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+The Project Gutenberg EBook of Rosmersholm, by Henrik Ibsen
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Rosmersholm
+ Schauspiel in vier Aufzügen
+
+Author: Henrik Ibsen
+
+Translator: Wilhelm Lange
+
+Release Date: August 7, 2011 [EBook #36997]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSMERSHOLM ***
+
+
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+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
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+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen;
+ lediglich offensichtliche Druckfehler wurden korrigiert. Eine Liste
+ der vorgenommenen Änderungen findet sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original gesperrt gedruckter Text wurde mit = markiert.
+ Im Original kursiv gedruckter Text wurde mit _ markiert. Die
+ Regieanweisungen sind im Original ebenfalls kursiv, wurden aber in
+ dieser Version nicht entsprechend wiedergegeben.
+ ]
+
+
+
+
+ HENRIK IBSEN
+
+ DRAMATISCHE WERKE
+
+ ÜBERSETZT
+ VON
+ WILHELM LANGE
+
+ ROSMERSHOLM
+
+
+
+
+ Bereits erschienen:
+
+ Frau Inger von Oestrot.
+ Hedda Gabler.
+ Gespenster.
+
+
+ Unter der Presse:
+
+ Die Meerfrau.
+ Die Wikinger.
+
+
+ In kurzem folgen:
+
+ Die Thronerben.
+ Baumeister Solness.
+ Die Wildente.
+ Kaiser und Galiläer.
+ Etc.
+
+In Philipp Reclams Universal-Bibliothek sind folgende Dramen von _Henrik
+Ibsen_ in =Wilhelm Langes= Übersetzung erschienen:
+
+ Die Stützen der Gesellschaft.
+ Nora. (Ein Puppenheim.)
+ Der Bund der Jugend.
+ Ein Volksfeind.
+
+
+
+
+ ROSMERSHOLM
+
+ SCHAUSPIEL IN VIER AUFZÜGEN
+ VON
+ HENRIK IBSEN
+
+ DEUTSCH
+ VON
+ WILHELM LANGE
+
+ ENNO QUEHL, BERLIN-STEGLITZ.
+
+
+
+
+Den Bühnen gegenüber Manuskript.
+
+Aufführungs- und Übersetzungsrecht vorbehalten.
+
+Das Aufführungsrecht ist nur durch den Übersetzer, Schriftsteller
+=Wilhelm Lange=, Berlin W. 30, zu erwerben.
+
+=W. Lange.=
+
+
+
+
+PERSONEN.
+
+
+JOHANNES ROSMER, Besitzer von Rosmersholm, ein ehemaliger Pfarrer.
+
+REBEKKA WEST.
+
+REKTOR KROLL, Rosmers Schwager.
+
+PETER MORTENSGAARD.
+
+ULRICH BRENDEL.
+
+FRAU HILSETH, Wirtschafterin auf Rosmersholm.
+
+ * * * * *
+
+Der Schauplatz ist auf Rosmersholm, einem alten Herrensitz in der Nähe
+einer kleinen Fjordstadt im westlichen Norwegen.
+
+ * * * * *
+
+[Aussprache: Mortensgaard = Mortensgohr. -- Fjord = Fjohr.]
+
+
+
+
+ERSTER AUFZUG.
+
+
+ Das Wohnzimmer auf Rosmersholm; gross und anheimelnd; alte Möbel.
+ Vorn rechts ein Kachelofen, der mit frischen Birkenzweigen und
+ Feldblumen geschmückt ist. Etwas weiter zurück eine Tür. An der
+ Hinterwand eine Flügeltür, die zum Vorzimmer führt. Links ein
+ Fenster, und vor diesem ein Aufsatz mit Blumen und Pflanzen. Neben
+ dem Ofen ein Tisch mit Sofa und Lehnstühlen. Rings an den Wänden
+ alte und neue Porträts, die Geistliche, Offiziere und Beamte in
+ Amtstracht darstellen. Das Fenster steht offen. Ebenso die Tür zum
+ Vorzimmer und die Haustür. Durch diese sieht man draussen in einer
+ Allee, die nach dem Hause führt, grosse alte Bäume.
+
+ Sommerabend. Die Sonne ist untergegangen.
+
+ REBEKKA sitzt in einem Lehnstuhl neben dem Fenster und häkelt an
+ einem grossen weissen Wollshawl, der nahezu fertig ist. Von Zeit zu
+ Zeit blickt sie zwischen den Blumen hindurch spähend hinaus. Kurz
+ darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.
+
+FRAU HILSETH. Nicht wahr, Fräulein, 's ist wohl das beste, ich fang so
+langsam an, den Abendtisch zu decken?
+
+REBEKKA. Ja, tun Sie das. Der Pastor muß ja bald kommen.
+
+FRAU HILSETH. Zieht es Fräulein denn nicht da am Fenster?
+
+REBEKKA. Ja, ein wenig. Machen Sie lieber zu.
+
+ (FRAU HILSETH geht zur Vorzimmertür und schliesst diese; dann tritt
+ sie ans Fenster.)
+
+FRAU HILSETH (will schliessen, sieht hinaus). Aber ist das nicht der
+Pastor .. der da drüben?
+
+REBEKKA (lebhaft). Wo? (Steht auf.) Ja, das ist er. (Hinter der
+Gardine.) Gehn Sie beiseite. Daß er uns hier nicht sieht.
+
+FRAU HILSETH (vom Fenster zurücktretend). Denken Sie, Fräulein, er
+schlägt wieder den Mühlweg ein!
+
+REBEKKA. Er kam schon vorgestern über den Mühlweg. (Blickt zwischen
+Gardine und Fensterrahmen hindurch.) Nun woll'n wir aber mal sehn, ob er
+auch --
+
+FRAU HILSETH. Getraut er sich über den Steg?
+
+REBEKKA. Das will ich ja grade sehn. (Kurz darauf.) Nein. Er kehrt um.
+Geht auch heut oben herum. (Tritt vom Fenster zurück.) Ein langer Umweg.
+
+FRAU HILSETH. Herrgott ja. Muß ja auch dem Herrn Pastor schwer fallen,
+über den Steg zu gehn. Da, wo so was passiert ist; wo --
+
+REBEKKA (legt ihre Häkelei zusammen). Sie hängen lang an ihren Toten
+hier auf Rosmersholm.
+
+FRAU HILSETH. Nein, Fräulein, ich glaub, die Toten hängen hier lange an
+Rosmersholm.
+
+REBEKKA (sieht sie an). Die Toten?
+
+FRAU HILSETH. Ja, 's ist beinah, als könnten sie sich von den
+Zurückgebliebnen nicht so recht trennen.
+
+REBEKKA. Warum glauben Sie das?
+
+FRAU HILSETH. Na, denn sonst, denk ich mir, würds hier doch dies weiße
+Roß nicht geben.
+
+REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, wie verhält sichs eigentlich mit diesem
+weißen Rosse?
+
+FRAU HILSETH. Äh, davon woll'n wir lieber nicht reden. An so was glauben
+=Sie= ja doch nicht.
+
+REBEKKA. Glauben =Sie= denn daran?
+
+FRAU HILSETH (tritt ans Fenster und schliesst es). Ach, ich laß mich von
+Fräulein nicht zum Narren halten. (Blickt hinaus.) Nein -- aber ist das
+nicht wieder der Pastor da auf dem Mühlweg --?
+
+REBEKKA (sieht ebenfalls hinaus). Der Mann da? (Tritt ans Fenster.) Das
+ist ja der Rektor.
+
+FRAU HILSETH. Ja richtig, das ist der Rektor.
+
+REBEKKA. Das ist aber merkwürdig! Denn Sie sollen sehn, er kommt zu uns.
+
+FRAU HILSETH. Wahrhaftig, =er= geht gradaus über den Steg. Und sie war
+doch seine leibliche Schwester ... Na, Fräulein, nu geh ich den
+Abendtisch decken.
+
+ (Sie geht rechts hinaus. -- REBEKKA bleibt eine Weile am Fenster
+ stehn; dann grüsst sie, lächelt und winkt hinaus. -- Es beginnt
+ dunkel zu werden.)
+
+REBEKKA (geht an die Tür rechts und spricht durch diese hinaus). Ach,
+liebe Frau Hilseth, Sie sorgen wohl für 'n bißchen extragutes. Sie
+wissen ja, was der Rektor gern ißt.
+
+FRAU HILSETH (draussen). Jawoll, Fräulein. Wird gemacht.
+
+REBEKKA (öffnet die Tür zum Vorzimmer). Na, endlich mal --! Herzlich
+willkommen, lieber Herr Rektor!
+
+KROLL (im Vorzimmer, stellt den Stock fort). Danke. Ich stör also nicht?
+
+REBEKKA. =Sie?= Pfui, schämen Sie sich --!
+
+KROLL (eintretend). Immer liebenswürdig. (Sich umsehend). Ist Rosmer
+vielleicht oben auf seinem Zimmer?
+
+REBEKKA. Nein, er macht einen kleinen Spaziergang. Er bleibt heut etwas
+länger als gewöhnlich. Aber er muß jeden Augenblick kommen. (Zeigt auf
+das Sofa). Bitte, nehmen Sie so lange Platz.
+
+KROLL (legt den Hut fort). Danke bestens. (Setzt sich und sieht sich
+um.) Nein, wie freundlich Sie das alte Zimmer ausgeschmückt haben.
+Überall Blumen, oben und unten.
+
+REBEKKA. Rosmer hat immer gern frische lebende Blumen um sich.
+
+KROLL. Na, Sie doch auch, scheint mir.
+
+REBEKKA. Gewiß. Sie verbreiten einen so herrlichen betäubenden Duft.
+Früher mußten wir uns ja dies Vergnügen versagen.
+
+KROLL (nickt traurig). Die arme Beate konnte den Duft nicht vertragen.
+
+REBEKKA. Und die Farben auch nicht. Sie wurde ganz wirr im Kopfe
+davon --
+
+KROLL. Ich erinnre mich. (In leichterm Ton.) Na, wie gehts denn hier
+draußen?
+
+REBEKKA. Nun, hier geht alles seinen ruhigen gleichmäßigen Gang. Ein Tag
+wie der andre ... Und bei Ihnen? Ihre Frau?
+
+KROLL. Ach, liebes Fräulein West, reden wir nicht von mir und den
+meinen. In einer Familie gibts immer etwas, das nicht klappt. Namentlich
+in solchen Zeiten wie diesen.
+
+REBEKKA (nach kurzem Schweigen setzt sich neben das Sofa in einen
+Lehnstuhl). Warum haben Sie uns während der ganzen Schulferien nicht ein
+einziges mal besucht?
+
+KROLL. Äh, man kann den Leuten doch nicht immer das Haus einrennen --
+
+REBEKKA. Wenn Sie wüßten, wie wir Sie vermißt haben --
+
+KROLL. -- und dann war ich ja auch verreist --
+
+REBEKKA. Ja, vierzehn Tage. Sie hielten ja wohl Volksversammlungen ab?
+
+KROLL (nickt). Und was sagen Sie dazu? Hätten Sie das gedacht, daß ich
+auf meine alten Tage noch politischer Agitator werden könnte? Was?
+
+REBEKKA (lächelnd). Ein wenig, Herr Rektor, haben Sie immer agitiert.
+
+KROLL. Nu ja; so zu meinem Privatvergnügen. Aber nun wirds ernst,
+verlassen Sie sich drauf ... Lesen Sie bisweilen diese radikalen
+Blätter?
+
+REBEKKA. Ja, Herr Rektor, ich will nicht leugnen, daß --
+
+KROLL. Liebes Fräulein West, dagegen ist nichts einzuwenden. So weit Sie
+persönlich in Frage kommen.
+
+REBEKKA. Das scheint mir auch. Ich muß doch wissen, was in der Welt
+vorgeht. Mich auf dem Laufenden halten --
+
+KROLL. Na, jedenfalls kann ich von Ihnen, einer Dame, nicht verlangen,
+daß Sie entschieden Partei ergreifen in dem Bürgerkampf --
+Bürger=krieg=, möcht ich fast sagen --, der hier unter uns tobt ... Sie
+haben also gelesen, wie diese Herrn vom »Volke« sich erlaubt haben, mich
+zu behandeln? Was für infamer Beschimpfungen sie sich gegen mich
+erdreistet haben?
+
+REBEKKA. Jawohl. Aber mir scheint, Sie haben auch sehr kräftig um sich
+gebissen.
+
+KROLL. Das hab ich. Das Zeugnis darf ich mir geben. Denn nun hab ich
+Blut geleckt. Und sie sollens zu fühlen kriegen, daß ich nicht der Mann
+bin, der gutwillig den Buckel hinhält ... (Bricht ab.) Aber nein, --
+lassen wir diesen Gegenstand heut abend ... 's ist zu traurig und
+aufregend.
+
+REBEKKA. Sie haben recht, lieber Rektor; reden wir nicht mehr davon.
+
+KROLL. Sagen Sie mir lieber, wies Ihnen eigentlich geht hier auf
+Rosmersholm, jetzt, wo Sie allein sind? Nachdem unsre arme Beate --?
+
+REBEKKA. Danke; mir gehts hier ganz gut. Freilich, eine große Leere hat
+sie ja in mancher Beziehung zurückgelassen. Und Trauer und Sehnsucht
+natürlich auch. Aber sonst --
+
+KROLL. Gedenken Sie hier zu bleiben? Ich meine, für immer.
+
+REBEKKA. Ach, lieber Rektor, darüber hab ich wirklich noch gar nicht
+nachgedacht. Ich hab mich so sehr an Rosmersholm gewöhnt, daß es mir
+beinah ist, als gehört ich ebenfalls hierher.
+
+KROLL. Aber selbstverständlich gehören =Sie= ebenfalls hierher.
+
+REBEKKA. Und solang Herr Rosmer findet, daß ich ihm irgendwie nützlich
+und angenehm sein könne, -- ja, so lange bleib ich wahrscheinlich hier.
+
+KROLL (sieht sie bewegt an). Wissen Sie auch, daß etwas großes darin
+liegt, wenn eine Frau so ihre ganze Jugend dahingehn läßt, um sich für
+andre aufzuopfern?
+
+REBEKKA. Ach, wofür hätt ich denn sonst hier leben sollen?
+
+KROLL. Erst diese unermüdliche Hingebung für Ihren gelähmten
+unleidlichen Pflegevater --
+
+REBEKKA. Glauben Sie ja nicht, Doktor West sei da oben in der Finnmark
+so unleidlich gewesen. Es waren diese schrecklichen Seereisen, die ihn
+knickten. Aber als wir später hierher zogen, -- ja, da kamen freilich
+ein paar schwere Jahre, eh er ausgelitten hatte.
+
+KROLL. Die Jahre, die dann folgten -- waren die nicht noch schwerer für
+Sie?
+
+REBEKKA. Aber wie können Sie nur so reden! Ich, die Beate so innig
+zugetan war --! Und sie, die Ärmste, die so sehr der Pflege und Schonung
+bedurfte.
+
+KROLL. Haben Sie Dank, daß Sie ihrer mit solcher Nachsicht gedenken.
+
+REBEKKA (etwas näher rückend). Lieber Rektor, Sie sagen das so schön und
+herzlich, daß ich überzeugt bin, Sie hegen keinerlei Verstimmung gegen
+mich.
+
+KROLL. Verstimmung? Was meinen Sie damit?
+
+REBEKKA. Nun, es war doch ganz natürlich, wenn es Sie etwas peinlich
+berührte, mich, die Fremde, hier auf Rosmersholm schalten und walten zu
+sehn.
+
+KROLL. Aber wie in aller Welt --!
+
+REBEKKA. Also Sie hegen keine solche Empfindung gegen mich. (Reicht ihm
+die Hand.) Dank, lieber Rektor! Haben Sie herzlichen Dank!
+
+KROLL. Aber wie in aller Welt sind Sie nur auf einen solchen Gedanken
+gekommen?
+
+REBEKKA. Da Sie so selten zu uns kamen, begann ich etwas ängstlich zu
+werden.
+
+KROLL. Da sind Sie aber wirklich ganz gehörig auf dem Holzweg gewesen,
+Fräulein West. Und zudem, -- in der Sache selbst hat sich hier ja gar
+nichts geändert! Sie, -- Sie allein, -- leiteten den ganzen Haushalt ja
+schon in den letzten unglücklichen Lebensjahren der armen Beate.
+
+REBEKKA. Nun, es war wohl mehr eine Art Regentschaft im Namen der
+Hausfrau.
+
+KROLL. Wie dem auch sei --. Wissen Sie was, Fräulein West, -- ich für
+meine Person würde wirklich nichts dagegen haben, wenn Sie --. Aber 's
+ist wohl nicht erlaubt, so was zu sagen.
+
+REBEKKA. Was denn?
+
+KROLL. Wenn es sich so fügte, daß .. daß Sie den leeren Platz einnehmen
+würden --
+
+REBEKKA. Herr Rektor, ich habe den Platz, den ich mir wünsche.
+
+KROLL. Was die Arbeit angeht, allerdings; aber nicht in Bezug auf --
+
+REBEKKA (ihn ernst unterbrechend). Schämen Sie sich, Herr Rektor. Wie
+können Sie über so etwas scherzen?
+
+KROLL. Ach ja, unser guter Johannes ist vermutlich der Ansicht, vom
+Ehestande hab er schon mehr als genug zu kosten bekommen. Aber
+trotzdem --
+
+REBEKKA. Wissen Sie was, -- ich könnte fast über Sie lachen.
+
+KROLL. Aber trotzdem --. Sagen Sie mal, Fräulein West --. Wenns
+gestattet ist, danach zu fragen --. Wie alt sind Sie eigentlich?
+
+REBEKKA. Zu meiner Schande muss ich Ihnen gestehn, Herr Rektor, ich hab
+schon volle neunundzwanzig hinter mir. Ich geh nun ins dreißigste.
+
+KROLL. Sehr schön. Und Rosmer, -- wie alt ist er? Warten Sie mal. Er ist
+fünf Jahr jünger als ich. Na, ist also gut und gern dreiundvierzig. Mir
+scheint, 's würde ausgezeichnet passen.
+
+REBEKKA (aufstehend). Jawohl, jawohl. Ganz ausgezeichnet ... Trinken Sie
+Tee mit uns heut abend?
+
+KROLL. Danke sehr, gewiß. Heut abend gedenk ich hier zu bleiben. Ich hab
+etwas zu besprechen mit unserm guten Freunde. -- Und übrigens, Fräulein
+West, -- damit Sie sich nicht wieder närrische Gedanken in den Kopf
+setzen: in Zukunft komm ich wieder recht oft zu euch heraus, -- so wie
+in frühern Tagen.
+
+REBEKKA. Ach ja; bitte, tun Sie das. (Schüttelt ihm die Hände). Dank,
+besten Dank! Im Grunde sind Sie doch ein ganz lieber netter Mensch.
+
+KROLL (brummt). So, wirklich? Bei mir zu Hause hat das noch niemand
+behauptet.
+
+ (ROSMER kommt durch die Tür rechts.)
+
+REBEKKA. Herr Rosmer, -- sehn Sie, wer da ist!
+
+ROSMER. Frau Hilseth sagte mirs schon.
+
+ (KROLL ist aufgestanden.)
+
+ROSMER (mild und gedämpft, drückt ihm die Hände). Herzlich willkommen in
+meinem Hause, lieber Kroll! (Legt ihm die Hände auf die Schultern und
+blickt ihm in die Augen.) Du lieber alter Freund! Ich wußt es ja, früher
+oder später müßt es zwischen uns wieder werden wie in alten Zeiten.
+
+KROLL. Aber mein bester Johannes, hast du auch in der verrückten
+Einbildung gelebt, es wäre was im Wege!
+
+REBEKKA (zu ROSMER). Ja, denken Sie, -- es war nur Einbildung. Ist das
+nicht schön?
+
+ROSMER. War es das wirklich, Kroll? Aber warum zogst du dich denn
+vollständig von uns zurück?
+
+KROLL (ernst und gedämpft). Weil ich hier nicht umhergehn wollte wie
+eine leibhaftige Erinnrung an deine Unglücksjahre, -- und an sie, die --
+im Mühlbach endete.
+
+ROSMER. Das war sehr schön von dir gemeint. Du bist ja immer so
+rücksichtsvoll. Aber es war ganz unnötig, deshalb fortzubleiben. --
+Komm, Lieber; setzen wir uns aufs Sofa. (Sie setzen sich.) Nein, sei
+versichert, der Gedanke an Beate hat gar nichts peinliches für mich. Wir
+sprechen täglich von ihr. Es ist uns, als gehörte sie noch zum Hause.
+
+KROLL. Wirklich?
+
+REBEKKA (die Lampe anzündend). Ja, so ist es, Herr Rektor.
+
+ROSMER. Das ist ja so natürlich. Wir hatten sie beide von Herzen lieb.
+Und Rebek -- Fräulein West und ich, wir haben beide das Bewußtsein, daß
+wir für die arme Kranke alles getan, was in unsrer Macht stand. Wir
+haben uns nichts vorzuwerfen ... An Beate zu denken, hat deshalb nun
+gleichsam etwas mildbesänftigendes für mich.
+
+KROLL. Ihr lieben prächtigen Menschen! Von jetzt an komm ich täglich zu
+euch heraus.
+
+REBEKKA (sich in einen Lehnstuhl setzend). Na, wir wollen mal sehn, ob
+Sie Wort halten.
+
+ROSMER (etwas zögernd). Du, Kroll, -- ich gäbe viel darum, wäre unser
+Verkehr niemals unterbrochen worden. So lange wir uns kennen, -- von
+meiner ersten Studentenzeit an bist du immer mein natürlicher Berater
+gewesen.
+
+KROLL. Ach ja; und darauf bin ich außerordentlich stolz. Hast du jetzt
+vielleicht etwas besondres --?
+
+ROSMER. Da ist mancherlei, worüber ich gern frei und offen mit dir
+sprechen möchte.
+
+REBEKKA. Ja, nicht wahr, Herr Rosmer? Ich denke mir, das müßt Ihnen eine
+Erleichterung sein -- so zwischen alten Freunden --
+
+KROLL. O, glaube mir, ich hab dir noch weit mehr mitzuteilen. Du weißt
+ja, ich bin jetzt aktiver Politiker geworden.
+
+ROSMER. Ja ich weiß. Wie ging das eigentlich zu?
+
+KROLL. Du, ich mußte. Mußte wirklich, so unangenehm es mir auch war. Es
+geht unmöglich mehr an, noch länger als bloßer Zuschauer müßig am Markte
+zu stehn. Jetzt, wo die Radikalen bedauerlicherweise die Macht in die
+Hände bekommen haben, -- jetzt ist es hohe Zeit --. Darum hab ich denn
+auch unsern kleinen Freundeskreis in der Stadt veranlaßt, sich fester
+zusammenzuschließen. Ich sage dir, es ist hohe Zeit!
+
+REBEKKA (mit einem leichten Lächeln). Ist es nun eigentlich nicht schon
+etwas spät?
+
+KROLL. Unzweifelhaft wärs besser gewesen, wir hätten den Strom schon
+früher aufgehalten. Aber wer konnte voraussehn, was kommen würde? Ich
+jedenfalls nicht. (Steht auf und geht mit grossen Schritten im Zimmer
+umher.) Aber nun sind mir die Augen aufgegangen. Denn der Geist der
+Empörung hat sich sogar schon in die Schule hineingeschlichen.
+
+ROSMER. In die Schule? Doch nicht in deine Schule?
+
+KROLL. Jawohl, in meine Schule. In meine eigne Schule. Wie findest du
+das! Ich bin dahinter gekommen, daß die Knaben der obersten Klasse, --
+d. h. ein Teil davon, -- schon vor länger als einem halben Jahr einen
+geheimen Verein gebildet und auf Mortensgaards Zeitung abonniert haben!
+
+REBEKKA. Ah, auf den »Leuchtturm«.
+
+KROLL. Nicht wahr, eine gesunde geistige Nahrung für zukünftige Beamte?
+Aber das traurigste an der Sache ist, daß grade alle begabten Schüler
+sich zusammengerottet und dies Komplott gegen mich geschmiedet haben.
+Nur die Faulpelze und Dummköpfe haben sich fern gehalten.
+
+REBEKKA. Geht Ihnen denn die Sache sehr nahe, Herr Rektor?
+
+KROLL. Na ob! Mich so in meiner Berufstätigkeit gehemmt und bekämpft zu
+sehn! (Leiser.) Und doch möcht ich fast sagen: die Schülerverschwörung
+könnte noch hingehn. Aber nun kommt das allerschlimmste. (Sieht sich
+um.) Da horcht doch niemand an den Türen?
+
+REBEKKA. Ach nein, niemand.
+
+KROLL. Nun, so wißt denn, die Zwietracht und Empörung sind sogar in mein
+eignes Haus eingedrungen. In mein eignes ruhiges Heim. Haben den Frieden
+meines Familienlebens zerstört.
+
+ROSMER (aufstehend). Was sagst du! In deinem eignen Hause --?
+
+REBEKKA (sich dem Rektor nähernd). Aber, lieber Rektor, was ist denn
+geschehn?
+
+KROLL. Können Sie sich das vorstellen, daß meine eignen Kinder --! Kurz
+und gut -- Lorenz ist der Rädelsführer des Schülerkomplotts. Und Hilda
+hat eine rote Mappe gestickt, um darin den »Leuchtturm« aufzubewahren.
+
+ROSMER. Das hätt ich mir nie träumen lassen, -- daß bei dir, -- in
+deinem Hause --
+
+KROLL. Ja, wer könnte sich auch so was je träumen lassen! In meinem
+Hause, wo immer Zucht und Ordnung geherrscht, -- wo bisher nur ein
+einziger einträchtiger Wille regiert hat --
+
+REBEKKA. Was sagt Ihre Gattin zu alledem?
+
+KROLL. Ja, sehn Sie, das ist nun das unglaublichste von allem. Sie, die
+ihr ganzes Leben lang -- im grossen wie im kleinen -- meine Meinungen
+geteilt und all meine Anschauungen gebilligt hat, -- sie ist tatsächlich
+geneigt, sich in manchen Punkten auf die Seite der Kinder zu stellen!
+Und dabei mißt sie =mir= die Schuld bei wegen des Geschehnen. Sie
+behauptet, ich tyrannisiere die Jugend. Als ob es nicht unbedingt
+notwendig wäre, sie --. Na, so also herrscht Unfrieden in meiner
+Familie. Aber natürlich sprech ich so wenig wie möglich davon. Sowas
+vertuscht man am besten. (Geht im Zimmer hin und her.) Ach ja; jaja. (Er
+stellt sich mit den Händen auf dem Rücken ans Fenster und sieht hinaus.)
+
+REBEKKA (hat sich ROSMER genähert und sagt leise und schnell, ohne vom
+Rektor bemerkt zu werden). Tus!
+
+ROSMER (ebenso). Heut abend nicht.
+
+REBEKKA (wie vorhin). Ja grade! (Tritt an den Tisch und macht sich mit
+der Lampe zu schaffen.)
+
+KROLL (kommt nach vorn). Ja, mein lieber Rosmer, nun weißt du also, wie
+der Zeitgeist seine Schatten auf mein Familienleben und meine
+Berufstätigkeit geworfen hat. Und diesen verderblichen, alles
+niederreißenden und auflösenden Zeitgeist sollt ich nicht bekämpfen mit
+all den Waffen, deren ich habhaft werden kann! Ja, mein Lieber, ich werd
+ihn bekämpfen, verlaß dich drauf. In Wort und Schrift.
+
+ROSMER. Und hast du Hoffnung, auf diese Weise etwas zu erreichen?
+
+KROLL. Jedenfalls will ich meiner staatsbürgerlichen Dienstpflicht
+genügen. Und ich meine, es ist jedes patriotisch gesinnten und um die
+gute Sache besorgten Mannes Pflicht und Schuldigkeit, dasselbe zu tun.
+Siehst du, -- das ist der Hauptgrund, weshalb ich heut abend zu dir
+gekommen bin.
+
+ROSMER. Aber lieber Kroll, was meinst du --? Was soll ich --?
+
+KROLL. Du sollst deinen alten Freunden zu Hülfe kommen. Tun, was wir
+tun. Mit Hand anlegen, wo und wie du kannst.
+
+REBEKKA. Aber Herr Rektor, Sie kennen doch Herrn Rosmers Abneigung gegen
+all diese Dinge.
+
+KROLL. Diese Abneigung muß er jetzt zu überwinden suchen ... Du hältst
+nicht Schritt mit dem politischen Leben, Rosmer. Da sitzest du hier
+einsam und mauerst dich ein mit deinen historischen Sammlungen. Du
+lieber Gott, -- alle Achtung vor Stammbäumen und was da drum und dran
+hängt. Aber zu solchen Beschäftigungen -- dazu ist die Zeit leider nicht
+angetan. Du machst dir keine Vorstellung davon, welche Zustände im Lande
+herrschen. Alle Begriffe stehn gewissermaßen auf dem Kopfe. 'S wird eine
+Riesenarbeit werden, all die Irrlehren wieder auszurotten.
+
+ROSMER. Das glaub ich auch. Aber zu solcher Arbeit bin ich nicht
+geschaffen.
+
+REBEKKA. Und dann glaub ich auch, Herr Rosmer sieht auf die Dinge im
+Leben jetzt mit offnern Augen als früher.
+
+KROLL (stutzt). Mit offnern Augen --?
+
+REBEKKA. Ja; oder freiern. Weniger befangen.
+
+KROLL. Was bedeutet das? Rosmer, -- du kannst doch unmöglich so schwach
+sein, dich durch eine solche Zufälligkeit wie diesen augenblicklichen
+Sieg der Massenhäuptlinge betören zu lassen?
+
+ROSMER. Lieber Kroll, du weißt doch, wie wenig ich von Politik verstehe.
+Aber das find ich allerdings, daß das Volk seit einigen Jahren in seinem
+Denken mehr Selbständigkeit zeigt.
+
+KROLL. Aha!... Und das betrachtest du so ohne weiters als einen Gewinn!
+Im übrigen, lieber Freund, irrst du dich ganz gewaltig. Erkundige dich
+nur, was für Ansichten unter den Radikalen hier auf dem Lande und in der
+Stadt Kurs haben. 'S ist weiter nichts als die Weisheit, die der
+»Leuchtturm« verkündet.
+
+REBEKKA. Ja, Mortensgaard hat über viele hier in der Gegend eine große
+Macht.
+
+KROLL. Ja, denke dir! Ein Mann mit einer so schmutzigen Vergangenheit.
+Ein wegen Unsittlichkeit fortgejagter Schulmeister --! Ein solcher
+Mensch spielt sich als Volksführer auf! Und es geht! Geht wirklich!
+Jetzt will er, hör ich, sein Blatt erweitern. Aus sichrer Quelle weiß
+ich, daß er einen tüchtigen Hülfsredakteur sucht.
+
+REBEKKA. Es wundert mich, daß Sie und Ihre Freunde ihm nichts
+entgegenstellen.
+
+KROLL. Grade das soll nun geschehen. Heut haben wir das »Kreisblatt«
+gekauft. Die Geldfrage bot keine Schwierigkeiten. Aber -- (Wendet sich
+zu ROSMER.) Ja, nun komm ich zu meinem eigentlichen Gegenstande. Die
+Leitung, -- die journalistische Leitung -- siehst du, damit haperts. Sag
+mal, Rosmer, -- solltest du dich der guten Sache wegen nicht veranlaßt
+fühlen, die Leitung zu übernehmen?
+
+ROSMER (fast erschreckt). Ich!
+
+REBEKKA. Aber wie können Sie das nur für möglich halten?
+
+KROLL. Daß du vor Volksversammlungen zurückschreckst und dich dem
+Konfekt, das einem =dort= an den Kopf fliegt, nicht aussetzen willst,
+find ich sehr begreiflich. Aber der weniger exponierte Posten eines
+Redakteurs, oder vielmehr --
+
+ROSMER. Nein nein, lieber Freund, mit einer solchen Bitte mußt du mir
+nicht kommen.
+
+KROLL. Ich selbst würde mich mit besonderm Vergnügen auch in =diesem=
+Fache versuchen. Aber 's wäre mir gar nicht möglich, all die Arbeit zu
+bewältigen. Ich bin nun schon mit einer solchen Unmasse von Geschäften
+belastet --. Du dagegen, der keine amtliche Bürde mehr zu tragen hat --.
+Natürlich werden wir andern dich nach besten Kräften unterstützen.
+
+ROSMER. Ich kann nicht, Kroll. Ich tauge nicht dazu.
+
+KROLL. Taugst nicht dazu? Dasselbe sagtest du, als dein Vater dir deine
+Pfarrei verschaffte --
+
+ROSMER. Und ich hatte recht. Deshalb entsagt ich meinem Berufe.
+
+KROLL. O, werde nur ebenso tüchtig als Redakteur, wie dus als
+Geistlicher warst, dann sind wir vollkommen zufrieden.
+
+ROSMER. Lieber Kroll, -- ein für allemal, -- ich tus nicht.
+
+KROLL. Nun, dann wirst du uns doch wenigstens deinen Namen borgen?
+
+ROSMER. Meinen Namen?
+
+KROLL. Ja; denn schon der Name Johannes Rosmer wird für das Blatt ein
+großer Gewinn sein. Wir andern gelten ja für ausgeprägte Parteimänner.
+Ich selbst soll sogar, hör ich, als ein ganz arger Fanatiker verschrien
+sein. Deshalb können wir nicht darauf rechnen, dem Blatt unter eignem
+Namen bei den verführten Massen mit Nachdruck Eingang zu verschaffen. Du
+dagegen, -- du hast dich dem Kampf immer fern gehalten. Deine milde
+lautere Denkungsart, -- deine vornehme Gesinnung, -- deine unantastbare
+Ehrenhaftigkeit -- jedermann hier in der Gegend kennt und schätzt sie.
+Und dann der Respekt, die Hochachtung, womit deine frühere priesterliche
+Stellung dich noch umgibt. Endlich aber, Rosmer, die Ehrwürdigkeit
+deines Familiennamens!
+
+ROSMER. Ach was Familienname --
+
+KROLL (zeigt auf die Porträts). Lauter Rosmers von Rosmersholm, --
+Priester und Soldaten! Hochgestellte Würdenträger. Alle ohne Ausnahme
+korrekte Ehrenmänner, -- ein Geschlecht, das nun schon durch mehrere
+Jahrhunderte als das erste hier im Kreise seinen Sitz hat. (Legt ihm die
+Hand auf die Schulter.) Rosmer, -- dir selbst und den Traditionen deines
+Hauses bist dus schuldig, dich uns anzuschließen, um all das zu
+verteidigen, was in unsern Kreisen bisher als heilig galt. (Wendet sich
+um.) Ja, was sagen =Sie= dazu, Fräulein West?
+
+REBEKKA (mit leichtem stillem Lachen). Lieber Herr Rektor, -- mir kommt
+dies alles so unsagbar lächerlich vor --
+
+KROLL. Was sagen Sie! Lächerlich!
+
+REBEKKA. Ja lächerlich. Denn nun will ich Ihnen offen heraus sagen --
+
+ROSMER (schnell). Nein nein, -- lassen Sie! Nicht jetzt!
+
+KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller
+Welt --? (Bricht ab.) Hm!
+
+FRAU HILSETH (kommt durch die Tür rechts.) Da ist ein Mann im
+Küchenflur. Er sagt, er müsse den Herrn Pastor sprechen.
+
+ROSMER (erleichtert). Ah so. Lassen Sie ihn eintreten.
+
+FRAU HILSETH. Hier in dies Zimmer?
+
+ROSMER. Ja gewiß.
+
+FRAU HILSETH. Aber so sieht er doch nicht aus, daß man ihn ins Zimmer
+lassen könnte.
+
+REBEKKA. Wie sieht er denn aus, Frau Hilseth?
+
+FRAU HILSETH. Na, mit dem Aussehn, Fräulein, damit ists nicht weit her.
+
+ROSMER. Sagt er nicht, wie er heißt?
+
+FRAU HILSETH. Ja, ich glaub, er sagt, er heiße Hekmann -- oder so
+ähnlich.
+
+ROSMER. Ich kenne niemand, der so heißt.
+
+FRAU HILSETH. Und dann sagte er, er heiße auch Ullerich.
+
+ROSMER (stutzt). Vielleicht -- Ulrich Hetmann?
+
+FRAU HILSETH. Ja ja, Hetmann sagt er.
+
+KROLL. Den Namen hab ich schon mal gehört --
+
+REBEKKA. Das war ja der Name, unter dem jener seltsame Mann schrieb,
+der --
+
+ROSMER (zu KROLL). Es war Ulrich Brendels Schriftstellername.
+
+KROLL. Des verkommenen Ulrich Brendel. Ganz recht.
+
+REBEKKA. Er lebt also noch.
+
+ROSMER. Ich glaubte, er befände sich bei einer reisenden
+Theatergesellschaft.
+
+KROLL. Das letzte, was ich von ihm hörte, war, er säße im Arbeitshause.
+
+ROSMER. Lassen Sie ihn herein, Frau Hilseth.
+
+FRAU HILSETH. Na ja. (Sie geht.)
+
+KROLL. Willst du diesen Menschen wirklich in deinem Zimmer dulden?
+
+ROSMER. Aber du weißt doch, einst war er mein Lehrer.
+
+KROLL. Jawohl, ich weiß, daß er dir den Kopf mit revolutionären Ideen
+vollpfropfte, bis dein Vater ihn mit der Reitpeitsche zum Tor hinaus
+jagte.
+
+ROSMER (etwas bitter). Mein Vater war auch zu Hause Major.
+
+KROLL. Mein lieber Rosmer, dafür solltest du ihm noch in seinem Grabe
+dankbar sein... Aha!
+
+ (FRAU HILSETH öffnet ULRICH BRENDEL die Tür rechts, geht wieder und
+ schliesst hinter ihm. Er ist ein stattlicher Mann mit grauem Haar
+ und Bart; etwas abgemagert, aber leicht und ungezwungen in seinen
+ Bewegungen. Im übrigen gekleidet wie ein gewöhnlicher Landstreicher.
+ Fadenscheiniger Rock; schlechtes Schuhwerk; von einem Hemd ist
+ nichts zu sehen. An den Händen alte schwarze Handschuh; unter dem
+ Arm hat er einen zusammengeklappten schmutzigen weichen Filzhut und
+ in der Hand einen Spazierstock.)
+
+BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hält ihm
+die Hand hin). Guten Abend, Johannes!
+
+KROLL. Entschuldigen Sie --
+
+BRENDEL. Hattest du das erwartet, mich noch mal wiederzusehn? Und noch
+unter diesem verhaßten Dache?
+
+KROLL. Entschuldigen Sie --. (Zeigt.) Dort --
+
+BRENDEL (wendet sich um). Ah, richtig. Da ist er ja. Johannes, -- mein
+Junge, -- du, den ich am meisten geliebt habe --!
+
+ROSMER (reicht ihm die Hand). Mein alter Lehrer.
+
+BRENDEL. Trotz gewisser Erinnrungen wollt ich Rosmersholm nicht
+passieren, ohne eine flüchtige Visite abzustatten.
+
+ROSMER. Hier sind Sie jetzt herzlich willkommen. Das können Sie mir
+glauben.
+
+BRENDEL. Ah, diese verlockende Dame --? (Verbeugt sich.) Natürlich die
+Frau Pastorin.
+
+ROSMER. Fräulein West.
+
+BRENDEL. Vermutlich eine nahe Verwandte. Und jener Unbekannte --? Ein
+Amtsbruder, wie ich seh.
+
+ROSMER. Rektor Kroll.
+
+BRENDEL. Kroll? Kroll? Warte mal. Haben Sie in Ihren jungen Tagen nicht
+Philologie studiert?
+
+KROLL. Selbstverständlich.
+
+BRENDEL. Aber, corpo di bacco, dann hab ich dich ja gekannt!
+
+KROLL. Entschuldigen Sie --
+
+BRENDEL. Warst du nicht --
+
+KROLL. Entschuldigen Sie --
+
+BRENDEL. -- einer von jenen Tugendhusaren, die mich aus dem
+Debattierverein ausschlossen?
+
+KROLL. Kann schon sein. Aber ich protestiere gegen jede nähere
+Bekanntschaft.
+
+BRENDEL. Nu nu! As you like it, Mister Kroll. Kann mir höchst
+gleichgültig sein, Ulrich Brendel bleibt doch, was er ist.
+
+REBEKKA. Sie wollen wohl nach der Stadt, Herr Brendel?
+
+BRENDEL. Die Frau Pastorin habens getroffen. Von Zeit zu Zeit bin ich
+genötigt, in dem Kampf ums Dasein eine Schlacht zu schlagen. Ich tus
+nicht gern; aber -- enfin -- die unerbittliche Notwendigkeit --
+
+ROSMER. Aber lieber Herr Brendel, Sie werden mir doch gestatten, Sie mit
+irgend etwas zu unterstützen? Auf die ein oder andre Weise --
+
+BRENDEL. Ha, ein solcher Vorschlag! Du könntest das Band beflecken, das
+uns vereint? Niemals, Johannes, -- niemals!
+
+ROSMER. Aber was gedenken Sie in der Stadt anzufangen? Glauben Sie mir,
+so leicht werden Sie da Ihr Fortkommen nicht finden --
+
+BRENDEL. Das überlaß mir, mein Junge. Die Würfel sind gefallen. So wie
+ich hier vor dir steh, befind ich mich auf einer großen Reise. Weit
+größer als all meine frühern Streifzüge zusammen. (Zu KROLL.) Darf ich
+den Herrn Professor etwas fragen, -- d. h. entre nous? Gibt es nämlich
+in Ihrer wohllöblichen Stadt ein leidlich anständiges, reputierliches
+und geräumiges Versammlungslokal?
+
+KROLL. Das geräumigste ist der Saal des Arbeitervereins.
+
+BRENDEL. Haben der Herr Doktor irgend welchen qualifizierten Einfluß in
+diesem ohne Zweifel sehr nützlichen Verein?
+
+KROLL. Ich hab gar nichts damit zu tun.
+
+REBEKKA (zu BRENDEL). Sie müssen sich an Peter Mortensgaard wenden.
+
+BRENDEL. Pardon, Madame, -- was ist das für ein Idiot?
+
+ROSMER. Warum halten Sie ihn für einen Idioten?
+
+BRENDEL. Hör ichs dem Namen nicht sofort an, daß er einem Plebejer
+gehört?
+
+KROLL. Die Antwort hätt ich nicht erwartet.
+
+BRENDEL. Aber ich will mir Zwang antun. Bleibt mir keine andre Wahl.
+Wenn man, -- wie ich, -- an einem Wendepunkt seines Lebens steht --.
+Abgemacht. Ich setze mich mit dem Individuum in Verbindung, -- knüpfe
+direkte Unterhandlungen an --
+
+ROSMER. Stehn Sie in der Tat ernstlich an einem Wendepunkt?
+
+BRENDEL. Weiß denn mein braver Johannes nicht, daß, wo Ulrich Brendel
+steht, er dort immer ernstlich steht?... Ja, mein Junge, nun will ich
+mir einen neuen Menschen anziehn. Die bescheidne Zurückhaltung aufgeben,
+die ich bisher beobachtet habe.
+
+ROSMER. Wie denn --?
+
+BRENDEL. Mit tatkräftiger Hand will ich ins Leben eingreifen.
+Hervortreten. Auftreten. Wir leben in der sturmbewegten Zeit der
+Sonnenwende ... Nun will ich mein Scherflein auf dem Altar der Befreiung
+niederlegen.
+
+KROLL. Auch =Sie= wollen --?
+
+BRENDEL (zu allen). Besitzt das anwesende Publikum eine etwas genauere
+Kenntnis meiner Flugschriften?
+
+KROLL. Ich nicht, offen gestanden --
+
+REBEKKA. Ich hab verschiednes gelesen. Mein Pflegevater besaß sie.
+
+BRENDEL. Schöne Hausfrau, -- da haben Sie Ihre Zeit vergeudet. Denn 's
+ist lauter Plunder.
+
+REBEKKA. So?
+
+BRENDEL. Was Sie gelesen haben, alles. Meine wirklich bedeutenden Werke
+kennt weder Mann noch Weib. Niemand -- außer mir.
+
+REBEKKA. Wie geht das zu?
+
+BRENDEL. Weil sie nicht geschrieben sind.
+
+ROSMER. Aber lieber Herr Brendel --
+
+BRENDEL. Du weißt, mein wackrer Johannes, ich bin ein Stück Sybarit.
+Feinschmecker. Wars all mein Lebtag. Ich lieb es, einsam zu genießen.
+Denn dann genieß ich doppelt. Zehnfach. Siehst du, -- wenn goldne Träume
+sich auf mich herabsenkten, -- mich umfingen, -- wenn mein Hirn neue
+schwindelerregende weltumspannende Gedanken gebar, -- und diese mich mit
+kräftigen Schwingen umrauschten, -- dann formt ich sie zu Gedichten,
+Bildern, Visionen. Verstehst du, so in großen Umrissen.
+
+ROSMER. Ja, ja.
+
+BRENDEL. O, du, wie hab ich Zeit meines Lebens genossen und geschwelgt!
+Die geheimnisvolle Glückseligkeit der Ausgestaltung, -- wie gesagt, in
+großen Umrissen, -- Beifall, Dank, Ruhm, Lorbeerkränze, -- alles hab ich
+mit vollen freudezitternden Händen einkassiert. Mich an meinen geheimen
+Visionen mit einer Wonne gesättigt, -- o, so berauschend groß --!
+
+KROLL. Hm --
+
+ROSMER. Aber niemals etwas niedergeschrieben?
+
+BRENDEL. Kein Wort. Dies platte Schreiberhandwerk hat mir immer einen
+herzhaften Widerwillen verursacht. Und warum sollt ich auch meine eignen
+Ideale profanieren, wenn ich sie allein und in ihrer ganzen Reinheit
+genießen konnte? Aber nun sollen sie geopfert werden. Wahrhaftig, -- mir
+ist dabei zu Mut wie einer Mutter, die ihre jungen Töchter den
+Ehemännern in die Arme legt. Aber trotzdem, -- ich opfre sie, -- opfre
+sie auf dem Altar der Befreiung. Eine Reihe sorgfältig ausgearbeiteter
+Vorträge -- rings im ganzen Lande --!
+
+REBEKKA (lebhaft). Das ist edel von Ihnen, Herr Brendel! Sie geben das
+teuerste, was Sie besitzen.
+
+ROSMER. Und das einzige.
+
+REBEKKA (sieht ROSMER vielsagend an). Wie viele gibt es wohl, die das
+tun? Die den Mut dazu haben?
+
+ROSMER (erwidert den Blick). Wer weiß?
+
+BRENDEL. Die Versammlung ist ergriffen. Das erquickt mir das Herz und
+stählt den Willen. Und nun ans Werk ... Aber noch eins. (Zum Rektor.)
+Herr Präzeptor, können Sie mir sagen, gibts in der Stadt einen
+Mäßigkeitsverein? Einen Totalmäßigkeitsverein? Selbstverständlich gibt
+es dort einen.
+
+KROLL. Zu dienen. Ich selbst bin Vorsitzender.
+
+BRENDEL. Hab ichs Ihnen nicht angesehn! Na, da ists nicht unmöglich, daß
+ich Sie aufsuche und auf acht Tage Mitglied werde.
+
+KROLL. Entschuldigen Sie -- auf Wochen nehmen wir keine Mitglieder an.
+
+BRENDEL. A la bonne heure, Herr Pädagoge. Solchen Vereinen ist Ulrich
+Brendel noch nie nachgelaufen. (Wendet sich an ROSMER.) Aber ich darf
+meinen Aufenthalt in diesem an Erinnrungen so reichen Hause nicht weiter
+verlängern. Ich muß zur Stadt und mir ein passendes Logis suchen. Es
+gibt dort hoffentlich ein anständiges Hotel.
+
+REBEKKA. Wollen Sie nicht etwas warmes genießen, eh Sie gehn?
+
+BRENDEL. Welcher Art, meine Gnädige?
+
+REBEKKA. Eine Tasse Tee oder --
+
+BRENDEL. Des Hauses freigebigen Schaffnerin meinen Dank. Aber auf die
+private Gastfreundschaft leg ich nicht gern Beschlag. (Grüsst mit der
+Hand.) Leben Sie wohl, meine Herrschaften! (Geht nach der Tür, wendet
+sich aber wieder um.) Ah, richtig --. Johannes, -- Pastor Rosmer, --
+willst du, -- um langjähriger Freundschaft willen, -- deinem ehmaligen
+Lehrer einen Dienst erweisen?
+
+ROSMER. Gewiß, sehr gern.
+
+BRENDEL. Gut. So leih mir -- auf ein oder zwei Tage -- ein geplättetes
+Oberhemd.
+
+ROSMER. Weiter nichts!
+
+BRENDEL. Denn siehst du, diesmal reis ich zu Fuß. Mein Koffer wird mir
+nachgeschickt.
+
+ROSMER. Gut gut. Aber brauchen Sie sonst nichts?
+
+BRENDEL. Ja, weißt du, -- vielleicht kannst du einen gebrauchten ältern
+Sommerüberzieher entbehren?
+
+ROSMER. Gewiß kann ich das.
+
+BRENDEL. Und da zu dem Überzieher 'n paar anständige Stiefel gehören --
+
+ROSMER. Auch dazu wird Rat. Sobald wir Ihre Adresse wissen, schicken wir
+Ihnen die Sachen.
+
+BRENDEL. Unter keinen Umständen. Meinethalb keine besondre Mühe! Ich
+nehme die Bagatellen gleich mit.
+
+ROSMER. Gut gut. So kommen Sie mit mir hinauf.
+
+REBEKKA. Lassen Sie mich gehn. Frau Hilseth und ich wollen das schon
+besorgen.
+
+BRENDEL. Niemals gestatt ich, daß diese distinguierte Dame --!
+
+REBEKKA. Ach was! Kommen Sie nur, Herr Brendel.
+
+ (Sie geht rechts hinaus.)
+
+ROSMER (hält ihn zurück). Sagen Sie mal, kann ich sonst nichts für Sie
+tun?
+
+BRENDEL. Ich weiß wahrhaftig nicht was. Donnerwetter -- ja da fällts mir
+ein --! Johannes, -- hast du zufällig acht Kronen in der Tasche?
+
+ROSMER. Wollen mal sehn. (Öffnet das Portemonnaie.) Hier sind zwei
+Zehnkronenscheine.
+
+BRENDEL. Ja ja, das macht nichts. Ich nehm sie. Kriege sie in der Stadt
+schon gewechselt. Vorläufig meinen Dank. Vergiß nicht, es waren zwei
+Zehner, die du mir geliehen hast. Gute Nacht, mein einziger lieber
+Junge! Gute Nacht, hochedler Herr!
+
+ (Er geht nach rechts, wo ROSMER Abschied von ihm nimmt und die Tür
+ hinter ihm schliesst.)
+
+KROLL. Barmherziger Gott, -- das also war jener Ulrich Brendel, von dem
+einst die Leute glaubten, er würde noch mal ein großer Mann!
+
+ROSMER (ruhig). Jedenfalls hat er den Mut gehabt, das Leben nach seinem
+eignen Sinn zu leben. Mir scheint, das ist nicht wenig.
+
+KROLL. Was! Solch ein Leben wie dieses! Ich glaube fast, er wäre fähig,
+dir noch mal den Kopf zu verdrehen.
+
+ROSMER. Ach nein. Jetzt bin ich in jeder Beziehung mit mir im reinen.
+
+KROLL. Gott geb es, lieber Rosmer. Denn du bist so außerordentlich
+empfänglich für fremde Eindrücke.
+
+ROSMER. Setzen wir uns. Ich hab mit dir zu reden.
+
+KROLL. Ja, setzen wir uns. (Sie setzen sich aufs Sofa.)
+
+ROSMER (nach kurzem Schweigen). Findest du nicht, daß wir hier ein
+angenehmes behagliches Leben führen?
+
+KROLL. Ja, hier ist es jetzt angenehm und behaglich -- und friedlich.
+Du, Rosmer, hast dir eine Häuslichkeit geschaffen. Und ich hab die meine
+verloren.
+
+ROSMER. Wie kannst du nur so reden, lieber Kroll? Die Wunde wird schon
+wieder heilen.
+
+KROLL. Nie. Niemals. Der Stachel bleibt. Wie es war, kann es nie wieder
+werden.
+
+ROSMER. Hör mich an, Kroll. Durch viele, viele Jahre haben wir beiden
+uns nahe gestanden. Hältst du es für denkbar, daß unsre Freundschaft mal
+Schiffbruch leiden könnte?
+
+KROLL. Auf der ganzen Gotteswelt wüßt ich nichts, was uns entfremden
+könnte. Wie kommst du darauf?
+
+ROSMER. Weil du auf die Übereinstimmung in Meinungen und Ansichten ein
+so entscheidendes Gewicht legst.
+
+KROLL. Nun ja. Aber wir beiden sind ja so ungefähr einig. Jedenfalls in
+den großen Haupt- und Kernfragen.
+
+ROSMER (leise). Nein. Jetzt nicht mehr.
+
+KROLL (will aufspringen). Was heißt das!
+
+ROSMER (hält ihn zurück). Nein, bleib ruhig sitzen. Ich bitte dich,
+Kroll.
+
+KROLL. Was bedeutet das? Ich versteh dich nicht. Sprich deutlich!
+
+ROSMER. Ein neuer Sommer hat mein Geistesleben befruchtet. Ich sehe
+wieder mit den Augen der Jugend. Und darum steh ich jetzt dort --
+
+KROLL. Wo, -- wo stehst du?
+
+ROSMER. Dort, wo deine Kinder stehn.
+
+KROLL. Du? Du! Das ist ja unmöglich! Wo behauptest du zu stehn?
+
+ROSMER. Auf derselben Seite, wo Lorenz und Hilda stehn.
+
+KROLL (lässt den Kopf sinken). Abtrünnig. Johannes Rosmer abtrünnig.
+
+ROSMER. Ich wäre so froh, so von Herzen glücklich gewesen über das, was
+du meine Abtrünnigkeit nennst. Aber ich litt furchtbar darunter. Denn
+ich wußte, es würde dir bittres Leid verursachen.
+
+KROLL. Rosmer, -- Rosmer! Das verwind ich niemals. (Sieht ihn traurig
+an.) O, daß auch du mitwirken, mit Hand anlegen kannst bei dem Werke der
+Zerstörung und Vernichtung in diesem unglücklichen Lande!
+
+ROSMER. Es ist das Werk der Befreiung, an dem ich mitwirken will.
+
+KROLL. Ach ja, ich weiß. So nennen es die Verführer und die Verführten.
+Aber glaubst du denn, von dem Geiste, der jetzt unser ganzes soziales
+Leben vergiftet, sei irgend welche Befreiung zu erwarten?
+
+ROSMER. Ich schließe mich weder dem jetzt herrschenden Zeitgeist, noch
+einer der streitenden Parteien an. Ich will versuchen, von allen Seiten
+Menschen zu sammeln. Soviel wie möglich; und sie so fest vereinen, als
+ich vermag. Ich will leben und all meine Lebenskräfte dem einen Zwecke
+weihen, eine wahre Demokratie hier im Lande zu schaffen.
+
+KROLL. Du bist also der Ansicht, wir hätten noch nicht Demokratie genug!
+Ich für meine Person finde vielmehr, wir alle miteinander sind auf dem
+besten Wege in den Schmutz zu geraten, worin sonst nur der Pöbel sich
+wohl fühlt.
+
+ROSMER. Eben deshalb kämpf ich für die wahre Aufgabe der Demokratie.
+
+KROLL. Und diese Aufgabe wäre?
+
+ROSMER. Alle Menschen hier im Lande zu Adelsmenschen zu machen.
+
+KROLL. Alle --!
+
+ROSMER. Jedenfalls so viele wie möglich.
+
+KROLL. Durch welche Mittel?
+
+ROSMER. Dadurch, daß die Geister befreit und die Triebe der Menschen
+geläutert werden.
+
+KROLL. Rosmer, du bist ein Träumer. Willst =du= die Geister befreien?
+Willst =du= die menschlichen Triebe läutern?
+
+ROSMER. Nein, mein Lieber, -- ich will nur versuchen, die Menschen
+aufzurütteln. Handeln, ihre Aufgabe erfüllen, -- das müssen sie selber.
+
+KROLL. Und du glaubst, das könnten sie?
+
+ROSMER. Ja.
+
+KROLL. Also durch eigne Kraft?
+
+ROSMER. Ja, nur durch eigne Kraft. Eine andre gibt es nicht.
+
+KROLL (steht auf). Ist das die Sprache eines Priesters!
+
+ROSMER. Ich bin nicht mehr Geistlicher.
+
+KROLL. Ja, aber -- der Glaube deiner Kindheit --?
+
+ROSMER. Den hab ich nicht mehr.
+
+KROLL. Hast du nicht mehr --!
+
+ROSMER (steht auf). Den hab ich aufgegeben. Kroll, ich =mußte= ihn
+aufgeben.
+
+KROLL (erschüttert, beherrscht sich aber). Ja so. -- Ja ja ja. Das eine
+ist die notwendige Folge des andern. -- War das vielleicht der Grund,
+daß du den Kirchendienst verließest?
+
+ROSMER. Ja. Als ich mir über mich selbst klar geworden, -- als ich die
+volle Gewißheit erlangt hatte, daß es keine bloß vorübergehende
+Anfechtung war, sondern etwas, wovon ich mich niemals mehr befreien
+konnte noch wollte, -- da ging ich.
+
+KROLL. So lange also hat es in dir gegärt. Und wir, -- deine Freunde
+erfuhren nichts davon. Rosmer, Rosmer, -- wie konntest du uns diese
+traurige Wahrheit verheimlichen!
+
+ROSMER. Weil es, meiner Ansicht nach, eine Sache war, die nur mich
+selbst anging. Auch wollt ich dir und den andern Freunden keinen
+unnötigen Schmerz bereiten. Ich glaubte, ich könnte mein altes Leben
+hier weiter leben: still, heiter und glücklich. Ich wollte studieren und
+lesen, mich in all die Werke vertiefen, die mir bisher versiegelte
+Bücher gewesen. Wollte mich mit meinem ganzen Wesen hineinversenken in
+die große Welt der Wahrheit und Freiheit, die mir offenbart worden.
+
+KROLL. Abtrünnig. Jedes Wort bezeugt es. Aber warum trotzdem dies
+Bekenntnis deines heimlichen Abfalls? Und warum grade jetzt?
+
+ROSMER. Du selber, Kroll, hast mich dazu gezwungen.
+
+KROLL. Ich? Ich hätte dich dazu gezwungen --!
+
+ROSMER. Als ich von deinem heftigen Auftreten in den Versammlungen
+hörte, -- als ich von all den lieblosen Reden erfuhr, die du dort
+hieltest, -- von all deinen haßgeschwollnen Ausfällen gegen alle, die
+auf der andern Seite stehn, -- von deinem höhnischen Verdammungsurteil
+über die Gegner --. O, Kroll, daß du, du so werden konntest! Da war mir
+meine Pflicht unabweisbar vorgeschrieben. Die Menschen werden schlecht
+in diesem Kampfe. Fried und Freud und Versöhnung müssen wieder in die
+Gemüter einkehren. Darum tret ich jetzt hervor und bekenne offen, wer
+und was ich bin. Und dann will auch ich meine Kräfte erproben. Könntest
+du, Kroll -- deinerseits -- dich uns nicht anschließen?
+
+KROLL. Nie und nimmer paktiere ich mit den zerstörenden Mächten unsrer
+Gesellschaft.
+
+ROSMER. So laß uns wenigstens mit ritterlichen Waffen kämpfen, -- wenn
+denn unbedingt gekämpft werden muß.
+
+KROLL. Wer in den entscheidenden Lebensfragen nicht mit mir ist, den
+kenn ich nicht. Dem schuld ich keine Rücksicht.
+
+ROSMER. Gilt das auch mir?
+
+KROLL. Du selber, Rosmer, hast mit mir gebrochen.
+
+ROSMER. Bedeutet denn dies einen Bruch!
+
+KROLL. Du fragst noch! Es ist ein Bruch mit allen, die dir bisher nahe
+standen. Jetzt mußt du die Folgen tragen.
+
+ (REBEKKA kommt durch die Tür rechts, die sie weit öffnet.)
+
+REBEKKA. So; nun ist er unterwegs zu seinem großen Opferfest. Und jetzt
+können wir zu Tisch gehn. Haben Sie die Güte, Herr Rektor.
+
+KROLL (nimmt seinen Hut). Gute Nacht, Fräulein West. Hier hab ich nichts
+mehr zu suchen.
+
+REBEKKA (gespannt). Was bedeutet das? (Schliesst die Tür und kommt
+näher.) Haben Sie gesprochen --?
+
+ROSMER. Nun weiß er es.
+
+KROLL. Wir lassen dich nicht aus den Fingern, Rosmer. Wir werden dich
+=zwingen=, zu uns zurückzukehren.
+
+ROSMER. Ich kehre nie zurück.
+
+KROLL. Das wollen wir sehn. Du gehörst nicht zu denen, die es ertragen,
+einsam für sich zu stehen.
+
+ROSMER. So ganz vereinsamt bin ich nicht ... Wir sind unser zwei, um die
+Einsamkeit zu ertragen.
+
+KROLL. Ah --! (Ein Verdacht zuckt in ihm auf.) Auch das! Beatens
+Worte --!
+
+ROSMER. Beatens Worte --?
+
+KROLL (weist den Gedanken ab). Nein, nein, -- das war gemein --.
+Verzeihe.
+
+ROSMER. Was?... Was denn?
+
+KROLL. Nichts mehr davon. Pfui! Verzeih mir. Leb wohl! (Er geht nach der
+Vorzimmertür.)
+
+ROSMER (folgt ihm). Kroll! So dürfen wir nicht auseinandergehn. Morgen
+komm ich zu dir.
+
+KROLL (im Vorzimmer, wendet sich um). In =mein= Haus setzest du keinen
+Fuß mehr!
+
+ (Er nimmt seinen Stock und geht.)
+
+ (ROSMER bleibt eine Weile in der offnen Tür stehen; dann schliesst
+ er sie und tritt an den Tisch.)
+
+ROSMER. Das hat nichts zu bedeuten, Rebekka. Wir werden es schon
+aushalten. Wir beiden treuen Freunde. Du und ich.
+
+REBEKKA. Was meint er mit dem »Pfui«? Kannst du dir das vorstellen?
+
+ROSMER. Meine Liebe, darum zerbrich dir den Kopf nicht. Er glaubte ja
+selbst nicht daran. Aber morgen geh ich zu ihm. Gute Nacht!
+
+REBEKKA. Auch heute gehst du schon so früh auf dein Zimmer? Nach einem
+solchen Vorfall?
+
+ROSMER. Heut wie alle Tage. Mir ist so leicht zu Mut, nun es vorüber
+ist. Du siehst ja, -- ich bin ganz ruhig, liebe Rebekka. Nimm es
+ebenfalls mit Ruhe hin. Gute Nacht!
+
+REBEKKA. Gute Nacht, lieber Freund! Und schlaf wohl.
+
+ (ROSMER geht durch die Vorzimmertür hinaus; dann hört man ihn eine
+ Treppe hinaufgehen.)
+
+ (REBEKKA geht nach dem Ofen und zieht an einem neben diesem
+ befindlichen Klingelzug. Kurz darauf kommt FRAU HILSETH von rechts.)
+
+REBEKKA. Sie können wieder abdecken, Frau Hilseth. Der Pastor will
+nichts mehr genießen, -- und der Rektor ist nach Haus gegangen.
+
+FRAU HILSETH. Der Rektor ist fortgegangen! Was ist ihm denn über die
+Leber gelaufen?
+
+REBEKKA (nimmt ihre Häkelei). Er prophezeite, ein schweres Gewitter wär
+im Anzug --
+
+FRAU HILSETH. Das ist aber seltsam. Heut abend ist ja am ganzen Himmel
+auch nicht 'n Flöckchen von einer Wolke zu sehn.
+
+REBEKKA. Wenn er nur nicht dem weißen Rosse begegnet. Denn ich fürchte,
+nächstens bekommen wir hier was zu hören von einem solchen Spuk.
+
+FRAU HILSETH. Gott verzeih Ihn'n die Sünde, Fräulein! Führen Sie doch
+nicht solch gottlose Reden.
+
+REBEKKA. Nu nu nu --
+
+FRAU HILSETH (leiser). Glaubt Fräulein wirklich, nächstens müsse einer
+von hier fort?
+
+REBEKKA. Bewahre, das glaub ich nicht. Aber, Frau Hilseth, auf dieser
+Welt gibt es so viele Arten von weißen Rossen ... Na, gute Nacht. Nun
+geh ich auf mein Zimmer.
+
+FRAU HILSETH. Gute Nacht, Fräulein.
+
+ (REBEKKA geht mit ihrer Häkelei rechts hinaus.)
+
+FRAU HILSETH (schraubt die Lampe herab, schüttelt den Kopf und murmelt
+vor sich hin): Jesses, -- Jesses. Dies Fräulein West. Was die doch
+manchesmal für Reden führen kann!
+
+
+
+
+ZWEITER AUFZUG.
+
+
+ ROSMERS Arbeitszimmer. Links die Eingangstür. Im Hintergrunde die
+ zum Schlafzimmer führende Tür, deren Portieren zurückgezogen sind.
+ Rechts ein Fenster, und vor diesem der mit Büchern und Papieren
+ bedeckte Schreibtisch. An den Wänden Bücherregale und -Schränke.
+ Bescheidne Möbel. Links ein altfränkisches Kanapee und vor diesem
+ ein Tisch.
+
+ ROSMER sitzt im Hausrock auf einem Stuhl mit hoher Lehne am
+ Schreibtisch. Er schneidet eine Broschüre auf und blättert darin;
+ hin und wieder liest er ein wenig. -- Es klopft an die Tür links.
+
+ROSMER (ohne sich umzukehren). Nur herein.
+
+REBEKKA (im Morgenkleide hereinkommend). Guten Morgen.
+
+ROSMER (schlägt in der Broschüre nach). Guten Morgen, meine Liebe.
+Wünschest du was?
+
+REBEKKA. Ich wollte mich nur erkundigen, ob du gut geschlafen hast.
+
+ROSMER. O, ich habe so schön und ruhig geschlafen. Ohne zu träumen...
+(Wendet sich). Und du?
+
+REBEKKA. Ja, danke. So gegen Morgen --
+
+ROSMER. Ich weiß nicht, wies kommt, aber seit langer Zeit ist mir nicht
+so leicht ums Herz gewesen wie jetzt. Ach, es ist wirklich gut, daß ich
+mich endlich ausgesprochen habe.
+
+REBEKKA. Ja, Rosmer, du hättest nicht so lange schweigen sollen.
+
+ROSMER. Ich begreife selbst nicht, daß ich so feige sein konnte.
+
+REBEKKA. Nun, Feigheit wars eigentlich nicht --
+
+ROSMER. O doch, doch, liebe Rebekka. Wenn ich der Sache auf den Grund
+seh, =etwas= Feigheit war doch mit im Spiel.
+
+REBEKKA. Um so mehr Mut gehörte dazu, den Knoten zu zerhauen. (Setzt
+sich zu ihm auf einen Stuhl neben dem Schreibtisch.) Aber nun muß ich
+dir von etwas erzählen, das ich getan habe, -- und das du mir nicht übel
+nehmen mußt.
+
+ROSMER. Übelnehmen? Liebste, wie kannst du glauben --?
+
+REBEKKA. Ja; denn vielleicht wars etwas eigenmächtig von mir gehandelt;
+aber --
+
+ROSMER. Na, so laß hören.
+
+REBEKKA. Gestern abend, als dieser Ulrich Brendel fortging, -- da gab
+ich ihm ein paar Zeilen an Mortensgaard mit.
+
+ROSMER (etwas bedenklich). Aber, liebe Rebekka --. Nun, was hast du denn
+geschrieben?
+
+REBEKKA. Ich hab ihm geschrieben, er würde dir einen großen Dienst
+erweisen, wenn er sich des unglücklichen Menschen ein wenig annehmen und
+ihm nach besten Kräften forthelfen wollte.
+
+ROSMER. Liebe Rebekka, das hättest du nicht tun sollen. Brendel hast du
+dadurch nur geschadet. Und Mortensgaard gehört zu denen, die ich mir am
+liebsten vom Leibe halten möchte. Du weißt ja, was ich mal mit ihm
+gehabt habe.
+
+REBEKKA. Aber bist du denn nicht der Ansicht, es wäre vielleicht ganz
+gut, wenn du jetzt wieder in bessre Beziehungen zu ihm kämst?
+
+ROSMER. Ich? Zu Mortensgaard? Aber warum denn?
+
+REBEKKA. Nun, so recht sicher kannst du dich jetzt doch nicht mehr
+fühlen, -- nachdem du mit deinen Freunden gebrochen hast.
+
+ROSMER (sieht sie an und schüttelt den Kopf). Hast du wirklich glauben
+können, Kroll oder einer der andern würde es versuchen, sich zu
+rächen --? Sie wären fähig, mich --?
+
+REBEKKA. In der ersten Hitze, lieber Johannes --. Das kann man nie mit
+Bestimmtheit wissen. Mir scheint, -- nach der Art, wie der Rektor es
+aufnahm --
+
+ROSMER. Du solltest ihn doch besser kennen. Kroll ist ein Ehrenmann
+durch und durch. Heut nachmittag geh ich nach der Stadt und rede mit
+ihm. Ich will mit allen reden. O, du sollst sehn, wie leicht es geht --
+
+ (FRAU HILSETH erscheint in der Tür links.)
+
+REBEKKA (steht auf). Was gibts, Frau Hilseth?
+
+FRAU HILSETH. Rektor Kroll ist unten im Vorzimmer.
+
+ROSMER (schnell aufstehend). Kroll!
+
+REBEKKA. Der Rektor! Ists möglich --!
+
+FRAU HILSETH. Er fragt, ob er raufkommen und den Herrn Pastor sprechen
+könnte.
+
+ROSMER (zu REBEKKA). Was sagt ich!... Natürlich kann er das. (Geht zur
+Tür und ruft die Treppe hinunter.) Komm doch herauf, lieber Freund! Bist
+herzlich willkommen!
+
+ (ROSMER steht in der Tür und hält sie offen. -- FRAU HILSETH geht.
+ -- REBEKKA zieht die Portieren vor der Tür zum Schlafzimmer zu. Dann
+ ordnet sie dies und jenes.)
+
+ (KROLL tritt mit dem Hute in der Hand ins Zimmer.)
+
+ROSMER (leise, bewegt). Ich wußte ja, es war nicht das letzte mal --
+
+KROLL. Heut seh ich die Dinge in einem ganz andern Licht als gestern.
+
+ROSMER. Ja nicht wahr, Kroll? In einem ganz andern Lichte! Jetzt,
+nachdem du darüber nachgedacht hast --
+
+KROLL. Du mißverstehst mich vollständig. (Legt den Hut auf den Tisch
+neben dem Kanapee.) Es liegt mir daran, unter vier Augen mit dir zu
+sprechen.
+
+ROSMER. Warum soll denn Fräulein West nicht --?
+
+REBEKKA. Nein nein, Herr Rosmer. Ich geh.
+
+KROLL (sieht sie von oben bis unten an). Und dann muß ich das Fräulein
+um Entschuldigung bitten, daß ich so früh am Tage komme. Daß ich sie
+überrasche, eh sie Zeit gefunden --
+
+REBEKKA (stutzt). Wieso? Finden Sie es unpassend, daß ich zu Hause ein
+Hauskleid trage?
+
+KROLL. Gott bewahre! Ich weiß ja überhaupt nicht, was jetzt auf
+Rosmersholm Sitte ist.
+
+ROSMER. Aber Kroll, -- du bist ja heut rein wie verwandelt!
+
+REBEKKA. Empfehle mich, Herr Rektor!
+
+ (Sie geht links hinaus.)
+
+KROLL. Du erlaubst wohl -- (Er setzt sich aufs Kanapee).
+
+ROSMER. Ja, lieber Kroll, setzen wir uns gemütlich und reden mit
+einander. (Er setzt sich KROLL gegenüber auf einen Stuhl.)
+
+KROLL. Ich hab seit gestern abend kein Auge zugetan. Die ganze Nacht hab
+ich gegrübelt und gegrübelt.
+
+ROSMER. Und was sagst du heute?
+
+KROLL. 'S wird 'ne lange Geschichte. Laß mich mit einer Art Einleitung
+anfangen. Ich kann dir von Ulrich Brendel was neues erzählen.
+
+ROSMER. War er bei dir?
+
+KROLL. Nein. Er setzte sich in einer ordinären Kneipe fest. Natürlich in
+der ordinärsten Gesellschaft. Trank und traktierte, so lang er noch 'n
+Heller in der Tasche hatte. Dann schimpft er die ganze Bande Pöbel und
+Pack, -- übrigens mit Recht, -- worauf sie ihn durchprügelten und in die
+Gosse warfen.
+
+ROSMER. Er ist also doch unverbesserlich.
+
+KROLL. Auch hatte er den Überzieher zum Pfandleiher gebracht. Aber der
+soll für ihn eingelöst sein. Rate mal, von wem?
+
+ROSMER. Von dir vielleicht.
+
+KROLL. Nein. Von diesem nobeln Herrn Mortensgaard.
+
+ROSMER. Ah so.
+
+KROLL. Wie ich hörte, galt Herrn Brendels erster Besuch dem Idioten und
+Plebejer.
+
+ROSMER. Der hat ihm also genützt --
+
+KROLL. Allerdings. (Lehnt sich über den Tisch, um sich ROSMER zu
+nähern.) Aber nun kommen wir zu einer Sache, von der ich unsrer alten --
+unsrer ehmaligen Freundschaft wegen verpflichtet bin dich in Kenntnis zu
+setzen.
+
+ROSMER. Lieber Kroll, was kann das sein?
+
+KROLL. Nichts mehr und nichts weniger, als daß hier im Hause hinter
+deinem Rücken irgend ein Spiel getrieben wird.
+
+ROSMER. Wie kannst du so etwas glauben!... Ist es Reb -- Fräulein West,
+auf die du anspielst?
+
+KROLL. Allerdings. Übrigens hab ich für =ihre= Handlungsweise volles
+Verständnis. Sie ist ja schon so lange gewohnt, hier zu herrschen --!
+Aber trotzdem --
+
+ROSMER. Lieber Kroll, du irrst dich ganz und gar. Sie und ich -- wir
+haben gar keine Geheimnisse vor einander.
+
+KROLL. Hat sie dir auch gebeichtet, daß sie mit dem Redakteur des
+»Leuchtturms« in Briefwechsel getreten ist?
+
+ROSMER. Ah, du spielst auf die paar Zeilen an, die sie Ulrich Brendel
+mitgab?
+
+KROLL. Du bist also dahinter gekommen. Und billigst du es, daß sie sich
+in Verbindung setzt mit diesem Skandaljournalisten, der mich als
+Schulmann und Politiker Woche für Woche an den Pranger zu stellen sucht?
+
+ROSMER. Lieber Kroll, was diesen Punkt betrifft, so hat sie sicherlich
+nicht einmal daran gedacht. Und übrigens hat sie selbstverständlich die
+Freiheit zu tun und zu lassen, was ihr beliebt, -- grade wie ich.
+
+KROLL. So! Ach ja, das gehört wohl auch zu der neuen Richtung, die du
+eingeschlagen hast. Und wo du stehst, da steht Fräulein West vermutlich
+ebenfalls?
+
+ROSMER. Das tut sie. Wir beiden haben uns als treue Kameraden unsern Weg
+gebahnt.
+
+KROLL (sieht ihn an und schüttelt langsam den Kopf). O, du blinder Tor!
+
+ROSMER. Ich blind? Warum sagst du das?
+
+KROLL. Weil ich das schlimmste nicht zu denken wage -- nicht denken
+=will=. Nein, nein; laß mich zu Ende reden ... Rosmer, du legst ja
+wirklich Wert auf meine Freundschaft? Und auf meine Achtung ebenfalls?
+Nicht wahr?
+
+ROSMER. Diese Frage brauch ich wohl kaum zu beantworten.
+
+KROLL. Nun, da sind aber noch andre Fragen, -- und die verlangen eine
+Antwort -- eine vollständige Erklärung deinerseits ... Bist du damit
+einverstanden, daß ich eine Art Verhör mit dir anstelle?
+
+ROSMER. Verhör?
+
+KROLL. Ja; daß ich dich über gewisse Dinge befrage, an die erinnert zu
+werden dich vielleicht peinlich berührt. Siehst du, -- die Sache mit
+deinem Abfall, -- na, mit deiner Befreiung, wie du dich ausdrückst --
+die hängt mit so vielen andern Dingen zusammen, und darüber mußt du mir
+in deinem eignen Interesse Auskunft geben.
+
+ROSMER. Lieber Kroll, frage, was du willst. Ich habe nichts zu
+verheimlichen.
+
+KROLL. Schön. So sage mir denn, -- was war nach deiner Ansicht der
+eigentliche tiefste Grund, weshalb Beate ihrem Leben ein Ende machte?
+
+ROSMER. Kannst du darüber noch im Zweifel sein? Oder, richtiger
+ausgedrückt: kann man nach den Gründen forschen, die ein unglückliches
+krankes unzurechnungsfähiges Geschöpf bei seinen Handlungen leiten?
+
+KROLL. Bist du überzeugt, daß Beate vollständig unzurechnungsfähig war?
+Jedenfalls waren die Ärzte der Ansicht, das wäre wohl kaum bewiesen.
+
+ROSMER. Hätten die Ärzte sie =einmal= so gesehn, wie ich sie bei Tag und
+bei Nacht unzähligemal gesehn, sie hätten nicht gezweifelt.
+
+KROLL. Damals zweifelt ich auch nicht.
+
+ROSMER. Ach nein, Zweifel waren leider nicht mehr möglich. Ich habe dir
+ja von ihrer wilden zügellosen Leidenschaftlichkeit erzählt, -- von der
+sie verlangte, daß ich sie erwiderte. O, welches Grauen flößte sie mir
+dadurch ein! Und dann die grundlosen Selbstanklagen, mit denen sie sich
+in den letzten Jahren folterte!
+
+KROLL. Ja, nachdem sie erfahren, daß sie ihr ganzes Leben lang ohne
+Kinder bleiben würde.
+
+ROSMER. Ja, überlege dir also selbst --! Eine solch jagende grauenvolle
+Seelenqual wegen etwas ganz unverschuldeten --! Und sie wäre
+zurechnungsfähig gewesen!
+
+KROLL. Hm ... Erinnerst du dich, ob du damals Bücher im Hause hattest,
+die vom Zweck der Ehe handelten -- nach der fortgeschrittnen Auffassung
+unsrer Zeit selbstverständlich.
+
+ROSMER. Ich erinnre mich, daß Fräulein West mir ein solches Werk
+geliehen hatte. Denn wie du weißt, erbte sie des Doktors Büchersammlung.
+Aber lieber Kroll, du glaubst doch wohl nicht, daß wir so unvorsichtig
+waren, die arme Kranke in solche Dinge einzuweihen? Ich kann dir hoch
+und heilig versichern, wir tragen keine Schuld. Es waren ihre eignen
+gestörten Gehirnnerven, die ihr Gemüt verdüsterten.
+
+KROLL. Eins kann ich dir nun wenigstens mitteilen. Nämlich, daß die arme
+gequälte überspannte Beate ihrem eignen Leben ein Ende machte, damit du
+glücklich -- und frei -- und nach deinem Belieben leben könntest.
+
+ROSMER (ist halb vom Stuhl aufgefahren). Was meinst du damit?
+
+KROLL. Hör mich ruhig an, Rosmer. Denn jetzt kann ich davon sprechen. In
+ihrem letzten Lebensjahr war sie zweimal bei mir, um mir ihre Angst und
+Verzweiflung zu klagen.
+
+ROSMER. Wegen derselben Sache?
+
+KROLL. Nein. Das erstemal behauptete sie, du wärst im Begriff
+abzufallen. Du wolltest mit dem Glauben deiner Väter brechen.
+
+ROSMER (eifrig). Was du da sagst, Kroll, ist unmöglich! Ganz und gar
+unmöglich! In diesem Punkte mußt du dich irren.
+
+KROLL. Warum?
+
+ROSMER. Weil ich bei Beatens Lebzeiten noch selbst mit mir und meinen
+Zweifeln kämpfte. Und diesen Kampf hab ich in vollster Einsamkeit und
+Verschwiegenheit durchgekämpft. Ich glaube, nicht einmal Rebekka --
+
+KROLL. Rebekka?
+
+ROSMER. Nun ja, -- Fräulein West. Ich nenne sie kurzweg Rebekka.
+
+KROLL. Das hab ich bemerkt.
+
+ROSMER. Deshalb ist es mir absolut unbegreiflich, wie Beate auf diesen
+Gedanken kommen konnte. Und warum sprach sie nicht selbst mit mir
+darüber? Und das hat sie nie getan. Niemals, mit keiner Silbe.
+
+KROLL. Die Ärmste, -- sie bat und flehte, ich möchte mit dir reden.
+
+ROSMER. Und warum hast du das nicht getan?
+
+KROLL. Konnt ich damals einen Augenblick zweifeln, daß ihre Sinne
+verwirrt waren? Eine solche Anklage gegen einen Mann wie du!... Und dann
+kam sie zum zweitenmal -- etwa vier Wochen später. Da war sie
+anscheinend ruhiger. Aber beim Fortgehn sagte sie: »Nun können sie auf
+Rosmersholm bald das weiße Roß erwarten.«
+
+ROSMER. Ja ja. Das weiße Roß, -- davon sprach sie so oft.
+
+KROLL. Und als ich ihr diese trüben Gedanken auszureden suchte, gab sie
+nur zur Antwort: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun muß Johannes
+sich bald mit Rebekka verheiraten.«
+
+ROSMER (fast sprachlos). Was sagst du da --! Ich mich verheiraten
+mit --!
+
+KROLL. Es war an einem Donnerstag nachmittag ... Samstag abend stürzte
+sie sich vom Steg hinab in den Mühlbach.
+
+ROSMER. Und du hast uns nicht einmal gewarnt --!
+
+KROLL. Du weißt selber, wie oft sie sagte, nun müsse sie gewiß bald
+sterben.
+
+ROSMER. Das weiß ich. Aber trotzdem --; es war deine =Pflicht=, uns zu
+warnen.
+
+KROLL. Ich hatt auch die Absicht. Aber da wars schon zu spät.
+
+ROSMER, Aber warum hast du denn nicht später --? Warum hast du mir dies
+alles verschwiegen?
+
+KROLL. Was hätt es genützt, dich noch mehr aufzuregen und zu peinigen?
+Ich hielt ja das alles für lauter leere wilde Wahnvorstellungen ... Bis
+gestern abend.
+
+ROSMER. Also jetzt nicht mehr?
+
+KROLL. Sah Beate nicht mit vollkommen klaren Augen, als sie sagte, du
+würdest dem Glauben deiner Väter untreu werden?
+
+ROSMER (starrt vor sich hin). Ja, das versteh ich nicht. Das ist mir das
+unbegreiflichste, was ich mir denken kann.
+
+KROLL. Unbegreiflich oder nicht, -- so verhält es sich nun einmal. Und
+jetzt frag ich dich, Rosmer, -- wie viel Wahrheit liegt in ihrer zweiten
+Anklage? In der letzten, mein ich.
+
+ROSMER. Anklage? War denn =das= eine Anklage?
+
+KROLL. Du hast vielleicht nicht auf den =Wortlaut= geachtet. Sie wolle
+fortgehn, sagte sie --. Warum? Nun?
+
+ROSMER. Damit ich Rebekka heiraten könnte --
+
+KROLL. Ganz so lauteten ihre Worte nicht. Beate drückte sich anders aus.
+Sie sagte: »Ich habe nicht lange mehr Zeit. Denn nun =muß= Johannes sich
+=bald= mit Rebekka verheiraten.«
+
+ROSMER (sieht ihn eine Weile an; dann erhebt er sich). Jetzt versteh ich
+dich, Kroll.
+
+KROLL. Nun .. und --?... Was antwortest du?
+
+ROSMER (noch immer ruhig und mit Selbstbeherrschung). Auf etwas so
+unerhörtes --! Die einzig richtige Antwort wäre, dir die Tür zu weisen.
+
+KROLL (steht auf). Sehr wohl.
+
+ROSMER (stellt sich vor ihn hin). Nun höre. Seit länger als einem Jahr,
+-- seit dem Tage, da Beate uns verließ, -- haben Rebekka West und ich
+immer hier =allein= auf Rosmersholm gelebt. All diese Zeit hast du
+Beatens Anklage gegen uns gekannt. Aber niemals hab ich auch nur einen
+Augenblick bemerkt, daß du an unserm Zusammenleben Anstoß genommen
+hättest.
+
+KROLL. Bis gestern abend wußt ich nicht, daß es ein Abtrünniger und eine
+-- Freigewordne waren, die dies Zusammenleben führten.
+
+ROSMER. Ah --! Du glaubst also nicht, daß auch Abtrünnige und
+Freigewordne das Reinheitsgefühl haben können? Du glaubst nicht, daß sie
+das Sittlichkeitsbedürfnis als einen Naturdrang in sich tragen können!
+
+KROLL. Auf jene Art Sittlichkeit, die ihre Wurzel nicht im kirchlichen
+Glauben hat, leg ich keinen großen Wert.
+
+ROSMER. Und dies läßt du auch von Rebekka und mir gelten? Von dem
+Verhältnis zwischen mir und Rebekka --?
+
+KROLL. Zu Euern Gunsten kann ich von der Meinung nicht abgehn, daß es
+wohl keinen unergründlichen Abgrund gibt zwischen dem freien Gedanken
+und -- hm.
+
+ROSMER. Und was --?
+
+KROLL. -- und der freien Liebe, -- wenn dus denn unbedingt hören willst.
+
+ROSMER (leise). Und das schämst du dich nicht mir zu sagen! Du, der mich
+seit meiner frühsten Jugend kennt!
+
+KROLL. Eben darum. Ich weiß, wie leicht du dich von den Menschen, mit
+denen du verkehrst, beeinflussen läßt. Und diese deine Rebekka --. Na,
+dies Fräulein West, -- die kennen wir ja eigentlich gar nicht näher.
+Kurz und gut, Rosmer, -- ich gebe dich noch nicht auf. Und du selbst, --
+suche dich bei Zeiten zu retten.
+
+ROSMER. Mich zu retten? Inwiefern --?
+
+ (FRAU HILSETH blickt durch die Tür links herein.)
+
+ROSMER. Was wollen Sie?
+
+FRAU HILSETH. Ich sollte Fräulein bitten runter zu kommen.
+
+ROSMER. Das Fräulein ist nicht hier.
+
+FRAU HILSETH. So? (Sieht sich um.) Das ist doch merkwürdig. (Sie geht.)
+
+ROSMER. Du sagtest --?
+
+KROLL. Höre. Was hier heimlich vor sich gegangen ist, als Beate noch
+lebte, -- und was hier jetzt noch vor sich geht, -- das will ich nicht
+näher untersuchen. Du warst ja tief unglücklich in deiner Ehe. Und das
+muß dir gewissermaßen zur Entschuldigung dienen.
+
+ROSMER. O, wie wenig kennst du mich doch im Grunde --!
+
+KROLL. Unterbrich mich nicht. Ich wollte sagen: soll nun mal dies
+Zusammenleben mit Fräulein West fortgesetzt werden, so ist es unbedingt
+notwendig, daß du diesen Umfall, -- diesen traurigen Abfall, -- wozu sie
+dich verführt hat, vertuschest. Laß mich reden! Laß mich reden! Ich
+sage: gehts gar nicht anders, so denk und meine und glaub in Gottes
+Namen alles was du willst -- und inbezug auf alle Dinge unter der Sonne.
+Aber behalt deine Meinungen hübsch für dich. 'S ist ja doch eine rein
+persönliche Sache. Es liegt gar keine Notwendigkeit vor, so etwas ins
+ganze Land hinauszurufen.
+
+ROSMER. Für mich liegt =die= Notwendigkeit vor, daß ich aus einer
+falschen und zweideutigen Stellung herauskomme.
+
+KROLL. Aber du hast Pflichten gegen die Traditionen deines Geschlechts,
+Rosmer! Das bedenke wohl! Seit unvordenklichen Zeiten war Rosmersholm
+eine Pflegestätte der Zucht und Ordnung, -- der respektvollen Achtung
+vor allem, was die besten unsres Volkes anerkannt und hoch gehalten
+haben. Von Rosmersholm hat die ganze Gegend ihren Stempel empfangen.
+Eine unheilvolle, nie wieder gut zu machende Verwirrung entsteht, wird
+es ruchbar: du selber hättest mit dem gebrochen, was ich den Rosmerschen
+Familiengedanken nennen möchte!
+
+ROSMER. Lieber Kroll, -- so kann =ich= die Sache nicht ansehn. Ich halt
+es für meine unabweisbare Pflicht, hier, wo durch all die langen langen
+Zeiten vom Geschlecht der Rosmer Finsternis und Unterdrückung
+ausgegangen sind, ein wenig Licht und Freude zu verbreiten.
+
+KROLL (sieht ihn streng an). Jawohl, das wäre eine würdige Tat für den
+Mann, mit dem das Geschlecht ausstirbt. Du, das laß bleiben. Das ist
+keine angemessne Arbeit für dich. Du bist dazu geschaffen, als stiller
+Forscher zu leben.
+
+ROSMER. Mag sein. Aber ich will nun einmal teilnehmen am Kampf des
+Lebens.
+
+KROLL. Am Kampf des Lebens --! Weißt du, was für ein Kampf das für dich
+wird? Ein Kampf auf Leben und Tod mit all deinen Freunden.
+
+ROSMER (ruhig). Sie werden doch nicht =alle= so fanatisch sein wie du.
+
+KROLL. Du bist eine treuherzige Seele, Rosmer. Und unerfahren wie ein
+Kind. Du ahnst nicht, welch übermächtiger Sturm über dich hereinbrechen
+wird.
+
+ (FRAU HILSETH lugt durch die Tür links.)
+
+FRAU HILSETH. Fräulein läßt fragen --
+
+ROSMER. Was gibts?
+
+FRAU HILSETH. Da ist jemand unten, der den Herrn Pastor gern auf 'n
+Augenblick sprechen möchte.
+
+ROSMER. Ists vielleicht der Mann, der gestern abend hier war?
+
+FRAU HILSETH. Nein, 's ist der Mortensgaard.
+
+ROSMER. Mortensgaard!
+
+KROLL. Aha! So weit sind wir also! So weit schon!
+
+ROSMER. Was will er von mir? Warum ließen Sie ihn nicht wieder gehn?
+
+FRAU HILSETH. Fräulein sagt, ich sollte fragen, ob er rauf kommen dürfe.
+
+ROSMER. Sagen Sie, ich hätte Besuch --
+
+KROLL (zu FRAU HILSETH). Lassen Sie ihn nur herein.
+
+ (FRAU HILSETH geht.)
+
+KROLL (nimmt seinen Hut). Ich räume das Feld -- das heißt vorläufig. Die
+Hauptschlacht muß noch geschlagen werden.
+
+ROSMER. So wahr ich lebe, Kroll, -- ich habe mit Mortensgaard nichts zu
+schaffen.
+
+KROLL. Ich glaub dir nicht mehr. In keiner Beziehung. Was es auch sein
+mag -- von nun an glaub ich dir nichts mehr. Jetzt gilts: Krieg bis aufs
+Messer. Wir wollen doch mal sehn, ob wir dich nicht unschädlich machen
+können.
+
+ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!
+
+KROLL. Ich? Und das sagt so einer wie du! Denk an Beate!
+
+ROSMER. Kommst du mir wieder damit!
+
+KROLL. Nein. Das Geheimnis des Mühlbachs zu erforschen ist Sache deines
+Gewissens, -- wenn du etwas derartiges noch hast.
+
+ (PETER MORTENSGAARD kommt ruhig und leise durch die Tür links. Er
+ ist ein kleiner schmächtiger Mann mit dünnem rötlichem Haar und
+ Bart.)
+
+KROLL (mit einem hasserfüllten Blick). Aha, der »Leuchtturm« also --.
+Auf Rosmersholm angezündet. (Knöpft seinen Rock zu.) Ja, da kann ich ja
+nicht mehr im Zweifel sein, welchen Kurs ich zu steuern habe.
+
+MORTENSGAARD (sanft). Der »Leuchtturm« bleibt immer angezündet, um dem
+Herrn Rektor heimzuleuchten.
+
+KROLL. Ja, Ihren guten Willen haben Sie schon lange bewiesen. Allerdings
+gibts ein Gebot, das vorschreibt, wir sollen nicht falsches Zeugnis
+geben wider unsern Nächsten --
+
+MORTENSGAARD. In den zehn Geboten braucht mich der Herr Rektor nicht zu
+unterrichten.
+
+KROLL. Auch nicht im sechsten?
+
+ROSMER. Kroll --!
+
+MORTENSGAARD. Tritt =die= Notwendigkeit ein, so ist doch wohl der Herr
+Pastor die kompetente Behörde.
+
+KROLL (mit unterdrücktem Hohn). Der Pastor? Ja, in =diesem= Kapitel ist
+Pastor Rosmer in erster Linie kompetent -- gar keine Frage ... Wünsche
+segensreiche Verhandlung, meine Herren!
+
+ (Er geht und schlägt die Tür hinter sich ins Schloss.)
+
+ROSMER (hält den Blick noch eine Weile auf die geschlossne Tür gerichtet
+und sagt für sich). Wohlan, -- wenns denn gar nicht anders geht. (Wendet
+sich.) Wollen Sie mir gefälligst sagen, Herr Mortensgaard, was Sie zu
+mir führt?
+
+MORTENSGAARD. Eigentlich galt mein Besuch Fräulein West. Ich wollte mich
+für den freundlichen Brief bedanken, den ich gestern von ihr erhielt.
+
+ROSMER. Ich weiß, sie hat Ihnen geschrieben. Haben Sie sie gesprochen?
+
+MORTENSGAARD. Ja, einen Augenblick. (Mit schwachem Lächeln.) Wie ich
+höre, haben sich die Ansichten hier auf Rosmersholm in einigen Punkten
+geändert.
+
+ROSMER. Meine Ansichten haben sich in =vielen= Punkten geändert. Ich
+kann wohl sagen -- in allem.
+
+MORTENSGAARD. So sagte das Fräulein. Und deshalb meinte sie, ich sollte
+hinaufgehn und mit dem Herrn Pastor mich ein wenig darüber unterhalten.
+
+ROSMER. Worüber, Herr Mortensgaard?
+
+MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre
+Gesinnungen hegen, -- und sich der freisinnigen und fortschrittlichen
+Sache angeschlossen haben?
+
+ROSMER. Gewiß dürfen Sie das. Ich bitte sogar darum.
+
+MORTENSGAARD. Dann wirds morgen früh drin stehn. Das ist eine große
+wichtige Neuigkeit, daß Pastor Rosmer auf Rosmersholm glaubt, er könne
+für die Sache des Lichts auch in =diesem= Sinne eintreten.
+
+ROSMER. Ich versteh Sie nicht ganz.
+
+MORTENSGAARD. Ich meine: unsre Partei erhält eine starke moralische
+Stütze, so oft wir einen ernsten christlich gesinnten Anhänger gewinnen.
+
+ROSMER (etwas verwundert). Sie wissen also nicht --? Hat Ihnen Fräulein
+West =das= nicht gesagt?
+
+MORTENSGAARD. Was, Herr Pastor? Das Fräulein hatte große Eile. Sie
+sagte, ich möchte hinaufgehn und das übrige von Ihnen selbst hören.
+
+ROSMER. Nun, so wissen Sie denn, daß ich mich vollständig frei gemacht
+habe. Nach allen Seiten. Zu den Lehrsätzen der Kirche hab ich gar kein
+Verhältnis mehr. Diese Dinge gehn mich in Zukunft absolut nichts mehr
+an.
+
+MORTENSGAARD (sieht ihn verblüfft an). Nein, -- wenn der Mond
+herabgefallen wäre, ich könnte nicht verblüffter --! Der Herr Pastor
+sagt sich los --!
+
+ROSMER. Ja, ich steh nun, wo sie selbst seit langer Zeit stehn. Diese
+Nachricht kann also der »Leuchtturm« morgen verbreiten.
+
+MORTENSGAARD. Diese ebenfalls? Nein, lieber Herr Pastor --.
+Entschuldigen Sie, -- aber diesen Teil der Sache wollen wir doch lieber
+nicht berühren.
+
+ROSMER. Diesen Teil .. nicht berühren?
+
+MORTENSGAARD. Vorläufig noch nicht, mein ich.
+
+ROSMER. Aber ich begreife nicht --
+
+MORTENSGAARD. Ja, sehn Sie, Herr Pastor --. Vermutlich sind Sie mit den
+Verhältnissen nicht so vertraut wie ich. Aber wenn Sie nun also zur
+freisinnigen Richtung übergegangen sind, -- und wenn Sie -- wie Fräulein
+West sagte, -- an der Bewegung teilnehmen wollen, -- so tun Sie das doch
+gewiß mit dem Wunsche, der Richtung und der Bewegung so viel wie möglich
+zu nützen.
+
+ROSMER. Gewiß, das wünsch ich durchaus.
+
+MORTENSGAARD. Schön. Aber nun sag ich Ihnen nur dies eine: treten Sie
+frei und offen mit dieser Mitteilung über Ihren Abfall von der Kirche
+hervor, so binden Sie sich sofort selbst die Hände.
+
+ROSMER. Glauben Sie?
+
+MORTENSGAARD. Ja, Sie können überzeugt sein, viel richten Sie dann hier
+in der Gegend nicht aus. Und zudem, -- Freidenker haben wir schon genug
+auf Lager, Herr Pastor. Ich möchte sagen, -- wir haben schon viel zu
+viel von dieser Art Zeitgenossen. Was die Partei braucht, das ist das
+christliche Element, -- etwas, wovor alle Respekt haben müssen. Daran
+aber mangelt es uns ganz empfindlich. Darum ist es das ratsamste, Sie
+behalten sorgfältig alles für sich, was die Öffentlichkeit nichts
+angeht... Das ist meine Ansicht von der Sache.
+
+ROSMER. Ah so. Wenn ich also offen meinen Abfall bekenne, so wagen Sies
+nicht, sich mit mir einzulassen?
+
+MORTENSGAARD (schüttelt den Kopf). Ich tät es sehr ungern, Herr Pastor.
+In der letzten Zeit hab ichs mir zum Grundsatz gemacht, nie eine Sache
+oder Person zu unterstützen, die den christlichen Dingen zu Leibe will.
+
+ROSMER. Sind Sie denn selbst in der letzten Zeit zur Kirche
+zurückgekehrt?
+
+MORTENSGAARD. Das ist eine Sache für sich.
+
+ROSMER. Aha, so also verhält es sich. Jetzt versteh ich Sie.
+
+MORTENSGAARD. Herr Pastor, -- Sie dürfen nicht vergessen, daß ich -- vor
+allem ich, -- keine freie Hand habe.
+
+ROSMER. Was bindet Sie denn?
+
+MORTENSGAARD. Mich bindet der Umstand, daß ich ein Gebrandmarkter bin.
+
+ROSMER. Ah, -- ja so.
+
+MORTENSGAARD. Ein Gebrandmarkter, Herr Pastor. Sie namentlich dürfen das
+nicht vergessen. Denn Sie vor allem waren es, der mir das Brandmal
+aufdrückte.
+
+ROSMER. Hätt ich damals gestanden, wo ich nun steh, ich hätt Ihr
+Vergehen mit behutsamern Händen angefaßt.
+
+MORTENSGAARD. Das glaub ich auch. Aber nun ist es zu spät. Sie haben
+mich ein für allemal gebrandmarkt. Gebrandmarkt für mein ganzes Leben.
+Nun, es ist Ihnen wohl nicht ganz klar, was so etwas zu bedeuten hat.
+Aber, Herr Pastor, vielleicht bekommen Sie diesen stechenden Schmerz nun
+selber zu fühlen.
+
+ROSMER. Ich!
+
+MORTENSGAARD. Ja. Denn Sie werden doch nicht glauben, daß Rektor Kroll
+und sein Anhang für ein Verbrechen wie das Ihrige Verzeihung kennen? Und
+das »Kreisblatt« soll, wie es heißt, nun sehr blutig werden. 'S kann
+leicht kommen, daß auch Sie ein Gebrandmarkter werden.
+
+ROSMER. Ich fühle mich, was das Persönliche betrifft, vollständig
+unverwundbar, Herr Mortensgaard. Mein Lebenswandel bietet keine
+Angriffspunkte.
+
+MORTENSGAARD (mit ruhigem Lächeln). Das ist ein großes Wort, Herr
+Pastor.
+
+ROSMER. Mag sein; aber ich habe das Recht, es auszusprechen.
+
+MORTENSGAARD. Auch wenn Sie Ihren Lebenswandel so gründlich prüfen, wie
+Sie einst den meinen prüften?
+
+ROSMER. Sie sagen das in einem so eigentümlichen Ton. Worauf spielen Sie
+an? Auf etwas bestimmtes?
+
+MORTENSGAARD. Ja, auf =eine= bestimmte Sache. Nur auf eine einzige. Aber
+die dürfte schlimm genug werden, wenn boshafte Gegner Kenntnis davon
+erhalten.
+
+ROSMER. Wollen Sie die Güte haben, mir zu sagen, was es ist?
+
+MORTENSGAARD. Können der Herr Pastor es nicht selbst erraten?
+
+ROSMER. Nein; durchaus nicht. Ganz und garnicht.
+
+MORTENSGAARD. Ja ja; dann muß ich wohl mit der Sprache heraus ... In
+meinem Besitz befindet sich ein seltsamer Brief, der hier auf
+Rosmersholm geschrieben ist.
+
+ROSMER. Fräulein Wests Brief, meinen Sie? Ist der so seltsam?
+
+MORTENSGAARD. Nein, der Brief ist nicht seltsam. Aber hier vom Hofe hab
+ich mal einen andern Brief erhalten.
+
+ROSMER. Ebenfalls von Fräulein West?
+
+MORTENSGAARD. Nein, Herr Pastor.
+
+ROSMER. Nun, von wem denn? Von wem?
+
+MORTENSGAARD. Von Ihrer seligen Gattin.
+
+ROSMER. Von meiner Frau! =Sie= haben von meiner Frau einen Brief
+erhalten!
+
+MORTENSGAARD. Jawohl.
+
+ROSMER. Wann?
+
+MORTENSGAARD. Es war in der letzten Lebenszeit Ihrer seligen Gattin. Es
+mag jetzt etwa anderthalb Jahr her sein. Eben diesen Brief nenn ich
+seltsam.
+
+ROSMER. Sie wissen doch, daß meine Frau zu der Zeit geisteskrank war.
+
+MORTENSGAARD. Ich weiß, daß viele das glaubten. Aber ich meine, dem
+Briefe konnte man so etwas nicht anmerken. Wenn ich den Brief seltsam
+nenne, so mein ich etwas andres damit.
+
+ROSMER. Über was in aller Welt hat meine arme Frau Ihnen nur schreiben
+können?
+
+MORTENSGAARD. Ich hab den Brief zu Hause. Sie beginnt ungefähr damit,
+daß sie in großer Furcht und Angst lebe. Denn hier in der Gegend gebe es
+so viele schlechte Menschen, schreibt sie. Und diese Menschen wären nur
+darauf bedacht, Ihnen Ärger und Schaden zu bereiten.
+
+ROSMER. Mir?
+
+MORTENSGAARD. Ja, so behauptet sie. Und dann kommt das seltsamste. Soll
+ich es sagen, Herr Pastor?
+
+ROSMER. Ja, gewiß! Alles. Ohne jeden Rückhalt.
+
+MORTENSGAARD. Ihre selige Gattin bittet und beschwört mich, großmütig zu
+sein. Sie wisse, sagt sie, daß es der Herr Pastor gewesen, der meine
+Absetzung durchgesetzt habe. Und dann bittet sie flehentlich, ich möchte
+mich nicht rächen.
+
+ROSMER. Wie dachte sie es sich denn, daß Sie sich rächen könnten?
+
+MORTENSGAARD. In dem Briefe heißt es: wenn mir Gerüchte über ein
+sündiges Treiben auf Rosmersholm zu Ohren kommen sollten, so möchte ich
+alledem nicht trauen; denn bloß schlechte Menschen sprengten solche
+Gerüchte aus, um Sie unglücklich zu machen.
+
+ROSMER. Steht das in dem Briefe!
+
+MORTENSGAARD. Der Herr Pastor können ihn gelegentlich selbst lesen.
+
+ROSMER. Aber ich begreife nicht --! Und auf =was= liefen, -- nach ihrer
+Einbildung, -- die bösen Gerüchte hinaus?
+
+MORTENSGAARD. Zunächst darauf, daß der Herr Pastor von dem Glauben
+seiner Kindheit abgefallen sei. Das leugnete Ihre selige Gattin =damals=
+auf das bestimmteste. Und dann -- hm --
+
+ROSMER. Dann?
+
+MORTENSGAARD. Ja dann schreibt sie, -- in etwas konfuser Weise, -- von
+einem sündhaften Verhältnis auf Rosmersholm wisse sie nichts. Ihr sei
+niemals unrecht geschehen. Wenn derartige Gerüchte umliefen, so bitte
+sie mich dringend, im »Leuchtturm« keine Notiz davon zu nehmen.
+
+ROSMER. Wird kein Name genannt?
+
+MORTENSGAARD. Nein.
+
+ROSMER. Wer brachte Ihnen den Brief?
+
+MORTENSGAARD. Ich habe mein Wort gegeben, das nicht zu verraten. Er
+wurde mir eines Abends in der Dämmrung gebracht.
+
+ROSMER. Hätten Sie sich sofort erkundigt, würden Sie erfahren haben, daß
+meine arme unglückliche Frau nicht ganz zurechnungsfähig war.
+
+MORTENSGAARD. Ich erkundigte mich, Herr Pastor. Aber ich muß bekennen,
+einen =solchen= Eindruck erhielt ich nicht.
+
+ROSMER. Nicht?... Aber warum klären Sie mich denn eigentlich jetzt über
+diesen alten konfusen Brief auf?
+
+MORTENSGAARD. Um Ihnen den Rat zu geben, sehr vorsichtig zu sein, Herr
+Pastor.
+
+ROSMER. In meinem Lebenswandel, meinen Sie?
+
+MORTENSGAARD. Ja. Sie müssen bedenken, von jetzt an sind Sie verdächtig.
+
+ROSMER. Ich verdächtig! Sie halten also daran fest, ich hätte etwas zu
+verheimlichen?
+
+MORTENSGAARD. Ich wüßte nicht, warum ein freisinniger Mann sich scheuen
+sollte, sein Leben so vollständig wie möglich auszuleben. Aber, wie
+gesagt, sei'n Sie von jetzt an vorsichtig. Sollte mal über den Herrn
+Pastor etwas unter die Leute kommen, das gegen die herrschenden
+Vorurteile verstieße, so können Sie überzeugt sein, die ganze freie
+Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie
+wohl, Herr Pastor.
+
+ROSMER. Leben Sie wohl.
+
+MORTENSGAARD. Und nun begeb ich mich direkt in die Druckerei und bringe
+die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«.
+
+ROSMER. Bringen Sie alles hinein.
+
+MORTENSGAARD. Ich bringe alles das hinein, was das liebe Publikum zu
+wissen braucht.
+
+ (Er grüsst und geht. ROSMER bleibt in der Tür stehen, während er die
+ Treppe hinunter geht. Man hört, wie, die Haustür geschlossen wird.)
+
+ROSMER (in der Tür, ruft gedämpft). Rebekka! Re--. Hm. (Laut.) Frau
+Hilseth, -- ist Fräulein West nicht unten?
+
+FRAU HILSETH (antwortet unten im Vorzimmer). Nein, Herr Pastor, hier ist
+sie nicht.
+
+ (Im Hintergrunde werden die Portieren beiseite geschoben. REBEKKA
+ wird in der Türöffnung sichtbar.)
+
+REBEKKA. Rosmer!
+
+ROSMER (wendet sich). Was! Du warst in meinem Schlafzimmer! Liebste, was
+hast du da gemacht?
+
+REBEKKA (geht zu ihm). Ich habe gehorcht.
+
+ROSMER. Aber, Rebekka, wie konntest du das!
+
+REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das über mein
+Hauskleid --
+
+ROSMER. Ah, du warst auch darin, als Kroll --?
+
+REBEKKA. Ja. Ich wollte wissen, was er im Schilde führte.
+
+ROSMER. Ich hätt es dir erzählt.
+
+REBEKKA. Du hättest mir wohl kaum alles erzählt. Und gewiß nicht mit
+seinen eignen Worten.
+
+ROSMER. Hast du denn alles gehört?
+
+REBEKKA. Das meiste, denk ich. Als Mortensgaard kam, mußt ich einen
+Augenblick hinunter.
+
+ROSMER. Und dann gingst du wieder hinauf --
+
+REBEKKA. Nimm mirs nicht übel, lieber Freund.
+
+ROSMER. Tu alles, was du für recht und richtig hältst! Du hast ja deine
+volle Freiheit ... Aber was sagst du dazu, Rebekka --? O, mir ist, als
+hätt ich deiner noch niemals so sehr bedurft wie jetzt!
+
+REBEKKA. Wir waren ja beide darauf vorbereitet, da es doch einmal kommen
+müßte.
+
+ROSMER. Nein nein, -- hierauf nicht!
+
+REBEKKA. Hierauf nicht?
+
+ROSMER. Wohl hatt ich mir zuweilen gedacht, unser schönes reines
+Freundschaftsverhältnis könnte früher oder später verdächtigt oder
+beschmutzt werden. Nicht von Kroll. Von ihm hätt ich mir so etwas
+niemals denken können. Aber von all den vielen mit den rohen Sinnen und
+den unedlen Augen. Ach ja, du, -- ich hatte guten Grund dazu, wenn ich
+so eifersüchtig einen Schleier über unsern Bund breitete. Es war ein
+gefährliches Geheimnis.
+
+REBEKKA. Ach, warum sich darum kümmern, was all die andern sagen oder
+denken! Wir wissens ja doch, daß wir frei von Schuld sind.
+
+ROSMER. Ich? Frei von Schuld? Ja, das glaubt ich allerdings -- bis
+heute. Aber jetzt, -- jetzt, Rebekka --
+
+REBEKKA. Was ist denn jetzt?
+
+ROSMER. Wie soll ich mir Beatens schreckliche Anklage erklären?
+
+REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht
+mehr an Beaten! Endlich war es dir so schön geglückt, von ihr, der Toten
+loszukommen --
+
+ROSMER. Seit ich dies erfahren habe, ist mirs, als stände sie wieder in
+unheimlicher Leibhaftigkeit vor mir.
+
+REBEKKA. Ach nein, Rosmer, -- nein, nein! Sprich nicht so!
+
+ROSMER. Doch, doch!... Diesem Geheimnis müssen wir auf den Grund zu
+kommen suchen. Wie kann sie sich nur in diesen unheilvollen Irrtum
+verstrickt haben?
+
+REBEKKA. Du beginnst doch wohl nicht selbst daran zu zweifeln, daß sie
+fast wahnsinnig war?
+
+ROSMER. Ach ja, Rebekka, -- das ists grade, wovon ich nicht mehr so ganz
+fest überzeugt sein kann. Und zudem, wäre sie das auch gewesen --
+
+REBEKKA. Wäre sie das auch gewesen --! Ja, was dann?
+
+ROSMER. Ich meine, -- wo sollen wir den entscheidenden Grund dafür
+suchen, daß ihre krankhafte Gemütsstimmung in Wahnsinn überging?
+
+REBEKKA. Aber wozu denn über so unlösbaren Rätseln brüten!
+
+ROSMER. Ich kann nicht anders, Rebekka. Ich kann diese nagenden Zweifel
+nicht von mir abschütteln, so gern ich auch möchte.
+
+REBEKKA. Aber das kann ja gefährlich werden -- dies ewige Herumkreisen
+um diesen einen unglückseligen Gegenstand.
+
+ROSMER (geht unruhig und gedankenvoll umher). Auf die ein oder andre
+Weise muß ich mich verraten haben. Sie muß es gemerkt haben, wie
+glücklich ich mich zu fühlen anfing seit dem Augenblick, da =du= zu uns
+ins Haus kamst.
+
+REBEKKA. Ja aber, Bester, selbst wenn das wirklich der Fall wäre --!
+
+ROSMER. Denn siehst du, -- es ist ihr nicht entgangen, daß wir dieselben
+Bücher lasen. Daß wir einander suchten und zusammen sprachen von all den
+neuen Dingen. Aber ich begreif es nicht! Denn um sie zu schonen, war ich
+so vorsichtig. Wenn ich zurückdenke, kommt es mir vor, als hätt ich es
+mir zur Lebensaufgabe gemacht, sie von all dem, was uns interessierte,
+fern zu halten. Oder tat ich das nicht, Rebekka?
+
+REBEKKA. Ja ja, gewiß tatest du das.
+
+ROSMER. Und du auch. Und dennoch --! O, der Gedanke daran ist
+schrecklich! Sie ist also hier umhergegangen, -- mit ihrem Herzen voll
+krankhafter Liebe, -- schweigend, immer schweigend, -- hat uns
+beobachtet, bewacht, -- auf alles geachtet, und -- und alles mißdeutet!
+
+REBEKKA (ringt die Hände). O, wär ich doch niemals nach Rosmersholm
+gekommen!
+
+ROSMER. Ach, wenn ich das alles bedenke, was sie stumm gelitten hat! All
+das häßliche, was ihr krankes Hirn aufbaute und mit uns in Verbindung
+brachte!... Hat sie niemals mit dir über etwas gesprochen, das dich auf
+eine Art Spur hätte bringen können?
+
+REBEKKA (wie aufgejagt). Mit mir! Glaubst du, dann wär ich auch nur noch
+einen Tag hier geblieben?
+
+ROSMER. Nein nein, das versteht sich!... O, welchen Kampf muß sie
+gekämpft haben! Und sie kämpfte allein, Rebekka ... Verzweifelt und ganz
+allein ... Und dann zum Schluß dieser erschütternde -- anklagende Sieg
+-- im Mühlbach. (Er wirft sich auf den Stuhl am Schreibtisch, stützt die
+Ellbogen auf den Tisch und bedeckt das Gesicht mit den Händen.)
+
+REBEKKA (nähert sich ihm behutsam von hinten). Nun höre, Rosmer. Wenn es
+in deiner Macht stände, Beate zurückzurufen -- zu dir -- nach
+Rosmersholm, -- würdest du es dann tun?
+
+ROSMER. Ach, was weiß ich, was ich tun oder nicht tun würde! Ich habe
+keine Gedanken für etwas andres als dies eine, -- das unwiderruflich
+ist.
+
+REBEKKA. Du solltest nun wieder anfangen zu leben. Ja du hattest schon
+angefangen. Du hattest dich vollständig frei gemacht -- nach allen
+Seiten. Dir war so froh und so leicht zu Mut --
+
+ROSMER. Ach ja, du, -- so froh und so leicht ... Und da kommt dieser
+zermalmende Schlag.
+
+REBEKKA (hinter ihm, mit den Armen auf der Stuhllehne). Wie schön war
+es, wenn wir abends in der Dämmrung unten im Zimmer saßen. Und dann
+gemeinschaftlich die neuen Lebenspläne zurechtlegten. Du wolltest in das
+lebendige Leben eingreifen, -- in das lebendige Leben des Tages, -- wie
+du sagtest. Wie ein befreiender Gast wolltest du von Haus zu Haus
+wandern. Den Geist und den Willen der Menschen für dich gewinnen.
+Adelsmenschen schaffen rings um dich her, -- in weitern, immer weitern
+Kreisen. Adelsmenschen.
+
+ROSMER. Frohe Adelsmenschen.
+
+REBEKKA. Ja -- frohe.
+
+ROSMER. Denn die Freude ist es, die die Geister adelt, Rebekka.
+
+REBEKKA. Meinst du -- der Schmerz nicht auch? Der große Schmerz?
+
+ROSMER. Ja, -- wenn man durch den Schmerz hindurch kommen kann. Darüber
+hinweg.
+
+REBEKKA. Und =das= mußt du.
+
+ROSMER (schüttelt traurig den Kopf). Ich werde niemals ganz darüber
+hinweg kommen. Immer wird ein Zweifel zurückbleiben. Eine Frage. Niemals
+werd ich wieder in dem schwelgen können, was das Leben so wunderbar
+schön macht.
+
+REBEKKA (über der Stuhllehne, leiser). Und was ist das?
+
+ROSMER (blickt zu ihr auf). Die stille frohe Schuldlosigkeit.
+
+REBEKKA (weicht einen Schritt zurück). Ja. Die Schuldlosigkeit.
+
+ (Kurze Pause.)
+
+ROSMER (mit dem Ellbogen auf dem Tische, stützt den Kopf in die Hand und
+blickt vor sich hin). Und dann, wie sie zu kombinieren verstand. Wie
+systematisch sie es zusammenfügte ... Erst beginnt sie Zweifel zu hegen
+an meiner Rechtgläubigkeit --. Wie sie zu der Zeit =dar=auf verfallen
+konnte! Aber sie verfiel darauf. Und dann wuchs es zur Gewißheit. Und
+dann, -- ja dann war es ihr ja so leicht, all das andre für möglich zu
+halten. (Richtet sich im Stuhl auf und fährt sich mit den Händen durch
+das Haar.) O, all diese wilden Phantasien! Niemals werd ich mich von
+ihnen befreien. Das fühl ich lebhaft. Das weiß ich. Jeden Augenblick
+werden sie auf mich einstürmen und mich an die =Tote= erinnern.
+
+REBEKKA. Wie das weiße Roß auf Rosmersholm.
+
+ROSMER. In derselben Weise. In der Finsternis dahinsausend. In
+nächtlicher Stille.
+
+REBEKKA. Und wegen dieses unseligen Hirngespinstes willst du das
+lebendige Leben, das du schon erfaßt hattest, wieder fahren lassen?
+
+ROSMER. Du hast recht, es ist hart. Hart, Rebekka. Aber es steht nicht
+in meiner Macht zu wählen. Wie könnt ich wohl jemals hierüber hinweg
+kommen!
+
+REBEKKA (hinter dem Stuhl). Dadurch, daß du dir neue Verhältnisse
+schaffst.
+
+ROSMER (stutzt, blickt auf). Neue Verhältnisse!
+
+REBEKKA. Ja, neue Beziehungen zur Welt da draußen. Leben, schaffen,
+handeln. Nicht hier sitzen und grübeln und brüten über unlösbaren
+Rätseln.
+
+ROSMER (steht auf). Neue Verhältnisse? (Er geht durch das Zimmer, bleibt
+an der Tür stehn und kommt dann zurück.) Da geht mir ein Gedanke durch
+den Kopf. Ist dir, Rebekka, dieser Gedanke nicht auch schon gekommen?
+
+REBEKKA (atmet schwer). Laß mich -- wissen -- was es ist.
+
+ROSMER. Wie, glaubst du, wird nach diesem Tage sich =unser= Verhältnis
+gestalten?
+
+REBEKKA. Ich denke, unsre Freundschaft hält es schon aus -- was auch
+kommen mag.
+
+ROSMER. So meint ichs nun grade nicht. Aber das, was uns zuerst zusammen
+führte, -- und was uns einander so innig vereint, -- unser
+gemeinschaftlicher Glaube an eine reine Kameradschaft zwischen Mann und
+Weib --
+
+REBEKKA. Ja ja -- nun?
+
+ROSMER. Ich meine, ein solches Verhältnis, -- wie das unsre also, --
+eignet sich das nicht vorzugsweise zu einer stillen friedlich-glücklichen
+Lebensführung --?
+
+REBEKKA. Und dann!
+
+ROSMER. Aber nun öffnet sich mir ein Leben voll Kampf und Unruh und
+starker Gemütsbewegungen. Denn ich will mich ausleben, Rebekka! Ich
+lasse mich nicht von unheimlichen Möglichkeiten zu Boden schlagen. Ich
+lasse mir meinen Lebensweg nicht vorschreiben, weder von Lebenden, noch
+von -- sonst jemand.
+
+REBEKKA. Nein nein, -- tu das nicht! Sei ganz und gar ein freier Mann,
+Rosmer.
+
+ROSMER. Aber weißt du nun, woran ich denke?.. Weißt dus nicht? Siehst du
+nicht, wie ich am besten all diese nagenden Erinnrungen, -- diese ganze
+unglückliche Vergangenheit abschüttle?
+
+REBEKKA. Nun!
+
+ROSMER. Dadurch, daß ich ihr eine neue, eine lebendige Wirklichkeit
+entgegen stelle.
+
+REBEKKA (sucht nach der Stuhllehne). Eine lebendige --? Was meinst du
+=da=mit?
+
+ROSMER (näher). Rebekka, -- wenn ich dich nun fragte, -- willst du meine
+zweite Frau werden?
+
+REBEKKA (einen Augenblick sprachlos, schreit voll Freude auf). Deine
+Frau --! Deine --! Ich!
+
+ROSMER. Gut. Versuchen wir es. Wir beide wollen eins sein. Der Platz der
+Toten darf nicht länger leer bleiben.
+
+REBEKKA. Ich -- an Beatens Stelle --!
+
+ROSMER. Dann verschwindet sie aus meinem Leben. Vollständig. Für alle
+Ewigkeit.
+
+REBEKKA (leise und bebend). Glaubst du das, Rosmer?
+
+ROSMER. Es muß sein! Es muß! Ich kann und will nicht durchs Leben gehn
+mit einer Leiche auf dem Rücken. Hilf mir sie abwerfen, Rebekka. Und
+dann laß uns alle Erinnrungen ersticken in Freiheit, in Freude, in
+Liebe. Du sollst das einzige Weib sein, das je mein war.
+
+REBEKKA (sich beherrschend). Sprich mir nicht wieder davon. Deine Frau
+werd ich niemals.
+
+ROSMER. Was! Niemals! Aber glaubst du denn, du würdest mich nie lieben
+können? Ist nicht schon in unsrer Freundschaft ein Funken von Liebe!
+
+REBEKKA (hält sich wie erschreckt die Ohren zu). Rede nicht so, Rosmer!
+Sprich solche Worte nicht aus!
+
+ROSMER (fasst sie am Arm). Ja ja, -- es gibt noch eine Möglichkeit für
+uns. O, ich sehs dir an, du fühlst dasselbe! Nicht wahr, Rebekka?
+
+REBEKKA (wieder fest und gefasst). Nun höre. Das sag ich dir, --
+bestehst du hierauf, so reis ich ab.
+
+ROSMER. Abreisen! Du! Das kannst du nicht. Das ist unmöglich.
+
+REBEKKA. Daß ich deine Frau werde, ist noch unmöglicher. Das kann ich
+nie und nimmer.
+
+ROSMER (sieht sie stutzend an). Du sagst, du =kannst= es nicht. Und das
+sagst du so seltsam. Warum kannst dus denn nicht?
+
+REBEKKA (ergreift seine beiden Hände). Teuerster Freund, -- um deinet-
+und meinetwillen, -- frage nicht, warum. (Lässt ihn los). Frage nicht,
+Rosmer. (Sie geht nach der Tür links).
+
+ROSMER. Von heut an hab ich keine andre Frage als diese eine: -- warum?
+
+REBEKKA (wendet sich um und sieht ihn an). Dann ist alles aus.
+
+ROSMER. Zwischen dir und mir?
+
+REBEKKA. Ja.
+
+ROSMER. Dahin kommt es nie zwischen uns beiden. Und nie gehst du von
+Rosmersholm fort.
+
+REBEKKA (mit der Hand auf der Türklinke). Nein, das werd ich wohl nie.
+Aber fragst du mich noch einmal, -- dann ist es trotzdem aus.
+
+ROSMER. Trotzdem aus? Warum denn --?
+
+REBEKKA. Ja. Denn dann geh ich den Weg, den Beate ging. Nun weißt dus,
+Rosmer.
+
+ROSMER. Rebekka --!
+
+REBEKKA (in der Tür, nickt langsam). Nun weißt dus. (Sie geht.)
+
+ROSMER (starrt verblüfft und wie in Gedanken verloren nach der
+geschlossnen Tür und spricht vor sich hin): Was -- ist -- das?
+
+
+
+
+DRITTER AUFZUG.
+
+
+ Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Das Fenster und die Tür zum
+ Vorzimmer stehen offen. Draussen scheint die Vormittagssonne.
+
+ REBEKKA, wie im ersten Akt gekleidet, steht am Fenster und besprengt
+ und ordnet die Blumen. Ihre Häkelei liegt auf dem Lehnstuhl. -- FRAU
+ HILSETH geht mit dem Flederwisch in der Hand umher und stäubt die
+ Möbel ab.
+
+REBEKKA (nach kurzem Schweigen). 'S ist merkwürdig, daß der Herr Pastor
+heut so lange oben bleibt.
+
+FRAU HILSETH. O, das tut er doch öfter. Aber nu kommt er gewiß bald
+runter.
+
+REBEKKA. Haben Sie ihn gesehn?
+
+FRAU HILSETH. Nur ganz flüchtig. Als ich mit den Kaffee rauf kam, ging
+er ins Schlafzimmer und zog sich an.
+
+REBEKKA. Ich frage, weil er gestern nicht ganz wohl war.
+
+FRAU HILSETH. Ja, das konnte man ihm ansehn. Auch tät es mich garnicht
+wundern, wenn er was mit seinen Schwager gehabt hätte.
+
+REBEKKA. Was könnte das wohl sein?
+
+FRAU HILSETH. Kann ich nicht wissen. Vielleicht ist es dieser
+Mortensgaard, der die beiden aneinander gehetzt hat.
+
+REBEKKA. Das ist wohl möglich ... Kennen Sie diesen Peter Mortensgaard?
+
+FRAU HILSETH. Ih bewahre. Wie kann Fräulein sowas glauben? So einer wie
+der!
+
+REBEKKA. Meinen Sie, weil er diese schreckliche Zeitung herausgibt?
+
+FRAU HILSETH. Na, das ists ja nicht allein ... Hat Fräulein nicht mal
+davon gehört, daß er 'n Kind hat mit 'ner verheirateten Frau, der ihr
+Mann davongelaufen war?
+
+REBEKKA. Ich hab davon gehört. Aber das war wohl lange, eh ich hierher
+kam.
+
+FRAU HILSETH. Gott ja, er war dazumal noch ganz jung. Und sie hätt auch
+verständiger sein müssen als er. Heiraten wollt er sie ja auch. Aber
+dazu kriegt er keine Erlaubnis nicht. Na, und dann hat er schwer dafür
+büßen müssen ... Aber später, o, da ist der Mortensgaard wieder obenauf
+gekommen! 'S gibt so manche, die =den= Mann aufsuchen.
+
+REBEKKA. Die kleinen Leute wenden sich am liebsten an ihn, wenn sie Rat
+und Hülfe brauchen.
+
+FRAU HILSETH. O, 's dürfte wohl noch andre als bloß kleine Leute geben,
+die --
+
+REBEKKA (blickt verstohlen nach ihr hin). So?
+
+FRAU HILSETH (am Sofa, stäubt und fegt eifrig). Es dürften wohl solche
+Leute sein, Fräulein, von denen mans am wenigsten gedacht hätte.
+
+REBEKKA (mit den Blumen beschäftigt). Nun, das stellen Sie sich doch
+bloß so vor, Frau Hilseth. Denn bestimmt wissen können Sie sowas doch
+nicht.
+
+FRAU HILSETH. So, Fräulein meint, ich könnts nicht wissen? Na, ob ichs
+wissen kann! Nämlich, -- wenns denn absolut heraus muß, -- ich bin
+selber mal mit 'm Brief bei Mortensgaard gewesen.
+
+REBEKKA (wendet sich). Nein, -- wirklich!
+
+FRAU HILSETH. Ja ja, das bin ich. Und dieser Brief -- wissen Sie, wo der
+geschrieben war? Auf Rosmersholm!
+
+REBEKKA. Ist das wahr, Frau Hilseth?
+
+FRAU HILSETH. Ganz gewiß, Fräulein. Und auf feines Papier war er
+geschrieben. Und hinten drauf war feiner roter Siegellack.
+
+REBEKKA. Und =Ihnen= ward er anvertraut, um ihn zu besorgen? Ja, liebe
+Frau Hilseth, dann ist es ja nicht schwer zu erraten, von wem er war.
+
+FRAU HILSETH. Na?
+
+REBEKKA. Natürlich wars ein Brief, den die arme Frau Rosmer in ihrem
+krankhaften Zustande --
+
+FRAU HILSETH. =Das= behauptet Fräulein, nicht ich.
+
+REBEKKA. Aber was stand denn in dem Briefe? Nu ja, 's ist wahr, -- das
+können Sie ja nicht wissen.
+
+FRAU HILSETH. Hm, 's könnte schon sein, daß ichs nu doch wissen täte.
+
+REBEKKA. Sagte sie Ihnen denn, was sie geschrieben hatte?
+
+FRAU HILSETH. Nein, das grad nicht. Aber als er, der Mortensgaard, ihn
+gelesen hatte, da fing er an mich kreuz und quer auszufragen, so daß
+ichs schon erraten konnte, was drin stand.
+
+REBEKKA. Und was, glauben Sie, stand darin? Ach, liebe gute Frau
+Hilseth, erzählen Sie mir das doch?
+
+FRAU HILSETH. Nein nein, Fräulein. Nicht um alles in der Welt.
+
+REBEKKA. O, mir können Sies schon sagen. Wir beiden sind doch so gute
+Freunde.
+
+FRAU HILSETH. Gott bewahre mich, Fräulein, Ihnen =davon= was zu
+erzählen. Ich kann Ihnen weiter nichts sagen, als daß es was
+abscheuliches war, was sie der armen kranken Frau in den Kopf gesetzt
+hatten.
+
+REBEKKA. Und wer hatte ihr das in den Kopf gesetzt?
+
+FRAU HILSETH. Schlechte Menschen, Fräulein West. Schlechte Menschen.
+
+REBEKKA. Schlechte --?
+
+FRAU HILSETH. Ja, ich sags nochmal. Wirklich schlechte Menschen müssens
+gewesen sein.
+
+REBEKKA. Und wer, meinen Sie, konnte das gewesen sein.
+
+FRAU HILSETH. O, ich weiß schon, was ich weiß. Aber Gott behüte meine
+Zunge ... In der Stadt, da gibts 'ne gewisse feine Dame, die -- hm!
+
+REBEKKA. Ich sehs Ihnen an, Sie meinen Frau Kroll.
+
+FRAU HILSETH. Ja die, das ist eine! Gegen mir war sie immer hochnäsig.
+Und auf Ihnen hat sie auch nie 'n gutes Auge gehabt.
+
+REBEKKA. Glauben Sie, daß Frau Rosmer bei vollem Verstande war, als sie
+den Brief an Mortensgaard schrieb?
+
+FRAU HILSETH. Na, mit den Verstand, Fräulein, damit ists mannigmal 'ne
+wunderliche Sache. Ganz von Sinnen, glaub ich, war sie nicht.
+
+REBEKKA. Aber sie schien doch ganz verstört, als sie erfuhr, sie könnte
+keine Kinder bekommen. Da kam der Wahnsinn zum Ausbruch.
+
+FRAU HILSETH. Ja, das war 'n schrecklicher Schlag für die arme Frau.
+
+REBEKKA (nimmt ihre Häkelei und setzt sich auf den Stuhl am Fenster).
+Übrigens, glauben Sie nicht auch, Frau Hilseth, es war im Grunde gut für
+den Herrn Pastor?
+
+FRAU HILSETH. Was denn, Fräulein?
+
+REBEKKA. Daß keine Kinder da waren. Nicht wahr?
+
+FRAU HILSETH. Hm, ich weiß nicht recht, was ich dazu sagen soll.
+
+REBEKKA. Sie können mir glauben, es war das beste für ihn. Pastor Rosmer
+ist nicht der Mann dazu, Kindergeschrei anzuhören.
+
+FRAU HILSETH. Auf Rosmersholm, Fräulein, schreien die kleinen Kinder
+nicht.
+
+REBEKKA (sieht sie an). Schreien nicht?
+
+FRAU HILSETH. Nein. Hier auf diesem Hof haben die kleinen Kinder seit
+Menschengedenken niemals geschrien.
+
+REBEKKA. Das ist doch merkwürdig.
+
+FRAU HILSETH. Ja, ist das nicht merkwürdig? Aber 's liegt in der
+Familie. Und dann ist da noch was merkwürdiges. Wenn sie grösser werden,
+lachen sie niemals. Lachen nie, solange sie leben.
+
+REBEKKA. Das wäre doch höchst seltsam --
+
+FRAU HILSETH. Hat Fräulein den Herrn Pastor auch nur 'n einzigsmal
+lachen hören oder sehen?
+
+REBEKKA. Ja, -- wenn ich darüber nachdenke, glaub ich fast, Sie haben
+recht. Aber mir scheint, hier in der Gegend lachen die Menschen
+überhaupt nicht viel.
+
+FRAU HILSETH. Das tun Sie auch nicht. Auf Rosmersholm, sagen die Leute,
+fings an. Und dann hat sich auch dies, denk ich mir, immer weiter
+verbreitet, wie so 'ne Art Ansteckung.
+
+REBEKKA. Frau Hilseth, Sie sind eine kluge Frau.
+
+FRAU HILSETH. Ach, Fräulein muß sich nicht über mir lustig machen --.
+(Lauscht.) St, st, -- da kommt der Herr Pastor runter. Den Flederwisch
+mag er hier drin nicht sehn.
+
+ (Sie geht durch die Tür rechts hinaus.)
+
+ (ROSMER kommt mit Hut und Stock in der Hand aus dem Vorzimmer.)
+
+ROSMER. Guten Morgen, Rebekka.
+
+REBEKKA. Guten Morgen, Lieber. (Kurze Pause; sie häkelt.) Willst du
+ausgehn?
+
+ROSMER. Ja.
+
+REBEKKA. Das Wetter ist ja so schön.
+
+ROSMER. Heute morgen bist du nicht zu mir herauf gekommen.
+
+REBEKKA. Nein, -- ich bin nicht gekommen. Heute nicht.
+
+ROSMER. Willst du von jetzt an überhaupt nicht mehr kommen?
+
+REBEKKA. O, das weiß ich noch nicht.
+
+ROSMER. Ist etwas für mich angekommen?
+
+REBEKKA. Das »Kreisblatt«.
+
+ROSMER. Das »Kreisblatt« --!
+
+REBEKKA. Da liegts auf dem Tische.
+
+ROSMER (legt Hut und Stock fort). Steht etwas drin --?
+
+REBEKKA. Ja.
+
+ROSMER. Und du schickst es mir nicht hinauf --
+
+REBEKKA. Du bekommst es noch früh genug zu lesen.
+
+ROSMER. Ah so. (Nimmt das Blatt und liest, am Tische stehend). -- Was!
+-- -- »können nicht genug vor charakterlosen Überläufern warnen« --.
+(Sieht sie an). Rebekka, sie nennen mich einen Überläufer.
+
+REBEKKA. Es ist kein Name genannt.
+
+ROSMER. Das bleibt sich gleich. (Liest weiter). -- »heimliche Verräter
+an der guten Sache« --. -- »Judasnaturen, die frech ihren Abfall
+bekennen, sobald sie den geeigneten und -- profitabelsten Zeitpunkt
+gekommen glauben.« »Rücksichtsloses Attentat auf den Namen berühmter
+Ahnen« --. -- »in der Erwartung, daß die augenblicklichen Machthaber
+eine angemessne Belohnung nicht vorenthalten werden.« (Legt die Zeitung
+auf den Tisch). Und das schreiben sie von mir. Sie, die mich schon so
+lange und so genau kennen. Dinge, an die sie selbst nicht glauben.
+Dinge, von denen sie wissen, daß nicht ein einziges Wort daran wahr ist
+... und doch schreiben sie es.
+
+REBEKKA. Es steht noch mehr darin.
+
+ROSMER (nimmt die Zeitung wieder auf). -- »die einzige Entschuldigung
+ist das schwache, wenig geübte Denkvermögen« --. -- »verderblicher
+Einfluß, der sich vielleicht noch auf andre Gebiete erstreckt; vor der
+Hand wollen wir den Herrn =des=halb öffentlich weder =be=klagen noch
+=an=klagen« --. (Sieht sie an). Was ist das?
+
+REBEKKA. Das gilt mir, wie du siehst.
+
+ROSMER (legt die Zeitung fort). Rebekka, -- so handeln nur unehrenhafte
+Männer.
+
+REBEKKA. Ja, ich finde, sie sind Mortensgaard noch über.
+
+ROSMER (geht auf und ab). Hier =muß= etwas geschehen. Alles was gut ist
+in den Menschen, wird erstickt, wenn dies so weitergeht. Aber das soll
+es nicht. O, wie froh, -- wie glücklich würd ich mich fühlen, könnt ich
+in diesen Abgrund von Finsternis und Häßlichkeit ein wenig Licht
+bringen.
+
+REBEKKA (steht auf). Ja, nicht wahr, Rosmer? Das wäre für dich eine
+große herrliche Aufgabe.
+
+ROSMER. Bedenke nur, könnt ich sie zur Selbsterkenntnis aufrütteln. Sie
+zur Reue und Scham über sich selbst bringen. Sie bewegen, Rebekka, sich
+einander in Verträglichkeit und Liebe zu nähern.
+
+REBEKKA. Ja, setz all deine Kraft hierfür ein, und du sollst sehen, du
+gewinnst.
+
+ROSMER. Mir scheint, es muß glücken. O, welche Freude es dann sein würde
+zu leben! Kein gehässiger Streit mehr. Nur noch Wettstreit. Alle Augen
+auf das eine Ziel gerichtet. Alle Triebe, alle Sinne vorwärts strebend,
+-- empor, -- jeder auf seinem eignen naturnotwendigen Wege. Das Glück
+aller, -- geschaffen durch alle. (Sieht zufällig durchs Fenster ins
+Freie, fährt zusammen und sagt traurig.) Ach! Nicht durch mich.
+
+REBEKKA. Nicht --? Nicht durch dich?
+
+ROSMER. Und auch nicht =für= mich.
+
+REBEKKA. O, Rosmer, laß solche Zweifel nicht in dir aufkommen!
+
+ROSMER. Glück, -- liebe Rebekka, -- Glück, das ist vor allen Dingen das
+stille frohe sichre Bewußtsein der Schuldlosigkeit.
+
+REBEKKA (sieht vor sich hin). Ja, das mit der Schuld --.
+
+ROSMER. O, darüber kannst =du= kaum urteilen. Aber ich --
+
+REBEKKA. Du am allerwenigsten!
+
+ROSMER (zeigt zum Fenster hinaus). Der Mühlbach!
+
+REBEKKA. O, Rosmer --!
+
+FRAU HILSETH (blickt durch die Tür rechts herein). Fräulein!
+
+REBEKKA. Später, später. Jetzt nicht.
+
+FRAU HILSETH. Nur auf ein Wort, Fräulein.
+
+ (REBEKKA geht nach der Tür. FRAU HILSETH teilt ihr etwas mit. Sie
+ sprechen einen Augenblick flüsternd zusammen. FRAU HILSETH nickt und
+ geht.)
+
+ROSMER (unruhig). Wars etwas für mich?
+
+REBEKKA. Nein, nur häusliche Dinge ... Nun solltest du etwas in die
+frische Luft gehen, lieber Rosmer. Einen recht weiten Spaziergang
+machen.
+
+ROSMER (nimmt den Hut). Ja, komm. Dann gehn wir zusammen.
+
+REBEKKA. Nein, Lieber, jetzt kann ich nicht. Du mußt allein gehn. Aber
+schüttle nun all diese schweren Gedanken von dir ab. Versprich mir das.
+
+ROSMER. Ich fürchte, die kann ich niemals abschütteln.
+
+REBEKKA. O, aber daß etwas so grundloses dich mit solcher Macht erfassen
+kann --!
+
+ROSMER. Leider, -- so grundlos ist es nicht. Die ganze Nacht hab ich
+drüber nachgegrübelt. Beate hat vielleicht doch richtig gesehn.
+
+REBEKKA. Worin, meinst du?
+
+ROSMER. Richtig gesehn, als sie glaubte, ich liebte dich, Rebekka.
+
+REBEKKA. Darin richtig gesehn!
+
+ROSMER (legt den Hut auf den Tisch). Mir geht unaufhörlich die Frage im
+Kopf herum, ob wir beiden uns nicht während der ganzen Zeit selber
+getäuscht haben, als wir unser Verhältnis Freundschaft nannten.
+
+REBEKKA. Meinst du vielleicht, es konnte ebensogut ein --
+
+ROSMER. -- Liebesverhältnis genannt werden. Ja, Rebekka, das mein ich.
+Schon zu Beatens Lebzeiten warst du es, der ich all meine Gedanken gab.
+Du allein warst es, nach der mich verlangte. Bei dir nur empfand ich
+diese ruhige frohe wunschlose Glückseligkeit. Wenn wirs richtig
+bedenken, Rebekka: unser Zusammenleben begann wie eine süße heimliche
+Kinderverliebtheit. Ohne Verlangen und ohne Träumerei. Sage mir:
+empfandest du es auch in solcher Weise?
+
+REBEKKA (kämpft mit sich). O, -- ich weiß nicht, was ich dir antworten
+soll.
+
+ROSMER. Und dies innre Leben ineinander und für einander hielten wir für
+Freundschaft. Nein, Rebekka, -- unser Verhältnis war eine geistige Ehe
+-- vielleicht gleich von den ersten Tagen an. Darum hab ich mich mit
+einer Schuld belastet. Ich hatte kein Recht dazu, -- durfte nicht,
+Beatens wegen.
+
+REBEKKA. Du durftest nicht glücklich sein? Glaubst du das, Rosmer?
+
+ROSMER. Sie betrachtete unser Verhältnis mit den Augen =ihrer= Liebe.
+Beurteilte es nach =ihrer= Art zu lieben. Natürlich. Beate konnte nicht
+anders urteilen.
+
+REBEKKA. Aber wie kannst du =dich= anklagen wegen Beatens Irrtum!
+
+ROSMER. Weil sie mich, -- in =ihrer= Weise, -- liebte, ging sie in den
+Mühlbach. =Die= Tatsache, Rebekka, steht fest. Darüber komm ich niemals
+hinweg.
+
+REBEKKA. Ach, denk doch an weiter nichts als an die große schöne
+Aufgabe, für die du dein Leben eingesetzt hast!
+
+ROSMER (schüttelt den Kopf). Die kann wohl nie durchgeführt werden.
+Nicht von mir. Jetzt nicht mehr, nachdem ich dies erfahren habe.
+
+REBEKKA. Warum nicht von dir?
+
+ROSMER. Weil man niemals eine Sache zum Siege führen kann, die ihren
+Ursprung in einem Verbrechen hat.
+
+REBEKKA (leidenschaftlich). O, diese Zweifel, diese Skrupel, diese Angst
+-- das sind angeborne Familienfehler! Nach dem Gerede der Leute kehren
+hier die Toten zurück als jagende weiße Rosse. Ich glaube, dies ist
+etwas ähnliches.
+
+ROSMER. Mag sein. Aber was nützt mir das, wenn ich nun einmal nicht
+darüber hinwegkommen kann? Und glaube mir, Rebekka: es ist so, wie ich
+sage. Die Sache, die zum bleibenden Sieg geführt werden soll, -- die muß
+von einem frohen schuldlosen Manne getragen werden.
+
+REBEKKA. Ist denn =dir=, Rosmer, die Freude ganz und gar unentbehrlich?
+
+ROSMER. Die Freude? Ja, -- das ist sie.
+
+REBEKKA. Dir, der niemals lachen kann?
+
+ROSMER. Trotzdem. Glaube mir, ich hab viel Talent zur Fröhlichkeit.
+
+REBEKKA. Jetzt geh, lieber Freund. Weit, -- ganz weit. Hörst du?...
+Sieh, hier ist dein Hut. Und hier hast du den Stock.
+
+ROSMER (nimmt Hut und Stock). Danke. Und du gehst nicht mit?
+
+REBEKKA. Nein nein, jetzt ich kann nicht.
+
+ROSMER. Ja, ja. Nun, du weißt, du bist trotzdem bei mir.
+
+ (Er geht durch das Vorzimmer hinaus. Kurz darauf lugt REBEKKA hinter
+ der offnen Tür her hinaus. Dann geht sie nach der Tür rechts.)
+
+REBEKKA (öffnet und sagt halblaut). So, Frau Hilseth. Nun können Sie ihn
+hereinlassen.
+
+ (Sie geht nach dem Fenster. Kurz darauf kommt KROLL von rechts. Er
+ grüsst stumm und gemessen und behält den Hut in der Hand.)
+
+KROLL. Er ist also ausgegangen?
+
+REBEKKA. Ja.
+
+KROLL. Pflegt er weit zu gehn?
+
+REBEKKA. O ja. Aber heut ist er so unberechenbar. Wenn Sie ihn also
+nicht treffen wollen --
+
+KROLL. Nein nein. Ich wünsche nur Sie zu sprechen. Und zwar ganz allein.
+
+REBEKKA. Dann ists am besten, wir nutzen die Zeit aus. Nehmen Sie Platz,
+Herr Rektor.
+
+ (Sie setzt sich auf den Lehnstuhl am Fenster. KROLL setzt sich auf
+ einen Stuhl neben ihr.)
+
+KROLL. Fräulein West, -- Sie können sich wohl kaum eine Vorstellung
+davon machen, wie tief es mich schmerzt, dieses -- diese Veränderung,
+die mit Johannes Rosmer vor sich gegangen ist.
+
+REBEKKA. Wir waren darauf vorbereitet, daß es Ihnen sehr zu Herzen gehn
+würde -- das heißt im Anfang.
+
+KROLL. Nur im Anfang?
+
+REBEKKA. Rosmer hegte die sichre Hoffnung, früher oder später würden Sie
+auf seine Seite treten.
+
+KROLL. Ich!
+
+REBEKKA. Sie und all seine andern Freunde.
+
+KROLL. Ja, da sehn Sies! So schwach ist sein Verstand in allem, was die
+Menschen und das praktische Leben betrifft.
+
+REBEKKA. Übrigens, -- wenns ihm nun einmal ein Bedürfnis ist, sich nach
+jeder Richtung hin frei zu machen --
+
+KROLL. Ja aber, sehn Sie, -- grade das glaub ich nicht.
+
+REBEKKA. Was glauben Sie denn?
+
+KROLL. Ich glaube: hinter alledem stecken =Sie=.
+
+REBEKKA. Das haben Sie von Ihrer Frau, Herr Rektor.
+
+KROLL. Das ist gleichgültig, woher ichs habe. Aber so viel steht fest:
+wenn ich mir alles überlege und mir Ihr ganzes Verhalten zu erklären
+suche seit dem Augenblick, da Sie nach Rosmersholm kamen, dann erwacht
+in mir ein starker Verdacht, -- ein außerordentlich starker Verdacht.
+
+REBEKKA (sieht ihn an). Ich glaube mich zu erinnern, lieber Rektor, es
+gab eine Zeit, da hegten Sie ein außerordentlich starkes =Vertrauen= zu
+mir. Ein =warmes= Vertrauen, hätt ich bald gesagt.
+
+KROLL (gedämpft). Wen vermochten Sie nicht zu behexen, -- wenn Sies
+drauf anlegten?
+
+REBEKKA. Legt ichs denn darauf an, Sie --!
+
+KROLL. Jawohl, das taten Sie. Jetzt bin ich nicht mehr so'n Narr, mir
+einzubilden, es sei irgend ein Gefühl mit im Spiel gewesen. Sie wollten
+sich einfach hier auf Rosmersholm Eingang verschaffen. Sich hier
+festsetzen. Und dabei sollt ich Ihnen behülflich sein. Nun seh ichs.
+
+REBEKKA. Sie haben also vollständig vergessen, daß es Beate war, die
+mich bat und anflehte, hierher zu kommen.
+
+KROLL. Ja, als Sie die ebenfalls behext hatten. Oder kann man das
+Gefühl, das Beate für Sie empfand, vielleicht Freundschaft nennen? Es
+schlug um in Vergötterung, -- in Anbetung. Es artete aus in, -- wie soll
+ichs nennen? -- in eine Art verzweifelter Verliebtheit. Ja, das ist das
+richtige Wort.
+
+REBEKKA. Sie wollen sich gütigst erinnern, in welchem Zustand sich Ihre
+Schwester befand. Was mich betrifft, so glaub ich nicht, daß man mich
+der Überspanntheit beschuldigen kann.
+
+KROLL. Nein wahrhaftig nicht. Aber desto gefährlicher werden Sie denen,
+die Sie in Ihre Gewalt haben wollen. Es fällt Ihnen so leicht, mit
+Überlegung und voller richtiger Berechnung zu handeln, -- eben weil Ihr
+Herz kalt ist.
+
+REBEKKA. Kalt? Wissen Sie das bestimmt?
+
+KROLL. Jetzt weiß ichs ganz bestimmt. Sonst hätten Sie hier nicht
+jahrelang Ihr Ziel mit so unerschütterlicher Sicherheit verfolgen
+können. Ja ja, -- Sie haben erreicht, was Sie erreichen wollten. Nicht
+bloß ihn, -- alles hier haben Sie in Ihre Gewalt bekommen. Aber um dies
+alles durchzusetzen, sind Sie nicht davor zurückgeschreckt, ihn
+unglücklich zu machen.
+
+REBEKKA. Das ist nicht wahr! Nicht ich, Sie selbst haben ihn unglücklich
+gemacht.
+
+KROLL. Ich!
+
+REBEKKA. Ja Sie! -- indem Sie ihm den Wahn in den Kopf setzten, er wäre
+schuld an Beatens schrecklichem Ende.
+
+KROLL. Ah, es hat ihn also doch gepackt?
+
+REBEKKA. Das können Sie sich doch denken. Ein so weiches Gemüt --
+
+KROLL. Ich glaubte, ein sogenannter Freigewordner wär über all solche
+Skrupel erhaben ... So also stehts mit uns! Ach ja, -- offen gesagt: das
+hab ich erwartet. Der Nachkomme jener Männer, die von den Wänden dort
+auf uns herabschauen, -- es gelingt ihm nicht, sich von all dem
+loszureißen, was von Geschlecht zu Geschlecht sich auf ihn vererbt hat.
+
+REBEKKA (sieht gedankenvoll vor sich hin). Ja, Johannes Rosmer ist mit
+sehr starken Wurzeln an sein Geschlecht gebunden. Das ist wahr.
+
+KROLL. Und darauf hätten Sie Rücksicht nehmen müssen, wenn Sie ein Herz
+für ihn gehabt hätten. Aber derartige Rücksichten konnten Sie nicht gut
+nehmen. Ihre Voraussetzungen sind von den seinen ja so himmelweit
+verschieden.
+
+REBEKKA. Welche Voraussetzungen meinen Sie?
+
+KROLL. Ich meine die Voraussetzungen, Fräulein West, die sich auf die
+Familie, -- die Geburt beziehen.
+
+REBEKKA. Ah so. Ja, das ist wahr, -- ich bin von sehr geringer Herkunft.
+Aber trotzdem --
+
+KROLL. Ich spreche nicht von Stand und Stellung. Ich denke an die
+sittlichen Voraussetzungen.
+
+REBEKKA. Sittlichen Voraussetzungen --? In welcher Beziehung?
+
+KROLL. Inbezug auf Ihre Geburt.
+
+REBEKKA. Was sagen Sie!
+
+KROLL. Ich sag es ja nur, weil das Ihr ganzes Verhalten erklärt.
+
+REBEKKA. Ich versteh Sie nicht. Ich verlange eine klare offne Erklärung!
+
+KROLL. Ich glaubte wirklich nicht, daß Sie noch eine Erklärung
+brauchten. Sonst wärs doch seltsam, daß Sie sich von Doktor West
+adoptieren ließen --
+
+REBEKKA (steht auf). Ah so! Jetzt versteh ich.
+
+KROLL. -- daß Sie seinen Namen annahmen. Ihre Mutter hieß Gamwik.
+
+REBEKKA (geht im Zimmer umher). Mein Vater hieß Gamwik, Herr Rektor.
+
+KROLL. Der Beruf Ihrer Mutter brachte sie naturgemäß mit dem Kreisarzt
+in beständige Verbindung.
+
+REBEKKA. Da haben Sie recht.
+
+KROLL. Und da nimmt er Sie zu sich, -- gleich nach dem Tode Ihrer
+Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie bei ihm. Sie wissen,
+daß er Ihnen nicht einen einzigen Schilling hinterlassen wird. Sie
+bekamen ja auch bloß einen Kasten voll Bücher. Und doch halten Sie bei
+ihm aus. Haben Geduld mit ihm. Pflegen ihn bis an sein Ende.
+
+REBEKKA (am Tische, sieht ihn höhnisch an). Und daß ich dies alles tat,
+-- das erklären Sie sich daraus, daß an meiner Geburt etwas unsittliches
+haftet, -- etwas verbrecherisches!
+
+KROLL. Was Sie für ihn taten, führ ich auf einen unbewußten kindlichen
+Instinkt zurück. Übrigens wurde Ihr ganzes Verhalten durch Ihre Herkunft
+bestimmt.
+
+REBEKKA (heftig). Aber da ist nicht ein wahres Wort an dem, was Sie da
+sagen! Und das kann ich beweisen! Denn Doktor West war noch garnicht in
+der Finnmark, als ich geboren wurde.
+
+KROLL. Bitt um Entschuldigung, -- Fräulein. Er kam in dem Jahr vorher.
+Das hab ich festgestellt.
+
+REBEKKA. Und ich sag Ihnen: Sie irren! Irren vollständig!
+
+KROLL. Sie sagten gestern, Sie wären neunundzwanzig. Gingen ins
+dreißigste.
+
+REBEKKA. So? Sagt ich das?
+
+KROLL. Allerdings. Und danach kann ich berechnen, daß --
+
+REBEKKA. Halt! Ihre Berechnungen nützen Ihnen nichts. Denn ich kanns
+Ihnen ja gleich sagen: Ich bin ein Jahr älter als ich mich ausgebe.
+
+KROLL (lächelt ungläubig). Wirklich? Das ist was neues. Wie kommt das?
+
+REBEKKA. Als ich fünfundzwanzig erreicht hatte, schien es mir, --
+unverheiratet wie ich war, -- ich würde zu alt. Und so begann ich ein
+Jahr abzulügen.
+
+KROLL. Sie? Eine Freigewordne? =Sie= hegen noch Vorurteile inbezug auf
+das heiratsfähige Alter?
+
+REBEKKA. Ja, 's war grützdumm, -- und obendrein lächerlich. Aber dies
+und jenes, von dem man sich nicht losmachen kann, bleibt immer an einem
+haften. Wir sind nun mal so.
+
+KROLL. Mag sein. Aber die Berechnung kann dennoch stimmen. Denn Doktor
+West war ein Jahr vor seiner Anstellung zu einem flüchtigen Besuch da
+oben in der Finnmark.
+
+REBEKKA (leidenschaftlich). Das ist nicht wahr!
+
+KROLL. Das ist nicht wahr?
+
+REBEKKA. Nein. Denn davon hat mir meine Mutter nie etwas erzählt.
+
+KROLL. Wirklich nicht?
+
+REBEKKA. Nein, nie. Und Doktor West auch nicht. Nie eine Silbe!
+
+KROLL. Könnte das nicht geschehn sein, weil sie beide Grund hatten ein
+Jahr zu überspringen? Grad so wie =Sie= eins übersprungen haben. Das ist
+vielleicht ein Familienzug.
+
+REBEKKA (geht umher, presst und ringt die Hände). Das ist unmöglich. Das
+wollen Sie mir nur einreden. Das kann nicht wahr sein! Nie und nimmer!
+In alle Ewigkeit nicht --!
+
+KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum in Himmels Namen
+nehmen Sies in der Weise? Sie erschrecken mich förmlich! Was soll ich da
+glauben und denken --!
+
+REBEKKA. Nichts. Sie sollen weder was glauben noch denken.
+
+KROLL. Dann müssen Sie mir aber wirklich erklären, warum Sie diese
+Sache, -- diese Möglichkeit sich so zu Herzen nehmen.
+
+REBEKKA (fasst sich). Das ist doch ganz natürlich, Herr Rektor. Ich habe
+nicht Lust, hier als ein uneheliches Kind zu gelten.
+
+KROLL. Ah so. Ja ja, beruhigen wir uns, -- vorläufig, -- bei dieser
+Erklärung. Aber dann haben Sie sich ja also auch in diesem Punkte noch
+ein gewisses -- Vorurteil bewahrt.
+
+REBEKKA. Das scheint so.
+
+KROLL. Na, ich denke, dieselbe Bewandtnis hat es wohl auch mit dem
+meisten von dem, was Sie Ihre Befreiung nennen. Sie haben sich einen
+ganzen Haufen neuer Gedanken und Meinungen angelesen. Sie wissen
+einigermaßen Bescheid über die Forschungen auf verschiednen Gebieten, --
+Forschungen, die manches von dem, was bisher bei uns als unumstößlich
+und unangreifbar galt, umzustoßen scheinen. Aber dies alles, Fräulein
+West, ist bei Ihnen nur bloßes Wissen geblieben. Tote Kenntnisse. Es ist
+Ihnen nicht in Fleisch und Blut übergegangen.
+
+REBEKKA (nachdenklich). Möglich, daß Sie recht haben.
+
+KROLL. Ja, prüfen Sie sich nur selbst, dann werden Sie sehn! Und wenn es
+so mit Ihnen steht, kann man sich leicht vorstellen, wie es mit Johannes
+Rosmer bestellt ist. Es ist ja helle blanke Verrücktheit, -- es heißt
+schnurstracks ins Verderben rennen, wenn er offen hervortreten und sich
+als Abtrünnigen bekennen will! Bedenken Sie, -- er mit diesem scheuen
+Gemüt! Stellen Sie sich =ihn= vor als verstoßen, -- verfolgt von dem
+Kreise, dem er bisher angehört hat. Rücksichtslosen Angriffen ausgesetzt
+von den besten unsrer Gesellschaft. Nie und nimmer ist er der Mann, dem
+die Stirn zu bieten.
+
+REBEKKA. All dem =muß= er die Stirn bieten! Jetzt ist es für ihn zu
+spät, sich zurückzuziehen.
+
+KROLL. Zu spät? Durchaus nicht. In keiner Beziehung. Was geschehn ist,
+kann totgeschwiegen, -- oder doch jedenfalls als eine bloß
+vorübergehende wenn auch beklagenswerte Verirrung erklärt werden. Aber
+-- =eine= Verhaltungsmaßregel ist freilich unumgänglich notwendig.
+
+REBEKKA. Und die wäre?
+
+KROLL. Fräulein West, Sie müssen ihn veranlassen, das Verhältnis zu
+legalisieren.
+
+REBEKKA. Das Verhältnis, in dem er zu mir steht?
+
+KROLL. Ja, Sie müssen sehn, daß Sie ihn dazu bewegen.
+
+REBEKKA. Sie können sich also gar nicht von der Ansicht frei machen,
+unser Verhältnis bedürfe der -- Legalisierung, wie Sies nennen?
+
+KROLL. Auf die Sache selbst will ich nicht näher eingehn. Allerdings
+aber glaub ich beobachtet zu haben, daß man =dort= am leichtesten mit
+allen sogenannten Vorurteilen bricht, wo es sich handelt um -- hm.
+
+REBEKKA. Um das Verhältnis zwischen Mann und Weib, meinen Sie?
+
+KROLL. Ja, -- offen gestanden, -- das glaub ich.
+
+REBEKKA (geht durch das Zimmer und blickt zum Fenster hinaus). Rektor
+Kroll, beinah hätt ich gesagt, -- möchten Sie nur recht haben.
+
+KROLL. Was meinen Sie damit? Sie sagen das in einem so seltsamen Ton.
+
+REBEKKA. Ach was! Sprechen wir nicht mehr von diesen Dingen ... Ah, --
+da kommt er.
+
+KROLL. Schon! Dann geh ich.
+
+REBEKKA (auf ihn zugehend). Nein, bleiben Sie. Denn nun sollen Sie etwas
+erfahren.
+
+KROLL. Jetzt nicht. Ich ertrag es nicht, ihn jetzt zu sehn.
+
+REBEKKA. Bleiben Sie! Ich bitte darum. Bitte Sie dringend. Sonst werden
+Sie es später bereuen. Es ist das letzte Mal, daß ich Sie um etwas
+bitte.
+
+KROLL (sieht sie verwundert an und legt den Hut fort). Nun gut, Fräulein
+West. Es mag sein.
+
+ (Eine Weile ist es still. Dann kommt ROSMER aus dem Vorzimmer.)
+
+ROSMER (erblickt den Rektor, bleibt in der Tür stehen). Was! -- =du=
+hier!
+
+REBEKKA. Am liebsten wär er dir nicht begegnet, Rosmer.
+
+KROLL (unwillkürlich). Dir!
+
+REBEKKA. Ja, Herr Rektor. Rosmer und ich -- wir duzen uns. Unser
+Verhältnis hat das so mit sich gebracht.
+
+KROLL. Wars =das=, was ich erfahren sollte?
+
+REBEKKA. Das und -- noch etwas.
+
+ROSMER (kommt näher). Was ist der Zweck des heutigen Besuches?
+
+KROLL. Ich wollte noch einmal versuchen, dich aufzuhalten und
+zurückzugewinnen.
+
+ROSMER (zeigt auf die Zeitung). Nach dem, was =dort= steht?
+
+KROLL. Ich habs nicht geschrieben.
+
+ROSMER. Hast du Schritte getan, es zu verhindern?
+
+KROLL. Das wär ein unverantwortlicher Verrat gewesen an der Sache, der
+ich diene. Auch stand es nicht in meiner Macht.
+
+REBEKKA (reisst die Zeitung in Stücke, ballt diese zusammen und wirft
+sie hinter den Ofen). So. Nun ists aus den Augen. Und entfern es auch
+aus deinen Gedanken. Denn etwas der Art, Rosmer, kommt nicht wieder.
+
+KROLL. Ach ja, brächten Sie =das= fertig --
+
+REBEKKA. Komm, Lieber, setzen wir uns. Alle drei. Dann will ich alles
+sagen.
+
+ROSMER (setzt sich unwillkürlich). Rebekka, was ist mit dir vorgegangen!
+Diese unheimliche Ruhe --. Was bedeutet das?
+
+REBEKKA. Diese Ruhe bedeutet, daß ich einen Entschluß gefaßt habe.
+(Setzt sich.) Nehmen Sie ebenfalls Platz, Herr Rektor.
+
+ (KROLL setzt sich auf das Sofa.)
+
+ROSMER. Einen Entschluß, sagst du! Welchen Entschluß?
+
+REBEKKA. Ich will dir wiedergeben, was du brauchst, um das Leben zu
+ertragen. Du sollst deine frohe Schuldlosigkeit zurückerhalten, lieber
+Freund.
+
+ROSMER. Aber was hat dies zu bedeuten!
+
+REBEKKA. Ich will nur erzählen. Weiter ist nichts nötig.
+
+ROSMER. Nun!
+
+REBEKKA. Als ich, -- mit Doktor West, -- aus der Finnmark hierher kam,
+da wars mir, als hätt eine neue große weite Welt sich mir aufgetan. Der
+Doktor hatte mich mancherlei gelehrt. All das Verschiedenartige, was ich
+damals vom Leben und den menschlichen Dingen wußte. (Mit sich kämpfend
+und kaum hörbar.) Und da --
+
+KROLL. Und da?
+
+ROSMER. Aber Rebekka, -- das weiß ich ja doch.
+
+REBEKKA (nimmt sich zusammen). Ja ja, -- darin hast du eigentlich recht.
+Du weißt =genug= davon.
+
+KROLL (sieht sie fest an). Vielleicht geh ich lieber.
+
+REBEKKA. Nein, Sie sollen bleiben, lieber Rektor. (Zu ROSMER.) Ja,
+siehst du, das also war es: ich wollte Anteil haben an der neuen Zeit,
+die anbrach. Anteil haben an all den neuen Gedanken... Rektor Kroll
+erzählte mir eines Tages, Ulrich Brendel hätte eine große Macht über
+dich gehabt, als du noch ein Knabe warst. Mir schien, es müsse doch
+möglich sein, diese Macht an mich zu bringen.
+
+ROSMER. Du kamst mit einer geheimen Absicht hierher --!
+
+REBEKKA. Gemeinsam mit dir wollt ich vorwärts, der Freiheit entgegen
+gehn. Immer weiter, immer weiter bis an die Gränze.... Aber zwischen dir
+und der vollen Unabhängigkeit erhob sich ja diese finstere
+unübersteigliche Mauer.
+
+ROSMER. Welche Mauer meinst du?
+
+REBEKKA. Ich meine, Rosmer: nur im hellen frischen Sonnenschein konntest
+du die Freiheit erlangen, und da sah ich dich kranken und hinsiechen in
+der Finsternis einer solchen Ehe.
+
+ROSMER. Bis zu dem heutigen Tage hast du in =der= Weise über meine Ehe
+noch nie mit mir gesprochen.
+
+REBEKKA. Nein; ich wagt es nicht; ich hätte dich erschreckt.
+
+KROLL (winkt ROSMER). Hörst du!
+
+REBEKKA (fährt fort). Aber ich sah bald deutlich, wo dir Rettung werden
+konnte. Die einzige Rettung. Und da handelte ich.
+
+ROSMER. Du hast gehandelt? In welcher Weise?
+
+KROLL. Wollen Sie damit sagen, Sie --!
+
+REBEKKA. Ja, Rosmer --. (Steht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr
+Rektor. Aber nun muß es an den Tag... Du warst es nicht, Rosmer. Du bist
+ohne Schuld. Ich war es, die Beate lockte --, die schließlich Beate auf
+diese Irrwege lockte --
+
+ROSMER (springt auf). Rebekka!
+
+KROLL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte!
+
+REBEKKA. Auf die Wege, -- die zum Mühlbach führten. Nun wißt Ihrs, alle
+beide.
+
+ROSMER (wie betäubt). Aber ich begreife nicht --. Was sagt sie? Ich
+begreife kein Wort --!
+
+KROLL. Ach ja, Rosmer. Ich fang an zu begreifen.
+
+ROSMER. Aber was hast du denn getan! Was hast du ihr nur sagen können?
+Es lag ja nichts vor. Garnichts!
+
+REBEKKA. Sie erfuhr, daß du dich von all den alten Vorurteilen zu
+befreien suchtest.
+
+ROSMER. Aber das war ja damals noch nicht der Fall.
+
+REBEKKA. Ich wußte, daß es bald geschehen würde.
+
+KROLL (nickt ROSMER zu). Aha!
+
+ROSMER. Und dann? Was weiter? Ich will jetzt alles wissen.
+
+REBEKKA. Einige Zeit darauf -- da bat ich sie, mich abreisen zu lassen.
+
+ROSMER. Warum wolltest du denn damals reisen?
+
+REBEKKA. Ich wollte nicht reisen. Ich wollte bleiben, wo ich war. Aber
+ich sagt ihr, es wäre für uns alle das beste ... wenn ich bei Zeiten
+fortkäme. Ich gab ihr zu verstehn, wenn ich noch länger bliebe, -- so
+könnte -- könnte sich -- etwas schlimmes ereignen.
+
+ROSMER. Das also hast du gesagt und getan.
+
+REBEKKA. Ja, Rosmer.
+
+ROSMER. Und das nanntest du handeln.
+
+REBEKKA (mit gebrochener Stimme). Ich nannt es so, ja.
+
+ROSMER (nach kurzem Schweigen). Hast du nun alles bekannt, Rebekka?
+
+REBEKKA. Ja.
+
+KROLL. Nicht alles.
+
+REBEKKA (sieht ihn erschreckt an). Was sollt ich denn sonst noch haben?
+
+KROLL. Gaben Sie schließlich Beate nicht zu verstehn, es wäre notwendig,
+-- nicht bloß das beste, -- sondern notwendig, aus Rücksicht auf Sie und
+Rosmer, daß Sie anderswohin reisten, -- und zwar so schnell wie möglich?
+-- Nun?
+
+REBEKKA (leise und undeutlich). Vielleicht hab ich etwas ähnliches
+gesagt.
+
+ROSMER (sinkt in den Lehnstuhl am Fenster). Und an dieses Lug- und
+Truggewebe hat sie geglaubt, die unglückliche Kranke! Hartnäckig und
+fest geglaubt! Unerschütterlich! (Sieht REBEKKA an.) Und niemals wendete
+sie sich an mich. Niemals auch nur mit einem Worte! O Rebekka, -- ich
+sehs dir an, -- du hast ihr davon abgeraten!
+
+REBEKKA. Sie hatte sichs ja in den Kopf gesetzt, sie habe -- als
+kinderlose Frau, -- nicht das Recht, hier zu sein. Und so bildete sie
+sich ein, ihre Pflicht gegen dich gebiete ihr, Platz zu machen.
+
+ROSMER. Und du, -- du tatest nichts, ihr diese Wahnvorstellung zu
+nehmen?
+
+REBEKKA. Nein.
+
+KROLL. Vielleicht bestärkten Sie sie noch darin? Antworten Sie!
+Bestärkten Sie sie noch?
+
+REBEKKA. Ich glaube, sie verstand mich ohnehin.
+
+ROSMER. Ja ja, -- und vor deinem Willen beugte sie sich in allem. Und da
+machte sie Platz. (Springt auf.) Wie konntest, -- wie konntest du dies
+entsetzliche Spiel unternehmen!
+
+REBEKKA. Ich glaubte, Rosmer, hier gelte es, zwischen deinem und ihrem
+Leben zu wählen.
+
+KROLL (streng und nachdrücklich). Sie hatten kein Recht, eine solche
+Wahl zu treffen.
+
+REBEKKA (heftig). Aber glauben Sie denn, ich hätte mit kalter
+berechnender Überlegung gehandelt! Denken Sie, ich wäre damals dieselbe
+gewesen wie jetzt, wo ichs Ihnen erzähle?... Und dann wohnen auch, glaub
+ich, im Menschen zwei Arten von Willen! Ich wollte Beate fort haben. Auf
+die ein oder andre Weise. Aber niemals glaubt ich, daß es dahin kommen
+würde. Bei jedem Schritt, den ich versuchte, den ich vorwärts wagte, war
+mirs, als schrie etwas in mir: Nicht weiter! Keinen Schritt weiter!...
+Und doch =konnt= ich nicht stehn bleiben. Ich =mußte= mich noch ein ganz
+klein wenig weiter wagen. Nur einen einzigen Schritt. Und dann noch
+einen -- immer noch einen ... Und dann kam es ... In der Weise geschehn
+solche Dinge.
+
+ (Kurzes Schweigen.)
+
+ROSMER (zu Rebekka). Und was wird jetzt aus dir? Nach diesem Geständnis?
+
+REBEKKA. Aus mir mag werden was will. Darauf kommt wenig an.
+
+KROLL. Nicht =ein= Wort der Reue! Vielleicht fühlen Sie gar keine?
+
+REBEKKA (kalt abweisend). Entschuldigen Sie, Herr Rektor, -- das ist
+eine Sache, die andre nichts angeht. Das mach ich schon mit mir selbst
+ab.
+
+KROLL (zu ROSMER). Und mit diesem Weibe lebst du zusammen unter einem
+Dache! In vertraulicher Gemeinschaft! (Blickt umher auf die Porträts.)
+O, -- wenn diese da jetzt auf uns herabsehn könnten!
+
+ROSMER. Gehst du nach der Stadt?
+
+KROLL (nimmt seinen Hut). Ja. Je eher je lieber.
+
+ROSMER (nimmt ebenfalls seinen Hut). Ich geh mit.
+
+KROLL. Du gehst mit! Ach ja, das wußt ich, daß wir dich noch nicht ganz
+verloren hatten.
+
+ROSMER. So komm, Kroll! Komm!
+
+ (Sie gehn beide durch das Vorzimmer hinaus, ohne Rebekka anzusehn.
+ -- Kurz darauf tritt sie vorsichtig ans Fenster und blickt zwischen
+ den Blumen hindurch hinaus.)
+
+REBEKKA (spricht halblaut mit sich selbst). Auch heute nicht über den
+Steg. Geht oben herum. Kommt niemals über den Mühlbach. Niemals. (Geht
+vom Fenster weg.) Ja, ja! Wohlan!
+
+ (Sie geht und zieht am Klingelzug. -- Kurz darauf kommt FRAU HILSETH
+ von rechts).
+
+FRAU HILSETH. Was wünschen Sie, Fräulein?
+
+REBEKKA. Frau Hilseth, sei'n Sie so freundlich und lassen meinen
+Reisekoffer vom Boden herunterholen.
+
+FRAU HILSETH. Den Reisekoffer!
+
+REBEKKA. Ja; wissen Sie, den braunen mit Seehundsfell überzognen.
+
+FRAU HILSETH. Jawoll. Aber mein Gott, -- will Fräulein denn verreisen?
+
+REBEKKA. Ja, Frau Hilseth, -- ich verreise.
+
+FRAU HILSETH. Und schon so bald!
+
+REBEKKA. Sobald ich gepackt habe.
+
+FRAU HILSETH. Hat man je sowas gehört! Aber Fräulein kommt doch bald
+wieder?
+
+REBEKKA. Ich komme nie wieder.
+
+FRAU HILSETH. Nie! Aber Herr du mein Gott, was soll denn auf Rosmersholm
+werden, wenn Fräulein West nicht mehr da ist! Der arme Pastor hatte es
+nu so schön und angenehm.
+
+REBEKKA. Ja, aber, Frau Hilseth, heut hab ich Angst bekommen.
+
+FRAU HILSETH. Angst! Jesses, -- vor was denn?
+
+REBEKKA. Ja, mir ist, als hätt ich ganz flüchtig das weiße Roß gesehn.
+
+FRAU HILSETH. Das weiße Roß! Mitten am hellichten Tage!
+
+REBEKKA. O, die sind früh und spät auf den Beinen, -- die weißen Rosse
+von Rosmersholm. (Schlägt einen andern Ton an.) Nun, -- also den
+Reisekoffer, Frau Hilseth.
+
+FRAU HILSETH. Jawoll. Den Reisekoffer.
+
+ (Sie gehn beide rechts hinaus.)
+
+
+
+
+VIERTER AUFZUG.
+
+
+ Das Wohnzimmer auf Rosmersholm. Es ist spät am Abend. Die mit einem
+ Schirm versehene Lampe steht angezündet auf dem Tische.
+
+ REBEKKA steht am Tische und packt verschiedene kleine Gegenstände in
+ eine Reisetasche. Ihr Mantel und ihr Hut sowie der gehäkelte
+ Wollshawl hängen über der Sofalehne. -- FRAU HILSETH kommt von
+ rechts.
+
+FRAU HILSETH (spricht gedämpft und scheint zurückhaltend). Ja, Fräulein,
+nu sind also die Sachen alle 'rausgetragen. Sie stehn im Küchengang.
+
+REBEKKA. Gut. Und dem Kutscher haben Sie doch Bescheid gesagt?
+
+FRAU HILSETH. Jawoll. Er fragt, wann er mit den Wagen hier sein soll.
+
+REBEKKA. Ich denke, so gegen elf. Der Dampfer geht um Mitternacht ab.
+
+FRAU HILSETH (etwas zögernd). Aber der Herr Pastor? Wenn der nu bis
+dahin noch nicht zurück ist?
+
+REBEKKA. Dann reis ich trotzdem. Sollt ich ihn nicht mehr sehn, können
+Sie ihm sagen, ich würd ihm schreiben. Einen langen Brief. Sagen Sie
+das.
+
+FRAU HILSETH. Ja, das ist nu alles gut und schön -- das mit dem
+Schreiben. Aber, armes Fräulein, -- meine Meinung ist nun die, Sie
+sollten versuchen noch mal mit ihm zu reden.
+
+REBEKKA. Vielleicht. Oder vielleicht doch lieber nicht.
+
+FRAU HILSETH. Nein, -- daß ich sowas erleben muß, -- das hätt ich mein
+Lebtag nicht gedacht!
+
+REBEKKA. Was hatten Sie sich denn gedacht, Frau Hilseth?
+
+FRAU HILSETH. Na, ich hatte mir Pastor Rosmer doch 'n bißchen reeller
+vorgestellt.
+
+REBEKKA. Reeller?
+
+FRAU HILSETH. Ja ja, reeller; jawoll!
+
+REBEKKA. Aber liebe Frau Hilseth, was meinen Sie damit?
+
+FRAU HILSETH. Ich, Fräulein, meine, was recht und billig ist. Auf =die=
+Art und Weise mußt er sich nicht los und ledig machen; auf die nicht.
+
+REBEKKA (sieht sie an). Nun hören Sie mal, Frau Hilseth. Sagen Sie mir
+offen und ehrlich, -- warum, meinen Sie, reis ich weg?
+
+FRAU HILSETH. Herrgott, Fräulein, das ist ja doch wohl 'n Müssen! Ach
+ja, ja, ja! Aber meine Meinung ist nun die, schön ist das nicht vom
+Herrn Pastor. Der Mortensgaard, na der war ja entschuldigt. Nämlich sie
+hatte ja noch ihren Mann am Leben. Also =die= beiden, die konnten sich
+nicht heiraten, so gern sie auch mochten. Aber der Herr Pastor, sehn
+Sie, der -- hm!
+
+REBEKKA (mit schwachem Lächeln). Hätten Sie sich von Pastor Rosmer und
+mir sowas denken können?
+
+FRAU HILSETH. Mein Lebtag nicht. Ja, ich meine, -- bis heute nicht.
+
+REBEKKA. Also von heut an --?
+
+FRAU HILSETH. Na, -- nach all den Schlechtigkeiten, die, wie die Leute
+sagen, vom Herrn Pastor in die Zeitungen stehn sollen --
+
+REBEKKA. Aha!
+
+FRAU HILSETH. Denn meine Meinung ist nun die: dem Mann, der zu dem
+Mortensgaard seine Reljohn übertreten kann, dem ist weiß Gott alles
+zuzutrauen.
+
+REBEKKA. Ach ja, das mag schon sein. Aber ich? Was sagen Sie von mir?
+
+FRAU HILSETH. Du lieber Gott, Fräulein, -- was wär denn gegen Ihnen groß
+zu sagen! Für 'ne Alleinstehende, denk ich mir, ists nicht so leicht,
+Stand zu halten... Wir sind ja doch alle Menschen, Fräulein West, --
+alle mit 'nander.
+
+REBEKKA. Sehr wahr, Frau Hilseth. Wir sind alle miteinander Menschen. --
+Wonach horchen Sie?
+
+FRAU HILSETH (leise). O Jesses, -- ich glaub, da kommt er grad!
+
+REBEKKA (fährt zusammen). Also doch --! (Bestimmt.) Nun ja. Es sei.
+
+ (ROSMER kommt aus dem Vorzimmer.)
+
+ROSMER (erblickt das Reisezeug, wendet sich an REBEKKA und fragt). Was
+hat das zu bedeuten?
+
+REBEKKA. Ich reise.
+
+ROSMER. Auf der Stelle?
+
+REBEKKA. Ja. (Zu FRAU HILSETH.) Also elf Uhr.
+
+FRAU HILSETH. Jawoll, Fräulein; jawoll. (Sie geht rechts hinaus.)
+
+ROSMER (nach kurzem Schweigen). Wo reisest du hin, Rebekka?
+
+REBEKKA. Nach dem Norden, mit dem Dampfer.
+
+ROSMER. Nach dem Norden? Was willst du dort?
+
+REBEKKA. Von da bin ich ja hergekommen.
+
+ROSMER. Aber jetzt hast du da nichts mehr zu schaffen.
+
+REBEKKA. Hier unten auch nicht.
+
+ROSMER Was gedenkst du denn anzufangen?
+
+REBEKKA. Das weiß ich noch nicht. Ich will nur sehen, der Sache ein Ende
+zu machen.
+
+ROSMER. Ein Ende zu machen?
+
+REBEKKA. Rosmersholm hat mich gebrochen.
+
+ROSMER (wird aufmerksam). Das behauptest du?
+
+REBEKKA. Geknickt und gebrochen ... Als ich hierher kam, hatt ich einen
+so frischen und mutigen Willen. Jetzt hab ich mich unter ein fremdes
+Gesetz gebeugt ... Von nun an, das fühl ich, hab ich zu nichts, zu gar
+nichts mehr Mut.
+
+ROSMER. Warum denn nicht? Und was ist das für ein Gesetz, unter das
+du --?
+
+REBEKKA. Rosmer, davon wollen wir heut lieber nicht sprechen ... Wie
+steht es jetzt mit dir und dem Rektor?
+
+ROSMER. Wir haben Frieden geschlossen.
+
+REBEKKA. Ah so. Damit also hat die Sache geendet.
+
+ROSMER. Er ließ all unsre alten Freunde zu sich kommen. Sie haben mich
+überzeugt, daß ich für eine solche Mission, -- die Geister der Menschen
+zu adeln, -- ganz und gar nicht geschaffen bin ... Und übrigens,
+Rebekka, ist das auch an und für sich etwas so Hoffnungloses ... Ich
+befasse mich nicht damit.
+
+REBEKKA. Ja ja, -- das wird wohl das beste sein.
+
+ROSMER. Das sagst du jetzt! Ist das =jetzt= deine Ansicht?
+
+REBEKKA. Ja, zu dieser Ansicht bin ich gekommen. In den letzten paar
+Tagen.
+
+ROSMER. Rebekka, du lügst!
+
+REBEKKA. Ich lüge --!
+
+ROSMER. Ja, du lügst. Du hast nie an mich geglaubt. Niemals hast du
+geglaubt, ich sei der Mann, diese Sache siegreich durchzukämpfen.
+
+REBEKKA. Ich glaubte, wir beide zusammen würden sie zum Siege führen.
+
+ROSMER. Das ist nicht wahr. Du glaubtest selber etwas großes im Leben
+vollbringen zu können. Und mich glaubtest du als Werkzeug für deine
+Absichten, deine Zwecke gebrauchen zu können. Dazu war ich geeignet.
+=Das= hast du geglaubt!
+
+REBEKKA. Nun hör mich an, Rosmer.
+
+ROSMER (setzt sich traurig aufs Sofa). Ach laß mich! Jetzt seh ich der
+ganzen Sache auf den Grund. Ich war wie ein Handschuh in deinen Händen.
+
+REBEKKA. Rosmer, hör mich an. Sprechen wir uns hierüber aus. Es ist das
+letzte Mal. (Sie setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa.) Ich hatte
+die Absicht, dir über all das zu schreiben, -- nach meiner Rückkehr in
+die Finnmark. Aber es ist wohl das beste, ich sag es dir jetzt gleich.
+
+ROSMER. Hast du mir noch ein Geständnis zu machen?
+
+REBEKKA. Ja, das größte!
+
+ROSMER. Das größte?
+
+REBEKKA. Das, was du nie geahnt hast. Was allem andern Licht und
+Schatten gibt.
+
+ROSMER (schüttelt den Kopf). Ich versteh dich gar nicht.
+
+REBEKKA. Es ist wahr, ich hab einmal meine Netze ausgeworfen, um hier
+auf Rosmersholm Einlaß zu erhalten. Denn ich glaubte, hier würd ich wohl
+mein Glück machen. Du begreifst -- auf die ein oder andre Weise.
+
+ROSMER. Und was du erreichen wolltest, hast du erreicht.
+
+REBEKKA. Ich glaube, damals hätt ich alles erreicht. Denn da hatt ich
+noch meinen ungebändigten freigebornen Willen. Rücksichten kannt ich
+nicht. Menschliche Verhältnisse schreckten mich nicht... Aber dann
+begann das, was meinen Willen gebrochen und mich Zeit meines Lebens so
+jämmerlich feig gemacht hat.
+
+ROSMER. Was begann? Rede so, daß ich dich verstehn kann.
+
+REBEKKA. Da kam es über mich -- dies wilde unbezwingliche Verlangen --!
+O Rosmer --!
+
+ROSMER. Verlangen? Du hattest --! Wonach?
+
+REBEKKA. Nach dir.
+
+ROSMER (will aufspringen). Was sagst du!
+
+REBEKKA (hält ihn zurück). Bleib sitzen, Liebster. Hör weiter.
+
+ROSMER. Und du willst behaupten -- du hättest mich geliebt -- in der
+Weise!
+
+REBEKKA. Damals glaubt ich, es müßte Liebe genannt werden. Und ich hielt
+es auch für Liebe. Aber es war keine. Es war so, wie ich sagte. Ein
+wildes unbezwingliches Verlangen.
+
+ROSMER (mit Mühe). Rebekka, -- bist du es selbst, -- bist du es wirklich
+selbst, von der du dies alles erzählst!
+
+REBEKKA. Ja, was meinst du denn, Rosmer!
+
+ROSMER. Also darum, -- von dieser Leidenschaft gestachelt, -- hast du
+=gehandelt=, wie dus nennst.
+
+REBEKKA. Es kam über mich wie ein Sturm am Meere. Wie einer jener
+Orkane, wie wir sie zur Winterzeit da oben im Norden haben. Er packt
+einen, -- und reißt einen mit fort, -- so weit er will. An Widerstand
+kein Gedanke.
+
+ROSMER. Und dieser Sturm fegte die unglückliche Beate hinab in den
+Mühlbach.
+
+REBEKKA. Ja, denn zu der Zeit wars zwischen Beate und mir ein Kampf auf
+Leben und Tod, -- wie wenn auf einem Wrack zwei Schiffbrüchige
+miteinander ringen.
+
+ROSMER. Und du warst ja die stärkste auf Rosmersholm. Stärker als Beate
+und ich zusammen.
+
+REBEKKA. Dich kannt ich genügend, um zu wissen: kein Weg führte zu dir,
+solange du unfrei warst in deinen Verhältnissen -- und in deinem Denken.
+
+ROSMER. Aber ich begreife dich nicht, Rebekka. Du, -- du selbst, -- dein
+ganzes Verhalten -- alles ist mir ein unlösbares Rätsel. Jetzt bin ich
+ja frei, -- in meinem Denken und in meinen Verhältnissen. Du stehst nun
+nah an dem Ziel, das du dir von Anfang an gesetzt hattest. Und
+dennoch --!
+
+REBEKKA. Nie war ich dem Ziel ferner als jetzt.
+
+ROSMER. -- und dennoch, sag ich, -- als ich dich gestern fragte, -- dich
+bat: werde mein Weib, -- da schriest du wie erschreckt auf: mein Weib
+könntest du niemals werden!
+
+REBEKKA. Rosmer, da schrie ich in Verzweiflung auf.
+
+ROSMER. Warum?
+
+REBEKKA. Weil Rosmersholm mich gelähmt hat. Meinem kraftvollen Willen
+sind hier die Schwungfedern beschnitten. Und gebrochen! Für mich ist die
+Zeit dahin, wo ich den Mut hatte, alles, alles zu wagen. Rosmer, ich
+habe die Kraft zum Handeln verloren.
+
+ROSMER. Sage mir, wie das gekommen ist.
+
+REBEKKA. Durch mein Zusammenleben mit dir.
+
+ROSMER. Aber wie? Wie denn?
+
+REBEKKA. Als ich hier allein mit dir war, -- und als du wieder du selbst
+geworden --
+
+ROSMER. Ja, ja?
+
+REBEKKA. -- denn niemals warst du ganz du selbst, solange Beate lebte --
+
+ROSMER. Leider, darin hast du recht.
+
+REBEKKA. Aber als ich dann hier zusammen mit dir lebte, -- in der
+Stille, -- in der Einsamkeit, -- als du mir rückhaltlos all deine
+Gedanken gabst, -- jede Stimmung, so zart und so fein wie du selbst sie
+empfandest -- da vollzog sich die große Wandlung. Du begreifst: ganz
+allmählich. Fast unmerklich, -- aber zuletzt mit =so= überwältigender
+Macht --! Bis auf den innersten Grund meiner Seele.
+
+ROSMER. O, Rebekka, was ist das!
+
+REBEKKA. All das andre, -- jenes häßliche sinnenberauschende Verlangen,
+das entrückte mir so weit, so weit! All diese empörten Mächte beruhigten
+sich, wurden friedlich und stumm. Eine Gemütsruhe kam über mich, -- eine
+Stille, wie bei uns da oben auf einem Vogelberg unter der
+Mitternachtssonne.
+
+ROSMER. Sage mir noch mehr. Alles, was du zu sagen hast.
+
+REBEKKA. Es ist nicht viel mehr, Lieber. Nur dies eine noch, daß dann
+die Liebe kam. Jene große entsagende Liebe, die sich mit dem
+Zusammenleben begnügt; derart, wie es zwischen uns beiden war.
+
+ROSMER. O, hätt ich von alldem nur die leiseste Ahnung gehabt!
+
+REBEKKA. Wie es ist, so ist es am besten. Gestern, -- als du mich
+fragtest, ob ich dein Weib werden wollte, -- da jubelt es in mir auf --
+
+ROSMER. Ja, nicht wahr, Rebekka! So glaubt auch ich es zu verstehn.
+
+REBEKKA. Einen Augenblick, ja. In meiner Selbstvergessenheit. Denn es
+war mein alter stolzer Wille, der nach Freiheit rang. Aber jetzt hat er
+keine Schwungkraft mehr, -- keine Ausdauer.
+
+ROSMER. Wie erklärst du dir das, was mit dir geschehen ist?
+
+REBEKKA. Es ist die Lebensanschauung der Rosmers, -- oder doch
+jedenfalls =deine= Lebensanschauung, -- die hat meinen Willen
+angesteckt.
+
+ROSMER. Angesteckt?
+
+REBEKKA. Und krank gemacht. Unter Gesetze gebeugt, die für mich früher
+keine Geltung hatten. Rosmer, -- das Zusammenleben mit dir hat meine
+Seele geadelt.
+
+ROSMER. O, wenn ich das glauben könnte!
+
+REBEKKA. Du kannst es getrost glauben. Die Lebensanschauung der Rosmers
+adelt. Aber -- (schüttelt den Kopf) -- aber, -- aber --
+
+ROSMER. Aber? Nun?
+
+REBEKKA. -- aber, Rosmer, sie tötet das Glück.
+
+ROSMER. Rebekka, das behauptest du!
+
+REBEKKA. Jedenfalls mein Glück.
+
+ROSMER. Aber weißt du das so gewiß? Wenn ich dich jetzt noch einmal
+fragte --? Dich flehentlich bäte --?
+
+REBEKKA. O, Liebster -- komm nie wieder darauf zurück. Es ist unmöglich!
+Denn du mußt wissen, Rosmer, ich habe -- eine Vergangenheit!
+
+ROSMER. Noch etwas andres als du mir erzählt hast?
+
+REBEKKA. Ja. Andres und mehr.
+
+ROSMER (mit schwachem Lächeln). Du, Rebekka, ist es nicht seltsam? Denke
+dir, eine Ahnung von so etwas ging mir bisweilen flüchtig durch den
+Sinn.
+
+REBEKKA. Wirklich! Und dennoch --? Trotzdem --?
+
+ROSMER. Ich hab nie daran geglaubt. Nur damit gespielt, -- verstehst du,
+so in Gedanken.
+
+REBEKKA. Wenn dus verlangst, will ich dir auch dies gleich erzählen.
+
+ROSMER (abwehrend). Nein nein! Nicht ein Wort will ich hören. Was es
+auch sei, -- ich kann vergessen.
+
+REBEKKA. Aber ich nicht.
+
+ROSMER. O, Rebekka --!
+
+REBEKKA. Ja Rosmer, -- das ist das Furchtbare an meinem Schicksal:
+jetzt, wo alles Erdenglück mir mit vollen Händen geboten wird, -- jetzt
+bin ich so verwandelt, daß meine eigne Vergangenheit es mir versagt.
+
+ROSMER. Deine Vergangenheit, Rebekka, ist tot. Sie hat keine Macht mehr
+über dich, -- keine Beziehung mehr zu dir, -- so wie du =jetzt= bist.
+
+REBEKKA. Ach, lieber Freund, das sind nur leere Worte. Und die
+Schuldlosigkeit? Wo nehm ich =die= her?
+
+ROSMER (traurig). Ja ja, -- die Schuldlosigkeit.
+
+REBEKKA. Die Schuldlosigkeit, ja. Die gewährt das Glück und die Freude.
+Das war ja die Lehre, die du all diesen zukünftigen fröhlichen
+Adelsmenschen einpflanzen wolltest --
+
+ROSMER. O, erinnre mich nicht daran. Rebekka, das war nur ein
+nebelhafter Traum. Eine voreilige Idee, an die ich selbst nicht mehr
+glaube .. Die Menschen, liebe Freundin, lassen sich nicht von außen her
+adeln.
+
+REBEKKA (leise). Meinst du, auch nicht durch stille Liebe?
+
+ROSMER (gedankenvoll). Ja, das wäre das Große. Ich glaube, wohl das
+Herrlichste im ganzen Leben ... Wenn es so wäre. (Rückt unruhig hin und
+her.) Aber wie soll ich mit dieser Frage ins reine kommen? Wie sie
+lösen?
+
+REBEKKA. Glaubst du mir nicht, Rosmer?
+
+ROSMER. Ach Rebekka, -- wie kann ich rückhaltlos an dich glauben? An
+dich, die du hier so außerordentlich viel verdeckt und verheimlicht
+hast!... Und nun kommst du mit diesem Neuen. Steckt eine Absicht
+dahinter, so sage frei heraus, was es ist. Wünschest du vielleicht dies
+oder jenes zu erlangen? Von Herzen gern will ich alles für dich tun, was
+in meiner Macht steht.
+
+REBEKKA (ringt die Hände). O diese grausamen Zweifel --! Rosmer, --
+Rosmer --!
+
+ROSMER. Ja, Rebekka, ist das nicht furchtbar? Aber ich kann es nicht
+ändern. Niemals wird es mir gelingen, mich von den Zweifeln zu befreien.
+Niemals werd ich die volle Gewißheit haben, ob du mit ganzer reiner
+Liebe mein bist.
+
+REBEKKA. Aber ist denn nichts in deiner eignen Brust, das dir bezeugt,
+welche Wandlung mit mir geschehen ist! Und daß diese Wandlung durch
+dich, -- nur durch dich geschehen ist!
+
+ROSMER. Ach, Rebekka, an meine Fähigkeit, Menschen umzuwandeln, glaub
+ich nicht mehr. Ich glaube nicht mehr an mich selbst; in keiner
+Beziehung. Ich glaube weder an dich noch an mich.
+
+REBEKKA (sieht ihn finster an). Wie willst du da das Leben noch länger
+ertragen?
+
+ROSMER. Ja, das weiß ich nicht. Das weiß ich selbst nicht. Und ich glaub
+auch nicht, daß ichs noch zu ertragen vermag ... Und nichts, nichts weiß
+ich auf der ganzen Welt, was mir das Leben lebenswert machen könnte.
+
+REBEKKA. O, das Leben erneuert uns mit jedem Tage. Laß uns daran
+festhalten, Rosmer ... Wir verlassen es noch früh genug.
+
+ROSMER (springt unruhig auf). Dann gib mir meinen Glauben wieder! Den
+Glauben an dich, Rebekka! Den Glauben an deine Liebe! Beweise! Beweise
+will ich haben!
+
+REBEKKA. Beweise? Wie kann ich dir Beweise geben --!
+
+ROSMER. Du =mußt=! (Geht umher.) Ich ertrage sie nicht, diese Öde, --
+diese fürchterliche Leere, -- diese, -- diese --
+
+ (Es wird heftig an die Vorzimmertür geklopft.)
+
+REBEKKA (fährt vom Stuhl auf). Ha, -- hörst du!
+
+ (Die Tür geht auf. BRENDEL kommt herein. Er hat ein Oberhemd,
+ schwarzen Überzieher und gute Stiefel an. Die Beinkleider stecken in
+ den Stiefeln. Im übrigen ist er wie das vorige Mal gekleidet. Er
+ sieht verstört aus.)
+
+ROSMER. Ah, Sie sind es, Herr Brendel!
+
+BRENDEL. Johannes, mein Junge, -- ich grüße dich, -- leb wohl!
+
+ROSMER. Wo wollen Sie noch so spät hin?
+
+BRENDEL. Bergab.
+
+ROSMER. Wie --?
+
+BRENDEL. Jetzt geh ich heimwärts, mein geliebter Jünger. Hab Heimweh
+bekommen nach dem großen Nichts.
+
+ROSMER. Es ist Ihnen etwas widerfahren, Herr Brendel! Was ists?
+
+BRENDEL. Ah, du hast die Verwandlung bemerkt? Na, -- wundert mich nicht.
+Als ich zum letzten Mal diese Hallen betrat, -- da stand ich als reicher
+Mann vor dir und klopfte mir stolz auf die Brust.
+
+ROSMER. Wieso! Ich versteh nicht recht --
+
+BRENDEL. Aber so wie du mich heute nacht siehst, bin ich ein entthronter
+König, sitzend auf den Trümmern meines niedergebrannten Schlosses.
+
+ROSMER. Wenn ich Ihnen in irgend einer Weise helfen kann --
+
+BRENDEL. Du hast dir dein Kindergemüt bewahrt, Johannes. Kannst du mir
+ein Darlehn gewähren?
+
+ROSMER. Jawohl, von Herzen gern!
+
+BRENDEL. Kannst du ein paar Ideale entbehren?
+
+ROSMER. Was sagen Sie?
+
+BRENDEL. Ein paar abgelegte Ideale. Dann tust du ein gutes Werk. Denn
+nun bin ich blank, mein guter Junge. Gesiebt und gebeutelt.
+
+REBEKKA. Haben Sie Ihre Vorträge nicht gehalten?
+
+BRENDEL. Nein, meine verlockende Dame. Denken Sie: just da ich parat
+stehe mein Füllhorn auszuschütten, mach ich die schmerzhafte Entdeckung,
+daß ich bankrott bin.
+
+REBEKKA. Aber all Ihre ungeschriebnen Werke?
+
+BRENDEL. Fünfundzwanzig Jahr hab ich da gesessen wie der Geizhals auf
+seiner verschlossnen Geldkiste. Und da gestern abend, -- als ich öffne
+und den Schatz hervorholen will, -- ist keiner drin! Der Zahn der Zeit
+hatte ihn zu Staub zernagt. Von der ganzen Herrlichkeit war nichts übrig
+geblieben, -- assolutamente niente.
+
+ROSMER. Aber wissen Sie das auch ganz bestimmt?
+
+BRENDEL. Für Zweifel, mein Liebling, ist hier kein Raum mehr. Der
+Präsident hat mich davon überzeugt.
+
+ROSMER. Der Präsident?
+
+BRENDEL. Na, meinetwegen -- Seine Exzellenz. Tant qu'il vous plaîra.
+
+ROSMER. Aber wen meinen Sie denn?
+
+BRENDEL. Peter Mortensgaard natürlich.
+
+ROSMER. Was!
+
+BRENDEL (geheimnisvoll). Pst, pst, pst! Peter Mortensgaard ist der Herr
+und Häuptling der Zukunft. Niemals stand ich vor eines Größern
+Angesicht. Peter Mortensgaard besitzt die Gabe der Allmacht. Er kann
+alles, was er will.
+
+ROSMER. Ach glauben Sie doch das nicht.
+
+BRENDEL. Doch, mein Junge! Denn Peter Mortensgaard will niemals mehr als
+er kann. Peter Mortensgaard ist kapabel, das Leben ohne Ideale zu leben.
+Und das, -- siehst du, -- =das= ist das große Geheimnis des Handelns und
+des Erfolges. Das ist auf diesem Erdball die Summe aller Weltweisheit.
+Basta!
+
+ROSMER (leise). Jetzt begreif ich, daß Sie ärmer von hier fortgehn als
+Sie kamen.
+
+BRENDEL. Bien! Nimm dir also ein Exempel an deinem alten Lehrer. Lösch
+alles aus, was er dir einst eingeprägt hat. Baue dein Schloß nicht auf
+Flugsand. Und sieh dich vor, -- und untersuche erst deine Fahrstraße, --
+eh du auf dies anmutreiche Wesen baust, das dir hier das Leben versüßt.
+
+REBEKKA. Meinen Sie mich?
+
+BRENDEL. Jawohl, verlockendes Meerweib.
+
+REBEKKA. Warum sollt auf mich nicht zu bauen sein?
+
+BRENDEL (kommt einen Schritt näher). Mir ist die Mitteilung geworden,
+daß mein ehmaliger Jünger eine Lebensaufgabe zum Siege führen will.
+
+REBEKKA. Nun -- und?
+
+BRENDEL. Der Sieg ist ihm sicher. Aber, -- wohlgemerkt, -- unter einer
+unerläßlichen Bedingung.
+
+REBEKKA. Und die wäre?
+
+BRENDEL (fasst sie zart am Handgelenk). Daß die Frau, die ihn liebt,
+fröhlich in die Küche geht und ihren feinen rosaweißen kleinen Finger
+abhackt, -- =hier=, -- just hier am Mittelglied. Item, daß bemeldetes
+liebendes Weib -- wiederum fröhlich -- sich dies so unvergleichlich
+geformte linke Ohr abschneidet. (Lässt sie los und wendet sich zu
+ROSMER). Leb wohl, Johannes der Siegreiche.
+
+ROSMER. Sie wollen jetzt fort? In der finstern Nacht?
+
+BRENDEL. Die finstre Nacht -- das ist noch mein bester Freund. Friede
+sei mit euch.
+
+ (Er geht. -- Eine Weile ist es still im Zimmer.)
+
+REBEKKA (atmet schwer auf). Ach, wie dumpf und schwül es hier ist! (Sie
+geht ans Fenster, öffnet es und bleibt dort stehen.)
+
+ROSMER (setzt sich in den Lehnstuhl am Ofen). Es bleibt uns wohl nichts
+andres übrig, Rebekka. Ich sehs. Du =mußt= reisen.
+
+REBEKKA. Ja, ich habe keine andre Wahl.
+
+ROSMER. Nützen wir die letzten Augenblicke. Komm, setz dich hier zu mir.
+
+REBEKKA (geht hin und setzt sich aufs Sofa). Was wünschest du von mir,
+Rosmer?
+
+ROSMER. Zunächst möcht ich dir sagen, daß du um deine Zukunft nicht
+besorgt zu sein brauchst.
+
+REBEKKA (lächelt). Hm. =Meine= Zukunft.
+
+ROSMER. Ich hab an alle Möglichkeiten gedacht. Schon lange. Was auch
+kommen mag, für dich ist gesorgt.
+
+REBEKKA. Auch das, du guter Mann.
+
+ROSMER. Das hättest du dir doch selbst sagen können.
+
+REBEKKA. Seit Jahr und Tag hab ich an so etwas nicht mehr gedacht.
+
+ROSMER. Ja ja -- du meintest wohl, es könnte nie anders zwischen uns
+werden als es war.
+
+REBEKKA. Ja, das glaubt ich.
+
+ROSMER. Ich auch. Aber wenn ich nun fortginge --
+
+REBEKKA. Ach, Rosmer, -- du wirst länger leben als ich.
+
+ROSMER. Über dies erbärmliche Leben darf ich doch wohl selbst verfügen.
+
+REBEKKA. Was bedeutet das! Du denkst doch nicht daran --!
+
+ROSMER. Scheint dir das so seltsam? Nach der schmachvollen jämmerlichen
+Niederlage, die ich erlitten habe! Ich, der ich meine Lebensaufgabe zum
+Siege führen wollte --. Und nun hab ich die Flucht ergriffen, -- noch
+bevor die Schlacht ordentlich begonnen hatte!
+
+REBEKKA. Rosmer, nimm den Kampf wieder auf! Versuchs nur, -- und du
+sollst sehn, du siegst! Hunderte, -- Tausende von Geistern wirst du
+adeln. Versuch es nur!
+
+ROSMER. Ach, Rebekka, -- ich, der ich nicht mehr an meine eigne
+Lebensaufgabe glaube.
+
+REBEKKA. Aber deine Sache hat ja schon die Probe bestanden. =Einen=
+Menschen hast du jedenfalls geadelt. Mich ... für mein ganzes übrige
+Leben.
+
+ROSMER. O -- wenn ich dir das glauben dürfte!
+
+REBEKKA (presst die Hände zusammen). Ach, Rosmer, -- gibt es denn
+nichts, -- garnichts, was dich davon überzeugen könnte?
+
+ROSMER (fährt wie von Angst ergriffen zusammen). Hör auf! Rebekka, rühre
+nicht mehr daran! Kein Wort mehr!
+
+REBEKKA. Ja, grade hiervon müssen wir sprechen. Weißt du etwas, das den
+Zweifel ersticken könnte? =Ich= weiß nichts.
+
+ROSMER. Es ist für dich am besten so, daß du nichts weißt ... Am besten
+so für uns beide.
+
+REBEKKA. Nein nein nein, -- damit geb ich mich nicht zufrieden! Weißt du
+etwas, das mich in deinen Augen freispricht, so fordre ich als mein
+Recht, daß dus nennst.
+
+ROSMER (wie unwillkürlich, gegen seinen eignen Willen gezwungen zu
+sprechen). Dann laß uns sehen ... Du sagst, du hättest die große Liebe.
+Durch mich sei dein ganzes Wesen geadelt. Ist das wahr? Ist deine
+Rechnung richtig, Rebekka? Sollen wir die Probe auf das Exempel machen?
+Ja?
+
+REBEKKA. Ich bin bereit.
+
+ROSMER. Jederzeit?
+
+REBEKKA. Wann du willst. Je eher je lieber.
+
+ROSMER. Wohlan, Rebekka, -- beweise mir, -- ob du, -- um meinetwillen,
+-- noch heut abend --. (Bricht ab.) Ach nein, nein nein!
+
+REBEKKA. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn!
+
+ROSMER. Hast du den Mut, -- bist du bereit, -- fröhlich, wie Ulrich
+Brendel sagte, -- um meinetwillen, noch in dieser Nacht, -- fröhlich, --
+denselben Weg zu gehn, -- den Beate ging?
+
+REBEKKA (erhebt sich langsam vom Sofa und sagt fast unhörbar).
+Rosmer --!
+
+ROSMER. Ja, Rebekka, -- das ist die Frage, die mir ewig durch den Kopf
+gehn wird, -- wenn du abgereist bist. Zu jeder Stund und Minute wird sie
+sich einstellen. O, mir ist, als seh ich dich leibhaftig vor mir. Du
+stehst draußen auf dem Steg. Grad in der Mitte. Nun beugst du dich übers
+Geländer! Ein Schwindel packt dich, es zieht dich hinab in die
+rauschende Flut! Nein. Du weichst zurück. Wagst nicht, -- was =sie=
+wagte.
+
+REBEKKA. Aber wenn ich nun doch diesen Mut hätte? Und den fröhlichen
+Willen? Was dann?
+
+ROSMER. Dann müßt ich dir wohl glauben. Dann müßt ich wohl den Glauben
+an meine Lebensaufgabe wiedergewinnen. Den Glauben an meine Fähigkeit,
+die Herzen der Menschen zu adeln. Den Glauben, daß die Menschenherzen
+adelsfähig sind.
+
+REBEKKA (nimmt langsam ihren Schal, schlägt ihn über den Kopf und sagt
+mit Ruhe). Du sollst deinen Glauben wieder haben.
+
+ROSMER. Rebekka, du hast den Mut und den Willen -- zu diesem Schritt?
+
+REBEKKA. Darüber magst du dir morgen ein Urteil bilden, -- oder später,
+-- wenn sie mich aufgefunden haben.
+
+ROSMER (fasst sich an die Stirn). Ha! Welch verlockendes Grauen packt
+mich --!
+
+REBEKKA. Denn ich möchte nicht gern da unten liegen bleiben. Nicht
+länger als notwendig ist. Es muß dafür gesorgt werden, daß sie mich
+finden.
+
+ROSMER (springt auf). Aber dies alles, -- das ist ja Wahnsinn! Reise, --
+oder bleib! Ich will dir auch diesmal auf dein bloßes Wort glauben.
+
+REBEKKA. Redensarten, Rosmer. Du, jetzt nicht wieder Feigheit und
+Flucht! Wie kannst du fortan mir je wieder auf mein bloßes Wort hin
+glauben?
+
+ROSMER. Aber, Rebekka, ich will deine Niederlage nicht sehen!
+
+REBEKKA. Es wird keine Niederlage.
+
+ROSMER. Doch, doch! Niemals wirst dus über dich bringen, Beatens Weg zu
+gehen.
+
+REBEKKA. Das glaubst du?
+
+ROSMER. Niemals. Du bist nicht wie Beate. Du stehst nicht unter der
+Herrschaft einer verpfuschten Lebensanschauung.
+
+REBEKKA. Aber ich befinde mich jetzt in der Gewalt der Rosmerschen
+Lebensanschauung. Was ich verbrochen, -- das muß ich sühnen.
+
+ROSMER (sieht sie fest an). Stehst du auf =dem= Standpunkt!
+
+REBEKKA. Ja.
+
+ROSMER (entschlossen). Nun gut. Dann, Rebekka, steh ich unter der
+Herrschaft unsrer freiern Lebensanschauung. Über uns gibt es keinen
+Richter. Und deshalb müssen wir uns selber richten.
+
+REBEKKA (missdeutet seine Worte). Auch das. Auch das. Mein Fortgehen
+wird das Beste in dir retten.
+
+ROSMER. Ach, an mir ist nichts mehr zu retten.
+
+REBEKKA. Doch. Aber ich, -- fortan würd ich nur noch einem Meergespenst
+gleichen, das das Schiff, auf dem du dahinsegeln sollst, in seinem Lauf
+hemmte. Ich muß über Bord. Oder soll ich vielleicht hier oben auf der
+Welt bleiben und mein verkrüppeltes Leben noch weiter hinschleppen? Ewig
+brüten und grübeln über das Glück, um das meine Vergangenheit mich
+betrogen hat? Ich, Rosmer, muß das Spiel aufgeben.
+
+ROSMER. Wenn du gehst, -- dann geh ich mit --.
+
+REBEKKA (lächelt fast unmerklich, sieht ihn an und sagt leiser): Ja,
+Lieber, komm mit -- und sei Zeuge --
+
+ROSMER. Ich geh mit dir, sag ich.
+
+REBEKKA. Bis zum Steg, ja. Ihn zu =betreten= getraust du dich ja nicht.
+
+ROSMER. Hast du das bemerkt?
+
+REBEKKA (traurig und gebrochen). Ja ... Das wars, was meine Liebe
+hoffnungslos machte.
+
+ROSMER. Rebekka, -- nun leg ich meine Hand auf dein Haupt. (Tut es.) Und
+traue dich mir an als mein Weib.
+
+REBEKKA (ergreift seine beiden Hände und neigt den Kopf an seine Brust).
+Dank, Rosmer, Dank. (Lässt ihn los.) Und nun geh ich -- fröhlich.
+
+ROSMER. Mann und Weib gehen gemeinsam.
+
+REBEKKA. Nur bis zum Steg, Rosmer.
+
+ROSMER. Auch =auf= den Steg. So weit du gehst, -- so weit geh ich mit.
+Denn jetzt getrau ich mich.
+
+REBEKKA. Bist du überzeugt, unerschütterlich fest überzeugt, -- daß
+dieser Weg für dich der beste ist?
+
+ROSMER. Ich weiß, es ist der einzige.
+
+REBEKKA. Wenn du dich darin irrtest? Wenn es nur eine Sinnestäuschung
+wäre? Eins von diesen weißen Rossen auf Rosmersholm.
+
+ROSMER. Mag sein. Denn diesen entgehn wir ja doch nicht, -- wir hier auf
+dem Hofe.
+
+REBEKKA. So bleib, Rosmer!
+
+ROSMER. Der Mann muß seinem Weibe folgen, wie das Weib dem Manne.
+
+REBEKKA. Ja, =das= sage mir erst. Folgst du mir? Oder folg ich dir?
+
+ROSMER. Das werden wir nie ganz ergründen.
+
+REBEKKA. Ich möcht es doch gern wissen.
+
+ROSMER. Wir folgen einander, Rebekka. Ich dir, und du mir.
+
+REBEKKA. Das glaub ich fast auch.
+
+ROSMER. Denn nun sind wir beiden =eins=.
+
+ROSMER. Ja. Nun sind wir =eins=. Komm! Wir gehn fröhlich.
+
+ (Sie gehen Hand in Hand durch das Vorzimmer hinaus. Man sieht, dass
+ sie sich nach links wenden. Die Tür bleibt hinter ihnen offen. --
+ Das Zimmer bleibt eine kleine Weile leer. Dann wird die Tür rechts
+ von FRAU HILSETH geöffnet.)
+
+FRAU HILSETH. Fräulein, -- nu ist der Wagen --. (Sieht sich um.) Nicht
+hier? Um diese Zeit zusammen aus? Na, sowas, -- da muß ich doch
+sagen --! Hm! (Geht ins Vorzimmer, sieht sich um und kommt wieder
+herein.) Auch nicht auf der Bank. Ach nein, nein. (Tritt ans Fenster und
+blickt hinaus.) Jesus Christus! Das Weiße dort --! -- Ja, wahr und
+wahrhaftig, stehn beide auf dem Steg! O, die sündigen Menschen! Gott
+verzeih ihnen! Schlingen die Arm um 'nander! (Schreit laut auf.) Ha! --
+hinab -- alle beide! Hinab in die Flut! Hülfe! Hülfe! (Die Knie
+schlottern ihr, sie hält sich zitternd an der Stuhllehne fest und vermag
+die Worte kaum hervorzubringen.) Nein. Da ist keine Rettung möglich ...
+Die selige Frau hat sie geholt.
+
+ * * * * *
+
+Schiemann & Co, G.M.B.H., Zittau.
+
+
+
+
+ [ Im folgenden werden alle geänderten Textzeilen angeführt, wobei
+ jeweils zuerst die Zeile wie im Original, danach die geänderte Zeile
+ steht.
+
+ Und Rebek -- Fräulein West und ich wir haben beide das Bewußtsein, daß
+ Und Rebek -- Fräulein West und ich, wir haben beide das Bewußtsein, daß
+
+ KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, lieben Freunde, was in aller
+ KROLL (sieht sie abwechselnd an). Aber, liebe Freunde, was in aller
+
+ BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKROR zu und hält ihm
+ BRENDEL (erst unsicher, geht dann schnell auf den REKTOR zu und hält ihm
+
+ =zwingen=, zu uns zurückzukehreu.
+ =zwingen=, zu uns zurückzukehren.
+
+ KROLL. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!
+ ROSMER. O Kroll, -- wie tief, -- wie niedrig stehst du jetzt!
+
+ MORTENSGAARD. Darf ich im» Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre
+ MORTENSGAARD. Darf ich im »Leuchtturm« erzählen, daß Sie jetzt andre
+
+ Geistesrichtung würde schwer darunter su leiden haben ... Leben Sie
+ Geistesrichtung würde schwer darunter zu leiden haben ... Leben Sie
+
+ die große Neuigkeit in den »Leuchturm«.
+ die große Neuigkeit in den »Leuchtturm«.
+
+ REBEKKA. Ja, ich habs getan, Er sagte das so boshaft, -- das über mein
+ REBEKKA. Ja, ich habs getan. Er sagte das so boshaft, -- das über mein
+
+ REBEKKA (leidensehaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht
+ REBEKKA (leidenschaftlich). O, sprich mir nicht von Beaten! Denke nicht
+
+ KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum ins Himmels Namen
+ KROLL (steht auf). Aber mein liebes Fräulein, -- warum in Himmels Namen
+
+ REBEKKA. Ja, Rosmer --. (Sieht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr
+ REBEKKA. Ja, Rosmer --. (Steht auf.) Bleib sitzen. Sie auch, Herr
+
+ KROKL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte!
+ KROLL (erhebt sich). -- auf diese Irrwege lockte!
+
+ REBEKKA, Ja.
+ REBEKKA. Ja.
+
+ REBEKKA. All das andre, -- jenes häßliche sinnnenberauschende Verlangen,
+ REBEKKA. All das andre, -- jenes häßliche sinnenberauschende Verlangen,
+
+ ROSEMR. Wie --?
+ ROSMER. Wie --?
+
+ ROSMER. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn!
+ REBEKKA. Ja, Rosmer! Ja ja! Sags, und du sollst sehn!
+
+ ]
+
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Rosmersholm, by Henrik Ibsen
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK ROSMERSHOLM ***
+
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+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
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+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
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+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
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+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
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+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
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+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
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+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
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+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
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+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
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+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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