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| author | Roger Frank <rfrank@pglaf.org> | 2025-10-14 20:05:40 -0700 |
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You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis + Aus den Sanden von Mauer bei Heidelberg + +Author: Otto Schoetensack (1850-1912) + +Release Date: June 11, 2011 [EBook #36382] + +Language: German + +Character set encoding: ISO-8859-1 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERKIEFER DES HOMO *** + + + + +Produced by Frank van Drogen, Jens Nordmann and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + + + + +Anmerkungen zur Transkription: + +Die Originalschreibweise und kleinere Inkonsistenzen in der Schreibweise +und Formatierung wurden prinzipiell beibehalten. + +Die Buchstaben "C" und "c" mit Akut wurden ersetzt durch [/C] und[/c]. + +Die Buchstaben "O" "S" und "s" mit Karet wurden ersetzt durch [vO], [vS] +und [vs]. + +Auf Seite 114 wurde das Symbol für "weiblich" ersetzt durch [fem.] und das +Symbol für "männlich" durch [masc.] + + +Formatierung: + +Gesperrter Text wurde mit Gleichheitszeichen (=Text=), kursiver Text mit +Unterstrichen (_Text_) und fett gedruckter Text mit Dollarzeichen +($Text$) markiert. + +Bindestriche, wie "-----", ersetzen in den Beschreibungen der Abbildungen +eine durchgezogene Linie und Unterstriche, wie "_____", eine +gestrichelte Linie. + +Die Tabelle auf Seite 25 wurde geteilt. + + + + + DER UNTERKIEFER DES HOMO HEIDELBERGENSIS + + AUS DEN SANDEN VON MAUER BEI HEIDELBERG + + + EIN BEITRAG + + ZUR PALÄONTOLOGIE DES MENSCHEN + + + VON + + OTTO SCHOETENSACK + + + + MIT 13 TAFELN, DAVON 10 IN LICHTDRUCK + + + LEIPZIG + + VERLAG VON WILHELM ENGELMANN + + 1908 + + + ALLE RECHTE, INSBESONDERE DAS DER ÜBERSETZUNG, VORBEHALTEN. + + + * * * * * + + + + + VORWORT. + + +Der den Gegenstand vorliegender Abhandlung bildende menschliche +Unterkiefer wurde in den 10 km südöstlich von Heidelberg anstehenden, in +der Literatur als Sande von Mauer bekannten fluviatilen Ablagerungen +aufgefunden. Das Alter dieser Sande wird nach den darin angetroffenen +Säugetierresten gemeinhin als altdiluvial angegeben; einige darin +vertretene Arten lassen aber auch deutliche Beziehungen zu dem jüngsten +Abschnitte des Tertiärs, dem Pliocän, erkennen. So durfte man vermuten, +daß etwa in diesen Schichten sich findende Menschenknochen bedeutsame +Aufschlüsse über die Morphogenese des menschlichen sowie überhaupt des +Primatenskelettes geben würden. Diese Annahme hat nunmehr durch den Fund +der Mandibula Bestätigung erfahren. + +Ich habe mich bemüht, in dieser Schrift vor allem eine möglichst +erschöpfende Beschreibung des Fundobjektes und der -- bei fossilen +Menschenresten äußerst wichtigen -- Fundumstände zu geben. Bei den +vergleichenden Studien habe ich mich im wesentlichen auf das von den +Direktoren der hiesigen Universitätssammlungen, den Herren O. BÜTSCHLI, +M. FÜRBRINGER und W. SALOMON, sowie von Herrn H. KLAATSCH in Breslau mir +in entgegenkommendster Weise zur Verfügung gestellte Material gestützt. +Letztgenannter Freund sowie Herr G. PORT standen mir bei meinen +Untersuchungen mit ihren reichen Erfahrungen bei, die mir insbesondere +bei den diagraphischen und Röntgenaufnahmen sehr zustatten kamen. Die +Herren GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER in Agram und J. FRAIPONT in Brüssel +waren so liebenswürdig, mir Gipsabgüsse fossiler Unterkiefer zu +überlassen. Ferner lieh mir Herr Assistent W. SPITZ bei den +photographischen Aufnahmen freundlichst seinen Beistand. -- Allen diesen +Herren sei hiermit herzlicher Dank ausgesprochen. + + Universität Heidelberg im September 1908. + + OTTO SCHOETENSACK. + + + * * * * * + + + + + DER UNTERKIEFER DES HOMO HEIDELBERGENSIS + + + AUS DEN SANDEN VON MAUER BEI HEIDELBERG + + + + + GEOLOGISCHER TEIL + + ANTHROPOLOGISCHER TEIL + + ANHANG ZUM ANTHROPOLOGISCHEN TEIL + + + * * * * * + + + + + I. Geologisch paläontologischer Teil. + + +Das Dorf Mauer, auf dessen Feldmark unser Fund am 21. Oktober 1907 +gemacht wurde, ist 10 km südöstlich von Heidelberg und 6 km südlich von +Neckargemünd, dicht an der südlichen Grenze des Odenwaldgebirges +gelegen. Dieses wird in seinem südlichen Teile von dem aus dem +schwäbischen Muschelkalkgebiete kommenden Neckar durchbrochen, der +unterhalb Neckarelz auf den Buntsandstein stößt, den er bis zum Eintritt +in die Rheinebene in vielfach gewundenem Laufe erodiert hat. Diese +Talbildung reicht, worauf E. W. BENECKE[8] zuerst hingewiesen hat und +was auch A. SAUER[70] in den Erläuterungen zur geologischen Spezialkarte +des Großherzogtums Baden, Blatt Neckargemünd, bestätigt, bis in die +Tertiärzeit zurück. + +Wenige Kilometer südlich von Neckargemünd verschwindet der Buntsandstein +dauernd unter der Oberfläche, und das Muschelkalkgebirge stellt sich +ein. Mannigfach zergliedert und reichlich mit Löß und Lehm bedeckt, +bietet es fruchtbares Ackerland dar, das, von der bei Neckargemünd in +den Neckar sich ergießenden Elsenz durchflossen, frühzeitig zur +Besiedelung einlud. -- Schon in alter Zeit führte eine Verkehrsstraße +von hier aus in das Schwabenland, der jetzt auch die Eisenbahnlinie +Heidelberg-Neckargemünd-Jagstfeld folgt, die uns von Heidelberg in +30 Minuten an den Fundort bringt. + +Die geologischen und topographischen Verhältnisse des unteren +Elsenztales lassen sich an der Hand der oben genannten Karte, von der +auf Taf. I, Fig. I ein Ausschnitt auf 1:50000 reduziert gegeben +ist[I.], leicht übersehen. Im nördlichen Teile herrscht der +Buntsandstein vor, der in ostwestlicher Richtung von dem Neckar +durchfurcht wird. Senkrecht zu diesem Flusse erblicken wir zwei parallel +verlaufende Täler, die »in ihrer engen felsigen Beschaffenheit dem +Haupttale des Neckars unter- und oberhalb Neckargemünds gleichen«. Es +sind dies, wie SAUER gezeigt hat, Teile einer alten =Neckarschlinge=, die +weiter südlich, wo sie in das leichter zerstörbare Muschelkalkgebirge +eintrat, eine beträchtliche Talerweiterung erfuhr und den +terrassenförmigen Absatz der unter dem Namen »=Sande von Mauer=« +bekannten, von SAUER als altdiluvial bezeichneten Aufschüttungen +veranlaßte, deren Ursprung auch durch typische =Neckargerölle= bezeugt +wird. + + [I.] Die Signaturen auf dieser Karte sind mit Hilfe eines + Vergrößerungsglases lesbar. + +Von den beiden vom Neckar verlassenen Paralleltälern wird das westliche +von der Elsenz zum Abfluß benutzt, während das östliche, durch welches +jetzt die Landstraße von Wiesenbach nördlich zum Neckar führt, trocken +liegt. Daß dies schon seit der mittel-diluvialen Zeit der Fall ist, wird +durch die Verbreitung der Ablagerungen von älterem und jüngerem Löß +erwiesen, die sich auf und nahe der Sohle des Wiesenbacher Tales +vorfinden. + +Die »Sande von Mauer«, auf der Karte (Taf. I, Fig. 2) mit der Signatur +»dun« versehen und großpunktiert eingezeichnet, sind namentlich an dem +rechten Elsenzgehänge durch Gruben erschlossen, die schon zu BRONNS +Zeiten (in den dreißiger und vierziger Jahren des vor. Jahrh.) +paläontologisches Material lieferten. + +Seit 30 Jahren hat die etwa 500 m nördlich vom Dorfe Mauer im Gewann +Grafenrain gelegene, von Herrn J. RÖSCH in Mauer zur Gewinnung von +Bausand betriebene Sandgrube zahlreiche Tierreste ergeben, die von dem +genannten Herrn mit großer Sorgfalt geborgen und in uneigennütziger +Weise, hauptsächlich durch Schenkung an badische Staatssammlungen, der +Wissenschaft zugänglich gemacht wurden. + +Bei dem lebhaften Abbau des Sandes, von dem nach gütiger Mitteilung des +Herrn RÖSCH seit 1877 159750 cbm gewonnen sind, wobei 182250 cbm Abraum +beseitigt, insgesamt also 342000 cbm bewegt werden mußten, entstehen +beständig frische Anbrüche, die entsprechend dem wechselnden Bilde, das +fluviatile Ablagerungen darzubieten pflegen, in den einzelnen Schichten +wohl stark variieren, in der Gesamterscheinung aber, wie die von +E. W. BENECKE und E. COHEN[9] gegebene Beschreibung und die von A. SAUER +mitgeteilten Profile erkennen lassen, Übereinstimmung mit dem +nachstehenden Profile zeigen, das 12 Tage nach Auffindung des +menschlichen Unterkiefers unter freundlicher Mitwirkung von +Prof. W. SALOMON, Herrn W. SPITZ und den Praktikanten des Heidelberger +geologisch-paläontologischen Instituts aufgenommen wurde: + +=Profil der Sandgrube im Grafenrain (Grundstück Nr. 789), Gemarkung Mauer +(Amtsbezirk Heidelberg), aufgenommen am 2. November 1907= (vgl. Taf. III, +Fig. 5). + +Richtung der Grubenwand Nord 26 West. Fußpunkt 1,40 m nördlich von der +Fundstelle des menschlichen Unterkiefers. + + Ordnungszahl Mächtigkeit + der Schichten in Metern + + Jüngerer { 27 5,74 Jüngerer =Löß=, unten mit kleinen + Löß { Lößkindeln. + + { 26 2,25 Brauner =Lehm= ohne sandige Lagen. + { 25 1,30 Brauner =Lehm=, stellenweise etwas + Älterer { sandig, aber ohne ausgesprochene + Löß bzw. { Sandschmitzchen. + Sandlöß { 24 1,63 =Letten=, meist stark sandig, mit + { vereinzelten Sandschmitzchen und + { Lagen von Lößkindeln. + + { 23 etwa 1,80 Grauer, mittelkörniger =Sand=, in + { abwechselnden Lagen ± verfestigt + { (etwa 15 Gesimse). + { 22 0,36 Graue feste =Sand=bank, + { mittelkörnig, mit HCl ganz schwach + { brausend, gesimsbildend. + { 21 1,30 Lockerer eisenschüssiger =Sand=, + { bald gröber, bald feiner, mit HCl + { ganz schwach brausend. + { 20 0,07 Festere, sehr eisenschüssige + { mittelkörnige =Sand=bank. + { 19 0,40 Eisenschüssiger =Sand=. + { 18 0,70 Grauer mittelkörniger =Sand=, mit + { HCl nicht brausend, unmittelbar + { über dem Letten stark + { eisenschüssig. + { 17 0,70 Brauner =sandiger Letten= und + { lettiger Sand; oben reiner, unten + { ziemlich reiner Letten; + { gesimsbildend. + { 16 0,22-0,25 =Sand=schicht mit dünnen + { eisenschüssigen Lagen nach S. + { anschwellend, nach N. auskeilend. + { 15 etwa 0,20-0,23 =Geröll=schicht mit + { Eistransportblöcken und + { Unioresten. + { 14 etwa 0,34 Grauer bis gelbbrauner =Sand= mit + { Andeutung von Schrägschichtung und + { Neigung zur Windpfeilerbildung. + { 13 etwa 0,50 =Sand=, reich an kleinen Geröllen, + { z. T. eisenschüssig. + { 12 etwa 0,50 Grauer mittelkörniger =Sand= mit + { einer schwach eisenschüssigen + { Schicht. + { Lettenbank. + { 11 2,25 Sehr fester =Letten=, mit HCl + { schwach brausend. + { 10 1,65 Abwechselnde Schichten von schwach + { eisenschüssigem =Sand= und grauem, + Mauerer { manchmal auch braunem Letten. Die + Sande. { jüngste der nach oben an + { Mächtigkeit zunehmenden etwa 9 + { Lettenschichten enthält nur sehr + { wenig Sand. + { 9 etwa 0,55 Reiner =Sand= mit unregelmäßig + { verteilten eisenschüssigen + { Stellen. + { 8 etwa 0,25 Mittelkörniger, grauer =Sand= mit + { vereinzelten kleinen Geröllen und + { vielen Lettenbrocken. + { 7 1,35 Mittelkörniger =Sand= mit + { vereinzelten kleinen Geröllen und + { Lettenbröckchen. + { 6 0,60-0,65 Grauer, mittelkörniger =Sand= mit + { vereinzelten Geröllen und kleinen + { Geröllschmitzchen. (Die Lage mit + { den vereinzelten Geröllen tritt + { nur stellenweise auf.) + { 5 etwa 0,23 Grobkörniger, mit HCl nicht + { brausender =Sand= mit + { eisenschüssigen Bändern. + { 4 etwa 0,10 =Geröll=schicht, durch + { kohlensauren Kalk etwas verkittet, + { mit ganz dünnen Lagen von Letten, + { der mit HCl schwach braust. + { $(Fundschicht des menschlichen + { Unterkiefers.)$ + { 3 0,22 Gröberer =Sand=, mit HCl nicht + { brausend. + { 2 etwa 0,20 =Geröll=schicht, z. T. deutlich + { zu einem Conglomerat verkittet. + { Der verkittende Sand ist stark + { eisenschüssig, mit HCl nicht + { brausend. Weiß-Juragerölle und + { Reste von Unio sind häufig. + { 1 etwa 0,45 Mittelkörniger, mit HCl nicht + { brausender =Sand=. + + Grubensohle. + +Hiernach wurde der menschliche Unterkiefer etwa 0,87 m über der Sohle +und etwa 24,10 m =unter der Oberkante der Sandgrube= aufgefunden, welch +letztere Zahl der vom Geometer festgestellten 24,63 m (vgl. Taf. II, +Fig. 3) bis auf 0,53 m nahekommt. Um diesen Punkt für die Zukunft +festzulegen, ließ ich auf dieser Stelle einen kubischen Sandstein mit +der eingemeißelten Inschrift »Fundstelle des menschlichen Unterkiefers +21. Oktober 1907« errichten. Dieser Stein soll liegen bleiben, auch wenn +die Grube wieder zugeworfen wird. Es soll dann oben ein neuer Stein mit +entsprechender Inschrift gesetzt werden. + +Die in dem vorstehenden Profil mit No. 23-1 bezeichneten, von 5,18 m +älterem Löß und 5,74 m jüngerem Löß überlagerten Mauerer Sande haben +wegen ihres Reichtums an Tierresten seit langer Zeit die Aufmerksamkeit +der Geologen auf sich gelenkt. So führt A. BRAUN[13] in der auf der +Versammlung deutscher Naturforscher und Ärzte in Mainz 1842 gegebenen +vergleichenden Zusammenstellung der lebenden und diluvialen +Molluskenfauna des Rheintals mit der tertiären des Mainzer Beckens unter +der Rubrik »Ältere Diluvialbildung« die Sande bei Bruchsal, =bei Mauer im +Elsenztal= und bei Mosbach zwischen Mainz und Wiesbaden an. Während er +von Mosbach auf Grund der Untersuchungen des Bergsekretärs RAHT +66 Conchylienarten zu verzeichnen in der Lage ist, muß er sich für Mauer +auf folgende Bemerkung beschränken: »Der dortige, durch seine +interessanten Säugetierknochen bekannte, hoch von Löß bedeckte Sand +enthält eine Menge von Unionen und größeren Helices, jedoch sämtlich so +weich und mürbe, daß eine vollständige Herauslösung und genaue +Bestimmung bis jetzt nicht möglich war.« + +FR. SANDBERGER[69] bemerkt sodann in seinem 1870/75 erschienenen Werke +»Die Land- und Süßwasserconchylien der Vorwelt«, in dem über die +Binnenmollusken der Mittelpleistocänschichten handelnden Kapitel +folgendes: »Im Neckartale selbst sind in keiner sonstigen unter dem +Tallöß gelagerten Ablagerung Binnenmollusken nachgewiesen, wohl aber in +dem bei Neckargemünd in dasselbe einmündenden Elsenztale. Hier finden +sich bei Mauer etwa 100' über dem Spiegel der Elsenz Sand- und +Geröllbänke, welche schon A. BRAUN als Lagerstätte fossiler Wirbeltiere +und Binnenmollusken bekannt waren. Im Jahre 1868 beobachtete ich hier +von oben nach unten in einer Sandgrube: + + 1. Tallöß mit zahlreichen Conchylien 20 Fuß. + + 2. =Rötlichen Sand= mit diagonaler Schichtung und einzelnen + Stücken von =Helix rufescens=, =Helix hispida= und =Succinea + oblonga=, an der Grenze gegen 3 auch mit zerbrochenen Unionen 36 » + + 3. Groben Kies, bestehend aus Geröllen von Buntsandstein, + Wellenkalk, Muschelkalk, Hornstein und Feldspatbrocken mit + Equus caballus und Elephas primigenius (?) 40 » + +Da von Binnenmollusken nur die oben genannten Arten, von Säugetieren +aber nur noch Rhinoceros Merckii Jaeg. und Ursus spelaeus gefunden +worden sind, so läßt sich das Alter der Sande noch nicht genauer +feststellen, doch deutet das Fehlen von Rhinoceros tichorhinus, Felis +spelaea und Hyaena spelaea auf ein höheres Alter, als das des +Cannstatter Tuffes, und vielleicht hat A. BRAUN recht, wenn er den Sand +von Mauer mit jenem von Mosbach bei Wiesbaden parallelisiert.« + +BENECKE und COHEN[9] erwähnen bereits 12 Conchylienarten von Mauer, die +auf einigen Exkursionen gesammelt wurden, und weisen darauf hin, daß man +hier eine reiche Fauna zusammenbringen könne, welche wahrscheinlich für +die schon mehrfach gemachte Annahme, daß der Sand von Mauer mit dem +Sande von Mosbach bei Wiesbaden gleichalterig sei, sichere Anhaltspunkte +ergeben würde. + +A. ANDREAE[5] hat nun in seiner für das Gebiet der Diluvialgeologie und +der Malakozoologie gleich wichtigen Abhandlung über den Diluvialsand von +Hangenbieten im Unterelsaß, Straßburg 1884, dieses Desiderat namentlich +in bezug auf die Mollusken erfüllt, indem er in einer tabellarischen +Übersicht der Fauna des Diluvialsandes von Hangenbieten, verglichen mit +der Fauna des Diluvialsandes von Mosbach bei Biebrich und von Mauer bei +Heidelberg, sowie mit der recenten Fauna des Elsaß und des +Oberrheingebietes, =von Mauer= 35 Arten angibt, welche Zahl aber, wie er +bemerkt, noch sehr der Vervollständigung bedarf; denn von Hangenbieten +sind 79 und aus dem Diluvialsand von Mosbach 93 Molluskenarten bekannt +geworden. Von Mauer werden folgende angeführt, die sämtlich auch in +Mosbach vertreten sind: + + Hyalinia (Polita) nitidula Drap. sp. + » » radiatula Ald. sp. + » (Vitrea) crystallina Müll. sp. + * Patula (Goniodiscus) solaria Menke sp. + » (Patulastra) pygmaea Drap. sp. + Helix (Vallonia) pulchella Müll. + » » costata Müll. + * » » tenuilabris Braun. + * » (Petasia) bidens Chemn. sp. + » (Trichia) hispida L. + » » rufescens Penn. + » (Eulota) fruticum Müll. + » (Arionta) arbustorum L. + Buliminus (Ena) montanus Drap. + Cochlicopa (Zua) lubrica Müll. sp. + Pupa (Pupilla) muscorum L. sp. + » (Vertigo) pygmaea Drap. + * Clausilia (Pirostoma) pumila (Ziegl.) C. Pfeiff.? + Succinea (Tapada) putris L. sp.? + » » Pfeifferi Rossm. + » » oblonga Drap. + Valvata (Concinna) antiqua Sow. + » » piscinalis Müll. sp. + * » » naticina Menke. + Bythinia tentaculata L. sp. + Limnaeus (Limnophysa) palustris Müll. sp. + Planorbis (Gyraulus) Rossmaessleri [II.] (Auersw.) S. Schm. + Ancylus fluviatilis Müll. + Unio pictorum L. sp. + » batavus Lam. + * Sphaerium rivicola Leach sp.? + * » solidum Norm. sp. + Pisidium amnicum Müll. sp. + * » supinum A. Schm. + » Henslowianum Shepp. + + NB. Die mit ? bezeichneten Arten sind in Fragmenten oder angezweifeltem + Vorkommen vorhanden. + + [II.] Nach gütiger Mitteilung von O. BOETTGER eine zweifelhafte Art, auf + die keine Schlüsse zu bauen sind. + +Wie ANDREAE bemerkt, fehlen die mit einem Stern bezeichneten Mollusken +jetzt in der Fauna des Oberrheingebietes. Um darüber Klarheit zu +erhalten, ob dies auch auf das Neckargebiet zutrifft, wandte ich mich an +den ausgezeichneten Kenner desselben, Herrn D. GEYER in Stuttgart, der +so freundlich war, hierüber, sowie über die weitere Frage Auskunft zu +geben, welche Schlüsse auf das derzeitige Klima die in den Sanden von +Mauer abgelagerten Mollusken gestatten. Ich teile das Wesentlichste aus +diesem Berichte hier mit: Es handelt sich bei den Ablagerungen von Mauer +offenbar um fluviatile Bildungen, welche durch den Neckar zustande +gekommen sind. Nun wäre es aber durchaus irrig, anzunehmen, daß die in +den Sanden abgelagerten Schalen aus größeren Entfernungen bzw. aus einem +weiten Gebiete hierher geführt und Vertreter der gesamten Fauna seien. +Die große Masse stammt vielmehr aus der nächsten Nähe, da die +zahlreichen scharfen Windungen bzw. Schleifen des Neckars ebenso viele +Dämme bildeten, welche die auf den Fluten schwebenden leeren Schalen zur +Ablagerung nötigten; denn nur um solche handelt es sich, da die mit +lebenden Tieren gefüllten Schalen untersinken und im Sande und Geröll +zerrieben werden. Felsen-, Berg-, Heide- und großenteils auch +Waldbewohner sucht man vergeblich in Ausspülungen; diese setzen sich +zusammen aus Wasser-, Ufer-, Wiesen- und Gebüschbewohnern, denen nur +einzelne Waldschnecken sich zugesellen. + +Von den in obiger Liste angeführten 35 Arten sind 21 Land- und 14 +Wassermollusken. Von ersteren sind nur 3 Baumtiere: Helix fruticum, +eigentlich Buschtier; Helix arbustorum, die aber auch gern auf dem +Boden am Wasser lebt, und Buliminus montanus, der sich am meisten von +den dreien an Bäume hält. Helix rufescens lebt meist am Boden und steigt +nur zuweilen an Krautpflanzen auf. Die übrigen =Landschnecken= sind alle +ausschließlich Bodentiere. Die Busch- und Baumtiere leben heute noch in +nächster Nähe von Mauer. + +Die in obiger Liste mit einem Stern bezeichneten Arten fehlen heute auch +im Neckargebiete bis auf Sphaerium rivicola, Sph. solidum und Pisidium +supinum. Sie leben aber größtenteils noch im Osten, wie aus den in der +Fußnote[III.] auszugsweise wiedergegebenen Mitteilungen des Herrn +D. GEYER hervorgeht. Sein Resumé lautet: »=Sollen Folgerungen in bezug auf +das Klima aus den in den Sanden von Mauer zur Ablagerung gelangten +Molluskenschalen gemacht werden, so kann man allenfalls auf ein mehr +kontinentales Klima, als wir es heute haben, schließen=.« + + [III.] =Patula solaria Menke=, auch aus den diluvialen + Kalktuffablagerungen von Cannstatt bei Stuttgart bekannt, fehlt jetzt dem + ganzen Neckargebiete. Es ist eine östliche Art, verbreitet in + Siebenbürgen, Nordungarn, Galizien, Mähren (ferner relictoid auf dem + Zopten und im Moschwitzer Walde in Schlesien), Erzherzogtum Österreich + (von hier in die südöstliche Ecke Bayerns übergreifend), Steiermark, + Kärnten, Krain, Dalmatien und Lombardei. Die Art lebt am Boden, im Grase, + unter Laub und Steinen im Walde. + + =Helix tenuilabris Braun= fehlt dem Neckargebiete, lebt in Sibirien. Man + hat bis in die neueste Zeit die in den schwäbischen Juratälern lebende + H. adela Westerl. fälschlich für tenuilabris Braun gehalten. + + =Helix bidens Chemn.= gehört Mittel- und Osteuropa an, lebt in sehr + feuchten schattigen Orten, besonders gern an Bachrändern, im + Erlengebüsch. Sie fehlt dem deutschen Nordwesten, ist aber sonst in + Norddeutschland nicht selten, auch in Thüringen nicht; sie geht bis zum + Main, im Regnitztal auch über den Main nach Süden über Erlangen hinaus. + Aus den bayr. Alpen und dem ganzen Jurazuge ist sie nicht bekannt, + findet sich dagegen auf der zwischen beiden Gebirgszügen liegenden + bayerischen Hochebene; sie fehlt in Württemberg, Baden und im Elsaß. + + =Clausilia pumila Ziegl.= lebt gern an denselben Orten wie Helix bidens. + Ihr Verbreitungsgebiet erstreckt sich CLESSIN zufolge nach Osten bis + Siebenbürgen, nach Süden bis Kroatien, nach Norden bis Livland und + Schweden; in Deutschland findet sie ihre Westgrenze, die noch nicht + genau angegeben werden kann. Sie findet sich noch in Mecklenburg und + Holstein, ebenso in Thüringen und geht bis zum Main bei Koburg und + Ochsenfurt. Südlich des Mains ist in Deutschland noch kein Fund bekannt + geworden, wie sie denn jetzt im Neckargebiete sicher fehlt. + + =Valvata naticina Menke= lebt in schlammigen Stellen ruhigen Wassers der + größeren Flüsse. Ihre Verbreitung ist eine östliche: Donau bei Budapest, + Südrußland, Moskau, Livland, Ostpreußen, Landsberg a. d. Warthe. Im + Neckargebiet fehlt sie jetzt sicher. + + =Sphaerium rivicola Leach. sp.= ? lebt im Neckar, etwa von Marbach + an; sie steckt im Sande zwischen den Steinen der Steindämme. Dem + Oberlauf der Flüsse, die rasch fallen und viel Geröll führen, fehlt sie, + wie die meisten großen und kleinen Bivalven. Sie ist über den größten + Teil Europas verbreitet. + + =Sphaerium solidum Normand.= hat nach CLESSIN in Deutschland fast + dasselbe Verbreitungsgebiet wie Sph. rivicola; ist D. GEYER aus dem + Neckar noch nicht bekannt, dürfte aber auch hier aufzufinden sein. + + =Pisidium supinum A. Schm.= wurde von D. GEYER selbst im Neckar bei + Besigheim gesammelt, scheint aber selten zu sein. Nach O. BOETTGER im + Main zwischen Frankfurt und Mainz häufig. Da sie schwer aufzufinden ist, + so ist ihr Verbreitungsgebiet nur ungenügend bekannt. + +Die von ANDREAE a. a. O. mitgeteilte Liste der in den Mauerer Sanden +festgestellten Säugetiere ist namentlich durch W. v. REICHENAU[64 u. +65], Beiträge zur näheren Kenntnis der Carnivoren aus den Sanden von +Mauer und Mosbach, erweitert und berichtigt worden, auf welche wichtige +Arbeit bei den Bemerkungen zu den einzelnen Species Bezug genommen +werden soll. Hinzufügen konnte ich selbst noch Sus scrofa var. cfr +priscus Marcel de Serres, Cervus (Alces) latifrons Johns. und Felis cfr +catus. Zwei von ANDREAE angeführte Arten: Elephas primigenius Blumenb. +und Bos primigenius Boj. mußten ausgeschieden werden, da deren Reste +wahrscheinlich aus der die Mauerer Sande überlagernden Lößstufe stammen. + +Da in letzter Zeit ausschließlich die im Profil der Sandgrube am +Grafenrain mit 1-10 bezeichneten Sandschichten abgebaut wurden, so +stammen die von mir selbst jüngst gesammelten Tierreste sämtlich aus +diesem Horizonte, =in welchem, und zwar in Schicht 4 0,87 m über der +Sohle, der menschliche Unterkiefer gefunden wurde=. Daß aber auch die +oberen über der Lettenbank lagernden Sandschichten 12-23, die früher +ausgebeutet wurden, ergiebig an Säugetierresten waren, kann ich aus +eigner Erfahrung bestätigen. Auch A. SAUER[70] bekräftigt dies in bezug +auf Elephas antiquus, der, einer Bemerkung in den Erläuterungen zu Blatt +Neckargemünd S. 67 zufolge, »in der Sandschicht b wie d, also nicht bloß +im Liegenden, sondern auch im Hangenden der Lehmbank c (vgl. das +untenstehende Profil[IV.]) aufgefunden wurde«. + + [IV.] Anfang des Jahres 1898 bot die Sandgrube im Grafenrain nach SAUER + folgendes Profil dar: + + {0,5 m jüngerer Löß; + Lößstufe {2 m Lößlehm; + {3,5 m Löß und Lößlehm, in Wechsellagerung nach unten} älterer + {zu deutlich geschichtet und sandig werdend } Löß, bzw. + } Sandlöß. + + Durch eine scharfe, nach NW einfallende Erosionsfläche getrennt, welche + z. T. noch durch Anhäufung großer Gerölle von Buntsandstein markiert ist, + folgen darunter: + + {a. 0-2,5 m wohlgeschichteter, feiner, lichtgrauer + { Sand; + {b. 5 m licht-rötlichbrauner, scharfer Sand; + Altdiluviale {c. 2,5 m sandiger, fester Lehm; + Neckaraufschüttungen {d. 4-6 m gelb bis rotbrauner, scharfer Sand mit + (Mauerer Sande) { Kieslagen, in den oberen Teilen mit + { zwei etwa 0,5-1 dm starken Streifen + { eines zähen, blauen Tones. + +Ich lasse nun eine mit Erläuterungen versehene Aufzählung der in den +Sanden von Mauer festgestellten Säugetiere folgen, wobei die in der +Sammlung des Heidelberger geologisch-paläontologischen Instituts +vorhandenen Fossilien besonders berücksichtigt sind. Um etwas +Vollständiges zu bieten, wäre eine gründliche Bearbeitung des gesamten, +in den verschiedenen Sammlungen vorhandenen Materials erforderlich -- +eine Aufgabe, der sich erfreulicherweise in letzter Zeit einige +Spezialforscher zugewendet haben. + +=Felis leo fossilis = Felis spelaea Goldfuß?= Von einer großen Katze aus +den Mauerer Sanden befinden sich im geologisch-paläontologischen +Institut Heidelberg ein isolierter P 4 (Reißzahn) des Oberkiefers und +das Bruchstück eines linken Unterkiefers mit M 1 (Reißzahn), von dem die +vordere Zacke fehlt; von P 4 und P 3 ist außerdem die Krone abgebrochen, +und von C steckt nur noch ein Teil der Wurzel in der Alveole[V.]. Nach +W. v. REICHENAU[65], der diese Objekte bestimmt, in seinen Beiträgen zur +näheren Kenntnis der Carnivoren aus den Sanden von Mauer und Mosbach +S. 303/4 beschrieben und auf Taf. IX, Fig. 1 und Taf. X, Fig. 1 abgebildet +hat, rühren sie von einem Individuum her, das, wie der stark abgenutzte +P 4 sup. zeigt, in einem vorgeschrittenen Alter stand. Besagter Zahn +weist relativ kleine Dimensionen auf: Seine Länge -- Vorderrand des +Innentuberkels mitgemessen -- beträgt nämlich nur 36 mm, während sie +sich sonst bei Felis spelaea zwischen 39-43 bewegt. + +=Felis cfr catus=. Hiervon liegt ein 3. oder 4. Rückenwirbel vor, den ich +jüngst in dem unteren Horizonte der Mauerer Sande angetroffen habe. +Derselbe stimmt gut überein mit dem im Heidelberger zoologischen +Institut befindlichen Skelet einer recenten Wildkatze aus der Umgegend +von Heidelberg, nur sind die Dimensionen bei dem Wirbel von Mauer +beträchtlich größer. Herr H. G. STEHLIN hatte die Freundlichkeit, +unabhängig von mir eine Bestimmung des letzteren vorzunehmen, die mit +der meinigen übereinstimmt. Er schreibt: »Sollte Felis catus ferus auch +in den Mosbacher Sanden festgestellt sein, so würde ich den Wirbel auf +diese Species beziehen; anderenfalls wäre er am passendsten als Felis +cfr catus zu rubrizieren.« In der Revision der Mosbacher Säugetierfauna +von H. SCHRÖDER[80] ist Felis catus ferus nicht aufgeführt. + +=Canis Neschersensis (Croizet) de Blainville=. W. v. REICHENAU +beschreibt in seinen Beiträgen S. 195-201 und Taf. X, Fig. 2-4 drei +Unterkieferhälften aus den Mosbacher Sanden sowie zwei P 4 des +Oberkiefers, einer ebendaher, der andere von Mauer -- letzterer im +Museum Hildesheim --, die er dem C. Neschersensis zuteilt, der, in Größe +zwischen Wolf und Schakal stehend, fast genau mit dem lebenden +Pyrenäenwolf (C. Lycaon Erxl.) übereinstimmt. + + [V.] Jüngst wurde noch ein Schädelfragment aufgefunden, dessen + Zusammensetzung noch nicht beendet ist. + +=Ursus arvernensis Croizet=. Von einem verhältnismäßig kleinen Bären +wurden mehrfach Reste von Unterkiefern sowie auch einzelne Zähne in den +Sanden von Mauer und Mosbach aufgefunden, die von W. v. REICHENAU +bestimmt, in den bereits erwähnten Beiträgen beschrieben und z. T. auch +abgebildet sind. Die mannigfachen Abweichungen, die Ursus arvernensis +von den von RISTORI zu dem gleichen Formenkreise gestellten Ursus +ruscinensis Depéret und Ursus etruscus Cuvier zeigt, sind in der v. +REICHENAUSCHEN Schrift durch Maße belegt. Unter anderem geht daraus +hervor, daß der Kiefer des Ursus arvernensis beträchtlich kleiner, bzw. +kürzer ist, als die von RISTORI veröffentlichten italienischen. + +Die Reste des Ursus arvernensis von Mauer sind leider in +alle Himmelsrichtungen zerstreut. Es befinden sich: 1) Im +K. Naturalienkabinett in Stuttgart: eine linke Unterkieferhälfte mit der +Zahnreihe, abgebildet bei v. REICHENAU Taf. VIII, Fig. 4. 2) Im +Römermuseum zu Hildesheim: Bruchstück eines rechten Unterkiefers mit +abgebrochenem Caninus, den Alveolen von P 1-3, mit P 4 und M 1 +(v. REICHENAU Taf. IX, Fig. 3); ferner isoliert: ein oberer Caninus und +zwei untere (v. REICHENAU Taf. IX, Fig. 11-13), sowie die Krone eines +solchen. 3) Im geologisch-paläontologischen Institut der Universität +Heidelberg: Ein oberer dritter Incisivus (v. REICHENAU Taf. IX, +Fig. 15), sowie die Krone eines an der Wurzel abgebrochenen Caninus, den +ich jüngst noch in der Schicht des menschlichen Unterkiefers zu sammeln +Gelegenheit fand. + +=Ursus Deningeri v. Reichenau=. Dieser neue Formenkreis von großen Bären +ist von W. v. REICHENAU an Resten aus den altdiluvialen Sanden von Mauer +und Mosbach erkannt, die bisher dem Ursus spelaeus Rosenmüller +zugesprochen wurden. Allein der Ursus Deningeri weist im Vergleich mit +den Höhlenbären beträchtliche Differenzen auf. So besitzt z. B. sein +vierter unterer Prämolar »an der Innenseite des kräftigen Protoconids +zwei bis drei Sekundärhöcker, die durch eine Furche vom Protoconid +getrennt sind«, was ihn vom Höhlenbären auf den ersten Blick +unterscheiden läßt. Ursus Deningeri hat Verwandtschaftsbeziehungen zu +dem ihm voraufgegangenen Ursus etruscus Cuvier, an den er sich bezüglich +der Formen- und Größenverhältnisse, namentlich auch hinsichtlich +der starken Variation des Schädels und Kiefers anschließt. +Insbesondere zwingt, wie v. REICHENAU bemerkt, die Vergleichung des +Unterkiefergebisses von Ursus etruscus und Deningeri geradezu zu der +Annahme, daß letzterer aus ersterem hervorgegangen ist. Ursus Deningeri +erreichte eine beträchtliche Größe, die derjenigen des Höhlenbären nicht +nachsteht, wie der im Mainzer Museum aus dem Mosbacher Sande stammende +Schädel erkennen läßt, dessen Schädelbasis vom Vorderrande des Foramen +magnum bis zum Vorderrande der Alveole des mittleren Schneidezahnes +457 mm mißt. Das Profil des Ursus Deningeri-Schädels ähnelt am meisten dem +recenten Ursus beringianus; nur sind die Nasalia des Ursus Deningeri +mehr gewölbt und die Prämaxillaria mehr gestreckt. Die Schädelbasis des +Ursus beringianus mißt übrigens nur 363 mm. + +In einem Nachtrage zu seinen Beiträgen führt W. v. REICHENAU aus, daß in +den ihm aus der Sammlung der Senckenbergischen Naturforschenden +Gesellschaft zugegangenen oberen Molaren von Mosbach sich Ursus +Deningeri so sehr dem echten Höhlenbären nähert, daß ihm in ersterem +eine Ahnenform der Spelaearctos spelaeus-Gruppe vorzuliegen scheine. +»Aus der Etruscus-Arvernensis-Reihe würde sich zunächst die noch mehr +polymorphe Deningeri-Reihe entwickelt haben, aus welcher dann diejenigen +Höhlenbären hervorgingen, denen die drei vorderen Prämolaren des +Unterkiefers fehlen.« + +Von Ursus Deningeri aus den Sanden von Mauer befinden sich: 1) Im +geologisch-paläontologischen Institut Heidelberg: Ein Oberkieferfragment +mit Gaumenplatte und Gebiß (M 2, M 1, P 4 gut erhalten, C z. T. +abgebrochen, Incisivi fehlend); ferner die Kronen eines Caninus des +linken Unterkiefers und eines M 2 des rechten Oberkiefers. 2) Im +Römermuseum Hildesheim: ein Caninus. -- Die beiden letztgenannten +Objekte sind abgebildet bei W. v. REICHENAU Taf. IX, Fig. 5 u. 10. + +=Sus scrofa var. cfr priscus Marcel de Serres=. Hiervon befinden sich im +geologisch-paläontologischen Institut Heidelberg zwei noch in den +Alveolen steckende Molaren (M 3-M 2 inf. dext.), die nach einer +Bestimmung des Hr. W. v. REICHENAU als Sus priscus Serres bezeichnet +sind. Auch Hr. H. G. STEHLIN, der so freundlich war, sein Urteil über +diese Zähne abzugeben, ist der Meinung, »daß sie ihren beträchtlichen +Dimensionen nach ganz wohl zu Sus scrofa priscus Serres gehören können, +obwohl sie in der relativen Breite ihren Äquivalenten an der +Typusmandibel von Lunel-Vieil etwas nachzustehen scheinen. Die Frage, +inwiefern Sus scrofa priscus für älteres Quartär charakteristisch ist, +bedarf noch sehr der genaueren Prüfung. Tatsache scheint zu sein, daß +S. scrofa des älteren Quartärs meist bedeutendere Körpergröße erreichte, +als dasjenige der späteren Zeiten. Allein ich kenne neolithische +Suszähne vom Rinnehügel am Burtnecksee, welche in Größe und Struktur +auffallend mit der von HARLÉ im Altquartär von Montsaunés entdeckten +übereinstimmen. Auch wird man gut tun, nicht zu übersehen, daß unter den +vorderhand als S. scrofa priscus zusammengefaßten Materialien gewiß +Differenzen bestehen, welche vielleicht noch einmal zur Unterscheidung +=mehrerer= Varietäten führen könnten. Beim gegenwärtigen Stand unserer +Kenntnisse ist das Tier von Mauer am passendsten als Sus scrofa var. cfr +pricus Marcel de Serres zu rubrizieren.« -- Auch in den Mosbacher Sanden +sind mehrfach einzelne Zähne von Sus scrofa aufgefunden. NEHRING, ein +ausgezeichneter Kenner der Quartärfaunen Mitteleuropas, gibt an, daß er +selbst bei seinen Ausgrabungen in dem Diluvium von Thiede (unweit +Braunschweig), Westeregeln (zwischen Magdeburg und Halberstadt), +Oberfranken, am Rhein usw. niemals den geringsten Rest von Sus gefunden +habe, nur aus präglacialen und aus altdiluvialen Ablagerungen seien ihm +solche bekannt geworden. Es ist dies verständlich, wenn man in Betracht +zieht, daß die Wildschweine durch anhaltenden Frost ganz besonders +leiden; sie können in dem festgefrorenen Boden nicht wühlen und sind +somit in der Aufsuchung ihrer Nahrung sehr behindert. Weiteres hierüber +findet sich bei O. SCHOETENSACK[79], Beiträge zur Kenntnis der +neolithischen Fauna Mitteleuropas 1904 S. 13. + +=Cervus (Alces) latifrons Johns=. Zu den häufigsten Resten gehören nach H. +SCHRÖDER in den Mosbacher Sanden Skeletteile, Gebisse und Geweihe dieses +riesenhaften Elches, dessen Schaufeln an einer sehr langen und kräftigen +Stange sitzen. Auch mir fielen die überaus starken Molaren eines +Cerviden in den Sanden von Mauer auf, die M. SCHLOSSER zu bestimmen die +Freundlichkeit hatte. Einzelne Zähne dieses Elches sind schon in den +alten Beständen der Heidelberger Sammlung vorhanden. Es gelang mir, +solche aber auch in mehreren Exemplaren in der Fundschicht des +menschlichen Unterkiefers festzustellen. -- So häufig wie in Mosbach +scheint Cervus (Alces) latifrons in Mauer nicht gewesen zu sein. Von +zwei zusammengehörigen Prämolaren des rechten Unterkiefers (Nr. 18 d. +Heidelb. Sammlg.) mißt P 3 mesiodistal 24,7 mm und P 4 29 mm; der +linguobuccale Durchmesser steigt bei ersterem bis zu 17,2 mm, bei +letzterem bis zu 20,5 mm an; die Schmelzleisten sind ungemein kräftig +ausgebildet. + +=Cervus elaphus L. var.= Reste des Edelhirsches sind häufig in den +Mauerer Sanden. Außer Skeletteilen der Extremitäten finden sich +besonders oft isolierte Zähne sowie mehr oder weniger fragmentarische +Unterkieferhälften. Eine solche (rechte) mit vollständig erhaltener +Zahnreihe schließt sich in bezug auf die Länge dieser genau einem uns +vorliegenden recenten Cervus elaphus aus der Schweiz an: Die Gesamtlänge +von 3 P + 3 M beträgt bei beiden 118 mm; dagegen beträgt die Länge vom +Angulus bis zum Incisivrand bei dem Mauerer Exemplar etwa 320 mm, bei +unserem recenten aber nur 285 mm. RÜTIMEYER[67], Fauna der Pfahlbauten +S. 59, gibt für den Unterkiefer des recenten Edelhirsches 300 mm und für +den großen Pfahlbauhirsch sogar 345 mm an. -- Von einem mitten +durchgebrochenen, sonst aber -- auch an beiden Gelenkflächen +-- vollkommen erhaltenen Metatarsus gebe ich nachstehend die Maße, +verglichen mit den von RÜTIMEYER mitgeteilten: + + Mauer Pfahlbauhirsch Recent + + Metatarsus, volle Länge 320 370 260 + » obere Gelenkfläche quer 38,8 38 30 + » untere » » 45 45 34 + +Von Geweihen, die leider nur in Bruchstücken vorliegen, scheinen sich +hauptsächlich die kräftigsten erhalten zu haben. Diese gleichen z. T. +den von POHLIG[62] in seiner Abhandlung »Die Cerviden des thüringischen +Diluvial-Travertines« als Cervus (elaphus) Antiqui abgebildeten von +Taubach; doch ist der Umfang der Stange unmittelbar über der Rose bei +zwei von Mauer vorliegenden Exemplaren beträchtlicher (20 und 24 cm!). +Ich möchte mir daher in der Bestimmung der Geweihreste des Edelhirsches +von Mauer dieselbe Vorsicht auferlegen, wie sie H. SCHRÖDER »in Ansehung +der ganz außerordentlichen Variabilität der Geweihe und der noch +größeren Meinungsverschiedenheiten der Autoren über die Beziehungen und +gegenseitige Abgrenzung der Varietäten, namentlich fossiler Hirsche« in +seiner Revision der Mosbacher Säugetierfauna für geboten hält. + +=Cervus capreolus L.= Reste vom Reh sind in den Mauerer Sanden nicht +häufig. In der Heidelberger Sammlung befinden sich ein oberes und ein +unteres Ende von zwei verschiedenen Geweihstangen, die von +ausgewachsenen Tieren herrühren; ferner das Unterkieferfragment eines +jugendlichen. Abweichungen von dem recenten Reh vermag ich nicht daran +zu erkennen. + +=Bison= sp. nov. ind. Ebenso wie in dem Mosbacher Sande ist ein Bison auch +in Mauer häufig. Leider sind die seit Jahrzehnten hier aufgefundenen +Reste in alle Himmelsrichtungen zerstreut, so daß ein Studium derselben +sehr erschwert ist. Nach den Messungen, die ich an den in dem +geologisch-paläontologischen Institut der Universität Heidelberg +befindlichen zwei Schädelfragmenten, drei isolierten Hornzapfen und +einem Unterkiefer vornehmen konnte, weicht der Bison von Mauer +beträchtlich von dem in dem europäischen Diluvium weit verbreiteten +Bison priscus Boj. ab. Er schließt sich, soweit sich dies nach den +wenigen vorliegenden Resten beurteilen läßt, mehr an den recenten Bison +europaeus Ow. an. Da eine erschöpfende Bearbeitung dieser Frage nicht in +dem Rahmen dieser Abhandlung liegt, so beschränke ich mich darauf, den +von mir genommenen Maßen einige von L. RÜTIMEYER[67], Die Fauna der +Pfahlbauten S. 74 und H. v. MEYER[52], Nova Acta Acad. Leopold., 1835, +S. 138 angeführte Vergleichszahlen beizufügen: + + Masse des Unterkiefers[VI.] in Millimetern + + Spaltenüberschriften: + + A: Mauer + B: Bojanus } + C: Nordmann Paläontologie Südrußlands } nach Rütimeyer + D: Robenhausen Pfahlbau } + + A B C D + + Höhe hinter M 3 68,2 65 68 -- + Höhe vor P 1 42 38 -- -- + Länge der Backenzahnreihe etwa 153 164 147 145 + M 3 Länge 42,8 45 42 42 + Breite 19,6 -- -- 17,5 + M 2 Länge 27,9 31 27 27 + Breite 19,4 -- -- 17,5 + M 1 Länge 23,9 31 22 23 + P 1-3 Länge etwa 56 56 57 50 + + [VI.] An demselben sind die bereits stark abgekauten Backzähne bis auf + P 1 erhalten; Ast und Symphyse fehlen. + + ------------------------+---------------------+----------------------+ + | Bison von Mauer | Bison europaeus | + +---------------------+----------------------+ + |Schädelfragment 1 | | + | |Schädelfragment 2[VII.] | + | | |Isolierter Hornzapfen 201 | + | | | |Isolierter Hornzapfen 202 | + | | | | |Isolierter Hornzapfen 211 | + | | | | | +----------------------+ + | | | | | |Berlin | + | | | | | | |Paris | + | | | | | | | |Petersburg | + | | | | | | | | |Schönbrunn| + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+------+ + Breite der Stirn | | | | | | | | | | | + zwischen d. über d. | | | | | | | | | | | + Einbiegungen | | | | | | | | | | | + Augenhöhlen nach einer| | | | | | | | | | | + geraden Linie | 264| 275| --| --| --|258|220|270|231| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Breite der Stirn | | | | | | | | | | | + zwischen der Basis der | | | | | | | | | | | + Hornzapfen | 260| -- | --| --| --|234|230|280|230| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Umfang der | | | | | | | | | | | + Hornzapfenbasis | -- | -- | --| --|330|290| --| --| --| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Länge der geraden Linie | | | | | | | | | | | + v. untern Teile der | | | | | | | | | | | + Hornzapfenbasis bis | | | | | | | | | | | + zur Spitze des Zapfens| -- | -- |300|295|230|285| --| --|230| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Dieselbe Länge nach der | | | | | | | | | | | + Krümmung des Zapfens | -- | -- |330|330|290|498| --| --|320| | + | | | | |[a]| | | | | | + | | | | |385| | | | | | + | | | | |[b]| | | | | | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Längendurchmesser des | | | | | | | | | | | + Hinterhauptsloches |44,5|43,5| --| --| --| 38| --| --| 30| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Entfernung vom | | | | | | | | | | | + Hinterhauptskamme bis | | | | | | | | | | | + zum oberen Rande des | | | | | | | | | | | + Hinterhauptsloches | 102| 101| --| --| --|100| --| --|110| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Größte Breite des | | | | | | | | | | | + Hinterhauptes nach | | | | | | | | | | | + einer geraden | | | | | | | | | | | + Grundlinie | 260| 260| --| --| --|246|200|265|240| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+ | + Entferng. v. ein. | | | | | | | | | | | + Hornzapfenbasis zur | | | | | | | | | | | + anderen am hintern | | | | | | | | | | | + Teil des Schädels nach| | | | | | | | | | | + ein. geraden Linie | 273| 300| --| --| --|302| --| --| --| | + ------------------------+----+----+---+---+---+---+---+---+---+------+ + [a] vordere Curvatur [b] hintere Curvatur + + ------------------------+--------------------------------------------+ + | Bison priscus | + +--------------------------------------------+ + |Diluvium (Niederterrasse Kirchheim bei | + |Heidelberg). Städt. Sammlungen Heidelberg. | + |Eig. Messung. | + | |Aus dem Rhein bei Sandhofen Mannheim | + | |Mus. Frankfurt a. M. | + | | |Aus dem Rhein | + | | |Mus. Darmstadt | + | | | |Aus dem Rhein | + | | | |Mus. Darmstadt | + | | | | |Aus dem Rhein | + | | | | |Mus. Speyer | + ------------------------+---+---+---+---+---+------------------------+ + Breite der Stirn | | | | | | | + zwischen d. über d. | | | | | | | + Einbiegungen | | | | | | | + Augenhöhlen nach einer| | | | | | | + geraden Linie |330|301|304|345|315| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Breite der Stirn | | | | | | | + zwischen der Basis der | | | | | | | + Hornzapfen |325|355|437|404|379| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Umfang der | | | | | | | + Hornzapfenbasis |390|380|364|382|458| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Länge der geraden Linie | | | | | | | + v. untern Teile der | | | | | | | + Hornzapfenbasis bis | | | | | | | + zur Spitze des Zapfens|460|477|448|382|351| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Dieselbe Länge nach der | | | | | | | + Krümmung des Zapfens |520|514|546|487|465| | + |[a]| | | | | | + |650| | | | | | + |[b]| | | | | | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Längendurchmesser des | | | | | | | + Hinterhauptsloches | 40| 48| 47| 51| 48| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Entfernung vom | | | | | | | + Hinterhauptskamme bis | | | | | | | + zum oberen Rande des | | | | | | | + Hinterhauptsloches |117|107|118|110|128| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Größte Breite des | | | | | | | + Hinterhauptes nach | | | | | | | + einer geraden | | | | | | | + Grundlinie | --|297|291|310| --| | + ------------------------+---+---+---+---+---+ | + Entferng. v. ein. | | | | | | | + Hornzapfenbasis zur | | | | | | | + anderen am hintern | | | | | | | + Teil des Schädels nach| | | | | | | + ein. geraden Linie |320|359|400|312|358| | + ------------------------+---+---+---+---+---+------------------------+ + [a] vordere Curvatur [b] hintere Curvatur + + [VII.] A. PAGENSTECHER, Frühlings landwirtschaftliche Zeitung, 1878. + XXVII, 2. Heft, S. 25, schätzt das Alter dieses Individuums auf Grund der + beiden bei dem Fossil gefundenen Backzähne -- oberer Molar und unterer + Milchmolar -- auf höchstens zwei Jahre. Die Zugehörigkeit des letzteren + zu dem Schädelfragment ist jedenfalls sehr fraglich, da sonst nichts von + dem Unterkiefer vorliegt. + +A. ANDREAE[5] führt unter der Fauna von Mauer auch Bos primigenius Boj. +an. Ich konnte unter den im Heidelberger geologisch-paläontologischen +Institut befindlichen Tierresten aus den Mauerer Sanden nur Bison +priscus feststellen. Auch in den Mosbacher Sanden kommt nach +F. KINKELIN[31 u. 38] und H. SCHRÖDER[80 u. 81] nur Bison vor. Es liegt +daher die Vermutung nahe, daß es sich bei den von ANDREAE erwähnten +Resten um solche handelt, die aus der Lößstufe stammen. + +=Equus= sp. Nach brieflicher Mitteilung des Herrn W. v. REICHENAU, der mit +der Bearbeitung der Equidenreste aus den Sanden von Mosbach und Mauer +beschäftigt ist, stellen die aus letzterem Fundorte vorliegenden +einzelnen Zähne von Equus in ihrem sehr variablen Verhalten eine +=Übergangsreihe dar, ausgehend von der Form Equus Stenonis Cocchi= (mit +kurzachsigem vorderen Innenpfeiler der Kaufläche), bis zur Taubacher +Form hinüberleitend. Dasselbe ist bei dem großen Equus Mosbachensis der +Fall. Equus germanicus Wüst = E. caballus var. germanica Nehring ist in +Mauer nicht vertreten. + +=Rhinoceros etruscus Falc.= ist häufig in den Sanden von Mauer. +Namentlich vom Kopfskelet sind zahlreiche Reste aufgefunden; darunter +Unterkieferfragmente mit Zahnreihen und isolierte Zähne. Das +Gliedmaßenskelet ist u. a. durch ein leidlich gut erhaltenes Becken +vertreten; von dem Rumpfskelet kommen häufig Rippen vor. Alles für die +Bestimmung der Species wichtige Material, das sich in der Heidelberger +Universitätssammlung vorfindet, ist zurzeit in Händen von HENRY +SCHRÖDER, dem ausgezeichneten Kenner der Rhinozeroten, der so freundlich +war, mir folgendes vorläufige Ergebnis seiner Untersuchungen zur +Verfügung zu stellen: »Betreffend die =Rhinocerosreste von Mauer= kann +ich heute noch auf meiner vor 10 Jahren in der Revision der Mosbacher +Säugetierfauna gegebenen Bestimmung des Rhinoceros etruscus Falc. +beharren; mir ist bisher kein Stück unter die Hände gekommen, das man +als Rhinoceros Merckii deuten könnte, wenn man als Typus dieser Art die +Taubacher Form annimmt.« Die von SCHRÖDER angezogene, Rhinoceros etrusc. +Falc. betreffende Stelle lautet: »Diese aus dem oberen Pliocän des +Arnotales und aus dem Forestbed Englands bekannte Rhinocerosart ist in +Mosbach häufig. Die besterhaltenen Stücke besitzt das Museum der +Landesanstalt und das Mainzer Museum, beide je einen Schädel mit +Prämolaren und Molaren, letzteres einen vollständigen Unterkiefer und +ersteres vollständig erhaltene Reihen des definitiven und des +Milchgebisses. Rhinoceros etruscus unterscheidet sich durch nur sanft +aufsteigende Parietalia, starke, fast horizontal verlaufende Cingula an +der Innenseite der Prämolaren des Oberkiefers und größere Niedrigkeit +der Zahnkronen von dem echten Rhinoceros Merckii, das zudem noch +erheblich größer ist. Die Übereinstimmung der Mosbacher Zähne mit +solchen aus dem italienischen Pliocän ist vollkommen. Übrigens vermutete +bereits SANDBERGER Rhinoceros etruscus in Mosbach.« + +=Elephas antiquus Falc.= kommt häufig vor in den Sanden von Mauer. +Ansehnliche Reste des Rumpf-, Kopf- und Gliedmaßenskelettes sind in der +Sammlung des Heidelberger geologisch-paläontologischen Instituts +vorhanden, die sich auf die verschiedensten Altersstadien erstrecken. Es +erschien mir besonders wichtig, dieses Leitfossil auch aus dem gleichen +Horizonte, aus dem der menschliche Unterkiefer stammt, nachzuweisen, was +durch die freundliche Unterstützung des Herrn J. RÖSCH in +befriedigendster Weise gelungen ist. Es wurde nämlich 11,5 m südlich von +der im geologischen Profil mit einem Kreuz bezeichneten Fundstelle der +Oberkiefer eines ganz jungen Individuums und 25 m nordwestlich von der +genannten Stelle der Unterkiefer eines noch nicht völlig ausgewachsenen +Individuums aufgefunden. Von letztgenannter Mandibula, die aus der +Symphyse in zwei Teile zerfallen war, die sich leicht wieder +zusammensetzen lassen, fehlt beiderseits der obere Teil des Ramus +ascendens. Auf Taf. IV, Fig. 6 ist ein Teil der linken Hälfte des +Unterkiefers so abgebildet, daß die Schmelzfiguren der Kaufläche des +ersten Molaren zu erkennen sind. Sie sind typisch rautenförmig, am +distalen Teile mehr als am mesialen mit zahlreichen Ausbuchtungen +versehen. Die Stärke der Schmelzwand beträgt 1,5-2,0 mm. Von dem +nachdrängenden M 2 ist die Kaufläche der Querjoche noch völlig intakt. +Die Höhe des Corpus mandibulae beträgt unter M 1 148 und unter M 2 155 +mm. Die Dicke des Corpus mißt an der Basis 112 mm und steigt nach oben +bis zu 160 mm an. Der mesiodistale Durchmesser von M 1 beträgt im +Maximum 157, der linguobuccale 63 mm, beide Maße an der Kaufläche +genommen. Da nach ZITTEL beim recenten (indischen) Elefanten der erste +Molar erst im 15. Jahre mit der ganzen Zahnkrone in Funktion ist und der +zweite Molar im 20. Jahre zum Vorschein kommt, die Altersgrenze des +Elefanten aber weit über 100 Jahre liegen soll, so dürfen wir annehmen, +daß die vorliegende Mauerer Mandibula von einem Individuum stammt, das +seine Vollkraft noch nicht ganz erreicht hatte. + +Das auf Taf. V, Fig. 10 abgebildete Oberkieferfragment eines ganz jungen +Tieres wurde zusammen mit anderen demselben Individuum angehörigen +Knochen der Kieferregion und der Hirnkapsel -- wovon zwei Felsenbeine +und das Hinterhauptsbein leidlich gut erhalten sind -- aufgefunden. Die +Maxillae superiores und die Ossa palatina sind erhalten; ebenso auf +jeder Seite zwei Milchmolaren, von denen der mesiale drei Lamellen, der +distale deren sieben aufweist. Nach ZITTEL, Handbuch der Paläontologie +V. Abt. IV. Bd. 1891. S. 468, verhält sich die Zahl der Querjoche bei +Elephas antiquus folgendermaßen: + + D 1[VIII.] D 2 D 3 M 1 M 2 M 3 + sup. 3 5-7 8-11 9-12 12-13 15-20 + inf. 3 6-8 9-11 10-12 12-13 16-21. + + [VIII.] Da sich zu diesen drei Milchmolaren bei Elephas zuweilen ein + vorderster rudimentärer gesellt, so nehmen manche Autoren, z. B. + M. WEBER, Die Säugetiere, Jena 1904, folgende typische Formel der + Backenzähne für Elephas an: D (od. Pd) 4/4 M 3/3 + +Es liegen demnach bei unserem Oberkiefer D 1 und D 2 vor. Während +ersterer Zahn eine starke Abnutzung der Kaufläche aufweist und die +Schmelzfiguren deutlich erkennen läßt, ist bei D 2 die Usur nicht so +weit vorgeschritten: Die Schmelzfiguren werden distalwärts immer +schwächer. H. POHLIG[61] bildet in Nova Acta Acad. Leopold. 1892 +Taf. IIb das Fragment einer rechtsseitigen Oberkieferhälfte des im +städtischen Museum zu Weimar befindlichen Elephas antiquus ab »mit dem +vollständigsten aller bekannten hintersten Milchmolaren«, und +A. PORTIS[63] bringt in Palaeontographica N. F. V. 4 (XXV.) Taf. XIX, +Fig. 1 die Abbildung eines im Münchener Museum befindlichen Unterkiefers +des Elephas antiquus von Taubach »mit den beiden zweiten gut entwickelten +und abgenutzten Milchmolaren und mit Alveolen, aus denen die Embryonen +des dritten[IX.] Zahnes herausgefallen sind«. Der Oberkiefer von Mauer +ergänzt die vorgenannten Objekte in erfreulicher Weise. + + [IX.] Distal-mesialwärts gerechnet. + +Vom Elephas antiquus ist im Jahre 1887 in der Sandgrube im Grafenrain +auch das auf Taf. IV, Fig. 7 abgebildete Schädelfragment nebst +Unterkiefer aufgefunden, das von Herrn J. RÖSCH in Mauer dem +zoologischen Institut der Universität Heidelberg geschenkt wurde. Da der +Zerfall des sehr mürben Knochengewebes durch Wegnahme des es +zusammenhaltenden Sandes zu befürchten war, so wurde auf Anordnung und +unter Leitung des Hr. Geh. Hofrat BÜTSCHLI eine Kiste um das wichtige +Fundstück gezimmert, in welcher die Überführung nach Heidelberg +stattfand. Hier konnte mit aller Sorgfalt die Präparation desselben +erfolgen. Bemerkenswert ist es, daß an dem Kiefer nur der linke +Incisivus zur Ausbildung gelangte, während der rechte, wie die nur +30 × 20 mm messende Alveole zeigt, sehr früh ausgefallen sein muß. Die +Länge des linken Schneidezahnes beträgt von der Alveole bis zur Spitze +in gerader Linie 1,16 mm, längs der äußeren Kurve gemessen 1,26 mm, der +Umfang desselben beim Austritt aus der Alveole 0,38 mm. Es seien noch +folgende Maße mitgeteilt: Das Hinterhauptsloch mißt zwischen den +Condylen 80 mm, von oben nach der Schädelbasis 74 mm. Breite des +Schädels zwischen den Jochbogen 710 mm. Die Entfernung von dem Processus +condyloideus des Unterkiefers bis zum äußersten Punkte der Symphysis +beträgt 720 mm; eine Senkrechte von dem genannten Processus auf die +Fortsetzungslinie der Basis des Unterkieferkörpers mißt 458 mm. Die +Entfernung zwischen den beiden Processus condyloidei beträgt 560 mm, +zwischen den Processus coronoidei 360 mm; die Höhe des Körpers unter M 2 +150 mm. + +Von den Kauflächen der Molaren der rechten Ober- und Unterkieferhälften +bringt Taf. IV, Fig. 8 und 9 Photographien, die von Hr. W. SPITZ nach +einem von ihm gewonnenen Abklatsch hergestellt sind. Es sind oben wie +unten von M 1 nur noch Reste vorhanden; M 2 beginnt bei der mit einem +Pfeil bezeichneten Stelle. Während M 2 sup. (Fig. 8) die Schmelzfiguren +nur undeutlich erkennen läßt, treten solche bei dem unteren Molaren +(Fig. 9) genügend scharf hervor. Man kann außer dem mesial nur halb +entwickelten Querjoch zehn weitere unterscheiden, die zum Teil typische +Rautenform aufweisen. Distal werden die Schmelzfiguren undeutlicher. M 2 +sup. hat an der Kaufläche gemessen eine Länge von etwa 140 mm und eine +Breite von 60 mm. M 2 inf. ist 197 mm lang und 55 mm breit. + +Elephas trogontherii ist nach H. SCHRÖDER in der Fassung, die ihm POHLIG +gegeben hat und die von mehreren Autoren angenommen ist, für +stratigraphische Zwecke nicht verwendbar. »Faßt man die Species enger +und beschränkt sie auf die Zahnform, die ein Mittelding zwischen +E. meridionalis und primigenius zu sein scheint, so kann ich nur sagen, +daß ich E. trogontherii, wie er bei Mosbach mehrfach gefunden ist, unter +dem Material, das ich von Mauer gesehen habe, nicht finden konnte. +Meines Erachtens lassen sich alle Stücke auf E. antiquus beziehen.« +Diesen Worten SCHRÖDERS pflichte ich vollkommen bei. Auch mir sind aus +den Mauerer Sanden nur typische Reste des E. antiquus bekannt geworden. + +=Castor fiber L.= Bruchstücke von Unterkiefern sowie einzelne Schneide- +und Backzähne des Bibers sind in den Mauerer Sanden öfters aufgefunden. +Noch jüngst konnte ich eine rechte Unterkieferhälfte mit Bezahnung aus +der Fundschicht der menschlichen Mandibula der Heidelberger Sammlung +einverleiben. Danach schließt sich der Biber von Mauer dem recenten an, +nur weisen die Maße der Backzähne des ersteren bedeutend höhere Zahlen +auf. + +=Wie schon in dem vorstehenden Verzeichnis bemerkt, weist die Säugerfauna +aus den Sanden von Mauer enge Beziehung zu derjenigen aus den Mosbacher +Sanden auf. Beide aber lassen wiederum deutliche Beziehungen zu den +präglacialen Forestbeds von Norfolk sowie zu dem südeuropäischen +Oberpliocän erkennen. Insbesondere deuten Rhinoceros etruscus Falc. und +das von der Form Equus Stenonis Cocchi bis zur Taubacher Form +hinüberleitende Pferd von Mauer bestimmt auf das Pliocän hin, während +die übrigen Mammalia zum größeren Teil dem ältesten Diluvium angehören. +Der Unterkiefer von Mauer dürfte also von den bisher aufgefundenen +stratigraphisch beglaubigten menschlichen Resten der älteste sein=[X.]. + + [X.] Die Umgegend von Heidelberg hat auch zwei Funde aus einem =späteren= + Abschnitte der Diluvialzeit ergeben. Es sind dies 1) das einer völlig + intakten Lößwand bei Dossenheim (jüngerer Löß mit Helix hispida, + Succinea oblonga und Pupa muscorum) entnommene proximale Ende eines + Metacarpalknochens eines kleinen Boviden, welches deutlich einen 4 mm + tiefen, transversalen Einschnitt zeigt, wie er nur durch den Menschen + hervorgebracht sein kann. Der Schnitt ist, wie mit der Lupe erkennbar, + wahrscheinlich durch öfteren Ansatz eines Feuersteinmessers ausgeführt. + Dieses Artefakt wurde dem geologisch-paläontologischen Institut der + Universität Heidelberg übergeben. 2) wurde in den diluvialen + Lehmablagerungen oberhalb Ziegelhausens, in beträchtlicher Tiefe, eine + 120 mm lange und 48 mm breite Lanzenspitze aus kieseligem Gestein + aufgefunden, die, unten abgestumpft, beiderseitig Einbuchtungen zeigt + und an den Rändern gezähnelt ist. In Form und Technik entspricht das + Artefakt ganz einer im Solutréen Horizonte der Grotte von Laugerie Haute + in der Dordogne gefundenen Lanzenspitze (vgl. ED. PIETTE, Association + française pour l'avancement des sciences, 26. Aug. 1875, Taf. XVII, + Fig. 7). Diesen Gegenstand führte ich, da damals die prähistorische + Abteilung der städtischen Sammlungen in Heidelberg noch nicht bestand, + der Staatssammlung in Karlsruhe zu. (Vgl. O. SCHOETENSACK, Über + paläolithische Funde in der Gegend von Heidelberg, Ber. d. Oberrhein. + geolog. Vereins, 35. Vers. zu Freiburg i. B. 1902.) + + Endlich gelang es mir, auch die ersten Spuren einer =neolithischen= + Ansiedelung im Amtsbezirk Heidelberg auf dem Grunde der alten Bergheimer + Kirche, festzustellen (Zeitschr. f. Ethnologie 1899, Verh. S. 566-574). + Seitdem sind durch die von K. PFAFF ausgeführten städtischen + Ausgrabungen zahlreiche neolithische Funde in näherer und weiterer + Umgebung der Stadt gemacht. Es konnte dabei eine kontinuierliche + Besiedelung dieser Gegend seit der jüngeren Steinzeit bis zur Gegenwart + festgestellt werden. + + + + + II. Anthropologischer Teil. + + +Aus dem vorhergehenden Abschnitte ist die stratigraphische Lagerung des +menschlichen Unterkiefers ersichtlich, der 24,10 m unter der Oberfläche +in der von Herrn F. RÖSCH abgebauten Sandgrube im Gewann Grafenrain zu +Mauer, Amtsbezirk Heidelberg, aufgefunden wurde. + +Schon seit langer Zeit habe ich die Aufmerksamkeit auf diese Fundstätte +gerichtet. Der Beweis der Coexistenz des Menschen mit Elephas antiquus, +der in dem an Wirbeltierresten so reichen Kalktuff von Taubach bei +Weimar durch die Untersuchungen von A. PORTIS erbracht war, machte es +zur Pflicht, auch in den Mauerer Sanden auf Spuren des Menschen zu +fahnden. Allerdings waren die Aussichten auf einen Erfolg in Mauer weit +geringer, als in Taubach. Handelt es sich an letzterem Orte doch nach +PORTIS[63] um menschliche Niederlassungen am Ufer stehenden Gewässers, +auf dessen Boden die aus dem Muschelkalkgebiete kommenden Bäche Kalktuff +ablagerten[XI.]. Von diesem wurden die weggeworfenen Gegenstände: +abgenagte, oft auch zerschlagene oder mit Brandspuren versehene Knochen, +Feuerstein- und Knochenartefakte u. a. m. bedeckt[XII.]. Bei Mauer aber +sind es, wie in dem geologisch-paläontologischen Teile ausgeführt wurde, +Aufschüttungen eines alten Neckarlaufes, die bald »eine rein sandige, +bald schlickartig lehmige oder grobkiesige Beschaffenheit« aufweisen. +Hier kann man von vornherein keine Anzeichen einer regelrechten +menschlichen Ansiedelung erwarten. Der Strom, an dessen Ufern der Mensch +sich wohl zeitweise aufgehalten haben mochte, mußte bei Hochwasser +gründlich derartige Spuren verwischen. Die im Bereiche des +Überschwemmungsgebietes liegenden Tierreste wurden dabei wohl eine +Strecke fortgeführt, bis sie, vom Sand und Kies bedeckt, dauernd zur +Ablagerung gelangten. Weit kann der Transport nicht stattgefunden haben, +da die Knochen meist noch deutlich das Oberflächenrelief scharf +ausgeprägt zeigen. Stets finden sich nur einzelne Teile des Skelettes +der Säugetiere, am häufigsten isolierte Zähne und Fragmente von +Unterkiefern, die wegen der starken Schicht kompakten Knochengewebes dem +Verwesungsprozeß hartnäckig widerstehen. + + [XI.] Nach den neueren, durch H. HAHNE und E. WÜST[34] ausgeführten + Untersuchungen liegen »die paläolithischen Fundschichten der Gegend von + Weimar im Ilmtale zwischen Weimar und dem 4 km ilmaufwärts von Weimar + gelegenen Dorfe Taubach in einer aus Ablagerungen des Ilmtales + aufgebauten Terrasse, welche durch spätere Erosion in drei Teilstücke: + das Taubacher auf der rechten, das Ehringsdorfer und das Weimarer auf der + linken Ilmseite, zerlegt ist«. Nach den genannten Forschern lassen »die + Entstehungsart und Altersfolge der Fundschichten von vornherein nicht + unbeträchtliche zeitliche Unterschiede zwischen den menschlichen Spuren + der verschiedenen Horizonte annehmen«. E. WÜST[102] gelangt übrigens in + seiner neuesten Schrift zu dem Schlusse, daß die in Rede stehenden + Ablagerungen von Weimar-Ehringsdorf-Taubach dem dritten Interglacial + zugerechnet werden müssen. + + [XII.] Es gelang mir, aus dem Kalktuff von Taubach auch einen Kinderzahn + nachzuweisen, den ich unter den von A. WEISS daselbst gesammelten + Fossilien vorfand und der wissenschaftlichen Bearbeitung durch A. NEHRING + zuführte. Vgl. die Mitteilungen VIRCHOWS in der Berliner Anthrop. Ges. + Zeitschr. f. Ethnologie 1895 Verh. S. 338. Bald danach kam ein zweiter, + schon früher in der gleichen Schicht aufgefundener Zahn (M 1 inf.) zum + Vorschein, dessen bisher angezweifelter Fundbericht nunmehr Anerkennung + fand; ebd. S. 573. + +Daß uns auch vom Menschen ein Unterkiefer überliefert wurde, ist ein +außergewöhnlich glücklicher Zufall. 30 Jahre lang fortgesetzte, bis zu +25 m Tiefe ausgeführte Grabungen waren erforderlich, um dieses für die +Urgeschichte des Menschen so wichtige Dokument zutage zu fördern! Seit +nahezu zwei Jahrzehnten kontrollierte ich die Grabungen in der Sandgrube +im Grafenrain auf Spuren des Menschen. Kohlenreste oder Brandspuren an +Säugetierknochen suchte ich vergeblich, die kleinen, größtenteils aus +dem Muschelkalk der Umgebung stammenden Hornsteine zeigten keine Spur +der Bearbeitung, spitz zulaufende Knochenfragmente, die ich in der +Hoffnung, ihre Bearbeitung feststellen zu können, daheim sorgfältig von +der durch kohlensauren Kalk verkitteten Sanddecke befreite, erwiesen +sich durchweg als auf natürlichem Wege entstandene Bruchstücke. So blieb +denn die einzige Hoffnung, daß sich unter den zahlreichen +Säugetierresten auch einmal ein menschlicher zeigen würde. Auf diese +Möglichkeit habe ich Herrn J. RÖSCH seit zwei Jahrzehnten beständig +hingewiesen, indem ich die Bedeutung eines solchen Fundes in den Mauerer +Sanden in stratigraphisch durchaus gesicherter Lage betonte. Ich machte +besonders darauf aufmerksam, daß ein derartiger Fund sofort sachgemäß +behandelt und auch ohne Verzug alle Einzelheiten der Lagerung und der +Fundumstände auf das zuverlässigste festgestellt werden müßten. Herr +RÖSCH, bei dem wissenschaftliche Bestrebungen stets ein offenes Ohr und +volles Verständnis fanden, ging in liebenswürdigster Weise auf meine +Vorschläge ein, indem er versprach, mich von einem etwaigen Funde sofort +zu benachrichtigen und mir diesen zur Untersuchung zu überlassen. Am 31. +Oktober 1907 fand Herr RÖSCH Gelegenheit, sein Wort einzulösen; am +nächsten Tage erreichte mich folgende Nachricht von ihm[XIII.]: »Schon +vor 20 Jahren haben Sie sich bemüht, durch Funde in meiner Sandgrube +Spuren des Urmenschen zu finden, um den Nachweis zu liefern, daß zu +gleicher Zeit mit dem Mammut (Elephas antiquus ist gemeint) auch schon +der Mensch in unserer Gegend gelebt hat. Gestern wurde nun dieser +Beweis erbracht, indem über 20 m unter der Ackeroberfläche auf der Sohle +meiner Sandgrube die untere Kinnlade, sehr gut erhalten, mit sämtlichen +Zähnen, von einem Urmenschen stammend, gefunden wurde. Auf der linken +Hälfte der Kinnlade werden die Zähne durch ein Conglomerat bedeckt, +dagegen ist die rechte Hälfte frei.« + + [XIII.] Auch Herr Geh. Hofrat BÜTSCHLI erhielt eine Mitteilung über den + Fund, die er so freundlich war mir sogleich zu übermitteln. + +Der nächste Zug brachte mich nach Mauer, wo ich »zu einem in der That +ganz schröckhaften Vergnügen«[XIV.] die gewordene Kunde vollauf bestätigt +fand. Auf Taf. VI, Fig. 11-14 ist das Fundstück, in zwei Hälften +getrennt, so wie ich es antraf, wiedergegeben. Die Hälften waren noch +vereinigt, als die Schaufel des Arbeiters in der Sandgrube auf den +Gegenstand stieß. Erst bei dem Herauswerfen desselben wurde die mediane +Verbindung aufgehoben, wobei die Schneidezähne und die Juga alveolaria +derselben in Mitleidenschaft gezogen wurden; außerdem ist auf der +lateralen Seite der linken Unterkieferhälfte, oberhalb der Basis, ein +Stückchen abgesprungen. Dieses war leider nicht mehr beizubringen; +dagegen sind sämtliche Teile der Incisivi vorhanden. Wie die Abbildung +erkennen läßt, hafteten neben und an den Eck- und Backzähnen des +Unterkiefers dicke verfestigte Krusten von ziemlich grobem Sand, ein +Charakteristikum der aus den Mauerer Sanden stammenden Fossilien. Die +Verkittung ist durch kohlensauren Kalk erfolgt. An der linken +Kieferhälfte lag außerdem auf den Prämolaren und den beiden ersten +Molaren, fest verbunden mit dem Sande, ein 6 cm langes und etwa 4 cm +breites Geröll von Kalkstein, vermutlich Muschelkalk. Dieses Geröll ist, +ebenso wie die gesamte Oberfläche des Unterkiefers, durch dendritische +Ablagerung von Limonit und wohl auch Manganverbindungen bedeckt, die dem +Knochen eine zum Teil ockergelbe, zum Teil schwarzbraune Färbung +verleihen. Auch die an der Symphyse zutage tretende spongiöse Substanz +zeigt die gleiche Erscheinung, ein Beweis, daß der Unterkiefer in der +Medianlinie wohl schon gelockert war. + + [XIV.] Worte JOH. FRIEDR. ESPERS beim Auffinden »einer Maxilla von einem + Menschen unter den unbekannten vierfüßigen Tieren« in der Gailenreuther + Höhle anno 1774. + +Die Fundstelle in der Sandgrube fand ich noch ganz unberührt. Der 52 +Jahre alte Arbeiter DANIEL HARTMANN bestätigte mir, daß er tags zuvor +beim Ausheben des Sandes vermittels einer Schaufel auf den Unterkiefer +gestoßen sei, der beim Herauswerfen in zwei Hälften vorgelegen habe. Es +waren zur Zeit der Auffindung des Kiefers in der Sandgrube noch ein +Arbeiter und ein Knecht, der gerade eine Fuhre Sand holte, zugegen. In +Anbetracht der Wichtigkeit des Fundes hielt ich es für geboten, hierüber +vom Großh. Notar WEIHRAUCH in Neckargemünd ein von den drei Arbeitern, +Herrn J. RÖSCH und von mir unterzeichnetes Protokoll aufnehmen zu +lassen, dem Photographien des Fundobjektes (Taf. VI, Fig. 11-14), der +Fundstelle (Taf. II, Fig. 4) und der von dem Geometer gefertigte +Lageplan (Taf. II, Fig. 3) angeheftet sind. Aus dieser zu den Akten des +geologisch-paläontologischen Instituts gegebenen Urkunde, d. d. +Neckargemünd 19. November 1907, geht auch hervor, daß Herr J. RÖSCH den +Fund, wie ich dankerfüllt hinzufüge, schenkungsweise der Universität +Heidelberg überlassen hat. + +Die nächste Sorge war nun, die Fundstelle und ihre nächste Umgebung +genau daraufhin zu untersuchen, ob nicht noch mehr menschliche Reste +aufzufinden seien. Nach den obigen Darlegungen waren die Aussichten +hierfür allerdings sehr gering; aber selbst Tierreste, die in der Nähe +des menschlichen Unterkiefers lagerten, durften nun ein höheres +Interesse beanspruchen. Die Fundschicht selbst, die 0,10 m mächtig in +dem geologischen Profil als »Geröllschicht, durch kohlensauren Kalk +etwas verkittet, mit ganz dünnen Lagen von Letten, der mit HCl schwach +braust«, bezeichnet ist, bot nichts Absonderliches. Es hatte eine +Anhäufung von kleinen Geröllen hier stattgefunden, unter denen der +Unterkiefer bei der Wegschwemmung wohl schließlich liegen blieb. Das +bereits beschriebene Kalkgeröll verkittete sich dabei vollkommen mit der +vom Sand bedeckten Zahnreihe der linken Unterkieferhälfte. Bei den durch +die Arbeiter ohne Unterbrechung Tag für Tag fortgesetzten +Sandaushebungen, die sich südlich und nördlich von dem Fundorte +ausdehnten, kamen nun, teils in der Fundschicht, teils in den darüber +gelagerten Schichten 5-10 des Profils, also bis zur Lettenbank 11, +beständig Reste der im geologisch-paläontologischen Teil angeführten +Säugetiere zutage. Insbesondere gelang es, vom Elephas antiquus Falc. +zwei noch mit den Molaren versehene Unterkieferhälften eines nahezu +erwachsenen (Taf. IV, Fig. 6) und das Oberkieferfragment eines ganz +jungen Individuums (Taf. V, Fig. 10) als wichtige Belegstücke zu +sichern. Näheres hierüber findet sich im geologisch-paläontologischen +Teil. + +Um den menschlichen Unterkiefer dauernd zu erhalten, erschien es +angezeigt, rasch zu einer Präparierung desselben zu schreiten. Die in +dem feuchten Sande von Mauer gebetteten Knochen müssen zu diesem Zweck +einige Tage der Luft ausgesetzt und dann geraume Zeit in eine Leimlösung +gelegt werden. Damit letztere in alle Teile des menschlichen +Unterkiefers eindringen konnte, wurden die an der Pars alveolaris +haftenden Sandinkrustationen, sowie das der linken Kieferhälfte +aufgelagerte Kalkgeröll entfernt. Herr Geh. Hofrat BÜTSCHLI war so +freundlich, mich hierbei mit seinem Rate zu unterstützen und den +Konservator des zoologischen Institutes, der auch zurzeit den im I. +Abschnitt dieser Abhandlung beschriebenen Elephas antiquus-Schädel von +Mauer präpariert hatte, für die Ausführung der subtilen Arbeit zur +Verfügung zu stellen. Es wurde beschlossen, die durch kohlensauren Kalk +verkitteten Sandkrusten teils mechanisch, teils durch Aufträufeln von +verdünnter Salzsäure zu entfernen, was bei der rechten Kieferhälfte +vortrefflich gelang (vgl. Taf. VII, Fig. 15 u. 16); bei der linken +Hälfte dagegen lösten sich mit dem Geröll die Kronen der beiden +Prämolaren und der beiden ersten Molaren ab, so daß das Objekt das durch +Taf. VII, Fig. 17 u. 18 veranschaulichte Aussehen erhielt. Die +Zahnkronen konnten von dem Geröll durch fortgesetzte Betupfung desselben +mit verdünnter Salzsäure abgelöst werden; sie sind auf Taf. VIII, +Fig. 28-31 in annähernd natürlicher Größe[XV.] wiedergegeben, und zwar +sowohl von der oberen, als auch von der unteren, der Pulpahöhle +zugewendeten Seite. Leider passen sie nicht mehr vollständig auf den +Hals der betreffenden Zähne, da winzige Splitter des Schmelzes an dem +unteren Teile der Kronen abgesprungen sind. Offenbar wurde der +Zusammenhang der Kronen mit den Wurzeln an dem Halse der betreffenden +Zähne durch das darauf lagernde relativ schwere Geröllstück schon +gelockert, als der Unterkiefer mit der Schaufel herausgeworfen wurde; +sonst hätten sich bei der Präparierung die Kronen von den Wurzeln +schwerlich getrennt. Wie ich übrigens noch zeigen werde, ergab die also +ermöglichte Untersuchung der Pulpahöhlen der abgebrochenen Zähne +bemerkenswerte Resultate, die sich sonst nicht hätten gewinnen lassen. + + [XV.] Die genauen Maße sind in der speziellen Beschreibung der Zähne + (Anhang I) angeführt. + +Gehen wir nun zur $Beschreibung des Unterkiefers$ über, so drängt sich die +Eigenart unseres Objektes auf den ersten Blick auf. Es zeigt eine +Kombination von Merkmalen, wie sie bisher weder an einer recenten noch +fossilen menschlichen Mandibula angetroffen worden ist. Selbst dem +Fachmanne wäre es nicht zu verargen, wenn er sie nur zögernd als +menschliche anerkennen würde: Fehlt ihr doch dasjenige Merkmal gänzlich, +welches als specifisch menschlich gilt, nämlich ein äußerer Vorsprung +der Kinnregion, und findet sich doch dieser Mangel vereinigt mit äußerst +befremdenden Dimensionen des Unterkieferkörpers und der Äste. + +Angenommen, nur ein Fragment wäre gefunden ohne Zähne, so würde es nicht +möglich sein, dieses als menschlich zu diagnostizieren. Mit gutem Grunde +würde man bei einem Teil der Symphysenregion die Zugehörigkeit zu einem +Anthropoiden, etwa von gorilloidem Habitus, vermuten und bei einem +Bruchstücke des Ramus ascendens an eine große Gibbon-Varietät denken. + +=Der absolut sichere Beweis dafür, daß wir es mit einem menschlichen +Teile zu tun haben, liegt lediglich in der Beschaffenheit des Gebisses=. +Die vollzählig erhaltenen Zähne tragen den Stempel »Mensch« zur +Evidenz: Die Canini zeigen keine Spur einer stärkeren Ausprägung den +anderen Zahngruppen gegenüber. Diesen ist insgesamt die gemäßigte und +harmonische Ausbildung eigen, wie sie die recente Menschheit besitzt. + +Auch in ihren Dimensionen treten die $Zähne$ der Heidelberger Mandibula +nicht aus der Variationsbreite des recenten Menschen heraus. Allerdings +sind ihre Maße relativ groß, wenn man moderne europäische Objekte zur +Vergleichung heranzieht. Sowie man aber letztere auf jetzige niedere +Rassen ausdehnt, verschwindet die Differenz. In den Einzelmaßen werden +vielmehr die Zähne -- nicht aber der Kiefer -- des Homo Heidelbergensis +von manchen der jetzigen Australier übertroffen. + +Ein gewisses Mißverhältnis zwischen dem Kiefer und den Zähnen ist bei +der fossilen Mandibula unverkennbar: Die Zähne sind zu klein für den +Knochen. Der vorhandene Raum würde ihnen eine ganz andere Entfaltung +gestatten. Am auffälligsten tritt dies beim dritten Molaren hervor, der +hinter den beiden anderen beträchtlich zurückbleibt, obwohl gerade an +dieser Stelle die Breite des Corpus mandibulae ein derartiges Maß +erreicht (23,5 mm), wie es bisher noch an keinem menschlichen Objekte +gefunden wurde, und obgleich die postmolare Grube am vorderen Abhange +des Ramus genügend Raum für einen vierten Molaren darbot. Ob die +relative Kleinheit des dritten Molaren unserer Mandibula mit der +Reduktionstendenz dieses Zahnes beim modernen Europäer in Beziehung +gebracht werden kann, soll hier unerörtert bleiben. + +Sämtliche Zähne sind so weit abgekaut, daß die Dentinmasse zutage tritt. +Dadurch, daß auf der linken Seite die Kronen der Prämolaren sowie des +ersten und zweiten Molaren an dem darauf liegenden Gesteinsstücke haften +geblieben sind, wurde ein Einblick in die Struktur der Kronen +ermöglicht, der in willkommener Weise die Ergebnisse der +Röntgendurchstrahlung ergänzt. + +Bei der großen Bedeutung, welche jeglicher Einzelheit des Tatbestandes +in vorliegendem Falle zukommt, erscheint es angezeigt, eine gleichsam +protokollarische Übersicht über jeden Zahn zu geben und durch +tabellarische Aufstellung der Maße die Vergleichung mit anderen Objekten +vorzunehmen. + +Unter Hinweis auf diese im Anhang gegebene Zusammenstellung sollen +zunächst nur diejenigen Punkte hervorgehoben werden, welche mit +Rücksicht auf die Zähne einen Beitrag zu der Frage nach der Stellung +unseres Unterkiefers zu verwandten Bildungen liefern können. + +Was zunächst die Höckerbildung der Molaren anbelangt, so läßt sich die +ursprüngliche Fünfzahl mit Ausnahme des dritten linken bei allen Molaren +der Heidelberger Mandibula nachweisen. Diesem Zustande nähern sich von +den recenten Menschen, wie die Untersuchungen von M. DE TERRA[90] +zeigen (vgl. Anhang III), am meisten die Australier. Von den +europäischen Fossilfunden gestattet nur der von Krapina eine +Vergleichung, da in anderen Fällen (Spy, Ochos) die Abkauung zu weit +vorgeschritten ist. Wie aus GORJANOVI[/C]-KRAMBERGERS Zusammenstellung +hervorgeht, zeigt der Mensch von Krapina eine stärkere Tendenz zum +Übergang in den Vierhöckertypus, als unser Fossil. + +Für die Beurteilung der Beziehung der Molaren des Homo Heidelbergensis +zu denen der heutigen Menschheit ist der Einblick in das Innere der +Kronen des ersteren wertvoll. Wie die Maßangaben des Querschnittes der +Pulpahöhle beim modernen Europäer ergeben, die mir von Hr. cand. med. +K. TRUEB aus seiner demnächst erscheinenden Inauguraldissertation +freundlichst zur Verfügung gestellt wurden (vgl. Anhang IV), ist das +Cavum pulpae der Molaren der Mandibula von Mauer von ungewöhnlicher +Größe: Es hat beim ersten Molaren einen linguobuccalen Durchmesser von +4,8 und einen mesiodistalen von 4,3 mm. Beim recenten Europäer sind die +höchsten Zahlen für M 1 inf. im Alter vom 6.-9. Jahre mit 4,087 und vom +11.-14. Jahre mit 4,125 (im Mittel) zu finden; die höchste von TRUEB +festgestellte Zahl ist 4,8 bei einem Mädchen von 9 Jahren und die +niedrigste 3,5 bei einem 14jährigen Knaben. + +Bei dem zweiten Molaren unseres Fossils steigert sich die Differenz noch +beträchtlich, da hier der linguobuccale Durchmesser 5,7 mm und der +mesiodistale 6,3 mm beträgt, der bei den von TRUEB gemessenen Zähnen in +einzelnen Fällen nur bis 4,8 mm aufsteigt, im Mittel aber in allen +Lebensaltern beträchtlich hinter Mauer M 2 zurücksteht[XVI.]. -- +Dagegen verhält sich die Dicke der die Pulpahöhle umgebenden Dentinwand +inkl. Zement, wie die Tabelle zeigt, bei den Zähnen des Heidelberger +Fossils ähnlich wie bei denjenigen des recenten Europäers. + + [XVI.] Es sei auch auf die auf Taf. IX wiedergegebenen Röntgenbilder + verwiesen, die diesen Unterschied bei dem Homo Heidelbergensis (Fig. + 32-38) und bei einem recenten Europäer (Fig. 39 u. 40) -- das Alter + beider kann auf etwa 40 Jahre geschätzt werden -- deutlich + veranschaulichen. + +Es liegt auf der Hand, daß wir es bei dem Homo Heidelbergensis mit der +Fortführung eines Merkmales zu tun haben, das heute für den +Jugendzustand von Europäern typisch ist. Damit soll nicht eine sekundäre +Ausprägung eines infantilen Charakters behauptet werden, sondern die +Persistenz eines sehr primitiven Charakters überhaupt, wie er in der +Stammesgeschichte des Primatengebisses als notwendiges Durchgangsstadium +angenommen werden muß. Bei diesem Fortbildungsprozeß erhielt eben die +relativ dünne Wandung eine den Höckerbildungen entsprechende Faltung und +Biegung. + +Das oben schon betonte Mißverhältnis kommt hier wieder zum Ausdruck: Die +Massivität des Knochens ließ entsprechend kräftige Wandungen der +Pulpahöhle erwarten als Anpassung an eine gewaltige Kraftleistung. Das +Gegenteil ist der Fall und läßt nur den Schluß zu, daß an die Zähne +keine großen Ansprüche gestellt worden sind und demnach die kräftige +Entfaltung des Kiefers nicht im Dienste der Zähne zustande gekommen ist. +Ein derartiger kindlicher Charakter bei einer fossilen Form schließt +jeden Gedanken an eine Spezialisierung der Vorfahrenform nach anderer +Richtung aus. =Kein Anthropoidenstadium kann hier vorangegangen sein. Wir +haben es hier vielmehr mit einem uralten gemeinsamen Urzustand zu tun, +wie er auch dem der Anthropoiden vorangegangen sein muß=. + +Die Untersuchung der anderen Zahngruppen führt vollkommen zu demselben +Ergebnis. An den Prämolaren findet sich in gleicher Weise, wie an den +Molaren die Weite der Pulpahöhle. Der linguobuccale Durchmesser +derselben am ersten Prämolaren des Homo Heidelbergensis (3,5 mm) wird +von keinem der daraufhin untersuchten Europäerzähne erreicht. Die +zwischen dem vorderen und hinteren Prämolaren bestehende Verschiedenheit +in der Ausbildung des Reliefs, stärkerer Prominenz des lingualen Höckers +bei P 2, fällt durchaus in die Variationsbreite des recenten Menschen. +Dem P 1 fehlt jede Spur einer Anpassung an den oberen Caninus, wie sie +zu erwarten wäre, wenn in der Vorfahrenreihe eine den Anthropoiden +ähnliche Ausprägung der Canini bestanden hätte. + +Dieser negative Befund bei dem ältesten bisher bekannt gewordenen +menschlichen Unterkiefer und die Übereinstimmung desselben mit den +anderen fossilen Unterkiefern in den zwar beträchtlichen, aber +keineswegs exzeptionellen Dimensionen der Incisivi und Canini, wobei +letztere keine an Affen erinnernde Prominenz besitzen, stehen in vollem +Einklang mit den von KLAATSCH vertretenen und sich mehr und mehr Bahn +brechenden Anschauungen über die Beziehungen des Menschen zu den +Anthropoiden. Wäre z. B. ein dem Gorilla ähnlicher Vorfahrenzustand +anzunehmen bezüglich derjenigen Merkmale, durch welche Mensch und +Menschenaffe sich unterscheiden, so müßte, je weiter geologisch +zurückliegend, um so mehr eine Hinneigung zur Anthropoidenbahn sich +kundgeben. Daß dies im Falle der Heidelberger Mandibula sich ebensowenig +bewahrheitet, als es für die niederen Menschenrassen gilt, ist eine +vortreffliche Bestätigung der von vorgenanntem Forscher aufgestellten +Abstammungslehre des Menschengeschlechts. + +Wenden wir uns nun der Betrachtung des Unterkieferbogens der +Heidelberger Mandibula zu, so fällt an der äußeren Fläche des $Corpus +mandibulae$ sogleich das Fehlen einer Kinnvorragung auf (Taf. VIII, +Fig. 19 und 20). Die völlig intakte rechte Kieferhälfte läßt darüber +keinen Zweifel. Bei horizontaler Stellung des Alveolarrandes verläuft +die Profillinie der Symphysenregion in sanfter Wölbung abwärts und nach +hinten. An der Rundung, die das ganze Gebiet beherrscht, nehmen sogar +die Incisiven teil, wie dies die laterale Ansicht der Mandibula +(Fig. 19) und der Querschnitt in der Medianlinie (Fig. 20) erkennen +lassen. Die teilweise freigelegten Wurzeln zeigen die Gleichartigkeit +ihrer Krümmung mit der darunter befindlichen, nach vorn konvexen Fläche +gerade an der Stelle, wo sich beim Europäer eine nach vorn konkave Linie +bildet (Fig. 21). + +Der Basalrand der Symphyse zeigt eine auffällige Erscheinung. Legt man +die Mandibula auf eine horizontale Unterlage und betrachtet sie von +vorn, so erkennt man, daß nur die seitlichen Partien des Corpus +aufliegen, während die mediane Region in einer transversalen Ausdehnung +von 50 mm frei emporragt. Man hat den Eindruck, als sei hier ein Stück +herausgeschnitten. Die Ausdehnung dieser morphologisch wichtigen +Bildung, welche von KLAATSCH auch an Australierkiefern beobachtet und +von ihm Incisura submentalis[XVII.] bezeichnet wurde, verrät einen +Zusammenhang mit der Ausdehnung der Insertion des Musculus digastricus, +insofern beide die gleiche laterale Begrenzung zeigen. An dieser Stelle +befindet sich an der Außenfläche dicht über dem freien Rande ein kleines +Höckerchen, das bereits von GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER am Kieferfragment +Krapina H als Tuberculum beschrieben und von KLAATSCH auch an +Australiern beobachtet worden ist. Fast genau darüber liegen die +Foramina mentalia; in weiterer Verlängerung aufwärts erreicht die von +dem Tuberculum aus gezogene Linie den Alveolarrand zwischen den +Prämolaren und Molaren. + + [XVII.] Vgl. den von H. KLAATSCH auf der Frankfurter Versammlung der + Deutschen Anthropologischen Gesellschaft 1908 gehaltenen + bedeutungsvollen Vortrag über Cranio-Morphologie und + Cranio-Trigonometrie, in welchem grundlegend die Morphologie des + menschlichen Unterkiefers behandelt und mit Rücksicht auf die + Australier-Mandibula und deren von dem Europäerkiefer abweichendes + Verhalten zum Teil eine ganz neue Terminologie geschaffen wird, der ich + -- insoweit dies bei unserm Fossil tunlich ist -- folgen werde. + +Die Foramina mentalia zeigen eine beachtenswerte Komplikation durch das +Vorhandensein von Nebenlöchern. Das linke Foramen ist vom Alveolarrande +14,6 mm und vom Basalrande 13,5 mm entfernt. Seine mesiodistale +Ausdehnung beträgt 6,7 mm, sein vertikaler Durchmesser 4,7 mm; 2,7 mm +über demselben, mehr im Bereiche von P 2 gelegen, befindet sich ein +zweites kleineres Loch (Taf. VII, Fig. 18). Das rechte Foramen, 5,4 mm +lang und 3,5 mm hoch, liegt 15,7 mm vom Alveolar- und 14,5 mm vom +Basalrande entfernt. Es zeigt zwei Nebenlöcher, von denen das eine in +der Größe eines Stecknadelkopfes 4,5 mm höher, mehr unter P 2 gelegen +ist, während das andere[XVIII.] sich 4,2 mm niedriger und mehr nach M 1 +hin befindet (Taf. VIII, Fig. 19). + + [XVIII.] Dieses tritt auf der Photographie nicht deutlich genug hervor, + da es in der nacherwähnten Furche gelegen ist. + +Zwischen den Foramina mentalia und dem Basalrande, letzterem parallel +gerichtet, zieht sich eine Furche hin, welche sich nach hinten bis über +den zweiten Molaren hinaus, nach vorn bis über die Mitte der Insertion +des Digastricus verfolgen läßt (Taf. VII, Fig. 15). Man hat den +Eindruck, als sei der Kieferrand aufgewulstet worden. Diese Bildung +wurde von KLAATSCH auch an Australierkiefern, in stark variierender +Ausdehnung distalwärts, festgestellt und von ihm als »Sulcus +supramarginalis oder mentalis« bezeichnet. + +Der Basalrand ist im Bereiche der Molaren von beträchtlicher Dicke (über +10 mm unter M 2). Seine Profillinie beschreibt eine ganz schwach nach +abwärts konvexe Linie. Auf der Grenze zwischen Corpus und Ramus geht +diese Linie in eine konkave Krümmung über; zugleich verjüngt sich der +Basalrand beträchtlich in transversaler Richtung. Folgt man ihm +mesialwärts, so gelangt man zur Ansatzgrube des Biventer, der Fossa +digastrica, welche links 22, rechts bis zu 26 mm lang und in maximo +7,5 mm breit ist. Die Grube, deren Fläche bei horizontaler Stellung des +Alveolarrandes im medialen Teile fast genau abwärts, nur ein wenig +lingualwärts, schaut, folgt in ihrem leicht gebogenen Verlaufe der +Krümmung des Corpus mandibulae im Bereiche der oben beschriebenen +Incisur. Letztere wird durch einen kleinen Vorsprung, der sich zwischen +den beiderseitigen Fossae digastricae befindet, in eine linke und rechte +Hälfte geschieden. Diese den tiefsten Teil der Symphyse bildende »Spina +interdigastrica« (KLAATSCH) ist auf Taf. X, Fig. 41 und 42 sichtbar. + +Geht man von ihr auf die Innenfläche der Symphyse über (vgl. die +Bruchfläche Taf. VIII, Fig. 20 und Taf. XIII, Fig. 48), so erscheint die +im oberen Teile 17 mm erreichende Dicke vom Befunde beim recenten +Menschen ebenso abweichend, wie die Rundung der lingualen Fläche. Von +der Innenseite der Incisivi senkt sich die mediale Fläche schräg +abwärts. Ihre im ganzen konvexe Beschaffenheit wird durch eine ganz +minimale, nur bei genauer Betrachtung zu bemerkende Einsenkung +unterbrochen, die sich hinter den Incisivi befindet; links ist sie etwas +deutlicher als rechts. Im Bereiche der Prämolaren und von M 1 und 2 +besteht eine gleichmäßige Rundung der inneren Fläche. Indem in der Nähe +des Basalrandes sich Vertiefungen einstellen, gewinnt der darüber +gelegene Teil das Aussehen eines Wulstes, in welchem die von WALKHOFF +als »Lingualwulst« bezeichnete Bildung erkannt wird. In der Medianebene +findet sie ihre untere Begrenzung durch eine queroval ausgezogene Grube. +Hier ist die Ansatzstelle des Musculus genioglossus. Die Anheftung +geschieht in den seitlichen Partien dieser »Fossa genioglossi«[48]. + +Zwischen den paarigen, leicht angedeuteten Muskelfeldern und ein wenig +darüber wird eine einem kleinen Blutgefäßkanale entsprechende Öffnung +angetroffen. Ein ähnlicher Kanal befindet sich über der Spina +interdigastrica. Zwischen ihm und der Fossa genioglossi bildet die +innere Symphysenfläche einen rundlichen Höcker mit schwacher Andeutung +bilateraler Gliederung. Hier hat der Musculus geniohyoideus seinen +Ursprung. + +Eine Spina mentalis interna im Sinne der für den Europäer geltenden +Terminologie ist an der Mandibula des Homo Heidelbergensis nicht +vorhanden; denn gerade die Ansatzstelle des Genioglossus ist es, welche +sensu stricto als Spina mentalis gilt. Gegen diese tritt beim Europäer +die Insertion des Geniohyoideus ganz zurück. Da sich nun beim Homo +Heidelbergensis lediglich im Bereiche gerade dieses Muskels eine +Erhebung findet, so empfiehlt es sich, auf diese den von KLAATSCH für +die entsprechende Bildung bei niederen recenten Menschenrassen +eingeführten Ausdruck »Spina geniohyoidei« anzuwenden. + +Von dieser Stelle distalwärts findet sich auf der Innenfläche des Corpus +der Heidelberger Mandibula die Fossa sublingualis, eine elliptische, in +der Richtung des Alveolarrandes gestreckte Grube von mehr als 20 mm +Länge und etwas weniger als 10 mm Breite. Sie reicht von der Gegend des +P 2 bis zur Grenze zwischen M 2 und 3; ihre weite Ausdehnung besonders +nach hinten fällt im Vergleich mit dem recenten Europäer auf. Ein +unbedeutender flacher Wulst trennt die für die Glandula sublingualis +bestimmte Grube von der Fossa Gland. submaxillaris, die weit auf den +Unterkieferast hinaufreicht. + +Zwischen beiden Gruben sind Andeutungen der Insertion des Musculus +mylohyoideus zu erwarten, aber abweichend von der Regel beim recenten +Europäer ist die Linea mylohyoidea lediglich bis zum vorderen Rande des +dritten Molaren rechts und etwa bis zur Mitte des zweiten Molaren links +zu verfolgen. Sie verstreicht auf dem Wulst zwischen den Gruben; eine +Muskelrauhigkeit bis zur Symphysenregion ist nicht nachweisbar. + +Bezüglich der =Höhe und Dicke des Corpus mandibulae= sei auf die +nachstehenden Maximalmaße[XIX.] verwiesen: + + Spaltenüberschriften: + + A: Distal von M 3 + B: zwischen M 3 u. M 2 + C: unter M 2 + D: zwischen M 2 u. M 1 + E: zwischen M 1 und P 2 + F: zwischen P 2 und P 1 + G: zwischen P 1 u. C + H: zwischen C u. J 2 + I: zwischen den mittleren Incisiven + + -------------+----+----+----+----+----+----+----+----+-------------- + | A | B | C | D | E | F | G | H | I + -------------+----+----+----+----+----+----+----+----+-------------- + Höhe am | | | | | | | | | + freien Rande | | | | | | | | | + gemessen |29,9|30,6|31,8|34,3|33,0|31,4|31,3|33,3| etwa 33,5 mm + | | | | | | | | | + Dicke |23,5|21,4|20,0|18,5|19,4|19,2|19,1|19,3| etwa 17,5 mm + -------------+----+----+----+----+----+----+----+----+-------------- + + [XIX.] Diese sind am Original genommen; die am Gipsabguß genommenen Maße + weichen hiervon etwas ab. + +Die außerordentlichen Werte, die sich hieraus für die massive +Beschaffenheit des Corpus ergeben, finden in der Region des letzten +Molaren eine Steigerung, die für ein menschliches Gebilde äußerst +fremdartig erscheint. Die größte Distanz ist hier gegeben durch den +Abstand der Linea obliqua außen von der Crista buccinatoria innen. +Erstere ist stumpf und gerundet. Sie geht in sanfter, nach vorn +konkaver Biegung aus dem vorderen Rande des Ramus hervor und endet +bereits am dritten Molaren. Die Crista buccinatoria erscheint hinter M 3 +als eine scharfe Leiste, welche in flachem, nach vorn konkavem Bogen auf +der mesialen Seite des dritten Molaren sich mit dem Alveolarrande +vereinigt. Die dachförmig die Fossa submaxillaris überlagernde Linea +mylohyoidea erscheint wie eine Abzweigung der Crista buccinatoria. Der +beträchtliche Raum zwischen dieser und der Linea obliqua wird von zwei +verschiedenen Gebilden eingenommen, einem labialen und einem buccalen. +Wie eine Fortsetzung des Alveolarrandes nach hinten stellt ersteres sich +als ein rauhes Feld von spitzwinkeliger Dreiecksform ein. Es ist das von +KLAATSCH auch an Australierkiefern beobachtete »Trigonum postmolare« und +stellt das Gebiet des vierten Molaren dar, der bei dem Homo +Heidelbergensis vollständig Platz zu seiner Entfaltung gehabt hätte. Das +Trigonum erstreckt sich, der Crista buccinatoria entsprechend, +bogenförmig aufwärts bis zum Niveau des Foramen mandibulare. Die flache +Grube buccalwärts hiervon ist die von KLAATSCH als Fossa praecoronoidea +bezeichnete Bildung. Sie beginnt auf der Innenfläche des Ramus am +obersten Ende des Processus coronoideus in sagittaler Richtung, aus +welcher sie, buccal von M 3 in horizontalen Verlauf übergehend, im +Bereich des zweiten Molaren auf der Außenfläche des Corpus verstreicht. + + * * * * * + +Die $Rami mandibulae$ (Taf. VIII, Fig. 19) zeichnen sich durch ihre +beträchtliche Breite aus, die an den oberen Enden der Fortsätze bis zu +60 mm beträgt, während sie bei zwölf Unterkiefern des recenten Europäers +aus dem Heidelberger anatomischen Institut im Mittel nur 37,4 mm +aufweist. Die Höhe des Astes vom Condylus coronoideus bis zur Basis +beträgt 66,3 mm. Dieses Maß liegt in der Variationsbreite des recenten +Europäers. Die Äste steigen von dem hinteren Rande des Körpers +auffallend steil in die Höhe; der Winkel, welchen der hintere Rand +derselben mit dem unteren Rande des Corpus bildet, beträgt 107°. -- Für +den Ansatz der Musc. temporalis und masseter bot sich bei der gewaltigen +Breite des Proc. coronoideus und des Angulus eine sehr ausgedehnte +Fläche dar. + +Sehr auffällig ist im Gegensatz zu der Mandibula des recenten Europäers +die nur als eine schwache Einbuchtung erscheinende Incisura semilunaris. +In einer Entfernung von 16 mm unterhalb dieser beginnt das lang +gespaltene, am Eingang bis zu 6,5 mm weite Foramen mandibulare. Von der +plumpen und breiten Lingula ist beiderseits die Zacke etwas abgebrochen; +auf der rechten Kieferhälfte scheint der Bruch alt, auf der linken neu +zu sein. + +Der Sulcus mylohyoideus ist sehr schmal und tief. Der Verlauf des den +Unterkörper durchsetzenden Canalis mandibulae ist auf dem Röntgenbilde +Taf. IX, Fig. 32 und 36 gut zu verfolgen. + +Die Form des Processus coronoideus ist von derjenigen des recenten +Europäers sehr abweichend. Der Fortsatz endet stumpf, die Ränder sind +abgerundet. Eine Muskelinsertionsgrube, die beim recenten Europäer nicht +selten hinter und unter der Spitze vorkommt, ist nur schwach angedeutet. + +Der Processus condyloideus ist vor allem bemerkenswert durch die ganz +ungewöhnliche Größe der Gelenkfläche, welche in der Entfaltung des +rechts 13 und links 16 mm betragenden Durchmessers zum Ausdruck kommt, +während der transversale (22,8 mm) in die Variationsbreite des recenten +Europäers fällt. Die Stellung der Condylen ist aus Taf. X, Fig. 41 +ersichtlich. Die Fossa pterygoidea (Insertion des Musc. pterygoid. +extern.) ersetzt durch Ausdehnung und Rauhigkeit, was ihr an Tiefe +abgeht. + +Die hintere Kante des Processus condyloideus verjüngt sich nach abwärts +konisch, wobei die Außen- und Innenfläche in transversaler Richtung +leicht konkav, in sagittaler schwach gewölbt sind. Etwa 30 mm unter dem +obersten Ende des Processus beginnen die vom Musculus pterygoideus +internus herrührenden Zackenbildungen (Taf. VII, Fig. 17). Von hier an +gestaltet sich der Umriß des distalen Kieferrandes zu einer gleichmäßig +gerundeten, nahezu den Teil eines Kreises darstellenden Linie, so daß +ein Angulus nicht irgendwie scharf markiert ist (Taf. VIII, Fig. 19). +Soweit die Muskelinsertion reicht, erscheint die etwa 4 mm dicke +Knochenplatte des Ramus wie komprimiert. Unmittelbar vor der vordersten +Zacke des Musc. pteryg. intern. zeigt sich jene sanfte Aushöhlung des +unteren Randes, die auch beim recenten Europäer sich findet. In ihrem +Bereiche verbreitet sich der Basalrand zu dem oben dargestellten +Verhalten. Die Insertionsfläche des Pterygoideus internus ist ausgedehnt +infolge der rundlichen Ausbuchtung der ganzen Angulusregion. Ihre +Rauhigkeiten sind nur schwach entwickelt. Von den nach innen +vorspringenden knopfförmigen Zacken des Pterygoideus internus gehen +kleine Cristen aus. Die, wie oben schon festgestellt, sehr bedeutende +Insertionsfläche des Masseter ist nur wenig durch Reliefbildung +ausgezeichnet. + +Um das deskriptive Gesamtbild der Mandibula des Homo Heidelbergensis zu +vervollständigen und um die nötige Grundlage für die $Vergleichung$ dieses +Objektes $mit anderen Unterkiefern$ zu gewinnen, sind die von KLAATSCH[48] +in seinem Frankfurter Vortrage angegebenen Methoden angewendet. Bei den +hiernach gefertigten Projektionszeichnungen und diagraphischen Kurven +ist der Alveolarrand im Bereiche der Incisiven und des letzten Molaren +als Horizontale angenommen. Alles Weitere besagt die in Fig. 43, Taf. XI +wiedergegebene Profilprojektion, in welcher die Meßlinien und Winkel +nach KLAATSCHS Nomenklatur angegeben sind. + +Stellt man z. B. wie in Fig. 44 die Mandibula eines $recenten Europäers$ +gemeinsam mit unserem Fossil auf die die Hinterfläche des dritten +Molaren tangierende Postmolarvertikale ein, so treten die Unterschiede +zwischen beiden Objekten sehr deutlich hervor: Während die +Alveolarhorizontale und die Basaltangente beim vorliegenden +Europäerunterkiefer nahezu parallel laufen, bilden sie beim Homo +Heidelbergensis einen nach vorn offenen spitzen Winkel von 11°. Seine +Größe ist zu berechnen aus dem Winkel, den die Basaltangente mit der +Symphysenvertikale bildet. Dieser beträgt 79°. + +Der =Ramus= des recenten Europäers bleibt fast in allen Dimensionen +innerhalb der Ausdehnung des fossilen; nur der Processus coronoideus des +ersteren ragt ein wenig hervor, überschreitet jedoch nicht die +Condylocoronoidtangente des Fossils. Während diese Linie bei dem Homo +Heidelbergensis nach vorn absinkt, steigt sie beim recenten Europäer +stark nach vorn an. Der Condylus erscheint bei letzterem abgesunken. +Auch die Öffnung des Mandibularkanals liegt beim recenten Europäer viel +tiefer. Man kann sich vorstellen, daß bei diesem die schräge Stellung +des Ramus durch teilweisen Wegfall des distalen Teiles hervorgerufen +ist. Diese Vorstellung einer Reduktion drängt sich auch bei der +Betrachtung der =Kinnregion= des recenten Europäers auf. Die Zahnreihe +erscheint verkürzt, und das Kinn erscheint wie ausgeschnitten, so daß +die Kinnprominenz nur wenig die Incisionvertikale[XX.] unseres Fossils +nach vorn überragt. + + [XX.] Dieser Ausdruck ist neuerdings von KLAATSCH anstatt des + bisherigen »Symphysion« eingeführt. + +Wenn es nach dieser Vergleichung möglich erscheint, daß der Homo +Heidelbergensis der Vorfahrenreihe des europäischen Menschen angehört, +so werden wir sofort an weitere Punkte erinnert, in denen sich +Parallelen zwischen dem ontogenetischen Prozeß der Kieferbildung des +recenten Europäers und des Homo Heidelbergensis ergeben. Die allmähliche +Ausbildung der Kinnprominenz in der individuellen Entwicklung verlangt +als stammesgeschichtliche Ausgangsform eine zurückweichende vordere +Symphysenfläche. Die Spina mentalis interna entwickelt sich erst im +Kindesalter. Lange Zeit hindurch bewahrt sich der jugendliche +Europäerkiefer einen viel voluminöseren Condylus, als wie beim +Erwachsenen. + +Diese gemeinsamen niederen Merkmale machen es notwendig, nachzuforschen, +welche verwandtschaftliche Stellung die Mandibula des Homo +Heidelbergensis zu den Unterkiefern der übrigen nicht europäischen +Menschenrassen und der Anthropoiden einnimmt. Es sollen daher einige +Beispiele herausgegriffen und zum Schluß auch die anderen bisher bekannt +gewordenen Fossilreste des Menschen in den Kreis der Betrachtungen +gezogen werden. + +Nach den in Fig. 44, Taf. XI wiedergegebenen Profildiagrammen nimmt die +Mandibula des Homo Heidelbergensis nicht nur zu dem Unterkiefer des +Europäers, sondern auch zu demjenigen des $afrikanischen Negers$ eine +vermittelnde Stellung ein. Es ist bei letzterem eine Zunahme des Corpus +in der Symphysenhöhe eingetreten. Die zurückweichende Symphysenregion +ist beibehalten, und die Umbildung zum »negativen Kinn« ist erfolgt. Der +Ramus hat sich verschmälert und verlängert, wobei eine Vertiefung der +Incisur stattfand. + +Fig. 45, Taf. XII zeigt Profildiagramme des Unterkiefers des Homo +Heidelbergensis, eines Australiers (Melville Island, K. 80)[XXI.] und +eines Dajak (B. N. C. 104). Im Vergleich zu dem Heidelberger Fossil ist +bei dem $Australier$ eine Verschmälerung des Ramus eingetreten, unter +Beibehaltung der nach vorn absteigenden Condylocoronoidtangente; ferner +hat sich bei letzterem ein »negatives Kinn« schwach ausgebildet. Der +Unterkiefer des $Dajak$ bleibt in der Breite des Ramus unserem Fossil +näher. In der Umbildung der Symphyse bietet er eine Parallele zu der +Mandibula Spy I dar. + + [XXI.] K. bedeutet Australier Kollektion KLAATSCH, B. bedeutet Breslau + Anatomie, und zwar N. C. = Neuer Katalog, A. C. = Alter Katalog. + +Von den in Fig. 46, Taf. XII dargestellten Profilprojektionen wollen wir +zunächst die Mandibula eines weiblichen $Gorilla$ ins Auge fassen, die +nicht so stark einseitig modifizierte Formenverhältnisse wie bei dem +männlichen aufweist. Denkt man sich unser Fossil nahezu um die Hälfte +der Länge des Alveolarteils nach vorn verlängert unter entsprechender +Zunahme des mesiodistalen Durchmessers der Molaren und Prämolaren und +kombiniert damit eine Verschmälerung des ganzen Kiefers, so entsteht die +Gorillamandibula. Der Ramus nimmt dabei an Höhe bedeutend zu, und der +Processus coronoideus erhebt sich etwas über den Condylus. Die breite +Furche, welche sich buccal vom Trigonum postmolare nach oben erstreckt +und von dem vorderen Rande des Ramus nach außen begrenzt wird, folgt der +Verschiebung nicht, sondern endet in halber Höhe des Ramus. Die +vergrößerten Molaren drängen nach hinten so stark vor, daß sie die +Crista buccinatoria eine Strecke weit okkupieren. Der Vorderrand des +Processus coronoideus, bzw. der Anfangsteil der Linea obliqua, läßt beim +Gorilla die nach vorn konkave leichte Aushöhlung vermissen, die bei dem +Homo Heidelbergensis vorhanden und auch beim recenten Menschen meist +anzutreffen ist. Der Ramus des Gorilla bekommt dadurch nach vorn eine +mehr gerade und schärfere Kante, als sie unser Fossil aufweist. Im +oberen Teile hingegen behält der Processus coronoideus des Gorilla +unserem Diagramme zufolge eine dem Fossil verwandte Form, jedoch mit +vertiefter Incisura semilunaris. Bei der im Besitz des Heidelberger +anatomischen Instituts befindlichen Mandibula eines weiblichen Gorilla +nähert sich aber der Proc. coronoid. mehr demjenigen des recenten +Europäers. In den Breiteverhältnissen übertrifft die in unserem Diagramm +dargestellte Gorillamandibula nicht diejenige des Fossils. + +Die Condylen des Gorillakiefers bewahren sich die bedeutende Entfaltung +und die transversale Stellung der Achsen. Die subcondyloide Aushöhlung +des Hinterrandes ist stärker, und die Insertionsplatte der Muskeln setzt +sich schärfer ab als bei dem Homo Heidelbergensis; umgekehrt verhält es +sich am Basalrande, wo die Incisura praemuscularis beim Gorilla relativ +schwach entwickelt ist. Trotzdem die Fossa praecoronoidea beim Gorilla +lingualbuccal sehr weit ausgedehnt ist, bleibt die postmolare Breite bei +dem im Diagramm wiedergegebenen Exemplare (21 mm) hinter derjenigen des +Heidelberger Fossils zurück. Eine Übereinstimmung zwischen beiden +besteht dagegen in der hohen Lage des Foramen mandibulare sowie in der +geringen Ausprägung der Linea mylohyoidea, die sich beim Gorilla auch +nur bis zum zweiten Molaren verfolgen läßt. + +Auch die Symphysenregion zeigt bei beiden eine ähnliche Rundung. Der +Mandibula des Gorilla fehlt aber die Incisura submentalis. Ihr Raum +erscheint ausgefüllt durch eine Verlängerung der unmittelbar vor der +Biventerinsertion gelegenen Knochenmasse. Die rudimentäre Beschaffenheit +des Musculus digastricus läßt die Umwandlung erkennen, die sich in der +Vorfahrenreihe des Gorilla abgespielt haben muß. Es muß bei ihm als +Ausgangspunkt ein ähnliches Stadium angenommen werden, wie wir es bei +dem Heidelberger Fossil antreffen. Die Fossa genioglossi vertiefte sich, +und die erwähnte, teils der Spina genioglossi, teils dem vorderen Rande +der Digastricusinsertion angehörige Knochenplatte füllte den Raum +zwischen den beiden Hälften des Corpus eine Strecke weit aus. Hierbei +wurde der nur noch schwache Digastricus ganz auf den Basalrand gedrängt. +Die flache Excavation hinter den Incisivi dehnte sich aus und +verkleinerte den Lingualwulst. In allen diesen Punkten läßt sich nichts +dagegen anführen, daß der Gorilla den sekundären, der Homo +Heidelbergensis den primären Zustand repräsentiert. Der gemeinsame +Ausgangszustand war dem letzteren offenbar viel näher. Die Zunahme des +Eckzahnes in der Anthropoidenreihe ist der Faktor, der den von der Bahn +des Menschen entfernenden Schritt verschuldete. + +Man kann daher auf den $Orang$ (Fig. 46, Taf. XII) nahezu die gleichen +Betrachtungen anwenden wie auf den Gorilla. Noch primitiver bleibt +ersterer in der mäßigen Beschaffenheit der Condylen, der geringeren +Vertiefung der Incisura semilunaris und in dem relativ breiten Ramus. +Hingegen bedingt der völlige Schwund des Biventer beim Orang noch +stärkere, aber ganz in der Richtung wie beim Gorilla verlaufende +Umformungen der Symphysenregion. + +Vom Schimpansen stand zum Vergleich geeignetes Material leider nicht zur +Verfügung, wohl aber von $Gibbons$ (Fig. 46). Diese bieten in ihren +mannigfaltigen Variationen, abgesehen von dem mehr gestreckten Corpus +mandibulae und dessen geringerer postmaler Breite, noch nähere Anklänge +an das Stadium des Homo Heidelbergensis, als die anderen Anthropoiden. +Ganz besonders auffällig sind in dieser Hinsicht die Gestalt des sehr +breiten Ramus mit der oft sehr flachen Incisura semilunaris, die starke +Ausprägung der Incisura praemuscularis und die Symphysenregion, die im +Relief der Vorder- und der Lingualfläche weniger modifiziert ist als bei +den übrigen Anthropoiden. Es sind sogar Andeutungen der Incisura +submentalis vorhanden, ein untrüglicher Beweis, daß diese einst +gemeinsamer Besitz war. Bei Hylobates lar finden sich ferner sogar +Andeutungen des Sulcus supramarginalis, der bei den anderen Anthropoiden +ganz vermißt wird. + +=Das Resultat ist also, daß ein durch sein Gebiß als menschlich +sichergestelltes Fossil dem Ausgangszustande der Anthropoiden nahesteht, +wie es die von= KLAATSCH =und mir vertretenen Anschauungen erwarten +ließen=. + +Es soll nun noch die Mandibula des Homo Heidelbergensis mit anderen +fossilen menschlichen Unterkiefern verglichen werden. Von Wichtigkeit +ist es, zu prüfen, ob sie eine morphologische Sonderstellung einnimmt. + +Der Beginn der Erforschung fossiler Menschenkiefer war gegeben durch die +1866 erfolgte Entdeckung DUPONTS[15-17], der in der Höhle »La Naulette« +am linken Ufer der Lesse in Belgien zusammen mit Knochen vom Mammut und +Rhinoceros das Fragment eines menschlichen Unterkiefers antraf. Was +sofort an demselben auffiel, war der sehr kräftig und gedrungen gebaute +Körper, sowie die zurückweichende Gestaltung der Kinnregion, worin man +Ähnlichkeiten mit Affen zu erkennen glaubte. GABRIEL DE MORTILLET[54] +meinte sogar: Das betreffende Wesen habe noch keine Sprachfähigkeit +besessen, da die Spina mentalis interna zu fehlen scheine. Zum erstenmal +wurde die wissenschaftliche Welt durch Wahrnehmungen »pithecoider« +Eigenschaften an einem Menschenkiefer beunruhigt. Die Ära der Diskussion +über die Affenabstammung des Menschen begann. In dieser Periode der +Unklarheit ist der Scharfblick TOPINARDS[95] hervorzuheben, der mit +kritischem Auge die Merkmale des La Naulette-Kiefers prüfte und seine +menschliche Natur feststellte. Zugleich zeigte dieser Forscher, daß die +vom recenten Europäer vorhandenen Abweichungen nicht eine Annäherung im +genetischen Sinne an die Anthropoiden bedeuten. In seinen +Formverhältnissen, besonders in der gedrungenen Gestalt des Corpus, ist +das Kieferfragment von $La Naulette$ demjenigen von Krapina, welches +GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER[30] mit G bezeichnet, sehr ähnlich. Beide +Kiefer weichen hierin beträchtlich von dem Heidelberger Fossil ab. Für +La Naulette liegt eine weitere Differenz darin, daß die Alveolen der +Molaren vom ersten bis zum dritten größer werden; doch handelt es sich +bei La Naulette M 3 nach R. BAUME[7] wahrscheinlich um einen im +Durchbruch befindlichen Zahn, bei dem die Alveole stets weiter zu sein +pflegt. + +Große Erregung rief auch die Auffindung des berühmten +Unterkieferfragments durch CH. MA[VS]KA 1882 in der [vS]ipkahöhle bei +Neutitschein in Mähren hervor. Die lebhafte Diskussion zwischen VIRCHOW +und SCHAAFFHAUSEN über die Bedeutung der im Kiefer eingeschlossenen +Zähne wurde erst in neuester Zeit durch WALKHOFF dahin erledigt, daß es +sich um ein kindliches Objekt im Zahnwechsel handelt. Aus diesem Grunde +eignet sich der [vS]ipkakiefer nicht gut zu vergleichenden Studien mit +der einem erwachsenen Individuum angehörigen Mandibula des Homo +Heidelbergensis. + +Hingegen ist hierfür der Unterkiefer von $Spy$ I sehr brauchbar. Mit der +Beschreibung desselben durch J. FRAIPONT[18] in den Archives de Biologie +1887 beginnt eigentlich erst eine wissenschaftliche Bearbeitung des +menschlichen Unterkiefers. Bis zur Entdeckung der Reste des +Krapinamenschen, Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts, war +die Spymandibula das klassische Objekt in seiner Art. FRAIPONT +charakterisiert sie mit den Worten: »Elle est très robuste, très haute, +récurrente, dépourvue d'éminence mentonnière.« Leider fehlt ihr der +obere und der distale untere Teil der Äste; jedoch wird diese Lücke +einigermaßen ausgefüllt durch den Rekonstruktionsversuch, den KLAATSCH +im Anschluß an denjenigen des Neandertalschädels ausgeführt und auf dem +Berliner Anatomenkongreß 1908 demonstriert hat. + +Auf den ersten Blick zeigt es sich, daß zwischen Spy I und dem Homo +Heidelbergensis viel Verwandtschaftliches besteht, aber auch manches +Trennende. In letzterer Hinsicht fällt besonders auf, daß der Spykiefer +seinen Ruf enormer Mächtigkeit neben dem Heidelberger Fossil einbüßt. +Gegen letzteres erscheint das belgische grazil und gemäßigt. FRAIPONT +gibt als Symphysenhöhe 38 mm an. An dem mir von genanntem Forscher +freundlichst überlassenen Gipsabguß läßt sich eine solche von nur 35 mm +feststellen, was etwa derjenigen des Heidelberger Unterkiefers +entspricht; der Defekt der Alveolen der Incisivi erschwert bei letzterem +die Messung. In der Symphysendicke bleibt Spy (15 mm) gegen Heidelberg +(17,5 mm) zurück. Auffälliger ist die Schmalheit des Corpus von Spy in +den seitlichen Teilen. Am Foramen mentale zeigt Spy 13,5 mm, Heidelberg +18,5; die postmolare Dicke beträgt bei Spy 16, bei dem Heidelberger +Fossil aber 23,5 mm! + +Unter diesen Umständen kann bei der Spymandibula von einem Mißverhältnis +zwischen Zähnen und Kiefer, wie es der Homo Heidelbergensis zeigt, nicht +die Rede sein. Obwohl relativ groß, haben die Zähne im Spykiefer +genügend Raum, keinesfalls aber Überfluß daran, wie es bei dem +Heidelberger der Fall ist. Trotz der kleinen, besonders bei M 2 +hervortretenden, Differenzen in den Größenverhältnissen der Molaren ist +das Gesamtbild des Gebisses beider, wenn man von der stärkeren Abkauung +bei Spy absieht, ein sehr ähnliches, der Verlauf des Alveolarrandes fast +identisch; nur buchtet sich derjenige des Heidelberger Fossils im +Bereiche der Incisiven und Prämolaren ein wenig vor. Dies zeigt sich +deutlich, wenn man die Alveolarrandkurven von beiden aufeinander +projizert. Hierbei erkennt man auch ein geringes Zurückbleiben der Kurve +von Heidelberg gegen Spy in der Breite der Molarenregion. + +Ferner offenbart die Symphysengegend beider Unterkiefer eine +fundamentale Übereinstimmung durch den gemeinsamen Besitz einer Incisura +submentalis in einer solchen Ausdehnung, wie sie bei recenten kaum +vorkommen dürfte. Bei Spy ist dieselbe allerdings 10 mm schmäler und +weniger tief ausgeschnitten. Auch eine Spina interdigastrica ist bei Spy +vorhanden. Ferner sind die Insertionsgruben des Musculus digastricus in +ihrer halbmondförmigen Gestalt sehr ähnlich, jedoch erscheint die beim +Heidelberger Fossil wahrnehmbare Umgestaltung der Insertionsfläche aus +einer mesial beinahe horizontalen in eine distal mehr lingual gerichtete +an der Spymandibula weniger ausgeprägt. Die kleine Prominenz, welche +sich bei der Heidelberger Mandibula an der lateralen Grenze der +Digastricusinsertion auf der Außenfläche vorfindet, ist bei Spy nur auf +der linken Seite deutlich entwickelt. Die Bedeutung dieses Tuberculum +mentale posterius für die Kinnbildung ist von KLAATSCH in seinem +Frankfurter Vortrage dargelegt worden. Ebendort lenkte er die +Aufmerksamkeit auf die Furche, welche zwischen dem vorgenannten +Tuberculum und dem Foramen mentale, dem Kieferrande parallel laufend, +von ihm an Australierkiefern in stark variierender Ausdehnung +festgestellt und Sulcus supramarginalis oder mentalis benannt wurde. +Dieser ist auch an der Spymandibula, links deutlicher als rechts, +wahrnehmbar. Daß er mit der viel besser ausgeprägten und bedeutend +weiter ausgedehnten Rinnenbildung identisch ist, die ich an dem +Heidelberger Fossil beschrieben habe, bedarf nur des Hinweises. Die +Foramina mentalia von Spy liegen, soweit der Gipsabguß dies erkennen +läßt, unter M 1, also mehr distalwärts als bei unserem Fossil. + +Der vorderen Symphysenfläche der Spymandibula fehlt die das ganze Gebiet +beherrschende Rundung. Die Gegend unter dem Alveolarrand erscheint wie +eingedrückt. Es ist die Bildung entstanden, welche KLAATSCH in +zahlreichen Variationen an Australierkiefern beobachten konnte und für +die er die Bezeichnung Impressio subincisiva externa eingeführt hat. +Hiervon zu unterscheiden ist die Impressio subincisiva interna, die bei +dem Heidelberger Fossil nur ganz schwach angedeutet, bei Spy aber +stärker ausgeprägt ist. So wird der Alveolarrand des letzteren lingual +und labial verschmälert. Durch die Impressio subincisiva externa tritt +das darunter befindliche Gebiet ein wenig hervor. Diese Prominenz ist +es, die FRAIPONT zu dem Urteil veranlaßt: Le menton existe déjà ici +virtuellement. Ohne daß auf diese Frage hier näher eingegangen wird, +läßt sich doch feststellen, daß die Verschiedenheit der Symphysenregion +der Unterkiefer von Heidelberg und Spy sich nur im Sinne einer +sekundären Veränderung des letzteren deuten läßt. Aus dem Heidelberger +Kiefer läßt sich der von Spy modellieren, nicht aber umgekehrt. + +An Stelle der Rundung der Regio mentalis der Heidelberger Mandibula, +welche die Messung eines Symphysenwinkels gar nicht gestattet, ist bei +Spy eine Abflachung und steilere Stellung der Vorderfläche getreten (den +Winkel gibt FRAIPONT mit 111° an). Die allgemeine Verschmälerung des +Corpus mandibulae von Spy erscheint nun als eine Reduktion aus einem dem +Heidelberger Fossil ähnlichen Stadium. Das innere Relief der Symphyse +ist dabei ziemlich unverändert geblieben; doch machen sich leichte +Unebenheiten in der Fossa genioglossi bemerkbar: Anfänge der Bildung +einer Spina mentalis interna. + +Recht abweichend vom Homo Heidelbergensis verhält sich beim Menschen von +Spy die Linea mylohyoidea, indem sie, eine tiefe Fossa submaxillaris +überbrückend, als sehr deutlich wahrnehmbarer Wulst sich bis zur +Digastricusinsertion hinzieht. + +Die Fossa praecoronoidea bei Spy ist schwächer entwickelt und das +Trigonum postmolare kürzer als bei dem Heidelberger Fossil. Das Diastema +postmolare, der freie Raum zwischen dem dritten Molaren und dem vorderen +Rande des Ramus, ist hingegen weiter bei Spy. Der fragmentarische +Processus coronoideus bei letzterem läßt noch das Vorhandensein einer +Incisura subcoronoidea erkennen und eine ähnliche Form des Ramus wie bei +dem Homo Heidelbergensis vermuten. + +=Faßt man alle diese Tatsachen zusammen, so erhellt zweifellos ein +Zusammenhang zwischen den beiden Unterkiefern, und zwar in dem Sinne, +daß das Heidelberger Fossil bis in die Einzelheiten einem +Vorfahrenstadium desjenigen von Spy I entspricht[XXII.]. Wir müssen +daher die Mandibula des Homo Heidelbergensis als präneandertaloid +bezeichnen. Da sie zugleich präanthropoide Merkmale aufweist, so wird +ihre Stellung als diejenige eines ganz fundamentalen »Generalized Type« +im Sinne Huxleys immer mehr befestigt=. + + [XXII.] Fragmente einer Mandibula von Spy II sind beschrieben bei + FRAIPONT 1. c. p. 632: »Cette mandibule devait être plus haute, plus + massive, plus robuste encore que celle du sujet No. 1«. »Le bord + alvéolaire est très épais et en rapport avec le développement des + alvéoles qui logent d'énormes molaires. Les branches volumineuses ...«. + Hiernach ist es möglich, daß eine individuelle Variation vorlag, die + noch mehr von dem ursprünglichen Typus des Homo Heidelbergensis + bewahrte. Auffallend hingegen ist, daß FRAIPONT die Molaren als »enorm« + bezeichnet. + +Sehen wir zu, ob die Vergleichung des Heidelberger Fossils mit dem +Unterkiefermaterial von $Krapina$ die eben geäußerte Auffassung bestätigt. +An letzterem fällt besonders die außerordentliche individuelle Variation +auf. Da ist zunächst der gewaltige, fast vollständig erhaltene +Unterkiefer J, der in GORJANOVI[/C]-KRAMBERGERS[30] trefflicher +Monographie vom Jahre 1906 in Fig. 2 und 2a, Taf. VI abgebildet ist. +Nach diesen Bildern und nach dem Text ergibt sich, daß er in seinen +Dimensionen das Heidelberger Fossil in manchen Punkten übertrifft. Der +Abstand der Condyli (Mittelpunkt der Flächen) voneinander beträgt bei +Krapina J 121,8 mm, d. h. etwa ein Fünftel mehr als beim recenten +Europäer im Durchschnitt; bei der Heidelberger Mandibula finde ich 110 +mm, ein Maß, mit dem Spy I nach dem von KLAATSCH[47] ausgeführten +Rekonstruktionsversuch genau übereinstimmen würde. Der Abstand der +Condylen, an der Außenfläche gemessen, der bei Heidelberg 130,4 mm +beträgt, zeigt bei Krapina J mindestens 145 mm, wozu nach +GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER l. c. p. 159 noch 1-2 mm hinzutreten dürften, +da der Kiefer aus Fragmenten zusammengesetzt ist. Die Condylenflächen +von Krapina J sind durch Arthritis deformans verändert; die linke ist +weniger davon berührt. Sie zeigt eine ähnliche Gestaltung wie am +Heidelberger Fossil. Während der transversale Durchmesser des linken +Condylus bei Krapina J 28,8 mm gegen Heidelberg 22,8 mm zeigt, ist der +sagittale Durchmesser bei beiden gleich. Die Dickendimensionen des +Corpus sind bei Krapina J geringer als bei Heidelberg: an der Symphyse +15 gegen 17,5 mm und distal von M 3 sogar 15 (nach der Abbildung +gemessen) gegen 23,5 mm. Ob bei Krapina J eine Incisura submentalis +besteht, läßt sich nach der Abbildung nicht entscheiden, ist aber nach +der von GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER l. c. Fig. 2, Taf. VI gegebenen +Profilansicht wahrscheinlich. Das Foramen mentale liegt relativ weit +hinten: unter der distalen Wurzel des ersten Molaren. Die vordere, eine +Impressio incisiva aufweisende Symphysenfläche von Krapina J ist stärker +zurückweichend als bei Spy I; es fehlt ihr die ausgesprochene Rundung, +welche das Heidelberger Fossil aufweist. + +Der Ramus von Krapina J ist in seiner Form in mancher Hinsicht der +Heidelberger Mandibula ähnlich, läßt aber in anderer Beziehung +Abweichungen erkennen. So hat der Processus coronoideus vorn noch ganz +die typische Beschaffenheit, während die Incisura tiefer eingeschnitten +ist. Ferner ragt die Spitze des Processus coronoideus höher als der +Condylus auf, im Gegensatz zum Heidelberger Kiefer. Während bei diesem +Basaltangente und Alveolarrand divergieren, laufen sie bei Krapina J +fast parallel; auch ist bei letzterem eine Incisura praemuscularis nicht +ausgeprägt. Der Ramus des Menschen von Krapina ist etwas höher als +derjenige des Homo Heidelbergensis; dagegen ist die Breite des ersteren +unverhältnismäßig gering, was ein Blick auf die Abbildung beider +erkennen läßt. Die Mehrzahl der von Krapina J angeführten Merkmale +spricht für sekundäre Abänderungen eines Urzustandes, wie ihn das +Heidelberger Fossil noch zeigt. + +Ganz dasselbe Resultat ergeben die Unterkieferfragmente von +Krapina H und G, von denen ich Gipsabgüsse der Güte des Herrn +GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER verdanke. Das erstere, von dem das Corpus mit +sämtlichen Zähnen erhalten ist, ähnelt dem oben beschriebenen J sehr. +Die vordere Symphysenfläche ist jedoch noch mehr zurückweichend und +vollständig abgeplattet, so daß man hier den Winkel messen kann, den sie +mit der Alveolarebene bildet; er beträgt 67°, ein für menschliche +Verhältnisse außergewöhnlich niedriger. Bei einseitiger Beurteilung +dieser Tatsache könnte es scheinen, als liege hier ein niederer Zustand +als bei dem Heidelberger Fossil vor; aber sorgfältige Prüfung der +Vorderfläche des Kiefers H zeigt die Veränderungen, die er im Vergleich +zu demjenigen des Homo Heidelbergensis erfuhr, an den er sich in anderen +Punkten direkt anschließt. + +Die fundamentale Übereinstimmung der Unterkiefer von Heidelberg, Spy und +Krapina liegt in dem Besitz der Incisura submentalis. In ihrer +Ausprägung nähert sich Krapina H unserem Fossil mehr, als das bei Spy I +der Fall ist. Krapina H bietet sogar eine einseitige Fortbildung des +Zustandes der Heidelberger Mandibula durch die bedeutende Ausdehnung der +Insertion des Digastricus, der außerordentlich entwickelt gewesen sein +muß. Die Fossa digastrica liegt bei Krapina ganz nahe der Mittellinie, +die eine deutliche Spina interdigastrica aufweist. Die Dicke des +Basalrandes beträgt an der Symphyse 15,4 mm, unter dem Eckzahn sogar +16,4 mm; alveolarwärts verjüngt sich der Körper. Es ist, als wäre die +Symphysenregion, vom Alveolarrande anfangend, komprimiert und die +Knochenmasse basalwärts gedrängt. So weit geht die Reduktion der +knöchernen Hülle, daß die Juga alveolaria der Incisivi und besonders der +Canini als starke Wülste sich markieren. + +Trotz der stark »fliehenden« Beschaffenheit der Kinnregion zeigt ihr +Relief in der Medianebene schon die Anfänge der Kinnbildung, wie +GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER ganz richtig erkannt hat. Außen eine sanfte +Kinnschwellung, die jedoch nicht als positive Erhebung zu gelten +braucht, sondern als eine lokale Erhaltung der ursprünglichen Wölbung +angesehen werden kann, die nur infolge des Einsinkens der darüber +befindlichen Knochenmasse hervortritt. Innen erhebt sich bereits aus der +Fossa genioglossi eine kleine Spina mentalis. + +Die lateralen Partien des Kieferfragmentes Krapina H zeigen, ebenso wie +bei J, die von KLAATSCH als wichtig für die Kinnbildung erkannten +Unebenheiten: den Sulcus supramarginalis und das Tuberculum mentale +laterale (von GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER als Tuberculum submentale +bezeichnet). In der Bewahrung dieses Reliefs stehen Krapina H und J dem +Heidelberger Fossil näher als Spy I. + +Welch ein anderes Bild bietet auf den ersten Blick das +Unterkieferfragment Krapina G dar! Die Höhe des Corpus, das rechts bis +zum aufsteigenden Aste, links nur bis zum ersten Molar erhalten ist, +bleibt gegen Krapina H bedeutend zurück, so daß man an das +Kieferfragment von La Naulette erinnert wird. Die Dickenverhältnisse des +Körpers sind relativ bedeutende: an der Symphyse 14,4 und unter dem +Eckzahne rechts 14,8, links 15,5 mm. Die vordere Symphysenfläche zeigt +eine ganz schwache Rundung und die linguale Fläche eine Wulstung mit +kaum angedeuteter Impressio incisiva interna, beides Punkte, in denen +sich Krapina G näher an die Heidelberger Mandibula anschließt, als Spy +oder die anderen Kiefer von Krapina. Hingegen stimmt G mit letzteren und +mit Spy überein in der am Heidelberger Fossil fehlenden starken +Ausprägung der Linea mylohyoidea. Daneben bestehen aber ganz eigene +Merkmale: Der Basalrand von G ist unten von der Mitte bis zum zweiten +Prämolaren abgeplattet. Die flachen, sehr großen Fossae digastricae +schauen fast genau abwärts und nur ganz wenig lingual. Die Incisura +submentalis besteht, ist aber sehr flach. Sulcus supramarginalis, +Tubercula mentalia lateralia, und, wie GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER +zutreffend nachweist, auch eine mediane Kinnprominenz sind gleichsam in +statu nascendi angedeutet. -- Ganz ungewöhnlich ist offenbar die +Stellung der Vorderzähne gewesen. Wie die vorgebogen gewesenen Alveolen +erkennen lassen, bestand eine starke Zahnprognathie. Hierin weicht +Krapina G vom Heidelberger Fossil und allen anderen ab. + +Es sind noch verschiedene Unterkieferfragmente von Krapina vorhanden, +die teils ihres defekten Zustandes wegen, teils weil sie von +jugendlichen Individuen herrühren, zum Vergleich nicht herangezogen +wurden. + +=Im ganzen genommen folgt aus obiger Betrachtung, daß die individuellen +Variationen der Mandibula des Menschen von Krapina auf einen +Ausgangszustand hinweisen, der dem Heidelberger Fossil ganz nahe +gestanden hat=. + +Es sei noch in Kürze des Unterkiefers von $Ochos$ gedacht, der vor zwei +Jahren in einer Höhle des Brünner Devonkalkgebietes zusammen mit Resten +diluvialer Tiere aufgefunden und von A. RZEHAK[68] in den Verhandlungen +des Naturforschenden Vereins in Brünn 1906 beschrieben ist. Leider fehlt +das Corpus mandibulae fast vollständig, so daß eigentlich nur der +Alveolarteil erhalten ist. »Es sieht aus, als ob der Körper nicht von +Raubtieren abgebissen, sondern von Menschenhand abgeschlagen worden +wäre, da der Bruchrand ziemlich glatt und eine Bißspur nirgends zu sehen +ist. An den ehemals scharfen Rändern ist der Knochen schwach, aber +deutlich abgerollt. Die aufsteigenden Äste fehlen ebenfalls, dagegen +sind mit Ausnahme des rechtsseitigen Weisheitszahnes alle Zähne in situ +vorhanden.« Diese sind in der tabellarischen Aufzählung der Maße +berücksichtigt. An dem Fragmente selbst fällt die bedeutende +Lingualwulstung auf, die derjenigen des Heidelberger Fossils nahesteht; +auch scheinen, soweit dies aus der Abbildung zu erkennen ist, die +Wurzeln der Incisivi etwas von der ursprünglichen Krümmung behalten zu +haben. Die oberhalb des Bruchrandes angedeutete Impressio subincisiva +externa verrät bereits sekundäre Modifikationen. + +=Aus der Vergleichung der Mandibula des Homo Heidelbergensis mit den +anderen besprochenen fossilen Kiefern ergibt sich, daß kein einziger von +diesen es mit unserm Objekt hinsichtlich der morphologischen Bedeutung +aufnehmen kann. Das Heidelberger Fossil übertrifft sie alle durch die +Kombination primitiver Merkmale. Relativ am nächsten steht ihm der +Unterkiefer von Spy; er erscheint noch am gleichmäßigsten in allen +Teilen aus dem Heidelbergtypus umgeformt. Die individuellen Variationen +von Krapina stellen einseitige (vielleicht von alten Rassen +eingeschlagene) Entwicklungsbahnen dar=. + +=Daß auch die Unterkiefer heutiger Rassen sich auf eine dem +Heidelbergtypus ganz nahe stehende Urform zurückführen lassen, wurde +bereits an einigen Profildiagrammen gezeigt=. + + * * * * * + +=Nachdem die morphologische Stellung unseres Fossils nach verschiedenen +Richtungen beleuchtet worden ist, möge hier eine Zusammenfassung des +Resultates folgen: Die Mandibula des Homo Heidelbergensis läßt den +Urzustand erkennen, welcher dem gemeinsamen Vorfahren der Menschheit und +der Menschenaffen zukam. Dieser Fund bedeutet den weitesten Vorstoß +abwärts in die Morphogenese des Menschenskelettes, den wir bis heute zu +verzeichnen haben. -- Angenommen, es würde ein geologisch noch älterer +Unterkiefer aus der Vorfahrenlinie des Menschen gefunden, so stünde +nicht zu erwarten, daß er viel anders aussehen würde, als unser Fossil, +das uns bereits bis zu jener Grenze führt, wo es spezieller Beweise +bedarf (wie hier des Gebisses), um die Zugehörigkeit zum Menschen +darzutun. Noch weiter abwärts kämen wir zu dem gemeinsamen Ahnen +sämtlicher Primaten. Solch einem Unterkiefer würden wir die +Vorfahrenschaft zum heutigen Menschen wohl kaum noch ansehen können; +seine Beziehung zu unserem Fossil würde aber bestimmt erkennbar sein. +Das geht hervor aus den Annäherungen, welche die Unterkiefer niederer +Affen und recenter wie fossiler Halbaffen bald in diesem, bald in jenem +Punkte zu ihm aufweisen. Besonders der Ramus mandibulae ist in dieser +Hinsicht sehr lehrreich. Als Beispiele seien herausgegriffen: Die +Ähnlichkeit des Processus coronoideus und der flachen Incisura +semilunaris bei Cynocephalus, die Andeutung einer Incisura subcoronoidea +bei Mycetes, die Breite der Äste bei fossilen Lemuriden=. + + + + + ANHANG + + ZUM ANTHROPOLOGISCHEN TEIL + + DIE ZÄHNE DES HOMO HEIDELBERGENSIS + + + + + I. SPEZIELLE BESCHREIBUNG + II. TABELLEN DER MASZE UND VERGLEICHSZAHLEN + III. DIE HÖCKER DER MOLAREN + IV. DIE PULPAHÖHLEN + V. RÖNTGENBILDER + + + + + I. Spezielle Beschreibung. + + +$J 1 dext.$ (Fig. 25 a u. b, Taf. VIII). Die Kaukante des mittleren +rechten Schneidezahnes ist stark abgenutzt, so daß der Schmelzbelag oben +vollständig verschwunden ist. Das Zahnbein ist hier muldenförmig +ausgehöhlt und von einem ganz schmalen Schmelzsaume umrandet. Die +Lippenfläche selbst bietet nichts Absonderliches. Die Zungenfläche zeigt +an der Basis einen eben angedeuteten Schmelzwulst, der gegen die +Schneidekante zu, sich allmählich abflachend, ausläuft. Vom unteren +Schmelzrande 4,1 mm entfernt findet sich eine seichte Querfurche, die +von einer Seite zur andern verläuft, sich auf die Seitenflächen +fortsetzt und noch am Seitenrande der Lippenfläche erkennbar ist. Weiter +aufwärts, 5,6 mm vom unteren Schmelzrande entfernt, findet sich eine +ebenso verlaufende, aber deutlichere Furche. Die beiden Wurzelflächen +sind der Länge nach eingefurcht, die distale tiefer als die mesiale. Die +Wurzelspitze ist mesial etwas gekrümmt. -- Die Maße sind folgende: +Totale Länge 23,2[XXIII.]; Kronenlänge oder -höhe 7,5[XXIII.]; +Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser) 5,5; Kronendicke +(labiolingualer Durchmesser) 7,1; Wurzeldurchmesser 7,2 und 4,2 mm. + +$J 1 sin.$ (Fig. 26 a u. b). Der mittlere linke Schneidezahn ist ebenso +stark abgenutzt wie J 1 dext. An der Lippenfläche findet sich 2,2 mm vom +unteren Schmelzrande entfernt eine ganz schwache Querfurche und 3,6 mm +höher eine gleiche. Die Zungenfläche ist derjenigen des rechten +mittleren Schneidezahnes sehr ähnlich; sie zeigt zwei horizontal +bogenförmig verlaufende Querfurchen, von welchen die eine 4 mm, die +andere 5,7 mm vom unteren Schmelzrande entfernt ist. Die Seitenflächen +zeigen keine Besonderheiten. Die Spitze der von beiden Seiten stark +flach gedrückten Wurzel ist abgebrochen und steckt im Kiefer. Die beiden +Wurzelflächen sind der Länge nach eingefurcht, die mesiale schwächer als +die distale. -- Maße: Kronenlänge 6,9[XXIII.]; Kronenbreite 5,0; +Kronendicke 7,1; Wurzeldurchmesser 7,2 und 4,1 mm. + + [XXIII.] Diese niedrigen Zahlen sind durch die Abnutzung bedingt. Die + Kronenlänge ist stets an der Lippenfläche in der Mittellinie gemessen. + +$J 2 dext.$ (Fig. 24 a u. b). Die Krone des seitlichen rechten +Schneidezahnes ist, wie bei J 1 dext. stark abgekaut; sie ist 0,5 mm +breiter als bei letzterem. Ihre Lippenfläche weist außer einer eben +angedeuteten Querfurchung keine Besonderheiten auf. Die Zungenfläche +zeigt ähnlich wie bei J 1 dext. einen Basalwulst, der sich gegen die +Schneide hin in der Weise abdacht, daß in der Mittellinie eine Erhebung +bestehen bleibt. Distal von dieser findet sich eine deutlich erkennbare +Einsenkung, mesial ist solche kaum wahrnehmbar. Die beiden Wurzelflächen +sind wie bei J 1 dext. der Länge nach gefurcht. Da die Wurzel dieses +Zahnes bei der Ausgrabung des Unterkiefers mitten durchschlagen wurde -- +die Spitze steckt noch im Kiefer --, so gewinnt man einen Einblick in +den Wurzelkanal, der ziemlich geräumig und seitlich zusammengedrückt +ist. Maße: Kronenlänge 8,0; Kronenbreite 6,0; Kronendicke 7,8; +Wurzeldurchmesser 7,9 und 4,5 mm. + +$J 2 sin.$ (Fig. 27). Die Schmelzfläche des seitlichen linken +Schneidezahnes ist bis in die Hälfte des Zahnes hinein abgesprengt, so +daß die Pulpakammer ungefähr in der Mitte ihrer Tiefe eröffnet ist. Die +Kaukante ist wie bei den übrigen Incisiven stark abgenutzt. Die +Lippenfläche zeigt 2,5 mm von der unteren Schmelzgrenze entfernt eine +seichte Querfurche. Die Zungenfläche weist unten eine deutliche +Schmelzerhebung und nach oben verschiedene Grübchen und Leisten auf, die +den Eindruck der Schmelzhyperplasie machen. -- Maße: Kronenlänge 8,2; +Kronenbreite 6,3; Kronendicke 7,7; linguolabialer Wurzeldurchmesser 7,6 +mm. + +$C dext.$ (Taf. VIII, Fig. 22). Die Schneidekante des rechten Eckzahnes +ist stark abgenutzt, so daß in der Kauebene eine halbmondförmige Figur +entsteht, die von einem durchschnittlich 1 mm dicken Schmelzrande +gebildet wird, innerhalb dessen etwas tiefer liegend ein dunkelbraun +gefärbter, ebenfalls halbmondförmig gestalteter Kern von Dentin +erscheint. Dieser ist mesiodistal 5,2 mm lang und labiolingual bis zu +2,3 mm breit. Die Lippenfläche der Krone ist sowohl mesiodistal wie in +der Richtung von oben nach unten gewölbt, und zwar ist die erstgenannte +Kurve auf der mesialen Seite stärker gebogen als auf der distalen. Die +Lippenfläche, zeigt deutlich zwei horizontale Schmelzerhebungen, welchen +je eine Querfurche entspricht, von denen die obere deutlicher als die +untere ausgeprägt ist. + +An der Basis der Zungenfläche ist ein Tuberculum angedeutet, von dem +zwei Randleisten bis zur Kaukante ausgehen, sowie eine sich früher +verlierende Mittelleiste. Zwischen den Randleisten und der Mittelleiste +verläuft, distal deutlicher als mesial, je eine Furche. Am Ende der +Mittelleiste und etwas nach der distalen Seite gerückt, findet sich eine +grubenförmige Vertiefung. -- Sonst wäre noch zu erwähnen, daß die +Schmelzgrenze sich an der Lippenfläche 1,2 mm tiefer herabsenkt, als an +der Zungenfläche, sowie daß die Höhenlage des Schmelzrandes auf der +mesialen Seite 0,9 mm über diejenige der distalen emporragt. -- Maße: +Kronenlänge 8,7; Kronenbreite 7,6; Kronendicke 9,0 mm. + +$C sin.$ (Fig. 23). Die Kaukante des linken Eckzahnes verhält sich ganz +ähnlich wie bei C 1 dext.; leider ist beim Schaufeln des den Unterkiefer +enthaltenden Sandes von der mesialen Seitenfläche ein wenig vom Schmelz +abgesprengt worden. Die Lippenfläche entspricht derjenigen des Caninus +der rechten Seite; nur sind die quer verlaufenden Schmelzerhebungen und +Furchen weniger deutlich ausgeprägt. Lingual ist ebenfalls ein basales +Tuberculum angedeutet, von dem in gleicher Weise wie beim rechten +Eckzahne zwei Randleisten, zwei Furchen und eine kleinere Mittelleiste +auslaufen; jedoch fehlt das Grübchen oberhalb dieser. + +Die Schmelzgrenze senkt sich an der Lippenfläche 0,8 mm tiefer herab, +als an der Zungenfläche; die Höhenlage des Schmelzrandes ragt auf der +mesialen Seite ebenso wie bei C 1 dext. 0,9 mm über diejenige der +distalen empor. -- Maße: Kronenlänge 8,9; Kronenbreite 7,7; Kronendicke +9,0 mm. + +$P 1 dext.$ (Fig. 22). An dem rechten vorderen Prämolarzahn ist der +Wangenhöcker ziemlich stark abgekaut, so daß das Zahnbein in einer bis +0,5 mm breiten und 5,5 mm langen, eben bemerkbaren Einbuchtung zutage +tritt. Der Zungenhöcker zeigt in der Mitte eine an der Basis 3,4 mm +breite, nach oben spitz zulaufende 6,2 mm lange gratartige +Schmelzleiste, welche die obere Kante nicht erreicht. Rechts und links +davon sind zwei deutlich ausgeprägte Randleisten vorhanden, die von der +Mittelleiste jederseits durch ein Grübchen getrennt sind, von denen +jedes gegen die Basis in eine seichte Schmelzfalte ausläuft. Der +linguale Höcker erreicht nicht vollständig die Höhe der Kauebene. Maße: +Kronenhöhe in der Mittellinie 8,0; Kronenbreite 8,1; Kronendicke 9,0 mm. + +$P 1 sin.$ (Fig. 28 a u. b). An dem noch vorhandenen Rest der Krone des +ersten linken Prämolarzahnes ist der Zungenhöcker abgebrochen. An der +Kaufläche des Wangenhöckers sieht man eine ähnliche Abnutzung wie bei P +1 dext. Die Schmelzschicht der Wangenseite ist in ihrem unteren Teile +ebenfalls zerstört. + +$P 2 dext.$ (Fig. 22). Der rechte zweite Prämolarzahn zeigt deutlich zwei +Höcker, von denen der buccale eine Abnutzung aufweist. Der labiale +Höcker erreicht gerade die Höhe der Kauebene. Beide Höcker sind durch +eine gut entwickelte Schmelzleiste verbunden, die in der Mitte vertieft +und eingeschnitten ist. Zu beiden Seiten dieser Mittelleiste finden sich +randständig von den Seitenwülsten begrenzt Grübchen, von denen das +mesiale oval ist, während das distale eine V-förmige Furchenzeichnung +aufweist. -- Maße: Kronenlänge über der Mittellinie 6,9; Kronenbreite +7,5; Kronendicke 9,2 mm. + +$P 2 sin.$ (Fig. 29 a u. b). An dem noch vorhandenen Rest der Krone des +zweiten linken Prämolarzahnes ist sowohl an der labialen und lingualen, +wie auch an der mesialen Seite der Kaufläche der Schmelz stark +beschädigt, so daß Messungen nicht mehr ausführbar sind. Soweit die +Kaufläche noch erhalten ist, sieht man, daß der Zungenhöcker gut +entwickelt ist. Derselbe ist durch eine Schmelzleiste mit dem +Wangenhöcker verbunden. Neben dieser Leiste befindet sich ein Grübchen +mit sternförmiger Zeichnung. + +$M 1 dext.$ (Fig. 22). Die fünf Höcker des ersten rechten Mahlzahnes sind +so weit abgekaut, daß das dunkel gefärbte Dentin gleich den Augen eines +Spielwürfels zutage tritt. Die Kaufläche zeigt eine zickzackartig +verlaufende Längsfurche. Von dieser zweigen buccalwärts zwei +Querfurchen, lingualwärts eine ab, welche, die Höcker voneinander +scheidend, sich über den Seitenrand der Krone hinab bis zur +Schmelzgrenze verfolgen lassen. -- Die Anordnung der Höcker und Furchen +auf diesem Molar entspricht gut dem von RÖSE in »E. SELENKA, +Menschenaffen I, S. 127, Fig. 159 c und d«, aufgestellten Idealtypus des +menschlichen fünfhöckerigen M 1 inf. -- Maße: Kronenlänge 5,1; +Kronenbreite 11,6; Kronendicke 11,2 mm. + +$M 1 sin.$ (Fig. 30 a u. b). Die Krone des ersten linken Molaren war durch +kohlensauren Kalk so fest mit einem Kalksteingeröll verkittet (Taf. VI, +Fig. 11 u. 14), daß sie bei der vermittelst Salzsäure bewirkten Ablösung +des Gerölls an diesem haften blieb. Hierbei lösten sich am Rande geringe +Mengen von Schmelz ab, die eine genaue Messung der Krone nicht mehr +gestatten. Die Kaufläche dieses Mahlzahnes ist stärker abgenützt, als +diejenige von M 1 dext. Sie hat eine nahezu viereckige Gestalt und zeigt +eine ähnliche Anordnung der fünf Höcker, wie der rechte erste Molar; nur +ist der distale Höcker ganz an der Wangenseite gelegen, so daß die ihn +vom lingualen Höcker abtrennende Längsfurche in der Mitte des Zahnes +verläuft. -- Das Pulpenkammerdach zeigt, von unten betrachtet, wie die +Abbildung Taf. VIII, Fig. 30 b erkennen läßt, fünf Ausstülpungen, die +den Höckern entsprechen. -- Die Dicke der Schmelzschicht läßt sich an +diesem Zahne nicht zuverlässig ermitteln, da die Krone nicht glatt +abgesprengt ist wie bei M 2 sin. + +$M 2 dext.$ (Fig. 22). Die Höcker des zweiten rechten Molaren sind nur im +mesialen Teile derart abgekaut, daß lingual und buccal je ein Dentinkern +sichtbar wird. Bei dem beträchtlichen Umfange des übrigen (distalen) +Teiles der Kaufläche ist daher, zumal die abgetrennte Krone von M 2 sin. +deutlich fünf Höcker erkennen läßt, zu vermuten, daß hier ebenfalls +weitere drei Höcker zur Ausbildung gelangten. Eine Stütze für diese +Annahme bietet das Röntgenbild, das, namentlich wenn man die Glasplatte +gegen das Licht hält, am Dach der Pulpakammer distalwärts zwei Höcker +dicht nebeneinander erkennen läßt, die eine ähnliche Anordnung der +beiden buccodistalen Höcker wie bei M 1 dext. vermuten lassen, während +der fünfte linguodistal stehende Höcker auf dem Röntgenogramm verdeckt +wird. Bezüglich der Schmelzfurche läßt sich noch folgendes erkennen: Die +Längsfurche ist in der Mitte durch eine quere Schmelzleiste +durchbrochen, welche auf beiden Seiten von einer Querfurche begrenzt +ist. Die vordere Querfurche gabelt sich buccal- und lingualwärts, die +hintere in distaler Richtung, wobei sie sich zum Schluß nochmals gabelt. +Die vordere Querfurche setzt sich auf der buccalen Außenwand der +Zahnkrone bis zur Basis fort. Maße: Kronenlänge 5,2; Kronenbreite 12,7; +Kronendicke 12,0 mm. + +$M 2 sin.$ (Fig. 31 a u. b). Die Kaufläche des zweiten linken Molaren +gehört, wie insbesondere das Pulpadach deutlich erkennen läßt, dem +Fünfhöckertypus an. Die Längsfurche beginnt mit einer mesial +gerichteten Gabelung, verläuft dann lingualwärts gebogen bis zur +Querfurche, die wie bei M 2 dext. von einer Querleiste begrenzt wird. +Die Längsfurche setzt sich distal von dieser fort, zuerst buccal-, zum +Schluß distalwärts sich gabelnd. + +Von unten betrachtet, zeigt das Pulpenkammerdach fünf den Höckern +entsprechende Ausstülpungen, die eine kreuzförmige Erhebung umgeben. Der +distale Längsschenkel des Kreuzes ist länger als der mesiale und weicht +gegen die Zungenseite hin ab. Die Verteilung der Einsenkungen ist aus +der Abbildung Fig. 31 b ersichtlich. -- Maße: Kronenlänge 6,0; +Kronenbreite etwa 12,9; Kronendicke etwa 11,0 mm. + +$M 3 dext.$ (Fig. 22). Der dritte rechte Molar zeigt den Fünfhöckertypus. +Die im mesialen Teile der Kaufläche stark vertiefte Längsfurche grenzt +durch eine Umbiegung nach der lingualen Seite hin den Zungenhöcker von +dem Wangenhöcker deutlich ab. Buccalwärts von dieser Biegung findet sich +ein Grübchen. Die Längsfurche wird durch eine auf der Abbildung nicht so +deutlich hervortretende Querleiste unterbrochen, von welcher distal eine +Querfurche verläuft, die sich auf die buccale Fläche der Zahnkrone +fortsetzt; auch lingual kerbt sie den Seitenrand deutlich ein. Sie zeigt +mehrere kleine Verästelungen. Die Fortsetzung der Längsfurche gabelt +sich bereits in einer Entfernung von 1,2 mm von der Querfurche. Die +ebenfalls nur 1,2 mm langen Schenkel dieser rechtwinkeligen Gabelung +erreichen nicht den Rand der Krone. Man sieht aber an der Seitenwand +derselben noch Andeutungen einer Abgrenzung des Höckers, dessen +Verschwinden offenbar auf die Abkauung zurückzuführen ist. Bemerkenswert +ist noch, daß dieser fünfte Höcker genau am distalen Ende des Zahnes +gelegen ist, während er sich bei M 1 dext. mehr der buccalen Seite +zuneigt. Die auf der Abbildung an der buccalen Seite befindliche dunkle +Stelle ist nicht vertieft, wie es den Anschein haben könnte, sondern +schwarz gefärbt, während die Dentinkerne auf den anderen Molaren +rostbraun sind. -- Die Kaufläche dieses Zahnes läßt eine größere +Zersplitterung, als bei M 1 u. 2 erkennen, ähnlich wie dies auch am +Weisheitszahn des recenten Europäers beobachtet werden kann. -- Maße: +Kronenlänge 5,3; Kronenbreite 12,2; Kronendicke 10,9 mm. + +$M 3 sin.$ (Fig. 23). Der dritte linke Molar ist stärker abgekaut als der +rechte. Infolgedessen ist die Zeichnung der Furchen undeutlicher. Die +Längsfurche liegt näher der lingualen, als der buccalen Seite. Die +Querfurche liegt mehr im distalen Teil der Kaufläche. Sie geht auf der +Wangenseite bis zur Schmelzgrenze hinab, während sie auf der Zungenseite +nur den Rand einschneidet. Die Längsfurche verläuft nicht in +kontinuierlicher Tiefe, sondern sie wird von der Querfurche durch zwei +Querleisten nahezu aufgehoben. Zwischen diesen Querleisten und vor der +mesialen findet sich jeweils ein Grübchen. -- Maße: Kronenlänge 5,1; +Kronenbreite 11,5; Kronendicke 11,3 mm. + + + + + II. Tabellen der Maße und Vergleichszahlen. + + Alle Maße in Millimeter. + + + Spaltenüberschriften: + A = Totale Länge + B = Kronenlänge oder -höhe + C = Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser) + D = Kronendicke (labiolingualer Durchmesser) + E = Labiolingualer Wurzeldurchmesser + F = Mesiodistaler Wurzeldurchmesser + + ------------------------------------------------------------------------- + | A | B | C | D | E | F + -----------------------+-----+----------------+-------+-------+-----+---- + $J 1 inf.$ | | | | | | + (Taf. VIII. | | | | | | + Fig. 25 u. 26) | | | | | | + | | | | | | + Homo Heidelberg. dext. |23,2 | 7,5} stark | 5,5 | 7,1 | 7,2 | 4,2 + » » sin. | -- | 6,9} abgekaut | 5,0 | 7,1 | 7,2 | 4,1 + | | { im | | | | + Krapina[XXIV.] |26,0 |10,2{ Gebrauch | 6,2 | 8,1 | -- | -- + | | { gewesen | | | | + Spy I[XXV.] | -- | -- } sehr stark| 4,0 | 7,0 | -- | -- + » II |22,5 | 5,5} abgekaut | 6,0 | 7,5 | -- | -- + Ochos dext.[XXVI.] | -- | -- | 5,0 | 7,5 | -- | -- + » sin. | -- | -- | 5,0 | 7,7 | -- | -- + Recenter Europäer | | | | | | + nach MÜHLREITER[XXVII.]|18-27| 7,9-11,5 |4,7-6,3|5,2-6,8| -- | -- + » BLACK[XXVIII.] | | 7,0-10,5 |5,0-6,0|5,5-6,5| -- | -- + | | | | | | + $J 2 inf.$ | | | | | | + (Fig. 24 u. 27) | | | | | | + | | | | | | + Homo Heidelberg. dext. | -- | 8,0} stark | 6,0 | 7,8 | 7,9 | 4,5 + » sin. | -- | 8,2} abgekaut | 6,3 | 7,7 | 7,6 | -- + | | { im | | | | + Krapina |26,5 |10,0{ Gebrauch | 7,5 | 8,2 | -- | -- + | | { gewesen | | | | + Spy I | -- | -- } sehr stark| 5,0 | 7,0 | -- | -- + » II | -- | 6,0} abgekaut | 6,0 | 8,0 | -- | -- + Ochos dext. | -- | -- | 6,5 | 8,0 | -- | -- + » sin. | -- | -- | 5,5 | 8,2 | -- | -- + Recenter Europäer | | | | | | + nach MÜHLREITER |19-29| 8,2-11,8 |5,0-7,2|5,4-7,2| -- | -- + » BLACK | | 7,0-12,0 |5,0-6,5|6,0-7,5| -- | -- + ------------------------------------------------------------------------- + + [XXIV.] Nach GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER, Der Diluviale Mensch von Krapina, + S. 203. + + [XXV.] FRAIPONT u. LOHEST, Recherches ethnographiques sur des ossements + humains découverts à Spy. + + [XXVI.] Alle Maße der Zähne von Ochos nach gütiger brieflicher + Mitteilung von Prof. A. RZEHAK in Brünn. + + [XXVII.] G. MÜHLREITER, Anatomie des menschlichen Gebisses S. 121. + + [XXVIII.] G. V. BLACK -- nicht BLAKE, wie einige Autoren schreiben --, + Descriptive Anatomy of the human teeth, zitiert von A. GYSI, Schweiz. + Vierteljahrsschrift Bd. V. No. 1, 1895 und von W. BRANCO, Die + menschenähnlichen Zähne aus dem Bohnerz der Schwäbischen Alb, Stuttgart, + 1898. Letzterem Werke entnehme ich auch die Zahnmaße von Dryopithecus + rhenanus Pohlig und den recenten Anthropoiden. Die BLACKschen Maße + stützen sich auf die Gebisse der weißen amerikanischen Bevölkerung, + welche aus einer Mischung der hauptsächlichsten europäischen Völker + hervorgegangen ist. + + + Spaltenüberschriften: + A = Totale Länge + B = Kronenlänge oder -höhe + C = Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser) + D = Kronendicke (labiolingual. bzw. buccaler Durchmesser) + + ------------------------------------------------------------------------- + | A | B | C | D + --------------------------+---------+----------------+---------+--------- + $C inf.$ (Fig. 22 u. 23) | | | | + | | | | + Homo Heidelbergensis dext.| -- | 8,7} stark | 7,6 | 9,0 + » » sin. | -- | 8,9} abgekaut | 7,7 | 9,0 + Krapina im Gebrauch | | | | + gewesen | 35,2 | 13,4 | 8,0-8,4 |etwa 10,0 + » noch nicht im | | | | + Gebrauch gewesen | -- | 12,3-14,0 | 7,55-8,2| 8,2-10,0 + Spy I | -- | --} sehr stark| 6,0 | 8,0 + » II | -- | 7,0} abgekaut | 7,5 | 9,0 + Ochos dext. | -- | -- | 7,5 | 9,5 + » sin. | -- | -- | 7,0 | 9,6 + Recenter Europäer | | | | + nach MÜHLREITER | 20-34 | 8,5-14,5 | 5,5-8,0 | 6,9-9,5 + » BLACK | -- | 8,0-12,0 | 5,0-9,0 | 6,0-10,0 + Dryopithecus Fontani }| | | | + Lartet[XXIX.] }| -- |{ 15,5 labial }| 9,5 | 11,5 + (Saint Gaudens) }| -- |{ 18(?) lingual}| | + | | | | + $P 1 inf.$ (Fig. 22 u. 28)| | | | + | | | | + Homo Heidelbergensis dext.| -- | 8,0}mäßig stark| 8,1 | 9,0 + » » sin. | -- | ?} abgekaut | 7,3 | ? + Krapina im Gebrauch | | | | + gewesen |23,7-27,0| 8,6-9,0 | 7,8-8,3 | 9,0-10,0 + » noch nicht im | | | | + Gebrauch gewesen | -- | 10,2 | 8,1 | 8,5 + Spy I | -- | 5,0} sehr stark| 6,5 | 8,5 + » II | -- | 6,0} abgekaut | 7,5 | 9,0 + Ochos dext. | -- | -- | 7,5 | 9,6 + » sin. | -- | -- | 7,5 | 9,9 + Recenter Europäer | | | | + nach MÜHLREITER |18,5-27,0| 7,5-11,0 | 6,0-8,0 | 6,7-8,9 + » BLACK | -- | 6,5-9,0 | 6,0-8,0 | 7,0-8,0 + Dryopithecus Fontani }| | | | + Lartet }| -- | 10,0 labial | 13,0 | 7,5 [a] + (Saint Gaudens) }| | | | + | | | | + $P 2 inf.$ (Fig. 22 u. 29)| | | | + | | | | + Homo Heidelbergensis dext.| -- | 6,7 } etwas | 7,5 | 9,2 + » » sin. | -- | -- } abgekaut| -- | -- + Krapina im Gebrauch | | | | + gewesen | 25,9 | 8,0 | 8,5 | 9,9 + » noch nicht im | | | | + Gebrauch gewesen | -- | 7,7 | 8,35 | 9,55 + Spy I | -- | 5,0 | 6,5 | 8,0 + » II | -- | 7,0 | 7,0-7,5 | 9,0 + Ochos dext. | -- | -- | 7,0 | 9,7 + » sin. | -- | -- | 6,5 | 9,3 + Recenter Europäer | | | | + nach MÜHLREITER |19,0-27,5| 6,9-10,0 | 6,2-8,8 | 7,0-9,6 + » BLACK | -- | 6,0-10,0 | 6,5-8,0 | 7,9-9,0 + Dryopithecus Fontani }| | | | + Lartet }| -- |{ 7,0 labial }| 8,5 | 7,5 [b] + (Saint Gaudens) }| |{ 5,5 lingual }| | + ------------------------------------------------------------------------- + [a] Dies. Zahn hat eine schiefe Stellung + [b] der Zahn steht schief wie P 1. + + [XXIX.] Alle Maße der mehr oder weniger im Gebrauch gewesenen Zähne des + Dryopithecus Fontani Lartet nach gütiger brieflicher Mitteilung von M. + EDOUARD HARLÉ in Bordeaux. -- Die bei den Molaren noch hinzugefügten + Maße von anderen fossilen und recenten Anthropoiden dürften ein + willkommenes Vergleichsmaterial bieten. + + + Spaltenüberschriften: + A = Totale Länge + B = Kronenlänge oder -höhe + C = Kronenbreite (mesiodistaler Durchmesser) + D = Kronendicke (buccolingualer Durchmesser) + E = Breite : Dicke wie + + ------------------------------------------------------------------------- + | A | B | C | D | E + --------------------------+---------+--------+---------+--------+-------- + $M 1 inf.$ | | | | | + (Fig. 22 u. 30) | | | | | + | | | | | + Homo Heidelbergensis | | | | | + dext. | -- |5,1} [b]| 11,6 | 11,2 |100:96,6 + » » sin. | -- | --} |etwa 11,1| | + Krapina im Gebrauch | | | | | + gewesen[XXX.] |19,3-26,4|6,5-9,4 |11,2-13,8|10,5- |100: + | | | | 12,4| 107,1 + » noch nicht im | | | | | + Gebrauch gewesen | -- |6,5-9,0 |12,4-13,4|10,8- | + | | | | 12,4| -- + Spy I | -- |5,0} [c]| 10,0 | 10,5 |100:105 + » II | -- |5,0} |11,0-11,5|11,0- | + | | | | 11,5|100:100 + Ochos dext. | -- | | 11,5 | 11,0 |100:95,7 + » sin. | -- | | 12,0 | 11,2 |100:93,3 + Recenter Europäer | | | | | + nach MÜHLREITER |18,3-26,0| 7,0-9,0|10,0-12,2|9,0-11,0| + » BLACK größte | -- | 10,0 | 12,0 | 11,5 | + mittel | -- | 7,7 | 11,2 | 10,3 |100:92 + kleinste | -- | 7,0 | 11,0 | 10,0 | + Taubach[XXXI.] | -- | -- | 11,7 | 9,9 |100:84,6 + Dryopithecus Fontani }| |{5,0[d]}| | | + Lartet }| -- |{6,0[e]}| 10,5 | 9,0 |100:85,7 + (Saint Gaudens) }| | | | | + Chimpanse | -- | -- | 11,4 | 10,3 |100:90,3 + Orang | -- | -- | 12,8 | 11,8 |100:92,2 + » | -- | -- | 14,9 | 13,0 |100:87,2 + Gorilla | -- | -- | 15,3 | 13,5 |100:88,2 + Hylobates leuciscus | -- | -- | 6,0 | 15,0 |100:83,3 + » syndactylus | -- | -- | 8,0 | 5,8 |100:72,5 + | | | | | + $M 2 inf.$ (Fig. 22 u. 31)| | | | | + | | | | | + Homo Heidelbergensis dext.| -- | 5,2}[b]| 12,7 | 12,0 |100:94,5 + » » sin. | -- | 6,0} |etwa 12,9| ? | + Krapina im Gebrauch | | | | | + gewesen[XXXII.] |19,9-21,0| 6,8-7,5|11,4-12,5|10,6- |100:92,7 + | | | | 11,4| + » noch nicht im | | | | | + Gebrauch | -- | 6,2-8,0|10,7-12,1| | + gewesen | | | |10,3- | + | | | | 11,0| + Spy I | -- | 5,0[c]}| 10,0 | 10,0 |100:100 + » II | -- |5,5-6,0}| 11,0 | 11,0 |100:100 + Ochos dext. | -- | -- | 12,0 | 12,2 |100: + | | | | | 101,6 + » sin. | -- | -- | 12,0 | 11,5 |100:95,8 + Recenter Europäer | | | | | + nach BLACK größte | -- | 8,0 | 11,0 | 10,5 | + mittel | -- | 6,9 | 10,7 | 10,1 |100:94,4 + kleinste | -- | 6,0 | 10,0 | 9,5 | + | | | | | + Dryopithecus Fontani }| -- |{ 5 [g]}| 12,0 | 10,5 |100:87,5 + Lartet (Saint Gaudens) }| |{ 6 [e]}| | | + Isolierter Zahn derselben}| -- |{ 6 [g]}| 11,5 | 10,5 |100:91,3 + Species, wenig abgekaut}| |{ 6 [e]}| | | + Dryopithecus rhenanus | | | | | + Pohlig sp. | | | | | + BRANCO, Taf. II, Fig. 1 | | | | | + [XXXIII.] | -- | -- | 13,1 | 11,0 |100:84,0 + 5 | -- | -- | 11,8 | 9,8 |100:83,0 + 6 | -- | -- | 11,0 | 9,3 |100:84,5 + nicht abgebildet | -- | -- | 11,0 | 9,2 |100:83,5 + Chimpanse | -- | -- | 12,0 | 11,2 |100:93,3 + Orang | -- | -- | 15,5 | 13,9 |100:90,0 + Gorilla | -- | -- | 16,0 | 14,6 |100:91,3 + Hylobates leuciscus | -- | -- | 6,7 | 5,6 |100:83,6 + » » | -- | -- | 6,6 | 6,0 |100:90,9 + » syndactylus | -- | -- | 8,5 | 7,0 |100:82,3 + | | | | | + $M 3 inf.$ | | | | | + (Fig. 22 u. 23) | | | | | + | | | | | + Homo Heidelbergensis dext.| -- | 5,3[a]| 12,2 | 10,9 |100:89,3 + » » sin. | -- | 5,1[b]| 11,5 | 11,3 |100:98,3 + Krapina im Gebrauch | | | | | + gewesen |21,0-24,5| 6,8-7,6|11,1-13,6|10,0- |100:96,1 + | |[XXXIV.]| | 11,0|[XXXV.] + Spy I | -- | 5,5 | 11,0 | 11,0 |100:100 + » II | -- | 7-7,5 |11,0-12,0|11,0- | + | | | | 12,0|100:100 + Ochos sin.[XXXVI.] | -- | -- | 12,0 | 12,0 |100:100 + Recenter Europäer | | | | | + nach BLACK größte | -- | 8,0 | 12,0 | 10,5 | + mittel | -- | 6,7 | 10,7 | 9,8 |100:91,6 + kleinste | -- | 6,0 | 8,0 | 9,0 | + Dryopithecus Fontani }| -- |{ 6[g] }| 11,5 | 10,5 |100:91,3 + Lartet (Saint Gaudens) }| |{ 6[e] }| | | + Isolierter Zahn derselb. }| -- |{ 6[g] }| 11,5 | 10,5 |100:91,3 + Species, nur wenig }| | }|[XXXVII.]| | + abgekaut }| |{6,75 }| | | + }| | [e]}| | | + Anthropodus Brancoi | | | | | + Schlosser n. g. | | | | | + (-- Neopithecus | | | | | + Abel n. g.)[XXXVIII.] | -- | -- | 10,5 | 8,25 |100:78,6 + Orang | -- | -- | 14,6 | 12,8 |100:87,7 + Gorilla | -- | -- | 16,2 | 14,0 |100:86,4 + Hylobates leuciscus | -- | -- | 5,9 | 5,2 |100:88,1 + » » | -- | -- | 5,1 | 5,7 |100: + | | | | | 111,0 + » syndactylus | -- | -- | 8,7 | 6,9 |100:79,3 + ------------------------------------------------------------------------- + + [a] mäßig stark + [b] stark abgekaut + [c] sehr stark abgekaut + [d] labial + [e] lingual + [g] buccal + + + [XXX.] Nach GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER, Mitt. d. anthropolog. Ges. in + Wien 1901 S. 195. Auf S. 190 sind folgende Maße eines anderen M 1 inf. + von Krapina mitgeteilt: Längsdurchmesser 13,4 mm und Querdurchmesser + 12,3 mm. Bei diesem verhält sich also die Breite zur Dicke wie + 100:91,8. + + [XXXI.] Nach A. NEHRING, Zeitschr. f. Ethnologie 1895 Verh. S. 577. + + [XXXII.] Siehe Anmerkung vorige Seite. + + [XXXIII.] Die in Fig. 1 u. 6 von W. BRANCO abgebildeten und als M 2 + bezeichneten Zähne können nach M. SCHLOSSER, Beiträge zur Kenntnis der + Säugetiere aus den süddeutschen Bohnerzen S. 11, auch M 3 sein. + + [XXXIV.] Diese Zahl fehlt bei GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER, Der diluviale + Mensch von Krapina, in der Übersicht S. 203; sie findet sich aber S. + 200. + + [XXXV.] Nach GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER, Mitt. d. anthrop. Ges. Wien + 1901, S. 193. + + [XXXVI.] M 3 dext. fehlt bei dem Unterkiefer von Ochos. + + [XXXVII.] Es fehlt ein kleiner Splitter am Schmelz, doch ließ sich das + Maß noch ermitteln. + + [XXXVIII.] Die Maße nach gütiger brieflicher Mitteilung von Prof. E. + KOKEN, Tübingen. + + + + + III. Die Höcker der Molaren. + + +Die =Anzahl der Höcker der Molaren= des Heidelberger Unterkiefers sind +schon in der Beschreibung der einzelnen Zähne angegeben. Sie werden hier +der Übersicht halber nochmals zusammengestellt: + + M 1 M 2 M 3 + Rechts 5 5? 5 + Links 5 5 ? + +Ich habe schon die Gründe aufgeführt, weshalb ich es für wahrscheinlich +halte, daß Heidelberg M 2 dext. ebenfalls fünfhöckerig ist. -- Bei den +Unterkiefern von Spy und Ochos sind diese Verhältnisse infolge der +starken Abnutzung der Kaufläche nicht genügend zu erkennen. Dagegen war +es möglich, an den Zähnen des Krapinamenschen wertvolle Beobachtungen +anzustellen, die GORJANOVI[/C]-KRAMBERGER in seiner Monographie S. 194 +und 200, sowie im Anatomischen Anzeiger 1907 S. 100-103 veröffentlicht +und bezüglich der unteren Molaren in folgende Tabelle zusammengefaßt +hat: + + M 1 M 2 M 3 + Anzahl Anzahl + der Zähne Höcker der Zähne Höcker + 9 5 1 5 Variabel oder + 2 4½ 5 4½ die Krone + 1 4 5 4 stark gefurcht. + +Über die =Anzahl der Höcker der Molaren bei den recenten Menschenrassen= +finden sich in der Literatur zahlreiche Angaben. Aus den von M. DE TERRA, +Beiträge zu einer Odontographie der Menschenrassen, S. 136, aufgestellten +Tabellen seien hier nur einige Zahlen angeführt, die auf den +Fünfhöckertypus Bezug haben: + + =Molaren mit fünf Höckern haben=: + ------------------------------------------------------------------------- + |Anzahl| M 1 |Anzahl| M 2 |Anzahl| M 3 + | der | % | der | % | der | % + |Zähne | |Zähne | |Zähne | + ------------------------------+------+--------+------+------+------+----- + Prähistorischer Schweizer | 26 | 88,4 | 26 | 7,69 | 17 |64,7 + Recente Europäer | 26 | 88,4 | 31 | 6,25 | 31 |38,7 + Nordamerikanische Indianer | 8 | 8mal | 8 | 6mal | 5 |5mal + | |[XXXIX.]| | | | + Südamerik. Indianer (Peruaner)| 12 | 12mal | 8 | 4mal | 4 |4mal + Negroide Afrikaner | 108 | 93,4 | 104 | 33,6 | 95 |68,4 + Nicht negroide Afrikaner | 71 | 81,6 | 76 | 14,5 | 61 |47,37 + Malaien | 49 | 100,0 | 46 | 26,1 | 43 |67,4 + Chinesen | 26 | 88,4 | 24 | 25,0 | 25 |60,0 + Papua | 18 | 83,3 | 20 | 30,0 | 14 |85,7 + Australier | 15 | 100,0 | 15 | 73,3 | 9 |66,6 + + [XXXIX.] DE TERRA hat hier wegen der geringen Anzahl der zur Verfügung + gewesenen Zähne den Prozentsatz nicht ausgerechnet. + + + + + IV. Die Pulpahöhlen. + + +Es sollen nun noch die offen liegenden =Pulpahöhlen= der auf Taf. VIII, +Fig. 23 abgebildeten linken Unterkieferhälfte des Homo Heidelbergensis +einer Betrachtung unterzogen werden: Bei P 1 verläuft die Bruchfläche +auf der lingualen Seite horizontal, auf der buccalen senkt sie sich +schräg nach unten, so daß das Cavum dentis schräg durchschnitten ist. +Man kann aber noch die Gestalt desselben in der Horizontale an der +Grenze zwischen Wurzel und Krone rekonstruieren, die ein linguobuccal +3,5 mm langes und mesiodistal 1,9 mm breites Oval darstellt, das einem +Ameisenpuppenkokon in der Form ähnelt. Die Krone von P 2 ist horizontal +abgeschlagen. Der ähnlich wie bei P 1 gestaltete Durchschnitt mißt +linguobuccal 4,0 mm, mesiodistal 2,0 mm. Die Stärke der Wandung schwankt +zwischen 2,0-2,5 mm. + +Von den beiden Molaren sind die Kronen ebenfalls nahezu horizontal +abgetrennt. Die linguale und buccale Wand der Pulpenkammern sind nahezu +geradlinig und parallel zueinander. Bei M 1 zeigt die mesiale Wand eine +distalwärts, also in das Innere des Cavum dentis gerichtete Biegung, +während die gegenüberliegende Wand distalwärts nach außen gebogen ist. +Infolgedessen vollzieht sich innerhalb der Zahnhöhle der Übergang in die +Parallelwände bei der mesialen Wand in einem spitzen Winkel, bei der +distalen stumpfwinkelig. Außerhalb der Pulpenkammer sind die Ecken +abgerundet. Im Querschnitt zeigt diese mesiodistal gemessen 4,3 mm, +linguobuccal sogar 4,8 mm. Die Dicke der Wandung schwankt zwischen 2,1 +und 2,2 mm. + +Der Boden der Pulpenkammer ist unregelmäßig höckerig. Es läßt sich nicht +entscheiden, inwieweit fremde Ablagerungen auf demselben stattgefunden +haben. Die Eingänge zu den Wurzelkanälen sind nicht ordentlich +erkennbar. Das Dach der Pulpenhöhle zeigt, von unten betrachtet, wie +bereits erwähnt, fünf der Kaufläche zugewendete Ausstülpungen, die den +Höckern entsprechen und von einer kreuzförmigen Erhebung umgeben sind. + +Bei M 2 verläuft die mesiale Wand der Pulpenkammer geradlinig, während +die gegenüberliegende distalwärts gleichmäßig gewölbt ist. Der Übergang +von der mesialen Wand in die Parallelwände vollzieht sich daher in einem +leicht abgerundeten rechten Winkel, während die distale Wand mit den +Parallelwänden einen Rundbogen bildet. Diese zeigen entsprechend der +Wurzelteilung in der Mitte eine leichte Einsenkung, die auf der buccalen +Seite nach unten hin zu verfolgen ist, ähnlich wie bei M 1. Der +Pulpenboden läßt deutlich traubenförmig aufgelagerte mineralische +Bestandteile erkennen. Von unten betrachtet zeigt das Pulpenkammerdach +die bereits erwähnten, den Höckern entsprechenden fünf Ausstülpungen, +die wie bei M 1 von einer kreuzförmigen Erhebung umgeben sind. Im +Querschnitt mißt das Cavum dentis mesiodistal 6,3 mm und linguobuccal +5,7 mm. Die Dicke der Wandung schwankt zwischen 1,8 und 2,4 mm. + +=Maßangaben des Querschnittes der Pulpahöhle und der Dentinwand an der +Grenze zwischen Wurzel und Krone (Kronenbasis) beim Unterkiefer des Homo +Heidelbergensis und des recenten Europäers=. + + + Spaltenüberschriften: + [A] Durchmesser der Pulpahöhle + [B] Dicke der Wandung + + ----------------------------------------------------------------------- + | Erster | Zweiter | Erster | Zweiter + | unterer | unterer | unterer | unterer + | Prämolar | Prämolar | Molar | Molar + ----------------------+-----------+-----------+-------------+------------ + | [A] | [B] | [A] | [B] | [A] | [B] | [A] | [B] + ----------------------+-----+-----+-----+-----+-------+-----+-----+------ + =Homo Heidelbergensis=| | | | | | | | + Linguobuccal. |3,5 |2,5 |4,0 |2,1 | 4,8 |2,2 |5,7 |2,4 + Mesiodistal. |1,9 |2,0 |2,0 |2,0 | 4,3 |2,1 |6,3 |1,8 + =Rec. Europäer=[XL.] | | | | | | | | + 6-14 Jahre | -- | -- | -- | -- | 4,087 |1,687|4,000|1,700 + | | | | | [XLI.]| | | + 17-23 » |2,260|2,160|2,475|2,087| 4,125 |2,012|3,900|2,037 + | | | | |[XLII.]| | | + 23-32 » |2,412|2,200|2,550|2,171| 3,750 |2,200|4,275|2,087 + 32-43 » |1,940|2,340|2,120|2,086| 3,625 |2,300|3,685|2,157 + 44-52 » |2,050|2,200|2,166|2,133| -- | -- |3,933|2,300 + 53-66 » |1,850|2,100|2,300|2,166| -- | -- |3,760|2,500 + + [XL.] Diese Zahlen geben das arithmetische Mittel an, das von K. TRUEB + aus Einzelmaßen (jeweils bis zu acht) an Schliffpräparaten gewonnen + wurde, wie solche auch J. SZABÓ für seine Arbeit »Die Größenverhältnisse + des Cavum pulpae nach Altersstufen«, Österr. ungar. Vierteljahrsschrift + für Zahnheilkunde, Wien 1901, verwendet hat. Die von TRUEB benutzten + Zähne wurden in dem unter Leitung von Prof. PORT stehenden + zahnärztlichen Institut der Universität Heidelberg extrahiert. + + [XLI.] 6-9 Jahre. + + [XLII.] 11-14 Jahre. + + + + + V. Röntgenbilder. + + +Auf Taf. IX sind in Fig. 32 und 36 =Röntgenbilder= der rechten und linken +Unterkieferhälfte des Homo Heidelbergensis wiedergegeben, denen zum +Vergleich in Fig. 39 und 40 die mittels Röntgenstrahlen durchleuchteten +Kieferhälften eines recenten Europäers beigefügt sind, der annähernd +dasselbe Lebensalter erreicht hat, wie das Individuum von Heidelberg. Da +bei der bedeutenden Dicke des Unterkieferkörpers des letzteren die +Wurzeln der Molaren nicht deutlich genug hervortreten, so wurden die +betreffenden Stellen nochmals durchleuchtet. Von diesen Aufnahmen, sowie +von denjenigen der Incisiven bringen Fig. 33, 34, 35, 37 und 38 eine +Reproduktion. + +Der in der Seitenansicht sehr breite Wurzelkanal der =Incisivi= (Fig. 34, +35 und 38) zeigt am untersten Viertel eine Verbreiterung mit einer +centralen Einlagerung, so daß es den Anschein hat, als ob sich der Kanal +gabelt. In der Vorderansicht verschwindet die Erscheinung durch Deckung. + +Die =Canini= zeigen auch im Wurzelteil einen sehr breiten Kanal, der indes +keine Andeutung einer Gabelung aufweist. Bei einem Vergleich mit Fig. 39 +tritt der beträchtliche Unterschied in der Weite der Pulpahöhle und des +Wurzelkanals sehr deutlich hervor. + +Was die =Praemolares= und =Molares= unseres Fossils anbelangt, so verweisen +wir bezüglich der Weite der Pulpahöhlen auf die von uns angeführten Maße +von P 1 und 2, sowie M 1 und 2 der linken Kieferhälfte. Bei der +Betrachtung des Röntgenbildes ergibt sich, daß P 1 sin. (Fig. 36) an der +Grenze zwischen dem oberen und zweiten Drittel der Wurzel eine +Einlagerung zeigt, welche den Wurzelkanal in zwei Teile zu trennen +scheint. Diese Gabelung läßt sich ziemlich weit nach unten verfolgen, +wird dann aber undeutlich. Bei P 1 dext. (Fig. 32) findet man die +gleiche Einlagerung, aber erst in der Mitte der Wurzel beginnend. Bei +den beiden zweiten Prämolaren ist diese Erscheinung auf dem Röntgenbilde +nicht zu beobachten. + +Während bei den =ersten und zweiten Molaren= die beiden Wurzelspitzen +(Fig. 32, 33, 36 und 37) ziemlich parallel verlaufen mit einer distal +gerichteten Krümmung, divergieren sie nicht unbedeutend bei M 3: die +vordere steht ziemlich senkrecht, die hintere ist distalwärts gebogen. +Die Wurzelspitzen sind vom Canalis alveolaris bei M 1 beträchtlich weit +entfernt, bei M 2 kommen sie dem Kanal bedeutend näher -- es ist jedoch +immer noch eine Spongiosaschicht zwischen Wurzelspitze und Kanal zu +erkennen --, bei M 3 ragen sie Fig. 33 und 37 zufolge in den Kanal +hinein. Ob dies jedoch wirklich der Fall ist, oder ob nicht vielmehr +durch die Projektion bloß der Anschein, daß dem so sei, erweckt wird, +entzieht sich exakter Entscheidung. + + + + + Literatur. + + + 1. ADLOFF, P., Zur Frage nach der Entstehung der heutigen + Säugetierzahnformen. Zeitschr. f. Morphologie u. 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Maßstab von Fig. 1 1:50000, Fig. 2 1:25000. + + =Erläuterung der Signaturen=[XLIII.]: + + _a_, Jüngste Anschwemmungen der Haupt- + und Nebentäler (Mergel, Lehm, Sand) Jüngste Bildungen. + + _dol_, Verschwemmter Löß des Gehänges Jungdiluviale + Aufschüttungen. + + _dlo_, Jüngerer Löß } + _dle_, Jüngerer Lößlehm } + _dla_, Älterer Lößlehm } Mitteldiluviale + _dlu_, Älterer Löß } Aufschüttungen. + _dme_, Sande und Kiese des Elsenzgebietes } + + =_dun_,= (=großpunktiert=) =Sande von Mauer= } + (alte Neckarkiese und Sande) } Altdiluviale + _du_, Höchstgelegene Buntsandsteinschotter } Aufschüttungen. + + _km1_, Gipskeuper Mittlerer (bunter) Keuper. + + _ku3_, Obere Dolomite und Tone } + _ku2_, Sandstein } Unterer (grauer) Keuper, + _ku1_, Untere Dolomite, Kalke und } Lettenkohlengruppe. + Schiefertone } + + _mo2_, Nodosuskalk } Oberer (Haupt-) + _mo1_, Trochitenkalk } Muschelkalk. + + _mm_, Dolomit, Zellenkalk und Mergel Mittlerer Muschelkalk. + + _mu3_, Schichten der Myophoria } + orbicularis, oberer Wellenkalk } + _mu2_, Bank mit Spiriferina fragilis und } Unterer Muschelkalk. + hirsuta im Wellenkalk } + _mu1_, Wellendolomit } + + _So_, Plattensandsteine einschließlich Röt Oberer Buntsandstein. + + _Sm_, (eng schraffiert) Oberer } + Conglomerathorizont und hangende } + Schichten } + _Sm_, (mit kleinen Kreisen) Horizont } + des Kugelsandsteines und } Mittlerer Buntsandstein. + geröllfreier Hauptbuntsandstein } + _Sm_, (weit schraffiert) } + Pseudomorphosensandstein } + + [XLIII.] Auf Fig. 1 nur mit einem Vergrößerungsglase lesbar. + +[Illustration: Tafel I.] + + * * * * * + + + Tafel II. + + + Lageplan und photographische Abbildung der Sandgrube. + + + Fig. 3. Lageplan über den Fundort des menschlichen Unterkiefers im Gewann + Grafenrain, Grundstück No. 789, Gemarkung Mauer, Amtsbezirk + Heidelberg. Maßstab 1:3000. + + Fig. 4. Photographische Aufnahme der Nord 26 West gerichteten Wand der + Sandgrube im Grafenrain. Der menschliche Unterkiefer wurde an der + mit einem × bezeichneten Stelle 24,10 m unter der Oberkante + gefunden. + + +[Illustration: Tafel II.] + + * * * * * + + + Tafel III. + + + Geologisches Profil der Sandgrube. + + + Fig. 5. Geologisches Profil der Sandgrube im Grafenrain, Gemarkung Mauer, + Amtsbezirk Heidelberg. + +Die Fundstelle des menschlichen Unterkiefers in der Schicht 4 24,10 m unter +der Oberkante und 0,87 m über der Grubensohle, ist mit einem × bezeichnet. + +[Illustration: Tafel III.] + + * * * * * + + + Tafel IV. + + + Elephas antiquus Falc. adult. + + + Fig. 6. Mesialer Teil der linken Unterkieferhälfte von Elephas antiquus + Falc. Während der erste Molar die typisch rautenförmigen Schmelzfiguren + der Kaufläche erkennen läßt, steckt der zweite zum Teil noch in der + Alveole. (Geologisch-paläontolog. Institut der Univ. Heidelberg.) + + Fig. 7. Schädelfragment nebst Unterkiefer von Elephas antiquus Falc., von + dem in Fig. 8 die Kaufläche des oberen zweiten Molaren nebst Rest des + ersten und in Fig. 9 die Kaufläche des zweiten unteren Molaren nebst Rest + des ersten abgebildet ist. Nur der linke Incisivus gelangte bei diesem + Individuum zur Ausbildung; der rechte ist sehr früh ausgefallen. (Zoolog. + Institut der Univ. Heidelberg.) + +Größe von Fig. 7 etwa 1/15, die übrigen etwa halbe Größe. Genauere Maße +sind im Text angegeben. + +[Illustration: Tafel IV.] + + * * * * * + + + Tafel V. + + + Elephas antiquus Falc. juv. + + + Fig. 10. Oberkieferfragment eines sehr jungen Elephas antiquus Falc. mit + zwei Milchmolaren (D 1 u. 2) auf jeder Seite. Von D 2 zeigen nur die + mesialen Querjoche Schmelzfiguren, während die distalen noch nicht + abgenutzt sind. Maßstab 2/3 nat. Gr. (Geologisch-paläontolog. Institut + der Univ. Heidelberg.) + +[Illustration: Tafel V.] + + * * * * * + + + Tafel VI. + + + Mandibula des Homo Heidelbergensis + in zwei Hälften getrennt, + wie sie aufgefunden wurde. + + + Fig. 11 u. 14. Die linke Hälfte des Unterkiefers des Homo + Heidelbergensis in lateraler und medialer Ansicht. Auf den + Prämolaren sowie auf M 1 u. 2 liegt, fest mit dem Sande verbunden, + ein 60 mm langes und etwa 40 mm breites Kalksteingeröll, dessen + Oberfläche in derselben Weise wie der Knochen durch dendritische + Eisen-Manganverbindungen gefleckt ist. + + Fig. 12 u. 13. Die rechte Hälfte des Unterkiefers in lateraler und + medialer Ansicht. An den Zähnen sitzen dicke verfestigte Krusten von + typischem, ziemlich grobem »Mauerer-Sande«. Die Verkittung ist durch + kohlensauren Kalk erfolgt. + +Sämtliche Figuren in annähernd natürlicher Größe. Die genauen Maße sind +im Text angegeben. + +[Illustration: Tafel VI.] + + * * * * * + + + Tafel VII. + + + Mandibula des Homo Heidelbergensis + in zwei Hälften getrennt, nach Entfernung + des mit dem Kiefer verkittet gewesenen + Kalksteingerölles und Sandes. + + + Fig. 15 u. 16. Die rechte Hälfte des Unterkiefers des Homo + Heidelbergensis in lateraler und medialer Ansicht nach Entfernung des + mit ihm verkittet gewesenen Sandes. + + Fig. 17 u. 18. Die linke Hälfte des Unterkiefers in medialer und + lateraler Ansicht nach Entfernung des mit ihm verkittet gewesenen + Kalkgerölles und Sandes. Die dabei abgelösten Zahnkronen der beiden + Prämolaren und von M 1 u. 2 sind auf Taf. VIII, Fig. 28-31 abgebildet. + +Sämtliche Figuren in annähernd natürlicher Größe. Die genauen Maße sind +im Text angegeben. + +[Illustration: Tafel VII.] + + * * * * * + + + Tafel VIII. + + + Mandibula des Homo Heidelbergensis + in seitlicher Ansicht. + + Querschnitt besagter Mandibula und derjenigen + eines recenten Europäers in der Medianebene. + + Zahnbogen des Fossils von oben gesehen + und einzelne Zähne. + + + Fig. 19. Der in der Symphyse zusammengesetzte Unterkiefer des Homo + Heidelbergensis in lateraler Ansicht. Das Original ist im Besitz des + Geologisch-paläontologischen Institutes der Universität Heidelberg. + + Fig. 20. Querschnitt des Unterkiefers in der Medianlinie. Die mediane + Verbindung der beiden Hälften war aufgehoben. + + Fig. 21. Querschnitt des Unterkiefers eines recenten Europäers in der + Medianlinie. + + Fig. 22. Rechte Zahnreihe des Homo Heidelbergensis von oben gesehen: + J 1 ist herausgenommen, J 2 an der Wurzel abgebrochen (vgl. Fig. 25 u. + 24). In situ befinden sich: C, P 1 u. 2, M 1-3. + + Fig. 23. Linke Zahnreihe von oben gesehen: J 1 ist an der Wurzel + abgebrochen, von J 2 ist die vordere Hälfte der Krone abgebrochen + (vgl. Fig. 26 u. 27). C ist in situ. Von P 1 u. 2, sowie von M 1 u. 2 + sind die Kronen abgebrochen (vgl. Fig. 28-31). M 3 ist in situ. + + Fig. 24 a u. b = J 2 dext. an der Wurzel abgebrochen, Vorder- und + Seitenansicht. + + Fig. 25 a u. b = J 1 dext., Vorder- und Seitenansicht. + + Fig. 26 a u. b = J 1 sin. an der Wurzel abgebrochen, Vorder- und + Seitenansicht. + + Fig. 27 = J 2 sin. vordere Hälfte der Krone. + + Fig. 28 a u. b = P 1 sin. die Krone von oben und von unten gesehen. + + Fig. 29 a u. b = P 2 sin. » » » » » » » » + + Fig. 30 a u. b = M 1 sin. » » » » » » » » + + Fig. 31 a u. b = M 2 sin. » » » » » » » » + +Von den isolierten Schneidezähnen blieben die in der Abbildung Fig. 24 +u. 26 fehlenden unteren Enden in den Alveolen. + +Alles in annähernd natürlicher Größe. Die genauen Maße sind im Text +(Anhang I) angegeben. + +Die Gestalt des Zahnbogens ist aus Fig. 41 u. 42, Taf. X ersichtlich. + +[Illustration: Tafel VIII.] + + * * * * * + + + Tafel IX. + + + Röntgenbilder. + + + Fig. 32. Röntgenbild der rechten Hälfte des Unterkiefers des Homo + Heidelbergensis. + + Fig. 33. Die drei Molaren derselben Hälfte in anderer Aufnahme, welche + die Wurzelspitzen namentlich des dritten Molaren besser erkennen läßt. + + Fig. 34 a u. b. J 2 derselben Hälfte in Vorder- und Seitenansicht. + + Fig. 35. J 1 derselben Hälfte in Vorder- und Seitenansicht. + + Fig. 36. Röntgenbild der linken Hälfte des Unterkiefers des Homo + Heidelbergensis. + + Fig. 37. Die drei Molaren derselben Hälfte in anderer Aufnahme. + + Fig. 38 a u. b. J 1 derselben Hälfte in Vorder- und Seitenansicht. + + Fig. 39 u. 40. Röntgenbild der rechten und linken Hälfte des + Unterkiefers eines =recenten Europäers,= der annähernd dasselbe + Lebensalter erreicht hat, wie der Homo Heidelbergensis. + +Diese Bilder wurden mit dem Röntgenapparate des zahnärztlichen +Institutes der Universität Heidelberg unter gütiger Mitwirkung des Herrn +Professor PORT hergestellt. + +[Illustration: Tafel IX.] + + * * * * * + + + Tafel X. + + + Die Mandibula des Homo Heidelbergensis + von oben und unten gesehen + zur Veranschaulichung des Zahnbogens. + + + Fig. 41 u. 42. Der Unterkiefer des Homo Heidelbergensis von oben und + unten gesehen zur Veranschaulichung des Zahnbogens. Beide Figuren in + ungefährer natürlicher Größe. Den im Text enthaltenen genauen Maßen + seien noch folgende hinzugefügt: + + 1. Entfernung der Berührungsstelle der mittleren Incisivi + a) von der distalen Seite des dritten Molaren rechts 65 mm, links + 64 mm, + b) von dem distalen Ende des Condylus rechts 130,4 mm, links 127 mm. + + 2. Entfernung der Außenränder des zweiten Molaren 66,5 mm. + + 3. Entfernung der beiden Condyli voneinander innen gemessen 86 mm, außen + gemessen 131,6 mm. + +Man vergleiche auch die Horizontalkurven in Fig. 47, Taf. XIII. + +[Illustration: Tafel X.] + + * * * * * + + + Tafel XI. + + Diagraphische Profilkurven der Unterkiefer + des Homo Heidelbergensis, eines recenten + Europäers und eines afrikanischen Negers. + + + Fig. 43. Homo Heidelbergensis. Profilprojektion der Mandibula: _aa_ = + Horizontalstellung der Alveolarebene. _BB_ = Basaltangente. _RR_ = + Ramustangente. _CC_ = Condylocoronoidtangente. _[iota]_ = Inzision. + _[iota]µ_ = Inzisionvertikale. _µ_ = Schnittpunkt derselben + mit der Basaltangente. _pp_ = Postmolarvertikale. _vv_ = + Coronoidvertikale. _f_ = Lage des Foramen mentale. _cm_ = Lage des + Foramen mandibulare. _sl_ = Lage der Fossa sublingualis. + + Fig. 44. _____ Homo Heidelbergensis. ····· Recenter Europäer + (B.A.C. 390). ----- Afrikan. Neger (B. N. C. 20). + +[Illustration: Tafel XI.] + + * * * * * + + + Tafel XII. + + + Diagraphische Profilkurven der Unterkiefer + des Homo Heidelbergensis, eines Australiers, + eines Dajak und von Anthropoiden. + + + Fig. 45. _____ Homo Heidelbergensis. ----- Australier-Melville Island + (K. 80). ····· Dajak (B. N. C. 104). + + Fig. 46. _____ Homo Heidelbergensis. ..... Hylobates syndactylus. + ····· Hylobates lar. ----- Gorilla [fem.] (B.). + -.-.-. Orang [masc.] (B.). + +[Illustration: Tafel XII.] + + * * * * * + + + Tafel XIII. + + + Diagraphische Horizontalkurven + des Unterkiefers vom Homo Heidelbergensis + und vergleichende Mediankurven + der Symphyse. + + + Fig. 47. Homo Heidelbergensis. Horizontal-Kurven. + + _I_ ····· durch den Alveolarrand: + _a_ = Grenze zwischen Caninus und Prämolaren. + _b_ = » » Prämolaren und Molaren. + + _II_ ----- durch die Foramina mentalia, die mit _f_ bezeichnet + sind. + + _III_ _____ dicht über dem Basalrand; bei _x_ defekte Stelle. + + Fig. 48. Vergleichende Projektion der Mediankurven-Diagramme der Symphyse + (-- Homo Heidelbergensis). Gemeinsame Einstellung auf Inzision und + Alveolarhorizont. + +[Illustration: Tafel XIII.] + + * * * * * + + + + +Die nachfolgende Tabelle enthält eine Auflistung aller gegenüber dem +Originaltext vorgenommenen Korrekturen. + + S. VII: Tertiärs, dem Pliozän -> Pliocän + S. 5: Rhinoceros Merkii -> Merckii + S. 11: Es befinden sich -> Es befinden sich: + S. 11: Fig. 4; -> Fig. 4. + S. 13: O. SCHOETENSACK[19] -> [79] + S. 13: gehören nach H. Schroeder -> Schröder + S. 13: Cervus (elephus) -> (elaphus) + S. 17: beträgt 1,5-2,0 mm. -> [Punkt hinzugefügt] + S. 17: unter M 2 155 mm. -> [Semikolon ersetzt durch Punkt] + S. 17. Der mesio-distale -> mesiodistale + S. 21: rechten, das Ehringdorfer -> Ehringsdorfer + S. 21: Weimar-Eringsdorf -> Ehringsdorf + S. 25: bei einem Bruchtsücke -> Bruchstücke + S. 35: B. -> [Punkt hinzugefügt] + S. 35: N. C. -> [Punkte hinzugefügt] + S. 35: A. C. -> [Punkt hinzugefügt bei C] + S. 37: Mammut und Rhinozeros -> Rhinoceros + S. 56: 11 -> 11,0 + S. 58: 7,6-6,8 -> 6,8-7,6 + S. 58: buccal. -> buccal, + S. 59: 10,50 -> 10,5 + S. 60: Anzahl Zahne -> Zähne [Spalte 2] + S. 60: Anzahl Zahne -> Zähne [Spalte 4] + S. 60: Anzahl Zahne -> Zähne [Spalte 6] + S. 63: The American -> [Komma entfernt] + S. 64: Frankfurt a/M. -> Frankfurt a./M. + S. 64: Une machoire -> mâchoire + S. 65: Rhinoceros-Arten, Paläontographica -> Palaeontographica + S. 65: Rhinoceros Mercki -> Merckii + S. 65: Fühlings -> Frühlings + S. 65: Rhinoceros Merckii Jäg -> Jaeg + S. 67: Les charactères -> caractères + S. 89: Spezialkarte des Grossherzogtums -> Großherzogtums + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Der Unterkiefer des Homo +Heidelbergensis, by Otto Schoetensack (1850-1912) + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER UNTERKIEFER DES HOMO *** + +***** This file should be named 36382-8.txt or 36382-8.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/3/8/36382/ + +Produced by Frank van Drogen, Jens Nordmann and the Online +Distributed Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. 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It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. 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