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diff --git a/36389-8.txt b/36389-8.txt new file mode 100644 index 0000000..bc9eca0 --- /dev/null +++ b/36389-8.txt @@ -0,0 +1,6057 @@ +The Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Drei Meister + Balzac. Dickens. Dostojewski + +Author: Stefan Zweig + +Release Date: June 12, 2011 [EBook #36389] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER *** + + + + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu + zu übertragen. Unübliche und uneinheitliche Schreibweisen der + Namen wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden + korrigiert. Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet + sich am Ende des Textes. + + Im Original _kursiv_ gesetzter Text wurde mit _ markiert. + Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert.] + + + + + Stefan Zweig + + DREI MEISTER + + BALZAC * DICKENS + DOSTOJEWSKI + + 1922 + + IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG + + + ROMAIN ROLLAND + _als Dank + für seine unerschütterliche Freundschaft + in lichten und dunklen Jahren_ + + + + +Obwohl in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein +Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu +einem Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen +und in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten +Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer +Persönlichkeiten einander ergänzen und vielleicht den Begriff des +epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer deutlichen Form +erheben. + +Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen +Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in +dieser Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes, +Gottfried Kellers, Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und +anderer, von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte +Werk insbesondere Balzacs und Dickens' weitaus übertrifft. Und ich +glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen Unterschied zwischen +dem Verfasser eines Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich +feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten +Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale Künstler, der +-- hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum Argument -- +einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen, +eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die +irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem +Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern +auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns +dann oft verlockt, Geschehnisse und Personen nach ihnen zu benennen, so +daß wir von Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche +Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler +bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung durch die Fülle seiner +Gestalten so einheitlich hervor, daß es durch ihn eine neue Form der +Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in +ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche Versuch +meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte: +Psychologie des Romanciers. + +Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac +die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski +die Welt des Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre +Unterschiede, niemals aber ist unternommen, diese Unterschiede in +Werturteile umzudeuten oder die nationalen Elemente eines Künstlers in +Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder große Schöpfer ist eine Einheit, +die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es +gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein +absolutes in der Wagschale der Gerechtigkeit. + +Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine +Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie +können darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als +wesentlich Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich +diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski, +dessen unendliches Maß ebensowenig wie das Goethes jemals auch von +breitester Formel wird umfaßt werden können. + +Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers, +eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen +Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne, +wie ich ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch +ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und +Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für +die Zukunft zu fordern und den noch Fernen zu grüßen. + + _SALZBURG 1919._ + + + + + BALZAC + + +Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, +in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, +wiederholt zu werden. Napoleon -- die von seinen Taten schon +beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte -- kam in diesem Jahre +aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden +Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er +gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu +vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden +Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine +Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein +und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das +Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert +kennt nicht mehr le petit général, nicht mehr den korsischen +Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. Zehn, +fünfzehn Jahre noch -- die Knabenjahre Balzacs -- und die machtgierigen +Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen Träume mit +Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu +Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für +einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten +Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht +phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn +frühes Erlebnis und Bestimmung, sind sie nicht eigentlich nur Innen- +und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von +irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, ohne Freund und +Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose Gewalt dort +packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein +einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und +dann Frankreich und dann die ganze Welt -- diese Abenteurerlaune der +Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen +Legenden oder Historien ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine +durstig aufgetanen Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, mit +tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch unbeschrittene Welt +seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß notwendigerweise zum +Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an +den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem Pathos die +fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der +Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich +über Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, +heute über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über +die Flüsse hin nach Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das +Meer vor Gibraltar hin, wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln +die Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten +auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen die Kosaken ihre +Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag er oft aufgewacht +sein vom zornigen Rollen der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, +um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu +zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in +den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon. +Vor dem großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs +ein Triumphbogen auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt +eingemeißelt waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es +umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als dann fremde Truppen +mit Musik und wehenden Fahnen durchzogen durch diese stolze Wölbung! +Was außen, in der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als +Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung der Werte, +der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die Assignaten, auf +denen 100 oder 1000 Francs mit dem Siegel der Republik verheißen waren, +als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch +seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil, +bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht, +bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer +Umwälzungen, da die Moral, das Geld, das Land, die Gesetze, die +Rangordnungen, alles, was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt +war, einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter +Veränderungen mußte ihm früh die Relativität aller Werte bewußt werden. +Ein Wirbel war die Welt um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach +Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über diesem +gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und Nieder der Ereignisse +immer nur der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend Erschütterungen +und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch +erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens, +mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte, +mit Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem +Verräter, mit allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche +erobert, die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den +Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in seine Netzhaut +sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, das größer war als alle +Beispiele der Geschichte: er hatte den großen Welteroberer gesehen! +Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel +mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei anderen Stellen +ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in Königsberg, wo +einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in +Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als +Napoleon mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare +Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein +Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften +Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel Napoleons an ihm verschuldet. + +Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac +entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren, +wäre er, ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte +vielleicht bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen +Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt keine +Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen Epoche folgen +laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der +Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum +Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn des +Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände +schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht, +der Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den +Waffen war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein +Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst. +Balzac beginnt zu schreiben. Aber nicht wie die anderen, um Geld zu +raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch +zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur, +sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an. Unter +fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten +Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und +noch nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom +Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang +anderen Berufen, sitzt als Schreiber in der Stube eines Notars, +beobachtet, sieht, genießt, dringt mit seinem Blick in die Welt, und +dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen +auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier, +die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene +mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das +geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der +Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus +dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen, +die ganze Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu +schaffen, »en raccourci«, in der genauen Verkürzung, und die so +unterjochte mit seinem eigenen Atem zu beseelen, mit seinen eigenen +Händen zu lenken: das ist nun sein Ziel. Nichts soll verloren gehen +von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das +Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur +einen Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die +Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles +Unwesentliche zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen +durchsickern; und sie dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der +Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein +anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné die +Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die +unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst -- +das ist nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu +beherrschen, er preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der +»Comédie humaine«. Durch diesen Prozeß der Destillation sind seine +Menschen immer Typen, immer charakteristische Zusammenfassungen einer +Mehrheit, von denen ein unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und +Unwesentliche abgeschüttelt hat. Diese geradlinigen Leidenschaften sind +die Stoßkräfte, diese reinen Typen die Schauspieler, diese dekorativ +vereinfachte Umwelt die Kulissen der »Comédie humaine«. Er konzentriert, +indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur +einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris +zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er +mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter, +die Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht +er einen einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers +den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen +Ärzten den Horace Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander +wohnen, häufiger sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben +tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen. +Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine +Menschen sind Extrakte, seine Leidenschaften reine Elemente, seine +Tragödien Kondensierungen. Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung +von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz -- jedes Departement +sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das Parlament Balzacs -- und +dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte seine Truppen über +alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde +Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den +feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina, +überallhin und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen +Vorbildners. Und so wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen, +den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der +Welt in der »Comédie humaine«, einen Code moral der Liebe, der Ehe, +eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die erdumspannende Linie +der großen Werke noch lächelnd die übermütige Arabeske der »Contes +drolatiques«. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert er +in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer Napoleons, +überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der +verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der +Bretagne, spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, +überwacht die Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo +seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei- bis dreitausend +Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: aus dem Boden hat er sie +gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem +Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen +Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, nimmt sie ihnen +wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie durcheinander. Unzählbar ist +die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die Landschaft, die hinter +diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, +wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung der +Welt in der »Comédie humaine«, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des +ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs, +die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der +Wirklichkeit wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons +geschrieben: »Ce qu'il n'a pu achever par l'épée je l'accomplirai par +la plume.« + +Und so wie er, sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst. +Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, +nach Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine +Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare +Energie, und hier, im engen Raume prallen sie aufeinander wie Geschosse, +vernichten sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem +ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne erobern und dies +stahlharte, biegsame Metall, das Jugend heißt, umschmieden zu einer +Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf +innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der auf den +Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz Balzacs: +»Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!« ruft +er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den +Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen, +daß sie zuviel sind, und müssen sich -- das Bild gehört Vautrin, dem +Liebling Balzacs -- auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen +die Waffe, die sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in +das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus +allen zweiunddreißig Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten +der »Großen Armee«, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris, +der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist +verbrannt von einem ungeheuren Durst nach Genuß. Und wie sie sich +umsehen in dieser neuen, zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums +und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen, +diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht haben, +wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen, umschmelzen +müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, +Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden +Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle +haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die +Räder sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber +darin sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein +Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und schön, ein Symbol +des Genusses. Und alle Helden Balzacs haben in diesem Augenblicke nur +einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum, +Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht auch für den +Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der +Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine +Erbschaft, sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in +jenen Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld +wie Wasser durch die Finger rinnt. So werden sie ja jene großen +Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere Muskeln, wildere Beredsamkeit, +energischere Triebe, ein wenn auch rascheres, so doch lebendigeres +Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume +Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens +dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt +sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene +Weise finden, um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, +die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man +mörderisch hineinschmettern in die Menge der anderen, die zwischen +einem und dem Ziele stehen, oder man muß sie schleichend vergiften wie +die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur +Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen +hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des sozialen +Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber, +Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der +Journalist -- ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente +sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze Leben +gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften Pension Vauquer. Dann +aber, hineingegossen in die große Retorte des Lebens, eingekocht in die +Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend, erstarrend an den +Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der gesellschaftlichen +Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen Anziehungen, den +chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese +Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare Säure, die +Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt +sie verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die +anderen. Alle Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen +sich an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe, +und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit +Augurenlächeln auf den Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, +Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis +Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat +Balzac die Chemie geliebt, die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. +Denn in diesem vielfältigen Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der +Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen und +Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der atomhaften +Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als anderswo +das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jede +Vielheit nicht minder auf die Einheit wirkte, wie die Einheit selbst +wieder bestimmend auf die Vielheit, diese seine Auffassung, die er +Lamarquismus nannte -- und die Taine später zu Begriffen erstarrt hat +--, daß jedes Individuum ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, +Sitten, Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, daß +jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre sauge, um selbst +wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen --, dieses universelle +Bedingtsein von In- und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des +Organischen im Unorganischen und die Griffspuren des Lebendigen im +Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen geistigen +Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, +schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, alle +Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter Relativismus +hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac hat +seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich +modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner +Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig +der Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. +Man glaubt ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, +oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp +eines brutalen pariserischen unbarmherzigen Strebers, der aalglatt +durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich durchdrückt und die Moral +einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein +Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, den +seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und wenig Geld, +ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das +Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel +von Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier +schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und +Charaktere einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten +König Lear, des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des +Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle +Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. Und da, wie er +endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt, allein mit einem Hausknecht +und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb +wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père Lachaise zu seinen Füßen +sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem Momente hört er +die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine +Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor seinem +Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde +wird er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose, +unerbittliche Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am +Kreuzweg des Lebens erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden +Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die +Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder seinen Rubikon, +sein Waterloo hat, daß die gleichen Schlachten sich in Palästen, Hütten +und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen +Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe +entäußern, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller +spielt und in zehn Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer +aber derselbe und bewußt derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche +des modernen Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der +äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein +Platz reserviert ist wie einst dem König, dem Adel, den Priestern, da +jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre Anspannung. +Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als +Verdoppelung der Energie. + +Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist +es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des +bewußten Lebenswillens nicht in ihrer Wirkung, sondern in ihrem Wesen +zu schildern, ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig +oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv +wird. Intensität, Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört, +Erfolg und Ruhm nichts, denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine +Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel +verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle, +der nicht nur um des Nutzens, sondern um der Leidenschaft willen raubt, +dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des Ansichreißens, +ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe +der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen, +scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft, +die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn +gibt es in jeder Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der +Historiker, der die Welt erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er +kennt vier oder fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und +hat Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon nach +Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen Ereignissen, der +dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war +Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem +Provinznest einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat +nicht minder Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt +er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden +wären unter den Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der +der Pompadour oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, +die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der +Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der Dichter erst den Ruhm wieder +schenken muß. Er weiß, daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle +von Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugenie +Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in dem Augenblicke, wo sie, +erzitternd vor dem geizigen Vater, ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, +nicht minder tapfer ist als die Jeanne d'Arc, deren Marmorbild auf +jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den Biographen +unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle +Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat. +Balzacs unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus +dem Gewühl der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in +jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über +die Brücke strebt, wo Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum +hundertfach geschilderter Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt +sind, die wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere, +deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust im eiskalten, +schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene schwanke Brücke zu +bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß hinter den +verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die +nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins und +die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz +wiederholt: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure +tragischen Trauerspiele.« Denn seine Romantik greift nach innen. Sein +Vautrin, der Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der +schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Viktor +Hugo, die starren felsigen Landschaften der Seele, das Gestrüpp von +Leidenschaft und Gier in der Brust seiner großen Streber ist nicht +minder schreckhaft, als die schaurige Felsenhöhle des Han d'Islande. +Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick +auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in +der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig +werdenden Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn +es in seiner Kraft ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er +sich konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne +Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen anderen +Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur +stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst aufblüht, wenn der +Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat. Solche Monomanen +der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol die +Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren +Reigen. Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner +Energetik: der Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft +verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen +verschwende, gleichviel, ob es sie langsam verzettle in tausend +Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die jähen heftigen Ekstasen, +ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer +rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder +vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen +Elemente auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen +interessieren Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit +allen Nerven, mit allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion +des Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, der Kunst, +dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der Trägheit, der Politik, der +Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. +Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen +Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen +verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete dem +Sammler eine Frau, die schönste der Welt -- er wird sie nicht bemerken; +dem Liebenden eine Karriere -- er wird sie mißachten; dem Geizigen ein +anderes als Geld -- er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er +sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der +anderen willen, so ist er verloren. Denn Muskeln, die man nicht +gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man jahrelang nicht gespannt, +verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft +war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf +jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte Gefühl +vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie +vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen +und Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und +Ekstase, sind bei dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der +Sammelwut gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die +Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in +ihren Emotionen die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. +Hier setzen die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, +der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des +Kaiserreichs, wird ein läppisches Kind in den Händen einer Dirne, der +Dichter, der sich dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein +Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes Symbol ist +eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben +sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und keine +geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder +Träume. Keine ist zu gering. »Warum sollte man nicht die Tragödie der +Dummheit schreiben?« sagt Balzac, »die der Verschämtheit, die der +Ängstlichkeit, die der Langeweile?« Auch sie sind bewegende, treibende +Kräfte, auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, +selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, +sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz +umkreist. Und diese Urkräfte -- oder besser, diese tausend Proteusformen +der wirklichen Urkraft -- aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu +heizen durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch +das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des Hasses und der +Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am Prellstein des Zufalls die +einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und auseinanderzureißen, +Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen, +zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und dem +Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in +jedem Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental +aufzureißen, sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach +unten und dabei in dieses flackernde Spiel mit erhitzten Augen zu +starren, wie Gobsec, der Wucherer, auf die Diamanten der Gräfin +Restaud, das erlöschende Feuer mit dem Balg immer wieder aufflammen zu +lassen, die Menschen wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, +sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder von +Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder nach Ägypten und +nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den Abhang der +Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich -- die +Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder +unter dem Schnee der Steppen -- die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie +Figuren, zu malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit +erregten Fingern zu beherrschen -- das war seine, das war Balzacs +Monomanie. + +Denn er, Balzac, war selbst einer der großen Monomanen, wie er sie +in seinem Werke verewigt hat. Enttäuscht, in allen seinen Träumen +zurückgestoßen von einer rücksichtslosen Welt, die den Anfänger nicht +mag und den Armen, grub er sich ein in seine Stille und schuf sich +selbst ein Symbol der Welt. Eine Welt, die ihm gehörte, die er +beherrschte und die mit ihm zugrunde ging. Wirkliches stürzte an ihm +vorbei, und er griff nicht danach, er lebte eingeschlossen in seinem +Zimmer, festgenagelt an den Schreibtisch, lebte in dem Wald seiner +Gestalten, wie Elie Magus, der Sammler, zwischen seinen Bildern. Von +seinem fünfundzwanzigsten Jahre an hat ihn die Wirklichkeit kaum -- nur +in Ausnahmen, die dann immer zu Tragödien wurden -- anders interessiert +als ein Material, als Brennstoff, um das Schwungrad seiner eigenen Welt +zu treiben. Fast bewußt lebte er am Lebendigen vorbei, wie im ängstlichen +Gefühle, daß eine Berührung dieser beiden Welten, der seinen und der der +anderen, immer eine schmerzhafte werden müßte. Abends um acht Uhr ging +er ermattet zu Bette, schlief vier Stunden und ließ sich um Mitternacht +wecken; wenn Paris, die laute Umwelt, ihr glühendes Auge schloß, wenn +Dunkel über das Rauschen der Gassen fiel, die Welt entschwand, begann +die seine zu erstehen, und er baute sie auf, neben der anderen, aus +ihren eigenen zerstückten Elementen, lebte durch Stunden einer fiebernden +Ekstase, unablässig die ermattenden Sinne mit schwarzem Kaffee wieder +aufpeitschend. So arbeitete er zehn, zwölf, manchmal auch achtzehn +Stunden, bis ihn irgend etwas aufriß aus dieser Welt, zurück in die +eigene Wirklichkeit. In diesen Sekunden des Erwachens muß er jenen Blick +gehabt haben, den Rodin ihm gab auf seiner Statue, dieses Aufgeschrecktsein +aus tausend Himmeln und dieses Rückstürzen in eine vergessene Wirklichkeit, +diesen entsetzlich grandiosen, fast schreienden Blick, diese um die +fröstelnde Schulter das Kleid anstraffende Hand, die Gebärde eines vom +Schlaf Gerüttelten, eines Somnambulen, dem jemand roh seinen Namen +zugeschrien. Bei keinem Dichter ist die Intensität des Sichverlierens +in sein Werk, der Glaube an die eigenen Träume stärker gewesen, die +Halluzination so nahe der Grenze der Selbsttäuschung. Nicht immer wußte +er die Erregung zu stoppen wie eine Maschine, das ungeheure kreisende +Schwungrad jäh aufzuhalten, Spiegelschein und Wirklichkeit zu +unterscheiden, eine scharfe Linie zu ziehen zwischen dieser und jener +Welt. Ein ganzes Buch hat man gefüllt mit Anekdoten, wie sehr er im +Rausch der Arbeit an die Existenz seiner Gestalten glaubte, ein Buch mit +oft drolligen und meist ein wenig grausigen Anekdoten. Ein Freund tritt +ins Zimmer. Balzac stürzt ihm entsetzt entgegen: »Denk dir, die +Unglückliche hat sich ermordet!« und merkt erst an dem entsetzten +Zurückprallen seines Freundes, daß die Gestalt, von der er sprach, die +Eugenie Grandet, nur in seinen Sternenkreisen je gelebt. Und was diese +so andauernde, so intensive, so vollständige Halluzination von dem +pathologischen Wahn eines Tollhäuslers unterscheidet, ist vielleicht nur +die Identität der in dem äußeren Leben und in dieser neuen Wirklichkeit +bestehenden Gesetze, die gleichen Kausalbedingungen des Seins, nicht +die Lebensform so sehr als die Lebensmöglichkeit seiner Menschen, +die, als hätten sie nur die Tür seines Arbeitszimmers überschritten, +von außen in sein Werk traten. Aber an Dauerhaftigkeit, an Zähigkeit und +Abgeschlossenheit des Wahnes war diese Versenkung die eines perfekten +Monomanen, seine Arbeit war nicht Fleiß mehr, sondern Fieber, Rausch, +Traum und Ekstase. Ein Palliativmittel der Bezauberung war sie, ein +Schlafmittel, das ihn seinen Lebenshunger vergessen lassen sollte. Er +selbst, zum Genießer, zum Verschwender befähigt wie keiner, hat +zugestanden, daß diese fieberhafte Arbeit ihm nichts war als ein Mittel +zum Genuß. Denn ein so zügellos Begehrender konnte, wie die Monomanen +seiner Bücher, auf jede andere Leidenschaft nur verzichten, weil er sie +ersetzte. All die Aufpeitschungen des Lebensgefühls, Liebe, Ehrsucht, +Spiel, Reichtum, Reisen, Ruhm und Siege konnte er missen, weil er +siebenfaches Surrogat in seinem Schaffen fand. Die Sinne sind töricht +wie Kinder. Sie können das Echte vom Falschen, Trug von der Wirklichkeit +nicht unterscheiden. Sie wollen nur gefüttert sein, gleichviel mit +Erlebnis oder Traum. Und Balzac hat seine Sinne ein Leben lang betrogen, +indem er ihnen Genüsse vorlog, statt sie ihnen hinzuwerfen, er sättigte +ihren Hunger mit dem Duft der Gerichte, die er ihnen versagen mußte. +Sein Erlebnis war das leidenschaftliche Beteiligtsein an den Genüssen +seiner Kreaturen. Denn er war es ja, der jetzt die zehn Louis hinwarf +auf den Spieltisch, zitternd stand, während die Roulette sich drehte, +der jetzt die klingende Flut der Gewinste mit heißen Fingern einstrich, +er war es, der jetzt im Theater den großen Sieg erfocht, der jetzt +mit Brigaden die Höhen stürmte, mit Pulverminen die Börse in ihren +Grundfesten erbeben ließ; alle die Lüste seiner Kreaturen gehörten ja +ihm, sie waren die Ekstasen, in denen sein äußerlich so armes Leben sich +verzehrte. Er spielte mit diesen Menschen so wie Gobsec, der Wucherer, +mit den Gequälten, die hoffnungslos zu ihm kamen, um sich Geld +auszuborgen, die er aufschnellen ließ an seiner Angel, deren Schmerz, +Lust und Qual er nur prüfend mitansah als das mehr oder minder +talentvolle Sichgebärden von Schauspielern. Und sein Herz spricht unter +dem schmutzigen Kittel Gobsecs: »Glauben Sie, daß es nichts bedeutet, +wenn man so in die verborgensten Falten des menschlichen Herzens +eindringt, wenn man so tief darin eindringt und es in seiner Nacktheit +vor sich hat?« Denn er, der Zauberer des Willens, schmolz Fremdes zu +Eigenem um, Traum zu Leben. Man erzählt von ihm, daß er in seiner +Jugend, als er in seiner Mansarde trockenes Brot, seine ärmliche +Mahlzeit, verzehrte, sich auf den Tisch mit Kreide die Randspur von +Tellern gezeichnet habe und in ihre Mitte die Namen der erlesensten +Lieblingsgerichte geschrieben, um so im trockenen Brot nur durch die +Suggestion des Willens den Geschmack der verschwenderischesten Speisen +zu spüren. Und so wie er hier den Geschmack zu schmecken meinte, wie er +ihn wirklich schmeckte, so hat er sicherlich alle Reize des Lebens in +den Elixieren seiner Bücher unbändig in sich getrunken, so eigene Armut +betrogen mit dem Reichtum und der Verschwendung seiner Knechte. Er, der +ewig von Schulden Gehetzte, von Gläubigern Gequälte, empfand sicherlich +einen geradezu sinnlichen Reiz, wenn er hinschrieb: Hunderttausend +Francs Rente. Er war es, der in den Bildern von Elie Magus wühlte, der +diese beiden Gräfinnen liebte als ihr Vater Goriot, der gipfelhoch mit +Seraphitus über die niegesehenen Fjorde Norwegens aufstieg, der mit +Rubempré die bewundernden Blicke der Frauen genoß, er, er selbst war es, +für den er aus all diesen Menschen die Lust wie Lava aufschießen ließ, +denen er Glück und Schmerz aus den hellen und dunklen Kräutern der Erde +braute. Kein Dichter war je mehr Mitgenießer seiner Gestalten. Gerade +an jenen Stellen, wo er den Zauber des so sehr ersehnten Reichtums +schildert, spürt man stärker als in den erotischen Abenteuern den Rausch +des Selbstbezauberten, die Haschischträume des Einsamen. Das ist seine +innerste Leidenschaft, dieses Auf- und Abströmen von Zahlen, dieses +gierige Gewinnen und Zerrinnen von Summen, dieses Schleudern von +Kapitalien von Hand zu Hand, das Schwellen der Bilanzen, der Wettersturz +der Werte, diese Stürze und Aufstiege ins Grenzenlose. Millionen läßt er +wie Ungewitter über Bettler hereinbrechen, Kapitale wieder in weichen +Händen wie Quecksilber zerrinnen, mit Wollust malt er die Paläste der +Faubourgs, die Magie des Geldes. Die Worte Millionen, Milliarden, das +ist immer hingestammelt mit jenem ohnmächtigen Nicht-mehr-sprechen-können, +dem Röcheln letzten sinnlichen Begehrens. Voluptuös wie die Frauen eines +Serails sind die Prunkstücke der Gemächer gereiht, wie wertvolle +Kronjuwelen die Insignien der Macht ausgebreitet. Bis in seine +Manuskripte hat sich dieses Fieber eingebrannt. Man kann sehen, wie die +anfangs ruhigen und zierlichen Zeilen aufschwellen gleich den Adern +eines Zornigen, wie sie taumeln, rascher werden, wie sie rasend sich +überhetzen, befleckt von den Spuren des Kaffees, mit dem er die +ermatteten Nerven vorwärtspeitschte, hört fast das rastlose, ratternde +Keuchen der überhitzten Maschine, den fanatischen, maniakalischen Krampf +ihres Schöpfers, diese Gier des Don Juan du verbe, des Menschen, der +alles besitzen will und alles haben. Und sieht den nochmaligen +impetuosen Ausbruch des ewig Ungenügsamen in den Korrekturbogen, deren +starres Gefüge er immer wieder aufriß wie der Fiebernde seine Wunde, um +noch einmal das rote pochende Blut der Zeilen durch den schon starren, +erkalteten Körper zu jagen. + +Solche titanische Arbeit bliebe unverständlich, wäre sie nicht Wollust +gewesen und noch mehr: der einzige Lebenswille eines asketisch allen +anderen Machtformen entsagenden Menschen, eines Leidenschaftlichen, dem +die Kunst die einzige Möglichkeit der Entäußerung war. Einmal, zweimal +hatte er ja flüchtig in anderem Material geträumt. Er hatte sich im +praktischen Leben versucht, zum erstenmal, als er, verzweifelnd am +Schaffen, die wirkliche Geldgewalt wollte, Spekulant wurde, eine +Druckerei gründete und eine Zeitung; aber mit jener Ironie, die das +Schicksal immer für Abtrünnige bereit hat, hat er, der in seinen +Büchern alles kannte, die Coups der Börsenleute, die Raffinements der +kleinen und der großen Geschäfte, die Schliche der Wucherer, der jedem +Ding seinen Wert wußte, der Hunderten von Menschen in seinen Werken +die Existenz errichtet, ein Vermögen mit richtigem, logischem Aufbau +gewonnen hatte, er selbst, der Grandet, Popinot, Crevel, Goriot, +Bridau, Nucingen, Wehrbrust und Gobsec reich gemacht hat, er selbst hat +sein Kapital verloren, ist schmählich zugrunde gegangen, und nichts +blieb ihm als jenes furchtbare Bleigewicht von Schulden, die er dann +stöhnend auf seinen breiten Lastträgerschultern das halbe Jahrhundert +seines Lebens weiterschleppte, Helote der unerhörtesten Arbeit, unter +der er eines Tages mit zersprengten Adern lautlos zusammenbrach. Die +Eifersucht der verlassenen Leidenschaft, der einzigen, der er sich +hingegeben hatte, der Kunst, hat sich furchtbar an ihm gerächt. Selbst +die Liebe, den andern ein wunderbarer Traum über ein Erlebtes und +Wirkliches, wurde bei ihm erst Erlebnis aus einem Traum. Frau von +Hanska, seine spätere Gattin, die étrangère, der jene berühmten Briefe +galten, war von ihm leidenschaftlich schon geliebt, ehe er in ihre +Augen gesehen, war damals schon geliebt von ihm, als sie noch +Unwirklichkeit war, wie die fille aux yeux d'or, wie die Delphine und +die Eugenie Grandet. Für den wahrhaften Schriftsteller ist jede andere +Leidenschaft als die des Schaffens, des Erträumens eine Abirrung. +»L'homme des lettres doit s'abstenir des femmes, elles font perdre son +temps, on doit se borner à leur écrire, cela forme le style«, sagte er +zu Theophile Gautier. Im Innersten liebte er auch nicht Frau von +Hanska, sondern die Liebe zu ihr, liebte nicht die Situationen, die ihm +begegneten, sondern die er sich erschuf, er fütterte den Hunger nach +Wirklichkeit so lange mit Illusionen, spielte so lange in Bildern und +Kostümen, bis er, wie die Schauspieler in den erregtesten Momenten, +selbst an seine Leidenschaft glaubte. Unermüdlich hat er dieser +Leidenschaft des Schaffens gefrönt, den inneren Verbrennungsprozeß +so lange beschleunigt, bis die Flamme aufschlug und nach außen brach, +bis er zugrunde ging. Mit jedem neuen Buch schrumpfte, wie die magische +Elentiershaut seiner mystischen Novelle, bei jedem so betätigten +Wunsch sein Leben zusammen, und er unterlag seiner Monomanie wie der +Spieler den Karten, der Trinker den Weinen, der Haschischträumer der +verhängnisvollen Pfeife und der Wollüstling den Frauen. Er ging an der +überreichen Erfüllung seiner Wünsche zugrunde. + +Es ist ein nur Selbstverständliches, daß ein dermaßen kolossalischer +Wille, der Träume so mit Blut und Lebendigkeit erfüllte, der sie so +anspannte, bis ihre Erregungen nicht minder stark waren wie die +Phänomene der Wirklichkeit, daß ein solch ungeheuer zauberkräftiger +Wille in seiner eigenen Magie das Geheimnis des Lebens sah und sich +selbst zum Weltgesetz erhob. Eine eigentliche Philosophie konnte der +nicht haben, der nichts von sich verriet, vielleicht nichts mehr war +als ein Wandelhaftes, der keine Gestalt hatte wie Proteus, weil er alle +in sich verkörperte, der wie ein Derwisch, ein flüchtiger Geist, in die +Körper von tausend Gestalten unterschlüpfte und sich verlor in den +Irrgängen ihres Lebens, jetzt mit dem einen Optimist, jetzt Altruist, +jetzt Pessimist und Relativist, der alle Meinungen und Werte in sich +ein- und ausschalten konnte wie elektrische Ströme. Er gibt keinem +unrecht und gibt keinem recht. Balzac hat immer nur épousé les opinions +des autres -- wir haben kein deutsches Wort für dieses spontane +Aufnehmen einer Meinung ohne dauernde Identifizierung --, er war +eingefangen im Augenblick, in der Brusthöhle seiner Menschen, trieb mit +im Schwall ihrer Leidenschaften und Laster. Wahrhaft und unabänderlich +mußte ihm nur der ungeheure Wille sein, dieses Zauberwort Sesam, das +ihm, dem Fremden, die Felsen vor der unbekannten Menschenbrust +aufsprengte, ihn hinabführte in die finsteren Abgründe ihres Gefühls +und ihn von dort, beladen mit dem Edelsten ihres Erlebens, wieder +aufsteigen ließ. Er mußte mehr als ein anderer geneigt sein, dem +Willen eine über das Geistige ins Materielle hinüberwirkende Gewalt +zuzuschreiben, ihn als Lebensprinzip und Weltgebot zu empfinden. Ihm +war bewußt, daß der Wille, dieses Fluidum, das, ausstrahlend von einem +Napoleon, die Welt erschütterte, das Reiche stürzte, Fürsten erhob, +Millionen Schicksale verwirrte, daß diese immaterielle Schwingung, +dieser reine atmosphärische Druck eines Geistigen nach außen sich auch +im Materiellen manifestieren müßte, die Physiognomie modellieren, +einströmen in die Physis des ganzen Körpers. Denn so wie eine momentane +Erregung bei jedem Menschen den Ausdruck fördert, brutale und selbst +stumpfsinnige Züge verschönt und charakterisiert, um wie viel mehr +mußte ein andauernder Wille, eine chronische Leidenschaft das Material +der Züge herausmeißeln. Ein Gesicht war für Balzac ein versteinerter +Lebenswille, eine in Erz gegossene Charakteristik, und so wie der +Archäologe aus den versteinerten Resten eine ganze Kultur zu erkennen +hat, so schien es ihm Erfordernis des Dichters, aus einem Antlitz und +aus der um einen Menschen lagernden Atmosphäre seine innere Kultur zu +erkennen. Diese Physiognomik ließ ihn die Lehre Galls lieben, seine +Topographie der im Gehirn gelagerten Fähigkeiten, ließ ihn Lavater +studieren, der ebenfalls im Gesichte nichts anderes sah als den Fleisch +und Bein gewordenen Lebenswillen, den nach außen gestülpten Charakter. +Alles, was diese Magie, die geheimnisvolle Wechselwirkung des Innerlichen +und Äußerlichen betonte, war ihm erwünscht. Er glaubte an Mesmers +Lehre der magnetischen Übertragung des Willens von einem Medium in +das andere, glaubte daran, daß die Finger Feuernetze seien, die den +Willen ausstrahlten, verkettete diese Anschauung mit den mystischen +Vergeistigungen Svedenborgs, und all diese nicht ganz zur Theorie +verdichteten Liebhabereien faßte er in der Lehre seines Lieblings, des +Louis Lambert, zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen +Gestalt eines früh Verstorbenen, die Selbstporträt und Sehnsucht nach +innerer Vollendung sonderbar vereint, öfter als jede andere Figur +Balzacs in sein eigenes Leben hinabgreift. Ihm war jedes Gesicht +eine zu enträtselnde Scharade. Er behauptete, in jedem Antlitz eine +Tierphysiognomie zu erkennen, glaubte, den Todgeweihten an geheimen +Zeichen bestimmen zu können, rühmte sich, jedem Vorübergehenden auf der +Straße die Profession von seinem Antlitz, seinen Bewegungen, seiner +Kleidung ablesen zu können. Diese intuitive Erkenntnis schien ihm aber +noch nicht die höchste Magie des Blicks. Denn all dies umschloß nur das +Seiende, das Gegenwärtige. Und seine tiefste Sehnsucht war, zu sein wie +jene, die mit konzentrierten Kräften nicht nur das Momentane, sondern +auch aus den Spuren das Vergangene, das Zukünftige aus den vorgestreckten +Wurzeln aufspüren können, Bruder zu sein der Chiromanten, der Wahrsager, +der Steller von Horoskopen, der »voyants«, all derer, die mit dem +tieferen Blick der »seconde vue« begabt, das Innerlichste aus dem +Äußerlichen, das Unbegrenzte aus den bestimmten Linien zu erkennen sich +erboten, die aus den dünnen Streifen der Handfläche den kurzen Weg des +zurückgelegten Lebens und den dunklen Pfad in das Zukünftige hinein +weiterzuführen vermochten. Ein solcher magischer Blick ist nach Balzac +nur jenem gegeben, der seine Intelligenz nicht in tausend Richtungen +zersplittert hat, sondern -- die Idee der Konzentrierung ist bei Balzac +in ewiger Wiederkehr -- in sich aufgespart einem einzigen Ziele +entgegenwendet. Die Gabe der »seconde vue« ist nicht nur die des +Zauberers und Sehers allein; »seconde vue«, spontane visionäre +Erkenntnis, dies unbezweifelbare Merkmal des Genies, haben die Mütter +gegenüber ihren Kindern, Desplein hat sie, der Arzt, der aus der +verworrenen Qual eines Kranken sofort die Ursache seines Leidens +und die vermutliche Grenze seiner Lebensdauer bestimmt, der geniale +Feldherr Napoleon, der die Stelle sofort erkennt, wo er die Brigaden +hinschleudern muß, um das Schicksal der Schlacht zu entscheiden; Marsay, +der Verführer, besitzt sie, der die flüchtige Sekunde aufgreift, in der +er eine Frau zu Fall bringen kann, Nucingen, der Börsenspieler, der den +großen Börsencoup im richtigen Momente zur Explosion bringt; alle diese +Astrologen des Himmels der Seele haben ihre Wissenschaft dank des nach +innen dringenden Blicks, der wie durch ein Perspektiv Horizonte sieht, +wo das unbewaffnete Auge nur ein graues Chaos unterscheidet. Hierin +schlummert die Affinität zwischen der Vision des Dichters und der +Deduktion des Gelehrten, dem rapiden, spontanen Begreifen und dem +langsamen, logischen Erkennen. Balzac, dem sein eigener intuitiver +Überblick selbst unbegreiflich werden und der oft erschreckt mit fast +irrem Blick sein Werk überschauen mußte wie ein Unbegreifliches, war +gezwungen zu einer Philosophie des Inkommensurablen, einer Mystik, der +der landläufige Katholizismus eines de Maistre nicht mehr genügte. Und +dieses Korn Magie, das seinem innersten Wesen beigemengt war, diese +Unbegreiflichkeit, die seine Kunst nicht nur Chemie des Lebens sein +läßt, sondern Alchimie, ist sein Grenzwert gegen die Späteren, gegen die +Nachahmer, gegen Zola besonders, der Stein um Stein zusammenraffte, wo +Balzac nur den Zauberring drehte, und schon ein Palast mit tausend +Fenstern sich aufbaute. So ungeheuer die Energie seines Werkes ist, der +erste Eindruck bleibt doch immer der von Zauberei und nicht von Arbeit, +nicht der eines Ausborgens vom Leben, sondern eines Beschenkens und +Bereicherns. + +Denn Balzac -- und dies schwebt wie eine undurchdringliche Wolke von +Geheimnis um seine Gestalt -- hat in den Jahren seines Schaffens nicht +mehr studiert und experimentiert, nicht mehr das Leben beobachtet wie +etwa Zola, der sich, ehe er einen Roman schrieb, ein Bordereau für +jede einzelne Figur anlegte, nicht wie Flaubert, der Bibliotheken +durchstöberte für ein fingerschmales Buch. Balzac kam selten wieder +zurück in jene Welt, die außer der seinen lag, er war eingeschlossen in +seine Halluzination wie in ein Gefängnis, angenagelt an den Marterstuhl +der Arbeit, und was er mitbrachte, wenn er einen jener flüchtigen +Ausflüge in die Wirklichkeit unternahm, wenn er ging, mit seinem +Verleger zu kämpfen oder die Korrekturbogen in eine Druckerei zu +bringen, bei einem Freunde zu speisen, oder die Bric-à-brac-Läden von +Paris zu durchstöbern, war immer eher Bestätigung als Informierung. +Denn damals, als er zu schreiben begann, war schon auf irgendeine +geheimnisvolle Weise das Wissen des ganzen Lebens in ihn eingedrungen, +lag gesammelt und aufgespeichert, und es ist vielleicht mit der +fast mythischen Erscheinung Shakespeares das größte Rätsel der +Weltliteratur, wie, wann und woher all diese ungeheuerlichen, aus allen +Berufsklassen, Materien, Temperamenten und Phänomenen herbeigeholten +Vorräte von Kenntnissen in ihn eingewachsen sind. Drei, vier Jahre, +Jünglingsjahre, war er in Berufen gestanden, bei einem Advokaten als +Schreiber, dann als Verleger, als Student, aber in diesen paar Jahren +muß er alles eingeschöpft haben, diese ganz unerklärliche, unübersehbare +Fülle von Tatsachen, die Kenntnis aller Charaktere und Phänomene. Er +muß unglaublich beobachtet haben in diesen Jahren. Sein Blick muß ein +furchtbar saugender gewesen sein, ein gieriger, der alles, was ihm +begegnete, vampirhaft nach innen riß, in ein Inneres, ein Gedächtnis, wo +nichts vergilbte, nichts zerrann, nichts sich mischte oder verdarb, wo +alles geordnet, gespart, getürmt lag, immer bereit und stets nach seiner +wesentlichen Seite hin gekehrt, alles federnd und aufspringend, sobald +er nur leise mit seinem Willen und Wunsche daran rührte. Alles hat +Balzac gewußt, die Prozesse, die Schlachten, die Börsenmanöver, die +Grundstückspekulationen, die Geheimnisse der Chemie, die Schliche +der Parfumeure, die Kunstgriffe der Künstler, die Diskussionen der +Theologen, den Betrieb der Zeitung, den Trug des Theaters und jener +anderen Bühne, der Politik. Er hat die Provinz gekannt, Paris und die +Welt, er, der connaisseur en flânerie, las wie in einem Buch in den +krausen Zügen der Straßen, wußte bei jedem Hause, wann es gebaut war +und von wem und für wen, enträtselte die Heraldik des Wappens über der +Tür, eine ganze Epoche aus der Bauart und wußte gleichzeitig den Preis +der Mieten, bevölkerte jedes Stockwerk mit Menschen, stellte Möbel in +die Zimmer, füllte sie an mit einer Atmosphäre von Glück und Unglück +und ließ vom ersten zum zweiten, vom zweiten zum dritten Stockwerk +das unsichtbare Netz des Schicksals sich spinnen. Er hat eine +enzyklopädische Kenntnis gehabt, wußte, wieviel ein Bild des Palma +Vecchio wert ist, wieviel ein Hektar Weideland kostet, was eine +Spitzenmasche, was ein Tilbury und ein Diener, er hat das Leben der +Elegants gekannt, die, zwischen Schulden vegetierend, in einem Jahr +zwanzigtausend Francs anbringen; und schlägt man zwei Seiten weiter, +so ist es wieder die Existenz eines armseligen Rentiers, in dessen +peinlich ausgetüfteltem Leben ein zerrissener Schirm, eine zerbrochene +Fensterscheibe zur Katastrophe wird. Wieder ein paar Seiten, und nun ist +er unter den ganz Armen, er geht ihnen nach, wie jeder seine paar Sous +verdient, der arme Auvergnate, der Wasserträger, dessen Sehnsucht es +ist, das Faß nicht selbst ziehen zu müssen, sondern ein kleines, +kleines Pferd zu haben, der Student und die Näherin, alle diese fast +vegetabilischen Existenzen der Großstadt. Tausend Landschaften stehen +auf, jede ist bereit, hinter seine Schicksale zu treten, sie zu formen, +und alle sind deutlicher in ihm nach einem Augenblick des Schauens, als +anderen nach den Jahren, die sie darin lebten. Alles hat er gewußt, was +er einmal flüchtig mit dem Blick angerührt hat, und -- merkwürdiges +Paradoxon des Künstlers -- er hat selbst das gewußt, was er gar nicht +kannte, er hat die Fjorde Norwegens und die Wälle von Saragossa aus +seinen Träumen wachsen lassen, und sie waren wie die Wirklichkeit. +Ungeheuer ist diese Rapidität der Vision. Es war, als ob er nackt und +klar das erkennen könnte, was die anderen umhängt und unter tausend +Bekleidungen erblickten. Ihm war an allem ein Zeichen, zu allem ein +Schlüssel, daß er die Außenfläche abtun konnte von den Dingen und sie +ihm ihr Inneres zeigten. Die Physiognomien taten sich ihm auf, alles +fiel in seine Sinne wie der Kern aus einer Frucht. Mit einem Ruck reißt +er das Essentielle aus dem Faltenwerk des Unwesentlichen, aber nicht, +daß er es freigräbt, langsam wühlend von Schicht zu Schicht, sondern wie +mit Pulver sprengt er die goldenen Minen des Lebens auf. Und zugleich +mit diesen wirklichen Formen faßt er auch das Unfaßbare, die gasförmig +über ihnen schwebende Atmosphäre von Glück und Unglück, die zwischen +Himmel und Erde schwebenden Erschütterungen, die nahen Explosionen, die +Wetterstürze der Luft. Was den anderen eben nur Umriß ist, was sie +sehen, kalt und ruhig wie unter einer gläsernen Vitrine, das fühlt +seine magische Sensibilität wie in der Hülse des Thermometers als +atmosphärischen Zustand. + +Dieses ungeheure, unvergleichlich intuitive Wissen ist das Genie +Balzacs. Was man dann noch den Künstler nennt, den Verteiler der +Kräfte, den Ordner und Gestalter, den Zusammenhaltenden und Lösenden, +den spürt man nicht so deutlich bei Balzac. Man wäre versucht zu sagen, +er war gar nicht das, was man Künstler nennt, so sehr war er Genie. +»Une telle force n'a pas besoin d'art.« Das Wort gilt auch von ihm. +Denn wirklich, hier ist eine Kraft, so grandios und so groß, daß sie +wie die freiesten Tiere des Urwaldes der Zähmung widerstrebt, sie ist +schön wie ein Gestrüpp, ein Sturzbach, ein Gewitter, wie alle jene +Dinge, deren ästhetischer Wert einzig in der Intensität ihres +Ausdrucks besteht. Ihre Schönheit bedarf nicht der Symmetrie, der +Dekoration, der nachhelfenden, sorglichen Verteilung, sie wirkt durch +die ungezügelte Vielfalt ihrer Kräfte. Balzac hat seine Romane nie +genau komponiert, er hat sich in ihnen verloren wie in einer +Leidenschaft, in den Schilderungen, im Wort gewühlt wie in Stoffen oder +nacktem blühenden Fleisch. Er reißt Gestalten auf, hebt sie von allen +Ständen, Familien, von allen Provinzen Frankreichs aus, wie Napoleon +seine Soldaten, teilt sie in Brigaden, macht den einen zum Reiter, +stellt den anderen zu den Kanonen und den dritten zum Train, schüttet +Pulver auf die Pfannen ihrer Gewehre und überläßt sie dann ihrer +inneren ungebändigten Kraft. Die »Comédie humaine« hat trotz der +schönen -- aber nachträglichen! -- Vorrede keinen inneren Plan. Sie ist +planlos, wie das Leben ihm selbst planlos erschien, sie zielt nicht auf +eine Moral hin und nicht auf eine Übersicht, sie will als Wandelndes +das ewig sich Wandelnde zeigen; in all diesem Ebben und Fluten ist +keine dauernde Kraft, sondern nur ein momentaner Zug wie die +geheimnisvolle Anziehung des Mondes, jene unkörperliche, wie aus Wolken +und Licht gewebte Atmosphäre, die man Epoche nennt. Dieses neuen Kosmos +einziges Gesetz wäre, daß alles, was gleichzeitig aufeinander wirkt, +auch sich selbst verändert, daß nichts frei wie ein Gott, der nur von +außen stieße, wirkt, sondern daß alle die Menschen, deren unbeständige +Vereinung erst die Epoche ausmacht, ebenso von der Epoche geschaffen +werden, daß ihre Moral, ihre Gefühle ebenso Produkte sind wie sie +selbst. Daß alles Relativitäten sind, daß, was in Paris Tugend genannt +wird, hinter den Azoren ein Laster sei, daß für nichts feste Werte +vorhanden seien und daß leidenschaftliche Menschen die Welt so werten +müssen, wie Balzac sie die Frau werten läßt: daß sie immer wert sei, +was sie ihn koste. Aufgabe des Dichters, dem -- schon weil er selbst +nur Produkt, Kreatur seiner Zeit ist -- versagt ist, das Bleibende aus +diesem Wandel zu gewinnen, kann nur sein, den atmosphärischen Druck, +den geistigen Zustand seiner Epoche zu schildern, das Wechselspiel +der gemeinsamen Kräfte, die die Millionen Moleküle beseelten, +zusammenfügten und wieder zerteilten. Meteorologe der sozialen +Luftströmungen, Mathematiker des Willens, Chemiker der Leidenschaften, +Geologe der nationalen Urformen -- ein vielfältiger Gelehrter zu sein, +der mit allen Instrumenten den Körper seiner Zeit durchdringt und +behorcht, und gleichzeitig ein Sammler aller Tatsachen, ein Maler ihrer +Landschaften, ein Soldat ihrer Ideen, das zu sein ist Balzacs Ehrgeiz, +und darum war er so unermüdlich im Verzeichnen ebenso der grandiosen +wie der infinitesimalen Dinge. Und so ist sein Werk nach dem Dauerwort +Taines das größte Magazin menschlicher Dokumente seit Shakespeare +geworden. Seinen Zeitgenossen und vielen der heutigen ist Balzac +freilich nur der Verfasser von Romanen. So betrachtet, durch das +ästhetische Glas visiert, erscheint er nicht so überlebensgroß. Denn er +hat eigentlich wenige standard works. Balzac will nicht am Einzelwerk +gemessen werden, sondern am Ganzen, will betrachtet sein wie eine +Landschaft mit Berg und Tal, unbegrenzter Ferne, verräterischen Klüften +und raschen Strömen. Mit ihm beginnt -- man könnte fast sagen, hört +auch auf, wäre nicht Dostojewski gekommen -- der Gedanke des Romans +als Enzyklopädie der inneren Welt. Die Dichter vor ihm wußten nur +zweierlei, um den schläfrigen Motor der Handlung nach vorne zu treiben: +sie statuierten entweder den von außen wirkenden Zufall, der wie ein +scharfer Wind sich in die Segel legte und das Fahrzeug nach vorne +trieb, oder sie wählten als die von innen treibende Kraft einzig den +erotischen Trieb, die Peripetien der Liebe. Balzac nun hat eine +Transponierung des Erotischen vorgenommen. Für ihn gab es zweierlei +Begehrende (und wie gesagt, nur die Begehrenden, die Ambitiösen haben +ihn interessiert): die Erotiker im eigentlichen Sinne, ein paar Männer +also und fast alle Frauen, deren Sternbild einzig die Liebe ist, die +unter ihm geboren werden und zugrunde gehen. Daß aber alle diese in der +Erotik ausgelösten Kräfte nicht die einzigen seien, daß die Peripetien +der Leidenschaft auch bei anderen Menschen nicht um ein Gran vermindert +und, ohne daß die treibende Urkraft zerstäube oder zersplittere, in +anderen Formen, in anderen Symbolen erhalten seien, durch diese tätige +Erkenntnis hat der Roman Balzacs eine ungeheuerliche Vielfalt gewonnen. + +Aber noch aus einer zweiten Quelle hat Balzac ihn mit Wirklichkeit +gespeist: er hat das Geld in den Roman gebracht. Er, der keine absoluten +Werte anerkannte, beobachtete als Sekretär seiner Zeitgenossen, als +Statistiker des Relativen genau die äußeren, die moralischen, +politischen, ästhetischen Werte der Dinge und vor allem jenen allgemein +gültigen Wert der Objekte, der sich in unseren Tagen bei jedem Dinge +fast dem absoluten nähert: den Geldwert. Seit die Vorrechte der +Aristokratie gefallen sind, seit der Nivellierung der Unterschiede ist +das Geld zum Blute, zur treibenden Kraft des sozialen Lebens geworden. +Jedes Ding ist durch seinen Wert, jede Leidenschaft durch ihre +materiellen Opfer, jeder Mensch durch sein äußeres Einkommen bestimmt. +Zahlen sind die Gradmesser für gewisse, atmosphärische Zustände des +Gewissens, die Balzac zu erforschen sich zur Aufgabe gesetzt hat. Und +Geld kreist in seinen Romanen. Nicht nur das Anwachsen und Hinstürzen +der großen Vermögen, die wilden Spekulationen der Börse sind +geschildert, nicht nur die großen Schlachten, in denen ebensoviel +Energie verausgabt wird wie bei Leipzig und Waterloo, nicht nur diese +zwanzig Typen der Gelderraffer aus Geiz, Haß, Verschwendungslust, +Ambition, nicht nur jene Menschen, die das Geld um des Geldes willen +lieben, und die, welche es um des Symbols willen lieben, und die wieder, +denen es nur Mittel zu ihren Zwecken ist, sondern Balzac hat als der +erste und kühnste an tausend Beispielen gezeigt, wie das Geld selbst in +die edelsten, feinsten und immateriellsten Empfindungen eingesickert +ist. Alle seine Menschen rechnen, wie wir es unwillkürlich im Leben tun. +Seine Anfänger, die nach Paris kommen, wissen rasch, was ein Besuch der +guten Gesellschaft kostet, eine elegante Gewandung, blanke Schuhe, ein +neuer Wagen, eine Wohnung, ein Diener, tausend Kleinigkeiten und +Kleinlichkeiten, die alle bezahlt und erlernt sein wollen. Sie kennen +die Katastrophen, verachtet zu werden um einer unmodischen Weste willen, +sie haben bald heraus, daß nur Geld oder der Schein des Geldes die Türen +sprengt, und aus diesen kleinen unablässigen Demütigungen wachsen dann +die großen Leidenschaften und die zähe Ambition. Und Balzac geht mit +ihnen. Er rechnet den Verschwendern ihre Ausgaben nach, den Wucherern +ihre Prozente, den Kaufmännern ihre Verdienste, den Dandys ihre +Schulden, den Politikern ihre Bestechungen. Die Summen sind die +Gradziffern der aufsteigenden Unruhegefühle, der Barometerdruck der +nahenden Katastrophen. Da Geld der materielle Niederschlag des +universellen Ehrgeizes war, da es eindrang in alle Gefühle, so mußte +er, der Pathologe des sozialen Lebens, um die Krisen des kranken Leibes +zu erkennen, die Mikroskopie des Blutes unternehmen, den Geldgehalt +desselben gewissermaßen feststellen. Denn aller Leben ist damit +gesättigt, es ist Sauerstoff für die gehetzten Lungen, keiner kann es +entbehren, der Ehrgeizige nicht für seinen Ehrgeiz, der Liebende nicht +für sein Glück und am wenigsten der Künstler, das hat er selbst am +besten gewußt, auf dessen Schultern die Schuld von hunderttausend Francs +sich türmte, dieses furchtbare Gewicht, das er oft flüchtig -- in der +Ekstase der Arbeit -- wegschleuderte von seinen Schultern und das +schließlich zerschmetternd auf ihn niederfiel. + +Unübersehbar ist sein Werk. In den achtzig Bänden steht eine Zeit, eine +Welt, eine Generation. Nie vorher ist bewußt ein so Gewaltiges versucht +worden, nie wurde die Vermessenheit eines übergroßen Willens besser +belohnt. Den Genießenden, den Ausruhenden, die am Abend, aus ihrer +engen Welt flüchtend, neue Bilder und neue Menschen wollen, ist +Erregung und ein wandelnd Spiel gegeben, den Dramatikern Stoff für +hundert Tragödien, den Gelehrten -- lässig hingeworfen wie Brocken vom +Tisch eines Übersättigten -- eine Fülle von Problemen und Anregungen, +den Liebenden eine geradezu vorbildliche Glut der Ekstase. Am +gewaltigsten aber ist die Erbschaft für die Dichter. In dem Entwurf +der »Comédie humaine« stehen nebst den vollendeten noch vierzig +unvollendete, ungeschriebene Romane, Moskau heißt der eine, jener die +Ebene von Wagram, ein anderer gilt dem Kampf um Wien und wieder einer +dem Leben der Passion. Fast ist es ein Glück, daß nicht alle diese zu +Ende gelangt sind. Balzac hat einmal gesagt: »Genie ist derjenige, der +jederzeit seine Gedanken in Tat umsetzen kann. Aber das ganz große +Genie entfaltet nicht unablässig diese Tätigkeit, sonst würde es Gott +zu sehr gleichen.« Denn hätte er alle diese vollenden dürfen, den Kreis +der Leidenschaften und Geschehnisse ganz in sich zurückführen, sein +Werk wäre ins Unbegreifliche gewachsen. Es wäre ein Ungeheures geworden, +eine Abschreckung für alle Späteren durch seine Unerreichbarkeit, +während es so -- ein Torso ohnegleichen -- die ungeheuerste Aneiferung, +das grandioseste Beispiel ist für jeden schöpferischen Willen zum +Unerreichbaren. + + + + + DICKENS + + +Nein, man soll nicht Bücher und Biographen befragen, wie sehr Charles +Dickens von seinen Zeitgenossen geliebt worden ist. Liebe lebt atmend +nur im gesprochenen Wort. Man muß es sich erzählen lassen, am besten +von einem Engländer, der mit seinen Jugenderinnerungen noch zurückreicht +bis an jene Zeit der ersten Erfolge, von einem derer, die sich noch +immer nicht nach nun fünfzig Jahren entschließen können, den Dichter des +»Pickwick« Charles Dickens zu nennen, sondern ihm unentwegt seinen alten +vertraulicheren, innigeren Necknamen »Boz« geben. An ihrer wehmütig +rücksinnenden Rührung kann man den Enthusiasmus der Tausende messen, die +damals mit ungestümem Entzücken jene blauen, monatlichen Romanhefte +empfangen hatten, die heute, ein Rarissimum für den Bibliophilen, in +Fächern und Schränken gilben. Damals -- so erzählte mir einer dieser +»old Dickensians« -- konnten sie es am Posttage niemals über sich +bringen, den Boten zu Hause abzuwarten, der endlich, endlich das neue +blaue Heft von Boz im Bündel trug. Einen ganzen Monat hatten sie danach +gehungert, hatten geharrt, gehofft, gestritten, ob Copperfield die Dora +heiraten werde oder die Agnes, hatten sich gefreut, daß Micawbers +Verhältnisse wieder zu einer Krisis gelangt waren -- wußten sie doch, er +werde sie mit heißem Punsch und guter Laune heroisch überwinden! -- und +nun sollten sie noch warten, warten, bis der Postbote auf der schläfrigen +Kutsche kam und ihnen all diese heiteren Scharaden auflöste? Das konnten +sie nicht, es ging einfach nicht. Und alle, die Alten wie die Jungen, +wanderten Jahr für Jahr am fälligen Tage dem Briefboten zwei Meilen +entgegen, nur um ihr Buch früher zu haben. Im Heimwandern schon fingen +sie an zu lesen, einer guckte dem andern über die Schulter ins Blatt, +andere lasen laut vor, und nur die gutmütigsten liefen mit langen +Beinen zurück, um die Beute rascher zu Frau und Kind zu bringen. So wie +dieses Städtchen hat damals jedes Dorf, jede Stadt, das ganze Land und +darüber hinaus die in allen Erdteilen gesiedelte englische Welt Charles +Dickens geliebt; hat ihn geliebt von der ersten Stunde der Begegnung bis +zur letzten seines Lebens. Nie im neunzehnten Jahrhundert hat es +irgendwo ein ähnlich unwandelbares herzliches Verhältnis zwischen einem +Dichter und seiner Nation gegeben. Wie eine Rakete schoß dieser Ruhm +auf, aber er losch nie aus, er blieb wie eine Sonne wandellos leuchtend +über der Welt. Vom ersten Heft der »Pickwickier« wurden 400 Exemplare +gedruckt, vom fünfzehnten bereits 40000: mit solcher Lawinenmacht +stürzte sein Ruhm nieder in seine Zeit. Nach Deutschland bahnte er sich +schnell den Weg, Hunderte und Tausende kleiner Groschenhefte säten +Lachen und Freude in die Furchen selbst der verwittertsten Herzen; nach +Amerika, Australien und Kanada wanderte der kleine Nikolaus Nickleby, +der arme Oliver Twist und die tausend anderen Gestalten dieses +Unerschöpflichen. Heute sind schon Millionen Bücher von Dickens im +Umlauf, große, kleine, dicke und dünne Bände, billige Ausgaben für die +Armen und die teuerste Ausgabe drüben in Amerika, die je von einem +Dichter veranstaltet worden ist (dreimalhunderttausend Mark, glaube ich, +kostet sie: diese Ausgabe für Milliardäre), aber in all den Büchern +nistet heute wie damals noch immer das selige Lachen, um aufzuflattern +wie ein zwitschernder Vogel, sobald man die ersten Blätter gewendet hat. +Beispiellos ist die Beliebtheit dieses Autors gewesen: wenn sie sich im +Laufe der Jahre nicht steigerte, so war es nur, weil die Leidenschaft +keine höheren Möglichkeiten mehr kannte. Als Dickens sich entschloß, +öffentlich zu lesen, als er zum erstenmal seinem Publikum Auge in Auge +entgegentrat, war England im Taumel. Man stürmte die Säle, pfropfte sie +voll, an den Säulenpfeilern klammerten sich Enthusiasten an, krochen +unter sein Podium, nur um den geliebten Dichter hören zu können. In +Amerika schliefen die Leute bei bitterster Winterkälte auf mitgebrachten +Matratzen vor den Kassen, Kellner brachten ihnen das Essen aus den +benachbarten Restaurants, aber der Andrang wurde unaufhaltsam. Alle Säle +wurden zu klein, und man räumte schließlich dem Dichter in Brooklyn eine +Kirche ein als Vorlesesaal. Von der Kanzel las er die Abenteuer Oliver +Twists und die Geschichte der kleinen Nell. Launenlos war dieser Ruhm, +er drängte Walter Scott zur Seite, überschattete ein Leben lang das +Genie Thackerays; und als die Flamme erlosch, als Dickens starb, ging es +wie ein Riß durch die ganze englische Welt. Auf der Straße erzählten es +Fremde einander, Bestürzung verstörte London wie nach einer verlorenen +Schlacht. Zwischen Shakespeare und Fielding bettete man ihn, in +Westminster Abbey, dem Pantheon Englands; Tausende strömten hinzu, und +tagelang war die schlichte Gedenkstätte überflutet von Blumen und +Kränzen. Und noch heute, nach vierzig Jahren, kann man selten +vorübergehen, ohne ein paar von dankbarer Hand hingestreute Blüten zu +finden: der Ruhm und die Liebe ist nicht gewelkt in all den Jahren. +Heute wie damals in jener Stunde, da England dem Ahnungslosen, dem +Namenlosen das unverhoffte Geschenk des Weltruhms in die Hand drückte, +ist Charles Dickens der geliebteste, umworbenste und gefeierteste +Erzähler der ganzen englischen Welt. + +Eine so ungeheuerliche, gleicherweise in die Breite wie in die Tiefe +dringende Wirkung eines dichterischen Werkes kann nur durch das +seltene Zusammentreffen zweier meist widerstrebender Elemente +Wirklichkeit werden: durch die Identität eines genialen Menschen mit +der Tradition seiner Zeit. Im allgemeinen wirken das Traditionelle und +das Geniale gegeneinander wie Wasser und Feuer. Ja, es ist beinahe das +Merkzeichen des Genies, daß es als verkörperte Seele einer werdenden +Tradition die vergangene befeindet, daß es als Ahnherr eines neuen +Geschlechtes dem absterbenden Blutfehde ansagt. Ein Genie und seine +Zeit sind wie zwei Welten, die zwar Licht und Schatten miteinander +tauschen, aber in anderen Sphären schwingen, die sich auf ihren +kreisenden Bahnen begegnen, aber nie vereinen. Hier ist nun jene +seltene Sekunde des Sternenhimmels, wo der Schatten des einen Gestirns +die leuchtende Scheibe des anderen so ausfüllt, daß sie sich +identifizieren: Dickens ist der einzige große Dichter des Jahrhunderts, +dessen innerste Absicht sich ganz mit dem geistigen Bedürfnis seiner +Zeit deckt. Sein Roman ist absolut identisch mit dem Geschmack des +damaligen England, sein Werk ist die Materialisierung der englischen +Tradition: Dickens ist der Humor, die Beobachtung, die Moral, die +Ästhetik, der geistige und künstlerische Gehalt, das eigenartige und +uns oft fremde, oft sehnsüchtig-sympathische Lebensgefühl von sechzig +Millionen Menschen jenseits des Ärmelkanals. Nicht er hat dieses Werk +gedichtet, sondern die englische Tradition, die stärkste, reichste, +eigentümlichste und darum auch gefährlichste der modernen Kulturen. Man +darf ihre vitale Kraft nicht unterschätzen. Jeder Engländer ist mehr +Engländer als der Deutsche Deutscher. Das Englische liegt nicht wie ein +Firnis, wie eine Farbe über dem geistigen Organismus des Menschen, es +dringt ins Blut, wirkt regelnd ein auf seinen Rhythmus, durchpulst das +Innerste und Geheimste, das Ureigenste im Individuum: das Künstlerische. +Auch als Künstler ist der Engländer mehr rassepflichtig als der Deutsche +oder Franzose. Jeder Künstler in England, jeder wahrhafte Dichter hat +darum mit dem Englischen in sich gerungen; aber selbst inbrünstigster, +verzweifeltster Haß haben es nicht vermocht, die Tradition niederzuzwingen. +Sie reicht mit ihren feinen Adern zu tief hinab ins Erdreich der Seele: +und wer das Englische ausreißen will, zerreißt den ganzen Organismus, +verblutet an der Wunde. Ein paar Aristokraten haben es, voll Sehnsucht +nach freiem Weltbürgertum, gewagt: Byron, Shelley, Oskar Wilde haben +den Engländer in sich vernichten wollen, weil sie das Ewig-Bürgerliche +im Engländer haßten. Aber sie zerfetzten nur ihr eigenes Leben. Die +englische Tradition ist die stärkste, die siegreichste der Welt, aber +auch die gefährlichste für die Kunst. Die gefährlichste, weil sie +heimtückisch ist: keine frostige Öde ist sie, nicht unwirtlich oder +ungastlich, sie lockt mit warmem Herdfeuer und sanfter Bequemlichkeit, +aber sie zäunt ein mit moralischen Grenzen, sie beengt und regelt und +verträgt sich übel mit dem freien künstlerischen Trieb. Sie ist eine +bescheidene Wohnung mit stockender Luft, geschützt vor den gefährlichen +Stürmen des Lebens, heiter, freundlich und gastlich, ein echtes »home« +mit allem Kaminfeuer bürgerlicher Zufriedenheit, aber doch ein Gefängnis +für den, dessen Heimat die Welt, dessen tiefste Lust das nomadenhaft +selige, abenteuerliche Schweifen im Unbegrenzten ist. Dickens hat sichs +behaglich in der englischen Tradition gemacht, hat sich häuslich +eingerichtet in ihren vier Mauern. Er fühlte sich wohl in der heimatlichen +Sphäre und hat nie, sein Leben lang, die künstlerische, moralische oder +ästhetische Grenze Englands überschritten. Er war kein Revolutionär. +Der Künstler in ihm vertrug sich mit dem Engländer, löste sich +allmählich ganz in ihm auf. Was Dickens geschaffen hat, steht fest und +sicher auf dem jahrhundertalten Fundament der englischen Tradition, +beugt sich nie oder nur selten um Haaresbreite über sie hinaus, führt +aber den Bau zu unverhoffter Höhe mit einer reizvollen Architektonik +empor. Sein Werk ist der unbewußte, Kunst gewordene Wille seiner Nation: +und wenn wir die Intensität, die seltenen Vorzüge und die versäumten +Möglichkeiten seiner Dichtung umgrenzen, rechten wir gleichzeitig immer +mit England. + +Dickens ist der höchste dichterische Ausdruck der englischen Tradition +zwischen dem heroischen Jahrhundert Napoleons, der ruhmreichen +Vergangenheit, und dem Imperialismus, dem Traum seiner Zukunft. Wenn +er für uns nur ein Außerordentliches geleistet hat und nicht das +Gewaltige, zu dem ihn sein Genie prädestinierte, so ist es nicht +England, nicht die Rasse selbst, die ihn gehemmt hat, sondern der +unverschuldete Augenblick: das viktorianische Zeitalter Englands. Auch +Shakespeare war ja höchste Möglichkeit, poetische Erfüllung einer +englischen Epoche: aber der elisabethanischen, des starken tatenfrohen, +jünglinghaften, frischsinnlichen England, das zum erstenmal die Fänge +nach dem Imperium mundi reckte, das heiß und vibrierend war von +überschäumender Kraft. Shakespeare war der Sohn eines Jahrhunderts der +Tat, des Willens, der Energie. Neue Horizonte waren aufgetaucht, in +Amerika abenteuerliche Reiche gewonnen, der Erbfeind zerschmettert, +von Italien her flackte das Feuer der Renaissance herüber in den +nordischen Nebel, ein Gott, eine Religion waren abgetan, die Welt +wieder anzufüllen mit neuen lebendigen Werten. Shakespeare war die +Inkarnation des heroischen England, Dickens nur das Symbol des +bourgeoisen. Er war loyaler Untertan der anderen Königin, der sanften, +hausmütterlichen, unbedeutenden, old queen Victoria, Bürger eines +prüden, behaglichen, geordneten Staatswesens ohne Elan und +Leidenschaft. Sein Auftrieb war gehemmt durch die Schwere des +Zeitalters, das nicht hungrig war, das nur verdauen wollte: schlaffer +Wind nur spielte mit den Segeln seines Schiffes, trieb es nie fort von +der englischen Küste zur gefährlichen Schönheit des Unbekannten, hinein +in die pfadlose Unendlichkeit. Vorsichtig ist er immer in der Nähe des +Heimischen, Gewohnten und Althergebrachten geblieben: wie Shakespeare +der Mut des gierigen, ist Dickens die Vorsicht des satten England. 1812 +ist er geboren. Gerade wie seine Augen um sich greifen können, wird es +dunkel in der Welt, die große Flamme verlischt, die das morsche Gebälk +der europäischen Staaten zu vernichten drohte. Bei Waterloo zerschellt +die Garde an der englischen Infanterie, England ist gerettet und sieht +seinen Erbfeind auf ferner Insel einsam ohne Krone und Macht zugrunde +gehen. Das hat Dickens nicht mehr miterlebt; er sieht nicht mehr die +Flamme der Welt, den feurigen Schein von einem Ende Europas sich gegen +das andere wälzen; sein Blick tappt in den Nebel Englands hinein. Der +Jüngling findet keine Helden mehr, die Zeit der Heroen ist vorüber. Ein +paar in England wollen es freilich nicht glauben, sie wollen mit Gewalt +und Enthusiasmus die Speichen der rollenden Zeit zurückreißen, der Welt +den alten sausenden Schwung geben, aber England will Ruhe und stößt sie +von sich. Sie flüchten der Romantik nach in ihre heimlichen Winkel, +suchen aus armen Funken das Feuer wieder zu entfachen, aber das +Schicksal läßt sich nicht zwingen. Shelley ertrinkt im Tyrrhenischen +Meer, Lord Byron verbrennt im Fieber zu Missolunghi: die Zeit will +keine Aventüren mehr. Aschfarben ist die Welt. Behaglich verschmaust +England die noch blutige Beute; der Bourgeois, der Kaufmann, der Makler +ist König und räkelt sich auf dem Thron wie auf einem Faulbett. England +verdaut. Eine Kunst, die damals gefallen konnte, mußte digestiv sein, +sie durfte nicht stören, nicht mit wilden Emotionen rütteln, nur +streicheln und krauen, sie durfte nur sentimental sein und nicht +tragisch. Man wollte nicht den Schauer, der die Brust wie ein Blitz +spaltet, den Atem zerschneidet, das Blut einfrieren läßt -- zu gut +kannte man das vom wirklichen Leben, als die Gazetten aus Frankreich +und Rußland kamen --, nur das Gruseln wollte man, das Schnurren und +Spielen, das unablässig den farbigen Knäuel der Geschichten hin und +her rollt. Kaminkunst wollten die Leute von damals, Bücher, die sich +behaglich, während der Sturm an den Pfosten rüttelt, am Kamin lesen und +die selbst so züngeln und knacken mit vielen kleinen ungefährlichen +Flammen, eine Kunst, die das Herz wärmt wie Tee, nicht eine, die es +freudig und lodernd berauschen will. So ängstlich sind die Sieger von +vorgestern geworden -- sie, die nur behalten möchten und bewahren, +nichts mehr wagen und wandeln --, daß sie Angst haben vor ihrem +eigenen starken Gefühl. In den Büchern wie im Leben wünschen sie nur +wohltemperierte Leidenschaften, keine Ekstasen, die aufstürmen, immer +nur normale Gefühle, die sittsam promenieren. Glück wird in England +damals identisch mit Beschaulichkeit, Ästhetik mit Sittsamkeit, und +Sinnlichkeit wiederum mit Prüderie, Nationalgefühl mit Loyalität, Liebe +mit Ehe. Alle Lebenswerte werden blutarm. England ist zufrieden und +will keinen Wandel. Eine Kunst, die eine so satte Nation anerkennen +kann, muß darum selbst irgendwie zufrieden sein, das Bestehende +loben und nicht darüberhinaus wollen. Und dieser Wille nach einer +behaglichen, freundlichen, einer digestiven Kunst findet sein Genie, +wie einst das elisabethanische England seinen Shakespeare. Dickens ist +das Schöpfung gewordene künstlerische Bedürfnis des damaligen England. +Daß er im richtigen Augenblicke kam, schuf seinen Ruhm; daß er von +diesem Bedürfnis überwältigt wurde, ist seine Tragik. Seine Kunst ist +genährt von der hypokritischen Moral von der Behaglichkeit des satten +England: und stände nicht eine so außerordentliche dichterische Kraft +hinter seinem Werke, täuschte nicht sein glitzernder, goldfunkelnder +Humor hinweg über die innere Farblosigkeit der Gefühle, so hätte er nur +Wert in jener englischen Welt, wäre uns indifferent wie die Tausende +von Romanen, die jenseits des Ärmelkanals von fingerfertigen Leuten +produziert werden. Erst wenn man aus tiefster Seele die hypokritische +Borniertheit der viktorianischen Kultur haßt, kann man das Genie eines +Menschen mit voller Bewunderung ermessen, der uns diese widerliche +Welt der satten Behäbigkeit als interessant und fast liebenswert zu +empfinden zwang, der die banalste Prosa des Lebens zu Poesie erlöste. + +Dickens hat selbst nie gegen dieses England angekämpft. Aber in der +Tiefe -- unten im Unbewußten -- war das Ringen des Künstlers in ihm mit +dem Engländer. Er ist ursprünglich stark und sicher ausgeschritten, +nach und nach aber in dem weichen, halb zähen, halb nachgiebigen Sand +seiner Zeit müde geworden und immer öfter und öfter schließlich in die +alten, breitgestapften Fußspuren der Tradition getreten. Dickens ist +überwältigt worden von seiner Zeit, und ich muß bei seinem Schicksal +immer an das Abenteuer Gullivers bei den Liliputanern denken. Während +der Riese schläft, spannen ihn die Zwerge mit tausenden kleinen Fäden +an den Erdboden an, halten den Erwachenden so fest und lassen ihn nicht +früher frei, ehe er nicht kapituliert und geschworen hat, die Gesetze +des Landes nie zu verletzen. So hat die englische Tradition Dickens im +Schlaf seiner Unberühmtheit eingesponnen und festgehalten: sie preßte +ihn mit den Erfolgen an die englische Scholle, sie rissen ihn hinein in +den Ruhm und banden ihm damit die Hände. Er war nach einer langen +trüben Kindheit Stenograph im Parlament geworden und hatte einmal +versucht, kleine Skizzen zu schreiben, mehr eigentlich um sein +Einkommen zu vermehren als aus impulsivem dichterischen Bedürfnis. Der +erste Versuch gelang, die Zeitung verpflichtete ihn. Dann bat ihn ein +Verleger um satirische Glossen zu einem Klub, die gewissermaßen den +Text zu Karikaturen aus der englischen gentry bilden sollten. Dickens +nahm an. Und es gelang, gelang über alle Erwartung. Die ersten Hefte +des »Pickwick-Klub« waren ein Erfolg ohne Beispiel; nach zwei Monaten +war Boz ein nationaler Autor. Der Ruhm schob ihn weiter, aus Pickwick +wurde ein Roman. Es gelang wieder. Immer dichter spannen sich die +kleinen Netze, die geheimen Fesseln des nationalen Ruhmes. Von einem +Werke drängte ihn der Beifall zum andern, drängte ihn immer mehr in +die Windrichtung des zeitgenössischen Geschmackes hinein. Und diese +hunderttausend Netze, aus Beifall, baren Erfolgen und stolzem +Bewußtsein künstlerischen Wollens auf das verwirrendste gewoben, +hielten ihn nun fest an der englischen Erde, bis er kapitulierte, +innerlich gelobte, die ästhetischen und moralischen Gesetze seiner +Heimat nie zu übertreten. Er blieb in der Gewalt der englischen +Tradition, des bürgerlichen Geschmackes, ein moderner Gulliver unter +den Liliputanern. Seine wundervolle Phantasie, die wie ein Adler hätte +hinschweben können über dieser engen Welt, verhakte sich in den +Fußfesseln der Erfolge. Eine tiefinnerliche Zufriedenheit belastet +seinen künstlerischen Auftrieb. Dickens war zufrieden. Zufrieden mit +der Welt, mit England, mit seinen Zeitgenossen und sie mit ihm. Beide +wollten sie sich nicht anders, als sie waren. In ihm war nicht die +zornige Liebe, die züchtigen will, aufrütteln, anstacheln und erheben, +der Urwille des großen Künstlers, mit Gott zu rechten, seine Welt zu +verwerfen und sie neu, nach seinem eigenen Dünken zu erschaffen. +Dickens war fromm, fürchtig; er hatte für alles Bestehende eine +wohlwollende Bewunderung, ein ewig kindliches, spielfrohes Entzücken. +Er war zufrieden. Er wollte nicht viel. Er war einmal ein ganz armer, +vom Schicksal vergessener, von der Welt verschüchterter Knabe gewesen, +dem erbärmliche Berufe die Jugend verzettelt hatten. Damals hatte er +bunte farbige Sehnsucht gehabt, aber alle hatten ihn zurückgestoßen in +eine lange und hartnäckig getragene Verschüchterung. Das brannte in +ihm. Seine Kindheit war das eigentlich dichterisch-tragische Erlebnis +-- hier war der Same seines schöpferischen Wollens eingesenkt in das +fruchtbare Erdreich von schweigsamem Schmerz; und seine tiefste +seelische Absicht war, als ihm dann die Macht und Möglichkeit der +Wirkung ins Weite wurde, diese Kindheit zu rächen. Er wollte mit seinen +Romanen allen armen, verlassenen, vergessenen Kindern helfen, die so +wie er einst Ungerechtigkeit erlitten durch schlechte Lehrer, +vernachlässigte Schulen, gleichgültige Eltern, durch die lässige, +lieblose, selbstsüchtige Art der meisten Menschen. Er wollte ihnen die +paar farbigen Blüten Kinderfreude retten, die in seiner eigenen Brust +verwelkt waren ohne den Tau der Güte. Später hatte ihm das Leben dann +alles gewährt, und er wußte es nicht mehr anzuklagen: aber die Kindheit +rief in ihm um Rache. Und die einzige moralische Absicht, der innere +Lebenswille seines Dichtens war, diesen Schwachen zu helfen: hier +wollte er die zeitgenössische Lebensordnung verbessern. Er verwarf sie +nicht, er bäumte sich nicht auf gegen die Normen des Staates, er droht +nicht, reckt nicht die zornige Faust gegen das ganze Geschlecht, gegen +die Gesetzgeber, die Bürger, gegen die Verlogenheit aller Konventionen, +sondern deutet nur hier und dort mit vorsichtigem Finger auf eine +offene Wunde. England ist das einzige Land Europas, das damals, um +1848, nicht revolutionierte; und so wollte auch er nicht umstürzen und +neu schaffen, nur korrigieren und verbessern, wollte nur die Phänomene +des sozialen Unrechts, dort wo ihr Dorn zu spitz und schmerzhaft ins +Fleisch drang, abschleifen und mildern, doch nie die Wurzel, die +innerste Ursache, aufgraben und zerstören. Als echter Engländer wagt er +sich nicht an die Fundamente der Moral, sie sind dem Konservativen +sakrosankt wie das gospel, das Evangelium. Und diese Zufriedenheit, +dieser Absud vom flauen Temperament seiner Epoche, ist so charakteristisch +für Dickens. Er wollte nicht viel vom Leben: und so seine Helden. Ein +Held bei Balzac ist gierig und herrschsüchtig, er verbrennt vor +ehrgeiziger Sehnsucht nach Macht. Nichts ist ihm genug, unersättlich +sind sie alle, jeder ein Welteroberer, ein Umstürzler, ein Anarchist +und ein Tyrann zugleich. Sie haben ein napoleonisches Temperament. +Auch die Helden Dostojewskis sind feurig und ekstatisch, ihr Wille +verwirft die Welt und greift in herrlichster Ungenügsamkeit über das +wirkliche Leben nach dem wahren Leben; sie wollen nicht Bürger und +Menschen sein, sondern in jedem von ihnen funkelt durch alle Demut der +gefährliche Stolz, ein Heiland zu werden. Ein Held Balzacs will die Welt +unterjochen, ein Held Dostojewskis sie überwinden. Beide haben sie eine +Anspannung über das Alltägliche hinaus, eine Pfeilrichtung gegen das +Unendliche. Die Menschen bei Dickens sind alle bescheiden. Mein Gott, +was wollen sie? Hundert Pfund im Jahr, eine nette Frau, ein Dutzend +Kinder, einen freundlich gedeckten Tisch für die guten Freunde, ihr +Cottagehaus bei London mit einem Blick von Grün vor dem Fenster, mit +einem kleinen Gärtchen und einer Handvoll Glück. Ihr Ideal ist ein +spießerisches, ein kleinbürgerliches: damit muß man sich bei Dickens +zurechtfinden. Alle seine Menschen wollen innerlich keinen Wandel +der Weltordnung, wollen weder Reichtum noch Armut, sondern dieses +behagliche Mittelmaß, das als Lebensmaxime so weise für den Krämer +und Kärrner, so gefährlich für den Künstler ist. Die Ideale Dickens' +haben abgefärbt von ihrer armen Umwelt. Hinter dem Werke steht als der +Schöpfer, der Bändiger des Chaos, nicht ein zorniger Gott, gigantisch +und übermenschlich, sondern ein zufriedener Betrachter, ein loyaler +Bürger. Das Bürgerliche ist die Atmosphäre aller Romane von Dickens. + +Seine große und unvergeßliche Tat war darum eigentlich nur: die +Romantik der Bourgeoisie zu entdecken, die Poesie des Prosaischen. +Er hat als erster den Alltag der unpoetischesten aller Nationen ins +Dichterische umgebogen. Er hat Sonne durch dieses stumpfe Grau leuchten +lassen; und wer in England einmal gesehen hat, wie strahlend der +Goldglanz ist, den dort die erstarkende Sonne aus dem trüben Knäuel des +Nebels spinnt, der weiß, wie sehr ein Dichter seine Nation beseligen +mußte, der ihr künstlerisch diese Sekunde der Erlösung aus dem +bleiernen Hindämmern gegeben hat. Dickens ist dieser goldene Reif um +den englischen Alltag, der Heiligenschein der schlichten Dinge und +simpeln Menschen, die Idylle Englands. Er hat seine Helden, seine +Schicksale in den engen Straßen der Vorstädte gesucht, an denen die +anderen Dichter achtlos vorbeigingen. Die suchten ihre Helden unter +den Kronleuchtern der aristokratischen Salons, auf den Wegen in den +Zauberwald der fairy tales, sie forschten nach dem Entlegenen, +Ungewöhnlichen und Außerordentlichen. Ihnen war der Bürger die Substanz +gewordene irdische Schwerkraft, und sie wollten nur feurige, kostbare, +in Ekstasen aufstrebende Seelen, den lyrischen, den heroischen +Menschen. Dickens schämte sich nicht, den ganz einfachen Tagwerker zum +Helden zu machen. Er war ein self-made-man; er kam von unten und +bewahrte diesem Milieu eine rührende Pietät. Er hatte einen sehr +merkwürdigen Enthusiasmus für das Banale, eine Begeisterung für ganz +wertlose altväterische Dinge, für den Kleinkram des Lebens. Seine +Bücher sind selbst so ein curiosity shop voll mit Gerümpel, das jeder +für wertlos gehalten hätte, ein Durcheinander von Seltsamkeiten und +schnurrigen Nichtigkeiten, die jahrzehntelang vergeblich auf den +Liebhaber gewartet hatten. Aber er nahm diese alten wertlosen, +verstaubten Dinge, putzte sie blank, fügte sie zusammen und stellte +sie in die Sonne seiner Heiterkeit. Und da fingen sie plötzlich an zu +funkeln mit einem unerhörten Glanz. So nahm er die vielen kleinen +verachteten Gefühle aus der Brust einfacher Menschen, horchte sie ab, +fügte ihr Räderwerk zusammen, bis sie wieder lebendig tickten. +Plötzlich begannen sie da wie kleine Spieluhren zu surren, zu +schnurren und dann zu singen, eine leise altväterische Melodie, +die lieblicher war als die schwermütigen Balladen der Ritter aus +Legendenland und die Kanzonen der Lady vom See. Die ganze bürgerliche +Welt hat Dickens so aus dem Aschenhaufen der Vergessenheit aufgestöbert +und wieder blank zusammengefügt: in seinem Werk erst wurde sie wieder +eine lebendige Welt. Ihre Torheiten und Beschränktheiten hat er durch +Nachsicht begreiflich, ihre Schönheiten durch Liebe sinnfällig gemacht, +ihren Aberglauben verwandelt in eine neue und sehr dichterische +Mythologie. Das Zirpen des Heimchens am Herd ist Musik geworden in +seiner Novelle, die Silvesterglocken sprechen mit menschlichen Zungen, +der Zauber der Weihnacht versöhnt Dichtung dem religiösen Gefühl. Aus +den kleinsten Festen hat er einen tieferen Sinn geholt; er hat allen +diesen schlichten Leuten die Poesie ihres täglichen Lebens entdecken +geholfen, ihnen noch lieber gemacht, was ihnen schon das Liebste war, +ihr »home«, das enge Zimmer, wo der Kamin mit roten Flammen prasselt und +das dürre Holz zerknackt, wo der Tee am Tische surrt und singt, wo die +wunschlosen Existenzen sich absperren von den gierigen Stürmen, den +wilden Verwegenheiten der Welt. Die Poesie des Alltäglichen wollte er +alle die lehren, die in den Alltag gebannt waren. Tausenden und Millionen +hat er gezeigt, wo das Ewige in ihr armes Leben hinabreichte, wo der +Funke der stillen Freude verschüttet unter der Asche des Alltags lag, er +hat sie gelehrt, ihn aufflammen zu lassen zu heiter behaglicher Glut. +Helfen wollte er den Armen und den Kindern. Was über diesen Mittelstand +des Lebens materiell oder geistig hinausging, war ihm antipathisch; er +liebte nur das Gewöhnliche, das Durchschnittliche von ganzem Herzen. Den +Reichen und den Aristokraten, den Begünstigten des Lebens war er gram. +Die sind fast immer Schurken und Knauser in seinen Büchern, selten +Porträts, fast immer Karikaturen. Er mochte sie nicht. Zu oft hatte er +als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalsea, Briefe +gebracht, die Pfändungen gesehen, zu sehr die liebe Not des Geldes +gekannt; jahraus, jahrein war er in Hungerford Stairs ganz oben in einem +kleinen, schmutzigen, sonnenlosen Zimmer gesessen, hatte Schuhwichse in +Tiegel eingestrichen und mit Fäden Hunderte und Hunderte täglich +umwickelt, bis ihm die kleinen Kinderhände brannten und die Tränen der +Zurücksetzung aus den Augen schossen. Zu sehr hatte er Hunger und +Entbehrung gekannt an den kalten Nebelmorgen der Londoner Straßen. +Keiner hatte ihm damals geholfen, die Karossen waren vorübergefahren an +dem frierenden Knaben, die Reiter vorbeigetrabt, die Tore hatten sich +nicht aufgetan. Nur von den kleinen Leuten hatte er Gutes erfahren: nur +ihnen wollte er darum die Gabe erwidern. Seine Dichtung ist eminent +demokratisch -- nicht sozialistisch, dazu fehlt ihm der Sinn für das +Radikale --, Liebe und Mitleid allein geben ihr pathetisches Feuer. In +der bürgerlichen Welt -- in der mittleren Sphäre zwischen Armenhaus und +Rente -- ist er am liebsten geblieben; nur bei diesen schlichten +Menschen hat er sich wohlgefühlt. Er malt ihre Stuben mit Behaglichkeit +und Breite aus, als wollte er selbst darin wohnen, webt ihnen bunte +und immer mit sonnigem Feuer überflogene Schicksale, träumt ihre +bescheidenen Träume; er ist ihr Anwalt, ihr Prediger, ihr Liebling, die +helle, ewig warme Sonne ihrer schlichten, grautönigen Welt. + +Aber wie reich ist sie durch ihn geworden, diese bescheidene Wirklichkeit +der kleinen Existenzen! Das ganze bürgerliche Beisammensein mit seinem +Hausrat, dem Kunterbunt der Berufe, dem unübersehbaren Gemisch der +Gefühle ist noch einmal Kosmos geworden, ein All mit Sternen und Göttern +in seinen Büchern. Aus dem flachen, stagnierenden, kaum wellenden +Spiegel der kleinen Existenzen hat hier ein scharfer Blick Schätze +erspäht und sie mit dem feinmaschigsten Netz ans Licht gehoben. Aus dem +Gewühl hat er Menschen gefangen, o wie viele Menschen, Hunderte von +Gestalten, genug, eine kleine Stadt zu bevölkern. Unvergeßliche sind +unter ihnen, Gestalten, die ewig sind in der Literatur und schon mit +ihrer Existenz hinausreichen in den wirklichen Sprachbegriff des Volkes, +Pickwick und Sam Weller, Pecksniff und Betsey Trotwood, sie alle, deren +Namen in uns lächelnde Erinnerung zauberisch entfachen. Wie reich sind +diese Romane! Die Episoden des David Copperfield genügten für sich +allein, das dichterische Lebenswerk eines anderen mit Tatsächlichkeiten +zu versorgen; Dickens' Bücher sind eben wirkliche Romane im Sinn der +Fülle und unablässigen Bewegtheit, nicht wie unsere deutschen fast alle +nur ins Breite gezerrte psychologische Novellen. Es gibt keine toten +Punkte in ihnen, keine leeren sandigen Strecken, sie haben Ebbe und Flut +von Geschehnissen, und wirklich, wie ein Meer sind sie unergründlich und +unübersehbar. Kaum kann man das heitere und wilde Durcheinander der +wimmelnden Menschen überschauen; sie drängen herauf an die Bühne des +Herzens, stoßen einer wieder den andern hinab, wirbeln vorbei. Wie +Wogenkämme tauchen sie auf aus der Flut der Riesenstädte, stürzen wieder +in den Gischt der Ereignisse, aber sie tauchen neu auf, steigen und +fallen, umschlingen einander oder stoßen sich ab: und doch, diese +Bewegungen sind keine zufälligen, hinter der ergötzlichen Wirrnis waltet +eine Ordnung, die Fäden flechten sich immer wieder zusammen in einen +farbigen Teppich. Keine der Gestalten, die nur spaziergängerisch +vorbeizustreifen scheinen, geht verloren; alle ergänzen, befördern, +befeinden einander, häufen Licht oder Schatten. Krause, heitere, ernste +Verwicklungen treiben in katzenhaftem Spiel den Knäuel der Handlung hin +und her, alle Möglichkeiten des Gefühls klingen in rascher Skala auf und +nieder, alles ist gemengt: Jubel, Schauer und Übermut; bald funkelt die +Träne der Rührung, bald die der losen Heiterkeit. Gewölk zieht auf, +zerreißt, türmt sich aufs neue, aber am Schlusse strahlt die vom +Gewitter reine Luft in wundervoller Sonne. Manche dieser Romane sind +eine Ilias von tausend Einzelkämpfen, die Ilias einer entgötterten +irdischen Welt, manche nur eine friedfertige bescheidene Idylle; aber +alle Romane, die vortrefflichen wie die unlesbaren, haben dies Merkmal +einer verschwenderischen Vielfalt. Und alle haben sie, selbst die +wildesten und melancholischsten, in den Fels der tragischen Landschaft +kleine Lieblichkeiten wie Blumen eingesprengt. Überall blühen diese +unvergeßlichen Anmutigkeiten: wie kleine Veilchen, bescheiden und +versteckt, warten sie im weitgesteckten Wiesenplan seiner Bücher, +überall sprudelt die klare Quelle sorgloser Heiterkeit klingend von dem +dunkeln Gestein der schroffen Geschehnisse nieder. Es gibt Kapitel bei +Dickens, die man nur Landschaften in ihrer Wirkung vergleichen kann, so +rein sind sie, so göttlich unberührt von irdischen Trieben, so sonnig +blühend in ihrer heiteren milden Menschlichkeit. Um ihretwillen schon +müßte man Dickens lieben, denn so verschwenderisch sind diese kleinen +Künste verstreut in seinem Werk, daß ihre Fülle zur Größe wird. Wer +könnte allein seine Menschen aufzählen, alle diese krausen, jovialen, +gutmütigen, leicht lächerlichen und immer so amüsanten Menschen? +Sie sind aufgefangen mit all ihren Schrullen und individuellen +Eigentümlichkeiten, eingekapselt in die seltsamsten Berufe, verwickelt +in die ergötzlichsten Abenteuer. Und so viele sie auch sind, keiner ist +dem andern ähnlich, sie sind minuziös bis ins kleinste Detail persönlich +herausgearbeitet, nichts ist Guß und Schema an ihnen, alles Sinnlichkeit +und Lebendigkeit, sie alle sind nicht ersonnen, sondern gesehen. Gesehen +von dem ganz unvergleichlichen Blick dieses Dichters. + +Dieser Blick ist von einer Präzision sondergleichen, ein wunderbares, +unbeirrbares Instrument. Dickens war ein visuelles Genie. Man mag jedes +Bildnis von ihm, das der Jugend und das (bessere) der Mannesjahre +betrachten: es ist beherrscht von diesem merkwürdigen Auge. Es ist +nicht das Auge des Dichters, in schönem Wahnsinn rollend oder elegisch +umdämmert, nicht weich und nachgiebig oder feurig-visionär. Es ist ein +englisches Auge: kalt, grau, scharfblinkend wie Stahl. Und stählern war +es auch wie ein Tresor, in dem alles unverbrennbar, unverlierbar, +gewissermaßen luftdicht abgeschlossen ruhte, was ihm irgend einmal, +gestern oder vor vielen Jahren von der Außenwelt eingezahlt worden war: +das Erhabenste wie das Gleichgültigste, irgendein farbiges Schild über +einem Kramladen in London, das der Fünfjährige vor undenklicher Zeit +gesehen, oder ein Baum mit seinen aufspringenden Blüten gerade drüben +vor dem Fenster. Nichts ging diesem Auge verloren, es war stärker als +die Zeit; sparsam reihte es Eindruck an Eindruck im Speicher des +Gedächtnisses, bis der Dichter ihn zurückforderte. Nichts rann in +Vergessenheit, wurde blaß oder fahl, alles lag und wartete, blieb +voll Duft und Saft, farbig und klar, nichts starb ab oder welkte. +Unvergleichlich ist bei Dickens das Gedächtnis des Auges. Mit seiner +stählernen Schneide zerteilt er den Nebel der Kindheit; in »David +Copperfield«, dieser verkappten Autobiographie, sind Erinnerungen des +zweijährigen Kindes an die Mutter und das Dienstmädchen mit Messerschärfe +wie Silhouetten vom Hintergrund des Unbewußten losgeschnitten. Es +gibt keine vagen Konturen bei Dickens; er gibt nicht vieldeutige +Möglichkeiten der Vision, sondern zwingt zur Deutlichkeit. Seine +darstellende Kraft läßt der Phantasie des Lesers keinen freien Willen, +er vergewaltigt sie (weshalb er auch der ideale Dichter einer +phantasielosen Nation wurde). Stellt zwanzig Zeichner vor seine Bücher +und verlangt die Bilder Copperfields und Pickwicks: die Blätter werden +sich ähnlich sehen, werden in unerklärlicher Ähnlichkeit den feisten +Herrn mit der weißen Weste und den freundlichen Augen hinter den +Brillengläsern oder den hübschen blonden, ängstlichen Knaben auf der +Postkutsche nach Yarmouth darstellen. Dickens schildert so scharf, so +minuziös, daß man seinem hypnotisierenden Blicke folgen muß; er hatte +nicht den magischen Blick Balzacs, der die Menschen der feurigen Wolke +ihrer Leidenschaften sich erst chaotisch formend entringen läßt, sondern +einen ganz irdischen Blick, einen Seemanns-, einen Jägerblick, einen +Falkenblick für die kleinen Menschlichkeiten. Aber Kleinigkeiten, sagte +er einmal, sind es, die den Sinn des Lebens ausmachen. Sein Blick hascht +nach kleinen Merkzeichen, er sieht den Flecken am Kleid, die kleinen +hilflosen Gesten der Verlegenheit, er faßt die Strähne roten Haares, die +unter einer dunkeln Perücke hervorlugt, wenn ihr Eigner in Zorn gerät. +Er spürt die Nuancen, tastet die Bewegung jedes einzelnen Fingers bei +einem Händedruck ab, die Abschattung in einem Lächeln. Er war Jahre vor +seiner literarischen Zeit Stenograph im Parlament gewesen und hatte +sich dort geübt, das Ausführliche ins Summarische zu drängen, mit einem +Strich ein Wort, mit kurzem Schnörkel einen Satz darzustellen. Und so +hat er später dichterisch eine Art Kurzschrift des Wirklichen geübt, +das kleine Zeichen hingestellt statt der Beschreibung, eine Essenz der +Beobachtung aus den bunten Tatsächlichkeiten destilliert. Für diese +kleinen Äußerlichkeiten hatte er eine unheimliche Scharfsichtigkeit, +sein Blick übersah nichts, faßte wie ein guter Verschluß am +photographischen Apparat das Hundertstel einer Sekunde in einer +Bewegung, einer Geste. Nichts entging ihm. Und diese Scharfsichtigkeit +wurde noch gesteigert durch eine ganz merkwürdige Brechung des Blicks, +die den Gegenstand nicht wie ein Spiegel in seiner natürlichen +Proportion wiedergab, sondern wie ein Hohlspiegel ins Charakteristische +übertrieb. Dickens unterstreicht immer die Merkzeichen seiner Menschen, +er dreht sie aus dem Objektiven hinüber ins Gesteigerte, ins +Karikaturistische. Er macht sie intensiver, erhebt sie zum Symbol. Der +wohlbeleibte Pickwick wird auch seelisch zur Rundlichkeit, der dünne +Jingle zur Dürre, der Böse zum Satanas, der Gute die leibhaftige +Vollendung. Dickens übertreibt wie jeder große Künstler, aber nicht +ins Grandiose, sondern ins Humoristische. Die ganze, so unsäglich +ergötzliche Wirkung seiner Darstellung entwuchs nicht so sehr seiner +Laune, nicht seinem Übermut, sondern sie saß schon in dieser merkwürdigen +Winkelstellung des Auges, das mit seiner Überschärfe alle Erscheinungen +irgendwie ins Wunderliche und Karikaturistische übertrieben auf das +Leben zurückspiegelte. + +Tatsächlich: in dieser eigenartigen Optik -- und nicht in seiner ein +wenig zu bürgerlichen Seele -- steckt Dickens' Genie. Dickens war +eigentlich nie Psychologe, einer, der magisch die Seele des Menschen +erfaßt, aus ihrem hellen oder dunklen Samen in geheimnisvollem Wachstum +sich die Dinge in ihren Farben und Formen entfalten ließ. Seine +Psychologie beginnt beim Sichtbaren, er charakterisiert durch +Äußerlichkeiten, allerdings durch jene letzten und feinsten, die eben +nur einem dichterisch scharfen Auge sichtbar sind. Wie die englischen +Philosophen, beginnt er nicht mit Voraussetzungen, sondern mit +Merkmalen. Die unscheinbarsten, ganz materiellen Äußerungen des +Seelischen fängt er ein und macht an ihnen durch seine merkwürdig +karikaturistische Optik den ganzen Charakter augenfällig. Aus Merkmalen +läßt er die Spezies erkennen. Dem Schullehrer Creakle gibt er eine +leise Stimme, die mühsam das Wort gewinnt. Und schon ahnt man das +Grauen der Kinder vor diesem Menschen, dem die Anstrengung des +Sprechens die Zornader über die Stirne schwellen läßt. Sein Uriah Heep +hat immer kalte, feuchte Hände: schon atmet die Gestalt Mißbehagen, +schlangenhafte Widrigkeiten. Kleinigkeiten sind das, Äußerlichkeiten, +aber immer solche, die auf das Seelische wirken. Manchmal ist es +eigentlich nur eine lebendige Schrulle, die er darstellt; eine +Schrulle, die mit einem Menschen umwickelt ist und ihn wie eine Puppe +mechanisch bewegt. Manchmal wieder charakterisiert er den Menschen +durch seinen Begleiter -- was wäre Pickwick ohne Sam Weller, Dora ohne +Jip, Barnaby ohne den Raben, Kit ohne das Pony! -- und zeichnet die +Eigentümlichkeit der Figur gar nicht an dem Modell selbst, sondern am +grotesken Schatten. Seine Charaktere sind eigentlich immer nur eine +Summe von Merkmalen, aber von so scharfgeschnittenen, daß sie restlos +ineinander passen und ein Bild vortrefflich in Mosaik zusammensetzen. +Und darum wirken sie meistens immer nur äußerlich, sinnfällig, sie +erzeugen eine intensive Erinnerung des Auges, eine nur vage des +Gefühles. Rufen wir in uns eine Figur Balzacs oder Dostojewskis beim +Namen auf, den Père Goriot oder Raskolnikow, so antwortet ein Gefühl, +die Erinnerung an eine Hingebung, eine Verzweiflung, ein Chaos der +Leidenschaft. Sagen wir uns Pickwick, so taucht ein Bild auf, ein +jovialer Herr mit reichlichem Embonpoint und goldenen Knöpfen auf der +Weste. Hier spüren wir es: an die Figuren Dickens' denkt man wie an +gemalte Bilder, an die Dostojewskis und Balzacs wie an Musik. Denn +diese schaffen intuitiv, Dickens nur reproduktiv, jene mit dem +geistigen, Dickens mit dem körperlichen Auge. Er faßt die Seele nicht +dort, wo sie geisterhaft, nur von dem siebenfach glühenden Licht der +visionären Beschwörung bezwungen, aus der Nacht des Unbewußten steigt, +er lauert dem unkörperlichen Fluidum auf, dort, wo es einen Niederschlag +im Wirklichen hat, er hascht die tausend Wirkungen des Seelischen auf +das Körperliche, aber dort übersieht er keine. Seine Phantasie ist +eigentlich bloß Blick und reicht darum nur aus für jene Gefühle und +Gestalten der mittleren Sphäre, die im Irdischen wohnen; seine Menschen +sind nur plastisch in den gemäßigten Temperaturen der normalen Gefühle. +In den Hitzegraden der Leidenschaft zerschmelzen sie wie Wachsbilder in +Sentimentalität, oder sie erstarren im Haß und werden brüchig. Dickens +gelingen nur geradlinige Naturen, nicht jene ungleich interessanteren, +in denen die hundertfachen Übergänge vom Guten zum Bösen, vom Gott zum +Tier fließend sind. Seine Menschen sind immer eindeutig, entweder +vortrefflich als Helden oder niederträchtig als Schurken, sie sind +prädestinierte Naturen mit einem Heiligenschein über der Stirne oder +dem Brandmal. Zwischen good und wicked, zwischen dem Gefühlvollen +und Gefühllosen pendelt seine Welt. Darüber hinaus, in die Welt der +geheimnisvollen Zusammenhänge, der mystischen Verkettungen, weiß seine +Methode keinen Pfad. Das Grandiose läßt sich nicht greifen, das +Heroische nicht erlernen. Es ist der Ruhm und die Tragik Dickens', immer +in einer Mitte geblieben zu sein zwischen Genie und Tradition, dem +Unerhörten und dem Banalen: in den geregelten Bahnen der irdischen Welt, +im Lieblichen und im Ergreifenden, im Behaglichen und Bürgerlichen. + +Aber dieser Ruhm genügte ihm nicht: der Idylliker sehnte sich nach +Tragik. Immer wieder hat er zur Tragödie emporgestrebt, und immer kam +er nur zum Melodram. Hier war seine Grenze. Diese Versuche sind +unerfreulich: mögen in England die »Geschichte der beiden Städte«, +»Bleak House« für hohe Schöpfungen gelten, für unser Gefühl sind sie +verloren, weil ihre große Geste eine erzwungene ist. Die Anstrengung +zum Tragischen ist in ihnen wirklich bewundernswert: in diesen Romanen +türmt Dickens Konspirationen, wölbt große Katastrophen wie Felsblöcke +über den Häuptern seiner Helden, er beschwört den Schauer der +Regennächte, den Volksaufstand und die Revolutionen, entfesselt den +ganzen Apparat des Grauens und Entsetzens. Aber doch, jener erhabene +Schauer stellt sich nie ein, es wird nur ein Gruseln, der rein +körperliche Reflex des Entsetzens, und nicht der Schauer der Seele. +Jene tiefen Erschütterungen, jene gewitterhaften Wirkungen, die vor +Angst das Herz sehnsüchtig stöhnen lassen nach der Entladung im Blitz, +brechen nie mehr aus seinen Büchern. Dickens türmt Gefahr über +Gefahren, aber man fürchtet sie nicht. Bei Dostojewski starren manchmal +plötzlich Abgründe, man jappt nach Luft, wenn man dieses Dunkel, +diesen namenlosen Abgrund in der eigenen Brust aufgerissen fühlt; man +fühlt den Boden unter den Füßen schwinden, spürt einen jähen Schwindel, +einen feurigen, aber süßen Schwindel, möchte gern nieder, niederstürzen, +und schauert doch zugleich vor diesem Gefühl, wo Lust und Schmerz zu so +ungeheuren Hitzegraden weißgeglüht sind, daß man sie voneinander nicht +scheiden kann. Auch bei Dickens sind solche Abgründe. Er reißt sie auf, +füllt sie mit Schwärze, zeigt ihre ganze Gefahr; aber doch, man schauert +nicht, man hat nicht jenen süßen Schwindel des geistigen Niederstürzens, +der vielleicht der höchste Reiz künstlerischen Genießens ist. Man fühlt +sich bei ihm immer irgendwie sicher, als hielte man ein Geländer, denn +man weiß, er läßt einen nicht niederstürzen; man weiß, der Held wird +nicht untergehen; die beiden Engel, die mit weißen Flügeln durch die +Welt dieses englischen Dichters schweben, Mitleid oder Gerechtigkeit, +werden ihn schon unbeschädigt über alle Schründe und Abgründe tragen. +Dickens fehlt die Brutalität, der Mut zur wirklichen Tragik. Er ist +nicht heroisch, sondern sentimental. Tragik ist Wille zum Trotz, +Sentimentalität Sehnsucht nach der Träne. Zu der tränenlosen, wortlosen, +letzten Gewalt des verzweifelten Schmerzes ist Dickens nie gelangt: +sanfte Rührung -- etwa der Tod Doras im »Copperfield« -- ist das +äußerste ernste Gefühl, das er vollendet darzustellen vermag. Holt er +zum wirklich wuchtigen Schwung aus, so fällt ihm immer das Mitleid +in den Arm. Immer glättet das (oft ranzige) Öl des Mitleids den +heraufbeschworenen Sturm der Elemente; die sentimentale Tradition des +englischen Romans überwindet den Willen zum Gewaltigen. Denn in England +soll das Geschehen eines Romans eigentlich nur die Illustration der +landläufigen moralischen Maximen sein; durch die Melodie des Schicksals +werkelts immer als Unterton: »Üb immer Treu und Redlichkeit.« Das Finale +muß eine Apokalypse sein, ein Weltgericht, die Guten steigen nach oben, +die Bösen werden bestraft. Auch Dickens hat leider diese Gerechtigkeit +in die meisten Romane übernommen, seine Schurken ertrinken, ermorden +sich gegenseitig, die Hochmütigen und Reichen machen Bankrott, und die +Helden sitzen warm in der Wolle. Noch heute duldet der Engländer kein +Drama, das ihn nicht am Ende mit der Beruhigung entläßt, alles in dieser +Welt sei in schönster Ordnung. Und diese echt englische Hypertrophie +des moralischen Sinnes hat Dickens' grandioseste Inspirationen zum +tragischen Roman irgendwie ernüchtert. Denn die Weltanschauung dieser +Werke, der eingebaute Kreisel, der ihre Stabilität aufrechterhält, ist +nicht die Gerechtigkeit des freien Künstlers mehr, sondern die eines +anglikanischen Bürgers. Dickens zensuriert die Gefühle, statt sie frei +wirken zu lassen: er gestattet nicht wie Balzac ihr elementares +Überschäumen, sondern lenkt sie durch Dämme und Gruben in Kanäle, wo sie +die Mühlen der bürgerlichen Moral drehen. Der Prediger, der Reverend, +der common-sense-Philosoph, der Schulmeister, alle sitzen sie unsichtbar +mit ihm in der Werkstatt des Künstlers und mengen sich ein: sie +verleiten ihn, den ernsten Roman statt ein demütiges Nachbild der freien +Wirklichkeiten lieber ein Vorbild und eine Warnung für junge Leute sein +zu lassen. Freilich, belohnt ward die gute Gesinnung: als Dickens starb, +wußte der Bischof von Winchester an seinem Werk zu rühmen, man könne es +beruhigt jedem Kinde in die Hände geben; aber gerade dies, daß es das +Leben nicht in seinen Wirklichkeiten zeigt, sondern so, wie man es +Kindern darstellen will, schmälert seine überzeugende Kraft. Für uns +Nichtengländer strotzt und protzt es zu sehr mit Sittlichkeit. Um Held +bei Dickens zu werden, muß man ein Tugendausbund sein, ein puritanisches +Ideal. Bei Fielding und Smollet, die ja doch auch Engländer waren, +allerdings Kinder eines sinnefreudigeren Jahrhunderts, schadet es dem +Helden absolut nicht, wenn er einmal bei einem Raufhandel seinem +Gegenüber die Nase eintreibt oder wenn er trotz aller hitzigen Liebe zu +seiner adeligen Dame einmal mit ihrer Zofe im Bette schläft. Bei Dickens +erlauben sich nicht einmal die Wüstlinge solche Abscheulichkeiten. +Selbst seine ausschweifenden Menschen sind eigentlich harmlos, ihre +Vergnügungen noch immer so, daß sie eine ältliche spinster ohne Erröten +verfolgen kann. Da ist Dick Swiveller der Libertin. Wo steckt denn +eigentlich seine Libertinage? Mein Gott, er trinkt vier Glas Ale statt +zwei, zahlt seine Rechnungen höchst unregelmäßig, bummelt ein wenig, das +ist alles. Und zum Schluß macht er im rechten Augenblick eine Erbschaft +-- eine bescheidene natürlich -- und heiratet höchst anständig das +Mädchen, das ihm auf die Bahn der Tugend half. Wahrhaft unmoralisch sind +bei Dickens nicht einmal die Schurken, selbst sie haben trotz aller +böser Instinkte blasses Blut. Diese englische Lüge der Unsinnlichkeit +sitzt als Brand in seinem Werke; die schieläugige Hypokrisie, die +übersieht, was sie nicht sehen will, wendet Dickens den spürenden Blick +von den Wirklichkeiten. Das England der Königin Viktoria hat Dickens +verhindert, den vollendet tragischen Roman zu schreiben, der seine +innerste Sehnsucht war. Und es hätte ihn ganz niedergezogen in seine +eigene satte Mediokrität, hätte ihn ganz mit den klemmenden Armen der +Beliebtheit zum Anwalt seiner sexuellen Verlogenheit gemacht, wäre dem +Künstler nicht eine Welt frei gewesen, in die seine schöpferische +Sehnsucht hätte flüchten können, hätte er nicht jene silberne Schwinge +besessen, die ihn stolz über die dumpfen Bezirke solcher Zweckmäßigkeiten +hob: seinen seligen und fast unirdischen Humor. + +Diese eine selige, halkyonisch freie Welt, in die der Nebel Englands +nicht niederhängt, ist das Land der Kindheit. Die englische Lüge +verschneidet die Sinnlichkeit in den Menschen und zwingt den +Erwachsenen in ihre Gewalt; die Kinder aber leben noch paradiesisch +unbekümmert ihr Fühlen aus, sie sind noch nicht Engländer, sondern nur +kleine helle Menschenblüten, in ihre bunte Welt schattet noch nicht +der englische Nebelrauch der Hypokrisie. Und hier, wo Dickens frei, +unbehindert von seinem englischen Bourgeoisgewissen schalten durfte, +hat er Unsterbliches geleistet. Die Jahre der Kindheit in seinen +Romanen sind einzig schön; nie werden, glaube ich, in der Weltliteratur +diese Gestalten vergehen, diese heiteren und ernsten Episoden der +Frühzeit. Wer wird je die Odyssee der kleinen Nell vergessen können, +wie sie mit ihrem greisen Großvater aus dem Rauch und Düster der großen +Städte hinauszieht ins erwachende Grün der Felder, harmlos und sanft, +dies engelhafte Lächeln selig über alle Fährlichkeiten und Gefahren +hinrettend bis ins Verscheiden. Das ist rührend in einem Sinne, der +über alle Sentimentalität hinausreicht zum echtesten, lebendigsten +Menschengefühl. Da ist Traddles, der fette Junge in seinen geblähten +Pumphosen, der den Schmerz über die erhaltenen Prügel im Zeichnen von +Skeletten vergißt, Kit, der Treueste der Treuen, der kleine Nickelby +und dann dieser eine, der immer wiederkehrt, dieser hübsche, »sehr +kleine und nicht eben zu freundlich behandelte Junge«, der niemand +anderes ist als Charles Dickens, der Dichter, der seine eigene +Kinderlust, sein eigenes Kinderleid wie kein zweiter unsterblich +gemacht hat. Immer und immer wieder hat er von diesem gedemütigten, +verlassenen, verschreckten, träumerischen Knaben erzählt, den die +Eltern verwaisen ließen; und hier ist sein Pathos wirklich tränennah +geworden, seine sonore Stimme voll und tönend wie Glockenklang. +Unvergeßlich ist dieser Kinderreigen in Dickens' Romanen. Hier +durchdringt sich Lachen und Weinen, Erhabenes und Lächerliches zu einem +einzigen Regenbogenglanz; das Sentimentale und das Sublime, das +Tragische und das Komische, Wahrheit und Dichtung versöhnen sich in ein +Neues und Nochniedagewesenes. Hier überwindet er das Englische, das +Irdische, hier ist Dickens ohne Einschränkung groß und unvergleichlich. +Wollte man ihm ein Denkmal setzen, so müßte marmorn dieser Kinderreigen +seine eherne Gestalt umringen als den Beschützer, den Vater und Bruder. +Denn sie hat er wahrhaft als die reinste Form menschlichen Wesens +geliebt. Wollte er Menschen sympathisch machen, so ließ er sie kindlich +sein. Um der Kinder willen hat er die sogar geliebt, die schon nicht +mehr kindlich, sondern kindisch waren, die Schwachsinnigen und +Geistesgestörten. In allen seinen Romanen ist einer dieser sanften +Irren, deren arme verlorene Sinne weit oben wie weiße Vögel wandern +über der Welt der Sorgen und Klagen, denen das Leben nicht ein +Problem, eine Mühe und Aufgabe ist, sondern nur ein seliges, ganz +unverständliches, aber schönes Spiel. Es ist rührend zu sehen, wie er +diese Menschen schildert. Er faßt sie sorgsam an wie Kranke, legt viel +Güte um ihr Haupt wie einen Heiligenschein. Selige sind sie ihm, weil +sie ewig im Paradies der Kindheit geblieben sind. Denn die Kindheit +ist das Paradies in Dickens' Werken. Wenn ich einen Roman von Dickens +lese, habe ich immer eine wehmütige Angst, wenn die Kinder heranwachsen; +denn ich weiß, nun geht das Süßeste, das Unwiederbringliche verloren, +nun mischt sich bald das Poetische mit dem Konventionellen, die reine +Wahrheit mit der englischen Lüge. Und er selbst scheint dieses Gefühl im +Innersten zu teilen. Denn nur ungern gibt er seine Lieblingshelden an +das Leben. Er begleitet sie nie bis ins Alter hinein, wo sie banal +werden, Krämer und Kärrner des Lebens; er nimmt Abschied von ihnen, wenn +er sie emporgeführt hat bis an die Kirchentür der Ehe, durch alle +Fährnisse in den spiegelglatten Hafen der bequemen Existenz. Und das +eine Kind, das ihm das liebste war in der bunten Reihe, die kleine Nell, +in der er die Erinnerung an eine ihm sehr teure Frühverstorbene verewigt +hatte, sie ließ er gar nicht in die rauhe Welt der Enttäuschungen, die +Welt der Lüge. Sie behielt er für immer im Paradies der Kindheit, schloß +ihr vorzeitig die blauen sanften Augen, ließ sie ahnungslos übergleiten +von der Helle der Frühzeit in die Dunkelheit des Todes. Sie war ihm zu +lieb für die wirkliche Welt. + +Denn diese Welt ist bei Dickens, ich sagte es ja schon, eine bürgerlich +bescheidene, ein müdes, sattes England, ein enger Ausschnitt der +ungeheuren Möglichkeiten des Lebens. Eine solche arme Welt konnte nur +reich werden durch ein großes Gefühl. Balzac hat den Bourgeois gewaltig +gemacht durch seinen Haß, Dostojewski durch seine Heilandsliebe. Und +auch Dickens, der Künstler, erlöst diese Menschen von ihrer lastenden +Erdschwere: durch seinen Humor. Er betrachtet seine kleinbürgerliche +Welt nicht mit objektiver Wichtigkeit, er stimmt nicht jenen Hymnus der +braven Leute, der alleinseligmachenden Tüchtigkeit und Nüchternheit +an, der jetzt die meisten unserer deutschen Heimatkunstromane so +widerlich macht. Sondern er zwinkert seinen Leuten gutmütig und doch +lustig zu, er macht sie wie Gottfried Keller und Wilhelm Raabe ein ganz +klein wenig lächerlich in ihren liliputanischen Sorgen. Aber lächerlich +in einem freundlichen, gutmütigen Sinne, so daß man sie für alle +Schnurren und Skurrilitäten nur noch lieber hat. Wie ein Sonnenblick +liegt der Humor über seinen Büchern, macht ihre bescheidene Landschaft +plötzlich heiter und unendlich lieblich, voll von tausend entzückenden +Wundern; an dieser guten wärmenden Flamme wird alles lebendiger und +wahrscheinlicher, selbst die falschen Tränen flimmern wie Diamanten, +die kleinen Leidenschaften flammen wie wirklicher Brand. Der Humor +Dickens' hebt sein Werk über die Zeit hinaus in alle Zeiten. Er erlöst +es von der Langeweile alles Englischen, Dickens überwindet die Lüge +durch sein Lächeln. Wie Ariel schwebt dieser Humor geisternd durch die +Luft seiner Bücher, füllt sie an mit heimlicher Musik, reißt sie in +einen Tanzwirbel, eine große Freudigkeit des Lebens. Allgegenwärtig ist +er. Selbst aus dem Schacht der finstersten Verwirrungen funkelt er auf +wie ein Bergmannslicht, er löst die überstraffen Spannungen, er mildert +das allzu Sentimentale durch den Unterton der Ironie, das Übertriebene +durch seinen Schatten, das Groteske, er ist das Versöhnende, das +Ausgleichende, das Unvergängliche in seinem Werk. Er ist -- wie alles +bei Dickens -- natürlich englisch, ein echtenglischer Humor. Auch ihm +fehlt es an Sinnlichkeit, er vergißt sich nicht, betrinkt sich nicht an +seiner eigenen Laune und wird nie ausschweifend. Er bleibt in seinem +Überschwang noch gemessen, grölt nicht und rülpst sich nicht wie +Rabelais, überpurzelt sich nicht wie bei Cervantes vor tollem +Entzücken oder springt kopfüber ins Unmögliche wie der amerikanische. +Er bleibt immer aufrecht und kühl. Dickens lächelt wie alle Engländer +nur mit dem Mund, nicht mit dem ganzen Körper. Seine Heiterkeit +verbrennt sich nicht selbst, sie funkelt nur und zersplittert ihr Licht +in die Adern der Menschen hinein, flackert mit tausend kleinen Flammen, +geistert und irrlichtert neckisch, ein entzückender Schelm, mitten in +den Wirklichkeiten. Auch sein Humor ist -- denn es ist das Schicksal +Dickens', immer eine Mitte darzustellen -- ein Ausgleich zwischen der +Trunkenheit des Gefühls, der wilden Laune und der kaltlächelnden +Ironie. Sein Humor ist unvergleichbar dem der anderen großen Engländer. +Er hat nichts von der zerfasernden, beizenden Ironie Sternes, nichts +von der breitstapfigen, launigen Landedelmannsheiterkeit Fieldings; er +ätzt nicht wie Thackeray schmerzhaft in den Menschen hinein, er tut nur +wohl und nie weh, spielt wie Sonnenkringel ihnen lustig um Haupt und +Hände. Er will nicht moralisch sein und nicht satirisch, nicht unter +der Narrenkappe irgendeinen feierlichen Ernst verstecken. Er will +überhaupt nicht und nichts. Er ist. Seine Existenz ist absichtslos und +selbstverständlich; der Schalk steckt schon in jener merkwürdigen +Augenstellung Dickens', verschnörkelt und übertreibt dort die +Gestalten, gibt ihnen jene ergötzlichen Proportionen und komischen +Verrenkungen, die dann das Entzücken von Millionen wurden. Alles tritt +in diesen Kreis von Licht, sie leuchten wie von innen heraus; selbst +die Gauner und Schurken haben ihren Glorienschein von Humor, die ganze +Welt scheint irgendwie lächeln zu müssen, wenn Dickens sie betrachtet. +Alles glänzt und wirbelt, die Sonnensehnsucht eines nebligen Landes +scheint für immer erlöst. Die Sprache schlägt Purzelbäume, die Sätze +quirlen ineinander, springen weg, spielen Verstecken mit ihrem Sinn, +werfen sich einer dem anderen Fragen zu, necken sich, führen sich irre, +eine Launigkeit beflügelt sie zum Tanz. Unerschütterlich ist dieser +Humor. Er ist schmackhaft ohne das Salz der Sexualität, das ihm ja die +englische Küche versagte; er ließ sich nicht verwirren dadurch, daß +hinter dem Dichter der Drucker hetzte; denn selbst im Fieber, in Not +und Ärger konnte Dickens nicht anders als heiter schreiben. Sein Humor +ist unwiderstehlich, er saß fest in diesem herrlich scharfen Auge und +verlosch erst mit seinem Licht. Nichts Irdisches vermochte ihm etwas +anzuhaben, und auch der Zeit wird es kaum gelingen. Denn ich kann mir +Menschen nicht denken, die Novellen wie »Das Heimchen am Herd« nicht +lieben würden, die der Heiterkeit wehren könnten bei manchen Episoden +dieser Bücher. Die seelischen Bedürfnisse mögen sich wandeln wie die +literarischen. Aber solange man Sehnsucht nach Heiterkeit haben wird, +in den Augenblicken jener Behaglichkeiten, wo der Lebenswille ruht und +nur das Gefühl des Lebens sanft seine Wellen in einem rührt, wo man +sich nach nichts so sehnt als nach irgendeiner arglosen melodischen +Erregung des Herzens, wird man nach diesen einzigen Büchern greifen, +in England und überall in der Welt. + +Das ist das Große, das Unvergängliche in diesem irdischen, allzu +irdischen Werke: es hat Sonne in sich, es strahlt und wärmt. Man soll +die großen Kunstwerke nicht allein nach ihrer Intensität fragen, nicht +nur nach dem Menschen, der hinter ihnen stand, sondern auch nach ihrer +Extensität, der Wirkung auf die Mengen. Und von Dickens wird man wie +von keinem in unserem Jahrhundert sagen können, er habe die Freudigkeit +der Welt gemehrt. Millionen Augen haben bei seinen Büchern in Tränen +gefunkelt; Tausenden, denen das Lachen verblüht oder verschüttet war, +hat er es neu in die Brust gepflanzt: weit über das Literarische hinaus +ging seine Wirkung. Reiche Leute besannen sich und machten Stiftungen, +als sie von den Brüdern Chereby lasen; Hartherzige wurden gerührt; die +Kinder bekamen -- es ist verbürgt --, als »Oliver Twist« erschien, mehr +Almosen auf den Straßen; die Regierung verbesserte die Armenhäuser und +kontrollierte die Privatschulen. Das Mitleid und Wohlwollen in England +ist stärker geworden durch Dickens, das Schicksal von vielen und vielen +Armen und Unglücklichen gelindert. Ich weiß: solche außerordentliche +Wirkungen haben nichts zu tun mit der ästhetischen Wertung eines +Kunstwerkes. Aber sie sind wichtig, weil sie zeigen, daß jedes ganz +große Werk über die Welt der Phantasie hinaus, wo ja jeder schaffende +Wille zauberhaft frei schweifen kann, auch in der realen Welt Wandlungen +hervorbringt. Wandlungen im Wesentlichen, im Sichtbaren und dann in der +Temperatur des Gefühlsempfindens. Dickens hat -- im Gegensatz zu den +Dichtern, die für sich selbst um Mitleid und Zuspruch bitten -- die +Heiterkeit und Lust seiner Zeit gemehrt, ihren Blutkreislauf befördert. +Die Welt ist heller geworden seit dem Tage, da der junge Stenograph des +Parlaments zur Feder griff, um von Menschen und Schicksalen zu schreiben. +Er hat seiner Zeit die Freude gerettet und den späteren Generationen +den Frohsinn jenes »merry old England«, des England zwischen den +Napoleonskriegen und dem Imperialismus. Nach vielen Jahren wird man noch +zurückschauen nach dieser dann schon altväterischen Welt mit ihren +seltsamen, verlorenen Berufen, die längst im Mörser des Industrialismus +zerpulvert sein werden, wird sich vielleicht hineinsehnen in dies +Leben, das arglos war, voll von einfachen, stillen Heiterkeiten. Dickens +hat dichterisch die Idylle Englands geschaffen -- das ist sein Werk. +Achten wir dieses Leise, das Zufriedene nicht zu gering gegenüber dem +Gewaltigen: auch die Idylle ist ein Ewiges, eine uralte Wiederkehr. +Das Georgikon oder Bukolikon, das Gedicht des fliehenden, vom Schauer +des Begehrens ausruhenden Menschen ist hier erneut, so wie es immer +im Umschwung der Generationen wieder sich erneuern wird. Es kommt, +um wieder zu vergehen, die Atempause zwischen den Erregungen, +das Kraftgewinnen vor oder nach der Anstrengung, die Sekunde der +Zufriedenheit im rastlos hämmernden Herzen. Andere schaffen die Gewalt, +andere die Stille. Charles Dickens hat einen Augenblick der Stille in +der Welt zum Gedicht gefügt. Heute ist das Leben wieder lauter, die +Maschinen dröhnen, die Zeit saust in rascherem Umschwung. Aber die +Idylle ist unsterblich, weil sie Lebensfreude ist; sie kehrt wieder wie +der blaue Himmel hinter den Wettern, die ewige Heiterkeit des Lebens +nach allen Krisen und Erschütterungen der Seele. Und so wird auch +Dickens immer wieder aus seiner Vergessenheit wiederkehren, wenn +Menschen der Fröhlichkeit bedürftig sind und, ermattet von den +tragischen Anspannungen der Leidenschaft, auch aus den leisern Dingen +die geisterhafte Musik des Dichterischen werden vernehmen wollen. + + + + + DOSTOJEWSKI + + »Daß du nicht enden kannst, das + macht dich groß.« + Goethe, Westöstlicher Divan + + + EINKLANG + +Es ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch +Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu +sprechen, denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß. + +Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes Nahen zu finden +und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos mit eigen kreisenden Gestirnen +und anderer Musik der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals +restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis ihre Magie, zu +weit ins Unendliche verwölkt ihr Gedanke, zu fremd ihre Botschaft, als +daß die Seele unvermittelt aufschauen könnte in diesen neuen wie in +heimatlichen Himmel. Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen +erlebt. Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des Mitfühlens und +Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen gesteigerten +Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten Wurzeln unseres Wesens +müssen wir graben, um die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen +und dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken. Nur dort, ganz +im Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen unseres Seins, Wurzel in +Wurzel, können wir uns Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd +scheint äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die Steppen +seiner Heimat, weglose und wie wenig Welt von unserer Welt! Nichts +Freundliches umfriedet dort lieblich den Blick, selten rät eine sanfte +Stunde zur Rast. Mystische Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen, +wechselt mit einer frostigen, oft eisigen Klarheit des Geistes, statt +warmer Sonne flammt vom Himmel ein geheimnisvoll blutendes Nordlicht. +Urweltlandschaft, mystische Welt hat man mit Dostojewskis Sphäre +betreten, uralt und jungfräulich zugleich, und süßes Grauen schlägt +einem entgegen wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald schon sehnt +sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt eine Ahnung das +ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch werden für immer, müsse +es doch wieder zurück in unsere wärmere, freundlichere, aber auch +engere Welt. Zu groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft +für den täglichen Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige, +bald feurige Luft für den zitternden Atem. Und die Seele würde fliehen +vor der Majestät solchen Grauens, wäre nicht über dieser unerbittlich +tragischen, entsetzlich irdischen Landschaft ein unendlicher Himmel der +Güte sternenklar ausgespannt, Himmel auch unserer Welt, doch höher ins +Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost, als in unseren +linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus dieser Landschaft zu ihrem Himmel +spürt erst die unendliche Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer, +und ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott. + +Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag unsere Ehrfurcht +vor dem Werke Dostojewskis in eine brennende Liebe zu verwandeln, nur +der innerste Einblick in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das +Allmenschliche dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit +und wie labyrinthisch ist dieser Niederstieg bis zum innersten Herzen +des Gewaltigen; machtvoll in seiner Weite, schreckhaft durch seine +Ferne, wird dies einzige Werk in gleichem Maße geheimnisvoller, als wir +von seiner unendlichen Weite in seine unendliche Tiefe zu dringen +suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von jeder seiner +Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des +Irdischen, jeder Aufschwung ins Geistige rührt mit seiner Schwinge bis +an Gottes Antlitz. Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz +seiner Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige Nacht +und glänzt das ewige Licht: denn Dostojewski ist durch Lebensbestimmung +und Schicksalsgestaltung allen Mysterien des Seins restlos verschwistert. +Zwischen Tod und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit steht +seine Welt. Überall grenzt sein persönliches Problem an ein unlösbares +der Menschheit, jede einzelne belichtete Fläche spiegelt Unendlichkeit. +Als Mensch, als Dichter, als Russe, als Politiker, als Prophet: überall +strahlt sein Wesen von ewigem Sinn. Kein Weg führt an sein Ende, keine +Frage bis in den untersten Abgrund seines Herzens. Nur Begeisterung darf +ihm nahen, und auch sie nur demütig in der Beschämung, geringer zu sein +als seine eigene liebende Ehrfurcht vor dem Mysterium des Menschen. + +Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um uns an sich +heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des Gewaltigen in unserer +Zeit offenbarten ihren Willen. Wagner legte neben sein Werk die +programmatische Erläuterung, die polemische Verteidigung, Tolstoi riß +alle Türen seines täglichen Lebens auf, jeder Neugier Zutritt, jeder +Frage Rechenschaft zu geben. Er aber, Dostojewski, verriet seine +Absicht nie anders als im vollendeten Werk, die Pläne verbrannte er in +der Glut der Schöpfung. Schweigsam und scheu war er ein Leben lang, +kaum das Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend +bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann war einsam: wie +Verminderung seiner Liebe zur ganzen Menschheit schien es ihm, +einzelnen sich hinzugeben. Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der +Existenz, Qual des gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene +Lippen, so sehr sie Klage und Notruf sind. Viele Jahre, seine ganze +Kindheit sind von Dunkel umschattet, und schon heute ist er, dessen +Blick manche in unserer Zeit noch brennen sahen, menschlich etwas ganz +Fernes und Unsinnliches geworden, eine Legende, ein Heros und ein +Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das die erhabenen +Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares umwittert, entirdischt uns +auch sein Antlitz. Nicht aus Dokumenten, sondern einzig aus wissender +Liebe läßt sich sein Schicksal gestalten. + +Allein also und führerlos muß man hinab in das Herz dieses Labyrinths +zu tasten suchen und den Faden Ariadnes, der Seele, vom Knäuel der +eigenen Lebensleidenschaft ablösen. Denn je tiefer wir uns in ihn +versenken, desto tiefer fühlen wir uns selbst. Nur wenn wir an unser +wahres allmenschliches Wesen hinangelangen, sind wir ihm nah. Wer viel +von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der oder keiner das +letzte Maß aller Menschlichkeit gewesen. Und dieser Gang in sein Werk +führt durch alle Purgatorien der Leidenschaft, durch die Hölle der +Laster, führt über alle Stufen irdischer Qual: Qual des Menschen, Qual +der Menschheit, Qual des Künstlers und der letzten, der grausamsten, +der Gottesqual. Dunkel ist der Weg, und von innen muß man glühen in +Leidenschaft und Wahrheitswillen, um nicht in die Irre zu gehen: unsere +eigene Tiefe erst müssen wir durchwandern, ehe wir uns in die seine +wagen. Er sendet keine Boten, einzig das Erlebnis führt Dostojewski zu. +Und er hat keine Zeugen, keine anderen als des Künstlers mystische +Dreieinheit in Fleisch und Geist: sein Antlitz, sein Schicksal und sein +Werk. + + + DAS ANTLITZ + +Sein Antlitz scheint zuerst das eines Bauern. Lehmfarben, fast +schmutzig falten sich die eingesunkenen Wangen, zerpflügt von +vieljährigem Leid, dürstend und versengt spannt sich mit vielen +Sprüngen die rissige Haut, der jener Vampir zwanzigjährigen Siechtums +Blut und Farbe entzogen. Rechts und links starren, zwei mächtige +Steinblöcke, die slawischen Backenknochen heraus, den herben Mund, das +brüchige Kinn überwuchert wirrer Busch von Bart. Erde, Fels und Wald, +eine tragisch elementare Landschaft, das sind die Tiefen von +Dostojewskis Gesicht. Alles ist dunkel, irdisch und ohne Schönheit in +diesem Bauern- und beinahe Bettlerantlitz; flach und farblos, ohne +Glanz dunkelt es hin, ein Stück russische Steppe auf Stein versprengt. +Selbst die Augen, die tief eingesenkten, vermögen aus ihren Klüften +nicht diesen mürben Lehm zu erleuchten, denn nicht nach außen schlägt +klar und blendend ihre gerade Flamme, gleichsam nach innen ins Blut +hinein brennen zehrend ihre spitzen Blicke. Wenn sie sich schließen, +stürzt der Tod sofort über dies Gesicht, und die nervöse Hochspannung, +die sonst die mürben Züge zusammenhält, sinkt nieder ins lethargisch +Unbelebte. + +Wie sein Werk ruft dies Antlitz erst das Grauen vom Reigen der Gefühle +auf, dem sich zögernd Scheu und dann leidenschaftlich, in wachsender +Bezauberung, Bewunderung gesellt. Denn nur die irdische Niederung, die +fleischliche, seines Antlitzes dämmert hin in dieser düster-erhabenen +naturhaften Trauer. Aber wie eine Kuppel, weißstrahlend und gewölbt, +hebt sich ragend über dem engen bäurischen Gesicht die aufstrebende +Rundung der Stirne: aus Schatten und Dunkel steigt blank und gehämmert +der geistige Dom: harter Marmor über den weichen Lehm des Fleisches, +das wüste Dickicht des Haares. Alles Licht strömt in diesem Antlitz +nach oben, und blickt man in sein Bild, so fühlt man immer nur sie, +diese breite mächtige, königliche Stirne, sie, die immer strahlender +leuchtet und sich zu weiten scheint, je mehr das alternde Antlitz in +Krankheit vergrämt und vergeht. Wie ein Himmel steht sie hoch und +unerschütterlich über der Hinfälligkeit des gebrestigen Körpers, Glorie +von Geist über irdischer Trauer. Und auf keinem Bilde leuchtet dies +heilige Gehäuse des sieghaften Geistes glorreicher als von jenem des +Totenbetts, da die Lider schlaff über die gebrochenen Augen gefallen +sind, die entfärbten Hände, fahl und doch fest, das Kreuz gierig +umfassen (jenes arme kleine Holzkruzifix, das einst eine Bäuerin dem +Zuchthäusler schenkte). Da strahlt sie wie von morgens die Sonne über +nächtiges Land nieder auf das entseelte Antlitz und kündet mit ihrem +Glanz die gleiche Botschaft wie alle seine Werke: daß der Geist und der +Glaube ihn erlösten vom dumpfen niederen und körperlichen Leben. In +letzter Tiefe ist immer Dostojewskis letzte Größe: und nie spricht sein +Antlitz stärker als aus seinem Tod. + + + DIE TRAGÖDIE SEINES LEBENS + + »Non vi si pensa quanto sangue costa.« + Dante + +Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck und der zweite dann +Größe. Auch sein Schicksal scheint anfangs dem flüchtigen Blick so +grausam und gemein, wie sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst +empfindet man es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen +Instrumenten der Qual foltern diese sechzig Jahre den hinfälligen +Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend und seinem Alter die Süße +weg, die Säge des körperlichen Schmerzes knirscht in sein Gebein, die +Schraube der Entbehrung wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv, die +brennenden Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch seine +Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich seine +Leidenschaft. Keine Qual ist gespart, keine Marter vergessen. Eine +sinnlose Grausamkeit, eine blindwütige Feindseligkeit scheint dies +Schicksal vorerst. Rückschauend nur begreift man, daß es sich so hart +zum Hammer geschmiedet, weil es Ewiges aus ihm meißeln wollte, daß es +gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein. Denn nichts mißt es +dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends ähnelt sein Lebensgang dem gut +gepflasterten breiten Bürgersteig aller anderen Dichter des neunzehnten +Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes +Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen. Alttestamentarisch, +heroisch und in nichts neuzeitlich und bürgerlich ist Dostojewskis +Schicksal. Ewig muß er mit dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen +Gott empören und ewig sich beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn sicher +werden, nie träge, immer muß er den Gott spüren, der ihn straft, weil +er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er rasten im Glück, damit sein Weg +bis ins Unendliche gehe. Manchmal scheint der Dämon seines Schicksals +schon innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie alle +anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber immer wieder reckt +sich die gewaltige Hand und stößt ihn ins Dickicht zurück, in die +brennenden Dornen. Schleudert es ihn hoch, so ists nur, um ihn in +tiefere Abgründe hinabzustürzen, ihn die ganze Weite der Ekstase und +Verzweiflung zu lehren; es hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo +andere schwach zerschmelzen in Wollust, und wirft ihn in Schlünde +des Leidens, wo alle andern zerschellen in Schmerz: und eben wie +Hiob zerschmettert es ihn immer in den Augenblicken der höchsten +Sicherheiten, nimmt ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und +schändet ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit Gott +zu rechten und ihm durch seine unaufhörliche Empörung und seine +unaufhörliche Hoffnung nur mehr gewonnen sei. Es ist, als hätte +sich diese Zeit lauer Menschen gerade diesen einen aufgespart, um +zu zeigen, welche titanischen Maße in Lust und Qual auch unserer Welt +noch möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf den gewaltigen +Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt er sich gegen sein +Schicksal, niemals hebt er die Faust. Der Körper, der wunde, bäumt sich +konvulsivisch in Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal wie +Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube, zwingt die +Revolte nieder. Der mystisch Wissende in Dostojewski spürt das Heilige +dieser Hand, den tragisch fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem +Leid wird Liebe zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner Qual +umflammt er seine Zeit, seine Welt. + +Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt es ihn nieder. Früh +schon atzt es ihn mit der süßen Speise des Ruhms: sein erstes Buch +schenkt ihm einen Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und +schleudert ihn wieder zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die +Katorga, nach Sibirien. Wieder taucht er, nur noch stärker und mutiger, +empor: seine Memoiren aus dem Totenhause reißen Rußland in einen +Taumel. Der Zar selbst netzt das Buch mit seinen Tränen, die russische +Jugend steht in Flammen für ihn. Er gründet eine Zeitschrift, seine +Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane entstehen. Da bricht im +Wettersturz seine materielle Existenz zusammen, Schulden und Sorgen +peitschen ihn aus dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein +Nomade, irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation. Aber +zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung, taucht er aus +den grauen Gewässern namenloser Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis +bezeugt ihn als den ersten Dichter, den Propheten seines Landes. +Unauslöschlich ist nun sein Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn die +eiserne Hand nieder, und die verzückte Begeisterung seines ganzen +Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen Sarg. Das Schicksal bedarf seiner +nicht mehr, der grausam weise Wille hat alles erreicht, aus seiner +Existenz das Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es nun +die leere Hülse des Körpers hin. + +Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis Leben zum +Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie. Und in wundervoller Symbolik +nimmt sein künstlerisches Werk die typische Form des eigenen Schicksals +an. Es gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge, +wunderbare Spiegelungen, die nicht zu deuten und zu erklären sind. +Schon der Anbeginn seines Lebens ist Symbol: Fedor Michailowitsch +Dostojewski wird im Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so +schon die Stelle seiner Existenz angewiesen, irgendwo im Abseits, im +Verachteten, nahe dem Bodensatz des Lebens und doch mitten im +menschlichen Schicksal, nachbarlich von Leiden, Schmerz und Tod. +Niemals bis zum letzten Tage (er starb in einem Arbeiterviertel, in +einer Winkelwohnung des vierten Stocks) ist er dieser Umgürtung +entronnen, alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines Lebens +bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung im Armenhaus +des Lebens. Sein Vater, Militärarzt wie der Schillers, ist adliger +Abstammung, seine Mutter aus Bauernblut: beide Quellen des russischen +Volkstums strömen so befruchtend in seine Existenz zusammen, +strenggläubige Erziehung wendet schon früh seine Sinnlichkeit zur +Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in einem engen Verschlag, den +er mit seinem Bruder teilt, hat er die ersten Jahre seines Lebens +verbracht. Die ersten Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine Kindheit, +denn dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen. Niemals +hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis Schweigen war immer Scham +oder stolze Angst vor fremdem Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort +in seiner Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd +aufsteigen, zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern. Und doch +meint man ihn zu kennen, blickt man tiefer in die brennenden Augen der +Kindergestalten, die er schuf. Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif, +phantasievoll bis zur Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren +Glut, etwas Großes zu werden, voll jenes gewaltsamen und knabenhaften +Fanatismus, über sich selbst hinauszuwachsen und »für die ganze +Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er +kelchvoll gewesen sein mit Liebe und zugleich der hysterischen Angst, +sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des betrunkenen +Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten und den Jammer der +Entbehrungen, aber doch immer bereit, seine Nächsten vor der Welt zu +verteidigen. + +Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt vortritt, ist die +Kindheit schon weggelöscht. In die ewige Freistatt aller Unbefriedigten, +das Asyl der Vernachlässigten ist er geflohen, in die bunte und +gefährliche Welt der Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem +Bruder gemeinsam gelesen, Tag um Tag und Nacht für Nacht -- schon damals +trieb er, der Unersättliche, jede Neigung bis zum Laster empor --, und +diese phantastische Welt entfernt ihn noch mehr von der Wirklichkeit. +Voll stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er doch bis ins +Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und Eis zugleich, ein +Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine Leidenschaft tappt wirr +umher, geht in diesen »Kellerjahren« alle dunklen Wege der Ausschweifung, +aber immer einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem Glück +und immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot, nur um der paar Rubel +willen, geht er zum Militär: auch dort findet er keinen Freund. Ein paar +dumpfe Jünglingsjahre kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt er +in einem Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend, sinnend, mit allen +geheimen Lastern des Denkens und der Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch +keinen Weg, er lauscht auf sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er +spürt sie mit Wollust und Grauen tief unten gären, er liebt sie und +fürchtet sie, er wagt nicht, sich zu rühren, um dies dumpfe Werden nicht +zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in diesem schwarzen, formlosen +Puppenstand von Einsamkeit und Schweigen, Hypochondrie fällt ihn an, +eine mystische Angst zu sterben, ein Grauen oft vor der Welt, oft vor +sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in der eigenen Brust. +In den Nächten übersetzt er, um seinen verwirrten Finanzen aufzuhelfen +(sein Geld zerfloß, typisch genug, in den gegensätzlichen Neigungen, in +Almosen und Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und Schillers Don +Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen sich langsam eigene +Formen, und endlich reift aus diesem vernebelten traumhaften Zustand von +Angst und Ekstase sein erstes dichterisches Werk, der kleine Roman »Arme +Leute«. + +1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte Menschenstudie +geschrieben, er, der Einsamste, »mit leidenschaftlicher Glut, ja fast +unter Tränen«. Seine tiefste Demütigung, die Armut, hat es gezeugt, +seine höchste Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es +gesegnet. Mißtrauisch betrachtet er die beschriebenen Blätter. Er ahnt +darin eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung, und nur mühsam +entschließt er sich, Nekrasoff, dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung +anzuvertrauen. Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam grüblerisch sitzt +er nachts zu Hause, arbeitet, bis die Lampe verqualmt. Plötzlich um vier +Uhr morgens wird heftig an der Klingel gerissen, und Dostojewski, dem +erstaunt Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die Arme, umhalst, küßt ihn und +jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam das Manuskript +gelesen, die ganze Nacht gehorcht, gejubelt und geweint, und am Ende +hielt es beide nicht: sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste +Lebenssekunde, diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. Bis in den +hellen Morgen tauschen die Freunde Glück und Ekstase in heißen Worten. +Dann eilt Nekrasoff zu Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands. +»Ein neuer Gogol ist erstanden«, ruft er schon an der Türe, das +Manuskript wie eine Fahne schwingend. »Bei euch wachsen die Gogols wie +die Pilze«, brummt der Mißtrauische, durch so viel Begeisterung +verärgert. Aber als Dostojewski ihn am nächsten Tag besucht, ist er +verwandelt. »Ja, begreifen Sie denn selbst, was Sie da geschaffen +haben«, schreit er voll Erregung den verwirrten jungen Menschen an. +Grauen überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem neuen +plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe hinab, an der +Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum erstenmal fühlt er und wagt +doch nicht, es zu glauben, daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm +das Herz auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das »Große«, von +dem seine Kindheit wirr geträumt, die Unsterblichkeit, das Leiden für +die ganze Welt. Erhebung und Zerknirschung, Stolz und Demut schwanken +wirr durch seine Brust, er weiß nicht, welcher Stimme er glauben soll. +Trunken taumelt er über die Straße, und in seine Tränen mischen sich +Glück und Schmerz. + +So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung zum Dichter. Auch +hier ahmt die Form seines Lebens die seiner Werke geheimnisvoll nach. +Hier wie dort haben die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik +eines Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives, +und nur die innere Größe und Wahrheit reißt sie empor zum Grandiosen. +In Dostojewskis Leben ist oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es +zur Tragödie. Es ist ganz auf Spannung gestellt: in einzelne Sekunden, +ohne Übergang, sind die Entscheidungen komprimiert, mit zehn oder +zwanzig solcher Sekunden der Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes +Schicksal fixiert. Epileptische Ausbrüche des Lebens -- eine Sekunde +Ekstase und ohnmächtiger Zusammenbruch -- könnte man sie nennen. +Hinter jeder Ekstase steht schon drohend die graue Dämmerung des +erschlaffenden Gefühls, und aus langem Gewölk ballt sich behutsam +der neue mörderische Lebensblitz. Jeder Aufschwung ist bezahlt +durch Niedersturz und diese eine Sekunde der Begnadung mit vielen +hoffnungslosen Stunden des Robots und der Verzweiflung. Der Ruhm, +dieser funkelnde Reif, den ihm Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt +drückt, ist auch gleichzeitig schon der erste Ring einer Fußkette, an +der Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel der Arbeit +schleppt. Die »Hellen Nächte«, sein erstes Buch, bleibt auch das +letzte, das er als freier Mann einzig um der schöpferischen Freude +willen schuf. Dichten besagt für ihn von nun ab auch: erwerben, +zurückerstatten, abzahlen, denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist +vor der ersten Zeile schon mit Vorschuß verpfändet, das noch ungeborene +Kind in die Sklaverei des Gewerbes verkauft. Für immer ist er jetzt in +das Bagno der Literatur gemauert, ein Leben lang gellen die verzweifelten +Schreie des Eingesperrten nach Freiheit, aber erst der Tod bricht seine +Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der ersten Lust. Ein +paar Novellen sind rasch vollendet, und schon plant er einen neuen +Roman. + +Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will nicht, sein wachsamer +Dämon, daß ihm das Leben zu leicht werde. Und damit er es erkennen +lerne in allen seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine +Prüfung. + +Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel, Dostojewski öffnet +erstaunt, aber diesmal ists nicht die Stimme des Lebens, ein jubelnder +Freund, Botschaft des Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und +Kosaken dringen in sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet, seine +Papiere versiegelt. Vier Monate schmachtet er in einer Zelle der +Sankt-Pauls-Festung, ohne das Verbrechen zu ahnen, dessen man ihn +beschuldigt: Teilnahme an den Diskussionen einiger aufgeregter Freunde, +die man übertrieben die Petraschewskysche Verschwörung genannt hat, +ist sein ganzes Delikt, seine Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis. +Dennoch blitzt plötzlich die Verurteilung nieder zur härtesten Strafe, +zum Tode durch Pulver und Blei. + +Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde, die engste und +reichste seiner Existenz, eine unendliche Sekunde, in der sich Tod und +Leben die Lippen reichen zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er +mit neun Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd ihm +umgeworfen, die Glieder an den Pfahl geschnürt und die Augen verbunden. +Er hört sein Todesurteil lesen und die Trommeln knattern -- sein ganzes +Schicksal ist zusammengepreßt in eine Handvoll Erwartung, unendliche +Verzweiflung und unendliche Lebensgier in ein einziges Molekül Zeit. Da +hebt der Offizier die Hand, winkt mit dem weißen Tuche und verliest die +Begnadigung, das Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd. + +In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus seinem ersten +jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen fünfzehnhundert eichene Pfähle +seinen ganzen Horizont. An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag +um Tag die viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine Genossen +sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit Alabasterschleifen, +Ziegeltragen, Schneeschaufeln. Die Bibel wird das einzig verstattete +Buch, ein räudiger Hund und ein flügellahmer Adler seine einzigen +Freunde. Vier Jahre weilt er im »Totenhaus«, in der Unterwelt, Schatten +zwischen Schatten, namenlos und vergessen. Als sie ihm dann die Kette +von den wunden Füßen abschmieden und die Pfähle hinter ihm liegen, eine +braune morsche Mauer, ist er ein anderer: seine Gesundheit zerstört, +sein Ruhm zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine Lebenslust +bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt aus dem +schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers die heiße Flamme der +Ekstase. Ein paar Jahre noch muß er in Sibirien verbleiben, halbfrei +und ohne die Verstattung, eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der +Verbannung, in bitterster Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene +seltsame Ehe mit seiner ersten Frau ein, einer kranken und eigenartigen, +die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert. Irgendeine dunkle Tragödie +der Aufopferung ist in diesem seinen Entschluß für immer der Neugier und +Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in den »Erniedrigten +und Beleidigten« vermag man den schweigsamen Heroismus dieser +phantastischen Opfertat zu ahnen. + +Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine literarischen +Gönner haben ihn fallen gelassen, seine Freunde sich verloren. Aber +mutig und kraftvoll ringt er sich aus der Welle, die ihn niederwarf, +wieder ans Licht. Seine »Erinnerungen aus dem Totenhause«, diese +unvergängliche Schilderung einer Sträflingszeit, reißen Rußland aus der +Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit Grauen entdeckt die ganze +Nation, daß ganz atemnah unter der flachen Schicht ihrer ruhigen Welt +eine andere waltet, ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den Kreml +empor schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über dem Buche, +von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name. In einem einzigen Jahr ist +sein Ruhm wieder erbaut, höher und dauerhafter als je. Gemeinsam mit +seinem Bruder gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst +fast allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger, der +Politiker, der »Praeceptor Russiae«. Stürmisch tönt der Widerhall, die +Zeitschrift hat weiteste Verbreitung, ein Roman wird vollendet, +heimtückisch, mit vielen blinzelnden Blicken lockt ihn das Glück. +Dostojewskis Schicksal scheint für immer gesichert. + +Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem Leben waltet: +Es ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist ihm noch fremd, die Marter +des Exils und die fressende Angst der täglichen, erbärmlichen +Nahrungssorgen. Sibirien und die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung +Rußlands, sie war immerhin noch Heimat gewesen, nun soll er noch die +Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte kennen lernen um der urmächtigen +Liebe zum eigenen Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose, +noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der Dichter, der Herold seiner +Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz nieder, eine Sekunde der +Vernichtung: die Zeitschrift wird verboten. Wieder ist es ein +Mißverständnis und gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt, +Wetterschlag auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben. Seine +Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bruder und gleichzeitig sein bester +Freund und Helfer. Zweier Familien Schulden hängen sich bleiern an ihn +und krümmen sein Rückgrat unter unerträglicher Last. Noch wehrt er sich +verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie im Fieber, schreibt, redigiert, +druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre, die Existenz zu +retten, aber das Schicksal ist stärker als er. Wie ein Verbrecher +flüchtet er vor seinen Gläubigern eines Nachts hinaus in die Welt. + +Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch das europäische +Exil, jene grauenhafte Abschnürung von Rußland, dem Blutquell seines +Lebens, die ärger seine Seele beengte als die Pfähle der Katorga. +Furchtbar ist es auszudenken, wie der größte russische Dichter, der +Genius seiner Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos, +heimatlos, ziellos von Land zu Land irrt. Mit Mühe findet er Herbergen +in kleinen niederen Zimmern, die der Dunst der Armut füllt, der Dämon +der Epilepsie krallt sich an seine Nerven, Schulden, Wechsel, +Verpflichtungen peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit, Verlegenheit und +Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück in sein +Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle Wolken vor. Ein +junges Mädchen, seine Stenographin, war seine zweite Frau geworden, +aber das erste Kind, das sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung, +die Not des Exils schon nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das +Purgatorium, der Vorhof seines Leidens, so ist Frankreich, Deutschland, +Italien sicherlich seine Hölle. Kaum wagt man sich diese tragische +Existenz zu vergegenwärtigen. Aber immer in Dresden, wenn ich durch die +Straßen gehe, vorbei an irgendeinem niederen und schmutzigen Haus, so +faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen kleinen +sächsischen Krämern und Handlangern, oben im vierten Stock, einsam, +unendlich einsam in dieser fremden Geschäftigkeit. Keiner hat ihn +gekannt in all diesen Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt +Friedrich Nietzsche, der einzige, der ihn verstehen könnte, Richard +Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried Keller, die Zeitgenossen sind da, +aber er weiß von ihnen nichts und sie nichts von ihm. Wie ein großes +gefährliches Tier, struppig und in abgetragenen Kleidern, schleicht +er aus seiner Arbeitshöhle scheu auf die Straße, immer den gleichen +Weg, in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um nur +russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren, Heimat, den +bloßen Anblick der cyrillischen Lettern, den flüchtigen Atem des +heimischen Wortes. Manchmal setzt er sich, nicht aus Liebe zur Kunst +(ewig blieb er der byzantinische Barbar, der Bilderstürmer), sondern +um sich zu wärmen, in die Galerie. Er weiß nichts von den Menschen, +die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Russen sind, haßt die +Deutschen in Deutschland, die Franzosen in Frankreich. Sein Herz horcht +nach Rußland, nur sein Körper vegetiert teilnahmslos in dieser fremden +Welt. Kein Gespräch, keine Begegnung hat irgendeiner der deutschen, +französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur im Bankhaus +kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den Schalter kommt und mit +vor Erregung zitternder Stimme fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus +Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach +in Worten vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt. Schon +lachen die Angestellten über den armen Narren und seine ewige Erwartung. +Auch im Pfandleihhaus ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt, +einmal sogar seine letzte Hose, um nur ein Telegramm nach Petersburg +senden zu können, einen jener markerschütternden Schreie, wie sie immer +wieder gellend in seinem Briefe wiederkehren. Das Herz krampft sich +zusammen, liest man die speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe +dieses Gewaltigen, in denen er um zehn erbetener Rubel willen fünfmal +den Heiland anruft, diese entsetzlichen Briefe, die keuchen, heulen und +winseln für eine erbärmliche Handvoll Geld. Die Nächte hindurch arbeitet +er und schreibt, während seine Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während +die Epilepsie schon die Kralle spannt, ihm das Leben aus der Kehle zu +pressen, während die Hausfrau mit der Polizei um ihre Miete droht und +die Hebamme um ihre Bezahlung keift -- schreibt er »Raskolnikoff«, den +»Idioten«, die »Dämonen«, den »Spieler«, diese monumentalen Werke des +neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen Gestaltungen unserer ganzen +seelischen Welt. Die Arbeit ist seine Rettung und seine Qual. In ihr +lebt er in Rußland, in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in Europa, +in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine Werke hinein. +Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht, sie sind das Spiel, +das seine Nerven, die gepeinigten, zu höchster Lust anspannt. Und +zwischendurch zählt er, wie einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig +die Tage: Heimkehren können als Bettler, aber nur heimkehren! Rußland, +Rußland, Rußland ist der ewige Schrei seiner Not. Aber noch darf er +nicht zurück, noch muß er der Namenlose bleiben um des Werkes willen, +der Märtyrer all dieser fremden Straßen, der einsame Dulder ohne Schrei +und Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen, ehe er aufsteigt +in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms. Schon ist sein Körper +ausgehöhlt von den Entbehrungen, immer häufiger schmettern die +Keulenschläge der Krankheit auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt +liegen bleibt, mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft +taumelnd wieder an den Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre ist +Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden erlebt. + +Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick sein Schicksal: Es +ist genug. Gott wendet Hiob wieder sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig +Jahren darf Dostojewski wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben +für ihn geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet. Rußland blickt +nur mehr auf ihn. Das »Tagebuch eines Schriftstellers« macht ihn zum +Herold seines Volkes, und mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet +er sein Testament an die Zukunft der Nation: »Die Karamasoff«. Und nun +entschleiert sein Schicksal endgültig ihm den Sinn und schenkt dem +Geprüften eine Sekunde höchsten Glücks, die ihm weisen soll, daß der +Same seines Lebens in unendlicher Saat aufgegangen ist. Endlich ist in +einem Augenblick Dostojewskis sein Triumph so zusammengedrängt wie einst +seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein Gott, aber diesmal nicht einen, +der ihn niederschlägt, sondern einen, der ihn wie seine Propheten mit +feurigem Wagen ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag Puschkins +sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede zu halten. +Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der ein Leben lang ihm den Ruhm +usurpierte, hat den Vorrang und spricht unter lauer und freundlicher +Zustimmung. Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und er +faßt es in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil. Mit Flammen +der Ekstase, die aus seiner leisen, heiseren Stimme plötzlich wie +ein Gewitter bricht, verkündet er die heilige Mission der russischen +Allversöhnung, wie hingemäht stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal +erbebt unter der Explosion des Jubels, Frauen küssen ihm die Hände, +ein Student bricht ohnmächtig vor ihm zusammen, alle anderen Redner +verzichten auf das Wort. Ins Unendliche wächst die Begeisterung und +feurig entbrennt die Glorie über dem Haupt mit der Dornenkrone. + +Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden Minute die +Erfüllung seiner Mission, den Triumph des Werkes zeigen. Dann wirft es +-- die reine Frucht ist gerettet -- die verdorrte Hülse seines Körpers +hin. Am 10. Februar 1881 stirbt Dostojewski. Ein Schauer geht durch +Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer. Aber dann flutets heran, aus +den fernsten Städten reisen gleichzeitig und doch ohne Vereinbarung +Deputationen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Aus allen Winkeln der +tausendhäuserigen Stadt schäumt jetzt -- zu spät! zu spät! -- die +ekstatische Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den sie +ein Leben lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der er aufgebahrt ist, +braust schwarz von Menschen, finstere Massen schwemmen in schauerndem +Schweigen die Stiegen des Arbeiterhauses empor und füllen die engen +Räume bis hart an den Sarg. Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck +verschwunden, unter den man ihn gebettet, weil hundert Hände sich +einzelne Blüten als kostbare Reliquie mitnehmen. So stickig wird die +Luft des engen Raumes, daß die Kerzen keine Nahrung mehr haben und +verlöschen. Immer drängender fluten die Massen heran, Welle auf Welle +gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt der Sarg und will +hinstürzen: mit den Händen müssen ihn die Witwe, die erschreckten +Kinder aufrecht halten. Der Polizeipräsident will das öffentliche +Leichenbegängnis verbieten, bei dem die Studenten die Ketten des +Sträflings hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es +schließlich nicht gegen eine Begeisterung, die sonst mit Waffen sich +die Teilnahme erzwungen hätte. Und bei dem Leichenzuge wird plötzlich +Dostojewskis heiliger Traum für eine Stunde zum Geschehnis: das einige +Rußland. Wie in seinem Werk durch das bruderselige Gefühl alle Klassen +und Stände Rußlands, so sind die Hunderttausende hinter dem Sarg durch +ihren Schmerz eine einzige Masse; junge Prinzen, prunkvolle Popen, +Arbeiter, die Studenten, Offiziere, Lakaien und Bettler, sie alle unter +einem wehenden Wald von Fahnen und Bannern klagen mit einer Stimme um +den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn eingesegnet, ist ein +einziger Blumenhain, und vor seinem offenen Grabe vereinigen sich +alle Parteien zu einem Schwur der Liebe und Bewunderung. So schenkt er +seiner Nation mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung +und hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei gespannten +Gegensätze seiner Zeit zusammen. Und wie ein grandioser Salut für den +Toten springt hinter seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die +Revolution. Drei Wochen später wird der Zar ermordet, der Donner des +Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung durchzucken das Land: Wie +Beethoven stirbt Dostojewski im heiligen Aufruhr der Elemente, im +Gewitter. + + + SINN SEINES SCHICKSALS + + Ein Meister bin ich worden + Zu tragen Lust und Leid, + Und meine Lust zu leiden, + Ward mir zur Seligkeit. + Gottfried Keller + +Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal, +eine Art liebevoller Feindschaft. Alle Konflikte spitzt es ihm +schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft +auseinander; es tut ihm weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er liebt +es, weil es ihn so stark faßt, denn im Leiden erkennt dieser Wissendste +die stärkste Möglichkeit des Gefühls. Nie gibt das Schicksal ihn frei, +immer knechtet es ihn aufs neue, um diesen einen gläubigen Menschen +sich zum ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit zu erschaffen. +Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht seines Lebens bis zum +Morgenrot des Todes und läßt ihn nicht aus der Umkrampfung, ehe er es +nicht gesegnet hat. Und Dostojewski, der »Gottesknecht«, begreift die +Größe dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig +Bezwungene unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden Lippen küßt er +sein Kreuz: »Es gibt für den Menschen kein notwendigeres Gefühl, als +sich vor dem Unendlichen beugen zu können.« In die Knie gebrochen unter +der Last seines Schicksals, hebt er fromm die Hände und bezeugt die +heilige Größe des Lebens. + +In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski durch Demut +und Erkenntnis der große Überwinder alles Leidens geworden, der +mächtigste Meister und Umwerter seit den Tagen des Testaments. Nur +durch die Gewalttätigkeiten seines Schicksals ward er selbst gewaltig, +und die Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz fallen, +schmieden erst seine innere Kraft. Je tiefer sein Körper stürzt, desto +höher schwingt sich sein Glaube, je mehr er als Mensch erleidet, um so +seliger erkennt er den Sinn und die Notwendigkeit des Weltleidens. Amor +fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das +fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit +nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als Heil. Wie Bileam verwandelt +jeder Fluch sich dem Auserwählten zum Segen, jede Erniedrigung in +Erhöhung. In Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus an +den Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in uns unverständlicher +Demut küßt er immer wieder die Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch +fahl vom Sarge erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit +des Lebens abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben, aus seinen +Krämpfen und epileptischen Zuckungen, noch Schaum vor dem Munde, rafft +er sich auf, den Gott zu lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt. +Alles Leiden zeugt in seiner aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden, +unersättlichen, lechzenden flagellantischen Durst nach neuen +Märtyrerkronen. Schlägt ihn das Schicksal hart, so stöhnt er, blutend +zusammenstürzend, schon nach neuen Schlägen. Jeden Blitz, der ihn +trifft, fängt er auf und verwandelt, was ihn verbrennen sollte, in +seelisches Feuer und schöpferische Ekstase. + +Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert +das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft. Was Strafe und Prüfung +scheint, wird dem Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen +soll, richtet den Dichter erst eigentlich auf. Was einen Schwächeren +zermalmt hätte, stählt diesem Ekstatiker nur die Kraft. Das Jahrhundert, +das gern mit Sinnbildern spielt, gibt eine Probe solcher Doppelwirkung +gleichen Erlebnisses. Einen anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde, +streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von Namen, +Adelige von Rang, eines Tages aus der bürgerlichen Sphäre ihrer Existenz +ins Zuchthaus hinab. Aber der Dichter Wilde wird in dieser Prüfung +zermalmt wie in einem Mörser, der Dichter Dostojewski aus ihr erst +geformt wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch sozial +empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen, fühlt +sich geschändet durch das bürgerliche Brandmal, und das Furchtbarste an +Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter +Edelmannsleib in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte +Wasser hinab muß. Eine ganz privilegierte Klasse, die Kultur der +Gentlemen, schauert in seinem Grauen vor der physischen Vermengung mit +dem Gemeinen. Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen, brennt +dieser Gemeinsamkeit entgegen mit schicksalstrunkener Seele, zum +Purgatorium seines Stolzes wird ihm das gleiche schmutzige Bad. Und +in der demütigen Hilfeleistung eines schmierigen Tartaren erlebt er +ekstatisch das christliche Mysterium der Fußwaschung. Wilde, in dem der +Lord den Menschen überlebt, leidet bei den Sträflingen unter der Furcht, +sie möchten ihn für ihresgleichen nehmen, Dostojewski leidet nur so +lange, als Diebe und Mörder ihm noch die Bruderschaft verweigern, +denn er fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft als Makel, als +Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle und Diamant gleiches +Element, so ist dies Doppelschicksal eines und doch ein anderes für +diese beiden Dichter. Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt, +Dostojewski beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke in +gleicher Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte formt. Wilde wird +gezüchtigt wie ein Knecht, weil er sich wehrt, Dostojewski triumphiert +über sein Schicksal durch Liebe zu seinem Schicksal. + +Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski, solch ein +Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur ein härtestes Schicksal ihm +gemäß war. Denn gerade aus den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er +die höchsten inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm +Gewinn, seine Laster Steigerungen, seine Hemmungen Auftriebe. Sibirien, +die Katorga, die Epilepsie, die Armut, die Spielwut, die Wollüstigkeit, +all diese Krisen seiner Existenz werden durch eine dämonische +Umwertungskraft fruchtbar in seiner Kunst, denn wie die Menschen ihre +kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der Bergwerke, zwischen +den Gefahren schlagender Wetter, tief unter der spaziergängerischen +Fläche des gesicherten Lebens, so gewinnt der Künstler seine +flammendsten Wahrheiten, seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den +gefährlichsten Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen eine +Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine Errungenschaft +ohnegleichen, weil Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine +Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie. + +Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft über einen +siechen, gebrestigen Körper. Vergessen wir nicht, daß Dostojewski ein +Kranker war, daß dieses eherne unvergängliche Werk aus geborstenen +hinfälligen Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven +gewonnen ist. Mitten durch seinen Körper war gefährlichstes Leiden +gepfählt, ewig gegenwärtiges grauenhaftes Sinnbild des Todes: die +Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker die ganzen dreißig Jahre seiner +Künstlerschaft. Mitten im Werk, auf der Straße, im Gespräch, selbst im +Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des »würgenden Dämons« um seine +Kehle und schmettert ihn so jäh, Schaum vor dem Munde, zu Boden, daß +der überraschte Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse Kind +spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften psychischen +Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr, zum Blitz wird aber »die +heilige Krankheit« erst im Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die +ungeheuere Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie jedes +Unglück, wie Armut und Entbehrung, bleibt die Körpernot Dostojewski +treu bis in die letzte Stunde. Seltsam aber: niemals lehnt sich der +Gemarterte mit einem Wort gegen die Prüfung auf. Nie klagt er über +sein Gebrechen wie Beethoven über seine Taubheit, Byron über seinen +verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden, ja nirgends ist +bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen Heilung gesucht habe. Getrost +darf man das Unwahrscheinliche als gewiß nehmen, daß er mit jener +unendlichen Amor fati diese seine Krankheit liebte, als Schicksal +liebte wie jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters +bändigt das Leiden des Menschen: Dostojewski wird Herr seines Leidens, +indem er es belauscht. Die äußerste Gefahr seines Lebens, die +Epilepsie, er verwandelt sie in ein höchstes Geheimnis seiner Kunst: +eine nie gekannte geheimnisvolle Schönheit saugt er aus diesen +Zuständen, die wundervoll in den Augenblicken taumelnden Vorgefühls +gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur ist hier der +Tod mitten im Leben erlebt und in dieser einen Sekunde vor dem +jedesmaligen Sterben, die stärkste, berauschendste Essenz des Seins, +die pathologisch gesteigerte Anspannung des »Sichselbstempfindens«. +Wie ein magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer wieder seinen +intensivsten Lebensaugenblick, die Minute am Semenowski-Platz ins Blut +zurück, als sollte er niemals den grausigen Kontrast zwischen dem All +und dem Nichts in seinem Gefühl verlernen. Auch hier schnürt immer +Dunkel den Blick, auch hier stürzt wie Wasser aus übervoller, gebeugter +Schale die Seele dem Körper aus, schon zittert sie mit gespannten +Flügeln zu Gott empor, schon spürt sie überirdisches Licht auf den +entkörperten Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt, schon +sinkt die Erde, schon tönen die Sphären -- da stürzt ihn der Donner +des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine Leben hinab. Immer wenn +Dostojewski diese eine Minute beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl, +das seine unerhörte Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine +Stimme leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick des +Grauens zum Hymnus: »Ihr gesunden Menschen, ihr ahnt nicht,« predigt er +begeistert, »welches Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem +Anfall durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im Paradies +gewesen in der kurzen Frist, da sein Krug umstürzte und das Wasser +ausrann, und alle klugen Narrenköpfe behaupten, er sei ein Lügner und +Betrüger. Das ist aber nicht wahr, er lügt nicht. Sicher war er im +Paradies während eines epileptischen Anfalls, einer Krankheit, an der +er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese Wonnesekunde Stunden +dauert, aber glaubt mir, alle Freude des Lebens möchte ich nicht dafür +eintauschen.« + +In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick über das Einzelne +der Welt hinaus und umfaßt in loderndem Allgefühl die Unendlichkeit. +Aber was er verschweigt, ist die bittere Züchtigung, mit der er jede +dieser krampfhaften Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter +Zusammenbruch klirrt die kristallenen Sekunden in reißende Scherben, +mit zerbrochenen Gliedern und stumpfen Sinnen stürzt er, ein anderer +Ikarus, in die irdische Nacht zurück. Das Gefühl, noch geblendet vom +unendlichen Licht, tastet sich mühsam im Gefängnis des Körpers zurecht, +wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden des Seins, die eben mit +seligen Schwingen Gottes Antlitz umfingen. Dostojewskis Zustand nach +jedem Anfall ist ein fast idiotisches Dämmern, dessen ganzes Grauen +er sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer Deutlichkeit +ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen, oft zerstoßenen +Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem Laut, die Hand nicht der Feder, +mürrisch und niedergeschlagen wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft. +Die Helligkeit des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in +harmonischer Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich der +nächsten Dinge nicht mehr zu erinnern, der Lebensfaden, der ihn der +Umwelt, der ihn seinem Werk verbindet, ist zerrissen. Einmal, nach +einem Anfall während der Niederschrift der »Dämonen«, fühlt er mit +Grauen, daß ihm nichts mehr bewußt ist von all den Geschehnissen der +eigenen Erfindung, selbst den Namen des Helden hat er vergessen. Erst +mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung hinein, treibt die +erschlaffenden Visionen mit drängendem Willen wieder zu voller Glut +auf, bis -- bis ihn eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen +der Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des Todes auf +den Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung, sind seine letzten, die +gewaltigsten Romane entstanden. Auf der Kippe zwischen Tod und +Wahnsinn, nachtwandlerisch sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig +empor, und aus diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig Auferstandenen +jene dämonische Kraft, das Leben gierig zu umklammern, um ihm sein +Höchstes an Gewalt und Leidenschaft zu entpressen. + +Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis dankt Dostojewskis Genie +so viel (Mereschkowski hat die Antithese blendend durchgeführt) als +Tolstoi seiner Gesundheit. Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten +Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden nicht gegeben sind, hat +ihm geheimnisvollen Blick verliehen in die Unterwelt des Gefühles und +die Zwischenreiche der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines +Wesens, dies Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen des +Intellekts in die letzten Labyrinthe des Gefühls, hat ihn befähigt, +zum ersten Male den pathologischen Geschehnissen ihre Metaphysik zu +geben, und voll zu schildern, was sonst das analytische Skalpell der +Wissenschaft nur unvollkommen am abgestorbenen klinischen Fall ertastet. +Wie Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom Hades, so bringt er, +der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste Beschreibung aus dem Land +der Schatten und Flammen und bezeugt mit seinem Blut und dem kalten +Schauer seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände zwischen Leben +und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das Höchste der Kunst, das +Stendhal einmal formulierte, »d'inventer des sensations inédites«, +Gefühle, die bei uns alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der +kühlen Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen, in voller +tropischer Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit des Kranken läßt +ihn die letzten Worte der Seele erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt, +die gesteigerte Feinfühligkeit mißt mit stärkstem Ausschlag die +zartesten Vibrationen der Sinne, und eine mystische Scharfsichtigkeit in +den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm seherische Gabe des zweiten +Gesichts, die Magie des Zusammenhangs. O wunderbare Verwandlung, +fruchtbar in allen Krisen des Herzens! Der Künstler Dostojewski zwingt +sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt nur neue +Größe aus neuem Maß. Denn für ihn bedeuten Glück und Leid, die Endpunkte +des Gefühls, eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit den +gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern mit den siedenden +Graden seiner eigenen Phrenesie. Das Maximum an Glück, einem andern ist +es Genuß einer Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer +aber durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski sind +die Siedepunkte des Empfindens schon im Unerträglichen, im Tödlichen. +Sein Glück ist Spasma, der schäumende Krampf, seine Qual die +Zerschmetterung, der Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig +komprimierte essentielle Zustände, die im Irdischen keine Dauer haben +können, die solche Hitzegrade erreichen, daß kaum eine Sekunde sie in +ihren Händen halten kann und schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben +ständig den Tod erlebt, kennt ein urmächtigeres Grauen als der Normale, +wer die körperlose Schwebe gefühlt, eine höhere Lust als ein Körper, der +nie die harte Erde ließ. Sein Begriff von Glück meint die Verzückung, +sein Begriff von Qual die Vernichtung. Darum hat auch das Glück seiner +Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert +und brennt wie Feuer, es zittert von verhaltenen Tränen und schwült von +Gefahr, es ist ein unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden +mehr als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das den gemeinen +Zustand von dumpfer würgender Angst, von Last und Grauen schon +überbrückt hat, eine eiskalte, beinahe lächelnde Klarheit, eine +teuflische Gier der Bitterkeit, die keine Träne kennt, ein trockenes +kollerndes Lachen und ein dämonisches Grinsen, in dem wiederum beinahe +schon Lust ist. Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles +ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt als +zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits +aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat. + +In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat, und nur aus +ihr ist Dostojewski zu verstehen. Er ist das Opfer eines zwiespältigen +Lebens und -- als leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals -- darum +Fanatiker seines Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen +Temperaments entsteht einzig aus der fortwährenden Reibung dieser +Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt der Maßlose in ihm den +eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander zu Himmel und Hölle: +nie verheilt die klaffende Wunde im brennenden geistigen Fieber des +Schaffens. Dostojewski, der Künstler, ist das vollkommenste +Gegensatzprodukt, der größte Dualist der Kunst und vielleicht der +Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen Urwillen seiner +Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte Liebe zum Glücksspiel. Der +Knabe schon ist leidenschaftlicher Kartenspieler, aber erst in Europa +lernt er den Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das Rouge et Noir, +das Roulett, dieses in seinem primitiven Dualismus so grausam +gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in Baden-Baden, die Spielbank in +Monte Carlo sind seine stärksten Ekstasen in Europa: mehr als die +Sixtinische Madonna, die Plastiken Michelangelos, die Landschaften des +Südens, Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen Nerv. Denn +hier ist Spannung, Entscheidung -- Schwarz oder Rot, gerad oder +ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn oder Verlust -- in eine einzige +Sekunde des rollenden Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener +schmerzhaft-lustvollen Blitzform des springenden Gegensatzes, die +einzig seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge, die +Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner fiebrischen Ungeduld +unerträglich, er mag nicht Geld verdienen auf deutsche, auf +»Wurstmacherart«, durch Umsicht, Sparsamkeit und Berechnung, ihn reizt +der Zufall, die Hingabe an das Ganze. Die Form seines äußern Schicksals +ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter Herausforderung +bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur der Entscheidungen in eine +einzige Sekunde, die zur Spitze geschärfte Sensation, die ihre glühende +Nadel tief in den Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im +Vorgefühl und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und jener +unvergeßlichen Sekunde vom Semenowski-Platz. Wie das Schicksal mit ihm +spielte, so spielt er nun mit dem Schicksal: er reizt den Zufall zu +künstlichen Spannungen, und gerade wenn er gesichert ist, wirft er +immer mit zitternder Hand seine ganze Existenz auf den grünen Tisch. +Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger, sondern aus unerhörtem +»unanständigem«, aus Karamasoffschem Lebensdurst, der alles in den +stärksten Essenzen will, aus krankhafter Sehnsucht nach Schwindligkeit, +aus jenem »Turmgefühl«, der Lust, sich über den Abgrund zu beugen. Denn +er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das Dämonische des Zufalls, +er liebt in fanatischer Demut die Mächte, die stärker sind als seine +Eigenmacht, und lockt mit ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen +Blitz auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: +was er einsetzt, ist nicht Geld und immer sein letztes Geld, sondern +damit seine ganze Existenz; was er ihm abgewinnt, ist äußerster +Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl. +Selbst im goldenen Gift hat Dostojewski nur neuen Durst nach dem +Göttlichen getrunken. + +Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede andere über +alles Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein in das Laster trieb. +Haltzumachen, Vorsicht, Bedenklichkeit waren diesem Titanentemperament +fremd: »Überall und in allem mein ganzes Leben lang habe ich die Grenze +überschritten.« Und dies, Grenzen zu überschreiten, ist künstlerisch +seine Größe wie menschlich seine Gefahr: er macht nicht halt vor den +Zäunen der bürgerlichen Moral, und niemand weiß genau zu sagen, wie +weit sein Leben die juridische Grenze überschritten hat, wieviel von +den verbrecherischen Instinkten seiner Helden in ihm selbst Tat +geworden ist. Einzelnes ist bezeugt, doch wohl das Geringere nur. Als +Kind hat er betrogen im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr +Marmeladow in »Schuld und Sühne« aus Gier nach Branntwein die Strümpfe +seiner Frau, so stiehlt auch Dostojewski der seinen Geld und ein Kleid +aus dem Schrank, um es im Roulett zu verspielen. Wie weit seine +sinnlichen Ausschweifungen aus den »Kellerjahren« ins Perverse +hinüberzittern, wieviel von den »Spinnen der Wollust« Swidrigailow, +Stawrogin und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in sexuellen +Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern. Seine +Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln jedenfalls in der +geheimnisvollen Kontrastgier von Verderbtheit und Unschuld, aber es ist +nicht wesenhaft, diese Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind) +zu erörtern. Wichtig ist nur, nicht zu verkennen, daß dem Heiland, dem +Heiligen, dem Aljoscha in Dostojewski-Karamasow der Gegenspieler des +Wollüstlings, des überreizten Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im +Blute verschwistert war. + +Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit +Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht im linden Sinn +Goethes, der einst in dem berühmten Worte sagte, daß er die Anlagen zu +allen Schändlichkeiten und Verbrechen lebendig in sich empfände. Denn +Goethes ganze gewaltige Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige, +ungeheuere Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime in sich +auszuroden. Der Olympier will zur Harmonie, seine höchste Sehnsucht +ist Zerstörung alles Gegensatzes, Erkältung des Blutes, die ruhevolle +Schwebe der Kräfte. Er verschneidet die Sinnlichkeit in sich, er rottet +unter stärksten Blutverlusten für seine Kunst alle gefährlichen Keime +allmählich um der Sittlichkeit willen aus, allerdings mit dem Gemeinen +auch viel von seiner Kraft vernichtend. Dostojewski aber, leidenschaftlich +in seinem Dualismus wie in allem, was ihm vom Leben zugefallen, will +nicht empor zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er bindet nicht seine +Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie auseinander zu +Gott und Teufel und hat dazwischen die Welt. Er will unendliches Leben. +Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des +Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das Schlechte, das +Gefährliche und das Fördernde, muß empor, alles wird an seiner tropischen +Leidenschaft Blüte und Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern, +ungehemmt seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins Leben +jagen. Er liebt seine Laster, seine Krankheit, das Spiel, seine Bosheit +und selbst die Wollust, weil sie eine Metaphysik des Fleisches ist, +ein Wille des Genusses ins Unendliche hinein. Goethe will zum +Antikisch-Apollinischen, Dostojewski zum Bacchantischen. Er will nicht +Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch sein. Seine +Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf +Intensität. Richtig leben heißt für ihn: stark leben und alles leben, +beides zugleich, das Gute und das Schlechte, und beides in seinen +stärksten, berauschendsten Formen. Deshalb hat Dostojewski nie eine Norm +gesucht, sondern immer nur die Fülle. Neben ihm steht Tolstoi inmitten +seines Werkes beunruhigt auf, hält inne, läßt die Kunst und quält sich +ein Leben lang, was gut sei, was böse, ob er richtig lebe oder falsch. +Tolstois Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet, das +Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein Schicksal. Er handelt +nicht zweckmäßig, nicht bewußt, er prüft sich nicht, er verstärkt sich +nur. Tolstoi klagt sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke. +Dostojewski schweigt, aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom, als alle +Anklagen Tolstois. Dostojewski will sich nicht beurteilen, nicht +verändern, nicht verbessern, nur immer eines: sich verstärken. Gegen das +Böse, gegen das Gefährliche seiner Natur leistet er keinen Widerstand, +im Gegenteil, er liebt seine Gefahr als Antrieb, er vergöttert seine +Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die Demut. Kindlich wäre es +darum, das Dämonische seines Wesens zu verschweigen (das dem Göttlichen +so nahe verschwistert ist), ihn moralisch zu »entschuldigen« und für die +kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten, was die elementare +Schönheit des Maßlosen hat. + +Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten aus der »Jugend«, +den Stawrogin der »Dämonen«, den Swidrigailow des »Raskolnikoff«, diese +Fanatiker des Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese +wissenden Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die niedrigsten +Formen der Sinnlichkeit persönlich bewußt, denn eine geistige Liebe zur +Ausschweifung ist vonnöten, um diesen Gestalten ihre grausame Realität +zu geben. Seine unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem +doppelten Sinn, kannte die der fleischlichen Trunkenheit, wo sie in den +Schlamm taumelt und Unzucht wird, bis zu ihren feinsten geistigen +Abstiegen, wo sie zur Bosheit, zum Verbrechen erstarrt, er kannte sie +unter allen ihren Masken, und mit wissendstem Blick lächelt er in ihre +Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo die Liebe +fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft und +stürzende Träne. All diese geheimnisvollen Essenzen waren in ihm und +nicht nur in flüchtigen chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften +Dichter, sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller +Erregung und einer fühlbaren Vibration der Sinne ist jede Ausschweifung +bei ihm geschildert und vieles wohl mit Lust erlebt. Damit meine ich +aber nicht (Blutfremde mögen es so verstehen), daß Dostojewski ein +Wüstling war, einer, der sich freute am Fleischlichen, ein Lebemann. +Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein Leibeigener des +Triebes, Sklave einer herrischen geistigen und körperlichen Neugier, +die ihn mit Ruten ins Gefährliche hineinpeitschte, ins Dornendickicht +der abseitigen Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen, +sondern Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft, das immer +wieder und wieder Empfindenwollen der geheimnisvollen gewitterigen +Schwüle der Epilepsie, Konzentration des Gefühles in ein paar gespannte +Sekunden gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz in die +Reue. Er liebt in der Lust nur das Flimmern von Gefahr, das Spiel der +Nerven, dies Naturhafte innerhalb des eigenen Körpers, er sucht in +einer seltsamen Mischung von Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust +das Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung die Unschuld, +im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis Sinnlichkeit ist ein Labyrinth, +in dem sich alle Wege verschlingen, Gott und das Tier sind nachbarlich +in einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das Symbol der +Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der Heilige gerade der Sohn +Fedors, der grausamen »Spinne der Wollust« ist. Wollust zeugt die +Reinheit, das Verbrechen die Größe, Lust das Leiden und das Leiden +wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze: zwischen Himmel und +Hölle, Gott und Teufel spannt sich seine Welt. + +Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges +Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges +Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben +weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm +Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das +grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig +mystische Leben geliebt. Denn sein Maß ist die Fülle, die Unendlichkeit. +Nie wollte er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig sich +selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie inneren +und äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten der Sensation, +Entzündungen des Nervs. Was Keim war in ihm, Keim des Guten und des +Bösen, jede Leidenschaft, jedes Laster hat er aufgesteigert durch +Begeisterung und Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem +wissenden Blut. Restlos gibt sich der Spieler in ihm als Einsatz an das +leidenschaftliche Spiel der Mächte, denn nur im Rollen von Schwarz und +Rot, Tod oder Leben, spürt er taumlig-süß die ganze Wollust seiner +Existenz. »Du hast mich hineingestellt, du wirst mich wieder +hinausführen«, ist mit Goethe seine Antwort an die Natur. »Corriger la +fortune«, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen, abzuschwächen, fällt +ihm nicht bei. Nie sucht er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe, +nur Steigerung des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein +Gefühl zu neuen Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen, sondern +die höchste Summe des Gefühls. Er will nicht wie Goethe zum Kristall +erstarren, kalt mit hundert Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern +Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich +sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter +Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern, +sondern das Leben fühlen. Nicht der Herr sein, sondern der fanatische +Leibeigene seines Schicksals. Und nur so, als der »Gottesknecht«, der +Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden. + +Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an das Schicksal +zurückgegeben: dadurch wird sein Leben gewaltig über die zufällige +Zeit. Er ist der dämonische Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in +seiner Gestalt ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht unserer +Epoche noch einmal der schon vergangen geglaubte Dichter mystischer +Zeiten, der Seher, der große Rasende, der Schicksalsmensch. Etwas +Urzeitliches und Heroisches liegt in dieser titanischen Gestalt. +Steigen die anderen literarischen Werke wie beblümte Berge aus den +Niederungen der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar noch, aber +schon gesänftigt in Dauer und zugänglich selbst in ihren Höhen, wo sie +mit weißer Schneekrone ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe +seiner Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares +Gestein. Aber aus dem Krater seiner zerrissenen Brust reicht Glut bis +zum untersten feurig-flüssigen Kern unserer Welt: hier sind noch +Zusammenhänge mit aller Anfänge Anfang, mit dem Elementaren der +Urkraft, und schaudernd spüren wir in seinem Schicksal und Werk die +geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit. + + + DIE MENSCHEN DOSTOJEWSKIS + + »O glaubet nicht an die Einheit des + Menschen.« Dostojewski + +Vulkanisch er selbst, vulkanisch darum seine Helden, denn jeder Mensch +bezeugt im letzten nur den Gott, der ihn erschuf. Sie sind nicht +friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem +Empfinden bis zu den Urproblemen hinab. Der moderne Nervenmensch in +ihnen ist gepaart dem Wesen des Anfangs, das nichts vom Leben weiß als +seine Leidenschaft, und mit den letzten Erkenntnissen stammeln sie +gleichzeitig die ersten Fragen der Welt. Ihre Formen sind noch nicht +ausgekühlt, ihr Gestein nicht geschichtet, ihre Physiognomien nicht +geglättet. Ewig unvollendet sind sie und darum doppelt lebendig. Denn +der vollendete Mensch ist ja gleichzeitig schon der abgeschlossene, +und bei Dostojewski drängt alles ins Unendliche hinaus. Ihm erscheinen +Menschen nur insolange als Helden und künstlerisch gestaltungswert, als +sie mit sich entzweit sind, problematische Naturen: die Vollendeten, +die Ausgereiften schüttelt er von sich ab wie der Baum seine Frucht. +Dostojewski liebt seine Menschen nur, solange sie leiden, solange sie +die gesteigerte, zwiespältige Form seines eigenen Lebens haben, solange +sie Chaos sind, das sich in Schicksal verwandeln will. + +Stellen wir seine Helden vor ein anderes Bild, um sie in ihrer +wundervollen Sonderheit besser zu verstehen. Vergleichen wir. Rufen wir +einen Helden Balzacs als den Typus französischen Romans in uns auf, so +entsteht unbewußt eine Vorstellung von Geradlinigkeit, Umgrenztheit und +innerer Geschlossenheit. Ein Begriff, deutlich wie eine geometrische +Figur und gesetzvoll wie sie. Alle Menschen Balzacs sind aus einer +einzigen, durch die seelische Chemie genau bestimmbaren Substanz +gefertigt. Sie sind Elemente und haben alle wesenhaften Eigenschaften +eines solchen, also auch typische Formen der Reaktion im Moralischen +und Psychischen. Sie sind kaum Menschen mehr, sondern beinahe schon +menschgewordene Eigenschaft, Präzisionsmaschinen einer Leidenschaft. +Für jeden Namen kann man bei Balzac als Korrelat eine Eigenschaft +setzen: Rastignac ist gleich Ehrgeiz, Goriot ist gleich Aufopferung, +Vautrin ist gleich Anarchie. In jedem dieser Menschen hat eine +dominierende Triebkraft alle anderen inneren Kräfte an sich gerissen +und in die Richtung des zentralen Lebenswillens gedrängt. Sie sind +charakterologisch klassifizierbar, diese Helden, denn eine einzige +Feder des Antriebs ist ihrer Seele eingebaut, die sie mit einem +bestimmten Maß von Energie durch die menschliche Gesellschaft treibt: +wie ein Geschoß schleudert sie jeden dieser Jünglinge mitten ins Leben +hinein. Im höchsten Sinn wäre man versucht, sie Automaten zu nennen um +der Präzision willen, mit der sie auf jeden einzelnen Lebensreiz +reagieren, und wirklich wie eine Maschine sind sie in ihrer Kraftleistung +und ihrem Widerstand für den technischen Kenner berechenbar. Ist man in +Balzac einigermaßen eingelesen, so kann man die Antwort des Charakters +auf die Tatsache so berechnen, wie die Parabel eines Steinwurfes aus der +Stärke ihres Schwunges und der Schwere des Steins. Grandet, der Harpagon, +wird in dem Maße geiziger werden, als seine Tochter opferwillig und +heroisch. Und man weiß von Goriot schon zu den Zeiten, da er noch in +leidlichem Wohlstand lebt und seine Perücke sorgfältig gepudert ist, +daß er einmal seine Weste für die Töchter verkaufen wird und das +Silbergeschirr zerbrechen, seinen letzten Besitz. Er muß notwendigerweise +so handeln aus der Einheit seiner Charakteranlage, aus dem Trieb, den +sein irdisches Fleisch nur unvollkommen mit einer menschlichen Form +umkleidet. Die Charaktere Balzacs (und ebenso Victor Hugos, Scotts, +Dickens') sind alle primitiv, einfarbig, zielstrebig. Sie sind +Einheiten und darum meßbar auf der Wagschale der Moral. Vielfarbig und +tausendgestaltig ist in jenem geistigen Kosmos nur der Zufall, dem sie +begegnen. Bei jenen Epikern ist das Erlebnis vielfältig, der Mensch die +Einheit, und der Roman selbst der Kampf um die Macht gegen die irdischen +Mächte. Die Helden Balzacs und des ganzen französischen Romans sind +entweder stärker oder schwächer als der Widerstand der Gesellschaft. +Sie bezwingen das Leben, oder sie kommen unter das Rad. + +Der Held des deutschen Romans, als dessen Typus Wilhelm Meister oder +der Grüne Heinrich gedacht sei, ist nicht dermaßen seiner Grundrichtung +gewiß. Er hat viele Stimmen in sich, er ist psychologisch differenziert, +ist seelisch polyphon. Das Gute und das Böse, das Starke und das +Schwache fließen wirr in seiner Seele durcheinander: sein Anbeginn ist +Verwirrung, und die Nebel der Frühe umwölken ihm den reinen Blick. Er +spürt Kräfte in sich, aber noch ungesammelt, noch in Widerstreit, er +ist ohne Harmonie, aber doch beseelt vom Willen zur Einheit. Das +deutsche Genie zielt nun im letzten Sinne immer auf Ordnung. Und +alle Entwicklungsromane entwickeln nichts anderes in diesen deutschen +Helden als die Persönlichkeit. Die Kräfte werden gesammelt, der +Mensch zum deutschen Ideal, zur Tüchtigkeit erhoben, »im Strom der +Welt bildet sich« nach Goethes Wort »der Charakter«. Die vom Leben +durcheinandergeschüttelten Elemente klären sich in der errungenen Ruhe +zum Kristall, aus den Lehrjahren tritt der Meister, und vom letzten +Blatt all dieser Bücher, aus dem Grünen Heinrich, dem Hyperion, dem +Wilhelm Meister, dem Ofterdingen blickt ein klares Auge tatkräftig +in eine klare Welt. Das Leben versöhnt sich dem Ideal; nicht mehr +verschwenderisch wirr, sondern zu höchstem Ziel gespart wirken die nun +geordneten Kräfte. Die Helden Goethes und aller Deutschen verwirklichen +sich zu ihrer höchsten Form, sie werden werktätig und tüchtig: sie +erlernen an Erfahrungen das Leben. + +Die Helden Dostojewskis suchen aber und finden überhaupt kein +Verhältnis zum wirklichen Leben: das ist ihre Sonderheit. Sie wollen +gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie +hinaus, ins Unendliche. Ihr Schicksal existiert für sie nicht in einem +äußern, sondern nur in einem innern Sinn. Ihr Reich ist nicht von +dieser Welt. All die Scheinformen von Werten, Titel, Macht und Geld, +aller sichtbarer Besitz hat für sie Wert weder als Zweck, wie bei +Balzac, noch als Mittel, wie bei den Deutschen. Sie wollen sich in +dieser Welt gar nicht durchsetzen, nicht behaupten und nicht ordnen. +Sie sparen nicht mit sich, sondern sie verschwenden sich, sie rechnen +nicht und bleiben ewig unberechenbar. Das Untüchtige ihres Wesens läßt +sie zuerst als müßige und phantastische Träumer erscheinen, aber ihr +Blick scheint nur leer, weil er nicht nach außen starrt, er zielt mit +Glut und Feuer immer nur zurück in sich selbst, in die eigene Existenz. +Der russische Mensch geht auf das Ganze. Sich selbst wollen sie fühlen +und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere +Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht, +das Existenzgefühl. Wo immer man tiefer sich eingräbt ins Werk +Dostojewskis, überall rauscht als unterste Quelle dieser ganz primitive, +fast vegetative fanatische Lebensdrang, das Existenzgefühl, dies ganz +urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen +des Lebens sind, Wertungen, Unterscheidungen, sondern die ganz +einheitliche Lust, wie man sie beim Atmen fühlt. Vom Urquell wollen sie +trinken, nicht aus den Brunnen der Städte und Straßen, die Ewigkeit, +die Unendlichkeit in sich fühlen und die Zeitlichkeit abtun. Sie kennen +nur eine ewige, keine soziale Welt. Sie wollen das Leben weder erlernen, +noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als +Ekstase der Existenz. + +Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft zur Wirklichkeit, +muten Dostojewskis Gestalten vorerst etwas einfältig an. Sie haben +keine Richtung geradeaus, kein sichtbares Ziel: wie Blinde taumeln und +tappen diese doch erwachsenen Menschen in der Welt herum oder wie +Trunkene. Sie bleiben stehen, sehen sich um, fragen alle Fragen und +rennen ohne Antwort weiter ins Unbekannte: ganz frisch scheinen sie in +unsere Welt eingetreten und ihr noch nicht eingewöhnt. Und man versteht +diese Menschen Dostojewskis kaum, bedenkt man nicht, daß sie Russen +sind, Kinder eines Volkes, das aus einer jahrtausendalten barbarischen +Unbewußtheit mitten in unsere europäische Kultur hineingestürzt ist. +Von der alten Kultur, vom Patriarchalischen losgerissen, der neuen noch +nicht vertraut, stehen sie in der Mitte, alle an einem Wegkreuz, und +die Unsicherheit jedes einzelnen ist die eines ganzen Volkes. Wir +Europäer wohnen in unserer alten Tradition wie in einem warmen Haus. +Der Russe des neunzehnten Jahrhunderts, der Dostojewski-Zeit, hat +hinter sich die Holzhütte der barbarischen Vorzeit verbrannt, aber sein +neues Haus noch nicht gebaut. Entwurzelte, Richtungslose sind sie alle. +Sie haben die Kraft ihrer Jugend, die Kraft der Barbaren noch in den +Fäusten, aber der Instinkt ist verwirrt von der Tausendfalt der +Probleme: die Hände voll Stärke, wissen sie nicht, was zuerst anfassen. +Und so greifen sie nach allem und haben nie genug. Man fühle hier die +Tragik jedes einzelnen Dostojewski-Menschen, jedes einzelnen Zwiespalt +und Hemmung aus dem Schicksal des ganzen Volkes. Dieses Rußland um +die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weiß nicht wohin: nach Westen +oder nach Osten, nach Europa oder nach Asien, nach Petersburg, der +»künstlichen Stadt«, in die Kultur oder zurück auf das Bauerngut, in +die Steppe. Turgenjew stößt sie nach vorne, Tolstoi stößt sie zurück. +Alles ist Unruhe. Der Zarismus steht unvermittelt gegenüber einer +kommunistischen Anarchie, die Rechtgläubigkeit, die altererbte, springt +quer über in einen fanatischen und rasenden Atheismus. Nichts steht +fest, nichts hat seinen Wert, sein Maß in dieser Zeit: die Sterne des +Glaubens brennen nicht mehr über ihren Häuptern und das Gesetz längst +nicht mehr in ihrer Brust. Entwurzelte einer großen Tradition, sind die +Dostojewski-Menschen echte Russen, Übergangsmenschen, das Chaos des +Anfangs im Herzen, beladen mit Hemmungen und Ungewißheiten. Immer sind +sie verschreckt und verschüchtert, immer fühlen sie sich erniedrigt und +beleidigt, und dies alles aus dem einzigen Urgefühl der Nation: daß sie +nicht wissen, wer sie sind. Daß sie nicht wissen, ob sie viel sind oder +wenig. Ewig stehen sie auf der Kippe von Stolz oder Zerknirschung, von +Selbstüberschätzung und Selbstverachtung, ewig blicken sie sich um +nach den anderen, und alle sind sie verzehrt von der rasenden Angst, +lächerlich zu sein. Unablässig schämen sie sich, bald eines abgetragenen +Pelzkragens, bald ihrer ganzen Nation, aber immer schämen, schämen sie +sich, sind sie beunruhigt, verwirrt. Ihr Gefühl, ihr übermächtiges, hat +keinen Halt, keinen Führer, kein einziger hat ein Maß, ein Gesetz, den +Halt einer Tradition, die Krücke einer ererbten Weltanschauung. Alle +sind sie Maßlose und Ratlose in einer unbekannten Welt. Keine Frage ist +für sie beantwortet, kein Weg geebnet. Menschen des Übergangs, Menschen +des Anfangs sind sie alle. Jeder ein Cortes: hinter sich verbrannte +Brücken, vor sich das Unbekannte. + +Aber dies ist das Wunderbare: daß, weil sie Menschen eines Anfangs +sind, in jedem einzelnen noch einmal die Welt beginnt. Daß alle Fragen, +die bei uns schon zu kalten Begriffen erstarrt sind, ihnen noch im +Blute glühen. Daß unsere bequemen ausgetretenen Wege mit ihren +moralischen Geländern und ethischen Wegweisern ihnen nicht bekannt +sind: immer und überall gehen sie durchs Dickicht ins Grenzenlose, ins +Unendliche hinein. Nirgends Kirchtürme der Gewißheit, Brücken der +Zuversicht: alles heilige Urwelt. Jeder einzelne fühlt so wie das +Rußland Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu aufbauen +müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des russischen Menschen +für Europa, das in seiner Kultur verkrustete, daß hier eine unverbrauchte +Neugier noch einmal alle Fragen des Lebens an die Unendlichkeit stellt. +Daß, wo wir träge wurden in unserer Bildung, andere noch glühend sind. +Jeder einzelne revidiert bei Dostojewski noch einmal alle Probleme, +rückt sich selbst mit blutenden Händen die Grenzsteine von Gut und +Böse, jeder einzelne schafft sich sein Chaos wieder um zur Welt. Jeder +einzelne ist bei ihm Diener, Verkünder des neuen Christus, Märtyrer und +Verkünder eines dritten Reiches. Noch ist das Chaos des Anfangs in +ihnen, aber auch Dämmern des ersten Tages, der das Licht auf Erden +schuf, und schon Ahnung des sechsten, der den neuen Menschen schafft. +Seine Helden sind Wegebauer einer neuen Welt: der Roman Dostojewskis ist +der Mythos des neuen Menschen und seiner Geburt aus dem Schoße der +russischen Seele. + +Ein Mythos und besonders ein nationaler aber will Gläubigkeit. Man +versuche darum nicht, diese Menschen durch das kristallene Medium der +Vernunft zu erfassen. Nur Gefühl, das allein brüderliche, kann sie +verstehen. Dem common sense, dem Engländer, dem Amerikaner, dem +praktischen Menschen müssen die vier Karamasoffs als vier verschiedene +Narren erscheinen, als Tollhaus die ganze tragische Welt Dostojewskis. +Denn was sonst Alpha und Omega der gesunden simplen, irdischen Natur +war und ewig sein wird, scheint ihnen das Gleichgültigste auf Erden, +nämlich: Glücklichsein. Schlagt sie auf, die fünfzigtausend Bücher, die +Europa alljährlich produziert, wovon handeln sie? Vom Glücklichsein. +Ein Weib will einen Mann, oder einer will reich werden, mächtig +und geehrt. Bei Dickens steht am Ende aller Wünsche das liebliche +Cottagehaus im Grünen mit der munteren Kinderschar, bei Balzac das +Schloß mit dem Pairstitel und den Millionen. Und blicken wir um uns, +auf die Straße, in die Butiken, in die niederen Stuben, in die hellen +Säle, was wollen die Menschen dort? Glücklich sein, zufrieden sein, +reich sein, mächtig sein. Wer will es von Dostojewskis Menschen? +Keiner. Nicht ein einziger. Sie wollen nirgends haltmachen: nicht +einmal beim Glück. Sie wollen alle weiter, sie haben alle jenes +»höhere Herz«, das sich quält. Glücklichsein ist ihnen gleichgültig, +Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als +erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere +ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense. Sie wollen nichts +von dieser Welt. + +Genügsame also, Phlegmatiker des Lebens, Indifferente oder Asketen? Im +Gegenteil. Die Menschen Dostojewskis sind, ich sagte es ja, Menschen +eines neuen Anfangs. Sie haben, bei all ihrer Genialität und ihrem +diamantenen Verstand, Kinderherzen, Kindergelüste: sie wollen nicht +dies oder jenes, sondern sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das +Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne. Sie +sind Übertreiber, sie sind Maßlose. Ich sagte früher: sie wollen nichts +von dieser Welt. Schlecht gesagt. Sie wollen nichts einzelnes davon, +sondern alles, ihr ganzes Gefühl, ihre ganze Tiefe: das Leben. +Vergessen wir nicht, sie sind keine Schwächlinge, keine Lovelace, keine +Hamlets, keine Werthers, keine Rénés -- sie haben harte Muskeln und +einen brutalen Lebenshunger, diese Menschen Dostojewskis, sie sind +Karamasoffs, »Raubtiere des Gelüsts«, begabt mit jener »unanständigen +fanatischen« Lebensgier, die sich an den letzten Tropfen des Kelches +ansaugt, ehe sie ihn zerklirrt. Von allen Dingen suchen sie den +Superlativ, überall die Rotglut des Empfindens, wo die gemeinen +Legierungen des Gelegentlichen zerschmelzen und nichts bleibt als das +feuerflüssige brennende Weltgefühl; wie die Amokläufer rennen sie ins +Leben hinein, von der Begierde in die Reue, von der Reue wieder in die +Tat, vom Verbrechen ins Geständnis, vom Geständnis in die Ekstase, aber +alle Gassen ihres Schicksals lang überallhin bis zum Letzten, bis +sie niederstürzen, Schaum vor den Lippen, oder bis ein anderer sie +niederschlägt. O dieser Lebensdurst jedes einzelnen -- eine ganze junge +Nation, eine neue Menschheit lechzt von ihren Lippen nach Welt, nach +Wissen, nach Wahrheit! Sucht mir doch, zeigt mir einen Menschen im Werk +Dostojewskis, der ruhig atmet, der rastet, der sein Ziel erreicht hat! +Keiner, kein einziger! Alle sind sie in diesem rasenden Wettlauf zur +Höhe und zur Tiefe -- denn nach Aljoschas Formel muß, wer die erste +Stufe betreten hat, bis zur letzten hinstreben -- nach allen Seiten, in +Frost und Brand, greifen sie, gieren sie, diese Unersättlichen, diese +Maßlosen, die ihr Maß nur suchen und finden in der Unendlichkeit. Wie +Pfeile schnellen sie sich in ewiger Spannung von der Sehne ihrer Kraft +in den Himmel hinein, immer in der Richtung des Unerreichbaren, immer +zu Sternen zielend, jeder eine Flamme, ein Feuer der Unruhe. Und Unruhe +ist Qual. Darum sind die Helden Dostojewskis alle die großen Leidenden. +Alle haben sie verzerrte Gesichter, alle leben sie im Fieber, im +Krampf, im Spasma. Ein Hospital von Nervenkranken, hat erschreckt ein +großer Franzose Dostojewskis Welt genannt, und wirklich, für den +ersten, den äußeren Anblick, welch eine trübe, welch eine phantastische +Sphäre! Schankstuben voll Branntweindunst, Gefängniszellen, Winkel in +Vorstadtwohnungen, Bordellgassen und Kneipen, und dort in Rembrandtschem +Dunkel ein Gewühl von ekstatischen Gestalten, der Mörder, das Blut +seines Opfers über den erhobenen Händen, der Trunkenbold im Gelächter +der Zuhörer, das Mädchen mit dem gelben Schein im Zwielicht der Gasse, +das epileptische Kind, bettelnd an den Straßenecken, der siebenfache +Mörder in der Katorga Sibiriens, der Spieler zwischen den Fäusten +der Spießgesellen, Rogoschin, wie ein Tier sich wälzend vor dem +verschlossenen Gemach seiner Frau, der ehrliche Dieb, sterbend im +schmutzigen Bette -- welche Unterwelt des Gefühls, welcher Hades der +Leidenschaften! O, welche tragische Menschheit, welch russischer, +grauer, ewig dämmernder, niederer Himmel über diesen Gestalten, welche +Dunkelheiten des Herzens und der Landschaft! Gelände des Unglücks, +Wüsten der Verzweiflung, Fegefeuer ohne Gnade und Gerechtigkeit. + +O wie dunkel, wie verworren, wie fremd, wie feindlich ist sie zuerst, +diese Menschheit, diese russische Welt! Von Leiden scheint sie +überflutet, und diese Erde, wie Iwan Karamasoff so grimmig sagt, +»getränkt von Tränen bis zu ihrem innersten Kern«. Aber so wie +Dostojewskis Antlitz dem ersten Blicke düster, lehmig, gedrückt, +bäurisch und gebeugt anmutet, dann aber der Glanz seiner Stirne, +aufstrahlend über die Versunkenheit, das Irdische seiner Züge, seine +Tiefe durch Glauben erleuchtet, so durchstrahlt auch im Werke das +geistige Licht die dumpfe Materie. Aus Leiden scheint Dostojewskis Welt +einzig gestaltet. Und doch ist nur scheinbar die Summe alles Leidens +in seinen Menschen größer als in jedem anderen Werke. Denn, Kinder +Dostojewskis, sind diese Menschen alle Verwandler ihres Gefühles, sie +treiben es und übertreiben es von Kontrast zu Kontrast. Und das Leiden, +ihr eigenes Leiden ist oft ihre tiefste Seligkeit. In ihnen wirkt +etwas, das der Wollust, der Lust am Glück, tiefsinnig die Wehlust, +die Lust an der Qual gegenüberstellt: ihr Leiden ist zugleich ihr +Glücklichsein, sie halten es fest mit den Zähnen, wärmen es an ihrer +Brust, sie schmeicheln es mit den Händen, sie lieben es mit ihrer +ganzen Seele. Und sie wären nur dann die Unglücklichsten, liebten sie +es nicht. Dieser Tausch, der rasende frenetische Tausch des Gefühls +im Innern, diese ewige Umwertung des Dostojewskischen Menschen kann +vielleicht nur ein Beispiel ganz klarmachen, und ich wähle eines, das +in tausend Formen wiederkehrt: das Leid, das einem Menschen infolge +einer Erniedrigung, einer tatsächlichen oder eingebildeten, widerfährt. +Irgendeiner, ein schlichtes sensitives Geschöpf, gleichgültig ob ein +kleiner Beamter oder eine Generalstochter, wird beleidigt. In seinem +Stolz gekränkt durch ein Wort, eine Nichtigkeit vielleicht. Diese erste +Kränkung ist der Primäraffekt, der den ganzen Organismus in Aufruhr +bringt. Der Mensch leidet. Er ist gekränkt, liegt auf der Lauer, +spannt sich an und wartet -- auf eine neue Kränkung. Und die zweite +Kränkung kommt: also eigentlich Häufung des Leidens. Aber seltsam, +sie tut nicht mehr weh. Zwar der Gekränkte klagt, er schreit, aber +seine Klage ist schon nicht mehr wahr: denn er liebt diese Kränkung. +In diesem »fortwährend-sich-seiner-Schmach-bewußt-sein ist ein +unnatürlicher heimlicher Genuß«. Für den beleidigten Stolz hat er einen +neuen: den des Märtyrers. Und jetzt entsteht in ihm der Durst nach +neuer Kränkung, nach mehr und mehr. Er beginnt zu provozieren, er +übertreibt, er fordert heraus: das Leiden ist jetzt seine Sehnsucht, +seine Gier, seine Lust: man hat ihn erniedrigt, so will er (der Mensch +ohne Maß) ganz niedrig sein. Und er gibt es nicht her mehr, sein +Leiden, mit verbissenen Zähnen hält er es fest: jetzt wird der +Hilfreiche sein Feind, der Liebende. So schlägt die kleine Nelly dem +Arzt dreimal das Pulver ins Gesicht, so stößt Raskolnikoff Sonja +zurück, so beißt Iljutschka den frommen Aljoscha in die Finger -- aus +Liebe, aus fanatischer Liebe zu ihrem Leiden. Und alle, alle lieben sie +das Leiden, weil sie darin das Leben, das geliebte, so stark spüren, +weil sie wissen, »man kann auf dieser Erde nur durch Leiden wahrhaft +lieben«, und das wollen sie, das vor allem! Es ist ihr stärkster +Existenzbeweis: statt des cogito, ergo sum, »ich denke, also bin ich«, +setzen sie das: »ich leide, also bin ich«. Und dieses »Ich bin« ist bei +Dostojewski und allen seinen Menschen der höchste Triumph des Lebens. +Der Superlativ des Weltgefühls. Im Kerker jauchzt Dimitry die große +Hymne an dieses »Ich bin«, an die Wollust des Seins, und eben um dieser +Liebe zum Leben willen ist ihnen allen das Leiden notwendig. Nur +scheinbar, sagte ich, ist darum die Summe des Leidens größer bei +Dostojewski als bei allen anderen Dichtern. Denn wenn es eine Welt +gibt, wo nichts unerbittlich ist, aus jedem Abgrund noch ein Weg führt, +aus jedem Unglück noch Ekstase, aus jeder Verzweiflung noch Hoffnung, +so ist es die seine. Was ist dies Werk anderes als eine Reihe von +modernen Apostelgeschichten, Legenden der Erlösung vom Leiden durch +den Geist? Der Bekehrungen zum Lebensglauben, der Kalvariengänge zur +Erkenntnis? Der Wege nach Damaskus mitten durch unsere Welt? + +In Dostojewskis Werk ringt der Mensch um seine letzte Wahrheit, um sein +allmenschliches Ich. Ob ein Mord geschieht oder eine Frau in Liebe +brennt, alles das ist Nebensache, Außensache, Kulisse. Sein Roman +spielt im innersten Menschen, im Seelenraum, in der geistigen Welt: die +Zufälle, die Ereignisse, die Schickungen des äußeren Lebens sind nur +Stichworte, Maschinerie, der szenische Rahmen. Die Tragödie ist immer +innen. Und sie heißt immer: die Überwindung der Hemmungen, der Kampf um +die Wahrheit. Jeder seiner Helden fragt sich, wie Rußland selbst: Wer +bin ich? Was bin ich wert? Er sucht sich oder vielmehr den Superlativ +seines Wesens im Haltlosen, im Raumlosen, im Zeitlosen. Er will sich +erkennen als der Mensch, der er vor Gott ist, und er will sich +bekennen. Denn jedem Dostojewski-Menschen ist die Wahrheit mehr als +Bedürfnis, sie ist ihm ein Exzeß, eine Wollust und das Geständnis seine +heiligste Lust, sein Spasma. Im Geständnis bricht bei Dostojewski der +innere Mensch, der Allmensch; der Gottesmensch durch den irdischen, die +Wahrheit -- und dies ist Gott -- durch seine fleischliche Existenz. O +die Wollust, mit der sie darum mit dem Geständnis spielen, wie sie es +verbergen und -- Raskolnikoff vor Porphyri Petrowitsch -- immer +heimlich zeigen und wieder verstecken, und dann wieder, wie sie sich +überschreien, mehr Wahrheit bekennen als wahr ist, wie sie in rasendem +Exhibitionismus ihre Blößen aufdecken, wie sie Laster und Tugend +vermengen -- hier, nur hier, im Ringen um das wahre Ich sind die +eigentlichen Spannungen Dostojewskis. Hier, ganz innen ist der große +Kampf seiner Menschen, die mächtigen Epopöen des Herzens: hier, wo das +Russische, das Fremdartige in ihnen sich aufzehrt, hier wird auch ihre +Tragödie erst ganz zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das +typische Schicksal seiner Menschen deutsam und erschütternd, und +restlos erleben wir im Mysterium der Selbstgeburt den Mythos Dostojewskis +vom neuen Menschen, vom Allmenschen in jedem Irdischen. + +Das Mysterium der Selbstgeburt: so nenne ich in der Kosmogonie, in der +Weltschöpfung Dostojewskis die Erschaffung des neuen Menschen. Und ich +möchte versuchen, die Geschichte aller Naturen Dostojewskis in einer +zu erzählen, als seinen Mythos; denn alle diese verschiedenartigen, +hundertfach variierten Menschen haben im letzten nur ein einheitliches +Schicksal. Alle leben sie Varianten eines einzigen Erlebnisses: der +Menschwerdung. Vergessen wir nicht: die Kunst Dostojewskis zielt immer +auf den Mittelpunkt und in der Psychologie darum auf den Menschen im +Menschen, den absoluten, den abstrakten Menschen, der weit hinter allen +kulturellen Schichtungen liegt. Für die meisten Künstler sind die +Schichtungen noch wesentlich, die Vorgänge der Durchschnittsromane +spielen in sozialer, gesellschaftlicher, erotischer und konventioneller +Sphäre und bleiben in diesen Schichten stecken. Dostojewski stößt, weil +er zentral gerichtet ist, immer durch zum Allmenschen im Menschen, zu +jenem Ich, das allgemeinsam ist. Immer bildet er diesen letzten +Menschen und immer in verwandter Form seine Sendung. Gleich ist all +seiner Helden Anbeginn. Als echte Russen beunruhigt sie ihre eigene +Lebenskraft. In den Jahren der Pubertät, des sinnlichen und geistigen +Erwachens, verdüstert sich ihnen der heitere und freie Sinn. Dumpf +fühlen sie in sich eine Kraft gären, ein geheimnisvolles Drängen; +irgend etwas Eingesperrtes, Wachsendes und Quellendes will aus ihrem +noch unmündigen Kleid. Eine geheimnisvolle Schwangerschaft (es ist der +neue Mensch, der in ihnen keimt, aber sie wissen es nicht) macht sie +träumerisch. Sie sitzen »einsam bis zur Verwilderung« in dumpfen +Stuben, in einsamen Winkeln und denken, denken Tag und Nacht über sich +nach. Jahrelang brüten sie oft dahin in dieser seltsamen Ataraxie, sie +verharren in einem fast buddhistischen Zustand der Seelenstarre, sie +beugen sich tief über den eigenen Leib, um wie die Frauen in den frühen +Monaten das Klopfen dieses zweiten Herzens in sich zu erlauschen. +Alle geheimnisvollen Zustände der Befruchteten überkommen sie: die +hysterische Angst vor dem Tode, das Grauen vor dem Leben, krankhafte, +grausame Begierden, sinnliche perverse Gelüste. + +Endlich wissen sie, daß sie befruchtet sind von irgendeiner neuen Idee: +und nun suchen sie das Geheimnis zu entdecken. Sie schärfen ihre +Gedanken, bis sie spitz und schneidend werden wie chirurgische +Instrumente, sie sezieren ihren Zustand, sie zerreden ihre Bedrückung +in fanatischen Gesprächen, sie zerdenken ihr Gehirn, bis es sich in +Wahnsinn zu entflammen droht, sie schmieden alle ihre Gedanken in eine +einzige fixe Idee, die sie bis ans letzte Ende denken, in eine +gefährliche Spitze, die sich in ihrer Hand gegen sie selbst wendet. +Kirillow, Schatow, Raskolnikoff, Iwan Karamasoff, alle diese Einsamen +haben »ihre« Idee, die des Nihilismus, die des Altruismus, die des +napoleonischen Weltwahns, und alle haben sie ausgebrütet in dieser +krankhaften Einsamkeit. Sie wollen eine Waffe gegen den neuen Menschen, +der aus ihnen werden soll, denn ihr Stolz will sich gegen ihn wehren, +ihn unterdrücken. Andere wieder suchen dieses geheimnisvolle Keimen, +diesen drängenden gärenden Lebensschmerz mit aufgepeitschten Sinnen zu +überrasen. Um im Bilde zu bleiben: sie suchen die Frucht abzutreiben, +wie Frauen von Treppen springen oder durch Tanz und Gifte sich vom +Unerwünschten zu befreien trachten. Sie toben, um dies leise Quellen in +sich zu übertönen, sie zerstören manchmal sich selbst, nur um diesen +Keim zu zerstören. Sie verlieren sich mit Absicht in diesen Jahren. Sie +trinken, sie spielen, sie werden ausschweifend und all dies (sie wären +sonst nicht Menschen Dostojewskis) fanatisch bis zur letzten Raserei. +Schmerz treibt sie in ihre Laster, nicht eine lässige Begierde. Es ist +nicht ein Trinken um Zufriedenheit und Schlaf, nicht das deutsche +Trinken um die Bettschwere, sondern um den Rausch, um das Vergessen +ihres Wahnes, ein Spielen nicht um Geld, sondern um die Zeit zu +ermorden, ein Ausschweifen nicht um der Lust willen, sondern um in der +Übertreibung ihr wahres Maß zu verlieren. Sie wollen wissen, wer sie +sind; darum suchen sie die Grenze. Den äußersten Rand ihres Ich wollen +sie in Überhitzung und Abkaltung kennen und vor allem die eigene Tiefe. +Sie glühen in diesen Lüsten bis zum Gott empor, sie sinken bis zum Tier +hinab, aber immer, um den Menschen in sich zu fixieren. Oder sie +versuchen, da sie sich nicht kennen, sich wenigstens zu beweisen. Kolja +wirft sich unter einen Eisenbahnzug, um sich zu »beweisen«, daß er +mutig ist, Raskolnikoff ermordet die alte Frau, um seine Napoleonstheorie +zu beweisen, sie tun alle mehr, als sie eigentlich wollen, nur um an die +äußerste Grenze des Gefühls zu gelangen. Um ihre eigene Tiefe zu kennen, +das Maß ihrer Menschheit, werfen sie sich in jeden Abgrund hinab: von +der Sinnlichkeit stürzen sie in die Ausschweifung, von der Ausschweifung +in die Grausamkeit und hinab bis zu ihrem untersten Ende, der kalten, +der seelenlosen, der berechneten Bosheit, aber all dies aus einer +verwandelten Liebe, einer Gier nach Erkenntnis des eigenen Wesens, einer +verwandelten Art von religiösem Wahn. Aus weiser Wachheit stürzen sie +sich in die Kreisel des Irrsinns, ihre geistige Neugier wird zur +Perversion der Sinne, ihre Verbrechen glühen bis zur Kinderschändung und +zum Mord, aber typisch ist für sie alle die gesteigerte Unlust in der +gesteigerten Lust: bis in den untersten Abgrund ihrer Raserei zuckt die +Flamme des Bewußtseins der fanatischen Reue nach. + +Aber je weiter hinein sie in der Übertreibung der Sinnlichkeit und des +Denkens rasen, um so näher sind sie schon sich selbst, und je mehr sie +sich vernichten wollen, um so eher sind sie zurückgewonnen. Ihre +traurigen Bacchanale sind nur Zuckungen, ihre Verbrechen die Krämpfe +der Selbstgeburt. Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale um den +innern Menschen und ist Selbstrettung im höchsten Sinn. Je mehr sie +sich anspannen, je mehr sie sich krümmen und winden, um so mehr +befördern sie unbewußt die Geburt. Denn nur im brennendsten Schmerz +kann das neue Wesen zur Welt kommen. Ein Ungeheures, ein Fremdes muß +dazu treten, muß sie befreien, irgendeine Macht Wehmutter werden in +ihrer schwersten Stunde, die Güte muß ihnen helfen, die allmenschliche +Liebe. Eine äußerste Tat, ein Verbrechen, das all ihre Sinne zur +Verzweiflung spannt, ist nötig, um die Reinheit zu gebären, und hier +wie im Leben ist jede Geburt umschattet von tödlichster Gefahr. Die +beiden äußersten Kräfte des menschlichen Vermögens, Tod und Leben, sind +in dieser Sekunde innig verschränkt. + +Dies also ist der menschliche Mythos Dostojewskis, daß das gemischte, +dumpfe, vielfältige Ich jedes einzelnen befruchtet ist mit dem Keim des +wahren Menschen (jenes Urmenschen der mittelalterlichen Weltanschauung, +der frei ist von der Erbsünde), des elementaren, rein göttlichen +Wesens. Diesen urewigen Menschen aus dem vergänglichen Leib des +Kulturmenschen in uns zum Austrag zu bringen, ist höchste Aufgabe und +die wahrste irdische Pflicht. Befruchtet ist jeder, denn keinen +verstößt das Leben, jeden Irdischen hat es in einer seligen Sekunde mit +Liebe empfangen, doch nicht jeder gebiert seine Frucht. Bei manchem +verfault sie in einer seelischen Lässigkeit, sie stirbt ab und +vergiftet ihn. Andere wieder sterben in den Wehen, und nur das Kind, +die Idee, kommt zur Welt. Kirillow ist einer, der sich ermorden muß, um +ganz wahr bleiben zu können, Schatow ist einer, der ermordet wird, um +seine Wahrheit zu bezeugen. + +Aber die anderen, die heroischen Helden Dostojewskis, der Staretz +Sossima, Raskolnikoff, Stepanowitsch, Rogoschin, Dmitrij Karamasoff +vernichten ihr soziales Ich, den dunklen Raupenstand ihres inneren +Wesens, um wie Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu +entschwingen, das Beflügelte aus dem Kriechenden, das Erhobene aus dem +Erdschweren. Die Umkrustung der seelischen Hemmung zerbricht, die +Seele, die Allmenschenseele strömt aus, strömt ins Unendliche zurück. +Alles Persönliche, alles Individuelle ist in ihnen abgetan, daher auch +die absolute Ähnlichkeit all dieser Gestalten im Augenblick ihrer +Vollendung. Aljoscha ist kaum von dem Staretz, Karamasoff kaum von +Raskolnikoff zu unterscheiden, wie sie aus ihren Verbrechen mit +tränengebadetem Gesicht in das Licht des neuen Lebens treten. Am Ende +aller Romane Dostojewskis ist die Katharsis der griechischen Tragödie, +die große Entsühnung: über den verdonnernden Gewittern und der +gereinigten Atmosphäre flammt die erhabene Glorie des Regenbogens, das +höchste russische Symbol der Versöhnung. + +Erst wenn die Helden Dostojewskis den reinen Menschen aus sich geboren +haben, treten sie in die wahre Gemeinschaft. Bei Balzac triumphiert der +Held, wenn er die Gesellschaft bezwingt, bei Dickens, wenn er sich in +die soziale Schicht, in das bürgerliche Leben, in die Familie, in den +Beruf friedlich einordnet. Die Gemeinschaft, die der Held Dostojewskis +anstrebt, ist keine soziale mehr, sondern schon eine religiöse, er +sucht nicht Gesellschaft, sondern Weltbruderschaft. Und dies +Hingelangen zur eigenen Innerlichkeit und damit zur mystischen +Gemeinsamkeit ist die einzige Hierarchie in seinem Werk. Einzig von +diesem letzten Menschen handeln alle seine Romane: das Soziale, die +Zwischenstadien der Gesellschaft mit ihrem halben Stolz und schiefen +Haß sind überwunden, der Ichmensch ist zum Allmenschen geworden, seine +Einsamkeit, seine Absonderung, die nur Stolz war, hat jeder zerbrochen, +und in unendlicher Demut und glühender Liebe grüßt sein Herz den +Bruder, den reinen Menschen in jedem anderen. Dieser letzte, gereinigte +Mensch kennt keine Unterschiede mehr, kein soziales Standesbewußtsein: +nackt, wie im Paradies, hat seine Seele keine Scham, keinen Stolz, +keinen Haß und keine Verachtung. Verbrecher und Dirne, Mörder und +Heilige, Fürsten und Trunkenbolde, sie halten Zwiesprache in jenem +untersten und eigentlichsten Ich ihres Lebens, alle Schichten fließen +ineinander, Herz zu Herz, Seele in Seele. Nur das entscheidet bei +Dostojewski: wie weit einer wahr wird und zum wirklichen Menschentum +gelangt. Wie diese Entsühnung, diese Selbstgewinnung zustande kam, ist +gleichgültig. Keine Ausschweifung beschmutzt, kein Verbrechen verdirbt, +es gibt kein Tribunal vor Gott als das Gewissen. Recht und Unrecht, Gut +und Böse, diese Worte zerfließen im Leidensfeuer. Wer wahr ist im +Willen, der ist entsühnt: denn wer wahr ist, ist demütig. Wer erkannt +hat, versteht alles und weiß, »daß die Gesetze des Menschengeistes noch +so unerforscht und geheimnisvoll sind, daß es weder gründliche Ärzte +noch endgültige Richter gibt«, weiß, es ist keiner schuldig oder alle, +keiner darf keines Richter sein, jeder nur Bruder dem Bruder. Im +Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine +»Bösewichter«, keine Hölle und keinen untersten Kreis wie bei Dante, aus +denen selbst Christus die Verurteilten nicht zu erheben vermag. Er kennt +nur Purgatorien und weiß, daß der irrhandelnde Mensch noch immer mehr +der seelisch Glühende ist und näher dem wahren Menschen als die Stolzen, +die Kalten und Korrekten, in deren Brust er erfroren ist zu bürgerlicher +Gesetzmäßigkeit. Seine wahren Menschen haben gelitten, haben darum +Ehrfurcht vor dem Leiden und damit das letzte Geheimnis der Erde. Wer +leidet, ist durch Mitleid schon Bruder, und allen seinen Menschen ist, +weil sie nur auf den innern Menschen, auf den Bruder blicken, das Grauen +fremd. Sie besitzen die erhabene Fähigkeit, die er einmal die typisch +russische nennt, nicht lange hassen zu können, und darum eine +unbegrenzte Verstehensfähigkeit alles Irdischen. Noch hadern sie oft +mitsammen, noch quälen sie sich, weil sie sich ihrer eigenen Liebe +schämen, weil sie die eigene Demut für eine Schwäche halten und noch +nicht ahnen, daß sie die furchtbarste Kraft der Menschheit ist. Aber +ihre innere Stimme weiß immer schon um die Wahrheit. Während sie +einander mit Worten schmähen und befeinden, blicken die inneren Augen +sich längst selig verstehend an, Lippe küßt leidvoll den Brudermund. Der +nackte, der ewige Mensch in ihnen hat sich erkannt, und dies Mysterium +der Allversöhnung in der brüderlichen Erkennung, dieser orphische Gesang +der Seelen, ist die lyrische Musik in Dostojewskis dunklem Werk. + + + REALISMUS UND PHANTASTIK + + »Was kann für mich phantastischer + sein als die Wirklichkeit?« + Dostojewski + +Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten Seins sucht +der Mensch bei Dostojewski: Wahrheit, die unmittelbare Wesenheit des +Alls der Künstler Dostojewski selbst. Er ist Realist und ist es so +konsequent -- immer geht er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen +ihrem Widerspiel: dem Gegensatz so geheimnisvoll ähnlich werden --, daß +diese Wirklichkeit jeden an das Mittelmaß gewöhnten täglichen Blick +phantastisch anmutet. »Ich liebe den Realismus bis dorthin, wo er an +das Phantastische reicht,« sagt er selbst, »denn was kann für mich +phantastischer und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein als die +Wirklichkeit?« Die Wahrheit -- dies entdeckt man bei keinem Künstler +zwingender als bei Dostojewski -- steht nicht hinter, sondern gleichsam +gegen die Wahrscheinlichkeit. Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen, +des psychologisch unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen das +unbewaffnete Auge noch klare spiegelnde Einheit, das Mikroskop aber +wimmelnde Vielfalt, myriadenhaftes Chaos von Infusorien schaut, eine +Welt, wo jene nur eine Einzelform bemerkten, so erkennt der Künstler +mit dem höheren Realismus Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen +die offenbaren. + +Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen, die gleichsam +tief unter der Haut der Dinge liegt und schon nah dem Herzpunkt aller +Existenz, war Dostojewskis Leidenschaft. Er will gleichzeitig den +Menschen als Einheit und Vielfalt, im Freiblick und im geschärften +gleich wahr erkennen, und darum ist sein visionärer und wissender +Realismus, der die Kraft eines Mikroskops und die Leuchtstärke des +Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden von dem, was die +Franzosen als erste Wirklichkeitskunst und Naturalismus benannten. Denn +obzwar Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter geht als +irgendeiner von denen, die sich »konsequente Naturalisten« nannten +(womit sie meinten, daß sie bis an das Ende gingen, während Dostojewski +jedes Ende noch überschreitet), ist seine Psychologie gleichsam aus +einer anderen Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus +von anno Zola kommt geradeswegs aus der Wissenschaft her. Umgestülpte +Experimentalpsychologie, ist er irgendwie an Fleiß und Schweiß, an +Studium und Erfahrung gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte +seines Gehirns 2000 Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek, um das +Naturkolorit der »Tentation« oder der »Salambo« zu finden, Zola läuft +drei Monate, ehe er seine Romane schreibt, wie ein Reporter mit dem +Notizbuch auf die Börse, in die Warenhäuser und Ateliers, um Modelle +abzuzeichnen, Tatsachen einzufangen. Die Wirklichkeit ist diesen +Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende Substanz. Sie +sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden, tarierenden Blick des +Photographen. Sie sammeln, ordnen, mischen und destillieren, kühle +Wissenschaftler der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und +betreiben eine Art Chemie der Bindung und Lösung. + +Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen ist vom +Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft jenen anderen Kunst, so +ist die seine Schwarzkunst. Er treibt nicht experimentelle Chemie, +sondern Alchimie der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie +der Seele. Er ist kein kühler Forscher. Als heißer Halluzinant starrt +er nieder in die Tiefe des Lebens wie in einen dämonischen Angsttraum. +Aber doch, seine sprunghafte Vision ist vollkommener als jener +geordnete Betrachtung. Er sammelt nicht, und hat doch alles. Er +berechnet nicht, und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die +hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen +Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten. Etwas von hellsichtiger +Traumerkenntnis ist in seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst. +Zauberisch durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von seinen +süßen, quellenden Säften. Immer kommt sein Blick nur aus der eigenen +Tiefe seines freilich allwissenden Seins, aus dem Mark und Nerv +dämonischer Natur und übertrifft doch an Wahrhaftigkeit, an Realität, +alle Realisten. Mystisch erkennt er alles von innen. Ein Zeichen bloß, +und schon faßt er faustisch die Welt. Ein Blick, und schon wird er zum +Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht die Kärrnerarbeit des +Details zu leisten. Er zeichnet mit Magie. Man besinne einmal die großen +Gestalten dieses Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor Karamasoff, +Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich sind im Gefühl. +Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht umreißt er ihr Antlitz +mit einer Art zeichnerischer Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam +nur ein Merkwort, umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten +Sätzen, und das ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die +Kleidung, die Haarfarbe, die Physiognomik, all das scheinbar so +Wesentliche der Personenbeschreibung ist in bloß stenographischer Kürze +festgehalten. Und doch, wie glüht jede dieser Figuren uns im Blut. Man +vergleiche nun mit diesem magischen Realismus die exakte Schilderung +eines konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu arbeiten anfängt, +ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er verfaßt (man kann sie +heute noch nachsehen, diese merkwürdigen Dokumente) einen regelrechten +Steckbrief, einen Passierschein für jeden Menschen, der die Schwelle des +Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er hoch ist, +notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die Warzen auf seinen +Wangen, streicht den Bart nach, ob er rauh oder zart ist, greift jeden +Pickel auf der Haut ab, tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme, +den Atem seiner Menschen, er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung, +schlägt sich ihr Konto auf in der Bank, um ihre Einnahmen zu wissen. Er +mißt, was man von außen überhaupt nur messen kann. Und doch, kaum daß +die Gestalten in Bewegung geraten, verflüchtigt sich die Einheit der +Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine tausend Scherben. Es +bleibt ein seelisches Ungefähr, kein lebendiger Mensch. + +Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen Naturalisten +schildern exakt die Menschen zu Anfang des Romanes in ihrer Ruhe, +gleichsam in ihrem seelischen Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von +der nutzlosen Treue der Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur, +nicht das Leben darin. Aber genau wo jener Naturalismus endet, beginnt +erst der unheimlich große Naturalismus Dostojewskis. Seine Menschen +werden plastisch erst in der Erregtheit, in der Leidenschaft, im +gesteigerten Zustand. Während jene versuchen, die Seele durch den +Körper darzustellen, bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn +die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und spannt, das Auge +sich feuchtet im Gefühl, wenn die Maske der bürgerlichen Stille, die +Seelenstarre, von ihnen abfällt, wird sein Bild erst bildhaft. Erst +wenn seine Menschen glühen, tritt Dostojewski, der Visionär, an das +Werk, sie zu formen. + +Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski die anfänglich +dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen der ersten Schilderung. +In seine Romane tritt man ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht +nur Umrisse, hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie +zugehören. Erst allmählich gewöhnt sich, schärft sich das Auge: wie auf +den Rembrandtschen Gemälden beginnt aus einer tiefen Dämmerung das +feine seelische Fluidum in den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in +die Leidenschaft geraten, treten sie ins Licht. Bei Dostojewski muß der +Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu werden, seine Nerven müssen +gespannt sein bis zum Zerreißen, um zu klingen: »Um eine Seele formt +sich bei ihm nur der Körper, um eine Leidenschaft nur das Bild.« Jetzt +erst, da sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige +Fieberzustand beginnt -- alle Menschen Dostojewskis sind ja wandelnde +Fieberzustände --, setzt sein dämonischer Realismus ein, beginnt jene +zauberische Jagd nach den Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der +kleinsten Bewegung nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen +Fuchslöcher der verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer Gedanken +bis in das Schattenreich des Unbewußten. Jede Bewegung zeichnet sich +plastisch ab, jeder Gedanke wird kristallen klar, und je mehr sich die +gejagten Seelen ins Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von +innen, um so durchsichtiger wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten, +die jenseitigsten Zustände, die krankhaften, die hypnotischen, die +ekstatischen, die epileptischen haben bei Dostojewski die Präzision +einer klinischen Diagnose, den klaren Umriß einer geometrischen Figur. +Nicht die feinste Nuance ist dann verschwommen, nicht die kleinste +Schwingung entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade dort, +wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet vom +übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden, dort wird Dostojewskis +Realismus am sichtbarsten. Und diese Augenblicke, wo der Mensch die +äußersten Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast +Wahnwitz wird und Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch die +unvergeßlichsten Visionen seines Werkes. Rufen wir uns das Bild +Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir ihn nicht als schlendernde +Gestalt auf der Straße oder im Zimmer, als einen jungen Mediziner von +25 Jahren, als Menschen von diesen und jenen äußeren Eigenheiten, +sondern in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren +Leidenschaft, wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf der +Stirn, gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe des Hauses +hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller Trance, um +seine Qualen noch einmal sinnlich zu genießen, die blecherne Klingel an +der Türe der Ermordeten zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den +Purgatorien des Verhörs, schäumend vor Wut, schäumend vor Leidenschaft, +den Tisch zertrümmern mit seinen rasenden Fäusten. Immer sehen wir bei +Dostojewski den Menschen erst bildhaft im Zustande der höchsten +Erregtheit, am Endpunkte seines Gefühles. So wie Leonardo in seinen +grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die Abnormität des +Physischen zeichnet, dort, wo sie über die gemeine Form hervordrängt, +so faßt Dostojewski die Seele des Menschen im Augenblick des +Überschwangs, gleichsam in den Sekunden, wo sich der Mensch über den +äußersten Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere Zustand +ist ihm wie jeder Ausgleich, wie jede Harmonie, verhaßt: nur das +Außerordentliche, das Unsichtbare, das Dämonische reizt seine +künstlerische Leidenschaft zum äußersten Realismus. Er ist der +unvergleichlichste Plastiker des Ungewöhnlichen, der größte Anatom der +reizbaren und kranken Seele, den die Kunst je gekannt. + +Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski in diese +Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort. Goethe schildert alles +durch den Blick. Er ist -- Wagner hat diese Unterscheidung am +glücklichsten ausgesprochen -- Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er +muß seine Menschen erst sprechen hören, sprechen lassen, damit wir sie +als sichtbar empfinden, und ganz deutlich hat Mereschkowski in seiner +genialen Analyse der beiden russischen Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi +hören wir, weil wir sehen, bei Dostojewski sehen wir, weil wir hören. +Seine Menschen sind Schatten und Lemuren, solange sie nicht sprechen. +Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet: sie tun +im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres auf, zeigen ihre +Farben, die Pollen ihrer Fruchtbarkeit. In der Diskussion erhitzen sie +sich, wachen sie auf aus ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen, +gegen den leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet +sich Dostojewskis künstlerische Leidenschaft. Er lockt ihnen das Wort +aus der Seele, um dann die Seele selbst zu fassen. Jene dämonische +psychologische Scharfsichtigkeit des Details bei Dostojewski ist +im letzten nichts anderes als eine unerhörte Feinhörigkeit. Die +Weltliteratur kennt keine vollkommeneren plastischen Gebilde als die +Aussprüche der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung ist symbolisch, +die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig, jede abgebrochene +Silbe, jeder weggesprungene Ton die Notwendigkeit selbst. Jede Pause, +jede Wiederholung, jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich, +denn immer hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte +Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze heimliche Erregung der +Seele auf. Man weiß aus der Rede bei Dostojewski nicht nur, was jeder +einzelne Mensch sagt und sagen will, sondern auch, was er verschweigt. +Und dieser geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos mit in +die geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die sumpfige, stockende +Fläche des trunkenen Irreredens, in die beflügelte, keuchende Ekstase +des epileptischen Anfalles, in das Dickicht der lügnerischen +Verworrenheit. Aus dem Dampf der erhitzten Rede ersteht die Seele, aus +der Seele kristallisiert sich allmählich der Körper. Ohne daß man es +selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes, durch den Haschischrauch +der Rede bei Dostojewski die Vision des Sprechenden im körperlichen Bild +aufzusteigen. Was die anderen durch fleißiges Mosaik erzielen, durch +die Farbe, Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich bei ihm +visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski hellseherisch seine +Menschen, sobald man sie sprechen hört. Dostojewski kann es sich +ersparen, sie graphisch zu zeichnen, denn wir selber werden in der +Hypnose ihrer Rede zum Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im +»Idioten« geht der alte General, der pathologische Lügner, neben dem +Fürsten Myschkin her und erzählt ihm Erinnerungen. Er beginnt zu lügen, +gleitet immer tiefer in seine Lügen hinein und verstrickt sich gänzlich +darin. Er redet, redet, redet. Über Seiten flutet seine Lüge hin. + +Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung, aber aus +seinem Wort, aus seinem Stolpern, seinem Stocken, seiner nervösen Hast +spüre ich, wie er neben Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat, +sehe, wie er aufschaut, von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt, +ob er ihm nicht mißtraue, wie er stehen bleibt, hoffend, der Fürst +würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der Schweiß auf seiner Stirne +perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst begeisterte, nun sich immer +mehr verkrampft in Angst, sehe, wie er in sich zusammenkriecht, ein +Hund, der fürchtet, Prügel zu bekommen, und ich sehe den Fürsten, der +selbst alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und niederhält. +Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends, nicht in einer +einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen in seinem Gesicht mit +leidenschaftlicher Klarheit. Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären +in der Rede, im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch +ist diese Kunst der Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche +Verdickung, die ja jede Übertragung in eine fremde Sprache darstellt, +noch die ganze Seele seiner Menschen schwingt. Der ganze Charakter +des Menschen ist bei Dostojewski im Rhythmus seiner Rede. Und diese +Komprimierung gelingt seiner genialen Intuition oft in einer winzigen +Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn Fedor Karamasoff auf das +Briefkuvert der Gruschenka zu ihrem Namen schreibt: »Mein Küchelchen!« +so sieht man das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten +Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden Lippen rinnt. +Und wenn in den »Erinnerungen aus dem Totenhaus« der sadistische Major +beim Stockprügeln »Hie-be, Hie-be« schreit, so ist in diesem winzigen +Apostroph sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein Keuchen von +Gier, flackernde Augen, das gerötete Gesicht, das Keuchen der bösen +Lust. Diese kleinen realistischen Details bei Dostojewski, die sich wie +spitze Angelhaken ins Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins +fremde Erleben reißen, sie sind sein erlesenstes Kunstmittel und +gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven Realismus über den +programmatischen Naturalismus. Dostojewski verschwendet durchaus nicht +diese seine Details. Er setzt ein einziges ein, wo andere Hunderte +applizieren, aber er spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten +der letzten Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht +mit ihnen gerade im Augenblick der höchsten Ekstase, wo man sie am +wenigsten erwartet. Immer gießt er mit unerbittlicher Hand den +Galletropfen Irdischkeit in den Kelch der Ekstase, denn für ihn heißt +wirklich und wahrhaftig sein: antiromantisch und antisentimental wirken. +Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen, nicht nur der +Gefangene seines Kontrastes, sondern auch sein Prediger. Es ist seine +Leidenschaft, auch in der Kunst die beiden Enden des Lebens, die +grausamste, nackteste, kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den +edelsten sublimsten Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem +Irdischen das Göttliche fühlen, im Realistischen das Phantastische, im +Erhabenen das Gemeine, im lautern Geist das bittere Salz der Erde und +immer all dies gleichzeitig. Er will, daß wir zwiespältig genießen, wie +er selber zwiespältig empfindet, er will auch hier keine Harmonie, +keinen Ausgleich. Immer in allen seinen Werken sind diese schneidenden +Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die sublimsten Sekunden +aufsprengt und dem Heiligsten des Lebens seine Banalität entgegengrinst. +Ich erinnere nur an die Tragödie des »Idioten«, um einen solchen +Augenblick des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat Nastassja +Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin, den Bruder. Er findet ihn +auf der Straße, er rührt ihn an mit der Hand. Sie brauchen nicht +miteinander zu sprechen, furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie +gehen über die Straße in das Haus, wo die Ermordete liegt: irgendein +ungeheueres Vorempfinden von Größe und Feierlichkeit hebt sich in einem +auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde eines Lebens, Brüder im +Gefühl, schreiten in das Zimmer zur Ermordeten. Nastassja Philipowna +liegt tot. Man spürt, diese Menschen werden sich nun das Letzte sagen, +wie sie einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie +entzweite. Und dann kommt das Gespräch -- und alle Himmel sind +zerschlagen von der nackten, brutalen, brennend irdischen, teuflisch +geistigen Sachlichkeit. Sie sprechen davon als erstes, als einziges -- +ob die Leiche riechen wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender +Sachlichkeit, er habe »gute amerikanische Wachsleinwand« gekauft und +»vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit« darauf gegossen. + +Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen, die +satanischen nenne, weil hier der Realismus mehr ist als ein bloßer +Kunstgriff der Technik, weil er eine metaphysische Rache ist, Ausbruch +geheimnisvoller Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung. +»Vier Fläschchen!« das Mathematische der Zahl, »amerikanische +Wachsleinwand!« die grauenhafte Präzision des Details -- das sind +absichtliche Zerstörungen der seelischen Harmonie, grausame Revolten +gegen die Einheit des Gefühls. Hier wird Wahrheit über sich selbst +hinaus schon Exzeß, Laster und Marter, und diese entsetzlichen +Niederstürze aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen Steinbrüche +der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich machen, wäre die +gleiche Gewalt des Kontrastes nicht auch im Gegenspiel vorhanden, +entstünde nicht immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei +ihm aus den schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere sich +nur an die Welt Dostojewskis. Sie ist, rein sozial genommen, ein +Wurmloch, knapp an der Gosse des Lebens, immer in den dumpfesten +Sphären der Armut und Kläglichkeit. Mit absichtlicher Bewußtheit (er +ist der Antiromantiker, wie er der Antisentimentale ist) stellt er +seine Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige Kellerlokale, +stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge »Särge« von Zimmern, nur +abgetrennt durch Holzwände, nie Salons, Hotels, Paläste, Kontore. +Und mit Absicht sind seine Menschen äußerlich »uninteressant«, +schwindsüchtige Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender, +Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten. Aber gerade in diese +dumpfe Alltäglichkeit stellt er die größten Tragödien der Zeit. Aus dem +Erbärmlichen steigt das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt +dämonischer bei ihm als dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und +seelischer Trunkenheit, räumlicher Armut und Verschwendung des Herzens. +In Schnapszimmern verkünden trunkene Menschen die Wiederkehr des +Dritten Reiches, sein Heiliger Aljoscha erzählt die tiefste Legende, +während ihm eine Dirne auf dem Schoße sitzt, in Bordellen und +Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und Verkündung, +und die erhabenste Szene Raskolnikoffs, wo der Mörder sich niederwirft +und vor dem Leiden der ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im +Zimmerwinkel einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow. + +Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm, warm oder kalt, aber +nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse, durchblutet seine Leidenschaft +das Leben. In einer Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier +das Erhabene mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe zu +Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät man darum bei den +Romanen Dostojewskis zur Rast, nie in die sanfte, musikalische Rhythmik +des Lesens, nie läßt er einem ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man +wie unter elektrischen Schlägen beunruhigt auf, heißer, brennender, +unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite. Solange wir in seiner +dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm selber ähnlich. Wie in sich +selbst, dem ewigen Dualisten, dem Menschen am Kreuzholz des Zwiespalts, +wie in seinen Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die +Einheit des Gefühls. + +Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre Herabwürdigung, +sie mit dem Handwerkerwort »Technik« zu benennen, denn diese Kunst +kommt mitten aus Dostojewskis Persönlichkeit, aus dem brennenden +Urzwiespalt seines Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und +Geheimnis, zugleich hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit, Wissen +und Magie. Das Unfaßbarste scheint verständlich, das Verständlichste +unfaßbar: beugen sich die Probleme schon über den äußersten Rand der +Möglichkeiten hinaus, so stürzen sie doch nie ins Gestaltlose hinab. +Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-realen Einzelheiten seine +Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine ins Schattenhafte hinüber. +Wen Dostojewski schildert, dessen Wesen hat er visionär inne bis in die +letzte Wirrnis seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den +Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft, durchsiebt +seine Trunkenheit, nie geht ein Atemzug seelischer Substanz bei ihm +verloren, wird ein Gedanke übersprungen. Glied um Glied hämmert er die +psychologische Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt bei ihm +keine psychologischen Irrtümer, keine Verknotung, die sein visionärer +Intellekt, seine hellseherische Logik nicht durchleuchtete. Nie einen +Fehler, einen Verstoß gegen die innere Wahrheit. Welche Kunstbauten des +Geistes und der Vision sind da errichtet, unübersehbar und unzerstörbar! +Der dialektische Zweikampf des Porphyri Petrowitsch mit Raskolnikoff, +die Architektonik der Verbrechen, das logische Labyrinth der Karamasoff, +das ist geistige Architektonik ohnegleichen, fehllos wie Mathematik und +doch berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten Kräfte des +Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen, tieferen Wahrheit, +als die Menschheit sie vordem gekannt. + +Aber doch -- die Frage muß beantwortet sein --, warum wirkt trotz +solcher dämonischer Vollendung der Wahrheit Dostojewskis Werk, dieses +irdischeste aller Werke, doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt +zwar, aber doch wie eine neben oder über unserer Welt, nur nicht sie +selbst? Warum stehen wir innen mit unserem tiefsten Gefühl und sind +doch irgendwie befremdet? Warum brennt in allen seinen Romanen etwas +wie künstliches Licht und ist Raum darinnen wie aus Halluzinationen +und Träumen? Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten, +immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der Wirklichkeit? Warum +ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit doch nicht fruchtbare +Sonnenwärme darin, sondern irgendein schmerzhaftes Nordlicht, blutig +und blendend, warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des Lebens, +die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als das Leben selbst? Als +unser eigenes Leben? + +Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche ist für +Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten, am Unvergänglichsten +der Weltliteratur können sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie +der Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der Orestie, die +Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes Werk. Sie alle, diese +Werke, sind sogar einfältiger, schlichter, weniger erkenntnisreich, +weniger zukunftsträchtig als die Dostojewskis. Aber sie sind doch +irgendwie weicher und freundsamer für die Seele, sie geben Erlösung des +Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis gibt. Ich glaube: diese +ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so menschlich, nur menschlich +sind. Sie haben um sich einen heiligen Rahmen von strahlendem Himmel, +von Welt, einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von +Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt hinflüchtet und +befreit. Im Homer, mitten in den Schlachten, im blutigsten Gemetzel der +Menschen stehen ein paar Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen +Wind vom Meer, das silberne Licht Griechenlands glänzt über die +Blutstatt, beseligt erkennt das Gefühl den schmetternden Kampf der +Menschen als einen kleinen nichtigen Wahn gegen das Ewige der Dinge. Und +man atmet auf, man ist erlöst von der menschlichen Trübe. Auch Faust +hat seinen Ostersonntag, schwingt die eigene Qual in die zerklüftete +Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der Welt. In allen diesen +Werken erlöst die Natur von der Menschenwelt. Dostojewski aber fehlt die +Landschaft, fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt, +sondern nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder, stumpf +für Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit gegen die Natur, +gegen die Kunst ist sein unergründliches, sein unvergleichliches Wissen +um den Menschen bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe von +Unzulänglichkeit. Sein Gott wohnt nur in der Seele, nicht auch in den +Dingen, ihm fehlt jenes kostbare Korn Pantheismus, das die deutschen, +das die hellenischen Werke so selig und so befreiend macht. Seine, +Dostojewskis, Werke, sie spielen alle irgendwie in ungelüfteten Stuben, +in rußigen Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe menschliche, allzu +menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend durchwühlt wird vom +Wind aus den Himmeln und dem Sturz der Jahreszeiten. Man versuche doch +einmal sich zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei »Raskolnikoff«, +dem »Idioten«, bei den »Karamasoffs«, dem »Jüngling«, in welcher +Jahreszeit, in welcher Landschaft sie spielen. Ist es Sommer, Frühling +oder Herbst? Vielleicht ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht. +Man atmet es, man schmeckt es, man spürt, man erlebt es nicht. Sie +spielen alle nur irgendwo im Dunkel des Herzens, das die Blitzschläge +der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren Hohlraum des Hirnes, +ohne Sterne und Blumen, ohne Stille und Schweigen. Großstadtrauch +verdunkelt den Himmel ihrer Seele. Es fehlen ihnen die Ruhepunkte der +Erlösung vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen, die besten des +Menschen, wenn er den Blick von sich selbst und seinen Leiden gegen die +fühllose, leidenschaftslose Welt kehrt. Das ist das Schattenhafte in +seinen Büchern: wie von einer grauen Wand von Elend und Dunkelheit heben +sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und klar in einer +wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit bloß des Gefühls. Seine +Sphäre ist Seelenwelt und nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit. + +Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig jeder +einzelne ist, so fehllos ihr logischer Organismus, auch sie ist +in ihrer Gesamtheit in einem gewissen Sinne unwirklich: etwas von +Gestalten aus Träumen haftet ihnen an, und ihr Schritt geht im +Raumlosen wie der von Schatten. Damit sei nicht gesagt, daß sie +irgendwie unwahr wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn +Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen sind +nicht plastisch, sondern sublim gesehen und durchfühlt, weil sie einzig +aus Seele gestaltet sind und nicht aus Körperlichkeit. Dostojewskis +Menschen kennen wir alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl, +Wesen aus Nerven und Seelen, bei denen man es fast vergißt, daß dieses +Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie gewissermaßen körperlich +an. Auf den zwanzigtausend Seiten seines Werkes ist nie geschildert, +daß einer seiner Menschen sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, immer +fühlen, sprechen oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn, +daß sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie im +Fieber, immer denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich, tierisch, +stumpf, immer nur bewegt, erregt, gespannt, und immer, immer wach. Wach +und sogar überwach. Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie +die seelische Übersichtigkeit Dostojewskis, alle sind sie Hellseher, +Telepathen, Halluzinanten, alle pythische Menschen, und alle durchtränkt +bis in die letzten Tiefen ihres Wesens von psychologischer Wissenschaft. +Im gemeinen, im banalen Leben stehen -- erinnern wir uns nur -- die +meisten Menschen im Konflikt miteinander und dem Schicksal einzig darum, +weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß irdischen Verstand +haben. Shakespeare, der andere große Psychologe der Menschheit, baut die +Hälfte seiner Tragödien auf diese eingeborene Unwissenheit, auf dieses +Fundament von Dunkel, das zwischen Mensch und Mensch als Verhängnis, +als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut seiner Tochter, denn +er ahnt ihren Edelmut nicht, die Größe der Liebe, die sich hier in +Schamhaftigkeit verschanzt, Othello wiederum nimmt sich Jago als +Einflüsterer, Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie +dem wahren Wesen der irdischen Welt, der Täuschung verfallen. Bei +Shakespeare wird wie im realen Leben das Mißverständnis, die irdische +Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft, die Quelle aller Konflikte. +Die Menschen Dostojewskis aber, diese Überwissenden, sie kennen kein +Mißverstehen. Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie verstehen +einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich das Wort +aus dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den Gedanken noch aus dem +Mutterleib der Empfindung. Sie wittern, sie ahnen einander alle im +voraus, nie enttäuschen sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen +Seele umfaßt in geheimnisvoller Witterung schon der anderen Sinn. Das +Unbewußte, das Unterbewußte ist bei ihnen überentwickelt, alle sind sie +Propheten, alle Ahnende und Visionäre, überladen von Dostojewski mit +seiner eigenen mystischen Durchdringung des Seins und des Wissens. Ich +will ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein. Nastassja Philipowna +wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es vom ersten Tage, da sie ihn +erblickt, weiß es in jeder Stunde, in der sie ihm angehört, daß er sie +ermorden wird, sie flieht vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet +zurück, weil sie ihr eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer +sogar Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin weiß +es, auch er kennt das Messer und ebenso Myschkin. Seine Lippen zittern, +wenn er einmal im Gespräch zufällig Rogoschin mit diesem Messer +spielen sieht. Und gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das +Wissensunmögliche allen bewußt. Der Staretz fällt in die Knie, weil er +das Verbrechen wittert, selbst der Spötter Rakitin weiß diese Zeichen zu +deuten. Aljoscha küßt seines Vaters Schulter, wie er von ihm Abschied +nimmt, auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht. Iwan +fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des Verbrechens zu sein. Der +Schmutzfink Smerdjakoff sagt es ihm lächelnd voraus. Alle, alle wissen +sie es, und den Tag und die Stunde und den Ort aus einer Überladenheit +mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in ihrer +Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner, alle +Allesversteher. + +Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache Form aller +Wahrheit für den Künstler. Obwohl Dostojewski den Menschen tiefer kennt +als irgendeiner vor ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als +Kenner der Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt, das +Gemeine und Gleichgültige neben das Grandiose gestellt, wo Dostojewski +einen jeden ins Unendliche steigert. Shakespeare hat die Welt im +Fleisch erkannt, Dostojewski im Geist. Seine Welt ist vielleicht die +vollkommenste Halluzination der Welt, ein tiefer und prophetischer +Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit noch überflügelt: +aber Realismus, der über sich selbst hinaus ins Phantastische reicht. +Der Überrealist Dostojewski, der Überschreiter aller Grenzen, er hat +die Wirklichkeit nicht geschildert: er hat sie über sich selbst hinaus +gesteigert. + +Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt in Kunst +gestaltet, von innen gebunden, von innen erlöst. Diese Art von Kunst, +die tiefste und menschlichste aller, hat keine Vorfahren in der +Literatur, weder in Rußland noch irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat +nur Brüder in der Ferne. An die griechischen Tragiker gemahnt manchmal +der Krampf und die Not, dieses Übermaß von Qual in den Menschen, die +unter dem Griff des übermächtigen Schicksales sich krümmen, an +Michelangelo manchmal durch die mystische, steinerne, unerlösbare +Traurigkeit der Seele. Aber der wahre Bruder Dostojewskis durch die +Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem Leben von Mühsal, +Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene der Irdischkeit, gepeitscht von +den Bütteln des Geldes in die tiefste Tiefe des menschlichen Seins +hinab. Beide wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den +ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine Schönheit +tiefer ist als die heilige der Seele, die aus der Nüchternheit des +Seins gewonnen ist. Wie Dostojewski seine Heiligen aus russischen +Bauern, Verbrechern und Spielern, gestaltet sich Rembrandt seine +biblischen Figuren von den Modellen der Hafengassen; beiden ist in den +niedersten Formen des Lebens irgendeine geheimnisvolle, neue Schönheit +verborgen, beide finden sie ihren Christus im Abhub des Volks. Beide +wissen sie von dem ständigen Spiel und Widerspiel der Erdenkräfte, von +Licht und Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen wie im Beseelten +waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem letzten Dunkel des +Lebens genommen. Je mehr man in die Tiefe der Bilder Rembrandts, +der Bücher Dostojewskis blickt, sieht man das letzte Geheimnis der +weltlichen und geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und +wo die Seele zuerst nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit zu +schauen meint, erkennt sie, tiefer blickend, mit erkennender Lust +entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz, der als Märtyrerkrone über +den letzten Dingen des Lebens liegt. + + + ARCHITEKTUR UND LEIDENSCHAFT + + »Que celui aime peu, qui aime la + mesure!« La Boetie + +»Alles treibst du bis zur Leidenschaft.« Das Wort Nastassja Philipownas +trifft alle Menschen Dostojewskis und trifft vor allem ihn, Dostojewski +selbst, mitten in die Seele. Nur leidenschaftlich kann dieser Gewaltige +den Phänomenen des Lebens entgegentreten und darum am leidenschaftlichsten +seiner leidenschaftlichsten Liebe: der Kunst. Selbstverständlich, daß +der schöpferische Prozeß, die künstlerische Bemühung, bei ihm nicht eine +geruhige, ordnend aufbauende, kühl berechnend architektonische ist. +Dostojewski schreibt im Fieber, wie er im Fieber denkt, im Fieber lebt. +Unter der Hand, die die Worte in fließenden kleinen Perlenketten (er +hat die nervöse Eilschrift aller hitzigen Menschen) über das Papier +rinnen läßt, hämmert der Puls in verdoppelten Schlägen, seine Nerven +zucken im Krampf. Schöpfung ist ihm Ekstase, Qual, Entzückung und +Zerschmetterung, eine zum Schmerz gesteigerte Wollust, ein zur +Wollust gesteigerter Schmerz, das ewige Spasma, der immer wiederholte +vulkanische Ausbruch seiner übermächtigen Natur. »Unter Tränen« schreibt +der Zweiundzwanzigjährige sein erstes Werk »Arme Leute«, und seitdem ist +jede Arbeit eine Krise, eine Krankheit. »Ich arbeite nervös, unter Qual +und Sorgen. Wenn ich angestrengt arbeite, bin ich auch physisch krank.« +Und tatsächlich, die Epilepsie, seine mystische Krankheit, dringt ein +mit ihrem fiebrigen, entzündlichen Rhythmus, mit ihren dunklen, dumpfen +Hemmungen, bis in die feinsten Vibrationen seines Werks. Immer aber +schafft Dostojewski mit dem Ganzen seines Wesens, im hysterischen Furor. +Selbst die kleinsten, scheinbar gleichgültigen Partien seines Werkes, +wie die journalistischen Aufsätze, sind gegossen und geschmolzen in +der feurigen Esse seiner Leidenschaft. Nie schafft er mit dem bloß +abgelösten, frei wirkenden Teil seiner schaffenden Kraft, gleichsam aus +dem Handgelenk, aus der spielhaften Leichtigkeit der Technik, immer ballt +er seine ganze physische Erregbarkeit in das Geschehnis, bis an den +letzten Nerv seines Lebens leidend und mitleidend in seinen Gestalten. +Alle seine Werke sind gleichsam explosiv in rasenden Wetterschlägen +durch einen ungeheuren atmosphärischen Druck herausgeschwemmt. +Dostojewski kann nicht gestalten ohne inneren Anteil, und für ihn gilt +das bekannte Wort über Stendhal: »Lorsqu'il n'avait pas d'émotion, il +était sans esprit.« Wenn Dostojewski nicht leidenschaftlich war, war er +nicht Dichter. + +Aber Leidenschaft in der Kunst wird ebenso zerstörendes Element, als sie +bildnerisches war. Sie schafft nur das Chaos der Kräfte, dem der klare +Geist erst die ewigen Formen erlöst. Alle Kunst braucht die Unruhe als +Antrieb der Gestaltung, aber nicht minder eine überlegen-überlegte +Ruhe der Auswägung zu einer Vollendung. Dostojewskis mächtiger, die +Wirklichkeit diamanten durchdringender Geist weiß nun wohl um die +marmorne, eherne Kühle, die das große Kunstwerk umwittert. Er liebt, +er vergöttert die große Architektonik, er entwirft prachtvolle Maße, +erhabene Ordnungen des Weltbildes. Aber immer wieder überflutet das +leidenschaftliche Gefühl die Fundamente. Der Zwiespalt, der ewige +zwischen Herz und Geist, wirkt auch im Werke und nennt sich hier +Kontrast von Architektonik und Leidenschaft. Vergebens sucht Dostojewski +als Künstler objektiv zu schaffen, außen zu bleiben, bloß zu erzählen +und zu gestalten, Epiker zu sein, Referent von Geschehnissen, Analytiker +der Gefühle. Unwiderstehlich reißt ihn seine Leidenschaft in Leiden und +Mitleiden immer wieder in die eigene Welt. Immer ist etwas vom Chaos des +Anfangs selbst in den vollendeten Werken Dostojewskis, nie die Harmonie +erreicht (»Ich hasse die Harmonie«, so schreit Iwan Karamasoff, der +Verräter seiner geheimsten Gedanken). Auch hier ist zwischen Form und +Wille kein Friede, kein Ausgleich, sondern -- o ewige Zweiheit seines +Wesens, alle Formen durchdringend von der kalten Schale bis zum +glühendsten Kerne! -- ein unablässiger Kampf zwischen außen und innen. +Der ewige Dualismus seines Wesens heißt im epischen Werke Kampf zwischen +Architektur und Leidenschaft. + +Nie erreicht Dostojewski in seinen Romanen, was man fachmännisch »den +epischen Vortrag« nennt, jenes große Geheimnis, bewegtes Geschehen in +ruhiger Darstellung zu bändigen, das von Homer bis Gottfried Keller und +Tolstoi sich in unendlicher Ahnenreihe von Meister auf Meister vererbt. +Leidenschaftlich formt er seine Welt, und nur leidenschaftlich, nur +erregt, kann man sie genießen. Nie stellt sich in seinen Büchern jenes +sanfte rhythmische, einwiegende Gefühl der Behaglichkeit ein, nie fühlt +man sich sicher und außen gegenüber den Geschehnissen, gleichsam an dem +sicheren Ufer, Brandung und Tumult eines erregten Meeres schauspielhaft +betrachtend. Immer ist man innen bei ihm eingewühlt, verstrickt in die +Tragödie. Wie eine Krankheit erlebt man die Krise seiner Menschen im +Blute, wie eine Entzündung brennen die Probleme im aufgepeitschten +Gefühl. Mit allen unseren Sinnen taucht er uns in seine brennende +Atmosphäre, stößt er uns an den Abgrundrand der Seele, wo wir keuchend +stehen, schwindeligen Gefühls, mit abgerissenem Atem. Und erst, +wenn unsere Pulse jagen wie die seinen, wir selbst der dämonischen +Leidenschaft verfallen sind, erst dann gehört sein Werk ganz uns, +gehören wir ihm ganz. Dostojewski will eben nur angespannte, gesteigerte +Menschen als Mitempfinder seiner Epik, so wie er sie als seine Helden +wählt. Die Leihbibliothekskonsumenten, die behaglichen Flaneure des +Lesens, die Spaziergänger auf den Bürgersteigen ausgetretener Probleme, +müssen auf ihn und er auf sie verzichten. Nur der brennende Mensch, der +leidenschaftlich entzündete, der glühende im Gefühl, findet hinab in +seine wahre Sphäre. + +Es läßt sich nicht verleugnen, nicht verbergen, nicht verschönern: das +Verhältnis Dostojewskis zum Leser ist weder ein freundschaftliches noch +ein behagliches, sondern eine Zwietracht voll gefährlicher, grausamer, +wollüstiger Instinkte. Es ist eine leidenschaftliche Beziehung wie +zwischen Mann und Weib, nicht wie bei den andern Dichtern ein Verhältnis +der Freundschaft und des Vertrauens. Dickens oder Gottfried Keller, +seine Zeitgenossen, führen mit sanfter Überredung, mit musikalischer +Lockung den Leser in ihre Welt, sie plaudern ihn freundlich ins +Geschehnis hinein, sie reizen nur die Neugier, die Phantasie, nicht aber +wie Dostojewski das ganze aufschäumende Herz. Er, der Leidenschaftliche, +will uns ganz haben, nicht bloß unsere Neugier, unser Interesse, er +begehrt unsere ganze Seele, selbst unsere Körperlichkeit. Zuerst lädt er +die innere Atmosphäre mit Elektrizität, raffiniert steigert er unsere +Reizbarkeit. Eine Art Hypnose setzt ein, ein Willensverlust in seinen +leidenschaftlichen Willen: wie das dumpfe Murmeln des Beschwörenden, +endlos und sinnlos umtut er den Sinn mit breiten Gesprächen, reizt mit +Geheimnis und Andeutungen die Anteilnahme bis tief nach innen. Er duldet +nicht, daß wir zu früh uns hingeben, er dehnt in wollüstigem Wissen die +Marter der Vorbereitung, Unruhe beginnt in einem leise zu kochen, aber +immer wieder verzögert er, neue Figuren vorschiebend, neue Bilder +entrollend, den Einblick in das Geschehnis. Ein wissender, ein +wollüstiger Erotiker, hält er seine, hält er unsere Hingebung mit +teuflischer Willenskraft zurück und steigert damit den innern Druck, die +Gereiztheit der Atmosphäre ins Unendliche. Schicksalsträchtig fühlt man +über sich ein Gewölk von Tragik (wie lange dauert es in Raskolnikoff, +ehe man weiß, daß all diese sinnlosen seelischen Zustände Vorbereitungen +zu seinem Morde sind, und doch spürt man längst in den Nerven +Furchtbares voraus!), auf dem Himmel der Seele wetterleuchtet schaurige +Ahnung. Aber Dostojewskis sinnliche Wollüstigkeit berauscht sich im +Raffinement der Verzögerung, sie prickelt wie Nadelstiche kleine +Andeutungen in die Haut des Empfindens. Mit satanischer Verlangsamung +stellt Dostojewski vor seinen großen Szenen noch Seiten und Seiten +mystischer und dämonischer Langweile, bis er in dem Reizmenschen (ein +anderer fühlt ja nichts von diesen Dingen) ein geistiges Fieber, eine +physische Qual erzeugt. Auch das Lustgefühl der Spannung treibt dieser +Fanatiker des Kontrastes bis in den Schmerz hinein, und erst dann, wenn +im überheizten Kessel der Brust das Gefühl schon brodelt und die Wände +sprengen will, dann erst schlägt er einem mit dem Hammer auf das Herz, +dann zuckt eine jener sublimen Sekunden nieder, wo wie ein Blitz die +Erlösung aus dem Himmel seines Werkes in die Tiefe unserer Herzen fährt. +Erst wenn die Spannung unerträglich geworden ist, zerreißt Dostojewski +das epische Geheimnis und löst das zerspannte Gefühl in weiche, +flutende, tränenfeuchte Empfindung. + +So feindlich, so wollüstig, so raffiniert leidenschaftlich umstellt, +umfaßt Dostojewski seine Leser. Nicht im Ringkampf zwingt er sie +nieder, sondern wie ein Mörder, der stundenlang und stundenlang sein +Opfer umkreist, durchstößt er einem dann plötzlich mit einer spitzen +Sekunde das Herz. So leidenschaftlich ist er im eigenen Aufruhr, daß +man zweifelt, ihn noch einen Epiker nennen zu dürfen. Seine Technik ist +eine explosive: er höhlt nicht kärrnerhaft, Schaufel um Schaufel, die +Straße in sein Werk hinein, sondern von innen herauf mit einer ins +kleinste geballten Kraft sprengt er die Welt auf und die erlöste +Brust. Ganz unterirdisch sind seine Vorbereitungen, gleichsam eine +Verschwörung, eine blitzartige Überraschung für den Leser. Nie weiß +man, obwohl man fühlt, daß man einer Katastrophe entgegengeht, in +welchen Menschen er die Stollen seiner Minengänge eingräbt, von welcher +Seite, in welcher Stunde die furchtbare Entladung erfolgt. Von jedem +einzelnen führt ein Schacht in den Mittelpunkt des Geschehens, jeder +einzelne ist geladen mit dem Zündstoff der Leidenschaft. Wer aber den +Kontakt zündet (zum Beispiel, wer von den vielen, die alle innerlich +von den Gedanken vergiftet sind, den Fedor Karamasoff tötet), das ist +mit einer unerhörten Kunst verborgen bis zum letzten Augenblick, denn +Dostojewski, der alles ahnen läßt, verrät nichts von seinem Geheimnis. +Man fühlt nur immer das Schicksal wie einen Maulwurf unter der Fläche +des Lebens wühlen, fühlt, wie sich bis hart unter unser Herz die Mine +vorschiebt, und vergeht, verzehrt sich in unendlicher Spannung bis zu +den kleinen Sekunden, die wie ein Blitz die Schwüle der Atmosphäre +zerschneiden. + +Und für diese kleinen Sekunden, für die unerhörte Konzentration des +Zustandes benötigt der Epiker Dostojewski eine bisher ungekannte Wucht +und Breite der Darstellung. Nur eine monumentale Kunst kann solch +eine Intensität, eine solche Konzentration erzielen, nur eine Kunst +urweltlicher Größe und mythischer Wucht. Hier ist Breite nicht +Geschwätzigkeit, sondern Architektur: wie für die Spitzen der Pyramiden +riesige Fundamente, sind für die spitzen Höhepunkte bei Dostojewski die +gewaltigen Dimensionen seiner Romane notwendig. Und wirklich, wie die +Wolga, der Dnjepr, die großen Ströme seiner Heimat, rollen diese Romane +dahin. Etwas Stromhaftes ist ihnen allen zu eigen, langsam wogend +rollen sie ungeheuere Mengen des Lebens heran. Auf ihren Tausenden und +Tausenden Seiten schwemmen sie, gelegentlich die Ufer des künstlerischen +Gestaltens übertretend, viel politisches Geröll und polemisches Gestein +mit sich fort. Manchmal, wo die Inspiration nachläßt, haben sie auch +breite, sandige Stellen. Schon scheinen sie zu versiegen. In stockendem +Lauf winden sich mühsam durch Krümmungen und Wirrungen die Geschehnisse +weiter, die Flut stagniert an den Sandbänken der Gespräche für Stunden, +bis sie wieder dann die eigene Tiefe und den Schwung ihrer Leidenschaft +findet. + +Aber dann, in der Nähe des Meeres, der Unendlichkeit, kommen plötzlich +jene unerhörten Stellen der Stromschnelle, wo sich die breite Erzählung +zum Wirbel zusammenballt, die Seiten gleichsam fliegen, das Tempo +beängstigend wird, die Seele mitgerissen in den Abgrund des Gefühls +hinpfeilt. Schon fühlt man die nahe Tiefe, schon donnert der +Wassersturz her, die ganze breite schwere Masse ist plötzlich in +schäumende Geschwindigkeit verwandelt, und wie die Strömung der +Erzählung, gleichsam magnetisch vom Katarakt angezogen, der Katharsis +zuschäumt, so sausen wir selbst unwillkürlich rascher durch diese +Seiten und stürzen dann plötzlich in den Abgrund des Geschehens, +gleichsam mit zerschmetterten Gefühlen. + +Und dieses Gefühl, wo gleichsam die ungeheuere Summe des Lebens in einer +einzigen Ziffer gezogen ist, dieses Gefühl äußerster Konzentration, +qualvoll und schwindlig zugleich, das er selbst einmal das »Turmgefühl« +nennt, -- den göttlichen Wahnsinn, sich über die eigene Tiefe zu beugen +und die Seligkeit des tödlichen Niedersturzes vorempfindend zu genießen +-- dieses äußerste Gefühl, in dem man mit dem ganzen Leben auch noch +den Tod empfindet, es ist immer auch die unsichtbare Spitze der großen +epischen Pyramiden Dostojewskis. Alle Romane sind vielleicht nur +geschrieben um dieser Augenblicke der weißglühenden Empfindung willen. +Zwanzig oder dreißig solcher grandioser Stellen hat Dostojewski +geschaffen, und alle sind sie von so unvergleichlicher Vehemenz der +leidenschaftlichen Zusammenballung, daß sie einem nicht nur beim ersten +Lesen, da sie einen gleichsam noch wehrlos überfallen, sondern noch beim +vierten oder fünften Wiederholen wie eine Stichflamme durch das Herz +fahren. Immer sind in diesem Augenblick plötzlich alle Menschen des +ganzen Buches in einem Zimmer versammelt, immer alle in der äußersten +Intensität ihres Eigenwillens. Alle Straßen, alle Ströme, alle Kräfte +laufen magisch zusammen, lösen sich auf in einer einzigen Geste, einer +einzigen Gebärde, einem einzigen Wort. Ich erinnere nur an die Szene in +den »Dämonen«, wo die Ohrfeige Schatows mit ihrem »trockenen Schlag« +das Spinnweb des Geheimnisses zerreißt, wie im »Idioten« Nastassja +Philipowna die 100000 Rubel ins Feuer wirft, oder die Geständnisszene +in »Raskolnikoff« und den »Karamasoff«. In diesen höchsten, schon nicht +mehr stofflichen, in diesen ganz elementaren Momenten seiner Kunst +gattet sich restlos Architektur und Leidenschaft. Nur in der Ekstase ist +Dostojewski der einheitliche Mensch, nur in diesen kurzen Augenblicken +der vollendete Künstler. Aber diese Szenen sind rein künstlerisch ein +Triumph der Kunst über den Menschen ohnegleichen, denn erst rücklesend +wird man gewahr, mit einer wie genialen Berechnung alle Anstiege zu +diesem Höhepunkt geführt sind, mit welch wissender Verteilung hier +Menschen und Umstände sich magisch ergänzen, wie die ungeheure +Gleichung, die tausendstellige und verschränkte, sich plötzlich auflöst +in die kleinste Zahl, die letzte, restlose Einheit des Gefühls: die +Ekstase. Das ist das größte künstlerische Geheimnis Dostojewskis, alle +seine Romane zu solchen Spitzen hinaufzubauen, in denen sich die ganze +elektrische Atmosphäre des Gefühls sammelt und die den Blitz des +Schicksals mit unfehlbarer Sicherheit in sich auffangen. + +Muß noch besonders auf den Ursprung dieser einzigartigen Kunstform +hingewiesen sein, die vor Dostojewski keiner besessen und vielleicht +nie ein Künstler in gleichem Maße besitzen wird? Muß es noch gesagt +sein, daß dieses Aufzucken der gesamten Lebenskräfte zu einzigen +Sekunden nichts anderes ist, als in Kunst verwandelte, sinnfällige Form +seines eigenen Lebens, seiner dämonischen Krankheit? Nie ist das Leiden +eines Künstlers fruchtbarer gewesen als diese künstlerische Verwandlung +der Epilepsie, denn nie hat sich vor Dostojewski in der Kunst eine +ähnliche Konzentration von Lebensfülle in das engste Maß von Raum +und Zeit gebannt. Er, der am Semenowskiplatz gestanden, die Augen +verschnürt, und in zwei Minuten sein ganzes vergangenes Leben noch +einmal durchlebte, der bei jedem epileptischen Anfall in der Sekunde +zwischen dem wankenden Taumel und dem harten Niedersturz vom Sessel +auf den Boden Welten visionär durchirrt, nur er konnte diese Kunst +erreichen, in eine Nußschale von Zeit einen Kosmos von Geschehnissen +einzubetten. Nur er das Unwahrscheinliche solcher explosiver Sekunden +so dämonisch ins Wirkliche zwingen, daß wir dieser Fähigkeit der +Überwindung von Raum und Zeit kaum gewahr werden. Wahre Wunder der +Konzentration sind seine Werke. Ich erinnere nur an ein Beispiel: Man +liest den ersten Band des »Idioten«, der über 500 Seiten umfaßt. Ein +Tumult von Schicksal hat sich erhoben, ein Chaos von Seelen ist +durchflogen, eine Vielzahl von Menschen innerlich belebt. Man hat mit +ihnen Straßen durchwandert, in Häusern gesessen, und plötzlich, bei +zufälligem Besinnen, entdeckt man, daß diese ganze ungeheure Fülle von +Geschehnissen in einem Ablauf von kaum zwölf Stunden vor sich ging, von +Morgen bis Mitternacht. Ebenso ist die phantastische Welt der Karamasoff +in bloß ein paar Tage, die Raskolnikoffs in eine Woche zusammengeballt, +-- Meisterstücke der Gedrängtheit, wie sie ein Epiker noch nie und +selbst das Leben nur in den seltensten Augenblicken erreicht. Einzig +die antike Tragödie des Ödipus etwa, der in der engen Spanne von +Mittag bis Abend ein ganzes Leben und das vergangener Generationen +zusammendrängt, kennt diesen rasenden Niedersturz von Höhe zu Tiefe, von +Tiefe zu Höhe, diese erbarmungslosen Wetterstürze des Geschicks, aber +auch diese reinigende Kraft der seelischen Gewitter. Mit keinem epischen +Werk läßt sich diese Kunst vergleichen, und darum wirkt Dostojewski +immer in seinen großen Augenblicken als Tragiker, seine Romane gleichsam +wie umhüllte, verwandelte Dramen; im letzten sind die Karamasoff Geist +vom Geiste der griechischen Tragödie, Fleisch vom Fleische Shakespeares. +Nackt steht in ihnen, wehrlos und klein, der riesige Mensch unter dem +tragischen Himmel des Schicksals. + +Und seltsam, in diesen leidenschaftlichen Augenblicken der Niederstürze +verliert plötzlich der Roman Dostojewskis auch seinen erzählerischen +Charakter. Die dünne epische Umschalung schmilzt ab in der Hitze des +Gefühls und verdunstet; nichts bleibt als der blasse weißglühende +Dialog. Die großen Szenen in Dostojewskis Romanen sind nackte dramatische +Dialoge. Man kann sie, ohne ein Wort beizufügen oder fortzulassen, auf +die Bühne pflanzen, so festgezimmert ist jede einzelne Figur, so zur +dramatischen Sekunde verdichtet sich in ihnen der breite strömende +Gehalt der großen Romane. Das tragische Gefühl in Dostojewski, das immer +zu Endgültigem drängt, zur gewaltsamen Spannung, zur blitzartigen +Entladung, schafft in diesen Höhepunkten sein episches Kunstwerk +scheinbar restlos zum dramatischen um. + +Was in diesen Szenen an dramatischer, ja theatralischer Schlagkraft +enthalten ist, haben selbstverständlich die eilfertigen Theaterhandwerker +und Boulevarddramatiker zuerst erkannt, lang vor den Philologen, und +rasch einige robuste Theaterstücke aus dem »Raskolnikoff«, dem »Idioten«, +den »Karamasoff« gezimmert. Aber hier hat sich erwiesen, wie kläglich +solche Versuche scheitern, Figuren Dostojewskis von außen, von ihrer +Körperlichkeit und ihrem Schicksal zu fassen, sie aus ihrer Sphäre, der +Seelenwelt, zu heben und von der gewitternden Atmosphäre der rhythmischen +Reizbarkeit abzulösen. Wie abgeschälte Baumstämme, nackt und leblos, +wirken diese Figuren dramatisch im Vergleich zu ihrer lebendigen, +raunenden, rauschenden Wipfelhaftigkeit, die an die Himmel rührt und +jede doch mit tausend geheimen Nervenfäden im epischen Erdreich wurzelt. +Ihr Aderwerk, breitfältig verästelt auf Hunderten von Seiten, zieht +seine stärkste bildnerische Kraft aus dem Dunkel, aus Andeutung und +Ahnung. Die Psychologie Dostojewskis ist keine für grelles Lampenlicht, +sie spottet ihrer »Bearbeiter« und Vereinfacher. Denn in dieser epischen +Unterwelt gibt es geheimnisvolle psychische Kontakte, Unterströmungen +und Nuancierungen. Nicht aus sichtbaren Gesten, sondern aus tausend +und tausend einzelnen Andeutungen bildet und formt sich bei ihm eine +Gestalt, nichts Spinnwebzarteres kennt die Literatur, als dies seelische +Netzwerk. Um einmal die Durchgängigkeit dieser subkutanen, gleichsam +unter der Haut fließenden Unterströmungen der Erzählung zu empfinden, +versuche man zur Probe einen Roman Dostojewskis in einer der gekürzten +französischen Ausgaben zu lesen. Es fehlt anscheinend nichts darin: der +Film der Geschehnisse rollt geschwinder ab, die Figuren erscheinen sogar +agiler, geschlossener, leidenschaftlicher. Aber doch, sie sind irgendwo +verarmt, ihrer Seele fehlt jener wunderbare irisierende Glanz, ihrer +Atmosphäre die funkelnde Elektrizität, jene Schwüle der Spannung, die +erst die Entladung so furchtbar und so wohltätig macht. Irgend etwas ist +zerstört, das nicht wieder zu ersetzen ist, ein Zauberkreis gebrochen. +Und gerade aus diesen Versuchen von Kürzungen und Dramatisierung +erkennt man den Sinn der Breite bei Dostojewski, die Zweckhaftigkeit +seiner scheinbaren Weitschweifigkeit. Denn die kleinen, flüchtigen, +gelegentlichen Andeutungen, die ganz zufällig und überflüssig scheinen, +sie haben Erwiderung hundert und hundert Seiten später. Unter der +Oberfläche der Erzählung laufen solche Leitungen verborgener Kontakte, +die Meldungen weitertragen, geheimnisvolle Reflexe tauschen. Es gibt bei +ihm seelische Chiffrierungen, ganz winzige physische und psychische +Zeichen, deren Sinn erst beim zweiten, beim dritten Lesen offenbar wird. +Kein Epiker hat ein gleichsam so durchnervtes System des Erzählens, ein +so unterirdisches Gewirr der Begebenheit unter dem Knochenwerk des +Geschehnisses, unter der Haut des Dialogs. Und doch, System kann +man es kaum nennen: nur mit der scheinbaren Willkürlichkeit und +doch geheimnisvollen Ordnung des Menschen selbst läßt sich dieser +psychologische Prozeß vergleichen. Während die anderen epischen +Künstler, insbesondere Goethe, mehr die Natur als den Menschen +nachzuahmen scheinen und das Geschehnis organisch wie eine Pflanze, +bildhaft wie eine Landschaft genießen lassen, erlebt man einen Roman +Dostojewskis wie die Begegnung mit einem sonderbar tiefen und +leidenschaftlichen Menschen. Dostojewskis Kunstwerk ist urirdisch bei +aller Ewigkeit, ein zweispältiges, wissendes, erregt leidenschaftliches +Nervenwesen, immer gegorenes Fleisch und Hirn, nie ehernes Metall, +reines ausgeglühtes Element. Es ist unberechenbar und unergründbar, wie +die Seele es in den Grenzen ihrer Körperlichkeit ist, und unvergleichbar +innerhalb der Formen der Kunst. + +Unvergleichbar: Bewunderung seiner Kunst, seiner seelischen Meisterschaft, +sie ist jenseitig allen Maßes, und je tiefer man sich in sein Werk +versenkt, desto unwahrscheinlicher und gewaltiger scheint ihre Größe. +Damit soll keineswegs gesagt sein, daß diese Romane an sich alle +vollendete Kunstwerke wären, ja sie sind es viel weniger als manche +ärmere Werke, die engere Kreise ziehen und sich mit Schlichterem +bescheiden. Der Maßlose kann das Ewige erreichen, aber nicht nachbilden. +Viel ihrer unerhörten Architektonik ist von Leidenschaft verschwemmt, +manche heroische Konzeption von Ungeduld zerstört. Aber diese Ungeduld +Dostojewskis, sie führt von der Tragödie seiner Kunst in die seines +Lebens zurück. Denn dies war äußeres Schicksal und nicht innere +Leichtfertigkeit bei ihm ebenso wie bei Balzac, daß er getrieben war +vom Leben zur Eiligkeit und zu sehr gehetzt, um die Werke vollendet zu +gestalten. Man vergesse nicht, wie diese Werke entstanden sind. Immer +war schon der ganze Roman verkauft, während Dostojewski noch das erste +Kapitel schrieb, jede Arbeit eine Hetzjagd von Vorschuß zu neuem +Vorschuß. »Wie ein alter Postgaul« arbeitend, auf der Flucht durch +die Welt, fehlt es ihm manchmal an Zeit und Ruhe, die letzte Feile +anzulegen, und er weiß es selbst, der Wissendste aller, und empfindet +es wie Schuld! »Mögen sie doch sehen, in welchem Zustande ich arbeite. +Sie verlangen von mir schlackenlose Meisterwerke, und aus bitterster, +elendster Not bin ich zur Eile gezwungen«, schreit er erbittert auf. +Er flucht Tolstoi und Turgenjew, die, gemächlich auf ihren Gütern +sitzend, die Zeilen runden und ordnen können, und denen er um nichts +sonst neidisch ist. Keine Armut scheut er persönlich, aber der +Künstler, erniedrigt zum Proletarier der Arbeit, schäumt gegen die +»Gutsherrnliteratur« aus der unbändigen Sehnsucht des Artisten, einmal +in Ruhe, einmal in Vollendung gestalten zu können. Jeden Fehler in +seinen Werken kennt er, er weiß, daß nach seinen epileptischen Anfällen +die Spannung nachläßt, die straffe Hülle des Kunstwerks gleichsam +undicht wird und Gleichgültiges einströmen läßt. Oft müssen ihn Freunde +oder seine Frau auf grobe Vergeßlichkeiten aufmerksam machen, die er in +jener Verdunklung der Sinne nach dem Anfall begeht, wenn er die +Manuskripte liest. Dieser Proletarier, dieser Taglöhner der Arbeit, +dieser Sklave des Vorschusses, der in der Zeit seiner ärgsten Not drei +gigantische Romane hintereinander schreibt, ist innerlich der bewußteste +Artist. Er liebt fanatisch die Goldschmiedearbeit, den Filigran der +Vollendung. Noch unter der Peitsche der Not feilt und bosselt er +stundenlang an einzelnen Seiten, zweimal vernichtet er den »Idioten«, +obzwar seine Frau hungert und die Hebamme noch nicht bezahlt ist. +Unendlich ist sein Wille zur Vollendung, aber auch die Not ist +unendlich. Wieder ringen die beiden gewaltigsten Mächte um seine Seele, +der äußere Zwang und der innere. Auch als Künstler bleibt er der große +Zerspaltene der Zweiheit. Wie der Mensch in ihm ewig nach Harmonie und +Ruhe, so dürstet der Künstler in ihm ewig nach Vollendung. Hier wie dort +hängt er mit zerrissenen Armen am Kreuze seines Schicksals. + +Auch die Kunst also, auch sie, die Einzig-Eine, ist nicht Erlösung dem +Gekreuzigten des Zwiespalts, auch sie Qual, Unruhe, Hast und Flucht, +auch sie nicht Heimat dem Heimatlosen. Und die Leidenschaft, die ihn in +die Gestaltung treibt, sie jagt ihn über die Vollendung hinaus. Auch +hier wird er über die Vollendung gehetzt dem ewig Endlosen zu; mit +ihren abgebrochenen Türmen, den nicht zu Ende gebauten (denn die +Karamasoff ebenso wie der Raskolnikoff versprechen beide einen zweiten, +nie geschriebenen Teil), ragen seine Romanbauten in den Himmel der +Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen. Nennen wir sie nicht Roman +mehr und werten wir sie nicht mit epischem Maß: sie sind längst nicht +mehr Literatur, sondern irgendwie geheime Anfänge, prophetische +Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom neuen Menschen. So +sehr er die Kunst liebt, Dostojewski, sie ist ihm nicht das Letzte, und +wie alle seine erlauchten russischen Ahnen empfindet er sie nur als +Brücke des Bekenntnisses vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns nur: +Gogol wirft nach den »Toten Seelen« die Literatur fort und wird +Mystiker, geheimnisvoller Bote des neuen Rußlands, Tolstoi verflucht, +ein Sechzigjähriger, die Kunst, die eigene und die fremde, und wird +Evangelist der Güte und Gerechtigkeit, Gorki verzichtet auf den Ruhm +und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat bis zur letzten +Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er gestaltet, ist längst +nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen engen Sinne, sondern das +Evangelium des Dritten Reiches, irgendein Mythus der neuen russischen +Welt, eine apokalyptische Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst war +dem ewig Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein Ende war im Endlosen. +Sie war ihm nur eine Stufe und nicht der Tempel selbst. In der +Vollkommenheit seiner Werke ist noch ein Größeres, das sich in Worte +nicht mehr gestaltet, und eben weil dies Letzte in ihnen nur geahnt und +nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie Wege zur Vollendung +des Menschen und der Menschheit. + + + DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN + + »Daß du nicht enden kannst, das + macht dich groß.« Goethe + +Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten um die Gegenwart: +wer ins Zukünftige will, muß sie überschreiten. Denn die Natur will +kein Innehalten im Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und +liebt doch nur den, der sie zerstört um einer neuen Ordnung willen. +Immer schafft sie sich in einzelnen Menschen durch Übermaß ihrer +eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die von den heimischen Ländern der +Seele in die dunklen Ozeane des Unbekannten hinausfahren zu neuen Zonen +des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne diese kühnen Überschreiter +wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre Entwicklung ein Kreisgang. +Ohne diese großen Boten, in denen sie sich gleichsam selbst vorauseilt, +wäre jede Generation unkund ihres Weges. Ohne diese großen Träumer +wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten Sinn. Nicht die ruhigen +Erkenner, die Geographen der Heimat, haben die Welt weit gemacht, +sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien +fuhren: nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben die moderne +Seele in ihrer Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen unter den Dichtern, +die Überschreiter der Grenzen. + +Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur ist Dostojewski +in unseren Tagen der größte gewesen, und keiner hat so viel Neuland +der Seele entdeckt als dieser Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach +seinem eignen Wort »das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war +wie die Erde selbst«. Nirgends hat er innegehalten, »überall habe ich +die Grenze überschritten,« schreibt er stolz und selbstanklagend in +einem Briefe, »überall«. Und unmöglich ist es fast, alle seine Taten +aufzuzählen, die Wanderungen über die eisigen Grate des Gedankens, die +Niederstiege zu den verborgensten Quellen des Unbewußten, die Aufstiege, +die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege zu den schwindelnden +Gipfeln des Selbsterkennens. Wo kein gewöhnlicher Weg war, er hat ihn +beschritten, wo Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie +hat die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die Mystik ihres +seelischen Wesens erkannt, sie ist wacher und bewußter geworden in +seinem Blick und gleichzeitig geheimnisvoller und göttlicher in seinem +Gefühl. Ohne ihn, den großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die +Menschheit weniger um ihr eingeborenes Geheimnis, weiter als je blicken +wir von der Höhe seines Werkes in das Zukünftige hinein. + +Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste Ferne, die er +uns auftat, war Rußland. Er hat seine Nation für die Welt entdeckt, +unser europäisches Bewußtsein erweitert, als erster die Seele des +Russen uns als Fragment und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen +lassen. Vor ihm bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den Übergang +gegen Asien, einen Fleck Landkarte, ein Stück Vergangenheit unserer +eigenen barbarischen, überwundenen Kulturkindheit. Er aber zeigte als +erster uns die zukünftige Kraft in dieser Öde, seit ihm fühlen wir +Rußland als eine Möglichkeit neuer Religiosität, als ein kommendes Wort +im großen Gedichte der Menschheit. Er hat das Herz der Welt so reicher +gemacht um eine Erkenntnis und um eine Erwartung. Puschkin (der uns ja +schlecht zugänglich ist, weil sein poetisches Medium in jeder Übertragung +die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die russische Aristokratie +gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, patriarchalischen bäurischen +Menschen, die Wesen der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er +entzündet uns die Seele mit der Verkündung neuer Möglichkeiten, erst er +entflammt den Genius dieser neuen Nation und läßt uns fast sehnsüchtig +werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und Seelenanfang seines +Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten Europa einglühe. +Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, daß wir alles, was wir +von Rußland wußten, nur durch ihn wußten und daß er es uns möglich +gemacht, dieses Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden. + +Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle Erweiterung des +Weltwissens um die Idee Rußlands (denn diese hätte vielleicht schon +Puschkin erreicht, wäre ihm nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die +Brust gefahren) ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen +Selbstwissens, die ohne Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski ist +der Psychologe der Psychologen. Die Tiefe des menschlichen Herzens +zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das Unterbewußte, das Unergründliche +ist seine wahre Welt. Seit Shakespeare haben wir nicht soviel vom +Geheimnis des Gefühls und den magischen Gesetzen seiner Verschränkung +gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades wiederkehrte, von +der unterirdischen Welt, erzählt er von der Unterwelt der Seele. Denn +auch er, wie Odysseus, war begleitet von einem Gotte, von einem Dämon. +Seine Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der gemeine +Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd in Zustände der Angst +und des Grauens, die schon jenseits des Lebens liegen, ließen ihn erst +atmen in dieser bald frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten +und Überlebendigen. Wie die Nachttiere in der Finsternis sehen, sieht +er in den Dämmerzuständen klarer wie andere am lichten Tag. In den +feurigen Elementen, wo andere verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige +Wärme des Gefühls; er ist weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen +und hat in der kranken gehaust und damit im tiefsten Geheimnis des +Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn ins Gesicht geleuchtet, wie ein +Mondsüchtiger ist er sicher über die Spitzen des Gefühls geschritten, +von denen die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht abstürzen. Dostojewski +ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten gedrungen als die Ärzte, die +Juristen, die Kriminalisten und Psychopathen. Alles was die Wissenschaft +erst später entdeckte und benannte, was sie in Experimenten gleichsam +wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, alle die +telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen Phänomene, hat +er voraus geschildert aus jener mystischen Fähigkeit des hellseherischen +Mitwissens und Mitleidens. Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des +Geistes), bis an die Klippe des Verbrechens (den Exzeß des Gefühls) +hat er den Phänomenen der Seele nachgespürt und unendliche Strecken +seelischen Neulandes damit durchschritten. Eine alte Wissenschaft +schlägt mit ihm das letzte Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt +in der Kunst eine neue Psychologie. + +Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft der Seele hat ihre +Methoden, auch die Kunst, die vorerst durch die Zeiten eine unendliche +Einheit scheint, ewig neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des +Wissens, Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung und +Determinierung, und so wie etwa die Chemie durch Experimente die Anzahl +der Urelemente, der anscheinend unteilbaren, immer mehr verringert hat +und im scheinbar Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst +die Psychologie durch immer weiter schreitende Differenzierung die +Einheit des Gefühls in eine Unendlichkeit von Trieb und Widertrieb auf. +Trotz aller vorausschauenden Genialität einiger einzelner Menschen ist +eine Grenzlinie zwischen der alten Psychologie und der neuen nicht zu +verkennen. Von Homer und weit bis nach Shakespeare gibt es eigentlich +nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der Mensch ist noch Formel, eine +Eigenschaft in Fleisch und Knochen: Odysseus ist listig, Achilles +mutig, Ajax zornvoll, Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat +dieser Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres Willens. +Und noch Shakespeare, der Dichter an der Wende der alten und der neuen +Kunst, zeichnet seine Menschen so, daß immer eine Dominante die +widerstreitende Melodik ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es +auch, der den ersten Menschen aus dem seelischen Mittelalter in unsere +neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem Hamlet erschafft er die erste +problematische Natur, den Ahnherrn des modernen differenzierten +Menschen. Hier ist zum ersten Male im Sinne der neuen Psychologie der +Wille durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der Selbstbetrachtung +in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst wissende Mensch +gestaltet, der zwiefach lebt, außen und innen zugleich, im Handeln +denkend, im Denken sich verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum +erstenmal sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen +fühlen, freilich noch aus einer Dämmerung des Bewußtseins heraus: noch +ist er, der Dänenprinz, umwoben vom Requisit einer abergläubischen +Welt, noch wirken Zaubertränke und Geister auf seinen beunruhigten +Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber doch, hier ist er schon vollendet, +das ungeheuere psychologische Geschehnis der Verzweifachung des Gefühls. +Der neue Kontinent der Seele ist entdeckt, die zukünftigen Forscher haben +freie Bahn. Der romantische Mensch Byrons, Goethes, Shelleys, Child +Harold und Werther, den leidenschaftlichen Widerspruch seines Wesens zur +nüchternen Welt im ewigen Gegensatz empfindend, fördert durch seine +Unruhe die chemische Zersetzung der Gefühle. Die exakte Wissenschaft +gibt inzwischen noch manche wertvolle Einzelerkenntnis. Dann kommt +Stendhal. Er weiß schon mehr als alle früheren von der kristallinischen +Bildung der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit der +Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen Widerstreit der Brust um jeden +einzelnen ihrer Entschlüsse. Aber die seelische Trägheit seines Genies, +die spaziergängerische Lässigkeit seines Charakters vermögen noch nicht +die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen. + +Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der ewige Dualist, +dringt ein in das Geheimnis. Er oder keiner schafft die vollkommene +Analyse des Gefühls. Bei Dostojewski ist die Einheit des Gefühls in +eine Masse zerrissen, als wäre seinen Menschen eine andere Seele +eingebaut wie all den früheren. Die kühnsten Seelenanalysen aller +Dichter vor ihm scheinen irgendwie oberflächenhaft neben seinen +Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein Lehrbuch der Elektrotechnik +wirken mag, das 30 Jahre alt ist, in dem eben nur die Anfangsgründe +angedeutet und das Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist. Nichts ist +in seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element -- alles +Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, Übergangsform. In +unendlicher Verkehrung und Verwirrung taumelt und schwankt die +Empfindung zur Tat, ein rasender Tausch von Wille und Wahrheit +schüttelt die Gefühle durcheinander. Immer meint man, schon am letzten +Grunde eines Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu sein, und immer +wieder deutet es wieder weiter zurück in ein anderes. Haß, Liebe, +Wollust, Schwäche, Eitelkeit, Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht, +alle Triebe sind ineinander verschlungen in ewigen Verwandlungen. Die +Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in Dostojewskis Werk. Es +gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach Reinheit, Verbrecher aus +Gier nach der Reue, Mädchenschänder aus Verehrung der Unschuld, +Gotteslästerer aus religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen begehren, +tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein wie auf Erfüllung. +Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, ist nichts anderes als eine +verborgene Scham, ihre Liebe ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine +verborgene Liebe. Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm +Lüstlinge aus Gier nach dem Leiden und wieder Selbstquäler aus Gier nach +der Lust, in rasendem Kreislauf dreht sich der Wirbel ihres Wollens. In +der Begierde genießen sie schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in +der Tat genießen sie die Reue und in der Reue wieder, rückfühlend, die +Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und Unten, eine Vervielfachung der +Empfindungen bei ihnen. Die Taten ihrer Hände sind nicht die ihrer +Herzen, die Sprache ihrer Herzen wieder nicht die ihrer Lippen, jedes +einzelne Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit. Nie +wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des Gefühls zu fassen, +nie einen Menschen im Netz eines Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne +Fedor Karamasoff einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen, +aber doch, ist nicht Swidrigailoff auch einer und jener namenlose +Student in den »Werdenden«, und doch: welche Welt zwischen ihnen und +ihren Gefühlen! Bei Swidrigailoff ist die Wollust eine kalte, seelenlose +Ausschweifung, er ist der berechnende Taktiker seiner Unzucht. +Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur +Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer Trieb, sich in das Niederste +des Lebens noch einzumengen, nur weil es Leben ist, sein Unterstes, +seinen Absud noch zu genießen aus einer Ekstase der Vitalität. Jener ist +Wollüstling aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, was bei diesem +kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem eine chronische Entzündung. +Swidrigailoff wieder ist der Mittelmensch der Wollust, der »Lasterchen« +hat statt der Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der +Sinne, und jener, der namenlose Student der »Werdenden«, wiederum ist +Perversion geistiger Bosheit ins Sexuelle. Man sieht, Welten des Gefühls +stehen zwischen diesen Menschen, die sonst ein einziger Begriff +zusammenfaßt, und so wie hier die Wollust differenziert ist und aufgelöst +in ihre geheimnisvollen Verwurzlungen und Komponenten, so ist bei +Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer zurückgeführt in die letzte +Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, in jenen letzten Gegensatz +zwischen Ich und Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und Demut, +Verschwendung und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft, zentripetale +und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung oder Selbstvernichtung, Ich +oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare nennen, wie es der Augenblick +fordert, immer sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen +Geist und Fleisch. Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden Vielfalt +des Gefühls, von unserer seelischen Gemengtheit so viel gewußt. + +Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des Gefühls bei +Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner Taten, daß er den +Roman, ja die ganze Literatur, die seit Hunderten von Jahren, seit der +Antike, immer nur in diesem Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als +in den Urquell alles Seins gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch +höher hinauf, in letzte Erkenntnisse geführt hat. Liebe, anderen +Dichtern der Endzweck des Lebens, das Erzählungsziel des Kunstwerkes, +ihm ist sie nicht Urelement, sondern nur Stufe des Lebens. Für die +anderen dröhnt die glorreiche Sekunde der Versöhnung, der Ausgleich +aller Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht und +Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle lösen. Im letzten Grunde +ist bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich +primitiv im Vergleich zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an, +ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie, +unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des Lebens. Und der +Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die Begehrte, er ist +unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt sein ist der Himmel +der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher. +Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie noch nicht die +Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich, +sondern erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde und +darum ein Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den +gemeinen Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben, +so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr +durchschüttelt von allem Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick, +da Liebe sich von Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht +versinken in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern. +Sie machen, echte Kinder seiner Entzweiung, nicht halt in dieser +letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte Gleichung des Augenblicks +(den alle anderen als den schönsten ersehnen), daß Geliebter und +Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies +Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das +Grenzenlose. Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie +geliebt werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein, +derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger empfängt, und sie +steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen des Gefühls, bis es +gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als +sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich, +wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet werden, +denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür +verlangen, und darum ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß +immer so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem Haß. Aber +auch in den kurzen Intervallen, da sie einander gleichsam konzentriert +lieben, ist die Einheit des Gefühls noch einmal gesprengt, denn nie +können Dostojewskis Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften +ihrer Sinne und Seele einander lieben. Sie lieben mit der einen oder +mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist bei ihnen in Harmonie. Man +sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie Kundrys, gleichzeitig in zwei +Welten des Gefühles lebend, mit ihrer Seele dem heiligen Gral dienend +und gleichzeitig wollüstig ihren Leib verbrennend in den Blumenhainen +Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der kompliziertesten bei +anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein selbstverständliches bei +Dostojewski. Nastassja Philipowna liebt in ihrem spirituellen Wesen +Myschkin, den sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit geschlechtlicher +Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür reißt sie sich +von dem Fürsten los in das Bett des anderen, vom Gelage des Trunkenen +stürzt sie zurück zu ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und +sieht erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper schläft +gleichsam im hypnotischen Schlaf, während ihre Seele sich in Ekstase dem +anderen zuwendet. Und ebenso Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt +ihren ersten Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit +ihrer Verehrung schon ganz unkörperlich Aljoscha. Die Mutter des +»Jünglings« liebt aus Dankbarkeit ihren ersten Mann und gleichzeitig aus +Sklaverei, aus übersteigerter Demut Wersiloff. Unendlich, unermeßlich +sind die Verwandlungen des Begriffes, den die anderen Psychologen unter +dem Namen »Liebe« leichtfertig zusammenfaßten, so wie Ärzte vergangener +Zeiten ganze Gruppen von Krankheiten in einen Namen drängten, für die +wir heute hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe kann bei +Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), Mitleid (Dunia), Trotz +(Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor Karamasoff), Selbstvergewaltigung, +immer aber steht hinter der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl. +Nie ist Liebe bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen, +Wunder: immer erklärt, zerlegt er das leidenschaftlichste Gefühl. O, +unendlich, unendlich diese Verwandlungen, und jede einzelne wieder in +allen Farben schillernd, von Kälte zu Frost erstarrend und wieder +erglühend, unendlich und undurchdringlich wie die Vielfalt des Lebens. +Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht Dimitri auf einem +Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt sie, und sie haßt ihn. +Er nimmt Rache, er erniedrigt sie, -- und sie liebt ihn, oder eigentlich +sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie +opfert sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre +eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie +ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß +fährt los auf sein Leben und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie +es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart, +ihre Erniedrigung gerächt ist, -- liebt sie ihn wieder! So kompliziert +ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. Wie es vergleichen mit den +Büchern, die schon bei der letzten Seite sind, wenn die beiden einander +lieben und durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo die +anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will +nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph +der Welt. Er knüpft wieder an die große Tradition der Antike an, wo +nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle Götter zu +bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war. Bei ihm hebt sich der +Mensch wieder auf, nicht mit dem Blick zu den Frauen, sondern mit der +offenen Stirne zu seinem Gott. Seine Tragödie ist größer als die von +Geschlecht zu Geschlecht und vom Mann zum Weib. + +Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, in dieser +restlosen Auflösung der Empfindung erkannt, so weiß man: es gibt von +ihm keinen Weg wieder zurück ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft +sein, so darf sie von nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des +Gefühls aufstellen, die er zerschlagen, nie mehr den Roman in die +kleinen Kreise der Gesellschaft und Gefühle sperren, nie mehr das +geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten wollen, das er +durchleuchtet. Als erster hat er uns die Ahnung des Menschen gegeben, +die Wir als erste selbst sind, im Gegensatz zu der Vergangenheit, +differenzierter im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis als alle +früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel wir in den fünfzig Jahren +seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher +geworden sind, wie viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in +unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, das er als +erster beschritten, ist vielleicht schon unser Land, die Grenzen, die +er überwunden, unsere sichere Heimat. + +Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt erleben, hat er +uns prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe des Menschen ein neues Maß +gegeben: nie hat ein Sterblicher vor ihm so viel vom unsterblichen +Geheimnis der Seele gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen um +uns selbst erweitert, so viel wir an ihm gelernt, nie verlernen wir an +seiner Erkenntnis das hohe Gefühl, demütig zu sein und das Leben als +etwas Dämonisches zu empfinden. Daß wir bewußter wurden durch ihn, hat +uns nicht freier gemacht, sondern nur gebundener. Denn so wenig die +modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als elektrisches Phänomen, +als Spannung und Entladung der Atmosphäre erkennen und benennen, als +minder gewaltig empfinden wie die vorherigen Geschlechter, so wenig +kann unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im Menschen +die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. Gerade Dostojewski, der +alle Einzelheiten der Seele uns wissend zeigte, dieser große Zerleger, +dieser Anatom des Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres +Weltgefühl als alle Dichter unserer Zeit. Und der so tief den Menschen +gekannt wie keiner vor ihm, hat wie keiner Ehrfürchtigkeit vor dem +Unbegreiflichen, das ihn gestaltet: vor dem Göttlichen, vor Gott. + + + DIE GOTTESQUAL + + »Gott hat mich mein ganzes Leben + lang gequält.« Dostojewski + +»Gibt es einen Gott oder nicht?« fährt Iwan Karamasoff in jenem +furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger, den Teufel, an. Der +Versucher lächelt. Er hat keine Eile zu antworten, die schwerste Frage +einem gemarterten Menschen abzunehmen. »Mit grimmiger Hartnäckigkeit« +dringt Iwan nun in seiner Gottesraserei auf den Satan ein: er soll, er +muß ihm Antwort stehen in dieser wichtigsten Frage der Existenz. Aber +der Teufel schürt nur den Rost der Ungeduld. »Ich weiß es nicht«, +antwortet er dem Verzweifelten. Nur um den Menschen zu quälen, läßt er +ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm die Gottesqual. + +Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er selbst haben diesen +Satan in sich, der die Gottesfrage stellt und nicht beantwortet. Allen +ist jenes »höhere Herz« gegeben, das fähig ist, sich mit diesen +qualvollen Fragen zu quälen. »Glauben Sie an Gott«, herrscht Stawrogin, +ein anderer, Mensch gewordener Teufel, plötzlich den demütigen Schatow +an. Wie einen Brandstahl stößt er ihm die Frage mörderisch ins Herz. +Schatow taumelt zurück. Er zittert, er wird bleich, denn gerade die +Aufrichtigsten bei Dostojewski zittern vor diesem letzten Bekenntnis +(und er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen Ängsten). Und erst +wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt, stammelt er aus blassen +Lippen die Ausflucht: »Ich glaube an Rußland.« Und nur um Rußlands +willen bekennt er sich zu Gott. + +Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke Dostojewskis, der +Gott in uns, der Gott außer uns und seine Erweckung. Als echtem Russen, +dem größten und wesenhaftesten, den dies Millionenvolk gebildet, ist +ihm nach seiner eigenen Definition diese Frage um Gott und die +Unsterblichkeit die »wichtigste des Lebens«. Keiner seiner Menschen +kann der Frage entweichen: sie ist ihm angewachsen als Schatten seiner +Tat, bald ihnen vorauslaufend, bald ihnen als Reue im Rücken. Sie +können ihr nicht entfliehen, und der einzige, der versucht, sie zu +verneinen, dieser ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den +»Dämonen«, muß sich selbst töten, um Gott zu töten -- und beweist +damit, leidenschaftlicher als die anderen, seine Existenz und +Unentrinnbarkeit. Man blicke doch auf seine Gespräche, wie die Menschen +vermeiden wollen, von Ihm zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und +ausbiegen: sie möchten immer gern unten bleiben im niedern Gespräch, im +»small talk« des englischen Romans, sie reden von der Leibeigenschaft, +von Frauen, von der Sixtinischen Madonna, von Europa, aber die +unendliche Schwerkraft der Gottesfrage hängt sich an jedes Thema und +zieht es schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede +Diskussion bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken oder beim +Gottesgedanken -- und wir sehen, daß diese beiden Ideen für ihn eine +Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in +ihren Gefühlen auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen +unvermeidlich vom Praktischen und Tatsächlichen in das Abstrakte, vom +Endlichen ins Unendliche, immer ans Ende. Und aller Fragen Ende ist die +Gottesfrage. Sie ist der innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in +sich reißt, der schwärende Splitter in ihrem Fleische, der ihre Seelen +mit Fieber erfüllt. + +Mit Fieber. Denn Gott -- Dostojewskis Gott -- ist das Prinzip aller +Unruhe, weil er, Urvater der Kontraste, zugleich das Ja und das Nein +ist. Nicht wie auf den Bildern der alten Meister, in den Schriften der +Mystiker ist er die sanfte Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches +Erhobensein -- Dostojewskis Gott ist der springende Funke zwischen den +elektrischen Polen der Urkontraste, er ist kein Wesen, sondern ein +Zustand, ein Spannungszustand, ein Verbrennungsprozeß des Gefühls, er +ist Feuer, ist die Flamme, die alle Menschen erhitzt und überkochen +macht in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus ihrem warmen +ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt in alle +Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt in den brennenden +Dornbusch ihrer Laster. Er ist, wie seine Menschen, wie der Mensch, der +ihn schuf, ein ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt, +kein Gedanke erschöpft, keine Hingabe befriedigt. Er ist der ewig +Unerreichbare, ist aller Qualen Qual, und mitten aus Dostojewskis Brust +bricht darum Kirillows Schrei: »Gott hat mich mein ganzes Leben lang +gequält.« + +Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und findet ihn doch +nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören, und schon umfaßt ihn +seine Ekstase, da klirrt sein Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde. +Keiner hat das Gottesbedürfnis stärker erkannt. »Gott ist mir deshalb +notwendig,« sagt er einmal, »weil er das einzige Wesen ist, das man +immer lieben kann«, und ein anderes Mal: »Es gibt keine unaufhörlichere +und quälendere Angst für den Menschen, als etwas zu finden, vor dem er +sich beugen kann.« Sechzig Jahre leidet er an dieser Gottesqual und +liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt ihn mehr als alles, weil er +das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den tiefsten Gedanken +seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre kämpft er sich zu ihm und lechzt +»wie trockenes Gras« nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine +Einheit, der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene durch alle +Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende den Ausgang, die +Ruhe, das Meer. So träumt er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur +als Feuer. Er möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen +im Geiste, um in ihn eingehen zu können, möchte glauben können im +Köhlerglauben, wie die »zehn Pud dicke Kaufmannsfrau«, möchte es +aufgeben, der Wissendste, der Bewußte zu sein, um der Gläubige zu +werden, wie Verlaine fleht er: »Donnez-moi de la simplicité.« Das +Gehirn verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe, tierhaft +dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich ihm entgegen, er tobt +brünstig, er schreit, er wirft die Harpunen der Logik aus, ihn zu +fassen, legt ihm die verwegensten Fuchsfallen der Beweise; wie ein +Pfeil schießt seine Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach +Gott ist seine Liebe, eine »fast unanständige Leidenschaft«, ein +Paroxysmus, ein Überschwang. + +Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch glauben will? +War Dostojewski, der beredteste Anwalt der Rechtgläubigkeit, der +Pravoslavie selbst ein Bekenner, ein poeta christianissimus? Sicherlich +in Sekunden: da zuckt sein Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er +sich ein in Gott, da hält er die Harmonie, die irdisch versagte, in +Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines Zwiespaltes, auferstanden in +den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend etwas bleibt auch dann noch +wach in ihm und schmilzt nicht hin im Seelenbrand. Während er schon +ganz aufgelöst scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt jener +grausame Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und mißt das Meer +aus, in das er versinken will. Der unerbittliche Doppelgänger wehrt +sich gegen die Aufgabe der Persönlichkeit. Auch im Gottesproblem klafft +der unheilbare Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den +kein Irdischer bisher zu solcher Spannweite des Abgrunds aufgerissen +wie Dostojewski. Er ist der Gläubigste aller und der äußerste Atheist +in einer Seele, er hat in seinen Menschen die polarsten Möglichkeiten +beider Formen gleich überzeugend dargestellt (ohne sich selbst zu +überzeugen, ohne sich selbst zu entscheiden), die Demut, sich +hinzugeben, sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und andererseits +das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: »Erkennen, daß ein Gott +ist, und gleichzeitig erkennen, daß man nicht zum Gott geworden ist, +wäre ein Unsinn, durch den man zum Selbstmord getrieben wird.« Und sein +Herz ist bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner, bei +Aljoscha und bei Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich nicht in dem +unablässigen Konzil seiner Werke, bleibt bei den Bekennern und den +Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja +und Nein, den beiden Polen der Welt. Auch vor Gott bleibt Dostojewski +der große Ausgestoßene der Einheit. + +So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur Höhe der +Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der ewig Bemühte zu Gott, +den er nie erreicht. Aber irre ich denn nicht: ist Dostojewski nicht +den Menschen der große Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine +Werke der große orgelnde Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle seine +politischen, seine literarischen Schriften einhellig diktatorisch, +unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine Existenz, dekretieren sie denn +nicht die Rechtgläubigkeit, verwerfen sie nicht den Atheismus als das +äußerste Verbrechen? Aber man verwechsle hier nicht Wille mit Wahrheit, +nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens. Dostojewski, der +Dichter der ewigen Umkehrung, dieser fleischgewordene Kontrast, predigt +den Glauben als Notwendigkeit, predigt ihn um so inbrünstiger den +anderen als -- er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen, +sicheren, ruhenden, vertrauenden Glaubens, der »geklärte Begeisterung« +als höchste Pflicht formuliert). Von Sibirien schreibt er an eine Frau: +»Ich will Ihnen von mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein +Kind des Unglaubens und des Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja, +ich weiß es bestimmt, daß ich es bis an mein Lebensende bleiben werde. +Wie entsetzlich quälte mich und quält mich auch jetzt die Sehnsucht +nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr ich Gegenbeweise +habe.« Nie hat er es klarer gesagt: er hat Sehnsucht nach dem Glauben +aus Glaubenslosigkeit. Und hier ist eine jener erhabenen Umwertungen +Dostojewskis: eben weil er =nicht= glaubt und die Qual dieses +Unglaubens kennt, weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual immer +nur für sich liebt und Mitleid hat mit den andern -- darum predigt er +den andern den Glauben an einen Gott, den er selbst nicht glaubt. +Der Gottgequälte will eine gottselige Menschheit, der schmerzlich +Glaubenslose die glücklich Gläubigen. An das Kreuz seines Unglaubens +genagelt, predigt er dem Volke die Orthodoxie, er vergewaltigt seine +Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt, und predigt +die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen Bauernglauben. Er, +der »kein Senfkorn Glauben hat«, der gegen Gott revoltierte und, wie er +selbst stolz sagte, »den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt hat, +wie niemand in Europa«, er verlangt die Unterwürfigkeit unter das +Popentum. Um die Menschen vor der Gottesqual zu behüten, die er wie +keiner im eigenen Fleische erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn +er weiß: »Das Schwanken, die Unruhe des Glaubens -- das ist für einen +gewissenhaften Menschen eine solche Qual, daß es besser ist, sich zu +erhängen.« Er selbst ist ihr nicht ausgewichen, als Märtyrer hat er +den Zweifel auf sich genommen. Aber der Menschheit, der unendlich +geliebten, will er ihn ersparen, wie sein Großinquisitor will er der +Menschheit die Qual der Gewissensfreiheit sparen und sie einwiegen in +den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt hochmütig die +Wahrheit seines Wissens zu verkünden, die demütige Lüge eines Glaubens. +Er verschiebt das religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus +des göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet er auf +die Frage: »Glauben Sie an Gott?« in der aufrichtigsten Konfession +seines Lebens: »Ich glaube an Rußland.« + +Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung: Rußland. +Hier ist sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier wird es Dogma. Gott hat +ihm geschwiegen: so schafft er sich als Mittler zwischen sich und +dem Gewissen selbst einen Christus, den neuen Verkünder einer neuen +Menschheit, den russischen Christus. Aus der Wirklichkeit, aus der +Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis einem Unbestimmten +entgegen -- denn nur einem Unbestimmten, einem Grenzenlosen kann dieser +Maßlose sich ganz hingeben -- in die ungeheuere Idee Rußland, in +dieses Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner Gläubigkeit. Ein +anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus, ohne ihn +geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem Namen, in Rußlands Namen +für die Welt. + +Diese seine messianischen Schriften -- es sind die politischen Aufsätze +und manche Ausbrüche der Karamasoff -- sind dunkel. Verworren +enttaucht ihnen dieses neue Christusantlitz, der neue Erlösungs- und +Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, +strengen Falten. Wie von den alten rauchgeschwärzten Ikonen starren +fremde stechende Augen uns an, Inbrunst, unendliche Inbrunst in sich, +aber auch Haß und Härte. Und furchtbar ist Dostojewski selbst, wenn +er diese russische Erlösungsbotschaft uns Europäern wie verlorenen +Heiden kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch, das +byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so steht der Politiker, +der religiöse Fanatiker uns gegenüber. Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter +in mystischen Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre, +in dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose Leidenschaft. +Mit Keulen schlägt er jeden Einwand nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit +Hochmut, funkelnd von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht +vor seinem Munde, und mit zitternden Händen schleudert er den Exorzismus +über unsere Welt. + +Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her über die +Heiligtümer der europäischen Kultur. Alles stampft er nieder, der große +Tobsüchtige, von unseren Idealen, um seinem neuen, dem russischen +Christus, den Weg zu bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine +moskowitische Unduldsamkeit. Europa, was ist es? Ein Kirchhof, mit +teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von Fäulnis, nicht +einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die blüht einzig aus russischer +Erde. Die Franzosen -- eitle Laffen, die Deutschen -- ein niedriges +Wurstmachervolk, die Engländer -- Krämer der Vernünftelei, die Juden -- +stinkender Hochmut. Der Katholizismus -- eine Teufelslehre, eine +Verhöhnung Christi, der Protestantismus -- ein vernünftlerischer +Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig wahren Gottesglaubens: der +russischen Kirche. Der Papst -- der Satan in der Tiara, unsere Städte +-- Babylon, die große Hure der Apokalypse, unsere Wissenschaft -- ein +eitles Blendwerk, Demokratie -- die dünne Brühe weicher Gehirne, +Revolution -- ein loses Bubenstück von Narren und Genarrten, Pazifismus +-- ein Altweibergeschwätz. Alle Ideen Europas ein verblühter, +verwelkter Blumenstrauß, gut genug, in die Jauche geschmissen zu +werden. Nur die russische Idee ist die einzig wahre, einzig große, +einzig richtige. Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber weiter, +jeden Einwand mit dem Dolche niederstoßend: »Wir verstehen euch, aber +ihr versteht nicht uns« -- schon bricht jede Diskussion blutend +zusammen. »Wir Russen sind die Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten«, +dekretiert er. Rußland allein ist richtig und alles in Rußland, der Zar +und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika und die Ikone, und um so +richtiger, je mehr es antieuropäisch, asiatisch, mongolisch, tatarisch, +um so richtiger, als es konservativ, rückständig, unfortschrittlich, +ungeistig, byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der große +Übertreiber! »Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten«, jauchzt er auf. +»Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber +nach Sibirien, das neue Rußland ist das Dritte Reich.« Diskussion +darüber duldet dieser gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder +die Vernunft! Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu bekennen +ist. »Man versteht Rußland nicht mit der Vernunft, sondern mit dem +Glauben.« Wer ihm nicht in die Knie stürzt, ist der Feind, der +Antichrist: Kreuzzug wider ihn! Hell schmettert er in die Fanfare des +Krieges. Zerstampft muß Österreich werden, der Halbmond von der Hagia +Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt, England besiegt +-- ein wahnwitziger Imperialismus hüllt seinen Hochmut in mönchische +Kutte und ruft: 'Dieu le veut.' Um des Gottesreiches willen die ganze +Welt für Rußland. + +Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir sind die Heiden. +Nichts errettet uns Verworfene aus dem Fegefeuer unserer Schuld: wir +haben die Erbsünde begangen, keine Russen zu sein. Unserer Welt ist +kein Raum in diesem neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische +Welt untergehen im russischen Weltreiche, im neuen Gottesreiche, dann +erst kann sie erlöst werden. Wörtlich sagt er: »Jeder Mensch muß +vorerst Russe werden.« Dann erst beginnt die neue Welt. Rußland ist das +Gottträgervolk: erst muß es noch mit dem Schwerte die Erde erobern, +dann erst wird es sein »letztes Wort« der Menschheit sagen. Und dieses +letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung. Für ihn besteht das +russische Genie in der Fähigkeit, alles zu verstehen, alle Gegensätze +zu lösen. Der Russe ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im +höchsten Sinn. Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche sein, +die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung statt der +Unterordnung. Und es klingt wie ein Prolog zu den Ereignissen dieses +Krieges (der in seinem Anbeginn so genährt war von seinen Ideen, wie in +seinem Ende von jenen Tolstois), wenn er sagt: »Wir werden die ersten +sein, die der Welt verkünden, daß wir nicht durch Unterdrückung der +Persönlichkeit und fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen +wollen, sondern im Gegenteil letzteres nur in der freiesten und +selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der brüderlichen +Vereinigung suchen.« Lenin und Trotzky sind in dieser Verheißung, +gleichzeitig aber auch der Krieg, den er, der ewige Anwalt des Anspannens +aller Gegensätze, so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als +Ziel, aber Rußland als der einzige Weg -- »von Osten her wird die Erde +erschaffen«. Über die Berge des Ural wird das ewige Licht aufsteigen und +das schlichte Volk, nicht der wissende Geist, nicht die europäische +Kultur, mit seinen dunklen Geheimnissen der Erde verbundenen Kräften +unsere Welt erlösen. Statt der Macht wird die werktätige Liebe sein, +statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche Gefühl, +der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung bringen, die +Auflösung der Gegensätze. Und der Tiger wird neben dem Lamme weiden und +der Rehbock neben dem Löwen -- wie zittert Dostojewskis Stimme, wenn er +vom Dritten Reich spricht, vom Allrußland der Erde, wie bebt er selbst +in der Ekstase der Gläubigkeit, wie wunderbar ist er, der Wissendste +aller Wirklichkeiten, in seinem messianischen Traum. + +Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein träumt Dostojewski +diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung der Gegensätze, die er +in seinem Leben, in der Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre +vergeblich gesucht. Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder +das mystische, das politische oder das prophetische? Wie immer bei +Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich, von einem Leidenschaftlichen +Logik zu verlangen und von einem Dogma seine Begründung. In den +messianischen Schriften Dostojewskis, den politischen, den literarischen +Werken, taumeln die Begriffe wie rasend durcheinander. Bald ist Rußland +Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des Großen, bald das neue +Rom, die Vereinigung des Geistes und der Macht, Tiara und Kaiserkrone, +seine Hauptstadt bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das neue +Jerusalem. Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln brüsk mit +machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten, politische Horoskope von +verblüffender Treffsicherheit mit phantastischen apokalyptischen +Verheißungen. Bald jagt er den Begriff Rußland in die Enge der +politischen Stunde, bald schnellt er ihn in das Grenzenlose empor -- +auch hier wie im Kunstwerk die gleiche zischende Mischung von Wasser und +Feuer, von Realismus und Phantastik offenbarend. Der Dämonische in ihm, +der rasende Übertreiber, in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen, +hier lebt er sich aus in pythischen Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst +seiner glühenden Leidenschaft predigt er Rußland als das Heil der Welt, +die alleinmachende Seligkeit. Nie ward eine Nationalidee hochmütiger, +genialer, werbender, verführender, berauschender, ekstatischer Europa +als Weltidee verkündet, wie die russische in den Büchern Dostojewskis. + +Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint dieser Fanatiker +seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische russische Mönch, +dieser hochmütige Pamphletist, dieser unwahrhaftige Bekenner. Aber +gerade er ist notwendig für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit. +Wo immer wir bei Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen wir +seine Notwendigkeit im Kontrast suchen. Vergessen wir nicht: Dostojewski +ist immer ein Ja und Nein, die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung, +der zur Spitze getriebene Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut +ist nur das Widerspiel einer übertriebenen Demut, sein gesteigertes +Volksbewußtsein nur das polare Empfinden seines überreizten persönlichen +Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet sich gleichsam selbst in zwei +Hälften: in Stolz und in Demut. Seine Persönlichkeit erniedrigt er: man +durchsuche die zwanzig Bände seines Werks nach einem einzigen Worte der +Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur Selbstverkleinerung findet +man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung. Und alles, was er an Stolz +besitzt, gießt er aus in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles was +seiner isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem +Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt, erhebt er zur +Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott wird er Gottesprediger, aus dem +Unglauben an sich der Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch +im Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz schlägt, +um die Idee zu erlösen. + +Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar zu werden. Ihn +ausspannen ins Unendliche, damit er die ganze Welt umfasse, und dann die +ihm entspringende Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen +ihr Ideal gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit, indem sie +sich selbst nachbilden, gereinigt, verklärt, verbessert, erhoben, indem +sie den zukünftigen Menschen gewissermaßen als den geläuterten Typus +ihrer selbst betrachten. Dostojewski, der Gegensatzmensch, der +schöpferische Dualist, bildet sein Ideal, seinen Gott, durch die +Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den Lebendigen, zum +Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus dem die neue Form +gegossen wird, seinem Links entspricht ein Rechts im zukünftigen Bilde, +seiner Tiefe eine Erhebung, seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem +Zwiespalt eine Einheit. »Möge ich selbst untergehen, wenn nur die andern +glücklich sind« -- das Wort seines Staretz verwandelt er in Geist. Er +vernichtet sich, um in dem zukünftigen Menschen aufzuerstehen. + +Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht ist. Zu fühlen, +wie er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht denkt. Zu leben, wie er +nicht lebt. Bis in das Kleinste, Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner +individuellen Form entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen +Wesens ein Licht gebildet, aus jedem Dunkel ein Glanz. Aus dem Nein +zu sich selbst schafft er das Ja, das leidenschaftliche zur neuen +Menschheit. Bis ins Körperliche hinein setzt sich diese beispiellose +moralische Verurteilung seines Selbst zugunsten des zukünftigen Wesens +fort, die Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen willen. Man +nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske und lege sie +neben die Bilder jener Menschen, in denen er sein Ideal geformt: neben +Aljoscha Karamasoff, neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin, +diese drei Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die er +entworfen. Und bis ins Kleinste wird hier jede Linie Gegensatz sagen +und Kontrast zu ihm selbst. Dostojewskis Gesicht ist düster, erfüllt +von Geheimnissen und Dunkelheit, jener Antlitz ist heiter und von +friedlicher Offenheit, seine Stimme heiser und abrupt, die jener +Menschen sanft und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen +tief und unruhig -- jener Antlitz ist hell und umrahmt von sanften +Strähnen, ihr Auge glänzt ohne Unruhe und Angst. Ausdrücklich sagt er +von ihnen, daß sie geradeaus schauen und ihr Blick das süße Lächeln +von Kindern hat. Seine Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen +Falten des Hohnes und der Leidenschaft, sie verstehen nicht zu lachen +-- Aljoscha, Sossima haben das freie Lächeln des selbstsichern Menschen +über den weißen Zähnen blinken. Zug um Zug setzt er so sein eigenes Bild +als Negativ gegen die neue Form. Sein Antlitz ist das eines gebundenen +Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet von Gedanken -- +das ihre drückt die innere Freiheit aus, die Hemmungslosigkeit, die +Schwebe. Er ist Zerrissenheit, Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit. +Er der Ichmensch, der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von +allen Enden seines Wesens in Gott überströmt. + +Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung -- nie +war sie vollkommener in allen Sphären des Geistigen und des Sittlichen. +Aus Selbstverurteilung, gleichsam, indem er sich die Adern seines +Wesens aufschneidet, mit dem eigenen Blute malt er das Bild des +zukünftigen Menschen. Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige, +der Mensch der kurzen tigerhaften Ansprünge, seine Begeisterung eine +aus der Explosion der Sinne oder der Nerven aufschießende Stichflamme +-- jene sind die sanft, aber stetig bewegte, keusche Glut. Sie haben +die stille Beharrlichkeit, die weiter reicht als die wilden Sprünge +der Ekstase, sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit +fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten und Beleidigten, +die Gehemmten und Verkrümmten. Mit jedem können sie sprechen, und jeder +fühlt Beruhigung an ihrer Gegenwart -- sie haben nicht die ewige +Hysterie der Angst, zu kränken oder gekränkt zu werden, sie blicken +nicht bei jedem Schritt fragend um sich. Gott quält sie nicht mehr, er +befriedet sie. Sie wissen um alles, aber eben weil sie alles wissen, +verstehen sie auch alles, sie richten nicht und sie verurteilen nicht, +sie grübeln nicht nach den Dingen, sondern glauben sie dankbar. +Seltsam: er, der ewig Beunruhigte, sieht in dem gelassenen, geklärten +Menschen die höchste Form des Lebens, der Zwiespältige postuliert als +letztes Ideal die Einheit, der Empörer die Unterwerfung. Seine +Gottesqual ist in ihnen Gotteslust geworden, seine Zweifel Gewißheit, +seine Hysterie Gesundung, sein Leid ein allumfassendes Glück. Das +Letzte und Schönste der Existenz ist für ihn, was er selbst, der +Bewußte und Überbewußte, nie gekannt und was er darum für den Menschen +als das Erhabenste ersehnt: Naivität, Kindlichkeit des Herzens, die +sanfte, die selbstverständliche Heiterkeit. + +Sehet seine liebsten Menschen, wie sie schreiten: ein sanftes Lächeln +ist auf ihren Lippen, um alles wissen sie und haben doch keinen Stolz, +sie leben im Geheimnis des Lebens nicht wie in einer feurigen Schlucht, +sondern schlagen es blau wie einen Himmel um sich. Sie haben die +Urfeinde der Existenz, sie haben »Schmerz und Angst besiegt« und sind +darum gottselig geworden in der unendlichen Brüderschaft der Dinge. Sie +sind erlöst von ihrem Ich. Höchstes Glück der Erdenkinder ist die +Unpersönlichkeit -- so verwandelt der höchste Individualist die +Weisheit Goethes in einen neuen Glauben. + +Kein Beispiel kennt die Geschichte des Geistes einer ähnlichen +moralischen Selbstvernichtung innerhalb eines Menschen, ähnlich +fruchtbarer Erschaffung des Ideals aus dem Kontrast. Märtyrer seiner +selbst, hat Dostojewski sich ans Kreuz geschlagen: sein Wissen, daß +es den Glauben bezeuge, seinen Körper, daß er durch Kunst den neuen +Menschen zeuge, seine Eigenheit um der Allheit willen. Er will seinen +eigenen Untergang als Typus, damit eine glücklichere bessere Menschheit +entstehe: alles Leiden nimmt er auf sich um das Glück der andern willen. +Und der sich sechzig Jahre gespannt zur schmerzhaftesten Weite seines +Gegensatzes, zerwühlt zu allen Tiefen seines Wesens, damit er Gott und +damit den Sinn des Lebens finde -- er wirft die gehäufte Erkenntnis weg +für eine neue Menschheit, der er sein tiefstes Geheimnis sagt, die +letzte Formel, seine unvergeßlichste: »Das Leben mehr lieben als den +Sinn des Lebens.« + + + VITA TRIUMPHATRIX + + »Wie es auch war, das Leben, es ist schön.« + Goethe + +Wie dunkel der Weg durch Dostojewskis Tiefe, wie düster seine +Landschaft, wie drückend seine Unendlichkeit, geheimnisvoll ähnlich +seinem tragischen Antlitz, das allen Schmerz des Lebens in sich +gemeißelt! Abgründige Höllenkreise des Herzens, purpurne Fegefeuer der +Seele, der tiefste Schacht, den irdische Hand jemals in die Unterwelt +des Gefühles hinabstieß. Wieviel Dunkel in dieser Menschenwelt, wieviel +Leiden in diesem Dunkel! O welche Trauer auf seiner Erde, dieser Erde, +»die mit Tränen getränkt ist bis zu ihrer untersten Kruste«, welche +Höllenkreise in ihrer Tiefe, finsterer als Dante, der Seher, sie vor +einem Jahrtausend erschaut. Unerlöste Opfer ihrer Irdischkeit, Märtyrer +eigenen Gefühles, umschlungen von den Schlangen ihrer Leidenschaft, +gequält von allen Geißeln des Geistes, schäumend im Schwall ohnmächtiger +Empörung, o welche Welt, diese Welt Dostojewskis! Vermauert alle Freude, +verbannt alle Hoffnung, ohne Rettung vor dem Leiden, das, unendlich +getürmte Mauer, um alle seine Opfer steht! -- Kann kein Mitleid sie +erlösen, seine Menschen, aus ihrer eigenen Tiefe, sprengt keine +apokalyptische Stunde diese Hölle, die ein Gottesmensch schuf aus +seiner Qual? + +Tumult und Klage strömt aus dieser Tiefe, wie nie die Menschheit sie +erhört. Nie war mehr Dunkelheit über einem Werk. Selbst Michelangelos +Gestalten sind linder in ihrer Trauer, und über Dantes Tiefe glänzt der +Paradiese seliger Schein. Ist wirklich das Leben nur ewige Nacht in +Dostojewskis Werk und Leiden der Sinn alles Lebens? Zitternd beugt sich +die Seele über den Abgrund und schauert, nur Qual und Klage zu hören +von ihren Brüdern. + +Aber da schwebt ein Wort aus der Tiefe, sanft im Getümmel und doch hoch +sie überschwebend, wie eine Taube aufschwebt über stürmendem Meer. +Sanft ist es gesprochen, und groß ist sein Sinn, selig das Wort: »Meine +Freunde, fürchtet das Leben nicht.« Und es ist ein Schweigen aus diesem +Wort, schauernd lauscht die Tiefe, und sie schwebt, sie überschwebt +alle Qualen, die Stimme, da sie spricht: »Nur durch Qual können wir das +Leben lieben lernen.« + +Wer spricht dies tröstendste Wort des Leidens? Der Leidendste aller, er +selbst, Dostojewski. Noch sind die gespreiteten Hände geschlagen an das +Kreuz seines Zwiespalts, noch stehen die Nägel der Qual in seinem +brüchigen Leibe, aber demütig küßt er das Marterholz dieser Existenz, +und die Lippen sind sanft, wie sie zu den Mitbrüdern das große +Geheimnis sagen: »Ich glaube, wir alle müssen erst das Leben lieben +lernen.« + +Und anbricht der Tag aus seinen Worten, apokalyptische Stunde. +Aufspringen die Gräber und Kerker: aus der Tiefe stehen sie auf, die +Toten und Verschlossenen, alle, alle treten sie heran, Apostel seines +Wortes zu sein, aus ihrer Trauer erheben sie sich. Aus den Kerkern +drängen sie her, aus der Katorga Sibiriens, klirrend in Ketten, aus +Winkelstuben, Bordellen und Klosterzellen, sie alle, die großen +Leidenden der Leidenschaft; noch klebt das Blut an ihren Händen, noch +brennt ihr geknuteter Rücken, noch sind sie nieder in Zorn und Gebrest, +aber schon ist die Klage zerbrochen in ihrem Munde, und ihre Tränen +funkeln von Zuversicht. O ewiges Wunder Bileams, Fluch wird Segnung auf +ihrer brennenden Lippe, da sie das Hosianna des Meisters hören, das +Hosianna, das »durch alle Fegefeuer des Zweifels gegangen«. Die +Finstersten sind die ersten, die Traurigsten die Gläubigsten, alle +drängen sie vor, dies Wort zu bezeugen. Und aus ihren Mündern, den +rauhen und verlechzten, schäumt als großer Choral der Hymnus des +Leidens, der Hymnus des Lebens mit der Urgewalt der Ekstase. Alle, alle +sind sie zur Stelle, die Märtyrer, das Leben zu lobpreisen. Dimitri +Karamasoff, der unschuldig Verdammte, Ketten an den Händen, jauchzt aus +der Fülle seiner Kraft: »Alles Leid werde ich überwinden, um mir nur +sagen zu können: 'ich bin'. Wenn ich mich auch auf der Folterbank +krümme, so weiß ich doch, 'ich bin', angeschmiedet auf die Galeere, +sehe ich noch die Sonne, und wenn ich sie auch nicht sehe, so lebe ich +doch und weiß, daß sie ist.« Und Iwan, der Bruder, tritt ihm zur Seite +und kündet: »Es gibt kein unwiderrufliches Unglück als Totsein.« Und +wie ein Strahl dringt die Ekstase der Existenz in seine Brust, und er +jubelt, der Gottesleugner: »Ich liebe dich, Gott, denn groß ist das +Leben.« Aus den Sterbekissen hebt sich, gefalteter Hand, der ewige +Zweifler Stefan Trofimowitsch auf und stammelt: »O wie gerne würde ich +wieder leben wollen. Jede Minute, jeder Augenblick muß eine Seligkeit +des Menschen sein.« Immer heller, immer reiner, immer erhobener werden +die Stimmen. Fürst Myschkin, der Verwirrte, getragen von den schwankenden +Flügeln seiner schweifenden Sinne, breitet die Arme und schwärmt: »Ich +begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, ohne glücklich +zu sein, daß er ist und daß man ihn liebt ... wieviel wundervolle Dinge +gibt es doch auf jedem Schritt dieses Lebens, Dinge, die selbst der +Verworfenste noch als wundervoll empfindet.« Der Staretz Sossima +predigt: »Die Gott und das Leben verfluchen, verfluchen sich selbst ... +Wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis Gottes in +allen Dingen offenbaren, und schließlich wirst du die ganze Welt mit +allumfassender Liebe umspannen.« Und selbst der »Mensch aus der +Winkelgasse«, der kleine verschüchterte Namenlose in seinem verschabten +Mäntelchen, drängt heran und entbreitet die Arme: »Das Leben ist +Schönheit, nur im Leiden ist Sinn, o wie schön ist das Leben!« Der +»lächerliche Mensch« bricht auf aus seinem Traum, »das Leben, das große, +zu verkünden«, alle, alle kriechen sie wie Gewürm aus den Winkeln ihres +Wesens, um mitzusprechen im großen Choral. Keiner will sterben, keiner +das Leben lassen, das heilig geliebte, keines Leiden ist so tief, daß er +es mit dem Tode noch tauschte, dem ewigen Widerpart. Und diese Hölle, +Dunkelheit der Verzweiflung, hallt plötzlich an ihren harten Wänden +Lobgesang des Schicksals wider, aus Fegefeuern entbrennt fanatische Glut +der Dankbarkeit. Licht, unendliches Licht strömt ein, der Himmel +Dostojewskis bricht über die Erde, und rauschend über alle dröhnt das +letzte Wort, das Dostojewski schrieb, das Wort der Kinder bei der Rede +am großen Stein, der heilig barbarische Ruf: »Hurra das Leben!« + +O Leben, wunderbares, das du dir mit wissendem Willen Märtyrer schaffst, +auf daß sie dich lobsingen, o Leben, weise-grausames, das du die Größten +dir hörig machst mit Leiden, damit sie deinen Triumph verkünden! Den +ewigen Schrei Hiobs, der durch die Jahrtausende tönt, da er in der Plage +Gott erkennt, immer willst du ihn wieder hören und der Männer Daniels +Jubelgesang, indes ihr Leib im feurigen Ofen brennt. Ewig entzündest du +ihn, klingende Kohle, auf der Zunge der Dichter, die du zu Leidenden +machst, auf daß sie dir hörig werden und dich nennen in Liebe! Beethoven +schlägst du im Sinne der Musik, daß der Ertaubte das Brausen Gottes höre +und, vom Tode berührt, dir die Hymne der Freude dichte, Rembrandt jagst +du ins Dunkel der Armut, daß er Licht, dein Urlicht, in Farben sich +suche, Dante verjagst du vom Vaterland, daß er Hölle und Himmel im Traum +erschaue, alle hast du mit deinen Geißeln gejagt in deine Unendlichkeit. +Und diesen, den du wie keinen gegeißelt, auch ihn hast du dir gezwungen +zum Knechte, und siehe, von schäumender Lippe, hinfallend in Krämpfen +jauchzt er dir Hosianna zu, das heilige Hosianna, das »durch alle +Fegefeuer der Zweifel gegangen«. O wie siegst du in den Menschen, die du +leiden läßt, aus Nacht machst du Tag, aus Leiden die Liebe, aus der +Hölle holst du dir heiligen Lobgesang. Denn der Leidendste ist der +Wissendste aller, und wer um dich weiß, muß dich segnen: und dieser, der +dich zutiefst erkannte, siehe, er hat dich wie keiner bezeugt, er hat +dich wie keiner geliebt! + + + Druck vom + Bibliographischen Institut + in Leipzig + + + + +INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG + + +STEFAN ZWEIG: + +DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Dritte Auflage. + +ERSTES ERLEBNIS. Vier Erzählungen aus Kinderland. Einbandzeichnung von +Emil Preetorius. 8. bis 11. Tausend. + +DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen (drei Aufzügen). + +JEREMIAS. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern. 14.-18. Tausend. + +DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. Zweite +Auflage. + +LEGENDE EINES LEBENS. Ein Kammerspiel in drei Aufzügen. + +TERSITES. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen. Zweite Auflage. + + +ÜBERTRAGUNGEN: + +EMILE VERHAEREN. Drei Bände Übertragungen und Biographie. I. Band: +=Essay=. II. Band: =Gedichte=. III. Band: =Dramen= (Helenas Heimkehr. +Das Kloster. Philipp II.). + +VERHAEREN: REMBRANDT. Mit 96 ganzseitigen Abbildungen nach Gemälden, +Zeichnungen und Radierungen Rembrandts. 36. bis 40. Tausend. + +VERHAEREN: RUBENS. Mit 95 Abbildungen nach Gemälden und Zeichnungen +Rubens'. 21. bis 25. Tausend. + + +HONORÉ DE BALZAC: + +DIE DREISSIG TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, genannt CONTES DROLATIQUES. +Übertragen von Benno Rüttenauer. Zwei Bände. 14.-23. Tausend. + +BRIEFE AN DIE FREMDE (Frau von Hanska). Übertragen von Eugenie Faber. +Eingeleitet von Wilhelm Weigand. Zwei Bände. Mit einem Bilde Balzacs in +Lichtdruck. + +PHYSIOLOGIE DER EHE. Eklektisch-philosophische Betrachtungen über Glück +und Unglück in der Ehe. Deutsche Übertragung von Heinrich Conrad. +6.-9. Tausend. + +TANTE LISBETH. Übertragung von A. Schurig. Zweite Auflage. + +VERLORENE ILLUSIONEN. In der von Johannes Schlaf revidierten +Übertragung von Hedwig Lachmann. Zweite Auflage. + + +CHARLES DICKENS: + +DICKENS' WERKE. Ausgewählt und eingeleitet von Stefan Zweig. Mit den +Federzeichnungen der englischen Originalausgaben von Cattermole, Hablot +K. Browne und anderen. Titel- und Einbandzeichnung von E. R. Weiß. +Taschenausgabe auf Dünndruckpapier in sechs Bänden. + +=Einzelausgaben=: + +=David Copperfield.= Mit 40 Federzeichnungen von Hablot K. Browne, Phiz +u. a. 9.-12. Tausend. + +=Der Raritätenladen.= Mit 73 Federzeichnungen und 8 Initialen von +Browne, Cruikshank u. a. 6.-10. Tausend. + +=Die Pickwickier.= Mit 43 Federzeichnungen von R. Seymour, Buß und +Phiz. 6.-10. Tausend. + +=Martin Chuzzlewit.= Mit 40 Federzeichnungen von Hablot K. Browne. +6.-9. Tausend. + +=Nikolaus Nickleby.= Mit 38 Federzeichnungen von Hablot K. Browne. +6.-9. Tausend. + +=Oliver Twist= und =Weihnachtserzählungen=. Mit 76 Federzeichnungen +von Cruikshank, Leech u. a. 6.-10. Tausend. + + +F. M. DOSTOJEWSKI: + +DER IDIOT. Übertragen von H. Röhl. Drei Bände. + +DER SPIELER. Übertragen von H. Röhl. + +DIE BRÜDER KARAMASOFF. Übertragen und mit einem Nachwort versehen von +Karl Nötzel. Drei Bände. + +NETOTSCHKA NJESWANOWA und andere Erzählungen. Übertragen von H. Röhl. + +SCHULD UND SÜHNE (Raskolnikoff). Ein Roman in sechs Teilen mit einem +Nachwort. Übertragen von H. Röhl. Zwei Bände, 11.-20. Taus. + + + + + [ Liste aller vorgenommenen Änderungen. Die jeweils erste Zeile gibt + den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur. + + einen Balzac nicht gleichgiltig sein, wenn sechzehn Jahre ersten + einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten + + indem er das administrative Zentralisationssytem in die Literatur + indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur + + den Code civile schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der + den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der + + Louis Lambert, zusammen, des chemiste de la volonté, jener seltsamen + Louis Lambert, zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen + + als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalea, Briefe + als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalsea, Briefe + + Menschheit zu leiden«. Wie der kleine Njetoscha Neswanowa muß er + Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er + + Rußland gekommen sie, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach + Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach + + Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Goal, wo sein gepflegter + Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter + + Tragödie erst ganz zu unseren, zur allmenschlichen. Da wird das + Tragödie erst ganz zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das + + Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine entgültig Verworfenen, keine + Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine + + sondern die Desparados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien + sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien + + Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenlust, Ausschweifung bis zur + Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur + + Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können sie so wie in + Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in + + Heretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja + Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja + + Allversöhnungsgedanke. ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, + Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, + + »Weg von Petersburg, dem europäischen zurück zu Moskau, hinüber + »Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER *** + +***** This file should be named 36389-8.txt or 36389-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/3/8/36389/ + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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