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diff --git a/36227.txt b/36227.txt new file mode 100644 index 0000000..03d021f --- /dev/null +++ b/36227.txt @@ -0,0 +1,8636 @@ +The Project Gutenberg EBook of Der Fremde by Hans von Kahlenberg + + + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no +restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under +the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or +online at http://www.gutenberg.org/license + + + +Title: Der Fremde + +Author: Hans von Kahlenberg + +Release Date: May 25, 2011 [Ebook #36227] + +Language: German + +Character set encoding: US-ASCII + + +***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREMDE*** + + + + + + Der Fremde. + + Ein Gleichniss + + von + +Hans von Kahlenberg. + + +Dresden und Leipzig. +_Verlag von Carl Reissner._ +1901. + + + + + + + DAS ERSTE KAPITEL. + + +Es war Weihnachtsabend. + +Das Wetter war schlecht gewesen seit Wochen schon, keine Kaelte, aber +bestaendig sickerte von oben eine feine, durchdringende Feuchtigkeit. Der +Himmel schien sehr nah an die Erde gerueckt, die Grenzlinien beider +vermischten sich in diesem Grau, das Alles einhuellte, aufloeste, aus der +Erde kroch, sich herabsenkte in wattiger, flockender Schicht. Wie durch +einen Schleier gewahrte man die naechsten Gegenstaende, kahle Baumstuempfe +verkuemmerter Weiden, Rasenflecke des Feldrains, und Telegraphenstangen. +Sie folgten sich in regelmaessigen Abstaenden wie Schildwachen einer +ungezaehlten einzingelnden Armee, die man nicht sah, die da im Nebel +lauerte, wo er sich zu verdicken schien, braun wurde, mit schwarzen +Ausstroemungen, die sehr lange Linien durch die Luft zogen und haengen +blieben. Sie brachten einen faden Gasgeschmack in die scharfe Kaelte, den +Moorgeruch der aufgeweichten Felder. Seit Wochen durchschwemmte sie der +Regen, unbarmherziges, Alles durchdringendes Gewaesser, in dem die letzten +Lebensreste des Sommers sich aufloesten, verfaulten.... Irgendwo da - sehr +weit ab noch - vor ihnen lag die Stadt. Manchmal hoerte man Eisenbahnzuege +kreischen; sie glitten rasch auf rohaufgeworfenen Daemmen mit Alarmrufen +der Schiffe auf hoher See in der Nacht. Die Stille und der Nebel +herrschten wieder, eine unheimliche, lastende Stille, hinter der das +ueberreizte Ohr Laerm zu vernehmen glaubte - des Meers, oder einer Schlacht. +Ein heissrer Athem streifte von da zuweilen: Menagerie, Kuechengeruch, +Schweiss, - diese undefinierbare Atmosphaere, die die Naehe einer grossen +Stadt anzeigt, einer jener gewaltigen, ueberquaelten Lungen des +zusammengepressten Menschheitsorganismus, wo die natuerliche Luft nicht +genuegt, verbraucht lasten bleibt, in einem Nebel, der nicht weggeht, sich +erhitzt am Abend von Millionen Lichtern, neu aufsteigt jeden Morgen aus +athmenden Bruesten. + +Lachen hatten sich auf der Chaussee gebildet. Ihre ganze Oberschicht +bestand aus einem weichen, feinen Schmutz, der sich teigig an die Stiefel +ansetzte, sofort krustete; und vor allem war er kalt, von einer Kaelte des +Eiswassers, unterer Schichten unter dem Wasser, die nie die Sonne sahen. +Er trug sich schwer; auf der Hoehe des Strassendammes zog er sich endlos +hin, kleine Teiche bildend, Runzeln und Raender, die Spuren unzaehliger +Menschenfuesse, Pferdehufe, die da gegangen waren. + +Manchmal schleppte sich ein Lastwagen muede vorueber. Die Raeder knatterten +auf dem harten Kiesgrund unter der Kothschicht. Langsam, von oben bis +unten mit Schmutzkrusten bedeckt, schritten die Pferde. Unter seiner +gelben Plancapotte liess der Fuhrmann misstoenige Laute des Unbehagens +vernehmen. An solchen Tagen trinkt man. Er hatte Eile anzukommen, sich von +Neuem zu fuellen mit Warmem, das von innen hitzt, die Traurigkeit wegnahm, +die sich in grauer Schicht aus diesem sonnenlosen Abendhimmel herabsenkte. +Auch raschere Gefaehrte rollten vorueber, Baecker- oder Fleischerwagen aus +den Vororten mit warmgekleideten, wohlgenaehrten Insassen. Jetzt liessen +sie die Gaeule ausgreifen, um nach Hause zu kommen, knallten mit der +Peitsche im Vorgefuehl der Heimathfreude, warmer Oefen und wohlbesetzter +Abendbrottische. + +Arbeiter sah man nicht mehr. Sie hatten frueher Feierabend gemacht wegen +des Festes, und es wurde spaet. Da und dort an den Bahnkoerpern entzuendeten +sich Lichter. Sie konnten nicht ankaempfen und blieben wie blasse +Wasserflecken in dem Nebel, der sich nur zusammenballte, dunkel wurde, vom +Weissgrau des sonnenlosen Tages zum Schwarz der Winternacht, die da ueber +die Felder herbeikam, Alles verschlingend, einpackend, bis auf die +Chaussee, die sich hinzog ohne Baeume, ein endloser Landstreifen durch die +Oede. + +Zwei Handwerksburschen zogen auf der Chaussee entlang. Es waren +Arbeitslose. Der Eine war ein Boettchergesell aus Greifenberg in Pommern, +der Andere zog schon seit lange so. Er hatte Drechseln gelernt. Aber das +Handwerk warf nichts ab; vielleicht war ihm auch nach und nach die +Gewohnheit der regelmaessigen Arbeit verloren gegangen. Er war der +bedeutend Aeltere. Die Beiden hatten sich in der Herberge zur Heimath in +Bernau kennen gelernt und zogen nun auf Berlin zu, die grosse Metropole +der Arbeit und des Verdienstes, um da ihr Glueck zu versuchen. + +Der Juengere war aengstlich; dennoch voll guter Hoffnungen. Er begriff es +nicht, dass ein Mensch, der arbeitsam und maessig war, arbeiten wollte, +keine Arbeit finden sollte. Er glaubte an ein voruebergehendes +Missgeschick. Berlin sollte ihm Glueck bringen, obwohl es ihm Furcht +einfloesste. + +Er war ein Junge, der zu Hause aus ganz kleinen, aber geordneten +Verhaeltnissen kam. Sein Vater war beim Torfstechen ertrunken. Er hatte fuer +die Mutter und drei kleine Geschwister mitsorgen muessen; alles das hielt +sich ueber Wasser, lebte sehr respektabel. Er war ein Kind geblieben, mit +runden, erstaunten Augen, die vergebens den Nebel zu durchforschen +schienen, etwas aengstlich vor dem Gefaehrten an seiner Seite, aber doch +gefuegig gegenueber dessen groesserer Welterfahrung, beeindruckt vom Cynismus +seiner Reden und Handlungen. + +Der war ein ziemlich wuester Gesell, der durch die halbe Welt gerollt war. +Man wusste nicht, woher er kam, und er sprach nicht davon. Seine Papiere +wiesen allerlei Bestrafungen auf, fuer Diebstaehle, Widersetzlichkeiten. Das +hatte ihn nicht gebrochen. Es lag Hohn und Trotz gegen die Gesellschaft in +seiner Art, das Bewusstsein eines Ichs, der Kraft, in diesem Menschen, der +mit klaffenden Schuhen ueber die Landstrasse stapfte, Hass gegen die Kaelte, +der er den Alkohol entgegensetzte, den brennenden Rausch, der besser hitzt +wie Feuer. + +Ein gewisser Galgenhumor kam ueber ihn, waehrend sein Gefaehrte aengstlich in +seine blaugefrornen Finger pustete, die besten Stellen im Matsch +aussuchte, um seine Fuesse zu schonen, vor allem die Schuhe, die trotzdem +schon barsten, Wasser einliessen, das sickerte, quietschte zwischen den +Sohlen. + +Der Kumpan sah es mit gutmuethigem Spott: "Gieb's nur auf, kleiner Richard! +Das nuetzt Dir nichts. Das frisst sich durch Pelz und Wolle, um so mehr +durch Lumpen und Loecher. Dagegen giebt's nur eins!" + +Er bot dem Andern die Flasche, die der aengstlich zurueckwies. So leerte er +sie selbst auf einen Zug. + +"Das giebt wenigstens Muck! Das ist die einzige vernuenftige Erfindung in +diesem elenden Hundedasein. Sie sagen, der Teufel hat sie gemacht. Mich +duenkt, der Teufel, das ist der einzige wahre Heilige in der ganzen +Muschpoke. Er ist mein Schutzpatron. Es lebe der heilige Satanas!" + +Der Kleine sah sich scheu um, ob Jemand die Laestrung hoerte. Er war fromm +erzogen, gewohnt in die Kirche zu gehen des Sonntags. Die Mutter sass da +und die andern alten Weiber in schwarzen, gehaekelten Kopftuechern mit dem +goldbedruckten Gesangbuch. - Es war hart, dass man keine Arbeit fand. Aber +er vertraute auf Gott. Und Berlin war nah, wo Tausende arbeiteten und +assen. Sehr muede war er und weit konnte es nicht mehr sein. + +Es war, als ob Fritz Kuhlemann seine Gedanken errieth: "Ja, das ist fein, +nach Hause zu kommen, wenn Einem die Olle schon in der Thuer entgegenlaeuft! +Der Junge haengt sich uns an den Rock. Auf dem Tisch dampft ein guter +Happenpappen. Die Stube ist schon abgeschlossen, weil da der Christbaum +steht. - So gut wird's uns nicht bei meinem Freund Matzke. Eine fidele +Bude, und Maedels auch die schwere Menge! Ich moechte wissen, ob die rothe +Lene noch da ist?" ... Er vertiefte sich in diese Erinnerungen, +Saufgelage, Pruegeleien, Dirnen,... waehrend der Andre neben ihm +hertrottete. Er war sehr muede. Er haette am liebsten geweint, aber er +schaemte sich. + +"Du bist auch noch so ein Gruener. Dich werden sie schon erst hochnehmen! +Wenn Du denkst, mit Gottvertrauen und Dummheit kommt man durch die Welt! +Das ist gut fuer die, die mit einem silbernen Loeffel im Munde geboren sind. +Unsereiner, wenn der nicht eine Nase zehnmal so fein hat und Krallen +zehnmal so lang, - dann kannst Du Dich man gleich am naechsten +Laternenpfosten aufhaengen lassen. Da drinne, da verstehen sie's! Ist schon +Mancher wie die reine Unschuld vom Lande eingewandert. Und wie er wieder +rausgekommen ist! Per Schub mit zwei Gensdarmen neben sich. Auf Sonnenburg +zu, oder Ploetzensee. Ich kannte Einen, den haben sie gehetzt wie das liebe +Vieh. In den Weiden und Binsen unten bei Tegel. Jede Nacht die Jagd und +den ganzen Tag lang. Ob das noch ein Mensch ist! - Todtgeschlagen hatte er +Einen. Todtschlagen - das ist auch dumm. Alles todtschlagen, kurz und +klein! Dann waer's noch was." + +Nun ermannte sich der Andre. "Es giebt doch aber auch noch gute Menschen +auf der Welt." + +"Hast Du je Einen gesehn, dem's auch gut gegangen ist dabei? Die +Schlechten, die kommen auf, die sind hoch. Verfluchte Schweinerei!" + +"Man kann's. Wenn man ehrlich ist und arbeitet." + +"Versuch's doch! Geh hin! Biete Deine Arbeit an. Lauf rum! Verkauf Dich +fuer vier Groschen den Tag. Sieh doch, ob Dich Einer nimmt! En Vieh und en +Esel. - Aber ein Stueck Mensch! Und dann fallen Einem die Lumpen immer mehr +vom Leib. Der Schutzmann haelt die Augen drauf. Und wenn Du mal auf einer +Bank, unter der Bruecke einschlaefst, hat er Dich am Kragen. Dann geht's auf +die Wache. Na, und wenn die erst ihren Stempel draufgesetzt haben! Die +grosse Klappe - oder der Strick vorher und das stille Wasser!" + +Der Andre war dem Weinen sehr nahe. Es war die grosse Muedigkeit und die +Aufregung vor dieser Stadt, die sich naeherte, wie das Verhaengniss, +unsichtbar, in dem Nebel, der immer dicker wurde. Ein Wagen, der +vorueberfuhr, eine Equipage oder geschlossene Droschke, bespritzte sie von +oben bis unten. + +Kuhlemann sprang mit einem Fluch zur Seite: "Verdammte Protzenbande! Ich +goennt's Euch! Ich goennt's Euch! Frisst sich satt von unserm Mark und +Knochen. Sauft sich voll von unserm Blut, bis sie besoffen sind und +speien!" + +Sie waren jetzt in der Gegend der Fabriken. Von beiden Seiten reihten sich +dunkle, niedrige Schuppen um gemauerte Schlote, mit Latten eingezingelte +Hoefe. Man sah die schwarzen Eisenconstructionen zum Heben, die achatne +Spiegelung der Fensterscheiben, ungeheure, stumpfe Massen aufgeschichteten +Materials, die warteten, sich zersetzten. Aber Alles lag ganz still wegen +des Festes, Alles war sehr schwarz. Der Kohlengeruch wurde bemerkbarer. +Auf ihren Schienenstraengen eilten die Zuege der Vororte mit roten und +gruenen Lichtern, wie grosse Schlangen mit Augen, in die schweigende Ebene +ausgeschickt. + +Der kleine Richard war vollkommen kaput. "Ach mein Gott!" schluchzte er +auf. "Mein Gott!" + +"An den glaubst Du auch noch?" Die Nachwirkung des Schnapses begann sich +bei Fritz Kuhlemann zu aeussern. Er sah roth jetzt und schrie mit erhobner +Stimme: "Die olle Finte, die uns die Pfaffen aufgebunden haben, damit wir +kuschen und nicht Muck sagen! Ich sage Dir, wenn's den giebt da oben, dann +kann er sich begraben lassen fuer das, was er gemacht hat. Ich lach' ihm +in's Gesicht. Ich schlag' ihm die Faust in's Gesicht fuer sein feines +Zauberkunststueck hier!" + +Die Laestrung verhallte in der Dunkelheit, die sich nicht ruehrte. Ein Wind +schien sich erhoben zu haben, strich mit schriller Klage ueber die +Telegraphendraehte, durch die Loecher der Jacke, in der der Kleine sich +zusammendrueckte. Alles blieb so, die schwarzen Fabrikgebaeude, die +Dunkelheit, die Kaelte.... Und in der Ferne das Verhaengniss, das anzog, +sich naeherte, etwas Schwarzes, Compactes, mit Augen ... Berlin, die +Grossstadt. + +"Guten Abend!" sagte eine Stimme neben ihnen. + +Jemand musste an ihrer Seite heraufgekommen sein. Er war wohl von +rueckwaerts nahe gekommen. Sie hatten ihn nicht gehoert, weil der weiche +Schmutz alle Schritte erstickte. Und es war finster. + +Sie sahen, dass es ein Mann war. Er mochte in ihrer eigenen Groesse sein, +nicht ueber Mittelgroesse. Er trug die Tracht eines Arbeiters, nicht gut und +nicht schlecht, die eines Mannes, der Arbeit gethan hat und weit gewandert +ist. + +"Guten Abend!" sagte der Fremde noch einmal. + +Er sagte es mit einer ruhigen, sehr angenehmen Stimme, die aus dem Nebel +zu kommen schien. Etwas von Traurigkeit und Entfernung lag in dem Klang +der Stimme. + +"Guten Abend!" sagte der kleine Richard. + +Fritz Kuhlemann brummte widerwillig seinen Gruss. + +Der Fremde war an ihrer Seite geblieben. Er ging denselben Schritt wie +sie. Nur war es dem Kleinen, als ob der Wind ihn jetzt nicht so traefe. Er +empfand das angenehm. + +"Es ist spaet," sagte der Fremde. "Und es ist kalt hier aussen." + +"Das ist nun nicht gerade etwas Neues, was Du uns sagst," hoehnte Fritz +Kuhlemann. "Wenn Du eine Pulle in Deiner Tasche hast und etwas Warmes +drin, thaetest Du uns einen groesseren Gefallen, wenn Du uns theilen +liessest." + +"Ich habe keinen Wein und keinen Branntwein," sagte der Fremde. "Ich komme +von weit. Und es ist spaet." + +"Sehr spaet, um den Christbaum zu schmuecken und den Aufbau fertig zu +stellen. Aber vielleicht sind Sie hier herum Hausbesitzer oder haben eine +Villa gemiethet und die liebe Familie erwartet Sie?" + +"Ich habe kein Haus." + +"Dann wuerde ich Dir rathen, Freund, dass Du Dir Geld in die Tasche thust. +Denn umsonst giebt's hier nichts auf dieser faulen Welt. Und zumal in +Berlin, wohin wir unsre Schritte jetzt lenken. Mein Freund Matzke kann +sehr eklig werden gegen flaue Kunden. Also, Freundchen, wenn Deine Tasche +wohlgefuellt ist, oeffne sie und spendire Deinen guten Freunden, die im +Dalles sind, in der That nicht wissen, wo sie ihr Haupt niederlegen +sollen." + +"Ich habe kein Geld Dir zu geben," sagte der Fremde. Er sagte es traurig, +mit seiner sanften, klingenden Stimme, die von sehr weit herzukommen +schien. + +Der Rothe lachte: "Du bist ein famoser Bruder, das muss ich sagen! +Schleichst hier auf naechtlichen Wegen und schlaengelst Dich an andre Leute +ran. Denkst Du, wir koennen einen Zaungast brauchen? Lass doch mal sehen, +wie Du aussiehst bei dieser noblen Beleuchtung!" + +Die kleine Laterne eines Zimmerhofs warf einen zweifelhaften Schein. Der +rohe Bursche drehte den Fremden um. Er stiess ihm die Schulter gegen den +Lichtfleck. + +Er sah ein blasses Gesicht. Ein bescheidner Bart umrahmte den unteren +Theil. Es war das Gesicht eines Mannes von etwa zweiunddreissig Jahren. +Der Fremde hatte seltsame Augen und sah ihn ernsthaft und traurig an. + +"Lass doch den Mann!" sagte der kleine Richard muede. + +Selbst der Rothe war betroffen. "Teufel auch!" knurrte er in den Bart. "Wo +hab' ich das Gesicht schon gesehen? Du bist ein seltsamer Heiliger, Du!... +So eine Sorte Wanderprediger wohl? Ich habe mal Einen gekannt. Er war mit +uns in der Herberge. Des Abends las er seine Bibel. Er that das alle +Abend. Er sah dabei aus wie Du. Er sagte nichts." + +Der Fremde sagte auch nichts. + +... "Er hat mir den Fuss kurirt und eingewickelt. Ich wusste, wo er sein +Geld hatte. Ich hab's ihm gelassen." + +Das Gesicht des Fremden schien berauschend auf ihn zu wirken. Er verwirrte +sich in wilden Erinnerungen.... "Ein Maedchen ... Ich draengte sie gegen das +Thor. Was hatte die dumme Liese sich anzustellen? Sie war doch genau wie +die Andern. Hexe! - Weibervolk, die sind Alle nichts wert. + +"... In ihrer Karosse sah ich sie mal. Eine vornehme Dame. O sehr vornehm! +Vornehmer wie eine Prinzessin. Sie sass in ihrer Karosse und wartete. Ich +wollte sie ermorden. Weil ich hungrig war und kein Bett hatte. Sie war +reich und sass im Wagen. Sie sah mich an. - Ich fasste an den Hut und +schlich mich fort. ... Nachher brachte mir der Diener ein Goldstueck. Das +warf ich ihm nach in den Dreck gegen seine unverschaemten Kalbswaden. + +"... Weisst Du, wo ich herkomme? In der Gosse haben sie mich gefunden +neben einer todten Katze und einem Kohlstrunk. Meine Eltern wollten nichts +wissen von der Rabenbrut. Dann haben sie mich so rumgestossen. Die hohe +Polizei! Das ist eine zarte Naehrmutter. Glaube mir, Bruder, es ist eine +lustige Welt! Man muss sie nur lustig zu nehmen wissen." + +Er lachte roh auf. Der kleine Richard zitterte vor Kaelte. Er fuehlte +gluehende Zangen in seinen Eingeweiden. Seine Zaehne schlugen aufeinander. + +"Nimm diesen Mantel," sagte der Fremde freundlich. + +Es war ein alter, fadenscheiniger Ueberzieher, wie ihn arme Leute tragen, +auch zu duenn fuer den Winter. Der Junge wickelte sich mechanisch gehorchend +hinein. Er fuehlte die Hand des Fremden, die glaettete, um ihn streichelte. +Eine Art magnetischer Beruhigung ging von ihr aus. Es erinnerte ihn an die +Beruehrung seiner Mutter. "Aber Du?" fragte er wie betaeubt. + +"Ich friere nicht," sagte der Fremde. + +"Dann musst Du von seltsamem Stoff gemacht sein," bemerkte Kuhlemann. +"Dies verfluchte Wetter macht Einem die Blutstropfen im Leibe gefrieren." + +In der That war es jetzt ganz empfindlich kalt. Der Wind pfiff mit +scharfem Eishauch. Unter seinem Mantel gluehte der Junge. Er wusste nicht +mehr, wo er war. Er phantasirte. + +Er war bei sich zu Hause. In der kleinen Kueche war es stickend warm. +Solch' eine froehliche Waerme! Der ganze Heerd gluehte, rothgluehend mit +huepfenden, spritzenden Lichtern, obgleich es dunkel war, um Petroleum zu +sparen. Aus dem Suppentopf stiegen weisse, nahrhafte Wolken. Ein Duft von +Aepfeln kam aus der Roehre; man hoerte ihre feinen, braunen Haeute britzelnd +zerspringen.... Er war da. Er war ein Knabe, er hielt die kleine Schwester +auf den Knieen. Er fuehlte deutlich den warmen, pulsenden Koerper. Das Kind +hatte die Aermchen um seinen Hals gelegt. Sie warteten auf die Mutter. Er +erzaehlte ihr von Weihnachten. + +Von einem alten Mann mit weissem Bart erzaehlte er ihr. Er trug einen +grossen Sack mit Aepfeln und Nuessen ueber der Schulter. Er hatte ein +rothes, freundliches Gesicht, und eine Birkenruthe hielt er in der Hand. +Wenn man seine Sprueche nicht wusste, gab es Schlaege. _Sie_ waren gute +Kinder, sie konnten ihre Sprueche. Das kleine Maedchen hatte die Haende +gefaltet und wiederholte sie mit halblauter Stimme. Die ganze Geschichte, +die freundliche Lehrerin in der Kleinkinderschule hatte sie ihr +vorgesprochen. Der grosse Bruder, der schon klug war und lesen konnte, +half ein: + +"Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus +ausging, dass alle Welt geschaetzet wuerde. + +"Und diese Schatzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Cyrenius +Landpfleger in Syrien war. + +"Und Jedermann ging, dass er sich schaetzen liesse, ein Jeglicher in seine +Stadt. + +"Da machte sich auch auf Joseph aus Galilaea, aus der Stadt Nazareth, in +das juedische Land zur Stadt Davids, die da heisst Bethlehem, darum, dass +er vom Hause und Geschlechte Davids war. + +"Auf dass er sich schaetzen liesse mit Maria, seinem vertrauten Weib, die +war schwanger. + +"Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn +in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge." + +"... Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge" ... wiederholte +der kleine Handwerksbursche mit gluehenden Lippen auf der eisigen +Landstrasse. + +Dann fing er auf einmal mit leiser Stimme an zu singen: "O du froehliche! O +du selige! Gnadenbringende Weihnachtszeit!" + +"Nanu?" sagte der Rothe grob. "Bei dem ist's wohl nicht recht helle? Singt +der Mensch hier auf der Landstrasse wie eine Lerche! Du hast doch wohl +einen heimlichen Trunk zuviel gethan? So'n verfluchter Duckmaeuser!" + +Aber der Kleine hoerte ihn nicht. Er war ganz gluecklich. Er hielt seine +kleine Schwester. Es war so warm in der Kueche. Er fing an, an seinen +Kleidern zu reissen. - Auf allen Kirchthuermen begannen die Glocken zu +laeuten. Die kleine Kueche war voll vom hellen Schein. Sie hatte ueberhaupt +keine Decke mehr, keine Balken und angeblakten Kalkwaende. Da war der +Himmel. Er war ganz offen und die Engel sangen. Sie sangen: "Ehre sei Gott +in der Hoehe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" + +Sie sangen sehr laut mit hellen, schmetternden Stimmen. Alles hallte davon +wider. Dieser Gesang erfuellte das ganze Gewoelbe des Himmels, der eine +grosse, dunkelblaue Glocke war, in der goldne Sterne schwangen und +spannen. Sie drehten sich sehr rasch mit langen, lichten Streifen hinter +sich her in der Bahn ihrer Schwingung, die feurige Ringe bildete, Kreise +und Sphaeren. Die ganze Glocke drehte sich, sang und schwang. + +Der kleine Handwerksbursche sang laut, vorwaerts stolpernd im schleimigen +Strassenkoth, zwischen den schwarzen Fabrikschuppen mit hohen Schloten, +vor der Stadt, die rings umher anfing sich zu entzuenden, wie ein Halbkreis +der Hoelle mit feurigen Augen. + +"Bist Du verrueckt?" schnauzte ihn der Andre an. + +"Dein Gefaehrte ist sehr krank," sagte der Fremde sanft. + +So war es. Alles hatte bei dem Kleinen zusammengewirkt: die langen Wochen +der Angst und schlechter Ernaehrung, der unheimliche Gefaehrte, der +Weihnachtsabend. + +Er fuhr fort zu singen. Er wehrte sich gegen den Andern in seinem +Fieberrausche: "Lass mich! Du erfrierst mir das Herz. Du stoesst mir +gluehende Messer in's Weiche. Du bist schlecht und roh! Schlecht! Schlecht! +Du bist der Teufel!" + +Er war wie ein Rasender. Er fing an mit beiden Armen um sich zu schlagen. +Er baeumte sich wie ein scheugewordenes Pferd. Er wollte ploetzlich nicht +weitergehen. Er liess sich wie ein Sack zur Erde fallen. + +"Halloh!" sagte der Rothe. "Das ist eine schoene Geschichte. Nun stirbt uns +der hier im Dreck. Das hetzt uns die Gruenroecke gleich auf die Hacken." + +"Hilf mir ihn aufheben!" sagte der Fremde. "Er darf nicht sterben so." + +Sie hoben ihn auf. Auch der Rothe that seine Pflicht, sanft genug fuer +seine rauhen, frostgeschwollenen Faeuste. Die Muetze war dem Kleinen vom +Kopf gefallen, Koth hatte sich in die blonden Locken gesetzt. Er entfernte +ihn mit einem grimmigen Scherz: "Das wuerde seiner Liebsten nicht +gefallen." + +Es lag da ein Steinhaufen am Chausseerand aufgeschuettet. Der Fremde hatte +sich darauf gesetzt, der Junge lag in seinem Schooss mit dem Kopf an +seiner Brust. Er lag ganz still und laechelte. + +"Ich kenne Dich wohl," sagte der Junge. Er sprach mit erstaunlicher +Gelaeufigkeit, in einer hellen, klingenden Stimme des Entzueckens, wie wenn +Alles, was in ihm schweigsam und gefroren gewesen war, sich jetzt loeste, +aufthaute. + +"O, ich kenne Dich ganz gut. Du bist mein alter Lehrer in Greifenberg, der +freundlich zu uns war. Wenn man's gut gemacht hatte, strich er mit der +Hand ueber den Kopf. Manchmal durfte ich ihm die Buecher nach Hause tragen. +Dann bekam ich einen Apfel.... Er war alt und arm, und hatte viele Kinder, +wie wir." + +"Nette Suse!" murmelte der Rothe. "So 'ne weisse Wassersuppe!" + +Der Fremde sass ganz still und hielt den Kopf des Jungen. Der lachte, er +griff ihm mit der Hand in den Bart. "Du bist mein Vater, der gestorben +ist," sagte der Junge. "Er ging des Morgens sehr frueh fort. Dann trat er +leise auf und zog sich im Dunkeln an, damit wir nicht aufwachen sollten. +Es war noch sehr frueh und sehr kalt draussen. Im Bett war es warm. Der +Winter hatte grosse, weisse Eisblumen vor das Fenster gemalt. Wie hinter +einer Wattenwand schlief sich's da.... Dann ging er fort einen Morgen und +kam nicht wieder. + +"... 'Nun bist Du der Mann in der Familie, Richard,' sagte die Mutter. +'Versprich mir's, dass Du immer fuer die Schwestern sorgst, wenn Du gross +bist und viel Geld verdienst.' + +"Ich verdiene nichts. Ich kann nicht sorgen fuer die Schwester. Meine +Schwester soll nicht weinen und hungern wie die Andern, nicht frieren! Es +ist so kalt ... kalt ..." + +"Gott wird fuer sie sorgen," sagte der Fremde. + +Der Rothe lachte. + +"Es giebt keinen Gott," sagte der Junge unruhig. "Alle sagen, er ist nicht +und dass es nur eine Kinderfabel ist. Wer nicht arbeiten kann und krank +wird, der stirbt und verdirbt. Reiche Leute haben es gut in der Welt und +sind geehrt. Die Andern holt der Teufel." + +"Amen!" machte Fritz Kuhlemann. + +"Es giebt keinen Teufel," sagte der Fremde ruhig. "Gott kennt keine +reichen Leute und keine armen. Er liebt Alle." + +Wieder lachte der Rothe, scharf und schrillend. + +"Ich habe Schmerzen," wimmerte der kleine Handwerksbursche. "Es zerreisst +mir die Glieder. In meinem Kopf geht es wie eine Saege. Alle Knochen +krachen. Ach, das ist die Folter! Wasser! Wasser!" + +Es war kein Brunnen zu sehen ringsum, zwischen den Schmutzlachen, all' +dieser triefenden Feuchtigkeit, die von den Daechern rieselte, die Kleider +festklebte am erstarrten Koerper. + +"Ich habe Hunger," klagte der Sterbende. + +Der Fremde legte ihm die Hand auf die Stirn. + +Bald glaetteten sich die Zuege. Sie wurden heiter, fast strahlend. "... Eine +Ruhe kommt langsam, das ist der Schlaf. Es kommt wie ein Schatten ueber +eine gruene Wiese. Es ist weiss und breitet die Arme aus. Ah, mir ist +wohl!" ... + +Er nestelte sich dichter an die Brust des Andern. Der Fremde beugte sich +ueber ihn und kuesste ihn auf die Stirn. + +Fritz Kuhlemann kam mit einem Blechgefaess voll Wasser. Er hatte es beim +Eindringen in einen Zimmerhof gefunden. Ein wuetender Hund war gegen ihn +angeklaefft, hatte ihm die Hose zerrissen. Seine Hand blutete vom +Zerschlagen des Eises. Er sah schrecklich aus. + +"Er braucht es nicht. Er ist todt," sagte der Fremde. + +In der That war der Junge todt. Er sah aus wie ein schlafendes Kind. Ein +suesser Ausdruck war in seinem Gesicht. + +"Gestorben wie ein Hund! Wie ein Hund!" + +"Er ist kein Hund. Er ist schoen." + +"Und Du? Wer bist Du?" + +"Kennst Du mich nicht, Fritz Kuhlemann?" + + ------------------------------------- + +Der Mond war aufgegangen, ein ganz klarer, heller Mond, den man niemals +erwartet haette aus diesem Nebel. Er stand ruhig mit sattem, blauem Schein +im Grau, das jetzt ganz ungefaehrlich erschien, die einfoermige, milde +Trauerfarbe der Nacht, eine sanfte Schwermuth der tieferen Toene und Farben +des Lebens. Im Mondschein stand der Fremde. Er stand ohne Hut, im Licht, +das leise fluthete. + +Der Mann starrte ihn an. Seine Augen traten fast aus ihren Hoehlen, die +Stirn unter den wuesten, rothen Haarzotteln arbeitete furchtbar. + +Der Fremde sah ihn an. + +"Du hast ihn geliebt, den da" ... sagte der Fremde. "Er war oft muede. Du +gingst langsamer um seinetwillen. Du schliefst schlecht, damit er besser +laege. Manchmal hast Du ihm Brod gegeben, wenn Du selbst keins hattest. Und +der Hund hat Dich zerrissen um das Wasser, das Du ihm brachtest. - Ich +kenne Dich, Fritz Kuhlemann." + +"Teufel!" stiess der Andre hervor. + +"Du hast ihn sehr gekraenkt," fuhr der Fremde fort. "Aber Dein Herz war +wund, als es ihm harte Worte gab. Der Pflug war ueber Deine Seele gegangen +und hat sie zerrissen, eh' sie wild klang und falsch. Du hast geliebt, eh' +Du hasstest.... Ich kenne Dich wohl, Fritz Kuhlemann." + +"Herr ... Herr ..." stammelte der Bursche. + +"Und sie haben Alle geliebt. Deine Mutter, die Dich in die Gosse legte, +weil sie kein Brot hatte, Dich zu fuettern, als ihr Herz sich in ihr wand +in Angst ueber der Qual ihrer Eingeweide. Der, der Dich zeugte in einer +Stunde, wo er sich selbst vergessen, der niemals sich vergass. Gott, der +die Welt gemacht hat, weil er liebte. Die Liebe ist Schmerz. Im Schmerz +der Liebe liegt der Urgrund alles Geborenen." + +"Wer bist Du?" schrie der Andre auf. + +Er hatte sich auf ihn gestuerzt. Sie rangen miteinander, Leib gegen Leib. +Der Mond stand am Himmel, kalt und blaeulich. Dann sah man nur noch ihre +beiden Gesichter, das des Fremden, das ruhig war, blass und ein wenig +traurig, das des Mannes, der in grossen Tropfen schwitzte, dunkel +blutruenstig mit roth durchschossenen Augaepfeln. Er athmete in schweren, +keuchenden Stoessen. + +Ploetzlich fielen seine Haende: "Mach', was Du willst! Toedte mich auch! +Toedte mich!" + +"Geh voran! Ich folge Dir!" sagte der Fremde. + + + + + + DAS ZWEITE KAPITEL. + + +Eine rothe Laterne hing ueber der Thuer der Destille. Die Thuer war schraeg +eingestellt nach der Strassenecke zu. Drei schlechte Eisenstufen fuehrten +hinauf. Sie hallten und droehnten, wenn schwere, naegelbeschlagene Schuhe +darauf traten. Nach der andern Seite leuchtete ein grosses Fenster. Eine +breite, gruene Aufschrift zog sich quer darueber hin, auf der zu lesen +stand, dass der Pfiff Bier fuenf Pfennige kostete. Sonst Reklamen in +grossen Lettern von Wein, Bier, Rum, Punsch, Zettel in lebhaften Farben so +zusammengestellt, dass sie sich moeglichst schnitten, das Auge +herausforderten. Aber der Strassenstaub hatte sie ausgebleicht, Alles war +von derselben schmutziggrauen Schleimschicht ueberzogen. Die Fenster hingen +schief in ihren Rahmen. Gegen das Haus lagen schwarze, faulende +Holzplanken aufgeschichtet von irgend einem Neubau, der nie fertig wurde. +Die Fenster nach der Strasse zu waren durch schwere Rollbretter geschuetzt. +In den oberen Stockwerken hatte man die Jalousien heruntergelassen. Nur +die Laterne blinkte wie ein truebes, rothes Auge durch die Nacht. + +Es war Weihnachtsnacht. Man war lustig. Die Frau des Destillateurs hatte +Fische in suesser Sauce gemacht, von denen man fuer fuenfzig Pfennige ein +Gericht bekam. Dazu gab es Punsch. Auch ein Weihnachtsbaum war geschmueckt, +auf den sie stolz waren. Mit Papierblumen und ein paar dicken +Stearinlichtern prangte er. Im Nebenraum zwischen alten Lumpen schliefen +die beiden kleinen Maedchen, die Kinder des Ehepaars. Sie hielten die +Holzpuppen, die ihnen bescheert worden waren. Man hatte ihnen auch Punsch +gegeben. Sie schliefen ganz fest mit feuerroten Backen, im Luftzug ihres +Athems leise zitternden, langen Wimpern. + +August Matzke war ein schwerer Mann, erst an die Vierzig, obgleich er +aelter aussah, ganz und gar ruinirt, vergiftet durch den Trunk. Er war +schon zweimal wegen Delirium tremens im Krankenhaus gewesen. Alle hofften, +dass das sein Ende bedeutete. Aber er kam zurueck, graublass, verbloedet, +schrecklicher als vorher. Dieser Mann hatte mit Auszeichnung seine +Dienstzeit absolvirt und war zum Sergeanten aufgerueckt. Bei einer +Schiessuebung kam er durch Unvorsichtigkeit um ein Auge. Er erhielt die +Verstuemmelungszulage und nahm seinen Abschied. Die Frau war aus ganz gutem +Hause, eine Sueddeutsche von zierlichen Formen, freundlichem, einnehmendem +Wesen. Sie hatten ein ganz huebsches kleines Kapital gehabt, als sie +heiratheten, und fingen nach seiner Verabschiedung eine Gastwirthschaft +an. Man sagte, dass die sehr zuvorkommenden Manieren seiner Frau gegen +Fremde ihn zuerst an die Flasche getrieben hatten. Jetzt war er unheilbar; +das Geld ihrer Liebhaber hielt die Wirthschaft flott. Sie liessen sich +nicht scheiden, weil er ihr dann ihr Eingebrachtes auszahlen musste. Er +schlug sie. Sie insultirte ihn. Dann kam wieder anfallweise die alte +Verliebtheit; sie schliefen zusammen. Zwischen alledem, Schlaegen, Zaenken, +Liebkosungen, wuchsen die Kinder auf, behend und geschmeidig wie kleine +Katzen, beide der Mutter auffallend aehnlich, schon spuerend, horchend, +zwischentragend.... + +Kuhlemann wurde mit laermender Freude begruesst. Matzke hatte schon schwer +gesoffen und sah schief. Es war da noch ein aelterer Mann mit breitem, +krummem Ruecken, der stumm in sich hineintrank. Ein junger Tapezier mit +aufgebuerstetem Lieutenantsschnurrbart spielte den Forschen, zog die Andern +auf und scharmuzirte mit Frau Matzke. Ein Dienstmaedchen aus dem Hause, +eine grobe, gewoehnliche Person, kam zuweilen, um sich auch einen Schnaps +stossen zu lassen, die Neuigkeiten zu hoeren. Ein paar zerlesene Nummern +des Vorwaerts und des Lokalanzeigers lagen auf dem Tisch. Im Hintergrund +stand ein Klavier. Matzke als alter Soldat war Patriot und kaisertreu, er +hielt das socialdemokratische Blatt um seiner Kunden willen. Er selbst +liebte patriotische Lieder und erging sich, wenn er voll war, sehr gern in +hochtrabenden Erinnerungen an Gravelotte und Sedan, "unsern ollen Kaiser +Willem" und Prinz Friedrich Karl, auf deren Wohl er dann die ganze +Gesellschaft anzustossen zwang. Heute war er noch nicht ganz so weit. + +Frau Matzke hatte sofort ein Punschglas vor Fritz Kuhlemann aufgestellt +und eins vor dem Fremden, der sich bescheiden mit an den Tisch setzte. Das +grosse Dienstmaedchen strebte neugierig naeher. Sie war ein durchaus +anstaendiges Maedchen und stolz auf ihre Anstaendigkeit, aber sie hatte es +doch gern, wenn man sie kitzelte, Witzchen mit ihr machte. So zum Beispiel +foppte sie sich stets mit Matzke, dass er sie heirathen sollte. Er wollte +dann von ihrem Gelde seine Frau auszahlen und sich scheiden lassen. Das +amuesirte sie koeniglich. + +"Ich moechte nur um ein Glas Wasser bitten und ein Stueck Brot, wenn ich es +haben kann," sagte der Fremde. + +Die Frau sah ihn erstaunt an, willfahrte aber der Bitte. Matzke schoss aus +seinen geschwollenen Augen einen trueben, gehaessigen Blick. + +"Wer'n rechter Kerl is, der is Soldat jewesen. Wer nich Soldat jewesen is, +der is ueberhaupt kein Mann nich, sag ick!" + +Er wiederholte das mit der Faust aufschlagend gegen den Tapezier, der sich +damit belustigte, ihn aufzuziehen. Er schien sich damit das besondre +Wohlwollen der Frau Matzke verdienen zu wollen, denn er blinzte ihr zu. +Die grosse Hanne juchzte laermend auf. + +"Un eene volle Pulle liebt er ooch, was 'n rechter Mann is? Was Aujust? +Tapfre, olle Kriegsgurgel?" + +Der Trunkenbold stierte ihn giftig an, that aber Bescheid. In der +Huelflosigkeit seines benebelten Gehirns gegen die Kniffe und Finten des +Andern blieb ihm nur dies eine Beduerfniss, zuzuschlagen, seine Faeuste zu +gebrauchen. + +"Kanonen ufffahren und derzwischen jepfeffert, denn wuerden sie schon +fertig mit det Jesindel!" + +"Und Du waerst der commandirende Jeneral von det Janze! Herr Aujust Matzke +mit dem schwarzen Adlerorden da vorne aus der Weste." + +Der Tapezier amuesirte sich koeniglich. Frau Matzke zog veraechtlich die +Lippen. Das Dienstmaedchen bog sich vor Vergnuegen. + +"Ick sage: Wer seinen Kaiser nich ehrt, der is kein deutscher Mann, der +jehoert in den Schweinestall." + +"Sieh man zu, dass Du nich selber zuerst reinbummelst, oller Freund. Wer +so schwach uff seine eijnen Beene steht, sollte man ja nich so forsch +jejen Andre losziehen." + +"Ick nich fest uff meine Beene! Ick bin Dein oller Freund nich. Ick will +Dich lehren, mir Aujust zu heissen. Aujust Dir wat in Deine unjewaschne +Schnauze. Du - Du - Hurenjaeger Du!" + +Er hatte sich schwerfaellig erhoben und griff nach der Stuhllehne, um sich +daran festzuhalten. Der Tapezier lachte, er gehoerte zu Frau Matzke's +eleganten Freunden, die den Haushalt im Gang erhielten. Der Mann in der +braunen Weste ruehrte sich nicht. + +"Aber August! so lass doch!" machte die Frau gelangweilt. Sie zwinkerte +Wernicke zu, Hanne in ihrer sicheren Ecke am Bueffet erstickte fast vor +unterdrueckter Heiterkeit. Sie fand das einen ausgezeichneten Spass. + +Nun wandte sich der Wuethende gegen sie, die Ehebrecherin, in den +unflaethigsten Ausdruecken. "Ick will Dir ... Ick will Dir ... Hure ... +Hure ... Hure!" Er sah schrecklich aus mit den sabbernden Lippen, seinen +blutunterschossenen Augen, von denen das eine, kuenstliche, immer gerade +blieb, glotzend, ungeheuerlich. Das Wort in seinem dumpfen Laut des +Stiergebruells wiederholte sich. Er packte sein schweres Bierseidel; es +flog dicht an ihrem Kopf vorbei in die Fensterscheibe, die splitternd +zerbrach. Der Ton schien ihn vollends wahnsinnig zu machen. Er ergriff +eins der Seidel nach dem andern und fensterte sie in das Glas. Leere und +halbvolle Flaschen flogen nach. Man hoerte die Scherben auf dem +Strassenpflaster sich knisternd zusammenhaeufen. Gleichzeitig drang die +kalte, klare Winterluft ein. Der Tapezier weidete sich an seinem +Heldenstueck. Hanne kreischte, die Haende vor den Ohren, dachte aber nicht +daran zu fluechten. Der andre Gast blieb ganz stumpfsinnig. + +"Das giebt ein nettes Christkindchen fuer morgen. Na, ich bin nur froh, +dass ich die Rechnung nicht zu bezahlen brauche." Der junge Mann griff +nach seinem Hut und Paletot, einem eleganten Paletot mit Sammetaufschlag +und hellem Futter. Er hing ihn immer so, dass man das Futter sah. "Ich +gehe jetzt, Frau Matzke. Adieu auch. Ich werde erwartet." + +Sie sagte nichts. In der Thuer drueckte sie ihm die Hand sehr stark, ihre +Nuestern bebten. "Nimm Dich in acht!" ... + +Durch den Thuerspalt nach der Kammer guckten die beiden Kinder. Der Laerm +des klirrenden Glases hatte sie aufgeweckt. Sie witterten eine Scene, und +waren nun dabei, neugierig, erwartungsvoll. + +Matzke hatte seine letzte Bierflasche dem Abgehenden gegen die Thuer +nachgeschleudert. Sie zerbrach auf dem Fussboden in ihrer braunen Sauce. +Frau Matzke fing ruhig an, die Unordnung des Fensters zu repariren. Sie +steckte eine weisse Bettplane auf; sie kannte das schon. + +"Nanu? Hier is wohl Polterabend heut'?" sagte eine lustige Stimme. + +Es war ein Maedchen. Sie trug gescheitelte Haare und ein einfaches +Umschlagetuechelchen. An einer gewissen Unordnung des lose gewundenen +Nackenknotens, der zerschlissenen, rothen Seidentaille erkannte man die +Leichtfertigkeit ihres Berufs. + +"Ich konnte nicht frueher kommen, habe auch den Kindern noch was +mitgebracht." + +"Ach Lene! Lenchen!" In ihren Hemden draengten sie sich um sie. Das Maedchen +kuesste sie leidenschaftlich. Frau Matzke sah zu. + +Fritz Kuhlemann lachte. "Geht's Geschaeft auch heut' Abend?" fragte er +boshaft. Der Fuhrmann starrte sie an. Lene Hoff war der eigentliche Grund, +weshalb er jeden Abend kam. Er haette nie gewagt, es ihr zu sagen, +ausserdem wusste er ja, dass sie unter Sittenkontrolle stand. Die grosse +Hanne zog eine hoehnische Fluntsch. Sie hatte das Maedchen nicht begruesst, +als sie eintrat, stand jetzt, einen Arm in die Huefte gestuetzt, und +musterte sie von oben bis unten. Dann drehte sie sich nach der Thuer zu: +"Ich muss jetzt raufgehen. Es ist meine Zeit." Sie beschaeftigte sich sehr +viel mit der jungen Prostituirten, ihren Toiletten, ihrem Thun und Lassen. +In ihren Gedanken stand sie weit unter ihr; sie war ein anstaendiges +Maedchen. + +Lene pustete sich in die Finger. Sie war immer ein bischen genirt, so +lange die Grosse da war. "Kalt ist's. So'n Weihnachten! Lustig sein! Wir +wollen Klavier spielen." + +Sie hatte sich an's Klavier gesetzt. Ein Tanz wirbelte hervor unter ihren +flinken Fingern. + +Niemand tanzte. + +"Das ist nichts." Sie stand wieder auf, schloss den Deckel. Sie naeherte +sich Fritz Kuhlemann, kraute mit der Hand den untern Teil seines rothen +Schopfes: "Na Du?" ... Die ganze gewerbsmaessige Schmeichelei ihres Berufs +lag in dem Ton, vielleicht noch mehr. "Bist so eklig heut', geh! Spendirst +mir nicht mal was?" + +"Seh' ich Dir nach Spendiren aus?" Man hoerte die Leidenschaft aus seiner +Stimme. Diese Liebkosung einer Frau stachelte ihn. Er verschlang sie mit +den Augen. + +Sie hatte sich auf seinen Schoss gesetzt. "Armer Kerl! Keine Chance. So +viel Pech gehabt." Er zerdrueckte ihr die Lippen mit einem brutalen Kuss. +"Du - frech biste!" + +Sie sah den Fuhrmann an. Dieser Mann haette sie geheirathet. Er hatte vier +Kinder zu Haus. Aber ihr graute vor der Langeweile. Ihr Vogelgehirn +arbeitete schon auf einer andern Spur wieder, sie hatte den Fremden +entdeckt. + +"Wer is denn der?" fragte sie Frau Matzke. + +Die Frau zuckte die Achseln. + +"War der Josef hier heute?" + +"Er ist eben fort." + +"Ach darum ..." Das Maedchen kannte die Leidenschaft der Freundin. Der +schoene Tapezier haette ihr auch gefallen. Sie seufzte. + +"Oed' ist's heute. Ich bin vorher gegangen und hab' mir die Christbaeume +angesehen. Christbaeume, das ist so ruehrend. Einen ganz grossen sah ich mit +Lametta wie Haare. Das moecht' ich haben." + +Sie hatte sich wieder an's Klavier gesetzt. Ein Weihnachtslied klang aus +den Tasten. + +"Huebsch war das, die Engelchen und Schaefchen in der Krippe. Ich hab' das +mal gesehen, wie ich klein war. In der Kirche." + +Sie wandte sich wieder an Kuhlemann. "Sag' mal, Du hast nicht einen Nickel +fuer mich? Zu einer neuen Schleife fuer den Ball am Sonntag. Kommste mit zum +Ball, Schaetzchen?" + +Er drehte ein zerfetztes Portemonnaie um vor ihren Augen: "Da sieh." ... +Der Fuhrmann warf einen Thaler auf den Tisch. Hart klang das Metall auf +der Holzplatte. Alle sahen auf. Frau Matzke hatte ihren Besen, mit dem sie +die Scherben zusammenfegte, hingestellt. + +Die Lene war naeher gekommen wie ein naschhaftes Kind. Der Thaler lag da, +und blinkte - brutal, schmutzig gleissend. Sie sog lang den Athem ein. + +"Du ruehrst nicht dran!" schrie Fritz Kuhlemann. + +"Wenn man selber keinen Pfennig hat, hat man nichts dreinzureden," +entschied Frau Matzke schneidend. + +Der Andre wartete, schwerfaellig, lauernd, wie ein Jaeger, der das Wild in +der Falle hat. + +"Ich schlag' ihn todt!" + +Ein scharfes Lachen der Frau traf den Burschen wie ein Hieb. + +Das Maedchen war wie ein luesternes Maeuschen noch naeher gekrochen. Die +feinen Zaehne blinkten zwischen ihren gespitzten Lippen hervor. + +Der Trunkenbold machte einen scheusslichen Witz: "Wer das Geld hat, hat +das Recht," bestimmte Frau Matzke. + +Sie streckte die Hand aus. + +Ein gurgelnder Laut wie Tigergebruell entrang sich der Brust des Burschen. + +Der Fremde hatte die Hand auf den Tisch gelegt. Diese feine, blasse, +blaeulich geaederte, abgezehrte Hand bedeckte das Geldstueck. Sie bildete +eine Weisse auf der mit Bier- und Fettflecken besudelten Tischplatte. + +"Komm' zu mir!" sagte der Fremde. + +Er hatte sich aufgerichtet. Er stand ganz gerade. Die andere Hand, die +nicht das Geldstueck deckte, streckte sich gebietend vor. + +"Komm hierher!" befahl der Fremde. + +Sie kam. Sie gehorchte. Wie mit durchgeschnittnen Flechsen schleppte sie +sich. Sie kroch. Ploetzlich schlug sie beide Haende vor's Gesicht, mit einem +dumpfen Schmerzenslaut sank sie in die Knie. + +"Nimm Dein Geld!" + +Der Fremde hatte den Thaler ergriffen. Er schleuderte ihn nach der Thuer. +Das Silber schlug hart auf, kugelte sich im Weiterrollen. Der Fuhrmann +bueckte sich gierig danach und verschwand. + +Fritz Kuhlemann stand mit unter der Brust gekrampfter Hand. Es war der +Blick des Moerders, mit dem er sah, der Bestie, des wilden Thieres. + +"Geh!" + +Er ging. + +Der Trunkenbold lachte auf mit einem haesslichen Gluckser. "Ein +Schmatzchen, Haseken. Du - Du ..." Er griff schwankend in die Luft. Es +reichte nicht mehr, wie ein Bleisack sank er schwer zusammen. + +"Leg ihn schlafen," sagte der Fremde. Das Weib schnellte gegen ihn an wie +eine gereizte Viper. Dann gab sie der schnarchenden Masse einen +veraechtlichen Fussstoss. "Vieh!" + +Sie stiess ihn gegen die Kammer mit rachsuechtigen Pueffen und Tritten, dann +nahm sie ihren Besen und kehrte wuethend. + +Die kuehle Nachtluft strich durch den schweren Fuseldunst. Alle Lampen +brannten. An den Waenden hingen patriotische Bilder, Reklameschilder mit +Emblemen der Arbeit, eine schwere Faust, die den Hammer emporhaelt, einem +Tischler an der Hobelbank. Jemand hatte allerlei Unflaethigkeiten +angeschrieben. Dazwischen machte sich ein widerliches, suesses +Moschusparfuem fuehlbar, der von dem Maedchen ausging. Sie hatte die Haende +vom Gesicht genommen. Sie schielte zwischen den Fingern wie ein unartiges, +gescholtnes Kind. Es erschreckte sie, dass sie so allein waren. Sie +begriff nicht. "Sie sollen nicht weggehen! Der Dicke wuerde mich heirathen. +Vier Goehren hat er zu Haus. Hundertundfuenfzig Mark im Monat und die ganze +Einrichtung. - So Einer; der's Einem hinterher alle Tage vorwirft! +Zweiundvierzig Jahre ist er schon, krumm wie'n oller Zumpelbaer. Der drueckt +Einen ja todt. Taps, daemlicher!" + +Sie lachte leichtfertig, ihre blonde Maehne schuettelnd, die Augen +eingekniffen. + +"Der Andre, Wernicke, der ist ein ganz Feiner. Gestaerkte Hemden traegt er +sogar am Alltag. Er kriegt auch einen guten Lohn bei Krueger. Er ist der +Erste da, der Alles allein macht. - Dieser Fritze! Das ist so komisch. +Komisch ist der!" + +Ihr Lachen rang sich auf in hellen, klingenden Trillern. Sie lachte, dass +ihr die Augen uebergingen. Ihr ganzer Koerper krampfte sich unter dem +Lachen. + +"Alle Leute haben mich gern, weil ich immer lustig bin. Und Kinder! - das +is immer Leneken hier, Leneken da! Wir haben eine alte Frau im Haus, die +lahm ist und zu Bett liegt. Ich bringe ihr Kaffee und Chocolade. O, ich +thue auch das Meine. + +"... Wie die vornehmen Damen, die aus dem Wagen steigen, die Naesen kraus +ziehen.... Beten und trocknes Brot und Arbeit. Als ob wir's nicht wuessten, +wie die's treiben! + +"Warum ist denn Unsereins schlecht? Weil's einen schlechten Rock anhat, +einen billigen Hut traegt. Die sind nicht besser wie wir! Pfui!" + +Sie spuckte aus. + +"Einen Spatz hatte ich mal, den ich unter'm Baum fand. Hier im Kleid unter +der Brust trug ich ihn. Den schlugen mir die Jungen todt. + +"Schweine sind die Maenner! Ach, solche Hunde! Hunde! Nicht mal Geld geben +sie Einem. Aber schlagen! Sie stehlen's noch von uns." Ihre Faeuste +krampften sich megaerenartig. Das junge Gesicht wurde erdfahl, verzerrt. + +"Ich hab' Klavier spielen gelernt. O, ich hatte mal Einen in der +Georgenstrasse. Der war sehr gebildet. Sogar Verse hat er auf mich +gemacht. 'Du hast ja die schoensten Augen, Feinsliebchen, was willst Du +noch mehr?'" + +Sie wiederholte die Worte liebkosend, den Oberkoerper wiegend wie im Tanze. +Sie blaehte sich eitel. + +"Warum sprichst Du nicht mit mir? Wenn ich einen Vater gehabt haette, eine +Mutter, kleine Kinder - - - + +"Ich bin ganz zufrieden. Was kommt auch drauf an? Man schlaegt's so um die +Ohren. Lustig gelebt und froehlich gestorben, das ist dem Teufel die +Rechnung verdorben. + +"Tanzen, Zuckerzeug, fein riechen! Huebsche Kleider! + +"Eine Freundin von mir ist im Spital gestorben, Becker's Lene, die lange. +Sterben ist graesslich. Huh! Huh!" + +Sie fing wieder an, ihr Gesicht zu verstecken. Sie rutschte auf den Knieen +hin und her. Sie gab kleine Toene von sich, wie ein gescheuchter, +flatternder Vogel. "Du machst mir Angst. Sprich doch. Guck mich nicht an! +Guck mich nicht an!" + +Sie streckte beide Arme aus, wie unter dem Schrecken einer Erscheinung. +Sie bog den Kopf zurueck. Ihre Augen weiteten sich starr. "Ich bin mal in +der Wiese gewesen. Blumen wuchsen so reinlich mit weissen Gesichtchen. Auf +dem Teich fuhren Schwaene. Gruener Wasserliesch schwamm. Wo sie fuhren, +wurden dunkle, tiefe Flecken. Das hoerte man gar nicht. Ueberall theilte +sich der Sumpf. Klar war's und dunkel ... + +"Ich will Dir noch etwas sagen, was kein Mensch weiss. Ich haette ein +Kindchen gehabt, aber es ist nicht zur Welt gekommen. So gross war's, todt +und feucht. Es haette nicht gelebt und nichts zu essen gehabt. Mein kleines +Buebchen! Mein todtes, kleines Kindchen! + +"Manchmal denk' ich, die Sterne, wenn die so funkeln, dass man dort sein +koennte. Alles weiss an mir runter." ... Sie strich an sich herunter mit +glaettenden Haenden. Sie strich, als ob sie all' ihre Gewaender abstreifen +wollte. Wie im Fieber gingen die duennen streichenden Haende. ... Das +Haelschen ueber den zarten, fallenden Bruesten reckte sich wie ein +Lilienstengel. Eine Blaeue war in den Augen, die nicht mehr vom Leben war. +Die Lippen seufzten wie die Jemandes, der trinkt. Sie trank - trank - +trank. + +Der Fremde sagte nichts. Seine Hand legte sich auf diese junge, noch +weisse Stirn. Zart und guetig lag sie, ganz leise. + +Unter der Hand sank die Frau zusammen. Sie wurde klein. Sie wurde ein +Wurm, der sich am Boden schleppte. + +Sie weinte. Sie drueckte sich ganz dicht an seine Fuesse. Ihre Thraenen +tropften auf seine Fuesse. Ihre blonden Haare hatten sich geloest und fielen +ueber ihr gebeugtes Haupt und seine benetzten Fuesse. Er ruehrte sich nicht. +Sie weinte - weinte. + +Frau Matzke war mit dem Besen in der Hand in der Schlafzimmerthuer +erschienen. Sie stand da mit einem harten, steinernen Ausdruck, +unbeweglich. Man hoerte das tiefe, roechelnde Schnarchen des Trunkenbolds, +unschuldige, tiefe Athemzuege der Kinder. + +Jemand wartete in der Strasse mit einem weissen, elenden Gesicht. Er hatte +die ganze Nacht gewartet. Nun war es Morgen. + +Der Fremde rief den Burschen. Draussen begann schwerfaellig, schlafbetaeubt +das Leben sich zu regen. Lastkarren fuhren muede. Einzelne dunkle Gestalten +huschten. Man sah die lange graue Breite der Strasse mit Haeusern zu beiden +Seiten, unzaehligen Fenstern und Thuerluken, unter dem trueben Himmel, von +dem es leise wie Thau tropfte. + +Der Fremde wies auf die weinende Frau: "Geht!" + +Sie gingen. Sie geknickt, an seine Schulter gelehnt mit schwankenden, +irren Schritten. Er hochgehobenen Hauptes, sehr ernst und sehr gerade. + +Frau Matzke in der Thuer ihres Hauses sah sie sich entfernen. Sie sagte gar +nichts. Sie nahm ihren Besen wieder auf und fegte. Man sah die Silhouette +ihres gebueckten Rueckens, die wuethende Wucht der Besenstoesse, mit denen sie +den Staub aufwarf und in die Schaufel schob. + +Sie fegte. + + + + + + DAS DRITTE KAPITEL. + + +Man fuerchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser wuerde. +In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab +Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten +Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das +einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man fuehrte den Krieg mit +diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das +Verhaeltniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau, +die Gewohnheit des haeufigen Zusammentreffens hatte einen foermlichen +kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmaessig +wiederkehrenden Witze. Man haette sich fast vermisst, wenn man sich nicht +vorgefunden haette. Der Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria +dazwischen mit einer ganz kleinen Huendin, einer proletarischen Mischung +aller Rassen, die von jeder die Haesslichkeiten angenommen hatte. - +Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als +Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genaehrte, bourgeoise Ruhe +und Anstaendigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Huete der +Genossinnen. Die Frauen ueberhaupt draengten sich vor, zeigten sich +aufgeregter als die Maenner; es war bekannt, dass einige der Fuehrerinnen +eine Zunge fuehrten, die ihre maennlichen Kollegen im Schach hielt. + +Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da +Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thuer mit ihren +breiten Rueckseiten. Sie warben fuer ihren Verein, ueberwachten den Verkauf +der Zeitungen und Broschueren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet +lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstuetzung armer Abgeordneter +feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten, +sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Koepfen, die +auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees, +der gegen die Tribuene andraengte, sich staute. Man erwartete den Anfang der +Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine +lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinaere, gelbe Gaslicht. - Es +waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Haeringe verzehrten, Andre +sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten +Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem +Apostelkopf stand neben der Thuer. Er sah krank aus und blickte mit +glaenzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares +saehe. + +Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel +waeren. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen. +Einige Studenten waren augenscheinlich fuer einen Ulk hergekommen. Es waren +Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung +ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr +guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismaessig. + +Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss +mit Gold, rothsammetner Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt. +Es war nicht schlechter wie fuer die Bourgeois bei aehnlichen Gelegenheiten, +man war hoeflich und kam in weissen Handschuhen. + +Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jaehrlich +wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung. +Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen wuerde. Der Protest geschah rein +berufsmaessig, aus Princip. Und man wusste, dass es fuer Jahre so gehen +wuerde. Die Aufregungen, das Maertyrerthum, aber auch die Hoffnungen der +ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt, +fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte. +Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen, +ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber +auch nicht die Aussicht zu siegen; man "entwickelte sich". + +Zurufe begruessten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz +kleinen Maennchens. Alles das ging rasch, wenig theatermaessig. Nur das +Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er draengte sich an den Bewunderten, um +seine Hand zu schuetteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn +sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: "Wir gehoeren +zum Haus", die Unberufene einschuechtert. Nun wurden die Formalitaeten rasch +erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt +hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich +jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll +zum Ersticken. Es waren Maenner zumeist, Maenner mittleren Alters. Die +Jugend, wie ueberall, zog es vor, sich zu amuesiren. Oder man liebte +Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine +wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach. + +Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine +Jugend gefaehrlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewoehnt, fuer den +Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen +Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. - Im +gleichmaessigen Tonfall flossen die Saetze, periodisch, deutlich hoerbar in +der geuebten Stimme des Redners bis an's aeusserste Ende des Saals. So war +er sachlich geworden, ein Typus, wie so mancher Andre, den die Gegner fast +vermissen, sich mit Ruehrung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr +da ist: So focht er, und so fuehrt' ich meine Klinge. - Auch die Rede hielt +sich genau in den Grenzen. Ein Rueckblick auf die immer sich steigernden +Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue +Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen fuer +die Soehne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionaeren +Bewegung. Wieder der gefaehrliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl +- sie! + +Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Groesse. Der Redner +hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angefuehrt, von Moltke, +Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste +in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie +alle Kriege! Wir brauchen keine kuenstliche, gewaltsame Schoepfung, um uns +maennlich und kraftvoll zu erhalten. - Ein Ausruf begleitete diese lange +Liste von Blut, Verstuemmelung, Asphyxie, Marter, - ein Schrei des +Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen, +mittelmaessigen Masse. _Sie_ waren diejenigen, die sein mussten. Sie wuerden +sein. Da war die Groesse der Partei, das Selbstbewusstsein des thaetigen, +unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen, +demokratischen Zeit. Und das wird bleiben. + +Ein frueherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung +aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber +ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Laengeren seine Ansichten. Er +glaubte an Gott, war koenigstreu. Seinen Traum bildete eine Art +christlich-sociales Koenigtum. Man hoerte zu, nicht gerade unhoeflich, aber +ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag +etwas Gefaehrliches in dieser hoeflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft +gehoert. Man glaubte sowas nicht mehr. + +Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glueck, die +Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses +Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natuerlicher Grundlage, +freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von +naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen +zu, pfiff, trampelte mit den Fuessen: "Schliess auf! Halt' die Schnauze!" +Man wollte das nicht, man war Polizei fuer sich selbst. Wenn Einer das +Martyrium der Laecherlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer fuer +ihn selbst. Sie schuettelten sich das von den Rockschoessen. Sie hielten auf +ihre neue, sauererworbene Respektabilitaet. + +Der Verhoehnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kraenklichen +Laecheln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelaechter die Tribuene +herunter. + +Die Versammlung loeste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete +wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfaeltig in einen +gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant +laechelte gutmuetig mit Bezug auf den letzten Redner. "Verrueckter Kunde! Wir +lassen ihn laufen" ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war +nichts zu machen. Und er war ungefaehrlich. - Beide Gewalthaber schieden im +besten Einvernehmen. Haetten sich die Machtverhaeltnisse eines Tages +umgedreht, diese Gegensaetze wuerden ruhig in ihren beiderseitigen +Functionen bleiben koennen. Es waere dasselbe gewesen. + +Der Pastor vereinigte sich mit dem beruehmten Fuehrer. Er sprach eifrig auf +ihn ein. Mit einer gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach ihn +der Andre nicht. Schliesslich - diese Leute thaten seine Arbeit. + +Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er stand da und sah sie an. + +Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und der Pastor. Auch die Polizisten +sahen ihn. + +"Wer war der Mann?" fragte der Pastor. + +Der Abgeordnete zuckte die Achseln. "Ich kenne ihn nicht." Er hatte Eile, +nach Hause zu kommen. Er musste sich schonen. + +"Ein grosser Mann," sagte der Johannes ekstatisch. Ihn fror. Er stand da +am Ausgang und hatte die Haende in die Taschen gesteckt und sah ihm nach. +Seine Backenknochen gluehten. Er musste husten in sein Taschentuch. Wenn er +es wieder herunternahm, war es immer voll Blut. Er wusste das schon. "Was +er sagt ist wahr. Er versteht's." + +"Ein grosser Mann," sagte der Fremde. + +Die ganze Masse schob an ihnen vorueber. Die Veteraninnen sprachen sehr +laut. Sie hatten die Kasse abgeschlossen und entruesteten sich ueber wieder +einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine wollte sich noch zu Hause Puffer +backen. Sie gaben Parolen aus fuer den naechsten Tag und Rendezvous in den +Vereinen. Die Studenten wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantitaet +hatte ihnen nicht genuegt. Man war froh, sich zu bewegen, die Beine +auseinander zu setzen, nachdem man drinne eingepoekelt gewesen war wie +Poekelhaeringe. Einige Damen riefen nach einer Droschke, sie gehoerten zur +Frauenbewegung und besuchten dergleichen aus Princip. Man truppte +zufrieden nach Haus. Man hatte seine Pflicht gethan und ihr Haeuptling +hatte seine Sache gut gemacht. Es gab Keinen, der ueber diesen Mann ging, +und die immer zunehmende Stimmenzahl bei den Wahlen. Das war das grosse +Kampfmittel. Es liess sich nachrechnen, wie das stieg von fuenf Jahren zu +den naechsten fuenf Jahren. + +Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen ganz duennen, kleinen +Sommerpaletot und ging, als ob er gar nicht wuesste, wo er waere. Seine +vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden und den Johannes. Es lag eine +nachdenkliche, zaertliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder als ob er +sich entschuldigen wollte, dass er anfragte - aber man wusste nicht, ob er +ueberhaupt wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah hungrig aus, +mehr vom Hunger des Geistes, als vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas +von einem Kind, oder auch von einem huelflosen getretnen Thier. Er seufzte +und blickte in das Laternenlicht. "Es ist schon elf Uhr," sagte der +Anarchist. + +Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. Er hatte einen +sehr weichen, hellen gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem Kopf +abstand. Seine Haare fielen gerade ueber seine Ohren und waren lange nicht +geschnitten. Wenn er sprach, laechelte er jedesmal, ein schuechternes +Laecheln, wie von Einem, der im Unrecht ist und doch etwas Gutes und +Wichtiges sagen moechte. Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von +einem Wurm, und huepfte zuweilen auf einem Fuss, als ob er stolperte. + +Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im +Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrueckt hatte, der so gut +sprach, eine Stimme war, auf die man hoerte, fuer die armen Leute. Die +gebildeten, sachlichen Saetze hatten ihm imponirt. Sicher! Das wandte sich +zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er +trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht +thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fuehlte seine Lungen +brennen und flattern unter ihr. + +"Es ist immer am schlimmsten des Abends," entschuldigte er sich. + +"Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch +die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen. +Das ist bewunderungswuerdig fuer solch' einen Mann!" + +Er war ruehrend in seiner Zaertlichkeit fuer diese Stimme, den Mann, der +sprach, waehrend er nur husten konnte, unnuetz sein Blut ausspie, in das +Taschentuch, das sich faerbte, klebrig wurde zwischen seinen duennen, +fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen +durch die harte Arbeit, roher, oberflaechlicher, als durch die Krankheit +von innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte. + +"Wir werden es ja nie erleben," sagte er friedlich. "Aber die Andern, die +nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag. Sie +koennen nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die +Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Voelker sind Brueder. Man +arbeitet. Man lebt" ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den +Andern den Anblick seiner Schwaeche zu ersparen. + +"Ich - ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es +sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von +selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf +unsrer Seite. Nur Zeit braucht's. Man hoert. Man liest Buecher. Die Vernunft +muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die +Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es +wirklich ist. Man kommt vorwaerts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die +Gerechtigkeit muss aufkommen." + +Alle diese kleinen Saetze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von +Hustenanfaellen unterbrochen, die ihn quaelten, seinen Koerper schmerzhaft +zusammenkruemmten, wie aufgespiesst an einer gluehenden Nadel. + +Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwaerts. Es trieb sie ohne ihren +Willen. Vielleicht wussten sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau +in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine +wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von +Geld: "Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fuenfundvierzig +muesste man haben." Ein junges Maedchen trug einen grossen Carton. Sie +trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich laermend +stiessen. + +Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd. +Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine braeunliche, zaehe +Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der +Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte +Billard. Man sah die grauen Hauswaende feuchtigkeitstriefend mit +Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit +mueden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in +Schatten ... + +"Man muesste es machen wie die Thiere," sagte der Anarchist. "Thiere sind +klueger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. - Aber es +giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und +mit den Haenden in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Koenigin Luise +gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine +weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu +mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser +Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen." + +Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, unglaeubiges Lachen. Es sollte +um Entschuldigung bitten fuer ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab so viel +Dinge. Er wusste nicht ... + +"Man fuehlt sie, wenn man nicht viel gegessen hat. Und Jeder fuehlt sie auch +nicht. Manche Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum Beispiel, +ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann denke ich ueber Alles nach. O, es +giebt sehr viele Sachen! Wenn man wuesste ... Vielleicht ist es auch nicht +gut. Man muss essen. + +"... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. Sie wissen alles Moegliche, +diese Kleinen. Aber sie koennen nichts sagen. Die Todten koennen auch nichts +sagen. Viele glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tode giebt. Nun, +diesen kann man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade, wem es gezeigt +wird. Und Viele wollen auch nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an +eine Seele." ... + +Nervoes, schuechtern sagte er das, mit einer schweren, etwas singenden +Stimme. Er war wohl gewoehnt, dass man ihn oft fuer verrueckt hielt. +Vielleicht war er auch etwas bloedsinnig. Aber das waren seine Geheimnisse. +Er war stolz auf sie andrerseits. Oft erfuellte ihn eine schlechte +Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre Leute vor, eine strahlende +und durchgeistigte Persoenlichkeit. Haeufig war er auch traurig und +verachtete sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger und die Gedanken +hielten ihn wach des Nachts. + +Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, wo die Strasse aufhoerte. +Gerade ueber diesem Platz stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken. +Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch ueber ihn her. Manchmal versteckten +sie ihn ganz. Dann war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war am Rande +ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz von ihnen befreit war, zeigte sein +Rund schwarze Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwaemme. Diese Wolken +zogen sehr rasch und wechselten ihre Form fortwaehrend. Manchmal waren sie +Kameele, huepfende Kaenguruhs oder grosse Schildkroeten. Oder auch nur +Daempfe, gezupfte Watte. Auf dem Trottoir kaempften die Laternenstrahlen. +Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte hin und her. Metall blinkte +zuweilen oder eine Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse Kanten +von Gesims oder Mauern leuchteten urploetzlich auf im Dunkeln. Festes +schien zu gleiten und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die Stadt, +Dach an Dach und Schornstein ueber Schornstein. Aber das fratzenhafte, +luegnerische Wesen liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte. + +Eine letzte Pferdebahn hielt am aeussersten Ende des Platzes. Die Pferde +waren noch nicht eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher mochte +wohl einen Schlaf halten im Innern des Wagens, bis seine Zeit war. + +Sie waren alle Drei stehen geblieben. + +Die beiden Maenner sahen den Fremden an. Sie sahen ihn an, als ob sie +warteten. Sie standen da und warteten, froestelnd, etwas benommen, +zwinkernd in das Halblicht ... + +Der Eine war halb aufgefressen vom physischen Leiden. Den Andern trieb die +Rastlosigkeit vorbei und weiter. + +Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas bloeden Augen von einem +unbestimmten, sanften Grau mit gruenlichen Lichtern, Augen von +Nachtthieren, die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, weil ihr Funkeln +irrefuehrte im Dunkeln, - Schultern, die getragen hatten, und zu hohe, +weitoffene Stirnen ueber fliehenden, demuethigen Unterpartien gutartiger +Hunde. + +Sie warteten. + + + + + + DAS VIERTE KAPITEL. + + +Er ging auf's Land. + +Er kam durch Doerfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse. +Oder eine andre zweigte sich ab vom Muendungsplatz, sehr ausgefahren, in +einer flachen Traenke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen, +primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab aermliche +Haeuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen +Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thuer hatten; +weisse Gardinen umrahmten die Fenster ueber bluehenden Toepfen. Recht in der +Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten +begraben, eh' man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgueltiges +Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach dem verwitterten Holzthurm. +Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen +Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem +Wirthshaus stand irgend ein hundertjaehriger Baum, eine Ulme oder Linde. +Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man +hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste +noch gruene Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen +dachten, dass sie etwas Heiliges waere und das Glueck ihres Dorfes davon +abhinge. Die Huehner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte +friedlich neben den Menschen. Die Kuehe tranken aus der steinernen Traenke +am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres +Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg +kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder +sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Fuessen. +Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie +muede waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar +nichts, und sahen ihm nach. + +In den Feldern war man an der Arbeit. Maenner stiessen die Pflugschar, +langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein +Schattenriss abhob vom grauen Fruehlingshimmel. Die Erde wellte sich hier +in grossen Huegeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man +sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er +in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in +runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und +wandte er sich, dem staerkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue, +Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben +gekraeuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete +vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf +Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflueger. - Sie waren geschritten so +seit Jahren. Ihre Vaeter hatten gepfluegt. Die Erde war da, und die Menschen +waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder. + +Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine, +schuechterne Haelmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Kraehen strichen +kraxend ueber die Felder. Ganz oben zogen Schwaerme wilder Gaense in +mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie +brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden, +Vorgeborner, Eddabewohner. + +Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige. + +Sie wohnten dicht zusammengedrueckt in Thaelern oder an den Abhaengen. Die +Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit +breitem, fichtenbestandnem Ruecken, oder sie trugen Laubwaelder, braun und +gruen, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestruepp, ganz +jungen Hoelzern bestanden, zwischen denen man Korn gesaet hatte, um den +Boden fruchtbar zu machen. Schneisen oeffneten Ausluge in gruene Wirrnisse, +neue Seitenthaeler und auf hohe ernste Waende. Am Wege rankte +Brombeergestraeuch und man sah zwischen Farrenkraeuter wie in gruene, +niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen haetten spaziren koennen, Thau +schluerfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben +Bluethenruesseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen +geschichteten Wuerfeln. Jedes Stueck trug den Stempel, die Nummer. Manchmal +aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Graesern kam ein +Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille +Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden. + +Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich draengte, Hof neben +Hof, stattliche Hoefe mit rothen Ziegeldaechern und steinernen Staellen, +weiter Einfriedigung fuer das Gelaende. Obstgaerten bildeten den Reichthum +der Gegend. Selbst das Vieh war schoener, fett und glatthaeutig, wie die +Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Muetzen, +weiten Roecken und verschnuerten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule +steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man +sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und +wuenschte nicht, dass eine Vermischung stattfand. + +... Manchmal ging er sehr frueh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser +gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der +Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie +ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun mit stumpfen +Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzaehlige, +unendlich winzige Troepfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen +Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Haerchen besetzten +Oberflaeche. Die Kraeuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fuehlte +die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies +mit einem Geruch von frischer Waesche. Zwischen rothen Steinfassungen einer +Bruecke floss breit ausgelaufen ein Muehlbach. Niemand wusste, ob es regnen +wuerde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thaetigkeit des +Wassers, das filterte, sich einsackte. + +Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten +ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten +sehr schnell in der Beruehrung, wie Tasten eines Klaviers, die man +nacheinander anklinkt, ein Spiel der Staebe, die Zeichen geben, eine +Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung. +Sie schuettelten die Koepfe, rauschten und raunten. + +Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im +Gesicht, den der Wind nach Laune vor- und zuruecktrieb. Graue Huschen zogen +rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen, +wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hoerte das +Klatschen auf nackte glatte Haeute der Blaetter. Aber es kam noch nicht +durch. Sie schuetzten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte, +plaetscherte ... Es regnete. + +Im Fruehlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien +ohne Farbe, sehr jung noch, wie eben ausgebruetet, als ob die Eihaeutchen +noch herum waeren, eine Foetuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte. +Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Gruen wurde grell, fast +giftig. Die Blumenkronen schienen groesser, vom Wasser beschwert. Fast +schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer +Schweissgeruch des Bruetens lagerte. Unter den Steinen hoehlten sich Loecher. +Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brueche zeigten +sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen +schlugen sie. + +Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein +Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass +man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen +ein und vergroesserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das +Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell ueber Saiten +laeuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die +Regenstriche schienen blank und spruehend. Einen Moment funkelte Alles. Ein +Regenbogen stand sicher geschwungen ueber der Landschaft, ein zweiter +verschwamm zitternd im Grauen. + +Die Voegel fingen schuechtern wieder an zu piepen. + +... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am +Waldrand schien sich's zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die +einzelnen Baeume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelruecken, +Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich +unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war, +dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten, +Roethen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwaerts, frass +sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von +Hexenkraft, Raethselhaftigkeit, Unerloestem. Sehr sanft schmiegten sich die +Saaten. - Ein Reh trat heraus. Es aeugte mit merkenden Lichtern, spitzte +die Horcher, eh' es sich zum Aesen bueckte. Dann kamen mehrere. Man glaubte +den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hoeren, wie sie sich +bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler. + +... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blaettchen an Blaettchen faltete +sich in draengender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend +im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun +waren die aeussren, wie duenne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan +haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der +Eier, das man isst. + +Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf +seinen Knieen, aber er las nicht. + +Er sprach zu ihm: "Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du haeltst?" + +Er sprach: "Dieses Buch habe ich gelesen, viele Buecher, alle Buecher der +Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr Wissen ist +Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den +Baum. + +"Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken +Wurzeln, unter der Erde gegruendet wie ueber ihr. Der Mittelstamm reckt sich +stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fuegt sich +mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene +Zukuenftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier +Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht. +Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Hoehlen, wo das +Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in +faechernde Finger. + +"Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des +Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die +mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fuegen +sich in schaerferer Steigung die oberen. + +"Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kraefte, die die Aeste leiten. +Zur aeussersten Spitze des aermlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der +schwaert und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben, grossmuethig und doch +sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend +steht es in der Bluethe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein +Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von +Anfang gegruendet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er +lebte." + +Er sprach: "Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich +Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch +und den Baum und folge mir." + +So folgte ihm dieser. + +Zwei Brueder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort +schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut +mehrten sie taeglich und sie hatten zusammen ein schoenes Haus gebaut, dass +sie dort auf ihrem Eignen saessen und ihre Tage friedlich endeten. + +Sprach der Eine zum Andern: "Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich +mehrt von der Arbeit unsrer Haende, unser Haus fest und stattlich steht? +Wir muessen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben." + +Der Andre sprach zu seinem Bruder: "Ich kenne einen Fremden, der Worte +weiss staerker wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern +fassen es nicht, die staerker sind wie unsre." + +Er sprach, der der aeltre Bruder war und der Weiseste von Beiden: "Diesen +Mann muss ich hoeren. Und wenn ich alle meine Gueter dahintenlasse, was das +Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich +habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn +Haeuser bauen, die der Sturm einreisst." + +Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf. + +Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von +nachdenklicher Gemuethsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein +Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt, +ist etwas vom lieben Gott und Schoepfer selbst, der die Welt geschaffen +hat. Er haelt in seiner Hand Thon und Moertel. Was er baut, soll fuer Jahre +und Jahrzehnte sein, wohlgegruendet und ausgemessen in allen seinen +Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt +unter zu schwerer Belastung von Schnoerkeln, Pfeilern, buntausgemalten +Fenstern. + +Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde. + +Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der +Rasenhoehe ueber dem Teich, sprach er zu ihnen. + +Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und +Knechte, die streben und hochstehen. + +Von den Thoerichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen +suesse, geheimnissvolle Worte. Und von der Guete der Unklugen, die weiser +ist denn Weisheit und staerker denn Staerke aller Gewaffneten und Starken. + +Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen, +unbewussten, glaeubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen +Meditationen. Muetter hielten sich laechelnd an mit ihren Saeuglingen an der +Brust, die nach der naehrenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit +ihren rosigen Haendchen. + +"Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist ueber dem Gesetz. Alles Gesetz ist in +ihr." + +"Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und +Deines Bruders wie Deins." + +"Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Suende. Der +Gedanke der Wollust schlaegt und beschaedigt." + +"Nicht das Wort ist Luege, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar, +weil Euer Denken Wahrheit ist." + +"Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der +Stein, der geworfen wird und in's Wasser faellt." + +"Und widerstrebet dem Uebel nicht." + +Die kleinen Blumen bluehten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie +koestlichste Seide waren ihre Blaettchen. Die Staubfaeden standen wie +brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf gruenen Stengeln +trugen sie ihre Haeupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren +Dueften und die Winde trugen ihre Samen. Die Voegel kamen sorglos und +pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mueckchen, Kaefer, +Gewuerme - ein tausendfaeltiges Leben. + +"Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige +erfuellt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schaetze. Die +Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen." + +"Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in +sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stuerme, Hass der +Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der +Welt steht der Mensch, der die Welt in sich traegt. Gott ist in Euch und +Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein koenigliches Volk, ohne +Koenige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind." + +Sehr schoen war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund, +dem die Worte entstroemten, die Haende lang und fein mit heilender +Beruehrung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die +Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich ueber ihn, blau, ganz blau, in immer +lichterem Blau bis zur laechelnden Sonne, ueber die Erde gestellt mit +gruensammetnem Rain, - einen Koenig im schlichten Bettlergewand, einen +Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns. + +Die Leute kamen von weit, ihn zu hoeren. + +Etliche sagten: "Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehoert, so oder +so." - Aber sie hatten viel zu thun und gingen. + +Viele sagten: "Das ist Alles Luege. Traeumereien sind das." - Sie erklaerten +lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhoeren der Militairlasten +oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Gueter anders vertheilte. + +Sie waren die Kluegsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie +sie vorher gethan hatten. + +Und war Niemand, der ihn verstand. + + + + + + DAS FUeNFTE KAPITEL. + + +Es begab sich, da er muede war, setzte er sich nieder an einem Brunnen. + +Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige hingen tief wie feine +wehende Schleier. In der gemauerten Hoehlung hoerte man es murmeln vom +schwaerzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras ringsum war gruen, sammetgruen +mit Schatten, wie der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille war +in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die der Nacht vorangeht, denn +es war Abenddaemmerung. Nur die Heimchen zirpten. Man hoerte das Locken der +Voegel, aber befriedigt, nur mehr wie ein Glucksen. Die Winde auch kamen +sacht, mit etwas lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen. + +Er setzte sich auf die Steinbruestung des Brunnens. + +Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt eine Reitgerte in der Hand. Der +Saum ihrer grauen Amazone fegte schleppend den Boden. Sie fuehrte ein +weisses Pferd am Zuegel. Es trat so leicht auf, dass man seinen Hufschlag +nicht hoerte, den Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemuehen, die +Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte leise aus rosa feinen Nuestern. +Ein Windspiel sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen wie +liebkosend seinen schmalen spitzen Kopf in ihre haengende Hand. Sie ging in +tiefen Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten gewunden, weit unten +im Nacken aufgesteckt, als ob sie zu schwer waeren fuer ihren schmalen Kopf. +Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur Erde gerichtet, wie wenn sie +suchte. Sie suchte mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte auf +dem Boden. Der Hund lief neben ihr und sah sie an. Er versuchte ihre Augen +zu fangen. Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging und fuehrte +das weisse Pferd am Zuegel. Ganz weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein +edles, geduldiges, sehr feines Thier. + +Gerade ueber die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass. + +Sie seufzte. Gegenueber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht. + +Sie hob die Augen auf und sah ihn. + +"Warum bist Du ungluecklich?" fragte der Fremde. + +"Ich bin ungluecklich, weil ich gluecklich bin. Ich habe Alles, was die +Menschen Glueck nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine +Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich +anbetet, gute Kinder. Doch bin ich ungluecklich. Ich gehe zu diesem +Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich aufloest in dem der +Natur, der ueber diesem Ort lagert. - Warum ist sie ungluecklich?" + +"Weil sie sterblich ist und vergaenglich." + +Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie +leichte, faltige Frauengewaender und fielen zusammen. Der Hund schob +liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage +der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das +Wasser. "Sind wir es nicht auch? Vergaenglich und sterblich? Der Tod ist in +Allem. Das Schoene hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer +Kraft ist der unsrer Guete. Wenn wir krank sind, sind wir selbstsuechtig, +schlecht, Andre quaelend und gequaelt von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist +der Tod." + +"Es giebt etwas ueber dem Tod," sagte der Fremde. + +"Es giebt etwas," sagte sie in sehr tiefen Gedanken. "Ja, es muss etwas +geben. Man denkt nicht daran, wenn man gluecklich ist. - All' diese Tiefen +- diese Schmerzen! Diese Schmerzen muessen unsterblich sein." + +"Die Schmerzen sind unsterblich." + +"Die Ahnung des Unendlichen - diese Sehnsucht hinaus! Es ist das Beste, +was wir haben. - Es ist sehr schmerzlich." + +"Leiden ist schoen." + +"Ja, es ist schoen. Ich moechte nicht ohne es sein. - Doch die Andern sind +gluecklicher. Warum gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? wenn es +aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?" + +"Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergaenglich." + +"Sie auch, diese Baeume? Die Wehmuth dieser Felder? Es gaebe eine +Vollkommenheit fuer sie? Eine Erfuellung? Wo ist sie?" + +"Ahnst Du sie nicht? - Sieh in die Weite!" ... + +"Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen Zusammenklang, einen verlornen, +fernen. Ich weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Suende: Einer hat Einen +getoedtet. Man toedtet ihn wieder. Er leidet. Ist er nicht erloest? ... Aber +es sind so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, alltaeglich" ... + +"Sie sind weitab." + +Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu ihren Fuessen gelagert, sah sie an +mit treuen, klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die Lichter +fortwaehrend wechselten wie in einem Spiegel. Im Grase weidete das weisse +Pferd. Man hoerte es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen zwischen +starken, hoeckrigen Zaehnen. Und von Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie +wenn es antwortete, als roeche es den Fruehling. + +"Ja, ja," sagte sie athemlos. "Ich weiss nicht. Aber es muss auch sein. +Man quaelt auch Thiere. Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?" + +"Wenn Du wuesstest, waere es das?" + +Sie schuettelte den Kopf. "Nein, man muss es finden, selber in sich finden. +Dann ist es der Friede. Ein Glueck ueber dem Glueck, Erfolg und Schande, +Reichthum und Armuth, - das ist Alles so gleichgueltig. Es ist ueber dem +Allen." + +Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern +strich langsam die Saeume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten +sich in dem Schleier, der ueber die Felder ging. Es war, als ob die Farbe +der Felder in sie eindraenge und es bliebe nur _eine_ Farbe in ihren Augen +und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die +gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels +schmiegte sich wolluestig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel +in kleinen plaetschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in +Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen, +die hoehlen, klopfen. + +"Manchmal fuehle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine haessliche +Kroete. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren +war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu +Gott. Das ist der Weg." + +"So ist es." + +"Ja, ich habe gelebt," sagte sie sehr leise, liebkosend. "Ich habe +gemordet. Ich habe gesuendigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am +Maertyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine +Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. - Ich sah einen Mann einmal. Er +war ein Strolch und ein Moerder. Er auch, war ein Koenig. In seinem Auge las +ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ... +Das ist seltsam." + +"Nichts ist seltsam." + +"Nichts! Nichts!" wiederholte sie inbruenstig. Eine feine Roethe schlug von +ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblaettern. "Gar nichts ist seltsam. +Manchmal in Buechern, in der sehr grossen Kunst fuehlt man es. - Ich habe es +in Felsbruechen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms. +Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia +wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Goetzenbilder +und Michelangelo's Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der +Marseillaise hoert man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia +suess wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von +Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ..." Sie presste die weiche kleine +Hand gegen die Stirn, an der die Schlaefen flogen wie unter Haemmern einer +Schmiede. + +"Warum denkst Du?" fragte er guetig. + +"... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man +versucht, sein Wissen zu erklaeren, _ein_ Wissen fuer Alle, Gesetze sucht, +weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher +wie Maenner! Sie fuehlen. Es ist ihr Koerper, der in ihrem Willen ist, ... +weil Frauen lieben." + +"Und Gott?" fragte er. + +"Gott auch liebt," sagte sie traeumend. "Er hasst nicht. Das Gute ist +dasselbe wie das Boese. Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die +Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. Es ist nichts gut und +nichts schlecht. Es ist wie es ist." + +Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die muede Traurigkeit erschien wieder in +ihrer Haltung, dem Koerper, der sich zurueckbog, waehrend die Linie des +Halses straff wurde. + +"... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht in der Kirche zu beten. +Die Sehnsucht erstickte mich.... Hier ist es besser." + +"Es ist besser hier." + +"Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles muesste mit hinein. Viel, viel +mehr als die alte Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist weit - +weit ..." + +Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten wallten die Nebel. Es glitt +ueber die Felder. Das Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe +schien weitgerueckt, aufgesogen im Allen ... + +Eine Fledermaus strich leise mit unhoerbaren, schwarzen, tappenden +Schwingen. Naeher und wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. Sehr +deutlich sah man die feinen Krallennaegel, zwischen denen die Flughaeute +angemacht waren gleich Stofffaechern eines Regenschirms, den kleinen, +platten Kopf mit spitzen Zaehnchen, die nach Insekten schnappten, sie rasch +zerrissen. Eine Eidechse kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie blieb da +wie angewachsen, horchend. In der Saat putzten sich die Hasen und machten +Maennchen. Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten und +hamsterten leise in sich hinein wie Geizhaelse. Ein Fuchs schlich auf Raub +mit vorgestreckter spitzer Schnauze und fuchtelnder Ruthe. + +Ganz fern quakten Froesche im Feuchten. Von allen Wiesen stieg der Athem +auf. + +Sehr lange sassen sie. + +Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte +in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd. + +"Gehe in Frieden," sagte der Fremde, "Du bist naeher wie die Andern." + + + + + + DAS SECHSTE KAPITEL. + + +Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee. + +Das Geruecht von ihm war naemlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so +dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und +erzaehlten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden +waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche +Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre +Hoffnungen erfuellte, gingen sie nach Hause, ihren Geschaeften nach. Diese +sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche +Wunder unmoeglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und +wuerden sie bestritten haben, wenn sie geschehen waeren. Die Zeitungen +bemaechtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre Leser zu amuesiren. Einmal +tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade +die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefaelschte Interviews +und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war +da ertheilt ueber Himmel und Hoelle mit genauer Beschreibung der Lage und +Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron +stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines +Zimmermanns Joseph Schaeppli aus Bing an der Enz in Wuerttemberg sei. Dieser +Sohn hatte fuer einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel +zu erzaehlen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er +verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er waere +in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Waelder gegangen waere und dort +als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe +Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht waere und predigte. +Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger +Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass +sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das war +uebrigens nichts Seltnes bei diesem schwaebischen Gebirgsvolk, arbeitsam und +verstaendig, aber von schweifender Phantasie, mit einer bestaendigen +Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz +von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgroesse, die in diesen Staemmen +lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und +Schulbehoerden. Wieder Andre hielten ihn fuer einen Wanderprediger aus den +norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, ueber mystische Schwaermer, +Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort +in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese +verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen +Grafen waere. Es that ihnen wohl, das zu glauben. + +Und gewaltig erschuetterte Alle Fritz Kuhlemann's Stimme, eines einfachen +Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Staedten auftrat und +forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und +unter ihnen wandelte. "Denn die Zeit ist gekommen." + +Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhoehungen, Gaben der +Reichen. Andre rechneten auf die Revolution, wo er ihr Haeuptling werden +sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der +Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die +ueber Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schoepferisch, wie +die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fuehlten unter +den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir koennen nicht +wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da +er sein Haupt hinlegen soll? - Denn so sprach er: "Nicht ausser Euch, +sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch, +dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und +des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes." + +Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er +sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. - +Aber das gefiel diesen nicht. + +Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch +gern gesehen haetten. Aber sie wollten sich nicht laecherlich machen. Auch +fuerchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren. + +Diese Landraethin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte +eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus +reichsgraeflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass +auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und +Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen +Theosophie in Mode war, dachte sie, es wuerde sehr interessant sein, den +Fremden einzuladen, ihn ihren Gaesten gleichsam als Curiositaet und zur +Unterhaltung vorzufuehren. + +Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und +ihrem Landrath sehr nuetzlich war, in einem Kreis, wo er vermoege seines +Namens und Reichthums eine hoechste und selbstverstaendliche Stellung +einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur muehsam +erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser +Mann war der alte Prinz Schoenheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der +liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend +mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann +und Schoengeist sich ein Renommee erworben. Seine "Briefe eines Diplomaten" +erregten das groesste Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der +mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknoepftheit +unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast +ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er fuechsische +Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Caesar Borgia im +Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fuersten Talleyrand der Provinz. Seine +Stellung dort war unerschuetterlich selbst nach seiner officiellen +Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und +sein System hinweggefegt hatten. Die Landraethin gehoerte zu seinen +Protegees. Nicht, dass ihre spaerlichen Reize den alten Viveur in +Versuchung gefuehrt haetten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte +das Kuechenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgueltig die Palme +davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es +immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landraethin und ihr +strebsamer Gatte erschienen ihm als gefuegige Werkzeuge fuer seine kleinen +Plaene, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter +witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute +ihn. Er fand es vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf +der Buehne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder +Macht die Adresse. Jeder traegt seine Befugnisse und Eigenschaften wie +aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Buereau fuer Stellenbesetzung, +Vermittlung von Boersengeschaeften, Vademecum fuer Hoflieferanten. Frueher +ging das in's Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in +Schrecken. Man weiss zu gut, was wir _nicht_ koennen. Darum will jetzt +Jeder Alles besser wissen. + +Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften +Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk ueber Buddhismus, den er fuer +die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten +Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Boese, der souveraenen +Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit, +sie war etwas zusammengewuerfelt nach der Mode des Ancien Regime. Er besass +diese Eigenheit der Regierenden, dass er ueber Alles reden und geistreich +reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst +vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur +der Doctor Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so +verwunderlicher, als der junge Mann thatsaechlich ein sehr bedeutender Kopf +war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren +und Mitschueler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Ausserordentliches, +den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stuermer +und Draenger sahen die Andern in ihm, einen grossen Kuenstler. Er hatte alle +ihre Erwartungen getaeuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als +Privatsecretair in die Dienste des Fuersten getreten, der ihn in einer Art +Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen +Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen, +denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen +Lasterhoehlen, den Schmutzpfuehlen ueberseeischer Hafenstaedte hingegeben +haetten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah +achtzigjaehrigen Weltmann und dem zweiunddreissigjaehrigen, prachtvollen, +genialen Menschen erklaeren. Man hatte das ungleiche Paar Faust und +Mephisto getauft, der aeussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben +dem ernsthaften, schoenen jungen Mann, schwerer germanischer Typus, das +sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen +literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden. + +Dies waren die Hauptpersoenlichkeiten, denen die Graefin den Fremden +vorfuehren wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor +wegen seiner buergerlichen Abkunft und sonstigen Anruechigkeit. Aber die +allgemeine Werthschaetzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte +Allmaechtigkeit bei dem Fuersten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein. +Ihre Sauersuesse bei solchen Gelegenheiten amuesirte dann den Alten: "Es ist +wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt +man, nur Maenner haetten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen +Punkten." + +Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: "Wenn Du meinst, +Amelie." ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts, +dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von +seinem Geist und Wirken gehoert, den Wunsch haette, ihn zu kennen und sich +belehren zu lassen. - Hoeflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer +angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares Geld. +Uebrigens lag der Graefin wirklich an dieser Attraction fuer ihren Rout. +Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese beruehmten +graeflichen "geistigen Attractions" vieles Andre, weniger Attractive +verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Duerftigkeit des +Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich +spaet, im letzten Augenblick servirt wurde. + +Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei +schwarze Amseln liefen nach Wuermern pickend neben ihm im Grase. Es schien, +als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor +nachher auf die Hexerei. + +"Ich werde kommen," sagte der Fremde. + +Die Graefin, die es nie verschmaehte, auch ihre Kammerdiener auszufragen, +merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen +symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in's Creme spielend, mit +schwarzen Jetkettenschnueren viermal um den Hals. + +Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle +Sanction ... "Das verstehst Du nicht, mein Freund," sagte sie milde, aber +fest. - "Man wird sich erdruecken." + +Man erdrueckte sich. + +Die Graefin war allgegenwaertig. Es galt, ihren Gaesten das Ausserordentliche +ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der +sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich +gleichzeitig moeglichst gegen ueble Folgen schuetzen, da man es ihr nach oben +hin falsch auslegen konnte. + +Gegen die Einen, die sie fuer freie Geister hielt, war sie frivol, fuer die +Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumuethig, bescheiden, +entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen +gegenueber. "Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie +selbst den Unsinn sehen ..." + +"Interessant" war ihr Wort. Dafuer liess sie sich einen scherzhaften +Faecherschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die +Superintendentin bat sie um ihr Recept fuer schwarzen Johannisbeergelee. +Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulaecheln: "Wie werden wir uns +nachher ueber alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur +eine Farce ist." ... + +"Ist sie nun nicht bewundrungswuerdig?" fragte der Prinz seinen Adjutanten. +"Diese Frau waere bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem +Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Kruedener gewesen. Fuer die Tochter der +Herodias reicht's leider nicht. Sie haette auch da ihr Bestes gethan und +man wuerde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus +andern Gruenden." + +Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an +einem Ende des Saales stand. + +Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden, +lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwaehrend draengten sich die Diener durch +unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren. + +"Eigentlich eine tolle Idee der guten Graefin," sagte die alte Baronin +Steuben, sich Luft zufaechelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und +verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern. + +Ein junges Maedchen erstaunte, dass er keinen Frack truege. Der Prinz +bemuehte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass +es sehr moeglich sein koennte, dieser waere wirklich Christus. Die kleine +Frau begriff nicht. Ihre Augen vergroesserten sich unmaessig. Sie stand +buchstaeblich mit offenem Mund. + +In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den +geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner +war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten. +Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefaehrliches unternaehme, hegte +noch Skrupel ueber die Anrede. "'Meister' ist ja wohl das Officielle?" ... + +"Ach gehen Sie!" + +Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht dandyhaft quer durch den Saal +chassirte. Die jungen Damen kicherten. + +"Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle." Der junge Mann verbeugte sich, +forcirt vorschriftsmaessig die Hacken zusammenschlagend. + +Der Fremde sah ihn an. "Ich moechte mir eine Frage erlauben, Herr ..." Er +zoegerte vor dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass er seine +Vorstellung erwartete. "Halten Sie es fuer Ihren und dem christlichen +Grundgedanken entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?" + +Der Fremde antwortete nicht. + +"Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es steht doch in der Bibel: Du +sollst nicht toedten. Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Boeses mit +Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus das Schwert aus der Hand. +Dennoch zwingt uns das Gesetz." + +"Welches Gesetz?" fragte der Fremde. + +"Nun, das buergerliche, das des Staats, dem wir angehoeren." + +"Du gehoerst nicht dem Staat, der Staat gehoert Dir," sagte der Fremde. + +"Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich werde schuldig gefunden und +verurtheilt, wenn ich mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das Gesetz +ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich thun?" + +"Was Du willst," sagte der Fremde. + +"Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was ich will." Der junge Offizier +war in einen gewissen Eifer gerathen, er nahm sich vor, den Punkt bis zu +Ende zu verfechten. "Wenn mein Wille gegen das steht, was ich soll?" + +"Du sollst wollen." + +"Man zwingt mich. Ich komme in's Gefaengniss. Man behandelt mich als +Verbrecher. Was bin ich, Einer gegen so Viele?" + +"Viele Einzelne sind Viele." + +"... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch Quaeker leisten ja keine +Kriegsdienste, glaube ich? Interessant, sehr interessant!" sagte die +Graefin. + +"Jedes Land hat alle seine Kraefte noethig gegen den aeusseren Feind!" sagte +der Candidat der Theologie, der zugleich Reserveoffizier war. "Ein Land, +das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Koerper ohne Widerstandskraft. Es +entmannt eine Nation, sie ist dann nicht faehig, ihre Ehre zu vertheidigen. +Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums." + +Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in einem besonderen schnarrenden +Ton. Er war auch _fuer_ das Duell und fing ein laengeres Gespraech mit dem +Lieutenant darueber an, "zum Beispiel, wenn Einer mich mit meiner Frau +betruegt. Dann greift schliesslich jeder Holzknecht zur Axt." + +"Aber der Holzknecht ist ein Moerder und kriegt seine fuenf Jahr Zuchthaus," +sagte der Prinz freundschaftlich. "Das ist der ganze Unterschied, mein +braver Langenhahn." + +Natuerlich muessten gewisse Formalitaeten beobachtet werden; der Candidat gab +das zu. Der Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen und +Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, immer gerade mit diesem Falle des +Ehemanns gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen gerechnet. + +"Ich faende es doch einfacher fuer ihn, Beide todtzuschlagen," sagte der +Doctor. + +"O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!" ... Die Graefin flatterte +skandalisirt. + +"Es waere das Logische. Entweder wir haben Faustrecht oder wir haben keins. +Diese Mittelzustaende machen unsre heilige Civilisation so ungeniessbar." + +"Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie sagen!" Die Baronin +schuettelte vorwurfsvoll den Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schoene +Stirn. + +"Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders was die Frauen angeht. +Entweder eine Frau ist ein fuer sich selbst verantwortliches Wesen, ein +Mensch, eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein Stueck +Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus." + +"Aber es giebt doch Mitteldinge." + +"Die sind dann einfach absurd. Ich schlage mich - aber ich gebe ihm +dieselbe Chance. Ich sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die +volle Verantwortung auf. Wir koennen eben nie etwas reinlich durchfuehren." + +"Dann waeren wir Teufel." + +"Oder Engel. Sie haben die Wahl." + +"Ich glaube, _Sie_ haben schon gewaehlt!" Sie wollte damit discret auf +Einiges hindeuten, was ueber seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war. + +"Vielleicht doch noch nicht so ganz," sagte der junge Mann kalt. + +"Es giebt auch noch ein Drittes." + +- "Sagen Sie mal, sind Sie gluecklich?" + +"Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?" + +Jemand, ein aelteres Fraeulein, sagte, dass alle Voelker eine Familie waeren, +Deutsche, Franzosen, Juden. Sie hatte "Die Waffen nieder!" der Baronin +Suttner gelesen und schwaermte fuer Voelkerverbruederung. + +"Das ist doch eine etwas grosse Familie," sagte der Lieutenant von Detten +zu seiner huebschen Nachbarin. "Ich goutire Juden nur allenfalls als +Schwiegervaeter." + +Der Candidat fand, man duerfte nicht Antisemit sein vom Vernunftstandpunkt +aus. Aber man waere es physisch. + +Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: "Wir sind Alle Brueder und +unser Herr Christus kam von den Juden." + +Der Prinz erzaehlte eine amuesante Anekdote von einem Orientalen, einem +befreundeten Pascha, der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen +Klumpfuss hatte. + +Der Blaustrumpf unterhielt sich ueber Frauenfrage mit einem +Gymnasialprofessor. Er hatte einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute +seine Naegel: "Nun gewiss, auch Frauen haben eine Seele," sagte der +Professor zerstreut. "Das heisst - Seele! -" er lachte sardonisch. Er +hatte Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er besann sich. Man hatte +ihn eingeladen, weil er in den Wahlvereinen wichtig war. + +"Man muss das schwache Gefaess in Geduld tragen," sagte der Superintendent. +"Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schoene Beispiele: +Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwaehnt. Echt evangelische +Frauengestalten." + +"Darf man heirathen?" fragte ein sehr junges Maedchen. "Es steht doch in +der Bibel, nicht heirathen ist besser?" + +"Dann wuerde aber die Welt aussterben?" + +"Und das waere sehr schade," sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent +witterte roemische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin +Luther's und seinen gesegneten Ehestand. Die Superintendentin sass steif +mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den uebriggebliebenen Gaensebraten fuer +morgen, ob ihr die Maegde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte +Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen froehlichen +Vierzeilern von Martin "Nonnenfreund". Die Lieutenants secundirten, der +alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor +Anstrengung: "Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!" + +"Ein Bismarck!" + +Der Candidat schwaermte fuer Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas +ablehnend. Fuer die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger +Kopf, der die Consigne brach. Die Graefin brachte rasch das Thema auf etwas +Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war +oft recht taktlos. + +Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere +machen? Siegt mein Gaul beim naechsten Rennen? Wann werde ich meine +Schulden bezahlen? Die jungen Maedchen haetten gern gewusst, ob "er" ihnen +treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? - Die Meisten +hatten so eine Art Taschenspielervorstellung, Tischruecken, Kartenlegen +oder Aehnliches erwartet und waren enttaeuscht. + +Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine +Broschuere ueber das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende +veroeffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fuehlen ueber diese +wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen +muessten in den jetzigen socialen Wirren. Vernuenftige Reform. Aber die +feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autoritaet gewahrt werden. +Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack +fuer weltliche schoene Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur +Goethe'schen Schule. + +Der Candidat war ein Heisssporn. Er war fuer ein sociales Kaiserthum, eine +Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschraenkter +Autoritaet. "Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden." +Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war fuer +High-Church-Reforms. Allenfalls fuer einen deutschen Papst, groessere +Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe +Kirchenakte celebrirend - das haette seiner Neigung entsprochen. + +Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der +Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverraether. +Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er +war mehr fuer die kleinen Lokalpaepstchen. Man lebte in Frieden und that +sein Moeglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich naehen und war im +Vorstand aller Wohlthaetigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und +Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die +"Baalspfaffen" speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Baeffchen sein +Muethchen zu kuehlen. Er erzaehlte die bekannte Anekdote von Friedrich dem +Grossen: "Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser +Welt," mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anoeden. Der Doctor +secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren +fuer apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da +er sein Haupt niederlegen sollte. + +"Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!" Der Superintendent hielt seine +halbgeleerte Kaffeetasse in der Hand, in der er den dicken, braeunlichen +Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein bischen viel Zucker; bei +andern Leuten kostete es nichts. "Unser Herr hat durchaus nicht gewollt, +dass die Glaeubigen sich kasteien. Das ist eine ganz irrige Auffassung, +katholische Ketzerei: hat er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das +Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete Gegenwart den heiligen +Ehestand ausgezeichnet." + +"Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, Maria oder Magdalena?" Dies +war ein vorlauter Lieutenant. + +"Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem heiligen Amt. Und wir muessen nicht +vergessen, dass er in verhaeltnissmaessig jungen Jahren -" + +"Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden dazu," sagte der Prinz. "Das +ist auch eine Auffassung." + +Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel. + +"Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, meine Herren! ... Sie +muessen selbst einsehen ..." + +Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte begreifen, dass sein +Scherz etwas zu weit gegangen war: "Darum keine Feindschaft nicht. Ich +weiss ja, wir brauchen das fuer die Dummen." + +Der Candidat aergerte sich. Die Kirche musste eine ganz andre Gewalt wieder +haben. Und es waere in der That gut gewesen fuer die Stellung des Priesters +- er sagte immer "Priester", er fand, dass das nach mehr klang - wenn das +Coelibat innegehalten wuerde. Wenigstens fuer die hoeheren und hoechsten +Kirchenaemter. Vieles in der roemischen Kirche war sehr beherzigenswerth. + +Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser Meinung, uebrigens war sie +jetzt die tonangebende. "Die militairische Organisation muss durchgefuehrt +werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles." + +Ein Umschlag in der Meinungsaeusserung war eingetreten. + +"Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag," versicherte +ein Lieutenant. "Wirklich ein famoser Kerl!" + +"Ach, und die schoene Kirchenmusik!" + +"Und Weihnachten!" sagte eine andre junge Dame. "Es ist so tief und +bedeutungsvoll." + +"Ich faende es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche +trauen zu lassen," sagte der Doctor. + +"O, pfui!" machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst +meinte. Der Doctor war ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie +waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von +ihnen anhielte; aber er hielt nie an. + +Ein junges Maedchen war sehr traurig. Sie fuehlte dunkel, dass dieser Mensch +etwas Extraes war, klueger und staerker als die Andern. Warum lachte er +hoehnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? - Ein alter Herr war da, +der an Gesichtszucken litt, seine Haende sonderbar und krampfig bewegte. +Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darueber lachten. - Sie fuehlte sich +abgestossen, elend. Dieses junge Maedchen war sehr jung noch, ein halbes +Kind fast. Niemand bekuemmerte sich um sie. + +Der Fuerst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Graefin Thornhill fand ihn +sehr interessant. Sie behauptete, sie saehe deutlich einen breiten, blauen +Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von +dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Graefin Thornhill galt fuer eine +Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen +Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da. + +Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernsthaft, dass er keineswegs +nicht an Wunder glaubte. "Ich war frueher wie Sie. Aber seit ich Frau +Graefin kenne ..." Sie hatte ihn bekehrt. "Es giebt eben doch mehr Dinge +zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich traeumen laesst." Der +Assessor war sehr zugeknoepft ueber diese Dinge. Er war eben ein +Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: "Ein gefaehrlicher Charakter! Ich +wuerde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu +sehen." Auch der Fuerst war ihm unsympathisch: "Er ist frivol, er schadet." +Der Assessor war fuer's Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da +ist es der sicherste und geradeste Weg. + +Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite +Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kuehle Manier, mit der er die +teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten, +das dem Andern gleichsam die Replik ueber dem Kopf wegnahm: Wir Beide +wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die +Andern sind Dummkoepfe. - Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der +weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth +geschminkt, die Augen glaenzten, um die Brauen sorgfaeltig geschwaerzt. Auf +der schwarzseidigen Frackflaeche bildete der grosse Stern mit dem +Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war +stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um +seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm: +"Profile giebt's wohl noch allenfalls, aber Haende! Haende! - Wir sind Alle +Ouvriers geworden." Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der Koenig +des Kreises; er dominirte. + +Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles +kostete, dies Geruest, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen, +neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und +Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu +schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschoepft war, rasend, zum +Selbstmord angeekelt. + +Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein +herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder +und stirbt vor dem Feind fuer seinen Herd. Er hatte fuer ihn geboten auf +sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot hoeher und hoeher. Weil sie arm war und +Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. - Sie sagte +nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelaechelt. + +Warum fiel ihm das jetzt ein? + +Ein Hass kam ueber ihn, ein gluehender, fressender Moerderhass gegen dies +miserable Kunststueck der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und +ausgedoerrten Knochen, den er schuetteln konnte, der ihn hielt wie eine +Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach +wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen +Philosophie der Verneinung. + +Ploetzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in +Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschaedel. Unter dem weissen, +gestaerkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter. +Er lehnte sich gegen die Portiere. + +Anton Rothe war im Nu an seiner Seite. + +"Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Buechsenhummer ..." Er +war wieder ganz hoeflicher Weltmann, als die Graefin, nun auch besorgt, +herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klaenge der Polonaise laut, die den +Ball eroeffnen sollte: "Wir werden noch manche Polonaise zusammen fuehren." + +Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, laechelte mit +blaeulichen, lallenden Lippen. + +Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den +Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und +Hergelaufe, waehrend drinnen zur Tanzmusik die geschmueckten Paare sich +ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in blaeulichen, breiten +Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch +entlang. - Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das beruehmteste Viergespann +der Gegend, auf das koenigliche und kaiserliche Marstaelle fabelhafte Summen +geboten hatten. Der Fuerst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse. + +Die Graefin stand am Schlage mit ihrem Gattenadjutanten. Der Greis, jetzt +wohl eingehuellt in seine Zobelpelze, bueckte sich noch hinaus: "O nichts, +nichts, schoene Frau - meine kluge Freundin. Der Fremde - der Fremde ... +Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ..." + +Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und +warfen die Koepfe, als ob sie das Gewitter roechen. Es lag Phosphorgeschmack +in der Luft. Man oeffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze +Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren +ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen +Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ... + +Er wusste, er fuhr einen Sterbenden. + +Der Fremde war verschwunden. + +Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe stand das kleine Maedchen. Sie +mochte nicht tanzen. Sie weinte. Sie fuehlte sich sehr traurig. ... + + + + + + DAS SIEBENTE KAPITEL. + + +Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden. + +Es gab einen kuerzeren Weg ueber die Berge durch eine seichte Furth im +Flusse. Schmuggler benutzten ihn fuer lichtscheuen Handel. Man vermied ihn +am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn. + +Das Gewitter naeherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Baeume +zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhaengen wuchsen im +bestaendigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen +Schluchten der Thaeler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener +Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysterioesen Anziehungskraft +aufgetrieben, begann zu bruellen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen +Kruppen, die zu den Steinen hinueberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch +die schimmernden Raender. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die +Schilfe rauschten und raunten. Waehrend von weiter, ueber dem Gebirge +unheilschwangere Laute eines brauenden, ueberkochenden Hexenkessels kamen, +jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Baeume +eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in +Galoppade, die Kutsche einhuellend, die wie ein Gespann der Hoelle +dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Haelsen der Pferde, halb +haengend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine +knatterten, Funken aufspruehten. + +Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb +spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde +baeumten sich. Er riss sie zurueck. Sie rasten vorwaerts wie der Teufel. + +Drinnen hoerte er den Sterbenden roecheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehoer +des Fahrenden, unnatuerlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fuehlte die +schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das +Fenster niederzulassen versuchten. Der huelflose Koerper verweigerte die +Anstrengung. - "Huelfe! Huelfe!" keuchte der drinnen. + +Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und +schrie: "Hoho!" Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die +kuenstlichen Zaehne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgruenem +Schweiss. + +Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor +ihm her wie Raben im Dampf. + +Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg +hinuntersprang, mit dem schaeumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen +Steine. Der Bach sprang klaftertief mit spruehendem Gischt, der Junge +sprang noch ueber Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in +dem gruenen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen, +zappelnden Fuessen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach. +Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn. + +Er liebte den Bergwind, der die Baeume zerbrach, um seine Schutzhuette +tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen die +dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er +winzige abgetheilte Felder. Haeuser wie Schneckenhaeuser angeklebt, +aengstlich. Sie hatten Muehlraeder eingesetzt, um das Wasser zu nuetzen und +bepackte Postwagen keuchten schwerfaellig die Strassen hinauf. Manchmal +kamen Staedter mit duennen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und +laechelten hoeflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er +verachtete sie. + +Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn +er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und +aengstlich suchten. Haessliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus +Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwuenschungen +nach, die sie nicht verstanden, fuer Segenswuensche hielten als Entgelt +ihrer blanken Nickelstuecke. + +Ab und zu stuerzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem +Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglueck. Herren vom Gericht +kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid. +Sie freuten sich heimlich. Er goennte es ihnen. Was kamen sie herauf mit +ihren duennen Beinen, ihren Glatzen und Glaesern, ihrem Geld. + +Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war +mit seinen Faeusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken +Zaehnen, wenn er es nicht hatte. Dafuer gab man ihm Hutfedern, blanke +Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe +wollte Geld. + +In der Schule verschlang er seine Buecher. Er zeigte einen Heisshunger nach +Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen, +die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Naechte zu, schwierige +Aufgaben sich auszudenken und zu loesen, mehr zu erfahren, mehr - mehr! Mit +einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher +in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte. + +Und er hatte Glueck. + +Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthaetiger und gelehrter +Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen +brauchbaren Praeceptor seiner Soehne erziehen. Es ist immer angenehm, einen +Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnuegen fuer reiche Leute. + +Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der Junge entlief zwischen die +rotheste Rotte. Er hielt zuendende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die +Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Faeuste zwangen +das Eisen wie sein Geist den Stoff - ein interessanter junger Mann, dem +man eine Zukunft prophezeite! + +Er verliebte sich. Irgend eine gleichgueltige, hellblonde Tochter seines +Patrons. Sie liess ihn laechelnd sich gluehend erklaeren und heirathete +kaltbluetig und vernuenftig ihren Dragonerlieutenant. - Nun fing er an wie +ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm +den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente, +skrupelloseste Boersenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen +Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen. +Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter. + +Bergabwaerts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die +Zuegel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er +haette wie eine Katze den Pferden auf den Ruecken springen moegen, mit seinem +Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten. + +Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas: "Huelfe! Huelfe!" klang es +gellend, kreischend, nicht mehr menschlich. + +Er schlug ein teuflisches Gelaechter auf. Sie rasten weiter. + +Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter +dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken +der Wuethenden. Ihre Nuestern schnoben Feuer. Von ihren Hufen spruehte der +Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde graesslicher. Sie +fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln. +Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Stroemen. Es +schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen +verschwand. - Dadrinnen war die Suendfluth. + +Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit +dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang, +fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geraeusch von Schlittenkufen auf +dem Trocknen. + +Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getoedtet von +Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreckliche +Angst und Huelflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark +wie die Lawine! + +Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder +wie in Ruthenbuendeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht +zerrissne Spruenge, schweflig gaehnend, dass die Pferde zur Seite +schnellten, grausend. + +"Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hoelle!" + +Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken, +schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der +gefallne Engel, lenkte sie selbst im hoehnenden Rausch seiner Kraft und +seines Stolzes. Es war unmoeglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste +sich ueberschlagen, zerschellen. + +Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise +rauchten, die Raeder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen +losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren, +Ruebezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden, +Eingebannten. + +"Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!" + +Drinnen war es still. Er hoerte nichts mehr. Der Wagen schlug auf wie ein +klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unfoermiges, das +die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah, +immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf. + +Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen +diesen Baechen, Waessern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch +angeschwollen. Er roehrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmaechtig. +Baeume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind. +Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd uebereinander. "Ihr denkt, ich +drehe Euch Eure Muehlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Bruecken - Euer +Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse +Euch!" + +Er fuehlte sich stolz, alle Demuethigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt, +zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Buecken, heucheln und luegen! +- Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark. + +Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, ueber ihm und in ihm, Satan mit +prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts! +Nichts gegen ihn! + +Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute +suedlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Taenzer zu den +tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen +unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen +im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des +Mittags. + +Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen, +sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwaenden. Nichts drin, das Grinsen +selbst des Todtenschaedels zerstoert im groesseren Grausen, dieser +zersplitterten Knochen, zerschundnen Haeute unter dem Orden, dem Frack. + +"Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine +Wildlinge!" + +Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da +zusammengedraengt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten +unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen, +die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage +erstarb im Tannenwald. + +Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend +Tambouren. Der Wirbel ging ueber den ganzen Himmel hin, zornig und +rufend ... und verhallte. + +Er war jetzt ganz frei. Er fuehrte die wilden Rosse seines Lebenswagens +gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam ueber ihn. + +"Wir koennen nicht leben wie wir wollen. Aber wir koennen sterben und den +Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres +Schreckgespenst, ein laecherlicher Schwindel gar nicht existirender +Gewalten. Taschenspielerkunststueck Derer, die sich schwach fuehlen!" + +Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem +haengenden Bauch, der ueber weite Flaechen springt; im Sprunge bruellt er ... + +... "Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint" ... + +Hoellengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfuehlen, affreuse +Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten +beschwor, Hueftenverrenkungen in Bauchtaenzen geschlechtsloser +Vorstadtbajaderen, Augen, die ueber der Verwesung schwammen wie fischige +Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und +pervers, in den letzten Zuegen roechelnd, mit Haschisch und Qualen sich +aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges, +greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die +Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwoehnte Muttersoehnchen, +Sproesslinge juedischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie +gemein! Wie gemein! + +Ein Gelaechter schuettelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf +geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er draengte sich nackt, hoch, dem +Tod und dem Nachtwind entgegen. + +Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der +Chausseewaerter? Die wilde Jagd stob vorueber. + +Er fuehlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives +Gelaechter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen, +unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren huebsch mit traurigen Augen. Die +Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der +lebendigen Verwesung ihres Lasters. + +Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in +Fetzen. Einen Lumpen ... + +Er hoerte nur noch das Bruellen des Wassers, fuehlte die Feuchtigkeit. Steine +rollten mit ihm bergab. Sie huepften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi +hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung. + +Ploetzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er +schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schuettern, zu +schwingen ... + +Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht +aller Himmelsgewoelbe klappte der Donnerschlag. + +Dann nichts mehr. Dunkelheit. + +Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine +Stirn zu fuehren. Sie war warm vom Blut. "Wohin fuehrst Du mich?" + +"Wohin Du nicht gewollt hast - _Paulus_!" + + + + + + DAS ACHTE KAPITEL. + + +Der Superintendent war doch in einer gewissen Erregung. Der "geniale" +Streich der Graefin hatte ihn etwas verletzt, trotzdem sie es seitdem +wieder gut zu machen versuchte, die Frau Superintendentin in ihrem eignen +Wagen mitnahm. + +Man sprach viel von dem Fremden. Die Baronin hatte ueberall von dem +Odschein erzaehlt. Man brachte das Neuaufbluehen des Socialismus mit ihm in +Verbindung. Zeitungen, die der Kirche uebelwollten, erzaehlten kleine +Anekdoten. Ein wissenschaftlicher Aufsatz behandelte die Frage ganz +ernsthaft, er war von einem modernen Schriftsteller verfasst, der sich bis +dahin hauptsaechlich mit Ehebruchsdramen und Erotik beschaeftigt hatte, nun +alles Heil im Mysticismus sah. Unter den schoenen Seelen der Stadt bestand +eine gewisse Erregung. Ein junger Huelfsprediger wurde sehr populaer. "Er +ist so tief," sagten diese Damen. Ungluecklicher Weise bildeten diese Damen +eine Macht. Es wurmte den alten Herrn, dass sie ihn fuer "nuechtern und +protestantisch" hielten. Niemand sieht seine Kirche gern leer. + +Er hatte natuerlich zunaechst an eine Denunciation nach oben gedacht, das +war wohl seine Pflicht eigentlich. Aber ein zweischneidiges Mittel. Man +konnte finden, dass er eine Schwindelaffaire zu sehr aufbauschte. +Andrerseits hielt man es wohl gar fuer Eifersucht, die Pfaffen kriegten es +mit der Angst. Ein jovialer Reitergeneral, Durchlaucht, hatte ihn schon +gefragt: "Was wuerden Sie jetzt mit dem neuen Christus machen? Da koennen +Sie einpacken, Pasterchen!" Er durfte sich solche Jovialitaeten erlauben. +Dafuer wurde der Superintendent immer eingeladen. Er war Burgpfaffe bei den +Herren Offizieren. + +Dann die katholische Concurrenz - die ruehrte sich nicht. Man wusste ja, da +war Alles Mysterium. Es gab geheime Winke von oben. Vielleicht war ihnen +die Geschichte nicht unangenehm. Sie hatten ja zum Schluss immer den +Vortheil, weil sie abwarten und schweigen durften. Schweigen und abwarten +duerfen war eine grosse Sache. Das ist der Vortheil der alten historischen +Gewalten; man, als Parvenue, musste auf dem Posten sein, Schritt halten, +die Vereinigung mit der Wissenschaft nicht fallen lassen. + +Die Wissenschaft hatte dem geistlichen Herrn schon manche schwere Stunde +bereitet. Es war eine Universitaet in der Stadt, dadurch bestaendige +Kabbeleien. Die Herren passten Einem auf die Finger. Von Hoelle und +persoenlichem Teufel durfte man schon gar nicht reden; obgleich diese Dinge +fuer die Plebs noch immer zogen. Dann waren die schoenen Seelen, die Einen +nuechtern fanden, zur Weihnachts- und Ostermesse in den Dom liefen oder mit +mystisch angehauchten Huelfsgeistlichen Conventikel abhielten. + +Der Superintendent war ein geplagter Mann. + +Uebrigens grollte die Superintendentin. Sie fand, dass er als _Mann_ dem +Unfug mit einem Schlag ein Ende machen musste. Die Superintendentin +appellirte oft an den Mann. Sie selbst war ein Charakter. Dann hatte man +die Sanitaetsraethin ueber sie placirt; so gut wie die Sanitaetsraethin war sie +allemal. Der Sanitaetsrath war ein Cyniker. Das Interessanteste an Tolstoi +waere seine Diaet, sagte er. Er erlaubte sich dann sogar Anspielungen auf +die gar nicht Tolstoi'sche Diaet in der Superintendentur. - Man hatte etwas +auszustehen als Mann Gottes in diesem unglaeubigen Jahrhundert. + +Und oft dachte der Superintendent mit Seufzen an die Zeiten, als noch ein +kirchlicher Fingerzeig genuegt hatte, um Unbefugte auf den Scheiterhaufen +zu schicken, Calvin ueber dem froehlichen Genf seine Ruthe schwang. + +Der saubereingebundne Band seiner Predigten 1897-1900 troestete ihn dann. +Ein Geschenk der Frau Superintendentin. Sie hatte sie selbst +nachgeschrieben. - So hatte doch auch der Fortschritt, selbst die +Buchdruckerkunst, diese Teufelserfindung, sein Gutes. + +Der Superintendent hatte den Fremden zu einer Besprechung zu sich +eingeladen. Die Einladung war in ganz hoeflichen Worten erfolgt. Erstens, +die christliche Milde auch gegen den irrenden Bruder, dann existirte ja +auch eine geistliche Gerichtsbarkeit, die vorfordern konnte, nicht mehr. + +Er erklaerte sich die Sache so: Ein ungebildeter Mann, ein Handwerker - der +Superintendent betonte das "ungebildet" -, von Mysticismus, sitzender +Lebensweise angekraenkelt, hatte sich in diese Dinge vertieft. +Voraussichtlich wuerde er ihm lange confuse Reden halten, von einer +Mission, Erscheinungen. Man kannte das, und seine Wirkung auf das +ungebildete Volk. Gerade weil ihnen das Alltaegliche nicht gut genug war, +sie das Ruhige und Vernuenftige nicht thun wollten, liefen sie nach dem +Wunderbaren. Der Hirte kannte seine Heerde. + +Man wuerde mit diesem Manne vernuenftig sprechen, seine Absurditaeten +nachweisen, selbst wenn man ihn nicht ueberzeugte. Heilsarmee, +tausendjaehrige Reichsgeschichten waren ja Mode jetzt. Dieser Hang hatte +ihm schon viel Sorge gemacht. Er witterte die alte Hure von Rom, das +babylonische Weib, das von Neuem seine Netze auswarf. Und man musste so +vorsichtig sein wegen der Behoerden, durfte das Unkraut nicht ausjaeten. + +Der Superintendent hatte sich zu dieser Besprechung noch einen Confrater +eingeladen, der Consistorialrath war, Professor an der theologischen +Fakultaet, Kirchenhistoriker. Man war so zu Zweien, staerkte sich vorher +weidlich an gutem Tabak und bessrem Wein und konnte die moeglichen +Ergebnisse gleich eroertern, waehrend die Frau Superintendentin mit der +Consistorialraethin Kaffee trank. Dabei hatte man dann auch allerlei +interessante Faelle und Ketzereien zu eroertern. + +Der Superintendent war dafuer, den Fremden nicht gleich vor den Kopf zu +stossen, ihn im Gegentheil leutselig, als gewissermaassen zum Fach +gehoerig, zu behandeln. + +"Es ist ja auch moeglich, dass ein Laie durch Nachdenken, besondre Gnade, +ungewoehnliche Einsicht in goettliche Dinge erlangt und Beherzigenswerthes +von sich giebt. Der Fall waere denkbar. Ich kannte einen Schuster, der ueber +die Gnadenwege und Melchisedek, den Koenig von Salem, stritt wie der +gewiegteste Theologe." + +Der Confrater schuettelte laechelnd den Kopf: "Wir haben das Beispiel der +Wiedertaeufer, der Methodisten in England. Die theologisch geschulte +Intelligenz fehlt, das Regulaere, Feste, darum Lebensfaehige." + +"Aber es waren doch in den Irrthuemern dieser Leute - allerdings gleich +Koernern in der Spreu verborgen - auch einige unbestreitbare evangelische +Wahrheiten enthalten." + +"Das ist eine gefaehrliche Ansicht. Jesuitisch - so gewissermaassen: der +Zweck heiligt das Mittel, lieber Bruder." + +Dieser Herr war bekannt dafuer, dass er die feinste Nase in Deutschland +hatte, um die Jesuiten zu riechen. Das war sein rother Lappen, auf den er +ueberall losging, ihn ueberall herausfand, wie der Spuerhund die Faehrte. "Hat +uns nicht Martinus von dem Aberglauben befreit? Und sagt nicht der Herr +selbst: Ihr, die Ihr Zeichen und Wunder sehen wollt ..." Der Confrater hob +warnend den Finger. + +"Nichtsdestoweniger giebt die Schrift ausdruecklich die Moeglichkeit solcher +zu. Nicht nur im uebertragenen, sondern auch im woertlichsten Sinn." + +"Wir sollen Gott nicht versuchen. Vermessenheit, Freund, Vermessenheit! Es +ist die grosse Aufgabe der modernen Theologie, die Wissenschaft mit der +Religion zu vereinigen." + +"Es wird immer Vieles bleiben, was wir nicht wissen." + +"Da haben wir uns dann wohl in Demuth mit der beschraenkten Einsicht +hienieden zu genuegen. Das ist eine gefaehrliche Bahn, lieber Bruder. Eine +Schlinge des Argen, ebenso gut wie die er in der Lauheit uns legt, dem +vollstaendigen, rationalistischen Ablehnen des Wunderbaren und +Unfasslichen. 'Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort. +Dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stueckweise. +Dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin.'" + +Hier meldete das Dienstmaedchen, dass ein fremder Mann in der guten Stube +wartete. Sie war augenscheinlich etwas in Zweifel, ob ihm wirklich die +gute Stube gebuehrte und wartete auf Bescheid. - Man hoerte eine Thuer sich +oeffnen und vorsichtig wieder einklinken aus dem Zimmer, wo die Frau +Superintendentin mit ihrer Freundin sass. + +Der Superintendent empfing den Gast dem Programm gemaess mit demonstrativer +Herzlichkeit. "Nun, lieber Freund? Nehmen Sie Platz, mein Lieber! Ich habe +Sie hergebeten mit diesem meinem sehr geschaetzten und verehrten Collegen, +um mich mit Ihnen ueber Ihre religioesen Ansichten zu unterhalten. Das ist +immer lehrreich fuer einen Diener am Wort, gewissermaassen ja auch meine +geistliche Pflicht, obgleich Sie ganz als Freund hier sind, mein Gast und +in aller Guete. - Ich vermuthe, Sie gehen von der sehr richtigen Ansicht +aus, dass das Evangelium den Laien wieder mehr in der Form des taeglichen +Brotes gleichsam, nicht nur an Sonntagen in der Kirche, naeher gebracht +werden muss. Es soll wieder ein Bestandtheil des taeglichen Lebens werden, +und Sie denken, dass dazu Predigt und persoenliche Ansprache, selbst +Aufsuchen des Einzelnen, das Geeignetste ist. Es waeren dies wohl gleichsam +die Principien, auf die sich die mir sehr interessante moderne Agitation +der Heilsarmee stuetzt. Ich moechte, dass Sie mir nun in kurzen Worten das +Dogmatische Ihrer Lehre, den festen Kern der Heilswahrheiten, auf die Sie +persoenlich den Hauptnachdruck legen, entwickelten." + +"Ich habe keine." + +"Sie verstehen mich nicht. Jedenfalls gehoeren Sie doch irgend einem +Bekenntniss an, oder haben sich in Ihrem Innern fuer ein solches +entschieden? Wenn Sie Protestant sind, halten Sie sich an die Augsburger +Confession? Folgen Sie eher Luther? Jedenfalls doch - und das ist wohl +kaum eine Frage - stehen Sie mit uns auf dem Boden des apostolischen +Glaubensbekenntnisses?" + +Der Superintendent sah ihn streng an. + +Der Confrater nahm eine Prise. + +"Ich kenne es nicht," sagte der Fremde. + +Der Superintendent war roth geworden wie ein Mohnkopf. "Aber - aber - das +ist die Hauptsache. Das ist Christenthum, die geheiligte Norm, fuer die +unsre Vaeter, die erste Christenheit gelitten und gestritten haben. Das +Andre ist leere Phantastik, giebt der weitesten Irrung Spielraum, der +Regellosigkeit." + +"Es giebt das Leben." + +"Welch' ein Irrthum! Welch' ein verhaengnissvoller und weittragender +Irrthum!" rief der Superintendent warm. "Es waere ja denkbar, dass ein +Mensch, der ganz ausserhalb der christlichen Heilssphaere staende, den Namen +Christi nie gehoert hat, auf rein deduktivem, moralphilosophischem Wege zu +einer der christlichen durchaus aehnlichen Ethik gekommen waere, wenn hier +eben blos die Ethik das Entscheidende waere. Denken Sie, dass das ganz +denkbar sein koennte?" + +"Es ist denkbar," sagte der Fremde. + +"Stoiker," nickte der Confrater. "Griechische Philosophen der +nachplatonischen Schule! Das sind die Argumente, die schon die +franzoesische Revolution gebrauchte." + +"Sie wuerden doch nicht sagen, dass ein solcher Mensch ein Christ waere, mit +uns Theil haette an der Erloesung durch den Leib des Herrn?" + +"Ich wuerde es sagen." + +"Und wie wird er dastehen im naechsten Leben, wenn Christus die Seinen um +sich versammelt, die im Blut des Lammes Gewaschenen, auf seinen Namen +Getauften eingehen, und die Andern abgetheilt werden zur Linken?" Der +Superintendent wischte sich den Schweiss. Er schnappte nach Luft wie ein +Fisch auf dem Trocknen. + +"Ich weiss es nicht." + +"Eine Art Allheilslehre," beruhigte der Confrater. Das Wortspiel zwischen +"Leere" und "Lehre" amuesirte ihn. "Socialistische Moral des Christenthums. +Das ist blos die Frucht. Der Glaube ist das Erste." + +"Ich glaube, dass die That das Erste ist." + +Jetzt sah der Superintendent wieder Fahrwasser. Er war ganz erfreut. "Das +ist die Lehre von den Werken, das Katholische, Papistische, wogegen schon +Lutherus sich auflehnte. Wir koennen aus uns selbst nicht gerecht werden." + +"Wir koennen wollen." + +"Und die Rueckfaelle? Das menschliche Gesetz bestraft sie. Wie wird sie Gott +nicht strafen?" + +"Wie soll Gott sie strafen, wenn sie in sich selbst ihre Strafe tragen?" + +"Fatalismus," notirte der Confrater. + +"Die Boesen! Die Boesen, Mann! Wie erklaeren Sie die Boesen?" + +"Es ist ihr Unglueck." + +Dem Superintendenten wurde in der That die Halsbinde zu eng: "Unglueck? Und +der, der kaempft, das Gute will, Gutes thut? Sollen die Guten keinen +Vortheil vor den Schlechten haben?" + +"Sie sind gluecklich." + +Der Confrater mischte sich jetzt ein: "Sehr interessant. In der That +hoechst interessant. Das ist Buddhismus. Es ist die Lehre des Buddha. Wenn +man denkt, dass sie dreitausend Jahre alt ist! Haben Sie irgend welche +Verbindung mit diesen Religionsgesellschaften gehabt? - Es koennte doch +sein in irgend einer corrupten Form" - (dies fuer den Collegen) -, "Buecher +darueber gelesen?" + +Der Fremde sah den Confrater an. "Alles ist Verbindung," sagte er. + +"Natuerlich! Die Wiederkehr! Die Wiederkehr!" Der Professor rieb sich die +Haende hoechst befriedigt. "Das ist das charakteristische Merkmal. Sie geben +sich das weiter wie ein Geheimniss. Fragen Sie ihn doch, ob er an die +Seelenwanderung glaubt? Gerade fuer die populaere, gewissermaassen kindliche +Phantasie haben diese Verwandlungen etwas Anziehendes. Sie finden das im +Volk in tausend Maerchenvorstellungen, Geschichten von Wehrwoelfen, +Schwanenjungfrauen, sprechenden Baeumen. Selbst in dem indianischen Maerchen +des Hiawatha von Longfellow kommt diese Idee wieder, in der Verkoerperung +des Samenkorns. Isis und Osiris, Baldur, ... Es ist Alles dasselbe." + +"Aber das ist nicht das Schlimme, das ist das Gefaehrliche nicht!" platzte +der Superintendent los. "Die Moral! Die Moral! Diese Lehre vom Nirwana, +der blinden Ergebung, der Thatenlosigkeit, der stumpfsinnige Fatalismus +des Orients wieder zu uns verpflanzt! Das ist der Tod aller Cultur, allen +Fortschritts, aller Humanitaet. Das ist Heidenthum! Heidenthum! Das +Christentum ist Kampfesmuth, Streben, Krieg!" + +"Auf den Krieg folgt der Friede." + +"Friede da droben! Hier ist Kampf. Wir sollen Kaempfer sein." + +"Krieg in uns, Friede nach aussen." + +"Wir sind nicht hier, um Frieden zu haben. Unser Leben ist Ringen und +Unruhe. Da oben erst wird er uns zu Theil. Aus Gnade." + +Der Fremde laechelte. + +Der Superintendent war auf einem Lieblingsthema. "Der wahre Christ ist vor +Allem ein Streiter. Seine Feinde sind der Satan, die Suende in uns und +ausser uns. Wir sind arme Suender." + +"Wenn wir siegen?" + +"Selbst wenn wir unser eignes Fleisch ueberwunden haben. Die Suende in der +Welt bleibt. Sie greift uns an. Wir haben uns zu wehren gegen sie." + +"Sie existirt nicht gegen uns, wenn sie in uns nicht ist." + +Der Confrater nickte von Antwort zu Antwort mehr befriedigt. + +"Wir kommen jetzt auf das Fakirwesen, Hallucinationen der Maertyrer." + +"Sie wollen das nicht sagen? Das ist Vermessenheit, mein Lieber! Unser +Fleisch bleibt der Anfechtung unterworfen, so lange wir im Fleisch +wandeln. Wer da meint, er stehe, der sehe wohl zu, dass er nicht falle. +Der Ehrgeiz - die boese Lust - Reichthum. Selbst ich -", hier fasste der +Superintendent den Fremden beinah am Rockknopf, "- selbst ich, der ich ein +Diener am goettlichen Wort bin und alle seine Schlingen kenne - ich habe +meine Momente der Schwaeche, der Anfechtung. Ich habe Versuchungen zu +bestehen ... Das ist unchristlich, Mann! Stuetzen Sie den Glauben! Sprechen +Sie gegen die Gottlosigkeit! Auf dem Lande. Unsre Bauern haben dicke +Nacken. Stolz und Habsucht sitzen da steif drin. Gott sei Dank! sind sie +noch glaeubig. Die Grundvesten unsres Glaubens sind unangetastet. Die +moderne Anarchie und Zweifelsucht ist da noch nicht eingedrungen. Das geht +immer Hand in Hand. Das bedeutet die Emanzipation des Fleisches. Wir +wuerden uns wie Schweine im Koth waelzen. Im Koth! Sehen Sie das alte Rom! +Babylon! Die antike Welt vor Christo." + +"Sie hat Christus hervorgebracht." + +"Christus ist das ganz Vollkommene, Gute. Das Fleisch ist das Boese. So +kaempfen diese beiden Gewalten. Bis das Gericht kommt, das Gute siegreich +bleibt im unschuldigen Blute des Lammes, das Boese im Abgrund verschlossen +wird mit adamantnen Ketten. - Das ist der uralte Kampf." + +"Demiurgos, Ahriman und Ormuzd," bestaetigte der Confrater. "Lehre von der +primaeren Theilung der Gewalten." + +Die Frau Superintendent hatte schon mehrmals merklich und merklicher an +die Thuer geklopft. Jetzt steckte sie ihre Haube selbst durch den Spalt. +"Excellenz von Koschemann ist fuer den Bazar gekommen. Wenn Du einen +Augenblick Zeit haettest, lieber Willibald ..." + +"Auch ich bin ein Soldat des Herrn. Sehen wir zu, dass wir gut kaempfen. +Und das Heil finden, das es fuer uns nicht giebt, denn allein im gesegneten +Blut des Lammes dereinst, das unsre Suenden abwaescht weiss wie Schnee." + +Der Fremde war entlassen. + +Der Confrater sah ganz klar. "Gnostiker, die alte Geschichte. Das hat +immer angefangen mit der Antastung des Buchstabens. Der Buchstabe, mein +Freund! Das Wort sie sollen lassen stahn! ... Und jetzt lass uns zu unsern +liebenswuerdigen Damen gehen." + + + + + + DAS NEUNTE KAPITEL. + + +Und er ward im Geist entrueckt in eine fremde Stadt. + +Die Glocken laeuteten. Eine ungeheure, unzaehlbare Anzahl von Glocken. Es +waren dumpfe, grosse darunter, die mit der Stimme des Erzes riefen, der +Kanonen, furchtbarer Ereignisse, Krieg, Pest und Feuersbrunst. So stark +riefen sie, dass Niemand ihren Klang in der Naehe aushalten konnte, die +Luft ihn lange behielt, ehe er verhallte. Sie schwangen in furchtbaren +Hoehen und thronten einsam in Kammern weit ueber den Koepfen der Menschen. +Die ihre Stricke bewegten, sassen sehr niedrig auf schwebenden Balken und +wurden beinah gespalten von der Heftigkeit des Klanges. Diese Glocken +laeutete man nur bei ganz grossen Gelegenheiten. Wenn sie klangen, sahen +die Leute auf und sagten: Es ist das oder das. Sie meinten ein sehr hohes +Fest, ein grosses Unglueck oder eine grosse Freude. Die ganze Stadt und das +Land ringsum kannte den Klang dieser Glocken. Man war stolz darauf und +fuerchtete sie auch. + +Andre waren milder, mittlere. Die laeutete man alle Sonntage. Man hoerte sie +auch weit, ueber ein ganzes Stadttheil oder eine Strasse. Ein Klang von +Silber war in ihrem Erz, der sprach von Guete und Milde. Sie lockten, und +schreckten nicht, laeuteten regelmaessig mit kraeftigen, hallenden Schlaegen, +wie die Stimme eines Predigers, die klangvoll spricht in schoenen, malenden +Worten. + +Und es waren ganz kleine, die einzeln riefen wie einzelne, verlorene +Stimmen. In mancher war ein sehr helles, feines Klingeln oder zitterndes +Wimmern, die eilige Angst einer Agonie, oder der sanfte Schmelz einer +Frauenstimme, sehr weit fortgetragen auf himmelansteigenden Trillern zu +reinen Aetherhoehen. Der pure Goldklang ganz feiner Eliteseelen, die um den +Thron Gottes lobpreisen, und ein kleines, gleichgueltiges, hastendes +Bimmeln, in dem Viele sich vereinten, wie das der Pferdebahnwagen, dieser +Schellenbeutel, die herumgegeben werden in den Gemeinden zwischen den +Pausen des Gottesdienstes - laestig fast, nur die Ohren fuellend, das zum +Alltagslaerm gehoerte, ihn irritirend machte. + +Alle Glocken laeuteten. Die grossen gaben den Ton an. Die mittleren fielen +ein wie ein gutgeschulter Chor. Die ganz kleinen waren Geraeusche, oder +Stimmen junger Kinder. Alle laeuteten. Die Luft war sehr voll und schwang +von ihrem Klange. Und die andern Stimmen des Lebens schwiegen. + +In den Kirchen und Domen draengte sich die Menge. Es war halbdunkel in +diesen Hallen, dass man die Einzelnen in den Tausenden nicht erkennen +konnte, Maenner oder Frauen, reiche, gutgekleidete Leute oder ganz Arme. +Ihre Gesichter bildeten blasse Flecken im Daemmer, wie aufgewandte Kelche +von Blumen, die ihr Athmen wie ein Duft umwallte. Die uebrige Schwere des +Koerpers blieb unbestimmt, ertrunken in unruhigem Schattenspiel der Vielen, +dem lastenden, schweren Dunkel dieser Steine, ungeheurer Steinmassen der +Gewoelbe und Mauern. + +Saeulen standen wie Baumstaemme ohne Aeste mit schweren Blaettern und +Steingewinden um ihre Kronen, waehrend feine, tiefe Rillen an ihnen +hinabliefen, von Regentropfen gegraben oder ewig fliessenden. Von +stuetzenden, lastbaren Pfeilern schwangen sich die Woelbungen auf, Bogen und +Bruecken, gespreizte Fittiche des Adlers, kuehn und immer kuehner bis zum +schwindelnden Ansturm der Kuppel, die den Stein zerbrach, die Schwere des +Materials aufhob im ungeheuren, athemlosen Aufschwung der Seelen. + +Der Schritt klang hohl vom Echo der Millionen Schritte, die da schliefen +in tausendjaehrigen Steinquadern. Von schlanken, weissen Kerzen stiegen +gelbe, zitternde Flammen, umgekehrte Herzen, blauen Schein der Sehnsucht +ausathmend. Ein Duft von Weihrauch, Wachs und Thraenen lag schwer in Nebeln +und wallenden Wogen. + +Man sah Altaere sich golden recken, Gold vom Fuss bis zur Spitze, in immer +feineren Saeulchen, Treppen, Boegen, inkrustirt mit bunten Edelsteinen, die +Lichter gaben im Dunkeln wie Schlangenhaeute, Augen seltsamer Reptile und +Kaefer, Wunder von goldnen und silbernen Spitzen, Rosen und Blumen, +eingefrorne Rhythmen, mystische Zeichen und Runen aufsteigend wie +Gedichte. Eine unverwelkliche Pflanzung aus menschlichen Herzen, +mirakuloese Flora des Glaubens, hierher gefluechtet in eine heilige Grotte, +unter dem Daemmerlicht der bunten Glaeser, gefaerbt mit ihrem Blute: Roth, +welches die Liebe und der Tod ist, Blau des Glaubens, festruhendes warmes +Gruen der Hoffnung und des Lebens. Und Kraempfe, furchtbare Leiden, +zerschnitten den himmlischen Dreiklang: Gelb der Pein und des Geizes, in +den Gewaendern der Aeltesten und Schreiber; Violett der Eifersucht, das +zugleich die heilige Farbe der priesterlichen Macht und der Ehrfurcht ist; +ein helles, gefiltertes Rosa, welches gemartertes Fleisch der Gequaelten +vorstellt und auch die liebliche Unschuld des Kindes. Alle spiegelnd, +irrend, flehend um das klare Gold des Triumphes, Farbe der Sonne, wo die +Mutter thront mit dem Kinde, die Heiligen knieen in seliger, +weltentrueckter Anbetung. + +Wie ewige Pfeiler standen sie da, die Starken, der Apostel heilige +Zwoelfzahl, wunderbar die Reihe der Monde, des Sternkreises wiederholend, +Propheten, Sybillen - die wussten und aushielten. Maertyrer oeffneten +blutrothe Wunden, Laurentius auf dem flammenden Bett, Sebastian mit +durchbohrter Brust, Agnes, ganz nackt, nur in den strahlenden Mantel ihrer +Haare gehuellt, unter den Augen der Wollust, - aufgerissne Seiten, +furchtbare Verrenkungen der Gefolterten, Striemen der Gegeisselten. Die +Heiligenscheine dominirten ueber verklaerten Stirnen. Die weisse Taube des +Geistes schwingt sich glorreich auf ueber Blut, Flammen und Qual. + +Sie singen. Aus den Tiefen hebt es sich. Von der geknickten, schwarzen, +wimmelnden Masse - De Profundis. Langgetragen, hohle Rufe wie Appellrufe +in der Noth, schneidender Wehschrei der Gequaelten, zitternd, sehr hoch +schwebend, wie ein Weib schreit in Kindesnoethen: Miserere - Miserere ... +Dumpfer Trommelschlag. Vokale fast Alles, sonore, volltoenige, die nicht +fallen - Ora pro nobis, aufsteigend zu maennlichem Muth, Schlachtgesang, +bis zum jauchzenden, hellen Posaunenstoss der Befreiten, gellend fast, +schmetternd in Siegeszuversicht: Tedeum laudamus. + +Die Stimmen schweigen. Das Wort allein spricht. In marmornen Worten, +Saetze, die feststehen wie die Welt. Rollende Vokale, geheimnissvoll, +kraeftig, wie die die schufen, - das groesste Mysterium der Menschheit, Wein +und Brot, uralte Mysterien, heiligste Symbole des sacrosancten Lebens. + +Ueber der Menge, die kniet, hungernd, bruenstig, erhebt der Priester das +Allerheiligste. Er selbst ist weiss, ganz weiss. Er ist hundertjaehrig. - +Es giebt einen goldnen Schein wie die Sonne. + +In einem ungeheuren wehen Seufzer hebt sie sich, es zu empfangen - das +Opfer von Gott angeboten. Blut und Fleisch, fuer das andre Opfer des +Fleisches und des Blutes, des Lebens, an das grosse Leben, das prangend +weggeht ueber den Tod, Jammer und Kleinheit. + + ------------------------------------- + +... Ein enger Holzpfad im Gebirge. Das Gebirge liegt verschneit seit +Wochen. Bis an die Knie hoch steigt der Schnee. Die Tannenzweige brechen +unter seiner Last. Gleich Zuckerhueten ragen die Baumwipfel aus der Weisse. +Man unterscheidet nur hoehere und niedrigere Lagen, Steine sind +Schneekuppen. Gleichmaessig ist er im Grunde, hart, vereist, eingestampft. +Aber die Oberschicht ist federweich, eine Hand hoch, glitzernd, feiner wie +der Flaum auf Bruesten der Eidergaense, mit Seidenreflexen. + +Unter dem Schnee begraben liegen Moos, Graeser und Gestraeuche. Er staeubt in +Puder von den ueberlasteten Zweigen. Kleine Aeste und Holzstueckchen, die +sich abloesen, versinken lautlos. Die Luecke, die sie verursachen, schliesst +sofort die streichelnde Sammethand. Der ganze Wald leuchtet weiss, +blauweiss vom Schimmer des jungfraeulichen Schnees. Der Fuss versinkt in +ihm wie in Daunenteppichen. Ohne Kuehle fast. Aber er hebt sich schwer +heraus. Das Leder des Stiefels wird hart und sproede von der Feuchtigkeit, +die nirgends das Wasser zeigt. + +Und immer faellt der Schnee. Man sieht keine Spuren des Wildes. Es ist +erfroren, festgefroren wie stehende, steinerne Bildsaeulen in Mauern von +schmeichelnden Krystallen oder es verkriecht sich im inneren Tann, wo das +Dach der Zweige es schuetzt, karge Nahrung sich findet an Sprossen und +Rinde. Der Schnee fuellt die Fahrgeleise des Weges aus. Er steigt zu seinen +Raendern und vermischt sie. Wie Gespinnste in seinem Innern ziehen sich +duerre Bastadern der Farne und Heidelbeerbuesche. - Die Stille ist sehr tief +und der Schnee faellt. + +Durch den tiefen Schnee sucht sich der kleine Priester seinen Weg. Er +traegt die letzte Troestung zu einem Sterbenden. + +Der Tod ist rasch gekommen. Ein blutjunger Bursch, der Spielmann Anderl. +Heute hatte sein Schatz Hochzeit gemacht mit einem Andern. Der Spielmann +war zurueckgesprungen ueber die Berge, das fressende Gift im Leibe und den +Kopf im Feuer. "Geht's schlecht, so geht's schlecht, geht's gut, kuerz' ich +mir den Weg um Stunden." + +Am Hornbiehel war er abgestuerzt. Jetzt lag er im Todeskampf in der +Holzschlaegerhuette. + +Durch Schnee und Nebel im beeisten Gebirge kaempfte sich der kleine +Priester zu dem Sterbenden. + +Er war noch sehr jung, noch nicht lange da oben. Man nahm fuer die Stelle +die ganz Unbedeutenden, die Bescheidenen, die nicht Carriere machen +wuerden. Niemals hatte er daran gedacht, ein Findelkind, das man den +Priestern uebergeben. Regelmaessig liefen die kargen Beitraege fuer ihn ein, +von einem Buereau bezahlt an eine Kasse, ohne Persoenlichkeit, ohne Namen. + +Er hatte niemals eine andre Heimath gekannt als das Kloster. Da war seine +Staette, am Altar. Der liebte ihn und der hatte ihn nicht zurueckgestossen. +Mit weissen Blumen umkraenzte er ihn. Er sang. Er schwang seine +Weihrauchschale, weissgekleidet als Chorknabe, Diener am heiligsten +Messopfer, eh' er selbst daran theilgenommen. So war er aufgewachsen, in +dieser Atmosphaere der Liebe, Weiss und Gold, den heiligen Farben der +Unschuld und des Triumphes. Ohne einen andern Gedanken. Er liebte Alles. + +Es war um ihn wie der weiche, milde Schein, der vom linnengedeckten Altar +ausging, der Lampe, die ewig brannte in all dieser Weisse, dieser Stille. +In lasterverzerrten Zuegen sah er das Leid. In ihrem Hochmuth die Angst. In +ihrer Schoenheit, ruehrender als ihre Schoenheit, den Tod. + +Wie auf weissen Rosen ging er mit nackten Fuessen, laechelnd das Heilige +tragend gleich Engelknaben. Und vor seiner demuethigen Stirn neigten sich +die Stolzen. Die Bescheidnen fassten Muth. Alles liebte ihn. Es war, wie +wenn die Voegel suesser sangen, wenn er vorbeischritt im Klostergarten. Sie +waren zutraulich und pickten von seinen Haenden. Die Blumen, die er +pflanzte, gediehen. Ruhig und majestaetisch entfalteten sie sich. Die Sonne +schien nicht zu heiss auf sie. Irgendwie hoerte der Sturm auf um ihre +schlanken Stengel. + +Es gab alte Moenche im Kloster, die das Leben gekannt hatten. Es hatte +harte Narben gegraben in ihre Seele. Sie liebten ihn, die alten Wunden +brannten nicht, wenn er da war. Nur eine Gabe besass er, die lieblichste +David's, der Musik. Die Toene wurden lind unter seiner Hand und wenn er +spielte, hoerte der Tumult auf in leidenschaftdurchwuehlten Herzen. + +Niemals war er stolz gewesen oder unguetig. Ein Kind Jesu! Er trug diesen +Namen, halb der Schande, wie eine feine, goldne Aureole. + +Die Grossen uebersahen ihn und fuer die Klugen war er nichts. Er hatte keine +Disputationen geschrieben ueber Fragen des Glaubens. Die weltliche Macht +der Kirche liess ihn kalt. Der Beifall einer Menge haette ihn schuechtern +gemacht. + +Aber er liebte die kleinen Kinder. Sehr alte, huelflose Leute waren ihm +ehrwuerdig. Er richtete die geknickten Halme auf und ihn erbarmte der Vogel +unter dem Himmel. + +Tapfer kaempfte der kleine Priester durch den Schnee. Der Schnee fiel in +weichen, grossen, fasernden Flocken aus Wolken, die selbst Schneesaecke +waren. Sie hingen so niedrig, dass man nicht sah, wo sie aufhoerten und das +Gestoeber anfing. Ihre Vorraethe schienen unendlich, als ob ein ganzer +Himmel voll von Schnee hinter ihnen laege. Er leerte sich langsam. Von den +Schichten bauten sich Mauern ihm entgegen. Nichts konnte mehr welchen +aufnehmen. Aus dem Ueberfluss wallten neue Huegel ueber. - Diese Flocken +loesten sich nicht auf. Sie schwebten und drehten sich langsam in der Luft +und blieben haengen wie im Festen, Gesaettigten. Man dachte an Nesterbauen +dabei, Eiderdaunen, in die man sehr tief einsank. Und es war gar nicht +kalt. Der Schnee schien wie eine schuetzende Schicht zwischen der Kaelte und +der Erde. Es war wunderbar, wie lautlos er fiel. Und ueberall, wo er fiel, +hoerten die Contouren auf, alles Steife, Eckige, Nackte. Wie ein +liebevoller Pelzmantel huellte er sie ein, dass sie nicht mehr froren, +zeigten. Er fiel ... fiel ... + +Der kleine Priester fror gar nicht. Im Gegentheil, ihm war warm. Er trug +das Allerheiligste unter seiner Soutane, gegen die Brust gepresst. Und es +war ihm, als waere es da eingedrungen. Es sass da und brannte. Goldne +Strahlen warf es. Immer groesser, immer weiter. In der Mitte war ein +blutrothes, gluehendes Herz und sein Scheinen war wie Karfunkel. Es +leuchtete weit durch den naechtlichen Wald. + +"Das ist, als ob ich ein Licht bei mir trage," sagte der kleine Priester. +"Wie seltsam das ist! Und wie schoen!" + +Schoen war es in der That. Alle Baeume standen wie schwarze Saeulen, ganz +gerade mit seltsamem Ast- und Aderwerk. Ihre Zweige verbanden sich. Sie +kreuzten sich und rankten ineinander geheimnissvoll in Rosetten, Sternen, +wie ein Kirchendach. Er ging ganz leise, wie auf weichen, weissen Rosen. +Er zertrat sie nicht. Sie richteten sich auf unter seinem Fusstritt. Sie +dufteten sehr suess, Ambra, Weihrauch und Myrrhen, die mystischen Duefte der +Kirche, die Seele darstellend, die sich spiritualisirt in Sehnsucht. + +Jetzt fing es auch an zu laeuten. Zwischen den hohen Baeumen schwangen die +Glocken. Sie hingen da in Stricken von einem Baum zum andern. Und sie +schwangen, schwangen. Wunderbare Melodieen waren die Melodieen der hohen, +ernsten Baeume. Den kleinen Priester erstaunten sie. "Ich habe es doch oft +rauschen hoeren im Walde. Niemals wusste ich, was es war. Aber jetzt weiss +ich es." + +Und er hoerte kleine, liebliche Stimmen. Das waren die der todten Blumen +unter dem Schnee. Er hatte gedacht, dass sie todt waeren. Sie waren nicht +todt, sie warteten nur auf den Fruehling, lagen warm und weich gebettet +unter dem Schnee, der sie zudeckte und fiel - fiel. + +Die Schneeflocken selbst sangen. Sie fassten sich an und tanzten. Es war +richtiger Rhythmus in ihrer Bewegung. Dazu klangen sie. Und dann waren sie +Engelskoepfchen mit weichen, flaumigen, ganz jungen Fluegeln. Das sind die +Seelen der todten Kinderchen, die sterben, ehe sie zum Bewusstsein ihrer +Seele erwachen. + +Er hatte nie gewusst, wo diese todten Seelen hinkommen. Jetzt wusste er +es. Sie waren gluecklich und deckten die kleinen Blumen zu, dass sie gut +schliefen, nicht erfroren im harten Winter. + +Er musste ueber einen Bach, der ganz zugefroren war. Aber das Wasser war +auch nicht todt, es schlief nur in der Tiefe. Er hoerte es singen +geschaeftig am Werke, in kleine Roehrchen tausend Troepfchen zu giessen, die +Erde aufzuweichen. Es wird Fruehling! Es wird Fruehling! + +Auf einmal war es Fruehling. + +Er wandelte in einem gruenen Dom. Waende von lichterem Gruen schoben sich +zwischen die andern, hohen. Alle regten tausend Blaettchen. Einige waren +fast durchsichtig vom Licht, das sie golden durchgluehte. Die Andern +blieben im Schatten beinah schwarz, oder ihre Raender zeichneten sich wie +in hellem Feuer gezogen. Atlasglaenzend lief es entlang am Buchenstamm wie +feinste Haut des Apfelschimmels, roethlich schwelend an der rissigen +Kiefernborke. Die Birken standen ganz weiss mit gesenkten, wehenden +Zweigen, ein kleines, zitterndes Herz jedes Blaettchen, Jungfrauen +vergleichbar in der Schoenheit ihrer Haare im Mai. Pelze hatten die +Haselnussblaetter. Die Erlen bogen sich, schwaerzliche, schuppige +Schlangenleiber, dem Sumpf entsprossen, mit klebrigem, bitterschmeckendem, +starkgerieftem Blattgrund. - Und da oben ueber dem Blaetterdach stand die +Sonne, goldne, warme Fruehlingssonne. + +Er wandelte mit nackten Fuessen auf einem Blumenteppich. Wo er hintrat, +bluehten die Blumen. Sie bluehten auf wie Kissen unter seinen Fuessen, nur +Blumen ohne Blaetter und Stengel. Voegel sangen, goldne Voegel mit silbernen +Schwingen, die Stimme des Windes, der Erde und des Wassers, Alle priesen +Gott. + +Er sah auf und die Sonne war Gott. Seine Strahlen fielen warm ueber Alles. +Er war gut - gut. + +"Ihr koennt mich nicht verstehen so. So gross und gut bin ich. Darum bin +ich das Groesste und das Gute, was Ihr verstehen koennt." + +Er verstand sehr wohl, wie gut Er war. Und dass Er tausendmal besser und +groesser sein musste, als er verstehen konnte. + +Aber es war da eine Bruecke aus den Strahlen, die von Seiner Brust +ausgingen, und den weissen, funkelnden Sonnenstrahlen mit Perlen und +Emeralden und koestlichen Topasen geschmueckt, die das Licht gebiert im +Wasser, aus der Tiefe. Auf der schritt er. + +Durch das Blaue schritt er gerade in die strahlende Sonne hinein. Er +wusste, dass sie Feuer war, aber sie brannte nicht. Sie war auch nicht +golden. Sie war weiss, von einer lichten, unbeschreiblichen Klarheit, +lichter denn das Mondlicht im Kerne der junggebornen Mondsichel, und +Atlasschimmer aus keuschen Lilienkelchen. + +Er sah eine Frau in der obersten Klarheit. Sie hielt einen Lilienstengel +in der Hand. Er wusste, dass es seine Mutter war, die er nie gekannt und +verloren hatte. Jetzt erkannte er sie gleich. Sie laechelte ihm zu. + +"Ich komme. Ich komme," sagte der kleine Priester begeistert. + +Auch ein ganz weisses Lamm sah er. Er freute sich, dass es da war. Er +hatte die Thiere immer geliebt. Er hoffte, dass es auch fuer sie einen +Himmel gab. Dies wusste er nun auch. + +Alle Baeume waren eitel lichtes Silber. Ihre Fruechte waren Diamanten und +Perlen. Weisse Schneelilien sprangen auf, die suess dufteten. Man konnte in +die Erde sehen, tief hinein, denn sie war weiss und durchsichtig wie +Milchglas, Opale, in denen das Sternenlicht floss. Es war dies innere +Licht, von dem sie leuchtete, denn es gab nicht Schatten mehr. Wo Festes +gewesen war, wurde es weich und floss im Schimmer, der loeste. + +Und er war ganz weiss, er selbst. Seine Finger waren weisse Strahlen. Aus +seiner Brust schien die Klarheit, Alles, wo sie hinfiel, ward weiss. + +Er trat in das kleine Stuebchen der Holzschlaegerhuette. Dies war ein elendes +winziges Gelass. Blut lag da auf der Bettdecke, Blut auf dem Fussboden, +Blut ueber den hastig hingeworfenen Kleidern. Man hatte die Fiedel +gerettet. Aber der Kasten war zerschlagen im Falle. Die Saiten hingen wirr +und ungestraengt. + +Die Augen des Sterbenden waren weitgeoeffnet. Ein Ausdruck des Schreckens +lag darin, und Brennen, als ob er saehe und Furcht hatte. Er phantasirte: +"Hast Du die Frauen gesehen, wenn sie zur Kirche schreiten? Ihre Hacken +schlagen kurz auf und ihre Hueften tanzen unter den runden Roecken, die der +Wind hin- und herschlaegt. Wenn der Sechzehnender durch das Unterholz +bricht und der Stolz des Waldes ist in seiner keilenden Brust! Hei! Der +Zug der Burschen, der zum Schuetzenfest zieht. Alle Fiedeln spielen auf und +die Schenkel stampfen. Wie Herrenblick, der zwingt, trifft der nie +fehlende Bolzen. - Ich sage Dir, es ist nichts, was ueber des Weibes Anmuth +geht, denn ihre Falschheit! Wie ich sie geliebt habe und wie ich sie +hasse! Ihre Augenbrauen, die wie Boegen der Kroenung sind, darunter +triumphirende Heere einziehen. Ihre Augen locken und ertraenken wie der +wilde Bergsee. - Das ist roth - roth Alles - vor meinen brennenden Augen!" + +Der kleine Priester strich mit der Hand ueber die Augen. Sie schlossen +sich. Sie brannten nicht mehr. + +"Ich habe die Erde gerochen am Fruehlingsmorgen, wenn sie dampfend +aufbricht, ehe der Tag kommt. Tausend Wuerzbaeche stroemen, wo die +tausendjaehrige Edelfichte krachend niederschlaegt. Gefaehrlich wie Blutdunst +ist der umnebelnde Duft des Weines, der zu Kopfe steigt und die Faeuste +straff macht. Aber der Frauen Athem ist roether wie Blut. Wie Weizenacker +frisch geoeffnet ist der Leib des Weibes. - Es ist die Schwuele der +Sommererde, die die Todten nicht schlafen laesst." + +Er strich mit der Hand ueber die Nasenloecher. Leise fuhr der troestende +Finger die zitternden, hastenden Nuestern entlang. Der Geruch war fort. + +"Hast Du auf Deinen Lippen ihre Kuesse gefuehlt? Wenn sie schwoeren und +luegen. Worte, die fallen wie der Wasserfall, lieblicher denn +Nachtigallentriller. - Worte! Worte! Worte!" + +Er strich ueber die Lippen und sie schlossen sich. Sie wurden stumm und +weich. + +"Ich habe sie mit meiner Hand gehalten. Ich lasse sie nicht. - Wenn man +das Messer sehr fest packt und rothes Herzblut springt herueber ... Weisst +Du, dass ich mein Messer unter meiner Hand hatte? Sie haben mir gesagt, +dass ich das Holz sprechen machen konnte, die Saiten riefen unter meinen +Fingern wie mit Menschenstimmen. Ich will spielen. Sie sollen tanzen. Sie +sollen lachen und schreien. Ich will den Ton finden, der die Todten tanzen +macht. Die Todten haben Knochenhaende und lassen nicht los." + +Die gekrampften Finger loesen sich unter den andern streichenden, +gleitenden. Die Haende fielen. Sie lagen ruhig und straff. + +"Meine Fuesse tragen mich nicht mehr. Aber sie haben mich getragen durch +die Nacht. Im Tanze. Wer kann tanzen wie ich, der Spielmann Anderl! Wenn +der Boden knackt, die Dirne hoch anfliegt zur schwelenden Decke. Ich kann +springen! Der Teufel ist in meinen Fuessen. Ich springe mit dem Teufel zur +Hoelle!" + +Er beruehrte die Fuesse an ihren Sohlen. Er salbte den rechten. Er salbte +auch den linken. Die Fuesse lagen still. + +Der ganze Mann war weiss und still jetzt. + +Der kleine Priester hatte die Fiedel genommen, das Holz zeigte keinen +Sprung, die Saiten fuegten sich wie von selbst und erklangen: + +"Wenn Eure Suende gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiss werden," +sang der kleine Priester. "Und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll +sie doch wie Wolle werden. + +"Und heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein!" schloss der kleine +Priester. + + ------------------------------------- + +In der Holzschlaegerhuette lag der Wilddieb todt. Er lag mit gefalteten +Haenden und laechelnden Lippen. Eine weisse Kerze brannte. Das blasse goldne +Herz stand zitternd aufrecht im Dunkel, das der Schnee warf. + +Der Schnee fiel. + +Unter der weissen Schneedecke, das Allerheiligste gegen seine Brust +gepresst, schlief der kleine Priester. + +Der Schnee fiel ... fiel. + + + + + + DAS ZEHNTE KAPITEL. + + +Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen +Stande gewidmet hatte. + +Nie war fuer ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwaehlen. Von +frueh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt +darueber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne. +Dabei war er von maessiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre +lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und +lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Wuerde in aller +Guetigkeit, dass er die Spoetter zurueckwies, Niemand ihm etwas anhaben +konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man +Jemand etwas Gutes wuenschte, und diese Leute waren aelter, dass man ihnen +einen Sohn wuenschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein +Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst +gegangen, ein Amt erwaehlte, das ihnen fremdartig war und nicht so +angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott +alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten +jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in fruehen +Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Muehsal +getragen hatten. + +Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in +ihren Suenden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen +war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines +vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Geruecht drang +bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger +angestellt auf den eignen Wunsch des Fuersten, der gern seine Predigt +hoerte, auch manches Gespraech mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und +redlicher Gemuethsart, dachte viel nach ueber die Pflichten und Vorrechte +seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fuehlte in seinem Gemueth, liess er +oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen +wurden, sein Einfluss also gross war im Lande. + +Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und +Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein +klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es +ihm freigestanden haette, ein Weib zu waehlen, Niemand ihm seine beste +Tochter geweigert haette, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass +keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzoege von seinem geistlichen Amt, +welches er als das hoechste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott +anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem +strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und wuerdigeren jungen +Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war fuer +Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes +Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so +geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben, +das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach +geschliffener Stahl vor Aller Augen. + +Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die +Stadt schon aufhoerte, bluehende Straeucher standen und Fruchtbaeume im Laub - +wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich +selber -, freute er sich am Gesang der Voegel, wie sie alle eintraechtig +sangen und war keiner groesser und mehr geachtet denn der andre in ihrem +Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts +empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter +ihre zwei Pieptoene, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien. +Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die +Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt wuerden von dem, was flog und +kroch in der Luft, auf der Erde. + +Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und +beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass ihre +Schwingen fast die Erde beruehrten. Dann hoben sie sich wieder, blieben +segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Boeschung dufteten Veilchen. Libellen +schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig +von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser. + +Wie er nun also ging und sich freute, die Voeglein lieblich und froehlich +sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf +einem der Baeume. Leise schlich sie auf unhoerbaren, tastenden Zehen. Ihr +Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In +den Flanken sassen tiefe Loecher von der Anstrengung des Dehnens. Die +Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager, +schlechtgenaehrt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos +geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist. +So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es daemmrig wurde, sass auf dem +Baum und hob ihre Kralle ueber dem Nestchen. + +Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn +die unschuldigen Voeglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen +Stein, zielte und warf. Und traf so gut, dass er die Katze hart schlug in +ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schuetzen. Sie stiess einen +schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der +Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jaemmerlich +wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwaerts zu +strecken mit strebenden Vorderfuessen und schwachem, nachschleppendem +Ruecken. Und lag im Staube, blutend. + +Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze +aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute +oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres +Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf +dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatuerlich weit, noch +vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff, +ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschoepft und hatte gehungert +seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand wuerde diesem +Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem +Heuboden Nahrung bringen. Sie wuerden warten und miauen, elendiglich +verhungern, um ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den +er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Voegel +fuer ihre Kleinen, die hungerten. + +Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit +schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen wuerde oder sie weiterquaelen? Sie +wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber +sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes +Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all' +sein Gift, scharfe Zaehne und Krallen, die ihm ja nuetzlich sind gegen die +Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmaechtig und nuetzen ihm nichts. Es +wartet, dass man es vollendet. + +Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er ueber solches dachte in +seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach +ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfaeltig mit Wasser und gab ihr zu +trinken aus einer Flasche, die er bei sich fuehrte. Dazu, um das Wasser zu +finden, hatte er hinabsteigen muessen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam +und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh in die Hand und +entsprang zwischen die Weidengebuesche. + +Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit +seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: "Wie magst Du dem schaedlichen +Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem +schadet es? Ein werthloses Vieh! Tueckisch und voll Argheit." Das sagte er +aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der +Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Voegel und Maeuse zu fangen. +Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und haette gern eine +Antwort gewusst. + +Der fremde Mann sprach: "Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und +litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen." + +"Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, toedten und quaelen." + +"Der Tod ist kein Uebel," sagte der fremde Mann. "Der Geist, der +widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel." + +Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quaelte ihn in seinem +Herzen. Er sprach: "Deute mir das!" + +Der Andre sprach: "So Dich Jemand schlaegt und Du schlaegst ihn wieder, so +ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurueckschlaegst und also +Boeses vergiltst mit Boesem. So ist das Boese an sich nicht boese, aber es +boese _macht_ in seiner Wirkung, sind Boese." + +Johannes sprach: "Soll ich einen Mann nicht toedten, der Andre toedtet? +Wuerde Mord und Todtschlag nicht ueberhandnehmen in der Welt, so Solches +ungestraft bliebe? Jeder thun koennte, was ihm gefaellt, sein boeser Muth ihm +eingiebt gegen seinen Naechsten?" + +Der Fremde sprach: "So es sein boeser Muth thut, ist es seine Natur. Alles, +was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du +aber schlaegst _gegen_ Deine Natur, ist es Dir Suende, groesseres Unrecht +denn dess, der Dich geschlagen." + +Er sprach: "So werden alle Boesen fortab triumphiren und straflos sein. Die +Guten muessen nur dulden und ertragen." + +Der Fremde sprach: "Dulden und ertragen ist nicht boese. Selig sind, die +das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und +Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. Das Fleisch ist schwach in +ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kraeftig ist und sich bewegt." + +"Der Tod ist immer bitter," sagte Johannes. "Das ist auch gegen die Natur +des Menschen." + +"Weil sie die Natur nur halb erkannt haben," sagte der Fremde. "Sie +wissen, dass sie sterben muessen, aber sie wissen nicht, was hinterher +kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat +Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und +das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist +Leben. Es ist ein Neugebaeren in jeglichem Sterben." + +Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: "Die Menschen +rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie koennen die Gesinnung +nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke. +Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Suende ist geboren, +ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Suende im Thun wie im Wollen. Zu +diesem aber sprach die Schlange. - Und der Stolz ist der Urgrund alles +Uebels." + +Er sprach: "Wie deutest Du das?" + +Der Fremde sprach: "Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in +den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens +ist. Er sprach - und er sollte hoeren. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein +Kleines, Staubgebornes, Willkuerliches will stehen, wo das Grosse, Ewige, +Gesetzte steht." + +Er sprach: "Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und +Freiwilligkeit des Menschen?" + +Darauf antwortete der Fremde: "Mit nichten. Sondern ist es nicht edler, +das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen +verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das +Andre Adliger und Freigeborner." + +Johannes sprach: "Wie kann das Gesetz fuer Alle dasselbe sein, so doch der +Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?" + +Er sprach: "Es ist auch nicht dasselbe Gesetz fuer Alle. Haendewaschen ist +nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Goetter von +Stein und Goetter von Erzen. - Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg." + +Da erschrak Johannes in seinem Herzen und sprach: "Die alten Weisen haben +wohl gelehrt. Sie dachten, sie haetten die Weisheit gefunden. Und waren +Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind +gekommen. - Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?" + +Er sprach: "Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige +Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kraeuter. Es fuehren viele Wege. +Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen +und Steinbloecke." + +Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst +seines Herzens, flehte ihn an und bat: "Gieb mir ein Zeichen." + +Er sprach: "Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden +nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen koennen +und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind +reich und ihr Reichthum ist koestlicher denn aller Reichen. Die Todten +sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. - Ein Kind findet +es in seiner Einfalt. Den Weisen und Maechtigen aber bleibt es verborgen." + +Er sprach: "Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Suende gethan hat, ist er +nicht schlimmer denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir +nicht Alle suendigen und froh sein?" + +Er sprach: "So Du sie thust, ist es Dir Suende. Die Andern aber gehen auch +nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war ueber +den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und +heim kam, fand ueber dem der zu Hause geblieben, niemals irrte." + +So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddaemmerung. + + + + + + DAS ELFTE KAPITEL. + + +Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte: + +"Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Haeusern. In steinernen Kirchen +ist das Wort verschlossen fuer bloede Mengen am Sonntagmorgen. Die Maechtigen +missbrauchen Deine Worte fuer ihre Zwecke. Man fuehrt Kriege in Deinem +Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der +Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Suender stirbt nachher +wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?" + +Er sprach: "Siehe zu, was ich thue: + +"Soll ich Krieg fuehren, um die Welt zu ueberzeugen? Der Hass waere schlimmer +denn zuvor. Die Sklaven von heute waeren grausamere Herren, als die Herren +von gestern. + +"Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz waere gut, aber +die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde +Wueste. + +"Vielen ist es gesagt, aber Wenige hoeren. Allen ist es ein Schlachtwort +und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und +Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein +Schwert, das durchbohrt, suesse Milch, die ganz junge Kinder trinken." + +Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich uebersetzen +liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein +Tuch mit Samenkoernern eingebunden hatte, die er saeen wollte auf seinem +Acker. + +Er sprach zu ihm: "Gieb mir von Deinen Koernern." + +Der Mann sprach: "Nimm so viele, wie Du willst?" + +Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser. + +Sprach der Mann zu ihm: "Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser +die Samen nicht haelt und austreibt?" + +Er sprach: "Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel +finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll, +muessen tausende sterben." + +Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen. +Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich +anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase. + +Derselbe sprach zu ihm: "Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle +Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schoen und der Andre haesslich, +Jener klug und Dieser thoericht. So sage auch diesen, dass sie mich schoen +finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist." + +Er sprach zu ihm: "Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz haesslich bist Du +und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schoenheit, die +Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz +niedrig." + +Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin +die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser. + +Aber sie hoerten es nicht gern. Die, die das hoerten, fuhren fort, das Volk +zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustuerzen, oder System und +Lehrsaetze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine +Fuelle haette, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu. +Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: "Morgen kommt der +grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind. +Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige. +Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie uebertaeuben +und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter +schreien." + +Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann's aus der grossen Stadt. +"Gebt Eure Gueter und verlasst Eure stolzen Palaeste! Gebt Eure Macht auf, +Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr +unsre Frauen und Maedchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine +Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen. +Einer soll sein wie der Andre, Keiner Koenig und Keiner ein Bettler. Unsre +Frauen sollen gleichgeachtet sein wie wir und unsre Toechter wie unsre +Soehne. Wir wollen gluecklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. - Denn +was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod." + +Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm ueber seinen +Seelenzustand sprechen. + +Er sagte: "Ich habe immer ein untadeliges Leben gefuehrt. Von Lastern und +verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen +Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe +meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen +Niedrigstehende bemuehe ich mich hoeflich und gerecht zu sein. Es fehlt +meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebuehr und ueber Gebuehr. Ich bin +allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird +Niemand zoegern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie +unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es +klebt kein Staeubchen an meinem Vermoegen. Alles ist auf ehrliche Weise +erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter +faende einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen. +Dem Staat zahle ich puenklich, was ihm zukommt. Ich betheilige mich an +allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnuetzigen Anstalten. Die Leute auf +meiner Besitzung sind gluecklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst, +bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?" + +Er sprach: "Du sagst, dass Du Gueter hast. Nimm Deine Gueter, den letzten +Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den +Hunden." + +Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach, +denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schoen von Ansehen, der +das Gute suchte. + +Darauf sprach er: "Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die +Wollust giebt fuer Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher +Busse, der grobe Suende thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und +niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer fuer einen Menschen, der viele +Gueter hat, dass er das Gute finde!" + +Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: "Was nuetzt es den Armen, so +Einer giebt? Es kaeme wenig auf Alle. Morgen waere dasselbe wieder, dass +Einige nichts haetten und Andre mehr." + +Er sprach: "Es ist nicht um der Armen willen. Wenn er es auf's Meer wuerfe, +die Wellen truegen es fort, waere es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass +seine Gueter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien +Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird +ersticken in ihm, ohnmaechtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. - +Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafuer Neid und Niedrigkeit als seine +Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und +die wahre Liebe ist stolz und eine Koenigin. Aber die begehren, sind +Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fuerst." + +Wenige verstanden dies und Viele murrten darueber. Einige sagten, er liebt +nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionaer sei und es mit +den Hohen nicht verderben wollte. + +Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn +fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurueck, fragte: +Was _willst_ Du thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschaemt +standen in ihrer Nacktheit und List. + +So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog. + +Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? "Das Gesetz erlaubt +mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die +allgemeine Meinung und meine Staerke wuerden mir wohl gestatten, sie zu +toedten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache." + +"Und Deine Liebe?" + +"Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zaertlichkeiten, die ich ihr +erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr +Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schoenheit erfreute +mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmuecken. Keiner ihrer Wuensche, den +es in meiner Macht war zu erfuellen, blieb unerfuellt. Ich liebte ihren +Verstand, ihre Art sich auszudruecken, die Weichheit ihrer Stimme, die +Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir +erweckte, ihre Schuechternheit und Huelflosigkeit selbst." + +"Und ihre Seele? - Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und +arm und nach Huelfe schrie? Ihre Zoegerungen, den Glauben an Dich, Deine +Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch +suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, - Deine Seele, die sich +nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen +machte, der sie noch ungluecklicher liess? - Diese arme, nackte frierende, +beschaemte Seele, hast Du sie geliebt?" + +Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: "Er ist nachsichtig +fuer die Suenden des Fleisches. Huren und Luestlinge sind ihm recht." + +"Die Suenden der Wollust sind traurig," sagte er. "Sie tragen ihre Strafe +in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit +der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebaert. Die +Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine +Schoenheit mehr fuer den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der +Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit, +Wuermerfrass der Seele." + +"So waere es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen +und dass die Welt aufhoerte?" fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster +gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: "Welch' +ein Unsinn!" + +Er sah ihn lange an. "Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse +Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen der Morgenroethe. +Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen +Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts +anhaben, _denn sie schaemen sich nicht_. Das ist das Hoechste, sich nicht zu +schaemen. Weil die Scham in uns ist von der Suende." + +Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklaerte. + +Er that es nicht: "Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt +haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein +wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der +andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben - immer +neues! Sie sind wohl die Ungluecklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind +unfruchtbar." + +Manche haetten gehofft, dass er mehr darueber sagte. Aber er hielt seinen +Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag. + +So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. "Ich habe meinem +Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im +Recht oder ich?" + +Er sprach: "Warum forderst Du es?" + +Es entstand da ein ganz laecherlicher Disput ueber die Ehre. "Wenn Einer +mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?" + +Er sprach: "Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schlaege. Machst Du +ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlaegst?" + +Aber in seinem Herzen wurde es traurig ueber sie. Und er that seinen Mund +auf und fing an zu wehklagen. + +"Arme! die Ihr reich seid, und Eure Gueter fressen Euch selbst, Geiz, Neid +und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig +hat, und fuer jedes Ueberfluessige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein +Andrer Mangel. + +"Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhaeuser und sammelt fuer +Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich - und wollt Lob Eurer Nachbarn und +Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor, +was brauchet Ihr zu geben? + +"Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet fuer die Freiheit Eurer +Brueder, Gesetze, Unterricht und Buergerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit, +wenn Ihr nicht Unfreie gemacht haettet zuvor, Eure Seelen nicht in Banden +waeren des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Luege, der Traegheit und +der feigen Angst? + +"Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten, +dass sie Euch anstaunen moechten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom +Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu +Grabe traegt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher. + +"Ihr denkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte +ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die +aeussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in +Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, koestlichen Kleidern um Eure Nacktheit. +Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem +faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Groesse +die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft. + +"O Ihr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Unglaeubigen! Wie ungluecklich seid Ihr +in Eurem Gluecke! Wie erbaermlich in Eurem Stolz! + +"Die Kinder und Unmuendigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr +verachtet habt. Das Lamm wird staerker sein denn der Loewe, der laut bruellt. +Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Koenigreiche leiten, die der +Eisenfuss zertritt. + +"Wehe Euch! Wehe Euch! + +"Die Pflanzen wissen, die Felsstuecke. Die Wasser, die ihren Weg laufen. +Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn. + +"Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr koennt nicht, die Ihr stark +seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kaempfen, siegen nicht." + +Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging +mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer. + + + + + + DAS ZWOeLFTE KAPITEL. + + +Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht. + +Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und +Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhuellt, dass +Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine +Gestalt, dass es unmoeglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder +gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht. +Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener huetete sein Pferd, +waehrend er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht. + +Die Nacht war stuermisch und sehr finster. Man hoerte den Wind brausen. Er +trieb die nassen Zweige der Baeume in grossen Packen gegen die Fenster, +dass es klatschte und prasselte. Der Wind war gewaltig. Er fuhr ueber die +Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde +fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige, +furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen +und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu +herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der +Herausforderung ueber die Erde. + +Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war ueber die See gefahren +und sein Mantel hatte die Kaemme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm +schnappten und sich ueberschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue +Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde. +Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie +und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden +Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in +glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann +entschluepfte er ihnen wieder, sich ueberschlagend in der Luft. Sie machten +verzweifelte Spruenge und warfen sich ihm nach an den Strand wie ungefuege +Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern. + +Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon. + +Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten, +um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwaechter erschrak in seinem +Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er +blies dem Waechter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem +Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Fluegeln. Dann fuhr +er weiter. + +Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie +umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und +er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner +geraden, majestaetischen Bahn. + +Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Laeden fester zu. +Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Daechern, die schlechten +Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob +das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles aufstob, +durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Huehnerstall faehrt. + +Hui - hui - machte der Sturmwind. + +Im Gebirge koepfte er die Tannen und schleuderte sie kopfueber den Abhang +hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er +grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen +mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Bruecken und peitschte +die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist +ihr Herr. Er war furchtbar. + +Ueber die Staedte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Laeden vor und +zogen sich die Nachtmuetzen tiefer ueber die Ohren: Es ist Sturm draussen +und gut, dass wir nicht im Freien sind. - Wo er Einen fand, der draussen +war, schuettelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kaeltete ihn +durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und +ein Feind der Menschen. + +Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war +dicht verhuellt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der +Regelmaessigkeit schoener, geuebter Edelthiere. Der Sturm versuchte ihm den +Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er huellte sich nur noch dichter hinein. +Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die +Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in +einiger Entfernung. + +Der Reiter hoerte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es +eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit +entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind +sang. + +Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von +wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer - dann der +Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die +Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm. +Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen Koenig unter den +Menschen, dem Gewaltigen! + +... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken laeuteten. +Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tuechern. Weissgekleidete +Maedchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer. +- Der Hermelin hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der +Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der +Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im +Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende, +wie die Schlange, die den Weltkreis haelt, funkelnd im Schmuck der +Edelgesteine - des Rubins, der das Blut ist, Topase, koestlicher als Gold, +der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde gruene Augen der Edelkatze. - Und +er war es, der gross und reich war, der Koenig war. + +Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der +Mitternacht hoerte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhuellt und +ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte. + +Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht. + +Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen, +surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte +nach seinem Roehren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem +vibrirenden Resonnanzboden einer Violine. + +"Es ist Sturmwind und sehr finster," sagte der schwarze Reiter. "Ich bin +zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen ueber Dinge, die gefaehrlich sind zu +nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar, +diese Nacht!" + +"Es giebt einen Morgen," sagte der Fremde. "Das Licht wird sehr hell +kommen. Wir werden Morgen haben bald." + +"Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier +bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des +Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin +ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hoerst Du die Weisen +draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie +singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus +umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Ruestungen von Eisen +und gehen langsam vorueber. Die Letzten haben Purpurmaentel und Einige +reiten auf herrlichen Pferden. Einer traegt sein Haupt unter seinem Arm. - +Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?" + +"Sie haben getoedtet," sagte der Fremde. "Sie haben genommen. Sie haben +geraecht und gerichtet." + +"Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben +geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Staerke ihres +Arms. Sie waren Vaeter und Erbauer." + +"Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele fuehrt in die Irre, der als ein +Fuehrer selber irrt. So er dieser Geringsten einen aergert, besser waere es +ihm, er verloere Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch +waehlt, gefaehrdet den Bau." + +"Das ist schrecklich. - Sie waren Erwaehlte unter den Menschen. Die Gnade +von oben hat ihnen geholfen." + +"Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde," sagte der Fremde. +"Die Gnade wird dem Demuethigen." + +"Man kann demuethig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat +Koenige eingesetzt." + +"Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der +Krippe gebettet." + +"Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu +sein?" + +"Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller +Knecht." + +"Das ist bildlich gemeint," sagte der Reiter. "Wer dem Ganzen dient, ist +Aller Knecht." + +"... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Fuesse," sagte der +Fremde milde. + +"Das ist doch auch nur symbolisch." + +"Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?" Der Fremde laechelte - ein +trauriges Laecheln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert +gleichsam, wie lange gestorben, die lebte. + +Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies +zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht. + +"Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir haengen am Kreuz. +Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu +kaempfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung. +- Auf Einen faellt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom +Unrecht. Fuer dieses schwere Amt muesste man Vorrechte haben. Wer wollte +freiwillig es auf sich nehmen?" + +"Glaubst Du, dass es Keiner moechte?" + +Der Reiter verwirrte sich. "Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es +ist besser, dass das Festgefuegte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der +den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem +Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?" + +"Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel. +Er liess sich binden und kreuzigen." + +"Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist goettlich." + +Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren +auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schaerfen, Spitzen, die eingedrungen +waren. Er hatte Narben in den Haenden. Ein Schmerz, wie von einer schweren, +nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in +seine Seite. Er seufzte. + +"Und wenn ich es thaete?" fuhr der Reiter fort. "Wer haette den Vortheil? +Ein Andrer, der kaeme und schlimmer waere, vielleicht weniger tief angelegt, +- ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem waere geholfen? Und was ist Einer?" + +"Einer war und er that." + +"Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der +Unterdrueckung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind sie +darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er +war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?" + +Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine +Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelaechter, das +Lachen von tausend Kobolden und Daemonen. Der Fremde antwortete nicht. + +"... Es koennte sein, dass Umwaelzungen kaemen," sagte der Reiter, +"allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam +vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben +zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genuegen +lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur +geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erloeser. Nicht ein Genie ... Ich thue +meine Pflicht." + +Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde. +Diese ritten hinaus wieder in die Nacht. + +Ueber ihren Haeuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende +Weisen. + +Hoiho - hoiho - triumphirte der Sturmwind. + + ------------------------------------- + +Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich +daselbst auf einen Stein. + +Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjaehrigen Baeumen, Eichen mit +seltsamen verknoteten, verknoecherten Staemmen, die da wie Vorweltriesen +standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder +frische gruene Zweige mit krausen Blaettern und Eicheln. In einige war der +Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band +vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite +gruente noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen +Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestoert haetten +im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Staemme +standen in den Zwischenraeumen zwischen denen des Ersten, so dass es von +innen anzusehen war wie eine hoelzerne geschlossene Ringwand, aus lauter +Staeben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhoerte oder +anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel +durch. Der Boden war mit hohem, gruenem, sehr feinem Gras bewachsen. Man +konnte gehen in den Abstaenden der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war +schattig und doch hell. + +Die Rinde dieser Baeume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen +Abschilferungen wie die maechtigen Dickhaeuter. Moose wuchsen aus ihr in +grauen Haengebaerten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet, +schwaerzliche Warzen, in denen die Saefte sich schwaerend stauten. Die Aeste +kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine +Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht +des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie +veraestelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Staemme hatte man +abgehauen. Aber die Stuempfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand +ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die +Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch maechtig +mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen +Hexenwelt. + +Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann +wusste, dass man diese Steine nicht anruehren durfte. Es lagen grosse +Helden der Heiden darunter begraben und sie waren blos verzaubert und +nahmen es uebel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem +Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzaehlten, +dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da haetten grasen sehen, ohne Zaum und +Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und +fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer spruehte aus seinen Nuestern. Das war +das Schlachtross des Heidenkoenigs. Auch von einer wundersamen Frau +erzaehlten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben +seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Maenner; solcher +liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkoenig +hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer +eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten Koenig, dem sie +angehoerte. - Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre, +der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im +Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der +schoenen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief +auf sein hoellisches Bett des Nachts. + +Aber sie war unselig und klagte. Oft hoerte man ihre Klage widerhallen im +Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte, +dass der gute Koenig, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und spaete +Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie +thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war laengst todt im +Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der suendigen Leidenschaft +willen, die sie festhielt an dem starken Helden. + +Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte +und Maegde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes +geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch +immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so +stark gewesen war und so schoen, der tapferste Held der Heiden und ein +Wunder, der Koenig, vor den Leuten. + +Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine +unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld kuesste sie heiss +und wach wieder, jede Nacht, wenn sie muede war und kalt, endlich sterben +wollte. + +Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er +folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie, +seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer +fliehenden Curven, bis sie sich die Haende reichen, neues Spinnen begann. +Wo sie aufhoerten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber +mannbarer Maenner, und standen wie Thuerme, die nichts umwirft. Der Blitz +war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da +war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten. + +Ein Salamander schluepfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb +gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie +Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest +bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkoenig faengt, steht unversehrt mit ihm +mitten in den Flammen, alle Schaetze der feurigen Tiefe sind sein. - Denn +der Molch ist der Koenig des Feuers, derer, die haemmern ohne Unterlass im +Gestein, Zwerge, neidischer, ungefueger Riesen und Drachen. Rothes Gold +hueten sie, funkelndes Edelgestein, unerhoerte Schaetze, von denen die +Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier. + +Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und +horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob +ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Voegel und der +Baeume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens. +Wer ihrer Weisheit zuhoert, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich +kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung +war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische +Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen. + +Zwischen den Staemmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Faeden +ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links +und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen +wieder andre kreuzende Faeden. Auf und ab wob die Spinne netzend und +anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: "Dies +Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst. +Hier haenge ich zwischen Himmel und Erde. Sie koennen mir nichts anhaben von +oben oder unten. Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles, +was auf ihren Strahlen laeuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut naehrt +mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste +Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die +starken Bastfaeden der Baeume." + +Der Fremde sass und zeichnete im Sand. + +Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehoerte. Er war so +alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock +stuetzen musste. Aber sein Ruecken war breit und maechtig in dieser Kruemmung, +als ob er eine Weltlast tragen koennte. Sein Haar und Bart war schlohweiss, +von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten +die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zaeh und hart war sie, von +der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich +oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten, +bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Haenden +wie Stricke, versteinerte Gaenge einstiger Canaele, in denen kein Blut mehr +fliesst. Wohl hundertjaehrig war dieser Mann. Aber seine Augen gluehten und +leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die +erstarren machen die, die darauf sehen, staehlerne Spiegel, dass die Seele +und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen +gleich einer Thuer ohne Hueter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn +er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die +staerksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem +Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte +Fliege. + +Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm +ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark, +wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er +wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum +huetete er den tausendjaehrigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er +stehen sollte, gruenen und Fruechte tragen tausend Jahre nach ihm. + +Der alte Mann ging auf seinen Stock gestuetzt und sein Hund folgte ihm. Es +war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine +Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter +Seinesgleichen, schwer tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter +seinen Gesellen, Herren und Fuersten ringsher. Etwas vom Ausdruck des +Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort +oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts +schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmoeglich zu +diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu beruehren, der +aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt haette, +dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so +furchtbar und gefaehrlich dieser Hund war fuer Menschen und Thier, so +gehorsam und gefuegig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines +Eindrucks erhoehte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in +dieser Gegend, wo man sie fuer Koenige hielt und Wesen ueber dem Maasse des +Irdischen und Staubgewordnen. + +Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So +gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es +wie Flammen zuengelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen +haette dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde sass ganz still, zeichnete +mit seinem Stab im Sande. + +"Wer bist Du?" fragte der alte Mann, dem der Wald gehoerte. + +"Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt." + +"Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt," sagte der alte Mann. +"Es ist Niemand, der nicht stirbt." + +"Nichts, das gewesen ist, stirbt," sagte der Fremde. + +"Buddha ist gestorben, Alexander und Caesar. Was ist geblieben von ihrer +Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Staerke?" + +"Die Amsel, die laeuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt." + +"Du sprichst sehr thoericht," sagte der alte Mann. "Jene waren Helden und +Weise. Diese sind arme, geringe Thiere." + +"War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum groesser +denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?" + +"Sie rechnet nach Tagen. Wir zaehlen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen. +Die Weisheit des Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die +schwersten Regeln und loesen das Innere der Menschheitsgeschichte." + +"Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es +zerreisse!" + +Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die +grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der +Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh huepfend. + +"Ich fuerchte den Tod nicht," sagte der alte Mann stolz. "Ich habe das +Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum +und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, aermer wie der +aermste Tageloehner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl +pflanzte, war mein gluecklichster Tag. Kaiser und Koenige habe ich gekannt. +Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die +Gummibaelle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und +zerblasen. - An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze +Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht, +Noth, Neid, Hass habe ich getragen, Undank, der schlimmer ist wie der +giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel, +Ruhm, Liebe der Weiber, fluechtige Tropfen des Bluethenoels, die verfliegen. +- Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich +gruesse den Tod, denn ich bin muede vom Leben. In mir ist Alles todt, was +lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles +ist eins, und so gut als waere es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist, +werde ich es tragen. Niemals werde ich gluecklich sein und niemals klagen. +Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjaehrigen. - Was bist Du +gekommen mich zu stoeren in meiner Oede? + +"... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen," sagte der alte Mann, "und +Goetter. Es waren andre Goetter vor ihnen, groesser und gewaltiger als Du. +Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie, +vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Goettern! - +Sie rafften und wussten und sammelten Schaetze und schufen Welten fuer +Zeiten und Jahre. Sie waren Goetter und sind wie Menschen. Ich gehoere zu +ihnen. Du bist nicht meiner." + +"Du wirst mich kennen." + +Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen +mit der Hand. Wie ein Schatten ging es ueber seine Augen. + +"Ich traeumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen +sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du +bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein Koenig und +kommst im Kleide des Bettlers. Du koenntest toedten und Du streckst die Hand +aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?" + +"Ich bin fuer Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und +ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen +Augen." + +Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu +verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen +seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: "Wohl - wohl - Du +bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht. +Ueber Schuld und Nacht - - Kannst Du lieben dahinueber?" + +"Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hoelle gewesen." + +"In der Hoelle ... In der Hoelle ..." Der alte Mann beugte sich noch weiter +vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu +ringen - zu ertrinken. Er athmete hart. + +"Wo die Flammen steigen zum naechtlichen Himmel, die Starken schmachten in +Ketten und Banden - -" + +"Wo die Flammen steigen zum naechtlichen Himmel, die Starken schmachten in +Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten +Stolzer ... Einer - -" + +"Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!" + +Der alte Mann hatte einen Schritt vorwaerts gemacht. Wie ein Blitz an der +Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt. + +Der Fremde drueckte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes +ueber ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Laenge, die tausendjaehrige +Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und faellt. Der Hund hielt die Wache +neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die +Vorderpfoten nebeneinander gestellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen +auf alten Grabmaelern. + +Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel huepfte und +beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz. + +Niemals wieder im Zauberwald hoerte man die Klage der weissen Frau. + + + + + + DAS DREIZEHNTE KAPITEL. + + +Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen +Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: "Dein Freund ist todt. Er +hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt +er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein +Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden +ihn begraben und unter die Erde senken muessen. Die Wuermer werden ihn +zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass +von ihm nichts uebrig bleibt. Pilze und lange Graeser werden wachsen aus +seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden +kriechen in der Hoehle seines Mundes, der lieblich toente von holdseliger +Rede, weil er lebte. Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost +bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine +Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer +wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses +Unglueck ist es fuer Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er +todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im +Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt." + +Dies Alles hoerte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging +sehr eilig, dass er den Todten noch saehe auf seiner Bahre, die Hand auf +sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge. + +Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte +Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und +halfen ihr ihre Thraenen trocknen. Waehrend sie laut die Tugenden des Todten +ruehmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und +Zuverlaessigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Haelfte seines +Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem +Haeuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte. + +So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre +Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage +und Naechte nicht abgenommen, waehrend er krank lag. Ihre Augen waren +geroethet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jaemmerlich +und huelflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich +nicht troesten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie +hatte nur diesen und wuerde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Toechter konnten +in die Ferne ziehen als Maegde. Manchmal wuerden ihr die Nachbarn eine +Unterstuetzung bringen als einer Bettlerin und Ueberlaestigen. Sie wuerde an +der Thuer stehen, wo sie frueher als Herrin gewaltet, aermlich sitzen, wo sie +im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn. + +Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getraenke, +Wecken und Kuchen fuer die Leidtragenden, waehrend die Maenner Bier aus +Kruegen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die +Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tuechtig +darin. Ihre Wecken und Kuchen waren beruehmt im Dorfe. Das Bier, das sie +selbst braute, schmeckte kraeftig und suess, wie irgend ein gekauftes. Alle +assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Fuehrung des +Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen +Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, fuellte die Tassen und Kruege, +schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die +Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und +fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schlaege auf ihre +kleinen Roeckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr +tuechtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich +vornahm, sie als Haushaelterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie +gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig +Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder +fehlte, sie wegzugeben. + +Maria aber, die andre Schwester, sass zu Haeupten des Todten in dem kleinen +Verschlag nebenan. Sie hatte einen bluehenden Kirschenzweig abgebrochen und +wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des +Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte sie sie sacht hinweg mit +ihrem bluehenden Zweig, ohne sie zu toedten, dass sie aufflog und summend +gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflueckt, ganze +Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf +einem lichten Fruehlingsanger lag der Todte, weil er jung war, +wohlgewachsen und schoen vor andern Juenglingen. + +Martha schalt ueber das unnoethige Heu, das die Kuehe fressen koennten. Sie +fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der +Bedienung der Gaeste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte +ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, waehrend sie vor +sich hinsang. + +Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt +wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr +Vorwuerfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Voegel +schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand. +Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz +genommen und heimlich zurueckgetragen in's Wasser. Martha hatte gezankt, +ihre Hand geschlagen. Sie fand, dass sie unnuetz war und traege in der +Arbeit. Obgleich sie sehr schoen war, hoechst lieblich anzusehen, fragte sie +nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen waeren, unter ihren +Fenstern von Liebe zu schwaetzen, auch wohl ihre Armuth uebersehen haetten um +ihrer grossen Schoenheit willen. Ihre Schoenheit war wie die einer Koenigin, +nicht eines Bauernmaedchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging, +liefen die Kinder ihr nach, die Kuehe kamen mit breiten, weissen Stirnen, +sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte, +dass in ihrer Hand Heilkraft waere, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte, +schlugen an und bluehten. Ihre Lieder schlaeferten ein trotziges Kind ein. +Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde +einfach, Lilien auf dem Felde, die bluehen in ihrer stillen Pracht, und +kleine Voeglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth. + +Sie sass und stoerte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war +gar nicht traurig. Ihr schoenes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte +auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine +Herdroethe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob, +scheltend, zaehlend, weinend wieder zwischendurch ueber den Bruder, der +fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders +beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei +Zeiten. Er haette ihm ein Heilmittel geben koennen, wenigstens doch Trost +spenden an seinem Bett, eine Huelfe sein den geplagten Frauen. + +Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begraebnisses war nahe. +Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hoerte das Klagen +der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzaehlten, die Kinder +spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Staellen bruellte das +Vieh, das man vergessen hatte ueber dem Trubel, vor seinen Krippen. + +Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stuerzte sich sofort auf ihn und +erzaehlte die naeheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte +Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und +draengten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb +gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun wuerde. Einige dachten auch, +er haette ihm helfen koennen: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten +konnte, den er lieb hatte? Die Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt +ist die Gelegenheit fuer ihn. Wir muessen sehen, was er thut. Sie waren ganz +bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natuerlich +nicht zugaben, dass so etwas moeglich waere. Es war eine Aufregung in der +ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn. + +Er sprach: "Fuehrt mich zu ihm!" + +Martha fuehrte ihn in den Verschlag. Alle draengten nach durch die niedrige +Thuer. Aber er hiess sie die Thuere schliessen. + +So schloss sie die Thuer. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau +fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm +nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres +huelflosen Alters. + +Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhaenge fortzuziehen: +"Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er +gestorben ist." Sie beschrieb sie genau. "Nun ist es zu spaet. Wenn Du bei +Zeiten gekommen waerst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht +zu spaet? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben ueber Kunst +der gewoehnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!" + +Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: "Wenn es doch +moeglich waere? Warum sollte es ganz unmoeglich sein?" + +Er sprach: "Lass mich allein mit ihm." + +So ging sie hinaus und schloss die Thuer hinter sich. + +Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen +ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem bluehenden Zweig. Denn sie +hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam +fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Faeulniss war mit im Zimmer +zwischen dem frischen, kuehlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte. + +Er war an das Lager getreten und sah den Todten an. + +"Er ist nicht todt," sagte er. + +"Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schlaeft blos," sagte Maria. Sie +fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt, +sang sie, von der Spreu im Winde: + +"Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er bluehet wie eine Blume auf dem +Felde. + +"Wenn der Wind darueber geht, ist sie nimmer da und ihre Staette kennt sie +nicht mehr. + +"Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe. + +"Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird. + +"Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein +Gesicht in der Nacht verschwindet. + +"Unser Leben waehret siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es +achtzig Jahr, und wenn es koestlich gewesen ist, so ist es Muehe und Arbeit +gewesen; denn es faehret schnell dahin, als floegen wir davon." + +Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise. + +"Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt," sagte der Fremde. "Er wurde +nur geboren und nun ist er gestorben." + +"Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat," sagte Maria. +"Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben." + +"Niemals," sagte der Fremde. + +"Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt," sagte Maria. "Vielleicht +ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und +der Wind fuehrt es fort. Oder Graeser wachsen aus ihm, die bluehen und Samen +tragen." Sie laechelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon +niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die +Stube. Hunderte von glitzernden Staeubchen tanzten und webten. Sie stiessen +sich und kreisten. + +"Vielleicht," sagte der Fremde. "Nur er ist nicht todt." + +"Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thoericht." + +"Und blind. Sie sehen nicht." + +"Sie sehen nicht, weil sie hochmuethig sind und Scheuklappen vor ihre Augen +binden, um nicht zu sehen. Alles ist schoen. Alles singt. Alles lebt." + +Und froehlich sang sie in den Tag, der sich neigte: "Sie denken, dass die +Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht. +Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und +unverstaendig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird. +Still ist die Nacht. Lieblich und guetig." + +- "Moechtest Du den wecken, der schlaeft? Er schlaeft sanft und seine Lippen +laecheln. Moechtest Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig, +was so still ward? Fuehle, wie still es ist." + +Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf +sein Herz. "Es schlaegt nicht mehr. Hoert darum der Ocean auf, seine Wellen +zu waelzen? Stoert es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum +Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen +sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern +fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie +klein sind!" + +"Deine Mutter weint." + +"Ich habe eine Blume gepflueckt und der Stengel blutete. Das ganze +Wuerzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blaetter haengen! Wie +sie traurig ist!" + +"Man koennte sie wieder einpflanzen." + +"Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schoenere +Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Koenigin. Sie moechte gar nicht +wieder eine arme, kleine Blume sein." + +"Die draussen verstehen es nicht." + +"Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder." + +"Und ungluecklich." + +"Unglueck ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf +dem Wasser liegst und Dich treiben laesst. Es traegt Dich mit sich. _Gegen_ +die Fluth bist Du ohnmaechtig. Sie verschlingt Dich. - Du kannst die Augen +schliessen und die Arme falten. So leicht - leicht schwimmt es sich! - +_Er_ schwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe +nicht. Es ist Alles Eins - Alles ..." + +Die Abenddaemmerung war in's Zimmer gekrochen. Alles loeste sich auf, schien +zu schwimmen, emporgetragen zu werden. + +"Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hoerst, ist es +Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden +ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, traegt Frucht +und blueht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit. +Und alles Lebens Leben ist Gott." + +Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: "Leb wohl! Ich +sehe Dich jetzt nicht. Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das +Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in +mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehuetet wie ein +kostbarer Schatz. - Den Winden - der Erde - dem Wasser" - er schlug die +Zeichen durch die Luft. - "Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es +fliesst und zurueck fliesst. - Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und +ein Ende machen." + +So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thuer hinter sich, +da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich +den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut, +Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen +Kelchen hingen die Bluethen. Die Fliegen schwirrten. + +Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es waere ein +Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie draengten nach in die Thuer und +Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: "Du - Du - sage ob Du lebst?" + +Aber Maria sagte: "Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir muessen ihn +begraben, denn es ist Abend und die Leiche faengt schon an stinkend zu +werden. Es waere uns schaedlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer." + +Martha sprach: "Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?" + +Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zuernte, dass er ihren Bruder +nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten +Noth leiden forthin. Ihre Mutter wuerde ohne Stuetze sein fuer ihr Alter. Er +aber laechelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort. + +Dies nahmen Viele ihm uebel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die +auf ein Zeichen gewartet hatten. + +Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man +sie fragte, ob sie nicht Leid truege um ihren Bruder, sagte sie: "Ich warte +auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in +sehr kurzer Zeit vorueber - Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen, +meine Pflanzen zu waessern, dass sie wachsen." + +Einige sagten: Es ist Gleichgueltigkeit, Andre: Groesse. Aber es war nichts +von Beiden. Sie wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum +Weinen. + +Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann. + + ------------------------------------- + +Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann beruehrt +hatte. + +So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck +ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Traeume kam eine solche +Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie haette nackt vor +Maennern hergehen koennen, ohne dass sie sich geschaemt haette. Man wuerde vor +ihren Augen alle Wollust und Suendhaftigkeit der Welt ausbreiten koennen, +dass ihre Augen nichts gesehen haetten, die Roethe waere in ihre weissen +Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie +klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge +geblickt, nur der Himmel in seiner Blaeue ueber den Wolken, keusch wie die +koenigliche Lilienbluethe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert +Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen koennte, Unreines, +das staeubt und fliegt im Tage. + +Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzuechtigen Gedanken ihr nur +nahte, musste er sein Antlitz verhuellen und fliehen wie vom Blitz +getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Naehe aushalten mit +ihren boesen Zungen, taeglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur +die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen +sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der +Boden weiss friert. Es war ein armer Bloedsinniger und Taubstummer, der mit +ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar +und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat +wie Sonnengefunkel im Mittag, blaeuliches Gletschereis, wenn sie auf der +Strasse ging, die Menschen und Voruebergehenden zur Seite schlichen wie +scheue, gepruegelte Hunde oder Woelfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren +gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fuersten hiessen, vor dem edlen +Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei. + +Es gab Leute, vornehme Herren und Luestlinge, in derselben Stadt, die sich +in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jungfrau +nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre +Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend +hinausstuerzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit +verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwuergt in ihrer schaeumenden +Tollheit. Und Einen hatte der Bloede gepackt und er hatte ihm das Haupt +aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit ueber die Strasse +spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war fuer ihre +Unreinheit, diese Jungfrau staerker war in ihrer Nacktheit wie ein starker +Mann in siebenfacher Ruestung. + +Alle Luege und Verlaeumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es +ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres +Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters, +der ihn verdammte. + +Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die +verachteten, gemiedenen Frauen und Maedchen des Orts, die unrein und +haesslich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen +deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine so +elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie +gefallen waere. Sie wussten, dass sie die Koenigin der Frauen war und +priesen die Kunst in der Guete, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich +und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Maennern. + +Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie +schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezueckten Schwertern, dass +es aussah, als laege sie auf blauen, zuengelnden Flammen des Eises. Nur ein +Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie loesen und +heimfuehren als ihr Gemahl. + +Und Viele hatten es versucht sie zu loesen, die edelsten Juenglinge aus +aller Herren Laendern, die Staerksten und die Schoensten. Und Alle waren +schamroth und betruebt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der +keine Luege und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle +Verstrickung und Verschoenung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele, +die Blumen ihrer Schoenheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer +Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen +waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt. + +So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben wuerde, es bestimmt war von +Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um +beruehrt zu werden mit unreinen Haenden, zu klug fuer die Klugheit der Luege +und Arglist. + +Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wuenschte oder fragte +sie wie andre Maedchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim, +die um ihr Bett standen als strahlende Waechter, bis der Morgen kam, klar +wie ihr Erwachen, die junge Sonne gruesste die weisse Jungfrau. + +Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: "Erhebe Dich und +wache auf, denn der Braeutigam ist gekommen!" + +Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer +Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser +des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde beruehrt und +vielfach gefiltert in thoenernen Kruegen. Oder Wasser, vom Schnee +geschmolzen, wenn er jungfraeulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch +kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit koestlichen +Salben, von Knospen der Rosen, welche noch nicht das Licht gesehen hatten, +die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Fruehlings, +wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee bluehen und +lieblicher duften denn andre. + +Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der +allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Faeden. +Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Faeden +verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer +wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den +Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie, +die Koenigin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblaettern, die zitterten, +schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die +Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn +eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand, +dass die Faeden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren +Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von +ihr. + +Dieses nahm sie, legte es an und guertete sich hoch unter den Bruesten mit +goldnem Guertel. Edel war das Gold dieses Guertels, aus einem Stuecke +geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein +ritterlicher Juengling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Guertel +geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die +Haende gaben. Und waren Diana, die Goettin, Jephta's liebliche Tochter, die +griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Roemerin Cloelia in +derselben Linie mit den Maertyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre +Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als +ob von da der Braeutigam kaeme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten, +von den aeltesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fuerstin, +aus jungfraeulichem Golde von diesem untadeligen Juengling zu edelstem +Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen +Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur laechelte, sagte: +"Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese fuehrt auf dem geradesten +Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel +Schwester. Diese Verehrung ist allen Voelkern gemeinsam. - Vom +Jungfrauensohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am naechsten +im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwaehlt +aus Zion." So sprach dieser edle Juengling, erstaunte Alle und Niemand +vermochte ihm zu antworten. - Das Schloss aber des Guertels stellte die +Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit zuengelnden Haeuptern. War also +in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erloesung verwoben, +wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verfuehrung. + +Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und +schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus +dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das hoehere Element +ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr +Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie traegt, und wo ein +Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie truebe und schrumpfen ein wie +die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Fuesse und +straehlte ihr Haar und flocht ihre Zoepfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar +war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte, +jeder einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie +zusammenfielen, war keine Maehne der rothen Loewin so voll. Sie wogen +schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkoernigen Weizens. + +Ihre Brauen waren wie Boegen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich +verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer +Nase mit athmenden Nuestern war Staerke und Feuer. Der Hauch von ihren +Lippen ging wie von einem Blumenbeet, suesser denn Honig. + +Es gab keine schoenere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine +untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt +fuer sich allein mit dem stummen Diener. + +Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie +war. Und sprach: "Rege Dich und oeffne die Thore! Der Braeutigam ist +gekommen." + +So gross aber war das Licht ihrer Schoenheit diesem bloeden Auge selbst, +dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn duenkte, als ob es ganz +dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond +selbst im Viertel seiner Geburt. + +So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen +waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil +sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt. + +Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem +weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und +silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, blaeulichen Strahlen +gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist. + +Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes +Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf +er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband guertete sein Pferd +zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine +Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme +Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein +letztes Stuendlein waere gekommen, und er koennte nicht ertragen so viel +Klarheit und uebergrosse Herrlichkeit. + +Worauf der Andre: "Fuerchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut +den Tisch legen fuer mich und sie. Ich bin gekommen, heut' Hochzeit hier zu +halten." + +Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber +klang. Alle Gloeckchen der Pferde laeuteten dazu. Seine Diener schlugen an +ihre Schwerter und riefen: "Heil!" + +Dieser arme Knecht schwur spaeter, dass in solchem Augenblick der Himmel +ueber ihren Haeuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit +herabgekommen waere, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. - Denn +das Merkwuerdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer +nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu +seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht +glaubten, fuer eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten. + +So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es +dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme +Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor. + +Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht +in das Gemach, der ihm gebot: "Folge mir nicht!" Aber durch eine Luke im +untersten Keller, wohin er sich vor Angst gefluechtet und doch zitternd +wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen +waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glaenzten +blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um +das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit. + +Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch +gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe +gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner +geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwoelf Spinnerinnen daran +gewebt zwoelf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den +Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem +Rasen gebleicht, wenn die Maerzsonne schien, - diese ist die frueheste unter +den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben +- es selbst gewebt mit ihren Haenden, ohne Eisen und Maschine, weil +menschliche Haende feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet +von ihren Gedanken, des Weibes Lust und Glorie. Die Aeltermutter Eva im +ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren +gesegneten Bruesten es naehrend, das die Verheissung birgt, - die +Lebensgebaererin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte, +fruehgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael, +Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther - aber auch sie, die die Raben +scheuchte, die diese frommen und einfaeltigen Seelen wuerdig gehalten des +ruhmvollen Reigens, - zwischen den Sieben die Mutter der Makkabaeer, die +Woelfin Juda's, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes' des Taeufers, Hannah, +die Greisin, vorahnend die Morgenschoene. Endlich die Lieblichste von +Allen, die Erfuellung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst, +Maria, die Koenigin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das +Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern beruehrten. +Gleichsam als waeren diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der +Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten. + +Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glaettend, sich freuend am +Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein +gueldnes Gefaess aus reinstem Gold, das nie zuvor zu andrem gedient hatte. +Dadrin war in kunstvoller Praegung zu sehen, wie Abraham den Besuch der +Engel empfaengt. Rechts hebt er freudig preisend die Haende, ihnen +entgegenzueilen. Links sieht man schon ruestige Maegde das Federvieh rupfen, +wie sie die Butter stampfen im Troge, waehrend Sarah hinter der Thuer +verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos +mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. - Dieses fuellte sie mit funkelndem, +edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige +Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine +Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in +seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Suess war +dieser Wein und staerker wie Stierblut in seiner Suesse. + +Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette. +Eine laendliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon +die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben +bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln +tanzen schon lustige Maegde und Burschen. Sie legte das Brot hinein, +koestliches, feines Brot, das sie selbst mit ihren Haenden gebacken. Keine +Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen +den Steinen. Es gab kein edleres Brot. + +Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte: +"Ich weiss nicht, wann der Braeutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der +Zeit." + +Solches stellte sie auf den Tisch, zuendete die Lampen an, die zu beiden +Seiten standen, gefuellt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die +dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und +trugen Koepfe der heiligen Thiere, Adler, Loewen und verschlungne Leiber der +Schlangen. + +Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank +gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn +je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thuer zum Sessel. Der Sessel +aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises +wechselten sich dort mit den vier Hoernern des Mondes. Die Seitenlehnen +waren Aronsstaebe und auf vier Klauen ruhten die Fuesse wie auf +Widderklauen. + +Und oeffnete die Thuere weit und neigte sich bis zur Erde und beruehrte den +Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: "So es Dir recht ist, Deiner Seele +gefaellt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein suesser +Herr!" + +Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den +geschnitzten Sitz am Tisch. + +Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefaess +mit Wasser. Und rieb seine Fuesse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender +Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Fuessen und +sah ihn an. + +Sprach er: "Warum kniest Du vor mir?" + +Sie sprach: "Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich +knieen so und Dir dienen allezeit." + +Er sprach: "Kennst Du mich?" + +Sie sprach: "Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du +bist meiner Seele holdseligster Braeutigam. Ich habe nie einen andern Mann +gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thuer meiner Kammer +blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute." + +Nun sagte er: "So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich +lieben?" + +Sie sprach: "Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als +die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner +Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich wuerde meine Fuesse in Flammen setzen, +um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende +Faulheit des Sumpfes." + +Er sprach: "Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn +die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht ueber Dornen. Gluehende +Naegel muessen in ihre Haende eindringen; ihre Seiten werden sich oeffnen und +bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein +Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen +haften wie fressendes Feuer." + +Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die +weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in +hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: "Stich zu!" + +Er sprach: "Du bist sehr schoen. Schoenheit ist der Stolz und die Gnade des +Weibes, und macht sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er +sein Leben lieber laesst denn die Suesse ihres Leibes. Um Schoenheit wird ein +Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen +und der Feinheit der Glieder. - Gieb mir Deine Schoenheit." + +Flugs legte sie nun ihr koenigliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von +ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde +that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes +Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie +zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und +ihre Arme und Haende waren unbedeckt. Sie fror in ihrem duennen Linnen. Dies +Alles that sie in der groessten Freude, mit den herzlichsten und +zaertlichsten Liebesworten. + +Er aber seufzte und sprach: "Kummer wird ueber Dich kommen, Krankheit, +Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine +Wangen einfallen von der Sorge und taeglichem Muehsal des Daseins. Du bist +sehr lieblich und jung. Du wirst haesslich sein und unansehnlich. Ein Spott +denen, die Dich priesen." + +Sie sprach: "Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle, +der mein erwaehlter Herr ist und lindester Gebieter." + +Er sprach: "Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager fuer mein Haupt des +Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge +Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich." + +Sie sprach: "Gleich heute will ich fortgehen, die Thuer verschliessen und +mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und +gluecklich. Meine Habe soll den Armen gehoeren. Ich nehme nichts denn einen +Stab, Brot fuer morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum +Gespoett der Gassenjungen werde, sie sagen: 'Es ziemt sich nicht einem +Weib, in Freiheit zu laufen.' So ich doch Deine verlobte Braut bin und +eines groessten Koenigs Geehrte." + +Da seufzte er noch tiefer, sprach: "Gerade schleierlos musst Du gehen und +unverhuellt, nackt und in Bloesse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein +Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer ist wie ihr Leben, sie es +zehnfach lassen wuerde um ihre Scham. - So gieb mir denn, was ich von Dir +heische." + +Da ward sie roth ueber und ueber, roether wie die Purpurrose, die zuerst der +Sonne sich oeffnet. Es war, als ob Flammen ueberall aus ihrem Leibe schlugen +und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider +waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur aeussersten Spitze ihres +Fusses fuehlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd +mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: "Hier, Herr! Nimm mich." + +Und seine Seele ward weich ueber ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und +Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die +Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht. + +Und er sprach langsam: "Die Scham ist die Tochter der Suende, aber die +Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die +Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit. +Jede Fiber gehoert dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib. +Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht +Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham +ward gewebt zum schleiernden Schutze, den Schleier zerreisst, wer die +Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! - - Das +ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und +Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand." + +Danach kuesste er sie. Er kuesste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An +ihren Schlaefen kuesste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der +der Herzarm ist, und kuesste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im +Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und +vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch. + +Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass +von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein. +Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz +froehlich. + +Wie nun die Morgenroethe heraufkam, verliess er sie wieder. Der bloede +Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel +zu schwer fuer einer zarten Jungfrau Haende. Dennoch that sie es mit +Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen +Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde. + +Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie kuesste ihm die +Lippen und kuesste seine Augen. Und sprach: "Fahre wohl, mein geliebter und +seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das +Brautbett besteige." + +Das duenkte dem Knecht schier eine seltsame Rede fuer eine so untadelige +Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg. + +Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, uebergab +Alles dem Knecht und sprach: "Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die +Zeit ruft." + +Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele +Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Haende auflegte. Und +Einige wurden nicht geheilt, die unglaeubig waren, sie versuchten. Solche +trieb sie mit Schelten von ihrer Thuer: "Wie Ihr thoericht seid und tueckisch +und so ganz schamlos!" + +Niemals aber sprach sie ueber ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine +grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine +Jungfrau, wo eine alte, blinde und kraenkliche Frau gewesen war. Niemand +hatte je eine schoenere Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau +sah, hatte an ihren Haenden Stiche als von rothen Naegelmalen. Sie +durchbohrten auch ihre Fuesse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der +das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindruecke, als ob Dornen um +ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies +war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in +ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie fuer solcher +mystischen Ehrung wuerdig gehalten. Und bestaendig sich selber schalt, dass +sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es +sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten, +waehrend der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett +lag, blass und abgezehrt, sehr schwaechlich vom uebergrossen Leiden, that +sie ploetzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr +waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen +strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der +Hand und fuehrte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf +silberweissen Linnen. + +Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf, +vorsichtig und abwaegend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe +gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen ueber diese seltsamen +Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche +glaubten noch schlechtere Dinge. + +Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur, +dass selbst die, die sie sonst gehoert, einen Abscheu vor ihnen hatten. +Selbige schrieen laut auf: "Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!" +stuerzten sich unter Schweine, dass man sie fuer solche hielt, einsperren +und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute +der Gegend. Und fuerchteten das Grab und sagten: "Lasst uns eine hohe Mauer +darum bauen!" + +Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kraenze. Und ward ein +Heiligthum da fuer untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann beruehrt hatte, +und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk. + + + + + + DAS VIERZEHNTE KAPITEL. + + +Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon +dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse. + +Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle +fuer nichts gewesen. Hunger, Hass und Kriegslaerm fuellten die Welt. Jeden +Tag unter dem richtenden Beil fielen Haeupter Unseliger, Unschuldige gingen +hin und erwuergten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes. + +Die Selbstsuechtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen fuer +sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten. +Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren, +tapfer, und solche, die frassen wie die gefraessige Raupe auf ihrem Blatt +und fett wurden, weil sie frassen - aber der Baum selbst starb -, galten +fuer die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie +denen, die unvernuenftig waren und eigengesinnt: "Seht, wie sie sind! Wie +sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen, +Ihr, die Ihr Fluegel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die +Euch verbrennt!" + +Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten fuer den Hort aller +Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil +der losgelassne Wolf sie zerrissen haette innerlich, und standen auf dem +Boden des Worts, weil es ihnen nuetzte fuer ihre Zwecke, der Strom sie sonst +fortgeschwemmt haette in seinem Ueberschwellen. + +Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern +zerbrachen ihre Kraefte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen +doch nicht was darueber war, ueber ihrer dummen Klugheit, die wahre +Weisheit, ueber ihrem Geiz die weite Liebe, ueber ihrer Ungerechtigkeit die +grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kraefte verbrauchten, auch +muede wurden, dahingingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie +sprachen: "Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen +Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in +seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren." + +Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht +schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil +sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein +musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens. + +Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende +Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben haetten, reines Feuer +zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt +haetten vom Unreinen. + +Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Kloetze blieben, +die muehsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom +Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern, +schnobernd wie die Schweine nach Trueffeln, oder niedrige Hunde auf der +Faehrte des Aases - spotteten ueber solche, zeigten auf sie in +Schadenfreude: "Die verzehren sich und sind gar nicht, Rauch und Asche. +Wir stehen fest und finden." + +Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung +findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner +niedrigen Dunkelheit. + +Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht fuer seine +Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der +lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glaenzendes Gefieder +lockt Gelueste der Raeuber. + +So dass diese niemals aufkommen, die die Schoenheit nackt gesehen hatten +und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die +Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust +voll waren wie die geile Erde vom Mist, - dass sie nicht einmal wussten, +dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt haetten in ihrer +Unreinheit, - waren gross und sprachen die Urtheile ueber wichtige Dinge. + +Und man nahm ihr Recht fuer _das_ Recht. Und ihre Wahrheit fuer _die_ +Wahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der +Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne. + +Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf +und wuergte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber +sprach: "Besser waere die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel, +denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die waechst und +stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Fluegel der Seele +wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als +das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben." + +Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Guete so klein +geschaffen und die Groesse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer +eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue +durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste, +unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust +und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung. + +Und er sprach zu sich selbst: "Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie +geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Guete? Ist Dein Zweck mit +ihnen Gnade oder ist es Neid des Maechtigen, Allherrschenden gegen das +Kleine, Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur +eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quaelen, im Staub Gebannte, die +ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Maechtige nicht? Und es +ist ein viel Maechtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen +ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Guete war vor +Ihm Halbheit? Unser Licht war Daemmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich +bin fuer Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele +ist muede in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Laerm +der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich gruesse die Nacht, die dunkel +ist, wo gigantische Schatten schweigen." + +So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen ueber die Felder. +Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen +Mantel. Die Baeume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des +Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich loesenden +Tropfen. + +Er sah in die Nacht und frug sie: "Bist Du, die kommen soll?" + +Sie sprach: "Ich war." + +Ploetzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als koennte er tief +hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten +gewesen war. + +Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der +Schatten. + +Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Haelfte war eine +Loewin. Die Schultern des Weibes aber lagen ueber den Tatzen der Loewin und +ihre Brueste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten +ihres Hauptes lief eine koenigliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie +schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne +Augen mit todten, runden Baellen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren +geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Bruesten ueber toedtlichen +Tatzen. + +Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern +eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem, +gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus +blauem, hellem Email, in der Hoehe des Schnabels, da wo er anfing. Gen +Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Haende auf sein +Schwert gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken +in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand. +Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte. +Die Klauen seiner Haende krallten sich um das Schwert. Der Leib und die +Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah +gegen Osten. + +Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme +zu ihm, die sprach: "Das ist die Gewalt. Ihr fielen Koenige zum Opfer. Sein +Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut. +Sein eiserner Leib wird gluehend vom Feuer verbrannter Staedte." + +Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus +schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwaerzt hatte, und es +glaenzte nun schwaerzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand +ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie +kreuzten sich und kamen wieder, von der Huefthoehe bis an die Gliederung der +Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen, +gruene Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und +redeten eine geheimnissvolle Sprache ueber dem Schwarz, das kam und ging. +Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr +duenn und gerade wie bei einem unmuendigen, ganz unentwickelten Kinde. Und +darueber draengten sich erschreckend tausend Brueste. Eine Ueberfuelle von +Bruesten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, stroemen. Man +sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen, +die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brueste gleissten, +rieselten, Aepfel, Kugeln, gehaertete Spitzen, schwarz, von einem +ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Gruenschwarz der Schlangenhaeute, +Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung. + +Und die Stimme sprach: "Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt +in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum +Ungethuem. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr +ist Mord." + +Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie +trug ein Kroenchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art +Musik. Ihre Schuppen glaenzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und +ihre Augen waren rothe Rubinen. Ein rosa Zuengelchen kam aus ihrem +gespalteten Kopf. Sie zuengelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen +thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob +sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann +durch ihren Leib, der sich milchig blaehte unter dem Bauch. + +Und die Stimme sprach: "Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist +arglos und ungefaehrlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal +gefilterte Gift. Wer diese Schlange anruehrt, der stirbt und fuehlt nicht +den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich +das Blut abwischt und weitergeht." + +Danach sah er noch eine schwarze Kroete, die in ihrem Sumpf sass und +glotzte, Harpyen, die mit den Fluegeln schlugen, Baeren und Woelfe. "Das sind +die gewoehnlichen Suenden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und +Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur haesslich. Und Suenden der +gewoehnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht geruehrt, +die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen +ihnen." + +Diese Vision verschwand. Er blieb allein in der Nacht. Die Kaelte war um +ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an +das Schaedeldach wie mit klappenden Fluegeln. Seine Seele war sehr matt in +ihm. Er sprach: "So es so viele Uebel giebt, die Suende also gross und +maechtig ist fuer die Besten, waere es nicht besser zu nehmen was schoen ist, +froehlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglueck kommt?" + +Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Maedchen, die Cymbeln und Schalmeien +trugen. Und hielten in ihren Haenden Floeten und Harfenspiele, harte Hoelzer, +die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre +Haare waren mit Blumen gekraenzt. Die Blumen fielen gleich Sternen ueber ihr +Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewaender an und +sangen: "Lasst uns froehlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die +Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die +Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!" + +Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, fuehrten sie weg zu +bluehenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in +Arm, kuessten sich zaertlich, lachten und kosten. + +Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Juengling +erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkraenzt. Und +Alle schrieen: "Heil! Heil! Bacchus Evoe!" + +Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es +gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen +Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt +sind. + +Und Einige wohnten in Huettchen und hatten Kinder gezeugt, die sie +jauchzend emporhoben: "Wir sind gluecklich. Und das Leben ist kurz. Die +Liebe ist reifes Erntegold im Sommer." + +Er sah eine junge, laechelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der +Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib bluehte und +entsandte Waerme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen +gebaut in der halben Brusthoehe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie +laechelte. Sie war gluecklich. + +Dies verschwand. + +Er hoerte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er +sprach hoehnisch: "Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder. Sie +glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn +Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der +feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fuehlen +gelernt hat, ruehrt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindruecke." + +Er sprach: "Hast Du Bessres gefunden?" + +Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter +Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen +wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen +sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Muedigkeit +einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Hoehlen seiner Wangen. +Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die ueber sein Haupt +dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Hoehe gebleicht hatten zu +Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und +schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet +und knotig waren wie Hoelzer eines uralten Baumes, von denen die Moose +hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen. +Unter der braunen Haut traten die Knochen vor wie durchgeschubbert, +gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie +ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter. +Aber in seinen schwarzen Augen glomm unausloeschlich Feuer des Lebens. Sie +brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, naechtlichen Grotte. So stark +war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Hoehlen ausgebrannt hatten +um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeaescherten Hauses. +Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt +und flatterte im Winde. + +Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber +seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stuetzte er sich auf +den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine +schreitenden Lenden. + +"Ich wandre - wandre ..." sagte der alte Mann. "Ich weiss nicht, wie lange +ich wandre. Ich habe alle Staedte der Menschen gesehen, die Wueste und die +hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestoert liegt wie der weisse Flaum +auf dem koeniglichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen +weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehoert, das Mitternachtoel verbrannt ueber +ihren Buechern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All' +ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie +sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz, +dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als +ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder +Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmaerkten, Launen des +Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der +Hand hineinschlaegt, ist es nichts." + +Er hauchte und schlug mit der Hand in's Hohle und lachte laut auf. + +"Aber Gott ist!" sagte der Fremde. + +"Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und +weil sie ihn von weit werfen, ist er groesser und dunkler. Wie die Wolken, +die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken, +sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken." + +"Etwas muss sein." + +"Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten, +der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der Bewegung. +Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich +Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind +Schattenflecken im Leeren. Ich wandre - wandre - wandre." ... + +Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze +seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner +zerlumpten Kleider schlugen um seine duerren schreitenden Lenden im Winde. + +Und Einer sprach: "Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des +Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene +selbst fuer Hirngespinste erklaert. So er die Hand in die Seite legte und +die Wundenmale ruehrte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut +Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig +und wandert bis an's Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn +Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer +gewesen ist von Anbeginn." + +"Werden Alle finden?" fragte er eifrig. + +"Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht." + +"Lass mich den sehen, der nicht findet," bat er. + +"Es ist zu schrecklich zu sehen fuer menschliche Augen. Sie koennen ihn nur +ausdruecken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht." + +Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele +ein wie das Gefuehl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der +Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und +wie er fiel, waren es Tropfen Blutes. + +... Damit kam die Morgenroethe und die Sonne ging auf. + + + + + + DAS FUeNFZEHNTE KAPITEL. + + +Aber um diese Zeit war das Geruecht von ihm sehr gewaltig geworden. + +In der Hauptstadt erschuetterten die Predigten Fritz Kuhlemann's, der mit +starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn +die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Voelker. +Schweres Unheil, Empoerung und Blutvergiessen lag in der Luft, so die +Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der +Theilung der Gueter, der Bruederschaft aller Sterblichen. Er sprach: "Es ist +Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme +des Volks zu ersticken, die maechtig spricht. Solches thun die Thiere +nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser +denn Thiere? Wehe den Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf +Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht +Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde +geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfaehle setzt so und so weit und +Zaeune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das +Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines +Geschlechts." + +So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen +Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhoerer zu +fassen. Wo man sie zuruecktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass +man seinen Prediger antaste. Droehnend wie Schlachtdrommeten klang seine +Rede. Er trug einen haerenen Rock und naehrte sich nur von Nahrung der +Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Haende Arbeit, denn wilde +Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig +mit duerren Haenden und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wueste. +Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war +sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er in +einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht ueber zu einer +andern. + +Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: "Ihr nehmt +dem Armen scheffelweis. Dann straft und haengt Ihr fuer das, was er Euch +wiedernimmt in Koernern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor +Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr +die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht +willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr ueber Eure schlechten Thaten, +Kriege und Haendel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr +behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und +schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht +den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Saecke tragen soll. Dann +sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Guetigkeit, dass ich nicht wuerge, +wo ich doch wuergen koennte. Der Aermste traegt alle Beschwerde. Ihr wischt +Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Naechten, die Ihr hingebt fuer +Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffuellt fuer Euch und Eure +Soehne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine +verschluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom +Gift, das Euch toedten muesste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid +erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Luege steht Ihr frierend und ganz +huelflos." + +Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein maechtiger +Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der +activen Armee standen, und man fuerchtete, dass diese im Fall eines Kampfes +ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen wuerden mit +dem Volk, denn des grossen Fuehrers Wort war ueberzeugend. Er scheute sich +nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand +war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gruenden, noch mit +Gewalt. + +So dass davon bewegt wurden bis in die hoechsten Schichten, Regierungen und +Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten +in die Verwaltung. Man wuerde Verbesserungen machen, Vorschlaege aufstellen, +dass die Ungerechtigkeit beseitigt wuerde, Zufriedenheit, genug zu essen +sei im Lande. + +Er aber schlug Alles aus und stiess diese in die Enge mit harten Worten: +Dass sie halb waeren und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken +wollten mit alten Lappen, klaffende Loecher verkleben mit Pappe von +papiernen Acten, Kleister von Speichel: "Ihr selbst muesst weg zunaechst aus +dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das +Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der +Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme." + +Dieses hoerten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm +anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fuersten befohlen, +dass er diesen selbst spraeche, vor der hoechsten Majestaet, so er dessen +faehig sei, zeugte fuer die Richtigkeit seiner Ansprueche. + +Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn +freundlich. Er hatte auch gute Gedanken fuer die Besserung und fuer Alle, +beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem +Hoechsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das +nicht angerechnet wuerde, da er sich nach besten Kraeften bestrebte, auch zu +Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die ueber Tod +und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende. + +Zu ihm sprach der kuehne Mann: "Mein Fuerst! Du bist ganz und gar unfaehig zu +urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar ueber viele Hunderte und Tausende. +Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es +war, dass sie also schlecht wurden und Boeses thaten? Ob es eine Krankheit +im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit +der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung traegst? Das +Gericht wird gesprochen in des Koenigs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklaerst +Du ihn. Der fremde Fuerst nimmt Deine Erklaerung an. Ihr Beide steht fuer +Eure Voelker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche +Beschwerung ernstlich uebernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem +Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern +gesund, sterben musst und Dein Leib wird Wuermerspeise, so sind Deine +Brueder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille, +dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie +ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn ein Vieh, da er nicht +hat seine Bloesse zu bedecken." + +Worauf der Fuerst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst +nicht fuer besser hielte denn andre Menschen. Nur muesste Einer der +Maechtigste sein um der Ordnung willen. Es wuerde sonst Alles Unordnung und +Anarchie. + +"Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt," sprach der Mann des Volkes +traurig. "Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, ueberwaeltigen +die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch +schwaecher sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn +unter Laeusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue +Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten +und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen +gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Soehne von Sklaven druecken +aerger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind +niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele +haette, koennte Niedriges nicht um sich dulden. Es wuerde ihm unertraeglich +sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter denn der +Fussboden unter seinen Fuessen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch daechte, +steige hernieder von seinem Thron und wuerfe ueber ihre blutige Schmach den +blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser hoechster Herr Christus sein +edelstes Blut vergossen hat fuer uns Alle. - Und recht koeniglich handelte +er, der so thaete, fuerstlich und kaiserlich!" + +Da ward der junge Fuerst ungeduldig, hiess ihn fortfuehren. "Ich will Dich +spaeter hoeren," sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches +nahm er sich an, hiess auch den Mann oefter vor sich kommen, discutirte mit +ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurueck. Er blieb traurig. Die Diener +des Koenigs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die +Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die +Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten +zu, dass es ihre Pflicht waere, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden +mit den Empoerten. + +Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefaengniss. + +Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein +Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn Viele +vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton +Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre +verschollen war. Man sagte, dass er sie in wuesten Ausschweifungen +verbracht mit einem Fuersten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod +krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben. +Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte. +Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass +Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom +Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es +hiess: "Die Blinden, die sehen ..." In wundervoller und deutlicher Weise +war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das +Heilige und Kraeftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und +leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in's +Gericht mit dem, was schoen gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es +war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit +erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Haende zerbrachen. + +Und schied ueberall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form, +den Geist vom Koerperlichen, das heilsam und gut gewesen fuer eine +kindlichere Zeit. + +Und pries die Guete, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das +Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe +geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und +immer mehr wegbrennen in immer reinerem und staerkerem Licht, bis nichts +mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige +sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist +der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens +ist die Laeuterung. + +Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines +Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er +sah nun und niemals wieder wuerde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz +kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht +unruhig wie die der Menschen. + +Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand. +Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend, durch alle +Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in +herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Haeupter der Heiligen, niedrige +Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestuermer. ... Immer mit nie +fehlender Sicherheit der Gang zum Licht. + +Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den +Menschen ein Wohlgefallen. Gold - das Reichste, daran des Menschen Herz +haengt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die +feinste, edle Bluethe der schoenen Kuenste. + +Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang +ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor +ehrfuerchtig standen und die Einfaeltigen sie fassen konnten. Die Kraft +dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Suesse suesser +denn Honig, feinster Duft der Blumen. + +Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und +in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine +Strahlen wurden rother und inbruenstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss +der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen. + +Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf +die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Gueter abgaben +und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in +leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen +geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner +ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der +leuchtenden Schoenheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Voelker vor +den Werken der Geweihten, denn solche Schoenheit war nicht gesehen worden. + +Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im +schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue +Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an +in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der +trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im toenenden Reigengesang der +Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender. + +"Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein +Chalcedonier, der vierte ein Smaragd. + +"Der fuenfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein +Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein +Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwoelfte ein Amethyst. + +"Und die zwoelf Thore waren zwoelf Perlen und ein jeglich Thor war von einer +Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend +Glas. + +"Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmaechtige Gott +ist ihr Tempel und das Lamm. + +"Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr +scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist +das Lamm. + +"Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die +Koenige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen. + +"Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine +Nacht sein." + +... Und es war ein Juengling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte +die Schoenheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer +die Wahrheit findet, der Schoenheit nahe ist und es keine andre Wahrheit +giebt denn in der Vollkommenheit der Schoenheit. Erst hatte er sie gesucht +in der Schoenheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schoenheit des +Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und +die Form hoeher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit +nehmen alle Schoenheit hinweg. + +Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht +war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Haende zerrissen, +dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine +Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft +war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel +tastete er sich vorwaerts mit Haenden und Fuessen. Seine Augen waren wie +blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen. + +Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihm stand. Aber er fiel vor ihm +nieder und hob die Haende hoch. Flehte ihn an und bat: "Lass mich sehen die +grosse Schoenheit Deines Antlitzes und sterben." + +Er sprach: "Ich will sie Dir zeigen. Aber huete Dich wohl, dass der +Schrecken Dich nicht niederstuerzt vom Felsen. Denn meine Schoenheit ist +schrecklich wie der Adler." + +Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin ueber seinem +Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum +Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen +war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden. + +Er fiel auf den Boden wie betaeubt und der Blitz fuhr ueber ihn hin. + +Danach hoerte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus +goldner Ferne. Er sah einen Juengling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit +seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing ueber seiner Schulter und die +Leyer lehnte zu seinen Fuessen. Die Gesaenge seiner Leyer waren lockender +wie Goldklingen. Wo er hintrat, bluehten Veilchen. Die wilden Thiere des +Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. - Aber das Antlitz des +Juenglings blieb marmorn. + +Danach sprach eine andre Stimme: "Kennst Du mich?" Er sah einen Mann am +Kreuze haengen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und seine Arme blieben +ausgestreckt; denn die Schwere seines Koerpers war zu gross fuer seine Arme. +Dornen kroenten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss +aus seiner geoeffneten Seite. Die Naegel gingen durch sein Fleisch und die +Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt. +Der Mund schrie in seiner Qual und rief: "Mich duerstet ..." + +Seine Thraenen tropften sehr schnell, er sprach: "Herr! Ich kenne Dich. Du +bist schoen und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine +Schoenheit getraeumt, groesser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir +zeigest Deine letzte Schoenheit." + +Aber der Mann am Kreuz schien zu laecheln. Seine Wunden wurden Rosen und +die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn +waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold +dieser Strahlen wurde die Welt warm und toenend. - Aber die Schlange war +der Strick, der ringelnd niedersank. + +Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und +Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss, +die roth war vom Blut des Lebens, in der Form des Apfels, der den Samen +birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: "Iss!" + +Da fiel der hin wie sinnlos. + +Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und +seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er +hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem +Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er +hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des +Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach. + + + + + + DAS SECHZEHNTE KAPITEL. + + +Aber seine Feinde waren sehr thaetig und machten boeses Geschrei wider ihn. + +Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen +thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten +Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man +Fabriken und Lagerraeume verwuestete, Laeden der Baecker und Fleischer +pluenderte. Wo man auf der einen Seite die Empoerung niedergeschlagen mit +Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf. + +Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Laender, dass +sie sich zusammenthun und Gewalten umstuerzen wollten. Die Einen gaben +Geldmittel fuer die Andern, die feierten. Man vereinigte sich in +Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen +Ausstand. + +So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch +der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die +Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte, +Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhaeuser. Viele +aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm +geschrieben hatten. Und waren bereit fuer ihr Theil anzufangen, mitzugehen +mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kuehn +ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht +und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus, +dass ihre Sache gerecht sei. + +So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern +dorthin. Welche sprachen: "Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird +kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So +wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen +ueberlegen zehnfach und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir muessen +nur einstehen Einer fuer den Andern und unser Pulver trocken halten." + +Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von +den Fuehrern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin ueber die +einzelnen Saetze. Die Rivalitaet der Nationen machte sich geltend, auch eine +Frage der Geschlechter, da die Maenner die Weiber nicht wollten als voll +gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie +Jene. + +In den gelehrten Buechern und Blaettern stritten sie sich gleichfalls. Der +Eine warf dem Andern niedre Beweggruende und Tuecken vor. Es waren nicht +Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und +traeumten. Die Andern aber wuehlten und zeigten sich sehr thaetig. + +Das ganz rohe Volk draengte zu Thaten. Sie sprachen: "Es ist besser wir +sterben, als wir tragen dies Leben laenger, das schlimmer ist wie der Tod, +und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekruemmtem +Nacken wie wir." + +Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: "Lasst uns +trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und +todtschlagen!" Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man +ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere. + +Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: "Sei Du unser +Fuehrer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und +Du sollst unser Fuerst sein." Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter +entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen. +Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre +Bewegungen waren obscoen. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie +solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders +waren sie denn Schweine. + +Und er antwortete ihnen kein Wort. + +Sie sprachen: "Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und uebel +riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit +Seife und Salben waschen, suesse Weine trinken?" + +Er sprach: "Ihr seid nicht besser. Ihre Haende sind gewaschen. Sie brauchen +nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften +sind in ihren Haenden wie gute und gehorsame Pferde. Sie wissen genug, um +voraus zu denken und rechnen zu koennen. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze +und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos." + +Dann sprachen Einige: "So bist Du also ein Vornehmer und haeltst es mit den +Reichen und Maechtigen?" + +Er sprach: "Die Maechtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie +luegen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit +scharfen und unnatuerlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen +sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und +Blut, laesst wohl sein Leben. Der Reiche zittert fuer seine Gueter. Nichts +Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu +verlaengern, noch im Tode mit Denkmaelern und Bildsaeulen sich ehrt, so er +doch todt ist, nichts wie Staub und Wuermer. Der Arme ist weit ab vom +Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt." + +Sie sprachen: "Sage uns, was ist das Reich Gottes?" + +Er sprach: "Was Ihr Glueck nennt, Frieden in uns und ausserhalb." + +Sie sprachen: "Wer hat das Glueck? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm +naeher ist als der Reiche?" + +Er sprach: "Der Reiche hat viele Beduerfnisse. So er nicht sein festes Haus +hat, Pferde und Dienerschaft, ein koestliches Essen, wie mag er sich +freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel naechtigt, +braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht. +Wem Wasser genuegt, was soll ihm der Wein?" + +Sie sprachen: "Das ist ganz thoericht. Wir wollen Alle in Schloessern +wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage." + +Er sprach: "Seht zu, wo Ihr es findet," wandte sich von ihnen und sprach +nicht mehr. + +Zu ihm kamen Andre, die sich klug duenkten, sprachen: "Wir wissen sehr +wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen. +Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das +wir aufgebaut haben, darin das Glueck ist und Wohlleben fuer Alle." + +Er sprach: "Der Stein ist geduldig. Er traegt die Marke, die man ihm +eingraebt. Wie wollt Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kraefte +der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr +Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie +traegt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder +die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?" + +Sie sprachen: "Wir kennen es nicht." + +Er sprach: "Es giebt kein Gesetz, das gut ist fuer Alle. Aber das Gute ist +in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut." + +Das verstanden sie nicht und sprachen: "Es wird immer Schlechte geben." + +Er sprach: "So lange es sie giebt, ist Nichts gut." + +"So sollen wir gar nichts thun, die Haende in den Schooss legen?" fragten +sie nun. + +Er sprach zu dem, der das sagte: "Thue Du fuer Dich! Maechtiger denn viele +Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend +Gleichnisse. Einer, der stirbt fuer sein Leben, schafft zehnfaches Leben." + +Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: "Das haben wir +laengst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne. Es ist nichts +gekommen aus ihr und hat sich nichts geaendert, seit die Sonne scheint." + +Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: "O dass Ihr hasstet oder +liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die +Sonne nicht vor so vielem kuenstlichen Licht. Rom war besser und Babylon +war edler. Im blutrothen Blut muesst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer +Staedte und Haeuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges +Geschlecht in Eurem Reichthum! Wuermer und Elende in all' Eurer Kunst!" + +Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Huette +in der Abendsonne. + +Wie er vorbeiging, gruesste ihn der alte Mann. + +Er sprach: "Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle." + +Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von +den Fruchtbaeumen, die vor seiner Huette wuchsen. + +Der alte Mann sprach: "Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme +niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht ueber meine Lippen. Und +Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und +gesund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Huette nicht betreten, seit +ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich +trage mein Holz selbst und reinige meine Huette. Meine Mahlzeit bereite ich +mir mit meinen Haenden. Ein wollner Rock genuegt mir, wenn es kalt ist, und +ein leinener fuer den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner +Huette. Mit meinen Haenden habe ich diese Fruchtbaeume gepflanzt, die um mein +Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot. +Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hoeren meine Stimme. Wenn ich einsam +bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Noethe sind meine Noethe. Das Kalb, +das geboren wird, gehoert mir, wie es zu seiner Mutter laeuft. Sie kennen +keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen +mich und kommen zu meiner Huette, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Voegel +unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und +erzaehlen ihre unschuldigen Geschichten." + +Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die +huepften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten +an seinen Lippen, als ob sie anfragen wollten, setzten sich auf seine +Schulter und klappten mit den Fluegeln. Rehe aus dem Walde traten heraus +ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen +machten friedliche Maennchen, putzten und ueberschlugen sich. + +"Alle sind meine Brueder," sagte der alte Mann. "Meine Kinder, weil sie +schwaecher und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur +scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre +Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden; +nur sie _wissen_ es und sorgen nicht. Hoere!" + +Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll +Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen, +verstaendigen Augen. + +"Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht fuer die Fortsetzung +dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fuehlen, dass sie in +einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen +Kehlen, mit dem stummen Bluehen ihrer Kelche, taeglich. Das sind die +Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie +verachten, sich klueger duenken in ihrem Stolz, ihrer Geschaeftigkeit." + +Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem +alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen +Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar +und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein +Herr. Ruhende Staerke lag in ihm, der Blick, der ueber Viele sieht. Aber er +blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter +dem Hals des Thiers. + +Er fuhr fort: "Frueher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmuethig und +geschaeftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte. +Geschaefte der Koenige wollte ich thun an Fuerstenhoefen. Ich wollte weise +sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich +habe ihre Buecher gelesen. Ich habe Frauen gekuesst. Ich habe um Reichthum +gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Gluecklich ist, der Niemandes bedarf, +und Alles zu geben hat den Andern. + +"... Ich habe ihre Kuenste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der +Woerter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter - +auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben +liebte ich, die die Worte lebendig machen wie von getrunknem Blut, Toene, +die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der +Zauber verfuegt, der sie Alle regiert. - Ich berauschte mich selbst am +Wohlklang meiner Toene. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte +waren klingelnd wie Schlittenklang, toenende Erze und hallende Schellen. - +Alles ist eitel. _Eine_ Kunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe +der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden." + +Er sprach: "Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hoeren, +dass ich weiss, ob es der rechte ist." + +Der alte Mann sprach: "Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See, +der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in +himmlischen Toenen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir +zaehlen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink. +In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. - Es giebt nur den. Niemals +ward er vollkommen." + +Er sprach: "Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles. +Erfuellung und Leben." + +"In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh' ich die Zeiten +zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden, +Gefaengniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren +Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen, +die stark sind und kuenden. - Der bedarf nicht der Schaetze, der die Perle +gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier +und warte des Todes. Des Fuehrers harr' ich, der einfuehrt zum Tage." + +So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor +seiner Huette. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die +rothe, sinkende Sonne. + +Die Sonne sank. + + + + + + DAS SIEBZEHNTE KAPITEL. + + +Dies geschah, als eine Empoerung kam im Lande. + +Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine +grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten +schlecht waren. Man hatte eine solche Fuelle der Gueter in den vergangenen +Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das +Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren +Preisen verkauft, weil die Haendler nicht wussten was zu thun mit den +Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben. +Waehrend die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber +und Kinder, muessig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: "Was nuetzt +es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und +todtschlagen, denn morgen sind wir todt." + +Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie +vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass +das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Koepfe der Fallenden sich +zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stuerzte aus den Schaedeln gleich +Wasser aus festen Toepfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfuellt +wie in einem Schlachthause. + +Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Roecke +wegwarfen, zu den Feinden uebergingen, neben welchen sie kaempften auf hohen +Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestuerzten +Wagen, Matratzen und Moebelstuecken aus den Haeusern. + +Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre +frueheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon +mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Haeuser +gefuellt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen +verschonte man nicht, uebte an ihnen grausame Verstuemmelung, dass viele +zarte Frauen und Maedchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks. +Die Leute, die sich verloren sahen, toedteten sich lieber selber, ehe sie +sich dem Feind uebergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss, +zusammenpackte in den Gefaengnissen, getoedtet zu werden oder gerichtet zum +Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen +von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich +duenkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten. + +Solches kam auch vor den Koenig und verdross ihn sehr in seinem Herzen, +bekuemmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der +Nacht. + +So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch +immer im Gefaengniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag, +wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den +Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm +im Gefaengniss und seinen Anhaengern ausserhalb. Diese forderten laut, dass +man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der +Andern, weil er wohlbekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie +Alle folgten. + +Dieser sprach unerschrocken vor dem Koenig. "Es ist Deine Schuld so gut wie +dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als +Thiere in Unwissenheit und Rohheit." + +Der Koenig sprach: "Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht +Alles geben." + +Er sprach: "Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So +lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich +sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es +Deiner eignen Seele gut ist." + +Davon wollte er nichts hoeren, schickte ihn immer und immer wieder weg. +Aber wenn seine Bekuemmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in +ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hoeren, +wenn seine Raethe draengten, sie sprachen: "Wir haben den Beweis und den. +Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverraether." + +So dass ein Gerede ging im ganzen Land: "Der Drechslergeselle ist mehr +denn unser Koenig. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat." + +Sie verbreiteten dies Geruecht mit Fleiss bis zu den fremden Koenigen, dass +diese Briefe schrieben, sich darueber bewegten. Alle sagten: "Er hat keine +Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Haende dieses Aufruehrers +gegeben, der ihn am Narrenseil fuehrt, eine Herrschaft der Bettler +errichtet ueber seinem Thron." + +Seine Raethe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fuersten zu +bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste +wie gluehendes Eisen. Er hielt viel auf seine Wuerde, die er von seinen +Vaetern ererbt hatte, und war noch ein junger Fuerst, solchen Tand der +Majestaet gewohnt von Jugend auf. + +Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, waehrend +sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. "Dein Angesicht ist strahlender wie +die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben und verkuemmern." Sie +priesen seine Weisheit, die groesser sei denn die aller Gelehrten und +Weisesten im Land. Aber seine Macht war groesser als aller Koenige ringsum. +So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde +blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren wuerde ihm folgen auf +allen seinen Fahrten. + +Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu +verringern: "Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner, +der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu +sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Koenige sind gewesen von Anbeginn +der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht haeltst? +Vielschwaetzer, armselige, kleine Kraemer und Pillendreher? Man denkt, dass +Du ihn fuerchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil +Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt. +Du selbst bist erschuettert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein +heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Hoechste der +Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben." + +So peinigten sie die Seele des Fuersten, beugten sich in den Staub, gaben +grosse Feste. Boeller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte koestliche +Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glaenzenden Uniformen mit +blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war fuer sie +Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende. + +So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: "Es ist Alles zum Besten +eingerichtet. Da sieh doch! Und hoere den Jubel meines Volkes bei meinem +Einzug." + +Der Gefangene aber blieb fest. "Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert +werden Gut und Boese." + +Dass sie sich nicht einigen konnten, der Koenig ihn wegschickte im Aerger. + +Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu. + +Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle +gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, - und er hatte keinen lieberen +Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, - sagte man ihm, +dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in +seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit +Thraenen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht +den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass +Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Geruechte +ueber ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze haette er +mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr zu essen und beobachtete sie +lange auf ihren Raubgaengen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und +schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, waehrend er wachend +dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er +in seinem Aeussern, mit langhaengendem Bart und Haaren, dass alle seine +Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und beruehmte +Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele +Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar +nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden. + +Es war ein junges Maedchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und +graeflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im +Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige +Maedchen fuehlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu +geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder +zufaellig von seiner Hand Beruehrte hob sie sorgfaeltig auf. Traf sie ihn +unversehens, stieg sofort die hohe Roethe der Scham ihr in die Stirn, denn +sie schaemte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit ihres +Leibes, waehrend ihre Liebe doch zugleich ihr hoechste Freude und Seligkeit +war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen +Menschen. Und war nicht, der an ihm ruehren konnte, weder die Frechen, noch +die Luegner. + +So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange +zu sitzen mit dem offnen Fenster im Fruehling. Sonst war sie sanft und +freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Maedchen, obgleich +zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren, +einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob +sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil +sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die +Geheimnisse des Geschlechts in ihr ruehrten. Vielleicht hofften sie auch, +dass spaeter sich finden wuerde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst +die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen +sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein +sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein frueher Lenzmorgen +unter Aprilschauern. + +Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres Geliebten hoerte, dass +Niemand zu ihm sprechen koennte, er allein sass mit der haesslichen Katze, +machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie +zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem +ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also +huebsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und +ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und bruetete. Und +die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit gruenlichen Augen, +putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen. +So satt war sie geworden von all' der Milch und dem guten Fressen, dass +ihr Koerper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen. +Seine Backen zeigten tiefe Loecher wie die eines Todtkranken. Er starrte +aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand ueber +der andern. + +So erschien vor ihm die Jungfrau in all' ihrer Scham und Lieblichkeit. +Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger +gegeneinander zu reiben. + +Sprach sie zu ihm: "Lieber Herr! Was fehlt Euch? Alle Eure Freunde sind in +Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kuemmerniss, Euch also +schwerkrank und schweigsam zu wissen." + +Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen, +gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts. +"Bist Du eine Katze?" sagte er zu ihr. "Gehst Du des Nachts auf Raub aus, +wenn es daemmrig ist? Hast Du Junge, die Du saeugst mit Deinem Blute?" + +Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es +der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thraenen in die +Augen. Sie sprach mit thraenenvoller Stimme: "Lieber Herr! Wollt doch zu +Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl +kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich +Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen." + +Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein +muesste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufruetteln. Sie +fuehlte, dass es fuer sein Leben wichtig war, wenn er sprach. + +Er aber sprach: "Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel, +Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ..." + +So kam sie noch naeher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie +gleich ein Kind war und noch sehr jung, fuehlte sie doch in ihrer grossen, +reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden +wuerde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie +Eis. Sie kuesste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem, +fast wie die eines Sterbenden. + +"Sehnt Ihr Euch nach Liebe," sprach die Jungfrau, "so will ich sie Euch +geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach +draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Voegel singen freundlich +dem waermenden Licht." + +Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien. +Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit, +und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer. + +Er fuhr mit der Hand ueber die Stirn: "Liebe - Liebe ..." sagte er. "Das +ist Liebe einer Stunde, Waerme des Lenztags. Ich moechte die Sonne selbst +sehen. - Ich habe Sehnsucht nach dem Tode." + +"Der Tod kommt," sprach sie freundlich und ohne Zuernen, obgleich ihr Herz +aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. "Aber erst ist das Leben. Seht, +lieber Herr! Alle Knoesplein strecken ihre zarten Blaetter. Alle leben und +athmen." + +Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz, +dass er ihr Herz athmen fuehlte, die Waerme ihres Busens ihn umfing. "Du +lebst jetzt," sagte er langsam. "Aber Du wirst todt sein. Wuermer werden in +Dir wachsen, Du stinkst ..." Er schleuderte seine Haende fort, als ob er +Wuermer von ihnen abschlenkerte. Seine Nuestern zogen sich zusammen im Ekel. + +Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurueck: +"Ich werde auch mit Euch sterben," sagte sie, "aber spaeter. Es ist noch +lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles +Fragen, alle Sehnsucht hoert auf im Himmel." + +Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den +Kranken. Er sprang ploetzlich auf, fasste ihre beiden Haende in den +Gelenken, drueckte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: "Das ist +nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen +Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte, +stinkende Maden!" + +Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen, +haessliche, unflaethige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig +und wohlgebildet frueher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel +gewesen. Im Rathen ueber ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war +jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zaehne. + +Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel fuer ihr +zaertliches und noch so kindliches Herz. Sie fuehlte wie einen grossen +Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und +Wollen. Sie fiel ohnmaechtig hin. + +Dann stuerzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre +Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Naegeln, trat und beleidigte sie. +"Ihr - Ihr seid der Fluch der Welt," stiess er hervor. "Ihr habt uns zu +Grunde gerichtet. Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen +und nur zur Haelfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben? +Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Goetter. Wir sind +reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth +verkehrt. Ich habe die andre Haelfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst +verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott! +Gott! Gott!" ... + +Die Katze mit gestraeubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre +Augen funkelten boesartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er +die Halbgestorbne zurueckstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie +todt. + +Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind ueber seinen +Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Fruehlingsbluethen +hineingestreut. Ihr weisses Kleid war ueber sie gebreitet wie ein Leintuch. +Aus der rothen Halswunde troff das Blut. + +Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend. + +"So viel Schoenheit," sagte er, "so viel Unschuld und Guete. Das ist nun +Alles dahin - dahin." + +Und weinte ueber die junge, suesse Maid, nahm ihre Haende, kuesste sie. Und +kuesste ihre weissen, kleinen Fuesschen in den seidnen Schuhen, die sie +angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen: +Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des +schrecklichsten Todes. + +Dann seufzte er sehr tief, sagte: "So vergehen die Blumen. O suesse Blume! +Blume der Unschuld, der Guete und des Verzeihens! Sie haette liebliche, +kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel haetten sie gesegnet. Keinem hast Du je +Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich +bestuerzt. Kein Anblick der Haesslichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint +nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?" + +Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brueten. Da +Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte +ihr zerruettetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der +Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie +die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zaertlich in ihrer +Geberde. + +Dies that er. Niemand konnte ihn hindern. Denn es war etwas Besondres in +seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben waere ueber alles Lob oder +Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der +ihm zuwider sein konnte, oder erklaeren mochte, warum er so that. + +Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt wuerde um des Todes willen +der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe. +Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemueth, das viele Lernen habe +ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht. + +Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu +Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame +Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf, +darin sie begraben war mit der Katze, bluehten daraus Lilien auf. Also dass +das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied +ueber der Jungfrau und ueber der Katze. Und war grosses Wunder vor allem +Volk. + +Er schwieg zu Allem. Da er vom Kirchhof zurueckkam, legte er sein Kleid +nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an's Fenster +und sah in die Nacht. + +So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thraenen beschworen, seine Eltern, +die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn +ausfragten, das Volk, das gegen ihn laermte, sah er gar nicht. Er nahm +nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete +auf den Morgen. + +Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fuerst, weil er sein +Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben +in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel +der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes. + +Der Fuerst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen, +erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: "Warum sitzt Du und +schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen." + +Er sprach: "Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf +die Sonne." + +Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete. + +Dann veraenderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thaetig, voller +Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern +gab er gute Vermahnung, dankte ihnen fuer Alles, was sie ihm gethan hatten. +Als seine alten Eltern kamen, troestete er sie mit freundlichen und +sonderlichen Worten: "Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit fuer +uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thraenen +sind mir Lindigkeit," kuesste ihre Haende. Einen jungen Bruder der Jungfrau, +fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn, +segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite. + +Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that +er einen lauten Schrei: "Die Sonne! Die Sonne!" ... fiel hin und war todt. + +Dies verbreitete grossen Schrecken ueber Alle, die es mit angesehen hatten. +Der Fuerst blieb sehr bedrueckt in seinem Gemueth, wurde nicht froh, griff +Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe +seiner Gedanken. + +Es war aber sehr schwuel im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der +Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische +finden, weder auf der Terrasse, noch in den Gaerten. Die ganze Luft schien +mit Feuer gesaettigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser, +das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am +Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in +den Ausstroemungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein +Regen erfrischte. + +Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe +Wogen. Die sengende Hitze blies in's Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken +von Tod und Orgie. Sie sprachen: "Lasst uns sterben und saufen." + +Auf seinem purpurnen Lager ruhte der Koenig. Aber er waelzte sich rastlos, +die Kissen aufwerfend und niederdrueckend. Seine Finger stachen in weichen +Atlas. Seine Augenhoehlen schienen verbrannt von der Hitze, der +Schlaflosigkeit langer Naechte, die seine Lider mit Braun gemalt haette, +dass die Pupillen wie Kohlenfunken gluehten in einem Haufen von Asche. Von +den aufgesprungnen, gedoerrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern +schlug und schuettelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte +Fieber und der kuehlende Trank des Arztes gab keine Labe. + +Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen +Fuersten. + +Alle Waende waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert, +Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Kroenungen, Staatsakte. Auf +feurigen, sich baeumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden, +lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert +deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich +formlos, ein Gequaeltes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der +Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade, +hierarchisch, die Maentel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine +Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber +der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die +grossen Gruender, die Koenige, Hirten, Vaeter der Geschlechter. Sie hueteten +und herrschten. - Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in +schwarzen Ruestungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem +Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnaebel. In der +schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das +Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wueste. +Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewaender zu +schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif ueber zarten, blaeulich +geaederten Stirnen. Sie verbluehten in kaum erschlossner Knospe. +Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen. +Heuchlerische mit tueckischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier +hing an ihrer Huefte. - Die Carreaus der Gemaelde zeigten kleine Plaene der +Staedte, Festungsbauten in Miniatur. Froehliche Koenige trugen zierliche, +gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jaeger, das +laechelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde +Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der +Wolluestlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit +Gold, Purpurstickerei ueberladen, unter enormen Perruecken, die sie grotesk +und uebermenschlich machten. - Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war +hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen, +Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration +von Gold, Kronen, Loewen, Hermelinfalten, - der Mensch, etwas Einzelnes, +Abgeloestes, Persoenliches. _Der_ war gestorben in der Verachtung der +Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegaengelt hatte. Dieser hatte die +Verbannung gekannt, das Unglueck, den Verrath, die Demuethigung. Jener +Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und +klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemuethlichen +Laecheln, lauerte der Tigerzug. - Sie hatten gewusst und durften nicht +sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig +und ungluecklich. - Ueber die ging man schnell hinweg, wie ueber Kranke, +deren Krankheit gefaehrlich ist und anstecken koennte. + +Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle: +Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden, +flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte +waren in seinem Blut, ein Stueck von ihm. Es war sein Leben, was er schon +vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal - ein so langes +Leben! - eine Kette, eine erstickende Last, drueckende Schwere ... + +Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre +Strahlen nach allen Seiten. Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und +ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten +liefen am Gesims entlang. In unnatuerlicher, ueppiger Fuelle draengten sich +Beeren, Fruechte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und +Wappenschilder mit anspringenden Loewen. An den Fenstern fielen senkrechte +Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler, +lichtlos erschien der Sammet in den Woelbungen, tiefroth gluehend in den +Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermaentel fielen sie, rothe Guesse +von Blut, gleichmaessig ausgegossen in immerwaehrendem stroemenden Fliessen. +Alles Gold, zurueckgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertraenkte sich +im Purpur, ohne ihn zu erwaermen, der alles Licht verschlang, dunkler +wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der +Farben. + +Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und ueber die +Groesse der Frauen. + +Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende +Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehaemmerten +Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem +Handschuh. Die Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in +Goldstaub gepudert. Es schuppte sich ueber ihrem Leib in gleissender +Schuppenbraeune. Aber ihre Brueste waren aus reinem, geschmiedetem Gold, +aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen +goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit ueberragender Spitze wie +ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg +sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde. +Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren +Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benaeht waren mit +Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und +blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet +bluteten vom spruehenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei +staehlerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die +klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der +Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen +Streifen wie Peitschenbaender. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft ueber +ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter. + +Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit staehlernem Glanz wie des +Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen +waren gruen wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter +schossen, dass ihr Glanz unertraeglich war fuer den, der hineinsehen wollte, +der Blick gebannt sass in ihnen, haengen blieb wie die Motte in der Flamme. +Aber ihr Mund war Blut. Die Roethe ihrer Lippen war roether denn die vom +Blute, als ob sie Blut getrunken haetten, unersaettlich gierig, frisches +Blut jeden Tages. Ihre Zaehne waren Raubthierzaehne, spitz mit geschliffnen +Spitzen. Zaehne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken +ihre toedtlichen Lippen. + +Und er wusste, dass diese Jungfrau "die Macht" hiess, Helena von Troja, +Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von koeniglichem +Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn +Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren +gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre +Kraft, die sie so schoen machte, unwiderstehlich und herrlich vor den +Sinnen der Maenner. + +Und sie tanzte vor ihm. + +Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren +Platz zurueck. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust +aus den Hueften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen +Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezuengelte, +gefaehrliche Schlange, waehrend die Beine angenagelt warteten, zitternd, +gezwungen. Im Kopf, zurueckgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte +weiss, liliensehnsuechtig unter dem blutigen, duerstenden Bogen der +Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren. +Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer. + +Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz +erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie +eines Uhrwerks, dessen Feder man beruehrt hat, das sich in Gang setzt. Die +Hueften kruemmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn +in der Luft, beide Haende flach ausgespreizt, dass die ganze Last des +Koerpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. - Sie bueckte sich noch tiefer. +Die Spitzen der Brueste schienen den Schooss zu beruehren. Sie kroch. Sie +schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen +krallend in die Leere. Hart ueber dem Boden wie im Anzug einer Armbrust, +bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher +wurde. - Sie war wach geworden. + +Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach +rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinueber. Der Hals im +scharfen, zuckenden Ruecken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend +vor. Der andre folgte in schuerfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie +gaukelte in den Hueften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes +Tambourin schuettelnd. + +Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst +des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit +hemmt. Der Koerper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. - Sie +tanzte. + +Sie marschirte in einem toenenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen +stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der +Leib zwischen den stelzenden Saeulen der Beine schien getragen wie eine +kostbare Last, ein Altartisch koestlicher Gueter, der avancirte, langsam, +feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre +Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die +zermalmt, was sie an ihren Busen drueckt. Sie naeherte sich wie ein +Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus +der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht +ruft, in kurzen Stoessen, antworteten die Schellen und Schwerter. + +Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Moewengekreische ueber +dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Fuesse +suchten mit gekruemmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht, +des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den +Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder +schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten +Wunsche der Vermaehlung. Losgeloest zwischen den Hueften, eine Bluethe im +Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte. +Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe +schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Voegelchen. + +Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von +Raedern, Maschinen, Staehlernem. Man unterschied die Toene der Schellen und +Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zuegelloser Tanz, +Sichineinanderverschlingen der Toene. Die Arme waren die Fluegel einer +Windmuehle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie +peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich, +immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel +im Ganzen, mit der weiten Flaeche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine +Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, ueber der das +Gesicht schwebte, unbeweglich, zurueckgebogen mit laechelnden Lippen unter +dem goldnen Helme. + +Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi +waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brueste waren die +Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissgluehenden Spitzen. Sie +stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug +ueber ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine +Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. - Der Lustwille +des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud. + +Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd +in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die +herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem +ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, duerstenden +Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ... + +Er hielt sich nicht mehr: "Sei mein!" schrie er auf. "Sei mein!" + +Diesen Abend unterzeichnete der Koenig das Todesurtheil des grossen +Demagogen. Er wurde im Gefaengniss hingerichtet in der Fruehe, ehe die Sonne +aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt. + +Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod muede war und das Sterben +nahe fuehlte, wurde eine wunderbare Troestung zu Theil. + +Er sah ploetzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in +der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer +Schulter und sprach: "Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe +gesehen und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es +besser und Niemand soll uns mehr trennen." + +Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im +Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die +zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. - Es befand sich aber, dass +diese edle Frau und Graefin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine +mysterioese Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen +unbegreiflich duenkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig +gewesen, und einer hochgebornen Dame. + +Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem +Fremden. + +Er sprach: "Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die +Koenige hoerten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm uebrig." + +Sie sprachen: "Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da +er von den Koenigen und Maechtigen forderte?" + +Er sprach: "Die Koenige und Maechtigen sind nicht die, die geben koennen. Von +innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die Bettler die +Letzten sind, werden die Koenige die Ersten sein. - Es ist aber auch +moeglich, dass es von einem Koenig kaeme." ... + +Sie wollten, dass er dies noch naeher erklaerte. Aber er sagte nichts und +ging weit fort in eine einsame Gegend. + + + + + + DAS ACHTZEHNTE KAPITEL. + + +Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, muede Sonne +des Spaetherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch +Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen. +Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage +Gruene, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel. + +Zweimal ueber den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die +Fluechtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft +gingen die Letzten ueber die Ersten. Dazwischen schob man Geschuetze, +Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genuegten, halfen Maenner mit. Andre +hatte man im Stich lassen muessen. Sie lagen in unnatuerlichen Positionen, +mit aufgereckten Haelsen, zerbrochnen Raedern, unschaedlich gemachte +Eisenungethueme, Saettel, Flinten, Uniformstuecke, Leichen. Zuerst hatten die +Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das +Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurueck. Eine Zeitlang +hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man +sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich +weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin. +Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen, +Vierbeinigen, Raedern, die liefen, liefen ... + +Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In +einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von +den andern getrennt und marschirten rhythmisch. - Man sah sehr hohe +Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem +weissen Pferde. Sein Gesicht war vollstaendig schwarz vom Pulver und Staub. +Er opferte sich auf. Er war ueberall. Man hoerte seine Stimme wie die eines +Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein +Held war. Er konnte nichts mehr aendern, die Eile des Rueckzugs nahm zu. Sie +fuehlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles +weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie +liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren, +zurueckzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte, +galoppirte. Sie hatten sich wie Maenner geschlagen, Tage und Wochen lang, +an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefuehl, die Empfindung +der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten. + +Sie liefen, liefen fuer ihr Leben. + +Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie +griffen maechtig aus in weiten, jagenden Spruengen. Ihre Reiter feuerten sie +an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Faehrte. Diese sassen +aufrecht im Sattel, zurueckgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu +fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges. +Ein ganz junger Kuerassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus +wie ein raechender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund +duerstend emporgehoben. + +Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld. +Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschuetze auf in einer +Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezuendet. Alle diese Menschen +rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermuedet. Sie schliefen, eh' sie noch +daran dachten, zu essen. Mit geoeffnetem Munde, in der Stellung, die sie +gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen und +Pferdeaesern. + +Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen, +irrenden Gluehwuermchen vergleichbar, weissgekleidete Gehuelfen, rothe Kreuze +auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische +aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten. + +Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, saegten, verbanden die Aerzte die +ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschoepfung umsanken, traten Andre ein. Aber +der Aelteste wurde nie muede. Bis ueber die Ellenbogen im Blut, mit +triefender Schuerze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit. + +Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Huegel gegenueber, hatte der +siegende Feldherr sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auch da ging es +lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie +kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in +ihre Hauptstadt. Sie wuerden die Helden des Tages sein. Man sprach von +ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glaenzenden Salon vor, +maennlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zaertliche Huldigung der +Schoenheit entgegennehmend. Man wuerde sagen, dass der Feind tapfer war, der +Krieg ein grosses Unglueck sei. - Je naeher sie dem General kamen, seiner +Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie +befahlen gleichgueltige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der +Miene von Diplomaten, die ueber Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden. +Niemand war heiter oder betrank sich. Das war fuer die Troupiers draussen, +die gewoehnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte +dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die +Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg +zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comoedianten sofort, +sogenannte Liebenswuerdigkeit ist ihm als Laune verdaechtig. - Niemals sah +man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that +seine Pflicht. + +Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne +Zusaetze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die +Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die +Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als +vollkommner Erfolg bewiesen. + +Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis. +Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen +hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschuetterlich wie sein +Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch +nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die +eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und faellt. Er besass keinerlei +Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwaechen. Sein junger, einziger Sohn +war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute +vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht +weicher. - Er war ein grosser Mann. + +In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader Geruch war in der Luft, von +Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkuehle +machte er sich bemerkbar. + +Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger +Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, aeusserst correct immer mit +blendend weisser Waesche und gefeilten Naegeln. Wenn er den General gesehen +haette, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren wuerde: Excellenz +befehlen dies - geruhen das -! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein +Hammel. Er traeumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts. + +Er schritt ueber mehrere Schlaefer. Die Wachen praesentirten. Es waren +Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses +Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass +sie heut' sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er +verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben, +Freund und Feind. + +Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem +Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen +hatten. Diese waren praechtig. Das Metall der sauber zusammengestellten +Waffen blinkte. Sie schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals +zugeknoepft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewaehlte junge +Leute. Man hatte sie noch immer gut genaehrt. Die Landsleute hatten ihnen +zugetrunken auf dem Marsche. Sie fuerchteten sich nicht und schliefen mit +einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen. + +Fuer ein andres Mal reservirte man diese. + +Er ging ueber das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder +weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war, +Gras, Gaerten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhaemmert, geschmiedet von +Millionen Fuessen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von +Wellen, Ruecken. Ihre Abhaenge waren mit Leichen geduengt. Jeder Einzelne war +fuer sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den +ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus +dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne. + +Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Fuessen lang ausgestreckt. Der +war mausetodt, in's Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein +Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen +Brustkastens. Das Gesicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem +Paradebett, ein gefaellter Eichstamm. + +Vierzig Jahre und fuenfzig haette er noch leben koennen. Und er, der General, +war achtzig, ein kleiner, mueder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine +schreckliche Sache. + +Von der einen Seite aus den Gebueschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten +sich da hingeschleppt, die Sanitaetscolonnen hatten sie noch nicht +entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in +Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurueck. + +Graesslich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Wuerde, die der +Mensch unwillkuerlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewaehrt. +Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide, +bloedsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit haengenden +Baeuchen, unter denen Pfuehle standen, in der Ungeschicklichkeit der +leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, - waehrend +die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt +waren, lagen abgerissne Stuecke, groteske Nacktheiten - beinah laecherlich. +Wie haesslich der Tod war! + +Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr. +Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte +fast sagen betruebter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. - +Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen. +Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung +entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmaelern, wenn +ueber dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er +sich: "Wie koennte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie +her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft, +der Volksehre, fuer die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich +ueberhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist +ihr Werth?" + +An dem Huegel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht +wie abgemaehte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und +Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der +ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. - Etwas +Dunkles verschwand im Schatten. Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen +unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab. +Leichenraben! Schakale - das rief ihm einen Spion zurueck, den er den Tag +zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte fuer ihn gefleht und +gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der +Brust, einer haengenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in +ihren Roecken. Natuerlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein +Schuft! - er hatte eine Frau - kleine Kinder ... + +Ein Windzug hatte sich erhoben und kam ueber das Schlachtfeld, ein +trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Fluegeln. Er +brachte ein Roecheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber +es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und +starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage +selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war +traurig. + +Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Raederwerk der Maschine, +das auslief. - Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit +heraushaengender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war fuer's Vaterland +gestorben. Welches zusammengewuerfelte Material, diese Haufen der Todten! - +Ernsthafte Familienvaeter mit Vollbaerten. Sie hatten zur Waffe gegriffen, +weil man sie angriff. Ihre Beschaeftigung war, den Acker zu bauen, Staedte +aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus +allerlei Laendern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war +Alles dasselbe. Alles hatte aufgehoert, die Sorge, der Leichtsinn, die +Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Muehe, die man aufgewendet hat, +es zu schuetzen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich +gezogen fuehlen? + +Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurueck. Die Befreiung, +der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein +Volk mit Thraenen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem +Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstuerzten, vom Hunger ausgemergelt ... +Maenner weinten wie kleine Kinder. Sie kuessten ihm die Haende. Er war Gott, +der Retter! Sein Einzug - das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine +zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Fuessen. Sie +kuessten ihm die Fuesse, die Steigbuegel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er +gekostet. Er war alt geworden und traurig. + +Er blieb ploetzlich stehen. Das Roecheln war ganz deutlich geworden. Es +klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache, +doch sehr vernehmlich, hoerte er: "Mama ... Mama ..." + +Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden, +erbaermlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen, +ueberirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte +die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter. + +Da - da war die ganze Tragoedie des Krieges, die ewige Feindschaft, die +Mutter, die immer wieder gebiert, naehrt, hofft. Und man nimmt ihr immer +wieder, toedtet, vernichtet. + +"Mama ... Mama ..." schluchzte der kleine Bauernjunge. + +Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht waere er +ein Mann geworden, haette getoedtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er +fror. Er hatte Schmerzen. Er fuerchtete sich. + +"Mama ..." rief er. "Mama ..." + +Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz +in schwarzen Schleiern. Die eigne jaehe Wunde fing an zu bluten. Sie hatte +nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. "Gott segne Dich!" +sagte sie und hatte ihn gekuesst. + +Und ueber ihr wieder stand eine noch groessere, tragischere Mutter. Eine +Koenigin - sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Soehne, +ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ... +Opfergabe, hinter der die Muetter standen, die vielfach Gestorbnen, die +zehnmal Gekreuzigten - Sie, die wahren Leidenden, die wahre Groesse, +Lebenstraegerinnen ... + +Und ein andres erstaunliches Phaenomen machte ihn betroffen. An einem +Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Fluechtenden gestreift, halb +zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch +lebendiges Hoelzchen, - bluehte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben +erschlossen haben. Sie duftete - sie bluehte ... + +Er sah die Mutter der Muetter. Er sah die Natur treibend und unverletzt, +trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht traegt, den +Baum, in dem die Saefte steigen, das Thier, das seine Jungen saeugt ... + +Wuestes Gelaerme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg. +Sie zechten und brachten Toaste aus; die triumphirten. - Jetzt musste die +Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken laeuten und steckte +die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der +Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelaerm schien sein Ohr zu erreichen, +ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief ueber die Meere. Das war +der Sieg. + +Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flueche, Thraenen, Racheschwuere ... Sie +auch wussten jetzt. Sie beteten. + +Derselbe Gott war ueber ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgueltig. Er sprach +nicht und hoerte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der +Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren +gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! - Es war Alles +dasselbe ... + +Die Landschaft war flacher hier. Eine Kuehle wurde deutlich fuehlbar. Er +schritt eiliger vorwaerts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit +fortzuziehen, ein maechtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging +und kam. Aber das Gehen schien noch kraeftiger wie das Kommen. Im Werden +verging Alles. Ein Toedtliches, Bestaendiges, Festes war in der Bewegung. +Alles starb. + +Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag +es grau, unruhig, sich anwaelzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer +fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne +Sterne. + +Und er sah etwas Andres. - Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon +vorueber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen +Schlachtfelds, das da hinten duenstend lag: ein blasser Mann trug ein +Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm +des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf +den schwarzen Wellen. "Und er wandelte auf dem Meer." ... + +In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, kraehte ein +Hahn. + +Es war Nacht. + + + + + + DAS NEUNZEHNTE KAPITEL. + + +Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines juengeren +Collegen. + +"Ein Narr," sagte er, "und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen. +Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!" + +Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, duenner Herr und neigte +zu einer pessimistischen Weltauffassung, waehrend der Gerichtsrath in +seiner rosigen, behaebigen Fuelle auch Alles rosig sah. Die Specialitaet +dieses Ersteren waren Majestaetsbeleidigungen. Er sah diese ueberall. Er +roch sie, witterte, zog sie hervor aus den groebsten Verwicklungen. +Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch +insofern, als die Majestaet fuer ihn die Autoritaet Gottes auf Erden vertrat. +- Er war schlimmer wie ein roemischer Statthalter. + +"I bewahre!" sagte der Amtsgerichtsrath. "Wo wollen Sie das nun wieder +rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch +eine Majestaetsbeleidigung. - Dreck sind wir Alle." + +Der Duenne blinzte, unangenehm beruehrt. Der Assessor drehte die Daumen. Er +lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden +Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er +die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine +beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus +willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was. + +Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kaemen, die Leute liefen zusammen; +"na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger soeffen?" - +Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht. + +"Nur weil er ihm in's Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen! +- Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen +Sie's schon. Predigte er den leibhaftigen Satan, ginge es noch. Dann +haetten sie Wasser auf ihre Muehlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren! +Die verbrennten uns Christus heute noch." + +Der Assessor lachte. Die Ausfaelle gegen die Clerisei amuesirten ihn. Er +konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem - ein leichter Anflug von +Semitismus haftete ihm an - deswegen war er kirchlich. + +"Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand," sagte der Gelbe bitter. "Die +Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam - die +Gewissenspolizei." + +"Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeraenicke. Sehen Sie, zum +Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger +macht, gar zu uebermuethig wird, dann giebt's was drauf. Das haelt die +Gesellschaft zusammen." + +"Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist." + +"Das ueberlasse ich feineren Nasen. Es waere doch ungemuethlich schliesslich, +allein als Krone uebrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst +unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhaeutigkeit macht +allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten fuer sich und Andre +ertraeglich. So'n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker +bleiben Waisenknaben dagegen." + +Der Dicke ging seinen Amtsgeschaeften nach, ohne sich dadurch den Appetit +verderben zu lassen. Selbstmoerder, die er zu recognosciren hatte, theilte +er in Krammetsvoegel und Rohrdommeln ein, Erhaengte oder Ertraenkte. +Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die +armen Teufel liessen die Koepfe haengen und ergaben sich in ihre Strafe. Er +begruesste die Rueckfaelligen auch stets wieder mit derselben Jovialitaet. +Unter der Hand war er wohlthaetig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark +fuenfzig oder drei Mark Conventionalstrafe fuer Holzsammeln, Beerensuchen +von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse ruede Ausdrucksweise ging dabei +mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime. + +Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine +persoenlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim moeglichst zu +zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich +erhaengten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In +Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauenzimmer vorher +gruendlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein +Gefuehl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten +musste man unbarmherzig sein, waehrend der Dicke sich vorgenommen hatte, +dann lieber nach der andern Seite zu suendigen, die Sittlichkeitsfrage von +vornherein ironisirte. + +Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geaergert. Er +fand den Fremden im Gegentheil hoechst gefaehrlich, staatsaufloesend. Dabei +blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen. + +"Sie sind Communist?" fragte ihn der Vorsitzende. "Sie predigen den +Communismus?" + +"Was mein ist, ist meines Bruders." + +"Wenn er es nicht giebt?" + +"Es ist nicht an mir zu fordern." + +"Ich habe gehoert, dass Sie aufloesende Tendenzen gegen die Ehe predigen? +Wie denken Sie darueber?" + +"Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so." + +"Wie ist denn aber eine Ehe moeglich ohne physischen Umgang?" + +"Das waere allerdings die Radicalcur fuer alle unsre Gebresten," sagte der +dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee hoechst spasshaft. + +Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militaerdienst zu thun? + +"So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen +werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ..." + +"Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz." + +Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu +Eidesleistungen gebraucht wurde: "So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr +Gesetze?" + +Sie fragten: "Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?" + +Er sprach: "Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht +wieder, sondern schaffe mit seinen Haenden, auf dass er habe zu geben dem +Duerftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und +was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht +gethan." + +"Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen," warfen sie ein. + +"Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt taeglich zu thun mit Solchen." + +"Das sind Ausnahmen." + +"Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben." + +"Er ist scharf wie ein alter Fuchs," schmunzelte der Amtsrichter. + +"Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand moeglich." + +"Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er aendert die Gesinnung nicht. Die +maechtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die staerksten, die das +Beispiel geben." + +"Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister +koennten davon ein Liedchen singen." + +"Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und +Todtschlag je moeglich sein wird?" + +"Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist." + +"Dann hat's gute Weile." + +Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestaet den Koenig anerkennte? + +"Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu +ist ein Herr?" + +Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestaetsbeleidigung laege, zum +Mindesten Zweideutigkeit. + +"Glauben Sie an Gott?" + +Er glaubte natuerlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen, +Aussprueche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht +vorhanden. + +Der Assessor fand, ein paar Monate koennten nichts schaden. Man musste sich +schneidig zeigen. + +Der joviale Amtsrichter war dagegen: "Er hat nicht gestohlen, thut Keinem +was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!" + +Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es fuer ihn ueberhaupt nicht der +Muehe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch laenger zu beschaeftigen. +Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure +aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern +als Praesidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die +Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey's Zeiten. Aus +diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus. + +Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der Majestaetsbeleidigung: "Ob man +die Steuer zahlen sollte?" wollte er wissen. + +"Ist sie fuer das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist +sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht." + +Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er kaeme, was sein Name und Stand +sei? Auch ueber seine Geldverhaeltnisse wollten sie wissen? Wovon er sich +ernaehrte? + +Auf dieses Alles antwortete er nicht. + +Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute, +die es beschworen, dass er ein Joseph Schaeppli aus Bing in Wuerttemberg +sei, der schon in seiner Jugend geistesgestoert gewesen, seinen Eltern +davongelaufen und dann verschwunden war. + +Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schaeppli noch lebte, +beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten +herkommen zu lassen. + +Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht +eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und +Wuerde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie +versuchte abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern, +aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte. +Natuerlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das +Gefuehl eines alten Nacht- oder Erdthiers, ploetzlich an's Licht gebracht, +das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen moechte. + +Sie erkannte ihn sofort: "O mein Sohn Joseph!" schrie sie. "Mein armer +Sohn! Du boeses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich +umgetrieben so lange?" + +Auf dies Alles antwortete er kuehl, aber freundlich: "Du irrst, Frau! Ich +bin Dein Sohn nicht." + +Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: "Nicht mein Sohn? Was? Habe ich +Dich nicht in Schmerzen geboren? So spaet kamst Du, dass die Wehmutter es +aufgab. Wir dachten, ich wuerde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein +grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen ueber das +Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts +anzufangen war. Nicht mal zum Viehhueten taugte das. 'Geben Sie's nur auf, +Schaepplerin,' sagte der Herr Pfarrer. 'Den hat sich der Herrgott +gezeichnet.'" + +Sie fing ploetzlich an zu weinen und wurde zaertlich. "Bin ich nicht doch +gut zu Dir gewesen? Hab' Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du +schrieest? Und wie Du krank warst, hab' ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du +assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafuer liessest Du +gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und +willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?" + +Er sprach: "So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib +gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen +unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen +Haar! Thoerinnen, die Ihr Muetter seid!" + +Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig +nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er: + +"Dennoch ist die Mutter immer verehrungswuerdig. Sie hat gelitten. Sie hat +leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und +Last traegt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und +laesst sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. - Sie leidet im +Fleische um einer unsterblichen Seele willen. - Viele schelten dies +Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich +das heilige Wunder der Erloesung zeigt." + +Und war guetig zu der alten Frau, troestete sie und hinterliess sie mit +Gaben, die seine Freunde fuer ihn sandten. + +Vielen war das wieder ein Zeichen: "Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn +ist. Wuerde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?" + +Er sprach: "Und wenn sie es waere? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine +Gedanken gegeben? Traegt sie Schmerzen fuer mich? Und fuehlt sie mit meinem +Fuehlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht +Fleisch, sondern Geist. + +... "Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. - Das Wahre aber +siehet sie nicht. Wenn sie es saehen, wuerde es ihre Augen verbrennen. - +Aber die Blinden haben auch Augen." + +Danach schwieg er und sagte nichts mehr ueber diesen Fall, erklaerte sich +auch nicht deutlicher. + +Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die +Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und Kranker +sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes +gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht +mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache +schon. - Der Gelbe war fuer mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber +die Herren amuesirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn +auszuhorchen ueber seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er +mehr fuer deutsches Recht sei oder fuer roemisches? Auch fanden sie +verzwickte Streitfaelle, die er entscheiden sollte. Und ob er die +Todesstrafe billigte oder missbilligte? + +Es war ein foermlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke +Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen +Christus und sich Pontius Pilatus. - Der Assessor dachte an Berlin und die +Blumensaele. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen +die Koepfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Koepfe. Er hatte alle +Materien in Schubfaecher und Unterschubfaecher eingetheilt, und man wusste, +dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies _fand_ er die +Majestaetsbeleidigung. Die Majestaetsbeleidigung lag sonnenklar. + +Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der +Fremde eigentlich ein "genialer Kerl" sei, ein religioeses Genie. + +"Genies - Genies - die haette man auch Alle einstecken sollen." + +"Auch Goethe?" + +"Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen +unmoralischen Lebenswandel fuehrte." + +"Er ist aber doch Excellenz geworden." + +"Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles hoeherer Anarchismus, +selbstverfertigte Autoritaeten, Parvenuegewalten. Sehen Sie selbst +Bismarck ..." Der eminente Jurist war ultramontan. + +"Aber Pommeraenicke!" Der dicke Polizeidiener bildete das besondere +Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen +Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und +fuellte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus. + +"Pommeraenicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeraenicke _ist_!" + +"Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren +Gerechtigkeitsgefuehls. _Es lebe_ Pommeraenicke!" + +"Sie sind ein Farceur." Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er +hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung +zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war +eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestaetsbeleidigung. Nur +pietaetlose Menschen lachten. + +Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wuenschten +innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verstaendigte +sich mit dem Director. + +Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit. + +Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken +Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo +die einzelnen Sitze durch Brettwaende abgetheilt waren, um eine +Communication der Straeflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte +Hofstreifen zwischen Steinwaenden, in dem sie ihre Spaziergaenge machen. + +Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth, +Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! "Foermlich +nervenberuhigend," meinte die Mama. + +Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen Bedingungen gepruegelt +werden duerfte? Er liess sich die Einrichtung erklaeren. Er war sehr +ueberzeugt von der Zweckmaessigkeit solcher Strafen. Der affenartige +Gehorsam, mit dem die Straeflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte +ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements. +"Da haben Sie's bequemer!" meinte er scherzend. + +Die jungen Damen interessirten hauptsaechlich die Insassen. Besonders ganz +schwere Verbrecher. Sie waren fast enttaeuscht, dass ihre Unthaten nicht +noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten, +wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu duerfen. - +Es war so amuesant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als +ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment +ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren. + +Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. "Die +sehen ja fast wie katholische Priester aus," meinte ein Offizier. + +Von da kam man auf physische Eigenthuemlichkeiten, Abnormitaeten der +Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit +Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe, Lombroso. Es stand ja +beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung, +durch Alkoholismus hervorgerufen: "Man muesste die Leute einfach in +Irrenanstalten unterbringen." + +"Oder blenden, verstuemmeln," schlug Einer vor. + +Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthaeusler dem Staat +jaehrlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt +werden. Zudem drueckte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden +herab. Nun ja, das jetzige System war dumm. + +Der Amtsgerichtsrath erzaehlte von einer Hinrichtung, der er als ganz +junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gruenden beigewohnt +hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Moerder, einen +Zwanzigjaehrigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, mit der Axt +todtgeschlagen und zerstueckelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig +noch in ein Cafe gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er +auch arretirt worden. + +"Sie aergerte mich," blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach +den Beweggruenden seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und +trank und ergab sich in sein Schicksal. + +"Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas +Verbluefftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht +vollstaendig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten +liess er ruhig ueber sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette. +- Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es +feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein +Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester, +verantwortungsloser Dummheit." + +Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus +Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte +jedes Stueck Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die +sentimentalsten Verse und paeppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder +besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu +raechen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Maertyrer, Helden. +Spaetere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt. + +Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. "Da haben wir +nun heute eine Frau im hochschwangeren Zustand, die beim Jaeten im Garten +ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam fuer ihre Arbeit +fuenfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat +einen Werth von fuenfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche +Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin, +die sie seit sechs Jahren beschaeftigt. Die aerztliche Wissenschaft, die +Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch muessen wir sie verurtheilen, +weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die +Vernunft?" + +Der Amtsgerichtsrath zuckte die behaebigen Schultern. "Schliesslich, meine +Herrschaften - was ist Vernunft?" + + + + + + DAS ZWANZIGSTE KAPITEL. + + +Der beruehmte Professor wusch sich die Haende. Er that das immer mit +besondrer Umstaendlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels +willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er beruehmt schoene +Haende. + +"Es giebt nichts, was auf das Gehirn schaedlicher einwirkt, als religioese +Wahnvorstellungen," sagte der grosse Mann. "Schon das Beduerfniss einer +Religion ueberhaupt. Ich will nicht mit einem hochloeblichen Consistorium in +Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt +werden ..." Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer +auf bruellenden Applaus rechnen konnten ... "Es ist bekannt, dass Mohammed +epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend +die Satzungen der Essaeer angenommen, unter denen die Forderung der +absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus, +Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss +heutzutage Jedermann, dass die Unterdrueckung des Paarungstriebes die +Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Faellen des Irrsinns ist. Chassez +le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die +Wissenschaft ist die erkannte Natur." + +Der Professor hatte seine Haende fertig gewaschen und sorgfaeltig +abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander +gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war +nicht an Widerspruch gewoehnt. Er verachtete ihn. + +"Es ist eine Schande fuer unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen +noch moeglich sind," fuhr er streng fort, "dass der Aberglaube eine solche +Macht auf die Gemuether noch ausueben kann. Allein die Ignoranz ist daran +schuld, systematisches Zuruecksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven +in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie, +meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des Magens in +Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann. +Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und +Consumtionsverhaeltniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der +Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles." + +Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses +gesagt hatte. "Wie es uebrigens die Seele selber ist ..." fuhr er +leutseliger fort. "Was ist Seele, als das vitale Princip der +Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten +brauchte man Kutscher und Pferde fuer die Wagen. Dann machte man's mit +Dampf. Jetzt treibt die Electricitaet ohne aeusserlich sichtbaren +Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades haette an Daemonen +geglaubt, ein Moench des Mittelalters an den Teufel, ein von den +Missionaren bekehrter Wilder an Gott. - Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir +nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus." + +Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe +Persoenlichkeit verlangte seine Autoritaet in schwierigen Nervenleiden. +"Grosse Ueberreizung," decretirte der Professor. Ruhe, frische Luft, +blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia. + +Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor +verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann. + +Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem +Wahlkreis waehlte er conservativ. "Fuer die Crapule ist das gut und schoen. +Halbbildung bleibt das Allergefaehrlichste. Das fehlte uns gerade noch, +dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die +Laien sind eben Laien." + +Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft +die Autoritaet des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft +war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die +vielleicht momentan viel Laerm machten, sich wichtiger duenkten. Sie hatten +das nicht noethig. "Alles das sind Blasen, fluechtige Gaehrungserscheinungen +an der Oberflaeche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es +ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch +ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. - Der groesste Geist, ein +Koenig, ein Eroberer ist doch schliesslich nur ein Laie, ein Decadent, ein +Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, aendert +aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und +festgelegten Resultaten. _Wir_ passen ihn ein, nicht er uns." + +Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte, +inmitten seiner Arbeitssaele und Laboratorien, mit ihren kahlen, +weissgestrichnen Waenden, wo Instrumente und Praeparate standen. Alle diese +Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah +alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen +Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Praecision +und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie +eine gewisse Groesse. Sein Colleg war immer gedraengt voll. Es gab eine +ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schueler +nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und +Forschung waren ihm das Hoechste. + +Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor. +Er hatte einen juengeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem +Philosophischen befasste. + +"Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die +Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre +gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberflaeche gebraucht hat, +sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte! +Das ist Alles sehr gleichgueltig." + +"Es haben sich doch Menschen dafuer schlachten und verbrennen lassen." + +"Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafuer gehabt, sich um hohle +Toepfe die Schaedel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte - Worte - Worte. +Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf +dem Kirchhof finden Sie alle Anfaenge der Naturphilosophie. Sie erinnern +sich des Passus von Caesar's Staub?" + +"Trotzdem stach er sich um ein Phantom." + +"Hamlet war eben ein Kuenstler," sagte der Professor beinah mitleidig. +"Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr +miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie - die +Phantasie!" + +"Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von +Existirendem weiterspinnen. Sie muessen irgendwie in der Natur mit +vorhanden sein." + +"In der Natur ist noch Vieles." Der Professor zuckte die Achseln. "Wir +wissen es nicht." + +Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. - +Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors. +Sie war noch sehr jung, gluecklich verheirathet und sollte zum ersten Mal +Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in +ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte +Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur +dankbar laechelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner. + +"Es koennte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wuessten," argumentirte der +Freund. "Und waere es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen +wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch +Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phaenomene des +Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die +Wunder der biblischen Geschichte erklaeren koennte?" + +"Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen." + +Der Andre war begeistert, einmal lancirt: "Denken Sie sich auf diesem rein +empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft +wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm +und nuechtern auffassen, tausendmal reicher, ueppiger, wolluestiger. Eine +beseelte Natur. Die _Seele_, die wir suchen, nach der wir verhungern, +unsre Kuenstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend - da haetten wir die +Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein +Gut und kein Boese, Tolstoi nicht mehr pathologisch, - unser ewiges, +elendes, billiges 'pathologisch'!" + +Er gestikulirte heftig, den Spruengen seiner Gedanken folgend. Er war ein +schoener, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten +Haarbueschel. + +Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehoert. Sie sagte nichts, +sie dachte. Ein sehr suesser, sehnsuechtiger Friede lag auf ihrem Gesicht. + +"Sie sind ein Dichter," sagte der Professor. "Enfin ... Wie wir uns drehen +und wenden: 'Ein Mensch, der speculirt' ... Carpe diem. Es giebt keine +Weisheit als diese." + +"Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt - +der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. - Dionysos! +Die Entfesslung aller Kraefte. Fluegel! Fluegel! Fluegel!" + +"Wir muessen uns an die Erde, an das Normale halten." + +"Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das +unter?" + +Das offne Gesicht des Freundes gluehte. Er stand da in einer Pose des +Kampfes mit gereckten Faeusten. + +Die junge Frau sah von einem der Maenner zum andern. Sie litt nicht. Aber +sie war muede - von einer suessen Muedigkeit. Das beschwerte sie, aber machte +sie froh. - Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie saehe, +in etwas sehr Helles, Glaenzendes saehe. Aber sie sprach nicht. Ein +traeumendes Fuehlen war in ihrem Sehen. ... + +Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: "In unsern +Irrenhaeusern." + + + + + + ENDE. + + +Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter, +gelber Haeuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee fuehrte eine +Fahrstrasse, alleeartig mit Baeumen bestanden. Rechts und links lagen +Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der +Aufsicht eines Waerters. + +Man sah sie Kohlstruenke ausreissen, Graeben ziehen, jaeten. Manchmal lachte +einer seltsam, kichernd, unmotivirt. + +Die Voruebergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an. +Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. "Irre!" Das interessirte sie. Sie +fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie +Ausserordentliches. Vielleicht dass Einer sich auf seinen Waerter stuerzte +und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches. + +An der Chaussee lagen die Waerterhaeuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit +kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind +ueber die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges. + +Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebaeude. Es war mit einer hohen rothen +Backsteinmauer umgeben. Man hoerte Gaensegeschnatter. Ein fauliger Gestank +von Duenger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter +schon. + +Alle Felder lagen unter Duenger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain +sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die ueble Laune des +Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der +blaugruene Saum der Kiefernwaelder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach +allen Seiten. Sie schienen das natuerliche Moos dieser graubraunen Erde, +stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist +Haide. + +Das Mittelgebaeude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des +Directors, der Oberaerzte. Man hatte eine Kapelle fuer die Irren, +Gesellschaftssaele, Bibliothek- und Musiksaal. Die Raeume waren mit dem +neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten +Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rueckseite. + +Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da +ausserordentlich wohl fuehlten. Sie wuerden gar nicht wieder wo anders leben +moegen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat fuer ueberreizte +Nerven. + +Die Aerzte sagten immer: "Die Kranken." Der Ausdruck Verrueckte oder +Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des +Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz +bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veraenderungen im Gehirn, Stoerungen +des Sensoriums und der Motilitaet verbunden. Mit der +moenchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in +frueheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeraeumt. Aufgeklaerte +Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der +Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum +Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und +gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen, +pruegelnden Waertern erzaehlten sich Koechinnen. - Es war wirklich angenehm da +zu existiren. Aufgeklaerte Leute versicherten, dass sie sofort bei der +ersten Stoerung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen wuerden. Es +war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren. + +Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die +Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und +so lange. Dann greift man zur Pistole ...... "Kranke eben." + +Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Laerm, +Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer haerter werdende Kampf +um's Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten +lagen die Ungethueme, Grossstaedte, die sie schickten. Hier war's still. +Gesunder Kiefernadelduft. + +Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am +Verfolgungswahn litten; eine aeltere adelige Dame glaubte, dass man sie in +ihrem Standesgefuehl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz +gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein; +besonders scherzhaft war der sogenannte "Gott Ra", eine Persoenlichkeit, +die ploetzlich mitten im Gespraech abbrach, die Kiefern auf- und +zuschnappte, als ob er etwas verschlaenge. Alle diese waren ungefaehrlich, +lebten beinah gluecklich. Da waren welche, die die griechischen Tragoedien +in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschaeftigten. + +Auch die Bloedsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die +Hauptsache fuer sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von +ihrer Degradation. - Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen. + +Es war unangenehm, dass einmal eine aeltere Dame eine Haekelnadel +verschluckt hatte. Natuerlich war es den Waerterinnen streng verboten +gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Waerter an Kranke Schnaps +verkauften. - So etwas kam ueberall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug +sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage. + +Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles gruen ist, war es +noch viel schoener, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die +Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die +Neugier des Publikums schuetzen. Die Leute, die da wohnten, waren Stille. +Ihre Angehoerigen bezahlten fuer sie, erster, zweiter oder dritter Klasse, +je nachdem sie vermoegend waren. Erster Klasse hatte man natuerlich bessres +Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten uebernahm der Staat. Sie +machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen +Arbeiten. Alle waren immer entzueckt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit +und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren +nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen foermlich. Die Bilder grosser +Aerzte und Philanthropen schmueckten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass +die Wissenschaft dies uebernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustaende +frueher herrschten! + +Man konnte seine theuersten Angehoerigen mit der groessten Seelenruhe +dalassen. Was sollte man denn auch thun? + +Ab und zu dann ein Begraebniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorueber. Er oder +sie waren "erloest". Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie +genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurueck. +In den Kampf. In's Laute. + +Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen Kindern und Thieren. +Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen +Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese +Ungluecklichen. + +Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos. +Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefaehrlich werden. Jedermann +kennt solche Erscheinungen in Doerfern, abgelegenen Gebirgshoefen. Man +nannte sie "Gottes Narr", Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche +secundaeren Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn, +Schwermuth. Diese Leute koennen ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl +von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurueck. Aber +irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker. + +Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken "es fuehlen", sich +ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las +darueber so Schauerliches in Romanen. - Nur die Melancholischen leiden. Sie +empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind +die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religioese +Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjaehrige Dame +aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr +scheu und wohlerzogen! + +Man rief beruehmte Beispiele zurueck: Torquato Tasso, Johanna von Castilien, +Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder Koenig Lear? + +Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich +interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen. + +Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann, +dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wuethenden +Verwuenschungen in gluehender Bewunderung verfolgt hatte. + +Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern. +Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befuerchten, seinen schneidenden Hohn +schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Loewenfell des grossen Mannes hatte +man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man +da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren +Brachfeld, das er mit den Schaetzen einer ungehobnen Welt hinterlassen. +Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natuerlich. Er war ja eben +bekanntlich ... Ein Strich ueber die Stirne vollendete den Gedanken. + +O ja! Fuer den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden fuer ihn +gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefaelschte Interviews. +Es bildete den bestaendigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar +gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschaerft +durch Schlafmittel, Narcotica. - Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit +dem alten Aberglauben aufgeraeumt wurde. + +Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des +Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht +recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsbloecke gegen +Ihn geschleudert und jetzt ohnmaechtig und gebrochen im Stuhl sass in einer +Irrenhauszelle: "Ich bin dumm. Ich bin dumm." + +Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten ueber den Fall auf ihre +Weise. "Bleib' im Land und naehr' Dich redlich." Hier sah man, wohin das +Gegentheil fuehrte: "die grosse Kunst macht Dich rasend." Wozu auch? Wenn +man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der +religioese Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe +Ausschweifung. Das Leben fand schon immer die Mittellinie. Es ist gut auf +der Mittellinie bleiben. + +Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden +konnte. Sie blieben doch ueberzeugt, dass Mueller es zum Beispiel nie wuerde, +und Buchholz ebenfalls nicht. Diese wuerden sich auch nie das Leben nehmen +oder mit der Polizei in Conflicte gerathen. + +Die Fachleute bemuehten sich vergebens, das ganz Natuerliche, rein +Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur +Exemplificirung sorgfaeltig praeparirte Plaettchen, auf denen man den Verlauf +der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich +niedlich anzusehen waren diese Praeparate, etwa wie Blumenblaettchen, +fettig-weiss und rosig durchzeichnet. - Einige Damen grauten sich davor, - +immer zurueck in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte +seine Plaettchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Fuer ihn war auch +dieser Kranke nur ein Object. + +Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzaehlten, dass der +grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die +sinkende Sonne. Er schien ganz "friedlich", der kranke Adler. Man nahm ein +ganz angenehmes Gefuehl mit fort der allgemeinen Ruehrung und der eignen +speciellen Empfaenglichkeit fuer schoene Emotionen. + +Uebrigens hatte er's gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so. + +Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben +Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er laechelte. Er wartete ... Es +war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die +Stirn mit Rosen bekraenzt und das schwache Mitleid verachtete. - Nun, das +war immer schon Wahnsinn gewesen. + +Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes +Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensaehnlichkeit, Blut und Nacktheit, +haette die Kranken gestoert. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in +schwarzen Schleiern weinte zu seinen Fuessen. Sie bildete sich ein, die +Pieta zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie +weinte immer - immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhaeltnissen, +Mutter und Gattin. - Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefaehrlich +war. + +Ein engelschoenes, bloedsinniges Kind, das zwischen den Baenken hantirte, +nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam +verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Maedchen war. Die +Aerzte erklaerten ihn fuer einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief +ueberall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete +sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Raeucherfass, bueckte sich und +nickte und kuesste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Juengling war +immer gluecklich, von einer Serenitaet der Cherubim. Jeder verwoehnte und +liebte ihn. + +Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem "Fremden" der +Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein. + +Der Arzt erklaerte, dass dies eine haeufig vorkommende specielle Form des +religioesen Wahnsinns sei: "Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine +Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch +ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Wuerttembergischen. - Braucht +man buendigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus +aufzuhoeren?" + +Eine der Damen sah ihn lange an: "Er hat schoene Augen ..." + +Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an daemmrig zu werden. + + ------------------------------------- + +Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklaertes, vor dem denen, die +es spaeter sich erzaehlten, die Haare sich straeubten, wo die Vernuenftigsten +den ewigen Bloedsinn der Dinge zugeben muessen und stumpfe Hirne peitschende +Schauer der Unwelt fuehlen. + +In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum +untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben, +wer den Andern herfuehrte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden +zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte. + +Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine +Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertruemmertem Holzgeraeth, +Baenken und Stuehlen, hatte er Naegel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz +nackte, misshandelte Leib war buchstaeblich zerstossen, zerschunden, +erwuergt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit +einem schweren zugespitzten Holzstueck sah man ihn grosse Streiche fuehren +nach der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwaerzliches Blut troff: + +"Du hast die Welt zerstoert! Du! Du!... + +"Die Schoenheit hast Du getoedtet, den Ruhm, die Lust! + +"Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in's +Herz getraeufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte! + +"Mit Deinen zerrissnen Haenden hast Du die Kraft unsrer Haende zerbrochen. + +"Deine Fuesse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt. + +"Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut. + +"Die Stricke umwuergen unsre Leiber und machen sie haesslich. + +"Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen +von Deiner Stirn! Die Dornen!" ... + +Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu +beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Haenden, ueber und ueber +mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Faeusten. + +Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Bruederlichkeit +in diesen beiden gemarterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem +lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden +wuerde, ... seinen Gliedern gekruemmt und schlaff geworden durch das Sitzen, +die Schreibtischarbeit, den Haenden zu fein und zu lang, die nicht mehr +fassen konnten, verkrueppelten, zagen Fuessen, die das Gehen verlernt. Viel +zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben ueber das ganze +uebrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine +fuerchterliche, struppige Aureole. + +Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte +in Hohn und Verzweiflung: "Teufel! Teufel!" + +- - - Der Bloedsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that, +als ob er sein Weihrauchfass schwaenge, bueckte sich und kuesste die +Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones, +endloses, zweckloses Weinen ... + +Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab. + +Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen +Lidern waren gebrochen. Aber die Lippen standen ein wenig geoeffnet, als ob +Ihn duerstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner +geoeffneten Seite unter der Brust floss das Blut. + +Das Blut floss. + +Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die +Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte +sich auf ihnen gebildet. Der Stein faerbte sich violett unter ihr. + +Bestaendig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen. + + + + + Druck von Ramm & Seemann in Leipzig. + + + + + + +Von demselben Verfasser ist erschienen: + +*Ein Narr.* Roman. Mk. 3.- +*Die Jungen.* Roman. " 3.- +*Misere.* Roman. " 3.- +*Nixchen.* Ein Beitrag zur Psychologie der hoeheren " 1.50 +Tochter. Fuenfte Auflage. +*Haeusliches Glueck.* Aus den Papieren eines Ehemannes. " 1.50 + + + + + + BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT + + +Im Original gesperrt gesetzte Passagen sind durch Unterstrich (_) +gekennzeichnet, Fettdruck durch Sternchen (*). + +Variierende Schreibweisen wurden nicht korrigiert, mit Ausnahme folgender +offensichtlicher Druckfehler: + + Seite 7: "wei" geaendert in "weit" + Seite 15: "neber" geaendert in "neben" + Seite 49: "erwartefe" geaendert in "erwartete" + Seite 58: "Krankeit" geaendert in "Krankheit" + Seite 71: Punkt geaendert in Komma hinter "ausgebruetet" + Seite 118: "Gattenadjudanten" geaendert in "Gattenadjutanten" + Seite 167: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Worte!" + Seite 194: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Ihr" und "O" + Seite 247: doppeltes "legen" entfernt + Seite 255: "wir" geaendert in "wie" + Seite 261: "gegewesen" geaendert in "gewesen" + Seite 291: "tand" geaendert in "stand" + Seite 312: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "verkuemmern." + Seite 316: Komma geaendert in Punkt hinter "ruehrten" + Seite 324: "Alllem" geaendert in "Allem" + Seite 344: "Perdeaesern" geaendert in "Pferdeaesern" + Seite 373: "jetsige" geaendert in "jetzige", "mi" in "mit" + Seite 378: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Was" + Seite 383: Punkt ergaenzt hinter "wolluestiger" + Seite 389: "schuefzen" geaendert in "schuetzen" + + + + + +***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREMDE*** + + + + CREDITS + + +May 25, 2011 + + Project Gutenberg TEI edition 1 + Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed + Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + A WORD FROM PROJECT GUTENBERG + + +This file should be named 36227.txt or 36227.zip. + +This and all associated files of various formats will be found in: + + + http://www.gutenberg.org/dirs/3/6/2/2/36227/ + + +Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be +renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no one +owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and +you!) can copy and distribute it in the United States without permission +and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the +General Terms of Use part of this license, apply to copying and +distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project +Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. 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Contact the Foundation as set forth in +Section 3 below. + + + 1.F. + + + 1.F.1. + + +Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to +identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain +works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. 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