summaryrefslogtreecommitdiff
diff options
context:
space:
mode:
authorRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:05:42 -0700
committerRoger Frank <rfrank@pglaf.org>2025-10-14 20:05:42 -0700
commit52513d9cbcc4b1034a408cfc7ab407c18eea41d5 (patch)
tree0b5495f3febd07b4b61df51af89585a9d54d1d27
initial commit of ebook 36389HEADmain
-rw-r--r--.gitattributes3
-rw-r--r--36389-8.txt6057
-rw-r--r--36389-8.zipbin0 -> 152958 bytes
-rw-r--r--36389-h.zipbin0 -> 185954 bytes
-rw-r--r--36389-h/36389-h.htm7820
-rw-r--r--36389-h/images/cover.jpgbin0 -> 24756 bytes
-rw-r--r--LICENSE.txt11
-rw-r--r--README.md2
8 files changed, 13893 insertions, 0 deletions
diff --git a/.gitattributes b/.gitattributes
new file mode 100644
index 0000000..6833f05
--- /dev/null
+++ b/.gitattributes
@@ -0,0 +1,3 @@
+* text=auto
+*.txt text
+*.md text
diff --git a/36389-8.txt b/36389-8.txt
new file mode 100644
index 0000000..bc9eca0
--- /dev/null
+++ b/36389-8.txt
@@ -0,0 +1,6057 @@
+The Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Meister
+ Balzac. Dickens. Dostojewski
+
+Author: Stefan Zweig
+
+Release Date: June 12, 2011 [EBook #36389]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER ***
+
+
+
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+
+
+
+ [ Anmerkungen zur Transkription:
+
+ Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu
+ zu übertragen. Unübliche und uneinheitliche Schreibweisen der
+ Namen wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden
+ korrigiert. Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet
+ sich am Ende des Textes.
+
+ Im Original _kursiv_ gesetzter Text wurde mit _ markiert.
+ Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert.]
+
+
+
+
+ Stefan Zweig
+
+ DREI MEISTER
+
+ BALZAC * DICKENS
+ DOSTOJEWSKI
+
+ 1922
+
+ IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
+
+
+ ROMAIN ROLLAND
+ _als Dank
+ für seine unerschütterliche Freundschaft
+ in lichten und dunklen Jahren_
+
+
+
+
+Obwohl in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein
+Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu
+einem Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen
+und in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten
+Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer
+Persönlichkeiten einander ergänzen und vielleicht den Begriff des
+epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer deutlichen Form
+erheben.
+
+Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen
+Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in
+dieser Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes,
+Gottfried Kellers, Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und
+anderer, von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte
+Werk insbesondere Balzacs und Dickens' weitaus übertrifft. Und ich
+glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen Unterschied zwischen
+dem Verfasser eines Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich
+feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten
+Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale Künstler, der
+-- hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum Argument --
+einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen,
+eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die
+irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem
+Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern
+auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns
+dann oft verlockt, Geschehnisse und Personen nach ihnen zu benennen, so
+daß wir von Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche
+Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler
+bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung durch die Fülle seiner
+Gestalten so einheitlich hervor, daß es durch ihn eine neue Form der
+Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in
+ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche Versuch
+meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte:
+Psychologie des Romanciers.
+
+Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac
+die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski
+die Welt des Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre
+Unterschiede, niemals aber ist unternommen, diese Unterschiede in
+Werturteile umzudeuten oder die nationalen Elemente eines Künstlers in
+Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder große Schöpfer ist eine Einheit,
+die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es
+gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein
+absolutes in der Wagschale der Gerechtigkeit.
+
+Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine
+Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie
+können darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als
+wesentlich Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich
+diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski,
+dessen unendliches Maß ebensowenig wie das Goethes jemals auch von
+breitester Formel wird umfaßt werden können.
+
+Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers,
+eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen
+Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne,
+wie ich ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch
+ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und
+Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für
+die Zukunft zu fordern und den noch Fernen zu grüßen.
+
+ _SALZBURG 1919._
+
+
+
+
+ BALZAC
+
+
+Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses,
+in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert,
+wiederholt zu werden. Napoleon -- die von seinen Taten schon
+beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte -- kam in diesem Jahre
+aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden
+Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er
+gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu
+vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden
+Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine
+Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein
+und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das
+Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert
+kennt nicht mehr le petit général, nicht mehr den korsischen
+Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. Zehn,
+fünfzehn Jahre noch -- die Knabenjahre Balzacs -- und die machtgierigen
+Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen Träume mit
+Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu
+Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für
+einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten
+Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht
+phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn
+frühes Erlebnis und Bestimmung, sind sie nicht eigentlich nur Innen-
+und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von
+irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, ohne Freund und
+Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose Gewalt dort
+packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein
+einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und
+dann Frankreich und dann die ganze Welt -- diese Abenteurerlaune der
+Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen
+Legenden oder Historien ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine
+durstig aufgetanen Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, mit
+tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch unbeschrittene Welt
+seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß notwendigerweise zum
+Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an
+den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem Pathos die
+fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der
+Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich
+über Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach,
+heute über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über
+die Flüsse hin nach Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das
+Meer vor Gibraltar hin, wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln
+die Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten
+auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen die Kosaken ihre
+Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag er oft aufgewacht
+sein vom zornigen Rollen der Kanonen, die hinzogen nach Österreich,
+um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu
+zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in
+den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon.
+Vor dem großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs
+ein Triumphbogen auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt
+eingemeißelt waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es
+umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als dann fremde Truppen
+mit Musik und wehenden Fahnen durchzogen durch diese stolze Wölbung!
+Was außen, in der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als
+Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung der Werte,
+der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die Assignaten, auf
+denen 100 oder 1000 Francs mit dem Siegel der Republik verheißen waren,
+als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch
+seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil,
+bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht,
+bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer
+Umwälzungen, da die Moral, das Geld, das Land, die Gesetze, die
+Rangordnungen, alles, was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt
+war, einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter
+Veränderungen mußte ihm früh die Relativität aller Werte bewußt werden.
+Ein Wirbel war die Welt um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach
+Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über diesem
+gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und Nieder der Ereignisse
+immer nur der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend Erschütterungen
+und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch
+erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens,
+mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte,
+mit Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem
+Verräter, mit allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche
+erobert, die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den
+Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in seine Netzhaut
+sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, das größer war als alle
+Beispiele der Geschichte: er hatte den großen Welteroberer gesehen!
+Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel
+mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei anderen Stellen
+ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in Königsberg, wo
+einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in
+Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als
+Napoleon mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare
+Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein
+Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften
+Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel Napoleons an ihm verschuldet.
+
+Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac
+entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren,
+wäre er, ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte
+vielleicht bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen
+Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt keine
+Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen Epoche folgen
+laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der
+Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum
+Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn des
+Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände
+schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht,
+der Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den
+Waffen war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein
+Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst.
+Balzac beginnt zu schreiben. Aber nicht wie die anderen, um Geld zu
+raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch
+zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur,
+sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an. Unter
+fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten
+Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und
+noch nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom
+Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang
+anderen Berufen, sitzt als Schreiber in der Stube eines Notars,
+beobachtet, sieht, genießt, dringt mit seinem Blick in die Welt, und
+dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen
+auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier,
+die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene
+mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das
+geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der
+Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus
+dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen,
+die ganze Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu
+schaffen, »en raccourci«, in der genauen Verkürzung, und die so
+unterjochte mit seinem eigenen Atem zu beseelen, mit seinen eigenen
+Händen zu lenken: das ist nun sein Ziel. Nichts soll verloren gehen
+von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das
+Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur
+einen Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die
+Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles
+Unwesentliche zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen
+durchsickern; und sie dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der
+Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein
+anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné die
+Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die
+unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst --
+das ist nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu
+beherrschen, er preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der
+»Comédie humaine«. Durch diesen Prozeß der Destillation sind seine
+Menschen immer Typen, immer charakteristische Zusammenfassungen einer
+Mehrheit, von denen ein unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und
+Unwesentliche abgeschüttelt hat. Diese geradlinigen Leidenschaften sind
+die Stoßkräfte, diese reinen Typen die Schauspieler, diese dekorativ
+vereinfachte Umwelt die Kulissen der »Comédie humaine«. Er konzentriert,
+indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur
+einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris
+zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er
+mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter,
+die Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht
+er einen einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers
+den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen
+Ärzten den Horace Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander
+wohnen, häufiger sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben
+tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen.
+Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine
+Menschen sind Extrakte, seine Leidenschaften reine Elemente, seine
+Tragödien Kondensierungen. Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung
+von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz -- jedes Departement
+sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das Parlament Balzacs -- und
+dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte seine Truppen über
+alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde
+Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den
+feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina,
+überallhin und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen
+Vorbildners. Und so wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen,
+den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der
+Welt in der »Comédie humaine«, einen Code moral der Liebe, der Ehe,
+eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die erdumspannende Linie
+der großen Werke noch lächelnd die übermütige Arabeske der »Contes
+drolatiques«. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert er
+in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer Napoleons,
+überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der
+verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der
+Bretagne, spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters,
+überwacht die Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo
+seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei- bis dreitausend
+Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: aus dem Boden hat er sie
+gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem
+Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen
+Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, nimmt sie ihnen
+wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie durcheinander. Unzählbar ist
+die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die Landschaft, die hinter
+diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur,
+wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung der
+Welt in der »Comédie humaine«, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des
+ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs,
+die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der
+Wirklichkeit wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons
+geschrieben: »Ce qu'il n'a pu achever par l'épée je l'accomplirai par
+la plume.«
+
+Und so wie er, sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst.
+Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat,
+nach Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine
+Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare
+Energie, und hier, im engen Raume prallen sie aufeinander wie Geschosse,
+vernichten sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem
+ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne erobern und dies
+stahlharte, biegsame Metall, das Jugend heißt, umschmieden zu einer
+Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf
+innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der auf den
+Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz Balzacs:
+»Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!« ruft
+er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den
+Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen,
+daß sie zuviel sind, und müssen sich -- das Bild gehört Vautrin, dem
+Liebling Balzacs -- auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen
+die Waffe, die sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in
+das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus
+allen zweiunddreißig Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten
+der »Großen Armee«, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris,
+der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist
+verbrannt von einem ungeheuren Durst nach Genuß. Und wie sie sich
+umsehen in dieser neuen, zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums
+und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen,
+diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht haben,
+wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen, umschmelzen
+müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit,
+Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden
+Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle
+haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die
+Räder sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber
+darin sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein
+Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und schön, ein Symbol
+des Genusses. Und alle Helden Balzacs haben in diesem Augenblicke nur
+einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum,
+Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht auch für den
+Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der
+Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine
+Erbschaft, sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in
+jenen Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld
+wie Wasser durch die Finger rinnt. So werden sie ja jene großen
+Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere Muskeln, wildere Beredsamkeit,
+energischere Triebe, ein wenn auch rascheres, so doch lebendigeres
+Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume
+Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens
+dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt
+sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene
+Weise finden, um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen,
+die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man
+mörderisch hineinschmettern in die Menge der anderen, die zwischen
+einem und dem Ziele stehen, oder man muß sie schleichend vergiften wie
+die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur
+Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen
+hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des sozialen
+Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber,
+Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der
+Journalist -- ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente
+sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze Leben
+gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften Pension Vauquer. Dann
+aber, hineingegossen in die große Retorte des Lebens, eingekocht in die
+Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend, erstarrend an den
+Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der gesellschaftlichen
+Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen Anziehungen, den
+chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese
+Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare Säure, die
+Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt
+sie verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die
+anderen. Alle Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen
+sich an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe,
+und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit
+Augurenlächeln auf den Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt,
+Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis
+Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat
+Balzac die Chemie geliebt, die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert.
+Denn in diesem vielfältigen Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der
+Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen und
+Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der atomhaften
+Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als anderswo
+das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jede
+Vielheit nicht minder auf die Einheit wirkte, wie die Einheit selbst
+wieder bestimmend auf die Vielheit, diese seine Auffassung, die er
+Lamarquismus nannte -- und die Taine später zu Begriffen erstarrt hat
+--, daß jedes Individuum ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu,
+Sitten, Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, daß
+jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre sauge, um selbst
+wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen --, dieses universelle
+Bedingtsein von In- und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des
+Organischen im Unorganischen und die Griffspuren des Lebendigen im
+Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen geistigen
+Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen,
+schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, alle
+Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter Relativismus
+hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac hat
+seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich
+modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner
+Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig
+der Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich.
+Man glaubt ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon,
+oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp
+eines brutalen pariserischen unbarmherzigen Strebers, der aalglatt
+durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich durchdrückt und die Moral
+einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein
+Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, den
+seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und wenig Geld,
+ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das
+Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel
+von Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier
+schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und
+Charaktere einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten
+König Lear, des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des
+Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle
+Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. Und da, wie er
+endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt, allein mit einem Hausknecht
+und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb
+wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père Lachaise zu seinen Füßen
+sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem Momente hört er
+die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine
+Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor seinem
+Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde
+wird er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose,
+unerbittliche Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am
+Kreuzweg des Lebens erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden
+Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die
+Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder seinen Rubikon,
+sein Waterloo hat, daß die gleichen Schlachten sich in Palästen, Hütten
+und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen
+Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe
+entäußern, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller
+spielt und in zehn Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer
+aber derselbe und bewußt derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche
+des modernen Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der
+äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein
+Platz reserviert ist wie einst dem König, dem Adel, den Priestern, da
+jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre Anspannung.
+Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als
+Verdoppelung der Energie.
+
+Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist
+es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des
+bewußten Lebenswillens nicht in ihrer Wirkung, sondern in ihrem Wesen
+zu schildern, ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig
+oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv
+wird. Intensität, Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört,
+Erfolg und Ruhm nichts, denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine
+Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel
+verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle,
+der nicht nur um des Nutzens, sondern um der Leidenschaft willen raubt,
+dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des Ansichreißens,
+ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe
+der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen,
+scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft,
+die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn
+gibt es in jeder Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der
+Historiker, der die Welt erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er
+kennt vier oder fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und
+hat Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon nach
+Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen Ereignissen, der
+dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war
+Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem
+Provinznest einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat
+nicht minder Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt
+er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden
+wären unter den Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der
+der Pompadour oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern,
+die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der
+Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der Dichter erst den Ruhm wieder
+schenken muß. Er weiß, daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle
+von Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugenie
+Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in dem Augenblicke, wo sie,
+erzitternd vor dem geizigen Vater, ihrem Vetter die Geldbörse schenkt,
+nicht minder tapfer ist als die Jeanne d'Arc, deren Marmorbild auf
+jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den Biographen
+unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle
+Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat.
+Balzacs unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus
+dem Gewühl der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in
+jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über
+die Brücke strebt, wo Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum
+hundertfach geschilderter Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt
+sind, die wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere,
+deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust im eiskalten,
+schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene schwanke Brücke zu
+bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß hinter den
+verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die
+nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins und
+die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz
+wiederholt: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure
+tragischen Trauerspiele.« Denn seine Romantik greift nach innen. Sein
+Vautrin, der Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der
+schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Viktor
+Hugo, die starren felsigen Landschaften der Seele, das Gestrüpp von
+Leidenschaft und Gier in der Brust seiner großen Streber ist nicht
+minder schreckhaft, als die schaurige Felsenhöhle des Han d'Islande.
+Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick
+auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in
+der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig
+werdenden Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn
+es in seiner Kraft ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er
+sich konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne
+Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen anderen
+Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur
+stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst aufblüht, wenn der
+Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat. Solche Monomanen
+der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol die
+Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren
+Reigen. Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner
+Energetik: der Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft
+verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen
+verschwende, gleichviel, ob es sie langsam verzettle in tausend
+Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die jähen heftigen Ekstasen,
+ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer
+rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder
+vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen
+Elemente auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen
+interessieren Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit
+allen Nerven, mit allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion
+des Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, der Kunst,
+dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der Trägheit, der Politik, der
+Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol, aber an diesem ganz.
+Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen
+Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen
+verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete dem
+Sammler eine Frau, die schönste der Welt -- er wird sie nicht bemerken;
+dem Liebenden eine Karriere -- er wird sie mißachten; dem Geizigen ein
+anderes als Geld -- er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er
+sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der
+anderen willen, so ist er verloren. Denn Muskeln, die man nicht
+gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man jahrelang nicht gespannt,
+verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft
+war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf
+jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte Gefühl
+vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie
+vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen
+und Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und
+Ekstase, sind bei dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der
+Sammelwut gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die
+Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in
+ihren Emotionen die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen.
+Hier setzen die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen,
+der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des
+Kaiserreichs, wird ein läppisches Kind in den Händen einer Dirne, der
+Dichter, der sich dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein
+Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes Symbol ist
+eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben
+sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und keine
+geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder
+Träume. Keine ist zu gering. »Warum sollte man nicht die Tragödie der
+Dummheit schreiben?« sagt Balzac, »die der Verschämtheit, die der
+Ängstlichkeit, die der Langeweile?« Auch sie sind bewegende, treibende
+Kräfte, auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind,
+selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt,
+sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz
+umkreist. Und diese Urkräfte -- oder besser, diese tausend Proteusformen
+der wirklichen Urkraft -- aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu
+heizen durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch
+das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des Hasses und der
+Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am Prellstein des Zufalls die
+einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und auseinanderzureißen,
+Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen,
+zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und dem
+Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in
+jedem Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental
+aufzureißen, sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach
+unten und dabei in dieses flackernde Spiel mit erhitzten Augen zu
+starren, wie Gobsec, der Wucherer, auf die Diamanten der Gräfin
+Restaud, das erlöschende Feuer mit dem Balg immer wieder aufflammen zu
+lassen, die Menschen wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen,
+sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder von
+Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder nach Ägypten und
+nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den Abhang der
+Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich -- die
+Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder
+unter dem Schnee der Steppen -- die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie
+Figuren, zu malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit
+erregten Fingern zu beherrschen -- das war seine, das war Balzacs
+Monomanie.
+
+Denn er, Balzac, war selbst einer der großen Monomanen, wie er sie
+in seinem Werke verewigt hat. Enttäuscht, in allen seinen Träumen
+zurückgestoßen von einer rücksichtslosen Welt, die den Anfänger nicht
+mag und den Armen, grub er sich ein in seine Stille und schuf sich
+selbst ein Symbol der Welt. Eine Welt, die ihm gehörte, die er
+beherrschte und die mit ihm zugrunde ging. Wirkliches stürzte an ihm
+vorbei, und er griff nicht danach, er lebte eingeschlossen in seinem
+Zimmer, festgenagelt an den Schreibtisch, lebte in dem Wald seiner
+Gestalten, wie Elie Magus, der Sammler, zwischen seinen Bildern. Von
+seinem fünfundzwanzigsten Jahre an hat ihn die Wirklichkeit kaum -- nur
+in Ausnahmen, die dann immer zu Tragödien wurden -- anders interessiert
+als ein Material, als Brennstoff, um das Schwungrad seiner eigenen Welt
+zu treiben. Fast bewußt lebte er am Lebendigen vorbei, wie im ängstlichen
+Gefühle, daß eine Berührung dieser beiden Welten, der seinen und der der
+anderen, immer eine schmerzhafte werden müßte. Abends um acht Uhr ging
+er ermattet zu Bette, schlief vier Stunden und ließ sich um Mitternacht
+wecken; wenn Paris, die laute Umwelt, ihr glühendes Auge schloß, wenn
+Dunkel über das Rauschen der Gassen fiel, die Welt entschwand, begann
+die seine zu erstehen, und er baute sie auf, neben der anderen, aus
+ihren eigenen zerstückten Elementen, lebte durch Stunden einer fiebernden
+Ekstase, unablässig die ermattenden Sinne mit schwarzem Kaffee wieder
+aufpeitschend. So arbeitete er zehn, zwölf, manchmal auch achtzehn
+Stunden, bis ihn irgend etwas aufriß aus dieser Welt, zurück in die
+eigene Wirklichkeit. In diesen Sekunden des Erwachens muß er jenen Blick
+gehabt haben, den Rodin ihm gab auf seiner Statue, dieses Aufgeschrecktsein
+aus tausend Himmeln und dieses Rückstürzen in eine vergessene Wirklichkeit,
+diesen entsetzlich grandiosen, fast schreienden Blick, diese um die
+fröstelnde Schulter das Kleid anstraffende Hand, die Gebärde eines vom
+Schlaf Gerüttelten, eines Somnambulen, dem jemand roh seinen Namen
+zugeschrien. Bei keinem Dichter ist die Intensität des Sichverlierens
+in sein Werk, der Glaube an die eigenen Träume stärker gewesen, die
+Halluzination so nahe der Grenze der Selbsttäuschung. Nicht immer wußte
+er die Erregung zu stoppen wie eine Maschine, das ungeheure kreisende
+Schwungrad jäh aufzuhalten, Spiegelschein und Wirklichkeit zu
+unterscheiden, eine scharfe Linie zu ziehen zwischen dieser und jener
+Welt. Ein ganzes Buch hat man gefüllt mit Anekdoten, wie sehr er im
+Rausch der Arbeit an die Existenz seiner Gestalten glaubte, ein Buch mit
+oft drolligen und meist ein wenig grausigen Anekdoten. Ein Freund tritt
+ins Zimmer. Balzac stürzt ihm entsetzt entgegen: »Denk dir, die
+Unglückliche hat sich ermordet!« und merkt erst an dem entsetzten
+Zurückprallen seines Freundes, daß die Gestalt, von der er sprach, die
+Eugenie Grandet, nur in seinen Sternenkreisen je gelebt. Und was diese
+so andauernde, so intensive, so vollständige Halluzination von dem
+pathologischen Wahn eines Tollhäuslers unterscheidet, ist vielleicht nur
+die Identität der in dem äußeren Leben und in dieser neuen Wirklichkeit
+bestehenden Gesetze, die gleichen Kausalbedingungen des Seins, nicht
+die Lebensform so sehr als die Lebensmöglichkeit seiner Menschen,
+die, als hätten sie nur die Tür seines Arbeitszimmers überschritten,
+von außen in sein Werk traten. Aber an Dauerhaftigkeit, an Zähigkeit und
+Abgeschlossenheit des Wahnes war diese Versenkung die eines perfekten
+Monomanen, seine Arbeit war nicht Fleiß mehr, sondern Fieber, Rausch,
+Traum und Ekstase. Ein Palliativmittel der Bezauberung war sie, ein
+Schlafmittel, das ihn seinen Lebenshunger vergessen lassen sollte. Er
+selbst, zum Genießer, zum Verschwender befähigt wie keiner, hat
+zugestanden, daß diese fieberhafte Arbeit ihm nichts war als ein Mittel
+zum Genuß. Denn ein so zügellos Begehrender konnte, wie die Monomanen
+seiner Bücher, auf jede andere Leidenschaft nur verzichten, weil er sie
+ersetzte. All die Aufpeitschungen des Lebensgefühls, Liebe, Ehrsucht,
+Spiel, Reichtum, Reisen, Ruhm und Siege konnte er missen, weil er
+siebenfaches Surrogat in seinem Schaffen fand. Die Sinne sind töricht
+wie Kinder. Sie können das Echte vom Falschen, Trug von der Wirklichkeit
+nicht unterscheiden. Sie wollen nur gefüttert sein, gleichviel mit
+Erlebnis oder Traum. Und Balzac hat seine Sinne ein Leben lang betrogen,
+indem er ihnen Genüsse vorlog, statt sie ihnen hinzuwerfen, er sättigte
+ihren Hunger mit dem Duft der Gerichte, die er ihnen versagen mußte.
+Sein Erlebnis war das leidenschaftliche Beteiligtsein an den Genüssen
+seiner Kreaturen. Denn er war es ja, der jetzt die zehn Louis hinwarf
+auf den Spieltisch, zitternd stand, während die Roulette sich drehte,
+der jetzt die klingende Flut der Gewinste mit heißen Fingern einstrich,
+er war es, der jetzt im Theater den großen Sieg erfocht, der jetzt
+mit Brigaden die Höhen stürmte, mit Pulverminen die Börse in ihren
+Grundfesten erbeben ließ; alle die Lüste seiner Kreaturen gehörten ja
+ihm, sie waren die Ekstasen, in denen sein äußerlich so armes Leben sich
+verzehrte. Er spielte mit diesen Menschen so wie Gobsec, der Wucherer,
+mit den Gequälten, die hoffnungslos zu ihm kamen, um sich Geld
+auszuborgen, die er aufschnellen ließ an seiner Angel, deren Schmerz,
+Lust und Qual er nur prüfend mitansah als das mehr oder minder
+talentvolle Sichgebärden von Schauspielern. Und sein Herz spricht unter
+dem schmutzigen Kittel Gobsecs: »Glauben Sie, daß es nichts bedeutet,
+wenn man so in die verborgensten Falten des menschlichen Herzens
+eindringt, wenn man so tief darin eindringt und es in seiner Nacktheit
+vor sich hat?« Denn er, der Zauberer des Willens, schmolz Fremdes zu
+Eigenem um, Traum zu Leben. Man erzählt von ihm, daß er in seiner
+Jugend, als er in seiner Mansarde trockenes Brot, seine ärmliche
+Mahlzeit, verzehrte, sich auf den Tisch mit Kreide die Randspur von
+Tellern gezeichnet habe und in ihre Mitte die Namen der erlesensten
+Lieblingsgerichte geschrieben, um so im trockenen Brot nur durch die
+Suggestion des Willens den Geschmack der verschwenderischesten Speisen
+zu spüren. Und so wie er hier den Geschmack zu schmecken meinte, wie er
+ihn wirklich schmeckte, so hat er sicherlich alle Reize des Lebens in
+den Elixieren seiner Bücher unbändig in sich getrunken, so eigene Armut
+betrogen mit dem Reichtum und der Verschwendung seiner Knechte. Er, der
+ewig von Schulden Gehetzte, von Gläubigern Gequälte, empfand sicherlich
+einen geradezu sinnlichen Reiz, wenn er hinschrieb: Hunderttausend
+Francs Rente. Er war es, der in den Bildern von Elie Magus wühlte, der
+diese beiden Gräfinnen liebte als ihr Vater Goriot, der gipfelhoch mit
+Seraphitus über die niegesehenen Fjorde Norwegens aufstieg, der mit
+Rubempré die bewundernden Blicke der Frauen genoß, er, er selbst war es,
+für den er aus all diesen Menschen die Lust wie Lava aufschießen ließ,
+denen er Glück und Schmerz aus den hellen und dunklen Kräutern der Erde
+braute. Kein Dichter war je mehr Mitgenießer seiner Gestalten. Gerade
+an jenen Stellen, wo er den Zauber des so sehr ersehnten Reichtums
+schildert, spürt man stärker als in den erotischen Abenteuern den Rausch
+des Selbstbezauberten, die Haschischträume des Einsamen. Das ist seine
+innerste Leidenschaft, dieses Auf- und Abströmen von Zahlen, dieses
+gierige Gewinnen und Zerrinnen von Summen, dieses Schleudern von
+Kapitalien von Hand zu Hand, das Schwellen der Bilanzen, der Wettersturz
+der Werte, diese Stürze und Aufstiege ins Grenzenlose. Millionen läßt er
+wie Ungewitter über Bettler hereinbrechen, Kapitale wieder in weichen
+Händen wie Quecksilber zerrinnen, mit Wollust malt er die Paläste der
+Faubourgs, die Magie des Geldes. Die Worte Millionen, Milliarden, das
+ist immer hingestammelt mit jenem ohnmächtigen Nicht-mehr-sprechen-können,
+dem Röcheln letzten sinnlichen Begehrens. Voluptuös wie die Frauen eines
+Serails sind die Prunkstücke der Gemächer gereiht, wie wertvolle
+Kronjuwelen die Insignien der Macht ausgebreitet. Bis in seine
+Manuskripte hat sich dieses Fieber eingebrannt. Man kann sehen, wie die
+anfangs ruhigen und zierlichen Zeilen aufschwellen gleich den Adern
+eines Zornigen, wie sie taumeln, rascher werden, wie sie rasend sich
+überhetzen, befleckt von den Spuren des Kaffees, mit dem er die
+ermatteten Nerven vorwärtspeitschte, hört fast das rastlose, ratternde
+Keuchen der überhitzten Maschine, den fanatischen, maniakalischen Krampf
+ihres Schöpfers, diese Gier des Don Juan du verbe, des Menschen, der
+alles besitzen will und alles haben. Und sieht den nochmaligen
+impetuosen Ausbruch des ewig Ungenügsamen in den Korrekturbogen, deren
+starres Gefüge er immer wieder aufriß wie der Fiebernde seine Wunde, um
+noch einmal das rote pochende Blut der Zeilen durch den schon starren,
+erkalteten Körper zu jagen.
+
+Solche titanische Arbeit bliebe unverständlich, wäre sie nicht Wollust
+gewesen und noch mehr: der einzige Lebenswille eines asketisch allen
+anderen Machtformen entsagenden Menschen, eines Leidenschaftlichen, dem
+die Kunst die einzige Möglichkeit der Entäußerung war. Einmal, zweimal
+hatte er ja flüchtig in anderem Material geträumt. Er hatte sich im
+praktischen Leben versucht, zum erstenmal, als er, verzweifelnd am
+Schaffen, die wirkliche Geldgewalt wollte, Spekulant wurde, eine
+Druckerei gründete und eine Zeitung; aber mit jener Ironie, die das
+Schicksal immer für Abtrünnige bereit hat, hat er, der in seinen
+Büchern alles kannte, die Coups der Börsenleute, die Raffinements der
+kleinen und der großen Geschäfte, die Schliche der Wucherer, der jedem
+Ding seinen Wert wußte, der Hunderten von Menschen in seinen Werken
+die Existenz errichtet, ein Vermögen mit richtigem, logischem Aufbau
+gewonnen hatte, er selbst, der Grandet, Popinot, Crevel, Goriot,
+Bridau, Nucingen, Wehrbrust und Gobsec reich gemacht hat, er selbst hat
+sein Kapital verloren, ist schmählich zugrunde gegangen, und nichts
+blieb ihm als jenes furchtbare Bleigewicht von Schulden, die er dann
+stöhnend auf seinen breiten Lastträgerschultern das halbe Jahrhundert
+seines Lebens weiterschleppte, Helote der unerhörtesten Arbeit, unter
+der er eines Tages mit zersprengten Adern lautlos zusammenbrach. Die
+Eifersucht der verlassenen Leidenschaft, der einzigen, der er sich
+hingegeben hatte, der Kunst, hat sich furchtbar an ihm gerächt. Selbst
+die Liebe, den andern ein wunderbarer Traum über ein Erlebtes und
+Wirkliches, wurde bei ihm erst Erlebnis aus einem Traum. Frau von
+Hanska, seine spätere Gattin, die étrangère, der jene berühmten Briefe
+galten, war von ihm leidenschaftlich schon geliebt, ehe er in ihre
+Augen gesehen, war damals schon geliebt von ihm, als sie noch
+Unwirklichkeit war, wie die fille aux yeux d'or, wie die Delphine und
+die Eugenie Grandet. Für den wahrhaften Schriftsteller ist jede andere
+Leidenschaft als die des Schaffens, des Erträumens eine Abirrung.
+»L'homme des lettres doit s'abstenir des femmes, elles font perdre son
+temps, on doit se borner à leur écrire, cela forme le style«, sagte er
+zu Theophile Gautier. Im Innersten liebte er auch nicht Frau von
+Hanska, sondern die Liebe zu ihr, liebte nicht die Situationen, die ihm
+begegneten, sondern die er sich erschuf, er fütterte den Hunger nach
+Wirklichkeit so lange mit Illusionen, spielte so lange in Bildern und
+Kostümen, bis er, wie die Schauspieler in den erregtesten Momenten,
+selbst an seine Leidenschaft glaubte. Unermüdlich hat er dieser
+Leidenschaft des Schaffens gefrönt, den inneren Verbrennungsprozeß
+so lange beschleunigt, bis die Flamme aufschlug und nach außen brach,
+bis er zugrunde ging. Mit jedem neuen Buch schrumpfte, wie die magische
+Elentiershaut seiner mystischen Novelle, bei jedem so betätigten
+Wunsch sein Leben zusammen, und er unterlag seiner Monomanie wie der
+Spieler den Karten, der Trinker den Weinen, der Haschischträumer der
+verhängnisvollen Pfeife und der Wollüstling den Frauen. Er ging an der
+überreichen Erfüllung seiner Wünsche zugrunde.
+
+Es ist ein nur Selbstverständliches, daß ein dermaßen kolossalischer
+Wille, der Träume so mit Blut und Lebendigkeit erfüllte, der sie so
+anspannte, bis ihre Erregungen nicht minder stark waren wie die
+Phänomene der Wirklichkeit, daß ein solch ungeheuer zauberkräftiger
+Wille in seiner eigenen Magie das Geheimnis des Lebens sah und sich
+selbst zum Weltgesetz erhob. Eine eigentliche Philosophie konnte der
+nicht haben, der nichts von sich verriet, vielleicht nichts mehr war
+als ein Wandelhaftes, der keine Gestalt hatte wie Proteus, weil er alle
+in sich verkörperte, der wie ein Derwisch, ein flüchtiger Geist, in die
+Körper von tausend Gestalten unterschlüpfte und sich verlor in den
+Irrgängen ihres Lebens, jetzt mit dem einen Optimist, jetzt Altruist,
+jetzt Pessimist und Relativist, der alle Meinungen und Werte in sich
+ein- und ausschalten konnte wie elektrische Ströme. Er gibt keinem
+unrecht und gibt keinem recht. Balzac hat immer nur épousé les opinions
+des autres -- wir haben kein deutsches Wort für dieses spontane
+Aufnehmen einer Meinung ohne dauernde Identifizierung --, er war
+eingefangen im Augenblick, in der Brusthöhle seiner Menschen, trieb mit
+im Schwall ihrer Leidenschaften und Laster. Wahrhaft und unabänderlich
+mußte ihm nur der ungeheure Wille sein, dieses Zauberwort Sesam, das
+ihm, dem Fremden, die Felsen vor der unbekannten Menschenbrust
+aufsprengte, ihn hinabführte in die finsteren Abgründe ihres Gefühls
+und ihn von dort, beladen mit dem Edelsten ihres Erlebens, wieder
+aufsteigen ließ. Er mußte mehr als ein anderer geneigt sein, dem
+Willen eine über das Geistige ins Materielle hinüberwirkende Gewalt
+zuzuschreiben, ihn als Lebensprinzip und Weltgebot zu empfinden. Ihm
+war bewußt, daß der Wille, dieses Fluidum, das, ausstrahlend von einem
+Napoleon, die Welt erschütterte, das Reiche stürzte, Fürsten erhob,
+Millionen Schicksale verwirrte, daß diese immaterielle Schwingung,
+dieser reine atmosphärische Druck eines Geistigen nach außen sich auch
+im Materiellen manifestieren müßte, die Physiognomie modellieren,
+einströmen in die Physis des ganzen Körpers. Denn so wie eine momentane
+Erregung bei jedem Menschen den Ausdruck fördert, brutale und selbst
+stumpfsinnige Züge verschönt und charakterisiert, um wie viel mehr
+mußte ein andauernder Wille, eine chronische Leidenschaft das Material
+der Züge herausmeißeln. Ein Gesicht war für Balzac ein versteinerter
+Lebenswille, eine in Erz gegossene Charakteristik, und so wie der
+Archäologe aus den versteinerten Resten eine ganze Kultur zu erkennen
+hat, so schien es ihm Erfordernis des Dichters, aus einem Antlitz und
+aus der um einen Menschen lagernden Atmosphäre seine innere Kultur zu
+erkennen. Diese Physiognomik ließ ihn die Lehre Galls lieben, seine
+Topographie der im Gehirn gelagerten Fähigkeiten, ließ ihn Lavater
+studieren, der ebenfalls im Gesichte nichts anderes sah als den Fleisch
+und Bein gewordenen Lebenswillen, den nach außen gestülpten Charakter.
+Alles, was diese Magie, die geheimnisvolle Wechselwirkung des Innerlichen
+und Äußerlichen betonte, war ihm erwünscht. Er glaubte an Mesmers
+Lehre der magnetischen Übertragung des Willens von einem Medium in
+das andere, glaubte daran, daß die Finger Feuernetze seien, die den
+Willen ausstrahlten, verkettete diese Anschauung mit den mystischen
+Vergeistigungen Svedenborgs, und all diese nicht ganz zur Theorie
+verdichteten Liebhabereien faßte er in der Lehre seines Lieblings, des
+Louis Lambert, zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen
+Gestalt eines früh Verstorbenen, die Selbstporträt und Sehnsucht nach
+innerer Vollendung sonderbar vereint, öfter als jede andere Figur
+Balzacs in sein eigenes Leben hinabgreift. Ihm war jedes Gesicht
+eine zu enträtselnde Scharade. Er behauptete, in jedem Antlitz eine
+Tierphysiognomie zu erkennen, glaubte, den Todgeweihten an geheimen
+Zeichen bestimmen zu können, rühmte sich, jedem Vorübergehenden auf der
+Straße die Profession von seinem Antlitz, seinen Bewegungen, seiner
+Kleidung ablesen zu können. Diese intuitive Erkenntnis schien ihm aber
+noch nicht die höchste Magie des Blicks. Denn all dies umschloß nur das
+Seiende, das Gegenwärtige. Und seine tiefste Sehnsucht war, zu sein wie
+jene, die mit konzentrierten Kräften nicht nur das Momentane, sondern
+auch aus den Spuren das Vergangene, das Zukünftige aus den vorgestreckten
+Wurzeln aufspüren können, Bruder zu sein der Chiromanten, der Wahrsager,
+der Steller von Horoskopen, der »voyants«, all derer, die mit dem
+tieferen Blick der »seconde vue« begabt, das Innerlichste aus dem
+Äußerlichen, das Unbegrenzte aus den bestimmten Linien zu erkennen sich
+erboten, die aus den dünnen Streifen der Handfläche den kurzen Weg des
+zurückgelegten Lebens und den dunklen Pfad in das Zukünftige hinein
+weiterzuführen vermochten. Ein solcher magischer Blick ist nach Balzac
+nur jenem gegeben, der seine Intelligenz nicht in tausend Richtungen
+zersplittert hat, sondern -- die Idee der Konzentrierung ist bei Balzac
+in ewiger Wiederkehr -- in sich aufgespart einem einzigen Ziele
+entgegenwendet. Die Gabe der »seconde vue« ist nicht nur die des
+Zauberers und Sehers allein; »seconde vue«, spontane visionäre
+Erkenntnis, dies unbezweifelbare Merkmal des Genies, haben die Mütter
+gegenüber ihren Kindern, Desplein hat sie, der Arzt, der aus der
+verworrenen Qual eines Kranken sofort die Ursache seines Leidens
+und die vermutliche Grenze seiner Lebensdauer bestimmt, der geniale
+Feldherr Napoleon, der die Stelle sofort erkennt, wo er die Brigaden
+hinschleudern muß, um das Schicksal der Schlacht zu entscheiden; Marsay,
+der Verführer, besitzt sie, der die flüchtige Sekunde aufgreift, in der
+er eine Frau zu Fall bringen kann, Nucingen, der Börsenspieler, der den
+großen Börsencoup im richtigen Momente zur Explosion bringt; alle diese
+Astrologen des Himmels der Seele haben ihre Wissenschaft dank des nach
+innen dringenden Blicks, der wie durch ein Perspektiv Horizonte sieht,
+wo das unbewaffnete Auge nur ein graues Chaos unterscheidet. Hierin
+schlummert die Affinität zwischen der Vision des Dichters und der
+Deduktion des Gelehrten, dem rapiden, spontanen Begreifen und dem
+langsamen, logischen Erkennen. Balzac, dem sein eigener intuitiver
+Überblick selbst unbegreiflich werden und der oft erschreckt mit fast
+irrem Blick sein Werk überschauen mußte wie ein Unbegreifliches, war
+gezwungen zu einer Philosophie des Inkommensurablen, einer Mystik, der
+der landläufige Katholizismus eines de Maistre nicht mehr genügte. Und
+dieses Korn Magie, das seinem innersten Wesen beigemengt war, diese
+Unbegreiflichkeit, die seine Kunst nicht nur Chemie des Lebens sein
+läßt, sondern Alchimie, ist sein Grenzwert gegen die Späteren, gegen die
+Nachahmer, gegen Zola besonders, der Stein um Stein zusammenraffte, wo
+Balzac nur den Zauberring drehte, und schon ein Palast mit tausend
+Fenstern sich aufbaute. So ungeheuer die Energie seines Werkes ist, der
+erste Eindruck bleibt doch immer der von Zauberei und nicht von Arbeit,
+nicht der eines Ausborgens vom Leben, sondern eines Beschenkens und
+Bereicherns.
+
+Denn Balzac -- und dies schwebt wie eine undurchdringliche Wolke von
+Geheimnis um seine Gestalt -- hat in den Jahren seines Schaffens nicht
+mehr studiert und experimentiert, nicht mehr das Leben beobachtet wie
+etwa Zola, der sich, ehe er einen Roman schrieb, ein Bordereau für
+jede einzelne Figur anlegte, nicht wie Flaubert, der Bibliotheken
+durchstöberte für ein fingerschmales Buch. Balzac kam selten wieder
+zurück in jene Welt, die außer der seinen lag, er war eingeschlossen in
+seine Halluzination wie in ein Gefängnis, angenagelt an den Marterstuhl
+der Arbeit, und was er mitbrachte, wenn er einen jener flüchtigen
+Ausflüge in die Wirklichkeit unternahm, wenn er ging, mit seinem
+Verleger zu kämpfen oder die Korrekturbogen in eine Druckerei zu
+bringen, bei einem Freunde zu speisen, oder die Bric-à-brac-Läden von
+Paris zu durchstöbern, war immer eher Bestätigung als Informierung.
+Denn damals, als er zu schreiben begann, war schon auf irgendeine
+geheimnisvolle Weise das Wissen des ganzen Lebens in ihn eingedrungen,
+lag gesammelt und aufgespeichert, und es ist vielleicht mit der
+fast mythischen Erscheinung Shakespeares das größte Rätsel der
+Weltliteratur, wie, wann und woher all diese ungeheuerlichen, aus allen
+Berufsklassen, Materien, Temperamenten und Phänomenen herbeigeholten
+Vorräte von Kenntnissen in ihn eingewachsen sind. Drei, vier Jahre,
+Jünglingsjahre, war er in Berufen gestanden, bei einem Advokaten als
+Schreiber, dann als Verleger, als Student, aber in diesen paar Jahren
+muß er alles eingeschöpft haben, diese ganz unerklärliche, unübersehbare
+Fülle von Tatsachen, die Kenntnis aller Charaktere und Phänomene. Er
+muß unglaublich beobachtet haben in diesen Jahren. Sein Blick muß ein
+furchtbar saugender gewesen sein, ein gieriger, der alles, was ihm
+begegnete, vampirhaft nach innen riß, in ein Inneres, ein Gedächtnis, wo
+nichts vergilbte, nichts zerrann, nichts sich mischte oder verdarb, wo
+alles geordnet, gespart, getürmt lag, immer bereit und stets nach seiner
+wesentlichen Seite hin gekehrt, alles federnd und aufspringend, sobald
+er nur leise mit seinem Willen und Wunsche daran rührte. Alles hat
+Balzac gewußt, die Prozesse, die Schlachten, die Börsenmanöver, die
+Grundstückspekulationen, die Geheimnisse der Chemie, die Schliche
+der Parfumeure, die Kunstgriffe der Künstler, die Diskussionen der
+Theologen, den Betrieb der Zeitung, den Trug des Theaters und jener
+anderen Bühne, der Politik. Er hat die Provinz gekannt, Paris und die
+Welt, er, der connaisseur en flânerie, las wie in einem Buch in den
+krausen Zügen der Straßen, wußte bei jedem Hause, wann es gebaut war
+und von wem und für wen, enträtselte die Heraldik des Wappens über der
+Tür, eine ganze Epoche aus der Bauart und wußte gleichzeitig den Preis
+der Mieten, bevölkerte jedes Stockwerk mit Menschen, stellte Möbel in
+die Zimmer, füllte sie an mit einer Atmosphäre von Glück und Unglück
+und ließ vom ersten zum zweiten, vom zweiten zum dritten Stockwerk
+das unsichtbare Netz des Schicksals sich spinnen. Er hat eine
+enzyklopädische Kenntnis gehabt, wußte, wieviel ein Bild des Palma
+Vecchio wert ist, wieviel ein Hektar Weideland kostet, was eine
+Spitzenmasche, was ein Tilbury und ein Diener, er hat das Leben der
+Elegants gekannt, die, zwischen Schulden vegetierend, in einem Jahr
+zwanzigtausend Francs anbringen; und schlägt man zwei Seiten weiter,
+so ist es wieder die Existenz eines armseligen Rentiers, in dessen
+peinlich ausgetüfteltem Leben ein zerrissener Schirm, eine zerbrochene
+Fensterscheibe zur Katastrophe wird. Wieder ein paar Seiten, und nun ist
+er unter den ganz Armen, er geht ihnen nach, wie jeder seine paar Sous
+verdient, der arme Auvergnate, der Wasserträger, dessen Sehnsucht es
+ist, das Faß nicht selbst ziehen zu müssen, sondern ein kleines,
+kleines Pferd zu haben, der Student und die Näherin, alle diese fast
+vegetabilischen Existenzen der Großstadt. Tausend Landschaften stehen
+auf, jede ist bereit, hinter seine Schicksale zu treten, sie zu formen,
+und alle sind deutlicher in ihm nach einem Augenblick des Schauens, als
+anderen nach den Jahren, die sie darin lebten. Alles hat er gewußt, was
+er einmal flüchtig mit dem Blick angerührt hat, und -- merkwürdiges
+Paradoxon des Künstlers -- er hat selbst das gewußt, was er gar nicht
+kannte, er hat die Fjorde Norwegens und die Wälle von Saragossa aus
+seinen Träumen wachsen lassen, und sie waren wie die Wirklichkeit.
+Ungeheuer ist diese Rapidität der Vision. Es war, als ob er nackt und
+klar das erkennen könnte, was die anderen umhängt und unter tausend
+Bekleidungen erblickten. Ihm war an allem ein Zeichen, zu allem ein
+Schlüssel, daß er die Außenfläche abtun konnte von den Dingen und sie
+ihm ihr Inneres zeigten. Die Physiognomien taten sich ihm auf, alles
+fiel in seine Sinne wie der Kern aus einer Frucht. Mit einem Ruck reißt
+er das Essentielle aus dem Faltenwerk des Unwesentlichen, aber nicht,
+daß er es freigräbt, langsam wühlend von Schicht zu Schicht, sondern wie
+mit Pulver sprengt er die goldenen Minen des Lebens auf. Und zugleich
+mit diesen wirklichen Formen faßt er auch das Unfaßbare, die gasförmig
+über ihnen schwebende Atmosphäre von Glück und Unglück, die zwischen
+Himmel und Erde schwebenden Erschütterungen, die nahen Explosionen, die
+Wetterstürze der Luft. Was den anderen eben nur Umriß ist, was sie
+sehen, kalt und ruhig wie unter einer gläsernen Vitrine, das fühlt
+seine magische Sensibilität wie in der Hülse des Thermometers als
+atmosphärischen Zustand.
+
+Dieses ungeheure, unvergleichlich intuitive Wissen ist das Genie
+Balzacs. Was man dann noch den Künstler nennt, den Verteiler der
+Kräfte, den Ordner und Gestalter, den Zusammenhaltenden und Lösenden,
+den spürt man nicht so deutlich bei Balzac. Man wäre versucht zu sagen,
+er war gar nicht das, was man Künstler nennt, so sehr war er Genie.
+»Une telle force n'a pas besoin d'art.« Das Wort gilt auch von ihm.
+Denn wirklich, hier ist eine Kraft, so grandios und so groß, daß sie
+wie die freiesten Tiere des Urwaldes der Zähmung widerstrebt, sie ist
+schön wie ein Gestrüpp, ein Sturzbach, ein Gewitter, wie alle jene
+Dinge, deren ästhetischer Wert einzig in der Intensität ihres
+Ausdrucks besteht. Ihre Schönheit bedarf nicht der Symmetrie, der
+Dekoration, der nachhelfenden, sorglichen Verteilung, sie wirkt durch
+die ungezügelte Vielfalt ihrer Kräfte. Balzac hat seine Romane nie
+genau komponiert, er hat sich in ihnen verloren wie in einer
+Leidenschaft, in den Schilderungen, im Wort gewühlt wie in Stoffen oder
+nacktem blühenden Fleisch. Er reißt Gestalten auf, hebt sie von allen
+Ständen, Familien, von allen Provinzen Frankreichs aus, wie Napoleon
+seine Soldaten, teilt sie in Brigaden, macht den einen zum Reiter,
+stellt den anderen zu den Kanonen und den dritten zum Train, schüttet
+Pulver auf die Pfannen ihrer Gewehre und überläßt sie dann ihrer
+inneren ungebändigten Kraft. Die »Comédie humaine« hat trotz der
+schönen -- aber nachträglichen! -- Vorrede keinen inneren Plan. Sie ist
+planlos, wie das Leben ihm selbst planlos erschien, sie zielt nicht auf
+eine Moral hin und nicht auf eine Übersicht, sie will als Wandelndes
+das ewig sich Wandelnde zeigen; in all diesem Ebben und Fluten ist
+keine dauernde Kraft, sondern nur ein momentaner Zug wie die
+geheimnisvolle Anziehung des Mondes, jene unkörperliche, wie aus Wolken
+und Licht gewebte Atmosphäre, die man Epoche nennt. Dieses neuen Kosmos
+einziges Gesetz wäre, daß alles, was gleichzeitig aufeinander wirkt,
+auch sich selbst verändert, daß nichts frei wie ein Gott, der nur von
+außen stieße, wirkt, sondern daß alle die Menschen, deren unbeständige
+Vereinung erst die Epoche ausmacht, ebenso von der Epoche geschaffen
+werden, daß ihre Moral, ihre Gefühle ebenso Produkte sind wie sie
+selbst. Daß alles Relativitäten sind, daß, was in Paris Tugend genannt
+wird, hinter den Azoren ein Laster sei, daß für nichts feste Werte
+vorhanden seien und daß leidenschaftliche Menschen die Welt so werten
+müssen, wie Balzac sie die Frau werten läßt: daß sie immer wert sei,
+was sie ihn koste. Aufgabe des Dichters, dem -- schon weil er selbst
+nur Produkt, Kreatur seiner Zeit ist -- versagt ist, das Bleibende aus
+diesem Wandel zu gewinnen, kann nur sein, den atmosphärischen Druck,
+den geistigen Zustand seiner Epoche zu schildern, das Wechselspiel
+der gemeinsamen Kräfte, die die Millionen Moleküle beseelten,
+zusammenfügten und wieder zerteilten. Meteorologe der sozialen
+Luftströmungen, Mathematiker des Willens, Chemiker der Leidenschaften,
+Geologe der nationalen Urformen -- ein vielfältiger Gelehrter zu sein,
+der mit allen Instrumenten den Körper seiner Zeit durchdringt und
+behorcht, und gleichzeitig ein Sammler aller Tatsachen, ein Maler ihrer
+Landschaften, ein Soldat ihrer Ideen, das zu sein ist Balzacs Ehrgeiz,
+und darum war er so unermüdlich im Verzeichnen ebenso der grandiosen
+wie der infinitesimalen Dinge. Und so ist sein Werk nach dem Dauerwort
+Taines das größte Magazin menschlicher Dokumente seit Shakespeare
+geworden. Seinen Zeitgenossen und vielen der heutigen ist Balzac
+freilich nur der Verfasser von Romanen. So betrachtet, durch das
+ästhetische Glas visiert, erscheint er nicht so überlebensgroß. Denn er
+hat eigentlich wenige standard works. Balzac will nicht am Einzelwerk
+gemessen werden, sondern am Ganzen, will betrachtet sein wie eine
+Landschaft mit Berg und Tal, unbegrenzter Ferne, verräterischen Klüften
+und raschen Strömen. Mit ihm beginnt -- man könnte fast sagen, hört
+auch auf, wäre nicht Dostojewski gekommen -- der Gedanke des Romans
+als Enzyklopädie der inneren Welt. Die Dichter vor ihm wußten nur
+zweierlei, um den schläfrigen Motor der Handlung nach vorne zu treiben:
+sie statuierten entweder den von außen wirkenden Zufall, der wie ein
+scharfer Wind sich in die Segel legte und das Fahrzeug nach vorne
+trieb, oder sie wählten als die von innen treibende Kraft einzig den
+erotischen Trieb, die Peripetien der Liebe. Balzac nun hat eine
+Transponierung des Erotischen vorgenommen. Für ihn gab es zweierlei
+Begehrende (und wie gesagt, nur die Begehrenden, die Ambitiösen haben
+ihn interessiert): die Erotiker im eigentlichen Sinne, ein paar Männer
+also und fast alle Frauen, deren Sternbild einzig die Liebe ist, die
+unter ihm geboren werden und zugrunde gehen. Daß aber alle diese in der
+Erotik ausgelösten Kräfte nicht die einzigen seien, daß die Peripetien
+der Leidenschaft auch bei anderen Menschen nicht um ein Gran vermindert
+und, ohne daß die treibende Urkraft zerstäube oder zersplittere, in
+anderen Formen, in anderen Symbolen erhalten seien, durch diese tätige
+Erkenntnis hat der Roman Balzacs eine ungeheuerliche Vielfalt gewonnen.
+
+Aber noch aus einer zweiten Quelle hat Balzac ihn mit Wirklichkeit
+gespeist: er hat das Geld in den Roman gebracht. Er, der keine absoluten
+Werte anerkannte, beobachtete als Sekretär seiner Zeitgenossen, als
+Statistiker des Relativen genau die äußeren, die moralischen,
+politischen, ästhetischen Werte der Dinge und vor allem jenen allgemein
+gültigen Wert der Objekte, der sich in unseren Tagen bei jedem Dinge
+fast dem absoluten nähert: den Geldwert. Seit die Vorrechte der
+Aristokratie gefallen sind, seit der Nivellierung der Unterschiede ist
+das Geld zum Blute, zur treibenden Kraft des sozialen Lebens geworden.
+Jedes Ding ist durch seinen Wert, jede Leidenschaft durch ihre
+materiellen Opfer, jeder Mensch durch sein äußeres Einkommen bestimmt.
+Zahlen sind die Gradmesser für gewisse, atmosphärische Zustände des
+Gewissens, die Balzac zu erforschen sich zur Aufgabe gesetzt hat. Und
+Geld kreist in seinen Romanen. Nicht nur das Anwachsen und Hinstürzen
+der großen Vermögen, die wilden Spekulationen der Börse sind
+geschildert, nicht nur die großen Schlachten, in denen ebensoviel
+Energie verausgabt wird wie bei Leipzig und Waterloo, nicht nur diese
+zwanzig Typen der Gelderraffer aus Geiz, Haß, Verschwendungslust,
+Ambition, nicht nur jene Menschen, die das Geld um des Geldes willen
+lieben, und die, welche es um des Symbols willen lieben, und die wieder,
+denen es nur Mittel zu ihren Zwecken ist, sondern Balzac hat als der
+erste und kühnste an tausend Beispielen gezeigt, wie das Geld selbst in
+die edelsten, feinsten und immateriellsten Empfindungen eingesickert
+ist. Alle seine Menschen rechnen, wie wir es unwillkürlich im Leben tun.
+Seine Anfänger, die nach Paris kommen, wissen rasch, was ein Besuch der
+guten Gesellschaft kostet, eine elegante Gewandung, blanke Schuhe, ein
+neuer Wagen, eine Wohnung, ein Diener, tausend Kleinigkeiten und
+Kleinlichkeiten, die alle bezahlt und erlernt sein wollen. Sie kennen
+die Katastrophen, verachtet zu werden um einer unmodischen Weste willen,
+sie haben bald heraus, daß nur Geld oder der Schein des Geldes die Türen
+sprengt, und aus diesen kleinen unablässigen Demütigungen wachsen dann
+die großen Leidenschaften und die zähe Ambition. Und Balzac geht mit
+ihnen. Er rechnet den Verschwendern ihre Ausgaben nach, den Wucherern
+ihre Prozente, den Kaufmännern ihre Verdienste, den Dandys ihre
+Schulden, den Politikern ihre Bestechungen. Die Summen sind die
+Gradziffern der aufsteigenden Unruhegefühle, der Barometerdruck der
+nahenden Katastrophen. Da Geld der materielle Niederschlag des
+universellen Ehrgeizes war, da es eindrang in alle Gefühle, so mußte
+er, der Pathologe des sozialen Lebens, um die Krisen des kranken Leibes
+zu erkennen, die Mikroskopie des Blutes unternehmen, den Geldgehalt
+desselben gewissermaßen feststellen. Denn aller Leben ist damit
+gesättigt, es ist Sauerstoff für die gehetzten Lungen, keiner kann es
+entbehren, der Ehrgeizige nicht für seinen Ehrgeiz, der Liebende nicht
+für sein Glück und am wenigsten der Künstler, das hat er selbst am
+besten gewußt, auf dessen Schultern die Schuld von hunderttausend Francs
+sich türmte, dieses furchtbare Gewicht, das er oft flüchtig -- in der
+Ekstase der Arbeit -- wegschleuderte von seinen Schultern und das
+schließlich zerschmetternd auf ihn niederfiel.
+
+Unübersehbar ist sein Werk. In den achtzig Bänden steht eine Zeit, eine
+Welt, eine Generation. Nie vorher ist bewußt ein so Gewaltiges versucht
+worden, nie wurde die Vermessenheit eines übergroßen Willens besser
+belohnt. Den Genießenden, den Ausruhenden, die am Abend, aus ihrer
+engen Welt flüchtend, neue Bilder und neue Menschen wollen, ist
+Erregung und ein wandelnd Spiel gegeben, den Dramatikern Stoff für
+hundert Tragödien, den Gelehrten -- lässig hingeworfen wie Brocken vom
+Tisch eines Übersättigten -- eine Fülle von Problemen und Anregungen,
+den Liebenden eine geradezu vorbildliche Glut der Ekstase. Am
+gewaltigsten aber ist die Erbschaft für die Dichter. In dem Entwurf
+der »Comédie humaine« stehen nebst den vollendeten noch vierzig
+unvollendete, ungeschriebene Romane, Moskau heißt der eine, jener die
+Ebene von Wagram, ein anderer gilt dem Kampf um Wien und wieder einer
+dem Leben der Passion. Fast ist es ein Glück, daß nicht alle diese zu
+Ende gelangt sind. Balzac hat einmal gesagt: »Genie ist derjenige, der
+jederzeit seine Gedanken in Tat umsetzen kann. Aber das ganz große
+Genie entfaltet nicht unablässig diese Tätigkeit, sonst würde es Gott
+zu sehr gleichen.« Denn hätte er alle diese vollenden dürfen, den Kreis
+der Leidenschaften und Geschehnisse ganz in sich zurückführen, sein
+Werk wäre ins Unbegreifliche gewachsen. Es wäre ein Ungeheures geworden,
+eine Abschreckung für alle Späteren durch seine Unerreichbarkeit,
+während es so -- ein Torso ohnegleichen -- die ungeheuerste Aneiferung,
+das grandioseste Beispiel ist für jeden schöpferischen Willen zum
+Unerreichbaren.
+
+
+
+
+ DICKENS
+
+
+Nein, man soll nicht Bücher und Biographen befragen, wie sehr Charles
+Dickens von seinen Zeitgenossen geliebt worden ist. Liebe lebt atmend
+nur im gesprochenen Wort. Man muß es sich erzählen lassen, am besten
+von einem Engländer, der mit seinen Jugenderinnerungen noch zurückreicht
+bis an jene Zeit der ersten Erfolge, von einem derer, die sich noch
+immer nicht nach nun fünfzig Jahren entschließen können, den Dichter des
+»Pickwick« Charles Dickens zu nennen, sondern ihm unentwegt seinen alten
+vertraulicheren, innigeren Necknamen »Boz« geben. An ihrer wehmütig
+rücksinnenden Rührung kann man den Enthusiasmus der Tausende messen, die
+damals mit ungestümem Entzücken jene blauen, monatlichen Romanhefte
+empfangen hatten, die heute, ein Rarissimum für den Bibliophilen, in
+Fächern und Schränken gilben. Damals -- so erzählte mir einer dieser
+»old Dickensians« -- konnten sie es am Posttage niemals über sich
+bringen, den Boten zu Hause abzuwarten, der endlich, endlich das neue
+blaue Heft von Boz im Bündel trug. Einen ganzen Monat hatten sie danach
+gehungert, hatten geharrt, gehofft, gestritten, ob Copperfield die Dora
+heiraten werde oder die Agnes, hatten sich gefreut, daß Micawbers
+Verhältnisse wieder zu einer Krisis gelangt waren -- wußten sie doch, er
+werde sie mit heißem Punsch und guter Laune heroisch überwinden! -- und
+nun sollten sie noch warten, warten, bis der Postbote auf der schläfrigen
+Kutsche kam und ihnen all diese heiteren Scharaden auflöste? Das konnten
+sie nicht, es ging einfach nicht. Und alle, die Alten wie die Jungen,
+wanderten Jahr für Jahr am fälligen Tage dem Briefboten zwei Meilen
+entgegen, nur um ihr Buch früher zu haben. Im Heimwandern schon fingen
+sie an zu lesen, einer guckte dem andern über die Schulter ins Blatt,
+andere lasen laut vor, und nur die gutmütigsten liefen mit langen
+Beinen zurück, um die Beute rascher zu Frau und Kind zu bringen. So wie
+dieses Städtchen hat damals jedes Dorf, jede Stadt, das ganze Land und
+darüber hinaus die in allen Erdteilen gesiedelte englische Welt Charles
+Dickens geliebt; hat ihn geliebt von der ersten Stunde der Begegnung bis
+zur letzten seines Lebens. Nie im neunzehnten Jahrhundert hat es
+irgendwo ein ähnlich unwandelbares herzliches Verhältnis zwischen einem
+Dichter und seiner Nation gegeben. Wie eine Rakete schoß dieser Ruhm
+auf, aber er losch nie aus, er blieb wie eine Sonne wandellos leuchtend
+über der Welt. Vom ersten Heft der »Pickwickier« wurden 400 Exemplare
+gedruckt, vom fünfzehnten bereits 40000: mit solcher Lawinenmacht
+stürzte sein Ruhm nieder in seine Zeit. Nach Deutschland bahnte er sich
+schnell den Weg, Hunderte und Tausende kleiner Groschenhefte säten
+Lachen und Freude in die Furchen selbst der verwittertsten Herzen; nach
+Amerika, Australien und Kanada wanderte der kleine Nikolaus Nickleby,
+der arme Oliver Twist und die tausend anderen Gestalten dieses
+Unerschöpflichen. Heute sind schon Millionen Bücher von Dickens im
+Umlauf, große, kleine, dicke und dünne Bände, billige Ausgaben für die
+Armen und die teuerste Ausgabe drüben in Amerika, die je von einem
+Dichter veranstaltet worden ist (dreimalhunderttausend Mark, glaube ich,
+kostet sie: diese Ausgabe für Milliardäre), aber in all den Büchern
+nistet heute wie damals noch immer das selige Lachen, um aufzuflattern
+wie ein zwitschernder Vogel, sobald man die ersten Blätter gewendet hat.
+Beispiellos ist die Beliebtheit dieses Autors gewesen: wenn sie sich im
+Laufe der Jahre nicht steigerte, so war es nur, weil die Leidenschaft
+keine höheren Möglichkeiten mehr kannte. Als Dickens sich entschloß,
+öffentlich zu lesen, als er zum erstenmal seinem Publikum Auge in Auge
+entgegentrat, war England im Taumel. Man stürmte die Säle, pfropfte sie
+voll, an den Säulenpfeilern klammerten sich Enthusiasten an, krochen
+unter sein Podium, nur um den geliebten Dichter hören zu können. In
+Amerika schliefen die Leute bei bitterster Winterkälte auf mitgebrachten
+Matratzen vor den Kassen, Kellner brachten ihnen das Essen aus den
+benachbarten Restaurants, aber der Andrang wurde unaufhaltsam. Alle Säle
+wurden zu klein, und man räumte schließlich dem Dichter in Brooklyn eine
+Kirche ein als Vorlesesaal. Von der Kanzel las er die Abenteuer Oliver
+Twists und die Geschichte der kleinen Nell. Launenlos war dieser Ruhm,
+er drängte Walter Scott zur Seite, überschattete ein Leben lang das
+Genie Thackerays; und als die Flamme erlosch, als Dickens starb, ging es
+wie ein Riß durch die ganze englische Welt. Auf der Straße erzählten es
+Fremde einander, Bestürzung verstörte London wie nach einer verlorenen
+Schlacht. Zwischen Shakespeare und Fielding bettete man ihn, in
+Westminster Abbey, dem Pantheon Englands; Tausende strömten hinzu, und
+tagelang war die schlichte Gedenkstätte überflutet von Blumen und
+Kränzen. Und noch heute, nach vierzig Jahren, kann man selten
+vorübergehen, ohne ein paar von dankbarer Hand hingestreute Blüten zu
+finden: der Ruhm und die Liebe ist nicht gewelkt in all den Jahren.
+Heute wie damals in jener Stunde, da England dem Ahnungslosen, dem
+Namenlosen das unverhoffte Geschenk des Weltruhms in die Hand drückte,
+ist Charles Dickens der geliebteste, umworbenste und gefeierteste
+Erzähler der ganzen englischen Welt.
+
+Eine so ungeheuerliche, gleicherweise in die Breite wie in die Tiefe
+dringende Wirkung eines dichterischen Werkes kann nur durch das
+seltene Zusammentreffen zweier meist widerstrebender Elemente
+Wirklichkeit werden: durch die Identität eines genialen Menschen mit
+der Tradition seiner Zeit. Im allgemeinen wirken das Traditionelle und
+das Geniale gegeneinander wie Wasser und Feuer. Ja, es ist beinahe das
+Merkzeichen des Genies, daß es als verkörperte Seele einer werdenden
+Tradition die vergangene befeindet, daß es als Ahnherr eines neuen
+Geschlechtes dem absterbenden Blutfehde ansagt. Ein Genie und seine
+Zeit sind wie zwei Welten, die zwar Licht und Schatten miteinander
+tauschen, aber in anderen Sphären schwingen, die sich auf ihren
+kreisenden Bahnen begegnen, aber nie vereinen. Hier ist nun jene
+seltene Sekunde des Sternenhimmels, wo der Schatten des einen Gestirns
+die leuchtende Scheibe des anderen so ausfüllt, daß sie sich
+identifizieren: Dickens ist der einzige große Dichter des Jahrhunderts,
+dessen innerste Absicht sich ganz mit dem geistigen Bedürfnis seiner
+Zeit deckt. Sein Roman ist absolut identisch mit dem Geschmack des
+damaligen England, sein Werk ist die Materialisierung der englischen
+Tradition: Dickens ist der Humor, die Beobachtung, die Moral, die
+Ästhetik, der geistige und künstlerische Gehalt, das eigenartige und
+uns oft fremde, oft sehnsüchtig-sympathische Lebensgefühl von sechzig
+Millionen Menschen jenseits des Ärmelkanals. Nicht er hat dieses Werk
+gedichtet, sondern die englische Tradition, die stärkste, reichste,
+eigentümlichste und darum auch gefährlichste der modernen Kulturen. Man
+darf ihre vitale Kraft nicht unterschätzen. Jeder Engländer ist mehr
+Engländer als der Deutsche Deutscher. Das Englische liegt nicht wie ein
+Firnis, wie eine Farbe über dem geistigen Organismus des Menschen, es
+dringt ins Blut, wirkt regelnd ein auf seinen Rhythmus, durchpulst das
+Innerste und Geheimste, das Ureigenste im Individuum: das Künstlerische.
+Auch als Künstler ist der Engländer mehr rassepflichtig als der Deutsche
+oder Franzose. Jeder Künstler in England, jeder wahrhafte Dichter hat
+darum mit dem Englischen in sich gerungen; aber selbst inbrünstigster,
+verzweifeltster Haß haben es nicht vermocht, die Tradition niederzuzwingen.
+Sie reicht mit ihren feinen Adern zu tief hinab ins Erdreich der Seele:
+und wer das Englische ausreißen will, zerreißt den ganzen Organismus,
+verblutet an der Wunde. Ein paar Aristokraten haben es, voll Sehnsucht
+nach freiem Weltbürgertum, gewagt: Byron, Shelley, Oskar Wilde haben
+den Engländer in sich vernichten wollen, weil sie das Ewig-Bürgerliche
+im Engländer haßten. Aber sie zerfetzten nur ihr eigenes Leben. Die
+englische Tradition ist die stärkste, die siegreichste der Welt, aber
+auch die gefährlichste für die Kunst. Die gefährlichste, weil sie
+heimtückisch ist: keine frostige Öde ist sie, nicht unwirtlich oder
+ungastlich, sie lockt mit warmem Herdfeuer und sanfter Bequemlichkeit,
+aber sie zäunt ein mit moralischen Grenzen, sie beengt und regelt und
+verträgt sich übel mit dem freien künstlerischen Trieb. Sie ist eine
+bescheidene Wohnung mit stockender Luft, geschützt vor den gefährlichen
+Stürmen des Lebens, heiter, freundlich und gastlich, ein echtes »home«
+mit allem Kaminfeuer bürgerlicher Zufriedenheit, aber doch ein Gefängnis
+für den, dessen Heimat die Welt, dessen tiefste Lust das nomadenhaft
+selige, abenteuerliche Schweifen im Unbegrenzten ist. Dickens hat sichs
+behaglich in der englischen Tradition gemacht, hat sich häuslich
+eingerichtet in ihren vier Mauern. Er fühlte sich wohl in der heimatlichen
+Sphäre und hat nie, sein Leben lang, die künstlerische, moralische oder
+ästhetische Grenze Englands überschritten. Er war kein Revolutionär.
+Der Künstler in ihm vertrug sich mit dem Engländer, löste sich
+allmählich ganz in ihm auf. Was Dickens geschaffen hat, steht fest und
+sicher auf dem jahrhundertalten Fundament der englischen Tradition,
+beugt sich nie oder nur selten um Haaresbreite über sie hinaus, führt
+aber den Bau zu unverhoffter Höhe mit einer reizvollen Architektonik
+empor. Sein Werk ist der unbewußte, Kunst gewordene Wille seiner Nation:
+und wenn wir die Intensität, die seltenen Vorzüge und die versäumten
+Möglichkeiten seiner Dichtung umgrenzen, rechten wir gleichzeitig immer
+mit England.
+
+Dickens ist der höchste dichterische Ausdruck der englischen Tradition
+zwischen dem heroischen Jahrhundert Napoleons, der ruhmreichen
+Vergangenheit, und dem Imperialismus, dem Traum seiner Zukunft. Wenn
+er für uns nur ein Außerordentliches geleistet hat und nicht das
+Gewaltige, zu dem ihn sein Genie prädestinierte, so ist es nicht
+England, nicht die Rasse selbst, die ihn gehemmt hat, sondern der
+unverschuldete Augenblick: das viktorianische Zeitalter Englands. Auch
+Shakespeare war ja höchste Möglichkeit, poetische Erfüllung einer
+englischen Epoche: aber der elisabethanischen, des starken tatenfrohen,
+jünglinghaften, frischsinnlichen England, das zum erstenmal die Fänge
+nach dem Imperium mundi reckte, das heiß und vibrierend war von
+überschäumender Kraft. Shakespeare war der Sohn eines Jahrhunderts der
+Tat, des Willens, der Energie. Neue Horizonte waren aufgetaucht, in
+Amerika abenteuerliche Reiche gewonnen, der Erbfeind zerschmettert,
+von Italien her flackte das Feuer der Renaissance herüber in den
+nordischen Nebel, ein Gott, eine Religion waren abgetan, die Welt
+wieder anzufüllen mit neuen lebendigen Werten. Shakespeare war die
+Inkarnation des heroischen England, Dickens nur das Symbol des
+bourgeoisen. Er war loyaler Untertan der anderen Königin, der sanften,
+hausmütterlichen, unbedeutenden, old queen Victoria, Bürger eines
+prüden, behaglichen, geordneten Staatswesens ohne Elan und
+Leidenschaft. Sein Auftrieb war gehemmt durch die Schwere des
+Zeitalters, das nicht hungrig war, das nur verdauen wollte: schlaffer
+Wind nur spielte mit den Segeln seines Schiffes, trieb es nie fort von
+der englischen Küste zur gefährlichen Schönheit des Unbekannten, hinein
+in die pfadlose Unendlichkeit. Vorsichtig ist er immer in der Nähe des
+Heimischen, Gewohnten und Althergebrachten geblieben: wie Shakespeare
+der Mut des gierigen, ist Dickens die Vorsicht des satten England. 1812
+ist er geboren. Gerade wie seine Augen um sich greifen können, wird es
+dunkel in der Welt, die große Flamme verlischt, die das morsche Gebälk
+der europäischen Staaten zu vernichten drohte. Bei Waterloo zerschellt
+die Garde an der englischen Infanterie, England ist gerettet und sieht
+seinen Erbfeind auf ferner Insel einsam ohne Krone und Macht zugrunde
+gehen. Das hat Dickens nicht mehr miterlebt; er sieht nicht mehr die
+Flamme der Welt, den feurigen Schein von einem Ende Europas sich gegen
+das andere wälzen; sein Blick tappt in den Nebel Englands hinein. Der
+Jüngling findet keine Helden mehr, die Zeit der Heroen ist vorüber. Ein
+paar in England wollen es freilich nicht glauben, sie wollen mit Gewalt
+und Enthusiasmus die Speichen der rollenden Zeit zurückreißen, der Welt
+den alten sausenden Schwung geben, aber England will Ruhe und stößt sie
+von sich. Sie flüchten der Romantik nach in ihre heimlichen Winkel,
+suchen aus armen Funken das Feuer wieder zu entfachen, aber das
+Schicksal läßt sich nicht zwingen. Shelley ertrinkt im Tyrrhenischen
+Meer, Lord Byron verbrennt im Fieber zu Missolunghi: die Zeit will
+keine Aventüren mehr. Aschfarben ist die Welt. Behaglich verschmaust
+England die noch blutige Beute; der Bourgeois, der Kaufmann, der Makler
+ist König und räkelt sich auf dem Thron wie auf einem Faulbett. England
+verdaut. Eine Kunst, die damals gefallen konnte, mußte digestiv sein,
+sie durfte nicht stören, nicht mit wilden Emotionen rütteln, nur
+streicheln und krauen, sie durfte nur sentimental sein und nicht
+tragisch. Man wollte nicht den Schauer, der die Brust wie ein Blitz
+spaltet, den Atem zerschneidet, das Blut einfrieren läßt -- zu gut
+kannte man das vom wirklichen Leben, als die Gazetten aus Frankreich
+und Rußland kamen --, nur das Gruseln wollte man, das Schnurren und
+Spielen, das unablässig den farbigen Knäuel der Geschichten hin und
+her rollt. Kaminkunst wollten die Leute von damals, Bücher, die sich
+behaglich, während der Sturm an den Pfosten rüttelt, am Kamin lesen und
+die selbst so züngeln und knacken mit vielen kleinen ungefährlichen
+Flammen, eine Kunst, die das Herz wärmt wie Tee, nicht eine, die es
+freudig und lodernd berauschen will. So ängstlich sind die Sieger von
+vorgestern geworden -- sie, die nur behalten möchten und bewahren,
+nichts mehr wagen und wandeln --, daß sie Angst haben vor ihrem
+eigenen starken Gefühl. In den Büchern wie im Leben wünschen sie nur
+wohltemperierte Leidenschaften, keine Ekstasen, die aufstürmen, immer
+nur normale Gefühle, die sittsam promenieren. Glück wird in England
+damals identisch mit Beschaulichkeit, Ästhetik mit Sittsamkeit, und
+Sinnlichkeit wiederum mit Prüderie, Nationalgefühl mit Loyalität, Liebe
+mit Ehe. Alle Lebenswerte werden blutarm. England ist zufrieden und
+will keinen Wandel. Eine Kunst, die eine so satte Nation anerkennen
+kann, muß darum selbst irgendwie zufrieden sein, das Bestehende
+loben und nicht darüberhinaus wollen. Und dieser Wille nach einer
+behaglichen, freundlichen, einer digestiven Kunst findet sein Genie,
+wie einst das elisabethanische England seinen Shakespeare. Dickens ist
+das Schöpfung gewordene künstlerische Bedürfnis des damaligen England.
+Daß er im richtigen Augenblicke kam, schuf seinen Ruhm; daß er von
+diesem Bedürfnis überwältigt wurde, ist seine Tragik. Seine Kunst ist
+genährt von der hypokritischen Moral von der Behaglichkeit des satten
+England: und stände nicht eine so außerordentliche dichterische Kraft
+hinter seinem Werke, täuschte nicht sein glitzernder, goldfunkelnder
+Humor hinweg über die innere Farblosigkeit der Gefühle, so hätte er nur
+Wert in jener englischen Welt, wäre uns indifferent wie die Tausende
+von Romanen, die jenseits des Ärmelkanals von fingerfertigen Leuten
+produziert werden. Erst wenn man aus tiefster Seele die hypokritische
+Borniertheit der viktorianischen Kultur haßt, kann man das Genie eines
+Menschen mit voller Bewunderung ermessen, der uns diese widerliche
+Welt der satten Behäbigkeit als interessant und fast liebenswert zu
+empfinden zwang, der die banalste Prosa des Lebens zu Poesie erlöste.
+
+Dickens hat selbst nie gegen dieses England angekämpft. Aber in der
+Tiefe -- unten im Unbewußten -- war das Ringen des Künstlers in ihm mit
+dem Engländer. Er ist ursprünglich stark und sicher ausgeschritten,
+nach und nach aber in dem weichen, halb zähen, halb nachgiebigen Sand
+seiner Zeit müde geworden und immer öfter und öfter schließlich in die
+alten, breitgestapften Fußspuren der Tradition getreten. Dickens ist
+überwältigt worden von seiner Zeit, und ich muß bei seinem Schicksal
+immer an das Abenteuer Gullivers bei den Liliputanern denken. Während
+der Riese schläft, spannen ihn die Zwerge mit tausenden kleinen Fäden
+an den Erdboden an, halten den Erwachenden so fest und lassen ihn nicht
+früher frei, ehe er nicht kapituliert und geschworen hat, die Gesetze
+des Landes nie zu verletzen. So hat die englische Tradition Dickens im
+Schlaf seiner Unberühmtheit eingesponnen und festgehalten: sie preßte
+ihn mit den Erfolgen an die englische Scholle, sie rissen ihn hinein in
+den Ruhm und banden ihm damit die Hände. Er war nach einer langen
+trüben Kindheit Stenograph im Parlament geworden und hatte einmal
+versucht, kleine Skizzen zu schreiben, mehr eigentlich um sein
+Einkommen zu vermehren als aus impulsivem dichterischen Bedürfnis. Der
+erste Versuch gelang, die Zeitung verpflichtete ihn. Dann bat ihn ein
+Verleger um satirische Glossen zu einem Klub, die gewissermaßen den
+Text zu Karikaturen aus der englischen gentry bilden sollten. Dickens
+nahm an. Und es gelang, gelang über alle Erwartung. Die ersten Hefte
+des »Pickwick-Klub« waren ein Erfolg ohne Beispiel; nach zwei Monaten
+war Boz ein nationaler Autor. Der Ruhm schob ihn weiter, aus Pickwick
+wurde ein Roman. Es gelang wieder. Immer dichter spannen sich die
+kleinen Netze, die geheimen Fesseln des nationalen Ruhmes. Von einem
+Werke drängte ihn der Beifall zum andern, drängte ihn immer mehr in
+die Windrichtung des zeitgenössischen Geschmackes hinein. Und diese
+hunderttausend Netze, aus Beifall, baren Erfolgen und stolzem
+Bewußtsein künstlerischen Wollens auf das verwirrendste gewoben,
+hielten ihn nun fest an der englischen Erde, bis er kapitulierte,
+innerlich gelobte, die ästhetischen und moralischen Gesetze seiner
+Heimat nie zu übertreten. Er blieb in der Gewalt der englischen
+Tradition, des bürgerlichen Geschmackes, ein moderner Gulliver unter
+den Liliputanern. Seine wundervolle Phantasie, die wie ein Adler hätte
+hinschweben können über dieser engen Welt, verhakte sich in den
+Fußfesseln der Erfolge. Eine tiefinnerliche Zufriedenheit belastet
+seinen künstlerischen Auftrieb. Dickens war zufrieden. Zufrieden mit
+der Welt, mit England, mit seinen Zeitgenossen und sie mit ihm. Beide
+wollten sie sich nicht anders, als sie waren. In ihm war nicht die
+zornige Liebe, die züchtigen will, aufrütteln, anstacheln und erheben,
+der Urwille des großen Künstlers, mit Gott zu rechten, seine Welt zu
+verwerfen und sie neu, nach seinem eigenen Dünken zu erschaffen.
+Dickens war fromm, fürchtig; er hatte für alles Bestehende eine
+wohlwollende Bewunderung, ein ewig kindliches, spielfrohes Entzücken.
+Er war zufrieden. Er wollte nicht viel. Er war einmal ein ganz armer,
+vom Schicksal vergessener, von der Welt verschüchterter Knabe gewesen,
+dem erbärmliche Berufe die Jugend verzettelt hatten. Damals hatte er
+bunte farbige Sehnsucht gehabt, aber alle hatten ihn zurückgestoßen in
+eine lange und hartnäckig getragene Verschüchterung. Das brannte in
+ihm. Seine Kindheit war das eigentlich dichterisch-tragische Erlebnis
+-- hier war der Same seines schöpferischen Wollens eingesenkt in das
+fruchtbare Erdreich von schweigsamem Schmerz; und seine tiefste
+seelische Absicht war, als ihm dann die Macht und Möglichkeit der
+Wirkung ins Weite wurde, diese Kindheit zu rächen. Er wollte mit seinen
+Romanen allen armen, verlassenen, vergessenen Kindern helfen, die so
+wie er einst Ungerechtigkeit erlitten durch schlechte Lehrer,
+vernachlässigte Schulen, gleichgültige Eltern, durch die lässige,
+lieblose, selbstsüchtige Art der meisten Menschen. Er wollte ihnen die
+paar farbigen Blüten Kinderfreude retten, die in seiner eigenen Brust
+verwelkt waren ohne den Tau der Güte. Später hatte ihm das Leben dann
+alles gewährt, und er wußte es nicht mehr anzuklagen: aber die Kindheit
+rief in ihm um Rache. Und die einzige moralische Absicht, der innere
+Lebenswille seines Dichtens war, diesen Schwachen zu helfen: hier
+wollte er die zeitgenössische Lebensordnung verbessern. Er verwarf sie
+nicht, er bäumte sich nicht auf gegen die Normen des Staates, er droht
+nicht, reckt nicht die zornige Faust gegen das ganze Geschlecht, gegen
+die Gesetzgeber, die Bürger, gegen die Verlogenheit aller Konventionen,
+sondern deutet nur hier und dort mit vorsichtigem Finger auf eine
+offene Wunde. England ist das einzige Land Europas, das damals, um
+1848, nicht revolutionierte; und so wollte auch er nicht umstürzen und
+neu schaffen, nur korrigieren und verbessern, wollte nur die Phänomene
+des sozialen Unrechts, dort wo ihr Dorn zu spitz und schmerzhaft ins
+Fleisch drang, abschleifen und mildern, doch nie die Wurzel, die
+innerste Ursache, aufgraben und zerstören. Als echter Engländer wagt er
+sich nicht an die Fundamente der Moral, sie sind dem Konservativen
+sakrosankt wie das gospel, das Evangelium. Und diese Zufriedenheit,
+dieser Absud vom flauen Temperament seiner Epoche, ist so charakteristisch
+für Dickens. Er wollte nicht viel vom Leben: und so seine Helden. Ein
+Held bei Balzac ist gierig und herrschsüchtig, er verbrennt vor
+ehrgeiziger Sehnsucht nach Macht. Nichts ist ihm genug, unersättlich
+sind sie alle, jeder ein Welteroberer, ein Umstürzler, ein Anarchist
+und ein Tyrann zugleich. Sie haben ein napoleonisches Temperament.
+Auch die Helden Dostojewskis sind feurig und ekstatisch, ihr Wille
+verwirft die Welt und greift in herrlichster Ungenügsamkeit über das
+wirkliche Leben nach dem wahren Leben; sie wollen nicht Bürger und
+Menschen sein, sondern in jedem von ihnen funkelt durch alle Demut der
+gefährliche Stolz, ein Heiland zu werden. Ein Held Balzacs will die Welt
+unterjochen, ein Held Dostojewskis sie überwinden. Beide haben sie eine
+Anspannung über das Alltägliche hinaus, eine Pfeilrichtung gegen das
+Unendliche. Die Menschen bei Dickens sind alle bescheiden. Mein Gott,
+was wollen sie? Hundert Pfund im Jahr, eine nette Frau, ein Dutzend
+Kinder, einen freundlich gedeckten Tisch für die guten Freunde, ihr
+Cottagehaus bei London mit einem Blick von Grün vor dem Fenster, mit
+einem kleinen Gärtchen und einer Handvoll Glück. Ihr Ideal ist ein
+spießerisches, ein kleinbürgerliches: damit muß man sich bei Dickens
+zurechtfinden. Alle seine Menschen wollen innerlich keinen Wandel
+der Weltordnung, wollen weder Reichtum noch Armut, sondern dieses
+behagliche Mittelmaß, das als Lebensmaxime so weise für den Krämer
+und Kärrner, so gefährlich für den Künstler ist. Die Ideale Dickens'
+haben abgefärbt von ihrer armen Umwelt. Hinter dem Werke steht als der
+Schöpfer, der Bändiger des Chaos, nicht ein zorniger Gott, gigantisch
+und übermenschlich, sondern ein zufriedener Betrachter, ein loyaler
+Bürger. Das Bürgerliche ist die Atmosphäre aller Romane von Dickens.
+
+Seine große und unvergeßliche Tat war darum eigentlich nur: die
+Romantik der Bourgeoisie zu entdecken, die Poesie des Prosaischen.
+Er hat als erster den Alltag der unpoetischesten aller Nationen ins
+Dichterische umgebogen. Er hat Sonne durch dieses stumpfe Grau leuchten
+lassen; und wer in England einmal gesehen hat, wie strahlend der
+Goldglanz ist, den dort die erstarkende Sonne aus dem trüben Knäuel des
+Nebels spinnt, der weiß, wie sehr ein Dichter seine Nation beseligen
+mußte, der ihr künstlerisch diese Sekunde der Erlösung aus dem
+bleiernen Hindämmern gegeben hat. Dickens ist dieser goldene Reif um
+den englischen Alltag, der Heiligenschein der schlichten Dinge und
+simpeln Menschen, die Idylle Englands. Er hat seine Helden, seine
+Schicksale in den engen Straßen der Vorstädte gesucht, an denen die
+anderen Dichter achtlos vorbeigingen. Die suchten ihre Helden unter
+den Kronleuchtern der aristokratischen Salons, auf den Wegen in den
+Zauberwald der fairy tales, sie forschten nach dem Entlegenen,
+Ungewöhnlichen und Außerordentlichen. Ihnen war der Bürger die Substanz
+gewordene irdische Schwerkraft, und sie wollten nur feurige, kostbare,
+in Ekstasen aufstrebende Seelen, den lyrischen, den heroischen
+Menschen. Dickens schämte sich nicht, den ganz einfachen Tagwerker zum
+Helden zu machen. Er war ein self-made-man; er kam von unten und
+bewahrte diesem Milieu eine rührende Pietät. Er hatte einen sehr
+merkwürdigen Enthusiasmus für das Banale, eine Begeisterung für ganz
+wertlose altväterische Dinge, für den Kleinkram des Lebens. Seine
+Bücher sind selbst so ein curiosity shop voll mit Gerümpel, das jeder
+für wertlos gehalten hätte, ein Durcheinander von Seltsamkeiten und
+schnurrigen Nichtigkeiten, die jahrzehntelang vergeblich auf den
+Liebhaber gewartet hatten. Aber er nahm diese alten wertlosen,
+verstaubten Dinge, putzte sie blank, fügte sie zusammen und stellte
+sie in die Sonne seiner Heiterkeit. Und da fingen sie plötzlich an zu
+funkeln mit einem unerhörten Glanz. So nahm er die vielen kleinen
+verachteten Gefühle aus der Brust einfacher Menschen, horchte sie ab,
+fügte ihr Räderwerk zusammen, bis sie wieder lebendig tickten.
+Plötzlich begannen sie da wie kleine Spieluhren zu surren, zu
+schnurren und dann zu singen, eine leise altväterische Melodie,
+die lieblicher war als die schwermütigen Balladen der Ritter aus
+Legendenland und die Kanzonen der Lady vom See. Die ganze bürgerliche
+Welt hat Dickens so aus dem Aschenhaufen der Vergessenheit aufgestöbert
+und wieder blank zusammengefügt: in seinem Werk erst wurde sie wieder
+eine lebendige Welt. Ihre Torheiten und Beschränktheiten hat er durch
+Nachsicht begreiflich, ihre Schönheiten durch Liebe sinnfällig gemacht,
+ihren Aberglauben verwandelt in eine neue und sehr dichterische
+Mythologie. Das Zirpen des Heimchens am Herd ist Musik geworden in
+seiner Novelle, die Silvesterglocken sprechen mit menschlichen Zungen,
+der Zauber der Weihnacht versöhnt Dichtung dem religiösen Gefühl. Aus
+den kleinsten Festen hat er einen tieferen Sinn geholt; er hat allen
+diesen schlichten Leuten die Poesie ihres täglichen Lebens entdecken
+geholfen, ihnen noch lieber gemacht, was ihnen schon das Liebste war,
+ihr »home«, das enge Zimmer, wo der Kamin mit roten Flammen prasselt und
+das dürre Holz zerknackt, wo der Tee am Tische surrt und singt, wo die
+wunschlosen Existenzen sich absperren von den gierigen Stürmen, den
+wilden Verwegenheiten der Welt. Die Poesie des Alltäglichen wollte er
+alle die lehren, die in den Alltag gebannt waren. Tausenden und Millionen
+hat er gezeigt, wo das Ewige in ihr armes Leben hinabreichte, wo der
+Funke der stillen Freude verschüttet unter der Asche des Alltags lag, er
+hat sie gelehrt, ihn aufflammen zu lassen zu heiter behaglicher Glut.
+Helfen wollte er den Armen und den Kindern. Was über diesen Mittelstand
+des Lebens materiell oder geistig hinausging, war ihm antipathisch; er
+liebte nur das Gewöhnliche, das Durchschnittliche von ganzem Herzen. Den
+Reichen und den Aristokraten, den Begünstigten des Lebens war er gram.
+Die sind fast immer Schurken und Knauser in seinen Büchern, selten
+Porträts, fast immer Karikaturen. Er mochte sie nicht. Zu oft hatte er
+als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalsea, Briefe
+gebracht, die Pfändungen gesehen, zu sehr die liebe Not des Geldes
+gekannt; jahraus, jahrein war er in Hungerford Stairs ganz oben in einem
+kleinen, schmutzigen, sonnenlosen Zimmer gesessen, hatte Schuhwichse in
+Tiegel eingestrichen und mit Fäden Hunderte und Hunderte täglich
+umwickelt, bis ihm die kleinen Kinderhände brannten und die Tränen der
+Zurücksetzung aus den Augen schossen. Zu sehr hatte er Hunger und
+Entbehrung gekannt an den kalten Nebelmorgen der Londoner Straßen.
+Keiner hatte ihm damals geholfen, die Karossen waren vorübergefahren an
+dem frierenden Knaben, die Reiter vorbeigetrabt, die Tore hatten sich
+nicht aufgetan. Nur von den kleinen Leuten hatte er Gutes erfahren: nur
+ihnen wollte er darum die Gabe erwidern. Seine Dichtung ist eminent
+demokratisch -- nicht sozialistisch, dazu fehlt ihm der Sinn für das
+Radikale --, Liebe und Mitleid allein geben ihr pathetisches Feuer. In
+der bürgerlichen Welt -- in der mittleren Sphäre zwischen Armenhaus und
+Rente -- ist er am liebsten geblieben; nur bei diesen schlichten
+Menschen hat er sich wohlgefühlt. Er malt ihre Stuben mit Behaglichkeit
+und Breite aus, als wollte er selbst darin wohnen, webt ihnen bunte
+und immer mit sonnigem Feuer überflogene Schicksale, träumt ihre
+bescheidenen Träume; er ist ihr Anwalt, ihr Prediger, ihr Liebling, die
+helle, ewig warme Sonne ihrer schlichten, grautönigen Welt.
+
+Aber wie reich ist sie durch ihn geworden, diese bescheidene Wirklichkeit
+der kleinen Existenzen! Das ganze bürgerliche Beisammensein mit seinem
+Hausrat, dem Kunterbunt der Berufe, dem unübersehbaren Gemisch der
+Gefühle ist noch einmal Kosmos geworden, ein All mit Sternen und Göttern
+in seinen Büchern. Aus dem flachen, stagnierenden, kaum wellenden
+Spiegel der kleinen Existenzen hat hier ein scharfer Blick Schätze
+erspäht und sie mit dem feinmaschigsten Netz ans Licht gehoben. Aus dem
+Gewühl hat er Menschen gefangen, o wie viele Menschen, Hunderte von
+Gestalten, genug, eine kleine Stadt zu bevölkern. Unvergeßliche sind
+unter ihnen, Gestalten, die ewig sind in der Literatur und schon mit
+ihrer Existenz hinausreichen in den wirklichen Sprachbegriff des Volkes,
+Pickwick und Sam Weller, Pecksniff und Betsey Trotwood, sie alle, deren
+Namen in uns lächelnde Erinnerung zauberisch entfachen. Wie reich sind
+diese Romane! Die Episoden des David Copperfield genügten für sich
+allein, das dichterische Lebenswerk eines anderen mit Tatsächlichkeiten
+zu versorgen; Dickens' Bücher sind eben wirkliche Romane im Sinn der
+Fülle und unablässigen Bewegtheit, nicht wie unsere deutschen fast alle
+nur ins Breite gezerrte psychologische Novellen. Es gibt keine toten
+Punkte in ihnen, keine leeren sandigen Strecken, sie haben Ebbe und Flut
+von Geschehnissen, und wirklich, wie ein Meer sind sie unergründlich und
+unübersehbar. Kaum kann man das heitere und wilde Durcheinander der
+wimmelnden Menschen überschauen; sie drängen herauf an die Bühne des
+Herzens, stoßen einer wieder den andern hinab, wirbeln vorbei. Wie
+Wogenkämme tauchen sie auf aus der Flut der Riesenstädte, stürzen wieder
+in den Gischt der Ereignisse, aber sie tauchen neu auf, steigen und
+fallen, umschlingen einander oder stoßen sich ab: und doch, diese
+Bewegungen sind keine zufälligen, hinter der ergötzlichen Wirrnis waltet
+eine Ordnung, die Fäden flechten sich immer wieder zusammen in einen
+farbigen Teppich. Keine der Gestalten, die nur spaziergängerisch
+vorbeizustreifen scheinen, geht verloren; alle ergänzen, befördern,
+befeinden einander, häufen Licht oder Schatten. Krause, heitere, ernste
+Verwicklungen treiben in katzenhaftem Spiel den Knäuel der Handlung hin
+und her, alle Möglichkeiten des Gefühls klingen in rascher Skala auf und
+nieder, alles ist gemengt: Jubel, Schauer und Übermut; bald funkelt die
+Träne der Rührung, bald die der losen Heiterkeit. Gewölk zieht auf,
+zerreißt, türmt sich aufs neue, aber am Schlusse strahlt die vom
+Gewitter reine Luft in wundervoller Sonne. Manche dieser Romane sind
+eine Ilias von tausend Einzelkämpfen, die Ilias einer entgötterten
+irdischen Welt, manche nur eine friedfertige bescheidene Idylle; aber
+alle Romane, die vortrefflichen wie die unlesbaren, haben dies Merkmal
+einer verschwenderischen Vielfalt. Und alle haben sie, selbst die
+wildesten und melancholischsten, in den Fels der tragischen Landschaft
+kleine Lieblichkeiten wie Blumen eingesprengt. Überall blühen diese
+unvergeßlichen Anmutigkeiten: wie kleine Veilchen, bescheiden und
+versteckt, warten sie im weitgesteckten Wiesenplan seiner Bücher,
+überall sprudelt die klare Quelle sorgloser Heiterkeit klingend von dem
+dunkeln Gestein der schroffen Geschehnisse nieder. Es gibt Kapitel bei
+Dickens, die man nur Landschaften in ihrer Wirkung vergleichen kann, so
+rein sind sie, so göttlich unberührt von irdischen Trieben, so sonnig
+blühend in ihrer heiteren milden Menschlichkeit. Um ihretwillen schon
+müßte man Dickens lieben, denn so verschwenderisch sind diese kleinen
+Künste verstreut in seinem Werk, daß ihre Fülle zur Größe wird. Wer
+könnte allein seine Menschen aufzählen, alle diese krausen, jovialen,
+gutmütigen, leicht lächerlichen und immer so amüsanten Menschen?
+Sie sind aufgefangen mit all ihren Schrullen und individuellen
+Eigentümlichkeiten, eingekapselt in die seltsamsten Berufe, verwickelt
+in die ergötzlichsten Abenteuer. Und so viele sie auch sind, keiner ist
+dem andern ähnlich, sie sind minuziös bis ins kleinste Detail persönlich
+herausgearbeitet, nichts ist Guß und Schema an ihnen, alles Sinnlichkeit
+und Lebendigkeit, sie alle sind nicht ersonnen, sondern gesehen. Gesehen
+von dem ganz unvergleichlichen Blick dieses Dichters.
+
+Dieser Blick ist von einer Präzision sondergleichen, ein wunderbares,
+unbeirrbares Instrument. Dickens war ein visuelles Genie. Man mag jedes
+Bildnis von ihm, das der Jugend und das (bessere) der Mannesjahre
+betrachten: es ist beherrscht von diesem merkwürdigen Auge. Es ist
+nicht das Auge des Dichters, in schönem Wahnsinn rollend oder elegisch
+umdämmert, nicht weich und nachgiebig oder feurig-visionär. Es ist ein
+englisches Auge: kalt, grau, scharfblinkend wie Stahl. Und stählern war
+es auch wie ein Tresor, in dem alles unverbrennbar, unverlierbar,
+gewissermaßen luftdicht abgeschlossen ruhte, was ihm irgend einmal,
+gestern oder vor vielen Jahren von der Außenwelt eingezahlt worden war:
+das Erhabenste wie das Gleichgültigste, irgendein farbiges Schild über
+einem Kramladen in London, das der Fünfjährige vor undenklicher Zeit
+gesehen, oder ein Baum mit seinen aufspringenden Blüten gerade drüben
+vor dem Fenster. Nichts ging diesem Auge verloren, es war stärker als
+die Zeit; sparsam reihte es Eindruck an Eindruck im Speicher des
+Gedächtnisses, bis der Dichter ihn zurückforderte. Nichts rann in
+Vergessenheit, wurde blaß oder fahl, alles lag und wartete, blieb
+voll Duft und Saft, farbig und klar, nichts starb ab oder welkte.
+Unvergleichlich ist bei Dickens das Gedächtnis des Auges. Mit seiner
+stählernen Schneide zerteilt er den Nebel der Kindheit; in »David
+Copperfield«, dieser verkappten Autobiographie, sind Erinnerungen des
+zweijährigen Kindes an die Mutter und das Dienstmädchen mit Messerschärfe
+wie Silhouetten vom Hintergrund des Unbewußten losgeschnitten. Es
+gibt keine vagen Konturen bei Dickens; er gibt nicht vieldeutige
+Möglichkeiten der Vision, sondern zwingt zur Deutlichkeit. Seine
+darstellende Kraft läßt der Phantasie des Lesers keinen freien Willen,
+er vergewaltigt sie (weshalb er auch der ideale Dichter einer
+phantasielosen Nation wurde). Stellt zwanzig Zeichner vor seine Bücher
+und verlangt die Bilder Copperfields und Pickwicks: die Blätter werden
+sich ähnlich sehen, werden in unerklärlicher Ähnlichkeit den feisten
+Herrn mit der weißen Weste und den freundlichen Augen hinter den
+Brillengläsern oder den hübschen blonden, ängstlichen Knaben auf der
+Postkutsche nach Yarmouth darstellen. Dickens schildert so scharf, so
+minuziös, daß man seinem hypnotisierenden Blicke folgen muß; er hatte
+nicht den magischen Blick Balzacs, der die Menschen der feurigen Wolke
+ihrer Leidenschaften sich erst chaotisch formend entringen läßt, sondern
+einen ganz irdischen Blick, einen Seemanns-, einen Jägerblick, einen
+Falkenblick für die kleinen Menschlichkeiten. Aber Kleinigkeiten, sagte
+er einmal, sind es, die den Sinn des Lebens ausmachen. Sein Blick hascht
+nach kleinen Merkzeichen, er sieht den Flecken am Kleid, die kleinen
+hilflosen Gesten der Verlegenheit, er faßt die Strähne roten Haares, die
+unter einer dunkeln Perücke hervorlugt, wenn ihr Eigner in Zorn gerät.
+Er spürt die Nuancen, tastet die Bewegung jedes einzelnen Fingers bei
+einem Händedruck ab, die Abschattung in einem Lächeln. Er war Jahre vor
+seiner literarischen Zeit Stenograph im Parlament gewesen und hatte
+sich dort geübt, das Ausführliche ins Summarische zu drängen, mit einem
+Strich ein Wort, mit kurzem Schnörkel einen Satz darzustellen. Und so
+hat er später dichterisch eine Art Kurzschrift des Wirklichen geübt,
+das kleine Zeichen hingestellt statt der Beschreibung, eine Essenz der
+Beobachtung aus den bunten Tatsächlichkeiten destilliert. Für diese
+kleinen Äußerlichkeiten hatte er eine unheimliche Scharfsichtigkeit,
+sein Blick übersah nichts, faßte wie ein guter Verschluß am
+photographischen Apparat das Hundertstel einer Sekunde in einer
+Bewegung, einer Geste. Nichts entging ihm. Und diese Scharfsichtigkeit
+wurde noch gesteigert durch eine ganz merkwürdige Brechung des Blicks,
+die den Gegenstand nicht wie ein Spiegel in seiner natürlichen
+Proportion wiedergab, sondern wie ein Hohlspiegel ins Charakteristische
+übertrieb. Dickens unterstreicht immer die Merkzeichen seiner Menschen,
+er dreht sie aus dem Objektiven hinüber ins Gesteigerte, ins
+Karikaturistische. Er macht sie intensiver, erhebt sie zum Symbol. Der
+wohlbeleibte Pickwick wird auch seelisch zur Rundlichkeit, der dünne
+Jingle zur Dürre, der Böse zum Satanas, der Gute die leibhaftige
+Vollendung. Dickens übertreibt wie jeder große Künstler, aber nicht
+ins Grandiose, sondern ins Humoristische. Die ganze, so unsäglich
+ergötzliche Wirkung seiner Darstellung entwuchs nicht so sehr seiner
+Laune, nicht seinem Übermut, sondern sie saß schon in dieser merkwürdigen
+Winkelstellung des Auges, das mit seiner Überschärfe alle Erscheinungen
+irgendwie ins Wunderliche und Karikaturistische übertrieben auf das
+Leben zurückspiegelte.
+
+Tatsächlich: in dieser eigenartigen Optik -- und nicht in seiner ein
+wenig zu bürgerlichen Seele -- steckt Dickens' Genie. Dickens war
+eigentlich nie Psychologe, einer, der magisch die Seele des Menschen
+erfaßt, aus ihrem hellen oder dunklen Samen in geheimnisvollem Wachstum
+sich die Dinge in ihren Farben und Formen entfalten ließ. Seine
+Psychologie beginnt beim Sichtbaren, er charakterisiert durch
+Äußerlichkeiten, allerdings durch jene letzten und feinsten, die eben
+nur einem dichterisch scharfen Auge sichtbar sind. Wie die englischen
+Philosophen, beginnt er nicht mit Voraussetzungen, sondern mit
+Merkmalen. Die unscheinbarsten, ganz materiellen Äußerungen des
+Seelischen fängt er ein und macht an ihnen durch seine merkwürdig
+karikaturistische Optik den ganzen Charakter augenfällig. Aus Merkmalen
+läßt er die Spezies erkennen. Dem Schullehrer Creakle gibt er eine
+leise Stimme, die mühsam das Wort gewinnt. Und schon ahnt man das
+Grauen der Kinder vor diesem Menschen, dem die Anstrengung des
+Sprechens die Zornader über die Stirne schwellen läßt. Sein Uriah Heep
+hat immer kalte, feuchte Hände: schon atmet die Gestalt Mißbehagen,
+schlangenhafte Widrigkeiten. Kleinigkeiten sind das, Äußerlichkeiten,
+aber immer solche, die auf das Seelische wirken. Manchmal ist es
+eigentlich nur eine lebendige Schrulle, die er darstellt; eine
+Schrulle, die mit einem Menschen umwickelt ist und ihn wie eine Puppe
+mechanisch bewegt. Manchmal wieder charakterisiert er den Menschen
+durch seinen Begleiter -- was wäre Pickwick ohne Sam Weller, Dora ohne
+Jip, Barnaby ohne den Raben, Kit ohne das Pony! -- und zeichnet die
+Eigentümlichkeit der Figur gar nicht an dem Modell selbst, sondern am
+grotesken Schatten. Seine Charaktere sind eigentlich immer nur eine
+Summe von Merkmalen, aber von so scharfgeschnittenen, daß sie restlos
+ineinander passen und ein Bild vortrefflich in Mosaik zusammensetzen.
+Und darum wirken sie meistens immer nur äußerlich, sinnfällig, sie
+erzeugen eine intensive Erinnerung des Auges, eine nur vage des
+Gefühles. Rufen wir in uns eine Figur Balzacs oder Dostojewskis beim
+Namen auf, den Père Goriot oder Raskolnikow, so antwortet ein Gefühl,
+die Erinnerung an eine Hingebung, eine Verzweiflung, ein Chaos der
+Leidenschaft. Sagen wir uns Pickwick, so taucht ein Bild auf, ein
+jovialer Herr mit reichlichem Embonpoint und goldenen Knöpfen auf der
+Weste. Hier spüren wir es: an die Figuren Dickens' denkt man wie an
+gemalte Bilder, an die Dostojewskis und Balzacs wie an Musik. Denn
+diese schaffen intuitiv, Dickens nur reproduktiv, jene mit dem
+geistigen, Dickens mit dem körperlichen Auge. Er faßt die Seele nicht
+dort, wo sie geisterhaft, nur von dem siebenfach glühenden Licht der
+visionären Beschwörung bezwungen, aus der Nacht des Unbewußten steigt,
+er lauert dem unkörperlichen Fluidum auf, dort, wo es einen Niederschlag
+im Wirklichen hat, er hascht die tausend Wirkungen des Seelischen auf
+das Körperliche, aber dort übersieht er keine. Seine Phantasie ist
+eigentlich bloß Blick und reicht darum nur aus für jene Gefühle und
+Gestalten der mittleren Sphäre, die im Irdischen wohnen; seine Menschen
+sind nur plastisch in den gemäßigten Temperaturen der normalen Gefühle.
+In den Hitzegraden der Leidenschaft zerschmelzen sie wie Wachsbilder in
+Sentimentalität, oder sie erstarren im Haß und werden brüchig. Dickens
+gelingen nur geradlinige Naturen, nicht jene ungleich interessanteren,
+in denen die hundertfachen Übergänge vom Guten zum Bösen, vom Gott zum
+Tier fließend sind. Seine Menschen sind immer eindeutig, entweder
+vortrefflich als Helden oder niederträchtig als Schurken, sie sind
+prädestinierte Naturen mit einem Heiligenschein über der Stirne oder
+dem Brandmal. Zwischen good und wicked, zwischen dem Gefühlvollen
+und Gefühllosen pendelt seine Welt. Darüber hinaus, in die Welt der
+geheimnisvollen Zusammenhänge, der mystischen Verkettungen, weiß seine
+Methode keinen Pfad. Das Grandiose läßt sich nicht greifen, das
+Heroische nicht erlernen. Es ist der Ruhm und die Tragik Dickens', immer
+in einer Mitte geblieben zu sein zwischen Genie und Tradition, dem
+Unerhörten und dem Banalen: in den geregelten Bahnen der irdischen Welt,
+im Lieblichen und im Ergreifenden, im Behaglichen und Bürgerlichen.
+
+Aber dieser Ruhm genügte ihm nicht: der Idylliker sehnte sich nach
+Tragik. Immer wieder hat er zur Tragödie emporgestrebt, und immer kam
+er nur zum Melodram. Hier war seine Grenze. Diese Versuche sind
+unerfreulich: mögen in England die »Geschichte der beiden Städte«,
+»Bleak House« für hohe Schöpfungen gelten, für unser Gefühl sind sie
+verloren, weil ihre große Geste eine erzwungene ist. Die Anstrengung
+zum Tragischen ist in ihnen wirklich bewundernswert: in diesen Romanen
+türmt Dickens Konspirationen, wölbt große Katastrophen wie Felsblöcke
+über den Häuptern seiner Helden, er beschwört den Schauer der
+Regennächte, den Volksaufstand und die Revolutionen, entfesselt den
+ganzen Apparat des Grauens und Entsetzens. Aber doch, jener erhabene
+Schauer stellt sich nie ein, es wird nur ein Gruseln, der rein
+körperliche Reflex des Entsetzens, und nicht der Schauer der Seele.
+Jene tiefen Erschütterungen, jene gewitterhaften Wirkungen, die vor
+Angst das Herz sehnsüchtig stöhnen lassen nach der Entladung im Blitz,
+brechen nie mehr aus seinen Büchern. Dickens türmt Gefahr über
+Gefahren, aber man fürchtet sie nicht. Bei Dostojewski starren manchmal
+plötzlich Abgründe, man jappt nach Luft, wenn man dieses Dunkel,
+diesen namenlosen Abgrund in der eigenen Brust aufgerissen fühlt; man
+fühlt den Boden unter den Füßen schwinden, spürt einen jähen Schwindel,
+einen feurigen, aber süßen Schwindel, möchte gern nieder, niederstürzen,
+und schauert doch zugleich vor diesem Gefühl, wo Lust und Schmerz zu so
+ungeheuren Hitzegraden weißgeglüht sind, daß man sie voneinander nicht
+scheiden kann. Auch bei Dickens sind solche Abgründe. Er reißt sie auf,
+füllt sie mit Schwärze, zeigt ihre ganze Gefahr; aber doch, man schauert
+nicht, man hat nicht jenen süßen Schwindel des geistigen Niederstürzens,
+der vielleicht der höchste Reiz künstlerischen Genießens ist. Man fühlt
+sich bei ihm immer irgendwie sicher, als hielte man ein Geländer, denn
+man weiß, er läßt einen nicht niederstürzen; man weiß, der Held wird
+nicht untergehen; die beiden Engel, die mit weißen Flügeln durch die
+Welt dieses englischen Dichters schweben, Mitleid oder Gerechtigkeit,
+werden ihn schon unbeschädigt über alle Schründe und Abgründe tragen.
+Dickens fehlt die Brutalität, der Mut zur wirklichen Tragik. Er ist
+nicht heroisch, sondern sentimental. Tragik ist Wille zum Trotz,
+Sentimentalität Sehnsucht nach der Träne. Zu der tränenlosen, wortlosen,
+letzten Gewalt des verzweifelten Schmerzes ist Dickens nie gelangt:
+sanfte Rührung -- etwa der Tod Doras im »Copperfield« -- ist das
+äußerste ernste Gefühl, das er vollendet darzustellen vermag. Holt er
+zum wirklich wuchtigen Schwung aus, so fällt ihm immer das Mitleid
+in den Arm. Immer glättet das (oft ranzige) Öl des Mitleids den
+heraufbeschworenen Sturm der Elemente; die sentimentale Tradition des
+englischen Romans überwindet den Willen zum Gewaltigen. Denn in England
+soll das Geschehen eines Romans eigentlich nur die Illustration der
+landläufigen moralischen Maximen sein; durch die Melodie des Schicksals
+werkelts immer als Unterton: »Üb immer Treu und Redlichkeit.« Das Finale
+muß eine Apokalypse sein, ein Weltgericht, die Guten steigen nach oben,
+die Bösen werden bestraft. Auch Dickens hat leider diese Gerechtigkeit
+in die meisten Romane übernommen, seine Schurken ertrinken, ermorden
+sich gegenseitig, die Hochmütigen und Reichen machen Bankrott, und die
+Helden sitzen warm in der Wolle. Noch heute duldet der Engländer kein
+Drama, das ihn nicht am Ende mit der Beruhigung entläßt, alles in dieser
+Welt sei in schönster Ordnung. Und diese echt englische Hypertrophie
+des moralischen Sinnes hat Dickens' grandioseste Inspirationen zum
+tragischen Roman irgendwie ernüchtert. Denn die Weltanschauung dieser
+Werke, der eingebaute Kreisel, der ihre Stabilität aufrechterhält, ist
+nicht die Gerechtigkeit des freien Künstlers mehr, sondern die eines
+anglikanischen Bürgers. Dickens zensuriert die Gefühle, statt sie frei
+wirken zu lassen: er gestattet nicht wie Balzac ihr elementares
+Überschäumen, sondern lenkt sie durch Dämme und Gruben in Kanäle, wo sie
+die Mühlen der bürgerlichen Moral drehen. Der Prediger, der Reverend,
+der common-sense-Philosoph, der Schulmeister, alle sitzen sie unsichtbar
+mit ihm in der Werkstatt des Künstlers und mengen sich ein: sie
+verleiten ihn, den ernsten Roman statt ein demütiges Nachbild der freien
+Wirklichkeiten lieber ein Vorbild und eine Warnung für junge Leute sein
+zu lassen. Freilich, belohnt ward die gute Gesinnung: als Dickens starb,
+wußte der Bischof von Winchester an seinem Werk zu rühmen, man könne es
+beruhigt jedem Kinde in die Hände geben; aber gerade dies, daß es das
+Leben nicht in seinen Wirklichkeiten zeigt, sondern so, wie man es
+Kindern darstellen will, schmälert seine überzeugende Kraft. Für uns
+Nichtengländer strotzt und protzt es zu sehr mit Sittlichkeit. Um Held
+bei Dickens zu werden, muß man ein Tugendausbund sein, ein puritanisches
+Ideal. Bei Fielding und Smollet, die ja doch auch Engländer waren,
+allerdings Kinder eines sinnefreudigeren Jahrhunderts, schadet es dem
+Helden absolut nicht, wenn er einmal bei einem Raufhandel seinem
+Gegenüber die Nase eintreibt oder wenn er trotz aller hitzigen Liebe zu
+seiner adeligen Dame einmal mit ihrer Zofe im Bette schläft. Bei Dickens
+erlauben sich nicht einmal die Wüstlinge solche Abscheulichkeiten.
+Selbst seine ausschweifenden Menschen sind eigentlich harmlos, ihre
+Vergnügungen noch immer so, daß sie eine ältliche spinster ohne Erröten
+verfolgen kann. Da ist Dick Swiveller der Libertin. Wo steckt denn
+eigentlich seine Libertinage? Mein Gott, er trinkt vier Glas Ale statt
+zwei, zahlt seine Rechnungen höchst unregelmäßig, bummelt ein wenig, das
+ist alles. Und zum Schluß macht er im rechten Augenblick eine Erbschaft
+-- eine bescheidene natürlich -- und heiratet höchst anständig das
+Mädchen, das ihm auf die Bahn der Tugend half. Wahrhaft unmoralisch sind
+bei Dickens nicht einmal die Schurken, selbst sie haben trotz aller
+böser Instinkte blasses Blut. Diese englische Lüge der Unsinnlichkeit
+sitzt als Brand in seinem Werke; die schieläugige Hypokrisie, die
+übersieht, was sie nicht sehen will, wendet Dickens den spürenden Blick
+von den Wirklichkeiten. Das England der Königin Viktoria hat Dickens
+verhindert, den vollendet tragischen Roman zu schreiben, der seine
+innerste Sehnsucht war. Und es hätte ihn ganz niedergezogen in seine
+eigene satte Mediokrität, hätte ihn ganz mit den klemmenden Armen der
+Beliebtheit zum Anwalt seiner sexuellen Verlogenheit gemacht, wäre dem
+Künstler nicht eine Welt frei gewesen, in die seine schöpferische
+Sehnsucht hätte flüchten können, hätte er nicht jene silberne Schwinge
+besessen, die ihn stolz über die dumpfen Bezirke solcher Zweckmäßigkeiten
+hob: seinen seligen und fast unirdischen Humor.
+
+Diese eine selige, halkyonisch freie Welt, in die der Nebel Englands
+nicht niederhängt, ist das Land der Kindheit. Die englische Lüge
+verschneidet die Sinnlichkeit in den Menschen und zwingt den
+Erwachsenen in ihre Gewalt; die Kinder aber leben noch paradiesisch
+unbekümmert ihr Fühlen aus, sie sind noch nicht Engländer, sondern nur
+kleine helle Menschenblüten, in ihre bunte Welt schattet noch nicht
+der englische Nebelrauch der Hypokrisie. Und hier, wo Dickens frei,
+unbehindert von seinem englischen Bourgeoisgewissen schalten durfte,
+hat er Unsterbliches geleistet. Die Jahre der Kindheit in seinen
+Romanen sind einzig schön; nie werden, glaube ich, in der Weltliteratur
+diese Gestalten vergehen, diese heiteren und ernsten Episoden der
+Frühzeit. Wer wird je die Odyssee der kleinen Nell vergessen können,
+wie sie mit ihrem greisen Großvater aus dem Rauch und Düster der großen
+Städte hinauszieht ins erwachende Grün der Felder, harmlos und sanft,
+dies engelhafte Lächeln selig über alle Fährlichkeiten und Gefahren
+hinrettend bis ins Verscheiden. Das ist rührend in einem Sinne, der
+über alle Sentimentalität hinausreicht zum echtesten, lebendigsten
+Menschengefühl. Da ist Traddles, der fette Junge in seinen geblähten
+Pumphosen, der den Schmerz über die erhaltenen Prügel im Zeichnen von
+Skeletten vergißt, Kit, der Treueste der Treuen, der kleine Nickelby
+und dann dieser eine, der immer wiederkehrt, dieser hübsche, »sehr
+kleine und nicht eben zu freundlich behandelte Junge«, der niemand
+anderes ist als Charles Dickens, der Dichter, der seine eigene
+Kinderlust, sein eigenes Kinderleid wie kein zweiter unsterblich
+gemacht hat. Immer und immer wieder hat er von diesem gedemütigten,
+verlassenen, verschreckten, träumerischen Knaben erzählt, den die
+Eltern verwaisen ließen; und hier ist sein Pathos wirklich tränennah
+geworden, seine sonore Stimme voll und tönend wie Glockenklang.
+Unvergeßlich ist dieser Kinderreigen in Dickens' Romanen. Hier
+durchdringt sich Lachen und Weinen, Erhabenes und Lächerliches zu einem
+einzigen Regenbogenglanz; das Sentimentale und das Sublime, das
+Tragische und das Komische, Wahrheit und Dichtung versöhnen sich in ein
+Neues und Nochniedagewesenes. Hier überwindet er das Englische, das
+Irdische, hier ist Dickens ohne Einschränkung groß und unvergleichlich.
+Wollte man ihm ein Denkmal setzen, so müßte marmorn dieser Kinderreigen
+seine eherne Gestalt umringen als den Beschützer, den Vater und Bruder.
+Denn sie hat er wahrhaft als die reinste Form menschlichen Wesens
+geliebt. Wollte er Menschen sympathisch machen, so ließ er sie kindlich
+sein. Um der Kinder willen hat er die sogar geliebt, die schon nicht
+mehr kindlich, sondern kindisch waren, die Schwachsinnigen und
+Geistesgestörten. In allen seinen Romanen ist einer dieser sanften
+Irren, deren arme verlorene Sinne weit oben wie weiße Vögel wandern
+über der Welt der Sorgen und Klagen, denen das Leben nicht ein
+Problem, eine Mühe und Aufgabe ist, sondern nur ein seliges, ganz
+unverständliches, aber schönes Spiel. Es ist rührend zu sehen, wie er
+diese Menschen schildert. Er faßt sie sorgsam an wie Kranke, legt viel
+Güte um ihr Haupt wie einen Heiligenschein. Selige sind sie ihm, weil
+sie ewig im Paradies der Kindheit geblieben sind. Denn die Kindheit
+ist das Paradies in Dickens' Werken. Wenn ich einen Roman von Dickens
+lese, habe ich immer eine wehmütige Angst, wenn die Kinder heranwachsen;
+denn ich weiß, nun geht das Süßeste, das Unwiederbringliche verloren,
+nun mischt sich bald das Poetische mit dem Konventionellen, die reine
+Wahrheit mit der englischen Lüge. Und er selbst scheint dieses Gefühl im
+Innersten zu teilen. Denn nur ungern gibt er seine Lieblingshelden an
+das Leben. Er begleitet sie nie bis ins Alter hinein, wo sie banal
+werden, Krämer und Kärrner des Lebens; er nimmt Abschied von ihnen, wenn
+er sie emporgeführt hat bis an die Kirchentür der Ehe, durch alle
+Fährnisse in den spiegelglatten Hafen der bequemen Existenz. Und das
+eine Kind, das ihm das liebste war in der bunten Reihe, die kleine Nell,
+in der er die Erinnerung an eine ihm sehr teure Frühverstorbene verewigt
+hatte, sie ließ er gar nicht in die rauhe Welt der Enttäuschungen, die
+Welt der Lüge. Sie behielt er für immer im Paradies der Kindheit, schloß
+ihr vorzeitig die blauen sanften Augen, ließ sie ahnungslos übergleiten
+von der Helle der Frühzeit in die Dunkelheit des Todes. Sie war ihm zu
+lieb für die wirkliche Welt.
+
+Denn diese Welt ist bei Dickens, ich sagte es ja schon, eine bürgerlich
+bescheidene, ein müdes, sattes England, ein enger Ausschnitt der
+ungeheuren Möglichkeiten des Lebens. Eine solche arme Welt konnte nur
+reich werden durch ein großes Gefühl. Balzac hat den Bourgeois gewaltig
+gemacht durch seinen Haß, Dostojewski durch seine Heilandsliebe. Und
+auch Dickens, der Künstler, erlöst diese Menschen von ihrer lastenden
+Erdschwere: durch seinen Humor. Er betrachtet seine kleinbürgerliche
+Welt nicht mit objektiver Wichtigkeit, er stimmt nicht jenen Hymnus der
+braven Leute, der alleinseligmachenden Tüchtigkeit und Nüchternheit
+an, der jetzt die meisten unserer deutschen Heimatkunstromane so
+widerlich macht. Sondern er zwinkert seinen Leuten gutmütig und doch
+lustig zu, er macht sie wie Gottfried Keller und Wilhelm Raabe ein ganz
+klein wenig lächerlich in ihren liliputanischen Sorgen. Aber lächerlich
+in einem freundlichen, gutmütigen Sinne, so daß man sie für alle
+Schnurren und Skurrilitäten nur noch lieber hat. Wie ein Sonnenblick
+liegt der Humor über seinen Büchern, macht ihre bescheidene Landschaft
+plötzlich heiter und unendlich lieblich, voll von tausend entzückenden
+Wundern; an dieser guten wärmenden Flamme wird alles lebendiger und
+wahrscheinlicher, selbst die falschen Tränen flimmern wie Diamanten,
+die kleinen Leidenschaften flammen wie wirklicher Brand. Der Humor
+Dickens' hebt sein Werk über die Zeit hinaus in alle Zeiten. Er erlöst
+es von der Langeweile alles Englischen, Dickens überwindet die Lüge
+durch sein Lächeln. Wie Ariel schwebt dieser Humor geisternd durch die
+Luft seiner Bücher, füllt sie an mit heimlicher Musik, reißt sie in
+einen Tanzwirbel, eine große Freudigkeit des Lebens. Allgegenwärtig ist
+er. Selbst aus dem Schacht der finstersten Verwirrungen funkelt er auf
+wie ein Bergmannslicht, er löst die überstraffen Spannungen, er mildert
+das allzu Sentimentale durch den Unterton der Ironie, das Übertriebene
+durch seinen Schatten, das Groteske, er ist das Versöhnende, das
+Ausgleichende, das Unvergängliche in seinem Werk. Er ist -- wie alles
+bei Dickens -- natürlich englisch, ein echtenglischer Humor. Auch ihm
+fehlt es an Sinnlichkeit, er vergißt sich nicht, betrinkt sich nicht an
+seiner eigenen Laune und wird nie ausschweifend. Er bleibt in seinem
+Überschwang noch gemessen, grölt nicht und rülpst sich nicht wie
+Rabelais, überpurzelt sich nicht wie bei Cervantes vor tollem
+Entzücken oder springt kopfüber ins Unmögliche wie der amerikanische.
+Er bleibt immer aufrecht und kühl. Dickens lächelt wie alle Engländer
+nur mit dem Mund, nicht mit dem ganzen Körper. Seine Heiterkeit
+verbrennt sich nicht selbst, sie funkelt nur und zersplittert ihr Licht
+in die Adern der Menschen hinein, flackert mit tausend kleinen Flammen,
+geistert und irrlichtert neckisch, ein entzückender Schelm, mitten in
+den Wirklichkeiten. Auch sein Humor ist -- denn es ist das Schicksal
+Dickens', immer eine Mitte darzustellen -- ein Ausgleich zwischen der
+Trunkenheit des Gefühls, der wilden Laune und der kaltlächelnden
+Ironie. Sein Humor ist unvergleichbar dem der anderen großen Engländer.
+Er hat nichts von der zerfasernden, beizenden Ironie Sternes, nichts
+von der breitstapfigen, launigen Landedelmannsheiterkeit Fieldings; er
+ätzt nicht wie Thackeray schmerzhaft in den Menschen hinein, er tut nur
+wohl und nie weh, spielt wie Sonnenkringel ihnen lustig um Haupt und
+Hände. Er will nicht moralisch sein und nicht satirisch, nicht unter
+der Narrenkappe irgendeinen feierlichen Ernst verstecken. Er will
+überhaupt nicht und nichts. Er ist. Seine Existenz ist absichtslos und
+selbstverständlich; der Schalk steckt schon in jener merkwürdigen
+Augenstellung Dickens', verschnörkelt und übertreibt dort die
+Gestalten, gibt ihnen jene ergötzlichen Proportionen und komischen
+Verrenkungen, die dann das Entzücken von Millionen wurden. Alles tritt
+in diesen Kreis von Licht, sie leuchten wie von innen heraus; selbst
+die Gauner und Schurken haben ihren Glorienschein von Humor, die ganze
+Welt scheint irgendwie lächeln zu müssen, wenn Dickens sie betrachtet.
+Alles glänzt und wirbelt, die Sonnensehnsucht eines nebligen Landes
+scheint für immer erlöst. Die Sprache schlägt Purzelbäume, die Sätze
+quirlen ineinander, springen weg, spielen Verstecken mit ihrem Sinn,
+werfen sich einer dem anderen Fragen zu, necken sich, führen sich irre,
+eine Launigkeit beflügelt sie zum Tanz. Unerschütterlich ist dieser
+Humor. Er ist schmackhaft ohne das Salz der Sexualität, das ihm ja die
+englische Küche versagte; er ließ sich nicht verwirren dadurch, daß
+hinter dem Dichter der Drucker hetzte; denn selbst im Fieber, in Not
+und Ärger konnte Dickens nicht anders als heiter schreiben. Sein Humor
+ist unwiderstehlich, er saß fest in diesem herrlich scharfen Auge und
+verlosch erst mit seinem Licht. Nichts Irdisches vermochte ihm etwas
+anzuhaben, und auch der Zeit wird es kaum gelingen. Denn ich kann mir
+Menschen nicht denken, die Novellen wie »Das Heimchen am Herd« nicht
+lieben würden, die der Heiterkeit wehren könnten bei manchen Episoden
+dieser Bücher. Die seelischen Bedürfnisse mögen sich wandeln wie die
+literarischen. Aber solange man Sehnsucht nach Heiterkeit haben wird,
+in den Augenblicken jener Behaglichkeiten, wo der Lebenswille ruht und
+nur das Gefühl des Lebens sanft seine Wellen in einem rührt, wo man
+sich nach nichts so sehnt als nach irgendeiner arglosen melodischen
+Erregung des Herzens, wird man nach diesen einzigen Büchern greifen,
+in England und überall in der Welt.
+
+Das ist das Große, das Unvergängliche in diesem irdischen, allzu
+irdischen Werke: es hat Sonne in sich, es strahlt und wärmt. Man soll
+die großen Kunstwerke nicht allein nach ihrer Intensität fragen, nicht
+nur nach dem Menschen, der hinter ihnen stand, sondern auch nach ihrer
+Extensität, der Wirkung auf die Mengen. Und von Dickens wird man wie
+von keinem in unserem Jahrhundert sagen können, er habe die Freudigkeit
+der Welt gemehrt. Millionen Augen haben bei seinen Büchern in Tränen
+gefunkelt; Tausenden, denen das Lachen verblüht oder verschüttet war,
+hat er es neu in die Brust gepflanzt: weit über das Literarische hinaus
+ging seine Wirkung. Reiche Leute besannen sich und machten Stiftungen,
+als sie von den Brüdern Chereby lasen; Hartherzige wurden gerührt; die
+Kinder bekamen -- es ist verbürgt --, als »Oliver Twist« erschien, mehr
+Almosen auf den Straßen; die Regierung verbesserte die Armenhäuser und
+kontrollierte die Privatschulen. Das Mitleid und Wohlwollen in England
+ist stärker geworden durch Dickens, das Schicksal von vielen und vielen
+Armen und Unglücklichen gelindert. Ich weiß: solche außerordentliche
+Wirkungen haben nichts zu tun mit der ästhetischen Wertung eines
+Kunstwerkes. Aber sie sind wichtig, weil sie zeigen, daß jedes ganz
+große Werk über die Welt der Phantasie hinaus, wo ja jeder schaffende
+Wille zauberhaft frei schweifen kann, auch in der realen Welt Wandlungen
+hervorbringt. Wandlungen im Wesentlichen, im Sichtbaren und dann in der
+Temperatur des Gefühlsempfindens. Dickens hat -- im Gegensatz zu den
+Dichtern, die für sich selbst um Mitleid und Zuspruch bitten -- die
+Heiterkeit und Lust seiner Zeit gemehrt, ihren Blutkreislauf befördert.
+Die Welt ist heller geworden seit dem Tage, da der junge Stenograph des
+Parlaments zur Feder griff, um von Menschen und Schicksalen zu schreiben.
+Er hat seiner Zeit die Freude gerettet und den späteren Generationen
+den Frohsinn jenes »merry old England«, des England zwischen den
+Napoleonskriegen und dem Imperialismus. Nach vielen Jahren wird man noch
+zurückschauen nach dieser dann schon altväterischen Welt mit ihren
+seltsamen, verlorenen Berufen, die längst im Mörser des Industrialismus
+zerpulvert sein werden, wird sich vielleicht hineinsehnen in dies
+Leben, das arglos war, voll von einfachen, stillen Heiterkeiten. Dickens
+hat dichterisch die Idylle Englands geschaffen -- das ist sein Werk.
+Achten wir dieses Leise, das Zufriedene nicht zu gering gegenüber dem
+Gewaltigen: auch die Idylle ist ein Ewiges, eine uralte Wiederkehr.
+Das Georgikon oder Bukolikon, das Gedicht des fliehenden, vom Schauer
+des Begehrens ausruhenden Menschen ist hier erneut, so wie es immer
+im Umschwung der Generationen wieder sich erneuern wird. Es kommt,
+um wieder zu vergehen, die Atempause zwischen den Erregungen,
+das Kraftgewinnen vor oder nach der Anstrengung, die Sekunde der
+Zufriedenheit im rastlos hämmernden Herzen. Andere schaffen die Gewalt,
+andere die Stille. Charles Dickens hat einen Augenblick der Stille in
+der Welt zum Gedicht gefügt. Heute ist das Leben wieder lauter, die
+Maschinen dröhnen, die Zeit saust in rascherem Umschwung. Aber die
+Idylle ist unsterblich, weil sie Lebensfreude ist; sie kehrt wieder wie
+der blaue Himmel hinter den Wettern, die ewige Heiterkeit des Lebens
+nach allen Krisen und Erschütterungen der Seele. Und so wird auch
+Dickens immer wieder aus seiner Vergessenheit wiederkehren, wenn
+Menschen der Fröhlichkeit bedürftig sind und, ermattet von den
+tragischen Anspannungen der Leidenschaft, auch aus den leisern Dingen
+die geisterhafte Musik des Dichterischen werden vernehmen wollen.
+
+
+
+
+ DOSTOJEWSKI
+
+ »Daß du nicht enden kannst, das
+ macht dich groß.«
+ Goethe, Westöstlicher Divan
+
+
+ EINKLANG
+
+Es ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch
+Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu
+sprechen, denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß.
+
+Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes Nahen zu finden
+und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos mit eigen kreisenden Gestirnen
+und anderer Musik der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals
+restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis ihre Magie, zu
+weit ins Unendliche verwölkt ihr Gedanke, zu fremd ihre Botschaft, als
+daß die Seele unvermittelt aufschauen könnte in diesen neuen wie in
+heimatlichen Himmel. Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen
+erlebt. Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des Mitfühlens und
+Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen gesteigerten
+Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten Wurzeln unseres Wesens
+müssen wir graben, um die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen
+und dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken. Nur dort, ganz
+im Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen unseres Seins, Wurzel in
+Wurzel, können wir uns Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd
+scheint äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die Steppen
+seiner Heimat, weglose und wie wenig Welt von unserer Welt! Nichts
+Freundliches umfriedet dort lieblich den Blick, selten rät eine sanfte
+Stunde zur Rast. Mystische Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen,
+wechselt mit einer frostigen, oft eisigen Klarheit des Geistes, statt
+warmer Sonne flammt vom Himmel ein geheimnisvoll blutendes Nordlicht.
+Urweltlandschaft, mystische Welt hat man mit Dostojewskis Sphäre
+betreten, uralt und jungfräulich zugleich, und süßes Grauen schlägt
+einem entgegen wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald schon sehnt
+sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt eine Ahnung das
+ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch werden für immer, müsse
+es doch wieder zurück in unsere wärmere, freundlichere, aber auch
+engere Welt. Zu groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft
+für den täglichen Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige,
+bald feurige Luft für den zitternden Atem. Und die Seele würde fliehen
+vor der Majestät solchen Grauens, wäre nicht über dieser unerbittlich
+tragischen, entsetzlich irdischen Landschaft ein unendlicher Himmel der
+Güte sternenklar ausgespannt, Himmel auch unserer Welt, doch höher ins
+Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost, als in unseren
+linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus dieser Landschaft zu ihrem Himmel
+spürt erst die unendliche Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer,
+und ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott.
+
+Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag unsere Ehrfurcht
+vor dem Werke Dostojewskis in eine brennende Liebe zu verwandeln, nur
+der innerste Einblick in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das
+Allmenschliche dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit
+und wie labyrinthisch ist dieser Niederstieg bis zum innersten Herzen
+des Gewaltigen; machtvoll in seiner Weite, schreckhaft durch seine
+Ferne, wird dies einzige Werk in gleichem Maße geheimnisvoller, als wir
+von seiner unendlichen Weite in seine unendliche Tiefe zu dringen
+suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von jeder seiner
+Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des
+Irdischen, jeder Aufschwung ins Geistige rührt mit seiner Schwinge bis
+an Gottes Antlitz. Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz
+seiner Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige Nacht
+und glänzt das ewige Licht: denn Dostojewski ist durch Lebensbestimmung
+und Schicksalsgestaltung allen Mysterien des Seins restlos verschwistert.
+Zwischen Tod und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit steht
+seine Welt. Überall grenzt sein persönliches Problem an ein unlösbares
+der Menschheit, jede einzelne belichtete Fläche spiegelt Unendlichkeit.
+Als Mensch, als Dichter, als Russe, als Politiker, als Prophet: überall
+strahlt sein Wesen von ewigem Sinn. Kein Weg führt an sein Ende, keine
+Frage bis in den untersten Abgrund seines Herzens. Nur Begeisterung darf
+ihm nahen, und auch sie nur demütig in der Beschämung, geringer zu sein
+als seine eigene liebende Ehrfurcht vor dem Mysterium des Menschen.
+
+Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um uns an sich
+heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des Gewaltigen in unserer
+Zeit offenbarten ihren Willen. Wagner legte neben sein Werk die
+programmatische Erläuterung, die polemische Verteidigung, Tolstoi riß
+alle Türen seines täglichen Lebens auf, jeder Neugier Zutritt, jeder
+Frage Rechenschaft zu geben. Er aber, Dostojewski, verriet seine
+Absicht nie anders als im vollendeten Werk, die Pläne verbrannte er in
+der Glut der Schöpfung. Schweigsam und scheu war er ein Leben lang,
+kaum das Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend
+bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann war einsam: wie
+Verminderung seiner Liebe zur ganzen Menschheit schien es ihm,
+einzelnen sich hinzugeben. Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der
+Existenz, Qual des gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene
+Lippen, so sehr sie Klage und Notruf sind. Viele Jahre, seine ganze
+Kindheit sind von Dunkel umschattet, und schon heute ist er, dessen
+Blick manche in unserer Zeit noch brennen sahen, menschlich etwas ganz
+Fernes und Unsinnliches geworden, eine Legende, ein Heros und ein
+Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das die erhabenen
+Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares umwittert, entirdischt uns
+auch sein Antlitz. Nicht aus Dokumenten, sondern einzig aus wissender
+Liebe läßt sich sein Schicksal gestalten.
+
+Allein also und führerlos muß man hinab in das Herz dieses Labyrinths
+zu tasten suchen und den Faden Ariadnes, der Seele, vom Knäuel der
+eigenen Lebensleidenschaft ablösen. Denn je tiefer wir uns in ihn
+versenken, desto tiefer fühlen wir uns selbst. Nur wenn wir an unser
+wahres allmenschliches Wesen hinangelangen, sind wir ihm nah. Wer viel
+von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der oder keiner das
+letzte Maß aller Menschlichkeit gewesen. Und dieser Gang in sein Werk
+führt durch alle Purgatorien der Leidenschaft, durch die Hölle der
+Laster, führt über alle Stufen irdischer Qual: Qual des Menschen, Qual
+der Menschheit, Qual des Künstlers und der letzten, der grausamsten,
+der Gottesqual. Dunkel ist der Weg, und von innen muß man glühen in
+Leidenschaft und Wahrheitswillen, um nicht in die Irre zu gehen: unsere
+eigene Tiefe erst müssen wir durchwandern, ehe wir uns in die seine
+wagen. Er sendet keine Boten, einzig das Erlebnis führt Dostojewski zu.
+Und er hat keine Zeugen, keine anderen als des Künstlers mystische
+Dreieinheit in Fleisch und Geist: sein Antlitz, sein Schicksal und sein
+Werk.
+
+
+ DAS ANTLITZ
+
+Sein Antlitz scheint zuerst das eines Bauern. Lehmfarben, fast
+schmutzig falten sich die eingesunkenen Wangen, zerpflügt von
+vieljährigem Leid, dürstend und versengt spannt sich mit vielen
+Sprüngen die rissige Haut, der jener Vampir zwanzigjährigen Siechtums
+Blut und Farbe entzogen. Rechts und links starren, zwei mächtige
+Steinblöcke, die slawischen Backenknochen heraus, den herben Mund, das
+brüchige Kinn überwuchert wirrer Busch von Bart. Erde, Fels und Wald,
+eine tragisch elementare Landschaft, das sind die Tiefen von
+Dostojewskis Gesicht. Alles ist dunkel, irdisch und ohne Schönheit in
+diesem Bauern- und beinahe Bettlerantlitz; flach und farblos, ohne
+Glanz dunkelt es hin, ein Stück russische Steppe auf Stein versprengt.
+Selbst die Augen, die tief eingesenkten, vermögen aus ihren Klüften
+nicht diesen mürben Lehm zu erleuchten, denn nicht nach außen schlägt
+klar und blendend ihre gerade Flamme, gleichsam nach innen ins Blut
+hinein brennen zehrend ihre spitzen Blicke. Wenn sie sich schließen,
+stürzt der Tod sofort über dies Gesicht, und die nervöse Hochspannung,
+die sonst die mürben Züge zusammenhält, sinkt nieder ins lethargisch
+Unbelebte.
+
+Wie sein Werk ruft dies Antlitz erst das Grauen vom Reigen der Gefühle
+auf, dem sich zögernd Scheu und dann leidenschaftlich, in wachsender
+Bezauberung, Bewunderung gesellt. Denn nur die irdische Niederung, die
+fleischliche, seines Antlitzes dämmert hin in dieser düster-erhabenen
+naturhaften Trauer. Aber wie eine Kuppel, weißstrahlend und gewölbt,
+hebt sich ragend über dem engen bäurischen Gesicht die aufstrebende
+Rundung der Stirne: aus Schatten und Dunkel steigt blank und gehämmert
+der geistige Dom: harter Marmor über den weichen Lehm des Fleisches,
+das wüste Dickicht des Haares. Alles Licht strömt in diesem Antlitz
+nach oben, und blickt man in sein Bild, so fühlt man immer nur sie,
+diese breite mächtige, königliche Stirne, sie, die immer strahlender
+leuchtet und sich zu weiten scheint, je mehr das alternde Antlitz in
+Krankheit vergrämt und vergeht. Wie ein Himmel steht sie hoch und
+unerschütterlich über der Hinfälligkeit des gebrestigen Körpers, Glorie
+von Geist über irdischer Trauer. Und auf keinem Bilde leuchtet dies
+heilige Gehäuse des sieghaften Geistes glorreicher als von jenem des
+Totenbetts, da die Lider schlaff über die gebrochenen Augen gefallen
+sind, die entfärbten Hände, fahl und doch fest, das Kreuz gierig
+umfassen (jenes arme kleine Holzkruzifix, das einst eine Bäuerin dem
+Zuchthäusler schenkte). Da strahlt sie wie von morgens die Sonne über
+nächtiges Land nieder auf das entseelte Antlitz und kündet mit ihrem
+Glanz die gleiche Botschaft wie alle seine Werke: daß der Geist und der
+Glaube ihn erlösten vom dumpfen niederen und körperlichen Leben. In
+letzter Tiefe ist immer Dostojewskis letzte Größe: und nie spricht sein
+Antlitz stärker als aus seinem Tod.
+
+
+ DIE TRAGÖDIE SEINES LEBENS
+
+ »Non vi si pensa quanto sangue costa.«
+ Dante
+
+Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck und der zweite dann
+Größe. Auch sein Schicksal scheint anfangs dem flüchtigen Blick so
+grausam und gemein, wie sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst
+empfindet man es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen
+Instrumenten der Qual foltern diese sechzig Jahre den hinfälligen
+Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend und seinem Alter die Süße
+weg, die Säge des körperlichen Schmerzes knirscht in sein Gebein, die
+Schraube der Entbehrung wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv, die
+brennenden Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch seine
+Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich seine
+Leidenschaft. Keine Qual ist gespart, keine Marter vergessen. Eine
+sinnlose Grausamkeit, eine blindwütige Feindseligkeit scheint dies
+Schicksal vorerst. Rückschauend nur begreift man, daß es sich so hart
+zum Hammer geschmiedet, weil es Ewiges aus ihm meißeln wollte, daß es
+gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein. Denn nichts mißt es
+dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends ähnelt sein Lebensgang dem gut
+gepflasterten breiten Bürgersteig aller anderen Dichter des neunzehnten
+Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes
+Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen. Alttestamentarisch,
+heroisch und in nichts neuzeitlich und bürgerlich ist Dostojewskis
+Schicksal. Ewig muß er mit dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen
+Gott empören und ewig sich beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn sicher
+werden, nie träge, immer muß er den Gott spüren, der ihn straft, weil
+er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er rasten im Glück, damit sein Weg
+bis ins Unendliche gehe. Manchmal scheint der Dämon seines Schicksals
+schon innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie alle
+anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber immer wieder reckt
+sich die gewaltige Hand und stößt ihn ins Dickicht zurück, in die
+brennenden Dornen. Schleudert es ihn hoch, so ists nur, um ihn in
+tiefere Abgründe hinabzustürzen, ihn die ganze Weite der Ekstase und
+Verzweiflung zu lehren; es hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo
+andere schwach zerschmelzen in Wollust, und wirft ihn in Schlünde
+des Leidens, wo alle andern zerschellen in Schmerz: und eben wie
+Hiob zerschmettert es ihn immer in den Augenblicken der höchsten
+Sicherheiten, nimmt ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und
+schändet ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit Gott
+zu rechten und ihm durch seine unaufhörliche Empörung und seine
+unaufhörliche Hoffnung nur mehr gewonnen sei. Es ist, als hätte
+sich diese Zeit lauer Menschen gerade diesen einen aufgespart, um
+zu zeigen, welche titanischen Maße in Lust und Qual auch unserer Welt
+noch möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf den gewaltigen
+Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt er sich gegen sein
+Schicksal, niemals hebt er die Faust. Der Körper, der wunde, bäumt sich
+konvulsivisch in Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal wie
+Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube, zwingt die
+Revolte nieder. Der mystisch Wissende in Dostojewski spürt das Heilige
+dieser Hand, den tragisch fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem
+Leid wird Liebe zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner Qual
+umflammt er seine Zeit, seine Welt.
+
+Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt es ihn nieder. Früh
+schon atzt es ihn mit der süßen Speise des Ruhms: sein erstes Buch
+schenkt ihm einen Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und
+schleudert ihn wieder zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die
+Katorga, nach Sibirien. Wieder taucht er, nur noch stärker und mutiger,
+empor: seine Memoiren aus dem Totenhause reißen Rußland in einen
+Taumel. Der Zar selbst netzt das Buch mit seinen Tränen, die russische
+Jugend steht in Flammen für ihn. Er gründet eine Zeitschrift, seine
+Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane entstehen. Da bricht im
+Wettersturz seine materielle Existenz zusammen, Schulden und Sorgen
+peitschen ihn aus dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein
+Nomade, irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation. Aber
+zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung, taucht er aus
+den grauen Gewässern namenloser Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis
+bezeugt ihn als den ersten Dichter, den Propheten seines Landes.
+Unauslöschlich ist nun sein Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn die
+eiserne Hand nieder, und die verzückte Begeisterung seines ganzen
+Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen Sarg. Das Schicksal bedarf seiner
+nicht mehr, der grausam weise Wille hat alles erreicht, aus seiner
+Existenz das Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es nun
+die leere Hülse des Körpers hin.
+
+Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis Leben zum
+Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie. Und in wundervoller Symbolik
+nimmt sein künstlerisches Werk die typische Form des eigenen Schicksals
+an. Es gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge,
+wunderbare Spiegelungen, die nicht zu deuten und zu erklären sind.
+Schon der Anbeginn seines Lebens ist Symbol: Fedor Michailowitsch
+Dostojewski wird im Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so
+schon die Stelle seiner Existenz angewiesen, irgendwo im Abseits, im
+Verachteten, nahe dem Bodensatz des Lebens und doch mitten im
+menschlichen Schicksal, nachbarlich von Leiden, Schmerz und Tod.
+Niemals bis zum letzten Tage (er starb in einem Arbeiterviertel, in
+einer Winkelwohnung des vierten Stocks) ist er dieser Umgürtung
+entronnen, alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines Lebens
+bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung im Armenhaus
+des Lebens. Sein Vater, Militärarzt wie der Schillers, ist adliger
+Abstammung, seine Mutter aus Bauernblut: beide Quellen des russischen
+Volkstums strömen so befruchtend in seine Existenz zusammen,
+strenggläubige Erziehung wendet schon früh seine Sinnlichkeit zur
+Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in einem engen Verschlag, den
+er mit seinem Bruder teilt, hat er die ersten Jahre seines Lebens
+verbracht. Die ersten Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine Kindheit,
+denn dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen. Niemals
+hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis Schweigen war immer Scham
+oder stolze Angst vor fremdem Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort
+in seiner Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd
+aufsteigen, zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern. Und doch
+meint man ihn zu kennen, blickt man tiefer in die brennenden Augen der
+Kindergestalten, die er schuf. Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif,
+phantasievoll bis zur Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren
+Glut, etwas Großes zu werden, voll jenes gewaltsamen und knabenhaften
+Fanatismus, über sich selbst hinauszuwachsen und »für die ganze
+Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er
+kelchvoll gewesen sein mit Liebe und zugleich der hysterischen Angst,
+sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des betrunkenen
+Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten und den Jammer der
+Entbehrungen, aber doch immer bereit, seine Nächsten vor der Welt zu
+verteidigen.
+
+Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt vortritt, ist die
+Kindheit schon weggelöscht. In die ewige Freistatt aller Unbefriedigten,
+das Asyl der Vernachlässigten ist er geflohen, in die bunte und
+gefährliche Welt der Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem
+Bruder gemeinsam gelesen, Tag um Tag und Nacht für Nacht -- schon damals
+trieb er, der Unersättliche, jede Neigung bis zum Laster empor --, und
+diese phantastische Welt entfernt ihn noch mehr von der Wirklichkeit.
+Voll stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er doch bis ins
+Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und Eis zugleich, ein
+Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine Leidenschaft tappt wirr
+umher, geht in diesen »Kellerjahren« alle dunklen Wege der Ausschweifung,
+aber immer einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem Glück
+und immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot, nur um der paar Rubel
+willen, geht er zum Militär: auch dort findet er keinen Freund. Ein paar
+dumpfe Jünglingsjahre kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt er
+in einem Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend, sinnend, mit allen
+geheimen Lastern des Denkens und der Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch
+keinen Weg, er lauscht auf sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er
+spürt sie mit Wollust und Grauen tief unten gären, er liebt sie und
+fürchtet sie, er wagt nicht, sich zu rühren, um dies dumpfe Werden nicht
+zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in diesem schwarzen, formlosen
+Puppenstand von Einsamkeit und Schweigen, Hypochondrie fällt ihn an,
+eine mystische Angst zu sterben, ein Grauen oft vor der Welt, oft vor
+sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in der eigenen Brust.
+In den Nächten übersetzt er, um seinen verwirrten Finanzen aufzuhelfen
+(sein Geld zerfloß, typisch genug, in den gegensätzlichen Neigungen, in
+Almosen und Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und Schillers Don
+Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen sich langsam eigene
+Formen, und endlich reift aus diesem vernebelten traumhaften Zustand von
+Angst und Ekstase sein erstes dichterisches Werk, der kleine Roman »Arme
+Leute«.
+
+1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte Menschenstudie
+geschrieben, er, der Einsamste, »mit leidenschaftlicher Glut, ja fast
+unter Tränen«. Seine tiefste Demütigung, die Armut, hat es gezeugt,
+seine höchste Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es
+gesegnet. Mißtrauisch betrachtet er die beschriebenen Blätter. Er ahnt
+darin eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung, und nur mühsam
+entschließt er sich, Nekrasoff, dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung
+anzuvertrauen. Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam grüblerisch sitzt
+er nachts zu Hause, arbeitet, bis die Lampe verqualmt. Plötzlich um vier
+Uhr morgens wird heftig an der Klingel gerissen, und Dostojewski, dem
+erstaunt Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die Arme, umhalst, küßt ihn und
+jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam das Manuskript
+gelesen, die ganze Nacht gehorcht, gejubelt und geweint, und am Ende
+hielt es beide nicht: sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste
+Lebenssekunde, diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. Bis in den
+hellen Morgen tauschen die Freunde Glück und Ekstase in heißen Worten.
+Dann eilt Nekrasoff zu Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands.
+»Ein neuer Gogol ist erstanden«, ruft er schon an der Türe, das
+Manuskript wie eine Fahne schwingend. »Bei euch wachsen die Gogols wie
+die Pilze«, brummt der Mißtrauische, durch so viel Begeisterung
+verärgert. Aber als Dostojewski ihn am nächsten Tag besucht, ist er
+verwandelt. »Ja, begreifen Sie denn selbst, was Sie da geschaffen
+haben«, schreit er voll Erregung den verwirrten jungen Menschen an.
+Grauen überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem neuen
+plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe hinab, an der
+Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum erstenmal fühlt er und wagt
+doch nicht, es zu glauben, daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm
+das Herz auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das »Große«, von
+dem seine Kindheit wirr geträumt, die Unsterblichkeit, das Leiden für
+die ganze Welt. Erhebung und Zerknirschung, Stolz und Demut schwanken
+wirr durch seine Brust, er weiß nicht, welcher Stimme er glauben soll.
+Trunken taumelt er über die Straße, und in seine Tränen mischen sich
+Glück und Schmerz.
+
+So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung zum Dichter. Auch
+hier ahmt die Form seines Lebens die seiner Werke geheimnisvoll nach.
+Hier wie dort haben die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik
+eines Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives,
+und nur die innere Größe und Wahrheit reißt sie empor zum Grandiosen.
+In Dostojewskis Leben ist oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es
+zur Tragödie. Es ist ganz auf Spannung gestellt: in einzelne Sekunden,
+ohne Übergang, sind die Entscheidungen komprimiert, mit zehn oder
+zwanzig solcher Sekunden der Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes
+Schicksal fixiert. Epileptische Ausbrüche des Lebens -- eine Sekunde
+Ekstase und ohnmächtiger Zusammenbruch -- könnte man sie nennen.
+Hinter jeder Ekstase steht schon drohend die graue Dämmerung des
+erschlaffenden Gefühls, und aus langem Gewölk ballt sich behutsam
+der neue mörderische Lebensblitz. Jeder Aufschwung ist bezahlt
+durch Niedersturz und diese eine Sekunde der Begnadung mit vielen
+hoffnungslosen Stunden des Robots und der Verzweiflung. Der Ruhm,
+dieser funkelnde Reif, den ihm Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt
+drückt, ist auch gleichzeitig schon der erste Ring einer Fußkette, an
+der Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel der Arbeit
+schleppt. Die »Hellen Nächte«, sein erstes Buch, bleibt auch das
+letzte, das er als freier Mann einzig um der schöpferischen Freude
+willen schuf. Dichten besagt für ihn von nun ab auch: erwerben,
+zurückerstatten, abzahlen, denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist
+vor der ersten Zeile schon mit Vorschuß verpfändet, das noch ungeborene
+Kind in die Sklaverei des Gewerbes verkauft. Für immer ist er jetzt in
+das Bagno der Literatur gemauert, ein Leben lang gellen die verzweifelten
+Schreie des Eingesperrten nach Freiheit, aber erst der Tod bricht seine
+Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der ersten Lust. Ein
+paar Novellen sind rasch vollendet, und schon plant er einen neuen
+Roman.
+
+Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will nicht, sein wachsamer
+Dämon, daß ihm das Leben zu leicht werde. Und damit er es erkennen
+lerne in allen seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine
+Prüfung.
+
+Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel, Dostojewski öffnet
+erstaunt, aber diesmal ists nicht die Stimme des Lebens, ein jubelnder
+Freund, Botschaft des Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und
+Kosaken dringen in sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet, seine
+Papiere versiegelt. Vier Monate schmachtet er in einer Zelle der
+Sankt-Pauls-Festung, ohne das Verbrechen zu ahnen, dessen man ihn
+beschuldigt: Teilnahme an den Diskussionen einiger aufgeregter Freunde,
+die man übertrieben die Petraschewskysche Verschwörung genannt hat,
+ist sein ganzes Delikt, seine Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis.
+Dennoch blitzt plötzlich die Verurteilung nieder zur härtesten Strafe,
+zum Tode durch Pulver und Blei.
+
+Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde, die engste und
+reichste seiner Existenz, eine unendliche Sekunde, in der sich Tod und
+Leben die Lippen reichen zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er
+mit neun Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd ihm
+umgeworfen, die Glieder an den Pfahl geschnürt und die Augen verbunden.
+Er hört sein Todesurteil lesen und die Trommeln knattern -- sein ganzes
+Schicksal ist zusammengepreßt in eine Handvoll Erwartung, unendliche
+Verzweiflung und unendliche Lebensgier in ein einziges Molekül Zeit. Da
+hebt der Offizier die Hand, winkt mit dem weißen Tuche und verliest die
+Begnadigung, das Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd.
+
+In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus seinem ersten
+jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen fünfzehnhundert eichene Pfähle
+seinen ganzen Horizont. An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag
+um Tag die viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine Genossen
+sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit Alabasterschleifen,
+Ziegeltragen, Schneeschaufeln. Die Bibel wird das einzig verstattete
+Buch, ein räudiger Hund und ein flügellahmer Adler seine einzigen
+Freunde. Vier Jahre weilt er im »Totenhaus«, in der Unterwelt, Schatten
+zwischen Schatten, namenlos und vergessen. Als sie ihm dann die Kette
+von den wunden Füßen abschmieden und die Pfähle hinter ihm liegen, eine
+braune morsche Mauer, ist er ein anderer: seine Gesundheit zerstört,
+sein Ruhm zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine Lebenslust
+bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt aus dem
+schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers die heiße Flamme der
+Ekstase. Ein paar Jahre noch muß er in Sibirien verbleiben, halbfrei
+und ohne die Verstattung, eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der
+Verbannung, in bitterster Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene
+seltsame Ehe mit seiner ersten Frau ein, einer kranken und eigenartigen,
+die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert. Irgendeine dunkle Tragödie
+der Aufopferung ist in diesem seinen Entschluß für immer der Neugier und
+Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in den »Erniedrigten
+und Beleidigten« vermag man den schweigsamen Heroismus dieser
+phantastischen Opfertat zu ahnen.
+
+Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine literarischen
+Gönner haben ihn fallen gelassen, seine Freunde sich verloren. Aber
+mutig und kraftvoll ringt er sich aus der Welle, die ihn niederwarf,
+wieder ans Licht. Seine »Erinnerungen aus dem Totenhause«, diese
+unvergängliche Schilderung einer Sträflingszeit, reißen Rußland aus der
+Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit Grauen entdeckt die ganze
+Nation, daß ganz atemnah unter der flachen Schicht ihrer ruhigen Welt
+eine andere waltet, ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den Kreml
+empor schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über dem Buche,
+von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name. In einem einzigen Jahr ist
+sein Ruhm wieder erbaut, höher und dauerhafter als je. Gemeinsam mit
+seinem Bruder gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst
+fast allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger, der
+Politiker, der »Praeceptor Russiae«. Stürmisch tönt der Widerhall, die
+Zeitschrift hat weiteste Verbreitung, ein Roman wird vollendet,
+heimtückisch, mit vielen blinzelnden Blicken lockt ihn das Glück.
+Dostojewskis Schicksal scheint für immer gesichert.
+
+Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem Leben waltet:
+Es ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist ihm noch fremd, die Marter
+des Exils und die fressende Angst der täglichen, erbärmlichen
+Nahrungssorgen. Sibirien und die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung
+Rußlands, sie war immerhin noch Heimat gewesen, nun soll er noch die
+Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte kennen lernen um der urmächtigen
+Liebe zum eigenen Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose,
+noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der Dichter, der Herold seiner
+Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz nieder, eine Sekunde der
+Vernichtung: die Zeitschrift wird verboten. Wieder ist es ein
+Mißverständnis und gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt,
+Wetterschlag auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben. Seine
+Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bruder und gleichzeitig sein bester
+Freund und Helfer. Zweier Familien Schulden hängen sich bleiern an ihn
+und krümmen sein Rückgrat unter unerträglicher Last. Noch wehrt er sich
+verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie im Fieber, schreibt, redigiert,
+druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre, die Existenz zu
+retten, aber das Schicksal ist stärker als er. Wie ein Verbrecher
+flüchtet er vor seinen Gläubigern eines Nachts hinaus in die Welt.
+
+Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch das europäische
+Exil, jene grauenhafte Abschnürung von Rußland, dem Blutquell seines
+Lebens, die ärger seine Seele beengte als die Pfähle der Katorga.
+Furchtbar ist es auszudenken, wie der größte russische Dichter, der
+Genius seiner Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos,
+heimatlos, ziellos von Land zu Land irrt. Mit Mühe findet er Herbergen
+in kleinen niederen Zimmern, die der Dunst der Armut füllt, der Dämon
+der Epilepsie krallt sich an seine Nerven, Schulden, Wechsel,
+Verpflichtungen peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit, Verlegenheit und
+Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück in sein
+Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle Wolken vor. Ein
+junges Mädchen, seine Stenographin, war seine zweite Frau geworden,
+aber das erste Kind, das sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung,
+die Not des Exils schon nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das
+Purgatorium, der Vorhof seines Leidens, so ist Frankreich, Deutschland,
+Italien sicherlich seine Hölle. Kaum wagt man sich diese tragische
+Existenz zu vergegenwärtigen. Aber immer in Dresden, wenn ich durch die
+Straßen gehe, vorbei an irgendeinem niederen und schmutzigen Haus, so
+faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen kleinen
+sächsischen Krämern und Handlangern, oben im vierten Stock, einsam,
+unendlich einsam in dieser fremden Geschäftigkeit. Keiner hat ihn
+gekannt in all diesen Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt
+Friedrich Nietzsche, der einzige, der ihn verstehen könnte, Richard
+Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried Keller, die Zeitgenossen sind da,
+aber er weiß von ihnen nichts und sie nichts von ihm. Wie ein großes
+gefährliches Tier, struppig und in abgetragenen Kleidern, schleicht
+er aus seiner Arbeitshöhle scheu auf die Straße, immer den gleichen
+Weg, in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um nur
+russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren, Heimat, den
+bloßen Anblick der cyrillischen Lettern, den flüchtigen Atem des
+heimischen Wortes. Manchmal setzt er sich, nicht aus Liebe zur Kunst
+(ewig blieb er der byzantinische Barbar, der Bilderstürmer), sondern
+um sich zu wärmen, in die Galerie. Er weiß nichts von den Menschen,
+die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Russen sind, haßt die
+Deutschen in Deutschland, die Franzosen in Frankreich. Sein Herz horcht
+nach Rußland, nur sein Körper vegetiert teilnahmslos in dieser fremden
+Welt. Kein Gespräch, keine Begegnung hat irgendeiner der deutschen,
+französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur im Bankhaus
+kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den Schalter kommt und mit
+vor Erregung zitternder Stimme fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus
+Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach
+in Worten vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt. Schon
+lachen die Angestellten über den armen Narren und seine ewige Erwartung.
+Auch im Pfandleihhaus ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt,
+einmal sogar seine letzte Hose, um nur ein Telegramm nach Petersburg
+senden zu können, einen jener markerschütternden Schreie, wie sie immer
+wieder gellend in seinem Briefe wiederkehren. Das Herz krampft sich
+zusammen, liest man die speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe
+dieses Gewaltigen, in denen er um zehn erbetener Rubel willen fünfmal
+den Heiland anruft, diese entsetzlichen Briefe, die keuchen, heulen und
+winseln für eine erbärmliche Handvoll Geld. Die Nächte hindurch arbeitet
+er und schreibt, während seine Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während
+die Epilepsie schon die Kralle spannt, ihm das Leben aus der Kehle zu
+pressen, während die Hausfrau mit der Polizei um ihre Miete droht und
+die Hebamme um ihre Bezahlung keift -- schreibt er »Raskolnikoff«, den
+»Idioten«, die »Dämonen«, den »Spieler«, diese monumentalen Werke des
+neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen Gestaltungen unserer ganzen
+seelischen Welt. Die Arbeit ist seine Rettung und seine Qual. In ihr
+lebt er in Rußland, in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in Europa,
+in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine Werke hinein.
+Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht, sie sind das Spiel,
+das seine Nerven, die gepeinigten, zu höchster Lust anspannt. Und
+zwischendurch zählt er, wie einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig
+die Tage: Heimkehren können als Bettler, aber nur heimkehren! Rußland,
+Rußland, Rußland ist der ewige Schrei seiner Not. Aber noch darf er
+nicht zurück, noch muß er der Namenlose bleiben um des Werkes willen,
+der Märtyrer all dieser fremden Straßen, der einsame Dulder ohne Schrei
+und Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen, ehe er aufsteigt
+in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms. Schon ist sein Körper
+ausgehöhlt von den Entbehrungen, immer häufiger schmettern die
+Keulenschläge der Krankheit auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt
+liegen bleibt, mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft
+taumelnd wieder an den Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre ist
+Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden erlebt.
+
+Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick sein Schicksal: Es
+ist genug. Gott wendet Hiob wieder sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig
+Jahren darf Dostojewski wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben
+für ihn geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet. Rußland blickt
+nur mehr auf ihn. Das »Tagebuch eines Schriftstellers« macht ihn zum
+Herold seines Volkes, und mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet
+er sein Testament an die Zukunft der Nation: »Die Karamasoff«. Und nun
+entschleiert sein Schicksal endgültig ihm den Sinn und schenkt dem
+Geprüften eine Sekunde höchsten Glücks, die ihm weisen soll, daß der
+Same seines Lebens in unendlicher Saat aufgegangen ist. Endlich ist in
+einem Augenblick Dostojewskis sein Triumph so zusammengedrängt wie einst
+seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein Gott, aber diesmal nicht einen,
+der ihn niederschlägt, sondern einen, der ihn wie seine Propheten mit
+feurigem Wagen ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag Puschkins
+sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede zu halten.
+Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der ein Leben lang ihm den Ruhm
+usurpierte, hat den Vorrang und spricht unter lauer und freundlicher
+Zustimmung. Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und er
+faßt es in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil. Mit Flammen
+der Ekstase, die aus seiner leisen, heiseren Stimme plötzlich wie
+ein Gewitter bricht, verkündet er die heilige Mission der russischen
+Allversöhnung, wie hingemäht stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal
+erbebt unter der Explosion des Jubels, Frauen küssen ihm die Hände,
+ein Student bricht ohnmächtig vor ihm zusammen, alle anderen Redner
+verzichten auf das Wort. Ins Unendliche wächst die Begeisterung und
+feurig entbrennt die Glorie über dem Haupt mit der Dornenkrone.
+
+Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden Minute die
+Erfüllung seiner Mission, den Triumph des Werkes zeigen. Dann wirft es
+-- die reine Frucht ist gerettet -- die verdorrte Hülse seines Körpers
+hin. Am 10. Februar 1881 stirbt Dostojewski. Ein Schauer geht durch
+Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer. Aber dann flutets heran, aus
+den fernsten Städten reisen gleichzeitig und doch ohne Vereinbarung
+Deputationen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Aus allen Winkeln der
+tausendhäuserigen Stadt schäumt jetzt -- zu spät! zu spät! -- die
+ekstatische Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den sie
+ein Leben lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der er aufgebahrt ist,
+braust schwarz von Menschen, finstere Massen schwemmen in schauerndem
+Schweigen die Stiegen des Arbeiterhauses empor und füllen die engen
+Räume bis hart an den Sarg. Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck
+verschwunden, unter den man ihn gebettet, weil hundert Hände sich
+einzelne Blüten als kostbare Reliquie mitnehmen. So stickig wird die
+Luft des engen Raumes, daß die Kerzen keine Nahrung mehr haben und
+verlöschen. Immer drängender fluten die Massen heran, Welle auf Welle
+gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt der Sarg und will
+hinstürzen: mit den Händen müssen ihn die Witwe, die erschreckten
+Kinder aufrecht halten. Der Polizeipräsident will das öffentliche
+Leichenbegängnis verbieten, bei dem die Studenten die Ketten des
+Sträflings hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es
+schließlich nicht gegen eine Begeisterung, die sonst mit Waffen sich
+die Teilnahme erzwungen hätte. Und bei dem Leichenzuge wird plötzlich
+Dostojewskis heiliger Traum für eine Stunde zum Geschehnis: das einige
+Rußland. Wie in seinem Werk durch das bruderselige Gefühl alle Klassen
+und Stände Rußlands, so sind die Hunderttausende hinter dem Sarg durch
+ihren Schmerz eine einzige Masse; junge Prinzen, prunkvolle Popen,
+Arbeiter, die Studenten, Offiziere, Lakaien und Bettler, sie alle unter
+einem wehenden Wald von Fahnen und Bannern klagen mit einer Stimme um
+den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn eingesegnet, ist ein
+einziger Blumenhain, und vor seinem offenen Grabe vereinigen sich
+alle Parteien zu einem Schwur der Liebe und Bewunderung. So schenkt er
+seiner Nation mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung
+und hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei gespannten
+Gegensätze seiner Zeit zusammen. Und wie ein grandioser Salut für den
+Toten springt hinter seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die
+Revolution. Drei Wochen später wird der Zar ermordet, der Donner des
+Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung durchzucken das Land: Wie
+Beethoven stirbt Dostojewski im heiligen Aufruhr der Elemente, im
+Gewitter.
+
+
+ SINN SEINES SCHICKSALS
+
+ Ein Meister bin ich worden
+ Zu tragen Lust und Leid,
+ Und meine Lust zu leiden,
+ Ward mir zur Seligkeit.
+ Gottfried Keller
+
+Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal,
+eine Art liebevoller Feindschaft. Alle Konflikte spitzt es ihm
+schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft
+auseinander; es tut ihm weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er liebt
+es, weil es ihn so stark faßt, denn im Leiden erkennt dieser Wissendste
+die stärkste Möglichkeit des Gefühls. Nie gibt das Schicksal ihn frei,
+immer knechtet es ihn aufs neue, um diesen einen gläubigen Menschen
+sich zum ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit zu erschaffen.
+Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht seines Lebens bis zum
+Morgenrot des Todes und läßt ihn nicht aus der Umkrampfung, ehe er es
+nicht gesegnet hat. Und Dostojewski, der »Gottesknecht«, begreift die
+Größe dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig
+Bezwungene unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden Lippen küßt er
+sein Kreuz: »Es gibt für den Menschen kein notwendigeres Gefühl, als
+sich vor dem Unendlichen beugen zu können.« In die Knie gebrochen unter
+der Last seines Schicksals, hebt er fromm die Hände und bezeugt die
+heilige Größe des Lebens.
+
+In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski durch Demut
+und Erkenntnis der große Überwinder alles Leidens geworden, der
+mächtigste Meister und Umwerter seit den Tagen des Testaments. Nur
+durch die Gewalttätigkeiten seines Schicksals ward er selbst gewaltig,
+und die Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz fallen,
+schmieden erst seine innere Kraft. Je tiefer sein Körper stürzt, desto
+höher schwingt sich sein Glaube, je mehr er als Mensch erleidet, um so
+seliger erkennt er den Sinn und die Notwendigkeit des Weltleidens. Amor
+fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das
+fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit
+nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als Heil. Wie Bileam verwandelt
+jeder Fluch sich dem Auserwählten zum Segen, jede Erniedrigung in
+Erhöhung. In Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus an
+den Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in uns unverständlicher
+Demut küßt er immer wieder die Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch
+fahl vom Sarge erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit
+des Lebens abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben, aus seinen
+Krämpfen und epileptischen Zuckungen, noch Schaum vor dem Munde, rafft
+er sich auf, den Gott zu lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt.
+Alles Leiden zeugt in seiner aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden,
+unersättlichen, lechzenden flagellantischen Durst nach neuen
+Märtyrerkronen. Schlägt ihn das Schicksal hart, so stöhnt er, blutend
+zusammenstürzend, schon nach neuen Schlägen. Jeden Blitz, der ihn
+trifft, fängt er auf und verwandelt, was ihn verbrennen sollte, in
+seelisches Feuer und schöpferische Ekstase.
+
+Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert
+das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft. Was Strafe und Prüfung
+scheint, wird dem Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen
+soll, richtet den Dichter erst eigentlich auf. Was einen Schwächeren
+zermalmt hätte, stählt diesem Ekstatiker nur die Kraft. Das Jahrhundert,
+das gern mit Sinnbildern spielt, gibt eine Probe solcher Doppelwirkung
+gleichen Erlebnisses. Einen anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde,
+streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von Namen,
+Adelige von Rang, eines Tages aus der bürgerlichen Sphäre ihrer Existenz
+ins Zuchthaus hinab. Aber der Dichter Wilde wird in dieser Prüfung
+zermalmt wie in einem Mörser, der Dichter Dostojewski aus ihr erst
+geformt wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch sozial
+empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen, fühlt
+sich geschändet durch das bürgerliche Brandmal, und das Furchtbarste an
+Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter
+Edelmannsleib in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte
+Wasser hinab muß. Eine ganz privilegierte Klasse, die Kultur der
+Gentlemen, schauert in seinem Grauen vor der physischen Vermengung mit
+dem Gemeinen. Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen, brennt
+dieser Gemeinsamkeit entgegen mit schicksalstrunkener Seele, zum
+Purgatorium seines Stolzes wird ihm das gleiche schmutzige Bad. Und
+in der demütigen Hilfeleistung eines schmierigen Tartaren erlebt er
+ekstatisch das christliche Mysterium der Fußwaschung. Wilde, in dem der
+Lord den Menschen überlebt, leidet bei den Sträflingen unter der Furcht,
+sie möchten ihn für ihresgleichen nehmen, Dostojewski leidet nur so
+lange, als Diebe und Mörder ihm noch die Bruderschaft verweigern,
+denn er fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft als Makel, als
+Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle und Diamant gleiches
+Element, so ist dies Doppelschicksal eines und doch ein anderes für
+diese beiden Dichter. Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt,
+Dostojewski beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke in
+gleicher Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte formt. Wilde wird
+gezüchtigt wie ein Knecht, weil er sich wehrt, Dostojewski triumphiert
+über sein Schicksal durch Liebe zu seinem Schicksal.
+
+Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski, solch ein
+Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur ein härtestes Schicksal ihm
+gemäß war. Denn gerade aus den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er
+die höchsten inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm
+Gewinn, seine Laster Steigerungen, seine Hemmungen Auftriebe. Sibirien,
+die Katorga, die Epilepsie, die Armut, die Spielwut, die Wollüstigkeit,
+all diese Krisen seiner Existenz werden durch eine dämonische
+Umwertungskraft fruchtbar in seiner Kunst, denn wie die Menschen ihre
+kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der Bergwerke, zwischen
+den Gefahren schlagender Wetter, tief unter der spaziergängerischen
+Fläche des gesicherten Lebens, so gewinnt der Künstler seine
+flammendsten Wahrheiten, seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den
+gefährlichsten Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen eine
+Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine Errungenschaft
+ohnegleichen, weil Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine
+Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie.
+
+Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft über einen
+siechen, gebrestigen Körper. Vergessen wir nicht, daß Dostojewski ein
+Kranker war, daß dieses eherne unvergängliche Werk aus geborstenen
+hinfälligen Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven
+gewonnen ist. Mitten durch seinen Körper war gefährlichstes Leiden
+gepfählt, ewig gegenwärtiges grauenhaftes Sinnbild des Todes: die
+Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker die ganzen dreißig Jahre seiner
+Künstlerschaft. Mitten im Werk, auf der Straße, im Gespräch, selbst im
+Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des »würgenden Dämons« um seine
+Kehle und schmettert ihn so jäh, Schaum vor dem Munde, zu Boden, daß
+der überraschte Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse Kind
+spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften psychischen
+Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr, zum Blitz wird aber »die
+heilige Krankheit« erst im Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die
+ungeheuere Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie jedes
+Unglück, wie Armut und Entbehrung, bleibt die Körpernot Dostojewski
+treu bis in die letzte Stunde. Seltsam aber: niemals lehnt sich der
+Gemarterte mit einem Wort gegen die Prüfung auf. Nie klagt er über
+sein Gebrechen wie Beethoven über seine Taubheit, Byron über seinen
+verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden, ja nirgends ist
+bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen Heilung gesucht habe. Getrost
+darf man das Unwahrscheinliche als gewiß nehmen, daß er mit jener
+unendlichen Amor fati diese seine Krankheit liebte, als Schicksal
+liebte wie jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters
+bändigt das Leiden des Menschen: Dostojewski wird Herr seines Leidens,
+indem er es belauscht. Die äußerste Gefahr seines Lebens, die
+Epilepsie, er verwandelt sie in ein höchstes Geheimnis seiner Kunst:
+eine nie gekannte geheimnisvolle Schönheit saugt er aus diesen
+Zuständen, die wundervoll in den Augenblicken taumelnden Vorgefühls
+gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur ist hier der
+Tod mitten im Leben erlebt und in dieser einen Sekunde vor dem
+jedesmaligen Sterben, die stärkste, berauschendste Essenz des Seins,
+die pathologisch gesteigerte Anspannung des »Sichselbstempfindens«.
+Wie ein magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer wieder seinen
+intensivsten Lebensaugenblick, die Minute am Semenowski-Platz ins Blut
+zurück, als sollte er niemals den grausigen Kontrast zwischen dem All
+und dem Nichts in seinem Gefühl verlernen. Auch hier schnürt immer
+Dunkel den Blick, auch hier stürzt wie Wasser aus übervoller, gebeugter
+Schale die Seele dem Körper aus, schon zittert sie mit gespannten
+Flügeln zu Gott empor, schon spürt sie überirdisches Licht auf den
+entkörperten Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt, schon
+sinkt die Erde, schon tönen die Sphären -- da stürzt ihn der Donner
+des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine Leben hinab. Immer wenn
+Dostojewski diese eine Minute beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl,
+das seine unerhörte Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine
+Stimme leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick des
+Grauens zum Hymnus: »Ihr gesunden Menschen, ihr ahnt nicht,« predigt er
+begeistert, »welches Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem
+Anfall durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im Paradies
+gewesen in der kurzen Frist, da sein Krug umstürzte und das Wasser
+ausrann, und alle klugen Narrenköpfe behaupten, er sei ein Lügner und
+Betrüger. Das ist aber nicht wahr, er lügt nicht. Sicher war er im
+Paradies während eines epileptischen Anfalls, einer Krankheit, an der
+er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese Wonnesekunde Stunden
+dauert, aber glaubt mir, alle Freude des Lebens möchte ich nicht dafür
+eintauschen.«
+
+In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick über das Einzelne
+der Welt hinaus und umfaßt in loderndem Allgefühl die Unendlichkeit.
+Aber was er verschweigt, ist die bittere Züchtigung, mit der er jede
+dieser krampfhaften Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter
+Zusammenbruch klirrt die kristallenen Sekunden in reißende Scherben,
+mit zerbrochenen Gliedern und stumpfen Sinnen stürzt er, ein anderer
+Ikarus, in die irdische Nacht zurück. Das Gefühl, noch geblendet vom
+unendlichen Licht, tastet sich mühsam im Gefängnis des Körpers zurecht,
+wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden des Seins, die eben mit
+seligen Schwingen Gottes Antlitz umfingen. Dostojewskis Zustand nach
+jedem Anfall ist ein fast idiotisches Dämmern, dessen ganzes Grauen
+er sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer Deutlichkeit
+ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen, oft zerstoßenen
+Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem Laut, die Hand nicht der Feder,
+mürrisch und niedergeschlagen wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft.
+Die Helligkeit des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in
+harmonischer Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich der
+nächsten Dinge nicht mehr zu erinnern, der Lebensfaden, der ihn der
+Umwelt, der ihn seinem Werk verbindet, ist zerrissen. Einmal, nach
+einem Anfall während der Niederschrift der »Dämonen«, fühlt er mit
+Grauen, daß ihm nichts mehr bewußt ist von all den Geschehnissen der
+eigenen Erfindung, selbst den Namen des Helden hat er vergessen. Erst
+mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung hinein, treibt die
+erschlaffenden Visionen mit drängendem Willen wieder zu voller Glut
+auf, bis -- bis ihn eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen
+der Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des Todes auf
+den Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung, sind seine letzten, die
+gewaltigsten Romane entstanden. Auf der Kippe zwischen Tod und
+Wahnsinn, nachtwandlerisch sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig
+empor, und aus diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig Auferstandenen
+jene dämonische Kraft, das Leben gierig zu umklammern, um ihm sein
+Höchstes an Gewalt und Leidenschaft zu entpressen.
+
+Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis dankt Dostojewskis Genie
+so viel (Mereschkowski hat die Antithese blendend durchgeführt) als
+Tolstoi seiner Gesundheit. Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten
+Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden nicht gegeben sind, hat
+ihm geheimnisvollen Blick verliehen in die Unterwelt des Gefühles und
+die Zwischenreiche der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines
+Wesens, dies Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen des
+Intellekts in die letzten Labyrinthe des Gefühls, hat ihn befähigt,
+zum ersten Male den pathologischen Geschehnissen ihre Metaphysik zu
+geben, und voll zu schildern, was sonst das analytische Skalpell der
+Wissenschaft nur unvollkommen am abgestorbenen klinischen Fall ertastet.
+Wie Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom Hades, so bringt er,
+der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste Beschreibung aus dem Land
+der Schatten und Flammen und bezeugt mit seinem Blut und dem kalten
+Schauer seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände zwischen Leben
+und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das Höchste der Kunst, das
+Stendhal einmal formulierte, »d'inventer des sensations inédites«,
+Gefühle, die bei uns alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der
+kühlen Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen, in voller
+tropischer Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit des Kranken läßt
+ihn die letzten Worte der Seele erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt,
+die gesteigerte Feinfühligkeit mißt mit stärkstem Ausschlag die
+zartesten Vibrationen der Sinne, und eine mystische Scharfsichtigkeit in
+den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm seherische Gabe des zweiten
+Gesichts, die Magie des Zusammenhangs. O wunderbare Verwandlung,
+fruchtbar in allen Krisen des Herzens! Der Künstler Dostojewski zwingt
+sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt nur neue
+Größe aus neuem Maß. Denn für ihn bedeuten Glück und Leid, die Endpunkte
+des Gefühls, eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit den
+gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern mit den siedenden
+Graden seiner eigenen Phrenesie. Das Maximum an Glück, einem andern ist
+es Genuß einer Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer
+aber durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski sind
+die Siedepunkte des Empfindens schon im Unerträglichen, im Tödlichen.
+Sein Glück ist Spasma, der schäumende Krampf, seine Qual die
+Zerschmetterung, der Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig
+komprimierte essentielle Zustände, die im Irdischen keine Dauer haben
+können, die solche Hitzegrade erreichen, daß kaum eine Sekunde sie in
+ihren Händen halten kann und schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben
+ständig den Tod erlebt, kennt ein urmächtigeres Grauen als der Normale,
+wer die körperlose Schwebe gefühlt, eine höhere Lust als ein Körper, der
+nie die harte Erde ließ. Sein Begriff von Glück meint die Verzückung,
+sein Begriff von Qual die Vernichtung. Darum hat auch das Glück seiner
+Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert
+und brennt wie Feuer, es zittert von verhaltenen Tränen und schwült von
+Gefahr, es ist ein unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden
+mehr als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das den gemeinen
+Zustand von dumpfer würgender Angst, von Last und Grauen schon
+überbrückt hat, eine eiskalte, beinahe lächelnde Klarheit, eine
+teuflische Gier der Bitterkeit, die keine Träne kennt, ein trockenes
+kollerndes Lachen und ein dämonisches Grinsen, in dem wiederum beinahe
+schon Lust ist. Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles
+ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt als
+zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits
+aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat.
+
+In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat, und nur aus
+ihr ist Dostojewski zu verstehen. Er ist das Opfer eines zwiespältigen
+Lebens und -- als leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals -- darum
+Fanatiker seines Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen
+Temperaments entsteht einzig aus der fortwährenden Reibung dieser
+Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt der Maßlose in ihm den
+eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander zu Himmel und Hölle:
+nie verheilt die klaffende Wunde im brennenden geistigen Fieber des
+Schaffens. Dostojewski, der Künstler, ist das vollkommenste
+Gegensatzprodukt, der größte Dualist der Kunst und vielleicht der
+Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen Urwillen seiner
+Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte Liebe zum Glücksspiel. Der
+Knabe schon ist leidenschaftlicher Kartenspieler, aber erst in Europa
+lernt er den Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das Rouge et Noir,
+das Roulett, dieses in seinem primitiven Dualismus so grausam
+gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in Baden-Baden, die Spielbank in
+Monte Carlo sind seine stärksten Ekstasen in Europa: mehr als die
+Sixtinische Madonna, die Plastiken Michelangelos, die Landschaften des
+Südens, Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen Nerv. Denn
+hier ist Spannung, Entscheidung -- Schwarz oder Rot, gerad oder
+ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn oder Verlust -- in eine einzige
+Sekunde des rollenden Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener
+schmerzhaft-lustvollen Blitzform des springenden Gegensatzes, die
+einzig seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge, die
+Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner fiebrischen Ungeduld
+unerträglich, er mag nicht Geld verdienen auf deutsche, auf
+»Wurstmacherart«, durch Umsicht, Sparsamkeit und Berechnung, ihn reizt
+der Zufall, die Hingabe an das Ganze. Die Form seines äußern Schicksals
+ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter Herausforderung
+bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur der Entscheidungen in eine
+einzige Sekunde, die zur Spitze geschärfte Sensation, die ihre glühende
+Nadel tief in den Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im
+Vorgefühl und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und jener
+unvergeßlichen Sekunde vom Semenowski-Platz. Wie das Schicksal mit ihm
+spielte, so spielt er nun mit dem Schicksal: er reizt den Zufall zu
+künstlichen Spannungen, und gerade wenn er gesichert ist, wirft er
+immer mit zitternder Hand seine ganze Existenz auf den grünen Tisch.
+Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger, sondern aus unerhörtem
+»unanständigem«, aus Karamasoffschem Lebensdurst, der alles in den
+stärksten Essenzen will, aus krankhafter Sehnsucht nach Schwindligkeit,
+aus jenem »Turmgefühl«, der Lust, sich über den Abgrund zu beugen. Denn
+er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das Dämonische des Zufalls,
+er liebt in fanatischer Demut die Mächte, die stärker sind als seine
+Eigenmacht, und lockt mit ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen
+Blitz auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal:
+was er einsetzt, ist nicht Geld und immer sein letztes Geld, sondern
+damit seine ganze Existenz; was er ihm abgewinnt, ist äußerster
+Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl.
+Selbst im goldenen Gift hat Dostojewski nur neuen Durst nach dem
+Göttlichen getrunken.
+
+Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede andere über
+alles Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein in das Laster trieb.
+Haltzumachen, Vorsicht, Bedenklichkeit waren diesem Titanentemperament
+fremd: Ȇberall und in allem mein ganzes Leben lang habe ich die Grenze
+überschritten.« Und dies, Grenzen zu überschreiten, ist künstlerisch
+seine Größe wie menschlich seine Gefahr: er macht nicht halt vor den
+Zäunen der bürgerlichen Moral, und niemand weiß genau zu sagen, wie
+weit sein Leben die juridische Grenze überschritten hat, wieviel von
+den verbrecherischen Instinkten seiner Helden in ihm selbst Tat
+geworden ist. Einzelnes ist bezeugt, doch wohl das Geringere nur. Als
+Kind hat er betrogen im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr
+Marmeladow in »Schuld und Sühne« aus Gier nach Branntwein die Strümpfe
+seiner Frau, so stiehlt auch Dostojewski der seinen Geld und ein Kleid
+aus dem Schrank, um es im Roulett zu verspielen. Wie weit seine
+sinnlichen Ausschweifungen aus den »Kellerjahren« ins Perverse
+hinüberzittern, wieviel von den »Spinnen der Wollust« Swidrigailow,
+Stawrogin und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in sexuellen
+Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern. Seine
+Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln jedenfalls in der
+geheimnisvollen Kontrastgier von Verderbtheit und Unschuld, aber es ist
+nicht wesenhaft, diese Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind)
+zu erörtern. Wichtig ist nur, nicht zu verkennen, daß dem Heiland, dem
+Heiligen, dem Aljoscha in Dostojewski-Karamasow der Gegenspieler des
+Wollüstlings, des überreizten Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im
+Blute verschwistert war.
+
+Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit
+Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht im linden Sinn
+Goethes, der einst in dem berühmten Worte sagte, daß er die Anlagen zu
+allen Schändlichkeiten und Verbrechen lebendig in sich empfände. Denn
+Goethes ganze gewaltige Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige,
+ungeheuere Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime in sich
+auszuroden. Der Olympier will zur Harmonie, seine höchste Sehnsucht
+ist Zerstörung alles Gegensatzes, Erkältung des Blutes, die ruhevolle
+Schwebe der Kräfte. Er verschneidet die Sinnlichkeit in sich, er rottet
+unter stärksten Blutverlusten für seine Kunst alle gefährlichen Keime
+allmählich um der Sittlichkeit willen aus, allerdings mit dem Gemeinen
+auch viel von seiner Kraft vernichtend. Dostojewski aber, leidenschaftlich
+in seinem Dualismus wie in allem, was ihm vom Leben zugefallen, will
+nicht empor zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er bindet nicht seine
+Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie auseinander zu
+Gott und Teufel und hat dazwischen die Welt. Er will unendliches Leben.
+Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des
+Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das Schlechte, das
+Gefährliche und das Fördernde, muß empor, alles wird an seiner tropischen
+Leidenschaft Blüte und Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern,
+ungehemmt seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins Leben
+jagen. Er liebt seine Laster, seine Krankheit, das Spiel, seine Bosheit
+und selbst die Wollust, weil sie eine Metaphysik des Fleisches ist,
+ein Wille des Genusses ins Unendliche hinein. Goethe will zum
+Antikisch-Apollinischen, Dostojewski zum Bacchantischen. Er will nicht
+Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch sein. Seine
+Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf
+Intensität. Richtig leben heißt für ihn: stark leben und alles leben,
+beides zugleich, das Gute und das Schlechte, und beides in seinen
+stärksten, berauschendsten Formen. Deshalb hat Dostojewski nie eine Norm
+gesucht, sondern immer nur die Fülle. Neben ihm steht Tolstoi inmitten
+seines Werkes beunruhigt auf, hält inne, läßt die Kunst und quält sich
+ein Leben lang, was gut sei, was böse, ob er richtig lebe oder falsch.
+Tolstois Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet, das
+Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein Schicksal. Er handelt
+nicht zweckmäßig, nicht bewußt, er prüft sich nicht, er verstärkt sich
+nur. Tolstoi klagt sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke.
+Dostojewski schweigt, aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom, als alle
+Anklagen Tolstois. Dostojewski will sich nicht beurteilen, nicht
+verändern, nicht verbessern, nur immer eines: sich verstärken. Gegen das
+Böse, gegen das Gefährliche seiner Natur leistet er keinen Widerstand,
+im Gegenteil, er liebt seine Gefahr als Antrieb, er vergöttert seine
+Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die Demut. Kindlich wäre es
+darum, das Dämonische seines Wesens zu verschweigen (das dem Göttlichen
+so nahe verschwistert ist), ihn moralisch zu »entschuldigen« und für die
+kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten, was die elementare
+Schönheit des Maßlosen hat.
+
+Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten aus der »Jugend«,
+den Stawrogin der »Dämonen«, den Swidrigailow des »Raskolnikoff«, diese
+Fanatiker des Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese
+wissenden Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die niedrigsten
+Formen der Sinnlichkeit persönlich bewußt, denn eine geistige Liebe zur
+Ausschweifung ist vonnöten, um diesen Gestalten ihre grausame Realität
+zu geben. Seine unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem
+doppelten Sinn, kannte die der fleischlichen Trunkenheit, wo sie in den
+Schlamm taumelt und Unzucht wird, bis zu ihren feinsten geistigen
+Abstiegen, wo sie zur Bosheit, zum Verbrechen erstarrt, er kannte sie
+unter allen ihren Masken, und mit wissendstem Blick lächelt er in ihre
+Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo die Liebe
+fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft und
+stürzende Träne. All diese geheimnisvollen Essenzen waren in ihm und
+nicht nur in flüchtigen chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften
+Dichter, sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller
+Erregung und einer fühlbaren Vibration der Sinne ist jede Ausschweifung
+bei ihm geschildert und vieles wohl mit Lust erlebt. Damit meine ich
+aber nicht (Blutfremde mögen es so verstehen), daß Dostojewski ein
+Wüstling war, einer, der sich freute am Fleischlichen, ein Lebemann.
+Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein Leibeigener des
+Triebes, Sklave einer herrischen geistigen und körperlichen Neugier,
+die ihn mit Ruten ins Gefährliche hineinpeitschte, ins Dornendickicht
+der abseitigen Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen,
+sondern Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft, das immer
+wieder und wieder Empfindenwollen der geheimnisvollen gewitterigen
+Schwüle der Epilepsie, Konzentration des Gefühles in ein paar gespannte
+Sekunden gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz in die
+Reue. Er liebt in der Lust nur das Flimmern von Gefahr, das Spiel der
+Nerven, dies Naturhafte innerhalb des eigenen Körpers, er sucht in
+einer seltsamen Mischung von Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust
+das Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung die Unschuld,
+im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis Sinnlichkeit ist ein Labyrinth,
+in dem sich alle Wege verschlingen, Gott und das Tier sind nachbarlich
+in einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das Symbol der
+Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der Heilige gerade der Sohn
+Fedors, der grausamen »Spinne der Wollust« ist. Wollust zeugt die
+Reinheit, das Verbrechen die Größe, Lust das Leiden und das Leiden
+wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze: zwischen Himmel und
+Hölle, Gott und Teufel spannt sich seine Welt.
+
+Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges
+Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges
+Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben
+weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm
+Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das
+grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig
+mystische Leben geliebt. Denn sein Maß ist die Fülle, die Unendlichkeit.
+Nie wollte er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig sich
+selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie inneren
+und äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten der Sensation,
+Entzündungen des Nervs. Was Keim war in ihm, Keim des Guten und des
+Bösen, jede Leidenschaft, jedes Laster hat er aufgesteigert durch
+Begeisterung und Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem
+wissenden Blut. Restlos gibt sich der Spieler in ihm als Einsatz an das
+leidenschaftliche Spiel der Mächte, denn nur im Rollen von Schwarz und
+Rot, Tod oder Leben, spürt er taumlig-süß die ganze Wollust seiner
+Existenz. »Du hast mich hineingestellt, du wirst mich wieder
+hinausführen«, ist mit Goethe seine Antwort an die Natur. »Corriger la
+fortune«, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen, abzuschwächen, fällt
+ihm nicht bei. Nie sucht er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe,
+nur Steigerung des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein
+Gefühl zu neuen Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen, sondern
+die höchste Summe des Gefühls. Er will nicht wie Goethe zum Kristall
+erstarren, kalt mit hundert Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern
+Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich
+sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter
+Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern,
+sondern das Leben fühlen. Nicht der Herr sein, sondern der fanatische
+Leibeigene seines Schicksals. Und nur so, als der »Gottesknecht«, der
+Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden.
+
+Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an das Schicksal
+zurückgegeben: dadurch wird sein Leben gewaltig über die zufällige
+Zeit. Er ist der dämonische Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in
+seiner Gestalt ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht unserer
+Epoche noch einmal der schon vergangen geglaubte Dichter mystischer
+Zeiten, der Seher, der große Rasende, der Schicksalsmensch. Etwas
+Urzeitliches und Heroisches liegt in dieser titanischen Gestalt.
+Steigen die anderen literarischen Werke wie beblümte Berge aus den
+Niederungen der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar noch, aber
+schon gesänftigt in Dauer und zugänglich selbst in ihren Höhen, wo sie
+mit weißer Schneekrone ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe
+seiner Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares
+Gestein. Aber aus dem Krater seiner zerrissenen Brust reicht Glut bis
+zum untersten feurig-flüssigen Kern unserer Welt: hier sind noch
+Zusammenhänge mit aller Anfänge Anfang, mit dem Elementaren der
+Urkraft, und schaudernd spüren wir in seinem Schicksal und Werk die
+geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit.
+
+
+ DIE MENSCHEN DOSTOJEWSKIS
+
+ »O glaubet nicht an die Einheit des
+ Menschen.« Dostojewski
+
+Vulkanisch er selbst, vulkanisch darum seine Helden, denn jeder Mensch
+bezeugt im letzten nur den Gott, der ihn erschuf. Sie sind nicht
+friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem
+Empfinden bis zu den Urproblemen hinab. Der moderne Nervenmensch in
+ihnen ist gepaart dem Wesen des Anfangs, das nichts vom Leben weiß als
+seine Leidenschaft, und mit den letzten Erkenntnissen stammeln sie
+gleichzeitig die ersten Fragen der Welt. Ihre Formen sind noch nicht
+ausgekühlt, ihr Gestein nicht geschichtet, ihre Physiognomien nicht
+geglättet. Ewig unvollendet sind sie und darum doppelt lebendig. Denn
+der vollendete Mensch ist ja gleichzeitig schon der abgeschlossene,
+und bei Dostojewski drängt alles ins Unendliche hinaus. Ihm erscheinen
+Menschen nur insolange als Helden und künstlerisch gestaltungswert, als
+sie mit sich entzweit sind, problematische Naturen: die Vollendeten,
+die Ausgereiften schüttelt er von sich ab wie der Baum seine Frucht.
+Dostojewski liebt seine Menschen nur, solange sie leiden, solange sie
+die gesteigerte, zwiespältige Form seines eigenen Lebens haben, solange
+sie Chaos sind, das sich in Schicksal verwandeln will.
+
+Stellen wir seine Helden vor ein anderes Bild, um sie in ihrer
+wundervollen Sonderheit besser zu verstehen. Vergleichen wir. Rufen wir
+einen Helden Balzacs als den Typus französischen Romans in uns auf, so
+entsteht unbewußt eine Vorstellung von Geradlinigkeit, Umgrenztheit und
+innerer Geschlossenheit. Ein Begriff, deutlich wie eine geometrische
+Figur und gesetzvoll wie sie. Alle Menschen Balzacs sind aus einer
+einzigen, durch die seelische Chemie genau bestimmbaren Substanz
+gefertigt. Sie sind Elemente und haben alle wesenhaften Eigenschaften
+eines solchen, also auch typische Formen der Reaktion im Moralischen
+und Psychischen. Sie sind kaum Menschen mehr, sondern beinahe schon
+menschgewordene Eigenschaft, Präzisionsmaschinen einer Leidenschaft.
+Für jeden Namen kann man bei Balzac als Korrelat eine Eigenschaft
+setzen: Rastignac ist gleich Ehrgeiz, Goriot ist gleich Aufopferung,
+Vautrin ist gleich Anarchie. In jedem dieser Menschen hat eine
+dominierende Triebkraft alle anderen inneren Kräfte an sich gerissen
+und in die Richtung des zentralen Lebenswillens gedrängt. Sie sind
+charakterologisch klassifizierbar, diese Helden, denn eine einzige
+Feder des Antriebs ist ihrer Seele eingebaut, die sie mit einem
+bestimmten Maß von Energie durch die menschliche Gesellschaft treibt:
+wie ein Geschoß schleudert sie jeden dieser Jünglinge mitten ins Leben
+hinein. Im höchsten Sinn wäre man versucht, sie Automaten zu nennen um
+der Präzision willen, mit der sie auf jeden einzelnen Lebensreiz
+reagieren, und wirklich wie eine Maschine sind sie in ihrer Kraftleistung
+und ihrem Widerstand für den technischen Kenner berechenbar. Ist man in
+Balzac einigermaßen eingelesen, so kann man die Antwort des Charakters
+auf die Tatsache so berechnen, wie die Parabel eines Steinwurfes aus der
+Stärke ihres Schwunges und der Schwere des Steins. Grandet, der Harpagon,
+wird in dem Maße geiziger werden, als seine Tochter opferwillig und
+heroisch. Und man weiß von Goriot schon zu den Zeiten, da er noch in
+leidlichem Wohlstand lebt und seine Perücke sorgfältig gepudert ist,
+daß er einmal seine Weste für die Töchter verkaufen wird und das
+Silbergeschirr zerbrechen, seinen letzten Besitz. Er muß notwendigerweise
+so handeln aus der Einheit seiner Charakteranlage, aus dem Trieb, den
+sein irdisches Fleisch nur unvollkommen mit einer menschlichen Form
+umkleidet. Die Charaktere Balzacs (und ebenso Victor Hugos, Scotts,
+Dickens') sind alle primitiv, einfarbig, zielstrebig. Sie sind
+Einheiten und darum meßbar auf der Wagschale der Moral. Vielfarbig und
+tausendgestaltig ist in jenem geistigen Kosmos nur der Zufall, dem sie
+begegnen. Bei jenen Epikern ist das Erlebnis vielfältig, der Mensch die
+Einheit, und der Roman selbst der Kampf um die Macht gegen die irdischen
+Mächte. Die Helden Balzacs und des ganzen französischen Romans sind
+entweder stärker oder schwächer als der Widerstand der Gesellschaft.
+Sie bezwingen das Leben, oder sie kommen unter das Rad.
+
+Der Held des deutschen Romans, als dessen Typus Wilhelm Meister oder
+der Grüne Heinrich gedacht sei, ist nicht dermaßen seiner Grundrichtung
+gewiß. Er hat viele Stimmen in sich, er ist psychologisch differenziert,
+ist seelisch polyphon. Das Gute und das Böse, das Starke und das
+Schwache fließen wirr in seiner Seele durcheinander: sein Anbeginn ist
+Verwirrung, und die Nebel der Frühe umwölken ihm den reinen Blick. Er
+spürt Kräfte in sich, aber noch ungesammelt, noch in Widerstreit, er
+ist ohne Harmonie, aber doch beseelt vom Willen zur Einheit. Das
+deutsche Genie zielt nun im letzten Sinne immer auf Ordnung. Und
+alle Entwicklungsromane entwickeln nichts anderes in diesen deutschen
+Helden als die Persönlichkeit. Die Kräfte werden gesammelt, der
+Mensch zum deutschen Ideal, zur Tüchtigkeit erhoben, »im Strom der
+Welt bildet sich« nach Goethes Wort »der Charakter«. Die vom Leben
+durcheinandergeschüttelten Elemente klären sich in der errungenen Ruhe
+zum Kristall, aus den Lehrjahren tritt der Meister, und vom letzten
+Blatt all dieser Bücher, aus dem Grünen Heinrich, dem Hyperion, dem
+Wilhelm Meister, dem Ofterdingen blickt ein klares Auge tatkräftig
+in eine klare Welt. Das Leben versöhnt sich dem Ideal; nicht mehr
+verschwenderisch wirr, sondern zu höchstem Ziel gespart wirken die nun
+geordneten Kräfte. Die Helden Goethes und aller Deutschen verwirklichen
+sich zu ihrer höchsten Form, sie werden werktätig und tüchtig: sie
+erlernen an Erfahrungen das Leben.
+
+Die Helden Dostojewskis suchen aber und finden überhaupt kein
+Verhältnis zum wirklichen Leben: das ist ihre Sonderheit. Sie wollen
+gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie
+hinaus, ins Unendliche. Ihr Schicksal existiert für sie nicht in einem
+äußern, sondern nur in einem innern Sinn. Ihr Reich ist nicht von
+dieser Welt. All die Scheinformen von Werten, Titel, Macht und Geld,
+aller sichtbarer Besitz hat für sie Wert weder als Zweck, wie bei
+Balzac, noch als Mittel, wie bei den Deutschen. Sie wollen sich in
+dieser Welt gar nicht durchsetzen, nicht behaupten und nicht ordnen.
+Sie sparen nicht mit sich, sondern sie verschwenden sich, sie rechnen
+nicht und bleiben ewig unberechenbar. Das Untüchtige ihres Wesens läßt
+sie zuerst als müßige und phantastische Träumer erscheinen, aber ihr
+Blick scheint nur leer, weil er nicht nach außen starrt, er zielt mit
+Glut und Feuer immer nur zurück in sich selbst, in die eigene Existenz.
+Der russische Mensch geht auf das Ganze. Sich selbst wollen sie fühlen
+und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere
+Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht,
+das Existenzgefühl. Wo immer man tiefer sich eingräbt ins Werk
+Dostojewskis, überall rauscht als unterste Quelle dieser ganz primitive,
+fast vegetative fanatische Lebensdrang, das Existenzgefühl, dies ganz
+urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen
+des Lebens sind, Wertungen, Unterscheidungen, sondern die ganz
+einheitliche Lust, wie man sie beim Atmen fühlt. Vom Urquell wollen sie
+trinken, nicht aus den Brunnen der Städte und Straßen, die Ewigkeit,
+die Unendlichkeit in sich fühlen und die Zeitlichkeit abtun. Sie kennen
+nur eine ewige, keine soziale Welt. Sie wollen das Leben weder erlernen,
+noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als
+Ekstase der Existenz.
+
+Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft zur Wirklichkeit,
+muten Dostojewskis Gestalten vorerst etwas einfältig an. Sie haben
+keine Richtung geradeaus, kein sichtbares Ziel: wie Blinde taumeln und
+tappen diese doch erwachsenen Menschen in der Welt herum oder wie
+Trunkene. Sie bleiben stehen, sehen sich um, fragen alle Fragen und
+rennen ohne Antwort weiter ins Unbekannte: ganz frisch scheinen sie in
+unsere Welt eingetreten und ihr noch nicht eingewöhnt. Und man versteht
+diese Menschen Dostojewskis kaum, bedenkt man nicht, daß sie Russen
+sind, Kinder eines Volkes, das aus einer jahrtausendalten barbarischen
+Unbewußtheit mitten in unsere europäische Kultur hineingestürzt ist.
+Von der alten Kultur, vom Patriarchalischen losgerissen, der neuen noch
+nicht vertraut, stehen sie in der Mitte, alle an einem Wegkreuz, und
+die Unsicherheit jedes einzelnen ist die eines ganzen Volkes. Wir
+Europäer wohnen in unserer alten Tradition wie in einem warmen Haus.
+Der Russe des neunzehnten Jahrhunderts, der Dostojewski-Zeit, hat
+hinter sich die Holzhütte der barbarischen Vorzeit verbrannt, aber sein
+neues Haus noch nicht gebaut. Entwurzelte, Richtungslose sind sie alle.
+Sie haben die Kraft ihrer Jugend, die Kraft der Barbaren noch in den
+Fäusten, aber der Instinkt ist verwirrt von der Tausendfalt der
+Probleme: die Hände voll Stärke, wissen sie nicht, was zuerst anfassen.
+Und so greifen sie nach allem und haben nie genug. Man fühle hier die
+Tragik jedes einzelnen Dostojewski-Menschen, jedes einzelnen Zwiespalt
+und Hemmung aus dem Schicksal des ganzen Volkes. Dieses Rußland um
+die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weiß nicht wohin: nach Westen
+oder nach Osten, nach Europa oder nach Asien, nach Petersburg, der
+»künstlichen Stadt«, in die Kultur oder zurück auf das Bauerngut, in
+die Steppe. Turgenjew stößt sie nach vorne, Tolstoi stößt sie zurück.
+Alles ist Unruhe. Der Zarismus steht unvermittelt gegenüber einer
+kommunistischen Anarchie, die Rechtgläubigkeit, die altererbte, springt
+quer über in einen fanatischen und rasenden Atheismus. Nichts steht
+fest, nichts hat seinen Wert, sein Maß in dieser Zeit: die Sterne des
+Glaubens brennen nicht mehr über ihren Häuptern und das Gesetz längst
+nicht mehr in ihrer Brust. Entwurzelte einer großen Tradition, sind die
+Dostojewski-Menschen echte Russen, Übergangsmenschen, das Chaos des
+Anfangs im Herzen, beladen mit Hemmungen und Ungewißheiten. Immer sind
+sie verschreckt und verschüchtert, immer fühlen sie sich erniedrigt und
+beleidigt, und dies alles aus dem einzigen Urgefühl der Nation: daß sie
+nicht wissen, wer sie sind. Daß sie nicht wissen, ob sie viel sind oder
+wenig. Ewig stehen sie auf der Kippe von Stolz oder Zerknirschung, von
+Selbstüberschätzung und Selbstverachtung, ewig blicken sie sich um
+nach den anderen, und alle sind sie verzehrt von der rasenden Angst,
+lächerlich zu sein. Unablässig schämen sie sich, bald eines abgetragenen
+Pelzkragens, bald ihrer ganzen Nation, aber immer schämen, schämen sie
+sich, sind sie beunruhigt, verwirrt. Ihr Gefühl, ihr übermächtiges, hat
+keinen Halt, keinen Führer, kein einziger hat ein Maß, ein Gesetz, den
+Halt einer Tradition, die Krücke einer ererbten Weltanschauung. Alle
+sind sie Maßlose und Ratlose in einer unbekannten Welt. Keine Frage ist
+für sie beantwortet, kein Weg geebnet. Menschen des Übergangs, Menschen
+des Anfangs sind sie alle. Jeder ein Cortes: hinter sich verbrannte
+Brücken, vor sich das Unbekannte.
+
+Aber dies ist das Wunderbare: daß, weil sie Menschen eines Anfangs
+sind, in jedem einzelnen noch einmal die Welt beginnt. Daß alle Fragen,
+die bei uns schon zu kalten Begriffen erstarrt sind, ihnen noch im
+Blute glühen. Daß unsere bequemen ausgetretenen Wege mit ihren
+moralischen Geländern und ethischen Wegweisern ihnen nicht bekannt
+sind: immer und überall gehen sie durchs Dickicht ins Grenzenlose, ins
+Unendliche hinein. Nirgends Kirchtürme der Gewißheit, Brücken der
+Zuversicht: alles heilige Urwelt. Jeder einzelne fühlt so wie das
+Rußland Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu aufbauen
+müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des russischen Menschen
+für Europa, das in seiner Kultur verkrustete, daß hier eine unverbrauchte
+Neugier noch einmal alle Fragen des Lebens an die Unendlichkeit stellt.
+Daß, wo wir träge wurden in unserer Bildung, andere noch glühend sind.
+Jeder einzelne revidiert bei Dostojewski noch einmal alle Probleme,
+rückt sich selbst mit blutenden Händen die Grenzsteine von Gut und
+Böse, jeder einzelne schafft sich sein Chaos wieder um zur Welt. Jeder
+einzelne ist bei ihm Diener, Verkünder des neuen Christus, Märtyrer und
+Verkünder eines dritten Reiches. Noch ist das Chaos des Anfangs in
+ihnen, aber auch Dämmern des ersten Tages, der das Licht auf Erden
+schuf, und schon Ahnung des sechsten, der den neuen Menschen schafft.
+Seine Helden sind Wegebauer einer neuen Welt: der Roman Dostojewskis ist
+der Mythos des neuen Menschen und seiner Geburt aus dem Schoße der
+russischen Seele.
+
+Ein Mythos und besonders ein nationaler aber will Gläubigkeit. Man
+versuche darum nicht, diese Menschen durch das kristallene Medium der
+Vernunft zu erfassen. Nur Gefühl, das allein brüderliche, kann sie
+verstehen. Dem common sense, dem Engländer, dem Amerikaner, dem
+praktischen Menschen müssen die vier Karamasoffs als vier verschiedene
+Narren erscheinen, als Tollhaus die ganze tragische Welt Dostojewskis.
+Denn was sonst Alpha und Omega der gesunden simplen, irdischen Natur
+war und ewig sein wird, scheint ihnen das Gleichgültigste auf Erden,
+nämlich: Glücklichsein. Schlagt sie auf, die fünfzigtausend Bücher, die
+Europa alljährlich produziert, wovon handeln sie? Vom Glücklichsein.
+Ein Weib will einen Mann, oder einer will reich werden, mächtig
+und geehrt. Bei Dickens steht am Ende aller Wünsche das liebliche
+Cottagehaus im Grünen mit der munteren Kinderschar, bei Balzac das
+Schloß mit dem Pairstitel und den Millionen. Und blicken wir um uns,
+auf die Straße, in die Butiken, in die niederen Stuben, in die hellen
+Säle, was wollen die Menschen dort? Glücklich sein, zufrieden sein,
+reich sein, mächtig sein. Wer will es von Dostojewskis Menschen?
+Keiner. Nicht ein einziger. Sie wollen nirgends haltmachen: nicht
+einmal beim Glück. Sie wollen alle weiter, sie haben alle jenes
+»höhere Herz«, das sich quält. Glücklichsein ist ihnen gleichgültig,
+Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als
+erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere
+ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense. Sie wollen nichts
+von dieser Welt.
+
+Genügsame also, Phlegmatiker des Lebens, Indifferente oder Asketen? Im
+Gegenteil. Die Menschen Dostojewskis sind, ich sagte es ja, Menschen
+eines neuen Anfangs. Sie haben, bei all ihrer Genialität und ihrem
+diamantenen Verstand, Kinderherzen, Kindergelüste: sie wollen nicht
+dies oder jenes, sondern sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das
+Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne. Sie
+sind Übertreiber, sie sind Maßlose. Ich sagte früher: sie wollen nichts
+von dieser Welt. Schlecht gesagt. Sie wollen nichts einzelnes davon,
+sondern alles, ihr ganzes Gefühl, ihre ganze Tiefe: das Leben.
+Vergessen wir nicht, sie sind keine Schwächlinge, keine Lovelace, keine
+Hamlets, keine Werthers, keine Rénés -- sie haben harte Muskeln und
+einen brutalen Lebenshunger, diese Menschen Dostojewskis, sie sind
+Karamasoffs, »Raubtiere des Gelüsts«, begabt mit jener »unanständigen
+fanatischen« Lebensgier, die sich an den letzten Tropfen des Kelches
+ansaugt, ehe sie ihn zerklirrt. Von allen Dingen suchen sie den
+Superlativ, überall die Rotglut des Empfindens, wo die gemeinen
+Legierungen des Gelegentlichen zerschmelzen und nichts bleibt als das
+feuerflüssige brennende Weltgefühl; wie die Amokläufer rennen sie ins
+Leben hinein, von der Begierde in die Reue, von der Reue wieder in die
+Tat, vom Verbrechen ins Geständnis, vom Geständnis in die Ekstase, aber
+alle Gassen ihres Schicksals lang überallhin bis zum Letzten, bis
+sie niederstürzen, Schaum vor den Lippen, oder bis ein anderer sie
+niederschlägt. O dieser Lebensdurst jedes einzelnen -- eine ganze junge
+Nation, eine neue Menschheit lechzt von ihren Lippen nach Welt, nach
+Wissen, nach Wahrheit! Sucht mir doch, zeigt mir einen Menschen im Werk
+Dostojewskis, der ruhig atmet, der rastet, der sein Ziel erreicht hat!
+Keiner, kein einziger! Alle sind sie in diesem rasenden Wettlauf zur
+Höhe und zur Tiefe -- denn nach Aljoschas Formel muß, wer die erste
+Stufe betreten hat, bis zur letzten hinstreben -- nach allen Seiten, in
+Frost und Brand, greifen sie, gieren sie, diese Unersättlichen, diese
+Maßlosen, die ihr Maß nur suchen und finden in der Unendlichkeit. Wie
+Pfeile schnellen sie sich in ewiger Spannung von der Sehne ihrer Kraft
+in den Himmel hinein, immer in der Richtung des Unerreichbaren, immer
+zu Sternen zielend, jeder eine Flamme, ein Feuer der Unruhe. Und Unruhe
+ist Qual. Darum sind die Helden Dostojewskis alle die großen Leidenden.
+Alle haben sie verzerrte Gesichter, alle leben sie im Fieber, im
+Krampf, im Spasma. Ein Hospital von Nervenkranken, hat erschreckt ein
+großer Franzose Dostojewskis Welt genannt, und wirklich, für den
+ersten, den äußeren Anblick, welch eine trübe, welch eine phantastische
+Sphäre! Schankstuben voll Branntweindunst, Gefängniszellen, Winkel in
+Vorstadtwohnungen, Bordellgassen und Kneipen, und dort in Rembrandtschem
+Dunkel ein Gewühl von ekstatischen Gestalten, der Mörder, das Blut
+seines Opfers über den erhobenen Händen, der Trunkenbold im Gelächter
+der Zuhörer, das Mädchen mit dem gelben Schein im Zwielicht der Gasse,
+das epileptische Kind, bettelnd an den Straßenecken, der siebenfache
+Mörder in der Katorga Sibiriens, der Spieler zwischen den Fäusten
+der Spießgesellen, Rogoschin, wie ein Tier sich wälzend vor dem
+verschlossenen Gemach seiner Frau, der ehrliche Dieb, sterbend im
+schmutzigen Bette -- welche Unterwelt des Gefühls, welcher Hades der
+Leidenschaften! O, welche tragische Menschheit, welch russischer,
+grauer, ewig dämmernder, niederer Himmel über diesen Gestalten, welche
+Dunkelheiten des Herzens und der Landschaft! Gelände des Unglücks,
+Wüsten der Verzweiflung, Fegefeuer ohne Gnade und Gerechtigkeit.
+
+O wie dunkel, wie verworren, wie fremd, wie feindlich ist sie zuerst,
+diese Menschheit, diese russische Welt! Von Leiden scheint sie
+überflutet, und diese Erde, wie Iwan Karamasoff so grimmig sagt,
+»getränkt von Tränen bis zu ihrem innersten Kern«. Aber so wie
+Dostojewskis Antlitz dem ersten Blicke düster, lehmig, gedrückt,
+bäurisch und gebeugt anmutet, dann aber der Glanz seiner Stirne,
+aufstrahlend über die Versunkenheit, das Irdische seiner Züge, seine
+Tiefe durch Glauben erleuchtet, so durchstrahlt auch im Werke das
+geistige Licht die dumpfe Materie. Aus Leiden scheint Dostojewskis Welt
+einzig gestaltet. Und doch ist nur scheinbar die Summe alles Leidens
+in seinen Menschen größer als in jedem anderen Werke. Denn, Kinder
+Dostojewskis, sind diese Menschen alle Verwandler ihres Gefühles, sie
+treiben es und übertreiben es von Kontrast zu Kontrast. Und das Leiden,
+ihr eigenes Leiden ist oft ihre tiefste Seligkeit. In ihnen wirkt
+etwas, das der Wollust, der Lust am Glück, tiefsinnig die Wehlust,
+die Lust an der Qual gegenüberstellt: ihr Leiden ist zugleich ihr
+Glücklichsein, sie halten es fest mit den Zähnen, wärmen es an ihrer
+Brust, sie schmeicheln es mit den Händen, sie lieben es mit ihrer
+ganzen Seele. Und sie wären nur dann die Unglücklichsten, liebten sie
+es nicht. Dieser Tausch, der rasende frenetische Tausch des Gefühls
+im Innern, diese ewige Umwertung des Dostojewskischen Menschen kann
+vielleicht nur ein Beispiel ganz klarmachen, und ich wähle eines, das
+in tausend Formen wiederkehrt: das Leid, das einem Menschen infolge
+einer Erniedrigung, einer tatsächlichen oder eingebildeten, widerfährt.
+Irgendeiner, ein schlichtes sensitives Geschöpf, gleichgültig ob ein
+kleiner Beamter oder eine Generalstochter, wird beleidigt. In seinem
+Stolz gekränkt durch ein Wort, eine Nichtigkeit vielleicht. Diese erste
+Kränkung ist der Primäraffekt, der den ganzen Organismus in Aufruhr
+bringt. Der Mensch leidet. Er ist gekränkt, liegt auf der Lauer,
+spannt sich an und wartet -- auf eine neue Kränkung. Und die zweite
+Kränkung kommt: also eigentlich Häufung des Leidens. Aber seltsam,
+sie tut nicht mehr weh. Zwar der Gekränkte klagt, er schreit, aber
+seine Klage ist schon nicht mehr wahr: denn er liebt diese Kränkung.
+In diesem »fortwährend-sich-seiner-Schmach-bewußt-sein ist ein
+unnatürlicher heimlicher Genuß«. Für den beleidigten Stolz hat er einen
+neuen: den des Märtyrers. Und jetzt entsteht in ihm der Durst nach
+neuer Kränkung, nach mehr und mehr. Er beginnt zu provozieren, er
+übertreibt, er fordert heraus: das Leiden ist jetzt seine Sehnsucht,
+seine Gier, seine Lust: man hat ihn erniedrigt, so will er (der Mensch
+ohne Maß) ganz niedrig sein. Und er gibt es nicht her mehr, sein
+Leiden, mit verbissenen Zähnen hält er es fest: jetzt wird der
+Hilfreiche sein Feind, der Liebende. So schlägt die kleine Nelly dem
+Arzt dreimal das Pulver ins Gesicht, so stößt Raskolnikoff Sonja
+zurück, so beißt Iljutschka den frommen Aljoscha in die Finger -- aus
+Liebe, aus fanatischer Liebe zu ihrem Leiden. Und alle, alle lieben sie
+das Leiden, weil sie darin das Leben, das geliebte, so stark spüren,
+weil sie wissen, »man kann auf dieser Erde nur durch Leiden wahrhaft
+lieben«, und das wollen sie, das vor allem! Es ist ihr stärkster
+Existenzbeweis: statt des cogito, ergo sum, »ich denke, also bin ich«,
+setzen sie das: »ich leide, also bin ich«. Und dieses »Ich bin« ist bei
+Dostojewski und allen seinen Menschen der höchste Triumph des Lebens.
+Der Superlativ des Weltgefühls. Im Kerker jauchzt Dimitry die große
+Hymne an dieses »Ich bin«, an die Wollust des Seins, und eben um dieser
+Liebe zum Leben willen ist ihnen allen das Leiden notwendig. Nur
+scheinbar, sagte ich, ist darum die Summe des Leidens größer bei
+Dostojewski als bei allen anderen Dichtern. Denn wenn es eine Welt
+gibt, wo nichts unerbittlich ist, aus jedem Abgrund noch ein Weg führt,
+aus jedem Unglück noch Ekstase, aus jeder Verzweiflung noch Hoffnung,
+so ist es die seine. Was ist dies Werk anderes als eine Reihe von
+modernen Apostelgeschichten, Legenden der Erlösung vom Leiden durch
+den Geist? Der Bekehrungen zum Lebensglauben, der Kalvariengänge zur
+Erkenntnis? Der Wege nach Damaskus mitten durch unsere Welt?
+
+In Dostojewskis Werk ringt der Mensch um seine letzte Wahrheit, um sein
+allmenschliches Ich. Ob ein Mord geschieht oder eine Frau in Liebe
+brennt, alles das ist Nebensache, Außensache, Kulisse. Sein Roman
+spielt im innersten Menschen, im Seelenraum, in der geistigen Welt: die
+Zufälle, die Ereignisse, die Schickungen des äußeren Lebens sind nur
+Stichworte, Maschinerie, der szenische Rahmen. Die Tragödie ist immer
+innen. Und sie heißt immer: die Überwindung der Hemmungen, der Kampf um
+die Wahrheit. Jeder seiner Helden fragt sich, wie Rußland selbst: Wer
+bin ich? Was bin ich wert? Er sucht sich oder vielmehr den Superlativ
+seines Wesens im Haltlosen, im Raumlosen, im Zeitlosen. Er will sich
+erkennen als der Mensch, der er vor Gott ist, und er will sich
+bekennen. Denn jedem Dostojewski-Menschen ist die Wahrheit mehr als
+Bedürfnis, sie ist ihm ein Exzeß, eine Wollust und das Geständnis seine
+heiligste Lust, sein Spasma. Im Geständnis bricht bei Dostojewski der
+innere Mensch, der Allmensch; der Gottesmensch durch den irdischen, die
+Wahrheit -- und dies ist Gott -- durch seine fleischliche Existenz. O
+die Wollust, mit der sie darum mit dem Geständnis spielen, wie sie es
+verbergen und -- Raskolnikoff vor Porphyri Petrowitsch -- immer
+heimlich zeigen und wieder verstecken, und dann wieder, wie sie sich
+überschreien, mehr Wahrheit bekennen als wahr ist, wie sie in rasendem
+Exhibitionismus ihre Blößen aufdecken, wie sie Laster und Tugend
+vermengen -- hier, nur hier, im Ringen um das wahre Ich sind die
+eigentlichen Spannungen Dostojewskis. Hier, ganz innen ist der große
+Kampf seiner Menschen, die mächtigen Epopöen des Herzens: hier, wo das
+Russische, das Fremdartige in ihnen sich aufzehrt, hier wird auch ihre
+Tragödie erst ganz zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das
+typische Schicksal seiner Menschen deutsam und erschütternd, und
+restlos erleben wir im Mysterium der Selbstgeburt den Mythos Dostojewskis
+vom neuen Menschen, vom Allmenschen in jedem Irdischen.
+
+Das Mysterium der Selbstgeburt: so nenne ich in der Kosmogonie, in der
+Weltschöpfung Dostojewskis die Erschaffung des neuen Menschen. Und ich
+möchte versuchen, die Geschichte aller Naturen Dostojewskis in einer
+zu erzählen, als seinen Mythos; denn alle diese verschiedenartigen,
+hundertfach variierten Menschen haben im letzten nur ein einheitliches
+Schicksal. Alle leben sie Varianten eines einzigen Erlebnisses: der
+Menschwerdung. Vergessen wir nicht: die Kunst Dostojewskis zielt immer
+auf den Mittelpunkt und in der Psychologie darum auf den Menschen im
+Menschen, den absoluten, den abstrakten Menschen, der weit hinter allen
+kulturellen Schichtungen liegt. Für die meisten Künstler sind die
+Schichtungen noch wesentlich, die Vorgänge der Durchschnittsromane
+spielen in sozialer, gesellschaftlicher, erotischer und konventioneller
+Sphäre und bleiben in diesen Schichten stecken. Dostojewski stößt, weil
+er zentral gerichtet ist, immer durch zum Allmenschen im Menschen, zu
+jenem Ich, das allgemeinsam ist. Immer bildet er diesen letzten
+Menschen und immer in verwandter Form seine Sendung. Gleich ist all
+seiner Helden Anbeginn. Als echte Russen beunruhigt sie ihre eigene
+Lebenskraft. In den Jahren der Pubertät, des sinnlichen und geistigen
+Erwachens, verdüstert sich ihnen der heitere und freie Sinn. Dumpf
+fühlen sie in sich eine Kraft gären, ein geheimnisvolles Drängen;
+irgend etwas Eingesperrtes, Wachsendes und Quellendes will aus ihrem
+noch unmündigen Kleid. Eine geheimnisvolle Schwangerschaft (es ist der
+neue Mensch, der in ihnen keimt, aber sie wissen es nicht) macht sie
+träumerisch. Sie sitzen »einsam bis zur Verwilderung« in dumpfen
+Stuben, in einsamen Winkeln und denken, denken Tag und Nacht über sich
+nach. Jahrelang brüten sie oft dahin in dieser seltsamen Ataraxie, sie
+verharren in einem fast buddhistischen Zustand der Seelenstarre, sie
+beugen sich tief über den eigenen Leib, um wie die Frauen in den frühen
+Monaten das Klopfen dieses zweiten Herzens in sich zu erlauschen.
+Alle geheimnisvollen Zustände der Befruchteten überkommen sie: die
+hysterische Angst vor dem Tode, das Grauen vor dem Leben, krankhafte,
+grausame Begierden, sinnliche perverse Gelüste.
+
+Endlich wissen sie, daß sie befruchtet sind von irgendeiner neuen Idee:
+und nun suchen sie das Geheimnis zu entdecken. Sie schärfen ihre
+Gedanken, bis sie spitz und schneidend werden wie chirurgische
+Instrumente, sie sezieren ihren Zustand, sie zerreden ihre Bedrückung
+in fanatischen Gesprächen, sie zerdenken ihr Gehirn, bis es sich in
+Wahnsinn zu entflammen droht, sie schmieden alle ihre Gedanken in eine
+einzige fixe Idee, die sie bis ans letzte Ende denken, in eine
+gefährliche Spitze, die sich in ihrer Hand gegen sie selbst wendet.
+Kirillow, Schatow, Raskolnikoff, Iwan Karamasoff, alle diese Einsamen
+haben »ihre« Idee, die des Nihilismus, die des Altruismus, die des
+napoleonischen Weltwahns, und alle haben sie ausgebrütet in dieser
+krankhaften Einsamkeit. Sie wollen eine Waffe gegen den neuen Menschen,
+der aus ihnen werden soll, denn ihr Stolz will sich gegen ihn wehren,
+ihn unterdrücken. Andere wieder suchen dieses geheimnisvolle Keimen,
+diesen drängenden gärenden Lebensschmerz mit aufgepeitschten Sinnen zu
+überrasen. Um im Bilde zu bleiben: sie suchen die Frucht abzutreiben,
+wie Frauen von Treppen springen oder durch Tanz und Gifte sich vom
+Unerwünschten zu befreien trachten. Sie toben, um dies leise Quellen in
+sich zu übertönen, sie zerstören manchmal sich selbst, nur um diesen
+Keim zu zerstören. Sie verlieren sich mit Absicht in diesen Jahren. Sie
+trinken, sie spielen, sie werden ausschweifend und all dies (sie wären
+sonst nicht Menschen Dostojewskis) fanatisch bis zur letzten Raserei.
+Schmerz treibt sie in ihre Laster, nicht eine lässige Begierde. Es ist
+nicht ein Trinken um Zufriedenheit und Schlaf, nicht das deutsche
+Trinken um die Bettschwere, sondern um den Rausch, um das Vergessen
+ihres Wahnes, ein Spielen nicht um Geld, sondern um die Zeit zu
+ermorden, ein Ausschweifen nicht um der Lust willen, sondern um in der
+Übertreibung ihr wahres Maß zu verlieren. Sie wollen wissen, wer sie
+sind; darum suchen sie die Grenze. Den äußersten Rand ihres Ich wollen
+sie in Überhitzung und Abkaltung kennen und vor allem die eigene Tiefe.
+Sie glühen in diesen Lüsten bis zum Gott empor, sie sinken bis zum Tier
+hinab, aber immer, um den Menschen in sich zu fixieren. Oder sie
+versuchen, da sie sich nicht kennen, sich wenigstens zu beweisen. Kolja
+wirft sich unter einen Eisenbahnzug, um sich zu »beweisen«, daß er
+mutig ist, Raskolnikoff ermordet die alte Frau, um seine Napoleonstheorie
+zu beweisen, sie tun alle mehr, als sie eigentlich wollen, nur um an die
+äußerste Grenze des Gefühls zu gelangen. Um ihre eigene Tiefe zu kennen,
+das Maß ihrer Menschheit, werfen sie sich in jeden Abgrund hinab: von
+der Sinnlichkeit stürzen sie in die Ausschweifung, von der Ausschweifung
+in die Grausamkeit und hinab bis zu ihrem untersten Ende, der kalten,
+der seelenlosen, der berechneten Bosheit, aber all dies aus einer
+verwandelten Liebe, einer Gier nach Erkenntnis des eigenen Wesens, einer
+verwandelten Art von religiösem Wahn. Aus weiser Wachheit stürzen sie
+sich in die Kreisel des Irrsinns, ihre geistige Neugier wird zur
+Perversion der Sinne, ihre Verbrechen glühen bis zur Kinderschändung und
+zum Mord, aber typisch ist für sie alle die gesteigerte Unlust in der
+gesteigerten Lust: bis in den untersten Abgrund ihrer Raserei zuckt die
+Flamme des Bewußtseins der fanatischen Reue nach.
+
+Aber je weiter hinein sie in der Übertreibung der Sinnlichkeit und des
+Denkens rasen, um so näher sind sie schon sich selbst, und je mehr sie
+sich vernichten wollen, um so eher sind sie zurückgewonnen. Ihre
+traurigen Bacchanale sind nur Zuckungen, ihre Verbrechen die Krämpfe
+der Selbstgeburt. Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale um den
+innern Menschen und ist Selbstrettung im höchsten Sinn. Je mehr sie
+sich anspannen, je mehr sie sich krümmen und winden, um so mehr
+befördern sie unbewußt die Geburt. Denn nur im brennendsten Schmerz
+kann das neue Wesen zur Welt kommen. Ein Ungeheures, ein Fremdes muß
+dazu treten, muß sie befreien, irgendeine Macht Wehmutter werden in
+ihrer schwersten Stunde, die Güte muß ihnen helfen, die allmenschliche
+Liebe. Eine äußerste Tat, ein Verbrechen, das all ihre Sinne zur
+Verzweiflung spannt, ist nötig, um die Reinheit zu gebären, und hier
+wie im Leben ist jede Geburt umschattet von tödlichster Gefahr. Die
+beiden äußersten Kräfte des menschlichen Vermögens, Tod und Leben, sind
+in dieser Sekunde innig verschränkt.
+
+Dies also ist der menschliche Mythos Dostojewskis, daß das gemischte,
+dumpfe, vielfältige Ich jedes einzelnen befruchtet ist mit dem Keim des
+wahren Menschen (jenes Urmenschen der mittelalterlichen Weltanschauung,
+der frei ist von der Erbsünde), des elementaren, rein göttlichen
+Wesens. Diesen urewigen Menschen aus dem vergänglichen Leib des
+Kulturmenschen in uns zum Austrag zu bringen, ist höchste Aufgabe und
+die wahrste irdische Pflicht. Befruchtet ist jeder, denn keinen
+verstößt das Leben, jeden Irdischen hat es in einer seligen Sekunde mit
+Liebe empfangen, doch nicht jeder gebiert seine Frucht. Bei manchem
+verfault sie in einer seelischen Lässigkeit, sie stirbt ab und
+vergiftet ihn. Andere wieder sterben in den Wehen, und nur das Kind,
+die Idee, kommt zur Welt. Kirillow ist einer, der sich ermorden muß, um
+ganz wahr bleiben zu können, Schatow ist einer, der ermordet wird, um
+seine Wahrheit zu bezeugen.
+
+Aber die anderen, die heroischen Helden Dostojewskis, der Staretz
+Sossima, Raskolnikoff, Stepanowitsch, Rogoschin, Dmitrij Karamasoff
+vernichten ihr soziales Ich, den dunklen Raupenstand ihres inneren
+Wesens, um wie Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu
+entschwingen, das Beflügelte aus dem Kriechenden, das Erhobene aus dem
+Erdschweren. Die Umkrustung der seelischen Hemmung zerbricht, die
+Seele, die Allmenschenseele strömt aus, strömt ins Unendliche zurück.
+Alles Persönliche, alles Individuelle ist in ihnen abgetan, daher auch
+die absolute Ähnlichkeit all dieser Gestalten im Augenblick ihrer
+Vollendung. Aljoscha ist kaum von dem Staretz, Karamasoff kaum von
+Raskolnikoff zu unterscheiden, wie sie aus ihren Verbrechen mit
+tränengebadetem Gesicht in das Licht des neuen Lebens treten. Am Ende
+aller Romane Dostojewskis ist die Katharsis der griechischen Tragödie,
+die große Entsühnung: über den verdonnernden Gewittern und der
+gereinigten Atmosphäre flammt die erhabene Glorie des Regenbogens, das
+höchste russische Symbol der Versöhnung.
+
+Erst wenn die Helden Dostojewskis den reinen Menschen aus sich geboren
+haben, treten sie in die wahre Gemeinschaft. Bei Balzac triumphiert der
+Held, wenn er die Gesellschaft bezwingt, bei Dickens, wenn er sich in
+die soziale Schicht, in das bürgerliche Leben, in die Familie, in den
+Beruf friedlich einordnet. Die Gemeinschaft, die der Held Dostojewskis
+anstrebt, ist keine soziale mehr, sondern schon eine religiöse, er
+sucht nicht Gesellschaft, sondern Weltbruderschaft. Und dies
+Hingelangen zur eigenen Innerlichkeit und damit zur mystischen
+Gemeinsamkeit ist die einzige Hierarchie in seinem Werk. Einzig von
+diesem letzten Menschen handeln alle seine Romane: das Soziale, die
+Zwischenstadien der Gesellschaft mit ihrem halben Stolz und schiefen
+Haß sind überwunden, der Ichmensch ist zum Allmenschen geworden, seine
+Einsamkeit, seine Absonderung, die nur Stolz war, hat jeder zerbrochen,
+und in unendlicher Demut und glühender Liebe grüßt sein Herz den
+Bruder, den reinen Menschen in jedem anderen. Dieser letzte, gereinigte
+Mensch kennt keine Unterschiede mehr, kein soziales Standesbewußtsein:
+nackt, wie im Paradies, hat seine Seele keine Scham, keinen Stolz,
+keinen Haß und keine Verachtung. Verbrecher und Dirne, Mörder und
+Heilige, Fürsten und Trunkenbolde, sie halten Zwiesprache in jenem
+untersten und eigentlichsten Ich ihres Lebens, alle Schichten fließen
+ineinander, Herz zu Herz, Seele in Seele. Nur das entscheidet bei
+Dostojewski: wie weit einer wahr wird und zum wirklichen Menschentum
+gelangt. Wie diese Entsühnung, diese Selbstgewinnung zustande kam, ist
+gleichgültig. Keine Ausschweifung beschmutzt, kein Verbrechen verdirbt,
+es gibt kein Tribunal vor Gott als das Gewissen. Recht und Unrecht, Gut
+und Böse, diese Worte zerfließen im Leidensfeuer. Wer wahr ist im
+Willen, der ist entsühnt: denn wer wahr ist, ist demütig. Wer erkannt
+hat, versteht alles und weiß, »daß die Gesetze des Menschengeistes noch
+so unerforscht und geheimnisvoll sind, daß es weder gründliche Ärzte
+noch endgültige Richter gibt«, weiß, es ist keiner schuldig oder alle,
+keiner darf keines Richter sein, jeder nur Bruder dem Bruder. Im
+Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine
+»Bösewichter«, keine Hölle und keinen untersten Kreis wie bei Dante, aus
+denen selbst Christus die Verurteilten nicht zu erheben vermag. Er kennt
+nur Purgatorien und weiß, daß der irrhandelnde Mensch noch immer mehr
+der seelisch Glühende ist und näher dem wahren Menschen als die Stolzen,
+die Kalten und Korrekten, in deren Brust er erfroren ist zu bürgerlicher
+Gesetzmäßigkeit. Seine wahren Menschen haben gelitten, haben darum
+Ehrfurcht vor dem Leiden und damit das letzte Geheimnis der Erde. Wer
+leidet, ist durch Mitleid schon Bruder, und allen seinen Menschen ist,
+weil sie nur auf den innern Menschen, auf den Bruder blicken, das Grauen
+fremd. Sie besitzen die erhabene Fähigkeit, die er einmal die typisch
+russische nennt, nicht lange hassen zu können, und darum eine
+unbegrenzte Verstehensfähigkeit alles Irdischen. Noch hadern sie oft
+mitsammen, noch quälen sie sich, weil sie sich ihrer eigenen Liebe
+schämen, weil sie die eigene Demut für eine Schwäche halten und noch
+nicht ahnen, daß sie die furchtbarste Kraft der Menschheit ist. Aber
+ihre innere Stimme weiß immer schon um die Wahrheit. Während sie
+einander mit Worten schmähen und befeinden, blicken die inneren Augen
+sich längst selig verstehend an, Lippe küßt leidvoll den Brudermund. Der
+nackte, der ewige Mensch in ihnen hat sich erkannt, und dies Mysterium
+der Allversöhnung in der brüderlichen Erkennung, dieser orphische Gesang
+der Seelen, ist die lyrische Musik in Dostojewskis dunklem Werk.
+
+
+ REALISMUS UND PHANTASTIK
+
+ »Was kann für mich phantastischer
+ sein als die Wirklichkeit?«
+ Dostojewski
+
+Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten Seins sucht
+der Mensch bei Dostojewski: Wahrheit, die unmittelbare Wesenheit des
+Alls der Künstler Dostojewski selbst. Er ist Realist und ist es so
+konsequent -- immer geht er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen
+ihrem Widerspiel: dem Gegensatz so geheimnisvoll ähnlich werden --, daß
+diese Wirklichkeit jeden an das Mittelmaß gewöhnten täglichen Blick
+phantastisch anmutet. »Ich liebe den Realismus bis dorthin, wo er an
+das Phantastische reicht,« sagt er selbst, »denn was kann für mich
+phantastischer und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein als die
+Wirklichkeit?« Die Wahrheit -- dies entdeckt man bei keinem Künstler
+zwingender als bei Dostojewski -- steht nicht hinter, sondern gleichsam
+gegen die Wahrscheinlichkeit. Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen,
+des psychologisch unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen das
+unbewaffnete Auge noch klare spiegelnde Einheit, das Mikroskop aber
+wimmelnde Vielfalt, myriadenhaftes Chaos von Infusorien schaut, eine
+Welt, wo jene nur eine Einzelform bemerkten, so erkennt der Künstler
+mit dem höheren Realismus Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen
+die offenbaren.
+
+Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen, die gleichsam
+tief unter der Haut der Dinge liegt und schon nah dem Herzpunkt aller
+Existenz, war Dostojewskis Leidenschaft. Er will gleichzeitig den
+Menschen als Einheit und Vielfalt, im Freiblick und im geschärften
+gleich wahr erkennen, und darum ist sein visionärer und wissender
+Realismus, der die Kraft eines Mikroskops und die Leuchtstärke des
+Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden von dem, was die
+Franzosen als erste Wirklichkeitskunst und Naturalismus benannten. Denn
+obzwar Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter geht als
+irgendeiner von denen, die sich »konsequente Naturalisten« nannten
+(womit sie meinten, daß sie bis an das Ende gingen, während Dostojewski
+jedes Ende noch überschreitet), ist seine Psychologie gleichsam aus
+einer anderen Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus
+von anno Zola kommt geradeswegs aus der Wissenschaft her. Umgestülpte
+Experimentalpsychologie, ist er irgendwie an Fleiß und Schweiß, an
+Studium und Erfahrung gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte
+seines Gehirns 2000 Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek, um das
+Naturkolorit der »Tentation« oder der »Salambo« zu finden, Zola läuft
+drei Monate, ehe er seine Romane schreibt, wie ein Reporter mit dem
+Notizbuch auf die Börse, in die Warenhäuser und Ateliers, um Modelle
+abzuzeichnen, Tatsachen einzufangen. Die Wirklichkeit ist diesen
+Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende Substanz. Sie
+sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden, tarierenden Blick des
+Photographen. Sie sammeln, ordnen, mischen und destillieren, kühle
+Wissenschaftler der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und
+betreiben eine Art Chemie der Bindung und Lösung.
+
+Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen ist vom
+Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft jenen anderen Kunst, so
+ist die seine Schwarzkunst. Er treibt nicht experimentelle Chemie,
+sondern Alchimie der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie
+der Seele. Er ist kein kühler Forscher. Als heißer Halluzinant starrt
+er nieder in die Tiefe des Lebens wie in einen dämonischen Angsttraum.
+Aber doch, seine sprunghafte Vision ist vollkommener als jener
+geordnete Betrachtung. Er sammelt nicht, und hat doch alles. Er
+berechnet nicht, und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die
+hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen
+Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten. Etwas von hellsichtiger
+Traumerkenntnis ist in seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst.
+Zauberisch durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von seinen
+süßen, quellenden Säften. Immer kommt sein Blick nur aus der eigenen
+Tiefe seines freilich allwissenden Seins, aus dem Mark und Nerv
+dämonischer Natur und übertrifft doch an Wahrhaftigkeit, an Realität,
+alle Realisten. Mystisch erkennt er alles von innen. Ein Zeichen bloß,
+und schon faßt er faustisch die Welt. Ein Blick, und schon wird er zum
+Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht die Kärrnerarbeit des
+Details zu leisten. Er zeichnet mit Magie. Man besinne einmal die großen
+Gestalten dieses Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor Karamasoff,
+Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich sind im Gefühl.
+Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht umreißt er ihr Antlitz
+mit einer Art zeichnerischer Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam
+nur ein Merkwort, umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten
+Sätzen, und das ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die
+Kleidung, die Haarfarbe, die Physiognomik, all das scheinbar so
+Wesentliche der Personenbeschreibung ist in bloß stenographischer Kürze
+festgehalten. Und doch, wie glüht jede dieser Figuren uns im Blut. Man
+vergleiche nun mit diesem magischen Realismus die exakte Schilderung
+eines konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu arbeiten anfängt,
+ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er verfaßt (man kann sie
+heute noch nachsehen, diese merkwürdigen Dokumente) einen regelrechten
+Steckbrief, einen Passierschein für jeden Menschen, der die Schwelle des
+Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er hoch ist,
+notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die Warzen auf seinen
+Wangen, streicht den Bart nach, ob er rauh oder zart ist, greift jeden
+Pickel auf der Haut ab, tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme,
+den Atem seiner Menschen, er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung,
+schlägt sich ihr Konto auf in der Bank, um ihre Einnahmen zu wissen. Er
+mißt, was man von außen überhaupt nur messen kann. Und doch, kaum daß
+die Gestalten in Bewegung geraten, verflüchtigt sich die Einheit der
+Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine tausend Scherben. Es
+bleibt ein seelisches Ungefähr, kein lebendiger Mensch.
+
+Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen Naturalisten
+schildern exakt die Menschen zu Anfang des Romanes in ihrer Ruhe,
+gleichsam in ihrem seelischen Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von
+der nutzlosen Treue der Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur,
+nicht das Leben darin. Aber genau wo jener Naturalismus endet, beginnt
+erst der unheimlich große Naturalismus Dostojewskis. Seine Menschen
+werden plastisch erst in der Erregtheit, in der Leidenschaft, im
+gesteigerten Zustand. Während jene versuchen, die Seele durch den
+Körper darzustellen, bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn
+die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und spannt, das Auge
+sich feuchtet im Gefühl, wenn die Maske der bürgerlichen Stille, die
+Seelenstarre, von ihnen abfällt, wird sein Bild erst bildhaft. Erst
+wenn seine Menschen glühen, tritt Dostojewski, der Visionär, an das
+Werk, sie zu formen.
+
+Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski die anfänglich
+dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen der ersten Schilderung.
+In seine Romane tritt man ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht
+nur Umrisse, hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie
+zugehören. Erst allmählich gewöhnt sich, schärft sich das Auge: wie auf
+den Rembrandtschen Gemälden beginnt aus einer tiefen Dämmerung das
+feine seelische Fluidum in den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in
+die Leidenschaft geraten, treten sie ins Licht. Bei Dostojewski muß der
+Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu werden, seine Nerven müssen
+gespannt sein bis zum Zerreißen, um zu klingen: »Um eine Seele formt
+sich bei ihm nur der Körper, um eine Leidenschaft nur das Bild.« Jetzt
+erst, da sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige
+Fieberzustand beginnt -- alle Menschen Dostojewskis sind ja wandelnde
+Fieberzustände --, setzt sein dämonischer Realismus ein, beginnt jene
+zauberische Jagd nach den Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der
+kleinsten Bewegung nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen
+Fuchslöcher der verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer Gedanken
+bis in das Schattenreich des Unbewußten. Jede Bewegung zeichnet sich
+plastisch ab, jeder Gedanke wird kristallen klar, und je mehr sich die
+gejagten Seelen ins Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von
+innen, um so durchsichtiger wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten,
+die jenseitigsten Zustände, die krankhaften, die hypnotischen, die
+ekstatischen, die epileptischen haben bei Dostojewski die Präzision
+einer klinischen Diagnose, den klaren Umriß einer geometrischen Figur.
+Nicht die feinste Nuance ist dann verschwommen, nicht die kleinste
+Schwingung entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade dort,
+wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet vom
+übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden, dort wird Dostojewskis
+Realismus am sichtbarsten. Und diese Augenblicke, wo der Mensch die
+äußersten Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast
+Wahnwitz wird und Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch die
+unvergeßlichsten Visionen seines Werkes. Rufen wir uns das Bild
+Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir ihn nicht als schlendernde
+Gestalt auf der Straße oder im Zimmer, als einen jungen Mediziner von
+25 Jahren, als Menschen von diesen und jenen äußeren Eigenheiten,
+sondern in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren
+Leidenschaft, wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf der
+Stirn, gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe des Hauses
+hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller Trance, um
+seine Qualen noch einmal sinnlich zu genießen, die blecherne Klingel an
+der Türe der Ermordeten zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den
+Purgatorien des Verhörs, schäumend vor Wut, schäumend vor Leidenschaft,
+den Tisch zertrümmern mit seinen rasenden Fäusten. Immer sehen wir bei
+Dostojewski den Menschen erst bildhaft im Zustande der höchsten
+Erregtheit, am Endpunkte seines Gefühles. So wie Leonardo in seinen
+grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die Abnormität des
+Physischen zeichnet, dort, wo sie über die gemeine Form hervordrängt,
+so faßt Dostojewski die Seele des Menschen im Augenblick des
+Überschwangs, gleichsam in den Sekunden, wo sich der Mensch über den
+äußersten Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere Zustand
+ist ihm wie jeder Ausgleich, wie jede Harmonie, verhaßt: nur das
+Außerordentliche, das Unsichtbare, das Dämonische reizt seine
+künstlerische Leidenschaft zum äußersten Realismus. Er ist der
+unvergleichlichste Plastiker des Ungewöhnlichen, der größte Anatom der
+reizbaren und kranken Seele, den die Kunst je gekannt.
+
+Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski in diese
+Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort. Goethe schildert alles
+durch den Blick. Er ist -- Wagner hat diese Unterscheidung am
+glücklichsten ausgesprochen -- Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er
+muß seine Menschen erst sprechen hören, sprechen lassen, damit wir sie
+als sichtbar empfinden, und ganz deutlich hat Mereschkowski in seiner
+genialen Analyse der beiden russischen Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi
+hören wir, weil wir sehen, bei Dostojewski sehen wir, weil wir hören.
+Seine Menschen sind Schatten und Lemuren, solange sie nicht sprechen.
+Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet: sie tun
+im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres auf, zeigen ihre
+Farben, die Pollen ihrer Fruchtbarkeit. In der Diskussion erhitzen sie
+sich, wachen sie auf aus ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen,
+gegen den leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet
+sich Dostojewskis künstlerische Leidenschaft. Er lockt ihnen das Wort
+aus der Seele, um dann die Seele selbst zu fassen. Jene dämonische
+psychologische Scharfsichtigkeit des Details bei Dostojewski ist
+im letzten nichts anderes als eine unerhörte Feinhörigkeit. Die
+Weltliteratur kennt keine vollkommeneren plastischen Gebilde als die
+Aussprüche der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung ist symbolisch,
+die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig, jede abgebrochene
+Silbe, jeder weggesprungene Ton die Notwendigkeit selbst. Jede Pause,
+jede Wiederholung, jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich,
+denn immer hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte
+Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze heimliche Erregung der
+Seele auf. Man weiß aus der Rede bei Dostojewski nicht nur, was jeder
+einzelne Mensch sagt und sagen will, sondern auch, was er verschweigt.
+Und dieser geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos mit in
+die geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die sumpfige, stockende
+Fläche des trunkenen Irreredens, in die beflügelte, keuchende Ekstase
+des epileptischen Anfalles, in das Dickicht der lügnerischen
+Verworrenheit. Aus dem Dampf der erhitzten Rede ersteht die Seele, aus
+der Seele kristallisiert sich allmählich der Körper. Ohne daß man es
+selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes, durch den Haschischrauch
+der Rede bei Dostojewski die Vision des Sprechenden im körperlichen Bild
+aufzusteigen. Was die anderen durch fleißiges Mosaik erzielen, durch
+die Farbe, Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich bei ihm
+visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski hellseherisch seine
+Menschen, sobald man sie sprechen hört. Dostojewski kann es sich
+ersparen, sie graphisch zu zeichnen, denn wir selber werden in der
+Hypnose ihrer Rede zum Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im
+»Idioten« geht der alte General, der pathologische Lügner, neben dem
+Fürsten Myschkin her und erzählt ihm Erinnerungen. Er beginnt zu lügen,
+gleitet immer tiefer in seine Lügen hinein und verstrickt sich gänzlich
+darin. Er redet, redet, redet. Über Seiten flutet seine Lüge hin.
+
+Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung, aber aus
+seinem Wort, aus seinem Stolpern, seinem Stocken, seiner nervösen Hast
+spüre ich, wie er neben Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat,
+sehe, wie er aufschaut, von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt,
+ob er ihm nicht mißtraue, wie er stehen bleibt, hoffend, der Fürst
+würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der Schweiß auf seiner Stirne
+perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst begeisterte, nun sich immer
+mehr verkrampft in Angst, sehe, wie er in sich zusammenkriecht, ein
+Hund, der fürchtet, Prügel zu bekommen, und ich sehe den Fürsten, der
+selbst alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und niederhält.
+Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends, nicht in einer
+einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen in seinem Gesicht mit
+leidenschaftlicher Klarheit. Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären
+in der Rede, im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch
+ist diese Kunst der Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche
+Verdickung, die ja jede Übertragung in eine fremde Sprache darstellt,
+noch die ganze Seele seiner Menschen schwingt. Der ganze Charakter
+des Menschen ist bei Dostojewski im Rhythmus seiner Rede. Und diese
+Komprimierung gelingt seiner genialen Intuition oft in einer winzigen
+Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn Fedor Karamasoff auf das
+Briefkuvert der Gruschenka zu ihrem Namen schreibt: »Mein Küchelchen!«
+so sieht man das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten
+Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden Lippen rinnt.
+Und wenn in den »Erinnerungen aus dem Totenhaus« der sadistische Major
+beim Stockprügeln »Hie-be, Hie-be« schreit, so ist in diesem winzigen
+Apostroph sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein Keuchen von
+Gier, flackernde Augen, das gerötete Gesicht, das Keuchen der bösen
+Lust. Diese kleinen realistischen Details bei Dostojewski, die sich wie
+spitze Angelhaken ins Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins
+fremde Erleben reißen, sie sind sein erlesenstes Kunstmittel und
+gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven Realismus über den
+programmatischen Naturalismus. Dostojewski verschwendet durchaus nicht
+diese seine Details. Er setzt ein einziges ein, wo andere Hunderte
+applizieren, aber er spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten
+der letzten Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht
+mit ihnen gerade im Augenblick der höchsten Ekstase, wo man sie am
+wenigsten erwartet. Immer gießt er mit unerbittlicher Hand den
+Galletropfen Irdischkeit in den Kelch der Ekstase, denn für ihn heißt
+wirklich und wahrhaftig sein: antiromantisch und antisentimental wirken.
+Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen, nicht nur der
+Gefangene seines Kontrastes, sondern auch sein Prediger. Es ist seine
+Leidenschaft, auch in der Kunst die beiden Enden des Lebens, die
+grausamste, nackteste, kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den
+edelsten sublimsten Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem
+Irdischen das Göttliche fühlen, im Realistischen das Phantastische, im
+Erhabenen das Gemeine, im lautern Geist das bittere Salz der Erde und
+immer all dies gleichzeitig. Er will, daß wir zwiespältig genießen, wie
+er selber zwiespältig empfindet, er will auch hier keine Harmonie,
+keinen Ausgleich. Immer in allen seinen Werken sind diese schneidenden
+Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die sublimsten Sekunden
+aufsprengt und dem Heiligsten des Lebens seine Banalität entgegengrinst.
+Ich erinnere nur an die Tragödie des »Idioten«, um einen solchen
+Augenblick des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat Nastassja
+Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin, den Bruder. Er findet ihn
+auf der Straße, er rührt ihn an mit der Hand. Sie brauchen nicht
+miteinander zu sprechen, furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie
+gehen über die Straße in das Haus, wo die Ermordete liegt: irgendein
+ungeheueres Vorempfinden von Größe und Feierlichkeit hebt sich in einem
+auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde eines Lebens, Brüder im
+Gefühl, schreiten in das Zimmer zur Ermordeten. Nastassja Philipowna
+liegt tot. Man spürt, diese Menschen werden sich nun das Letzte sagen,
+wie sie einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie
+entzweite. Und dann kommt das Gespräch -- und alle Himmel sind
+zerschlagen von der nackten, brutalen, brennend irdischen, teuflisch
+geistigen Sachlichkeit. Sie sprechen davon als erstes, als einziges --
+ob die Leiche riechen wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender
+Sachlichkeit, er habe »gute amerikanische Wachsleinwand« gekauft und
+»vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit« darauf gegossen.
+
+Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen, die
+satanischen nenne, weil hier der Realismus mehr ist als ein bloßer
+Kunstgriff der Technik, weil er eine metaphysische Rache ist, Ausbruch
+geheimnisvoller Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung.
+»Vier Fläschchen!« das Mathematische der Zahl, »amerikanische
+Wachsleinwand!« die grauenhafte Präzision des Details -- das sind
+absichtliche Zerstörungen der seelischen Harmonie, grausame Revolten
+gegen die Einheit des Gefühls. Hier wird Wahrheit über sich selbst
+hinaus schon Exzeß, Laster und Marter, und diese entsetzlichen
+Niederstürze aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen Steinbrüche
+der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich machen, wäre die
+gleiche Gewalt des Kontrastes nicht auch im Gegenspiel vorhanden,
+entstünde nicht immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei
+ihm aus den schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere sich
+nur an die Welt Dostojewskis. Sie ist, rein sozial genommen, ein
+Wurmloch, knapp an der Gosse des Lebens, immer in den dumpfesten
+Sphären der Armut und Kläglichkeit. Mit absichtlicher Bewußtheit (er
+ist der Antiromantiker, wie er der Antisentimentale ist) stellt er
+seine Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige Kellerlokale,
+stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge »Särge« von Zimmern, nur
+abgetrennt durch Holzwände, nie Salons, Hotels, Paläste, Kontore.
+Und mit Absicht sind seine Menschen äußerlich »uninteressant«,
+schwindsüchtige Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender,
+Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten. Aber gerade in diese
+dumpfe Alltäglichkeit stellt er die größten Tragödien der Zeit. Aus dem
+Erbärmlichen steigt das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt
+dämonischer bei ihm als dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und
+seelischer Trunkenheit, räumlicher Armut und Verschwendung des Herzens.
+In Schnapszimmern verkünden trunkene Menschen die Wiederkehr des
+Dritten Reiches, sein Heiliger Aljoscha erzählt die tiefste Legende,
+während ihm eine Dirne auf dem Schoße sitzt, in Bordellen und
+Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und Verkündung,
+und die erhabenste Szene Raskolnikoffs, wo der Mörder sich niederwirft
+und vor dem Leiden der ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im
+Zimmerwinkel einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow.
+
+Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm, warm oder kalt, aber
+nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse, durchblutet seine Leidenschaft
+das Leben. In einer Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier
+das Erhabene mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe zu
+Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät man darum bei den
+Romanen Dostojewskis zur Rast, nie in die sanfte, musikalische Rhythmik
+des Lesens, nie läßt er einem ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man
+wie unter elektrischen Schlägen beunruhigt auf, heißer, brennender,
+unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite. Solange wir in seiner
+dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm selber ähnlich. Wie in sich
+selbst, dem ewigen Dualisten, dem Menschen am Kreuzholz des Zwiespalts,
+wie in seinen Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die
+Einheit des Gefühls.
+
+Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre Herabwürdigung,
+sie mit dem Handwerkerwort »Technik« zu benennen, denn diese Kunst
+kommt mitten aus Dostojewskis Persönlichkeit, aus dem brennenden
+Urzwiespalt seines Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und
+Geheimnis, zugleich hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit, Wissen
+und Magie. Das Unfaßbarste scheint verständlich, das Verständlichste
+unfaßbar: beugen sich die Probleme schon über den äußersten Rand der
+Möglichkeiten hinaus, so stürzen sie doch nie ins Gestaltlose hinab.
+Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-realen Einzelheiten seine
+Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine ins Schattenhafte hinüber.
+Wen Dostojewski schildert, dessen Wesen hat er visionär inne bis in die
+letzte Wirrnis seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den
+Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft, durchsiebt
+seine Trunkenheit, nie geht ein Atemzug seelischer Substanz bei ihm
+verloren, wird ein Gedanke übersprungen. Glied um Glied hämmert er die
+psychologische Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt bei ihm
+keine psychologischen Irrtümer, keine Verknotung, die sein visionärer
+Intellekt, seine hellseherische Logik nicht durchleuchtete. Nie einen
+Fehler, einen Verstoß gegen die innere Wahrheit. Welche Kunstbauten des
+Geistes und der Vision sind da errichtet, unübersehbar und unzerstörbar!
+Der dialektische Zweikampf des Porphyri Petrowitsch mit Raskolnikoff,
+die Architektonik der Verbrechen, das logische Labyrinth der Karamasoff,
+das ist geistige Architektonik ohnegleichen, fehllos wie Mathematik und
+doch berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten Kräfte des
+Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen, tieferen Wahrheit,
+als die Menschheit sie vordem gekannt.
+
+Aber doch -- die Frage muß beantwortet sein --, warum wirkt trotz
+solcher dämonischer Vollendung der Wahrheit Dostojewskis Werk, dieses
+irdischeste aller Werke, doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt
+zwar, aber doch wie eine neben oder über unserer Welt, nur nicht sie
+selbst? Warum stehen wir innen mit unserem tiefsten Gefühl und sind
+doch irgendwie befremdet? Warum brennt in allen seinen Romanen etwas
+wie künstliches Licht und ist Raum darinnen wie aus Halluzinationen
+und Träumen? Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten,
+immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der Wirklichkeit? Warum
+ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit doch nicht fruchtbare
+Sonnenwärme darin, sondern irgendein schmerzhaftes Nordlicht, blutig
+und blendend, warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des Lebens,
+die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als das Leben selbst? Als
+unser eigenes Leben?
+
+Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche ist für
+Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten, am Unvergänglichsten
+der Weltliteratur können sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie
+der Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der Orestie, die
+Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes Werk. Sie alle, diese
+Werke, sind sogar einfältiger, schlichter, weniger erkenntnisreich,
+weniger zukunftsträchtig als die Dostojewskis. Aber sie sind doch
+irgendwie weicher und freundsamer für die Seele, sie geben Erlösung des
+Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis gibt. Ich glaube: diese
+ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so menschlich, nur menschlich
+sind. Sie haben um sich einen heiligen Rahmen von strahlendem Himmel,
+von Welt, einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von
+Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt hinflüchtet und
+befreit. Im Homer, mitten in den Schlachten, im blutigsten Gemetzel der
+Menschen stehen ein paar Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen
+Wind vom Meer, das silberne Licht Griechenlands glänzt über die
+Blutstatt, beseligt erkennt das Gefühl den schmetternden Kampf der
+Menschen als einen kleinen nichtigen Wahn gegen das Ewige der Dinge. Und
+man atmet auf, man ist erlöst von der menschlichen Trübe. Auch Faust
+hat seinen Ostersonntag, schwingt die eigene Qual in die zerklüftete
+Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der Welt. In allen diesen
+Werken erlöst die Natur von der Menschenwelt. Dostojewski aber fehlt die
+Landschaft, fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt,
+sondern nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder, stumpf
+für Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit gegen die Natur,
+gegen die Kunst ist sein unergründliches, sein unvergleichliches Wissen
+um den Menschen bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe von
+Unzulänglichkeit. Sein Gott wohnt nur in der Seele, nicht auch in den
+Dingen, ihm fehlt jenes kostbare Korn Pantheismus, das die deutschen,
+das die hellenischen Werke so selig und so befreiend macht. Seine,
+Dostojewskis, Werke, sie spielen alle irgendwie in ungelüfteten Stuben,
+in rußigen Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe menschliche, allzu
+menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend durchwühlt wird vom
+Wind aus den Himmeln und dem Sturz der Jahreszeiten. Man versuche doch
+einmal sich zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei »Raskolnikoff«,
+dem »Idioten«, bei den »Karamasoffs«, dem »Jüngling«, in welcher
+Jahreszeit, in welcher Landschaft sie spielen. Ist es Sommer, Frühling
+oder Herbst? Vielleicht ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht.
+Man atmet es, man schmeckt es, man spürt, man erlebt es nicht. Sie
+spielen alle nur irgendwo im Dunkel des Herzens, das die Blitzschläge
+der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren Hohlraum des Hirnes,
+ohne Sterne und Blumen, ohne Stille und Schweigen. Großstadtrauch
+verdunkelt den Himmel ihrer Seele. Es fehlen ihnen die Ruhepunkte der
+Erlösung vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen, die besten des
+Menschen, wenn er den Blick von sich selbst und seinen Leiden gegen die
+fühllose, leidenschaftslose Welt kehrt. Das ist das Schattenhafte in
+seinen Büchern: wie von einer grauen Wand von Elend und Dunkelheit heben
+sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und klar in einer
+wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit bloß des Gefühls. Seine
+Sphäre ist Seelenwelt und nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit.
+
+Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig jeder
+einzelne ist, so fehllos ihr logischer Organismus, auch sie ist
+in ihrer Gesamtheit in einem gewissen Sinne unwirklich: etwas von
+Gestalten aus Träumen haftet ihnen an, und ihr Schritt geht im
+Raumlosen wie der von Schatten. Damit sei nicht gesagt, daß sie
+irgendwie unwahr wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn
+Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen sind
+nicht plastisch, sondern sublim gesehen und durchfühlt, weil sie einzig
+aus Seele gestaltet sind und nicht aus Körperlichkeit. Dostojewskis
+Menschen kennen wir alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl,
+Wesen aus Nerven und Seelen, bei denen man es fast vergißt, daß dieses
+Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie gewissermaßen körperlich
+an. Auf den zwanzigtausend Seiten seines Werkes ist nie geschildert,
+daß einer seiner Menschen sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, immer
+fühlen, sprechen oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn,
+daß sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie im
+Fieber, immer denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich, tierisch,
+stumpf, immer nur bewegt, erregt, gespannt, und immer, immer wach. Wach
+und sogar überwach. Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie
+die seelische Übersichtigkeit Dostojewskis, alle sind sie Hellseher,
+Telepathen, Halluzinanten, alle pythische Menschen, und alle durchtränkt
+bis in die letzten Tiefen ihres Wesens von psychologischer Wissenschaft.
+Im gemeinen, im banalen Leben stehen -- erinnern wir uns nur -- die
+meisten Menschen im Konflikt miteinander und dem Schicksal einzig darum,
+weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß irdischen Verstand
+haben. Shakespeare, der andere große Psychologe der Menschheit, baut die
+Hälfte seiner Tragödien auf diese eingeborene Unwissenheit, auf dieses
+Fundament von Dunkel, das zwischen Mensch und Mensch als Verhängnis,
+als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut seiner Tochter, denn
+er ahnt ihren Edelmut nicht, die Größe der Liebe, die sich hier in
+Schamhaftigkeit verschanzt, Othello wiederum nimmt sich Jago als
+Einflüsterer, Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie
+dem wahren Wesen der irdischen Welt, der Täuschung verfallen. Bei
+Shakespeare wird wie im realen Leben das Mißverständnis, die irdische
+Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft, die Quelle aller Konflikte.
+Die Menschen Dostojewskis aber, diese Überwissenden, sie kennen kein
+Mißverstehen. Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie verstehen
+einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich das Wort
+aus dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den Gedanken noch aus dem
+Mutterleib der Empfindung. Sie wittern, sie ahnen einander alle im
+voraus, nie enttäuschen sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen
+Seele umfaßt in geheimnisvoller Witterung schon der anderen Sinn. Das
+Unbewußte, das Unterbewußte ist bei ihnen überentwickelt, alle sind sie
+Propheten, alle Ahnende und Visionäre, überladen von Dostojewski mit
+seiner eigenen mystischen Durchdringung des Seins und des Wissens. Ich
+will ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein. Nastassja Philipowna
+wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es vom ersten Tage, da sie ihn
+erblickt, weiß es in jeder Stunde, in der sie ihm angehört, daß er sie
+ermorden wird, sie flieht vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet
+zurück, weil sie ihr eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer
+sogar Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin weiß
+es, auch er kennt das Messer und ebenso Myschkin. Seine Lippen zittern,
+wenn er einmal im Gespräch zufällig Rogoschin mit diesem Messer
+spielen sieht. Und gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das
+Wissensunmögliche allen bewußt. Der Staretz fällt in die Knie, weil er
+das Verbrechen wittert, selbst der Spötter Rakitin weiß diese Zeichen zu
+deuten. Aljoscha küßt seines Vaters Schulter, wie er von ihm Abschied
+nimmt, auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht. Iwan
+fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des Verbrechens zu sein. Der
+Schmutzfink Smerdjakoff sagt es ihm lächelnd voraus. Alle, alle wissen
+sie es, und den Tag und die Stunde und den Ort aus einer Überladenheit
+mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in ihrer
+Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner, alle
+Allesversteher.
+
+Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache Form aller
+Wahrheit für den Künstler. Obwohl Dostojewski den Menschen tiefer kennt
+als irgendeiner vor ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als
+Kenner der Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt, das
+Gemeine und Gleichgültige neben das Grandiose gestellt, wo Dostojewski
+einen jeden ins Unendliche steigert. Shakespeare hat die Welt im
+Fleisch erkannt, Dostojewski im Geist. Seine Welt ist vielleicht die
+vollkommenste Halluzination der Welt, ein tiefer und prophetischer
+Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit noch überflügelt:
+aber Realismus, der über sich selbst hinaus ins Phantastische reicht.
+Der Überrealist Dostojewski, der Überschreiter aller Grenzen, er hat
+die Wirklichkeit nicht geschildert: er hat sie über sich selbst hinaus
+gesteigert.
+
+Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt in Kunst
+gestaltet, von innen gebunden, von innen erlöst. Diese Art von Kunst,
+die tiefste und menschlichste aller, hat keine Vorfahren in der
+Literatur, weder in Rußland noch irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat
+nur Brüder in der Ferne. An die griechischen Tragiker gemahnt manchmal
+der Krampf und die Not, dieses Übermaß von Qual in den Menschen, die
+unter dem Griff des übermächtigen Schicksales sich krümmen, an
+Michelangelo manchmal durch die mystische, steinerne, unerlösbare
+Traurigkeit der Seele. Aber der wahre Bruder Dostojewskis durch die
+Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem Leben von Mühsal,
+Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene der Irdischkeit, gepeitscht von
+den Bütteln des Geldes in die tiefste Tiefe des menschlichen Seins
+hinab. Beide wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den
+ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine Schönheit
+tiefer ist als die heilige der Seele, die aus der Nüchternheit des
+Seins gewonnen ist. Wie Dostojewski seine Heiligen aus russischen
+Bauern, Verbrechern und Spielern, gestaltet sich Rembrandt seine
+biblischen Figuren von den Modellen der Hafengassen; beiden ist in den
+niedersten Formen des Lebens irgendeine geheimnisvolle, neue Schönheit
+verborgen, beide finden sie ihren Christus im Abhub des Volks. Beide
+wissen sie von dem ständigen Spiel und Widerspiel der Erdenkräfte, von
+Licht und Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen wie im Beseelten
+waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem letzten Dunkel des
+Lebens genommen. Je mehr man in die Tiefe der Bilder Rembrandts,
+der Bücher Dostojewskis blickt, sieht man das letzte Geheimnis der
+weltlichen und geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und
+wo die Seele zuerst nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit zu
+schauen meint, erkennt sie, tiefer blickend, mit erkennender Lust
+entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz, der als Märtyrerkrone über
+den letzten Dingen des Lebens liegt.
+
+
+ ARCHITEKTUR UND LEIDENSCHAFT
+
+ »Que celui aime peu, qui aime la
+ mesure!« La Boetie
+
+»Alles treibst du bis zur Leidenschaft.« Das Wort Nastassja Philipownas
+trifft alle Menschen Dostojewskis und trifft vor allem ihn, Dostojewski
+selbst, mitten in die Seele. Nur leidenschaftlich kann dieser Gewaltige
+den Phänomenen des Lebens entgegentreten und darum am leidenschaftlichsten
+seiner leidenschaftlichsten Liebe: der Kunst. Selbstverständlich, daß
+der schöpferische Prozeß, die künstlerische Bemühung, bei ihm nicht eine
+geruhige, ordnend aufbauende, kühl berechnend architektonische ist.
+Dostojewski schreibt im Fieber, wie er im Fieber denkt, im Fieber lebt.
+Unter der Hand, die die Worte in fließenden kleinen Perlenketten (er
+hat die nervöse Eilschrift aller hitzigen Menschen) über das Papier
+rinnen läßt, hämmert der Puls in verdoppelten Schlägen, seine Nerven
+zucken im Krampf. Schöpfung ist ihm Ekstase, Qual, Entzückung und
+Zerschmetterung, eine zum Schmerz gesteigerte Wollust, ein zur
+Wollust gesteigerter Schmerz, das ewige Spasma, der immer wiederholte
+vulkanische Ausbruch seiner übermächtigen Natur. »Unter Tränen« schreibt
+der Zweiundzwanzigjährige sein erstes Werk »Arme Leute«, und seitdem ist
+jede Arbeit eine Krise, eine Krankheit. »Ich arbeite nervös, unter Qual
+und Sorgen. Wenn ich angestrengt arbeite, bin ich auch physisch krank.«
+Und tatsächlich, die Epilepsie, seine mystische Krankheit, dringt ein
+mit ihrem fiebrigen, entzündlichen Rhythmus, mit ihren dunklen, dumpfen
+Hemmungen, bis in die feinsten Vibrationen seines Werks. Immer aber
+schafft Dostojewski mit dem Ganzen seines Wesens, im hysterischen Furor.
+Selbst die kleinsten, scheinbar gleichgültigen Partien seines Werkes,
+wie die journalistischen Aufsätze, sind gegossen und geschmolzen in
+der feurigen Esse seiner Leidenschaft. Nie schafft er mit dem bloß
+abgelösten, frei wirkenden Teil seiner schaffenden Kraft, gleichsam aus
+dem Handgelenk, aus der spielhaften Leichtigkeit der Technik, immer ballt
+er seine ganze physische Erregbarkeit in das Geschehnis, bis an den
+letzten Nerv seines Lebens leidend und mitleidend in seinen Gestalten.
+Alle seine Werke sind gleichsam explosiv in rasenden Wetterschlägen
+durch einen ungeheuren atmosphärischen Druck herausgeschwemmt.
+Dostojewski kann nicht gestalten ohne inneren Anteil, und für ihn gilt
+das bekannte Wort über Stendhal: »Lorsqu'il n'avait pas d'émotion, il
+était sans esprit.« Wenn Dostojewski nicht leidenschaftlich war, war er
+nicht Dichter.
+
+Aber Leidenschaft in der Kunst wird ebenso zerstörendes Element, als sie
+bildnerisches war. Sie schafft nur das Chaos der Kräfte, dem der klare
+Geist erst die ewigen Formen erlöst. Alle Kunst braucht die Unruhe als
+Antrieb der Gestaltung, aber nicht minder eine überlegen-überlegte
+Ruhe der Auswägung zu einer Vollendung. Dostojewskis mächtiger, die
+Wirklichkeit diamanten durchdringender Geist weiß nun wohl um die
+marmorne, eherne Kühle, die das große Kunstwerk umwittert. Er liebt,
+er vergöttert die große Architektonik, er entwirft prachtvolle Maße,
+erhabene Ordnungen des Weltbildes. Aber immer wieder überflutet das
+leidenschaftliche Gefühl die Fundamente. Der Zwiespalt, der ewige
+zwischen Herz und Geist, wirkt auch im Werke und nennt sich hier
+Kontrast von Architektonik und Leidenschaft. Vergebens sucht Dostojewski
+als Künstler objektiv zu schaffen, außen zu bleiben, bloß zu erzählen
+und zu gestalten, Epiker zu sein, Referent von Geschehnissen, Analytiker
+der Gefühle. Unwiderstehlich reißt ihn seine Leidenschaft in Leiden und
+Mitleiden immer wieder in die eigene Welt. Immer ist etwas vom Chaos des
+Anfangs selbst in den vollendeten Werken Dostojewskis, nie die Harmonie
+erreicht (»Ich hasse die Harmonie«, so schreit Iwan Karamasoff, der
+Verräter seiner geheimsten Gedanken). Auch hier ist zwischen Form und
+Wille kein Friede, kein Ausgleich, sondern -- o ewige Zweiheit seines
+Wesens, alle Formen durchdringend von der kalten Schale bis zum
+glühendsten Kerne! -- ein unablässiger Kampf zwischen außen und innen.
+Der ewige Dualismus seines Wesens heißt im epischen Werke Kampf zwischen
+Architektur und Leidenschaft.
+
+Nie erreicht Dostojewski in seinen Romanen, was man fachmännisch »den
+epischen Vortrag« nennt, jenes große Geheimnis, bewegtes Geschehen in
+ruhiger Darstellung zu bändigen, das von Homer bis Gottfried Keller und
+Tolstoi sich in unendlicher Ahnenreihe von Meister auf Meister vererbt.
+Leidenschaftlich formt er seine Welt, und nur leidenschaftlich, nur
+erregt, kann man sie genießen. Nie stellt sich in seinen Büchern jenes
+sanfte rhythmische, einwiegende Gefühl der Behaglichkeit ein, nie fühlt
+man sich sicher und außen gegenüber den Geschehnissen, gleichsam an dem
+sicheren Ufer, Brandung und Tumult eines erregten Meeres schauspielhaft
+betrachtend. Immer ist man innen bei ihm eingewühlt, verstrickt in die
+Tragödie. Wie eine Krankheit erlebt man die Krise seiner Menschen im
+Blute, wie eine Entzündung brennen die Probleme im aufgepeitschten
+Gefühl. Mit allen unseren Sinnen taucht er uns in seine brennende
+Atmosphäre, stößt er uns an den Abgrundrand der Seele, wo wir keuchend
+stehen, schwindeligen Gefühls, mit abgerissenem Atem. Und erst,
+wenn unsere Pulse jagen wie die seinen, wir selbst der dämonischen
+Leidenschaft verfallen sind, erst dann gehört sein Werk ganz uns,
+gehören wir ihm ganz. Dostojewski will eben nur angespannte, gesteigerte
+Menschen als Mitempfinder seiner Epik, so wie er sie als seine Helden
+wählt. Die Leihbibliothekskonsumenten, die behaglichen Flaneure des
+Lesens, die Spaziergänger auf den Bürgersteigen ausgetretener Probleme,
+müssen auf ihn und er auf sie verzichten. Nur der brennende Mensch, der
+leidenschaftlich entzündete, der glühende im Gefühl, findet hinab in
+seine wahre Sphäre.
+
+Es läßt sich nicht verleugnen, nicht verbergen, nicht verschönern: das
+Verhältnis Dostojewskis zum Leser ist weder ein freundschaftliches noch
+ein behagliches, sondern eine Zwietracht voll gefährlicher, grausamer,
+wollüstiger Instinkte. Es ist eine leidenschaftliche Beziehung wie
+zwischen Mann und Weib, nicht wie bei den andern Dichtern ein Verhältnis
+der Freundschaft und des Vertrauens. Dickens oder Gottfried Keller,
+seine Zeitgenossen, führen mit sanfter Überredung, mit musikalischer
+Lockung den Leser in ihre Welt, sie plaudern ihn freundlich ins
+Geschehnis hinein, sie reizen nur die Neugier, die Phantasie, nicht aber
+wie Dostojewski das ganze aufschäumende Herz. Er, der Leidenschaftliche,
+will uns ganz haben, nicht bloß unsere Neugier, unser Interesse, er
+begehrt unsere ganze Seele, selbst unsere Körperlichkeit. Zuerst lädt er
+die innere Atmosphäre mit Elektrizität, raffiniert steigert er unsere
+Reizbarkeit. Eine Art Hypnose setzt ein, ein Willensverlust in seinen
+leidenschaftlichen Willen: wie das dumpfe Murmeln des Beschwörenden,
+endlos und sinnlos umtut er den Sinn mit breiten Gesprächen, reizt mit
+Geheimnis und Andeutungen die Anteilnahme bis tief nach innen. Er duldet
+nicht, daß wir zu früh uns hingeben, er dehnt in wollüstigem Wissen die
+Marter der Vorbereitung, Unruhe beginnt in einem leise zu kochen, aber
+immer wieder verzögert er, neue Figuren vorschiebend, neue Bilder
+entrollend, den Einblick in das Geschehnis. Ein wissender, ein
+wollüstiger Erotiker, hält er seine, hält er unsere Hingebung mit
+teuflischer Willenskraft zurück und steigert damit den innern Druck, die
+Gereiztheit der Atmosphäre ins Unendliche. Schicksalsträchtig fühlt man
+über sich ein Gewölk von Tragik (wie lange dauert es in Raskolnikoff,
+ehe man weiß, daß all diese sinnlosen seelischen Zustände Vorbereitungen
+zu seinem Morde sind, und doch spürt man längst in den Nerven
+Furchtbares voraus!), auf dem Himmel der Seele wetterleuchtet schaurige
+Ahnung. Aber Dostojewskis sinnliche Wollüstigkeit berauscht sich im
+Raffinement der Verzögerung, sie prickelt wie Nadelstiche kleine
+Andeutungen in die Haut des Empfindens. Mit satanischer Verlangsamung
+stellt Dostojewski vor seinen großen Szenen noch Seiten und Seiten
+mystischer und dämonischer Langweile, bis er in dem Reizmenschen (ein
+anderer fühlt ja nichts von diesen Dingen) ein geistiges Fieber, eine
+physische Qual erzeugt. Auch das Lustgefühl der Spannung treibt dieser
+Fanatiker des Kontrastes bis in den Schmerz hinein, und erst dann, wenn
+im überheizten Kessel der Brust das Gefühl schon brodelt und die Wände
+sprengen will, dann erst schlägt er einem mit dem Hammer auf das Herz,
+dann zuckt eine jener sublimen Sekunden nieder, wo wie ein Blitz die
+Erlösung aus dem Himmel seines Werkes in die Tiefe unserer Herzen fährt.
+Erst wenn die Spannung unerträglich geworden ist, zerreißt Dostojewski
+das epische Geheimnis und löst das zerspannte Gefühl in weiche,
+flutende, tränenfeuchte Empfindung.
+
+So feindlich, so wollüstig, so raffiniert leidenschaftlich umstellt,
+umfaßt Dostojewski seine Leser. Nicht im Ringkampf zwingt er sie
+nieder, sondern wie ein Mörder, der stundenlang und stundenlang sein
+Opfer umkreist, durchstößt er einem dann plötzlich mit einer spitzen
+Sekunde das Herz. So leidenschaftlich ist er im eigenen Aufruhr, daß
+man zweifelt, ihn noch einen Epiker nennen zu dürfen. Seine Technik ist
+eine explosive: er höhlt nicht kärrnerhaft, Schaufel um Schaufel, die
+Straße in sein Werk hinein, sondern von innen herauf mit einer ins
+kleinste geballten Kraft sprengt er die Welt auf und die erlöste
+Brust. Ganz unterirdisch sind seine Vorbereitungen, gleichsam eine
+Verschwörung, eine blitzartige Überraschung für den Leser. Nie weiß
+man, obwohl man fühlt, daß man einer Katastrophe entgegengeht, in
+welchen Menschen er die Stollen seiner Minengänge eingräbt, von welcher
+Seite, in welcher Stunde die furchtbare Entladung erfolgt. Von jedem
+einzelnen führt ein Schacht in den Mittelpunkt des Geschehens, jeder
+einzelne ist geladen mit dem Zündstoff der Leidenschaft. Wer aber den
+Kontakt zündet (zum Beispiel, wer von den vielen, die alle innerlich
+von den Gedanken vergiftet sind, den Fedor Karamasoff tötet), das ist
+mit einer unerhörten Kunst verborgen bis zum letzten Augenblick, denn
+Dostojewski, der alles ahnen läßt, verrät nichts von seinem Geheimnis.
+Man fühlt nur immer das Schicksal wie einen Maulwurf unter der Fläche
+des Lebens wühlen, fühlt, wie sich bis hart unter unser Herz die Mine
+vorschiebt, und vergeht, verzehrt sich in unendlicher Spannung bis zu
+den kleinen Sekunden, die wie ein Blitz die Schwüle der Atmosphäre
+zerschneiden.
+
+Und für diese kleinen Sekunden, für die unerhörte Konzentration des
+Zustandes benötigt der Epiker Dostojewski eine bisher ungekannte Wucht
+und Breite der Darstellung. Nur eine monumentale Kunst kann solch
+eine Intensität, eine solche Konzentration erzielen, nur eine Kunst
+urweltlicher Größe und mythischer Wucht. Hier ist Breite nicht
+Geschwätzigkeit, sondern Architektur: wie für die Spitzen der Pyramiden
+riesige Fundamente, sind für die spitzen Höhepunkte bei Dostojewski die
+gewaltigen Dimensionen seiner Romane notwendig. Und wirklich, wie die
+Wolga, der Dnjepr, die großen Ströme seiner Heimat, rollen diese Romane
+dahin. Etwas Stromhaftes ist ihnen allen zu eigen, langsam wogend
+rollen sie ungeheuere Mengen des Lebens heran. Auf ihren Tausenden und
+Tausenden Seiten schwemmen sie, gelegentlich die Ufer des künstlerischen
+Gestaltens übertretend, viel politisches Geröll und polemisches Gestein
+mit sich fort. Manchmal, wo die Inspiration nachläßt, haben sie auch
+breite, sandige Stellen. Schon scheinen sie zu versiegen. In stockendem
+Lauf winden sich mühsam durch Krümmungen und Wirrungen die Geschehnisse
+weiter, die Flut stagniert an den Sandbänken der Gespräche für Stunden,
+bis sie wieder dann die eigene Tiefe und den Schwung ihrer Leidenschaft
+findet.
+
+Aber dann, in der Nähe des Meeres, der Unendlichkeit, kommen plötzlich
+jene unerhörten Stellen der Stromschnelle, wo sich die breite Erzählung
+zum Wirbel zusammenballt, die Seiten gleichsam fliegen, das Tempo
+beängstigend wird, die Seele mitgerissen in den Abgrund des Gefühls
+hinpfeilt. Schon fühlt man die nahe Tiefe, schon donnert der
+Wassersturz her, die ganze breite schwere Masse ist plötzlich in
+schäumende Geschwindigkeit verwandelt, und wie die Strömung der
+Erzählung, gleichsam magnetisch vom Katarakt angezogen, der Katharsis
+zuschäumt, so sausen wir selbst unwillkürlich rascher durch diese
+Seiten und stürzen dann plötzlich in den Abgrund des Geschehens,
+gleichsam mit zerschmetterten Gefühlen.
+
+Und dieses Gefühl, wo gleichsam die ungeheuere Summe des Lebens in einer
+einzigen Ziffer gezogen ist, dieses Gefühl äußerster Konzentration,
+qualvoll und schwindlig zugleich, das er selbst einmal das »Turmgefühl«
+nennt, -- den göttlichen Wahnsinn, sich über die eigene Tiefe zu beugen
+und die Seligkeit des tödlichen Niedersturzes vorempfindend zu genießen
+-- dieses äußerste Gefühl, in dem man mit dem ganzen Leben auch noch
+den Tod empfindet, es ist immer auch die unsichtbare Spitze der großen
+epischen Pyramiden Dostojewskis. Alle Romane sind vielleicht nur
+geschrieben um dieser Augenblicke der weißglühenden Empfindung willen.
+Zwanzig oder dreißig solcher grandioser Stellen hat Dostojewski
+geschaffen, und alle sind sie von so unvergleichlicher Vehemenz der
+leidenschaftlichen Zusammenballung, daß sie einem nicht nur beim ersten
+Lesen, da sie einen gleichsam noch wehrlos überfallen, sondern noch beim
+vierten oder fünften Wiederholen wie eine Stichflamme durch das Herz
+fahren. Immer sind in diesem Augenblick plötzlich alle Menschen des
+ganzen Buches in einem Zimmer versammelt, immer alle in der äußersten
+Intensität ihres Eigenwillens. Alle Straßen, alle Ströme, alle Kräfte
+laufen magisch zusammen, lösen sich auf in einer einzigen Geste, einer
+einzigen Gebärde, einem einzigen Wort. Ich erinnere nur an die Szene in
+den »Dämonen«, wo die Ohrfeige Schatows mit ihrem »trockenen Schlag«
+das Spinnweb des Geheimnisses zerreißt, wie im »Idioten« Nastassja
+Philipowna die 100000 Rubel ins Feuer wirft, oder die Geständnisszene
+in »Raskolnikoff« und den »Karamasoff«. In diesen höchsten, schon nicht
+mehr stofflichen, in diesen ganz elementaren Momenten seiner Kunst
+gattet sich restlos Architektur und Leidenschaft. Nur in der Ekstase ist
+Dostojewski der einheitliche Mensch, nur in diesen kurzen Augenblicken
+der vollendete Künstler. Aber diese Szenen sind rein künstlerisch ein
+Triumph der Kunst über den Menschen ohnegleichen, denn erst rücklesend
+wird man gewahr, mit einer wie genialen Berechnung alle Anstiege zu
+diesem Höhepunkt geführt sind, mit welch wissender Verteilung hier
+Menschen und Umstände sich magisch ergänzen, wie die ungeheure
+Gleichung, die tausendstellige und verschränkte, sich plötzlich auflöst
+in die kleinste Zahl, die letzte, restlose Einheit des Gefühls: die
+Ekstase. Das ist das größte künstlerische Geheimnis Dostojewskis, alle
+seine Romane zu solchen Spitzen hinaufzubauen, in denen sich die ganze
+elektrische Atmosphäre des Gefühls sammelt und die den Blitz des
+Schicksals mit unfehlbarer Sicherheit in sich auffangen.
+
+Muß noch besonders auf den Ursprung dieser einzigartigen Kunstform
+hingewiesen sein, die vor Dostojewski keiner besessen und vielleicht
+nie ein Künstler in gleichem Maße besitzen wird? Muß es noch gesagt
+sein, daß dieses Aufzucken der gesamten Lebenskräfte zu einzigen
+Sekunden nichts anderes ist, als in Kunst verwandelte, sinnfällige Form
+seines eigenen Lebens, seiner dämonischen Krankheit? Nie ist das Leiden
+eines Künstlers fruchtbarer gewesen als diese künstlerische Verwandlung
+der Epilepsie, denn nie hat sich vor Dostojewski in der Kunst eine
+ähnliche Konzentration von Lebensfülle in das engste Maß von Raum
+und Zeit gebannt. Er, der am Semenowskiplatz gestanden, die Augen
+verschnürt, und in zwei Minuten sein ganzes vergangenes Leben noch
+einmal durchlebte, der bei jedem epileptischen Anfall in der Sekunde
+zwischen dem wankenden Taumel und dem harten Niedersturz vom Sessel
+auf den Boden Welten visionär durchirrt, nur er konnte diese Kunst
+erreichen, in eine Nußschale von Zeit einen Kosmos von Geschehnissen
+einzubetten. Nur er das Unwahrscheinliche solcher explosiver Sekunden
+so dämonisch ins Wirkliche zwingen, daß wir dieser Fähigkeit der
+Überwindung von Raum und Zeit kaum gewahr werden. Wahre Wunder der
+Konzentration sind seine Werke. Ich erinnere nur an ein Beispiel: Man
+liest den ersten Band des »Idioten«, der über 500 Seiten umfaßt. Ein
+Tumult von Schicksal hat sich erhoben, ein Chaos von Seelen ist
+durchflogen, eine Vielzahl von Menschen innerlich belebt. Man hat mit
+ihnen Straßen durchwandert, in Häusern gesessen, und plötzlich, bei
+zufälligem Besinnen, entdeckt man, daß diese ganze ungeheure Fülle von
+Geschehnissen in einem Ablauf von kaum zwölf Stunden vor sich ging, von
+Morgen bis Mitternacht. Ebenso ist die phantastische Welt der Karamasoff
+in bloß ein paar Tage, die Raskolnikoffs in eine Woche zusammengeballt,
+-- Meisterstücke der Gedrängtheit, wie sie ein Epiker noch nie und
+selbst das Leben nur in den seltensten Augenblicken erreicht. Einzig
+die antike Tragödie des Ödipus etwa, der in der engen Spanne von
+Mittag bis Abend ein ganzes Leben und das vergangener Generationen
+zusammendrängt, kennt diesen rasenden Niedersturz von Höhe zu Tiefe, von
+Tiefe zu Höhe, diese erbarmungslosen Wetterstürze des Geschicks, aber
+auch diese reinigende Kraft der seelischen Gewitter. Mit keinem epischen
+Werk läßt sich diese Kunst vergleichen, und darum wirkt Dostojewski
+immer in seinen großen Augenblicken als Tragiker, seine Romane gleichsam
+wie umhüllte, verwandelte Dramen; im letzten sind die Karamasoff Geist
+vom Geiste der griechischen Tragödie, Fleisch vom Fleische Shakespeares.
+Nackt steht in ihnen, wehrlos und klein, der riesige Mensch unter dem
+tragischen Himmel des Schicksals.
+
+Und seltsam, in diesen leidenschaftlichen Augenblicken der Niederstürze
+verliert plötzlich der Roman Dostojewskis auch seinen erzählerischen
+Charakter. Die dünne epische Umschalung schmilzt ab in der Hitze des
+Gefühls und verdunstet; nichts bleibt als der blasse weißglühende
+Dialog. Die großen Szenen in Dostojewskis Romanen sind nackte dramatische
+Dialoge. Man kann sie, ohne ein Wort beizufügen oder fortzulassen, auf
+die Bühne pflanzen, so festgezimmert ist jede einzelne Figur, so zur
+dramatischen Sekunde verdichtet sich in ihnen der breite strömende
+Gehalt der großen Romane. Das tragische Gefühl in Dostojewski, das immer
+zu Endgültigem drängt, zur gewaltsamen Spannung, zur blitzartigen
+Entladung, schafft in diesen Höhepunkten sein episches Kunstwerk
+scheinbar restlos zum dramatischen um.
+
+Was in diesen Szenen an dramatischer, ja theatralischer Schlagkraft
+enthalten ist, haben selbstverständlich die eilfertigen Theaterhandwerker
+und Boulevarddramatiker zuerst erkannt, lang vor den Philologen, und
+rasch einige robuste Theaterstücke aus dem »Raskolnikoff«, dem »Idioten«,
+den »Karamasoff« gezimmert. Aber hier hat sich erwiesen, wie kläglich
+solche Versuche scheitern, Figuren Dostojewskis von außen, von ihrer
+Körperlichkeit und ihrem Schicksal zu fassen, sie aus ihrer Sphäre, der
+Seelenwelt, zu heben und von der gewitternden Atmosphäre der rhythmischen
+Reizbarkeit abzulösen. Wie abgeschälte Baumstämme, nackt und leblos,
+wirken diese Figuren dramatisch im Vergleich zu ihrer lebendigen,
+raunenden, rauschenden Wipfelhaftigkeit, die an die Himmel rührt und
+jede doch mit tausend geheimen Nervenfäden im epischen Erdreich wurzelt.
+Ihr Aderwerk, breitfältig verästelt auf Hunderten von Seiten, zieht
+seine stärkste bildnerische Kraft aus dem Dunkel, aus Andeutung und
+Ahnung. Die Psychologie Dostojewskis ist keine für grelles Lampenlicht,
+sie spottet ihrer »Bearbeiter« und Vereinfacher. Denn in dieser epischen
+Unterwelt gibt es geheimnisvolle psychische Kontakte, Unterströmungen
+und Nuancierungen. Nicht aus sichtbaren Gesten, sondern aus tausend
+und tausend einzelnen Andeutungen bildet und formt sich bei ihm eine
+Gestalt, nichts Spinnwebzarteres kennt die Literatur, als dies seelische
+Netzwerk. Um einmal die Durchgängigkeit dieser subkutanen, gleichsam
+unter der Haut fließenden Unterströmungen der Erzählung zu empfinden,
+versuche man zur Probe einen Roman Dostojewskis in einer der gekürzten
+französischen Ausgaben zu lesen. Es fehlt anscheinend nichts darin: der
+Film der Geschehnisse rollt geschwinder ab, die Figuren erscheinen sogar
+agiler, geschlossener, leidenschaftlicher. Aber doch, sie sind irgendwo
+verarmt, ihrer Seele fehlt jener wunderbare irisierende Glanz, ihrer
+Atmosphäre die funkelnde Elektrizität, jene Schwüle der Spannung, die
+erst die Entladung so furchtbar und so wohltätig macht. Irgend etwas ist
+zerstört, das nicht wieder zu ersetzen ist, ein Zauberkreis gebrochen.
+Und gerade aus diesen Versuchen von Kürzungen und Dramatisierung
+erkennt man den Sinn der Breite bei Dostojewski, die Zweckhaftigkeit
+seiner scheinbaren Weitschweifigkeit. Denn die kleinen, flüchtigen,
+gelegentlichen Andeutungen, die ganz zufällig und überflüssig scheinen,
+sie haben Erwiderung hundert und hundert Seiten später. Unter der
+Oberfläche der Erzählung laufen solche Leitungen verborgener Kontakte,
+die Meldungen weitertragen, geheimnisvolle Reflexe tauschen. Es gibt bei
+ihm seelische Chiffrierungen, ganz winzige physische und psychische
+Zeichen, deren Sinn erst beim zweiten, beim dritten Lesen offenbar wird.
+Kein Epiker hat ein gleichsam so durchnervtes System des Erzählens, ein
+so unterirdisches Gewirr der Begebenheit unter dem Knochenwerk des
+Geschehnisses, unter der Haut des Dialogs. Und doch, System kann
+man es kaum nennen: nur mit der scheinbaren Willkürlichkeit und
+doch geheimnisvollen Ordnung des Menschen selbst läßt sich dieser
+psychologische Prozeß vergleichen. Während die anderen epischen
+Künstler, insbesondere Goethe, mehr die Natur als den Menschen
+nachzuahmen scheinen und das Geschehnis organisch wie eine Pflanze,
+bildhaft wie eine Landschaft genießen lassen, erlebt man einen Roman
+Dostojewskis wie die Begegnung mit einem sonderbar tiefen und
+leidenschaftlichen Menschen. Dostojewskis Kunstwerk ist urirdisch bei
+aller Ewigkeit, ein zweispältiges, wissendes, erregt leidenschaftliches
+Nervenwesen, immer gegorenes Fleisch und Hirn, nie ehernes Metall,
+reines ausgeglühtes Element. Es ist unberechenbar und unergründbar, wie
+die Seele es in den Grenzen ihrer Körperlichkeit ist, und unvergleichbar
+innerhalb der Formen der Kunst.
+
+Unvergleichbar: Bewunderung seiner Kunst, seiner seelischen Meisterschaft,
+sie ist jenseitig allen Maßes, und je tiefer man sich in sein Werk
+versenkt, desto unwahrscheinlicher und gewaltiger scheint ihre Größe.
+Damit soll keineswegs gesagt sein, daß diese Romane an sich alle
+vollendete Kunstwerke wären, ja sie sind es viel weniger als manche
+ärmere Werke, die engere Kreise ziehen und sich mit Schlichterem
+bescheiden. Der Maßlose kann das Ewige erreichen, aber nicht nachbilden.
+Viel ihrer unerhörten Architektonik ist von Leidenschaft verschwemmt,
+manche heroische Konzeption von Ungeduld zerstört. Aber diese Ungeduld
+Dostojewskis, sie führt von der Tragödie seiner Kunst in die seines
+Lebens zurück. Denn dies war äußeres Schicksal und nicht innere
+Leichtfertigkeit bei ihm ebenso wie bei Balzac, daß er getrieben war
+vom Leben zur Eiligkeit und zu sehr gehetzt, um die Werke vollendet zu
+gestalten. Man vergesse nicht, wie diese Werke entstanden sind. Immer
+war schon der ganze Roman verkauft, während Dostojewski noch das erste
+Kapitel schrieb, jede Arbeit eine Hetzjagd von Vorschuß zu neuem
+Vorschuß. »Wie ein alter Postgaul« arbeitend, auf der Flucht durch
+die Welt, fehlt es ihm manchmal an Zeit und Ruhe, die letzte Feile
+anzulegen, und er weiß es selbst, der Wissendste aller, und empfindet
+es wie Schuld! »Mögen sie doch sehen, in welchem Zustande ich arbeite.
+Sie verlangen von mir schlackenlose Meisterwerke, und aus bitterster,
+elendster Not bin ich zur Eile gezwungen«, schreit er erbittert auf.
+Er flucht Tolstoi und Turgenjew, die, gemächlich auf ihren Gütern
+sitzend, die Zeilen runden und ordnen können, und denen er um nichts
+sonst neidisch ist. Keine Armut scheut er persönlich, aber der
+Künstler, erniedrigt zum Proletarier der Arbeit, schäumt gegen die
+»Gutsherrnliteratur« aus der unbändigen Sehnsucht des Artisten, einmal
+in Ruhe, einmal in Vollendung gestalten zu können. Jeden Fehler in
+seinen Werken kennt er, er weiß, daß nach seinen epileptischen Anfällen
+die Spannung nachläßt, die straffe Hülle des Kunstwerks gleichsam
+undicht wird und Gleichgültiges einströmen läßt. Oft müssen ihn Freunde
+oder seine Frau auf grobe Vergeßlichkeiten aufmerksam machen, die er in
+jener Verdunklung der Sinne nach dem Anfall begeht, wenn er die
+Manuskripte liest. Dieser Proletarier, dieser Taglöhner der Arbeit,
+dieser Sklave des Vorschusses, der in der Zeit seiner ärgsten Not drei
+gigantische Romane hintereinander schreibt, ist innerlich der bewußteste
+Artist. Er liebt fanatisch die Goldschmiedearbeit, den Filigran der
+Vollendung. Noch unter der Peitsche der Not feilt und bosselt er
+stundenlang an einzelnen Seiten, zweimal vernichtet er den »Idioten«,
+obzwar seine Frau hungert und die Hebamme noch nicht bezahlt ist.
+Unendlich ist sein Wille zur Vollendung, aber auch die Not ist
+unendlich. Wieder ringen die beiden gewaltigsten Mächte um seine Seele,
+der äußere Zwang und der innere. Auch als Künstler bleibt er der große
+Zerspaltene der Zweiheit. Wie der Mensch in ihm ewig nach Harmonie und
+Ruhe, so dürstet der Künstler in ihm ewig nach Vollendung. Hier wie dort
+hängt er mit zerrissenen Armen am Kreuze seines Schicksals.
+
+Auch die Kunst also, auch sie, die Einzig-Eine, ist nicht Erlösung dem
+Gekreuzigten des Zwiespalts, auch sie Qual, Unruhe, Hast und Flucht,
+auch sie nicht Heimat dem Heimatlosen. Und die Leidenschaft, die ihn in
+die Gestaltung treibt, sie jagt ihn über die Vollendung hinaus. Auch
+hier wird er über die Vollendung gehetzt dem ewig Endlosen zu; mit
+ihren abgebrochenen Türmen, den nicht zu Ende gebauten (denn die
+Karamasoff ebenso wie der Raskolnikoff versprechen beide einen zweiten,
+nie geschriebenen Teil), ragen seine Romanbauten in den Himmel der
+Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen. Nennen wir sie nicht Roman
+mehr und werten wir sie nicht mit epischem Maß: sie sind längst nicht
+mehr Literatur, sondern irgendwie geheime Anfänge, prophetische
+Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom neuen Menschen. So
+sehr er die Kunst liebt, Dostojewski, sie ist ihm nicht das Letzte, und
+wie alle seine erlauchten russischen Ahnen empfindet er sie nur als
+Brücke des Bekenntnisses vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns nur:
+Gogol wirft nach den »Toten Seelen« die Literatur fort und wird
+Mystiker, geheimnisvoller Bote des neuen Rußlands, Tolstoi verflucht,
+ein Sechzigjähriger, die Kunst, die eigene und die fremde, und wird
+Evangelist der Güte und Gerechtigkeit, Gorki verzichtet auf den Ruhm
+und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat bis zur letzten
+Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er gestaltet, ist längst
+nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen engen Sinne, sondern das
+Evangelium des Dritten Reiches, irgendein Mythus der neuen russischen
+Welt, eine apokalyptische Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst war
+dem ewig Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein Ende war im Endlosen.
+Sie war ihm nur eine Stufe und nicht der Tempel selbst. In der
+Vollkommenheit seiner Werke ist noch ein Größeres, das sich in Worte
+nicht mehr gestaltet, und eben weil dies Letzte in ihnen nur geahnt und
+nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie Wege zur Vollendung
+des Menschen und der Menschheit.
+
+
+ DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN
+
+ »Daß du nicht enden kannst, das
+ macht dich groß.« Goethe
+
+Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten um die Gegenwart:
+wer ins Zukünftige will, muß sie überschreiten. Denn die Natur will
+kein Innehalten im Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und
+liebt doch nur den, der sie zerstört um einer neuen Ordnung willen.
+Immer schafft sie sich in einzelnen Menschen durch Übermaß ihrer
+eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die von den heimischen Ländern der
+Seele in die dunklen Ozeane des Unbekannten hinausfahren zu neuen Zonen
+des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne diese kühnen Überschreiter
+wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre Entwicklung ein Kreisgang.
+Ohne diese großen Boten, in denen sie sich gleichsam selbst vorauseilt,
+wäre jede Generation unkund ihres Weges. Ohne diese großen Träumer
+wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten Sinn. Nicht die ruhigen
+Erkenner, die Geographen der Heimat, haben die Welt weit gemacht,
+sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
+fuhren: nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben die moderne
+Seele in ihrer Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen unter den Dichtern,
+die Überschreiter der Grenzen.
+
+Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur ist Dostojewski
+in unseren Tagen der größte gewesen, und keiner hat so viel Neuland
+der Seele entdeckt als dieser Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach
+seinem eignen Wort »das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war
+wie die Erde selbst«. Nirgends hat er innegehalten, »überall habe ich
+die Grenze überschritten,« schreibt er stolz und selbstanklagend in
+einem Briefe, »überall«. Und unmöglich ist es fast, alle seine Taten
+aufzuzählen, die Wanderungen über die eisigen Grate des Gedankens, die
+Niederstiege zu den verborgensten Quellen des Unbewußten, die Aufstiege,
+die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege zu den schwindelnden
+Gipfeln des Selbsterkennens. Wo kein gewöhnlicher Weg war, er hat ihn
+beschritten, wo Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie
+hat die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die Mystik ihres
+seelischen Wesens erkannt, sie ist wacher und bewußter geworden in
+seinem Blick und gleichzeitig geheimnisvoller und göttlicher in seinem
+Gefühl. Ohne ihn, den großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die
+Menschheit weniger um ihr eingeborenes Geheimnis, weiter als je blicken
+wir von der Höhe seines Werkes in das Zukünftige hinein.
+
+Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste Ferne, die er
+uns auftat, war Rußland. Er hat seine Nation für die Welt entdeckt,
+unser europäisches Bewußtsein erweitert, als erster die Seele des
+Russen uns als Fragment und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen
+lassen. Vor ihm bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den Übergang
+gegen Asien, einen Fleck Landkarte, ein Stück Vergangenheit unserer
+eigenen barbarischen, überwundenen Kulturkindheit. Er aber zeigte als
+erster uns die zukünftige Kraft in dieser Öde, seit ihm fühlen wir
+Rußland als eine Möglichkeit neuer Religiosität, als ein kommendes Wort
+im großen Gedichte der Menschheit. Er hat das Herz der Welt so reicher
+gemacht um eine Erkenntnis und um eine Erwartung. Puschkin (der uns ja
+schlecht zugänglich ist, weil sein poetisches Medium in jeder Übertragung
+die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die russische Aristokratie
+gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, patriarchalischen bäurischen
+Menschen, die Wesen der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er
+entzündet uns die Seele mit der Verkündung neuer Möglichkeiten, erst er
+entflammt den Genius dieser neuen Nation und läßt uns fast sehnsüchtig
+werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und Seelenanfang seines
+Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten Europa einglühe.
+Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, daß wir alles, was wir
+von Rußland wußten, nur durch ihn wußten und daß er es uns möglich
+gemacht, dieses Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden.
+
+Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle Erweiterung des
+Weltwissens um die Idee Rußlands (denn diese hätte vielleicht schon
+Puschkin erreicht, wäre ihm nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die
+Brust gefahren) ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen
+Selbstwissens, die ohne Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski ist
+der Psychologe der Psychologen. Die Tiefe des menschlichen Herzens
+zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das Unterbewußte, das Unergründliche
+ist seine wahre Welt. Seit Shakespeare haben wir nicht soviel vom
+Geheimnis des Gefühls und den magischen Gesetzen seiner Verschränkung
+gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades wiederkehrte, von
+der unterirdischen Welt, erzählt er von der Unterwelt der Seele. Denn
+auch er, wie Odysseus, war begleitet von einem Gotte, von einem Dämon.
+Seine Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der gemeine
+Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd in Zustände der Angst
+und des Grauens, die schon jenseits des Lebens liegen, ließen ihn erst
+atmen in dieser bald frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten
+und Überlebendigen. Wie die Nachttiere in der Finsternis sehen, sieht
+er in den Dämmerzuständen klarer wie andere am lichten Tag. In den
+feurigen Elementen, wo andere verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige
+Wärme des Gefühls; er ist weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen
+und hat in der kranken gehaust und damit im tiefsten Geheimnis des
+Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn ins Gesicht geleuchtet, wie ein
+Mondsüchtiger ist er sicher über die Spitzen des Gefühls geschritten,
+von denen die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht abstürzen. Dostojewski
+ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten gedrungen als die Ärzte, die
+Juristen, die Kriminalisten und Psychopathen. Alles was die Wissenschaft
+erst später entdeckte und benannte, was sie in Experimenten gleichsam
+wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, alle die
+telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen Phänomene, hat
+er voraus geschildert aus jener mystischen Fähigkeit des hellseherischen
+Mitwissens und Mitleidens. Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des
+Geistes), bis an die Klippe des Verbrechens (den Exzeß des Gefühls)
+hat er den Phänomenen der Seele nachgespürt und unendliche Strecken
+seelischen Neulandes damit durchschritten. Eine alte Wissenschaft
+schlägt mit ihm das letzte Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt
+in der Kunst eine neue Psychologie.
+
+Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft der Seele hat ihre
+Methoden, auch die Kunst, die vorerst durch die Zeiten eine unendliche
+Einheit scheint, ewig neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des
+Wissens, Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung und
+Determinierung, und so wie etwa die Chemie durch Experimente die Anzahl
+der Urelemente, der anscheinend unteilbaren, immer mehr verringert hat
+und im scheinbar Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst
+die Psychologie durch immer weiter schreitende Differenzierung die
+Einheit des Gefühls in eine Unendlichkeit von Trieb und Widertrieb auf.
+Trotz aller vorausschauenden Genialität einiger einzelner Menschen ist
+eine Grenzlinie zwischen der alten Psychologie und der neuen nicht zu
+verkennen. Von Homer und weit bis nach Shakespeare gibt es eigentlich
+nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der Mensch ist noch Formel, eine
+Eigenschaft in Fleisch und Knochen: Odysseus ist listig, Achilles
+mutig, Ajax zornvoll, Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat
+dieser Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres Willens.
+Und noch Shakespeare, der Dichter an der Wende der alten und der neuen
+Kunst, zeichnet seine Menschen so, daß immer eine Dominante die
+widerstreitende Melodik ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es
+auch, der den ersten Menschen aus dem seelischen Mittelalter in unsere
+neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem Hamlet erschafft er die erste
+problematische Natur, den Ahnherrn des modernen differenzierten
+Menschen. Hier ist zum ersten Male im Sinne der neuen Psychologie der
+Wille durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der Selbstbetrachtung
+in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst wissende Mensch
+gestaltet, der zwiefach lebt, außen und innen zugleich, im Handeln
+denkend, im Denken sich verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum
+erstenmal sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen
+fühlen, freilich noch aus einer Dämmerung des Bewußtseins heraus: noch
+ist er, der Dänenprinz, umwoben vom Requisit einer abergläubischen
+Welt, noch wirken Zaubertränke und Geister auf seinen beunruhigten
+Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber doch, hier ist er schon vollendet,
+das ungeheuere psychologische Geschehnis der Verzweifachung des Gefühls.
+Der neue Kontinent der Seele ist entdeckt, die zukünftigen Forscher haben
+freie Bahn. Der romantische Mensch Byrons, Goethes, Shelleys, Child
+Harold und Werther, den leidenschaftlichen Widerspruch seines Wesens zur
+nüchternen Welt im ewigen Gegensatz empfindend, fördert durch seine
+Unruhe die chemische Zersetzung der Gefühle. Die exakte Wissenschaft
+gibt inzwischen noch manche wertvolle Einzelerkenntnis. Dann kommt
+Stendhal. Er weiß schon mehr als alle früheren von der kristallinischen
+Bildung der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit der
+Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen Widerstreit der Brust um jeden
+einzelnen ihrer Entschlüsse. Aber die seelische Trägheit seines Genies,
+die spaziergängerische Lässigkeit seines Charakters vermögen noch nicht
+die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen.
+
+Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der ewige Dualist,
+dringt ein in das Geheimnis. Er oder keiner schafft die vollkommene
+Analyse des Gefühls. Bei Dostojewski ist die Einheit des Gefühls in
+eine Masse zerrissen, als wäre seinen Menschen eine andere Seele
+eingebaut wie all den früheren. Die kühnsten Seelenanalysen aller
+Dichter vor ihm scheinen irgendwie oberflächenhaft neben seinen
+Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein Lehrbuch der Elektrotechnik
+wirken mag, das 30 Jahre alt ist, in dem eben nur die Anfangsgründe
+angedeutet und das Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist. Nichts ist
+in seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element -- alles
+Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, Übergangsform. In
+unendlicher Verkehrung und Verwirrung taumelt und schwankt die
+Empfindung zur Tat, ein rasender Tausch von Wille und Wahrheit
+schüttelt die Gefühle durcheinander. Immer meint man, schon am letzten
+Grunde eines Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu sein, und immer
+wieder deutet es wieder weiter zurück in ein anderes. Haß, Liebe,
+Wollust, Schwäche, Eitelkeit, Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht,
+alle Triebe sind ineinander verschlungen in ewigen Verwandlungen. Die
+Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in Dostojewskis Werk. Es
+gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach Reinheit, Verbrecher aus
+Gier nach der Reue, Mädchenschänder aus Verehrung der Unschuld,
+Gotteslästerer aus religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen begehren,
+tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein wie auf Erfüllung.
+Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, ist nichts anderes als eine
+verborgene Scham, ihre Liebe ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine
+verborgene Liebe. Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm
+Lüstlinge aus Gier nach dem Leiden und wieder Selbstquäler aus Gier nach
+der Lust, in rasendem Kreislauf dreht sich der Wirbel ihres Wollens. In
+der Begierde genießen sie schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in
+der Tat genießen sie die Reue und in der Reue wieder, rückfühlend, die
+Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und Unten, eine Vervielfachung der
+Empfindungen bei ihnen. Die Taten ihrer Hände sind nicht die ihrer
+Herzen, die Sprache ihrer Herzen wieder nicht die ihrer Lippen, jedes
+einzelne Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit. Nie
+wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des Gefühls zu fassen,
+nie einen Menschen im Netz eines Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne
+Fedor Karamasoff einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen,
+aber doch, ist nicht Swidrigailoff auch einer und jener namenlose
+Student in den »Werdenden«, und doch: welche Welt zwischen ihnen und
+ihren Gefühlen! Bei Swidrigailoff ist die Wollust eine kalte, seelenlose
+Ausschweifung, er ist der berechnende Taktiker seiner Unzucht.
+Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur
+Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer Trieb, sich in das Niederste
+des Lebens noch einzumengen, nur weil es Leben ist, sein Unterstes,
+seinen Absud noch zu genießen aus einer Ekstase der Vitalität. Jener ist
+Wollüstling aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, was bei diesem
+kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem eine chronische Entzündung.
+Swidrigailoff wieder ist der Mittelmensch der Wollust, der »Lasterchen«
+hat statt der Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der
+Sinne, und jener, der namenlose Student der »Werdenden«, wiederum ist
+Perversion geistiger Bosheit ins Sexuelle. Man sieht, Welten des Gefühls
+stehen zwischen diesen Menschen, die sonst ein einziger Begriff
+zusammenfaßt, und so wie hier die Wollust differenziert ist und aufgelöst
+in ihre geheimnisvollen Verwurzlungen und Komponenten, so ist bei
+Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer zurückgeführt in die letzte
+Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, in jenen letzten Gegensatz
+zwischen Ich und Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und Demut,
+Verschwendung und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft, zentripetale
+und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung oder Selbstvernichtung, Ich
+oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare nennen, wie es der Augenblick
+fordert, immer sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen
+Geist und Fleisch. Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden Vielfalt
+des Gefühls, von unserer seelischen Gemengtheit so viel gewußt.
+
+Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des Gefühls bei
+Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner Taten, daß er den
+Roman, ja die ganze Literatur, die seit Hunderten von Jahren, seit der
+Antike, immer nur in diesem Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als
+in den Urquell alles Seins gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch
+höher hinauf, in letzte Erkenntnisse geführt hat. Liebe, anderen
+Dichtern der Endzweck des Lebens, das Erzählungsziel des Kunstwerkes,
+ihm ist sie nicht Urelement, sondern nur Stufe des Lebens. Für die
+anderen dröhnt die glorreiche Sekunde der Versöhnung, der Ausgleich
+aller Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht und
+Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle lösen. Im letzten Grunde
+ist bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich
+primitiv im Vergleich zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an,
+ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie,
+unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des Lebens. Und der
+Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die Begehrte, er ist
+unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt sein ist der Himmel
+der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher.
+Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie noch nicht die
+Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich,
+sondern erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde und
+darum ein Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den
+gemeinen Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben,
+so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr
+durchschüttelt von allem Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick,
+da Liebe sich von Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht
+versinken in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern.
+Sie machen, echte Kinder seiner Entzweiung, nicht halt in dieser
+letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte Gleichung des Augenblicks
+(den alle anderen als den schönsten ersehnen), daß Geliebter und
+Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies
+Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das
+Grenzenlose. Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie
+geliebt werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein,
+derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger empfängt, und sie
+steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen des Gefühls, bis es
+gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als
+sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich,
+wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet werden,
+denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür
+verlangen, und darum ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß
+immer so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem Haß. Aber
+auch in den kurzen Intervallen, da sie einander gleichsam konzentriert
+lieben, ist die Einheit des Gefühls noch einmal gesprengt, denn nie
+können Dostojewskis Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften
+ihrer Sinne und Seele einander lieben. Sie lieben mit der einen oder
+mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist bei ihnen in Harmonie. Man
+sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie Kundrys, gleichzeitig in zwei
+Welten des Gefühles lebend, mit ihrer Seele dem heiligen Gral dienend
+und gleichzeitig wollüstig ihren Leib verbrennend in den Blumenhainen
+Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der kompliziertesten bei
+anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein selbstverständliches bei
+Dostojewski. Nastassja Philipowna liebt in ihrem spirituellen Wesen
+Myschkin, den sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit geschlechtlicher
+Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür reißt sie sich
+von dem Fürsten los in das Bett des anderen, vom Gelage des Trunkenen
+stürzt sie zurück zu ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und
+sieht erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper schläft
+gleichsam im hypnotischen Schlaf, während ihre Seele sich in Ekstase dem
+anderen zuwendet. Und ebenso Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt
+ihren ersten Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit
+ihrer Verehrung schon ganz unkörperlich Aljoscha. Die Mutter des
+»Jünglings« liebt aus Dankbarkeit ihren ersten Mann und gleichzeitig aus
+Sklaverei, aus übersteigerter Demut Wersiloff. Unendlich, unermeßlich
+sind die Verwandlungen des Begriffes, den die anderen Psychologen unter
+dem Namen »Liebe« leichtfertig zusammenfaßten, so wie Ärzte vergangener
+Zeiten ganze Gruppen von Krankheiten in einen Namen drängten, für die
+wir heute hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe kann bei
+Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), Mitleid (Dunia), Trotz
+(Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor Karamasoff), Selbstvergewaltigung,
+immer aber steht hinter der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl.
+Nie ist Liebe bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen,
+Wunder: immer erklärt, zerlegt er das leidenschaftlichste Gefühl. O,
+unendlich, unendlich diese Verwandlungen, und jede einzelne wieder in
+allen Farben schillernd, von Kälte zu Frost erstarrend und wieder
+erglühend, unendlich und undurchdringlich wie die Vielfalt des Lebens.
+Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht Dimitri auf einem
+Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt sie, und sie haßt ihn.
+Er nimmt Rache, er erniedrigt sie, -- und sie liebt ihn, oder eigentlich
+sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie
+opfert sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre
+eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie
+ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß
+fährt los auf sein Leben und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie
+es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart,
+ihre Erniedrigung gerächt ist, -- liebt sie ihn wieder! So kompliziert
+ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. Wie es vergleichen mit den
+Büchern, die schon bei der letzten Seite sind, wenn die beiden einander
+lieben und durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo die
+anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will
+nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph
+der Welt. Er knüpft wieder an die große Tradition der Antike an, wo
+nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle Götter zu
+bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war. Bei ihm hebt sich der
+Mensch wieder auf, nicht mit dem Blick zu den Frauen, sondern mit der
+offenen Stirne zu seinem Gott. Seine Tragödie ist größer als die von
+Geschlecht zu Geschlecht und vom Mann zum Weib.
+
+Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, in dieser
+restlosen Auflösung der Empfindung erkannt, so weiß man: es gibt von
+ihm keinen Weg wieder zurück ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft
+sein, so darf sie von nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des
+Gefühls aufstellen, die er zerschlagen, nie mehr den Roman in die
+kleinen Kreise der Gesellschaft und Gefühle sperren, nie mehr das
+geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten wollen, das er
+durchleuchtet. Als erster hat er uns die Ahnung des Menschen gegeben,
+die Wir als erste selbst sind, im Gegensatz zu der Vergangenheit,
+differenzierter im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis als alle
+früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel wir in den fünfzig Jahren
+seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher
+geworden sind, wie viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in
+unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, das er als
+erster beschritten, ist vielleicht schon unser Land, die Grenzen, die
+er überwunden, unsere sichere Heimat.
+
+Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt erleben, hat er
+uns prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe des Menschen ein neues Maß
+gegeben: nie hat ein Sterblicher vor ihm so viel vom unsterblichen
+Geheimnis der Seele gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen um
+uns selbst erweitert, so viel wir an ihm gelernt, nie verlernen wir an
+seiner Erkenntnis das hohe Gefühl, demütig zu sein und das Leben als
+etwas Dämonisches zu empfinden. Daß wir bewußter wurden durch ihn, hat
+uns nicht freier gemacht, sondern nur gebundener. Denn so wenig die
+modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als elektrisches Phänomen,
+als Spannung und Entladung der Atmosphäre erkennen und benennen, als
+minder gewaltig empfinden wie die vorherigen Geschlechter, so wenig
+kann unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im Menschen
+die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. Gerade Dostojewski, der
+alle Einzelheiten der Seele uns wissend zeigte, dieser große Zerleger,
+dieser Anatom des Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres
+Weltgefühl als alle Dichter unserer Zeit. Und der so tief den Menschen
+gekannt wie keiner vor ihm, hat wie keiner Ehrfürchtigkeit vor dem
+Unbegreiflichen, das ihn gestaltet: vor dem Göttlichen, vor Gott.
+
+
+ DIE GOTTESQUAL
+
+ »Gott hat mich mein ganzes Leben
+ lang gequält.« Dostojewski
+
+»Gibt es einen Gott oder nicht?« fährt Iwan Karamasoff in jenem
+furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger, den Teufel, an. Der
+Versucher lächelt. Er hat keine Eile zu antworten, die schwerste Frage
+einem gemarterten Menschen abzunehmen. »Mit grimmiger Hartnäckigkeit«
+dringt Iwan nun in seiner Gottesraserei auf den Satan ein: er soll, er
+muß ihm Antwort stehen in dieser wichtigsten Frage der Existenz. Aber
+der Teufel schürt nur den Rost der Ungeduld. »Ich weiß es nicht«,
+antwortet er dem Verzweifelten. Nur um den Menschen zu quälen, läßt er
+ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm die Gottesqual.
+
+Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er selbst haben diesen
+Satan in sich, der die Gottesfrage stellt und nicht beantwortet. Allen
+ist jenes »höhere Herz« gegeben, das fähig ist, sich mit diesen
+qualvollen Fragen zu quälen. »Glauben Sie an Gott«, herrscht Stawrogin,
+ein anderer, Mensch gewordener Teufel, plötzlich den demütigen Schatow
+an. Wie einen Brandstahl stößt er ihm die Frage mörderisch ins Herz.
+Schatow taumelt zurück. Er zittert, er wird bleich, denn gerade die
+Aufrichtigsten bei Dostojewski zittern vor diesem letzten Bekenntnis
+(und er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen Ängsten). Und erst
+wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt, stammelt er aus blassen
+Lippen die Ausflucht: »Ich glaube an Rußland.« Und nur um Rußlands
+willen bekennt er sich zu Gott.
+
+Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke Dostojewskis, der
+Gott in uns, der Gott außer uns und seine Erweckung. Als echtem Russen,
+dem größten und wesenhaftesten, den dies Millionenvolk gebildet, ist
+ihm nach seiner eigenen Definition diese Frage um Gott und die
+Unsterblichkeit die »wichtigste des Lebens«. Keiner seiner Menschen
+kann der Frage entweichen: sie ist ihm angewachsen als Schatten seiner
+Tat, bald ihnen vorauslaufend, bald ihnen als Reue im Rücken. Sie
+können ihr nicht entfliehen, und der einzige, der versucht, sie zu
+verneinen, dieser ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den
+»Dämonen«, muß sich selbst töten, um Gott zu töten -- und beweist
+damit, leidenschaftlicher als die anderen, seine Existenz und
+Unentrinnbarkeit. Man blicke doch auf seine Gespräche, wie die Menschen
+vermeiden wollen, von Ihm zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und
+ausbiegen: sie möchten immer gern unten bleiben im niedern Gespräch, im
+»small talk« des englischen Romans, sie reden von der Leibeigenschaft,
+von Frauen, von der Sixtinischen Madonna, von Europa, aber die
+unendliche Schwerkraft der Gottesfrage hängt sich an jedes Thema und
+zieht es schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede
+Diskussion bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken oder beim
+Gottesgedanken -- und wir sehen, daß diese beiden Ideen für ihn eine
+Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in
+ihren Gefühlen auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen
+unvermeidlich vom Praktischen und Tatsächlichen in das Abstrakte, vom
+Endlichen ins Unendliche, immer ans Ende. Und aller Fragen Ende ist die
+Gottesfrage. Sie ist der innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in
+sich reißt, der schwärende Splitter in ihrem Fleische, der ihre Seelen
+mit Fieber erfüllt.
+
+Mit Fieber. Denn Gott -- Dostojewskis Gott -- ist das Prinzip aller
+Unruhe, weil er, Urvater der Kontraste, zugleich das Ja und das Nein
+ist. Nicht wie auf den Bildern der alten Meister, in den Schriften der
+Mystiker ist er die sanfte Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches
+Erhobensein -- Dostojewskis Gott ist der springende Funke zwischen den
+elektrischen Polen der Urkontraste, er ist kein Wesen, sondern ein
+Zustand, ein Spannungszustand, ein Verbrennungsprozeß des Gefühls, er
+ist Feuer, ist die Flamme, die alle Menschen erhitzt und überkochen
+macht in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus ihrem warmen
+ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt in alle
+Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt in den brennenden
+Dornbusch ihrer Laster. Er ist, wie seine Menschen, wie der Mensch, der
+ihn schuf, ein ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt,
+kein Gedanke erschöpft, keine Hingabe befriedigt. Er ist der ewig
+Unerreichbare, ist aller Qualen Qual, und mitten aus Dostojewskis Brust
+bricht darum Kirillows Schrei: »Gott hat mich mein ganzes Leben lang
+gequält.«
+
+Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und findet ihn doch
+nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören, und schon umfaßt ihn
+seine Ekstase, da klirrt sein Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde.
+Keiner hat das Gottesbedürfnis stärker erkannt. »Gott ist mir deshalb
+notwendig,« sagt er einmal, »weil er das einzige Wesen ist, das man
+immer lieben kann«, und ein anderes Mal: »Es gibt keine unaufhörlichere
+und quälendere Angst für den Menschen, als etwas zu finden, vor dem er
+sich beugen kann.« Sechzig Jahre leidet er an dieser Gottesqual und
+liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt ihn mehr als alles, weil er
+das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den tiefsten Gedanken
+seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre kämpft er sich zu ihm und lechzt
+»wie trockenes Gras« nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine
+Einheit, der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene durch alle
+Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende den Ausgang, die
+Ruhe, das Meer. So träumt er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur
+als Feuer. Er möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen
+im Geiste, um in ihn eingehen zu können, möchte glauben können im
+Köhlerglauben, wie die »zehn Pud dicke Kaufmannsfrau«, möchte es
+aufgeben, der Wissendste, der Bewußte zu sein, um der Gläubige zu
+werden, wie Verlaine fleht er: »Donnez-moi de la simplicité.« Das
+Gehirn verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe, tierhaft
+dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich ihm entgegen, er tobt
+brünstig, er schreit, er wirft die Harpunen der Logik aus, ihn zu
+fassen, legt ihm die verwegensten Fuchsfallen der Beweise; wie ein
+Pfeil schießt seine Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach
+Gott ist seine Liebe, eine »fast unanständige Leidenschaft«, ein
+Paroxysmus, ein Überschwang.
+
+Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch glauben will?
+War Dostojewski, der beredteste Anwalt der Rechtgläubigkeit, der
+Pravoslavie selbst ein Bekenner, ein poeta christianissimus? Sicherlich
+in Sekunden: da zuckt sein Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er
+sich ein in Gott, da hält er die Harmonie, die irdisch versagte, in
+Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines Zwiespaltes, auferstanden in
+den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend etwas bleibt auch dann noch
+wach in ihm und schmilzt nicht hin im Seelenbrand. Während er schon
+ganz aufgelöst scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt jener
+grausame Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und mißt das Meer
+aus, in das er versinken will. Der unerbittliche Doppelgänger wehrt
+sich gegen die Aufgabe der Persönlichkeit. Auch im Gottesproblem klafft
+der unheilbare Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den
+kein Irdischer bisher zu solcher Spannweite des Abgrunds aufgerissen
+wie Dostojewski. Er ist der Gläubigste aller und der äußerste Atheist
+in einer Seele, er hat in seinen Menschen die polarsten Möglichkeiten
+beider Formen gleich überzeugend dargestellt (ohne sich selbst zu
+überzeugen, ohne sich selbst zu entscheiden), die Demut, sich
+hinzugeben, sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und andererseits
+das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: »Erkennen, daß ein Gott
+ist, und gleichzeitig erkennen, daß man nicht zum Gott geworden ist,
+wäre ein Unsinn, durch den man zum Selbstmord getrieben wird.« Und sein
+Herz ist bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner, bei
+Aljoscha und bei Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich nicht in dem
+unablässigen Konzil seiner Werke, bleibt bei den Bekennern und den
+Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja
+und Nein, den beiden Polen der Welt. Auch vor Gott bleibt Dostojewski
+der große Ausgestoßene der Einheit.
+
+So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur Höhe der
+Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der ewig Bemühte zu Gott,
+den er nie erreicht. Aber irre ich denn nicht: ist Dostojewski nicht
+den Menschen der große Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine
+Werke der große orgelnde Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle seine
+politischen, seine literarischen Schriften einhellig diktatorisch,
+unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine Existenz, dekretieren sie denn
+nicht die Rechtgläubigkeit, verwerfen sie nicht den Atheismus als das
+äußerste Verbrechen? Aber man verwechsle hier nicht Wille mit Wahrheit,
+nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens. Dostojewski, der
+Dichter der ewigen Umkehrung, dieser fleischgewordene Kontrast, predigt
+den Glauben als Notwendigkeit, predigt ihn um so inbrünstiger den
+anderen als -- er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen,
+sicheren, ruhenden, vertrauenden Glaubens, der »geklärte Begeisterung«
+als höchste Pflicht formuliert). Von Sibirien schreibt er an eine Frau:
+»Ich will Ihnen von mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein
+Kind des Unglaubens und des Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja,
+ich weiß es bestimmt, daß ich es bis an mein Lebensende bleiben werde.
+Wie entsetzlich quälte mich und quält mich auch jetzt die Sehnsucht
+nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr ich Gegenbeweise
+habe.« Nie hat er es klarer gesagt: er hat Sehnsucht nach dem Glauben
+aus Glaubenslosigkeit. Und hier ist eine jener erhabenen Umwertungen
+Dostojewskis: eben weil er =nicht= glaubt und die Qual dieses
+Unglaubens kennt, weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual immer
+nur für sich liebt und Mitleid hat mit den andern -- darum predigt er
+den andern den Glauben an einen Gott, den er selbst nicht glaubt.
+Der Gottgequälte will eine gottselige Menschheit, der schmerzlich
+Glaubenslose die glücklich Gläubigen. An das Kreuz seines Unglaubens
+genagelt, predigt er dem Volke die Orthodoxie, er vergewaltigt seine
+Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt, und predigt
+die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen Bauernglauben. Er,
+der »kein Senfkorn Glauben hat«, der gegen Gott revoltierte und, wie er
+selbst stolz sagte, »den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt hat,
+wie niemand in Europa«, er verlangt die Unterwürfigkeit unter das
+Popentum. Um die Menschen vor der Gottesqual zu behüten, die er wie
+keiner im eigenen Fleische erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn
+er weiß: »Das Schwanken, die Unruhe des Glaubens -- das ist für einen
+gewissenhaften Menschen eine solche Qual, daß es besser ist, sich zu
+erhängen.« Er selbst ist ihr nicht ausgewichen, als Märtyrer hat er
+den Zweifel auf sich genommen. Aber der Menschheit, der unendlich
+geliebten, will er ihn ersparen, wie sein Großinquisitor will er der
+Menschheit die Qual der Gewissensfreiheit sparen und sie einwiegen in
+den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt hochmütig die
+Wahrheit seines Wissens zu verkünden, die demütige Lüge eines Glaubens.
+Er verschiebt das religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus
+des göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet er auf
+die Frage: »Glauben Sie an Gott?« in der aufrichtigsten Konfession
+seines Lebens: »Ich glaube an Rußland.«
+
+Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung: Rußland.
+Hier ist sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier wird es Dogma. Gott hat
+ihm geschwiegen: so schafft er sich als Mittler zwischen sich und
+dem Gewissen selbst einen Christus, den neuen Verkünder einer neuen
+Menschheit, den russischen Christus. Aus der Wirklichkeit, aus der
+Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis einem Unbestimmten
+entgegen -- denn nur einem Unbestimmten, einem Grenzenlosen kann dieser
+Maßlose sich ganz hingeben -- in die ungeheuere Idee Rußland, in
+dieses Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner Gläubigkeit. Ein
+anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus, ohne ihn
+geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem Namen, in Rußlands Namen
+für die Welt.
+
+Diese seine messianischen Schriften -- es sind die politischen Aufsätze
+und manche Ausbrüche der Karamasoff -- sind dunkel. Verworren
+enttaucht ihnen dieses neue Christusantlitz, der neue Erlösungs- und
+Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen,
+strengen Falten. Wie von den alten rauchgeschwärzten Ikonen starren
+fremde stechende Augen uns an, Inbrunst, unendliche Inbrunst in sich,
+aber auch Haß und Härte. Und furchtbar ist Dostojewski selbst, wenn
+er diese russische Erlösungsbotschaft uns Europäern wie verlorenen
+Heiden kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch, das
+byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so steht der Politiker,
+der religiöse Fanatiker uns gegenüber. Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter
+in mystischen Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre,
+in dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose Leidenschaft.
+Mit Keulen schlägt er jeden Einwand nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit
+Hochmut, funkelnd von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht
+vor seinem Munde, und mit zitternden Händen schleudert er den Exorzismus
+über unsere Welt.
+
+Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her über die
+Heiligtümer der europäischen Kultur. Alles stampft er nieder, der große
+Tobsüchtige, von unseren Idealen, um seinem neuen, dem russischen
+Christus, den Weg zu bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine
+moskowitische Unduldsamkeit. Europa, was ist es? Ein Kirchhof, mit
+teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von Fäulnis, nicht
+einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die blüht einzig aus russischer
+Erde. Die Franzosen -- eitle Laffen, die Deutschen -- ein niedriges
+Wurstmachervolk, die Engländer -- Krämer der Vernünftelei, die Juden --
+stinkender Hochmut. Der Katholizismus -- eine Teufelslehre, eine
+Verhöhnung Christi, der Protestantismus -- ein vernünftlerischer
+Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig wahren Gottesglaubens: der
+russischen Kirche. Der Papst -- der Satan in der Tiara, unsere Städte
+-- Babylon, die große Hure der Apokalypse, unsere Wissenschaft -- ein
+eitles Blendwerk, Demokratie -- die dünne Brühe weicher Gehirne,
+Revolution -- ein loses Bubenstück von Narren und Genarrten, Pazifismus
+-- ein Altweibergeschwätz. Alle Ideen Europas ein verblühter,
+verwelkter Blumenstrauß, gut genug, in die Jauche geschmissen zu
+werden. Nur die russische Idee ist die einzig wahre, einzig große,
+einzig richtige. Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber weiter,
+jeden Einwand mit dem Dolche niederstoßend: »Wir verstehen euch, aber
+ihr versteht nicht uns« -- schon bricht jede Diskussion blutend
+zusammen. »Wir Russen sind die Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten«,
+dekretiert er. Rußland allein ist richtig und alles in Rußland, der Zar
+und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika und die Ikone, und um so
+richtiger, je mehr es antieuropäisch, asiatisch, mongolisch, tatarisch,
+um so richtiger, als es konservativ, rückständig, unfortschrittlich,
+ungeistig, byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der große
+Übertreiber! »Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten«, jauchzt er auf.
+»Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber
+nach Sibirien, das neue Rußland ist das Dritte Reich.« Diskussion
+darüber duldet dieser gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder
+die Vernunft! Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu bekennen
+ist. »Man versteht Rußland nicht mit der Vernunft, sondern mit dem
+Glauben.« Wer ihm nicht in die Knie stürzt, ist der Feind, der
+Antichrist: Kreuzzug wider ihn! Hell schmettert er in die Fanfare des
+Krieges. Zerstampft muß Österreich werden, der Halbmond von der Hagia
+Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt, England besiegt
+-- ein wahnwitziger Imperialismus hüllt seinen Hochmut in mönchische
+Kutte und ruft: 'Dieu le veut.' Um des Gottesreiches willen die ganze
+Welt für Rußland.
+
+Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir sind die Heiden.
+Nichts errettet uns Verworfene aus dem Fegefeuer unserer Schuld: wir
+haben die Erbsünde begangen, keine Russen zu sein. Unserer Welt ist
+kein Raum in diesem neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische
+Welt untergehen im russischen Weltreiche, im neuen Gottesreiche, dann
+erst kann sie erlöst werden. Wörtlich sagt er: »Jeder Mensch muß
+vorerst Russe werden.« Dann erst beginnt die neue Welt. Rußland ist das
+Gottträgervolk: erst muß es noch mit dem Schwerte die Erde erobern,
+dann erst wird es sein »letztes Wort« der Menschheit sagen. Und dieses
+letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung. Für ihn besteht das
+russische Genie in der Fähigkeit, alles zu verstehen, alle Gegensätze
+zu lösen. Der Russe ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im
+höchsten Sinn. Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche sein,
+die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung statt der
+Unterordnung. Und es klingt wie ein Prolog zu den Ereignissen dieses
+Krieges (der in seinem Anbeginn so genährt war von seinen Ideen, wie in
+seinem Ende von jenen Tolstois), wenn er sagt: »Wir werden die ersten
+sein, die der Welt verkünden, daß wir nicht durch Unterdrückung der
+Persönlichkeit und fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen
+wollen, sondern im Gegenteil letzteres nur in der freiesten und
+selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der brüderlichen
+Vereinigung suchen.« Lenin und Trotzky sind in dieser Verheißung,
+gleichzeitig aber auch der Krieg, den er, der ewige Anwalt des Anspannens
+aller Gegensätze, so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als
+Ziel, aber Rußland als der einzige Weg -- »von Osten her wird die Erde
+erschaffen«. Über die Berge des Ural wird das ewige Licht aufsteigen und
+das schlichte Volk, nicht der wissende Geist, nicht die europäische
+Kultur, mit seinen dunklen Geheimnissen der Erde verbundenen Kräften
+unsere Welt erlösen. Statt der Macht wird die werktätige Liebe sein,
+statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche Gefühl,
+der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung bringen, die
+Auflösung der Gegensätze. Und der Tiger wird neben dem Lamme weiden und
+der Rehbock neben dem Löwen -- wie zittert Dostojewskis Stimme, wenn er
+vom Dritten Reich spricht, vom Allrußland der Erde, wie bebt er selbst
+in der Ekstase der Gläubigkeit, wie wunderbar ist er, der Wissendste
+aller Wirklichkeiten, in seinem messianischen Traum.
+
+Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein träumt Dostojewski
+diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung der Gegensätze, die er
+in seinem Leben, in der Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre
+vergeblich gesucht. Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder
+das mystische, das politische oder das prophetische? Wie immer bei
+Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich, von einem Leidenschaftlichen
+Logik zu verlangen und von einem Dogma seine Begründung. In den
+messianischen Schriften Dostojewskis, den politischen, den literarischen
+Werken, taumeln die Begriffe wie rasend durcheinander. Bald ist Rußland
+Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des Großen, bald das neue
+Rom, die Vereinigung des Geistes und der Macht, Tiara und Kaiserkrone,
+seine Hauptstadt bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das neue
+Jerusalem. Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln brüsk mit
+machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten, politische Horoskope von
+verblüffender Treffsicherheit mit phantastischen apokalyptischen
+Verheißungen. Bald jagt er den Begriff Rußland in die Enge der
+politischen Stunde, bald schnellt er ihn in das Grenzenlose empor --
+auch hier wie im Kunstwerk die gleiche zischende Mischung von Wasser und
+Feuer, von Realismus und Phantastik offenbarend. Der Dämonische in ihm,
+der rasende Übertreiber, in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen,
+hier lebt er sich aus in pythischen Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst
+seiner glühenden Leidenschaft predigt er Rußland als das Heil der Welt,
+die alleinmachende Seligkeit. Nie ward eine Nationalidee hochmütiger,
+genialer, werbender, verführender, berauschender, ekstatischer Europa
+als Weltidee verkündet, wie die russische in den Büchern Dostojewskis.
+
+Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint dieser Fanatiker
+seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische russische Mönch,
+dieser hochmütige Pamphletist, dieser unwahrhaftige Bekenner. Aber
+gerade er ist notwendig für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit.
+Wo immer wir bei Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen wir
+seine Notwendigkeit im Kontrast suchen. Vergessen wir nicht: Dostojewski
+ist immer ein Ja und Nein, die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung,
+der zur Spitze getriebene Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut
+ist nur das Widerspiel einer übertriebenen Demut, sein gesteigertes
+Volksbewußtsein nur das polare Empfinden seines überreizten persönlichen
+Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet sich gleichsam selbst in zwei
+Hälften: in Stolz und in Demut. Seine Persönlichkeit erniedrigt er: man
+durchsuche die zwanzig Bände seines Werks nach einem einzigen Worte der
+Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur Selbstverkleinerung findet
+man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung. Und alles, was er an Stolz
+besitzt, gießt er aus in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles was
+seiner isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem
+Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt, erhebt er zur
+Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott wird er Gottesprediger, aus dem
+Unglauben an sich der Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch
+im Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz schlägt,
+um die Idee zu erlösen.
+
+Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar zu werden. Ihn
+ausspannen ins Unendliche, damit er die ganze Welt umfasse, und dann die
+ihm entspringende Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen
+ihr Ideal gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit, indem sie
+sich selbst nachbilden, gereinigt, verklärt, verbessert, erhoben, indem
+sie den zukünftigen Menschen gewissermaßen als den geläuterten Typus
+ihrer selbst betrachten. Dostojewski, der Gegensatzmensch, der
+schöpferische Dualist, bildet sein Ideal, seinen Gott, durch die
+Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den Lebendigen, zum
+Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus dem die neue Form
+gegossen wird, seinem Links entspricht ein Rechts im zukünftigen Bilde,
+seiner Tiefe eine Erhebung, seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem
+Zwiespalt eine Einheit. »Möge ich selbst untergehen, wenn nur die andern
+glücklich sind« -- das Wort seines Staretz verwandelt er in Geist. Er
+vernichtet sich, um in dem zukünftigen Menschen aufzuerstehen.
+
+Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht ist. Zu fühlen,
+wie er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht denkt. Zu leben, wie er
+nicht lebt. Bis in das Kleinste, Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner
+individuellen Form entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen
+Wesens ein Licht gebildet, aus jedem Dunkel ein Glanz. Aus dem Nein
+zu sich selbst schafft er das Ja, das leidenschaftliche zur neuen
+Menschheit. Bis ins Körperliche hinein setzt sich diese beispiellose
+moralische Verurteilung seines Selbst zugunsten des zukünftigen Wesens
+fort, die Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen willen. Man
+nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske und lege sie
+neben die Bilder jener Menschen, in denen er sein Ideal geformt: neben
+Aljoscha Karamasoff, neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin,
+diese drei Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die er
+entworfen. Und bis ins Kleinste wird hier jede Linie Gegensatz sagen
+und Kontrast zu ihm selbst. Dostojewskis Gesicht ist düster, erfüllt
+von Geheimnissen und Dunkelheit, jener Antlitz ist heiter und von
+friedlicher Offenheit, seine Stimme heiser und abrupt, die jener
+Menschen sanft und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen
+tief und unruhig -- jener Antlitz ist hell und umrahmt von sanften
+Strähnen, ihr Auge glänzt ohne Unruhe und Angst. Ausdrücklich sagt er
+von ihnen, daß sie geradeaus schauen und ihr Blick das süße Lächeln
+von Kindern hat. Seine Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen
+Falten des Hohnes und der Leidenschaft, sie verstehen nicht zu lachen
+-- Aljoscha, Sossima haben das freie Lächeln des selbstsichern Menschen
+über den weißen Zähnen blinken. Zug um Zug setzt er so sein eigenes Bild
+als Negativ gegen die neue Form. Sein Antlitz ist das eines gebundenen
+Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet von Gedanken --
+das ihre drückt die innere Freiheit aus, die Hemmungslosigkeit, die
+Schwebe. Er ist Zerrissenheit, Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit.
+Er der Ichmensch, der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von
+allen Enden seines Wesens in Gott überströmt.
+
+Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung -- nie
+war sie vollkommener in allen Sphären des Geistigen und des Sittlichen.
+Aus Selbstverurteilung, gleichsam, indem er sich die Adern seines
+Wesens aufschneidet, mit dem eigenen Blute malt er das Bild des
+zukünftigen Menschen. Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige,
+der Mensch der kurzen tigerhaften Ansprünge, seine Begeisterung eine
+aus der Explosion der Sinne oder der Nerven aufschießende Stichflamme
+-- jene sind die sanft, aber stetig bewegte, keusche Glut. Sie haben
+die stille Beharrlichkeit, die weiter reicht als die wilden Sprünge
+der Ekstase, sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit
+fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten und Beleidigten,
+die Gehemmten und Verkrümmten. Mit jedem können sie sprechen, und jeder
+fühlt Beruhigung an ihrer Gegenwart -- sie haben nicht die ewige
+Hysterie der Angst, zu kränken oder gekränkt zu werden, sie blicken
+nicht bei jedem Schritt fragend um sich. Gott quält sie nicht mehr, er
+befriedet sie. Sie wissen um alles, aber eben weil sie alles wissen,
+verstehen sie auch alles, sie richten nicht und sie verurteilen nicht,
+sie grübeln nicht nach den Dingen, sondern glauben sie dankbar.
+Seltsam: er, der ewig Beunruhigte, sieht in dem gelassenen, geklärten
+Menschen die höchste Form des Lebens, der Zwiespältige postuliert als
+letztes Ideal die Einheit, der Empörer die Unterwerfung. Seine
+Gottesqual ist in ihnen Gotteslust geworden, seine Zweifel Gewißheit,
+seine Hysterie Gesundung, sein Leid ein allumfassendes Glück. Das
+Letzte und Schönste der Existenz ist für ihn, was er selbst, der
+Bewußte und Überbewußte, nie gekannt und was er darum für den Menschen
+als das Erhabenste ersehnt: Naivität, Kindlichkeit des Herzens, die
+sanfte, die selbstverständliche Heiterkeit.
+
+Sehet seine liebsten Menschen, wie sie schreiten: ein sanftes Lächeln
+ist auf ihren Lippen, um alles wissen sie und haben doch keinen Stolz,
+sie leben im Geheimnis des Lebens nicht wie in einer feurigen Schlucht,
+sondern schlagen es blau wie einen Himmel um sich. Sie haben die
+Urfeinde der Existenz, sie haben »Schmerz und Angst besiegt« und sind
+darum gottselig geworden in der unendlichen Brüderschaft der Dinge. Sie
+sind erlöst von ihrem Ich. Höchstes Glück der Erdenkinder ist die
+Unpersönlichkeit -- so verwandelt der höchste Individualist die
+Weisheit Goethes in einen neuen Glauben.
+
+Kein Beispiel kennt die Geschichte des Geistes einer ähnlichen
+moralischen Selbstvernichtung innerhalb eines Menschen, ähnlich
+fruchtbarer Erschaffung des Ideals aus dem Kontrast. Märtyrer seiner
+selbst, hat Dostojewski sich ans Kreuz geschlagen: sein Wissen, daß
+es den Glauben bezeuge, seinen Körper, daß er durch Kunst den neuen
+Menschen zeuge, seine Eigenheit um der Allheit willen. Er will seinen
+eigenen Untergang als Typus, damit eine glücklichere bessere Menschheit
+entstehe: alles Leiden nimmt er auf sich um das Glück der andern willen.
+Und der sich sechzig Jahre gespannt zur schmerzhaftesten Weite seines
+Gegensatzes, zerwühlt zu allen Tiefen seines Wesens, damit er Gott und
+damit den Sinn des Lebens finde -- er wirft die gehäufte Erkenntnis weg
+für eine neue Menschheit, der er sein tiefstes Geheimnis sagt, die
+letzte Formel, seine unvergeßlichste: »Das Leben mehr lieben als den
+Sinn des Lebens.«
+
+
+ VITA TRIUMPHATRIX
+
+ »Wie es auch war, das Leben, es ist schön.«
+ Goethe
+
+Wie dunkel der Weg durch Dostojewskis Tiefe, wie düster seine
+Landschaft, wie drückend seine Unendlichkeit, geheimnisvoll ähnlich
+seinem tragischen Antlitz, das allen Schmerz des Lebens in sich
+gemeißelt! Abgründige Höllenkreise des Herzens, purpurne Fegefeuer der
+Seele, der tiefste Schacht, den irdische Hand jemals in die Unterwelt
+des Gefühles hinabstieß. Wieviel Dunkel in dieser Menschenwelt, wieviel
+Leiden in diesem Dunkel! O welche Trauer auf seiner Erde, dieser Erde,
+»die mit Tränen getränkt ist bis zu ihrer untersten Kruste«, welche
+Höllenkreise in ihrer Tiefe, finsterer als Dante, der Seher, sie vor
+einem Jahrtausend erschaut. Unerlöste Opfer ihrer Irdischkeit, Märtyrer
+eigenen Gefühles, umschlungen von den Schlangen ihrer Leidenschaft,
+gequält von allen Geißeln des Geistes, schäumend im Schwall ohnmächtiger
+Empörung, o welche Welt, diese Welt Dostojewskis! Vermauert alle Freude,
+verbannt alle Hoffnung, ohne Rettung vor dem Leiden, das, unendlich
+getürmte Mauer, um alle seine Opfer steht! -- Kann kein Mitleid sie
+erlösen, seine Menschen, aus ihrer eigenen Tiefe, sprengt keine
+apokalyptische Stunde diese Hölle, die ein Gottesmensch schuf aus
+seiner Qual?
+
+Tumult und Klage strömt aus dieser Tiefe, wie nie die Menschheit sie
+erhört. Nie war mehr Dunkelheit über einem Werk. Selbst Michelangelos
+Gestalten sind linder in ihrer Trauer, und über Dantes Tiefe glänzt der
+Paradiese seliger Schein. Ist wirklich das Leben nur ewige Nacht in
+Dostojewskis Werk und Leiden der Sinn alles Lebens? Zitternd beugt sich
+die Seele über den Abgrund und schauert, nur Qual und Klage zu hören
+von ihren Brüdern.
+
+Aber da schwebt ein Wort aus der Tiefe, sanft im Getümmel und doch hoch
+sie überschwebend, wie eine Taube aufschwebt über stürmendem Meer.
+Sanft ist es gesprochen, und groß ist sein Sinn, selig das Wort: »Meine
+Freunde, fürchtet das Leben nicht.« Und es ist ein Schweigen aus diesem
+Wort, schauernd lauscht die Tiefe, und sie schwebt, sie überschwebt
+alle Qualen, die Stimme, da sie spricht: »Nur durch Qual können wir das
+Leben lieben lernen.«
+
+Wer spricht dies tröstendste Wort des Leidens? Der Leidendste aller, er
+selbst, Dostojewski. Noch sind die gespreiteten Hände geschlagen an das
+Kreuz seines Zwiespalts, noch stehen die Nägel der Qual in seinem
+brüchigen Leibe, aber demütig küßt er das Marterholz dieser Existenz,
+und die Lippen sind sanft, wie sie zu den Mitbrüdern das große
+Geheimnis sagen: »Ich glaube, wir alle müssen erst das Leben lieben
+lernen.«
+
+Und anbricht der Tag aus seinen Worten, apokalyptische Stunde.
+Aufspringen die Gräber und Kerker: aus der Tiefe stehen sie auf, die
+Toten und Verschlossenen, alle, alle treten sie heran, Apostel seines
+Wortes zu sein, aus ihrer Trauer erheben sie sich. Aus den Kerkern
+drängen sie her, aus der Katorga Sibiriens, klirrend in Ketten, aus
+Winkelstuben, Bordellen und Klosterzellen, sie alle, die großen
+Leidenden der Leidenschaft; noch klebt das Blut an ihren Händen, noch
+brennt ihr geknuteter Rücken, noch sind sie nieder in Zorn und Gebrest,
+aber schon ist die Klage zerbrochen in ihrem Munde, und ihre Tränen
+funkeln von Zuversicht. O ewiges Wunder Bileams, Fluch wird Segnung auf
+ihrer brennenden Lippe, da sie das Hosianna des Meisters hören, das
+Hosianna, das »durch alle Fegefeuer des Zweifels gegangen«. Die
+Finstersten sind die ersten, die Traurigsten die Gläubigsten, alle
+drängen sie vor, dies Wort zu bezeugen. Und aus ihren Mündern, den
+rauhen und verlechzten, schäumt als großer Choral der Hymnus des
+Leidens, der Hymnus des Lebens mit der Urgewalt der Ekstase. Alle, alle
+sind sie zur Stelle, die Märtyrer, das Leben zu lobpreisen. Dimitri
+Karamasoff, der unschuldig Verdammte, Ketten an den Händen, jauchzt aus
+der Fülle seiner Kraft: »Alles Leid werde ich überwinden, um mir nur
+sagen zu können: 'ich bin'. Wenn ich mich auch auf der Folterbank
+krümme, so weiß ich doch, 'ich bin', angeschmiedet auf die Galeere,
+sehe ich noch die Sonne, und wenn ich sie auch nicht sehe, so lebe ich
+doch und weiß, daß sie ist.« Und Iwan, der Bruder, tritt ihm zur Seite
+und kündet: »Es gibt kein unwiderrufliches Unglück als Totsein.« Und
+wie ein Strahl dringt die Ekstase der Existenz in seine Brust, und er
+jubelt, der Gottesleugner: »Ich liebe dich, Gott, denn groß ist das
+Leben.« Aus den Sterbekissen hebt sich, gefalteter Hand, der ewige
+Zweifler Stefan Trofimowitsch auf und stammelt: »O wie gerne würde ich
+wieder leben wollen. Jede Minute, jeder Augenblick muß eine Seligkeit
+des Menschen sein.« Immer heller, immer reiner, immer erhobener werden
+die Stimmen. Fürst Myschkin, der Verwirrte, getragen von den schwankenden
+Flügeln seiner schweifenden Sinne, breitet die Arme und schwärmt: »Ich
+begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, ohne glücklich
+zu sein, daß er ist und daß man ihn liebt ... wieviel wundervolle Dinge
+gibt es doch auf jedem Schritt dieses Lebens, Dinge, die selbst der
+Verworfenste noch als wundervoll empfindet.« Der Staretz Sossima
+predigt: »Die Gott und das Leben verfluchen, verfluchen sich selbst ...
+Wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis Gottes in
+allen Dingen offenbaren, und schließlich wirst du die ganze Welt mit
+allumfassender Liebe umspannen.« Und selbst der »Mensch aus der
+Winkelgasse«, der kleine verschüchterte Namenlose in seinem verschabten
+Mäntelchen, drängt heran und entbreitet die Arme: »Das Leben ist
+Schönheit, nur im Leiden ist Sinn, o wie schön ist das Leben!« Der
+»lächerliche Mensch« bricht auf aus seinem Traum, »das Leben, das große,
+zu verkünden«, alle, alle kriechen sie wie Gewürm aus den Winkeln ihres
+Wesens, um mitzusprechen im großen Choral. Keiner will sterben, keiner
+das Leben lassen, das heilig geliebte, keines Leiden ist so tief, daß er
+es mit dem Tode noch tauschte, dem ewigen Widerpart. Und diese Hölle,
+Dunkelheit der Verzweiflung, hallt plötzlich an ihren harten Wänden
+Lobgesang des Schicksals wider, aus Fegefeuern entbrennt fanatische Glut
+der Dankbarkeit. Licht, unendliches Licht strömt ein, der Himmel
+Dostojewskis bricht über die Erde, und rauschend über alle dröhnt das
+letzte Wort, das Dostojewski schrieb, das Wort der Kinder bei der Rede
+am großen Stein, der heilig barbarische Ruf: »Hurra das Leben!«
+
+O Leben, wunderbares, das du dir mit wissendem Willen Märtyrer schaffst,
+auf daß sie dich lobsingen, o Leben, weise-grausames, das du die Größten
+dir hörig machst mit Leiden, damit sie deinen Triumph verkünden! Den
+ewigen Schrei Hiobs, der durch die Jahrtausende tönt, da er in der Plage
+Gott erkennt, immer willst du ihn wieder hören und der Männer Daniels
+Jubelgesang, indes ihr Leib im feurigen Ofen brennt. Ewig entzündest du
+ihn, klingende Kohle, auf der Zunge der Dichter, die du zu Leidenden
+machst, auf daß sie dir hörig werden und dich nennen in Liebe! Beethoven
+schlägst du im Sinne der Musik, daß der Ertaubte das Brausen Gottes höre
+und, vom Tode berührt, dir die Hymne der Freude dichte, Rembrandt jagst
+du ins Dunkel der Armut, daß er Licht, dein Urlicht, in Farben sich
+suche, Dante verjagst du vom Vaterland, daß er Hölle und Himmel im Traum
+erschaue, alle hast du mit deinen Geißeln gejagt in deine Unendlichkeit.
+Und diesen, den du wie keinen gegeißelt, auch ihn hast du dir gezwungen
+zum Knechte, und siehe, von schäumender Lippe, hinfallend in Krämpfen
+jauchzt er dir Hosianna zu, das heilige Hosianna, das »durch alle
+Fegefeuer der Zweifel gegangen«. O wie siegst du in den Menschen, die du
+leiden läßt, aus Nacht machst du Tag, aus Leiden die Liebe, aus der
+Hölle holst du dir heiligen Lobgesang. Denn der Leidendste ist der
+Wissendste aller, und wer um dich weiß, muß dich segnen: und dieser, der
+dich zutiefst erkannte, siehe, er hat dich wie keiner bezeugt, er hat
+dich wie keiner geliebt!
+
+
+ Druck vom
+ Bibliographischen Institut
+ in Leipzig
+
+
+
+
+INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG
+
+
+STEFAN ZWEIG:
+
+DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Dritte Auflage.
+
+ERSTES ERLEBNIS. Vier Erzählungen aus Kinderland. Einbandzeichnung von
+Emil Preetorius. 8. bis 11. Tausend.
+
+DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen (drei Aufzügen).
+
+JEREMIAS. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern. 14.-18. Tausend.
+
+DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. Zweite
+Auflage.
+
+LEGENDE EINES LEBENS. Ein Kammerspiel in drei Aufzügen.
+
+TERSITES. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen. Zweite Auflage.
+
+
+ÜBERTRAGUNGEN:
+
+EMILE VERHAEREN. Drei Bände Übertragungen und Biographie. I. Band:
+=Essay=. II. Band: =Gedichte=. III. Band: =Dramen= (Helenas Heimkehr.
+Das Kloster. Philipp II.).
+
+VERHAEREN: REMBRANDT. Mit 96 ganzseitigen Abbildungen nach Gemälden,
+Zeichnungen und Radierungen Rembrandts. 36. bis 40. Tausend.
+
+VERHAEREN: RUBENS. Mit 95 Abbildungen nach Gemälden und Zeichnungen
+Rubens'. 21. bis 25. Tausend.
+
+
+HONORÉ DE BALZAC:
+
+DIE DREISSIG TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, genannt CONTES DROLATIQUES.
+Übertragen von Benno Rüttenauer. Zwei Bände. 14.-23. Tausend.
+
+BRIEFE AN DIE FREMDE (Frau von Hanska). Übertragen von Eugenie Faber.
+Eingeleitet von Wilhelm Weigand. Zwei Bände. Mit einem Bilde Balzacs in
+Lichtdruck.
+
+PHYSIOLOGIE DER EHE. Eklektisch-philosophische Betrachtungen über Glück
+und Unglück in der Ehe. Deutsche Übertragung von Heinrich Conrad.
+6.-9. Tausend.
+
+TANTE LISBETH. Übertragung von A. Schurig. Zweite Auflage.
+
+VERLORENE ILLUSIONEN. In der von Johannes Schlaf revidierten
+Übertragung von Hedwig Lachmann. Zweite Auflage.
+
+
+CHARLES DICKENS:
+
+DICKENS' WERKE. Ausgewählt und eingeleitet von Stefan Zweig. Mit den
+Federzeichnungen der englischen Originalausgaben von Cattermole, Hablot
+K. Browne und anderen. Titel- und Einbandzeichnung von E. R. Weiß.
+Taschenausgabe auf Dünndruckpapier in sechs Bänden.
+
+=Einzelausgaben=:
+
+=David Copperfield.= Mit 40 Federzeichnungen von Hablot K. Browne, Phiz
+u. a. 9.-12. Tausend.
+
+=Der Raritätenladen.= Mit 73 Federzeichnungen und 8 Initialen von
+Browne, Cruikshank u. a. 6.-10. Tausend.
+
+=Die Pickwickier.= Mit 43 Federzeichnungen von R. Seymour, Buß und
+Phiz. 6.-10. Tausend.
+
+=Martin Chuzzlewit.= Mit 40 Federzeichnungen von Hablot K. Browne.
+6.-9. Tausend.
+
+=Nikolaus Nickleby.= Mit 38 Federzeichnungen von Hablot K. Browne.
+6.-9. Tausend.
+
+=Oliver Twist= und =Weihnachtserzählungen=. Mit 76 Federzeichnungen
+von Cruikshank, Leech u. a. 6.-10. Tausend.
+
+
+F. M. DOSTOJEWSKI:
+
+DER IDIOT. Übertragen von H. Röhl. Drei Bände.
+
+DER SPIELER. Übertragen von H. Röhl.
+
+DIE BRÜDER KARAMASOFF. Übertragen und mit einem Nachwort versehen von
+Karl Nötzel. Drei Bände.
+
+NETOTSCHKA NJESWANOWA und andere Erzählungen. Übertragen von H. Röhl.
+
+SCHULD UND SÜHNE (Raskolnikoff). Ein Roman in sechs Teilen mit einem
+Nachwort. Übertragen von H. Röhl. Zwei Bände, 11.-20. Taus.
+
+
+
+
+ [ Liste aller vorgenommenen Änderungen. Die jeweils erste Zeile gibt
+ den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur.
+
+ einen Balzac nicht gleichgiltig sein, wenn sechzehn Jahre ersten
+ einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten
+
+ indem er das administrative Zentralisationssytem in die Literatur
+ indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur
+
+ den Code civile schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der
+ den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der
+
+ Louis Lambert, zusammen, des chemiste de la volonté, jener seltsamen
+ Louis Lambert, zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen
+
+ als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalea, Briefe
+ als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalsea, Briefe
+
+ Menschheit zu leiden«. Wie der kleine Njetoscha Neswanowa muß er
+ Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er
+
+ Rußland gekommen sie, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach
+ Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach
+
+ Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Goal, wo sein gepflegter
+ Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter
+
+ Tragödie erst ganz zu unseren, zur allmenschlichen. Da wird das
+ Tragödie erst ganz zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das
+
+ Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine entgültig Verworfenen, keine
+ Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine
+
+ sondern die Desparados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
+ sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
+
+ Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenlust, Ausschweifung bis zur
+ Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur
+
+ Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können sie so wie in
+ Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in
+
+ Heretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja
+ Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja
+
+ Allversöhnungsgedanke. ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen,
+ Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen,
+
+ »Weg von Petersburg, dem europäischen zurück zu Moskau, hinüber
+ »Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber
+ ]
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER ***
+
+***** This file should be named 36389-8.txt or 36389-8.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/6/3/8/36389/
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
diff --git a/36389-8.zip b/36389-8.zip
new file mode 100644
index 0000000..abb4316
--- /dev/null
+++ b/36389-8.zip
Binary files differ
diff --git a/36389-h.zip b/36389-h.zip
new file mode 100644
index 0000000..d230213
--- /dev/null
+++ b/36389-h.zip
Binary files differ
diff --git a/36389-h/36389-h.htm b/36389-h/36389-h.htm
new file mode 100644
index 0000000..ffd5cc0
--- /dev/null
+++ b/36389-h/36389-h.htm
@@ -0,0 +1,7820 @@
+<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN"
+ "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd">
+
+<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de">
+ <head>
+ <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" />
+ <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" />
+ <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" />
+ <title>Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski, by Stefan Zweig&mdash;A Project Gutenberg eBook</title>
+ <style type="text/css">
+body { /* define a left and right margin */
+ margin-left: 17%;
+ margin-right: 17%;
+}
+
+.text-block {
+ max-width: 45em; /* prevent text from becoming too wide (does not work in IE6) */
+ margin: 120px auto;
+}
+
+h1,h2,h3 {
+ text-align: center; /* all headings centered */
+ font-weight: normal; /* all headings not bold */
+ clear: both;
+}
+
+p {
+ text-align: justify;
+ text-indent: 2em;
+ margin-top: 0.75em;
+ margin-bottom: 0.75em;
+}
+
+p.noindent {
+ text-indent: 0em;
+}
+
+p.chapter {
+ text-indent: 0em;
+}
+
+p.chapter:first-letter {
+ font-size: 275%;
+ float: left;
+ margin: 0.15em 0.05em 0em 0em;
+ line-height: 0.5em;
+}
+
+div.chapter {margin-top: 3.5em;}
+
+hr {
+ width: 15em;
+ height: 1px;
+ margin: 2em auto;
+ clear: both;
+ color: black;
+ background-color: black;
+ border: none;
+}
+
+.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */
+ /* visibility: hidden; */
+ /* define the position */
+ position: absolute;
+ right: 3%;
+ margin-right: 0em;
+ text-align: right;
+ /* remove any special formating that could be inherited */
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ font-variant: normal;
+ letter-spacing: 0em;
+ text-decoration: none;
+ text-indent: 0em;
+ font-size: x-small;
+ /* never wrap this */
+ white-space: nowrap;
+} /* page numbers */
+.pagenum span { /* do not show text that is meant for non-css version*/
+ visibility: hidden;
+}
+.pagenum a {
+ display: inline-block;
+ color: #808080;
+ border: 1px solid silver;
+ padding: 1px 4px 1px 4px;
+}
+
+.center {text-align: center;}
+.right {text-align: right;}
+
+.nowrap {white-space: nowrap;}
+.ucase {text-transform: uppercase;}
+.margin35 {margin-top: 3.5em;}
+
+.gesperrt {
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+}
+
+div.titlepage {
+ letter-spacing: 0.15em;
+ margin-right: -0.15em;
+}
+
+span.i0 {
+ display: block;
+ margin-left: 0em;
+ padding-left: 3em;
+ text-indent: -3em;
+}
+
+span.i0 br {display: none;}
+
+div.zitat {
+ max-width: 16em;
+ margin: 1em 5em 1em auto;
+}
+p.zitat {
+ margin-top: 0.15em;
+ margin-bottom: 0.15em;
+}
+
+div.booklist1 {
+ margin: 3.5em 10%;
+ border-bottom: 4px double black;
+}
+div.booklist1 p {
+ text-indent: 0em;
+ margin-top: 0.25em;
+ margin-bottom: 0.25em;
+}
+
+div.booklist2 p {
+ text-indent: 0em;
+ margin-top: 0.05em;
+ margin-bottom: 0.05em;
+}
+
+.author {
+ font-size: 125%;
+ padding-top: 0.25em;
+ margin-bottom: 0.1em;
+ border-top: 1px solid black;
+}
+
+.correction {
+ text-decoration: none;
+ border-bottom: 1px dashed #336699;
+}
+.correction-list { display: none; }
+
+.tnote {
+ text-align: justify;
+ border: 1px dashed #808080;
+ background-color: #eee;
+ padding: 0.7em;
+ margin: 60px 5% 60px 5%;
+ text-indent: 0em;
+}
+.tnote ul { /* needed for list of corrections*/
+ padding-right: 1em;
+ padding-left: 1em;
+ margin-left: 1em;
+ margin-bottom: 0em;
+}
+
+.tnote div ul li { padding-top: 0.5em; }
+
+
+a:link { text-decoration: none; }
+a:visited { text-decoration: none; }
+a:link:hover { text-decoration: underline; }
+a:visited:hover { text-decoration: underline; }
+a:link:active { text-decoration: underline; }
+a:visited:active { text-decoration: underline; }
+.pagenum a:hover { text-decoration: none; }
+.pagenum a:active { text-decoration: none; }
+
+ @media handheld {
+ /* CSS to deal with the smaller screen size */
+ body {
+ margin-left: 1.5%;
+ margin-right: 1.5%;
+ margin-top: 1%;
+ margin-bottom: 1%;
+ }
+
+ .text-block {
+ max-width: 40em;
+ margin: 0em auto;
+ }
+
+ p {
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+
+ .tnote {
+ padding: 0.5em;
+ margin: 60px 5% 60px 5%;
+ }
+ .tnote ul { /* needed for list of corrections */
+ padding-right: 0.7em;
+ padding-left: 0.7em;
+ margin-left: 0.7em;
+ margin-bottom: 0em;
+ margin-top: 0.5em;
+ }
+ .tnote div ul li { padding-top: 0.25em; }
+ .tnote-correction-list-margin {
+ margin-left: 0.25em;
+ margin-right: 0.25em;
+ }
+
+ .margin35 {margin-top: 2.5em;}
+
+ span.i0 {
+ padding-left: 1.5em;
+ text-indent: -1.5em;
+ }
+ div.zitat {
+ max-width: 100%;
+ margin: 1em 1em 1em 1em;
+ }
+ p.zitat {
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+
+ div.booklist1 {
+ margin: 2.5em 0%;
+ border-bottom: 4px double black;
+ }
+ div.booklist1 p {
+ text-indent: 0em;
+ margin-top: 0.25em;
+ margin-bottom: 0.25em;
+ }
+
+ div.booklist2 p {
+ text-indent: 0em;
+ margin-top: 0em;
+ margin-bottom: 0em;
+ }
+
+ .author {
+ font-size: 125%;
+ padding-top: 0.15em;
+ margin-bottom: 0.1em;
+ border-top: 1px solid black;
+ }
+
+ /* CSS to deal with fact that epub is closer to print (e.g. no mouse) */
+ pre, .dont_print {
+ visibility: hidden;
+ display: none;
+ }
+
+ .pagenum a {
+ color: #202020;
+ border: 0px;
+ padding: 0px;
+ }
+
+ div.chapter {
+ margin-top: 0em;
+ page-break-before: always;
+ }
+
+ div.titlepage {
+ margin-top: 0em;
+ padding-top: 2.5em;
+ page-break-before: always;
+ }
+
+ .correction { text-decoration: none; border-bottom: none; }
+ .correction-list { display: inline; }
+ li .correction {
+ text-decoration: none;
+ border-bottom: 1px dashed #336699;
+ }
+
+ .break-before { page-break-before: always; }
+ .break-after { page-break-after: always; }
+
+ /* CSS to deal with unsurported CSS */
+ .gesperrt {
+ letter-spacing: 0em;
+ margin-right: 0em;
+ font-style: italic;
+ font-weight: normal;
+ }
+
+ /* CSS to deal with limited contrast and colors */
+ .tnote {
+ background-color: #fff;
+ }
+ }/* end @media handheld */
+
+ @media print {
+ body {
+ margin-left: 4%;
+ margin-right: 9%;
+ margin-top: 1%;
+ margin-bottom: 1%;
+ }
+
+ .text-block {
+ max-width: 40em;
+ margin: 0em auto;
+ }
+
+ p {
+ margin-top: 0.5em;
+ margin-bottom: 0.5em;
+ }
+
+ div.chapter {
+ margin-top: 0em;
+ padding-top: 5em;
+ page-break-before: always;
+ }
+
+ div.titlepage {
+ margin-top: 0em;
+ padding-top: 50%;
+ page-break-before: always;
+ }
+
+ .margin25percent {
+ padding-top: 25%;
+ }
+
+
+ pre, .dont_print {
+ visibility: hidden;
+ display: none;
+ }
+
+ .pagenum a {
+ color: #202020;
+ border: 0px;
+ padding: 0px;
+ }
+
+ a:link { text-decoration: none; color: black; }
+ a:visited { text-decoration: none; color: black; }
+ a:hover { text-decoration: none; color: black; }
+ a:active { text-decoration: none; color: black; }
+ .pagenum a:hover { text-decoration: none; }
+ .pagenum a:active { text-decoration: none; }
+
+ .tnote {
+ background-color: #eee;
+ padding: 0.7em;
+ }
+ .tnote ul { /* needed for list of corrections */
+ padding-right: 1em;
+ padding-left: 1em;
+ margin-left: 1em;
+ margin-bottom: 0em;
+ margin-top: 0.5em;
+ }
+ .tnote div ul li { padding-top: 0.7em; }
+ .tnote-correction-list-margin {
+ margin-left: 0.5em;
+ margin-right: 0.5em;
+ }
+
+ .correction { text-decoration: none; border-bottom: none; }
+ .correction-list { display: inline; }
+ li .correction {
+ text-decoration: none;
+ border-bottom: 1px dashed #336699;
+ }
+
+ .break-before { page-break-before: always; }
+ .break-after { page-break-after: always; }
+
+ .gesperrt {
+ letter-spacing: 0.2em;
+ margin-right: -0.2em;
+ font-style: normal;
+ font-weight: normal;
+ }
+
+ .pagenum { display: inline; }
+
+ div.booklist1 {
+ margin: 3.5em 0%;
+ }
+
+ } /* end @media print */
+ </style>
+ </head>
+<body>
+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Drei Meister
+ Balzac. Dickens. Dostojewski
+
+Author: Stefan Zweig
+
+Release Date: June 12, 2011 [EBook #36389]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: ISO-8859-1
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER ***
+
+
+
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+<div class="text-block">
+<p class='tnote break-after' style='margin-top: 5em;'><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br />
+
+Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. Unübliche und
+uneinheitliche Schreibweisen der Namen wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert.
+<span class='dont_print'>Sämtliche vorgenommenen Änderungen sind markiert, der <ins class='correction' title='so wie hier'>Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span>
+Eine <a href="#Corrections">Liste aller Korrekturen</a> befindet sich am Ende des Textes.</p>
+
+
+
+<div class="titlepage">
+<p class="center noindent" style="font-size: 125%;">Stefan Zweig</p>
+
+<h1>DREI MEISTER</h1>
+
+<p class="center noindent" style="font-size: 125%; margin-top: 1.5em">BALZAC * DICKENS<br />
+DOSTOJEWSKI</p>
+
+<p class="center noindent margin35 margin25percent">1922</p>
+
+<p class="center noindent" style="margin-top: 5px;"><span style="border-top: 2px solid black; padding: 3px;"><span style="border-top: 1px solid black;">IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG</span></span></p>
+</div>
+<p class="center noindent margin35 break-before margin25percent">
+<span style="font-size: 108%">ROMAIN ROLLAND</span><br />
+<i>als Dank<br />
+für seine unerschütterliche Freundschaft<br />
+in lichten und dunklen Jahren</i>
+</p>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span></p>
+<p class="chapter"><span class="ucase">Obwohl</span> in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden,
+bindet doch kein Zufall diese drei Versuche
+über Balzac, Dickens und Dostojewski zu einem Buche zusammen.
+Einheitliche Absicht versucht die drei großen und
+in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten
+Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch
+den Kontrast ihrer Persönlichkeiten einander ergänzen
+und vielleicht den Begriff des epischen Weltbildners, des
+Romanciers, zu einer deutlichen Form erheben.</p>
+
+<p>Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die
+einzigen großen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts,
+so verkenne ich in dieser Voranstellung keineswegs
+die Größe einzelner Werke Goethes, Gottfried Kellers,
+Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und anderer,
+von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte
+Werk insbesondere Balzacs und Dickens' weitaus
+übertrifft. Und ich glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen
+Unterschied zwischen dem Verfasser eines
+Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich feststellen
+zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten
+Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale
+Künstler, der &ndash; hier wird Breite des Werkes und Fülle der
+Figuren zum Argument &ndash; einen ganzen Kosmos baut, der
+eine eigene Welt mit eigenen Typen, eigenen Gravitationsgesetzen
+und einem eigenen Sternenhimmel neben die irdische
+stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit
+seinem Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch
+werden, sondern auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit
+bildkräftig, die uns dann oft verlockt, Geschehnisse
+und Personen nach ihnen zu benennen, so daß wir von
+Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur.
+Jeder dieser Künstler bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung
+durch die Fülle seiner Gestalten so einheitlich
+hervor, daß es durch ihn eine neue Form der Welt wird.
+Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in
+ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche
+Versuch meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel
+lauten könnte: Psychologie des Romanciers.</p>
+
+<p>Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene
+Sphäre. Balzac die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt
+der Familie, Dostojewski die Welt des Einen und des Alls.
+Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre Unterschiede, niemals
+aber ist unternommen, diese Unterschiede in Werturteile
+umzudeuten oder die nationalen Elemente eines
+Künstlers in Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder
+große Schöpfer ist eine Einheit, die ihre Grenzen und ihr
+Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es gibt nur
+ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein absolutes
+in der Wagschale der Gerechtigkeit.</p>
+
+<p>Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus:
+sie wollen keine Einführung sein, sondern Sublimierung,
+Kondensierung, Extrakt. Sie können darum, weil sie zusammendrängen,
+nur das persönlich als wesentlich Empfundene
+zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich
+diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über
+Dostojewski, dessen unendliches Maß ebensowenig wie
+das Goethes jemals auch von breitester Formel wird umfaßt
+werden können.</p>
+
+<p>Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen,
+eines Engländers, eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen
+deutschen Romanschriftstellers, eines epischen
+Weltbildners in jenem hohen Sinne, wie ich ihn für
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch
+ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart
+und Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn
+dieses Buches, ihn für die Zukunft zu fordern und den
+noch Fernen zu grüßen.</p>
+
+<p class="right noindent">
+<i>SALZBURG 1919.</i>
+</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span></p>
+<h2><a name="BALZAC" id="BALZAC"></a>BALZAC</h2>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span></p>
+<p class="chapter"><span class="ucase">Balzac</span> ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz
+des Überflusses, in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni
+1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon
+&ndash; die von seinen Taten schon beunruhigte Welt
+nannte ihn noch Bonaparte &ndash; kam in diesem Jahre aus
+Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter
+fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der
+Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios
+begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe
+durchgeschlüpft zwischen den lauernden Korvetten Nelsons,
+faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll
+Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent
+rein und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs
+an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn
+des Empire. Das neue Jahrhundert kennt nicht mehr
+<span lang="fr" xml:lang="fr">le petit général</span>, nicht mehr den korsischen Abenteurer,
+sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs.
+Zehn, fünfzehn Jahre noch &ndash; die Knabenjahre Balzacs &ndash;
+und die machtgierigen Hände umspannen halb Europa,
+während seine ehrgeizigen Träume mit Adlersflügeln schon
+ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu Okzident.
+Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für
+einen Balzac nicht <ins class="correction" title="gleichgiltig">gleichgültig</ins> sein, wenn sechzehn Jahre
+ersten Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs,
+der vielleicht phantastischesten Epoche der Weltgeschichte,
+glatt zusammenfallen. Denn frühes Erlebnis und Bestimmung,
+sind sie nicht eigentlich nur Innen- und Außenfläche
+eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von
+irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam,
+ohne Freund und Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff
+die eben zügellose Gewalt dort packte, sie herumriß und
+in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein einzelner, ein
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und
+dann Frankreich und dann die ganze Welt &ndash; diese Abenteurerlaune
+der Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen
+Lettern unglaubhaft zwischen Legenden oder Historien
+ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine durstig aufgetanen
+Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben,
+mit tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch
+unbeschrittene Welt seines Innern bevölkernd. Solches
+Erlebnis muß notwendigerweise zum Beispiel werden. Balzac,
+der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an den
+Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem
+Pathos die fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog
+wohl ungelenk auf der Landkarte, von der Frankreich wie
+ein überströmender Fluß allmählich über Europa schwoll,
+den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, heute
+über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra
+Nevada, über die Flüsse hin nach Deutschland, über den
+Schnee nach Rußland, über das Meer vor Gibraltar hin,
+wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln die
+Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten
+auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen die
+Kosaken ihre Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten,
+nachts mag er oft aufgewacht sein vom zornigen Rollen
+der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, um die Eisdecke
+unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu zerschmettern.
+Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst
+sein in den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die
+Vorstellung: Napoleon. Vor dem großen Garten, der aus
+Paris hinausführt in die Welt, wuchs ein Triumphbogen
+auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt eingemeißelt
+waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie
+mußte es umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>dann fremde Truppen mit Musik und wehenden Fahnen
+durchzogen durch diese stolze Wölbung! Was außen, in
+der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als
+Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung
+der Werte, der geistigen ebenso wie der materiellen. Er
+sah die Assignaten, auf denen 100 oder 1000 Francs mit
+dem Siegel der Republik verheißen waren, als wertlose
+Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch
+seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes
+Profil, bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls
+Römergesicht, bald Napoleon im kaiserlichen Ornat.
+In einer Zeit so ungeheurer Umwälzungen, da die Moral,
+das Geld, das Land, die Gesetze, die Rangordnungen, alles,
+was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt war,
+einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie
+erlebter Veränderungen mußte ihm früh die Relativität
+aller Werte bewußt werden. Ein Wirbel war die Welt
+um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach Übersicht
+suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über
+diesem gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und
+Nieder der Ereignisse immer nur der Eine, der Wirkende,
+von dem diese tausend Erschütterungen und Schwingungen
+ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch erlebt.
+Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines
+Willens, mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem
+er Spanien geschenkt hatte, mit Murat, dem er Sizilien zu
+eigen gegeben, mit Bernadotte, dem Verräter, mit allen,
+denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche erobert,
+die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in
+den Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in
+seine Netzhaut sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt,
+das größer war als alle Beispiele der Geschichte: er hatte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span>den großen Welteroberer gesehen! Und ist für einen
+Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel mit
+dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei
+anderen Stellen ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer
+aus, in Königsberg, wo einer die Wirre der Welt
+sich auflöste in eine Übersicht, und in Weimar, wo sie ein
+Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als Napoleon
+mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare
+Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze
+zu wollen, nie ein Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig
+zu erstreben, diesen fieberhaften Ehrgeiz hat vorerst das
+Beispiel Napoleons an ihm verschuldet.</p>
+
+<p>Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort
+seinen Weg. Balzac entscheidet sich zunächst für keinen
+Beruf. Zwei Jahre früher geboren, wäre er, ein Achtzehnjähriger,
+in die Reihen Napoleons getreten, hätte vielleicht
+bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen
+Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt
+keine Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen
+Epoche folgen laue, weiche, erschlaffende
+Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der Säbel zum
+Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum
+Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle
+Füllhorn des Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern
+weiche Frauenhände schenken Gunst und Gnade,
+das öffentliche Leben versandet, verflacht, der Gischt der
+Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den Waffen
+war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen
+ein Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen.
+So blieb die Kunst. Balzac beginnt zu schreiben. Aber
+nicht wie die anderen, um Geld zu raffen, zu amüsieren,
+ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch zu sein:
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur,
+sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt
+er an. Unter fremdem Namen, wie um seine Kraft zu
+proben, schreibt er die ersten Romane. Es ist noch nicht
+Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und noch nicht
+die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt
+vom Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient
+drei, vier Jahre lang anderen Berufen, sitzt als Schreiber
+in der Stube eines Notars, beobachtet, sieht, genießt, dringt
+mit seinem Blick in die Welt, und dann fängt er noch einmal
+an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen auf das
+Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier,
+die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene
+mißachtet, um nur das in großen Schwingungen
+Kreisende zu umfassen, das geheimnisvolle Räderwerk der
+Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der Geschehnisse
+die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die
+Summe, aus dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle
+die Essenz zu gewinnen, die ganze Welt in seine
+Retorte zu drängen, sie noch einmal zu schaffen, &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">en raccourci</span>&ldquo;,
+in der genauen Verkürzung, und die so unterjochte
+mit seinem eigenen Atem zu beseelen, mit seinen
+eigenen Händen zu lenken: das ist nun sein Ziel. Nichts
+soll verloren gehen von der Vielfalt, und um dieses Unendliche
+in ein Endliches, das Unerreichbare in ein Menschenmögliches
+zusammenzupressen, gibt es nur einen
+Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet
+dahin, die Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein
+Sieb zu jagen, wo alles Unwesentliche zurückbleibt und
+nur die reinen, wertvollen Formen durchsickern; und sie
+dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der Glut seiner
+Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné
+die Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der
+Chemiker die unzählbaren Zusammensetzungen in eine
+Handvoll Elemente auflöst &ndash; das ist nun sein Ehrgeiz.
+Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu beherrschen, er
+preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie
+humaine</span>&ldquo;. Durch diesen Prozeß der Destillation
+sind seine Menschen immer Typen, immer charakteristische
+Zusammenfassungen einer Mehrheit, von denen ein
+unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und Unwesentliche
+abgeschüttelt hat. Diese geradlinigen Leidenschaften
+sind die Stoßkräfte, diese reinen Typen die Schauspieler,
+diese dekorativ vereinfachte Umwelt die Kulissen der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie
+humaine</span>&ldquo;. Er konzentriert, indem er das administrative
+<ins class="correction" title="Zentralisationssytem">Zentralisationssystem</ins> in die Literatur einführt. Wie
+Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt,
+Paris zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris
+selbst, zieht er mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit,
+die Arbeiter, die Dichter, die Künstler, die Gelehrten.
+Aus fünfzig aristokratischen Salons macht er einen einzigen,
+den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert
+Bankiers den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern
+den Gobsec, aus allen Ärzten den Horace Bianchon. Er
+läßt diese Menschen enger beieinander wohnen, häufiger
+sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben
+tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine
+Mischtypen. Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit,
+aber intensiver. Denn seine Menschen sind Extrakte, seine
+Leidenschaften reine Elemente, seine Tragödien Kondensierungen.
+Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung
+von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz &ndash; jedes
+Departement sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>Parlament Balzacs &ndash; und dann wirft er wie der siegreiche
+Konsul Bonaparte seine Truppen über alle Länder. Er
+greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde Norwegens,
+in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den
+feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke
+der Beresina, überallhin und noch weiter greift sein Weltwille
+wie der seines großen Vorbildners. Und so wie Napoleon,
+ausruhend zwischen zwei Feldzügen, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Code
+<ins class="correction" title="civile">civil</ins></span> schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der
+Welt in der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>&ldquo;, einen <span lang="fr" xml:lang="fr">Code moral</span> der
+Liebe, der Ehe, eine prinzipielle Abhandlung und zieht
+über die erdumspannende Linie der großen Werke noch
+lächelnd die übermütige Arabeske der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Contes drolatiques</span>&ldquo;.
+Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert
+er in die Paläste von St.&nbsp;Germain, dringt in die Gemächer
+Napoleons, überall reißt er die vierte Wand auf und mit
+ihr die Geheimnisse der verschlossenen Räume, er rastet
+mit den Soldaten in den Zelten der Bretagne, spielt an der
+Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, überwacht die
+Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo
+seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei- bis
+dreitausend Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich:
+aus dem Boden hat er sie gestampft, aus seiner flachen
+Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem Nichts sind sie
+gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen
+Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen,
+nimmt sie ihnen wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie
+durcheinander. Unzählbar ist die Vielfalt der Geschehnisse,
+ungeheuer die Landschaft, die hinter diese Ereignisse
+sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, wie
+Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese
+Eroberung der Welt in der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>&ldquo;, dieses
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>Zwischen-zwei-Händen-Halten des ganzen, zusammengedrängten
+Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs,
+die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als
+früher Vorsatz, der Wirklichkeit wird. Nicht umsonst
+hatte er unter ein Bild Napoleons geschrieben: &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Ce qu'il
+n'a pu achever par l'épée je l'accomplirai par la plume.</span>&ldquo;</p>
+
+<p>Und so wie er, sind seine Helden. Alle haben sie das
+Welteroberungsgelüst. Eine zentripetale Kraft schleudert
+sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, nach Paris. Dort
+ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine
+Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige,
+unklare Energie, und hier, im engen
+Raume prallen sie aufeinander wie Geschosse, vernichten
+sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund.
+Keinem ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne
+erobern und dies stahlharte, biegsame Metall, das
+Jugend heißt, umschmieden zu einer Waffe, seine Energien
+konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf
+innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der
+auf den Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben,
+ist der Stolz Balzacs: &bdquo;Meine bürgerlichen Romane sind
+tragischer als eure Trauerspiele!&ldquo; ruft er den Romantikern
+zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den
+Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit.
+Sie wissen, daß sie zuviel sind, und müssen sich &ndash;
+das Bild gehört Vautrin, dem Liebling Balzacs &ndash; auffressen
+wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen die Waffe, die
+sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen
+in das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende
+hat recht. Aus allen zweiunddreißig Windrichtungen
+kommen sie her wie die Sansculotten der &bdquo;Großen
+Armee&ldquo;, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Paris, der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern,
+und ihre Kehle ist verbrannt von einem ungeheuren Durst
+nach Genuß. Und wie sie sich umsehen in dieser neuen,
+zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums und der
+Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen,
+diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht
+haben, wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um
+sie auszunützen, umschmelzen müßten, Jugend in Zähigkeit,
+Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, Schönheit
+in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die
+Helden Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach
+dem Ganzen. Sie alle haben das gleiche Abenteuer: ein
+Tilbury saust an ihnen vorbei, die Räder sprühen sie an
+mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber darin
+sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck.
+Ein Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und
+schön, ein Symbol des Genusses. Und alle Helden Balzacs
+haben in diesem Augenblicke nur einen Wunsch:
+Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum,
+Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht
+auch für den Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht
+wie ihre Väter in der Provinz ringen sie um einen Weinberg,
+um eine Präfektur, um eine Erbschaft, sondern um
+Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in jenen
+Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt
+und das Geld wie Wasser durch die Finger rinnt. So
+werden sie ja jene großen Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere
+Muskeln, wildere Beredsamkeit, energischere Triebe,
+ein wenn auch rascheres, so doch lebendigeres Leben zuschreibt,
+als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume
+Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie
+des Lebens dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>besonderer Weg bahnt sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen.
+Man muß sich eine eigene Weise finden, um
+zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen,
+die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel
+muß man mörderisch hineinschmettern in die Menge der
+anderen, die zwischen einem und dem Ziele stehen, oder
+man muß sie schleichend vergiften wie die Pest, rät Vautrin,
+der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur Balzacs.
+Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen
+hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen
+des sozialen Lebens, Desplein, der Student der
+Medizin, Rastignac, der Streber, Louis Lambert, der Philosoph,
+Bridau, der Maler, Rubempré, der Journalist &ndash;
+ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente
+sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze
+Leben gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften
+Pension Vauquer. Dann aber, hineingegossen in die große
+Retorte des Lebens, eingekocht in die Hitze der Leidenschaften,
+und wieder erkaltend, erstarrend an den Enttäuschungen,
+unterworfen den vielfachen Wirkungen der
+gesellschaftlichen Natur, den mechanischen Reibungen,
+den magnetischen Anziehungen, den chemischen Zersetzungen,
+den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese
+Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare
+Säure, die Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie,
+scheidet sie aus, läßt sie verschwinden und kristallisiert,
+verhärtet, versteint wiederum die anderen. Alle Wirkungen
+der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen sich
+an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue
+Komplexe, und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen,
+Umgeformten mit Augurenlächeln auf den
+Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, Rastignac,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis
+Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend
+faßte. Nicht umsonst hat Balzac die Chemie geliebt, die
+Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. Denn in diesem vielfältigen
+Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der Affinitäten,
+der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen
+und Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen,
+in der atomhaften Vereinfachung des Zusammengesetzten
+schien ihm deutlicher als anderswo das Bild
+der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß
+jede Vielheit nicht minder auf die Einheit wirkte, wie die
+Einheit selbst wieder bestimmend auf die Vielheit, diese
+seine Auffassung, die er Lamarquismus nannte &ndash; und die
+Taine später zu Begriffen erstarrt hat &ndash;, daß jedes Individuum
+ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, Sitten,
+Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt,
+daß jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre
+sauge, um selbst wieder eine neue Atmosphäre zu
+entstrahlen &ndash;, dieses universelle Bedingtsein von In- und
+Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des
+Organischen im Unorganischen und die Griffspuren des
+Lebendigen im Begrifflichen wieder, diese Summierungen
+eines momentanen geistigen Besitzes im sozialen Wesen,
+die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, schien ihm
+höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander,
+alle Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter
+Relativismus hat jede Kontinuität, selbst die des
+Charakters geleugnet. Balzac hat seine Menschen immer
+an den Ereignissen sich formen lassen, sich modellieren
+wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen
+seiner Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches.
+Durch zwanzig der Bücher Balzacs geht der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_24" id="Page_24">24</a><span>] </span></span>Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. Man glaubt
+ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon,
+oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten,
+dies Prototyp eines brutalen pariserischen unbarmherzigen
+Strebers, der aalglatt durch alle Schlupfwinkel der Gesetze
+sich durchdrückt und die Moral einer verkommenen
+Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein Buch,
+in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann,
+den seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen
+und wenig Geld, ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler
+Charakter. Und das Buch erzählt, wie er in die
+Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel von Gestalten,
+in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac
+in vier schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt
+der Temperamente und Charaktere einschließt, und
+hier sieht er die Tragödie des ungekannten König Lear,
+des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des
+Faubourg St.&nbsp;Germain gierig den alten Vater bestehlen,
+sieht alle Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie.
+Und da, wie er endlich dem Sarge des allzu Gütigen
+folgt, allein mit einem Hausknecht und einer Magd, wie
+er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb wie
+ein böses Geschwür von den Höhen des <span lang="fr" xml:lang="fr">Père Lachaise</span> zu
+seinen Füßen sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens.
+In diesem Momente hört er die Stimme Vautrins, des
+Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine Lehre, daß
+man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor
+seinem Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel,
+in dieser Sekunde wird er der Baron Rastignac der anderen
+Bücher, der rücksichtslose, unerbittliche Streber, der Pair
+von Paris. Und diese Sekunde am Kreuzweg des Lebens
+erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden Soldaten im
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_25" id="Page_25">25</a><span>] </span></span>Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die
+Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder
+seinen Rubikon, sein Waterloo hat, daß die gleichen
+Schlachten sich in Palästen, Hütten und Tavernen liefern,
+zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen Kleidern
+Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe
+entäußern, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die
+Rollen aller spielt und in zehn Verkleidungen in den
+Büchern Balzacs auftritt, immer aber derselbe und bewußt
+derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche des modernen
+Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der
+äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen.
+Da keinem ein Platz reserviert ist wie einst dem König,
+dem Adel, den Priestern, da jeder ein Anrecht auf alle hat,
+so verzehnfacht sich ihre Anspannung. Die Verkleinerung
+der Möglichkeiten äußert sich im Leben als Verdoppelung
+der Energie.</p>
+
+<p>Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf
+der Energien ist es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte
+Energie als Ausdruck des bewußten Lebenswillens
+nicht in ihrer Wirkung, sondern in ihrem Wesen zu schildern,
+ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig
+oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig,
+sobald sie nur intensiv wird. Intensität, Wille ist alles,
+weil dies dem Menschen gehört, Erfolg und Ruhm nichts,
+denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine Dieb, der ängstliche,
+der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel
+verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle,
+der nicht nur um des Nutzens, sondern um der
+Leidenschaft willen raubt, dessen ganze Existenz sich auflöst
+in den Begriff des Ansichreißens, ist grandios. Die
+Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_26" id="Page_26">26</a><span>] </span></span>Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen,
+scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist
+nur die Kraft, die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert
+die <span lang="fr" xml:lang="fr">héros oubliés</span>, für ihn gibt es in jeder Epoche nicht nur
+einen Napoleon, nicht nur den der Historiker, der die Welt
+erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er kennt vier oder
+fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und hat
+Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon
+nach Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen
+Ereignissen, der dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie
+erlitten: er war Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld
+gelangt, hat in irgendeinem Provinznest einsickern
+müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat nicht minder
+Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So
+nennt er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit
+berühmt geworden wären unter den Sonnenköniginnen,
+deren Namen geklungen hätten wie der der Pompadour
+oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern,
+die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an
+deren Namen der Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der
+Dichter erst den Ruhm wieder schenken muß. Er weiß,
+daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle von
+Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß
+die Eugenie Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in
+dem Augenblicke, wo sie, erzitternd vor dem geizigen Vater,
+ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, nicht minder tapfer
+ist als die Jeanne d'Arc, deren Marmorbild auf jedem
+Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den
+Biographen unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht
+täuschen, der alle Schminken und Mixturen des sozialen
+Auftriebs chemisch zersetzt hat. Balzacs unbestechliches
+Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus dem Gewühl
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_27" id="Page_27">27</a><span>] </span></span>der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung,
+greift in jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte
+Heer Napoleons über die Brücke strebt, wo Verzweiflung
+und Niedertracht und Heldentum hundertfach geschilderter
+Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt sind, die
+wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere,
+deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust
+im eiskalten, schollentreibenden Wasser gestanden hatten,
+um jene schwanke Brücke zu bauen, auf der die Hälfte der
+Armee entkam. Er weiß, daß hinter den verhängten Scheiben
+von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die
+nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins
+und die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat
+er das eine Wort stolz wiederholt: &bdquo;Meine bürgerlichen
+Romane sind tragischer als eure tragischen Trauerspiele.&ldquo;
+Denn seine Romantik greift nach innen. Sein Vautrin, der
+Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der
+schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo
+des Viktor Hugo, die starren felsigen Landschaften
+der Seele, das Gestrüpp von Leidenschaft und Gier in der
+Brust seiner großen Streber ist nicht minder schreckhaft,
+als die schaurige Felsenhöhle des Han d'Islande. Balzac
+sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick
+auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen,
+in der gesteigerten Intensität eines in seiner
+Geschlossenheit einzig werdenden Gefühls. Er weiß, daß
+jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn es in seiner Kraft
+ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er sich
+konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne
+Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen
+anderen Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch
+Raub und Unnatur stark wird, so wie ein Ast mit doppelter
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_28" id="Page_28">28</a><span>] </span></span>Wucht erst aufblüht, wenn der Gärtner die Zwillingsäste
+gefällt oder gedrosselt hat. Solche Monomanen
+der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen
+Symbol die Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend
+in dem unentwirrbaren Reigen. Eine Art Mechanik der
+Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner Energetik: der
+Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft
+verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen
+verschwende, gleichviel, ob es sie langsam
+verzettle in tausend Erregungen, oder sparsam aufbewahre
+für die jähen heftigen Ekstasen, ob in Verbrennung oder
+Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer rascher
+lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder
+vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will,
+die reinen Elemente auflösen, sind solche Monomanen
+allein wichtig. Flaue Menschen interessieren Balzac nicht,
+nur solche, die etwas ganz sind, die mit allen Nerven, mit
+allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion des
+Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe,
+der Kunst, dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der
+Trägheit, der Politik, der Freundschaft. An irgendeinem
+beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. Diese <span lang="fr" xml:lang="fr">hommes
+à passion</span>, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen Religion,
+sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen
+verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich
+nicht. Biete dem Sammler eine Frau, die schönste der
+Welt &ndash; er wird sie nicht bemerken; dem Liebenden eine
+Karriere &ndash; er wird sie mißachten; dem Geizigen ein anderes
+als Geld &ndash; er wird nicht aufschauen von seiner Truhe.
+Läßt er sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte
+Leidenschaft um der anderen willen, so ist er verloren.
+Denn Muskeln, die man nicht gebraucht, zerfallen, Sehnen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_29" id="Page_29">29</a><span>] </span></span>die man jahrelang nicht gespannt, verknöchern, und wer
+zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft war, Athlet
+eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf
+jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte
+Gefühl vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser
+ab und läßt sie vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es
+in sich. Alle Graduationen und Peripetien der Liebe, Eifersucht
+und Trauer, Erschöpfung und Ekstase, sind bei dem
+Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der Sammelwut
+gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt
+die Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität
+der Einseitigkeit hat in ihren Emotionen die ganze
+Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. Hier setzen
+die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen,
+der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen
+allen Bankiers des Kaiserreichs, wird ein läppisches
+Kind in den Händen einer Dirne, der Dichter, der sich
+dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein Korn
+unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes
+Symbol ist eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen
+Leidenschaften neben sich. Und von diesen Leidenschaften
+ist keine größer und keine geringer, sie haben
+ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder
+Träume. Keine ist zu gering. &bdquo;Warum sollte man nicht
+die Tragödie der Dummheit schreiben?&ldquo; sagt Balzac, &bdquo;die
+der Verschämtheit, die der Ängstlichkeit, die der Langeweile?&ldquo;
+Auch sie sind bewegende, treibende Kräfte, auch
+sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind,
+selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt,
+sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder
+ihr Schicksal ganz umkreist. Und diese Urkräfte &ndash; oder
+besser, diese tausend Proteusformen der wirklichen Urkraft
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_30" id="Page_30">30</a><span>] </span></span>&ndash; aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu heizen
+durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen
+durch das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des
+Hasses und der Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am
+Prellstein des Zufalls die einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen
+und auseinanderzureißen, Verbindungen
+herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen,
+zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen
+und dem Erotiker, rastlos das Parallelogramm der
+Kräfte zu verschieben, in jedem Schicksal den drohenden
+Abgrund von Wellenberg und Wellental aufzureißen, sie
+zu schleudern von unten nach oben und von oben nach
+unten und dabei in dieses flackernde Spiel mit erhitzten
+Augen zu starren, wie Gobsec, der Wucherer, auf die
+Diamanten der Gräfin Restaud, das erlöschende Feuer mit
+dem Balg immer wieder aufflammen zu lassen, die Menschen
+wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, sie zu
+schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder
+von Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder
+nach Ägypten und nach Rom, durch das Brandenburger
+Tor und wieder vor den Abhang der Alhambra, über Sieg
+und Niederlage nach Moskau schließlich &ndash; die Hälfte unterwegs
+liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten
+oder unter dem Schnee der Steppen &ndash; die ganze Welt zuerst
+zu schnitzen wie Figuren, zu malen wie eine Landschaft
+und dann das Puppenspiel mit erregten Fingern zu
+beherrschen &ndash; das war seine, das war Balzacs Monomanie.</p>
+
+<p>Denn er, Balzac, war selbst einer der großen Monomanen,
+wie er sie in seinem Werke verewigt hat. Enttäuscht,
+in allen seinen Träumen zurückgestoßen von einer rücksichtslosen
+Welt, die den Anfänger nicht mag und den
+Armen, grub er sich ein in seine Stille und schuf sich selbst
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_31" id="Page_31">31</a><span>] </span></span>ein Symbol der Welt. Eine Welt, die ihm gehörte, die er
+beherrschte und die mit ihm zugrunde ging. Wirkliches
+stürzte an ihm vorbei, und er griff nicht danach, er lebte
+eingeschlossen in seinem Zimmer, festgenagelt an den
+Schreibtisch, lebte in dem Wald seiner Gestalten, wie Elie
+Magus, der Sammler, zwischen seinen Bildern. Von seinem
+fünfundzwanzigsten Jahre an hat ihn die Wirklichkeit
+kaum &ndash; nur in Ausnahmen, die dann immer zu Tragödien
+wurden &ndash; anders interessiert als ein Material, als Brennstoff,
+um das Schwungrad seiner eigenen Welt zu treiben.
+Fast bewußt lebte er am Lebendigen vorbei, wie im ängstlichen
+Gefühle, daß eine Berührung dieser beiden Welten,
+der seinen und der der anderen, immer eine schmerzhafte
+werden müßte. Abends um acht Uhr ging er ermattet zu
+Bette, schlief vier Stunden und ließ sich um Mitternacht
+wecken; wenn Paris, die laute Umwelt, ihr glühendes
+Auge schloß, wenn Dunkel über das Rauschen der Gassen
+fiel, die Welt entschwand, begann die seine zu erstehen, und
+er baute sie auf, neben der anderen, aus ihren eigenen zerstückten
+Elementen, lebte durch Stunden einer fiebernden
+Ekstase, unablässig die ermattenden Sinne mit schwarzem
+Kaffee wieder aufpeitschend. So arbeitete er zehn, zwölf,
+manchmal auch achtzehn Stunden, bis ihn irgend etwas
+aufriß aus dieser Welt, zurück in die eigene Wirklichkeit.
+In diesen Sekunden des Erwachens muß er jenen Blick
+gehabt haben, den Rodin ihm gab auf seiner Statue, dieses
+Aufgeschrecktsein aus tausend Himmeln und dieses Rückstürzen
+in eine vergessene Wirklichkeit, diesen entsetzlich
+grandiosen, fast schreienden Blick, diese um die fröstelnde
+Schulter das Kleid anstraffende Hand, die Gebärde eines
+vom Schlaf Gerüttelten, eines Somnambulen, dem jemand
+roh seinen Namen zugeschrien. Bei keinem Dichter ist
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_32" id="Page_32">32</a><span>] </span></span>die Intensität des Sichverlierens in sein Werk, der Glaube
+an die eigenen Träume stärker gewesen, die Halluzination
+so nahe der Grenze der Selbsttäuschung. Nicht immer
+wußte er die Erregung zu stoppen wie eine Maschine, das
+ungeheure kreisende Schwungrad jäh aufzuhalten, Spiegelschein
+und Wirklichkeit zu unterscheiden, eine scharfe
+Linie zu ziehen zwischen dieser und jener Welt. Ein
+ganzes Buch hat man gefüllt mit Anekdoten, wie sehr er
+im Rausch der Arbeit an die Existenz seiner Gestalten
+glaubte, ein Buch mit oft drolligen und meist ein wenig
+grausigen Anekdoten. Ein Freund tritt ins Zimmer.
+Balzac stürzt ihm entsetzt entgegen: &bdquo;Denk dir, die Unglückliche
+hat sich ermordet!&ldquo; und merkt erst an dem entsetzten
+Zurückprallen seines Freundes, daß die Gestalt,
+von der er sprach, die Eugenie Grandet, nur in seinen
+Sternenkreisen je gelebt. Und was diese so andauernde,
+so intensive, so vollständige Halluzination von dem pathologischen
+Wahn eines Tollhäuslers unterscheidet, ist vielleicht
+nur die Identität der in dem äußeren Leben und in
+dieser neuen Wirklichkeit bestehenden Gesetze, die gleichen
+Kausalbedingungen des Seins, nicht die Lebensform so sehr
+als die Lebensmöglichkeit seiner Menschen, die, als hätten
+sie nur die Tür seines Arbeitszimmers überschritten, von
+außen in sein Werk traten. Aber an Dauerhaftigkeit, an
+Zähigkeit und Abgeschlossenheit des Wahnes war diese
+Versenkung die eines perfekten Monomanen, seine Arbeit
+war nicht Fleiß mehr, sondern Fieber, Rausch, Traum
+und Ekstase. Ein Palliativmittel der Bezauberung war sie,
+ein Schlafmittel, das ihn seinen Lebenshunger vergessen
+lassen sollte. Er selbst, zum Genießer, zum Verschwender
+befähigt wie keiner, hat zugestanden, daß diese fieberhafte
+Arbeit ihm nichts war als ein Mittel zum Genuß. Denn
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_33" id="Page_33">33</a><span>] </span></span>ein so zügellos Begehrender konnte, wie die Monomanen
+seiner Bücher, auf jede andere Leidenschaft nur verzichten,
+weil er sie ersetzte. All die Aufpeitschungen des Lebensgefühls,
+Liebe, Ehrsucht, Spiel, Reichtum, Reisen, Ruhm
+und Siege konnte er missen, weil er siebenfaches Surrogat
+in seinem Schaffen fand. Die Sinne sind töricht wie Kinder.
+Sie können das Echte vom Falschen, Trug von der Wirklichkeit
+nicht unterscheiden. Sie wollen nur gefüttert sein,
+gleichviel mit Erlebnis oder Traum. Und Balzac hat seine
+Sinne ein Leben lang betrogen, indem er ihnen Genüsse
+vorlog, statt sie ihnen hinzuwerfen, er sättigte ihren Hunger
+mit dem Duft der Gerichte, die er ihnen versagen mußte.
+Sein Erlebnis war das leidenschaftliche Beteiligtsein an den
+Genüssen seiner Kreaturen. Denn er war es ja, der jetzt
+die zehn Louis hinwarf auf den Spieltisch, zitternd stand,
+während die Roulette sich drehte, der jetzt die klingende
+Flut der Gewinste mit heißen Fingern einstrich, er war
+es, der jetzt im Theater den großen Sieg erfocht, der jetzt
+mit Brigaden die Höhen stürmte, mit Pulverminen die
+Börse in ihren Grundfesten erbeben ließ; alle die Lüste
+seiner Kreaturen gehörten ja ihm, sie waren die Ekstasen,
+in denen sein äußerlich so armes Leben sich verzehrte.
+Er spielte mit diesen Menschen so wie Gobsec, der Wucherer,
+mit den Gequälten, die hoffnungslos zu ihm kamen,
+um sich Geld auszuborgen, die er aufschnellen ließ an seiner
+Angel, deren Schmerz, Lust und Qual er nur prüfend mitansah
+als das mehr oder minder talentvolle Sichgebärden
+von Schauspielern. Und sein Herz spricht unter dem
+schmutzigen Kittel Gobsecs: &bdquo;Glauben Sie, daß es nichts
+bedeutet, wenn man so in die verborgensten Falten des
+menschlichen Herzens eindringt, wenn man so tief darin
+eindringt und es in seiner Nacktheit vor sich hat?&ldquo; Denn
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_34" id="Page_34">34</a><span>] </span></span>er, der Zauberer des Willens, schmolz Fremdes zu Eigenem
+um, Traum zu Leben. Man erzählt von ihm, daß er in
+seiner Jugend, als er in seiner Mansarde trockenes Brot,
+seine ärmliche Mahlzeit, verzehrte, sich auf den Tisch mit
+Kreide die Randspur von Tellern gezeichnet habe und in
+ihre Mitte die Namen der erlesensten Lieblingsgerichte
+geschrieben, um so im trockenen Brot nur durch die Suggestion
+des Willens den Geschmack der verschwenderischesten
+Speisen zu spüren. Und so wie er hier den
+Geschmack zu schmecken meinte, wie er ihn wirklich
+schmeckte, so hat er sicherlich alle Reize des Lebens in den
+Elixieren seiner Bücher unbändig in sich getrunken, so eigene
+Armut betrogen mit dem Reichtum und der Verschwendung
+seiner Knechte. Er, der ewig von Schulden Gehetzte,
+von Gläubigern Gequälte, empfand sicherlich einen geradezu
+sinnlichen Reiz, wenn er hinschrieb: Hunderttausend
+Francs Rente. Er war es, der in den Bildern von Elie Magus
+wühlte, der diese beiden Gräfinnen liebte als ihr Vater
+Goriot, der gipfelhoch mit Seraphitus über die niegesehenen
+Fjorde Norwegens aufstieg, der mit Rubempré die bewundernden
+Blicke der Frauen genoß, er, er selbst war es,
+für den er aus all diesen Menschen die Lust wie Lava aufschießen
+ließ, denen er Glück und Schmerz aus den hellen
+und dunklen Kräutern der Erde braute. Kein Dichter
+war je mehr Mitgenießer seiner Gestalten. Gerade an
+jenen Stellen, wo er den Zauber des so sehr ersehnten
+Reichtums schildert, spürt man stärker als in den erotischen
+Abenteuern den Rausch des Selbstbezauberten, die Haschischträume
+des Einsamen. Das ist seine innerste Leidenschaft,
+dieses Auf- und Abströmen von Zahlen, dieses
+gierige Gewinnen und Zerrinnen von Summen, dieses
+Schleudern von Kapitalien von Hand zu Hand, das Schwellen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_35" id="Page_35">35</a><span>] </span></span>der Bilanzen, der Wettersturz der Werte, diese Stürze
+und Aufstiege ins Grenzenlose. Millionen läßt er wie
+Ungewitter über Bettler hereinbrechen, Kapitale wieder
+in weichen Händen wie Quecksilber zerrinnen, mit Wollust
+malt er die Paläste der Faubourgs, die Magie des Geldes.
+Die Worte Millionen, Milliarden, das ist immer hingestammelt
+mit jenem ohnmächtigen Nicht-mehr-sprechen-können,
+dem Röcheln letzten sinnlichen Begehrens. Voluptuös
+wie die Frauen eines Serails sind die Prunkstücke
+der Gemächer gereiht, wie wertvolle Kronjuwelen die
+Insignien der Macht ausgebreitet. Bis in seine Manuskripte
+hat sich dieses Fieber eingebrannt. Man kann sehen, wie
+die anfangs ruhigen und zierlichen Zeilen aufschwellen
+gleich den Adern eines Zornigen, wie sie taumeln, rascher
+werden, wie sie rasend sich überhetzen, befleckt von den
+Spuren des Kaffees, mit dem er die ermatteten Nerven vorwärtspeitschte,
+hört fast das rastlose, ratternde Keuchen
+der überhitzten Maschine, den fanatischen, maniakalischen
+Krampf ihres Schöpfers, diese Gier des <span lang="fr" xml:lang="fr">Don Juan du verbe</span>,
+des Menschen, der alles besitzen will und alles haben. Und
+sieht den nochmaligen impetuosen Ausbruch des ewig
+Ungenügsamen in den Korrekturbogen, deren starres Gefüge
+er immer wieder aufriß wie der Fiebernde seine Wunde,
+um noch einmal das rote pochende Blut der Zeilen durch
+den schon starren, erkalteten Körper zu jagen.</p>
+
+<p>Solche titanische Arbeit bliebe unverständlich, wäre sie
+nicht Wollust gewesen und noch mehr: der einzige Lebenswille
+eines asketisch allen anderen Machtformen entsagenden
+Menschen, eines Leidenschaftlichen, dem die Kunst
+die einzige Möglichkeit der Entäußerung war. Einmal,
+zweimal hatte er ja flüchtig in anderem Material geträumt.
+Er hatte sich im praktischen Leben versucht, zum erstenmal,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_36" id="Page_36">36</a><span>] </span></span>als er, verzweifelnd am Schaffen, die wirkliche Geldgewalt
+wollte, Spekulant wurde, eine Druckerei gründete
+und eine Zeitung; aber mit jener Ironie, die das Schicksal
+immer für Abtrünnige bereit hat, hat er, der in seinen
+Büchern alles kannte, die Coups der Börsenleute, die Raffinements
+der kleinen und der großen Geschäfte, die
+Schliche der Wucherer, der jedem Ding seinen Wert wußte,
+der Hunderten von Menschen in seinen Werken die Existenz
+errichtet, ein Vermögen mit richtigem, logischem
+Aufbau gewonnen hatte, er selbst, der Grandet, Popinot,
+Crevel, Goriot, Bridau, Nucingen, Wehrbrust und Gobsec
+reich gemacht hat, er selbst hat sein Kapital verloren, ist
+schmählich zugrunde gegangen, und nichts blieb ihm als
+jenes furchtbare Bleigewicht von Schulden, die er dann
+stöhnend auf seinen breiten Lastträgerschultern das halbe
+Jahrhundert seines Lebens weiterschleppte, Helote der unerhörtesten
+Arbeit, unter der er eines Tages mit zersprengten
+Adern lautlos zusammenbrach. Die Eifersucht der verlassenen
+Leidenschaft, der einzigen, der er sich hingegeben
+hatte, der Kunst, hat sich furchtbar an ihm gerächt. Selbst
+die Liebe, den andern ein wunderbarer Traum über ein
+Erlebtes und Wirkliches, wurde bei ihm erst Erlebnis aus
+einem Traum. Frau von Hanska, seine spätere Gattin,
+die <span lang="fr" xml:lang="fr">étrangère</span>, der jene berühmten Briefe galten, war von
+ihm leidenschaftlich schon geliebt, ehe er in ihre Augen
+gesehen, war damals schon geliebt von ihm, als sie noch
+Unwirklichkeit war, wie die <span lang="fr" xml:lang="fr">fille aux yeux d'or</span>, wie die
+Delphine und die Eugenie Grandet. Für den wahrhaften
+Schriftsteller ist jede andere Leidenschaft als die des Schaffens,
+des Erträumens eine Abirrung. &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">L'homme des lettres
+doit s'abstenir des femmes, elles font perdre son temps, on
+doit se borner à leur écrire, cela forme le style</span>&ldquo;, sagte er
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_37" id="Page_37">37</a><span>] </span></span>zu Theophile Gautier. Im Innersten liebte er auch nicht
+Frau von Hanska, sondern die Liebe zu ihr, liebte nicht
+die Situationen, die ihm begegneten, sondern die er sich
+erschuf, er fütterte den Hunger nach Wirklichkeit so lange
+mit Illusionen, spielte so lange in Bildern und Kostümen,
+bis er, wie die Schauspieler in den erregtesten Momenten,
+selbst an seine Leidenschaft glaubte. Unermüdlich hat er
+dieser Leidenschaft des Schaffens gefrönt, den inneren Verbrennungsprozeß
+so lange beschleunigt, bis die Flamme
+aufschlug und nach außen brach, bis er zugrunde ging.
+Mit jedem neuen Buch schrumpfte, wie die magische
+Elentiershaut seiner mystischen Novelle, bei jedem so betätigten
+Wunsch sein Leben zusammen, und er unterlag
+seiner Monomanie wie der Spieler den Karten, der Trinker
+den Weinen, der Haschischträumer der verhängnisvollen
+Pfeife und der Wollüstling den Frauen. Er ging an der
+überreichen Erfüllung seiner Wünsche zugrunde.</p>
+
+<p>Es ist ein nur Selbstverständliches, daß ein dermaßen
+kolossalischer Wille, der Träume so mit Blut und Lebendigkeit
+erfüllte, der sie so anspannte, bis ihre Erregungen
+nicht minder stark waren wie die Phänomene der Wirklichkeit,
+daß ein solch ungeheuer zauberkräftiger Wille in
+seiner eigenen Magie das Geheimnis des Lebens sah und
+sich selbst zum Weltgesetz erhob. Eine eigentliche Philosophie
+konnte der nicht haben, der nichts von sich verriet,
+vielleicht nichts mehr war als ein Wandelhaftes, der keine
+Gestalt hatte wie Proteus, weil er alle in sich verkörperte,
+der wie ein Derwisch, ein flüchtiger Geist, in die Körper
+von tausend Gestalten unterschlüpfte und sich verlor in
+den Irrgängen ihres Lebens, jetzt mit dem einen Optimist,
+jetzt Altruist, jetzt Pessimist und Relativist, der alle Meinungen
+und Werte in sich ein- und ausschalten konnte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_38" id="Page_38">38</a><span>] </span></span>wie elektrische Ströme. Er gibt keinem unrecht und gibt
+keinem recht. Balzac hat immer nur <span lang="fr" xml:lang="fr">épousé les opinions
+des autres</span> &ndash; wir haben kein deutsches Wort für dieses
+spontane Aufnehmen einer Meinung ohne dauernde Identifizierung
+&ndash;, er war eingefangen im Augenblick, in der
+Brusthöhle seiner Menschen, trieb mit im Schwall ihrer
+Leidenschaften und Laster. Wahrhaft und unabänderlich
+mußte ihm nur der ungeheure Wille sein, dieses Zauberwort
+Sesam, das ihm, dem Fremden, die Felsen vor der
+unbekannten Menschenbrust aufsprengte, ihn hinabführte
+in die finsteren Abgründe ihres Gefühls und ihn von dort,
+beladen mit dem Edelsten ihres Erlebens, wieder aufsteigen
+ließ. Er mußte mehr als ein anderer geneigt sein, dem
+Willen eine über das Geistige ins Materielle hinüberwirkende
+Gewalt zuzuschreiben, ihn als Lebensprinzip und
+Weltgebot zu empfinden. Ihm war bewußt, daß der Wille,
+dieses Fluidum, das, ausstrahlend von einem Napoleon, die
+Welt erschütterte, das Reiche stürzte, Fürsten erhob, Millionen
+Schicksale verwirrte, daß diese immaterielle Schwingung,
+dieser reine atmosphärische Druck eines Geistigen
+nach außen sich auch im Materiellen manifestieren müßte,
+die Physiognomie modellieren, einströmen in die Physis
+des ganzen Körpers. Denn so wie eine momentane Erregung
+bei jedem Menschen den Ausdruck fördert, brutale
+und selbst stumpfsinnige Züge verschönt und charakterisiert,
+um wie viel mehr mußte ein andauernder Wille, eine
+chronische Leidenschaft das Material der Züge herausmeißeln.
+Ein Gesicht war für Balzac ein versteinerter
+Lebenswille, eine in Erz gegossene Charakteristik, und so
+wie der Archäologe aus den versteinerten Resten eine ganze
+Kultur zu erkennen hat, so schien es ihm Erfordernis des
+Dichters, aus einem Antlitz und aus der um einen Menschen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_39" id="Page_39">39</a><span>] </span></span>lagernden Atmosphäre seine innere Kultur zu erkennen.
+Diese Physiognomik ließ ihn die Lehre Galls
+lieben, seine Topographie der im Gehirn gelagerten Fähigkeiten,
+ließ ihn Lavater studieren, der ebenfalls im Gesichte
+nichts anderes sah als den Fleisch und Bein gewordenen
+Lebenswillen, den nach außen gestülpten Charakter.
+Alles, was diese Magie, die geheimnisvolle Wechselwirkung
+des Innerlichen und Äußerlichen betonte, war ihm erwünscht.
+Er glaubte an Mesmers Lehre der magnetischen
+Übertragung des Willens von einem Medium in das
+andere, glaubte daran, daß die Finger Feuernetze seien,
+die den Willen ausstrahlten, verkettete diese Anschauung
+mit den mystischen Vergeistigungen Svedenborgs, und all
+diese nicht ganz zur Theorie verdichteten Liebhabereien
+faßte er in der Lehre seines Lieblings, des Louis Lambert,
+zusammen, des <span lang="fr" xml:lang="fr"><ins class="correction" title="chemiste">chimiste</ins> de la volonté</span>, jener seltsamen Gestalt
+eines früh Verstorbenen, die Selbstporträt und Sehnsucht
+nach innerer Vollendung sonderbar vereint, öfter
+als jede andere Figur Balzacs in sein eigenes Leben hinabgreift.
+Ihm war jedes Gesicht eine zu enträtselnde Scharade.
+Er behauptete, in jedem Antlitz eine Tierphysiognomie
+zu erkennen, glaubte, den Todgeweihten an geheimen
+Zeichen bestimmen zu können, rühmte sich, jedem Vorübergehenden
+auf der Straße die Profession von seinem
+Antlitz, seinen Bewegungen, seiner Kleidung ablesen zu
+können. Diese intuitive Erkenntnis schien ihm aber noch
+nicht die höchste Magie des Blicks. Denn all dies umschloß
+nur das Seiende, das Gegenwärtige. Und seine tiefste
+Sehnsucht war, zu sein wie jene, die mit konzentrierten
+Kräften nicht nur das Momentane, sondern auch aus den
+Spuren das Vergangene, das Zukünftige aus den vorgestreckten
+Wurzeln aufspüren können, Bruder zu sein der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_40" id="Page_40">40</a><span>] </span></span>Chiromanten, der Wahrsager, der Steller von Horoskopen,
+der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">voyants</span>&ldquo;, all derer, die mit dem tieferen Blick der
+&bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">seconde vue</span>&ldquo; begabt, das Innerlichste aus dem Äußerlichen,
+das Unbegrenzte aus den bestimmten Linien zu
+erkennen sich erboten, die aus den dünnen Streifen der
+Handfläche den kurzen Weg des zurückgelegten Lebens
+und den dunklen Pfad in das Zukünftige hinein weiterzuführen
+vermochten. Ein solcher magischer Blick ist
+nach Balzac nur jenem gegeben, der seine Intelligenz nicht
+in tausend Richtungen zersplittert hat, sondern &ndash; die Idee
+der Konzentrierung ist bei Balzac in ewiger Wiederkehr &ndash;
+in sich aufgespart einem einzigen Ziele entgegenwendet.
+Die Gabe der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">seconde vue</span>&ldquo; ist nicht nur die des Zauberers
+und Sehers allein; &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">seconde vue</span>&ldquo;, spontane visionäre
+Erkenntnis, dies unbezweifelbare Merkmal des Genies,
+haben die Mütter gegenüber ihren Kindern, Desplein hat
+sie, der Arzt, der aus der verworrenen Qual eines Kranken
+sofort die Ursache seines Leidens und die vermutliche
+Grenze seiner Lebensdauer bestimmt, der geniale Feldherr
+Napoleon, der die Stelle sofort erkennt, wo er die
+Brigaden hinschleudern muß, um das Schicksal der Schlacht
+zu entscheiden; Marsay, der Verführer, besitzt sie, der die
+flüchtige Sekunde aufgreift, in der er eine Frau zu Fall
+bringen kann, Nucingen, der Börsenspieler, der den großen
+Börsencoup im richtigen Momente zur Explosion
+bringt; alle diese Astrologen des Himmels der Seele haben
+ihre Wissenschaft dank des nach innen dringenden Blicks,
+der wie durch ein Perspektiv Horizonte sieht, wo das
+unbewaffnete Auge nur ein graues Chaos unterscheidet.
+Hierin schlummert die Affinität zwischen der Vision des
+Dichters und der Deduktion des Gelehrten, dem rapiden,
+spontanen Begreifen und dem langsamen, logischen Erkennen.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_41" id="Page_41">41</a><span>] </span></span>Balzac, dem sein eigener intuitiver Überblick selbst
+unbegreiflich werden und der oft erschreckt mit fast irrem
+Blick sein Werk überschauen mußte wie ein Unbegreifliches,
+war gezwungen zu einer Philosophie des Inkommensurablen,
+einer Mystik, der der landläufige Katholizismus
+eines de Maistre nicht mehr genügte. Und dieses Korn
+Magie, das seinem innersten Wesen beigemengt war, diese
+Unbegreiflichkeit, die seine Kunst nicht nur Chemie des
+Lebens sein läßt, sondern Alchimie, ist sein Grenzwert
+gegen die Späteren, gegen die Nachahmer, gegen Zola besonders,
+der Stein um Stein zusammenraffte, wo Balzac
+nur den Zauberring drehte, und schon ein Palast mit
+tausend Fenstern sich aufbaute. So ungeheuer die Energie
+seines Werkes ist, der erste Eindruck bleibt doch immer der
+von Zauberei und nicht von Arbeit, nicht der eines Ausborgens
+vom Leben, sondern eines Beschenkens und Bereicherns.</p>
+
+<p>Denn Balzac &ndash; und dies schwebt wie eine undurchdringliche
+Wolke von Geheimnis um seine Gestalt &ndash; hat
+in den Jahren seines Schaffens nicht mehr studiert und
+experimentiert, nicht mehr das Leben beobachtet wie etwa
+Zola, der sich, ehe er einen Roman schrieb, ein Bordereau
+für jede einzelne Figur anlegte, nicht wie Flaubert, der
+Bibliotheken durchstöberte für ein fingerschmales Buch.
+Balzac kam selten wieder zurück in jene Welt, die außer
+der seinen lag, er war eingeschlossen in seine Halluzination
+wie in ein Gefängnis, angenagelt an den Marterstuhl der
+Arbeit, und was er mitbrachte, wenn er einen jener flüchtigen
+Ausflüge in die Wirklichkeit unternahm, wenn er
+ging, mit seinem Verleger zu kämpfen oder die Korrekturbogen
+in eine Druckerei zu bringen, bei einem Freunde
+zu speisen, oder die Bric-à-brac-Läden von Paris zu durchstöbern,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_42" id="Page_42">42</a><span>] </span></span>war immer eher Bestätigung als Informierung.
+Denn damals, als er zu schreiben begann, war schon auf
+irgendeine geheimnisvolle Weise das Wissen des ganzen
+Lebens in ihn eingedrungen, lag gesammelt und aufgespeichert,
+und es ist vielleicht mit der fast mythischen Erscheinung
+Shakespeares das größte Rätsel der Weltliteratur,
+wie, wann und woher all diese ungeheuerlichen, aus allen
+Berufsklassen, Materien, Temperamenten und Phänomenen
+herbeigeholten Vorräte von Kenntnissen in ihn
+eingewachsen sind. Drei, vier Jahre, Jünglingsjahre, war
+er in Berufen gestanden, bei einem Advokaten als Schreiber,
+dann als Verleger, als Student, aber in diesen paar
+Jahren muß er alles eingeschöpft haben, diese ganz unerklärliche,
+unübersehbare Fülle von Tatsachen, die Kenntnis
+aller Charaktere und Phänomene. Er muß unglaublich
+beobachtet haben in diesen Jahren. Sein Blick muß ein
+furchtbar saugender gewesen sein, ein gieriger, der alles,
+was ihm begegnete, vampirhaft nach innen riß, in ein
+Inneres, ein Gedächtnis, wo nichts vergilbte, nichts zerrann,
+nichts sich mischte oder verdarb, wo alles geordnet,
+gespart, getürmt lag, immer bereit und stets nach seiner
+wesentlichen Seite hin gekehrt, alles federnd und aufspringend,
+sobald er nur leise mit seinem Willen und Wunsche
+daran rührte. Alles hat Balzac gewußt, die Prozesse, die
+Schlachten, die Börsenmanöver, die Grundstückspekulationen,
+die Geheimnisse der Chemie, die Schliche der Parfumeure,
+die Kunstgriffe der Künstler, die Diskussionen der
+Theologen, den Betrieb der Zeitung, den Trug des Theaters
+und jener anderen Bühne, der Politik. Er hat die Provinz
+gekannt, Paris und die Welt, er, der <span lang="fr" xml:lang="fr">connaisseur en
+flânerie</span>, las wie in einem Buch in den krausen Zügen der
+Straßen, wußte bei jedem Hause, wann es gebaut war und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_43" id="Page_43">43</a><span>] </span></span>von wem und für wen, enträtselte die Heraldik des Wappens
+über der Tür, eine ganze Epoche aus der Bauart und wußte
+gleichzeitig den Preis der Mieten, bevölkerte jedes Stockwerk
+mit Menschen, stellte Möbel in die Zimmer, füllte
+sie an mit einer Atmosphäre von Glück und Unglück und
+ließ vom ersten zum zweiten, vom zweiten zum dritten
+Stockwerk das unsichtbare Netz des Schicksals sich spinnen.
+Er hat eine enzyklopädische Kenntnis gehabt, wußte, wieviel
+ein Bild des Palma Vecchio wert ist, wieviel ein Hektar
+Weideland kostet, was eine Spitzenmasche, was ein
+Tilbury und ein Diener, er hat das Leben der Elegants
+gekannt, die, zwischen Schulden vegetierend, in einem
+Jahr zwanzigtausend Francs anbringen; und schlägt man
+zwei Seiten weiter, so ist es wieder die Existenz eines armseligen
+Rentiers, in dessen peinlich ausgetüfteltem Leben
+ein zerrissener Schirm, eine zerbrochene Fensterscheibe
+zur Katastrophe wird. Wieder ein paar Seiten, und nun ist
+er unter den ganz Armen, er geht ihnen nach, wie jeder
+seine paar Sous verdient, der arme Auvergnate, der Wasserträger,
+dessen Sehnsucht es ist, das Faß nicht selbst ziehen
+zu müssen, sondern ein kleines, kleines Pferd zu haben,
+der Student und die Näherin, alle diese fast vegetabilischen
+Existenzen der Großstadt. Tausend Landschaften stehen
+auf, jede ist bereit, hinter seine Schicksale zu treten, sie zu
+formen, und alle sind deutlicher in ihm nach einem Augenblick
+des Schauens, als anderen nach den Jahren, die sie
+darin lebten. Alles hat er gewußt, was er einmal flüchtig
+mit dem Blick angerührt hat, und &ndash; merkwürdiges Paradoxon
+des Künstlers &ndash; er hat selbst das gewußt, was er gar
+nicht kannte, er hat die Fjorde Norwegens und die Wälle
+von Saragossa aus seinen Träumen wachsen lassen, und
+sie waren wie die Wirklichkeit. Ungeheuer ist diese
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_44" id="Page_44">44</a><span>] </span></span>Rapidität der Vision. Es war, als ob er nackt und klar das
+erkennen könnte, was die anderen umhängt und unter tausend
+Bekleidungen erblickten. Ihm war an allem ein
+Zeichen, zu allem ein Schlüssel, daß er die Außenfläche
+abtun konnte von den Dingen und sie ihm ihr Inneres
+zeigten. Die Physiognomien taten sich ihm auf, alles fiel
+in seine Sinne wie der Kern aus einer Frucht. Mit einem
+Ruck reißt er das Essentielle aus dem Faltenwerk des Unwesentlichen,
+aber nicht, daß er es freigräbt, langsam wühlend
+von Schicht zu Schicht, sondern wie mit Pulver
+sprengt er die goldenen Minen des Lebens auf. Und zugleich
+mit diesen wirklichen Formen faßt er auch das Unfaßbare,
+die gasförmig über ihnen schwebende Atmosphäre
+von Glück und Unglück, die zwischen Himmel und Erde
+schwebenden Erschütterungen, die nahen Explosionen,
+die Wetterstürze der Luft. Was den anderen eben nur
+Umriß ist, was sie sehen, kalt und ruhig wie unter einer
+gläsernen Vitrine, das fühlt seine magische Sensibilität wie
+in der Hülse des Thermometers als atmosphärischen Zustand.</p>
+
+<p>Dieses ungeheure, unvergleichlich intuitive Wissen ist
+das Genie Balzacs. Was man dann noch den Künstler
+nennt, den Verteiler der Kräfte, den Ordner und Gestalter,
+den Zusammenhaltenden und Lösenden, den spürt man
+nicht so deutlich bei Balzac. Man wäre versucht zu sagen,
+er war gar nicht das, was man Künstler nennt, so sehr
+war er Genie. &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Une telle force n'a pas besoin d'art.</span>&ldquo; Das
+Wort gilt auch von ihm. Denn wirklich, hier ist eine
+Kraft, so grandios und so groß, daß sie wie die freiesten
+Tiere des Urwaldes der Zähmung widerstrebt, sie ist schön
+wie ein Gestrüpp, ein Sturzbach, ein Gewitter, wie alle
+jene Dinge, deren ästhetischer Wert einzig in der Intensität
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_45" id="Page_45">45</a><span>] </span></span>ihres Ausdrucks besteht. Ihre Schönheit bedarf nicht
+der Symmetrie, der Dekoration, der nachhelfenden, sorglichen
+Verteilung, sie wirkt durch die ungezügelte Vielfalt
+ihrer Kräfte. Balzac hat seine Romane nie genau
+komponiert, er hat sich in ihnen verloren wie in einer
+Leidenschaft, in den Schilderungen, im Wort gewühlt wie
+in Stoffen oder nacktem blühenden Fleisch. Er reißt Gestalten
+auf, hebt sie von allen Ständen, Familien, von allen
+Provinzen Frankreichs aus, wie Napoleon seine Soldaten,
+teilt sie in Brigaden, macht den einen zum Reiter, stellt
+den anderen zu den Kanonen und den dritten zum Train,
+schüttet Pulver auf die Pfannen ihrer Gewehre und überläßt
+sie dann ihrer inneren ungebändigten Kraft. Die
+&bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>&ldquo; hat trotz der schönen &ndash; aber nachträglichen!
+&ndash; Vorrede keinen inneren Plan. Sie ist planlos,
+wie das Leben ihm selbst planlos erschien, sie zielt
+nicht auf eine Moral hin und nicht auf eine Übersicht, sie
+will als Wandelndes das ewig sich Wandelnde zeigen; in
+all diesem Ebben und Fluten ist keine dauernde Kraft, sondern
+nur ein momentaner Zug wie die geheimnisvolle Anziehung
+des Mondes, jene unkörperliche, wie aus Wolken
+und Licht gewebte Atmosphäre, die man Epoche nennt.
+Dieses neuen Kosmos einziges Gesetz wäre, daß alles, was
+gleichzeitig aufeinander wirkt, auch sich selbst verändert,
+daß nichts frei wie ein Gott, der nur von außen stieße,
+wirkt, sondern daß alle die Menschen, deren unbeständige
+Vereinung erst die Epoche ausmacht, ebenso von der
+Epoche geschaffen werden, daß ihre Moral, ihre Gefühle
+ebenso Produkte sind wie sie selbst. Daß alles Relativitäten
+sind, daß, was in Paris Tugend genannt wird, hinter
+den Azoren ein Laster sei, daß für nichts feste Werte vorhanden
+seien und daß leidenschaftliche Menschen die Welt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_46" id="Page_46">46</a><span>] </span></span>so werten müssen, wie Balzac sie die Frau werten läßt:
+daß sie immer wert sei, was sie ihn koste. Aufgabe des
+Dichters, dem &ndash; schon weil er selbst nur Produkt, Kreatur
+seiner Zeit ist &ndash; versagt ist, das Bleibende aus diesem
+Wandel zu gewinnen, kann nur sein, den atmosphärischen
+Druck, den geistigen Zustand seiner Epoche zu schildern,
+das Wechselspiel der gemeinsamen Kräfte, die die Millionen
+Moleküle beseelten, zusammenfügten und wieder zerteilten.
+Meteorologe der sozialen Luftströmungen, Mathematiker
+des Willens, Chemiker der Leidenschaften,
+Geologe der nationalen Urformen &ndash; ein vielfältiger Gelehrter
+zu sein, der mit allen Instrumenten den Körper
+seiner Zeit durchdringt und behorcht, und gleichzeitig ein
+Sammler aller Tatsachen, ein Maler ihrer Landschaften,
+ein Soldat ihrer Ideen, das zu sein ist Balzacs Ehrgeiz, und
+darum war er so unermüdlich im Verzeichnen ebenso der
+grandiosen wie der infinitesimalen Dinge. Und so ist sein
+Werk nach dem Dauerwort Taines das größte Magazin
+menschlicher Dokumente seit Shakespeare geworden.
+Seinen Zeitgenossen und vielen der heutigen ist Balzac
+freilich nur der Verfasser von Romanen. So betrachtet,
+durch das ästhetische Glas visiert, erscheint er nicht so
+überlebensgroß. Denn er hat eigentlich wenige <span lang="en" xml:lang="en">standard
+works</span>. Balzac will nicht am Einzelwerk gemessen werden,
+sondern am Ganzen, will betrachtet sein wie eine Landschaft
+mit Berg und Tal, unbegrenzter Ferne, verräterischen
+Klüften und raschen Strömen. Mit ihm beginnt &ndash;
+man könnte fast sagen, hört auch auf, wäre nicht Dostojewski
+gekommen &ndash; der Gedanke des Romans als Enzyklopädie
+der inneren Welt. Die Dichter vor ihm wußten
+nur zweierlei, um den schläfrigen Motor der Handlung
+nach vorne zu treiben: sie statuierten entweder den von
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_47" id="Page_47">47</a><span>] </span></span>außen wirkenden Zufall, der wie ein scharfer Wind sich
+in die Segel legte und das Fahrzeug nach vorne trieb, oder
+sie wählten als die von innen treibende Kraft einzig den
+erotischen Trieb, die Peripetien der Liebe. Balzac nun hat
+eine Transponierung des Erotischen vorgenommen. Für
+ihn gab es zweierlei Begehrende (und wie gesagt, nur die
+Begehrenden, die Ambitiösen haben ihn interessiert): die
+Erotiker im eigentlichen Sinne, ein paar Männer also und
+fast alle Frauen, deren Sternbild einzig die Liebe ist, die
+unter ihm geboren werden und zugrunde gehen. Daß aber
+alle diese in der Erotik ausgelösten Kräfte nicht die einzigen
+seien, daß die Peripetien der Leidenschaft auch bei
+anderen Menschen nicht um ein Gran vermindert und,
+ohne daß die treibende Urkraft zerstäube oder zersplittere,
+in anderen Formen, in anderen Symbolen erhalten seien,
+durch diese tätige Erkenntnis hat der Roman Balzacs eine
+ungeheuerliche Vielfalt gewonnen.</p>
+
+<p>Aber noch aus einer zweiten Quelle hat Balzac ihn mit
+Wirklichkeit gespeist: er hat das Geld in den Roman gebracht.
+Er, der keine absoluten Werte anerkannte, beobachtete
+als Sekretär seiner Zeitgenossen, als Statistiker des
+Relativen genau die äußeren, die moralischen, politischen,
+ästhetischen Werte der Dinge und vor allem jenen allgemein
+gültigen Wert der Objekte, der sich in unseren Tagen
+bei jedem Dinge fast dem absoluten nähert: den Geldwert.
+Seit die Vorrechte der Aristokratie gefallen sind, seit der
+Nivellierung der Unterschiede ist das Geld zum Blute, zur
+treibenden Kraft des sozialen Lebens geworden. Jedes
+Ding ist durch seinen Wert, jede Leidenschaft durch ihre
+materiellen Opfer, jeder Mensch durch sein äußeres Einkommen
+bestimmt. Zahlen sind die Gradmesser für gewisse,
+atmosphärische Zustände des Gewissens, die Balzac
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_48" id="Page_48">48</a><span>] </span></span>zu erforschen sich zur Aufgabe gesetzt hat. Und Geld
+kreist in seinen Romanen. Nicht nur das Anwachsen und
+Hinstürzen der großen Vermögen, die wilden Spekulationen
+der Börse sind geschildert, nicht nur die großen Schlachten,
+in denen ebensoviel Energie verausgabt wird wie bei Leipzig
+und Waterloo, nicht nur diese zwanzig Typen der
+Gelderraffer aus Geiz, Haß, Verschwendungslust, Ambition,
+nicht nur jene Menschen, die das Geld um des Geldes
+willen lieben, und die, welche es um des Symbols willen
+lieben, und die wieder, denen es nur Mittel zu ihren
+Zwecken ist, sondern Balzac hat als der erste und kühnste
+an tausend Beispielen gezeigt, wie das Geld selbst in die
+edelsten, feinsten und immateriellsten Empfindungen eingesickert
+ist. Alle seine Menschen rechnen, wie wir es unwillkürlich
+im Leben tun. Seine Anfänger, die nach Paris
+kommen, wissen rasch, was ein Besuch der guten Gesellschaft
+kostet, eine elegante Gewandung, blanke Schuhe,
+ein neuer Wagen, eine Wohnung, ein Diener, tausend
+Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, die alle bezahlt und
+erlernt sein wollen. Sie kennen die Katastrophen, verachtet
+zu werden um einer unmodischen Weste willen, sie
+haben bald heraus, daß nur Geld oder der Schein des
+Geldes die Türen sprengt, und aus diesen kleinen unablässigen
+Demütigungen wachsen dann die großen Leidenschaften
+und die zähe Ambition. Und Balzac geht mit
+ihnen. Er rechnet den Verschwendern ihre Ausgaben nach,
+den Wucherern ihre Prozente, den Kaufmännern ihre Verdienste,
+den Dandys ihre Schulden, den Politikern ihre
+Bestechungen. Die Summen sind die Gradziffern der aufsteigenden
+Unruhegefühle, der Barometerdruck der nahenden
+Katastrophen. Da Geld der materielle Niederschlag
+des universellen Ehrgeizes war, da es eindrang in alle Gefühle,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_49" id="Page_49">49</a><span>] </span></span>so mußte er, der Pathologe des sozialen Lebens, um
+die Krisen des kranken Leibes zu erkennen, die Mikroskopie
+des Blutes unternehmen, den Geldgehalt desselben
+gewissermaßen feststellen. Denn aller Leben ist damit gesättigt,
+es ist Sauerstoff für die gehetzten Lungen, keiner
+kann es entbehren, der Ehrgeizige nicht für seinen Ehrgeiz,
+der Liebende nicht für sein Glück und am wenigsten
+der Künstler, das hat er selbst am besten gewußt, auf
+dessen Schultern die Schuld von hunderttausend Francs
+sich türmte, dieses furchtbare Gewicht, das er oft flüchtig
+&ndash; in der Ekstase der Arbeit &ndash; wegschleuderte von
+seinen Schultern und das schließlich zerschmetternd auf
+ihn niederfiel.</p>
+
+<p>Unübersehbar ist sein Werk. In den achtzig Bänden
+steht eine Zeit, eine Welt, eine Generation. Nie vorher
+ist bewußt ein so Gewaltiges versucht worden, nie wurde
+die Vermessenheit eines übergroßen Willens besser belohnt.
+Den Genießenden, den Ausruhenden, die am Abend, aus
+ihrer engen Welt flüchtend, neue Bilder und neue Menschen
+wollen, ist Erregung und ein wandelnd Spiel gegeben,
+den Dramatikern Stoff für hundert Tragödien, den
+Gelehrten &ndash; lässig hingeworfen wie Brocken vom Tisch
+eines Übersättigten &ndash; eine Fülle von Problemen und Anregungen,
+den Liebenden eine geradezu vorbildliche Glut
+der Ekstase. Am gewaltigsten aber ist die Erbschaft für
+die Dichter. In dem Entwurf der &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>&ldquo;
+stehen nebst den vollendeten noch vierzig unvollendete,
+ungeschriebene Romane, Moskau heißt der eine, jener die
+Ebene von Wagram, ein anderer gilt dem Kampf um
+Wien und wieder einer dem Leben der Passion. Fast ist
+es ein Glück, daß nicht alle diese zu Ende gelangt sind.
+Balzac hat einmal gesagt: &bdquo;Genie ist derjenige, der jederzeit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_50" id="Page_50">50</a><span>] </span></span>seine Gedanken in Tat umsetzen kann. Aber das
+ganz große Genie entfaltet nicht unablässig diese Tätigkeit,
+sonst würde es Gott zu sehr gleichen.&ldquo; Denn hätte
+er alle diese vollenden dürfen, den Kreis der Leidenschaften
+und Geschehnisse ganz in sich zurückführen, sein Werk
+wäre ins Unbegreifliche gewachsen. Es wäre ein Ungeheures
+geworden, eine Abschreckung für alle Späteren
+durch seine Unerreichbarkeit, während es so &ndash; ein Torso
+ohnegleichen &ndash; die ungeheuerste Aneiferung, das grandioseste
+Beispiel ist für jeden schöpferischen Willen zum
+Unerreichbaren.</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_51" id="Page_51">51</a><span>] </span></span></p>
+<h2><a name="DICKENS" id="DICKENS"></a>DICKENS</h2>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_53" id="Page_53">53</a><span>] </span></span></p>
+<p class="chapter"><span class="ucase">Nein</span>, man soll nicht Bücher und Biographen befragen,
+wie sehr Charles Dickens von seinen Zeitgenossen
+geliebt worden ist. Liebe lebt atmend nur im gesprochenen
+Wort. Man muß es sich erzählen lassen, am besten von
+einem Engländer, der mit seinen Jugenderinnerungen noch
+zurückreicht bis an jene Zeit der ersten Erfolge, von einem
+derer, die sich noch immer nicht nach nun fünfzig Jahren
+entschließen können, den Dichter des &bdquo;Pickwick&ldquo; Charles
+Dickens zu nennen, sondern ihm unentwegt seinen alten
+vertraulicheren, innigeren Necknamen &bdquo;Boz&ldquo; geben. An
+ihrer wehmütig rücksinnenden Rührung kann man den
+Enthusiasmus der Tausende messen, die damals mit ungestümem
+Entzücken jene blauen, monatlichen Romanhefte
+empfangen hatten, die heute, ein Rarissimum für den Bibliophilen,
+in Fächern und Schränken gilben. Damals &ndash; so
+erzählte mir einer dieser &bdquo;<span lang="en" xml:lang="en">old Dickensians</span>&ldquo; &ndash; konnten sie
+es am Posttage niemals über sich bringen, den Boten zu
+Hause abzuwarten, der endlich, endlich das neue blaue
+Heft von Boz im Bündel trug. Einen ganzen Monat hatten
+sie danach gehungert, hatten geharrt, gehofft, gestritten,
+ob Copperfield die Dora heiraten werde oder die Agnes,
+hatten sich gefreut, daß Micawbers Verhältnisse wieder
+zu einer Krisis gelangt waren &ndash; wußten sie doch, er werde
+sie mit heißem Punsch und guter Laune heroisch überwinden!
+&ndash; und nun sollten sie noch warten, warten, bis der
+Postbote auf der schläfrigen Kutsche kam und ihnen all
+diese heiteren Scharaden auflöste? Das konnten sie nicht,
+es ging einfach nicht. Und alle, die Alten wie die Jungen,
+wanderten Jahr für Jahr am fälligen Tage dem Briefboten
+zwei Meilen entgegen, nur um ihr Buch früher zu haben.
+Im Heimwandern schon fingen sie an zu lesen, einer guckte
+dem andern über die Schulter ins Blatt, andere lasen laut
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_54" id="Page_54">54</a><span>] </span></span>vor, und nur die gutmütigsten liefen mit langen Beinen
+zurück, um die Beute rascher zu Frau und Kind zu bringen.
+So wie dieses Städtchen hat damals jedes Dorf, jede Stadt,
+das ganze Land und darüber hinaus die in allen Erdteilen
+gesiedelte englische Welt Charles Dickens geliebt; hat ihn
+geliebt von der ersten Stunde der Begegnung bis zur letzten
+seines Lebens. Nie im neunzehnten Jahrhundert hat es
+irgendwo ein ähnlich unwandelbares herzliches Verhältnis
+zwischen einem Dichter und seiner Nation gegeben.
+Wie eine Rakete schoß dieser Ruhm auf, aber er losch nie
+aus, er blieb wie eine Sonne wandellos leuchtend über der
+Welt. Vom ersten Heft der &bdquo;Pickwickier&ldquo; wurden 400
+Exemplare gedruckt, vom fünfzehnten bereits <span class="nowrap">40&thinsp;000</span>:
+mit solcher Lawinenmacht stürzte sein Ruhm nieder in
+seine Zeit. Nach Deutschland bahnte er sich schnell den
+Weg, Hunderte und Tausende kleiner Groschenhefte säten
+Lachen und Freude in die Furchen selbst der verwittertsten
+Herzen; nach Amerika, Australien und Kanada wanderte
+der kleine Nikolaus Nickleby, der arme Oliver Twist und
+die tausend anderen Gestalten dieses Unerschöpflichen.
+Heute sind schon Millionen Bücher von Dickens im Umlauf,
+große, kleine, dicke und dünne Bände, billige Ausgaben
+für die Armen und die teuerste Ausgabe drüben in
+Amerika, die je von einem Dichter veranstaltet worden
+ist (dreimalhunderttausend Mark, glaube ich, kostet sie:
+diese Ausgabe für Milliardäre), aber in all den Büchern
+nistet heute wie damals noch immer das selige Lachen,
+um aufzuflattern wie ein zwitschernder Vogel, sobald man
+die ersten Blätter gewendet hat. Beispiellos ist die Beliebtheit
+dieses Autors gewesen: wenn sie sich im Laufe der
+Jahre nicht steigerte, so war es nur, weil die Leidenschaft
+keine höheren Möglichkeiten mehr kannte. Als Dickens
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_55" id="Page_55">55</a><span>] </span></span>sich entschloß, öffentlich zu lesen, als er zum erstenmal
+seinem Publikum Auge in Auge entgegentrat, war England
+im Taumel. Man stürmte die Säle, pfropfte sie voll,
+an den Säulenpfeilern klammerten sich Enthusiasten an,
+krochen unter sein Podium, nur um den geliebten Dichter
+hören zu können. In Amerika schliefen die Leute bei
+bitterster Winterkälte auf mitgebrachten Matratzen vor
+den Kassen, Kellner brachten ihnen das Essen aus den
+benachbarten Restaurants, aber der Andrang wurde unaufhaltsam.
+Alle Säle wurden zu klein, und man räumte
+schließlich dem Dichter in Brooklyn eine Kirche ein als
+Vorlesesaal. Von der Kanzel las er die Abenteuer Oliver
+Twists und die Geschichte der kleinen Nell. Launenlos
+war dieser Ruhm, er drängte Walter Scott zur Seite, überschattete
+ein Leben lang das Genie Thackerays; und als die
+Flamme erlosch, als Dickens starb, ging es wie ein Riß
+durch die ganze englische Welt. Auf der Straße erzählten
+es Fremde einander, Bestürzung verstörte London wie
+nach einer verlorenen Schlacht. Zwischen Shakespeare und
+Fielding bettete man ihn, in Westminster Abbey, dem Pantheon
+Englands; Tausende strömten hinzu, und tagelang
+war die schlichte Gedenkstätte überflutet von Blumen und
+Kränzen. Und noch heute, nach vierzig Jahren, kann man
+selten vorübergehen, ohne ein paar von dankbarer Hand
+hingestreute Blüten zu finden: der Ruhm und die Liebe
+ist nicht gewelkt in all den Jahren. Heute wie damals in
+jener Stunde, da England dem Ahnungslosen, dem Namenlosen
+das unverhoffte Geschenk des Weltruhms in die Hand
+drückte, ist Charles Dickens der geliebteste, umworbenste
+und gefeierteste Erzähler der ganzen englischen Welt.</p>
+
+<p>Eine so ungeheuerliche, gleicherweise in die Breite wie
+in die Tiefe dringende Wirkung eines dichterischen Werkes
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_56" id="Page_56">56</a><span>] </span></span>kann nur durch das seltene Zusammentreffen zweier
+meist widerstrebender Elemente Wirklichkeit werden:
+durch die Identität eines genialen Menschen mit der Tradition
+seiner Zeit. Im allgemeinen wirken das Traditionelle
+und das Geniale gegeneinander wie Wasser und Feuer.
+Ja, es ist beinahe das Merkzeichen des Genies, daß es als
+verkörperte Seele einer werdenden Tradition die vergangene
+befeindet, daß es als Ahnherr eines neuen Geschlechtes
+dem absterbenden Blutfehde ansagt. Ein Genie und seine
+Zeit sind wie zwei Welten, die zwar Licht und Schatten
+miteinander tauschen, aber in anderen Sphären schwingen,
+die sich auf ihren kreisenden Bahnen begegnen, aber nie
+vereinen. Hier ist nun jene seltene Sekunde des Sternenhimmels,
+wo der Schatten des einen Gestirns die leuchtende
+Scheibe des anderen so ausfüllt, daß sie sich identifizieren:
+Dickens ist der einzige große Dichter des Jahrhunderts,
+dessen innerste Absicht sich ganz mit dem geistigen Bedürfnis
+seiner Zeit deckt. Sein Roman ist absolut identisch
+mit dem Geschmack des damaligen England, sein Werk
+ist die Materialisierung der englischen Tradition: Dickens
+ist der Humor, die Beobachtung, die Moral, die Ästhetik,
+der geistige und künstlerische Gehalt, das eigenartige und
+uns oft fremde, oft sehnsüchtig-sympathische Lebensgefühl
+von sechzig Millionen Menschen jenseits des Ärmelkanals.
+Nicht er hat dieses Werk gedichtet, sondern die englische
+Tradition, die stärkste, reichste, eigentümlichste und darum
+auch gefährlichste der modernen Kulturen. Man darf ihre
+vitale Kraft nicht unterschätzen. Jeder Engländer ist mehr
+Engländer als der Deutsche Deutscher. Das Englische
+liegt nicht wie ein Firnis, wie eine Farbe über dem geistigen
+Organismus des Menschen, es dringt ins Blut, wirkt
+regelnd ein auf seinen Rhythmus, durchpulst das Innerste
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_57" id="Page_57">57</a><span>] </span></span>und Geheimste, das Ureigenste im Individuum: das Künstlerische.
+Auch als Künstler ist der Engländer mehr rassepflichtig
+als der Deutsche oder Franzose. Jeder Künstler
+in England, jeder wahrhafte Dichter hat darum mit dem
+Englischen in sich gerungen; aber selbst inbrünstigster,
+verzweifeltster Haß haben es nicht vermocht, die Tradition
+niederzuzwingen. Sie reicht mit ihren feinen Adern zu
+tief hinab ins Erdreich der Seele: und wer das Englische
+ausreißen will, zerreißt den ganzen Organismus, verblutet
+an der Wunde. Ein paar Aristokraten haben es, voll Sehnsucht
+nach freiem Weltbürgertum, gewagt: Byron, Shelley,
+Oskar Wilde haben den Engländer in sich vernichten
+wollen, weil sie das Ewig-Bürgerliche im Engländer haßten.
+Aber sie zerfetzten nur ihr eigenes Leben. Die englische
+Tradition ist die stärkste, die siegreichste der Welt, aber
+auch die gefährlichste für die Kunst. Die gefährlichste,
+weil sie heimtückisch ist: keine frostige Öde ist sie, nicht
+unwirtlich oder ungastlich, sie lockt mit warmem Herdfeuer
+und sanfter Bequemlichkeit, aber sie zäunt ein mit
+moralischen Grenzen, sie beengt und regelt und verträgt
+sich übel mit dem freien künstlerischen Trieb. Sie ist eine
+bescheidene Wohnung mit stockender Luft, geschützt vor
+den gefährlichen Stürmen des Lebens, heiter, freundlich
+und gastlich, ein echtes &bdquo;<span lang="en" xml:lang="en">home</span>&ldquo; mit allem Kaminfeuer
+bürgerlicher Zufriedenheit, aber doch ein Gefängnis für
+den, dessen Heimat die Welt, dessen tiefste Lust das nomadenhaft
+selige, abenteuerliche Schweifen im Unbegrenzten
+ist. Dickens hat sichs behaglich in der englischen Tradition
+gemacht, hat sich häuslich eingerichtet in ihren vier
+Mauern. Er fühlte sich wohl in der heimatlichen Sphäre
+und hat nie, sein Leben lang, die künstlerische, moralische
+oder ästhetische Grenze Englands überschritten. Er war
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_58" id="Page_58">58</a><span>] </span></span>kein Revolutionär. Der Künstler in ihm vertrug sich mit
+dem Engländer, löste sich allmählich ganz in ihm auf.
+Was Dickens geschaffen hat, steht fest und sicher auf dem
+jahrhundertalten Fundament der englischen Tradition,
+beugt sich nie oder nur selten um Haaresbreite über sie
+hinaus, führt aber den Bau zu unverhoffter Höhe mit einer
+reizvollen Architektonik empor. Sein Werk ist der unbewußte,
+Kunst gewordene Wille seiner Nation: und wenn
+wir die Intensität, die seltenen Vorzüge und die versäumten
+Möglichkeiten seiner Dichtung umgrenzen, rechten wir
+gleichzeitig immer mit England.</p>
+
+<p>Dickens ist der höchste dichterische Ausdruck der englischen
+Tradition zwischen dem heroischen Jahrhundert
+Napoleons, der ruhmreichen Vergangenheit, und dem
+Imperialismus, dem Traum seiner Zukunft. Wenn er für
+uns nur ein Außerordentliches geleistet hat und nicht das
+Gewaltige, zu dem ihn sein Genie prädestinierte, so ist es
+nicht England, nicht die Rasse selbst, die ihn gehemmt
+hat, sondern der unverschuldete Augenblick: das viktorianische
+Zeitalter Englands. Auch Shakespeare war ja höchste
+Möglichkeit, poetische Erfüllung einer englischen Epoche:
+aber der elisabethanischen, des starken tatenfrohen, jünglinghaften,
+frischsinnlichen England, das zum erstenmal die
+Fänge nach dem <span lang="la" xml:lang="la">Imperium mundi</span> reckte, das heiß und
+vibrierend war von überschäumender Kraft. Shakespeare
+war der Sohn eines Jahrhunderts der Tat, des Willens,
+der Energie. Neue Horizonte waren aufgetaucht, in Amerika
+abenteuerliche Reiche gewonnen, der Erbfeind zerschmettert,
+von Italien her flackte das Feuer der Renaissance
+herüber in den nordischen Nebel, ein Gott, eine
+Religion waren abgetan, die Welt wieder anzufüllen mit
+neuen lebendigen Werten. Shakespeare war die Inkarnation
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_59" id="Page_59">59</a><span>] </span></span>des heroischen England, Dickens nur das Symbol des bourgeoisen.
+Er war loyaler Untertan der anderen Königin,
+der sanften, hausmütterlichen, unbedeutenden, <span lang="en" xml:lang="en">old queen
+Victoria</span>, Bürger eines prüden, behaglichen, geordneten
+Staatswesens ohne Elan und Leidenschaft. Sein Auftrieb
+war gehemmt durch die Schwere des Zeitalters, das nicht
+hungrig war, das nur verdauen wollte: schlaffer Wind nur
+spielte mit den Segeln seines Schiffes, trieb es nie fort von
+der englischen Küste zur gefährlichen Schönheit des Unbekannten,
+hinein in die pfadlose Unendlichkeit. Vorsichtig
+ist er immer in der Nähe des Heimischen, Gewohnten
+und Althergebrachten geblieben: wie Shakespeare der
+Mut des gierigen, ist Dickens die Vorsicht des satten England.
+1812 ist er geboren. Gerade wie seine Augen um
+sich greifen können, wird es dunkel in der Welt, die große
+Flamme verlischt, die das morsche Gebälk der europäischen
+Staaten zu vernichten drohte. Bei Waterloo zerschellt die
+Garde an der englischen Infanterie, England ist gerettet
+und sieht seinen Erbfeind auf ferner Insel einsam ohne
+Krone und Macht zugrunde gehen. Das hat Dickens nicht
+mehr miterlebt; er sieht nicht mehr die Flamme der Welt,
+den feurigen Schein von einem Ende Europas sich gegen
+das andere wälzen; sein Blick tappt in den Nebel Englands
+hinein. Der Jüngling findet keine Helden mehr, die Zeit
+der Heroen ist vorüber. Ein paar in England wollen es
+freilich nicht glauben, sie wollen mit Gewalt und Enthusiasmus
+die Speichen der rollenden Zeit zurückreißen, der
+Welt den alten sausenden Schwung geben, aber England
+will Ruhe und stößt sie von sich. Sie flüchten der Romantik
+nach in ihre heimlichen Winkel, suchen aus armen
+Funken das Feuer wieder zu entfachen, aber das Schicksal
+läßt sich nicht zwingen. Shelley ertrinkt im Tyrrhenischen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_60" id="Page_60">60</a><span>] </span></span>Meer, Lord Byron verbrennt im Fieber zu Missolunghi:
+die Zeit will keine Aventüren mehr. Aschfarben
+ist die Welt. Behaglich verschmaust England die noch
+blutige Beute; der Bourgeois, der Kaufmann, der Makler
+ist König und räkelt sich auf dem Thron wie auf einem
+Faulbett. England verdaut. Eine Kunst, die damals gefallen
+konnte, mußte digestiv sein, sie durfte nicht stören,
+nicht mit wilden Emotionen rütteln, nur streicheln und
+krauen, sie durfte nur sentimental sein und nicht tragisch.
+Man wollte nicht den Schauer, der die Brust wie ein Blitz
+spaltet, den Atem zerschneidet, das Blut einfrieren läßt &ndash;
+zu gut kannte man das vom wirklichen Leben, als die
+Gazetten aus Frankreich und Rußland kamen &ndash;, nur das
+Gruseln wollte man, das Schnurren und Spielen, das unablässig
+den farbigen Knäuel der Geschichten hin und her
+rollt. Kaminkunst wollten die Leute von damals, Bücher,
+die sich behaglich, während der Sturm an den Pfosten rüttelt,
+am Kamin lesen und die selbst so züngeln und knacken
+mit vielen kleinen ungefährlichen Flammen, eine Kunst,
+die das Herz wärmt wie Tee, nicht eine, die es freudig
+und lodernd berauschen will. So ängstlich sind die Sieger
+von vorgestern geworden &ndash; sie, die nur behalten möchten
+und bewahren, nichts mehr wagen und wandeln &ndash;, daß
+sie Angst haben vor ihrem eigenen starken Gefühl. In den
+Büchern wie im Leben wünschen sie nur wohltemperierte
+Leidenschaften, keine Ekstasen, die aufstürmen, immer
+nur normale Gefühle, die sittsam promenieren. Glück wird
+in England damals identisch mit Beschaulichkeit, Ästhetik
+mit Sittsamkeit, und Sinnlichkeit wiederum mit Prüderie,
+Nationalgefühl mit Loyalität, Liebe mit Ehe. Alle Lebenswerte
+werden blutarm. England ist zufrieden und will
+keinen Wandel. Eine Kunst, die eine so satte Nation anerkennen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_61" id="Page_61">61</a><span>] </span></span>kann, muß darum selbst irgendwie zufrieden
+sein, das Bestehende loben und nicht darüberhinaus wollen.
+Und dieser Wille nach einer behaglichen, freundlichen,
+einer digestiven Kunst findet sein Genie, wie einst das
+elisabethanische England seinen Shakespeare. Dickens
+ist das Schöpfung gewordene künstlerische Bedürfnis des
+damaligen England. Daß er im richtigen Augenblicke
+kam, schuf seinen Ruhm; daß er von diesem Bedürfnis
+überwältigt wurde, ist seine Tragik. Seine Kunst ist genährt
+von der hypokritischen Moral von der Behaglichkeit
+des satten England: und stände nicht eine so außerordentliche
+dichterische Kraft hinter seinem Werke, täuschte
+nicht sein glitzernder, goldfunkelnder Humor hinweg über
+die innere Farblosigkeit der Gefühle, so hätte er nur Wert
+in jener englischen Welt, wäre uns indifferent wie die Tausende
+von Romanen, die jenseits des Ärmelkanals von
+fingerfertigen Leuten produziert werden. Erst wenn man
+aus tiefster Seele die hypokritische Borniertheit der viktorianischen
+Kultur haßt, kann man das Genie eines Menschen
+mit voller Bewunderung ermessen, der uns diese
+widerliche Welt der satten Behäbigkeit als interessant und
+fast liebenswert zu empfinden zwang, der die banalste Prosa
+des Lebens zu Poesie erlöste.</p>
+
+<p>Dickens hat selbst nie gegen dieses England angekämpft.
+Aber in der Tiefe &ndash; unten im Unbewußten &ndash; war das
+Ringen des Künstlers in ihm mit dem Engländer. Er ist
+ursprünglich stark und sicher ausgeschritten, nach und
+nach aber in dem weichen, halb zähen, halb nachgiebigen
+Sand seiner Zeit müde geworden und immer öfter und öfter
+schließlich in die alten, breitgestapften Fußspuren der Tradition
+getreten. Dickens ist überwältigt worden von seiner
+Zeit, und ich muß bei seinem Schicksal immer an das
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_62" id="Page_62">62</a><span>] </span></span>Abenteuer Gullivers bei den Liliputanern denken. Während
+der Riese schläft, spannen ihn die Zwerge mit tausenden
+kleinen Fäden an den Erdboden an, halten den Erwachenden
+so fest und lassen ihn nicht früher frei, ehe er nicht kapituliert
+und geschworen hat, die Gesetze des Landes nie
+zu verletzen. So hat die englische Tradition Dickens im
+Schlaf seiner Unberühmtheit eingesponnen und festgehalten:
+sie preßte ihn mit den Erfolgen an die englische Scholle,
+sie rissen ihn hinein in den Ruhm und banden ihm damit
+die Hände. Er war nach einer langen trüben Kindheit
+Stenograph im Parlament geworden und hatte einmal versucht,
+kleine Skizzen zu schreiben, mehr eigentlich um
+sein Einkommen zu vermehren als aus impulsivem dichterischen
+Bedürfnis. Der erste Versuch gelang, die Zeitung
+verpflichtete ihn. Dann bat ihn ein Verleger um satirische
+Glossen zu einem Klub, die gewissermaßen den Text zu Karikaturen
+aus der englischen <span lang="en" xml:lang="en">gentry</span> bilden sollten. Dickens
+nahm an. Und es gelang, gelang über alle Erwartung.
+Die ersten Hefte des &bdquo;Pickwick-Klub&ldquo; waren ein Erfolg
+ohne Beispiel; nach zwei Monaten war Boz ein nationaler
+Autor. Der Ruhm schob ihn weiter, aus Pickwick wurde
+ein Roman. Es gelang wieder. Immer dichter spannen
+sich die kleinen Netze, die geheimen Fesseln des nationalen
+Ruhmes. Von einem Werke drängte ihn der Beifall zum
+andern, drängte ihn immer mehr in die Windrichtung des
+zeitgenössischen Geschmackes hinein. Und diese hunderttausend
+Netze, aus Beifall, baren Erfolgen und stolzem
+Bewußtsein künstlerischen Wollens auf das verwirrendste
+gewoben, hielten ihn nun fest an der englischen Erde, bis
+er kapitulierte, innerlich gelobte, die ästhetischen und moralischen
+Gesetze seiner Heimat nie zu übertreten. Er
+blieb in der Gewalt der englischen Tradition, des bürgerlichen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_63" id="Page_63">63</a><span>] </span></span>Geschmackes, ein moderner Gulliver unter den
+Liliputanern. Seine wundervolle Phantasie, die wie ein
+Adler hätte hinschweben können über dieser engen Welt,
+verhakte sich in den Fußfesseln der Erfolge. Eine tiefinnerliche
+Zufriedenheit belastet seinen künstlerischen Auftrieb.
+Dickens war zufrieden. Zufrieden mit der Welt, mit England,
+mit seinen Zeitgenossen und sie mit ihm. Beide wollten
+sie sich nicht anders, als sie waren. In ihm war nicht die
+zornige Liebe, die züchtigen will, aufrütteln, anstacheln
+und erheben, der Urwille des großen Künstlers, mit Gott
+zu rechten, seine Welt zu verwerfen und sie neu, nach
+seinem eigenen Dünken zu erschaffen. Dickens war fromm,
+fürchtig; er hatte für alles Bestehende eine wohlwollende
+Bewunderung, ein ewig kindliches, spielfrohes Entzücken.
+Er war zufrieden. Er wollte nicht viel. Er war einmal
+ein ganz armer, vom Schicksal vergessener, von der Welt
+verschüchterter Knabe gewesen, dem erbärmliche Berufe
+die Jugend verzettelt hatten. Damals hatte er bunte farbige
+Sehnsucht gehabt, aber alle hatten ihn zurückgestoßen in
+eine lange und hartnäckig getragene Verschüchterung.
+Das brannte in ihm. Seine Kindheit war das eigentlich
+dichterisch-tragische Erlebnis &ndash; hier war der Same seines
+schöpferischen Wollens eingesenkt in das fruchtbare Erdreich
+von schweigsamem Schmerz; und seine tiefste seelische
+Absicht war, als ihm dann die Macht und Möglichkeit
+der Wirkung ins Weite wurde, diese Kindheit zu rächen.
+Er wollte mit seinen Romanen allen armen, verlassenen, vergessenen
+Kindern helfen, die so wie er einst Ungerechtigkeit
+erlitten durch schlechte Lehrer, vernachlässigte Schulen,
+gleichgültige Eltern, durch die lässige, lieblose, selbstsüchtige
+Art der meisten Menschen. Er wollte ihnen die paar
+farbigen Blüten Kinderfreude retten, die in seiner eigenen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_64" id="Page_64">64</a><span>] </span></span>Brust verwelkt waren ohne den Tau der Güte. Später
+hatte ihm das Leben dann alles gewährt, und er wußte es
+nicht mehr anzuklagen: aber die Kindheit rief in ihm um
+Rache. Und die einzige moralische Absicht, der innere
+Lebenswille seines Dichtens war, diesen Schwachen zu
+helfen: hier wollte er die zeitgenössische Lebensordnung
+verbessern. Er verwarf sie nicht, er bäumte sich nicht auf
+gegen die Normen des Staates, er droht nicht, reckt nicht
+die zornige Faust gegen das ganze Geschlecht, gegen die
+Gesetzgeber, die Bürger, gegen die Verlogenheit aller Konventionen,
+sondern deutet nur hier und dort mit vorsichtigem
+Finger auf eine offene Wunde. England ist das
+einzige Land Europas, das damals, um 1848, nicht revolutionierte;
+und so wollte auch er nicht umstürzen und
+neu schaffen, nur korrigieren und verbessern, wollte nur
+die Phänomene des sozialen Unrechts, dort wo ihr Dorn
+zu spitz und schmerzhaft ins Fleisch drang, abschleifen
+und mildern, doch nie die Wurzel, die innerste Ursache,
+aufgraben und zerstören. Als echter Engländer wagt er
+sich nicht an die Fundamente der Moral, sie sind dem
+Konservativen sakrosankt wie das <span lang="en" xml:lang="en">gospel</span>, das Evangelium.
+Und diese Zufriedenheit, dieser Absud vom flauen Temperament
+seiner Epoche, ist so charakteristisch für Dickens.
+Er wollte nicht viel vom Leben: und so seine Helden.
+Ein Held bei Balzac ist gierig und herrschsüchtig, er verbrennt
+vor ehrgeiziger Sehnsucht nach Macht. Nichts
+ist ihm genug, unersättlich sind sie alle, jeder ein Welteroberer,
+ein Umstürzler, ein Anarchist und ein Tyrann
+zugleich. Sie haben ein napoleonisches Temperament.
+Auch die Helden Dostojewskis sind feurig und ekstatisch,
+ihr Wille verwirft die Welt und greift in herrlichster Ungenügsamkeit
+über das wirkliche Leben nach dem wahren
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_65" id="Page_65">65</a><span>] </span></span>Leben; sie wollen nicht Bürger und Menschen sein, sondern
+in jedem von ihnen funkelt durch alle Demut der
+gefährliche Stolz, ein Heiland zu werden. Ein Held Balzacs
+will die Welt unterjochen, ein Held Dostojewskis
+sie überwinden. Beide haben sie eine Anspannung über
+das Alltägliche hinaus, eine Pfeilrichtung gegen das Unendliche.
+Die Menschen bei Dickens sind alle bescheiden.
+Mein Gott, was wollen sie? Hundert Pfund im Jahr, eine
+nette Frau, ein Dutzend Kinder, einen freundlich gedeckten
+Tisch für die guten Freunde, ihr Cottagehaus bei London
+mit einem Blick von Grün vor dem Fenster, mit einem
+kleinen Gärtchen und einer Handvoll Glück. Ihr Ideal
+ist ein spießerisches, ein kleinbürgerliches: damit muß man
+sich bei Dickens zurechtfinden. Alle seine Menschen
+wollen innerlich keinen Wandel der Weltordnung, wollen
+weder Reichtum noch Armut, sondern dieses behagliche
+Mittelmaß, das als Lebensmaxime so weise für den Krämer
+und Kärrner, so gefährlich für den Künstler ist. Die Ideale
+Dickens' haben abgefärbt von ihrer armen Umwelt. Hinter
+dem Werke steht als der Schöpfer, der Bändiger des Chaos,
+nicht ein zorniger Gott, gigantisch und übermenschlich,
+sondern ein zufriedener Betrachter, ein loyaler Bürger.
+Das Bürgerliche ist die Atmosphäre aller Romane von
+Dickens.</p>
+
+<p>Seine große und unvergeßliche Tat war darum eigentlich
+nur: die Romantik der Bourgeoisie zu entdecken, die
+Poesie des Prosaischen. Er hat als erster den Alltag der unpoetischesten
+aller Nationen ins Dichterische umgebogen.
+Er hat Sonne durch dieses stumpfe Grau leuchten lassen;
+und wer in England einmal gesehen hat, wie strahlend
+der Goldglanz ist, den dort die erstarkende Sonne aus dem
+trüben Knäuel des Nebels spinnt, der weiß, wie sehr ein
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_66" id="Page_66">66</a><span>] </span></span>Dichter seine Nation beseligen mußte, der ihr künstlerisch
+diese Sekunde der Erlösung aus dem bleiernen Hindämmern
+gegeben hat. Dickens ist dieser goldene Reif um den
+englischen Alltag, der Heiligenschein der schlichten Dinge
+und simpeln Menschen, die Idylle Englands. Er hat seine
+Helden, seine Schicksale in den engen Straßen der Vorstädte
+gesucht, an denen die anderen Dichter achtlos vorbeigingen.
+Die suchten ihre Helden unter den Kronleuchtern
+der aristokratischen Salons, auf den Wegen in den
+Zauberwald der <span lang="en" xml:lang="en">fairy tales</span>, sie forschten nach dem Entlegenen,
+Ungewöhnlichen und Außerordentlichen. Ihnen
+war der Bürger die Substanz gewordene irdische Schwerkraft,
+und sie wollten nur feurige, kostbare, in Ekstasen
+aufstrebende Seelen, den lyrischen, den heroischen Menschen.
+Dickens schämte sich nicht, den ganz einfachen
+Tagwerker zum Helden zu machen. Er war ein <span lang="en" xml:lang="en">self-made-man</span>;
+er kam von unten und bewahrte diesem Milieu
+eine rührende Pietät. Er hatte einen sehr merkwürdigen
+Enthusiasmus für das Banale, eine Begeisterung für ganz
+wertlose altväterische Dinge, für den Kleinkram des Lebens.
+Seine Bücher sind selbst so ein <span lang="en" xml:lang="en">curiosity shop</span> voll mit Gerümpel,
+das jeder für wertlos gehalten hätte, ein Durcheinander
+von Seltsamkeiten und schnurrigen Nichtigkeiten,
+die jahrzehntelang vergeblich auf den Liebhaber gewartet
+hatten. Aber er nahm diese alten wertlosen, verstaubten
+Dinge, putzte sie blank, fügte sie zusammen und stellte
+sie in die Sonne seiner Heiterkeit. Und da fingen sie plötzlich
+an zu funkeln mit einem unerhörten Glanz. So nahm
+er die vielen kleinen verachteten Gefühle aus der Brust
+einfacher Menschen, horchte sie ab, fügte ihr Räderwerk
+zusammen, bis sie wieder lebendig tickten. Plötzlich begannen
+sie da wie kleine Spieluhren zu surren, zu schnurren
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_67" id="Page_67">67</a><span>] </span></span>und dann zu singen, eine leise altväterische Melodie, die
+lieblicher war als die schwermütigen Balladen der Ritter
+aus Legendenland und die Kanzonen der Lady vom See.
+Die ganze bürgerliche Welt hat Dickens so aus dem Aschenhaufen
+der Vergessenheit aufgestöbert und wieder blank
+zusammengefügt: in seinem Werk erst wurde sie wieder
+eine lebendige Welt. Ihre Torheiten und Beschränktheiten
+hat er durch Nachsicht begreiflich, ihre Schönheiten durch
+Liebe sinnfällig gemacht, ihren Aberglauben verwandelt
+in eine neue und sehr dichterische Mythologie. Das Zirpen
+des Heimchens am Herd ist Musik geworden in seiner
+Novelle, die Silvesterglocken sprechen mit menschlichen
+Zungen, der Zauber der Weihnacht versöhnt Dichtung
+dem religiösen Gefühl. Aus den kleinsten Festen hat er
+einen tieferen Sinn geholt; er hat allen diesen schlichten
+Leuten die Poesie ihres täglichen Lebens entdecken geholfen,
+ihnen noch lieber gemacht, was ihnen schon das
+Liebste war, ihr &bdquo;<span lang="en" xml:lang="en">home</span>&ldquo;, das enge Zimmer, wo der Kamin
+mit roten Flammen prasselt und das dürre Holz zerknackt,
+wo der Tee am Tische surrt und singt, wo die wunschlosen
+Existenzen sich absperren von den gierigen Stürmen,
+den wilden Verwegenheiten der Welt. Die Poesie des Alltäglichen
+wollte er alle die lehren, die in den Alltag gebannt
+waren. Tausenden und Millionen hat er gezeigt, wo das
+Ewige in ihr armes Leben hinabreichte, wo der Funke
+der stillen Freude verschüttet unter der Asche des Alltags
+lag, er hat sie gelehrt, ihn aufflammen zu lassen zu heiter
+behaglicher Glut. Helfen wollte er den Armen und den
+Kindern. Was über diesen Mittelstand des Lebens materiell
+oder geistig hinausging, war ihm antipathisch; er
+liebte nur das Gewöhnliche, das Durchschnittliche von
+ganzem Herzen. Den Reichen und den Aristokraten, den
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_68" id="Page_68">68</a><span>] </span></span>Begünstigten des Lebens war er gram. Die sind fast immer
+Schurken und Knauser in seinen Büchern, selten Porträts,
+fast immer Karikaturen. Er mochte sie nicht. Zu oft
+hatte er als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die
+<ins class="correction" title="Marshalea">Marshalsea</ins>, Briefe gebracht, die Pfändungen gesehen, zu
+sehr die liebe Not des Geldes gekannt; jahraus, jahrein
+war er in <span lang="en" xml:lang="en">Hungerford Stairs</span> ganz oben in einem kleinen,
+schmutzigen, sonnenlosen Zimmer gesessen, hatte Schuhwichse
+in Tiegel eingestrichen und mit Fäden Hunderte
+und Hunderte täglich umwickelt, bis ihm die kleinen
+Kinderhände brannten und die Tränen der Zurücksetzung
+aus den Augen schossen. Zu sehr hatte er Hunger und
+Entbehrung gekannt an den kalten Nebelmorgen der Londoner
+Straßen. Keiner hatte ihm damals geholfen, die Karossen
+waren vorübergefahren an dem frierenden Knaben,
+die Reiter vorbeigetrabt, die Tore hatten sich nicht aufgetan.
+Nur von den kleinen Leuten hatte er Gutes erfahren:
+nur ihnen wollte er darum die Gabe erwidern. Seine Dichtung
+ist eminent demokratisch &ndash; nicht sozialistisch, dazu
+fehlt ihm der Sinn für das Radikale &ndash;, Liebe und Mitleid
+allein geben ihr pathetisches Feuer. In der bürgerlichen
+Welt &ndash; in der mittleren Sphäre zwischen Armenhaus und
+Rente &ndash; ist er am liebsten geblieben; nur bei diesen schlichten
+Menschen hat er sich wohlgefühlt. Er malt ihre Stuben
+mit Behaglichkeit und Breite aus, als wollte er selbst darin
+wohnen, webt ihnen bunte und immer mit sonnigem Feuer
+überflogene Schicksale, träumt ihre bescheidenen Träume;
+er ist ihr Anwalt, ihr Prediger, ihr Liebling, die helle, ewig
+warme Sonne ihrer schlichten, grautönigen Welt.</p>
+
+<p>Aber wie reich ist sie durch ihn geworden, diese bescheidene
+Wirklichkeit der kleinen Existenzen! Das ganze
+bürgerliche Beisammensein mit seinem Hausrat, dem Kunterbunt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_69" id="Page_69">69</a><span>] </span></span>der Berufe, dem unübersehbaren Gemisch der
+Gefühle ist noch einmal Kosmos geworden, ein All mit
+Sternen und Göttern in seinen Büchern. Aus dem flachen,
+stagnierenden, kaum wellenden Spiegel der kleinen Existenzen
+hat hier ein scharfer Blick Schätze erspäht und sie
+mit dem feinmaschigsten Netz ans Licht gehoben. Aus dem
+Gewühl hat er Menschen gefangen, o wie viele Menschen,
+Hunderte von Gestalten, genug, eine kleine Stadt zu bevölkern.
+Unvergeßliche sind unter ihnen, Gestalten, die
+ewig sind in der Literatur und schon mit ihrer Existenz
+hinausreichen in den wirklichen Sprachbegriff des Volkes,
+Pickwick und Sam Weller, Pecksniff und Betsey Trotwood,
+sie alle, deren Namen in uns lächelnde Erinnerung
+zauberisch entfachen. Wie reich sind diese Romane! Die
+Episoden des David Copperfield genügten für sich allein,
+das dichterische Lebenswerk eines anderen mit Tatsächlichkeiten
+zu versorgen; Dickens' Bücher sind eben wirkliche
+Romane im Sinn der Fülle und unablässigen Bewegtheit,
+nicht wie unsere deutschen fast alle nur ins Breite
+gezerrte psychologische Novellen. Es gibt keine toten
+Punkte in ihnen, keine leeren sandigen Strecken, sie haben
+Ebbe und Flut von Geschehnissen, und wirklich, wie ein
+Meer sind sie unergründlich und unübersehbar. Kaum
+kann man das heitere und wilde Durcheinander der wimmelnden
+Menschen überschauen; sie drängen herauf an
+die Bühne des Herzens, stoßen einer wieder den andern
+hinab, wirbeln vorbei. Wie Wogenkämme tauchen sie
+auf aus der Flut der Riesenstädte, stürzen wieder in den
+Gischt der Ereignisse, aber sie tauchen neu auf, steigen und
+fallen, umschlingen einander oder stoßen sich ab: und doch,
+diese Bewegungen sind keine zufälligen, hinter der ergötzlichen
+Wirrnis waltet eine Ordnung, die Fäden flechten
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_70" id="Page_70">70</a><span>] </span></span>sich immer wieder zusammen in einen farbigen Teppich.
+Keine der Gestalten, die nur spaziergängerisch vorbeizustreifen
+scheinen, geht verloren; alle ergänzen, befördern,
+befeinden einander, häufen Licht oder Schatten. Krause,
+heitere, ernste Verwicklungen treiben in katzenhaftem
+Spiel den Knäuel der Handlung hin und her, alle Möglichkeiten
+des Gefühls klingen in rascher Skala auf und nieder,
+alles ist gemengt: Jubel, Schauer und Übermut; bald funkelt
+die Träne der Rührung, bald die der losen Heiterkeit.
+Gewölk zieht auf, zerreißt, türmt sich aufs neue, aber am
+Schlusse strahlt die vom Gewitter reine Luft in wundervoller
+Sonne. Manche dieser Romane sind eine Ilias von
+tausend Einzelkämpfen, die Ilias einer entgötterten irdischen
+Welt, manche nur eine friedfertige bescheidene Idylle;
+aber alle Romane, die vortrefflichen wie die unlesbaren,
+haben dies Merkmal einer verschwenderischen Vielfalt.
+Und alle haben sie, selbst die wildesten und melancholischsten,
+in den Fels der tragischen Landschaft kleine Lieblichkeiten
+wie Blumen eingesprengt. Überall blühen diese
+unvergeßlichen Anmutigkeiten: wie kleine Veilchen, bescheiden
+und versteckt, warten sie im weitgesteckten Wiesenplan
+seiner Bücher, überall sprudelt die klare Quelle
+sorgloser Heiterkeit klingend von dem dunkeln Gestein
+der schroffen Geschehnisse nieder. Es gibt Kapitel bei
+Dickens, die man nur Landschaften in ihrer Wirkung
+vergleichen kann, so rein sind sie, so göttlich unberührt
+von irdischen Trieben, so sonnig blühend in ihrer heiteren
+milden Menschlichkeit. Um ihretwillen schon müßte man
+Dickens lieben, denn so verschwenderisch sind diese kleinen
+Künste verstreut in seinem Werk, daß ihre Fülle zur
+Größe wird. Wer könnte allein seine Menschen aufzählen,
+alle diese krausen, jovialen, gutmütigen, leicht lächerlichen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_71" id="Page_71">71</a><span>] </span></span>und immer so amüsanten Menschen? Sie sind aufgefangen
+mit all ihren Schrullen und individuellen Eigentümlichkeiten,
+eingekapselt in die seltsamsten Berufe, verwickelt in
+die ergötzlichsten Abenteuer. Und so viele sie auch sind,
+keiner ist dem andern ähnlich, sie sind minuziös bis ins
+kleinste Detail persönlich herausgearbeitet, nichts ist Guß
+und Schema an ihnen, alles Sinnlichkeit und Lebendigkeit,
+sie alle sind nicht ersonnen, sondern gesehen. Gesehen von
+dem ganz unvergleichlichen Blick dieses Dichters.</p>
+
+<p>Dieser Blick ist von einer Präzision sondergleichen, ein
+wunderbares, unbeirrbares Instrument. Dickens war ein
+visuelles Genie. Man mag jedes Bildnis von ihm, das der
+Jugend und das (bessere) der Mannesjahre betrachten: es
+ist beherrscht von diesem merkwürdigen Auge. Es ist nicht
+das Auge des Dichters, in schönem Wahnsinn rollend oder
+elegisch umdämmert, nicht weich und nachgiebig oder
+feurig-visionär. Es ist ein englisches Auge: kalt, grau,
+scharfblinkend wie Stahl. Und stählern war es auch wie
+ein Tresor, in dem alles unverbrennbar, unverlierbar, gewissermaßen
+luftdicht abgeschlossen ruhte, was ihm irgend
+einmal, gestern oder vor vielen Jahren von der Außenwelt
+eingezahlt worden war: das Erhabenste wie das Gleichgültigste,
+irgendein farbiges Schild über einem Kramladen in
+London, das der Fünfjährige vor undenklicher Zeit gesehen,
+oder ein Baum mit seinen aufspringenden Blüten gerade
+drüben vor dem Fenster. Nichts ging diesem Auge
+verloren, es war stärker als die Zeit; sparsam reihte es Eindruck
+an Eindruck im Speicher des Gedächtnisses, bis der
+Dichter ihn zurückforderte. Nichts rann in Vergessenheit,
+wurde blaß oder fahl, alles lag und wartete, blieb voll Duft
+und Saft, farbig und klar, nichts starb ab oder welkte.
+Unvergleichlich ist bei Dickens das Gedächtnis des Auges.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_72" id="Page_72">72</a><span>] </span></span>Mit seiner stählernen Schneide zerteilt er den Nebel der
+Kindheit; in &bdquo;David Copperfield&ldquo;, dieser verkappten Autobiographie,
+sind Erinnerungen des zweijährigen Kindes an
+die Mutter und das Dienstmädchen mit Messerschärfe wie
+Silhouetten vom Hintergrund des Unbewußten losgeschnitten.
+Es gibt keine vagen Konturen bei Dickens; er
+gibt nicht vieldeutige Möglichkeiten der Vision, sondern
+zwingt zur Deutlichkeit. Seine darstellende Kraft läßt der
+Phantasie des Lesers keinen freien Willen, er vergewaltigt
+sie (weshalb er auch der ideale Dichter einer phantasielosen
+Nation wurde). Stellt zwanzig Zeichner vor seine Bücher
+und verlangt die Bilder Copperfields und Pickwicks: die
+Blätter werden sich ähnlich sehen, werden in unerklärlicher
+Ähnlichkeit den feisten Herrn mit der weißen Weste und
+den freundlichen Augen hinter den Brillengläsern oder den
+hübschen blonden, ängstlichen Knaben auf der Postkutsche
+nach Yarmouth darstellen. Dickens schildert so scharf, so
+minuziös, daß man seinem hypnotisierenden Blicke folgen
+muß; er hatte nicht den magischen Blick Balzacs, der die
+Menschen der feurigen Wolke ihrer Leidenschaften sich
+erst chaotisch formend entringen läßt, sondern einen ganz
+irdischen Blick, einen Seemanns-, einen Jägerblick, einen
+Falkenblick für die kleinen Menschlichkeiten. Aber Kleinigkeiten,
+sagte er einmal, sind es, die den Sinn des Lebens
+ausmachen. Sein Blick hascht nach kleinen Merkzeichen,
+er sieht den Flecken am Kleid, die kleinen hilflosen Gesten
+der Verlegenheit, er faßt die Strähne roten Haares, die
+unter einer dunkeln Perücke hervorlugt, wenn ihr Eigner
+in Zorn gerät. Er spürt die Nuancen, tastet die Bewegung
+jedes einzelnen Fingers bei einem Händedruck ab, die Abschattung
+in einem Lächeln. Er war Jahre vor seiner literarischen
+Zeit Stenograph im Parlament gewesen und hatte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_73" id="Page_73">73</a><span>] </span></span>sich dort geübt, das Ausführliche ins Summarische zu
+drängen, mit einem Strich ein Wort, mit kurzem Schnörkel
+einen Satz darzustellen. Und so hat er später dichterisch
+eine Art Kurzschrift des Wirklichen geübt, das kleine
+Zeichen hingestellt statt der Beschreibung, eine Essenz
+der Beobachtung aus den bunten Tatsächlichkeiten destilliert.
+Für diese kleinen Äußerlichkeiten hatte er eine unheimliche
+Scharfsichtigkeit, sein Blick übersah nichts, faßte
+wie ein guter Verschluß am photographischen Apparat
+das Hundertstel einer Sekunde in einer Bewegung, einer
+Geste. Nichts entging ihm. Und diese Scharfsichtigkeit
+wurde noch gesteigert durch eine ganz merkwürdige Brechung
+des Blicks, die den Gegenstand nicht wie ein Spiegel
+in seiner natürlichen Proportion wiedergab, sondern
+wie ein Hohlspiegel ins Charakteristische übertrieb. Dickens
+unterstreicht immer die Merkzeichen seiner Menschen, er
+dreht sie aus dem Objektiven hinüber ins Gesteigerte, ins
+Karikaturistische. Er macht sie intensiver, erhebt sie zum
+Symbol. Der wohlbeleibte Pickwick wird auch seelisch zur
+Rundlichkeit, der dünne Jingle zur Dürre, der Böse zum
+Satanas, der Gute die leibhaftige Vollendung. Dickens
+übertreibt wie jeder große Künstler, aber nicht ins Grandiose,
+sondern ins Humoristische. Die ganze, so unsäglich
+ergötzliche Wirkung seiner Darstellung entwuchs nicht
+so sehr seiner Laune, nicht seinem Übermut, sondern sie
+saß schon in dieser merkwürdigen Winkelstellung des
+Auges, das mit seiner Überschärfe alle Erscheinungen
+irgendwie ins Wunderliche und Karikaturistische übertrieben
+auf das Leben zurückspiegelte.</p>
+
+<p>Tatsächlich: in dieser eigenartigen Optik &ndash; und nicht
+in seiner ein wenig zu bürgerlichen Seele &ndash; steckt Dickens'
+Genie. Dickens war eigentlich nie Psychologe, einer, der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_74" id="Page_74">74</a><span>] </span></span>magisch die Seele des Menschen erfaßt, aus ihrem hellen
+oder dunklen Samen in geheimnisvollem Wachstum sich
+die Dinge in ihren Farben und Formen entfalten ließ.
+Seine Psychologie beginnt beim Sichtbaren, er charakterisiert
+durch Äußerlichkeiten, allerdings durch jene letzten
+und feinsten, die eben nur einem dichterisch scharfen Auge
+sichtbar sind. Wie die englischen Philosophen, beginnt er
+nicht mit Voraussetzungen, sondern mit Merkmalen. Die
+unscheinbarsten, ganz materiellen Äußerungen des Seelischen
+fängt er ein und macht an ihnen durch seine merkwürdig
+karikaturistische Optik den ganzen Charakter
+augenfällig. Aus Merkmalen läßt er die Spezies erkennen.
+Dem Schullehrer Creakle gibt er eine leise Stimme, die
+mühsam das Wort gewinnt. Und schon ahnt man das
+Grauen der Kinder vor diesem Menschen, dem die Anstrengung
+des Sprechens die Zornader über die Stirne
+schwellen läßt. Sein Uriah Heep hat immer kalte, feuchte
+Hände: schon atmet die Gestalt Mißbehagen, schlangenhafte
+Widrigkeiten. Kleinigkeiten sind das, Äußerlichkeiten,
+aber immer solche, die auf das Seelische wirken.
+Manchmal ist es eigentlich nur eine lebendige Schrulle,
+die er darstellt; eine Schrulle, die mit einem Menschen
+umwickelt ist und ihn wie eine Puppe mechanisch bewegt.
+Manchmal wieder charakterisiert er den Menschen durch
+seinen Begleiter &ndash; was wäre Pickwick ohne Sam Weller,
+Dora ohne Jip, Barnaby ohne den Raben, Kit ohne das
+Pony! &ndash; und zeichnet die Eigentümlichkeit der Figur gar
+nicht an dem Modell selbst, sondern am grotesken Schatten.
+Seine Charaktere sind eigentlich immer nur eine
+Summe von Merkmalen, aber von so scharfgeschnittenen,
+daß sie restlos ineinander passen und ein Bild vortrefflich
+in Mosaik zusammensetzen. Und darum wirken sie meistens
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_75" id="Page_75">75</a><span>] </span></span>immer nur äußerlich, sinnfällig, sie erzeugen eine intensive
+Erinnerung des Auges, eine nur vage des Gefühles.
+Rufen wir in uns eine Figur Balzacs oder Dostojewskis
+beim Namen auf, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Père</span> Goriot oder Raskolnikow, so
+antwortet ein Gefühl, die Erinnerung an eine Hingebung,
+eine Verzweiflung, ein Chaos der Leidenschaft. Sagen wir
+uns Pickwick, so taucht ein Bild auf, ein jovialer Herr mit
+reichlichem Embonpoint und goldenen Knöpfen auf der
+Weste. Hier spüren wir es: an die Figuren Dickens' denkt
+man wie an gemalte Bilder, an die Dostojewskis und Balzacs
+wie an Musik. Denn diese schaffen intuitiv, Dickens
+nur reproduktiv, jene mit dem geistigen, Dickens mit dem
+körperlichen Auge. Er faßt die Seele nicht dort, wo sie
+geisterhaft, nur von dem siebenfach glühenden Licht der
+visionären Beschwörung bezwungen, aus der Nacht des
+Unbewußten steigt, er lauert dem unkörperlichen Fluidum
+auf, dort, wo es einen Niederschlag im Wirklichen hat, er
+hascht die tausend Wirkungen des Seelischen auf das
+Körperliche, aber dort übersieht er keine. Seine Phantasie
+ist eigentlich bloß Blick und reicht darum nur aus für jene
+Gefühle und Gestalten der mittleren Sphäre, die im Irdischen
+wohnen; seine Menschen sind nur plastisch in den
+gemäßigten Temperaturen der normalen Gefühle. In den
+Hitzegraden der Leidenschaft zerschmelzen sie wie Wachsbilder
+in Sentimentalität, oder sie erstarren im Haß und
+werden brüchig. Dickens gelingen nur geradlinige Naturen,
+nicht jene ungleich interessanteren, in denen die hundertfachen
+Übergänge vom Guten zum Bösen, vom Gott zum
+Tier fließend sind. Seine Menschen sind immer eindeutig,
+entweder vortrefflich als Helden oder niederträchtig als
+Schurken, sie sind prädestinierte Naturen mit einem Heiligenschein
+über der Stirne oder dem Brandmal. Zwischen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_76" id="Page_76">76</a><span>] </span></span><span lang="en" xml:lang="en">good</span> und <span lang="en" xml:lang="en">wicked</span>, zwischen dem Gefühlvollen und Gefühllosen
+pendelt seine Welt. Darüber hinaus, in die Welt
+der geheimnisvollen Zusammenhänge, der mystischen Verkettungen,
+weiß seine Methode keinen Pfad. Das Grandiose
+läßt sich nicht greifen, das Heroische nicht erlernen.
+Es ist der Ruhm und die Tragik Dickens', immer in einer
+Mitte geblieben zu sein zwischen Genie und Tradition,
+dem Unerhörten und dem Banalen: in den geregelten
+Bahnen der irdischen Welt, im Lieblichen und im Ergreifenden,
+im Behaglichen und Bürgerlichen.</p>
+
+<p>Aber dieser Ruhm genügte ihm nicht: der Idylliker
+sehnte sich nach Tragik. Immer wieder hat er zur Tragödie
+emporgestrebt, und immer kam er nur zum Melodram.
+Hier war seine Grenze. Diese Versuche sind unerfreulich:
+mögen in England die &bdquo;Geschichte der beiden
+Städte&ldquo;, &bdquo;<span lang="en" xml:lang="en">Bleak House</span>&ldquo; für hohe Schöpfungen gelten, für
+unser Gefühl sind sie verloren, weil ihre große Geste eine
+erzwungene ist. Die Anstrengung zum Tragischen ist in
+ihnen wirklich bewundernswert: in diesen Romanen türmt
+Dickens Konspirationen, wölbt große Katastrophen wie
+Felsblöcke über den Häuptern seiner Helden, er beschwört
+den Schauer der Regennächte, den Volksaufstand und die
+Revolutionen, entfesselt den ganzen Apparat des Grauens
+und Entsetzens. Aber doch, jener erhabene Schauer stellt
+sich nie ein, es wird nur ein Gruseln, der rein körperliche
+Reflex des Entsetzens, und nicht der Schauer der Seele.
+Jene tiefen Erschütterungen, jene gewitterhaften Wirkungen,
+die vor Angst das Herz sehnsüchtig stöhnen lassen
+nach der Entladung im Blitz, brechen nie mehr aus seinen
+Büchern. Dickens türmt Gefahr über Gefahren, aber man
+fürchtet sie nicht. Bei Dostojewski starren manchmal plötzlich
+Abgründe, man jappt nach Luft, wenn man dieses
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_77" id="Page_77">77</a><span>] </span></span>Dunkel, diesen namenlosen Abgrund in der eigenen Brust
+aufgerissen fühlt; man fühlt den Boden unter den Füßen
+schwinden, spürt einen jähen Schwindel, einen feurigen,
+aber süßen Schwindel, möchte gern nieder, niederstürzen,
+und schauert doch zugleich vor diesem Gefühl, wo Lust
+und Schmerz zu so ungeheuren Hitzegraden weißgeglüht
+sind, daß man sie voneinander nicht scheiden kann. Auch
+bei Dickens sind solche Abgründe. Er reißt sie auf, füllt
+sie mit Schwärze, zeigt ihre ganze Gefahr; aber doch, man
+schauert nicht, man hat nicht jenen süßen Schwindel des
+geistigen Niederstürzens, der vielleicht der höchste Reiz
+künstlerischen Genießens ist. Man fühlt sich bei ihm
+immer irgendwie sicher, als hielte man ein Geländer, denn
+man weiß, er läßt einen nicht niederstürzen; man weiß,
+der Held wird nicht untergehen; die beiden Engel, die mit
+weißen Flügeln durch die Welt dieses englischen Dichters
+schweben, Mitleid oder Gerechtigkeit, werden ihn schon
+unbeschädigt über alle Schründe und Abgründe tragen.
+Dickens fehlt die Brutalität, der Mut zur wirklichen Tragik.
+Er ist nicht heroisch, sondern sentimental. Tragik ist Wille
+zum Trotz, Sentimentalität Sehnsucht nach der Träne.
+Zu der tränenlosen, wortlosen, letzten Gewalt des verzweifelten
+Schmerzes ist Dickens nie gelangt: sanfte Rührung
+&ndash; etwa der Tod Doras im &bdquo;Copperfield&ldquo; &ndash; ist das
+äußerste ernste Gefühl, das er vollendet darzustellen vermag.
+Holt er zum wirklich wuchtigen Schwung aus, so
+fällt ihm immer das Mitleid in den Arm. Immer glättet
+das (oft ranzige) Öl des Mitleids den heraufbeschworenen
+Sturm der Elemente; die sentimentale Tradition des englischen
+Romans überwindet den Willen zum Gewaltigen.
+Denn in England soll das Geschehen eines Romans eigentlich
+nur die Illustration der landläufigen moralischen Maximen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_78" id="Page_78">78</a><span>] </span></span>sein; durch die Melodie des Schicksals werkelts immer
+als Unterton: &bdquo;Üb immer Treu und Redlichkeit.&ldquo; Das
+Finale muß eine Apokalypse sein, ein Weltgericht, die
+Guten steigen nach oben, die Bösen werden bestraft. Auch
+Dickens hat leider diese Gerechtigkeit in die meisten Romane
+übernommen, seine Schurken ertrinken, ermorden
+sich gegenseitig, die Hochmütigen und Reichen machen
+Bankrott, und die Helden sitzen warm in der Wolle. Noch
+heute duldet der Engländer kein Drama, das ihn nicht am
+Ende mit der Beruhigung entläßt, alles in dieser Welt sei
+in schönster Ordnung. Und diese echt englische Hypertrophie
+des moralischen Sinnes hat Dickens' grandioseste
+Inspirationen zum tragischen Roman irgendwie ernüchtert.
+Denn die Weltanschauung dieser Werke, der eingebaute
+Kreisel, der ihre Stabilität aufrechterhält, ist nicht die Gerechtigkeit
+des freien Künstlers mehr, sondern die eines
+anglikanischen Bürgers. Dickens zensuriert die Gefühle,
+statt sie frei wirken zu lassen: er gestattet nicht wie Balzac
+ihr elementares Überschäumen, sondern lenkt sie durch
+Dämme und Gruben in Kanäle, wo sie die Mühlen der
+bürgerlichen Moral drehen. Der Prediger, der Reverend,
+der <span lang="en" xml:lang="en">common-sense-</span>Philosoph, der Schulmeister, alle sitzen
+sie unsichtbar mit ihm in der Werkstatt des Künstlers und
+mengen sich ein: sie verleiten ihn, den ernsten Roman
+statt ein demütiges Nachbild der freien Wirklichkeiten
+lieber ein Vorbild und eine Warnung für junge Leute sein
+zu lassen. Freilich, belohnt ward die gute Gesinnung: als
+Dickens starb, wußte der Bischof von Winchester an
+seinem Werk zu rühmen, man könne es beruhigt jedem
+Kinde in die Hände geben; aber gerade dies, daß es das
+Leben nicht in seinen Wirklichkeiten zeigt, sondern so,
+wie man es Kindern darstellen will, schmälert seine überzeugende
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_79" id="Page_79">79</a><span>] </span></span>Kraft. Für uns Nichtengländer strotzt und protzt
+es zu sehr mit Sittlichkeit. Um Held bei Dickens zu werden,
+muß man ein Tugendausbund sein, ein puritanisches
+Ideal. Bei Fielding und Smollet, die ja doch auch Engländer
+waren, allerdings Kinder eines sinnefreudigeren
+Jahrhunderts, schadet es dem Helden absolut nicht, wenn
+er einmal bei einem Raufhandel seinem Gegenüber die
+Nase eintreibt oder wenn er trotz aller hitzigen Liebe zu
+seiner adeligen Dame einmal mit ihrer Zofe im Bette
+schläft. Bei Dickens erlauben sich nicht einmal die Wüstlinge
+solche Abscheulichkeiten. Selbst seine ausschweifenden
+Menschen sind eigentlich harmlos, ihre Vergnügungen
+noch immer so, daß sie eine ältliche <span lang="en" xml:lang="en">spinster</span> ohne Erröten
+verfolgen kann. Da ist Dick Swiveller der Libertin. Wo
+steckt denn eigentlich seine Libertinage? Mein Gott, er
+trinkt vier Glas Ale statt zwei, zahlt seine Rechnungen
+höchst unregelmäßig, bummelt ein wenig, das ist alles.
+Und zum Schluß macht er im rechten Augenblick eine
+Erbschaft &ndash; eine bescheidene natürlich &ndash; und heiratet
+höchst anständig das Mädchen, das ihm auf die Bahn der
+Tugend half. Wahrhaft unmoralisch sind bei Dickens
+nicht einmal die Schurken, selbst sie haben trotz aller böser
+Instinkte blasses Blut. Diese englische Lüge der Unsinnlichkeit
+sitzt als Brand in seinem Werke; die schieläugige
+Hypokrisie, die übersieht, was sie nicht sehen will, wendet
+Dickens den spürenden Blick von den Wirklichkeiten.
+Das England der Königin Viktoria hat Dickens verhindert,
+den vollendet tragischen Roman zu schreiben, der seine
+innerste Sehnsucht war. Und es hätte ihn ganz niedergezogen
+in seine eigene satte Mediokrität, hätte ihn ganz
+mit den klemmenden Armen der Beliebtheit zum Anwalt
+seiner sexuellen Verlogenheit gemacht, wäre dem Künstler
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_80" id="Page_80">80</a><span>] </span></span>nicht eine Welt frei gewesen, in die seine schöpferische
+Sehnsucht hätte flüchten können, hätte er nicht jene silberne
+Schwinge besessen, die ihn stolz über die dumpfen
+Bezirke solcher Zweckmäßigkeiten hob: seinen seligen
+und fast unirdischen Humor.</p>
+
+<p>Diese eine selige, halkyonisch freie Welt, in die der
+Nebel Englands nicht niederhängt, ist das Land der Kindheit.
+Die englische Lüge verschneidet die Sinnlichkeit in
+den Menschen und zwingt den Erwachsenen in ihre Gewalt;
+die Kinder aber leben noch paradiesisch unbekümmert
+ihr Fühlen aus, sie sind noch nicht Engländer, sondern
+nur kleine helle Menschenblüten, in ihre bunte Welt
+schattet noch nicht der englische Nebelrauch der Hypokrisie.
+Und hier, wo Dickens frei, unbehindert von seinem
+englischen Bourgeoisgewissen schalten durfte, hat er Unsterbliches
+geleistet. Die Jahre der Kindheit in seinen Romanen
+sind einzig schön; nie werden, glaube ich, in der
+Weltliteratur diese Gestalten vergehen, diese heiteren und
+ernsten Episoden der Frühzeit. Wer wird je die Odyssee
+der kleinen Nell vergessen können, wie sie mit ihrem
+greisen Großvater aus dem Rauch und Düster der großen
+Städte hinauszieht ins erwachende Grün der Felder, harmlos
+und sanft, dies engelhafte Lächeln selig über alle Fährlichkeiten
+und Gefahren hinrettend bis ins Verscheiden.
+Das ist rührend in einem Sinne, der über alle Sentimentalität
+hinausreicht zum echtesten, lebendigsten Menschengefühl.
+Da ist Traddles, der fette Junge in seinen geblähten
+Pumphosen, der den Schmerz über die erhaltenen
+Prügel im Zeichnen von Skeletten vergißt, Kit, der Treueste
+der Treuen, der kleine Nickelby und dann dieser eine,
+der immer wiederkehrt, dieser hübsche, &bdquo;sehr kleine und
+nicht eben zu freundlich behandelte Junge&ldquo;, der niemand
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_81" id="Page_81">81</a><span>] </span></span>anderes ist als Charles Dickens, der Dichter, der seine
+eigene Kinderlust, sein eigenes Kinderleid wie kein zweiter
+unsterblich gemacht hat. Immer und immer wieder hat er
+von diesem gedemütigten, verlassenen, verschreckten,
+träumerischen Knaben erzählt, den die Eltern verwaisen
+ließen; und hier ist sein Pathos wirklich tränennah geworden,
+seine sonore Stimme voll und tönend wie Glockenklang.
+Unvergeßlich ist dieser Kinderreigen in Dickens'
+Romanen. Hier durchdringt sich Lachen und Weinen,
+Erhabenes und Lächerliches zu einem einzigen Regenbogenglanz;
+das Sentimentale und das Sublime, das Tragische
+und das Komische, Wahrheit und Dichtung versöhnen
+sich in ein Neues und Nochniedagewesenes. Hier
+überwindet er das Englische, das Irdische, hier ist Dickens
+ohne Einschränkung groß und unvergleichlich. Wollte
+man ihm ein Denkmal setzen, so müßte marmorn dieser
+Kinderreigen seine eherne Gestalt umringen als den Beschützer,
+den Vater und Bruder. Denn sie hat er wahrhaft
+als die reinste Form menschlichen Wesens geliebt. Wollte
+er Menschen sympathisch machen, so ließ er sie kindlich
+sein. Um der Kinder willen hat er die sogar geliebt, die
+schon nicht mehr kindlich, sondern kindisch waren, die
+Schwachsinnigen und Geistesgestörten. In allen seinen
+Romanen ist einer dieser sanften Irren, deren arme verlorene
+Sinne weit oben wie weiße Vögel wandern über der
+Welt der Sorgen und Klagen, denen das Leben nicht ein
+Problem, eine Mühe und Aufgabe ist, sondern nur ein
+seliges, ganz unverständliches, aber schönes Spiel. Es ist
+rührend zu sehen, wie er diese Menschen schildert. Er
+faßt sie sorgsam an wie Kranke, legt viel Güte um ihr
+Haupt wie einen Heiligenschein. Selige sind sie ihm, weil
+sie ewig im Paradies der Kindheit geblieben sind. Denn
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_82" id="Page_82">82</a><span>] </span></span>die Kindheit ist das Paradies in Dickens' Werken. Wenn
+ich einen Roman von Dickens lese, habe ich immer eine
+wehmütige Angst, wenn die Kinder heranwachsen; denn
+ich weiß, nun geht das Süßeste, das Unwiederbringliche
+verloren, nun mischt sich bald das Poetische mit dem Konventionellen,
+die reine Wahrheit mit der englischen Lüge.
+Und er selbst scheint dieses Gefühl im Innersten zu teilen.
+Denn nur ungern gibt er seine Lieblingshelden an das
+Leben. Er begleitet sie nie bis ins Alter hinein, wo sie
+banal werden, Krämer und Kärrner des Lebens; er nimmt
+Abschied von ihnen, wenn er sie emporgeführt hat bis an
+die Kirchentür der Ehe, durch alle Fährnisse in den spiegelglatten
+Hafen der bequemen Existenz. Und das eine Kind,
+das ihm das liebste war in der bunten Reihe, die kleine
+Nell, in der er die Erinnerung an eine ihm sehr teure
+Frühverstorbene verewigt hatte, sie ließ er gar nicht in die
+rauhe Welt der Enttäuschungen, die Welt der Lüge. Sie
+behielt er für immer im Paradies der Kindheit, schloß ihr
+vorzeitig die blauen sanften Augen, ließ sie ahnungslos
+übergleiten von der Helle der Frühzeit in die Dunkelheit
+des Todes. Sie war ihm zu lieb für die wirkliche Welt.</p>
+
+<p>Denn diese Welt ist bei Dickens, ich sagte es ja schon,
+eine bürgerlich bescheidene, ein müdes, sattes England,
+ein enger Ausschnitt der ungeheuren Möglichkeiten des
+Lebens. Eine solche arme Welt konnte nur reich werden
+durch ein großes Gefühl. Balzac hat den Bourgeois gewaltig
+gemacht durch seinen Haß, Dostojewski durch
+seine Heilandsliebe. Und auch Dickens, der Künstler, erlöst
+diese Menschen von ihrer lastenden Erdschwere: durch
+seinen Humor. Er betrachtet seine kleinbürgerliche Welt
+nicht mit objektiver Wichtigkeit, er stimmt nicht jenen
+Hymnus der braven Leute, der alleinseligmachenden Tüchtigkeit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_83" id="Page_83">83</a><span>] </span></span>und Nüchternheit an, der jetzt die meisten unserer
+deutschen Heimatkunstromane so widerlich macht. Sondern
+er zwinkert seinen Leuten gutmütig und doch lustig
+zu, er macht sie wie Gottfried Keller und Wilhelm Raabe
+ein ganz klein wenig lächerlich in ihren liliputanischen
+Sorgen. Aber lächerlich in einem freundlichen, gutmütigen
+Sinne, so daß man sie für alle Schnurren und Skurrilitäten
+nur noch lieber hat. Wie ein Sonnenblick liegt der Humor
+über seinen Büchern, macht ihre bescheidene Landschaft
+plötzlich heiter und unendlich lieblich, voll von tausend
+entzückenden Wundern; an dieser guten wärmenden
+Flamme wird alles lebendiger und wahrscheinlicher, selbst
+die falschen Tränen flimmern wie Diamanten, die kleinen
+Leidenschaften flammen wie wirklicher Brand. Der Humor
+Dickens' hebt sein Werk über die Zeit hinaus in alle Zeiten.
+Er erlöst es von der Langeweile alles Englischen, Dickens
+überwindet die Lüge durch sein Lächeln. Wie Ariel
+schwebt dieser Humor geisternd durch die Luft seiner
+Bücher, füllt sie an mit heimlicher Musik, reißt sie in einen
+Tanzwirbel, eine große Freudigkeit des Lebens. Allgegenwärtig
+ist er. Selbst aus dem Schacht der finstersten Verwirrungen
+funkelt er auf wie ein Bergmannslicht, er löst
+die überstraffen Spannungen, er mildert das allzu Sentimentale
+durch den Unterton der Ironie, das Übertriebene
+durch seinen Schatten, das Groteske, er ist das Versöhnende,
+das Ausgleichende, das Unvergängliche in seinem Werk.
+Er ist &ndash; wie alles bei Dickens &ndash; natürlich englisch, ein
+echtenglischer Humor. Auch ihm fehlt es an Sinnlichkeit,
+er vergißt sich nicht, betrinkt sich nicht an seiner eigenen
+Laune und wird nie ausschweifend. Er bleibt in seinem
+Überschwang noch gemessen, grölt nicht und rülpst
+sich nicht wie Rabelais, überpurzelt sich nicht wie bei
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_84" id="Page_84">84</a><span>] </span></span>Cervantes vor tollem Entzücken oder springt kopfüber ins
+Unmögliche wie der amerikanische. Er bleibt immer aufrecht
+und kühl. Dickens lächelt wie alle Engländer nur
+mit dem Mund, nicht mit dem ganzen Körper. Seine
+Heiterkeit verbrennt sich nicht selbst, sie funkelt nur und
+zersplittert ihr Licht in die Adern der Menschen hinein,
+flackert mit tausend kleinen Flammen, geistert und irrlichtert
+neckisch, ein entzückender Schelm, mitten in den
+Wirklichkeiten. Auch sein Humor ist &ndash; denn es ist das
+Schicksal Dickens', immer eine Mitte darzustellen &ndash; ein
+Ausgleich zwischen der Trunkenheit des Gefühls, der
+wilden Laune und der kaltlächelnden Ironie. Sein Humor
+ist unvergleichbar dem der anderen großen Engländer. Er
+hat nichts von der zerfasernden, beizenden Ironie Sternes,
+nichts von der breitstapfigen, launigen Landedelmannsheiterkeit
+Fieldings; er ätzt nicht wie Thackeray schmerzhaft
+in den Menschen hinein, er tut nur wohl und nie
+weh, spielt wie Sonnenkringel ihnen lustig um Haupt und
+Hände. Er will nicht moralisch sein und nicht satirisch,
+nicht unter der Narrenkappe irgendeinen feierlichen Ernst
+verstecken. Er will überhaupt nicht und nichts. Er ist.
+Seine Existenz ist absichtslos und selbstverständlich; der
+Schalk steckt schon in jener merkwürdigen Augenstellung
+Dickens', verschnörkelt und übertreibt dort die Gestalten,
+gibt ihnen jene ergötzlichen Proportionen und komischen
+Verrenkungen, die dann das Entzücken von Millionen
+wurden. Alles tritt in diesen Kreis von Licht, sie leuchten
+wie von innen heraus; selbst die Gauner und Schurken
+haben ihren Glorienschein von Humor, die ganze Welt
+scheint irgendwie lächeln zu müssen, wenn Dickens sie
+betrachtet. Alles glänzt und wirbelt, die Sonnensehnsucht
+eines nebligen Landes scheint für immer erlöst. Die Sprache
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_85" id="Page_85">85</a><span>] </span></span>schlägt Purzelbäume, die Sätze quirlen ineinander, springen
+weg, spielen Verstecken mit ihrem Sinn, werfen sich einer
+dem anderen Fragen zu, necken sich, führen sich irre, eine
+Launigkeit beflügelt sie zum Tanz. Unerschütterlich ist
+dieser Humor. Er ist schmackhaft ohne das Salz der
+Sexualität, das ihm ja die englische Küche versagte; er
+ließ sich nicht verwirren dadurch, daß hinter dem Dichter
+der Drucker hetzte; denn selbst im Fieber, in Not und
+Ärger konnte Dickens nicht anders als heiter schreiben.
+Sein Humor ist unwiderstehlich, er saß fest in diesem herrlich
+scharfen Auge und verlosch erst mit seinem Licht.
+Nichts Irdisches vermochte ihm etwas anzuhaben, und
+auch der Zeit wird es kaum gelingen. Denn ich kann mir
+Menschen nicht denken, die Novellen wie &bdquo;Das Heimchen
+am Herd&ldquo; nicht lieben würden, die der Heiterkeit wehren
+könnten bei manchen Episoden dieser Bücher. Die seelischen
+Bedürfnisse mögen sich wandeln wie die literarischen.
+Aber solange man Sehnsucht nach Heiterkeit haben wird,
+in den Augenblicken jener Behaglichkeiten, wo der Lebenswille
+ruht und nur das Gefühl des Lebens sanft seine
+Wellen in einem rührt, wo man sich nach nichts so sehnt
+als nach irgendeiner arglosen melodischen Erregung des
+Herzens, wird man nach diesen einzigen Büchern greifen,
+in England und überall in der Welt.</p>
+
+<p>Das ist das Große, das Unvergängliche in diesem irdischen,
+allzu irdischen Werke: es hat Sonne in sich, es
+strahlt und wärmt. Man soll die großen Kunstwerke nicht
+allein nach ihrer Intensität fragen, nicht nur nach dem
+Menschen, der hinter ihnen stand, sondern auch nach
+ihrer Extensität, der Wirkung auf die Mengen. Und von
+Dickens wird man wie von keinem in unserem Jahrhundert
+sagen können, er habe die Freudigkeit der Welt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_86" id="Page_86">86</a><span>] </span></span>gemehrt. Millionen Augen haben bei seinen Büchern in
+Tränen gefunkelt; Tausenden, denen das Lachen verblüht
+oder verschüttet war, hat er es neu in die Brust gepflanzt:
+weit über das Literarische hinaus ging seine Wirkung.
+Reiche Leute besannen sich und machten Stiftungen, als
+sie von den Brüdern Chereby lasen; Hartherzige wurden
+gerührt; die Kinder bekamen &ndash; es ist verbürgt &ndash;, als &bdquo;Oliver
+Twist&ldquo; erschien, mehr Almosen auf den Straßen; die
+Regierung verbesserte die Armenhäuser und kontrollierte
+die Privatschulen. Das Mitleid und Wohlwollen in England
+ist stärker geworden durch Dickens, das Schicksal
+von vielen und vielen Armen und Unglücklichen gelindert.
+Ich weiß: solche außerordentliche Wirkungen haben nichts
+zu tun mit der ästhetischen Wertung eines Kunstwerkes.
+Aber sie sind wichtig, weil sie zeigen, daß jedes ganz große
+Werk über die Welt der Phantasie hinaus, wo ja jeder
+schaffende Wille zauberhaft frei schweifen kann, auch in
+der realen Welt Wandlungen hervorbringt. Wandlungen
+im Wesentlichen, im Sichtbaren und dann in der Temperatur
+des Gefühlsempfindens. Dickens hat &ndash; im Gegensatz
+zu den Dichtern, die für sich selbst um Mitleid und
+Zuspruch bitten &ndash; die Heiterkeit und Lust seiner Zeit gemehrt,
+ihren Blutkreislauf befördert. Die Welt ist heller
+geworden seit dem Tage, da der junge Stenograph des
+Parlaments zur Feder griff, um von Menschen und Schicksalen
+zu schreiben. Er hat seiner Zeit die Freude gerettet
+und den späteren Generationen den Frohsinn jenes &bdquo;<span lang="en" xml:lang="en">merry
+old England</span>&ldquo;, des England zwischen den Napoleonskriegen
+und dem Imperialismus. Nach vielen Jahren wird man
+noch zurückschauen nach dieser dann schon altväterischen
+Welt mit ihren seltsamen, verlorenen Berufen, die längst
+im Mörser des Industrialismus zerpulvert sein werden, wird
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_87" id="Page_87">87</a><span>] </span></span>sich vielleicht hineinsehnen in dies Leben, das arglos war,
+voll von einfachen, stillen Heiterkeiten. Dickens hat dichterisch
+die Idylle Englands geschaffen &ndash; das ist sein Werk.
+Achten wir dieses Leise, das Zufriedene nicht zu gering
+gegenüber dem Gewaltigen: auch die Idylle ist ein Ewiges,
+eine uralte Wiederkehr. Das Georgikon oder Bukolikon,
+das Gedicht des fliehenden, vom Schauer des Begehrens
+ausruhenden Menschen ist hier erneut, so wie es immer im
+Umschwung der Generationen wieder sich erneuern wird.
+Es kommt, um wieder zu vergehen, die Atempause zwischen
+den Erregungen, das Kraftgewinnen vor oder nach
+der Anstrengung, die Sekunde der Zufriedenheit im rastlos
+hämmernden Herzen. Andere schaffen die Gewalt,
+andere die Stille. Charles Dickens hat einen Augenblick
+der Stille in der Welt zum Gedicht gefügt. Heute ist das
+Leben wieder lauter, die Maschinen dröhnen, die Zeit
+saust in rascherem Umschwung. Aber die Idylle ist unsterblich,
+weil sie Lebensfreude ist; sie kehrt wieder wie
+der blaue Himmel hinter den Wettern, die ewige Heiterkeit
+des Lebens nach allen Krisen und Erschütterungen
+der Seele. Und so wird auch Dickens immer wieder aus
+seiner Vergessenheit wiederkehren, wenn Menschen der
+Fröhlichkeit bedürftig sind und, ermattet von den tragischen
+Anspannungen der Leidenschaft, auch aus den leisern
+Dingen die geisterhafte Musik des Dichterischen werden
+vernehmen wollen.</p>
+</div>
+
+
+<div class="chapter">
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_89" id="Page_89">89</a><span>] </span></span></p>
+<h2><a name="DOSTOJEWSKI" id="DOSTOJEWSKI"></a>DOSTOJEWSKI</h2>
+
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Goethe, Westöstlicher Divan</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_91" id="Page_91">91</a><span>] </span></span></p>
+<h3>EINKLANG</h3>
+
+<p class="chapter"><span class="ucase">Es</span> ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor
+Michailowitsch Dostojewski und seiner Bedeutung für
+unsere innere Welt würdig zu sprechen, denn dieses Einzigen
+Weite und Gewalt will ein neues Maß.</p>
+
+<p>Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes
+Nahen zu finden und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos
+mit eigen kreisenden Gestirnen und anderer Musik
+der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals
+restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis
+ihre Magie, zu weit ins Unendliche verwölkt ihr Gedanke,
+zu fremd ihre Botschaft, als daß die Seele unvermittelt aufschauen
+könnte in diesen neuen wie in heimatlichen Himmel.
+Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen erlebt.
+Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des Mitfühlens
+und Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen
+gesteigerten Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten
+Wurzeln unseres Wesens müssen wir graben, um
+die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen und
+dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken.
+Nur dort, ganz im Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen
+unseres Seins, Wurzel in Wurzel, können wir uns
+Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd scheint
+äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die
+Steppen seiner Heimat, weglose und wie wenig Welt von
+unserer Welt! Nichts Freundliches umfriedet dort lieblich
+den Blick, selten rät eine sanfte Stunde zur Rast.
+Mystische Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen,
+wechselt mit einer frostigen, oft eisigen Klarheit des Geistes,
+statt warmer Sonne flammt vom Himmel ein geheimnisvoll
+blutendes Nordlicht. Urweltlandschaft, mystische Welt
+hat man mit Dostojewskis Sphäre betreten, uralt und jungfräulich
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_92" id="Page_92">92</a><span>] </span></span>zugleich, und süßes Grauen schlägt einem entgegen
+wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald schon sehnt
+sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt
+eine Ahnung das ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch
+werden für immer, müsse es doch wieder zurück in
+unsere wärmere, freundlichere, aber auch engere Welt. Zu
+groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft für den
+täglichen Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige,
+bald feurige Luft für den zitternden Atem. Und die Seele
+würde fliehen vor der Majestät solchen Grauens, wäre nicht
+über dieser unerbittlich tragischen, entsetzlich irdischen
+Landschaft ein unendlicher Himmel der Güte sternenklar
+ausgespannt, Himmel auch unserer Welt, doch höher ins
+Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost,
+als in unseren linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus
+dieser Landschaft zu ihrem Himmel spürt erst die unendliche
+Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer, und
+ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott.</p>
+
+<p>Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag
+unsere Ehrfurcht vor dem Werke Dostojewskis in eine
+brennende Liebe zu verwandeln, nur der innerste Einblick
+in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das Allmenschliche
+dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit
+und wie labyrinthisch ist dieser Niederstieg bis zum innersten
+Herzen des Gewaltigen; machtvoll in seiner Weite,
+schreckhaft durch seine Ferne, wird dies einzige Werk
+in gleichem Maße geheimnisvoller, als wir von seiner unendlichen
+Weite in seine unendliche Tiefe zu dringen
+suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von
+jeder seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen
+Abgründe des Irdischen, jeder Aufschwung ins
+Geistige rührt mit seiner Schwinge bis an Gottes Antlitz.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_93" id="Page_93">93</a><span>] </span></span>Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner
+Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige
+Nacht und glänzt das ewige Licht: denn Dostojewski ist
+durch Lebensbestimmung und Schicksalsgestaltung allen
+Mysterien des Seins restlos verschwistert. Zwischen Tod
+und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit
+steht seine Welt. Überall grenzt sein persönliches Problem
+an ein unlösbares der Menschheit, jede einzelne belichtete
+Fläche spiegelt Unendlichkeit. Als Mensch, als Dichter,
+als Russe, als Politiker, als Prophet: überall strahlt sein
+Wesen von ewigem Sinn. Kein Weg führt an sein Ende,
+keine Frage bis in den untersten Abgrund seines Herzens.
+Nur Begeisterung darf ihm nahen, und auch sie nur demütig
+in der Beschämung, geringer zu sein als seine eigene liebende
+Ehrfurcht vor dem Mysterium des Menschen.</p>
+
+<p>Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um
+uns an sich heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des
+Gewaltigen in unserer Zeit offenbarten ihren Willen.
+Wagner legte neben sein Werk die programmatische Erläuterung,
+die polemische Verteidigung, Tolstoi riß alle
+Türen seines täglichen Lebens auf, jeder Neugier Zutritt,
+jeder Frage Rechenschaft zu geben. Er aber, Dostojewski,
+verriet seine Absicht nie anders als im vollendeten Werk,
+die Pläne verbrannte er in der Glut der Schöpfung.
+Schweigsam und scheu war er ein Leben lang, kaum das
+Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend
+bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann
+war einsam: wie Verminderung seiner Liebe zur ganzen
+Menschheit schien es ihm, einzelnen sich hinzugeben.
+Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der Existenz,
+Qual des gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene
+Lippen, so sehr sie Klage und Notruf sind. Viele Jahre,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_94" id="Page_94">94</a><span>] </span></span>seine ganze Kindheit sind von Dunkel umschattet, und
+schon heute ist er, dessen Blick manche in unserer Zeit
+noch brennen sahen, menschlich etwas ganz Fernes und
+Unsinnliches geworden, eine Legende, ein Heros und ein
+Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das
+die erhabenen Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares
+umwittert, entirdischt uns auch sein Antlitz. Nicht
+aus Dokumenten, sondern einzig aus wissender Liebe läßt
+sich sein Schicksal gestalten.</p>
+
+<p>Allein also und führerlos muß man hinab in das Herz
+dieses Labyrinths zu tasten suchen und den Faden Ariadnes,
+der Seele, vom Knäuel der eigenen Lebensleidenschaft
+ablösen. Denn je tiefer wir uns in ihn versenken, desto
+tiefer fühlen wir uns selbst. Nur wenn wir an unser wahres
+allmenschliches Wesen hinangelangen, sind wir ihm nah.
+Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der
+oder keiner das letzte Maß aller Menschlichkeit gewesen.
+Und dieser Gang in sein Werk führt durch alle Purgatorien
+der Leidenschaft, durch die Hölle der Laster,
+führt über alle Stufen irdischer Qual: Qual des Menschen,
+Qual der Menschheit, Qual des Künstlers und der letzten,
+der grausamsten, der Gottesqual. Dunkel ist der Weg, und
+von innen muß man glühen in Leidenschaft und Wahrheitswillen,
+um nicht in die Irre zu gehen: unsere eigene
+Tiefe erst müssen wir durchwandern, ehe wir uns in die
+seine wagen. Er sendet keine Boten, einzig das Erlebnis
+führt Dostojewski zu. Und er hat keine Zeugen, keine
+anderen als des Künstlers mystische Dreieinheit in Fleisch
+und Geist: sein Antlitz, sein Schicksal und sein Werk.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_95" id="Page_95">95</a><span>] </span></span></p>
+<h3>DAS ANTLITZ</h3>
+
+<p>Sein Antlitz scheint zuerst das eines Bauern. Lehmfarben,
+fast schmutzig falten sich die eingesunkenen Wangen,
+zerpflügt von vieljährigem Leid, dürstend und versengt
+spannt sich mit vielen Sprüngen die rissige Haut, der jener
+Vampir zwanzigjährigen Siechtums Blut und Farbe entzogen.
+Rechts und links starren, zwei mächtige Steinblöcke,
+die slawischen Backenknochen heraus, den herben Mund,
+das brüchige Kinn überwuchert wirrer Busch von Bart. Erde,
+Fels und Wald, eine tragisch elementare Landschaft, das
+sind die Tiefen von Dostojewskis Gesicht. Alles ist dunkel,
+irdisch und ohne Schönheit in diesem Bauern- und beinahe
+Bettlerantlitz; flach und farblos, ohne Glanz dunkelt es
+hin, ein Stück russische Steppe auf Stein versprengt. Selbst
+die Augen, die tief eingesenkten, vermögen aus ihren Klüften
+nicht diesen mürben Lehm zu erleuchten, denn nicht
+nach außen schlägt klar und blendend ihre gerade Flamme,
+gleichsam nach innen ins Blut hinein brennen zehrend
+ihre spitzen Blicke. Wenn sie sich schließen, stürzt der
+Tod sofort über dies Gesicht, und die nervöse Hochspannung,
+die sonst die mürben Züge zusammenhält, sinkt
+nieder ins lethargisch Unbelebte.</p>
+
+<p>Wie sein Werk ruft dies Antlitz erst das Grauen vom
+Reigen der Gefühle auf, dem sich zögernd Scheu und dann
+leidenschaftlich, in wachsender Bezauberung, Bewunderung
+gesellt. Denn nur die irdische Niederung, die fleischliche,
+seines Antlitzes dämmert hin in dieser düster-erhabenen
+naturhaften Trauer. Aber wie eine Kuppel, weißstrahlend
+und gewölbt, hebt sich ragend über dem engen
+bäurischen Gesicht die aufstrebende Rundung der Stirne:
+aus Schatten und Dunkel steigt blank und gehämmert der
+geistige Dom: harter Marmor über den weichen Lehm des
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_96" id="Page_96">96</a><span>] </span></span>Fleisches, das wüste Dickicht des Haares. Alles Licht
+strömt in diesem Antlitz nach oben, und blickt man in sein
+Bild, so fühlt man immer nur sie, diese breite mächtige,
+königliche Stirne, sie, die immer strahlender leuchtet und
+sich zu weiten scheint, je mehr das alternde Antlitz in
+Krankheit vergrämt und vergeht. Wie ein Himmel steht
+sie hoch und unerschütterlich über der Hinfälligkeit des
+gebrestigen Körpers, Glorie von Geist über irdischer
+Trauer. Und auf keinem Bilde leuchtet dies heilige Gehäuse
+des sieghaften Geistes glorreicher als von jenem des
+Totenbetts, da die Lider schlaff über die gebrochenen
+Augen gefallen sind, die entfärbten Hände, fahl und doch
+fest, das Kreuz gierig umfassen (jenes arme kleine Holzkruzifix,
+das einst eine Bäuerin dem Zuchthäusler schenkte).
+Da strahlt sie wie von morgens die Sonne über nächtiges
+Land nieder auf das entseelte Antlitz und kündet mit ihrem
+Glanz die gleiche Botschaft wie alle seine Werke: daß der
+Geist und der Glaube ihn erlösten vom dumpfen niederen
+und körperlichen Leben. In letzter Tiefe ist immer Dostojewskis
+letzte Größe: und nie spricht sein Antlitz stärker
+als aus seinem Tod.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3>DIE TRAGÖDIE SEINES LEBENS</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;<span lang="it" xml:lang="it">Non vi si pensa quanto sangue costa.</span>&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Dante</p>
+</div>
+
+<p>Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck
+und der zweite dann Größe. Auch sein Schicksal scheint
+anfangs dem flüchtigen Blick so grausam und gemein, wie
+sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst empfindet
+man es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen Instrumenten
+der Qual foltern diese sechzig Jahre den hinfälligen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_97" id="Page_97">97</a><span>] </span></span>Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend und seinem
+Alter die Süße weg, die Säge des körperlichen Schmerzes
+knirscht in sein Gebein, die Schraube der Entbehrung
+wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv, die brennenden
+Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch
+seine Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich
+seine Leidenschaft. Keine Qual ist gespart, keine
+Marter vergessen. Eine sinnlose Grausamkeit, eine blindwütige
+Feindseligkeit scheint dies Schicksal vorerst. Rückschauend
+nur begreift man, daß es sich so hart zum Hammer
+geschmiedet, weil es Ewiges aus ihm meißeln wollte, daß
+es gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein.
+Denn nichts mißt es dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends
+ähnelt sein Lebensgang dem gut gepflasterten breiten
+Bürgersteig aller anderen Dichter des neunzehnten
+Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes
+Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen.
+Alttestamentarisch, heroisch und in nichts neuzeitlich und
+bürgerlich ist Dostojewskis Schicksal. Ewig muß er mit
+dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen Gott empören
+und ewig sich beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn
+sicher werden, nie träge, immer muß er den Gott spüren,
+der ihn straft, weil er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er
+rasten im Glück, damit sein Weg bis ins Unendliche gehe.
+Manchmal scheint der Dämon seines Schicksals schon
+innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie
+alle anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber
+immer wieder reckt sich die gewaltige Hand und stößt ihn
+ins Dickicht zurück, in die brennenden Dornen. Schleudert
+es ihn hoch, so ists nur, um ihn in tiefere Abgründe hinabzustürzen,
+ihn die ganze Weite der Ekstase und Verzweiflung
+zu lehren; es hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_98" id="Page_98">98</a><span>] </span></span>andere schwach zerschmelzen in Wollust, und wirft ihn in
+Schlünde des Leidens, wo alle andern zerschellen in
+Schmerz: und eben wie Hiob zerschmettert es ihn immer
+in den Augenblicken der höchsten Sicherheiten, nimmt
+ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und schändet
+ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit
+Gott zu rechten und ihm durch seine unaufhörliche Empörung
+und seine unaufhörliche Hoffnung nur mehr gewonnen
+sei. Es ist, als hätte sich diese Zeit lauer Menschen
+gerade diesen einen aufgespart, um zu zeigen, welche titanischen
+Maße in Lust und Qual auch unserer Welt noch
+möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf den gewaltigen
+Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt
+er sich gegen sein Schicksal, niemals hebt er die Faust.
+Der Körper, der wunde, bäumt sich konvulsivisch in
+Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal
+wie Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube,
+zwingt die Revolte nieder. Der mystisch Wissende in
+Dostojewski spürt das Heilige dieser Hand, den tragisch
+fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem Leid wird
+Liebe zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner
+Qual umflammt er seine Zeit, seine Welt.</p>
+
+<p>Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt
+es ihn nieder. Früh schon atzt es ihn mit der süßen
+Speise des Ruhms: sein erstes Buch schenkt ihm einen
+Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und schleudert
+ihn wieder zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die
+Katorga, nach Sibirien. Wieder taucht er, nur noch stärker
+und mutiger, empor: seine Memoiren aus dem Totenhause
+reißen Rußland in einen Taumel. Der Zar selbst
+netzt das Buch mit seinen Tränen, die russische Jugend
+steht in Flammen für ihn. Er gründet eine Zeitschrift,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_99" id="Page_99">99</a><span>] </span></span>seine Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane
+entstehen. Da bricht im Wettersturz seine materielle Existenz
+zusammen, Schulden und Sorgen peitschen ihn aus
+dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein Nomade,
+irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation.
+Aber zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung,
+taucht er aus den grauen Gewässern namenloser
+Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis bezeugt ihn als
+den ersten Dichter, den Propheten seines Landes. Unauslöschlich
+ist nun sein Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn
+die eiserne Hand nieder, und die verzückte Begeisterung
+seines ganzen Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen
+Sarg. Das Schicksal bedarf seiner nicht mehr, der grausam
+weise Wille hat alles erreicht, aus seiner Existenz das
+Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es
+nun die leere Hülse des Körpers hin.</p>
+
+<p>Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis
+Leben zum Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie.
+Und in wundervoller Symbolik nimmt sein künstlerisches
+Werk die typische Form des eigenen Schicksals an. Es
+gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge,
+wunderbare Spiegelungen, die nicht zu deuten und
+zu erklären sind. Schon der Anbeginn seines Lebens ist
+Symbol: Fedor Michailowitsch Dostojewski wird im
+Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so
+schon die Stelle seiner Existenz angewiesen, irgendwo im
+Abseits, im Verachteten, nahe dem Bodensatz des Lebens
+und doch mitten im menschlichen Schicksal, nachbarlich
+von Leiden, Schmerz und Tod. Niemals bis zum letzten
+Tage (er starb in einem Arbeiterviertel, in einer Winkelwohnung
+des vierten Stocks) ist er dieser Umgürtung entronnen,
+alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_100" id="Page_100">100</a><span>] </span></span>Lebens bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung
+im Armenhaus des Lebens. Sein Vater, Militärarzt
+wie der Schillers, ist adliger Abstammung, seine Mutter
+aus Bauernblut: beide Quellen des russischen Volkstums
+strömen so befruchtend in seine Existenz zusammen,
+strenggläubige Erziehung wendet schon früh seine Sinnlichkeit
+zur Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in
+einem engen Verschlag, den er mit seinem Bruder teilt,
+hat er die ersten Jahre seines Lebens verbracht. Die ersten
+Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine Kindheit, denn
+dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen.
+Niemals hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis
+Schweigen war immer Scham oder stolze Angst vor fremdem
+Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort in seiner
+Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd
+aufsteigen, zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern.
+Und doch meint man ihn zu kennen, blickt man tiefer in
+die brennenden Augen der Kindergestalten, die er schuf.
+Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif, phantasievoll
+bis zur Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren
+Glut, etwas Großes zu werden, voll jenes gewaltsamen
+und knabenhaften Fanatismus, über sich selbst hinauszuwachsen
+und &bdquo;für die ganze Menschheit zu leiden&ldquo;.
+Wie <ins class="correction" title="der">die</ins> kleine Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll
+gewesen sein mit Liebe und zugleich der hysterischen Angst,
+sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des
+betrunkenen Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten
+und den Jammer der Entbehrungen, aber doch
+immer bereit, seine Nächsten vor der Welt zu verteidigen.</p>
+
+<p>Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt
+vortritt, ist die Kindheit schon weggelöscht. In die ewige
+Freistatt aller Unbefriedigten, das Asyl der Vernachlässigten
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_101" id="Page_101">101</a><span>] </span></span>ist er geflohen, in die bunte und gefährliche
+Welt der Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem
+Bruder gemeinsam gelesen, Tag um Tag und Nacht für
+Nacht &ndash; schon damals trieb er, der Unersättliche, jede
+Neigung bis zum Laster empor &ndash;, und diese phantastische
+Welt entfernt ihn noch mehr von der Wirklichkeit. Voll
+stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er doch bis ins
+Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und
+Eis zugleich, ein Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine
+Leidenschaft tappt wirr umher, geht in diesen &bdquo;Kellerjahren&ldquo;
+alle dunklen Wege der Ausschweifung, aber immer
+einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem
+Glück und immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot,
+nur um der paar Rubel willen, geht er zum Militär: auch
+dort findet er keinen Freund. Ein paar dumpfe Jünglingsjahre
+kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt
+er in einem Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend,
+sinnend, mit allen geheimen Lastern des Denkens und der
+Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch keinen Weg, er lauscht auf
+sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er spürt sie mit Wollust
+und Grauen tief unten gären, er liebt sie und fürchtet
+sie, er wagt nicht, sich zu rühren, um dies dumpfe Werden
+nicht zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in diesem
+schwarzen, formlosen Puppenstand von Einsamkeit und
+Schweigen, Hypochondrie fällt ihn an, eine mystische
+Angst zu sterben, ein Grauen oft vor der Welt, oft vor
+sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in
+der eigenen Brust. In den Nächten übersetzt er, um seinen
+verwirrten Finanzen aufzuhelfen (sein Geld zerfloß, typisch
+genug, in den gegensätzlichen Neigungen, in Almosen und
+Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und Schillers
+Don Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_102" id="Page_102">102</a><span>] </span></span>sich langsam eigene Formen, und endlich reift aus diesem
+vernebelten traumhaften Zustand von Angst und Ekstase
+sein erstes dichterisches Werk, der kleine Roman &bdquo;Arme
+Leute&ldquo;.</p>
+
+<p>1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte
+Menschenstudie geschrieben, er, der Einsamste, &bdquo;mit
+leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Tränen&ldquo;. Seine tiefste
+Demütigung, die Armut, hat es gezeugt, seine höchste
+Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es
+gesegnet. Mißtrauisch betrachtet er die beschriebenen
+Blätter. Er ahnt darin eine Frage an das Schicksal, die
+Entscheidung, und nur mühsam entschließt er sich, Nekrasoff,
+dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung anzuvertrauen.
+Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam
+grüblerisch sitzt er nachts zu Hause, arbeitet, bis die Lampe
+verqualmt. Plötzlich um vier Uhr morgens wird heftig
+an der Klingel gerissen, und Dostojewski, dem erstaunt
+Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die Arme, umhalst, küßt
+ihn und jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam
+das Manuskript gelesen, die ganze Nacht gehorcht,
+gejubelt und geweint, und am Ende hielt es beide nicht:
+sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste Lebenssekunde,
+diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft.
+Bis in den hellen Morgen tauschen die Freunde Glück
+und Ekstase in heißen Worten. Dann eilt Nekrasoff zu
+Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands. &bdquo;Ein neuer
+Gogol ist erstanden&ldquo;, ruft er schon an der Türe, das Manuskript
+wie eine Fahne schwingend. &bdquo;Bei euch wachsen
+die Gogols wie die Pilze&ldquo;, brummt der Mißtrauische, durch
+so viel Begeisterung verärgert. Aber als Dostojewski ihn
+am nächsten Tag besucht, ist er verwandelt. &bdquo;Ja, begreifen
+Sie denn selbst, was Sie da geschaffen haben&ldquo;, schreit er
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_103" id="Page_103">103</a><span>] </span></span>voll Erregung den verwirrten jungen Menschen an. Grauen
+überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem neuen
+plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe
+hinab, an der Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum
+erstenmal fühlt er und wagt doch nicht, es zu glauben,
+daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm das Herz
+auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das &bdquo;Große&ldquo;,
+von dem seine Kindheit wirr geträumt, die Unsterblichkeit,
+das Leiden für die ganze Welt. Erhebung und Zerknirschung,
+Stolz und Demut schwanken wirr durch seine
+Brust, er weiß nicht, welcher Stimme er glauben soll. Trunken
+taumelt er über die Straße, und in seine Tränen mischen
+sich Glück und Schmerz.</p>
+
+<p>So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung
+zum Dichter. Auch hier ahmt die Form seines Lebens
+die seiner Werke geheimnisvoll nach. Hier wie dort haben
+die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik eines
+Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives,
+und nur die innere Größe und Wahrheit reißt
+sie empor zum Grandiosen. In Dostojewskis Leben ist
+oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es zur Tragödie.
+Es ist ganz auf Spannung gestellt: in einzelne
+Sekunden, ohne Übergang, sind die Entscheidungen komprimiert,
+mit zehn oder zwanzig solcher Sekunden der
+Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes Schicksal fixiert.
+Epileptische Ausbrüche des Lebens &ndash; eine Sekunde Ekstase
+und ohnmächtiger Zusammenbruch &ndash; könnte man
+sie nennen. Hinter jeder Ekstase steht schon drohend
+die graue Dämmerung des erschlaffenden Gefühls, und
+aus langem Gewölk ballt sich behutsam der neue mörderische
+Lebensblitz. Jeder Aufschwung ist bezahlt durch
+Niedersturz und diese eine Sekunde der Begnadung mit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_104" id="Page_104">104</a><span>] </span></span>vielen hoffnungslosen Stunden des Robots und der Verzweiflung.
+Der Ruhm, dieser funkelnde Reif, den ihm
+Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt drückt, ist auch
+gleichzeitig schon der erste Ring einer Fußkette, an der
+Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel
+der Arbeit schleppt. Die &bdquo;Hellen Nächte&ldquo;, sein erstes
+Buch, bleibt auch das letzte, das er als freier Mann einzig
+um der schöpferischen Freude willen schuf. Dichten besagt
+für ihn von nun ab auch: erwerben, zurückerstatten,
+abzahlen, denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist vor
+der ersten Zeile schon mit Vorschuß verpfändet, das noch
+ungeborene Kind in die Sklaverei des Gewerbes verkauft.
+Für immer ist er jetzt in das Bagno der Literatur gemauert,
+ein Leben lang gellen die verzweifelten Schreie des Eingesperrten
+nach Freiheit, aber erst der Tod bricht seine
+Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der
+ersten Lust. Ein paar Novellen sind rasch vollendet, und
+schon plant er einen neuen Roman.</p>
+
+<p>Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will
+nicht, sein wachsamer Dämon, daß ihm das Leben zu
+leicht werde. Und damit er es erkennen lerne in allen
+seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine
+Prüfung.</p>
+
+<p>Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel,
+Dostojewski öffnet erstaunt, aber diesmal ists nicht die
+Stimme des Lebens, ein jubelnder Freund, Botschaft des
+Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und Kosaken
+dringen in sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet,
+seine Papiere versiegelt. Vier Monate schmachtet er in
+einer Zelle der Sankt-Pauls-Festung, ohne das Verbrechen
+zu ahnen, dessen man ihn beschuldigt: Teilnahme an den
+Diskussionen einiger aufgeregter Freunde, die man übertrieben
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_105" id="Page_105">105</a><span>] </span></span>die Petraschewskysche Verschwörung genannt hat, ist
+sein ganzes Delikt, seine Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis.
+Dennoch blitzt plötzlich die Verurteilung nieder
+zur härtesten Strafe, zum Tode durch Pulver und Blei.</p>
+
+<p>Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde,
+die engste und reichste seiner Existenz, eine unendliche
+Sekunde, in der sich Tod und Leben die Lippen reichen
+zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er mit
+neun Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd
+ihm umgeworfen, die Glieder an den Pfahl geschnürt und
+die Augen verbunden. Er hört sein Todesurteil lesen und
+die Trommeln knattern &ndash; sein ganzes Schicksal ist zusammengepreßt
+in eine Handvoll Erwartung, unendliche
+Verzweiflung und unendliche Lebensgier in ein einziges
+Molekül Zeit. Da hebt der Offizier die Hand, winkt mit
+dem weißen Tuche und verliest die Begnadigung, das
+Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd.</p>
+
+<p>In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus
+seinem ersten jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen
+fünfzehnhundert eichene Pfähle seinen ganzen Horizont.
+An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag um
+Tag die viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine
+Genossen sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit
+Alabasterschleifen, Ziegeltragen, Schneeschaufeln. Die
+Bibel wird das einzig verstattete Buch, ein räudiger Hund
+und ein flügellahmer Adler seine einzigen Freunde. Vier
+Jahre weilt er im &bdquo;Totenhaus&ldquo;, in der Unterwelt, Schatten
+zwischen Schatten, namenlos und vergessen. Als sie ihm
+dann die Kette von den wunden Füßen abschmieden und
+die Pfähle hinter ihm liegen, eine braune morsche Mauer,
+ist er ein anderer: seine Gesundheit zerstört, sein Ruhm
+zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine Lebenslust
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_106" id="Page_106">106</a><span>] </span></span>bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt
+aus dem schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers
+die heiße Flamme der Ekstase. Ein paar Jahre noch muß
+er in Sibirien verbleiben, halbfrei und ohne die Verstattung,
+eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der Verbannung,
+in bitterster Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene
+seltsame Ehe mit seiner ersten Frau ein, einer kranken
+und eigenartigen, die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert.
+Irgendeine dunkle Tragödie der Aufopferung ist
+in diesem seinen Entschluß für immer der Neugier und
+Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in
+den &bdquo;Erniedrigten und Beleidigten&ldquo; vermag man den
+schweigsamen Heroismus dieser phantastischen Opfertat
+zu ahnen.</p>
+
+<p>Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine
+literarischen Gönner haben ihn fallen gelassen, seine
+Freunde sich verloren. Aber mutig und kraftvoll ringt er
+sich aus der Welle, die ihn niederwarf, wieder ans Licht.
+Seine &bdquo;Erinnerungen aus dem Totenhause&ldquo;, diese unvergängliche
+Schilderung einer Sträflingszeit, reißen Rußland
+aus der Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit Grauen
+entdeckt die ganze Nation, daß ganz atemnah unter der
+flachen Schicht ihrer ruhigen Welt eine andere waltet,
+ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den Kreml empor
+schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über
+dem Buche, von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name.
+In einem einzigen Jahr ist sein Ruhm wieder erbaut, höher
+und dauerhafter als je. Gemeinsam mit seinem Bruder
+gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst
+fast allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger,
+der Politiker, der &bdquo;<span lang="la" xml:lang="la">Praeceptor Russiae</span>&ldquo;. Stürmisch tönt
+der Widerhall, die Zeitschrift hat weiteste Verbreitung,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_107" id="Page_107">107</a><span>] </span></span>ein Roman wird vollendet, heimtückisch, mit vielen blinzelnden
+Blicken lockt ihn das Glück. Dostojewskis Schicksal
+scheint für immer gesichert.</p>
+
+<p>Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem
+Leben waltet: Es ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist
+ihm noch fremd, die Marter des Exils und die fressende
+Angst der täglichen, erbärmlichen Nahrungssorgen. Sibirien
+und die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung Rußlands,
+sie war immerhin noch Heimat gewesen, nun soll
+er noch die Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte
+kennen lernen um der urmächtigen Liebe zum eigenen
+Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose,
+noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der Dichter, der
+Herold seiner Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz
+nieder, eine Sekunde der Vernichtung: die Zeitschrift
+wird verboten. Wieder ist es ein Mißverständnis und
+gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt, Wetterschlag
+auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben.
+Seine Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bruder und gleichzeitig
+sein bester Freund und Helfer. Zweier Familien
+Schulden hängen sich bleiern an ihn und krümmen sein
+Rückgrat unter unerträglicher Last. Noch wehrt er sich
+verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie im Fieber, schreibt,
+redigiert, druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre,
+die Existenz zu retten, aber das Schicksal ist stärker als
+er. Wie ein Verbrecher flüchtet er vor seinen Gläubigern
+eines Nachts hinaus in die Welt.</p>
+
+<p>Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch
+das europäische Exil, jene grauenhafte Abschnürung von
+Rußland, dem Blutquell seines Lebens, die ärger seine
+Seele beengte als die Pfähle der Katorga. Furchtbar ist es
+auszudenken, wie der größte russische Dichter, der Genius
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_108" id="Page_108">108</a><span>] </span></span>seiner Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos,
+heimatlos, ziellos von Land zu Land irrt. Mit Mühe
+findet er Herbergen in kleinen niederen Zimmern, die der
+Dunst der Armut füllt, der Dämon der Epilepsie krallt
+sich an seine Nerven, Schulden, Wechsel, Verpflichtungen
+peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit, Verlegenheit und
+Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück
+in sein Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle
+Wolken vor. Ein junges Mädchen, seine Stenographin,
+war seine zweite Frau geworden, aber das erste Kind, das
+sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung, die Not des Exils
+schon nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das Purgatorium,
+der Vorhof seines Leidens, so ist Frankreich,
+Deutschland, Italien sicherlich seine Hölle. Kaum wagt
+man sich diese tragische Existenz zu vergegenwärtigen.
+Aber immer in Dresden, wenn ich durch die Straßen gehe,
+vorbei an irgendeinem niederen und schmutzigen Haus,
+so faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen
+kleinen sächsischen Krämern und Handlangern, oben
+im vierten Stock, einsam, unendlich einsam in dieser fremden
+Geschäftigkeit. Keiner hat ihn gekannt in all diesen
+Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt Friedrich
+Nietzsche, der einzige, der ihn verstehen könnte, Richard
+Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried Keller, die Zeitgenossen
+sind da, aber er weiß von ihnen nichts und sie
+nichts von ihm. Wie ein großes gefährliches Tier, struppig
+und in abgetragenen Kleidern, schleicht er aus seiner Arbeitshöhle
+scheu auf die Straße, immer den gleichen Weg,
+in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um
+nur russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren,
+Heimat, den bloßen Anblick der cyrillischen Lettern, den
+flüchtigen Atem des heimischen Wortes. Manchmal setzt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_109" id="Page_109">109</a><span>] </span></span>er sich, nicht aus Liebe zur Kunst (ewig blieb er der byzantinische
+Barbar, der Bilderstürmer), sondern um sich zu
+wärmen, in die Galerie. Er weiß nichts von den Menschen,
+die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Russen sind,
+haßt die Deutschen in Deutschland, die Franzosen in
+Frankreich. Sein Herz horcht nach Rußland, nur sein
+Körper vegetiert teilnahmslos in dieser fremden Welt. Kein
+Gespräch, keine Begegnung hat irgendeiner der deutschen,
+französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur im
+Bankhaus kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den
+Schalter kommt und mit vor Erregung zitternder Stimme
+fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus Rußland gekommen
+<ins class="correction" title="sie">sei</ins>, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach in Worten
+vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt.
+Schon lachen die Angestellten über den armen
+Narren und seine ewige Erwartung. Auch im Pfandleihhaus
+ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt, einmal
+sogar seine letzte Hose, um nur ein Telegramm nach
+Petersburg senden zu können, einen jener markerschütternden
+Schreie, wie sie immer wieder gellend in seinem Briefe
+wiederkehren. Das Herz krampft sich zusammen, liest man
+die speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe dieses
+Gewaltigen, in denen er um zehn erbetener Rubel willen
+fünfmal den Heiland anruft, diese entsetzlichen Briefe, die
+keuchen, heulen und winseln für eine erbärmliche Handvoll
+Geld. Die Nächte hindurch arbeitet er und schreibt,
+während seine Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während
+die Epilepsie schon die Kralle spannt, ihm das Leben
+aus der Kehle zu pressen, während die Hausfrau mit der
+Polizei um ihre Miete droht und die Hebamme um ihre
+Bezahlung keift &ndash; schreibt er &bdquo;Raskolnikoff&ldquo;, den &bdquo;Idioten&ldquo;,
+die &bdquo;Dämonen&ldquo;, den &bdquo;Spieler&ldquo;, diese monumentalen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_110" id="Page_110">110</a><span>] </span></span>Werke des neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen
+Gestaltungen unserer ganzen seelischen Welt. Die Arbeit
+ist seine Rettung und seine Qual. In ihr lebt er in Rußland,
+in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in Europa,
+in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine
+Werke hinein. Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht,
+sie sind das Spiel, das seine Nerven, die gepeinigten, zu
+höchster Lust anspannt. Und zwischendurch zählt er, wie
+einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig die Tage: Heimkehren
+können als Bettler, aber nur heimkehren! Rußland,
+Rußland, Rußland ist der ewige Schrei seiner Not. Aber
+noch darf er nicht zurück, noch muß er der Namenlose
+bleiben um des Werkes willen, der Märtyrer all dieser
+fremden Straßen, der einsame Dulder ohne Schrei und
+Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen,
+ehe er aufsteigt in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms.
+Schon ist sein Körper ausgehöhlt von den Entbehrungen,
+immer häufiger schmettern die Keulenschläge der Krankheit
+auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt liegen bleibt,
+mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft taumelnd
+wieder an den Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre
+ist Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden
+erlebt.</p>
+
+<p>Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick
+sein Schicksal: Es ist genug. Gott wendet Hiob wieder
+sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig Jahren darf Dostojewski
+wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben
+für ihn geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet.
+Rußland blickt nur mehr auf ihn. Das &bdquo;Tagebuch eines
+Schriftstellers&ldquo; macht ihn zum Herold seines Volkes, und
+mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet er sein
+Testament an die Zukunft der Nation: &bdquo;Die Karamasoff&ldquo;.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_111" id="Page_111">111</a><span>] </span></span>Und nun entschleiert sein Schicksal endgültig ihm den
+Sinn und schenkt dem Geprüften eine Sekunde höchsten
+Glücks, die ihm weisen soll, daß der Same seines Lebens
+in unendlicher Saat aufgegangen ist. Endlich ist in einem
+Augenblick Dostojewskis sein Triumph so zusammengedrängt
+wie einst seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein
+Gott, aber diesmal nicht einen, der ihn niederschlägt, sondern
+einen, der ihn wie seine Propheten mit feurigem Wagen
+ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag Puschkins
+sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede
+zu halten. Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der
+ein Leben lang ihm den Ruhm usurpierte, hat den Vorrang
+und spricht unter lauer und freundlicher Zustimmung.
+Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und
+er faßt es in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil.
+Mit Flammen der Ekstase, die aus seiner leisen, heiseren
+Stimme plötzlich wie ein Gewitter bricht, verkündet
+er die heilige Mission der russischen Allversöhnung, wie
+hingemäht stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal
+erbebt unter der Explosion des Jubels, Frauen küssen ihm
+die Hände, ein Student bricht ohnmächtig vor ihm zusammen,
+alle anderen Redner verzichten auf das Wort.
+Ins Unendliche wächst die Begeisterung und feurig entbrennt
+die Glorie über dem Haupt mit der Dornenkrone.</p>
+
+<p>Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden
+Minute die Erfüllung seiner Mission, den Triumph des
+Werkes zeigen. Dann wirft es &ndash; die reine Frucht ist gerettet
+&ndash; die verdorrte Hülse seines Körpers hin. Am 10. Februar
+1881 stirbt Dostojewski. Ein Schauer geht durch
+Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer. Aber dann
+flutets heran, aus den fernsten Städten reisen gleichzeitig
+und doch ohne Vereinbarung Deputationen, ihm die letzte
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_112" id="Page_112">112</a><span>] </span></span>Ehre zu erweisen. Aus allen Winkeln der tausendhäuserigen
+Stadt schäumt jetzt &ndash; zu spät! zu spät! &ndash; die ekstatische
+Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den
+sie ein Leben lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der
+er aufgebahrt ist, braust schwarz von Menschen, finstere
+Massen schwemmen in schauerndem Schweigen die Stiegen
+des Arbeiterhauses empor und füllen die engen Räume bis
+hart an den Sarg. Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck
+verschwunden, unter den man ihn gebettet, weil
+hundert Hände sich einzelne Blüten als kostbare Reliquie
+mitnehmen. So stickig wird die Luft des engen Raumes,
+daß die Kerzen keine Nahrung mehr haben und verlöschen.
+Immer drängender fluten die Massen heran, Welle auf
+Welle gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt
+der Sarg und will hinstürzen: mit den Händen müssen ihn
+die Witwe, die erschreckten Kinder aufrecht halten. Der
+Polizeipräsident will das öffentliche Leichenbegängnis verbieten,
+bei dem die Studenten die Ketten des Sträflings
+hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es
+schließlich nicht gegen eine Begeisterung, die sonst mit
+Waffen sich die Teilnahme erzwungen hätte. Und bei dem
+Leichenzuge wird plötzlich Dostojewskis heiliger Traum
+für eine Stunde zum Geschehnis: das einige Rußland.
+Wie in seinem Werk durch das bruderselige Gefühl alle
+Klassen und Stände Rußlands, so sind die Hunderttausende
+hinter dem Sarg durch ihren Schmerz eine einzige Masse;
+junge Prinzen, prunkvolle Popen, Arbeiter, die Studenten,
+Offiziere, Lakaien und Bettler, sie alle unter einem wehenden
+Wald von Fahnen und Bannern klagen mit einer
+Stimme um den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn
+eingesegnet, ist ein einziger Blumenhain, und vor seinem
+offenen Grabe vereinigen sich alle Parteien zu einem Schwur
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_113" id="Page_113">113</a><span>] </span></span>der Liebe und Bewunderung. So schenkt er seiner Nation
+mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung
+und hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei
+gespannten Gegensätze seiner Zeit zusammen. Und
+wie ein grandioser Salut für den Toten springt hinter
+seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die Revolution.
+Drei Wochen später wird der Zar ermordet, der
+Donner des Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung durchzucken
+das Land: Wie Beethoven stirbt Dostojewski im
+heiligen Aufruhr der Elemente, im Gewitter.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3>SINN SEINES SCHICKSALS</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat noindent">
+<span class="i0">Ein Meister bin ich worden<br /></span>
+<span class="i0">Zu tragen Lust und Leid,<br /></span>
+<span class="i0">Und meine Lust zu leiden,<br /></span>
+<span class="i0">Ward mir zur Seligkeit.</span></p>
+<p class="zitat right">Gottfried Keller</p>
+</div>
+
+<p>Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski
+und seinem Schicksal, eine Art liebevoller Feindschaft.
+Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu, alle Kontraste
+dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander;
+es tut ihm weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er
+liebt es, weil es ihn so stark faßt, denn im Leiden erkennt
+dieser Wissendste die stärkste Möglichkeit des Gefühls.
+Nie gibt das Schicksal ihn frei, immer knechtet es ihn aufs
+neue, um diesen einen gläubigen Menschen sich zum
+ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit zu erschaffen.
+Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht
+seines Lebens bis zum Morgenrot des Todes und läßt ihn
+nicht aus der Umkrampfung, ehe er es nicht gesegnet hat.
+Und Dostojewski, der &bdquo;Gottesknecht&ldquo;, begreift die Größe
+dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_114" id="Page_114">114</a><span>] </span></span>Bezwungene unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden
+Lippen küßt er sein Kreuz: &bdquo;Es gibt für den Menschen
+kein notwendigeres Gefühl, als sich vor dem Unendlichen
+beugen zu können.&ldquo; In die Knie gebrochen unter der Last
+seines Schicksals, hebt er fromm die Hände und bezeugt
+die heilige Größe des Lebens.</p>
+
+<p>In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski
+durch Demut und Erkenntnis der große Überwinder alles
+Leidens geworden, der mächtigste Meister und Umwerter
+seit den Tagen des Testaments. Nur durch die Gewalttätigkeiten
+seines Schicksals ward er selbst gewaltig, und
+die Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz
+fallen, schmieden erst seine innere Kraft. Je tiefer sein
+Körper stürzt, desto höher schwingt sich sein Glaube, je
+mehr er als Mensch erleidet, um so seliger erkennt er den
+Sinn und die Notwendigkeit des Weltleidens. <span lang="la" xml:lang="la">Amor fati</span>,
+die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als
+das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder
+Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als
+Heil. Wie Bileam verwandelt jeder Fluch sich dem Auserwählten
+zum Segen, jede Erniedrigung in Erhöhung. In
+Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus
+an den Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in
+uns unverständlicher Demut küßt er immer wieder die
+Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch fahl vom Sarge
+erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit
+des Lebens abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben,
+aus seinen Krämpfen und epileptischen Zuckungen, noch
+Schaum vor dem Munde, rafft er sich auf, den Gott zu
+lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt. Alles Leiden
+zeugt in seiner aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden,
+unersättlichen, lechzenden flagellantischen Durst nach
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_115" id="Page_115">115</a><span>] </span></span>neuen Märtyrerkronen. Schlägt ihn das Schicksal hart, so
+stöhnt er, blutend zusammenstürzend, schon nach neuen
+Schlägen. Jeden Blitz, der ihn trifft, fängt er auf und verwandelt,
+was ihn verbrennen sollte, in seelisches Feuer und
+schöpferische Ekstase.</p>
+
+<p>Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des
+Erlebnisses verliert das äußere Schicksal gänzlich seine
+Herrschaft. Was Strafe und Prüfung scheint, wird dem
+Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen
+soll, richtet den Dichter erst eigentlich auf. Was einen
+Schwächeren zermalmt hätte, stählt diesem Ekstatiker nur
+die Kraft. Das Jahrhundert, das gern mit Sinnbildern spielt,
+gibt eine Probe solcher Doppelwirkung gleichen Erlebnisses.
+Einen anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde,
+streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von
+Namen, Adelige von Rang, eines Tages aus der bürgerlichen
+Sphäre ihrer Existenz ins Zuchthaus hinab. Aber
+der Dichter Wilde wird in dieser Prüfung zermalmt wie
+in einem Mörser, der Dichter Dostojewski aus ihr erst geformt
+wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch
+sozial empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen,
+fühlt sich geschändet durch das bürgerliche
+Brandmal, und das Furchtbarste an Erniedrigung wird
+ihm jenes Bad in Reading <ins class="correction" title="Goal">Gaol</ins>, wo sein gepflegter Edelmannsleib
+in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte
+Wasser hinab muß. Eine ganz privilegierte
+Klasse, die Kultur der Gentlemen, schauert in seinem
+Grauen vor der physischen Vermengung mit dem Gemeinen.
+Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen,
+brennt dieser Gemeinsamkeit entgegen mit schicksalstrunkener
+Seele, zum Purgatorium seines Stolzes wird ihm
+das gleiche schmutzige Bad. Und in der demütigen Hilfeleistung
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_116" id="Page_116">116</a><span>] </span></span>eines schmierigen Tartaren erlebt er ekstatisch
+das christliche Mysterium der Fußwaschung. Wilde, in
+dem der Lord den Menschen überlebt, leidet bei den Sträflingen
+unter der Furcht, sie möchten ihn für ihresgleichen
+nehmen, Dostojewski leidet nur so lange, als Diebe und
+Mörder ihm noch die Bruderschaft verweigern, denn er
+fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft als Makel,
+als Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle
+und Diamant gleiches Element, so ist dies Doppelschicksal
+eines und doch ein anderes für diese beiden Dichter.
+Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt, Dostojewski
+beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke
+in gleicher Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte
+formt. Wilde wird gezüchtigt wie ein Knecht, weil er sich
+wehrt, Dostojewski triumphiert über sein Schicksal durch
+Liebe zu seinem Schicksal.</p>
+
+<p>Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski,
+solch ein Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur
+ein härtestes Schicksal ihm gemäß war. Denn gerade aus
+den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er die höchsten
+inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm
+Gewinn, seine Laster Steigerungen, seine Hemmungen
+Auftriebe. Sibirien, die Katorga, die Epilepsie, die Armut,
+die Spielwut, die Wollüstigkeit, all diese Krisen seiner
+Existenz werden durch eine dämonische Umwertungskraft
+fruchtbar in seiner Kunst, denn wie die Menschen ihre
+kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der Bergwerke,
+zwischen den Gefahren schlagender Wetter, tief
+unter der spaziergängerischen Fläche des gesicherten
+Lebens, so gewinnt der Künstler seine flammendsten Wahrheiten,
+seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den gefährlichsten
+Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_117" id="Page_117">117</a><span>] </span></span>eine Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine
+Errungenschaft ohnegleichen, weil Triumph des Menschen
+über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren
+Existenz durch die innere Magie.</p>
+
+<p>Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft
+über einen siechen, gebrestigen Körper. Vergessen
+wir nicht, daß Dostojewski ein Kranker war, daß dieses
+eherne unvergängliche Werk aus geborstenen hinfälligen
+Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven
+gewonnen ist. Mitten durch seinen Körper war gefährlichstes
+Leiden gepfählt, ewig gegenwärtiges grauenhaftes
+Sinnbild des Todes: die Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker
+die ganzen dreißig Jahre seiner Künstlerschaft.
+Mitten im Werk, auf der Straße, im Gespräch, selbst im
+Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des &bdquo;würgenden
+Dämons&ldquo; um seine Kehle und schmettert ihn so jäh,
+Schaum vor dem Munde, zu Boden, daß der überraschte
+Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse Kind
+spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften
+psychischen Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr,
+zum Blitz wird aber &bdquo;die heilige Krankheit&ldquo; erst im
+Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die ungeheuere
+Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie
+jedes Unglück, wie Armut und Entbehrung, bleibt die
+Körpernot Dostojewski treu bis in die letzte Stunde. Seltsam
+aber: niemals lehnt sich der Gemarterte mit einem
+Wort gegen die Prüfung auf. Nie klagt er über sein Gebrechen
+wie Beethoven über seine Taubheit, Byron über
+seinen verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden,
+ja nirgends ist bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen
+Heilung gesucht habe. Getrost darf man das Unwahrscheinliche
+als gewiß nehmen, daß er mit jener unendlichen <span lang="la" xml:lang="la">Amor</span>
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_118" id="Page_118">118</a><span>] </span></span><span lang="la" xml:lang="it">fati</span> diese seine Krankheit liebte, als Schicksal liebte wie
+jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters
+bändigt das Leiden des Menschen: Dostojewski wird
+Herr seines Leidens, indem er es belauscht. Die äußerste
+Gefahr seines Lebens, die Epilepsie, er verwandelt sie in
+ein höchstes Geheimnis seiner Kunst: eine nie gekannte
+geheimnisvolle Schönheit saugt er aus diesen Zuständen,
+die wundervoll in den Augenblicken taumelnden Vorgefühls
+gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur
+ist hier der Tod mitten im Leben erlebt und in
+dieser einen Sekunde vor dem jedesmaligen Sterben, die
+stärkste, berauschendste Essenz des Seins, die pathologisch
+gesteigerte Anspannung des &bdquo;Sichselbstempfindens&ldquo;. Wie
+ein magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer
+wieder seinen intensivsten Lebensaugenblick, die Minute
+am Semenowski-Platz ins Blut zurück, als sollte er niemals
+den grausigen Kontrast zwischen dem All und dem
+Nichts in seinem Gefühl verlernen. Auch hier schnürt
+immer Dunkel den Blick, auch hier stürzt wie Wasser aus
+übervoller, gebeugter Schale die Seele dem Körper aus,
+schon zittert sie mit gespannten Flügeln zu Gott empor,
+schon spürt sie überirdisches Licht auf den entkörperten
+Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt, schon
+sinkt die Erde, schon tönen die Sphären &ndash; da stürzt ihn
+der Donner des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine
+Leben hinab. Immer wenn Dostojewski diese eine Minute
+beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl, das seine unerhörte
+Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine
+Stimme leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick
+des Grauens zum Hymnus: &bdquo;Ihr gesunden Menschen,
+ihr ahnt nicht,&ldquo; predigt er begeistert, &bdquo;welches
+Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem Anfall
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_119" id="Page_119">119</a><span>] </span></span>durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im
+Paradies gewesen in der kurzen Frist, da sein Krug umstürzte
+und das Wasser ausrann, und alle klugen Narrenköpfe
+behaupten, er sei ein Lügner und Betrüger. Das ist
+aber nicht wahr, er lügt nicht. Sicher war er im Paradies
+während eines epileptischen Anfalls, einer Krankheit, an
+der er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese Wonnesekunde
+Stunden dauert, aber glaubt mir, alle Freude des
+Lebens möchte ich nicht dafür eintauschen.&ldquo;</p>
+
+<p>In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick
+über das Einzelne der Welt hinaus und umfaßt in loderndem
+Allgefühl die Unendlichkeit. Aber was er verschweigt,
+ist die bittere Züchtigung, mit der er jede dieser krampfhaften
+Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter
+Zusammenbruch klirrt die kristallenen Sekunden in reißende
+Scherben, mit zerbrochenen Gliedern und stumpfen
+Sinnen stürzt er, ein anderer Ikarus, in die irdische Nacht
+zurück. Das Gefühl, noch geblendet vom unendlichen
+Licht, tastet sich mühsam im Gefängnis des Körpers zurecht,
+wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden
+des Seins, die eben mit seligen Schwingen Gottes Antlitz
+umfingen. Dostojewskis Zustand nach jedem Anfall ist
+ein fast idiotisches Dämmern, dessen ganzes Grauen er
+sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer Deutlichkeit
+ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen,
+oft zerstoßenen Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem
+Laut, die Hand nicht der Feder, mürrisch und niedergeschlagen
+wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft. Die Helligkeit
+des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in harmonischer
+Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich
+der nächsten Dinge nicht mehr zu erinnern, der Lebensfaden,
+der ihn der Umwelt, der ihn seinem Werk verbindet,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_120" id="Page_120">120</a><span>] </span></span>ist zerrissen. Einmal, nach einem Anfall während der
+Niederschrift der &bdquo;Dämonen&ldquo;, fühlt er mit Grauen, daß ihm
+nichts mehr bewußt ist von all den Geschehnissen der
+eigenen Erfindung, selbst den Namen des Helden hat er
+vergessen. Erst mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung
+hinein, treibt die erschlaffenden Visionen mit drängendem
+Willen wieder zu voller Glut auf, bis &ndash; bis ihn
+eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen der
+Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des
+Todes auf den Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung,
+sind seine letzten, die gewaltigsten Romane entstanden.
+Auf der Kippe zwischen Tod und Wahnsinn, nachtwandlerisch
+sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig empor,
+und aus diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig
+Auferstandenen jene dämonische Kraft, das Leben gierig
+zu umklammern, um ihm sein Höchstes an Gewalt und
+Leidenschaft zu entpressen.</p>
+
+<p>Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis
+dankt Dostojewskis Genie so viel (Mereschkowski hat die
+Antithese blendend durchgeführt) als Tolstoi seiner Gesundheit.
+Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten
+Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden
+nicht gegeben sind, hat ihm geheimnisvollen Blick verliehen
+in die Unterwelt des Gefühles und die Zwischenreiche
+der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines Wesens,
+dies Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen
+des Intellekts in die letzten Labyrinthe des Gefühls, hat
+ihn befähigt, zum ersten Male den pathologischen Geschehnissen
+ihre Metaphysik zu geben, und voll zu schildern, was
+sonst das analytische Skalpell der Wissenschaft nur unvollkommen
+am abgestorbenen klinischen Fall ertastet. Wie
+Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom Hades, so
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_121" id="Page_121">121</a><span>] </span></span>bringt er, der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste
+Beschreibung aus dem Land der Schatten und Flammen
+und bezeugt mit seinem Blut und dem kalten Schauer
+seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände zwischen
+Leben und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das
+Höchste der Kunst, das Stendhal einmal formulierte,
+&bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">d'inventer des sensations inédites</span>&ldquo;, Gefühle, die bei uns
+alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der kühlen
+Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen,
+in voller tropischer Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit
+des Kranken läßt ihn die letzten Worte der Seele
+erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt, die gesteigerte Feinfühligkeit
+mißt mit stärkstem Ausschlag die zartesten Vibrationen
+der Sinne, und eine mystische Scharfsichtigkeit
+in den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm seherische
+Gabe des zweiten Gesichts, die Magie des Zusammenhangs.
+O wunderbare Verwandlung, fruchtbar in allen
+Krisen des Herzens! Der Künstler Dostojewski zwingt
+sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt
+nur neue Größe aus neuem Maß. Denn für ihn
+bedeuten Glück und Leid, die Endpunkte des Gefühls,
+eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit den
+gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern
+mit den siedenden Graden seiner eigenen Phrenesie. Das
+Maximum an Glück, einem andern ist es Genuß einer
+Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer
+aber durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski
+sind die Siedepunkte des Empfindens schon im
+Unerträglichen, im Tödlichen. Sein Glück ist Spasma,
+der schäumende Krampf, seine Qual die Zerschmetterung,
+der Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig
+komprimierte essentielle Zustände, die im Irdischen keine
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_122" id="Page_122">122</a><span>] </span></span>Dauer haben können, die solche Hitzegrade erreichen, daß
+kaum eine Sekunde sie in ihren Händen halten kann und
+schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben ständig
+den Tod erlebt, kennt ein urmächtigeres Grauen als der
+Normale, wer die körperlose Schwebe gefühlt, eine höhere
+Lust als ein Körper, der nie die harte Erde ließ. Sein Begriff
+von Glück meint die Verzückung, sein Begriff von
+Qual die Vernichtung. Darum hat auch das Glück
+seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit,
+sondern es flimmert und brennt wie Feuer, es zittert von
+verhaltenen Tränen und schwült von Gefahr, es ist ein
+unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden mehr
+als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das
+den gemeinen Zustand von dumpfer würgender Angst,
+von Last und Grauen schon überbrückt hat, eine eiskalte,
+beinahe lächelnde Klarheit, eine teuflische Gier der Bitterkeit,
+die keine Träne kennt, ein trockenes kollerndes
+Lachen und ein dämonisches Grinsen, in dem wiederum
+beinahe schon Lust ist. Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit
+des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die
+Welt so schmerzhaft weit gespannt als zwischen diesem
+neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits
+aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat.</p>
+
+<p>In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat,
+und nur aus ihr ist Dostojewski zu verstehen. Er ist das
+Opfer eines zwiespältigen Lebens und &ndash; als leidenschaftlicher
+Bejaher seines Schicksals &ndash; darum Fanatiker seines
+Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen Temperaments
+entsteht einzig aus der fortwährenden Reibung
+dieser Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt der Maßlose
+in ihm den eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander
+zu Himmel und Hölle: nie verheilt die klaffende
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_123" id="Page_123">123</a><span>] </span></span>Wunde im brennenden geistigen Fieber des Schaffens.
+Dostojewski, der Künstler, ist das vollkommenste Gegensatzprodukt,
+der größte Dualist der Kunst und vielleicht der
+Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen
+Urwillen seiner Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte
+Liebe zum Glücksspiel. Der Knabe schon ist leidenschaftlicher
+Kartenspieler, aber erst in Europa lernt er
+den Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das <span lang="fr" xml:lang="fr">Rouge et
+Noir</span>, das Roulett, dieses in seinem primitiven Dualismus
+so grausam gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in Baden-Baden,
+die Spielbank in Monte Carlo sind seine stärksten
+Ekstasen in Europa: mehr als die Sixtinische Madonna,
+die Plastiken Michelangelos, die Landschaften des Südens,
+Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen
+Nerv. Denn hier ist Spannung, Entscheidung &ndash; Schwarz
+oder Rot, gerad oder ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn
+oder Verlust &ndash; in eine einzige Sekunde des rollenden
+Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener schmerzhaft-lustvollen
+Blitzform des springenden Gegensatzes,
+die einzig seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge,
+die Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner
+fiebrischen Ungeduld unerträglich, er mag nicht Geld
+verdienen auf deutsche, auf &bdquo;Wurstmacherart&ldquo;, durch
+Umsicht, Sparsamkeit und Berechnung, ihn reizt der Zufall,
+die Hingabe an das Ganze. Die Form seines äußern
+Schicksals ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter
+Herausforderung bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur
+der Entscheidungen in eine einzige Sekunde, die zur Spitze
+geschärfte Sensation, die ihre glühende Nadel tief in den
+Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im Vorgefühl
+und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und
+jener unvergeßlichen Sekunde vom Semenowski-Platz.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_124" id="Page_124">124</a><span>] </span></span>Wie das Schicksal mit ihm spielte, so spielt er nun mit
+dem Schicksal: er reizt den Zufall zu künstlichen Spannungen,
+und gerade wenn er gesichert ist, wirft er immer
+mit zitternder Hand seine ganze Existenz auf den grünen
+Tisch. Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger, sondern
+aus unerhörtem &bdquo;unanständigem&ldquo;, aus Karamasoffschem
+Lebensdurst, der alles in den stärksten Essenzen will,
+aus krankhafter Sehnsucht nach Schwindligkeit, aus jenem
+&bdquo;Turmgefühl&ldquo;, der Lust, sich über den Abgrund zu beugen.
+Denn er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das
+Dämonische des Zufalls, er liebt in fanatischer Demut die
+Mächte, die stärker sind als seine Eigenmacht, und lockt mit
+ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen Blitz
+auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel
+das Schicksal: was er einsetzt, ist nicht Geld und immer
+sein letztes Geld, sondern damit seine ganze Existenz;
+was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche
+Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl. Selbst
+im goldenen Gift hat Dostojewski nur neuen Durst nach
+dem Göttlichen getrunken.</p>
+
+<p>Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede
+andere über alles Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein
+in das Laster trieb. Haltzumachen, Vorsicht, Bedenklichkeit
+waren diesem Titanentemperament fremd:
+&bdquo;Überall und in allem mein ganzes Leben lang habe ich
+die Grenze überschritten.&ldquo; Und dies, Grenzen zu überschreiten,
+ist künstlerisch seine Größe wie menschlich
+seine Gefahr: er macht nicht halt vor den Zäunen der bürgerlichen
+Moral, und niemand weiß genau zu sagen, wie
+weit sein Leben die juridische Grenze überschritten hat,
+wieviel von den verbrecherischen Instinkten seiner Helden
+in ihm selbst Tat geworden ist. Einzelnes ist bezeugt,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_125" id="Page_125">125</a><span>] </span></span>doch wohl das Geringere nur. Als Kind hat er betrogen
+im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr Marmeladow
+in &bdquo;Schuld und Sühne&ldquo; aus Gier nach Branntwein die
+Strümpfe seiner Frau, so stiehlt auch Dostojewski der seinen
+Geld und ein Kleid aus dem Schrank, um es im Roulett
+zu verspielen. Wie weit seine sinnlichen Ausschweifungen
+aus den &bdquo;Kellerjahren&ldquo; ins Perverse hinüberzittern, wieviel
+von den &bdquo;Spinnen der Wollust&ldquo; Swidrigailow, Stawrogin
+und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in sexuellen
+Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern.
+Seine Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln
+jedenfalls in der geheimnisvollen Kontrastgier von
+Verderbtheit und Unschuld, aber es ist nicht wesenhaft,
+diese Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind) zu
+erörtern. Wichtig ist nur, nicht zu verkennen, daß dem
+Heiland, dem Heiligen, dem Aljoscha in Dostojewski-Karamasow
+der Gegenspieler des Wollüstlings, des überreizten
+Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im Blute
+verschwistert war.</p>
+
+<p>Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit
+Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht
+im linden Sinn Goethes, der einst in dem berühmten Worte
+sagte, daß er die Anlagen zu allen Schändlichkeiten und Verbrechen
+lebendig in sich empfände. Denn Goethes ganze gewaltige
+Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige, ungeheuere
+Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime
+in sich auszuroden. Der Olympier will zur Harmonie, seine
+höchste Sehnsucht ist Zerstörung alles Gegensatzes, Erkältung
+des Blutes, die ruhevolle Schwebe der Kräfte. Er verschneidet
+die Sinnlichkeit in sich, er rottet unter stärksten
+Blutverlusten für seine Kunst alle gefährlichen Keime allmählich
+um der Sittlichkeit willen aus, allerdings mit dem
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_126" id="Page_126">126</a><span>] </span></span>Gemeinen auch viel von seiner Kraft vernichtend. Dostojewski
+aber, leidenschaftlich in seinem Dualismus wie in
+allem, was ihm vom Leben zugefallen, will nicht empor
+zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er bindet nicht seine
+Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie
+auseinander zu Gott und Teufel und hat dazwischen die
+Welt. Er will unendliches Leben. Und Leben ist ihm
+einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des
+Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das
+Schlechte, das Gefährliche und das Fördernde, muß empor,
+alles wird an seiner tropischen Leidenschaft Blüte und
+Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern, ungehemmt
+seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins
+Leben jagen. Er liebt seine Laster, seine Krankheit, das
+Spiel, seine Bosheit und selbst die Wollust, weil sie eine
+Metaphysik des Fleisches ist, ein Wille des Genusses ins
+Unendliche hinein. Goethe will zum Antikisch-Apollinischen,
+Dostojewski zum Bacchantischen. Er will nicht
+Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch
+sein. Seine Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine
+Norm, sondern einzig auf Intensität. Richtig leben heißt
+für ihn: stark leben und alles leben, beides zugleich, das
+Gute und das Schlechte, und beides in seinen stärksten,
+berauschendsten Formen. Deshalb hat Dostojewski nie
+eine Norm gesucht, sondern immer nur die Fülle. Neben
+ihm steht Tolstoi inmitten seines Werkes beunruhigt auf,
+hält inne, läßt die Kunst und quält sich ein Leben lang,
+was gut sei, was böse, ob er richtig lebe oder falsch. Tolstois
+Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet,
+das Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein
+Schicksal. Er handelt nicht zweckmäßig, nicht bewußt,
+er prüft sich nicht, er verstärkt sich nur. Tolstoi klagt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_127" id="Page_127">127</a><span>] </span></span>sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke. Dostojewski
+schweigt, aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom,
+als alle Anklagen Tolstois. Dostojewski will sich
+nicht beurteilen, nicht verändern, nicht verbessern, nur
+immer eines: sich verstärken. Gegen das Böse, gegen das
+Gefährliche seiner Natur leistet er keinen Widerstand, im
+Gegenteil, er liebt seine Gefahr als Antrieb, er vergöttert
+seine Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die Demut.
+Kindlich wäre es darum, das Dämonische seines
+Wesens zu verschweigen (das dem Göttlichen so nahe verschwistert
+ist), ihn moralisch zu &bdquo;entschuldigen&ldquo; und für
+die kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten,
+was die elementare Schönheit des Maßlosen hat.</p>
+
+<p>Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten
+aus der &bdquo;Jugend&ldquo;, den Stawrogin der &bdquo;Dämonen&ldquo;, den
+Swidrigailow des &bdquo;Raskolnikoff&ldquo;, diese Fanatiker des
+Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese wissenden
+Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die
+niedrigsten Formen der Sinnlichkeit persönlich bewußt,
+denn eine geistige Liebe zur Ausschweifung ist vonnöten,
+um diesen Gestalten ihre grausame Realität zu geben. Seine
+unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem
+doppelten Sinn, kannte die der fleischlichen Trunkenheit,
+wo sie in den Schlamm taumelt und Unzucht wird, bis zu
+ihren feinsten geistigen Abstiegen, wo sie zur Bosheit,
+zum Verbrechen erstarrt, er kannte sie unter allen ihren
+Masken, und mit wissendstem Blick lächelt er in ihre
+Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo
+die Liebe fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft
+und stürzende Träne. All diese geheimnisvollen
+Essenzen waren in ihm und nicht nur in flüchtigen
+chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften Dichter,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_128" id="Page_128">128</a><span>] </span></span>sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller
+Erregung und einer fühlbaren Vibration der Sinne
+ist jede Ausschweifung bei ihm geschildert und vieles wohl
+mit Lust erlebt. Damit meine ich aber nicht (Blutfremde
+mögen es so verstehen), daß Dostojewski ein Wüstling
+war, einer, der sich freute am Fleischlichen, ein Lebemann.
+Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein
+Leibeigener des Triebes, Sklave einer herrischen geistigen
+und körperlichen Neugier, die ihn mit Ruten ins Gefährliche
+hineinpeitschte, ins Dornendickicht der abseitigen
+Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen,
+sondern Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft,
+das immer wieder und wieder Empfindenwollen der
+geheimnisvollen gewitterigen Schwüle der Epilepsie, Konzentration
+des Gefühles in ein paar gespannte Sekunden
+gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz
+in die Reue. Er liebt in der Lust nur das Flimmern von
+Gefahr, das Spiel der Nerven, dies Naturhafte innerhalb
+des eigenen Körpers, er sucht in einer seltsamen Mischung
+von Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust das
+Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung
+die Unschuld, im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis
+Sinnlichkeit ist ein Labyrinth, in dem sich alle Wege
+verschlingen, Gott und das Tier sind nachbarlich in
+einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das
+Symbol der Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der
+Heilige gerade der Sohn Fedors, der grausamen &bdquo;Spinne
+der Wollust&ldquo; ist. Wollust zeugt die Reinheit, das Verbrechen
+die Größe, Lust das Leiden und das Leiden wieder
+Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze: zwischen
+Himmel und Hölle, Gott und Teufel spannt sich seine
+Welt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_129" id="Page_129">129</a><span>] </span></span>Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein
+zwiespältiges Schicksal, <span lang="la" xml:lang="la">amor fati</span> ist darum Dostojewskis
+letztes und einziges Geheimnis, der schöpferische Feuerquell
+seiner Ekstase. Eben weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen
+war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles im
+Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche,
+ewig unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt.
+Denn sein Maß ist die Fülle, die Unendlichkeit. Nie wollte
+er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig sich
+selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie
+inneren und äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten
+der Sensation, Entzündungen des Nervs. Was Keim
+war in ihm, Keim des Guten und des Bösen, jede Leidenschaft,
+jedes Laster hat er aufgesteigert durch Begeisterung
+und Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem
+wissenden Blut. Restlos gibt sich der Spieler in ihm als
+Einsatz an das leidenschaftliche Spiel der Mächte, denn
+nur im Rollen von Schwarz und Rot, Tod oder Leben,
+spürt er taumlig-süß die ganze Wollust seiner Existenz.
+&bdquo;Du hast mich hineingestellt, du wirst mich wieder hinausführen&ldquo;,
+ist mit Goethe seine Antwort an die Natur.
+&bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Corriger la fortune</span>&ldquo;, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen,
+abzuschwächen, fällt ihm nicht bei. Nie sucht
+er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe, nur Steigerung
+des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein
+Gefühl zu neuen Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen,
+sondern die höchste Summe des Gefühls. Er will
+nicht wie Goethe zum Kristall erstarren, kalt mit hundert
+Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern Flamme
+bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich
+sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer
+mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem Gegensatz.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_130" id="Page_130">130</a><span>] </span></span>Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen.
+Nicht der Herr sein, sondern der fanatische Leibeigene
+seines Schicksals. Und nur so, als der &bdquo;Gottesknecht&ldquo;, der
+Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen
+werden.</p>
+
+<p>Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an
+das Schicksal zurückgegeben: dadurch wird sein Leben
+gewaltig über die zufällige Zeit. Er ist der dämonische
+Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in seiner Gestalt
+ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht
+unserer Epoche noch einmal der schon vergangen geglaubte
+Dichter mystischer Zeiten, der Seher, der große Rasende,
+der Schicksalsmensch. Etwas Urzeitliches und Heroisches
+liegt in dieser titanischen Gestalt. Steigen die anderen literarischen
+Werke wie beblümte Berge aus den Niederungen
+der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar
+noch, aber schon gesänftigt in Dauer und zugänglich
+selbst in ihren Höhen, wo sie mit weißer Schneekrone
+ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe seiner
+Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares
+Gestein. Aber aus dem Krater seiner zerrissenen
+Brust reicht Glut bis zum untersten feurig-flüssigen
+Kern unserer Welt: hier sind noch Zusammenhänge mit
+aller Anfänge Anfang, mit dem Elementaren der Urkraft,
+und schaudernd spüren wir in seinem Schicksal und Werk
+die geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3>DIE MENSCHEN DOSTOJEWSKIS</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;O glaubet nicht an die Einheit des Menschen.&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Dostojewski</p>
+</div>
+
+<p>Vulkanisch er selbst, vulkanisch darum seine Helden,
+denn jeder Mensch bezeugt im letzten nur den Gott, der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_131" id="Page_131">131</a><span>] </span></span>ihn erschuf. Sie sind nicht friedlich eingeordnet in unsere
+Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den
+Urproblemen hinab. Der moderne Nervenmensch in ihnen
+ist gepaart dem Wesen des Anfangs, das nichts vom Leben
+weiß als seine Leidenschaft, und mit den letzten Erkenntnissen
+stammeln sie gleichzeitig die ersten Fragen der
+Welt. Ihre Formen sind noch nicht ausgekühlt, ihr Gestein
+nicht geschichtet, ihre Physiognomien nicht geglättet.
+Ewig unvollendet sind sie und darum doppelt lebendig.
+Denn der vollendete Mensch ist ja gleichzeitig schon der
+abgeschlossene, und bei Dostojewski drängt alles ins Unendliche
+hinaus. Ihm erscheinen Menschen nur insolange
+als Helden und künstlerisch gestaltungswert, als sie mit
+sich entzweit sind, problematische Naturen: die Vollendeten,
+die Ausgereiften schüttelt er von sich ab wie der Baum
+seine Frucht. Dostojewski liebt seine Menschen nur, solange
+sie leiden, solange sie die gesteigerte, zwiespältige
+Form seines eigenen Lebens haben, solange sie Chaos sind,
+das sich in Schicksal verwandeln will.</p>
+
+<p>Stellen wir seine Helden vor ein anderes Bild, um sie in
+ihrer wundervollen Sonderheit besser zu verstehen. Vergleichen
+wir. Rufen wir einen Helden Balzacs als den
+Typus französischen Romans in uns auf, so entsteht unbewußt
+eine Vorstellung von Geradlinigkeit, Umgrenztheit
+und innerer Geschlossenheit. Ein Begriff, deutlich wie
+eine geometrische Figur und gesetzvoll wie sie. Alle Menschen
+Balzacs sind aus einer einzigen, durch die seelische
+Chemie genau bestimmbaren Substanz gefertigt. Sie sind
+Elemente und haben alle wesenhaften Eigenschaften eines
+solchen, also auch typische Formen der Reaktion im Moralischen
+und Psychischen. Sie sind kaum Menschen mehr,
+sondern beinahe schon menschgewordene Eigenschaft,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_132" id="Page_132">132</a><span>] </span></span>Präzisionsmaschinen einer Leidenschaft. Für jeden Namen
+kann man bei Balzac als Korrelat eine Eigenschaft setzen:
+Rastignac ist gleich Ehrgeiz, Goriot ist gleich Aufopferung,
+Vautrin ist gleich Anarchie. In jedem dieser Menschen
+hat eine dominierende Triebkraft alle anderen inneren
+Kräfte an sich gerissen und in die Richtung des zentralen
+Lebenswillens gedrängt. Sie sind charakterologisch klassifizierbar,
+diese Helden, denn eine einzige Feder des Antriebs ist
+ihrer Seele eingebaut, die sie mit einem bestimmten Maß
+von Energie durch die menschliche Gesellschaft treibt:
+wie ein Geschoß schleudert sie jeden dieser Jünglinge mitten
+ins Leben hinein. Im höchsten Sinn wäre man versucht,
+sie Automaten zu nennen um der Präzision willen,
+mit der sie auf jeden einzelnen Lebensreiz reagieren, und
+wirklich wie eine Maschine sind sie in ihrer Kraftleistung
+und ihrem Widerstand für den technischen Kenner berechenbar.
+Ist man in Balzac einigermaßen eingelesen, so
+kann man die Antwort des Charakters auf die Tatsache
+so berechnen, wie die Parabel eines Steinwurfes aus der
+Stärke ihres Schwunges und der Schwere des Steins. Grandet,
+der Harpagon, wird in dem Maße geiziger werden,
+als seine Tochter opferwillig und heroisch. Und man weiß
+von Goriot schon zu den Zeiten, da er noch in leidlichem
+Wohlstand lebt und seine Perücke sorgfältig gepudert ist,
+daß er einmal seine Weste für die Töchter verkaufen wird
+und das Silbergeschirr zerbrechen, seinen letzten Besitz.
+Er muß notwendigerweise so handeln aus der Einheit seiner
+Charakteranlage, aus dem Trieb, den sein irdisches
+Fleisch nur unvollkommen mit einer menschlichen Form
+umkleidet. Die Charaktere Balzacs (und ebenso Victor
+Hugos, Scotts, Dickens') sind alle primitiv, einfarbig, zielstrebig.
+Sie sind Einheiten und darum meßbar auf der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_133" id="Page_133">133</a><span>] </span></span>Wagschale der Moral. Vielfarbig und tausendgestaltig ist
+in jenem geistigen Kosmos nur der Zufall, dem sie begegnen.
+Bei jenen Epikern ist das Erlebnis vielfältig, der Mensch
+die Einheit, und der Roman selbst der Kampf um die
+Macht gegen die irdischen Mächte. Die Helden Balzacs
+und des ganzen französischen Romans sind entweder stärker
+oder schwächer als der Widerstand der Gesellschaft.
+Sie bezwingen das Leben, oder sie kommen unter das Rad.</p>
+
+<p>Der Held des deutschen Romans, als dessen Typus
+Wilhelm Meister oder der Grüne Heinrich gedacht sei,
+ist nicht dermaßen seiner Grundrichtung gewiß. Er hat
+viele Stimmen in sich, er ist psychologisch differenziert, ist
+seelisch polyphon. Das Gute und das Böse, das Starke und
+das Schwache fließen wirr in seiner Seele durcheinander:
+sein Anbeginn ist Verwirrung, und die Nebel der Frühe
+umwölken ihm den reinen Blick. Er spürt Kräfte in sich,
+aber noch ungesammelt, noch in Widerstreit, er ist ohne
+Harmonie, aber doch beseelt vom Willen zur Einheit. Das
+deutsche Genie zielt nun im letzten Sinne immer auf Ordnung.
+Und alle Entwicklungsromane entwickeln nichts
+anderes in diesen deutschen Helden als die Persönlichkeit.
+Die Kräfte werden gesammelt, der Mensch zum deutschen
+Ideal, zur Tüchtigkeit erhoben, &bdquo;im Strom der Welt bildet
+sich&ldquo; nach Goethes Wort &bdquo;der Charakter&ldquo;. Die vom Leben
+durcheinandergeschüttelten Elemente klären sich in der
+errungenen Ruhe zum Kristall, aus den Lehrjahren tritt
+der Meister, und vom letzten Blatt all dieser Bücher, aus
+dem Grünen Heinrich, dem Hyperion, dem Wilhelm
+Meister, dem Ofterdingen blickt ein klares Auge tatkräftig
+in eine klare Welt. Das Leben versöhnt sich dem Ideal;
+nicht mehr verschwenderisch wirr, sondern zu höchstem
+Ziel gespart wirken die nun geordneten Kräfte. Die Helden
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_134" id="Page_134">134</a><span>] </span></span>Goethes und aller Deutschen verwirklichen sich zu ihrer
+höchsten Form, sie werden werktätig und tüchtig: sie erlernen
+an Erfahrungen das Leben.</p>
+
+<p>Die Helden Dostojewskis suchen aber und finden überhaupt
+kein Verhältnis zum wirklichen Leben: das ist ihre
+Sonderheit. Sie wollen gar nicht in die Realität hinein,
+sondern von allem Anfang an über sie hinaus, ins Unendliche.
+Ihr Schicksal existiert für sie nicht in einem äußern,
+sondern nur in einem innern Sinn. Ihr Reich ist nicht von
+dieser Welt. All die Scheinformen von Werten, Titel,
+Macht und Geld, aller sichtbarer Besitz hat für sie Wert
+weder als Zweck, wie bei Balzac, noch als Mittel, wie bei
+den Deutschen. Sie wollen sich in dieser Welt gar nicht
+durchsetzen, nicht behaupten und nicht ordnen. Sie sparen
+nicht mit sich, sondern sie verschwenden sich, sie rechnen
+nicht und bleiben ewig unberechenbar. Das Untüchtige ihres
+Wesens läßt sie zuerst als müßige und phantastische Träumer
+erscheinen, aber ihr Blick scheint nur leer, weil er nicht
+nach außen starrt, er zielt mit Glut und Feuer immer nur
+zurück in sich selbst, in die eigene Existenz. Der russische
+Mensch geht auf das Ganze. Sich selbst wollen sie fühlen
+und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild,
+die äußere Realität, sondern das große mystische Elementare,
+die kosmische Macht, das Existenzgefühl. Wo immer
+man tiefer sich eingräbt ins Werk Dostojewskis, überall
+rauscht als unterste Quelle dieser ganz primitive, fast vegetative
+fanatische Lebensdrang, das Existenzgefühl, dies
+ganz urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die
+schon Einzelformen des Lebens sind, Wertungen, Unterscheidungen,
+sondern die ganz einheitliche Lust, wie man
+sie beim Atmen fühlt. Vom Urquell wollen sie trinken,
+nicht aus den Brunnen der Städte und Straßen, die Ewigkeit,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_135" id="Page_135">135</a><span>] </span></span>die Unendlichkeit in sich fühlen und die Zeitlichkeit
+abtun. Sie kennen nur eine ewige, keine soziale Welt. Sie
+wollen das Leben weder erlernen, noch bezwingen, gleichsam
+nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als Ekstase
+der Existenz.</p>
+
+<p>Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft
+zur Wirklichkeit, muten Dostojewskis Gestalten vorerst
+etwas einfältig an. Sie haben keine Richtung geradeaus,
+kein sichtbares Ziel: wie Blinde taumeln und tappen diese
+doch erwachsenen Menschen in der Welt herum oder wie
+Trunkene. Sie bleiben stehen, sehen sich um, fragen alle
+Fragen und rennen ohne Antwort weiter ins Unbekannte:
+ganz frisch scheinen sie in unsere Welt eingetreten und
+ihr noch nicht eingewöhnt. Und man versteht diese Menschen
+Dostojewskis kaum, bedenkt man nicht, daß sie Russen
+sind, Kinder eines Volkes, das aus einer jahrtausendalten
+barbarischen Unbewußtheit mitten in unsere europäische
+Kultur hineingestürzt ist. Von der alten Kultur, vom
+Patriarchalischen losgerissen, der neuen noch nicht vertraut,
+stehen sie in der Mitte, alle an einem Wegkreuz, und die
+Unsicherheit jedes einzelnen ist die eines ganzen Volkes.
+Wir Europäer wohnen in unserer alten Tradition wie in
+einem warmen Haus. Der Russe des neunzehnten Jahrhunderts,
+der Dostojewski-Zeit, hat hinter sich die Holzhütte
+der barbarischen Vorzeit verbrannt, aber sein neues
+Haus noch nicht gebaut. Entwurzelte, Richtungslose sind
+sie alle. Sie haben die Kraft ihrer Jugend, die Kraft der
+Barbaren noch in den Fäusten, aber der Instinkt ist verwirrt
+von der Tausendfalt der Probleme: die Hände voll
+Stärke, wissen sie nicht, was zuerst anfassen. Und so greifen
+sie nach allem und haben nie genug. Man fühle hier
+die Tragik jedes einzelnen Dostojewski-Menschen, jedes
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_136" id="Page_136">136</a><span>] </span></span>einzelnen Zwiespalt und Hemmung aus dem Schicksal des
+ganzen Volkes. Dieses Rußland um die Mitte des neunzehnten
+Jahrhunderts weiß nicht wohin: nach Westen
+oder nach Osten, nach Europa oder nach Asien, nach
+Petersburg, der &bdquo;künstlichen Stadt&ldquo;, in die Kultur oder
+zurück auf das Bauerngut, in die Steppe. Turgenjew stößt
+sie nach vorne, Tolstoi stößt sie zurück. Alles ist Unruhe.
+Der Zarismus steht unvermittelt gegenüber einer kommunistischen
+Anarchie, die Rechtgläubigkeit, die altererbte,
+springt quer über in einen fanatischen und rasenden Atheismus.
+Nichts steht fest, nichts hat seinen Wert, sein Maß
+in dieser Zeit: die Sterne des Glaubens brennen nicht
+mehr über ihren Häuptern und das Gesetz längst nicht
+mehr in ihrer Brust. Entwurzelte einer großen Tradition,
+sind die Dostojewski-Menschen echte Russen, Übergangsmenschen,
+das Chaos des Anfangs im Herzen, beladen mit
+Hemmungen und Ungewißheiten. Immer sind sie verschreckt
+und verschüchtert, immer fühlen sie sich erniedrigt
+und beleidigt, und dies alles aus dem einzigen Urgefühl
+der Nation: daß sie nicht wissen, wer sie sind. Daß sie
+nicht wissen, ob sie viel sind oder wenig. Ewig stehen sie
+auf der Kippe von Stolz oder Zerknirschung, von Selbstüberschätzung
+und Selbstverachtung, ewig blicken sie sich
+um nach den anderen, und alle sind sie verzehrt von der
+rasenden Angst, lächerlich zu sein. Unablässig schämen sie
+sich, bald eines abgetragenen Pelzkragens, bald ihrer ganzen
+Nation, aber immer schämen, schämen sie sich, sind sie beunruhigt,
+verwirrt. Ihr Gefühl, ihr übermächtiges, hat keinen
+Halt, keinen Führer, kein einziger hat ein Maß, ein
+Gesetz, den Halt einer Tradition, die Krücke einer ererbten
+Weltanschauung. Alle sind sie Maßlose und Ratlose
+in einer unbekannten Welt. Keine Frage ist für sie beantwortet,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_137" id="Page_137">137</a><span>] </span></span>kein Weg geebnet. Menschen des Übergangs,
+Menschen des Anfangs sind sie alle. Jeder ein Cortes: hinter
+sich verbrannte Brücken, vor sich das Unbekannte.</p>
+
+<p>Aber dies ist das Wunderbare: daß, weil sie Menschen
+eines Anfangs sind, in jedem einzelnen noch einmal die
+Welt beginnt. Daß alle Fragen, die bei uns schon zu kalten
+Begriffen erstarrt sind, ihnen noch im Blute glühen.
+Daß unsere bequemen ausgetretenen Wege mit ihren
+moralischen Geländern und ethischen Wegweisern ihnen
+nicht bekannt sind: immer und überall gehen sie durchs
+Dickicht ins Grenzenlose, ins Unendliche hinein. Nirgends
+Kirchtürme der Gewißheit, Brücken der Zuversicht: alles
+heilige Urwelt. Jeder einzelne fühlt so wie das Rußland
+Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu
+aufbauen müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des
+russischen Menschen für Europa, das in seiner Kultur verkrustete,
+daß hier eine unverbrauchte Neugier noch einmal
+alle Fragen des Lebens an die Unendlichkeit stellt. Daß,
+wo wir träge wurden in unserer Bildung, andere noch glühend
+sind. Jeder einzelne revidiert bei Dostojewski noch
+einmal alle Probleme, rückt sich selbst mit blutenden
+Händen die Grenzsteine von Gut und Böse, jeder einzelne
+schafft sich sein Chaos wieder um zur Welt. Jeder einzelne
+ist bei ihm Diener, Verkünder des neuen Christus, Märtyrer
+und Verkünder eines dritten Reiches. Noch ist das
+Chaos des Anfangs in ihnen, aber auch Dämmern des
+ersten Tages, der das Licht auf Erden schuf, und schon
+Ahnung des sechsten, der den neuen Menschen schafft.
+Seine Helden sind Wegebauer einer neuen Welt: der
+Roman Dostojewskis ist der Mythos des neuen Menschen
+und seiner Geburt aus dem Schoße der russischen
+Seele.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_138" id="Page_138">138</a><span>] </span></span>Ein Mythos und besonders ein nationaler aber will Gläubigkeit.
+Man versuche darum nicht, diese Menschen durch das
+kristallene Medium der Vernunft zu erfassen. Nur Gefühl,
+das allein brüderliche, kann sie verstehen. Dem <span lang="en" xml:lang="en">common
+sense</span>, dem Engländer, dem Amerikaner, dem praktischen
+Menschen müssen die vier Karamasoffs als vier verschiedene
+Narren erscheinen, als Tollhaus die ganze tragische
+Welt Dostojewskis. Denn was sonst Alpha und Omega
+der gesunden simplen, irdischen Natur war und ewig sein
+wird, scheint ihnen das Gleichgültigste auf Erden, nämlich:
+Glücklichsein. Schlagt sie auf, die fünfzigtausend Bücher,
+die Europa alljährlich produziert, wovon handeln sie? Vom
+Glücklichsein. Ein Weib will einen Mann, oder einer will
+reich werden, mächtig und geehrt. Bei Dickens steht am
+Ende aller Wünsche das liebliche Cottagehaus im Grünen
+mit der munteren Kinderschar, bei Balzac das Schloß mit
+dem Pairstitel und den Millionen. Und blicken wir um
+uns, auf die Straße, in die Butiken, in die niederen Stuben,
+in die hellen Säle, was wollen die Menschen dort?
+Glücklich sein, zufrieden sein, reich sein, mächtig sein.
+Wer will es von Dostojewskis Menschen? Keiner. Nicht
+ein einziger. Sie wollen nirgends haltmachen: nicht einmal
+beim Glück. Sie wollen alle weiter, sie haben alle
+jenes &bdquo;höhere Herz&ldquo;, das sich quält. Glücklichsein ist ihnen
+gleichgültig, Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein
+eher verächtlich als erwünscht. Sie wollen nichts von all dem,
+diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit will. Sie haben
+den <span lang="en" xml:lang="en">uncommon sense</span>. Sie wollen nichts von dieser Welt.</p>
+
+<p>Genügsame also, Phlegmatiker des Lebens, Indifferente
+oder Asketen? Im Gegenteil. Die Menschen Dostojewskis
+sind, ich sagte es ja, Menschen eines neuen Anfangs. Sie
+haben, bei all ihrer Genialität und ihrem diamantenen Verstand,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_139" id="Page_139">139</a><span>] </span></span>Kinderherzen, Kindergelüste: sie wollen nicht dies
+oder jenes, sondern sie wollen alles. Und alles ganz stark.
+Das Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe
+und das Ferne. Sie sind Übertreiber, sie sind Maßlose. Ich
+sagte früher: sie wollen nichts von dieser Welt. Schlecht
+gesagt. Sie wollen nichts einzelnes davon, sondern alles,
+ihr ganzes Gefühl, ihre ganze Tiefe: das Leben. Vergessen
+wir nicht, sie sind keine Schwächlinge, keine Lovelace,
+keine Hamlets, keine Werthers, keine Rénés &ndash; sie haben
+harte Muskeln und einen brutalen Lebenshunger, diese
+Menschen Dostojewskis, sie sind Karamasoffs, &bdquo;Raubtiere
+des Gelüsts&ldquo;, begabt mit jener &bdquo;unanständigen fanatischen&ldquo;
+Lebensgier, die sich an den letzten Tropfen des Kelches
+ansaugt, ehe sie ihn zerklirrt. Von allen Dingen suchen
+sie den Superlativ, überall die Rotglut des Empfindens, wo
+die gemeinen Legierungen des Gelegentlichen zerschmelzen
+und nichts bleibt als das feuerflüssige brennende Weltgefühl;
+wie die Amokläufer rennen sie ins Leben hinein,
+von der Begierde in die Reue, von der Reue wieder in die
+Tat, vom Verbrechen ins Geständnis, vom Geständnis in
+die Ekstase, aber alle Gassen ihres Schicksals lang überallhin
+bis zum Letzten, bis sie niederstürzen, Schaum vor
+den Lippen, oder bis ein anderer sie niederschlägt. O dieser
+Lebensdurst jedes einzelnen &ndash; eine ganze junge Nation,
+eine neue Menschheit lechzt von ihren Lippen nach Welt,
+nach Wissen, nach Wahrheit! Sucht mir doch, zeigt mir
+einen Menschen im Werk Dostojewskis, der ruhig atmet,
+der rastet, der sein Ziel erreicht hat! Keiner, kein einziger!
+Alle sind sie in diesem rasenden Wettlauf zur Höhe
+und zur Tiefe &ndash; denn nach Aljoschas Formel muß, wer
+die erste Stufe betreten hat, bis zur letzten hinstreben &ndash;
+nach allen Seiten, in Frost und Brand, greifen sie, gieren
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_140" id="Page_140">140</a><span>] </span></span>sie, diese Unersättlichen, diese Maßlosen, die ihr Maß nur
+suchen und finden in der Unendlichkeit. Wie Pfeile
+schnellen sie sich in ewiger Spannung von der Sehne ihrer
+Kraft in den Himmel hinein, immer in der Richtung des
+Unerreichbaren, immer zu Sternen zielend, jeder eine
+Flamme, ein Feuer der Unruhe. Und Unruhe ist Qual.
+Darum sind die Helden Dostojewskis alle die großen Leidenden.
+Alle haben sie verzerrte Gesichter, alle leben sie
+im Fieber, im Krampf, im Spasma. Ein Hospital von
+Nervenkranken, hat erschreckt ein großer Franzose Dostojewskis
+Welt genannt, und wirklich, für den ersten, den
+äußeren Anblick, welch eine trübe, welch eine phantastische
+Sphäre! Schankstuben voll Branntweindunst, Gefängniszellen,
+Winkel in Vorstadtwohnungen, Bordellgassen
+und Kneipen, und dort in Rembrandtschem Dunkel
+ein Gewühl von ekstatischen Gestalten, der Mörder, das
+Blut seines Opfers über den erhobenen Händen, der Trunkenbold
+im Gelächter der Zuhörer, das Mädchen mit
+dem gelben Schein im Zwielicht der Gasse, das epileptische
+Kind, bettelnd an den Straßenecken, der siebenfache
+Mörder in der Katorga Sibiriens, der Spieler zwischen den
+Fäusten der Spießgesellen, Rogoschin, wie ein Tier sich
+wälzend vor dem verschlossenen Gemach seiner Frau, der
+ehrliche Dieb, sterbend im schmutzigen Bette &ndash; welche
+Unterwelt des Gefühls, welcher Hades der Leidenschaften!
+O, welche tragische Menschheit, welch russischer, grauer,
+ewig dämmernder, niederer Himmel über diesen Gestalten,
+welche Dunkelheiten des Herzens und der Landschaft!
+Gelände des Unglücks, Wüsten der Verzweiflung, Fegefeuer
+ohne Gnade und Gerechtigkeit.</p>
+
+<p>O wie dunkel, wie verworren, wie fremd, wie feindlich
+ist sie zuerst, diese Menschheit, diese russische Welt! Von
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_141" id="Page_141">141</a><span>] </span></span>Leiden scheint sie überflutet, und diese Erde, wie Iwan
+Karamasoff so grimmig sagt, &bdquo;getränkt von Tränen bis zu
+ihrem innersten Kern&ldquo;. Aber so wie Dostojewskis Antlitz
+dem ersten Blicke düster, lehmig, gedrückt, bäurisch und
+gebeugt anmutet, dann aber der Glanz seiner Stirne, aufstrahlend
+über die Versunkenheit, das Irdische seiner Züge,
+seine Tiefe durch Glauben erleuchtet, so durchstrahlt auch
+im Werke das geistige Licht die dumpfe Materie. Aus
+Leiden scheint Dostojewskis Welt einzig gestaltet. Und
+doch ist nur scheinbar die Summe alles Leidens in seinen
+Menschen größer als in jedem anderen Werke. Denn,
+Kinder Dostojewskis, sind diese Menschen alle Verwandler
+ihres Gefühles, sie treiben es und übertreiben es von Kontrast
+zu Kontrast. Und das Leiden, ihr eigenes Leiden ist
+oft ihre tiefste Seligkeit. In ihnen wirkt etwas, das der Wollust,
+der Lust am Glück, tiefsinnig die Wehlust, die Lust
+an der Qual gegenüberstellt: ihr Leiden ist zugleich ihr
+Glücklichsein, sie halten es fest mit den Zähnen, wärmen
+es an ihrer Brust, sie schmeicheln es mit den Händen, sie
+lieben es mit ihrer ganzen Seele. Und sie wären nur dann
+die Unglücklichsten, liebten sie es nicht. Dieser Tausch,
+der rasende frenetische Tausch des Gefühls im Innern,
+diese ewige Umwertung des Dostojewskischen Menschen
+kann vielleicht nur ein Beispiel ganz klarmachen, und ich
+wähle eines, das in tausend Formen wiederkehrt: das Leid,
+das einem Menschen infolge einer Erniedrigung, einer tatsächlichen
+oder eingebildeten, widerfährt. Irgendeiner, ein
+schlichtes sensitives Geschöpf, gleichgültig ob ein kleiner
+Beamter oder eine Generalstochter, wird beleidigt. In
+seinem Stolz gekränkt durch ein Wort, eine Nichtigkeit
+vielleicht. Diese erste Kränkung ist der Primäraffekt, der
+den ganzen Organismus in Aufruhr bringt. Der Mensch
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_142" id="Page_142">142</a><span>] </span></span>leidet. Er ist gekränkt, liegt auf der Lauer, spannt sich an
+und wartet &ndash; auf eine neue Kränkung. Und die zweite
+Kränkung kommt: also eigentlich Häufung des Leidens.
+Aber seltsam, sie tut nicht mehr weh. Zwar der Gekränkte
+klagt, er schreit, aber seine Klage ist schon nicht mehr
+wahr: denn er liebt diese Kränkung. In diesem &bdquo;fortwährend-sich-seiner-Schmach-bewußt-sein
+ist ein unnatürlicher
+heimlicher Genuß&ldquo;. Für den beleidigten Stolz
+hat er einen neuen: den des Märtyrers. Und jetzt entsteht
+in ihm der Durst nach neuer Kränkung, nach mehr und
+mehr. Er beginnt zu provozieren, er übertreibt, er fordert
+heraus: das Leiden ist jetzt seine Sehnsucht, seine Gier,
+seine Lust: man hat ihn erniedrigt, so will er (der Mensch
+ohne Maß) ganz niedrig sein. Und er gibt es nicht her mehr,
+sein Leiden, mit verbissenen Zähnen hält er es fest: jetzt
+wird der Hilfreiche sein Feind, der Liebende. So schlägt die
+kleine Nelly dem Arzt dreimal das Pulver ins Gesicht, so stößt
+Raskolnikoff Sonja zurück, so beißt Iljutschka den frommen
+Aljoscha in die Finger &ndash; aus Liebe, aus fanatischer Liebe
+zu ihrem Leiden. Und alle, alle lieben sie das Leiden, weil
+sie darin das Leben, das geliebte, so stark spüren, weil sie
+wissen, &bdquo;man kann auf dieser Erde nur durch Leiden wahrhaft
+lieben&ldquo;, und das wollen sie, das vor allem! Es ist ihr
+stärkster Existenzbeweis: statt des <span lang="la" xml:lang="la">cogito, ergo sum</span>, &bdquo;ich
+denke, also bin ich&ldquo;, setzen sie das: &bdquo;ich leide, also bin
+ich&ldquo;. Und dieses &bdquo;Ich bin&ldquo; ist bei Dostojewski und allen
+seinen Menschen der höchste Triumph des Lebens. Der
+Superlativ des Weltgefühls. Im Kerker jauchzt Dimitry die
+große Hymne an dieses &bdquo;Ich bin&ldquo;, an die Wollust des
+Seins, und eben um dieser Liebe zum Leben willen ist
+ihnen allen das Leiden notwendig. Nur scheinbar, sagte
+ich, ist darum die Summe des Leidens größer bei Dostojewski
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_143" id="Page_143">143</a><span>] </span></span>als bei allen anderen Dichtern. Denn wenn es eine
+Welt gibt, wo nichts unerbittlich ist, aus jedem Abgrund
+noch ein Weg führt, aus jedem Unglück noch Ekstase,
+aus jeder Verzweiflung noch Hoffnung, so ist es die seine.
+Was ist dies Werk anderes als eine Reihe von modernen
+Apostelgeschichten, Legenden der Erlösung vom Leiden
+durch den Geist? Der Bekehrungen zum Lebensglauben,
+der Kalvariengänge zur Erkenntnis? Der Wege nach
+Damaskus mitten durch unsere Welt?</p>
+
+<p>In Dostojewskis Werk ringt der Mensch um seine letzte
+Wahrheit, um sein allmenschliches Ich. Ob ein Mord geschieht
+oder eine Frau in Liebe brennt, alles das ist Nebensache,
+Außensache, Kulisse. Sein Roman spielt im innersten
+Menschen, im Seelenraum, in der geistigen Welt: die
+Zufälle, die Ereignisse, die Schickungen des äußeren Lebens
+sind nur Stichworte, Maschinerie, der szenische Rahmen.
+Die Tragödie ist immer innen. Und sie heißt immer:
+die Überwindung der Hemmungen, der Kampf um die
+Wahrheit. Jeder seiner Helden fragt sich, wie Rußland
+selbst: Wer bin ich? Was bin ich wert? Er sucht sich oder
+vielmehr den Superlativ seines Wesens im Haltlosen, im
+Raumlosen, im Zeitlosen. Er will sich erkennen als der
+Mensch, der er vor Gott ist, und er will sich bekennen.
+Denn jedem Dostojewski-Menschen ist die Wahrheit mehr
+als Bedürfnis, sie ist ihm ein Exzeß, eine Wollust und das
+Geständnis seine heiligste Lust, sein Spasma. Im Geständnis
+bricht bei Dostojewski der innere Mensch, der Allmensch;
+der Gottesmensch durch den irdischen, die Wahrheit
+&ndash; und dies ist Gott &ndash; durch seine fleischliche Existenz.
+O die Wollust, mit der sie darum mit dem Geständnis
+spielen, wie sie es verbergen und &ndash; Raskolnikoff vor Porphyri
+Petrowitsch &ndash; immer heimlich zeigen und wieder
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_144" id="Page_144">144</a><span>] </span></span>verstecken, und dann wieder, wie sie sich überschreien, mehr
+Wahrheit bekennen als wahr ist, wie sie in rasendem Exhibitionismus
+ihre Blößen aufdecken, wie sie Laster und
+Tugend vermengen &ndash; hier, nur hier, im Ringen um das
+wahre Ich sind die eigentlichen Spannungen Dostojewskis.
+Hier, ganz innen ist der große Kampf seiner Menschen,
+die mächtigen Epopöen des Herzens: hier, wo das Russische,
+das Fremdartige in ihnen sich aufzehrt, hier wird auch ihre
+Tragödie erst ganz <ins class="correction" title="zu">zur</ins> unseren, zur allmenschlichen. Da
+wird das typische Schicksal seiner Menschen deutsam und
+erschütternd, und restlos erleben wir im Mysterium der
+Selbstgeburt den Mythos Dostojewskis vom neuen Menschen,
+vom Allmenschen in jedem Irdischen.</p>
+
+<p>Das Mysterium der Selbstgeburt: so nenne ich in der
+Kosmogonie, in der Weltschöpfung Dostojewskis die Erschaffung
+des neuen Menschen. Und ich möchte versuchen,
+die Geschichte aller Naturen Dostojewskis in einer
+zu erzählen, als seinen Mythos; denn alle diese verschiedenartigen,
+hundertfach variierten Menschen haben im letzten
+nur ein einheitliches Schicksal. Alle leben sie Varianten eines
+einzigen Erlebnisses: der Menschwerdung. Vergessen wir
+nicht: die Kunst Dostojewskis zielt immer auf den Mittelpunkt
+und in der Psychologie darum auf den Menschen
+im Menschen, den absoluten, den abstrakten Menschen,
+der weit hinter allen kulturellen Schichtungen liegt. Für
+die meisten Künstler sind die Schichtungen noch wesentlich,
+die Vorgänge der Durchschnittsromane spielen in sozialer,
+gesellschaftlicher, erotischer und konventioneller
+Sphäre und bleiben in diesen Schichten stecken. Dostojewski
+stößt, weil er zentral gerichtet ist, immer durch
+zum Allmenschen im Menschen, zu jenem Ich, das allgemeinsam
+ist. Immer bildet er diesen letzten Menschen und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_145" id="Page_145">145</a><span>] </span></span>immer in verwandter Form seine Sendung. Gleich ist all
+seiner Helden Anbeginn. Als echte Russen beunruhigt sie
+ihre eigene Lebenskraft. In den Jahren der Pubertät, des
+sinnlichen und geistigen Erwachens, verdüstert sich ihnen
+der heitere und freie Sinn. Dumpf fühlen sie in sich eine
+Kraft gären, ein geheimnisvolles Drängen; irgend etwas
+Eingesperrtes, Wachsendes und Quellendes will aus ihrem
+noch unmündigen Kleid. Eine geheimnisvolle Schwangerschaft
+(es ist der neue Mensch, der in ihnen keimt, aber
+sie wissen es nicht) macht sie träumerisch. Sie sitzen &bdquo;einsam
+bis zur Verwilderung&ldquo; in dumpfen Stuben, in einsamen
+Winkeln und denken, denken Tag und Nacht über
+sich nach. Jahrelang brüten sie oft dahin in dieser seltsamen
+Ataraxie, sie verharren in einem fast buddhistischen
+Zustand der Seelenstarre, sie beugen sich tief über den
+eigenen Leib, um wie die Frauen in den frühen Monaten
+das Klopfen dieses zweiten Herzens in sich zu erlauschen.
+Alle geheimnisvollen Zustände der Befruchteten überkommen
+sie: die hysterische Angst vor dem Tode, das
+Grauen vor dem Leben, krankhafte, grausame Begierden,
+sinnliche perverse Gelüste.</p>
+
+<p>Endlich wissen sie, daß sie befruchtet sind von irgendeiner
+neuen Idee: und nun suchen sie das Geheimnis zu entdecken.
+Sie schärfen ihre Gedanken, bis sie spitz und schneidend
+werden wie chirurgische Instrumente, sie sezieren
+ihren Zustand, sie zerreden ihre Bedrückung in fanatischen
+Gesprächen, sie zerdenken ihr Gehirn, bis es sich in Wahnsinn
+zu entflammen droht, sie schmieden alle ihre Gedanken
+in eine einzige fixe Idee, die sie bis ans letzte Ende
+denken, in eine gefährliche Spitze, die sich in ihrer Hand
+gegen sie selbst wendet. Kirillow, Schatow, Raskolnikoff,
+Iwan Karamasoff, alle diese Einsamen haben &bdquo;ihre&ldquo; Idee,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_146" id="Page_146">146</a><span>] </span></span>die des Nihilismus, die des Altruismus, die des napoleonischen
+Weltwahns, und alle haben sie ausgebrütet in dieser
+krankhaften Einsamkeit. Sie wollen eine Waffe gegen den
+neuen Menschen, der aus ihnen werden soll, denn ihr
+Stolz will sich gegen ihn wehren, ihn unterdrücken. Andere
+wieder suchen dieses geheimnisvolle Keimen, diesen
+drängenden gärenden Lebensschmerz mit aufgepeitschten
+Sinnen zu überrasen. Um im Bilde zu bleiben: sie suchen
+die Frucht abzutreiben, wie Frauen von Treppen springen
+oder durch Tanz und Gifte sich vom Unerwünschten zu
+befreien trachten. Sie toben, um dies leise Quellen in sich
+zu übertönen, sie zerstören manchmal sich selbst, nur um
+diesen Keim zu zerstören. Sie verlieren sich mit Absicht
+in diesen Jahren. Sie trinken, sie spielen, sie werden ausschweifend
+und all dies (sie wären sonst nicht Menschen
+Dostojewskis) fanatisch bis zur letzten Raserei. Schmerz
+treibt sie in ihre Laster, nicht eine lässige Begierde. Es ist
+nicht ein Trinken um Zufriedenheit und Schlaf, nicht das
+deutsche Trinken um die Bettschwere, sondern um den
+Rausch, um das Vergessen ihres Wahnes, ein Spielen nicht
+um Geld, sondern um die Zeit zu ermorden, ein Ausschweifen
+nicht um der Lust willen, sondern um in der
+Übertreibung ihr wahres Maß zu verlieren. Sie wollen
+wissen, wer sie sind; darum suchen sie die Grenze. Den
+äußersten Rand ihres Ich wollen sie in Überhitzung und
+Abkaltung kennen und vor allem die eigene Tiefe. Sie
+glühen in diesen Lüsten bis zum Gott empor, sie sinken
+bis zum Tier hinab, aber immer, um den Menschen in sich
+zu fixieren. Oder sie versuchen, da sie sich nicht kennen,
+sich wenigstens zu beweisen. Kolja wirft sich unter einen
+Eisenbahnzug, um sich zu &bdquo;beweisen&ldquo;, daß er mutig ist,
+Raskolnikoff ermordet die alte Frau, um seine Napoleonstheorie
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_147" id="Page_147">147</a><span>] </span></span>zu beweisen, sie tun alle mehr, als sie eigentlich
+wollen, nur um an die äußerste Grenze des Gefühls zu gelangen.
+Um ihre eigene Tiefe zu kennen, das Maß ihrer
+Menschheit, werfen sie sich in jeden Abgrund hinab: von
+der Sinnlichkeit stürzen sie in die Ausschweifung, von der
+Ausschweifung in die Grausamkeit und hinab bis zu ihrem
+untersten Ende, der kalten, der seelenlosen, der berechneten
+Bosheit, aber all dies aus einer verwandelten Liebe, einer
+Gier nach Erkenntnis des eigenen Wesens, einer verwandelten
+Art von religiösem Wahn. Aus weiser Wachheit
+stürzen sie sich in die Kreisel des Irrsinns, ihre geistige Neugier
+wird zur Perversion der Sinne, ihre Verbrechen glühen
+bis zur Kinderschändung und zum Mord, aber typisch
+ist für sie alle die gesteigerte Unlust in der gesteigerten Lust:
+bis in den untersten Abgrund ihrer Raserei zuckt die
+Flamme des Bewußtseins der fanatischen Reue nach.</p>
+
+<p>Aber je weiter hinein sie in der Übertreibung der Sinnlichkeit
+und des Denkens rasen, um so näher sind sie schon
+sich selbst, und je mehr sie sich vernichten wollen, um so
+eher sind sie zurückgewonnen. Ihre traurigen Bacchanale
+sind nur Zuckungen, ihre Verbrechen die Krämpfe der
+Selbstgeburt. Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale
+um den innern Menschen und ist Selbstrettung im höchsten
+Sinn. Je mehr sie sich anspannen, je mehr sie sich
+krümmen und winden, um so mehr befördern sie unbewußt
+die Geburt. Denn nur im brennendsten Schmerz kann das
+neue Wesen zur Welt kommen. Ein Ungeheures, ein
+Fremdes muß dazu treten, muß sie befreien, irgendeine
+Macht Wehmutter werden in ihrer schwersten Stunde, die
+Güte muß ihnen helfen, die allmenschliche Liebe. Eine
+äußerste Tat, ein Verbrechen, das all ihre Sinne zur Verzweiflung
+spannt, ist nötig, um die Reinheit zu gebären,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_148" id="Page_148">148</a><span>] </span></span>und hier wie im Leben ist jede Geburt umschattet von tödlichster
+Gefahr. Die beiden äußersten Kräfte des menschlichen
+Vermögens, Tod und Leben, sind in dieser Sekunde
+innig verschränkt.</p>
+
+<p>Dies also ist der menschliche Mythos Dostojewskis, daß
+das gemischte, dumpfe, vielfältige Ich jedes einzelnen befruchtet
+ist mit dem Keim des wahren Menschen (jenes
+Urmenschen der mittelalterlichen Weltanschauung, der
+frei ist von der Erbsünde), des elementaren, rein göttlichen
+Wesens. Diesen urewigen Menschen aus dem vergänglichen
+Leib des Kulturmenschen in uns zum Austrag zu
+bringen, ist höchste Aufgabe und die wahrste irdische Pflicht.
+Befruchtet ist jeder, denn keinen verstößt das Leben, jeden
+Irdischen hat es in einer seligen Sekunde mit Liebe empfangen,
+doch nicht jeder gebiert seine Frucht. Bei manchem
+verfault sie in einer seelischen Lässigkeit, sie stirbt
+ab und vergiftet ihn. Andere wieder sterben in den Wehen,
+und nur das Kind, die Idee, kommt zur Welt. Kirillow ist
+einer, der sich ermorden muß, um ganz wahr bleiben zu
+können, Schatow ist einer, der ermordet wird, um seine
+Wahrheit zu bezeugen.</p>
+
+<p>Aber die anderen, die heroischen Helden Dostojewskis,
+der Staretz Sossima, Raskolnikoff, Stepanowitsch, Rogoschin,
+Dmitrij Karamasoff vernichten ihr soziales Ich,
+den dunklen Raupenstand ihres inneren Wesens, um wie
+Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu entschwingen,
+das Beflügelte aus dem Kriechenden, das Erhobene
+aus dem Erdschweren. Die Umkrustung der seelischen
+Hemmung zerbricht, die Seele, die Allmenschenseele
+strömt aus, strömt ins Unendliche zurück. Alles Persönliche,
+alles Individuelle ist in ihnen abgetan, daher auch die
+absolute Ähnlichkeit all dieser Gestalten im Augenblick
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_149" id="Page_149">149</a><span>] </span></span>ihrer Vollendung. Aljoscha ist kaum von dem Staretz,
+Karamasoff kaum von Raskolnikoff zu unterscheiden,
+wie sie aus ihren Verbrechen mit tränengebadetem Gesicht
+in das Licht des neuen Lebens treten. Am Ende
+aller Romane Dostojewskis ist die Katharsis der griechischen
+Tragödie, die große Entsühnung: über den verdonnernden
+Gewittern und der gereinigten Atmosphäre
+flammt die erhabene Glorie des Regenbogens, das höchste
+russische Symbol der Versöhnung.</p>
+
+<p>Erst wenn die Helden Dostojewskis den reinen Menschen
+aus sich geboren haben, treten sie in die wahre Gemeinschaft.
+Bei Balzac triumphiert der Held, wenn er
+die Gesellschaft bezwingt, bei Dickens, wenn er sich in
+die soziale Schicht, in das bürgerliche Leben, in die Familie,
+in den Beruf friedlich einordnet. Die Gemeinschaft, die
+der Held Dostojewskis anstrebt, ist keine soziale mehr,
+sondern schon eine religiöse, er sucht nicht Gesellschaft,
+sondern Weltbruderschaft. Und dies Hingelangen zur
+eigenen Innerlichkeit und damit zur mystischen Gemeinsamkeit
+ist die einzige Hierarchie in seinem Werk. Einzig
+von diesem letzten Menschen handeln alle seine Romane:
+das Soziale, die Zwischenstadien der Gesellschaft mit ihrem
+halben Stolz und schiefen Haß sind überwunden, der Ichmensch
+ist zum Allmenschen geworden, seine Einsamkeit,
+seine Absonderung, die nur Stolz war, hat jeder zerbrochen,
+und in unendlicher Demut und glühender Liebe grüßt
+sein Herz den Bruder, den reinen Menschen in jedem
+anderen. Dieser letzte, gereinigte Mensch kennt keine
+Unterschiede mehr, kein soziales Standesbewußtsein: nackt,
+wie im Paradies, hat seine Seele keine Scham, keinen Stolz,
+keinen Haß und keine Verachtung. Verbrecher und Dirne,
+Mörder und Heilige, Fürsten und Trunkenbolde, sie halten
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_150" id="Page_150">150</a><span>] </span></span>Zwiesprache in jenem untersten und eigentlichsten Ich
+ihres Lebens, alle Schichten fließen ineinander, Herz zu
+Herz, Seele in Seele. Nur das entscheidet bei Dostojewski:
+wie weit einer wahr wird und zum wirklichen Menschentum
+gelangt. Wie diese Entsühnung, diese Selbstgewinnung
+zustande kam, ist gleichgültig. Keine Ausschweifung beschmutzt,
+kein Verbrechen verdirbt, es gibt kein Tribunal
+vor Gott als das Gewissen. Recht und Unrecht, Gut und
+Böse, diese Worte zerfließen im Leidensfeuer. Wer wahr
+ist im Willen, der ist entsühnt: denn wer wahr ist, ist
+demütig. Wer erkannt hat, versteht alles und weiß, &bdquo;daß
+die Gesetze des Menschengeistes noch so unerforscht und
+geheimnisvoll sind, daß es weder gründliche Ärzte noch
+endgültige Richter gibt&ldquo;, weiß, es ist keiner schuldig oder
+alle, keiner darf keines Richter sein, jeder nur Bruder dem
+Bruder. Im Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine <ins class="correction" title="entgültig">endgültig</ins>
+Verworfenen, keine &bdquo;Bösewichter&ldquo;, keine Hölle und
+keinen untersten Kreis wie bei Dante, aus denen selbst
+Christus die Verurteilten nicht zu erheben vermag. Er kennt
+nur Purgatorien und weiß, daß der irrhandelnde Mensch
+noch immer mehr der seelisch Glühende ist und näher
+dem wahren Menschen als die Stolzen, die Kalten und
+Korrekten, in deren Brust er erfroren ist zu bürgerlicher
+Gesetzmäßigkeit. Seine wahren Menschen haben gelitten,
+haben darum Ehrfurcht vor dem Leiden und damit das
+letzte Geheimnis der Erde. Wer leidet, ist durch Mitleid
+schon Bruder, und allen seinen Menschen ist, weil sie nur
+auf den innern Menschen, auf den Bruder blicken, das
+Grauen fremd. Sie besitzen die erhabene Fähigkeit, die er
+einmal die typisch russische nennt, nicht lange hassen zu
+können, und darum eine unbegrenzte Verstehensfähigkeit
+alles Irdischen. Noch hadern sie oft mitsammen, noch quälen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_151" id="Page_151">151</a><span>] </span></span>sie sich, weil sie sich ihrer eigenen Liebe schämen, weil
+sie die eigene Demut für eine Schwäche halten und noch nicht
+ahnen, daß sie die furchtbarste Kraft der Menschheit ist.
+Aber ihre innere Stimme weiß immer schon um die Wahrheit.
+Während sie einander mit Worten schmähen und
+befeinden, blicken die inneren Augen sich längst selig verstehend
+an, Lippe küßt leidvoll den Brudermund. Der
+nackte, der ewige Mensch in ihnen hat sich erkannt, und
+dies Mysterium der Allversöhnung in der brüderlichen
+Erkennung, dieser orphische Gesang der Seelen, ist die
+lyrische Musik in Dostojewskis dunklem Werk.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3>REALISMUS UND PHANTASTIK</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;Was kann für mich phantastischer sein als die Wirklichkeit?&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Dostojewski</p>
+</div>
+
+<p>Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten
+Seins sucht der Mensch bei Dostojewski: Wahrheit,
+die unmittelbare Wesenheit des Alls der Künstler Dostojewski
+selbst. Er ist Realist und ist es so konsequent &ndash;
+immer geht er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen
+ihrem Widerspiel: dem Gegensatz so geheimnisvoll ähnlich
+werden &ndash;, daß diese Wirklichkeit jeden an das Mittelmaß
+gewöhnten täglichen Blick phantastisch anmutet. &bdquo;Ich
+liebe den Realismus bis dorthin, wo er an das Phantastische
+reicht,&ldquo; sagt er selbst, &bdquo;denn was kann für mich phantastischer
+und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein als
+die Wirklichkeit?&ldquo; Die Wahrheit &ndash; dies entdeckt man bei
+keinem Künstler zwingender als bei Dostojewski &ndash; steht
+nicht hinter, sondern gleichsam gegen die Wahrscheinlichkeit.
+Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen, des psychologisch
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_152" id="Page_152">152</a><span>] </span></span>unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen
+das unbewaffnete Auge noch klare spiegelnde Einheit, das
+Mikroskop aber wimmelnde Vielfalt, myriadenhaftes Chaos
+von Infusorien schaut, eine Welt, wo jene nur eine Einzelform
+bemerkten, so erkennt der Künstler mit dem höheren
+Realismus Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen die
+offenbaren.</p>
+
+<p>Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen,
+die gleichsam tief unter der Haut der Dinge liegt und schon
+nah dem Herzpunkt aller Existenz, war Dostojewskis Leidenschaft.
+Er will gleichzeitig den Menschen als Einheit
+und Vielfalt, im Freiblick und im geschärften gleich wahr
+erkennen, und darum ist sein visionärer und wissender Realismus,
+der die Kraft eines Mikroskops und die Leuchtstärke
+des Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden
+von dem, was die Franzosen als erste Wirklichkeitskunst
+und Naturalismus benannten. Denn obzwar
+Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter geht
+als irgendeiner von denen, die sich &bdquo;konsequente Naturalisten&ldquo;
+nannten (womit sie meinten, daß sie bis an das Ende
+gingen, während Dostojewski jedes Ende noch überschreitet),
+ist seine Psychologie gleichsam aus einer anderen
+Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus
+von anno Zola kommt geradeswegs aus der Wissenschaft
+her. Umgestülpte Experimentalpsychologie, ist er
+irgendwie an Fleiß und Schweiß, an Studium und Erfahrung
+gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte seines
+Gehirns 2000 Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek,
+um das Naturkolorit der &bdquo;Tentation&ldquo; oder der &bdquo;Salambo&ldquo;
+zu finden, Zola läuft drei Monate, ehe er seine Romane
+schreibt, wie ein Reporter mit dem Notizbuch auf die Börse,
+in die Warenhäuser und Ateliers, um Modelle abzuzeichnen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_153" id="Page_153">153</a><span>] </span></span>Tatsachen einzufangen. Die Wirklichkeit ist diesen
+Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende
+Substanz. Sie sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden,
+tarierenden Blick des Photographen. Sie sammeln,
+ordnen, mischen und destillieren, kühle Wissenschaftler
+der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und betreiben
+eine Art Chemie der Bindung und Lösung.</p>
+
+<p>Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen
+ist vom Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft
+jenen anderen Kunst, so ist die seine Schwarzkunst.
+Er treibt nicht experimentelle Chemie, sondern Alchimie
+der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie
+der Seele. Er ist kein kühler Forscher. Als heißer Halluzinant
+starrt er nieder in die Tiefe des Lebens wie in einen
+dämonischen Angsttraum. Aber doch, seine sprunghafte
+Vision ist vollkommener als jener geordnete Betrachtung.
+Er sammelt nicht, und hat doch alles. Er berechnet nicht,
+und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die
+hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen
+Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten.
+Etwas von hellsichtiger Traumerkenntnis ist in
+seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst. Zauberisch
+durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von
+seinen süßen, quellenden Säften. Immer kommt sein Blick
+nur aus der eigenen Tiefe seines freilich allwissenden Seins,
+aus dem Mark und Nerv dämonischer Natur und übertrifft
+doch an Wahrhaftigkeit, an Realität, alle Realisten. Mystisch
+erkennt er alles von innen. Ein Zeichen bloß, und
+schon faßt er faustisch die Welt. Ein Blick, und schon
+wird er zum Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht
+die Kärrnerarbeit des Details zu leisten. Er zeichnet mit
+Magie. Man besinne einmal die großen Gestalten dieses
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_154" id="Page_154">154</a><span>] </span></span>Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor Karamasoff,
+Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich
+sind im Gefühl. Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht
+umreißt er ihr Antlitz mit einer Art zeichnerischer
+Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam nur ein Merkwort,
+umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten
+Sätzen, und das ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die
+Kleidung, die Haarfarbe, die Physiognomik, all das scheinbar
+so Wesentliche der Personenbeschreibung ist in bloß
+stenographischer Kürze festgehalten. Und doch, wie glüht
+jede dieser Figuren uns im Blut. Man vergleiche nun mit
+diesem magischen Realismus die exakte Schilderung eines
+konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu arbeiten
+anfängt, ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er
+verfaßt (man kann sie heute noch nachsehen, diese merkwürdigen
+Dokumente) einen regelrechten Steckbrief, einen
+Passierschein für jeden Menschen, der die Schwelle des
+Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er
+hoch ist, notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die
+Warzen auf seinen Wangen, streicht den Bart nach, ob er
+rauh oder zart ist, greift jeden Pickel auf der Haut ab,
+tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme, den Atem
+seiner Menschen, er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung,
+schlägt sich ihr Konto auf in der Bank, um ihre
+Einnahmen zu wissen. Er mißt, was man von außen überhaupt
+nur messen kann. Und doch, kaum daß die Gestalten
+in Bewegung geraten, verflüchtigt sich die Einheit
+der Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine tausend
+Scherben. Es bleibt ein seelisches Ungefähr, kein
+lebendiger Mensch.</p>
+
+<p>Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen
+Naturalisten schildern exakt die Menschen zu Anfang des
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_155" id="Page_155">155</a><span>] </span></span>Romanes in ihrer Ruhe, gleichsam in ihrem seelischen
+Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von der nutzlosen Treue
+der Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur, nicht
+das Leben darin. Aber genau wo jener Naturalismus endet,
+beginnt erst der unheimlich große Naturalismus Dostojewskis.
+Seine Menschen werden plastisch erst in der Erregtheit,
+in der Leidenschaft, im gesteigerten Zustand.
+Während jene versuchen, die Seele durch den Körper darzustellen,
+bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn
+die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und
+spannt, das Auge sich feuchtet im Gefühl, wenn die Maske
+der bürgerlichen Stille, die Seelenstarre, von ihnen abfällt,
+wird sein Bild erst bildhaft. Erst wenn seine Menschen
+glühen, tritt Dostojewski, der Visionär, an das Werk, sie
+zu formen.</p>
+
+<p>Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski
+die anfänglich dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen
+der ersten Schilderung. In seine Romane tritt man
+ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht nur Umrisse,
+hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie
+zugehören. Erst allmählich gewöhnt sich, schärft sich das
+Auge: wie auf den Rembrandtschen Gemälden beginnt
+aus einer tiefen Dämmerung das feine seelische Fluidum
+in den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in die Leidenschaft
+geraten, treten sie ins Licht. Bei Dostojewski muß
+der Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu werden,
+seine Nerven müssen gespannt sein bis zum Zerreißen, um
+zu klingen: &bdquo;Um eine Seele formt sich bei ihm nur der
+Körper, um eine Leidenschaft nur das Bild.&ldquo; Jetzt erst, da
+sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige
+Fieberzustand beginnt &ndash; alle Menschen Dostojewskis sind
+ja wandelnde Fieberzustände &ndash;, setzt sein dämonischer
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_156" id="Page_156">156</a><span>] </span></span>Realismus ein, beginnt jene zauberische Jagd nach den
+Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der kleinsten Bewegung
+nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen Fuchslöcher
+der verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer
+Gedanken bis in das Schattenreich des Unbewußten. Jede
+Bewegung zeichnet sich plastisch ab, jeder Gedanke wird
+kristallen klar, und je mehr sich die gejagten Seelen ins
+Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von innen,
+um so durchsichtiger wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten,
+die jenseitigsten Zustände, die krankhaften, die
+hypnotischen, die ekstatischen, die epileptischen haben bei
+Dostojewski die Präzision einer klinischen Diagnose, den
+klaren Umriß einer geometrischen Figur. Nicht die feinste
+Nuance ist dann verschwommen, nicht die kleinste Schwingung
+entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade
+dort, wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet
+vom übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden,
+dort wird Dostojewskis Realismus am sichtbarsten. Und
+diese Augenblicke, wo der Mensch die äußersten Grenzen
+seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast Wahnwitz
+wird und Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch
+die unvergeßlichsten Visionen seines Werkes. Rufen wir
+uns das Bild Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir ihn
+nicht als schlendernde Gestalt auf der Straße oder im Zimmer,
+als einen jungen Mediziner von 25 Jahren, als Menschen
+von diesen und jenen äußeren Eigenheiten, sondern
+in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren Leidenschaft,
+wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf
+der Stirn, gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe
+des Hauses hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller
+Trance, um seine Qualen noch einmal sinnlich
+zu genießen, die blecherne Klingel an der Türe der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_157" id="Page_157">157</a><span>] </span></span>Ermordeten zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den
+Purgatorien des Verhörs, schäumend vor Wut, schäumend
+vor Leidenschaft, den Tisch zertrümmern mit seinen rasenden
+Fäusten. Immer sehen wir bei Dostojewski den Menschen
+erst bildhaft im Zustande der höchsten Erregtheit,
+am Endpunkte seines Gefühles. So wie Leonardo in seinen
+grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die Abnormität
+des Physischen zeichnet, dort, wo sie über die
+gemeine Form hervordrängt, so faßt Dostojewski die Seele
+des Menschen im Augenblick des Überschwangs, gleichsam
+in den Sekunden, wo sich der Mensch über den äußersten
+Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere
+Zustand ist ihm wie jeder Ausgleich, wie jede Harmonie,
+verhaßt: nur das Außerordentliche, das Unsichtbare, das
+Dämonische reizt seine künstlerische Leidenschaft zum
+äußersten Realismus. Er ist der unvergleichlichste Plastiker
+des Ungewöhnlichen, der größte Anatom der reizbaren und
+kranken Seele, den die Kunst je gekannt.</p>
+
+<p>Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski
+in diese Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort.
+Goethe schildert alles durch den Blick. Er ist &ndash; Wagner
+hat diese Unterscheidung am glücklichsten ausgesprochen &ndash;
+Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er muß seine
+Menschen erst sprechen hören, sprechen lassen, damit wir
+sie als sichtbar empfinden, und ganz deutlich hat Mereschkowski
+in seiner genialen Analyse der beiden russischen
+Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi hören wir, weil wir sehen,
+bei Dostojewski sehen wir, weil wir hören. Seine Menschen
+sind Schatten und Lemuren, solange sie nicht sprechen.
+Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet:
+sie tun im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres
+auf, zeigen ihre Farben, die Pollen ihrer Fruchtbarkeit.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_158" id="Page_158">158</a><span>] </span></span>In der Diskussion erhitzen sie sich, wachen sie auf aus
+ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen, gegen den
+leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet
+sich Dostojewskis künstlerische Leidenschaft. Er lockt
+ihnen das Wort aus der Seele, um dann die Seele selbst zu
+fassen. Jene dämonische psychologische Scharfsichtigkeit
+des Details bei Dostojewski ist im letzten nichts anderes
+als eine unerhörte Feinhörigkeit. Die Weltliteratur kennt
+keine vollkommeneren plastischen Gebilde als die Aussprüche
+der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung
+ist symbolisch, die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig,
+jede abgebrochene Silbe, jeder weggesprungene Ton
+die Notwendigkeit selbst. Jede Pause, jede Wiederholung,
+jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich, denn immer
+hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte
+Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze
+heimliche Erregung der Seele auf. Man weiß aus der Rede
+bei Dostojewski nicht nur, was jeder einzelne Mensch sagt
+und sagen will, sondern auch, was er verschweigt. Und
+dieser geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos
+mit in die geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die
+sumpfige, stockende Fläche des trunkenen Irreredens, in
+die beflügelte, keuchende Ekstase des epileptischen Anfalles,
+in das Dickicht der lügnerischen Verworrenheit. Aus dem
+Dampf der erhitzten Rede ersteht die Seele, aus der Seele
+kristallisiert sich allmählich der Körper. Ohne daß man
+es selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes, durch
+den Haschischrauch der Rede bei Dostojewski die Vision
+des Sprechenden im körperlichen Bild aufzusteigen. Was
+die anderen durch fleißiges Mosaik erzielen, durch die Farbe,
+Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich bei
+ihm visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_159" id="Page_159">159</a><span>] </span></span>hellseherisch seine Menschen, sobald man sie sprechen hört.
+Dostojewski kann es sich ersparen, sie graphisch zu zeichnen,
+denn wir selber werden in der Hypnose ihrer Rede zum
+Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im &bdquo;Idioten&ldquo; geht
+der alte General, der pathologische Lügner, neben dem
+Fürsten Myschkin her und erzählt ihm Erinnerungen. Er
+beginnt zu lügen, gleitet immer tiefer in seine Lügen hinein
+und verstrickt sich gänzlich darin. Er redet, redet, redet.
+Über Seiten flutet seine Lüge hin.</p>
+
+<p>Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung,
+aber aus seinem Wort, aus seinem Stolpern, seinem
+Stocken, seiner nervösen Hast spüre ich, wie er neben
+Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat, sehe, wie er
+aufschaut, von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt,
+ob er ihm nicht mißtraue, wie er stehen bleibt, hoffend,
+der Fürst würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der
+Schweiß auf seiner Stirne perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst
+begeisterte, nun sich immer mehr verkrampft in Angst,
+sehe, wie er in sich zusammenkriecht, ein Hund, der fürchtet,
+Prügel zu bekommen, und ich sehe den Fürsten, der selbst
+alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und niederhält.
+Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends,
+nicht in einer einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen
+in seinem Gesicht mit leidenschaftlicher Klarheit.
+Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären in der Rede,
+im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch ist
+diese Kunst der Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche
+Verdickung, die ja jede Übertragung in eine
+fremde Sprache darstellt, noch die ganze Seele seiner Menschen
+schwingt. Der ganze Charakter des Menschen ist
+bei Dostojewski im Rhythmus seiner Rede. Und diese
+Komprimierung gelingt seiner genialen Intuition oft in
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_160" id="Page_160">160</a><span>] </span></span>einer winzigen Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn
+Fedor Karamasoff auf das Briefkuvert der Gruschenka zu
+ihrem Namen schreibt: &bdquo;Mein Küchelchen!&ldquo; so sieht man
+das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten
+Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden
+Lippen rinnt. Und wenn in den &bdquo;Erinnerungen aus dem
+Totenhaus&ldquo; der sadistische Major beim Stockprügeln
+&bdquo;Hie-be, Hie-be&ldquo; schreit, so ist in diesem winzigen Apostroph
+sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein
+Keuchen von Gier, flackernde Augen, das gerötete Gesicht,
+das Keuchen der bösen Lust. Diese kleinen realistischen
+Details bei Dostojewski, die sich wie spitze Angelhaken
+ins Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins fremde
+Erleben reißen, sie sind sein erlesenstes Kunstmittel und
+gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven Realismus
+über den programmatischen Naturalismus. Dostojewski
+verschwendet durchaus nicht diese seine Details. Er setzt
+ein einziges ein, wo andere Hunderte applizieren, aber er
+spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten der letzten
+Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht
+mit ihnen gerade im Augenblick der höchsten Ekstase,
+wo man sie am wenigsten erwartet. Immer gießt er mit
+unerbittlicher Hand den Galletropfen Irdischkeit in den
+Kelch der Ekstase, denn für ihn heißt wirklich und wahrhaftig
+sein: antiromantisch und antisentimental wirken.
+Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen,
+nicht nur der Gefangene seines Kontrastes, sondern auch
+sein Prediger. Es ist seine Leidenschaft, auch in der Kunst
+die beiden Enden des Lebens, die grausamste, nackteste,
+kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den edelsten sublimsten
+Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem
+Irdischen das Göttliche fühlen, im Realistischen das Phantastische,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_161" id="Page_161">161</a><span>] </span></span>im Erhabenen das Gemeine, im lautern Geist das
+bittere Salz der Erde und immer all dies gleichzeitig. Er
+will, daß wir zwiespältig genießen, wie er selber zwiespältig
+empfindet, er will auch hier keine Harmonie, keinen Ausgleich.
+Immer in allen seinen Werken sind diese schneidenden
+Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die
+sublimsten Sekunden aufsprengt und dem Heiligsten des
+Lebens seine Banalität entgegengrinst. Ich erinnere nur
+an die Tragödie des &bdquo;Idioten&ldquo;, um einen solchen Augenblick
+des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat
+Nastassja Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin,
+den Bruder. Er findet ihn auf der Straße, er rührt ihn an
+mit der Hand. Sie brauchen nicht miteinander zu sprechen,
+furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie gehen über die
+Straße in das Haus, wo die Ermordete liegt: irgendein ungeheueres
+Vorempfinden von Größe und Feierlichkeit hebt
+sich in einem auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde
+eines Lebens, Brüder im Gefühl, schreiten in das Zimmer
+zur Ermordeten. Nastassja Philipowna liegt tot. Man spürt,
+diese Menschen werden sich nun das Letzte sagen, wie sie
+einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie
+entzweite. Und dann kommt das Gespräch &ndash; und alle
+Himmel sind zerschlagen von der nackten, brutalen, brennend
+irdischen, teuflisch geistigen Sachlichkeit. Sie sprechen
+davon als erstes, als einziges &ndash; ob die Leiche riechen
+wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender Sachlichkeit,
+er habe &bdquo;gute amerikanische Wachsleinwand&ldquo; gekauft
+und &bdquo;vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit&ldquo;
+darauf gegossen.</p>
+
+<p>Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen,
+die satanischen nenne, weil hier der Realismus
+mehr ist als ein bloßer Kunstgriff der Technik, weil er
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_162" id="Page_162">162</a><span>] </span></span>eine metaphysische Rache ist, Ausbruch geheimnisvoller
+Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung.
+&bdquo;Vier Fläschchen!&ldquo; das Mathematische der Zahl, &bdquo;amerikanische
+Wachsleinwand!&ldquo; die grauenhafte Präzision des
+Details &ndash; das sind absichtliche Zerstörungen der seelischen
+Harmonie, grausame Revolten gegen die Einheit des Gefühls.
+Hier wird Wahrheit über sich selbst hinaus schon
+Exzeß, Laster und Marter, und diese entsetzlichen Niederstürze
+aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen
+Steinbrüche der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich
+machen, wäre die gleiche Gewalt des Kontrastes
+nicht auch im Gegenspiel vorhanden, entstünde nicht
+immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei ihm
+aus den schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere
+sich nur an die Welt Dostojewskis. Sie ist, rein sozial
+genommen, ein Wurmloch, knapp an der Gosse des Lebens,
+immer in den dumpfesten Sphären der Armut und Kläglichkeit.
+Mit absichtlicher Bewußtheit (er ist der Antiromantiker,
+wie er der Antisentimentale ist) stellt er seine
+Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige Kellerlokale,
+stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge &bdquo;Särge&ldquo;
+von Zimmern, nur abgetrennt durch Holzwände, nie Salons,
+Hotels, Paläste, Kontore. Und mit Absicht sind
+seine Menschen äußerlich &bdquo;uninteressant&ldquo;, schwindsüchtige
+Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender,
+Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten.
+Aber gerade in diese dumpfe Alltäglichkeit stellt er die
+größten Tragödien der Zeit. Aus dem Erbärmlichen steigt
+das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt dämonischer
+bei ihm als dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und seelischer
+Trunkenheit, räumlicher Armut und Verschwendung
+des Herzens. In Schnapszimmern verkünden trunkene
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_163" id="Page_163">163</a><span>] </span></span>Menschen die Wiederkehr des Dritten Reiches, sein
+Heiliger Aljoscha erzählt die tiefste Legende, während
+ihm eine Dirne auf dem Schoße sitzt, in Bordellen und
+Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und
+Verkündung, und die erhabenste Szene Raskolnikoffs,
+wo der Mörder sich niederwirft und vor dem Leiden der
+ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im Zimmerwinkel
+einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow.</p>
+
+<p>Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm,
+warm oder kalt, aber nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse,
+durchblutet seine Leidenschaft das Leben. In einer
+Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier das Erhabene
+mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe
+zu Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät
+man darum bei den Romanen Dostojewskis zur Rast, nie
+in die sanfte, musikalische Rhythmik des Lesens, nie läßt
+er einem ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man wie
+unter elektrischen Schlägen beunruhigt auf, heißer, brennender,
+unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite. Solange
+wir in seiner dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm
+selber ähnlich. Wie in sich selbst, dem ewigen Dualisten,
+dem Menschen am Kreuzholz des Zwiespalts, wie in seinen
+Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die
+Einheit des Gefühls.</p>
+
+<p>Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre
+Herabwürdigung, sie mit dem Handwerkerwort &bdquo;Technik&ldquo;
+zu benennen, denn diese Kunst kommt mitten aus Dostojewskis
+Persönlichkeit, aus dem brennenden Urzwiespalt
+seines Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und
+Geheimnis, zugleich hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit,
+Wissen und Magie. Das Unfaßbarste scheint verständlich,
+das Verständlichste unfaßbar: beugen sich die
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_164" id="Page_164">164</a><span>] </span></span>Probleme schon über den äußersten Rand der Möglichkeiten
+hinaus, so stürzen sie doch nie ins Gestaltlose hinab.
+Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-realen Einzelheiten
+seine Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine
+ins Schattenhafte hinüber. Wen Dostojewski schildert,
+dessen Wesen hat er visionär inne bis in die letzte Wirrnis
+seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den
+Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft,
+durchsiebt seine Trunkenheit, nie geht ein Atemzug
+seelischer Substanz bei ihm verloren, wird ein Gedanke
+übersprungen. Glied um Glied hämmert er die psychologische
+Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt
+bei ihm keine psychologischen Irrtümer, keine Verknotung,
+die sein visionärer Intellekt, seine hellseherische Logik nicht
+durchleuchtete. Nie einen Fehler, einen Verstoß gegen die
+innere Wahrheit. Welche Kunstbauten des Geistes und der
+Vision sind da errichtet, unübersehbar und unzerstörbar!
+Der dialektische Zweikampf des Porphyri Petrowitsch
+mit Raskolnikoff, die Architektonik der Verbrechen, das
+logische Labyrinth der Karamasoff, das ist geistige Architektonik
+ohnegleichen, fehllos wie Mathematik und doch
+berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten Kräfte
+des Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen,
+tieferen Wahrheit, als die Menschheit sie vordem gekannt.</p>
+
+<p>Aber doch &ndash; die Frage muß beantwortet sein &ndash;, warum
+wirkt trotz solcher dämonischer Vollendung der Wahrheit
+Dostojewskis Werk, dieses irdischeste aller Werke,
+doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt zwar, aber
+doch wie eine neben oder über unserer Welt, nur nicht
+sie selbst? Warum stehen wir innen mit unserem tiefsten
+Gefühl und sind doch irgendwie befremdet? Warum brennt
+in allen seinen Romanen etwas wie künstliches Licht und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_165" id="Page_165">165</a><span>] </span></span>ist Raum darinnen wie aus Halluzinationen und Träumen?
+Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten,
+immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der
+Wirklichkeit? Warum ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit
+doch nicht fruchtbare Sonnenwärme darin, sondern
+irgendein schmerzhaftes Nordlicht, blutig und blendend,
+warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des
+Lebens, die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als
+das Leben selbst? Als unser eigenes Leben?</p>
+
+<p>Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche
+ist für Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten,
+am Unvergänglichsten der Weltliteratur können
+sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie der
+Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der
+Orestie, die Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes
+Werk. Sie alle, diese Werke, sind sogar einfältiger, schlichter,
+weniger erkenntnisreich, weniger zukunftsträchtig als
+die Dostojewskis. Aber sie sind doch irgendwie weicher
+und freundsamer für die Seele, sie geben Erlösung des
+Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis gibt. Ich
+glaube: diese ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so
+menschlich, nur menschlich sind. Sie haben um sich einen
+heiligen Rahmen von strahlendem Himmel, von Welt,
+einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von
+Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt
+hinflüchtet und befreit. Im Homer, mitten in den Schlachten,
+im blutigsten Gemetzel der Menschen stehen ein paar
+Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen Wind vom
+Meer, das silberne Licht Griechenlands glänzt über die
+Blutstatt, beseligt erkennt das Gefühl den schmetternden
+Kampf der Menschen als einen kleinen nichtigen Wahn
+gegen das Ewige der Dinge. Und man atmet auf, man ist
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_166" id="Page_166">166</a><span>] </span></span>erlöst von der menschlichen Trübe. Auch Faust hat seinen
+Ostersonntag, schwingt die eigene Qual in die zerklüftete
+Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der
+Welt. In allen diesen Werken erlöst die Natur von der
+Menschenwelt. Dostojewski aber fehlt die Landschaft,
+fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt, sondern
+nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder,
+stumpf für Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit
+gegen die Natur, gegen die Kunst ist sein unergründliches,
+sein unvergleichliches Wissen um den Menschen
+bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe
+von Unzulänglichkeit. Sein Gott wohnt nur in der Seele,
+nicht auch in den Dingen, ihm fehlt jenes kostbare Korn
+Pantheismus, das die deutschen, das die hellenischen Werke
+so selig und so befreiend macht. Seine, Dostojewskis, Werke,
+sie spielen alle irgendwie in ungelüfteten Stuben, in rußigen
+Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe menschliche,
+allzu menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend
+durchwühlt wird vom Wind aus den Himmeln und dem
+Sturz der Jahreszeiten. Man versuche doch einmal sich
+zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei &bdquo;Raskolnikoff&ldquo;,
+dem &bdquo;Idioten&ldquo;, bei den &bdquo;Karamasoffs&ldquo;, dem &bdquo;Jüngling&ldquo;,
+in welcher Jahreszeit, in welcher Landschaft sie
+spielen. Ist es Sommer, Frühling oder Herbst? Vielleicht
+ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht. Man atmet
+es, man schmeckt es, man spürt, man erlebt es nicht. Sie
+spielen alle nur irgendwo im Dunkel des Herzens, das die
+Blitzschläge der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren
+Hohlraum des Hirnes, ohne Sterne und Blumen, ohne
+Stille und Schweigen. Großstadtrauch verdunkelt den Himmel
+ihrer Seele. Es fehlen ihnen die Ruhepunkte der Erlösung
+vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_167" id="Page_167">167</a><span>] </span></span>die besten des Menschen, wenn er den Blick von sich selbst
+und seinen Leiden gegen die fühllose, leidenschaftslose
+Welt kehrt. Das ist das Schattenhafte in seinen Büchern:
+wie von einer grauen Wand von Elend und Dunkelheit
+heben sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und
+klar in einer wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit
+bloß des Gefühls. Seine Sphäre ist Seelenwelt und
+nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit.</p>
+
+<p>Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig
+jeder einzelne ist, so fehllos ihr logischer Organismus,
+auch sie ist in ihrer Gesamtheit in einem gewissen
+Sinne unwirklich: etwas von Gestalten aus Träumen haftet
+ihnen an, und ihr Schritt geht im Raumlosen wie der von
+Schatten. Damit sei nicht gesagt, daß sie irgendwie unwahr
+wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn
+Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen
+sind nicht plastisch, sondern sublim gesehen und
+durchfühlt, weil sie einzig aus Seele gestaltet sind und nicht
+aus Körperlichkeit. Dostojewskis Menschen kennen wir
+alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl, Wesen
+aus Nerven und Seelen, bei denen man es fast vergißt, daß
+dieses Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie gewissermaßen
+körperlich an. Auf den zwanzigtausend Seiten
+seines Werkes ist nie geschildert, daß einer seiner Menschen
+sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, immer fühlen, sprechen
+oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn, daß
+sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie
+im Fieber, immer denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich,
+tierisch, stumpf, immer nur bewegt, erregt, gespannt,
+und immer, immer wach. Wach und sogar überwach.
+Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie die seelische
+Übersichtigkeit Dostojewskis, alle sind sie Hellseher,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_168" id="Page_168">168</a><span>] </span></span>Telepathen, Halluzinanten, alle pythische Menschen, und
+alle durchtränkt bis in die letzten Tiefen ihres Wesens von
+psychologischer Wissenschaft. Im gemeinen, im banalen
+Leben stehen &ndash; erinnern wir uns nur &ndash; die meisten Menschen
+im Konflikt miteinander und dem Schicksal einzig
+darum, weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß
+irdischen Verstand haben. Shakespeare, der andere große
+Psychologe der Menschheit, baut die Hälfte seiner Tragödien
+auf diese eingeborene Unwissenheit, auf dieses Fundament
+von Dunkel, das zwischen Mensch und Mensch
+als Verhängnis, als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut
+seiner Tochter, denn er ahnt ihren Edelmut nicht, die
+Größe der Liebe, die sich hier in Schamhaftigkeit verschanzt,
+Othello wiederum nimmt sich Jago als Einflüsterer,
+Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie dem wahren
+Wesen der irdischen Welt, der Täuschung verfallen. Bei
+Shakespeare wird wie im realen Leben das Mißverständnis,
+die irdische Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft,
+die Quelle aller Konflikte. Die Menschen Dostojewskis
+aber, diese Überwissenden, sie kennen kein Mißverstehen.
+Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie verstehen
+einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich
+das Wort aus dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den
+Gedanken noch aus dem Mutterleib der Empfindung. Sie
+wittern, sie ahnen einander alle im voraus, nie enttäuschen
+sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen Seele umfaßt in
+geheimnisvoller Witterung schon der anderen Sinn. Das
+Unbewußte, das Unterbewußte ist bei ihnen überentwickelt,
+alle sind sie Propheten, alle Ahnende und Visionäre,
+überladen von Dostojewski mit seiner eigenen mystischen
+Durchdringung des Seins und des Wissens. Ich will
+ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein. Nastassja
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_169" id="Page_169">169</a><span>] </span></span>Philipowna wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es
+vom ersten Tage, da sie ihn erblickt, weiß es in jeder Stunde,
+in der sie ihm angehört, daß er sie ermorden wird, sie flieht
+vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet zurück, weil sie ihr
+eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer sogar
+Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin
+weiß es, auch er kennt das Messer und ebenso
+Myschkin. Seine Lippen zittern, wenn er einmal im Gespräch
+zufällig Rogoschin mit diesem Messer spielen sieht.
+Und gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das
+Wissensunmögliche allen bewußt. Der Staretz fällt in die
+Knie, weil er das Verbrechen wittert, selbst der Spötter
+Rakitin weiß diese Zeichen zu deuten. Aljoscha küßt
+seines Vaters Schulter, wie er von ihm Abschied nimmt,
+auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht.
+Iwan fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des
+Verbrechens zu sein. Der Schmutzfink Smerdjakoff sagt
+es ihm lächelnd voraus. Alle, alle wissen sie es, und den
+Tag und die Stunde und den Ort aus einer Überladenheit
+mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in
+ihrer Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner,
+alle Allesversteher.</p>
+
+<p>Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache
+Form aller Wahrheit für den Künstler. Obwohl
+Dostojewski den Menschen tiefer kennt als irgendeiner vor
+ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als Kenner der
+Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt,
+das Gemeine und Gleichgültige neben das Grandiose gestellt,
+wo Dostojewski einen jeden ins Unendliche steigert.
+Shakespeare hat die Welt im Fleisch erkannt, Dostojewski
+im Geist. Seine Welt ist vielleicht die vollkommenste
+Halluzination der Welt, ein tiefer und prophetischer
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_170" id="Page_170">170</a><span>] </span></span>Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit
+noch überflügelt: aber Realismus, der über sich selbst hinaus
+ins Phantastische reicht. Der Überrealist Dostojewski,
+der Überschreiter aller Grenzen, er hat die Wirklichkeit
+nicht geschildert: er hat sie über sich selbst hinaus gesteigert.</p>
+
+<p>Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt
+in Kunst gestaltet, von innen gebunden, von innen erlöst.
+Diese Art von Kunst, die tiefste und menschlichste aller,
+hat keine Vorfahren in der Literatur, weder in Rußland
+noch irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat nur Brüder
+in der Ferne. An die griechischen Tragiker gemahnt
+manchmal der Krampf und die Not, dieses Übermaß von
+Qual in den Menschen, die unter dem Griff des übermächtigen
+Schicksales sich krümmen, an Michelangelo manchmal
+durch die mystische, steinerne, unerlösbare Traurigkeit
+der Seele. Aber der wahre Bruder Dostojewskis durch
+die Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem
+Leben von Mühsal, Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene
+der Irdischkeit, gepeitscht von den Bütteln des Geldes
+in die tiefste Tiefe des menschlichen Seins hinab. Beide
+wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den
+ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine
+Schönheit tiefer ist als die heilige der Seele, die aus der
+Nüchternheit des Seins gewonnen ist. Wie Dostojewski
+seine Heiligen aus russischen Bauern, Verbrechern und
+Spielern, gestaltet sich Rembrandt seine biblischen Figuren
+von den Modellen der Hafengassen; beiden ist in den niedersten
+Formen des Lebens irgendeine geheimnisvolle, neue
+Schönheit verborgen, beide finden sie ihren Christus im
+Abhub des Volks. Beide wissen sie von dem ständigen
+Spiel und Widerspiel der Erdenkräfte, von Licht und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_171" id="Page_171">171</a><span>] </span></span>Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen wie im Beseelten
+waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem
+letzten Dunkel des Lebens genommen. Je mehr man in
+die Tiefe der Bilder Rembrandts, der Bücher Dostojewskis
+blickt, sieht man das letzte Geheimnis der weltlichen und
+geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und
+wo die Seele zuerst nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit
+zu schauen meint, erkennt sie, tiefer blickend, mit
+erkennender Lust entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz,
+der als Märtyrerkrone über den letzten Dingen des Lebens
+liegt.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3>ARCHITEKTUR UND LEIDENSCHAFT</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Que celui aime peu, qui aime la mesure!</span>&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">La Boetie</p>
+</div>
+
+<p>&bdquo;Alles treibst du bis zur Leidenschaft.&ldquo; Das Wort
+Nastassja Philipownas trifft alle Menschen Dostojewskis
+und trifft vor allem ihn, Dostojewski selbst, mitten in die
+Seele. Nur leidenschaftlich kann dieser Gewaltige den
+Phänomenen des Lebens entgegentreten und darum am
+leidenschaftlichsten seiner leidenschaftlichsten Liebe: der
+Kunst. Selbstverständlich, daß der schöpferische Prozeß,
+die künstlerische Bemühung, bei ihm nicht eine geruhige,
+ordnend aufbauende, kühl berechnend architektonische
+ist. Dostojewski schreibt im Fieber, wie er im Fieber
+denkt, im Fieber lebt. Unter der Hand, die die Worte in
+fließenden kleinen Perlenketten (er hat die nervöse Eilschrift
+aller hitzigen Menschen) über das Papier rinnen
+läßt, hämmert der Puls in verdoppelten Schlägen, seine
+Nerven zucken im Krampf. Schöpfung ist ihm Ekstase,
+Qual, Entzückung und Zerschmetterung, eine zum Schmerz
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_172" id="Page_172">172</a><span>] </span></span>gesteigerte Wollust, ein zur Wollust gesteigerter Schmerz,
+das ewige Spasma, der immer wiederholte vulkanische
+Ausbruch seiner übermächtigen Natur. &bdquo;Unter Tränen&ldquo;
+schreibt der Zweiundzwanzigjährige sein erstes Werk
+&bdquo;Arme Leute&ldquo;, und seitdem ist jede Arbeit eine Krise, eine
+Krankheit. &bdquo;Ich arbeite nervös, unter Qual und Sorgen.
+Wenn ich angestrengt arbeite, bin ich auch physisch
+krank.&ldquo; Und tatsächlich, die Epilepsie, seine mystische
+Krankheit, dringt ein mit ihrem fiebrigen, entzündlichen
+Rhythmus, mit ihren dunklen, dumpfen Hemmungen, bis
+in die feinsten Vibrationen seines Werks. Immer aber
+schafft Dostojewski mit dem Ganzen seines Wesens, im
+hysterischen Furor. Selbst die kleinsten, scheinbar gleichgültigen
+Partien seines Werkes, wie die journalistischen Aufsätze,
+sind gegossen und geschmolzen in der feurigen Esse
+seiner Leidenschaft. Nie schafft er mit dem bloß abgelösten,
+frei wirkenden Teil seiner schaffenden Kraft, gleichsam
+aus dem Handgelenk, aus der spielhaften Leichtigkeit der
+Technik, immer ballt er seine ganze physische Erregbarkeit
+in das Geschehnis, bis an den letzten Nerv seines
+Lebens leidend und mitleidend in seinen Gestalten. Alle
+seine Werke sind gleichsam explosiv in rasenden Wetterschlägen
+durch einen ungeheuren atmosphärischen Druck
+herausgeschwemmt. Dostojewski kann nicht gestalten
+ohne inneren Anteil, und für ihn gilt das bekannte Wort
+über Stendhal: &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Lorsqu'il n'avait pas d'émotion, il était
+sans esprit.</span>&ldquo; Wenn Dostojewski nicht leidenschaftlich war,
+war er nicht Dichter.</p>
+
+<p>Aber Leidenschaft in der Kunst wird ebenso zerstörendes
+Element, als sie bildnerisches war. Sie schafft nur das
+Chaos der Kräfte, dem der klare Geist erst die ewigen Formen
+erlöst. Alle Kunst braucht die Unruhe als Antrieb der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_173" id="Page_173">173</a><span>] </span></span>Gestaltung, aber nicht minder eine überlegen-überlegte
+Ruhe der Auswägung zu einer Vollendung. Dostojewskis
+mächtiger, die Wirklichkeit diamanten durchdringender
+Geist weiß nun wohl um die marmorne, eherne Kühle,
+die das große Kunstwerk umwittert. Er liebt, er vergöttert
+die große Architektonik, er entwirft prachtvolle Maße,
+erhabene Ordnungen des Weltbildes. Aber immer wieder
+überflutet das leidenschaftliche Gefühl die Fundamente. Der
+Zwiespalt, der ewige zwischen Herz und Geist, wirkt auch
+im Werke und nennt sich hier Kontrast von Architektonik
+und Leidenschaft. Vergebens sucht Dostojewski als Künstler
+objektiv zu schaffen, außen zu bleiben, bloß zu erzählen und
+zu gestalten, Epiker zu sein, Referent von Geschehnissen,
+Analytiker der Gefühle. Unwiderstehlich reißt ihn seine
+Leidenschaft in Leiden und Mitleiden immer wieder
+in die eigene Welt. Immer ist etwas vom Chaos des Anfangs
+selbst in den vollendeten Werken Dostojewskis, nie
+die Harmonie erreicht (&bdquo;Ich hasse die Harmonie&ldquo;, so
+schreit Iwan Karamasoff, der Verräter seiner geheimsten
+Gedanken). Auch hier ist zwischen Form und Wille kein
+Friede, kein Ausgleich, sondern &ndash; o ewige Zweiheit seines
+Wesens, alle Formen durchdringend von der kalten Schale
+bis zum glühendsten Kerne! &ndash; ein unablässiger Kampf
+zwischen außen und innen. Der ewige Dualismus seines
+Wesens heißt im epischen Werke Kampf zwischen Architektur
+und Leidenschaft.</p>
+
+<p>Nie erreicht Dostojewski in seinen Romanen, was man
+fachmännisch &bdquo;den epischen Vortrag&ldquo; nennt, jenes große
+Geheimnis, bewegtes Geschehen in ruhiger Darstellung zu
+bändigen, das von Homer bis Gottfried Keller und Tolstoi
+sich in unendlicher Ahnenreihe von Meister auf Meister
+vererbt. Leidenschaftlich formt er seine Welt, und nur
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_174" id="Page_174">174</a><span>] </span></span>leidenschaftlich, nur erregt, kann man sie genießen. Nie stellt
+sich in seinen Büchern jenes sanfte rhythmische, einwiegende
+Gefühl der Behaglichkeit ein, nie fühlt man sich
+sicher und außen gegenüber den Geschehnissen, gleichsam
+an dem sicheren Ufer, Brandung und Tumult eines erregten
+Meeres schauspielhaft betrachtend. Immer ist man
+innen bei ihm eingewühlt, verstrickt in die Tragödie. Wie
+eine Krankheit erlebt man die Krise seiner Menschen im
+Blute, wie eine Entzündung brennen die Probleme im
+aufgepeitschten Gefühl. Mit allen unseren Sinnen taucht
+er uns in seine brennende Atmosphäre, stößt er uns an
+den Abgrundrand der Seele, wo wir keuchend stehen,
+schwindeligen Gefühls, mit abgerissenem Atem. Und erst,
+wenn unsere Pulse jagen wie die seinen, wir selbst der
+dämonischen Leidenschaft verfallen sind, erst dann gehört
+sein Werk ganz uns, gehören wir ihm ganz. Dostojewski
+will eben nur angespannte, gesteigerte Menschen als Mitempfinder
+seiner Epik, so wie er sie als seine Helden wählt.
+Die Leihbibliothekskonsumenten, die behaglichen Flaneure
+des Lesens, die Spaziergänger auf den Bürgersteigen ausgetretener
+Probleme, müssen auf ihn und er auf sie verzichten.
+Nur der brennende Mensch, der leidenschaftlich
+entzündete, der glühende im Gefühl, findet hinab in seine
+wahre Sphäre.</p>
+
+<p>Es läßt sich nicht verleugnen, nicht verbergen, nicht
+verschönern: das Verhältnis Dostojewskis zum Leser ist
+weder ein freundschaftliches noch ein behagliches, sondern
+eine Zwietracht voll gefährlicher, grausamer, wollüstiger
+Instinkte. Es ist eine leidenschaftliche Beziehung wie
+zwischen Mann und Weib, nicht wie bei den andern
+Dichtern ein Verhältnis der Freundschaft und des Vertrauens.
+Dickens oder Gottfried Keller, seine Zeitgenossen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_175" id="Page_175">175</a><span>] </span></span>führen mit sanfter Überredung, mit musikalischer Lockung
+den Leser in ihre Welt, sie plaudern ihn freundlich ins
+Geschehnis hinein, sie reizen nur die Neugier, die Phantasie,
+nicht aber wie Dostojewski das ganze aufschäumende
+Herz. Er, der Leidenschaftliche, will uns ganz haben, nicht
+bloß unsere Neugier, unser Interesse, er begehrt unsere
+ganze Seele, selbst unsere Körperlichkeit. Zuerst lädt er
+die innere Atmosphäre mit Elektrizität, raffiniert steigert er
+unsere Reizbarkeit. Eine Art Hypnose setzt ein, ein Willensverlust
+in seinen leidenschaftlichen Willen: wie das
+dumpfe Murmeln des Beschwörenden, endlos und sinnlos
+umtut er den Sinn mit breiten Gesprächen, reizt mit Geheimnis
+und Andeutungen die Anteilnahme bis tief nach
+innen. Er duldet nicht, daß wir zu früh uns hingeben, er
+dehnt in wollüstigem Wissen die Marter der Vorbereitung,
+Unruhe beginnt in einem leise zu kochen, aber immer
+wieder verzögert er, neue Figuren vorschiebend, neue Bilder
+entrollend, den Einblick in das Geschehnis. Ein wissender,
+ein wollüstiger Erotiker, hält er seine, hält er unsere
+Hingebung mit teuflischer Willenskraft zurück und steigert
+damit den innern Druck, die Gereiztheit der Atmosphäre
+ins Unendliche. Schicksalsträchtig fühlt man über sich ein
+Gewölk von Tragik (wie lange dauert es in Raskolnikoff,
+ehe man weiß, daß all diese sinnlosen seelischen Zustände
+Vorbereitungen zu seinem Morde sind, und doch spürt
+man längst in den Nerven Furchtbares voraus!), auf dem
+Himmel der Seele wetterleuchtet schaurige Ahnung. Aber
+Dostojewskis sinnliche Wollüstigkeit berauscht sich im
+Raffinement der Verzögerung, sie prickelt wie Nadelstiche
+kleine Andeutungen in die Haut des Empfindens. Mit
+satanischer Verlangsamung stellt Dostojewski vor seinen
+großen Szenen noch Seiten und Seiten mystischer und
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_176" id="Page_176">176</a><span>] </span></span>dämonischer Langweile, bis er in dem Reizmenschen (ein
+anderer fühlt ja nichts von diesen Dingen) ein geistiges
+Fieber, eine physische Qual erzeugt. Auch das Lustgefühl
+der Spannung treibt dieser Fanatiker des Kontrastes bis in
+den Schmerz hinein, und erst dann, wenn im überheizten
+Kessel der Brust das Gefühl schon brodelt und die Wände
+sprengen will, dann erst schlägt er einem mit dem Hammer
+auf das Herz, dann zuckt eine jener sublimen Sekunden
+nieder, wo wie ein Blitz die Erlösung aus dem Himmel
+seines Werkes in die Tiefe unserer Herzen fährt. Erst
+wenn die Spannung unerträglich geworden ist, zerreißt
+Dostojewski das epische Geheimnis und löst das zerspannte
+Gefühl in weiche, flutende, tränenfeuchte Empfindung.</p>
+
+<p>So feindlich, so wollüstig, so raffiniert leidenschaftlich
+umstellt, umfaßt Dostojewski seine Leser. Nicht im Ringkampf
+zwingt er sie nieder, sondern wie ein Mörder, der
+stundenlang und stundenlang sein Opfer umkreist, durchstößt
+er einem dann plötzlich mit einer spitzen Sekunde
+das Herz. So leidenschaftlich ist er im eigenen Aufruhr,
+daß man zweifelt, ihn noch einen Epiker nennen zu dürfen.
+Seine Technik ist eine explosive: er höhlt nicht kärrnerhaft,
+Schaufel um Schaufel, die Straße in sein Werk
+hinein, sondern von innen herauf mit einer ins kleinste
+geballten Kraft sprengt er die Welt auf und die erlöste
+Brust. Ganz unterirdisch sind seine Vorbereitungen, gleichsam
+eine Verschwörung, eine blitzartige Überraschung
+für den Leser. Nie weiß man, obwohl man fühlt, daß man
+einer Katastrophe entgegengeht, in welchen Menschen er
+die Stollen seiner Minengänge eingräbt, von welcher Seite,
+in welcher Stunde die furchtbare Entladung erfolgt. Von
+jedem einzelnen führt ein Schacht in den Mittelpunkt des
+Geschehens, jeder einzelne ist geladen mit dem Zündstoff
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_177" id="Page_177">177</a><span>] </span></span>der Leidenschaft. Wer aber den Kontakt zündet (zum
+Beispiel, wer von den vielen, die alle innerlich von den
+Gedanken vergiftet sind, den Fedor Karamasoff tötet), das
+ist mit einer unerhörten Kunst verborgen bis zum letzten
+Augenblick, denn Dostojewski, der alles ahnen läßt, verrät
+nichts von seinem Geheimnis. Man fühlt nur immer
+das Schicksal wie einen Maulwurf unter der Fläche des
+Lebens wühlen, fühlt, wie sich bis hart unter unser Herz die
+Mine vorschiebt, und vergeht, verzehrt sich in unendlicher
+Spannung bis zu den kleinen Sekunden, die wie ein Blitz
+die Schwüle der Atmosphäre zerschneiden.</p>
+
+<p>Und für diese kleinen Sekunden, für die unerhörte Konzentration
+des Zustandes benötigt der Epiker Dostojewski
+eine bisher ungekannte Wucht und Breite der Darstellung.
+Nur eine monumentale Kunst kann solch eine Intensität,
+eine solche Konzentration erzielen, nur eine Kunst urweltlicher
+Größe und mythischer Wucht. Hier ist Breite nicht
+Geschwätzigkeit, sondern Architektur: wie für die Spitzen
+der Pyramiden riesige Fundamente, sind für die spitzen
+Höhepunkte bei Dostojewski die gewaltigen Dimensionen
+seiner Romane notwendig. Und wirklich, wie die Wolga,
+der Dnjepr, die großen Ströme seiner Heimat, rollen diese
+Romane dahin. Etwas Stromhaftes ist ihnen allen zu eigen,
+langsam wogend rollen sie ungeheuere Mengen des Lebens
+heran. Auf ihren Tausenden und Tausenden Seiten schwemmen
+sie, gelegentlich die Ufer des künstlerischen Gestaltens
+übertretend, viel politisches Geröll und polemisches
+Gestein mit sich fort. Manchmal, wo die Inspiration nachläßt,
+haben sie auch breite, sandige Stellen. Schon scheinen
+sie zu versiegen. In stockendem Lauf winden sich mühsam
+durch Krümmungen und Wirrungen die Geschehnisse
+weiter, die Flut stagniert an den Sandbänken der Gespräche
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_178" id="Page_178">178</a><span>] </span></span>für Stunden, bis sie wieder dann die eigene Tiefe und den
+Schwung ihrer Leidenschaft findet.</p>
+
+<p>Aber dann, in der Nähe des Meeres, der Unendlichkeit,
+kommen plötzlich jene unerhörten Stellen der Stromschnelle,
+wo sich die breite Erzählung zum Wirbel zusammenballt,
+die Seiten gleichsam fliegen, das Tempo beängstigend
+wird, die Seele mitgerissen in den Abgrund des
+Gefühls hinpfeilt. Schon fühlt man die nahe Tiefe, schon donnert
+der Wassersturz her, die ganze breite schwere Masse ist
+plötzlich in schäumende Geschwindigkeit verwandelt, und
+wie die Strömung der Erzählung, gleichsam magnetisch
+vom Katarakt angezogen, der Katharsis zuschäumt, so
+sausen wir selbst unwillkürlich rascher durch diese Seiten
+und stürzen dann plötzlich in den Abgrund des Geschehens,
+gleichsam mit zerschmetterten Gefühlen.</p>
+
+<p>Und dieses Gefühl, wo gleichsam die ungeheuere Summe
+des Lebens in einer einzigen Ziffer gezogen ist, dieses Gefühl
+äußerster Konzentration, qualvoll und schwindlig
+zugleich, das er selbst einmal das &bdquo;Turmgefühl&ldquo; nennt, &ndash;
+den göttlichen Wahnsinn, sich über die eigene Tiefe zu
+beugen und die Seligkeit des tödlichen Niedersturzes vorempfindend
+zu genießen &ndash; dieses äußerste Gefühl, in dem
+man mit dem ganzen Leben auch noch den Tod empfindet,
+es ist immer auch die unsichtbare Spitze der großen
+epischen Pyramiden Dostojewskis. Alle Romane sind vielleicht
+nur geschrieben um dieser Augenblicke der weißglühenden
+Empfindung willen. Zwanzig oder dreißig solcher
+grandioser Stellen hat Dostojewski geschaffen, und
+alle sind sie von so unvergleichlicher Vehemenz der leidenschaftlichen
+Zusammenballung, daß sie einem nicht nur
+beim ersten Lesen, da sie einen gleichsam noch wehrlos überfallen,
+sondern noch beim vierten oder fünften Wiederholen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_179" id="Page_179">179</a><span>] </span></span>wie eine Stichflamme durch das Herz fahren. Immer sind in
+diesem Augenblick plötzlich alle Menschen des ganzen
+Buches in einem Zimmer versammelt, immer alle in der
+äußersten Intensität ihres Eigenwillens. Alle Straßen, alle
+Ströme, alle Kräfte laufen magisch zusammen, lösen sich auf
+in einer einzigen Geste, einer einzigen Gebärde, einem einzigen
+Wort. Ich erinnere nur an die Szene in den &bdquo;Dämonen&ldquo;,
+wo die Ohrfeige Schatows mit ihrem &bdquo;trockenen
+Schlag&ldquo; das Spinnweb des Geheimnisses zerreißt, wie im
+&bdquo;Idioten&ldquo; Nastassja Philipowna die <span class="nowrap">100&thinsp;000</span> Rubel ins Feuer
+wirft, oder die Geständnisszene in &bdquo;Raskolnikoff&ldquo; und
+den &bdquo;Karamasoff&ldquo;. In diesen höchsten, schon nicht mehr
+stofflichen, in diesen ganz elementaren Momenten seiner
+Kunst gattet sich restlos Architektur und Leidenschaft.
+Nur in der Ekstase ist Dostojewski der einheitliche Mensch,
+nur in diesen kurzen Augenblicken der vollendete Künstler.
+Aber diese Szenen sind rein künstlerisch ein Triumph
+der Kunst über den Menschen ohnegleichen, denn erst
+rücklesend wird man gewahr, mit einer wie genialen Berechnung
+alle Anstiege zu diesem Höhepunkt geführt sind,
+mit welch wissender Verteilung hier Menschen und Umstände
+sich magisch ergänzen, wie die ungeheure Gleichung,
+die tausendstellige und verschränkte, sich plötzlich
+auflöst in die kleinste Zahl, die letzte, restlose Einheit des
+Gefühls: die Ekstase. Das ist das größte künstlerische Geheimnis
+Dostojewskis, alle seine Romane zu solchen Spitzen
+hinaufzubauen, in denen sich die ganze elektrische
+Atmosphäre des Gefühls sammelt und die den Blitz des
+Schicksals mit unfehlbarer Sicherheit in sich auffangen.</p>
+
+<p>Muß noch besonders auf den Ursprung dieser einzigartigen
+Kunstform hingewiesen sein, die vor Dostojewski
+keiner besessen und vielleicht nie ein Künstler in gleichem
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_180" id="Page_180">180</a><span>] </span></span>Maße besitzen wird? Muß es noch gesagt sein, daß dieses
+Aufzucken der gesamten Lebenskräfte zu einzigen Sekunden
+nichts anderes ist, als in Kunst verwandelte, sinnfällige
+Form seines eigenen Lebens, seiner dämonischen
+Krankheit? Nie ist das Leiden eines Künstlers fruchtbarer
+gewesen als diese künstlerische Verwandlung der
+Epilepsie, denn nie hat sich vor Dostojewski in der Kunst
+eine ähnliche Konzentration von Lebensfülle in das engste
+Maß von Raum und Zeit gebannt. Er, der am Semenowskiplatz
+gestanden, die Augen verschnürt, und in zwei Minuten
+sein ganzes vergangenes Leben noch einmal durchlebte,
+der bei jedem epileptischen Anfall in der Sekunde zwischen
+dem wankenden Taumel und dem harten Niedersturz vom
+Sessel auf den Boden Welten visionär durchirrt, nur er
+konnte diese Kunst erreichen, in eine Nußschale von Zeit
+einen Kosmos von Geschehnissen einzubetten. Nur er das
+Unwahrscheinliche solcher explosiver Sekunden so dämonisch
+ins Wirkliche zwingen, daß wir dieser Fähigkeit der
+Überwindung von Raum und Zeit kaum gewahr werden.
+Wahre Wunder der Konzentration sind seine Werke. Ich
+erinnere nur an ein Beispiel: Man liest den ersten Band
+des &bdquo;Idioten&ldquo;, der über 500 Seiten umfaßt. Ein Tumult
+von Schicksal hat sich erhoben, ein Chaos von Seelen ist
+durchflogen, eine Vielzahl von Menschen innerlich belebt.
+Man hat mit ihnen Straßen durchwandert, in Häusern gesessen,
+und plötzlich, bei zufälligem Besinnen, entdeckt
+man, daß diese ganze ungeheure Fülle von Geschehnissen in
+einem Ablauf von kaum zwölf Stunden vor sich ging, von
+Morgen bis Mitternacht. Ebenso ist die phantastische
+Welt der Karamasoff in bloß ein paar Tage, die Raskolnikoffs
+in eine Woche zusammengeballt, &ndash; Meisterstücke
+der Gedrängtheit, wie sie ein Epiker noch nie und selbst
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_181" id="Page_181">181</a><span>] </span></span>das Leben nur in den seltensten Augenblicken erreicht.
+Einzig die antike Tragödie des Ödipus etwa, der in der
+engen Spanne von Mittag bis Abend ein ganzes Leben
+und das vergangener Generationen zusammendrängt, kennt
+diesen rasenden Niedersturz von Höhe zu Tiefe, von Tiefe
+zu Höhe, diese erbarmungslosen Wetterstürze des Geschicks,
+aber auch diese reinigende Kraft der seelischen
+Gewitter. Mit keinem epischen Werk läßt sich diese Kunst
+vergleichen, und darum wirkt Dostojewski immer in seinen
+großen Augenblicken als Tragiker, seine Romane gleichsam
+wie umhüllte, verwandelte Dramen; im letzten sind
+die Karamasoff Geist vom Geiste der griechischen Tragödie,
+Fleisch vom Fleische Shakespeares. Nackt steht
+in ihnen, wehrlos und klein, der riesige Mensch unter
+dem tragischen Himmel des Schicksals.</p>
+
+<p>Und seltsam, in diesen leidenschaftlichen Augenblicken
+der Niederstürze verliert plötzlich der Roman Dostojewskis
+auch seinen erzählerischen Charakter. Die dünne epische
+Umschalung schmilzt ab in der Hitze des Gefühls und
+verdunstet; nichts bleibt als der blasse weißglühende Dialog.
+Die großen Szenen in Dostojewskis Romanen sind nackte
+dramatische Dialoge. Man kann sie, ohne ein Wort beizufügen
+oder fortzulassen, auf die Bühne pflanzen, so festgezimmert
+ist jede einzelne Figur, so zur dramatischen
+Sekunde verdichtet sich in ihnen der breite strömende Gehalt
+der großen Romane. Das tragische Gefühl in Dostojewski,
+das immer zu Endgültigem drängt, zur gewaltsamen
+Spannung, zur blitzartigen Entladung, schafft in diesen
+Höhepunkten sein episches Kunstwerk scheinbar restlos
+zum dramatischen um.</p>
+
+<p>Was in diesen Szenen an dramatischer, ja theatralischer
+Schlagkraft enthalten ist, haben selbstverständlich die eilfertigen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_182" id="Page_182">182</a><span>] </span></span>Theaterhandwerker und Boulevarddramatiker zuerst
+erkannt, lang vor den Philologen, und rasch einige
+robuste Theaterstücke aus dem &bdquo;Raskolnikoff&ldquo;, dem &bdquo;Idioten&ldquo;,
+den &bdquo;Karamasoff&ldquo; gezimmert. Aber hier hat sich
+erwiesen, wie kläglich solche Versuche scheitern, Figuren
+Dostojewskis von außen, von ihrer Körperlichkeit und
+ihrem Schicksal zu fassen, sie aus ihrer Sphäre, der Seelenwelt,
+zu heben und von der gewitternden Atmosphäre der rhythmischen
+Reizbarkeit abzulösen. Wie abgeschälte Baumstämme,
+nackt und leblos, wirken diese Figuren dramatisch
+im Vergleich zu ihrer lebendigen, raunenden, rauschenden
+Wipfelhaftigkeit, die an die Himmel rührt und jede doch
+mit tausend geheimen Nervenfäden im epischen Erdreich
+wurzelt. Ihr Aderwerk, breitfältig verästelt auf Hunderten
+von Seiten, zieht seine stärkste bildnerische Kraft aus
+dem Dunkel, aus Andeutung und Ahnung. Die Psychologie
+Dostojewskis ist keine für grelles Lampenlicht, sie
+spottet ihrer &bdquo;Bearbeiter&ldquo; und Vereinfacher. Denn in
+dieser epischen Unterwelt gibt es geheimnisvolle psychische
+Kontakte, Unterströmungen und Nuancierungen. Nicht
+aus sichtbaren Gesten, sondern aus tausend und tausend
+einzelnen Andeutungen bildet und formt sich bei ihm eine
+Gestalt, nichts Spinnwebzarteres kennt die Literatur, als
+dies seelische Netzwerk. Um einmal die Durchgängigkeit
+dieser subkutanen, gleichsam unter der Haut fließenden
+Unterströmungen der Erzählung zu empfinden, versuche
+man zur Probe einen Roman Dostojewskis in einer der
+gekürzten französischen Ausgaben zu lesen. Es fehlt anscheinend
+nichts darin: der Film der Geschehnisse rollt
+geschwinder ab, die Figuren erscheinen sogar agiler, geschlossener,
+leidenschaftlicher. Aber doch, sie sind irgendwo
+verarmt, ihrer Seele fehlt jener wunderbare irisierende
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_183" id="Page_183">183</a><span>] </span></span>Glanz, ihrer Atmosphäre die funkelnde Elektrizität, jene
+Schwüle der Spannung, die erst die Entladung so furchtbar
+und so wohltätig macht. Irgend etwas ist zerstört, das nicht
+wieder zu ersetzen ist, ein Zauberkreis gebrochen. Und
+gerade aus diesen Versuchen von Kürzungen und Dramatisierung
+erkennt man den Sinn der Breite bei Dostojewski,
+die Zweckhaftigkeit seiner scheinbaren Weitschweifigkeit.
+Denn die kleinen, flüchtigen, gelegentlichen Andeutungen,
+die ganz zufällig und überflüssig scheinen, sie haben Erwiderung
+hundert und hundert Seiten später. Unter der
+Oberfläche der Erzählung laufen solche Leitungen verborgener
+Kontakte, die Meldungen weitertragen, geheimnisvolle
+Reflexe tauschen. Es gibt bei ihm seelische Chiffrierungen,
+ganz winzige physische und psychische Zeichen,
+deren Sinn erst beim zweiten, beim dritten Lesen offenbar
+wird. Kein Epiker hat ein gleichsam so durchnervtes System
+des Erzählens, ein so unterirdisches Gewirr der Begebenheit
+unter dem Knochenwerk des Geschehnisses, unter der Haut
+des Dialogs. Und doch, System kann man es kaum nennen:
+nur mit der scheinbaren Willkürlichkeit und doch geheimnisvollen
+Ordnung des Menschen selbst läßt sich dieser
+psychologische Prozeß vergleichen. Während die anderen
+epischen Künstler, insbesondere Goethe, mehr die Natur als
+den Menschen nachzuahmen scheinen und das Geschehnis
+organisch wie eine Pflanze, bildhaft wie eine Landschaft
+genießen lassen, erlebt man einen Roman Dostojewskis
+wie die Begegnung mit einem sonderbar tiefen und leidenschaftlichen
+Menschen. Dostojewskis Kunstwerk ist urirdisch
+bei aller Ewigkeit, ein zweispältiges, wissendes, erregt
+leidenschaftliches Nervenwesen, immer gegorenes
+Fleisch und Hirn, nie ehernes Metall, reines ausgeglühtes
+Element. Es ist unberechenbar und unergründbar, wie die
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_184" id="Page_184">184</a><span>] </span></span>Seele es in den Grenzen ihrer Körperlichkeit ist, und unvergleichbar
+innerhalb der Formen der Kunst.</p>
+
+<p>Unvergleichbar: Bewunderung seiner Kunst, seiner seelischen
+Meisterschaft, sie ist jenseitig allen Maßes, und je
+tiefer man sich in sein Werk versenkt, desto unwahrscheinlicher
+und gewaltiger scheint ihre Größe. Damit soll keineswegs
+gesagt sein, daß diese Romane an sich alle vollendete
+Kunstwerke wären, ja sie sind es viel weniger als manche
+ärmere Werke, die engere Kreise ziehen und sich mit
+Schlichterem bescheiden. Der Maßlose kann das Ewige
+erreichen, aber nicht nachbilden. Viel ihrer unerhörten
+Architektonik ist von Leidenschaft verschwemmt, manche
+heroische Konzeption von Ungeduld zerstört. Aber diese
+Ungeduld Dostojewskis, sie führt von der Tragödie seiner
+Kunst in die seines Lebens zurück. Denn dies war äußeres
+Schicksal und nicht innere Leichtfertigkeit bei ihm
+ebenso wie bei Balzac, daß er getrieben war vom Leben zur
+Eiligkeit und zu sehr gehetzt, um die Werke vollendet
+zu gestalten. Man vergesse nicht, wie diese Werke entstanden
+sind. Immer war schon der ganze Roman verkauft,
+während Dostojewski noch das erste Kapitel schrieb,
+jede Arbeit eine Hetzjagd von Vorschuß zu neuem Vorschuß.
+&bdquo;Wie ein alter Postgaul&ldquo; arbeitend, auf der Flucht
+durch die Welt, fehlt es ihm manchmal an Zeit und Ruhe,
+die letzte Feile anzulegen, und er weiß es selbst, der
+Wissendste aller, und empfindet es wie Schuld! &bdquo;Mögen
+sie doch sehen, in welchem Zustande ich arbeite. Sie verlangen
+von mir schlackenlose Meisterwerke, und aus
+bitterster, elendster Not bin ich zur Eile gezwungen&ldquo;,
+schreit er erbittert auf. Er flucht Tolstoi und Turgenjew,
+die, gemächlich auf ihren Gütern sitzend, die Zeilen runden
+und ordnen können, und denen er um nichts sonst neidisch
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_185" id="Page_185">185</a><span>] </span></span>ist. Keine Armut scheut er persönlich, aber der Künstler,
+erniedrigt zum Proletarier der Arbeit, schäumt gegen
+die &bdquo;Gutsherrnliteratur&ldquo; aus der unbändigen Sehnsucht
+des Artisten, einmal in Ruhe, einmal in Vollendung gestalten
+zu können. Jeden Fehler in seinen Werken kennt
+er, er weiß, daß nach seinen epileptischen Anfällen die
+Spannung nachläßt, die straffe Hülle des Kunstwerks
+gleichsam undicht wird und Gleichgültiges einströmen
+läßt. Oft müssen ihn Freunde oder seine Frau auf grobe
+Vergeßlichkeiten aufmerksam machen, die er in jener Verdunklung
+der Sinne nach dem Anfall begeht, wenn er die
+Manuskripte liest. Dieser Proletarier, dieser Taglöhner
+der Arbeit, dieser Sklave des Vorschusses, der in der Zeit
+seiner ärgsten Not drei gigantische Romane hintereinander
+schreibt, ist innerlich der bewußteste Artist. Er liebt fanatisch
+die Goldschmiedearbeit, den Filigran der Vollendung.
+Noch unter der Peitsche der Not feilt und bosselt er stundenlang
+an einzelnen Seiten, zweimal vernichtet er den &bdquo;Idioten&ldquo;,
+obzwar seine Frau hungert und die Hebamme noch
+nicht bezahlt ist. Unendlich ist sein Wille zur Vollendung,
+aber auch die Not ist unendlich. Wieder ringen die beiden
+gewaltigsten Mächte um seine Seele, der äußere Zwang
+und der innere. Auch als Künstler bleibt er der große
+Zerspaltene der Zweiheit. Wie der Mensch in ihm ewig
+nach Harmonie und Ruhe, so dürstet der Künstler in ihm
+ewig nach Vollendung. Hier wie dort hängt er mit zerrissenen
+Armen am Kreuze seines Schicksals.</p>
+
+<p>Auch die Kunst also, auch sie, die Einzig-Eine, ist nicht
+Erlösung dem Gekreuzigten des Zwiespalts, auch sie Qual,
+Unruhe, Hast und Flucht, auch sie nicht Heimat dem
+Heimatlosen. Und die Leidenschaft, die ihn in die Gestaltung
+treibt, sie jagt ihn über die Vollendung hinaus.
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_186" id="Page_186">186</a><span>] </span></span>Auch hier wird er über die Vollendung gehetzt dem ewig
+Endlosen zu; mit ihren abgebrochenen Türmen, den
+nicht zu Ende gebauten (denn die Karamasoff ebenso
+wie der Raskolnikoff versprechen beide einen zweiten,
+nie geschriebenen Teil), ragen seine Romanbauten in den
+Himmel der Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen.
+Nennen wir sie nicht Roman mehr und werten wir sie
+nicht mit epischem Maß: sie sind längst nicht mehr Literatur,
+sondern irgendwie geheime Anfänge, prophetische
+Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom
+neuen Menschen. So sehr er die Kunst liebt, Dostojewski,
+sie ist ihm nicht das Letzte, und wie alle seine erlauchten
+russischen Ahnen empfindet er sie nur als Brücke des Bekenntnisses
+vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns
+nur: Gogol wirft nach den &bdquo;Toten Seelen&ldquo; die Literatur
+fort und wird Mystiker, geheimnisvoller Bote des neuen
+Rußlands, Tolstoi verflucht, ein Sechzigjähriger, die Kunst,
+die eigene und die fremde, und wird Evangelist der Güte
+und Gerechtigkeit, Gorki verzichtet auf den Ruhm
+und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat bis
+zur letzten Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er
+gestaltet, ist längst nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen
+engen Sinne, sondern das Evangelium des Dritten Reiches,
+irgendein Mythus der neuen russischen Welt, eine apokalyptische
+Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst
+war dem ewig Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein
+Ende war im Endlosen. Sie war ihm nur eine Stufe und
+nicht der Tempel selbst. In der Vollkommenheit seiner
+Werke ist noch ein Größeres, das sich in Worte nicht
+mehr gestaltet, und eben weil dies Letzte in ihnen nur geahnt
+und nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie
+Wege zur Vollendung des Menschen und der Menschheit.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_187" id="Page_187">187</a><span>] </span></span></p>
+<h3>DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Goethe</p>
+</div>
+
+<p>Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten
+um die Gegenwart: wer ins Zukünftige will, muß sie
+überschreiten. Denn die Natur will kein Innehalten im
+Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und liebt
+doch nur den, der sie zerstört um einer neuen Ordnung
+willen. Immer schafft sie sich in einzelnen Menschen durch
+Übermaß ihrer eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die
+von den heimischen Ländern der Seele in die dunklen
+Ozeane des Unbekannten hinausfahren zu neuen Zonen
+des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne diese kühnen
+Überschreiter wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre
+Entwicklung ein Kreisgang. Ohne diese großen Boten,
+in denen sie sich gleichsam selbst vorauseilt, wäre jede
+Generation unkund ihres Weges. Ohne diese großen
+Träumer wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten
+Sinn. Nicht die ruhigen Erkenner, die Geographen der
+Heimat, haben die Welt weit gemacht, sondern die <ins class="correction" title="Desparados">Desperados</ins>,
+die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
+fuhren: nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben
+die moderne Seele in ihrer Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen
+unter den Dichtern, die Überschreiter der Grenzen.</p>
+
+<p>Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur
+ist Dostojewski in unseren Tagen der größte gewesen, und
+keiner hat so viel Neuland der Seele entdeckt als dieser
+Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach seinem eignen Wort
+&bdquo;das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war
+wie die Erde selbst&ldquo;. Nirgends hat er innegehalten, &bdquo;überall
+habe ich die Grenze überschritten,&ldquo; schreibt er stolz
+und selbstanklagend in einem Briefe, &bdquo;überall&ldquo;. Und unmöglich
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_188" id="Page_188">188</a><span>] </span></span>ist es fast, alle seine Taten aufzuzählen, die Wanderungen
+über die eisigen Grate des Gedankens, die Niederstiege
+zu den verborgensten Quellen des Unbewußten, die
+Aufstiege, die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege
+zu den schwindelnden Gipfeln des Selbsterkennens. Wo
+kein gewöhnlicher Weg war, er hat ihn beschritten, wo
+Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie hat
+die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die
+Mystik ihres seelischen Wesens erkannt, sie ist wacher
+und bewußter geworden in seinem Blick und gleichzeitig
+geheimnisvoller und göttlicher in seinem Gefühl. Ohne
+ihn, den großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die
+Menschheit weniger um ihr eingeborenes Geheimnis, weiter
+als je blicken wir von der Höhe seines Werkes in das Zukünftige
+hinein.</p>
+
+<p>Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste
+Ferne, die er uns auftat, war Rußland. Er hat seine Nation
+für die Welt entdeckt, unser europäisches Bewußtsein erweitert,
+als erster die Seele des Russen uns als Fragment
+und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen lassen.
+Vor ihm bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den
+Übergang gegen Asien, einen Fleck Landkarte, ein Stück
+Vergangenheit unserer eigenen barbarischen, überwundenen
+Kulturkindheit. Er aber zeigte als erster uns die
+zukünftige Kraft in dieser Öde, seit ihm fühlen wir Rußland
+als eine Möglichkeit neuer Religiosität, als ein kommendes
+Wort im großen Gedichte der Menschheit. Er hat
+das Herz der Welt so reicher gemacht um eine Erkenntnis
+und um eine Erwartung. Puschkin (der uns ja schlecht
+zugänglich ist, weil sein poetisches Medium in jeder Übertragung
+die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die
+russische Aristokratie gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_189" id="Page_189">189</a><span>] </span></span>patriarchalischen bäurischen Menschen, die Wesen
+der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er entzündet
+uns die Seele mit der Verkündung neuer Möglichkeiten,
+erst er entflammt den Genius dieser neuen Nation und
+läßt uns fast sehnsüchtig werden, daß dieser glühende
+Tropfen Weltkindheit und Seelenanfang seines Russenvolkes
+in die müde, stagnierende Welt des alten Europa
+einglühe. Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt,
+daß wir alles, was wir von Rußland wußten, nur durch
+ihn wußten und daß er es uns möglich gemacht, dieses
+Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden.</p>
+
+<p>Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle
+Erweiterung des Weltwissens um die Idee Rußlands (denn
+diese hätte vielleicht schon Puschkin erreicht, wäre ihm
+nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die Brust gefahren)
+ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen Selbstwissens,
+die ohne Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski
+ist der Psychologe der Psychologen. Die Tiefe des menschlichen
+Herzens zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das
+Unterbewußte, das Unergründliche ist seine wahre Welt.
+Seit Shakespeare haben wir nicht soviel vom Geheimnis des
+Gefühls und den magischen Gesetzen seiner Verschränkung
+gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades
+wiederkehrte, von der unterirdischen Welt, erzählt er von
+der Unterwelt der Seele. Denn auch er, wie Odysseus,
+war begleitet von einem Gotte, von einem Dämon. Seine
+Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der
+gemeine Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd
+in Zustände der Angst und des Grauens, die schon jenseits
+des Lebens liegen, ließen ihn erst atmen in dieser bald
+frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten und
+Überlebendigen. Wie die Nachttiere in der Finsternis
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_190" id="Page_190">190</a><span>] </span></span>sehen, sieht er in den Dämmerzuständen klarer wie andere
+am lichten Tag. In den feurigen Elementen, wo andere
+verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige Wärme des
+Gefühls; er ist weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen
+und hat in der kranken gehaust und damit im
+tiefsten Geheimnis des Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn
+ins Gesicht geleuchtet, wie ein Mondsüchtiger ist er
+sicher über die Spitzen des Gefühls geschritten, von denen
+die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht abstürzen.
+Dostojewski ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten
+gedrungen als die Ärzte, die Juristen, die Kriminalisten
+und Psychopathen. Alles was die Wissenschaft erst später
+entdeckte und benannte, was sie in Experimenten gleichsam
+wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte,
+alle die telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen
+Phänomene, hat er voraus geschildert aus jener mystischen
+Fähigkeit des hellseherischen Mitwissens und Mitleidens.
+Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des
+Geistes), bis an die Klippe des Verbrechens (den Exzeß
+des Gefühls) hat er den Phänomenen der Seele nachgespürt
+und unendliche Strecken seelischen Neulandes damit durchschritten.
+Eine alte Wissenschaft schlägt mit ihm das letzte
+Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt in der Kunst
+eine neue Psychologie.</p>
+
+<p>Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft
+der Seele hat ihre Methoden, auch die Kunst, die vorerst
+durch die Zeiten eine unendliche Einheit scheint, ewig
+neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des Wissens,
+Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung
+und Determinierung, und so wie etwa die Chemie durch
+Experimente die Anzahl der Urelemente, der anscheinend
+unteilbaren, immer mehr verringert hat und im scheinbar
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_191" id="Page_191">191</a><span>] </span></span>Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst
+die Psychologie durch immer weiter schreitende Differenzierung
+die Einheit des Gefühls in eine Unendlichkeit von
+Trieb und Widertrieb auf. Trotz aller vorausschauenden
+Genialität einiger einzelner Menschen ist eine Grenzlinie
+zwischen der alten Psychologie und der neuen nicht zu
+verkennen. Von Homer und weit bis nach Shakespeare
+gibt es eigentlich nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der
+Mensch ist noch Formel, eine Eigenschaft in Fleisch und
+Knochen: Odysseus ist listig, Achilles mutig, Ajax zornvoll,
+Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat dieser
+Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres
+Willens. Und noch Shakespeare, der Dichter an der Wende
+der alten und der neuen Kunst, zeichnet seine Menschen
+so, daß immer eine Dominante die widerstreitende Melodik
+ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es auch, der
+den ersten Menschen aus dem seelischen Mittelalter in
+unsere neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem Hamlet
+erschafft er die erste problematische Natur, den Ahnherrn
+des modernen differenzierten Menschen. Hier ist zum
+ersten Male im Sinne der neuen Psychologie der Wille
+durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der Selbstbetrachtung
+in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst
+wissende Mensch gestaltet, der zwiefach lebt, außen und
+innen zugleich, im Handeln denkend, im Denken sich
+verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum erstenmal
+sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen
+fühlen, freilich noch aus einer Dämmerung des
+Bewußtseins heraus: noch ist er, der Dänenprinz, umwoben
+vom Requisit einer abergläubischen Welt, noch
+wirken Zaubertränke und Geister auf seinen beunruhigten
+Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber doch, hier ist
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_192" id="Page_192">192</a><span>] </span></span>er schon vollendet, das ungeheuere psychologische Geschehnis
+der Verzweifachung des Gefühls. Der neue Kontinent
+der Seele ist entdeckt, die zukünftigen Forscher haben
+freie Bahn. Der romantische Mensch Byrons, Goethes,
+Shelleys, Child Harold und Werther, den leidenschaftlichen
+Widerspruch seines Wesens zur nüchternen Welt im
+ewigen Gegensatz empfindend, fördert durch seine Unruhe
+die chemische Zersetzung der Gefühle. Die exakte
+Wissenschaft gibt inzwischen noch manche wertvolle
+Einzelerkenntnis. Dann kommt Stendhal. Er weiß schon
+mehr als alle früheren von der kristallinischen Bildung
+der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit
+der Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen
+Widerstreit der Brust um jeden einzelnen ihrer Entschlüsse.
+Aber die seelische Trägheit seines Genies, die spaziergängerische
+Lässigkeit seines Charakters vermögen noch
+nicht die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen.</p>
+
+<p>Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der
+ewige Dualist, dringt ein in das Geheimnis. Er oder keiner
+schafft die vollkommene Analyse des Gefühls. Bei Dostojewski
+ist die Einheit des Gefühls in eine Masse zerrissen,
+als wäre seinen Menschen eine andere Seele eingebaut
+wie all den früheren. Die kühnsten Seelenanalysen aller
+Dichter vor ihm scheinen irgendwie oberflächenhaft neben
+seinen Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein Lehrbuch
+der Elektrotechnik wirken mag, das 30 Jahre alt ist,
+in dem eben nur die Anfangsgründe angedeutet und das
+Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist. Nichts ist in
+seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element
+&ndash; alles Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform,
+Übergangsform. In unendlicher Verkehrung und Verwirrung
+taumelt und schwankt die Empfindung zur Tat, ein
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_193" id="Page_193">193</a><span>] </span></span>rasender Tausch von Wille und Wahrheit schüttelt die Gefühle
+durcheinander. Immer meint man, schon am letzten
+Grunde eines Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu
+sein, und immer wieder deutet es wieder weiter zurück in
+ein anderes. Haß, Liebe, Wollust, Schwäche, Eitelkeit,
+Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht, alle Triebe sind
+ineinander verschlungen in ewigen Verwandlungen. Die
+Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in Dostojewskis
+Werk. Es gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach
+Reinheit, Verbrecher aus Gier nach der Reue, Mädchenschänder
+aus Verehrung der Unschuld, Gotteslästerer aus
+religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen begehren,
+tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein
+wie auf Erfüllung. Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf,
+ist nichts anderes als eine verborgene Scham, ihre Liebe
+ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine verborgene Liebe.
+Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm Lüstlinge
+aus Gier nach dem Leiden und wieder Selbstquäler
+aus Gier nach der Lust, in rasendem Kreislauf dreht
+sich der Wirbel ihres Wollens. In der Begierde genießen
+sie schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in der
+Tat genießen sie die Reue und in der Reue wieder, rückfühlend,
+die Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und Unten,
+eine Vervielfachung der Empfindungen bei ihnen. Die
+Taten ihrer Hände sind nicht die ihrer Herzen, die Sprache
+ihrer Herzen wieder nicht die ihrer Lippen, jedes einzelne
+Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit.
+Nie wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des
+Gefühls zu fassen, nie einen Menschen im Netz eines
+Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne Fedor Karamasoff
+einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen,
+aber doch, ist nicht Swidrigailoff auch einer und jener
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_194" id="Page_194">194</a><span>] </span></span>namenlose Student in den &bdquo;Werdenden&ldquo;, und doch: welche
+Welt zwischen ihnen und ihren Gefühlen! Bei Swidrigailoff
+ist die Wollust eine kalte, seelenlose Ausschweifung,
+er ist der berechnende Taktiker seiner Unzucht. Karamasoffs
+Wollust wieder ist <ins class="correction" title="Lebenlust">Lebenslust</ins>, Ausschweifung
+bis zur Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer Trieb,
+sich in das Niederste des Lebens noch einzumengen, nur
+weil es Leben ist, sein Unterstes, seinen Absud noch zu
+genießen aus einer Ekstase der Vitalität. Jener ist Wollüstling
+aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls,
+was bei diesem kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem
+eine chronische Entzündung. Swidrigailoff wieder ist der
+Mittelmensch der Wollust, der &bdquo;Lasterchen&ldquo; hat statt der
+Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der
+Sinne, und jener, der namenlose Student der &bdquo;Werdenden&ldquo;,
+wiederum ist Perversion geistiger Bosheit ins Sexuelle. Man
+sieht, Welten des Gefühls stehen zwischen diesen Menschen,
+die sonst ein einziger Begriff zusammenfaßt, und so wie
+hier die Wollust differenziert ist und aufgelöst in ihre geheimnisvollen
+Verwurzlungen und Komponenten, so ist
+bei Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer zurückgeführt
+in die letzte Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung,
+in jenen letzten Gegensatz zwischen Ich und
+Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und Demut, Verschwendung
+und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft,
+zentripetale und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung
+oder Selbstvernichtung, Ich oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare
+nennen, wie es der Augenblick fordert, immer
+sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen Geist
+und Fleisch. Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden
+Vielfalt des Gefühls, von unserer seelischen Gemengtheit
+so viel gewußt.</p>
+
+<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_195" id="Page_195">195</a><span>] </span></span>Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des
+Gefühls bei Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner
+Taten, daß er den Roman, ja die ganze Literatur, die seit
+Hunderten von Jahren, seit der Antike, immer nur in diesem
+Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als in den Urquell
+alles Seins gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch
+höher hinauf, in letzte Erkenntnisse geführt hat. Liebe,
+anderen Dichtern der Endzweck des Lebens, das Erzählungsziel
+des Kunstwerkes, ihm ist sie nicht Urelement,
+sondern nur Stufe des Lebens. Für die anderen dröhnt die
+glorreiche Sekunde der Versöhnung, der Ausgleich aller
+Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht
+und Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle
+lösen. Im letzten Grunde ist bei ihnen, den anderen
+Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich primitiv im Vergleich
+zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an,
+ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große
+Magie, unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des
+Lebens. Und der Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt
+er die Begehrte, er ist unglücklich, erlangt er sie nicht.
+Wiedergeliebt sein ist der Himmel der Menschheit bei
+allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher.
+Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie
+noch nicht die Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand,
+ein Ausgleich, sondern erhobener Streit, intensiveres
+Schmerzen der ewigen Wunde und darum ein
+Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den
+gemeinen Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen
+einander lieben, so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind
+seine Menschen mehr durchschüttelt von allem Widerstreit
+ihres Wesens als im Augenblick, da Liebe sich von
+Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht versinken
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_196" id="Page_196">196</a><span>] </span></span>in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern.
+Sie machen, echte Kinder seiner Entzweiung, nicht halt
+in dieser letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte Gleichung
+des Augenblicks (den alle anderen als den schönsten ersehnen),
+daß Geliebter und Geliebte sich gleich stark lieben
+und geliebt werden, weil dies Harmonie wäre, ein Ende, eine
+Grenze, und sie leben nur für das Grenzenlose. Dostojewskis
+Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie geliebt
+werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das
+Opfer sein, derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger
+empfängt, und sie steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen
+des Gefühls, bis es gleichsam ein Keuchen, ein
+Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als sanftes Spiel
+begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich,
+wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn
+sie verachtet werden, denn dann sind sie es ja, die geben,
+unendlich geben und nichts dafür verlangen, und darum
+ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß immer
+so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem
+Haß. Aber auch in den kurzen Intervallen, da sie einander
+gleichsam konzentriert lieben, ist die Einheit des Gefühls
+noch einmal gesprengt, denn nie können Dostojewskis
+Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften ihrer
+Sinne und Seele einander lieben. Sie lieben mit der einen
+oder mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist bei ihnen in
+Harmonie. Man sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie
+Kundrys, gleichzeitig in zwei Welten des Gefühles lebend,
+mit ihrer Seele dem heiligen Gral dienend und gleichzeitig
+wollüstig ihren Leib verbrennend in den Blumenhainen
+Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der kompliziertesten
+bei anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein
+selbstverständliches bei Dostojewski. Nastassja Philipowna
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_197" id="Page_197">197</a><span>] </span></span>liebt in ihrem spirituellen Wesen Myschkin, den
+sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit geschlechtlicher
+Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür
+reißt sie sich von dem Fürsten los in das Bett des anderen,
+vom Gelage des Trunkenen stürzt sie zurück zu
+ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und sieht
+erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper
+schläft gleichsam im hypnotischen Schlaf, während ihre
+Seele sich in Ekstase dem anderen zuwendet. Und ebenso
+Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt ihren ersten
+Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit
+ihrer Verehrung schon ganz unkörperlich Aljoscha. Die
+Mutter des &bdquo;Jünglings&ldquo; liebt aus Dankbarkeit ihren ersten
+Mann und gleichzeitig aus Sklaverei, aus übersteigerter
+Demut Wersiloff. Unendlich, unermeßlich sind die Verwandlungen
+des Begriffes, den die anderen Psychologen
+unter dem Namen &bdquo;Liebe&ldquo; leichtfertig zusammenfaßten,
+so wie Ärzte vergangener Zeiten ganze Gruppen von
+Krankheiten in einen Namen drängten, für die wir heute
+hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe
+kann bei Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra),
+Mitleid (Dunia), Trotz (Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor
+Karamasoff), Selbstvergewaltigung, immer aber steht hinter
+der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl. Nie ist
+Liebe bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen,
+Wunder: immer erklärt, zerlegt er das leidenschaftlichste
+Gefühl. O, unendlich, unendlich diese Verwandlungen,
+und jede einzelne wieder in allen Farben schillernd,
+von Kälte zu Frost erstarrend und wieder erglühend, unendlich
+und undurchdringlich wie die Vielfalt des Lebens.
+Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht
+Dimitri auf einem Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_198" id="Page_198">198</a><span>] </span></span>sie, und sie haßt ihn. Er nimmt Rache, er erniedrigt
+sie, &ndash; und sie liebt ihn, oder eigentlich sie liebt nicht ihn,
+sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie opfert
+sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur
+ihre eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe,
+und je mehr sie ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt
+sie ihn wieder. Und dieser Haß fährt los auf sein Leben
+und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie es zerstört
+hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart,
+ihre Erniedrigung gerächt ist, &ndash; liebt sie ihn wieder!
+So kompliziert ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis.
+Wie es vergleichen mit den Büchern, die schon bei der
+letzten Seite sind, wenn die beiden einander lieben und
+durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo
+die anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis,
+denn er will nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung
+der Geschlechter als Sinn und Triumph der Welt. Er
+knüpft wieder an die große Tradition der Antike an, wo
+nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle
+Götter zu bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war.
+Bei ihm hebt sich der Mensch wieder auf, nicht mit dem
+Blick zu den Frauen, sondern mit der offenen Stirne zu
+seinem Gott. Seine Tragödie ist größer als die von Geschlecht
+zu Geschlecht und vom Mann zum Weib.</p>
+
+<p>Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis,
+in dieser restlosen Auflösung der Empfindung erkannt,
+so weiß man: es gibt von ihm keinen Weg wieder zurück
+ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft sein, so darf
+sie von nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des Gefühls
+aufstellen, die er zerschlagen, nie mehr den Roman
+in die kleinen Kreise der Gesellschaft und Gefühle sperren,
+nie mehr das geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_199" id="Page_199">199</a><span>] </span></span>wollen, das er durchleuchtet. Als erster hat er
+uns die Ahnung des Menschen gegeben, die Wir als erste
+selbst sind, im Gegensatz zu der Vergangenheit, differenzierter
+im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis
+als alle früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel
+wir in den fünfzig Jahren seit seinen Büchern den Dostojewskischen
+Menschen schon ähnlicher geworden sind, wie
+viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in
+unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland,
+das er als erster beschritten, ist vielleicht schon unser
+Land, die Grenzen, die er überwunden, unsere sichere
+Heimat.</p>
+
+<p>Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt
+erleben, hat er uns prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe
+des Menschen ein neues Maß gegeben: nie hat ein Sterblicher
+vor ihm so viel vom unsterblichen Geheimnis der
+Seele gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen
+um uns selbst erweitert, so viel wir an ihm gelernt, nie
+verlernen wir an seiner Erkenntnis das hohe Gefühl, demütig
+zu sein und das Leben als etwas Dämonisches zu
+empfinden. Daß wir bewußter wurden durch ihn, hat uns
+nicht freier gemacht, sondern nur gebundener. Denn so
+wenig die modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als
+elektrisches Phänomen, als Spannung und Entladung der
+Atmosphäre erkennen und benennen, als minder gewaltig
+empfinden wie die vorherigen Geschlechter, so wenig kann
+unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im
+Menschen die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern.
+Gerade Dostojewski, der alle Einzelheiten der Seele uns
+wissend zeigte, dieser große Zerleger, dieser Anatom des
+Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres Weltgefühl
+als alle Dichter unserer Zeit. Und der so tief den
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_200" id="Page_200">200</a><span>] </span></span>Menschen gekannt wie keiner vor ihm, hat wie keiner
+Ehrfürchtigkeit vor dem Unbegreiflichen, das ihn gestaltet:
+vor dem Göttlichen, vor Gott.</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3>DIE GOTTESQUAL</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;Gott hat mich mein ganzes Leben lang gequält.&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Dostojewski</p>
+</div>
+
+<p>&bdquo;Gibt es einen Gott oder nicht?&ldquo; fährt Iwan Karamasoff
+in jenem furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger,
+den Teufel, an. Der Versucher lächelt. Er hat keine Eile
+zu antworten, die schwerste Frage einem gemarterten
+Menschen abzunehmen. &bdquo;Mit grimmiger Hartnäckigkeit&ldquo;
+dringt Iwan nun in seiner Gottesraserei auf den Satan ein:
+er soll, er muß ihm Antwort stehen in dieser wichtigsten
+Frage der Existenz. Aber der Teufel schürt nur den Rost
+der Ungeduld. &bdquo;Ich weiß es nicht&ldquo;, antwortet er dem
+Verzweifelten. Nur um den Menschen zu quälen, läßt er
+ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm die
+Gottesqual.</p>
+
+<p>Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er
+selbst haben diesen Satan in sich, der die Gottesfrage stellt
+und nicht beantwortet. Allen ist jenes &bdquo;höhere Herz&ldquo; gegeben,
+das fähig ist, sich mit diesen qualvollen Fragen zu
+quälen. &bdquo;Glauben Sie an Gott&ldquo;, herrscht Stawrogin, ein
+anderer, Mensch gewordener Teufel, plötzlich den demütigen
+Schatow an. Wie einen Brandstahl stößt er ihm die
+Frage mörderisch ins Herz. Schatow taumelt zurück. Er
+zittert, er wird bleich, denn gerade die Aufrichtigsten bei
+Dostojewski zittern vor diesem letzten Bekenntnis (und
+er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen Ängsten).
+Und erst wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_201" id="Page_201">201</a><span>] </span></span>stammelt er aus blassen Lippen die Ausflucht: &bdquo;Ich glaube
+an Rußland.&ldquo; Und nur um Rußlands willen bekennt er
+sich zu Gott.</p>
+
+<p>Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke
+Dostojewskis, der Gott in uns, der Gott außer uns und seine
+Erweckung. Als echtem Russen, dem größten und wesenhaftesten,
+den dies Millionenvolk gebildet, ist ihm nach
+seiner eigenen Definition diese Frage um Gott und die
+Unsterblichkeit die &bdquo;wichtigste des Lebens&ldquo;. Keiner seiner
+Menschen kann der Frage entweichen: sie ist ihm angewachsen
+als Schatten seiner Tat, bald ihnen vorauslaufend,
+bald ihnen als Reue im Rücken. Sie können ihr nicht entfliehen,
+und der einzige, der versucht, sie zu verneinen, dieser
+ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den
+&bdquo;Dämonen&ldquo;, muß sich selbst töten, um Gott zu töten &ndash;
+und beweist damit, leidenschaftlicher als die anderen, seine
+Existenz und Unentrinnbarkeit. Man blicke doch auf seine
+Gespräche, wie die Menschen vermeiden wollen, von Ihm
+zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und ausbiegen: sie
+möchten immer gern unten bleiben im niedern Gespräch,
+im &bdquo;<span lang="en" xml:lang="en">small talk</span>&ldquo; des englischen Romans, sie reden von der
+Leibeigenschaft, von Frauen, von der Sixtinischen Madonna,
+von Europa, aber die unendliche Schwerkraft der
+Gottesfrage hängt sich an jedes Thema und zieht es
+schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede Diskussion
+bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken
+oder beim Gottesgedanken &ndash; und wir sehen, daß diese
+beiden Ideen für ihn eine Identität sind. Russische Menschen,
+seine Menschen, können <ins class="correction" title="sie so">so</ins> wie in ihren Gefühlen
+auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen
+unvermeidlich vom Praktischen und Tatsächlichen in das
+Abstrakte, vom Endlichen ins Unendliche, immer ans
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_202" id="Page_202">202</a><span>] </span></span>Ende. Und aller Fragen Ende ist die Gottesfrage. Sie ist
+der innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in sich reißt,
+der schwärende Splitter in ihrem Fleische, der ihre Seelen
+mit Fieber erfüllt.</p>
+
+<p>Mit Fieber. Denn Gott &ndash; Dostojewskis Gott &ndash; ist das
+Prinzip aller Unruhe, weil er, Urvater der Kontraste, zugleich
+das Ja und das Nein ist. Nicht wie auf den Bildern
+der alten Meister, in den Schriften der Mystiker ist er die
+sanfte Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches Erhobensein
+&ndash; Dostojewskis Gott ist der springende Funke
+zwischen den elektrischen Polen der Urkontraste, er ist
+kein Wesen, sondern ein Zustand, ein Spannungszustand,
+ein Verbrennungsprozeß des Gefühls, er ist Feuer, ist die
+Flamme, die alle Menschen erhitzt und überkochen macht
+in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus ihrem warmen
+ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt
+in alle Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt
+in den brennenden Dornbusch ihrer Laster. Er ist, wie
+seine Menschen, wie der Mensch, der ihn schuf, ein
+ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt,
+kein Gedanke erschöpft, keine Hingabe befriedigt. Er ist der
+ewig Unerreichbare, ist aller Qualen Qual, und mitten aus
+Dostojewskis Brust bricht darum Kirillows Schrei: &bdquo;Gott
+hat mich mein ganzes Leben lang gequält.&ldquo;</p>
+
+<p>Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und
+findet ihn doch nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören,
+und schon umfaßt ihn seine Ekstase, da klirrt sein
+Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde. Keiner hat das
+Gottesbedürfnis stärker erkannt. &bdquo;Gott ist mir deshalb
+notwendig,&ldquo; sagt er einmal, &bdquo;weil er das einzige Wesen
+ist, das man immer lieben kann&ldquo;, und ein anderes Mal: &bdquo;Es
+gibt keine unaufhörlichere und quälendere Angst für den
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_203" id="Page_203">203</a><span>] </span></span>Menschen, als etwas zu finden, vor dem er sich beugen
+kann.&ldquo; Sechzig Jahre leidet er an dieser Gottesqual und
+liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt ihn mehr als alles,
+weil er das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den
+tiefsten Gedanken seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre
+kämpft er sich zu ihm und lechzt &bdquo;wie trockenes Gras&ldquo;
+nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine Einheit,
+der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene
+durch alle Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende
+den Ausgang, die Ruhe, das Meer. So träumt
+er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur als Feuer.
+Er möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen
+im Geiste, um in ihn eingehen zu können, möchte
+glauben können im Köhlerglauben, wie die &bdquo;zehn Pud
+dicke Kaufmannsfrau&ldquo;, möchte es aufgeben, der Wissendste,
+der Bewußte zu sein, um der Gläubige zu werden, wie
+Verlaine fleht er: &bdquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Donnez-moi de la simplicité.</span>&ldquo; Das Gehirn
+verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe,
+tierhaft dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich
+ihm entgegen, er tobt brünstig, er schreit, er wirft die
+Harpunen der Logik aus, ihn zu fassen, legt ihm die verwegensten
+Fuchsfallen der Beweise; wie ein Pfeil schießt
+seine Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach
+Gott ist seine Liebe, eine &bdquo;fast unanständige Leidenschaft&ldquo;,
+ein Paroxysmus, ein Überschwang.</p>
+
+<p>Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch
+glauben will? War Dostojewski, der beredteste Anwalt der
+Rechtgläubigkeit, der Pravoslavie selbst ein Bekenner, ein
+<span lang="la" xml:lang="la">poeta christianissimus</span>? Sicherlich in Sekunden: da zuckt
+sein Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er sich ein
+in Gott, da hält er die Harmonie, die irdisch versagte, in
+Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines Zwiespaltes, auferstanden
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_204" id="Page_204">204</a><span>] </span></span>in den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend
+etwas bleibt auch dann noch wach in ihm und schmilzt
+nicht hin im Seelenbrand. Während er schon ganz aufgelöst
+scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt jener grausame
+Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und
+mißt das Meer aus, in das er versinken will. Der unerbittliche
+Doppelgänger wehrt sich gegen die Aufgabe der Persönlichkeit.
+Auch im Gottesproblem klafft der unheilbare
+Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den
+kein Irdischer bisher zu solcher Spannweite des Abgrunds
+aufgerissen wie Dostojewski. Er ist der Gläubigste aller und
+der äußerste Atheist in einer Seele, er hat in seinen Menschen
+die polarsten Möglichkeiten beider Formen gleich
+überzeugend dargestellt (ohne sich selbst zu überzeugen,
+ohne sich selbst zu entscheiden), die Demut, sich hinzugeben,
+sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und andererseits
+das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: &bdquo;Erkennen,
+daß ein Gott ist, und gleichzeitig erkennen, daß
+man nicht zum Gott geworden ist, wäre ein Unsinn, durch
+den man zum Selbstmord getrieben wird.&ldquo; Und sein Herz
+ist bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner,
+bei Aljoscha und bei Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich
+nicht in dem unablässigen Konzil seiner Werke, bleibt bei
+den Bekennern und den <ins class="correction" title="Heretikern">Häretikern</ins>. Seine Gläubigkeit ist
+feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja und Nein, den
+beiden Polen der Welt. Auch vor Gott bleibt Dostojewski
+der große Ausgestoßene der Einheit.</p>
+
+<p>So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur
+Höhe der Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der
+ewig Bemühte zu Gott, den er nie erreicht. Aber irre ich
+denn nicht: ist Dostojewski nicht den Menschen der große
+Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine Werke der
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_205" id="Page_205">205</a><span>] </span></span>große orgelnde Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle
+seine politischen, seine literarischen Schriften einhellig
+diktatorisch, unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine
+Existenz, dekretieren sie denn nicht die Rechtgläubigkeit,
+verwerfen sie nicht den Atheismus als das äußerste Verbrechen?
+Aber man verwechsle hier nicht Wille mit Wahrheit,
+nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens.
+Dostojewski, der Dichter der ewigen Umkehrung, dieser
+fleischgewordene Kontrast, predigt den Glauben als Notwendigkeit,
+predigt ihn um so inbrünstiger den anderen
+als &ndash; er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen, sicheren,
+ruhenden, vertrauenden Glaubens, der &bdquo;geklärte Begeisterung&ldquo;
+als höchste Pflicht formuliert). Von Sibirien
+schreibt er an eine Frau: &bdquo;Ich will Ihnen von mir sagen,
+daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein Kind des Unglaubens
+und des Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja, ich weiß es
+bestimmt, daß ich es bis an mein Lebensende bleiben werde.
+Wie entsetzlich quälte mich und quält mich auch jetzt die
+Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr
+ich Gegenbeweise habe.&ldquo; Nie hat er es klarer gesagt: er hat
+Sehnsucht nach dem Glauben aus Glaubenslosigkeit. Und
+hier ist eine jener erhabenen Umwertungen Dostojewskis:
+eben weil er <em class="gesperrt">nicht</em> glaubt und die Qual dieses Unglaubens
+kennt, weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual
+immer nur für sich liebt und Mitleid hat mit den andern &ndash;
+darum predigt er den andern den Glauben an einen Gott,
+den er selbst nicht glaubt. Der Gottgequälte will eine gottselige
+Menschheit, der schmerzlich Glaubenslose die glücklich
+Gläubigen. An das Kreuz seines Unglaubens genagelt,
+predigt er dem Volke die Orthodoxie, er vergewaltigt seine
+Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt,
+und predigt die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_206" id="Page_206">206</a><span>] </span></span>Bauernglauben. Er, der &bdquo;kein Senfkorn Glauben
+hat&ldquo;, der gegen Gott revoltierte und, wie er selbst stolz
+sagte, &bdquo;den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt
+hat, wie niemand in Europa&ldquo;, er verlangt die Unterwürfigkeit
+unter das Popentum. Um die Menschen vor der Gottesqual
+zu behüten, die er wie keiner im eigenen Fleische
+erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn er weiß: &bdquo;Das
+Schwanken, die Unruhe des Glaubens &ndash; das ist für einen
+gewissenhaften Menschen eine solche Qual, daß es besser
+ist, sich zu erhängen.&ldquo; Er selbst ist ihr nicht ausgewichen,
+als Märtyrer hat er den Zweifel auf sich genommen. Aber
+der Menschheit, der unendlich geliebten, will er ihn ersparen,
+wie sein Großinquisitor will er der Menschheit
+die Qual der Gewissensfreiheit sparen und sie einwiegen
+in den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt
+hochmütig die Wahrheit seines Wissens zu verkünden,
+die demütige Lüge eines Glaubens. Er verschiebt das
+religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus
+des göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet
+er auf die Frage: &bdquo;Glauben Sie an Gott?&ldquo; in der
+aufrichtigsten Konfession seines Lebens: &bdquo;Ich glaube an
+Rußland.&ldquo;</p>
+
+<p>Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung:
+Rußland. Hier ist sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier
+wird es Dogma. Gott hat ihm geschwiegen: so schafft er
+sich als Mittler zwischen sich und dem Gewissen selbst
+einen Christus, den neuen Verkünder einer neuen Menschheit,
+den russischen Christus. Aus der Wirklichkeit, aus
+der Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis
+einem Unbestimmten entgegen &ndash; denn nur einem Unbestimmten,
+einem Grenzenlosen kann dieser Maßlose sich
+ganz hingeben &ndash; in die ungeheuere Idee Rußland, in dieses
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_207" id="Page_207">207</a><span>] </span></span>Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner Gläubigkeit.
+Ein anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus,
+ohne ihn geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem
+Namen, in Rußlands Namen für die Welt.</p>
+
+<p>Diese seine messianischen Schriften &ndash; es sind die politischen
+Aufsätze und manche Ausbrüche der Karamasoff &ndash; sind
+dunkel. Verworren enttaucht ihnen dieses neue Christusantlitz,
+der neue Erlösungs- und <ins class="correction" title="Allversöhnungsgedanke.">Allversöhnungsgedanke,</ins>
+ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, strengen
+Falten. Wie von den alten rauchgeschwärzten Ikonen
+starren fremde stechende Augen uns an, Inbrunst, unendliche
+Inbrunst in sich, aber auch Haß und Härte. Und
+furchtbar ist Dostojewski selbst, wenn er diese russische
+Erlösungsbotschaft uns Europäern wie verlorenen Heiden
+kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch,
+das byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so
+steht der Politiker, der religiöse Fanatiker uns gegenüber.
+Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter in mystischen
+Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre,
+in dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose
+Leidenschaft. Mit Keulen schlägt er jeden Einwand
+nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit Hochmut, funkelnd
+von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht
+vor seinem Munde, und mit zitternden Händen schleudert
+er den Exorzismus über unsere Welt.</p>
+
+<p>Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her
+über die Heiligtümer der europäischen Kultur. Alles
+stampft er nieder, der große Tobsüchtige, von unseren
+Idealen, um seinem neuen, dem russischen Christus, den
+Weg zu bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine moskowitische
+Unduldsamkeit. Europa, was ist es? Ein Kirchhof,
+mit teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_208" id="Page_208">208</a><span>] </span></span>Fäulnis, nicht einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die
+blüht einzig aus russischer Erde. Die Franzosen &ndash; eitle
+Laffen, die Deutschen &ndash; ein niedriges Wurstmachervolk,
+die Engländer &ndash; Krämer der Vernünftelei, die Juden &ndash;
+stinkender Hochmut. Der Katholizismus &ndash; eine Teufelslehre,
+eine Verhöhnung Christi, der Protestantismus &ndash; ein
+vernünftlerischer Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig
+wahren Gottesglaubens: der russischen Kirche. Der Papst &ndash;
+der Satan in der Tiara, unsere Städte &ndash; Babylon, die große
+Hure der Apokalypse, unsere Wissenschaft &ndash; ein eitles
+Blendwerk, Demokratie &ndash; die dünne Brühe weicher Gehirne,
+Revolution &ndash; ein loses Bubenstück von Narren und
+Genarrten, Pazifismus &ndash; ein Altweibergeschwätz. Alle
+Ideen Europas ein verblühter, verwelkter Blumenstrauß,
+gut genug, in die Jauche geschmissen zu werden. Nur die
+russische Idee ist die einzig wahre, einzig große, einzig
+richtige. Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber
+weiter, jeden Einwand mit dem Dolche niederstoßend:
+&bdquo;Wir verstehen euch, aber ihr versteht nicht uns&ldquo; &ndash; schon
+bricht jede Diskussion blutend zusammen. &bdquo;Wir Russen
+sind die Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten&ldquo;, dekretiert
+er. Rußland allein ist richtig und alles in Rußland,
+der Zar und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika
+und die Ikone, und um so richtiger, je mehr es antieuropäisch,
+asiatisch, mongolisch, tatarisch, um so richtiger, als
+es konservativ, rückständig, unfortschrittlich, ungeistig,
+byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der große
+Übertreiber! &bdquo;Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten&ldquo;,
+jauchzt er auf. &bdquo;Weg von Petersburg, dem <ins class="correction" title="europäischen">europäischen,</ins>
+zurück zu Moskau, hinüber nach Sibirien, das neue Rußland
+ist das Dritte Reich.&ldquo; Diskussion darüber duldet dieser
+gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder die Vernunft!
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_209" id="Page_209">209</a><span>] </span></span>Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu
+bekennen ist. &bdquo;Man versteht Rußland nicht mit der Vernunft,
+sondern mit dem Glauben.&ldquo; Wer ihm nicht in die
+Knie stürzt, ist der Feind, der Antichrist: Kreuzzug wider
+ihn! Hell schmettert er in die Fanfare des Krieges. Zerstampft
+muß Österreich werden, der Halbmond von der
+Hagia Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt,
+England besiegt &ndash; ein wahnwitziger Imperialismus
+hüllt seinen Hochmut in mönchische Kutte und ruft: &sbquo;<span lang="fr" xml:lang="fr">Dieu
+le veut.</span>&lsquo; Um des Gottesreiches willen die ganze Welt für
+Rußland.</p>
+
+<p>Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir
+sind die Heiden. Nichts errettet uns Verworfene aus dem
+Fegefeuer unserer Schuld: wir haben die Erbsünde begangen,
+keine Russen zu sein. Unserer Welt ist kein Raum
+in diesem neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische
+Welt untergehen im russischen Weltreiche, im neuen
+Gottesreiche, dann erst kann sie erlöst werden. Wörtlich
+sagt er: &bdquo;Jeder Mensch muß vorerst Russe werden.&ldquo; Dann
+erst beginnt die neue Welt. Rußland ist das Gottträgervolk:
+erst muß es noch mit dem Schwerte die Erde erobern,
+dann erst wird es sein &bdquo;letztes Wort&ldquo; der Menschheit
+sagen. Und dieses letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung.
+Für ihn besteht das russische Genie in der Fähigkeit,
+alles zu verstehen, alle Gegensätze zu lösen. Der Russe
+ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im höchsten
+Sinn. Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche
+sein, die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung
+statt der Unterordnung. Und es klingt wie ein
+Prolog zu den Ereignissen dieses Krieges (der in seinem
+Anbeginn so genährt war von seinen Ideen, wie in
+seinem Ende von jenen Tolstois), wenn er sagt: &bdquo;Wir
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_210" id="Page_210">210</a><span>] </span></span>werden die ersten sein, die der Welt verkünden, daß wir
+nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit und fremder
+Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen,
+sondern im Gegenteil letzteres nur in der freiesten und
+selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der
+brüderlichen Vereinigung suchen.&ldquo; Lenin und Trotzky
+sind in dieser Verheißung, gleichzeitig aber auch der Krieg,
+den er, der ewige Anwalt des Anspannens aller Gegensätze,
+so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als Ziel, aber
+Rußland als der einzige Weg &ndash; &bdquo;von Osten her wird die
+Erde erschaffen&ldquo;. Über die Berge des Ural wird das ewige
+Licht aufsteigen und das schlichte Volk, nicht der wissende
+Geist, nicht die europäische Kultur, mit seinen dunklen
+Geheimnissen der Erde verbundenen Kräften unsere Welt
+erlösen. Statt der Macht wird die werktätige Liebe sein,
+statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche
+Gefühl, der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung
+bringen, die Auflösung der Gegensätze. Und
+der Tiger wird neben dem Lamme weiden und der Rehbock
+neben dem Löwen &ndash; wie zittert Dostojewskis Stimme,
+wenn er vom Dritten Reich spricht, vom Allrußland der
+Erde, wie bebt er selbst in der Ekstase der Gläubigkeit,
+wie wunderbar ist er, der Wissendste aller Wirklichkeiten,
+in seinem messianischen Traum.</p>
+
+<p>Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein
+träumt Dostojewski diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung
+der Gegensätze, die er in seinem Leben, in der
+Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre vergeblich gesucht.
+Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder das
+mystische, das politische oder das prophetische? Wie immer
+bei Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich, von einem
+Leidenschaftlichen Logik zu verlangen und von einem
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_211" id="Page_211">211</a><span>] </span></span>Dogma seine Begründung. In den messianischen Schriften
+Dostojewskis, den politischen, den literarischen Werken,
+taumeln die Begriffe wie rasend durcheinander. Bald ist
+Rußland Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des
+Großen, bald das neue Rom, die Vereinigung des Geistes
+und der Macht, Tiara und Kaiserkrone, seine Hauptstadt
+bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das neue Jerusalem.
+Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln
+brüsk mit machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten,
+politische Horoskope von verblüffender Treffsicherheit mit
+phantastischen apokalyptischen Verheißungen. Bald jagt
+er den Begriff Rußland in die Enge der politischen Stunde,
+bald schnellt er ihn in das Grenzenlose empor &ndash; auch hier
+wie im Kunstwerk die gleiche zischende Mischung von
+Wasser und Feuer, von Realismus und Phantastik offenbarend.
+Der Dämonische in ihm, der rasende Übertreiber,
+in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen, hier lebt
+er sich aus in pythischen Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst
+seiner glühenden Leidenschaft predigt er Rußland
+als das Heil der Welt, die alleinmachende Seligkeit. Nie
+ward eine Nationalidee hochmütiger, genialer, werbender,
+verführender, berauschender, ekstatischer Europa als Weltidee
+verkündet, wie die russische in den Büchern Dostojewskis.</p>
+
+<p>Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint
+dieser Fanatiker seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische
+russische Mönch, dieser hochmütige Pamphletist, dieser
+unwahrhaftige Bekenner. Aber gerade er ist notwendig
+für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit. Wo immer
+wir bei Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen
+wir seine Notwendigkeit im Kontrast suchen. Vergessen
+wir nicht: Dostojewski ist immer ein Ja und Nein,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_212" id="Page_212">212</a><span>] </span></span>die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung, der zur Spitze
+getriebene Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut ist
+nur das Widerspiel einer übertriebenen Demut, sein gesteigertes
+Volksbewußtsein nur das polare Empfinden seines
+überreizten persönlichen Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet
+sich gleichsam selbst in zwei Hälften: in Stolz und in
+Demut. Seine Persönlichkeit erniedrigt er: man durchsuche
+die zwanzig Bände seines Werks nach einem einzigen
+Worte der Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur
+Selbstverkleinerung findet man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung.
+Und alles, was er an Stolz besitzt, gießt er aus
+in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles was seiner
+isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem
+Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt,
+erhebt er zur Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott
+wird er Gottesprediger, aus dem Unglauben an sich der
+Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch im
+Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz
+schlägt, um die Idee zu erlösen.</p>
+
+<p>Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar
+zu werden. Ihn ausspannen ins Unendliche, damit er
+die ganze Welt umfasse, und dann die ihm entspringende
+Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen
+ihr Ideal gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit,
+indem sie sich selbst nachbilden, gereinigt, verklärt,
+verbessert, erhoben, indem sie den zukünftigen Menschen
+gewissermaßen als den geläuterten Typus ihrer selbst betrachten.
+Dostojewski, der Gegensatzmensch, der schöpferische
+Dualist, bildet sein Ideal, seinen Gott, durch die
+Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den Lebendigen,
+zum Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus
+dem die neue Form gegossen wird, seinem Links entspricht
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_213" id="Page_213">213</a><span>] </span></span>ein Rechts im zukünftigen Bilde, seiner Tiefe eine Erhebung,
+seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem Zwiespalt
+eine Einheit. &bdquo;Möge ich selbst untergehen, wenn nur die
+andern glücklich sind&ldquo; &ndash; das Wort seines Staretz verwandelt
+er in Geist. Er vernichtet sich, um in dem zukünftigen
+Menschen aufzuerstehen.</p>
+
+<p>Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht
+ist. Zu fühlen, wie er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht
+denkt. Zu leben, wie er nicht lebt. Bis in das Kleinste,
+Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner individuellen
+Form entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen
+Wesens ein Licht gebildet, aus jedem Dunkel ein Glanz.
+Aus dem Nein zu sich selbst schafft er das Ja, das leidenschaftliche
+zur neuen Menschheit. Bis ins Körperliche hinein
+setzt sich diese beispiellose moralische Verurteilung
+seines Selbst zugunsten des zukünftigen Wesens fort, die
+Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen willen.
+Man nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske
+und lege sie neben die Bilder jener Menschen, in
+denen er sein Ideal geformt: neben Aljoscha Karamasoff,
+neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin, diese
+drei Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die
+er entworfen. Und bis ins Kleinste wird hier jede Linie
+Gegensatz sagen und Kontrast zu ihm selbst. Dostojewskis
+Gesicht ist düster, erfüllt von Geheimnissen und Dunkelheit,
+jener Antlitz ist heiter und von friedlicher Offenheit,
+seine Stimme heiser und abrupt, die jener Menschen sanft
+und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen tief
+und unruhig &ndash; jener Antlitz ist hell und umrahmt von
+sanften Strähnen, ihr Auge glänzt ohne Unruhe und Angst.
+Ausdrücklich sagt er von ihnen, daß sie geradeaus schauen
+und ihr Blick das süße Lächeln von Kindern hat. Seine
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_214" id="Page_214">214</a><span>] </span></span>Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen Falten
+des Hohnes und der Leidenschaft, sie verstehen nicht zu
+lachen &ndash; Aljoscha, Sossima haben das freie Lächeln des
+selbstsichern Menschen über den weißen Zähnen blinken.
+Zug um Zug setzt er so sein eigenes Bild als Negativ gegen
+die neue Form. Sein Antlitz ist das eines gebundenen
+Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet
+von Gedanken &ndash; das ihre drückt die innere Freiheit aus,
+die Hemmungslosigkeit, die Schwebe. Er ist Zerrissenheit,
+Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit. Er der Ichmensch,
+der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von allen
+Enden seines Wesens in Gott überströmt.</p>
+
+<p>Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung
+&ndash; nie war sie vollkommener in allen Sphären des
+Geistigen und des Sittlichen. Aus Selbstverurteilung, gleichsam,
+indem er sich die Adern seines Wesens aufschneidet,
+mit dem eigenen Blute malt er das Bild des zukünftigen
+Menschen. Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige,
+der Mensch der kurzen tigerhaften Ansprünge, seine
+Begeisterung eine aus der Explosion der Sinne oder der
+Nerven aufschießende Stichflamme &ndash; jene sind die sanft,
+aber stetig bewegte, keusche Glut. Sie haben die stille Beharrlichkeit,
+die weiter reicht als die wilden Sprünge der Ekstase,
+sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit
+fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten
+und Beleidigten, die Gehemmten und Verkrümmten. Mit
+jedem können sie sprechen, und jeder fühlt Beruhigung
+an ihrer Gegenwart &ndash; sie haben nicht die ewige Hysterie
+der Angst, zu kränken oder gekränkt zu werden, sie blicken
+nicht bei jedem Schritt fragend um sich. Gott quält sie
+nicht mehr, er befriedet sie. Sie wissen um alles, aber
+eben weil sie alles wissen, verstehen sie auch alles, sie
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_215" id="Page_215">215</a><span>] </span></span>richten nicht und sie verurteilen nicht, sie grübeln nicht
+nach den Dingen, sondern glauben sie dankbar. Seltsam:
+er, der ewig Beunruhigte, sieht in dem gelassenen, geklärten
+Menschen die höchste Form des Lebens, der Zwiespältige
+postuliert als letztes Ideal die Einheit, der Empörer
+die Unterwerfung. Seine Gottesqual ist in ihnen Gotteslust
+geworden, seine Zweifel Gewißheit, seine Hysterie
+Gesundung, sein Leid ein allumfassendes Glück. Das Letzte
+und Schönste der Existenz ist für ihn, was er selbst, der
+Bewußte und Überbewußte, nie gekannt und was er darum
+für den Menschen als das Erhabenste ersehnt: Naivität,
+Kindlichkeit des Herzens, die sanfte, die selbstverständliche
+Heiterkeit.</p>
+
+<p>Sehet seine liebsten Menschen, wie sie schreiten: ein
+sanftes Lächeln ist auf ihren Lippen, um alles wissen sie
+und haben doch keinen Stolz, sie leben im Geheimnis des
+Lebens nicht wie in einer feurigen Schlucht, sondern
+schlagen es blau wie einen Himmel um sich. Sie haben die
+Urfeinde der Existenz, sie haben &bdquo;Schmerz und Angst
+besiegt&ldquo; und sind darum gottselig geworden in der unendlichen
+Brüderschaft der Dinge. Sie sind erlöst von ihrem
+Ich. Höchstes Glück der Erdenkinder ist die Unpersönlichkeit
+&ndash; so verwandelt der höchste Individualist die Weisheit
+Goethes in einen neuen Glauben.</p>
+
+<p>Kein Beispiel kennt die Geschichte des Geistes einer
+ähnlichen moralischen Selbstvernichtung innerhalb eines
+Menschen, ähnlich fruchtbarer Erschaffung des Ideals aus
+dem Kontrast. Märtyrer seiner selbst, hat Dostojewski
+sich ans Kreuz geschlagen: sein Wissen, daß es den Glauben
+bezeuge, seinen Körper, daß er durch Kunst den
+neuen Menschen zeuge, seine Eigenheit um der Allheit
+willen. Er will seinen eigenen Untergang als Typus, damit
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_216" id="Page_216">216</a><span>] </span></span>eine glücklichere bessere Menschheit entstehe: alles Leiden
+nimmt er auf sich um das Glück der andern willen. Und
+der sich sechzig Jahre gespannt zur schmerzhaftesten Weite
+seines Gegensatzes, zerwühlt zu allen Tiefen seines Wesens,
+damit er Gott und damit den Sinn des Lebens finde &ndash; er
+wirft die gehäufte Erkenntnis weg für eine neue Menschheit,
+der er sein tiefstes Geheimnis sagt, die letzte Formel,
+seine unvergeßlichste: &bdquo;Das Leben mehr lieben als den
+Sinn des Lebens.&ldquo;</p>
+</div>
+
+
+<div>
+<h3 lang="la" xml:lang="la">VITA TRIUMPHATRIX</h3>
+
+<div class="zitat">
+<p class="zitat">&bdquo;Wie es auch war, das Leben, es ist schön.&ldquo;</p>
+<p class="zitat right">Goethe</p>
+</div>
+
+<p>Wie dunkel der Weg durch Dostojewskis Tiefe, wie
+düster seine Landschaft, wie drückend seine Unendlichkeit,
+geheimnisvoll ähnlich seinem tragischen Antlitz, das
+allen Schmerz des Lebens in sich gemeißelt! Abgründige
+Höllenkreise des Herzens, purpurne Fegefeuer der Seele,
+der tiefste Schacht, den irdische Hand jemals in die Unterwelt
+des Gefühles hinabstieß. Wieviel Dunkel in dieser
+Menschenwelt, wieviel Leiden in diesem Dunkel! O
+welche Trauer auf seiner Erde, dieser Erde, &bdquo;die mit Tränen
+getränkt ist bis zu ihrer untersten Kruste&ldquo;, welche
+Höllenkreise in ihrer Tiefe, finsterer als Dante, der Seher,
+sie vor einem Jahrtausend erschaut. Unerlöste Opfer ihrer
+Irdischkeit, Märtyrer eigenen Gefühles, umschlungen von
+den Schlangen ihrer Leidenschaft, gequält von allen Geißeln
+des Geistes, schäumend im Schwall ohnmächtiger Empörung,
+o welche Welt, diese Welt Dostojewskis! Vermauert
+alle Freude, verbannt alle Hoffnung, ohne Rettung
+vor dem Leiden, das, unendlich getürmte Mauer, um alle
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_217" id="Page_217">217</a><span>] </span></span>seine Opfer steht! &ndash; Kann kein Mitleid sie erlösen, seine
+Menschen, aus ihrer eigenen Tiefe, sprengt keine apokalyptische
+Stunde diese Hölle, die ein Gottesmensch schuf aus
+seiner Qual?</p>
+
+<p>Tumult und Klage strömt aus dieser Tiefe, wie nie die
+Menschheit sie erhört. Nie war mehr Dunkelheit über
+einem Werk. Selbst Michelangelos Gestalten sind linder
+in ihrer Trauer, und über Dantes Tiefe glänzt der Paradiese
+seliger Schein. Ist wirklich das Leben nur ewige Nacht
+in Dostojewskis Werk und Leiden der Sinn alles Lebens?
+Zitternd beugt sich die Seele über den Abgrund und schauert,
+nur Qual und Klage zu hören von ihren Brüdern.</p>
+
+<p>Aber da schwebt ein Wort aus der Tiefe, sanft im Getümmel
+und doch hoch sie überschwebend, wie eine Taube
+aufschwebt über stürmendem Meer. Sanft ist es gesprochen,
+und groß ist sein Sinn, selig das Wort: &bdquo;Meine Freunde,
+fürchtet das Leben nicht.&ldquo; Und es ist ein Schweigen aus
+diesem Wort, schauernd lauscht die Tiefe, und sie schwebt,
+sie überschwebt alle Qualen, die Stimme, da sie spricht:
+&bdquo;Nur durch Qual können wir das Leben lieben lernen.&ldquo;</p>
+
+<p>Wer spricht dies tröstendste Wort des Leidens? Der
+Leidendste aller, er selbst, Dostojewski. Noch sind die
+gespreiteten Hände geschlagen an das Kreuz seines Zwiespalts,
+noch stehen die Nägel der Qual in seinem brüchigen
+Leibe, aber demütig küßt er das Marterholz dieser
+Existenz, und die Lippen sind sanft, wie sie zu den Mitbrüdern
+das große Geheimnis sagen: &bdquo;Ich glaube, wir alle
+müssen erst das Leben lieben lernen.&ldquo;</p>
+
+<p>Und anbricht der Tag aus seinen Worten, apokalyptische
+Stunde. Aufspringen die Gräber und Kerker: aus
+der Tiefe stehen sie auf, die Toten und Verschlossenen,
+alle, alle treten sie heran, Apostel seines Wortes zu sein,
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_218" id="Page_218">218</a><span>] </span></span>aus ihrer Trauer erheben sie sich. Aus den Kerkern drängen
+sie her, aus der Katorga Sibiriens, klirrend in Ketten,
+aus Winkelstuben, Bordellen und Klosterzellen, sie alle,
+die großen Leidenden der Leidenschaft; noch klebt das
+Blut an ihren Händen, noch brennt ihr geknuteter Rücken,
+noch sind sie nieder in Zorn und Gebrest, aber schon ist
+die Klage zerbrochen in ihrem Munde, und ihre Tränen
+funkeln von Zuversicht. O ewiges Wunder Bileams, Fluch
+wird Segnung auf ihrer brennenden Lippe, da sie das Hosianna
+des Meisters hören, das Hosianna, das &bdquo;durch
+alle Fegefeuer des Zweifels gegangen&ldquo;. Die Finstersten
+sind die ersten, die Traurigsten die Gläubigsten, alle drängen
+sie vor, dies Wort zu bezeugen. Und aus ihren Mündern,
+den rauhen und verlechzten, schäumt als großer
+Choral der Hymnus des Leidens, der Hymnus des Lebens
+mit der Urgewalt der Ekstase. Alle, alle sind sie zur Stelle,
+die Märtyrer, das Leben zu lobpreisen. Dimitri Karamasoff,
+der unschuldig Verdammte, Ketten an den Händen, jauchzt
+aus der Fülle seiner Kraft: &bdquo;Alles Leid werde ich überwinden,
+um mir nur sagen zu können: &sbquo;ich bin&lsquo;. Wenn
+ich mich auch auf der Folterbank krümme, so weiß ich
+doch, &sbquo;ich bin&lsquo;, angeschmiedet auf die Galeere, sehe ich
+noch die Sonne, und wenn ich sie auch nicht sehe, so lebe
+ich doch und weiß, daß sie ist.&ldquo; Und Iwan, der Bruder,
+tritt ihm zur Seite und kündet: &bdquo;Es gibt kein unwiderrufliches
+Unglück als Totsein.&ldquo; Und wie ein Strahl
+dringt die Ekstase der Existenz in seine Brust, und er jubelt,
+der Gottesleugner: &bdquo;Ich liebe dich, Gott, denn groß
+ist das Leben.&ldquo; Aus den Sterbekissen hebt sich, gefalteter
+Hand, der ewige Zweifler Stefan Trofimowitsch auf und
+stammelt: &bdquo;O wie gerne würde ich wieder leben wollen.
+Jede Minute, jeder Augenblick muß eine Seligkeit des
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_219" id="Page_219">219</a><span>] </span></span>Menschen sein.&ldquo; Immer heller, immer reiner, immer erhobener
+werden die Stimmen. Fürst Myschkin, der Verwirrte,
+getragen von den schwankenden Flügeln seiner
+schweifenden Sinne, breitet die Arme und schwärmt: &bdquo;Ich
+begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann,
+ohne glücklich zu sein, daß er ist und daß man ihn liebt ...
+wieviel wundervolle Dinge gibt es doch auf jedem Schritt
+dieses Lebens, Dinge, die selbst der Verworfenste noch
+als wundervoll empfindet.&ldquo; Der Staretz Sossima predigt:
+&bdquo;Die Gott und das Leben verfluchen, verfluchen sich selbst ...
+Wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis
+Gottes in allen Dingen offenbaren, und schließlich
+wirst du die ganze Welt mit allumfassender Liebe umspannen.&ldquo;
+Und selbst der &bdquo;Mensch aus der Winkelgasse&ldquo;,
+der kleine verschüchterte Namenlose in seinem verschabten
+Mäntelchen, drängt heran und entbreitet die Arme: &bdquo;Das
+Leben ist Schönheit, nur im Leiden ist Sinn, o wie schön
+ist das Leben!&ldquo; Der &bdquo;lächerliche Mensch&ldquo; bricht auf
+aus seinem Traum, &bdquo;das Leben, das große, zu verkünden&ldquo;,
+alle, alle kriechen sie wie Gewürm aus den Winkeln ihres
+Wesens, um mitzusprechen im großen Choral. Keiner will
+sterben, keiner das Leben lassen, das heilig geliebte, keines
+Leiden ist so tief, daß er es mit dem Tode noch tauschte,
+dem ewigen Widerpart. Und diese Hölle, Dunkelheit der
+Verzweiflung, hallt plötzlich an ihren harten Wänden Lobgesang
+des Schicksals wider, aus Fegefeuern entbrennt fanatische
+Glut der Dankbarkeit. Licht, unendliches Licht
+strömt ein, der Himmel Dostojewskis bricht über die Erde,
+und rauschend über alle dröhnt das letzte Wort, das Dostojewski
+schrieb, das Wort der Kinder bei der Rede am großen
+Stein, der heilig barbarische Ruf: &bdquo;Hurra das Leben!&ldquo;</p>
+
+<p>O Leben, wunderbares, das du dir mit wissendem Willen
+<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_220" id="Page_220">220</a><span>] </span></span>Märtyrer schaffst, auf daß sie dich lobsingen, o Leben,
+weise-grausames, das du die Größten dir hörig machst
+mit Leiden, damit sie deinen Triumph verkünden! Den
+ewigen Schrei Hiobs, der durch die Jahrtausende tönt, da
+er in der Plage Gott erkennt, immer willst du ihn wieder
+hören und der Männer Daniels Jubelgesang, indes ihr Leib
+im feurigen Ofen brennt. Ewig entzündest du ihn, klingende
+Kohle, auf der Zunge der Dichter, die du zu Leidenden
+machst, auf daß sie dir hörig werden und dich nennen
+in Liebe! Beethoven schlägst du im Sinne der Musik,
+daß der Ertaubte das Brausen Gottes höre und, vom Tode
+berührt, dir die Hymne der Freude dichte, Rembrandt
+jagst du ins Dunkel der Armut, daß er Licht, dein Urlicht,
+in Farben sich suche, Dante verjagst du vom Vaterland,
+daß er Hölle und Himmel im Traum erschaue, alle
+hast du mit deinen Geißeln gejagt in deine Unendlichkeit.
+Und diesen, den du wie keinen gegeißelt, auch ihn hast du
+dir gezwungen zum Knechte, und siehe, von schäumender
+Lippe, hinfallend in Krämpfen jauchzt er dir Hosianna zu,
+das heilige Hosianna, das &bdquo;durch alle Fegefeuer der Zweifel
+gegangen&ldquo;. O wie siegst du in den Menschen, die du leiden
+läßt, aus Nacht machst du Tag, aus Leiden die Liebe, aus
+der Hölle holst du dir heiligen Lobgesang. Denn der Leidendste
+ist der Wissendste aller, und wer um dich weiß, muß dich
+segnen: und dieser, der dich zutiefst erkannte, siehe, er
+hat dich wie keiner bezeugt, er hat dich wie keiner geliebt!</p>
+</div>
+
+<p class="center noindent margin35">
+Druck vom<br />
+Bibliographischen Institut<br />
+in Leipzig
+</p>
+</div>
+
+
+<div class="booklist1 break-before">
+<p class="center" style="font-size: 125%; letter-spacing: 0.25em; border-bottom: 4px double black;">INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG</p>
+
+
+<p class="center" style="font-size: 125%; letter-spacing: 0.2em; margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em;">STEFAN ZWEIG:</p>
+
+<p>DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Dritte Auflage.</p>
+
+<p>ERSTES ERLEBNIS. Vier Erzählungen aus Kinderland.
+Einbandzeichnung von Emil Preetorius. 8. bis
+11. Tausend.</p>
+
+<p>DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen
+(drei Aufzügen).</p>
+
+<p>JEREMIAS. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern.
+14.&ndash;18. Tausend.</p>
+
+<p>DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel
+aus dem deutschen Rokoko. Zweite Auflage.</p>
+
+<p>LEGENDE EINES LEBENS. Ein Kammerspiel in drei
+Aufzügen.</p>
+
+<p>TERSITES. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen. Zweite
+Auflage.</p>
+
+
+<p class="center" style="letter-spacing: 0.15em; margin-top: 0.5em;">ÜBERTRAGUNGEN:</p>
+
+<p>EMILE VERHAEREN. Drei Bände Übertragungen und
+Biographie. I.&nbsp;Band: <span class="gesperrt">Essay</span>. II.&nbsp;Band: <span class="gesperrt">Gedichte</span>.
+III.&nbsp;Band: <span class="gesperrt">Dramen</span> (Helenas Heimkehr. Das Kloster.
+Philipp&nbsp;II.).</p>
+
+<p>VERHAEREN: REMBRANDT. Mit 96 ganzseitigen
+Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen und Radierungen
+Rembrandts. 36. bis 40. Tausend.</p>
+
+<p>VERHAEREN: RUBENS. Mit 95 Abbildungen nach
+Gemälden und Zeichnungen Rubens'. 21. bis 25. Tausend.</p>
+<div class="booklist2">
+<p class="center author">HONORÉ DE BALZAC:</p>
+
+<p>DIE DREISSIG TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, genannt
+CONTES DROLATIQUES. Übertragen von Benno Rüttenauer.
+Zwei Bände. 14.&ndash;23. Tausend.</p>
+
+<p>BRIEFE AN DIE FREMDE (Frau von Hanska). Übertragen von
+Eugenie Faber. Eingeleitet von Wilhelm Weigand. Zwei Bände.
+Mit einem Bilde Balzacs in Lichtdruck.</p>
+
+<p>PHYSIOLOGIE DER EHE. Eklektisch-philosophische Betrachtungen
+über Glück und Unglück in der Ehe. Deutsche Übertragung
+von Heinrich Conrad. 6.&ndash;9. Tausend.</p>
+
+<p>TANTE LISBETH. Übertragung von A.&nbsp;Schurig. Zweite Auflage.</p>
+
+<p>VERLORENE ILLUSIONEN. In der von Johannes Schlaf revidierten
+Übertragung von Hedwig Lachmann. Zweite Auflage.</p>
+
+
+<p class="center author">CHARLES DICKENS:</p>
+
+<p>DICKENS' WERKE. Ausgewählt und eingeleitet von Stefan
+Zweig. Mit den Federzeichnungen der englischen Originalausgaben
+von Cattermole, Hablot K.&nbsp;Browne und anderen. Titel- und Einbandzeichnung
+von E.&nbsp;R. Weiß. Taschenausgabe auf Dünndruckpapier
+in sechs Bänden.</p>
+
+<p class="center"><span class="gesperrt">Einzelausgaben</span>:</p>
+
+<p><span class="gesperrt">David Copperfield.</span> Mit 40 Federzeichnungen von Hablot
+K.&nbsp;Browne, Phiz u.&nbsp;a. 9.&ndash;12. Tausend.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Der Raritätenladen.</span> Mit 73 Federzeichnungen und 8 Initialen
+von Browne, Cruikshank u.&nbsp;a. 6.&ndash;10. Tausend.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Die Pickwickier.</span> Mit 43 Federzeichnungen von R.&nbsp;Seymour,
+Buß und Phiz. 6.&ndash;10. Tausend.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Martin Chuzzlewit.</span> Mit 40 Federzeichnungen von Hablot
+K.&nbsp;Browne. 6.&ndash;9. Tausend.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Nikolaus Nickleby.</span> Mit 38 Federzeichnungen von Hablot
+K.&nbsp;Browne. 6.&ndash;9. Tausend.</p>
+
+<p><span class="gesperrt">Oliver Twist</span> und <span class="gesperrt">Weihnachtserzählungen</span>. Mit 76 Federzeichnungen
+von Cruikshank, Leech u.&nbsp;a. 6.&ndash;10. Tausend.</p>
+
+
+<p class="center author">F.&nbsp;M. DOSTOJEWSKI:</p>
+
+<p>DER IDIOT. Übertragen von H.&nbsp;Röhl. Drei Bände.</p>
+
+<p>DER SPIELER. Übertragen von H.&nbsp;Röhl.</p>
+
+<p>DIE BRÜDER KARAMASOFF. Übertragen und mit einem
+Nachwort versehen von Karl Nötzel. Drei Bände.</p>
+
+<p>NETOTSCHKA NJESWANOWA und andere Erzählungen.
+Übertragen von H.&nbsp;Röhl.</p>
+
+<p>SCHULD UND SÜHNE (Raskolnikoff). Ein Roman in sechs Teilen mit
+einem Nachwort. Übertragen von H.&nbsp;Röhl. Zwei Bände, 11.&ndash;20. Taus.</p>
+</div></div>
+
+<div class="tnote tnote-correction break-before"><a name="Corrections" id="Corrections"></a><div class="tnote-correction-list-margin">Die folgenden Änderungen gegenüber dem Originaltext wurden vorgenommen:<br />
+<span class="correction-list"><br />Die jeweils erste Zeile gibt den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur.</span>
+<ul>
+<li><a href="#Page_13">Seite 13</a>:<br />
+<span class="correction-list">für
+einen Balzac nicht gleichgiltig sein<br /></span>
+für
+einen Balzac nicht <ins class="correction" title="gleichgiltig">gleichgültig</ins> sein
+</li>
+<li><a href="#Page_18">Seite 18</a>:<br />
+<span class="correction-list">Er konzentriert, indem er das administrative
+Zentralisationssytem in die Literatur einführt.<br /></span>
+Er konzentriert, indem er das administrative
+<ins class="correction" title="Zentralisationssytem">Zentralisationssystem</ins> in die Literatur einführt.
+</li>
+<li><a href="#Page_19">Seite 19</a>:<br />
+<span class="correction-list">zwischen zwei Feldzügen, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Code
+civile</span> schuf<br /></span>
+zwischen zwei Feldzügen, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Code
+<ins class="correction" title="civile">civil</ins></span> schuf
+</li>
+<li><a href="#Page_39">Seite 39</a>:<br />
+<span class="correction-list">des <span lang="fr" xml:lang="fr">chemiste de la volonté</span>, jener seltsamen Gestalt<br /></span>
+des <span lang="fr" xml:lang="fr"><ins class="correction" title="chemiste">chimiste</ins> de la volonté</span>, jener seltsamen Gestalt
+</li>
+<li><a href="#Page_68">Seite 68</a>:<br />
+<span class="correction-list">in die
+Marshalea, Briefe gebracht, die Pfändungen gesehen<br /></span>
+in die
+<ins class="correction" title="Marshalea">Marshalsea</ins>, Briefe gebracht, die Pfändungen gesehen
+</li>
+<li><a href="#Page_100">Seite 100</a>:<br />
+<span class="correction-list">Wie der kleine Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll
+gewesen sein<br /></span>
+Wie <ins class="correction" title="der">die</ins> kleine Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll
+gewesen sein
+</li>
+<li><a href="#Page_109">Seite 109</a>:<br />
+<span class="correction-list">ob nicht endlich der Wechsel aus Rußland gekommen
+sie<br /></span>
+ob nicht endlich der Wechsel aus Rußland gekommen
+<ins class="correction" title="sie">sei</ins>
+</li>
+<li><a href="#Page_115">Seite 115</a>:<br />
+<span class="correction-list">das Furchtbarste an Erniedrigung wird
+ihm jenes Bad in Reading Goal<br /></span>
+das Furchtbarste an Erniedrigung wird
+ihm jenes Bad in Reading <ins class="correction" title="Goal">Gaol</ins>
+</li>
+<li><a href="#Page_144">Seite 144</a>:<br />
+<span class="correction-list">hier wird auch ihre
+Tragödie erst ganz zu unseren<br /></span>
+hier wird auch ihre
+Tragödie erst ganz <ins class="correction" title="zu">zur</ins> unseren
+</li>
+<li><a href="#Page_150">Seite 150</a>:<br />
+<span class="correction-list">Im Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine entgültig
+Verworfenen<br /></span>
+Im Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine <ins class="correction" title="entgültig">endgültig</ins>
+Verworfenen
+</li>
+<li><a href="#Page_187">Seite 187</a>:<br />
+<span class="correction-list">sondern die Desparados,
+die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
+fuhren<br /></span>
+sondern die <ins class="correction" title="Desparados">Desperados</ins>,
+die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien
+fuhren
+</li>
+<li><a href="#Page_194">Seite 194</a>:<br />
+<span class="correction-list">Karamasoffs
+Wollust wieder ist Lebenlust<br /></span>
+Karamasoffs
+Wollust wieder ist <ins class="correction" title="Lebenlust">Lebenslust</ins>
+</li>
+<li><a href="#Page_201">Seite 201</a>:<br />
+<span class="correction-list">können sie wie in ihren Gefühlen
+auch in ihren Gedanken nicht haltmachen<br /></span>
+können <ins class="correction" title="sie so">so</ins> wie in ihren Gefühlen
+auch in ihren Gedanken nicht haltmachen
+</li>
+<li><a href="#Page_204">Seite 204</a>:<br />
+<span class="correction-list">bleibt bei
+den Bekennern und den Heretikern<br /></span>
+bleibt bei
+den Bekennern und den <ins class="correction" title="Heretikern">Häretikern</ins>
+</li>
+<li><a href="#Page_207">Seite 207</a>:<br />
+<span class="correction-list">der neue Erlösungs- und Allversöhnungsgedanke.
+ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen<br /></span>
+der neue Erlösungs- und <ins class="correction" title="Allversöhnungsgedanke.">Allversöhnungsgedanke,</ins>
+ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen
+</li>
+<li><a href="#Page_208">Seite 208</a>:<br />
+<span class="correction-list">Weg von Petersburg, dem europäischen
+zurück zu Moskau<br /></span>
+Weg von Petersburg, dem <ins class="correction" title="europäischen">europäischen,</ins>
+zurück zu Moskau
+</li>
+</ul>
+</div>
+</div>
+
+
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER ***
+
+***** This file should be named 36389-h.htm or 36389-h.zip *****
+This and all associated files of various formats will be found in:
+ https://www.gutenberg.org/3/6/3/8/36389/
+
+Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online
+Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net
+
+
+Updated editions will replace the previous one--the old editions
+will be renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no
+one owns a United States copyright in these works, so the Foundation
+(and you!) can copy and distribute it in the United States without
+permission and without paying copyright royalties. Special rules,
+set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to
+copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to
+protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project
+Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you
+charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you
+do not charge anything for copies of this eBook, complying with the
+rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose
+such as creation of derivative works, reports, performances and
+research. They may be modified and printed and given away--you may do
+practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is
+subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
+
+
+
+*** START: FULL LICENSE ***
+
+THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK
+
+To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work
+(or any other work associated in any way with the phrase "Project
+Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project
+Gutenberg-tm License (available with this file or online at
+https://gutenberg.org/license).
+
+
+Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm
+electronic works
+
+1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
+electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
+and accept all the terms of this license and intellectual property
+(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
+the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy
+all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession.
+If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project
+Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the
+terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or
+entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8.
+
+1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
+used on or associated in any way with an electronic work by people who
+agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
+things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
+even without complying with the full terms of this agreement. See
+paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
+Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement
+and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic
+works. See paragraph 1.E below.
+
+1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation"
+or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the
+collection are in the public domain in the United States. If an
+individual work is in the public domain in the United States and you are
+located in the United States, we do not claim a right to prevent you from
+copying, distributing, performing, displaying or creating derivative
+works based on the work as long as all references to Project Gutenberg
+are removed. Of course, we hope that you will support the Project
+Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by
+freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of
+this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with
+the work. You can easily comply with the terms of this agreement by
+keeping this work in the same format with its attached full Project
+Gutenberg-tm License when you share it without charge with others.
+
+1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
+what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in
+a constant state of change. If you are outside the United States, check
+the laws of your country in addition to the terms of this agreement
+before downloading, copying, displaying, performing, distributing or
+creating derivative works based on this work or any other Project
+Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning
+the copyright status of any work in any country outside the United
+States.
+
+1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:
+
+1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate
+access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently
+whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the
+phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project
+Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed,
+copied or distributed:
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived
+from the public domain (does not contain a notice indicating that it is
+posted with permission of the copyright holder), the work can be copied
+and distributed to anyone in the United States without paying any fees
+or charges. If you are redistributing or providing access to a work
+with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the
+work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1
+through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the
+Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or
+1.E.9.
+
+1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
+with the permission of the copyright holder, your use and distribution
+must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional
+terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked
+to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the
+permission of the copyright holder found at the beginning of this work.
+
+1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
+License terms from this work, or any files containing a part of this
+work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.
+
+1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
+electronic work, or any part of this electronic work, without
+prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
+active links or immediate access to the full terms of the Project
+Gutenberg-tm License.
+
+1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
+compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any
+word processing or hypertext form. However, if you provide access to or
+distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than
+"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version
+posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org),
+you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a
+copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon
+request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other
+form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm
+License as specified in paragraph 1.E.1.
+
+1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
+performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
+unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.
+
+1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
+access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided
+that
+
+- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
+ the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
+ you already use to calculate your applicable taxes. The fee is
+ owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he
+ has agreed to donate royalties under this paragraph to the
+ Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments
+ must be paid within 60 days following each date on which you
+ prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax
+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
+ sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the
+ address specified in Section 4, "Information about donations to
+ the Project Gutenberg Literary Archive Foundation."
+
+- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
+ you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
+ does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
+ License. You must require such a user to return or
+ destroy all copies of the works possessed in a physical medium
+ and discontinue all use of and all access to other copies of
+ Project Gutenberg-tm works.
+
+- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any
+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
+ electronic work is discovered and reported to you within 90 days
+ of receipt of the work.
+
+- You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
+1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm
+electronic work or group of works on different terms than are set
+forth in this agreement, you must obtain permission in writing from
+both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael
+Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the
+Foundation as set forth in Section 3 below.
+
+1.F.
+
+1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
+effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
+public domain works in creating the Project Gutenberg-tm
+collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic
+works, and the medium on which they may be stored, may contain
+"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or
+corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual
+property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a
+computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by
+your equipment.
+
+1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
+of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
+Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
+Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
+liability to you for damages, costs and expenses, including legal
+fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
+LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
+PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
+TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
+LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
+INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
+DAMAGE.
+
+1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
+defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
+receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
+written explanation to the person you received the work from. If you
+received the work on a physical medium, you must return the medium with
+your written explanation. The person or entity that provided you with
+the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a
+refund. If you received the work electronically, the person or entity
+providing it to you may choose to give you a second opportunity to
+receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy
+is also defective, you may demand a refund in writing without further
+opportunities to fix the problem.
+
+1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at https://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at https://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit https://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including including checks, online payments and credit card
+donations. To donate, please visit: https://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart was the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ https://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
+subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+</pre>
+
+</body>
+</html>
diff --git a/36389-h/images/cover.jpg b/36389-h/images/cover.jpg
new file mode 100644
index 0000000..5537fd5
--- /dev/null
+++ b/36389-h/images/cover.jpg
Binary files differ
diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt
new file mode 100644
index 0000000..6312041
--- /dev/null
+++ b/LICENSE.txt
@@ -0,0 +1,11 @@
+This eBook, including all associated images, markup, improvements,
+metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be
+in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES.
+
+Procedures for determining public domain status are described in
+the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org.
+
+No investigation has been made concerning possible copyrights in
+jurisdictions other than the United States. Anyone seeking to utilize
+this eBook outside of the United States should confirm copyright
+status under the laws that apply to them.
diff --git a/README.md b/README.md
new file mode 100644
index 0000000..c77bc62
--- /dev/null
+++ b/README.md
@@ -0,0 +1,2 @@
+Project Gutenberg (https://www.gutenberg.org) public repository for
+eBook #36389 (https://www.gutenberg.org/ebooks/36389)