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diff --git a/36997-8.txt b/36997-8.txt new file mode 100644 index 0000000..879c413 --- /dev/null +++ b/36997-8.txt @@ -0,0 +1,4845 @@ +The Project Gutenberg EBook of Rosmersholm, by Henrik Ibsen + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Rosmersholm + Schauspiel in vier Aufzügen + +Author: Henrik Ibsen + +Translator: Wilhelm Lange + +Release Date: August 7, 2011 [EBook #36997] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSMERSHOLM *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; + lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste + der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes. + + Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert. + Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert. Die + Regieanweisungen sind im Original ebenfalls kursiv, wurden aber in + dieser Version nicht entsprechend wiedergegeben. + ] + + + + + HENRIK IBSEN + + DRAMATISCHE WERKE + + ÜBERSETZT + VON + WILHELM LANGE + + ROSMERSHOLM + + + + + Bereits erschienen: + + Frau Inger von Oestrot. + Hedda Gabler. + Gespenster. + + + Unter der Presse: + + Die Meerfrau. + Die Wikinger. + + + In kurzem folgen: + + Die Thronerben. + Baumeister Solness. + Die Wildente. + Kaiser und Galiläer. + Etc. + +In Philipp Reclams Universal-Bibliothek sind folgende Dramen von _Henrik +Ibsen_ in =Wilhelm Langes= Übersetzung erschienen: + + Die Stützen der Gesellschaft. + Nora. (Ein Puppenheim.) + Der Bund der Jugend. + Ein Volksfeind. + + + + + ROSMERSHOLM + + SCHAUSPIEL IN VIER AUFZÜGEN + VON + HENRIK IBSEN + + DEUTSCH + VON + WILHELM LANGE + + ENNO QUEHL, BERLIN-STEGLITZ. + + + + +Den Bühnen gegenüber Manuskript. + +Aufführungs- und Übersetzungsrecht vorbehalten. + +Das Aufführungsrecht ist nur durch den Übersetzer, Schriftsteller +=Wilhelm Lange=, Berlin W. 30, zu erwerben. + +=W. Lange.= + + + + +PERSONEN. + + +JOHANNES ROSMER, Besitzer von Rosmersholm, ein ehemaliger Pfarrer. + +REBEKKA WEST. + +REKTOR KROLL, Rosmers Schwager. + +PETER MORTENSGAARD. + +ULRICH BRENDEL. + +FRAU HILSETH, Wirtschafterin auf Rosmersholm. + + * * * * * + +Der Schauplatz ist auf Rosmersholm, einem alten Herrensitz in der Nähe +einer kleinen Fjordstadt im westlichen Norwegen. + + * * * * * + +[Aussprache: Mortensgaard = Mortensgohr. -- Fjord = Fjohr.] + + + + +ERSTER AUFZUG. + + + Das Wohnzimmer auf Rosmersholm; gross und anheimelnd; alte Möbel. + Vorn rechts ein Kachelofen, der mit frischen Birkenzweigen und + Feldblumen geschmückt ist. Etwas weiter zurück eine Tür. An der + Hinterwand eine Flügeltür, die zum Vorzimmer führt. Links ein + Fenster, und vor diesem ein Aufsatz mit Blumen und Pflanzen. Neben + dem Ofen ein Tisch mit Sofa und Lehnstühlen. Rings an den Wänden + alte und neue Porträts, die Geistliche, Offiziere und Beamte in + Amtstracht darstellen. Das Fenster steht offen. Ebenso die Tür zum + Vorzimmer und die Haustür. Durch diese sieht man draussen in einer + Allee, die nach dem Hause führt, grosse alte Bäume. + + Sommerabend. Die Sonne ist untergegangen. + + REBEKKA sitzt in einem Lehnstuhl neben dem Fenster und häkelt an + einem grossen weissen Wollshawl, der nahezu fertig ist. Von Zeit zu + Zeit blickt sie zwischen den Blumen hindurch spähend hinaus. Kurz + darauf kommt FRAU HILSETH von rechts. + +FRAU HILSETH. Nicht wahr, Fräulein, 's ist wohl das beste, ich fang so +langsam an, den Abendtisch zu decken? + +REBEKKA. Ja, tun Sie das. Der Pastor muß ja bald kommen. + +FRAU HILSETH. Zieht es Fräulein denn nicht da am Fenster? + +REBEKKA. Ja, ein wenig. Machen Sie lieber zu. + + (FRAU HILSETH geht zur Vorzimmertür und schliesst diese; dann tritt + sie ans Fenster.) + +FRAU HILSETH (will schliessen, sieht hinaus). Aber ist das nicht der +Pastor .. der da drüben? + +REBEKKA (lebhaft). Wo? (Steht auf.) Ja, das ist er. (Hinter der +Gardine.) Gehn Sie beiseite. Daß er uns hier nicht sieht. + +FRAU HILSETH (vom Fenster zurücktretend). Denken Sie, Fräulein, er +schlägt wieder den Mühlweg ein! + +REBEKKA. Er kam schon vorgestern über den Mühlweg. (Blickt zwischen +Gardine und Fensterrahmen hindurch.) Nun woll'n wir aber mal sehn, ob er +auch -- + +FRAU HILSETH. Getraut er sich über den Steg? + +REBEKKA. Das will ich ja grade sehn. (Kurz darauf.) Nein. Er kehrt um. +Geht auch heut oben herum. (Tritt vom Fenster zurück.) Ein langer Umweg. + +FRAU HILSETH. Herrgott ja. Muß ja auch dem Herrn Pastor schwer fallen, +über den Steg zu gehn. Da, wo so was passiert ist; wo -- + +REBEKKA (legt ihre Häkelei zusammen). Sie hängen lang an ihren Toten +hier auf Rosmersholm. + +FRAU HILSETH. Nein, Fräulein, ich glaub, die Toten hängen hier lange an +Rosmersholm. + +REBEKKA (sieht sie an). Die Toten? + +FRAU HILSETH. Ja, 's ist beinah, als könnten sie sich von den +Zurückgebliebnen nicht so recht trennen. + +REBEKKA. Warum glauben Sie das? + +FRAU HILSETH. Na, denn sonst, denk ich mir, würds hier doch dies weiße +Roß nicht geben. + +REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, wie verhält sichs eigentlich mit diesem +weißen Rosse? + +FRAU HILSETH. Äh, davon woll'n wir lieber nicht reden. An so was glauben +=Sie= ja doch nicht. + +REBEKKA. Glauben =Sie= denn daran? + +FRAU HILSETH (tritt ans Fenster und schliesst es). Ach, ich laß mich von +Fräulein nicht zum Narren halten. (Blickt hinaus.) Nein -- aber ist das +nicht wieder der Pastor da auf dem Mühlweg --? + +REBEKKA (sieht ebenfalls hinaus). Der Mann da? (Tritt ans Fenster.) Das +ist ja der Rektor. + +FRAU HILSETH. Ja richtig, das ist der Rektor. + +REBEKKA. Das ist aber merkwürdig! Denn Sie sollen sehn, er kommt zu uns. + +FRAU HILSETH. Wahrhaftig, =er= geht gradaus über den Steg. Und sie war +doch seine leibliche Schwester ... Na, Fräulein, nu geh ich den +Abendtisch decken. + + (Sie geht rechts hinaus. -- REBEKKA bleibt eine Weile am Fenster + stehn; dann grüsst sie, lächelt und winkt hinaus. -- Es beginnt + dunkel zu werden.) + +REBEKKA (geht an die Tür rechts und spricht durch diese hinaus). Ach, +liebe Frau Hilseth, Sie sorgen wohl für 'n bißchen extragutes. Sie +wissen ja, was der Rektor gern ißt. + +FRAU HILSETH (draussen). Jawoll, Fräulein. Wird gemacht. + +REBEKKA (öffnet die Tür zum Vorzimmer). Na, endlich mal --! Herzlich +willkommen, lieber Herr Rektor! + +KROLL (im Vorzimmer, stellt den Stock fort). Danke. Ich stör also nicht? + +REBEKKA. =Sie?= Pfui, schämen Sie sich --! + +KROLL (eintretend). Immer liebenswürdig. (Sich umsehend). Ist Rosmer +vielleicht oben auf seinem Zimmer? + +REBEKKA. Nein, er macht einen kleinen Spaziergang. Er bleibt heut etwas +länger als gewöhnlich. Aber er muß jeden Augenblick kommen. (Zeigt auf +das Sofa). Bitte, nehmen Sie so lange Platz. + +KROLL (legt den Hut fort). Danke bestens. (Setzt sich und sieht sich +um.) Nein, wie freundlich Sie das alte Zimmer ausgeschmückt haben. +Überall Blumen, oben und unten. + +REBEKKA. Rosmer hat immer gern frische lebende Blumen um sich. + +KROLL. Na, Sie doch auch, scheint mir. + +REBEKKA. Gewiß. Sie verbreiten einen so herrlichen betäubenden Duft. +Früher mußten wir uns ja dies Vergnügen versagen. + +KROLL (nickt traurig). Die arme Beate konnte den Duft nicht vertragen. + +REBEKKA. Und die Farben auch nicht. Sie wurde ganz wirr im Kopfe +davon -- + +KROLL. Ich erinnre mich. (In leichterm Ton.) Na, wie gehts denn hier +draußen? + +REBEKKA. Nun, hier geht alles seinen ruhigen gleichmäßigen Gang. Ein Tag +wie der andre ... Und bei Ihnen? Ihre Frau? + +KROLL. Ach, liebes Fräulein West, reden wir nicht von mir und den +meinen. In einer Familie gibts immer etwas, das nicht klappt. Namentlich +in solchen Zeiten wie diesen. + +REBEKKA (nach kurzem Schweigen setzt sich neben das Sofa in einen +Lehnstuhl). Warum haben Sie uns während der ganzen Schulferien nicht ein +einziges mal besucht? + +KROLL. Äh, man kann den Leuten doch nicht immer das Haus einrennen -- + +REBEKKA. Wenn Sie wüßten, wie wir Sie vermißt haben -- + +KROLL. -- und dann war ich ja auch verreist -- + +REBEKKA. Ja, vierzehn Tage. Sie hielten ja wohl Volksversammlungen ab? + +KROLL (nickt). Und was sagen Sie dazu? Hätten Sie das gedacht, daß ich +auf meine alten Tage noch politischer Agitator werden könnte? Was? + +REBEKKA (lächelnd). Ein wenig, Herr Rektor, haben Sie immer agitiert. + +KROLL. Nu ja; so zu meinem Privatvergnügen. Aber nun wirds ernst, +verlassen Sie sich drauf ... Lesen Sie bisweilen diese radikalen +Blätter? + +REBEKKA. Ja, Herr Rektor, ich will nicht leugnen, daß -- + +KROLL. Liebes Fräulein West, dagegen ist nichts einzuwenden. So weit Sie +persönlich in Frage kommen. + +REBEKKA. Das scheint mir auch. Ich muß doch wissen, was in der Welt +vorgeht. Mich auf dem Laufenden halten -- + +KROLL. Na, jedenfalls kann ich von Ihnen, einer Dame, nicht verlangen, +daß Sie entschieden Partei ergreifen in dem Bürgerkampf -- +Bürger=krieg=, möcht ich fast sagen --, der hier unter uns tobt ... Sie +haben also gelesen, wie diese Herrn vom »Volke« sich erlaubt haben, mich +zu behandeln? Was für infamer Beschimpfungen sie sich gegen mich +erdreistet haben? + +REBEKKA. Jawohl. Aber mir scheint, Sie haben auch sehr kräftig um sich +gebissen. + +KROLL. Das hab ich. Das Zeugnis darf ich mir geben. Denn nun hab ich +Blut geleckt. Und sie sollens zu fühlen kriegen, daß ich nicht der Mann +bin, der gutwillig den Buckel hinhält ... (Bricht ab.) Aber nein, -- +lassen wir diesen Gegenstand heut abend ... 's ist zu traurig und +aufregend. + +REBEKKA. Sie haben recht, lieber Rektor; reden wir nicht mehr davon. + +KROLL. Sagen Sie mir lieber, wies Ihnen eigentlich geht hier auf +Rosmersholm, jetzt, wo Sie allein sind? Nachdem unsre arme Beate --? + +REBEKKA. Danke; mir gehts hier ganz gut. Freilich, eine große Leere hat +sie ja in mancher Beziehung zurückgelassen. Und Trauer und Sehnsucht +natürlich auch. Aber sonst -- + +KROLL. Gedenken Sie hier zu bleiben? Ich meine, für immer. + +REBEKKA. Ach, lieber Rektor, darüber hab ich wirklich noch gar nicht +nachgedacht. Ich hab mich so sehr an Rosmersholm gewöhnt, daß es mir +beinah ist, als gehört ich ebenfalls hierher. + +KROLL. Aber selbstverständlich gehören =Sie= ebenfalls hierher. + +REBEKKA. Und solang Herr Rosmer findet, daß ich ihm irgendwie nützlich +und angenehm sein könne, -- ja, so lange bleib ich wahrscheinlich hier. + +KROLL (sieht sie bewegt an). Wissen Sie auch, daß etwas großes darin +liegt, wenn eine Frau so ihre ganze Jugend dahingehn läßt, um sich für +andre aufzuopfern? + +REBEKKA. Ach, wofür hätt ich denn sonst hier leben sollen? + +KROLL. Erst diese unermüdliche Hingebung für Ihren gelähmten +unleidlichen Pflegevater -- + +REBEKKA. Glauben Sie ja nicht, Doktor West sei da oben in der Finnmark +so unleidlich gewesen. Es waren diese schrecklichen Seereisen, die ihn +knickten. Aber als wir später hierher zogen, -- ja, da kamen freilich +ein paar schwere Jahre, eh er ausgelitten hatte. + +KROLL. Die Jahre, die dann folgten -- waren die nicht noch schwerer für +Sie? + +REBEKKA. Aber wie können Sie nur so reden! Ich, die Beate so innig +zugetan war --! Und sie, die Ärmste, die so sehr der Pflege und Schonung +bedurfte. + +KROLL. Haben Sie Dank, daß Sie ihrer mit solcher Nachsicht gedenken. + +REBEKKA (etwas näher rückend). Lieber Rektor, Sie sagen das so schön und +herzlich, daß ich überzeugt bin, Sie hegen keinerlei Verstimmung gegen +mich. + +KROLL. Verstimmung? Was meinen Sie damit? + +REBEKKA. Nun, es war doch ganz natürlich, wenn es Sie etwas peinlich +berührte, mich, die Fremde, hier auf Rosmersholm schalten und walten zu +sehn. + +KROLL. Aber wie in aller Welt --! + +REBEKKA. Also Sie hegen keine solche Empfindung gegen mich. (Reicht ihm +die Hand.) Dank, lieber Rektor! Haben Sie herzlichen Dank! + +KROLL. Aber wie in aller Welt sind Sie nur auf einen solchen Gedanken +gekommen? + +REBEKKA. Da Sie so selten zu uns kamen, begann ich etwas ängstlich zu +werden. + +KROLL. Da sind Sie aber wirklich ganz gehörig auf dem Holzweg gewesen, +Fräulein West. Und zudem, -- in der Sache selbst hat sich hier ja gar +nichts geändert! Sie, -- Sie allein, -- leiteten den ganzen Haushalt ja +schon in den letzten unglücklichen Lebensjahren der armen Beate. + +REBEKKA. Nun, es war wohl mehr eine Art Regentschaft im Namen der +Hausfrau. + +KROLL. Wie dem auch sei --. Wissen Sie was, Fräulein West, -- ich für +meine Person würde wirklich nichts dagegen haben, wenn Sie --. Aber 's +ist wohl nicht erlaubt, so was zu sagen. + +REBEKKA. Was denn? + +KROLL. Wenn es sich so fügte, daß .. daß Sie den leeren Platz einnehmen +würden -- + +REBEKKA. Herr Rektor, ich habe den Platz, den ich mir wünsche. + +KROLL. Was die Arbeit angeht, allerdings; aber nicht in Bezug auf -- + +REBEKKA (ihn ernst unterbrechend). Schämen Sie sich, Herr Rektor. Wie +können Sie über so etwas scherzen? + +KROLL. Ach ja, unser guter Johannes ist vermutlich der Ansicht, vom +Ehestande hab er schon mehr als genug zu kosten bekommen. Aber +trotzdem -- + +REBEKKA. Wissen Sie was, -- ich könnte fast über Sie lachen. + +KROLL. Aber trotzdem --. Sagen Sie mal, Fräulein West --. Wenns +gestattet ist, danach zu fragen --. Wie alt sind Sie eigentlich? + +REBEKKA. Zu meiner Schande muss ich Ihnen gestehn, Herr Rektor, ich hab +schon volle neunundzwanzig hinter mir. Ich geh nun ins dreißigste. + +KROLL. Sehr schön. Und Rosmer, -- wie alt ist er? Warten Sie mal. Er ist +fünf Jahr jünger als ich. Na, ist also gut und gern dreiundvierzig. Mir +scheint, 's würde ausgezeichnet passen. + +REBEKKA (aufstehend). Jawohl, jawohl. Ganz ausgezeichnet ... Trinken Sie +Tee mit uns heut abend? + +KROLL. Danke sehr, gewiß. Heut abend gedenk ich hier zu bleiben. Ich hab +etwas zu besprechen mit unserm guten Freunde. -- Und übrigens, Fräulein +West, -- damit Sie sich nicht wieder närrische Gedanken in den Kopf +setzen: in Zukunft komm ich wieder recht oft zu euch heraus, -- so wie +in frühern Tagen. + +REBEKKA. Ach ja; bitte, tun Sie das. (Schüttelt ihm die Hände). Dank, +besten Dank! Im Grunde sind Sie doch ein ganz lieber netter Mensch. + +KROLL (brummt). So, wirklich? Bei mir zu Hause hat das noch niemand +behauptet. + + (ROSMER kommt durch die Tür rechts.) + +REBEKKA. Herr Rosmer, -- sehn Sie, wer da ist! + +ROSMER. Frau Hilseth sagte mirs schon. + + (KROLL ist aufgestanden.) + +ROSMER (mild und gedämpft, drückt ihm die Hände). Herzlich willkommen in +meinem Hause, lieber Kroll! (Legt ihm die Hände auf die Schultern und +blickt ihm in die Augen.) Du lieber alter Freund! Ich wußt es ja, früher +oder später müßt es zwischen uns wieder werden wie in alten Zeiten. + +KROLL. Aber mein bester Johannes, hast du auch in der verrückten +Einbildung gelebt, es wäre was im Wege! + +REBEKKA (zu ROSMER). Ja, denken Sie, -- es war nur Einbildung. Ist das +nicht schön? + +ROSMER. War es das wirklich, Kroll? Aber warum zogst du dich denn +vollständig von uns zurück? + +KROLL (ernst und gedämpft). Weil ich hier nicht umhergehn wollte wie +eine leibhaftige Erinnrung an deine Unglücksjahre, -- und an sie, die -- +im Mühlbach endete. + +ROSMER. Das war sehr schön von dir gemeint. Du bist ja immer so +rücksichtsvoll. Aber es war ganz unnötig, deshalb fortzubleiben. -- +Komm, Lieber; setzen wir uns aufs Sofa. (Sie setzen sich.) Nein, sei +versichert, der Gedanke an Beate hat gar nichts peinliches für mich. Wir +sprechen täglich von ihr. Es ist uns, als gehörte sie noch zum Hause. + +KROLL. Wirklich? + +REBEKKA (die Lampe anzündend). Ja, so ist es, Herr Rektor. + +ROSMER. Das ist ja so natürlich. Wir hatten sie beide von Herzen lieb. +Und Rebek -- Fräulein West und ich, wir haben beide das Bewußtsein, daß +wir für die arme Kranke alles getan, was in unsrer Macht stand. Wir +haben uns nichts vorzuwerfen ... An Beate zu denken, hat deshalb nun +gleichsam etwas mildbesänftigendes für mich. + +KROLL. Ihr lieben prächtigen Menschen! Von jetzt an komm ich täglich zu +euch heraus. + +REBEKKA (sich in einen Lehnstuhl setzend). Na, wir wollen mal sehn, ob +Sie Wort halten. + +ROSMER (etwas zögernd). Du, Kroll, -- ich gäbe viel darum, wäre unser +Verkehr niemals unterbrochen worden. So lange wir uns kennen, -- von +meiner ersten Studentenzeit an bist du immer mein natürlicher Berater +gewesen. + +KROLL. Ach ja; und darauf bin ich außerordentlich stolz. Hast du jetzt +vielleicht etwas besondres --? + +ROSMER. Da ist mancherlei, worüber ich gern frei und offen mit dir +sprechen möchte. + +REBEKKA. Ja, nicht wahr, Herr Rosmer? Ich denke mir, das müßt Ihnen eine +Erleichterung sein -- so zwischen alten Freunden -- + +KROLL. O, glaube mir, ich hab dir noch weit mehr mitzuteilen. Du weißt +ja, ich bin jetzt aktiver Politiker geworden. + +ROSMER. Ja ich weiß. Wie ging das eigentlich zu? + +KROLL. Du, ich mußte. Mußte wirklich, so unangenehm es mir auch war. Es +geht unmöglich mehr an, noch länger als bloßer Zuschauer müßig am Markte +zu stehn. Jetzt, wo die Radikalen bedauerlicherweise die Macht in die +Hände bekommen haben, -- jetzt ist es hohe Zeit --. Darum hab ich denn +auch unsern kleinen Freundeskreis in der Stadt veranlaßt, sich fester +zusammenzuschließen. Ich sage dir, es ist hohe Zeit! + +REBEKKA (mit einem leichten Lächeln). Ist es nun eigentlich nicht schon +etwas spät? + +KROLL. Unzweifelhaft wärs besser gewesen, wir hätten den Strom schon +früher aufgehalten. Aber wer konnte voraussehn, was kommen würde? Ich +jedenfalls nicht. (Steht auf und geht mit grossen Schritten im Zimmer +umher.) Aber nun sind mir die Augen aufgegangen. Denn der Geist der +Empörung hat sich sogar schon in die Schule hineingeschlichen. + +ROSMER. In die Schule? Doch nicht in deine Schule? + +KROLL. Jawohl, in meine Schule. In meine eigne Schule. Wie findest du +das! Ich bin dahinter gekommen, daß die Knaben der obersten Klasse, -- +d. h. ein Teil davon, -- schon vor länger als einem halben Jahr einen +geheimen Verein gebildet und auf Mortensgaards Zeitung abonniert haben! + +REBEKKA. Ah, auf den »Leuchtturm«. + +KROLL. Nicht wahr, eine gesunde geistige Nahrung für zukünftige Beamte? +Aber das traurigste an der Sache ist, daß grade alle begabten Schüler +sich zusammengerottet und dies Komplott gegen mich geschmiedet haben. +Nur die Faulpelze und Dummköpfe haben sich fern gehalten. + +REBEKKA. Geht Ihnen denn die Sache sehr nahe, Herr Rektor? + +KROLL. Na ob! Mich so in meiner Berufstätigkeit gehemmt und bekämpft zu +sehn! (Leiser.) Und doch möcht ich fast sagen: die Schülerverschwörung +könnte noch hingehn. Aber nun kommt das allerschlimmste. (Sieht sich +um.) Da horcht doch niemand an den Türen? + +REBEKKA. Ach nein, niemand. + +KROLL. Nun, so wißt denn, die Zwietracht und Empörung sind sogar in mein +eignes Haus eingedrungen. In mein eignes ruhiges Heim. Haben den Frieden +meines Familienlebens zerstört. + +ROSMER (aufstehend). Was sagst du! In deinem eignen Hause --? + +REBEKKA (sich dem Rektor nähernd). Aber, lieber Rektor, was ist denn +geschehn? + +KROLL. Können Sie sich das vorstellen, daß meine eignen Kinder --! Kurz +und gut -- Lorenz ist der Rädelsführer des Schülerkomplotts. Und Hilda +hat eine rote Mappe gestickt, um darin den »Leuchtturm« aufzubewahren. + +ROSMER. Das hätt ich mir nie träumen lassen, -- daß bei dir, -- in +deinem Hause -- + +KROLL. Ja, wer könnte sich auch so was je träumen lassen! In meinem +Hause, wo immer Zucht und Ordnung geherrscht, -- wo bisher nur ein +einziger einträchtiger Wille regiert hat -- + +REBEKKA. Was sagt Ihre Gattin zu alledem? + +KROLL. Ja, sehn Sie, das ist nun das unglaublichste von allem. Sie, die +ihr ganzes Leben lang -- im grossen wie im kleinen -- meine Meinungen +geteilt und all meine Anschauungen gebilligt hat, -- sie ist tatsächlich +geneigt, sich in manchen Punkten auf die Seite der Kinder zu stellen! +Und dabei mißt sie =mir= die Schuld bei wegen des Geschehnen. Sie +behauptet, ich tyrannisiere die Jugend. Als ob es nicht unbedingt +notwendig wäre, sie --. Na, so also herrscht Unfrieden in meiner +Familie. Aber natürlich sprech ich so wenig wie möglich davon. Sowas +vertuscht man am besten. (Geht im Zimmer hin und her.) Ach ja; jaja. (Er +stellt sich mit den Händen auf dem Rücken ans Fenster und sieht hinaus.) + +REBEKKA (hat sich ROSMER genähert und sagt leise und schnell, ohne vom +Rektor bemerkt zu werden). Tus! + +ROSMER (ebenso). Heut abend nicht. + +REBEKKA (wie vorhin). Ja grade! (Tritt an den Tisch und macht sich mit +der Lampe zu schaffen.) + +KROLL (kommt nach vorn). Ja, mein lieber Rosmer, nun weißt du also, wie +der Zeitgeist seine Schatten auf mein Familienleben und meine +Berufstätigkeit geworfen hat. Und diesen verderblichen, alles +niederreißenden und auflösenden Zeitgeist sollt ich nicht bekämpfen mit +all den Waffen, deren ich habhaft werden kann! Ja, mein Lieber, ich werd +ihn bekämpfen, verlaß dich drauf. In Wort und Schrift. + +ROSMER. Und hast du Hoffnung, auf diese Weise etwas zu erreichen? + +KROLL. Jedenfalls will ich meiner staatsbürgerlichen Dienstpflicht +genügen. Und ich meine, es ist jedes patriotisch gesinnten und um die +gute Sache besorgten Mannes Pflicht und Schuldigkeit, dasselbe zu tun. +Siehst du, -- das ist der Hauptgrund, weshalb ich heut abend zu dir +gekommen bin. + +ROSMER. Aber lieber Kroll, was meinst du --? Was soll ich --? + +KROLL. Du sollst deinen alten Freunden zu Hülfe kommen. Tun, was wir +tun. Mit Hand anlegen, wo und wie du kannst. + +REBEKKA. Aber Herr Rektor, Sie kennen doch Herrn Rosmers Abneigung gegen +all diese Dinge. + +KROLL. Diese Abneigung muß er jetzt zu überwinden suchen ... Du hältst +nicht Schritt mit dem politischen Leben, Rosmer. Da sitzest du hier +einsam und mauerst dich ein mit deinen historischen Sammlungen. Du +lieber Gott, -- alle Achtung vor Stammbäumen und was da drum und dran +hängt. Aber zu solchen Beschäftigungen -- dazu ist die Zeit leider nicht +angetan. Du machst dir keine Vorstellung davon, welche Zustände im Lande +herrschen. Alle Begriffe stehn gewissermaßen auf dem Kopfe. 'S wird eine +Riesenarbeit werden, all die Irrlehren wieder auszurotten. + +ROSMER. Das glaub ich auch. Aber zu solcher Arbeit bin ich nicht +geschaffen. + +REBEKKA. Und dann glaub ich auch, Herr Rosmer sieht auf die Dinge im +Leben jetzt mit offnern Augen als früher. + +KROLL (stutzt). Mit offnern Augen --? + +REBEKKA. Ja; oder freiern. Weniger befangen. + +KROLL. Was bedeutet das? Rosmer, -- du kannst doch unmöglich so schwach +sein, dich durch eine solche Zufälligkeit wie diesen augenblicklichen +Sieg der Massenhäuptlinge betören zu lassen? + +ROSMER. Lieber Kroll, du weißt doch, wie wenig ich von Politik verstehe. +Aber das find ich allerdings, daß das Volk seit einigen Jahren in seinem +Denken mehr Selbständigkeit zeigt. + +KROLL. Aha!... Und das betrachtest du so ohne weiters als einen Gewinn! +Im übrigen, lieber Freund, irrst du dich ganz gewaltig. Erkundige dich +nur, was für Ansichten unter den Radikalen hier auf dem Lande und in der +Stadt Kurs haben. 'S ist weiter nichts als die Weisheit, die der +»Leuchtturm« verkündet. + +REBEKKA. Ja, Mortensgaard hat über viele hier in der Gegend eine große +Macht. + +KROLL. Ja, denke dir! Ein Mann mit einer so schmutzigen Vergangenheit. +Ein wegen Unsittlichkeit fortgejagter Schulmeister --! Ein solcher +Mensch spielt sich als Volksführer auf! Und es geht! Geht wirklich! +Jetzt will er, hör ich, sein Blatt erweitern. Aus sichrer Quelle weiß +ich, daß er einen tüchtigen Hülfsredakteur sucht. + +REBEKKA. Es wundert mich, daß Sie und Ihre Freunde ihm nichts +entgegenstellen. + +KROLL. Grade das soll nun geschehen. Heut haben wir das »Kreisblatt« +gekauft. Die Geldfrage bot keine Schwierigkeiten. Aber -- (Wendet sich +zu ROSMER.) Ja, nun komm ich zu meinem eigentlichen Gegenstande. Die +Leitung, -- die journalistische Leitung -- siehst du, damit haperts. Sag +mal, Rosmer, -- solltest du dich der guten Sache wegen nicht veranlaßt +fühlen, die Leitung zu übernehmen? + +ROSMER (fast erschreckt). Ich! + +REBEKKA. Aber wie können Sie das nur für möglich halten? + +KROLL. Daß du vor Volksversammlungen zurückschreckst und dich dem +Konfekt, das einem =dort= an den Kopf fliegt, nicht aussetzen willst, +find ich sehr begreiflich. Aber der weniger exponierte Posten eines +Redakteurs, oder vielmehr -- + +ROSMER. Nein nein, lieber Freund, mit einer solchen Bitte mußt du mir +nicht kommen. + +KROLL. Ich selbst würde mich mit besonderm Vergnügen auch in =diesem= +Fache versuchen. Aber 's wäre mir gar nicht möglich, all die Arbeit zu +bewältigen. Ich bin nun schon mit einer solchen Unmasse von Geschäften +belastet --. Du dagegen, der keine amtliche Bürde mehr zu tragen hat --. +Natürlich werden wir andern dich nach besten Kräften unterstützen. + +ROSMER. Ich kann nicht, Kroll. Ich tauge nicht dazu. + +KROLL. Taugst nicht dazu? Dasselbe sagtest du, als dein Vater dir deine +Pfarrei verschaffte -- + +ROSMER. Und ich hatte recht. Deshalb entsagt ich meinem Berufe. + +KROLL. O, werde nur ebenso tüchtig als Redakteur, wie dus als +Geistlicher warst, dann sind wir vollkommen zufrieden. + +ROSMER. Lieber Kroll, -- ein für allemal, -- ich tus nicht. + +KROLL. Nun, dann wirst du uns doch wenigstens deinen Namen borgen? + +ROSMER. Meinen Namen? + +KROLL. Ja; denn schon der Name Johannes Rosmer wird für das Blatt ein +großer Gewinn sein. Wir andern gelten ja für ausgeprägte Parteimänner. +Ich selbst soll sogar, hör ich, als ein ganz arger Fanatiker verschrien +sein. Deshalb können wir nicht darauf rechnen, dem Blatt unter eignem +Namen bei den verführten Massen mit Nachdruck Eingang zu verschaffen. Du +dagegen, -- du hast dich dem Kampf immer fern gehalten. Deine milde +lautere Denkungsart, -- deine vornehme Gesinnung, -- deine unantastbare +Ehrenhaftigkeit -- jedermann hier in der Gegend kennt und schätzt sie. +Und dann der Respekt, die Hochachtung, womit deine frühere priesterliche +Stellung dich noch umgibt. Endlich aber, Rosmer, die Ehrwürdigkeit +deines Familiennamens! + +ROSMER. Ach was Familienname -- + +KROLL (zeigt auf die Porträts). Lauter Rosmers von Rosmersholm, -- +Priester und Soldaten! Hochgestellte Würdenträger. Alle ohne Ausnahme +korrekte Ehrenmänner, -- ein Geschlecht, das nun schon durch mehrere +Jahrhunderte als das erste hier im Kreise seinen Sitz hat. (Legt ihm die +Hand auf die Schulter.) Rosmer, -- dir selbst und den Traditionen deines +Hauses bist dus schuldig, dich uns anzuschließen, um all das zu +verteidigen, was in unsern Kreisen bisher als heilig galt. (Wendet sich +um.) Ja, was sagen =Sie= dazu, Fräulein West? + +REBEKKA (mit leichtem stillem Lachen). Lieber Herr Rektor, -- mir kommt +dies alles so unsagbar lächerlich vor -- + +KROLL. Was sagen Sie! Lächerlich! + +REBEKKA. Ja lächerlich. Denn nun will ich Ihnen offen heraus sagen -- + +ROSMER (schnell). Nein nein, -- lassen Sie! Nicht jetzt! + +KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller +Welt --? (Bricht ab.) Hm! + +FRAU HILSETH (kommt durch die Tür rechts.) Da ist ein Mann im +Küchenflur. Er sagt, er müsse den Herrn Pastor sprechen. + +ROSMER (erleichtert). Ah so. Lassen Sie ihn eintreten. + +FRAU HILSETH. Hier in dies Zimmer? + +ROSMER. Ja gewiß. + +FRAU HILSETH. Aber so sieht er doch nicht aus, daß man ihn ins Zimmer +lassen könnte. + +REBEKKA. Wie sieht er denn aus, Frau Hilseth? + +FRAU HILSETH. Na, mit dem Aussehn, Fräulein, damit ists nicht weit her. + +ROSMER. Sagt er nicht, wie er heißt? + +FRAU HILSETH. Ja, ich glaub, er sagt, er heiße Hekmann -- oder so +ähnlich. + +ROSMER. Ich kenne niemand, der so heißt. + +FRAU HILSETH. Und dann sagte er, er heiße auch Ullerich. + +ROSMER (stutzt). Vielleicht -- Ulrich Hetmann? + +FRAU HILSETH. Ja ja, Hetmann sagt er. + +KROLL. Den Namen hab ich schon mal gehört -- + +REBEKKA. Das war ja der Name, unter dem jener seltsame Mann schrieb, +der -- + +ROSMER (zu KROLL). Es war Ulrich Brendels Schriftstellername. + +KROLL. Des verkommenen Ulrich Brendel. Ganz recht. + +REBEKKA. Er lebt also noch. + +ROSMER. Ich glaubte, er befände sich bei einer reisenden +Theatergesellschaft. + +KROLL. Das letzte, was ich von ihm hörte, war, er säße im Arbeitshause. + +ROSMER. Lassen Sie ihn herein, Frau Hilseth. + +FRAU HILSETH. Na ja. (Sie geht.) + +KROLL. Willst du diesen Menschen wirklich in deinem Zimmer dulden? + +ROSMER. Aber du weißt doch, einst war er mein Lehrer. + +KROLL. Jawohl, ich weiß, daß er dir den Kopf mit revolutionären Ideen +vollpfropfte, bis dein Vater ihn mit der Reitpeitsche zum Tor hinaus +jagte. + +ROSMER (etwas bitter). Mein Vater war auch zu Hause Major. + +KROLL. Mein lieber Rosmer, dafür solltest du ihm noch in seinem Grabe +dankbar sein... Aha! + + (FRAU HILSETH öffnet ULRICH BRENDEL die Tür rechts, geht wieder und + schliesst hinter ihm. Er ist ein stattlicher Mann mit grauem Haar + und Bart; etwas abgemagert, aber leicht und ungezwungen in seinen + Bewegungen. Im übrigen gekleidet wie ein gewöhnlicher Landstreicher. + Fadenscheiniger Rock; schlechtes Schuhwerk; von einem Hemd ist + nichts zu sehen. An den Händen alte schwarze Handschuh; unter dem + Arm hat er einen zusammengeklappten schmutzigen weichen Filzhut und + in der Hand einen Spazierstock.) + +BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hält ihm +die Hand hin). Guten Abend, Johannes! + +KROLL. Entschuldigen Sie -- + +BRENDEL. Hattest du das erwartet, mich noch mal wiederzusehn? Und noch +unter diesem verhaßten Dache? + +KROLL. Entschuldigen Sie --. (Zeigt.) Dort -- + +BRENDEL (wendet sich um). Ah, richtig. Da ist er ja. Johannes, -- mein +Junge, -- du, den ich am meisten geliebt habe --! + +ROSMER (reicht ihm die Hand). Mein alter Lehrer. + +BRENDEL. Trotz gewisser Erinnrungen wollt ich Rosmersholm nicht +passieren, ohne eine flüchtige Visite abzustatten. + +ROSMER. Hier sind Sie jetzt herzlich willkommen. Das können Sie mir +glauben. + +BRENDEL. Ah, diese verlockende Dame --? (Verbeugt sich.) Natürlich die +Frau Pastorin. + +ROSMER. Fräulein West. + +BRENDEL. Vermutlich eine nahe Verwandte. Und jener Unbekannte --? Ein +Amtsbruder, wie ich seh. + +ROSMER. Rektor Kroll. + +BRENDEL. Kroll? Kroll? Warte mal. Haben Sie in Ihren jungen Tagen nicht +Philologie studiert? + +KROLL. Selbstverständlich. + +BRENDEL. Aber, corpo di bacco, dann hab ich dich ja gekannt! + +KROLL. Entschuldigen Sie -- + +BRENDEL. Warst du nicht -- + +KROLL. Entschuldigen Sie -- + +BRENDEL. -- einer von jenen Tugendhusaren, die mich aus dem +Debattierverein ausschlossen? + +KROLL. Kann schon sein. Aber ich protestiere gegen jede nähere +Bekanntschaft. + +BRENDEL. Nu nu! As you like it, Mister Kroll. Kann mir höchst +gleichgültig sein, Ulrich Brendel bleibt doch, was er ist. + +REBEKKA. Sie wollen wohl nach der Stadt, Herr Brendel? + +BRENDEL. Die Frau Pastorin habens getroffen. Von Zeit zu Zeit bin ich +genötigt, in dem Kampf ums Dasein eine Schlacht zu schlagen. Ich tus +nicht gern; aber -- enfin -- die unerbittliche Notwendigkeit -- + +ROSMER. Aber lieber Herr Brendel, Sie werden mir doch gestatten, Sie mit +irgend etwas zu unterstützen? Auf die ein oder andre Weise -- + +BRENDEL. Ha, ein solcher Vorschlag! Du könntest das Band beflecken, das +uns vereint? Niemals, Johannes, -- niemals! + +ROSMER. Aber was gedenken Sie in der Stadt anzufangen? Glauben Sie mir, +so leicht werden Sie da Ihr Fortkommen nicht finden -- + +BRENDEL. Das überlaß mir, mein Junge. Die Würfel sind gefallen. So wie +ich hier vor dir steh, befind ich mich auf einer großen Reise. Weit +größer als all meine frühern Streifzüge zusammen. (Zu KROLL.) Darf ich +den Herrn Professor etwas fragen, -- d. h. entre nous? Gibt es nämlich +in Ihrer wohllöblichen Stadt ein leidlich anständiges, reputierliches +und geräumiges Versammlungslokal? + +KROLL. Das geräumigste ist der Saal des Arbeitervereins. + +BRENDEL. Haben der Herr Doktor irgend welchen qualifizierten Einfluß in +diesem ohne Zweifel sehr nützlichen Verein? + +KROLL. Ich hab gar nichts damit zu tun. + +REBEKKA (zu BRENDEL). Sie müssen sich an Peter Mortensgaard wenden. + +BRENDEL. Pardon, Madame, -- was ist das für ein Idiot? + +ROSMER. Warum halten Sie ihn für einen Idioten? + +BRENDEL. Hör ichs dem Namen nicht sofort an, daß er einem Plebejer +gehört? + +KROLL. Die Antwort hätt ich nicht erwartet. + +BRENDEL. Aber ich will mir Zwang antun. Bleibt mir keine andre Wahl. +Wenn man, -- wie ich, -- an einem Wendepunkt seines Lebens steht --. +Abgemacht. Ich setze mich mit dem Individuum in Verbindung, -- knüpfe +direkte Unterhandlungen an -- + +ROSMER. Stehn Sie in der Tat ernstlich an einem Wendepunkt? + +BRENDEL. Weiß denn mein braver Johannes nicht, daß, wo Ulrich Brendel +steht, er dort immer ernstlich steht?... Ja, mein Junge, nun will ich +mir einen neuen Menschen anziehn. Die bescheidne Zurückhaltung aufgeben, +die ich bisher beobachtet habe. + +ROSMER. Wie denn --? + +BRENDEL. Mit tatkräftiger Hand will ich ins Leben eingreifen. +Hervortreten. Auftreten. Wir leben in der sturmbewegten Zeit der +Sonnenwende ... Nun will ich mein Scherflein auf dem Altar der Befreiung +niederlegen. + +KROLL. Auch =Sie= wollen --? + +BRENDEL (zu allen). Besitzt das anwesende Publikum eine etwas genauere +Kenntnis meiner Flugschriften? + +KROLL. Ich nicht, offen gestanden -- + +REBEKKA. Ich hab verschiednes gelesen. Mein Pflegevater besaß sie. + +BRENDEL. Schöne Hausfrau, -- da haben Sie Ihre Zeit vergeudet. Denn 's +ist lauter Plunder. + +REBEKKA. So? + +BRENDEL. Was Sie gelesen haben, alles. Meine wirklich bedeutenden Werke +kennt weder Mann noch Weib. Niemand -- außer mir. + +REBEKKA. Wie geht das zu? + +BRENDEL. Weil sie nicht geschrieben sind. + +ROSMER. Aber lieber Herr Brendel -- + +BRENDEL. Du weißt, mein wackrer Johannes, ich bin ein Stück Sybarit. +Feinschmecker. Wars all mein Lebtag. Ich lieb es, einsam zu genießen. +Denn dann genieß ich doppelt. Zehnfach. Siehst du, -- wenn goldne Träume +sich auf mich herabsenkten, -- mich umfingen, -- wenn mein Hirn neue +schwindelerregende weltumspannende Gedanken gebar, -- und diese mich mit +kräftigen Schwingen umrauschten, -- dann formt ich sie zu Gedichten, +Bildern, Visionen. Verstehst du, so in großen Umrissen. + +ROSMER. Ja, ja. + +BRENDEL. O, du, wie hab ich Zeit meines Lebens genossen und geschwelgt! +Die geheimnisvolle Glückseligkeit der Ausgestaltung, -- wie gesagt, in +großen Umrissen, -- Beifall, Dank, Ruhm, Lorbeerkränze, -- alles hab ich +mit vollen freudezitternden Händen einkassiert. Mich an meinen geheimen +Visionen mit einer Wonne gesättigt, -- o, so berauschend groß --! + +KROLL. Hm -- + +ROSMER. Aber niemals etwas niedergeschrieben? + +BRENDEL. Kein Wort. Dies platte Schreiberhandwerk hat mir immer einen +herzhaften Widerwillen verursacht. Und warum sollt ich auch meine eignen +Ideale profanieren, wenn ich sie allein und in ihrer ganzen Reinheit +genießen konnte? Aber nun sollen sie geopfert werden. Wahrhaftig, -- mir +ist dabei zu Mut wie einer Mutter, die ihre jungen Töchter den +Ehemännern in die Arme legt. Aber trotzdem, -- ich opfre sie, -- opfre +sie auf dem Altar der Befreiung. Eine Reihe sorgfältig ausgearbeiteter +Vorträge -- rings im ganzen Lande --! + +REBEKKA (lebhaft). Das ist edel von Ihnen, Herr Brendel! Sie geben das +teuerste, was Sie besitzen. + +ROSMER. Und das einzige. + +REBEKKA (sieht ROSMER vielsagend an). Wie viele gibt es wohl, die das +tun? Die den Mut dazu haben? + +ROSMER (erwidert den Blick). Wer weiß? + +BRENDEL. Die Versammlung ist ergriffen. Das erquickt mir das Herz und +stählt den Willen. Und nun ans Werk ... Aber noch eins. (Zum Rektor.) +Herr Präzeptor, können Sie mir sagen, gibts in der Stadt einen +Mäßigkeitsverein? Einen Totalmäßigkeitsverein? Selbstverständlich gibt +es dort einen. + +KROLL. Zu dienen. Ich selbst bin Vorsitzender. + +BRENDEL. Hab ichs Ihnen nicht angesehn! Na, da ists nicht unmöglich, daß +ich Sie aufsuche und auf acht Tage Mitglied werde. + +KROLL. Entschuldigen Sie -- auf Wochen nehmen wir keine Mitglieder an. + +BRENDEL. A la bonne heure, Herr Pädagoge. Solchen Vereinen ist Ulrich +Brendel noch nie nachgelaufen. (Wendet sich an ROSMER.) Aber ich darf +meinen Aufenthalt in diesem an Erinnrungen so reichen Hause nicht weiter +verlängern. Ich muß zur Stadt und mir ein passendes Logis suchen. Es +gibt dort hoffentlich ein anständiges Hotel. + +REBEKKA. Wollen Sie nicht etwas warmes genießen, eh Sie gehn? + +BRENDEL. Welcher Art, meine Gnädige? + +REBEKKA. Eine Tasse Tee oder -- + +BRENDEL. Des Hauses freigebigen Schaffnerin meinen Dank. Aber auf die +private Gastfreundschaft leg ich nicht gern Beschlag. (Grüsst mit der +Hand.) Leben Sie wohl, meine Herrschaften! (Geht nach der Tür, wendet +sich aber wieder um.) Ah, richtig --. Johannes, -- Pastor Rosmer, -- +willst du, -- um langjähriger Freundschaft willen, -- deinem ehmaligen +Lehrer einen Dienst erweisen? + +ROSMER. Gewiß, sehr gern. + +BRENDEL. Gut. So leih mir -- auf ein oder zwei Tage -- ein geplättetes +Oberhemd. + +ROSMER. Weiter nichts! + +BRENDEL. Denn siehst du, diesmal reis ich zu Fuß. Mein Koffer wird mir +nachgeschickt. + +ROSMER. Gut gut. Aber brauchen Sie sonst nichts? + +BRENDEL. Ja, weißt du, -- vielleicht kannst du einen gebrauchten ältern +Sommerüberzieher entbehren? + +ROSMER. Gewiß kann ich das. + +BRENDEL. Und da zu dem Überzieher 'n paar anständige Stiefel gehören -- + +ROSMER. Auch dazu wird Rat. Sobald wir Ihre Adresse wissen, schicken wir +Ihnen die Sachen. + +BRENDEL. Unter keinen Umständen. Meinethalb keine besondre Mühe! Ich +nehme die Bagatellen gleich mit. + +ROSMER. Gut gut. So kommen Sie mit mir hinauf. + +REBEKKA. Lassen Sie mich gehn. Frau Hilseth und ich wollen das schon +besorgen. + +BRENDEL. Niemals gestatt ich, daß diese distinguierte Dame --! + +REBEKKA. Ach was! Kommen Sie nur, Herr Brendel. + + (Sie geht rechts hinaus.) + +ROSMER (hält ihn zurück). Sagen Sie mal, kann ich sonst nichts für Sie +tun? + +BRENDEL. Ich weiß wahrhaftig nicht was. Donnerwetter -- ja da fällts mir +ein --! Johannes, -- hast du zufällig acht Kronen in der Tasche? + +ROSMER. Wollen mal sehn. (Öffnet das Portemonnaie.) Hier sind zwei +Zehnkronenscheine. + +BRENDEL. Ja ja, das macht nichts. Ich nehm sie. Kriege sie in der Stadt +schon gewechselt. Vorläufig meinen Dank. Vergiß nicht, es waren zwei +Zehner, die du mir geliehen hast. Gute Nacht, mein einziger lieber +Junge! Gute Nacht, hochedler Herr! + + (Er geht nach rechts, wo ROSMER Abschied von ihm nimmt und die Tür + hinter ihm schliesst.) + +KROLL. Barmherziger Gott, -- das also war jener Ulrich Brendel, von dem +einst die Leute glaubten, er würde noch mal ein großer Mann! + +ROSMER (ruhig). Jedenfalls hat er den Mut gehabt, das Leben nach seinem +eignen Sinn zu leben. Mir scheint, das ist nicht wenig. + +KROLL. Was! Solch ein Leben wie dieses! Ich glaube fast, er wäre fähig, +dir noch mal den Kopf zu verdrehen. + +ROSMER. Ach nein. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir im reinen. + +KROLL. Gott geb es, lieber Rosmer. Denn du bist so außerordentlich +empfänglich für fremde Eindrücke. + +ROSMER. Setzen wir uns. Ich hab mit dir zu reden. + +KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.) + +ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, daß wir hier ein +angenehmes behagliches Leben führen? + +KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich -- und friedlich. +Du, Rosmer, hast dir eine Häuslichkeit geschaffen. Und ich hab die meine +verloren. + +ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon +wieder heilen. + +KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder +werden. + +ROSMER. Hör mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden +uns nahe gestanden. Hältst du es für denkbar, daß unsre Freundschaft mal +Schiffbruch leiden könnte? + +KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wüßt ich nichts, was uns entfremden +könnte. Wie kommst du darauf? + +ROSMER. Weil du auf die Übereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein +so entscheidendes Gewicht legst. + +KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefähr einig. Jedenfalls in +den großen Haupt- und Kernfragen. + +ROSMER (leise). Nein. Jetzt nicht mehr. + +KROLL (will aufspringen). Was heißt das! + +ROSMER (hält ihn zurück). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich, +Kroll. + +KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich! + +ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe +wieder mit den Augen der Jugend. Und darum steh ich jetzt dort -- + +KROLL. Wo, -- wo stehst du? + +ROSMER. Dort, wo deine Kinder stehn. + +KROLL. Du? Du! Das ist ja unmöglich! Wo behauptest du zu stehn? + +ROSMER. Auf derselben Seite, wo Lorenz und Hilda stehn. + +KROLL (lässt den Kopf sinken). Abtrünnig. Johannes Rosmer abtrünnig. + +ROSMER. Ich wäre so froh, so von Herzen glücklich gewesen über das, was +du meine Abtrünnigkeit nennst. Aber ich litt furchtbar darunter. Denn +ich wußte, es würde dir bittres Leid verursachen. + +KROLL. Rosmer, -- Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig +an.) O, daß auch du mitwirken, mit Hand anlegen kannst bei dem Werke der +Zerstörung und Vernichtung in diesem unglücklichen Lande! + +ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will. + +KROLL. Ach ja, ich weiß. So nennen es die Verführer und die Verführten. +Aber glaubst du denn, von dem Geiste, der jetzt unser ganzes soziales +Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten? + +ROSMER. Ich schließe mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch +einer der streitenden Parteien an. Ich will versuchen, von allen Seiten +Menschen zu sammeln. Soviel wie möglich; und sie so fest vereinen, als +ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskräfte dem einen Zwecke +weihen, eine wahre Demokratie hier im Lande zu schaffen. + +KROLL. Du bist also der Ansicht, wir hätten noch nicht Demokratie genug! +Ich für meine Person finde vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem +besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der Pöbel sich +wohl fühlt. + +ROSMER. Eben deshalb kämpf ich für die wahre Aufgabe der Demokratie. + +KROLL. Und diese Aufgabe wäre? + +ROSMER. Alle Menschen hier im Lande zu Adelsmenschen zu machen. + +KROLL. Alle --! + +ROSMER. Jedenfalls so viele wie möglich. + +KROLL. Durch welche Mittel? + +ROSMER. Dadurch, daß die Geister befreit und die Triebe der Menschen +geläutert werden. + +KROLL. Rosmer, du bist ein Träumer. Willst =du= die Geister befreien? +Willst =du= die menschlichen Triebe läutern? + +ROSMER. Nein, mein Lieber, -- ich will nur versuchen, die Menschen +aufzurütteln. Handeln, ihre Aufgabe erfüllen, -- das müssen sie selber. + +KROLL. Und du glaubst, das könnten sie? + +ROSMER. Ja. + +KROLL. Also durch eigne Kraft? + +ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht. + +KROLL (steht auf). Ist das die Sprache eines Priesters! + +ROSMER. Ich bin nicht mehr Geistlicher. + +KROLL. Ja, aber -- der Glaube deiner Kindheit --? + +ROSMER. Den hab ich nicht mehr. + +KROLL. Hast du nicht mehr --! + +ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich =mußte= ihn +aufgeben. + +KROLL (erschüttert, beherrscht sich aber). Ja so. -- Ja ja ja. Das eine +ist die notwendige Folge des andern. -- War das vielleicht der Grund, +daß du den Kirchendienst verließest? + +ROSMER. Ja. Als ich mir über mich selbst klar geworden, -- als ich die +volle Gewißheit erlangt hatte, daß es keine bloß vorübergehende +Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien +konnte noch wollte, -- da ging ich. + +KROLL. So lange also hat es in dir gegärt. Und wir, -- deine Freunde +erfuhren nichts davon. Rosmer, Rosmer, -- wie konntest du uns diese +traurige Wahrheit verheimlichen! + +ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich +selbst anging. Auch wollt ich dir und den andern Freunden keinen +unnötigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich könnte mein altes Leben +hier weiter leben: still, heiter und glücklich. Ich wollte studieren und +lesen, mich in all die Werke vertiefen, die mir bisher versiegelte +Bücher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in +die große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden. + +KROLL. Abtrünnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies +Bekenntnis deines heimlichen Abfalls? Und warum grade jetzt? + +ROSMER. Du selber, Kroll, hast mich dazu gezwungen. + +KROLL. Ich? Ich hätte dich dazu gezwungen --! + +ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen +hörte, -- als ich von all den lieblosen Reden erfuhr, die du dort +hieltest, -- von all deinen haßgeschwollnen Ausfällen gegen alle, die +auf der andern Seite stehn, -- von deinem höhnischen Verdammungsurteil +über die Gegner --. O, Kroll, daß du, du so werden konntest! Da war mir +meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht +in diesem Kampfe. Fried und Freud und Versöhnung müssen wieder in die +Gemüter einkehren. Darum tret ich jetzt hervor und bekenne offen, wer +und was ich bin. Und dann will auch ich meine Kräfte erproben. Könntest +du, Kroll -- deinerseits -- dich uns nicht anschließen? + +KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstörenden Mächten unsrer +Gesellschaft. + +ROSMER. So laß uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kämpfen, -- wenn +denn unbedingt gekämpft werden muß. + +KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den +kenn ich nicht. Dem schuld ich keine Rücksicht. + +ROSMER. Gilt das auch mir? + +KROLL. Du selber, Rosmer, hast mit mir gebrochen. + +ROSMER. Bedeutet denn dies einen Bruch! + +KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe +standen. Jetzt mußt du die Folgen tragen. + + (REBEKKA kommt durch die Tür rechts, die sie weit öffnet.) + +REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem großen Opferfest. Und jetzt +können wir zu Tisch gehn. Haben Sie die Güte, Herr Rektor. + +KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Fräulein West. Hier hab ich nichts +mehr zu suchen. + +REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tür und kommt +näher.) Haben Sie gesprochen --? + +ROSMER. Nun weiß er es. + +KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich +=zwingen=, zu uns zurückzukehren. + +ROSMER. Ich kehre nie zurück. + +KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehörst nicht zu denen, die es ertragen, +einsam für sich zu stehen. + +ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die +Einsamkeit zu ertragen. + +KROLL. Ah --! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens +Worte --! + +ROSMER. Beatens Worte --? + +KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, -- das war gemein --. +Verzeihe. + +ROSMER. Was?... Was denn? + +KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der +Vorzimmertür.) + +ROSMER (folgt ihm). Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehn. Morgen +komm ich zu dir. + +KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In =mein= Haus setzest du keinen +Fuß mehr! + + (Er nimmt seinen Stock und geht.) + + (ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tür stehen; dann schliesst + er sie und tritt an den Tisch.) + +ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon +aushalten. Wir beiden treuen Freunde. Du und ich. + +REBEKKA. Was meint er mit dem »Pfui«? Kannst du dir das vorstellen? + +ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja +selbst nicht daran. Aber morgen geh ich zu ihm. Gute Nacht! + +REBEKKA. Auch heute gehst du schon so früh auf dein Zimmer? Nach einem +solchen Vorfall? + +ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorüber +ist. Du siehst ja, -- ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Nimm es +ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht! + +REBEKKA. Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf wohl. + + (ROSMER geht durch die Vorzimmertür hinaus; dann hört man ihn eine + Treppe hinaufgehen.) + + (REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem + befindlichen Klingelzug. Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.) + +REBEKKA. Sie können wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will +nichts mehr genießen, -- und der Rektor ist nach Haus gegangen. + +FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn über die +Leber gelaufen? + +REBEKKA (nimmt ihre Häkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wär +im Anzug -- + +FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel +auch nicht 'n Flöckchen von einer Wolke zu sehn. + +REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weißen Rosse begegnet. Denn ich fürchte, +nächstens bekommen wir hier was zu hören von einem solchen Spuk. + +FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Sünde, Fräulein! Führen Sie doch +nicht solch gottlose Reden. + +REBEKKA. Nu nu nu -- + +FRAU HILSETH (leiser). Glaubt Fräulein wirklich, nächstens müsse einer +von hier fort? + +REBEKKA. Bewahre, das glaub ich nicht. Aber, Frau Hilseth, auf dieser +Welt gibt es so viele Arten von weißen Rossen ... Na, gute Nacht. Nun +geh ich auf mein Zimmer. + +FRAU HILSETH. Gute Nacht, Fräulein. + + (REBEKKA geht mit ihrer Häkelei rechts hinaus.) + +FRAU HILSETH (schraubt die Lampe herab, schüttelt den Kopf und murmelt +vor sich hin): Jesses, -- Jesses. Dies Fräulein West. Was die doch +manchesmal für Reden führen kann! + + + + +ZWEITER AUFZUG. + + + ROSMERS Arbeitszimmer. Links die Eingangstür. Im Hintergrunde die + zum Schlafzimmer führende Tür, deren Portieren zurückgezogen sind. + Rechts ein Fenster, und vor diesem der mit Büchern und Papieren + bedeckte Schreibtisch. An den Wänden Bücherregale und -Schränke. + Bescheidne Möbel. Links ein altfränkisches Kanapee und vor diesem + ein Tisch. + + ROSMER sitzt im Hausrock auf einem Stuhl mit hoher Lehne am + Schreibtisch. Er schneidet eine Broschüre auf und blättert darin; + hin und wieder liest er ein wenig. -- Es klopft an die Tür links. + +ROSMER (ohne sich umzukehren). Nur herein. + +REBEKKA (im Morgenkleide hereinkommend). Guten Morgen. + +ROSMER (schlägt in der Broschüre nach). Guten Morgen, meine Liebe. +Wünschest du was? + +REBEKKA. Ich wollte mich nur erkundigen, ob du gut geschlafen hast. + +ROSMER. O, ich habe so schön und ruhig geschlafen. Ohne zu träumen... +(Wendet sich). Und du? + +REBEKKA. Ja, danke. So gegen Morgen -- + +ROSMER. Ich weiß nicht, wies kommt, aber seit langer Zeit ist mir nicht +so leicht ums Herz gewesen wie jetzt. Ach, es ist wirklich gut, daß ich +mich endlich ausgesprochen habe. + +REBEKKA. Ja, Rosmer, du hättest nicht so lange schweigen sollen. + +ROSMER. Ich begreife selbst nicht, daß ich so feige sein konnte. + +REBEKKA. Nun, Feigheit wars eigentlich nicht -- + +ROSMER. O doch, doch, liebe Rebekka. Wenn ich der Sache auf den Grund +seh, =etwas= Feigheit war doch mit im Spiel. + +REBEKKA. Um so mehr Mut gehörte dazu, den Knoten zu zerhauen. (Setzt +sich zu ihm auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.) Aber nun muß ich +dir von etwas erzählen, das ich getan habe, -- und das du mir nicht übel +nehmen mußt. + +ROSMER. Übelnehmen? Liebste, wie kannst du glauben --? + +REBEKKA. Ja; denn vielleicht wars etwas eigenmächtig von mir gehandelt; +aber -- + +ROSMER. Na, so laß hören. + +REBEKKA. Gestern abend, als dieser Ulrich Brendel fortging, -- da gab +ich ihm ein paar Zeilen an Mortensgaard mit. + +ROSMER (etwas bedenklich). Aber, liebe Rebekka --. Nun, was hast du denn +geschrieben? + +REBEKKA. Ich hab ihm geschrieben, er würde dir einen großen Dienst +erweisen, wenn er sich des unglücklichen Menschen ein wenig annehmen und +ihm nach besten Kräften forthelfen wollte. + +ROSMER. Liebe Rebekka, das hättest du nicht tun sollen. Brendel hast du +dadurch nur geschadet. Und Mortensgaard gehört zu denen, die ich mir am +liebsten vom Leibe halten möchte. Du weißt ja, was ich mal mit ihm +gehabt habe. + +REBEKKA. Aber bist du denn nicht der Ansicht, es wäre vielleicht ganz +gut, wenn du jetzt wieder in bessre Beziehungen zu ihm kämst? + +ROSMER. Ich? Zu Mortensgaard? Aber warum denn? + +REBEKKA. Nun, so recht sicher kannst du dich jetzt doch nicht mehr +fühlen, -- nachdem du mit deinen Freunden gebrochen hast. + +ROSMER (sieht sie an und schüttelt den Kopf). Hast du wirklich glauben +können, Kroll oder einer der andern würde es versuchen, sich zu +rächen --? Sie wären fähig, mich --? + +REBEKKA. In der ersten Hitze, lieber Johannes --. Das kann man nie mit +Bestimmtheit wissen. Mir scheint, -- nach der Art, wie der Rektor es +aufnahm -- + +ROSMER. Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann +durch und durch. Heut nachmittag geh ich nach der Stadt und rede mit +ihm. Ich will mit allen reden. O, du sollst sehn, wie leicht es geht -- + + (FRAU HILSETH erscheint in der Tür links.) + +REBEKKA (steht auf). Was gibts, Frau Hilseth? + +FRAU HILSETH. Rektor Kroll ist unten im Vorzimmer. + +ROSMER (schnell aufstehend). Kroll! + +REBEKKA. Der Rektor! Ists möglich --! + +FRAU HILSETH. Er fragt, ob er raufkommen und den Herrn Pastor sprechen +könnte. + +ROSMER (zu REBEKKA). Was sagt ich!... Natürlich kann er das. (Geht zur +Tür und ruft die Treppe hinunter.) Komm doch herauf, lieber Freund! Bist +herzlich willkommen! + + (ROSMER steht in der Tür und hält sie offen. -- FRAU HILSETH geht. + -- REBEKKA zieht die Portieren vor der Tür zum Schlafzimmer zu. Dann + ordnet sie dies und jenes.) + + (KROLL tritt mit dem Hute in der Hand ins Zimmer.) + +ROSMER (leise, bewegt). Ich wußte ja, es war nicht das letzte mal -- + +KROLL. Heut seh ich die Dinge in einem ganz andern Licht als gestern. + +ROSMER. Ja nicht wahr, Kroll? In einem ganz andern Lichte! Jetzt, +nachdem du darüber nachgedacht hast -- + +KROLL. Du mißverstehst mich vollständig. (Legt den Hut auf den Tisch +neben dem Kanapee.) Es liegt mir daran, unter vier Augen mit dir zu +sprechen. + +ROSMER. Warum soll denn Fräulein West nicht --? + +REBEKKA. Nein nein, Herr Rosmer. Ich geh. + +KROLL (sieht sie von oben bis unten an). Und dann muß ich das Fräulein +um Entschuldigung bitten, daß ich so früh am Tage komme. Daß ich sie +überrasche, eh sie Zeit gefunden -- + +REBEKKA (stutzt). Wieso? Finden Sie es unpassend, daß ich zu Hause ein +Hauskleid trage? + +KROLL. Gott bewahre! Ich weiß ja überhaupt nicht, was jetzt auf +Rosmersholm Sitte ist. + +ROSMER. Aber Kroll, -- du bist ja heut rein wie verwandelt! + +REBEKKA. Empfehle mich, Herr Rektor! + + (Sie geht links hinaus.) + +KROLL. Du erlaubst wohl -- (Er setzt sich aufs Kanapee). + +ROSMER. Ja, lieber Kroll, setzen wir uns gemütlich und reden mit +einander. (Er setzt sich KROLL gegenüber auf einen Stuhl.) + +KROLL. Ich hab seit gestern abend kein Auge zugetan. Die ganze Nacht hab +ich gegrübelt und gegrübelt. + +ROSMER. Und was sagst du heute? + +KROLL. 'S wird 'ne lange Geschichte. Laß mich mit einer Art Einleitung +anfangen. Ich kann dir von Ulrich Brendel was neues erzählen. + +ROSMER. War er bei dir? + +KROLL. Nein. Er setzte sich in einer ordinären Kneipe fest. Natürlich in +der ordinärsten Gesellschaft. Trank und traktierte, so lang er noch 'n +Heller in der Tasche hatte. Dann schimpft er die ganze Bande Pöbel und +Pack, -- übrigens mit Recht, -- worauf sie ihn durchprügelten und in die +Gosse warfen. + +ROSMER. Er ist also doch unverbesserlich. + +KROLL. Auch hatte er den Überzieher zum Pfandleiher gebracht. Aber der +soll für ihn eingelöst sein. Rate mal, von wem? + +ROSMER. Von dir vielleicht. + +KROLL. Nein. Von diesem nobeln Herrn Mortensgaard. + +ROSMER. Ah so. + +KROLL. Wie ich hörte, galt Herrn Brendels erster Besuch dem Idioten und +Plebejer. + +ROSMER. Der hat ihm also genützt -- + +KROLL. Allerdings. (Lehnt sich über den Tisch, um sich ROSMER zu +nähern.) Aber nun kommen wir zu einer Sache, von der ich unsrer alten -- +unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in Kenntnis zu +setzen. + +ROSMER. Lieber Kroll, was kann das sein? + +KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als daß hier im Hause hinter +deinem Rücken irgend ein Spiel getrieben wird. + +ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb -- Fräulein West, +auf die du anspielst? + +KROLL. Allerdings. Übrigens hab ich für =ihre= Handlungsweise volles +Verständnis. Sie ist ja schon so lange gewohnt, hier zu herrschen --! +Aber trotzdem -- + +ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich -- wir +haben gar keine Geheimnisse vor einander. + +KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, daß sie mit dem Redakteur des +»Leuchtturms« in Briefwechsel getreten ist? + +ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel +mitgab? + +KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, daß sie sich +in Verbindung setzt mit diesem Skandaljournalisten, der mich als +Schulmann und Politiker Woche für Woche an den Pranger zu stellen sucht? + +ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich +nicht einmal daran gedacht. Und übrigens hat sie selbstverständlich die +Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, -- grade wie ich. + +KROLL. So! Ach ja, das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die du +eingeschlagen hast. Und wo du stehst, da steht Fräulein West vermutlich +ebenfalls? + +ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg +gebahnt. + +KROLL (sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor! + +ROSMER. Ich blind? Warum sagst du das? + +KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage -- nicht denken +=will=. Nein, nein; laß mich zu Ende reden ... Rosmer, du legst ja +wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls? +Nicht wahr? + +ROSMER. Diese Frage brauch ich wohl kaum zu beantworten. + +KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, -- und die verlangen eine +Antwort -- eine vollständige Erklärung deinerseits ... Bist du damit +einverstanden, daß ich eine Art Verhör mit dir anstelle? + +ROSMER. Verhör? + +KROLL. Ja; daß ich dich über gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu +werden dich vielleicht peinlich berührt. Siehst du, -- die Sache mit +deinem Abfall, -- na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrückst -- +die hängt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darüber mußt du mir +in deinem eignen Interesse Auskunft geben. + +ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu +verheimlichen. + +KROLL. Schön. So sage mir denn, -- was war nach deiner Ansicht der +eigentliche tiefste Grund, weshalb Beate ihrem Leben ein Ende machte? + +ROSMER. Kannst du darüber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger +ausgedrückt: kann man nach den Gründen forschen, die ein unglückliches +krankes unzurechnungsfähiges Geschöpf bei seinen Handlungen leiten? + +KROLL. Bist du überzeugt, daß Beate vollständig unzurechnungsfähig war? +Jedenfalls waren die Ärzte der Ansicht, das wäre wohl kaum bewiesen. + +ROSMER. Hätten die Ärzte sie =einmal= so gesehn, wie ich sie bei Tag und +bei Nacht unzähligemal gesehn, sie hätten nicht gezweifelt. + +KROLL. Damals zweifelt ich auch nicht. + +ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr möglich. Ich habe dir +ja von ihrer wilden zügellosen Leidenschaftlichkeit erzählt, -- von der +sie verlangte, daß ich sie erwiderte. O, welches Grauen flößte sie mir +dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich +in den letzten Jahren folterte! + +KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne +Kinder bleiben würde. + +ROSMER. Ja, überlege dir also selbst --! Eine solch jagende grauenvolle +Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten --! Und sie wäre +zurechnungsfähig gewesen! + +KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest, +die vom Zweck der Ehe handelten -- nach der fortgeschrittnen Auffassung +unsrer Zeit selbstverständlich. + +ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk +geliehen hatte. Denn wie du weißt, erbte sie des Doktors Büchersammlung. +Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig +waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch +und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen +gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten. + +KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme +gequälte überspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du +glücklich -- und frei -- und nach deinem Belieben leben könntest. + +ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit? + +KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In +ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und +Verzweiflung zu klagen. + +ROSMER. Wegen derselben Sache? + +KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff +abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Väter brechen. + +ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmöglich! Ganz und gar +unmöglich! In diesem Punkte mußt du dich irren. + +KROLL. Warum? + +ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen +Zweifeln kämpfte. Und diesen Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und +Verschwiegenheit durchgekämpft. Ich glaube, nicht einmal Rebekka -- + +KROLL. Rebekka? + +ROSMER. Nun ja, -- Fräulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka. + +KROLL. Das hab ich bemerkt. + +ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen +Gedanken kommen konnte. Und warum sprach sie nicht selbst mit mir +darüber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe. + +KROLL. Die Ärmste, -- sie bat und flehte, ich möchte mit dir reden. + +ROSMER. Und warum hast du das nicht getan? + +KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, daß ihre Sinne +verwirrt waren? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie du!... Und dann +kam sie zum zweitenmal -- etwa vier Wochen später. Da war sie +anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: »Nun können sie auf +Rosmersholm bald das weiße Roß erwarten.« + +ROSMER. Ja ja. Das weiße Roß, -- davon sprach sie so oft. + +KROLL. Und als ich ihr diese trüben Gedanken auszureden suchte, gab sie +nur zur Antwort: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun muß Johannes +sich bald mit Rebekka verheiraten.« + +ROSMER (fast sprachlos). Was sagst du da --! Ich mich verheiraten +mit --! + +KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend stürzte +sie sich vom Steg hinab in den Mühlbach. + +ROSMER. Und du hast uns nicht einmal gewarnt --! + +KROLL. Du weißt selber, wie oft sie sagte, nun müsse sie gewiß bald +sterben. + +ROSMER. Das weiß ich. Aber trotzdem --; es war deine =Pflicht=, uns zu +warnen. + +KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spät. + +ROSMER, Aber warum hast du denn nicht später --? Warum hast du mir dies +alles verschwiegen? + +KROLL. Was hätt es genützt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen? +Ich hielt ja das alles für lauter leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis +gestern abend. + +ROSMER. Also jetzt nicht mehr? + +KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du +würdest dem Glauben deiner Väter untreu werden? + +ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das +unbegreiflichste, was ich mir denken kann. + +KROLL. Unbegreiflich oder nicht, -- so verhält es sich nun einmal. Und +jetzt frag ich dich, Rosmer, -- wie viel Wahrheit liegt in ihrer zweiten +Anklage? In der letzten, mein ich. + +ROSMER. Anklage? War denn =das= eine Anklage? + +KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den =Wortlaut= geachtet. Sie wolle +fortgehn, sagte sie --. Warum? Nun? + +ROSMER. Damit ich Rebekka heiraten könnte -- + +KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drückte sich anders aus. +Sie sagte: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun =muß= Johannes sich +=bald= mit Rebekka verheiraten.« + +ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich +dich, Kroll. + +KROLL. Nun .. und --?... Was antwortest du? + +ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so +unerhörtes --! Die einzig richtige Antwort wäre, dir die Tür zu weisen. + +KROLL (steht auf). Sehr wohl. + +ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun höre. Seit länger als einem Jahr, +-- seit dem Tage, da Beate uns verließ, -- haben Rebekka West und ich +immer hier =allein= auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du +Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen +Augenblick bemerkt, daß du an unserm Zusammenleben Anstoß genommen +hättest. + +KROLL. Bis gestern abend wußt ich nicht, daß es ein Abtrünniger und eine +-- Freigewordne waren, die dies Zusammenleben führten. + +ROSMER. Ah --! Du glaubst also nicht, daß auch Abtrünnige und +Freigewordne das Reinheitsgefühl haben können? Du glaubst nicht, daß sie +das Sittlichkeitsbedürfnis als einen Naturdrang in sich tragen können! + +KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen +Glauben hat, leg ich keinen großen Wert. + +ROSMER. Und dies läßt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem +Verhältnis zwischen mir und Rebekka --? + +KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, daß es +wohl keinen unergründlichen Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken +und -- hm. + +ROSMER. Und was --? + +KROLL. -- und der freien Liebe, -- wenn dus denn unbedingt hören willst. + +ROSMER (leise). Und das schämst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich +seit meiner frühsten Jugend kennt! + +KROLL. Eben darum. Ich weiß, wie leicht du dich von den Menschen, mit +denen du verkehrst, beeinflussen läßt. Und diese deine Rebekka --. Na, +dies Fräulein West, -- die kennen wir ja eigentlich gar nicht näher. +Kurz und gut, Rosmer, -- ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, -- +suche dich bei Zeiten zu retten. + +ROSMER. Mich zu retten? Inwiefern --? + + (FRAU HILSETH blickt durch die Tür links herein.) + +ROSMER. Was wollen Sie? + +FRAU HILSETH. Ich sollte Fräulein bitten runter zu kommen. + +ROSMER. Das Fräulein ist nicht hier. + +FRAU HILSETH. So? (Sieht sich um.) Das ist doch merkwürdig. (Sie geht.) + +ROSMER. Du sagtest --? + +KROLL. Höre. Was hier heimlich vor sich gegangen ist, als Beate noch +lebte, -- und was hier jetzt noch vor sich geht, -- das will ich nicht +näher untersuchen. Du warst ja tief unglücklich in deiner Ehe. Und das +muß dir gewissermaßen zur Entschuldigung dienen. + +ROSMER. O, wie wenig kennst du mich doch im Grunde --! + +KROLL. Unterbrich mich nicht. Ich wollte sagen: soll nun mal dies +Zusammenleben mit Fräulein West fortgesetzt werden, so ist es unbedingt +notwendig, daß du diesen Umfall, -- diesen traurigen Abfall, -- wozu sie +dich verführt hat, vertuschest. Laß mich reden! Laß mich reden! Ich +sage: gehts gar nicht anders, so denk und meine und glaub in Gottes +Namen alles was du willst -- und inbezug auf alle Dinge unter der Sonne. +Aber behalt deine Meinungen hübsch für dich. 'S ist ja doch eine rein +persönliche Sache. Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, so etwas ins +ganze Land hinauszurufen. + +ROSMER. Für mich liegt =die= Notwendigkeit vor, daß ich aus einer +falschen und zweideutigen Stellung herauskomme. + +KROLL. Aber du hast Pflichten gegen die Traditionen deines Geschlechts, +Rosmer! Das bedenke wohl! Seit unvordenklichen Zeiten war Rosmersholm +eine Pflegestätte der Zucht und Ordnung, -- der respektvollen Achtung +vor allem, was die besten unsres Volkes anerkannt und hoch gehalten +haben. Von Rosmersholm hat die ganze Gegend ihren Stempel empfangen. +Eine unheilvolle, nie wieder gut zu machende Verwirrung entsteht, wird +es ruchbar: du selber hättest mit dem gebrochen, was ich den Rosmerschen +Familiengedanken nennen möchte! + +ROSMER. Lieber Kroll, -- so kann =ich= die Sache nicht ansehn. Ich halt +es für meine unabweisbare Pflicht, hier, wo durch all die langen langen +Zeiten vom Geschlecht der Rosmer Finsternis und Unterdrückung +ausgegangen sind, ein wenig Licht und Freude zu verbreiten. + +KROLL (sieht ihn streng an). Jawohl, das wäre eine würdige Tat für den +Mann, mit dem das Geschlecht ausstirbt. Du, das laß bleiben. Das ist +keine angemessne Arbeit für dich. Du bist dazu geschaffen, als stiller +Forscher zu leben. + +ROSMER. Mag sein. Aber ich will nun einmal teilnehmen am Kampf des +Lebens. + +KROLL. Am Kampf des Lebens --! Weißt du, was für ein Kampf das für dich +wird? Ein Kampf auf Leben und Tod mit all deinen Freunden. + +ROSMER (ruhig). Sie werden doch nicht =alle= so fanatisch sein wie du. + +KROLL. Du bist eine treuherzige Seele, Rosmer. Und unerfahren wie ein +Kind. Du ahnst nicht, welch übermächtiger Sturm über dich hereinbrechen +wird. + + (FRAU HILSETH lugt durch die Tür links.) + +FRAU HILSETH. Fräulein läßt fragen -- + +ROSMER. Was gibts? + +FRAU HILSETH. Da ist jemand unten, der den Herrn Pastor gern auf 'n +Augenblick sprechen möchte. + +ROSMER. Ists vielleicht der Mann, der gestern abend hier war? + +FRAU HILSETH. Nein, 's ist der Mortensgaard. + +ROSMER. Mortensgaard! + +KROLL. Aha! So weit sind wir also! So weit schon! + +ROSMER. Was will er von mir? Warum ließen Sie ihn nicht wieder gehn? + +FRAU HILSETH. Fräulein sagt, ich sollte fragen, ob er rauf kommen dürfe. + +ROSMER. Sagen Sie, ich hätte Besuch -- + +KROLL (zu FRAU HILSETH). Lassen Sie ihn nur herein. + + (FRAU HILSETH geht.) + +KROLL (nimmt seinen Hut). Ich räume das Feld -- das heißt vorläufig. Die +Hauptschlacht muß noch geschlagen werden. + +ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, -- ich habe mit Mortensgaard nichts zu +schaffen. + +KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein +mag -- von nun an glaub ich dir nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs +Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschädlich machen +können. + +ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt! + +KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate! + +ROSMER. Kommst du mir wieder damit! + +KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mühlbachs zu erforschen ist Sache deines +Gewissens, -- wenn du etwas derartiges noch hast. + + (PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tür links. Er + ist ein kleiner schmächtiger Mann mit dünnem rötlichem Haar und + Bart.) + +KROLL (mit einem hasserfüllten Blick). Aha, der »Leuchtturm« also --. +Auf Rosmersholm angezündet. (Knöpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja +nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe. + +MORTENSGAARD (sanft). Der »Leuchtturm« bleibt immer angezündet, um dem +Herrn Rektor heimzuleuchten. + +KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings +gibts ein Gebot, das vorschreibt, wir sollen nicht falsches Zeugnis +geben wider unsern Nächsten -- + +MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu +unterrichten. + +KROLL. Auch nicht im sechsten? + +ROSMER. Kroll --! + +MORTENSGAARD. Tritt =die= Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr +Pastor die kompetente Behörde. + +KROLL (mit unterdrücktem Hohn). Der Pastor? Ja, in =diesem= Kapitel ist +Pastor Rosmer in erster Linie kompetent -- gar keine Frage ... Wünsche +segensreiche Verhandlung, meine Herren! + + (Er geht und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.) + +ROSMER (hält den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tür gerichtet +und sagt für sich). Wohlan, -- wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet +sich.) Wollen Sie mir gefälligst sagen, Herr Mortensgaard, was Sie zu +mir führt? + +MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Fräulein West. Ich wollte mich +für den freundlichen Brief bedanken, den ich gestern von ihr erhielt. + +ROSMER. Ich weiß, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen? + +MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lächeln.) Wie ich +höre, haben sich die Ansichten hier auf Rosmersholm in einigen Punkten +geändert. + +ROSMER. Meine Ansichten haben sich in =vielen= Punkten geändert. Ich +kann wohl sagen -- in allem. + +MORTENSGAARD. So sagte das Fräulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte +hinaufgehn und mit dem Herrn Pastor mich ein wenig darüber unterhalten. + +ROSMER. Worüber, Herr Mortensgaard? + +MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre +Gesinnungen hegen, -- und sich der freisinnigen und fortschrittlichen +Sache angeschlossen haben? + +ROSMER. Gewiß dürfen Sie das. Ich bitte sogar darum. + +MORTENSGAARD. Dann wirds morgen früh drin stehn. Das ist eine große +wichtige Neuigkeit, daß Pastor Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er könne +für die Sache des Lichts auch in =diesem= Sinne eintreten. + +ROSMER. Ich versteh Sie nicht ganz. + +MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhält eine starke moralische +Stütze, so oft wir einen ernsten christlich gesinnten Anhänger gewinnen. + +ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht --? Hat Ihnen Fräulein +West =das= nicht gesagt? + +MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Fräulein hatte große Eile. Sie +sagte, ich möchte hinaufgehn und das übrige von Ihnen selbst hören. + +ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, daß ich mich vollständig frei gemacht +habe. Nach allen Seiten. Zu den Lehrsätzen der Kirche hab ich gar kein +Verhältnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts mehr +an. + +MORTENSGAARD (sieht ihn verblüfft an). Nein, -- wenn der Mond +herabgefallen wäre, ich könnte nicht verblüffter --! Der Herr Pastor +sagt sich los --! + +ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese +Nachricht kann also der »Leuchtturm« morgen verbreiten. + +MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor --. +Entschuldigen Sie, -- aber diesen Teil der Sache wollen wir doch lieber +nicht berühren. + +ROSMER. Diesen Teil .. nicht berühren? + +MORTENSGAARD. Vorläufig noch nicht, mein ich. + +ROSMER. Aber ich begreife nicht -- + +MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor --. Vermutlich sind Sie mit den +Verhältnissen nicht so vertraut wie ich. Aber wenn Sie nun also zur +freisinnigen Richtung übergegangen sind, -- und wenn Sie -- wie Fräulein +West sagte, -- an der Bewegung teilnehmen wollen, -- so tun Sie das doch +gewiß mit dem Wunsche, der Richtung und der Bewegung so viel wie möglich +zu nützen. + +ROSMER. Gewiß, das wünsch ich durchaus. + +MORTENSGAARD. Schön. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie +frei und offen mit dieser Mitteilung über Ihren Abfall von der Kirche +hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hände. + +ROSMER. Glauben Sie? + +MORTENSGAARD. Ja, Sie können überzeugt sein, viel richten Sie dann hier +in der Gegend nicht aus. Und zudem, -- Freidenker haben wir schon genug +auf Lager, Herr Pastor. Ich möchte sagen, -- wir haben schon viel zu +viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das +christliche Element, -- etwas, wovor alle Respekt haben müssen. Daran +aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das ratsamste, Sie +behalten sorgfältig alles für sich, was die Öffentlichkeit nichts +angeht... Das ist meine Ansicht von der Sache. + +ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies +nicht, sich mit mir einzulassen? + +MORTENSGAARD (schüttelt den Kopf). Ich tät es sehr ungern, Herr Pastor. +In der letzten Zeit hab ichs mir zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache +oder Person zu unterstützen, die den christlichen Dingen zu Leibe will. + +ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche +zurückgekehrt? + +MORTENSGAARD. Das ist eine Sache für sich. + +ROSMER. Aha, so also verhält es sich. Jetzt versteh ich Sie. + +MORTENSGAARD. Herr Pastor, -- Sie dürfen nicht vergessen, daß ich -- vor +allem ich, -- keine freie Hand habe. + +ROSMER. Was bindet Sie denn? + +MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, daß ich ein Gebrandmarkter bin. + +ROSMER. Ah, -- ja so. + +MORTENSGAARD. Ein Gebrandmarkter, Herr Pastor. Sie namentlich dürfen das +nicht vergessen. Denn Sie vor allem waren es, der mir das Brandmal +aufdrückte. + +ROSMER. Hätt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich hätt Ihr +Vergehen mit behutsamern Händen angefaßt. + +MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spät. Sie haben +mich ein für allemal gebrandmarkt. Gebrandmarkt für mein ganzes Leben. +Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas zu bedeuten hat. +Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun +selber zu fühlen. + +ROSMER. Ich! + +MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, daß Rektor Kroll +und sein Anhang für ein Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und +das »Kreisblatt« soll, wie es heißt, nun sehr blutig werden. 'S kann +leicht kommen, daß auch Sie ein Gebrandmarkter werden. + +ROSMER. Ich fühle mich, was das Persönliche betrifft, vollständig +unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein Lebenswandel bietet keine +Angriffspunkte. + +MORTENSGAARD (mit ruhigem Lächeln). Das ist ein großes Wort, Herr +Pastor. + +ROSMER. Mag sein; aber ich habe das Recht, es auszusprechen. + +MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so gründlich prüfen, wie +Sie einst den meinen prüften? + +ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentümlichen Ton. Worauf spielen Sie +an? Auf etwas bestimmtes? + +MORTENSGAARD. Ja, auf =eine= bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber +die dürfte schlimm genug werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon +erhalten. + +ROSMER. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, was es ist? + +MORTENSGAARD. Können der Herr Pastor es nicht selbst erraten? + +ROSMER. Nein; durchaus nicht. Ganz und garnicht. + +MORTENSGAARD. Ja ja; dann muß ich wohl mit der Sprache heraus ... In +meinem Besitz befindet sich ein seltsamer Brief, der hier auf +Rosmersholm geschrieben ist. + +ROSMER. Fräulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam? + +MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab +ich mal einen andern Brief erhalten. + +ROSMER. Ebenfalls von Fräulein West? + +MORTENSGAARD. Nein, Herr Pastor. + +ROSMER. Nun, von wem denn? Von wem? + +MORTENSGAARD. Von Ihrer seligen Gattin. + +ROSMER. Von meiner Frau! =Sie= haben von meiner Frau einen Brief +erhalten! + +MORTENSGAARD. Jawohl. + +ROSMER. Wann? + +MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es +mag jetzt etwa anderthalb Jahr her sein. Eben diesen Brief nenn ich +seltsam. + +ROSMER. Sie wissen doch, daß meine Frau zu der Zeit geisteskrank war. + +MORTENSGAARD. Ich weiß, daß viele das glaubten. Aber ich meine, dem +Briefe konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich den Brief seltsam +nenne, so mein ich etwas andres damit. + +ROSMER. Über was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben +können? + +MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr damit, +daß sie in großer Furcht und Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es +so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen wären nur +darauf bedacht, Ihnen Ärger und Schaden zu bereiten. + +ROSMER. Mir? + +MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll +ich es sagen, Herr Pastor? + +ROSMER. Ja, gewiß! Alles. Ohne jeden Rückhalt. + +MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwört mich, großmütig zu +sein. Sie wisse, sagt sie, daß es der Herr Pastor gewesen, der meine +Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich möchte +mich nicht rächen. + +ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, daß Sie sich rächen könnten? + +MORTENSGAARD. In dem Briefe heißt es: wenn mir Gerüchte über ein +sündiges Treiben auf Rosmersholm zu Ohren kommen sollten, so möchte ich +alledem nicht trauen; denn bloß schlechte Menschen sprengten solche +Gerüchte aus, um Sie unglücklich zu machen. + +ROSMER. Steht das in dem Briefe! + +MORTENSGAARD. Der Herr Pastor können ihn gelegentlich selbst lesen. + +ROSMER. Aber ich begreife nicht --! Und auf =was= liefen, -- nach ihrer +Einbildung, -- die bösen Gerüchte hinaus? + +MORTENSGAARD. Zunächst darauf, daß der Herr Pastor von dem Glauben +seiner Kindheit abgefallen sei. Das leugnete Ihre selige Gattin =damals= +auf das bestimmteste. Und dann -- hm -- + +ROSMER. Dann? + +MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, -- in etwas konfuser Weise, -- von +einem sündhaften Verhältnis auf Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei +niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerüchte umliefen, so bitte +sie mich dringend, im »Leuchtturm« keine Notiz davon zu nehmen. + +ROSMER. Wird kein Name genannt? + +MORTENSGAARD. Nein. + +ROSMER. Wer brachte Ihnen den Brief? + +MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er +wurde mir eines Abends in der Dämmrung gebracht. + +ROSMER. Hätten Sie sich sofort erkundigt, würden Sie erfahren haben, daß +meine arme unglückliche Frau nicht ganz zurechnungsfähig war. + +MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich muß bekennen, +einen =solchen= Eindruck erhielt ich nicht. + +ROSMER. Nicht?... Aber warum klären Sie mich denn eigentlich jetzt über +diesen alten konfusen Brief auf? + +MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr +Pastor. + +ROSMER. In meinem Lebenswandel, meinen Sie? + +MORTENSGAARD. Ja. Sie müssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdächtig. + +ROSMER. Ich verdächtig! Sie halten also daran fest, ich hätte etwas zu +verheimlichen? + +MORTENSGAARD. Ich wüßte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen +sollte, sein Leben so vollständig wie möglich auszuleben. Aber, wie +gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal über den Herrn +Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden +Vorurteile verstieße, so können Sie überzeugt sein, die ganze freie +Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie +wohl, Herr Pastor. + +ROSMER. Leben Sie wohl. + +MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe +die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«. + +ROSMER. Bringen Sie alles hinein. + +MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu +wissen braucht. + + (Er grüsst und geht. ROSMER bleibt in der Tür stehen, während er die + Treppe hinunter geht. Man hört, wie, die Haustür geschlossen wird.) + +ROSMER (in der Tür, ruft gedämpft). Rebekka! Re--. Hm. (Laut.) Frau +Hilseth, -- ist Fräulein West nicht unten? + +FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist +sie nicht. + + (Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA + wird in der Türöffnung sichtbar.) + +REBEKKA. Rosmer! + +ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was +hast du da gemacht? + +REBEKKA (geht zu ihm). Ich habe gehorcht. + +ROSMER. Aber, Rebekka, wie konntest du das! + +REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das über mein +Hauskleid -- + +ROSMER. Ah, du warst auch darin, als Kroll --? + +REBEKKA. Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde führte. + +ROSMER. Ich hätt es dir erzählt. + +REBEKKA. Du hättest mir wohl kaum alles erzählt. Und gewiß nicht mit +seinen eignen Worten. + +ROSMER. Hast du denn alles gehört? + +REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mußt ich einen +Augenblick hinunter. + +ROSMER. Und dann gingst du wieder hinauf -- + +REBEKKA. Nimm mirs nicht übel, lieber Freund. + +ROSMER. Tu alles, was du für recht und richtig hältst! Du hast ja deine +volle Freiheit ... Aber was sagst du dazu, Rebekka --? O, mir ist, als +hätt ich deiner noch niemals so sehr bedurft wie jetzt! + +REBEKKA. Wir waren ja beide darauf vorbereitet, da es doch einmal kommen +müßte. + +ROSMER. Nein nein, -- hierauf nicht! + +REBEKKA. Hierauf nicht? + +ROSMER. Wohl hatt ich mir zuweilen gedacht, unser schönes reines +Freundschaftsverhältnis könnte früher oder später verdächtigt oder +beschmutzt werden. Nicht von Kroll. Von ihm hätt ich mir so etwas +niemals denken können. Aber von all den vielen mit den rohen Sinnen und +den unedlen Augen. Ach ja, du, -- ich hatte guten Grund dazu, wenn ich +so eifersüchtig einen Schleier über unsern Bund breitete. Es war ein +gefährliches Geheimnis. + +REBEKKA. Ach, warum sich darum kümmern, was all die andern sagen oder +denken! Wir wissens ja doch, daß wir frei von Schuld sind. + +ROSMER. Ich? Frei von Schuld? Ja, das glaubt ich allerdings -- bis +heute. Aber jetzt, -- jetzt, Rebekka -- + +REBEKKA. Was ist denn jetzt? + +ROSMER. Wie soll ich mir Beatens schreckliche Anklage erklären? + +REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht +mehr an Beaten! Endlich war es dir so schön geglückt, von ihr, der Toten +loszukommen -- + +ROSMER. Seit ich dies erfahren habe, ist mirs, als stände sie wieder in +unheimlicher Leibhaftigkeit vor mir. + +REBEKKA. Ach nein, Rosmer, -- nein, nein! Sprich nicht so! + +ROSMER. Doch, doch!... Diesem Geheimnis müssen wir auf den Grund zu +kommen suchen. Wie kann sie sich nur in diesen unheilvollen Irrtum +verstrickt haben? + +REBEKKA. Du beginnst doch wohl nicht selbst daran zu zweifeln, daß sie +fast wahnsinnig war? + +ROSMER. Ach ja, Rebekka, -- das ists grade, wovon ich nicht mehr so ganz +fest überzeugt sein kann. Und zudem, wäre sie das auch gewesen -- + +REBEKKA. Wäre sie das auch gewesen --! Ja, was dann? + +ROSMER. Ich meine, -- wo sollen wir den entscheidenden Grund dafür +suchen, daß ihre krankhafte Gemütsstimmung in Wahnsinn überging? + +REBEKKA. Aber wozu denn über so unlösbaren Rätseln brüten! + +ROSMER. Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese nagenden Zweifel +nicht von mir abschütteln, so gern ich auch möchte. + +REBEKKA. Aber das kann ja gefährlich werden -- dies ewige Herumkreisen +um diesen einen unglückseligen Gegenstand. + +ROSMER (geht unruhig und gedankenvoll umher). Auf die ein oder andre +Weise muß ich mich verraten haben. Sie muß es gemerkt haben, wie +glücklich ich mich zu fühlen anfing seit dem Augenblick, da =du= zu uns +ins Haus kamst. + +REBEKKA. Ja aber, Bester, selbst wenn das wirklich der Fall wäre --! + +ROSMER. Denn siehst du, -- es ist ihr nicht entgangen, daß wir dieselben +Bücher lasen. Daß wir einander suchten und zusammen sprachen von all den +neuen Dingen. Aber ich begreif es nicht! Denn um sie zu schonen, war ich +so vorsichtig. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätt ich es +mir zur Lebensaufgabe gemacht, sie von all dem, was uns interessierte, +fern zu halten. Oder tat ich das nicht, Rebekka? + +REBEKKA. Ja ja, gewiß tatest du das. + +ROSMER. Und du auch. Und dennoch --! O, der Gedanke daran ist +schrecklich! Sie ist also hier umhergegangen, -- mit ihrem Herzen voll +krankhafter Liebe, -- schweigend, immer schweigend, -- hat uns +beobachtet, bewacht, -- auf alles geachtet, und -- und alles mißdeutet! + +REBEKKA (ringt die Hände). O, wär ich doch niemals nach Rosmersholm +gekommen! + +ROSMER. Ach, wenn ich das alles bedenke, was sie stumm gelitten hat! All +das häßliche, was ihr krankes Hirn aufbaute und mit uns in Verbindung +brachte!... Hat sie niemals mit dir über etwas gesprochen, das dich auf +eine Art Spur hätte bringen können? + +REBEKKA (wie aufgejagt). Mit mir! Glaubst du, dann wär ich auch nur noch +einen Tag hier geblieben? + +ROSMER. Nein nein, das versteht sich!... O, welchen Kampf muß sie +gekämpft haben! Und sie kämpfte allein, Rebekka ... Verzweifelt und ganz +allein ... Und dann zum Schluß dieser erschütternde -- anklagende Sieg +-- im Mühlbach. (Er wirft sich auf den Stuhl am Schreibtisch, stützt die +Ellbogen auf den Tisch und bedeckt das Gesicht mit den Händen.) + +REBEKKA (nähert sich ihm behutsam von hinten). Nun höre, Rosmer. Wenn es +in deiner Macht stände, Beate zurückzurufen -- zu dir -- nach +Rosmersholm, -- würdest du es dann tun? + +ROSMER. Ach, was weiß ich, was ich tun oder nicht tun würde! Ich habe +keine Gedanken für etwas andres als dies eine, -- das unwiderruflich +ist. + +REBEKKA. Du solltest nun wieder anfangen zu leben. Ja du hattest schon +angefangen. Du hattest dich vollständig frei gemacht -- nach allen +Seiten. Dir war so froh und so leicht zu Mut -- + +ROSMER. Ach ja, du, -- so froh und so leicht ... Und da kommt dieser +zermalmende Schlag. + +REBEKKA (hinter ihm, mit den Armen auf der Stuhllehne). Wie schön war +es, wenn wir abends in der Dämmrung unten im Zimmer saßen. Und dann +gemeinschaftlich die neuen Lebenspläne zurechtlegten. Du wolltest in das +lebendige Leben eingreifen, -- in das lebendige Leben des Tages, -- wie +du sagtest. Wie ein befreiender Gast wolltest du von Haus zu Haus +wandern. Den Geist und den Willen der Menschen für dich gewinnen. +Adelsmenschen schaffen rings um dich her, -- in weitern, immer weitern +Kreisen. Adelsmenschen. + +ROSMER. Frohe Adelsmenschen. + +REBEKKA. Ja -- frohe. + +ROSMER. Denn die Freude ist es, die die Geister adelt, Rebekka. + +REBEKKA. Meinst du -- der Schmerz nicht auch? Der große Schmerz? + +ROSMER. Ja, -- wenn man durch den Schmerz hindurch kommen kann. Darüber +hinweg. + +REBEKKA. Und =das= mußt du. + +ROSMER (schüttelt traurig den Kopf). Ich werde niemals ganz darüber +hinweg kommen. Immer wird ein Zweifel zurückbleiben. Eine Frage. Niemals +werd ich wieder in dem schwelgen können, was das Leben so wunderbar +schön macht. + +REBEKKA (über der Stuhllehne, leiser). Und was ist das? + +ROSMER (blickt zu ihr auf). Die stille frohe Schuldlosigkeit. + +REBEKKA (weicht einen Schritt zurück). Ja. Die Schuldlosigkeit. + + (Kurze Pause.) + +ROSMER (mit dem Ellbogen auf dem Tische, stützt den Kopf in die Hand und +blickt vor sich hin). Und dann, wie sie zu kombinieren verstand. Wie +systematisch sie es zusammenfügte ... Erst beginnt sie Zweifel zu hegen +an meiner Rechtgläubigkeit --. Wie sie zu der Zeit =dar=auf verfallen +konnte! Aber sie verfiel darauf. Und dann wuchs es zur Gewißheit. Und +dann, -- ja dann war es ihr ja so leicht, all das andre für möglich zu +halten. (Richtet sich im Stuhl auf und fährt sich mit den Händen durch +das Haar.) O, all diese wilden Phantasien! Niemals werd ich mich von +ihnen befreien. Das fühl ich lebhaft. Das weiß ich. Jeden Augenblick +werden sie auf mich einstürmen und mich an die =Tote= erinnern. + +REBEKKA. Wie das weiße Roß auf Rosmersholm. + +ROSMER. In derselben Weise. In der Finsternis dahinsausend. In +nächtlicher Stille. + +REBEKKA. Und wegen dieses unseligen Hirngespinstes willst du das +lebendige Leben, das du schon erfaßt hattest, wieder fahren lassen? + +ROSMER. Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber es steht nicht +in meiner Macht zu wählen. Wie könnt ich wohl jemals hierüber hinweg +kommen! + +REBEKKA (hinter dem Stuhl). Dadurch, daß du dir neue Verhältnisse +schaffst. + +ROSMER (stutzt, blickt auf). Neue Verhältnisse! + +REBEKKA. Ja, neue Beziehungen zur Welt da draußen. Leben, schaffen, +handeln. Nicht hier sitzen und grübeln und brüten über unlösbaren +Rätseln. + +ROSMER (steht auf). Neue Verhältnisse? (Er geht durch das Zimmer, bleibt +an der Tür stehn und kommt dann zurück.) Da geht mir ein Gedanke durch +den Kopf. Ist dir, Rebekka, dieser Gedanke nicht auch schon gekommen? + +REBEKKA (atmet schwer). Laß mich -- wissen -- was es ist. + +ROSMER. Wie, glaubst du, wird nach diesem Tage sich =unser= Verhältnis +gestalten? + +REBEKKA. Ich denke, unsre Freundschaft hält es schon aus -- was auch +kommen mag. + +ROSMER. So meint ichs nun grade nicht. Aber das, was uns zuerst zusammen +führte, -- und was uns einander so innig vereint, -- unser +gemeinschaftlicher Glaube an eine reine Kameradschaft zwischen Mann und +Weib -- + +REBEKKA. Ja ja -- nun? + +ROSMER. Ich meine, ein solches Verhältnis, -- wie das unsre also, -- +eignet sich das nicht vorzugsweise zu einer stillen friedlich-glücklichen +Lebensführung --? + +REBEKKA. Und dann! + +ROSMER. Aber nun öffnet sich mir ein Leben voll Kampf und Unruh und +starker Gemütsbewegungen. Denn ich will mich ausleben, Rebekka! Ich +lasse mich nicht von unheimlichen Möglichkeiten zu Boden schlagen. Ich +lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden, noch +von -- sonst jemand. + +REBEKKA. Nein nein, -- tu das nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann, +Rosmer. + +ROSMER. Aber weißt du nun, woran ich denke?.. Weißt dus nicht? Siehst du +nicht, wie ich am besten all diese nagenden Erinnrungen, -- diese ganze +unglückliche Vergangenheit abschüttle? + +REBEKKA. Nun! + +ROSMER. Dadurch, daß ich ihr eine neue, eine lebendige Wirklichkeit +entgegen stelle. + +REBEKKA (sucht nach der Stuhllehne). Eine lebendige --? Was meinst du +=da=mit? + +ROSMER (näher). Rebekka, -- wenn ich dich nun fragte, -- willst du meine +zweite Frau werden? + +REBEKKA (einen Augenblick sprachlos, schreit voll Freude auf). Deine +Frau --! Deine --! Ich! + +ROSMER. Gut. Versuchen wir es. Wir beide wollen eins sein. Der Platz der +Toten darf nicht länger leer bleiben. + +REBEKKA. Ich -- an Beatens Stelle --! + +ROSMER. Dann verschwindet sie aus meinem Leben. Vollständig. Für alle +Ewigkeit. + +REBEKKA (leise und bebend). Glaubst du das, Rosmer? + +ROSMER. Es muß sein! Es muß! Ich kann und will nicht durchs Leben gehn +mit einer Leiche auf dem Rücken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und +dann laß uns alle Erinnrungen ersticken in Freiheit, in Freude, in +Liebe. Du sollst das einzige Weib sein, das je mein war. + +REBEKKA (sich beherrschend). Sprich mir nicht wieder davon. Deine Frau +werd ich niemals. + +ROSMER. Was! Niemals! Aber glaubst du denn, du würdest mich nie lieben +können? Ist nicht schon in unsrer Freundschaft ein Funken von Liebe! + +REBEKKA (hält sich wie erschreckt die Ohren zu). Rede nicht so, Rosmer! +Sprich solche Worte nicht aus! + +ROSMER (fasst sie am Arm). Ja ja, -- es gibt noch eine Möglichkeit für +uns. O, ich sehs dir an, du fühlst dasselbe! Nicht wahr, Rebekka? + +REBEKKA (wieder fest und gefasst). Nun höre. Das sag ich dir, -- +bestehst du hierauf, so reis ich ab. + +ROSMER. Abreisen! Du! Das kannst du nicht. Das ist unmöglich. + +REBEKKA. Daß ich deine Frau werde, ist noch unmöglicher. Das kann ich +nie und nimmer. + +ROSMER (sieht sie stutzend an). Du sagst, du =kannst= es nicht. Und das +sagst du so seltsam. Warum kannst dus denn nicht? + +REBEKKA (ergreift seine beiden Hände). Teuerster Freund, -- um deinet- +und meinetwillen, -- frage nicht, warum. (Lässt ihn los). Frage nicht, +Rosmer. (Sie geht nach der Tür links). + +ROSMER. Von heut an hab ich keine andre Frage als diese eine: -- warum? + +REBEKKA (wendet sich um und sieht ihn an). Dann ist alles aus. + +ROSMER. Zwischen dir und mir? + +REBEKKA. Ja. + +ROSMER. Dahin kommt es nie zwischen uns beiden. Und nie gehst du von +Rosmersholm fort. + +REBEKKA (mit der Hand auf der Türklinke). Nein, das werd ich wohl nie. +Aber fragst du mich noch einmal, -- dann ist es trotzdem aus. + +ROSMER. Trotzdem aus? Warum denn --? + +REBEKKA. Ja. Denn dann geh ich den Weg, den Beate ging. Nun weißt dus, +Rosmer. + +ROSMER. Rebekka --! + +REBEKKA (in der Tür, nickt langsam). Nun weißt dus. (Sie geht.) + +ROSMER (starrt verblüfft und wie in Gedanken verloren nach der +geschlossnen Tür und spricht vor sich hin): Was -- ist -- das? + + + + +DRITTER AUFZUG. + + + Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tür zum + Vorzimmer stehen offen. Draussen scheint die Vormittagssonne. + + REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt + und ordnet die Blumen. Ihre Häkelei liegt auf dem Lehnstuhl. -- FRAU + HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stäubt die + Möbel ab. + +REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwürdig, daß der Herr Pastor +heut so lange oben bleibt. + +FRAU HILSETH. O, das tut er doch öfter. Aber nu kommt er gewiß bald +runter. + +REBEKKA. Haben Sie ihn gesehn? + +FRAU HILSETH. Nur ganz flüchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging +er ins Schlafzimmer und zog sich an. + +REBEKKA. Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war. + +FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tät es mich garnicht +wundern, wenn er was mit seinen Schwager gehabt hätte. + +REBEKKA. Was könnte das wohl sein? + +FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser +Mortensgaard, der die beiden aneinander gehetzt hat. + +REBEKKA. Das ist wohl möglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard? + +FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Fräulein sowas glauben? So einer wie +der! + +REBEKKA. Meinen Sie, weil er diese schreckliche Zeitung herausgibt? + +FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Fräulein nicht mal +davon gehört, daß er 'n Kind hat mit 'ner verheirateten Frau, der ihr +Mann davongelaufen war? + +REBEKKA. Ich hab davon gehört. Aber das war wohl lange, eh ich hierher +kam. + +FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie hätt auch +verständiger sein müssen als er. Heiraten wollt er sie ja auch. Aber +dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafür +büßen müssen ... Aber später, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf +gekommen! 'S gibt so manche, die =den= Mann aufsuchen. + +REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat +und Hülfe brauchen. + +FRAU HILSETH. O, 's dürfte wohl noch andre als bloß kleine Leute geben, +die -- + +REBEKKA (blickt verstohlen nach ihr hin). So? + +FRAU HILSETH (am Sofa, stäubt und fegt eifrig). Es dürften wohl solche +Leute sein, Fräulein, von denen mans am wenigsten gedacht hätte. + +REBEKKA (mit den Blumen beschäftigt). Nun, das stellen Sie sich doch +bloß so vor, Frau Hilseth. Denn bestimmt wissen können Sie sowas doch +nicht. + +FRAU HILSETH. So, Fräulein meint, ich könnts nicht wissen? Na, ob ichs +wissen kann! Nämlich, -- wenns denn absolut heraus muß, -- ich bin +selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen. + +REBEKKA (wendet sich). Nein, -- wirklich! + +FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief -- wissen Sie, wo der +geschrieben war? Auf Rosmersholm! + +REBEKKA. Ist das wahr, Frau Hilseth? + +FRAU HILSETH. Ganz gewiß, Fräulein. Und auf feines Papier war er +geschrieben. Und hinten drauf war feiner roter Siegellack. + +REBEKKA. Und =Ihnen= ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe +Frau Hilseth, dann ist es ja nicht schwer zu erraten, von wem er war. + +FRAU HILSETH. Na? + +REBEKKA. Natürlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem +krankhaften Zustande -- + +FRAU HILSETH. =Das= behauptet Fräulein, nicht ich. + +REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, -- das +können Sie ja nicht wissen. + +FRAU HILSETH. Hm, 's könnte schon sein, daß ichs nu doch wissen täte. + +REBEKKA. Sagte sie Ihnen denn, was sie geschrieben hatte? + +FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn +gelesen hatte, da fing er an mich kreuz und quer auszufragen, so daß +ichs schon erraten konnte, was drin stand. + +REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau +Hilseth, erzählen Sie mir das doch? + +FRAU HILSETH. Nein nein, Fräulein. Nicht um alles in der Welt. + +REBEKKA. O, mir können Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute +Freunde. + +FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Fräulein, Ihnen =davon= was zu +erzählen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als daß es was +abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt +hatten. + +REBEKKA. Und wer hatte ihr das in den Kopf gesetzt? + +FRAU HILSETH. Schlechte Menschen, Fräulein West. Schlechte Menschen. + +REBEKKA. Schlechte --? + +FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen müssens +gewesen sein. + +REBEKKA. Und wer, meinen Sie, konnte das gewesen sein. + +FRAU HILSETH. O, ich weiß schon, was ich weiß. Aber Gott behüte meine +Zunge ... In der Stadt, da gibts 'ne gewisse feine Dame, die -- hm! + +REBEKKA. Ich sehs Ihnen an, Sie meinen Frau Kroll. + +FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnäsig. +Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n gutes Auge gehabt. + +REBEKKA. Glauben Sie, daß Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie +den Brief an Mortensgaard schrieb? + +FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Fräulein, damit ists mannigmal 'ne +wunderliche Sache. Ganz von Sinnen, glaub ich, war sie nicht. + +REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstört, als sie erfuhr, sie könnte +keine Kinder bekommen. Da kam der Wahnsinn zum Ausbruch. + +FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag für die arme Frau. + +REBEKKA (nimmt ihre Häkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster). +Übrigens, glauben Sie nicht auch, Frau Hilseth, es war im Grunde gut für +den Herrn Pastor? + +FRAU HILSETH. Was denn, Fräulein? + +REBEKKA. Daß keine Kinder da waren. Nicht wahr? + +FRAU HILSETH. Hm, ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll. + +REBEKKA. Sie können mir glauben, es war das beste für ihn. Pastor Rosmer +ist nicht der Mann dazu, Kindergeschrei anzuhören. + +FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Fräulein, schreien die kleinen Kinder +nicht. + +REBEKKA (sieht sie an). Schreien nicht? + +FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit +Menschengedenken niemals geschrien. + +REBEKKA. Das ist doch merkwürdig. + +FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber 's liegt in der +Familie. Und dann ist da noch was merkwürdiges. Wenn sie grösser werden, +lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben. + +REBEKKA. Das wäre doch höchst seltsam -- + +FRAU HILSETH. Hat Fräulein den Herrn Pastor auch nur 'n einzigsmal +lachen hören oder sehen? + +REBEKKA. Ja, -- wenn ich darüber nachdenke, glaub ich fast, Sie haben +recht. Aber mir scheint, hier in der Gegend lachen die Menschen +überhaupt nicht viel. + +FRAU HILSETH. Das tun Sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute, +fings an. Und dann hat sich auch dies, denk ich mir, immer weiter +verbreitet, wie so 'ne Art Ansteckung. + +REBEKKA. Frau Hilseth, Sie sind eine kluge Frau. + +FRAU HILSETH. Ach, Fräulein muß sich nicht über mir lustig machen --. +(Lauscht.) St, st, -- da kommt der Herr Pastor runter. Den Flederwisch +mag er hier drin nicht sehn. + + (Sie geht durch die Tür rechts hinaus.) + + (ROSMER kommt mit Hut und Stock in der Hand aus dem Vorzimmer.) + +ROSMER. Guten Morgen, Rebekka. + +REBEKKA. Guten Morgen, Lieber. (Kurze Pause; sie häkelt.) Willst du +ausgehn? + +ROSMER. Ja. + +REBEKKA. Das Wetter ist ja so schön. + +ROSMER. Heute morgen bist du nicht zu mir herauf gekommen. + +REBEKKA. Nein, -- ich bin nicht gekommen. Heute nicht. + +ROSMER. Willst du von jetzt an überhaupt nicht mehr kommen? + +REBEKKA. O, das weiß ich noch nicht. + +ROSMER. Ist etwas für mich angekommen? + +REBEKKA. Das »Kreisblatt«. + +ROSMER. Das »Kreisblatt« --! + +REBEKKA. Da liegts auf dem Tische. + +ROSMER (legt Hut und Stock fort). Steht etwas drin --? + +REBEKKA. Ja. + +ROSMER. Und du schickst es mir nicht hinauf -- + +REBEKKA. Du bekommst es noch früh genug zu lesen. + +ROSMER. Ah so. (Nimmt das Blatt und liest, am Tische stehend). -- Was! +-- -- »können nicht genug vor charakterlosen Überläufern warnen« --. +(Sieht sie an). Rebekka, sie nennen mich einen Überläufer. + +REBEKKA. Es ist kein Name genannt. + +ROSMER. Das bleibt sich gleich. (Liest weiter). -- »heimliche Verräter +an der guten Sache« --. -- »Judasnaturen, die frech ihren Abfall +bekennen, sobald sie den geeigneten und -- profitabelsten Zeitpunkt +gekommen glauben.« »Rücksichtsloses Attentat auf den Namen berühmter +Ahnen« --. -- »in der Erwartung, daß die augenblicklichen Machthaber +eine angemessne Belohnung nicht vorenthalten werden.« (Legt die Zeitung +auf den Tisch). Und das schreiben sie von mir. Sie, die mich schon so +lange und so genau kennen. Dinge, an die sie selbst nicht glauben. +Dinge, von denen sie wissen, daß nicht ein einziges Wort daran wahr ist +... und doch schreiben sie es. + +REBEKKA. Es steht noch mehr darin. + +ROSMER (nimmt die Zeitung wieder auf). -- »die einzige Entschuldigung +ist das schwache, wenig geübte Denkvermögen« --. -- »verderblicher +Einfluß, der sich vielleicht noch auf andre Gebiete erstreckt; vor der +Hand wollen wir den Herrn =des=halb öffentlich weder =be=klagen noch +=an=klagen« --. (Sieht sie an). Was ist das? + +REBEKKA. Das gilt mir, wie du siehst. + +ROSMER (legt die Zeitung fort). Rebekka, -- so handeln nur unehrenhafte +Männer. + +REBEKKA. Ja, ich finde, sie sind Mortensgaard noch über. + +ROSMER (geht auf und ab). Hier =muß= etwas geschehen. Alles was gut ist +in den Menschen, wird erstickt, wenn dies so weitergeht. Aber das soll +es nicht. O, wie froh, -- wie glücklich würd ich mich fühlen, könnt ich +in diesen Abgrund von Finsternis und Häßlichkeit ein wenig Licht +bringen. + +REBEKKA (steht auf). Ja, nicht wahr, Rosmer? Das wäre für dich eine +große herrliche Aufgabe. + +ROSMER. Bedenke nur, könnt ich sie zur Selbsterkenntnis aufrütteln. Sie +zur Reue und Scham über sich selbst bringen. Sie bewegen, Rebekka, sich +einander in Verträglichkeit und Liebe zu nähern. + +REBEKKA. Ja, setz all deine Kraft hierfür ein, und du sollst sehen, du +gewinnst. + +ROSMER. Mir scheint, es muß glücken. O, welche Freude es dann sein würde +zu leben! Kein gehässiger Streit mehr. Nur noch Wettstreit. Alle Augen +auf das eine Ziel gerichtet. Alle Triebe, alle Sinne vorwärts strebend, +-- empor, -- jeder auf seinem eignen naturnotwendigen Wege. Das Glück +aller, -- geschaffen durch alle. (Sieht zufällig durchs Fenster ins +Freie, fährt zusammen und sagt traurig.) Ach! Nicht durch mich. + +REBEKKA. Nicht --? Nicht durch dich? + +ROSMER. Und auch nicht =für= mich. + +REBEKKA. O, Rosmer, laß solche Zweifel nicht in dir aufkommen! + +ROSMER. Glück, -- liebe Rebekka, -- Glück, das ist vor allen Dingen das +stille frohe sichre Bewußtsein der Schuldlosigkeit. + +REBEKKA (sieht vor sich hin). Ja, das mit der Schuld --. + +ROSMER. O, darüber kannst =du= kaum urteilen. Aber ich -- + +REBEKKA. Du am allerwenigsten! + +ROSMER (zeigt zum Fenster hinaus). Der Mühlbach! + +REBEKKA. O, Rosmer --! + +FRAU HILSETH (blickt durch die Tür rechts herein). Fräulein! + +REBEKKA. Später, später. Jetzt nicht. + +FRAU HILSETH. Nur auf ein Wort, Fräulein. + + (REBEKKA geht nach der Tür. FRAU HILSETH teilt ihr etwas mit. Sie + sprechen einen Augenblick flüsternd zusammen. FRAU HILSETH nickt und + geht.) + +ROSMER (unruhig). Wars etwas für mich? + +REBEKKA. Nein, nur häusliche Dinge ... Nun solltest du etwas in die +frische Luft gehen, lieber Rosmer. Einen recht weiten Spaziergang +machen. + +ROSMER (nimmt den Hut). Ja, komm. Dann gehn wir zusammen. + +REBEKKA. Nein, Lieber, jetzt kann ich nicht. Du mußt allein gehn. Aber +schüttle nun all diese schweren Gedanken von dir ab. Versprich mir das. + +ROSMER. Ich fürchte, die kann ich niemals abschütteln. + +REBEKKA. O, aber daß etwas so grundloses dich mit solcher Macht erfassen +kann --! + +ROSMER. Leider, -- so grundlos ist es nicht. Die ganze Nacht hab ich +drüber nachgegrübelt. Beate hat vielleicht doch richtig gesehn. + +REBEKKA. Worin, meinst du? + +ROSMER. Richtig gesehn, als sie glaubte, ich liebte dich, Rebekka. + +REBEKKA. Darin richtig gesehn! + +ROSMER (legt den Hut auf den Tisch). Mir geht unaufhörlich die Frage im +Kopf herum, ob wir beiden uns nicht während der ganzen Zeit selber +getäuscht haben, als wir unser Verhältnis Freundschaft nannten. + +REBEKKA. Meinst du vielleicht, es konnte ebensogut ein -- + +ROSMER. -- Liebesverhältnis genannt werden. Ja, Rebekka, das mein ich. +Schon zu Beatens Lebzeiten warst du es, der ich all meine Gedanken gab. +Du allein warst es, nach der mich verlangte. Bei dir nur empfand ich +diese ruhige frohe wunschlose Glückseligkeit. Wenn wirs richtig +bedenken, Rebekka: unser Zusammenleben begann wie eine süße heimliche +Kinderverliebtheit. Ohne Verlangen und ohne Träumerei. Sage mir: +empfandest du es auch in solcher Weise? + +REBEKKA (kämpft mit sich). O, -- ich weiß nicht, was ich dir antworten +soll. + +ROSMER. Und dies innre Leben ineinander und für einander hielten wir für +Freundschaft. Nein, Rebekka, -- unser Verhältnis war eine geistige Ehe +-- vielleicht gleich von den ersten Tagen an. Darum hab ich mich mit +einer Schuld belastet. Ich hatte kein Recht dazu, -- durfte nicht, +Beatens wegen. + +REBEKKA. Du durftest nicht glücklich sein? Glaubst du das, Rosmer? + +ROSMER. Sie betrachtete unser Verhältnis mit den Augen =ihrer= Liebe. +Beurteilte es nach =ihrer= Art zu lieben. Natürlich. Beate konnte nicht +anders urteilen. + +REBEKKA. Aber wie kannst du =dich= anklagen wegen Beatens Irrtum! + +ROSMER. Weil sie mich, -- in =ihrer= Weise, -- liebte, ging sie in den +Mühlbach. =Die= Tatsache, Rebekka, steht fest. Darüber komm ich niemals +hinweg. + +REBEKKA. Ach, denk doch an weiter nichts als an die große schöne +Aufgabe, für die du dein Leben eingesetzt hast! + +ROSMER (schüttelt den Kopf). Die kann wohl nie durchgeführt werden. +Nicht von mir. Jetzt nicht mehr, nachdem ich dies erfahren habe. + +REBEKKA. Warum nicht von dir? + +ROSMER. Weil man niemals eine Sache zum Siege führen kann, die ihren +Ursprung in einem Verbrechen hat. + +REBEKKA (leidenschaftlich). O, diese Zweifel, diese Skrupel, diese Angst +-- das sind angeborne Familienfehler! Nach dem Gerede der Leute kehren +hier die Toten zurück als jagende weiße Rosse. Ich glaube, dies ist +etwas ähnliches. + +ROSMER. Mag sein. Aber was nützt mir das, wenn ich nun einmal nicht +darüber hinwegkommen kann? Und glaube mir, Rebekka: es ist so, wie ich +sage. Die Sache, die zum bleibenden Sieg geführt werden soll, -- die muß +von einem frohen schuldlosen Manne getragen werden. + +REBEKKA. Ist denn =dir=, Rosmer, die Freude ganz und gar unentbehrlich? + +ROSMER. Die Freude? Ja, -- das ist sie. + +REBEKKA. Dir, der niemals lachen kann? + +ROSMER. Trotzdem. Glaube mir, ich hab viel Talent zur Fröhlichkeit. + +REBEKKA. Jetzt geh, lieber Freund. Weit, -- ganz weit. Hörst du?... +Sieh, hier ist dein Hut. Und hier hast du den Stock. + +ROSMER (nimmt Hut und Stock). Danke. Und du gehst nicht mit? + +REBEKKA. Nein nein, jetzt ich kann nicht. + +ROSMER. Ja, ja. Nun, du weißt, du bist trotzdem bei mir. + + (Er geht durch das Vorzimmer hinaus. Kurz darauf lugt REBEKKA hinter + der offnen Tür her hinaus. Dann geht sie nach der Tür rechts.) + +REBEKKA (öffnet und sagt halblaut). So, Frau Hilseth. Nun können Sie ihn +hereinlassen. + + (Sie geht nach dem Fenster. Kurz darauf kommt KROLL von rechts. Er + grüsst stumm und gemessen und behält den Hut in der Hand.) + +KROLL. Er ist also ausgegangen? + +REBEKKA. Ja. + +KROLL. Pflegt er weit zu gehn? + +REBEKKA. O ja. Aber heut ist er so unberechenbar. Wenn Sie ihn also +nicht treffen wollen -- + +KROLL. Nein nein. Ich wünsche nur Sie zu sprechen. Und zwar ganz allein. + +REBEKKA. Dann ists am besten, wir nutzen die Zeit aus. Nehmen Sie Platz, +Herr Rektor. + + (Sie setzt sich auf den Lehnstuhl am Fenster. KROLL setzt sich auf + einen Stuhl neben ihr.) + +KROLL. Fräulein West, -- Sie können sich wohl kaum eine Vorstellung +davon machen, wie tief es mich schmerzt, dieses -- diese Veränderung, +die mit Johannes Rosmer vor sich gegangen ist. + +REBEKKA. Wir waren darauf vorbereitet, daß es Ihnen sehr zu Herzen gehn +würde -- das heißt im Anfang. + +KROLL. Nur im Anfang? + +REBEKKA. Rosmer hegte die sichre Hoffnung, früher oder später würden Sie +auf seine Seite treten. + +KROLL. Ich! + +REBEKKA. Sie und all seine andern Freunde. + +KROLL. Ja, da sehn Sies! So schwach ist sein Verstand in allem, was die +Menschen und das praktische Leben betrifft. + +REBEKKA. Übrigens, -- wenns ihm nun einmal ein Bedürfnis ist, sich nach +jeder Richtung hin frei zu machen -- + +KROLL. Ja aber, sehn Sie, -- grade das glaub ich nicht. + +REBEKKA. Was glauben Sie denn? + +KROLL. Ich glaube: hinter alledem stecken =Sie=. + +REBEKKA. Das haben Sie von Ihrer Frau, Herr Rektor. + +KROLL. Das ist gleichgültig, woher ichs habe. Aber so viel steht fest: +wenn ich mir alles überlege und mir Ihr ganzes Verhalten zu erklären +suche seit dem Augenblick, da Sie nach Rosmersholm kamen, dann erwacht +in mir ein starker Verdacht, -- ein außerordentlich starker Verdacht. + +REBEKKA (sieht ihn an). Ich glaube mich zu erinnern, lieber Rektor, es +gab eine Zeit, da hegten Sie ein außerordentlich starkes =Vertrauen= zu +mir. Ein =warmes= Vertrauen, hätt ich bald gesagt. + +KROLL (gedämpft). Wen vermochten Sie nicht zu behexen, -- wenn Sies +drauf anlegten? + +REBEKKA. Legt ichs denn darauf an, Sie --! + +KROLL. Jawohl, das taten Sie. Jetzt bin ich nicht mehr so'n Narr, mir +einzubilden, es sei irgend ein Gefühl mit im Spiel gewesen. Sie wollten +sich einfach hier auf Rosmersholm Eingang verschaffen. Sich hier +festsetzen. Und dabei sollt ich Ihnen behülflich sein. Nun seh ichs. + +REBEKKA. Sie haben also vollständig vergessen, daß es Beate war, die +mich bat und anflehte, hierher zu kommen. + +KROLL. Ja, als Sie die ebenfalls behext hatten. Oder kann man das +Gefühl, das Beate für Sie empfand, vielleicht Freundschaft nennen? Es +schlug um in Vergötterung, -- in Anbetung. Es artete aus in, -- wie soll +ichs nennen? -- in eine Art verzweifelter Verliebtheit. Ja, das ist das +richtige Wort. + +REBEKKA. Sie wollen sich gütigst erinnern, in welchem Zustand sich Ihre +Schwester befand. Was mich betrifft, so glaub ich nicht, daß man mich +der Überspanntheit beschuldigen kann. + +KROLL. Nein wahrhaftig nicht. Aber desto gefährlicher werden Sie denen, +die Sie in Ihre Gewalt haben wollen. Es fällt Ihnen so leicht, mit +Überlegung und voller richtiger Berechnung zu handeln, -- eben weil Ihr +Herz kalt ist. + +REBEKKA. Kalt? Wissen Sie das bestimmt? + +KROLL. Jetzt weiß ichs ganz bestimmt. Sonst hätten Sie hier nicht +jahrelang Ihr Ziel mit so unerschütterlicher Sicherheit verfolgen +können. Ja ja, -- Sie haben erreicht, was Sie erreichen wollten. Nicht +bloß ihn, -- alles hier haben Sie in Ihre Gewalt bekommen. Aber um dies +alles durchzusetzen, sind Sie nicht davor zurückgeschreckt, ihn +unglücklich zu machen. + +REBEKKA. Das ist nicht wahr! Nicht ich, Sie selbst haben ihn unglücklich +gemacht. + +KROLL. Ich! + +REBEKKA. Ja Sie! -- indem Sie ihm den Wahn in den Kopf setzten, er wäre +schuld an Beatens schrecklichem Ende. + +KROLL. Ah, es hat ihn also doch gepackt? + +REBEKKA. Das können Sie sich doch denken. Ein so weiches Gemüt -- + +KROLL. Ich glaubte, ein sogenannter Freigewordner wär über all solche +Skrupel erhaben ... So also stehts mit uns! Ach ja, -- offen gesagt: das +hab ich erwartet. Der Nachkomme jener Männer, die von den Wänden dort +auf uns herabschauen, -- es gelingt ihm nicht, sich von all dem +loszureißen, was von Geschlecht zu Geschlecht sich auf ihn vererbt hat. + +REBEKKA (sieht gedankenvoll vor sich hin). Ja, Johannes Rosmer ist mit +sehr starken Wurzeln an sein Geschlecht gebunden. Das ist wahr. + +KROLL. Und darauf hätten Sie Rücksicht nehmen müssen, wenn Sie ein Herz +für ihn gehabt hätten. Aber derartige Rücksichten konnten Sie nicht gut +nehmen. Ihre Voraussetzungen sind von den seinen ja so himmelweit +verschieden. + +REBEKKA. Welche Voraussetzungen meinen Sie? + +KROLL. Ich meine die Voraussetzungen, Fräulein West, die sich auf die +Familie, -- die Geburt beziehen. + +REBEKKA. Ah so. Ja, das ist wahr, -- ich bin von sehr geringer Herkunft. +Aber trotzdem -- + +KROLL. Ich spreche nicht von Stand und Stellung. Ich denke an die +sittlichen Voraussetzungen. + +REBEKKA. Sittlichen Voraussetzungen --? In welcher Beziehung? + +KROLL. Inbezug auf Ihre Geburt. + +REBEKKA. Was sagen Sie! + +KROLL. Ich sag es ja nur, weil das Ihr ganzes Verhalten erklärt. + +REBEKKA. Ich versteh Sie nicht. Ich verlange eine klare offne Erklärung! + +KROLL. Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie noch eine Erklärung +brauchten. Sonst wärs doch seltsam, daß Sie sich von Doktor West +adoptieren ließen -- + +REBEKKA (steht auf). Ah so! Jetzt versteh ich. + +KROLL. -- daß Sie seinen Namen annahmen. Ihre Mutter hieß Gamwik. + +REBEKKA (geht im Zimmer umher). Mein Vater hieß Gamwik, Herr Rektor. + +KROLL. Der Beruf Ihrer Mutter brachte sie naturgemäß mit dem Kreisarzt +in beständige Verbindung. + +REBEKKA. Da haben Sie recht. + +KROLL. Und da nimmt er Sie zu sich, -- gleich nach dem Tode Ihrer +Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen, +daß er Ihnen nicht einen einzigen Schilling hinterlassen wird. Sie +bekamen ja auch bloß einen Kasten voll Bücher. Und doch halten Sie bei +ihm aus. Haben Geduld mit ihm. Pflegen ihn bis an sein Ende. + +REBEKKA (am Tische, sieht ihn höhnisch an). Und daß ich dies alles tat, +-- das erklären Sie sich daraus, daß an meiner Geburt etwas unsittliches +haftet, -- etwas verbrecherisches! + +KROLL. Was Sie für ihn taten, führ ich auf einen unbewußten kindlichen +Instinkt zurück. Übrigens wurde Ihr ganzes Verhalten durch Ihre Herkunft +bestimmt. + +REBEKKA (heftig). Aber da ist nicht ein wahres Wort an dem, was Sie da +sagen! Und das kann ich beweisen! Denn Doktor West war noch garnicht in +der Finnmark, als ich geboren wurde. + +KROLL. Bitt um Entschuldigung, -- Fräulein. Er kam in dem Jahr vorher. +Das hab ich festgestellt. + +REBEKKA. Und ich sag Ihnen: Sie irren! Irren vollständig! + +KROLL. Sie sagten gestern, Sie wären neunundzwanzig. Gingen ins +dreißigste. + +REBEKKA. So? Sagt ich das? + +KROLL. Allerdings. Und danach kann ich berechnen, daß -- + +REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen nützen Ihnen nichts. Denn ich kanns +Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein Jahr älter als ich mich ausgebe. + +KROLL (lächelt ungläubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das? + +REBEKKA. Als ich fünfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, -- +unverheiratet wie ich war, -- ich würde zu alt. Und so begann ich ein +Jahr abzulügen. + +KROLL. Sie? Eine Freigewordne? =Sie= hegen noch Vorurteile inbezug auf +das heiratsfähige Alter? + +REBEKKA. Ja, 's war grützdumm, -- und obendrein lächerlich. Aber dies +und jenes, von dem man sich nicht losmachen kann, bleibt immer an einem +haften. Wir sind nun mal so. + +KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor +West war ein Jahr vor seiner Anstellung zu einem flüchtigen Besuch da +oben in der Finnmark. + +REBEKKA (leidenschaftlich). Das ist nicht wahr! + +KROLL. Das ist nicht wahr? + +REBEKKA. Nein. Denn davon hat mir meine Mutter nie etwas erzählt. + +KROLL. Wirklich nicht? + +REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe! + +KROLL. Könnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein +Jahr zu überspringen? Grad so wie =Sie= eins übersprungen haben. Das ist +vielleicht ein Familienzug. + +REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hände). Das ist unmöglich. Das +wollen Sie mir nur einreden. Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer! +In alle Ewigkeit nicht --! + +KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum in Himmels Namen +nehmen Sies in der Weise? Sie erschrecken mich förmlich! Was soll ich da +glauben und denken --! + +REBEKKA. Nichts. Sie sollen weder was glauben noch denken. + +KROLL. Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie diese +Sache, -- diese Möglichkeit sich so zu Herzen nehmen. + +REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natürlich, Herr Rektor. Ich habe +nicht Lust, hier als ein uneheliches Kind zu gelten. + +KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, -- vorläufig, -- bei dieser +Erklärung. Aber dann haben Sie sich ja also auch in diesem Punkte noch +ein gewisses -- Vorurteil bewahrt. + +REBEKKA. Das scheint so. + +KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem +meisten von dem, was Sie Ihre Befreiung nennen. Sie haben sich einen +ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie wissen +einigermaßen Bescheid über die Forschungen auf verschiednen Gebieten, -- +Forschungen, die manches von dem, was bisher bei uns als unumstößlich +und unangreifbar galt, umzustoßen scheinen. Aber dies alles, Fräulein +West, ist bei Ihnen nur bloßes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist +Ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen. + +REBEKKA (nachdenklich). Möglich, daß Sie recht haben. + +KROLL. Ja, prüfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es +so mit Ihnen steht, kann man sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes +Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrücktheit, -- es heißt +schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich +als Abtrünnigen bekennen will! Bedenken Sie, -- er mit diesem scheuen +Gemüt! Stellen Sie sich =ihn= vor als verstoßen, -- verfolgt von dem +Kreise, dem er bisher angehört hat. Rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt +von den besten unsrer Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem +die Stirn zu bieten. + +REBEKKA. All dem =muß= er die Stirn bieten! Jetzt ist es für ihn zu +spät, sich zurückzuziehen. + +KROLL. Zu spät? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist, +kann totgeschwiegen, -- oder doch jedenfalls als eine bloß +vorübergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklärt werden. Aber +-- =eine= Verhaltungsmaßregel ist freilich unumgänglich notwendig. + +REBEKKA. Und die wäre? + +KROLL. Fräulein West, Sie müssen ihn veranlassen, das Verhältnis zu +legalisieren. + +REBEKKA. Das Verhältnis, in dem er zu mir steht? + +KROLL. Ja, Sie müssen sehn, daß Sie ihn dazu bewegen. + +REBEKKA. Sie können sich also gar nicht von der Ansicht frei machen, +unser Verhältnis bedürfe der -- Legalisierung, wie Sies nennen? + +KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehn. Allerdings +aber glaub ich beobachtet zu haben, daß man =dort= am leichtesten mit +allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um -- hm. + +REBEKKA. Um das Verhältnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie? + +KROLL. Ja, -- offen gestanden, -- das glaub ich. + +REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor +Kroll, beinah hätt ich gesagt, -- möchten Sie nur recht haben. + +KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton. + +REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, -- +da kommt er. + +KROLL. Schon! Dann geh ich. + +REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas +erfahren. + +KROLL. Jetzt nicht. Ich ertrag es nicht, ihn jetzt zu sehn. + +REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden +Sie es später bereuen. Es ist das letzte Mal, daß ich Sie um etwas +bitte. + +KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Fräulein +West. Es mag sein. + + (Eine Weile ist es still. Dann kommt ROSMER aus dem Vorzimmer.) + +ROSMER (erblickt den Rektor, bleibt in der Tür stehen). Was! -- =du= +hier! + +REBEKKA. Am liebsten wär er dir nicht begegnet, Rosmer. + +KROLL (unwillkürlich). Dir! + +REBEKKA. Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich -- wir duzen uns. Unser +Verhältnis hat das so mit sich gebracht. + +KROLL. Wars =das=, was ich erfahren sollte? + +REBEKKA. Das und -- noch etwas. + +ROSMER (kommt näher). Was ist der Zweck des heutigen Besuches? + +KROLL. Ich wollte noch einmal versuchen, dich aufzuhalten und +zurückzugewinnen. + +ROSMER (zeigt auf die Zeitung). Nach dem, was =dort= steht? + +KROLL. Ich habs nicht geschrieben. + +ROSMER. Hast du Schritte getan, es zu verhindern? + +KROLL. Das wär ein unverantwortlicher Verrat gewesen an der Sache, der +ich diene. Auch stand es nicht in meiner Macht. + +REBEKKA (reisst die Zeitung in Stücke, ballt diese zusammen und wirft +sie hinter den Ofen). So. Nun ists aus den Augen. Und entfern es auch +aus deinen Gedanken. Denn etwas der Art, Rosmer, kommt nicht wieder. + +KROLL. Ach ja, brächten Sie =das= fertig -- + +REBEKKA. Komm, Lieber, setzen wir uns. Alle drei. Dann will ich alles +sagen. + +ROSMER (setzt sich unwillkürlich). Rebekka, was ist mit dir vorgegangen! +Diese unheimliche Ruhe --. Was bedeutet das? + +REBEKKA. Diese Ruhe bedeutet, daß ich einen Entschluß gefaßt habe. +(Setzt sich.) Nehmen Sie ebenfalls Platz, Herr Rektor. + + (KROLL setzt sich auf das Sofa.) + +ROSMER. Einen Entschluß, sagst du! Welchen Entschluß? + +REBEKKA. Ich will dir wiedergeben, was du brauchst, um das Leben zu +ertragen. Du sollst deine frohe Schuldlosigkeit zurückerhalten, lieber +Freund. + +ROSMER. Aber was hat dies zu bedeuten! + +REBEKKA. Ich will nur erzählen. Weiter ist nichts nötig. + +ROSMER. Nun! + +REBEKKA. Als ich, -- mit Doktor West, -- aus der Finnmark hierher kam, +da wars mir, als hätt eine neue große weite Welt sich mir aufgetan. Der +Doktor hatte mich mancherlei gelehrt. All das Verschiedenartige, was ich +damals vom Leben und den menschlichen Dingen wußte. (Mit sich kämpfend +und kaum hörbar.) Und da -- + +KROLL. Und da? + +ROSMER. Aber Rebekka, -- das weiß ich ja doch. + +REBEKKA (nimmt sich zusammen). Ja ja, -- darin hast du eigentlich recht. +Du weißt =genug= davon. + +KROLL (sieht sie fest an). Vielleicht geh ich lieber. + +REBEKKA. Nein, Sie sollen bleiben, lieber Rektor. (Zu ROSMER.) Ja, +siehst du, das also war es: ich wollte Anteil haben an der neuen Zeit, +die anbrach. Anteil haben an all den neuen Gedanken... Rektor Kroll +erzählte mir eines Tages, Ulrich Brendel hätte eine große Macht über +dich gehabt, als du noch ein Knabe warst. Mir schien, es müsse doch +möglich sein, diese Macht an mich zu bringen. + +ROSMER. Du kamst mit einer geheimen Absicht hierher --! + +REBEKKA. Gemeinsam mit dir wollt ich vorwärts, der Freiheit entgegen +gehn. Immer weiter, immer weiter bis an die Gränze.... Aber zwischen dir +und der vollen Unabhängigkeit erhob sich ja diese finstere +unübersteigliche Mauer. + +ROSMER. Welche Mauer meinst du? + +REBEKKA. Ich meine, Rosmer: nur im hellen frischen Sonnenschein konntest +du die Freiheit erlangen, und da sah ich dich kranken und hinsiechen in +der Finsternis einer solchen Ehe. + +ROSMER. Bis zu dem heutigen Tage hast du in =der= Weise über meine Ehe +noch nie mit mir gesprochen. + +REBEKKA. Nein; ich wagt es nicht; ich hätte dich erschreckt. + +KROLL (winkt ROSMER). Hörst du! + +REBEKKA (fährt fort). Aber ich sah bald deutlich, wo dir Rettung werden +konnte. Die einzige Rettung. Und da handelte ich. + +ROSMER. Du hast gehandelt? In welcher Weise? + +KROLL. Wollen Sie damit sagen, Sie --! + +REBEKKA. Ja, Rosmer --. (Steht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr +Rektor. Aber nun muß es an den Tag... Du warst es nicht, Rosmer. Du bist +ohne Schuld. Ich war es, die Beate lockte --, die schließlich Beate auf +diese Irrwege lockte -- + +ROSMER (springt auf). Rebekka! + +KROLL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte! + +REBEKKA. Auf die Wege, -- die zum Mühlbach führten. Nun wißt Ihrs, alle +beide. + +ROSMER (wie betäubt). Aber ich begreife nicht --. Was sagt sie? Ich +begreife kein Wort --! + +KROLL. Ach ja, Rosmer. Ich fang an zu begreifen. + +ROSMER. Aber was hast du denn getan! Was hast du ihr nur sagen können? +Es lag ja nichts vor. Garnichts! + +REBEKKA. Sie erfuhr, daß du dich von all den alten Vorurteilen zu +befreien suchtest. + +ROSMER. Aber das war ja damals noch nicht der Fall. + +REBEKKA. Ich wußte, daß es bald geschehen würde. + +KROLL (nickt ROSMER zu). Aha! + +ROSMER. Und dann? Was weiter? Ich will jetzt alles wissen. + +REBEKKA. Einige Zeit darauf -- da bat ich sie, mich abreisen zu lassen. + +ROSMER. Warum wolltest du denn damals reisen? + +REBEKKA. Ich wollte nicht reisen. Ich wollte bleiben, wo ich war. Aber +ich sagt ihr, es wäre für uns alle das beste ... wenn ich bei Zeiten +fortkäme. Ich gab ihr zu verstehn, wenn ich noch länger bliebe, -- so +könnte -- könnte sich -- etwas schlimmes ereignen. + +ROSMER. Das also hast du gesagt und getan. + +REBEKKA. Ja, Rosmer. + +ROSMER. Und das nanntest du handeln. + +REBEKKA (mit gebrochener Stimme). Ich nannt es so, ja. + +ROSMER (nach kurzem Schweigen). Hast du nun alles bekannt, Rebekka? + +REBEKKA. Ja. + +KROLL. Nicht alles. + +REBEKKA (sieht ihn erschreckt an). Was sollt ich denn sonst noch haben? + +KROLL. Gaben Sie schließlich Beate nicht zu verstehn, es wäre notwendig, +-- nicht bloß das beste, -- sondern notwendig, aus Rücksicht auf Sie und +Rosmer, daß Sie anderswohin reisten, -- und zwar so schnell wie möglich? +-- Nun? + +REBEKKA (leise und undeutlich). Vielleicht hab ich etwas ähnliches +gesagt. + +ROSMER (sinkt in den Lehnstuhl am Fenster). Und an dieses Lug- und +Truggewebe hat sie geglaubt, die unglückliche Kranke! Hartnäckig und +fest geglaubt! Unerschütterlich! (Sieht REBEKKA an.) Und niemals wendete +sie sich an mich. Niemals auch nur mit einem Worte! O Rebekka, -- ich +sehs dir an, -- du hast ihr davon abgeraten! + +REBEKKA. Sie hatte sichs ja in den Kopf gesetzt, sie habe -- als +kinderlose Frau, -- nicht das Recht, hier zu sein. Und so bildete sie +sich ein, ihre Pflicht gegen dich gebiete ihr, Platz zu machen. + +ROSMER. Und du, -- du tatest nichts, ihr diese Wahnvorstellung zu +nehmen? + +REBEKKA. Nein. + +KROLL. Vielleicht bestärkten Sie sie noch darin? Antworten Sie! +Bestärkten Sie sie noch? + +REBEKKA. Ich glaube, sie verstand mich ohnehin. + +ROSMER. Ja ja, -- und vor deinem Willen beugte sie sich in allem. Und da +machte sie Platz. (Springt auf.) Wie konntest, -- wie konntest du dies +entsetzliche Spiel unternehmen! + +REBEKKA. Ich glaubte, Rosmer, hier gelte es, zwischen deinem und ihrem +Leben zu wählen. + +KROLL (streng und nachdrücklich). Sie hatten kein Recht, eine solche +Wahl zu treffen. + +REBEKKA (heftig). Aber glauben Sie denn, ich hätte mit kalter +berechnender Überlegung gehandelt! Denken Sie, ich wäre damals dieselbe +gewesen wie jetzt, wo ichs Ihnen erzähle?... Und dann wohnen auch, glaub +ich, im Menschen zwei Arten von Willen! Ich wollte Beate fort haben. Auf +die ein oder andre Weise. Aber niemals glaubt ich, daß es dahin kommen +würde. Bei jedem Schritt, den ich versuchte, den ich vorwärts wagte, war +mirs, als schrie etwas in mir: Nicht weiter! Keinen Schritt weiter!... +Und doch =konnt= ich nicht stehn bleiben. Ich =mußte= mich noch ein ganz +klein wenig weiter wagen. Nur einen einzigen Schritt. Und dann noch +einen -- immer noch einen ... Und dann kam es ... In der Weise geschehn +solche Dinge. + + (Kurzes Schweigen.) + +ROSMER (zu Rebekka). Und was wird jetzt aus dir? Nach diesem Geständnis? + +REBEKKA. Aus mir mag werden was will. Darauf kommt wenig an. + +KROLL. Nicht =ein= Wort der Reue! Vielleicht fühlen Sie gar keine? + +REBEKKA (kalt abweisend). Entschuldigen Sie, Herr Rektor, -- das ist +eine Sache, die andre nichts angeht. Das mach ich schon mit mir selbst +ab. + +KROLL (zu ROSMER). Und mit diesem Weibe lebst du zusammen unter einem +Dache! In vertraulicher Gemeinschaft! (Blickt umher auf die Porträts.) +O, -- wenn diese da jetzt auf uns herabsehn könnten! + +ROSMER. Gehst du nach der Stadt? + +KROLL (nimmt seinen Hut). Ja. Je eher je lieber. + +ROSMER (nimmt ebenfalls seinen Hut). Ich geh mit. + +KROLL. Du gehst mit! Ach ja, das wußt ich, daß wir dich noch nicht ganz +verloren hatten. + +ROSMER. So komm, Kroll! Komm! + + (Sie gehn beide durch das Vorzimmer hinaus, ohne Rebekka anzusehn. + -- Kurz darauf tritt sie vorsichtig ans Fenster und blickt zwischen + den Blumen hindurch hinaus.) + +REBEKKA (spricht halblaut mit sich selbst). Auch heute nicht über den +Steg. Geht oben herum. Kommt niemals über den Mühlbach. Niemals. (Geht +vom Fenster weg.) Ja, ja! Wohlan! + + (Sie geht und zieht am Klingelzug. -- Kurz darauf kommt FRAU HILSETH + von rechts). + +FRAU HILSETH. Was wünschen Sie, Fräulein? + +REBEKKA. Frau Hilseth, sei'n Sie so freundlich und lassen meinen +Reisekoffer vom Boden herunterholen. + +FRAU HILSETH. Den Reisekoffer! + +REBEKKA. Ja; wissen Sie, den braunen mit Seehundsfell überzognen. + +FRAU HILSETH. Jawoll. Aber mein Gott, -- will Fräulein denn verreisen? + +REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, -- ich verreise. + +FRAU HILSETH. Und schon so bald! + +REBEKKA. Sobald ich gepackt habe. + +FRAU HILSETH. Hat man je sowas gehört! Aber Fräulein kommt doch bald +wieder? + +REBEKKA. Ich komme nie wieder. + +FRAU HILSETH. Nie! Aber Herr du mein Gott, was soll denn auf Rosmersholm +werden, wenn Fräulein West nicht mehr da ist! Der arme Pastor hatte es +nu so schön und angenehm. + +REBEKKA. Ja, aber, Frau Hilseth, heut hab ich Angst bekommen. + +FRAU HILSETH. Angst! Jesses, -- vor was denn? + +REBEKKA. Ja, mir ist, als hätt ich ganz flüchtig das weiße Roß gesehn. + +FRAU HILSETH. Das weiße Roß! Mitten am hellichten Tage! + +REBEKKA. O, die sind früh und spät auf den Beinen, -- die weißen Rosse +von Rosmersholm. (Schlägt einen andern Ton an.) Nun, -- also den +Reisekoffer, Frau Hilseth. + +FRAU HILSETH. Jawoll. Den Reisekoffer. + + (Sie gehn beide rechts hinaus.) + + + + +VIERTER AUFZUG. + + + Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Es ist spät am Abend. Die mit einem + Schirm versehene Lampe steht angezündet auf dem Tische. + + REBEKKA steht am Tische und packt verschiedene kleine Gegenstände in + eine Reisetasche. Ihr Mantel und ihr Hut sowie der gehäkelte + Wollshawl hängen über der Sofalehne. -- FRAU HILSETH kommt von + rechts. + +FRAU HILSETH (spricht gedämpft und scheint zurückhaltend). Ja, Fräulein, +nu sind also die Sachen alle 'rausgetragen. Sie stehn im Küchengang. + +REBEKKA. Gut. Und dem Kutscher haben Sie doch Bescheid gesagt? + +FRAU HILSETH. Jawoll. Er fragt, wann er mit den Wagen hier sein soll. + +REBEKKA. Ich denke, so gegen elf. Der Dampfer geht um Mitternacht ab. + +FRAU HILSETH (etwas zögernd). Aber der Herr Pastor? Wenn der nu bis +dahin noch nicht zurück ist? + +REBEKKA. Dann reis ich trotzdem. Sollt ich ihn nicht mehr sehn, können +Sie ihm sagen, ich würd ihm schreiben. Einen langen Brief. Sagen Sie +das. + +FRAU HILSETH. Ja, das ist nu alles gut und schön -- das mit dem +Schreiben. Aber, armes Fräulein, -- meine Meinung ist nun die, Sie +sollten versuchen noch mal mit ihm zu reden. + +REBEKKA. Vielleicht. Oder vielleicht doch lieber nicht. + +FRAU HILSETH. Nein, -- daß ich sowas erleben muß, -- das hätt ich mein +Lebtag nicht gedacht! + +REBEKKA. Was hatten Sie sich denn gedacht, Frau Hilseth? + +FRAU HILSETH. Na, ich hatte mir Pastor Rosmer doch 'n bißchen reeller +vorgestellt. + +REBEKKA. Reeller? + +FRAU HILSETH. Ja ja, reeller; jawoll! + +REBEKKA. Aber liebe Frau Hilseth, was meinen Sie damit? + +FRAU HILSETH. Ich, Fräulein, meine, was recht und billig ist. Auf =die= +Art und Weise mußt er sich nicht los und ledig machen; auf die nicht. + +REBEKKA (sieht sie an). Nun hören Sie mal, Frau Hilseth. Sagen Sie mir +offen und ehrlich, -- warum, meinen Sie, reis ich weg? + +FRAU HILSETH. Herrgott, Fräulein, das ist ja doch wohl 'n Müssen! Ach +ja, ja, ja! Aber meine Meinung ist nun die, schön ist das nicht vom +Herrn Pastor. Der Mortensgaard, na der war ja entschuldigt. Nämlich sie +hatte ja noch ihren Mann am Leben. Also =die= beiden, die konnten sich +nicht heiraten, so gern sie auch mochten. Aber der Herr Pastor, sehn +Sie, der -- hm! + +REBEKKA (mit schwachem Lächeln). Hätten Sie sich von Pastor Rosmer und +mir sowas denken können? + +FRAU HILSETH. Mein Lebtag nicht. Ja, ich meine, -- bis heute nicht. + +REBEKKA. Also von heut an --? + +FRAU HILSETH. Na, -- nach all den Schlechtigkeiten, die, wie die Leute +sagen, vom Herrn Pastor in die Zeitungen stehn sollen -- + +REBEKKA. Aha! + +FRAU HILSETH. Denn meine Meinung ist nun die: dem Mann, der zu dem +Mortensgaard seine Reljohn übertreten kann, dem ist weiß Gott alles +zuzutrauen. + +REBEKKA. Ach ja, das mag schon sein. Aber ich? Was sagen Sie von mir? + +FRAU HILSETH. Du lieber Gott, Fräulein, -- was wär denn gegen Ihnen groß +zu sagen! Für 'ne Alleinstehende, denk ich mir, ists nicht so leicht, +Stand zu halten... Wir sind ja doch alle Menschen, Fräulein West, -- +alle mit 'nander. + +REBEKKA. Sehr wahr, Frau Hilseth. Wir sind alle miteinander Menschen. -- +Wonach horchen Sie? + +FRAU HILSETH (leise). O Jesses, -- ich glaub, da kommt er grad! + +REBEKKA (fährt zusammen). Also doch --! (Bestimmt.) Nun ja. Es sei. + + (ROSMER kommt aus dem Vorzimmer.) + +ROSMER (erblickt das Reisezeug, wendet sich an REBEKKA und fragt). Was +hat das zu bedeuten? + +REBEKKA. Ich reise. + +ROSMER. Auf der Stelle? + +REBEKKA. Ja. (Zu FRAU HILSETH.) Also elf Uhr. + +FRAU HILSETH. Jawoll, Fräulein; jawoll. (Sie geht rechts hinaus.) + +ROSMER (nach kurzem Schweigen). Wo reisest du hin, Rebekka? + +REBEKKA. Nach dem Norden, mit dem Dampfer. + +ROSMER. Nach dem Norden? Was willst du dort? + +REBEKKA. Von da bin ich ja hergekommen. + +ROSMER. Aber jetzt hast du da nichts mehr zu schaffen. + +REBEKKA. Hier unten auch nicht. + +ROSMER Was gedenkst du denn anzufangen? + +REBEKKA. Das weiß ich noch nicht. Ich will nur sehen, der Sache ein Ende +zu machen. + +ROSMER. Ein Ende zu machen? + +REBEKKA. Rosmersholm hat mich gebrochen. + +ROSMER (wird aufmerksam). Das behauptest du? + +REBEKKA. Geknickt und gebrochen ... Als ich hierher kam, hatt ich einen +so frischen und mutigen Willen. Jetzt hab ich mich unter ein fremdes +Gesetz gebeugt ... Von nun an, das fühl ich, hab ich zu nichts, zu gar +nichts mehr Mut. + +ROSMER. Warum denn nicht? Und was ist das für ein Gesetz, unter das +du --? + +REBEKKA. Rosmer, davon wollen wir heut lieber nicht sprechen ... Wie +steht es jetzt mit dir und dem Rektor? + +ROSMER. Wir haben Frieden geschlossen. + +REBEKKA. Ah so. Damit also hat die Sache geendet. + +ROSMER. Er ließ all unsre alten Freunde zu sich kommen. Sie haben mich +überzeugt, daß ich für eine solche Mission, -- die Geister der Menschen +zu adeln, -- ganz und gar nicht geschaffen bin ... Und übrigens, +Rebekka, ist das auch an und für sich etwas so Hoffnungloses ... Ich +befasse mich nicht damit. + +REBEKKA. Ja ja, -- das wird wohl das beste sein. + +ROSMER. Das sagst du jetzt! Ist das =jetzt= deine Ansicht? + +REBEKKA. Ja, zu dieser Ansicht bin ich gekommen. In den letzten paar +Tagen. + +ROSMER. Rebekka, du lügst! + +REBEKKA. Ich lüge --! + +ROSMER. Ja, du lügst. Du hast nie an mich geglaubt. Niemals hast du +geglaubt, ich sei der Mann, diese Sache siegreich durchzukämpfen. + +REBEKKA. Ich glaubte, wir beide zusammen würden sie zum Siege führen. + +ROSMER. Das ist nicht wahr. Du glaubtest selber etwas großes im Leben +vollbringen zu können. Und mich glaubtest du als Werkzeug für deine +Absichten, deine Zwecke gebrauchen zu können. Dazu war ich geeignet. +=Das= hast du geglaubt! + +REBEKKA. Nun hör mich an, Rosmer. + +ROSMER (setzt sich traurig aufs Sofa). Ach laß mich! Jetzt seh ich der +ganzen Sache auf den Grund. Ich war wie ein Handschuh in deinen Händen. + +REBEKKA. Rosmer, hör mich an. Sprechen wir uns hierüber aus. Es ist das +letzte Mal. (Sie setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa.) Ich hatte +die Absicht, dir über all das zu schreiben, -- nach meiner Rückkehr in +die Finnmark. Aber es ist wohl das beste, ich sag es dir jetzt gleich. + +ROSMER. Hast du mir noch ein Geständnis zu machen? + +REBEKKA. Ja, das größte! + +ROSMER. Das größte? + +REBEKKA. Das, was du nie geahnt hast. Was allem andern Licht und +Schatten gibt. + +ROSMER (schüttelt den Kopf). Ich versteh dich gar nicht. + +REBEKKA. Es ist wahr, ich hab einmal meine Netze ausgeworfen, um hier +auf Rosmersholm Einlaß zu erhalten. Denn ich glaubte, hier würd ich wohl +mein Glück machen. Du begreifst -- auf die ein oder andre Weise. + +ROSMER. Und was du erreichen wolltest, hast du erreicht. + +REBEKKA. Ich glaube, damals hätt ich alles erreicht. Denn da hatt ich +noch meinen ungebändigten freigebornen Willen. Rücksichten kannt ich +nicht. Menschliche Verhältnisse schreckten mich nicht... Aber dann +begann das, was meinen Willen gebrochen und mich Zeit meines Lebens so +jämmerlich feig gemacht hat. + +ROSMER. Was begann? Rede so, daß ich dich verstehn kann. + +REBEKKA. Da kam es über mich -- dies wilde unbezwingliche Verlangen --! +O Rosmer --! + +ROSMER. Verlangen? Du hattest --! Wonach? + +REBEKKA. Nach dir. + +ROSMER (will aufspringen). Was sagst du! + +REBEKKA (hält ihn zurück). Bleib sitzen, Liebster. Hör weiter. + +ROSMER. Und du willst behaupten -- du hättest mich geliebt -- in der +Weise! + +REBEKKA. Damals glaubt ich, es müßte Liebe genannt werden. Und ich hielt +es auch für Liebe. Aber es war keine. Es war so, wie ich sagte. Ein +wildes unbezwingliches Verlangen. + +ROSMER (mit Mühe). Rebekka, -- bist du es selbst, -- bist du es wirklich +selbst, von der du dies alles erzählst! + +REBEKKA. Ja, was meinst du denn, Rosmer! + +ROSMER. Also darum, -- von dieser Leidenschaft gestachelt, -- hast du +=gehandelt=, wie dus nennst. + +REBEKKA. Es kam über mich wie ein Sturm am Meere. Wie einer jener +Orkane, wie wir sie zur Winterzeit da oben im Norden haben. Er packt +einen, -- und reißt einen mit fort, -- so weit er will. An Widerstand +kein Gedanke. + +ROSMER. Und dieser Sturm fegte die unglückliche Beate hinab in den +Mühlbach. + +REBEKKA. Ja, denn zu der Zeit wars zwischen Beate und mir ein Kampf auf +Leben und Tod, -- wie wenn auf einem Wrack zwei Schiffbrüchige +miteinander ringen. + +ROSMER. Und du warst ja die stärkste auf Rosmersholm. Stärker als Beate +und ich zusammen. + +REBEKKA. Dich kannt ich genügend, um zu wissen: kein Weg führte zu dir, +solange du unfrei warst in deinen Verhältnissen -- und in deinem Denken. + +ROSMER. Aber ich begreife dich nicht, Rebekka. Du, -- du selbst, -- dein +ganzes Verhalten -- alles ist mir ein unlösbares Rätsel. Jetzt bin ich +ja frei, -- in meinem Denken und in meinen Verhältnissen. Du stehst nun +nah an dem Ziel, das du dir von Anfang an gesetzt hattest. Und +dennoch --! + +REBEKKA. Nie war ich dem Ziel ferner als jetzt. + +ROSMER. -- und dennoch, sag ich, -- als ich dich gestern fragte, -- dich +bat: werde mein Weib, -- da schriest du wie erschreckt auf: mein Weib +könntest du niemals werden! + +REBEKKA. Rosmer, da schrie ich in Verzweiflung auf. + +ROSMER. Warum? + +REBEKKA. Weil Rosmersholm mich gelähmt hat. Meinem kraftvollen Willen +sind hier die Schwungfedern beschnitten. Und gebrochen! Für mich ist die +Zeit dahin, wo ich den Mut hatte, alles, alles zu wagen. Rosmer, ich +habe die Kraft zum Handeln verloren. + +ROSMER. Sage mir, wie das gekommen ist. + +REBEKKA. Durch mein Zusammenleben mit dir. + +ROSMER. Aber wie? Wie denn? + +REBEKKA. Als ich hier allein mit dir war, -- und als du wieder du selbst +geworden -- + +ROSMER. Ja, ja? + +REBEKKA. -- denn niemals warst du ganz du selbst, solange Beate lebte -- + +ROSMER. Leider, darin hast du recht. + +REBEKKA. Aber als ich dann hier zusammen mit dir lebte, -- in der +Stille, -- in der Einsamkeit, -- als du mir rückhaltlos all deine +Gedanken gabst, -- jede Stimmung, so zart und so fein wie du selbst sie +empfandest -- da vollzog sich die große Wandlung. Du begreifst: ganz +allmählich. Fast unmerklich, -- aber zuletzt mit =so= überwältigender +Macht --! Bis auf den innersten Grund meiner Seele. + +ROSMER. O, Rebekka, was ist das! + +REBEKKA. All das andre, -- jenes häßliche sinnenberauschende Verlangen, +das entrückte mir so weit, so weit! All diese empörten Mächte beruhigten +sich, wurden friedlich und stumm. Eine Gemütsruhe kam über mich, -- eine +Stille, wie bei uns da oben auf einem Vogelberg unter der +Mitternachtssonne. + +ROSMER. Sage mir noch mehr. Alles, was du zu sagen hast. + +REBEKKA. Es ist nicht viel mehr, Lieber. Nur dies eine noch, daß dann +die Liebe kam. Jene große entsagende Liebe, die sich mit dem +Zusammenleben begnügt; derart, wie es zwischen uns beiden war. + +ROSMER. O, hätt ich von alldem nur die leiseste Ahnung gehabt! + +REBEKKA. Wie es ist, so ist es am besten. Gestern, -- als du mich +fragtest, ob ich dein Weib werden wollte, -- da jubelt es in mir auf -- + +ROSMER. Ja, nicht wahr, Rebekka! So glaubt auch ich es zu verstehn. + +REBEKKA. Einen Augenblick, ja. In meiner Selbstvergessenheit. Denn es +war mein alter stolzer Wille, der nach Freiheit rang. Aber jetzt hat er +keine Schwungkraft mehr, -- keine Ausdauer. + +ROSMER. Wie erklärst du dir das, was mit dir geschehen ist? + +REBEKKA. Es ist die Lebensanschauung der Rosmers, -- oder doch +jedenfalls =deine= Lebensanschauung, -- die hat meinen Willen +angesteckt. + +ROSMER. Angesteckt? + +REBEKKA. Und krank gemacht. Unter Gesetze gebeugt, die für mich früher +keine Geltung hatten. Rosmer, -- das Zusammenleben mit dir hat meine +Seele geadelt. + +ROSMER. O, wenn ich das glauben könnte! + +REBEKKA. Du kannst es getrost glauben. Die Lebensanschauung der Rosmers +adelt. Aber -- (schüttelt den Kopf) -- aber, -- aber -- + +ROSMER. Aber? Nun? + +REBEKKA. -- aber, Rosmer, sie tötet das Glück. + +ROSMER. Rebekka, das behauptest du! + +REBEKKA. Jedenfalls mein Glück. + +ROSMER. Aber weißt du das so gewiß? Wenn ich dich jetzt noch einmal +fragte --? Dich flehentlich bäte --? + +REBEKKA. O, Liebster -- komm nie wieder darauf zurück. Es ist unmöglich! +Denn du mußt wissen, Rosmer, ich habe -- eine Vergangenheit! + +ROSMER. Noch etwas andres als du mir erzählt hast? + +REBEKKA. Ja. Andres und mehr. + +ROSMER (mit schwachem Lächeln). Du, Rebekka, ist es nicht seltsam? Denke +dir, eine Ahnung von so etwas ging mir bisweilen flüchtig durch den +Sinn. + +REBEKKA. Wirklich! Und dennoch --? Trotzdem --? + +ROSMER. Ich hab nie daran geglaubt. Nur damit gespielt, -- verstehst du, +so in Gedanken. + +REBEKKA. Wenn dus verlangst, will ich dir auch dies gleich erzählen. + +ROSMER (abwehrend). Nein nein! Nicht ein Wort will ich hören. Was es +auch sei, -- ich kann vergessen. + +REBEKKA. Aber ich nicht. + +ROSMER. O, Rebekka --! + +REBEKKA. Ja Rosmer, -- das ist das Furchtbare an meinem Schicksal: +jetzt, wo alles Erdenglück mir mit vollen Händen geboten wird, -- jetzt +bin ich so verwandelt, daß meine eigne Vergangenheit es mir versagt. + +ROSMER. Deine Vergangenheit, Rebekka, ist tot. Sie hat keine Macht mehr +über dich, -- keine Beziehung mehr zu dir, -- so wie du =jetzt= bist. + +REBEKKA. Ach, lieber Freund, das sind nur leere Worte. Und die +Schuldlosigkeit? Wo nehm ich =die= her? + +ROSMER (traurig). Ja ja, -- die Schuldlosigkeit. + +REBEKKA. Die Schuldlosigkeit, ja. Die gewährt das Glück und die Freude. +Das war ja die Lehre, die du all diesen zukünftigen fröhlichen +Adelsmenschen einpflanzen wolltest -- + +ROSMER. O, erinnre mich nicht daran. Rebekka, das war nur ein +nebelhafter Traum. Eine voreilige Idee, an die ich selbst nicht mehr +glaube .. Die Menschen, liebe Freundin, lassen sich nicht von außen her +adeln. + +REBEKKA (leise). Meinst du, auch nicht durch stille Liebe? + +ROSMER (gedankenvoll). Ja, das wäre das Große. Ich glaube, wohl das +Herrlichste im ganzen Leben ... Wenn es so wäre. (Rückt unruhig hin und +her.) Aber wie soll ich mit dieser Frage ins reine kommen? Wie sie +lösen? + +REBEKKA. Glaubst du mir nicht, Rosmer? + +ROSMER. Ach Rebekka, -- wie kann ich rückhaltlos an dich glauben? An +dich, die du hier so außerordentlich viel verdeckt und verheimlicht +hast!... Und nun kommst du mit diesem Neuen. Steckt eine Absicht +dahinter, so sage frei heraus, was es ist. Wünschest du vielleicht dies +oder jenes zu erlangen? Von Herzen gern will ich alles für dich tun, was +in meiner Macht steht. + +REBEKKA (ringt die Hände). O diese grausamen Zweifel --! Rosmer, -- +Rosmer --! + +ROSMER. Ja, Rebekka, ist das nicht furchtbar? Aber ich kann es nicht +ändern. Niemals wird es mir gelingen, mich von den Zweifeln zu befreien. +Niemals werd ich die volle Gewißheit haben, ob du mit ganzer reiner +Liebe mein bist. + +REBEKKA. Aber ist denn nichts in deiner eignen Brust, das dir bezeugt, +welche Wandlung mit mir geschehen ist! Und daß diese Wandlung durch +dich, -- nur durch dich geschehen ist! + +ROSMER. Ach, Rebekka, an meine Fähigkeit, Menschen umzuwandeln, glaub +ich nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an mich selbst; in keiner +Beziehung. Ich glaube weder an dich noch an mich. + +REBEKKA (sieht ihn finster an). Wie willst du da das Leben noch länger +ertragen? + +ROSMER. Ja, das weiß ich nicht. Das weiß ich selbst nicht. Und ich glaub +auch nicht, daß ichs noch zu ertragen vermag ... Und nichts, nichts weiß +ich auf der ganzen Welt, was mir das Leben lebenswert machen könnte. + +REBEKKA. O, das Leben erneuert uns mit jedem Tage. Laß uns daran +festhalten, Rosmer ... Wir verlassen es noch früh genug. + +ROSMER (springt unruhig auf). Dann gib mir meinen Glauben wieder! Den +Glauben an dich, Rebekka! Den Glauben an deine Liebe! Beweise! Beweise +will ich haben! + +REBEKKA. Beweise? Wie kann ich dir Beweise geben --! + +ROSMER. Du =mußt=! (Geht umher.) Ich ertrage sie nicht, diese Öde, -- +diese fürchterliche Leere, -- diese, -- diese -- + + (Es wird heftig an die Vorzimmertür geklopft.) + +REBEKKA (fährt vom Stuhl auf). Ha, -- hörst du! + + (Die Tür geht auf. BRENDEL kommt herein. Er hat ein Oberhemd, + schwarzen Überzieher und gute Stiefel an. Die Beinkleider stecken in + den Stiefeln. Im übrigen ist er wie das vorige Mal gekleidet. Er + sieht verstört aus.) + +ROSMER. Ah, Sie sind es, Herr Brendel! + +BRENDEL. Johannes, mein Junge, -- ich grüße dich, -- leb wohl! + +ROSMER. Wo wollen Sie noch so spät hin? + +BRENDEL. Bergab. + +ROSMER. Wie --? + +BRENDEL. Jetzt geh ich heimwärts, mein geliebter Jünger. Hab Heimweh +bekommen nach dem großen Nichts. + +ROSMER. Es ist Ihnen etwas widerfahren, Herr Brendel! Was ists? + +BRENDEL. Ah, du hast die Verwandlung bemerkt? Na, -- wundert mich nicht. +Als ich zum letzten Mal diese Hallen betrat, -- da stand ich als reicher +Mann vor dir und klopfte mir stolz auf die Brust. + +ROSMER. Wieso! Ich versteh nicht recht -- + +BRENDEL. Aber so wie du mich heute nacht siehst, bin ich ein entthronter +König, sitzend auf den Trümmern meines niedergebrannten Schlosses. + +ROSMER. Wenn ich Ihnen in irgend einer Weise helfen kann -- + +BRENDEL. Du hast dir dein Kindergemüt bewahrt, Johannes. Kannst du mir +ein Darlehn gewähren? + +ROSMER. Jawohl, von Herzen gern! + +BRENDEL. Kannst du ein paar Ideale entbehren? + +ROSMER. Was sagen Sie? + +BRENDEL. Ein paar abgelegte Ideale. Dann tust du ein gutes Werk. Denn +nun bin ich blank, mein guter Junge. Gesiebt und gebeutelt. + +REBEKKA. Haben Sie Ihre Vorträge nicht gehalten? + +BRENDEL. Nein, meine verlockende Dame. Denken Sie: just da ich parat +stehe mein Füllhorn auszuschütten, mach ich die schmerzhafte Entdeckung, +daß ich bankrott bin. + +REBEKKA. Aber all Ihre ungeschriebnen Werke? + +BRENDEL. Fünfundzwanzig Jahr hab ich da gesessen wie der Geizhals auf +seiner verschlossnen Geldkiste. Und da gestern abend, -- als ich öffne +und den Schatz hervorholen will, -- ist keiner drin! Der Zahn der Zeit +hatte ihn zu Staub zernagt. Von der ganzen Herrlichkeit war nichts übrig +geblieben, -- assolutamente niente. + +ROSMER. Aber wissen Sie das auch ganz bestimmt? + +BRENDEL. Für Zweifel, mein Liebling, ist hier kein Raum mehr. Der +Präsident hat mich davon überzeugt. + +ROSMER. Der Präsident? + +BRENDEL. Na, meinetwegen -- Seine Exzellenz. Tant qu'il vous plaîra. + +ROSMER. Aber wen meinen Sie denn? + +BRENDEL. Peter Mortensgaard natürlich. + +ROSMER. Was! + +BRENDEL (geheimnisvoll). Pst, pst, pst! Peter Mortensgaard ist der Herr +und Häuptling der Zukunft. Niemals stand ich vor eines Größern +Angesicht. Peter Mortensgaard besitzt die Gabe der Allmacht. Er kann +alles, was er will. + +ROSMER. Ach glauben Sie doch das nicht. + +BRENDEL. Doch, mein Junge! Denn Peter Mortensgaard will niemals mehr als +er kann. Peter Mortensgaard ist kapabel, das Leben ohne Ideale zu leben. +Und das, -- siehst du, -- =das= ist das große Geheimnis des Handelns und +des Erfolges. Das ist auf diesem Erdball die Summe aller Weltweisheit. +Basta! + +ROSMER (leise). Jetzt begreif ich, daß Sie ärmer von hier fortgehn als +Sie kamen. + +BRENDEL. Bien! Nimm dir also ein Exempel an deinem alten Lehrer. Lösch +alles aus, was er dir einst eingeprägt hat. Baue dein Schloß nicht auf +Flugsand. Und sieh dich vor, -- und untersuche erst deine Fahrstraße, -- +eh du auf dies anmutreiche Wesen baust, das dir hier das Leben versüßt. + +REBEKKA. Meinen Sie mich? + +BRENDEL. Jawohl, verlockendes Meerweib. + +REBEKKA. Warum sollt auf mich nicht zu bauen sein? + +BRENDEL (kommt einen Schritt näher). Mir ist die Mitteilung geworden, +daß mein ehmaliger Jünger eine Lebensaufgabe zum Siege führen will. + +REBEKKA. Nun -- und? + +BRENDEL. Der Sieg ist ihm sicher. Aber, -- wohlgemerkt, -- unter einer +unerläßlichen Bedingung. + +REBEKKA. Und die wäre? + +BRENDEL (fasst sie zart am Handgelenk). Daß die Frau, die ihn liebt, +fröhlich in die Küche geht und ihren feinen rosaweißen kleinen Finger +abhackt, -- =hier=, -- just hier am Mittelglied. Item, daß bemeldetes +liebendes Weib -- wiederum fröhlich -- sich dies so unvergleichlich +geformte linke Ohr abschneidet. (Lässt sie los und wendet sich zu +ROSMER). Leb wohl, Johannes der Siegreiche. + +ROSMER. Sie wollen jetzt fort? In der finstern Nacht? + +BRENDEL. Die finstre Nacht -- das ist noch mein bester Freund. Friede +sei mit euch. + + (Er geht. -- Eine Weile ist es still im Zimmer.) + +REBEKKA (atmet schwer auf). Ach, wie dumpf und schwül es hier ist! (Sie +geht ans Fenster, öffnet es und bleibt dort stehen.) + +ROSMER (setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen). Es bleibt uns wohl nichts +andres übrig, Rebekka. Ich sehs. Du =mußt= reisen. + +REBEKKA. Ja, ich habe keine andre Wahl. + +ROSMER. Nützen wir die letzten Augenblicke. Komm, setz dich hier zu mir. + +REBEKKA (geht hin und setzt sich aufs Sofa). Was wünschest du von mir, +Rosmer? + +ROSMER. Zunächst möcht ich dir sagen, daß du um deine Zukunft nicht +besorgt zu sein brauchst. + +REBEKKA (lächelt). Hm. =Meine= Zukunft. + +ROSMER. Ich hab an alle Möglichkeiten gedacht. Schon lange. Was auch +kommen mag, für dich ist gesorgt. + +REBEKKA. Auch das, du guter Mann. + +ROSMER. Das hättest du dir doch selbst sagen können. + +REBEKKA. Seit Jahr und Tag hab ich an so etwas nicht mehr gedacht. + +ROSMER. Ja ja -- du meintest wohl, es könnte nie anders zwischen uns +werden als es war. + +REBEKKA. Ja, das glaubt ich. + +ROSMER. Ich auch. Aber wenn ich nun fortginge -- + +REBEKKA. Ach, Rosmer, -- du wirst länger leben als ich. + +ROSMER. Über dies erbärmliche Leben darf ich doch wohl selbst verfügen. + +REBEKKA. Was bedeutet das! Du denkst doch nicht daran --! + +ROSMER. Scheint dir das so seltsam? Nach der schmachvollen jämmerlichen +Niederlage, die ich erlitten habe! Ich, der ich meine Lebensaufgabe zum +Siege führen wollte --. Und nun hab ich die Flucht ergriffen, -- noch +bevor die Schlacht ordentlich begonnen hatte! + +REBEKKA. Rosmer, nimm den Kampf wieder auf! Versuchs nur, -- und du +sollst sehn, du siegst! Hunderte, -- Tausende von Geistern wirst du +adeln. Versuch es nur! + +ROSMER. Ach, Rebekka, -- ich, der ich nicht mehr an meine eigne +Lebensaufgabe glaube. + +REBEKKA. Aber deine Sache hat ja schon die Probe bestanden. =Einen= +Menschen hast du jedenfalls geadelt. Mich ... für mein ganzes übrige +Leben. + +ROSMER. O -- wenn ich dir das glauben dürfte! + +REBEKKA (presst die Hände zusammen). Ach, Rosmer, -- gibt es denn +nichts, -- garnichts, was dich davon überzeugen könnte? + +ROSMER (fährt wie von Angst ergriffen zusammen). Hör auf! Rebekka, rühre +nicht mehr daran! Kein Wort mehr! + +REBEKKA. Ja, grade hiervon müssen wir sprechen. Weißt du etwas, das den +Zweifel ersticken könnte? =Ich= weiß nichts. + +ROSMER. Es ist für dich am besten so, daß du nichts weißt ... Am besten +so für uns beide. + +REBEKKA. Nein nein nein, -- damit geb ich mich nicht zufrieden! Weißt du +etwas, das mich in deinen Augen freispricht, so fordre ich als mein +Recht, daß dus nennst. + +ROSMER (wie unwillkürlich, gegen seinen eignen Willen gezwungen zu +sprechen). Dann laß uns sehen ... Du sagst, du hättest die große Liebe. +Durch mich sei dein ganzes Wesen geadelt. Ist das wahr? Ist deine +Rechnung richtig, Rebekka? Sollen wir die Probe auf das Exempel machen? +Ja? + +REBEKKA. Ich bin bereit. + +ROSMER. Jederzeit? + +REBEKKA. Wann du willst. Je eher je lieber. + +ROSMER. Wohlan, Rebekka, -- beweise mir, -- ob du, -- um meinetwillen, +-- noch heut abend --. (Bricht ab.) Ach nein, nein nein! + +REBEKKA. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn! + +ROSMER. Hast du den Mut, -- bist du bereit, -- fröhlich, wie Ulrich +Brendel sagte, -- um meinetwillen, noch in dieser Nacht, -- fröhlich, -- +denselben Weg zu gehn, -- den Beate ging? + +REBEKKA (erhebt sich langsam vom Sofa und sagt fast unhörbar). +Rosmer --! + +ROSMER. Ja, Rebekka, -- das ist die Frage, die mir ewig durch den Kopf +gehn wird, -- wenn du abgereist bist. Zu jeder Stund und Minute wird sie +sich einstellen. O, mir ist, als seh ich dich leibhaftig vor mir. Du +stehst draußen auf dem Steg. Grad in der Mitte. Nun beugst du dich übers +Geländer! Ein Schwindel packt dich, es zieht dich hinab in die +rauschende Flut! Nein. Du weichst zurück. Wagst nicht, -- was =sie= +wagte. + +REBEKKA. Aber wenn ich nun doch diesen Mut hätte? Und den fröhlichen +Willen? Was dann? + +ROSMER. Dann müßt ich dir wohl glauben. Dann müßt ich wohl den Glauben +an meine Lebensaufgabe wiedergewinnen. Den Glauben an meine Fähigkeit, +die Herzen der Menschen zu adeln. Den Glauben, daß die Menschenherzen +adelsfähig sind. + +REBEKKA (nimmt langsam ihren Schal, schlägt ihn über den Kopf und sagt +mit Ruhe). Du sollst deinen Glauben wieder haben. + +ROSMER. Rebekka, du hast den Mut und den Willen -- zu diesem Schritt? + +REBEKKA. Darüber magst du dir morgen ein Urteil bilden, -- oder später, +-- wenn sie mich aufgefunden haben. + +ROSMER (fasst sich an die Stirn). Ha! Welch verlockendes Grauen packt +mich --! + +REBEKKA. Denn ich möchte nicht gern da unten liegen bleiben. Nicht +länger als notwendig ist. Es muß dafür gesorgt werden, daß sie mich +finden. + +ROSMER (springt auf). Aber dies alles, -- das ist ja Wahnsinn! Reise, -- +oder bleib! Ich will dir auch diesmal auf dein bloßes Wort glauben. + +REBEKKA. Redensarten, Rosmer. Du, jetzt nicht wieder Feigheit und +Flucht! Wie kannst du fortan mir je wieder auf mein bloßes Wort hin +glauben? + +ROSMER. Aber, Rebekka, ich will deine Niederlage nicht sehen! + +REBEKKA. Es wird keine Niederlage. + +ROSMER. Doch, doch! Niemals wirst dus über dich bringen, Beatens Weg zu +gehen. + +REBEKKA. Das glaubst du? + +ROSMER. Niemals. Du bist nicht wie Beate. Du stehst nicht unter der +Herrschaft einer verpfuschten Lebensanschauung. + +REBEKKA. Aber ich befinde mich jetzt in der Gewalt der Rosmerschen +Lebensanschauung. Was ich verbrochen, -- das muß ich sühnen. + +ROSMER (sieht sie fest an). Stehst du auf =dem= Standpunkt! + +REBEKKA. Ja. + +ROSMER (entschlossen). Nun gut. Dann, Rebekka, steh ich unter der +Herrschaft unsrer freiern Lebensanschauung. Über uns gibt es keinen +Richter. Und deshalb müssen wir uns selber richten. + +REBEKKA (missdeutet seine Worte). Auch das. Auch das. Mein Fortgehen +wird das Beste in dir retten. + +ROSMER. Ach, an mir ist nichts mehr zu retten. + +REBEKKA. Doch. Aber ich, -- fortan würd ich nur noch einem Meergespenst +gleichen, das das Schiff, auf dem du dahinsegeln sollst, in seinem Lauf +hemmte. Ich muß über Bord. Oder soll ich vielleicht hier oben auf der +Welt bleiben und mein verkrüppeltes Leben noch weiter hinschleppen? Ewig +brüten und grübeln über das Glück, um das meine Vergangenheit mich +betrogen hat? Ich, Rosmer, muß das Spiel aufgeben. + +ROSMER. Wenn du gehst, -- dann geh ich mit --. + +REBEKKA (lächelt fast unmerklich, sieht ihn an und sagt leiser): Ja, +Lieber, komm mit -- und sei Zeuge -- + +ROSMER. Ich geh mit dir, sag ich. + +REBEKKA. Bis zum Steg, ja. Ihn zu =betreten= getraust du dich ja nicht. + +ROSMER. Hast du das bemerkt? + +REBEKKA (traurig und gebrochen). Ja ... Das wars, was meine Liebe +hoffnungslos machte. + +ROSMER. Rebekka, -- nun leg ich meine Hand auf dein Haupt. (Tut es.) Und +traue dich mir an als mein Weib. + +REBEKKA (ergreift seine beiden Hände und neigt den Kopf an seine Brust). +Dank, Rosmer, Dank. (Lässt ihn los.) Und nun geh ich -- fröhlich. + +ROSMER. Mann und Weib gehen gemeinsam. + +REBEKKA. Nur bis zum Steg, Rosmer. + +ROSMER. Auch =auf= den Steg. So weit du gehst, -- so weit geh ich mit. +Denn jetzt getrau ich mich. + +REBEKKA. Bist du überzeugt, unerschütterlich fest überzeugt, -- daß +dieser Weg für dich der beste ist? + +ROSMER. Ich weiß, es ist der einzige. + +REBEKKA. Wenn du dich darin irrtest? Wenn es nur eine Sinnestäuschung +wäre? Eins von diesen weißen Rossen auf Rosmersholm. + +ROSMER. Mag sein. Denn diesen entgehn wir ja doch nicht, -- wir hier auf +dem Hofe. + +REBEKKA. So bleib, Rosmer! + +ROSMER. Der Mann muß seinem Weibe folgen, wie das Weib dem Manne. + +REBEKKA. Ja, =das= sage mir erst. Folgst du mir? Oder folg ich dir? + +ROSMER. Das werden wir nie ganz ergründen. + +REBEKKA. Ich möcht es doch gern wissen. + +ROSMER. Wir folgen einander, Rebekka. Ich dir, und du mir. + +REBEKKA. Das glaub ich fast auch. + +ROSMER. Denn nun sind wir beiden =eins=. + +ROSMER. Ja. Nun sind wir =eins=. Komm! Wir gehn fröhlich. + + (Sie gehen Hand in Hand durch das Vorzimmer hinaus. Man sieht, dass + sie sich nach links wenden. Die Tür bleibt hinter ihnen offen. -- + Das Zimmer bleibt eine kleine Weile leer. Dann wird die Tür rechts + von FRAU HILSETH geöffnet.) + +FRAU HILSETH. Fräulein, -- nu ist der Wagen --. (Sieht sich um.) Nicht +hier? Um diese Zeit zusammen aus? Na, sowas, -- da muß ich doch +sagen --! Hm! (Geht ins Vorzimmer, sieht sich um und kommt wieder +herein.) Auch nicht auf der Bank. Ach nein, nein. (Tritt ans Fenster und +blickt hinaus.) Jesus Christus! Das Weiße dort --! -- Ja, wahr und +wahrhaftig, stehn beide auf dem Steg! O, die sündigen Menschen! Gott +verzeih ihnen! Schlingen die Arm um 'nander! (Schreit laut auf.) Ha! -- +hinab -- alle beide! Hinab in die Flut! Hülfe! Hülfe! (Die Knie +schlottern ihr, sie hält sich zitternd an der Stuhllehne fest und vermag +die Worte kaum hervorzubringen.) Nein. Da ist keine Rettung möglich ... +Die selige Frau hat sie geholt. + + * * * * * + +Schiemann & Co, G.M.B.H., Zittau. + + + + + [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei + jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile + steht. + + Und Rebek -- Fräulein West und ich wir haben beide das Bewußtsein, daß + Und Rebek -- Fräulein West und ich, wir haben beide das Bewußtsein, daß + + KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, lieben Freunde, was in aller + KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller + + BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKROR zu und hält ihm + BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hält ihm + + =zwingen=, zu uns zurückzukehreu. + =zwingen=, zu uns zurückzukehren. + + KROLL. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt! + ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt! + + MORTENSGAARD. Darf ich im» Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre + MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre + + Geistesrichtung würde schwer darunter su leiden haben ... Leben Sie + Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie + + die große Neuigkeit in den »Leuchturm«. + die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«. + + REBEKKA. Ja, ich habs getan, Er sagte das so boshaft, -- das über mein + REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das über mein + + REBEKKA (leidensehaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht + REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht + + KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum ins Himmels Namen + KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum in Himmels Namen + + REBEKKA. Ja, Rosmer --. (Sieht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr + REBEKKA. Ja, Rosmer --. (Steht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr + + KROKL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte! + KROLL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte! + + REBEKKA, Ja. + REBEKKA. Ja. + + REBEKKA. All das andre, -- jenes häßliche sinnnenberauschende Verlangen, + REBEKKA. All das andre, -- jenes häßliche sinnenberauschende Verlangen, + + ROSEMR. Wie --? + ROSMER. Wie --? + + ROSMER. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn! + REBEKKA. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn! + + ] + + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Rosmersholm, by Henrik Ibsen + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSMERSHOLM *** + +***** This file should be named 36997-8.txt or 36997-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/9/9/36997/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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