, fiel ich hinunter in die
+Gewalt der düsteren Einbildungen, in die Macht des fieberartigen
+Traumes. Mir träumte, daß ich in eine Art von Anstalt und Institut
+hineingekommen sei, in einen Sonderbund, in eine verriegelte,
+unnatürliche Absonderung, welche von höchst kalten und höchst
+eigentümlichen Verordnungen regiert wurde. Elend war mir zumute, und
+eiskalter Schauder rieselte mir durch die entsetzte, angsterfüllte
+Seele, die sich vergeblich sehnte, ein Verständnis zu finden. Alles war
+mir unverständlich, doch das Grausamste war, daß sie nur über die
+Ratlosigkeit und Hilflosigkeit lächelten, in der sie mich sahen. Nach
+allen Seiten schaute ich mich mit flehenden Augen um, damit ich ein
+freundliches Auge sähe, doch ich sah nur den offenen mitleidlosen Hohn
+mich mit seinen Blicken messen. Alle, die da waren, musterten mich auf
+so sonderbare Weise, auf so rätselhafte Weise. Meine Angst vor der
+ringsum herrschenden Ordnung, deren Wesen mich mit Grauen erfüllte,
+wurde von Minute zu Minute größer, und mit ihr vergrößerte sich die
+Unfähigkeit, die ich offenbarte, mich in die seltsamen, absonderlichen
+Verhältnisse zu schicken. Deutlich erinnere ich mich, wie ich bald zu
+diesem, bald zu jenem Beamten in kummervoller, bittender Tonart sagte,
+daß ich »alles das«, so drückte ich mich in der höchsten Herzbeklemmung
+aus, ja ganz und gar nicht verstehe, und daß man mich doch lieber hinaus
+in die Welt ziehen lassen wolle, damit ich meinen Mut und meinen
+angeborenen Geist wiederfände. Doch statt mir zu antworten, zuckten sie
+nur die Achseln, liefen hin und her, zeigten sich sehr in Anspruch
+genommen, gaben mir zu verstehen, daß sie keine Zeit hätten, sich näher
+mit mir und mit meinem Unglück zu beschäftigen, und ließen mich in all
+der unaussprechlichen, fürchterlichen Bestürzung stehen. Augenscheinlich
+paßte, paßte ich gar nicht zu ihnen. Warum denn nun war ich zu ihnen
+hineingekommen in diese enge und kalte Umgrenzung? Durch viele Zimmer
+und Nebenzimmer tastete ich mich; ich schwankte hin und her wie ein
+Verlorener. Mir war, als sei ich im Begriff, in dem Meer der Befremdung
+zu ertrinken. Freundschaft, Liebe und Wärme waren verwandelt in Haß,
+Verrat und Tücke, und das Mitempfinden schien gestorben seit tausend
+Jahren oder schien in unendliche Entfernungen gestoßen. Eine Klage wagte
+ich nicht zu äußern. Ich hatte zu keinem, zu keinem dieser
+unverständlichen Menschen ein Vertrauen. Jeder hatte seine strenge,
+enge, stumpfe, wohlabgemessene Beschäftigung, und darüber hinaus stierte
+er wie in eine grenzenlose Leere. Ohne Erbarmen mit sich selber kannten
+sie auch kein Erbarmen mit einem andern. Tot, wie sie waren, setzten sie
+nur Tote voraus. Endlich erwachte ich aus all dem Hoffnungslosen. O wie
+freute ich mich, daß es nur ein Traum war.
+
+
+
+
+Der Jagdhund
+
+
+Auf meinen kleinen, ich muß und darf sagen, winzig kleinen Wanderungen
+sehe ich allerlei Hunde, und ich habe die drolligen vierfüßigen Burschen
+schon ordentlich liebgewonnen. Da ist vornehmlich der Karrenhund, den
+die Metzger und Milchhändler an ihre Handwagen spannen. Er ist ein
+prächtiger, pflichtbewußter Kerl, und ich achte ihn ganz
+außerordentlich. Längst schon hatte ich immer im Sinn, einmal ein Wort
+über ihn zu sagen. Er verdient Anerkennung in jeder Hinsicht, und wer
+sich die Mühe nimmt, ihn aufmerksam zu beobachten, wie er so ganz und
+gar der Eifer und die Treue selber ist, wie er seinen Zweck und seine
+Bestimmung so schön versteht und aufgeht in der Aufgabe, die er zu
+erledigen hat, der wird nicht anders können als ihn loben. Freudig, ja
+oft sogar feurig und stürmisch zieht er den Wagen vorwärts, und wenn er
+so recht arbeiten, ziehen und seine Kraft anstrengen kann, läßt er ein
+kräftiges, fröhliches Gebell vernehmen, daß man deutlich hört und sieht,
+wie ihm der Dienst Vergnügen macht. Heute früh auf meinem Rundgang sah
+ich einen Hund sich mit wahrer Wonne im frischen Schnee hin- und
+herwälzen, was einen Anblick gewährte, der sich meinem Kopfe einprägte.
+Reizend spielen oft große starke Hunde mit ganz kleinen Kindern, und
+überaus sehenswert ist es, wie der kraftvolle Kerl sich da dem zarten
+Kinde so hübsch, so gefällig anpaßt und auf die kleinste und feinste
+Bewegung sorgfältig acht gibt, die das Kind beliebt auszuführen. An
+Aufmerksamkeit ist der Hund ein König, und sein treues ehrliches
+Verständnis leuchtet ihm überraschend schön aus den Augen. In unserer
+Stadt gibt es viele Hunde, und daß sie gut gehalten und gut behandelt
+werden, sieht man ihnen an. Beinahe schrecklich in ihrem wütenden Eifer
+sind Jagdhunde. Ich saß einmal vergangenen Sommer im stillen tiefgrünen
+Wald auf einem Stein. Ringsum wundersames, zartes, dichterisches
+Schweigen. Mit einmal rast die klägliche, jämmerliche Jagd daher. Ein
+armer Hase springt durch die Waldesstille, und hinter ihm her, mit
+zornigem Geheul, welches die Stille jäh unterbricht, rennt der Hund mit
+ungestümen Sätzen, der glühende, eingefleischte Verfolger, entsetzlich
+hingegeben seiner grausamen Aufgabe. Er kriegte aber den Hasen nicht,
+denn später sprang er wieder an mir vorbei, jetzt, so, wie wenn er
+verwundet worden wäre, Jammerlaute ausstoßend. Er hatte sein Ziel nicht
+erreicht, das leidenschaftlich ins Auge gefaßte Ziel, und gab sich jetzt
+dem Schmerze hin. Er war ganz Trauer, ganz tödliche Enttäuschung.
+
+
+
+
+Der Vater
+
+
+Wenn ich durch das feine, elegante, französische Neuquartier spaziere,
+dessen Häuser einen zierlichen Geschmack verraten, gelange ich, dicht
+neben der Hauptpost vorbei, und manch ein altes, edles, gartenumsäumtes
+Herrenhaus streifend, welches in seinem Parke liegt, wie das stille,
+köstliche Kleinod in seiner Umfassung, langsam in die trauliche,
+träumerische Altstadt, die mich jedesmal, wenn ich sie sehe, wie ein
+reizendes und höchst nachdenkliches Denkmal aus der Vergangenheit
+anmutet. Still und spitz und tiefsinnig, freundlich lächelnden
+Greiseserscheinungen ähnlich, ragen dort die alten Türme in die Luft
+empor, und wenn ich, den ehemaligen Festungsgraben entlang, noch ein
+paar Schritte weitergehe, so stehe ich vor einem seltsamen, niedrigen,
+großdachigen Haus, zu welchem, wie ich sehe, ein kleiner, hübscher,
+tiefgelegener Garten gehört. In dem Hause wohnen eine alte Frau und zwei
+alte Männer, und einer der beiden behaglichen Alten ist mein Vater, den
+ich von Zeit zu Zeit, etwa nach dem Abendessen, besuche, um mit ihm zu
+plaudern, der gerne ein Gespräch über die Stadt und ihre Bewohner führt.
+Hier also, inmitten alter, phantastisch hoher Dächer und wunderbarer
+Türme, im Bereiche dessen, was die Zeiten hartnäckig und standhaft
+überdauert hat, wohnt er, der alte Mann mit seinen schneeweißen Haaren,
+der noch jeden Morgen beizeiten aufsteht und seine kleinen idyllischen
+Geschäfte immer noch besorgt mit fast jugendlichem Eifer. Alte Leute und
+altertümliche Wohnungen passen vortrefflich zusammen, und es stimmt mich
+fröhlich, zu wissen, daß er so gut haust und wohnt, der alte Mann, der
+mir so nahe steht, dem ich so nahe stehe. Alles ist dort alt, die Gärten
+und ihre hohen prächtigen Tannen, das steinerne Gewölbe und der liebe
+stolze Berg mit seinem harten treuen Felsen. Gegenwärtig liegt Schnee
+auf den Dächern, Türmen und Tannen, und auch in meines alten Vaters
+Garten liegt er, wo im süßen, warmen, goldenen Sommer die heiße Sonne
+ihre Gewalt entfaltete und die sanften Flammen, die Rosen, blühten.
+Gerade sehr viel gehe ich nicht zum alten Manne. Es soll meinem Gefühl
+nach eine zarte Scheu sein zwischen Sohn und Vater, und dann habe ich am
+ersten Tage schon gemerkt, daß er der erklärte treue Freund gewisser
+strikter wunderlicher Gewohnheiten ist, und in seinen lieben, guten,
+eingesessenen Gewohnheiten mag, soll und will ich ihn nicht stören. Süße
+zarte Rosen im kleinen grünen Garten und schneeiges Weiß auf dem alten
+Kopfe. Welt, wie bist du wunderbar, wie bist du so leicht und doch so
+schwer verständlich. Ewiges reizendes Geheimnis! Fast noch lieber als zu
+ihm hineinzutreten und ihn zu sehen ist mir das bloße Draußenstehenbleiben
+vor seinem schönen bescheidenen Haus und dann so das Denkendürfen,
+daß er nun ruhig und behaglich drinnen sei, in der kleinen
+Küche beim stillen friedlichen Abendbrot oder im lieblichen,
+länglichen Wohn- und Schreibzimmer, seine Zeitung lesend. Das tut mir
+wohl bis hinein in die Seele. Einmal stand ich auch so da und schaute zu
+des Vaters rötlichem Fenster hinaus, sehend und wissend, daß er
+wohlaufgehoben sei. Da war gerade der Mond am Himmel, und wundervoll
+war's, wie er so mild, zart und freundlich, sanft und groß und gut auf
+die schlafende dunkle Welt hinabblickte.
+
+
+
+
+Der Träumer
+
+
+Es lag einer im Grase auf einem kleinen Abhang am Waldesrande. Vor ihm
+lag eine gemähte Wiese und hinter ihm standen ernste alte Tannen wie
+treue Schützer und Wächter. Vormittag war's, und eine freundliche milde
+Sonne schaute aus weißlichem Gewölk warm auf den Faulpelz herab, der die
+trägen Glieder so lang als er konnte auf dem weichen Boden ausstreckte.
+Über seine Beine, seinen Rücken und sein Gesicht krochen Ameisen, und
+Mücken tanzten um ihn herum. Das plagte und ärgerte ihn aber nicht im
+geringsten. Er lag da, als beabsichtige er, den ganzen lieben langen Tag
+zu verfaulenzen, und in der Tat, er trug derlei Absichten. Die Welt sah
+so leicht aus, so bläulich, so sorgenlos. Höchstens glich ein feiner
+Dunst am Himmel einer Art von Kummer, aber der Kummer selber machte sich
+nicht gar viel Gedanken. Eine Beigabe von Ernst macht die Fröhlichkeit
+nur fröhlicher, und ein leiser Schmerz versüßt und verfeinert die
+Freude, macht sie nur noch freudiger. Unserem Burschen und Tagedieb zu
+Häupten hingen ein paar Tannenzapfen und ärmelartige Tannenzweige, und
+noch weiter oben, nämlich am Himmel, schwebten weiße heiße Wolken. Er
+träumte, der hier lag. Gab es keine Pflichten für den Lümmel? Ei was,
+Pflichten! Braucht doch nicht jeder Mensch Pflichten zu haben. Ein Bach,
+der zu des Träumers Füßen sich durch das Gras schlängelte, gab artige
+glucksende Melodien zum besten. Einmal schaute ein Fuchs aus dem
+gegenüberliegenden Waldrand heraus und floh, als der Mensch im Gras sich
+regte, in weiten Sätzen hinweg. Das ging so, bis es Nachmittag und Abend
+wurde, wo das Abendrot sich zeigte und die Singvögel anfingen wunderbar
+wehmütig und süß zu singen. Der Bursche lauschte. Es wollte ihn ein
+Bangen besuchen. Ein Weh wollte ihn beschleichen. Aber er war auf den
+Besuch gefaßt, und da tat er, als merke er nichts davon. Der Abend mit
+seinen Tönen und Farben und Düften sank einer Frau in die Arme. Die Frau
+war die Nacht, und diese herrschte nun. Der Bursche blieb aber ganz
+ruhig liegen. Das Gras war weich. Es kam ihm wie ein Bett vor, eben
+recht zum Schlafen. Alles war finster geworden, und kein Sterbenslaut
+regte sich mehr. Stille, Stille. Nichts war mehr zu unterscheiden. O, da
+schlief der Waldmensch ein, und ungestörter hat nie ein junger oder
+alter Mensch geschlafen. Schlief fleißig die ganze Nacht durch, und als
+er erwachte, war es schöner, heller, gütiger, milder Morgen.
+
+
+
+
+Der Pole
+
+
+In einem Dorf, nahe an der Grenze von Galizien, in einer Gegend also, wo
+deutsche, russische und polnische Elemente sich berühren, erlebte ich
+eines Nachts, es war im Winter, und das flache Land war mit Schnee
+bedeckt, eine Wirtshausszene, die mir lebhaft in Erinnerung geblieben
+ist, und die ich darum gern aufzeichnen möchte. Ich und ein paar
+Burschen hatten uns zu einem tapferen Gelage im miserablen, düsteren und
+räuberhüttenähnlichen Gasthaus eingefunden. Das Bier, wenn ich so
+zurückdenke, war entsetzlich schlecht, und das Gastzimmer, dortig
+herrschender Volksarmut entsprechend, schrecklich unsauber; doch das
+hinderte uns junge vergnügliche Leute nicht, wacker zu trinken und
+lustig zu singen und zu johlen. Nach und nach kamen noch andere Kerle,
+ein Schreiner, Maurer, und dann war ja vor allen Dingen ein Bursche da,
+den sie August nannten, ein junger Stallbursche aus dem gräflichen
+Schloß, welches mit seinen stolzen, herrischen Türmen unfern in der
+Winternacht lag. Der junge Pole, das war er, fing, da er schon mehrere
+Gläser von dem abscheulichen Zeug getrunken hatte, zu der Musik, die ein
+anderer bereitwillig zum besten gab, zu tanzen an, und er tanzte auf
+polnische Weise, wobei er über das ganze Gesicht lachte. Überaus anmutig
+sah es aus, wie der junge Tänzer in dem wüsten, von aller Grazie und von
+allem Edelsinn so weit entfernten Lokal die Grazie und das artige
+Benehmen verkörperte, dadurch, daß er sich bald, wie vor einer
+unsichtbaren Dame, verneigte und bald wieder sich stolz in die Brust
+warf, als stehe er einem Gegner auf dem Kampfplatz gegenüber. Er
+spreizte seine bestiefelten jungen Beine nach dem Takte der Musik, bog
+wieder das Knie, und mit Arm und Hand führte er sehr manierliche
+Bewegungen aus. Von Zeit zu Zeit wollte er, in dem Rausch, in dem er
+sich befand, wild und ungebärdig werden, doch wie wenn er wieder seinen
+strengen Herrn und Meister vor sich sehe, bändigte er die Wildheit und
+beugte sich unter die guten und schönen Formen, derartig, daß es wie die
+Selbstzucht aussah, und daß es duftete wie nach höherer Erkenntnis. Das
+Bild, das der junge hübsche Mensch darbot, indem er solchermaßen mit der
+Ausschweifung kämpfte, ist mir unvergeßlich geblieben. Gibt es auf Erden
+doch nichts Besseres und Erquicklicheres zu sehen als den Kampf, den der
+Mensch kämpft gegen die Untugenden, die in ihm schlummern, als den
+stolzen Streit des Menschen mit sich selber. Der Bursche hatte nun
+ausgetanzt und setzte sich wieder zu dem Volke der Johlenden,
+Schreienden und Trinkenden. Der, der die Handharfe gespielt hatte,
+spielte aber munter weiter, und da war es mir, als müßten die Töne von
+dem Instrument in der dicken Rauchluft des Zimmers hängen und kleben
+bleiben, so garstig voll von Dunst und Rauch war die jämmerliche Stube.
+Immer mehr wurde getobt und getrunken. Da mit einem Male, wie ein Blitz
+aus dem Himmel, war Streit unter den Leuten, und in eines Kerle Faust
+zückte ein Messer. »Wollt ihr mir so kommen, ihr Bösewichte? Wartet
+nur!« schrie voller sonderbarer Autorität die Wirtin. »Wenn ihr raufen
+wollt, so macht das draußen auf der Straße miteinander ab!« Die ganze
+Stube schien betrunken. Alles drehte sich. Es war eine höllische Szene.
+Einige von uns gingen in die Nacht hinaus, ich mit ihnen. Wie schön war
+die Nacht mit ihrem Schnee und mit ihrem silbernen, hohen, großen Mond
+am Himmel. Es zwang mich hinaufzuschauen zum Mond und zu den süßen
+Sternen.
+
+
+
+
+Der Doktor
+
+
+Eines Tages, in der heißen Mittagssonne, schon viele inhaltreiche Jahre
+sind seither vergangen, sah ich, noch erinnere ich mich dessen deutlich,
+auf dem menschenbelebten Platz, auf dem ich stand, aus der Masse von
+vielerlei unbedeutenden Leuten, welche er gewissermaßen mit seiner
+sonderbaren Erscheinung überragte, einen Mann auftauchen, der ganz in
+edles, schönes, feierliches Schwarz gekleidet war, eine Art Doktorhut
+auf dem Kopfe hatte, und einen eleganten Spazierstock beinahe
+gravitätisch in der Hand trug. Ich nannte den Mann ohne weiteres für
+mich im stillen einen Doktor der schönen Literatur, und ich darf sagen,
+er faszinierte mich. Alle übrigen Menschen, verglichen mit ihm,
+erschienen mir platt, unfein und gedankenlos, so, als habe sich kein
+einziger von ihnen je bemüht, sich Rechenschaft darüber abzulegen, warum
+und wozu er eigentlich lebe. Mit meinen Augen verfolgte ich den
+seltsamen und in gewissem Sinne abenteuerlichen Mann, der einem
+Geistlichen oder fast besser noch einem vermummten Fürsten glich in der
+Lässigkeit, mit welcher er seines Weges ging. Ein Zauberer schien er zu
+sein, denn er trug eine unzweideutige Verachtung gegenüber seiner
+Umgebung zur Schau, und zwar so, als fühle er sich genötigt, sich selber
+gering zu achten, deshalb, weil er unter keinen besseren Leuten lebe.
+Eine Brille verunzierte nicht, sondern zierte und schmückte sein
+bleiches, gedankenvolles Gesicht. Das Gesicht schien ohne die Brille
+nicht sein Gesicht zu sein. Edel, gleich einem Gesandten, der gewöhnt
+ist, an königlichen und kaiserlichen Höfen zu verkehren, schritt die
+schlanke, leicht vornüber geneigte, feine Gestalt dahin, und indem der
+Mann so ging, war es, als fühle er sich belästigt von einem
+unabweisbaren Reichtum von Gedanken. Er schien etwas wegzuwerfen und
+abzuweisen, und gleichzeitig schien er wiederum irgend etwas zu suchen,
+etwas, das schöner sei als alles andere. Was dieser Mann sein eigen
+nannte, betrachtete er als etwas, dessen er auch schon Grund hatte,
+überdrüssig zu sein. Nur was er ersehnte, vermochte er zu achten, und
+nur was er erstrebte, schien er zu besitzen. Auffallend war mir, wie er
+sich so leicht durch die Menschen schlängelte, als befinde er sich auf
+vergnüglich-liederlichen Wegen, als etwa auf dem Weg in die nächstbeste
+elegante Konditorei, zum zierlichen Rendezvous mit einer Dame. Doch das
+war die Maske, in die sich die Person zu hüllen liebt, die nicht mag und
+nicht will merken lassen, wie ernsthaft sie denkt, damit sie es um so
+besser tun kann. Ich wollte mir eingebildet haben, daß er mir wie der
+privilegierte und berechtigte Vertreter alles dessen erscheine, was
+geistvoll sei, und daß er auf mich den Eindruck mache, der mir sagte,
+daß es zu des Mannes Leidenschaften gehöre, stets eine Leidenschaft zu
+nähren. Jedenfalls gefiel er mir im höchsten Grade, und in dem
+Augenblick, wo ich ihn sah, liebte und verehrte ich ihn auch schon. Bald
+indessen verschwand er, und auch ich entfernte mich von dem Standort,
+von wo aus ich ihn so aufmerksam betrachtet hatte.
+
+
+
+
+Der Liebesbrief
+
+
+Ich habe einen kleinen sorgfältigen Streifzug in die Gegend hinaus
+gemacht, damit ich dir mitteilen könne, was ich Schönes gesehen habe.
+Auf dem Weg hatte ich allerlei Einfälle, doch sie mußten sich alle
+wieder auf und davon machen und mußten verschwinden neben dem Gedanken,
+der sich nur mit dir beschäftigte, du liebes Mädchen, du süßes, liebes
+Wesen. In meinen Gedanken gingest du neben mir und vor mir her. Ich war,
+indem ich so ging, ganz nur Denken, ganz nur Sinnen, ganz nur Gedanke,
+ganz nur treues, zartes Bei-dir-sein. Lächelst du? Bald sollst du noch
+mehr über mich zu lächeln haben mit deinem lieben Mund. Es ist schön für
+einen Mann, treu an seinem Mädchen zu hängen und sich zu sehnen mit
+leiser immerwährender Sehnsucht nach der Gegenwart der Holden. Ich kam
+in einen wunderhübschen kleinen Wald hinein, wo es still und weich und
+artig war, und wo die goldenen Vormittagssonnenstrahlen zwischen den
+Ästen und Stämmen ins grüne Heiligtum, ins grüne Waldesinnere
+hereinbrachen. Da ich so bei deinem Bilde war, kams mich an, die
+Sonnenstrahlen mit deinem hellen, wogenden Haar zu vergleichen, und als
+ich hinauskam aus dem zarten, kühlen, schüchtern-stillen Waldesdunkel in
+das helle, blaue, weite Freie, stand ich Wanderer wieder still. Der
+Himmel mit seinem sanften, lieben Blau erinnerte mich an deine Augen.
+Weiter ging ich, und da stand ich bald vor einem Haus mit Garten, und im
+Garten standen die schönsten Blumen, die ihre leichten Köpfchen so
+zierlich-schwankend trugen. Da stand dein Köpfchen vor mir mit seiner
+Stirne, Wangen und Lippen, und indem ich das Haus betrachtete, das so
+lieblich nach Behaglichkeit und Wohnlichkeit duftete, dachte ich, es
+müsse süß sein, mit dir zusammen häuslich darin zu hausen. Bald nachher
+traf ich Äpfel an, die an den Zweigen eines Apfelbaumes hingen und mich
+mit ihren roten und gelben Backen freundlich anlachten. Ich bildete mir
+ein, dein rundes Gesicht mit seinen roten, blaßroten Wangen lächele
+zauberisch aus dem Blätterwerk zu mir herab. Reizende Illusionen. Ruhig,
+wie es meine Art ist, und von Träumereien umfangen, ging ich meinen
+bescheidenen Weg weiter, der mich hügelabwärts zu einem blauen, breiten,
+sonnigen Strome führte. Mit sanfter, wohliger Gewalt floß das schöne
+Wasser dahin zwischen grünen glücklichen Ländereien. Ich dachte, wie
+dein sanftes, zartes Wesen mich mit Gewalt zu dir ziehe und wie ich
+glücklich sei darüber. Bist du glücklich? Wenn du es bist, bin ich es
+auch.
+
+
+
+
+Der Hanswurst
+
+
+Da ist einer, sie nennen ihn Hanswurst, weil er so ein dummer Mensch
+ist, der zu nichts Rechtem zu gebrauchen ist. Ich kenne ihn wohl, den
+liederlichen, unklugen Burschen. Es ist mir im Leben noch keiner
+begegnet, zu dem ich rascher hätte sagen mögen: »Du bist ein Schelm«,
+und keiner, der mich mehr nötigte, über ihn zu lachen. Wenn dumme und
+ungesunde Einfälle Zinsen eintragen, so gehört er zu den reichen Leuten,
+aber die Wahrheit ist: er ist arm wie eine Spitzmaus. Ein Sperling hat
+nicht so wenig Aussicht, es in der Welt zu etwas zu bringen als er, und
+dennoch kennt er nur Fröhlichkeit, und es ist mir noch nie gegönnt
+gewesen, einen Zug von Unlust in seinem Spitzbubengesicht zu entdecken.
+Einmal wollte ihn jemand befördern, Hanswurst aber ergriff die Flucht
+vor der Beförderung, als wenn sie ein Unheil sei; so dumm benahm er sich
+im wichtigsten Moment seines Lebens. Er ist und bleibt ein Kind, ein
+Dummkopf, der das Bedeutende vom Unbedeutenden, das Schätzenswerte vom
+Wertlosen nicht zu unterscheiden vermag. Oder sollte er am Ende klüger
+sein, als er selber ahnt, sollte er mehr Witz haben, als er fähig ist zu
+verantworten? Liebe Frage, ich bitte dich, bleibe hübsch unbeantwortet.
+Hanswurst ist jedenfalls glücklich in seiner Haut. Eine Zukunft hat er
+nicht, aber er begehrt auch gar nicht, etwas derartiges zu haben. Was
+soll aus ihm werden? Bete doch einer für ihn! Er selber ist zu dumm
+dazu.
+
+
+
+
+Sonntagmorgen
+
+
+Heute, am Sonntag, ging ich früh ins nahegelegene Land hinaus. In
+unserer Gegend berühren sich Stadt und Land wie zwei gute wackere
+Freunde. Ich machte nur hundert Schritte, oder vielleicht noch hundert
+dazu, und da lag schon der ländliche, zarte Winter vor mir mit seinen
+strubbligen Bäumen und seinem lieblichen Wiesengrün. Ich kam zum Wald,
+der so schön, so still in der grauen, kalten Luft dastand mit graziösen
+Tannenwipfeln. Aus einem entfernteren Pfarrdorf klangen die
+Sonntagsglocken laut und doch leis und still daher über den Waldsaum
+hinüber. Kälte und hartgefrorener Weg und ein schönes breites Bauernhaus
+in dem Gewirr von schwärzlichen Winterbäumen. Ein zarter, friedlicher
+Rauch stieg wie lächelnd aus dem Kamin, und ein kleiner, lustiger,
+kecker Feldweg schlängelte sich quer durch den Acker in den Wald hinein.
+Ich ging an sonntäglich gekleideten Menschen vorbei in meinen alten,
+lieben Wunderwald hinein, später jenseits wieder hinaus, wo wieder Weg
+und Feld, grauer Himmel, Baum und Haus und andre Leute mir begegneten.
+Es lag in aller Winterkälte und -gestorbenheit so viel warmer Friede, so
+viel uraltes und ewig wieder junges und frohes Leben. Eine grüne Anhöhe
+guckte schelmisch zu mir hernieder. Ich liebe, liebe mein Land mit
+seinen Pfaden, Ecken, Kreisen und Winkeln. Bald war ich zu Hause im
+angenehm geheizten Zimmer. Ich setzte mich an den Tisch, ergriff die
+Feder und schrieb dieses.
+
+
+
+
+Ausgang
+
+
+Ich ging hinaus in das kalte Morgengrauen. Bäume und Häuser schwarz und
+Rauch in der Straße. Nach und nach hellte es sich auf. In den Stuben
+brannten die Lampen. Wovon ich aber besonders sprechen will: ich ging
+hinter drei Mädchen, die zur Schule liefen. Viele andere kleine Kinder
+liefen ebenfalls zur Schule. Eines der drei Mädchen ging so schön. Ihre
+kleinen, weichen und schon so vollen Beine machten die lieblichste
+Musik. Ich konnte mich nicht satt daran schauen. Zwei winzige Zöpfe
+hingen ihr den Nacken herab über den Rücken. Die Kleine war schon so
+weiblich bei der Jugendlichkeit, schon so reif bei der unschuldigen
+Unreife. Herrlich sah es aus, wie die Schuhe so weich, mild und voll
+waren mit dem Fuß, und wie die ganze Figur so leicht und doch so
+angenehm schwer vor mir hinlief, und wie das kleine zierliche
+Stiefelabsätzchen sich so anmutig krümmte unter der schönen, leichten,
+weichen Last. Die Formen an dem Kind waren so groß, redeten so weich.
+Bald traten indessen die Mädchen in das Schulhaus, und ich ging meines
+Weges durch den kalten, dunklen Wintermorgen weiter. Ein paar Häuser und
+ein paar Bäume und wenige Menschen. Es tat mir alles so wohl. Der Weg
+und die Wiese waren hartgefroren, und die Berge entlang lag eine graue
+Wolkenschicht, so fest, als könne sie nicht mehr weggehen. Zierlich wie
+Kinder standen kleine Bäume im Wiesengrün, und dann sah ich eine zarte,
+liebe, feine, grüne Anhöhe und das altersgraue Dach von einem
+Bauernhaus, zwei Hunde, noch einen anderen Hund, der mich mit seiner
+warm-nassen Nase antupfte, als sei es ihm darum zu tun, mir guten Morgen
+in aller frischen, kalten Frühe zu wünschen, Arbeiter, die Steine
+abluden. Einmal sah ich zu einem niedrigen Fenster hinein. Eine schöne
+junge Frau im schneeweißen, reizenden Morgengewand stand hinter den
+Fensterscheiben und schaute mich an. Manches schaute auch ich an. Man
+sieht immer etwas.
+
+
+
+
+Die Millionärin
+
+
+In ihrer fünfzimmerigen Wohnung wohnte ganz allein eine reiche Dame. Ich
+sage da Dame, aber die Frau verdiente nicht, Dame genannt zu werden, die
+Arme. Sie lief unordentlich daher, und die Nachbarsleute titulierten sie
+Hexe und Zigeunerin. Ihre eigene Person erschien ihr wertlos, am Leben
+hatte sie keine Freude. Sie kämmte und wusch sich oft nicht einmal, und
+dazu trug sie alte und schlechte Kleider, so sehr gefiel sie sich in der
+Vernachlässigung ihrer selber. Reich war sie, wie eine Fürstin hätte sie
+leben können, aber sie hatte keinen Sinn für den Luxus und auch keine
+Zeit dazu. Reich, wie sie war, war sie die Ärmste. Ganz allein mußte sie
+ihre Tage und ihre Abende zubringen. Kein Mensch, außer etwa der Emma,
+ihrem ehemaligen Dienstmädchen, leistete ihr Gesellschaft. Mit allen
+ihren Verwandten war sie verfeindet. Etwa noch Frau Polizeirat Stumpfnas
+besuchte sie zuweilen, sonst niemand. Die Leute hatten einen Abscheu vor
+ihr, weil sie wie eine Bettlerin daherkam, sie nannten sie eine
+Geizhalsin, und freilich war sie geizig. Der Geiz war ihr zur
+Leidenschaft geworden. Sie hatte kein Kind. So war der Geiz ihr Kind.
+Der Geiz ist kein schönes, kein liebes Kind. Wahrhaftig nicht. Aber
+irgend etwas muß der Mensch haben zum Herzen und Liebkosen. Die arme
+reiche Dame mußte oft in der stillen Nacht, wenn sie so allein saß im
+freudelosen Zimmer, in ihr Taschentuch weinen. Die Tränen, die sie
+weinte, meinten es noch am ehrlichsten mit ihr. Sonst wurde sie nur
+gehaßt und betrogen. Der Schmerz, den sie in der Seele fühlte, war der
+einzige aufrichtige Freund, den sie hatte. Sonst hatte sie weder Freund
+noch Freundin, noch Sohn, noch Tochter. Sie sehnte sich umsonst nach
+einem Sohne, der sie kindlich würde getröstet haben. Ihr Wohnzimmer war
+kein Wohnzimmer, sondern ein Bureau, überladen mit Geschäftspapieren,
+und in ihrem Schlafzimmer stand der gold- und juwelengefüllte eiserne
+Kassenschrank. Wahrlich: ein unheimliches, ein trauriges Schlafzimmer
+für eine Frau. Ich lernte diese Frau kennen, und sie interessierte mich
+lebhaft. Ich erzählte ihr mein Leben, und sie erzählte mir das ihrige.
+Bald darauf starb sie. Sie hinterließ mehrere Millionen. Die Erben kamen
+und warfen sich über die Erbschaft. Arme Millionärin! In der Stadt, wo
+sie lebte, sind viele, viele arme kleine Kinder, die nicht einmal
+genügend zu essen haben. In was für einer sonderbaren Welt leben wir?
+
+
+
+
+Erinnerung
+
+
+So viel ich mich erinnere, war es so: er, der sonderbare ältere Mann und
+ich, der ebenso seltsame, sonderbare, jedoch junge Mann, saßen einander
+in seinem, des älteren Mannes, Zimmer gegenüber. Er schwieg nur immer,
+und ich, ich redete nur immer. -- Was war es, was mich bewegen konnte,
+so stürmisch zu reden, und was war es, was ihn, der mir gegenüber saß,
+bewegen konnte, so beharrlich zu schweigen? Je ungeduldiger, feuriger
+und offenherziger ich sprach, um so tiefer hüllte er sich in sein
+geheimnisvolles, düsteres und trauriges Schweigen. Mit traurigen Augen
+betrachtete er mich vom Kopf bis zu den Füßen, und von Zeit zu Zeit, und
+das war mir das Allerunangenehmste, gähnte er, indem er die Hand wie
+entschuldigend zum Munde führte. Seltsame Käuze, sonderbare Sonderlinge
+waren wir sicherlich beide, er mit seinem Gähnen und beharrlichen
+Stillschweigen und ich mit meinem fortgesetzten Bestürmen eines Ohres,
+das offenbar auf alles, was ich sagte, gar nicht hörte, das ganz wo
+anders hinhorchte, als auf mein herzliches Reden. Jedenfalls war es eine
+bedeutungsvolle Stunde, und darum ist sie mir so lebhaft in der
+Erinnerung geblieben. Auf der einen, d. h. auf seiner, des älteren,
+gereiften Mannes Seite ein glanzloses Auge und ein Benehmen, welches
+Gelangweiltheit verkündete, und auf der anderen, d. h. auf meiner Seite
+idealisch loderndes Wesen und eine hingeworfene, hingegossene
+Beredsamkeit, die, der leichten Welle ähnlich, am Felsen von des
+mürrischen Mannes trockenem und hartem Betragen zerschellte. Sonderbar
+bei der ganzen Sache war, daß ich wohl wußte, wie wenig Wert all mein
+Reden und Sprechen habe, wie wenig Eindruck es machen müsse, und daß ich
+vielleicht gerade darum mich nur um so inniger in das beseelte Sprechen
+hineinsprach. Ich glich einem Brunnen, der nicht anders konnte als zu
+sprudeln, einer Quelle, die hervorbrach mit all ihrem drängenden Inhalt,
+ohne daß sie es wollte. Ich wollte und wollte wieder absolut nicht
+reden. Es drang so heraus, und alles, was ich fühlte und dachte, sprang
+mir als Wort und Satz über die Lippen, welche öfters in der Eile und in
+der seltsamen Beklemmung anfingen zu stottern, wobei es mir war, als
+sehe ich mein Gegenüber spöttisch lächeln, als habe er eine Art von
+dunkler, stiller Freude, mich in der Bedrängnis zu sehen, welche mich
+umflatterte.
+
+
+
+
+Die Schneiderin
+
+
+In einem alten, wenn nicht gar uralten Haus in der Obergasse wohnte,
+wie man mir erzählte, eine junge hübsche Frau, Schneiderin ihres
+Lebenszweckes und Berufes. Sie bewohnte ein großes, saalartiges Gemach,
+welches nach unserer Meinung eher als Versammlungslokal für gelehrte
+Häupter, Stadträte und mehr derlei Personen denn als Wohnzimmer für eine
+lebenslustige und zierliche Frau gepaßt haben würde. Die jugendliche
+Modekünstlerin vermochte des Nachts in ihrem Bett kaum einzuschlafen.
+Leser, wie hättest du es? Möchtest du in solch einem schaurigen,
+traurigen, alten Zimmer leben? Gewiß könntest auch du dort keinen
+rechten Schlaf finden. Das Zimmer war so groß, die Stille, die in dem
+Zimmer herrschte, war so sonderbar, und die Finsternis so dick,
+geheimnisvoll und unergründlich. Du hättest deinen Finger können in die
+Dunkelheit stecken wie in eine Art dicker schwarzer Milch, so
+dickfinster war die unheimliche Stube. Wie von aller gesitteter und
+gebildeter Welt verlassen, lag in den langen zweideutigen finsteren
+Nächten die junge schöne Frau da, sie kam sich so hilflos und schutzlos
+vor, und es war ihr stets zumute, als solle sich etwas Schreckliches,
+Entsetzliches und Ungeheuerliches zutragen. Ihr Zimmer erschien ihr wie
+eine Totengruft, und wenn sie ins Bett stieg, flüsterten ihr die
+ängstlichen Einbildungen ins Ohr, daß sie in einen Sarg hineinsteige.
+Eines Nachts, mitten in der totenstillen, unaussprechlich ruhigen
+Mitternacht, erwachte die Schneiderin; ein Geräusch war in all der
+Geräuschlosigkeit vernehmbar, deutlich, oh, nur zu deutlich hörte sie
+es, und indem sie es hörte, meinte sie, ihren Verstand vor Schreck
+verlieren zu müssen. Es blätterte jemand in der Finsternis in ihrem
+Modejournal. Die Frau, die sich im Bett aufgerichtet hatte, wollte laut
+aufschreien vor Angst, doch die Angst selber unterdrückte den
+Angstschrei, das Entsetzen selber weigerte sich, den Schrei des
+Entsetzens auszustoßen. Der Schrecken selber, wie ein entarteter Vater,
+erstickte seinen Sohn, den Schreckensschrei. Stelle dir das vor, lieber
+Leser, und jetzt stelle dir vor, wie es zu der Schneiderin in das Bett
+hineinstieg. Es war der Tod, der in stiller Mitternacht die junge Frau
+besuchte, um sie mit seinen eisigen Armen zu umfassen, um sie zu küssen
+mit seinen fürchterlichen Küssen. Am anderen Morgen, da jemand zur
+Schneiderin kam, fand er sie tot. Sie lag tot im Bett.
+
+
+
+
+Das Stellengesuch
+
+
+ Hochgeehrte Herren!
+
+Ich bin ein armer, junger, stellenloser Handelsbeflissener, heiße
+Wenzel, suche eine geeignete Stelle und erlaube mir hiermit, Sie höflich
+und artig anzufragen, ob vielleicht in Ihren luftigen, hellen,
+freundlichen Räumen eine solche frei sei. Ich weiß, daß Ihre werte Firma
+groß, stolz, alt und reich ist, und ich darf mich daher wohl der
+angenehmen Vermutung hingeben, daß bei Ihnen ein leichtes, nettes,
+hübsches Plätzchen offen ist, in welches ich, wie in eine Art warmes
+Versteck, hineinschlüpfen kann. Ich eigne mich, müssen Sie wissen,
+vortrefflich für die Besetzung eines derartigen bescheidenen
+Schlupfwinkels, denn meine ganze Natur ist zart, und mein Wesen ist ein
+stilles, manierliches und träumerisches Kind, das man glücklich macht,
+dadurch, daß man von ihm denkt, es fordere nicht viel, und dadurch, daß
+man ihm erlaubt, von einem ganz, ganz geringen Stück Dasein Besitz zu
+ergreifen, wo es sich auf seine Weise nützlich erweisen und sich dabei
+wohlfühlen darf. Ein stilles, süßes, kleines Plätzchen im Schatten ist
+von jeher der holde Inhalt aller meiner Träume gewesen, und wenn sich
+jetzt die Illusionen, die ich mir von Ihnen mache, dazu versteigen, zu
+hoffen, daß sich der junge und alte Traum in entzückende, lebendige
+Wirklichkeit verwandle, so haben Sie an mir den eifrigsten und treuesten
+Diener, dem es Gewissenssache sein wird, alle seine geringfügigen
+Obliegenheiten exakt und pünktlich zu erfüllen. Große und schwierige
+Aufgaben kann ich nicht lösen und Pflichten weitgehender Natur sind zu
+schwer für meinen Kopf. Ich bin nicht sonderlich klug, und was die
+Hauptsache ist, ich mag den Verstand nicht gern so sehr anstrengen, ich
+bin eher ein Träumer als ein Denker, eher eine Null als eine Kraft, eher
+dumm als scharfsinnig. Sicherlich gibt es in Ihrem weitverzweigten
+Institut, das ich mir überreich an Ämtern und Nebenämtern vorstelle,
+eine Art von Arbeit, die man wie träumend verrichten kann. -- Ich bin,
+um es offen zu sagen, ein Chinese, will sagen, ein Mensch, den alles,
+was klein und bescheiden ist, schön und lieblich anmutet, und dem alles
+Große und Vielerforderische fürchterlich und entsetzlich ist. Ich kenne
+nur das Bedürfnis, mich wohl zu fühlen, damit ich jeden Tag Gott für das
+liebe, segensreiche Dasein danken kann. Die Leidenschaft, es weit in der
+Welt zu bringen, ist mir unbekannt. Afrika mit seinen Wüsten ist mir
+nicht fremder. So, nun wissen Sie, was ich für einer bin. -- Ich führe,
+wie Sie sehen, eine zierliche und geläufige Feder, und ganz ohne
+Intelligenz brauchen Sie sich mich nicht vorzustellen. Mein Verstand ist
+klar; doch weigert er sich, Vieles und Allzuvieles zu fassen, wovor er
+einen Abscheu hat. Ich bin redlich, und ich bin mir bewußt, daß das in
+der Welt, in der wir leben, herzlich wenig bedeutet, und somit,
+hochgeehrte Herren, warte ich, bis ich sehen werde, was Ihnen beliebt zu
+antworten Ihrem in Hochachtung und vorzüglicher Ergebenheit ertrinkenden
+
+ Wenzel.
+
+
+
+
+»Geschwister Tanner«
+
+
+Der hinreißende Glanz in den dunklen hauptstädtischen Straßen, die
+Lichter, die Menschen, der Bruder. Ich in der Wohnung meines Bruders.
+Ich werde diese schlichte Dreizimmerwohnung nie vergessen. Es war mir
+immer, als sei ein Himmel in dieser Wohnung mit Sternen, Mond und
+Wolken. Wunderbare Romantik, süßes Ahnen! Der Bruder bis in alle Nacht
+im Theater, wo er die Dekorationen machte. Um drei und vier Uhr des
+Morgens kam er heim, und dann saß ich noch da, bezaubert von all den
+Gedanken, von all den schönen Bildern, die mir durch den Kopf gingen; es
+war, als bedürfe ich keines Schlafes mehr, als sei das Denken, Dichten
+und Wachen mein holder, kräftigender Schlaf, als sei das stundenlange
+Schreiben am Schreibtisch meine Welt, mein Genuß, Erholung und Ruhe. Der
+dunkelfarbige Schreibtisch so altertümlich, als sei er ein alter
+Zauberer. Wenn ich seine feingearbeiteten, kleinen Schubladen aufzog,
+sprangen, so bildete ich mir ein, Sätze, Worte und Sprüche daraus
+hervor. Die schneeweißen Gardinen, das singende Gaslicht, die
+länglich-dunkle Stube, die Katze und all die Meeresstille in den langen
+gedankenreichen Nächten. Von Zeit zu Zeit ging ich zu den munteren
+Mädchen in die Mädchenkneipe, das gehört auch mit dazu. Um nochmals die
+Katze zu erwähnen: sie setzte sich immer auf die beiseite gelegten,
+vollgeschriebenen Papiere und blinzelte mich mit ihren unergründlich-gelben
+Augen so eigentümlich an, so fragend. Ihre Gegenwart glich
+der Gegenwart einer seltsamen, schweigsamen Fee. Ich habe
+vielleicht dem lieben stillen Tier viel zu verdanken. Was kann man
+wissen? Ich kam mir überhaupt, je mehr ich vordrang mit Schreiben, wie
+behütet und wie beschützt vor von einem gütigen Wesen. Ein sanfter,
+zarter, großer Schleier wob um mich. Es sei hier allerdings auch der
+Likör erwähnt, der auf der Kommode stand. Ich sprach ihm so viel zu, als
+ich durfte und konnte. Alles, was mich umgab, wirkte labend und belebend
+auf mich. Gewisse Zustände, Verhältnisse, Kreise sind einmal da, um
+vielleicht nie mehr wieder zu erscheinen, oder dann erst wieder, wo man
+es am allerwenigsten voraussetzt. Sind nicht Voraussetzungen und
+Vermutungen unheilig, frech und unzart? Der Dichter muß schweifen, muß
+sich mutig verlieren, muß immer alles, alles wieder wagen, muß hoffen,
+darf, darf nur hoffen. -- Ich erinnere mich, daß ich die Niederschrift
+des Buches mit einem hoffnungslosen Wortgetändel, mit allerlei
+gedankenlosem Zeichnen und Krizzeln begann. -- Ich hoffte nie, daß ich
+je etwas Ernstes, Schönes und Gutes fertigstellen könnte. -- Der bessere
+Gedanke und damit verbunden der Schaffensmut tauchte nur langsam, dafür
+aber eben nur um so geheimnisreicher, aus den Abgründen der
+Selbstnichtachtung und des leichtsinnigen Unglaubens hervor. -- Es glich
+der aufsteigenden Morgensonne. Abend und Morgen, Vergangenheit und
+Zukunft und die reizende Gegenwart lagen wie zu meinen Füßen, das Land
+wurde dicht vor mir lebendig, und mich dünkte, ich könne das menschliche
+Treiben, das ganze Menschenleben mit Händen greifen, so lebhaft sah ich
+es. -- Ein Bild löste das andere ab, und die Einfälle spielten
+miteinander wie glückliche, anmutige, artige Kinder. Voller Entzücken
+hing ich am fröhlichen Grundgedanken, und indem ich nur fleißig immer
+weiter schrieb, fand sich der Zusammenhang.
+
+
+
+
+Eine Stadt
+
+
+Eines Tages, mitten im Sommer, langte ich in einer Stadt an, in welcher
+ich einstmals gewohnt hatte, die ich aber nun schon seit manchem Jahr
+nicht mehr wiedersah. Sie sah so bleich, so farblos aus, die Stadt, daß
+ich mich vor ihr fürchtete. Ich ging durch die altbekannten Gassen, in
+der Vermutung, daß mich ihr Anblick ergötzen und erquicken werde, doch
+es war ganz anders, der Anblick schlug mich nieder, und ein seltsames,
+unbeschreibliches Verzagen ging mir durch die enttäuschte Seele. Es kam
+mir alles so tot vor, die Leute erschienen mir wie Gespenster. Unerfreut
+starrten mich die bleichen Häuser an, und ich wiederum betrachtete sie
+voller Mißtrauen. Die Frauen kamen mir wie keine Frauen, die Männer wie
+keine Männer vor, und ich selber war zum unglücklichen Gespenst geworden
+in der gespenstischen und unglücklichen Umgebung. Das elektrische Tram
+erschien mir wie irrsinnig, die ganze Stadt machte mir den kummervollen
+Eindruck eines traurigen, hoffnungslosen Traumes. Gebeugt von der Unruhe
+und niedergeschlagen von den üblen Eindrücken, trat ich in ein
+Wirtshaus, um mich ein wenig zu erfrischen, aber ich fand nur
+neuerlichen Schrecken. »Warum bin ich nur hierher gekommen,« dachte ich,
+und ich verließ die Halle. In der Gasse, durch die ich nun ging, roch es
+wie nach dem Entsetzen. Ein altes geschminktes Weibsbild lächelte
+gräßlich aus einem Fenster zu mir herunter. Mir schien, als wenn der
+Mord hier herum zu Hause sei. Ich sehnte mich nach einer Tiefe, nach
+einer Kühle, aber es war ringsum alles flach, schwül und leer. Staub in
+den engen, fürchterlich kleinen Gassen, in denen Zwerge und
+ungezieferartige Tiere zu leben und zu hausen schienen und nicht
+Menschen. Die Fenster grinsten wie Grimassen mich an, und die offenen
+Haustüren sahen aus, als seien sie sperrangelweit offen für jegliche Art
+von Verrat, Laster und Verbrechen. Keine Tugend, keine Ehrlichkeit,
+keine Ehrsamkeit schien mehr in dieser weltverlassenen Stadt möglich,
+ich konnte kein Kindergesicht finden, die Kinder schienen gestorben zu
+sein in dieser Stadt des starrenden und stierenden Entsetzens. Ich ging
+wie wund umher, ich hätte mich am liebsten am Straßenboden niedersetzen
+und heulen mögen, wie ein Tier, wie ein armer Hund, der seinen lieben
+gütigen Herrn verloren. Ohne Stern war diese Stadt, ohne Sonne und ohne
+Mond. Traurig ging ich weiter. Da zog es mich in ein Haus, o, in ein
+Haus hinein, in das ich früher so oft gegangen. In dem Hause hatte ich
+einstens gewohnt, und wie fröhlich war ich aus- und eingegangen. Jetzt
+konnte ich das gar nicht mehr begreifen. Furchtsam stieg ich die Treppe
+hinauf, die schlecht gehalten war. Eine Beklemmnis begleitete mich
+hinauf, und da sah ich das dunkle Zimmer wieder, in welchem ich ehemals
+logiert hatte, aber es war ein anderes Zimmer. Ich kannte es nicht mehr.
+Es glich einem Sarg, und ein eisiger Schauer lief mir über den Rücken.
+Ich ging nun auf die Suche nach einer Frau, die ich geliebt hatte, aber
+die Leute schauten mich fremd und verständnislos an, als habe ich mich
+nach einer Frau erkundigt, die vor tausend Jahren lebte. Wie süß, wie
+liebevoll war sie gewesen. Ich fühlte noch die sanften Liebkosungen
+ihrer Hand auf meiner Stirn, und es war mir, wie ich nun so meines Weges
+weiterging, als sollte sie auf mich hinzutreten und mich küssen. Aber es
+begegnete mir niemand, der mich kannte. Alles, alles war fremd. Mir war
+nichts wert, und ihnen allen, den fremden Leuten, war ich nichts wert.
+Ich drehte der Stadt den Rücken und wanderte weiter.
+
+
+
+
+Spaziergang
+
+
+Ich habe einen wohligen, kleinen, appetitlichen Spaziergang gemacht,
+leicht und angenehm wickelte er sich ab. Ich ging durch ein Dorf, dann
+durch eine Art von Hohlweg, dann durch einen Wald, dann über ein Feld,
+dann wieder durch ein Dorf, dann über eine eiserne Brücke, unter welcher
+der breite, sonnige, grüne Strom vorüberfloß, dann den Strom langsam
+entlang und so fort, bis es Abend wurde. Doch ich muß wieder zu dem Wald
+zurückkehren. Übrigens werde ich sehr wahrscheinlich auch über die
+Brücke noch etwas zu sagen haben. Im Wald war es so heilig-still, so
+feierlich, und als ich aus dem feuchten, dunkelgrünen Tannenwald
+herauskam, sah ich am Rand des Waldes zwei Kinder, die Holz
+zusammengelesen hatten, und die so helle Gesichter und Arme hatten. Die
+Wintersonne warf einen milden, goldenen Wunderglanz über den Feldhügel,
+über grüne Wiesen und dunkelbraunes Ackerland. Kahle, schwarze Bäume
+standen in der Sonne. Da sah ich, indem ich so ging, ein neues
+Kindergesicht, ein süßes, welches mich anlächelte. Und dann kam ich, wie
+gesagt, zu der Brücke, die ganz im Golde und im Silber der Sonne
+schimmerte und zuckte. Wonnig und großartig floß das Wasser unter der
+Brücke. Später, im Feldweg, begegnete mir eine Frau, deren ich mich
+darum erinnere, weil sie mich so freundlich grüßte. Da dachte ich:
+»Welch ein Vergnügen ist es doch, unter den Menschen sein zu dürfen.«
+Die Häuser am anderen Ufer des Flusses standen so schön, so frei auf der
+grünen Anhöhe, und die Fenster waren voll gelben Schimmers. Eine Schar
+Vögel flog in den brennenden Abendschimmer hinein. Ich verfolgte mit
+meinen Augen die Kette, bis sie verschwand. Eine Seite der Welt war
+ruhig und warm und dunkel, die andere war kalt und goldig und
+schimmernd-hell. Ruhig, Schritt für Schritt, ging ich weiter, bis ich
+einbog ins Land. Alsdann sah ich einige Leute, eine Frau und ein Kind
+unter abend-schwärzlichen Bäumen. Ihre Augen sahen mich so fragend an.
+Dann ging ich neben einem Haus vorbei, das ganz allein auf freiem weiten
+Felde stand, ein zierliches, wunderseltsames altes liebes Gärtchen davor
+oder daneben. Das Gärtchen umzäunt von einer wunderlichen,
+phantastischen Hecke. Nun wurde mir mit einem Mal alles zu Traum, Liebe
+und Phantasie. Alles, was ich jetzt anschaute, nahm große und hohe Form
+an. Die Gegend selber schien zu dichten, zu phantasieren. Sie schien
+über ihrer eigenen Schönheit zu träumen. Das Land war wie versunken in
+ein tiefes, musikalisches Denken. Ich blieb bezaubert von der Schönheit,
+die mich umgab, stehen und schaute mich aufmerksam nach allen Seiten um.
+Es war Abend geworden, das Grün sprach eine herrliche abendliche
+Sprache. Farben sind wie Sprachen. Dem Haus, bei dem ich stand, hing das
+Dach in die Fenster hinab wie eine Kopfbedeckung in die Augen. Sind
+nicht die Fenster die Augen der Häuser? Ich mußte jetzt zum Halbmond
+hinaufblicken, der hoch über dem Waldberg stand. Wundersam war es mir,
+zu sehen, wie die dunkle Erde so warm, so gesellig, so wohlig-ruhig
+dalag, und wie der Mond da oben in der schimmernd-blassen und kalten
+Himmelseinsamkeit schwebte und glänzte. Seine Farbe war ein scharfes,
+eisigkaltes Silbergrün. Göttlich schön und unaussprechlich dunkel stand
+der Wald mit seinen reizenden Tannenspitzen unter dem graziösen
+Herrscher, dem herrlichen Mond. Ich kam an einem anderen Haus vorüber,
+eine Frau stand an der Tür, und ein Kätzchen kauerte neben ihr. Ich ging
+mit meinen Gedanken in das Haus hinein und blieb mit ihnen darin wohnen.
+»Wie sind Menschen und Häuser einander ähnlich,« sagte ich murmelnd zu
+mir selber. Dunkler und dunkler wurde es. Abende sind Gottheiten, und im
+Abend ist man wie in einer süßen, hohen, wehmutreichen Kirche. Am
+blassen Himmel stand jetzt ein feuriges, süßes Rot. Es war, als sei der
+Himmel eine Wange, die vor Glück und vor Seligkeit erglühe. Ein
+Bauernbursche führte eine braune Kuh neben mir vorüber. Die kleinen
+Dorfkinder sagten gar wunderschön aus dem zunehmenden Abenddunkel heraus
+guten Abend. Alle Gesichter waren rötlich angeglüht vom rosig-glühenden
+Abendrot. Schon zeigten sich die Sterne. Da war gerade das Wirtshaus am
+Weg. Ich ging hinein.
+
+
+
+
+Das Kätzchen
+
+
+Ich kam nur eben vom Berg herab in eine kleine, nette, altertümliche
+Vorstadt hinein. Ein Haus stand da, das war so zart, als blinzle es mit
+seinen Augen, will sagen, mit seinen Fenstern. Eine alte Frau stand an
+der Straße und streckte ihren Kopf in eines der Fenster, sie führte wohl
+ein gehäkeltes Gespräch mit einer Nachbarin. Aber die Hauptsache ist:
+ich sah vor dem Haus eine Katze, nein, keine Katze, sondern ein junges
+Kätzchen, gelb und schneeweiß von Farbe. Durchs Fenster, welches
+geschlossen war, sah ich eine gute alte Frau an der Nähmaschine sitzen
+und fleißig nähen. Ganz entzückt von dem lieben kleinen Kätzchen blieb
+ich stehen, um das Tier sorgfältig zu betrachten, welches da ganz still
+saß, den Schwanz zwischen die Vorderpfoten geringelt. Die Frau sah, daß
+da ein fremder Mann so still stand, sie trat ans andere Fenster, das
+offen war, und schaute zu mir heraus mit freundlichen Augen. »Ach so,«
+sagte sie, »Sie schauen sich wohl die Katze an.« »Ja,« sagte ich. Das
+Kätzchen schaute zu der Frau hinauf und ließ ein kleines, feines, süßes
+Miauen vernehmen, wobei es die Zähnchen zeigte. Ich grüßte die Frau und
+ging weiter. Noch aber bog ich mich einmal zurück und sah, wie das
+Kätzchen nach einem dürren Blatt haschte. Wie der Wind wirbelte das
+liebe muntere Tier herum. Wirklich wehte auch gerade der Seewind. Ich
+kam durch die Stadt, die nur eine einzige, dafür aber breite Straße
+besitzt. Nun, und da kugelten zwei Jungen am Boden, zwei drollige
+Jungen, noch nicht einmal für die Schule reif. Was vermag ich noch
+beizufügen? Nicht sonderlich viel. Ein großes altersgraues Schloß war
+da, und daneben floß ein Strom. Ich ging heim, und während ich so
+heimwärts ging, hatte ich immer noch in Gedanken mit dem gelben und
+weißen Kätzchen zu tun. Wie man doch nur achten mag auf so kleinliche
+Dinge.
+
+
+
+
+Tannenzweig, Taschentuch und Käppchen
+
+
+An einem Vormittag stieg ich den waldbesetzten, steilen Berg hinauf. Es
+war heißes Wetter, und der Aufstieg kostete mich manchen Schweißtropfen.
+Der grüne Wald glich an Helligkeit und Schönheit einem Lied. Wie ich
+oben auf der Höhe ankam, konnte ich so recht frei in die weiße
+schimmernde Tiefe blicken. Das tat ich, und ich konnte mich an der
+herrlichen Aussicht gar nicht satt schauen. Wie schön, wie wohltuend ist
+eine Aussicht von einem hohen Berge. Der Blick schweift in die weite,
+umflorte, helle Ferne und steigt nieder in die wohllüstige,
+göttlich-schöne Tiefe. Wundersames Blau war am Himmel. Der Himmel
+zerfloß in süßem Blau, war ganz getränkt von Blau. Blau und grün und die
+goldene Sonne stimmen wunderbar zusammen, gleich einem süßen, milden,
+dreistimmigen, freundlichen Lied, wo jede Stimme sich um die andere
+schlängelt, wo jede Stimme die andere liebkost und küßt, wo alle drei
+seligen, glücklichen Stimmen einander umwinden und umschlingen. Ich kam
+nachher zu einer Bank mitten im kühlen, grünen, hohen Tannenwald
+gelegen, und was sah ich darauf liegen? Einen Tannenzweig, ein
+Taschentüchelchen und ein Puppenkäppchen. Wie stimmte mich nun wieder
+dieser neue Anblick fröhlich, wo mich vorher der Anblick der Naturhöhe
+und -tiefe beglückt, berauscht und erheitert hatte. »Ein Kind muß hier
+gewesen sein und hat diese lieben Zaubersachen hier liegen lassen,«
+sagte ich, indem mich ein Lächeln ankam, zu mir selber. Der grüne
+Tannenzweig lag auf dem kindlich weißen, zarten und blassen Taschentuch
+so weich, und das Käppchen, wie lächelte es den aufmerksamen Beschauer
+so freundlich, so naiv an. »O Gott, o Gott,« rief es in mir, »wie ist
+die Welt durch das Dasein süßer, lieber, unschuldiger Kinder schön und
+ewig, ewig wieder gut. Daß man doch nie aufhöre und immer wieder von
+neuem anfange, an die Güte, an die Schönheit, an das Glück, an die Größe
+und an die Liebe der Welt zu glauben.« Noch warf ich auf Tannenzweig,
+Taschentuch und Käppchen rasch einen Blick und eilte weiter, denn es
+ging gegen Mittag, und ich wollte punkt zwölf beim Mittagessen sein.
+
+
+
+
+Der Mann
+
+
+Einmal saß ich in einem Restaurant am Viehmarktplatz. Es sitzen dort
+mitunter sehr feine Herren, doch von den feinen Herren will ich nicht
+reden. Feine Herren bieten gar wenig Interessantes dar. Wollen
+unterhalten sein, sind selber absolut nicht unterhaltend. Ein Mann saß
+in einer Ecke, der hatte einen heiteren, gütigen, freien Blick. Seine
+Augen ruhten wie in unabsehbaren Fernen, in Ländern, die mit der Erde
+nichts zu tun haben. Der spielte alsogleich auf einer Art von Flöte, daß
+alle die, die im vornehmen Restaurant saßen, die Augen auf ihn richteten
+und auf seine Musik lauschten. Wie ein großes, gut gelauntes, starkes
+Kind saß der Mann da mit seinen sonnigen Augen. Nachdem das
+Flötenkonzert vorbei war, kam ein Klarinett an die Reihe, welches er
+nicht minder vortrefflich spielte und handhabte wie die Flöte. Er
+spielte sehr einfache Weisen, aber er spielte sie vorzüglich. Hierauf
+krähte er wie ein Hahn, bellte er wie ein Hund, miaute er wie eine Katze
+und machte er mu! wie eine Kuh. Er hatte sichtlich seine eigene Freude
+über die verschiedenen Töne, die er zum Besten gab, doch das Beste kam
+hinterdrein, denn jetzt zog er aus einem Henkelkorb, den er unter dem
+Tisch stehen hatte, eine Ratte hervor und spielte liebes Kindchen mit
+ihr. Er gab der Ratte von seinem Bier zu trinken, und es zeigte sich
+deutlich, daß Ratten sehr gerne Bier trinken. Ferner steckte er das
+Tier, vor dem alle vernünftigen Menschen einen so entschiedenen Abscheu
+haben, in die Rocktasche, und zu guter Letzt küßte er es auf sein
+spitziges Maul, wobei er fröhlich vor sich hin lachte. Eigentümlich war
+der Mann mit dem versonnenen, verlorenen Ausdruck in den glänzend-klaren
+Augen. Ein Freund der Musik und ein Freund der Tiere war er. Sehr
+sonderbar war er. Er machte auf mich einen tiefen, zum mindesten doch
+nachhaltigen Eindruck. Überdies sprach er sehr gut französisch.
+
+
+
+
+Das Pferd und die Frau
+
+
+Daß ich zwei kleine Erinnerungen aus der Großstadt doch nicht vergesse
+niederzuschreiben. Die eine betrifft einen Pferdekopf, die andere eine
+alte arme Streichholzverkäuferin. Um beide Dinge, um das Pferd sowohl
+wie um die Frau ist es Nacht. In einer Nacht, wie in so vielen anderen
+Nächten, die bereits verbummelt und in das Vergessen hinabgeschüttet
+waren, zog ich im eleganten, gleichwohl aber nur geliehenen Überzieher
+durch die Straße, als ich an einer der belebtesten Stellen ein Pferd,
+das vor ein schweres Fuhrwerk gespannt war, erblickte. Das Pferd stand
+still da im undeutlichen Dunkel, und viele, viele Menschen eilten an dem
+schönen Tier vorüber, ohne ihm eine Spur von Aufmerksamkeit zu schenken.
+Auch ich eilte, ich hatte es sehr eilig. Ein Mensch, der bestrebt ist,
+sich amüsieren zu gehen, hat es stets furchtbar eilig. Doch betroffen
+durch den wunderbaren Anblick des weißen Pferdes in der schwarzen Nacht
+blieb ich stehen. Die langen Strähnen hingen dem Tier herab bis zu den
+großen Augen, aus denen eine unnennbare Trauer schaute. Unbeweglich, als
+sei es eine weiße Geistererscheinung, aus dem Grab herausgestiegen,
+stand das Pferd da, mit einer Ergebenheit und Duldung, die an Majestät
+mahnte. Doch weiter riß es mich, denn ich wollte mich ja amüsieren. Auch
+in einer anderen Nacht war ich auf dem Sprung in das nichtswürdige
+Vergnügen. Allerlei Lokale hatte ich bereits durchstreift, da bog ich in
+eine finstere Straße hinein, und da rief's mich aus dem Dunkel an:
+»Streichhölzchen, mein junger Herr.« Eine alte arme Frau hatte dermaßen
+gerufen. Ich blieb stehen, denn ich war gerade voll herzlich guter
+Laune, griff in die Westentasche nach einem Geldstück und gab es der
+Frau, ohne ihr von ihrer Ware etwas abzunehmen. Wie sie mir da dankte
+und mir Glück in die dunkle Zukunft wünschte. Und wie sie mir ihre alte,
+kalte, magere Hand darreichte! Ich ergriff die Hand und drückte sie, und
+froh über das kleine Erlebnis lief ich meinen Weg weiter.
+
+
+
+
+Die Handharfe
+
+
+Ich stand in der finsteren, sternenlosen Nacht an einer Straße, die
+hinauf ins Gebirge führt. Da kamen mit Musik und lustigem Gespräche drei
+Knechte oder Burschen an mir vorüber und gingen im kecken Taktschritt
+weiter. Bald umfing sie die Finsternis, und ich sah schon nichts mehr
+von ihnen, aber die Handharfe, welche einer von den dreien kunstgerecht
+spielte, drang zurück aus dem Dunkel und bezauberte mein Ohr. Im Spiel
+der Handharfe sind bisweilen simple junge Leute große Meister. Dieses
+Instrument bedarf einer starken, festen Faust, und hieran lassen es
+Burschen aus den Bergen gewiß nicht fehlen. So stand ich denn und
+lauschte. Der prächtige, königliche Ton, sanft, groß und warm, ging
+mit den Burschen in immer weitere Ferne. Sie mochten jetzt im Walde
+angelangt sein, der Ton wurde weicher und leiser, in Wellen stieg er
+auf und nieder. Ich dachte über einen Vergleich nach und verglich
+den Klang mit einem Schwane, der tönend durch die Finsternis gleite.
+Bald war alles still. In den Berggegenden ziehen die Knechte gerne
+handharfespielend vor die Häuser, in denen ihre Mädchen wohnen.
+Auch die drei Burschen gingen zu einem Mädchen.
+
+
+
+
+Die Fee
+
+
+Ein armer, junger Wanderbursche, eine Art umherziehender Dichter, kam
+auf einer seiner wilden Wanderungen vor ein artiges, graziöses
+Schlößchen, das ganz im leichten, hellen, süßen Frühlingsgrün versteckt
+war. Aus einem Fenster schaute eine Frau und weil der junge Mann so
+still stand und zu ihr aufschaute, so gefiel es der Dame, die eine Fee
+oder etwas Feeähnliches war, zu ihm zu sagen, er solle doch zu ihr
+hineinkommen. Das tat der Bursche, und aufs Allerfreundlichste hieß ihn
+die schöne Frau willkommen. »Bleibe doch bei mir«, sagte sie zu ihm,
+»was willst du nur immer weiter und weiter wandern?« Eine Zeitlang blieb
+der Bursche bei ihr, eine Zeitlang gefiel ihm das Leben bei der süßen,
+lieben, hohen Fee. Doch bald stellte sich in seiner Brust die
+Wandersehnsucht wieder ein. Er wurde traurig, und er kam sich wie
+versteinert vor. Das Marschieren fehlte ihm. »Was hast du? Gefällt es
+dir nicht mehr bei mir?« fragte die Frau den Veränderten. Er gab aber
+keine Antwort, sondern schaute zum Fenster hinaus in die grünliche,
+bläuliche Ferne, wo für ihn der ganze Genuß des Daseins lag. Die Fee
+wollte ihn küssen, doch er wich dem Kusse aus. Sie ging aus dem Zimmer
+und weinte. Das ging so eine Weile, bis endlich der Bursche eines frühen
+Morgens reisefertig vor der lieben Dame stand, um Abschied von ihr zu
+nehmen. Göttliches, bezauberndes Morgenrot brannte am Himmel, und die
+Vögel auf den grünen Zweigen sangen so verführerisch. »Ich will, ich
+muß gehen,« sagte er, »ich muß wieder hinauswandern in die weite Welt.
+Ich sterbe hier, ich fühle es. Ich muß meine Beine brauchen. Ich muß
+Landstraßenluft einatmen, und wenn auch das Essen noch so schlecht ist,
+so will ich doch lieber wieder im dürftigen Speisehaus essen als hier im
+reizenden Schloß, wo ich träge bin. Lassen Sie mich ziehen und haben Sie
+Dank für die vielerlei Freundlichkeit, die Sie mir zu genießen gegeben
+haben.« So sprach der unkluge Bursche, und ohne auf das zu achten, was
+die Fee sagte, ging er weg, und indem er wegging, sang er mit lauter,
+frischer, fröhlicher Stimme ein Burschenlied in die offene, schöne,
+warme Welt hinein. Weg war er, und die Fee hat ihn nie mehr wieder
+gesehen.
+
+
+
+
+Kleine Wanderung
+
+
+Ich lief heute durch das Gebirge. Das Wetter war naß, und die ganze
+Gegend war grau. Aber die Straße war weich und stellenweise sehr sauber.
+Zuerst hatte ich den Mantel an; bald aber zog ich ihn ab, faltete ihn
+zusammen und legte ihn auf den Arm. Das Laufen auf der wundervollen
+Straße bereitete mir mehr und immer mehr Vergnügen, bald ging es
+aufwärts und bald stürzte es wieder nieder. Die Berge waren groß, sie
+schienen sich zu drehen. Die ganze Gebirgswelt erschien mir wie ein
+gewaltiges Theater. Herrlich schmiegte sich die Straße an die Bergwände
+an. Da kam ich hinab in eine tiefe Schlucht, zu meinen Füßen rauschte
+ein Fluß, die Eisenbahn flog mit prächtig weißem Dampf an mir vorüber.
+Wie ein glatter, weißer Strom ging die Straße durch die Schlucht und wie
+ich so lief, war's mir, als biege und winde sich das enge Tal um sich
+selber. Graue Wolken lagen auf den Bergen, als ruhten sie dort aus. Mir
+begegnete ein junger Handwerksbursche mit Rucksack auf dem Rücken, der
+fragte mich, ob ich zwei andere junge Burschen gesehen habe. Nein, sagte
+ich. Ob ich schon von weit her komme? Ja, sagte ich, und zog meines
+Weges weiter. Nicht lange, und so sah und hörte ich die zwei jungen
+Wanderburschen mit Musik daherziehen. Ein Dorf war besonders schön mit
+niedrigen Häusern dicht unter den weißen Felswänden. Einige Fuhrwerke
+begegneten mir, sonst nichts, und ein paar Kinder hatte ich auf der
+Landstraße gesehen. Man braucht nicht viel Besonderes zu sehen. Man
+sieht so schon viel.
+
+
+
+
+Wirtshäuselei
+
+
+Eines Tages, im heißen Sommer, geschah es, trug es sich zu und machte es
+sich, daß ich mich ganz furchtbar für Gaststuben interessierte. Ich weiß
+nicht, ob es ein Zauberspuk war, genug, es zog mich bald in dieses, bald
+in jenes Wirtshaus hinein. Meistens sind ja die Wirtshäuser auch gerade
+so schön bequem an der Straße gelegen. Und kurz und gut, ich kehrte dir,
+lieber Leser, da und dort hübsch artig und solid ein. Ich bin sonst ein
+sehr, ein sehr solider Mensch, doch an diesem Tag erreichte ich den
+Gipfel alles dessen, was handwerksburschenhaft und unsolid ist. Wie eine
+Leidenschaft war es über mich gekommen, daß ich alles, was einem
+»Schwanen«, einem »Löwen«, einem »Bären«, einer »Krone« oder einem
+»Rebstock« ähnelte, untersucht und erforscht haben mußte. Bald war es
+ein Zweier, bald ein Dreier und bald ein halber Liter, was ich trank,
+und ich trank mit dem größten Vergnügen beides, Rot- wie Weißwein.
+Wollte ich ein Weinkenner werden? Lag eine dunkle Absicht in mir, mich
+zum Weinhändler und -schmecker auszubilden? War das Ganze eine
+Phantasie? Ein Traum? Nein, nein, es war Wirklichkeit. Die Sonne, o wie
+lächelte sie so süß auf den heiter-blauen Tag herab, den ich vertrank.
+Und so ging es von einer Einkehrsgelegenheit recht manierlich in die
+nächstbeste andere. Es war ein Einkehren und draus wieder Herausfegen,
+und als die Sonne untersank, hatte ich etwas so Schönes, etwas so
+rätselhaft Schönes im Besitz. Etwas Herrliches hatte ich mir zu eigen
+gemacht. Ich besaß Reichtümer, unerhörte Reichtümer, es flimmerte und
+tanzte mir vor den Augen. Kaum vermochte ich noch zu gehen, so stark
+drückte eine holde, reiche Last auf mich herab. Das Gehen kam mir wie
+ein fremdartiges, unbegreifliches Etwas vor, und eine Lust war in mir,
+umzufallen und friedfertig am Boden liegen zu bleiben. Was hatte, was
+hatte ich denn nur jetzt? Was war's, was ich an mich gerissen, was ich
+mir erobert hatte? Ich besann und besann mich, aber ich vermochte es mir
+nicht zu erklären.
+
+
+
+
+Der Morgen
+
+
+Gestern bin ich früh aufgestanden. Ich schaute zum Fenster hinaus. In
+der Ferne, über dem Waldrücken war der Himmel glühend rot. Es war noch
+vor Sonnenaufgang, die Welt war kalt und dunkel. Das Hochgebirge
+zeichnete sich mit seinen zackigen Gipfeln herrlich-groß und dunkel im
+brennenden Morgenrot ab. Ich zog mich rasch an, und ging hinunter, um in
+den wundervollen, frischen Wintermorgen hinauszugehen. Der ganze Himmel
+war voll rötlichen Gewölkes. Im Dorf, das nur wenige Schritte von
+unserer Stadt entfernt ist, war die glänzende, rosige Straße voll
+Schulkinder, die eilig zur Schule liefen. Rührend erschienen mir die
+zahlreichen jungen Gestalten in ihrer Emsigkeit in dem goldenen Morgen,
+der silberig glänzte. Eine seltsame, jugendliche Klarheit wehte, gleich
+einem frischen Wind, durch die Gasse. Auch wehte ja der Morgenwind und
+einige welke Blätter fingen über die Straße an zu tanzen. Prächtig
+schimmerte der Glanz des Göttermorgens durch die Äste der kahlen Bäume.
+Ich atmete aus voller Brust die köstliche Luft ein, einige Häuser
+schimmerten grünlich, andere strahlten in süßem, reinem Rosarot, und das
+Grün der Wiesen war so frisch. Aus der Nacht und ihrem Dunkel war alles
+hell und unsäglich freundlich aufgestanden. Die Gesichter der Menschen
+leuchteten so morgendlich. Die Augen blitzten und glitzerten, und am
+Himmel schimmerten noch die Sterne in überirdischer, verzehrender
+Schönheit. Überall ein Glanz und ein Wind. Der Wind fegte daher wie
+jugendliche Hoffnung, wie neue, nie empfundene Zuversicht. Alles bewegte
+sich, die Wäsche flatterte und knatterte, der Eisenbahnrauch flog auf
+und verlor sich. Auch ich verlor mich. Ich war wie verzaubert, wie neu
+geboren, und voll Entzücken schaute ich zum Morgenrot hinauf, wo das
+selige, goldene Gewölke schwamm. In Herrlichkeit und in Seligkeit
+zerrinnend löste es sich auf, und da trat die Sonne hervor, der Tag war
+da.
+
+
+
+
+Der Ausflug
+
+
+Ich ging aus der Stube auf die Straße. Es war zu schönes Wetter, ich
+vermochte nicht das schöne Wetter zu betrachten und dabei zu Hause zu
+bleiben. Mild wie ein kleines, artiges Kind sah die Welt aus, so still
+und hell, so freundlich-grünlich. Gravitätisch und ernsthaft schritt ich
+vorwärts wie einer, der einen wichtigen Gang zu machen hat, etwa wie ein
+sanfter, gesetzter Steuereinnehmer oder fast wie ein Notar, der über das
+Land läuft. Es ist mir zur Gewohnheit geworden, stets so aufzutreten,
+wie wenn ich Wichtiges und Nützliches im Sinne hätte. Man sieht gut aus
+so, und die Leute achten einen. Beim Bahnübergang mußte ich warten, aber
+ich blieb ganz gern eine kleine, feine Weile stehen. Alsdann und so ging
+es weiter, durch ein Dorf, das ganz in Lieblichkeit gebadet dastand,
+durch einen Wald, zum Wald wieder hinaus über ein Feld durch ein anderes
+Dorf. Stellenweise war der Weg recht pappig, breiig und schmutzig. Da
+tat ich, als sei ich weiß wunder wie entsetzt über die Unreinlichkeit,
+wie der feinste Herr der Welt. Das Dorf war groß und schön, und da stand
+auf der grünen sanften Anhöhe ein Bauernhaus, eine rechte Pracht von
+einem Haus. Spielende Kinder auf der Landstraße und alles so leise, so
+dunkel, so hell und so weich. Es war, als erwarte die ganze Welt etwas
+Liebes und Schönes, stehe darum so zart da, so still. Das Dorf hatte ein
+so kluges, gescheites Aussehen, und das Wirtshaus stand so imposant an
+der Straße, daß ich recht ordentlich Respekt vor ihm bekam und kaum an
+ihm aufzuschauen wagte. Auch war die gestrenge Ortspolizei in nächster
+Nähe, bei deren Anblick ich mir so eigentümlich vagabundenhaft vorkam. O
+das Gehen in die weite, saubere, stille Welt hinein ist eine Königslust.
+Ein zweites Dorf tauchte bald danach auf. Dann ging ich den Berg hinauf.
+Auf dem Berg oben stand in der Waldlichtung ein wunderschönes, altes
+Gehöfte, so stolz, still und einsam. Bald ging ich wieder bergabwärts,
+durch den winterlich kahlen Wald. Abends war ich zu Hause, gerade schön
+pünktlich zum Abendessen. Ich bin und bleibe halt ein sonderbarer Freund
+der Pünktlichkeit.
+
+
+
+
+Schnee
+
+
+Wir haben hier Schnee, lieber Freund, soviel du begehrst und du Lust
+hast. Das ganze Land ist dick mit Schnee bedeckt. Wohin man blickt:
+Schnee; Schnee da und Schnee dort. Auf allen Gegenständen liegt er, und
+die Leute unserer Stadt, groß und klein, werfen sich, um sich ein
+Vergnügen zu machen, Schneebälle an. Die Kinder können soviel Schlitten
+fahren als sie wollen, und das wollen sie gern. Gestern stieg ich im
+Schnee den Berg hinauf, und je höher ich kam, um so tiefer watete ich im
+tiefen, weichen Zeug. Nicht nur die Zweige und Äste der Bäume, sondern
+auch die hohen Stämme waren mit der weißen Last bedeckt. Es war nämlich
+Schneesturm gewesen, und da fegte aus Westen das tolle Schneewesen
+daher, als wolle es von seitwärts die Welt mit Weiß überschütten. Nimmt
+mich wunder, daß nicht Haus und alles zugedeckt worden ist. Immer höher
+in den verschneiten Wald hinauf stieg ich. Es ging nicht ab ohne einiges
+Ächzen, denn im frischen tiefen Schnee läuft sichs schwer. Ich zog den
+Hut vom schwitzenden Kopf ab wie im Sommer, und mein Wintermantel wurde
+mir lästig. Da hörte ich Axtschläge. Ein junger Bursche stand ganz
+allein in der weißen, abendlichen Waldeinsamkeit und machte sich mit
+einer Tanne zu schaffen. Weiterhin und so stieß ich auf ein sonderbares
+unerwartetes Hindernis. Zwei große Tannen, vom Sturm zu Boden gerissen,
+lagen ihrer stattlichen Länge nach mitten im engen Waldweg und
+versperrten denselben mit ihren weitausgreifenden Ästen. Doch ich
+arbeitete mich wacker durch und ging weiter. Schon wurde es finster im
+weißen Zauberwald. Da ging ich bergabwärts, durch all den Schnee. Einmal
+warf es mich um, daß ich im Schnee saß, als habe ich mich zu Tisch
+setzen wollen, um zu soupieren. Ich raffte mich auf, mußte lachen und
+beschleunigte den Heimweg.
+
+
+
+
+Der Blick
+
+
+Eines Tages, im Sommer, es war in der Mittagsstunde, und ich ging
+langsam nach Hause, um zum Essen zu gehen, begegnete mir in der
+Gartenstraße des Villenquartieres, durch welches ich meine Schritte
+lenkte, in all der Hitze und in all der Stille, die auf der
+menschenleeren, hellen, ja, man muß sagen, grellen Straße herrschte,
+eine so sonderbare Frau, als je eine vor kürzerer oder längerer Zeit mir
+konnte begegnet sein. Müde und matt, so, als sehne sie sich im tiefsten
+Innern nach einer Befriedigung und Sättigung, schritt sie auf der andern
+Seite der Straße daher und indem sie mir näher kam, entdeckte ich an der
+edlen Haltung, die sie nachlässig und fast verächtlich zur Schau trug,
+eingeborener Gewohnheit gehorchend, und an den kostbaren Kleidern, daß
+sie von vornehmem Stande sein müsse. Sozusagen träge und eine halbe
+Interessiertheit ins Auge legend, schaute ich die fremde Dame kühl und
+ruhig an; sie jedoch strafte mich, den sie ebenfalls anschaute, mit
+einem langen und tiefen Blick voll Stolz und Klage. Es wollte mir später
+vorkommen, als sei der Blick der schönen, stolzen, unglücklichen Frau,
+bevor er mich getroffen habe, in den Himmel gedrungen und von hoch oben
+herab auf mich gefallen, und noch heute sehe ich ihn, dunkelbraun und
+voll Glut, auf mich gerichtet, den Blick der Frau.
+
+
+
+
+Der Heidenstein
+
+
+In dem Wald, der, weil er so schön ist, mich immer wieder zu sich zieht,
+steht unter den hohen, schlanken, ernsten Tannen ein Stein, den die
+Leute den Heidenstein nennen, ein schwärzlicher, moosüberzogener
+Granitblock, auf welchen oft die Schulknaben klettern, ein wundersamer
+Zeuge aus uralten, wundersamen Zeiten, bei dessen sonderbarem Anblick
+man unwillkürlich stillsteht, um über das Leben nachzudenken. Still und
+hart und groß steht er inmitten des lieben grünen heimeligen Waldes da,
+gewaschen von unzählbaren Regengüssen, versteckt im Bereiche der
+schweigenden treuherzigen Tannen, Bild der Vergangenheit, Ausdruck der
+schier ewigen Beständigkeit und als ein Beweis vom unausdenklichen Alter
+der Erde. Oft schon bin ich vor dem schönen Stein stillgestanden, den
+zwei alte wunderliche Tannenbäume zieren, die auf dem ehrwürdigen
+Gestein Platz zum kräftigen Wachstum gefunden haben. Auch heute habe ich
+ihn wieder gesehen, und indem ich ihn so sah, sprangen mir folgende
+leise für mich hingemurmelte Worte über die Lippen: »Wie schwach und
+weich und leichtverletzlich ist doch das Menschenleben, verglichen mit
+deinem Leben, du alter, unzerstörbarer Stein, der du lebst vom Beginn
+der Welt an bis heute, der du leben und stehen wirst bis an das
+fragwürdige Ende alles Lebens. Dich scheint das Alter eher zu festigen
+und zu kräftigen, als anzugreifen und zu schwächen. Rings in der Gegend
+sterben die empfindlichen Menschen. Geschlechter folgen auf
+Geschlechter, die, Träumen ähnlich, und dem bloßen, zarten Hauch
+verwandt, auftauchen und verschwinden. Dir ist keine Schwäche bekannt.
+Ungeduld ist dir fremd. Gedanken rühren dich nicht an und das Gefühl
+tritt nicht bis zu dir. Und doch lebst du, bist lebendig, führst dein
+steinern Dasein. Sage mir, lebst du?« -- Voller sonderbarer Fragen,
+voller Ahnungen entfernte ich mich von dem merkwürdigen alten,
+trotzigen, steinharten Gesellen, und ich hatte das Gefühl, als sei er
+ein Zauberer, als sei der Wald durch ihn verzaubert.
+
+
+
+
+Der Waldberg
+
+
+Ich bin um den einen von den beiden länglichen Waldbergen, die unserer
+Stadt naheliegen, herumgegangen, wobei ich drei bis vier freundliche,
+kluge, stille und sehr, sehr liebe Dorfschaften zu streifen, zu berühren
+und zu passieren hatte. Wie ich mich entsinne, war das Wetter ein
+winterliches-freundliches. Indessen ließ die Landstraße da und dort an
+Sauberkeit und schöner, feiner Glätte zu wünschen übrig, was als großes
+Unglück nun auch nicht gerade bezeichnet werden kann. Gibt es ja doch
+Schuhputzer, die einem später das stark in Anspruch genommene Schuhwerk
+wieder reinigen und in Ordnung setzen können. Die Welt gewährte einen
+grünen, hauchartigen Anblick. Die Farben waren sehr zart, und was die
+Formen und Erscheinungen betrifft, so begegneten mir auf der Straße
+einige Fuhrleute mit Fuhrwerken, sowie eine alte behäbige,
+korbdahertragende Bauersfrau und ein städtischer mürrischer Händler. Zur
+linken Seite hatte ich fortlaufend und mit mir, dem Fußgänger, gleichsam
+weitermarschierend, den Waldberg, während zur Rechten sich eine zarte,
+schöne Ebene erstreckte, mit Feldern und Äckern und Moorlandschaft. Ein
+kleines Landstädtchen mit Kirchturm in der Ferne und ein Stück Fluß, und
+in einiger Nähe drei Frauen, die im Feldweg arbeiteten. Sie lachten und
+redeten miteinander, als sie den einzelnen Wanderer so wacker und
+fleißig dahermarschieren sahen. Ich muß und will gerne gestehen, daß
+ich, wenn ich schon einmal marschiere, es mit einem gewissen sichtlichen
+Eifer und Ernst tue, daß mir jedermann anmerkt, wie ich dabei genieße,
+eine Offenherzigkeit, für die ich mich nicht schelten möchte. Ich kam
+nun in ein Dorf und trat ohne viel Besinnen ins heimelige, einladende
+Dorfwirtshaus, wo ich mir ein Glas Bier geben ließ. Nicht lange, und so
+traten zwei der schönsten Bauerntypen herein, der eine langnasig und
+mittelalt, der andere so alt und dabei so fröhlich, wie nur ein alter,
+steinalter Landmann sein kann, der auf ein Leben voller Arbeit und
+Mühsal gütig und heiter zurückblickt und fast -- herabblickt. Der
+Langnasige hatte eine Tabakspfeife im Munde so trefflich eingeklemmt,
+daß es aussah, als sei die Pfeife ein Teil des Gesichtes. Sein Gesicht
+war das schönste Tabakspfeifengesicht, das ich je sah, und es war
+unmöglich, sich das Gesicht ohne Pfeife vorzustellen. Die beiden
+wackeren kernigen Erscheinungen setzten sich, nicht ohne vorher ein
+wenig sich zu besinnen, zu mir an den Wirtstisch und verlangten vom
+Mädchen ein Bäzzi- oder sogenanntes Drusenwasser. Ich erkundigte mich
+sogleich nach der Beschaffenheit ihres Schnapses oder Branntweines, und
+beide Leute beeilten sich, mit mir zu konversieren, was eine gar
+freundliche und erquickliche Unterhaltung abgab. O es ist so ernst, so
+schön, mit Menschen zu reden, die es hart haben im Leben. Der alte Bauer
+war niemand anders als der Dorfälteste. Wie rührend erschien er mir. Ihm
+zu Ehren trank ich zwei Gläser über den eigentlichen Durst hinaus und
+verweilte länger im Gasthaus als ich zuerst wollte. Dann ging ich. Ich
+zog den Hut vor den beiden, und sie beide lüpften oder besser lüfteten
+die Kappen, und so zog ich hinaus, gleich einem kecken, gutgelaunten
+Wanderburschen, auf die Straße, auf welcher es bereits Abend war, und
+nun ging es leise, still und schön in die Welt und nachher in die Nacht
+hinein. Viele liebe, rötlich-blasse Dorfkindergesichter sah ich noch,
+und immer war der gute, herzliche, waldige Berg so warm und so
+heimatanmutig mir zur Seite. Endlich kam ich auf einer feinen runden
+Straßenwindung um ihn herum. So hatte ich ihn denn umgangen und umlaufen
+und voller Stolz langte ich rechtzeitig zu Hause an.
+
+
+
+
+Zwei kleine Sachen
+
+
+I.
+
+Es muß jedes zuallererst für sich selber sorgen, damit es sich überall
+leicht und sorglos kann sehen lassen. In dir ist eine Neigung, stets an
+das andere zu denken und dich selbst zu vergessen. Sagt dir dafür das
+andere Dank, und kann es das? Man ist nicht gern dankbar. Es will jedes
+sich selbst das, was es ist, verdanken. »Das verdanke ich mir selbst,«
+sagt eins gern. Indem du nun aber an jemanden bloß nur denkst, hast du
+ihm noch zu nichts geholfen, dich aber hast du vielleicht schon
+bedeutend dabei vernachlässigt. Weißt du, daß man die nicht liebt, die
+sich vernachlässigen.
+
+
+II.
+
+Ich ging so, und indem ich so meines Weges zog, begegnete mir ein Hund,
+und ich schenkte dem guten Tier alle sorgfältige Beachtung, indem ich es
+ziemlich lange anschaute. Bin ich nicht ein törichter Mensch? Ist es
+denn etwa nicht töricht, eines Hundes wegen sich auf der Straße
+aufzuhalten und kostbare Zeit zu verlieren? Aber indem ich so ging,
+hatte ich ganz und gar nicht das Gefühl, daß die Zeit kostbar sei, und
+so ging ich denn nach einiger Zeit gemächlich weiter. Ich dachte: »Wie
+ist es doch heute heiß,« und es war in der Tat recht warmes Wetter.
+
+
+
+
+Herbstnachmittag
+
+
+Ich erinnere mich, einen schönen Nachmittag gehabt zu haben. Ich ging
+über das Land, einen gemütlichen Zigarrenstumpen im Munde. Sonne
+strahlte über die grüne Gegend. Im Felde arbeiteten Männer, Kinder und
+Frauen, der goldene Kanal floß mir zur linken Seite, und zur rechten
+hatte ich die Äcker vor den Augen. Schlendrig ging ich weiter. Ein
+Bäckerwagen sprengte an mir vorüber. Sonderbar ist es, daß ich mich auf
+jede Einzelheit wie auf eine Kostbarkeit so deutlich besinne. Es muß
+eine große Kraft in meinem Gedächtnisse sein, ich bin froh darüber.
+Erinnerungen sind Leben. So kam ich denn an manchem stattlich-heiteren
+und behäbigen Bauernhaus vorbei, die Bäuerin beschwichtigte wohl etwa
+den Hund, der im Sinne hatte, den Fußgänger und fremden Mann anzubellen.
+Reizend ist es, still und gemächlich übers Land zu gehen und von
+ernsten, starken Bäuerinnen freundlich gegrüßt zu werden. Ein solcher
+Gruß tut wohl wie der Gedanke an die Unvergänglichkeit. Es öffnet sich
+ein Himmel, wenn Menschen freundlich miteinander sind. Die Nachmittags-
+und jetzt bald Abendsonne streute flüssiges Liebes- und Phantasiegold
+über die Straße und machte sie rötlich zünden. Es war auf allem ein
+Hauch von Violett, aber eben nur ein zarter, kaum sichtbarer Hauch.
+Hauch ist nichts Fingerdickes zum Greifen, sondern tastet und schwebt
+nur über dem sichtbaren und unsichtbaren Ganzen als ahnungsvoller
+Schimmer, als Ton, als Gefühl. Ich kam an einem Wirtshaus vorbei, ohne
+einzukehren; ich dachte das später zu tun. Im Behaglichkeitstempo
+schritt ich weiter, ähnlich etwa wie ein sanfter, milder Pfarrer oder
+Lehrer oder Bote. Manch ein Menschenauge guckte mich neugierig an, um zu
+enträtseln, wer ich sein könnte. Da wurde es im wunderbaren tönenden
+Lande immer schöner. Jeder Schritt leitete in andere Schönheit hinein.
+Mir war es, wie wenn ich dichtete, träumte, phantasierte. Ein blasses,
+schönes, dunkeläugiges Bauernmädchen, dessen Gesicht von der süßen Sonne
+überhaucht war, schaute mich mit dem glänzend-schwarzen Zauber ihrer
+Augen fragend an und sagte mir guten Abend. Ich erwiderte den Gruß und
+zog weiter, zu Bäumen hin, die voller roter, goldener Paradiesesfrüchte
+hingen. Wundersam leuchteten die schönen Äpfel in der Abendsonne durch
+das dunkele Grün der Blätter, und über alle grünen Wiesen tönte ein
+warmes, heiteres Glockentönen. Prächtige Kühe von brauner, weißer und
+schwarzer Farbe lagen und standen, zu anmutigen Gruppen vereinigt, über
+die saftigen Wiesen verstreut, die sich bis zum silbernen Kanal hinab
+erstreckten. Ich hatte nicht Augen genug, um anzuschauen, was es alles
+anzuschauen gab, und nicht Ohr genug, um auf alles zu horchen. Schauen
+und Horchen verbanden sich zu einem einzigen Genuß, die ganze weite
+grüne und goldene Landschaft tönte, die Glocken, der Tannenwald, die
+Tiere und die Menschen. Es war wie ein Gemälde, von einem Meister
+hingezaubert. Der Buchenwald war braun und gelb; Grün und Gelb und Rot
+und Blau musizierten. Die Farben ergossen sich in die Töne, und die Töne
+spielten mit den göttlich schönen Farben wie Freunde mit süßen
+Freundinnen, wie Götter mit Göttern. Nur langsam ging ich unter dem
+Himmelblau und zwischen dem Grün und Braun vorwärts, und langsam wurde
+es dunkel. Mehrere Hüterbuben kamen auf mich zu, sie wollten wissen, wie
+spät es sei. Später, im Dorf, kam ich am alten, großen, ehrwürdigen
+Pfarrhaus vorbei. Jemand sang und spielte drinnen im Haus. Es waren
+herrliche Töne, wenigstens bildete ich es mir ein. Wie leicht ist es,
+auf einem stillen Abendspaziergang sich Schönes einzubilden. Eine Stunde
+später war es Nacht, der Himmel glänzte schwarz. Mond und Sterne traten
+hervor.
+
+
+
+
+Der Felsen
+
+
+Sommerabend war's. Die Luft war mild. Ein lindes, leises Lüftchen wehte
+über den Felsen, auf welchem der weiße Pavillon steht. Er gleicht einem
+kleinen griechischen Tempel, und man kann ihn schon aus weiter Ferne
+sehen, wie er so schlank aus dem grünen Gebüsch hervorragt. Der Felsen
+erhebt sich steil über dem Rand unseres Sees. Nur schmale Fußpfade
+führen über ihn, und daher muß man sorgsam auf die Schritte achtgeben.
+Heute am schönen Sommerabend standen allerlei stille Leute, Männer wie
+Frauen, am Geländer beim Pavillon und schauten in die farbige abendliche
+Tiefe hinunter, wo der See in seinem Glanze lag, von der Wärme und von
+den Abendwinden umstreichelt. Das Wasser glich einem süßen Spiegel an
+sanfter schimmernder Unbeweglichkeit, und die da hinabschauten,
+vermochten mit den Augen kaum aufmerksam und innig genug zu schauen und
+sich in das schöne große Bild zu versenken. Das warme grüne Ufer hielt
+den silbernen, goldenen Abendsee wie mit zarten, liebenden Mutterhänden
+und -armen umschlossen, als sei das Ufer die zärtliche, wachsame Mutter
+und der See, der einem Traum an Schönheit glich, das unschuldige Kind,
+an Süße und an Liebreiz mit nichts als allein nur mit ihm selbst zu
+vergleichen. Alles so weit, still und warm. Der leise Wind wehte aus
+unbestimmbarer Ferne wie schüchtern daher; er schien sich leise zu
+freuen über sich selber, er schien kaum recht zu wagen,
+daherzustreichen, er war wie ein Kind, das sich die zarte, zaghafte
+Frage vorlegt: »Darf ich wohl, oder darf ich nicht?« Ein Zagen, ein
+Zittern, ein Schweben, ein Liebkosen, und zugleich alles so groß und so
+klein, so fern und so nah. Unbeschreiblich und unfaßbar schön war es,
+wie das Dunkel nach und nach zunahm und die Tageshelle sich in dem
+dunklen Golde verlor. Wie ein Gedanke sich verliert in einen anderen,
+schwand der reiche, stolze Sommertag dahin. Zweierlei Gemälde kämpften
+miteinander. Ich schlug mich durch das dunkelgrüne Eichengebüsch, das im
+Abendlichte goldig schwamm, und kam zu einer Gruppe anmutig lagernder
+junger Burschen, von denen einer sagte: »Es ist ein milder Abend heute.«
+Aus dem See heraus klangen Stimmen und Liedertöne, und dazwischen drang
+der Ton einer Handharfe warm und wundersam zum Felsen hinauf, von
+welchem aus man die Boote und Gondeln unten auf dem lieben Wasser hin
+und her gleiten sehen konnte. Auf einem Felsvorsprung, der ein kühnes,
+graziöses Lustplätzchen bildete, lagen ein Mädchen und ein Bursche eng
+beieinander, die sich in der Sommerabendschönheit glücklich fühlten und
+sich mit leisem, zweistimmigem, süßem Singen und mit Händedrücken und
+mit fortwährendem Einander-Anschauen die Zeit vertrieben. Ich blieb
+stehen, um zu lauschen, was sie sich zu sagen haben mochten. Doch sie
+redeten kein Wort. Ganz in ein Schauen, in ein Sein und in ein Fühlen
+versunken, lagen sie da, ganz nur Genuß, ganz nur Genügen und Vergnügen.
+Jetzt küßten sie sich, und es sah aus, als wollten sie durch die ganze
+liebe warme Sommernacht an dem Kusse hängen bleiben. Ich strich mich
+weg, tiefer in das dunkele Gestrüpp, welches mir mit seinem Laub das
+Gesicht berührte. Es war jetzt Nacht geworden.
+
+
+
+
+Die Eisenbahnfahrt
+
+
+Ich saß im Eisenbahnwagen. Es war so hell, appetitlich und still darin.
+Gleichsam achtungsvoll und so säuberlich stiegen die lieben einfachen
+Leute in den Wagen. Wer redete, der tat es ruhig und freundlich, wollte
+nicht prunken und auffallen damit. Einige der Männer rauchten
+Zigarrenstumpen. Auch ich rauchte. Ein paar junge Soldaten waren da, die
+sich gar nicht lärmend benahmen, vielmehr dasaßen wie artige Kinder. Sie
+machten aber einen durchaus soldatischen Eindruck. Die Kraft liebt zu
+ruhen, und die erlittene starke Anstrengung verhält sich gern still. So
+leis war es und ging es zu im Eisenbahnwagen. Alsbald setzte sich der
+Zug ganz fein und vorsichtig in Bewegung, als sage er: »Nur hübsch
+ruhig. Wir gelangen schon ans Ziel.« Wie schön war diese Fahrt; ich
+werde sie nie vergessen. Warum vergißt man dieses nie und anderes so
+bald? Das ist sonderbar und doch wieder leicht begreiflich. Sacht und
+sanft also rollte unser Wagen nun hinaus ins grüne, freie Weite. Die
+Welt sah so weit und doch zugleich so nah, klein und eng aus. So
+wunderbar hell war's. Die höheren Bergketten hatten noch Schnee; die
+Ebene aber duftete und grünte schon wie so recht mitten im lieblichen
+Frühling. Etwas Frühlingshaftes rumorte mir im Herzen. Ich war glücklich
+und wußte nicht warum. Am schönsten erschien's mir, zu sehen, wie
+friedlich alle meine Reisegenossen im Wagen saßen. Heiterkeit und ein
+gesunder warmer Zweck drückte sich auf ihren Gesichtern ab, und die
+Gesichter, wie waren sie so hübsch verschieden. Wir fuhren über eine
+Brücke. Manierlich baten die Bahnbeamten um die Fahrkarten. Ich hätte
+schwören mögen, nie so honette, brave Leute gesehen zu haben. Ich
+schaute immer aufmerksam aus dem Fenster, so recht der Welt, die da
+draußen sich weit und breit erstreckte, ins große gute Auge.
+Bauernhäuser und -gärten und weiße Landstraßen, Felder und grüne üppige
+Hügel und die lieben dunklen Wälder. Es sah alles so sauber, so
+wohnlich, so wohlhabend aus. Der Himmel zeigte ein schüchternes, feines
+Blau, und weiße Wolken zogen aus der Nähe in die Ferne und aus der Ferne
+in die Nähe. Es wechselte alles ab. Alles war Gleichheit, Ähnlichkeit
+und doch auch Abwechslung. So ist es für mich am schönsten. Ich will
+nicht verblüfft, sondern gern nur still immer wieder überrascht sein.
+Auf einer ländlichen Station stiegen Bauersleute ein, stattlich
+angezogen mit dem Sonntagskleid. Im Wesen und Benehmen des Bauern lag es
+wie kluge, einfache Feierlichkeit, und die Bäuerin war geradezu schön zu
+nennen durch einen Zug von Zurückhaltung, den sie höchst angenehm zur
+Schau trug. Weiter ging's. Artig und gedämpft lief und dampfte es
+vorwärts. Es war kein Rasen. Auch mit Gemächlichkeit wird ein Ziel
+erreicht. Grad erst recht. Ah, das war eine recht, recht schöne
+Eisenbahnfahrt, das! Ich will sie warm betten in die Erinnerung, daß sie
+mir noch oft in Gedanken vor dem Gesicht erscheinen mag.
+
+
+
+
+Das Lachen
+
+
+Ich habe ein himmlisches Lachen gehört, ein Kinderlachen, ein
+wunderbares Gelächter, ein ganz feines, silberreines. Ein göttliches
+Kichern war's. Ich kam gestern, Sonntag, gegen sieben Uhr heim, da hörte
+ich's, und ich muß hier unbedingt Bericht davon erstatten. Wie arm in
+ihrem Ernst und mit ihren trocken-ernsthaften Mienen sind die
+Erwachsenen, die Großen. Wie reich, wie groß, wie glücklich sind die
+Kleinen, die Kinder. Ein so volles, reiches, süßes Glück lag im Lachen
+der zwei Kinder, die neben einer Erwachsenen einhergingen, eine so
+überschwengliche, reizende Freude. Sie waren ganz Seligkeit, indem sie
+sich dem Lachen hingaben. Ich lief absichtlich langsam, damit ich sie
+recht lange lachen hören könne. Ein Genuß war's für sie, sie genossen
+die ganze Köstlichkeit, die in einem Lachen liegen kann. Sie konnten gar
+nicht aufhören mit Lachen, und ich sah, wie es sie schüttelte. Sie
+krümmten sich förmlich darunter. O, so rein war's, so ganz nur kindlich!
+Worüber sie vielleicht am unbändigsten und am lieblichsten lachten, war
+die strenge Miene, die das erwachsene Fräulein neben ihnen zu ziehen für
+nötig erachtete. Des großen Mädchens Ernst gab ihnen am meisten zu
+lachen. Doch endlich, von so viel liebreizender Lustigkeit hingerissen,
+lachte auch die Gemessene, die Ernste und die Große. Sie war besiegt von
+den Kindern und lachte nun wie ein Kind mit den Siegerinnen, den
+Kleinen. Wie sind über die Grämlichen die Glücklichen Sieger! Die zwei
+Kinder lachten in ihrer Unschuld über alles, über Heutiges und
+Gestriges, über dieses und jenes, über sich selber. Sie mußten über ihr
+eigenes Lachen lachen. Ihr Lachen kam ihnen immer lächerlicher, lustiger
+vor. Ganz deutlich fühlte und hörte ich's. Ich pries mich glücklich, daß
+ich das Glöckchenkonzert, das Lachkonzert anhören durfte. Die ganze
+Straße entlang lachten sie. Sie wollten fast umfallen, sich fast
+auflösen und zergehen vor Lachen. Alles an ihnen, den lieben glücklichen
+Kindern, lachte mit, die Köpfe, die Glieder, die Hände, Füße und Beine.
+Sie bestanden ganz nur noch aus Lachen. Wie schimmerte und glitzerte die
+Lachlust in ihren Augen! Ich glaube fast, sie mußten so gräßlich, so
+grausam, so anhaltend lachen über einen dummen, kleinen Jungen. So
+schelmisch und wieder so schön war's, so rührend und so ausgelassen.
+Wahrscheinlich war der Lachanlaß nur ganz geringfügig gewesen. Kinder
+sind eben Künstler im Erfassen eines Grundes, recht selig zu sein. Ein
+kleiner, leiser Vorfall mag es gewesen sein, und da machten sie eine
+große Geschichte daraus, hingen solch ein langes, großes, breites,
+üppiges Lachen daran. Kinder wissen, was sie glücklich macht.
+
+
+
+
+Der Berg
+
+
+Ohne dich einer Anstrengung zu unterziehen freilich gelangst du nicht
+hinauf auf den schönen Berg. Doch ich bilde mir ein, daß du die Arbeit
+des Besteigens nicht scheuen wirst. Heller, warmer, ja sogar heißer,
+heiterer Sommermorgen, Sommervormittag ist es, und die Welt, soweit du
+zu schauen vermagst, besteht aus einem Meer, aus einem Strom, aus einem
+Hauch von Blau und Grün. Oftmals bleibst du eine kleine Weile stehen, um
+Atem zu schöpfen, dir den Schweiß vom Kopf abzuwischen, und hinunter in
+die Tiefe zu blicken. Nun wirst du mir erlauben, zu denken, du seist
+oben auf dem grünen, weichen und breiten Bergrücken glücklich und
+freudig angekommen, wo dich auch gleich kühle, reine Bergluft umweht,
+die du mit Entzücken einatmest, daß dir die Brust und das Herz sich
+ausweiten. Göttlich schön mutet dich, lieber Freund, das Stehen auf der
+erstiegenen Höhe an, und du bildest dir ein, daß du im Genuß der süßen,
+hohen Bergesfreiheit ertrinken müssest. Ganz wie ertrunken im Meer der
+köstlichen Luft und im Meer des Bergsteigerglückes kommst du dir vor.
+Selig bist du, daß du hinabschauen kannst auf die Welt, die dir wie ein
+heiteres, reiches Gemälde zu Füßen liegt, die da unten liegt und tönt
+und duftet wie ein Lied, wie ein Gedicht, wie eine Illusion. Langsam
+gehst du unter Tannenästen und reizendem Buchengrün, welches dich mit
+seiner frischen Götterfarbe wie mit einem Kinderlächeln anlächelt, auf
+der Weide weiter, liegst vielleicht eine halbe oder ganze Stunde
+glückselig und gedankenlos am Boden; erhebst dich wieder und schreitest
+weiter durch all die ringsverbreitete süße, heiße Melodie von Blau und
+Grün. Das Grün ist so üppig und saftig, daß du meinst, es sei eine Flut,
+in welcher du watest, badest, schwelgst. Es ist ein Schwelgen, ein
+lustumschlungenes Gehen und Lustwandeln in Arkadien. Griechenland ist
+nicht edler und schöner, und Japan mit seinen Fürstengärten kann nicht
+lust- und glücküberschütteter sein. Sanft, zart und fern dringt aus der
+tiefen Menschenebene das Geräusch des tätigen, täglichen Lebens an dein
+horchendes Ohr herauf, indes deine Augen das blendend schöne und liebe
+Weiß der Wolke trinken, die wie ein Märchenschiff am blauen Himmel
+schwimmt. Süßes Girren und Brausen, Summen und Lüftelispeln, und da
+stehst du, unter all dem Licht, in all dem Licht, zwischen all den
+Farben, und schaust hinüber zu den Nachbarbergen, welche, Traumfiguren
+ähnlich, still und groß und gedämpft in die Luft hinaufragen, und du
+grüßest sie wie Freunde, du bist ihnen Freund, sie sind es dir. Du bist
+der Freund der ganzen Welt; ans Herz möchtest du ihr sinken, der
+wunderbaren Freundin. Umschlungen hält sie dich und du sie. Du verstehst
+sie, liebst sie und sie dich.
+
+
+
+
+Schwärmerei
+
+
+Ob ich mit ihr dann den Berg hinaufgehen werde? Nein, ich glaube, es
+wird schöner sein, ins weiche niedere Land hineinzuspazieren mit ihr.
+Bergsteigen und Anstrengungen überwinden kann ich, wenn ich allein bin.
+Mit ihr soll es ein Lustwandeln sein wie in einem angenehmen, weichen,
+leichten Garten. Zu überreden werde ich sie schon wissen. Sie wird schon
+zu verführen sein. Will ich sie verführen? Ja! Aber ich will ihr treu
+sein bis weit, weit hinaus. Treue und Liebe sollen kein Ende nehmen. Wie
+ich schwärme! Also leise übers grüne Land soll es gehen, durch die
+sanfte und offenherzige Gegend, an den Menschen, an den Tieren und an
+den lieben, heimeligen Bauernhäusern vorbei, Bäume stehen links und
+rechts neben dem Weg in den Wiesen, und weiße Wolken fliegen oder liegen
+am hellblauen Himmel. Alles ist dort grün, weiß und blau, da und dort
+das zarte, alte Rot eines Hausdaches, das bis an die Erde herabreicht.
+Alles hell, alles freundlich, alles still. Nun und so kommen wir, denke
+ich mir, in einen dunklen, grünen Wald, in ein rechtes Kircheninneres
+von Wald, wo die hohen, schlanken, zarten Tannen wie Säulen stehen, und
+wo es kühl ist, daß man leise schauert. Unsere Schritte sind nicht
+hörbar auf dem tannenreisbelegten, weichen, braunen Boden. Wie ein
+Sinnbild der Treue und des liebevollen Harrens ist der Wald; bald treten
+wir aus dem Wald wieder heraus und sehen einen grünen Wiesenhügel mit
+gelben, länglichen Kornplätzen. Der Wind streicht liebkosend über das
+Korn und macht es wogen wie Wellen. Es ist so warm, und die Farben sind
+so süß. Auf dem weißen Weg gehen wir langsam weiter. Jeder Schritt ist
+ein Erleben, und in jedem Augenblick liegt es wie ein Ereignis.
+Verständlich, als wenn es ein glückliches Lächeln sei, liegt das Leben
+da und ist das treue, schöne Land vor unseren Augen ausgebreitet. Da
+erkühne ich mich, bilde ich mir ein, des Mädchens zarte Hand leise,
+leise anzufassen, und nun weiß sie auch schon alles, alles. Die
+Herrliche, sie senkt die Augen, und indem sie das tut, bindet sie mich
+für immer, schließt sie mich für immer ein in den weichen Kerker. -- Ich
+bin ihr Gefangener. Ich will reden, doch alle Worte, die mir einfallen,
+genügen mir nicht, und so schweige ich. Eine weiße und rote Rose geht
+neben mir, das ist sie, sie, deren dunkler, wunderbarer Wunsch nun mein
+Gesetz, Stern und Regierung ist. Still hat sie gewartet, bis ich käme
+und sie bäte, Herrscherin zu sein -- -- --
+
+
+
+
+Oskar
+
+
+Sehr früh schon fing er dieses sonderbare Treiben an, daß er auf die
+Seite ging und ein so ausdrückliches Gefallen am Alleinsein fand. Er
+erinnerte sich in späteren Jahren deutlich, daß niemand ihn auf solche
+Dinge aufmerksam machte. Ganz von allein kam es und war es da, das
+seltsame Bedürfnis, einsam und abgelegen zu sein. Ganz allein aus sich
+selber holte er den Gedanken, daß es schön sei, sich zu verschließen, um
+so wieder frische Lust zu gewinnen, und neue Sehnsucht zu empfinden,
+offen zu sein, und harmlos unter die Menschen zu treten. Es war eine Art
+Rechnung, die er machte, eine Art Aufgabe, die er sich stellte. In ein
+armseliges, halbzerstörtes Haus an der Bergstraße war er gezogen; hier
+bewohnte er ein dürftiges, kleines Zimmer, welches ausgestattet und
+ausstaffiert war mit einem bemerkenswerten Mangel an Mobiliar. Einheizen
+ließ er nicht, obgleich es Winter war. Er wollte es nicht behaglich
+haben. -- Rauh und unwirklich und schlecht sollte es rings um ihn sein.
+Ausharren und etwas ertragen wollte er. Er befahl sich das. Und auch das
+hatte ihm niemand gesagt. Er ganz allein war auf die Idee gekommen,
+die ihm sagte, daß es für ihn gut sei, wenn er sich befehle,
+Unannehmlichkeiten und Unholdheiten freundlich und gutmütig zu ertragen.
+Er nahm sich wie in eine Art von hoher Schule. Er ging da, gleich einem
+absonderlichen, wilden Studenten, in die Hochschule. Es galt für ihn,
+die Beobachtung zu machen, wie weit er sich erkühnen dürfe, es zu
+treiben, wie viel er imstande sei, zu wagen. Bisweilen kam das Bangen zu
+ihm ins Zimmer und streifte ihn mit dem kalten Flor des Verzagens. Aber
+er war einmal hineingetreten in das Wagnis, absonderlich zu sein, und es
+mußte so weitergehen, fast ohne daß er es wollte. Wer in die
+Seltsamkeiten hineingegangen ist, den nehmen sie und führen ihn mit
+regierenden Händen weiter, reißen ihn fort, lassen ihn nicht wieder los.
+Einsam verbrachte er die Tage und die Nächte. Zwei kleine Kinder lagen
+im anderen Zimmer, hart an der Wand. Er hörte sie vielmal kläglich
+weinen. Ganze lange dunkle Nächte lag er schlaflos da, als sei der
+Schlaf sein Feind, fürchte und fliehe ihn, und als sei das Wachbleiben
+sein guter Kamerad, der sich nicht von ihm zu trennen vermöge. Täglich
+machte er denselben Gang durch die winterlich gefrorenen Wiesen, wobei
+es ihm war, als befinde er sich auf tagelanger Wanderung durch fremde,
+unbekannte Gegenden. Ein Tag glich dem andern. Kein junger Mensch würde
+dieses Leben haben schön finden können. Er aber wollte es einmal so; er
+befahl sich, daß er diese Lebensweise schön finde. Da er Reize sehen
+wollte, sah er sie auch, da er die Tiefe suchte, fand er sie, da er Not
+kennen lernen wollte, gab sie sich ihm zu erkennen. Freudig und stolz
+ertrug er alle sogenannte Langeweile. Das Einerlei und die eine und
+selbe Farbe waren ihm schön, und der eine Ton war sein Leben. Er wollte
+nichts wissen von Langeweile. Es gab keine für ihn. So regierte er sich.
+So lebte er. Er verkehrte wie mit sinnlich-körperlichen Wesen mit den
+stillen Frauen, den Stunden. Sie kamen und gingen, und Oskar, so hieß
+er, verlor nie die Geduld. Ungeduld bedeutete Tod für ihn. Ausdauer, in
+die er sich mit freiem Willen wohllüstig senkte, war sein menschlich
+Leben. Süß wie Rosenduft umstrickte und umduftete ihn der Gedanke, daß
+er arm sei. Er gehörte mit Leib und Seele und mit allen seinen Gedanken
+und Gefühlen und mit dem ganzen Herzen zu den Armen. Er liebte die
+versteckten Wege zwischen den hohen Hecken, und die Abende waren seine
+Freunde. Keinen höheren Genuß kannte er, als den Genuß von Tag und
+Nacht.
+
+
+
+
+Die Einfahrt
+
+
+Lange Jahre war ich fern gewesen vom lieben alten Land, und nun saß ich
+mit Landsleuten, mit stillen, bescheidenen Arbeitsleuten zusammen, im
+Eisenbahnwagen, der mich schon als solcher in der Seele entzückte.
+Langsam, als sei er die Beute einer tiefen Nachdenklichkeit und als sei
+es ihm ein Bedürfnis, zögerlich vorzurücken, fuhr der Zug, es war ein
+Arbeiterzug. Ich war recht froh, daß es ein so stiller Zug war und daß
+ich jetzt zusammensaß mit den ärmlichen, ernsten Leuten aus dem Volk. Es
+war mir, als lerne ich wieder mein Volk so recht aus dem Grunde kennen,
+als fahre ich mit dem Eisenbahnzug in das Herz des Volkes hinein. Abend
+wurde es. Auf jeder kleinen, dörflichen Station hielt der Wagen an, und
+liebe, brave, arbeitsame Menschen stiegen ein und aus. Mich beschlich
+eine wunderbare, angenehme Zärtlichkeit für das Land und für die Leute.
+Land und Leute öffneten sich mir so still, so groß. Immer größer, immer
+schöner wurde das abendliche Gebirgslandschaftsbild. Eine zarte, stille
+Freundschaftsglut bemächtigte sich meines Innern, das mir zu blühen, zu
+lachen, zu weinen schien. Ich fühlte, wie ein Glanz mir in die Augen
+kam. Da schaute ich immer hinaus in die Landschaft mit ihren
+phantastisch-steilen, grünen Höhen und immer fuhr der Zug zart und leise
+weiter. Ich will die Fahrt nie, nie vergessen. Göttlich-schön war es,
+wie ich und die andern Leute so still hineinfuhren, hineingleiteten in
+die Berge, welche mir wie Lieder, wie alte großartige Melodien
+entgegentönten. Unvergeßlich wird mir das goldig-dunkle Abendgebirge im
+Sinne bleiben. Still redeten die Insassen des Wagens miteinander,
+Männer, Jünglinge und Frauen. Die Nation trat mir nah; das Vaterland und
+sein hoher, goldener Gedanke schwebten mir ums Herz. Lange Jahre war es
+immer flach und glatt und öd vor meinem Auge gewesen, daß die weite,
+hoffnungsarme Leere mir die Seele verdorren machen wollte. Jetzt
+ging es wieder freundlich in die kühne Höhe und sank in reiche,
+himmlisch-schöne, gedankenvolle Abgründe hinunter. Eine stille
+Vaterlandeslust brannte in mir und eine alte, süße, wundervolle Liebe
+wurde wieder wach zu meinem Entzücken. O das war ein schönes
+Eisenbahnfahren mit mildgesinnten, klugen, ernsten Landsgenossen in die
+Umschlungenheit hinein. Es umschlang uns mit Felsen und mit Bergen.
+Liebe, grüne Täler lachten in der Tiefe und von der Höhe herab nickte
+stolz die edle Tanne. Ich sah das Haus an der Halde stehen und Menschen
+auf den Wegen gehen, die sich in die Wälder schlängelten. Das Land
+öffnete die Arme, und ich, ich sank hinein in die Umarmung und war
+wieder der Sohn des Landes und seiner Bürger einer. Allmählich wurde es
+Nacht.
+
+
+
+
+Die Vaterstadt
+
+
+Der junge, rüstige Reisende langte mit der Bahn in der Stadt an, in der
+er geboren war. Der Ort erschien ihm lieblich wie nie zuvor. Er trat in
+einen Zigarrenladen und kaufte sich Tabak. Der Zigarrenhändler entpuppte
+sich als ein Schulkamerad von ihm. Viele Jahre war der Reisende fort
+gewesen, wie war er jetzt entzückt, daß in der Heimatstadt alles so
+schön gleich geblieben. Wundersam, wie ein Kindheitstraum, wo
+Engelsgestalten sich zu uns niederneigen, erschien ihm das altbekannte
+Leben und Treiben in den schönen, stillen, feinen Straßen. Dunkle
+Aprilfarben erfüllten die Luft und überraschend für des Fremdlings Augen
+war der Glanz, der in der Sphäre und auf allen Gegenständen lag. Etwas
+Niegesehen-Großes breitete sich deutlich vor ihm aus und ließ ihn
+Erregungen gänzlich neuer Art empfinden. Er war erregt und beglückt
+dabei, er zitterte und er hätte dazu lachen und spielen mögen. Es war
+ihm um die Brust, als sei er, seit er die alte, liebe Stadt betreten,
+wieder viel jünger und viel gütiger und viel freundlicher geworden.
+Unbefangen und freundlich schauten die Leute ihn an, ohne ihn lang und
+scharf und groß anzublicken. So behaglich und frei und warm und köstlich
+kam ihm alles vor, die Häuser so zierlich, die Bäume so prächtig.
+Grünliches Treiben und Knospen war schon an den weichen, kräftigen
+Zweigen sichtbar, und dazu ließen die Singvögel aus allen Gassen und
+Nebengassen ihren süßen, lieben, einschmeichelnden Gesang vernehmen. Der
+Reisende schaute und horchte. Horchte, horchte! Er ging nur ganz langsam
+weiter und blieb immer stehen. Seine Unbefangenheit kämpfte mit einer
+Art von Bangen und Ahnen, welches sich seiner Seele bemeisterte. Er fand
+zuletzt ein Häuschen, das am Felsen angeschmiegt lag. Die Bäume im
+zierlichen Garten waren so klein. Alles schien zu lächeln, zu lispeln
+und zu zwitschern. Tiefsinnig-grün schaute ihn ein Stück Wiese an. Er
+besann sich auf alte längst vergessene Träumereien. Alte
+Lieblings-Einbildungen erhoben ihr schelmisches, liebliches Geflüster,
+und die Fenster des Häuschens schienen lustig zu blinzeln wie Augen
+eines gescheiten Menschengesichtes. Da trat er hinein. In dem Hause
+wohnte sein alter Vater.
+
+
+
+
+Das Grab der Mutter
+
+
+An einem Sonntag, gegen Abend, ging ich zum Friedhof, der nur wenige
+Schritte von dem Ort entfernt liegt, wo ich wohne. Es hatte kurz vorher
+geregnet, es war daher alles noch feucht, der Weg, die Bäume. Ich kam in
+den Totenhof hinein zu den alten, stillen, heiligen Gräbern, und hier
+empfing mich wie mit süßen, lieben, keuschen Armen ein so schönes,
+frisches Grün, wie ich es nie gesehen. Leise schritt ich auf dem
+kiesbelegten Wege vorwärts. Es war alles so still. Kein Blatt bewegte
+sich, nichts regte und rührte sich. Es war, als lausche alles. Wie wenn
+das Grün die ringsverbreitete Feierlichkeit empfinde und über das uralte
+und immer wieder junge Rätsel vom Tod und vom Leben in ein langes und
+tiefes Sinnen versunken sei, hing es und lag es da in seiner feuchten,
+wunderbaren Schönheit. Ich habe nie so etwas gesehen. Gewaltig mußte es
+mich ergreifen, zu sehen, wie der Ort des ernsten Todes und des
+Schweigens für immer so süß, so grün, so warm war. Kein Mensch außer mir
+ließ sich erblicken. Außer dem Grün und den Grabsteinen war nichts da.
+Ich wagte kaum zu atmen in all dieser Lautlosigkeit, und mein Schritt
+kam mir frech und unzart vor mitten in all dem heiligen, ernsten und
+zarten Schweigen. Unendlich freundlich und lieblich hing das reiche Grün
+eines Akazienbaumes über ein Grab herab, bei dem ich stehen blieb. Es
+war das Grab meiner Mutter. Da schien alles nun zu flüstern und zu
+lispeln, zu reden und zu deuten. Das lebendige Bild der Lieben und der
+Verehrten stieg mit seinem Gesicht und mit des Gesichtes edlem Ausdruck
+sanft und schleierhaft hinauf aus des grünen, stillen Grabes unfaßbarer
+Tiefe. Lange stand ich da. Doch nicht traurig. Auch ich und du, wir, wir
+alle kommen einst dahin, wo alles, alles still ist und beschlossen ist
+und alles aufhört und alles sich auflösen muß zu einem Schweigen.
+
+
+
+
+Abend
+
+
+Ich saß in der Wirtsstube zu den drei Tannen still am Tisch wie ein
+schweigender, denkender, nachrechnender Händler und stand jetzt auf und
+ging hinaus auf die abendliche Straße, wo der Abendzauber mich mit
+seinem Dunkel empfing. Das Wirtshaus liegt zart und nah am Waldberg,
+über welchem jetzt der Halbmond herrlich leuchtete. Auf der Dorfstraße
+war es unsäglich schön. Einige Helligkeit war am Verschwinden, war noch
+da, hauchte und schwebte noch da und dort herum. Doch die Sterne
+erschienen bereits, zwischen großen, warmen Wolken, am dunkleren und
+dunkleren Himmel. Dunkelheit fing mehr und mehr an zu regieren. Die
+Leute standen so schön undeutlich da und gingen im Dunkel so schön warm
+und sanft dahin. Jemand sagte mir freundlich guten Abend. Es war ein
+Mädchen. Ich vermochte in der zaubervollen Dunkelheit rote Wangen und
+liebe, helle Augen noch zu unterscheiden. Kinder gingen und spielten
+über den weichen Weg. Alles war so still, lautlos, freundlich-nachbarlich,
+gut und groß. Ich wünschte, daß die Zeit zwischen Tag und
+Nacht, die schöne Zwischenzeit, die liebe, schöne Abendzeit
+ewig, ewig andauern möchte. Eine Ewigkeit lang Abend. Weiter
+ging ich. Es war mir, als gehe und trete ich im Land der Poesie selber,
+so hold und wunderbar kam mir die Welt vor in ihrem zarten Abendmantel.
+Über allem lag der Schleier der Zartheit und der Verhaltenheit. Mildes,
+dunkles, süßes Bangen hielt Schritt mit mir, ging neben und hinter und
+vor mir. Da kam ich über die Brücke. Die großen Wolken sanken hinab in
+das stille, fließende Wasser und die Sterne zitterten von unten aus dem
+Fluß herauf, als sei die Natur verwandelt und die ganze Welt verzaubert.
+Unten und oben, das Vordere und das Zurückgesunkene! Wie trunken von all
+der Schönheit marschierte ich weiter, ein Glücklicher, ein Berauschter.
+Ich trank am Bild und hing am Bild des Abends. Da war grad das Wirtshaus
+zur Brücke, ich ging ohne zu denken hinein, es zog mich so, ich hatte so
+das Bedürfnis, kaum wußte ich, was ich tat. Als ich wieder draus
+heraustrat, war es völlige Nacht mit völlig-göttlich-schöner Finsternis.
+Überall die Lichter nun in den Fenstern. Ich machte, daß ich nach Hause
+kam, es war Zeit. Auf dem Heimweg sah ich noch eine Frau mit ihren zwei
+kleinen Kindern. Die blonden Locken von dem einen Kind gaben einen
+hellen, frohen Schein im dichten Dunkel, und süß war es für mich, wie
+mich der Engel mit kindlich-lieber Stimme grüßte. O wie schön ist ein
+Gruß aus Kindermund in dunkler Nacht.
+
+
+
+
+An den Bruder
+
+
+Fast mache ich mir einen Vorwurf, daß ich solch ein Schlenderer,
+Herumfeger und Spaziergänger bin, aber es ist hier eine so schöne
+Gegend, ein so heiteres, gut aufgeräumtes und ich möchte sagen
+gesprächiges Land. Alles ist hell, schön, frei und warm. Land und Leute
+scheinen sich gleich unbefangen zu geben. Das Land bietet sich dar wie
+ein artiges, liebes, kleines Kind mit Unschuld-Augen und -Fragen, und
+mit Unschuld-Farben. Die Farben, mein lieber Maler, sind ein
+weitverbreitetes Blau und ein ebenso weit ausgebreitetes helles Grün,
+und dazwischen sind Stellen, die blendend weiß sind, und dann kommt
+wogendes, duftendes, herzerquickendes Gelb, und das ist das Kornfeld,
+durch welches der Wind leise weht. Tag und Nacht, Morgen und Abend sind
+unendlich schön, sind ein Schauspiel, so recht zum Satt-Anschauen. Man
+wird nie müde, nie satt, nie matt; man ist immer wieder begierig, immer
+wieder ungesättigt, immer wieder unbefriedigt. Und doch ist zugleich ein
+wundersamer Frieden und ein so schönes, festes, leichtes Genügen in der
+Luft. Wenn du spazieren gehst, so gehst du wie in der Luft spazieren und
+meinst, du werdest zu einem Teil des blauen Hauches, der über allem
+schwebt. Dann regnet es wieder, und alles Gegenständliche ist dann so
+naß, feucht und voll süßen Glanzes. Die Leute hier fühlen die Süße und
+die Liebe, die in der Natur ist, die in der ganzen lebendigen Welt ist.
+Sie stehen angenehm herum, und ihren Bewegungen ist nachzuspüren, daß
+sie freie Leute sind. Wenn sie zur täglichen Arbeit gehen, so sieht es
+nicht aus wie mürrisches Müssen, sondern wie freisinniges Wollen. Sie
+schlendern so, wenn sie gehen und wenn sie etwas verrichten, so brauchen
+sie nicht zu hasten, und das bietet ein appetitliches, gesundes Bild
+dar. Was macht die Hauptstadt mit ihren heftigen Energien? Meine Energie
+ist hübsch schlafen gegangen einstweilen. Ich gehe sehr energisch baden
+und träume voller Energie in die blaue Luft hinauf. Ich bin ungemein
+energisch im Gehenlassen und Nichtstun. Sie rennen sich doch nur oft die
+Köpfe an Mauern wund mit ihrem ewigen Großes-Verrichten-Wollen. Ich, ich
+will mich hier wieder recht behaglich zurechtfinden. Ich will gedeihen,
+ich will wachsen. Das heißt, Bester: ich will es nicht. So etwas darf
+man nicht wollen, sondern man wünscht es, man hofft es bloß, man träumt
+davon. Ich bin jetzt sehr oft ganz, ganz gedankenlos, und wie paßt das
+zu all der Schönheit, zu all der Freude und zu all der Größe der Natur.
+Eine himmelblaue Welle ist über mich gekommen und hat mich unter ihrem
+flüssigen, liebevollen Leib begraben. Ich lebe wieder auf, weil ich viel
+vergessen habe, ich führe wieder ein Leben, weil ich sehe, daß das Leben
+schön ist. Zuweilen ist's mir, als möchte ich die Welt, die ganze Welt
+umarmen und ans frohe Herz drücken. Ich schwärme! und ich bin von Herzen
+froh, daß ich es noch kann. Ich möchte es nicht verlernen.
+
+
+
+ Frauenbund
+ zur Ehrung rheinländischer Dichter
+ gegründet 3. Juli 1909
+ zu Darmstadt
+
+ 1914
+
+
+
+
+Einbandzeichnung
+von Karl Walser
+
+
+
+
+Der geschäftsführende Vorstand:
+
+ Frau Guido Schoeller, Düren, 1. Vorsitzende
+ Frau Geheimrat Prof. Litzmann, Bonn, 2. Vorsitzende
+ Frau Prof. Trübner, Karlsruhe, 3. Vorsitzende
+ Frau Kom.-Rat Rudolph Schoeller, Düren, Schatzmeisterin
+ Frau Emma von Eynern, Düren, stellvertretende Schatzmeisterin
+ Frau Elisabeth Schäfer, Vallendar, Schriftführerin
+
+
+Der erweiterte Vorstand:
+
+ Barmen: Frau Eduard Schulz
+ Bensheim: Frau Kommerzienrat Euler
+ Bielefeld: Frau Justizrat Ohly
+ Bonn: Frau Geheimrat Schultze
+ Coblenz: Frau Geh. Kommerzienrat von Oswald
+ Coblenz: Frau Regierungsrat Snethlage
+ Cöln: Frau Kommerzienrat Louis Hagen
+ Cöln: Frau Dr. Richard Schnitzler
+ Crefeld: Frau Emil von Beckerath
+ Crefeld: Fräulein Margarethe Hermes
+ Dortmund: Frau Konsul Robert Hoesch
+ Düsseldorf: Fräulein Minna Blanckertz
+ Düsseldorf: Frau Prof. Julius Buths
+ Düsseldorf: Frau Reg.-Präs. a. D. zur Nedden
+ Duisburg: Frau Oberbürgermeister Dr. Jarres
+ Elberfeld: Frau Addy Graf
+ Frankfurt a. M.: Fräulein Clara Roger
+ Hagen: Frau Irma Graeve
+ Hamm: Frau Christine Merkel
+ Langerwehe: Frau Irma Hasenclever
+ Mannheim: Frau Julie Bassermann
+ Mannheim: Frau Kommerzienrat Röchling
+ Mannheim: Frau Gerta Thorbecke
+ Merzig a. d. Saar: Frau Landrat Haniel
+ Minden: Frau Regierungsrat Moldehnke
+ Mülheim a. d. Ruhr: Frau M. Niebel
+ St. Johann-Saarbrücken: Frau Adolf Ehrhardt
+ Trier: Frau Prof. Dr. Hermine Hettner
+ Uerdingen: Frau Rudolf Wedekind
+ Wiesbaden: Frau Dr. H. Stempel
+ Worms: Fräulein Anna Reinhart
+ Zürich: Frau Dr. Ernst Schwarzenbach
+
+
+Lesekommission:
+
+ Frau Geheimrat Prof. Litzmann, Bonn, Vorsitzende
+ Frau Geheimrat Clemen, Bonn
+ Frau Ida Dehmel, Blankenese bei Hamburg
+ Ihre Exzellenz Baronin von Heycking, Crossen in Sachsen
+ Frau Guido Schoeller, Düren
+ Frau Kommerzienrat Rudolph Schoeller, Düren
+ Frau Addy Graf, Elberfeld
+ Frau Christine Merkel, Hamm i. W.
+ Frau Dr. Eulenberg, Kaiserswerth
+ Frau Alice Trübner, Karlsruhe
+ Frau Elisabeth Schäfer, Vallendar
+ Fräulein Thekla Rudorff, Wiesbaden
+
+
+Rechnungsprüfer:
+
+ Herr Gustav Renker, Düren
+
+
+Mitgliederliste.
+
+
+_Aachen_ (21)
+
+ Fräulein Käte v. d. Bank
+ Frau Konsul Paula Brockhoff-Hoesch
+ Herr Konsul Alfred Brüls
+ Frau Otto Croon
+ Frau Geheimrat Delius
+ Frau Max Erckens
+ Frau Fr. v. Halfern
+ Frau Polizeipräsident v. Hammacher
+ Fräulein Bertha Herren
+ Frau Ernst Hirtz
+ Frau Honigmann-Kirdorf
+ Frl. Anna Honigmann
+ Frl. Lili Honigmann
+ Frau Geheimrat Kirdorf
+ Frau Max Kirdorf-Suermondt
+ Frau A. von Luttitz
+ Frau Prof. Marwedel
+ Frau Berta Peltzer
+ Frau Eugen Peltzer
+ Frau Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Schmid
+ Frau Marita Startz
+
+
+_Alsfeld_
+
+ Fräulein Elsa Bücking
+
+
+_Alten-Plathow_ b. Genthin
+
+ Frau Martha v. Treskow
+
+
+_Altkirch_ (Ober-Elsaß)
+
+ Frl. Elfriede Widemann
+
+
+_Alzey_ (Rheinpfalz)
+
+ Frau Kreisamtmann Reinhart
+
+
+_Amöneburg_ b. Biebrich a. Rh.
+
+ Frau Otto Dyckerhoff
+
+
+_Antwerpen_ (4)
+
+ Frau Anna Davidis
+ Frau Paul Karcher
+ Frau Richard Rhodius
+ Frau Valentin Schoeller
+
+
+_Baden-Baden_ (3)
+
+ Frau Adele Borchard
+ Frau A. Platz
+ Frau Karina Scheitlin
+
+
+_Baden_ (Schweiz) (3)
+
+ Frau Victoire Boveri
+ Frau Eric Brown-Moser
+ Frau Direktor L. Dotzenheimer
+
+
+_Bamberg_
+
+ Freifrau Hertha v. Seefried auf Buttenheim
+
+
+_Barmen_ (31)
+
+ Frau Addy Schulz, M. d. e. V.
+ Frau Eduard Braselmann
+ Frau Emil Bremme
+ Frau Richard Bredt-Schuell
+ Frau H. Brüninghaus
+ Frau Martha Conradi
+ Frau Emil Dierichs
+ Frau Alex Erbslöh
+ Frau Geh. Kommerzienrat Julius Erbslöh
+ Frl. Margreth Erbslöh
+ Frau Walter Erbslöh
+ Frl. Anna von Eynern
+ Frau Gustav Adolf Grote
+ Frau Kommerzienrat Theodor Hinsberg
+ Frau Grete Jung
+ Frau Dr. jur. v. Knapp
+ Frau Eugenie Krenzler
+ Frau Medizinalrat Dr. Kriege
+ Frau C. A. Kruse
+ Frau Ernst Molineus
+ Frau Carl Neumann
+ Frau Anna Platzhoff
+ Frau Erna Reber
+ Frau Fanny Schmahl
+ Frl. Hedwig Schmahl
+ Frau Auguste Tilgenkamp
+ Frau Cecilie Vorwerk-Blank
+ Frau Kommerzienrat Dr. E. Wittenstein
+ Frau Dr. Wesenfeld
+ Frau Ludwig Weerth
+ Frau Albert Wever jun.
+
+
+_Basel_ (Schweiz) (3)
+
+ Frau Finy Doetsch-Benziger
+ Fräulein Gretel Engler
+ Frau Otto Röchling
+
+
+_Benrath_ a. Rh.
+
+ Frau Dr. Rudolf Esch, geb. von Beckerath
+
+
+_Bensheim_ a. d. Bergstraße (3)
+
+ Frau Kommerzienrat Euler, M. d. e. V.
+ Frau Karl Euler
+ Frau Marietta Euler
+
+
+_Berg.-Gladbach_ (4)
+
+ Frau Paula Gibelius
+ Frau Auguste Leussen
+ Frau Kommerzienrat Zanders
+ Frau Hella Zweiffel-Weiler
+
+
+_Berlin_ (40) Groß-Berlin
+
+ Frau Melinka Luise Aschoff, geb. Krafft
+ Frau Henrietta Bagel
+ Frau Therese Balke
+ Frau Leutnant v. Berghes
+ Herr Stadtrat Hans Bergmann
+ Fräulein Lili Beerli
+ Frau Geheimrat Alice Dombois
+ Frau Oberbürgermeister Dominicus
+ Frau Dr. M. Dreger
+ Frau Konsul P. Gaertner, geb. Knoop
+ Frau Patentanwalt Goldberg
+ Ihre Exzellenz Frau Martha von Hagens
+ Frau Oberleutnant Haniel
+ Frau Paul Hamm
+ Frau Clara Harkort
+ Frau Hauptmann von Heiligenstedt
+ Frau Konsul Ernst Hengstenberg
+ Frau Mathilde Hengstenberg
+ Frau Erna Hergersberg-Storp
+ Frau Baurat Herzberg
+ Frau Elisabeth v. d. Heydt
+ Frau Hela Hoeckner, geb. Miquel
+ Frau Regierungsassessor a. D. Gennes
+ Frau Elly Keetman
+ Frau Ida Knobloch
+ Frau M. Koehler
+ Frau Baurat Krause
+ Frau Helene Krauß
+ Frau Elisabeth Lienau
+ Frl. Julie Nedelmann
+ Frau Dr. Osthoff
+ Freifrau v. Palm, geb. v. d. Heydt
+ Frau Marta von Pelken
+ Frau Bankdirektor Schlitter
+ Frau Dr. Schönenberger
+ Frau Baronin Paula v. Schorlemer
+ Fräulein Maria Storp
+ Frau Anna Strauß
+ Frau Prof. Uphues
+ Frau Geheimrat Dr. Stübben
+
+
+_Biebrich_ a. Rh.
+
+ Frau Reinhold Lynen
+
+
+_Bielefeld_ (11)
+
+ Frau Justizrat Ohly, M. d. e. V.
+ Frau Margarete Bertelsmann
+ Frau Justizrat Bock
+ Frau Marta Bozi
+ Frau Erich Delius
+ Frau Rechtsanwalt Fasbender
+ Frau Dr. Groneweg
+ Frau Rechtsanwalt Heidsiek
+ Fräulein Emilie v. Laer
+ Frau Carl Lohmann
+ Frau Landgerichtspräsident Waitz
+
+
+_Bielstein_ (Rheinland) (2)
+
+ Frau Carl Haas
+ Frl. Helene Kattwinkel
+
+
+_Blankenese_ b. Hamburg (2)
+
+ Frau Ida Dehmel
+ Frau Bankdirektor Haue
+
+
+_Bocholt_ b. Remscheid
+
+ Frau Adolf Reygers
+
+
+_Bochum_ i. Westf. (4)
+
+ Frau Erster Staatsanwalt Dr. Goedicke
+ Frau Landrichter Dr. Grundig
+ Frau Bankdirektor Mahnert
+ Frau Justizrat Dr. Mummenhoff
+
+
+_Bonn_ (65)
+
+ Frau Geheimrat Prof. B. Litzmann, 2. Vorsitzende
+ Frau Geheimrat Schultze, M. d. e. V.
+ Frau Geheimrat Prof. Paul Clemen, M. d. L. A.
+ Frau General v. Armin
+ Frl. Veronika Bouvier
+ Frau Brab-Thon
+ Frau Prof. Bunge
+ Frau Bullrich
+ Frau Hedwig Cohen-Bouvier
+ Frau Dr. Cords
+ Frau Amtsgerichtsrat Daniel
+ Frau Oberlandesgerichtsrat Eichacker
+ Frau v. d. Elst
+ Frau Dr. Enders
+ Frau Prof. Dr. Finkelnburg
+ Frau Th. Fleitmann
+ Frau Dr. Freusberg
+ Frau Sophie Gerhardt
+ Frau Oberstleutnant v. Gilsa
+ Frau Otto Glauert
+ Frau Prof. Graff
+ Frau Prof. Dr. Carl Grube
+ Frau Prof. Grüters
+ Frau Franz Guilleaume
+ Fräulein Betty Günther
+ Frau Geheimrat Hammerschmidt
+ Frau Geheimrat Hövermann
+ Frau Landgerichtspräsident Junkermann
+ Fräulein Ellen Kalthoff
+ Frau H. Klamroth
+ Frau Geheimrat Krüger
+ Frau Prof. A. Landsberg
+ Herr Geheimrat Prof. Berthold Litzmann
+ Frl. Elisabeth Litzmann
+ Fräulein Johanna Marx
+ Frau Maria Merckens
+ Frau Dr. Möller
+ Fräulein Dr. Annemarie Morisse
+ Frau Geheimrat von Mosengeil
+ Frl. Elisabeth Neubig
+ Frau Bauinspektor Oehlmann
+ Frau Prof. Pflüger
+ Frau Dr. Poensgen
+ Frau Liese Price, geb. Prym
+ Frau Dr. Paul Prym
+ Frau Johanna Poppe
+ Frau Dr. Rick
+ Frau Prof. Ruhland
+ Frau Geheimrat Prof. Rumpf
+ Frau Geheimrat Schede
+ Frau Dr. Schiedermaier
+ Freifrau Marie Schilling v. Cannstadt
+ Frau Liese Schmidtbonn
+ Frau Direktor Schumm-Walter
+ Frau Geh. Kommerzienrat Selve
+ Frau Bankdirektor Adele Steinberg
+ Frau Geheimrat Steinmann
+ Frau J. P. Tonger
+ Frau E. Wasserfuhr
+ Frau Kommerzienrat Louis Wessel
+ Frl. Gudrun Wiedemann
+ Frau Margarethe L. Windhorst
+ Frau Rechtsanwalt Wassermeyer II.
+ Frau Geheimrat Zitelmann
+ Frau Konsul Zuntz
+
+
+_Brebach_ a. d. Saar
+
+ Frau Dr. Baentsch
+
+
+_Bremen_ (2)
+
+ Frau Erich Fabarius
+ Frau E. Schröder
+
+
+_Breslau_
+
+ Frau Assessor Dr. Osterloh
+
+
+_Büderich_, Kr. Neuß (2)
+
+ Frau Ilse Oppenheimer
+ Frau Dr. Maase
+
+
+_Coblenz_ (34)
+
+ Frau Geh. Kommerzienrat v. Oswald, M. d. e. V.
+ Frau Regierungsrat Snethlage, M. d. e. V.
+ Frau Oberregierungsrat Brückner
+ Frau Gerichtsrat Devin
+ Fräulein Therese Junckerstorff
+ Frau Justizrat Gräff
+ Frau Prof. Dr. Heidsiek
+ Fräulein Maria Hessel
+ Frau Generalmusikdirektor Prof. Kes
+ Fräulein Auguste Kleist
+ Frau Archivrat Knipping
+ Frau Syndikus Gustav Köpper
+ Frau Maria Kramer
+ Frau Dr. Otto Landau
+ Frau Sophie Lichtenhahn
+ Frau Willy Mayer-Alberti
+ Frau Dr. Michel
+ Frau Forstmeister Mohr
+ Frau Oberregierungsrat Momm
+ Frau Regierungsrat Neff
+ Frau Beigeordneter P. Prentzel
+ Frau Geheimrat Rasch
+ Frau Regierungspräsident Scherenberg
+ Frau Oberbürgermeister Schueller
+ Frau Heide Schröder
+ Frau Georg Seligmann
+ Frau Kommerzienrat Seligmann
+ Frau Geh. Kommerzienrat Spaeter
+ Frau Bertha Stock
+ Frau Major Tondeur
+ Frau Mathilde Voigt
+ Fräulein M. Voß
+ Frau Major Weckmann
+ Frau Dr. Wolf
+
+
+_Cöln_ (65)
+
+ Frau Kommerzienrat Louis Hagen, M. d. e. V.
+ Frau Dr. Richard Schnitzler, M. d. e. V.
+ Frau Kommerzienrat Dr. jur. Albert Ahn
+ Frau M. Bachem-Sieger
+ Frau Carl Th. Deichmann
+ Frau Justizrat Eltzbacher
+ Fräulein H. Endemann
+ Frau Erdensohn
+ Frau Geheimrat Esser
+ Frau Maria Eul
+ Frau Leopold Frank
+ Frl. Hella Freusberg
+ Frau Oberleutnant Fusban
+ Frau Faesy-Hartmann
+ Frau Dr. Gaul
+ Fräulein Martha Gaul
+ Frau Friedrich Grüneberg
+ Frau Senatspräsident Günther
+ Frau Kommerzienrat Arnold v. Guilleaume
+ Frau Hilla Gruenwald
+ Frau W. C. Hartmann
+ Frau Kommerzienrat Albert Heimann
+ Frau Dr. Max Heimann
+ Frau Geheimer Sanitätsrat Heimsoeth
+ Frau Emil Hellmers
+ Frau Hugo Herz
+ Frau Kommerzienrat W. Heyer
+ Frau Carl v. Joest
+ Frau Elisabeth Kessel
+ Frau Heinrich Kiel
+ Frau Marie Krause
+ Frau Kommerzienrat Fritz Langen
+ Frau Adolf Leven
+ Frau Margarethe Loehmer
+ Frau Felix v. Mallinckrodt
+ Frau Dr. E. v. Mallinckrodt
+ Frau Marguerite Matthis
+ Frau Dr. H. C. Merrill
+ Fräulein Mathilde von Mevissen
+ Fräulein Melanie von Mevissen
+ Frau Geheimrat Neven-Du Mont
+ Frau August C. W. Nolte
+ Frau Dr. med. Nolden
+ Frau Emil Oelbermann
+ Frau Amtsrichter Dr. Oster
+ Frau Carl Peters
+ Frau Lina Piel-Weber
+ Frau Oberstaatsanwalt Pult
+ Frau Geheimrat A. Samelson
+ Frau Alfred Schmidt
+ Frau Oberregierungsrat Schuch
+ Fräulein Mella von Schnitzler
+ Frau Geheimrat Robert Schnitzler
+ Frau Justizrat Victor Schnitzler
+ Frau Carl Theodor Soelling
+ Frau Konsul Hch. v. Stein
+ Frau Eugenie Steinberg
+ Frau Paula Stierstadt
+ Frau W. Stühlen
+ Frau Paul Stein
+ Frau Leonhard Tietz
+ Frau Maria Traine
+ Frau Georg Friedrich Vowinkel
+ Frau Dr. H. Weiler
+ Frau Regierungsassessor Woltering
+
+
+_Crefeld_ (25)
+
+ Frau Emil v. Beckerath, M. d. e. V.
+ Fräulein Margarethe Hermes, M. d. e. V.
+ Frau Kommerzienrat Hedwig Bayerthal
+ Frau Baronin von Boetzelaer
+ Fräulein Martha Brüning
+ Frau J. Clauß
+ Frau Geheimrat Deussen
+ Frau Dr. Deuß
+ Frau Regierungsrat Dr. Jentges
+ Frau Walter Hermes
+ Frau Arthur Hertz
+ Frau Bernh. Hertz
+ Frl. Elisabeth Hoddick
+ Frau Eugen Jacobs
+ Frau Moritz Jörgens
+ Frau Kommerzienrat Leendertz
+ Frau Justizrat Mengelberg
+ Frau Paul te Neues
+ Frau Adele Oppenheimer
+ Fräulein Else Peltzer
+ Frau Kommerzienrat Scheibler
+ Frau Rudolf Schelleckes
+ Frau Sanitätsrat Dr. Schneider
+ Frau Kommerzienrat Arthur Schroers
+ Frl. Hedwig Vielhaber
+
+
+_Crossen_
+
+ Ihre Exzellenz Baronin von Heycking
+
+
+_Darmstadt_ (43)
+
+ Frau Justizrat Dr. Bender
+ Frau Felix Boute
+ Frau Emil Callmann
+ Frau Prof. Dr. Dietz
+ Ihre Exzellenz Frau Minister Dittmar
+ Frl. Annuschka Dittmar
+ Fräulein Anna Ethel
+ Frau Rittmeister Helene Fenner
+ Frau Carl Flinsch
+ Frau Geheimrat Marie Haas
+ Frau Marta Haniel
+ Frau Dr. Maria Happel
+ Frau Geh. Forstrat Heinemann
+ Ihre Exzellenz Freifrau Max v. Heyl
+ Frau Gertrud Hoehn
+ Frau Geh. Oberbaurat Hofmann
+ Frau Dr. Arthur Human
+ Frau Prof. Kißner
+ Fräulein Emilie Knorr
+ Fräulein Anna Koch
+ Frau von Kraemer-Elsterstein
+ Frau Sanitätsrat von Maurer
+ Frau Legationsrat Dr. Neidhard
+ Fräulein Maria Rau
+ Frau Kommerzienrat Roeder
+ Ihre Exzellenz Frau Staatsminister Rothe
+ Herr Buchhändler Ludwig Saeng
+ Freifrau Emma Schenk zu Schweinberg
+ Frau Dr. Anna Schlapp
+ Frau Ferdinand Schmidt
+ Frau Hofkonzertmeister Schmidt
+ Frau Joseph Schneider
+ Frau Major Eugenie Schoerke
+ Fräulein Tilla Schröder
+ Frau Gottfried Schwab
+ Frau Major Selzam
+ Frau Kommerzienrat Eugen Trier
+ Frl. Maria Valckenberg
+ Frau Kabinettssekretär Dr. Wehner
+ Frau Baronin B. von Wedekind
+ Frau Prof. Dr. Weller
+ Freifrau Elsa Laura von Wolzogen
+ Frau Landgerichtsdirektor Zimmermann
+
+
+_Degerloch_ (Württemberg)
+
+ Frau Gretel Pfennig-Eisenlohr
+
+
+_Deidesheim_ (Pfalz)
+
+ Frau Kommerzienrat Eckel
+
+
+_Detmold_ (Lippe)
+
+ Frau Franz Krohn
+
+
+_Dippelshof_ b. Darmstadt
+
+ Frau Oberstleutnant Bullrich
+
+
+_Dortmund_ (15)
+
+ Frau Robert Hoesch, M. d. e. V.
+ Frau Dr. Brunck
+ Frau Olga Brügmann
+ Frau Dr. jur. Arnold Cremer
+ Frau Oberbürgermeister Eichhoff
+ Frau Johanna Fränkel
+ Frau Konsul Hild
+ Frau Konsul Albert Hoesch
+ Frau Christel Kirchhoff
+ Frau Dr. Overbeck
+ Frau Bankdirektor Tegeler
+ Frau Pastor Traub
+ Frau Henny Tull
+ Frau Dr. Wagenknecht
+ Frau Ottilie Wortmann
+
+
+_Dresden_ (3)
+
+ Herr Graf Kuno Hardenberg
+ Frau Kommerzienrat Ellen Hoesch
+ Herr Dr. med. Eduard Krauß
+
+
+_Düren_ (67)
+
+ Frau Guido Schoeller, 1. Vorsitzende
+ Frau Kommerzienrat Rudolph Schoeller, Schatzmeisterin
+ Frau Rudolf v. Eynern, stellvertretende Schatzmeisterin
+ Frl. Marthe Apffel
+ Frau Felix Banning
+ Frau Ernst Benrath
+ Fräulein Ide Bernhardt, Oberin
+ Frau Gustav Börstinghaus
+ Frau Carl Bücklers
+ Frau Fritz Busch
+ Frau Walter Corty
+ Frau Louis Draemann
+ Frau Robert Emmel
+ Frau Stadtbaurat Faensen
+ Frl. Marie Fonrobert
+ Frau Else von Gartzen
+ Fräulein Helene Gieser
+ Frau Chr. Ivo Heimbach
+ Frau Bernhard Heyder
+ Frau Arthur Hoesch
+ Fräulein Laura Hoesch
+ Fräulein Maria Hoesch
+ Frau Max Hoesch
+ Frau Robert Hoesch
+ Frau Walter Hoesch
+ Frl. Johanna Itzenplitz
+ Frau Paul Kappler
+ Frau Landrat Kesselkaul
+ Frau Oberbürgermeister Klotz
+ Frau Karl Krafft
+ Frau Leopold Krafft
+ Frau Dr. Toni Littaur
+ Frau Carl Münch
+ Frl. Hedwig Niemeyer
+ Frau Leopold Peill jr.
+ Frau Felix Peltzer
+ Frau Gustav Renker
+ Frau Richard Rhodius
+ Frau Fritz Schleicher
+ Frau Otto Schleicher
+ Frau Albert Schoeller
+ Frau Alfred Schoeller
+ Frau Arno Schoeller
+ Frau Geh. Kommerzienrat Arnold Schoeller
+ Frau Caesar Schoeller
+ Frau Carl Schoeller
+ Frau Kommerzienrat Heinrich Schoeller
+ Frl. Helene Schoeller
+ Frau Hermann Schoeller
+ Frau Leo Schoeller
+ Frau Dr. Max Schoeller
+ Frau Paul Schoeller
+ Frau Philipp Schoeller
+ Frau Viktor Schoeller
+ Frau Oberlandesgerichtsrat Walter Schoeller
+ Frau Sanitätsrat Dr. Schreiber
+ Frau Cäsar Schüll
+ Frau Felix Schüll
+ Frau Gustav Schüll
+ Frau Richard Schüll
+ Frau Walter Schüll
+ Frau Christel Schumacher
+ Frl. Luise Schürmann
+ Frau Notar Sendler
+ Frau C. H. Seybold
+ Frau Emil Wergifosse
+ Frau Maria Wingerath
+
+
+_Düsseldorf_ (66)
+
+ Frl. Minna Blanckertz, M. d. e. V.
+ Frau Prof. Julius Buths, M. d. e. V.
+ Frau Präsident zur Nedden, M. d. e. V.
+ Frau Geheimrat August Bagel
+ Frau Fritz Bagel
+ Fräulein Adele Baum
+ Frau Bergrat Behrens
+ Frau von Berghes
+ Frau Elisabeth Blanckertz
+ Frau Auguste Bölling
+ Frau Direktor Callsen
+ Frau Major Courth
+ Frau Ellen Cramer
+ Frau Ernst Cramer
+ Frau Franz Dauter
+ Frau Baronin v. Diergardt
+ Frau Achille Dreher
+ Frau Paul Eichwald
+ Frau Alfred Flechtheim
+ Frau Emil Flechtheim
+ Frau Anka von Gahlen
+ Frau Wwe. Hugo von Gahlen
+ Frau Isabella Gilles
+ Frau Paul Grolmann
+ Frau August Günther
+ Frl. Ottilie Günther
+ Frau Geheimrat Franz Haniel
+ Frau Dr. Höchst
+ Frau Prof. Dr. A. Hoffmann
+ Frau Richard Heimendahl
+ Frau Geheimrat Dr. Josephson
+ Frau Hedwig Kneist
+ Frau Oberregierungsrat Koenigs
+ Frau Ella Kohlschein
+ Frau Albert Krauß
+ Frau Carl Krauß
+ Frau Prof. Dr. Kraeger
+ Frau Regierungspräsident Kruse
+ Frau Oberlandgerichtsrat Landau
+ Frau Melinka v. Mauntz
+ Fräulein Berta Niebel
+ Frau Fritz Niebel
+ Frau Elsa Nörrenberg
+ Frau Prof. Georges Oeder
+ Frau Johanne Pape
+ Frau Dr. Albert Poensgen
+ Frl. Marta Poensgen
+ Frau Rechtsanwalt Presser
+ Rheinischer Frauenklub
+ Frau Henny Reusing
+ Frau Friedrich Scheven
+ Fräulein Ida Scheven
+ Frau Prof. Schill
+ Frl. Henriette Schmidt
+ Frau Dr. M. Schmidt-Salzer
+ Frau Valesca Schmitz
+ Frau Kommerzienrat Schmitz-Scholl
+ Frau Else Sohn
+ Freifrau Else v. Steinaecker
+ Fräulein Adele Stichweh
+ Frau Alexander Thielen
+ Fräulein Emmy Vollrath
+ Frau Hella Werner
+ Frau Toni Weygand
+ Frau Regierungsrat Wilke
+ Frau Hermann Wuppermann
+
+
+_Duisburg_ (11)
+
+ Frau Oberbürgermeister Dr. Jarres, M. d. e. V.
+ Frau Dr. Altland
+ Frau S. Epstein
+ Frau M. Esch-Hoerle
+ Frau Direktor Filius
+ Frau Pfarrer Haun
+ Frau Hermann Kahmen
+ Frau Kommerzienrat Lehnkering
+ Frau Richard Liebrecht
+ Frau Regierungsrat Mally Meiweg
+ Frau Amtsrichter Dr. Siebel
+
+
+_Egmond-Hoef_ (N.-Holland)
+
+ Frau Luise van den Arend
+
+
+_Ehrenbreitstein_ b. Coblenz
+
+ Fräulein Alice Warder-Gunning
+
+
+_Elberfeld_ (59)
+
+ Frau Addy Graf, geb. Keetman, M. d. e. V.
+ Frau Gustav Baum
+ Frau Geheimrat Fritz Bayer
+ Frau Rechtsanwalt Beitzke
+ Frau Eugen Blank
+ Frau Adolf Boeddinghaus
+ Frau Paul Boeddinghaus sen.
+ Frau Konsul Paul Boeddinghaus
+ Frau Wilhelm Boeddinghaus
+ Frau Geh. Regierungsrat v. Boettinger
+ Frau Carl Duncklenberg
+ Frau Kommerzienrat Adolf Eisfeller
+ Frau Konsul Werner Esser
+ Frau Grete Feist
+ Frau Kommerzienrat Adolf Friderichs
+ Frau Dr. jur. Abraham Frowein
+ Frl. Elisabeth Frowein
+ Frau Eduard Gebhard
+ Herr Klaus Gebhard
+ Frau Max Gebhard
+ Fräulein Grete Graf
+ Frau Auguste Grafe
+ Frau Dr. Grafe
+ Frau Beigeordnete Holz
+ Frau Kurt Isserstedt
+ Frau Geh. Kommerzienrat August Jung
+ Frau Alfred Keetman
+ Frau Geheimrat August Keetman
+ Frau Justizrat Else Köhler-Dieck
+ Frau C. D. Kost
+ Frau Paul Kost
+ Frau Direktor M. Lipp
+ Frau Paula Maurer
+ Frau Dr. Merkel
+ Frau Paul Meyer
+ Fräulein Selma Möller
+ Frau Carl Neuhaus-Wichelhaus
+ Frau Alexander Neuhaus
+ Frau Alma Petersen
+ Frau Elisabeth Plange
+ Frau Fritz Reimann
+ Frau Anna Frieda Scheffner
+ Frau Rudolf Schlieper
+ Frau Dr. R. Schmidt
+ Frl. Gerda Schniewind
+ Frau Julius Schniewind
+ Frl. Lili Schniewind
+ Frau Willy Schniewind
+ Frau Lili Seyd
+ Frau Hermann Seyd
+ Frau Adolf Simons
+ Frau Anna Springmann
+ Frau August de Weerth
+ Frl. Johanna de Weerth
+ Frau Margarete de Weerth
+ Frau Dr. Robert Wichelhaus
+ Frau Willy Wolff-Schniewind
+ Frau Direktor Wollstein
+ Frau Arthur Wolff
+
+
+_Emmerich_
+
+ Frau Max Ostermayer
+
+
+_Ems_ (Bad) (4)
+
+ Frau Dr. Baur
+ Frau Dr. M. Koch
+ Frau Sanitätsrat Helma Reuter
+ Frau Franz Schmidt jr.
+
+
+_Erbach_
+
+ Frau Kreisrat Starck
+
+
+_Erfurt_
+
+ Fräulein Margarete Bach
+
+
+_Esens_ (Ostfriesland)
+
+ Frau Dr. Dietrich Johannsen
+
+
+_Essen_ (Ruhr) (12)
+
+ Freifrau von Bodenhausen-Degener
+ Frau Anna Goldschmidt
+ Fräulein A. Harbig
+ Frau Finanzrat Haux
+ Fräulein Sacha Homann
+ Frau Baurat Hueter
+ Frau Hanna Lechner
+ Frau Anna Metzendorf
+ Frau Direktor Rosendahl
+ Frau Luise Reuter, geb. Schulz
+ Frau Richard Seiffert
+ Frau Eugen von Waldthausen
+
+
+_Eßlingen_ a. Neckar (Württemb.) (2)
+
+ Frau Prof. Dr. Pfleiderer
+ Fräulein Paula Seitz
+
+
+_Eupen_ (2)
+
+ Frau Arthur Peters
+ Fräulein Julie Tonnar
+
+
+_Euskirchen_
+
+ Frau Josef Lückerath
+
+
+_Frankenthal_ (Pfalz)
+
+ Frau Senatspräsident Baum
+
+
+_Frankfurt_ a. M. (41)
+
+ Fräulein Clara Roger, M. d. e. V.
+ Fräulein Hedwig Banner
+ Frau Pfarrer Basse
+ Frau Baronin von Bethmann
+ Frau Lise Davidis
+ Frau Justizrat Dr. Alexander Dietz
+ Frau Karl Dietze
+ Fräulein Johanna Ficus
+ Frau Otto Fiedler-Kalb
+ Frau von Flotow
+ Fräulein Martha Glück
+ Frau Mally Goltermann
+ Frau Dr. Goldschmidt
+ Frl. Mathilde Heerdt
+ Frau Olga Hirsch
+ Fräulein Thesy Humser
+ Fräulein Marie Jäger-Manskopf
+ Frau Direktor Kalb
+ Frl. Rose Livingston
+ Frau Dr. Lübbecke
+ Frau W. Merton, geb. Oswald
+ Frau Moritz v. Metzler
+ Frau Marie Paquet-Steinhausen
+ Frau Dr. med. Karl Propping
+ Frau Senatspräsident Quinke
+ Frau Max vom Rath
+ Frau Dr. Elsa Richarz
+ Frau L. de Ridder
+ Frau Dr. Roediger
+ Frau Direktor Roger
+ Frau Landrichter Carl Heinrich Roger
+ Frl. Betty Salomon
+ Frau Auguste Schiele
+ Fräulein Anna Schiele
+ Frau Clara Schiele
+ Frau Prof. Schreyer
+ Frau Dr. Steinbrenk
+ Frau Direktor A. Ullmann
+ Frau Arthur v. Weinberg
+ Frau M. Wendt
+ Fräulein Emma Wilhelmi
+
+
+_Freiburg_ i. Breisgau (3)
+
+ Frau Carola Bassermann
+ Frau Dr. Markwalder
+ Freiin von Wittenhorst-Sonsfeld
+
+
+_Freudenstadt_ im Schwarzwald (Württemberg)
+
+ Frau Amtsrichter Jetter
+
+
+_Friedrichshafen_
+
+ Frau Direktor Colsman
+
+
+_Gaienhofen_ a. Bodensee (3)
+
+ Herr cand. phil. Karl Aretz
+ Frau Dr. Ludwig Finckh
+ Herr Dr. Hans Limbach
+
+
+_Gelsenkirchen_
+
+ Frau Bertha Bischof-Binkelmann
+
+
+_Gießen_ (3)
+
+ Frau Geh. Kommerzienrat Heichelheim
+ Frau Dr. Ploch
+ Frau Prof. Zoeppritz
+
+
+_Godesberg_ (4)
+
+ Frau Bächer-Imhäusser
+ Frl. Johanna Cappell
+ Frau Johanna Kutter
+ Frau Oberstleutnant Krause
+
+
+_Göttingen_
+
+ Frau Geheimrat Prof. Hirsch
+
+
+_Groß-Marannen_ b. Wartenburg (Ostpr.)
+
+ Frau v. d. Groeben, geb. von Carstanjen
+
+
+_Grünberg_ (Schles.)
+
+ Frau M. Junghan, geb. Haniel
+
+
+_Grünwiese_ i. Ostpr.
+
+ Frau Gina v. Simpson, geb. v. Fabrice
+
+
+_Gummersbach_
+
+ Frau Ingenieur Müller-Thiel
+
+
+_Hagen_ (19)
+
+ Frau Irma Graeve, M. d. e. V.
+ Frau Wilh. Altenloh jr.
+ Frau Assessor v. Basse
+ Frau Ernst Bechem
+ Frau Rudolf Bechem
+ Frau L. Fischer-Eckert
+ Frau Kurt Gerstein
+ Fräulein Hedwig Graeve
+ Frau Emil Hoesch
+ Frau G. Ad. Kerckhoff
+ Frau Regierungsassessor Killing
+ Frau Margot Kinkel
+ Frau H. J. Köppern
+ Fräulein Luise Köppern
+ Fräulein Grete Kuhbier
+ Frau Anna Lohmann
+ Frl. Frieda Lohmann
+ Frl. Lotte Scheurmann
+ Frau Rudolf Springmann
+
+
+_Hamburg_ (6)
+
+ Frau Adolf Bartning
+ Frau Carl Günther
+ Frau Adele Milan-Doré
+ Frau Direktor Rosenstiel
+ Frau Dr. Stubmann
+ Frau Dr. Wentzel
+
+
+_Hamm_ i. Westf. (6)
+
+ Frau Christine Merkel, M. d. e. V.
+ Frau Rechtsanwalt Dr. Reinhild Eick
+ Frau Oberlandesgerichtsrat Freymuth
+ Frau Oberlandesgerichtsrat Dr. Grünebaum
+ Frau Dr. med. Loehnberg
+ Fräulein Trudel Merkel
+
+
+_Harburg_ a. Elbe
+
+ Fräulein Ida Eger
+
+
+_Heidelberg_ (5)
+
+ Frau Generalleutnant Marie Bendemann
+ Frau Dr. Deetjen
+ Frau Sanitätsrat Lange
+ Frau H. Merton
+ Frau Mathilde Reis
+
+
+_Heidersdorf_, Kr. Nimptsch (Schles.)
+
+ Frau Rittergutsbesitzer von Reisner
+
+
+_Hirschhorn_ a. Neckar
+
+ Frau Lina Derscheidt
+
+
+_Hockenheim_ (Baden)
+
+ Frau Lina Piazolo
+
+
+_Hofheim_ i. Taunus (2)
+
+ Freifrau Blanche von Fabrice
+ Frl. O. W. Roederstein
+
+
+_Hof-Schwalbach_ (Taunus)
+
+ Frl. Sophie Lindheimer
+
+
+_Homburg_ v. d. Höhe
+
+ Frau Dr. Miquel
+
+
+_Horchheim_ b. Coblenz (2)
+
+ Frl. Luise von Davidson
+ Frl. Irmgard Raffauf
+
+
+_Horchheim_ b. Worms
+
+ Frl. Elisabeth Walter
+
+
+_Hügel_ (Rheinprov.)
+
+ Frau Krupp von Bohlen und Halbach
+
+
+_Iserlohn_ (2)
+
+ Frau Kommerzienrat Otto Auer
+ Frau Artur Springorum
+
+
+_Itzehoe_ i. Holstein
+
+ Frau Felicitas König
+
+
+_Jena_
+
+ Frau Geh. Oberfinanzrat Fuchs
+
+
+_Jülich_ (Rheinld.) (3)
+
+ Frau Maria Brügman
+ Frau Wilh. Voswinkel, geb. Schüll
+ Frau Geh. Oberregierungsrat und Landrat Dr. Vüllers
+
+
+_Kaiserslautern_ i. Pfalz (5)
+
+ Frau Prof. Eduard Brill
+ Frau Marianne Kieffer
+ Fräulein Emma Merkel
+ Frau Dr. E. Münch
+ Fräulein Bertha Reinhart
+
+
+_Kaiserswerth_ a. Rhein
+
+ Frau Dr. Herbert Eulenberg
+
+
+_Karlsruhe_ i. Baden (11)
+
+ Frau Prof. Alice Trübner, 3. Vorsitzende
+ Frl. Johanna Bartning
+ Frau Blankenhorn
+ Ihre Exzellenz Frau Minister Böhm
+ Frau Baurat Else Fuchs
+ Frau Geheimrat Lacher
+ Freiin von Marschall
+ Frau Generaloberarzt Oertel
+ Frau Prof. Georg Schreyögg
+ Fräulein Agathe Thoma
+ Fräulein Anna Wacker, Hauptlehrerin
+
+
+_Kassel_-Wilhelmshöhe
+
+ Frau Anna Merkel
+
+
+_Kilchberg_ b. Zürich (2)
+
+ Frau Arnold Schwarzenbach-Fürst
+ Frau Maria Steiger-Kirchhofer
+
+
+_Kirchen_ a. d. Sieg (2)
+
+ Frau Dr. Sonnenberg
+ Frau Dr. Carl Sager
+
+
+_Kirn_ a. d. Nahe
+
+ Frau Philipp Andres
+
+
+_Klockow_ b. Friedland (Mecklenburg)
+
+ Fräulein von Enckevort
+
+
+_Königsberg_
+
+ Frau Generalleutnant Brodrück
+
+
+_Königswinter_ a. Rh.
+
+ Frau Dr. Ernst v. Eynern
+
+
+_Konstanz_ a. Bodensee
+
+ Frau Geh. Oberbergrat Honsell
+
+
+_Kreuznach_
+
+ Frau Dr. Bartenstein
+
+
+_Lambrecht_ (Rheinpfalz)
+
+ Fräulein Jula Obermaier
+
+
+_Landau_ (Pfalz)
+
+ Frau Hauptmann Buch
+
+
+_Landonvillers_ i. Lothringen
+
+ Frau Geheimrat von Haniel
+
+
+_Landshut_ (Schlesien)
+
+ Frau Landrat Else Moritz
+
+
+_Langenberg_ (3)
+
+ Fräulein Leni Colsman
+ Frl. Thilde Colsman
+ Frau G. Conze jr.
+
+
+_Langerfeld_ (Kreis Schwelm)
+
+ Frau Erna Reber
+
+
+_Langerwehe_ b. Düren (2)
+
+ Frau Irma Hasenclever, M. d. e. V.
+ Frau Richard Schleicher
+
+
+_Leipzig_ (7)
+
+ Frau Else Dürr
+ Frau Gertrud Dumstrey-Freytag
+ Frau Cläre Kirstein
+ Herr Geh. Hofrat Martersteig
+ Frau Lucy Neugaß
+ Frl. Marie Reinicke
+ Frau Elisabeth Wolff
+
+
+_Leverkusen_ b. Mülheim a. Rh.
+
+ Frau Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Duisburg
+
+
+_Liegnitz_ (Schlesien)
+
+ Frl. Irmgard Negenborn
+
+
+_Livorno_
+
+ Frau Emilie Holler
+
+
+_Lodz_ (Russ.-Polen) (5)
+
+ Frau Margot Fuhrmann
+ Frau Theodor Hüffer
+ Frau Martha Schulz
+ Frau Elfriede Schwartzschultz
+ Frau Dr. Wörnle
+
+
+_Ludwigsburg_ b. Stuttgart
+
+ Frau Elisabeth Lichtenberg
+
+
+_Magdeburg_
+
+ Frau Irmgard von Gilsa, geb. von Daum
+
+
+_Mainz_ (9)
+
+ Frau Geheimrat Anna Bamberger
+ Frau Dr. Robert Braden
+ Frau Landgerichtsrat Eller
+ Frau Oberbürgermeister Dr. Göttelmann
+ Frau Dr. Knauer, geb. Ostmann
+ Frau Justizrat Dr. Lichter-Northmann
+ Frau Isabella Metzke
+ Frau Geh. Medizinalrat Dr. Reisinger
+ Fräulein A. Strauß
+
+
+_Mannheim_ (36)
+
+ Frau Julie Bassermann, M. d. e. V.
+ Frau Kommerzienrat Bertha Röchling, M. d. e. V.
+ Frau Gerta Thorbecke, geb. Schüll, M. d. e. V.
+ Frau Dr. Elisabeth Altmann-Gottheiner
+ Frl. Margarethe Bassermann
+ Fräulein Luise Bender
+ Frau Alice Bensheimer
+ Frau Fanny Boehringer
+ Frau Dr. Bohn
+ Frau Prof. René Bohn
+ Frau Julia Boveri-Lindley
+ Frau Helene Clemm
+ Frau Lili Clemm
+ Frau Kommerzienrat Engelhorn
+ Frau Otto Jörger
+ Frau Dr. Haas
+ Frau Wilhelmine Hirschhorn-Enthoven
+ Frau Gustav Hohenemser
+ Frl. Marie Kesselbach
+ Frau Geheimrat Carl Ladenburg
+ Frau Eduard Ladenburg
+ Frau Dr. Richard Ladenburg
+ Frau Rechtsanwalt A. Lindeck
+ Frau Kommerzienrat Emil Mayer
+ Frau Hermann Mayer
+ Frau Dora Mohr
+ Frau Helene Röchling
+ Frau von Roon, geb. Bassermann
+ Frau Prof. Schott
+ Frau Dr. Otto Seiler
+ Frau Dr. Simon
+ Frau Konsul Simon
+ Frau Kommerzienrat L. Stinnes
+ Frau Julius Thorbecke
+ Frau Maria Trumpp-Stahl
+ Frau W. Vögele
+
+
+_Mehlem_ a. Rhein
+
+ Frau Direktor Leister
+
+
+_Meiningen_ (Thür.)
+
+ Frau Lisbeth Lücke
+
+
+_Merseburg_
+
+ Freifrau von Wilmowski, geb. Krupp
+
+
+_Merzig_ (Saar)
+
+ Frau Landrat Haniel, M. d. e. V.
+
+
+_Mettlach_ (3)
+
+ Frau von Boch
+ Frau Luitwin von Boch
+ Frau Roger von Boch
+
+
+_Metz_ (Lothringen) (2)
+
+ Frau Hauptmann Hethey
+ Frau Elfriede v. Wurmb
+
+
+_Mexico_ (D. F. mexicana)
+
+ Frau Cornelie Iwersen
+
+
+_Michelstadt_ im Odenwald (2)
+
+ Frau Kommerzienrat Arzt
+ Frau Mathilde Arzt
+
+
+_Minden_ i. W. (4)
+
+ Frau Regierungsrat Moldehnke, M. d. e. V.
+ Frau Hauptmann Bunge
+ Frau Kommerzienrat Robert Noll
+ Frau Dr. C. Wolbrecht
+
+
+_Montabaur_
+
+ Freifrau Marschall von Bieberstein
+
+
+_Montjoie_ (2)
+
+ Fräulein Irma Scheibler
+ Herr Siegfried Scheibler
+
+
+_Müddersheim_ b. Düren
+
+ Frau Carl Bessenich
+
+
+_Mülheim_ a. Rhein (2)
+
+ Frau Kommerzienrat Charlier
+ Frau Gustav Martin
+
+
+_Mülheim_ a. d. Ruhr (7)
+
+ Frau M. Niebel, M. d. e. V.
+ Frau Ernst Coupienne
+ Frau Carl Itzenplitz
+ Frau Dr. Neumann
+ Frau Reichsbankdirektor Schmid
+ Frau Kommerzienrat Desy Stinnes
+ Frau Hugo Stinnes-Coupienne
+
+
+_München_ (13)
+
+ Fräulein Clara Baur
+ Frau Architekt Otto Baur
+ Frau Dr. Fritz Callmann
+ Frau Julie Dressel
+ Frau Elsa Frankl
+ Frau Emmy Frommel
+ Fräulein Jeffery
+ Fräulein Maria Laumen
+ Frau Hermann Lohse
+ Frau Else Papp
+ Frau Dr. Benno Rüttenauer
+ Frau Oberstabsarzt Schoenwerth
+ Frau Geh. Oberbaurat Schmick
+
+
+_München-Gladbach_
+
+ Frau Generaldirektor Haus
+
+
+_Münster_ i. W. (4)
+
+ Freifrau Dolores von Brockdorff
+ Frau Olga Flechtheim-Faber
+ Frau Hanna Lohmann
+ Frau Justizrat Salzmann
+
+
+_Nagelshausen_ b. Konstanz (Schweiz)
+
+ Frau Rittmeister Meyer-Wolde
+
+
+_Nauheim_ (Bad)
+
+ Frau Medizinalrat Dr. Groedel
+
+
+_Naumburg_ a. d. Saale
+
+ Frl. Margarethe Bach
+
+
+_Neuenahr_ (Bad)
+
+ Frau B. Elsner
+
+
+_Neumünster_
+
+ Frau Oberst Annie von Rode
+
+
+_Neustadt_ a. d. Haardt (4)
+
+ Frau Justizrat Clundt
+ Frau Anna Daqué, geb. Abresch
+ Frau Katharina Knoeckel
+ Frau Kommerzienrat Witter
+
+
+_Neuwied_
+
+ Frau Julius Remy
+
+
+_Nordrach_ (Bad i. Schwarzwald)
+
+ Frau Dr. Schmidt
+
+
+_Oberhausen_ (Rhld.)
+
+ Frau Dr. Ernst Holzrichter
+
+
+_Oberlahnstein_ b. Coblenz (2)
+
+ Frau Bankier Lydia Herz
+ Fräulein Ida Lessing
+
+
+_Offenbach_ a. Main
+
+ Frau Kommerzienrat Adda Aßmann
+
+
+_Opladen_ b. Cöln (2)
+
+ Frau Direktor Metzen
+ Frau Max Roemer
+
+
+_Oppenheim_ a. Rh.
+
+ Frau Oberbürgermeister Schmidt
+
+
+_Osnabrück_ (5)
+
+ Frau Hauptmann Barnstedt
+ Frau Felix Schoeller sen.
+ Frau Felix Schoeller jr.
+ Frau Gerhard Schoeller
+ Frau Lothar Schoeller
+
+
+_Otjariva_ (Süd-West-Afrika)
+
+ Frau Irmgard Gärtner
+
+
+_Perleberg_
+
+ Frau Maria von Hahn
+
+
+_Petersburg_ (Rußland)
+
+ Frau Gösta Nobel
+
+
+_Pforzheim_
+
+ Frau Amtmann Kohlmeier
+
+
+_Potsdam_
+
+ Frau Gräfin von Soden
+
+
+_Poulheim_ b. Cöln
+
+ Frau Werner Pagenstecher
+
+
+_Pützchen_ (Kreis Bonn) (3)
+
+ Fräulein Carla Gehrds
+ Frau Berta Peipers
+ Frau Dr. Else Wildenrath
+
+
+_Rastenburg_ (Ostpreußen) (2)
+
+ Frau Oberstleutnant Snethlage
+ Frau Amela Unger
+
+
+_Remscheid_ (13)
+
+ Frau Lise von Berg
+ Frau Heinrich Böker
+ Frau Moritz Böker
+ Frau Beigeordneter Dr. Eckert
+ Frau Gustav Engels
+ Frau Max Engels
+ Frau Hugo Felde
+ Frau Bernhard Hasenclever
+ Frau Alfred Hilger
+ Frau Gustav Hilger
+ Frau Karl Krumm
+ Frau Paul Mannesmann
+ Frau Dr. Oertgen
+
+
+_Reutlingen_ (2)
+
+ Frau Hofrat Finckh
+ Frau Cornelie Goltermann
+
+
+_Rheydt_ (4)
+
+ Frau Dr. Koch
+ Fräulein Maria Lenssen
+ Frau Dr. Carl Meyer
+ Frau Niemöller, geb. Goeters
+
+
+_Rhöndorf_ a. Rh.
+
+ Frau Helene Klemme
+
+
+_Rockenhausen_ (Pfalz)
+
+ Fräulein Mathilde Lotz
+
+
+_Rom_ (Italien)
+
+ Frau Minna v. Fleischl-Schwarzenbach
+
+
+_Saarbrücken_ und _St. Johann_ (15)
+
+ Frau Adolf Ehrhardt, M. d. e. V.
+ Frau Bankier Braun
+ Frau Erster Staatsanwalt Daniels
+ Frau Maria Deeß-Ott
+ Frau Anna Ehrhardt
+ Frl. Marie von Gustedt
+ Fräulein Else Hahne
+ Frau Ernst Heckel
+ Frau Kommerzienrat Karcher
+ Frau Sanitätsrat Keßler
+ Frau Bankdirektor Lazard jr.
+ Frau Rechtsanwalt Dr. Leibl
+ Frau Chiara Röchling
+ Frau Regierungsbaumeister Student
+ Frau Kom.-Rat Generaldirektor Weisdorff
+
+
+_Saarburg_ i. Lothr.
+
+ Frau Rittmeister Auler
+
+
+_St. Moritz-Dorf_ (Engadin)
+
+ Frau Adolf G. H. Angst
+
+
+_Schäßburg-Segesvar_ (Ungarn)
+
+ Herr Rechtsanwalt Dr. Leicht
+
+
+_Schlebusch_ b. Cöln
+
+ Frau Aenne Merkel
+
+
+_Schotten_, Kreisamt (Oberhessen)
+
+ Frau Kreisrat Kranzbühler
+
+
+Rittergut _Schwarzhof_ (Livland)
+
+ Frau Baronin Alice von Brasch
+
+
+_Groß-Schwarzlosen_ i. d. Altmark
+
+ Frau Direktor Rigmor Meyer
+
+
+_Siegen_ (7)
+
+ Fräulein Emilie Ax
+ Fräulein Elisabeth Gontermann
+ Frau Walter Gontermann, geb. Henckels
+ Frau Ludwig Koch
+ Frau Ernst Reichwald
+ Frl. Melly Seyberth
+ Frau Frieda Spannagel, geb. Delius
+
+
+_Singen_ a. Hohentwiel
+
+ Frau Dr. Huck
+
+
+_Sinn_ (Hessen-Nassau)
+
+ Frl. Maria Treupel
+
+
+_Sljetina_ b. Sarajevo
+
+ Frau Forstverwalter Dr. Lotte Fröhlich
+
+
+_Solingen_ (4)
+
+ Frau Sophie Coppel
+ Frau Ernst Henckels
+ Frau Paul Kind
+ Frau Berta Liesendahl
+
+
+_Steinförde_ (Celle)
+
+ Frau Bergwerksdirektor Käte Ficus
+
+
+_Stettin_ (3)
+
+ Frau Dr. Cläre Ackerknecht
+ Frau Oberlandesgerichtsrat Dr. Hanau
+ Frau Margarete Kuck
+
+
+_Stolberg_ (4)
+
+ Frau Adolf Bastin
+ Frau Ida Brandt
+ Frau Hermine Prym
+ Frau Susanne Schippau
+
+
+_Stralsund_
+
+ Frau Regierungsassessor Dr. Banke
+
+
+_Straßburg_ i. Els. (4)
+
+ Frau Geheimrat Dr. Fehling
+ Frau Martin Schoeller
+ Frau Prof. Franz Schultz
+ Frau Stabsarzt Dr. Todt
+
+
+_Stuttgart_ (8)
+
+ Frau Prof. Martin Elsaesser
+ Frau Ingeborg Kes von der Marken
+ Frau Dr. H. Kessel
+ Frau Dr. phil. Gertrud Pfeilsticker
+ Frau Käte Schaller-Haerlin
+ Frau Max Th. Schaller
+ Frau Medizinalrat Dr. Schleicher
+ Frau Prof. Robert Weise
+
+
+_Haus Tanneck_ b. Elsdorf
+
+ Frau Komm.-Rat Fritz Langen
+
+
+_Trier_ (6)
+
+ Frau Professor Hettner, M. d. e. V.
+ Frau Oberbürgermeister von Bruchhausen
+ Frau Oberstleutnant Hartung
+ Frau Kommerzienrat Wilh. Rautenstrauch
+ Frau Oberförster Wenzel, geb. Hoesch
+ Frau Präsident Wette
+
+
+_Troisdorf_
+
+ Frau Ludwig Mannstaedt
+
+
+_Tübingen_ (2)
+
+ Frau Elisabeth Lang
+ Frau Prof. Scheel
+
+
+_Uerdingen_ (Niederrh.) (4)
+
+ Frau Rudolf Wedekind, M. d. e. V.
+ Frau Leo Mauritz
+ Frau Geheimrat Dr. E. ter Meer
+ Frau Dr. H. Müller
+
+
+_Ulm_ a. d. Donau
+
+ Frau Dr. Friedrich E. Mouths
+
+
+_Vallendar_ (Rheinland) (3)
+
+ Frau Elisabeth Schäfer, Schriftführerin
+ Frau Friedrich Arntz
+ Herr Wilhelm Schäfer
+
+
+_Vlotho_ i. W. (3)
+
+ Frau Notar Adriani
+ Frau Paul Saatmann
+ Frau Paul Tintelnot
+
+
+_Vohwinkel_ b. Elberfeld
+
+ Frau Hermann Wülfing
+
+
+_Wachenheim_ (Rheinpfalz)
+
+ Frau Hildegard Kuhn
+
+
+_Wahrburg_ b. Stendal
+
+ Freifrau von Nordeck
+
+
+_Schloß Walburg_ (Unterelsaß)
+
+ Frau Richard Haniel, geb. von Levetzow
+
+
+_Waldbroel_ b. Cöln
+
+ Frau Landrat Gerdes
+
+
+_Wallerfangen_ bei Saarlouis (2)
+
+ Frau Hauptmann Bunge
+ Frau René von Boch-Galhau
+
+
+_Weilburg_ a. d. Lahn
+
+ Frau Kommerzienrat Rudolf Herz
+
+
+_Weimar_
+
+ Freifrau Oberst v. Lepel
+
+
+_Weinheim_ (2)
+
+ Frau Henny von Arndt
+ Frau Regierungsassessor Pfisterer
+
+
+_Weinsheim_ b. Worms
+
+ Frau Toni Rücker
+
+
+_Werdohl_ i. Westf. (2)
+
+ Frau Constanze Colsman
+ Frau Adolf Schlesinger
+
+
+_Wesel_
+
+ Frau Major Castendyk
+
+
+_Westerburg_
+
+ Frau Landrat Abicht
+
+
+_Wetter_ a. d. Ruhr
+
+ Frau Hermann Harkort
+
+
+_Wetzlar_
+
+ Frau Staatsarchivrat Else Richter
+
+
+_Wiesbaden_ (14)
+
+ Frau Dr. Stempel, M. d. e. V.
+ Frau Kommerzienrat Albert
+ Frau von Auer-Herrenkirchen
+ Frau Ida Haniel
+ Frau Otto Henkell
+ Frau Ernst Henckels
+ Frau Martha Heymons
+ Frau Elly Leykauff
+ Fräulein Helene Mencke
+ Frau Linnie Rappolt-Fischer
+ Fräulein Ila Rudorff
+ Fräulein Thekla Rudorff
+ Frau Justizrat Siebert
+ Frau Dr. Weise
+
+
+_Winsen_ a. d. Luhe
+
+ Frau Landrat Elly Ecker
+
+
+_Woinowitz_ (Kreis Ratibor)
+
+ Frau Anna von Banck, geb. Haniel
+
+
+_Worms_ (25)
+
+ Fräulein Anna Reinhart, M. d. e. V.
+ Frau Dr. Armknecht
+ Frau Joh. Bockmann
+ Frau Ellen Enzinger
+ Frau Franziska Doerr
+ Frau Dr. med. Fritz Gernsheim
+ Frau Emanuel Gernsheim
+ Frau Sally Gernsheim
+ Frau Julius Goldschmidt sen.
+ Ihre Exzellenz Freifrau v. Heyl zu Herrnsheim
+ Frau Elvira Hüttenbach
+ Frau Henny Kahn
+ Frau Max Levy
+ Fräulein Grete Loesch
+ Frau Ludwig Lohnstein
+ Frau Lotta Losekamm
+ Frau Marie Matthäi
+ Frau Dr. Mäurer
+ Frau Marie Michel
+ Frau Paula Reinhart
+ Frau Direktor Schaum
+ Fräulein Anna Schulz
+ Frau Theodor Stern
+ Fräulein Elisabeth Valckenberg
+ Frau A. Zemsch
+
+
+_Zabrze_ (Schlesien)
+
+ Frau Generaldirektor Kommerzienrat Hochgesand
+
+
+_Zürich_ (14)
+
+ Frau Dr. Ernst Schwarzenbach, M. d. e. V.
+ Frau Carola Escher-Prince
+ Frau Carl Fehr
+ Frau Marie Frick
+ Frau Koch-Jagenberg
+ Frau Prof. v. Monakow
+ Frau Kurt Schäffer
+ Frau Dr. Cäsar Schoeller
+ Frau Emma Sebes-Baumann
+ Frau Prof. Sieveking
+ Frau Therese Thomann
+ Frau Gertrud Veraguth-Keyser
+ Frau Oberst Ulrich
+ Frau Zuppinger-Eisentraut
+
+
+ Gedruckt im Herbst 1914 von
+ Oscar Brandstetter, Leipzig
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligheit herab, zwei
+ mir, aus all der sonnigen Meeres- und Himmelshelligkeit herab, zwei
+
+ Die Insel.
+ Die Insel
+
+ war tapfer, war, als er das tat, höchst liebenswürdig, denn er tat es
+ war tapfer; war, als er das tat, höchst liebenswürdig, denn er tat es
+
+ durch alle Straßen, überdies war gerade, in dieser schönen Nacht
+ durch alle Straßen, überdies war gerade in dieser schönen Nacht
+
+ ich mir, in einen dunklen, grünen Wald. in ein rechtes Kircheninneres
+ ich mir, in einen dunklen, grünen Wald, in ein rechtes Kircheninneres
+
+ _Coblenz_ (35)
+ _Coblenz_ (34)
+
+ _Düsseldorf_ (67)
+ _Düsseldorf_ (66)
+
+ _Gießen_ (4)
+ _Gießen_ (3)
+
+ _Lodz_ (Russ.-Polen) (4)
+ _Lodz_ (Russ.-Polen) (5)
+
+ _Trier_
+ _Trier_ (6)
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Kleine Dichtungen, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEINE DICHTUNGEN ***
+
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+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
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+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
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+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
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