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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:42 -0700 |
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Dostojewski + +Author: Stefan Zweig + +Release Date: June 12, 2011 [EBook #36389] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER *** + + + + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + + + + + [ Anmerkungen zur Transkription: + + Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu + zu übertragen. Unübliche und uneinheitliche Schreibweisen der + Namen wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden + korrigiert. Eine Liste sämtlicher vorgenommener Änderungen befindet + sich am Ende des Textes. + + Im Original _kursiv_ gesetzter Text wurde mit _ markiert. + Im Original =gesperrt= gesetzter Text wurde mit = markiert.] + + + + + Stefan Zweig + + DREI MEISTER + + BALZAC * DICKENS + DOSTOJEWSKI + + 1922 + + IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG + + + ROMAIN ROLLAND + _als Dank + für seine unerschütterliche Freundschaft + in lichten und dunklen Jahren_ + + + + +Obwohl in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, bindet doch kein +Zufall diese drei Versuche über Balzac, Dickens und Dostojewski zu +einem Buche zusammen. Einheitliche Absicht versucht die drei großen +und in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten +Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch den Kontrast ihrer +Persönlichkeiten einander ergänzen und vielleicht den Begriff des +epischen Weltbildners, des Romanciers, zu einer deutlichen Form +erheben. + +Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die einzigen großen +Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, so verkenne ich in +dieser Voranstellung keineswegs die Größe einzelner Werke Goethes, +Gottfried Kellers, Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und +anderer, von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte +Werk insbesondere Balzacs und Dickens' weitaus übertrifft. Und ich +glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen Unterschied zwischen +dem Verfasser eines Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich +feststellen zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten +Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale Künstler, der +-- hier wird Breite des Werkes und Fülle der Figuren zum Argument -- +einen ganzen Kosmos baut, der eine eigene Welt mit eigenen Typen, +eigenen Gravitationsgesetzen und einem eigenen Sternenhimmel neben die +irdische stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit seinem +Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch werden, sondern +auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit bildkräftig, die uns +dann oft verlockt, Geschehnisse und Personen nach ihnen zu benennen, so +daß wir von Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche +Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. Jeder dieser Künstler +bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung durch die Fülle seiner +Gestalten so einheitlich hervor, daß es durch ihn eine neue Form der +Welt wird. Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in +ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche Versuch +meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel lauten könnte: +Psychologie des Romanciers. + +Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene Sphäre. Balzac +die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt der Familie, Dostojewski +die Welt des Einen und des Alls. Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre +Unterschiede, niemals aber ist unternommen, diese Unterschiede in +Werturteile umzudeuten oder die nationalen Elemente eines Künstlers in +Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder große Schöpfer ist eine Einheit, +die ihre Grenzen und ihr Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es +gibt nur ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein +absolutes in der Wagschale der Gerechtigkeit. + +Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: sie wollen keine +Einführung sein, sondern Sublimierung, Kondensierung, Extrakt. Sie +können darum, weil sie zusammendrängen, nur das persönlich als +wesentlich Empfundene zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich +diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über Dostojewski, +dessen unendliches Maß ebensowenig wie das Goethes jemals auch von +breitester Formel wird umfaßt werden können. + +Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, eines Engländers, +eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen deutschen +Romanschriftstellers, eines epischen Weltbildners in jenem hohen Sinne, +wie ich ihn für das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch +ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart und +Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn dieses Buches, ihn für +die Zukunft zu fordern und den noch Fernen zu grüßen. + + _SALZBURG 1919._ + + + + + BALZAC + + +Balzac ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz des Überflusses, +in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni 1799, das Datum ist wert, +wiederholt zu werden. Napoleon -- die von seinen Taten schon +beunruhigte Welt nannte ihn noch Bonaparte -- kam in diesem Jahre +aus Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter fremden +Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der Pyramiden hatte er +gefochten, war dann, müd, ein grandios begonnenes Werk zäh zu +vollenden, auf winzigem Schiffe durchgeschlüpft zwischen den lauernden +Korvetten Nelsons, faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine +Handvoll Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent rein +und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs an sich. 1799, das +Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn des Empire. Das neue Jahrhundert +kennt nicht mehr le petit général, nicht mehr den korsischen +Abenteurer, sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. Zehn, +fünfzehn Jahre noch -- die Knabenjahre Balzacs -- und die machtgierigen +Hände umspannen halb Europa, während seine ehrgeizigen Träume mit +Adlersflügeln schon ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu +Okzident. Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für +einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten +Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, der vielleicht +phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, glatt zusammenfallen. Denn +frühes Erlebnis und Bestimmung, sind sie nicht eigentlich nur Innen- +und Außenfläche eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von +irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, ohne Freund und +Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff die eben zügellose Gewalt dort +packte, sie herumriß und in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein +einzelner, ein Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und +dann Frankreich und dann die ganze Welt -- diese Abenteurerlaune der +Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen Lettern unglaubhaft zwischen +Legenden oder Historien ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine +durstig aufgetanen Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, mit +tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch unbeschrittene Welt +seines Innern bevölkernd. Solches Erlebnis muß notwendigerweise zum +Beispiel werden. Balzac, der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an +den Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem Pathos die +fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog wohl ungelenk auf der +Landkarte, von der Frankreich wie ein überströmender Fluß allmählich +über Europa schwoll, den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, +heute über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra Nevada, über +die Flüsse hin nach Deutschland, über den Schnee nach Rußland, über das +Meer vor Gibraltar hin, wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln +die Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten +auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen die Kosaken ihre +Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, nachts mag er oft aufgewacht +sein vom zornigen Rollen der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, +um die Eisdecke unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu +zerschmettern. Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst sein in +den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die Vorstellung: Napoleon. +Vor dem großen Garten, der aus Paris hinausführt in die Welt, wuchs +ein Triumphbogen auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt +eingemeißelt waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie mußte es +umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als dann fremde Truppen +mit Musik und wehenden Fahnen durchzogen durch diese stolze Wölbung! +Was außen, in der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als +Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung der Werte, +der geistigen ebenso wie der materiellen. Er sah die Assignaten, auf +denen 100 oder 1000 Francs mit dem Siegel der Republik verheißen waren, +als wertlose Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch +seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes Profil, +bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls Römergesicht, +bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. In einer Zeit so ungeheurer +Umwälzungen, da die Moral, das Geld, das Land, die Gesetze, die +Rangordnungen, alles, was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt +war, einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie erlebter +Veränderungen mußte ihm früh die Relativität aller Werte bewußt werden. +Ein Wirbel war die Welt um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach +Übersicht suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über diesem +gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und Nieder der Ereignisse +immer nur der Eine, der Wirkende, von dem diese tausend Erschütterungen +und Schwingungen ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch +erlebt. Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines Willens, +mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem er Spanien geschenkt hatte, +mit Murat, dem er Sizilien zu eigen gegeben, mit Bernadotte, dem +Verräter, mit allen, denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche +erobert, die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in den +Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in seine Netzhaut +sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, das größer war als alle +Beispiele der Geschichte: er hatte den großen Welteroberer gesehen! +Und ist für einen Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel +mit dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei anderen Stellen +ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer aus, in Königsberg, wo +einer die Wirre der Welt sich auflöste in eine Übersicht, und in +Weimar, wo sie ein Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als +Napoleon mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare +Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze zu wollen, nie ein +Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig zu erstreben, diesen fieberhaften +Ehrgeiz hat vorerst das Beispiel Napoleons an ihm verschuldet. + +Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort seinen Weg. Balzac +entscheidet sich zunächst für keinen Beruf. Zwei Jahre früher geboren, +wäre er, ein Achtzehnjähriger, in die Reihen Napoleons getreten, hätte +vielleicht bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen +Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt keine +Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen Epoche folgen +laue, weiche, erschlaffende Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der +Säbel zum Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum +Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle Füllhorn des +Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern weiche Frauenhände +schenken Gunst und Gnade, das öffentliche Leben versandet, verflacht, +der Gischt der Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den +Waffen war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen ein +Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. So blieb die Kunst. +Balzac beginnt zu schreiben. Aber nicht wie die anderen, um Geld zu +raffen, zu amüsieren, ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch +zu sein: ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur, +sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt er an. Unter +fremdem Namen, wie um seine Kraft zu proben, schreibt er die ersten +Romane. Es ist noch nicht Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und +noch nicht die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt vom +Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient drei, vier Jahre lang +anderen Berufen, sitzt als Schreiber in der Stube eines Notars, +beobachtet, sieht, genießt, dringt mit seinem Blick in die Welt, und +dann fängt er noch einmal an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen +auf das Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier, +die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene +mißachtet, um nur das in großen Schwingungen Kreisende zu umfassen, das +geheimnisvolle Räderwerk der Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der +Geschehnisse die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die Summe, aus +dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle die Essenz zu gewinnen, +die ganze Welt in seine Retorte zu drängen, sie noch einmal zu +schaffen, »en raccourci«, in der genauen Verkürzung, und die so +unterjochte mit seinem eigenen Atem zu beseelen, mit seinen eigenen +Händen zu lenken: das ist nun sein Ziel. Nichts soll verloren gehen +von der Vielfalt, und um dieses Unendliche in ein Endliches, das +Unerreichbare in ein Menschenmögliches zusammenzupressen, gibt es nur +einen Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet dahin, die +Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein Sieb zu jagen, wo alles +Unwesentliche zurückbleibt und nur die reinen, wertvollen Formen +durchsickern; und sie dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der +Glut seiner Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein +anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné die +Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der Chemiker die +unzählbaren Zusammensetzungen in eine Handvoll Elemente auflöst -- +das ist nun sein Ehrgeiz. Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu +beherrschen, er preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der +»Comédie humaine«. Durch diesen Prozeß der Destillation sind seine +Menschen immer Typen, immer charakteristische Zusammenfassungen einer +Mehrheit, von denen ein unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und +Unwesentliche abgeschüttelt hat. Diese geradlinigen Leidenschaften sind +die Stoßkräfte, diese reinen Typen die Schauspieler, diese dekorativ +vereinfachte Umwelt die Kulissen der »Comédie humaine«. Er konzentriert, +indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur +einführt. Wie Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, Paris +zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris selbst, zieht er +mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, die Arbeiter, die Dichter, +die Künstler, die Gelehrten. Aus fünfzig aristokratischen Salons macht +er einen einzigen, den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert Bankiers +den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern den Gobsec, aus allen +Ärzten den Horace Bianchon. Er läßt diese Menschen enger beieinander +wohnen, häufiger sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben +tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine Mischtypen. +Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, aber intensiver. Denn seine +Menschen sind Extrakte, seine Leidenschaften reine Elemente, seine +Tragödien Kondensierungen. Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung +von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz -- jedes Departement +sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das Parlament Balzacs -- und +dann wirft er wie der siegreiche Konsul Bonaparte seine Truppen über +alle Länder. Er greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde +Norwegens, in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den +feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke der Beresina, +überallhin und noch weiter greift sein Weltwille wie der seines großen +Vorbildners. Und so wie Napoleon, ausruhend zwischen zwei Feldzügen, +den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der +Welt in der »Comédie humaine«, einen Code moral der Liebe, der Ehe, +eine prinzipielle Abhandlung und zieht über die erdumspannende Linie +der großen Werke noch lächelnd die übermütige Arabeske der »Contes +drolatiques«. Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert er +in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer Napoleons, +überall reißt er die vierte Wand auf und mit ihr die Geheimnisse der +verschlossenen Räume, er rastet mit den Soldaten in den Zelten der +Bretagne, spielt an der Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, +überwacht die Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo +seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei- bis dreitausend +Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: aus dem Boden hat er sie +gestampft, aus seiner flachen Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem +Nichts sind sie gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen +Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, nimmt sie ihnen +wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie durcheinander. Unzählbar ist +die Vielfalt der Geschehnisse, ungeheuer die Landschaft, die hinter +diese Ereignisse sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, +wie Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese Eroberung der +Welt in der »Comédie humaine«, dieses Zwischen-zwei-Händen-Halten des +ganzen, zusammengedrängten Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs, +die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als früher Vorsatz, der +Wirklichkeit wird. Nicht umsonst hatte er unter ein Bild Napoleons +geschrieben: »Ce qu'il n'a pu achever par l'épée je l'accomplirai par +la plume.« + +Und so wie er, sind seine Helden. Alle haben sie das Welteroberungsgelüst. +Eine zentripetale Kraft schleudert sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, +nach Paris. Dort ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine +Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, unklare +Energie, und hier, im engen Raume prallen sie aufeinander wie Geschosse, +vernichten sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. Keinem +ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne erobern und dies +stahlharte, biegsame Metall, das Jugend heißt, umschmieden zu einer +Waffe, seine Energien konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf +innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der auf den +Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, ist der Stolz Balzacs: +»Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure Trauerspiele!« ruft +er den Romantikern zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den +Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. Sie wissen, +daß sie zuviel sind, und müssen sich -- das Bild gehört Vautrin, dem +Liebling Balzacs -- auffressen wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen +die Waffe, die sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen in +das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende hat recht. Aus +allen zweiunddreißig Windrichtungen kommen sie her wie die Sansculotten +der »Großen Armee«, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach Paris, +der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, und ihre Kehle ist +verbrannt von einem ungeheuren Durst nach Genuß. Und wie sie sich +umsehen in dieser neuen, zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums +und der Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen, +diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht haben, +wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um sie auszunützen, umschmelzen +müßten, Jugend in Zähigkeit, Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, +Schönheit in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die Helden +Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach dem Ganzen. Sie alle +haben das gleiche Abenteuer: ein Tilbury saust an ihnen vorbei, die +Räder sprühen sie an mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber +darin sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. Ein +Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und schön, ein Symbol +des Genusses. Und alle Helden Balzacs haben in diesem Augenblicke nur +einen Wunsch: Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum, +Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht auch für den +Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht wie ihre Väter in der +Provinz ringen sie um einen Weinberg, um eine Präfektur, um eine +Erbschaft, sondern um Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in +jenen Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt und das Geld +wie Wasser durch die Finger rinnt. So werden sie ja jene großen +Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere Muskeln, wildere Beredsamkeit, +energischere Triebe, ein wenn auch rascheres, so doch lebendigeres +Leben zuschreibt, als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume +Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie des Lebens +dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein besonderer Weg bahnt +sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. Man muß sich eine eigene +Weise finden, um zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, +die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel muß man +mörderisch hineinschmettern in die Menge der anderen, die zwischen +einem und dem Ziele stehen, oder man muß sie schleichend vergiften wie +die Pest, rät Vautrin, der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur +Balzacs. Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen +hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen des sozialen +Lebens, Desplein, der Student der Medizin, Rastignac, der Streber, +Louis Lambert, der Philosoph, Bridau, der Maler, Rubempré, der +Journalist -- ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente +sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze Leben +gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften Pension Vauquer. Dann +aber, hineingegossen in die große Retorte des Lebens, eingekocht in die +Hitze der Leidenschaften, und wieder erkaltend, erstarrend an den +Enttäuschungen, unterworfen den vielfachen Wirkungen der gesellschaftlichen +Natur, den mechanischen Reibungen, den magnetischen Anziehungen, den +chemischen Zersetzungen, den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese +Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare Säure, die +Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, scheidet sie aus, läßt +sie verschwinden und kristallisiert, verhärtet, versteint wiederum die +anderen. Alle Wirkungen der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen +sich an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue Komplexe, +und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, Umgeformten mit +Augurenlächeln auf den Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, +Rastignac, der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis +Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend faßte. Nicht umsonst hat +Balzac die Chemie geliebt, die Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. +Denn in diesem vielfältigen Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der +Affinitäten, der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen und +Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, in der atomhaften +Vereinfachung des Zusammengesetzten schien ihm deutlicher als anderswo +das Bild der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß jede +Vielheit nicht minder auf die Einheit wirkte, wie die Einheit selbst +wieder bestimmend auf die Vielheit, diese seine Auffassung, die er +Lamarquismus nannte -- und die Taine später zu Begriffen erstarrt hat +--, daß jedes Individuum ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, +Sitten, Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, daß +jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre sauge, um selbst +wieder eine neue Atmosphäre zu entstrahlen --, dieses universelle +Bedingtsein von In- und Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des +Organischen im Unorganischen und die Griffspuren des Lebendigen im +Begrifflichen wieder, diese Summierungen eines momentanen geistigen +Besitzes im sozialen Wesen, die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, +schien ihm höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, alle +Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter Relativismus +hat jede Kontinuität, selbst die des Charakters geleugnet. Balzac hat +seine Menschen immer an den Ereignissen sich formen lassen, sich +modellieren wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen seiner +Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. Durch zwanzig +der Bücher Balzacs geht der Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. +Man glaubt ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, +oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, dies Prototyp +eines brutalen pariserischen unbarmherzigen Strebers, der aalglatt +durch alle Schlupfwinkel der Gesetze sich durchdrückt und die Moral +einer verkommenen Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein +Buch, in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, den +seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen und wenig Geld, +ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler Charakter. Und das +Buch erzählt, wie er in die Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel +von Gestalten, in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac in vier +schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt der Temperamente und +Charaktere einschließt, und hier sieht er die Tragödie des ungekannten +König Lear, des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des +Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, sieht alle +Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. Und da, wie er +endlich dem Sarge des allzu Gütigen folgt, allein mit einem Hausknecht +und einer Magd, wie er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb +wie ein böses Geschwür von den Höhen des Père Lachaise zu seinen Füßen +sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. In diesem Momente hört er +die Stimme Vautrins, des Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine +Lehre, daß man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor seinem +Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, in dieser Sekunde +wird er der Baron Rastignac der anderen Bücher, der rücksichtslose, +unerbittliche Streber, der Pair von Paris. Und diese Sekunde am +Kreuzweg des Lebens erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden +Soldaten im Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die +Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder seinen Rubikon, +sein Waterloo hat, daß die gleichen Schlachten sich in Palästen, Hütten +und Tavernen liefern, zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen +Kleidern Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe +entäußern, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die Rollen aller +spielt und in zehn Verkleidungen in den Büchern Balzacs auftritt, immer +aber derselbe und bewußt derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche +des modernen Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der +äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. Da keinem ein +Platz reserviert ist wie einst dem König, dem Adel, den Priestern, da +jeder ein Anrecht auf alle hat, so verzehnfacht sich ihre Anspannung. +Die Verkleinerung der Möglichkeiten äußert sich im Leben als +Verdoppelung der Energie. + +Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf der Energien ist +es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte Energie als Ausdruck des +bewußten Lebenswillens nicht in ihrer Wirkung, sondern in ihrem Wesen +zu schildern, ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig +oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, sobald sie nur intensiv +wird. Intensität, Wille ist alles, weil dies dem Menschen gehört, +Erfolg und Ruhm nichts, denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine +Dieb, der ängstliche, der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel +verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle, +der nicht nur um des Nutzens, sondern um der Leidenschaft willen raubt, +dessen ganze Existenz sich auflöst in den Begriff des Ansichreißens, +ist grandios. Die Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe +der Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen, +scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist nur die Kraft, +die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert die héros oubliés, für ihn +gibt es in jeder Epoche nicht nur einen Napoleon, nicht nur den der +Historiker, der die Welt erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er +kennt vier oder fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und +hat Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon nach +Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen Ereignissen, der +dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie erlitten: er war +Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld gelangt, hat in irgendeinem +Provinznest einsickern müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat +nicht minder Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So nennt +er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit berühmt geworden +wären unter den Sonnenköniginnen, deren Namen geklungen hätten wie der +der Pompadour oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, +die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an deren Namen der +Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der Dichter erst den Ruhm wieder +schenken muß. Er weiß, daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle +von Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß die Eugenie +Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in dem Augenblicke, wo sie, +erzitternd vor dem geizigen Vater, ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, +nicht minder tapfer ist als die Jeanne d'Arc, deren Marmorbild auf +jedem Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den Biographen +unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht täuschen, der alle +Schminken und Mixturen des sozialen Auftriebs chemisch zersetzt hat. +Balzacs unbestechliches Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus +dem Gewühl der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, greift in +jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte Heer Napoleons über +die Brücke strebt, wo Verzweiflung und Niedertracht und Heldentum +hundertfach geschilderter Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt +sind, die wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere, +deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust im eiskalten, +schollentreibenden Wasser gestanden hatten, um jene schwanke Brücke zu +bauen, auf der die Hälfte der Armee entkam. Er weiß, daß hinter den +verhängten Scheiben von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die +nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins und +die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat er das eine Wort stolz +wiederholt: »Meine bürgerlichen Romane sind tragischer als eure +tragischen Trauerspiele.« Denn seine Romantik greift nach innen. Sein +Vautrin, der Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der +schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo des Viktor +Hugo, die starren felsigen Landschaften der Seele, das Gestrüpp von +Leidenschaft und Gier in der Brust seiner großen Streber ist nicht +minder schreckhaft, als die schaurige Felsenhöhle des Han d'Islande. +Balzac sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick +auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, in +der gesteigerten Intensität eines in seiner Geschlossenheit einzig +werdenden Gefühls. Er weiß, daß jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn +es in seiner Kraft ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er +sich konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne +Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen anderen +Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch Raub und Unnatur +stark wird, so wie ein Ast mit doppelter Wucht erst aufblüht, wenn der +Gärtner die Zwillingsäste gefällt oder gedrosselt hat. Solche Monomanen +der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen Symbol die +Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend in dem unentwirrbaren +Reigen. Eine Art Mechanik der Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner +Energetik: der Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft +verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen +verschwende, gleichviel, ob es sie langsam verzettle in tausend +Erregungen, oder sparsam aufbewahre für die jähen heftigen Ekstasen, +ob in Verbrennung oder Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer +rascher lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder +vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, die reinen +Elemente auflösen, sind solche Monomanen allein wichtig. Flaue Menschen +interessieren Balzac nicht, nur solche, die etwas ganz sind, die mit +allen Nerven, mit allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion +des Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, der Kunst, +dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der Trägheit, der Politik, der +Freundschaft. An irgendeinem beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. +Diese hommes à passion, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen +Religion, sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen +verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich nicht. Biete dem +Sammler eine Frau, die schönste der Welt -- er wird sie nicht bemerken; +dem Liebenden eine Karriere -- er wird sie mißachten; dem Geizigen ein +anderes als Geld -- er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. Läßt er +sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte Leidenschaft um der +anderen willen, so ist er verloren. Denn Muskeln, die man nicht +gebraucht, zerfallen, Sehnen, die man jahrelang nicht gespannt, +verknöchern, und wer zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft +war, Athlet eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf +jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte Gefühl +vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser ab und läßt sie +vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es in sich. Alle Graduationen +und Peripetien der Liebe, Eifersucht und Trauer, Erschöpfung und +Ekstase, sind bei dem Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der +Sammelwut gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt die +Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität der Einseitigkeit hat in +ihren Emotionen die ganze Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. +Hier setzen die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, +der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen allen Bankiers des +Kaiserreichs, wird ein läppisches Kind in den Händen einer Dirne, der +Dichter, der sich dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein +Korn unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes Symbol ist +eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen Leidenschaften neben +sich. Und von diesen Leidenschaften ist keine größer und keine +geringer, sie haben ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder +Träume. Keine ist zu gering. »Warum sollte man nicht die Tragödie der +Dummheit schreiben?« sagt Balzac, »die der Verschämtheit, die der +Ängstlichkeit, die der Langeweile?« Auch sie sind bewegende, treibende +Kräfte, auch sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, +selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, +sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder ihr Schicksal ganz +umkreist. Und diese Urkräfte -- oder besser, diese tausend Proteusformen +der wirklichen Urkraft -- aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu +heizen durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen durch +das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des Hasses und der +Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am Prellstein des Zufalls die +einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen und auseinanderzureißen, +Verbindungen herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen, +zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen und dem +Erotiker, rastlos das Parallelogramm der Kräfte zu verschieben, in +jedem Schicksal den drohenden Abgrund von Wellenberg und Wellental +aufzureißen, sie zu schleudern von unten nach oben und von oben nach +unten und dabei in dieses flackernde Spiel mit erhitzten Augen zu +starren, wie Gobsec, der Wucherer, auf die Diamanten der Gräfin +Restaud, das erlöschende Feuer mit dem Balg immer wieder aufflammen zu +lassen, die Menschen wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, +sie zu schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder von +Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder nach Ägypten und +nach Rom, durch das Brandenburger Tor und wieder vor den Abhang der +Alhambra, über Sieg und Niederlage nach Moskau schließlich -- die +Hälfte unterwegs liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten oder +unter dem Schnee der Steppen -- die ganze Welt zuerst zu schnitzen wie +Figuren, zu malen wie eine Landschaft und dann das Puppenspiel mit +erregten Fingern zu beherrschen -- das war seine, das war Balzacs +Monomanie. + +Denn er, Balzac, war selbst einer der großen Monomanen, wie er sie +in seinem Werke verewigt hat. Enttäuscht, in allen seinen Träumen +zurückgestoßen von einer rücksichtslosen Welt, die den Anfänger nicht +mag und den Armen, grub er sich ein in seine Stille und schuf sich +selbst ein Symbol der Welt. Eine Welt, die ihm gehörte, die er +beherrschte und die mit ihm zugrunde ging. Wirkliches stürzte an ihm +vorbei, und er griff nicht danach, er lebte eingeschlossen in seinem +Zimmer, festgenagelt an den Schreibtisch, lebte in dem Wald seiner +Gestalten, wie Elie Magus, der Sammler, zwischen seinen Bildern. Von +seinem fünfundzwanzigsten Jahre an hat ihn die Wirklichkeit kaum -- nur +in Ausnahmen, die dann immer zu Tragödien wurden -- anders interessiert +als ein Material, als Brennstoff, um das Schwungrad seiner eigenen Welt +zu treiben. Fast bewußt lebte er am Lebendigen vorbei, wie im ängstlichen +Gefühle, daß eine Berührung dieser beiden Welten, der seinen und der der +anderen, immer eine schmerzhafte werden müßte. Abends um acht Uhr ging +er ermattet zu Bette, schlief vier Stunden und ließ sich um Mitternacht +wecken; wenn Paris, die laute Umwelt, ihr glühendes Auge schloß, wenn +Dunkel über das Rauschen der Gassen fiel, die Welt entschwand, begann +die seine zu erstehen, und er baute sie auf, neben der anderen, aus +ihren eigenen zerstückten Elementen, lebte durch Stunden einer fiebernden +Ekstase, unablässig die ermattenden Sinne mit schwarzem Kaffee wieder +aufpeitschend. So arbeitete er zehn, zwölf, manchmal auch achtzehn +Stunden, bis ihn irgend etwas aufriß aus dieser Welt, zurück in die +eigene Wirklichkeit. In diesen Sekunden des Erwachens muß er jenen Blick +gehabt haben, den Rodin ihm gab auf seiner Statue, dieses Aufgeschrecktsein +aus tausend Himmeln und dieses Rückstürzen in eine vergessene Wirklichkeit, +diesen entsetzlich grandiosen, fast schreienden Blick, diese um die +fröstelnde Schulter das Kleid anstraffende Hand, die Gebärde eines vom +Schlaf Gerüttelten, eines Somnambulen, dem jemand roh seinen Namen +zugeschrien. Bei keinem Dichter ist die Intensität des Sichverlierens +in sein Werk, der Glaube an die eigenen Träume stärker gewesen, die +Halluzination so nahe der Grenze der Selbsttäuschung. Nicht immer wußte +er die Erregung zu stoppen wie eine Maschine, das ungeheure kreisende +Schwungrad jäh aufzuhalten, Spiegelschein und Wirklichkeit zu +unterscheiden, eine scharfe Linie zu ziehen zwischen dieser und jener +Welt. Ein ganzes Buch hat man gefüllt mit Anekdoten, wie sehr er im +Rausch der Arbeit an die Existenz seiner Gestalten glaubte, ein Buch mit +oft drolligen und meist ein wenig grausigen Anekdoten. Ein Freund tritt +ins Zimmer. Balzac stürzt ihm entsetzt entgegen: »Denk dir, die +Unglückliche hat sich ermordet!« und merkt erst an dem entsetzten +Zurückprallen seines Freundes, daß die Gestalt, von der er sprach, die +Eugenie Grandet, nur in seinen Sternenkreisen je gelebt. Und was diese +so andauernde, so intensive, so vollständige Halluzination von dem +pathologischen Wahn eines Tollhäuslers unterscheidet, ist vielleicht nur +die Identität der in dem äußeren Leben und in dieser neuen Wirklichkeit +bestehenden Gesetze, die gleichen Kausalbedingungen des Seins, nicht +die Lebensform so sehr als die Lebensmöglichkeit seiner Menschen, +die, als hätten sie nur die Tür seines Arbeitszimmers überschritten, +von außen in sein Werk traten. Aber an Dauerhaftigkeit, an Zähigkeit und +Abgeschlossenheit des Wahnes war diese Versenkung die eines perfekten +Monomanen, seine Arbeit war nicht Fleiß mehr, sondern Fieber, Rausch, +Traum und Ekstase. Ein Palliativmittel der Bezauberung war sie, ein +Schlafmittel, das ihn seinen Lebenshunger vergessen lassen sollte. Er +selbst, zum Genießer, zum Verschwender befähigt wie keiner, hat +zugestanden, daß diese fieberhafte Arbeit ihm nichts war als ein Mittel +zum Genuß. Denn ein so zügellos Begehrender konnte, wie die Monomanen +seiner Bücher, auf jede andere Leidenschaft nur verzichten, weil er sie +ersetzte. All die Aufpeitschungen des Lebensgefühls, Liebe, Ehrsucht, +Spiel, Reichtum, Reisen, Ruhm und Siege konnte er missen, weil er +siebenfaches Surrogat in seinem Schaffen fand. Die Sinne sind töricht +wie Kinder. Sie können das Echte vom Falschen, Trug von der Wirklichkeit +nicht unterscheiden. Sie wollen nur gefüttert sein, gleichviel mit +Erlebnis oder Traum. Und Balzac hat seine Sinne ein Leben lang betrogen, +indem er ihnen Genüsse vorlog, statt sie ihnen hinzuwerfen, er sättigte +ihren Hunger mit dem Duft der Gerichte, die er ihnen versagen mußte. +Sein Erlebnis war das leidenschaftliche Beteiligtsein an den Genüssen +seiner Kreaturen. Denn er war es ja, der jetzt die zehn Louis hinwarf +auf den Spieltisch, zitternd stand, während die Roulette sich drehte, +der jetzt die klingende Flut der Gewinste mit heißen Fingern einstrich, +er war es, der jetzt im Theater den großen Sieg erfocht, der jetzt +mit Brigaden die Höhen stürmte, mit Pulverminen die Börse in ihren +Grundfesten erbeben ließ; alle die Lüste seiner Kreaturen gehörten ja +ihm, sie waren die Ekstasen, in denen sein äußerlich so armes Leben sich +verzehrte. Er spielte mit diesen Menschen so wie Gobsec, der Wucherer, +mit den Gequälten, die hoffnungslos zu ihm kamen, um sich Geld +auszuborgen, die er aufschnellen ließ an seiner Angel, deren Schmerz, +Lust und Qual er nur prüfend mitansah als das mehr oder minder +talentvolle Sichgebärden von Schauspielern. Und sein Herz spricht unter +dem schmutzigen Kittel Gobsecs: »Glauben Sie, daß es nichts bedeutet, +wenn man so in die verborgensten Falten des menschlichen Herzens +eindringt, wenn man so tief darin eindringt und es in seiner Nacktheit +vor sich hat?« Denn er, der Zauberer des Willens, schmolz Fremdes zu +Eigenem um, Traum zu Leben. Man erzählt von ihm, daß er in seiner +Jugend, als er in seiner Mansarde trockenes Brot, seine ärmliche +Mahlzeit, verzehrte, sich auf den Tisch mit Kreide die Randspur von +Tellern gezeichnet habe und in ihre Mitte die Namen der erlesensten +Lieblingsgerichte geschrieben, um so im trockenen Brot nur durch die +Suggestion des Willens den Geschmack der verschwenderischesten Speisen +zu spüren. Und so wie er hier den Geschmack zu schmecken meinte, wie er +ihn wirklich schmeckte, so hat er sicherlich alle Reize des Lebens in +den Elixieren seiner Bücher unbändig in sich getrunken, so eigene Armut +betrogen mit dem Reichtum und der Verschwendung seiner Knechte. Er, der +ewig von Schulden Gehetzte, von Gläubigern Gequälte, empfand sicherlich +einen geradezu sinnlichen Reiz, wenn er hinschrieb: Hunderttausend +Francs Rente. Er war es, der in den Bildern von Elie Magus wühlte, der +diese beiden Gräfinnen liebte als ihr Vater Goriot, der gipfelhoch mit +Seraphitus über die niegesehenen Fjorde Norwegens aufstieg, der mit +Rubempré die bewundernden Blicke der Frauen genoß, er, er selbst war es, +für den er aus all diesen Menschen die Lust wie Lava aufschießen ließ, +denen er Glück und Schmerz aus den hellen und dunklen Kräutern der Erde +braute. Kein Dichter war je mehr Mitgenießer seiner Gestalten. Gerade +an jenen Stellen, wo er den Zauber des so sehr ersehnten Reichtums +schildert, spürt man stärker als in den erotischen Abenteuern den Rausch +des Selbstbezauberten, die Haschischträume des Einsamen. Das ist seine +innerste Leidenschaft, dieses Auf- und Abströmen von Zahlen, dieses +gierige Gewinnen und Zerrinnen von Summen, dieses Schleudern von +Kapitalien von Hand zu Hand, das Schwellen der Bilanzen, der Wettersturz +der Werte, diese Stürze und Aufstiege ins Grenzenlose. Millionen läßt er +wie Ungewitter über Bettler hereinbrechen, Kapitale wieder in weichen +Händen wie Quecksilber zerrinnen, mit Wollust malt er die Paläste der +Faubourgs, die Magie des Geldes. Die Worte Millionen, Milliarden, das +ist immer hingestammelt mit jenem ohnmächtigen Nicht-mehr-sprechen-können, +dem Röcheln letzten sinnlichen Begehrens. Voluptuös wie die Frauen eines +Serails sind die Prunkstücke der Gemächer gereiht, wie wertvolle +Kronjuwelen die Insignien der Macht ausgebreitet. Bis in seine +Manuskripte hat sich dieses Fieber eingebrannt. Man kann sehen, wie die +anfangs ruhigen und zierlichen Zeilen aufschwellen gleich den Adern +eines Zornigen, wie sie taumeln, rascher werden, wie sie rasend sich +überhetzen, befleckt von den Spuren des Kaffees, mit dem er die +ermatteten Nerven vorwärtspeitschte, hört fast das rastlose, ratternde +Keuchen der überhitzten Maschine, den fanatischen, maniakalischen Krampf +ihres Schöpfers, diese Gier des Don Juan du verbe, des Menschen, der +alles besitzen will und alles haben. Und sieht den nochmaligen +impetuosen Ausbruch des ewig Ungenügsamen in den Korrekturbogen, deren +starres Gefüge er immer wieder aufriß wie der Fiebernde seine Wunde, um +noch einmal das rote pochende Blut der Zeilen durch den schon starren, +erkalteten Körper zu jagen. + +Solche titanische Arbeit bliebe unverständlich, wäre sie nicht Wollust +gewesen und noch mehr: der einzige Lebenswille eines asketisch allen +anderen Machtformen entsagenden Menschen, eines Leidenschaftlichen, dem +die Kunst die einzige Möglichkeit der Entäußerung war. Einmal, zweimal +hatte er ja flüchtig in anderem Material geträumt. Er hatte sich im +praktischen Leben versucht, zum erstenmal, als er, verzweifelnd am +Schaffen, die wirkliche Geldgewalt wollte, Spekulant wurde, eine +Druckerei gründete und eine Zeitung; aber mit jener Ironie, die das +Schicksal immer für Abtrünnige bereit hat, hat er, der in seinen +Büchern alles kannte, die Coups der Börsenleute, die Raffinements der +kleinen und der großen Geschäfte, die Schliche der Wucherer, der jedem +Ding seinen Wert wußte, der Hunderten von Menschen in seinen Werken +die Existenz errichtet, ein Vermögen mit richtigem, logischem Aufbau +gewonnen hatte, er selbst, der Grandet, Popinot, Crevel, Goriot, +Bridau, Nucingen, Wehrbrust und Gobsec reich gemacht hat, er selbst hat +sein Kapital verloren, ist schmählich zugrunde gegangen, und nichts +blieb ihm als jenes furchtbare Bleigewicht von Schulden, die er dann +stöhnend auf seinen breiten Lastträgerschultern das halbe Jahrhundert +seines Lebens weiterschleppte, Helote der unerhörtesten Arbeit, unter +der er eines Tages mit zersprengten Adern lautlos zusammenbrach. Die +Eifersucht der verlassenen Leidenschaft, der einzigen, der er sich +hingegeben hatte, der Kunst, hat sich furchtbar an ihm gerächt. Selbst +die Liebe, den andern ein wunderbarer Traum über ein Erlebtes und +Wirkliches, wurde bei ihm erst Erlebnis aus einem Traum. Frau von +Hanska, seine spätere Gattin, die étrangère, der jene berühmten Briefe +galten, war von ihm leidenschaftlich schon geliebt, ehe er in ihre +Augen gesehen, war damals schon geliebt von ihm, als sie noch +Unwirklichkeit war, wie die fille aux yeux d'or, wie die Delphine und +die Eugenie Grandet. Für den wahrhaften Schriftsteller ist jede andere +Leidenschaft als die des Schaffens, des Erträumens eine Abirrung. +»L'homme des lettres doit s'abstenir des femmes, elles font perdre son +temps, on doit se borner à leur écrire, cela forme le style«, sagte er +zu Theophile Gautier. Im Innersten liebte er auch nicht Frau von +Hanska, sondern die Liebe zu ihr, liebte nicht die Situationen, die ihm +begegneten, sondern die er sich erschuf, er fütterte den Hunger nach +Wirklichkeit so lange mit Illusionen, spielte so lange in Bildern und +Kostümen, bis er, wie die Schauspieler in den erregtesten Momenten, +selbst an seine Leidenschaft glaubte. Unermüdlich hat er dieser +Leidenschaft des Schaffens gefrönt, den inneren Verbrennungsprozeß +so lange beschleunigt, bis die Flamme aufschlug und nach außen brach, +bis er zugrunde ging. Mit jedem neuen Buch schrumpfte, wie die magische +Elentiershaut seiner mystischen Novelle, bei jedem so betätigten +Wunsch sein Leben zusammen, und er unterlag seiner Monomanie wie der +Spieler den Karten, der Trinker den Weinen, der Haschischträumer der +verhängnisvollen Pfeife und der Wollüstling den Frauen. Er ging an der +überreichen Erfüllung seiner Wünsche zugrunde. + +Es ist ein nur Selbstverständliches, daß ein dermaßen kolossalischer +Wille, der Träume so mit Blut und Lebendigkeit erfüllte, der sie so +anspannte, bis ihre Erregungen nicht minder stark waren wie die +Phänomene der Wirklichkeit, daß ein solch ungeheuer zauberkräftiger +Wille in seiner eigenen Magie das Geheimnis des Lebens sah und sich +selbst zum Weltgesetz erhob. Eine eigentliche Philosophie konnte der +nicht haben, der nichts von sich verriet, vielleicht nichts mehr war +als ein Wandelhaftes, der keine Gestalt hatte wie Proteus, weil er alle +in sich verkörperte, der wie ein Derwisch, ein flüchtiger Geist, in die +Körper von tausend Gestalten unterschlüpfte und sich verlor in den +Irrgängen ihres Lebens, jetzt mit dem einen Optimist, jetzt Altruist, +jetzt Pessimist und Relativist, der alle Meinungen und Werte in sich +ein- und ausschalten konnte wie elektrische Ströme. Er gibt keinem +unrecht und gibt keinem recht. Balzac hat immer nur épousé les opinions +des autres -- wir haben kein deutsches Wort für dieses spontane +Aufnehmen einer Meinung ohne dauernde Identifizierung --, er war +eingefangen im Augenblick, in der Brusthöhle seiner Menschen, trieb mit +im Schwall ihrer Leidenschaften und Laster. Wahrhaft und unabänderlich +mußte ihm nur der ungeheure Wille sein, dieses Zauberwort Sesam, das +ihm, dem Fremden, die Felsen vor der unbekannten Menschenbrust +aufsprengte, ihn hinabführte in die finsteren Abgründe ihres Gefühls +und ihn von dort, beladen mit dem Edelsten ihres Erlebens, wieder +aufsteigen ließ. Er mußte mehr als ein anderer geneigt sein, dem +Willen eine über das Geistige ins Materielle hinüberwirkende Gewalt +zuzuschreiben, ihn als Lebensprinzip und Weltgebot zu empfinden. Ihm +war bewußt, daß der Wille, dieses Fluidum, das, ausstrahlend von einem +Napoleon, die Welt erschütterte, das Reiche stürzte, Fürsten erhob, +Millionen Schicksale verwirrte, daß diese immaterielle Schwingung, +dieser reine atmosphärische Druck eines Geistigen nach außen sich auch +im Materiellen manifestieren müßte, die Physiognomie modellieren, +einströmen in die Physis des ganzen Körpers. Denn so wie eine momentane +Erregung bei jedem Menschen den Ausdruck fördert, brutale und selbst +stumpfsinnige Züge verschönt und charakterisiert, um wie viel mehr +mußte ein andauernder Wille, eine chronische Leidenschaft das Material +der Züge herausmeißeln. Ein Gesicht war für Balzac ein versteinerter +Lebenswille, eine in Erz gegossene Charakteristik, und so wie der +Archäologe aus den versteinerten Resten eine ganze Kultur zu erkennen +hat, so schien es ihm Erfordernis des Dichters, aus einem Antlitz und +aus der um einen Menschen lagernden Atmosphäre seine innere Kultur zu +erkennen. Diese Physiognomik ließ ihn die Lehre Galls lieben, seine +Topographie der im Gehirn gelagerten Fähigkeiten, ließ ihn Lavater +studieren, der ebenfalls im Gesichte nichts anderes sah als den Fleisch +und Bein gewordenen Lebenswillen, den nach außen gestülpten Charakter. +Alles, was diese Magie, die geheimnisvolle Wechselwirkung des Innerlichen +und Äußerlichen betonte, war ihm erwünscht. Er glaubte an Mesmers +Lehre der magnetischen Übertragung des Willens von einem Medium in +das andere, glaubte daran, daß die Finger Feuernetze seien, die den +Willen ausstrahlten, verkettete diese Anschauung mit den mystischen +Vergeistigungen Svedenborgs, und all diese nicht ganz zur Theorie +verdichteten Liebhabereien faßte er in der Lehre seines Lieblings, des +Louis Lambert, zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen +Gestalt eines früh Verstorbenen, die Selbstporträt und Sehnsucht nach +innerer Vollendung sonderbar vereint, öfter als jede andere Figur +Balzacs in sein eigenes Leben hinabgreift. Ihm war jedes Gesicht +eine zu enträtselnde Scharade. Er behauptete, in jedem Antlitz eine +Tierphysiognomie zu erkennen, glaubte, den Todgeweihten an geheimen +Zeichen bestimmen zu können, rühmte sich, jedem Vorübergehenden auf der +Straße die Profession von seinem Antlitz, seinen Bewegungen, seiner +Kleidung ablesen zu können. Diese intuitive Erkenntnis schien ihm aber +noch nicht die höchste Magie des Blicks. Denn all dies umschloß nur das +Seiende, das Gegenwärtige. Und seine tiefste Sehnsucht war, zu sein wie +jene, die mit konzentrierten Kräften nicht nur das Momentane, sondern +auch aus den Spuren das Vergangene, das Zukünftige aus den vorgestreckten +Wurzeln aufspüren können, Bruder zu sein der Chiromanten, der Wahrsager, +der Steller von Horoskopen, der »voyants«, all derer, die mit dem +tieferen Blick der »seconde vue« begabt, das Innerlichste aus dem +Äußerlichen, das Unbegrenzte aus den bestimmten Linien zu erkennen sich +erboten, die aus den dünnen Streifen der Handfläche den kurzen Weg des +zurückgelegten Lebens und den dunklen Pfad in das Zukünftige hinein +weiterzuführen vermochten. Ein solcher magischer Blick ist nach Balzac +nur jenem gegeben, der seine Intelligenz nicht in tausend Richtungen +zersplittert hat, sondern -- die Idee der Konzentrierung ist bei Balzac +in ewiger Wiederkehr -- in sich aufgespart einem einzigen Ziele +entgegenwendet. Die Gabe der »seconde vue« ist nicht nur die des +Zauberers und Sehers allein; »seconde vue«, spontane visionäre +Erkenntnis, dies unbezweifelbare Merkmal des Genies, haben die Mütter +gegenüber ihren Kindern, Desplein hat sie, der Arzt, der aus der +verworrenen Qual eines Kranken sofort die Ursache seines Leidens +und die vermutliche Grenze seiner Lebensdauer bestimmt, der geniale +Feldherr Napoleon, der die Stelle sofort erkennt, wo er die Brigaden +hinschleudern muß, um das Schicksal der Schlacht zu entscheiden; Marsay, +der Verführer, besitzt sie, der die flüchtige Sekunde aufgreift, in der +er eine Frau zu Fall bringen kann, Nucingen, der Börsenspieler, der den +großen Börsencoup im richtigen Momente zur Explosion bringt; alle diese +Astrologen des Himmels der Seele haben ihre Wissenschaft dank des nach +innen dringenden Blicks, der wie durch ein Perspektiv Horizonte sieht, +wo das unbewaffnete Auge nur ein graues Chaos unterscheidet. Hierin +schlummert die Affinität zwischen der Vision des Dichters und der +Deduktion des Gelehrten, dem rapiden, spontanen Begreifen und dem +langsamen, logischen Erkennen. Balzac, dem sein eigener intuitiver +Überblick selbst unbegreiflich werden und der oft erschreckt mit fast +irrem Blick sein Werk überschauen mußte wie ein Unbegreifliches, war +gezwungen zu einer Philosophie des Inkommensurablen, einer Mystik, der +der landläufige Katholizismus eines de Maistre nicht mehr genügte. Und +dieses Korn Magie, das seinem innersten Wesen beigemengt war, diese +Unbegreiflichkeit, die seine Kunst nicht nur Chemie des Lebens sein +läßt, sondern Alchimie, ist sein Grenzwert gegen die Späteren, gegen die +Nachahmer, gegen Zola besonders, der Stein um Stein zusammenraffte, wo +Balzac nur den Zauberring drehte, und schon ein Palast mit tausend +Fenstern sich aufbaute. So ungeheuer die Energie seines Werkes ist, der +erste Eindruck bleibt doch immer der von Zauberei und nicht von Arbeit, +nicht der eines Ausborgens vom Leben, sondern eines Beschenkens und +Bereicherns. + +Denn Balzac -- und dies schwebt wie eine undurchdringliche Wolke von +Geheimnis um seine Gestalt -- hat in den Jahren seines Schaffens nicht +mehr studiert und experimentiert, nicht mehr das Leben beobachtet wie +etwa Zola, der sich, ehe er einen Roman schrieb, ein Bordereau für +jede einzelne Figur anlegte, nicht wie Flaubert, der Bibliotheken +durchstöberte für ein fingerschmales Buch. Balzac kam selten wieder +zurück in jene Welt, die außer der seinen lag, er war eingeschlossen in +seine Halluzination wie in ein Gefängnis, angenagelt an den Marterstuhl +der Arbeit, und was er mitbrachte, wenn er einen jener flüchtigen +Ausflüge in die Wirklichkeit unternahm, wenn er ging, mit seinem +Verleger zu kämpfen oder die Korrekturbogen in eine Druckerei zu +bringen, bei einem Freunde zu speisen, oder die Bric-à-brac-Läden von +Paris zu durchstöbern, war immer eher Bestätigung als Informierung. +Denn damals, als er zu schreiben begann, war schon auf irgendeine +geheimnisvolle Weise das Wissen des ganzen Lebens in ihn eingedrungen, +lag gesammelt und aufgespeichert, und es ist vielleicht mit der +fast mythischen Erscheinung Shakespeares das größte Rätsel der +Weltliteratur, wie, wann und woher all diese ungeheuerlichen, aus allen +Berufsklassen, Materien, Temperamenten und Phänomenen herbeigeholten +Vorräte von Kenntnissen in ihn eingewachsen sind. Drei, vier Jahre, +Jünglingsjahre, war er in Berufen gestanden, bei einem Advokaten als +Schreiber, dann als Verleger, als Student, aber in diesen paar Jahren +muß er alles eingeschöpft haben, diese ganz unerklärliche, unübersehbare +Fülle von Tatsachen, die Kenntnis aller Charaktere und Phänomene. Er +muß unglaublich beobachtet haben in diesen Jahren. Sein Blick muß ein +furchtbar saugender gewesen sein, ein gieriger, der alles, was ihm +begegnete, vampirhaft nach innen riß, in ein Inneres, ein Gedächtnis, wo +nichts vergilbte, nichts zerrann, nichts sich mischte oder verdarb, wo +alles geordnet, gespart, getürmt lag, immer bereit und stets nach seiner +wesentlichen Seite hin gekehrt, alles federnd und aufspringend, sobald +er nur leise mit seinem Willen und Wunsche daran rührte. Alles hat +Balzac gewußt, die Prozesse, die Schlachten, die Börsenmanöver, die +Grundstückspekulationen, die Geheimnisse der Chemie, die Schliche +der Parfumeure, die Kunstgriffe der Künstler, die Diskussionen der +Theologen, den Betrieb der Zeitung, den Trug des Theaters und jener +anderen Bühne, der Politik. Er hat die Provinz gekannt, Paris und die +Welt, er, der connaisseur en flânerie, las wie in einem Buch in den +krausen Zügen der Straßen, wußte bei jedem Hause, wann es gebaut war +und von wem und für wen, enträtselte die Heraldik des Wappens über der +Tür, eine ganze Epoche aus der Bauart und wußte gleichzeitig den Preis +der Mieten, bevölkerte jedes Stockwerk mit Menschen, stellte Möbel in +die Zimmer, füllte sie an mit einer Atmosphäre von Glück und Unglück +und ließ vom ersten zum zweiten, vom zweiten zum dritten Stockwerk +das unsichtbare Netz des Schicksals sich spinnen. Er hat eine +enzyklopädische Kenntnis gehabt, wußte, wieviel ein Bild des Palma +Vecchio wert ist, wieviel ein Hektar Weideland kostet, was eine +Spitzenmasche, was ein Tilbury und ein Diener, er hat das Leben der +Elegants gekannt, die, zwischen Schulden vegetierend, in einem Jahr +zwanzigtausend Francs anbringen; und schlägt man zwei Seiten weiter, +so ist es wieder die Existenz eines armseligen Rentiers, in dessen +peinlich ausgetüfteltem Leben ein zerrissener Schirm, eine zerbrochene +Fensterscheibe zur Katastrophe wird. Wieder ein paar Seiten, und nun ist +er unter den ganz Armen, er geht ihnen nach, wie jeder seine paar Sous +verdient, der arme Auvergnate, der Wasserträger, dessen Sehnsucht es +ist, das Faß nicht selbst ziehen zu müssen, sondern ein kleines, +kleines Pferd zu haben, der Student und die Näherin, alle diese fast +vegetabilischen Existenzen der Großstadt. Tausend Landschaften stehen +auf, jede ist bereit, hinter seine Schicksale zu treten, sie zu formen, +und alle sind deutlicher in ihm nach einem Augenblick des Schauens, als +anderen nach den Jahren, die sie darin lebten. Alles hat er gewußt, was +er einmal flüchtig mit dem Blick angerührt hat, und -- merkwürdiges +Paradoxon des Künstlers -- er hat selbst das gewußt, was er gar nicht +kannte, er hat die Fjorde Norwegens und die Wälle von Saragossa aus +seinen Träumen wachsen lassen, und sie waren wie die Wirklichkeit. +Ungeheuer ist diese Rapidität der Vision. Es war, als ob er nackt und +klar das erkennen könnte, was die anderen umhängt und unter tausend +Bekleidungen erblickten. Ihm war an allem ein Zeichen, zu allem ein +Schlüssel, daß er die Außenfläche abtun konnte von den Dingen und sie +ihm ihr Inneres zeigten. Die Physiognomien taten sich ihm auf, alles +fiel in seine Sinne wie der Kern aus einer Frucht. Mit einem Ruck reißt +er das Essentielle aus dem Faltenwerk des Unwesentlichen, aber nicht, +daß er es freigräbt, langsam wühlend von Schicht zu Schicht, sondern wie +mit Pulver sprengt er die goldenen Minen des Lebens auf. Und zugleich +mit diesen wirklichen Formen faßt er auch das Unfaßbare, die gasförmig +über ihnen schwebende Atmosphäre von Glück und Unglück, die zwischen +Himmel und Erde schwebenden Erschütterungen, die nahen Explosionen, die +Wetterstürze der Luft. Was den anderen eben nur Umriß ist, was sie +sehen, kalt und ruhig wie unter einer gläsernen Vitrine, das fühlt +seine magische Sensibilität wie in der Hülse des Thermometers als +atmosphärischen Zustand. + +Dieses ungeheure, unvergleichlich intuitive Wissen ist das Genie +Balzacs. Was man dann noch den Künstler nennt, den Verteiler der +Kräfte, den Ordner und Gestalter, den Zusammenhaltenden und Lösenden, +den spürt man nicht so deutlich bei Balzac. Man wäre versucht zu sagen, +er war gar nicht das, was man Künstler nennt, so sehr war er Genie. +»Une telle force n'a pas besoin d'art.« Das Wort gilt auch von ihm. +Denn wirklich, hier ist eine Kraft, so grandios und so groß, daß sie +wie die freiesten Tiere des Urwaldes der Zähmung widerstrebt, sie ist +schön wie ein Gestrüpp, ein Sturzbach, ein Gewitter, wie alle jene +Dinge, deren ästhetischer Wert einzig in der Intensität ihres +Ausdrucks besteht. Ihre Schönheit bedarf nicht der Symmetrie, der +Dekoration, der nachhelfenden, sorglichen Verteilung, sie wirkt durch +die ungezügelte Vielfalt ihrer Kräfte. Balzac hat seine Romane nie +genau komponiert, er hat sich in ihnen verloren wie in einer +Leidenschaft, in den Schilderungen, im Wort gewühlt wie in Stoffen oder +nacktem blühenden Fleisch. Er reißt Gestalten auf, hebt sie von allen +Ständen, Familien, von allen Provinzen Frankreichs aus, wie Napoleon +seine Soldaten, teilt sie in Brigaden, macht den einen zum Reiter, +stellt den anderen zu den Kanonen und den dritten zum Train, schüttet +Pulver auf die Pfannen ihrer Gewehre und überläßt sie dann ihrer +inneren ungebändigten Kraft. Die »Comédie humaine« hat trotz der +schönen -- aber nachträglichen! -- Vorrede keinen inneren Plan. Sie ist +planlos, wie das Leben ihm selbst planlos erschien, sie zielt nicht auf +eine Moral hin und nicht auf eine Übersicht, sie will als Wandelndes +das ewig sich Wandelnde zeigen; in all diesem Ebben und Fluten ist +keine dauernde Kraft, sondern nur ein momentaner Zug wie die +geheimnisvolle Anziehung des Mondes, jene unkörperliche, wie aus Wolken +und Licht gewebte Atmosphäre, die man Epoche nennt. Dieses neuen Kosmos +einziges Gesetz wäre, daß alles, was gleichzeitig aufeinander wirkt, +auch sich selbst verändert, daß nichts frei wie ein Gott, der nur von +außen stieße, wirkt, sondern daß alle die Menschen, deren unbeständige +Vereinung erst die Epoche ausmacht, ebenso von der Epoche geschaffen +werden, daß ihre Moral, ihre Gefühle ebenso Produkte sind wie sie +selbst. Daß alles Relativitäten sind, daß, was in Paris Tugend genannt +wird, hinter den Azoren ein Laster sei, daß für nichts feste Werte +vorhanden seien und daß leidenschaftliche Menschen die Welt so werten +müssen, wie Balzac sie die Frau werten läßt: daß sie immer wert sei, +was sie ihn koste. Aufgabe des Dichters, dem -- schon weil er selbst +nur Produkt, Kreatur seiner Zeit ist -- versagt ist, das Bleibende aus +diesem Wandel zu gewinnen, kann nur sein, den atmosphärischen Druck, +den geistigen Zustand seiner Epoche zu schildern, das Wechselspiel +der gemeinsamen Kräfte, die die Millionen Moleküle beseelten, +zusammenfügten und wieder zerteilten. Meteorologe der sozialen +Luftströmungen, Mathematiker des Willens, Chemiker der Leidenschaften, +Geologe der nationalen Urformen -- ein vielfältiger Gelehrter zu sein, +der mit allen Instrumenten den Körper seiner Zeit durchdringt und +behorcht, und gleichzeitig ein Sammler aller Tatsachen, ein Maler ihrer +Landschaften, ein Soldat ihrer Ideen, das zu sein ist Balzacs Ehrgeiz, +und darum war er so unermüdlich im Verzeichnen ebenso der grandiosen +wie der infinitesimalen Dinge. Und so ist sein Werk nach dem Dauerwort +Taines das größte Magazin menschlicher Dokumente seit Shakespeare +geworden. Seinen Zeitgenossen und vielen der heutigen ist Balzac +freilich nur der Verfasser von Romanen. So betrachtet, durch das +ästhetische Glas visiert, erscheint er nicht so überlebensgroß. Denn er +hat eigentlich wenige standard works. Balzac will nicht am Einzelwerk +gemessen werden, sondern am Ganzen, will betrachtet sein wie eine +Landschaft mit Berg und Tal, unbegrenzter Ferne, verräterischen Klüften +und raschen Strömen. Mit ihm beginnt -- man könnte fast sagen, hört +auch auf, wäre nicht Dostojewski gekommen -- der Gedanke des Romans +als Enzyklopädie der inneren Welt. Die Dichter vor ihm wußten nur +zweierlei, um den schläfrigen Motor der Handlung nach vorne zu treiben: +sie statuierten entweder den von außen wirkenden Zufall, der wie ein +scharfer Wind sich in die Segel legte und das Fahrzeug nach vorne +trieb, oder sie wählten als die von innen treibende Kraft einzig den +erotischen Trieb, die Peripetien der Liebe. Balzac nun hat eine +Transponierung des Erotischen vorgenommen. Für ihn gab es zweierlei +Begehrende (und wie gesagt, nur die Begehrenden, die Ambitiösen haben +ihn interessiert): die Erotiker im eigentlichen Sinne, ein paar Männer +also und fast alle Frauen, deren Sternbild einzig die Liebe ist, die +unter ihm geboren werden und zugrunde gehen. Daß aber alle diese in der +Erotik ausgelösten Kräfte nicht die einzigen seien, daß die Peripetien +der Leidenschaft auch bei anderen Menschen nicht um ein Gran vermindert +und, ohne daß die treibende Urkraft zerstäube oder zersplittere, in +anderen Formen, in anderen Symbolen erhalten seien, durch diese tätige +Erkenntnis hat der Roman Balzacs eine ungeheuerliche Vielfalt gewonnen. + +Aber noch aus einer zweiten Quelle hat Balzac ihn mit Wirklichkeit +gespeist: er hat das Geld in den Roman gebracht. Er, der keine absoluten +Werte anerkannte, beobachtete als Sekretär seiner Zeitgenossen, als +Statistiker des Relativen genau die äußeren, die moralischen, +politischen, ästhetischen Werte der Dinge und vor allem jenen allgemein +gültigen Wert der Objekte, der sich in unseren Tagen bei jedem Dinge +fast dem absoluten nähert: den Geldwert. Seit die Vorrechte der +Aristokratie gefallen sind, seit der Nivellierung der Unterschiede ist +das Geld zum Blute, zur treibenden Kraft des sozialen Lebens geworden. +Jedes Ding ist durch seinen Wert, jede Leidenschaft durch ihre +materiellen Opfer, jeder Mensch durch sein äußeres Einkommen bestimmt. +Zahlen sind die Gradmesser für gewisse, atmosphärische Zustände des +Gewissens, die Balzac zu erforschen sich zur Aufgabe gesetzt hat. Und +Geld kreist in seinen Romanen. Nicht nur das Anwachsen und Hinstürzen +der großen Vermögen, die wilden Spekulationen der Börse sind +geschildert, nicht nur die großen Schlachten, in denen ebensoviel +Energie verausgabt wird wie bei Leipzig und Waterloo, nicht nur diese +zwanzig Typen der Gelderraffer aus Geiz, Haß, Verschwendungslust, +Ambition, nicht nur jene Menschen, die das Geld um des Geldes willen +lieben, und die, welche es um des Symbols willen lieben, und die wieder, +denen es nur Mittel zu ihren Zwecken ist, sondern Balzac hat als der +erste und kühnste an tausend Beispielen gezeigt, wie das Geld selbst in +die edelsten, feinsten und immateriellsten Empfindungen eingesickert +ist. Alle seine Menschen rechnen, wie wir es unwillkürlich im Leben tun. +Seine Anfänger, die nach Paris kommen, wissen rasch, was ein Besuch der +guten Gesellschaft kostet, eine elegante Gewandung, blanke Schuhe, ein +neuer Wagen, eine Wohnung, ein Diener, tausend Kleinigkeiten und +Kleinlichkeiten, die alle bezahlt und erlernt sein wollen. Sie kennen +die Katastrophen, verachtet zu werden um einer unmodischen Weste willen, +sie haben bald heraus, daß nur Geld oder der Schein des Geldes die Türen +sprengt, und aus diesen kleinen unablässigen Demütigungen wachsen dann +die großen Leidenschaften und die zähe Ambition. Und Balzac geht mit +ihnen. Er rechnet den Verschwendern ihre Ausgaben nach, den Wucherern +ihre Prozente, den Kaufmännern ihre Verdienste, den Dandys ihre +Schulden, den Politikern ihre Bestechungen. Die Summen sind die +Gradziffern der aufsteigenden Unruhegefühle, der Barometerdruck der +nahenden Katastrophen. Da Geld der materielle Niederschlag des +universellen Ehrgeizes war, da es eindrang in alle Gefühle, so mußte +er, der Pathologe des sozialen Lebens, um die Krisen des kranken Leibes +zu erkennen, die Mikroskopie des Blutes unternehmen, den Geldgehalt +desselben gewissermaßen feststellen. Denn aller Leben ist damit +gesättigt, es ist Sauerstoff für die gehetzten Lungen, keiner kann es +entbehren, der Ehrgeizige nicht für seinen Ehrgeiz, der Liebende nicht +für sein Glück und am wenigsten der Künstler, das hat er selbst am +besten gewußt, auf dessen Schultern die Schuld von hunderttausend Francs +sich türmte, dieses furchtbare Gewicht, das er oft flüchtig -- in der +Ekstase der Arbeit -- wegschleuderte von seinen Schultern und das +schließlich zerschmetternd auf ihn niederfiel. + +Unübersehbar ist sein Werk. In den achtzig Bänden steht eine Zeit, eine +Welt, eine Generation. Nie vorher ist bewußt ein so Gewaltiges versucht +worden, nie wurde die Vermessenheit eines übergroßen Willens besser +belohnt. Den Genießenden, den Ausruhenden, die am Abend, aus ihrer +engen Welt flüchtend, neue Bilder und neue Menschen wollen, ist +Erregung und ein wandelnd Spiel gegeben, den Dramatikern Stoff für +hundert Tragödien, den Gelehrten -- lässig hingeworfen wie Brocken vom +Tisch eines Übersättigten -- eine Fülle von Problemen und Anregungen, +den Liebenden eine geradezu vorbildliche Glut der Ekstase. Am +gewaltigsten aber ist die Erbschaft für die Dichter. In dem Entwurf +der »Comédie humaine« stehen nebst den vollendeten noch vierzig +unvollendete, ungeschriebene Romane, Moskau heißt der eine, jener die +Ebene von Wagram, ein anderer gilt dem Kampf um Wien und wieder einer +dem Leben der Passion. Fast ist es ein Glück, daß nicht alle diese zu +Ende gelangt sind. Balzac hat einmal gesagt: »Genie ist derjenige, der +jederzeit seine Gedanken in Tat umsetzen kann. Aber das ganz große +Genie entfaltet nicht unablässig diese Tätigkeit, sonst würde es Gott +zu sehr gleichen.« Denn hätte er alle diese vollenden dürfen, den Kreis +der Leidenschaften und Geschehnisse ganz in sich zurückführen, sein +Werk wäre ins Unbegreifliche gewachsen. Es wäre ein Ungeheures geworden, +eine Abschreckung für alle Späteren durch seine Unerreichbarkeit, +während es so -- ein Torso ohnegleichen -- die ungeheuerste Aneiferung, +das grandioseste Beispiel ist für jeden schöpferischen Willen zum +Unerreichbaren. + + + + + DICKENS + + +Nein, man soll nicht Bücher und Biographen befragen, wie sehr Charles +Dickens von seinen Zeitgenossen geliebt worden ist. Liebe lebt atmend +nur im gesprochenen Wort. Man muß es sich erzählen lassen, am besten +von einem Engländer, der mit seinen Jugenderinnerungen noch zurückreicht +bis an jene Zeit der ersten Erfolge, von einem derer, die sich noch +immer nicht nach nun fünfzig Jahren entschließen können, den Dichter des +»Pickwick« Charles Dickens zu nennen, sondern ihm unentwegt seinen alten +vertraulicheren, innigeren Necknamen »Boz« geben. An ihrer wehmütig +rücksinnenden Rührung kann man den Enthusiasmus der Tausende messen, die +damals mit ungestümem Entzücken jene blauen, monatlichen Romanhefte +empfangen hatten, die heute, ein Rarissimum für den Bibliophilen, in +Fächern und Schränken gilben. Damals -- so erzählte mir einer dieser +»old Dickensians« -- konnten sie es am Posttage niemals über sich +bringen, den Boten zu Hause abzuwarten, der endlich, endlich das neue +blaue Heft von Boz im Bündel trug. Einen ganzen Monat hatten sie danach +gehungert, hatten geharrt, gehofft, gestritten, ob Copperfield die Dora +heiraten werde oder die Agnes, hatten sich gefreut, daß Micawbers +Verhältnisse wieder zu einer Krisis gelangt waren -- wußten sie doch, er +werde sie mit heißem Punsch und guter Laune heroisch überwinden! -- und +nun sollten sie noch warten, warten, bis der Postbote auf der schläfrigen +Kutsche kam und ihnen all diese heiteren Scharaden auflöste? Das konnten +sie nicht, es ging einfach nicht. Und alle, die Alten wie die Jungen, +wanderten Jahr für Jahr am fälligen Tage dem Briefboten zwei Meilen +entgegen, nur um ihr Buch früher zu haben. Im Heimwandern schon fingen +sie an zu lesen, einer guckte dem andern über die Schulter ins Blatt, +andere lasen laut vor, und nur die gutmütigsten liefen mit langen +Beinen zurück, um die Beute rascher zu Frau und Kind zu bringen. So wie +dieses Städtchen hat damals jedes Dorf, jede Stadt, das ganze Land und +darüber hinaus die in allen Erdteilen gesiedelte englische Welt Charles +Dickens geliebt; hat ihn geliebt von der ersten Stunde der Begegnung bis +zur letzten seines Lebens. Nie im neunzehnten Jahrhundert hat es +irgendwo ein ähnlich unwandelbares herzliches Verhältnis zwischen einem +Dichter und seiner Nation gegeben. Wie eine Rakete schoß dieser Ruhm +auf, aber er losch nie aus, er blieb wie eine Sonne wandellos leuchtend +über der Welt. Vom ersten Heft der »Pickwickier« wurden 400 Exemplare +gedruckt, vom fünfzehnten bereits 40000: mit solcher Lawinenmacht +stürzte sein Ruhm nieder in seine Zeit. Nach Deutschland bahnte er sich +schnell den Weg, Hunderte und Tausende kleiner Groschenhefte säten +Lachen und Freude in die Furchen selbst der verwittertsten Herzen; nach +Amerika, Australien und Kanada wanderte der kleine Nikolaus Nickleby, +der arme Oliver Twist und die tausend anderen Gestalten dieses +Unerschöpflichen. Heute sind schon Millionen Bücher von Dickens im +Umlauf, große, kleine, dicke und dünne Bände, billige Ausgaben für die +Armen und die teuerste Ausgabe drüben in Amerika, die je von einem +Dichter veranstaltet worden ist (dreimalhunderttausend Mark, glaube ich, +kostet sie: diese Ausgabe für Milliardäre), aber in all den Büchern +nistet heute wie damals noch immer das selige Lachen, um aufzuflattern +wie ein zwitschernder Vogel, sobald man die ersten Blätter gewendet hat. +Beispiellos ist die Beliebtheit dieses Autors gewesen: wenn sie sich im +Laufe der Jahre nicht steigerte, so war es nur, weil die Leidenschaft +keine höheren Möglichkeiten mehr kannte. Als Dickens sich entschloß, +öffentlich zu lesen, als er zum erstenmal seinem Publikum Auge in Auge +entgegentrat, war England im Taumel. Man stürmte die Säle, pfropfte sie +voll, an den Säulenpfeilern klammerten sich Enthusiasten an, krochen +unter sein Podium, nur um den geliebten Dichter hören zu können. In +Amerika schliefen die Leute bei bitterster Winterkälte auf mitgebrachten +Matratzen vor den Kassen, Kellner brachten ihnen das Essen aus den +benachbarten Restaurants, aber der Andrang wurde unaufhaltsam. Alle Säle +wurden zu klein, und man räumte schließlich dem Dichter in Brooklyn eine +Kirche ein als Vorlesesaal. Von der Kanzel las er die Abenteuer Oliver +Twists und die Geschichte der kleinen Nell. Launenlos war dieser Ruhm, +er drängte Walter Scott zur Seite, überschattete ein Leben lang das +Genie Thackerays; und als die Flamme erlosch, als Dickens starb, ging es +wie ein Riß durch die ganze englische Welt. Auf der Straße erzählten es +Fremde einander, Bestürzung verstörte London wie nach einer verlorenen +Schlacht. Zwischen Shakespeare und Fielding bettete man ihn, in +Westminster Abbey, dem Pantheon Englands; Tausende strömten hinzu, und +tagelang war die schlichte Gedenkstätte überflutet von Blumen und +Kränzen. Und noch heute, nach vierzig Jahren, kann man selten +vorübergehen, ohne ein paar von dankbarer Hand hingestreute Blüten zu +finden: der Ruhm und die Liebe ist nicht gewelkt in all den Jahren. +Heute wie damals in jener Stunde, da England dem Ahnungslosen, dem +Namenlosen das unverhoffte Geschenk des Weltruhms in die Hand drückte, +ist Charles Dickens der geliebteste, umworbenste und gefeierteste +Erzähler der ganzen englischen Welt. + +Eine so ungeheuerliche, gleicherweise in die Breite wie in die Tiefe +dringende Wirkung eines dichterischen Werkes kann nur durch das +seltene Zusammentreffen zweier meist widerstrebender Elemente +Wirklichkeit werden: durch die Identität eines genialen Menschen mit +der Tradition seiner Zeit. Im allgemeinen wirken das Traditionelle und +das Geniale gegeneinander wie Wasser und Feuer. Ja, es ist beinahe das +Merkzeichen des Genies, daß es als verkörperte Seele einer werdenden +Tradition die vergangene befeindet, daß es als Ahnherr eines neuen +Geschlechtes dem absterbenden Blutfehde ansagt. Ein Genie und seine +Zeit sind wie zwei Welten, die zwar Licht und Schatten miteinander +tauschen, aber in anderen Sphären schwingen, die sich auf ihren +kreisenden Bahnen begegnen, aber nie vereinen. Hier ist nun jene +seltene Sekunde des Sternenhimmels, wo der Schatten des einen Gestirns +die leuchtende Scheibe des anderen so ausfüllt, daß sie sich +identifizieren: Dickens ist der einzige große Dichter des Jahrhunderts, +dessen innerste Absicht sich ganz mit dem geistigen Bedürfnis seiner +Zeit deckt. Sein Roman ist absolut identisch mit dem Geschmack des +damaligen England, sein Werk ist die Materialisierung der englischen +Tradition: Dickens ist der Humor, die Beobachtung, die Moral, die +Ästhetik, der geistige und künstlerische Gehalt, das eigenartige und +uns oft fremde, oft sehnsüchtig-sympathische Lebensgefühl von sechzig +Millionen Menschen jenseits des Ärmelkanals. Nicht er hat dieses Werk +gedichtet, sondern die englische Tradition, die stärkste, reichste, +eigentümlichste und darum auch gefährlichste der modernen Kulturen. Man +darf ihre vitale Kraft nicht unterschätzen. Jeder Engländer ist mehr +Engländer als der Deutsche Deutscher. Das Englische liegt nicht wie ein +Firnis, wie eine Farbe über dem geistigen Organismus des Menschen, es +dringt ins Blut, wirkt regelnd ein auf seinen Rhythmus, durchpulst das +Innerste und Geheimste, das Ureigenste im Individuum: das Künstlerische. +Auch als Künstler ist der Engländer mehr rassepflichtig als der Deutsche +oder Franzose. Jeder Künstler in England, jeder wahrhafte Dichter hat +darum mit dem Englischen in sich gerungen; aber selbst inbrünstigster, +verzweifeltster Haß haben es nicht vermocht, die Tradition niederzuzwingen. +Sie reicht mit ihren feinen Adern zu tief hinab ins Erdreich der Seele: +und wer das Englische ausreißen will, zerreißt den ganzen Organismus, +verblutet an der Wunde. Ein paar Aristokraten haben es, voll Sehnsucht +nach freiem Weltbürgertum, gewagt: Byron, Shelley, Oskar Wilde haben +den Engländer in sich vernichten wollen, weil sie das Ewig-Bürgerliche +im Engländer haßten. Aber sie zerfetzten nur ihr eigenes Leben. Die +englische Tradition ist die stärkste, die siegreichste der Welt, aber +auch die gefährlichste für die Kunst. Die gefährlichste, weil sie +heimtückisch ist: keine frostige Öde ist sie, nicht unwirtlich oder +ungastlich, sie lockt mit warmem Herdfeuer und sanfter Bequemlichkeit, +aber sie zäunt ein mit moralischen Grenzen, sie beengt und regelt und +verträgt sich übel mit dem freien künstlerischen Trieb. Sie ist eine +bescheidene Wohnung mit stockender Luft, geschützt vor den gefährlichen +Stürmen des Lebens, heiter, freundlich und gastlich, ein echtes »home« +mit allem Kaminfeuer bürgerlicher Zufriedenheit, aber doch ein Gefängnis +für den, dessen Heimat die Welt, dessen tiefste Lust das nomadenhaft +selige, abenteuerliche Schweifen im Unbegrenzten ist. Dickens hat sichs +behaglich in der englischen Tradition gemacht, hat sich häuslich +eingerichtet in ihren vier Mauern. Er fühlte sich wohl in der heimatlichen +Sphäre und hat nie, sein Leben lang, die künstlerische, moralische oder +ästhetische Grenze Englands überschritten. Er war kein Revolutionär. +Der Künstler in ihm vertrug sich mit dem Engländer, löste sich +allmählich ganz in ihm auf. Was Dickens geschaffen hat, steht fest und +sicher auf dem jahrhundertalten Fundament der englischen Tradition, +beugt sich nie oder nur selten um Haaresbreite über sie hinaus, führt +aber den Bau zu unverhoffter Höhe mit einer reizvollen Architektonik +empor. Sein Werk ist der unbewußte, Kunst gewordene Wille seiner Nation: +und wenn wir die Intensität, die seltenen Vorzüge und die versäumten +Möglichkeiten seiner Dichtung umgrenzen, rechten wir gleichzeitig immer +mit England. + +Dickens ist der höchste dichterische Ausdruck der englischen Tradition +zwischen dem heroischen Jahrhundert Napoleons, der ruhmreichen +Vergangenheit, und dem Imperialismus, dem Traum seiner Zukunft. Wenn +er für uns nur ein Außerordentliches geleistet hat und nicht das +Gewaltige, zu dem ihn sein Genie prädestinierte, so ist es nicht +England, nicht die Rasse selbst, die ihn gehemmt hat, sondern der +unverschuldete Augenblick: das viktorianische Zeitalter Englands. Auch +Shakespeare war ja höchste Möglichkeit, poetische Erfüllung einer +englischen Epoche: aber der elisabethanischen, des starken tatenfrohen, +jünglinghaften, frischsinnlichen England, das zum erstenmal die Fänge +nach dem Imperium mundi reckte, das heiß und vibrierend war von +überschäumender Kraft. Shakespeare war der Sohn eines Jahrhunderts der +Tat, des Willens, der Energie. Neue Horizonte waren aufgetaucht, in +Amerika abenteuerliche Reiche gewonnen, der Erbfeind zerschmettert, +von Italien her flackte das Feuer der Renaissance herüber in den +nordischen Nebel, ein Gott, eine Religion waren abgetan, die Welt +wieder anzufüllen mit neuen lebendigen Werten. Shakespeare war die +Inkarnation des heroischen England, Dickens nur das Symbol des +bourgeoisen. Er war loyaler Untertan der anderen Königin, der sanften, +hausmütterlichen, unbedeutenden, old queen Victoria, Bürger eines +prüden, behaglichen, geordneten Staatswesens ohne Elan und +Leidenschaft. Sein Auftrieb war gehemmt durch die Schwere des +Zeitalters, das nicht hungrig war, das nur verdauen wollte: schlaffer +Wind nur spielte mit den Segeln seines Schiffes, trieb es nie fort von +der englischen Küste zur gefährlichen Schönheit des Unbekannten, hinein +in die pfadlose Unendlichkeit. Vorsichtig ist er immer in der Nähe des +Heimischen, Gewohnten und Althergebrachten geblieben: wie Shakespeare +der Mut des gierigen, ist Dickens die Vorsicht des satten England. 1812 +ist er geboren. Gerade wie seine Augen um sich greifen können, wird es +dunkel in der Welt, die große Flamme verlischt, die das morsche Gebälk +der europäischen Staaten zu vernichten drohte. Bei Waterloo zerschellt +die Garde an der englischen Infanterie, England ist gerettet und sieht +seinen Erbfeind auf ferner Insel einsam ohne Krone und Macht zugrunde +gehen. Das hat Dickens nicht mehr miterlebt; er sieht nicht mehr die +Flamme der Welt, den feurigen Schein von einem Ende Europas sich gegen +das andere wälzen; sein Blick tappt in den Nebel Englands hinein. Der +Jüngling findet keine Helden mehr, die Zeit der Heroen ist vorüber. Ein +paar in England wollen es freilich nicht glauben, sie wollen mit Gewalt +und Enthusiasmus die Speichen der rollenden Zeit zurückreißen, der Welt +den alten sausenden Schwung geben, aber England will Ruhe und stößt sie +von sich. Sie flüchten der Romantik nach in ihre heimlichen Winkel, +suchen aus armen Funken das Feuer wieder zu entfachen, aber das +Schicksal läßt sich nicht zwingen. Shelley ertrinkt im Tyrrhenischen +Meer, Lord Byron verbrennt im Fieber zu Missolunghi: die Zeit will +keine Aventüren mehr. Aschfarben ist die Welt. Behaglich verschmaust +England die noch blutige Beute; der Bourgeois, der Kaufmann, der Makler +ist König und räkelt sich auf dem Thron wie auf einem Faulbett. England +verdaut. Eine Kunst, die damals gefallen konnte, mußte digestiv sein, +sie durfte nicht stören, nicht mit wilden Emotionen rütteln, nur +streicheln und krauen, sie durfte nur sentimental sein und nicht +tragisch. Man wollte nicht den Schauer, der die Brust wie ein Blitz +spaltet, den Atem zerschneidet, das Blut einfrieren läßt -- zu gut +kannte man das vom wirklichen Leben, als die Gazetten aus Frankreich +und Rußland kamen --, nur das Gruseln wollte man, das Schnurren und +Spielen, das unablässig den farbigen Knäuel der Geschichten hin und +her rollt. Kaminkunst wollten die Leute von damals, Bücher, die sich +behaglich, während der Sturm an den Pfosten rüttelt, am Kamin lesen und +die selbst so züngeln und knacken mit vielen kleinen ungefährlichen +Flammen, eine Kunst, die das Herz wärmt wie Tee, nicht eine, die es +freudig und lodernd berauschen will. So ängstlich sind die Sieger von +vorgestern geworden -- sie, die nur behalten möchten und bewahren, +nichts mehr wagen und wandeln --, daß sie Angst haben vor ihrem +eigenen starken Gefühl. In den Büchern wie im Leben wünschen sie nur +wohltemperierte Leidenschaften, keine Ekstasen, die aufstürmen, immer +nur normale Gefühle, die sittsam promenieren. Glück wird in England +damals identisch mit Beschaulichkeit, Ästhetik mit Sittsamkeit, und +Sinnlichkeit wiederum mit Prüderie, Nationalgefühl mit Loyalität, Liebe +mit Ehe. Alle Lebenswerte werden blutarm. England ist zufrieden und +will keinen Wandel. Eine Kunst, die eine so satte Nation anerkennen +kann, muß darum selbst irgendwie zufrieden sein, das Bestehende +loben und nicht darüberhinaus wollen. Und dieser Wille nach einer +behaglichen, freundlichen, einer digestiven Kunst findet sein Genie, +wie einst das elisabethanische England seinen Shakespeare. Dickens ist +das Schöpfung gewordene künstlerische Bedürfnis des damaligen England. +Daß er im richtigen Augenblicke kam, schuf seinen Ruhm; daß er von +diesem Bedürfnis überwältigt wurde, ist seine Tragik. Seine Kunst ist +genährt von der hypokritischen Moral von der Behaglichkeit des satten +England: und stände nicht eine so außerordentliche dichterische Kraft +hinter seinem Werke, täuschte nicht sein glitzernder, goldfunkelnder +Humor hinweg über die innere Farblosigkeit der Gefühle, so hätte er nur +Wert in jener englischen Welt, wäre uns indifferent wie die Tausende +von Romanen, die jenseits des Ärmelkanals von fingerfertigen Leuten +produziert werden. Erst wenn man aus tiefster Seele die hypokritische +Borniertheit der viktorianischen Kultur haßt, kann man das Genie eines +Menschen mit voller Bewunderung ermessen, der uns diese widerliche +Welt der satten Behäbigkeit als interessant und fast liebenswert zu +empfinden zwang, der die banalste Prosa des Lebens zu Poesie erlöste. + +Dickens hat selbst nie gegen dieses England angekämpft. Aber in der +Tiefe -- unten im Unbewußten -- war das Ringen des Künstlers in ihm mit +dem Engländer. Er ist ursprünglich stark und sicher ausgeschritten, +nach und nach aber in dem weichen, halb zähen, halb nachgiebigen Sand +seiner Zeit müde geworden und immer öfter und öfter schließlich in die +alten, breitgestapften Fußspuren der Tradition getreten. Dickens ist +überwältigt worden von seiner Zeit, und ich muß bei seinem Schicksal +immer an das Abenteuer Gullivers bei den Liliputanern denken. Während +der Riese schläft, spannen ihn die Zwerge mit tausenden kleinen Fäden +an den Erdboden an, halten den Erwachenden so fest und lassen ihn nicht +früher frei, ehe er nicht kapituliert und geschworen hat, die Gesetze +des Landes nie zu verletzen. So hat die englische Tradition Dickens im +Schlaf seiner Unberühmtheit eingesponnen und festgehalten: sie preßte +ihn mit den Erfolgen an die englische Scholle, sie rissen ihn hinein in +den Ruhm und banden ihm damit die Hände. Er war nach einer langen +trüben Kindheit Stenograph im Parlament geworden und hatte einmal +versucht, kleine Skizzen zu schreiben, mehr eigentlich um sein +Einkommen zu vermehren als aus impulsivem dichterischen Bedürfnis. Der +erste Versuch gelang, die Zeitung verpflichtete ihn. Dann bat ihn ein +Verleger um satirische Glossen zu einem Klub, die gewissermaßen den +Text zu Karikaturen aus der englischen gentry bilden sollten. Dickens +nahm an. Und es gelang, gelang über alle Erwartung. Die ersten Hefte +des »Pickwick-Klub« waren ein Erfolg ohne Beispiel; nach zwei Monaten +war Boz ein nationaler Autor. Der Ruhm schob ihn weiter, aus Pickwick +wurde ein Roman. Es gelang wieder. Immer dichter spannen sich die +kleinen Netze, die geheimen Fesseln des nationalen Ruhmes. Von einem +Werke drängte ihn der Beifall zum andern, drängte ihn immer mehr in +die Windrichtung des zeitgenössischen Geschmackes hinein. Und diese +hunderttausend Netze, aus Beifall, baren Erfolgen und stolzem +Bewußtsein künstlerischen Wollens auf das verwirrendste gewoben, +hielten ihn nun fest an der englischen Erde, bis er kapitulierte, +innerlich gelobte, die ästhetischen und moralischen Gesetze seiner +Heimat nie zu übertreten. Er blieb in der Gewalt der englischen +Tradition, des bürgerlichen Geschmackes, ein moderner Gulliver unter +den Liliputanern. Seine wundervolle Phantasie, die wie ein Adler hätte +hinschweben können über dieser engen Welt, verhakte sich in den +Fußfesseln der Erfolge. Eine tiefinnerliche Zufriedenheit belastet +seinen künstlerischen Auftrieb. Dickens war zufrieden. Zufrieden mit +der Welt, mit England, mit seinen Zeitgenossen und sie mit ihm. Beide +wollten sie sich nicht anders, als sie waren. In ihm war nicht die +zornige Liebe, die züchtigen will, aufrütteln, anstacheln und erheben, +der Urwille des großen Künstlers, mit Gott zu rechten, seine Welt zu +verwerfen und sie neu, nach seinem eigenen Dünken zu erschaffen. +Dickens war fromm, fürchtig; er hatte für alles Bestehende eine +wohlwollende Bewunderung, ein ewig kindliches, spielfrohes Entzücken. +Er war zufrieden. Er wollte nicht viel. Er war einmal ein ganz armer, +vom Schicksal vergessener, von der Welt verschüchterter Knabe gewesen, +dem erbärmliche Berufe die Jugend verzettelt hatten. Damals hatte er +bunte farbige Sehnsucht gehabt, aber alle hatten ihn zurückgestoßen in +eine lange und hartnäckig getragene Verschüchterung. Das brannte in +ihm. Seine Kindheit war das eigentlich dichterisch-tragische Erlebnis +-- hier war der Same seines schöpferischen Wollens eingesenkt in das +fruchtbare Erdreich von schweigsamem Schmerz; und seine tiefste +seelische Absicht war, als ihm dann die Macht und Möglichkeit der +Wirkung ins Weite wurde, diese Kindheit zu rächen. Er wollte mit seinen +Romanen allen armen, verlassenen, vergessenen Kindern helfen, die so +wie er einst Ungerechtigkeit erlitten durch schlechte Lehrer, +vernachlässigte Schulen, gleichgültige Eltern, durch die lässige, +lieblose, selbstsüchtige Art der meisten Menschen. Er wollte ihnen die +paar farbigen Blüten Kinderfreude retten, die in seiner eigenen Brust +verwelkt waren ohne den Tau der Güte. Später hatte ihm das Leben dann +alles gewährt, und er wußte es nicht mehr anzuklagen: aber die Kindheit +rief in ihm um Rache. Und die einzige moralische Absicht, der innere +Lebenswille seines Dichtens war, diesen Schwachen zu helfen: hier +wollte er die zeitgenössische Lebensordnung verbessern. Er verwarf sie +nicht, er bäumte sich nicht auf gegen die Normen des Staates, er droht +nicht, reckt nicht die zornige Faust gegen das ganze Geschlecht, gegen +die Gesetzgeber, die Bürger, gegen die Verlogenheit aller Konventionen, +sondern deutet nur hier und dort mit vorsichtigem Finger auf eine +offene Wunde. England ist das einzige Land Europas, das damals, um +1848, nicht revolutionierte; und so wollte auch er nicht umstürzen und +neu schaffen, nur korrigieren und verbessern, wollte nur die Phänomene +des sozialen Unrechts, dort wo ihr Dorn zu spitz und schmerzhaft ins +Fleisch drang, abschleifen und mildern, doch nie die Wurzel, die +innerste Ursache, aufgraben und zerstören. Als echter Engländer wagt er +sich nicht an die Fundamente der Moral, sie sind dem Konservativen +sakrosankt wie das gospel, das Evangelium. Und diese Zufriedenheit, +dieser Absud vom flauen Temperament seiner Epoche, ist so charakteristisch +für Dickens. Er wollte nicht viel vom Leben: und so seine Helden. Ein +Held bei Balzac ist gierig und herrschsüchtig, er verbrennt vor +ehrgeiziger Sehnsucht nach Macht. Nichts ist ihm genug, unersättlich +sind sie alle, jeder ein Welteroberer, ein Umstürzler, ein Anarchist +und ein Tyrann zugleich. Sie haben ein napoleonisches Temperament. +Auch die Helden Dostojewskis sind feurig und ekstatisch, ihr Wille +verwirft die Welt und greift in herrlichster Ungenügsamkeit über das +wirkliche Leben nach dem wahren Leben; sie wollen nicht Bürger und +Menschen sein, sondern in jedem von ihnen funkelt durch alle Demut der +gefährliche Stolz, ein Heiland zu werden. Ein Held Balzacs will die Welt +unterjochen, ein Held Dostojewskis sie überwinden. Beide haben sie eine +Anspannung über das Alltägliche hinaus, eine Pfeilrichtung gegen das +Unendliche. Die Menschen bei Dickens sind alle bescheiden. Mein Gott, +was wollen sie? Hundert Pfund im Jahr, eine nette Frau, ein Dutzend +Kinder, einen freundlich gedeckten Tisch für die guten Freunde, ihr +Cottagehaus bei London mit einem Blick von Grün vor dem Fenster, mit +einem kleinen Gärtchen und einer Handvoll Glück. Ihr Ideal ist ein +spießerisches, ein kleinbürgerliches: damit muß man sich bei Dickens +zurechtfinden. Alle seine Menschen wollen innerlich keinen Wandel +der Weltordnung, wollen weder Reichtum noch Armut, sondern dieses +behagliche Mittelmaß, das als Lebensmaxime so weise für den Krämer +und Kärrner, so gefährlich für den Künstler ist. Die Ideale Dickens' +haben abgefärbt von ihrer armen Umwelt. Hinter dem Werke steht als der +Schöpfer, der Bändiger des Chaos, nicht ein zorniger Gott, gigantisch +und übermenschlich, sondern ein zufriedener Betrachter, ein loyaler +Bürger. Das Bürgerliche ist die Atmosphäre aller Romane von Dickens. + +Seine große und unvergeßliche Tat war darum eigentlich nur: die +Romantik der Bourgeoisie zu entdecken, die Poesie des Prosaischen. +Er hat als erster den Alltag der unpoetischesten aller Nationen ins +Dichterische umgebogen. Er hat Sonne durch dieses stumpfe Grau leuchten +lassen; und wer in England einmal gesehen hat, wie strahlend der +Goldglanz ist, den dort die erstarkende Sonne aus dem trüben Knäuel des +Nebels spinnt, der weiß, wie sehr ein Dichter seine Nation beseligen +mußte, der ihr künstlerisch diese Sekunde der Erlösung aus dem +bleiernen Hindämmern gegeben hat. Dickens ist dieser goldene Reif um +den englischen Alltag, der Heiligenschein der schlichten Dinge und +simpeln Menschen, die Idylle Englands. Er hat seine Helden, seine +Schicksale in den engen Straßen der Vorstädte gesucht, an denen die +anderen Dichter achtlos vorbeigingen. Die suchten ihre Helden unter +den Kronleuchtern der aristokratischen Salons, auf den Wegen in den +Zauberwald der fairy tales, sie forschten nach dem Entlegenen, +Ungewöhnlichen und Außerordentlichen. Ihnen war der Bürger die Substanz +gewordene irdische Schwerkraft, und sie wollten nur feurige, kostbare, +in Ekstasen aufstrebende Seelen, den lyrischen, den heroischen +Menschen. Dickens schämte sich nicht, den ganz einfachen Tagwerker zum +Helden zu machen. Er war ein self-made-man; er kam von unten und +bewahrte diesem Milieu eine rührende Pietät. Er hatte einen sehr +merkwürdigen Enthusiasmus für das Banale, eine Begeisterung für ganz +wertlose altväterische Dinge, für den Kleinkram des Lebens. Seine +Bücher sind selbst so ein curiosity shop voll mit Gerümpel, das jeder +für wertlos gehalten hätte, ein Durcheinander von Seltsamkeiten und +schnurrigen Nichtigkeiten, die jahrzehntelang vergeblich auf den +Liebhaber gewartet hatten. Aber er nahm diese alten wertlosen, +verstaubten Dinge, putzte sie blank, fügte sie zusammen und stellte +sie in die Sonne seiner Heiterkeit. Und da fingen sie plötzlich an zu +funkeln mit einem unerhörten Glanz. So nahm er die vielen kleinen +verachteten Gefühle aus der Brust einfacher Menschen, horchte sie ab, +fügte ihr Räderwerk zusammen, bis sie wieder lebendig tickten. +Plötzlich begannen sie da wie kleine Spieluhren zu surren, zu +schnurren und dann zu singen, eine leise altväterische Melodie, +die lieblicher war als die schwermütigen Balladen der Ritter aus +Legendenland und die Kanzonen der Lady vom See. Die ganze bürgerliche +Welt hat Dickens so aus dem Aschenhaufen der Vergessenheit aufgestöbert +und wieder blank zusammengefügt: in seinem Werk erst wurde sie wieder +eine lebendige Welt. Ihre Torheiten und Beschränktheiten hat er durch +Nachsicht begreiflich, ihre Schönheiten durch Liebe sinnfällig gemacht, +ihren Aberglauben verwandelt in eine neue und sehr dichterische +Mythologie. Das Zirpen des Heimchens am Herd ist Musik geworden in +seiner Novelle, die Silvesterglocken sprechen mit menschlichen Zungen, +der Zauber der Weihnacht versöhnt Dichtung dem religiösen Gefühl. Aus +den kleinsten Festen hat er einen tieferen Sinn geholt; er hat allen +diesen schlichten Leuten die Poesie ihres täglichen Lebens entdecken +geholfen, ihnen noch lieber gemacht, was ihnen schon das Liebste war, +ihr »home«, das enge Zimmer, wo der Kamin mit roten Flammen prasselt und +das dürre Holz zerknackt, wo der Tee am Tische surrt und singt, wo die +wunschlosen Existenzen sich absperren von den gierigen Stürmen, den +wilden Verwegenheiten der Welt. Die Poesie des Alltäglichen wollte er +alle die lehren, die in den Alltag gebannt waren. Tausenden und Millionen +hat er gezeigt, wo das Ewige in ihr armes Leben hinabreichte, wo der +Funke der stillen Freude verschüttet unter der Asche des Alltags lag, er +hat sie gelehrt, ihn aufflammen zu lassen zu heiter behaglicher Glut. +Helfen wollte er den Armen und den Kindern. Was über diesen Mittelstand +des Lebens materiell oder geistig hinausging, war ihm antipathisch; er +liebte nur das Gewöhnliche, das Durchschnittliche von ganzem Herzen. Den +Reichen und den Aristokraten, den Begünstigten des Lebens war er gram. +Die sind fast immer Schurken und Knauser in seinen Büchern, selten +Porträts, fast immer Karikaturen. Er mochte sie nicht. Zu oft hatte er +als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalsea, Briefe +gebracht, die Pfändungen gesehen, zu sehr die liebe Not des Geldes +gekannt; jahraus, jahrein war er in Hungerford Stairs ganz oben in einem +kleinen, schmutzigen, sonnenlosen Zimmer gesessen, hatte Schuhwichse in +Tiegel eingestrichen und mit Fäden Hunderte und Hunderte täglich +umwickelt, bis ihm die kleinen Kinderhände brannten und die Tränen der +Zurücksetzung aus den Augen schossen. Zu sehr hatte er Hunger und +Entbehrung gekannt an den kalten Nebelmorgen der Londoner Straßen. +Keiner hatte ihm damals geholfen, die Karossen waren vorübergefahren an +dem frierenden Knaben, die Reiter vorbeigetrabt, die Tore hatten sich +nicht aufgetan. Nur von den kleinen Leuten hatte er Gutes erfahren: nur +ihnen wollte er darum die Gabe erwidern. Seine Dichtung ist eminent +demokratisch -- nicht sozialistisch, dazu fehlt ihm der Sinn für das +Radikale --, Liebe und Mitleid allein geben ihr pathetisches Feuer. In +der bürgerlichen Welt -- in der mittleren Sphäre zwischen Armenhaus und +Rente -- ist er am liebsten geblieben; nur bei diesen schlichten +Menschen hat er sich wohlgefühlt. Er malt ihre Stuben mit Behaglichkeit +und Breite aus, als wollte er selbst darin wohnen, webt ihnen bunte +und immer mit sonnigem Feuer überflogene Schicksale, träumt ihre +bescheidenen Träume; er ist ihr Anwalt, ihr Prediger, ihr Liebling, die +helle, ewig warme Sonne ihrer schlichten, grautönigen Welt. + +Aber wie reich ist sie durch ihn geworden, diese bescheidene Wirklichkeit +der kleinen Existenzen! Das ganze bürgerliche Beisammensein mit seinem +Hausrat, dem Kunterbunt der Berufe, dem unübersehbaren Gemisch der +Gefühle ist noch einmal Kosmos geworden, ein All mit Sternen und Göttern +in seinen Büchern. Aus dem flachen, stagnierenden, kaum wellenden +Spiegel der kleinen Existenzen hat hier ein scharfer Blick Schätze +erspäht und sie mit dem feinmaschigsten Netz ans Licht gehoben. Aus dem +Gewühl hat er Menschen gefangen, o wie viele Menschen, Hunderte von +Gestalten, genug, eine kleine Stadt zu bevölkern. Unvergeßliche sind +unter ihnen, Gestalten, die ewig sind in der Literatur und schon mit +ihrer Existenz hinausreichen in den wirklichen Sprachbegriff des Volkes, +Pickwick und Sam Weller, Pecksniff und Betsey Trotwood, sie alle, deren +Namen in uns lächelnde Erinnerung zauberisch entfachen. Wie reich sind +diese Romane! Die Episoden des David Copperfield genügten für sich +allein, das dichterische Lebenswerk eines anderen mit Tatsächlichkeiten +zu versorgen; Dickens' Bücher sind eben wirkliche Romane im Sinn der +Fülle und unablässigen Bewegtheit, nicht wie unsere deutschen fast alle +nur ins Breite gezerrte psychologische Novellen. Es gibt keine toten +Punkte in ihnen, keine leeren sandigen Strecken, sie haben Ebbe und Flut +von Geschehnissen, und wirklich, wie ein Meer sind sie unergründlich und +unübersehbar. Kaum kann man das heitere und wilde Durcheinander der +wimmelnden Menschen überschauen; sie drängen herauf an die Bühne des +Herzens, stoßen einer wieder den andern hinab, wirbeln vorbei. Wie +Wogenkämme tauchen sie auf aus der Flut der Riesenstädte, stürzen wieder +in den Gischt der Ereignisse, aber sie tauchen neu auf, steigen und +fallen, umschlingen einander oder stoßen sich ab: und doch, diese +Bewegungen sind keine zufälligen, hinter der ergötzlichen Wirrnis waltet +eine Ordnung, die Fäden flechten sich immer wieder zusammen in einen +farbigen Teppich. Keine der Gestalten, die nur spaziergängerisch +vorbeizustreifen scheinen, geht verloren; alle ergänzen, befördern, +befeinden einander, häufen Licht oder Schatten. Krause, heitere, ernste +Verwicklungen treiben in katzenhaftem Spiel den Knäuel der Handlung hin +und her, alle Möglichkeiten des Gefühls klingen in rascher Skala auf und +nieder, alles ist gemengt: Jubel, Schauer und Übermut; bald funkelt die +Träne der Rührung, bald die der losen Heiterkeit. Gewölk zieht auf, +zerreißt, türmt sich aufs neue, aber am Schlusse strahlt die vom +Gewitter reine Luft in wundervoller Sonne. Manche dieser Romane sind +eine Ilias von tausend Einzelkämpfen, die Ilias einer entgötterten +irdischen Welt, manche nur eine friedfertige bescheidene Idylle; aber +alle Romane, die vortrefflichen wie die unlesbaren, haben dies Merkmal +einer verschwenderischen Vielfalt. Und alle haben sie, selbst die +wildesten und melancholischsten, in den Fels der tragischen Landschaft +kleine Lieblichkeiten wie Blumen eingesprengt. Überall blühen diese +unvergeßlichen Anmutigkeiten: wie kleine Veilchen, bescheiden und +versteckt, warten sie im weitgesteckten Wiesenplan seiner Bücher, +überall sprudelt die klare Quelle sorgloser Heiterkeit klingend von dem +dunkeln Gestein der schroffen Geschehnisse nieder. Es gibt Kapitel bei +Dickens, die man nur Landschaften in ihrer Wirkung vergleichen kann, so +rein sind sie, so göttlich unberührt von irdischen Trieben, so sonnig +blühend in ihrer heiteren milden Menschlichkeit. Um ihretwillen schon +müßte man Dickens lieben, denn so verschwenderisch sind diese kleinen +Künste verstreut in seinem Werk, daß ihre Fülle zur Größe wird. Wer +könnte allein seine Menschen aufzählen, alle diese krausen, jovialen, +gutmütigen, leicht lächerlichen und immer so amüsanten Menschen? +Sie sind aufgefangen mit all ihren Schrullen und individuellen +Eigentümlichkeiten, eingekapselt in die seltsamsten Berufe, verwickelt +in die ergötzlichsten Abenteuer. Und so viele sie auch sind, keiner ist +dem andern ähnlich, sie sind minuziös bis ins kleinste Detail persönlich +herausgearbeitet, nichts ist Guß und Schema an ihnen, alles Sinnlichkeit +und Lebendigkeit, sie alle sind nicht ersonnen, sondern gesehen. Gesehen +von dem ganz unvergleichlichen Blick dieses Dichters. + +Dieser Blick ist von einer Präzision sondergleichen, ein wunderbares, +unbeirrbares Instrument. Dickens war ein visuelles Genie. Man mag jedes +Bildnis von ihm, das der Jugend und das (bessere) der Mannesjahre +betrachten: es ist beherrscht von diesem merkwürdigen Auge. Es ist +nicht das Auge des Dichters, in schönem Wahnsinn rollend oder elegisch +umdämmert, nicht weich und nachgiebig oder feurig-visionär. Es ist ein +englisches Auge: kalt, grau, scharfblinkend wie Stahl. Und stählern war +es auch wie ein Tresor, in dem alles unverbrennbar, unverlierbar, +gewissermaßen luftdicht abgeschlossen ruhte, was ihm irgend einmal, +gestern oder vor vielen Jahren von der Außenwelt eingezahlt worden war: +das Erhabenste wie das Gleichgültigste, irgendein farbiges Schild über +einem Kramladen in London, das der Fünfjährige vor undenklicher Zeit +gesehen, oder ein Baum mit seinen aufspringenden Blüten gerade drüben +vor dem Fenster. Nichts ging diesem Auge verloren, es war stärker als +die Zeit; sparsam reihte es Eindruck an Eindruck im Speicher des +Gedächtnisses, bis der Dichter ihn zurückforderte. Nichts rann in +Vergessenheit, wurde blaß oder fahl, alles lag und wartete, blieb +voll Duft und Saft, farbig und klar, nichts starb ab oder welkte. +Unvergleichlich ist bei Dickens das Gedächtnis des Auges. Mit seiner +stählernen Schneide zerteilt er den Nebel der Kindheit; in »David +Copperfield«, dieser verkappten Autobiographie, sind Erinnerungen des +zweijährigen Kindes an die Mutter und das Dienstmädchen mit Messerschärfe +wie Silhouetten vom Hintergrund des Unbewußten losgeschnitten. Es +gibt keine vagen Konturen bei Dickens; er gibt nicht vieldeutige +Möglichkeiten der Vision, sondern zwingt zur Deutlichkeit. Seine +darstellende Kraft läßt der Phantasie des Lesers keinen freien Willen, +er vergewaltigt sie (weshalb er auch der ideale Dichter einer +phantasielosen Nation wurde). Stellt zwanzig Zeichner vor seine Bücher +und verlangt die Bilder Copperfields und Pickwicks: die Blätter werden +sich ähnlich sehen, werden in unerklärlicher Ähnlichkeit den feisten +Herrn mit der weißen Weste und den freundlichen Augen hinter den +Brillengläsern oder den hübschen blonden, ängstlichen Knaben auf der +Postkutsche nach Yarmouth darstellen. Dickens schildert so scharf, so +minuziös, daß man seinem hypnotisierenden Blicke folgen muß; er hatte +nicht den magischen Blick Balzacs, der die Menschen der feurigen Wolke +ihrer Leidenschaften sich erst chaotisch formend entringen läßt, sondern +einen ganz irdischen Blick, einen Seemanns-, einen Jägerblick, einen +Falkenblick für die kleinen Menschlichkeiten. Aber Kleinigkeiten, sagte +er einmal, sind es, die den Sinn des Lebens ausmachen. Sein Blick hascht +nach kleinen Merkzeichen, er sieht den Flecken am Kleid, die kleinen +hilflosen Gesten der Verlegenheit, er faßt die Strähne roten Haares, die +unter einer dunkeln Perücke hervorlugt, wenn ihr Eigner in Zorn gerät. +Er spürt die Nuancen, tastet die Bewegung jedes einzelnen Fingers bei +einem Händedruck ab, die Abschattung in einem Lächeln. Er war Jahre vor +seiner literarischen Zeit Stenograph im Parlament gewesen und hatte +sich dort geübt, das Ausführliche ins Summarische zu drängen, mit einem +Strich ein Wort, mit kurzem Schnörkel einen Satz darzustellen. Und so +hat er später dichterisch eine Art Kurzschrift des Wirklichen geübt, +das kleine Zeichen hingestellt statt der Beschreibung, eine Essenz der +Beobachtung aus den bunten Tatsächlichkeiten destilliert. Für diese +kleinen Äußerlichkeiten hatte er eine unheimliche Scharfsichtigkeit, +sein Blick übersah nichts, faßte wie ein guter Verschluß am +photographischen Apparat das Hundertstel einer Sekunde in einer +Bewegung, einer Geste. Nichts entging ihm. Und diese Scharfsichtigkeit +wurde noch gesteigert durch eine ganz merkwürdige Brechung des Blicks, +die den Gegenstand nicht wie ein Spiegel in seiner natürlichen +Proportion wiedergab, sondern wie ein Hohlspiegel ins Charakteristische +übertrieb. Dickens unterstreicht immer die Merkzeichen seiner Menschen, +er dreht sie aus dem Objektiven hinüber ins Gesteigerte, ins +Karikaturistische. Er macht sie intensiver, erhebt sie zum Symbol. Der +wohlbeleibte Pickwick wird auch seelisch zur Rundlichkeit, der dünne +Jingle zur Dürre, der Böse zum Satanas, der Gute die leibhaftige +Vollendung. Dickens übertreibt wie jeder große Künstler, aber nicht +ins Grandiose, sondern ins Humoristische. Die ganze, so unsäglich +ergötzliche Wirkung seiner Darstellung entwuchs nicht so sehr seiner +Laune, nicht seinem Übermut, sondern sie saß schon in dieser merkwürdigen +Winkelstellung des Auges, das mit seiner Überschärfe alle Erscheinungen +irgendwie ins Wunderliche und Karikaturistische übertrieben auf das +Leben zurückspiegelte. + +Tatsächlich: in dieser eigenartigen Optik -- und nicht in seiner ein +wenig zu bürgerlichen Seele -- steckt Dickens' Genie. Dickens war +eigentlich nie Psychologe, einer, der magisch die Seele des Menschen +erfaßt, aus ihrem hellen oder dunklen Samen in geheimnisvollem Wachstum +sich die Dinge in ihren Farben und Formen entfalten ließ. Seine +Psychologie beginnt beim Sichtbaren, er charakterisiert durch +Äußerlichkeiten, allerdings durch jene letzten und feinsten, die eben +nur einem dichterisch scharfen Auge sichtbar sind. Wie die englischen +Philosophen, beginnt er nicht mit Voraussetzungen, sondern mit +Merkmalen. Die unscheinbarsten, ganz materiellen Äußerungen des +Seelischen fängt er ein und macht an ihnen durch seine merkwürdig +karikaturistische Optik den ganzen Charakter augenfällig. Aus Merkmalen +läßt er die Spezies erkennen. Dem Schullehrer Creakle gibt er eine +leise Stimme, die mühsam das Wort gewinnt. Und schon ahnt man das +Grauen der Kinder vor diesem Menschen, dem die Anstrengung des +Sprechens die Zornader über die Stirne schwellen läßt. Sein Uriah Heep +hat immer kalte, feuchte Hände: schon atmet die Gestalt Mißbehagen, +schlangenhafte Widrigkeiten. Kleinigkeiten sind das, Äußerlichkeiten, +aber immer solche, die auf das Seelische wirken. Manchmal ist es +eigentlich nur eine lebendige Schrulle, die er darstellt; eine +Schrulle, die mit einem Menschen umwickelt ist und ihn wie eine Puppe +mechanisch bewegt. Manchmal wieder charakterisiert er den Menschen +durch seinen Begleiter -- was wäre Pickwick ohne Sam Weller, Dora ohne +Jip, Barnaby ohne den Raben, Kit ohne das Pony! -- und zeichnet die +Eigentümlichkeit der Figur gar nicht an dem Modell selbst, sondern am +grotesken Schatten. Seine Charaktere sind eigentlich immer nur eine +Summe von Merkmalen, aber von so scharfgeschnittenen, daß sie restlos +ineinander passen und ein Bild vortrefflich in Mosaik zusammensetzen. +Und darum wirken sie meistens immer nur äußerlich, sinnfällig, sie +erzeugen eine intensive Erinnerung des Auges, eine nur vage des +Gefühles. Rufen wir in uns eine Figur Balzacs oder Dostojewskis beim +Namen auf, den Père Goriot oder Raskolnikow, so antwortet ein Gefühl, +die Erinnerung an eine Hingebung, eine Verzweiflung, ein Chaos der +Leidenschaft. Sagen wir uns Pickwick, so taucht ein Bild auf, ein +jovialer Herr mit reichlichem Embonpoint und goldenen Knöpfen auf der +Weste. Hier spüren wir es: an die Figuren Dickens' denkt man wie an +gemalte Bilder, an die Dostojewskis und Balzacs wie an Musik. Denn +diese schaffen intuitiv, Dickens nur reproduktiv, jene mit dem +geistigen, Dickens mit dem körperlichen Auge. Er faßt die Seele nicht +dort, wo sie geisterhaft, nur von dem siebenfach glühenden Licht der +visionären Beschwörung bezwungen, aus der Nacht des Unbewußten steigt, +er lauert dem unkörperlichen Fluidum auf, dort, wo es einen Niederschlag +im Wirklichen hat, er hascht die tausend Wirkungen des Seelischen auf +das Körperliche, aber dort übersieht er keine. Seine Phantasie ist +eigentlich bloß Blick und reicht darum nur aus für jene Gefühle und +Gestalten der mittleren Sphäre, die im Irdischen wohnen; seine Menschen +sind nur plastisch in den gemäßigten Temperaturen der normalen Gefühle. +In den Hitzegraden der Leidenschaft zerschmelzen sie wie Wachsbilder in +Sentimentalität, oder sie erstarren im Haß und werden brüchig. Dickens +gelingen nur geradlinige Naturen, nicht jene ungleich interessanteren, +in denen die hundertfachen Übergänge vom Guten zum Bösen, vom Gott zum +Tier fließend sind. Seine Menschen sind immer eindeutig, entweder +vortrefflich als Helden oder niederträchtig als Schurken, sie sind +prädestinierte Naturen mit einem Heiligenschein über der Stirne oder +dem Brandmal. Zwischen good und wicked, zwischen dem Gefühlvollen +und Gefühllosen pendelt seine Welt. Darüber hinaus, in die Welt der +geheimnisvollen Zusammenhänge, der mystischen Verkettungen, weiß seine +Methode keinen Pfad. Das Grandiose läßt sich nicht greifen, das +Heroische nicht erlernen. Es ist der Ruhm und die Tragik Dickens', immer +in einer Mitte geblieben zu sein zwischen Genie und Tradition, dem +Unerhörten und dem Banalen: in den geregelten Bahnen der irdischen Welt, +im Lieblichen und im Ergreifenden, im Behaglichen und Bürgerlichen. + +Aber dieser Ruhm genügte ihm nicht: der Idylliker sehnte sich nach +Tragik. Immer wieder hat er zur Tragödie emporgestrebt, und immer kam +er nur zum Melodram. Hier war seine Grenze. Diese Versuche sind +unerfreulich: mögen in England die »Geschichte der beiden Städte«, +»Bleak House« für hohe Schöpfungen gelten, für unser Gefühl sind sie +verloren, weil ihre große Geste eine erzwungene ist. Die Anstrengung +zum Tragischen ist in ihnen wirklich bewundernswert: in diesen Romanen +türmt Dickens Konspirationen, wölbt große Katastrophen wie Felsblöcke +über den Häuptern seiner Helden, er beschwört den Schauer der +Regennächte, den Volksaufstand und die Revolutionen, entfesselt den +ganzen Apparat des Grauens und Entsetzens. Aber doch, jener erhabene +Schauer stellt sich nie ein, es wird nur ein Gruseln, der rein +körperliche Reflex des Entsetzens, und nicht der Schauer der Seele. +Jene tiefen Erschütterungen, jene gewitterhaften Wirkungen, die vor +Angst das Herz sehnsüchtig stöhnen lassen nach der Entladung im Blitz, +brechen nie mehr aus seinen Büchern. Dickens türmt Gefahr über +Gefahren, aber man fürchtet sie nicht. Bei Dostojewski starren manchmal +plötzlich Abgründe, man jappt nach Luft, wenn man dieses Dunkel, +diesen namenlosen Abgrund in der eigenen Brust aufgerissen fühlt; man +fühlt den Boden unter den Füßen schwinden, spürt einen jähen Schwindel, +einen feurigen, aber süßen Schwindel, möchte gern nieder, niederstürzen, +und schauert doch zugleich vor diesem Gefühl, wo Lust und Schmerz zu so +ungeheuren Hitzegraden weißgeglüht sind, daß man sie voneinander nicht +scheiden kann. Auch bei Dickens sind solche Abgründe. Er reißt sie auf, +füllt sie mit Schwärze, zeigt ihre ganze Gefahr; aber doch, man schauert +nicht, man hat nicht jenen süßen Schwindel des geistigen Niederstürzens, +der vielleicht der höchste Reiz künstlerischen Genießens ist. Man fühlt +sich bei ihm immer irgendwie sicher, als hielte man ein Geländer, denn +man weiß, er läßt einen nicht niederstürzen; man weiß, der Held wird +nicht untergehen; die beiden Engel, die mit weißen Flügeln durch die +Welt dieses englischen Dichters schweben, Mitleid oder Gerechtigkeit, +werden ihn schon unbeschädigt über alle Schründe und Abgründe tragen. +Dickens fehlt die Brutalität, der Mut zur wirklichen Tragik. Er ist +nicht heroisch, sondern sentimental. Tragik ist Wille zum Trotz, +Sentimentalität Sehnsucht nach der Träne. Zu der tränenlosen, wortlosen, +letzten Gewalt des verzweifelten Schmerzes ist Dickens nie gelangt: +sanfte Rührung -- etwa der Tod Doras im »Copperfield« -- ist das +äußerste ernste Gefühl, das er vollendet darzustellen vermag. Holt er +zum wirklich wuchtigen Schwung aus, so fällt ihm immer das Mitleid +in den Arm. Immer glättet das (oft ranzige) Öl des Mitleids den +heraufbeschworenen Sturm der Elemente; die sentimentale Tradition des +englischen Romans überwindet den Willen zum Gewaltigen. Denn in England +soll das Geschehen eines Romans eigentlich nur die Illustration der +landläufigen moralischen Maximen sein; durch die Melodie des Schicksals +werkelts immer als Unterton: »Üb immer Treu und Redlichkeit.« Das Finale +muß eine Apokalypse sein, ein Weltgericht, die Guten steigen nach oben, +die Bösen werden bestraft. Auch Dickens hat leider diese Gerechtigkeit +in die meisten Romane übernommen, seine Schurken ertrinken, ermorden +sich gegenseitig, die Hochmütigen und Reichen machen Bankrott, und die +Helden sitzen warm in der Wolle. Noch heute duldet der Engländer kein +Drama, das ihn nicht am Ende mit der Beruhigung entläßt, alles in dieser +Welt sei in schönster Ordnung. Und diese echt englische Hypertrophie +des moralischen Sinnes hat Dickens' grandioseste Inspirationen zum +tragischen Roman irgendwie ernüchtert. Denn die Weltanschauung dieser +Werke, der eingebaute Kreisel, der ihre Stabilität aufrechterhält, ist +nicht die Gerechtigkeit des freien Künstlers mehr, sondern die eines +anglikanischen Bürgers. Dickens zensuriert die Gefühle, statt sie frei +wirken zu lassen: er gestattet nicht wie Balzac ihr elementares +Überschäumen, sondern lenkt sie durch Dämme und Gruben in Kanäle, wo sie +die Mühlen der bürgerlichen Moral drehen. Der Prediger, der Reverend, +der common-sense-Philosoph, der Schulmeister, alle sitzen sie unsichtbar +mit ihm in der Werkstatt des Künstlers und mengen sich ein: sie +verleiten ihn, den ernsten Roman statt ein demütiges Nachbild der freien +Wirklichkeiten lieber ein Vorbild und eine Warnung für junge Leute sein +zu lassen. Freilich, belohnt ward die gute Gesinnung: als Dickens starb, +wußte der Bischof von Winchester an seinem Werk zu rühmen, man könne es +beruhigt jedem Kinde in die Hände geben; aber gerade dies, daß es das +Leben nicht in seinen Wirklichkeiten zeigt, sondern so, wie man es +Kindern darstellen will, schmälert seine überzeugende Kraft. Für uns +Nichtengländer strotzt und protzt es zu sehr mit Sittlichkeit. Um Held +bei Dickens zu werden, muß man ein Tugendausbund sein, ein puritanisches +Ideal. Bei Fielding und Smollet, die ja doch auch Engländer waren, +allerdings Kinder eines sinnefreudigeren Jahrhunderts, schadet es dem +Helden absolut nicht, wenn er einmal bei einem Raufhandel seinem +Gegenüber die Nase eintreibt oder wenn er trotz aller hitzigen Liebe zu +seiner adeligen Dame einmal mit ihrer Zofe im Bette schläft. Bei Dickens +erlauben sich nicht einmal die Wüstlinge solche Abscheulichkeiten. +Selbst seine ausschweifenden Menschen sind eigentlich harmlos, ihre +Vergnügungen noch immer so, daß sie eine ältliche spinster ohne Erröten +verfolgen kann. Da ist Dick Swiveller der Libertin. Wo steckt denn +eigentlich seine Libertinage? Mein Gott, er trinkt vier Glas Ale statt +zwei, zahlt seine Rechnungen höchst unregelmäßig, bummelt ein wenig, das +ist alles. Und zum Schluß macht er im rechten Augenblick eine Erbschaft +-- eine bescheidene natürlich -- und heiratet höchst anständig das +Mädchen, das ihm auf die Bahn der Tugend half. Wahrhaft unmoralisch sind +bei Dickens nicht einmal die Schurken, selbst sie haben trotz aller +böser Instinkte blasses Blut. Diese englische Lüge der Unsinnlichkeit +sitzt als Brand in seinem Werke; die schieläugige Hypokrisie, die +übersieht, was sie nicht sehen will, wendet Dickens den spürenden Blick +von den Wirklichkeiten. Das England der Königin Viktoria hat Dickens +verhindert, den vollendet tragischen Roman zu schreiben, der seine +innerste Sehnsucht war. Und es hätte ihn ganz niedergezogen in seine +eigene satte Mediokrität, hätte ihn ganz mit den klemmenden Armen der +Beliebtheit zum Anwalt seiner sexuellen Verlogenheit gemacht, wäre dem +Künstler nicht eine Welt frei gewesen, in die seine schöpferische +Sehnsucht hätte flüchten können, hätte er nicht jene silberne Schwinge +besessen, die ihn stolz über die dumpfen Bezirke solcher Zweckmäßigkeiten +hob: seinen seligen und fast unirdischen Humor. + +Diese eine selige, halkyonisch freie Welt, in die der Nebel Englands +nicht niederhängt, ist das Land der Kindheit. Die englische Lüge +verschneidet die Sinnlichkeit in den Menschen und zwingt den +Erwachsenen in ihre Gewalt; die Kinder aber leben noch paradiesisch +unbekümmert ihr Fühlen aus, sie sind noch nicht Engländer, sondern nur +kleine helle Menschenblüten, in ihre bunte Welt schattet noch nicht +der englische Nebelrauch der Hypokrisie. Und hier, wo Dickens frei, +unbehindert von seinem englischen Bourgeoisgewissen schalten durfte, +hat er Unsterbliches geleistet. Die Jahre der Kindheit in seinen +Romanen sind einzig schön; nie werden, glaube ich, in der Weltliteratur +diese Gestalten vergehen, diese heiteren und ernsten Episoden der +Frühzeit. Wer wird je die Odyssee der kleinen Nell vergessen können, +wie sie mit ihrem greisen Großvater aus dem Rauch und Düster der großen +Städte hinauszieht ins erwachende Grün der Felder, harmlos und sanft, +dies engelhafte Lächeln selig über alle Fährlichkeiten und Gefahren +hinrettend bis ins Verscheiden. Das ist rührend in einem Sinne, der +über alle Sentimentalität hinausreicht zum echtesten, lebendigsten +Menschengefühl. Da ist Traddles, der fette Junge in seinen geblähten +Pumphosen, der den Schmerz über die erhaltenen Prügel im Zeichnen von +Skeletten vergißt, Kit, der Treueste der Treuen, der kleine Nickelby +und dann dieser eine, der immer wiederkehrt, dieser hübsche, »sehr +kleine und nicht eben zu freundlich behandelte Junge«, der niemand +anderes ist als Charles Dickens, der Dichter, der seine eigene +Kinderlust, sein eigenes Kinderleid wie kein zweiter unsterblich +gemacht hat. Immer und immer wieder hat er von diesem gedemütigten, +verlassenen, verschreckten, träumerischen Knaben erzählt, den die +Eltern verwaisen ließen; und hier ist sein Pathos wirklich tränennah +geworden, seine sonore Stimme voll und tönend wie Glockenklang. +Unvergeßlich ist dieser Kinderreigen in Dickens' Romanen. Hier +durchdringt sich Lachen und Weinen, Erhabenes und Lächerliches zu einem +einzigen Regenbogenglanz; das Sentimentale und das Sublime, das +Tragische und das Komische, Wahrheit und Dichtung versöhnen sich in ein +Neues und Nochniedagewesenes. Hier überwindet er das Englische, das +Irdische, hier ist Dickens ohne Einschränkung groß und unvergleichlich. +Wollte man ihm ein Denkmal setzen, so müßte marmorn dieser Kinderreigen +seine eherne Gestalt umringen als den Beschützer, den Vater und Bruder. +Denn sie hat er wahrhaft als die reinste Form menschlichen Wesens +geliebt. Wollte er Menschen sympathisch machen, so ließ er sie kindlich +sein. Um der Kinder willen hat er die sogar geliebt, die schon nicht +mehr kindlich, sondern kindisch waren, die Schwachsinnigen und +Geistesgestörten. In allen seinen Romanen ist einer dieser sanften +Irren, deren arme verlorene Sinne weit oben wie weiße Vögel wandern +über der Welt der Sorgen und Klagen, denen das Leben nicht ein +Problem, eine Mühe und Aufgabe ist, sondern nur ein seliges, ganz +unverständliches, aber schönes Spiel. Es ist rührend zu sehen, wie er +diese Menschen schildert. Er faßt sie sorgsam an wie Kranke, legt viel +Güte um ihr Haupt wie einen Heiligenschein. Selige sind sie ihm, weil +sie ewig im Paradies der Kindheit geblieben sind. Denn die Kindheit +ist das Paradies in Dickens' Werken. Wenn ich einen Roman von Dickens +lese, habe ich immer eine wehmütige Angst, wenn die Kinder heranwachsen; +denn ich weiß, nun geht das Süßeste, das Unwiederbringliche verloren, +nun mischt sich bald das Poetische mit dem Konventionellen, die reine +Wahrheit mit der englischen Lüge. Und er selbst scheint dieses Gefühl im +Innersten zu teilen. Denn nur ungern gibt er seine Lieblingshelden an +das Leben. Er begleitet sie nie bis ins Alter hinein, wo sie banal +werden, Krämer und Kärrner des Lebens; er nimmt Abschied von ihnen, wenn +er sie emporgeführt hat bis an die Kirchentür der Ehe, durch alle +Fährnisse in den spiegelglatten Hafen der bequemen Existenz. Und das +eine Kind, das ihm das liebste war in der bunten Reihe, die kleine Nell, +in der er die Erinnerung an eine ihm sehr teure Frühverstorbene verewigt +hatte, sie ließ er gar nicht in die rauhe Welt der Enttäuschungen, die +Welt der Lüge. Sie behielt er für immer im Paradies der Kindheit, schloß +ihr vorzeitig die blauen sanften Augen, ließ sie ahnungslos übergleiten +von der Helle der Frühzeit in die Dunkelheit des Todes. Sie war ihm zu +lieb für die wirkliche Welt. + +Denn diese Welt ist bei Dickens, ich sagte es ja schon, eine bürgerlich +bescheidene, ein müdes, sattes England, ein enger Ausschnitt der +ungeheuren Möglichkeiten des Lebens. Eine solche arme Welt konnte nur +reich werden durch ein großes Gefühl. Balzac hat den Bourgeois gewaltig +gemacht durch seinen Haß, Dostojewski durch seine Heilandsliebe. Und +auch Dickens, der Künstler, erlöst diese Menschen von ihrer lastenden +Erdschwere: durch seinen Humor. Er betrachtet seine kleinbürgerliche +Welt nicht mit objektiver Wichtigkeit, er stimmt nicht jenen Hymnus der +braven Leute, der alleinseligmachenden Tüchtigkeit und Nüchternheit +an, der jetzt die meisten unserer deutschen Heimatkunstromane so +widerlich macht. Sondern er zwinkert seinen Leuten gutmütig und doch +lustig zu, er macht sie wie Gottfried Keller und Wilhelm Raabe ein ganz +klein wenig lächerlich in ihren liliputanischen Sorgen. Aber lächerlich +in einem freundlichen, gutmütigen Sinne, so daß man sie für alle +Schnurren und Skurrilitäten nur noch lieber hat. Wie ein Sonnenblick +liegt der Humor über seinen Büchern, macht ihre bescheidene Landschaft +plötzlich heiter und unendlich lieblich, voll von tausend entzückenden +Wundern; an dieser guten wärmenden Flamme wird alles lebendiger und +wahrscheinlicher, selbst die falschen Tränen flimmern wie Diamanten, +die kleinen Leidenschaften flammen wie wirklicher Brand. Der Humor +Dickens' hebt sein Werk über die Zeit hinaus in alle Zeiten. Er erlöst +es von der Langeweile alles Englischen, Dickens überwindet die Lüge +durch sein Lächeln. Wie Ariel schwebt dieser Humor geisternd durch die +Luft seiner Bücher, füllt sie an mit heimlicher Musik, reißt sie in +einen Tanzwirbel, eine große Freudigkeit des Lebens. Allgegenwärtig ist +er. Selbst aus dem Schacht der finstersten Verwirrungen funkelt er auf +wie ein Bergmannslicht, er löst die überstraffen Spannungen, er mildert +das allzu Sentimentale durch den Unterton der Ironie, das Übertriebene +durch seinen Schatten, das Groteske, er ist das Versöhnende, das +Ausgleichende, das Unvergängliche in seinem Werk. Er ist -- wie alles +bei Dickens -- natürlich englisch, ein echtenglischer Humor. Auch ihm +fehlt es an Sinnlichkeit, er vergißt sich nicht, betrinkt sich nicht an +seiner eigenen Laune und wird nie ausschweifend. Er bleibt in seinem +Überschwang noch gemessen, grölt nicht und rülpst sich nicht wie +Rabelais, überpurzelt sich nicht wie bei Cervantes vor tollem +Entzücken oder springt kopfüber ins Unmögliche wie der amerikanische. +Er bleibt immer aufrecht und kühl. Dickens lächelt wie alle Engländer +nur mit dem Mund, nicht mit dem ganzen Körper. Seine Heiterkeit +verbrennt sich nicht selbst, sie funkelt nur und zersplittert ihr Licht +in die Adern der Menschen hinein, flackert mit tausend kleinen Flammen, +geistert und irrlichtert neckisch, ein entzückender Schelm, mitten in +den Wirklichkeiten. Auch sein Humor ist -- denn es ist das Schicksal +Dickens', immer eine Mitte darzustellen -- ein Ausgleich zwischen der +Trunkenheit des Gefühls, der wilden Laune und der kaltlächelnden +Ironie. Sein Humor ist unvergleichbar dem der anderen großen Engländer. +Er hat nichts von der zerfasernden, beizenden Ironie Sternes, nichts +von der breitstapfigen, launigen Landedelmannsheiterkeit Fieldings; er +ätzt nicht wie Thackeray schmerzhaft in den Menschen hinein, er tut nur +wohl und nie weh, spielt wie Sonnenkringel ihnen lustig um Haupt und +Hände. Er will nicht moralisch sein und nicht satirisch, nicht unter +der Narrenkappe irgendeinen feierlichen Ernst verstecken. Er will +überhaupt nicht und nichts. Er ist. Seine Existenz ist absichtslos und +selbstverständlich; der Schalk steckt schon in jener merkwürdigen +Augenstellung Dickens', verschnörkelt und übertreibt dort die +Gestalten, gibt ihnen jene ergötzlichen Proportionen und komischen +Verrenkungen, die dann das Entzücken von Millionen wurden. Alles tritt +in diesen Kreis von Licht, sie leuchten wie von innen heraus; selbst +die Gauner und Schurken haben ihren Glorienschein von Humor, die ganze +Welt scheint irgendwie lächeln zu müssen, wenn Dickens sie betrachtet. +Alles glänzt und wirbelt, die Sonnensehnsucht eines nebligen Landes +scheint für immer erlöst. Die Sprache schlägt Purzelbäume, die Sätze +quirlen ineinander, springen weg, spielen Verstecken mit ihrem Sinn, +werfen sich einer dem anderen Fragen zu, necken sich, führen sich irre, +eine Launigkeit beflügelt sie zum Tanz. Unerschütterlich ist dieser +Humor. Er ist schmackhaft ohne das Salz der Sexualität, das ihm ja die +englische Küche versagte; er ließ sich nicht verwirren dadurch, daß +hinter dem Dichter der Drucker hetzte; denn selbst im Fieber, in Not +und Ärger konnte Dickens nicht anders als heiter schreiben. Sein Humor +ist unwiderstehlich, er saß fest in diesem herrlich scharfen Auge und +verlosch erst mit seinem Licht. Nichts Irdisches vermochte ihm etwas +anzuhaben, und auch der Zeit wird es kaum gelingen. Denn ich kann mir +Menschen nicht denken, die Novellen wie »Das Heimchen am Herd« nicht +lieben würden, die der Heiterkeit wehren könnten bei manchen Episoden +dieser Bücher. Die seelischen Bedürfnisse mögen sich wandeln wie die +literarischen. Aber solange man Sehnsucht nach Heiterkeit haben wird, +in den Augenblicken jener Behaglichkeiten, wo der Lebenswille ruht und +nur das Gefühl des Lebens sanft seine Wellen in einem rührt, wo man +sich nach nichts so sehnt als nach irgendeiner arglosen melodischen +Erregung des Herzens, wird man nach diesen einzigen Büchern greifen, +in England und überall in der Welt. + +Das ist das Große, das Unvergängliche in diesem irdischen, allzu +irdischen Werke: es hat Sonne in sich, es strahlt und wärmt. Man soll +die großen Kunstwerke nicht allein nach ihrer Intensität fragen, nicht +nur nach dem Menschen, der hinter ihnen stand, sondern auch nach ihrer +Extensität, der Wirkung auf die Mengen. Und von Dickens wird man wie +von keinem in unserem Jahrhundert sagen können, er habe die Freudigkeit +der Welt gemehrt. Millionen Augen haben bei seinen Büchern in Tränen +gefunkelt; Tausenden, denen das Lachen verblüht oder verschüttet war, +hat er es neu in die Brust gepflanzt: weit über das Literarische hinaus +ging seine Wirkung. Reiche Leute besannen sich und machten Stiftungen, +als sie von den Brüdern Chereby lasen; Hartherzige wurden gerührt; die +Kinder bekamen -- es ist verbürgt --, als »Oliver Twist« erschien, mehr +Almosen auf den Straßen; die Regierung verbesserte die Armenhäuser und +kontrollierte die Privatschulen. Das Mitleid und Wohlwollen in England +ist stärker geworden durch Dickens, das Schicksal von vielen und vielen +Armen und Unglücklichen gelindert. Ich weiß: solche außerordentliche +Wirkungen haben nichts zu tun mit der ästhetischen Wertung eines +Kunstwerkes. Aber sie sind wichtig, weil sie zeigen, daß jedes ganz +große Werk über die Welt der Phantasie hinaus, wo ja jeder schaffende +Wille zauberhaft frei schweifen kann, auch in der realen Welt Wandlungen +hervorbringt. Wandlungen im Wesentlichen, im Sichtbaren und dann in der +Temperatur des Gefühlsempfindens. Dickens hat -- im Gegensatz zu den +Dichtern, die für sich selbst um Mitleid und Zuspruch bitten -- die +Heiterkeit und Lust seiner Zeit gemehrt, ihren Blutkreislauf befördert. +Die Welt ist heller geworden seit dem Tage, da der junge Stenograph des +Parlaments zur Feder griff, um von Menschen und Schicksalen zu schreiben. +Er hat seiner Zeit die Freude gerettet und den späteren Generationen +den Frohsinn jenes »merry old England«, des England zwischen den +Napoleonskriegen und dem Imperialismus. Nach vielen Jahren wird man noch +zurückschauen nach dieser dann schon altväterischen Welt mit ihren +seltsamen, verlorenen Berufen, die längst im Mörser des Industrialismus +zerpulvert sein werden, wird sich vielleicht hineinsehnen in dies +Leben, das arglos war, voll von einfachen, stillen Heiterkeiten. Dickens +hat dichterisch die Idylle Englands geschaffen -- das ist sein Werk. +Achten wir dieses Leise, das Zufriedene nicht zu gering gegenüber dem +Gewaltigen: auch die Idylle ist ein Ewiges, eine uralte Wiederkehr. +Das Georgikon oder Bukolikon, das Gedicht des fliehenden, vom Schauer +des Begehrens ausruhenden Menschen ist hier erneut, so wie es immer +im Umschwung der Generationen wieder sich erneuern wird. Es kommt, +um wieder zu vergehen, die Atempause zwischen den Erregungen, +das Kraftgewinnen vor oder nach der Anstrengung, die Sekunde der +Zufriedenheit im rastlos hämmernden Herzen. Andere schaffen die Gewalt, +andere die Stille. Charles Dickens hat einen Augenblick der Stille in +der Welt zum Gedicht gefügt. Heute ist das Leben wieder lauter, die +Maschinen dröhnen, die Zeit saust in rascherem Umschwung. Aber die +Idylle ist unsterblich, weil sie Lebensfreude ist; sie kehrt wieder wie +der blaue Himmel hinter den Wettern, die ewige Heiterkeit des Lebens +nach allen Krisen und Erschütterungen der Seele. Und so wird auch +Dickens immer wieder aus seiner Vergessenheit wiederkehren, wenn +Menschen der Fröhlichkeit bedürftig sind und, ermattet von den +tragischen Anspannungen der Leidenschaft, auch aus den leisern Dingen +die geisterhafte Musik des Dichterischen werden vernehmen wollen. + + + + + DOSTOJEWSKI + + »Daß du nicht enden kannst, das + macht dich groß.« + Goethe, Westöstlicher Divan + + + EINKLANG + +Es ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor Michailowitsch +Dostojewski und seiner Bedeutung für unsere innere Welt würdig zu +sprechen, denn dieses Einzigen Weite und Gewalt will ein neues Maß. + +Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes Nahen zu finden +und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos mit eigen kreisenden Gestirnen +und anderer Musik der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals +restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis ihre Magie, zu +weit ins Unendliche verwölkt ihr Gedanke, zu fremd ihre Botschaft, als +daß die Seele unvermittelt aufschauen könnte in diesen neuen wie in +heimatlichen Himmel. Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen +erlebt. Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des Mitfühlens und +Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen gesteigerten +Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten Wurzeln unseres Wesens +müssen wir graben, um die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen +und dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken. Nur dort, ganz +im Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen unseres Seins, Wurzel in +Wurzel, können wir uns Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd +scheint äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die Steppen +seiner Heimat, weglose und wie wenig Welt von unserer Welt! Nichts +Freundliches umfriedet dort lieblich den Blick, selten rät eine sanfte +Stunde zur Rast. Mystische Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen, +wechselt mit einer frostigen, oft eisigen Klarheit des Geistes, statt +warmer Sonne flammt vom Himmel ein geheimnisvoll blutendes Nordlicht. +Urweltlandschaft, mystische Welt hat man mit Dostojewskis Sphäre +betreten, uralt und jungfräulich zugleich, und süßes Grauen schlägt +einem entgegen wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald schon sehnt +sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt eine Ahnung das +ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch werden für immer, müsse +es doch wieder zurück in unsere wärmere, freundlichere, aber auch +engere Welt. Zu groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft +für den täglichen Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige, +bald feurige Luft für den zitternden Atem. Und die Seele würde fliehen +vor der Majestät solchen Grauens, wäre nicht über dieser unerbittlich +tragischen, entsetzlich irdischen Landschaft ein unendlicher Himmel der +Güte sternenklar ausgespannt, Himmel auch unserer Welt, doch höher ins +Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost, als in unseren +linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus dieser Landschaft zu ihrem Himmel +spürt erst die unendliche Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer, +und ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott. + +Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag unsere Ehrfurcht +vor dem Werke Dostojewskis in eine brennende Liebe zu verwandeln, nur +der innerste Einblick in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das +Allmenschliche dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit +und wie labyrinthisch ist dieser Niederstieg bis zum innersten Herzen +des Gewaltigen; machtvoll in seiner Weite, schreckhaft durch seine +Ferne, wird dies einzige Werk in gleichem Maße geheimnisvoller, als wir +von seiner unendlichen Weite in seine unendliche Tiefe zu dringen +suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von jeder seiner +Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen Abgründe des +Irdischen, jeder Aufschwung ins Geistige rührt mit seiner Schwinge bis +an Gottes Antlitz. Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz +seiner Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige Nacht +und glänzt das ewige Licht: denn Dostojewski ist durch Lebensbestimmung +und Schicksalsgestaltung allen Mysterien des Seins restlos verschwistert. +Zwischen Tod und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit steht +seine Welt. Überall grenzt sein persönliches Problem an ein unlösbares +der Menschheit, jede einzelne belichtete Fläche spiegelt Unendlichkeit. +Als Mensch, als Dichter, als Russe, als Politiker, als Prophet: überall +strahlt sein Wesen von ewigem Sinn. Kein Weg führt an sein Ende, keine +Frage bis in den untersten Abgrund seines Herzens. Nur Begeisterung darf +ihm nahen, und auch sie nur demütig in der Beschämung, geringer zu sein +als seine eigene liebende Ehrfurcht vor dem Mysterium des Menschen. + +Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um uns an sich +heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des Gewaltigen in unserer +Zeit offenbarten ihren Willen. Wagner legte neben sein Werk die +programmatische Erläuterung, die polemische Verteidigung, Tolstoi riß +alle Türen seines täglichen Lebens auf, jeder Neugier Zutritt, jeder +Frage Rechenschaft zu geben. Er aber, Dostojewski, verriet seine +Absicht nie anders als im vollendeten Werk, die Pläne verbrannte er in +der Glut der Schöpfung. Schweigsam und scheu war er ein Leben lang, +kaum das Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend +bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann war einsam: wie +Verminderung seiner Liebe zur ganzen Menschheit schien es ihm, +einzelnen sich hinzugeben. Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der +Existenz, Qual des gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene +Lippen, so sehr sie Klage und Notruf sind. Viele Jahre, seine ganze +Kindheit sind von Dunkel umschattet, und schon heute ist er, dessen +Blick manche in unserer Zeit noch brennen sahen, menschlich etwas ganz +Fernes und Unsinnliches geworden, eine Legende, ein Heros und ein +Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das die erhabenen +Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares umwittert, entirdischt uns +auch sein Antlitz. Nicht aus Dokumenten, sondern einzig aus wissender +Liebe läßt sich sein Schicksal gestalten. + +Allein also und führerlos muß man hinab in das Herz dieses Labyrinths +zu tasten suchen und den Faden Ariadnes, der Seele, vom Knäuel der +eigenen Lebensleidenschaft ablösen. Denn je tiefer wir uns in ihn +versenken, desto tiefer fühlen wir uns selbst. Nur wenn wir an unser +wahres allmenschliches Wesen hinangelangen, sind wir ihm nah. Wer viel +von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der oder keiner das +letzte Maß aller Menschlichkeit gewesen. Und dieser Gang in sein Werk +führt durch alle Purgatorien der Leidenschaft, durch die Hölle der +Laster, führt über alle Stufen irdischer Qual: Qual des Menschen, Qual +der Menschheit, Qual des Künstlers und der letzten, der grausamsten, +der Gottesqual. Dunkel ist der Weg, und von innen muß man glühen in +Leidenschaft und Wahrheitswillen, um nicht in die Irre zu gehen: unsere +eigene Tiefe erst müssen wir durchwandern, ehe wir uns in die seine +wagen. Er sendet keine Boten, einzig das Erlebnis führt Dostojewski zu. +Und er hat keine Zeugen, keine anderen als des Künstlers mystische +Dreieinheit in Fleisch und Geist: sein Antlitz, sein Schicksal und sein +Werk. + + + DAS ANTLITZ + +Sein Antlitz scheint zuerst das eines Bauern. Lehmfarben, fast +schmutzig falten sich die eingesunkenen Wangen, zerpflügt von +vieljährigem Leid, dürstend und versengt spannt sich mit vielen +Sprüngen die rissige Haut, der jener Vampir zwanzigjährigen Siechtums +Blut und Farbe entzogen. Rechts und links starren, zwei mächtige +Steinblöcke, die slawischen Backenknochen heraus, den herben Mund, das +brüchige Kinn überwuchert wirrer Busch von Bart. Erde, Fels und Wald, +eine tragisch elementare Landschaft, das sind die Tiefen von +Dostojewskis Gesicht. Alles ist dunkel, irdisch und ohne Schönheit in +diesem Bauern- und beinahe Bettlerantlitz; flach und farblos, ohne +Glanz dunkelt es hin, ein Stück russische Steppe auf Stein versprengt. +Selbst die Augen, die tief eingesenkten, vermögen aus ihren Klüften +nicht diesen mürben Lehm zu erleuchten, denn nicht nach außen schlägt +klar und blendend ihre gerade Flamme, gleichsam nach innen ins Blut +hinein brennen zehrend ihre spitzen Blicke. Wenn sie sich schließen, +stürzt der Tod sofort über dies Gesicht, und die nervöse Hochspannung, +die sonst die mürben Züge zusammenhält, sinkt nieder ins lethargisch +Unbelebte. + +Wie sein Werk ruft dies Antlitz erst das Grauen vom Reigen der Gefühle +auf, dem sich zögernd Scheu und dann leidenschaftlich, in wachsender +Bezauberung, Bewunderung gesellt. Denn nur die irdische Niederung, die +fleischliche, seines Antlitzes dämmert hin in dieser düster-erhabenen +naturhaften Trauer. Aber wie eine Kuppel, weißstrahlend und gewölbt, +hebt sich ragend über dem engen bäurischen Gesicht die aufstrebende +Rundung der Stirne: aus Schatten und Dunkel steigt blank und gehämmert +der geistige Dom: harter Marmor über den weichen Lehm des Fleisches, +das wüste Dickicht des Haares. Alles Licht strömt in diesem Antlitz +nach oben, und blickt man in sein Bild, so fühlt man immer nur sie, +diese breite mächtige, königliche Stirne, sie, die immer strahlender +leuchtet und sich zu weiten scheint, je mehr das alternde Antlitz in +Krankheit vergrämt und vergeht. Wie ein Himmel steht sie hoch und +unerschütterlich über der Hinfälligkeit des gebrestigen Körpers, Glorie +von Geist über irdischer Trauer. Und auf keinem Bilde leuchtet dies +heilige Gehäuse des sieghaften Geistes glorreicher als von jenem des +Totenbetts, da die Lider schlaff über die gebrochenen Augen gefallen +sind, die entfärbten Hände, fahl und doch fest, das Kreuz gierig +umfassen (jenes arme kleine Holzkruzifix, das einst eine Bäuerin dem +Zuchthäusler schenkte). Da strahlt sie wie von morgens die Sonne über +nächtiges Land nieder auf das entseelte Antlitz und kündet mit ihrem +Glanz die gleiche Botschaft wie alle seine Werke: daß der Geist und der +Glaube ihn erlösten vom dumpfen niederen und körperlichen Leben. In +letzter Tiefe ist immer Dostojewskis letzte Größe: und nie spricht sein +Antlitz stärker als aus seinem Tod. + + + DIE TRAGÖDIE SEINES LEBENS + + »Non vi si pensa quanto sangue costa.« + Dante + +Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck und der zweite dann +Größe. Auch sein Schicksal scheint anfangs dem flüchtigen Blick so +grausam und gemein, wie sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst +empfindet man es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen +Instrumenten der Qual foltern diese sechzig Jahre den hinfälligen +Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend und seinem Alter die Süße +weg, die Säge des körperlichen Schmerzes knirscht in sein Gebein, die +Schraube der Entbehrung wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv, die +brennenden Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch seine +Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich seine +Leidenschaft. Keine Qual ist gespart, keine Marter vergessen. Eine +sinnlose Grausamkeit, eine blindwütige Feindseligkeit scheint dies +Schicksal vorerst. Rückschauend nur begreift man, daß es sich so hart +zum Hammer geschmiedet, weil es Ewiges aus ihm meißeln wollte, daß es +gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein. Denn nichts mißt es +dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends ähnelt sein Lebensgang dem gut +gepflasterten breiten Bürgersteig aller anderen Dichter des neunzehnten +Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes +Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen. Alttestamentarisch, +heroisch und in nichts neuzeitlich und bürgerlich ist Dostojewskis +Schicksal. Ewig muß er mit dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen +Gott empören und ewig sich beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn sicher +werden, nie träge, immer muß er den Gott spüren, der ihn straft, weil +er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er rasten im Glück, damit sein Weg +bis ins Unendliche gehe. Manchmal scheint der Dämon seines Schicksals +schon innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie alle +anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber immer wieder reckt +sich die gewaltige Hand und stößt ihn ins Dickicht zurück, in die +brennenden Dornen. Schleudert es ihn hoch, so ists nur, um ihn in +tiefere Abgründe hinabzustürzen, ihn die ganze Weite der Ekstase und +Verzweiflung zu lehren; es hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo +andere schwach zerschmelzen in Wollust, und wirft ihn in Schlünde +des Leidens, wo alle andern zerschellen in Schmerz: und eben wie +Hiob zerschmettert es ihn immer in den Augenblicken der höchsten +Sicherheiten, nimmt ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und +schändet ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit Gott +zu rechten und ihm durch seine unaufhörliche Empörung und seine +unaufhörliche Hoffnung nur mehr gewonnen sei. Es ist, als hätte +sich diese Zeit lauer Menschen gerade diesen einen aufgespart, um +zu zeigen, welche titanischen Maße in Lust und Qual auch unserer Welt +noch möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf den gewaltigen +Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt er sich gegen sein +Schicksal, niemals hebt er die Faust. Der Körper, der wunde, bäumt sich +konvulsivisch in Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal wie +Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube, zwingt die +Revolte nieder. Der mystisch Wissende in Dostojewski spürt das Heilige +dieser Hand, den tragisch fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem +Leid wird Liebe zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner Qual +umflammt er seine Zeit, seine Welt. + +Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt es ihn nieder. Früh +schon atzt es ihn mit der süßen Speise des Ruhms: sein erstes Buch +schenkt ihm einen Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und +schleudert ihn wieder zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die +Katorga, nach Sibirien. Wieder taucht er, nur noch stärker und mutiger, +empor: seine Memoiren aus dem Totenhause reißen Rußland in einen +Taumel. Der Zar selbst netzt das Buch mit seinen Tränen, die russische +Jugend steht in Flammen für ihn. Er gründet eine Zeitschrift, seine +Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane entstehen. Da bricht im +Wettersturz seine materielle Existenz zusammen, Schulden und Sorgen +peitschen ihn aus dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein +Nomade, irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation. Aber +zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung, taucht er aus +den grauen Gewässern namenloser Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis +bezeugt ihn als den ersten Dichter, den Propheten seines Landes. +Unauslöschlich ist nun sein Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn die +eiserne Hand nieder, und die verzückte Begeisterung seines ganzen +Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen Sarg. Das Schicksal bedarf seiner +nicht mehr, der grausam weise Wille hat alles erreicht, aus seiner +Existenz das Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es nun +die leere Hülse des Körpers hin. + +Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis Leben zum +Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie. Und in wundervoller Symbolik +nimmt sein künstlerisches Werk die typische Form des eigenen Schicksals +an. Es gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge, +wunderbare Spiegelungen, die nicht zu deuten und zu erklären sind. +Schon der Anbeginn seines Lebens ist Symbol: Fedor Michailowitsch +Dostojewski wird im Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so +schon die Stelle seiner Existenz angewiesen, irgendwo im Abseits, im +Verachteten, nahe dem Bodensatz des Lebens und doch mitten im +menschlichen Schicksal, nachbarlich von Leiden, Schmerz und Tod. +Niemals bis zum letzten Tage (er starb in einem Arbeiterviertel, in +einer Winkelwohnung des vierten Stocks) ist er dieser Umgürtung +entronnen, alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines Lebens +bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung im Armenhaus +des Lebens. Sein Vater, Militärarzt wie der Schillers, ist adliger +Abstammung, seine Mutter aus Bauernblut: beide Quellen des russischen +Volkstums strömen so befruchtend in seine Existenz zusammen, +strenggläubige Erziehung wendet schon früh seine Sinnlichkeit zur +Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in einem engen Verschlag, den +er mit seinem Bruder teilt, hat er die ersten Jahre seines Lebens +verbracht. Die ersten Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine Kindheit, +denn dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen. Niemals +hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis Schweigen war immer Scham +oder stolze Angst vor fremdem Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort +in seiner Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd +aufsteigen, zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern. Und doch +meint man ihn zu kennen, blickt man tiefer in die brennenden Augen der +Kindergestalten, die er schuf. Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif, +phantasievoll bis zur Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren +Glut, etwas Großes zu werden, voll jenes gewaltsamen und knabenhaften +Fanatismus, über sich selbst hinauszuwachsen und »für die ganze +Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er +kelchvoll gewesen sein mit Liebe und zugleich der hysterischen Angst, +sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des betrunkenen +Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten und den Jammer der +Entbehrungen, aber doch immer bereit, seine Nächsten vor der Welt zu +verteidigen. + +Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt vortritt, ist die +Kindheit schon weggelöscht. In die ewige Freistatt aller Unbefriedigten, +das Asyl der Vernachlässigten ist er geflohen, in die bunte und +gefährliche Welt der Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem +Bruder gemeinsam gelesen, Tag um Tag und Nacht für Nacht -- schon damals +trieb er, der Unersättliche, jede Neigung bis zum Laster empor --, und +diese phantastische Welt entfernt ihn noch mehr von der Wirklichkeit. +Voll stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er doch bis ins +Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und Eis zugleich, ein +Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine Leidenschaft tappt wirr +umher, geht in diesen »Kellerjahren« alle dunklen Wege der Ausschweifung, +aber immer einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem Glück +und immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot, nur um der paar Rubel +willen, geht er zum Militär: auch dort findet er keinen Freund. Ein paar +dumpfe Jünglingsjahre kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt er +in einem Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend, sinnend, mit allen +geheimen Lastern des Denkens und der Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch +keinen Weg, er lauscht auf sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er +spürt sie mit Wollust und Grauen tief unten gären, er liebt sie und +fürchtet sie, er wagt nicht, sich zu rühren, um dies dumpfe Werden nicht +zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in diesem schwarzen, formlosen +Puppenstand von Einsamkeit und Schweigen, Hypochondrie fällt ihn an, +eine mystische Angst zu sterben, ein Grauen oft vor der Welt, oft vor +sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in der eigenen Brust. +In den Nächten übersetzt er, um seinen verwirrten Finanzen aufzuhelfen +(sein Geld zerfloß, typisch genug, in den gegensätzlichen Neigungen, in +Almosen und Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und Schillers Don +Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen sich langsam eigene +Formen, und endlich reift aus diesem vernebelten traumhaften Zustand von +Angst und Ekstase sein erstes dichterisches Werk, der kleine Roman »Arme +Leute«. + +1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte Menschenstudie +geschrieben, er, der Einsamste, »mit leidenschaftlicher Glut, ja fast +unter Tränen«. Seine tiefste Demütigung, die Armut, hat es gezeugt, +seine höchste Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es +gesegnet. Mißtrauisch betrachtet er die beschriebenen Blätter. Er ahnt +darin eine Frage an das Schicksal, die Entscheidung, und nur mühsam +entschließt er sich, Nekrasoff, dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung +anzuvertrauen. Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam grüblerisch sitzt +er nachts zu Hause, arbeitet, bis die Lampe verqualmt. Plötzlich um vier +Uhr morgens wird heftig an der Klingel gerissen, und Dostojewski, dem +erstaunt Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die Arme, umhalst, küßt ihn und +jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam das Manuskript +gelesen, die ganze Nacht gehorcht, gejubelt und geweint, und am Ende +hielt es beide nicht: sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste +Lebenssekunde, diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. Bis in den +hellen Morgen tauschen die Freunde Glück und Ekstase in heißen Worten. +Dann eilt Nekrasoff zu Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands. +»Ein neuer Gogol ist erstanden«, ruft er schon an der Türe, das +Manuskript wie eine Fahne schwingend. »Bei euch wachsen die Gogols wie +die Pilze«, brummt der Mißtrauische, durch so viel Begeisterung +verärgert. Aber als Dostojewski ihn am nächsten Tag besucht, ist er +verwandelt. »Ja, begreifen Sie denn selbst, was Sie da geschaffen +haben«, schreit er voll Erregung den verwirrten jungen Menschen an. +Grauen überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem neuen +plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe hinab, an der +Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum erstenmal fühlt er und wagt +doch nicht, es zu glauben, daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm +das Herz auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das »Große«, von +dem seine Kindheit wirr geträumt, die Unsterblichkeit, das Leiden für +die ganze Welt. Erhebung und Zerknirschung, Stolz und Demut schwanken +wirr durch seine Brust, er weiß nicht, welcher Stimme er glauben soll. +Trunken taumelt er über die Straße, und in seine Tränen mischen sich +Glück und Schmerz. + +So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung zum Dichter. Auch +hier ahmt die Form seines Lebens die seiner Werke geheimnisvoll nach. +Hier wie dort haben die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik +eines Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives, +und nur die innere Größe und Wahrheit reißt sie empor zum Grandiosen. +In Dostojewskis Leben ist oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es +zur Tragödie. Es ist ganz auf Spannung gestellt: in einzelne Sekunden, +ohne Übergang, sind die Entscheidungen komprimiert, mit zehn oder +zwanzig solcher Sekunden der Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes +Schicksal fixiert. Epileptische Ausbrüche des Lebens -- eine Sekunde +Ekstase und ohnmächtiger Zusammenbruch -- könnte man sie nennen. +Hinter jeder Ekstase steht schon drohend die graue Dämmerung des +erschlaffenden Gefühls, und aus langem Gewölk ballt sich behutsam +der neue mörderische Lebensblitz. Jeder Aufschwung ist bezahlt +durch Niedersturz und diese eine Sekunde der Begnadung mit vielen +hoffnungslosen Stunden des Robots und der Verzweiflung. Der Ruhm, +dieser funkelnde Reif, den ihm Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt +drückt, ist auch gleichzeitig schon der erste Ring einer Fußkette, an +der Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel der Arbeit +schleppt. Die »Hellen Nächte«, sein erstes Buch, bleibt auch das +letzte, das er als freier Mann einzig um der schöpferischen Freude +willen schuf. Dichten besagt für ihn von nun ab auch: erwerben, +zurückerstatten, abzahlen, denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist +vor der ersten Zeile schon mit Vorschuß verpfändet, das noch ungeborene +Kind in die Sklaverei des Gewerbes verkauft. Für immer ist er jetzt in +das Bagno der Literatur gemauert, ein Leben lang gellen die verzweifelten +Schreie des Eingesperrten nach Freiheit, aber erst der Tod bricht seine +Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der ersten Lust. Ein +paar Novellen sind rasch vollendet, und schon plant er einen neuen +Roman. + +Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will nicht, sein wachsamer +Dämon, daß ihm das Leben zu leicht werde. Und damit er es erkennen +lerne in allen seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine +Prüfung. + +Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel, Dostojewski öffnet +erstaunt, aber diesmal ists nicht die Stimme des Lebens, ein jubelnder +Freund, Botschaft des Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und +Kosaken dringen in sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet, seine +Papiere versiegelt. Vier Monate schmachtet er in einer Zelle der +Sankt-Pauls-Festung, ohne das Verbrechen zu ahnen, dessen man ihn +beschuldigt: Teilnahme an den Diskussionen einiger aufgeregter Freunde, +die man übertrieben die Petraschewskysche Verschwörung genannt hat, +ist sein ganzes Delikt, seine Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis. +Dennoch blitzt plötzlich die Verurteilung nieder zur härtesten Strafe, +zum Tode durch Pulver und Blei. + +Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde, die engste und +reichste seiner Existenz, eine unendliche Sekunde, in der sich Tod und +Leben die Lippen reichen zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er +mit neun Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd ihm +umgeworfen, die Glieder an den Pfahl geschnürt und die Augen verbunden. +Er hört sein Todesurteil lesen und die Trommeln knattern -- sein ganzes +Schicksal ist zusammengepreßt in eine Handvoll Erwartung, unendliche +Verzweiflung und unendliche Lebensgier in ein einziges Molekül Zeit. Da +hebt der Offizier die Hand, winkt mit dem weißen Tuche und verliest die +Begnadigung, das Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd. + +In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus seinem ersten +jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen fünfzehnhundert eichene Pfähle +seinen ganzen Horizont. An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag +um Tag die viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine Genossen +sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit Alabasterschleifen, +Ziegeltragen, Schneeschaufeln. Die Bibel wird das einzig verstattete +Buch, ein räudiger Hund und ein flügellahmer Adler seine einzigen +Freunde. Vier Jahre weilt er im »Totenhaus«, in der Unterwelt, Schatten +zwischen Schatten, namenlos und vergessen. Als sie ihm dann die Kette +von den wunden Füßen abschmieden und die Pfähle hinter ihm liegen, eine +braune morsche Mauer, ist er ein anderer: seine Gesundheit zerstört, +sein Ruhm zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine Lebenslust +bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt aus dem +schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers die heiße Flamme der +Ekstase. Ein paar Jahre noch muß er in Sibirien verbleiben, halbfrei +und ohne die Verstattung, eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der +Verbannung, in bitterster Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene +seltsame Ehe mit seiner ersten Frau ein, einer kranken und eigenartigen, +die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert. Irgendeine dunkle Tragödie +der Aufopferung ist in diesem seinen Entschluß für immer der Neugier und +Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in den »Erniedrigten +und Beleidigten« vermag man den schweigsamen Heroismus dieser +phantastischen Opfertat zu ahnen. + +Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine literarischen +Gönner haben ihn fallen gelassen, seine Freunde sich verloren. Aber +mutig und kraftvoll ringt er sich aus der Welle, die ihn niederwarf, +wieder ans Licht. Seine »Erinnerungen aus dem Totenhause«, diese +unvergängliche Schilderung einer Sträflingszeit, reißen Rußland aus der +Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit Grauen entdeckt die ganze +Nation, daß ganz atemnah unter der flachen Schicht ihrer ruhigen Welt +eine andere waltet, ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den Kreml +empor schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über dem Buche, +von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name. In einem einzigen Jahr ist +sein Ruhm wieder erbaut, höher und dauerhafter als je. Gemeinsam mit +seinem Bruder gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst +fast allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger, der +Politiker, der »Praeceptor Russiae«. Stürmisch tönt der Widerhall, die +Zeitschrift hat weiteste Verbreitung, ein Roman wird vollendet, +heimtückisch, mit vielen blinzelnden Blicken lockt ihn das Glück. +Dostojewskis Schicksal scheint für immer gesichert. + +Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem Leben waltet: +Es ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist ihm noch fremd, die Marter +des Exils und die fressende Angst der täglichen, erbärmlichen +Nahrungssorgen. Sibirien und die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung +Rußlands, sie war immerhin noch Heimat gewesen, nun soll er noch die +Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte kennen lernen um der urmächtigen +Liebe zum eigenen Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose, +noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der Dichter, der Herold seiner +Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz nieder, eine Sekunde der +Vernichtung: die Zeitschrift wird verboten. Wieder ist es ein +Mißverständnis und gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt, +Wetterschlag auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben. Seine +Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bruder und gleichzeitig sein bester +Freund und Helfer. Zweier Familien Schulden hängen sich bleiern an ihn +und krümmen sein Rückgrat unter unerträglicher Last. Noch wehrt er sich +verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie im Fieber, schreibt, redigiert, +druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre, die Existenz zu +retten, aber das Schicksal ist stärker als er. Wie ein Verbrecher +flüchtet er vor seinen Gläubigern eines Nachts hinaus in die Welt. + +Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch das europäische +Exil, jene grauenhafte Abschnürung von Rußland, dem Blutquell seines +Lebens, die ärger seine Seele beengte als die Pfähle der Katorga. +Furchtbar ist es auszudenken, wie der größte russische Dichter, der +Genius seiner Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos, +heimatlos, ziellos von Land zu Land irrt. Mit Mühe findet er Herbergen +in kleinen niederen Zimmern, die der Dunst der Armut füllt, der Dämon +der Epilepsie krallt sich an seine Nerven, Schulden, Wechsel, +Verpflichtungen peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit, Verlegenheit und +Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück in sein +Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle Wolken vor. Ein +junges Mädchen, seine Stenographin, war seine zweite Frau geworden, +aber das erste Kind, das sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung, +die Not des Exils schon nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das +Purgatorium, der Vorhof seines Leidens, so ist Frankreich, Deutschland, +Italien sicherlich seine Hölle. Kaum wagt man sich diese tragische +Existenz zu vergegenwärtigen. Aber immer in Dresden, wenn ich durch die +Straßen gehe, vorbei an irgendeinem niederen und schmutzigen Haus, so +faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen kleinen +sächsischen Krämern und Handlangern, oben im vierten Stock, einsam, +unendlich einsam in dieser fremden Geschäftigkeit. Keiner hat ihn +gekannt in all diesen Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt +Friedrich Nietzsche, der einzige, der ihn verstehen könnte, Richard +Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried Keller, die Zeitgenossen sind da, +aber er weiß von ihnen nichts und sie nichts von ihm. Wie ein großes +gefährliches Tier, struppig und in abgetragenen Kleidern, schleicht +er aus seiner Arbeitshöhle scheu auf die Straße, immer den gleichen +Weg, in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um nur +russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren, Heimat, den +bloßen Anblick der cyrillischen Lettern, den flüchtigen Atem des +heimischen Wortes. Manchmal setzt er sich, nicht aus Liebe zur Kunst +(ewig blieb er der byzantinische Barbar, der Bilderstürmer), sondern +um sich zu wärmen, in die Galerie. Er weiß nichts von den Menschen, +die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Russen sind, haßt die +Deutschen in Deutschland, die Franzosen in Frankreich. Sein Herz horcht +nach Rußland, nur sein Körper vegetiert teilnahmslos in dieser fremden +Welt. Kein Gespräch, keine Begegnung hat irgendeiner der deutschen, +französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur im Bankhaus +kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den Schalter kommt und mit +vor Erregung zitternder Stimme fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus +Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach +in Worten vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt. Schon +lachen die Angestellten über den armen Narren und seine ewige Erwartung. +Auch im Pfandleihhaus ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt, +einmal sogar seine letzte Hose, um nur ein Telegramm nach Petersburg +senden zu können, einen jener markerschütternden Schreie, wie sie immer +wieder gellend in seinem Briefe wiederkehren. Das Herz krampft sich +zusammen, liest man die speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe +dieses Gewaltigen, in denen er um zehn erbetener Rubel willen fünfmal +den Heiland anruft, diese entsetzlichen Briefe, die keuchen, heulen und +winseln für eine erbärmliche Handvoll Geld. Die Nächte hindurch arbeitet +er und schreibt, während seine Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während +die Epilepsie schon die Kralle spannt, ihm das Leben aus der Kehle zu +pressen, während die Hausfrau mit der Polizei um ihre Miete droht und +die Hebamme um ihre Bezahlung keift -- schreibt er »Raskolnikoff«, den +»Idioten«, die »Dämonen«, den »Spieler«, diese monumentalen Werke des +neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen Gestaltungen unserer ganzen +seelischen Welt. Die Arbeit ist seine Rettung und seine Qual. In ihr +lebt er in Rußland, in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in Europa, +in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine Werke hinein. +Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht, sie sind das Spiel, +das seine Nerven, die gepeinigten, zu höchster Lust anspannt. Und +zwischendurch zählt er, wie einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig +die Tage: Heimkehren können als Bettler, aber nur heimkehren! Rußland, +Rußland, Rußland ist der ewige Schrei seiner Not. Aber noch darf er +nicht zurück, noch muß er der Namenlose bleiben um des Werkes willen, +der Märtyrer all dieser fremden Straßen, der einsame Dulder ohne Schrei +und Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen, ehe er aufsteigt +in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms. Schon ist sein Körper +ausgehöhlt von den Entbehrungen, immer häufiger schmettern die +Keulenschläge der Krankheit auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt +liegen bleibt, mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft +taumelnd wieder an den Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre ist +Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden erlebt. + +Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick sein Schicksal: Es +ist genug. Gott wendet Hiob wieder sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig +Jahren darf Dostojewski wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben +für ihn geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet. Rußland blickt +nur mehr auf ihn. Das »Tagebuch eines Schriftstellers« macht ihn zum +Herold seines Volkes, und mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet +er sein Testament an die Zukunft der Nation: »Die Karamasoff«. Und nun +entschleiert sein Schicksal endgültig ihm den Sinn und schenkt dem +Geprüften eine Sekunde höchsten Glücks, die ihm weisen soll, daß der +Same seines Lebens in unendlicher Saat aufgegangen ist. Endlich ist in +einem Augenblick Dostojewskis sein Triumph so zusammengedrängt wie einst +seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein Gott, aber diesmal nicht einen, +der ihn niederschlägt, sondern einen, der ihn wie seine Propheten mit +feurigem Wagen ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag Puschkins +sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede zu halten. +Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der ein Leben lang ihm den Ruhm +usurpierte, hat den Vorrang und spricht unter lauer und freundlicher +Zustimmung. Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und er +faßt es in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil. Mit Flammen +der Ekstase, die aus seiner leisen, heiseren Stimme plötzlich wie +ein Gewitter bricht, verkündet er die heilige Mission der russischen +Allversöhnung, wie hingemäht stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal +erbebt unter der Explosion des Jubels, Frauen küssen ihm die Hände, +ein Student bricht ohnmächtig vor ihm zusammen, alle anderen Redner +verzichten auf das Wort. Ins Unendliche wächst die Begeisterung und +feurig entbrennt die Glorie über dem Haupt mit der Dornenkrone. + +Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden Minute die +Erfüllung seiner Mission, den Triumph des Werkes zeigen. Dann wirft es +-- die reine Frucht ist gerettet -- die verdorrte Hülse seines Körpers +hin. Am 10. Februar 1881 stirbt Dostojewski. Ein Schauer geht durch +Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer. Aber dann flutets heran, aus +den fernsten Städten reisen gleichzeitig und doch ohne Vereinbarung +Deputationen, ihm die letzte Ehre zu erweisen. Aus allen Winkeln der +tausendhäuserigen Stadt schäumt jetzt -- zu spät! zu spät! -- die +ekstatische Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den sie +ein Leben lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der er aufgebahrt ist, +braust schwarz von Menschen, finstere Massen schwemmen in schauerndem +Schweigen die Stiegen des Arbeiterhauses empor und füllen die engen +Räume bis hart an den Sarg. Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck +verschwunden, unter den man ihn gebettet, weil hundert Hände sich +einzelne Blüten als kostbare Reliquie mitnehmen. So stickig wird die +Luft des engen Raumes, daß die Kerzen keine Nahrung mehr haben und +verlöschen. Immer drängender fluten die Massen heran, Welle auf Welle +gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt der Sarg und will +hinstürzen: mit den Händen müssen ihn die Witwe, die erschreckten +Kinder aufrecht halten. Der Polizeipräsident will das öffentliche +Leichenbegängnis verbieten, bei dem die Studenten die Ketten des +Sträflings hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es +schließlich nicht gegen eine Begeisterung, die sonst mit Waffen sich +die Teilnahme erzwungen hätte. Und bei dem Leichenzuge wird plötzlich +Dostojewskis heiliger Traum für eine Stunde zum Geschehnis: das einige +Rußland. Wie in seinem Werk durch das bruderselige Gefühl alle Klassen +und Stände Rußlands, so sind die Hunderttausende hinter dem Sarg durch +ihren Schmerz eine einzige Masse; junge Prinzen, prunkvolle Popen, +Arbeiter, die Studenten, Offiziere, Lakaien und Bettler, sie alle unter +einem wehenden Wald von Fahnen und Bannern klagen mit einer Stimme um +den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn eingesegnet, ist ein +einziger Blumenhain, und vor seinem offenen Grabe vereinigen sich +alle Parteien zu einem Schwur der Liebe und Bewunderung. So schenkt er +seiner Nation mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung +und hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei gespannten +Gegensätze seiner Zeit zusammen. Und wie ein grandioser Salut für den +Toten springt hinter seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die +Revolution. Drei Wochen später wird der Zar ermordet, der Donner des +Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung durchzucken das Land: Wie +Beethoven stirbt Dostojewski im heiligen Aufruhr der Elemente, im +Gewitter. + + + SINN SEINES SCHICKSALS + + Ein Meister bin ich worden + Zu tragen Lust und Leid, + Und meine Lust zu leiden, + Ward mir zur Seligkeit. + Gottfried Keller + +Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski und seinem Schicksal, +eine Art liebevoller Feindschaft. Alle Konflikte spitzt es ihm +schmerzhaft zu, alle Kontraste dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft +auseinander; es tut ihm weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er liebt +es, weil es ihn so stark faßt, denn im Leiden erkennt dieser Wissendste +die stärkste Möglichkeit des Gefühls. Nie gibt das Schicksal ihn frei, +immer knechtet es ihn aufs neue, um diesen einen gläubigen Menschen +sich zum ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit zu erschaffen. +Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht seines Lebens bis zum +Morgenrot des Todes und läßt ihn nicht aus der Umkrampfung, ehe er es +nicht gesegnet hat. Und Dostojewski, der »Gottesknecht«, begreift die +Größe dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig +Bezwungene unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden Lippen küßt er +sein Kreuz: »Es gibt für den Menschen kein notwendigeres Gefühl, als +sich vor dem Unendlichen beugen zu können.« In die Knie gebrochen unter +der Last seines Schicksals, hebt er fromm die Hände und bezeugt die +heilige Größe des Lebens. + +In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski durch Demut +und Erkenntnis der große Überwinder alles Leidens geworden, der +mächtigste Meister und Umwerter seit den Tagen des Testaments. Nur +durch die Gewalttätigkeiten seines Schicksals ward er selbst gewaltig, +und die Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz fallen, +schmieden erst seine innere Kraft. Je tiefer sein Körper stürzt, desto +höher schwingt sich sein Glaube, je mehr er als Mensch erleidet, um so +seliger erkennt er den Sinn und die Notwendigkeit des Weltleidens. Amor +fati, die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als das +fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder Feindlichkeit +nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als Heil. Wie Bileam verwandelt +jeder Fluch sich dem Auserwählten zum Segen, jede Erniedrigung in +Erhöhung. In Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus an +den Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in uns unverständlicher +Demut küßt er immer wieder die Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch +fahl vom Sarge erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit +des Lebens abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben, aus seinen +Krämpfen und epileptischen Zuckungen, noch Schaum vor dem Munde, rafft +er sich auf, den Gott zu lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt. +Alles Leiden zeugt in seiner aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden, +unersättlichen, lechzenden flagellantischen Durst nach neuen +Märtyrerkronen. Schlägt ihn das Schicksal hart, so stöhnt er, blutend +zusammenstürzend, schon nach neuen Schlägen. Jeden Blitz, der ihn +trifft, fängt er auf und verwandelt, was ihn verbrennen sollte, in +seelisches Feuer und schöpferische Ekstase. + +Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des Erlebnisses verliert +das äußere Schicksal gänzlich seine Herrschaft. Was Strafe und Prüfung +scheint, wird dem Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen +soll, richtet den Dichter erst eigentlich auf. Was einen Schwächeren +zermalmt hätte, stählt diesem Ekstatiker nur die Kraft. Das Jahrhundert, +das gern mit Sinnbildern spielt, gibt eine Probe solcher Doppelwirkung +gleichen Erlebnisses. Einen anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde, +streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von Namen, +Adelige von Rang, eines Tages aus der bürgerlichen Sphäre ihrer Existenz +ins Zuchthaus hinab. Aber der Dichter Wilde wird in dieser Prüfung +zermalmt wie in einem Mörser, der Dichter Dostojewski aus ihr erst +geformt wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch sozial +empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen, fühlt +sich geschändet durch das bürgerliche Brandmal, und das Furchtbarste an +Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter +Edelmannsleib in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte +Wasser hinab muß. Eine ganz privilegierte Klasse, die Kultur der +Gentlemen, schauert in seinem Grauen vor der physischen Vermengung mit +dem Gemeinen. Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen, brennt +dieser Gemeinsamkeit entgegen mit schicksalstrunkener Seele, zum +Purgatorium seines Stolzes wird ihm das gleiche schmutzige Bad. Und +in der demütigen Hilfeleistung eines schmierigen Tartaren erlebt er +ekstatisch das christliche Mysterium der Fußwaschung. Wilde, in dem der +Lord den Menschen überlebt, leidet bei den Sträflingen unter der Furcht, +sie möchten ihn für ihresgleichen nehmen, Dostojewski leidet nur so +lange, als Diebe und Mörder ihm noch die Bruderschaft verweigern, +denn er fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft als Makel, als +Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle und Diamant gleiches +Element, so ist dies Doppelschicksal eines und doch ein anderes für +diese beiden Dichter. Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt, +Dostojewski beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke in +gleicher Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte formt. Wilde wird +gezüchtigt wie ein Knecht, weil er sich wehrt, Dostojewski triumphiert +über sein Schicksal durch Liebe zu seinem Schicksal. + +Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski, solch ein +Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur ein härtestes Schicksal ihm +gemäß war. Denn gerade aus den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er +die höchsten inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm +Gewinn, seine Laster Steigerungen, seine Hemmungen Auftriebe. Sibirien, +die Katorga, die Epilepsie, die Armut, die Spielwut, die Wollüstigkeit, +all diese Krisen seiner Existenz werden durch eine dämonische +Umwertungskraft fruchtbar in seiner Kunst, denn wie die Menschen ihre +kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der Bergwerke, zwischen +den Gefahren schlagender Wetter, tief unter der spaziergängerischen +Fläche des gesicherten Lebens, so gewinnt der Künstler seine +flammendsten Wahrheiten, seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den +gefährlichsten Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen eine +Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine Errungenschaft +ohnegleichen, weil Triumph des Menschen über sein Schicksal, eine +Umwertung der äußeren Existenz durch die innere Magie. + +Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft über einen +siechen, gebrestigen Körper. Vergessen wir nicht, daß Dostojewski ein +Kranker war, daß dieses eherne unvergängliche Werk aus geborstenen +hinfälligen Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven +gewonnen ist. Mitten durch seinen Körper war gefährlichstes Leiden +gepfählt, ewig gegenwärtiges grauenhaftes Sinnbild des Todes: die +Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker die ganzen dreißig Jahre seiner +Künstlerschaft. Mitten im Werk, auf der Straße, im Gespräch, selbst im +Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des »würgenden Dämons« um seine +Kehle und schmettert ihn so jäh, Schaum vor dem Munde, zu Boden, daß +der überraschte Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse Kind +spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften psychischen +Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr, zum Blitz wird aber »die +heilige Krankheit« erst im Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die +ungeheuere Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie jedes +Unglück, wie Armut und Entbehrung, bleibt die Körpernot Dostojewski +treu bis in die letzte Stunde. Seltsam aber: niemals lehnt sich der +Gemarterte mit einem Wort gegen die Prüfung auf. Nie klagt er über +sein Gebrechen wie Beethoven über seine Taubheit, Byron über seinen +verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden, ja nirgends ist +bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen Heilung gesucht habe. Getrost +darf man das Unwahrscheinliche als gewiß nehmen, daß er mit jener +unendlichen Amor fati diese seine Krankheit liebte, als Schicksal +liebte wie jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters +bändigt das Leiden des Menschen: Dostojewski wird Herr seines Leidens, +indem er es belauscht. Die äußerste Gefahr seines Lebens, die +Epilepsie, er verwandelt sie in ein höchstes Geheimnis seiner Kunst: +eine nie gekannte geheimnisvolle Schönheit saugt er aus diesen +Zuständen, die wundervoll in den Augenblicken taumelnden Vorgefühls +gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur ist hier der +Tod mitten im Leben erlebt und in dieser einen Sekunde vor dem +jedesmaligen Sterben, die stärkste, berauschendste Essenz des Seins, +die pathologisch gesteigerte Anspannung des »Sichselbstempfindens«. +Wie ein magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer wieder seinen +intensivsten Lebensaugenblick, die Minute am Semenowski-Platz ins Blut +zurück, als sollte er niemals den grausigen Kontrast zwischen dem All +und dem Nichts in seinem Gefühl verlernen. Auch hier schnürt immer +Dunkel den Blick, auch hier stürzt wie Wasser aus übervoller, gebeugter +Schale die Seele dem Körper aus, schon zittert sie mit gespannten +Flügeln zu Gott empor, schon spürt sie überirdisches Licht auf den +entkörperten Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt, schon +sinkt die Erde, schon tönen die Sphären -- da stürzt ihn der Donner +des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine Leben hinab. Immer wenn +Dostojewski diese eine Minute beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl, +das seine unerhörte Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine +Stimme leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick des +Grauens zum Hymnus: »Ihr gesunden Menschen, ihr ahnt nicht,« predigt er +begeistert, »welches Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem +Anfall durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im Paradies +gewesen in der kurzen Frist, da sein Krug umstürzte und das Wasser +ausrann, und alle klugen Narrenköpfe behaupten, er sei ein Lügner und +Betrüger. Das ist aber nicht wahr, er lügt nicht. Sicher war er im +Paradies während eines epileptischen Anfalls, einer Krankheit, an der +er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese Wonnesekunde Stunden +dauert, aber glaubt mir, alle Freude des Lebens möchte ich nicht dafür +eintauschen.« + +In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick über das Einzelne +der Welt hinaus und umfaßt in loderndem Allgefühl die Unendlichkeit. +Aber was er verschweigt, ist die bittere Züchtigung, mit der er jede +dieser krampfhaften Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter +Zusammenbruch klirrt die kristallenen Sekunden in reißende Scherben, +mit zerbrochenen Gliedern und stumpfen Sinnen stürzt er, ein anderer +Ikarus, in die irdische Nacht zurück. Das Gefühl, noch geblendet vom +unendlichen Licht, tastet sich mühsam im Gefängnis des Körpers zurecht, +wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden des Seins, die eben mit +seligen Schwingen Gottes Antlitz umfingen. Dostojewskis Zustand nach +jedem Anfall ist ein fast idiotisches Dämmern, dessen ganzes Grauen +er sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer Deutlichkeit +ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen, oft zerstoßenen +Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem Laut, die Hand nicht der Feder, +mürrisch und niedergeschlagen wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft. +Die Helligkeit des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in +harmonischer Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich der +nächsten Dinge nicht mehr zu erinnern, der Lebensfaden, der ihn der +Umwelt, der ihn seinem Werk verbindet, ist zerrissen. Einmal, nach +einem Anfall während der Niederschrift der »Dämonen«, fühlt er mit +Grauen, daß ihm nichts mehr bewußt ist von all den Geschehnissen der +eigenen Erfindung, selbst den Namen des Helden hat er vergessen. Erst +mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung hinein, treibt die +erschlaffenden Visionen mit drängendem Willen wieder zu voller Glut +auf, bis -- bis ihn eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen +der Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des Todes auf +den Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung, sind seine letzten, die +gewaltigsten Romane entstanden. Auf der Kippe zwischen Tod und +Wahnsinn, nachtwandlerisch sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig +empor, und aus diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig Auferstandenen +jene dämonische Kraft, das Leben gierig zu umklammern, um ihm sein +Höchstes an Gewalt und Leidenschaft zu entpressen. + +Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis dankt Dostojewskis Genie +so viel (Mereschkowski hat die Antithese blendend durchgeführt) als +Tolstoi seiner Gesundheit. Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten +Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden nicht gegeben sind, hat +ihm geheimnisvollen Blick verliehen in die Unterwelt des Gefühles und +die Zwischenreiche der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines +Wesens, dies Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen des +Intellekts in die letzten Labyrinthe des Gefühls, hat ihn befähigt, +zum ersten Male den pathologischen Geschehnissen ihre Metaphysik zu +geben, und voll zu schildern, was sonst das analytische Skalpell der +Wissenschaft nur unvollkommen am abgestorbenen klinischen Fall ertastet. +Wie Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom Hades, so bringt er, +der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste Beschreibung aus dem Land +der Schatten und Flammen und bezeugt mit seinem Blut und dem kalten +Schauer seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände zwischen Leben +und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das Höchste der Kunst, das +Stendhal einmal formulierte, »d'inventer des sensations inédites«, +Gefühle, die bei uns alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der +kühlen Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen, in voller +tropischer Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit des Kranken läßt +ihn die letzten Worte der Seele erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt, +die gesteigerte Feinfühligkeit mißt mit stärkstem Ausschlag die +zartesten Vibrationen der Sinne, und eine mystische Scharfsichtigkeit in +den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm seherische Gabe des zweiten +Gesichts, die Magie des Zusammenhangs. O wunderbare Verwandlung, +fruchtbar in allen Krisen des Herzens! Der Künstler Dostojewski zwingt +sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt nur neue +Größe aus neuem Maß. Denn für ihn bedeuten Glück und Leid, die Endpunkte +des Gefühls, eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit den +gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern mit den siedenden +Graden seiner eigenen Phrenesie. Das Maximum an Glück, einem andern ist +es Genuß einer Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer +aber durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski sind +die Siedepunkte des Empfindens schon im Unerträglichen, im Tödlichen. +Sein Glück ist Spasma, der schäumende Krampf, seine Qual die +Zerschmetterung, der Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig +komprimierte essentielle Zustände, die im Irdischen keine Dauer haben +können, die solche Hitzegrade erreichen, daß kaum eine Sekunde sie in +ihren Händen halten kann und schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben +ständig den Tod erlebt, kennt ein urmächtigeres Grauen als der Normale, +wer die körperlose Schwebe gefühlt, eine höhere Lust als ein Körper, der +nie die harte Erde ließ. Sein Begriff von Glück meint die Verzückung, +sein Begriff von Qual die Vernichtung. Darum hat auch das Glück seiner +Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, sondern es flimmert +und brennt wie Feuer, es zittert von verhaltenen Tränen und schwült von +Gefahr, es ist ein unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden +mehr als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das den gemeinen +Zustand von dumpfer würgender Angst, von Last und Grauen schon +überbrückt hat, eine eiskalte, beinahe lächelnde Klarheit, eine +teuflische Gier der Bitterkeit, die keine Träne kennt, ein trockenes +kollerndes Lachen und ein dämonisches Grinsen, in dem wiederum beinahe +schon Lust ist. Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit des Gefühles +ähnlich weit aufgerissen, nie die Welt so schmerzhaft weit gespannt als +zwischen diesem neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits +aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat. + +In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat, und nur aus +ihr ist Dostojewski zu verstehen. Er ist das Opfer eines zwiespältigen +Lebens und -- als leidenschaftlicher Bejaher seines Schicksals -- darum +Fanatiker seines Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen +Temperaments entsteht einzig aus der fortwährenden Reibung dieser +Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt der Maßlose in ihm den +eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander zu Himmel und Hölle: +nie verheilt die klaffende Wunde im brennenden geistigen Fieber des +Schaffens. Dostojewski, der Künstler, ist das vollkommenste +Gegensatzprodukt, der größte Dualist der Kunst und vielleicht der +Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen Urwillen seiner +Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte Liebe zum Glücksspiel. Der +Knabe schon ist leidenschaftlicher Kartenspieler, aber erst in Europa +lernt er den Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das Rouge et Noir, +das Roulett, dieses in seinem primitiven Dualismus so grausam +gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in Baden-Baden, die Spielbank in +Monte Carlo sind seine stärksten Ekstasen in Europa: mehr als die +Sixtinische Madonna, die Plastiken Michelangelos, die Landschaften des +Südens, Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen Nerv. Denn +hier ist Spannung, Entscheidung -- Schwarz oder Rot, gerad oder +ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn oder Verlust -- in eine einzige +Sekunde des rollenden Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener +schmerzhaft-lustvollen Blitzform des springenden Gegensatzes, die +einzig seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge, die +Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner fiebrischen Ungeduld +unerträglich, er mag nicht Geld verdienen auf deutsche, auf +»Wurstmacherart«, durch Umsicht, Sparsamkeit und Berechnung, ihn reizt +der Zufall, die Hingabe an das Ganze. Die Form seines äußern Schicksals +ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter Herausforderung +bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur der Entscheidungen in eine +einzige Sekunde, die zur Spitze geschärfte Sensation, die ihre glühende +Nadel tief in den Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im +Vorgefühl und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und jener +unvergeßlichen Sekunde vom Semenowski-Platz. Wie das Schicksal mit ihm +spielte, so spielt er nun mit dem Schicksal: er reizt den Zufall zu +künstlichen Spannungen, und gerade wenn er gesichert ist, wirft er +immer mit zitternder Hand seine ganze Existenz auf den grünen Tisch. +Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger, sondern aus unerhörtem +»unanständigem«, aus Karamasoffschem Lebensdurst, der alles in den +stärksten Essenzen will, aus krankhafter Sehnsucht nach Schwindligkeit, +aus jenem »Turmgefühl«, der Lust, sich über den Abgrund zu beugen. Denn +er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das Dämonische des Zufalls, +er liebt in fanatischer Demut die Mächte, die stärker sind als seine +Eigenmacht, und lockt mit ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen +Blitz auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel das Schicksal: +was er einsetzt, ist nicht Geld und immer sein letztes Geld, sondern +damit seine ganze Existenz; was er ihm abgewinnt, ist äußerster +Nervenrausch, tödliche Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl. +Selbst im goldenen Gift hat Dostojewski nur neuen Durst nach dem +Göttlichen getrunken. + +Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede andere über +alles Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein in das Laster trieb. +Haltzumachen, Vorsicht, Bedenklichkeit waren diesem Titanentemperament +fremd: »Überall und in allem mein ganzes Leben lang habe ich die Grenze +überschritten.« Und dies, Grenzen zu überschreiten, ist künstlerisch +seine Größe wie menschlich seine Gefahr: er macht nicht halt vor den +Zäunen der bürgerlichen Moral, und niemand weiß genau zu sagen, wie +weit sein Leben die juridische Grenze überschritten hat, wieviel von +den verbrecherischen Instinkten seiner Helden in ihm selbst Tat +geworden ist. Einzelnes ist bezeugt, doch wohl das Geringere nur. Als +Kind hat er betrogen im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr +Marmeladow in »Schuld und Sühne« aus Gier nach Branntwein die Strümpfe +seiner Frau, so stiehlt auch Dostojewski der seinen Geld und ein Kleid +aus dem Schrank, um es im Roulett zu verspielen. Wie weit seine +sinnlichen Ausschweifungen aus den »Kellerjahren« ins Perverse +hinüberzittern, wieviel von den »Spinnen der Wollust« Swidrigailow, +Stawrogin und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in sexuellen +Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern. Seine +Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln jedenfalls in der +geheimnisvollen Kontrastgier von Verderbtheit und Unschuld, aber es ist +nicht wesenhaft, diese Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind) +zu erörtern. Wichtig ist nur, nicht zu verkennen, daß dem Heiland, dem +Heiligen, dem Aljoscha in Dostojewski-Karamasow der Gegenspieler des +Wollüstlings, des überreizten Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im +Blute verschwistert war. + +Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit +Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht im linden Sinn +Goethes, der einst in dem berühmten Worte sagte, daß er die Anlagen zu +allen Schändlichkeiten und Verbrechen lebendig in sich empfände. Denn +Goethes ganze gewaltige Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige, +ungeheuere Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime in sich +auszuroden. Der Olympier will zur Harmonie, seine höchste Sehnsucht +ist Zerstörung alles Gegensatzes, Erkältung des Blutes, die ruhevolle +Schwebe der Kräfte. Er verschneidet die Sinnlichkeit in sich, er rottet +unter stärksten Blutverlusten für seine Kunst alle gefährlichen Keime +allmählich um der Sittlichkeit willen aus, allerdings mit dem Gemeinen +auch viel von seiner Kraft vernichtend. Dostojewski aber, leidenschaftlich +in seinem Dualismus wie in allem, was ihm vom Leben zugefallen, will +nicht empor zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er bindet nicht seine +Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie auseinander zu +Gott und Teufel und hat dazwischen die Welt. Er will unendliches Leben. +Und Leben ist ihm einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des +Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das Schlechte, das +Gefährliche und das Fördernde, muß empor, alles wird an seiner tropischen +Leidenschaft Blüte und Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern, +ungehemmt seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins Leben +jagen. Er liebt seine Laster, seine Krankheit, das Spiel, seine Bosheit +und selbst die Wollust, weil sie eine Metaphysik des Fleisches ist, +ein Wille des Genusses ins Unendliche hinein. Goethe will zum +Antikisch-Apollinischen, Dostojewski zum Bacchantischen. Er will nicht +Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch sein. Seine +Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine Norm, sondern einzig auf +Intensität. Richtig leben heißt für ihn: stark leben und alles leben, +beides zugleich, das Gute und das Schlechte, und beides in seinen +stärksten, berauschendsten Formen. Deshalb hat Dostojewski nie eine Norm +gesucht, sondern immer nur die Fülle. Neben ihm steht Tolstoi inmitten +seines Werkes beunruhigt auf, hält inne, läßt die Kunst und quält sich +ein Leben lang, was gut sei, was böse, ob er richtig lebe oder falsch. +Tolstois Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet, das +Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein Schicksal. Er handelt +nicht zweckmäßig, nicht bewußt, er prüft sich nicht, er verstärkt sich +nur. Tolstoi klagt sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke. +Dostojewski schweigt, aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom, als alle +Anklagen Tolstois. Dostojewski will sich nicht beurteilen, nicht +verändern, nicht verbessern, nur immer eines: sich verstärken. Gegen das +Böse, gegen das Gefährliche seiner Natur leistet er keinen Widerstand, +im Gegenteil, er liebt seine Gefahr als Antrieb, er vergöttert seine +Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die Demut. Kindlich wäre es +darum, das Dämonische seines Wesens zu verschweigen (das dem Göttlichen +so nahe verschwistert ist), ihn moralisch zu »entschuldigen« und für die +kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten, was die elementare +Schönheit des Maßlosen hat. + +Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten aus der »Jugend«, +den Stawrogin der »Dämonen«, den Swidrigailow des »Raskolnikoff«, diese +Fanatiker des Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese +wissenden Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die niedrigsten +Formen der Sinnlichkeit persönlich bewußt, denn eine geistige Liebe zur +Ausschweifung ist vonnöten, um diesen Gestalten ihre grausame Realität +zu geben. Seine unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem +doppelten Sinn, kannte die der fleischlichen Trunkenheit, wo sie in den +Schlamm taumelt und Unzucht wird, bis zu ihren feinsten geistigen +Abstiegen, wo sie zur Bosheit, zum Verbrechen erstarrt, er kannte sie +unter allen ihren Masken, und mit wissendstem Blick lächelt er in ihre +Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo die Liebe +fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft und +stürzende Träne. All diese geheimnisvollen Essenzen waren in ihm und +nicht nur in flüchtigen chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften +Dichter, sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller +Erregung und einer fühlbaren Vibration der Sinne ist jede Ausschweifung +bei ihm geschildert und vieles wohl mit Lust erlebt. Damit meine ich +aber nicht (Blutfremde mögen es so verstehen), daß Dostojewski ein +Wüstling war, einer, der sich freute am Fleischlichen, ein Lebemann. +Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein Leibeigener des +Triebes, Sklave einer herrischen geistigen und körperlichen Neugier, +die ihn mit Ruten ins Gefährliche hineinpeitschte, ins Dornendickicht +der abseitigen Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen, +sondern Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft, das immer +wieder und wieder Empfindenwollen der geheimnisvollen gewitterigen +Schwüle der Epilepsie, Konzentration des Gefühles in ein paar gespannte +Sekunden gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz in die +Reue. Er liebt in der Lust nur das Flimmern von Gefahr, das Spiel der +Nerven, dies Naturhafte innerhalb des eigenen Körpers, er sucht in +einer seltsamen Mischung von Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust +das Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung die Unschuld, +im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis Sinnlichkeit ist ein Labyrinth, +in dem sich alle Wege verschlingen, Gott und das Tier sind nachbarlich +in einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das Symbol der +Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der Heilige gerade der Sohn +Fedors, der grausamen »Spinne der Wollust« ist. Wollust zeugt die +Reinheit, das Verbrechen die Größe, Lust das Leiden und das Leiden +wieder Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze: zwischen Himmel und +Hölle, Gott und Teufel spannt sich seine Welt. + +Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein zwiespältiges +Schicksal, amor fati ist darum Dostojewskis letztes und einziges +Geheimnis, der schöpferische Feuerquell seiner Ekstase. Eben +weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen war, weil es ihm +Unermeßlichkeiten des Gefühles im Leiden auftat, hat er das +grausam-gütige, göttlich-unverständliche, ewig unerlernbare, ewig +mystische Leben geliebt. Denn sein Maß ist die Fülle, die Unendlichkeit. +Nie wollte er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig sich +selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie inneren +und äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten der Sensation, +Entzündungen des Nervs. Was Keim war in ihm, Keim des Guten und des +Bösen, jede Leidenschaft, jedes Laster hat er aufgesteigert durch +Begeisterung und Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem +wissenden Blut. Restlos gibt sich der Spieler in ihm als Einsatz an das +leidenschaftliche Spiel der Mächte, denn nur im Rollen von Schwarz und +Rot, Tod oder Leben, spürt er taumlig-süß die ganze Wollust seiner +Existenz. »Du hast mich hineingestellt, du wirst mich wieder +hinausführen«, ist mit Goethe seine Antwort an die Natur. »Corriger la +fortune«, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen, abzuschwächen, fällt +ihm nicht bei. Nie sucht er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe, +nur Steigerung des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein +Gefühl zu neuen Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen, sondern +die höchste Summe des Gefühls. Er will nicht wie Goethe zum Kristall +erstarren, kalt mit hundert Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern +Flamme bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich +sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer mit gesteigerter +Kraft und aus gespannterem Gegensatz. Er will nicht das Leben meistern, +sondern das Leben fühlen. Nicht der Herr sein, sondern der fanatische +Leibeigene seines Schicksals. Und nur so, als der »Gottesknecht«, der +Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen werden. + +Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an das Schicksal +zurückgegeben: dadurch wird sein Leben gewaltig über die zufällige +Zeit. Er ist der dämonische Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in +seiner Gestalt ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht unserer +Epoche noch einmal der schon vergangen geglaubte Dichter mystischer +Zeiten, der Seher, der große Rasende, der Schicksalsmensch. Etwas +Urzeitliches und Heroisches liegt in dieser titanischen Gestalt. +Steigen die anderen literarischen Werke wie beblümte Berge aus den +Niederungen der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar noch, aber +schon gesänftigt in Dauer und zugänglich selbst in ihren Höhen, wo sie +mit weißer Schneekrone ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe +seiner Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares +Gestein. Aber aus dem Krater seiner zerrissenen Brust reicht Glut bis +zum untersten feurig-flüssigen Kern unserer Welt: hier sind noch +Zusammenhänge mit aller Anfänge Anfang, mit dem Elementaren der +Urkraft, und schaudernd spüren wir in seinem Schicksal und Werk die +geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit. + + + DIE MENSCHEN DOSTOJEWSKIS + + »O glaubet nicht an die Einheit des + Menschen.« Dostojewski + +Vulkanisch er selbst, vulkanisch darum seine Helden, denn jeder Mensch +bezeugt im letzten nur den Gott, der ihn erschuf. Sie sind nicht +friedlich eingeordnet in unsere Welt, überall reichen sie mit ihrem +Empfinden bis zu den Urproblemen hinab. Der moderne Nervenmensch in +ihnen ist gepaart dem Wesen des Anfangs, das nichts vom Leben weiß als +seine Leidenschaft, und mit den letzten Erkenntnissen stammeln sie +gleichzeitig die ersten Fragen der Welt. Ihre Formen sind noch nicht +ausgekühlt, ihr Gestein nicht geschichtet, ihre Physiognomien nicht +geglättet. Ewig unvollendet sind sie und darum doppelt lebendig. Denn +der vollendete Mensch ist ja gleichzeitig schon der abgeschlossene, +und bei Dostojewski drängt alles ins Unendliche hinaus. Ihm erscheinen +Menschen nur insolange als Helden und künstlerisch gestaltungswert, als +sie mit sich entzweit sind, problematische Naturen: die Vollendeten, +die Ausgereiften schüttelt er von sich ab wie der Baum seine Frucht. +Dostojewski liebt seine Menschen nur, solange sie leiden, solange sie +die gesteigerte, zwiespältige Form seines eigenen Lebens haben, solange +sie Chaos sind, das sich in Schicksal verwandeln will. + +Stellen wir seine Helden vor ein anderes Bild, um sie in ihrer +wundervollen Sonderheit besser zu verstehen. Vergleichen wir. Rufen wir +einen Helden Balzacs als den Typus französischen Romans in uns auf, so +entsteht unbewußt eine Vorstellung von Geradlinigkeit, Umgrenztheit und +innerer Geschlossenheit. Ein Begriff, deutlich wie eine geometrische +Figur und gesetzvoll wie sie. Alle Menschen Balzacs sind aus einer +einzigen, durch die seelische Chemie genau bestimmbaren Substanz +gefertigt. Sie sind Elemente und haben alle wesenhaften Eigenschaften +eines solchen, also auch typische Formen der Reaktion im Moralischen +und Psychischen. Sie sind kaum Menschen mehr, sondern beinahe schon +menschgewordene Eigenschaft, Präzisionsmaschinen einer Leidenschaft. +Für jeden Namen kann man bei Balzac als Korrelat eine Eigenschaft +setzen: Rastignac ist gleich Ehrgeiz, Goriot ist gleich Aufopferung, +Vautrin ist gleich Anarchie. In jedem dieser Menschen hat eine +dominierende Triebkraft alle anderen inneren Kräfte an sich gerissen +und in die Richtung des zentralen Lebenswillens gedrängt. Sie sind +charakterologisch klassifizierbar, diese Helden, denn eine einzige +Feder des Antriebs ist ihrer Seele eingebaut, die sie mit einem +bestimmten Maß von Energie durch die menschliche Gesellschaft treibt: +wie ein Geschoß schleudert sie jeden dieser Jünglinge mitten ins Leben +hinein. Im höchsten Sinn wäre man versucht, sie Automaten zu nennen um +der Präzision willen, mit der sie auf jeden einzelnen Lebensreiz +reagieren, und wirklich wie eine Maschine sind sie in ihrer Kraftleistung +und ihrem Widerstand für den technischen Kenner berechenbar. Ist man in +Balzac einigermaßen eingelesen, so kann man die Antwort des Charakters +auf die Tatsache so berechnen, wie die Parabel eines Steinwurfes aus der +Stärke ihres Schwunges und der Schwere des Steins. Grandet, der Harpagon, +wird in dem Maße geiziger werden, als seine Tochter opferwillig und +heroisch. Und man weiß von Goriot schon zu den Zeiten, da er noch in +leidlichem Wohlstand lebt und seine Perücke sorgfältig gepudert ist, +daß er einmal seine Weste für die Töchter verkaufen wird und das +Silbergeschirr zerbrechen, seinen letzten Besitz. Er muß notwendigerweise +so handeln aus der Einheit seiner Charakteranlage, aus dem Trieb, den +sein irdisches Fleisch nur unvollkommen mit einer menschlichen Form +umkleidet. Die Charaktere Balzacs (und ebenso Victor Hugos, Scotts, +Dickens') sind alle primitiv, einfarbig, zielstrebig. Sie sind +Einheiten und darum meßbar auf der Wagschale der Moral. Vielfarbig und +tausendgestaltig ist in jenem geistigen Kosmos nur der Zufall, dem sie +begegnen. Bei jenen Epikern ist das Erlebnis vielfältig, der Mensch die +Einheit, und der Roman selbst der Kampf um die Macht gegen die irdischen +Mächte. Die Helden Balzacs und des ganzen französischen Romans sind +entweder stärker oder schwächer als der Widerstand der Gesellschaft. +Sie bezwingen das Leben, oder sie kommen unter das Rad. + +Der Held des deutschen Romans, als dessen Typus Wilhelm Meister oder +der Grüne Heinrich gedacht sei, ist nicht dermaßen seiner Grundrichtung +gewiß. Er hat viele Stimmen in sich, er ist psychologisch differenziert, +ist seelisch polyphon. Das Gute und das Böse, das Starke und das +Schwache fließen wirr in seiner Seele durcheinander: sein Anbeginn ist +Verwirrung, und die Nebel der Frühe umwölken ihm den reinen Blick. Er +spürt Kräfte in sich, aber noch ungesammelt, noch in Widerstreit, er +ist ohne Harmonie, aber doch beseelt vom Willen zur Einheit. Das +deutsche Genie zielt nun im letzten Sinne immer auf Ordnung. Und +alle Entwicklungsromane entwickeln nichts anderes in diesen deutschen +Helden als die Persönlichkeit. Die Kräfte werden gesammelt, der +Mensch zum deutschen Ideal, zur Tüchtigkeit erhoben, »im Strom der +Welt bildet sich« nach Goethes Wort »der Charakter«. Die vom Leben +durcheinandergeschüttelten Elemente klären sich in der errungenen Ruhe +zum Kristall, aus den Lehrjahren tritt der Meister, und vom letzten +Blatt all dieser Bücher, aus dem Grünen Heinrich, dem Hyperion, dem +Wilhelm Meister, dem Ofterdingen blickt ein klares Auge tatkräftig +in eine klare Welt. Das Leben versöhnt sich dem Ideal; nicht mehr +verschwenderisch wirr, sondern zu höchstem Ziel gespart wirken die nun +geordneten Kräfte. Die Helden Goethes und aller Deutschen verwirklichen +sich zu ihrer höchsten Form, sie werden werktätig und tüchtig: sie +erlernen an Erfahrungen das Leben. + +Die Helden Dostojewskis suchen aber und finden überhaupt kein +Verhältnis zum wirklichen Leben: das ist ihre Sonderheit. Sie wollen +gar nicht in die Realität hinein, sondern von allem Anfang an über sie +hinaus, ins Unendliche. Ihr Schicksal existiert für sie nicht in einem +äußern, sondern nur in einem innern Sinn. Ihr Reich ist nicht von +dieser Welt. All die Scheinformen von Werten, Titel, Macht und Geld, +aller sichtbarer Besitz hat für sie Wert weder als Zweck, wie bei +Balzac, noch als Mittel, wie bei den Deutschen. Sie wollen sich in +dieser Welt gar nicht durchsetzen, nicht behaupten und nicht ordnen. +Sie sparen nicht mit sich, sondern sie verschwenden sich, sie rechnen +nicht und bleiben ewig unberechenbar. Das Untüchtige ihres Wesens läßt +sie zuerst als müßige und phantastische Träumer erscheinen, aber ihr +Blick scheint nur leer, weil er nicht nach außen starrt, er zielt mit +Glut und Feuer immer nur zurück in sich selbst, in die eigene Existenz. +Der russische Mensch geht auf das Ganze. Sich selbst wollen sie fühlen +und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, die äußere +Realität, sondern das große mystische Elementare, die kosmische Macht, +das Existenzgefühl. Wo immer man tiefer sich eingräbt ins Werk +Dostojewskis, überall rauscht als unterste Quelle dieser ganz primitive, +fast vegetative fanatische Lebensdrang, das Existenzgefühl, dies ganz +urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die schon Einzelformen +des Lebens sind, Wertungen, Unterscheidungen, sondern die ganz +einheitliche Lust, wie man sie beim Atmen fühlt. Vom Urquell wollen sie +trinken, nicht aus den Brunnen der Städte und Straßen, die Ewigkeit, +die Unendlichkeit in sich fühlen und die Zeitlichkeit abtun. Sie kennen +nur eine ewige, keine soziale Welt. Sie wollen das Leben weder erlernen, +noch bezwingen, gleichsam nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als +Ekstase der Existenz. + +Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft zur Wirklichkeit, +muten Dostojewskis Gestalten vorerst etwas einfältig an. Sie haben +keine Richtung geradeaus, kein sichtbares Ziel: wie Blinde taumeln und +tappen diese doch erwachsenen Menschen in der Welt herum oder wie +Trunkene. Sie bleiben stehen, sehen sich um, fragen alle Fragen und +rennen ohne Antwort weiter ins Unbekannte: ganz frisch scheinen sie in +unsere Welt eingetreten und ihr noch nicht eingewöhnt. Und man versteht +diese Menschen Dostojewskis kaum, bedenkt man nicht, daß sie Russen +sind, Kinder eines Volkes, das aus einer jahrtausendalten barbarischen +Unbewußtheit mitten in unsere europäische Kultur hineingestürzt ist. +Von der alten Kultur, vom Patriarchalischen losgerissen, der neuen noch +nicht vertraut, stehen sie in der Mitte, alle an einem Wegkreuz, und +die Unsicherheit jedes einzelnen ist die eines ganzen Volkes. Wir +Europäer wohnen in unserer alten Tradition wie in einem warmen Haus. +Der Russe des neunzehnten Jahrhunderts, der Dostojewski-Zeit, hat +hinter sich die Holzhütte der barbarischen Vorzeit verbrannt, aber sein +neues Haus noch nicht gebaut. Entwurzelte, Richtungslose sind sie alle. +Sie haben die Kraft ihrer Jugend, die Kraft der Barbaren noch in den +Fäusten, aber der Instinkt ist verwirrt von der Tausendfalt der +Probleme: die Hände voll Stärke, wissen sie nicht, was zuerst anfassen. +Und so greifen sie nach allem und haben nie genug. Man fühle hier die +Tragik jedes einzelnen Dostojewski-Menschen, jedes einzelnen Zwiespalt +und Hemmung aus dem Schicksal des ganzen Volkes. Dieses Rußland um +die Mitte des neunzehnten Jahrhunderts weiß nicht wohin: nach Westen +oder nach Osten, nach Europa oder nach Asien, nach Petersburg, der +»künstlichen Stadt«, in die Kultur oder zurück auf das Bauerngut, in +die Steppe. Turgenjew stößt sie nach vorne, Tolstoi stößt sie zurück. +Alles ist Unruhe. Der Zarismus steht unvermittelt gegenüber einer +kommunistischen Anarchie, die Rechtgläubigkeit, die altererbte, springt +quer über in einen fanatischen und rasenden Atheismus. Nichts steht +fest, nichts hat seinen Wert, sein Maß in dieser Zeit: die Sterne des +Glaubens brennen nicht mehr über ihren Häuptern und das Gesetz längst +nicht mehr in ihrer Brust. Entwurzelte einer großen Tradition, sind die +Dostojewski-Menschen echte Russen, Übergangsmenschen, das Chaos des +Anfangs im Herzen, beladen mit Hemmungen und Ungewißheiten. Immer sind +sie verschreckt und verschüchtert, immer fühlen sie sich erniedrigt und +beleidigt, und dies alles aus dem einzigen Urgefühl der Nation: daß sie +nicht wissen, wer sie sind. Daß sie nicht wissen, ob sie viel sind oder +wenig. Ewig stehen sie auf der Kippe von Stolz oder Zerknirschung, von +Selbstüberschätzung und Selbstverachtung, ewig blicken sie sich um +nach den anderen, und alle sind sie verzehrt von der rasenden Angst, +lächerlich zu sein. Unablässig schämen sie sich, bald eines abgetragenen +Pelzkragens, bald ihrer ganzen Nation, aber immer schämen, schämen sie +sich, sind sie beunruhigt, verwirrt. Ihr Gefühl, ihr übermächtiges, hat +keinen Halt, keinen Führer, kein einziger hat ein Maß, ein Gesetz, den +Halt einer Tradition, die Krücke einer ererbten Weltanschauung. Alle +sind sie Maßlose und Ratlose in einer unbekannten Welt. Keine Frage ist +für sie beantwortet, kein Weg geebnet. Menschen des Übergangs, Menschen +des Anfangs sind sie alle. Jeder ein Cortes: hinter sich verbrannte +Brücken, vor sich das Unbekannte. + +Aber dies ist das Wunderbare: daß, weil sie Menschen eines Anfangs +sind, in jedem einzelnen noch einmal die Welt beginnt. Daß alle Fragen, +die bei uns schon zu kalten Begriffen erstarrt sind, ihnen noch im +Blute glühen. Daß unsere bequemen ausgetretenen Wege mit ihren +moralischen Geländern und ethischen Wegweisern ihnen nicht bekannt +sind: immer und überall gehen sie durchs Dickicht ins Grenzenlose, ins +Unendliche hinein. Nirgends Kirchtürme der Gewißheit, Brücken der +Zuversicht: alles heilige Urwelt. Jeder einzelne fühlt so wie das +Rußland Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu aufbauen +müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des russischen Menschen +für Europa, das in seiner Kultur verkrustete, daß hier eine unverbrauchte +Neugier noch einmal alle Fragen des Lebens an die Unendlichkeit stellt. +Daß, wo wir träge wurden in unserer Bildung, andere noch glühend sind. +Jeder einzelne revidiert bei Dostojewski noch einmal alle Probleme, +rückt sich selbst mit blutenden Händen die Grenzsteine von Gut und +Böse, jeder einzelne schafft sich sein Chaos wieder um zur Welt. Jeder +einzelne ist bei ihm Diener, Verkünder des neuen Christus, Märtyrer und +Verkünder eines dritten Reiches. Noch ist das Chaos des Anfangs in +ihnen, aber auch Dämmern des ersten Tages, der das Licht auf Erden +schuf, und schon Ahnung des sechsten, der den neuen Menschen schafft. +Seine Helden sind Wegebauer einer neuen Welt: der Roman Dostojewskis ist +der Mythos des neuen Menschen und seiner Geburt aus dem Schoße der +russischen Seele. + +Ein Mythos und besonders ein nationaler aber will Gläubigkeit. Man +versuche darum nicht, diese Menschen durch das kristallene Medium der +Vernunft zu erfassen. Nur Gefühl, das allein brüderliche, kann sie +verstehen. Dem common sense, dem Engländer, dem Amerikaner, dem +praktischen Menschen müssen die vier Karamasoffs als vier verschiedene +Narren erscheinen, als Tollhaus die ganze tragische Welt Dostojewskis. +Denn was sonst Alpha und Omega der gesunden simplen, irdischen Natur +war und ewig sein wird, scheint ihnen das Gleichgültigste auf Erden, +nämlich: Glücklichsein. Schlagt sie auf, die fünfzigtausend Bücher, die +Europa alljährlich produziert, wovon handeln sie? Vom Glücklichsein. +Ein Weib will einen Mann, oder einer will reich werden, mächtig +und geehrt. Bei Dickens steht am Ende aller Wünsche das liebliche +Cottagehaus im Grünen mit der munteren Kinderschar, bei Balzac das +Schloß mit dem Pairstitel und den Millionen. Und blicken wir um uns, +auf die Straße, in die Butiken, in die niederen Stuben, in die hellen +Säle, was wollen die Menschen dort? Glücklich sein, zufrieden sein, +reich sein, mächtig sein. Wer will es von Dostojewskis Menschen? +Keiner. Nicht ein einziger. Sie wollen nirgends haltmachen: nicht +einmal beim Glück. Sie wollen alle weiter, sie haben alle jenes +»höhere Herz«, das sich quält. Glücklichsein ist ihnen gleichgültig, +Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein eher verächtlich als +erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, diese Seltsamen, was unsere +ganze Menschheit will. Sie haben den uncommon sense. Sie wollen nichts +von dieser Welt. + +Genügsame also, Phlegmatiker des Lebens, Indifferente oder Asketen? Im +Gegenteil. Die Menschen Dostojewskis sind, ich sagte es ja, Menschen +eines neuen Anfangs. Sie haben, bei all ihrer Genialität und ihrem +diamantenen Verstand, Kinderherzen, Kindergelüste: sie wollen nicht +dies oder jenes, sondern sie wollen alles. Und alles ganz stark. Das +Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe und das Ferne. Sie +sind Übertreiber, sie sind Maßlose. Ich sagte früher: sie wollen nichts +von dieser Welt. Schlecht gesagt. Sie wollen nichts einzelnes davon, +sondern alles, ihr ganzes Gefühl, ihre ganze Tiefe: das Leben. +Vergessen wir nicht, sie sind keine Schwächlinge, keine Lovelace, keine +Hamlets, keine Werthers, keine Rénés -- sie haben harte Muskeln und +einen brutalen Lebenshunger, diese Menschen Dostojewskis, sie sind +Karamasoffs, »Raubtiere des Gelüsts«, begabt mit jener »unanständigen +fanatischen« Lebensgier, die sich an den letzten Tropfen des Kelches +ansaugt, ehe sie ihn zerklirrt. Von allen Dingen suchen sie den +Superlativ, überall die Rotglut des Empfindens, wo die gemeinen +Legierungen des Gelegentlichen zerschmelzen und nichts bleibt als das +feuerflüssige brennende Weltgefühl; wie die Amokläufer rennen sie ins +Leben hinein, von der Begierde in die Reue, von der Reue wieder in die +Tat, vom Verbrechen ins Geständnis, vom Geständnis in die Ekstase, aber +alle Gassen ihres Schicksals lang überallhin bis zum Letzten, bis +sie niederstürzen, Schaum vor den Lippen, oder bis ein anderer sie +niederschlägt. O dieser Lebensdurst jedes einzelnen -- eine ganze junge +Nation, eine neue Menschheit lechzt von ihren Lippen nach Welt, nach +Wissen, nach Wahrheit! Sucht mir doch, zeigt mir einen Menschen im Werk +Dostojewskis, der ruhig atmet, der rastet, der sein Ziel erreicht hat! +Keiner, kein einziger! Alle sind sie in diesem rasenden Wettlauf zur +Höhe und zur Tiefe -- denn nach Aljoschas Formel muß, wer die erste +Stufe betreten hat, bis zur letzten hinstreben -- nach allen Seiten, in +Frost und Brand, greifen sie, gieren sie, diese Unersättlichen, diese +Maßlosen, die ihr Maß nur suchen und finden in der Unendlichkeit. Wie +Pfeile schnellen sie sich in ewiger Spannung von der Sehne ihrer Kraft +in den Himmel hinein, immer in der Richtung des Unerreichbaren, immer +zu Sternen zielend, jeder eine Flamme, ein Feuer der Unruhe. Und Unruhe +ist Qual. Darum sind die Helden Dostojewskis alle die großen Leidenden. +Alle haben sie verzerrte Gesichter, alle leben sie im Fieber, im +Krampf, im Spasma. Ein Hospital von Nervenkranken, hat erschreckt ein +großer Franzose Dostojewskis Welt genannt, und wirklich, für den +ersten, den äußeren Anblick, welch eine trübe, welch eine phantastische +Sphäre! Schankstuben voll Branntweindunst, Gefängniszellen, Winkel in +Vorstadtwohnungen, Bordellgassen und Kneipen, und dort in Rembrandtschem +Dunkel ein Gewühl von ekstatischen Gestalten, der Mörder, das Blut +seines Opfers über den erhobenen Händen, der Trunkenbold im Gelächter +der Zuhörer, das Mädchen mit dem gelben Schein im Zwielicht der Gasse, +das epileptische Kind, bettelnd an den Straßenecken, der siebenfache +Mörder in der Katorga Sibiriens, der Spieler zwischen den Fäusten +der Spießgesellen, Rogoschin, wie ein Tier sich wälzend vor dem +verschlossenen Gemach seiner Frau, der ehrliche Dieb, sterbend im +schmutzigen Bette -- welche Unterwelt des Gefühls, welcher Hades der +Leidenschaften! O, welche tragische Menschheit, welch russischer, +grauer, ewig dämmernder, niederer Himmel über diesen Gestalten, welche +Dunkelheiten des Herzens und der Landschaft! Gelände des Unglücks, +Wüsten der Verzweiflung, Fegefeuer ohne Gnade und Gerechtigkeit. + +O wie dunkel, wie verworren, wie fremd, wie feindlich ist sie zuerst, +diese Menschheit, diese russische Welt! Von Leiden scheint sie +überflutet, und diese Erde, wie Iwan Karamasoff so grimmig sagt, +»getränkt von Tränen bis zu ihrem innersten Kern«. Aber so wie +Dostojewskis Antlitz dem ersten Blicke düster, lehmig, gedrückt, +bäurisch und gebeugt anmutet, dann aber der Glanz seiner Stirne, +aufstrahlend über die Versunkenheit, das Irdische seiner Züge, seine +Tiefe durch Glauben erleuchtet, so durchstrahlt auch im Werke das +geistige Licht die dumpfe Materie. Aus Leiden scheint Dostojewskis Welt +einzig gestaltet. Und doch ist nur scheinbar die Summe alles Leidens +in seinen Menschen größer als in jedem anderen Werke. Denn, Kinder +Dostojewskis, sind diese Menschen alle Verwandler ihres Gefühles, sie +treiben es und übertreiben es von Kontrast zu Kontrast. Und das Leiden, +ihr eigenes Leiden ist oft ihre tiefste Seligkeit. In ihnen wirkt +etwas, das der Wollust, der Lust am Glück, tiefsinnig die Wehlust, +die Lust an der Qual gegenüberstellt: ihr Leiden ist zugleich ihr +Glücklichsein, sie halten es fest mit den Zähnen, wärmen es an ihrer +Brust, sie schmeicheln es mit den Händen, sie lieben es mit ihrer +ganzen Seele. Und sie wären nur dann die Unglücklichsten, liebten sie +es nicht. Dieser Tausch, der rasende frenetische Tausch des Gefühls +im Innern, diese ewige Umwertung des Dostojewskischen Menschen kann +vielleicht nur ein Beispiel ganz klarmachen, und ich wähle eines, das +in tausend Formen wiederkehrt: das Leid, das einem Menschen infolge +einer Erniedrigung, einer tatsächlichen oder eingebildeten, widerfährt. +Irgendeiner, ein schlichtes sensitives Geschöpf, gleichgültig ob ein +kleiner Beamter oder eine Generalstochter, wird beleidigt. In seinem +Stolz gekränkt durch ein Wort, eine Nichtigkeit vielleicht. Diese erste +Kränkung ist der Primäraffekt, der den ganzen Organismus in Aufruhr +bringt. Der Mensch leidet. Er ist gekränkt, liegt auf der Lauer, +spannt sich an und wartet -- auf eine neue Kränkung. Und die zweite +Kränkung kommt: also eigentlich Häufung des Leidens. Aber seltsam, +sie tut nicht mehr weh. Zwar der Gekränkte klagt, er schreit, aber +seine Klage ist schon nicht mehr wahr: denn er liebt diese Kränkung. +In diesem »fortwährend-sich-seiner-Schmach-bewußt-sein ist ein +unnatürlicher heimlicher Genuß«. Für den beleidigten Stolz hat er einen +neuen: den des Märtyrers. Und jetzt entsteht in ihm der Durst nach +neuer Kränkung, nach mehr und mehr. Er beginnt zu provozieren, er +übertreibt, er fordert heraus: das Leiden ist jetzt seine Sehnsucht, +seine Gier, seine Lust: man hat ihn erniedrigt, so will er (der Mensch +ohne Maß) ganz niedrig sein. Und er gibt es nicht her mehr, sein +Leiden, mit verbissenen Zähnen hält er es fest: jetzt wird der +Hilfreiche sein Feind, der Liebende. So schlägt die kleine Nelly dem +Arzt dreimal das Pulver ins Gesicht, so stößt Raskolnikoff Sonja +zurück, so beißt Iljutschka den frommen Aljoscha in die Finger -- aus +Liebe, aus fanatischer Liebe zu ihrem Leiden. Und alle, alle lieben sie +das Leiden, weil sie darin das Leben, das geliebte, so stark spüren, +weil sie wissen, »man kann auf dieser Erde nur durch Leiden wahrhaft +lieben«, und das wollen sie, das vor allem! Es ist ihr stärkster +Existenzbeweis: statt des cogito, ergo sum, »ich denke, also bin ich«, +setzen sie das: »ich leide, also bin ich«. Und dieses »Ich bin« ist bei +Dostojewski und allen seinen Menschen der höchste Triumph des Lebens. +Der Superlativ des Weltgefühls. Im Kerker jauchzt Dimitry die große +Hymne an dieses »Ich bin«, an die Wollust des Seins, und eben um dieser +Liebe zum Leben willen ist ihnen allen das Leiden notwendig. Nur +scheinbar, sagte ich, ist darum die Summe des Leidens größer bei +Dostojewski als bei allen anderen Dichtern. Denn wenn es eine Welt +gibt, wo nichts unerbittlich ist, aus jedem Abgrund noch ein Weg führt, +aus jedem Unglück noch Ekstase, aus jeder Verzweiflung noch Hoffnung, +so ist es die seine. Was ist dies Werk anderes als eine Reihe von +modernen Apostelgeschichten, Legenden der Erlösung vom Leiden durch +den Geist? Der Bekehrungen zum Lebensglauben, der Kalvariengänge zur +Erkenntnis? Der Wege nach Damaskus mitten durch unsere Welt? + +In Dostojewskis Werk ringt der Mensch um seine letzte Wahrheit, um sein +allmenschliches Ich. Ob ein Mord geschieht oder eine Frau in Liebe +brennt, alles das ist Nebensache, Außensache, Kulisse. Sein Roman +spielt im innersten Menschen, im Seelenraum, in der geistigen Welt: die +Zufälle, die Ereignisse, die Schickungen des äußeren Lebens sind nur +Stichworte, Maschinerie, der szenische Rahmen. Die Tragödie ist immer +innen. Und sie heißt immer: die Überwindung der Hemmungen, der Kampf um +die Wahrheit. Jeder seiner Helden fragt sich, wie Rußland selbst: Wer +bin ich? Was bin ich wert? Er sucht sich oder vielmehr den Superlativ +seines Wesens im Haltlosen, im Raumlosen, im Zeitlosen. Er will sich +erkennen als der Mensch, der er vor Gott ist, und er will sich +bekennen. Denn jedem Dostojewski-Menschen ist die Wahrheit mehr als +Bedürfnis, sie ist ihm ein Exzeß, eine Wollust und das Geständnis seine +heiligste Lust, sein Spasma. Im Geständnis bricht bei Dostojewski der +innere Mensch, der Allmensch; der Gottesmensch durch den irdischen, die +Wahrheit -- und dies ist Gott -- durch seine fleischliche Existenz. O +die Wollust, mit der sie darum mit dem Geständnis spielen, wie sie es +verbergen und -- Raskolnikoff vor Porphyri Petrowitsch -- immer +heimlich zeigen und wieder verstecken, und dann wieder, wie sie sich +überschreien, mehr Wahrheit bekennen als wahr ist, wie sie in rasendem +Exhibitionismus ihre Blößen aufdecken, wie sie Laster und Tugend +vermengen -- hier, nur hier, im Ringen um das wahre Ich sind die +eigentlichen Spannungen Dostojewskis. Hier, ganz innen ist der große +Kampf seiner Menschen, die mächtigen Epopöen des Herzens: hier, wo das +Russische, das Fremdartige in ihnen sich aufzehrt, hier wird auch ihre +Tragödie erst ganz zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das +typische Schicksal seiner Menschen deutsam und erschütternd, und +restlos erleben wir im Mysterium der Selbstgeburt den Mythos Dostojewskis +vom neuen Menschen, vom Allmenschen in jedem Irdischen. + +Das Mysterium der Selbstgeburt: so nenne ich in der Kosmogonie, in der +Weltschöpfung Dostojewskis die Erschaffung des neuen Menschen. Und ich +möchte versuchen, die Geschichte aller Naturen Dostojewskis in einer +zu erzählen, als seinen Mythos; denn alle diese verschiedenartigen, +hundertfach variierten Menschen haben im letzten nur ein einheitliches +Schicksal. Alle leben sie Varianten eines einzigen Erlebnisses: der +Menschwerdung. Vergessen wir nicht: die Kunst Dostojewskis zielt immer +auf den Mittelpunkt und in der Psychologie darum auf den Menschen im +Menschen, den absoluten, den abstrakten Menschen, der weit hinter allen +kulturellen Schichtungen liegt. Für die meisten Künstler sind die +Schichtungen noch wesentlich, die Vorgänge der Durchschnittsromane +spielen in sozialer, gesellschaftlicher, erotischer und konventioneller +Sphäre und bleiben in diesen Schichten stecken. Dostojewski stößt, weil +er zentral gerichtet ist, immer durch zum Allmenschen im Menschen, zu +jenem Ich, das allgemeinsam ist. Immer bildet er diesen letzten +Menschen und immer in verwandter Form seine Sendung. Gleich ist all +seiner Helden Anbeginn. Als echte Russen beunruhigt sie ihre eigene +Lebenskraft. In den Jahren der Pubertät, des sinnlichen und geistigen +Erwachens, verdüstert sich ihnen der heitere und freie Sinn. Dumpf +fühlen sie in sich eine Kraft gären, ein geheimnisvolles Drängen; +irgend etwas Eingesperrtes, Wachsendes und Quellendes will aus ihrem +noch unmündigen Kleid. Eine geheimnisvolle Schwangerschaft (es ist der +neue Mensch, der in ihnen keimt, aber sie wissen es nicht) macht sie +träumerisch. Sie sitzen »einsam bis zur Verwilderung« in dumpfen +Stuben, in einsamen Winkeln und denken, denken Tag und Nacht über sich +nach. Jahrelang brüten sie oft dahin in dieser seltsamen Ataraxie, sie +verharren in einem fast buddhistischen Zustand der Seelenstarre, sie +beugen sich tief über den eigenen Leib, um wie die Frauen in den frühen +Monaten das Klopfen dieses zweiten Herzens in sich zu erlauschen. +Alle geheimnisvollen Zustände der Befruchteten überkommen sie: die +hysterische Angst vor dem Tode, das Grauen vor dem Leben, krankhafte, +grausame Begierden, sinnliche perverse Gelüste. + +Endlich wissen sie, daß sie befruchtet sind von irgendeiner neuen Idee: +und nun suchen sie das Geheimnis zu entdecken. Sie schärfen ihre +Gedanken, bis sie spitz und schneidend werden wie chirurgische +Instrumente, sie sezieren ihren Zustand, sie zerreden ihre Bedrückung +in fanatischen Gesprächen, sie zerdenken ihr Gehirn, bis es sich in +Wahnsinn zu entflammen droht, sie schmieden alle ihre Gedanken in eine +einzige fixe Idee, die sie bis ans letzte Ende denken, in eine +gefährliche Spitze, die sich in ihrer Hand gegen sie selbst wendet. +Kirillow, Schatow, Raskolnikoff, Iwan Karamasoff, alle diese Einsamen +haben »ihre« Idee, die des Nihilismus, die des Altruismus, die des +napoleonischen Weltwahns, und alle haben sie ausgebrütet in dieser +krankhaften Einsamkeit. Sie wollen eine Waffe gegen den neuen Menschen, +der aus ihnen werden soll, denn ihr Stolz will sich gegen ihn wehren, +ihn unterdrücken. Andere wieder suchen dieses geheimnisvolle Keimen, +diesen drängenden gärenden Lebensschmerz mit aufgepeitschten Sinnen zu +überrasen. Um im Bilde zu bleiben: sie suchen die Frucht abzutreiben, +wie Frauen von Treppen springen oder durch Tanz und Gifte sich vom +Unerwünschten zu befreien trachten. Sie toben, um dies leise Quellen in +sich zu übertönen, sie zerstören manchmal sich selbst, nur um diesen +Keim zu zerstören. Sie verlieren sich mit Absicht in diesen Jahren. Sie +trinken, sie spielen, sie werden ausschweifend und all dies (sie wären +sonst nicht Menschen Dostojewskis) fanatisch bis zur letzten Raserei. +Schmerz treibt sie in ihre Laster, nicht eine lässige Begierde. Es ist +nicht ein Trinken um Zufriedenheit und Schlaf, nicht das deutsche +Trinken um die Bettschwere, sondern um den Rausch, um das Vergessen +ihres Wahnes, ein Spielen nicht um Geld, sondern um die Zeit zu +ermorden, ein Ausschweifen nicht um der Lust willen, sondern um in der +Übertreibung ihr wahres Maß zu verlieren. Sie wollen wissen, wer sie +sind; darum suchen sie die Grenze. Den äußersten Rand ihres Ich wollen +sie in Überhitzung und Abkaltung kennen und vor allem die eigene Tiefe. +Sie glühen in diesen Lüsten bis zum Gott empor, sie sinken bis zum Tier +hinab, aber immer, um den Menschen in sich zu fixieren. Oder sie +versuchen, da sie sich nicht kennen, sich wenigstens zu beweisen. Kolja +wirft sich unter einen Eisenbahnzug, um sich zu »beweisen«, daß er +mutig ist, Raskolnikoff ermordet die alte Frau, um seine Napoleonstheorie +zu beweisen, sie tun alle mehr, als sie eigentlich wollen, nur um an die +äußerste Grenze des Gefühls zu gelangen. Um ihre eigene Tiefe zu kennen, +das Maß ihrer Menschheit, werfen sie sich in jeden Abgrund hinab: von +der Sinnlichkeit stürzen sie in die Ausschweifung, von der Ausschweifung +in die Grausamkeit und hinab bis zu ihrem untersten Ende, der kalten, +der seelenlosen, der berechneten Bosheit, aber all dies aus einer +verwandelten Liebe, einer Gier nach Erkenntnis des eigenen Wesens, einer +verwandelten Art von religiösem Wahn. Aus weiser Wachheit stürzen sie +sich in die Kreisel des Irrsinns, ihre geistige Neugier wird zur +Perversion der Sinne, ihre Verbrechen glühen bis zur Kinderschändung und +zum Mord, aber typisch ist für sie alle die gesteigerte Unlust in der +gesteigerten Lust: bis in den untersten Abgrund ihrer Raserei zuckt die +Flamme des Bewußtseins der fanatischen Reue nach. + +Aber je weiter hinein sie in der Übertreibung der Sinnlichkeit und des +Denkens rasen, um so näher sind sie schon sich selbst, und je mehr sie +sich vernichten wollen, um so eher sind sie zurückgewonnen. Ihre +traurigen Bacchanale sind nur Zuckungen, ihre Verbrechen die Krämpfe +der Selbstgeburt. Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale um den +innern Menschen und ist Selbstrettung im höchsten Sinn. Je mehr sie +sich anspannen, je mehr sie sich krümmen und winden, um so mehr +befördern sie unbewußt die Geburt. Denn nur im brennendsten Schmerz +kann das neue Wesen zur Welt kommen. Ein Ungeheures, ein Fremdes muß +dazu treten, muß sie befreien, irgendeine Macht Wehmutter werden in +ihrer schwersten Stunde, die Güte muß ihnen helfen, die allmenschliche +Liebe. Eine äußerste Tat, ein Verbrechen, das all ihre Sinne zur +Verzweiflung spannt, ist nötig, um die Reinheit zu gebären, und hier +wie im Leben ist jede Geburt umschattet von tödlichster Gefahr. Die +beiden äußersten Kräfte des menschlichen Vermögens, Tod und Leben, sind +in dieser Sekunde innig verschränkt. + +Dies also ist der menschliche Mythos Dostojewskis, daß das gemischte, +dumpfe, vielfältige Ich jedes einzelnen befruchtet ist mit dem Keim des +wahren Menschen (jenes Urmenschen der mittelalterlichen Weltanschauung, +der frei ist von der Erbsünde), des elementaren, rein göttlichen +Wesens. Diesen urewigen Menschen aus dem vergänglichen Leib des +Kulturmenschen in uns zum Austrag zu bringen, ist höchste Aufgabe und +die wahrste irdische Pflicht. Befruchtet ist jeder, denn keinen +verstößt das Leben, jeden Irdischen hat es in einer seligen Sekunde mit +Liebe empfangen, doch nicht jeder gebiert seine Frucht. Bei manchem +verfault sie in einer seelischen Lässigkeit, sie stirbt ab und +vergiftet ihn. Andere wieder sterben in den Wehen, und nur das Kind, +die Idee, kommt zur Welt. Kirillow ist einer, der sich ermorden muß, um +ganz wahr bleiben zu können, Schatow ist einer, der ermordet wird, um +seine Wahrheit zu bezeugen. + +Aber die anderen, die heroischen Helden Dostojewskis, der Staretz +Sossima, Raskolnikoff, Stepanowitsch, Rogoschin, Dmitrij Karamasoff +vernichten ihr soziales Ich, den dunklen Raupenstand ihres inneren +Wesens, um wie Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu +entschwingen, das Beflügelte aus dem Kriechenden, das Erhobene aus dem +Erdschweren. Die Umkrustung der seelischen Hemmung zerbricht, die +Seele, die Allmenschenseele strömt aus, strömt ins Unendliche zurück. +Alles Persönliche, alles Individuelle ist in ihnen abgetan, daher auch +die absolute Ähnlichkeit all dieser Gestalten im Augenblick ihrer +Vollendung. Aljoscha ist kaum von dem Staretz, Karamasoff kaum von +Raskolnikoff zu unterscheiden, wie sie aus ihren Verbrechen mit +tränengebadetem Gesicht in das Licht des neuen Lebens treten. Am Ende +aller Romane Dostojewskis ist die Katharsis der griechischen Tragödie, +die große Entsühnung: über den verdonnernden Gewittern und der +gereinigten Atmosphäre flammt die erhabene Glorie des Regenbogens, das +höchste russische Symbol der Versöhnung. + +Erst wenn die Helden Dostojewskis den reinen Menschen aus sich geboren +haben, treten sie in die wahre Gemeinschaft. Bei Balzac triumphiert der +Held, wenn er die Gesellschaft bezwingt, bei Dickens, wenn er sich in +die soziale Schicht, in das bürgerliche Leben, in die Familie, in den +Beruf friedlich einordnet. Die Gemeinschaft, die der Held Dostojewskis +anstrebt, ist keine soziale mehr, sondern schon eine religiöse, er +sucht nicht Gesellschaft, sondern Weltbruderschaft. Und dies +Hingelangen zur eigenen Innerlichkeit und damit zur mystischen +Gemeinsamkeit ist die einzige Hierarchie in seinem Werk. Einzig von +diesem letzten Menschen handeln alle seine Romane: das Soziale, die +Zwischenstadien der Gesellschaft mit ihrem halben Stolz und schiefen +Haß sind überwunden, der Ichmensch ist zum Allmenschen geworden, seine +Einsamkeit, seine Absonderung, die nur Stolz war, hat jeder zerbrochen, +und in unendlicher Demut und glühender Liebe grüßt sein Herz den +Bruder, den reinen Menschen in jedem anderen. Dieser letzte, gereinigte +Mensch kennt keine Unterschiede mehr, kein soziales Standesbewußtsein: +nackt, wie im Paradies, hat seine Seele keine Scham, keinen Stolz, +keinen Haß und keine Verachtung. Verbrecher und Dirne, Mörder und +Heilige, Fürsten und Trunkenbolde, sie halten Zwiesprache in jenem +untersten und eigentlichsten Ich ihres Lebens, alle Schichten fließen +ineinander, Herz zu Herz, Seele in Seele. Nur das entscheidet bei +Dostojewski: wie weit einer wahr wird und zum wirklichen Menschentum +gelangt. Wie diese Entsühnung, diese Selbstgewinnung zustande kam, ist +gleichgültig. Keine Ausschweifung beschmutzt, kein Verbrechen verdirbt, +es gibt kein Tribunal vor Gott als das Gewissen. Recht und Unrecht, Gut +und Böse, diese Worte zerfließen im Leidensfeuer. Wer wahr ist im +Willen, der ist entsühnt: denn wer wahr ist, ist demütig. Wer erkannt +hat, versteht alles und weiß, »daß die Gesetze des Menschengeistes noch +so unerforscht und geheimnisvoll sind, daß es weder gründliche Ärzte +noch endgültige Richter gibt«, weiß, es ist keiner schuldig oder alle, +keiner darf keines Richter sein, jeder nur Bruder dem Bruder. Im +Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine +»Bösewichter«, keine Hölle und keinen untersten Kreis wie bei Dante, aus +denen selbst Christus die Verurteilten nicht zu erheben vermag. Er kennt +nur Purgatorien und weiß, daß der irrhandelnde Mensch noch immer mehr +der seelisch Glühende ist und näher dem wahren Menschen als die Stolzen, +die Kalten und Korrekten, in deren Brust er erfroren ist zu bürgerlicher +Gesetzmäßigkeit. Seine wahren Menschen haben gelitten, haben darum +Ehrfurcht vor dem Leiden und damit das letzte Geheimnis der Erde. Wer +leidet, ist durch Mitleid schon Bruder, und allen seinen Menschen ist, +weil sie nur auf den innern Menschen, auf den Bruder blicken, das Grauen +fremd. Sie besitzen die erhabene Fähigkeit, die er einmal die typisch +russische nennt, nicht lange hassen zu können, und darum eine +unbegrenzte Verstehensfähigkeit alles Irdischen. Noch hadern sie oft +mitsammen, noch quälen sie sich, weil sie sich ihrer eigenen Liebe +schämen, weil sie die eigene Demut für eine Schwäche halten und noch +nicht ahnen, daß sie die furchtbarste Kraft der Menschheit ist. Aber +ihre innere Stimme weiß immer schon um die Wahrheit. Während sie +einander mit Worten schmähen und befeinden, blicken die inneren Augen +sich längst selig verstehend an, Lippe küßt leidvoll den Brudermund. Der +nackte, der ewige Mensch in ihnen hat sich erkannt, und dies Mysterium +der Allversöhnung in der brüderlichen Erkennung, dieser orphische Gesang +der Seelen, ist die lyrische Musik in Dostojewskis dunklem Werk. + + + REALISMUS UND PHANTASTIK + + »Was kann für mich phantastischer + sein als die Wirklichkeit?« + Dostojewski + +Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten Seins sucht +der Mensch bei Dostojewski: Wahrheit, die unmittelbare Wesenheit des +Alls der Künstler Dostojewski selbst. Er ist Realist und ist es so +konsequent -- immer geht er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen +ihrem Widerspiel: dem Gegensatz so geheimnisvoll ähnlich werden --, daß +diese Wirklichkeit jeden an das Mittelmaß gewöhnten täglichen Blick +phantastisch anmutet. »Ich liebe den Realismus bis dorthin, wo er an +das Phantastische reicht,« sagt er selbst, »denn was kann für mich +phantastischer und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein als die +Wirklichkeit?« Die Wahrheit -- dies entdeckt man bei keinem Künstler +zwingender als bei Dostojewski -- steht nicht hinter, sondern gleichsam +gegen die Wahrscheinlichkeit. Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen, +des psychologisch unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen das +unbewaffnete Auge noch klare spiegelnde Einheit, das Mikroskop aber +wimmelnde Vielfalt, myriadenhaftes Chaos von Infusorien schaut, eine +Welt, wo jene nur eine Einzelform bemerkten, so erkennt der Künstler +mit dem höheren Realismus Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen +die offenbaren. + +Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen, die gleichsam +tief unter der Haut der Dinge liegt und schon nah dem Herzpunkt aller +Existenz, war Dostojewskis Leidenschaft. Er will gleichzeitig den +Menschen als Einheit und Vielfalt, im Freiblick und im geschärften +gleich wahr erkennen, und darum ist sein visionärer und wissender +Realismus, der die Kraft eines Mikroskops und die Leuchtstärke des +Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden von dem, was die +Franzosen als erste Wirklichkeitskunst und Naturalismus benannten. Denn +obzwar Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter geht als +irgendeiner von denen, die sich »konsequente Naturalisten« nannten +(womit sie meinten, daß sie bis an das Ende gingen, während Dostojewski +jedes Ende noch überschreitet), ist seine Psychologie gleichsam aus +einer anderen Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus +von anno Zola kommt geradeswegs aus der Wissenschaft her. Umgestülpte +Experimentalpsychologie, ist er irgendwie an Fleiß und Schweiß, an +Studium und Erfahrung gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte +seines Gehirns 2000 Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek, um das +Naturkolorit der »Tentation« oder der »Salambo« zu finden, Zola läuft +drei Monate, ehe er seine Romane schreibt, wie ein Reporter mit dem +Notizbuch auf die Börse, in die Warenhäuser und Ateliers, um Modelle +abzuzeichnen, Tatsachen einzufangen. Die Wirklichkeit ist diesen +Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende Substanz. Sie +sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden, tarierenden Blick des +Photographen. Sie sammeln, ordnen, mischen und destillieren, kühle +Wissenschaftler der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und +betreiben eine Art Chemie der Bindung und Lösung. + +Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen ist vom +Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft jenen anderen Kunst, so +ist die seine Schwarzkunst. Er treibt nicht experimentelle Chemie, +sondern Alchimie der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie +der Seele. Er ist kein kühler Forscher. Als heißer Halluzinant starrt +er nieder in die Tiefe des Lebens wie in einen dämonischen Angsttraum. +Aber doch, seine sprunghafte Vision ist vollkommener als jener +geordnete Betrachtung. Er sammelt nicht, und hat doch alles. Er +berechnet nicht, und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die +hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen +Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten. Etwas von hellsichtiger +Traumerkenntnis ist in seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst. +Zauberisch durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von seinen +süßen, quellenden Säften. Immer kommt sein Blick nur aus der eigenen +Tiefe seines freilich allwissenden Seins, aus dem Mark und Nerv +dämonischer Natur und übertrifft doch an Wahrhaftigkeit, an Realität, +alle Realisten. Mystisch erkennt er alles von innen. Ein Zeichen bloß, +und schon faßt er faustisch die Welt. Ein Blick, und schon wird er zum +Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht die Kärrnerarbeit des +Details zu leisten. Er zeichnet mit Magie. Man besinne einmal die großen +Gestalten dieses Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor Karamasoff, +Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich sind im Gefühl. +Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht umreißt er ihr Antlitz +mit einer Art zeichnerischer Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam +nur ein Merkwort, umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten +Sätzen, und das ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die +Kleidung, die Haarfarbe, die Physiognomik, all das scheinbar so +Wesentliche der Personenbeschreibung ist in bloß stenographischer Kürze +festgehalten. Und doch, wie glüht jede dieser Figuren uns im Blut. Man +vergleiche nun mit diesem magischen Realismus die exakte Schilderung +eines konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu arbeiten anfängt, +ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er verfaßt (man kann sie +heute noch nachsehen, diese merkwürdigen Dokumente) einen regelrechten +Steckbrief, einen Passierschein für jeden Menschen, der die Schwelle des +Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er hoch ist, +notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die Warzen auf seinen +Wangen, streicht den Bart nach, ob er rauh oder zart ist, greift jeden +Pickel auf der Haut ab, tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme, +den Atem seiner Menschen, er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung, +schlägt sich ihr Konto auf in der Bank, um ihre Einnahmen zu wissen. Er +mißt, was man von außen überhaupt nur messen kann. Und doch, kaum daß +die Gestalten in Bewegung geraten, verflüchtigt sich die Einheit der +Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine tausend Scherben. Es +bleibt ein seelisches Ungefähr, kein lebendiger Mensch. + +Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen Naturalisten +schildern exakt die Menschen zu Anfang des Romanes in ihrer Ruhe, +gleichsam in ihrem seelischen Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von +der nutzlosen Treue der Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur, +nicht das Leben darin. Aber genau wo jener Naturalismus endet, beginnt +erst der unheimlich große Naturalismus Dostojewskis. Seine Menschen +werden plastisch erst in der Erregtheit, in der Leidenschaft, im +gesteigerten Zustand. Während jene versuchen, die Seele durch den +Körper darzustellen, bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn +die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und spannt, das Auge +sich feuchtet im Gefühl, wenn die Maske der bürgerlichen Stille, die +Seelenstarre, von ihnen abfällt, wird sein Bild erst bildhaft. Erst +wenn seine Menschen glühen, tritt Dostojewski, der Visionär, an das +Werk, sie zu formen. + +Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski die anfänglich +dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen der ersten Schilderung. +In seine Romane tritt man ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht +nur Umrisse, hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie +zugehören. Erst allmählich gewöhnt sich, schärft sich das Auge: wie auf +den Rembrandtschen Gemälden beginnt aus einer tiefen Dämmerung das +feine seelische Fluidum in den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in +die Leidenschaft geraten, treten sie ins Licht. Bei Dostojewski muß der +Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu werden, seine Nerven müssen +gespannt sein bis zum Zerreißen, um zu klingen: »Um eine Seele formt +sich bei ihm nur der Körper, um eine Leidenschaft nur das Bild.« Jetzt +erst, da sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige +Fieberzustand beginnt -- alle Menschen Dostojewskis sind ja wandelnde +Fieberzustände --, setzt sein dämonischer Realismus ein, beginnt jene +zauberische Jagd nach den Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der +kleinsten Bewegung nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen +Fuchslöcher der verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer Gedanken +bis in das Schattenreich des Unbewußten. Jede Bewegung zeichnet sich +plastisch ab, jeder Gedanke wird kristallen klar, und je mehr sich die +gejagten Seelen ins Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von +innen, um so durchsichtiger wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten, +die jenseitigsten Zustände, die krankhaften, die hypnotischen, die +ekstatischen, die epileptischen haben bei Dostojewski die Präzision +einer klinischen Diagnose, den klaren Umriß einer geometrischen Figur. +Nicht die feinste Nuance ist dann verschwommen, nicht die kleinste +Schwingung entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade dort, +wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet vom +übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden, dort wird Dostojewskis +Realismus am sichtbarsten. Und diese Augenblicke, wo der Mensch die +äußersten Grenzen seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast +Wahnwitz wird und Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch die +unvergeßlichsten Visionen seines Werkes. Rufen wir uns das Bild +Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir ihn nicht als schlendernde +Gestalt auf der Straße oder im Zimmer, als einen jungen Mediziner von +25 Jahren, als Menschen von diesen und jenen äußeren Eigenheiten, +sondern in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren +Leidenschaft, wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf der +Stirn, gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe des Hauses +hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller Trance, um +seine Qualen noch einmal sinnlich zu genießen, die blecherne Klingel an +der Türe der Ermordeten zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den +Purgatorien des Verhörs, schäumend vor Wut, schäumend vor Leidenschaft, +den Tisch zertrümmern mit seinen rasenden Fäusten. Immer sehen wir bei +Dostojewski den Menschen erst bildhaft im Zustande der höchsten +Erregtheit, am Endpunkte seines Gefühles. So wie Leonardo in seinen +grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die Abnormität des +Physischen zeichnet, dort, wo sie über die gemeine Form hervordrängt, +so faßt Dostojewski die Seele des Menschen im Augenblick des +Überschwangs, gleichsam in den Sekunden, wo sich der Mensch über den +äußersten Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere Zustand +ist ihm wie jeder Ausgleich, wie jede Harmonie, verhaßt: nur das +Außerordentliche, das Unsichtbare, das Dämonische reizt seine +künstlerische Leidenschaft zum äußersten Realismus. Er ist der +unvergleichlichste Plastiker des Ungewöhnlichen, der größte Anatom der +reizbaren und kranken Seele, den die Kunst je gekannt. + +Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski in diese +Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort. Goethe schildert alles +durch den Blick. Er ist -- Wagner hat diese Unterscheidung am +glücklichsten ausgesprochen -- Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er +muß seine Menschen erst sprechen hören, sprechen lassen, damit wir sie +als sichtbar empfinden, und ganz deutlich hat Mereschkowski in seiner +genialen Analyse der beiden russischen Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi +hören wir, weil wir sehen, bei Dostojewski sehen wir, weil wir hören. +Seine Menschen sind Schatten und Lemuren, solange sie nicht sprechen. +Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet: sie tun +im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres auf, zeigen ihre +Farben, die Pollen ihrer Fruchtbarkeit. In der Diskussion erhitzen sie +sich, wachen sie auf aus ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen, +gegen den leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet +sich Dostojewskis künstlerische Leidenschaft. Er lockt ihnen das Wort +aus der Seele, um dann die Seele selbst zu fassen. Jene dämonische +psychologische Scharfsichtigkeit des Details bei Dostojewski ist +im letzten nichts anderes als eine unerhörte Feinhörigkeit. Die +Weltliteratur kennt keine vollkommeneren plastischen Gebilde als die +Aussprüche der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung ist symbolisch, +die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig, jede abgebrochene +Silbe, jeder weggesprungene Ton die Notwendigkeit selbst. Jede Pause, +jede Wiederholung, jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich, +denn immer hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte +Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze heimliche Erregung der +Seele auf. Man weiß aus der Rede bei Dostojewski nicht nur, was jeder +einzelne Mensch sagt und sagen will, sondern auch, was er verschweigt. +Und dieser geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos mit in +die geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die sumpfige, stockende +Fläche des trunkenen Irreredens, in die beflügelte, keuchende Ekstase +des epileptischen Anfalles, in das Dickicht der lügnerischen +Verworrenheit. Aus dem Dampf der erhitzten Rede ersteht die Seele, aus +der Seele kristallisiert sich allmählich der Körper. Ohne daß man es +selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes, durch den Haschischrauch +der Rede bei Dostojewski die Vision des Sprechenden im körperlichen Bild +aufzusteigen. Was die anderen durch fleißiges Mosaik erzielen, durch +die Farbe, Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich bei ihm +visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski hellseherisch seine +Menschen, sobald man sie sprechen hört. Dostojewski kann es sich +ersparen, sie graphisch zu zeichnen, denn wir selber werden in der +Hypnose ihrer Rede zum Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im +»Idioten« geht der alte General, der pathologische Lügner, neben dem +Fürsten Myschkin her und erzählt ihm Erinnerungen. Er beginnt zu lügen, +gleitet immer tiefer in seine Lügen hinein und verstrickt sich gänzlich +darin. Er redet, redet, redet. Über Seiten flutet seine Lüge hin. + +Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung, aber aus +seinem Wort, aus seinem Stolpern, seinem Stocken, seiner nervösen Hast +spüre ich, wie er neben Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat, +sehe, wie er aufschaut, von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt, +ob er ihm nicht mißtraue, wie er stehen bleibt, hoffend, der Fürst +würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der Schweiß auf seiner Stirne +perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst begeisterte, nun sich immer +mehr verkrampft in Angst, sehe, wie er in sich zusammenkriecht, ein +Hund, der fürchtet, Prügel zu bekommen, und ich sehe den Fürsten, der +selbst alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und niederhält. +Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends, nicht in einer +einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen in seinem Gesicht mit +leidenschaftlicher Klarheit. Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären +in der Rede, im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch +ist diese Kunst der Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche +Verdickung, die ja jede Übertragung in eine fremde Sprache darstellt, +noch die ganze Seele seiner Menschen schwingt. Der ganze Charakter +des Menschen ist bei Dostojewski im Rhythmus seiner Rede. Und diese +Komprimierung gelingt seiner genialen Intuition oft in einer winzigen +Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn Fedor Karamasoff auf das +Briefkuvert der Gruschenka zu ihrem Namen schreibt: »Mein Küchelchen!« +so sieht man das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten +Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden Lippen rinnt. +Und wenn in den »Erinnerungen aus dem Totenhaus« der sadistische Major +beim Stockprügeln »Hie-be, Hie-be« schreit, so ist in diesem winzigen +Apostroph sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein Keuchen von +Gier, flackernde Augen, das gerötete Gesicht, das Keuchen der bösen +Lust. Diese kleinen realistischen Details bei Dostojewski, die sich wie +spitze Angelhaken ins Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins +fremde Erleben reißen, sie sind sein erlesenstes Kunstmittel und +gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven Realismus über den +programmatischen Naturalismus. Dostojewski verschwendet durchaus nicht +diese seine Details. Er setzt ein einziges ein, wo andere Hunderte +applizieren, aber er spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten +der letzten Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht +mit ihnen gerade im Augenblick der höchsten Ekstase, wo man sie am +wenigsten erwartet. Immer gießt er mit unerbittlicher Hand den +Galletropfen Irdischkeit in den Kelch der Ekstase, denn für ihn heißt +wirklich und wahrhaftig sein: antiromantisch und antisentimental wirken. +Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen, nicht nur der +Gefangene seines Kontrastes, sondern auch sein Prediger. Es ist seine +Leidenschaft, auch in der Kunst die beiden Enden des Lebens, die +grausamste, nackteste, kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den +edelsten sublimsten Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem +Irdischen das Göttliche fühlen, im Realistischen das Phantastische, im +Erhabenen das Gemeine, im lautern Geist das bittere Salz der Erde und +immer all dies gleichzeitig. Er will, daß wir zwiespältig genießen, wie +er selber zwiespältig empfindet, er will auch hier keine Harmonie, +keinen Ausgleich. Immer in allen seinen Werken sind diese schneidenden +Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die sublimsten Sekunden +aufsprengt und dem Heiligsten des Lebens seine Banalität entgegengrinst. +Ich erinnere nur an die Tragödie des »Idioten«, um einen solchen +Augenblick des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat Nastassja +Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin, den Bruder. Er findet ihn +auf der Straße, er rührt ihn an mit der Hand. Sie brauchen nicht +miteinander zu sprechen, furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie +gehen über die Straße in das Haus, wo die Ermordete liegt: irgendein +ungeheueres Vorempfinden von Größe und Feierlichkeit hebt sich in einem +auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde eines Lebens, Brüder im +Gefühl, schreiten in das Zimmer zur Ermordeten. Nastassja Philipowna +liegt tot. Man spürt, diese Menschen werden sich nun das Letzte sagen, +wie sie einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie +entzweite. Und dann kommt das Gespräch -- und alle Himmel sind +zerschlagen von der nackten, brutalen, brennend irdischen, teuflisch +geistigen Sachlichkeit. Sie sprechen davon als erstes, als einziges -- +ob die Leiche riechen wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender +Sachlichkeit, er habe »gute amerikanische Wachsleinwand« gekauft und +»vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit« darauf gegossen. + +Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen, die +satanischen nenne, weil hier der Realismus mehr ist als ein bloßer +Kunstgriff der Technik, weil er eine metaphysische Rache ist, Ausbruch +geheimnisvoller Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung. +»Vier Fläschchen!« das Mathematische der Zahl, »amerikanische +Wachsleinwand!« die grauenhafte Präzision des Details -- das sind +absichtliche Zerstörungen der seelischen Harmonie, grausame Revolten +gegen die Einheit des Gefühls. Hier wird Wahrheit über sich selbst +hinaus schon Exzeß, Laster und Marter, und diese entsetzlichen +Niederstürze aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen Steinbrüche +der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich machen, wäre die +gleiche Gewalt des Kontrastes nicht auch im Gegenspiel vorhanden, +entstünde nicht immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei +ihm aus den schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere sich +nur an die Welt Dostojewskis. Sie ist, rein sozial genommen, ein +Wurmloch, knapp an der Gosse des Lebens, immer in den dumpfesten +Sphären der Armut und Kläglichkeit. Mit absichtlicher Bewußtheit (er +ist der Antiromantiker, wie er der Antisentimentale ist) stellt er +seine Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige Kellerlokale, +stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge »Särge« von Zimmern, nur +abgetrennt durch Holzwände, nie Salons, Hotels, Paläste, Kontore. +Und mit Absicht sind seine Menschen äußerlich »uninteressant«, +schwindsüchtige Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender, +Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten. Aber gerade in diese +dumpfe Alltäglichkeit stellt er die größten Tragödien der Zeit. Aus dem +Erbärmlichen steigt das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt +dämonischer bei ihm als dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und +seelischer Trunkenheit, räumlicher Armut und Verschwendung des Herzens. +In Schnapszimmern verkünden trunkene Menschen die Wiederkehr des +Dritten Reiches, sein Heiliger Aljoscha erzählt die tiefste Legende, +während ihm eine Dirne auf dem Schoße sitzt, in Bordellen und +Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und Verkündung, +und die erhabenste Szene Raskolnikoffs, wo der Mörder sich niederwirft +und vor dem Leiden der ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im +Zimmerwinkel einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow. + +Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm, warm oder kalt, aber +nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse, durchblutet seine Leidenschaft +das Leben. In einer Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier +das Erhabene mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe zu +Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät man darum bei den +Romanen Dostojewskis zur Rast, nie in die sanfte, musikalische Rhythmik +des Lesens, nie läßt er einem ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man +wie unter elektrischen Schlägen beunruhigt auf, heißer, brennender, +unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite. Solange wir in seiner +dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm selber ähnlich. Wie in sich +selbst, dem ewigen Dualisten, dem Menschen am Kreuzholz des Zwiespalts, +wie in seinen Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die +Einheit des Gefühls. + +Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre Herabwürdigung, +sie mit dem Handwerkerwort »Technik« zu benennen, denn diese Kunst +kommt mitten aus Dostojewskis Persönlichkeit, aus dem brennenden +Urzwiespalt seines Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und +Geheimnis, zugleich hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit, Wissen +und Magie. Das Unfaßbarste scheint verständlich, das Verständlichste +unfaßbar: beugen sich die Probleme schon über den äußersten Rand der +Möglichkeiten hinaus, so stürzen sie doch nie ins Gestaltlose hinab. +Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-realen Einzelheiten seine +Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine ins Schattenhafte hinüber. +Wen Dostojewski schildert, dessen Wesen hat er visionär inne bis in die +letzte Wirrnis seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den +Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft, durchsiebt +seine Trunkenheit, nie geht ein Atemzug seelischer Substanz bei ihm +verloren, wird ein Gedanke übersprungen. Glied um Glied hämmert er die +psychologische Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt bei ihm +keine psychologischen Irrtümer, keine Verknotung, die sein visionärer +Intellekt, seine hellseherische Logik nicht durchleuchtete. Nie einen +Fehler, einen Verstoß gegen die innere Wahrheit. Welche Kunstbauten des +Geistes und der Vision sind da errichtet, unübersehbar und unzerstörbar! +Der dialektische Zweikampf des Porphyri Petrowitsch mit Raskolnikoff, +die Architektonik der Verbrechen, das logische Labyrinth der Karamasoff, +das ist geistige Architektonik ohnegleichen, fehllos wie Mathematik und +doch berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten Kräfte des +Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen, tieferen Wahrheit, +als die Menschheit sie vordem gekannt. + +Aber doch -- die Frage muß beantwortet sein --, warum wirkt trotz +solcher dämonischer Vollendung der Wahrheit Dostojewskis Werk, dieses +irdischeste aller Werke, doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt +zwar, aber doch wie eine neben oder über unserer Welt, nur nicht sie +selbst? Warum stehen wir innen mit unserem tiefsten Gefühl und sind +doch irgendwie befremdet? Warum brennt in allen seinen Romanen etwas +wie künstliches Licht und ist Raum darinnen wie aus Halluzinationen +und Träumen? Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten, +immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der Wirklichkeit? Warum +ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit doch nicht fruchtbare +Sonnenwärme darin, sondern irgendein schmerzhaftes Nordlicht, blutig +und blendend, warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des Lebens, +die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als das Leben selbst? Als +unser eigenes Leben? + +Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche ist für +Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten, am Unvergänglichsten +der Weltliteratur können sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie +der Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der Orestie, die +Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes Werk. Sie alle, diese +Werke, sind sogar einfältiger, schlichter, weniger erkenntnisreich, +weniger zukunftsträchtig als die Dostojewskis. Aber sie sind doch +irgendwie weicher und freundsamer für die Seele, sie geben Erlösung des +Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis gibt. Ich glaube: diese +ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so menschlich, nur menschlich +sind. Sie haben um sich einen heiligen Rahmen von strahlendem Himmel, +von Welt, einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von +Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt hinflüchtet und +befreit. Im Homer, mitten in den Schlachten, im blutigsten Gemetzel der +Menschen stehen ein paar Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen +Wind vom Meer, das silberne Licht Griechenlands glänzt über die +Blutstatt, beseligt erkennt das Gefühl den schmetternden Kampf der +Menschen als einen kleinen nichtigen Wahn gegen das Ewige der Dinge. Und +man atmet auf, man ist erlöst von der menschlichen Trübe. Auch Faust +hat seinen Ostersonntag, schwingt die eigene Qual in die zerklüftete +Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der Welt. In allen diesen +Werken erlöst die Natur von der Menschenwelt. Dostojewski aber fehlt die +Landschaft, fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt, +sondern nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder, stumpf +für Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit gegen die Natur, +gegen die Kunst ist sein unergründliches, sein unvergleichliches Wissen +um den Menschen bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe von +Unzulänglichkeit. Sein Gott wohnt nur in der Seele, nicht auch in den +Dingen, ihm fehlt jenes kostbare Korn Pantheismus, das die deutschen, +das die hellenischen Werke so selig und so befreiend macht. Seine, +Dostojewskis, Werke, sie spielen alle irgendwie in ungelüfteten Stuben, +in rußigen Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe menschliche, allzu +menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend durchwühlt wird vom +Wind aus den Himmeln und dem Sturz der Jahreszeiten. Man versuche doch +einmal sich zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei »Raskolnikoff«, +dem »Idioten«, bei den »Karamasoffs«, dem »Jüngling«, in welcher +Jahreszeit, in welcher Landschaft sie spielen. Ist es Sommer, Frühling +oder Herbst? Vielleicht ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht. +Man atmet es, man schmeckt es, man spürt, man erlebt es nicht. Sie +spielen alle nur irgendwo im Dunkel des Herzens, das die Blitzschläge +der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren Hohlraum des Hirnes, +ohne Sterne und Blumen, ohne Stille und Schweigen. Großstadtrauch +verdunkelt den Himmel ihrer Seele. Es fehlen ihnen die Ruhepunkte der +Erlösung vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen, die besten des +Menschen, wenn er den Blick von sich selbst und seinen Leiden gegen die +fühllose, leidenschaftslose Welt kehrt. Das ist das Schattenhafte in +seinen Büchern: wie von einer grauen Wand von Elend und Dunkelheit heben +sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und klar in einer +wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit bloß des Gefühls. Seine +Sphäre ist Seelenwelt und nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit. + +Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig jeder +einzelne ist, so fehllos ihr logischer Organismus, auch sie ist +in ihrer Gesamtheit in einem gewissen Sinne unwirklich: etwas von +Gestalten aus Träumen haftet ihnen an, und ihr Schritt geht im +Raumlosen wie der von Schatten. Damit sei nicht gesagt, daß sie +irgendwie unwahr wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn +Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen sind +nicht plastisch, sondern sublim gesehen und durchfühlt, weil sie einzig +aus Seele gestaltet sind und nicht aus Körperlichkeit. Dostojewskis +Menschen kennen wir alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl, +Wesen aus Nerven und Seelen, bei denen man es fast vergißt, daß dieses +Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie gewissermaßen körperlich +an. Auf den zwanzigtausend Seiten seines Werkes ist nie geschildert, +daß einer seiner Menschen sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, immer +fühlen, sprechen oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn, +daß sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie im +Fieber, immer denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich, tierisch, +stumpf, immer nur bewegt, erregt, gespannt, und immer, immer wach. Wach +und sogar überwach. Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie +die seelische Übersichtigkeit Dostojewskis, alle sind sie Hellseher, +Telepathen, Halluzinanten, alle pythische Menschen, und alle durchtränkt +bis in die letzten Tiefen ihres Wesens von psychologischer Wissenschaft. +Im gemeinen, im banalen Leben stehen -- erinnern wir uns nur -- die +meisten Menschen im Konflikt miteinander und dem Schicksal einzig darum, +weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß irdischen Verstand +haben. Shakespeare, der andere große Psychologe der Menschheit, baut die +Hälfte seiner Tragödien auf diese eingeborene Unwissenheit, auf dieses +Fundament von Dunkel, das zwischen Mensch und Mensch als Verhängnis, +als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut seiner Tochter, denn +er ahnt ihren Edelmut nicht, die Größe der Liebe, die sich hier in +Schamhaftigkeit verschanzt, Othello wiederum nimmt sich Jago als +Einflüsterer, Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie +dem wahren Wesen der irdischen Welt, der Täuschung verfallen. Bei +Shakespeare wird wie im realen Leben das Mißverständnis, die irdische +Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft, die Quelle aller Konflikte. +Die Menschen Dostojewskis aber, diese Überwissenden, sie kennen kein +Mißverstehen. Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie verstehen +einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich das Wort +aus dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den Gedanken noch aus dem +Mutterleib der Empfindung. Sie wittern, sie ahnen einander alle im +voraus, nie enttäuschen sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen +Seele umfaßt in geheimnisvoller Witterung schon der anderen Sinn. Das +Unbewußte, das Unterbewußte ist bei ihnen überentwickelt, alle sind sie +Propheten, alle Ahnende und Visionäre, überladen von Dostojewski mit +seiner eigenen mystischen Durchdringung des Seins und des Wissens. Ich +will ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein. Nastassja Philipowna +wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es vom ersten Tage, da sie ihn +erblickt, weiß es in jeder Stunde, in der sie ihm angehört, daß er sie +ermorden wird, sie flieht vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet +zurück, weil sie ihr eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer +sogar Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin weiß +es, auch er kennt das Messer und ebenso Myschkin. Seine Lippen zittern, +wenn er einmal im Gespräch zufällig Rogoschin mit diesem Messer +spielen sieht. Und gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das +Wissensunmögliche allen bewußt. Der Staretz fällt in die Knie, weil er +das Verbrechen wittert, selbst der Spötter Rakitin weiß diese Zeichen zu +deuten. Aljoscha küßt seines Vaters Schulter, wie er von ihm Abschied +nimmt, auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht. Iwan +fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des Verbrechens zu sein. Der +Schmutzfink Smerdjakoff sagt es ihm lächelnd voraus. Alle, alle wissen +sie es, und den Tag und die Stunde und den Ort aus einer Überladenheit +mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in ihrer +Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner, alle +Allesversteher. + +Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache Form aller +Wahrheit für den Künstler. Obwohl Dostojewski den Menschen tiefer kennt +als irgendeiner vor ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als +Kenner der Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt, das +Gemeine und Gleichgültige neben das Grandiose gestellt, wo Dostojewski +einen jeden ins Unendliche steigert. Shakespeare hat die Welt im +Fleisch erkannt, Dostojewski im Geist. Seine Welt ist vielleicht die +vollkommenste Halluzination der Welt, ein tiefer und prophetischer +Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit noch überflügelt: +aber Realismus, der über sich selbst hinaus ins Phantastische reicht. +Der Überrealist Dostojewski, der Überschreiter aller Grenzen, er hat +die Wirklichkeit nicht geschildert: er hat sie über sich selbst hinaus +gesteigert. + +Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt in Kunst +gestaltet, von innen gebunden, von innen erlöst. Diese Art von Kunst, +die tiefste und menschlichste aller, hat keine Vorfahren in der +Literatur, weder in Rußland noch irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat +nur Brüder in der Ferne. An die griechischen Tragiker gemahnt manchmal +der Krampf und die Not, dieses Übermaß von Qual in den Menschen, die +unter dem Griff des übermächtigen Schicksales sich krümmen, an +Michelangelo manchmal durch die mystische, steinerne, unerlösbare +Traurigkeit der Seele. Aber der wahre Bruder Dostojewskis durch die +Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem Leben von Mühsal, +Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene der Irdischkeit, gepeitscht von +den Bütteln des Geldes in die tiefste Tiefe des menschlichen Seins +hinab. Beide wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den +ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine Schönheit +tiefer ist als die heilige der Seele, die aus der Nüchternheit des +Seins gewonnen ist. Wie Dostojewski seine Heiligen aus russischen +Bauern, Verbrechern und Spielern, gestaltet sich Rembrandt seine +biblischen Figuren von den Modellen der Hafengassen; beiden ist in den +niedersten Formen des Lebens irgendeine geheimnisvolle, neue Schönheit +verborgen, beide finden sie ihren Christus im Abhub des Volks. Beide +wissen sie von dem ständigen Spiel und Widerspiel der Erdenkräfte, von +Licht und Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen wie im Beseelten +waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem letzten Dunkel des +Lebens genommen. Je mehr man in die Tiefe der Bilder Rembrandts, +der Bücher Dostojewskis blickt, sieht man das letzte Geheimnis der +weltlichen und geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und +wo die Seele zuerst nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit zu +schauen meint, erkennt sie, tiefer blickend, mit erkennender Lust +entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz, der als Märtyrerkrone über +den letzten Dingen des Lebens liegt. + + + ARCHITEKTUR UND LEIDENSCHAFT + + »Que celui aime peu, qui aime la + mesure!« La Boetie + +»Alles treibst du bis zur Leidenschaft.« Das Wort Nastassja Philipownas +trifft alle Menschen Dostojewskis und trifft vor allem ihn, Dostojewski +selbst, mitten in die Seele. Nur leidenschaftlich kann dieser Gewaltige +den Phänomenen des Lebens entgegentreten und darum am leidenschaftlichsten +seiner leidenschaftlichsten Liebe: der Kunst. Selbstverständlich, daß +der schöpferische Prozeß, die künstlerische Bemühung, bei ihm nicht eine +geruhige, ordnend aufbauende, kühl berechnend architektonische ist. +Dostojewski schreibt im Fieber, wie er im Fieber denkt, im Fieber lebt. +Unter der Hand, die die Worte in fließenden kleinen Perlenketten (er +hat die nervöse Eilschrift aller hitzigen Menschen) über das Papier +rinnen läßt, hämmert der Puls in verdoppelten Schlägen, seine Nerven +zucken im Krampf. Schöpfung ist ihm Ekstase, Qual, Entzückung und +Zerschmetterung, eine zum Schmerz gesteigerte Wollust, ein zur +Wollust gesteigerter Schmerz, das ewige Spasma, der immer wiederholte +vulkanische Ausbruch seiner übermächtigen Natur. »Unter Tränen« schreibt +der Zweiundzwanzigjährige sein erstes Werk »Arme Leute«, und seitdem ist +jede Arbeit eine Krise, eine Krankheit. »Ich arbeite nervös, unter Qual +und Sorgen. Wenn ich angestrengt arbeite, bin ich auch physisch krank.« +Und tatsächlich, die Epilepsie, seine mystische Krankheit, dringt ein +mit ihrem fiebrigen, entzündlichen Rhythmus, mit ihren dunklen, dumpfen +Hemmungen, bis in die feinsten Vibrationen seines Werks. Immer aber +schafft Dostojewski mit dem Ganzen seines Wesens, im hysterischen Furor. +Selbst die kleinsten, scheinbar gleichgültigen Partien seines Werkes, +wie die journalistischen Aufsätze, sind gegossen und geschmolzen in +der feurigen Esse seiner Leidenschaft. Nie schafft er mit dem bloß +abgelösten, frei wirkenden Teil seiner schaffenden Kraft, gleichsam aus +dem Handgelenk, aus der spielhaften Leichtigkeit der Technik, immer ballt +er seine ganze physische Erregbarkeit in das Geschehnis, bis an den +letzten Nerv seines Lebens leidend und mitleidend in seinen Gestalten. +Alle seine Werke sind gleichsam explosiv in rasenden Wetterschlägen +durch einen ungeheuren atmosphärischen Druck herausgeschwemmt. +Dostojewski kann nicht gestalten ohne inneren Anteil, und für ihn gilt +das bekannte Wort über Stendhal: »Lorsqu'il n'avait pas d'émotion, il +était sans esprit.« Wenn Dostojewski nicht leidenschaftlich war, war er +nicht Dichter. + +Aber Leidenschaft in der Kunst wird ebenso zerstörendes Element, als sie +bildnerisches war. Sie schafft nur das Chaos der Kräfte, dem der klare +Geist erst die ewigen Formen erlöst. Alle Kunst braucht die Unruhe als +Antrieb der Gestaltung, aber nicht minder eine überlegen-überlegte +Ruhe der Auswägung zu einer Vollendung. Dostojewskis mächtiger, die +Wirklichkeit diamanten durchdringender Geist weiß nun wohl um die +marmorne, eherne Kühle, die das große Kunstwerk umwittert. Er liebt, +er vergöttert die große Architektonik, er entwirft prachtvolle Maße, +erhabene Ordnungen des Weltbildes. Aber immer wieder überflutet das +leidenschaftliche Gefühl die Fundamente. Der Zwiespalt, der ewige +zwischen Herz und Geist, wirkt auch im Werke und nennt sich hier +Kontrast von Architektonik und Leidenschaft. Vergebens sucht Dostojewski +als Künstler objektiv zu schaffen, außen zu bleiben, bloß zu erzählen +und zu gestalten, Epiker zu sein, Referent von Geschehnissen, Analytiker +der Gefühle. Unwiderstehlich reißt ihn seine Leidenschaft in Leiden und +Mitleiden immer wieder in die eigene Welt. Immer ist etwas vom Chaos des +Anfangs selbst in den vollendeten Werken Dostojewskis, nie die Harmonie +erreicht (»Ich hasse die Harmonie«, so schreit Iwan Karamasoff, der +Verräter seiner geheimsten Gedanken). Auch hier ist zwischen Form und +Wille kein Friede, kein Ausgleich, sondern -- o ewige Zweiheit seines +Wesens, alle Formen durchdringend von der kalten Schale bis zum +glühendsten Kerne! -- ein unablässiger Kampf zwischen außen und innen. +Der ewige Dualismus seines Wesens heißt im epischen Werke Kampf zwischen +Architektur und Leidenschaft. + +Nie erreicht Dostojewski in seinen Romanen, was man fachmännisch »den +epischen Vortrag« nennt, jenes große Geheimnis, bewegtes Geschehen in +ruhiger Darstellung zu bändigen, das von Homer bis Gottfried Keller und +Tolstoi sich in unendlicher Ahnenreihe von Meister auf Meister vererbt. +Leidenschaftlich formt er seine Welt, und nur leidenschaftlich, nur +erregt, kann man sie genießen. Nie stellt sich in seinen Büchern jenes +sanfte rhythmische, einwiegende Gefühl der Behaglichkeit ein, nie fühlt +man sich sicher und außen gegenüber den Geschehnissen, gleichsam an dem +sicheren Ufer, Brandung und Tumult eines erregten Meeres schauspielhaft +betrachtend. Immer ist man innen bei ihm eingewühlt, verstrickt in die +Tragödie. Wie eine Krankheit erlebt man die Krise seiner Menschen im +Blute, wie eine Entzündung brennen die Probleme im aufgepeitschten +Gefühl. Mit allen unseren Sinnen taucht er uns in seine brennende +Atmosphäre, stößt er uns an den Abgrundrand der Seele, wo wir keuchend +stehen, schwindeligen Gefühls, mit abgerissenem Atem. Und erst, +wenn unsere Pulse jagen wie die seinen, wir selbst der dämonischen +Leidenschaft verfallen sind, erst dann gehört sein Werk ganz uns, +gehören wir ihm ganz. Dostojewski will eben nur angespannte, gesteigerte +Menschen als Mitempfinder seiner Epik, so wie er sie als seine Helden +wählt. Die Leihbibliothekskonsumenten, die behaglichen Flaneure des +Lesens, die Spaziergänger auf den Bürgersteigen ausgetretener Probleme, +müssen auf ihn und er auf sie verzichten. Nur der brennende Mensch, der +leidenschaftlich entzündete, der glühende im Gefühl, findet hinab in +seine wahre Sphäre. + +Es läßt sich nicht verleugnen, nicht verbergen, nicht verschönern: das +Verhältnis Dostojewskis zum Leser ist weder ein freundschaftliches noch +ein behagliches, sondern eine Zwietracht voll gefährlicher, grausamer, +wollüstiger Instinkte. Es ist eine leidenschaftliche Beziehung wie +zwischen Mann und Weib, nicht wie bei den andern Dichtern ein Verhältnis +der Freundschaft und des Vertrauens. Dickens oder Gottfried Keller, +seine Zeitgenossen, führen mit sanfter Überredung, mit musikalischer +Lockung den Leser in ihre Welt, sie plaudern ihn freundlich ins +Geschehnis hinein, sie reizen nur die Neugier, die Phantasie, nicht aber +wie Dostojewski das ganze aufschäumende Herz. Er, der Leidenschaftliche, +will uns ganz haben, nicht bloß unsere Neugier, unser Interesse, er +begehrt unsere ganze Seele, selbst unsere Körperlichkeit. Zuerst lädt er +die innere Atmosphäre mit Elektrizität, raffiniert steigert er unsere +Reizbarkeit. Eine Art Hypnose setzt ein, ein Willensverlust in seinen +leidenschaftlichen Willen: wie das dumpfe Murmeln des Beschwörenden, +endlos und sinnlos umtut er den Sinn mit breiten Gesprächen, reizt mit +Geheimnis und Andeutungen die Anteilnahme bis tief nach innen. Er duldet +nicht, daß wir zu früh uns hingeben, er dehnt in wollüstigem Wissen die +Marter der Vorbereitung, Unruhe beginnt in einem leise zu kochen, aber +immer wieder verzögert er, neue Figuren vorschiebend, neue Bilder +entrollend, den Einblick in das Geschehnis. Ein wissender, ein +wollüstiger Erotiker, hält er seine, hält er unsere Hingebung mit +teuflischer Willenskraft zurück und steigert damit den innern Druck, die +Gereiztheit der Atmosphäre ins Unendliche. Schicksalsträchtig fühlt man +über sich ein Gewölk von Tragik (wie lange dauert es in Raskolnikoff, +ehe man weiß, daß all diese sinnlosen seelischen Zustände Vorbereitungen +zu seinem Morde sind, und doch spürt man längst in den Nerven +Furchtbares voraus!), auf dem Himmel der Seele wetterleuchtet schaurige +Ahnung. Aber Dostojewskis sinnliche Wollüstigkeit berauscht sich im +Raffinement der Verzögerung, sie prickelt wie Nadelstiche kleine +Andeutungen in die Haut des Empfindens. Mit satanischer Verlangsamung +stellt Dostojewski vor seinen großen Szenen noch Seiten und Seiten +mystischer und dämonischer Langweile, bis er in dem Reizmenschen (ein +anderer fühlt ja nichts von diesen Dingen) ein geistiges Fieber, eine +physische Qual erzeugt. Auch das Lustgefühl der Spannung treibt dieser +Fanatiker des Kontrastes bis in den Schmerz hinein, und erst dann, wenn +im überheizten Kessel der Brust das Gefühl schon brodelt und die Wände +sprengen will, dann erst schlägt er einem mit dem Hammer auf das Herz, +dann zuckt eine jener sublimen Sekunden nieder, wo wie ein Blitz die +Erlösung aus dem Himmel seines Werkes in die Tiefe unserer Herzen fährt. +Erst wenn die Spannung unerträglich geworden ist, zerreißt Dostojewski +das epische Geheimnis und löst das zerspannte Gefühl in weiche, +flutende, tränenfeuchte Empfindung. + +So feindlich, so wollüstig, so raffiniert leidenschaftlich umstellt, +umfaßt Dostojewski seine Leser. Nicht im Ringkampf zwingt er sie +nieder, sondern wie ein Mörder, der stundenlang und stundenlang sein +Opfer umkreist, durchstößt er einem dann plötzlich mit einer spitzen +Sekunde das Herz. So leidenschaftlich ist er im eigenen Aufruhr, daß +man zweifelt, ihn noch einen Epiker nennen zu dürfen. Seine Technik ist +eine explosive: er höhlt nicht kärrnerhaft, Schaufel um Schaufel, die +Straße in sein Werk hinein, sondern von innen herauf mit einer ins +kleinste geballten Kraft sprengt er die Welt auf und die erlöste +Brust. Ganz unterirdisch sind seine Vorbereitungen, gleichsam eine +Verschwörung, eine blitzartige Überraschung für den Leser. Nie weiß +man, obwohl man fühlt, daß man einer Katastrophe entgegengeht, in +welchen Menschen er die Stollen seiner Minengänge eingräbt, von welcher +Seite, in welcher Stunde die furchtbare Entladung erfolgt. Von jedem +einzelnen führt ein Schacht in den Mittelpunkt des Geschehens, jeder +einzelne ist geladen mit dem Zündstoff der Leidenschaft. Wer aber den +Kontakt zündet (zum Beispiel, wer von den vielen, die alle innerlich +von den Gedanken vergiftet sind, den Fedor Karamasoff tötet), das ist +mit einer unerhörten Kunst verborgen bis zum letzten Augenblick, denn +Dostojewski, der alles ahnen läßt, verrät nichts von seinem Geheimnis. +Man fühlt nur immer das Schicksal wie einen Maulwurf unter der Fläche +des Lebens wühlen, fühlt, wie sich bis hart unter unser Herz die Mine +vorschiebt, und vergeht, verzehrt sich in unendlicher Spannung bis zu +den kleinen Sekunden, die wie ein Blitz die Schwüle der Atmosphäre +zerschneiden. + +Und für diese kleinen Sekunden, für die unerhörte Konzentration des +Zustandes benötigt der Epiker Dostojewski eine bisher ungekannte Wucht +und Breite der Darstellung. Nur eine monumentale Kunst kann solch +eine Intensität, eine solche Konzentration erzielen, nur eine Kunst +urweltlicher Größe und mythischer Wucht. Hier ist Breite nicht +Geschwätzigkeit, sondern Architektur: wie für die Spitzen der Pyramiden +riesige Fundamente, sind für die spitzen Höhepunkte bei Dostojewski die +gewaltigen Dimensionen seiner Romane notwendig. Und wirklich, wie die +Wolga, der Dnjepr, die großen Ströme seiner Heimat, rollen diese Romane +dahin. Etwas Stromhaftes ist ihnen allen zu eigen, langsam wogend +rollen sie ungeheuere Mengen des Lebens heran. Auf ihren Tausenden und +Tausenden Seiten schwemmen sie, gelegentlich die Ufer des künstlerischen +Gestaltens übertretend, viel politisches Geröll und polemisches Gestein +mit sich fort. Manchmal, wo die Inspiration nachläßt, haben sie auch +breite, sandige Stellen. Schon scheinen sie zu versiegen. In stockendem +Lauf winden sich mühsam durch Krümmungen und Wirrungen die Geschehnisse +weiter, die Flut stagniert an den Sandbänken der Gespräche für Stunden, +bis sie wieder dann die eigene Tiefe und den Schwung ihrer Leidenschaft +findet. + +Aber dann, in der Nähe des Meeres, der Unendlichkeit, kommen plötzlich +jene unerhörten Stellen der Stromschnelle, wo sich die breite Erzählung +zum Wirbel zusammenballt, die Seiten gleichsam fliegen, das Tempo +beängstigend wird, die Seele mitgerissen in den Abgrund des Gefühls +hinpfeilt. Schon fühlt man die nahe Tiefe, schon donnert der +Wassersturz her, die ganze breite schwere Masse ist plötzlich in +schäumende Geschwindigkeit verwandelt, und wie die Strömung der +Erzählung, gleichsam magnetisch vom Katarakt angezogen, der Katharsis +zuschäumt, so sausen wir selbst unwillkürlich rascher durch diese +Seiten und stürzen dann plötzlich in den Abgrund des Geschehens, +gleichsam mit zerschmetterten Gefühlen. + +Und dieses Gefühl, wo gleichsam die ungeheuere Summe des Lebens in einer +einzigen Ziffer gezogen ist, dieses Gefühl äußerster Konzentration, +qualvoll und schwindlig zugleich, das er selbst einmal das »Turmgefühl« +nennt, -- den göttlichen Wahnsinn, sich über die eigene Tiefe zu beugen +und die Seligkeit des tödlichen Niedersturzes vorempfindend zu genießen +-- dieses äußerste Gefühl, in dem man mit dem ganzen Leben auch noch +den Tod empfindet, es ist immer auch die unsichtbare Spitze der großen +epischen Pyramiden Dostojewskis. Alle Romane sind vielleicht nur +geschrieben um dieser Augenblicke der weißglühenden Empfindung willen. +Zwanzig oder dreißig solcher grandioser Stellen hat Dostojewski +geschaffen, und alle sind sie von so unvergleichlicher Vehemenz der +leidenschaftlichen Zusammenballung, daß sie einem nicht nur beim ersten +Lesen, da sie einen gleichsam noch wehrlos überfallen, sondern noch beim +vierten oder fünften Wiederholen wie eine Stichflamme durch das Herz +fahren. Immer sind in diesem Augenblick plötzlich alle Menschen des +ganzen Buches in einem Zimmer versammelt, immer alle in der äußersten +Intensität ihres Eigenwillens. Alle Straßen, alle Ströme, alle Kräfte +laufen magisch zusammen, lösen sich auf in einer einzigen Geste, einer +einzigen Gebärde, einem einzigen Wort. Ich erinnere nur an die Szene in +den »Dämonen«, wo die Ohrfeige Schatows mit ihrem »trockenen Schlag« +das Spinnweb des Geheimnisses zerreißt, wie im »Idioten« Nastassja +Philipowna die 100000 Rubel ins Feuer wirft, oder die Geständnisszene +in »Raskolnikoff« und den »Karamasoff«. In diesen höchsten, schon nicht +mehr stofflichen, in diesen ganz elementaren Momenten seiner Kunst +gattet sich restlos Architektur und Leidenschaft. Nur in der Ekstase ist +Dostojewski der einheitliche Mensch, nur in diesen kurzen Augenblicken +der vollendete Künstler. Aber diese Szenen sind rein künstlerisch ein +Triumph der Kunst über den Menschen ohnegleichen, denn erst rücklesend +wird man gewahr, mit einer wie genialen Berechnung alle Anstiege zu +diesem Höhepunkt geführt sind, mit welch wissender Verteilung hier +Menschen und Umstände sich magisch ergänzen, wie die ungeheure +Gleichung, die tausendstellige und verschränkte, sich plötzlich auflöst +in die kleinste Zahl, die letzte, restlose Einheit des Gefühls: die +Ekstase. Das ist das größte künstlerische Geheimnis Dostojewskis, alle +seine Romane zu solchen Spitzen hinaufzubauen, in denen sich die ganze +elektrische Atmosphäre des Gefühls sammelt und die den Blitz des +Schicksals mit unfehlbarer Sicherheit in sich auffangen. + +Muß noch besonders auf den Ursprung dieser einzigartigen Kunstform +hingewiesen sein, die vor Dostojewski keiner besessen und vielleicht +nie ein Künstler in gleichem Maße besitzen wird? Muß es noch gesagt +sein, daß dieses Aufzucken der gesamten Lebenskräfte zu einzigen +Sekunden nichts anderes ist, als in Kunst verwandelte, sinnfällige Form +seines eigenen Lebens, seiner dämonischen Krankheit? Nie ist das Leiden +eines Künstlers fruchtbarer gewesen als diese künstlerische Verwandlung +der Epilepsie, denn nie hat sich vor Dostojewski in der Kunst eine +ähnliche Konzentration von Lebensfülle in das engste Maß von Raum +und Zeit gebannt. Er, der am Semenowskiplatz gestanden, die Augen +verschnürt, und in zwei Minuten sein ganzes vergangenes Leben noch +einmal durchlebte, der bei jedem epileptischen Anfall in der Sekunde +zwischen dem wankenden Taumel und dem harten Niedersturz vom Sessel +auf den Boden Welten visionär durchirrt, nur er konnte diese Kunst +erreichen, in eine Nußschale von Zeit einen Kosmos von Geschehnissen +einzubetten. Nur er das Unwahrscheinliche solcher explosiver Sekunden +so dämonisch ins Wirkliche zwingen, daß wir dieser Fähigkeit der +Überwindung von Raum und Zeit kaum gewahr werden. Wahre Wunder der +Konzentration sind seine Werke. Ich erinnere nur an ein Beispiel: Man +liest den ersten Band des »Idioten«, der über 500 Seiten umfaßt. Ein +Tumult von Schicksal hat sich erhoben, ein Chaos von Seelen ist +durchflogen, eine Vielzahl von Menschen innerlich belebt. Man hat mit +ihnen Straßen durchwandert, in Häusern gesessen, und plötzlich, bei +zufälligem Besinnen, entdeckt man, daß diese ganze ungeheure Fülle von +Geschehnissen in einem Ablauf von kaum zwölf Stunden vor sich ging, von +Morgen bis Mitternacht. Ebenso ist die phantastische Welt der Karamasoff +in bloß ein paar Tage, die Raskolnikoffs in eine Woche zusammengeballt, +-- Meisterstücke der Gedrängtheit, wie sie ein Epiker noch nie und +selbst das Leben nur in den seltensten Augenblicken erreicht. Einzig +die antike Tragödie des Ödipus etwa, der in der engen Spanne von +Mittag bis Abend ein ganzes Leben und das vergangener Generationen +zusammendrängt, kennt diesen rasenden Niedersturz von Höhe zu Tiefe, von +Tiefe zu Höhe, diese erbarmungslosen Wetterstürze des Geschicks, aber +auch diese reinigende Kraft der seelischen Gewitter. Mit keinem epischen +Werk läßt sich diese Kunst vergleichen, und darum wirkt Dostojewski +immer in seinen großen Augenblicken als Tragiker, seine Romane gleichsam +wie umhüllte, verwandelte Dramen; im letzten sind die Karamasoff Geist +vom Geiste der griechischen Tragödie, Fleisch vom Fleische Shakespeares. +Nackt steht in ihnen, wehrlos und klein, der riesige Mensch unter dem +tragischen Himmel des Schicksals. + +Und seltsam, in diesen leidenschaftlichen Augenblicken der Niederstürze +verliert plötzlich der Roman Dostojewskis auch seinen erzählerischen +Charakter. Die dünne epische Umschalung schmilzt ab in der Hitze des +Gefühls und verdunstet; nichts bleibt als der blasse weißglühende +Dialog. Die großen Szenen in Dostojewskis Romanen sind nackte dramatische +Dialoge. Man kann sie, ohne ein Wort beizufügen oder fortzulassen, auf +die Bühne pflanzen, so festgezimmert ist jede einzelne Figur, so zur +dramatischen Sekunde verdichtet sich in ihnen der breite strömende +Gehalt der großen Romane. Das tragische Gefühl in Dostojewski, das immer +zu Endgültigem drängt, zur gewaltsamen Spannung, zur blitzartigen +Entladung, schafft in diesen Höhepunkten sein episches Kunstwerk +scheinbar restlos zum dramatischen um. + +Was in diesen Szenen an dramatischer, ja theatralischer Schlagkraft +enthalten ist, haben selbstverständlich die eilfertigen Theaterhandwerker +und Boulevarddramatiker zuerst erkannt, lang vor den Philologen, und +rasch einige robuste Theaterstücke aus dem »Raskolnikoff«, dem »Idioten«, +den »Karamasoff« gezimmert. Aber hier hat sich erwiesen, wie kläglich +solche Versuche scheitern, Figuren Dostojewskis von außen, von ihrer +Körperlichkeit und ihrem Schicksal zu fassen, sie aus ihrer Sphäre, der +Seelenwelt, zu heben und von der gewitternden Atmosphäre der rhythmischen +Reizbarkeit abzulösen. Wie abgeschälte Baumstämme, nackt und leblos, +wirken diese Figuren dramatisch im Vergleich zu ihrer lebendigen, +raunenden, rauschenden Wipfelhaftigkeit, die an die Himmel rührt und +jede doch mit tausend geheimen Nervenfäden im epischen Erdreich wurzelt. +Ihr Aderwerk, breitfältig verästelt auf Hunderten von Seiten, zieht +seine stärkste bildnerische Kraft aus dem Dunkel, aus Andeutung und +Ahnung. Die Psychologie Dostojewskis ist keine für grelles Lampenlicht, +sie spottet ihrer »Bearbeiter« und Vereinfacher. Denn in dieser epischen +Unterwelt gibt es geheimnisvolle psychische Kontakte, Unterströmungen +und Nuancierungen. Nicht aus sichtbaren Gesten, sondern aus tausend +und tausend einzelnen Andeutungen bildet und formt sich bei ihm eine +Gestalt, nichts Spinnwebzarteres kennt die Literatur, als dies seelische +Netzwerk. Um einmal die Durchgängigkeit dieser subkutanen, gleichsam +unter der Haut fließenden Unterströmungen der Erzählung zu empfinden, +versuche man zur Probe einen Roman Dostojewskis in einer der gekürzten +französischen Ausgaben zu lesen. Es fehlt anscheinend nichts darin: der +Film der Geschehnisse rollt geschwinder ab, die Figuren erscheinen sogar +agiler, geschlossener, leidenschaftlicher. Aber doch, sie sind irgendwo +verarmt, ihrer Seele fehlt jener wunderbare irisierende Glanz, ihrer +Atmosphäre die funkelnde Elektrizität, jene Schwüle der Spannung, die +erst die Entladung so furchtbar und so wohltätig macht. Irgend etwas ist +zerstört, das nicht wieder zu ersetzen ist, ein Zauberkreis gebrochen. +Und gerade aus diesen Versuchen von Kürzungen und Dramatisierung +erkennt man den Sinn der Breite bei Dostojewski, die Zweckhaftigkeit +seiner scheinbaren Weitschweifigkeit. Denn die kleinen, flüchtigen, +gelegentlichen Andeutungen, die ganz zufällig und überflüssig scheinen, +sie haben Erwiderung hundert und hundert Seiten später. Unter der +Oberfläche der Erzählung laufen solche Leitungen verborgener Kontakte, +die Meldungen weitertragen, geheimnisvolle Reflexe tauschen. Es gibt bei +ihm seelische Chiffrierungen, ganz winzige physische und psychische +Zeichen, deren Sinn erst beim zweiten, beim dritten Lesen offenbar wird. +Kein Epiker hat ein gleichsam so durchnervtes System des Erzählens, ein +so unterirdisches Gewirr der Begebenheit unter dem Knochenwerk des +Geschehnisses, unter der Haut des Dialogs. Und doch, System kann +man es kaum nennen: nur mit der scheinbaren Willkürlichkeit und +doch geheimnisvollen Ordnung des Menschen selbst läßt sich dieser +psychologische Prozeß vergleichen. Während die anderen epischen +Künstler, insbesondere Goethe, mehr die Natur als den Menschen +nachzuahmen scheinen und das Geschehnis organisch wie eine Pflanze, +bildhaft wie eine Landschaft genießen lassen, erlebt man einen Roman +Dostojewskis wie die Begegnung mit einem sonderbar tiefen und +leidenschaftlichen Menschen. Dostojewskis Kunstwerk ist urirdisch bei +aller Ewigkeit, ein zweispältiges, wissendes, erregt leidenschaftliches +Nervenwesen, immer gegorenes Fleisch und Hirn, nie ehernes Metall, +reines ausgeglühtes Element. Es ist unberechenbar und unergründbar, wie +die Seele es in den Grenzen ihrer Körperlichkeit ist, und unvergleichbar +innerhalb der Formen der Kunst. + +Unvergleichbar: Bewunderung seiner Kunst, seiner seelischen Meisterschaft, +sie ist jenseitig allen Maßes, und je tiefer man sich in sein Werk +versenkt, desto unwahrscheinlicher und gewaltiger scheint ihre Größe. +Damit soll keineswegs gesagt sein, daß diese Romane an sich alle +vollendete Kunstwerke wären, ja sie sind es viel weniger als manche +ärmere Werke, die engere Kreise ziehen und sich mit Schlichterem +bescheiden. Der Maßlose kann das Ewige erreichen, aber nicht nachbilden. +Viel ihrer unerhörten Architektonik ist von Leidenschaft verschwemmt, +manche heroische Konzeption von Ungeduld zerstört. Aber diese Ungeduld +Dostojewskis, sie führt von der Tragödie seiner Kunst in die seines +Lebens zurück. Denn dies war äußeres Schicksal und nicht innere +Leichtfertigkeit bei ihm ebenso wie bei Balzac, daß er getrieben war +vom Leben zur Eiligkeit und zu sehr gehetzt, um die Werke vollendet zu +gestalten. Man vergesse nicht, wie diese Werke entstanden sind. Immer +war schon der ganze Roman verkauft, während Dostojewski noch das erste +Kapitel schrieb, jede Arbeit eine Hetzjagd von Vorschuß zu neuem +Vorschuß. »Wie ein alter Postgaul« arbeitend, auf der Flucht durch +die Welt, fehlt es ihm manchmal an Zeit und Ruhe, die letzte Feile +anzulegen, und er weiß es selbst, der Wissendste aller, und empfindet +es wie Schuld! »Mögen sie doch sehen, in welchem Zustande ich arbeite. +Sie verlangen von mir schlackenlose Meisterwerke, und aus bitterster, +elendster Not bin ich zur Eile gezwungen«, schreit er erbittert auf. +Er flucht Tolstoi und Turgenjew, die, gemächlich auf ihren Gütern +sitzend, die Zeilen runden und ordnen können, und denen er um nichts +sonst neidisch ist. Keine Armut scheut er persönlich, aber der +Künstler, erniedrigt zum Proletarier der Arbeit, schäumt gegen die +»Gutsherrnliteratur« aus der unbändigen Sehnsucht des Artisten, einmal +in Ruhe, einmal in Vollendung gestalten zu können. Jeden Fehler in +seinen Werken kennt er, er weiß, daß nach seinen epileptischen Anfällen +die Spannung nachläßt, die straffe Hülle des Kunstwerks gleichsam +undicht wird und Gleichgültiges einströmen läßt. Oft müssen ihn Freunde +oder seine Frau auf grobe Vergeßlichkeiten aufmerksam machen, die er in +jener Verdunklung der Sinne nach dem Anfall begeht, wenn er die +Manuskripte liest. Dieser Proletarier, dieser Taglöhner der Arbeit, +dieser Sklave des Vorschusses, der in der Zeit seiner ärgsten Not drei +gigantische Romane hintereinander schreibt, ist innerlich der bewußteste +Artist. Er liebt fanatisch die Goldschmiedearbeit, den Filigran der +Vollendung. Noch unter der Peitsche der Not feilt und bosselt er +stundenlang an einzelnen Seiten, zweimal vernichtet er den »Idioten«, +obzwar seine Frau hungert und die Hebamme noch nicht bezahlt ist. +Unendlich ist sein Wille zur Vollendung, aber auch die Not ist +unendlich. Wieder ringen die beiden gewaltigsten Mächte um seine Seele, +der äußere Zwang und der innere. Auch als Künstler bleibt er der große +Zerspaltene der Zweiheit. Wie der Mensch in ihm ewig nach Harmonie und +Ruhe, so dürstet der Künstler in ihm ewig nach Vollendung. Hier wie dort +hängt er mit zerrissenen Armen am Kreuze seines Schicksals. + +Auch die Kunst also, auch sie, die Einzig-Eine, ist nicht Erlösung dem +Gekreuzigten des Zwiespalts, auch sie Qual, Unruhe, Hast und Flucht, +auch sie nicht Heimat dem Heimatlosen. Und die Leidenschaft, die ihn in +die Gestaltung treibt, sie jagt ihn über die Vollendung hinaus. Auch +hier wird er über die Vollendung gehetzt dem ewig Endlosen zu; mit +ihren abgebrochenen Türmen, den nicht zu Ende gebauten (denn die +Karamasoff ebenso wie der Raskolnikoff versprechen beide einen zweiten, +nie geschriebenen Teil), ragen seine Romanbauten in den Himmel der +Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen. Nennen wir sie nicht Roman +mehr und werten wir sie nicht mit epischem Maß: sie sind längst nicht +mehr Literatur, sondern irgendwie geheime Anfänge, prophetische +Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom neuen Menschen. So +sehr er die Kunst liebt, Dostojewski, sie ist ihm nicht das Letzte, und +wie alle seine erlauchten russischen Ahnen empfindet er sie nur als +Brücke des Bekenntnisses vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns nur: +Gogol wirft nach den »Toten Seelen« die Literatur fort und wird +Mystiker, geheimnisvoller Bote des neuen Rußlands, Tolstoi verflucht, +ein Sechzigjähriger, die Kunst, die eigene und die fremde, und wird +Evangelist der Güte und Gerechtigkeit, Gorki verzichtet auf den Ruhm +und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat bis zur letzten +Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er gestaltet, ist längst +nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen engen Sinne, sondern das +Evangelium des Dritten Reiches, irgendein Mythus der neuen russischen +Welt, eine apokalyptische Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst war +dem ewig Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein Ende war im Endlosen. +Sie war ihm nur eine Stufe und nicht der Tempel selbst. In der +Vollkommenheit seiner Werke ist noch ein Größeres, das sich in Worte +nicht mehr gestaltet, und eben weil dies Letzte in ihnen nur geahnt und +nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie Wege zur Vollendung +des Menschen und der Menschheit. + + + DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN + + »Daß du nicht enden kannst, das + macht dich groß.« Goethe + +Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten um die Gegenwart: +wer ins Zukünftige will, muß sie überschreiten. Denn die Natur will +kein Innehalten im Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und +liebt doch nur den, der sie zerstört um einer neuen Ordnung willen. +Immer schafft sie sich in einzelnen Menschen durch Übermaß ihrer +eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die von den heimischen Ländern der +Seele in die dunklen Ozeane des Unbekannten hinausfahren zu neuen Zonen +des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne diese kühnen Überschreiter +wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre Entwicklung ein Kreisgang. +Ohne diese großen Boten, in denen sie sich gleichsam selbst vorauseilt, +wäre jede Generation unkund ihres Weges. Ohne diese großen Träumer +wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten Sinn. Nicht die ruhigen +Erkenner, die Geographen der Heimat, haben die Welt weit gemacht, +sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien +fuhren: nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben die moderne +Seele in ihrer Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen unter den Dichtern, +die Überschreiter der Grenzen. + +Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur ist Dostojewski +in unseren Tagen der größte gewesen, und keiner hat so viel Neuland +der Seele entdeckt als dieser Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach +seinem eignen Wort »das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war +wie die Erde selbst«. Nirgends hat er innegehalten, »überall habe ich +die Grenze überschritten,« schreibt er stolz und selbstanklagend in +einem Briefe, »überall«. Und unmöglich ist es fast, alle seine Taten +aufzuzählen, die Wanderungen über die eisigen Grate des Gedankens, die +Niederstiege zu den verborgensten Quellen des Unbewußten, die Aufstiege, +die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege zu den schwindelnden +Gipfeln des Selbsterkennens. Wo kein gewöhnlicher Weg war, er hat ihn +beschritten, wo Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie +hat die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die Mystik ihres +seelischen Wesens erkannt, sie ist wacher und bewußter geworden in +seinem Blick und gleichzeitig geheimnisvoller und göttlicher in seinem +Gefühl. Ohne ihn, den großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die +Menschheit weniger um ihr eingeborenes Geheimnis, weiter als je blicken +wir von der Höhe seines Werkes in das Zukünftige hinein. + +Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste Ferne, die er +uns auftat, war Rußland. Er hat seine Nation für die Welt entdeckt, +unser europäisches Bewußtsein erweitert, als erster die Seele des +Russen uns als Fragment und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen +lassen. Vor ihm bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den Übergang +gegen Asien, einen Fleck Landkarte, ein Stück Vergangenheit unserer +eigenen barbarischen, überwundenen Kulturkindheit. Er aber zeigte als +erster uns die zukünftige Kraft in dieser Öde, seit ihm fühlen wir +Rußland als eine Möglichkeit neuer Religiosität, als ein kommendes Wort +im großen Gedichte der Menschheit. Er hat das Herz der Welt so reicher +gemacht um eine Erkenntnis und um eine Erwartung. Puschkin (der uns ja +schlecht zugänglich ist, weil sein poetisches Medium in jeder Übertragung +die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die russische Aristokratie +gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, patriarchalischen bäurischen +Menschen, die Wesen der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er +entzündet uns die Seele mit der Verkündung neuer Möglichkeiten, erst er +entflammt den Genius dieser neuen Nation und läßt uns fast sehnsüchtig +werden, daß dieser glühende Tropfen Weltkindheit und Seelenanfang seines +Russenvolkes in die müde, stagnierende Welt des alten Europa einglühe. +Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, daß wir alles, was wir +von Rußland wußten, nur durch ihn wußten und daß er es uns möglich +gemacht, dieses Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden. + +Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle Erweiterung des +Weltwissens um die Idee Rußlands (denn diese hätte vielleicht schon +Puschkin erreicht, wäre ihm nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die +Brust gefahren) ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen +Selbstwissens, die ohne Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski ist +der Psychologe der Psychologen. Die Tiefe des menschlichen Herzens +zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das Unterbewußte, das Unergründliche +ist seine wahre Welt. Seit Shakespeare haben wir nicht soviel vom +Geheimnis des Gefühls und den magischen Gesetzen seiner Verschränkung +gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades wiederkehrte, von +der unterirdischen Welt, erzählt er von der Unterwelt der Seele. Denn +auch er, wie Odysseus, war begleitet von einem Gotte, von einem Dämon. +Seine Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der gemeine +Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd in Zustände der Angst +und des Grauens, die schon jenseits des Lebens liegen, ließen ihn erst +atmen in dieser bald frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten +und Überlebendigen. Wie die Nachttiere in der Finsternis sehen, sieht +er in den Dämmerzuständen klarer wie andere am lichten Tag. In den +feurigen Elementen, wo andere verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige +Wärme des Gefühls; er ist weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen +und hat in der kranken gehaust und damit im tiefsten Geheimnis des +Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn ins Gesicht geleuchtet, wie ein +Mondsüchtiger ist er sicher über die Spitzen des Gefühls geschritten, +von denen die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht abstürzen. Dostojewski +ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten gedrungen als die Ärzte, die +Juristen, die Kriminalisten und Psychopathen. Alles was die Wissenschaft +erst später entdeckte und benannte, was sie in Experimenten gleichsam +wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, alle die +telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen Phänomene, hat +er voraus geschildert aus jener mystischen Fähigkeit des hellseherischen +Mitwissens und Mitleidens. Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des +Geistes), bis an die Klippe des Verbrechens (den Exzeß des Gefühls) +hat er den Phänomenen der Seele nachgespürt und unendliche Strecken +seelischen Neulandes damit durchschritten. Eine alte Wissenschaft +schlägt mit ihm das letzte Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt +in der Kunst eine neue Psychologie. + +Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft der Seele hat ihre +Methoden, auch die Kunst, die vorerst durch die Zeiten eine unendliche +Einheit scheint, ewig neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des +Wissens, Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung und +Determinierung, und so wie etwa die Chemie durch Experimente die Anzahl +der Urelemente, der anscheinend unteilbaren, immer mehr verringert hat +und im scheinbar Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst +die Psychologie durch immer weiter schreitende Differenzierung die +Einheit des Gefühls in eine Unendlichkeit von Trieb und Widertrieb auf. +Trotz aller vorausschauenden Genialität einiger einzelner Menschen ist +eine Grenzlinie zwischen der alten Psychologie und der neuen nicht zu +verkennen. Von Homer und weit bis nach Shakespeare gibt es eigentlich +nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der Mensch ist noch Formel, eine +Eigenschaft in Fleisch und Knochen: Odysseus ist listig, Achilles +mutig, Ajax zornvoll, Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat +dieser Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres Willens. +Und noch Shakespeare, der Dichter an der Wende der alten und der neuen +Kunst, zeichnet seine Menschen so, daß immer eine Dominante die +widerstreitende Melodik ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es +auch, der den ersten Menschen aus dem seelischen Mittelalter in unsere +neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem Hamlet erschafft er die erste +problematische Natur, den Ahnherrn des modernen differenzierten +Menschen. Hier ist zum ersten Male im Sinne der neuen Psychologie der +Wille durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der Selbstbetrachtung +in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst wissende Mensch +gestaltet, der zwiefach lebt, außen und innen zugleich, im Handeln +denkend, im Denken sich verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum +erstenmal sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen +fühlen, freilich noch aus einer Dämmerung des Bewußtseins heraus: noch +ist er, der Dänenprinz, umwoben vom Requisit einer abergläubischen +Welt, noch wirken Zaubertränke und Geister auf seinen beunruhigten +Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber doch, hier ist er schon vollendet, +das ungeheuere psychologische Geschehnis der Verzweifachung des Gefühls. +Der neue Kontinent der Seele ist entdeckt, die zukünftigen Forscher haben +freie Bahn. Der romantische Mensch Byrons, Goethes, Shelleys, Child +Harold und Werther, den leidenschaftlichen Widerspruch seines Wesens zur +nüchternen Welt im ewigen Gegensatz empfindend, fördert durch seine +Unruhe die chemische Zersetzung der Gefühle. Die exakte Wissenschaft +gibt inzwischen noch manche wertvolle Einzelerkenntnis. Dann kommt +Stendhal. Er weiß schon mehr als alle früheren von der kristallinischen +Bildung der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit der +Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen Widerstreit der Brust um jeden +einzelnen ihrer Entschlüsse. Aber die seelische Trägheit seines Genies, +die spaziergängerische Lässigkeit seines Charakters vermögen noch nicht +die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen. + +Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der ewige Dualist, +dringt ein in das Geheimnis. Er oder keiner schafft die vollkommene +Analyse des Gefühls. Bei Dostojewski ist die Einheit des Gefühls in +eine Masse zerrissen, als wäre seinen Menschen eine andere Seele +eingebaut wie all den früheren. Die kühnsten Seelenanalysen aller +Dichter vor ihm scheinen irgendwie oberflächenhaft neben seinen +Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein Lehrbuch der Elektrotechnik +wirken mag, das 30 Jahre alt ist, in dem eben nur die Anfangsgründe +angedeutet und das Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist. Nichts ist +in seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element -- alles +Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, Übergangsform. In +unendlicher Verkehrung und Verwirrung taumelt und schwankt die +Empfindung zur Tat, ein rasender Tausch von Wille und Wahrheit +schüttelt die Gefühle durcheinander. Immer meint man, schon am letzten +Grunde eines Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu sein, und immer +wieder deutet es wieder weiter zurück in ein anderes. Haß, Liebe, +Wollust, Schwäche, Eitelkeit, Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht, +alle Triebe sind ineinander verschlungen in ewigen Verwandlungen. Die +Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in Dostojewskis Werk. Es +gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach Reinheit, Verbrecher aus +Gier nach der Reue, Mädchenschänder aus Verehrung der Unschuld, +Gotteslästerer aus religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen begehren, +tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein wie auf Erfüllung. +Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, ist nichts anderes als eine +verborgene Scham, ihre Liebe ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine +verborgene Liebe. Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm +Lüstlinge aus Gier nach dem Leiden und wieder Selbstquäler aus Gier nach +der Lust, in rasendem Kreislauf dreht sich der Wirbel ihres Wollens. In +der Begierde genießen sie schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in +der Tat genießen sie die Reue und in der Reue wieder, rückfühlend, die +Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und Unten, eine Vervielfachung der +Empfindungen bei ihnen. Die Taten ihrer Hände sind nicht die ihrer +Herzen, die Sprache ihrer Herzen wieder nicht die ihrer Lippen, jedes +einzelne Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit. Nie +wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des Gefühls zu fassen, +nie einen Menschen im Netz eines Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne +Fedor Karamasoff einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen, +aber doch, ist nicht Swidrigailoff auch einer und jener namenlose +Student in den »Werdenden«, und doch: welche Welt zwischen ihnen und +ihren Gefühlen! Bei Swidrigailoff ist die Wollust eine kalte, seelenlose +Ausschweifung, er ist der berechnende Taktiker seiner Unzucht. +Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur +Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer Trieb, sich in das Niederste +des Lebens noch einzumengen, nur weil es Leben ist, sein Unterstes, +seinen Absud noch zu genießen aus einer Ekstase der Vitalität. Jener ist +Wollüstling aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, was bei diesem +kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem eine chronische Entzündung. +Swidrigailoff wieder ist der Mittelmensch der Wollust, der »Lasterchen« +hat statt der Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der +Sinne, und jener, der namenlose Student der »Werdenden«, wiederum ist +Perversion geistiger Bosheit ins Sexuelle. Man sieht, Welten des Gefühls +stehen zwischen diesen Menschen, die sonst ein einziger Begriff +zusammenfaßt, und so wie hier die Wollust differenziert ist und aufgelöst +in ihre geheimnisvollen Verwurzlungen und Komponenten, so ist bei +Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer zurückgeführt in die letzte +Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, in jenen letzten Gegensatz +zwischen Ich und Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und Demut, +Verschwendung und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft, zentripetale +und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung oder Selbstvernichtung, Ich +oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare nennen, wie es der Augenblick +fordert, immer sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen +Geist und Fleisch. Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden Vielfalt +des Gefühls, von unserer seelischen Gemengtheit so viel gewußt. + +Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des Gefühls bei +Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner Taten, daß er den +Roman, ja die ganze Literatur, die seit Hunderten von Jahren, seit der +Antike, immer nur in diesem Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als +in den Urquell alles Seins gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch +höher hinauf, in letzte Erkenntnisse geführt hat. Liebe, anderen +Dichtern der Endzweck des Lebens, das Erzählungsziel des Kunstwerkes, +ihm ist sie nicht Urelement, sondern nur Stufe des Lebens. Für die +anderen dröhnt die glorreiche Sekunde der Versöhnung, der Ausgleich +aller Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht und +Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle lösen. Im letzten Grunde +ist bei ihnen, den anderen Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich +primitiv im Vergleich zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an, +ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große Magie, +unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des Lebens. Und der +Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt er die Begehrte, er ist +unglücklich, erlangt er sie nicht. Wiedergeliebt sein ist der Himmel +der Menschheit bei allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher. +Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie noch nicht die +Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, ein Ausgleich, +sondern erhobener Streit, intensiveres Schmerzen der ewigen Wunde und +darum ein Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den +gemeinen Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen einander lieben, +so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind seine Menschen mehr +durchschüttelt von allem Widerstreit ihres Wesens als im Augenblick, +da Liebe sich von Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht +versinken in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern. +Sie machen, echte Kinder seiner Entzweiung, nicht halt in dieser +letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte Gleichung des Augenblicks +(den alle anderen als den schönsten ersehnen), daß Geliebter und +Geliebte sich gleich stark lieben und geliebt werden, weil dies +Harmonie wäre, ein Ende, eine Grenze, und sie leben nur für das +Grenzenlose. Dostojewskis Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie +geliebt werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das Opfer sein, +derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger empfängt, und sie +steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen des Gefühls, bis es +gleichsam ein Keuchen, ein Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als +sanftes Spiel begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich, +wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn sie verachtet werden, +denn dann sind sie es ja, die geben, unendlich geben und nichts dafür +verlangen, und darum ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß +immer so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem Haß. Aber +auch in den kurzen Intervallen, da sie einander gleichsam konzentriert +lieben, ist die Einheit des Gefühls noch einmal gesprengt, denn nie +können Dostojewskis Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften +ihrer Sinne und Seele einander lieben. Sie lieben mit der einen oder +mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist bei ihnen in Harmonie. Man +sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie Kundrys, gleichzeitig in zwei +Welten des Gefühles lebend, mit ihrer Seele dem heiligen Gral dienend +und gleichzeitig wollüstig ihren Leib verbrennend in den Blumenhainen +Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der kompliziertesten bei +anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein selbstverständliches bei +Dostojewski. Nastassja Philipowna liebt in ihrem spirituellen Wesen +Myschkin, den sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit geschlechtlicher +Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür reißt sie sich +von dem Fürsten los in das Bett des anderen, vom Gelage des Trunkenen +stürzt sie zurück zu ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und +sieht erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper schläft +gleichsam im hypnotischen Schlaf, während ihre Seele sich in Ekstase dem +anderen zuwendet. Und ebenso Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt +ihren ersten Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit +ihrer Verehrung schon ganz unkörperlich Aljoscha. Die Mutter des +»Jünglings« liebt aus Dankbarkeit ihren ersten Mann und gleichzeitig aus +Sklaverei, aus übersteigerter Demut Wersiloff. Unendlich, unermeßlich +sind die Verwandlungen des Begriffes, den die anderen Psychologen unter +dem Namen »Liebe« leichtfertig zusammenfaßten, so wie Ärzte vergangener +Zeiten ganze Gruppen von Krankheiten in einen Namen drängten, für die +wir heute hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe kann bei +Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), Mitleid (Dunia), Trotz +(Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor Karamasoff), Selbstvergewaltigung, +immer aber steht hinter der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl. +Nie ist Liebe bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen, +Wunder: immer erklärt, zerlegt er das leidenschaftlichste Gefühl. O, +unendlich, unendlich diese Verwandlungen, und jede einzelne wieder in +allen Farben schillernd, von Kälte zu Frost erstarrend und wieder +erglühend, unendlich und undurchdringlich wie die Vielfalt des Lebens. +Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht Dimitri auf einem +Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt sie, und sie haßt ihn. +Er nimmt Rache, er erniedrigt sie, -- und sie liebt ihn, oder eigentlich +sie liebt nicht ihn, sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie +opfert sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur ihre +eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe, und je mehr sie +ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt sie ihn wieder. Und dieser Haß +fährt los auf sein Leben und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie +es zerstört hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart, +ihre Erniedrigung gerächt ist, -- liebt sie ihn wieder! So kompliziert +ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. Wie es vergleichen mit den +Büchern, die schon bei der letzten Seite sind, wenn die beiden einander +lieben und durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo die +anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, denn er will +nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung der Geschlechter als Sinn und Triumph +der Welt. Er knüpft wieder an die große Tradition der Antike an, wo +nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle Götter zu +bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war. Bei ihm hebt sich der +Mensch wieder auf, nicht mit dem Blick zu den Frauen, sondern mit der +offenen Stirne zu seinem Gott. Seine Tragödie ist größer als die von +Geschlecht zu Geschlecht und vom Mann zum Weib. + +Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, in dieser +restlosen Auflösung der Empfindung erkannt, so weiß man: es gibt von +ihm keinen Weg wieder zurück ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft +sein, so darf sie von nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des +Gefühls aufstellen, die er zerschlagen, nie mehr den Roman in die +kleinen Kreise der Gesellschaft und Gefühle sperren, nie mehr das +geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten wollen, das er +durchleuchtet. Als erster hat er uns die Ahnung des Menschen gegeben, +die Wir als erste selbst sind, im Gegensatz zu der Vergangenheit, +differenzierter im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis als alle +früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel wir in den fünfzig Jahren +seit seinen Büchern den Dostojewskischen Menschen schon ähnlicher +geworden sind, wie viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in +unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, das er als +erster beschritten, ist vielleicht schon unser Land, die Grenzen, die +er überwunden, unsere sichere Heimat. + +Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt erleben, hat er +uns prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe des Menschen ein neues Maß +gegeben: nie hat ein Sterblicher vor ihm so viel vom unsterblichen +Geheimnis der Seele gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen um +uns selbst erweitert, so viel wir an ihm gelernt, nie verlernen wir an +seiner Erkenntnis das hohe Gefühl, demütig zu sein und das Leben als +etwas Dämonisches zu empfinden. Daß wir bewußter wurden durch ihn, hat +uns nicht freier gemacht, sondern nur gebundener. Denn so wenig die +modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als elektrisches Phänomen, +als Spannung und Entladung der Atmosphäre erkennen und benennen, als +minder gewaltig empfinden wie die vorherigen Geschlechter, so wenig +kann unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im Menschen +die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. Gerade Dostojewski, der +alle Einzelheiten der Seele uns wissend zeigte, dieser große Zerleger, +dieser Anatom des Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres +Weltgefühl als alle Dichter unserer Zeit. Und der so tief den Menschen +gekannt wie keiner vor ihm, hat wie keiner Ehrfürchtigkeit vor dem +Unbegreiflichen, das ihn gestaltet: vor dem Göttlichen, vor Gott. + + + DIE GOTTESQUAL + + »Gott hat mich mein ganzes Leben + lang gequält.« Dostojewski + +»Gibt es einen Gott oder nicht?« fährt Iwan Karamasoff in jenem +furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger, den Teufel, an. Der +Versucher lächelt. Er hat keine Eile zu antworten, die schwerste Frage +einem gemarterten Menschen abzunehmen. »Mit grimmiger Hartnäckigkeit« +dringt Iwan nun in seiner Gottesraserei auf den Satan ein: er soll, er +muß ihm Antwort stehen in dieser wichtigsten Frage der Existenz. Aber +der Teufel schürt nur den Rost der Ungeduld. »Ich weiß es nicht«, +antwortet er dem Verzweifelten. Nur um den Menschen zu quälen, läßt er +ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm die Gottesqual. + +Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er selbst haben diesen +Satan in sich, der die Gottesfrage stellt und nicht beantwortet. Allen +ist jenes »höhere Herz« gegeben, das fähig ist, sich mit diesen +qualvollen Fragen zu quälen. »Glauben Sie an Gott«, herrscht Stawrogin, +ein anderer, Mensch gewordener Teufel, plötzlich den demütigen Schatow +an. Wie einen Brandstahl stößt er ihm die Frage mörderisch ins Herz. +Schatow taumelt zurück. Er zittert, er wird bleich, denn gerade die +Aufrichtigsten bei Dostojewski zittern vor diesem letzten Bekenntnis +(und er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen Ängsten). Und erst +wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt, stammelt er aus blassen +Lippen die Ausflucht: »Ich glaube an Rußland.« Und nur um Rußlands +willen bekennt er sich zu Gott. + +Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke Dostojewskis, der +Gott in uns, der Gott außer uns und seine Erweckung. Als echtem Russen, +dem größten und wesenhaftesten, den dies Millionenvolk gebildet, ist +ihm nach seiner eigenen Definition diese Frage um Gott und die +Unsterblichkeit die »wichtigste des Lebens«. Keiner seiner Menschen +kann der Frage entweichen: sie ist ihm angewachsen als Schatten seiner +Tat, bald ihnen vorauslaufend, bald ihnen als Reue im Rücken. Sie +können ihr nicht entfliehen, und der einzige, der versucht, sie zu +verneinen, dieser ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den +»Dämonen«, muß sich selbst töten, um Gott zu töten -- und beweist +damit, leidenschaftlicher als die anderen, seine Existenz und +Unentrinnbarkeit. Man blicke doch auf seine Gespräche, wie die Menschen +vermeiden wollen, von Ihm zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und +ausbiegen: sie möchten immer gern unten bleiben im niedern Gespräch, im +»small talk« des englischen Romans, sie reden von der Leibeigenschaft, +von Frauen, von der Sixtinischen Madonna, von Europa, aber die +unendliche Schwerkraft der Gottesfrage hängt sich an jedes Thema und +zieht es schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede +Diskussion bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken oder beim +Gottesgedanken -- und wir sehen, daß diese beiden Ideen für ihn eine +Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in +ihren Gefühlen auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen +unvermeidlich vom Praktischen und Tatsächlichen in das Abstrakte, vom +Endlichen ins Unendliche, immer ans Ende. Und aller Fragen Ende ist die +Gottesfrage. Sie ist der innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in +sich reißt, der schwärende Splitter in ihrem Fleische, der ihre Seelen +mit Fieber erfüllt. + +Mit Fieber. Denn Gott -- Dostojewskis Gott -- ist das Prinzip aller +Unruhe, weil er, Urvater der Kontraste, zugleich das Ja und das Nein +ist. Nicht wie auf den Bildern der alten Meister, in den Schriften der +Mystiker ist er die sanfte Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches +Erhobensein -- Dostojewskis Gott ist der springende Funke zwischen den +elektrischen Polen der Urkontraste, er ist kein Wesen, sondern ein +Zustand, ein Spannungszustand, ein Verbrennungsprozeß des Gefühls, er +ist Feuer, ist die Flamme, die alle Menschen erhitzt und überkochen +macht in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus ihrem warmen +ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt in alle +Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt in den brennenden +Dornbusch ihrer Laster. Er ist, wie seine Menschen, wie der Mensch, der +ihn schuf, ein ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt, +kein Gedanke erschöpft, keine Hingabe befriedigt. Er ist der ewig +Unerreichbare, ist aller Qualen Qual, und mitten aus Dostojewskis Brust +bricht darum Kirillows Schrei: »Gott hat mich mein ganzes Leben lang +gequält.« + +Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und findet ihn doch +nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören, und schon umfaßt ihn +seine Ekstase, da klirrt sein Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde. +Keiner hat das Gottesbedürfnis stärker erkannt. »Gott ist mir deshalb +notwendig,« sagt er einmal, »weil er das einzige Wesen ist, das man +immer lieben kann«, und ein anderes Mal: »Es gibt keine unaufhörlichere +und quälendere Angst für den Menschen, als etwas zu finden, vor dem er +sich beugen kann.« Sechzig Jahre leidet er an dieser Gottesqual und +liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt ihn mehr als alles, weil er +das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den tiefsten Gedanken +seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre kämpft er sich zu ihm und lechzt +»wie trockenes Gras« nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine +Einheit, der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene durch alle +Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende den Ausgang, die +Ruhe, das Meer. So träumt er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur +als Feuer. Er möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen +im Geiste, um in ihn eingehen zu können, möchte glauben können im +Köhlerglauben, wie die »zehn Pud dicke Kaufmannsfrau«, möchte es +aufgeben, der Wissendste, der Bewußte zu sein, um der Gläubige zu +werden, wie Verlaine fleht er: »Donnez-moi de la simplicité.« Das +Gehirn verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe, tierhaft +dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich ihm entgegen, er tobt +brünstig, er schreit, er wirft die Harpunen der Logik aus, ihn zu +fassen, legt ihm die verwegensten Fuchsfallen der Beweise; wie ein +Pfeil schießt seine Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach +Gott ist seine Liebe, eine »fast unanständige Leidenschaft«, ein +Paroxysmus, ein Überschwang. + +Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch glauben will? +War Dostojewski, der beredteste Anwalt der Rechtgläubigkeit, der +Pravoslavie selbst ein Bekenner, ein poeta christianissimus? Sicherlich +in Sekunden: da zuckt sein Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er +sich ein in Gott, da hält er die Harmonie, die irdisch versagte, in +Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines Zwiespaltes, auferstanden in +den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend etwas bleibt auch dann noch +wach in ihm und schmilzt nicht hin im Seelenbrand. Während er schon +ganz aufgelöst scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt jener +grausame Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und mißt das Meer +aus, in das er versinken will. Der unerbittliche Doppelgänger wehrt +sich gegen die Aufgabe der Persönlichkeit. Auch im Gottesproblem klafft +der unheilbare Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den +kein Irdischer bisher zu solcher Spannweite des Abgrunds aufgerissen +wie Dostojewski. Er ist der Gläubigste aller und der äußerste Atheist +in einer Seele, er hat in seinen Menschen die polarsten Möglichkeiten +beider Formen gleich überzeugend dargestellt (ohne sich selbst zu +überzeugen, ohne sich selbst zu entscheiden), die Demut, sich +hinzugeben, sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und andererseits +das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: »Erkennen, daß ein Gott +ist, und gleichzeitig erkennen, daß man nicht zum Gott geworden ist, +wäre ein Unsinn, durch den man zum Selbstmord getrieben wird.« Und sein +Herz ist bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner, bei +Aljoscha und bei Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich nicht in dem +unablässigen Konzil seiner Werke, bleibt bei den Bekennern und den +Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja +und Nein, den beiden Polen der Welt. Auch vor Gott bleibt Dostojewski +der große Ausgestoßene der Einheit. + +So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur Höhe der +Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der ewig Bemühte zu Gott, +den er nie erreicht. Aber irre ich denn nicht: ist Dostojewski nicht +den Menschen der große Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine +Werke der große orgelnde Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle seine +politischen, seine literarischen Schriften einhellig diktatorisch, +unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine Existenz, dekretieren sie denn +nicht die Rechtgläubigkeit, verwerfen sie nicht den Atheismus als das +äußerste Verbrechen? Aber man verwechsle hier nicht Wille mit Wahrheit, +nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens. Dostojewski, der +Dichter der ewigen Umkehrung, dieser fleischgewordene Kontrast, predigt +den Glauben als Notwendigkeit, predigt ihn um so inbrünstiger den +anderen als -- er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen, +sicheren, ruhenden, vertrauenden Glaubens, der »geklärte Begeisterung« +als höchste Pflicht formuliert). Von Sibirien schreibt er an eine Frau: +»Ich will Ihnen von mir sagen, daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein +Kind des Unglaubens und des Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja, +ich weiß es bestimmt, daß ich es bis an mein Lebensende bleiben werde. +Wie entsetzlich quälte mich und quält mich auch jetzt die Sehnsucht +nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr ich Gegenbeweise +habe.« Nie hat er es klarer gesagt: er hat Sehnsucht nach dem Glauben +aus Glaubenslosigkeit. Und hier ist eine jener erhabenen Umwertungen +Dostojewskis: eben weil er =nicht= glaubt und die Qual dieses +Unglaubens kennt, weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual immer +nur für sich liebt und Mitleid hat mit den andern -- darum predigt er +den andern den Glauben an einen Gott, den er selbst nicht glaubt. +Der Gottgequälte will eine gottselige Menschheit, der schmerzlich +Glaubenslose die glücklich Gläubigen. An das Kreuz seines Unglaubens +genagelt, predigt er dem Volke die Orthodoxie, er vergewaltigt seine +Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt, und predigt +die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen Bauernglauben. Er, +der »kein Senfkorn Glauben hat«, der gegen Gott revoltierte und, wie er +selbst stolz sagte, »den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt hat, +wie niemand in Europa«, er verlangt die Unterwürfigkeit unter das +Popentum. Um die Menschen vor der Gottesqual zu behüten, die er wie +keiner im eigenen Fleische erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn +er weiß: »Das Schwanken, die Unruhe des Glaubens -- das ist für einen +gewissenhaften Menschen eine solche Qual, daß es besser ist, sich zu +erhängen.« Er selbst ist ihr nicht ausgewichen, als Märtyrer hat er +den Zweifel auf sich genommen. Aber der Menschheit, der unendlich +geliebten, will er ihn ersparen, wie sein Großinquisitor will er der +Menschheit die Qual der Gewissensfreiheit sparen und sie einwiegen in +den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt hochmütig die +Wahrheit seines Wissens zu verkünden, die demütige Lüge eines Glaubens. +Er verschiebt das religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus +des göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet er auf +die Frage: »Glauben Sie an Gott?« in der aufrichtigsten Konfession +seines Lebens: »Ich glaube an Rußland.« + +Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung: Rußland. +Hier ist sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier wird es Dogma. Gott hat +ihm geschwiegen: so schafft er sich als Mittler zwischen sich und +dem Gewissen selbst einen Christus, den neuen Verkünder einer neuen +Menschheit, den russischen Christus. Aus der Wirklichkeit, aus der +Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis einem Unbestimmten +entgegen -- denn nur einem Unbestimmten, einem Grenzenlosen kann dieser +Maßlose sich ganz hingeben -- in die ungeheuere Idee Rußland, in +dieses Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner Gläubigkeit. Ein +anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus, ohne ihn +geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem Namen, in Rußlands Namen +für die Welt. + +Diese seine messianischen Schriften -- es sind die politischen Aufsätze +und manche Ausbrüche der Karamasoff -- sind dunkel. Verworren +enttaucht ihnen dieses neue Christusantlitz, der neue Erlösungs- und +Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, +strengen Falten. Wie von den alten rauchgeschwärzten Ikonen starren +fremde stechende Augen uns an, Inbrunst, unendliche Inbrunst in sich, +aber auch Haß und Härte. Und furchtbar ist Dostojewski selbst, wenn +er diese russische Erlösungsbotschaft uns Europäern wie verlorenen +Heiden kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch, das +byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so steht der Politiker, +der religiöse Fanatiker uns gegenüber. Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter +in mystischen Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre, +in dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose Leidenschaft. +Mit Keulen schlägt er jeden Einwand nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit +Hochmut, funkelnd von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht +vor seinem Munde, und mit zitternden Händen schleudert er den Exorzismus +über unsere Welt. + +Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her über die +Heiligtümer der europäischen Kultur. Alles stampft er nieder, der große +Tobsüchtige, von unseren Idealen, um seinem neuen, dem russischen +Christus, den Weg zu bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine +moskowitische Unduldsamkeit. Europa, was ist es? Ein Kirchhof, mit +teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von Fäulnis, nicht +einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die blüht einzig aus russischer +Erde. Die Franzosen -- eitle Laffen, die Deutschen -- ein niedriges +Wurstmachervolk, die Engländer -- Krämer der Vernünftelei, die Juden -- +stinkender Hochmut. Der Katholizismus -- eine Teufelslehre, eine +Verhöhnung Christi, der Protestantismus -- ein vernünftlerischer +Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig wahren Gottesglaubens: der +russischen Kirche. Der Papst -- der Satan in der Tiara, unsere Städte +-- Babylon, die große Hure der Apokalypse, unsere Wissenschaft -- ein +eitles Blendwerk, Demokratie -- die dünne Brühe weicher Gehirne, +Revolution -- ein loses Bubenstück von Narren und Genarrten, Pazifismus +-- ein Altweibergeschwätz. Alle Ideen Europas ein verblühter, +verwelkter Blumenstrauß, gut genug, in die Jauche geschmissen zu +werden. Nur die russische Idee ist die einzig wahre, einzig große, +einzig richtige. Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber weiter, +jeden Einwand mit dem Dolche niederstoßend: »Wir verstehen euch, aber +ihr versteht nicht uns« -- schon bricht jede Diskussion blutend +zusammen. »Wir Russen sind die Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten«, +dekretiert er. Rußland allein ist richtig und alles in Rußland, der Zar +und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika und die Ikone, und um so +richtiger, je mehr es antieuropäisch, asiatisch, mongolisch, tatarisch, +um so richtiger, als es konservativ, rückständig, unfortschrittlich, +ungeistig, byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der große +Übertreiber! »Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten«, jauchzt er auf. +»Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber +nach Sibirien, das neue Rußland ist das Dritte Reich.« Diskussion +darüber duldet dieser gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder +die Vernunft! Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu bekennen +ist. »Man versteht Rußland nicht mit der Vernunft, sondern mit dem +Glauben.« Wer ihm nicht in die Knie stürzt, ist der Feind, der +Antichrist: Kreuzzug wider ihn! Hell schmettert er in die Fanfare des +Krieges. Zerstampft muß Österreich werden, der Halbmond von der Hagia +Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt, England besiegt +-- ein wahnwitziger Imperialismus hüllt seinen Hochmut in mönchische +Kutte und ruft: 'Dieu le veut.' Um des Gottesreiches willen die ganze +Welt für Rußland. + +Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir sind die Heiden. +Nichts errettet uns Verworfene aus dem Fegefeuer unserer Schuld: wir +haben die Erbsünde begangen, keine Russen zu sein. Unserer Welt ist +kein Raum in diesem neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische +Welt untergehen im russischen Weltreiche, im neuen Gottesreiche, dann +erst kann sie erlöst werden. Wörtlich sagt er: »Jeder Mensch muß +vorerst Russe werden.« Dann erst beginnt die neue Welt. Rußland ist das +Gottträgervolk: erst muß es noch mit dem Schwerte die Erde erobern, +dann erst wird es sein »letztes Wort« der Menschheit sagen. Und dieses +letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung. Für ihn besteht das +russische Genie in der Fähigkeit, alles zu verstehen, alle Gegensätze +zu lösen. Der Russe ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im +höchsten Sinn. Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche sein, +die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung statt der +Unterordnung. Und es klingt wie ein Prolog zu den Ereignissen dieses +Krieges (der in seinem Anbeginn so genährt war von seinen Ideen, wie in +seinem Ende von jenen Tolstois), wenn er sagt: »Wir werden die ersten +sein, die der Welt verkünden, daß wir nicht durch Unterdrückung der +Persönlichkeit und fremder Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen +wollen, sondern im Gegenteil letzteres nur in der freiesten und +selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der brüderlichen +Vereinigung suchen.« Lenin und Trotzky sind in dieser Verheißung, +gleichzeitig aber auch der Krieg, den er, der ewige Anwalt des Anspannens +aller Gegensätze, so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als +Ziel, aber Rußland als der einzige Weg -- »von Osten her wird die Erde +erschaffen«. Über die Berge des Ural wird das ewige Licht aufsteigen und +das schlichte Volk, nicht der wissende Geist, nicht die europäische +Kultur, mit seinen dunklen Geheimnissen der Erde verbundenen Kräften +unsere Welt erlösen. Statt der Macht wird die werktätige Liebe sein, +statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche Gefühl, +der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung bringen, die +Auflösung der Gegensätze. Und der Tiger wird neben dem Lamme weiden und +der Rehbock neben dem Löwen -- wie zittert Dostojewskis Stimme, wenn er +vom Dritten Reich spricht, vom Allrußland der Erde, wie bebt er selbst +in der Ekstase der Gläubigkeit, wie wunderbar ist er, der Wissendste +aller Wirklichkeiten, in seinem messianischen Traum. + +Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein träumt Dostojewski +diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung der Gegensätze, die er +in seinem Leben, in der Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre +vergeblich gesucht. Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder +das mystische, das politische oder das prophetische? Wie immer bei +Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich, von einem Leidenschaftlichen +Logik zu verlangen und von einem Dogma seine Begründung. In den +messianischen Schriften Dostojewskis, den politischen, den literarischen +Werken, taumeln die Begriffe wie rasend durcheinander. Bald ist Rußland +Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des Großen, bald das neue +Rom, die Vereinigung des Geistes und der Macht, Tiara und Kaiserkrone, +seine Hauptstadt bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das neue +Jerusalem. Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln brüsk mit +machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten, politische Horoskope von +verblüffender Treffsicherheit mit phantastischen apokalyptischen +Verheißungen. Bald jagt er den Begriff Rußland in die Enge der +politischen Stunde, bald schnellt er ihn in das Grenzenlose empor -- +auch hier wie im Kunstwerk die gleiche zischende Mischung von Wasser und +Feuer, von Realismus und Phantastik offenbarend. Der Dämonische in ihm, +der rasende Übertreiber, in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen, +hier lebt er sich aus in pythischen Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst +seiner glühenden Leidenschaft predigt er Rußland als das Heil der Welt, +die alleinmachende Seligkeit. Nie ward eine Nationalidee hochmütiger, +genialer, werbender, verführender, berauschender, ekstatischer Europa +als Weltidee verkündet, wie die russische in den Büchern Dostojewskis. + +Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint dieser Fanatiker +seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische russische Mönch, +dieser hochmütige Pamphletist, dieser unwahrhaftige Bekenner. Aber +gerade er ist notwendig für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit. +Wo immer wir bei Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen wir +seine Notwendigkeit im Kontrast suchen. Vergessen wir nicht: Dostojewski +ist immer ein Ja und Nein, die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung, +der zur Spitze getriebene Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut +ist nur das Widerspiel einer übertriebenen Demut, sein gesteigertes +Volksbewußtsein nur das polare Empfinden seines überreizten persönlichen +Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet sich gleichsam selbst in zwei +Hälften: in Stolz und in Demut. Seine Persönlichkeit erniedrigt er: man +durchsuche die zwanzig Bände seines Werks nach einem einzigen Worte der +Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur Selbstverkleinerung findet +man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung. Und alles, was er an Stolz +besitzt, gießt er aus in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles was +seiner isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem +Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt, erhebt er zur +Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott wird er Gottesprediger, aus dem +Unglauben an sich der Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch +im Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz schlägt, +um die Idee zu erlösen. + +Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar zu werden. Ihn +ausspannen ins Unendliche, damit er die ganze Welt umfasse, und dann die +ihm entspringende Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen +ihr Ideal gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit, indem sie +sich selbst nachbilden, gereinigt, verklärt, verbessert, erhoben, indem +sie den zukünftigen Menschen gewissermaßen als den geläuterten Typus +ihrer selbst betrachten. Dostojewski, der Gegensatzmensch, der +schöpferische Dualist, bildet sein Ideal, seinen Gott, durch die +Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den Lebendigen, zum +Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus dem die neue Form +gegossen wird, seinem Links entspricht ein Rechts im zukünftigen Bilde, +seiner Tiefe eine Erhebung, seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem +Zwiespalt eine Einheit. »Möge ich selbst untergehen, wenn nur die andern +glücklich sind« -- das Wort seines Staretz verwandelt er in Geist. Er +vernichtet sich, um in dem zukünftigen Menschen aufzuerstehen. + +Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht ist. Zu fühlen, +wie er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht denkt. Zu leben, wie er +nicht lebt. Bis in das Kleinste, Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner +individuellen Form entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen +Wesens ein Licht gebildet, aus jedem Dunkel ein Glanz. Aus dem Nein +zu sich selbst schafft er das Ja, das leidenschaftliche zur neuen +Menschheit. Bis ins Körperliche hinein setzt sich diese beispiellose +moralische Verurteilung seines Selbst zugunsten des zukünftigen Wesens +fort, die Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen willen. Man +nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske und lege sie +neben die Bilder jener Menschen, in denen er sein Ideal geformt: neben +Aljoscha Karamasoff, neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin, +diese drei Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die er +entworfen. Und bis ins Kleinste wird hier jede Linie Gegensatz sagen +und Kontrast zu ihm selbst. Dostojewskis Gesicht ist düster, erfüllt +von Geheimnissen und Dunkelheit, jener Antlitz ist heiter und von +friedlicher Offenheit, seine Stimme heiser und abrupt, die jener +Menschen sanft und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen +tief und unruhig -- jener Antlitz ist hell und umrahmt von sanften +Strähnen, ihr Auge glänzt ohne Unruhe und Angst. Ausdrücklich sagt er +von ihnen, daß sie geradeaus schauen und ihr Blick das süße Lächeln +von Kindern hat. Seine Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen +Falten des Hohnes und der Leidenschaft, sie verstehen nicht zu lachen +-- Aljoscha, Sossima haben das freie Lächeln des selbstsichern Menschen +über den weißen Zähnen blinken. Zug um Zug setzt er so sein eigenes Bild +als Negativ gegen die neue Form. Sein Antlitz ist das eines gebundenen +Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet von Gedanken -- +das ihre drückt die innere Freiheit aus, die Hemmungslosigkeit, die +Schwebe. Er ist Zerrissenheit, Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit. +Er der Ichmensch, der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von +allen Enden seines Wesens in Gott überströmt. + +Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung -- nie +war sie vollkommener in allen Sphären des Geistigen und des Sittlichen. +Aus Selbstverurteilung, gleichsam, indem er sich die Adern seines +Wesens aufschneidet, mit dem eigenen Blute malt er das Bild des +zukünftigen Menschen. Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige, +der Mensch der kurzen tigerhaften Ansprünge, seine Begeisterung eine +aus der Explosion der Sinne oder der Nerven aufschießende Stichflamme +-- jene sind die sanft, aber stetig bewegte, keusche Glut. Sie haben +die stille Beharrlichkeit, die weiter reicht als die wilden Sprünge +der Ekstase, sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit +fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten und Beleidigten, +die Gehemmten und Verkrümmten. Mit jedem können sie sprechen, und jeder +fühlt Beruhigung an ihrer Gegenwart -- sie haben nicht die ewige +Hysterie der Angst, zu kränken oder gekränkt zu werden, sie blicken +nicht bei jedem Schritt fragend um sich. Gott quält sie nicht mehr, er +befriedet sie. Sie wissen um alles, aber eben weil sie alles wissen, +verstehen sie auch alles, sie richten nicht und sie verurteilen nicht, +sie grübeln nicht nach den Dingen, sondern glauben sie dankbar. +Seltsam: er, der ewig Beunruhigte, sieht in dem gelassenen, geklärten +Menschen die höchste Form des Lebens, der Zwiespältige postuliert als +letztes Ideal die Einheit, der Empörer die Unterwerfung. Seine +Gottesqual ist in ihnen Gotteslust geworden, seine Zweifel Gewißheit, +seine Hysterie Gesundung, sein Leid ein allumfassendes Glück. Das +Letzte und Schönste der Existenz ist für ihn, was er selbst, der +Bewußte und Überbewußte, nie gekannt und was er darum für den Menschen +als das Erhabenste ersehnt: Naivität, Kindlichkeit des Herzens, die +sanfte, die selbstverständliche Heiterkeit. + +Sehet seine liebsten Menschen, wie sie schreiten: ein sanftes Lächeln +ist auf ihren Lippen, um alles wissen sie und haben doch keinen Stolz, +sie leben im Geheimnis des Lebens nicht wie in einer feurigen Schlucht, +sondern schlagen es blau wie einen Himmel um sich. Sie haben die +Urfeinde der Existenz, sie haben »Schmerz und Angst besiegt« und sind +darum gottselig geworden in der unendlichen Brüderschaft der Dinge. Sie +sind erlöst von ihrem Ich. Höchstes Glück der Erdenkinder ist die +Unpersönlichkeit -- so verwandelt der höchste Individualist die +Weisheit Goethes in einen neuen Glauben. + +Kein Beispiel kennt die Geschichte des Geistes einer ähnlichen +moralischen Selbstvernichtung innerhalb eines Menschen, ähnlich +fruchtbarer Erschaffung des Ideals aus dem Kontrast. Märtyrer seiner +selbst, hat Dostojewski sich ans Kreuz geschlagen: sein Wissen, daß +es den Glauben bezeuge, seinen Körper, daß er durch Kunst den neuen +Menschen zeuge, seine Eigenheit um der Allheit willen. Er will seinen +eigenen Untergang als Typus, damit eine glücklichere bessere Menschheit +entstehe: alles Leiden nimmt er auf sich um das Glück der andern willen. +Und der sich sechzig Jahre gespannt zur schmerzhaftesten Weite seines +Gegensatzes, zerwühlt zu allen Tiefen seines Wesens, damit er Gott und +damit den Sinn des Lebens finde -- er wirft die gehäufte Erkenntnis weg +für eine neue Menschheit, der er sein tiefstes Geheimnis sagt, die +letzte Formel, seine unvergeßlichste: »Das Leben mehr lieben als den +Sinn des Lebens.« + + + VITA TRIUMPHATRIX + + »Wie es auch war, das Leben, es ist schön.« + Goethe + +Wie dunkel der Weg durch Dostojewskis Tiefe, wie düster seine +Landschaft, wie drückend seine Unendlichkeit, geheimnisvoll ähnlich +seinem tragischen Antlitz, das allen Schmerz des Lebens in sich +gemeißelt! Abgründige Höllenkreise des Herzens, purpurne Fegefeuer der +Seele, der tiefste Schacht, den irdische Hand jemals in die Unterwelt +des Gefühles hinabstieß. Wieviel Dunkel in dieser Menschenwelt, wieviel +Leiden in diesem Dunkel! O welche Trauer auf seiner Erde, dieser Erde, +»die mit Tränen getränkt ist bis zu ihrer untersten Kruste«, welche +Höllenkreise in ihrer Tiefe, finsterer als Dante, der Seher, sie vor +einem Jahrtausend erschaut. Unerlöste Opfer ihrer Irdischkeit, Märtyrer +eigenen Gefühles, umschlungen von den Schlangen ihrer Leidenschaft, +gequält von allen Geißeln des Geistes, schäumend im Schwall ohnmächtiger +Empörung, o welche Welt, diese Welt Dostojewskis! Vermauert alle Freude, +verbannt alle Hoffnung, ohne Rettung vor dem Leiden, das, unendlich +getürmte Mauer, um alle seine Opfer steht! -- Kann kein Mitleid sie +erlösen, seine Menschen, aus ihrer eigenen Tiefe, sprengt keine +apokalyptische Stunde diese Hölle, die ein Gottesmensch schuf aus +seiner Qual? + +Tumult und Klage strömt aus dieser Tiefe, wie nie die Menschheit sie +erhört. Nie war mehr Dunkelheit über einem Werk. Selbst Michelangelos +Gestalten sind linder in ihrer Trauer, und über Dantes Tiefe glänzt der +Paradiese seliger Schein. Ist wirklich das Leben nur ewige Nacht in +Dostojewskis Werk und Leiden der Sinn alles Lebens? Zitternd beugt sich +die Seele über den Abgrund und schauert, nur Qual und Klage zu hören +von ihren Brüdern. + +Aber da schwebt ein Wort aus der Tiefe, sanft im Getümmel und doch hoch +sie überschwebend, wie eine Taube aufschwebt über stürmendem Meer. +Sanft ist es gesprochen, und groß ist sein Sinn, selig das Wort: »Meine +Freunde, fürchtet das Leben nicht.« Und es ist ein Schweigen aus diesem +Wort, schauernd lauscht die Tiefe, und sie schwebt, sie überschwebt +alle Qualen, die Stimme, da sie spricht: »Nur durch Qual können wir das +Leben lieben lernen.« + +Wer spricht dies tröstendste Wort des Leidens? Der Leidendste aller, er +selbst, Dostojewski. Noch sind die gespreiteten Hände geschlagen an das +Kreuz seines Zwiespalts, noch stehen die Nägel der Qual in seinem +brüchigen Leibe, aber demütig küßt er das Marterholz dieser Existenz, +und die Lippen sind sanft, wie sie zu den Mitbrüdern das große +Geheimnis sagen: »Ich glaube, wir alle müssen erst das Leben lieben +lernen.« + +Und anbricht der Tag aus seinen Worten, apokalyptische Stunde. +Aufspringen die Gräber und Kerker: aus der Tiefe stehen sie auf, die +Toten und Verschlossenen, alle, alle treten sie heran, Apostel seines +Wortes zu sein, aus ihrer Trauer erheben sie sich. Aus den Kerkern +drängen sie her, aus der Katorga Sibiriens, klirrend in Ketten, aus +Winkelstuben, Bordellen und Klosterzellen, sie alle, die großen +Leidenden der Leidenschaft; noch klebt das Blut an ihren Händen, noch +brennt ihr geknuteter Rücken, noch sind sie nieder in Zorn und Gebrest, +aber schon ist die Klage zerbrochen in ihrem Munde, und ihre Tränen +funkeln von Zuversicht. O ewiges Wunder Bileams, Fluch wird Segnung auf +ihrer brennenden Lippe, da sie das Hosianna des Meisters hören, das +Hosianna, das »durch alle Fegefeuer des Zweifels gegangen«. Die +Finstersten sind die ersten, die Traurigsten die Gläubigsten, alle +drängen sie vor, dies Wort zu bezeugen. Und aus ihren Mündern, den +rauhen und verlechzten, schäumt als großer Choral der Hymnus des +Leidens, der Hymnus des Lebens mit der Urgewalt der Ekstase. Alle, alle +sind sie zur Stelle, die Märtyrer, das Leben zu lobpreisen. Dimitri +Karamasoff, der unschuldig Verdammte, Ketten an den Händen, jauchzt aus +der Fülle seiner Kraft: »Alles Leid werde ich überwinden, um mir nur +sagen zu können: 'ich bin'. Wenn ich mich auch auf der Folterbank +krümme, so weiß ich doch, 'ich bin', angeschmiedet auf die Galeere, +sehe ich noch die Sonne, und wenn ich sie auch nicht sehe, so lebe ich +doch und weiß, daß sie ist.« Und Iwan, der Bruder, tritt ihm zur Seite +und kündet: »Es gibt kein unwiderrufliches Unglück als Totsein.« Und +wie ein Strahl dringt die Ekstase der Existenz in seine Brust, und er +jubelt, der Gottesleugner: »Ich liebe dich, Gott, denn groß ist das +Leben.« Aus den Sterbekissen hebt sich, gefalteter Hand, der ewige +Zweifler Stefan Trofimowitsch auf und stammelt: »O wie gerne würde ich +wieder leben wollen. Jede Minute, jeder Augenblick muß eine Seligkeit +des Menschen sein.« Immer heller, immer reiner, immer erhobener werden +die Stimmen. Fürst Myschkin, der Verwirrte, getragen von den schwankenden +Flügeln seiner schweifenden Sinne, breitet die Arme und schwärmt: »Ich +begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, ohne glücklich +zu sein, daß er ist und daß man ihn liebt ... wieviel wundervolle Dinge +gibt es doch auf jedem Schritt dieses Lebens, Dinge, die selbst der +Verworfenste noch als wundervoll empfindet.« Der Staretz Sossima +predigt: »Die Gott und das Leben verfluchen, verfluchen sich selbst ... +Wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis Gottes in +allen Dingen offenbaren, und schließlich wirst du die ganze Welt mit +allumfassender Liebe umspannen.« Und selbst der »Mensch aus der +Winkelgasse«, der kleine verschüchterte Namenlose in seinem verschabten +Mäntelchen, drängt heran und entbreitet die Arme: »Das Leben ist +Schönheit, nur im Leiden ist Sinn, o wie schön ist das Leben!« Der +»lächerliche Mensch« bricht auf aus seinem Traum, »das Leben, das große, +zu verkünden«, alle, alle kriechen sie wie Gewürm aus den Winkeln ihres +Wesens, um mitzusprechen im großen Choral. Keiner will sterben, keiner +das Leben lassen, das heilig geliebte, keines Leiden ist so tief, daß er +es mit dem Tode noch tauschte, dem ewigen Widerpart. Und diese Hölle, +Dunkelheit der Verzweiflung, hallt plötzlich an ihren harten Wänden +Lobgesang des Schicksals wider, aus Fegefeuern entbrennt fanatische Glut +der Dankbarkeit. Licht, unendliches Licht strömt ein, der Himmel +Dostojewskis bricht über die Erde, und rauschend über alle dröhnt das +letzte Wort, das Dostojewski schrieb, das Wort der Kinder bei der Rede +am großen Stein, der heilig barbarische Ruf: »Hurra das Leben!« + +O Leben, wunderbares, das du dir mit wissendem Willen Märtyrer schaffst, +auf daß sie dich lobsingen, o Leben, weise-grausames, das du die Größten +dir hörig machst mit Leiden, damit sie deinen Triumph verkünden! Den +ewigen Schrei Hiobs, der durch die Jahrtausende tönt, da er in der Plage +Gott erkennt, immer willst du ihn wieder hören und der Männer Daniels +Jubelgesang, indes ihr Leib im feurigen Ofen brennt. Ewig entzündest du +ihn, klingende Kohle, auf der Zunge der Dichter, die du zu Leidenden +machst, auf daß sie dir hörig werden und dich nennen in Liebe! Beethoven +schlägst du im Sinne der Musik, daß der Ertaubte das Brausen Gottes höre +und, vom Tode berührt, dir die Hymne der Freude dichte, Rembrandt jagst +du ins Dunkel der Armut, daß er Licht, dein Urlicht, in Farben sich +suche, Dante verjagst du vom Vaterland, daß er Hölle und Himmel im Traum +erschaue, alle hast du mit deinen Geißeln gejagt in deine Unendlichkeit. +Und diesen, den du wie keinen gegeißelt, auch ihn hast du dir gezwungen +zum Knechte, und siehe, von schäumender Lippe, hinfallend in Krämpfen +jauchzt er dir Hosianna zu, das heilige Hosianna, das »durch alle +Fegefeuer der Zweifel gegangen«. O wie siegst du in den Menschen, die du +leiden läßt, aus Nacht machst du Tag, aus Leiden die Liebe, aus der +Hölle holst du dir heiligen Lobgesang. Denn der Leidendste ist der +Wissendste aller, und wer um dich weiß, muß dich segnen: und dieser, der +dich zutiefst erkannte, siehe, er hat dich wie keiner bezeugt, er hat +dich wie keiner geliebt! + + + Druck vom + Bibliographischen Institut + in Leipzig + + + + +INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG + + +STEFAN ZWEIG: + +DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Dritte Auflage. + +ERSTES ERLEBNIS. Vier Erzählungen aus Kinderland. Einbandzeichnung von +Emil Preetorius. 8. bis 11. Tausend. + +DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen (drei Aufzügen). + +JEREMIAS. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern. 14.-18. Tausend. + +DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel aus dem deutschen Rokoko. Zweite +Auflage. + +LEGENDE EINES LEBENS. Ein Kammerspiel in drei Aufzügen. + +TERSITES. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen. Zweite Auflage. + + +ÜBERTRAGUNGEN: + +EMILE VERHAEREN. Drei Bände Übertragungen und Biographie. I. Band: +=Essay=. II. Band: =Gedichte=. III. Band: =Dramen= (Helenas Heimkehr. +Das Kloster. Philipp II.). + +VERHAEREN: REMBRANDT. Mit 96 ganzseitigen Abbildungen nach Gemälden, +Zeichnungen und Radierungen Rembrandts. 36. bis 40. Tausend. + +VERHAEREN: RUBENS. Mit 95 Abbildungen nach Gemälden und Zeichnungen +Rubens'. 21. bis 25. Tausend. + + +HONORÉ DE BALZAC: + +DIE DREISSIG TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, genannt CONTES DROLATIQUES. +Übertragen von Benno Rüttenauer. Zwei Bände. 14.-23. Tausend. + +BRIEFE AN DIE FREMDE (Frau von Hanska). Übertragen von Eugenie Faber. +Eingeleitet von Wilhelm Weigand. Zwei Bände. Mit einem Bilde Balzacs in +Lichtdruck. + +PHYSIOLOGIE DER EHE. Eklektisch-philosophische Betrachtungen über Glück +und Unglück in der Ehe. Deutsche Übertragung von Heinrich Conrad. +6.-9. Tausend. + +TANTE LISBETH. Übertragung von A. Schurig. Zweite Auflage. + +VERLORENE ILLUSIONEN. In der von Johannes Schlaf revidierten +Übertragung von Hedwig Lachmann. Zweite Auflage. + + +CHARLES DICKENS: + +DICKENS' WERKE. Ausgewählt und eingeleitet von Stefan Zweig. Mit den +Federzeichnungen der englischen Originalausgaben von Cattermole, Hablot +K. Browne und anderen. Titel- und Einbandzeichnung von E. R. Weiß. +Taschenausgabe auf Dünndruckpapier in sechs Bänden. + +=Einzelausgaben=: + +=David Copperfield.= Mit 40 Federzeichnungen von Hablot K. Browne, Phiz +u. a. 9.-12. Tausend. + +=Der Raritätenladen.= Mit 73 Federzeichnungen und 8 Initialen von +Browne, Cruikshank u. a. 6.-10. Tausend. + +=Die Pickwickier.= Mit 43 Federzeichnungen von R. Seymour, Buß und +Phiz. 6.-10. Tausend. + +=Martin Chuzzlewit.= Mit 40 Federzeichnungen von Hablot K. Browne. +6.-9. Tausend. + +=Nikolaus Nickleby.= Mit 38 Federzeichnungen von Hablot K. Browne. +6.-9. Tausend. + +=Oliver Twist= und =Weihnachtserzählungen=. Mit 76 Federzeichnungen +von Cruikshank, Leech u. a. 6.-10. Tausend. + + +F. M. DOSTOJEWSKI: + +DER IDIOT. Übertragen von H. Röhl. Drei Bände. + +DER SPIELER. Übertragen von H. Röhl. + +DIE BRÜDER KARAMASOFF. Übertragen und mit einem Nachwort versehen von +Karl Nötzel. Drei Bände. + +NETOTSCHKA NJESWANOWA und andere Erzählungen. Übertragen von H. Röhl. + +SCHULD UND SÜHNE (Raskolnikoff). Ein Roman in sechs Teilen mit einem +Nachwort. Übertragen von H. Röhl. Zwei Bände, 11.-20. Taus. + + + + + [ Liste aller vorgenommenen Änderungen. Die jeweils erste Zeile gibt + den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur. + + einen Balzac nicht gleichgiltig sein, wenn sechzehn Jahre ersten + einen Balzac nicht gleichgültig sein, wenn sechzehn Jahre ersten + + indem er das administrative Zentralisationssytem in die Literatur + indem er das administrative Zentralisationssystem in die Literatur + + den Code civile schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der + den Code civil schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der + + Louis Lambert, zusammen, des chemiste de la volonté, jener seltsamen + Louis Lambert, zusammen, des chimiste de la volonté, jener seltsamen + + als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalea, Briefe + als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die Marshalsea, Briefe + + Menschheit zu leiden«. Wie der kleine Njetoscha Neswanowa muß er + Menschheit zu leiden«. Wie die kleine Njetoscha Neswanowa muß er + + Rußland gekommen sie, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach + Rußland gekommen sei, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach + + Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Goal, wo sein gepflegter + Erniedrigung wird ihm jenes Bad in Reading Gaol, wo sein gepflegter + + Tragödie erst ganz zu unseren, zur allmenschlichen. Da wird das + Tragödie erst ganz zur unseren, zur allmenschlichen. Da wird das + + Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine entgültig Verworfenen, keine + Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine endgültig Verworfenen, keine + + sondern die Desparados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien + sondern die Desperados, die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien + + Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenlust, Ausschweifung bis zur + Karamasoffs Wollust wieder ist Lebenslust, Ausschweifung bis zur + + Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können sie so wie in + Identität sind. Russische Menschen, seine Menschen, können so wie in + + Heretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja + Häretikern. Seine Gläubigkeit ist feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja + + Allversöhnungsgedanke. ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, + Allversöhnungsgedanke, ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, + + »Weg von Petersburg, dem europäischen zurück zu Moskau, hinüber + »Weg von Petersburg, dem europäischen, zurück zu Moskau, hinüber + ] + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER *** + +***** This file should be named 36389-8.txt or 36389-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/3/8/36389/ + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at https://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +https://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. diff --git a/36389-8.zip b/36389-8.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..abb4316 --- /dev/null +++ b/36389-8.zip diff --git a/36389-h.zip b/36389-h.zip Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..d230213 --- /dev/null +++ b/36389-h.zip diff --git a/36389-h/36389-h.htm b/36389-h/36389-h.htm new file mode 100644 index 0000000..ffd5cc0 --- /dev/null +++ b/36389-h/36389-h.htm @@ -0,0 +1,7820 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" + "http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> + +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" xml:lang="de" lang="de"> + <head> + <meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=iso-8859-1" /> + <meta http-equiv="Content-Style-Type" content="text/css" /> + <link rel="coverpage" href="images/cover.jpg" /> + <title>Drei Meister. Balzac, Dickens, Dostojewski, by Stefan Zweig—A Project Gutenberg eBook</title> + <style type="text/css"> +body { /* define a left and right margin */ + margin-left: 17%; + margin-right: 17%; +} + +.text-block { + max-width: 45em; /* prevent text from becoming too wide (does not work in IE6) */ + margin: 120px auto; +} + +h1,h2,h3 { + text-align: center; /* all headings centered */ + font-weight: normal; /* all headings not bold */ + clear: both; +} + +p { + text-align: justify; + text-indent: 2em; + margin-top: 0.75em; + margin-bottom: 0.75em; +} + +p.noindent { + text-indent: 0em; +} + +p.chapter { + text-indent: 0em; +} + +p.chapter:first-letter { + font-size: 275%; + float: left; + margin: 0.15em 0.05em 0em 0em; + line-height: 0.5em; +} + +div.chapter {margin-top: 3.5em;} + +hr { + width: 15em; + height: 1px; + margin: 2em auto; + clear: both; + color: black; + background-color: black; + border: none; +} + +.pagenum { /* uncomment the next line for invisible page numbers */ + /* visibility: hidden; 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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Drei Meister + Balzac. Dickens. Dostojewski + +Author: Stefan Zweig + +Release Date: June 12, 2011 [EBook #36389] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER *** + + + + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + +<div class="text-block"> +<p class='tnote break-after' style='margin-top: 5em;'><b>Anmerkungen zur Transkription:</b><br /><br /> + +Es wurde größte Sorgfalt darauf verwendet den Text originalgetreu zu übertragen. Unübliche und +uneinheitliche Schreibweisen der Namen wurden beibehalten. Lediglich offensichtliche Fehler wurden korrigiert. +<span class='dont_print'>Sämtliche vorgenommenen Änderungen sind markiert, der <ins class='correction' title='so wie hier'>Originaltext</ins> erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> +Eine <a href="#Corrections">Liste aller Korrekturen</a> befindet sich am Ende des Textes.</p> + + + +<div class="titlepage"> +<p class="center noindent" style="font-size: 125%;">Stefan Zweig</p> + +<h1>DREI MEISTER</h1> + +<p class="center noindent" style="font-size: 125%; margin-top: 1.5em">BALZAC * DICKENS<br /> +DOSTOJEWSKI</p> + +<p class="center noindent margin35 margin25percent">1922</p> + +<p class="center noindent" style="margin-top: 5px;"><span style="border-top: 2px solid black; padding: 3px;"><span style="border-top: 1px solid black;">IM INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG</span></span></p> +</div> +<p class="center noindent margin35 break-before margin25percent"> +<span style="font-size: 108%">ROMAIN ROLLAND</span><br /> +<i>als Dank<br /> +für seine unerschütterliche Freundschaft<br /> +in lichten und dunklen Jahren</i> +</p> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_7" id="Page_7">7</a><span>] </span></span></p> +<p class="chapter"><span class="ucase">Obwohl</span> in einem Zeitraum von zehn Jahren entstanden, +bindet doch kein Zufall diese drei Versuche +über Balzac, Dickens und Dostojewski zu einem Buche zusammen. +Einheitliche Absicht versucht die drei großen und +in meinem Sinne einzigen Romanschriftsteller des neunzehnten +Jahrhunderts als Typen zu zeigen, die eben durch +den Kontrast ihrer Persönlichkeiten einander ergänzen +und vielleicht den Begriff des epischen Weltbildners, des +Romanciers, zu einer deutlichen Form erheben.</p> + +<p>Nenne ich Balzac, Dickens und Dostojewski hier die +einzigen großen Romanschriftsteller des neunzehnten Jahrhunderts, +so verkenne ich in dieser Voranstellung keineswegs +die Größe einzelner Werke Goethes, Gottfried Kellers, +Stendhals, Flauberts, Tolstois, Victor Hugos und anderer, +von denen mancher einzelne Roman oftmals das abgesonderte +Werk insbesondere Balzacs und Dickens' weitaus +übertrifft. Und ich glaube, meinen innerlichen und unerschütterlichen +Unterschied zwischen dem Verfasser eines +Romanes und dem Romancier darum ausdrücklich feststellen +zu müssen. Romanschriftsteller im letzten, im höchsten +Sinne ist nur das enzyklopädische Genie, der universale +Künstler, der – hier wird Breite des Werkes und Fülle der +Figuren zum Argument – einen ganzen Kosmos baut, der +eine eigene Welt mit eigenen Typen, eigenen Gravitationsgesetzen +und einem eigenen Sternenhimmel neben die irdische +stellt. Der jede Figur, jedes Geschehnis so sehr mit +seinem Wesen imprägniert, daß sie nicht nur für ihn typisch +werden, sondern auch für uns selbst mit jener Eindringlichkeit +bildkräftig, die uns dann oft verlockt, Geschehnisse +und Personen nach ihnen zu benennen, so daß wir von +Menschen im lebendigen Leben etwa sagen: eine balzacsche +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_8" id="Page_8">8</a><span>] </span></span>Figur, eine Dickensgestalt, eine Dostojewskinatur. +Jeder dieser Künstler bildet ein Lebensgesetz, eine Lebensauffassung +durch die Fülle seiner Gestalten so einheitlich +hervor, daß es durch ihn eine neue Form der Welt wird. +Und dieses innerste Gesetz, diese Charakterformation in +ihrer verborgenen Einheit darzustellen ist der wesentliche +Versuch meines Buches, dessen ungeschriebener Untertitel +lauten könnte: Psychologie des Romanciers.</p> + +<p>Jeder dieser drei Romanschriftsteller hat seine eigene +Sphäre. Balzac die Welt der Gesellschaft, Dickens die Welt +der Familie, Dostojewski die Welt des Einen und des Alls. +Vergleiche dieser Sphären zeigen ihre Unterschiede, niemals +aber ist unternommen, diese Unterschiede in Werturteile +umzudeuten oder die nationalen Elemente eines +Künstlers in Neigung oder Abwehr zu betonen. Jeder +große Schöpfer ist eine Einheit, die ihre Grenzen und ihr +Gewicht in eigenen Maßen in sich schließt: es gibt nur +ein spezifisches Gewicht innerhalb eines Werkes, kein absolutes +in der Wagschale der Gerechtigkeit.</p> + +<p>Alle drei Aufsätze setzen Kenntnis der Werke voraus: +sie wollen keine Einführung sein, sondern Sublimierung, +Kondensierung, Extrakt. Sie können darum, weil sie zusammendrängen, +nur das persönlich als wesentlich Empfundene +zur Erkenntnis bringen; am meisten bedaure ich +diese notwendige Unzulänglichkeit bei dem Aufsatz über +Dostojewski, dessen unendliches Maß ebensowenig wie +das Goethes jemals auch von breitester Formel wird umfaßt +werden können.</p> + +<p>Gern wäre diesen großen Gestalten eines Franzosen, +eines Engländers, eines Russen auch das Bildnis eines repräsentativen +deutschen Romanschriftstellers, eines epischen +Weltbildners in jenem hohen Sinne, wie ich ihn für +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_9" id="Page_9">9</a><span>] </span></span>das Wort Romancier anspreche, beigefügt worden. Doch +ich finde keinen einzigen jenes höchsten Ranges in Gegenwart +und Vergangenheit. Und es ist vielleicht der Sinn +dieses Buches, ihn für die Zukunft zu fordern und den +noch Fernen zu grüßen.</p> + +<p class="right noindent"> +<i>SALZBURG 1919.</i> +</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_11" id="Page_11">11</a><span>] </span></span></p> +<h2><a name="BALZAC" id="BALZAC"></a>BALZAC</h2> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_13" id="Page_13">13</a><span>] </span></span></p> +<p class="chapter"><span class="ucase">Balzac</span> ist 1799 geboren, in der Touraine, der Provinz +des Überflusses, in Rabelais' heiterer Heimat. Im Juni +1799, das Datum ist wert, wiederholt zu werden. Napoleon +– die von seinen Taten schon beunruhigte Welt +nannte ihn noch Bonaparte – kam in diesem Jahre aus +Ägypten heim, halb Sieger und halb Flüchtling. Unter +fremden Sternbildern, vor den steinernen Zeugen der +Pyramiden hatte er gefochten, war dann, müd, ein grandios +begonnenes Werk zäh zu vollenden, auf winzigem Schiffe +durchgeschlüpft zwischen den lauernden Korvetten Nelsons, +faßte ein paar Tage nach seiner Ankunft eine Handvoll +Getreuer zusammen, fegte den widerstrebenden Konvent +rein und riß mit einem Griff die Herrschaft Frankreichs +an sich. 1799, das Geburtsjahr Balzacs, ist der Beginn +des Empire. Das neue Jahrhundert kennt nicht mehr +<span lang="fr" xml:lang="fr">le petit général</span>, nicht mehr den korsischen Abenteurer, +sondern nur mehr Napoleon, den Kaiser Frankreichs. +Zehn, fünfzehn Jahre noch – die Knabenjahre Balzacs – +und die machtgierigen Hände umspannen halb Europa, +während seine ehrgeizigen Träume mit Adlersflügeln schon +ausgreifen über die ganze Welt von Orient zu Okzident. +Es kann für einen alles so intensiv Miterlebenden, für +einen Balzac nicht <ins class="correction" title="gleichgiltig">gleichgültig</ins> sein, wenn sechzehn Jahre +ersten Umblicks mit den sechzehn Jahren des Kaiserreichs, +der vielleicht phantastischesten Epoche der Weltgeschichte, +glatt zusammenfallen. Denn frühes Erlebnis und Bestimmung, +sind sie nicht eigentlich nur Innen- und Außenfläche +eines Gleichen? Daß einer, irgendeiner kam, von +irgendeiner Insel im blauen Mittelmeer, nach Paris kam, +ohne Freund und Geschäft, ohne Ruf und Würde, schroff +die eben zügellose Gewalt dort packte, sie herumriß und +in den Zaum zwang, daß irgendeiner, ein einzelner, ein +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_14" id="Page_14">14</a><span>] </span></span>Fremder, mit einem Paar nackter Hände Paris gewann und +dann Frankreich und dann die ganze Welt – diese Abenteurerlaune +der Weltgeschichte wird nicht aus schwarzen +Lettern unglaubhaft zwischen Legenden oder Historien +ihm vermittelt, sondern farbig, durch all seine durstig aufgetanen +Sinne dringt sie ein in sein persönliches Leben, +mit tausend bunten Erinnerungswirklichkeiten die noch +unbeschrittene Welt seines Innern bevölkernd. Solches +Erlebnis muß notwendigerweise zum Beispiel werden. Balzac, +der Knabe, hat das Lesen vielleicht gelernt an den +Proklamationen, die stolz, schroff, mit fast römischem +Pathos die fernen Siege erzählten, der Kinderfinger zog +wohl ungelenk auf der Landkarte, von der Frankreich wie +ein überströmender Fluß allmählich über Europa schwoll, +den Märschen der napoleonischen Soldaten nach, heute +über den Mont Cenis, morgen quer durch die Sierra +Nevada, über die Flüsse hin nach Deutschland, über den +Schnee nach Rußland, über das Meer vor Gibraltar hin, +wo die Engländer mit glühenden Kanonenkugeln die +Flottille in Brand schossen. Tags haben vielleicht die Soldaten +auf der Straße mit ihm gespielt, Soldaten, denen die +Kosaken ihre Säbelhiebe ins Gesicht geschrieben hatten, +nachts mag er oft aufgewacht sein vom zornigen Rollen +der Kanonen, die hinzogen nach Österreich, um die Eisdecke +unter der russischen Reiterei bei Austerlitz zu zerschmettern. +Alles Begehren seiner Jugend mußte aufgelöst +sein in den aneifernden Namen, in den Gedanken, in die +Vorstellung: Napoleon. Vor dem großen Garten, der aus +Paris hinausführt in die Welt, wuchs ein Triumphbogen +auf, dem die besiegten Städtenamen der halben Welt eingemeißelt +waren, und dieses Gefühl der Herrschaft, wie +mußte es umschlagen in eine ungeheure Enttäuschung, als +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_15" id="Page_15">15</a><span>] </span></span>dann fremde Truppen mit Musik und wehenden Fahnen +durchzogen durch diese stolze Wölbung! Was außen, in +der durchstürmten Welt geschah, wuchs nach innen als +Erlebnis. Früh erlebte er schon die ungeheure Umwälzung +der Werte, der geistigen ebenso wie der materiellen. Er +sah die Assignaten, auf denen 100 oder 1000 Francs mit +dem Siegel der Republik verheißen waren, als wertlose +Papiere im Winde flattern. Auf dem Goldstück, das durch +seine Hand glitt, war bald des enthaupteten Königs feistes +Profil, bald die Jakobinermütze der Freiheit, bald des Konsuls +Römergesicht, bald Napoleon im kaiserlichen Ornat. +In einer Zeit so ungeheurer Umwälzungen, da die Moral, +das Geld, das Land, die Gesetze, die Rangordnungen, alles, +was seit Jahrhunderten in feste Grenzen eingedämmt war, +einsickerte oder überschwemmte, in einer Epoche so nie +erlebter Veränderungen mußte ihm früh die Relativität +aller Werte bewußt werden. Ein Wirbel war die Welt +um ihn, und wenn der schwindlige Blick nach Übersicht +suchte, nach einem Symbol, nach einem Sternbild über +diesem gebäumten Wogen, so war es in diesem Auf und +Nieder der Ereignisse immer nur der Eine, der Wirkende, +von dem diese tausend Erschütterungen und Schwingungen +ausgingen. Und ihn selbst, Napoleon, hatte er noch erlebt. +Er sah ihn zur Parade reiten mit den Geschöpfen seines +Willens, mit Rustan, dem Mamelucken, mit Josef, dem +er Spanien geschenkt hatte, mit Murat, dem er Sizilien zu +eigen gegeben, mit Bernadotte, dem Verräter, mit allen, +denen er Kronen gemünzt hatte und Königreiche erobert, +die er aufgehoben aus dem Nichts ihrer Vergangenheit in +den Strahl seiner Gegenwart. In einer Sekunde war in +seine Netzhaut sinnfällig und lebendig ein Bild eingestrahlt, +das größer war als alle Beispiele der Geschichte: er hatte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_16" id="Page_16">16</a><span>] </span></span>den großen Welteroberer gesehen! Und ist für einen +Knaben, einen Welteroberer zu sehen, nicht gleichviel mit +dem Wunsche, selbst einer zu werden? Noch an zwei +anderen Stellen ruhten in diesem Augenblicke zwei Welteroberer +aus, in Königsberg, wo einer die Wirre der Welt +sich auflöste in eine Übersicht, und in Weimar, wo sie ein +Dichter nicht minder in ihrer Gänze besaß als Napoleon +mit seinen Armeen. Aber dies war für lange noch unfühlbare +Ferne für Balzac. Den Trieb, immer nur das Ganze +zu wollen, nie ein Einzelnes, die ganze Weltfülle gierig +zu erstreben, diesen fieberhaften Ehrgeiz hat vorerst das +Beispiel Napoleons an ihm verschuldet.</p> + +<p>Dieser ungeheure Weltwille weiß noch nicht sofort +seinen Weg. Balzac entscheidet sich zunächst für keinen +Beruf. Zwei Jahre früher geboren, wäre er, ein Achtzehnjähriger, +in die Reihen Napoleons getreten, hätte vielleicht +bei Belle Alliance die Höhen gestürmt, wo die englischen +Kartätschen niederfegten; aber die Weltgeschichte liebt +keine Wiederholungen. Auf den Gewitterhimmel der napoleonischen +Epoche folgen laue, weiche, erschlaffende +Sommertage. Unter Ludwig XVIII. wird der Säbel zum +Zierdegen, der Soldat zur Hofschranze, der Politiker zum +Schönredner; nicht mehr die Faust der Tat, das dunkle +Füllhorn des Zufalls vergeben die hohen Staatsstellen, sondern +weiche Frauenhände schenken Gunst und Gnade, +das öffentliche Leben versandet, verflacht, der Gischt der +Ereignisse glättet sich zum sanften Teich. Mit den Waffen +war die Welt nicht mehr zu erobern. Napoleon, dem einzelnen +ein Beispiel, war eine Abschreckung für die vielen. +So blieb die Kunst. Balzac beginnt zu schreiben. Aber +nicht wie die anderen, um Geld zu raffen, zu amüsieren, +ein Bücherregal zu füllen, ein Boulevardgespräch zu sein: +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_17" id="Page_17">17</a><span>] </span></span>ihn lüstet nicht nach einem Marschallstab in der Literatur, +sondern nach der Kaiserkrone. In einer Mansarde fängt +er an. Unter fremdem Namen, wie um seine Kraft zu +proben, schreibt er die ersten Romane. Es ist noch nicht +Krieg, sondern nur Kriegsspiel, Manöver und noch nicht +die Schlacht. Unzufrieden mit dem Erfolg, unbefriedigt +vom Gelingen, wirft er dann das Handwerk hin, dient +drei, vier Jahre lang anderen Berufen, sitzt als Schreiber +in der Stube eines Notars, beobachtet, sieht, genießt, dringt +mit seinem Blick in die Welt, und dann fängt er noch einmal +an. Jetzt aber mit jenem ungeheuren Willen auf das +Ganze hinzielend, mit jener gigantischen fanatischen Gier, +die das Einzelne, die Erscheinung, das Phänomen, das Losgerissene +mißachtet, um nur das in großen Schwingungen +Kreisende zu umfassen, das geheimnisvolle Räderwerk der +Urtriebe zu belauschen. Aus dem Gebräu der Geschehnisse +die reinen Elemente, aus dem Zahlengewirr die +Summe, aus dem Getöse die Harmonie, aus der Lebensfülle +die Essenz zu gewinnen, die ganze Welt in seine +Retorte zu drängen, sie noch einmal zu schaffen, „<span lang="fr" xml:lang="fr">en raccourci</span>“, +in der genauen Verkürzung, und die so unterjochte +mit seinem eigenen Atem zu beseelen, mit seinen +eigenen Händen zu lenken: das ist nun sein Ziel. Nichts +soll verloren gehen von der Vielfalt, und um dieses Unendliche +in ein Endliches, das Unerreichbare in ein Menschenmögliches +zusammenzupressen, gibt es nur einen +Prozeß: die Komprimierung. Seine ganze Kraft arbeitet +dahin, die Phänomene zusammenzudrängen, sie durch ein +Sieb zu jagen, wo alles Unwesentliche zurückbleibt und +nur die reinen, wertvollen Formen durchsickern; und sie +dann, diese zerstreuten Einzelformen, in der Glut seiner +Hände zusammenzupressen, ihre ungeheure Vielfalt in ein +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_18" id="Page_18">18</a><span>] </span></span>anschauliches, übersichtliches System zu bringen, wie Linné +die Milliarden Pflanzen in eine enge Übersicht, wie der +Chemiker die unzählbaren Zusammensetzungen in eine +Handvoll Elemente auflöst – das ist nun sein Ehrgeiz. +Er vereinfacht die Welt, um sie dann zu beherrschen, er +preßt die Bezwungene in den grandiosen Kerker der „<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie +humaine</span>“. Durch diesen Prozeß der Destillation +sind seine Menschen immer Typen, immer charakteristische +Zusammenfassungen einer Mehrheit, von denen ein +unerhörter Kunstwille alles Überflüssige und Unwesentliche +abgeschüttelt hat. Diese geradlinigen Leidenschaften +sind die Stoßkräfte, diese reinen Typen die Schauspieler, +diese dekorativ vereinfachte Umwelt die Kulissen der „<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie +humaine</span>“. Er konzentriert, indem er das administrative +<ins class="correction" title="Zentralisationssytem">Zentralisationssystem</ins> in die Literatur einführt. Wie +Napoleon macht er Frankreich zum Umkreis der Welt, +Paris zum Zentrum. Und innerhalb dieses Kreises, in Paris +selbst, zieht er mehrere Zirkel, den Adel, die Geistlichkeit, +die Arbeiter, die Dichter, die Künstler, die Gelehrten. +Aus fünfzig aristokratischen Salons macht er einen einzigen, +den der Herzogin von Cadignan. Aus hundert +Bankiers den Baron von Nucingen, aus allen Wucherern +den Gobsec, aus allen Ärzten den Horace Bianchon. Er +läßt diese Menschen enger beieinander wohnen, häufiger +sich berühren, vehementer sich bekämpfen. Wo das Leben +tausend Spielarten erzeugt, hat er nur eine. Er kennt keine +Mischtypen. Seine Welt ist ärmer als die Wirklichkeit, +aber intensiver. Denn seine Menschen sind Extrakte, seine +Leidenschaften reine Elemente, seine Tragödien Kondensierungen. +Wie Napoleon beginnt er mit der Eroberung +von Paris. Dann faßt er Provinz nach Provinz – jedes +Departement sendet gewissermaßen seinen Sprecher in das +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_19" id="Page_19">19</a><span>] </span></span>Parlament Balzacs – und dann wirft er wie der siegreiche +Konsul Bonaparte seine Truppen über alle Länder. Er +greift aus, sendet seine Menschen an die Fjorde Norwegens, +in die verbrannten, sandigen Ebenen Spaniens, unter den +feuerfarbenen Himmel Ägyptens, an die vereiste Brücke +der Beresina, überallhin und noch weiter greift sein Weltwille +wie der seines großen Vorbildners. Und so wie Napoleon, +ausruhend zwischen zwei Feldzügen, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Code +<ins class="correction" title="civile">civil</ins></span> schuf, gibt Balzac, ausruhend von der Eroberung der +Welt in der „<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>“, einen <span lang="fr" xml:lang="fr">Code moral</span> der +Liebe, der Ehe, eine prinzipielle Abhandlung und zieht +über die erdumspannende Linie der großen Werke noch +lächelnd die übermütige Arabeske der „<span lang="fr" xml:lang="fr">Contes drolatiques</span>“. +Vom tiefsten Elend, aus den Hütten der Bauern wandert +er in die Paläste von St. Germain, dringt in die Gemächer +Napoleons, überall reißt er die vierte Wand auf und mit +ihr die Geheimnisse der verschlossenen Räume, er rastet +mit den Soldaten in den Zelten der Bretagne, spielt an der +Börse, sieht in die Kulissen des Theaters, überwacht die +Arbeit des Gelehrten, kein Winkel ist in der Welt, wo +seine zauberische Flamme nicht hinleuchtet. Zwei- bis +dreitausend Menschen bilden seine Armee, und tatsächlich: +aus dem Boden hat er sie gestampft, aus seiner flachen +Hand ist sie aufgewachsen. Nackt, aus dem Nichts sind sie +gekommen, und er wirft ihnen Kleider um, schenkt ihnen +Titel und Reichtümer, wie Napoleon seinen Marschällen, +nimmt sie ihnen wieder ab, er spielt mit ihnen, hetzt sie +durcheinander. Unzählbar ist die Vielfalt der Geschehnisse, +ungeheuer die Landschaft, die hinter diese Ereignisse +sich stellt. Einzig in der neuzeitlichen Literatur, wie +Napoleon einzig in der modernen Geschichte, ist diese +Eroberung der Welt in der „<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>“, dieses +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_20" id="Page_20">20</a><span>] </span></span>Zwischen-zwei-Händen-Halten des ganzen, zusammengedrängten +Lebens. Aber es war der Knabentraum Balzacs, +die Welt zu erobern, und nichts ist gewaltiger als +früher Vorsatz, der Wirklichkeit wird. Nicht umsonst +hatte er unter ein Bild Napoleons geschrieben: „<span lang="fr" xml:lang="fr">Ce qu'il +n'a pu achever par l'épée je l'accomplirai par la plume.</span>“</p> + +<p>Und so wie er, sind seine Helden. Alle haben sie das +Welteroberungsgelüst. Eine zentripetale Kraft schleudert +sie aus der Provinz, aus ihrer Heimat, nach Paris. Dort +ist ihr Schlachtfeld. Fünfzigtausend junge Leute, eine +Armee, strömt heran, unversuchte keusche Kraft, entladungssüchtige, +unklare Energie, und hier, im engen +Raume prallen sie aufeinander wie Geschosse, vernichten +sich, treiben sich empor, reißen sich in den Abgrund. +Keinem ist ein Platz bereitet. Jeder muß sich die Rednerbühne +erobern und dies stahlharte, biegsame Metall, das +Jugend heißt, umschmieden zu einer Waffe, seine Energien +konzentrieren zu einem Explosiv. Daß dieser Kampf +innerhalb der Zivilisation nicht minder erbittert ist als der +auf den Schlachtfeldern, dies als erster bewiesen zu haben, +ist der Stolz Balzacs: „Meine bürgerlichen Romane sind +tragischer als eure Trauerspiele!“ ruft er den Romantikern +zu. Denn das erste, was diese jungen Menschen in den +Büchern Balzacs lernen, ist das Gesetz der Unerbittlichkeit. +Sie wissen, daß sie zuviel sind, und müssen sich – +das Bild gehört Vautrin, dem Liebling Balzacs – auffressen +wie die Spinnen in einem Topf. Sie müssen die Waffe, die +sie aus ihrer Jugend geschmiedet haben, noch eintauchen +in das brennende Gift der Erfahrung. Nur der Überbleibende +hat recht. Aus allen zweiunddreißig Windrichtungen +kommen sie her wie die Sansculotten der „Großen +Armee“, zerreißen sich die Schuhe auf dem Wege nach +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_21" id="Page_21">21</a><span>] </span></span>Paris, der Staub der Landstraße klebt an ihren Kleidern, +und ihre Kehle ist verbrannt von einem ungeheuren Durst +nach Genuß. Und wie sie sich umsehen in dieser neuen, +zauberischen Sphäre der Eleganz, des Reichtums und der +Macht, da fühlen sie, daß, um diese Paläste, diese Frauen, +diese Gewalten zu erobern, all das wenige, das sie mitgebracht +haben, wertlos sei. Daß sie ihre Fähigkeiten, um +sie auszunützen, umschmelzen müßten, Jugend in Zähigkeit, +Klugheit in List, Vertrauen in Falschheit, Schönheit +in Laster, Verwegenheit in Verschlagenheit. Denn die +Helden Balzacs sind starke Begehrende, sie streben nach +dem Ganzen. Sie alle haben das gleiche Abenteuer: ein +Tilbury saust an ihnen vorbei, die Räder sprühen sie an +mit Kot, der Kutscher schwingt die Peitsche, aber darin +sitzt eine junge Frau, in ihrem Haar blinkt der Schmuck. +Ein Blick weht rasch vorüber. Sie ist verführerisch und +schön, ein Symbol des Genusses. Und alle Helden Balzacs +haben in diesem Augenblicke nur einen Wunsch: +Mir diese Frau, der Wagen, die Diener, der Reichtum, +Paris, die Welt! Das Beispiel Napoleons, daß alle Macht +auch für den Geringsten feil sei, hat sie verdorben. Nicht +wie ihre Väter in der Provinz ringen sie um einen Weinberg, +um eine Präfektur, um eine Erbschaft, sondern um +Symbole schon, um die Macht, um den Aufstieg in jenen +Lichtkreis, wo die Liliensonne des Königtums glänzt +und das Geld wie Wasser durch die Finger rinnt. So +werden sie ja jene großen Ehrgeizigen, denen Balzac stärkere +Muskeln, wildere Beredsamkeit, energischere Triebe, +ein wenn auch rascheres, so doch lebendigeres Leben zuschreibt, +als den anderen. Sie sind Menschen, deren Träume +Taten werden, Dichter, wie er sagt, die in der Materie +des Lebens dichten. Zwiefach in ihrer Angriffsweise, ein +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_22" id="Page_22">22</a><span>] </span></span>besonderer Weg bahnt sich dem Genie, ein anderer dem gewöhnlichen. +Man muß sich eine eigene Weise finden, um +zur Macht zu gelangen, oder man muß die der anderen, +die Methode der Gesellschaft erlernen. Als Kanonenkugel +muß man mörderisch hineinschmettern in die Menge der +anderen, die zwischen einem und dem Ziele stehen, oder +man muß sie schleichend vergiften wie die Pest, rät Vautrin, +der Anarchist, die grandiose Lieblingsfigur Balzacs. +Im Quartier Latin, wo Balzac selbst in enger Stube begonnen +hat, treten auch seine Helden zusammen, die Urformen +des sozialen Lebens, Desplein, der Student der +Medizin, Rastignac, der Streber, Louis Lambert, der Philosoph, +Bridau, der Maler, Rubempré, der Journalist – +ein Cénacle junger Menschen, die ungeformte Elemente +sind, reine, rudimentäre Charaktere, aber doch: das ganze +Leben gruppiert um eine Tischplatte in der sagenhaften +Pension Vauquer. Dann aber, hineingegossen in die große +Retorte des Lebens, eingekocht in die Hitze der Leidenschaften, +und wieder erkaltend, erstarrend an den Enttäuschungen, +unterworfen den vielfachen Wirkungen der +gesellschaftlichen Natur, den mechanischen Reibungen, +den magnetischen Anziehungen, den chemischen Zersetzungen, +den molekularen Zerlegungen, bilden sich diese +Menschen um, verlieren sie ihr wahres Wesen. Die furchtbare +Säure, die Paris heißt, löst die einen auf, zerfrißt sie, +scheidet sie aus, läßt sie verschwinden und kristallisiert, +verhärtet, versteint wiederum die anderen. Alle Wirkungen +der Wandlung, Färbung und Vereinung vollziehen sich +an ihnen, aus den vereinten Elementen bilden sich neue +Komplexe, und zehn Jahre später grüßen sich die Übergebliebenen, +Umgeformten mit Augurenlächeln auf den +Höhen des Lebens, Desplein, der berühmte Arzt, Rastignac, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_23" id="Page_23">23</a><span>] </span></span>der Minister, Bridau, der große Maler, während Louis +Lambert und Rubempré das Schwungrad zermalmend +faßte. Nicht umsonst hat Balzac die Chemie geliebt, die +Werke Cuviers, Lavoisiers studiert. Denn in diesem vielfältigen +Prozeß der Aktionen und Reaktionen, der Affinitäten, +der Abstoßungen und Anziehungen, Ausscheidungen +und Gliederungen, Zersetzungen und Kristallisierungen, +in der atomhaften Vereinfachung des Zusammengesetzten +schien ihm deutlicher als anderswo das Bild +der sozialen Zusammensetzung gespiegelt zu sein. Daß +jede Vielheit nicht minder auf die Einheit wirkte, wie die +Einheit selbst wieder bestimmend auf die Vielheit, diese +seine Auffassung, die er Lamarquismus nannte – und die +Taine später zu Begriffen erstarrt hat –, daß jedes Individuum +ein Produkt sei, geformt von Klima, Milieu, Sitten, +Zufall, von all dem, was schicksalsträchtig an ihm rührt, +daß jedes Individuum seine Wesenheit aus einer Atmosphäre +sauge, um selbst wieder eine neue Atmosphäre zu +entstrahlen –, dieses universelle Bedingtsein von In- und +Umwelt war ihm Axiom. Und diesen Abdruck des +Organischen im Unorganischen und die Griffspuren des +Lebendigen im Begrifflichen wieder, diese Summierungen +eines momentanen geistigen Besitzes im sozialen Wesen, +die Produkte ganzer Epochen aufzuzeichnen, schien ihm +höchste Aufgabe des Künstlers. Alles fließt ineinander, +alle Kräfte sind in Schwebe und keine frei. Ein so unbegrenzter +Relativismus hat jede Kontinuität, selbst die des +Charakters geleugnet. Balzac hat seine Menschen immer +an den Ereignissen sich formen lassen, sich modellieren +wie Ton in der Hand des Schicksals. Selbst die Namen +seiner Menschen umspannen einen Wandel und kein Einheitliches. +Durch zwanzig der Bücher Balzacs geht der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_24" id="Page_24">24</a><span>] </span></span>Baron von Rastignac, Pair von Frankreich. Man glaubt +ihn schon zu kennen, von der Straße her, oder vom Salon, +oder von der Zeitung, diesen rücksichtslosen Arrivierten, +dies Prototyp eines brutalen pariserischen unbarmherzigen +Strebers, der aalglatt durch alle Schlupfwinkel der Gesetze +sich durchdrückt und die Moral einer verkommenen +Gesellschaft meisterhaft verkörpert. Aber da ist ein Buch, +in dem lebt auch ein Rastignac, der junge arme Edelmann, +den seine Eltern nach Paris schicken mit vielen Hoffnungen +und wenig Geld, ein weicher, sanfter, bescheidener, sentimentaler +Charakter. Und das Buch erzählt, wie er in die +Pension Vauquer gerät, in jenen Hexenkessel von Gestalten, +in eine jener genialen Verkürzungen, wo Balzac +in vier schlecht tapezierte Wände die ganze Lebensvielfalt +der Temperamente und Charaktere einschließt, und +hier sieht er die Tragödie des ungekannten König Lear, +des Vaters Goriot, sieht, wie die Flitterprinzessinnen des +Faubourg St. Germain gierig den alten Vater bestehlen, +sieht alle Niedertracht der Gesellschaft, gelöst in eine Tragödie. +Und da, wie er endlich dem Sarge des allzu Gütigen +folgt, allein mit einem Hausknecht und einer Magd, wie +er in zorniger Stunde Paris schmutziggelb und trüb wie +ein böses Geschwür von den Höhen des <span lang="fr" xml:lang="fr">Père Lachaise</span> zu +seinen Füßen sieht, da weiß er alle Weisheit des Lebens. +In diesem Momente hört er die Stimme Vautrins, des +Sträflings, in seinem Ohr aufklingen, seine Lehre, daß +man Menschen wie Postpferde behandeln müsse, sie vor +seinem Wagen hetzen und dann krepieren lassen am Ziel, +in dieser Sekunde wird er der Baron Rastignac der anderen +Bücher, der rücksichtslose, unerbittliche Streber, der Pair +von Paris. Und diese Sekunde am Kreuzweg des Lebens +erleben alle Helden Balzacs. Sie alle werden Soldaten im +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_25" id="Page_25">25</a><span>] </span></span>Kriege aller gegen alle, jeder stürmt vorwärts, über die +Leiche des einen geht der Weg des andern. Daß jeder +seinen Rubikon, sein Waterloo hat, daß die gleichen +Schlachten sich in Palästen, Hütten und Tavernen liefern, +zeigt Balzac, und daß unter den abgerissenen Kleidern +Priester, Ärzte, Soldaten, Advokaten die gleichen Triebe +entäußern, das weiß sein Vautrin, der Anarchist, der die +Rollen aller spielt und in zehn Verkleidungen in den +Büchern Balzacs auftritt, immer aber derselbe und bewußt +derselbe. Unter der nivellierten Oberfläche des modernen +Lebens wühlen die Kämpfe unterirdisch weiter. Denn der +äußeren Egalisierung wirkt der innere Ehrgeiz entgegen. +Da keinem ein Platz reserviert ist wie einst dem König, +dem Adel, den Priestern, da jeder ein Anrecht auf alle hat, +so verzehnfacht sich ihre Anspannung. Die Verkleinerung +der Möglichkeiten äußert sich im Leben als Verdoppelung +der Energie.</p> + +<p>Gerade dieser mörderische und selbstmörderische Kampf +der Energien ist es, der Balzac reizt. Die an ein Ziel gewandte +Energie als Ausdruck des bewußten Lebenswillens +nicht in ihrer Wirkung, sondern in ihrem Wesen zu schildern, +ist seine Leidenschaft. Ob sie gut oder böse, wirkungskräftig +oder verschwendet bleibt, ist ihm gleichgültig, +sobald sie nur intensiv wird. Intensität, Wille ist alles, +weil dies dem Menschen gehört, Erfolg und Ruhm nichts, +denn ihn bestimmt der Zufall. Der kleine Dieb, der ängstliche, +der ein Brot vom Bäckerladentisch in den Ärmel +verschwinden läßt, ist langweilig, der große Dieb, der professionelle, +der nicht nur um des Nutzens, sondern um der +Leidenschaft willen raubt, dessen ganze Existenz sich auflöst +in den Begriff des Ansichreißens, ist grandios. Die +Effekte, die Tatsachen zu messen, bleibt Aufgabe der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_26" id="Page_26">26</a><span>] </span></span>Geschichtschreibung, die Ursachen, die Intensitäten freizulegen, +scheint für Balzac die des Dichters. Denn tragisch ist +nur die Kraft, die nicht zum Ziel gelangt. Balzac schildert +die <span lang="fr" xml:lang="fr">héros oubliés</span>, für ihn gibt es in jeder Epoche nicht nur +einen Napoleon, nicht nur den der Historiker, der die Welt +erobert hat von 1796 bis 1815, sondern er kennt vier oder +fünf. Der eine ist vielleicht bei Marengo gefallen und hat +Desaix geheißen, der zweite mag vom wirklichen Napoleon +nach Ägypten gesandt worden sein, fernab von den großen +Ereignissen, der dritte hat vielleicht die ungeheuerste Tragödie +erlitten: er war Napoleon und ist nie an ein Schlachtfeld +gelangt, hat in irgendeinem Provinznest einsickern +müssen, statt Wildbach zu werden, aber er hat nicht minder +Energie verausgabt, wenn auch an kleinere Dinge. So +nennt er Frauen, die durch ihre Hingebung und ihre Schönheit +berühmt geworden wären unter den Sonnenköniginnen, +deren Namen geklungen hätten wie der der Pompadour +oder der Diane de Poitiers, er spricht von den Dichtern, +die an der Ungunst des Augenblicks zugrunde gehen, an +deren Namen der Ruhm vorbeigeglitten ist und denen der +Dichter erst den Ruhm wieder schenken muß. Er weiß, +daß jede Sekunde des Lebens eine ungeheure Fülle von +Energie unwirksam verschwendet. Ihm ist bewußt, daß +die Eugenie Grandet, das sentimentale Provinzmädel, in +dem Augenblicke, wo sie, erzitternd vor dem geizigen Vater, +ihrem Vetter die Geldbörse schenkt, nicht minder tapfer +ist als die Jeanne d'Arc, deren Marmorbild auf jedem +Marktplatze Frankreichs leuchtet. Erfolge können den +Biographen unzähliger Karrieren nicht blenden, den nicht +täuschen, der alle Schminken und Mixturen des sozialen +Auftriebs chemisch zersetzt hat. Balzacs unbestechliches +Auge, einzig nach Energie ausspähend, sieht aus dem Gewühl +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_27" id="Page_27">27</a><span>] </span></span>der Tatsachen immer nur die lebendige Anspannung, +greift in jenem Gedränge an der Beresina, wo das zersprengte +Heer Napoleons über die Brücke strebt, wo Verzweiflung +und Niedertracht und Heldentum hundertfach geschilderter +Szenen zu einer Sekunde zusammengedrängt sind, die +wahren, die größten Helden heraus: die vierzig Pioniere, +deren Namen niemand kennt, die drei Tage bis zur Brust +im eiskalten, schollentreibenden Wasser gestanden hatten, +um jene schwanke Brücke zu bauen, auf der die Hälfte der +Armee entkam. Er weiß, daß hinter den verhängten Scheiben +von Paris in jeder Sekunde Tragödien geschehen, die +nicht geringer sind als der Tod der Julia, das Ende Wallensteins +und die Verzweiflung Lears, und immer wieder hat +er das eine Wort stolz wiederholt: „Meine bürgerlichen +Romane sind tragischer als eure tragischen Trauerspiele.“ +Denn seine Romantik greift nach innen. Sein Vautrin, der +Bürgerkleidung trägt, ist nicht minder grandios als der +schellenumhangene Glöckner von Notre-Dame, der Quasimodo +des Viktor Hugo, die starren felsigen Landschaften +der Seele, das Gestrüpp von Leidenschaft und Gier in der +Brust seiner großen Streber ist nicht minder schreckhaft, +als die schaurige Felsenhöhle des Han d'Islande. Balzac +sucht das Grandiose nicht in der Draperie, nicht im Fernblick +auf das Historische oder Exotische, sondern im Überdimensionalen, +in der gesteigerten Intensität eines in seiner +Geschlossenheit einzig werdenden Gefühls. Er weiß, daß +jedes Gefühl erst bedeutsam wird, wenn es in seiner Kraft +ungebrochen bleibt, jeder Mensch nur groß, wenn er sich +konzentriert in ein Ziel, sich nicht verschleudert, in einzelne +Begierden zersplittert, wenn seine Leidenschaft die allen +anderen Gefühlen zugedachten Säfte in sich auftrinkt, durch +Raub und Unnatur stark wird, so wie ein Ast mit doppelter +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_28" id="Page_28">28</a><span>] </span></span>Wucht erst aufblüht, wenn der Gärtner die Zwillingsäste +gefällt oder gedrosselt hat. Solche Monomanen +der Leidenschaft hat er geschildert, die in einem einzigen +Symbol die Welt begreifen, einen Sinn sich statuierend +in dem unentwirrbaren Reigen. Eine Art Mechanik der +Leidenschaften ist das Grundaxiom seiner Energetik: der +Glaube, daß jedes Leben eine gleiche Summe von Kraft +verausgabe, gleichviel, an welche Illusionen es diese Willensbegehrungen +verschwende, gleichviel, ob es sie langsam +verzettle in tausend Erregungen, oder sparsam aufbewahre +für die jähen heftigen Ekstasen, ob in Verbrennung oder +Explosion das Lebensfeuer sich verzehre. Wer rascher +lebt, lebt nicht kürzer, wer einheitlich lebt, nicht minder +vielfältig. Für ein Werk, das nur Typen schildern will, +die reinen Elemente auflösen, sind solche Monomanen +allein wichtig. Flaue Menschen interessieren Balzac nicht, +nur solche, die etwas ganz sind, die mit allen Nerven, mit +allen Muskeln, mit allen Gedanken an einer Illusion des +Lebens hängen, sei es, an was immer auch, an der Liebe, +der Kunst, dem Geiz, der Hingebung, der Tapferkeit, der +Trägheit, der Politik, der Freundschaft. An irgendeinem +beliebigen Symbol, aber an diesem ganz. Diese <span lang="fr" xml:lang="fr">hommes +à passion</span>, diese Fanatiker einer selbstgeschaffenen Religion, +sehen nicht nach rechts, nicht nach links. Sie sprechen +verschiedene Sprachen untereinander und verstehen sich +nicht. Biete dem Sammler eine Frau, die schönste der +Welt – er wird sie nicht bemerken; dem Liebenden eine +Karriere – er wird sie mißachten; dem Geizigen ein anderes +als Geld – er wird nicht aufschauen von seiner Truhe. +Läßt er sich aber verlocken, verläßt er die eine geliebte +Leidenschaft um der anderen willen, so ist er verloren. +Denn Muskeln, die man nicht gebraucht, zerfallen, Sehnen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_29" id="Page_29">29</a><span>] </span></span>die man jahrelang nicht gespannt, verknöchern, und wer +zeitlebens Virtuose einer einzigen Leidenschaft war, Athlet +eines einzigen Gefühls, ist Stümper und Schwächling auf +jedem anderen Gebiet. Jedes zur Monomanie aufgepeitschte +Gefühl vergewaltigt die anderen, gräbt ihnen das Wasser +ab und läßt sie vertrocknen: aber ihre Reizwerte saugt es +in sich. Alle Graduationen und Peripetien der Liebe, Eifersucht +und Trauer, Erschöpfung und Ekstase, sind bei dem +Geizigen in der Sparsucht, beim Sammler in der Sammelwut +gespiegelt, denn jede absolute Vollkommenheit vereinigt +die Summe der Gefühlsmöglichkeiten. Die Intensität +der Einseitigkeit hat in ihren Emotionen die ganze +Vielfalt der vernachlässigten Begehrungen. Hier setzen +die großen Tragödien Balzacs ein. Der Geldmensch Nucingen, +der Millionen gesammelt hat, an Klugheit überlegen +allen Bankiers des Kaiserreichs, wird ein läppisches +Kind in den Händen einer Dirne, der Dichter, der sich +dem Journalismus hinwirft, wird zerrieben wie ein Korn +unter dem Mühlstein. Ein Traumbild der Welt, ein jedes +Symbol ist eifersüchtig wie Jehova und duldet keine anderen +Leidenschaften neben sich. Und von diesen Leidenschaften +ist keine größer und keine geringer, sie haben +ebensowenig eine Rangordnung wie Landschaften oder +Träume. Keine ist zu gering. „Warum sollte man nicht +die Tragödie der Dummheit schreiben?“ sagt Balzac, „die +der Verschämtheit, die der Ängstlichkeit, die der Langeweile?“ +Auch sie sind bewegende, treibende Kräfte, auch +sie bedeutsam, insofern sie nur genugsam intensiv sind, +selbst die ärmlichste Lebenslinie hat Schwung und Schönheitsgewalt, +sobald sie ungebrochen gerade fortstrebt oder +ihr Schicksal ganz umkreist. Und diese Urkräfte – oder +besser, diese tausend Proteusformen der wirklichen Urkraft +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_30" id="Page_30">30</a><span>] </span></span>– aus der Brust der Menschen zu reißen, sie zu heizen +durch den Druck der Atmosphäre, sie peitschen zu lassen +durch das Gefühl, sie zu berauschen an den Elixieren des +Hasses und der Liebe, sie rasen zu lassen im Rausche, am +Prellstein des Zufalls die einen zu zerschmettern, sie zusammenzupressen +und auseinanderzureißen, Verbindungen +herzustellen, Brücken zu schlagen zwischen den Träumen, +zwischen dem Geizigen und dem Sammler, dem Ehrsüchtigen +und dem Erotiker, rastlos das Parallelogramm der +Kräfte zu verschieben, in jedem Schicksal den drohenden +Abgrund von Wellenberg und Wellental aufzureißen, sie +zu schleudern von unten nach oben und von oben nach +unten und dabei in dieses flackernde Spiel mit erhitzten +Augen zu starren, wie Gobsec, der Wucherer, auf die +Diamanten der Gräfin Restaud, das erlöschende Feuer mit +dem Balg immer wieder aufflammen zu lassen, die Menschen +wie Sklaven zu hetzen, nie sie ruhen zu lassen, sie zu +schleppen wie Napoleon seine Soldaten durch alle Länder +von Österreich wieder in die Vendée, über das Meer wieder +nach Ägypten und nach Rom, durch das Brandenburger +Tor und wieder vor den Abhang der Alhambra, über Sieg +und Niederlage nach Moskau schließlich – die Hälfte unterwegs +liegen zu lassen, zerschmettert von den Granaten +oder unter dem Schnee der Steppen – die ganze Welt zuerst +zu schnitzen wie Figuren, zu malen wie eine Landschaft +und dann das Puppenspiel mit erregten Fingern zu +beherrschen – das war seine, das war Balzacs Monomanie.</p> + +<p>Denn er, Balzac, war selbst einer der großen Monomanen, +wie er sie in seinem Werke verewigt hat. Enttäuscht, +in allen seinen Träumen zurückgestoßen von einer rücksichtslosen +Welt, die den Anfänger nicht mag und den +Armen, grub er sich ein in seine Stille und schuf sich selbst +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_31" id="Page_31">31</a><span>] </span></span>ein Symbol der Welt. Eine Welt, die ihm gehörte, die er +beherrschte und die mit ihm zugrunde ging. Wirkliches +stürzte an ihm vorbei, und er griff nicht danach, er lebte +eingeschlossen in seinem Zimmer, festgenagelt an den +Schreibtisch, lebte in dem Wald seiner Gestalten, wie Elie +Magus, der Sammler, zwischen seinen Bildern. Von seinem +fünfundzwanzigsten Jahre an hat ihn die Wirklichkeit +kaum – nur in Ausnahmen, die dann immer zu Tragödien +wurden – anders interessiert als ein Material, als Brennstoff, +um das Schwungrad seiner eigenen Welt zu treiben. +Fast bewußt lebte er am Lebendigen vorbei, wie im ängstlichen +Gefühle, daß eine Berührung dieser beiden Welten, +der seinen und der der anderen, immer eine schmerzhafte +werden müßte. Abends um acht Uhr ging er ermattet zu +Bette, schlief vier Stunden und ließ sich um Mitternacht +wecken; wenn Paris, die laute Umwelt, ihr glühendes +Auge schloß, wenn Dunkel über das Rauschen der Gassen +fiel, die Welt entschwand, begann die seine zu erstehen, und +er baute sie auf, neben der anderen, aus ihren eigenen zerstückten +Elementen, lebte durch Stunden einer fiebernden +Ekstase, unablässig die ermattenden Sinne mit schwarzem +Kaffee wieder aufpeitschend. So arbeitete er zehn, zwölf, +manchmal auch achtzehn Stunden, bis ihn irgend etwas +aufriß aus dieser Welt, zurück in die eigene Wirklichkeit. +In diesen Sekunden des Erwachens muß er jenen Blick +gehabt haben, den Rodin ihm gab auf seiner Statue, dieses +Aufgeschrecktsein aus tausend Himmeln und dieses Rückstürzen +in eine vergessene Wirklichkeit, diesen entsetzlich +grandiosen, fast schreienden Blick, diese um die fröstelnde +Schulter das Kleid anstraffende Hand, die Gebärde eines +vom Schlaf Gerüttelten, eines Somnambulen, dem jemand +roh seinen Namen zugeschrien. Bei keinem Dichter ist +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_32" id="Page_32">32</a><span>] </span></span>die Intensität des Sichverlierens in sein Werk, der Glaube +an die eigenen Träume stärker gewesen, die Halluzination +so nahe der Grenze der Selbsttäuschung. Nicht immer +wußte er die Erregung zu stoppen wie eine Maschine, das +ungeheure kreisende Schwungrad jäh aufzuhalten, Spiegelschein +und Wirklichkeit zu unterscheiden, eine scharfe +Linie zu ziehen zwischen dieser und jener Welt. Ein +ganzes Buch hat man gefüllt mit Anekdoten, wie sehr er +im Rausch der Arbeit an die Existenz seiner Gestalten +glaubte, ein Buch mit oft drolligen und meist ein wenig +grausigen Anekdoten. Ein Freund tritt ins Zimmer. +Balzac stürzt ihm entsetzt entgegen: „Denk dir, die Unglückliche +hat sich ermordet!“ und merkt erst an dem entsetzten +Zurückprallen seines Freundes, daß die Gestalt, +von der er sprach, die Eugenie Grandet, nur in seinen +Sternenkreisen je gelebt. Und was diese so andauernde, +so intensive, so vollständige Halluzination von dem pathologischen +Wahn eines Tollhäuslers unterscheidet, ist vielleicht +nur die Identität der in dem äußeren Leben und in +dieser neuen Wirklichkeit bestehenden Gesetze, die gleichen +Kausalbedingungen des Seins, nicht die Lebensform so sehr +als die Lebensmöglichkeit seiner Menschen, die, als hätten +sie nur die Tür seines Arbeitszimmers überschritten, von +außen in sein Werk traten. Aber an Dauerhaftigkeit, an +Zähigkeit und Abgeschlossenheit des Wahnes war diese +Versenkung die eines perfekten Monomanen, seine Arbeit +war nicht Fleiß mehr, sondern Fieber, Rausch, Traum +und Ekstase. Ein Palliativmittel der Bezauberung war sie, +ein Schlafmittel, das ihn seinen Lebenshunger vergessen +lassen sollte. Er selbst, zum Genießer, zum Verschwender +befähigt wie keiner, hat zugestanden, daß diese fieberhafte +Arbeit ihm nichts war als ein Mittel zum Genuß. Denn +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_33" id="Page_33">33</a><span>] </span></span>ein so zügellos Begehrender konnte, wie die Monomanen +seiner Bücher, auf jede andere Leidenschaft nur verzichten, +weil er sie ersetzte. All die Aufpeitschungen des Lebensgefühls, +Liebe, Ehrsucht, Spiel, Reichtum, Reisen, Ruhm +und Siege konnte er missen, weil er siebenfaches Surrogat +in seinem Schaffen fand. Die Sinne sind töricht wie Kinder. +Sie können das Echte vom Falschen, Trug von der Wirklichkeit +nicht unterscheiden. Sie wollen nur gefüttert sein, +gleichviel mit Erlebnis oder Traum. Und Balzac hat seine +Sinne ein Leben lang betrogen, indem er ihnen Genüsse +vorlog, statt sie ihnen hinzuwerfen, er sättigte ihren Hunger +mit dem Duft der Gerichte, die er ihnen versagen mußte. +Sein Erlebnis war das leidenschaftliche Beteiligtsein an den +Genüssen seiner Kreaturen. Denn er war es ja, der jetzt +die zehn Louis hinwarf auf den Spieltisch, zitternd stand, +während die Roulette sich drehte, der jetzt die klingende +Flut der Gewinste mit heißen Fingern einstrich, er war +es, der jetzt im Theater den großen Sieg erfocht, der jetzt +mit Brigaden die Höhen stürmte, mit Pulverminen die +Börse in ihren Grundfesten erbeben ließ; alle die Lüste +seiner Kreaturen gehörten ja ihm, sie waren die Ekstasen, +in denen sein äußerlich so armes Leben sich verzehrte. +Er spielte mit diesen Menschen so wie Gobsec, der Wucherer, +mit den Gequälten, die hoffnungslos zu ihm kamen, +um sich Geld auszuborgen, die er aufschnellen ließ an seiner +Angel, deren Schmerz, Lust und Qual er nur prüfend mitansah +als das mehr oder minder talentvolle Sichgebärden +von Schauspielern. Und sein Herz spricht unter dem +schmutzigen Kittel Gobsecs: „Glauben Sie, daß es nichts +bedeutet, wenn man so in die verborgensten Falten des +menschlichen Herzens eindringt, wenn man so tief darin +eindringt und es in seiner Nacktheit vor sich hat?“ Denn +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_34" id="Page_34">34</a><span>] </span></span>er, der Zauberer des Willens, schmolz Fremdes zu Eigenem +um, Traum zu Leben. Man erzählt von ihm, daß er in +seiner Jugend, als er in seiner Mansarde trockenes Brot, +seine ärmliche Mahlzeit, verzehrte, sich auf den Tisch mit +Kreide die Randspur von Tellern gezeichnet habe und in +ihre Mitte die Namen der erlesensten Lieblingsgerichte +geschrieben, um so im trockenen Brot nur durch die Suggestion +des Willens den Geschmack der verschwenderischesten +Speisen zu spüren. Und so wie er hier den +Geschmack zu schmecken meinte, wie er ihn wirklich +schmeckte, so hat er sicherlich alle Reize des Lebens in den +Elixieren seiner Bücher unbändig in sich getrunken, so eigene +Armut betrogen mit dem Reichtum und der Verschwendung +seiner Knechte. Er, der ewig von Schulden Gehetzte, +von Gläubigern Gequälte, empfand sicherlich einen geradezu +sinnlichen Reiz, wenn er hinschrieb: Hunderttausend +Francs Rente. Er war es, der in den Bildern von Elie Magus +wühlte, der diese beiden Gräfinnen liebte als ihr Vater +Goriot, der gipfelhoch mit Seraphitus über die niegesehenen +Fjorde Norwegens aufstieg, der mit Rubempré die bewundernden +Blicke der Frauen genoß, er, er selbst war es, +für den er aus all diesen Menschen die Lust wie Lava aufschießen +ließ, denen er Glück und Schmerz aus den hellen +und dunklen Kräutern der Erde braute. Kein Dichter +war je mehr Mitgenießer seiner Gestalten. Gerade an +jenen Stellen, wo er den Zauber des so sehr ersehnten +Reichtums schildert, spürt man stärker als in den erotischen +Abenteuern den Rausch des Selbstbezauberten, die Haschischträume +des Einsamen. Das ist seine innerste Leidenschaft, +dieses Auf- und Abströmen von Zahlen, dieses +gierige Gewinnen und Zerrinnen von Summen, dieses +Schleudern von Kapitalien von Hand zu Hand, das Schwellen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_35" id="Page_35">35</a><span>] </span></span>der Bilanzen, der Wettersturz der Werte, diese Stürze +und Aufstiege ins Grenzenlose. Millionen läßt er wie +Ungewitter über Bettler hereinbrechen, Kapitale wieder +in weichen Händen wie Quecksilber zerrinnen, mit Wollust +malt er die Paläste der Faubourgs, die Magie des Geldes. +Die Worte Millionen, Milliarden, das ist immer hingestammelt +mit jenem ohnmächtigen Nicht-mehr-sprechen-können, +dem Röcheln letzten sinnlichen Begehrens. Voluptuös +wie die Frauen eines Serails sind die Prunkstücke +der Gemächer gereiht, wie wertvolle Kronjuwelen die +Insignien der Macht ausgebreitet. Bis in seine Manuskripte +hat sich dieses Fieber eingebrannt. Man kann sehen, wie +die anfangs ruhigen und zierlichen Zeilen aufschwellen +gleich den Adern eines Zornigen, wie sie taumeln, rascher +werden, wie sie rasend sich überhetzen, befleckt von den +Spuren des Kaffees, mit dem er die ermatteten Nerven vorwärtspeitschte, +hört fast das rastlose, ratternde Keuchen +der überhitzten Maschine, den fanatischen, maniakalischen +Krampf ihres Schöpfers, diese Gier des <span lang="fr" xml:lang="fr">Don Juan du verbe</span>, +des Menschen, der alles besitzen will und alles haben. Und +sieht den nochmaligen impetuosen Ausbruch des ewig +Ungenügsamen in den Korrekturbogen, deren starres Gefüge +er immer wieder aufriß wie der Fiebernde seine Wunde, +um noch einmal das rote pochende Blut der Zeilen durch +den schon starren, erkalteten Körper zu jagen.</p> + +<p>Solche titanische Arbeit bliebe unverständlich, wäre sie +nicht Wollust gewesen und noch mehr: der einzige Lebenswille +eines asketisch allen anderen Machtformen entsagenden +Menschen, eines Leidenschaftlichen, dem die Kunst +die einzige Möglichkeit der Entäußerung war. Einmal, +zweimal hatte er ja flüchtig in anderem Material geträumt. +Er hatte sich im praktischen Leben versucht, zum erstenmal, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_36" id="Page_36">36</a><span>] </span></span>als er, verzweifelnd am Schaffen, die wirkliche Geldgewalt +wollte, Spekulant wurde, eine Druckerei gründete +und eine Zeitung; aber mit jener Ironie, die das Schicksal +immer für Abtrünnige bereit hat, hat er, der in seinen +Büchern alles kannte, die Coups der Börsenleute, die Raffinements +der kleinen und der großen Geschäfte, die +Schliche der Wucherer, der jedem Ding seinen Wert wußte, +der Hunderten von Menschen in seinen Werken die Existenz +errichtet, ein Vermögen mit richtigem, logischem +Aufbau gewonnen hatte, er selbst, der Grandet, Popinot, +Crevel, Goriot, Bridau, Nucingen, Wehrbrust und Gobsec +reich gemacht hat, er selbst hat sein Kapital verloren, ist +schmählich zugrunde gegangen, und nichts blieb ihm als +jenes furchtbare Bleigewicht von Schulden, die er dann +stöhnend auf seinen breiten Lastträgerschultern das halbe +Jahrhundert seines Lebens weiterschleppte, Helote der unerhörtesten +Arbeit, unter der er eines Tages mit zersprengten +Adern lautlos zusammenbrach. Die Eifersucht der verlassenen +Leidenschaft, der einzigen, der er sich hingegeben +hatte, der Kunst, hat sich furchtbar an ihm gerächt. Selbst +die Liebe, den andern ein wunderbarer Traum über ein +Erlebtes und Wirkliches, wurde bei ihm erst Erlebnis aus +einem Traum. Frau von Hanska, seine spätere Gattin, +die <span lang="fr" xml:lang="fr">étrangère</span>, der jene berühmten Briefe galten, war von +ihm leidenschaftlich schon geliebt, ehe er in ihre Augen +gesehen, war damals schon geliebt von ihm, als sie noch +Unwirklichkeit war, wie die <span lang="fr" xml:lang="fr">fille aux yeux d'or</span>, wie die +Delphine und die Eugenie Grandet. Für den wahrhaften +Schriftsteller ist jede andere Leidenschaft als die des Schaffens, +des Erträumens eine Abirrung. „<span lang="fr" xml:lang="fr">L'homme des lettres +doit s'abstenir des femmes, elles font perdre son temps, on +doit se borner à leur écrire, cela forme le style</span>“, sagte er +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_37" id="Page_37">37</a><span>] </span></span>zu Theophile Gautier. Im Innersten liebte er auch nicht +Frau von Hanska, sondern die Liebe zu ihr, liebte nicht +die Situationen, die ihm begegneten, sondern die er sich +erschuf, er fütterte den Hunger nach Wirklichkeit so lange +mit Illusionen, spielte so lange in Bildern und Kostümen, +bis er, wie die Schauspieler in den erregtesten Momenten, +selbst an seine Leidenschaft glaubte. Unermüdlich hat er +dieser Leidenschaft des Schaffens gefrönt, den inneren Verbrennungsprozeß +so lange beschleunigt, bis die Flamme +aufschlug und nach außen brach, bis er zugrunde ging. +Mit jedem neuen Buch schrumpfte, wie die magische +Elentiershaut seiner mystischen Novelle, bei jedem so betätigten +Wunsch sein Leben zusammen, und er unterlag +seiner Monomanie wie der Spieler den Karten, der Trinker +den Weinen, der Haschischträumer der verhängnisvollen +Pfeife und der Wollüstling den Frauen. Er ging an der +überreichen Erfüllung seiner Wünsche zugrunde.</p> + +<p>Es ist ein nur Selbstverständliches, daß ein dermaßen +kolossalischer Wille, der Träume so mit Blut und Lebendigkeit +erfüllte, der sie so anspannte, bis ihre Erregungen +nicht minder stark waren wie die Phänomene der Wirklichkeit, +daß ein solch ungeheuer zauberkräftiger Wille in +seiner eigenen Magie das Geheimnis des Lebens sah und +sich selbst zum Weltgesetz erhob. Eine eigentliche Philosophie +konnte der nicht haben, der nichts von sich verriet, +vielleicht nichts mehr war als ein Wandelhaftes, der keine +Gestalt hatte wie Proteus, weil er alle in sich verkörperte, +der wie ein Derwisch, ein flüchtiger Geist, in die Körper +von tausend Gestalten unterschlüpfte und sich verlor in +den Irrgängen ihres Lebens, jetzt mit dem einen Optimist, +jetzt Altruist, jetzt Pessimist und Relativist, der alle Meinungen +und Werte in sich ein- und ausschalten konnte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_38" id="Page_38">38</a><span>] </span></span>wie elektrische Ströme. Er gibt keinem unrecht und gibt +keinem recht. Balzac hat immer nur <span lang="fr" xml:lang="fr">épousé les opinions +des autres</span> – wir haben kein deutsches Wort für dieses +spontane Aufnehmen einer Meinung ohne dauernde Identifizierung +–, er war eingefangen im Augenblick, in der +Brusthöhle seiner Menschen, trieb mit im Schwall ihrer +Leidenschaften und Laster. Wahrhaft und unabänderlich +mußte ihm nur der ungeheure Wille sein, dieses Zauberwort +Sesam, das ihm, dem Fremden, die Felsen vor der +unbekannten Menschenbrust aufsprengte, ihn hinabführte +in die finsteren Abgründe ihres Gefühls und ihn von dort, +beladen mit dem Edelsten ihres Erlebens, wieder aufsteigen +ließ. Er mußte mehr als ein anderer geneigt sein, dem +Willen eine über das Geistige ins Materielle hinüberwirkende +Gewalt zuzuschreiben, ihn als Lebensprinzip und +Weltgebot zu empfinden. Ihm war bewußt, daß der Wille, +dieses Fluidum, das, ausstrahlend von einem Napoleon, die +Welt erschütterte, das Reiche stürzte, Fürsten erhob, Millionen +Schicksale verwirrte, daß diese immaterielle Schwingung, +dieser reine atmosphärische Druck eines Geistigen +nach außen sich auch im Materiellen manifestieren müßte, +die Physiognomie modellieren, einströmen in die Physis +des ganzen Körpers. Denn so wie eine momentane Erregung +bei jedem Menschen den Ausdruck fördert, brutale +und selbst stumpfsinnige Züge verschönt und charakterisiert, +um wie viel mehr mußte ein andauernder Wille, eine +chronische Leidenschaft das Material der Züge herausmeißeln. +Ein Gesicht war für Balzac ein versteinerter +Lebenswille, eine in Erz gegossene Charakteristik, und so +wie der Archäologe aus den versteinerten Resten eine ganze +Kultur zu erkennen hat, so schien es ihm Erfordernis des +Dichters, aus einem Antlitz und aus der um einen Menschen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_39" id="Page_39">39</a><span>] </span></span>lagernden Atmosphäre seine innere Kultur zu erkennen. +Diese Physiognomik ließ ihn die Lehre Galls +lieben, seine Topographie der im Gehirn gelagerten Fähigkeiten, +ließ ihn Lavater studieren, der ebenfalls im Gesichte +nichts anderes sah als den Fleisch und Bein gewordenen +Lebenswillen, den nach außen gestülpten Charakter. +Alles, was diese Magie, die geheimnisvolle Wechselwirkung +des Innerlichen und Äußerlichen betonte, war ihm erwünscht. +Er glaubte an Mesmers Lehre der magnetischen +Übertragung des Willens von einem Medium in das +andere, glaubte daran, daß die Finger Feuernetze seien, +die den Willen ausstrahlten, verkettete diese Anschauung +mit den mystischen Vergeistigungen Svedenborgs, und all +diese nicht ganz zur Theorie verdichteten Liebhabereien +faßte er in der Lehre seines Lieblings, des Louis Lambert, +zusammen, des <span lang="fr" xml:lang="fr"><ins class="correction" title="chemiste">chimiste</ins> de la volonté</span>, jener seltsamen Gestalt +eines früh Verstorbenen, die Selbstporträt und Sehnsucht +nach innerer Vollendung sonderbar vereint, öfter +als jede andere Figur Balzacs in sein eigenes Leben hinabgreift. +Ihm war jedes Gesicht eine zu enträtselnde Scharade. +Er behauptete, in jedem Antlitz eine Tierphysiognomie +zu erkennen, glaubte, den Todgeweihten an geheimen +Zeichen bestimmen zu können, rühmte sich, jedem Vorübergehenden +auf der Straße die Profession von seinem +Antlitz, seinen Bewegungen, seiner Kleidung ablesen zu +können. Diese intuitive Erkenntnis schien ihm aber noch +nicht die höchste Magie des Blicks. Denn all dies umschloß +nur das Seiende, das Gegenwärtige. Und seine tiefste +Sehnsucht war, zu sein wie jene, die mit konzentrierten +Kräften nicht nur das Momentane, sondern auch aus den +Spuren das Vergangene, das Zukünftige aus den vorgestreckten +Wurzeln aufspüren können, Bruder zu sein der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_40" id="Page_40">40</a><span>] </span></span>Chiromanten, der Wahrsager, der Steller von Horoskopen, +der „<span lang="fr" xml:lang="fr">voyants</span>“, all derer, die mit dem tieferen Blick der +„<span lang="fr" xml:lang="fr">seconde vue</span>“ begabt, das Innerlichste aus dem Äußerlichen, +das Unbegrenzte aus den bestimmten Linien zu +erkennen sich erboten, die aus den dünnen Streifen der +Handfläche den kurzen Weg des zurückgelegten Lebens +und den dunklen Pfad in das Zukünftige hinein weiterzuführen +vermochten. Ein solcher magischer Blick ist +nach Balzac nur jenem gegeben, der seine Intelligenz nicht +in tausend Richtungen zersplittert hat, sondern – die Idee +der Konzentrierung ist bei Balzac in ewiger Wiederkehr – +in sich aufgespart einem einzigen Ziele entgegenwendet. +Die Gabe der „<span lang="fr" xml:lang="fr">seconde vue</span>“ ist nicht nur die des Zauberers +und Sehers allein; „<span lang="fr" xml:lang="fr">seconde vue</span>“, spontane visionäre +Erkenntnis, dies unbezweifelbare Merkmal des Genies, +haben die Mütter gegenüber ihren Kindern, Desplein hat +sie, der Arzt, der aus der verworrenen Qual eines Kranken +sofort die Ursache seines Leidens und die vermutliche +Grenze seiner Lebensdauer bestimmt, der geniale Feldherr +Napoleon, der die Stelle sofort erkennt, wo er die +Brigaden hinschleudern muß, um das Schicksal der Schlacht +zu entscheiden; Marsay, der Verführer, besitzt sie, der die +flüchtige Sekunde aufgreift, in der er eine Frau zu Fall +bringen kann, Nucingen, der Börsenspieler, der den großen +Börsencoup im richtigen Momente zur Explosion +bringt; alle diese Astrologen des Himmels der Seele haben +ihre Wissenschaft dank des nach innen dringenden Blicks, +der wie durch ein Perspektiv Horizonte sieht, wo das +unbewaffnete Auge nur ein graues Chaos unterscheidet. +Hierin schlummert die Affinität zwischen der Vision des +Dichters und der Deduktion des Gelehrten, dem rapiden, +spontanen Begreifen und dem langsamen, logischen Erkennen. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_41" id="Page_41">41</a><span>] </span></span>Balzac, dem sein eigener intuitiver Überblick selbst +unbegreiflich werden und der oft erschreckt mit fast irrem +Blick sein Werk überschauen mußte wie ein Unbegreifliches, +war gezwungen zu einer Philosophie des Inkommensurablen, +einer Mystik, der der landläufige Katholizismus +eines de Maistre nicht mehr genügte. Und dieses Korn +Magie, das seinem innersten Wesen beigemengt war, diese +Unbegreiflichkeit, die seine Kunst nicht nur Chemie des +Lebens sein läßt, sondern Alchimie, ist sein Grenzwert +gegen die Späteren, gegen die Nachahmer, gegen Zola besonders, +der Stein um Stein zusammenraffte, wo Balzac +nur den Zauberring drehte, und schon ein Palast mit +tausend Fenstern sich aufbaute. So ungeheuer die Energie +seines Werkes ist, der erste Eindruck bleibt doch immer der +von Zauberei und nicht von Arbeit, nicht der eines Ausborgens +vom Leben, sondern eines Beschenkens und Bereicherns.</p> + +<p>Denn Balzac – und dies schwebt wie eine undurchdringliche +Wolke von Geheimnis um seine Gestalt – hat +in den Jahren seines Schaffens nicht mehr studiert und +experimentiert, nicht mehr das Leben beobachtet wie etwa +Zola, der sich, ehe er einen Roman schrieb, ein Bordereau +für jede einzelne Figur anlegte, nicht wie Flaubert, der +Bibliotheken durchstöberte für ein fingerschmales Buch. +Balzac kam selten wieder zurück in jene Welt, die außer +der seinen lag, er war eingeschlossen in seine Halluzination +wie in ein Gefängnis, angenagelt an den Marterstuhl der +Arbeit, und was er mitbrachte, wenn er einen jener flüchtigen +Ausflüge in die Wirklichkeit unternahm, wenn er +ging, mit seinem Verleger zu kämpfen oder die Korrekturbogen +in eine Druckerei zu bringen, bei einem Freunde +zu speisen, oder die Bric-à-brac-Läden von Paris zu durchstöbern, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_42" id="Page_42">42</a><span>] </span></span>war immer eher Bestätigung als Informierung. +Denn damals, als er zu schreiben begann, war schon auf +irgendeine geheimnisvolle Weise das Wissen des ganzen +Lebens in ihn eingedrungen, lag gesammelt und aufgespeichert, +und es ist vielleicht mit der fast mythischen Erscheinung +Shakespeares das größte Rätsel der Weltliteratur, +wie, wann und woher all diese ungeheuerlichen, aus allen +Berufsklassen, Materien, Temperamenten und Phänomenen +herbeigeholten Vorräte von Kenntnissen in ihn +eingewachsen sind. Drei, vier Jahre, Jünglingsjahre, war +er in Berufen gestanden, bei einem Advokaten als Schreiber, +dann als Verleger, als Student, aber in diesen paar +Jahren muß er alles eingeschöpft haben, diese ganz unerklärliche, +unübersehbare Fülle von Tatsachen, die Kenntnis +aller Charaktere und Phänomene. Er muß unglaublich +beobachtet haben in diesen Jahren. Sein Blick muß ein +furchtbar saugender gewesen sein, ein gieriger, der alles, +was ihm begegnete, vampirhaft nach innen riß, in ein +Inneres, ein Gedächtnis, wo nichts vergilbte, nichts zerrann, +nichts sich mischte oder verdarb, wo alles geordnet, +gespart, getürmt lag, immer bereit und stets nach seiner +wesentlichen Seite hin gekehrt, alles federnd und aufspringend, +sobald er nur leise mit seinem Willen und Wunsche +daran rührte. Alles hat Balzac gewußt, die Prozesse, die +Schlachten, die Börsenmanöver, die Grundstückspekulationen, +die Geheimnisse der Chemie, die Schliche der Parfumeure, +die Kunstgriffe der Künstler, die Diskussionen der +Theologen, den Betrieb der Zeitung, den Trug des Theaters +und jener anderen Bühne, der Politik. Er hat die Provinz +gekannt, Paris und die Welt, er, der <span lang="fr" xml:lang="fr">connaisseur en +flânerie</span>, las wie in einem Buch in den krausen Zügen der +Straßen, wußte bei jedem Hause, wann es gebaut war und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_43" id="Page_43">43</a><span>] </span></span>von wem und für wen, enträtselte die Heraldik des Wappens +über der Tür, eine ganze Epoche aus der Bauart und wußte +gleichzeitig den Preis der Mieten, bevölkerte jedes Stockwerk +mit Menschen, stellte Möbel in die Zimmer, füllte +sie an mit einer Atmosphäre von Glück und Unglück und +ließ vom ersten zum zweiten, vom zweiten zum dritten +Stockwerk das unsichtbare Netz des Schicksals sich spinnen. +Er hat eine enzyklopädische Kenntnis gehabt, wußte, wieviel +ein Bild des Palma Vecchio wert ist, wieviel ein Hektar +Weideland kostet, was eine Spitzenmasche, was ein +Tilbury und ein Diener, er hat das Leben der Elegants +gekannt, die, zwischen Schulden vegetierend, in einem +Jahr zwanzigtausend Francs anbringen; und schlägt man +zwei Seiten weiter, so ist es wieder die Existenz eines armseligen +Rentiers, in dessen peinlich ausgetüfteltem Leben +ein zerrissener Schirm, eine zerbrochene Fensterscheibe +zur Katastrophe wird. Wieder ein paar Seiten, und nun ist +er unter den ganz Armen, er geht ihnen nach, wie jeder +seine paar Sous verdient, der arme Auvergnate, der Wasserträger, +dessen Sehnsucht es ist, das Faß nicht selbst ziehen +zu müssen, sondern ein kleines, kleines Pferd zu haben, +der Student und die Näherin, alle diese fast vegetabilischen +Existenzen der Großstadt. Tausend Landschaften stehen +auf, jede ist bereit, hinter seine Schicksale zu treten, sie zu +formen, und alle sind deutlicher in ihm nach einem Augenblick +des Schauens, als anderen nach den Jahren, die sie +darin lebten. Alles hat er gewußt, was er einmal flüchtig +mit dem Blick angerührt hat, und – merkwürdiges Paradoxon +des Künstlers – er hat selbst das gewußt, was er gar +nicht kannte, er hat die Fjorde Norwegens und die Wälle +von Saragossa aus seinen Träumen wachsen lassen, und +sie waren wie die Wirklichkeit. Ungeheuer ist diese +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_44" id="Page_44">44</a><span>] </span></span>Rapidität der Vision. Es war, als ob er nackt und klar das +erkennen könnte, was die anderen umhängt und unter tausend +Bekleidungen erblickten. Ihm war an allem ein +Zeichen, zu allem ein Schlüssel, daß er die Außenfläche +abtun konnte von den Dingen und sie ihm ihr Inneres +zeigten. Die Physiognomien taten sich ihm auf, alles fiel +in seine Sinne wie der Kern aus einer Frucht. Mit einem +Ruck reißt er das Essentielle aus dem Faltenwerk des Unwesentlichen, +aber nicht, daß er es freigräbt, langsam wühlend +von Schicht zu Schicht, sondern wie mit Pulver +sprengt er die goldenen Minen des Lebens auf. Und zugleich +mit diesen wirklichen Formen faßt er auch das Unfaßbare, +die gasförmig über ihnen schwebende Atmosphäre +von Glück und Unglück, die zwischen Himmel und Erde +schwebenden Erschütterungen, die nahen Explosionen, +die Wetterstürze der Luft. Was den anderen eben nur +Umriß ist, was sie sehen, kalt und ruhig wie unter einer +gläsernen Vitrine, das fühlt seine magische Sensibilität wie +in der Hülse des Thermometers als atmosphärischen Zustand.</p> + +<p>Dieses ungeheure, unvergleichlich intuitive Wissen ist +das Genie Balzacs. Was man dann noch den Künstler +nennt, den Verteiler der Kräfte, den Ordner und Gestalter, +den Zusammenhaltenden und Lösenden, den spürt man +nicht so deutlich bei Balzac. Man wäre versucht zu sagen, +er war gar nicht das, was man Künstler nennt, so sehr +war er Genie. „<span lang="fr" xml:lang="fr">Une telle force n'a pas besoin d'art.</span>“ Das +Wort gilt auch von ihm. Denn wirklich, hier ist eine +Kraft, so grandios und so groß, daß sie wie die freiesten +Tiere des Urwaldes der Zähmung widerstrebt, sie ist schön +wie ein Gestrüpp, ein Sturzbach, ein Gewitter, wie alle +jene Dinge, deren ästhetischer Wert einzig in der Intensität +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_45" id="Page_45">45</a><span>] </span></span>ihres Ausdrucks besteht. Ihre Schönheit bedarf nicht +der Symmetrie, der Dekoration, der nachhelfenden, sorglichen +Verteilung, sie wirkt durch die ungezügelte Vielfalt +ihrer Kräfte. Balzac hat seine Romane nie genau +komponiert, er hat sich in ihnen verloren wie in einer +Leidenschaft, in den Schilderungen, im Wort gewühlt wie +in Stoffen oder nacktem blühenden Fleisch. Er reißt Gestalten +auf, hebt sie von allen Ständen, Familien, von allen +Provinzen Frankreichs aus, wie Napoleon seine Soldaten, +teilt sie in Brigaden, macht den einen zum Reiter, stellt +den anderen zu den Kanonen und den dritten zum Train, +schüttet Pulver auf die Pfannen ihrer Gewehre und überläßt +sie dann ihrer inneren ungebändigten Kraft. Die +„<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>“ hat trotz der schönen – aber nachträglichen! +– Vorrede keinen inneren Plan. Sie ist planlos, +wie das Leben ihm selbst planlos erschien, sie zielt +nicht auf eine Moral hin und nicht auf eine Übersicht, sie +will als Wandelndes das ewig sich Wandelnde zeigen; in +all diesem Ebben und Fluten ist keine dauernde Kraft, sondern +nur ein momentaner Zug wie die geheimnisvolle Anziehung +des Mondes, jene unkörperliche, wie aus Wolken +und Licht gewebte Atmosphäre, die man Epoche nennt. +Dieses neuen Kosmos einziges Gesetz wäre, daß alles, was +gleichzeitig aufeinander wirkt, auch sich selbst verändert, +daß nichts frei wie ein Gott, der nur von außen stieße, +wirkt, sondern daß alle die Menschen, deren unbeständige +Vereinung erst die Epoche ausmacht, ebenso von der +Epoche geschaffen werden, daß ihre Moral, ihre Gefühle +ebenso Produkte sind wie sie selbst. Daß alles Relativitäten +sind, daß, was in Paris Tugend genannt wird, hinter +den Azoren ein Laster sei, daß für nichts feste Werte vorhanden +seien und daß leidenschaftliche Menschen die Welt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_46" id="Page_46">46</a><span>] </span></span>so werten müssen, wie Balzac sie die Frau werten läßt: +daß sie immer wert sei, was sie ihn koste. Aufgabe des +Dichters, dem – schon weil er selbst nur Produkt, Kreatur +seiner Zeit ist – versagt ist, das Bleibende aus diesem +Wandel zu gewinnen, kann nur sein, den atmosphärischen +Druck, den geistigen Zustand seiner Epoche zu schildern, +das Wechselspiel der gemeinsamen Kräfte, die die Millionen +Moleküle beseelten, zusammenfügten und wieder zerteilten. +Meteorologe der sozialen Luftströmungen, Mathematiker +des Willens, Chemiker der Leidenschaften, +Geologe der nationalen Urformen – ein vielfältiger Gelehrter +zu sein, der mit allen Instrumenten den Körper +seiner Zeit durchdringt und behorcht, und gleichzeitig ein +Sammler aller Tatsachen, ein Maler ihrer Landschaften, +ein Soldat ihrer Ideen, das zu sein ist Balzacs Ehrgeiz, und +darum war er so unermüdlich im Verzeichnen ebenso der +grandiosen wie der infinitesimalen Dinge. Und so ist sein +Werk nach dem Dauerwort Taines das größte Magazin +menschlicher Dokumente seit Shakespeare geworden. +Seinen Zeitgenossen und vielen der heutigen ist Balzac +freilich nur der Verfasser von Romanen. So betrachtet, +durch das ästhetische Glas visiert, erscheint er nicht so +überlebensgroß. Denn er hat eigentlich wenige <span lang="en" xml:lang="en">standard +works</span>. Balzac will nicht am Einzelwerk gemessen werden, +sondern am Ganzen, will betrachtet sein wie eine Landschaft +mit Berg und Tal, unbegrenzter Ferne, verräterischen +Klüften und raschen Strömen. Mit ihm beginnt – +man könnte fast sagen, hört auch auf, wäre nicht Dostojewski +gekommen – der Gedanke des Romans als Enzyklopädie +der inneren Welt. Die Dichter vor ihm wußten +nur zweierlei, um den schläfrigen Motor der Handlung +nach vorne zu treiben: sie statuierten entweder den von +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_47" id="Page_47">47</a><span>] </span></span>außen wirkenden Zufall, der wie ein scharfer Wind sich +in die Segel legte und das Fahrzeug nach vorne trieb, oder +sie wählten als die von innen treibende Kraft einzig den +erotischen Trieb, die Peripetien der Liebe. Balzac nun hat +eine Transponierung des Erotischen vorgenommen. Für +ihn gab es zweierlei Begehrende (und wie gesagt, nur die +Begehrenden, die Ambitiösen haben ihn interessiert): die +Erotiker im eigentlichen Sinne, ein paar Männer also und +fast alle Frauen, deren Sternbild einzig die Liebe ist, die +unter ihm geboren werden und zugrunde gehen. Daß aber +alle diese in der Erotik ausgelösten Kräfte nicht die einzigen +seien, daß die Peripetien der Leidenschaft auch bei +anderen Menschen nicht um ein Gran vermindert und, +ohne daß die treibende Urkraft zerstäube oder zersplittere, +in anderen Formen, in anderen Symbolen erhalten seien, +durch diese tätige Erkenntnis hat der Roman Balzacs eine +ungeheuerliche Vielfalt gewonnen.</p> + +<p>Aber noch aus einer zweiten Quelle hat Balzac ihn mit +Wirklichkeit gespeist: er hat das Geld in den Roman gebracht. +Er, der keine absoluten Werte anerkannte, beobachtete +als Sekretär seiner Zeitgenossen, als Statistiker des +Relativen genau die äußeren, die moralischen, politischen, +ästhetischen Werte der Dinge und vor allem jenen allgemein +gültigen Wert der Objekte, der sich in unseren Tagen +bei jedem Dinge fast dem absoluten nähert: den Geldwert. +Seit die Vorrechte der Aristokratie gefallen sind, seit der +Nivellierung der Unterschiede ist das Geld zum Blute, zur +treibenden Kraft des sozialen Lebens geworden. Jedes +Ding ist durch seinen Wert, jede Leidenschaft durch ihre +materiellen Opfer, jeder Mensch durch sein äußeres Einkommen +bestimmt. Zahlen sind die Gradmesser für gewisse, +atmosphärische Zustände des Gewissens, die Balzac +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_48" id="Page_48">48</a><span>] </span></span>zu erforschen sich zur Aufgabe gesetzt hat. Und Geld +kreist in seinen Romanen. Nicht nur das Anwachsen und +Hinstürzen der großen Vermögen, die wilden Spekulationen +der Börse sind geschildert, nicht nur die großen Schlachten, +in denen ebensoviel Energie verausgabt wird wie bei Leipzig +und Waterloo, nicht nur diese zwanzig Typen der +Gelderraffer aus Geiz, Haß, Verschwendungslust, Ambition, +nicht nur jene Menschen, die das Geld um des Geldes +willen lieben, und die, welche es um des Symbols willen +lieben, und die wieder, denen es nur Mittel zu ihren +Zwecken ist, sondern Balzac hat als der erste und kühnste +an tausend Beispielen gezeigt, wie das Geld selbst in die +edelsten, feinsten und immateriellsten Empfindungen eingesickert +ist. Alle seine Menschen rechnen, wie wir es unwillkürlich +im Leben tun. Seine Anfänger, die nach Paris +kommen, wissen rasch, was ein Besuch der guten Gesellschaft +kostet, eine elegante Gewandung, blanke Schuhe, +ein neuer Wagen, eine Wohnung, ein Diener, tausend +Kleinigkeiten und Kleinlichkeiten, die alle bezahlt und +erlernt sein wollen. Sie kennen die Katastrophen, verachtet +zu werden um einer unmodischen Weste willen, sie +haben bald heraus, daß nur Geld oder der Schein des +Geldes die Türen sprengt, und aus diesen kleinen unablässigen +Demütigungen wachsen dann die großen Leidenschaften +und die zähe Ambition. Und Balzac geht mit +ihnen. Er rechnet den Verschwendern ihre Ausgaben nach, +den Wucherern ihre Prozente, den Kaufmännern ihre Verdienste, +den Dandys ihre Schulden, den Politikern ihre +Bestechungen. Die Summen sind die Gradziffern der aufsteigenden +Unruhegefühle, der Barometerdruck der nahenden +Katastrophen. Da Geld der materielle Niederschlag +des universellen Ehrgeizes war, da es eindrang in alle Gefühle, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_49" id="Page_49">49</a><span>] </span></span>so mußte er, der Pathologe des sozialen Lebens, um +die Krisen des kranken Leibes zu erkennen, die Mikroskopie +des Blutes unternehmen, den Geldgehalt desselben +gewissermaßen feststellen. Denn aller Leben ist damit gesättigt, +es ist Sauerstoff für die gehetzten Lungen, keiner +kann es entbehren, der Ehrgeizige nicht für seinen Ehrgeiz, +der Liebende nicht für sein Glück und am wenigsten +der Künstler, das hat er selbst am besten gewußt, auf +dessen Schultern die Schuld von hunderttausend Francs +sich türmte, dieses furchtbare Gewicht, das er oft flüchtig +– in der Ekstase der Arbeit – wegschleuderte von +seinen Schultern und das schließlich zerschmetternd auf +ihn niederfiel.</p> + +<p>Unübersehbar ist sein Werk. In den achtzig Bänden +steht eine Zeit, eine Welt, eine Generation. Nie vorher +ist bewußt ein so Gewaltiges versucht worden, nie wurde +die Vermessenheit eines übergroßen Willens besser belohnt. +Den Genießenden, den Ausruhenden, die am Abend, aus +ihrer engen Welt flüchtend, neue Bilder und neue Menschen +wollen, ist Erregung und ein wandelnd Spiel gegeben, +den Dramatikern Stoff für hundert Tragödien, den +Gelehrten – lässig hingeworfen wie Brocken vom Tisch +eines Übersättigten – eine Fülle von Problemen und Anregungen, +den Liebenden eine geradezu vorbildliche Glut +der Ekstase. Am gewaltigsten aber ist die Erbschaft für +die Dichter. In dem Entwurf der „<span lang="fr" xml:lang="fr">Comédie humaine</span>“ +stehen nebst den vollendeten noch vierzig unvollendete, +ungeschriebene Romane, Moskau heißt der eine, jener die +Ebene von Wagram, ein anderer gilt dem Kampf um +Wien und wieder einer dem Leben der Passion. Fast ist +es ein Glück, daß nicht alle diese zu Ende gelangt sind. +Balzac hat einmal gesagt: „Genie ist derjenige, der jederzeit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_50" id="Page_50">50</a><span>] </span></span>seine Gedanken in Tat umsetzen kann. Aber das +ganz große Genie entfaltet nicht unablässig diese Tätigkeit, +sonst würde es Gott zu sehr gleichen.“ Denn hätte +er alle diese vollenden dürfen, den Kreis der Leidenschaften +und Geschehnisse ganz in sich zurückführen, sein Werk +wäre ins Unbegreifliche gewachsen. Es wäre ein Ungeheures +geworden, eine Abschreckung für alle Späteren +durch seine Unerreichbarkeit, während es so – ein Torso +ohnegleichen – die ungeheuerste Aneiferung, das grandioseste +Beispiel ist für jeden schöpferischen Willen zum +Unerreichbaren.</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_51" id="Page_51">51</a><span>] </span></span></p> +<h2><a name="DICKENS" id="DICKENS"></a>DICKENS</h2> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_53" id="Page_53">53</a><span>] </span></span></p> +<p class="chapter"><span class="ucase">Nein</span>, man soll nicht Bücher und Biographen befragen, +wie sehr Charles Dickens von seinen Zeitgenossen +geliebt worden ist. Liebe lebt atmend nur im gesprochenen +Wort. Man muß es sich erzählen lassen, am besten von +einem Engländer, der mit seinen Jugenderinnerungen noch +zurückreicht bis an jene Zeit der ersten Erfolge, von einem +derer, die sich noch immer nicht nach nun fünfzig Jahren +entschließen können, den Dichter des „Pickwick“ Charles +Dickens zu nennen, sondern ihm unentwegt seinen alten +vertraulicheren, innigeren Necknamen „Boz“ geben. An +ihrer wehmütig rücksinnenden Rührung kann man den +Enthusiasmus der Tausende messen, die damals mit ungestümem +Entzücken jene blauen, monatlichen Romanhefte +empfangen hatten, die heute, ein Rarissimum für den Bibliophilen, +in Fächern und Schränken gilben. Damals – so +erzählte mir einer dieser „<span lang="en" xml:lang="en">old Dickensians</span>“ – konnten sie +es am Posttage niemals über sich bringen, den Boten zu +Hause abzuwarten, der endlich, endlich das neue blaue +Heft von Boz im Bündel trug. Einen ganzen Monat hatten +sie danach gehungert, hatten geharrt, gehofft, gestritten, +ob Copperfield die Dora heiraten werde oder die Agnes, +hatten sich gefreut, daß Micawbers Verhältnisse wieder +zu einer Krisis gelangt waren – wußten sie doch, er werde +sie mit heißem Punsch und guter Laune heroisch überwinden! +– und nun sollten sie noch warten, warten, bis der +Postbote auf der schläfrigen Kutsche kam und ihnen all +diese heiteren Scharaden auflöste? Das konnten sie nicht, +es ging einfach nicht. Und alle, die Alten wie die Jungen, +wanderten Jahr für Jahr am fälligen Tage dem Briefboten +zwei Meilen entgegen, nur um ihr Buch früher zu haben. +Im Heimwandern schon fingen sie an zu lesen, einer guckte +dem andern über die Schulter ins Blatt, andere lasen laut +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_54" id="Page_54">54</a><span>] </span></span>vor, und nur die gutmütigsten liefen mit langen Beinen +zurück, um die Beute rascher zu Frau und Kind zu bringen. +So wie dieses Städtchen hat damals jedes Dorf, jede Stadt, +das ganze Land und darüber hinaus die in allen Erdteilen +gesiedelte englische Welt Charles Dickens geliebt; hat ihn +geliebt von der ersten Stunde der Begegnung bis zur letzten +seines Lebens. Nie im neunzehnten Jahrhundert hat es +irgendwo ein ähnlich unwandelbares herzliches Verhältnis +zwischen einem Dichter und seiner Nation gegeben. +Wie eine Rakete schoß dieser Ruhm auf, aber er losch nie +aus, er blieb wie eine Sonne wandellos leuchtend über der +Welt. Vom ersten Heft der „Pickwickier“ wurden 400 +Exemplare gedruckt, vom fünfzehnten bereits <span class="nowrap">40 000</span>: +mit solcher Lawinenmacht stürzte sein Ruhm nieder in +seine Zeit. Nach Deutschland bahnte er sich schnell den +Weg, Hunderte und Tausende kleiner Groschenhefte säten +Lachen und Freude in die Furchen selbst der verwittertsten +Herzen; nach Amerika, Australien und Kanada wanderte +der kleine Nikolaus Nickleby, der arme Oliver Twist und +die tausend anderen Gestalten dieses Unerschöpflichen. +Heute sind schon Millionen Bücher von Dickens im Umlauf, +große, kleine, dicke und dünne Bände, billige Ausgaben +für die Armen und die teuerste Ausgabe drüben in +Amerika, die je von einem Dichter veranstaltet worden +ist (dreimalhunderttausend Mark, glaube ich, kostet sie: +diese Ausgabe für Milliardäre), aber in all den Büchern +nistet heute wie damals noch immer das selige Lachen, +um aufzuflattern wie ein zwitschernder Vogel, sobald man +die ersten Blätter gewendet hat. Beispiellos ist die Beliebtheit +dieses Autors gewesen: wenn sie sich im Laufe der +Jahre nicht steigerte, so war es nur, weil die Leidenschaft +keine höheren Möglichkeiten mehr kannte. Als Dickens +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_55" id="Page_55">55</a><span>] </span></span>sich entschloß, öffentlich zu lesen, als er zum erstenmal +seinem Publikum Auge in Auge entgegentrat, war England +im Taumel. Man stürmte die Säle, pfropfte sie voll, +an den Säulenpfeilern klammerten sich Enthusiasten an, +krochen unter sein Podium, nur um den geliebten Dichter +hören zu können. In Amerika schliefen die Leute bei +bitterster Winterkälte auf mitgebrachten Matratzen vor +den Kassen, Kellner brachten ihnen das Essen aus den +benachbarten Restaurants, aber der Andrang wurde unaufhaltsam. +Alle Säle wurden zu klein, und man räumte +schließlich dem Dichter in Brooklyn eine Kirche ein als +Vorlesesaal. Von der Kanzel las er die Abenteuer Oliver +Twists und die Geschichte der kleinen Nell. Launenlos +war dieser Ruhm, er drängte Walter Scott zur Seite, überschattete +ein Leben lang das Genie Thackerays; und als die +Flamme erlosch, als Dickens starb, ging es wie ein Riß +durch die ganze englische Welt. Auf der Straße erzählten +es Fremde einander, Bestürzung verstörte London wie +nach einer verlorenen Schlacht. Zwischen Shakespeare und +Fielding bettete man ihn, in Westminster Abbey, dem Pantheon +Englands; Tausende strömten hinzu, und tagelang +war die schlichte Gedenkstätte überflutet von Blumen und +Kränzen. Und noch heute, nach vierzig Jahren, kann man +selten vorübergehen, ohne ein paar von dankbarer Hand +hingestreute Blüten zu finden: der Ruhm und die Liebe +ist nicht gewelkt in all den Jahren. Heute wie damals in +jener Stunde, da England dem Ahnungslosen, dem Namenlosen +das unverhoffte Geschenk des Weltruhms in die Hand +drückte, ist Charles Dickens der geliebteste, umworbenste +und gefeierteste Erzähler der ganzen englischen Welt.</p> + +<p>Eine so ungeheuerliche, gleicherweise in die Breite wie +in die Tiefe dringende Wirkung eines dichterischen Werkes +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_56" id="Page_56">56</a><span>] </span></span>kann nur durch das seltene Zusammentreffen zweier +meist widerstrebender Elemente Wirklichkeit werden: +durch die Identität eines genialen Menschen mit der Tradition +seiner Zeit. Im allgemeinen wirken das Traditionelle +und das Geniale gegeneinander wie Wasser und Feuer. +Ja, es ist beinahe das Merkzeichen des Genies, daß es als +verkörperte Seele einer werdenden Tradition die vergangene +befeindet, daß es als Ahnherr eines neuen Geschlechtes +dem absterbenden Blutfehde ansagt. Ein Genie und seine +Zeit sind wie zwei Welten, die zwar Licht und Schatten +miteinander tauschen, aber in anderen Sphären schwingen, +die sich auf ihren kreisenden Bahnen begegnen, aber nie +vereinen. Hier ist nun jene seltene Sekunde des Sternenhimmels, +wo der Schatten des einen Gestirns die leuchtende +Scheibe des anderen so ausfüllt, daß sie sich identifizieren: +Dickens ist der einzige große Dichter des Jahrhunderts, +dessen innerste Absicht sich ganz mit dem geistigen Bedürfnis +seiner Zeit deckt. Sein Roman ist absolut identisch +mit dem Geschmack des damaligen England, sein Werk +ist die Materialisierung der englischen Tradition: Dickens +ist der Humor, die Beobachtung, die Moral, die Ästhetik, +der geistige und künstlerische Gehalt, das eigenartige und +uns oft fremde, oft sehnsüchtig-sympathische Lebensgefühl +von sechzig Millionen Menschen jenseits des Ärmelkanals. +Nicht er hat dieses Werk gedichtet, sondern die englische +Tradition, die stärkste, reichste, eigentümlichste und darum +auch gefährlichste der modernen Kulturen. Man darf ihre +vitale Kraft nicht unterschätzen. Jeder Engländer ist mehr +Engländer als der Deutsche Deutscher. Das Englische +liegt nicht wie ein Firnis, wie eine Farbe über dem geistigen +Organismus des Menschen, es dringt ins Blut, wirkt +regelnd ein auf seinen Rhythmus, durchpulst das Innerste +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_57" id="Page_57">57</a><span>] </span></span>und Geheimste, das Ureigenste im Individuum: das Künstlerische. +Auch als Künstler ist der Engländer mehr rassepflichtig +als der Deutsche oder Franzose. Jeder Künstler +in England, jeder wahrhafte Dichter hat darum mit dem +Englischen in sich gerungen; aber selbst inbrünstigster, +verzweifeltster Haß haben es nicht vermocht, die Tradition +niederzuzwingen. Sie reicht mit ihren feinen Adern zu +tief hinab ins Erdreich der Seele: und wer das Englische +ausreißen will, zerreißt den ganzen Organismus, verblutet +an der Wunde. Ein paar Aristokraten haben es, voll Sehnsucht +nach freiem Weltbürgertum, gewagt: Byron, Shelley, +Oskar Wilde haben den Engländer in sich vernichten +wollen, weil sie das Ewig-Bürgerliche im Engländer haßten. +Aber sie zerfetzten nur ihr eigenes Leben. Die englische +Tradition ist die stärkste, die siegreichste der Welt, aber +auch die gefährlichste für die Kunst. Die gefährlichste, +weil sie heimtückisch ist: keine frostige Öde ist sie, nicht +unwirtlich oder ungastlich, sie lockt mit warmem Herdfeuer +und sanfter Bequemlichkeit, aber sie zäunt ein mit +moralischen Grenzen, sie beengt und regelt und verträgt +sich übel mit dem freien künstlerischen Trieb. Sie ist eine +bescheidene Wohnung mit stockender Luft, geschützt vor +den gefährlichen Stürmen des Lebens, heiter, freundlich +und gastlich, ein echtes „<span lang="en" xml:lang="en">home</span>“ mit allem Kaminfeuer +bürgerlicher Zufriedenheit, aber doch ein Gefängnis für +den, dessen Heimat die Welt, dessen tiefste Lust das nomadenhaft +selige, abenteuerliche Schweifen im Unbegrenzten +ist. Dickens hat sichs behaglich in der englischen Tradition +gemacht, hat sich häuslich eingerichtet in ihren vier +Mauern. Er fühlte sich wohl in der heimatlichen Sphäre +und hat nie, sein Leben lang, die künstlerische, moralische +oder ästhetische Grenze Englands überschritten. Er war +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_58" id="Page_58">58</a><span>] </span></span>kein Revolutionär. Der Künstler in ihm vertrug sich mit +dem Engländer, löste sich allmählich ganz in ihm auf. +Was Dickens geschaffen hat, steht fest und sicher auf dem +jahrhundertalten Fundament der englischen Tradition, +beugt sich nie oder nur selten um Haaresbreite über sie +hinaus, führt aber den Bau zu unverhoffter Höhe mit einer +reizvollen Architektonik empor. Sein Werk ist der unbewußte, +Kunst gewordene Wille seiner Nation: und wenn +wir die Intensität, die seltenen Vorzüge und die versäumten +Möglichkeiten seiner Dichtung umgrenzen, rechten wir +gleichzeitig immer mit England.</p> + +<p>Dickens ist der höchste dichterische Ausdruck der englischen +Tradition zwischen dem heroischen Jahrhundert +Napoleons, der ruhmreichen Vergangenheit, und dem +Imperialismus, dem Traum seiner Zukunft. Wenn er für +uns nur ein Außerordentliches geleistet hat und nicht das +Gewaltige, zu dem ihn sein Genie prädestinierte, so ist es +nicht England, nicht die Rasse selbst, die ihn gehemmt +hat, sondern der unverschuldete Augenblick: das viktorianische +Zeitalter Englands. Auch Shakespeare war ja höchste +Möglichkeit, poetische Erfüllung einer englischen Epoche: +aber der elisabethanischen, des starken tatenfrohen, jünglinghaften, +frischsinnlichen England, das zum erstenmal die +Fänge nach dem <span lang="la" xml:lang="la">Imperium mundi</span> reckte, das heiß und +vibrierend war von überschäumender Kraft. Shakespeare +war der Sohn eines Jahrhunderts der Tat, des Willens, +der Energie. Neue Horizonte waren aufgetaucht, in Amerika +abenteuerliche Reiche gewonnen, der Erbfeind zerschmettert, +von Italien her flackte das Feuer der Renaissance +herüber in den nordischen Nebel, ein Gott, eine +Religion waren abgetan, die Welt wieder anzufüllen mit +neuen lebendigen Werten. Shakespeare war die Inkarnation +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_59" id="Page_59">59</a><span>] </span></span>des heroischen England, Dickens nur das Symbol des bourgeoisen. +Er war loyaler Untertan der anderen Königin, +der sanften, hausmütterlichen, unbedeutenden, <span lang="en" xml:lang="en">old queen +Victoria</span>, Bürger eines prüden, behaglichen, geordneten +Staatswesens ohne Elan und Leidenschaft. Sein Auftrieb +war gehemmt durch die Schwere des Zeitalters, das nicht +hungrig war, das nur verdauen wollte: schlaffer Wind nur +spielte mit den Segeln seines Schiffes, trieb es nie fort von +der englischen Küste zur gefährlichen Schönheit des Unbekannten, +hinein in die pfadlose Unendlichkeit. Vorsichtig +ist er immer in der Nähe des Heimischen, Gewohnten +und Althergebrachten geblieben: wie Shakespeare der +Mut des gierigen, ist Dickens die Vorsicht des satten England. +1812 ist er geboren. Gerade wie seine Augen um +sich greifen können, wird es dunkel in der Welt, die große +Flamme verlischt, die das morsche Gebälk der europäischen +Staaten zu vernichten drohte. Bei Waterloo zerschellt die +Garde an der englischen Infanterie, England ist gerettet +und sieht seinen Erbfeind auf ferner Insel einsam ohne +Krone und Macht zugrunde gehen. Das hat Dickens nicht +mehr miterlebt; er sieht nicht mehr die Flamme der Welt, +den feurigen Schein von einem Ende Europas sich gegen +das andere wälzen; sein Blick tappt in den Nebel Englands +hinein. Der Jüngling findet keine Helden mehr, die Zeit +der Heroen ist vorüber. Ein paar in England wollen es +freilich nicht glauben, sie wollen mit Gewalt und Enthusiasmus +die Speichen der rollenden Zeit zurückreißen, der +Welt den alten sausenden Schwung geben, aber England +will Ruhe und stößt sie von sich. Sie flüchten der Romantik +nach in ihre heimlichen Winkel, suchen aus armen +Funken das Feuer wieder zu entfachen, aber das Schicksal +läßt sich nicht zwingen. Shelley ertrinkt im Tyrrhenischen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_60" id="Page_60">60</a><span>] </span></span>Meer, Lord Byron verbrennt im Fieber zu Missolunghi: +die Zeit will keine Aventüren mehr. Aschfarben +ist die Welt. Behaglich verschmaust England die noch +blutige Beute; der Bourgeois, der Kaufmann, der Makler +ist König und räkelt sich auf dem Thron wie auf einem +Faulbett. England verdaut. Eine Kunst, die damals gefallen +konnte, mußte digestiv sein, sie durfte nicht stören, +nicht mit wilden Emotionen rütteln, nur streicheln und +krauen, sie durfte nur sentimental sein und nicht tragisch. +Man wollte nicht den Schauer, der die Brust wie ein Blitz +spaltet, den Atem zerschneidet, das Blut einfrieren läßt – +zu gut kannte man das vom wirklichen Leben, als die +Gazetten aus Frankreich und Rußland kamen –, nur das +Gruseln wollte man, das Schnurren und Spielen, das unablässig +den farbigen Knäuel der Geschichten hin und her +rollt. Kaminkunst wollten die Leute von damals, Bücher, +die sich behaglich, während der Sturm an den Pfosten rüttelt, +am Kamin lesen und die selbst so züngeln und knacken +mit vielen kleinen ungefährlichen Flammen, eine Kunst, +die das Herz wärmt wie Tee, nicht eine, die es freudig +und lodernd berauschen will. So ängstlich sind die Sieger +von vorgestern geworden – sie, die nur behalten möchten +und bewahren, nichts mehr wagen und wandeln –, daß +sie Angst haben vor ihrem eigenen starken Gefühl. In den +Büchern wie im Leben wünschen sie nur wohltemperierte +Leidenschaften, keine Ekstasen, die aufstürmen, immer +nur normale Gefühle, die sittsam promenieren. Glück wird +in England damals identisch mit Beschaulichkeit, Ästhetik +mit Sittsamkeit, und Sinnlichkeit wiederum mit Prüderie, +Nationalgefühl mit Loyalität, Liebe mit Ehe. Alle Lebenswerte +werden blutarm. England ist zufrieden und will +keinen Wandel. Eine Kunst, die eine so satte Nation anerkennen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_61" id="Page_61">61</a><span>] </span></span>kann, muß darum selbst irgendwie zufrieden +sein, das Bestehende loben und nicht darüberhinaus wollen. +Und dieser Wille nach einer behaglichen, freundlichen, +einer digestiven Kunst findet sein Genie, wie einst das +elisabethanische England seinen Shakespeare. Dickens +ist das Schöpfung gewordene künstlerische Bedürfnis des +damaligen England. Daß er im richtigen Augenblicke +kam, schuf seinen Ruhm; daß er von diesem Bedürfnis +überwältigt wurde, ist seine Tragik. Seine Kunst ist genährt +von der hypokritischen Moral von der Behaglichkeit +des satten England: und stände nicht eine so außerordentliche +dichterische Kraft hinter seinem Werke, täuschte +nicht sein glitzernder, goldfunkelnder Humor hinweg über +die innere Farblosigkeit der Gefühle, so hätte er nur Wert +in jener englischen Welt, wäre uns indifferent wie die Tausende +von Romanen, die jenseits des Ärmelkanals von +fingerfertigen Leuten produziert werden. Erst wenn man +aus tiefster Seele die hypokritische Borniertheit der viktorianischen +Kultur haßt, kann man das Genie eines Menschen +mit voller Bewunderung ermessen, der uns diese +widerliche Welt der satten Behäbigkeit als interessant und +fast liebenswert zu empfinden zwang, der die banalste Prosa +des Lebens zu Poesie erlöste.</p> + +<p>Dickens hat selbst nie gegen dieses England angekämpft. +Aber in der Tiefe – unten im Unbewußten – war das +Ringen des Künstlers in ihm mit dem Engländer. Er ist +ursprünglich stark und sicher ausgeschritten, nach und +nach aber in dem weichen, halb zähen, halb nachgiebigen +Sand seiner Zeit müde geworden und immer öfter und öfter +schließlich in die alten, breitgestapften Fußspuren der Tradition +getreten. Dickens ist überwältigt worden von seiner +Zeit, und ich muß bei seinem Schicksal immer an das +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_62" id="Page_62">62</a><span>] </span></span>Abenteuer Gullivers bei den Liliputanern denken. Während +der Riese schläft, spannen ihn die Zwerge mit tausenden +kleinen Fäden an den Erdboden an, halten den Erwachenden +so fest und lassen ihn nicht früher frei, ehe er nicht kapituliert +und geschworen hat, die Gesetze des Landes nie +zu verletzen. So hat die englische Tradition Dickens im +Schlaf seiner Unberühmtheit eingesponnen und festgehalten: +sie preßte ihn mit den Erfolgen an die englische Scholle, +sie rissen ihn hinein in den Ruhm und banden ihm damit +die Hände. Er war nach einer langen trüben Kindheit +Stenograph im Parlament geworden und hatte einmal versucht, +kleine Skizzen zu schreiben, mehr eigentlich um +sein Einkommen zu vermehren als aus impulsivem dichterischen +Bedürfnis. Der erste Versuch gelang, die Zeitung +verpflichtete ihn. Dann bat ihn ein Verleger um satirische +Glossen zu einem Klub, die gewissermaßen den Text zu Karikaturen +aus der englischen <span lang="en" xml:lang="en">gentry</span> bilden sollten. Dickens +nahm an. Und es gelang, gelang über alle Erwartung. +Die ersten Hefte des „Pickwick-Klub“ waren ein Erfolg +ohne Beispiel; nach zwei Monaten war Boz ein nationaler +Autor. Der Ruhm schob ihn weiter, aus Pickwick wurde +ein Roman. Es gelang wieder. Immer dichter spannen +sich die kleinen Netze, die geheimen Fesseln des nationalen +Ruhmes. Von einem Werke drängte ihn der Beifall zum +andern, drängte ihn immer mehr in die Windrichtung des +zeitgenössischen Geschmackes hinein. Und diese hunderttausend +Netze, aus Beifall, baren Erfolgen und stolzem +Bewußtsein künstlerischen Wollens auf das verwirrendste +gewoben, hielten ihn nun fest an der englischen Erde, bis +er kapitulierte, innerlich gelobte, die ästhetischen und moralischen +Gesetze seiner Heimat nie zu übertreten. Er +blieb in der Gewalt der englischen Tradition, des bürgerlichen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_63" id="Page_63">63</a><span>] </span></span>Geschmackes, ein moderner Gulliver unter den +Liliputanern. Seine wundervolle Phantasie, die wie ein +Adler hätte hinschweben können über dieser engen Welt, +verhakte sich in den Fußfesseln der Erfolge. Eine tiefinnerliche +Zufriedenheit belastet seinen künstlerischen Auftrieb. +Dickens war zufrieden. Zufrieden mit der Welt, mit England, +mit seinen Zeitgenossen und sie mit ihm. Beide wollten +sie sich nicht anders, als sie waren. In ihm war nicht die +zornige Liebe, die züchtigen will, aufrütteln, anstacheln +und erheben, der Urwille des großen Künstlers, mit Gott +zu rechten, seine Welt zu verwerfen und sie neu, nach +seinem eigenen Dünken zu erschaffen. Dickens war fromm, +fürchtig; er hatte für alles Bestehende eine wohlwollende +Bewunderung, ein ewig kindliches, spielfrohes Entzücken. +Er war zufrieden. Er wollte nicht viel. Er war einmal +ein ganz armer, vom Schicksal vergessener, von der Welt +verschüchterter Knabe gewesen, dem erbärmliche Berufe +die Jugend verzettelt hatten. Damals hatte er bunte farbige +Sehnsucht gehabt, aber alle hatten ihn zurückgestoßen in +eine lange und hartnäckig getragene Verschüchterung. +Das brannte in ihm. Seine Kindheit war das eigentlich +dichterisch-tragische Erlebnis – hier war der Same seines +schöpferischen Wollens eingesenkt in das fruchtbare Erdreich +von schweigsamem Schmerz; und seine tiefste seelische +Absicht war, als ihm dann die Macht und Möglichkeit +der Wirkung ins Weite wurde, diese Kindheit zu rächen. +Er wollte mit seinen Romanen allen armen, verlassenen, vergessenen +Kindern helfen, die so wie er einst Ungerechtigkeit +erlitten durch schlechte Lehrer, vernachlässigte Schulen, +gleichgültige Eltern, durch die lässige, lieblose, selbstsüchtige +Art der meisten Menschen. Er wollte ihnen die paar +farbigen Blüten Kinderfreude retten, die in seiner eigenen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_64" id="Page_64">64</a><span>] </span></span>Brust verwelkt waren ohne den Tau der Güte. Später +hatte ihm das Leben dann alles gewährt, und er wußte es +nicht mehr anzuklagen: aber die Kindheit rief in ihm um +Rache. Und die einzige moralische Absicht, der innere +Lebenswille seines Dichtens war, diesen Schwachen zu +helfen: hier wollte er die zeitgenössische Lebensordnung +verbessern. Er verwarf sie nicht, er bäumte sich nicht auf +gegen die Normen des Staates, er droht nicht, reckt nicht +die zornige Faust gegen das ganze Geschlecht, gegen die +Gesetzgeber, die Bürger, gegen die Verlogenheit aller Konventionen, +sondern deutet nur hier und dort mit vorsichtigem +Finger auf eine offene Wunde. England ist das +einzige Land Europas, das damals, um 1848, nicht revolutionierte; +und so wollte auch er nicht umstürzen und +neu schaffen, nur korrigieren und verbessern, wollte nur +die Phänomene des sozialen Unrechts, dort wo ihr Dorn +zu spitz und schmerzhaft ins Fleisch drang, abschleifen +und mildern, doch nie die Wurzel, die innerste Ursache, +aufgraben und zerstören. Als echter Engländer wagt er +sich nicht an die Fundamente der Moral, sie sind dem +Konservativen sakrosankt wie das <span lang="en" xml:lang="en">gospel</span>, das Evangelium. +Und diese Zufriedenheit, dieser Absud vom flauen Temperament +seiner Epoche, ist so charakteristisch für Dickens. +Er wollte nicht viel vom Leben: und so seine Helden. +Ein Held bei Balzac ist gierig und herrschsüchtig, er verbrennt +vor ehrgeiziger Sehnsucht nach Macht. Nichts +ist ihm genug, unersättlich sind sie alle, jeder ein Welteroberer, +ein Umstürzler, ein Anarchist und ein Tyrann +zugleich. Sie haben ein napoleonisches Temperament. +Auch die Helden Dostojewskis sind feurig und ekstatisch, +ihr Wille verwirft die Welt und greift in herrlichster Ungenügsamkeit +über das wirkliche Leben nach dem wahren +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_65" id="Page_65">65</a><span>] </span></span>Leben; sie wollen nicht Bürger und Menschen sein, sondern +in jedem von ihnen funkelt durch alle Demut der +gefährliche Stolz, ein Heiland zu werden. Ein Held Balzacs +will die Welt unterjochen, ein Held Dostojewskis +sie überwinden. Beide haben sie eine Anspannung über +das Alltägliche hinaus, eine Pfeilrichtung gegen das Unendliche. +Die Menschen bei Dickens sind alle bescheiden. +Mein Gott, was wollen sie? Hundert Pfund im Jahr, eine +nette Frau, ein Dutzend Kinder, einen freundlich gedeckten +Tisch für die guten Freunde, ihr Cottagehaus bei London +mit einem Blick von Grün vor dem Fenster, mit einem +kleinen Gärtchen und einer Handvoll Glück. Ihr Ideal +ist ein spießerisches, ein kleinbürgerliches: damit muß man +sich bei Dickens zurechtfinden. Alle seine Menschen +wollen innerlich keinen Wandel der Weltordnung, wollen +weder Reichtum noch Armut, sondern dieses behagliche +Mittelmaß, das als Lebensmaxime so weise für den Krämer +und Kärrner, so gefährlich für den Künstler ist. Die Ideale +Dickens' haben abgefärbt von ihrer armen Umwelt. Hinter +dem Werke steht als der Schöpfer, der Bändiger des Chaos, +nicht ein zorniger Gott, gigantisch und übermenschlich, +sondern ein zufriedener Betrachter, ein loyaler Bürger. +Das Bürgerliche ist die Atmosphäre aller Romane von +Dickens.</p> + +<p>Seine große und unvergeßliche Tat war darum eigentlich +nur: die Romantik der Bourgeoisie zu entdecken, die +Poesie des Prosaischen. Er hat als erster den Alltag der unpoetischesten +aller Nationen ins Dichterische umgebogen. +Er hat Sonne durch dieses stumpfe Grau leuchten lassen; +und wer in England einmal gesehen hat, wie strahlend +der Goldglanz ist, den dort die erstarkende Sonne aus dem +trüben Knäuel des Nebels spinnt, der weiß, wie sehr ein +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_66" id="Page_66">66</a><span>] </span></span>Dichter seine Nation beseligen mußte, der ihr künstlerisch +diese Sekunde der Erlösung aus dem bleiernen Hindämmern +gegeben hat. Dickens ist dieser goldene Reif um den +englischen Alltag, der Heiligenschein der schlichten Dinge +und simpeln Menschen, die Idylle Englands. Er hat seine +Helden, seine Schicksale in den engen Straßen der Vorstädte +gesucht, an denen die anderen Dichter achtlos vorbeigingen. +Die suchten ihre Helden unter den Kronleuchtern +der aristokratischen Salons, auf den Wegen in den +Zauberwald der <span lang="en" xml:lang="en">fairy tales</span>, sie forschten nach dem Entlegenen, +Ungewöhnlichen und Außerordentlichen. Ihnen +war der Bürger die Substanz gewordene irdische Schwerkraft, +und sie wollten nur feurige, kostbare, in Ekstasen +aufstrebende Seelen, den lyrischen, den heroischen Menschen. +Dickens schämte sich nicht, den ganz einfachen +Tagwerker zum Helden zu machen. Er war ein <span lang="en" xml:lang="en">self-made-man</span>; +er kam von unten und bewahrte diesem Milieu +eine rührende Pietät. Er hatte einen sehr merkwürdigen +Enthusiasmus für das Banale, eine Begeisterung für ganz +wertlose altväterische Dinge, für den Kleinkram des Lebens. +Seine Bücher sind selbst so ein <span lang="en" xml:lang="en">curiosity shop</span> voll mit Gerümpel, +das jeder für wertlos gehalten hätte, ein Durcheinander +von Seltsamkeiten und schnurrigen Nichtigkeiten, +die jahrzehntelang vergeblich auf den Liebhaber gewartet +hatten. Aber er nahm diese alten wertlosen, verstaubten +Dinge, putzte sie blank, fügte sie zusammen und stellte +sie in die Sonne seiner Heiterkeit. Und da fingen sie plötzlich +an zu funkeln mit einem unerhörten Glanz. So nahm +er die vielen kleinen verachteten Gefühle aus der Brust +einfacher Menschen, horchte sie ab, fügte ihr Räderwerk +zusammen, bis sie wieder lebendig tickten. Plötzlich begannen +sie da wie kleine Spieluhren zu surren, zu schnurren +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_67" id="Page_67">67</a><span>] </span></span>und dann zu singen, eine leise altväterische Melodie, die +lieblicher war als die schwermütigen Balladen der Ritter +aus Legendenland und die Kanzonen der Lady vom See. +Die ganze bürgerliche Welt hat Dickens so aus dem Aschenhaufen +der Vergessenheit aufgestöbert und wieder blank +zusammengefügt: in seinem Werk erst wurde sie wieder +eine lebendige Welt. Ihre Torheiten und Beschränktheiten +hat er durch Nachsicht begreiflich, ihre Schönheiten durch +Liebe sinnfällig gemacht, ihren Aberglauben verwandelt +in eine neue und sehr dichterische Mythologie. Das Zirpen +des Heimchens am Herd ist Musik geworden in seiner +Novelle, die Silvesterglocken sprechen mit menschlichen +Zungen, der Zauber der Weihnacht versöhnt Dichtung +dem religiösen Gefühl. Aus den kleinsten Festen hat er +einen tieferen Sinn geholt; er hat allen diesen schlichten +Leuten die Poesie ihres täglichen Lebens entdecken geholfen, +ihnen noch lieber gemacht, was ihnen schon das +Liebste war, ihr „<span lang="en" xml:lang="en">home</span>“, das enge Zimmer, wo der Kamin +mit roten Flammen prasselt und das dürre Holz zerknackt, +wo der Tee am Tische surrt und singt, wo die wunschlosen +Existenzen sich absperren von den gierigen Stürmen, +den wilden Verwegenheiten der Welt. Die Poesie des Alltäglichen +wollte er alle die lehren, die in den Alltag gebannt +waren. Tausenden und Millionen hat er gezeigt, wo das +Ewige in ihr armes Leben hinabreichte, wo der Funke +der stillen Freude verschüttet unter der Asche des Alltags +lag, er hat sie gelehrt, ihn aufflammen zu lassen zu heiter +behaglicher Glut. Helfen wollte er den Armen und den +Kindern. Was über diesen Mittelstand des Lebens materiell +oder geistig hinausging, war ihm antipathisch; er +liebte nur das Gewöhnliche, das Durchschnittliche von +ganzem Herzen. Den Reichen und den Aristokraten, den +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_68" id="Page_68">68</a><span>] </span></span>Begünstigten des Lebens war er gram. Die sind fast immer +Schurken und Knauser in seinen Büchern, selten Porträts, +fast immer Karikaturen. Er mochte sie nicht. Zu oft +hatte er als Kind dem Vater ins Schuldgefängnis, in die +<ins class="correction" title="Marshalea">Marshalsea</ins>, Briefe gebracht, die Pfändungen gesehen, zu +sehr die liebe Not des Geldes gekannt; jahraus, jahrein +war er in <span lang="en" xml:lang="en">Hungerford Stairs</span> ganz oben in einem kleinen, +schmutzigen, sonnenlosen Zimmer gesessen, hatte Schuhwichse +in Tiegel eingestrichen und mit Fäden Hunderte +und Hunderte täglich umwickelt, bis ihm die kleinen +Kinderhände brannten und die Tränen der Zurücksetzung +aus den Augen schossen. Zu sehr hatte er Hunger und +Entbehrung gekannt an den kalten Nebelmorgen der Londoner +Straßen. Keiner hatte ihm damals geholfen, die Karossen +waren vorübergefahren an dem frierenden Knaben, +die Reiter vorbeigetrabt, die Tore hatten sich nicht aufgetan. +Nur von den kleinen Leuten hatte er Gutes erfahren: +nur ihnen wollte er darum die Gabe erwidern. Seine Dichtung +ist eminent demokratisch – nicht sozialistisch, dazu +fehlt ihm der Sinn für das Radikale –, Liebe und Mitleid +allein geben ihr pathetisches Feuer. In der bürgerlichen +Welt – in der mittleren Sphäre zwischen Armenhaus und +Rente – ist er am liebsten geblieben; nur bei diesen schlichten +Menschen hat er sich wohlgefühlt. Er malt ihre Stuben +mit Behaglichkeit und Breite aus, als wollte er selbst darin +wohnen, webt ihnen bunte und immer mit sonnigem Feuer +überflogene Schicksale, träumt ihre bescheidenen Träume; +er ist ihr Anwalt, ihr Prediger, ihr Liebling, die helle, ewig +warme Sonne ihrer schlichten, grautönigen Welt.</p> + +<p>Aber wie reich ist sie durch ihn geworden, diese bescheidene +Wirklichkeit der kleinen Existenzen! Das ganze +bürgerliche Beisammensein mit seinem Hausrat, dem Kunterbunt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_69" id="Page_69">69</a><span>] </span></span>der Berufe, dem unübersehbaren Gemisch der +Gefühle ist noch einmal Kosmos geworden, ein All mit +Sternen und Göttern in seinen Büchern. Aus dem flachen, +stagnierenden, kaum wellenden Spiegel der kleinen Existenzen +hat hier ein scharfer Blick Schätze erspäht und sie +mit dem feinmaschigsten Netz ans Licht gehoben. Aus dem +Gewühl hat er Menschen gefangen, o wie viele Menschen, +Hunderte von Gestalten, genug, eine kleine Stadt zu bevölkern. +Unvergeßliche sind unter ihnen, Gestalten, die +ewig sind in der Literatur und schon mit ihrer Existenz +hinausreichen in den wirklichen Sprachbegriff des Volkes, +Pickwick und Sam Weller, Pecksniff und Betsey Trotwood, +sie alle, deren Namen in uns lächelnde Erinnerung +zauberisch entfachen. Wie reich sind diese Romane! Die +Episoden des David Copperfield genügten für sich allein, +das dichterische Lebenswerk eines anderen mit Tatsächlichkeiten +zu versorgen; Dickens' Bücher sind eben wirkliche +Romane im Sinn der Fülle und unablässigen Bewegtheit, +nicht wie unsere deutschen fast alle nur ins Breite +gezerrte psychologische Novellen. Es gibt keine toten +Punkte in ihnen, keine leeren sandigen Strecken, sie haben +Ebbe und Flut von Geschehnissen, und wirklich, wie ein +Meer sind sie unergründlich und unübersehbar. Kaum +kann man das heitere und wilde Durcheinander der wimmelnden +Menschen überschauen; sie drängen herauf an +die Bühne des Herzens, stoßen einer wieder den andern +hinab, wirbeln vorbei. Wie Wogenkämme tauchen sie +auf aus der Flut der Riesenstädte, stürzen wieder in den +Gischt der Ereignisse, aber sie tauchen neu auf, steigen und +fallen, umschlingen einander oder stoßen sich ab: und doch, +diese Bewegungen sind keine zufälligen, hinter der ergötzlichen +Wirrnis waltet eine Ordnung, die Fäden flechten +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_70" id="Page_70">70</a><span>] </span></span>sich immer wieder zusammen in einen farbigen Teppich. +Keine der Gestalten, die nur spaziergängerisch vorbeizustreifen +scheinen, geht verloren; alle ergänzen, befördern, +befeinden einander, häufen Licht oder Schatten. Krause, +heitere, ernste Verwicklungen treiben in katzenhaftem +Spiel den Knäuel der Handlung hin und her, alle Möglichkeiten +des Gefühls klingen in rascher Skala auf und nieder, +alles ist gemengt: Jubel, Schauer und Übermut; bald funkelt +die Träne der Rührung, bald die der losen Heiterkeit. +Gewölk zieht auf, zerreißt, türmt sich aufs neue, aber am +Schlusse strahlt die vom Gewitter reine Luft in wundervoller +Sonne. Manche dieser Romane sind eine Ilias von +tausend Einzelkämpfen, die Ilias einer entgötterten irdischen +Welt, manche nur eine friedfertige bescheidene Idylle; +aber alle Romane, die vortrefflichen wie die unlesbaren, +haben dies Merkmal einer verschwenderischen Vielfalt. +Und alle haben sie, selbst die wildesten und melancholischsten, +in den Fels der tragischen Landschaft kleine Lieblichkeiten +wie Blumen eingesprengt. Überall blühen diese +unvergeßlichen Anmutigkeiten: wie kleine Veilchen, bescheiden +und versteckt, warten sie im weitgesteckten Wiesenplan +seiner Bücher, überall sprudelt die klare Quelle +sorgloser Heiterkeit klingend von dem dunkeln Gestein +der schroffen Geschehnisse nieder. Es gibt Kapitel bei +Dickens, die man nur Landschaften in ihrer Wirkung +vergleichen kann, so rein sind sie, so göttlich unberührt +von irdischen Trieben, so sonnig blühend in ihrer heiteren +milden Menschlichkeit. Um ihretwillen schon müßte man +Dickens lieben, denn so verschwenderisch sind diese kleinen +Künste verstreut in seinem Werk, daß ihre Fülle zur +Größe wird. Wer könnte allein seine Menschen aufzählen, +alle diese krausen, jovialen, gutmütigen, leicht lächerlichen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_71" id="Page_71">71</a><span>] </span></span>und immer so amüsanten Menschen? Sie sind aufgefangen +mit all ihren Schrullen und individuellen Eigentümlichkeiten, +eingekapselt in die seltsamsten Berufe, verwickelt in +die ergötzlichsten Abenteuer. Und so viele sie auch sind, +keiner ist dem andern ähnlich, sie sind minuziös bis ins +kleinste Detail persönlich herausgearbeitet, nichts ist Guß +und Schema an ihnen, alles Sinnlichkeit und Lebendigkeit, +sie alle sind nicht ersonnen, sondern gesehen. Gesehen von +dem ganz unvergleichlichen Blick dieses Dichters.</p> + +<p>Dieser Blick ist von einer Präzision sondergleichen, ein +wunderbares, unbeirrbares Instrument. Dickens war ein +visuelles Genie. Man mag jedes Bildnis von ihm, das der +Jugend und das (bessere) der Mannesjahre betrachten: es +ist beherrscht von diesem merkwürdigen Auge. Es ist nicht +das Auge des Dichters, in schönem Wahnsinn rollend oder +elegisch umdämmert, nicht weich und nachgiebig oder +feurig-visionär. Es ist ein englisches Auge: kalt, grau, +scharfblinkend wie Stahl. Und stählern war es auch wie +ein Tresor, in dem alles unverbrennbar, unverlierbar, gewissermaßen +luftdicht abgeschlossen ruhte, was ihm irgend +einmal, gestern oder vor vielen Jahren von der Außenwelt +eingezahlt worden war: das Erhabenste wie das Gleichgültigste, +irgendein farbiges Schild über einem Kramladen in +London, das der Fünfjährige vor undenklicher Zeit gesehen, +oder ein Baum mit seinen aufspringenden Blüten gerade +drüben vor dem Fenster. Nichts ging diesem Auge +verloren, es war stärker als die Zeit; sparsam reihte es Eindruck +an Eindruck im Speicher des Gedächtnisses, bis der +Dichter ihn zurückforderte. Nichts rann in Vergessenheit, +wurde blaß oder fahl, alles lag und wartete, blieb voll Duft +und Saft, farbig und klar, nichts starb ab oder welkte. +Unvergleichlich ist bei Dickens das Gedächtnis des Auges. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_72" id="Page_72">72</a><span>] </span></span>Mit seiner stählernen Schneide zerteilt er den Nebel der +Kindheit; in „David Copperfield“, dieser verkappten Autobiographie, +sind Erinnerungen des zweijährigen Kindes an +die Mutter und das Dienstmädchen mit Messerschärfe wie +Silhouetten vom Hintergrund des Unbewußten losgeschnitten. +Es gibt keine vagen Konturen bei Dickens; er +gibt nicht vieldeutige Möglichkeiten der Vision, sondern +zwingt zur Deutlichkeit. Seine darstellende Kraft läßt der +Phantasie des Lesers keinen freien Willen, er vergewaltigt +sie (weshalb er auch der ideale Dichter einer phantasielosen +Nation wurde). Stellt zwanzig Zeichner vor seine Bücher +und verlangt die Bilder Copperfields und Pickwicks: die +Blätter werden sich ähnlich sehen, werden in unerklärlicher +Ähnlichkeit den feisten Herrn mit der weißen Weste und +den freundlichen Augen hinter den Brillengläsern oder den +hübschen blonden, ängstlichen Knaben auf der Postkutsche +nach Yarmouth darstellen. Dickens schildert so scharf, so +minuziös, daß man seinem hypnotisierenden Blicke folgen +muß; er hatte nicht den magischen Blick Balzacs, der die +Menschen der feurigen Wolke ihrer Leidenschaften sich +erst chaotisch formend entringen läßt, sondern einen ganz +irdischen Blick, einen Seemanns-, einen Jägerblick, einen +Falkenblick für die kleinen Menschlichkeiten. Aber Kleinigkeiten, +sagte er einmal, sind es, die den Sinn des Lebens +ausmachen. Sein Blick hascht nach kleinen Merkzeichen, +er sieht den Flecken am Kleid, die kleinen hilflosen Gesten +der Verlegenheit, er faßt die Strähne roten Haares, die +unter einer dunkeln Perücke hervorlugt, wenn ihr Eigner +in Zorn gerät. Er spürt die Nuancen, tastet die Bewegung +jedes einzelnen Fingers bei einem Händedruck ab, die Abschattung +in einem Lächeln. Er war Jahre vor seiner literarischen +Zeit Stenograph im Parlament gewesen und hatte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_73" id="Page_73">73</a><span>] </span></span>sich dort geübt, das Ausführliche ins Summarische zu +drängen, mit einem Strich ein Wort, mit kurzem Schnörkel +einen Satz darzustellen. Und so hat er später dichterisch +eine Art Kurzschrift des Wirklichen geübt, das kleine +Zeichen hingestellt statt der Beschreibung, eine Essenz +der Beobachtung aus den bunten Tatsächlichkeiten destilliert. +Für diese kleinen Äußerlichkeiten hatte er eine unheimliche +Scharfsichtigkeit, sein Blick übersah nichts, faßte +wie ein guter Verschluß am photographischen Apparat +das Hundertstel einer Sekunde in einer Bewegung, einer +Geste. Nichts entging ihm. Und diese Scharfsichtigkeit +wurde noch gesteigert durch eine ganz merkwürdige Brechung +des Blicks, die den Gegenstand nicht wie ein Spiegel +in seiner natürlichen Proportion wiedergab, sondern +wie ein Hohlspiegel ins Charakteristische übertrieb. Dickens +unterstreicht immer die Merkzeichen seiner Menschen, er +dreht sie aus dem Objektiven hinüber ins Gesteigerte, ins +Karikaturistische. Er macht sie intensiver, erhebt sie zum +Symbol. Der wohlbeleibte Pickwick wird auch seelisch zur +Rundlichkeit, der dünne Jingle zur Dürre, der Böse zum +Satanas, der Gute die leibhaftige Vollendung. Dickens +übertreibt wie jeder große Künstler, aber nicht ins Grandiose, +sondern ins Humoristische. Die ganze, so unsäglich +ergötzliche Wirkung seiner Darstellung entwuchs nicht +so sehr seiner Laune, nicht seinem Übermut, sondern sie +saß schon in dieser merkwürdigen Winkelstellung des +Auges, das mit seiner Überschärfe alle Erscheinungen +irgendwie ins Wunderliche und Karikaturistische übertrieben +auf das Leben zurückspiegelte.</p> + +<p>Tatsächlich: in dieser eigenartigen Optik – und nicht +in seiner ein wenig zu bürgerlichen Seele – steckt Dickens' +Genie. Dickens war eigentlich nie Psychologe, einer, der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_74" id="Page_74">74</a><span>] </span></span>magisch die Seele des Menschen erfaßt, aus ihrem hellen +oder dunklen Samen in geheimnisvollem Wachstum sich +die Dinge in ihren Farben und Formen entfalten ließ. +Seine Psychologie beginnt beim Sichtbaren, er charakterisiert +durch Äußerlichkeiten, allerdings durch jene letzten +und feinsten, die eben nur einem dichterisch scharfen Auge +sichtbar sind. Wie die englischen Philosophen, beginnt er +nicht mit Voraussetzungen, sondern mit Merkmalen. Die +unscheinbarsten, ganz materiellen Äußerungen des Seelischen +fängt er ein und macht an ihnen durch seine merkwürdig +karikaturistische Optik den ganzen Charakter +augenfällig. Aus Merkmalen läßt er die Spezies erkennen. +Dem Schullehrer Creakle gibt er eine leise Stimme, die +mühsam das Wort gewinnt. Und schon ahnt man das +Grauen der Kinder vor diesem Menschen, dem die Anstrengung +des Sprechens die Zornader über die Stirne +schwellen läßt. Sein Uriah Heep hat immer kalte, feuchte +Hände: schon atmet die Gestalt Mißbehagen, schlangenhafte +Widrigkeiten. Kleinigkeiten sind das, Äußerlichkeiten, +aber immer solche, die auf das Seelische wirken. +Manchmal ist es eigentlich nur eine lebendige Schrulle, +die er darstellt; eine Schrulle, die mit einem Menschen +umwickelt ist und ihn wie eine Puppe mechanisch bewegt. +Manchmal wieder charakterisiert er den Menschen durch +seinen Begleiter – was wäre Pickwick ohne Sam Weller, +Dora ohne Jip, Barnaby ohne den Raben, Kit ohne das +Pony! – und zeichnet die Eigentümlichkeit der Figur gar +nicht an dem Modell selbst, sondern am grotesken Schatten. +Seine Charaktere sind eigentlich immer nur eine +Summe von Merkmalen, aber von so scharfgeschnittenen, +daß sie restlos ineinander passen und ein Bild vortrefflich +in Mosaik zusammensetzen. Und darum wirken sie meistens +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_75" id="Page_75">75</a><span>] </span></span>immer nur äußerlich, sinnfällig, sie erzeugen eine intensive +Erinnerung des Auges, eine nur vage des Gefühles. +Rufen wir in uns eine Figur Balzacs oder Dostojewskis +beim Namen auf, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Père</span> Goriot oder Raskolnikow, so +antwortet ein Gefühl, die Erinnerung an eine Hingebung, +eine Verzweiflung, ein Chaos der Leidenschaft. Sagen wir +uns Pickwick, so taucht ein Bild auf, ein jovialer Herr mit +reichlichem Embonpoint und goldenen Knöpfen auf der +Weste. Hier spüren wir es: an die Figuren Dickens' denkt +man wie an gemalte Bilder, an die Dostojewskis und Balzacs +wie an Musik. Denn diese schaffen intuitiv, Dickens +nur reproduktiv, jene mit dem geistigen, Dickens mit dem +körperlichen Auge. Er faßt die Seele nicht dort, wo sie +geisterhaft, nur von dem siebenfach glühenden Licht der +visionären Beschwörung bezwungen, aus der Nacht des +Unbewußten steigt, er lauert dem unkörperlichen Fluidum +auf, dort, wo es einen Niederschlag im Wirklichen hat, er +hascht die tausend Wirkungen des Seelischen auf das +Körperliche, aber dort übersieht er keine. Seine Phantasie +ist eigentlich bloß Blick und reicht darum nur aus für jene +Gefühle und Gestalten der mittleren Sphäre, die im Irdischen +wohnen; seine Menschen sind nur plastisch in den +gemäßigten Temperaturen der normalen Gefühle. In den +Hitzegraden der Leidenschaft zerschmelzen sie wie Wachsbilder +in Sentimentalität, oder sie erstarren im Haß und +werden brüchig. Dickens gelingen nur geradlinige Naturen, +nicht jene ungleich interessanteren, in denen die hundertfachen +Übergänge vom Guten zum Bösen, vom Gott zum +Tier fließend sind. Seine Menschen sind immer eindeutig, +entweder vortrefflich als Helden oder niederträchtig als +Schurken, sie sind prädestinierte Naturen mit einem Heiligenschein +über der Stirne oder dem Brandmal. Zwischen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_76" id="Page_76">76</a><span>] </span></span><span lang="en" xml:lang="en">good</span> und <span lang="en" xml:lang="en">wicked</span>, zwischen dem Gefühlvollen und Gefühllosen +pendelt seine Welt. Darüber hinaus, in die Welt +der geheimnisvollen Zusammenhänge, der mystischen Verkettungen, +weiß seine Methode keinen Pfad. Das Grandiose +läßt sich nicht greifen, das Heroische nicht erlernen. +Es ist der Ruhm und die Tragik Dickens', immer in einer +Mitte geblieben zu sein zwischen Genie und Tradition, +dem Unerhörten und dem Banalen: in den geregelten +Bahnen der irdischen Welt, im Lieblichen und im Ergreifenden, +im Behaglichen und Bürgerlichen.</p> + +<p>Aber dieser Ruhm genügte ihm nicht: der Idylliker +sehnte sich nach Tragik. Immer wieder hat er zur Tragödie +emporgestrebt, und immer kam er nur zum Melodram. +Hier war seine Grenze. Diese Versuche sind unerfreulich: +mögen in England die „Geschichte der beiden +Städte“, „<span lang="en" xml:lang="en">Bleak House</span>“ für hohe Schöpfungen gelten, für +unser Gefühl sind sie verloren, weil ihre große Geste eine +erzwungene ist. Die Anstrengung zum Tragischen ist in +ihnen wirklich bewundernswert: in diesen Romanen türmt +Dickens Konspirationen, wölbt große Katastrophen wie +Felsblöcke über den Häuptern seiner Helden, er beschwört +den Schauer der Regennächte, den Volksaufstand und die +Revolutionen, entfesselt den ganzen Apparat des Grauens +und Entsetzens. Aber doch, jener erhabene Schauer stellt +sich nie ein, es wird nur ein Gruseln, der rein körperliche +Reflex des Entsetzens, und nicht der Schauer der Seele. +Jene tiefen Erschütterungen, jene gewitterhaften Wirkungen, +die vor Angst das Herz sehnsüchtig stöhnen lassen +nach der Entladung im Blitz, brechen nie mehr aus seinen +Büchern. Dickens türmt Gefahr über Gefahren, aber man +fürchtet sie nicht. Bei Dostojewski starren manchmal plötzlich +Abgründe, man jappt nach Luft, wenn man dieses +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_77" id="Page_77">77</a><span>] </span></span>Dunkel, diesen namenlosen Abgrund in der eigenen Brust +aufgerissen fühlt; man fühlt den Boden unter den Füßen +schwinden, spürt einen jähen Schwindel, einen feurigen, +aber süßen Schwindel, möchte gern nieder, niederstürzen, +und schauert doch zugleich vor diesem Gefühl, wo Lust +und Schmerz zu so ungeheuren Hitzegraden weißgeglüht +sind, daß man sie voneinander nicht scheiden kann. Auch +bei Dickens sind solche Abgründe. Er reißt sie auf, füllt +sie mit Schwärze, zeigt ihre ganze Gefahr; aber doch, man +schauert nicht, man hat nicht jenen süßen Schwindel des +geistigen Niederstürzens, der vielleicht der höchste Reiz +künstlerischen Genießens ist. Man fühlt sich bei ihm +immer irgendwie sicher, als hielte man ein Geländer, denn +man weiß, er läßt einen nicht niederstürzen; man weiß, +der Held wird nicht untergehen; die beiden Engel, die mit +weißen Flügeln durch die Welt dieses englischen Dichters +schweben, Mitleid oder Gerechtigkeit, werden ihn schon +unbeschädigt über alle Schründe und Abgründe tragen. +Dickens fehlt die Brutalität, der Mut zur wirklichen Tragik. +Er ist nicht heroisch, sondern sentimental. Tragik ist Wille +zum Trotz, Sentimentalität Sehnsucht nach der Träne. +Zu der tränenlosen, wortlosen, letzten Gewalt des verzweifelten +Schmerzes ist Dickens nie gelangt: sanfte Rührung +– etwa der Tod Doras im „Copperfield“ – ist das +äußerste ernste Gefühl, das er vollendet darzustellen vermag. +Holt er zum wirklich wuchtigen Schwung aus, so +fällt ihm immer das Mitleid in den Arm. Immer glättet +das (oft ranzige) Öl des Mitleids den heraufbeschworenen +Sturm der Elemente; die sentimentale Tradition des englischen +Romans überwindet den Willen zum Gewaltigen. +Denn in England soll das Geschehen eines Romans eigentlich +nur die Illustration der landläufigen moralischen Maximen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_78" id="Page_78">78</a><span>] </span></span>sein; durch die Melodie des Schicksals werkelts immer +als Unterton: „Üb immer Treu und Redlichkeit.“ Das +Finale muß eine Apokalypse sein, ein Weltgericht, die +Guten steigen nach oben, die Bösen werden bestraft. Auch +Dickens hat leider diese Gerechtigkeit in die meisten Romane +übernommen, seine Schurken ertrinken, ermorden +sich gegenseitig, die Hochmütigen und Reichen machen +Bankrott, und die Helden sitzen warm in der Wolle. Noch +heute duldet der Engländer kein Drama, das ihn nicht am +Ende mit der Beruhigung entläßt, alles in dieser Welt sei +in schönster Ordnung. Und diese echt englische Hypertrophie +des moralischen Sinnes hat Dickens' grandioseste +Inspirationen zum tragischen Roman irgendwie ernüchtert. +Denn die Weltanschauung dieser Werke, der eingebaute +Kreisel, der ihre Stabilität aufrechterhält, ist nicht die Gerechtigkeit +des freien Künstlers mehr, sondern die eines +anglikanischen Bürgers. Dickens zensuriert die Gefühle, +statt sie frei wirken zu lassen: er gestattet nicht wie Balzac +ihr elementares Überschäumen, sondern lenkt sie durch +Dämme und Gruben in Kanäle, wo sie die Mühlen der +bürgerlichen Moral drehen. Der Prediger, der Reverend, +der <span lang="en" xml:lang="en">common-sense-</span>Philosoph, der Schulmeister, alle sitzen +sie unsichtbar mit ihm in der Werkstatt des Künstlers und +mengen sich ein: sie verleiten ihn, den ernsten Roman +statt ein demütiges Nachbild der freien Wirklichkeiten +lieber ein Vorbild und eine Warnung für junge Leute sein +zu lassen. Freilich, belohnt ward die gute Gesinnung: als +Dickens starb, wußte der Bischof von Winchester an +seinem Werk zu rühmen, man könne es beruhigt jedem +Kinde in die Hände geben; aber gerade dies, daß es das +Leben nicht in seinen Wirklichkeiten zeigt, sondern so, +wie man es Kindern darstellen will, schmälert seine überzeugende +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_79" id="Page_79">79</a><span>] </span></span>Kraft. Für uns Nichtengländer strotzt und protzt +es zu sehr mit Sittlichkeit. Um Held bei Dickens zu werden, +muß man ein Tugendausbund sein, ein puritanisches +Ideal. Bei Fielding und Smollet, die ja doch auch Engländer +waren, allerdings Kinder eines sinnefreudigeren +Jahrhunderts, schadet es dem Helden absolut nicht, wenn +er einmal bei einem Raufhandel seinem Gegenüber die +Nase eintreibt oder wenn er trotz aller hitzigen Liebe zu +seiner adeligen Dame einmal mit ihrer Zofe im Bette +schläft. Bei Dickens erlauben sich nicht einmal die Wüstlinge +solche Abscheulichkeiten. Selbst seine ausschweifenden +Menschen sind eigentlich harmlos, ihre Vergnügungen +noch immer so, daß sie eine ältliche <span lang="en" xml:lang="en">spinster</span> ohne Erröten +verfolgen kann. Da ist Dick Swiveller der Libertin. Wo +steckt denn eigentlich seine Libertinage? Mein Gott, er +trinkt vier Glas Ale statt zwei, zahlt seine Rechnungen +höchst unregelmäßig, bummelt ein wenig, das ist alles. +Und zum Schluß macht er im rechten Augenblick eine +Erbschaft – eine bescheidene natürlich – und heiratet +höchst anständig das Mädchen, das ihm auf die Bahn der +Tugend half. Wahrhaft unmoralisch sind bei Dickens +nicht einmal die Schurken, selbst sie haben trotz aller böser +Instinkte blasses Blut. Diese englische Lüge der Unsinnlichkeit +sitzt als Brand in seinem Werke; die schieläugige +Hypokrisie, die übersieht, was sie nicht sehen will, wendet +Dickens den spürenden Blick von den Wirklichkeiten. +Das England der Königin Viktoria hat Dickens verhindert, +den vollendet tragischen Roman zu schreiben, der seine +innerste Sehnsucht war. Und es hätte ihn ganz niedergezogen +in seine eigene satte Mediokrität, hätte ihn ganz +mit den klemmenden Armen der Beliebtheit zum Anwalt +seiner sexuellen Verlogenheit gemacht, wäre dem Künstler +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_80" id="Page_80">80</a><span>] </span></span>nicht eine Welt frei gewesen, in die seine schöpferische +Sehnsucht hätte flüchten können, hätte er nicht jene silberne +Schwinge besessen, die ihn stolz über die dumpfen +Bezirke solcher Zweckmäßigkeiten hob: seinen seligen +und fast unirdischen Humor.</p> + +<p>Diese eine selige, halkyonisch freie Welt, in die der +Nebel Englands nicht niederhängt, ist das Land der Kindheit. +Die englische Lüge verschneidet die Sinnlichkeit in +den Menschen und zwingt den Erwachsenen in ihre Gewalt; +die Kinder aber leben noch paradiesisch unbekümmert +ihr Fühlen aus, sie sind noch nicht Engländer, sondern +nur kleine helle Menschenblüten, in ihre bunte Welt +schattet noch nicht der englische Nebelrauch der Hypokrisie. +Und hier, wo Dickens frei, unbehindert von seinem +englischen Bourgeoisgewissen schalten durfte, hat er Unsterbliches +geleistet. Die Jahre der Kindheit in seinen Romanen +sind einzig schön; nie werden, glaube ich, in der +Weltliteratur diese Gestalten vergehen, diese heiteren und +ernsten Episoden der Frühzeit. Wer wird je die Odyssee +der kleinen Nell vergessen können, wie sie mit ihrem +greisen Großvater aus dem Rauch und Düster der großen +Städte hinauszieht ins erwachende Grün der Felder, harmlos +und sanft, dies engelhafte Lächeln selig über alle Fährlichkeiten +und Gefahren hinrettend bis ins Verscheiden. +Das ist rührend in einem Sinne, der über alle Sentimentalität +hinausreicht zum echtesten, lebendigsten Menschengefühl. +Da ist Traddles, der fette Junge in seinen geblähten +Pumphosen, der den Schmerz über die erhaltenen +Prügel im Zeichnen von Skeletten vergißt, Kit, der Treueste +der Treuen, der kleine Nickelby und dann dieser eine, +der immer wiederkehrt, dieser hübsche, „sehr kleine und +nicht eben zu freundlich behandelte Junge“, der niemand +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_81" id="Page_81">81</a><span>] </span></span>anderes ist als Charles Dickens, der Dichter, der seine +eigene Kinderlust, sein eigenes Kinderleid wie kein zweiter +unsterblich gemacht hat. Immer und immer wieder hat er +von diesem gedemütigten, verlassenen, verschreckten, +träumerischen Knaben erzählt, den die Eltern verwaisen +ließen; und hier ist sein Pathos wirklich tränennah geworden, +seine sonore Stimme voll und tönend wie Glockenklang. +Unvergeßlich ist dieser Kinderreigen in Dickens' +Romanen. Hier durchdringt sich Lachen und Weinen, +Erhabenes und Lächerliches zu einem einzigen Regenbogenglanz; +das Sentimentale und das Sublime, das Tragische +und das Komische, Wahrheit und Dichtung versöhnen +sich in ein Neues und Nochniedagewesenes. Hier +überwindet er das Englische, das Irdische, hier ist Dickens +ohne Einschränkung groß und unvergleichlich. Wollte +man ihm ein Denkmal setzen, so müßte marmorn dieser +Kinderreigen seine eherne Gestalt umringen als den Beschützer, +den Vater und Bruder. Denn sie hat er wahrhaft +als die reinste Form menschlichen Wesens geliebt. Wollte +er Menschen sympathisch machen, so ließ er sie kindlich +sein. Um der Kinder willen hat er die sogar geliebt, die +schon nicht mehr kindlich, sondern kindisch waren, die +Schwachsinnigen und Geistesgestörten. In allen seinen +Romanen ist einer dieser sanften Irren, deren arme verlorene +Sinne weit oben wie weiße Vögel wandern über der +Welt der Sorgen und Klagen, denen das Leben nicht ein +Problem, eine Mühe und Aufgabe ist, sondern nur ein +seliges, ganz unverständliches, aber schönes Spiel. Es ist +rührend zu sehen, wie er diese Menschen schildert. Er +faßt sie sorgsam an wie Kranke, legt viel Güte um ihr +Haupt wie einen Heiligenschein. Selige sind sie ihm, weil +sie ewig im Paradies der Kindheit geblieben sind. Denn +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_82" id="Page_82">82</a><span>] </span></span>die Kindheit ist das Paradies in Dickens' Werken. Wenn +ich einen Roman von Dickens lese, habe ich immer eine +wehmütige Angst, wenn die Kinder heranwachsen; denn +ich weiß, nun geht das Süßeste, das Unwiederbringliche +verloren, nun mischt sich bald das Poetische mit dem Konventionellen, +die reine Wahrheit mit der englischen Lüge. +Und er selbst scheint dieses Gefühl im Innersten zu teilen. +Denn nur ungern gibt er seine Lieblingshelden an das +Leben. Er begleitet sie nie bis ins Alter hinein, wo sie +banal werden, Krämer und Kärrner des Lebens; er nimmt +Abschied von ihnen, wenn er sie emporgeführt hat bis an +die Kirchentür der Ehe, durch alle Fährnisse in den spiegelglatten +Hafen der bequemen Existenz. Und das eine Kind, +das ihm das liebste war in der bunten Reihe, die kleine +Nell, in der er die Erinnerung an eine ihm sehr teure +Frühverstorbene verewigt hatte, sie ließ er gar nicht in die +rauhe Welt der Enttäuschungen, die Welt der Lüge. Sie +behielt er für immer im Paradies der Kindheit, schloß ihr +vorzeitig die blauen sanften Augen, ließ sie ahnungslos +übergleiten von der Helle der Frühzeit in die Dunkelheit +des Todes. Sie war ihm zu lieb für die wirkliche Welt.</p> + +<p>Denn diese Welt ist bei Dickens, ich sagte es ja schon, +eine bürgerlich bescheidene, ein müdes, sattes England, +ein enger Ausschnitt der ungeheuren Möglichkeiten des +Lebens. Eine solche arme Welt konnte nur reich werden +durch ein großes Gefühl. Balzac hat den Bourgeois gewaltig +gemacht durch seinen Haß, Dostojewski durch +seine Heilandsliebe. Und auch Dickens, der Künstler, erlöst +diese Menschen von ihrer lastenden Erdschwere: durch +seinen Humor. Er betrachtet seine kleinbürgerliche Welt +nicht mit objektiver Wichtigkeit, er stimmt nicht jenen +Hymnus der braven Leute, der alleinseligmachenden Tüchtigkeit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_83" id="Page_83">83</a><span>] </span></span>und Nüchternheit an, der jetzt die meisten unserer +deutschen Heimatkunstromane so widerlich macht. Sondern +er zwinkert seinen Leuten gutmütig und doch lustig +zu, er macht sie wie Gottfried Keller und Wilhelm Raabe +ein ganz klein wenig lächerlich in ihren liliputanischen +Sorgen. Aber lächerlich in einem freundlichen, gutmütigen +Sinne, so daß man sie für alle Schnurren und Skurrilitäten +nur noch lieber hat. Wie ein Sonnenblick liegt der Humor +über seinen Büchern, macht ihre bescheidene Landschaft +plötzlich heiter und unendlich lieblich, voll von tausend +entzückenden Wundern; an dieser guten wärmenden +Flamme wird alles lebendiger und wahrscheinlicher, selbst +die falschen Tränen flimmern wie Diamanten, die kleinen +Leidenschaften flammen wie wirklicher Brand. Der Humor +Dickens' hebt sein Werk über die Zeit hinaus in alle Zeiten. +Er erlöst es von der Langeweile alles Englischen, Dickens +überwindet die Lüge durch sein Lächeln. Wie Ariel +schwebt dieser Humor geisternd durch die Luft seiner +Bücher, füllt sie an mit heimlicher Musik, reißt sie in einen +Tanzwirbel, eine große Freudigkeit des Lebens. Allgegenwärtig +ist er. Selbst aus dem Schacht der finstersten Verwirrungen +funkelt er auf wie ein Bergmannslicht, er löst +die überstraffen Spannungen, er mildert das allzu Sentimentale +durch den Unterton der Ironie, das Übertriebene +durch seinen Schatten, das Groteske, er ist das Versöhnende, +das Ausgleichende, das Unvergängliche in seinem Werk. +Er ist – wie alles bei Dickens – natürlich englisch, ein +echtenglischer Humor. Auch ihm fehlt es an Sinnlichkeit, +er vergißt sich nicht, betrinkt sich nicht an seiner eigenen +Laune und wird nie ausschweifend. Er bleibt in seinem +Überschwang noch gemessen, grölt nicht und rülpst +sich nicht wie Rabelais, überpurzelt sich nicht wie bei +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_84" id="Page_84">84</a><span>] </span></span>Cervantes vor tollem Entzücken oder springt kopfüber ins +Unmögliche wie der amerikanische. Er bleibt immer aufrecht +und kühl. Dickens lächelt wie alle Engländer nur +mit dem Mund, nicht mit dem ganzen Körper. Seine +Heiterkeit verbrennt sich nicht selbst, sie funkelt nur und +zersplittert ihr Licht in die Adern der Menschen hinein, +flackert mit tausend kleinen Flammen, geistert und irrlichtert +neckisch, ein entzückender Schelm, mitten in den +Wirklichkeiten. Auch sein Humor ist – denn es ist das +Schicksal Dickens', immer eine Mitte darzustellen – ein +Ausgleich zwischen der Trunkenheit des Gefühls, der +wilden Laune und der kaltlächelnden Ironie. Sein Humor +ist unvergleichbar dem der anderen großen Engländer. Er +hat nichts von der zerfasernden, beizenden Ironie Sternes, +nichts von der breitstapfigen, launigen Landedelmannsheiterkeit +Fieldings; er ätzt nicht wie Thackeray schmerzhaft +in den Menschen hinein, er tut nur wohl und nie +weh, spielt wie Sonnenkringel ihnen lustig um Haupt und +Hände. Er will nicht moralisch sein und nicht satirisch, +nicht unter der Narrenkappe irgendeinen feierlichen Ernst +verstecken. Er will überhaupt nicht und nichts. Er ist. +Seine Existenz ist absichtslos und selbstverständlich; der +Schalk steckt schon in jener merkwürdigen Augenstellung +Dickens', verschnörkelt und übertreibt dort die Gestalten, +gibt ihnen jene ergötzlichen Proportionen und komischen +Verrenkungen, die dann das Entzücken von Millionen +wurden. Alles tritt in diesen Kreis von Licht, sie leuchten +wie von innen heraus; selbst die Gauner und Schurken +haben ihren Glorienschein von Humor, die ganze Welt +scheint irgendwie lächeln zu müssen, wenn Dickens sie +betrachtet. Alles glänzt und wirbelt, die Sonnensehnsucht +eines nebligen Landes scheint für immer erlöst. Die Sprache +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_85" id="Page_85">85</a><span>] </span></span>schlägt Purzelbäume, die Sätze quirlen ineinander, springen +weg, spielen Verstecken mit ihrem Sinn, werfen sich einer +dem anderen Fragen zu, necken sich, führen sich irre, eine +Launigkeit beflügelt sie zum Tanz. Unerschütterlich ist +dieser Humor. Er ist schmackhaft ohne das Salz der +Sexualität, das ihm ja die englische Küche versagte; er +ließ sich nicht verwirren dadurch, daß hinter dem Dichter +der Drucker hetzte; denn selbst im Fieber, in Not und +Ärger konnte Dickens nicht anders als heiter schreiben. +Sein Humor ist unwiderstehlich, er saß fest in diesem herrlich +scharfen Auge und verlosch erst mit seinem Licht. +Nichts Irdisches vermochte ihm etwas anzuhaben, und +auch der Zeit wird es kaum gelingen. Denn ich kann mir +Menschen nicht denken, die Novellen wie „Das Heimchen +am Herd“ nicht lieben würden, die der Heiterkeit wehren +könnten bei manchen Episoden dieser Bücher. Die seelischen +Bedürfnisse mögen sich wandeln wie die literarischen. +Aber solange man Sehnsucht nach Heiterkeit haben wird, +in den Augenblicken jener Behaglichkeiten, wo der Lebenswille +ruht und nur das Gefühl des Lebens sanft seine +Wellen in einem rührt, wo man sich nach nichts so sehnt +als nach irgendeiner arglosen melodischen Erregung des +Herzens, wird man nach diesen einzigen Büchern greifen, +in England und überall in der Welt.</p> + +<p>Das ist das Große, das Unvergängliche in diesem irdischen, +allzu irdischen Werke: es hat Sonne in sich, es +strahlt und wärmt. Man soll die großen Kunstwerke nicht +allein nach ihrer Intensität fragen, nicht nur nach dem +Menschen, der hinter ihnen stand, sondern auch nach +ihrer Extensität, der Wirkung auf die Mengen. Und von +Dickens wird man wie von keinem in unserem Jahrhundert +sagen können, er habe die Freudigkeit der Welt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_86" id="Page_86">86</a><span>] </span></span>gemehrt. Millionen Augen haben bei seinen Büchern in +Tränen gefunkelt; Tausenden, denen das Lachen verblüht +oder verschüttet war, hat er es neu in die Brust gepflanzt: +weit über das Literarische hinaus ging seine Wirkung. +Reiche Leute besannen sich und machten Stiftungen, als +sie von den Brüdern Chereby lasen; Hartherzige wurden +gerührt; die Kinder bekamen – es ist verbürgt –, als „Oliver +Twist“ erschien, mehr Almosen auf den Straßen; die +Regierung verbesserte die Armenhäuser und kontrollierte +die Privatschulen. Das Mitleid und Wohlwollen in England +ist stärker geworden durch Dickens, das Schicksal +von vielen und vielen Armen und Unglücklichen gelindert. +Ich weiß: solche außerordentliche Wirkungen haben nichts +zu tun mit der ästhetischen Wertung eines Kunstwerkes. +Aber sie sind wichtig, weil sie zeigen, daß jedes ganz große +Werk über die Welt der Phantasie hinaus, wo ja jeder +schaffende Wille zauberhaft frei schweifen kann, auch in +der realen Welt Wandlungen hervorbringt. Wandlungen +im Wesentlichen, im Sichtbaren und dann in der Temperatur +des Gefühlsempfindens. Dickens hat – im Gegensatz +zu den Dichtern, die für sich selbst um Mitleid und +Zuspruch bitten – die Heiterkeit und Lust seiner Zeit gemehrt, +ihren Blutkreislauf befördert. Die Welt ist heller +geworden seit dem Tage, da der junge Stenograph des +Parlaments zur Feder griff, um von Menschen und Schicksalen +zu schreiben. Er hat seiner Zeit die Freude gerettet +und den späteren Generationen den Frohsinn jenes „<span lang="en" xml:lang="en">merry +old England</span>“, des England zwischen den Napoleonskriegen +und dem Imperialismus. Nach vielen Jahren wird man +noch zurückschauen nach dieser dann schon altväterischen +Welt mit ihren seltsamen, verlorenen Berufen, die längst +im Mörser des Industrialismus zerpulvert sein werden, wird +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_87" id="Page_87">87</a><span>] </span></span>sich vielleicht hineinsehnen in dies Leben, das arglos war, +voll von einfachen, stillen Heiterkeiten. Dickens hat dichterisch +die Idylle Englands geschaffen – das ist sein Werk. +Achten wir dieses Leise, das Zufriedene nicht zu gering +gegenüber dem Gewaltigen: auch die Idylle ist ein Ewiges, +eine uralte Wiederkehr. Das Georgikon oder Bukolikon, +das Gedicht des fliehenden, vom Schauer des Begehrens +ausruhenden Menschen ist hier erneut, so wie es immer im +Umschwung der Generationen wieder sich erneuern wird. +Es kommt, um wieder zu vergehen, die Atempause zwischen +den Erregungen, das Kraftgewinnen vor oder nach +der Anstrengung, die Sekunde der Zufriedenheit im rastlos +hämmernden Herzen. Andere schaffen die Gewalt, +andere die Stille. Charles Dickens hat einen Augenblick +der Stille in der Welt zum Gedicht gefügt. Heute ist das +Leben wieder lauter, die Maschinen dröhnen, die Zeit +saust in rascherem Umschwung. Aber die Idylle ist unsterblich, +weil sie Lebensfreude ist; sie kehrt wieder wie +der blaue Himmel hinter den Wettern, die ewige Heiterkeit +des Lebens nach allen Krisen und Erschütterungen +der Seele. Und so wird auch Dickens immer wieder aus +seiner Vergessenheit wiederkehren, wenn Menschen der +Fröhlichkeit bedürftig sind und, ermattet von den tragischen +Anspannungen der Leidenschaft, auch aus den leisern +Dingen die geisterhafte Musik des Dichterischen werden +vernehmen wollen.</p> +</div> + + +<div class="chapter"> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_89" id="Page_89">89</a><span>] </span></span></p> +<h2><a name="DOSTOJEWSKI" id="DOSTOJEWSKI"></a>DOSTOJEWSKI</h2> + + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.“</p> +<p class="zitat right">Goethe, Westöstlicher Divan</p> +</div> + + +<div> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_91" id="Page_91">91</a><span>] </span></span></p> +<h3>EINKLANG</h3> + +<p class="chapter"><span class="ucase">Es</span> ist schwer und verantwortungsvoll, von Fedor +Michailowitsch Dostojewski und seiner Bedeutung für +unsere innere Welt würdig zu sprechen, denn dieses Einzigen +Weite und Gewalt will ein neues Maß.</p> + +<p>Ein umschlossenes Werk, einen Dichter vermeinte erstes +Nahen zu finden und entdeckt Grenzenloses, einen Kosmos +mit eigen kreisenden Gestirnen und anderer Musik +der Sphären. Mutlos wird der Sinn, diese Welt jemals +restlos zu durchdringen: zu fremd ist erster Erkenntnis +ihre Magie, zu weit ins Unendliche verwölkt ihr Gedanke, +zu fremd ihre Botschaft, als daß die Seele unvermittelt aufschauen +könnte in diesen neuen wie in heimatlichen Himmel. +Dostojewski ist nichts, wenn nicht von innen erlebt. +Im tiefsten müssen wir die eigene Kraft des Mitfühlens +und Mitleidens erst prüfen und stählen zu einer neuen +gesteigerten Empfänglichkeit: bis zu den untersten geheimsten +Wurzeln unseres Wesens müssen wir graben, um +die Zusammenhänge mit seiner erst phantastischen und +dann wundervoll wahren Menschlichkeit zu entdecken. +Nur dort, ganz im Untersten, im Ewigen und Unabänderlichen +unseres Seins, Wurzel in Wurzel, können wir uns +Dostojewski zu verbinden hoffen; denn wie fremd scheint +äußerem Blick diese russische Landschaft, die, wie die +Steppen seiner Heimat, weglose und wie wenig Welt von +unserer Welt! Nichts Freundliches umfriedet dort lieblich +den Blick, selten rät eine sanfte Stunde zur Rast. +Mystische Dämmerung des Gefühls, trächtig von Blitzen, +wechselt mit einer frostigen, oft eisigen Klarheit des Geistes, +statt warmer Sonne flammt vom Himmel ein geheimnisvoll +blutendes Nordlicht. Urweltlandschaft, mystische Welt +hat man mit Dostojewskis Sphäre betreten, uralt und jungfräulich +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_92" id="Page_92">92</a><span>] </span></span>zugleich, und süßes Grauen schlägt einem entgegen +wie vor jeder Nahheit ewiger Elemente. Bald schon sehnt +sich Bewunderung gläubig zu verweilen, und doch warnt +eine Ahnung das ergriffene Herz, hier dürfe es nicht heimisch +werden für immer, müsse es doch wieder zurück in +unsere wärmere, freundlichere, aber auch engere Welt. Zu +groß ist, spürt man beschämt, diese erzene Landschaft für den +täglichen Blick, zu stark, zu beklemmend diese bald eisige, +bald feurige Luft für den zitternden Atem. Und die Seele +würde fliehen vor der Majestät solchen Grauens, wäre nicht +über dieser unerbittlich tragischen, entsetzlich irdischen +Landschaft ein unendlicher Himmel der Güte sternenklar +ausgespannt, Himmel auch unserer Welt, doch höher ins +Unendliche gewölbt in solchem scharfen geistigen Frost, +als in unseren linden Zonen. Beruhigter Aufblick aus +dieser Landschaft zu ihrem Himmel spürt erst die unendliche +Tröstung dieser unendlichen irdischen Trauer, und +ahnt im Grauen die Größe, im Dunkel den Gott.</p> + +<p>Nur solcher Aufblick zu seinem letzten Sinne vermag +unsere Ehrfurcht vor dem Werke Dostojewskis in eine +brennende Liebe zu verwandeln, nur der innerste Einblick +in seine Eigenheit das Tiefbrüderliche, das Allmenschliche +dieses russischen Menschen uns klarzutun. Aber wie weit +und wie labyrinthisch ist dieser Niederstieg bis zum innersten +Herzen des Gewaltigen; machtvoll in seiner Weite, +schreckhaft durch seine Ferne, wird dies einzige Werk +in gleichem Maße geheimnisvoller, als wir von seiner unendlichen +Weite in seine unendliche Tiefe zu dringen +suchen. Denn überall ist es mit Geheimnis getränkt. Von +jeder seiner Gestalten führt ein Schacht hinab in die dämonischen +Abgründe des Irdischen, jeder Aufschwung ins +Geistige rührt mit seiner Schwinge bis an Gottes Antlitz. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_93" id="Page_93">93</a><span>] </span></span>Hinter jeder Wand seines Werkes, jedem Antlitz seiner +Menschen, jeder Falte seiner Verhüllungen liegt die ewige +Nacht und glänzt das ewige Licht: denn Dostojewski ist +durch Lebensbestimmung und Schicksalsgestaltung allen +Mysterien des Seins restlos verschwistert. Zwischen Tod +und Wahnsinn, Traum und brennend klarer Wirklichkeit +steht seine Welt. Überall grenzt sein persönliches Problem +an ein unlösbares der Menschheit, jede einzelne belichtete +Fläche spiegelt Unendlichkeit. Als Mensch, als Dichter, +als Russe, als Politiker, als Prophet: überall strahlt sein +Wesen von ewigem Sinn. Kein Weg führt an sein Ende, +keine Frage bis in den untersten Abgrund seines Herzens. +Nur Begeisterung darf ihm nahen, und auch sie nur demütig +in der Beschämung, geringer zu sein als seine eigene liebende +Ehrfurcht vor dem Mysterium des Menschen.</p> + +<p>Er selbst, Dostojewski, hat niemals die Hand gerührt, um +uns an sich heranzuhelfen. Die anderen Baumeister des +Gewaltigen in unserer Zeit offenbarten ihren Willen. +Wagner legte neben sein Werk die programmatische Erläuterung, +die polemische Verteidigung, Tolstoi riß alle +Türen seines täglichen Lebens auf, jeder Neugier Zutritt, +jeder Frage Rechenschaft zu geben. Er aber, Dostojewski, +verriet seine Absicht nie anders als im vollendeten Werk, +die Pläne verbrannte er in der Glut der Schöpfung. +Schweigsam und scheu war er ein Leben lang, kaum das +Äußerliche, das Körperliche seiner Existenz ist zwingend +bezeugt. Freunde besaß er nur als Jüngling, der Mann +war einsam: wie Verminderung seiner Liebe zur ganzen +Menschheit schien es ihm, einzelnen sich hinzugeben. +Auch seine Briefe verraten nur Notdurft der Existenz, +Qual des gefolterten Körpers, alle haben sie verschlossene +Lippen, so sehr sie Klage und Notruf sind. Viele Jahre, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_94" id="Page_94">94</a><span>] </span></span>seine ganze Kindheit sind von Dunkel umschattet, und +schon heute ist er, dessen Blick manche in unserer Zeit +noch brennen sahen, menschlich etwas ganz Fernes und +Unsinnliches geworden, eine Legende, ein Heros und ein +Heiliger. Jenes Zwielicht von Wahrheit und Ahnung, das +die erhabenen Lebensbilder Homers, Dantes und Shakespeares +umwittert, entirdischt uns auch sein Antlitz. Nicht +aus Dokumenten, sondern einzig aus wissender Liebe läßt +sich sein Schicksal gestalten.</p> + +<p>Allein also und führerlos muß man hinab in das Herz +dieses Labyrinths zu tasten suchen und den Faden Ariadnes, +der Seele, vom Knäuel der eigenen Lebensleidenschaft +ablösen. Denn je tiefer wir uns in ihn versenken, desto +tiefer fühlen wir uns selbst. Nur wenn wir an unser wahres +allmenschliches Wesen hinangelangen, sind wir ihm nah. +Wer viel von sich selbst weiß, weiß auch viel von ihm, der +oder keiner das letzte Maß aller Menschlichkeit gewesen. +Und dieser Gang in sein Werk führt durch alle Purgatorien +der Leidenschaft, durch die Hölle der Laster, +führt über alle Stufen irdischer Qual: Qual des Menschen, +Qual der Menschheit, Qual des Künstlers und der letzten, +der grausamsten, der Gottesqual. Dunkel ist der Weg, und +von innen muß man glühen in Leidenschaft und Wahrheitswillen, +um nicht in die Irre zu gehen: unsere eigene +Tiefe erst müssen wir durchwandern, ehe wir uns in die +seine wagen. Er sendet keine Boten, einzig das Erlebnis +führt Dostojewski zu. Und er hat keine Zeugen, keine +anderen als des Künstlers mystische Dreieinheit in Fleisch +und Geist: sein Antlitz, sein Schicksal und sein Werk.</p> +</div> + + +<div> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_95" id="Page_95">95</a><span>] </span></span></p> +<h3>DAS ANTLITZ</h3> + +<p>Sein Antlitz scheint zuerst das eines Bauern. Lehmfarben, +fast schmutzig falten sich die eingesunkenen Wangen, +zerpflügt von vieljährigem Leid, dürstend und versengt +spannt sich mit vielen Sprüngen die rissige Haut, der jener +Vampir zwanzigjährigen Siechtums Blut und Farbe entzogen. +Rechts und links starren, zwei mächtige Steinblöcke, +die slawischen Backenknochen heraus, den herben Mund, +das brüchige Kinn überwuchert wirrer Busch von Bart. Erde, +Fels und Wald, eine tragisch elementare Landschaft, das +sind die Tiefen von Dostojewskis Gesicht. Alles ist dunkel, +irdisch und ohne Schönheit in diesem Bauern- und beinahe +Bettlerantlitz; flach und farblos, ohne Glanz dunkelt es +hin, ein Stück russische Steppe auf Stein versprengt. Selbst +die Augen, die tief eingesenkten, vermögen aus ihren Klüften +nicht diesen mürben Lehm zu erleuchten, denn nicht +nach außen schlägt klar und blendend ihre gerade Flamme, +gleichsam nach innen ins Blut hinein brennen zehrend +ihre spitzen Blicke. Wenn sie sich schließen, stürzt der +Tod sofort über dies Gesicht, und die nervöse Hochspannung, +die sonst die mürben Züge zusammenhält, sinkt +nieder ins lethargisch Unbelebte.</p> + +<p>Wie sein Werk ruft dies Antlitz erst das Grauen vom +Reigen der Gefühle auf, dem sich zögernd Scheu und dann +leidenschaftlich, in wachsender Bezauberung, Bewunderung +gesellt. Denn nur die irdische Niederung, die fleischliche, +seines Antlitzes dämmert hin in dieser düster-erhabenen +naturhaften Trauer. Aber wie eine Kuppel, weißstrahlend +und gewölbt, hebt sich ragend über dem engen +bäurischen Gesicht die aufstrebende Rundung der Stirne: +aus Schatten und Dunkel steigt blank und gehämmert der +geistige Dom: harter Marmor über den weichen Lehm des +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_96" id="Page_96">96</a><span>] </span></span>Fleisches, das wüste Dickicht des Haares. Alles Licht +strömt in diesem Antlitz nach oben, und blickt man in sein +Bild, so fühlt man immer nur sie, diese breite mächtige, +königliche Stirne, sie, die immer strahlender leuchtet und +sich zu weiten scheint, je mehr das alternde Antlitz in +Krankheit vergrämt und vergeht. Wie ein Himmel steht +sie hoch und unerschütterlich über der Hinfälligkeit des +gebrestigen Körpers, Glorie von Geist über irdischer +Trauer. Und auf keinem Bilde leuchtet dies heilige Gehäuse +des sieghaften Geistes glorreicher als von jenem des +Totenbetts, da die Lider schlaff über die gebrochenen +Augen gefallen sind, die entfärbten Hände, fahl und doch +fest, das Kreuz gierig umfassen (jenes arme kleine Holzkruzifix, +das einst eine Bäuerin dem Zuchthäusler schenkte). +Da strahlt sie wie von morgens die Sonne über nächtiges +Land nieder auf das entseelte Antlitz und kündet mit ihrem +Glanz die gleiche Botschaft wie alle seine Werke: daß der +Geist und der Glaube ihn erlösten vom dumpfen niederen +und körperlichen Leben. In letzter Tiefe ist immer Dostojewskis +letzte Größe: und nie spricht sein Antlitz stärker +als aus seinem Tod.</p> +</div> + + +<div> +<h3>DIE TRAGÖDIE SEINES LEBENS</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„<span lang="it" xml:lang="it">Non vi si pensa quanto sangue costa.</span>“</p> +<p class="zitat right">Dante</p> +</div> + +<p>Immer ist bei Dostojewski Grauen der erste Eindruck +und der zweite dann Größe. Auch sein Schicksal scheint +anfangs dem flüchtigen Blick so grausam und gemein, wie +sein Antlitz bäuerisch und gewöhnlich. Zuerst empfindet +man es nur als eine sinnlose Marter, denn mit allen Instrumenten +der Qual foltern diese sechzig Jahre den hinfälligen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_97" id="Page_97">97</a><span>] </span></span>Körper. Die Feile der Not reibt seiner Jugend und seinem +Alter die Süße weg, die Säge des körperlichen Schmerzes +knirscht in sein Gebein, die Schraube der Entbehrung +wühlt ihm hart bis an den Lebensnerv, die brennenden +Drähte der Nerven zucken und zerren unaufhörlich durch +seine Glieder, der feine Stachel der Wollust reizt unersättlich +seine Leidenschaft. Keine Qual ist gespart, keine +Marter vergessen. Eine sinnlose Grausamkeit, eine blindwütige +Feindseligkeit scheint dies Schicksal vorerst. Rückschauend +nur begreift man, daß es sich so hart zum Hammer +geschmiedet, weil es Ewiges aus ihm meißeln wollte, daß +es gewaltig war, um einem Gewaltigen gemäß zu sein. +Denn nichts mißt es dem Maßlosen gemächlich zu, nirgends +ähnelt sein Lebensgang dem gut gepflasterten breiten +Bürgersteig aller anderen Dichter des neunzehnten +Jahrhunderts, immer fühlt man hier eines finstern Schicksalsgottes +Lust, sich stark an dem Stärksten zu versuchen. +Alttestamentarisch, heroisch und in nichts neuzeitlich und +bürgerlich ist Dostojewskis Schicksal. Ewig muß er mit +dem Engel ringen wie Jakob, ewig sich gegen Gott empören +und ewig sich beugen wie Hiob. Nie läßt es ihn +sicher werden, nie träge, immer muß er den Gott spüren, +der ihn straft, weil er ihn liebt. Nicht eine Minute darf er +rasten im Glück, damit sein Weg bis ins Unendliche gehe. +Manchmal scheint der Dämon seines Schicksals schon +innezuhalten in seinem Zorn und ihm zu verstatten, wie +alle anderen die gemeine Straße des Lebens zu gehen, aber +immer wieder reckt sich die gewaltige Hand und stößt ihn +ins Dickicht zurück, in die brennenden Dornen. Schleudert +es ihn hoch, so ists nur, um ihn in tiefere Abgründe hinabzustürzen, +ihn die ganze Weite der Ekstase und Verzweiflung +zu lehren; es hebt ihn auf in Höhen des Hoffens, wo +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_98" id="Page_98">98</a><span>] </span></span>andere schwach zerschmelzen in Wollust, und wirft ihn in +Schlünde des Leidens, wo alle andern zerschellen in +Schmerz: und eben wie Hiob zerschmettert es ihn immer +in den Augenblicken der höchsten Sicherheiten, nimmt +ihm Frau und Kind, belädt ihn mit Krankheit und schändet +ihn mit Verachtung, damit er nicht innehalte, mit +Gott zu rechten und ihm durch seine unaufhörliche Empörung +und seine unaufhörliche Hoffnung nur mehr gewonnen +sei. Es ist, als hätte sich diese Zeit lauer Menschen +gerade diesen einen aufgespart, um zu zeigen, welche titanischen +Maße in Lust und Qual auch unserer Welt noch +möglich seien, und er, Dostojewski, scheint dumpf den gewaltigen +Willen über sich zu spüren. Denn niemals wehrt +er sich gegen sein Schicksal, niemals hebt er die Faust. +Der Körper, der wunde, bäumt sich konvulsivisch in +Zuckungen empor, aus seinen Briefen bricht manchmal +wie Blutsturz ein heißer Schrei, aber der Geist, der Glaube, +zwingt die Revolte nieder. Der mystisch Wissende in +Dostojewski spürt das Heilige dieser Hand, den tragisch +fruchtbaren Sinn seines Schicksals. Aus seinem Leid wird +Liebe zum Leiden, und mit der wissenden Glut seiner +Qual umflammt er seine Zeit, seine Welt.</p> + +<p>Dreimal schwingt ihn das Leben empor, dreimal reißt +es ihn nieder. Früh schon atzt es ihn mit der süßen +Speise des Ruhms: sein erstes Buch schenkt ihm einen +Namen; aber rasch faßt ihn die harte Kralle und schleudert +ihn wieder zurück ins Namenlose: ins Zuchthaus, in die +Katorga, nach Sibirien. Wieder taucht er, nur noch stärker +und mutiger, empor: seine Memoiren aus dem Totenhause +reißen Rußland in einen Taumel. Der Zar selbst +netzt das Buch mit seinen Tränen, die russische Jugend +steht in Flammen für ihn. Er gründet eine Zeitschrift, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_99" id="Page_99">99</a><span>] </span></span>seine Stimme tönt zum ganzen Volke, die ersten Romane +entstehen. Da bricht im Wettersturz seine materielle Existenz +zusammen, Schulden und Sorgen peitschen ihn aus +dem Land, Krankheit beißt sich in sein Fleisch, ein Nomade, +irrt er durch ganz Europa, vergessen von seiner Nation. +Aber zum drittenmal, nach Jahren der Arbeit und Entbehrung, +taucht er aus den grauen Gewässern namenloser +Not: die Rede zu Puschkins Gedächtnis bezeugt ihn als +den ersten Dichter, den Propheten seines Landes. Unauslöschlich +ist nun sein Ruhm. Aber gerade jetzt schlägt ihn +die eiserne Hand nieder, und die verzückte Begeisterung +seines ganzen Volkes schäumt ohnmächtig gegen einen +Sarg. Das Schicksal bedarf seiner nicht mehr, der grausam +weise Wille hat alles erreicht, aus seiner Existenz das +Höchste gewonnen an geistiger Frucht: achtlos wirft es +nun die leere Hülse des Körpers hin.</p> + +<p>Durch diese sinnvolle Grausamkeit wird Dostojewskis +Leben zum Kunstwerk, seine Biographie zur Tragödie. +Und in wundervoller Symbolik nimmt sein künstlerisches +Werk die typische Form des eigenen Schicksals an. Es +gibt da geheimnisvolle Identitäten, mystische Zusammenhänge, +wunderbare Spiegelungen, die nicht zu deuten und +zu erklären sind. Schon der Anbeginn seines Lebens ist +Symbol: Fedor Michailowitsch Dostojewski wird im +Armenhaus geboren. Mit der ersten Stunde ist ihm so +schon die Stelle seiner Existenz angewiesen, irgendwo im +Abseits, im Verachteten, nahe dem Bodensatz des Lebens +und doch mitten im menschlichen Schicksal, nachbarlich +von Leiden, Schmerz und Tod. Niemals bis zum letzten +Tage (er starb in einem Arbeiterviertel, in einer Winkelwohnung +des vierten Stocks) ist er dieser Umgürtung entronnen, +alle die sechsundfünfzig schweren Jahre seines +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_100" id="Page_100">100</a><span>] </span></span>Lebens bleibt er mit Elend, Armut, Krankheit und Entbehrung +im Armenhaus des Lebens. Sein Vater, Militärarzt +wie der Schillers, ist adliger Abstammung, seine Mutter +aus Bauernblut: beide Quellen des russischen Volkstums +strömen so befruchtend in seine Existenz zusammen, +strenggläubige Erziehung wendet schon früh seine Sinnlichkeit +zur Ekstase. Dort im Moskauer Armenhaus, in +einem engen Verschlag, den er mit seinem Bruder teilt, +hat er die ersten Jahre seines Lebens verbracht. Die ersten +Jahre: man wagt nicht zu sagen: seine Kindheit, denn +dieser Begriff ist irgendwo aus seinem Leben verschollen. +Niemals hat er von ihr gesprochen, und Dostojewskis +Schweigen war immer Scham oder stolze Angst vor fremdem +Mitleid. Ein grauer leerer Fleck ist dort in seiner +Biographie, wo sonst bei Dichtern bunte Bilder lächelnd +aufsteigen, zärtliche Erinnerungen und ein süßes Bedauern. +Und doch meint man ihn zu kennen, blickt man tiefer in +die brennenden Augen der Kindergestalten, die er schuf. +Wie Koljä muß er gewesen sein, frühreif, phantasievoll +bis zur Halluzination, voll jener flackernden, unsicheren +Glut, etwas Großes zu werden, voll jenes gewaltsamen +und knabenhaften Fanatismus, über sich selbst hinauszuwachsen +und „für die ganze Menschheit zu leiden“. +Wie <ins class="correction" title="der">die</ins> kleine Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll +gewesen sein mit Liebe und zugleich der hysterischen Angst, +sie zu verraten. Und wie jener Iljutschka, der Sohn des +betrunkenen Hauptmanns, voll Scham über häusliche Kläglichkeiten +und den Jammer der Entbehrungen, aber doch +immer bereit, seine Nächsten vor der Welt zu verteidigen.</p> + +<p>Wie er dann, ein Jüngling, aus dieser finsteren Welt +vortritt, ist die Kindheit schon weggelöscht. In die ewige +Freistatt aller Unbefriedigten, das Asyl der Vernachlässigten +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_101" id="Page_101">101</a><span>] </span></span>ist er geflohen, in die bunte und gefährliche +Welt der Bücher. Er hat unendlich viel damals mit seinem +Bruder gemeinsam gelesen, Tag um Tag und Nacht für +Nacht – schon damals trieb er, der Unersättliche, jede +Neigung bis zum Laster empor –, und diese phantastische +Welt entfernt ihn noch mehr von der Wirklichkeit. Voll +stärkster Begeisterung zur Menschheit ist er doch bis ins +Krankhafte menschenscheu und verschlossen, Glut und +Eis zugleich, ein Fanatiker gefährlichster Einsamkeit. Seine +Leidenschaft tappt wirr umher, geht in diesen „Kellerjahren“ +alle dunklen Wege der Ausschweifung, aber immer +einsam mit Ekel in aller Lust, Schuldgefühl bei jedem +Glück und immer mit verbissenen Lippen. Aus Geldnot, +nur um der paar Rubel willen, geht er zum Militär: auch +dort findet er keinen Freund. Ein paar dumpfe Jünglingsjahre +kommen. Wie die Helden aller seiner Bücher lebt +er in einem Winkel ein troglodytisches Dasein, träumend, +sinnend, mit allen geheimen Lastern des Denkens und der +Sinne. Sein Ehrgeiz weiß noch keinen Weg, er lauscht auf +sich selbst und bebrütet seine Kraft. Er spürt sie mit Wollust +und Grauen tief unten gären, er liebt sie und fürchtet +sie, er wagt nicht, sich zu rühren, um dies dumpfe Werden +nicht zu zerstören. Ein paar Jahre verharrt er in diesem +schwarzen, formlosen Puppenstand von Einsamkeit und +Schweigen, Hypochondrie fällt ihn an, eine mystische +Angst zu sterben, ein Grauen oft vor der Welt, oft vor +sich selbst, ein urmächtiger Schauer vor dem Chaos in +der eigenen Brust. In den Nächten übersetzt er, um seinen +verwirrten Finanzen aufzuhelfen (sein Geld zerfloß, typisch +genug, in den gegensätzlichen Neigungen, in Almosen und +Ausschweifungen), Balzacs Eugenie Grandet und Schillers +Don Carlos. Aus dem trüben Dunst dieser Tage ballen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_102" id="Page_102">102</a><span>] </span></span>sich langsam eigene Formen, und endlich reift aus diesem +vernebelten traumhaften Zustand von Angst und Ekstase +sein erstes dichterisches Werk, der kleine Roman „Arme +Leute“.</p> + +<p>1844, mit vierundzwanzig Jahren, hat er diese meisterhafte +Menschenstudie geschrieben, er, der Einsamste, „mit +leidenschaftlicher Glut, ja fast unter Tränen“. Seine tiefste +Demütigung, die Armut, hat es gezeugt, seine höchste +Gewalt, die Liebe zum Leid, das unendliche Mitleiden es +gesegnet. Mißtrauisch betrachtet er die beschriebenen +Blätter. Er ahnt darin eine Frage an das Schicksal, die +Entscheidung, und nur mühsam entschließt er sich, Nekrasoff, +dem Dichter, das Manuskript zur Prüfung anzuvertrauen. +Zwei Tage vergehen ohne Antwort. Einsam +grüblerisch sitzt er nachts zu Hause, arbeitet, bis die Lampe +verqualmt. Plötzlich um vier Uhr morgens wird heftig +an der Klingel gerissen, und Dostojewski, dem erstaunt +Öffnenden, stürzt Nekrasoff in die Arme, umhalst, küßt +ihn und jubelt ihm zu. Er und ein Freund hatten gemeinsam +das Manuskript gelesen, die ganze Nacht gehorcht, +gejubelt und geweint, und am Ende hielt es beide nicht: +sie mußten ihn umarmen. Es ist Dostojewskis erste Lebenssekunde, +diese Klingel nachts, die ihn zum Ruhm ruft. +Bis in den hellen Morgen tauschen die Freunde Glück +und Ekstase in heißen Worten. Dann eilt Nekrasoff zu +Bjelinski, dem allmächtigen Kritiker Rußlands. „Ein neuer +Gogol ist erstanden“, ruft er schon an der Türe, das Manuskript +wie eine Fahne schwingend. „Bei euch wachsen +die Gogols wie die Pilze“, brummt der Mißtrauische, durch +so viel Begeisterung verärgert. Aber als Dostojewski ihn +am nächsten Tag besucht, ist er verwandelt. „Ja, begreifen +Sie denn selbst, was Sie da geschaffen haben“, schreit er +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_103" id="Page_103">103</a><span>] </span></span>voll Erregung den verwirrten jungen Menschen an. Grauen +überfällt Dostojewski, ein süßer Schauer vor diesem neuen +plötzlichen Ruhm. Wie im Traum geht er die Treppe +hinab, an der Straßenecke bleibt er taumelnd stehen. Zum +erstenmal fühlt er und wagt doch nicht, es zu glauben, +daß all dies Dunkle und Gefährliche, das ihm das Herz +auftrieb, ein Gewaltiges ist und vielleicht das „Große“, +von dem seine Kindheit wirr geträumt, die Unsterblichkeit, +das Leiden für die ganze Welt. Erhebung und Zerknirschung, +Stolz und Demut schwanken wirr durch seine +Brust, er weiß nicht, welcher Stimme er glauben soll. Trunken +taumelt er über die Straße, und in seine Tränen mischen +sich Glück und Schmerz.</p> + +<p>So melodramatisch geschieht Dostojewskis Entdeckung +zum Dichter. Auch hier ahmt die Form seines Lebens +die seiner Werke geheimnisvoll nach. Hier wie dort haben +die rohen Konturen etwas von der banalen Romantik eines +Schauerromans, die Schicksalsschläge etwas Kindlich-Primitives, +und nur die innere Größe und Wahrheit reißt +sie empor zum Grandiosen. In Dostojewskis Leben ist +oft der Ansatz Melodram, aber immer wird es zur Tragödie. +Es ist ganz auf Spannung gestellt: in einzelne +Sekunden, ohne Übergang, sind die Entscheidungen komprimiert, +mit zehn oder zwanzig solcher Sekunden der +Ekstase oder des Niedersturzes sein ganzes Schicksal fixiert. +Epileptische Ausbrüche des Lebens – eine Sekunde Ekstase +und ohnmächtiger Zusammenbruch – könnte man +sie nennen. Hinter jeder Ekstase steht schon drohend +die graue Dämmerung des erschlaffenden Gefühls, und +aus langem Gewölk ballt sich behutsam der neue mörderische +Lebensblitz. Jeder Aufschwung ist bezahlt durch +Niedersturz und diese eine Sekunde der Begnadung mit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_104" id="Page_104">104</a><span>] </span></span>vielen hoffnungslosen Stunden des Robots und der Verzweiflung. +Der Ruhm, dieser funkelnde Reif, den ihm +Bjelinski in jener Stunde aufs Haupt drückt, ist auch +gleichzeitig schon der erste Ring einer Fußkette, an der +Dostojewski klirrend sein Leben lang die schwere Kugel +der Arbeit schleppt. Die „Hellen Nächte“, sein erstes +Buch, bleibt auch das letzte, das er als freier Mann einzig +um der schöpferischen Freude willen schuf. Dichten besagt +für ihn von nun ab auch: erwerben, zurückerstatten, +abzahlen, denn jedes Werk, das er seither beginnt, ist vor +der ersten Zeile schon mit Vorschuß verpfändet, das noch +ungeborene Kind in die Sklaverei des Gewerbes verkauft. +Für immer ist er jetzt in das Bagno der Literatur gemauert, +ein Leben lang gellen die verzweifelten Schreie des Eingesperrten +nach Freiheit, aber erst der Tod bricht seine +Ketten. Noch ahnt der Beginner nicht die Qual in der +ersten Lust. Ein paar Novellen sind rasch vollendet, und +schon plant er einen neuen Roman.</p> + +<p>Da hebt das Schicksal warnend den Finger. Er will +nicht, sein wachsamer Dämon, daß ihm das Leben zu +leicht werde. Und damit er es erkennen lerne in allen +seinen Tiefen, sendet ihm der Gott, der ihn liebt, seine +Prüfung.</p> + +<p>Wieder wie damals in der Nacht gellt die Klingel, +Dostojewski öffnet erstaunt, aber diesmal ists nicht die +Stimme des Lebens, ein jubelnder Freund, Botschaft des +Ruhms, sondern Ruf des Todes. Offiziere und Kosaken +dringen in sein Zimmer, der Aufgestörte wird verhaftet, +seine Papiere versiegelt. Vier Monate schmachtet er in +einer Zelle der Sankt-Pauls-Festung, ohne das Verbrechen +zu ahnen, dessen man ihn beschuldigt: Teilnahme an den +Diskussionen einiger aufgeregter Freunde, die man übertrieben +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_105" id="Page_105">105</a><span>] </span></span>die Petraschewskysche Verschwörung genannt hat, ist +sein ganzes Delikt, seine Verhaftung zweifellos ein Mißverständnis. +Dennoch blitzt plötzlich die Verurteilung nieder +zur härtesten Strafe, zum Tode durch Pulver und Blei.</p> + +<p>Wieder drängt sich sein Schicksal in eine neue Sekunde, +die engste und reichste seiner Existenz, eine unendliche +Sekunde, in der sich Tod und Leben die Lippen reichen +zum brennenden Kuß. Im Morgengrauen wird er mit +neun Gefährten aus dem Gefängnis geholt, ein Sterbehemd +ihm umgeworfen, die Glieder an den Pfahl geschnürt und +die Augen verbunden. Er hört sein Todesurteil lesen und +die Trommeln knattern – sein ganzes Schicksal ist zusammengepreßt +in eine Handvoll Erwartung, unendliche +Verzweiflung und unendliche Lebensgier in ein einziges +Molekül Zeit. Da hebt der Offizier die Hand, winkt mit +dem weißen Tuche und verliest die Begnadigung, das +Todesurteil in sibirisches Gefängnis verwandelnd.</p> + +<p>In einen Abgrund ohne Namen stürzt er jetzt hinab aus +seinem ersten jungen Ruhm. Vier Jahre lang umgrenzen +fünfzehnhundert eichene Pfähle seinen ganzen Horizont. +An ihnen zählt er mit Kerben und mit Tränen Tag um +Tag die viermal dreihundertfünfundsechzig Tage ab. Seine +Genossen sind Verbrecher, Diebe und Mörder, seine Arbeit +Alabasterschleifen, Ziegeltragen, Schneeschaufeln. Die +Bibel wird das einzig verstattete Buch, ein räudiger Hund +und ein flügellahmer Adler seine einzigen Freunde. Vier +Jahre weilt er im „Totenhaus“, in der Unterwelt, Schatten +zwischen Schatten, namenlos und vergessen. Als sie ihm +dann die Kette von den wunden Füßen abschmieden und +die Pfähle hinter ihm liegen, eine braune morsche Mauer, +ist er ein anderer: seine Gesundheit zerstört, sein Ruhm +zerstäubt, seine Existenz vernichtet. Nur seine Lebenslust +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_106" id="Page_106">106</a><span>] </span></span>bleibt unversehrt und unversehrbar: heller als je flammt +aus dem schmelzenden Wachs seines zerkneteten Körpers +die heiße Flamme der Ekstase. Ein paar Jahre noch muß +er in Sibirien verbleiben, halbfrei und ohne die Verstattung, +eine Zeile zu veröffentlichen. Dort in der Verbannung, +in bitterster Verzweiflung und Einsamkeit geht er jene +seltsame Ehe mit seiner ersten Frau ein, einer kranken +und eigenartigen, die seine mitleidige Liebe unwillig erwidert. +Irgendeine dunkle Tragödie der Aufopferung ist +in diesem seinen Entschluß für immer der Neugier und +Ehrfurcht verborgen, nur aus einigen Andeutungen in +den „Erniedrigten und Beleidigten“ vermag man den +schweigsamen Heroismus dieser phantastischen Opfertat +zu ahnen.</p> + +<p>Ein Vergessener, kehrt er nach Petersburg zurück. Seine +literarischen Gönner haben ihn fallen gelassen, seine +Freunde sich verloren. Aber mutig und kraftvoll ringt er +sich aus der Welle, die ihn niederwarf, wieder ans Licht. +Seine „Erinnerungen aus dem Totenhause“, diese unvergängliche +Schilderung einer Sträflingszeit, reißen Rußland +aus der Lethargie gleichgültigen Miterlebens. Mit Grauen +entdeckt die ganze Nation, daß ganz atemnah unter der +flachen Schicht ihrer ruhigen Welt eine andere waltet, +ein Purgatorium aller Qualen. Bis in den Kreml empor +schlägt die Flamme der Anklage, der Zar schluchzt über +dem Buche, von tausend Lippen klingt Dostojewskis Name. +In einem einzigen Jahr ist sein Ruhm wieder erbaut, höher +und dauerhafter als je. Gemeinsam mit seinem Bruder +gründet der Auferstandene eine Zeitschrift, die er selbst +fast allein schreibt, dem Dichter gesellt sich der Prediger, +der Politiker, der „<span lang="la" xml:lang="la">Praeceptor Russiae</span>“. Stürmisch tönt +der Widerhall, die Zeitschrift hat weiteste Verbreitung, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_107" id="Page_107">107</a><span>] </span></span>ein Roman wird vollendet, heimtückisch, mit vielen blinzelnden +Blicken lockt ihn das Glück. Dostojewskis Schicksal +scheint für immer gesichert.</p> + +<p>Aber noch einmal sagt der dunkle Wille, der über seinem +Leben waltet: Es ist zu früh. Denn eine irdische Qual ist +ihm noch fremd, die Marter des Exils und die fressende +Angst der täglichen, erbärmlichen Nahrungssorgen. Sibirien +und die Katorga, die grauenhafteste Verzerrung Rußlands, +sie war immerhin noch Heimat gewesen, nun soll +er noch die Sehnsucht des Nomaden nach dem Zelte +kennen lernen um der urmächtigen Liebe zum eigenen +Volk willen. Noch einmal muß er zurück ins Namenlose, +noch tiefer hinab in das Dunkel, ehe er der Dichter, der +Herold seiner Nation sein darf. Wieder zuckt ein Blitz +nieder, eine Sekunde der Vernichtung: die Zeitschrift +wird verboten. Wieder ist es ein Mißverständnis und +gleich mörderisch wie das erste. Und nun fällt, Wetterschlag +auf Wetterschlag, das Grauen mitten in sein Leben. +Seine Frau stirbt, kurz nach ihr sein Bruder und gleichzeitig +sein bester Freund und Helfer. Zweier Familien +Schulden hängen sich bleiern an ihn und krümmen sein +Rückgrat unter unerträglicher Last. Noch wehrt er sich +verzweifelt, arbeitet Tag und Nacht wie im Fieber, schreibt, +redigiert, druckt selbst, nur um Geld zu ersparen, die Ehre, +die Existenz zu retten, aber das Schicksal ist stärker als +er. Wie ein Verbrecher flüchtet er vor seinen Gläubigern +eines Nachts hinaus in die Welt.</p> + +<p>Nun beginnt jene jahrelange ziellose Wanderung durch +das europäische Exil, jene grauenhafte Abschnürung von +Rußland, dem Blutquell seines Lebens, die ärger seine +Seele beengte als die Pfähle der Katorga. Furchtbar ist es +auszudenken, wie der größte russische Dichter, der Genius +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_108" id="Page_108">108</a><span>] </span></span>seiner Generation, der Bote einer Unendlichkeit, mittellos, +heimatlos, ziellos von Land zu Land irrt. Mit Mühe +findet er Herbergen in kleinen niederen Zimmern, die der +Dunst der Armut füllt, der Dämon der Epilepsie krallt +sich an seine Nerven, Schulden, Wechsel, Verpflichtungen +peitschen ihn von Arbeit zu Arbeit, Verlegenheit und +Scham jagt ihn von Stadt zu Stadt. Blinkt ein Strahl Glück +in sein Leben, so schiebt das Schicksal sogleich neue dunkle +Wolken vor. Ein junges Mädchen, seine Stenographin, +war seine zweite Frau geworden, aber das erste Kind, das +sie ihm schenkt, rafft die Entkräftung, die Not des Exils +schon nach wenigen Tagen fort. War Sibirien das Purgatorium, +der Vorhof seines Leidens, so ist Frankreich, +Deutschland, Italien sicherlich seine Hölle. Kaum wagt +man sich diese tragische Existenz zu vergegenwärtigen. +Aber immer in Dresden, wenn ich durch die Straßen gehe, +vorbei an irgendeinem niederen und schmutzigen Haus, +so faßt michs an, ob er da nicht irgendwo wohnte, zwischen +kleinen sächsischen Krämern und Handlangern, oben +im vierten Stock, einsam, unendlich einsam in dieser fremden +Geschäftigkeit. Keiner hat ihn gekannt in all diesen +Jahren. Eine Stunde weit in Naumburg wohnt Friedrich +Nietzsche, der einzige, der ihn verstehen könnte, Richard +Wagner, Hebbel, Flaubert, Gottfried Keller, die Zeitgenossen +sind da, aber er weiß von ihnen nichts und sie +nichts von ihm. Wie ein großes gefährliches Tier, struppig +und in abgetragenen Kleidern, schleicht er aus seiner Arbeitshöhle +scheu auf die Straße, immer den gleichen Weg, +in Dresden, in Genf, in Paris: ins Café, in einen Klub, um +nur russische Zeitungen zu lesen. Rußland will er spüren, +Heimat, den bloßen Anblick der cyrillischen Lettern, den +flüchtigen Atem des heimischen Wortes. Manchmal setzt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_109" id="Page_109">109</a><span>] </span></span>er sich, nicht aus Liebe zur Kunst (ewig blieb er der byzantinische +Barbar, der Bilderstürmer), sondern um sich zu +wärmen, in die Galerie. Er weiß nichts von den Menschen, +die um ihn sind, er haßt sie nur, weil sie nicht Russen sind, +haßt die Deutschen in Deutschland, die Franzosen in +Frankreich. Sein Herz horcht nach Rußland, nur sein +Körper vegetiert teilnahmslos in dieser fremden Welt. Kein +Gespräch, keine Begegnung hat irgendeiner der deutschen, +französischen oder italienischen Dichter bezeugt. Nur im +Bankhaus kennen sie ihn, wo er bleich tagtäglich an den +Schalter kommt und mit vor Erregung zitternder Stimme +fragt, ob nicht endlich der Wechsel aus Rußland gekommen +<ins class="correction" title="sie">sei</ins>, die hundert Rubel, für die er sich tausendfach in Worten +vor niedrigen und fremden Menschen in die Knie gestürzt. +Schon lachen die Angestellten über den armen +Narren und seine ewige Erwartung. Auch im Pfandleihhaus +ist er steter Gast: alles hat er dort versetzt, einmal +sogar seine letzte Hose, um nur ein Telegramm nach +Petersburg senden zu können, einen jener markerschütternden +Schreie, wie sie immer wieder gellend in seinem Briefe +wiederkehren. Das Herz krampft sich zusammen, liest man +die speichelleckerisch, hündisch demütigenden Briefe dieses +Gewaltigen, in denen er um zehn erbetener Rubel willen +fünfmal den Heiland anruft, diese entsetzlichen Briefe, die +keuchen, heulen und winseln für eine erbärmliche Handvoll +Geld. Die Nächte hindurch arbeitet er und schreibt, +während seine Frau nebenan in den Wehen stöhnt, während +die Epilepsie schon die Kralle spannt, ihm das Leben +aus der Kehle zu pressen, während die Hausfrau mit der +Polizei um ihre Miete droht und die Hebamme um ihre +Bezahlung keift – schreibt er „Raskolnikoff“, den „Idioten“, +die „Dämonen“, den „Spieler“, diese monumentalen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_110" id="Page_110">110</a><span>] </span></span>Werke des neunzehnten Jahrhunderts, diese universellen +Gestaltungen unserer ganzen seelischen Welt. Die Arbeit +ist seine Rettung und seine Qual. In ihr lebt er in Rußland, +in der Heimat. In der Ruhe schmachtet er in Europa, +in der Katorga. Immer tiefer stürzt er sich darum in seine +Werke hinein. Sie sind das Elixier, das ihn trunken macht, +sie sind das Spiel, das seine Nerven, die gepeinigten, zu +höchster Lust anspannt. Und zwischendurch zählt er, wie +einst die Pfähle des Zuchthauses, gierig die Tage: Heimkehren +können als Bettler, aber nur heimkehren! Rußland, +Rußland, Rußland ist der ewige Schrei seiner Not. Aber +noch darf er nicht zurück, noch muß er der Namenlose +bleiben um des Werkes willen, der Märtyrer all dieser +fremden Straßen, der einsame Dulder ohne Schrei und +Klage. Noch muß er beim Gewürm des Lebens wohnen, +ehe er aufsteigt in die große Herrlichkeit des ewigen Ruhms. +Schon ist sein Körper ausgehöhlt von den Entbehrungen, +immer häufiger schmettern die Keulenschläge der Krankheit +auf sein Gehirn, daß er tagelang betäubt liegen bleibt, +mit verdunkelten Sinnen, um sich mit erster Kraft taumelnd +wieder an den Schreibtisch zu schleppen. Fünfzig Jahre +ist Dostojewski alt: aber er hat die Qual von Jahrtausenden +erlebt.</p> + +<p>Da sagt endlich, im letzten, drängendsten Augenblick +sein Schicksal: Es ist genug. Gott wendet Hiob wieder +sein Antlitz zu: Mit zweiundfünfzig Jahren darf Dostojewski +wieder zurück nach Rußland. Seine Bücher haben +für ihn geworben, Turgenjeff, Tolstoi sind verschattet. +Rußland blickt nur mehr auf ihn. Das „Tagebuch eines +Schriftstellers“ macht ihn zum Herold seines Volkes, und +mit letzter Kraft und höchster Kunst vollendet er sein +Testament an die Zukunft der Nation: „Die Karamasoff“. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_111" id="Page_111">111</a><span>] </span></span>Und nun entschleiert sein Schicksal endgültig ihm den +Sinn und schenkt dem Geprüften eine Sekunde höchsten +Glücks, die ihm weisen soll, daß der Same seines Lebens +in unendlicher Saat aufgegangen ist. Endlich ist in einem +Augenblick Dostojewskis sein Triumph so zusammengedrängt +wie einst seine Qual, einen Blitz schickt ihm sein +Gott, aber diesmal nicht einen, der ihn niederschlägt, sondern +einen, der ihn wie seine Propheten mit feurigem Wagen +ins Ewige entrückt. Zum hundertsten Geburtstag Puschkins +sind die großen Dichter Rußlands entboten, die Festrede +zu halten. Turgenjeff, der Westler, der Dichter, der +ein Leben lang ihm den Ruhm usurpierte, hat den Vorrang +und spricht unter lauer und freundlicher Zustimmung. +Am nächsten Tag ist das Wort Dostojewski gegeben, und +er faßt es in dämonischer Trunkenheit wie einen Donnerkeil. +Mit Flammen der Ekstase, die aus seiner leisen, heiseren +Stimme plötzlich wie ein Gewitter bricht, verkündet +er die heilige Mission der russischen Allversöhnung, wie +hingemäht stürzen die Zuhörer an seine Knie. Der Saal +erbebt unter der Explosion des Jubels, Frauen küssen ihm +die Hände, ein Student bricht ohnmächtig vor ihm zusammen, +alle anderen Redner verzichten auf das Wort. +Ins Unendliche wächst die Begeisterung und feurig entbrennt +die Glorie über dem Haupt mit der Dornenkrone.</p> + +<p>Dies wollte sein Schicksal noch: in einer glühenden +Minute die Erfüllung seiner Mission, den Triumph des +Werkes zeigen. Dann wirft es – die reine Frucht ist gerettet +– die verdorrte Hülse seines Körpers hin. Am 10. Februar +1881 stirbt Dostojewski. Ein Schauer geht durch +Rußland. Ein Augenblick wortloser Trauer. Aber dann +flutets heran, aus den fernsten Städten reisen gleichzeitig +und doch ohne Vereinbarung Deputationen, ihm die letzte +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_112" id="Page_112">112</a><span>] </span></span>Ehre zu erweisen. Aus allen Winkeln der tausendhäuserigen +Stadt schäumt jetzt – zu spät! zu spät! – die ekstatische +Liebe der Menge heran, alles will den Toten sehen, den +sie ein Leben lang vergessen. Die Schmiedestraße, in der +er aufgebahrt ist, braust schwarz von Menschen, finstere +Massen schwemmen in schauerndem Schweigen die Stiegen +des Arbeiterhauses empor und füllen die engen Räume bis +hart an den Sarg. Nach ein paar Stunden ist der Blumenschmuck +verschwunden, unter den man ihn gebettet, weil +hundert Hände sich einzelne Blüten als kostbare Reliquie +mitnehmen. So stickig wird die Luft des engen Raumes, +daß die Kerzen keine Nahrung mehr haben und verlöschen. +Immer drängender fluten die Massen heran, Welle auf +Welle gegen den Toten. Von ihrem Ansturm schwankt +der Sarg und will hinstürzen: mit den Händen müssen ihn +die Witwe, die erschreckten Kinder aufrecht halten. Der +Polizeipräsident will das öffentliche Leichenbegängnis verbieten, +bei dem die Studenten die Ketten des Sträflings +hinter seinem Sarge zu tragen planen, aber er wagt es +schließlich nicht gegen eine Begeisterung, die sonst mit +Waffen sich die Teilnahme erzwungen hätte. Und bei dem +Leichenzuge wird plötzlich Dostojewskis heiliger Traum +für eine Stunde zum Geschehnis: das einige Rußland. +Wie in seinem Werk durch das bruderselige Gefühl alle +Klassen und Stände Rußlands, so sind die Hunderttausende +hinter dem Sarg durch ihren Schmerz eine einzige Masse; +junge Prinzen, prunkvolle Popen, Arbeiter, die Studenten, +Offiziere, Lakaien und Bettler, sie alle unter einem wehenden +Wald von Fahnen und Bannern klagen mit einer +Stimme um den teuren Toten. Die Kirche, in der man ihn +eingesegnet, ist ein einziger Blumenhain, und vor seinem +offenen Grabe vereinigen sich alle Parteien zu einem Schwur +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_113" id="Page_113">113</a><span>] </span></span>der Liebe und Bewunderung. So schenkt er seiner Nation +mit seiner letzten Stunde einen Augenblick der Versöhnung +und hält mit dämonischer Kraft noch einmal die zur Raserei +gespannten Gegensätze seiner Zeit zusammen. Und +wie ein grandioser Salut für den Toten springt hinter +seinem letzten Weg die furchtbare Mine auf: die Revolution. +Drei Wochen später wird der Zar ermordet, der +Donner des Aufstandes rollt, Blitze der Züchtigung durchzucken +das Land: Wie Beethoven stirbt Dostojewski im +heiligen Aufruhr der Elemente, im Gewitter.</p> +</div> + + +<div> +<h3>SINN SEINES SCHICKSALS</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat noindent"> +<span class="i0">Ein Meister bin ich worden<br /></span> +<span class="i0">Zu tragen Lust und Leid,<br /></span> +<span class="i0">Und meine Lust zu leiden,<br /></span> +<span class="i0">Ward mir zur Seligkeit.</span></p> +<p class="zitat right">Gottfried Keller</p> +</div> + +<p>Ein unaufhörlicher Kampf ist zwischen Dostojewski +und seinem Schicksal, eine Art liebevoller Feindschaft. +Alle Konflikte spitzt es ihm schmerzhaft zu, alle Kontraste +dehnt es ihm zum Zerreißen schmerzhaft auseinander; +es tut ihm weh, das Leben, weil es ihn liebt, und er +liebt es, weil es ihn so stark faßt, denn im Leiden erkennt +dieser Wissendste die stärkste Möglichkeit des Gefühls. +Nie gibt das Schicksal ihn frei, immer knechtet es ihn aufs +neue, um diesen einen gläubigen Menschen sich zum +ewigen Blutzeugen seiner Macht und Herrlichkeit zu erschaffen. +Wie Jakob ringt es mit ihm, die unendliche Nacht +seines Lebens bis zum Morgenrot des Todes und läßt ihn +nicht aus der Umkrampfung, ehe er es nicht gesegnet hat. +Und Dostojewski, der „Gottesknecht“, begreift die Größe +dieser Botschaft und findet höchstes Glück darin, der ewig +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_114" id="Page_114">114</a><span>] </span></span>Bezwungene unendlicher Mächte zu sein. Mit fiebernden +Lippen küßt er sein Kreuz: „Es gibt für den Menschen +kein notwendigeres Gefühl, als sich vor dem Unendlichen +beugen zu können.“ In die Knie gebrochen unter der Last +seines Schicksals, hebt er fromm die Hände und bezeugt +die heilige Größe des Lebens.</p> + +<p>In dieser Leibeigenschaft des Schicksals ist Dostojewski +durch Demut und Erkenntnis der große Überwinder alles +Leidens geworden, der mächtigste Meister und Umwerter +seit den Tagen des Testaments. Nur durch die Gewalttätigkeiten +seines Schicksals ward er selbst gewaltig, und +die Hammerschläge, die auf den Amboß seiner Existenz +fallen, schmieden erst seine innere Kraft. Je tiefer sein +Körper stürzt, desto höher schwingt sich sein Glaube, je +mehr er als Mensch erleidet, um so seliger erkennt er den +Sinn und die Notwendigkeit des Weltleidens. <span lang="la" xml:lang="la">Amor fati</span>, +die hingegebene Liebe zum Schicksal, die Nietzsche als +das fruchtbarste Gesetz des Lebens preist, läßt ihn in jeder +Feindlichkeit nur die Fülle fühlen, jede Heimsuchung als +Heil. Wie Bileam verwandelt jeder Fluch sich dem Auserwählten +zum Segen, jede Erniedrigung in Erhöhung. In +Sibirien, Ketten an den Füßen, verfaßt er einen Hymnus +an den Zaren, der ihn unschuldig zum Tode verurteilt, in +uns unverständlicher Demut küßt er immer wieder die +Hand, die ihn züchtigt; wie Lazarus noch fahl vom Sarge +erstehend, ist er immer bereit, Zeugnis für die Schönheit +des Lebens abzulegen, und aus seinem täglichen Sterben, +aus seinen Krämpfen und epileptischen Zuckungen, noch +Schaum vor dem Munde, rafft er sich auf, den Gott zu +lobpreisen, der ihm diese Prüfung gesandt. Alles Leiden +zeugt in seiner aufgetanen Seele neue Liebe zum Leiden, +unersättlichen, lechzenden flagellantischen Durst nach +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_115" id="Page_115">115</a><span>] </span></span>neuen Märtyrerkronen. Schlägt ihn das Schicksal hart, so +stöhnt er, blutend zusammenstürzend, schon nach neuen +Schlägen. Jeden Blitz, der ihn trifft, fängt er auf und verwandelt, +was ihn verbrennen sollte, in seelisches Feuer und +schöpferische Ekstase.</p> + +<p>Gegen eine solche dämonische Verwandlungskraft des +Erlebnisses verliert das äußere Schicksal gänzlich seine +Herrschaft. Was Strafe und Prüfung scheint, wird dem +Wissenden Hilfe, was den Menschen in die Knie stürzen +soll, richtet den Dichter erst eigentlich auf. Was einen +Schwächeren zermalmt hätte, stählt diesem Ekstatiker nur +die Kraft. Das Jahrhundert, das gern mit Sinnbildern spielt, +gibt eine Probe solcher Doppelwirkung gleichen Erlebnisses. +Einen anderen Dichter unserer Welt, Oscar Wilde, +streift ähnlicher Blitz. Beide stürzen sie, Schriftsteller von +Namen, Adelige von Rang, eines Tages aus der bürgerlichen +Sphäre ihrer Existenz ins Zuchthaus hinab. Aber +der Dichter Wilde wird in dieser Prüfung zermalmt wie +in einem Mörser, der Dichter Dostojewski aus ihr erst geformt +wie Erz in feurigem Tiegel. Denn Wilde, der noch +sozial empfindet, mit dem äußeren Instinkt des Gesellschaftsmenschen, +fühlt sich geschändet durch das bürgerliche +Brandmal, und das Furchtbarste an Erniedrigung wird +ihm jenes Bad in Reading <ins class="correction" title="Goal">Gaol</ins>, wo sein gepflegter Edelmannsleib +in das von zehn anderen Sträflingen schon beschmutzte +Wasser hinab muß. Eine ganz privilegierte +Klasse, die Kultur der Gentlemen, schauert in seinem +Grauen vor der physischen Vermengung mit dem Gemeinen. +Dostojewski, der neue Mensch über allen Ständen, +brennt dieser Gemeinsamkeit entgegen mit schicksalstrunkener +Seele, zum Purgatorium seines Stolzes wird ihm +das gleiche schmutzige Bad. Und in der demütigen Hilfeleistung +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_116" id="Page_116">116</a><span>] </span></span>eines schmierigen Tartaren erlebt er ekstatisch +das christliche Mysterium der Fußwaschung. Wilde, in +dem der Lord den Menschen überlebt, leidet bei den Sträflingen +unter der Furcht, sie möchten ihn für ihresgleichen +nehmen, Dostojewski leidet nur so lange, als Diebe und +Mörder ihm noch die Bruderschaft verweigern, denn er +fühlt jeden Abstand, jede Nicht-Bruderschaft als Makel, +als Unzulänglichkeit seiner Menschlichkeit. Wie Kohle +und Diamant gleiches Element, so ist dies Doppelschicksal +eines und doch ein anderes für diese beiden Dichter. +Wilde ist fertig, wie er aus dem Zuchthaus kommt, Dostojewski +beginnt erst, Wilde verbrennt zur wertlosen Schlacke +in gleicher Glut, die Dostojewski zu funkelnder Härte +formt. Wilde wird gezüchtigt wie ein Knecht, weil er sich +wehrt, Dostojewski triumphiert über sein Schicksal durch +Liebe zu seinem Schicksal.</p> + +<p>Solch ein Umwandler seiner Heimsuchungen ist Dostojewski, +solch ein Umwerter aller Erniedrigungen, daß nur +ein härtestes Schicksal ihm gemäß war. Denn gerade aus +den äußeren Gefahren seiner Existenz hat er die höchsten +inneren Sicherheiten gewonnen, seine Qualen werden ihm +Gewinn, seine Laster Steigerungen, seine Hemmungen +Auftriebe. Sibirien, die Katorga, die Epilepsie, die Armut, +die Spielwut, die Wollüstigkeit, all diese Krisen seiner +Existenz werden durch eine dämonische Umwertungskraft +fruchtbar in seiner Kunst, denn wie die Menschen ihre +kostbarsten Metalle aus den schwärzesten Tiefen der Bergwerke, +zwischen den Gefahren schlagender Wetter, tief +unter der spaziergängerischen Fläche des gesicherten +Lebens, so gewinnt der Künstler seine flammendsten Wahrheiten, +seine letzten Erkenntnisse immer nur aus den gefährlichsten +Abgründen seiner Natur. Künstlerisch gesehen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_117" id="Page_117">117</a><span>] </span></span>eine Tragödie, ist das Leben Dostojewskis moralisch eine +Errungenschaft ohnegleichen, weil Triumph des Menschen +über sein Schicksal, eine Umwertung der äußeren +Existenz durch die innere Magie.</p> + +<p>Ohne Beispiel vor allem der Triumph geistiger Lebenskraft +über einen siechen, gebrestigen Körper. Vergessen +wir nicht, daß Dostojewski ein Kranker war, daß dieses +eherne unvergängliche Werk aus geborstenen hinfälligen +Gliedern, aus zuckenden und glühend flackernden Nerven +gewonnen ist. Mitten durch seinen Körper war gefährlichstes +Leiden gepfählt, ewig gegenwärtiges grauenhaftes +Sinnbild des Todes: die Fallsucht. Dostojewski war Epileptiker +die ganzen dreißig Jahre seiner Künstlerschaft. +Mitten im Werk, auf der Straße, im Gespräch, selbst im +Schlaf krallt sich plötzlich die Hand des „würgenden +Dämons“ um seine Kehle und schmettert ihn so jäh, +Schaum vor dem Munde, zu Boden, daß der überraschte +Körper sich im Falle blutig schlägt. Das nervöse Kind +spürt schon in seltsamen Halluzinationen, in grauenhaften +psychischen Anspannungen das Wetterleuchten der Gefahr, +zum Blitz wird aber „die heilige Krankheit“ erst im +Zuchthaus geschmiedet. Dort preßt sie die ungeheuere +Überspannung der Nerven urmächtig heraus, und wie +jedes Unglück, wie Armut und Entbehrung, bleibt die +Körpernot Dostojewski treu bis in die letzte Stunde. Seltsam +aber: niemals lehnt sich der Gemarterte mit einem +Wort gegen die Prüfung auf. Nie klagt er über sein Gebrechen +wie Beethoven über seine Taubheit, Byron über +seinen verkürzten Fuß, Rousseau über sein Blasenleiden, +ja nirgends ist bezeugt, daß er jemals ernstlich dagegen +Heilung gesucht habe. Getrost darf man das Unwahrscheinliche +als gewiß nehmen, daß er mit jener unendlichen <span lang="la" xml:lang="la">Amor</span> +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_118" id="Page_118">118</a><span>] </span></span><span lang="la" xml:lang="it">fati</span> diese seine Krankheit liebte, als Schicksal liebte wie +jedes seiner Laster und Gefahren. Die Spürsucht des Dichters +bändigt das Leiden des Menschen: Dostojewski wird +Herr seines Leidens, indem er es belauscht. Die äußerste +Gefahr seines Lebens, die Epilepsie, er verwandelt sie in +ein höchstes Geheimnis seiner Kunst: eine nie gekannte +geheimnisvolle Schönheit saugt er aus diesen Zuständen, +die wundervoll in den Augenblicken taumelnden Vorgefühls +gesammelte Ichekstase. In ungeheuerlichster Abbreviatur +ist hier der Tod mitten im Leben erlebt und in +dieser einen Sekunde vor dem jedesmaligen Sterben, die +stärkste, berauschendste Essenz des Seins, die pathologisch +gesteigerte Anspannung des „Sichselbstempfindens“. Wie +ein magisches Symbol bringt ihm das Schicksal immer +wieder seinen intensivsten Lebensaugenblick, die Minute +am Semenowski-Platz ins Blut zurück, als sollte er niemals +den grausigen Kontrast zwischen dem All und dem +Nichts in seinem Gefühl verlernen. Auch hier schnürt +immer Dunkel den Blick, auch hier stürzt wie Wasser aus +übervoller, gebeugter Schale die Seele dem Körper aus, +schon zittert sie mit gespannten Flügeln zu Gott empor, +schon spürt sie überirdisches Licht auf den entkörperten +Schwingen, Strahl und Gnade einer anderen Welt, schon +sinkt die Erde, schon tönen die Sphären – da stürzt ihn +der Donner des Erwachens wieder zerbrochen ins gemeine +Leben hinab. Immer wenn Dostojewski diese eine Minute +beschreibt, das traumhafte Glücksgefühl, das seine unerhörte +Scharfsichtigkeit beobachtend beseelt, wird seine +Stimme leidenschaftlich in Rückerinnerung und der Augenblick +des Grauens zum Hymnus: „Ihr gesunden Menschen, +ihr ahnt nicht,“ predigt er begeistert, „welches +Wonnegefühl den Epileptiker eine Sekunde vor dem Anfall +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_119" id="Page_119">119</a><span>] </span></span>durchdringt. Mohammed erzählt im Koran, er sei im +Paradies gewesen in der kurzen Frist, da sein Krug umstürzte +und das Wasser ausrann, und alle klugen Narrenköpfe +behaupten, er sei ein Lügner und Betrüger. Das ist +aber nicht wahr, er lügt nicht. Sicher war er im Paradies +während eines epileptischen Anfalls, einer Krankheit, an +der er wie ich selber litt. Ich weiß nie, ob diese Wonnesekunde +Stunden dauert, aber glaubt mir, alle Freude des +Lebens möchte ich nicht dafür eintauschen.“</p> + +<p>In dieser glühenden Sekunde geht Dostojewskis Blick +über das Einzelne der Welt hinaus und umfaßt in loderndem +Allgefühl die Unendlichkeit. Aber was er verschweigt, +ist die bittere Züchtigung, mit der er jede dieser krampfhaften +Annäherungen an Gott bezahlt. Ein grauenhafter +Zusammenbruch klirrt die kristallenen Sekunden in reißende +Scherben, mit zerbrochenen Gliedern und stumpfen +Sinnen stürzt er, ein anderer Ikarus, in die irdische Nacht +zurück. Das Gefühl, noch geblendet vom unendlichen +Licht, tastet sich mühsam im Gefängnis des Körpers zurecht, +wie Würmer kriechen die Sinne blind am Boden +des Seins, die eben mit seligen Schwingen Gottes Antlitz +umfingen. Dostojewskis Zustand nach jedem Anfall ist +ein fast idiotisches Dämmern, dessen ganzes Grauen er +sich selbst im Fürsten Myschkin mit flagellantischer Deutlichkeit +ausgemalt hat. Er liegt im Bett mit zerschlagenen, +oft zerstoßenen Gliedern, die Zunge gehorcht nicht dem +Laut, die Hand nicht der Feder, mürrisch und niedergeschlagen +wehrt er sich gegen alle Gemeinschaft. Die Helligkeit +des Gehirns, das tausend Einzelheiten eben in harmonischer +Verkürzung umfaßte, ist zerschellt, er weiß sich +der nächsten Dinge nicht mehr zu erinnern, der Lebensfaden, +der ihn der Umwelt, der ihn seinem Werk verbindet, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_120" id="Page_120">120</a><span>] </span></span>ist zerrissen. Einmal, nach einem Anfall während der +Niederschrift der „Dämonen“, fühlt er mit Grauen, daß ihm +nichts mehr bewußt ist von all den Geschehnissen der +eigenen Erfindung, selbst den Namen des Helden hat er +vergessen. Erst mühsam lebt er sich wieder in die Gestaltung +hinein, treibt die erschlaffenden Visionen mit drängendem +Willen wieder zu voller Glut auf, bis – bis ihn +eben ein neuer Anfall hinschmettert. So, das Grauen der +Fallsucht im Rücken, den bitteren Nachgeschmack des +Todes auf den Lippen, gehetzt von Not und Entbehrung, +sind seine letzten, die gewaltigsten Romane entstanden. +Auf der Kippe zwischen Tod und Wahnsinn, nachtwandlerisch +sicher, steigt sein Schaffen noch gewaltig empor, +und aus diesem ständigen Sterben erwächst dem ewig +Auferstandenen jene dämonische Kraft, das Leben gierig +zu umklammern, um ihm sein Höchstes an Gewalt und +Leidenschaft zu entpressen.</p> + +<p>Dieser Krankheit, diesem dämonischen Verhängnis +dankt Dostojewskis Genie so viel (Mereschkowski hat die +Antithese blendend durchgeführt) als Tolstoi seiner Gesundheit. +Sie hat ihn emporgeschwungen zu konzentrierten +Gefühlszuständen, wie sie dem normalen Empfinden +nicht gegeben sind, hat ihm geheimnisvollen Blick verliehen +in die Unterwelt des Gefühles und die Zwischenreiche +der Seele. Das grandios Doppelgängerische seines Wesens, +dies Wachsein im hitzigsten Traum, das Nachschleichen +des Intellekts in die letzten Labyrinthe des Gefühls, hat +ihn befähigt, zum ersten Male den pathologischen Geschehnissen +ihre Metaphysik zu geben, und voll zu schildern, was +sonst das analytische Skalpell der Wissenschaft nur unvollkommen +am abgestorbenen klinischen Fall ertastet. Wie +Odysseus, der Vielgewanderte, Botschaft vom Hades, so +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_121" id="Page_121">121</a><span>] </span></span>bringt er, der einzig wach Wiederkehrende, peinlichste +Beschreibung aus dem Land der Schatten und Flammen +und bezeugt mit seinem Blut und dem kalten Schauer +seiner Lippen die Existenz ungeahnter Zustände zwischen +Leben und Tod. Dank seiner Krankheit gelingt ihm das +Höchste der Kunst, das Stendhal einmal formulierte, +„<span lang="fr" xml:lang="fr">d'inventer des sensations inédites</span>“, Gefühle, die bei uns +alle im Keim vorhanden sind und nur infolge der kühlen +Klimatik unseres Blutes nicht zu voller Reife kommen, +in voller tropischer Entfaltung darzustellen. Die Feinhörigkeit +des Kranken läßt ihn die letzten Worte der Seele +erlauschen, ehe sie ins Delirium sinkt, die gesteigerte Feinfühligkeit +mißt mit stärkstem Ausschlag die zartesten Vibrationen +der Sinne, und eine mystische Scharfsichtigkeit +in den Sekunden des Vorgefühls zeugt bei ihm seherische +Gabe des zweiten Gesichts, die Magie des Zusammenhangs. +O wunderbare Verwandlung, fruchtbar in allen +Krisen des Herzens! Der Künstler Dostojewski zwingt +sich alle Gefahr in Besitz um, und auch der Mensch gewinnt +nur neue Größe aus neuem Maß. Denn für ihn +bedeuten Glück und Leid, die Endpunkte des Gefühls, +eine ungleich gesteigerte Intensität, er mißt nicht mit den +gemeinen Werten des durchschnittlichen Lebens, sondern +mit den siedenden Graden seiner eigenen Phrenesie. Das +Maximum an Glück, einem andern ist es Genuß einer +Landschaft, Besitz einer Frau, Gefühl der Harmonie, immer +aber durch irdische Zustände verstatteter Besitz. Bei Dostojewski +sind die Siedepunkte des Empfindens schon im +Unerträglichen, im Tödlichen. Sein Glück ist Spasma, +der schäumende Krampf, seine Qual die Zerschmetterung, +der Kollaps, der Zusammenbruch: immer aber blitzartig +komprimierte essentielle Zustände, die im Irdischen keine +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_122" id="Page_122">122</a><span>] </span></span>Dauer haben können, die solche Hitzegrade erreichen, daß +kaum eine Sekunde sie in ihren Händen halten kann und +schmerzhaft sinken lassen muß. Wer im Leben ständig +den Tod erlebt, kennt ein urmächtigeres Grauen als der +Normale, wer die körperlose Schwebe gefühlt, eine höhere +Lust als ein Körper, der nie die harte Erde ließ. Sein Begriff +von Glück meint die Verzückung, sein Begriff von +Qual die Vernichtung. Darum hat auch das Glück +seiner Menschen nichts von einer gesteigerten Heiterkeit, +sondern es flimmert und brennt wie Feuer, es zittert von +verhaltenen Tränen und schwült von Gefahr, es ist ein +unerträglicher, undauerhafter Zustand, ein Leiden mehr +als ein Genießen. Seine Qual wiederum hat etwas, das +den gemeinen Zustand von dumpfer würgender Angst, +von Last und Grauen schon überbrückt hat, eine eiskalte, +beinahe lächelnde Klarheit, eine teuflische Gier der Bitterkeit, +die keine Träne kennt, ein trockenes kollerndes +Lachen und ein dämonisches Grinsen, in dem wiederum +beinahe schon Lust ist. Nie war vor ihm die Gegensätzlichkeit +des Gefühles ähnlich weit aufgerissen, nie die +Welt so schmerzhaft weit gespannt als zwischen diesem +neuen Pol der Ekstase und Zernichtung, die er jenseits +aller gewohnten Maße von Glück und Leiden gestellt hat.</p> + +<p>In dieser Polarität, die ihm das Schicksal aufgeprägt hat, +und nur aus ihr ist Dostojewski zu verstehen. Er ist das +Opfer eines zwiespältigen Lebens und – als leidenschaftlicher +Bejaher seines Schicksals – darum Fanatiker seines +Kontrastes. Die Heißglut seines künstlerischen Temperaments +entsteht einzig aus der fortwährenden Reibung +dieser Gegensätze und, statt sie zu vereinen, reißt der Maßlose +in ihm den eingeborenen Zwiespalt immer weiter auseinander +zu Himmel und Hölle: nie verheilt die klaffende +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_123" id="Page_123">123</a><span>] </span></span>Wunde im brennenden geistigen Fieber des Schaffens. +Dostojewski, der Künstler, ist das vollkommenste Gegensatzprodukt, +der größte Dualist der Kunst und vielleicht der +Menschheit. Symbolisch bringt eins seiner Laster diesen +Urwillen seiner Existenz in sichtbare Form: seine krankhafte +Liebe zum Glücksspiel. Der Knabe schon ist leidenschaftlicher +Kartenspieler, aber erst in Europa lernt er +den Teufelsspiegel seiner Nerven kennen: das <span lang="fr" xml:lang="fr">Rouge et +Noir</span>, das Roulett, dieses in seinem primitiven Dualismus +so grausam gefährliche Spiel. Der grüne Tisch in Baden-Baden, +die Spielbank in Monte Carlo sind seine stärksten +Ekstasen in Europa: mehr als die Sixtinische Madonna, +die Plastiken Michelangelos, die Landschaften des Südens, +Kunst und Kultur aller Welt hypnotisieren sie seinen +Nerv. Denn hier ist Spannung, Entscheidung – Schwarz +oder Rot, gerad oder ungerad, Glück oder Vernichtung, Gewinn +oder Verlust – in eine einzige Sekunde des rollenden +Rades gepreßt, Spannung konzentriert zu jener schmerzhaft-lustvollen +Blitzform des springenden Gegensatzes, +die einzig seinem Charakter entspricht. Die sanften Übergänge, +die Ausgleiche, die matten Steigerungen sind seiner +fiebrischen Ungeduld unerträglich, er mag nicht Geld +verdienen auf deutsche, auf „Wurstmacherart“, durch +Umsicht, Sparsamkeit und Berechnung, ihn reizt der Zufall, +die Hingabe an das Ganze. Die Form seines äußern +Schicksals ahmt vor dem grünen Tische der Wille in steter +Herausforderung bewußt-unbewußt nach: die Abbreviatur +der Entscheidungen in eine einzige Sekunde, die zur Spitze +geschärfte Sensation, die ihre glühende Nadel tief in den +Nerv bohrt, geheimnisvoll ähnlich der Sekunde im Vorgefühl +und Niederbruch des epileptischen Blitzes, und +jener unvergeßlichen Sekunde vom Semenowski-Platz. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_124" id="Page_124">124</a><span>] </span></span>Wie das Schicksal mit ihm spielte, so spielt er nun mit +dem Schicksal: er reizt den Zufall zu künstlichen Spannungen, +und gerade wenn er gesichert ist, wirft er immer +mit zitternder Hand seine ganze Existenz auf den grünen +Tisch. Dostojewski ist nicht Spieler aus Geldhunger, sondern +aus unerhörtem „unanständigem“, aus Karamasoffschem +Lebensdurst, der alles in den stärksten Essenzen will, +aus krankhafter Sehnsucht nach Schwindligkeit, aus jenem +„Turmgefühl“, der Lust, sich über den Abgrund zu beugen. +Denn er liebt den Abgrund, die Tiefe des Lebens, das +Dämonische des Zufalls, er liebt in fanatischer Demut die +Mächte, die stärker sind als seine Eigenmacht, und lockt mit +ewiger Reizung immer wieder ihren mörderischen Blitz +auf sein Haupt. Dostojewski provoziert im Glücksspiel +das Schicksal: was er einsetzt, ist nicht Geld und immer +sein letztes Geld, sondern damit seine ganze Existenz; +was er ihm abgewinnt, ist äußerster Nervenrausch, tödliche +Schauer, Urangst, das dämonische Weltgefühl. Selbst +im goldenen Gift hat Dostojewski nur neuen Durst nach +dem Göttlichen getrunken.</p> + +<p>Selbstverständlich, daß er diese Leidenschaft wie jede +andere über alles Maß hinaus bis zum Äußersten, bis hinein +in das Laster trieb. Haltzumachen, Vorsicht, Bedenklichkeit +waren diesem Titanentemperament fremd: +„Überall und in allem mein ganzes Leben lang habe ich +die Grenze überschritten.“ Und dies, Grenzen zu überschreiten, +ist künstlerisch seine Größe wie menschlich +seine Gefahr: er macht nicht halt vor den Zäunen der bürgerlichen +Moral, und niemand weiß genau zu sagen, wie +weit sein Leben die juridische Grenze überschritten hat, +wieviel von den verbrecherischen Instinkten seiner Helden +in ihm selbst Tat geworden ist. Einzelnes ist bezeugt, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_125" id="Page_125">125</a><span>] </span></span>doch wohl das Geringere nur. Als Kind hat er betrogen +im Kartenspiel, und wie sein tragischer Narr Marmeladow +in „Schuld und Sühne“ aus Gier nach Branntwein die +Strümpfe seiner Frau, so stiehlt auch Dostojewski der seinen +Geld und ein Kleid aus dem Schrank, um es im Roulett +zu verspielen. Wie weit seine sinnlichen Ausschweifungen +aus den „Kellerjahren“ ins Perverse hinüberzittern, wieviel +von den „Spinnen der Wollust“ Swidrigailow, Stawrogin +und Fedor Karamasow sich auch bei ihm in sexuellen +Verstörungen auslebte, wagen die Biographen nicht zu erörtern. +Seine Neigungen und Perversitäten, auch sie wurzeln +jedenfalls in der geheimnisvollen Kontrastgier von +Verderbtheit und Unschuld, aber es ist nicht wesenhaft, +diese Legenden und Konjekturen (so deutsam sie sind) zu +erörtern. Wichtig ist nur, nicht zu verkennen, daß dem +Heiland, dem Heiligen, dem Aljoscha in Dostojewski-Karamasow +der Gegenspieler des Wollüstlings, des überreizten +Sexualmenschen, der schmutzige Fedor im Blute +verschwistert war.</p> + +<p>Nur dies ist gewiß: Dostojewski war auch in seiner Sinnlichkeit +Überschreiter des bürgerlichen Maßes und dies nicht +im linden Sinn Goethes, der einst in dem berühmten Worte +sagte, daß er die Anlagen zu allen Schändlichkeiten und Verbrechen +lebendig in sich empfände. Denn Goethes ganze gewaltige +Entwicklung bedeutet nichts als eine einzige, ungeheuere +Anstrengung, diese gefährlich wuchernden Keime +in sich auszuroden. Der Olympier will zur Harmonie, seine +höchste Sehnsucht ist Zerstörung alles Gegensatzes, Erkältung +des Blutes, die ruhevolle Schwebe der Kräfte. Er verschneidet +die Sinnlichkeit in sich, er rottet unter stärksten +Blutverlusten für seine Kunst alle gefährlichen Keime allmählich +um der Sittlichkeit willen aus, allerdings mit dem +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_126" id="Page_126">126</a><span>] </span></span>Gemeinen auch viel von seiner Kraft vernichtend. Dostojewski +aber, leidenschaftlich in seinem Dualismus wie in +allem, was ihm vom Leben zugefallen, will nicht empor +zur Harmonie, die für ihn Starre ist, er bindet nicht seine +Gegensätze ins Göttlich-Harmonische, sondern spannt sie +auseinander zu Gott und Teufel und hat dazwischen die +Welt. Er will unendliches Leben. Und Leben ist ihm +einzig elektrische Entladung zwischen den Polen des +Kontrastes. Was Keim in ihm war, das Gute und das +Schlechte, das Gefährliche und das Fördernde, muß empor, +alles wird an seiner tropischen Leidenschaft Blüte und +Frucht. Wild läßt er sein Laster aufwuchern, ungehemmt +seine Instinkte, selbst die verbrecherischen, hinein ins +Leben jagen. Er liebt seine Laster, seine Krankheit, das +Spiel, seine Bosheit und selbst die Wollust, weil sie eine +Metaphysik des Fleisches ist, ein Wille des Genusses ins +Unendliche hinein. Goethe will zum Antikisch-Apollinischen, +Dostojewski zum Bacchantischen. Er will nicht +Olympier, nicht gottähnlich, sondern nur starker Mensch +sein. Seine Moral geht nicht auf Klassizität, auf eine +Norm, sondern einzig auf Intensität. Richtig leben heißt +für ihn: stark leben und alles leben, beides zugleich, das +Gute und das Schlechte, und beides in seinen stärksten, +berauschendsten Formen. Deshalb hat Dostojewski nie +eine Norm gesucht, sondern immer nur die Fülle. Neben +ihm steht Tolstoi inmitten seines Werkes beunruhigt auf, +hält inne, läßt die Kunst und quält sich ein Leben lang, +was gut sei, was böse, ob er richtig lebe oder falsch. Tolstois +Leben ist darum didaktisch, ein Lehrbuch, ein Pamphlet, +das Dostojewskis ein Kunstwerk, eine Tragödie, ein +Schicksal. Er handelt nicht zweckmäßig, nicht bewußt, +er prüft sich nicht, er verstärkt sich nur. Tolstoi klagt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_127" id="Page_127">127</a><span>] </span></span>sich aller Todsünden an, laut und vor allem Volke. Dostojewski +schweigt, aber sein Schweigen sagt mehr von Sodom, +als alle Anklagen Tolstois. Dostojewski will sich +nicht beurteilen, nicht verändern, nicht verbessern, nur +immer eines: sich verstärken. Gegen das Böse, gegen das +Gefährliche seiner Natur leistet er keinen Widerstand, im +Gegenteil, er liebt seine Gefahr als Antrieb, er vergöttert +seine Schuld um der Reue willen, seinen Stolz für die Demut. +Kindlich wäre es darum, das Dämonische seines +Wesens zu verschweigen (das dem Göttlichen so nahe verschwistert +ist), ihn moralisch zu „entschuldigen“ und für +die kleine Harmonie des bürgerlichen Maßes zu retten, +was die elementare Schönheit des Maßlosen hat.</p> + +<p>Wer den Karamasoff schuf, die Gestalt des Studenten +aus der „Jugend“, den Stawrogin der „Dämonen“, den +Swidrigailow des „Raskolnikoff“, diese Fanatiker des +Fleisches, diese großen Besessenen der Wollust, diese wissenden +Meister der Unzucht, dem waren im Leben auch die +niedrigsten Formen der Sinnlichkeit persönlich bewußt, +denn eine geistige Liebe zur Ausschweifung ist vonnöten, +um diesen Gestalten ihre grausame Realität zu geben. Seine +unvergleichliche Reizbarkeit kannte die Erotik in ihrem +doppelten Sinn, kannte die der fleischlichen Trunkenheit, +wo sie in den Schlamm taumelt und Unzucht wird, bis zu +ihren feinsten geistigen Abstiegen, wo sie zur Bosheit, +zum Verbrechen erstarrt, er kannte sie unter allen ihren +Masken, und mit wissendstem Blick lächelt er in ihre +Raserei. Und er kennt sie in ihren edelsten Formen, wo +die Liebe fleischlos wird, Mitleid, seliges Erbarmen, Weltbruderschaft +und stürzende Träne. All diese geheimnisvollen +Essenzen waren in ihm und nicht nur in flüchtigen +chemischen Spuren, wie bei jedem wahrhaften Dichter, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_128" id="Page_128">128</a><span>] </span></span>sondern in den reinsten, kräftigsten Extrakten. Mit sexueller +Erregung und einer fühlbaren Vibration der Sinne +ist jede Ausschweifung bei ihm geschildert und vieles wohl +mit Lust erlebt. Damit meine ich aber nicht (Blutfremde +mögen es so verstehen), daß Dostojewski ein Wüstling +war, einer, der sich freute am Fleischlichen, ein Lebemann. +Er war nur lustsüchtig, wie er qualsüchtig war, ein +Leibeigener des Triebes, Sklave einer herrischen geistigen +und körperlichen Neugier, die ihn mit Ruten ins Gefährliche +hineinpeitschte, ins Dornendickicht der abseitigen +Wege. Seine Lust, auch sie ist nicht banales Genießen, +sondern Spiel und Einsatz der ganzen sinnlichen Lebenskraft, +das immer wieder und wieder Empfindenwollen der +geheimnisvollen gewitterigen Schwüle der Epilepsie, Konzentration +des Gefühles in ein paar gespannte Sekunden +gefährlicher Vorlust und dann der dumpfe Niedersturz +in die Reue. Er liebt in der Lust nur das Flimmern von +Gefahr, das Spiel der Nerven, dies Naturhafte innerhalb +des eigenen Körpers, er sucht in einer seltsamen Mischung +von Bewußtheit und dumpfer Scham in jeder Lust das +Gegenspiel, den Bodensatz der Reue, in der Schändung +die Unschuld, im Verbrechen die Gefahr. Dostojewskis +Sinnlichkeit ist ein Labyrinth, in dem sich alle Wege +verschlingen, Gott und das Tier sind nachbarlich in +einem Fleische, und man verstehe in diesem Sinn das +Symbol der Karamasoff, daß Aljoscha, der Engel, der +Heilige gerade der Sohn Fedors, der grausamen „Spinne +der Wollust“ ist. Wollust zeugt die Reinheit, das Verbrechen +die Größe, Lust das Leiden und das Leiden wieder +Lust. Ewig berühren sich die Gegensätze: zwischen +Himmel und Hölle, Gott und Teufel spannt sich seine +Welt.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_129" id="Page_129">129</a><span>] </span></span>Grenzenlose, restlose wissend-wehrlose Hingabe an sein +zwiespältiges Schicksal, <span lang="la" xml:lang="la">amor fati</span> ist darum Dostojewskis +letztes und einziges Geheimnis, der schöpferische Feuerquell +seiner Ekstase. Eben weil das Leben ihm so gewaltig zugemessen +war, weil es ihm Unermeßlichkeiten des Gefühles im +Leiden auftat, hat er das grausam-gütige, göttlich-unverständliche, +ewig unerlernbare, ewig mystische Leben geliebt. +Denn sein Maß ist die Fülle, die Unendlichkeit. Nie wollte +er seinen Lebensgang milderen Wellenschlags, einzig sich +selbst noch konzentrierter, intensiver, und darum biegt er nie +inneren und äußeren Gefahren aus, sind sie doch Möglichkeiten +der Sensation, Entzündungen des Nervs. Was Keim +war in ihm, Keim des Guten und des Bösen, jede Leidenschaft, +jedes Laster hat er aufgesteigert durch Begeisterung +und Selbstekstase, nichts ausgerodet an Gefahr in seinem +wissenden Blut. Restlos gibt sich der Spieler in ihm als +Einsatz an das leidenschaftliche Spiel der Mächte, denn +nur im Rollen von Schwarz und Rot, Tod oder Leben, +spürt er taumlig-süß die ganze Wollust seiner Existenz. +„Du hast mich hineingestellt, du wirst mich wieder hinausführen“, +ist mit Goethe seine Antwort an die Natur. +„<span lang="fr" xml:lang="fr">Corriger la fortune</span>“, das Schicksal zu verbessern, auszubiegen, +abzuschwächen, fällt ihm nicht bei. Nie sucht +er Vollendung, Abschluß, Ende in einer Ruhe, nur Steigerung +des Lebens im Leiden, immer höher lizitiert er sein +Gefühl zu neuen Spannungen, denn nicht sich will er gewinnen, +sondern die höchste Summe des Gefühls. Er will +nicht wie Goethe zum Kristall erstarren, kalt mit hundert +Flächen das bewegte Chaos spiegelnd, sondern Flamme +bleiben, selbstzerstörend, täglich sich vernichtend, um täglich +sich neu aufzubauen, ewig sich wiederholend, aber immer +mit gesteigerter Kraft und aus gespannterem Gegensatz. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_130" id="Page_130">130</a><span>] </span></span>Er will nicht das Leben meistern, sondern das Leben fühlen. +Nicht der Herr sein, sondern der fanatische Leibeigene +seines Schicksals. Und nur so, als der „Gottesknecht“, der +Hingebendste aller, konnte er der Wissendste alles Menschlichen +werden.</p> + +<p>Dostojewski hat die Herrschaft über sein Schicksal an +das Schicksal zurückgegeben: dadurch wird sein Leben +gewaltig über die zufällige Zeit. Er ist der dämonische +Mensch, untertan den ewigen Mächten, und in seiner Gestalt +ersteht mitten im klaren dokumentarischen Licht +unserer Epoche noch einmal der schon vergangen geglaubte +Dichter mystischer Zeiten, der Seher, der große Rasende, +der Schicksalsmensch. Etwas Urzeitliches und Heroisches +liegt in dieser titanischen Gestalt. Steigen die anderen literarischen +Werke wie beblümte Berge aus den Niederungen +der Zeit, Zeugen einer gestaltenden Urkraft zwar +noch, aber schon gesänftigt in Dauer und zugänglich +selbst in ihren Höhen, wo sie mit weißer Schneekrone +ins Unendliche reichen, so scheint die Kuppe seiner +Schöpfung, phantastisch und grau, ein vulkanisches unfruchtbares +Gestein. Aber aus dem Krater seiner zerrissenen +Brust reicht Glut bis zum untersten feurig-flüssigen +Kern unserer Welt: hier sind noch Zusammenhänge mit +aller Anfänge Anfang, mit dem Elementaren der Urkraft, +und schaudernd spüren wir in seinem Schicksal und Werk +die geheimnisvolle Tiefe aller Menschlichkeit.</p> +</div> + + +<div> +<h3>DIE MENSCHEN DOSTOJEWSKIS</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„O glaubet nicht an die Einheit des Menschen.“</p> +<p class="zitat right">Dostojewski</p> +</div> + +<p>Vulkanisch er selbst, vulkanisch darum seine Helden, +denn jeder Mensch bezeugt im letzten nur den Gott, der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_131" id="Page_131">131</a><span>] </span></span>ihn erschuf. Sie sind nicht friedlich eingeordnet in unsere +Welt, überall reichen sie mit ihrem Empfinden bis zu den +Urproblemen hinab. Der moderne Nervenmensch in ihnen +ist gepaart dem Wesen des Anfangs, das nichts vom Leben +weiß als seine Leidenschaft, und mit den letzten Erkenntnissen +stammeln sie gleichzeitig die ersten Fragen der +Welt. Ihre Formen sind noch nicht ausgekühlt, ihr Gestein +nicht geschichtet, ihre Physiognomien nicht geglättet. +Ewig unvollendet sind sie und darum doppelt lebendig. +Denn der vollendete Mensch ist ja gleichzeitig schon der +abgeschlossene, und bei Dostojewski drängt alles ins Unendliche +hinaus. Ihm erscheinen Menschen nur insolange +als Helden und künstlerisch gestaltungswert, als sie mit +sich entzweit sind, problematische Naturen: die Vollendeten, +die Ausgereiften schüttelt er von sich ab wie der Baum +seine Frucht. Dostojewski liebt seine Menschen nur, solange +sie leiden, solange sie die gesteigerte, zwiespältige +Form seines eigenen Lebens haben, solange sie Chaos sind, +das sich in Schicksal verwandeln will.</p> + +<p>Stellen wir seine Helden vor ein anderes Bild, um sie in +ihrer wundervollen Sonderheit besser zu verstehen. Vergleichen +wir. Rufen wir einen Helden Balzacs als den +Typus französischen Romans in uns auf, so entsteht unbewußt +eine Vorstellung von Geradlinigkeit, Umgrenztheit +und innerer Geschlossenheit. Ein Begriff, deutlich wie +eine geometrische Figur und gesetzvoll wie sie. Alle Menschen +Balzacs sind aus einer einzigen, durch die seelische +Chemie genau bestimmbaren Substanz gefertigt. Sie sind +Elemente und haben alle wesenhaften Eigenschaften eines +solchen, also auch typische Formen der Reaktion im Moralischen +und Psychischen. Sie sind kaum Menschen mehr, +sondern beinahe schon menschgewordene Eigenschaft, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_132" id="Page_132">132</a><span>] </span></span>Präzisionsmaschinen einer Leidenschaft. Für jeden Namen +kann man bei Balzac als Korrelat eine Eigenschaft setzen: +Rastignac ist gleich Ehrgeiz, Goriot ist gleich Aufopferung, +Vautrin ist gleich Anarchie. In jedem dieser Menschen +hat eine dominierende Triebkraft alle anderen inneren +Kräfte an sich gerissen und in die Richtung des zentralen +Lebenswillens gedrängt. Sie sind charakterologisch klassifizierbar, +diese Helden, denn eine einzige Feder des Antriebs ist +ihrer Seele eingebaut, die sie mit einem bestimmten Maß +von Energie durch die menschliche Gesellschaft treibt: +wie ein Geschoß schleudert sie jeden dieser Jünglinge mitten +ins Leben hinein. Im höchsten Sinn wäre man versucht, +sie Automaten zu nennen um der Präzision willen, +mit der sie auf jeden einzelnen Lebensreiz reagieren, und +wirklich wie eine Maschine sind sie in ihrer Kraftleistung +und ihrem Widerstand für den technischen Kenner berechenbar. +Ist man in Balzac einigermaßen eingelesen, so +kann man die Antwort des Charakters auf die Tatsache +so berechnen, wie die Parabel eines Steinwurfes aus der +Stärke ihres Schwunges und der Schwere des Steins. Grandet, +der Harpagon, wird in dem Maße geiziger werden, +als seine Tochter opferwillig und heroisch. Und man weiß +von Goriot schon zu den Zeiten, da er noch in leidlichem +Wohlstand lebt und seine Perücke sorgfältig gepudert ist, +daß er einmal seine Weste für die Töchter verkaufen wird +und das Silbergeschirr zerbrechen, seinen letzten Besitz. +Er muß notwendigerweise so handeln aus der Einheit seiner +Charakteranlage, aus dem Trieb, den sein irdisches +Fleisch nur unvollkommen mit einer menschlichen Form +umkleidet. Die Charaktere Balzacs (und ebenso Victor +Hugos, Scotts, Dickens') sind alle primitiv, einfarbig, zielstrebig. +Sie sind Einheiten und darum meßbar auf der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_133" id="Page_133">133</a><span>] </span></span>Wagschale der Moral. Vielfarbig und tausendgestaltig ist +in jenem geistigen Kosmos nur der Zufall, dem sie begegnen. +Bei jenen Epikern ist das Erlebnis vielfältig, der Mensch +die Einheit, und der Roman selbst der Kampf um die +Macht gegen die irdischen Mächte. Die Helden Balzacs +und des ganzen französischen Romans sind entweder stärker +oder schwächer als der Widerstand der Gesellschaft. +Sie bezwingen das Leben, oder sie kommen unter das Rad.</p> + +<p>Der Held des deutschen Romans, als dessen Typus +Wilhelm Meister oder der Grüne Heinrich gedacht sei, +ist nicht dermaßen seiner Grundrichtung gewiß. Er hat +viele Stimmen in sich, er ist psychologisch differenziert, ist +seelisch polyphon. Das Gute und das Böse, das Starke und +das Schwache fließen wirr in seiner Seele durcheinander: +sein Anbeginn ist Verwirrung, und die Nebel der Frühe +umwölken ihm den reinen Blick. Er spürt Kräfte in sich, +aber noch ungesammelt, noch in Widerstreit, er ist ohne +Harmonie, aber doch beseelt vom Willen zur Einheit. Das +deutsche Genie zielt nun im letzten Sinne immer auf Ordnung. +Und alle Entwicklungsromane entwickeln nichts +anderes in diesen deutschen Helden als die Persönlichkeit. +Die Kräfte werden gesammelt, der Mensch zum deutschen +Ideal, zur Tüchtigkeit erhoben, „im Strom der Welt bildet +sich“ nach Goethes Wort „der Charakter“. Die vom Leben +durcheinandergeschüttelten Elemente klären sich in der +errungenen Ruhe zum Kristall, aus den Lehrjahren tritt +der Meister, und vom letzten Blatt all dieser Bücher, aus +dem Grünen Heinrich, dem Hyperion, dem Wilhelm +Meister, dem Ofterdingen blickt ein klares Auge tatkräftig +in eine klare Welt. Das Leben versöhnt sich dem Ideal; +nicht mehr verschwenderisch wirr, sondern zu höchstem +Ziel gespart wirken die nun geordneten Kräfte. Die Helden +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_134" id="Page_134">134</a><span>] </span></span>Goethes und aller Deutschen verwirklichen sich zu ihrer +höchsten Form, sie werden werktätig und tüchtig: sie erlernen +an Erfahrungen das Leben.</p> + +<p>Die Helden Dostojewskis suchen aber und finden überhaupt +kein Verhältnis zum wirklichen Leben: das ist ihre +Sonderheit. Sie wollen gar nicht in die Realität hinein, +sondern von allem Anfang an über sie hinaus, ins Unendliche. +Ihr Schicksal existiert für sie nicht in einem äußern, +sondern nur in einem innern Sinn. Ihr Reich ist nicht von +dieser Welt. All die Scheinformen von Werten, Titel, +Macht und Geld, aller sichtbarer Besitz hat für sie Wert +weder als Zweck, wie bei Balzac, noch als Mittel, wie bei +den Deutschen. Sie wollen sich in dieser Welt gar nicht +durchsetzen, nicht behaupten und nicht ordnen. Sie sparen +nicht mit sich, sondern sie verschwenden sich, sie rechnen +nicht und bleiben ewig unberechenbar. Das Untüchtige ihres +Wesens läßt sie zuerst als müßige und phantastische Träumer +erscheinen, aber ihr Blick scheint nur leer, weil er nicht +nach außen starrt, er zielt mit Glut und Feuer immer nur +zurück in sich selbst, in die eigene Existenz. Der russische +Mensch geht auf das Ganze. Sich selbst wollen sie fühlen +und das Leben, aber nicht dessen Schatten und Spiegelbild, +die äußere Realität, sondern das große mystische Elementare, +die kosmische Macht, das Existenzgefühl. Wo immer +man tiefer sich eingräbt ins Werk Dostojewskis, überall +rauscht als unterste Quelle dieser ganz primitive, fast vegetative +fanatische Lebensdrang, das Existenzgefühl, dies +ganz urhafte Gelüst, das nicht Glück will oder Leid, die +schon Einzelformen des Lebens sind, Wertungen, Unterscheidungen, +sondern die ganz einheitliche Lust, wie man +sie beim Atmen fühlt. Vom Urquell wollen sie trinken, +nicht aus den Brunnen der Städte und Straßen, die Ewigkeit, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_135" id="Page_135">135</a><span>] </span></span>die Unendlichkeit in sich fühlen und die Zeitlichkeit +abtun. Sie kennen nur eine ewige, keine soziale Welt. Sie +wollen das Leben weder erlernen, noch bezwingen, gleichsam +nackt wollen sie es bloß fühlen und fühlen als Ekstase +der Existenz.</p> + +<p>Weltfremd aus Weltliebe, unwirklich aus Leidenschaft +zur Wirklichkeit, muten Dostojewskis Gestalten vorerst +etwas einfältig an. Sie haben keine Richtung geradeaus, +kein sichtbares Ziel: wie Blinde taumeln und tappen diese +doch erwachsenen Menschen in der Welt herum oder wie +Trunkene. Sie bleiben stehen, sehen sich um, fragen alle +Fragen und rennen ohne Antwort weiter ins Unbekannte: +ganz frisch scheinen sie in unsere Welt eingetreten und +ihr noch nicht eingewöhnt. Und man versteht diese Menschen +Dostojewskis kaum, bedenkt man nicht, daß sie Russen +sind, Kinder eines Volkes, das aus einer jahrtausendalten +barbarischen Unbewußtheit mitten in unsere europäische +Kultur hineingestürzt ist. Von der alten Kultur, vom +Patriarchalischen losgerissen, der neuen noch nicht vertraut, +stehen sie in der Mitte, alle an einem Wegkreuz, und die +Unsicherheit jedes einzelnen ist die eines ganzen Volkes. +Wir Europäer wohnen in unserer alten Tradition wie in +einem warmen Haus. Der Russe des neunzehnten Jahrhunderts, +der Dostojewski-Zeit, hat hinter sich die Holzhütte +der barbarischen Vorzeit verbrannt, aber sein neues +Haus noch nicht gebaut. Entwurzelte, Richtungslose sind +sie alle. Sie haben die Kraft ihrer Jugend, die Kraft der +Barbaren noch in den Fäusten, aber der Instinkt ist verwirrt +von der Tausendfalt der Probleme: die Hände voll +Stärke, wissen sie nicht, was zuerst anfassen. Und so greifen +sie nach allem und haben nie genug. Man fühle hier +die Tragik jedes einzelnen Dostojewski-Menschen, jedes +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_136" id="Page_136">136</a><span>] </span></span>einzelnen Zwiespalt und Hemmung aus dem Schicksal des +ganzen Volkes. Dieses Rußland um die Mitte des neunzehnten +Jahrhunderts weiß nicht wohin: nach Westen +oder nach Osten, nach Europa oder nach Asien, nach +Petersburg, der „künstlichen Stadt“, in die Kultur oder +zurück auf das Bauerngut, in die Steppe. Turgenjew stößt +sie nach vorne, Tolstoi stößt sie zurück. Alles ist Unruhe. +Der Zarismus steht unvermittelt gegenüber einer kommunistischen +Anarchie, die Rechtgläubigkeit, die altererbte, +springt quer über in einen fanatischen und rasenden Atheismus. +Nichts steht fest, nichts hat seinen Wert, sein Maß +in dieser Zeit: die Sterne des Glaubens brennen nicht +mehr über ihren Häuptern und das Gesetz längst nicht +mehr in ihrer Brust. Entwurzelte einer großen Tradition, +sind die Dostojewski-Menschen echte Russen, Übergangsmenschen, +das Chaos des Anfangs im Herzen, beladen mit +Hemmungen und Ungewißheiten. Immer sind sie verschreckt +und verschüchtert, immer fühlen sie sich erniedrigt +und beleidigt, und dies alles aus dem einzigen Urgefühl +der Nation: daß sie nicht wissen, wer sie sind. Daß sie +nicht wissen, ob sie viel sind oder wenig. Ewig stehen sie +auf der Kippe von Stolz oder Zerknirschung, von Selbstüberschätzung +und Selbstverachtung, ewig blicken sie sich +um nach den anderen, und alle sind sie verzehrt von der +rasenden Angst, lächerlich zu sein. Unablässig schämen sie +sich, bald eines abgetragenen Pelzkragens, bald ihrer ganzen +Nation, aber immer schämen, schämen sie sich, sind sie beunruhigt, +verwirrt. Ihr Gefühl, ihr übermächtiges, hat keinen +Halt, keinen Führer, kein einziger hat ein Maß, ein +Gesetz, den Halt einer Tradition, die Krücke einer ererbten +Weltanschauung. Alle sind sie Maßlose und Ratlose +in einer unbekannten Welt. Keine Frage ist für sie beantwortet, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_137" id="Page_137">137</a><span>] </span></span>kein Weg geebnet. Menschen des Übergangs, +Menschen des Anfangs sind sie alle. Jeder ein Cortes: hinter +sich verbrannte Brücken, vor sich das Unbekannte.</p> + +<p>Aber dies ist das Wunderbare: daß, weil sie Menschen +eines Anfangs sind, in jedem einzelnen noch einmal die +Welt beginnt. Daß alle Fragen, die bei uns schon zu kalten +Begriffen erstarrt sind, ihnen noch im Blute glühen. +Daß unsere bequemen ausgetretenen Wege mit ihren +moralischen Geländern und ethischen Wegweisern ihnen +nicht bekannt sind: immer und überall gehen sie durchs +Dickicht ins Grenzenlose, ins Unendliche hinein. Nirgends +Kirchtürme der Gewißheit, Brücken der Zuversicht: alles +heilige Urwelt. Jeder einzelne fühlt so wie das Rußland +Lenins und Trotzkis, daß er die ganze Weltordnung neu +aufbauen müsse, und das ist der unbeschreibliche Wert des +russischen Menschen für Europa, das in seiner Kultur verkrustete, +daß hier eine unverbrauchte Neugier noch einmal +alle Fragen des Lebens an die Unendlichkeit stellt. Daß, +wo wir träge wurden in unserer Bildung, andere noch glühend +sind. Jeder einzelne revidiert bei Dostojewski noch +einmal alle Probleme, rückt sich selbst mit blutenden +Händen die Grenzsteine von Gut und Böse, jeder einzelne +schafft sich sein Chaos wieder um zur Welt. Jeder einzelne +ist bei ihm Diener, Verkünder des neuen Christus, Märtyrer +und Verkünder eines dritten Reiches. Noch ist das +Chaos des Anfangs in ihnen, aber auch Dämmern des +ersten Tages, der das Licht auf Erden schuf, und schon +Ahnung des sechsten, der den neuen Menschen schafft. +Seine Helden sind Wegebauer einer neuen Welt: der +Roman Dostojewskis ist der Mythos des neuen Menschen +und seiner Geburt aus dem Schoße der russischen +Seele.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_138" id="Page_138">138</a><span>] </span></span>Ein Mythos und besonders ein nationaler aber will Gläubigkeit. +Man versuche darum nicht, diese Menschen durch das +kristallene Medium der Vernunft zu erfassen. Nur Gefühl, +das allein brüderliche, kann sie verstehen. Dem <span lang="en" xml:lang="en">common +sense</span>, dem Engländer, dem Amerikaner, dem praktischen +Menschen müssen die vier Karamasoffs als vier verschiedene +Narren erscheinen, als Tollhaus die ganze tragische +Welt Dostojewskis. Denn was sonst Alpha und Omega +der gesunden simplen, irdischen Natur war und ewig sein +wird, scheint ihnen das Gleichgültigste auf Erden, nämlich: +Glücklichsein. Schlagt sie auf, die fünfzigtausend Bücher, +die Europa alljährlich produziert, wovon handeln sie? Vom +Glücklichsein. Ein Weib will einen Mann, oder einer will +reich werden, mächtig und geehrt. Bei Dickens steht am +Ende aller Wünsche das liebliche Cottagehaus im Grünen +mit der munteren Kinderschar, bei Balzac das Schloß mit +dem Pairstitel und den Millionen. Und blicken wir um +uns, auf die Straße, in die Butiken, in die niederen Stuben, +in die hellen Säle, was wollen die Menschen dort? +Glücklich sein, zufrieden sein, reich sein, mächtig sein. +Wer will es von Dostojewskis Menschen? Keiner. Nicht +ein einziger. Sie wollen nirgends haltmachen: nicht einmal +beim Glück. Sie wollen alle weiter, sie haben alle +jenes „höhere Herz“, das sich quält. Glücklichsein ist ihnen +gleichgültig, Zufriedensein ist ihnen gleichgültig, Reichsein +eher verächtlich als erwünscht. Sie wollen nichts von all dem, +diese Seltsamen, was unsere ganze Menschheit will. Sie haben +den <span lang="en" xml:lang="en">uncommon sense</span>. Sie wollen nichts von dieser Welt.</p> + +<p>Genügsame also, Phlegmatiker des Lebens, Indifferente +oder Asketen? Im Gegenteil. Die Menschen Dostojewskis +sind, ich sagte es ja, Menschen eines neuen Anfangs. Sie +haben, bei all ihrer Genialität und ihrem diamantenen Verstand, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_139" id="Page_139">139</a><span>] </span></span>Kinderherzen, Kindergelüste: sie wollen nicht dies +oder jenes, sondern sie wollen alles. Und alles ganz stark. +Das Gute und das Böse, das Heiße und das Kalte, das Nahe +und das Ferne. Sie sind Übertreiber, sie sind Maßlose. Ich +sagte früher: sie wollen nichts von dieser Welt. Schlecht +gesagt. Sie wollen nichts einzelnes davon, sondern alles, +ihr ganzes Gefühl, ihre ganze Tiefe: das Leben. Vergessen +wir nicht, sie sind keine Schwächlinge, keine Lovelace, +keine Hamlets, keine Werthers, keine Rénés – sie haben +harte Muskeln und einen brutalen Lebenshunger, diese +Menschen Dostojewskis, sie sind Karamasoffs, „Raubtiere +des Gelüsts“, begabt mit jener „unanständigen fanatischen“ +Lebensgier, die sich an den letzten Tropfen des Kelches +ansaugt, ehe sie ihn zerklirrt. Von allen Dingen suchen +sie den Superlativ, überall die Rotglut des Empfindens, wo +die gemeinen Legierungen des Gelegentlichen zerschmelzen +und nichts bleibt als das feuerflüssige brennende Weltgefühl; +wie die Amokläufer rennen sie ins Leben hinein, +von der Begierde in die Reue, von der Reue wieder in die +Tat, vom Verbrechen ins Geständnis, vom Geständnis in +die Ekstase, aber alle Gassen ihres Schicksals lang überallhin +bis zum Letzten, bis sie niederstürzen, Schaum vor +den Lippen, oder bis ein anderer sie niederschlägt. O dieser +Lebensdurst jedes einzelnen – eine ganze junge Nation, +eine neue Menschheit lechzt von ihren Lippen nach Welt, +nach Wissen, nach Wahrheit! Sucht mir doch, zeigt mir +einen Menschen im Werk Dostojewskis, der ruhig atmet, +der rastet, der sein Ziel erreicht hat! Keiner, kein einziger! +Alle sind sie in diesem rasenden Wettlauf zur Höhe +und zur Tiefe – denn nach Aljoschas Formel muß, wer +die erste Stufe betreten hat, bis zur letzten hinstreben – +nach allen Seiten, in Frost und Brand, greifen sie, gieren +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_140" id="Page_140">140</a><span>] </span></span>sie, diese Unersättlichen, diese Maßlosen, die ihr Maß nur +suchen und finden in der Unendlichkeit. Wie Pfeile +schnellen sie sich in ewiger Spannung von der Sehne ihrer +Kraft in den Himmel hinein, immer in der Richtung des +Unerreichbaren, immer zu Sternen zielend, jeder eine +Flamme, ein Feuer der Unruhe. Und Unruhe ist Qual. +Darum sind die Helden Dostojewskis alle die großen Leidenden. +Alle haben sie verzerrte Gesichter, alle leben sie +im Fieber, im Krampf, im Spasma. Ein Hospital von +Nervenkranken, hat erschreckt ein großer Franzose Dostojewskis +Welt genannt, und wirklich, für den ersten, den +äußeren Anblick, welch eine trübe, welch eine phantastische +Sphäre! Schankstuben voll Branntweindunst, Gefängniszellen, +Winkel in Vorstadtwohnungen, Bordellgassen +und Kneipen, und dort in Rembrandtschem Dunkel +ein Gewühl von ekstatischen Gestalten, der Mörder, das +Blut seines Opfers über den erhobenen Händen, der Trunkenbold +im Gelächter der Zuhörer, das Mädchen mit +dem gelben Schein im Zwielicht der Gasse, das epileptische +Kind, bettelnd an den Straßenecken, der siebenfache +Mörder in der Katorga Sibiriens, der Spieler zwischen den +Fäusten der Spießgesellen, Rogoschin, wie ein Tier sich +wälzend vor dem verschlossenen Gemach seiner Frau, der +ehrliche Dieb, sterbend im schmutzigen Bette – welche +Unterwelt des Gefühls, welcher Hades der Leidenschaften! +O, welche tragische Menschheit, welch russischer, grauer, +ewig dämmernder, niederer Himmel über diesen Gestalten, +welche Dunkelheiten des Herzens und der Landschaft! +Gelände des Unglücks, Wüsten der Verzweiflung, Fegefeuer +ohne Gnade und Gerechtigkeit.</p> + +<p>O wie dunkel, wie verworren, wie fremd, wie feindlich +ist sie zuerst, diese Menschheit, diese russische Welt! Von +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_141" id="Page_141">141</a><span>] </span></span>Leiden scheint sie überflutet, und diese Erde, wie Iwan +Karamasoff so grimmig sagt, „getränkt von Tränen bis zu +ihrem innersten Kern“. Aber so wie Dostojewskis Antlitz +dem ersten Blicke düster, lehmig, gedrückt, bäurisch und +gebeugt anmutet, dann aber der Glanz seiner Stirne, aufstrahlend +über die Versunkenheit, das Irdische seiner Züge, +seine Tiefe durch Glauben erleuchtet, so durchstrahlt auch +im Werke das geistige Licht die dumpfe Materie. Aus +Leiden scheint Dostojewskis Welt einzig gestaltet. Und +doch ist nur scheinbar die Summe alles Leidens in seinen +Menschen größer als in jedem anderen Werke. Denn, +Kinder Dostojewskis, sind diese Menschen alle Verwandler +ihres Gefühles, sie treiben es und übertreiben es von Kontrast +zu Kontrast. Und das Leiden, ihr eigenes Leiden ist +oft ihre tiefste Seligkeit. In ihnen wirkt etwas, das der Wollust, +der Lust am Glück, tiefsinnig die Wehlust, die Lust +an der Qual gegenüberstellt: ihr Leiden ist zugleich ihr +Glücklichsein, sie halten es fest mit den Zähnen, wärmen +es an ihrer Brust, sie schmeicheln es mit den Händen, sie +lieben es mit ihrer ganzen Seele. Und sie wären nur dann +die Unglücklichsten, liebten sie es nicht. Dieser Tausch, +der rasende frenetische Tausch des Gefühls im Innern, +diese ewige Umwertung des Dostojewskischen Menschen +kann vielleicht nur ein Beispiel ganz klarmachen, und ich +wähle eines, das in tausend Formen wiederkehrt: das Leid, +das einem Menschen infolge einer Erniedrigung, einer tatsächlichen +oder eingebildeten, widerfährt. Irgendeiner, ein +schlichtes sensitives Geschöpf, gleichgültig ob ein kleiner +Beamter oder eine Generalstochter, wird beleidigt. In +seinem Stolz gekränkt durch ein Wort, eine Nichtigkeit +vielleicht. Diese erste Kränkung ist der Primäraffekt, der +den ganzen Organismus in Aufruhr bringt. Der Mensch +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_142" id="Page_142">142</a><span>] </span></span>leidet. Er ist gekränkt, liegt auf der Lauer, spannt sich an +und wartet – auf eine neue Kränkung. Und die zweite +Kränkung kommt: also eigentlich Häufung des Leidens. +Aber seltsam, sie tut nicht mehr weh. Zwar der Gekränkte +klagt, er schreit, aber seine Klage ist schon nicht mehr +wahr: denn er liebt diese Kränkung. In diesem „fortwährend-sich-seiner-Schmach-bewußt-sein +ist ein unnatürlicher +heimlicher Genuß“. Für den beleidigten Stolz +hat er einen neuen: den des Märtyrers. Und jetzt entsteht +in ihm der Durst nach neuer Kränkung, nach mehr und +mehr. Er beginnt zu provozieren, er übertreibt, er fordert +heraus: das Leiden ist jetzt seine Sehnsucht, seine Gier, +seine Lust: man hat ihn erniedrigt, so will er (der Mensch +ohne Maß) ganz niedrig sein. Und er gibt es nicht her mehr, +sein Leiden, mit verbissenen Zähnen hält er es fest: jetzt +wird der Hilfreiche sein Feind, der Liebende. So schlägt die +kleine Nelly dem Arzt dreimal das Pulver ins Gesicht, so stößt +Raskolnikoff Sonja zurück, so beißt Iljutschka den frommen +Aljoscha in die Finger – aus Liebe, aus fanatischer Liebe +zu ihrem Leiden. Und alle, alle lieben sie das Leiden, weil +sie darin das Leben, das geliebte, so stark spüren, weil sie +wissen, „man kann auf dieser Erde nur durch Leiden wahrhaft +lieben“, und das wollen sie, das vor allem! Es ist ihr +stärkster Existenzbeweis: statt des <span lang="la" xml:lang="la">cogito, ergo sum</span>, „ich +denke, also bin ich“, setzen sie das: „ich leide, also bin +ich“. Und dieses „Ich bin“ ist bei Dostojewski und allen +seinen Menschen der höchste Triumph des Lebens. Der +Superlativ des Weltgefühls. Im Kerker jauchzt Dimitry die +große Hymne an dieses „Ich bin“, an die Wollust des +Seins, und eben um dieser Liebe zum Leben willen ist +ihnen allen das Leiden notwendig. Nur scheinbar, sagte +ich, ist darum die Summe des Leidens größer bei Dostojewski +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_143" id="Page_143">143</a><span>] </span></span>als bei allen anderen Dichtern. Denn wenn es eine +Welt gibt, wo nichts unerbittlich ist, aus jedem Abgrund +noch ein Weg führt, aus jedem Unglück noch Ekstase, +aus jeder Verzweiflung noch Hoffnung, so ist es die seine. +Was ist dies Werk anderes als eine Reihe von modernen +Apostelgeschichten, Legenden der Erlösung vom Leiden +durch den Geist? Der Bekehrungen zum Lebensglauben, +der Kalvariengänge zur Erkenntnis? Der Wege nach +Damaskus mitten durch unsere Welt?</p> + +<p>In Dostojewskis Werk ringt der Mensch um seine letzte +Wahrheit, um sein allmenschliches Ich. Ob ein Mord geschieht +oder eine Frau in Liebe brennt, alles das ist Nebensache, +Außensache, Kulisse. Sein Roman spielt im innersten +Menschen, im Seelenraum, in der geistigen Welt: die +Zufälle, die Ereignisse, die Schickungen des äußeren Lebens +sind nur Stichworte, Maschinerie, der szenische Rahmen. +Die Tragödie ist immer innen. Und sie heißt immer: +die Überwindung der Hemmungen, der Kampf um die +Wahrheit. Jeder seiner Helden fragt sich, wie Rußland +selbst: Wer bin ich? Was bin ich wert? Er sucht sich oder +vielmehr den Superlativ seines Wesens im Haltlosen, im +Raumlosen, im Zeitlosen. Er will sich erkennen als der +Mensch, der er vor Gott ist, und er will sich bekennen. +Denn jedem Dostojewski-Menschen ist die Wahrheit mehr +als Bedürfnis, sie ist ihm ein Exzeß, eine Wollust und das +Geständnis seine heiligste Lust, sein Spasma. Im Geständnis +bricht bei Dostojewski der innere Mensch, der Allmensch; +der Gottesmensch durch den irdischen, die Wahrheit +– und dies ist Gott – durch seine fleischliche Existenz. +O die Wollust, mit der sie darum mit dem Geständnis +spielen, wie sie es verbergen und – Raskolnikoff vor Porphyri +Petrowitsch – immer heimlich zeigen und wieder +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_144" id="Page_144">144</a><span>] </span></span>verstecken, und dann wieder, wie sie sich überschreien, mehr +Wahrheit bekennen als wahr ist, wie sie in rasendem Exhibitionismus +ihre Blößen aufdecken, wie sie Laster und +Tugend vermengen – hier, nur hier, im Ringen um das +wahre Ich sind die eigentlichen Spannungen Dostojewskis. +Hier, ganz innen ist der große Kampf seiner Menschen, +die mächtigen Epopöen des Herzens: hier, wo das Russische, +das Fremdartige in ihnen sich aufzehrt, hier wird auch ihre +Tragödie erst ganz <ins class="correction" title="zu">zur</ins> unseren, zur allmenschlichen. Da +wird das typische Schicksal seiner Menschen deutsam und +erschütternd, und restlos erleben wir im Mysterium der +Selbstgeburt den Mythos Dostojewskis vom neuen Menschen, +vom Allmenschen in jedem Irdischen.</p> + +<p>Das Mysterium der Selbstgeburt: so nenne ich in der +Kosmogonie, in der Weltschöpfung Dostojewskis die Erschaffung +des neuen Menschen. Und ich möchte versuchen, +die Geschichte aller Naturen Dostojewskis in einer +zu erzählen, als seinen Mythos; denn alle diese verschiedenartigen, +hundertfach variierten Menschen haben im letzten +nur ein einheitliches Schicksal. Alle leben sie Varianten eines +einzigen Erlebnisses: der Menschwerdung. Vergessen wir +nicht: die Kunst Dostojewskis zielt immer auf den Mittelpunkt +und in der Psychologie darum auf den Menschen +im Menschen, den absoluten, den abstrakten Menschen, +der weit hinter allen kulturellen Schichtungen liegt. Für +die meisten Künstler sind die Schichtungen noch wesentlich, +die Vorgänge der Durchschnittsromane spielen in sozialer, +gesellschaftlicher, erotischer und konventioneller +Sphäre und bleiben in diesen Schichten stecken. Dostojewski +stößt, weil er zentral gerichtet ist, immer durch +zum Allmenschen im Menschen, zu jenem Ich, das allgemeinsam +ist. Immer bildet er diesen letzten Menschen und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_145" id="Page_145">145</a><span>] </span></span>immer in verwandter Form seine Sendung. Gleich ist all +seiner Helden Anbeginn. Als echte Russen beunruhigt sie +ihre eigene Lebenskraft. In den Jahren der Pubertät, des +sinnlichen und geistigen Erwachens, verdüstert sich ihnen +der heitere und freie Sinn. Dumpf fühlen sie in sich eine +Kraft gären, ein geheimnisvolles Drängen; irgend etwas +Eingesperrtes, Wachsendes und Quellendes will aus ihrem +noch unmündigen Kleid. Eine geheimnisvolle Schwangerschaft +(es ist der neue Mensch, der in ihnen keimt, aber +sie wissen es nicht) macht sie träumerisch. Sie sitzen „einsam +bis zur Verwilderung“ in dumpfen Stuben, in einsamen +Winkeln und denken, denken Tag und Nacht über +sich nach. Jahrelang brüten sie oft dahin in dieser seltsamen +Ataraxie, sie verharren in einem fast buddhistischen +Zustand der Seelenstarre, sie beugen sich tief über den +eigenen Leib, um wie die Frauen in den frühen Monaten +das Klopfen dieses zweiten Herzens in sich zu erlauschen. +Alle geheimnisvollen Zustände der Befruchteten überkommen +sie: die hysterische Angst vor dem Tode, das +Grauen vor dem Leben, krankhafte, grausame Begierden, +sinnliche perverse Gelüste.</p> + +<p>Endlich wissen sie, daß sie befruchtet sind von irgendeiner +neuen Idee: und nun suchen sie das Geheimnis zu entdecken. +Sie schärfen ihre Gedanken, bis sie spitz und schneidend +werden wie chirurgische Instrumente, sie sezieren +ihren Zustand, sie zerreden ihre Bedrückung in fanatischen +Gesprächen, sie zerdenken ihr Gehirn, bis es sich in Wahnsinn +zu entflammen droht, sie schmieden alle ihre Gedanken +in eine einzige fixe Idee, die sie bis ans letzte Ende +denken, in eine gefährliche Spitze, die sich in ihrer Hand +gegen sie selbst wendet. Kirillow, Schatow, Raskolnikoff, +Iwan Karamasoff, alle diese Einsamen haben „ihre“ Idee, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_146" id="Page_146">146</a><span>] </span></span>die des Nihilismus, die des Altruismus, die des napoleonischen +Weltwahns, und alle haben sie ausgebrütet in dieser +krankhaften Einsamkeit. Sie wollen eine Waffe gegen den +neuen Menschen, der aus ihnen werden soll, denn ihr +Stolz will sich gegen ihn wehren, ihn unterdrücken. Andere +wieder suchen dieses geheimnisvolle Keimen, diesen +drängenden gärenden Lebensschmerz mit aufgepeitschten +Sinnen zu überrasen. Um im Bilde zu bleiben: sie suchen +die Frucht abzutreiben, wie Frauen von Treppen springen +oder durch Tanz und Gifte sich vom Unerwünschten zu +befreien trachten. Sie toben, um dies leise Quellen in sich +zu übertönen, sie zerstören manchmal sich selbst, nur um +diesen Keim zu zerstören. Sie verlieren sich mit Absicht +in diesen Jahren. Sie trinken, sie spielen, sie werden ausschweifend +und all dies (sie wären sonst nicht Menschen +Dostojewskis) fanatisch bis zur letzten Raserei. Schmerz +treibt sie in ihre Laster, nicht eine lässige Begierde. Es ist +nicht ein Trinken um Zufriedenheit und Schlaf, nicht das +deutsche Trinken um die Bettschwere, sondern um den +Rausch, um das Vergessen ihres Wahnes, ein Spielen nicht +um Geld, sondern um die Zeit zu ermorden, ein Ausschweifen +nicht um der Lust willen, sondern um in der +Übertreibung ihr wahres Maß zu verlieren. Sie wollen +wissen, wer sie sind; darum suchen sie die Grenze. Den +äußersten Rand ihres Ich wollen sie in Überhitzung und +Abkaltung kennen und vor allem die eigene Tiefe. Sie +glühen in diesen Lüsten bis zum Gott empor, sie sinken +bis zum Tier hinab, aber immer, um den Menschen in sich +zu fixieren. Oder sie versuchen, da sie sich nicht kennen, +sich wenigstens zu beweisen. Kolja wirft sich unter einen +Eisenbahnzug, um sich zu „beweisen“, daß er mutig ist, +Raskolnikoff ermordet die alte Frau, um seine Napoleonstheorie +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_147" id="Page_147">147</a><span>] </span></span>zu beweisen, sie tun alle mehr, als sie eigentlich +wollen, nur um an die äußerste Grenze des Gefühls zu gelangen. +Um ihre eigene Tiefe zu kennen, das Maß ihrer +Menschheit, werfen sie sich in jeden Abgrund hinab: von +der Sinnlichkeit stürzen sie in die Ausschweifung, von der +Ausschweifung in die Grausamkeit und hinab bis zu ihrem +untersten Ende, der kalten, der seelenlosen, der berechneten +Bosheit, aber all dies aus einer verwandelten Liebe, einer +Gier nach Erkenntnis des eigenen Wesens, einer verwandelten +Art von religiösem Wahn. Aus weiser Wachheit +stürzen sie sich in die Kreisel des Irrsinns, ihre geistige Neugier +wird zur Perversion der Sinne, ihre Verbrechen glühen +bis zur Kinderschändung und zum Mord, aber typisch +ist für sie alle die gesteigerte Unlust in der gesteigerten Lust: +bis in den untersten Abgrund ihrer Raserei zuckt die +Flamme des Bewußtseins der fanatischen Reue nach.</p> + +<p>Aber je weiter hinein sie in der Übertreibung der Sinnlichkeit +und des Denkens rasen, um so näher sind sie schon +sich selbst, und je mehr sie sich vernichten wollen, um so +eher sind sie zurückgewonnen. Ihre traurigen Bacchanale +sind nur Zuckungen, ihre Verbrechen die Krämpfe der +Selbstgeburt. Ihre Selbstzerstörung zerstört nur die Schale +um den innern Menschen und ist Selbstrettung im höchsten +Sinn. Je mehr sie sich anspannen, je mehr sie sich +krümmen und winden, um so mehr befördern sie unbewußt +die Geburt. Denn nur im brennendsten Schmerz kann das +neue Wesen zur Welt kommen. Ein Ungeheures, ein +Fremdes muß dazu treten, muß sie befreien, irgendeine +Macht Wehmutter werden in ihrer schwersten Stunde, die +Güte muß ihnen helfen, die allmenschliche Liebe. Eine +äußerste Tat, ein Verbrechen, das all ihre Sinne zur Verzweiflung +spannt, ist nötig, um die Reinheit zu gebären, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_148" id="Page_148">148</a><span>] </span></span>und hier wie im Leben ist jede Geburt umschattet von tödlichster +Gefahr. Die beiden äußersten Kräfte des menschlichen +Vermögens, Tod und Leben, sind in dieser Sekunde +innig verschränkt.</p> + +<p>Dies also ist der menschliche Mythos Dostojewskis, daß +das gemischte, dumpfe, vielfältige Ich jedes einzelnen befruchtet +ist mit dem Keim des wahren Menschen (jenes +Urmenschen der mittelalterlichen Weltanschauung, der +frei ist von der Erbsünde), des elementaren, rein göttlichen +Wesens. Diesen urewigen Menschen aus dem vergänglichen +Leib des Kulturmenschen in uns zum Austrag zu +bringen, ist höchste Aufgabe und die wahrste irdische Pflicht. +Befruchtet ist jeder, denn keinen verstößt das Leben, jeden +Irdischen hat es in einer seligen Sekunde mit Liebe empfangen, +doch nicht jeder gebiert seine Frucht. Bei manchem +verfault sie in einer seelischen Lässigkeit, sie stirbt +ab und vergiftet ihn. Andere wieder sterben in den Wehen, +und nur das Kind, die Idee, kommt zur Welt. Kirillow ist +einer, der sich ermorden muß, um ganz wahr bleiben zu +können, Schatow ist einer, der ermordet wird, um seine +Wahrheit zu bezeugen.</p> + +<p>Aber die anderen, die heroischen Helden Dostojewskis, +der Staretz Sossima, Raskolnikoff, Stepanowitsch, Rogoschin, +Dmitrij Karamasoff vernichten ihr soziales Ich, +den dunklen Raupenstand ihres inneren Wesens, um wie +Schmetterlinge sich der abgestorbenen Form zu entschwingen, +das Beflügelte aus dem Kriechenden, das Erhobene +aus dem Erdschweren. Die Umkrustung der seelischen +Hemmung zerbricht, die Seele, die Allmenschenseele +strömt aus, strömt ins Unendliche zurück. Alles Persönliche, +alles Individuelle ist in ihnen abgetan, daher auch die +absolute Ähnlichkeit all dieser Gestalten im Augenblick +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_149" id="Page_149">149</a><span>] </span></span>ihrer Vollendung. Aljoscha ist kaum von dem Staretz, +Karamasoff kaum von Raskolnikoff zu unterscheiden, +wie sie aus ihren Verbrechen mit tränengebadetem Gesicht +in das Licht des neuen Lebens treten. Am Ende +aller Romane Dostojewskis ist die Katharsis der griechischen +Tragödie, die große Entsühnung: über den verdonnernden +Gewittern und der gereinigten Atmosphäre +flammt die erhabene Glorie des Regenbogens, das höchste +russische Symbol der Versöhnung.</p> + +<p>Erst wenn die Helden Dostojewskis den reinen Menschen +aus sich geboren haben, treten sie in die wahre Gemeinschaft. +Bei Balzac triumphiert der Held, wenn er +die Gesellschaft bezwingt, bei Dickens, wenn er sich in +die soziale Schicht, in das bürgerliche Leben, in die Familie, +in den Beruf friedlich einordnet. Die Gemeinschaft, die +der Held Dostojewskis anstrebt, ist keine soziale mehr, +sondern schon eine religiöse, er sucht nicht Gesellschaft, +sondern Weltbruderschaft. Und dies Hingelangen zur +eigenen Innerlichkeit und damit zur mystischen Gemeinsamkeit +ist die einzige Hierarchie in seinem Werk. Einzig +von diesem letzten Menschen handeln alle seine Romane: +das Soziale, die Zwischenstadien der Gesellschaft mit ihrem +halben Stolz und schiefen Haß sind überwunden, der Ichmensch +ist zum Allmenschen geworden, seine Einsamkeit, +seine Absonderung, die nur Stolz war, hat jeder zerbrochen, +und in unendlicher Demut und glühender Liebe grüßt +sein Herz den Bruder, den reinen Menschen in jedem +anderen. Dieser letzte, gereinigte Mensch kennt keine +Unterschiede mehr, kein soziales Standesbewußtsein: nackt, +wie im Paradies, hat seine Seele keine Scham, keinen Stolz, +keinen Haß und keine Verachtung. Verbrecher und Dirne, +Mörder und Heilige, Fürsten und Trunkenbolde, sie halten +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_150" id="Page_150">150</a><span>] </span></span>Zwiesprache in jenem untersten und eigentlichsten Ich +ihres Lebens, alle Schichten fließen ineinander, Herz zu +Herz, Seele in Seele. Nur das entscheidet bei Dostojewski: +wie weit einer wahr wird und zum wirklichen Menschentum +gelangt. Wie diese Entsühnung, diese Selbstgewinnung +zustande kam, ist gleichgültig. Keine Ausschweifung beschmutzt, +kein Verbrechen verdirbt, es gibt kein Tribunal +vor Gott als das Gewissen. Recht und Unrecht, Gut und +Böse, diese Worte zerfließen im Leidensfeuer. Wer wahr +ist im Willen, der ist entsühnt: denn wer wahr ist, ist +demütig. Wer erkannt hat, versteht alles und weiß, „daß +die Gesetze des Menschengeistes noch so unerforscht und +geheimnisvoll sind, daß es weder gründliche Ärzte noch +endgültige Richter gibt“, weiß, es ist keiner schuldig oder +alle, keiner darf keines Richter sein, jeder nur Bruder dem +Bruder. Im Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine <ins class="correction" title="entgültig">endgültig</ins> +Verworfenen, keine „Bösewichter“, keine Hölle und +keinen untersten Kreis wie bei Dante, aus denen selbst +Christus die Verurteilten nicht zu erheben vermag. Er kennt +nur Purgatorien und weiß, daß der irrhandelnde Mensch +noch immer mehr der seelisch Glühende ist und näher +dem wahren Menschen als die Stolzen, die Kalten und +Korrekten, in deren Brust er erfroren ist zu bürgerlicher +Gesetzmäßigkeit. Seine wahren Menschen haben gelitten, +haben darum Ehrfurcht vor dem Leiden und damit das +letzte Geheimnis der Erde. Wer leidet, ist durch Mitleid +schon Bruder, und allen seinen Menschen ist, weil sie nur +auf den innern Menschen, auf den Bruder blicken, das +Grauen fremd. Sie besitzen die erhabene Fähigkeit, die er +einmal die typisch russische nennt, nicht lange hassen zu +können, und darum eine unbegrenzte Verstehensfähigkeit +alles Irdischen. Noch hadern sie oft mitsammen, noch quälen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_151" id="Page_151">151</a><span>] </span></span>sie sich, weil sie sich ihrer eigenen Liebe schämen, weil +sie die eigene Demut für eine Schwäche halten und noch nicht +ahnen, daß sie die furchtbarste Kraft der Menschheit ist. +Aber ihre innere Stimme weiß immer schon um die Wahrheit. +Während sie einander mit Worten schmähen und +befeinden, blicken die inneren Augen sich längst selig verstehend +an, Lippe küßt leidvoll den Brudermund. Der +nackte, der ewige Mensch in ihnen hat sich erkannt, und +dies Mysterium der Allversöhnung in der brüderlichen +Erkennung, dieser orphische Gesang der Seelen, ist die +lyrische Musik in Dostojewskis dunklem Werk.</p> +</div> + + +<div> +<h3>REALISMUS UND PHANTASTIK</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„Was kann für mich phantastischer sein als die Wirklichkeit?“</p> +<p class="zitat right">Dostojewski</p> +</div> + +<p>Wahrheit, die unmittelbare Wirklichkeit seines begrenzten +Seins sucht der Mensch bei Dostojewski: Wahrheit, +die unmittelbare Wesenheit des Alls der Künstler Dostojewski +selbst. Er ist Realist und ist es so konsequent – +immer geht er ja an die äußerste Grenze, wo die Formen +ihrem Widerspiel: dem Gegensatz so geheimnisvoll ähnlich +werden –, daß diese Wirklichkeit jeden an das Mittelmaß +gewöhnten täglichen Blick phantastisch anmutet. „Ich +liebe den Realismus bis dorthin, wo er an das Phantastische +reicht,“ sagt er selbst, „denn was kann für mich phantastischer +und unerwarteter, ja unwahrscheinlicher sein als +die Wirklichkeit?“ Die Wahrheit – dies entdeckt man bei +keinem Künstler zwingender als bei Dostojewski – steht +nicht hinter, sondern gleichsam gegen die Wahrscheinlichkeit. +Sie ist über die Sehschärfe des gemeinen, des psychologisch +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_152" id="Page_152">152</a><span>] </span></span>unbewehrten Blickes hinaus: wie im Wassertropfen +das unbewaffnete Auge noch klare spiegelnde Einheit, das +Mikroskop aber wimmelnde Vielfalt, myriadenhaftes Chaos +von Infusorien schaut, eine Welt, wo jene nur eine Einzelform +bemerkten, so erkennt der Künstler mit dem höheren +Realismus Wahrheiten, die widersinnig scheinen gegen die +offenbaren.</p> + +<p>Diese höhere oder diese tiefere Wahrheit zu erkennen, +die gleichsam tief unter der Haut der Dinge liegt und schon +nah dem Herzpunkt aller Existenz, war Dostojewskis Leidenschaft. +Er will gleichzeitig den Menschen als Einheit +und Vielfalt, im Freiblick und im geschärften gleich wahr +erkennen, und darum ist sein visionärer und wissender Realismus, +der die Kraft eines Mikroskops und die Leuchtstärke +des Hellsehers vereinigt, wie durch eine Mauer geschieden +von dem, was die Franzosen als erste Wirklichkeitskunst +und Naturalismus benannten. Denn obzwar +Dostojewski in seinen Analysen exakter ist und weiter geht +als irgendeiner von denen, die sich „konsequente Naturalisten“ +nannten (womit sie meinten, daß sie bis an das Ende +gingen, während Dostojewski jedes Ende noch überschreitet), +ist seine Psychologie gleichsam aus einer anderen +Sphäre des schöpferischen Geistes. Der exakte Naturalismus +von anno Zola kommt geradeswegs aus der Wissenschaft +her. Umgestülpte Experimentalpsychologie, ist er +irgendwie an Fleiß und Schweiß, an Studium und Erfahrung +gebunden: Flaubert destilliert in der Retorte seines +Gehirns 2000 Bücher aus der Pariser Nationalbibliothek, +um das Naturkolorit der „Tentation“ oder der „Salambo“ +zu finden, Zola läuft drei Monate, ehe er seine Romane +schreibt, wie ein Reporter mit dem Notizbuch auf die Börse, +in die Warenhäuser und Ateliers, um Modelle abzuzeichnen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_153" id="Page_153">153</a><span>] </span></span>Tatsachen einzufangen. Die Wirklichkeit ist diesen +Weltabzeichnern eine kalte, berechenbare, offenliegende +Substanz. Sie sehen alle Dinge mit dem wachen, wägenden, +tarierenden Blick des Photographen. Sie sammeln, +ordnen, mischen und destillieren, kühle Wissenschaftler +der Kunst, die einzelnen Elemente des Lebens, und betreiben +eine Art Chemie der Bindung und Lösung.</p> + +<p>Dostojewskis künstlerischer Beobachtungsprozeß dagegen +ist vom Dämonischen nicht abzulösen. Ist Wissenschaft +jenen anderen Kunst, so ist die seine Schwarzkunst. +Er treibt nicht experimentelle Chemie, sondern Alchimie +der Wirklichkeit, nicht Astronomie, sondern Astrologie +der Seele. Er ist kein kühler Forscher. Als heißer Halluzinant +starrt er nieder in die Tiefe des Lebens wie in einen +dämonischen Angsttraum. Aber doch, seine sprunghafte +Vision ist vollkommener als jener geordnete Betrachtung. +Er sammelt nicht, und hat doch alles. Er berechnet nicht, +und doch ist sein Maß unfehlbar. Seine Diagnosen, die +hellseherischen, fassen im Fieber der Erscheinung den geheimnisvollen +Ursprung, ohne den Puls der Dinge nur anzutasten. +Etwas von hellsichtiger Traumerkenntnis ist in +seinem Wissen, etwas von Magie in seiner Kunst. Zauberisch +durchdringt er die Rinde des Lebens und saugt von +seinen süßen, quellenden Säften. Immer kommt sein Blick +nur aus der eigenen Tiefe seines freilich allwissenden Seins, +aus dem Mark und Nerv dämonischer Natur und übertrifft +doch an Wahrhaftigkeit, an Realität, alle Realisten. Mystisch +erkennt er alles von innen. Ein Zeichen bloß, und +schon faßt er faustisch die Welt. Ein Blick, und schon +wird er zum Bild. Er braucht nicht viel zu zeichnen, nicht +die Kärrnerarbeit des Details zu leisten. Er zeichnet mit +Magie. Man besinne einmal die großen Gestalten dieses +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_154" id="Page_154">154</a><span>] </span></span>Realisten: Raskolnikoff, Aljoscha und Fedor Karamasoff, +Myschkin, sie, die uns allen so ungeheuer gegenständlich +sind im Gefühl. Wo schildert er sie? In drei Zeilen vielleicht +umreißt er ihr Antlitz mit einer Art zeichnerischer +Kurzschrift. Er sagt von ihnen gleichsam nur ein Merkwort, +umschreibt ihr Gesicht mit vier oder fünf schlichten +Sätzen, und das ist alles. Das Alter, der Beruf, der Stand, die +Kleidung, die Haarfarbe, die Physiognomik, all das scheinbar +so Wesentliche der Personenbeschreibung ist in bloß +stenographischer Kürze festgehalten. Und doch, wie glüht +jede dieser Figuren uns im Blut. Man vergleiche nun mit +diesem magischen Realismus die exakte Schilderung eines +konsequenten Naturalisten. Zola nimmt, ehe er zu arbeiten +anfängt, ein ganzes Bordereau von seinen Figuren auf, er +verfaßt (man kann sie heute noch nachsehen, diese merkwürdigen +Dokumente) einen regelrechten Steckbrief, einen +Passierschein für jeden Menschen, der die Schwelle des +Romanes übertritt. Er mißt ihn ab, wieviel Zentimeter er +hoch ist, notiert, wieviel Zähne ihm fehlen, er zählt die +Warzen auf seinen Wangen, streicht den Bart nach, ob er +rauh oder zart ist, greift jeden Pickel auf der Haut ab, +tastet die Fingernägel nach, er weiß die Stimme, den Atem +seiner Menschen, er verfolgt ihr Blut, Erbschaft und Belastung, +schlägt sich ihr Konto auf in der Bank, um ihre +Einnahmen zu wissen. Er mißt, was man von außen überhaupt +nur messen kann. Und doch, kaum daß die Gestalten +in Bewegung geraten, verflüchtigt sich die Einheit +der Vision, das künstliche Mosaik zerbricht in seine tausend +Scherben. Es bleibt ein seelisches Ungefähr, kein +lebendiger Mensch.</p> + +<p>Hier ist nun der Fehler jener Kunst: die französischen +Naturalisten schildern exakt die Menschen zu Anfang des +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_155" id="Page_155">155</a><span>] </span></span>Romanes in ihrer Ruhe, gleichsam in ihrem seelischen +Schlaf: ihre Bilder sind darum bloß von der nutzlosen Treue +der Totenmasken. Man sieht den Toten, die Figur, nicht +das Leben darin. Aber genau wo jener Naturalismus endet, +beginnt erst der unheimlich große Naturalismus Dostojewskis. +Seine Menschen werden plastisch erst in der Erregtheit, +in der Leidenschaft, im gesteigerten Zustand. +Während jene versuchen, die Seele durch den Körper darzustellen, +bildet er den Körper durch die Seele: erst wenn +die Leidenschaft seinen Menschen die Züge strafft und +spannt, das Auge sich feuchtet im Gefühl, wenn die Maske +der bürgerlichen Stille, die Seelenstarre, von ihnen abfällt, +wird sein Bild erst bildhaft. Erst wenn seine Menschen +glühen, tritt Dostojewski, der Visionär, an das Werk, sie +zu formen.</p> + +<p>Absichtlich sind also und nicht zufällig bei Dostojewski +die anfänglich dunkeln und ein wenig schattenhaften Konturen +der ersten Schilderung. In seine Romane tritt man +ein wie in ein dunkles Zimmer. Man sieht nur Umrisse, +hört undeutliche Stimmen, ohne recht zu fühlen, wem sie +zugehören. Erst allmählich gewöhnt sich, schärft sich das +Auge: wie auf den Rembrandtschen Gemälden beginnt +aus einer tiefen Dämmerung das feine seelische Fluidum +in den Menschen zu strahlen. Erst wenn sie in die Leidenschaft +geraten, treten sie ins Licht. Bei Dostojewski muß +der Mensch immer erst glühen, um sichtbar zu werden, +seine Nerven müssen gespannt sein bis zum Zerreißen, um +zu klingen: „Um eine Seele formt sich bei ihm nur der +Körper, um eine Leidenschaft nur das Bild.“ Jetzt erst, da +sie gleichsam angeheizt sind, da in ihnen der merkwürdige +Fieberzustand beginnt – alle Menschen Dostojewskis sind +ja wandelnde Fieberzustände –, setzt sein dämonischer +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_156" id="Page_156">156</a><span>] </span></span>Realismus ein, beginnt jene zauberische Jagd nach den +Einzelheiten, jetzt erst schleicht er der kleinsten Bewegung +nach, gräbt das Lächeln aus, kriecht in die krummen Fuchslöcher +der verworrenen Gefühle, folgt jeder Fußspur ihrer +Gedanken bis in das Schattenreich des Unbewußten. Jede +Bewegung zeichnet sich plastisch ab, jeder Gedanke wird +kristallen klar, und je mehr sich die gejagten Seelen ins +Dramatische verstricken, um so mehr glühen sie von innen, +um so durchsichtiger wird ihr Wesen. Gerade die unfaßbarsten, +die jenseitigsten Zustände, die krankhaften, die +hypnotischen, die ekstatischen, die epileptischen haben bei +Dostojewski die Präzision einer klinischen Diagnose, den +klaren Umriß einer geometrischen Figur. Nicht die feinste +Nuance ist dann verschwommen, nicht die kleinste Schwingung +entgleitet dann seinen geschärften Sinnen: gerade +dort, wo die anderen Künstler versagen und, gleichsam geblendet +vom übernatürlichen Licht, den Blick wegwenden, +dort wird Dostojewskis Realismus am sichtbarsten. Und +diese Augenblicke, wo der Mensch die äußersten Grenzen +seiner Möglichkeiten erreicht, wo Wissen schon fast Wahnwitz +wird und Leidenschaft zum Verbrechen, sie sind auch +die unvergeßlichsten Visionen seines Werkes. Rufen wir +uns das Bild Raskolnikoffs in die Seele, so sehen wir ihn +nicht als schlendernde Gestalt auf der Straße oder im Zimmer, +als einen jungen Mediziner von 25 Jahren, als Menschen +von diesen und jenen äußeren Eigenheiten, sondern +in uns ersteht die dramatische Vision seiner irren Leidenschaft, +wie er mit zitternden Händen, kalten Schweiß auf +der Stirn, gleichsam mit geschlossenen Augen die Treppe +des Hauses hinaufschleicht, wo er gemordet hat, und in geheimnisvoller +Trance, um seine Qualen noch einmal sinnlich +zu genießen, die blecherne Klingel an der Türe der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_157" id="Page_157">157</a><span>] </span></span>Ermordeten zieht. Wir sehen Dimitri Karamasoff in den +Purgatorien des Verhörs, schäumend vor Wut, schäumend +vor Leidenschaft, den Tisch zertrümmern mit seinen rasenden +Fäusten. Immer sehen wir bei Dostojewski den Menschen +erst bildhaft im Zustande der höchsten Erregtheit, +am Endpunkte seines Gefühles. So wie Leonardo in seinen +grandiosen Karikaturen die Groteske des Körpers, die Abnormität +des Physischen zeichnet, dort, wo sie über die +gemeine Form hervordrängt, so faßt Dostojewski die Seele +des Menschen im Augenblick des Überschwangs, gleichsam +in den Sekunden, wo sich der Mensch über den äußersten +Rand seiner Möglichkeiten vorbeugt. Der mittlere +Zustand ist ihm wie jeder Ausgleich, wie jede Harmonie, +verhaßt: nur das Außerordentliche, das Unsichtbare, das +Dämonische reizt seine künstlerische Leidenschaft zum +äußersten Realismus. Er ist der unvergleichlichste Plastiker +des Ungewöhnlichen, der größte Anatom der reizbaren und +kranken Seele, den die Kunst je gekannt.</p> + +<p>Das Instrument nun, das geheimnisvolle, mit dem Dostojewski +in diese Tiefe seiner Menschen dringt, ist das Wort. +Goethe schildert alles durch den Blick. Er ist – Wagner +hat diese Unterscheidung am glücklichsten ausgesprochen – +Augenmensch, Dostojewski Ohrenmensch. Er muß seine +Menschen erst sprechen hören, sprechen lassen, damit wir +sie als sichtbar empfinden, und ganz deutlich hat Mereschkowski +in seiner genialen Analyse der beiden russischen +Epiker ausgedrückt: bei Tolstoi hören wir, weil wir sehen, +bei Dostojewski sehen wir, weil wir hören. Seine Menschen +sind Schatten und Lemuren, solange sie nicht sprechen. +Erst das Wort ist der feuchte Tau, der ihre Seele befruchtet: +sie tun im Gespräch, wie phantastische Blüten, ihr Inneres +auf, zeigen ihre Farben, die Pollen ihrer Fruchtbarkeit. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_158" id="Page_158">158</a><span>] </span></span>In der Diskussion erhitzen sie sich, wachen sie auf aus +ihrem Seelenschlaf, und erst gegen den wachen, gegen den +leidenschaftlichen Menschen, ich sagte es ja schon, wendet +sich Dostojewskis künstlerische Leidenschaft. Er lockt +ihnen das Wort aus der Seele, um dann die Seele selbst zu +fassen. Jene dämonische psychologische Scharfsichtigkeit +des Details bei Dostojewski ist im letzten nichts anderes +als eine unerhörte Feinhörigkeit. Die Weltliteratur kennt +keine vollkommeneren plastischen Gebilde als die Aussprüche +der Menschen Dostojewskis. Die Wortstellung +ist symbolisch, die Sprachbildung charakteristisch, nichts zufällig, +jede abgebrochene Silbe, jeder weggesprungene Ton +die Notwendigkeit selbst. Jede Pause, jede Wiederholung, +jedes Atemholen, jedes Stottern ist wesentlich, denn immer +hört man unter dem ausgesprochenen Wort das unterdrückte +Mitschwingen: mit dem Gespräch flutet die ganze +heimliche Erregung der Seele auf. Man weiß aus der Rede +bei Dostojewski nicht nur, was jeder einzelne Mensch sagt +und sagen will, sondern auch, was er verschweigt. Und +dieser geniale Realismus des seelischen Hörens geht restlos +mit in die geheimnisvollsten Zustände des Wortes, in die +sumpfige, stockende Fläche des trunkenen Irreredens, in +die beflügelte, keuchende Ekstase des epileptischen Anfalles, +in das Dickicht der lügnerischen Verworrenheit. Aus dem +Dampf der erhitzten Rede ersteht die Seele, aus der Seele +kristallisiert sich allmählich der Körper. Ohne daß man +es selbst weiß, beginnt durch den Dunst des Wortes, durch +den Haschischrauch der Rede bei Dostojewski die Vision +des Sprechenden im körperlichen Bild aufzusteigen. Was +die anderen durch fleißiges Mosaik erzielen, durch die Farbe, +Zeichnung und Beschränkung, dieses Bild ballt sich bei +ihm visionär aus dem Wort. Man träumt bei Dostojewski +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_159" id="Page_159">159</a><span>] </span></span>hellseherisch seine Menschen, sobald man sie sprechen hört. +Dostojewski kann es sich ersparen, sie graphisch zu zeichnen, +denn wir selber werden in der Hypnose ihrer Rede zum +Visionär. Ich will ein Beispiel wählen. Im „Idioten“ geht +der alte General, der pathologische Lügner, neben dem +Fürsten Myschkin her und erzählt ihm Erinnerungen. Er +beginnt zu lügen, gleitet immer tiefer in seine Lügen hinein +und verstrickt sich gänzlich darin. Er redet, redet, redet. +Über Seiten flutet seine Lüge hin.</p> + +<p>Mit keiner Zeile nun schildert Dostojewski seine Haltung, +aber aus seinem Wort, aus seinem Stolpern, seinem +Stocken, seiner nervösen Hast spüre ich, wie er neben +Myschkin hergeht, wie er sich verstrickt hat, sehe, wie er +aufschaut, von der Seite den Fürsten vorsichtig anblickt, +ob er ihm nicht mißtraue, wie er stehen bleibt, hoffend, +der Fürst würde ihn unterbrechen. Ich sehe, wie der +Schweiß auf seiner Stirne perlt, sehe, wie sein Gesicht, das zuerst +begeisterte, nun sich immer mehr verkrampft in Angst, +sehe, wie er in sich zusammenkriecht, ein Hund, der fürchtet, +Prügel zu bekommen, und ich sehe den Fürsten, der selbst +alle Anstrengungen des Lügners in sich fühlt und niederhält. +Wo ist dies beschrieben bei Dostojewski? Nirgends, +nicht in einer einzelnen Zeile, und doch sehe ich jedes Fältchen +in seinem Gesicht mit leidenschaftlicher Klarheit. +Irgendwo ist da das Arkanum des Visionären in der Rede, +im Tonfall, in der Stellung der Silben, und so magisch ist +diese Kunst der Wiedergabe, daß selbst durch die unumgängliche +Verdickung, die ja jede Übertragung in eine +fremde Sprache darstellt, noch die ganze Seele seiner Menschen +schwingt. Der ganze Charakter des Menschen ist +bei Dostojewski im Rhythmus seiner Rede. Und diese +Komprimierung gelingt seiner genialen Intuition oft in +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_160" id="Page_160">160</a><span>] </span></span>einer winzigen Einzelheit, durch eine Silbe fast. Wenn +Fedor Karamasoff auf das Briefkuvert der Gruschenka zu +ihrem Namen schreibt: „Mein Küchelchen!“ so sieht man +das Antlitz des senilen Wüstlings, sieht die schlechten +Zähne, durch die ihm der Speichel über die schmunzelnden +Lippen rinnt. Und wenn in den „Erinnerungen aus dem +Totenhaus“ der sadistische Major beim Stockprügeln +„Hie-be, Hie-be“ schreit, so ist in diesem winzigen Apostroph +sein ganzer Charakter, ein brennendes Bild, ein +Keuchen von Gier, flackernde Augen, das gerötete Gesicht, +das Keuchen der bösen Lust. Diese kleinen realistischen +Details bei Dostojewski, die sich wie spitze Angelhaken +ins Gefühl einbohren und widerstandslos mit ins fremde +Erleben reißen, sie sind sein erlesenstes Kunstmittel und +gleichzeitig der höchste Triumph des intuitiven Realismus +über den programmatischen Naturalismus. Dostojewski +verschwendet durchaus nicht diese seine Details. Er setzt +ein einziges ein, wo andere Hunderte applizieren, aber er +spart sich diese kleinen grausamen Einzelheiten der letzten +Wahrheit mit einem wollüstigen Raffinement auf, er überrascht +mit ihnen gerade im Augenblick der höchsten Ekstase, +wo man sie am wenigsten erwartet. Immer gießt er mit +unerbittlicher Hand den Galletropfen Irdischkeit in den +Kelch der Ekstase, denn für ihn heißt wirklich und wahrhaftig +sein: antiromantisch und antisentimental wirken. +Dostojewski ist, nie darf man es eine Sekunde vergessen, +nicht nur der Gefangene seines Kontrastes, sondern auch +sein Prediger. Es ist seine Leidenschaft, auch in der Kunst +die beiden Enden des Lebens, die grausamste, nackteste, +kälteste, schmutzigste Wirklichkeit mit den edelsten sublimsten +Träumen zu gatten. Er will, daß wir in allem +Irdischen das Göttliche fühlen, im Realistischen das Phantastische, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_161" id="Page_161">161</a><span>] </span></span>im Erhabenen das Gemeine, im lautern Geist das +bittere Salz der Erde und immer all dies gleichzeitig. Er +will, daß wir zwiespältig genießen, wie er selber zwiespältig +empfindet, er will auch hier keine Harmonie, keinen Ausgleich. +Immer in allen seinen Werken sind diese schneidenden +Zerrissenheiten, wo er mit satanischem Detail die +sublimsten Sekunden aufsprengt und dem Heiligsten des +Lebens seine Banalität entgegengrinst. Ich erinnere nur +an die Tragödie des „Idioten“, um einen solchen Augenblick +des Kontrastes sichtlich zu machen. Rogoschin hat +Nastassja Philipowna ermordet, nun sucht er Myschkin, +den Bruder. Er findet ihn auf der Straße, er rührt ihn an +mit der Hand. Sie brauchen nicht miteinander zu sprechen, +furchtbare Ahnung weiß alles voraus. Sie gehen über die +Straße in das Haus, wo die Ermordete liegt: irgendein ungeheueres +Vorempfinden von Größe und Feierlichkeit hebt +sich in einem auf, alle Sphären erklingen. Die beiden Feinde +eines Lebens, Brüder im Gefühl, schreiten in das Zimmer +zur Ermordeten. Nastassja Philipowna liegt tot. Man spürt, +diese Menschen werden sich nun das Letzte sagen, wie sie +einander gegenüberstehen an der Leiche der Frau, die sie +entzweite. Und dann kommt das Gespräch – und alle +Himmel sind zerschlagen von der nackten, brutalen, brennend +irdischen, teuflisch geistigen Sachlichkeit. Sie sprechen +davon als erstes, als einziges – ob die Leiche riechen +wird. Und Rogoschin erzählt mit schneidender Sachlichkeit, +er habe „gute amerikanische Wachsleinwand“ gekauft +und „vier Fläschchen einer desinfizierenden Flüssigkeit“ +darauf gegossen.</p> + +<p>Solche Details sind es, die ich bei Dostojewski die sadistischen, +die satanischen nenne, weil hier der Realismus +mehr ist als ein bloßer Kunstgriff der Technik, weil er +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_162" id="Page_162">162</a><span>] </span></span>eine metaphysische Rache ist, Ausbruch geheimnisvoller +Wollust, einer gewaltsamen ironischen Enttäuschung. +„Vier Fläschchen!“ das Mathematische der Zahl, „amerikanische +Wachsleinwand!“ die grauenhafte Präzision des +Details – das sind absichtliche Zerstörungen der seelischen +Harmonie, grausame Revolten gegen die Einheit des Gefühls. +Hier wird Wahrheit über sich selbst hinaus schon +Exzeß, Laster und Marter, und diese entsetzlichen Niederstürze +aus den Himmeln des Gefühls in die schmutzigen +Steinbrüche der Wirklichkeit würden Dostojewski unerträglich +machen, wäre die gleiche Gewalt des Kontrastes +nicht auch im Gegenspiel vorhanden, entstünde nicht +immer wieder auch die ungeheuere seelische Ekstase bei ihm +aus den schmutzigsten Winkeln der Wirklichkeit. Man erinnere +sich nur an die Welt Dostojewskis. Sie ist, rein sozial +genommen, ein Wurmloch, knapp an der Gosse des Lebens, +immer in den dumpfesten Sphären der Armut und Kläglichkeit. +Mit absichtlicher Bewußtheit (er ist der Antiromantiker, +wie er der Antisentimentale ist) stellt er seine +Szenerie mitten in die Banalität hinein. Schmutzige Kellerlokale, +stinkend von Bier und Schnaps, dumpfe enge „Särge“ +von Zimmern, nur abgetrennt durch Holzwände, nie Salons, +Hotels, Paläste, Kontore. Und mit Absicht sind +seine Menschen äußerlich „uninteressant“, schwindsüchtige +Frauen, verlumpte Studenten, Nichtstuer, Verschwender, +Tagediebe, niemals aber soziale Persönlichkeiten. +Aber gerade in diese dumpfe Alltäglichkeit stellt er die +größten Tragödien der Zeit. Aus dem Erbärmlichen steigt +das Erhabene phantastisch auf. Nichts wirkt dämonischer +bei ihm als dieser Kontrast äußerer Nüchternheit und seelischer +Trunkenheit, räumlicher Armut und Verschwendung +des Herzens. In Schnapszimmern verkünden trunkene +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_163" id="Page_163">163</a><span>] </span></span>Menschen die Wiederkehr des Dritten Reiches, sein +Heiliger Aljoscha erzählt die tiefste Legende, während +ihm eine Dirne auf dem Schoße sitzt, in Bordellen und +Spielhäusern entfalten sich die Apostolate der Güte und +Verkündung, und die erhabenste Szene Raskolnikoffs, +wo der Mörder sich niederwirft und vor dem Leiden der +ganzen Menschheit sich beugt, sie spielt im Zimmerwinkel +einer Dirne bei dem stotternden Schneider Kapernaumow.</p> + +<p>Ein ununterbrochener Wechselstrom, kalt oder warm, +warm oder kalt, aber nie lau, ganz im Sinne der Apokalypse, +durchblutet seine Leidenschaft das Leben. In einer +Phrenesie von Kontrasten stellt der Dichter hier das Erhabene +mit dem Banalen stetig Stirn an Stirn, von Unruhe +zu Unruhe wirft er die aufgereizten Gefühle. Nie gerät +man darum bei den Romanen Dostojewskis zur Rast, nie +in die sanfte, musikalische Rhythmik des Lesens, nie läßt +er einem ruhig den Atem rinnen, immer zuckt man wie +unter elektrischen Schlägen beunruhigt auf, heißer, brennender, +unruhiger, neugieriger von Seite zu Seite. Solange +wir in seiner dichterischen Gewalt sind, werden wir ihm +selber ähnlich. Wie in sich selbst, dem ewigen Dualisten, +dem Menschen am Kreuzholz des Zwiespalts, wie in seinen +Gestalten, zersprengt Dostojewski auch dem Leser die +Einheit des Gefühls.</p> + +<p>Das ist ewige Eigenart seiner Darstellung, und es wäre +Herabwürdigung, sie mit dem Handwerkerwort „Technik“ +zu benennen, denn diese Kunst kommt mitten aus Dostojewskis +Persönlichkeit, aus dem brennenden Urzwiespalt +seines Gefühls. Seine Welt ist offenbare Wahrheit und +Geheimnis, zugleich hellseherische Erkenntnis der Wirklichkeit, +Wissen und Magie. Das Unfaßbarste scheint verständlich, +das Verständlichste unfaßbar: beugen sich die +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_164" id="Page_164">164</a><span>] </span></span>Probleme schon über den äußersten Rand der Möglichkeiten +hinaus, so stürzen sie doch nie ins Gestaltlose hinab. +Mit unerhörtester Kraft klemmen die visionär-realen Einzelheiten +seine Figuren im Irdischen fest, nie gleitet eine +ins Schattenhafte hinüber. Wen Dostojewski schildert, +dessen Wesen hat er visionär inne bis in die letzte Wirrnis +seiner Nervenstränge, er tastet ihm nach bis in den +Meeresgrund seiner Träume, durchfiebert seine Leidenschaft, +durchsiebt seine Trunkenheit, nie geht ein Atemzug +seelischer Substanz bei ihm verloren, wird ein Gedanke +übersprungen. Glied um Glied hämmert er die psychologische +Kette um die in der Kunst Gefangenen. Es gibt +bei ihm keine psychologischen Irrtümer, keine Verknotung, +die sein visionärer Intellekt, seine hellseherische Logik nicht +durchleuchtete. Nie einen Fehler, einen Verstoß gegen die +innere Wahrheit. Welche Kunstbauten des Geistes und der +Vision sind da errichtet, unübersehbar und unzerstörbar! +Der dialektische Zweikampf des Porphyri Petrowitsch +mit Raskolnikoff, die Architektonik der Verbrechen, das +logische Labyrinth der Karamasoff, das ist geistige Architektonik +ohnegleichen, fehllos wie Mathematik und doch +berauschend wie Musik. Sie vereinigen die höchsten Kräfte +des Geistes mit den seherischen der Seele zu einer neuen, +tieferen Wahrheit, als die Menschheit sie vordem gekannt.</p> + +<p>Aber doch – die Frage muß beantwortet sein –, warum +wirkt trotz solcher dämonischer Vollendung der Wahrheit +Dostojewskis Werk, dieses irdischeste aller Werke, +doch wiederum unirdisch auf uns, als Welt zwar, aber +doch wie eine neben oder über unserer Welt, nur nicht +sie selbst? Warum stehen wir innen mit unserem tiefsten +Gefühl und sind doch irgendwie befremdet? Warum brennt +in allen seinen Romanen etwas wie künstliches Licht und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_165" id="Page_165">165</a><span>] </span></span>ist Raum darinnen wie aus Halluzinationen und Träumen? +Warum empfinden wir ihn, diesen äußersten Realisten, +immer mehr als Somnambulen denn als Darsteller der +Wirklichkeit? Warum ist trotz aller Feurigkeit, ja Überhitztheit +doch nicht fruchtbare Sonnenwärme darin, sondern +irgendein schmerzhaftes Nordlicht, blutig und blendend, +warum empfinden wir diese wahrste Darstellung des +Lebens, die je gegeben wurde, doch irgendwie nicht als +das Leben selbst? Als unser eigenes Leben?</p> + +<p>Ich versuche zu antworten. Das höchste Maß der Vergleiche +ist für Dostojewski nicht zu gering, und am Erhabensten, +am Unvergänglichsten der Weltliteratur können +sie gewertet werden. Für mich ist die Tragödie der +Karamasoffs nicht geringer als die Verstrickungen der +Orestie, die Epik Homers, der erhabene Umriß von Goethes +Werk. Sie alle, diese Werke, sind sogar einfältiger, schlichter, +weniger erkenntnisreich, weniger zukunftsträchtig als +die Dostojewskis. Aber sie sind doch irgendwie weicher +und freundsamer für die Seele, sie geben Erlösung des +Gefühls, während Dostojewski nur Erkenntnis gibt. Ich +glaube: diese ihre Entspannung danken sie, daß sie nicht so +menschlich, nur menschlich sind. Sie haben um sich einen +heiligen Rahmen von strahlendem Himmel, von Welt, +einen Atem von Wiesen und Feldern, einen Sternblick von +Himmel, wo sich das Gefühl, das verschreckte, entspannt +hinflüchtet und befreit. Im Homer, mitten in den Schlachten, +im blutigsten Gemetzel der Menschen stehen ein paar +Zeilen der Schilderung, und man atmet salzigen Wind vom +Meer, das silberne Licht Griechenlands glänzt über die +Blutstatt, beseligt erkennt das Gefühl den schmetternden +Kampf der Menschen als einen kleinen nichtigen Wahn +gegen das Ewige der Dinge. Und man atmet auf, man ist +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_166" id="Page_166">166</a><span>] </span></span>erlöst von der menschlichen Trübe. Auch Faust hat seinen +Ostersonntag, schwingt die eigene Qual in die zerklüftete +Natur, wirft seinen Jubel in den Frühling der +Welt. In allen diesen Werken erlöst die Natur von der +Menschenwelt. Dostojewski aber fehlt die Landschaft, +fehlt die Entspannung. Sein Kosmos ist nicht die Welt, sondern +nur der Mensch. Er ist taub für Musik, blind für Bilder, +stumpf für Landschaft: mit einer ungeheueren Gleichgültigkeit +gegen die Natur, gegen die Kunst ist sein unergründliches, +sein unvergleichliches Wissen um den Menschen +bezahlt. Und alles Nur-Menschliche hat eine Trübe +von Unzulänglichkeit. Sein Gott wohnt nur in der Seele, +nicht auch in den Dingen, ihm fehlt jenes kostbare Korn +Pantheismus, das die deutschen, das die hellenischen Werke +so selig und so befreiend macht. Seine, Dostojewskis, Werke, +sie spielen alle irgendwie in ungelüfteten Stuben, in rußigen +Straßen, in dunstigen Kneipen, eine dumpfe menschliche, +allzu menschliche Luft ist darinnen, die nicht klärend +durchwühlt wird vom Wind aus den Himmeln und dem +Sturz der Jahreszeiten. Man versuche doch einmal sich +zu entsinnen bei seinen großen Werken, bei „Raskolnikoff“, +dem „Idioten“, bei den „Karamasoffs“, dem „Jüngling“, +in welcher Jahreszeit, in welcher Landschaft sie +spielen. Ist es Sommer, Frühling oder Herbst? Vielleicht +ist es irgendwo gesagt. Aber man fühlt es nicht. Man atmet +es, man schmeckt es, man spürt, man erlebt es nicht. Sie +spielen alle nur irgendwo im Dunkel des Herzens, das die +Blitzschläge der Erkenntnis sprunghaft erhellen, im luftleeren +Hohlraum des Hirnes, ohne Sterne und Blumen, ohne +Stille und Schweigen. Großstadtrauch verdunkelt den Himmel +ihrer Seele. Es fehlen ihnen die Ruhepunkte der Erlösung +vom Menschlichen, jene seligsten Entspannungen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_167" id="Page_167">167</a><span>] </span></span>die besten des Menschen, wenn er den Blick von sich selbst +und seinen Leiden gegen die fühllose, leidenschaftslose +Welt kehrt. Das ist das Schattenhafte in seinen Büchern: +wie von einer grauen Wand von Elend und Dunkelheit +heben sich seine Gestalten ab, sie stehen nicht frei und +klar in einer wirklichen Welt, sondern in einer Unendlichkeit +bloß des Gefühls. Seine Sphäre ist Seelenwelt und +nicht Natur, seine Welt nur die Menschheit.</p> + +<p>Aber auch seine Menschheit selbst, so wunderbar wahrhaftig +jeder einzelne ist, so fehllos ihr logischer Organismus, +auch sie ist in ihrer Gesamtheit in einem gewissen +Sinne unwirklich: etwas von Gestalten aus Träumen haftet +ihnen an, und ihr Schritt geht im Raumlosen wie der von +Schatten. Damit sei nicht gesagt, daß sie irgendwie unwahr +wären. Im Gegenteil: sie sind überwahr. Denn +Dostojewskis Psychologie ist eine fehllose, aber seine Menschen +sind nicht plastisch, sondern sublim gesehen und +durchfühlt, weil sie einzig aus Seele gestaltet sind und nicht +aus Körperlichkeit. Dostojewskis Menschen kennen wir +alle nur als wandelndes und gewandeltes Gefühl, Wesen +aus Nerven und Seelen, bei denen man es fast vergißt, daß +dieses Blut durch Fleisch rinnt. Nie rührt man sie gewissermaßen +körperlich an. Auf den zwanzigtausend Seiten +seines Werkes ist nie geschildert, daß einer seiner Menschen +sitzt, daß er ißt, daß er trinkt, immer fühlen, sprechen +oder kämpfen sie nur. Sie schlafen nicht (es sei denn, daß +sie hellseherisch träumen), sie ruhen nicht, immer sind sie +im Fieber, immer denken sie. Nie sind sie vegetativ, pflanzlich, +tierisch, stumpf, immer nur bewegt, erregt, gespannt, +und immer, immer wach. Wach und sogar überwach. +Immer im Superlativ ihres Seins. Alle haben sie die seelische +Übersichtigkeit Dostojewskis, alle sind sie Hellseher, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_168" id="Page_168">168</a><span>] </span></span>Telepathen, Halluzinanten, alle pythische Menschen, und +alle durchtränkt bis in die letzten Tiefen ihres Wesens von +psychologischer Wissenschaft. Im gemeinen, im banalen +Leben stehen – erinnern wir uns nur – die meisten Menschen +im Konflikt miteinander und dem Schicksal einzig +darum, weil sie sich nicht verstehen, weil sie einen bloß +irdischen Verstand haben. Shakespeare, der andere große +Psychologe der Menschheit, baut die Hälfte seiner Tragödien +auf diese eingeborene Unwissenheit, auf dieses Fundament +von Dunkel, das zwischen Mensch und Mensch +als Verhängnis, als Stein des Anstoßes liegt. Lear mißtraut +seiner Tochter, denn er ahnt ihren Edelmut nicht, die +Größe der Liebe, die sich hier in Schamhaftigkeit verschanzt, +Othello wiederum nimmt sich Jago als Einflüsterer, +Cäsar liebt Brutus, seinen Mörder, alle sind sie dem wahren +Wesen der irdischen Welt, der Täuschung verfallen. Bei +Shakespeare wird wie im realen Leben das Mißverständnis, +die irdische Unzulänglichkeit, zeugende tragische Kraft, +die Quelle aller Konflikte. Die Menschen Dostojewskis +aber, diese Überwissenden, sie kennen kein Mißverstehen. +Jeder ahnt immer prophetisch den anderen, sie verstehen +einander restlos bis in die letzten Tiefen, sie saugen sich +das Wort aus dem Munde, noch ehe es gesagt ist, und den +Gedanken noch aus dem Mutterleib der Empfindung. Sie +wittern, sie ahnen einander alle im voraus, nie enttäuschen +sie sich, nie staunen sie, jedes einzelnen Seele umfaßt in +geheimnisvoller Witterung schon der anderen Sinn. Das +Unbewußte, das Unterbewußte ist bei ihnen überentwickelt, +alle sind sie Propheten, alle Ahnende und Visionäre, +überladen von Dostojewski mit seiner eigenen mystischen +Durchdringung des Seins und des Wissens. Ich will +ein Beispiel wählen, um deutlicher zu sein. Nastassja +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_169" id="Page_169">169</a><span>] </span></span>Philipowna wird von Rogoschin ermordet. Sie weiß es +vom ersten Tage, da sie ihn erblickt, weiß es in jeder Stunde, +in der sie ihm angehört, daß er sie ermorden wird, sie flieht +vor ihm, weil sie es weiß, und flüchtet zurück, weil sie ihr +eigenes Schicksal begehrt. Sie kennt das Messer sogar +Monate voraus, das ihr die Brust durchstößt. Und Rogoschin +weiß es, auch er kennt das Messer und ebenso +Myschkin. Seine Lippen zittern, wenn er einmal im Gespräch +zufällig Rogoschin mit diesem Messer spielen sieht. +Und gleicherweise beim Morde Fedor Karamasoffs ist das +Wissensunmögliche allen bewußt. Der Staretz fällt in die +Knie, weil er das Verbrechen wittert, selbst der Spötter +Rakitin weiß diese Zeichen zu deuten. Aljoscha küßt +seines Vaters Schulter, wie er von ihm Abschied nimmt, +auch sein Gefühl weiß es, daß er ihn nicht mehr sieht. +Iwan fährt nach Tchermaschnjä, um nicht Zeuge des +Verbrechens zu sein. Der Schmutzfink Smerdjakoff sagt +es ihm lächelnd voraus. Alle, alle wissen sie es, und den +Tag und die Stunde und den Ort aus einer Überladenheit +mit prophetischer Erkenntnis, die unwahrscheinlich ist in +ihrer Zuvielfältigkeit. Alle sind sie Propheten, Erkenner, +alle Allesversteher.</p> + +<p>Hier wieder in der Psychologie erkennt man jene zwiefache +Form aller Wahrheit für den Künstler. Obwohl +Dostojewski den Menschen tiefer kennt als irgendeiner vor +ihm, so ist ihm doch Shakespeare überlegen als Kenner der +Menschheit. Er hat das Gemischte des Daseins erkannt, +das Gemeine und Gleichgültige neben das Grandiose gestellt, +wo Dostojewski einen jeden ins Unendliche steigert. +Shakespeare hat die Welt im Fleisch erkannt, Dostojewski +im Geist. Seine Welt ist vielleicht die vollkommenste +Halluzination der Welt, ein tiefer und prophetischer +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_170" id="Page_170">170</a><span>] </span></span>Traum von der Seele, ein Traum, der die Wirklichkeit +noch überflügelt: aber Realismus, der über sich selbst hinaus +ins Phantastische reicht. Der Überrealist Dostojewski, +der Überschreiter aller Grenzen, er hat die Wirklichkeit +nicht geschildert: er hat sie über sich selbst hinaus gesteigert.</p> + +<p>Von innen also, von der Seele allein, ist hier die Welt +in Kunst gestaltet, von innen gebunden, von innen erlöst. +Diese Art von Kunst, die tiefste und menschlichste aller, +hat keine Vorfahren in der Literatur, weder in Rußland +noch irgendwo in der Welt. Dieses Werk hat nur Brüder +in der Ferne. An die griechischen Tragiker gemahnt +manchmal der Krampf und die Not, dieses Übermaß von +Qual in den Menschen, die unter dem Griff des übermächtigen +Schicksales sich krümmen, an Michelangelo manchmal +durch die mystische, steinerne, unerlösbare Traurigkeit +der Seele. Aber der wahre Bruder Dostojewskis durch +die Zeiten ist Rembrandt. Beide stammen sie aus einem +Leben von Mühsal, Entbehrung, Verachtung, Ausgestoßene +der Irdischkeit, gepeitscht von den Bütteln des Geldes +in die tiefste Tiefe des menschlichen Seins hinab. Beide +wissen sie um den schöpferischen Sinn der Kontraste, den +ewigen Streit von Dunkel und Licht, und wissen, daß keine +Schönheit tiefer ist als die heilige der Seele, die aus der +Nüchternheit des Seins gewonnen ist. Wie Dostojewski +seine Heiligen aus russischen Bauern, Verbrechern und +Spielern, gestaltet sich Rembrandt seine biblischen Figuren +von den Modellen der Hafengassen; beiden ist in den niedersten +Formen des Lebens irgendeine geheimnisvolle, neue +Schönheit verborgen, beide finden sie ihren Christus im +Abhub des Volks. Beide wissen sie von dem ständigen +Spiel und Widerspiel der Erdenkräfte, von Licht und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_171" id="Page_171">171</a><span>] </span></span>Dunkel, das gleich mächtig im Lebendigen wie im Beseelten +waltet, und hier wie dort ist alles Licht aus dem +letzten Dunkel des Lebens genommen. Je mehr man in +die Tiefe der Bilder Rembrandts, der Bücher Dostojewskis +blickt, sieht man das letzte Geheimnis der weltlichen und +geistigen Formen sich entringen: Allmenschlichkeit. Und +wo die Seele zuerst nur schattenhafte Form, nur trübe Wirklichkeit +zu schauen meint, erkennt sie, tiefer blickend, mit +erkennender Lust entrungenes Licht: jenen heiligen Glanz, +der als Märtyrerkrone über den letzten Dingen des Lebens +liegt.</p> +</div> + + +<div> +<h3>ARCHITEKTUR UND LEIDENSCHAFT</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„<span lang="fr" xml:lang="fr">Que celui aime peu, qui aime la mesure!</span>“</p> +<p class="zitat right">La Boetie</p> +</div> + +<p>„Alles treibst du bis zur Leidenschaft.“ Das Wort +Nastassja Philipownas trifft alle Menschen Dostojewskis +und trifft vor allem ihn, Dostojewski selbst, mitten in die +Seele. Nur leidenschaftlich kann dieser Gewaltige den +Phänomenen des Lebens entgegentreten und darum am +leidenschaftlichsten seiner leidenschaftlichsten Liebe: der +Kunst. Selbstverständlich, daß der schöpferische Prozeß, +die künstlerische Bemühung, bei ihm nicht eine geruhige, +ordnend aufbauende, kühl berechnend architektonische +ist. Dostojewski schreibt im Fieber, wie er im Fieber +denkt, im Fieber lebt. Unter der Hand, die die Worte in +fließenden kleinen Perlenketten (er hat die nervöse Eilschrift +aller hitzigen Menschen) über das Papier rinnen +läßt, hämmert der Puls in verdoppelten Schlägen, seine +Nerven zucken im Krampf. Schöpfung ist ihm Ekstase, +Qual, Entzückung und Zerschmetterung, eine zum Schmerz +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_172" id="Page_172">172</a><span>] </span></span>gesteigerte Wollust, ein zur Wollust gesteigerter Schmerz, +das ewige Spasma, der immer wiederholte vulkanische +Ausbruch seiner übermächtigen Natur. „Unter Tränen“ +schreibt der Zweiundzwanzigjährige sein erstes Werk +„Arme Leute“, und seitdem ist jede Arbeit eine Krise, eine +Krankheit. „Ich arbeite nervös, unter Qual und Sorgen. +Wenn ich angestrengt arbeite, bin ich auch physisch +krank.“ Und tatsächlich, die Epilepsie, seine mystische +Krankheit, dringt ein mit ihrem fiebrigen, entzündlichen +Rhythmus, mit ihren dunklen, dumpfen Hemmungen, bis +in die feinsten Vibrationen seines Werks. Immer aber +schafft Dostojewski mit dem Ganzen seines Wesens, im +hysterischen Furor. Selbst die kleinsten, scheinbar gleichgültigen +Partien seines Werkes, wie die journalistischen Aufsätze, +sind gegossen und geschmolzen in der feurigen Esse +seiner Leidenschaft. Nie schafft er mit dem bloß abgelösten, +frei wirkenden Teil seiner schaffenden Kraft, gleichsam +aus dem Handgelenk, aus der spielhaften Leichtigkeit der +Technik, immer ballt er seine ganze physische Erregbarkeit +in das Geschehnis, bis an den letzten Nerv seines +Lebens leidend und mitleidend in seinen Gestalten. Alle +seine Werke sind gleichsam explosiv in rasenden Wetterschlägen +durch einen ungeheuren atmosphärischen Druck +herausgeschwemmt. Dostojewski kann nicht gestalten +ohne inneren Anteil, und für ihn gilt das bekannte Wort +über Stendhal: „<span lang="fr" xml:lang="fr">Lorsqu'il n'avait pas d'émotion, il était +sans esprit.</span>“ Wenn Dostojewski nicht leidenschaftlich war, +war er nicht Dichter.</p> + +<p>Aber Leidenschaft in der Kunst wird ebenso zerstörendes +Element, als sie bildnerisches war. Sie schafft nur das +Chaos der Kräfte, dem der klare Geist erst die ewigen Formen +erlöst. Alle Kunst braucht die Unruhe als Antrieb der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_173" id="Page_173">173</a><span>] </span></span>Gestaltung, aber nicht minder eine überlegen-überlegte +Ruhe der Auswägung zu einer Vollendung. Dostojewskis +mächtiger, die Wirklichkeit diamanten durchdringender +Geist weiß nun wohl um die marmorne, eherne Kühle, +die das große Kunstwerk umwittert. Er liebt, er vergöttert +die große Architektonik, er entwirft prachtvolle Maße, +erhabene Ordnungen des Weltbildes. Aber immer wieder +überflutet das leidenschaftliche Gefühl die Fundamente. Der +Zwiespalt, der ewige zwischen Herz und Geist, wirkt auch +im Werke und nennt sich hier Kontrast von Architektonik +und Leidenschaft. Vergebens sucht Dostojewski als Künstler +objektiv zu schaffen, außen zu bleiben, bloß zu erzählen und +zu gestalten, Epiker zu sein, Referent von Geschehnissen, +Analytiker der Gefühle. Unwiderstehlich reißt ihn seine +Leidenschaft in Leiden und Mitleiden immer wieder +in die eigene Welt. Immer ist etwas vom Chaos des Anfangs +selbst in den vollendeten Werken Dostojewskis, nie +die Harmonie erreicht („Ich hasse die Harmonie“, so +schreit Iwan Karamasoff, der Verräter seiner geheimsten +Gedanken). Auch hier ist zwischen Form und Wille kein +Friede, kein Ausgleich, sondern – o ewige Zweiheit seines +Wesens, alle Formen durchdringend von der kalten Schale +bis zum glühendsten Kerne! – ein unablässiger Kampf +zwischen außen und innen. Der ewige Dualismus seines +Wesens heißt im epischen Werke Kampf zwischen Architektur +und Leidenschaft.</p> + +<p>Nie erreicht Dostojewski in seinen Romanen, was man +fachmännisch „den epischen Vortrag“ nennt, jenes große +Geheimnis, bewegtes Geschehen in ruhiger Darstellung zu +bändigen, das von Homer bis Gottfried Keller und Tolstoi +sich in unendlicher Ahnenreihe von Meister auf Meister +vererbt. Leidenschaftlich formt er seine Welt, und nur +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_174" id="Page_174">174</a><span>] </span></span>leidenschaftlich, nur erregt, kann man sie genießen. Nie stellt +sich in seinen Büchern jenes sanfte rhythmische, einwiegende +Gefühl der Behaglichkeit ein, nie fühlt man sich +sicher und außen gegenüber den Geschehnissen, gleichsam +an dem sicheren Ufer, Brandung und Tumult eines erregten +Meeres schauspielhaft betrachtend. Immer ist man +innen bei ihm eingewühlt, verstrickt in die Tragödie. Wie +eine Krankheit erlebt man die Krise seiner Menschen im +Blute, wie eine Entzündung brennen die Probleme im +aufgepeitschten Gefühl. Mit allen unseren Sinnen taucht +er uns in seine brennende Atmosphäre, stößt er uns an +den Abgrundrand der Seele, wo wir keuchend stehen, +schwindeligen Gefühls, mit abgerissenem Atem. Und erst, +wenn unsere Pulse jagen wie die seinen, wir selbst der +dämonischen Leidenschaft verfallen sind, erst dann gehört +sein Werk ganz uns, gehören wir ihm ganz. Dostojewski +will eben nur angespannte, gesteigerte Menschen als Mitempfinder +seiner Epik, so wie er sie als seine Helden wählt. +Die Leihbibliothekskonsumenten, die behaglichen Flaneure +des Lesens, die Spaziergänger auf den Bürgersteigen ausgetretener +Probleme, müssen auf ihn und er auf sie verzichten. +Nur der brennende Mensch, der leidenschaftlich +entzündete, der glühende im Gefühl, findet hinab in seine +wahre Sphäre.</p> + +<p>Es läßt sich nicht verleugnen, nicht verbergen, nicht +verschönern: das Verhältnis Dostojewskis zum Leser ist +weder ein freundschaftliches noch ein behagliches, sondern +eine Zwietracht voll gefährlicher, grausamer, wollüstiger +Instinkte. Es ist eine leidenschaftliche Beziehung wie +zwischen Mann und Weib, nicht wie bei den andern +Dichtern ein Verhältnis der Freundschaft und des Vertrauens. +Dickens oder Gottfried Keller, seine Zeitgenossen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_175" id="Page_175">175</a><span>] </span></span>führen mit sanfter Überredung, mit musikalischer Lockung +den Leser in ihre Welt, sie plaudern ihn freundlich ins +Geschehnis hinein, sie reizen nur die Neugier, die Phantasie, +nicht aber wie Dostojewski das ganze aufschäumende +Herz. Er, der Leidenschaftliche, will uns ganz haben, nicht +bloß unsere Neugier, unser Interesse, er begehrt unsere +ganze Seele, selbst unsere Körperlichkeit. Zuerst lädt er +die innere Atmosphäre mit Elektrizität, raffiniert steigert er +unsere Reizbarkeit. Eine Art Hypnose setzt ein, ein Willensverlust +in seinen leidenschaftlichen Willen: wie das +dumpfe Murmeln des Beschwörenden, endlos und sinnlos +umtut er den Sinn mit breiten Gesprächen, reizt mit Geheimnis +und Andeutungen die Anteilnahme bis tief nach +innen. Er duldet nicht, daß wir zu früh uns hingeben, er +dehnt in wollüstigem Wissen die Marter der Vorbereitung, +Unruhe beginnt in einem leise zu kochen, aber immer +wieder verzögert er, neue Figuren vorschiebend, neue Bilder +entrollend, den Einblick in das Geschehnis. Ein wissender, +ein wollüstiger Erotiker, hält er seine, hält er unsere +Hingebung mit teuflischer Willenskraft zurück und steigert +damit den innern Druck, die Gereiztheit der Atmosphäre +ins Unendliche. Schicksalsträchtig fühlt man über sich ein +Gewölk von Tragik (wie lange dauert es in Raskolnikoff, +ehe man weiß, daß all diese sinnlosen seelischen Zustände +Vorbereitungen zu seinem Morde sind, und doch spürt +man längst in den Nerven Furchtbares voraus!), auf dem +Himmel der Seele wetterleuchtet schaurige Ahnung. Aber +Dostojewskis sinnliche Wollüstigkeit berauscht sich im +Raffinement der Verzögerung, sie prickelt wie Nadelstiche +kleine Andeutungen in die Haut des Empfindens. Mit +satanischer Verlangsamung stellt Dostojewski vor seinen +großen Szenen noch Seiten und Seiten mystischer und +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_176" id="Page_176">176</a><span>] </span></span>dämonischer Langweile, bis er in dem Reizmenschen (ein +anderer fühlt ja nichts von diesen Dingen) ein geistiges +Fieber, eine physische Qual erzeugt. Auch das Lustgefühl +der Spannung treibt dieser Fanatiker des Kontrastes bis in +den Schmerz hinein, und erst dann, wenn im überheizten +Kessel der Brust das Gefühl schon brodelt und die Wände +sprengen will, dann erst schlägt er einem mit dem Hammer +auf das Herz, dann zuckt eine jener sublimen Sekunden +nieder, wo wie ein Blitz die Erlösung aus dem Himmel +seines Werkes in die Tiefe unserer Herzen fährt. Erst +wenn die Spannung unerträglich geworden ist, zerreißt +Dostojewski das epische Geheimnis und löst das zerspannte +Gefühl in weiche, flutende, tränenfeuchte Empfindung.</p> + +<p>So feindlich, so wollüstig, so raffiniert leidenschaftlich +umstellt, umfaßt Dostojewski seine Leser. Nicht im Ringkampf +zwingt er sie nieder, sondern wie ein Mörder, der +stundenlang und stundenlang sein Opfer umkreist, durchstößt +er einem dann plötzlich mit einer spitzen Sekunde +das Herz. So leidenschaftlich ist er im eigenen Aufruhr, +daß man zweifelt, ihn noch einen Epiker nennen zu dürfen. +Seine Technik ist eine explosive: er höhlt nicht kärrnerhaft, +Schaufel um Schaufel, die Straße in sein Werk +hinein, sondern von innen herauf mit einer ins kleinste +geballten Kraft sprengt er die Welt auf und die erlöste +Brust. Ganz unterirdisch sind seine Vorbereitungen, gleichsam +eine Verschwörung, eine blitzartige Überraschung +für den Leser. Nie weiß man, obwohl man fühlt, daß man +einer Katastrophe entgegengeht, in welchen Menschen er +die Stollen seiner Minengänge eingräbt, von welcher Seite, +in welcher Stunde die furchtbare Entladung erfolgt. Von +jedem einzelnen führt ein Schacht in den Mittelpunkt des +Geschehens, jeder einzelne ist geladen mit dem Zündstoff +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_177" id="Page_177">177</a><span>] </span></span>der Leidenschaft. Wer aber den Kontakt zündet (zum +Beispiel, wer von den vielen, die alle innerlich von den +Gedanken vergiftet sind, den Fedor Karamasoff tötet), das +ist mit einer unerhörten Kunst verborgen bis zum letzten +Augenblick, denn Dostojewski, der alles ahnen läßt, verrät +nichts von seinem Geheimnis. Man fühlt nur immer +das Schicksal wie einen Maulwurf unter der Fläche des +Lebens wühlen, fühlt, wie sich bis hart unter unser Herz die +Mine vorschiebt, und vergeht, verzehrt sich in unendlicher +Spannung bis zu den kleinen Sekunden, die wie ein Blitz +die Schwüle der Atmosphäre zerschneiden.</p> + +<p>Und für diese kleinen Sekunden, für die unerhörte Konzentration +des Zustandes benötigt der Epiker Dostojewski +eine bisher ungekannte Wucht und Breite der Darstellung. +Nur eine monumentale Kunst kann solch eine Intensität, +eine solche Konzentration erzielen, nur eine Kunst urweltlicher +Größe und mythischer Wucht. Hier ist Breite nicht +Geschwätzigkeit, sondern Architektur: wie für die Spitzen +der Pyramiden riesige Fundamente, sind für die spitzen +Höhepunkte bei Dostojewski die gewaltigen Dimensionen +seiner Romane notwendig. Und wirklich, wie die Wolga, +der Dnjepr, die großen Ströme seiner Heimat, rollen diese +Romane dahin. Etwas Stromhaftes ist ihnen allen zu eigen, +langsam wogend rollen sie ungeheuere Mengen des Lebens +heran. Auf ihren Tausenden und Tausenden Seiten schwemmen +sie, gelegentlich die Ufer des künstlerischen Gestaltens +übertretend, viel politisches Geröll und polemisches +Gestein mit sich fort. Manchmal, wo die Inspiration nachläßt, +haben sie auch breite, sandige Stellen. Schon scheinen +sie zu versiegen. In stockendem Lauf winden sich mühsam +durch Krümmungen und Wirrungen die Geschehnisse +weiter, die Flut stagniert an den Sandbänken der Gespräche +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_178" id="Page_178">178</a><span>] </span></span>für Stunden, bis sie wieder dann die eigene Tiefe und den +Schwung ihrer Leidenschaft findet.</p> + +<p>Aber dann, in der Nähe des Meeres, der Unendlichkeit, +kommen plötzlich jene unerhörten Stellen der Stromschnelle, +wo sich die breite Erzählung zum Wirbel zusammenballt, +die Seiten gleichsam fliegen, das Tempo beängstigend +wird, die Seele mitgerissen in den Abgrund des +Gefühls hinpfeilt. Schon fühlt man die nahe Tiefe, schon donnert +der Wassersturz her, die ganze breite schwere Masse ist +plötzlich in schäumende Geschwindigkeit verwandelt, und +wie die Strömung der Erzählung, gleichsam magnetisch +vom Katarakt angezogen, der Katharsis zuschäumt, so +sausen wir selbst unwillkürlich rascher durch diese Seiten +und stürzen dann plötzlich in den Abgrund des Geschehens, +gleichsam mit zerschmetterten Gefühlen.</p> + +<p>Und dieses Gefühl, wo gleichsam die ungeheuere Summe +des Lebens in einer einzigen Ziffer gezogen ist, dieses Gefühl +äußerster Konzentration, qualvoll und schwindlig +zugleich, das er selbst einmal das „Turmgefühl“ nennt, – +den göttlichen Wahnsinn, sich über die eigene Tiefe zu +beugen und die Seligkeit des tödlichen Niedersturzes vorempfindend +zu genießen – dieses äußerste Gefühl, in dem +man mit dem ganzen Leben auch noch den Tod empfindet, +es ist immer auch die unsichtbare Spitze der großen +epischen Pyramiden Dostojewskis. Alle Romane sind vielleicht +nur geschrieben um dieser Augenblicke der weißglühenden +Empfindung willen. Zwanzig oder dreißig solcher +grandioser Stellen hat Dostojewski geschaffen, und +alle sind sie von so unvergleichlicher Vehemenz der leidenschaftlichen +Zusammenballung, daß sie einem nicht nur +beim ersten Lesen, da sie einen gleichsam noch wehrlos überfallen, +sondern noch beim vierten oder fünften Wiederholen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_179" id="Page_179">179</a><span>] </span></span>wie eine Stichflamme durch das Herz fahren. Immer sind in +diesem Augenblick plötzlich alle Menschen des ganzen +Buches in einem Zimmer versammelt, immer alle in der +äußersten Intensität ihres Eigenwillens. Alle Straßen, alle +Ströme, alle Kräfte laufen magisch zusammen, lösen sich auf +in einer einzigen Geste, einer einzigen Gebärde, einem einzigen +Wort. Ich erinnere nur an die Szene in den „Dämonen“, +wo die Ohrfeige Schatows mit ihrem „trockenen +Schlag“ das Spinnweb des Geheimnisses zerreißt, wie im +„Idioten“ Nastassja Philipowna die <span class="nowrap">100 000</span> Rubel ins Feuer +wirft, oder die Geständnisszene in „Raskolnikoff“ und +den „Karamasoff“. In diesen höchsten, schon nicht mehr +stofflichen, in diesen ganz elementaren Momenten seiner +Kunst gattet sich restlos Architektur und Leidenschaft. +Nur in der Ekstase ist Dostojewski der einheitliche Mensch, +nur in diesen kurzen Augenblicken der vollendete Künstler. +Aber diese Szenen sind rein künstlerisch ein Triumph +der Kunst über den Menschen ohnegleichen, denn erst +rücklesend wird man gewahr, mit einer wie genialen Berechnung +alle Anstiege zu diesem Höhepunkt geführt sind, +mit welch wissender Verteilung hier Menschen und Umstände +sich magisch ergänzen, wie die ungeheure Gleichung, +die tausendstellige und verschränkte, sich plötzlich +auflöst in die kleinste Zahl, die letzte, restlose Einheit des +Gefühls: die Ekstase. Das ist das größte künstlerische Geheimnis +Dostojewskis, alle seine Romane zu solchen Spitzen +hinaufzubauen, in denen sich die ganze elektrische +Atmosphäre des Gefühls sammelt und die den Blitz des +Schicksals mit unfehlbarer Sicherheit in sich auffangen.</p> + +<p>Muß noch besonders auf den Ursprung dieser einzigartigen +Kunstform hingewiesen sein, die vor Dostojewski +keiner besessen und vielleicht nie ein Künstler in gleichem +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_180" id="Page_180">180</a><span>] </span></span>Maße besitzen wird? Muß es noch gesagt sein, daß dieses +Aufzucken der gesamten Lebenskräfte zu einzigen Sekunden +nichts anderes ist, als in Kunst verwandelte, sinnfällige +Form seines eigenen Lebens, seiner dämonischen +Krankheit? Nie ist das Leiden eines Künstlers fruchtbarer +gewesen als diese künstlerische Verwandlung der +Epilepsie, denn nie hat sich vor Dostojewski in der Kunst +eine ähnliche Konzentration von Lebensfülle in das engste +Maß von Raum und Zeit gebannt. Er, der am Semenowskiplatz +gestanden, die Augen verschnürt, und in zwei Minuten +sein ganzes vergangenes Leben noch einmal durchlebte, +der bei jedem epileptischen Anfall in der Sekunde zwischen +dem wankenden Taumel und dem harten Niedersturz vom +Sessel auf den Boden Welten visionär durchirrt, nur er +konnte diese Kunst erreichen, in eine Nußschale von Zeit +einen Kosmos von Geschehnissen einzubetten. Nur er das +Unwahrscheinliche solcher explosiver Sekunden so dämonisch +ins Wirkliche zwingen, daß wir dieser Fähigkeit der +Überwindung von Raum und Zeit kaum gewahr werden. +Wahre Wunder der Konzentration sind seine Werke. Ich +erinnere nur an ein Beispiel: Man liest den ersten Band +des „Idioten“, der über 500 Seiten umfaßt. Ein Tumult +von Schicksal hat sich erhoben, ein Chaos von Seelen ist +durchflogen, eine Vielzahl von Menschen innerlich belebt. +Man hat mit ihnen Straßen durchwandert, in Häusern gesessen, +und plötzlich, bei zufälligem Besinnen, entdeckt +man, daß diese ganze ungeheure Fülle von Geschehnissen in +einem Ablauf von kaum zwölf Stunden vor sich ging, von +Morgen bis Mitternacht. Ebenso ist die phantastische +Welt der Karamasoff in bloß ein paar Tage, die Raskolnikoffs +in eine Woche zusammengeballt, – Meisterstücke +der Gedrängtheit, wie sie ein Epiker noch nie und selbst +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_181" id="Page_181">181</a><span>] </span></span>das Leben nur in den seltensten Augenblicken erreicht. +Einzig die antike Tragödie des Ödipus etwa, der in der +engen Spanne von Mittag bis Abend ein ganzes Leben +und das vergangener Generationen zusammendrängt, kennt +diesen rasenden Niedersturz von Höhe zu Tiefe, von Tiefe +zu Höhe, diese erbarmungslosen Wetterstürze des Geschicks, +aber auch diese reinigende Kraft der seelischen +Gewitter. Mit keinem epischen Werk läßt sich diese Kunst +vergleichen, und darum wirkt Dostojewski immer in seinen +großen Augenblicken als Tragiker, seine Romane gleichsam +wie umhüllte, verwandelte Dramen; im letzten sind +die Karamasoff Geist vom Geiste der griechischen Tragödie, +Fleisch vom Fleische Shakespeares. Nackt steht +in ihnen, wehrlos und klein, der riesige Mensch unter +dem tragischen Himmel des Schicksals.</p> + +<p>Und seltsam, in diesen leidenschaftlichen Augenblicken +der Niederstürze verliert plötzlich der Roman Dostojewskis +auch seinen erzählerischen Charakter. Die dünne epische +Umschalung schmilzt ab in der Hitze des Gefühls und +verdunstet; nichts bleibt als der blasse weißglühende Dialog. +Die großen Szenen in Dostojewskis Romanen sind nackte +dramatische Dialoge. Man kann sie, ohne ein Wort beizufügen +oder fortzulassen, auf die Bühne pflanzen, so festgezimmert +ist jede einzelne Figur, so zur dramatischen +Sekunde verdichtet sich in ihnen der breite strömende Gehalt +der großen Romane. Das tragische Gefühl in Dostojewski, +das immer zu Endgültigem drängt, zur gewaltsamen +Spannung, zur blitzartigen Entladung, schafft in diesen +Höhepunkten sein episches Kunstwerk scheinbar restlos +zum dramatischen um.</p> + +<p>Was in diesen Szenen an dramatischer, ja theatralischer +Schlagkraft enthalten ist, haben selbstverständlich die eilfertigen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_182" id="Page_182">182</a><span>] </span></span>Theaterhandwerker und Boulevarddramatiker zuerst +erkannt, lang vor den Philologen, und rasch einige +robuste Theaterstücke aus dem „Raskolnikoff“, dem „Idioten“, +den „Karamasoff“ gezimmert. Aber hier hat sich +erwiesen, wie kläglich solche Versuche scheitern, Figuren +Dostojewskis von außen, von ihrer Körperlichkeit und +ihrem Schicksal zu fassen, sie aus ihrer Sphäre, der Seelenwelt, +zu heben und von der gewitternden Atmosphäre der rhythmischen +Reizbarkeit abzulösen. Wie abgeschälte Baumstämme, +nackt und leblos, wirken diese Figuren dramatisch +im Vergleich zu ihrer lebendigen, raunenden, rauschenden +Wipfelhaftigkeit, die an die Himmel rührt und jede doch +mit tausend geheimen Nervenfäden im epischen Erdreich +wurzelt. Ihr Aderwerk, breitfältig verästelt auf Hunderten +von Seiten, zieht seine stärkste bildnerische Kraft aus +dem Dunkel, aus Andeutung und Ahnung. Die Psychologie +Dostojewskis ist keine für grelles Lampenlicht, sie +spottet ihrer „Bearbeiter“ und Vereinfacher. Denn in +dieser epischen Unterwelt gibt es geheimnisvolle psychische +Kontakte, Unterströmungen und Nuancierungen. Nicht +aus sichtbaren Gesten, sondern aus tausend und tausend +einzelnen Andeutungen bildet und formt sich bei ihm eine +Gestalt, nichts Spinnwebzarteres kennt die Literatur, als +dies seelische Netzwerk. Um einmal die Durchgängigkeit +dieser subkutanen, gleichsam unter der Haut fließenden +Unterströmungen der Erzählung zu empfinden, versuche +man zur Probe einen Roman Dostojewskis in einer der +gekürzten französischen Ausgaben zu lesen. Es fehlt anscheinend +nichts darin: der Film der Geschehnisse rollt +geschwinder ab, die Figuren erscheinen sogar agiler, geschlossener, +leidenschaftlicher. Aber doch, sie sind irgendwo +verarmt, ihrer Seele fehlt jener wunderbare irisierende +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_183" id="Page_183">183</a><span>] </span></span>Glanz, ihrer Atmosphäre die funkelnde Elektrizität, jene +Schwüle der Spannung, die erst die Entladung so furchtbar +und so wohltätig macht. Irgend etwas ist zerstört, das nicht +wieder zu ersetzen ist, ein Zauberkreis gebrochen. Und +gerade aus diesen Versuchen von Kürzungen und Dramatisierung +erkennt man den Sinn der Breite bei Dostojewski, +die Zweckhaftigkeit seiner scheinbaren Weitschweifigkeit. +Denn die kleinen, flüchtigen, gelegentlichen Andeutungen, +die ganz zufällig und überflüssig scheinen, sie haben Erwiderung +hundert und hundert Seiten später. Unter der +Oberfläche der Erzählung laufen solche Leitungen verborgener +Kontakte, die Meldungen weitertragen, geheimnisvolle +Reflexe tauschen. Es gibt bei ihm seelische Chiffrierungen, +ganz winzige physische und psychische Zeichen, +deren Sinn erst beim zweiten, beim dritten Lesen offenbar +wird. Kein Epiker hat ein gleichsam so durchnervtes System +des Erzählens, ein so unterirdisches Gewirr der Begebenheit +unter dem Knochenwerk des Geschehnisses, unter der Haut +des Dialogs. Und doch, System kann man es kaum nennen: +nur mit der scheinbaren Willkürlichkeit und doch geheimnisvollen +Ordnung des Menschen selbst läßt sich dieser +psychologische Prozeß vergleichen. Während die anderen +epischen Künstler, insbesondere Goethe, mehr die Natur als +den Menschen nachzuahmen scheinen und das Geschehnis +organisch wie eine Pflanze, bildhaft wie eine Landschaft +genießen lassen, erlebt man einen Roman Dostojewskis +wie die Begegnung mit einem sonderbar tiefen und leidenschaftlichen +Menschen. Dostojewskis Kunstwerk ist urirdisch +bei aller Ewigkeit, ein zweispältiges, wissendes, erregt +leidenschaftliches Nervenwesen, immer gegorenes +Fleisch und Hirn, nie ehernes Metall, reines ausgeglühtes +Element. Es ist unberechenbar und unergründbar, wie die +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_184" id="Page_184">184</a><span>] </span></span>Seele es in den Grenzen ihrer Körperlichkeit ist, und unvergleichbar +innerhalb der Formen der Kunst.</p> + +<p>Unvergleichbar: Bewunderung seiner Kunst, seiner seelischen +Meisterschaft, sie ist jenseitig allen Maßes, und je +tiefer man sich in sein Werk versenkt, desto unwahrscheinlicher +und gewaltiger scheint ihre Größe. Damit soll keineswegs +gesagt sein, daß diese Romane an sich alle vollendete +Kunstwerke wären, ja sie sind es viel weniger als manche +ärmere Werke, die engere Kreise ziehen und sich mit +Schlichterem bescheiden. Der Maßlose kann das Ewige +erreichen, aber nicht nachbilden. Viel ihrer unerhörten +Architektonik ist von Leidenschaft verschwemmt, manche +heroische Konzeption von Ungeduld zerstört. Aber diese +Ungeduld Dostojewskis, sie führt von der Tragödie seiner +Kunst in die seines Lebens zurück. Denn dies war äußeres +Schicksal und nicht innere Leichtfertigkeit bei ihm +ebenso wie bei Balzac, daß er getrieben war vom Leben zur +Eiligkeit und zu sehr gehetzt, um die Werke vollendet +zu gestalten. Man vergesse nicht, wie diese Werke entstanden +sind. Immer war schon der ganze Roman verkauft, +während Dostojewski noch das erste Kapitel schrieb, +jede Arbeit eine Hetzjagd von Vorschuß zu neuem Vorschuß. +„Wie ein alter Postgaul“ arbeitend, auf der Flucht +durch die Welt, fehlt es ihm manchmal an Zeit und Ruhe, +die letzte Feile anzulegen, und er weiß es selbst, der +Wissendste aller, und empfindet es wie Schuld! „Mögen +sie doch sehen, in welchem Zustande ich arbeite. Sie verlangen +von mir schlackenlose Meisterwerke, und aus +bitterster, elendster Not bin ich zur Eile gezwungen“, +schreit er erbittert auf. Er flucht Tolstoi und Turgenjew, +die, gemächlich auf ihren Gütern sitzend, die Zeilen runden +und ordnen können, und denen er um nichts sonst neidisch +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_185" id="Page_185">185</a><span>] </span></span>ist. Keine Armut scheut er persönlich, aber der Künstler, +erniedrigt zum Proletarier der Arbeit, schäumt gegen +die „Gutsherrnliteratur“ aus der unbändigen Sehnsucht +des Artisten, einmal in Ruhe, einmal in Vollendung gestalten +zu können. Jeden Fehler in seinen Werken kennt +er, er weiß, daß nach seinen epileptischen Anfällen die +Spannung nachläßt, die straffe Hülle des Kunstwerks +gleichsam undicht wird und Gleichgültiges einströmen +läßt. Oft müssen ihn Freunde oder seine Frau auf grobe +Vergeßlichkeiten aufmerksam machen, die er in jener Verdunklung +der Sinne nach dem Anfall begeht, wenn er die +Manuskripte liest. Dieser Proletarier, dieser Taglöhner +der Arbeit, dieser Sklave des Vorschusses, der in der Zeit +seiner ärgsten Not drei gigantische Romane hintereinander +schreibt, ist innerlich der bewußteste Artist. Er liebt fanatisch +die Goldschmiedearbeit, den Filigran der Vollendung. +Noch unter der Peitsche der Not feilt und bosselt er stundenlang +an einzelnen Seiten, zweimal vernichtet er den „Idioten“, +obzwar seine Frau hungert und die Hebamme noch +nicht bezahlt ist. Unendlich ist sein Wille zur Vollendung, +aber auch die Not ist unendlich. Wieder ringen die beiden +gewaltigsten Mächte um seine Seele, der äußere Zwang +und der innere. Auch als Künstler bleibt er der große +Zerspaltene der Zweiheit. Wie der Mensch in ihm ewig +nach Harmonie und Ruhe, so dürstet der Künstler in ihm +ewig nach Vollendung. Hier wie dort hängt er mit zerrissenen +Armen am Kreuze seines Schicksals.</p> + +<p>Auch die Kunst also, auch sie, die Einzig-Eine, ist nicht +Erlösung dem Gekreuzigten des Zwiespalts, auch sie Qual, +Unruhe, Hast und Flucht, auch sie nicht Heimat dem +Heimatlosen. Und die Leidenschaft, die ihn in die Gestaltung +treibt, sie jagt ihn über die Vollendung hinaus. +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_186" id="Page_186">186</a><span>] </span></span>Auch hier wird er über die Vollendung gehetzt dem ewig +Endlosen zu; mit ihren abgebrochenen Türmen, den +nicht zu Ende gebauten (denn die Karamasoff ebenso +wie der Raskolnikoff versprechen beide einen zweiten, +nie geschriebenen Teil), ragen seine Romanbauten in den +Himmel der Religion, in das Gewölk der ewigen Fragen. +Nennen wir sie nicht Roman mehr und werten wir sie +nicht mit epischem Maß: sie sind längst nicht mehr Literatur, +sondern irgendwie geheime Anfänge, prophetische +Vorklänge, Präludien und Prophetien eines Mythus vom +neuen Menschen. So sehr er die Kunst liebt, Dostojewski, +sie ist ihm nicht das Letzte, und wie alle seine erlauchten +russischen Ahnen empfindet er sie nur als Brücke des Bekenntnisses +vom Menschen zu Gott. Erinnern wir uns +nur: Gogol wirft nach den „Toten Seelen“ die Literatur +fort und wird Mystiker, geheimnisvoller Bote des neuen +Rußlands, Tolstoi verflucht, ein Sechzigjähriger, die Kunst, +die eigene und die fremde, und wird Evangelist der Güte +und Gerechtigkeit, Gorki verzichtet auf den Ruhm +und wird Verkünder der Revolution. Dostojewski hat bis +zur letzten Stunde die Feder nicht gelassen, aber was er +gestaltet, ist längst nicht mehr ein Kunstwerk im irdischen +engen Sinne, sondern das Evangelium des Dritten Reiches, +irgendein Mythus der neuen russischen Welt, eine apokalyptische +Verkündung, dunkel und rätselhaft. Kunst +war dem ewig Ungenügsamen nur ein Anfang, und sein +Ende war im Endlosen. Sie war ihm nur eine Stufe und +nicht der Tempel selbst. In der Vollkommenheit seiner +Werke ist noch ein Größeres, das sich in Worte nicht +mehr gestaltet, und eben weil dies Letzte in ihnen nur geahnt +und nicht in vergängliche Form gegossen ist, sind sie +Wege zur Vollendung des Menschen und der Menschheit.</p> +</div> + + +<div> +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_187" id="Page_187">187</a><span>] </span></span></p> +<h3>DER ÜBERSCHREITER DER GRENZEN</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„Daß du nicht enden kannst, das macht dich groß.“</p> +<p class="zitat right">Goethe</p> +</div> + +<p>Tradition ist steinerne Grenze von Vergangenheiten +um die Gegenwart: wer ins Zukünftige will, muß sie +überschreiten. Denn die Natur will kein Innehalten im +Erkennen. Zwar scheint sie Ordnung zu fordern und liebt +doch nur den, der sie zerstört um einer neuen Ordnung +willen. Immer schafft sie sich in einzelnen Menschen durch +Übermaß ihrer eigenen Kräfte jene Konquistadoren, die +von den heimischen Ländern der Seele in die dunklen +Ozeane des Unbekannten hinausfahren zu neuen Zonen +des Herzens, neuen Sphären des Geistes. Ohne diese kühnen +Überschreiter wäre die Menschheit in sich gefangen, ihre +Entwicklung ein Kreisgang. Ohne diese großen Boten, +in denen sie sich gleichsam selbst vorauseilt, wäre jede +Generation unkund ihres Weges. Ohne diese großen +Träumer wüßte die Menschheit nicht um ihren tiefsten +Sinn. Nicht die ruhigen Erkenner, die Geographen der +Heimat, haben die Welt weit gemacht, sondern die <ins class="correction" title="Desparados">Desperados</ins>, +die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien +fuhren: nicht die Psychologen, die Wissenschaftler, haben +die moderne Seele in ihrer Tiefe erkannt, sondern die Maßlosen +unter den Dichtern, die Überschreiter der Grenzen.</p> + +<p>Von diesen großen Grenzüberschreitern der Literatur +ist Dostojewski in unseren Tagen der größte gewesen, und +keiner hat so viel Neuland der Seele entdeckt als dieser +Ungestüme, dieser Maßlose, dem nach seinem eignen Wort +„das Unermeßliche und Unendliche so notwendig war +wie die Erde selbst“. Nirgends hat er innegehalten, „überall +habe ich die Grenze überschritten,“ schreibt er stolz +und selbstanklagend in einem Briefe, „überall“. Und unmöglich +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_188" id="Page_188">188</a><span>] </span></span>ist es fast, alle seine Taten aufzuzählen, die Wanderungen +über die eisigen Grate des Gedankens, die Niederstiege +zu den verborgensten Quellen des Unbewußten, die +Aufstiege, die gleichsam traumwandlerischen Aufstiege +zu den schwindelnden Gipfeln des Selbsterkennens. Wo +kein gewöhnlicher Weg war, er hat ihn beschritten, wo +Labyrinth und Wirrnis war, am liebsten gelebt. Nie hat +die Menschheit zuvor so tief den Mechanismus und die +Mystik ihres seelischen Wesens erkannt, sie ist wacher +und bewußter geworden in seinem Blick und gleichzeitig +geheimnisvoller und göttlicher in seinem Gefühl. Ohne +ihn, den großen Überschreiter alles Maßes, wüßte die +Menschheit weniger um ihr eingeborenes Geheimnis, weiter +als je blicken wir von der Höhe seines Werkes in das Zukünftige +hinein.</p> + +<p>Die erste Grenze, die Dostojewski durchstieß, die erste +Ferne, die er uns auftat, war Rußland. Er hat seine Nation +für die Welt entdeckt, unser europäisches Bewußtsein erweitert, +als erster die Seele des Russen uns als Fragment +und als ein Kostbarstes der Weltseele erkennen lassen. +Vor ihm bedeutete Rußland für Europa eine Grenze: den +Übergang gegen Asien, einen Fleck Landkarte, ein Stück +Vergangenheit unserer eigenen barbarischen, überwundenen +Kulturkindheit. Er aber zeigte als erster uns die +zukünftige Kraft in dieser Öde, seit ihm fühlen wir Rußland +als eine Möglichkeit neuer Religiosität, als ein kommendes +Wort im großen Gedichte der Menschheit. Er hat +das Herz der Welt so reicher gemacht um eine Erkenntnis +und um eine Erwartung. Puschkin (der uns ja schlecht +zugänglich ist, weil sein poetisches Medium in jeder Übertragung +die elektrische Kraft verliert) hat uns nur die +russische Aristokratie gezeigt, Tolstoi wiederum den einfachen, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_189" id="Page_189">189</a><span>] </span></span>patriarchalischen bäurischen Menschen, die Wesen +der alten, abgeteilten, abgelebten Welt. Erst er entzündet +uns die Seele mit der Verkündung neuer Möglichkeiten, +erst er entflammt den Genius dieser neuen Nation und +läßt uns fast sehnsüchtig werden, daß dieser glühende +Tropfen Weltkindheit und Seelenanfang seines Russenvolkes +in die müde, stagnierende Welt des alten Europa +einglühe. Und gerade in diesem Kriege haben wir gefühlt, +daß wir alles, was wir von Rußland wußten, nur durch +ihn wußten und daß er es uns möglich gemacht, dieses +Feindesland auch als Bruderland der Seele zu empfinden.</p> + +<p>Aber tiefer noch und bedeutsamer als diese kulturelle +Erweiterung des Weltwissens um die Idee Rußlands (denn +diese hätte vielleicht schon Puschkin erreicht, wäre ihm +nicht im 37. Jahre die Duellkugel durch die Brust gefahren) +ist jene ungeheure Erweiterung unseres seelischen Selbstwissens, +die ohne Beispiel ist in der Literatur. Dostojewski +ist der Psychologe der Psychologen. Die Tiefe des menschlichen +Herzens zieht ihn magisch an, das Unbewußte, das +Unterbewußte, das Unergründliche ist seine wahre Welt. +Seit Shakespeare haben wir nicht soviel vom Geheimnis des +Gefühls und den magischen Gesetzen seiner Verschränkung +gelernt, und wie Odysseus, der einzige, der vom Hades +wiederkehrte, von der unterirdischen Welt, erzählt er von +der Unterwelt der Seele. Denn auch er, wie Odysseus, +war begleitet von einem Gotte, von einem Dämon. Seine +Krankheit, ihn aufreißend zu Höhen des Gefühls, die der +gemeine Sterbliche nicht erreicht, ihn niederschmetternd +in Zustände der Angst und des Grauens, die schon jenseits +des Lebens liegen, ließen ihn erst atmen in dieser bald +frostigen, bald feurigen Atmosphäre des Unbelebten und +Überlebendigen. Wie die Nachttiere in der Finsternis +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_190" id="Page_190">190</a><span>] </span></span>sehen, sieht er in den Dämmerzuständen klarer wie andere +am lichten Tag. In den feurigen Elementen, wo andere +verbrennen, wird ihm erst wahre, wohlige Wärme des +Gefühls; er ist weit über die gesunde Seele hinaus gewachsen +und hat in der kranken gehaust und damit im +tiefsten Geheimnis des Lebens. Atemnah hat er dem Wahnsinn +ins Gesicht geleuchtet, wie ein Mondsüchtiger ist er +sicher über die Spitzen des Gefühls geschritten, von denen +die Wachenden und Wissenden in Ohnmacht abstürzen. +Dostojewski ist tiefer in die Unterwelt des Unbewußten +gedrungen als die Ärzte, die Juristen, die Kriminalisten +und Psychopathen. Alles was die Wissenschaft erst später +entdeckte und benannte, was sie in Experimenten gleichsam +wie mit einem Skalpell von toter Erfahrung losschabte, +alle die telepathischen, hysterischen, halluzinativen, perversen +Phänomene, hat er voraus geschildert aus jener mystischen +Fähigkeit des hellseherischen Mitwissens und Mitleidens. +Bis an den Rand des Wahnsinns (den Exzeß des +Geistes), bis an die Klippe des Verbrechens (den Exzeß +des Gefühls) hat er den Phänomenen der Seele nachgespürt +und unendliche Strecken seelischen Neulandes damit durchschritten. +Eine alte Wissenschaft schlägt mit ihm das letzte +Blatt zu in ihrem Buch, Dostojewski beginnt in der Kunst +eine neue Psychologie.</p> + +<p>Eine neue Psychologie: denn auch die Wissenschaft +der Seele hat ihre Methoden, auch die Kunst, die vorerst +durch die Zeiten eine unendliche Einheit scheint, ewig +neue Gesetze. Auch hier gibt es Wandlungen des Wissens, +Fortschritte des Erkennens durch immer neue Auflösung +und Determinierung, und so wie etwa die Chemie durch +Experimente die Anzahl der Urelemente, der anscheinend +unteilbaren, immer mehr verringert hat und im scheinbar +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_191" id="Page_191">191</a><span>] </span></span>Einfachen noch die Zusammensetzungen erkennt, so löst +die Psychologie durch immer weiter schreitende Differenzierung +die Einheit des Gefühls in eine Unendlichkeit von +Trieb und Widertrieb auf. Trotz aller vorausschauenden +Genialität einiger einzelner Menschen ist eine Grenzlinie +zwischen der alten Psychologie und der neuen nicht zu +verkennen. Von Homer und weit bis nach Shakespeare +gibt es eigentlich nur die Psychologie der Einlinigkeit. Der +Mensch ist noch Formel, eine Eigenschaft in Fleisch und +Knochen: Odysseus ist listig, Achilles mutig, Ajax zornvoll, +Nestor weise ... jede Entschließung, jede Tat dieser +Menschen liegt klar und offen in der Schußfläche ihres +Willens. Und noch Shakespeare, der Dichter an der Wende +der alten und der neuen Kunst, zeichnet seine Menschen +so, daß immer eine Dominante die widerstreitende Melodik +ihres Wesens auffängt. Aber gerade er ist es auch, der +den ersten Menschen aus dem seelischen Mittelalter in +unsere neuzeitliche Welt voraussendet. In seinem Hamlet +erschafft er die erste problematische Natur, den Ahnherrn +des modernen differenzierten Menschen. Hier ist zum +ersten Male im Sinne der neuen Psychologie der Wille +durch Hemmungen gebrochen, der Spiegel der Selbstbetrachtung +in die Seele selbst gestellt, der um sich selbst +wissende Mensch gestaltet, der zwiefach lebt, außen und +innen zugleich, im Handeln denkend, im Denken sich +verwirklichend. Hier lebt der Mensch zum erstenmal +sein Leben, wie wir es fühlen, fühlt, wie wir Gegenwärtigen +fühlen, freilich noch aus einer Dämmerung des +Bewußtseins heraus: noch ist er, der Dänenprinz, umwoben +vom Requisit einer abergläubischen Welt, noch +wirken Zaubertränke und Geister auf seinen beunruhigten +Sinn, statt bloß Wahn und Ahnung. Aber doch, hier ist +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_192" id="Page_192">192</a><span>] </span></span>er schon vollendet, das ungeheuere psychologische Geschehnis +der Verzweifachung des Gefühls. Der neue Kontinent +der Seele ist entdeckt, die zukünftigen Forscher haben +freie Bahn. Der romantische Mensch Byrons, Goethes, +Shelleys, Child Harold und Werther, den leidenschaftlichen +Widerspruch seines Wesens zur nüchternen Welt im +ewigen Gegensatz empfindend, fördert durch seine Unruhe +die chemische Zersetzung der Gefühle. Die exakte +Wissenschaft gibt inzwischen noch manche wertvolle +Einzelerkenntnis. Dann kommt Stendhal. Er weiß schon +mehr als alle früheren von der kristallinischen Bildung +der Gefühle, der Vieldeutigkeit und Verwandlungsfähigkeit +der Empfindungen. Er ahnt den geheimnisvollen +Widerstreit der Brust um jeden einzelnen ihrer Entschlüsse. +Aber die seelische Trägheit seines Genies, die spaziergängerische +Lässigkeit seines Charakters vermögen noch +nicht die ganze Dynamik des Unbewußten zu erhellen.</p> + +<p>Erst Dostojewski, der große Zerstörer der Einheit, der +ewige Dualist, dringt ein in das Geheimnis. Er oder keiner +schafft die vollkommene Analyse des Gefühls. Bei Dostojewski +ist die Einheit des Gefühls in eine Masse zerrissen, +als wäre seinen Menschen eine andere Seele eingebaut +wie all den früheren. Die kühnsten Seelenanalysen aller +Dichter vor ihm scheinen irgendwie oberflächenhaft neben +seinen Differenzierungen, sie wirken, wie etwa ein Lehrbuch +der Elektrotechnik wirken mag, das 30 Jahre alt ist, +in dem eben nur die Anfangsgründe angedeutet und das +Wesentliche noch nicht einmal geahnt ist. Nichts ist in +seiner Seelensphäre einfaches Gefühl, unteilbares Element +– alles Konglomerat, Zwischengangsform, Durchgangsform, +Übergangsform. In unendlicher Verkehrung und Verwirrung +taumelt und schwankt die Empfindung zur Tat, ein +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_193" id="Page_193">193</a><span>] </span></span>rasender Tausch von Wille und Wahrheit schüttelt die Gefühle +durcheinander. Immer meint man, schon am letzten +Grunde eines Entschlusses, eines Begehrens angelangt zu +sein, und immer wieder deutet es wieder weiter zurück in +ein anderes. Haß, Liebe, Wollust, Schwäche, Eitelkeit, +Stolz, Herrschgier, Demut, Ehrfurcht, alle Triebe sind +ineinander verschlungen in ewigen Verwandlungen. Die +Seele ist eine Wirrnis, ein heiliges Chaos in Dostojewskis +Werk. Es gibt bei ihm Trunkenbolde aus Sehnsucht nach +Reinheit, Verbrecher aus Gier nach der Reue, Mädchenschänder +aus Verehrung der Unschuld, Gotteslästerer aus +religiösem Bedürfnis. Wenn seine Menschen begehren, +tun sie es ebenso aus Hoffnung auf Zurückgestoßensein +wie auf Erfüllung. Ihr Trotz, faltet man ihn ganz auf, +ist nichts anderes als eine verborgene Scham, ihre Liebe +ein verkümmerter Haß, ihr Haß eine verborgene Liebe. +Gegensatz befruchtet den Gegensatz. Es gibt bei ihm Lüstlinge +aus Gier nach dem Leiden und wieder Selbstquäler +aus Gier nach der Lust, in rasendem Kreislauf dreht +sich der Wirbel ihres Wollens. In der Begierde genießen +sie schon den Genuß, im Genuß schon den Ekel, in der +Tat genießen sie die Reue und in der Reue wieder, rückfühlend, +die Tat. Es gibt gleichsam ein Oben und Unten, +eine Vervielfachung der Empfindungen bei ihnen. Die +Taten ihrer Hände sind nicht die ihrer Herzen, die Sprache +ihrer Herzen wieder nicht die ihrer Lippen, jedes einzelne +Gefühl ist so Zerspaltenheit, Vielfalt und Vieldeutigkeit. +Nie wird es gelingen, bei Dostojewski eine Einheit des +Gefühls zu fassen, nie einen Menschen im Netz eines +Sprachbegriffes zu fangen. Man nenne Fedor Karamasoff +einen Wüstling: der Begriff scheint ihn zu erschöpfen, +aber doch, ist nicht Swidrigailoff auch einer und jener +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_194" id="Page_194">194</a><span>] </span></span>namenlose Student in den „Werdenden“, und doch: welche +Welt zwischen ihnen und ihren Gefühlen! Bei Swidrigailoff +ist die Wollust eine kalte, seelenlose Ausschweifung, +er ist der berechnende Taktiker seiner Unzucht. Karamasoffs +Wollust wieder ist <ins class="correction" title="Lebenlust">Lebenslust</ins>, Ausschweifung +bis zur Selbstbeschmutzung betrieben, ein tiefer Trieb, +sich in das Niederste des Lebens noch einzumengen, nur +weil es Leben ist, sein Unterstes, seinen Absud noch zu +genießen aus einer Ekstase der Vitalität. Jener ist Wollüstling +aus Mangel, der andere aus Exzeß des Gefühls, +was bei diesem kranke Erregung des Geistes, ist bei jenem +eine chronische Entzündung. Swidrigailoff wieder ist der +Mittelmensch der Wollust, der „Lasterchen“ hat statt der +Laster, ein kleines schmutziges Tierchen, ein Insekt der +Sinne, und jener, der namenlose Student der „Werdenden“, +wiederum ist Perversion geistiger Bosheit ins Sexuelle. Man +sieht, Welten des Gefühls stehen zwischen diesen Menschen, +die sonst ein einziger Begriff zusammenfaßt, und so wie +hier die Wollust differenziert ist und aufgelöst in ihre geheimnisvollen +Verwurzlungen und Komponenten, so ist +bei Dostojewski jedes Gefühl, jeder Trieb immer zurückgeführt +in die letzte Tiefe, in den Ursprung aller Kraftströmung, +in jenen letzten Gegensatz zwischen Ich und +Welt, Behauptung und Hingabe, Stolz und Demut, Verschwendung +und Sparsamkeit, Vereinzelung und Gemeinschaft, +zentripetale und zentrifugale Kraft, Selbststeigerung +oder Selbstvernichtung, Ich oder Gott. Man mag die Gegensatzpaare +nennen, wie es der Augenblick fordert, immer +sind es letzte, sind es Urgefühle jener Welt zwischen Geist +und Fleisch. Nie haben wir vor ihm von dieser wimmelnden +Vielfalt des Gefühls, von unserer seelischen Gemengtheit +so viel gewußt.</p> + +<p><span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_195" id="Page_195">195</a><span>] </span></span>Am überraschendsten aber wird diese Auflösung des +Gefühls bei Dostojewski in der Liebe. Es ist die Tat seiner +Taten, daß er den Roman, ja die ganze Literatur, die seit +Hunderten von Jahren, seit der Antike, immer nur in diesem +Zentralgefühl zwischen Mann und Weib, als in den Urquell +alles Seins gemündet hatte, noch tiefer hinab, noch +höher hinauf, in letzte Erkenntnisse geführt hat. Liebe, +anderen Dichtern der Endzweck des Lebens, das Erzählungsziel +des Kunstwerkes, ihm ist sie nicht Urelement, +sondern nur Stufe des Lebens. Für die anderen dröhnt die +glorreiche Sekunde der Versöhnung, der Ausgleich aller +Widerstreite im Augenblicke, wo Seele und Sinne, Geschlecht +und Geschlecht sich restlos in himmlische Gefühle +lösen. Im letzten Grunde ist bei ihnen, den anderen +Dichtern, der Lebenskonflikt lächerlich primitiv im Vergleich +zu Dostojewski. Liebe rührt den Menschen an, +ein Zauberstab aus göttlicher Wolke, Geheimnis, die große +Magie, unerklärbar, unerläuterbar, letztes Mysterium des +Lebens. Und der Liebende liebt: er ist glücklich, erlangt +er die Begehrte, er ist unglücklich, erlangt er sie nicht. +Wiedergeliebt sein ist der Himmel der Menschheit bei +allen Dichtern. Aber Dostojewskis Himmel sind höher. +Umarmung ist bei ihm noch nicht Vereinigung, Harmonie +noch nicht die Einheit. Für ihn ist Liebe nicht ein Glückszustand, +ein Ausgleich, sondern erhobener Streit, intensiveres +Schmerzen der ewigen Wunde und darum ein +Leidensmoment, ein stärkeres Am-Leben-leiden als in den +gemeinen Augenblicken. Wenn Dostojewskis Menschen +einander lieben, so ruhen sie nicht. Im Gegenteil, nie sind +seine Menschen mehr durchschüttelt von allem Widerstreit +ihres Wesens als im Augenblick, da Liebe sich von +Liebe erwidert fühlt, denn sie lassen sich nicht versinken +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_196" id="Page_196">196</a><span>] </span></span>in ihrem Überschwang, sondern suchen ihn zu übersteigern. +Sie machen, echte Kinder seiner Entzweiung, nicht halt +in dieser letzten Sekunde. Sie verachten die sanfte Gleichung +des Augenblicks (den alle anderen als den schönsten ersehnen), +daß Geliebter und Geliebte sich gleich stark lieben +und geliebt werden, weil dies Harmonie wäre, ein Ende, eine +Grenze, und sie leben nur für das Grenzenlose. Dostojewskis +Menschen wollen nicht ebenso lieben wie sie geliebt +werden: sie wollen immer nur lieben und wollen das +Opfer sein, derjenige, der mehr gibt, derjenige, der weniger +empfängt, und sie steigern einander in wahnsinnigen Lizitationen +des Gefühls, bis es gleichsam ein Keuchen, ein +Stöhnen, ein Kampf, eine Qual wird, was als sanftes Spiel +begann. In rasender Verwandlung sind sie dann glücklich, +wenn sie zurückgestoßen, wenn sie verhöhnt, wenn +sie verachtet werden, denn dann sind sie es ja, die geben, +unendlich geben und nichts dafür verlangen, und darum +ist bei ihm, dem Meister der Gegensätze, der Haß immer +so ähnlich der Liebe und die Liebe immer so ähnlich dem +Haß. Aber auch in den kurzen Intervallen, da sie einander +gleichsam konzentriert lieben, ist die Einheit des Gefühls +noch einmal gesprengt, denn nie können Dostojewskis +Menschen gleichzeitig mit den geschlossenen Kräften ihrer +Sinne und Seele einander lieben. Sie lieben mit der einen +oder mit der anderen, nie ist Fleisch und Geist bei ihnen in +Harmonie. Man sehe nur auf seine Frauen: alle sind sie +Kundrys, gleichzeitig in zwei Welten des Gefühles lebend, +mit ihrer Seele dem heiligen Gral dienend und gleichzeitig +wollüstig ihren Leib verbrennend in den Blumenhainen +Titurels. Das Phänomen der Doppelliebe, eines der kompliziertesten +bei anderen Dichtern, ist ein alltägliches, ein +selbstverständliches bei Dostojewski. Nastassja Philipowna +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_197" id="Page_197">197</a><span>] </span></span>liebt in ihrem spirituellen Wesen Myschkin, den +sanften Engel, und liebt gleichzeitig mit geschlechtlicher +Leidenschaft Rogoschin, seinen Feind. Vor der Kirchentür +reißt sie sich von dem Fürsten los in das Bett des anderen, +vom Gelage des Trunkenen stürzt sie zurück zu +ihrem Heiland. Ihr Geist steht gleichsam oben und sieht +erschreckt zu, was unten ihr Körper treibt, ihr Körper +schläft gleichsam im hypnotischen Schlaf, während ihre +Seele sich in Ekstase dem anderen zuwendet. Und ebenso +Gruschenka, sie liebt gleichzeitig und haßt ihren ersten +Verführer, liebt in Leidenschaft ihren Dimitri und mit +ihrer Verehrung schon ganz unkörperlich Aljoscha. Die +Mutter des „Jünglings“ liebt aus Dankbarkeit ihren ersten +Mann und gleichzeitig aus Sklaverei, aus übersteigerter +Demut Wersiloff. Unendlich, unermeßlich sind die Verwandlungen +des Begriffes, den die anderen Psychologen +unter dem Namen „Liebe“ leichtfertig zusammenfaßten, +so wie Ärzte vergangener Zeiten ganze Gruppen von +Krankheiten in einen Namen drängten, für die wir heute +hundert Namen und hundert Methoden haben. Liebe +kann bei Dostojewski verwandelter Haß sein (Alexandra), +Mitleid (Dunia), Trotz (Rogoschin), Sinnlichkeit (Fedor +Karamasoff), Selbstvergewaltigung, immer aber steht hinter +der Liebe noch ein anderes Gefühl, ein Urgefühl. Nie ist +Liebe bei ihm elementar, unteilbar, unerklärbar, Urphänomen, +Wunder: immer erklärt, zerlegt er das leidenschaftlichste +Gefühl. O, unendlich, unendlich diese Verwandlungen, +und jede einzelne wieder in allen Farben schillernd, +von Kälte zu Frost erstarrend und wieder erglühend, unendlich +und undurchdringlich wie die Vielfalt des Lebens. +Ich will nur erinnern an Katerina Iwanowna. Sie sieht +Dimitri auf einem Ball, er läßt sich ihr vorstellen, er beleidigt +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_198" id="Page_198">198</a><span>] </span></span>sie, und sie haßt ihn. Er nimmt Rache, er erniedrigt +sie, – und sie liebt ihn, oder eigentlich sie liebt nicht ihn, +sondern die Erniedrigung, die er ihr zugefügt. Sie opfert +sich ihm auf und meint ihn zu lieben, aber sie liebt nur +ihre eigene Aufopferung, liebt ihre eigene Pose der Liebe, +und je mehr sie ihn so zu lieben scheint, um so mehr haßt +sie ihn wieder. Und dieser Haß fährt los auf sein Leben +und zerstört es, und in dem Augenblick, wo sie es zerstört +hat, wo gleichsam ihre Aufopferung sich als Lüge offenbart, +ihre Erniedrigung gerächt ist, – liebt sie ihn wieder! +So kompliziert ist bei Dostojewski ein Liebesverhältnis. +Wie es vergleichen mit den Büchern, die schon bei der +letzten Seite sind, wenn die beiden einander lieben und +durch alle Fährnisse des Lebens sich gefunden haben? Wo +die anderen enden, beginnen erst die Tragödien Dostojewskis, +denn er will nicht Liebe, nicht laue Aussöhnung +der Geschlechter als Sinn und Triumph der Welt. Er +knüpft wieder an die große Tradition der Antike an, wo +nicht ein Weib zu erringen, sondern die Welt und alle +Götter zu bestehen, Sinn und Größe eines Schicksals war. +Bei ihm hebt sich der Mensch wieder auf, nicht mit dem +Blick zu den Frauen, sondern mit der offenen Stirne zu +seinem Gott. Seine Tragödie ist größer als die von Geschlecht +zu Geschlecht und vom Mann zum Weib.</p> + +<p>Hat man nun Dostojewski in dieser Tiefe der Erkenntnis, +in dieser restlosen Auflösung der Empfindung erkannt, +so weiß man: es gibt von ihm keinen Weg wieder zurück +ins Vergangene. Will eine Kunst wahrhaft sein, so darf +sie von nun an nicht die kleinen Heiligenbilder des Gefühls +aufstellen, die er zerschlagen, nie mehr den Roman +in die kleinen Kreise der Gesellschaft und Gefühle sperren, +nie mehr das geheimnisvolle Zwischenreich der Seele verschatten +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_199" id="Page_199">199</a><span>] </span></span>wollen, das er durchleuchtet. Als erster hat er +uns die Ahnung des Menschen gegeben, die Wir als erste +selbst sind, im Gegensatz zu der Vergangenheit, differenzierter +im Gefühl, weil beladener mit mehr Erkenntnis +als alle früheren. Niemand kann ermessen, um wie viel +wir in den fünfzig Jahren seit seinen Büchern den Dostojewskischen +Menschen schon ähnlicher geworden sind, wie +viele Prophezeiungen sich schon in unserem Blute, in +unserem Geiste von seiner Ahnung erfüllen. Das Neuland, +das er als erster beschritten, ist vielleicht schon unser +Land, die Grenzen, die er überwunden, unsere sichere +Heimat.</p> + +<p>Unendliches aus unserer letzten Wahrheit, die wir jetzt +erleben, hat er uns prophetisch aufgetan. Er hat der Tiefe +des Menschen ein neues Maß gegeben: nie hat ein Sterblicher +vor ihm so viel vom unsterblichen Geheimnis der +Seele gewußt. Aber wunderbar: so sehr er unser Wissen +um uns selbst erweitert, so viel wir an ihm gelernt, nie +verlernen wir an seiner Erkenntnis das hohe Gefühl, demütig +zu sein und das Leben als etwas Dämonisches zu +empfinden. Daß wir bewußter wurden durch ihn, hat uns +nicht freier gemacht, sondern nur gebundener. Denn so +wenig die modernen Menschen den Blitz, seit sie ihn als +elektrisches Phänomen, als Spannung und Entladung der +Atmosphäre erkennen und benennen, als minder gewaltig +empfinden wie die vorherigen Geschlechter, so wenig kann +unsere erhöhte Erkenntnis des seelischen Mechanismus im +Menschen die Ehrfurcht vor der Menschheit vermindern. +Gerade Dostojewski, der alle Einzelheiten der Seele uns +wissend zeigte, dieser große Zerleger, dieser Anatom des +Gefühles, gibt gleichzeitig tieferes, universaleres Weltgefühl +als alle Dichter unserer Zeit. Und der so tief den +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_200" id="Page_200">200</a><span>] </span></span>Menschen gekannt wie keiner vor ihm, hat wie keiner +Ehrfürchtigkeit vor dem Unbegreiflichen, das ihn gestaltet: +vor dem Göttlichen, vor Gott.</p> +</div> + + +<div> +<h3>DIE GOTTESQUAL</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„Gott hat mich mein ganzes Leben lang gequält.“</p> +<p class="zitat right">Dostojewski</p> +</div> + +<p>„Gibt es einen Gott oder nicht?“ fährt Iwan Karamasoff +in jenem furchtbaren Zwiegespräch seinen Doppelgänger, +den Teufel, an. Der Versucher lächelt. Er hat keine Eile +zu antworten, die schwerste Frage einem gemarterten +Menschen abzunehmen. „Mit grimmiger Hartnäckigkeit“ +dringt Iwan nun in seiner Gottesraserei auf den Satan ein: +er soll, er muß ihm Antwort stehen in dieser wichtigsten +Frage der Existenz. Aber der Teufel schürt nur den Rost +der Ungeduld. „Ich weiß es nicht“, antwortet er dem +Verzweifelten. Nur um den Menschen zu quälen, läßt er +ihm die Frage nach Gott unbeantwortet, läßt er ihm die +Gottesqual.</p> + +<p>Alle Menschen Dostojewskis und nicht als Letzter er +selbst haben diesen Satan in sich, der die Gottesfrage stellt +und nicht beantwortet. Allen ist jenes „höhere Herz“ gegeben, +das fähig ist, sich mit diesen qualvollen Fragen zu +quälen. „Glauben Sie an Gott“, herrscht Stawrogin, ein +anderer, Mensch gewordener Teufel, plötzlich den demütigen +Schatow an. Wie einen Brandstahl stößt er ihm die +Frage mörderisch ins Herz. Schatow taumelt zurück. Er +zittert, er wird bleich, denn gerade die Aufrichtigsten bei +Dostojewski zittern vor diesem letzten Bekenntnis (und +er, wie hat er selbst davor gebebt in heiligen Ängsten). +Und erst wie ihn Stawrogin mehr und mehr bedrängt, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_201" id="Page_201">201</a><span>] </span></span>stammelt er aus blassen Lippen die Ausflucht: „Ich glaube +an Rußland.“ Und nur um Rußlands willen bekennt er +sich zu Gott.</p> + +<p>Dieser verborgene Gott ist das Problem aller Werke +Dostojewskis, der Gott in uns, der Gott außer uns und seine +Erweckung. Als echtem Russen, dem größten und wesenhaftesten, +den dies Millionenvolk gebildet, ist ihm nach +seiner eigenen Definition diese Frage um Gott und die +Unsterblichkeit die „wichtigste des Lebens“. Keiner seiner +Menschen kann der Frage entweichen: sie ist ihm angewachsen +als Schatten seiner Tat, bald ihnen vorauslaufend, +bald ihnen als Reue im Rücken. Sie können ihr nicht entfliehen, +und der einzige, der versucht, sie zu verneinen, dieser +ungeheuere Märtyrer des Gedankens, Kirillow, in den +„Dämonen“, muß sich selbst töten, um Gott zu töten – +und beweist damit, leidenschaftlicher als die anderen, seine +Existenz und Unentrinnbarkeit. Man blicke doch auf seine +Gespräche, wie die Menschen vermeiden wollen, von Ihm +zu sprechen, wie sie Ihm ausweichen und ausbiegen: sie +möchten immer gern unten bleiben im niedern Gespräch, +im „<span lang="en" xml:lang="en">small talk</span>“ des englischen Romans, sie reden von der +Leibeigenschaft, von Frauen, von der Sixtinischen Madonna, +von Europa, aber die unendliche Schwerkraft der +Gottesfrage hängt sich an jedes Thema und zieht es +schließlich magisch in seine Unergründlichkeit. Jede Diskussion +bei Dostojewski endet beim russischen Gedanken +oder beim Gottesgedanken – und wir sehen, daß diese +beiden Ideen für ihn eine Identität sind. Russische Menschen, +seine Menschen, können <ins class="correction" title="sie so">so</ins> wie in ihren Gefühlen +auch in ihren Gedanken nicht haltmachen, sie müssen +unvermeidlich vom Praktischen und Tatsächlichen in das +Abstrakte, vom Endlichen ins Unendliche, immer ans +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_202" id="Page_202">202</a><span>] </span></span>Ende. Und aller Fragen Ende ist die Gottesfrage. Sie ist +der innere Wirbel, der ihre Ideen rettungslos in sich reißt, +der schwärende Splitter in ihrem Fleische, der ihre Seelen +mit Fieber erfüllt.</p> + +<p>Mit Fieber. Denn Gott – Dostojewskis Gott – ist das +Prinzip aller Unruhe, weil er, Urvater der Kontraste, zugleich +das Ja und das Nein ist. Nicht wie auf den Bildern +der alten Meister, in den Schriften der Mystiker ist er die +sanfte Schwebe über den Wolken, selig-beschauliches Erhobensein +– Dostojewskis Gott ist der springende Funke +zwischen den elektrischen Polen der Urkontraste, er ist +kein Wesen, sondern ein Zustand, ein Spannungszustand, +ein Verbrennungsprozeß des Gefühls, er ist Feuer, ist die +Flamme, die alle Menschen erhitzt und überkochen macht +in Ekstase. Er ist die Geißel, die sie aus sich, aus ihrem warmen +ruhigen Leib, in die Unendlichkeit treibt, der sie verlockt +in alle Exzesse des Wortes und der Tat, sie hinstürzt +in den brennenden Dornbusch ihrer Laster. Er ist, wie +seine Menschen, wie der Mensch, der ihn schuf, ein +ungenügsamer Gott, den keine Anstrengung bewältigt, +kein Gedanke erschöpft, keine Hingabe befriedigt. Er ist der +ewig Unerreichbare, ist aller Qualen Qual, und mitten aus +Dostojewskis Brust bricht darum Kirillows Schrei: „Gott +hat mich mein ganzes Leben lang gequält.“</p> + +<p>Das ist Dostojewskis Geheimnis: er braucht Gott und +findet ihn doch nicht. Manchmal meint er ihm schon zu gehören, +und schon umfaßt ihn seine Ekstase, da klirrt sein +Verneinungsbedürfnis ihn wieder zur Erde. Keiner hat das +Gottesbedürfnis stärker erkannt. „Gott ist mir deshalb +notwendig,“ sagt er einmal, „weil er das einzige Wesen +ist, das man immer lieben kann“, und ein anderes Mal: „Es +gibt keine unaufhörlichere und quälendere Angst für den +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_203" id="Page_203">203</a><span>] </span></span>Menschen, als etwas zu finden, vor dem er sich beugen +kann.“ Sechzig Jahre leidet er an dieser Gottesqual und +liebt Gott wie jedes seiner Leiden, liebt ihn mehr als alles, +weil er das ewigste aller Leiden ist und Leidensliebe den +tiefsten Gedanken seines Sein bedeutet. Sechzig Jahre +kämpft er sich zu ihm und lechzt „wie trockenes Gras“ +nach dem Glauben. Das ewig Zersprengte will eine Einheit, +der ewig Gejagte eine Rast, der ewig Getriebene +durch alle Stromschnellen der Leidenschaft, der sich Zerströmende +den Ausgang, die Ruhe, das Meer. So träumt +er ihn als Beruhigung und findet ihn doch nur als Feuer. +Er möchte selbst ganz klein werden, ganz wie die Dumpfen +im Geiste, um in ihn eingehen zu können, möchte +glauben können im Köhlerglauben, wie die „zehn Pud +dicke Kaufmannsfrau“, möchte es aufgeben, der Wissendste, +der Bewußte zu sein, um der Gläubige zu werden, wie +Verlaine fleht er: „<span lang="fr" xml:lang="fr">Donnez-moi de la simplicité.</span>“ Das Gehirn +verbrennen im Gefühl, hinströmen in die Gottesruhe, +tierhaft dumpf, das ist sein Traum. O, wie streckt er sich +ihm entgegen, er tobt brünstig, er schreit, er wirft die +Harpunen der Logik aus, ihn zu fassen, legt ihm die verwegensten +Fuchsfallen der Beweise; wie ein Pfeil schießt +seine Leidenschaft auf, ihn zu treffen, ein Lechzen nach +Gott ist seine Liebe, eine „fast unanständige Leidenschaft“, +ein Paroxysmus, ein Überschwang.</p> + +<p>Ist er aber darum schon gläubig, weil er so fanatisch +glauben will? War Dostojewski, der beredteste Anwalt der +Rechtgläubigkeit, der Pravoslavie selbst ein Bekenner, ein +<span lang="la" xml:lang="la">poeta christianissimus</span>? Sicherlich in Sekunden: da zuckt +sein Spasma ins Unendliche hinein, da krampft er sich ein +in Gott, da hält er die Harmonie, die irdisch versagte, in +Händen, da ist er, der Gekreuzigte seines Zwiespaltes, auferstanden +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_204" id="Page_204">204</a><span>] </span></span>in den alleinigen Himmeln. Aber doch: irgend +etwas bleibt auch dann noch wach in ihm und schmilzt +nicht hin im Seelenbrand. Während er schon ganz aufgelöst +scheint, ganz überirdische Trunkenheit, bleibt jener grausame +Geist der Analyse mißtrauisch auf der Lauer und +mißt das Meer aus, in das er versinken will. Der unerbittliche +Doppelgänger wehrt sich gegen die Aufgabe der Persönlichkeit. +Auch im Gottesproblem klafft der unheilbare +Zwiespalt, der in jedem von uns eingeboren ist, aber den +kein Irdischer bisher zu solcher Spannweite des Abgrunds +aufgerissen wie Dostojewski. Er ist der Gläubigste aller und +der äußerste Atheist in einer Seele, er hat in seinen Menschen +die polarsten Möglichkeiten beider Formen gleich +überzeugend dargestellt (ohne sich selbst zu überzeugen, +ohne sich selbst zu entscheiden), die Demut, sich hinzugeben, +sich, ein Staubkorn, aufzulösen in Gott, und andererseits +das grandioseste Extrem, selber Gott zu werden: „Erkennen, +daß ein Gott ist, und gleichzeitig erkennen, daß +man nicht zum Gott geworden ist, wäre ein Unsinn, durch +den man zum Selbstmord getrieben wird.“ Und sein Herz +ist bei beiden, beim Gottesknecht und beim Gottesleugner, +bei Aljoscha und bei Iwan Karamasoff. Er entscheidet sich +nicht in dem unablässigen Konzil seiner Werke, bleibt bei +den Bekennern und den <ins class="correction" title="Heretikern">Häretikern</ins>. Seine Gläubigkeit ist +feuriger Wechselstrom zwischen dem Ja und Nein, den +beiden Polen der Welt. Auch vor Gott bleibt Dostojewski +der große Ausgestoßene der Einheit.</p> + +<p>So bleibt er Sisyphus, der ewige Wälzer des Steins zur +Höhe der Erkenntnis, der er immer wieder entrollt. Der +ewig Bemühte zu Gott, den er nie erreicht. Aber irre ich +denn nicht: ist Dostojewski nicht den Menschen der große +Prediger des Glaubens? Geht nicht durch seine Werke der +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_205" id="Page_205">205</a><span>] </span></span>große orgelnde Hymnus an Gott? Bezeugen nicht alle +seine politischen, seine literarischen Schriften einhellig +diktatorisch, unzweifelhaft seine Notwendigkeit, seine +Existenz, dekretieren sie denn nicht die Rechtgläubigkeit, +verwerfen sie nicht den Atheismus als das äußerste Verbrechen? +Aber man verwechsle hier nicht Wille mit Wahrheit, +nicht den Glauben mit dem Postulat des Glaubens. +Dostojewski, der Dichter der ewigen Umkehrung, dieser +fleischgewordene Kontrast, predigt den Glauben als Notwendigkeit, +predigt ihn um so inbrünstiger den anderen +als – er selbst nicht glaubt (im Sinne eines ständigen, sicheren, +ruhenden, vertrauenden Glaubens, der „geklärte Begeisterung“ +als höchste Pflicht formuliert). Von Sibirien +schreibt er an eine Frau: „Ich will Ihnen von mir sagen, +daß ich ein Kind dieser Zeit bin, ein Kind des Unglaubens +und des Zweifels, und es ist wahrscheinlich, ja, ich weiß es +bestimmt, daß ich es bis an mein Lebensende bleiben werde. +Wie entsetzlich quälte mich und quält mich auch jetzt die +Sehnsucht nach dem Glauben, die um so stärker ist, je mehr +ich Gegenbeweise habe.“ Nie hat er es klarer gesagt: er hat +Sehnsucht nach dem Glauben aus Glaubenslosigkeit. Und +hier ist eine jener erhabenen Umwertungen Dostojewskis: +eben weil er <em class="gesperrt">nicht</em> glaubt und die Qual dieses Unglaubens +kennt, weil, nach seinem eigenen Worte, er die Qual +immer nur für sich liebt und Mitleid hat mit den andern – +darum predigt er den andern den Glauben an einen Gott, +den er selbst nicht glaubt. Der Gottgequälte will eine gottselige +Menschheit, der schmerzlich Glaubenslose die glücklich +Gläubigen. An das Kreuz seines Unglaubens genagelt, +predigt er dem Volke die Orthodoxie, er vergewaltigt seine +Erkenntnis, weil er weiß, daß sie zerreißt und verbrennt, +und predigt die Lüge, die Glück gibt, den strikten, textlichen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_206" id="Page_206">206</a><span>] </span></span>Bauernglauben. Er, der „kein Senfkorn Glauben +hat“, der gegen Gott revoltierte und, wie er selbst stolz +sagte, „den Atheismus mit ähnlicher Kraft ausgedrückt +hat, wie niemand in Europa“, er verlangt die Unterwürfigkeit +unter das Popentum. Um die Menschen vor der Gottesqual +zu behüten, die er wie keiner im eigenen Fleische +erlebt, verkündet er die Gottesliebe. Denn er weiß: „Das +Schwanken, die Unruhe des Glaubens – das ist für einen +gewissenhaften Menschen eine solche Qual, daß es besser +ist, sich zu erhängen.“ Er selbst ist ihr nicht ausgewichen, +als Märtyrer hat er den Zweifel auf sich genommen. Aber +der Menschheit, der unendlich geliebten, will er ihn ersparen, +wie sein Großinquisitor will er der Menschheit +die Qual der Gewissensfreiheit sparen und sie einwiegen +in den toten Rhythmus der Autorität. So schafft er, statt +hochmütig die Wahrheit seines Wissens zu verkünden, +die demütige Lüge eines Glaubens. Er verschiebt das +religiöse Problem ins Nationale, dem er den Fanatismus +des göttlichen gibt. Und wie sein getreuester Knecht antwortet +er auf die Frage: „Glauben Sie an Gott?“ in der +aufrichtigsten Konfession seines Lebens: „Ich glaube an +Rußland.“</p> + +<p>Denn das ist seine Flucht, seine Ausflucht, seine Rettung: +Rußland. Hier ist sein Wort nicht mehr Zwiespalt, hier +wird es Dogma. Gott hat ihm geschwiegen: so schafft er +sich als Mittler zwischen sich und dem Gewissen selbst +einen Christus, den neuen Verkünder einer neuen Menschheit, +den russischen Christus. Aus der Wirklichkeit, aus +der Zeit stürzt er sein ungeheueres Glaubensbedürfnis +einem Unbestimmten entgegen – denn nur einem Unbestimmten, +einem Grenzenlosen kann dieser Maßlose sich +ganz hingeben – in die ungeheuere Idee Rußland, in dieses +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_207" id="Page_207">207</a><span>] </span></span>Wort, das er anfüllt mit allem Unmaß seiner Gläubigkeit. +Ein anderer Johannes, verkündigt er diesen neuen Christus, +ohne ihn geschaut zu haben. Aber er spricht in seinem +Namen, in Rußlands Namen für die Welt.</p> + +<p>Diese seine messianischen Schriften – es sind die politischen +Aufsätze und manche Ausbrüche der Karamasoff – sind +dunkel. Verworren enttaucht ihnen dieses neue Christusantlitz, +der neue Erlösungs- und <ins class="correction" title="Allversöhnungsgedanke.">Allversöhnungsgedanke,</ins> +ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen, strengen +Falten. Wie von den alten rauchgeschwärzten Ikonen +starren fremde stechende Augen uns an, Inbrunst, unendliche +Inbrunst in sich, aber auch Haß und Härte. Und +furchtbar ist Dostojewski selbst, wenn er diese russische +Erlösungsbotschaft uns Europäern wie verlorenen Heiden +kündet. Ein böser, fanatischer, mittelalterlicher Mönch, +das byzantinische Kreuz wie eine Geißel in der Hand, so +steht der Politiker, der religiöse Fanatiker uns gegenüber. +Wie ein Delirant, ein Heimgesuchter in mystischen +Krämpfen, nicht in sanfter Predigt kündet er seine Lehre, +in dämonischen Zornausbrüchen entlädt sich seine maßlose +Leidenschaft. Mit Keulen schlägt er jeden Einwand +nieder, ein Fiebernder, gegürtet mit Hochmut, funkelnd +von Haß, stürmt er die Tribüne der Zeit. Schaum steht +vor seinem Munde, und mit zitternden Händen schleudert +er den Exorzismus über unsere Welt.</p> + +<p>Ein Bilderstürmer, ein rasender Ikonoklast, fällt er her +über die Heiligtümer der europäischen Kultur. Alles +stampft er nieder, der große Tobsüchtige, von unseren +Idealen, um seinem neuen, dem russischen Christus, den +Weg zu bereiten. Bis zum Irrwitz schäumt seine moskowitische +Unduldsamkeit. Europa, was ist es? Ein Kirchhof, +mit teuern Gräbern vielleicht, aber jetzt stinkend von +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_208" id="Page_208">208</a><span>] </span></span>Fäulnis, nicht einmal Dünger mehr für die neue Saat. Die +blüht einzig aus russischer Erde. Die Franzosen – eitle +Laffen, die Deutschen – ein niedriges Wurstmachervolk, +die Engländer – Krämer der Vernünftelei, die Juden – +stinkender Hochmut. Der Katholizismus – eine Teufelslehre, +eine Verhöhnung Christi, der Protestantismus – ein +vernünftlerischer Staatsglaube, alles Hohnbilder des einzig +wahren Gottesglaubens: der russischen Kirche. Der Papst – +der Satan in der Tiara, unsere Städte – Babylon, die große +Hure der Apokalypse, unsere Wissenschaft – ein eitles +Blendwerk, Demokratie – die dünne Brühe weicher Gehirne, +Revolution – ein loses Bubenstück von Narren und +Genarrten, Pazifismus – ein Altweibergeschwätz. Alle +Ideen Europas ein verblühter, verwelkter Blumenstrauß, +gut genug, in die Jauche geschmissen zu werden. Nur die +russische Idee ist die einzig wahre, einzig große, einzig +richtige. Im Amoklauf stürmt der rasende Übertreiber +weiter, jeden Einwand mit dem Dolche niederstoßend: +„Wir verstehen euch, aber ihr versteht nicht uns“ – schon +bricht jede Diskussion blutend zusammen. „Wir Russen +sind die Allverstehenden, ihr seid die Begrenzten“, dekretiert +er. Rußland allein ist richtig und alles in Rußland, +der Zar und die Knute, der Pope und der Bauer, die Troika +und die Ikone, und um so richtiger, je mehr es antieuropäisch, +asiatisch, mongolisch, tatarisch, um so richtiger, als +es konservativ, rückständig, unfortschrittlich, ungeistig, +byzantinisch ist. O, wie tobt er sich hier aus, der große +Übertreiber! „Seien wir Asiaten, seien wir Sarmaten“, +jauchzt er auf. „Weg von Petersburg, dem <ins class="correction" title="europäischen">europäischen,</ins> +zurück zu Moskau, hinüber nach Sibirien, das neue Rußland +ist das Dritte Reich.“ Diskussion darüber duldet dieser +gotttrunkene mittelalterliche Mönch nicht. Nieder die Vernunft! +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_209" id="Page_209">209</a><span>] </span></span>Rußland ist das Dogma, das widerspruchslos zu +bekennen ist. „Man versteht Rußland nicht mit der Vernunft, +sondern mit dem Glauben.“ Wer ihm nicht in die +Knie stürzt, ist der Feind, der Antichrist: Kreuzzug wider +ihn! Hell schmettert er in die Fanfare des Krieges. Zerstampft +muß Österreich werden, der Halbmond von der +Hagia Sofia Konstantinopels gerissen, Deutschland gedemütigt, +England besiegt – ein wahnwitziger Imperialismus +hüllt seinen Hochmut in mönchische Kutte und ruft: ‚<span lang="fr" xml:lang="fr">Dieu +le veut.</span>‘ Um des Gottesreiches willen die ganze Welt für +Rußland.</p> + +<p>Rußland also ist Christus, der neue Erlöser, und wir +sind die Heiden. Nichts errettet uns Verworfene aus dem +Fegefeuer unserer Schuld: wir haben die Erbsünde begangen, +keine Russen zu sein. Unserer Welt ist kein Raum +in diesem neuen Dritten Reich: erst muß unsere europäische +Welt untergehen im russischen Weltreiche, im neuen +Gottesreiche, dann erst kann sie erlöst werden. Wörtlich +sagt er: „Jeder Mensch muß vorerst Russe werden.“ Dann +erst beginnt die neue Welt. Rußland ist das Gottträgervolk: +erst muß es noch mit dem Schwerte die Erde erobern, +dann erst wird es sein „letztes Wort“ der Menschheit +sagen. Und dieses letzte Wort heißt für Dostojewski: Versöhnung. +Für ihn besteht das russische Genie in der Fähigkeit, +alles zu verstehen, alle Gegensätze zu lösen. Der Russe +ist der Allversteher und darum der Nachgiebige im höchsten +Sinn. Und sein Staat, der Zukunftsstaat, wird die Kirche +sein, die Form der brüderlichen Gemeinschaft, der Durchdringung +statt der Unterordnung. Und es klingt wie ein +Prolog zu den Ereignissen dieses Krieges (der in seinem +Anbeginn so genährt war von seinen Ideen, wie in +seinem Ende von jenen Tolstois), wenn er sagt: „Wir +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_210" id="Page_210">210</a><span>] </span></span>werden die ersten sein, die der Welt verkünden, daß wir +nicht durch Unterdrückung der Persönlichkeit und fremder +Nationalitäten das eigene Gedeihen erreichen wollen, +sondern im Gegenteil letzteres nur in der freiesten und +selbständigsten Entwicklung aller Nationen und in der +brüderlichen Vereinigung suchen.“ Lenin und Trotzky +sind in dieser Verheißung, gleichzeitig aber auch der Krieg, +den er, der ewige Anwalt des Anspannens aller Gegensätze, +so leidenschaftlich gepriesen. Allversöhnung als Ziel, aber +Rußland als der einzige Weg – „von Osten her wird die +Erde erschaffen“. Über die Berge des Ural wird das ewige +Licht aufsteigen und das schlichte Volk, nicht der wissende +Geist, nicht die europäische Kultur, mit seinen dunklen +Geheimnissen der Erde verbundenen Kräften unsere Welt +erlösen. Statt der Macht wird die werktätige Liebe sein, +statt des Widerstreits der Persönlichkeiten das allmenschliche +Gefühl, der neue, der russische Christus wird die Allversöhnung +bringen, die Auflösung der Gegensätze. Und +der Tiger wird neben dem Lamme weiden und der Rehbock +neben dem Löwen – wie zittert Dostojewskis Stimme, +wenn er vom Dritten Reich spricht, vom Allrußland der +Erde, wie bebt er selbst in der Ekstase der Gläubigkeit, +wie wunderbar ist er, der Wissendste aller Wirklichkeiten, +in seinem messianischen Traum.</p> + +<p>Denn in das Wort Rußland, in die Idee Rußland hinein +träumt Dostojewski diesen Christustraum, die Idee der Versöhnung +der Gegensätze, die er in seinem Leben, in der +Kunst und selbst in Gott durch sechzig Jahre vergeblich gesucht. +Aber dieses Rußland, welches ist es, das reale oder das +mystische, das politische oder das prophetische? Wie immer +bei Dostojewski: beides zugleich. Vergeblich, von einem +Leidenschaftlichen Logik zu verlangen und von einem +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_211" id="Page_211">211</a><span>] </span></span>Dogma seine Begründung. In den messianischen Schriften +Dostojewskis, den politischen, den literarischen Werken, +taumeln die Begriffe wie rasend durcheinander. Bald ist +Rußland Christus, bald Gott, bald das Reich Peters des +Großen, bald das neue Rom, die Vereinigung des Geistes +und der Macht, Tiara und Kaiserkrone, seine Hauptstadt +bald Moskau, bald Konstantinopel, bald das neue Jerusalem. +Die demütigsten allmenschlichsten Ideale wechseln +brüsk mit machtgierigen slawophilen Eroberungsgelüsten, +politische Horoskope von verblüffender Treffsicherheit mit +phantastischen apokalyptischen Verheißungen. Bald jagt +er den Begriff Rußland in die Enge der politischen Stunde, +bald schnellt er ihn in das Grenzenlose empor – auch hier +wie im Kunstwerk die gleiche zischende Mischung von +Wasser und Feuer, von Realismus und Phantastik offenbarend. +Der Dämonische in ihm, der rasende Übertreiber, +in ein Maß gezwungen sonst in seinen Romanen, hier lebt +er sich aus in pythischen Krämpfen: mit der ganzen Inbrunst +seiner glühenden Leidenschaft predigt er Rußland +als das Heil der Welt, die alleinmachende Seligkeit. Nie +ward eine Nationalidee hochmütiger, genialer, werbender, +verführender, berauschender, ekstatischer Europa als Weltidee +verkündet, wie die russische in den Büchern Dostojewskis.</p> + +<p>Ein unorganischer Auswuchs der großen Gestalt scheint +dieser Fanatiker seiner Rasse zuerst, dieser mitleidlose ekstatische +russische Mönch, dieser hochmütige Pamphletist, dieser +unwahrhaftige Bekenner. Aber gerade er ist notwendig +für die Einheit von Dostojewskis Persönlichkeit. Wo immer +wir bei Dostojewski ein Phänomen nicht verstehen, müssen +wir seine Notwendigkeit im Kontrast suchen. Vergessen +wir nicht: Dostojewski ist immer ein Ja und Nein, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_212" id="Page_212">212</a><span>] </span></span>die Selbstvernichtung und Selbstüberhebung, der zur Spitze +getriebene Kontrast. Und dieser übertriebene Hochmut ist +nur das Widerspiel einer übertriebenen Demut, sein gesteigertes +Volksbewußtsein nur das polare Empfinden seines +überreizten persönlichen Nichtigkeitsempfindens. Er spaltet +sich gleichsam selbst in zwei Hälften: in Stolz und in +Demut. Seine Persönlichkeit erniedrigt er: man durchsuche +die zwanzig Bände seines Werks nach einem einzigen +Worte der Eitelkeit, des Stolzes, der Überhebung! Nur +Selbstverkleinerung findet man darin, Ekel, Anklage, Erniedrigung. +Und alles, was er an Stolz besitzt, gießt er aus +in die Rasse, in die Idee seines Volkes. Alles was seiner +isolierten Persönlichkeit gilt, vernichtet er, alles was dem +Unpersönlichen in ihm, dem Russen, dem Allmenschen gilt, +erhebt er zur Vergötterung. Aus dem Unglauben an Gott +wird er Gottesprediger, aus dem Unglauben an sich der +Verkünder seiner Nation und der Menschheit. Auch im +Ideellen ist er der Märtyrer, der sich selbst an das Kreuz +schlägt, um die Idee zu erlösen.</p> + +<p>Das ist sein großes Geheimnis: durch Gegensatz fruchtbar +zu werden. Ihn ausspannen ins Unendliche, damit er +die ganze Welt umfasse, und dann die ihm entspringende +Kraft zur Zukunft wenden. Die andern Dichter schaffen +ihr Ideal gewöhnlich aus der Steigerung ihrer Persönlichkeit, +indem sie sich selbst nachbilden, gereinigt, verklärt, +verbessert, erhoben, indem sie den zukünftigen Menschen +gewissermaßen als den geläuterten Typus ihrer selbst betrachten. +Dostojewski, der Gegensatzmensch, der schöpferische +Dualist, bildet sein Ideal, seinen Gott, durch die +Antithese zu sich selbst: er erniedrigt sich, den Lebendigen, +zum Negativ. Er will nur der Ton, der Lehm sein, aus +dem die neue Form gegossen wird, seinem Links entspricht +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_213" id="Page_213">213</a><span>] </span></span>ein Rechts im zukünftigen Bilde, seiner Tiefe eine Erhebung, +seinem Zweifel eine Gläubigkeit, seinem Zwiespalt +eine Einheit. „Möge ich selbst untergehen, wenn nur die +andern glücklich sind“ – das Wort seines Staretz verwandelt +er in Geist. Er vernichtet sich, um in dem zukünftigen +Menschen aufzuerstehen.</p> + +<p>Das Ideal Dostojewskis ist darum: Zu sein, wie er nicht +ist. Zu fühlen, wie er nicht fühlt. Zu denken, wie er nicht +denkt. Zu leben, wie er nicht lebt. Bis in das Kleinste, +Zug um Zug, ist der neue Mensch seiner individuellen +Form entgegengesetzt, aus jedem Schatten seines eigenen +Wesens ein Licht gebildet, aus jedem Dunkel ein Glanz. +Aus dem Nein zu sich selbst schafft er das Ja, das leidenschaftliche +zur neuen Menschheit. Bis ins Körperliche hinein +setzt sich diese beispiellose moralische Verurteilung +seines Selbst zugunsten des zukünftigen Wesens fort, die +Vernichtung des Ichmenschen um des Allmenschen willen. +Man nehme sein Bild, seine Photographie, seine Totenmaske +und lege sie neben die Bilder jener Menschen, in +denen er sein Ideal geformt: neben Aljoscha Karamasoff, +neben den Staretz Sossima, den Fürsten Myschkin, diese +drei Skizzen zum russischen Christus, zum Heiland, die +er entworfen. Und bis ins Kleinste wird hier jede Linie +Gegensatz sagen und Kontrast zu ihm selbst. Dostojewskis +Gesicht ist düster, erfüllt von Geheimnissen und Dunkelheit, +jener Antlitz ist heiter und von friedlicher Offenheit, +seine Stimme heiser und abrupt, die jener Menschen sanft +und leise. Sein Haar ist wirr und dunkel, seine Augen tief +und unruhig – jener Antlitz ist hell und umrahmt von +sanften Strähnen, ihr Auge glänzt ohne Unruhe und Angst. +Ausdrücklich sagt er von ihnen, daß sie geradeaus schauen +und ihr Blick das süße Lächeln von Kindern hat. Seine +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_214" id="Page_214">214</a><span>] </span></span>Lippen sind schmal umkräuselt von den raschen Falten +des Hohnes und der Leidenschaft, sie verstehen nicht zu +lachen – Aljoscha, Sossima haben das freie Lächeln des +selbstsichern Menschen über den weißen Zähnen blinken. +Zug um Zug setzt er so sein eigenes Bild als Negativ gegen +die neue Form. Sein Antlitz ist das eines gebundenen +Menschen, des Knechtes aller Leidenschaften, bebürdet +von Gedanken – das ihre drückt die innere Freiheit aus, +die Hemmungslosigkeit, die Schwebe. Er ist Zerrissenheit, +Dualismus, sie die Harmonie, die Einheit. Er der Ichmensch, +der in sich Eingekerkerte, sie der Allmensch, der von allen +Enden seines Wesens in Gott überströmt.</p> + +<p>Diese Schaffung eines moralischen Ideals aus Selbstvernichtung +– nie war sie vollkommener in allen Sphären des +Geistigen und des Sittlichen. Aus Selbstverurteilung, gleichsam, +indem er sich die Adern seines Wesens aufschneidet, +mit dem eigenen Blute malt er das Bild des zukünftigen +Menschen. Er war noch der Leidenschaftliche, der Krampfige, +der Mensch der kurzen tigerhaften Ansprünge, seine +Begeisterung eine aus der Explosion der Sinne oder der +Nerven aufschießende Stichflamme – jene sind die sanft, +aber stetig bewegte, keusche Glut. Sie haben die stille Beharrlichkeit, +die weiter reicht als die wilden Sprünge der Ekstase, +sie haben die echte Demut, die nicht die Lächerlichkeit +fürchtet, sie sind nicht wie er die ewig Erniedrigten +und Beleidigten, die Gehemmten und Verkrümmten. Mit +jedem können sie sprechen, und jeder fühlt Beruhigung +an ihrer Gegenwart – sie haben nicht die ewige Hysterie +der Angst, zu kränken oder gekränkt zu werden, sie blicken +nicht bei jedem Schritt fragend um sich. Gott quält sie +nicht mehr, er befriedet sie. Sie wissen um alles, aber +eben weil sie alles wissen, verstehen sie auch alles, sie +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_215" id="Page_215">215</a><span>] </span></span>richten nicht und sie verurteilen nicht, sie grübeln nicht +nach den Dingen, sondern glauben sie dankbar. Seltsam: +er, der ewig Beunruhigte, sieht in dem gelassenen, geklärten +Menschen die höchste Form des Lebens, der Zwiespältige +postuliert als letztes Ideal die Einheit, der Empörer +die Unterwerfung. Seine Gottesqual ist in ihnen Gotteslust +geworden, seine Zweifel Gewißheit, seine Hysterie +Gesundung, sein Leid ein allumfassendes Glück. Das Letzte +und Schönste der Existenz ist für ihn, was er selbst, der +Bewußte und Überbewußte, nie gekannt und was er darum +für den Menschen als das Erhabenste ersehnt: Naivität, +Kindlichkeit des Herzens, die sanfte, die selbstverständliche +Heiterkeit.</p> + +<p>Sehet seine liebsten Menschen, wie sie schreiten: ein +sanftes Lächeln ist auf ihren Lippen, um alles wissen sie +und haben doch keinen Stolz, sie leben im Geheimnis des +Lebens nicht wie in einer feurigen Schlucht, sondern +schlagen es blau wie einen Himmel um sich. Sie haben die +Urfeinde der Existenz, sie haben „Schmerz und Angst +besiegt“ und sind darum gottselig geworden in der unendlichen +Brüderschaft der Dinge. Sie sind erlöst von ihrem +Ich. Höchstes Glück der Erdenkinder ist die Unpersönlichkeit +– so verwandelt der höchste Individualist die Weisheit +Goethes in einen neuen Glauben.</p> + +<p>Kein Beispiel kennt die Geschichte des Geistes einer +ähnlichen moralischen Selbstvernichtung innerhalb eines +Menschen, ähnlich fruchtbarer Erschaffung des Ideals aus +dem Kontrast. Märtyrer seiner selbst, hat Dostojewski +sich ans Kreuz geschlagen: sein Wissen, daß es den Glauben +bezeuge, seinen Körper, daß er durch Kunst den +neuen Menschen zeuge, seine Eigenheit um der Allheit +willen. Er will seinen eigenen Untergang als Typus, damit +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_216" id="Page_216">216</a><span>] </span></span>eine glücklichere bessere Menschheit entstehe: alles Leiden +nimmt er auf sich um das Glück der andern willen. Und +der sich sechzig Jahre gespannt zur schmerzhaftesten Weite +seines Gegensatzes, zerwühlt zu allen Tiefen seines Wesens, +damit er Gott und damit den Sinn des Lebens finde – er +wirft die gehäufte Erkenntnis weg für eine neue Menschheit, +der er sein tiefstes Geheimnis sagt, die letzte Formel, +seine unvergeßlichste: „Das Leben mehr lieben als den +Sinn des Lebens.“</p> +</div> + + +<div> +<h3 lang="la" xml:lang="la">VITA TRIUMPHATRIX</h3> + +<div class="zitat"> +<p class="zitat">„Wie es auch war, das Leben, es ist schön.“</p> +<p class="zitat right">Goethe</p> +</div> + +<p>Wie dunkel der Weg durch Dostojewskis Tiefe, wie +düster seine Landschaft, wie drückend seine Unendlichkeit, +geheimnisvoll ähnlich seinem tragischen Antlitz, das +allen Schmerz des Lebens in sich gemeißelt! Abgründige +Höllenkreise des Herzens, purpurne Fegefeuer der Seele, +der tiefste Schacht, den irdische Hand jemals in die Unterwelt +des Gefühles hinabstieß. Wieviel Dunkel in dieser +Menschenwelt, wieviel Leiden in diesem Dunkel! O +welche Trauer auf seiner Erde, dieser Erde, „die mit Tränen +getränkt ist bis zu ihrer untersten Kruste“, welche +Höllenkreise in ihrer Tiefe, finsterer als Dante, der Seher, +sie vor einem Jahrtausend erschaut. Unerlöste Opfer ihrer +Irdischkeit, Märtyrer eigenen Gefühles, umschlungen von +den Schlangen ihrer Leidenschaft, gequält von allen Geißeln +des Geistes, schäumend im Schwall ohnmächtiger Empörung, +o welche Welt, diese Welt Dostojewskis! Vermauert +alle Freude, verbannt alle Hoffnung, ohne Rettung +vor dem Leiden, das, unendlich getürmte Mauer, um alle +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_217" id="Page_217">217</a><span>] </span></span>seine Opfer steht! – Kann kein Mitleid sie erlösen, seine +Menschen, aus ihrer eigenen Tiefe, sprengt keine apokalyptische +Stunde diese Hölle, die ein Gottesmensch schuf aus +seiner Qual?</p> + +<p>Tumult und Klage strömt aus dieser Tiefe, wie nie die +Menschheit sie erhört. Nie war mehr Dunkelheit über +einem Werk. Selbst Michelangelos Gestalten sind linder +in ihrer Trauer, und über Dantes Tiefe glänzt der Paradiese +seliger Schein. Ist wirklich das Leben nur ewige Nacht +in Dostojewskis Werk und Leiden der Sinn alles Lebens? +Zitternd beugt sich die Seele über den Abgrund und schauert, +nur Qual und Klage zu hören von ihren Brüdern.</p> + +<p>Aber da schwebt ein Wort aus der Tiefe, sanft im Getümmel +und doch hoch sie überschwebend, wie eine Taube +aufschwebt über stürmendem Meer. Sanft ist es gesprochen, +und groß ist sein Sinn, selig das Wort: „Meine Freunde, +fürchtet das Leben nicht.“ Und es ist ein Schweigen aus +diesem Wort, schauernd lauscht die Tiefe, und sie schwebt, +sie überschwebt alle Qualen, die Stimme, da sie spricht: +„Nur durch Qual können wir das Leben lieben lernen.“</p> + +<p>Wer spricht dies tröstendste Wort des Leidens? Der +Leidendste aller, er selbst, Dostojewski. Noch sind die +gespreiteten Hände geschlagen an das Kreuz seines Zwiespalts, +noch stehen die Nägel der Qual in seinem brüchigen +Leibe, aber demütig küßt er das Marterholz dieser +Existenz, und die Lippen sind sanft, wie sie zu den Mitbrüdern +das große Geheimnis sagen: „Ich glaube, wir alle +müssen erst das Leben lieben lernen.“</p> + +<p>Und anbricht der Tag aus seinen Worten, apokalyptische +Stunde. Aufspringen die Gräber und Kerker: aus +der Tiefe stehen sie auf, die Toten und Verschlossenen, +alle, alle treten sie heran, Apostel seines Wortes zu sein, +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_218" id="Page_218">218</a><span>] </span></span>aus ihrer Trauer erheben sie sich. Aus den Kerkern drängen +sie her, aus der Katorga Sibiriens, klirrend in Ketten, +aus Winkelstuben, Bordellen und Klosterzellen, sie alle, +die großen Leidenden der Leidenschaft; noch klebt das +Blut an ihren Händen, noch brennt ihr geknuteter Rücken, +noch sind sie nieder in Zorn und Gebrest, aber schon ist +die Klage zerbrochen in ihrem Munde, und ihre Tränen +funkeln von Zuversicht. O ewiges Wunder Bileams, Fluch +wird Segnung auf ihrer brennenden Lippe, da sie das Hosianna +des Meisters hören, das Hosianna, das „durch +alle Fegefeuer des Zweifels gegangen“. Die Finstersten +sind die ersten, die Traurigsten die Gläubigsten, alle drängen +sie vor, dies Wort zu bezeugen. Und aus ihren Mündern, +den rauhen und verlechzten, schäumt als großer +Choral der Hymnus des Leidens, der Hymnus des Lebens +mit der Urgewalt der Ekstase. Alle, alle sind sie zur Stelle, +die Märtyrer, das Leben zu lobpreisen. Dimitri Karamasoff, +der unschuldig Verdammte, Ketten an den Händen, jauchzt +aus der Fülle seiner Kraft: „Alles Leid werde ich überwinden, +um mir nur sagen zu können: ‚ich bin‘. Wenn +ich mich auch auf der Folterbank krümme, so weiß ich +doch, ‚ich bin‘, angeschmiedet auf die Galeere, sehe ich +noch die Sonne, und wenn ich sie auch nicht sehe, so lebe +ich doch und weiß, daß sie ist.“ Und Iwan, der Bruder, +tritt ihm zur Seite und kündet: „Es gibt kein unwiderrufliches +Unglück als Totsein.“ Und wie ein Strahl +dringt die Ekstase der Existenz in seine Brust, und er jubelt, +der Gottesleugner: „Ich liebe dich, Gott, denn groß +ist das Leben.“ Aus den Sterbekissen hebt sich, gefalteter +Hand, der ewige Zweifler Stefan Trofimowitsch auf und +stammelt: „O wie gerne würde ich wieder leben wollen. +Jede Minute, jeder Augenblick muß eine Seligkeit des +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_219" id="Page_219">219</a><span>] </span></span>Menschen sein.“ Immer heller, immer reiner, immer erhobener +werden die Stimmen. Fürst Myschkin, der Verwirrte, +getragen von den schwankenden Flügeln seiner +schweifenden Sinne, breitet die Arme und schwärmt: „Ich +begreife nicht, wie man an einem Baum vorübergehen kann, +ohne glücklich zu sein, daß er ist und daß man ihn liebt ... +wieviel wundervolle Dinge gibt es doch auf jedem Schritt +dieses Lebens, Dinge, die selbst der Verworfenste noch +als wundervoll empfindet.“ Der Staretz Sossima predigt: +„Die Gott und das Leben verfluchen, verfluchen sich selbst ... +Wenn du jedes Ding lieben wirst, wird sich dir das Geheimnis +Gottes in allen Dingen offenbaren, und schließlich +wirst du die ganze Welt mit allumfassender Liebe umspannen.“ +Und selbst der „Mensch aus der Winkelgasse“, +der kleine verschüchterte Namenlose in seinem verschabten +Mäntelchen, drängt heran und entbreitet die Arme: „Das +Leben ist Schönheit, nur im Leiden ist Sinn, o wie schön +ist das Leben!“ Der „lächerliche Mensch“ bricht auf +aus seinem Traum, „das Leben, das große, zu verkünden“, +alle, alle kriechen sie wie Gewürm aus den Winkeln ihres +Wesens, um mitzusprechen im großen Choral. Keiner will +sterben, keiner das Leben lassen, das heilig geliebte, keines +Leiden ist so tief, daß er es mit dem Tode noch tauschte, +dem ewigen Widerpart. Und diese Hölle, Dunkelheit der +Verzweiflung, hallt plötzlich an ihren harten Wänden Lobgesang +des Schicksals wider, aus Fegefeuern entbrennt fanatische +Glut der Dankbarkeit. Licht, unendliches Licht +strömt ein, der Himmel Dostojewskis bricht über die Erde, +und rauschend über alle dröhnt das letzte Wort, das Dostojewski +schrieb, das Wort der Kinder bei der Rede am großen +Stein, der heilig barbarische Ruf: „Hurra das Leben!“</p> + +<p>O Leben, wunderbares, das du dir mit wissendem Willen +<span class="pagenum"><span>[Seite </span><a name="Page_220" id="Page_220">220</a><span>] </span></span>Märtyrer schaffst, auf daß sie dich lobsingen, o Leben, +weise-grausames, das du die Größten dir hörig machst +mit Leiden, damit sie deinen Triumph verkünden! Den +ewigen Schrei Hiobs, der durch die Jahrtausende tönt, da +er in der Plage Gott erkennt, immer willst du ihn wieder +hören und der Männer Daniels Jubelgesang, indes ihr Leib +im feurigen Ofen brennt. Ewig entzündest du ihn, klingende +Kohle, auf der Zunge der Dichter, die du zu Leidenden +machst, auf daß sie dir hörig werden und dich nennen +in Liebe! Beethoven schlägst du im Sinne der Musik, +daß der Ertaubte das Brausen Gottes höre und, vom Tode +berührt, dir die Hymne der Freude dichte, Rembrandt +jagst du ins Dunkel der Armut, daß er Licht, dein Urlicht, +in Farben sich suche, Dante verjagst du vom Vaterland, +daß er Hölle und Himmel im Traum erschaue, alle +hast du mit deinen Geißeln gejagt in deine Unendlichkeit. +Und diesen, den du wie keinen gegeißelt, auch ihn hast du +dir gezwungen zum Knechte, und siehe, von schäumender +Lippe, hinfallend in Krämpfen jauchzt er dir Hosianna zu, +das heilige Hosianna, das „durch alle Fegefeuer der Zweifel +gegangen“. O wie siegst du in den Menschen, die du leiden +läßt, aus Nacht machst du Tag, aus Leiden die Liebe, aus +der Hölle holst du dir heiligen Lobgesang. Denn der Leidendste +ist der Wissendste aller, und wer um dich weiß, muß dich +segnen: und dieser, der dich zutiefst erkannte, siehe, er +hat dich wie keiner bezeugt, er hat dich wie keiner geliebt!</p> +</div> + +<p class="center noindent margin35"> +Druck vom<br /> +Bibliographischen Institut<br /> +in Leipzig +</p> +</div> + + +<div class="booklist1 break-before"> +<p class="center" style="font-size: 125%; letter-spacing: 0.25em; border-bottom: 4px double black;">INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG</p> + + +<p class="center" style="font-size: 125%; letter-spacing: 0.2em; margin-top: 0.5em; margin-bottom: 0.5em;">STEFAN ZWEIG:</p> + +<p>DIE FRÜHEN KRÄNZE. Gedichte. Dritte Auflage.</p> + +<p>ERSTES ERLEBNIS. Vier Erzählungen aus Kinderland. +Einbandzeichnung von Emil Preetorius. 8. bis +11. Tausend.</p> + +<p>DAS HAUS AM MEER. Schauspiel in zwei Teilen +(drei Aufzügen).</p> + +<p>JEREMIAS. Eine dramatische Dichtung in neun Bildern. +14.–18. Tausend.</p> + +<p>DER VERWANDELTE KOMÖDIANT. Ein Spiel +aus dem deutschen Rokoko. Zweite Auflage.</p> + +<p>LEGENDE EINES LEBENS. Ein Kammerspiel in drei +Aufzügen.</p> + +<p>TERSITES. Ein Trauerspiel in drei Aufzügen. Zweite +Auflage.</p> + + +<p class="center" style="letter-spacing: 0.15em; margin-top: 0.5em;">ÜBERTRAGUNGEN:</p> + +<p>EMILE VERHAEREN. Drei Bände Übertragungen und +Biographie. I. Band: <span class="gesperrt">Essay</span>. II. Band: <span class="gesperrt">Gedichte</span>. +III. Band: <span class="gesperrt">Dramen</span> (Helenas Heimkehr. Das Kloster. +Philipp II.).</p> + +<p>VERHAEREN: REMBRANDT. Mit 96 ganzseitigen +Abbildungen nach Gemälden, Zeichnungen und Radierungen +Rembrandts. 36. bis 40. Tausend.</p> + +<p>VERHAEREN: RUBENS. Mit 95 Abbildungen nach +Gemälden und Zeichnungen Rubens'. 21. bis 25. Tausend.</p> +<div class="booklist2"> +<p class="center author">HONORÉ DE BALZAC:</p> + +<p>DIE DREISSIG TOLLDREISTEN GESCHICHTEN, genannt +CONTES DROLATIQUES. Übertragen von Benno Rüttenauer. +Zwei Bände. 14.–23. Tausend.</p> + +<p>BRIEFE AN DIE FREMDE (Frau von Hanska). Übertragen von +Eugenie Faber. Eingeleitet von Wilhelm Weigand. Zwei Bände. +Mit einem Bilde Balzacs in Lichtdruck.</p> + +<p>PHYSIOLOGIE DER EHE. Eklektisch-philosophische Betrachtungen +über Glück und Unglück in der Ehe. Deutsche Übertragung +von Heinrich Conrad. 6.–9. Tausend.</p> + +<p>TANTE LISBETH. Übertragung von A. Schurig. Zweite Auflage.</p> + +<p>VERLORENE ILLUSIONEN. In der von Johannes Schlaf revidierten +Übertragung von Hedwig Lachmann. Zweite Auflage.</p> + + +<p class="center author">CHARLES DICKENS:</p> + +<p>DICKENS' WERKE. Ausgewählt und eingeleitet von Stefan +Zweig. Mit den Federzeichnungen der englischen Originalausgaben +von Cattermole, Hablot K. Browne und anderen. Titel- und Einbandzeichnung +von E. R. Weiß. Taschenausgabe auf Dünndruckpapier +in sechs Bänden.</p> + +<p class="center"><span class="gesperrt">Einzelausgaben</span>:</p> + +<p><span class="gesperrt">David Copperfield.</span> Mit 40 Federzeichnungen von Hablot +K. Browne, Phiz u. a. 9.–12. Tausend.</p> + +<p><span class="gesperrt">Der Raritätenladen.</span> Mit 73 Federzeichnungen und 8 Initialen +von Browne, Cruikshank u. a. 6.–10. Tausend.</p> + +<p><span class="gesperrt">Die Pickwickier.</span> Mit 43 Federzeichnungen von R. Seymour, +Buß und Phiz. 6.–10. Tausend.</p> + +<p><span class="gesperrt">Martin Chuzzlewit.</span> Mit 40 Federzeichnungen von Hablot +K. Browne. 6.–9. Tausend.</p> + +<p><span class="gesperrt">Nikolaus Nickleby.</span> Mit 38 Federzeichnungen von Hablot +K. Browne. 6.–9. Tausend.</p> + +<p><span class="gesperrt">Oliver Twist</span> und <span class="gesperrt">Weihnachtserzählungen</span>. Mit 76 Federzeichnungen +von Cruikshank, Leech u. a. 6.–10. Tausend.</p> + + +<p class="center author">F. M. DOSTOJEWSKI:</p> + +<p>DER IDIOT. Übertragen von H. Röhl. Drei Bände.</p> + +<p>DER SPIELER. Übertragen von H. Röhl.</p> + +<p>DIE BRÜDER KARAMASOFF. Übertragen und mit einem +Nachwort versehen von Karl Nötzel. Drei Bände.</p> + +<p>NETOTSCHKA NJESWANOWA und andere Erzählungen. +Übertragen von H. Röhl.</p> + +<p>SCHULD UND SÜHNE (Raskolnikoff). Ein Roman in sechs Teilen mit +einem Nachwort. Übertragen von H. Röhl. Zwei Bände, 11.–20. Taus.</p> +</div></div> + +<div class="tnote tnote-correction break-before"><a name="Corrections" id="Corrections"></a><div class="tnote-correction-list-margin">Die folgenden Änderungen gegenüber dem Originaltext wurden vorgenommen:<br /> +<span class="correction-list"><br />Die jeweils erste Zeile gibt den unkorrigierten Text wieder, die zweite Zeile die Korrektur.</span> +<ul> +<li><a href="#Page_13">Seite 13</a>:<br /> +<span class="correction-list">für +einen Balzac nicht gleichgiltig sein<br /></span> +für +einen Balzac nicht <ins class="correction" title="gleichgiltig">gleichgültig</ins> sein +</li> +<li><a href="#Page_18">Seite 18</a>:<br /> +<span class="correction-list">Er konzentriert, indem er das administrative +Zentralisationssytem in die Literatur einführt.<br /></span> +Er konzentriert, indem er das administrative +<ins class="correction" title="Zentralisationssytem">Zentralisationssystem</ins> in die Literatur einführt. +</li> +<li><a href="#Page_19">Seite 19</a>:<br /> +<span class="correction-list">zwischen zwei Feldzügen, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Code +civile</span> schuf<br /></span> +zwischen zwei Feldzügen, den <span lang="fr" xml:lang="fr">Code +<ins class="correction" title="civile">civil</ins></span> schuf +</li> +<li><a href="#Page_39">Seite 39</a>:<br /> +<span class="correction-list">des <span lang="fr" xml:lang="fr">chemiste de la volonté</span>, jener seltsamen Gestalt<br /></span> +des <span lang="fr" xml:lang="fr"><ins class="correction" title="chemiste">chimiste</ins> de la volonté</span>, jener seltsamen Gestalt +</li> +<li><a href="#Page_68">Seite 68</a>:<br /> +<span class="correction-list">in die +Marshalea, Briefe gebracht, die Pfändungen gesehen<br /></span> +in die +<ins class="correction" title="Marshalea">Marshalsea</ins>, Briefe gebracht, die Pfändungen gesehen +</li> +<li><a href="#Page_100">Seite 100</a>:<br /> +<span class="correction-list">Wie der kleine Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll +gewesen sein<br /></span> +Wie <ins class="correction" title="der">die</ins> kleine Njetoscha Neswanowa muß er kelchvoll +gewesen sein +</li> +<li><a href="#Page_109">Seite 109</a>:<br /> +<span class="correction-list">ob nicht endlich der Wechsel aus Rußland gekommen +sie<br /></span> +ob nicht endlich der Wechsel aus Rußland gekommen +<ins class="correction" title="sie">sei</ins> +</li> +<li><a href="#Page_115">Seite 115</a>:<br /> +<span class="correction-list">das Furchtbarste an Erniedrigung wird +ihm jenes Bad in Reading Goal<br /></span> +das Furchtbarste an Erniedrigung wird +ihm jenes Bad in Reading <ins class="correction" title="Goal">Gaol</ins> +</li> +<li><a href="#Page_144">Seite 144</a>:<br /> +<span class="correction-list">hier wird auch ihre +Tragödie erst ganz zu unseren<br /></span> +hier wird auch ihre +Tragödie erst ganz <ins class="correction" title="zu">zur</ins> unseren +</li> +<li><a href="#Page_150">Seite 150</a>:<br /> +<span class="correction-list">Im Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine entgültig +Verworfenen<br /></span> +Im Kosmos Dostojewskis gibt es darum keine <ins class="correction" title="entgültig">endgültig</ins> +Verworfenen +</li> +<li><a href="#Page_187">Seite 187</a>:<br /> +<span class="correction-list">sondern die Desparados, +die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien +fuhren<br /></span> +sondern die <ins class="correction" title="Desparados">Desperados</ins>, +die über unbekannte Ozeane zum neuen Indien +fuhren +</li> +<li><a href="#Page_194">Seite 194</a>:<br /> +<span class="correction-list">Karamasoffs +Wollust wieder ist Lebenlust<br /></span> +Karamasoffs +Wollust wieder ist <ins class="correction" title="Lebenlust">Lebenslust</ins> +</li> +<li><a href="#Page_201">Seite 201</a>:<br /> +<span class="correction-list">können sie wie in ihren Gefühlen +auch in ihren Gedanken nicht haltmachen<br /></span> +können <ins class="correction" title="sie so">so</ins> wie in ihren Gefühlen +auch in ihren Gedanken nicht haltmachen +</li> +<li><a href="#Page_204">Seite 204</a>:<br /> +<span class="correction-list">bleibt bei +den Bekennern und den Heretikern<br /></span> +bleibt bei +den Bekennern und den <ins class="correction" title="Heretikern">Häretikern</ins> +</li> +<li><a href="#Page_207">Seite 207</a>:<br /> +<span class="correction-list">der neue Erlösungs- und Allversöhnungsgedanke. +ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen<br /></span> +der neue Erlösungs- und <ins class="correction" title="Allversöhnungsgedanke.">Allversöhnungsgedanke,</ins> +ein byzantinisches Antlitz mit harten Zügen +</li> +<li><a href="#Page_208">Seite 208</a>:<br /> +<span class="correction-list">Weg von Petersburg, dem europäischen +zurück zu Moskau<br /></span> +Weg von Petersburg, dem <ins class="correction" title="europäischen">europäischen,</ins> +zurück zu Moskau +</li> +</ul> +</div> +</div> + + +</div> + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Drei Meister, by Stefan Zweig + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DREI MEISTER *** + +***** This file should be named 36389-h.htm or 36389-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + https://www.gutenberg.org/3/6/3/8/36389/ + +Produced by Alexander Bauer, Jana Srna and the Online +Distributed Proofreading Team at https://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +https://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. 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Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + https://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> diff --git a/36389-h/images/cover.jpg b/36389-h/images/cover.jpg Binary files differnew file mode 100644 index 0000000..5537fd5 --- /dev/null +++ b/36389-h/images/cover.jpg diff --git a/LICENSE.txt b/LICENSE.txt new file mode 100644 index 0000000..6312041 --- /dev/null +++ b/LICENSE.txt @@ -0,0 +1,11 @@ +This eBook, including all associated images, markup, improvements, +metadata, and any other content or labor, has been confirmed to be +in the PUBLIC DOMAIN IN THE UNITED STATES. + +Procedures for determining public domain status are described in +the "Copyright How-To" at https://www.gutenberg.org. + +No investigation has been made concerning possible copyrights in +jurisdictions other than the United States. 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