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+The Project Gutenberg EBook of Der Fremde by Hans von Kahlenberg
+
+
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with almost no
+restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it under
+the terms of the Project Gutenberg License included with this eBook or
+online at http://www.gutenberg.org/license
+
+
+
+Title: Der Fremde
+
+Author: Hans von Kahlenberg
+
+Release Date: May 25, 2011 [Ebook #36227]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: US-ASCII
+
+
+***START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREMDE***
+
+
+
+
+
+ Der Fremde.
+
+ Ein Gleichniss
+
+ von
+
+Hans von Kahlenberg.
+
+
+Dresden und Leipzig.
+_Verlag von Carl Reissner._
+1901.
+
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+
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+ DAS ERSTE KAPITEL.
+
+
+Es war Weihnachtsabend.
+
+Das Wetter war schlecht gewesen seit Wochen schon, keine Kaelte, aber
+bestaendig sickerte von oben eine feine, durchdringende Feuchtigkeit. Der
+Himmel schien sehr nah an die Erde gerueckt, die Grenzlinien beider
+vermischten sich in diesem Grau, das Alles einhuellte, aufloeste, aus der
+Erde kroch, sich herabsenkte in wattiger, flockender Schicht. Wie durch
+einen Schleier gewahrte man die naechsten Gegenstaende, kahle Baumstuempfe
+verkuemmerter Weiden, Rasenflecke des Feldrains, und Telegraphenstangen.
+Sie folgten sich in regelmaessigen Abstaenden wie Schildwachen einer
+ungezaehlten einzingelnden Armee, die man nicht sah, die da im Nebel
+lauerte, wo er sich zu verdicken schien, braun wurde, mit schwarzen
+Ausstroemungen, die sehr lange Linien durch die Luft zogen und haengen
+blieben. Sie brachten einen faden Gasgeschmack in die scharfe Kaelte, den
+Moorgeruch der aufgeweichten Felder. Seit Wochen durchschwemmte sie der
+Regen, unbarmherziges, Alles durchdringendes Gewaesser, in dem die letzten
+Lebensreste des Sommers sich aufloesten, verfaulten.... Irgendwo da - sehr
+weit ab noch - vor ihnen lag die Stadt. Manchmal hoerte man Eisenbahnzuege
+kreischen; sie glitten rasch auf rohaufgeworfenen Daemmen mit Alarmrufen
+der Schiffe auf hoher See in der Nacht. Die Stille und der Nebel
+herrschten wieder, eine unheimliche, lastende Stille, hinter der das
+ueberreizte Ohr Laerm zu vernehmen glaubte - des Meers, oder einer Schlacht.
+Ein heissrer Athem streifte von da zuweilen: Menagerie, Kuechengeruch,
+Schweiss, - diese undefinierbare Atmosphaere, die die Naehe einer grossen
+Stadt anzeigt, einer jener gewaltigen, ueberquaelten Lungen des
+zusammengepressten Menschheitsorganismus, wo die natuerliche Luft nicht
+genuegt, verbraucht lasten bleibt, in einem Nebel, der nicht weggeht, sich
+erhitzt am Abend von Millionen Lichtern, neu aufsteigt jeden Morgen aus
+athmenden Bruesten.
+
+Lachen hatten sich auf der Chaussee gebildet. Ihre ganze Oberschicht
+bestand aus einem weichen, feinen Schmutz, der sich teigig an die Stiefel
+ansetzte, sofort krustete; und vor allem war er kalt, von einer Kaelte des
+Eiswassers, unterer Schichten unter dem Wasser, die nie die Sonne sahen.
+Er trug sich schwer; auf der Hoehe des Strassendammes zog er sich endlos
+hin, kleine Teiche bildend, Runzeln und Raender, die Spuren unzaehliger
+Menschenfuesse, Pferdehufe, die da gegangen waren.
+
+Manchmal schleppte sich ein Lastwagen muede vorueber. Die Raeder knatterten
+auf dem harten Kiesgrund unter der Kothschicht. Langsam, von oben bis
+unten mit Schmutzkrusten bedeckt, schritten die Pferde. Unter seiner
+gelben Plancapotte liess der Fuhrmann misstoenige Laute des Unbehagens
+vernehmen. An solchen Tagen trinkt man. Er hatte Eile anzukommen, sich von
+Neuem zu fuellen mit Warmem, das von innen hitzt, die Traurigkeit wegnahm,
+die sich in grauer Schicht aus diesem sonnenlosen Abendhimmel herabsenkte.
+Auch raschere Gefaehrte rollten vorueber, Baecker- oder Fleischerwagen aus
+den Vororten mit warmgekleideten, wohlgenaehrten Insassen. Jetzt liessen
+sie die Gaeule ausgreifen, um nach Hause zu kommen, knallten mit der
+Peitsche im Vorgefuehl der Heimathfreude, warmer Oefen und wohlbesetzter
+Abendbrottische.
+
+Arbeiter sah man nicht mehr. Sie hatten frueher Feierabend gemacht wegen
+des Festes, und es wurde spaet. Da und dort an den Bahnkoerpern entzuendeten
+sich Lichter. Sie konnten nicht ankaempfen und blieben wie blasse
+Wasserflecken in dem Nebel, der sich nur zusammenballte, dunkel wurde, vom
+Weissgrau des sonnenlosen Tages zum Schwarz der Winternacht, die da ueber
+die Felder herbeikam, Alles verschlingend, einpackend, bis auf die
+Chaussee, die sich hinzog ohne Baeume, ein endloser Landstreifen durch die
+Oede.
+
+Zwei Handwerksburschen zogen auf der Chaussee entlang. Es waren
+Arbeitslose. Der Eine war ein Boettchergesell aus Greifenberg in Pommern,
+der Andere zog schon seit lange so. Er hatte Drechseln gelernt. Aber das
+Handwerk warf nichts ab; vielleicht war ihm auch nach und nach die
+Gewohnheit der regelmaessigen Arbeit verloren gegangen. Er war der
+bedeutend Aeltere. Die Beiden hatten sich in der Herberge zur Heimath in
+Bernau kennen gelernt und zogen nun auf Berlin zu, die grosse Metropole
+der Arbeit und des Verdienstes, um da ihr Glueck zu versuchen.
+
+Der Juengere war aengstlich; dennoch voll guter Hoffnungen. Er begriff es
+nicht, dass ein Mensch, der arbeitsam und maessig war, arbeiten wollte,
+keine Arbeit finden sollte. Er glaubte an ein voruebergehendes
+Missgeschick. Berlin sollte ihm Glueck bringen, obwohl es ihm Furcht
+einfloesste.
+
+Er war ein Junge, der zu Hause aus ganz kleinen, aber geordneten
+Verhaeltnissen kam. Sein Vater war beim Torfstechen ertrunken. Er hatte fuer
+die Mutter und drei kleine Geschwister mitsorgen muessen; alles das hielt
+sich ueber Wasser, lebte sehr respektabel. Er war ein Kind geblieben, mit
+runden, erstaunten Augen, die vergebens den Nebel zu durchforschen
+schienen, etwas aengstlich vor dem Gefaehrten an seiner Seite, aber doch
+gefuegig gegenueber dessen groesserer Welterfahrung, beeindruckt vom Cynismus
+seiner Reden und Handlungen.
+
+Der war ein ziemlich wuester Gesell, der durch die halbe Welt gerollt war.
+Man wusste nicht, woher er kam, und er sprach nicht davon. Seine Papiere
+wiesen allerlei Bestrafungen auf, fuer Diebstaehle, Widersetzlichkeiten. Das
+hatte ihn nicht gebrochen. Es lag Hohn und Trotz gegen die Gesellschaft in
+seiner Art, das Bewusstsein eines Ichs, der Kraft, in diesem Menschen, der
+mit klaffenden Schuhen ueber die Landstrasse stapfte, Hass gegen die Kaelte,
+der er den Alkohol entgegensetzte, den brennenden Rausch, der besser hitzt
+wie Feuer.
+
+Ein gewisser Galgenhumor kam ueber ihn, waehrend sein Gefaehrte aengstlich in
+seine blaugefrornen Finger pustete, die besten Stellen im Matsch
+aussuchte, um seine Fuesse zu schonen, vor allem die Schuhe, die trotzdem
+schon barsten, Wasser einliessen, das sickerte, quietschte zwischen den
+Sohlen.
+
+Der Kumpan sah es mit gutmuethigem Spott: "Gieb's nur auf, kleiner Richard!
+Das nuetzt Dir nichts. Das frisst sich durch Pelz und Wolle, um so mehr
+durch Lumpen und Loecher. Dagegen giebt's nur eins!"
+
+Er bot dem Andern die Flasche, die der aengstlich zurueckwies. So leerte er
+sie selbst auf einen Zug.
+
+"Das giebt wenigstens Muck! Das ist die einzige vernuenftige Erfindung in
+diesem elenden Hundedasein. Sie sagen, der Teufel hat sie gemacht. Mich
+duenkt, der Teufel, das ist der einzige wahre Heilige in der ganzen
+Muschpoke. Er ist mein Schutzpatron. Es lebe der heilige Satanas!"
+
+Der Kleine sah sich scheu um, ob Jemand die Laestrung hoerte. Er war fromm
+erzogen, gewohnt in die Kirche zu gehen des Sonntags. Die Mutter sass da
+und die andern alten Weiber in schwarzen, gehaekelten Kopftuechern mit dem
+goldbedruckten Gesangbuch. - Es war hart, dass man keine Arbeit fand. Aber
+er vertraute auf Gott. Und Berlin war nah, wo Tausende arbeiteten und
+assen. Sehr muede war er und weit konnte es nicht mehr sein.
+
+Es war, als ob Fritz Kuhlemann seine Gedanken errieth: "Ja, das ist fein,
+nach Hause zu kommen, wenn Einem die Olle schon in der Thuer entgegenlaeuft!
+Der Junge haengt sich uns an den Rock. Auf dem Tisch dampft ein guter
+Happenpappen. Die Stube ist schon abgeschlossen, weil da der Christbaum
+steht. - So gut wird's uns nicht bei meinem Freund Matzke. Eine fidele
+Bude, und Maedels auch die schwere Menge! Ich moechte wissen, ob die rothe
+Lene noch da ist?" ... Er vertiefte sich in diese Erinnerungen,
+Saufgelage, Pruegeleien, Dirnen,... waehrend der Andre neben ihm
+hertrottete. Er war sehr muede. Er haette am liebsten geweint, aber er
+schaemte sich.
+
+"Du bist auch noch so ein Gruener. Dich werden sie schon erst hochnehmen!
+Wenn Du denkst, mit Gottvertrauen und Dummheit kommt man durch die Welt!
+Das ist gut fuer die, die mit einem silbernen Loeffel im Munde geboren sind.
+Unsereiner, wenn der nicht eine Nase zehnmal so fein hat und Krallen
+zehnmal so lang, - dann kannst Du Dich man gleich am naechsten
+Laternenpfosten aufhaengen lassen. Da drinne, da verstehen sie's! Ist schon
+Mancher wie die reine Unschuld vom Lande eingewandert. Und wie er wieder
+rausgekommen ist! Per Schub mit zwei Gensdarmen neben sich. Auf Sonnenburg
+zu, oder Ploetzensee. Ich kannte Einen, den haben sie gehetzt wie das liebe
+Vieh. In den Weiden und Binsen unten bei Tegel. Jede Nacht die Jagd und
+den ganzen Tag lang. Ob das noch ein Mensch ist! - Todtgeschlagen hatte er
+Einen. Todtschlagen - das ist auch dumm. Alles todtschlagen, kurz und
+klein! Dann waer's noch was."
+
+Nun ermannte sich der Andre. "Es giebt doch aber auch noch gute Menschen
+auf der Welt."
+
+"Hast Du je Einen gesehn, dem's auch gut gegangen ist dabei? Die
+Schlechten, die kommen auf, die sind hoch. Verfluchte Schweinerei!"
+
+"Man kann's. Wenn man ehrlich ist und arbeitet."
+
+"Versuch's doch! Geh hin! Biete Deine Arbeit an. Lauf rum! Verkauf Dich
+fuer vier Groschen den Tag. Sieh doch, ob Dich Einer nimmt! En Vieh und en
+Esel. - Aber ein Stueck Mensch! Und dann fallen Einem die Lumpen immer mehr
+vom Leib. Der Schutzmann haelt die Augen drauf. Und wenn Du mal auf einer
+Bank, unter der Bruecke einschlaefst, hat er Dich am Kragen. Dann geht's auf
+die Wache. Na, und wenn die erst ihren Stempel draufgesetzt haben! Die
+grosse Klappe - oder der Strick vorher und das stille Wasser!"
+
+Der Andre war dem Weinen sehr nahe. Es war die grosse Muedigkeit und die
+Aufregung vor dieser Stadt, die sich naeherte, wie das Verhaengniss,
+unsichtbar, in dem Nebel, der immer dicker wurde. Ein Wagen, der
+vorueberfuhr, eine Equipage oder geschlossene Droschke, bespritzte sie von
+oben bis unten.
+
+Kuhlemann sprang mit einem Fluch zur Seite: "Verdammte Protzenbande! Ich
+goennt's Euch! Ich goennt's Euch! Frisst sich satt von unserm Mark und
+Knochen. Sauft sich voll von unserm Blut, bis sie besoffen sind und
+speien!"
+
+Sie waren jetzt in der Gegend der Fabriken. Von beiden Seiten reihten sich
+dunkle, niedrige Schuppen um gemauerte Schlote, mit Latten eingezingelte
+Hoefe. Man sah die schwarzen Eisenconstructionen zum Heben, die achatne
+Spiegelung der Fensterscheiben, ungeheure, stumpfe Massen aufgeschichteten
+Materials, die warteten, sich zersetzten. Aber Alles lag ganz still wegen
+des Festes, Alles war sehr schwarz. Der Kohlengeruch wurde bemerkbarer.
+Auf ihren Schienenstraengen eilten die Zuege der Vororte mit roten und
+gruenen Lichtern, wie grosse Schlangen mit Augen, in die schweigende Ebene
+ausgeschickt.
+
+Der kleine Richard war vollkommen kaput. "Ach mein Gott!" schluchzte er
+auf. "Mein Gott!"
+
+"An den glaubst Du auch noch?" Die Nachwirkung des Schnapses begann sich
+bei Fritz Kuhlemann zu aeussern. Er sah roth jetzt und schrie mit erhobner
+Stimme: "Die olle Finte, die uns die Pfaffen aufgebunden haben, damit wir
+kuschen und nicht Muck sagen! Ich sage Dir, wenn's den giebt da oben, dann
+kann er sich begraben lassen fuer das, was er gemacht hat. Ich lach' ihm
+in's Gesicht. Ich schlag' ihm die Faust in's Gesicht fuer sein feines
+Zauberkunststueck hier!"
+
+Die Laestrung verhallte in der Dunkelheit, die sich nicht ruehrte. Ein Wind
+schien sich erhoben zu haben, strich mit schriller Klage ueber die
+Telegraphendraehte, durch die Loecher der Jacke, in der der Kleine sich
+zusammendrueckte. Alles blieb so, die schwarzen Fabrikgebaeude, die
+Dunkelheit, die Kaelte.... Und in der Ferne das Verhaengniss, das anzog,
+sich naeherte, etwas Schwarzes, Compactes, mit Augen ... Berlin, die
+Grossstadt.
+
+"Guten Abend!" sagte eine Stimme neben ihnen.
+
+Jemand musste an ihrer Seite heraufgekommen sein. Er war wohl von
+rueckwaerts nahe gekommen. Sie hatten ihn nicht gehoert, weil der weiche
+Schmutz alle Schritte erstickte. Und es war finster.
+
+Sie sahen, dass es ein Mann war. Er mochte in ihrer eigenen Groesse sein,
+nicht ueber Mittelgroesse. Er trug die Tracht eines Arbeiters, nicht gut und
+nicht schlecht, die eines Mannes, der Arbeit gethan hat und weit gewandert
+ist.
+
+"Guten Abend!" sagte der Fremde noch einmal.
+
+Er sagte es mit einer ruhigen, sehr angenehmen Stimme, die aus dem Nebel
+zu kommen schien. Etwas von Traurigkeit und Entfernung lag in dem Klang
+der Stimme.
+
+"Guten Abend!" sagte der kleine Richard.
+
+Fritz Kuhlemann brummte widerwillig seinen Gruss.
+
+Der Fremde war an ihrer Seite geblieben. Er ging denselben Schritt wie
+sie. Nur war es dem Kleinen, als ob der Wind ihn jetzt nicht so traefe. Er
+empfand das angenehm.
+
+"Es ist spaet," sagte der Fremde. "Und es ist kalt hier aussen."
+
+"Das ist nun nicht gerade etwas Neues, was Du uns sagst," hoehnte Fritz
+Kuhlemann. "Wenn Du eine Pulle in Deiner Tasche hast und etwas Warmes
+drin, thaetest Du uns einen groesseren Gefallen, wenn Du uns theilen
+liessest."
+
+"Ich habe keinen Wein und keinen Branntwein," sagte der Fremde. "Ich komme
+von weit. Und es ist spaet."
+
+"Sehr spaet, um den Christbaum zu schmuecken und den Aufbau fertig zu
+stellen. Aber vielleicht sind Sie hier herum Hausbesitzer oder haben eine
+Villa gemiethet und die liebe Familie erwartet Sie?"
+
+"Ich habe kein Haus."
+
+"Dann wuerde ich Dir rathen, Freund, dass Du Dir Geld in die Tasche thust.
+Denn umsonst giebt's hier nichts auf dieser faulen Welt. Und zumal in
+Berlin, wohin wir unsre Schritte jetzt lenken. Mein Freund Matzke kann
+sehr eklig werden gegen flaue Kunden. Also, Freundchen, wenn Deine Tasche
+wohlgefuellt ist, oeffne sie und spendire Deinen guten Freunden, die im
+Dalles sind, in der That nicht wissen, wo sie ihr Haupt niederlegen
+sollen."
+
+"Ich habe kein Geld Dir zu geben," sagte der Fremde. Er sagte es traurig,
+mit seiner sanften, klingenden Stimme, die von sehr weit herzukommen
+schien.
+
+Der Rothe lachte: "Du bist ein famoser Bruder, das muss ich sagen!
+Schleichst hier auf naechtlichen Wegen und schlaengelst Dich an andre Leute
+ran. Denkst Du, wir koennen einen Zaungast brauchen? Lass doch mal sehen,
+wie Du aussiehst bei dieser noblen Beleuchtung!"
+
+Die kleine Laterne eines Zimmerhofs warf einen zweifelhaften Schein. Der
+rohe Bursche drehte den Fremden um. Er stiess ihm die Schulter gegen den
+Lichtfleck.
+
+Er sah ein blasses Gesicht. Ein bescheidner Bart umrahmte den unteren
+Theil. Es war das Gesicht eines Mannes von etwa zweiunddreissig Jahren.
+Der Fremde hatte seltsame Augen und sah ihn ernsthaft und traurig an.
+
+"Lass doch den Mann!" sagte der kleine Richard muede.
+
+Selbst der Rothe war betroffen. "Teufel auch!" knurrte er in den Bart. "Wo
+hab' ich das Gesicht schon gesehen? Du bist ein seltsamer Heiliger, Du!...
+So eine Sorte Wanderprediger wohl? Ich habe mal Einen gekannt. Er war mit
+uns in der Herberge. Des Abends las er seine Bibel. Er that das alle
+Abend. Er sah dabei aus wie Du. Er sagte nichts."
+
+Der Fremde sagte auch nichts.
+
+... "Er hat mir den Fuss kurirt und eingewickelt. Ich wusste, wo er sein
+Geld hatte. Ich hab's ihm gelassen."
+
+Das Gesicht des Fremden schien berauschend auf ihn zu wirken. Er verwirrte
+sich in wilden Erinnerungen.... "Ein Maedchen ... Ich draengte sie gegen das
+Thor. Was hatte die dumme Liese sich anzustellen? Sie war doch genau wie
+die Andern. Hexe! - Weibervolk, die sind Alle nichts wert.
+
+"... In ihrer Karosse sah ich sie mal. Eine vornehme Dame. O sehr vornehm!
+Vornehmer wie eine Prinzessin. Sie sass in ihrer Karosse und wartete. Ich
+wollte sie ermorden. Weil ich hungrig war und kein Bett hatte. Sie war
+reich und sass im Wagen. Sie sah mich an. - Ich fasste an den Hut und
+schlich mich fort. ... Nachher brachte mir der Diener ein Goldstueck. Das
+warf ich ihm nach in den Dreck gegen seine unverschaemten Kalbswaden.
+
+"... Weisst Du, wo ich herkomme? In der Gosse haben sie mich gefunden
+neben einer todten Katze und einem Kohlstrunk. Meine Eltern wollten nichts
+wissen von der Rabenbrut. Dann haben sie mich so rumgestossen. Die hohe
+Polizei! Das ist eine zarte Naehrmutter. Glaube mir, Bruder, es ist eine
+lustige Welt! Man muss sie nur lustig zu nehmen wissen."
+
+Er lachte roh auf. Der kleine Richard zitterte vor Kaelte. Er fuehlte
+gluehende Zangen in seinen Eingeweiden. Seine Zaehne schlugen aufeinander.
+
+"Nimm diesen Mantel," sagte der Fremde freundlich.
+
+Es war ein alter, fadenscheiniger Ueberzieher, wie ihn arme Leute tragen,
+auch zu duenn fuer den Winter. Der Junge wickelte sich mechanisch gehorchend
+hinein. Er fuehlte die Hand des Fremden, die glaettete, um ihn streichelte.
+Eine Art magnetischer Beruhigung ging von ihr aus. Es erinnerte ihn an die
+Beruehrung seiner Mutter. "Aber Du?" fragte er wie betaeubt.
+
+"Ich friere nicht," sagte der Fremde.
+
+"Dann musst Du von seltsamem Stoff gemacht sein," bemerkte Kuhlemann.
+"Dies verfluchte Wetter macht Einem die Blutstropfen im Leibe gefrieren."
+
+In der That war es jetzt ganz empfindlich kalt. Der Wind pfiff mit
+scharfem Eishauch. Unter seinem Mantel gluehte der Junge. Er wusste nicht
+mehr, wo er war. Er phantasirte.
+
+Er war bei sich zu Hause. In der kleinen Kueche war es stickend warm.
+Solch' eine froehliche Waerme! Der ganze Heerd gluehte, rothgluehend mit
+huepfenden, spritzenden Lichtern, obgleich es dunkel war, um Petroleum zu
+sparen. Aus dem Suppentopf stiegen weisse, nahrhafte Wolken. Ein Duft von
+Aepfeln kam aus der Roehre; man hoerte ihre feinen, braunen Haeute britzelnd
+zerspringen.... Er war da. Er war ein Knabe, er hielt die kleine Schwester
+auf den Knieen. Er fuehlte deutlich den warmen, pulsenden Koerper. Das Kind
+hatte die Aermchen um seinen Hals gelegt. Sie warteten auf die Mutter. Er
+erzaehlte ihr von Weihnachten.
+
+Von einem alten Mann mit weissem Bart erzaehlte er ihr. Er trug einen
+grossen Sack mit Aepfeln und Nuessen ueber der Schulter. Er hatte ein
+rothes, freundliches Gesicht, und eine Birkenruthe hielt er in der Hand.
+Wenn man seine Sprueche nicht wusste, gab es Schlaege. _Sie_ waren gute
+Kinder, sie konnten ihre Sprueche. Das kleine Maedchen hatte die Haende
+gefaltet und wiederholte sie mit halblauter Stimme. Die ganze Geschichte,
+die freundliche Lehrerin in der Kleinkinderschule hatte sie ihr
+vorgesprochen. Der grosse Bruder, der schon klug war und lesen konnte,
+half ein:
+
+"Es begab sich aber zu der Zeit, dass ein Gebot vom Kaiser Augustus
+ausging, dass alle Welt geschaetzet wuerde.
+
+"Und diese Schatzung war die allererste und geschah zur Zeit, da Cyrenius
+Landpfleger in Syrien war.
+
+"Und Jedermann ging, dass er sich schaetzen liesse, ein Jeglicher in seine
+Stadt.
+
+"Da machte sich auch auf Joseph aus Galilaea, aus der Stadt Nazareth, in
+das juedische Land zur Stadt Davids, die da heisst Bethlehem, darum, dass
+er vom Hause und Geschlechte Davids war.
+
+"Auf dass er sich schaetzen liesse mit Maria, seinem vertrauten Weib, die
+war schwanger.
+
+"Und sie gebar ihren ersten Sohn und wickelte ihn in Windeln und legte ihn
+in eine Krippe, denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge."
+
+"... Denn sie hatten sonst keinen Raum in der Herberge" ... wiederholte
+der kleine Handwerksbursche mit gluehenden Lippen auf der eisigen
+Landstrasse.
+
+Dann fing er auf einmal mit leiser Stimme an zu singen: "O du froehliche! O
+du selige! Gnadenbringende Weihnachtszeit!"
+
+"Nanu?" sagte der Rothe grob. "Bei dem ist's wohl nicht recht helle? Singt
+der Mensch hier auf der Landstrasse wie eine Lerche! Du hast doch wohl
+einen heimlichen Trunk zuviel gethan? So'n verfluchter Duckmaeuser!"
+
+Aber der Kleine hoerte ihn nicht. Er war ganz gluecklich. Er hielt seine
+kleine Schwester. Es war so warm in der Kueche. Er fing an, an seinen
+Kleidern zu reissen. - Auf allen Kirchthuermen begannen die Glocken zu
+laeuten. Die kleine Kueche war voll vom hellen Schein. Sie hatte ueberhaupt
+keine Decke mehr, keine Balken und angeblakten Kalkwaende. Da war der
+Himmel. Er war ganz offen und die Engel sangen. Sie sangen: "Ehre sei Gott
+in der Hoehe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!"
+
+Sie sangen sehr laut mit hellen, schmetternden Stimmen. Alles hallte davon
+wider. Dieser Gesang erfuellte das ganze Gewoelbe des Himmels, der eine
+grosse, dunkelblaue Glocke war, in der goldne Sterne schwangen und
+spannen. Sie drehten sich sehr rasch mit langen, lichten Streifen hinter
+sich her in der Bahn ihrer Schwingung, die feurige Ringe bildete, Kreise
+und Sphaeren. Die ganze Glocke drehte sich, sang und schwang.
+
+Der kleine Handwerksbursche sang laut, vorwaerts stolpernd im schleimigen
+Strassenkoth, zwischen den schwarzen Fabrikschuppen mit hohen Schloten,
+vor der Stadt, die rings umher anfing sich zu entzuenden, wie ein Halbkreis
+der Hoelle mit feurigen Augen.
+
+"Bist Du verrueckt?" schnauzte ihn der Andre an.
+
+"Dein Gefaehrte ist sehr krank," sagte der Fremde sanft.
+
+So war es. Alles hatte bei dem Kleinen zusammengewirkt: die langen Wochen
+der Angst und schlechter Ernaehrung, der unheimliche Gefaehrte, der
+Weihnachtsabend.
+
+Er fuhr fort zu singen. Er wehrte sich gegen den Andern in seinem
+Fieberrausche: "Lass mich! Du erfrierst mir das Herz. Du stoesst mir
+gluehende Messer in's Weiche. Du bist schlecht und roh! Schlecht! Schlecht!
+Du bist der Teufel!"
+
+Er war wie ein Rasender. Er fing an mit beiden Armen um sich zu schlagen.
+Er baeumte sich wie ein scheugewordenes Pferd. Er wollte ploetzlich nicht
+weitergehen. Er liess sich wie ein Sack zur Erde fallen.
+
+"Halloh!" sagte der Rothe. "Das ist eine schoene Geschichte. Nun stirbt uns
+der hier im Dreck. Das hetzt uns die Gruenroecke gleich auf die Hacken."
+
+"Hilf mir ihn aufheben!" sagte der Fremde. "Er darf nicht sterben so."
+
+Sie hoben ihn auf. Auch der Rothe that seine Pflicht, sanft genug fuer
+seine rauhen, frostgeschwollenen Faeuste. Die Muetze war dem Kleinen vom
+Kopf gefallen, Koth hatte sich in die blonden Locken gesetzt. Er entfernte
+ihn mit einem grimmigen Scherz: "Das wuerde seiner Liebsten nicht
+gefallen."
+
+Es lag da ein Steinhaufen am Chausseerand aufgeschuettet. Der Fremde hatte
+sich darauf gesetzt, der Junge lag in seinem Schooss mit dem Kopf an
+seiner Brust. Er lag ganz still und laechelte.
+
+"Ich kenne Dich wohl," sagte der Junge. Er sprach mit erstaunlicher
+Gelaeufigkeit, in einer hellen, klingenden Stimme des Entzueckens, wie wenn
+Alles, was in ihm schweigsam und gefroren gewesen war, sich jetzt loeste,
+aufthaute.
+
+"O, ich kenne Dich ganz gut. Du bist mein alter Lehrer in Greifenberg, der
+freundlich zu uns war. Wenn man's gut gemacht hatte, strich er mit der
+Hand ueber den Kopf. Manchmal durfte ich ihm die Buecher nach Hause tragen.
+Dann bekam ich einen Apfel.... Er war alt und arm, und hatte viele Kinder,
+wie wir."
+
+"Nette Suse!" murmelte der Rothe. "So 'ne weisse Wassersuppe!"
+
+Der Fremde sass ganz still und hielt den Kopf des Jungen. Der lachte, er
+griff ihm mit der Hand in den Bart. "Du bist mein Vater, der gestorben
+ist," sagte der Junge. "Er ging des Morgens sehr frueh fort. Dann trat er
+leise auf und zog sich im Dunkeln an, damit wir nicht aufwachen sollten.
+Es war noch sehr frueh und sehr kalt draussen. Im Bett war es warm. Der
+Winter hatte grosse, weisse Eisblumen vor das Fenster gemalt. Wie hinter
+einer Wattenwand schlief sich's da.... Dann ging er fort einen Morgen und
+kam nicht wieder.
+
+"... 'Nun bist Du der Mann in der Familie, Richard,' sagte die Mutter.
+'Versprich mir's, dass Du immer fuer die Schwestern sorgst, wenn Du gross
+bist und viel Geld verdienst.'
+
+"Ich verdiene nichts. Ich kann nicht sorgen fuer die Schwester. Meine
+Schwester soll nicht weinen und hungern wie die Andern, nicht frieren! Es
+ist so kalt ... kalt ..."
+
+"Gott wird fuer sie sorgen," sagte der Fremde.
+
+Der Rothe lachte.
+
+"Es giebt keinen Gott," sagte der Junge unruhig. "Alle sagen, er ist nicht
+und dass es nur eine Kinderfabel ist. Wer nicht arbeiten kann und krank
+wird, der stirbt und verdirbt. Reiche Leute haben es gut in der Welt und
+sind geehrt. Die Andern holt der Teufel."
+
+"Amen!" machte Fritz Kuhlemann.
+
+"Es giebt keinen Teufel," sagte der Fremde ruhig. "Gott kennt keine
+reichen Leute und keine armen. Er liebt Alle."
+
+Wieder lachte der Rothe, scharf und schrillend.
+
+"Ich habe Schmerzen," wimmerte der kleine Handwerksbursche. "Es zerreisst
+mir die Glieder. In meinem Kopf geht es wie eine Saege. Alle Knochen
+krachen. Ach, das ist die Folter! Wasser! Wasser!"
+
+Es war kein Brunnen zu sehen ringsum, zwischen den Schmutzlachen, all'
+dieser triefenden Feuchtigkeit, die von den Daechern rieselte, die Kleider
+festklebte am erstarrten Koerper.
+
+"Ich habe Hunger," klagte der Sterbende.
+
+Der Fremde legte ihm die Hand auf die Stirn.
+
+Bald glaetteten sich die Zuege. Sie wurden heiter, fast strahlend. "... Eine
+Ruhe kommt langsam, das ist der Schlaf. Es kommt wie ein Schatten ueber
+eine gruene Wiese. Es ist weiss und breitet die Arme aus. Ah, mir ist
+wohl!" ...
+
+Er nestelte sich dichter an die Brust des Andern. Der Fremde beugte sich
+ueber ihn und kuesste ihn auf die Stirn.
+
+Fritz Kuhlemann kam mit einem Blechgefaess voll Wasser. Er hatte es beim
+Eindringen in einen Zimmerhof gefunden. Ein wuetender Hund war gegen ihn
+angeklaefft, hatte ihm die Hose zerrissen. Seine Hand blutete vom
+Zerschlagen des Eises. Er sah schrecklich aus.
+
+"Er braucht es nicht. Er ist todt," sagte der Fremde.
+
+In der That war der Junge todt. Er sah aus wie ein schlafendes Kind. Ein
+suesser Ausdruck war in seinem Gesicht.
+
+"Gestorben wie ein Hund! Wie ein Hund!"
+
+"Er ist kein Hund. Er ist schoen."
+
+"Und Du? Wer bist Du?"
+
+"Kennst Du mich nicht, Fritz Kuhlemann?"
+
+ -------------------------------------
+
+Der Mond war aufgegangen, ein ganz klarer, heller Mond, den man niemals
+erwartet haette aus diesem Nebel. Er stand ruhig mit sattem, blauem Schein
+im Grau, das jetzt ganz ungefaehrlich erschien, die einfoermige, milde
+Trauerfarbe der Nacht, eine sanfte Schwermuth der tieferen Toene und Farben
+des Lebens. Im Mondschein stand der Fremde. Er stand ohne Hut, im Licht,
+das leise fluthete.
+
+Der Mann starrte ihn an. Seine Augen traten fast aus ihren Hoehlen, die
+Stirn unter den wuesten, rothen Haarzotteln arbeitete furchtbar.
+
+Der Fremde sah ihn an.
+
+"Du hast ihn geliebt, den da" ... sagte der Fremde. "Er war oft muede. Du
+gingst langsamer um seinetwillen. Du schliefst schlecht, damit er besser
+laege. Manchmal hast Du ihm Brod gegeben, wenn Du selbst keins hattest. Und
+der Hund hat Dich zerrissen um das Wasser, das Du ihm brachtest. - Ich
+kenne Dich, Fritz Kuhlemann."
+
+"Teufel!" stiess der Andre hervor.
+
+"Du hast ihn sehr gekraenkt," fuhr der Fremde fort. "Aber Dein Herz war
+wund, als es ihm harte Worte gab. Der Pflug war ueber Deine Seele gegangen
+und hat sie zerrissen, eh' sie wild klang und falsch. Du hast geliebt, eh'
+Du hasstest.... Ich kenne Dich wohl, Fritz Kuhlemann."
+
+"Herr ... Herr ..." stammelte der Bursche.
+
+"Und sie haben Alle geliebt. Deine Mutter, die Dich in die Gosse legte,
+weil sie kein Brot hatte, Dich zu fuettern, als ihr Herz sich in ihr wand
+in Angst ueber der Qual ihrer Eingeweide. Der, der Dich zeugte in einer
+Stunde, wo er sich selbst vergessen, der niemals sich vergass. Gott, der
+die Welt gemacht hat, weil er liebte. Die Liebe ist Schmerz. Im Schmerz
+der Liebe liegt der Urgrund alles Geborenen."
+
+"Wer bist Du?" schrie der Andre auf.
+
+Er hatte sich auf ihn gestuerzt. Sie rangen miteinander, Leib gegen Leib.
+Der Mond stand am Himmel, kalt und blaeulich. Dann sah man nur noch ihre
+beiden Gesichter, das des Fremden, das ruhig war, blass und ein wenig
+traurig, das des Mannes, der in grossen Tropfen schwitzte, dunkel
+blutruenstig mit roth durchschossenen Augaepfeln. Er athmete in schweren,
+keuchenden Stoessen.
+
+Ploetzlich fielen seine Haende: "Mach', was Du willst! Toedte mich auch!
+Toedte mich!"
+
+"Geh voran! Ich folge Dir!" sagte der Fremde.
+
+
+
+
+
+ DAS ZWEITE KAPITEL.
+
+
+Eine rothe Laterne hing ueber der Thuer der Destille. Die Thuer war schraeg
+eingestellt nach der Strassenecke zu. Drei schlechte Eisenstufen fuehrten
+hinauf. Sie hallten und droehnten, wenn schwere, naegelbeschlagene Schuhe
+darauf traten. Nach der andern Seite leuchtete ein grosses Fenster. Eine
+breite, gruene Aufschrift zog sich quer darueber hin, auf der zu lesen
+stand, dass der Pfiff Bier fuenf Pfennige kostete. Sonst Reklamen in
+grossen Lettern von Wein, Bier, Rum, Punsch, Zettel in lebhaften Farben so
+zusammengestellt, dass sie sich moeglichst schnitten, das Auge
+herausforderten. Aber der Strassenstaub hatte sie ausgebleicht, Alles war
+von derselben schmutziggrauen Schleimschicht ueberzogen. Die Fenster hingen
+schief in ihren Rahmen. Gegen das Haus lagen schwarze, faulende
+Holzplanken aufgeschichtet von irgend einem Neubau, der nie fertig wurde.
+Die Fenster nach der Strasse zu waren durch schwere Rollbretter geschuetzt.
+In den oberen Stockwerken hatte man die Jalousien heruntergelassen. Nur
+die Laterne blinkte wie ein truebes, rothes Auge durch die Nacht.
+
+Es war Weihnachtsnacht. Man war lustig. Die Frau des Destillateurs hatte
+Fische in suesser Sauce gemacht, von denen man fuer fuenfzig Pfennige ein
+Gericht bekam. Dazu gab es Punsch. Auch ein Weihnachtsbaum war geschmueckt,
+auf den sie stolz waren. Mit Papierblumen und ein paar dicken
+Stearinlichtern prangte er. Im Nebenraum zwischen alten Lumpen schliefen
+die beiden kleinen Maedchen, die Kinder des Ehepaars. Sie hielten die
+Holzpuppen, die ihnen bescheert worden waren. Man hatte ihnen auch Punsch
+gegeben. Sie schliefen ganz fest mit feuerroten Backen, im Luftzug ihres
+Athems leise zitternden, langen Wimpern.
+
+August Matzke war ein schwerer Mann, erst an die Vierzig, obgleich er
+aelter aussah, ganz und gar ruinirt, vergiftet durch den Trunk. Er war
+schon zweimal wegen Delirium tremens im Krankenhaus gewesen. Alle hofften,
+dass das sein Ende bedeutete. Aber er kam zurueck, graublass, verbloedet,
+schrecklicher als vorher. Dieser Mann hatte mit Auszeichnung seine
+Dienstzeit absolvirt und war zum Sergeanten aufgerueckt. Bei einer
+Schiessuebung kam er durch Unvorsichtigkeit um ein Auge. Er erhielt die
+Verstuemmelungszulage und nahm seinen Abschied. Die Frau war aus ganz gutem
+Hause, eine Sueddeutsche von zierlichen Formen, freundlichem, einnehmendem
+Wesen. Sie hatten ein ganz huebsches kleines Kapital gehabt, als sie
+heiratheten, und fingen nach seiner Verabschiedung eine Gastwirthschaft
+an. Man sagte, dass die sehr zuvorkommenden Manieren seiner Frau gegen
+Fremde ihn zuerst an die Flasche getrieben hatten. Jetzt war er unheilbar;
+das Geld ihrer Liebhaber hielt die Wirthschaft flott. Sie liessen sich
+nicht scheiden, weil er ihr dann ihr Eingebrachtes auszahlen musste. Er
+schlug sie. Sie insultirte ihn. Dann kam wieder anfallweise die alte
+Verliebtheit; sie schliefen zusammen. Zwischen alledem, Schlaegen, Zaenken,
+Liebkosungen, wuchsen die Kinder auf, behend und geschmeidig wie kleine
+Katzen, beide der Mutter auffallend aehnlich, schon spuerend, horchend,
+zwischentragend....
+
+Kuhlemann wurde mit laermender Freude begruesst. Matzke hatte schon schwer
+gesoffen und sah schief. Es war da noch ein aelterer Mann mit breitem,
+krummem Ruecken, der stumm in sich hineintrank. Ein junger Tapezier mit
+aufgebuerstetem Lieutenantsschnurrbart spielte den Forschen, zog die Andern
+auf und scharmuzirte mit Frau Matzke. Ein Dienstmaedchen aus dem Hause,
+eine grobe, gewoehnliche Person, kam zuweilen, um sich auch einen Schnaps
+stossen zu lassen, die Neuigkeiten zu hoeren. Ein paar zerlesene Nummern
+des Vorwaerts und des Lokalanzeigers lagen auf dem Tisch. Im Hintergrund
+stand ein Klavier. Matzke als alter Soldat war Patriot und kaisertreu, er
+hielt das socialdemokratische Blatt um seiner Kunden willen. Er selbst
+liebte patriotische Lieder und erging sich, wenn er voll war, sehr gern in
+hochtrabenden Erinnerungen an Gravelotte und Sedan, "unsern ollen Kaiser
+Willem" und Prinz Friedrich Karl, auf deren Wohl er dann die ganze
+Gesellschaft anzustossen zwang. Heute war er noch nicht ganz so weit.
+
+Frau Matzke hatte sofort ein Punschglas vor Fritz Kuhlemann aufgestellt
+und eins vor dem Fremden, der sich bescheiden mit an den Tisch setzte. Das
+grosse Dienstmaedchen strebte neugierig naeher. Sie war ein durchaus
+anstaendiges Maedchen und stolz auf ihre Anstaendigkeit, aber sie hatte es
+doch gern, wenn man sie kitzelte, Witzchen mit ihr machte. So zum Beispiel
+foppte sie sich stets mit Matzke, dass er sie heirathen sollte. Er wollte
+dann von ihrem Gelde seine Frau auszahlen und sich scheiden lassen. Das
+amuesirte sie koeniglich.
+
+"Ich moechte nur um ein Glas Wasser bitten und ein Stueck Brot, wenn ich es
+haben kann," sagte der Fremde.
+
+Die Frau sah ihn erstaunt an, willfahrte aber der Bitte. Matzke schoss aus
+seinen geschwollenen Augen einen trueben, gehaessigen Blick.
+
+"Wer'n rechter Kerl is, der is Soldat jewesen. Wer nich Soldat jewesen is,
+der is ueberhaupt kein Mann nich, sag ick!"
+
+Er wiederholte das mit der Faust aufschlagend gegen den Tapezier, der sich
+damit belustigte, ihn aufzuziehen. Er schien sich damit das besondre
+Wohlwollen der Frau Matzke verdienen zu wollen, denn er blinzte ihr zu.
+Die grosse Hanne juchzte laermend auf.
+
+"Un eene volle Pulle liebt er ooch, was 'n rechter Mann is? Was Aujust?
+Tapfre, olle Kriegsgurgel?"
+
+Der Trunkenbold stierte ihn giftig an, that aber Bescheid. In der
+Huelflosigkeit seines benebelten Gehirns gegen die Kniffe und Finten des
+Andern blieb ihm nur dies eine Beduerfniss, zuzuschlagen, seine Faeuste zu
+gebrauchen.
+
+"Kanonen ufffahren und derzwischen jepfeffert, denn wuerden sie schon
+fertig mit det Jesindel!"
+
+"Und Du waerst der commandirende Jeneral von det Janze! Herr Aujust Matzke
+mit dem schwarzen Adlerorden da vorne aus der Weste."
+
+Der Tapezier amuesirte sich koeniglich. Frau Matzke zog veraechtlich die
+Lippen. Das Dienstmaedchen bog sich vor Vergnuegen.
+
+"Ick sage: Wer seinen Kaiser nich ehrt, der is kein deutscher Mann, der
+jehoert in den Schweinestall."
+
+"Sieh man zu, dass Du nich selber zuerst reinbummelst, oller Freund. Wer
+so schwach uff seine eijnen Beene steht, sollte man ja nich so forsch
+jejen Andre losziehen."
+
+"Ick nich fest uff meine Beene! Ick bin Dein oller Freund nich. Ick will
+Dich lehren, mir Aujust zu heissen. Aujust Dir wat in Deine unjewaschne
+Schnauze. Du - Du - Hurenjaeger Du!"
+
+Er hatte sich schwerfaellig erhoben und griff nach der Stuhllehne, um sich
+daran festzuhalten. Der Tapezier lachte, er gehoerte zu Frau Matzke's
+eleganten Freunden, die den Haushalt im Gang erhielten. Der Mann in der
+braunen Weste ruehrte sich nicht.
+
+"Aber August! so lass doch!" machte die Frau gelangweilt. Sie zwinkerte
+Wernicke zu, Hanne in ihrer sicheren Ecke am Bueffet erstickte fast vor
+unterdrueckter Heiterkeit. Sie fand das einen ausgezeichneten Spass.
+
+Nun wandte sich der Wuethende gegen sie, die Ehebrecherin, in den
+unflaethigsten Ausdruecken. "Ick will Dir ... Ick will Dir ... Hure ...
+Hure ... Hure!" Er sah schrecklich aus mit den sabbernden Lippen, seinen
+blutunterschossenen Augen, von denen das eine, kuenstliche, immer gerade
+blieb, glotzend, ungeheuerlich. Das Wort in seinem dumpfen Laut des
+Stiergebruells wiederholte sich. Er packte sein schweres Bierseidel; es
+flog dicht an ihrem Kopf vorbei in die Fensterscheibe, die splitternd
+zerbrach. Der Ton schien ihn vollends wahnsinnig zu machen. Er ergriff
+eins der Seidel nach dem andern und fensterte sie in das Glas. Leere und
+halbvolle Flaschen flogen nach. Man hoerte die Scherben auf dem
+Strassenpflaster sich knisternd zusammenhaeufen. Gleichzeitig drang die
+kalte, klare Winterluft ein. Der Tapezier weidete sich an seinem
+Heldenstueck. Hanne kreischte, die Haende vor den Ohren, dachte aber nicht
+daran zu fluechten. Der andre Gast blieb ganz stumpfsinnig.
+
+"Das giebt ein nettes Christkindchen fuer morgen. Na, ich bin nur froh,
+dass ich die Rechnung nicht zu bezahlen brauche." Der junge Mann griff
+nach seinem Hut und Paletot, einem eleganten Paletot mit Sammetaufschlag
+und hellem Futter. Er hing ihn immer so, dass man das Futter sah. "Ich
+gehe jetzt, Frau Matzke. Adieu auch. Ich werde erwartet."
+
+Sie sagte nichts. In der Thuer drueckte sie ihm die Hand sehr stark, ihre
+Nuestern bebten. "Nimm Dich in acht!" ...
+
+Durch den Thuerspalt nach der Kammer guckten die beiden Kinder. Der Laerm
+des klirrenden Glases hatte sie aufgeweckt. Sie witterten eine Scene, und
+waren nun dabei, neugierig, erwartungsvoll.
+
+Matzke hatte seine letzte Bierflasche dem Abgehenden gegen die Thuer
+nachgeschleudert. Sie zerbrach auf dem Fussboden in ihrer braunen Sauce.
+Frau Matzke fing ruhig an, die Unordnung des Fensters zu repariren. Sie
+steckte eine weisse Bettplane auf; sie kannte das schon.
+
+"Nanu? Hier is wohl Polterabend heut'?" sagte eine lustige Stimme.
+
+Es war ein Maedchen. Sie trug gescheitelte Haare und ein einfaches
+Umschlagetuechelchen. An einer gewissen Unordnung des lose gewundenen
+Nackenknotens, der zerschlissenen, rothen Seidentaille erkannte man die
+Leichtfertigkeit ihres Berufs.
+
+"Ich konnte nicht frueher kommen, habe auch den Kindern noch was
+mitgebracht."
+
+"Ach Lene! Lenchen!" In ihren Hemden draengten sie sich um sie. Das Maedchen
+kuesste sie leidenschaftlich. Frau Matzke sah zu.
+
+Fritz Kuhlemann lachte. "Geht's Geschaeft auch heut' Abend?" fragte er
+boshaft. Der Fuhrmann starrte sie an. Lene Hoff war der eigentliche Grund,
+weshalb er jeden Abend kam. Er haette nie gewagt, es ihr zu sagen,
+ausserdem wusste er ja, dass sie unter Sittenkontrolle stand. Die grosse
+Hanne zog eine hoehnische Fluntsch. Sie hatte das Maedchen nicht begruesst,
+als sie eintrat, stand jetzt, einen Arm in die Huefte gestuetzt, und
+musterte sie von oben bis unten. Dann drehte sie sich nach der Thuer zu:
+"Ich muss jetzt raufgehen. Es ist meine Zeit." Sie beschaeftigte sich sehr
+viel mit der jungen Prostituirten, ihren Toiletten, ihrem Thun und Lassen.
+In ihren Gedanken stand sie weit unter ihr; sie war ein anstaendiges
+Maedchen.
+
+Lene pustete sich in die Finger. Sie war immer ein bischen genirt, so
+lange die Grosse da war. "Kalt ist's. So'n Weihnachten! Lustig sein! Wir
+wollen Klavier spielen."
+
+Sie hatte sich an's Klavier gesetzt. Ein Tanz wirbelte hervor unter ihren
+flinken Fingern.
+
+Niemand tanzte.
+
+"Das ist nichts." Sie stand wieder auf, schloss den Deckel. Sie naeherte
+sich Fritz Kuhlemann, kraute mit der Hand den untern Teil seines rothen
+Schopfes: "Na Du?" ... Die ganze gewerbsmaessige Schmeichelei ihres Berufs
+lag in dem Ton, vielleicht noch mehr. "Bist so eklig heut', geh! Spendirst
+mir nicht mal was?"
+
+"Seh' ich Dir nach Spendiren aus?" Man hoerte die Leidenschaft aus seiner
+Stimme. Diese Liebkosung einer Frau stachelte ihn. Er verschlang sie mit
+den Augen.
+
+Sie hatte sich auf seinen Schoss gesetzt. "Armer Kerl! Keine Chance. So
+viel Pech gehabt." Er zerdrueckte ihr die Lippen mit einem brutalen Kuss.
+"Du - frech biste!"
+
+Sie sah den Fuhrmann an. Dieser Mann haette sie geheirathet. Er hatte vier
+Kinder zu Haus. Aber ihr graute vor der Langeweile. Ihr Vogelgehirn
+arbeitete schon auf einer andern Spur wieder, sie hatte den Fremden
+entdeckt.
+
+"Wer is denn der?" fragte sie Frau Matzke.
+
+Die Frau zuckte die Achseln.
+
+"War der Josef hier heute?"
+
+"Er ist eben fort."
+
+"Ach darum ..." Das Maedchen kannte die Leidenschaft der Freundin. Der
+schoene Tapezier haette ihr auch gefallen. Sie seufzte.
+
+"Oed' ist's heute. Ich bin vorher gegangen und hab' mir die Christbaeume
+angesehen. Christbaeume, das ist so ruehrend. Einen ganz grossen sah ich mit
+Lametta wie Haare. Das moecht' ich haben."
+
+Sie hatte sich wieder an's Klavier gesetzt. Ein Weihnachtslied klang aus
+den Tasten.
+
+"Huebsch war das, die Engelchen und Schaefchen in der Krippe. Ich hab' das
+mal gesehen, wie ich klein war. In der Kirche."
+
+Sie wandte sich wieder an Kuhlemann. "Sag' mal, Du hast nicht einen Nickel
+fuer mich? Zu einer neuen Schleife fuer den Ball am Sonntag. Kommste mit zum
+Ball, Schaetzchen?"
+
+Er drehte ein zerfetztes Portemonnaie um vor ihren Augen: "Da sieh." ...
+Der Fuhrmann warf einen Thaler auf den Tisch. Hart klang das Metall auf
+der Holzplatte. Alle sahen auf. Frau Matzke hatte ihren Besen, mit dem sie
+die Scherben zusammenfegte, hingestellt.
+
+Die Lene war naeher gekommen wie ein naschhaftes Kind. Der Thaler lag da,
+und blinkte - brutal, schmutzig gleissend. Sie sog lang den Athem ein.
+
+"Du ruehrst nicht dran!" schrie Fritz Kuhlemann.
+
+"Wenn man selber keinen Pfennig hat, hat man nichts dreinzureden,"
+entschied Frau Matzke schneidend.
+
+Der Andre wartete, schwerfaellig, lauernd, wie ein Jaeger, der das Wild in
+der Falle hat.
+
+"Ich schlag' ihn todt!"
+
+Ein scharfes Lachen der Frau traf den Burschen wie ein Hieb.
+
+Das Maedchen war wie ein luesternes Maeuschen noch naeher gekrochen. Die
+feinen Zaehne blinkten zwischen ihren gespitzten Lippen hervor.
+
+Der Trunkenbold machte einen scheusslichen Witz: "Wer das Geld hat, hat
+das Recht," bestimmte Frau Matzke.
+
+Sie streckte die Hand aus.
+
+Ein gurgelnder Laut wie Tigergebruell entrang sich der Brust des Burschen.
+
+Der Fremde hatte die Hand auf den Tisch gelegt. Diese feine, blasse,
+blaeulich geaederte, abgezehrte Hand bedeckte das Geldstueck. Sie bildete
+eine Weisse auf der mit Bier- und Fettflecken besudelten Tischplatte.
+
+"Komm' zu mir!" sagte der Fremde.
+
+Er hatte sich aufgerichtet. Er stand ganz gerade. Die andere Hand, die
+nicht das Geldstueck deckte, streckte sich gebietend vor.
+
+"Komm hierher!" befahl der Fremde.
+
+Sie kam. Sie gehorchte. Wie mit durchgeschnittnen Flechsen schleppte sie
+sich. Sie kroch. Ploetzlich schlug sie beide Haende vor's Gesicht, mit einem
+dumpfen Schmerzenslaut sank sie in die Knie.
+
+"Nimm Dein Geld!"
+
+Der Fremde hatte den Thaler ergriffen. Er schleuderte ihn nach der Thuer.
+Das Silber schlug hart auf, kugelte sich im Weiterrollen. Der Fuhrmann
+bueckte sich gierig danach und verschwand.
+
+Fritz Kuhlemann stand mit unter der Brust gekrampfter Hand. Es war der
+Blick des Moerders, mit dem er sah, der Bestie, des wilden Thieres.
+
+"Geh!"
+
+Er ging.
+
+Der Trunkenbold lachte auf mit einem haesslichen Gluckser. "Ein
+Schmatzchen, Haseken. Du - Du ..." Er griff schwankend in die Luft. Es
+reichte nicht mehr, wie ein Bleisack sank er schwer zusammen.
+
+"Leg ihn schlafen," sagte der Fremde. Das Weib schnellte gegen ihn an wie
+eine gereizte Viper. Dann gab sie der schnarchenden Masse einen
+veraechtlichen Fussstoss. "Vieh!"
+
+Sie stiess ihn gegen die Kammer mit rachsuechtigen Pueffen und Tritten, dann
+nahm sie ihren Besen und kehrte wuethend.
+
+Die kuehle Nachtluft strich durch den schweren Fuseldunst. Alle Lampen
+brannten. An den Waenden hingen patriotische Bilder, Reklameschilder mit
+Emblemen der Arbeit, eine schwere Faust, die den Hammer emporhaelt, einem
+Tischler an der Hobelbank. Jemand hatte allerlei Unflaethigkeiten
+angeschrieben. Dazwischen machte sich ein widerliches, suesses
+Moschusparfuem fuehlbar, der von dem Maedchen ausging. Sie hatte die Haende
+vom Gesicht genommen. Sie schielte zwischen den Fingern wie ein unartiges,
+gescholtnes Kind. Es erschreckte sie, dass sie so allein waren. Sie
+begriff nicht. "Sie sollen nicht weggehen! Der Dicke wuerde mich heirathen.
+Vier Goehren hat er zu Haus. Hundertundfuenfzig Mark im Monat und die ganze
+Einrichtung. - So Einer; der's Einem hinterher alle Tage vorwirft!
+Zweiundvierzig Jahre ist er schon, krumm wie'n oller Zumpelbaer. Der drueckt
+Einen ja todt. Taps, daemlicher!"
+
+Sie lachte leichtfertig, ihre blonde Maehne schuettelnd, die Augen
+eingekniffen.
+
+"Der Andre, Wernicke, der ist ein ganz Feiner. Gestaerkte Hemden traegt er
+sogar am Alltag. Er kriegt auch einen guten Lohn bei Krueger. Er ist der
+Erste da, der Alles allein macht. - Dieser Fritze! Das ist so komisch.
+Komisch ist der!"
+
+Ihr Lachen rang sich auf in hellen, klingenden Trillern. Sie lachte, dass
+ihr die Augen uebergingen. Ihr ganzer Koerper krampfte sich unter dem
+Lachen.
+
+"Alle Leute haben mich gern, weil ich immer lustig bin. Und Kinder! - das
+is immer Leneken hier, Leneken da! Wir haben eine alte Frau im Haus, die
+lahm ist und zu Bett liegt. Ich bringe ihr Kaffee und Chocolade. O, ich
+thue auch das Meine.
+
+"... Wie die vornehmen Damen, die aus dem Wagen steigen, die Naesen kraus
+ziehen.... Beten und trocknes Brot und Arbeit. Als ob wir's nicht wuessten,
+wie die's treiben!
+
+"Warum ist denn Unsereins schlecht? Weil's einen schlechten Rock anhat,
+einen billigen Hut traegt. Die sind nicht besser wie wir! Pfui!"
+
+Sie spuckte aus.
+
+"Einen Spatz hatte ich mal, den ich unter'm Baum fand. Hier im Kleid unter
+der Brust trug ich ihn. Den schlugen mir die Jungen todt.
+
+"Schweine sind die Maenner! Ach, solche Hunde! Hunde! Nicht mal Geld geben
+sie Einem. Aber schlagen! Sie stehlen's noch von uns." Ihre Faeuste
+krampften sich megaerenartig. Das junge Gesicht wurde erdfahl, verzerrt.
+
+"Ich hab' Klavier spielen gelernt. O, ich hatte mal Einen in der
+Georgenstrasse. Der war sehr gebildet. Sogar Verse hat er auf mich
+gemacht. 'Du hast ja die schoensten Augen, Feinsliebchen, was willst Du
+noch mehr?'"
+
+Sie wiederholte die Worte liebkosend, den Oberkoerper wiegend wie im Tanze.
+Sie blaehte sich eitel.
+
+"Warum sprichst Du nicht mit mir? Wenn ich einen Vater gehabt haette, eine
+Mutter, kleine Kinder - - -
+
+"Ich bin ganz zufrieden. Was kommt auch drauf an? Man schlaegt's so um die
+Ohren. Lustig gelebt und froehlich gestorben, das ist dem Teufel die
+Rechnung verdorben.
+
+"Tanzen, Zuckerzeug, fein riechen! Huebsche Kleider!
+
+"Eine Freundin von mir ist im Spital gestorben, Becker's Lene, die lange.
+Sterben ist graesslich. Huh! Huh!"
+
+Sie fing wieder an, ihr Gesicht zu verstecken. Sie rutschte auf den Knieen
+hin und her. Sie gab kleine Toene von sich, wie ein gescheuchter,
+flatternder Vogel. "Du machst mir Angst. Sprich doch. Guck mich nicht an!
+Guck mich nicht an!"
+
+Sie streckte beide Arme aus, wie unter dem Schrecken einer Erscheinung.
+Sie bog den Kopf zurueck. Ihre Augen weiteten sich starr. "Ich bin mal in
+der Wiese gewesen. Blumen wuchsen so reinlich mit weissen Gesichtchen. Auf
+dem Teich fuhren Schwaene. Gruener Wasserliesch schwamm. Wo sie fuhren,
+wurden dunkle, tiefe Flecken. Das hoerte man gar nicht. Ueberall theilte
+sich der Sumpf. Klar war's und dunkel ...
+
+"Ich will Dir noch etwas sagen, was kein Mensch weiss. Ich haette ein
+Kindchen gehabt, aber es ist nicht zur Welt gekommen. So gross war's, todt
+und feucht. Es haette nicht gelebt und nichts zu essen gehabt. Mein kleines
+Buebchen! Mein todtes, kleines Kindchen!
+
+"Manchmal denk' ich, die Sterne, wenn die so funkeln, dass man dort sein
+koennte. Alles weiss an mir runter." ... Sie strich an sich herunter mit
+glaettenden Haenden. Sie strich, als ob sie all' ihre Gewaender abstreifen
+wollte. Wie im Fieber gingen die duennen streichenden Haende. ... Das
+Haelschen ueber den zarten, fallenden Bruesten reckte sich wie ein
+Lilienstengel. Eine Blaeue war in den Augen, die nicht mehr vom Leben war.
+Die Lippen seufzten wie die Jemandes, der trinkt. Sie trank - trank -
+trank.
+
+Der Fremde sagte nichts. Seine Hand legte sich auf diese junge, noch
+weisse Stirn. Zart und guetig lag sie, ganz leise.
+
+Unter der Hand sank die Frau zusammen. Sie wurde klein. Sie wurde ein
+Wurm, der sich am Boden schleppte.
+
+Sie weinte. Sie drueckte sich ganz dicht an seine Fuesse. Ihre Thraenen
+tropften auf seine Fuesse. Ihre blonden Haare hatten sich geloest und fielen
+ueber ihr gebeugtes Haupt und seine benetzten Fuesse. Er ruehrte sich nicht.
+Sie weinte - weinte.
+
+Frau Matzke war mit dem Besen in der Hand in der Schlafzimmerthuer
+erschienen. Sie stand da mit einem harten, steinernen Ausdruck,
+unbeweglich. Man hoerte das tiefe, roechelnde Schnarchen des Trunkenbolds,
+unschuldige, tiefe Athemzuege der Kinder.
+
+Jemand wartete in der Strasse mit einem weissen, elenden Gesicht. Er hatte
+die ganze Nacht gewartet. Nun war es Morgen.
+
+Der Fremde rief den Burschen. Draussen begann schwerfaellig, schlafbetaeubt
+das Leben sich zu regen. Lastkarren fuhren muede. Einzelne dunkle Gestalten
+huschten. Man sah die lange graue Breite der Strasse mit Haeusern zu beiden
+Seiten, unzaehligen Fenstern und Thuerluken, unter dem trueben Himmel, von
+dem es leise wie Thau tropfte.
+
+Der Fremde wies auf die weinende Frau: "Geht!"
+
+Sie gingen. Sie geknickt, an seine Schulter gelehnt mit schwankenden,
+irren Schritten. Er hochgehobenen Hauptes, sehr ernst und sehr gerade.
+
+Frau Matzke in der Thuer ihres Hauses sah sie sich entfernen. Sie sagte gar
+nichts. Sie nahm ihren Besen wieder auf und fegte. Man sah die Silhouette
+ihres gebueckten Rueckens, die wuethende Wucht der Besenstoesse, mit denen sie
+den Staub aufwarf und in die Schaufel schob.
+
+Sie fegte.
+
+
+
+
+
+ DAS DRITTE KAPITEL.
+
+
+Man fuerchtete, dass der Zudrang zu der Versammlung ein sehr grosser wuerde.
+In Folge dessen war die Schutzmannschaft reichlich aufgeboten. Man gab
+Achtung, den Saal auf die Minute eine Viertelstunde vor der anberaumten
+Zeit zu schliessen. Viele sahen sich so ausgeschlossen, auch ergab das
+einen Vorwand, die Galerie nicht freizugeben. Man fuehrte den Krieg mit
+diesen kleinen Mitteln seit einiger Zeit, obgleich eigentlich das
+Verhaeltniss ein gutes, fast behagliches war. Sie kannten sich so genau,
+die Gewohnheit des haeufigen Zusammentreffens hatte einen foermlichen
+kleinen Comment herausgebildet, bis auf die ganz regelmaessig
+wiederkehrenden Witze. Man haette sich fast vermisst, wenn man sich nicht
+vorgefunden haette. Der Riesenhund des Wirths trieb seine Allotria
+dazwischen mit einer ganz kleinen Huendin, einer proletarischen Mischung
+aller Rassen, die von jeder die Haesslichkeiten angenommen hatte. -
+Ueberdies waren es genau dieselben Typen, die da Wache gingen, als
+Ueberwachte eintraten, Blonde, nicht schlecht genaehrte, bourgeoise Ruhe
+und Anstaendigkeit, dazwischen einige knallfarbige, federbewallte Huete der
+Genossinnen. Die Frauen ueberhaupt draengten sich vor, zeigten sich
+aufgeregter als die Maenner; es war bekannt, dass einige der Fuehrerinnen
+eine Zunge fuehrten, die ihre maennlichen Kollegen im Schach hielt.
+
+Einige Parteiveteraninnen hatten sich an den Eingang des Saals postirt. Da
+Viele noch immer aus- und eingingen, deckten sie die Thuer mit ihren
+breiten Rueckseiten. Sie warben fuer ihren Verein, ueberwachten den Verkauf
+der Zeitungen und Broschueren, die auf kleinen Tischchen aufgeschichtet
+lagen. Dazwischen wurden Bons zur Unterstuetzung armer Abgeordneter
+feilgeboten. Die Kellner circulirten mit Bierseideln. Alle rauchten,
+sprachen durcheinander. Von weitem, mit den schwarzbehuteten Koepfen, die
+auf- und untertauchten, ergab das den Eindruck eines heftig bewegten Sees,
+der gegen die Tribuene andraengte, sich staute. Man erwartete den Anfang der
+Versammlung und wurde ungeduldig. Die dichten Rauchschwaden brachten eine
+lila mystificirende Beleuchtung mit in das ordinaere, gelbe Gaslicht. - Es
+waren da Leute, die ruhig ihre Butterbrote und Haeringe verzehrten, Andre
+sprachen von Parteiangelegenheiten, ihren kleinen und kleinsten
+Privataffairen. Ein junger Mann mit einem rothen Shlips und einem
+Apostelkopf stand neben der Thuer. Er sah krank aus und blickte mit
+glaenzenden, unirdischen Augen in das Leere, als ob er etwas Wunderbares
+saehe.
+
+Die Parteiveteraninnen behaupteten, dass unter den Anwesenden Spitzel
+waeren. Sie versuchten sie ausfindig zu machen, mit den Fingern zu zeigen.
+Einige Studenten waren augenscheinlich fuer einen Ulk hergekommen. Es waren
+Fremde da, die Keiner kannte, und eine junge Dame in eleganter Kleidung
+ganz allein, die man ansah, was sie da suche. Im Ganzen war es eine sehr
+guterzogene Menge, friedlich, ohne Aufregung, fast bourgeoismaessig.
+
+Der Saal war der banale grosse Festsaal der mittleren Restaurants, weiss
+mit Gold, rothsammetner Rampe. Da wurde auch Theater gespielt und getanzt.
+Es war nicht schlechter wie fuer die Bourgeois bei aehnlichen Gelegenheiten,
+man war hoeflich und kam in weissen Handschuhen.
+
+Auch das Thema der Einberufung bot nichts Besondres. Es war die jaehrlich
+wiederkehrende Einbringung der Militairvorlage von Seiten der Regierung.
+Man wusste im Voraus, dass sie durchgehen wuerde. Der Protest geschah rein
+berufsmaessig, aus Princip. Und man wusste, dass es fuer Jahre so gehen
+wuerde. Die Aufregungen, das Maertyrerthum, aber auch die Hoffnungen der
+ersten Jahre waren verschwunden. Die junge Partei hatte zu leben gelernt,
+fast konnte man sagen, Manieren gelernt. Man nahm, was man kriegen konnte.
+Man war stark, zahlreich, wohlorganisirt, das Odium war weggenommen,
+ebenso der Heldennimbus. Man hatte nicht mehr die Angst zu sterben, aber
+auch nicht die Aussicht zu siegen; man "entwickelte sich".
+
+Zurufe begruessten den Eintritt des grossen Mannes, in Wahrheit eines ganz
+kleinen Maennchens. Alles das ging rasch, wenig theatermaessig. Nur das
+Antlitz des Johannes leuchtete auf. Er draengte sich an den Bewunderten, um
+seine Hand zu schuetteln. Eine Leibgarde, die Veteraninnen, hatten ihn
+sofort eingezingelt, beinah protzenhaft, mit dieser Miene: "Wir gehoeren
+zum Haus", die Unberufene einschuechtert. Nun wurden die Formalitaeten rasch
+erledigt. Einige Witze fielen gegen die Polizei, die die Galerie gesperrt
+hielt. Man kannte sich zu gut, sehr alte Feinde, Gladiatoren, die sich
+jeden Tag treffen und beinah Freundschaft gemacht haben. Der Saal war voll
+zum Ersticken. Es waren Maenner zumeist, Maenner mittleren Alters. Die
+Jugend, wie ueberall, zog es vor, sich zu amuesiren. Oder man liebte
+Radauversammlungen in Rixdorf, Charlottenburg, den Vororten. Dies war eine
+wohlgeschulte, ausgediente Armee, ihr Capitain der sprach.
+
+Der grosse Mann auch war alt geworden, sehr alt. Das Feuer, das seine
+Jugend gefaehrlich und unwiderstehlich gemacht, hatte sich gewoehnt, fuer den
+Hausbedarf zu brodeln. Er wusste sich zu beherrschen jetzt, dessen
+Leidenschaftlichkeit einst sein Ruhm und sein Fluch gewesen war. - Im
+gleichmaessigen Tonfall flossen die Saetze, periodisch, deutlich hoerbar in
+der geuebten Stimme des Redners bis an's aeusserste Ende des Saals. So war
+er sachlich geworden, ein Typus, wie so mancher Andre, den die Gegner fast
+vermissen, sich mit Ruehrung seinen leeren Platz zeigen, wenn er nicht mehr
+da ist: So focht er, und so fuehrt' ich meine Klinge. - Auch die Rede hielt
+sich genau in den Grenzen. Ein Rueckblick auf die immer sich steigernden
+Forderungen, die Entwicklung des Militarismus in Europa. Das neue
+Friedensmanifest des Zaren erregte Ironie. Man brauchte die Armeeen fuer
+die Soehne der oberen Zehntausend, das Niederhalten der revolutionaeren
+Bewegung. Wieder der gefaehrliche, ironische Beifall. Sie wussten das wohl
+- sie!
+
+Nur einmal erhob sich die Stimmung zu einer gewissen Groesse. Der Redner
+hatte Aeusserungen zur Philosophie des Krieges angefuehrt, von Moltke,
+Treitschke, General von Boguslawski. Dann wurden statistisch die Verluste
+in der Industrie seit siebzig nachgewiesen. Eine halbe Million! Mehr wie
+alle Kriege! Wir brauchen keine kuenstliche, gewaltsame Schoepfung, um uns
+maennlich und kraftvoll zu erhalten. - Ein Ausruf begleitete diese lange
+Liste von Blut, Verstuemmelung, Asphyxie, Marter, - ein Schrei des
+Schmerzes, aber auch der Kraft, imponirend in dieser friedlichen,
+mittelmaessigen Masse. _Sie_ waren diejenigen, die sein mussten. Sie wuerden
+sein. Da war die Groesse der Partei, das Selbstbewusstsein des thaetigen,
+unreflektirenden Lebens, die Haupterrungenschaft der modernen,
+demokratischen Zeit. Und das wird bleiben.
+
+Ein frueherer Pastor sprach nach dem grossen Mann. Er hatte seine Stellung
+aufgegeben um seiner politischen Meinung willen, verwahrte sich aber
+ebenso gegen die Partei. Er entwickelte des Laengeren seine Ansichten. Er
+glaubte an Gott, war koenigstreu. Seinen Traum bildete eine Art
+christlich-sociales Koenigtum. Man hoerte zu, nicht gerade unhoeflich, aber
+ohne Interesse, leicht ironisch. Und er war confus, quasselte. Es lag
+etwas Gefaehrliches in dieser hoeflichen Ironie selbst. Man hatte das zu oft
+gehoert. Man glaubte sowas nicht mehr.
+
+Den Beschluss machte ein Anarchist. Er hatte wenig Glueck, die
+Parteiveteraninnen protestirten von vornherein. Die Rede war ein krauses
+Sammelsurium, eine Gesellschaftsordnung auf nur natuerlicher Grundlage,
+freie Geschlechtswahl, mit einer seltsamen Verquickung von
+naturphilosophischen Dingen, abstrusem Mysticismus. Man rief ihm Schweigen
+zu, pfiff, trampelte mit den Fuessen: "Schliess auf! Halt' die Schnauze!"
+Man wollte das nicht, man war Polizei fuer sich selbst. Wenn Einer das
+Martyrium der Laecherlichkeit auf sich nehmen wollte, desto schlimmer fuer
+ihn selbst. Sie schuettelten sich das von den Rockschoessen. Sie hielten auf
+ihre neue, sauererworbene Respektabilitaet.
+
+Der Verhoehnte stand einen Augenblick, blass, mit einem kraenklichen
+Laecheln, stotternd. Dann stieg er unter allgemeinem Gelaechter die Tribuene
+herunter.
+
+Die Versammlung loeste sich auf in bester Ordnung. Der Abgeordnete
+wechselte mit den Polizisten einen Gruss. Er war sorgfaeltig in einen
+gestrickten Wollshawl eingewickelt, er litt an Katarrhen. Der Sergeant
+laechelte gutmuetig mit Bezug auf den letzten Redner. "Verrueckter Kunde! Wir
+lassen ihn laufen" ... Sie hatten ihn schon so oft eingesteckt. Da war
+nichts zu machen. Und er war ungefaehrlich. - Beide Gewalthaber schieden im
+besten Einvernehmen. Haetten sich die Machtverhaeltnisse eines Tages
+umgedreht, diese Gegensaetze wuerden ruhig in ihren beiderseitigen
+Functionen bleiben koennen. Es waere dasselbe gewesen.
+
+Der Pastor vereinigte sich mit dem beruehmten Fuehrer. Er sprach eifrig auf
+ihn ein. Mit einer gewissen Nachsicht des alten Praktikers unterbrach ihn
+der Andre nicht. Schliesslich - diese Leute thaten seine Arbeit.
+
+Am Strassenausgang stand ein Fremder. Er stand da und sah sie an.
+
+Sie sahen ihn Beide, der grosse Mann und der Pastor. Auch die Polizisten
+sahen ihn.
+
+"Wer war der Mann?" fragte der Pastor.
+
+Der Abgeordnete zuckte die Achseln. "Ich kenne ihn nicht." Er hatte Eile,
+nach Hause zu kommen. Er musste sich schonen.
+
+"Ein grosser Mann," sagte der Johannes ekstatisch. Ihn fror. Er stand da
+am Ausgang und hatte die Haende in die Taschen gesteckt und sah ihm nach.
+Seine Backenknochen gluehten. Er musste husten in sein Taschentuch. Wenn er
+es wieder herunternahm, war es immer voll Blut. Er wusste das schon. "Was
+er sagt ist wahr. Er versteht's."
+
+"Ein grosser Mann," sagte der Fremde.
+
+Die ganze Masse schob an ihnen vorueber. Die Veteraninnen sprachen sehr
+laut. Sie hatten die Kasse abgeschlossen und entruesteten sich ueber wieder
+einmal constatirte Gnietschigkeit. Eine wollte sich noch zu Hause Puffer
+backen. Sie gaben Parolen aus fuer den naechsten Tag und Rendezvous in den
+Vereinen. Die Studenten wollten noch zum Bier, die eingenommene Quantitaet
+hatte ihnen nicht genuegt. Man war froh, sich zu bewegen, die Beine
+auseinander zu setzen, nachdem man drinne eingepoekelt gewesen war wie
+Poekelhaeringe. Einige Damen riefen nach einer Droschke, sie gehoerten zur
+Frauenbewegung und besuchten dergleichen aus Princip. Man truppte
+zufrieden nach Haus. Man hatte seine Pflicht gethan und ihr Haeuptling
+hatte seine Sache gut gemacht. Es gab Keinen, der ueber diesen Mann ging,
+und die immer zunehmende Stimmenzahl bei den Wahlen. Das war das grosse
+Kampfmittel. Es liess sich nachrechnen, wie das stieg von fuenf Jahren zu
+den naechsten fuenf Jahren.
+
+Dann kam auch der Anarchist. Er trug einen ganz duennen, kleinen
+Sommerpaletot und ging, als ob er gar nicht wuesste, wo er waere. Seine
+vagen, schweifenden Augen trafen den Fremden und den Johannes. Es lag eine
+nachdenkliche, zaertliche Wehmuth in dem Blick, eine Bitte, oder als ob er
+sich entschuldigen wollte, dass er anfragte - aber man wusste nicht, ob er
+ueberhaupt wirklich sah. Er war noch nicht alt, aber er sah hungrig aus,
+mehr vom Hunger des Geistes, als vom leiblichen Hunger. So hatte er etwas
+von einem Kind, oder auch von einem huelflosen getretnen Thier. Er seufzte
+und blickte in das Laternenlicht. "Es ist schon elf Uhr," sagte der
+Anarchist.
+
+Er schauerte und kroch tiefer in seinen Ueberzieherkragen. Er hatte einen
+sehr weichen, hellen gelben Hut auf, der in weitem Rand von seinem Kopf
+abstand. Seine Haare fielen gerade ueber seine Ohren und waren lange nicht
+geschnitten. Wenn er sprach, laechelte er jedesmal, ein schuechternes
+Laecheln, wie von Einem, der im Unrecht ist und doch etwas Gutes und
+Wichtiges sagen moechte. Dann hatte er ungeschickte Bewegungen, wie von
+einem Wurm, und huepfte zuweilen auf einem Fuss, als ob er stolperte.
+
+Der Johannes ging auf der andern Seite. Er hustete. Er war ganz selig im
+Gedanken an diesen grossen Mann, dessen Hand er gedrueckt hatte, der so gut
+sprach, eine Stimme war, auf die man hoerte, fuer die armen Leute. Die
+gebildeten, sachlichen Saetze hatten ihm imponirt. Sicher! Das wandte sich
+zum Bessern, wenn einfache Gerber- und Brauergesellen sprachen wie der! Er
+trug seine rothe Cravatte wie ein Triumphzeichen. Mehr konnte er nicht
+thun. Aber das Blut seines Herzens war darin. Er fuehlte seine Lungen
+brennen und flattern unter ihr.
+
+"Es ist immer am schlimmsten des Abends," entschuldigte er sich.
+
+"Das thut der Rauch. Sie sollten nicht rauchen im Saal. Es strengt auch
+die Stimme an, wenn man sprechen muss. Und er hat zwei Stunden gesprochen.
+Das ist bewunderungswuerdig fuer solch' einen Mann!"
+
+Er war ruehrend in seiner Zaertlichkeit fuer diese Stimme, den Mann, der
+sprach, waehrend er nur husten konnte, unnuetz sein Blut ausspie, in das
+Taschentuch, das sich faerbte, klebrig wurde zwischen seinen duennen,
+fiebernden Fingern. Sie waren gelb wie aus Wachs und gezeichnet von aussen
+durch die harte Arbeit, roher, oberflaechlicher, als durch die Krankheit
+von innen, die sie zehrte, fein machte, spiritualisirte.
+
+"Wir werden es ja nie erleben," sagte er friedlich. "Aber die Andern, die
+nach uns kommen! Einen Tag haben wir genug Stimmen im Reichstag. Sie
+koennen nicht mehr an gegen uns. Dann wird Alles gut sein. Wir werden die
+Gesetze machen. Es giebt keine Kriege mehr. Alle Voelker sind Brueder. Man
+arbeitet. Man lebt" ... Er hustete heftiger wieder, sich abwendend, um den
+Andern den Anblick seiner Schwaeche zu ersparen.
+
+"Ich - ich hasse die reichen Leute nicht. Sie wissen es nicht besser. Es
+sind Viele, die es gut meinen. Man wird Gesetze finden. Das geht ganz von
+selbst, ohne Revolution und Blutvergiessen. Die Soldaten sind ja auch auf
+unsrer Seite. Nur Zeit braucht's. Man hoert. Man liest Buecher. Die Vernunft
+muss ja ihren Weg finden. Es ist nur schlecht eingerichtet. Man hat die
+Religion gehabt, den Aberglauben. Die Menschen sehen jetzt, wie es
+wirklich ist. Man kommt vorwaerts. Man bildet sich. Alles geht gut. Die
+Gerechtigkeit muss aufkommen."
+
+Alle diese kleinen Saetze sagte er ruhig, sanft, ohne Aufregung, von
+Hustenanfaellen unterbrochen, die ihn quaelten, seinen Koerper schmerzhaft
+zusammenkruemmten, wie aufgespiesst an einer gluehenden Nadel.
+
+Sie gingen in dem Strassengetriebe vorwaerts. Es trieb sie ohne ihren
+Willen. Vielleicht wussten sie gar nicht, wohin sie gingen. Eine alte Frau
+in einer schwarzen Pelerine wackelte vor ihnen her, enorm wie eine
+wandelnde Glocke. Einige hatten Regenschirme aufgespannt. Sie sprachen von
+Geld: "Wenn man dreissig Pfennige die Stunde verdient, aber fuenfundvierzig
+muesste man haben." Ein junges Maedchen trug einen grossen Carton. Sie
+trippelte und sah hinter sich nach drei jungen Burschen, die sich laermend
+stiessen.
+
+Die Laternen schwammen wie gelbe, ausgeflossene Dotterflecken, schaukelnd.
+Der Schmutz mit dem geschmolzenen Schnee bildete eine braeunliche, zaehe
+Masse. Eine leere Droschke fuhr sehr dicht am Trottoir, als ob der
+Kutscher Kunden suchte. In den Destillationen discutirte man oder spielte
+Billard. Man sah die grauen Hauswaende feuchtigkeitstriefend mit
+Ladenschildern und Plakaten, Pferdebahnen, die klingelnd trotteten mit
+mueden, geduldigen Pferden. Aber Alles ungewiss, wie verwischt, unruhig, in
+Schatten ...
+
+"Man muesste es machen wie die Thiere," sagte der Anarchist. "Thiere sind
+klueger wie Menschen. Sie haben keine Gesetze und keinen Staat. - Aber es
+giebt auch eine Seele. Ich habe Todte gesehen, die wiedergekommen sind und
+mit den Haenden in der Luft zeichneten. Nun, ich habe die Koenigin Luise
+gesehen. Sie ist zu mir gekommen am Weihnachtsabend und hat mir eine
+weisse Rose geschenkt. Eine weisse Rose, die duftete. Sie kommt oft zu
+mir. Der Kaiser Friedrich kommt auch, und Napoleon und der Kaiser
+Alexander. Ich weiss nicht, warum sie zu mir kommen. Aber sie kommen."
+
+Er lachte, ein kleines, ungewisses, eitles, unglaeubiges Lachen. Es sollte
+um Entschuldigung bitten fuer ihn. Im Grunde war er stolz. Es gab so viel
+Dinge. Er wusste nicht ...
+
+"Man fuehlt sie, wenn man nicht viel gegessen hat. Und Jeder fuehlt sie auch
+nicht. Manche Menschen schlafen auch die ganze Nacht. Ich zum Beispiel,
+ich kann sehr oft nicht schlafen. Dann denke ich ueber Alles nach. O, es
+giebt sehr viele Sachen! Wenn man wuesste ... Vielleicht ist es auch nicht
+gut. Man muss essen.
+
+"... Die Thiere sind klug. Und die Kinder. Sie wissen alles Moegliche,
+diese Kleinen. Aber sie koennen nichts sagen. Die Todten koennen auch nichts
+sagen. Viele glauben nicht, dass es ein Leben nach dem Tode giebt. Nun,
+diesen kann man auch nichts sagen. Das ist Alles Gnade, wem es gezeigt
+wird. Und Viele wollen auch nicht sehen. Ich, ich glaube zum Beispiel an
+eine Seele." ...
+
+Nervoes, schuechtern sagte er das, mit einer schweren, etwas singenden
+Stimme. Er war wohl gewoehnt, dass man ihn oft fuer verrueckt hielt.
+Vielleicht war er auch etwas bloedsinnig. Aber das waren seine Geheimnisse.
+Er war stolz auf sie andrerseits. Oft erfuellte ihn eine schlechte
+Eitelkeit. Er kam sich dann besser wie andre Leute vor, eine strahlende
+und durchgeistigte Persoenlichkeit. Haeufig war er auch traurig und
+verachtete sich. Er hatte oft nichts zu essen. Der Hunger und die Gedanken
+hielten ihn wach des Nachts.
+
+Sie waren so auf einem freien Platz angelangt, wo die Strasse aufhoerte.
+Gerade ueber diesem Platz stand der Mond. Aber er war hinter den Wolken.
+Die Wolken umwellten ihn, zogen rasch ueber ihn her. Manchmal versteckten
+sie ihn ganz. Dann war es noch dunkler, wo er stand. Oder er war am Rande
+ein heller Fleck. Selbst wenn er ganz von ihnen befreit war, zeigte sein
+Rund schwarze Flecken wie Wollfasern, hingeworfene Schwaemme. Diese Wolken
+zogen sehr rasch und wechselten ihre Form fortwaehrend. Manchmal waren sie
+Kameele, huepfende Kaenguruhs oder grosse Schildkroeten. Oder auch nur
+Daempfe, gezupfte Watte. Auf dem Trottoir kaempften die Laternenstrahlen.
+Aber das Gas war unruhig im Winde, flackerte hin und her. Metall blinkte
+zuweilen oder eine Fensterscheibe funkelte schwarz polirt. Weisse Kanten
+von Gesims oder Mauern leuchteten urploetzlich auf im Dunkeln. Festes
+schien zu gleiten und Unbewegliches bewegt. Ringsum schlief die Stadt,
+Dach an Dach und Schornstein ueber Schornstein. Aber das fratzenhafte,
+luegnerische Wesen liess sie nicht schlafen. Es webte und irrte.
+
+Eine letzte Pferdebahn hielt am aeussersten Ende des Platzes. Die Pferde
+waren noch nicht eingespannt. Sie stand unbeweglich. Der Kutscher mochte
+wohl einen Schlaf halten im Innern des Wagens, bis seine Zeit war.
+
+Sie waren alle Drei stehen geblieben.
+
+Die beiden Maenner sahen den Fremden an. Sie sahen ihn an, als ob sie
+warteten. Sie standen da und warteten, froestelnd, etwas benommen,
+zwinkernd in das Halblicht ...
+
+Der Eine war halb aufgefressen vom physischen Leiden. Den Andern trieb die
+Rastlosigkeit vorbei und weiter.
+
+Alle Beide hatten dieselben cernirten, etwas bloeden Augen von einem
+unbestimmten, sanften Grau mit gruenlichen Lichtern, Augen von
+Nachtthieren, die man mit einiger Ueberraschung entdeckt, weil ihr Funkeln
+irrefuehrte im Dunkeln, - Schultern, die getragen hatten, und zu hohe,
+weitoffene Stirnen ueber fliehenden, demuethigen Unterpartien gutartiger
+Hunde.
+
+Sie warteten.
+
+
+
+
+
+ DAS VIERTE KAPITEL.
+
+
+Er ging auf's Land.
+
+Er kam durch Doerfer, die sich lang hinstreckten in einer einzigen Strasse.
+Oder eine andre zweigte sich ab vom Muendungsplatz, sehr ausgefahren, in
+einer flachen Traenke endigend am Waldrand, gleich sehr einfachen,
+primitiven Verdauungsorganen ganz untergeordneter Thiere. Es gab aermliche
+Haeuser, abseits im Koth stehend mit zerfallnen Stacketen und windschiefen
+Mauern, wohlgebaute, schmucke, die steinerne Treppen vor der Thuer hatten;
+weisse Gardinen umrahmten die Fenster ueber bluehenden Toepfen. Recht in der
+Mitte war die Kirche gebaut. Ueberall hatte man da zuerst die Todten
+begraben, eh' man anfing sie hinauszutragen weit abseits in gleichgueltiges
+Flachland. Uralter Epheu kletterte empor nach dem verwitterten Holzthurm.
+Eine runde Zifferscheibe zeigte die Stunde mit eingerostetem eisernen
+Finger. Des Abends riefen die Glocken und antworteten sich. Vor dem
+Wirthshaus stand irgend ein hundertjaehriger Baum, eine Ulme oder Linde.
+Sehr oft war sie schon ganz zerfressen, eine Seite fehlte, dass man
+hineinsehen konnte, wie in einen hohlen Ring. Aber oben trieben die Aeste
+noch gruene Ruthen. Die Alten betrachteten sie sorgenvoll, aber die Jungen
+dachten, dass sie etwas Heiliges waere und das Glueck ihres Dorfes davon
+abhinge. Die Huehner scharrten in den Fahrgeleisen. Das Vieh wohnte
+friedlich neben den Menschen. Die Kuehe tranken aus der steinernen Traenke
+am Brunnen. Sie auch waren heilig, freundlich, der Reichthum ihres
+Besitzers, und sahen mit ruhigen Augen wie Berechtigte, die ihren Weg
+kennen. Kleine Kinder liefen dem Wandrer nach in ihren Holzschuhen. Oder
+sie nahmen die Schuhe in die Hand und folgten so auf den blossen Fuessen.
+Sie liefen mit, so lange sie Lust hatten, und kehrten dann um, wenn sie
+muede waren. Sie standen, den Finger im Mund, mit grossen Augen, sagten gar
+nichts, und sahen ihm nach.
+
+In den Feldern war man an der Arbeit. Maenner stiessen die Pflugschar,
+langsam, sehr langsam hinter dem Pferdegespann, das sich wie ein
+Schattenriss abhob vom grauen Fruehlingshimmel. Die Erde wellte sich hier
+in grossen Huegeln, wie Wogen eines Meers, das die Fluth verlassen hat. Man
+sah den Pflug mit dem Gespann aufsteigen und niedersinken. Manchmal war er
+in den Schluchten ganz verschwunden; er kroch langsam und steil hinan in
+runder Schwingung um die Schwellung des Bodens. Rhythmisch drehte und
+wandte er sich, dem staerkeren Rhythmus der Erdmassen folgend. Ins Graue,
+Harte schnitten die blanken Schaufeln, es aufwerfend in blanker, oben
+gekraeuselter Scholle. Sehr dunkles Bauernbrot hat diese Farbe. Es duftete
+vom Frischgebacknen. Die Pferde schritten geduldig. Sorgsam, merkend auf
+Zahl und Curve der Furchen lenkte der Pflueger. - Sie waren geschritten so
+seit Jahren. Ihre Vaeter hatten gepfluegt. Die Erde war da, und die Menschen
+waren vergangen, zur Erde gekehrt wieder.
+
+Geheimnissvoll in verschwiegenen Furchen keimte die Saat; kleine,
+schuechterne Haelmchen aus dem festen, lagernden Erdreich. Kraehen strichen
+kraxend ueber die Felder. Ganz oben zogen Schwaerme wilder Gaense in
+mystischer Keilreihe mit schrillem fernen Kreischen. Der Wind klang wie
+brauendes Tosen und Kollern, Kobolde und Trollen aus dem Norden,
+Vorgeborner, Eddabewohner.
+
+Er kam durch Bergland. Da waren die Menschen arm und wenige.
+
+Sie wohnten dicht zusammengedrueckt in Thaelern oder an den Abhaengen. Die
+Berge reckten sich hoch, Kuppe an Kuppe. Runde, langgestreckte, mit
+breitem, fichtenbestandnem Ruecken, oder sie trugen Laubwaelder, braun und
+gruen, die ihre Umrisse verbargen. Fast kahle gab es, von Gestruepp, ganz
+jungen Hoelzern bestanden, zwischen denen man Korn gesaet hatte, um den
+Boden fruchtbar zu machen. Schneisen oeffneten Ausluge in gruene Wirrnisse,
+neue Seitenthaeler und auf hohe ernste Waende. Am Wege rankte
+Brombeergestraeuch und man sah zwischen Farrenkraeuter wie in gruene,
+niedrige Dome unter den hohen, wo Elfen haetten spaziren koennen, Thau
+schluerfen aus blauen Glockenblumenkelchen oder Honig melken aus den gelben
+Bluethenruesseln der wilden Bienensaug. Holz schlug man da in grossen
+geschichteten Wuerfeln. Jedes Stueck trug den Stempel, die Nummer. Manchmal
+aus einem verwachsenen Seitenweg zwischen den hohen Graesern kam ein
+Arbeiter, der seiner Heimath zustrebte, Bergleute oder Hausirer, stille
+Leute und gewohnt im Dunkeln zu finden.
+
+Durch fruchtbare Ebenen kam er, wo Dorf an Dorf sich draengte, Hof neben
+Hof, stattliche Hoefe mit rothen Ziegeldaechern und steinernen Staellen,
+weiter Einfriedigung fuer das Gelaende. Obstgaerten bildeten den Reichthum
+der Gegend. Selbst das Vieh war schoener, fett und glatthaeutig, wie die
+Leute, die in steifen Trachten gingen, mit seltsamen Hauben und Muetzen,
+weiten Roecken und verschnuerten Stiefeln. Die Kinder truppten zur Schule
+steif und artig. Alles war numerirt und eingetragen vom Landrathsamt. Man
+sah die neue Bahn ohne Ehrfurcht. Man wusste, was man werth war, und
+wuenschte nicht, dass eine Vermischung stattfand.
+
+... Manchmal ging er sehr frueh am Tage. Alles war grau, grau wie im Wasser
+gewaschen und noch nicht getrocknet wieder. Die Feuchtigkeit sass in der
+Erde wie in einem Schwamm. Die Luft war zu schwer noch, dass sie
+ausdampfen konnte. Kleine Kiesel blinkten gewaschen, braun mit stumpfen
+Steingries in der Mitte. An jedem Grashalm hing ein Tropfen. Unzaehlige,
+unendlich winzige Troepfchen bildeten einen feinen, weiss-grauen
+Seidenschleier auf seiner klebrigen, mit kleinen Haerchen besetzten
+Oberflaeche. Die Kraeuter streiften feucht beim Durchschreiten. Man fuehlte
+die Erde sich ansetzen und schwer werden unter den Schuhen. Der Wind blies
+mit einem Geruch von frischer Waesche. Zwischen rothen Steinfassungen einer
+Bruecke floss breit ausgelaufen ein Muehlbach. Niemand wusste, ob es regnen
+wuerde, aber inwendig war ein Tropfen und Sickern, die Thaetigkeit des
+Wassers, das filterte, sich einsackte.
+
+Der Wind erhob sich in den Pappelkronen. Sie verbeugten sich und neigten
+ihre schlanken Ruthen gegeneinander. Die Ruthen rieben sich und wechselten
+sehr schnell in der Beruehrung, wie Tasten eines Klaviers, die man
+nacheinander anklinkt, ein Spiel der Staebe, die Zeichen geben, eine
+Botschaft weitertragen. Die ganze lange Reihe hindurch lief die Bewegung.
+Sie schuettelten die Koepfe, rauschten und raunten.
+
+Erst kam es nur wie ein feiner, leichter Wasserstaub, ein Schleier im
+Gesicht, den der Wind nach Laune vor- und zuruecktrieb. Graue Huschen zogen
+rasch wie Watteballen in der Luft. Dann wurde es wie ein leises Stossen,
+wie wenn es in einem Kessel anfing langsam zu kochen. Man hoerte das
+Klatschen auf nackte glatte Haeute der Blaetter. Aber es kam noch nicht
+durch. Sie schuetzten wie ein Regenschirm. Es rieselte, rauschte, tropfte,
+plaetscherte ... Es regnete.
+
+Im Fruehlingsregen ging man wie in einer grauen Tarnkappe. Alles erschien
+ohne Farbe, sehr jung noch, wie eben ausgebruetet, als ob die Eihaeutchen
+noch herum waeren, eine Foetuslandschaft. Das Nass begoss, trieb, schwellte.
+Unter den Fusssohlen sickerten Lachen. Alles Gruen wurde grell, fast
+giftig. Die Blumenkronen schienen groesser, vom Wasser beschwert. Fast
+schwarz glichen die Baumrinden aufgebrochner Erde. Ein lauer
+Schweissgeruch des Bruetens lagerte. Unter den Steinen hoehlten sich Loecher.
+Alle Steine schienen dunkler. Ihre weissen Aederchen und Brueche zeigten
+sich sehr deutlich. Die Steine waren nicht steinern und die Tropfen
+schlugen sie.
+
+Dann kam ein gelber Schein von irgendwoher. Er flatterte auf wie ein
+Vogel. Es war ein Spiel der Lichter ohne eine Quelle des Lichts, ohne dass
+man wusste, woher die Strahlen kamen. Grosse Flecken von Klarheit rissen
+ein und vergroesserten sich im Grau. Alles ging sehr rasch, wie das
+Anschlagen eines Instruments, ein Finger, der sehr schnell ueber Saiten
+laeuft. Es giebt einen Klingklang hier und da, aber noch keine Melodie. Die
+Regenstriche schienen blank und spruehend. Einen Moment funkelte Alles. Ein
+Regenbogen stand sicher geschwungen ueber der Landschaft, ein zweiter
+verschwamm zitternd im Grauen.
+
+Die Voegel fingen schuechtern wieder an zu piepen.
+
+... Man sah keinen Menschen des Abends. Ueber die Felder zogen Nebel. Am
+Waldrand schien sich's zu brauen, zusammenzurotten. Man unterschied die
+einzelnen Baeume nicht mehr. Es waren Alles Rundungen, wie Hammelruecken,
+Riste flockiger Widder sehr eng zusammengepresst. Das wiederholte sich
+unendlich. Es schien wie ein Meer, das da angewachsen, festgenagelt war,
+dunkel, drohend, gierig, immer dieselbe Form in immer tieferen Schatten,
+Roethen, Violetten, die der Tag nicht kannte. Das drang vorwaerts, frass
+sich weiter, eine schlechte Anziehung schien von ihm auszugehen, etwas von
+Hexenkraft, Raethselhaftigkeit, Unerloestem. Sehr sanft schmiegten sich die
+Saaten. - Ein Reh trat heraus. Es aeugte mit merkenden Lichtern, spitzte
+die Horcher, eh' es sich zum Aesen bueckte. Dann kamen mehrere. Man glaubte
+den leichten Anschlag ihrer Hufe auf dem Rasen zu hoeren, wie sie sich
+bewegten, malmten. Nun wurde Einem wohler.
+
+... Die Kastanien trieben eidicke Knospen. Blaettchen an Blaettchen faltete
+sich in draengender Enge, rundlich, breiter am Grunde und spitz zulaufend
+im Abschluss. Der klebrige Lebenssaft hielt sie alle zusammen. Zartbraun
+waren die aeussren, wie duenne abfallende Schalen, die ihren Dienst gethan
+haben. Die inneren blieben weiss und lichtgelb, wie feines Fleisch der
+Eier, das man isst.
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+Er fand einen jungen Mann unter dem Kastanienbaum. Er hielt ein Buch auf
+seinen Knieen, aber er las nicht.
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+Er sprach zu ihm: "Warum liest Du nicht in Deinem Buch, das Du haeltst?"
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+Er sprach: "Dieses Buch habe ich gelesen, viele Buecher, alle Buecher der
+Welt, die ich finden konnte. Ihre Worte sind Buchstaben und ihr Wissen ist
+Worte. Jetzt lese ich gar nichts mehr. Ich bin nur hier und studire den
+Baum.
+
+"Recht herrlich anzusehen ist dieser Baum. Aufgepflanzt auf starken
+Wurzeln, unter der Erde gegruendet wie ueber ihr. Der Mittelstamm reckt sich
+stolz und gerade. Jedes Jahr weitet sich der Ring. Eine Schnur fuegt sich
+mystisch zur Schnur der gewesnen, die die Vergangenheit zeichnen, und jene
+Zukuenftiges. So entsendet er Aeste ringsum im Kreise nach allen vier
+Richtungen der Sonne, dass die Sonne sie bescheine und wachsen macht.
+Kleine Zweige schiessen auf von den grossen, aus knorrigen Hoehlen, wo das
+Geheimniss der Geburt sich erneuert. Diese wieder theilen sich in
+faechernde Finger.
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+"Keine Regel scheint in dem Ganzen und stolz giebt er die Rundung des
+Erdballs wieder. Fast flach breiten sich die untern tragenden Aeste. Die
+mittleren reichen an den Kreis des Aequators. Zum Pole der Spitze fuegen
+sich in schaerferer Steigung die oberen.
+
+"Und Alles lebt. Die Wurzel entsendet die Kraefte, die die Aeste leiten.
+Zur aeussersten Spitze des aermlichsten Stieles steigt pulsender Saft, der
+schwaert und gebiert. Ohne Ende ist dieses Leben, grossmuethig und doch
+sparsam. Es scheint zu schlafen und wirkt doch in der Stille. Prangend
+steht es in der Bluethe und sicher reift doch die Frucht. Es giebt kein
+Meistern an seiner Form und Bestimmung. Denn Alles ist meisterlich von
+Anfang gegruendet wie es sein muss, bis er stirbt, sein Tag um ist, da er
+lebte."
+
+Er sprach: "Bist Du also weit und hast Du dies Alles erkannt, so will ich
+Dir mehr sagen, das wichtiger ist denn Werden und Sterben. Lass Dein Buch
+und den Baum und folge mir."
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+So folgte ihm dieser.
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+Zwei Brueder, Maurermeister, lebten in einer kleinen Stadt. Sie lebten dort
+schlicht und redlich, waren verheirathet und hatten Kinder. Ihr Gut
+mehrten sie taeglich und sie hatten zusammen ein schoenes Haus gebaut, dass
+sie dort auf ihrem Eignen saessen und ihre Tage friedlich endeten.
+
+Sprach der Eine zum Andern: "Was hilft es uns nun, dass unser Gut sich
+mehrt von der Arbeit unsrer Haende, unser Haus fest und stattlich steht?
+Wir muessen doch sterben. Die Zeit reisst es ein, was wir gebaut haben."
+
+Der Andre sprach zu seinem Bruder: "Ich kenne einen Fremden, der Worte
+weiss staerker wie das Leben. Was er meint, bindet keine Zeit. Mauern
+fassen es nicht, die staerker sind wie unsre."
+
+Er sprach, der der aeltre Bruder war und der Weiseste von Beiden: "Diesen
+Mann muss ich hoeren. Und wenn ich alle meine Gueter dahintenlasse, was das
+Herz froh macht, ein Weib und junge Kinder. Es ist wichtiger, dass ich
+habe, was ewig bleibt. In sich bauen, dass man fest wird, ist mehr denn
+Haeuser bauen, die der Sturm einreisst."
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+Diese Beiden gingen und suchten den Fremden auf.
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+Sie waren aber redliche Leute, wohlgeachtet von allen Menschen und von
+nachdenklicher Gemuethsart, wie es das Handwerk mit sich bringt. Denn ein
+Maurermeister in seinem Handwerk, so er es recht versteht und ernst nimmt,
+ist etwas vom lieben Gott und Schoepfer selbst, der die Welt geschaffen
+hat. Er haelt in seiner Hand Thon und Moertel. Was er baut, soll fuer Jahre
+und Jahrzehnte sein, wohlgegruendet und ausgemessen in allen seinen
+Theilen, dass nicht das Hohe auf das Niedrige falle, der Boden nachgiebt
+unter zu schwerer Belastung von Schnoerkeln, Pfeilern, buntausgemalten
+Fenstern.
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+Alle diese und Andre, an der Landstrasse, sah und fand der Fremde.
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+Manchmal, wenn Viele beisammen waren, an einem Wegrain oder auf der
+Rasenhoehe ueber dem Teich, sprach er zu ihnen.
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+Er sprach ihnen von der Armuth des Reichthums und wie die gering sind und
+Knechte, die streben und hochstehen.
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+Von den Thoerichten des Herzens und den Armen im Geist sagte er ihnen
+suesse, geheimnissvolle Worte. Und von der Guete der Unklugen, die weiser
+ist denn Weisheit und staerker denn Staerke aller Gewaffneten und Starken.
+
+Kleine Kinder umstanden seine Kniee und sahen zu ihm auf mit grossen,
+unbewussten, glaeubigen Augen. Sehr alte Leute nickten in tiefen
+Meditationen. Muetter hielten sich laechelnd an mit ihren Saeuglingen an der
+Brust, die nach der naehrenden Zitze lallend griffen, sie patschten mit
+ihren rosigen Haendchen.
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+"Die Liebe kennt kein Gesetz. Sie ist ueber dem Gesetz. Alles Gesetz ist in
+ihr."
+
+"Gieb! Man wird Dir nicht stehlen, wenn Deins ist wie Deines Bruders und
+Deines Bruders wie Deins."
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+"Die Unkeuschheit ist nicht in der That. In der Scham schon ist Suende. Der
+Gedanke der Wollust schlaegt und beschaedigt."
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+"Nicht das Wort ist Luege, der Eid betheuert nicht. Eure Rede sei klar,
+weil Euer Denken Wahrheit ist."
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+"Der Hass, der keinen Widerstand findet, erlahmt in ihm selbst, wie der
+Stein, der geworfen wird und in's Wasser faellt."
+
+"Und widerstrebet dem Uebel nicht."
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+Die kleinen Blumen bluehten mit tiefen, duftenden Kelchen. Feiner wie
+koestlichste Seide waren ihre Blaettchen. Die Staubfaeden standen wie
+brennende Kerzen, Goldkrystalle edelster Kronleuchter. Auf gruenen Stengeln
+trugen sie ihre Haeupter wie Kronen. Die Luft war schwanger von ihren
+Dueften und die Winde trugen ihre Samen. Die Voegel kamen sorglos und
+pickten ihre Nahrung. Im Gras athmeten Cicaden und Mueckchen, Kaefer,
+Gewuerme - ein tausendfaeltiges Leben.
+
+"Warum sorget Ihr Euch? Alles Leben findet seine Nahrung. Alles Lebendige
+erfuellt seine Bestimmung des Lebens. Ihr sorget und sammelt Schaetze. Die
+Motten zerfressen sie und der Rost, die Diebe graben danach und stehlen."
+
+"Der Reiche ist arm und der Arme ist reich. Stark ist, wer fest steht in
+sich selbst. Der weise geworden ist in Gott, dem haben Stuerme, Hass der
+Menschen und Noth nichts an. Die Welt ist dem Menschen gegeben. Ueber der
+Welt steht der Mensch, der die Welt in sich traegt. Gott ist in Euch und
+Ihr seid Gottes. Erwacht zu Eurer Herrlichkeit! Ein koenigliches Volk, ohne
+Koenige, Herren Alle und Freie, die Ihrer selbst Herr geworden sind."
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+Sehr schoen war er mit seiner strahlenden Stirn, dem melodienreichen Mund,
+dem die Worte entstroemten, die Haende lang und fein mit heilender
+Beruehrung. Seine Worte klangen lieblich wie Musik. Und in ihnen war die
+Tiefe. Der blaue Himmel spannte sich ueber ihn, blau, ganz blau, in immer
+lichterem Blau bis zur laechelnden Sonne, ueber die Erde gestellt mit
+gruensammetnem Rain, - einen Koenig im schlichten Bettlergewand, einen
+Gebietenden auf dem Feldstein seines Throns.
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+Die Leute kamen von weit, ihn zu hoeren.
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+Etliche sagten: "Es sind Gedichte. Wir haben das schon oft gehoert, so oder
+so." - Aber sie hatten viel zu thun und gingen.
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+Viele sagten: "Das ist Alles Luege. Traeumereien sind das." - Sie erklaerten
+lange, wie es besser zu machen sei mit dem Aufhoeren der Militairlasten
+oder einer neuen Steuerordnung oder indem man die Gueter anders vertheilte.
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+Sie waren die Kluegsten. Aber die Meisten gingen hin und thaten weiter, wie
+sie vorher gethan hatten.
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+Und war Niemand, der ihn verstand.
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+ DAS FUeNFTE KAPITEL.
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+Es begab sich, da er muede war, setzte er sich nieder an einem Brunnen.
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+Ein sehr lieblicher Platz war es. Weidenzweige hingen tief wie feine
+wehende Schleier. In der gemauerten Hoehlung hoerte man es murmeln vom
+schwaerzlichen, verborgnen Wasser. Alles Gras ringsum war gruen, sammetgruen
+mit Schatten, wie der Wind es wehte oder die Sonne fiel. Eine Stille war
+in der Luft, diese Klage der Feuchtigkeit, die der Nacht vorangeht, denn
+es war Abenddaemmerung. Nur die Heimchen zirpten. Man hoerte das Locken der
+Voegel, aber befriedigt, nur mehr wie ein Glucksen. Die Winde auch kamen
+sacht, mit etwas lebhafterem Rauschen oben in den Baumkronen.
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+Er setzte sich auf die Steinbruestung des Brunnens.
+
+Eine Frau kam. Sie ging langsam und hielt eine Reitgerte in der Hand. Der
+Saum ihrer grauen Amazone fegte schleppend den Boden. Sie fuehrte ein
+weisses Pferd am Zuegel. Es trat so leicht auf, dass man seinen Hufschlag
+nicht hoerte, den Kopf hielt es gesenkt, als wollte es sich bemuehen, die
+Saatsprossen zu erhaschen, und schnoberte leise aus rosa feinen Nuestern.
+Ein Windspiel sprang auf ihrer andern Seite. Es streckte zuweilen wie
+liebkosend seinen schmalen spitzen Kopf in ihre haengende Hand. Sie ging in
+tiefen Gedanken. Ihre Haare waren in dicken Flechten gewunden, weit unten
+im Nacken aufgesteckt, als ob sie zu schwer waeren fuer ihren schmalen Kopf.
+Sie ging sehr langsam und hielt die Augen zur Erde gerichtet, wie wenn sie
+suchte. Sie suchte mit der schwanken zitternden Spitze der Reitgerte auf
+dem Boden. Der Hund lief neben ihr und sah sie an. Er versuchte ihre Augen
+zu fangen. Aber sie antworteten seinem Blick nicht. Sie ging und fuehrte
+das weisse Pferd am Zuegel. Ganz weiss, mit gesenktem Kopf folgte es, ein
+edles, geduldiges, sehr feines Thier.
+
+Gerade ueber die Wiese kam sie, zu der Quelle, wo der Fremde sass.
+
+Sie seufzte. Gegenueber am Brunnen sass der Fremde. Und sie sah ihn nicht.
+
+Sie hob die Augen auf und sah ihn.
+
+"Warum bist Du ungluecklich?" fragte der Fremde.
+
+"Ich bin ungluecklich, weil ich gluecklich bin. Ich habe Alles, was die
+Menschen Glueck nennen. Ich wohne in einem Schloss im Reichthum. Meine
+Eltern hielten alle Sorge fern von mir. Ich habe einen Mann, der mich
+anbetet, gute Kinder. Doch bin ich ungluecklich. Ich gehe zu diesem
+Brunnen, um Ruhe zu finden, weil mein Schmerz sich aufloest in dem der
+Natur, der ueber diesem Ort lagert. - Warum ist sie ungluecklich?"
+
+"Weil sie sterblich ist und vergaenglich."
+
+Die junge Frau seufzte tiefer. Die Zweige der Weiden rauschten auf wie
+leichte, faltige Frauengewaender und fielen zusammen. Der Hund schob
+liebkosend seine kalte Nase ein. Ueber die Felder trug der Wind die Klage
+der Weiden und geheimnissvoll in der Tiefe gluckste und murmelte das
+Wasser. "Sind wir es nicht auch? Vergaenglich und sterblich? Der Tod ist in
+Allem. Das Schoene hat keine Dauer. Die Leidenschaft flieht. Der Tag unsrer
+Kraft ist der unsrer Guete. Wenn wir krank sind, sind wir selbstsuechtig,
+schlecht, Andre quaelend und gequaelt von ihnen. Aller Anstrengung Ende ist
+der Tod."
+
+"Es giebt etwas ueber dem Tod," sagte der Fremde.
+
+"Es giebt etwas," sagte sie in sehr tiefen Gedanken. "Ja, es muss etwas
+geben. Man denkt nicht daran, wenn man gluecklich ist. - All' diese Tiefen
+- diese Schmerzen! Diese Schmerzen muessen unsterblich sein."
+
+"Die Schmerzen sind unsterblich."
+
+"Die Ahnung des Unendlichen - diese Sehnsucht hinaus! Es ist das Beste,
+was wir haben. - Es ist sehr schmerzlich."
+
+"Leiden ist schoen."
+
+"Ja, es ist schoen. Ich moechte nicht ohne es sein. - Doch die Andern sind
+gluecklicher. Warum gab man es uns nicht wie dem Thier zu leben? wenn es
+aus ist, Sterben ohne Bewusstsein?"
+
+"Nichts stirbt. Alles Leben lebt unvergaenglich."
+
+"Sie auch, diese Baeume? Die Wehmuth dieser Felder? Es gaebe eine
+Vollkommenheit fuer sie? Eine Erfuellung? Wo ist sie?"
+
+"Ahnst Du sie nicht? - Sieh in die Weite!" ...
+
+"Manchmal ahne ich sie. Etwas wie einen Zusammenklang, einen verlornen,
+fernen. Ich weiss nicht. ... Es ist das Leiden, die Suende: Einer hat Einen
+getoedtet. Man toedtet ihn wieder. Er leidet. Ist er nicht erloest? ... Aber
+es sind so viele Andre. Sie gehen hin und leben, correct, alltaeglich" ...
+
+"Sie sind weitab."
+
+Sie sprach wie im Traume. Der Hund, zu ihren Fuessen gelagert, sah sie an
+mit treuen, klugen Augen. So beweglich waren sie, dass die Lichter
+fortwaehrend wechselten wie in einem Spiegel. Im Grase weidete das weisse
+Pferd. Man hoerte es die zarten Halme abrupfen, sie zermalmen zwischen
+starken, hoeckrigen Zaehnen. Und von Zeit zu Zeit wieherte es leise, wie
+wenn es antwortete, als roeche es den Fruehling.
+
+"Ja, ja," sagte sie athemlos. "Ich weiss nicht. Aber es muss auch sein.
+Man quaelt auch Thiere. Sie leiden und sie ahnen. ... Was ist es?"
+
+"Wenn Du wuesstest, waere es das?"
+
+Sie schuettelte den Kopf. "Nein, man muss es finden, selber in sich finden.
+Dann ist es der Friede. Ein Glueck ueber dem Glueck, Erfolg und Schande,
+Reichthum und Armuth, - das ist Alles so gleichgueltig. Es ist ueber dem
+Allen."
+
+Sie sah den Fremden an. Die junge Frau mit zarten, spielenden Fingern
+strich langsam die Saeume ihres Kleides entlang. Ihre Augen verschleierten
+sich in dem Schleier, der ueber die Felder ging. Es war, als ob die Farbe
+der Felder in sie eindraenge und es bliebe nur _eine_ Farbe in ihren Augen
+und in der der wehenden Saaten. In der Curve ihrer Schultern fand sich die
+gesenkte Kruppe des weissen Pferdes. Die graue Seidenhaut des Windspiels
+schmiegte sich wolluestig, verloren in die Kleiderfalten. Das Wasser fiel
+in kleinen plaetschernden Cascaden, oder es ruhte sich lange aus, in
+Pausen, wo nur das Unterirdische murmelte, die kleine Stimme von Tropfen,
+die hoehlen, klopfen.
+
+"Manchmal fuehle ich, als ob ich gar nicht mehr Ich bin. Eine haessliche
+Kroete. Eine Tigerkatze. Ich bin ein Wesen, was vor vielen tausend Jahren
+war und hundertmal gestorben ist. Ein Thier und ein Gott. Vom Thier zu
+Gott. Das ist der Weg."
+
+"So ist es."
+
+"Ja, ich habe gelebt," sagte sie sehr leise, liebkosend. "Ich habe
+gemordet. Ich habe gesuendigt und triumphirt. Vielleicht habe ich am
+Maertyrerpfahl gestanden. Und es machte mir Freude, meine weisse, feine
+Hand in Blut zu tauchen, bis sie roth war. - Ich sah einen Mann einmal. Er
+war ein Strolch und ein Moerder. Er auch, war ein Koenig. In seinem Auge las
+ich den Stolz der Starken. Wir kannten uns so gut, wie wir uns sahen. ...
+Das ist seltsam."
+
+"Nichts ist seltsam."
+
+"Nichts! Nichts!" wiederholte sie inbruenstig. Eine feine Roethe schlug von
+ihrem Hals auf wie Sonne unter Lilienblaettern. "Gar nichts ist seltsam.
+Manchmal in Buechern, in der sehr grossen Kunst fuehlt man es. - Ich habe es
+in Felsbruechen gesehen, in dem spitzen Speerschaft irgend eines Grashalms.
+Es giebt Worte, Reime. ... Goethe hat sie. Und Shakespeare, wenn Ophelia
+wahnsinnige, kleine Lieder singt. Ich kenne chinesische alte Goetzenbilder
+und Michelangelo's Grabfiguren am Mediceer-Denkmal. ... In der
+Marseillaise hoert man die Tuba der Erzengel. Warum ist Lucrezia Borgia
+suess wie Nachtigallsang am Maiabend und Napoleon gekreuzigt wie der von
+Golgatha ... Es ist so schwer zu denken ..." Sie presste die weiche kleine
+Hand gegen die Stirn, an der die Schlaefen flogen wie unter Haemmern einer
+Schmiede.
+
+"Warum denkst Du?" fragte er guetig.
+
+"... Wenn man nicht denken brauchte! Alles weiss man. Nur weil man
+versucht, sein Wissen zu erklaeren, _ein_ Wissen fuer Alle, Gesetze sucht,
+weiss man nicht mehr. Kinder wissen. Und Frauen! Ah, Frauen wissen eher
+wie Maenner! Sie fuehlen. Es ist ihr Koerper, der in ihrem Willen ist, ...
+weil Frauen lieben."
+
+"Und Gott?" fragte er.
+
+"Gott auch liebt," sagte sie traeumend. "Er hasst nicht. Das Gute ist
+dasselbe wie das Boese. Alles ist ein Leben und es dreht die Welt. Die
+Thaten, die gethan werden, sind seine Aeusserungen. Es ist nichts gut und
+nichts schlecht. Es ist wie es ist."
+
+Er antwortete nicht. Sie seufzte. Die muede Traurigkeit erschien wieder in
+ihrer Haltung, dem Koerper, der sich zurueckbog, waehrend die Linie des
+Halses straff wurde.
+
+"... Sie haben Kirchen gebaut. Ich habe versucht in der Kirche zu beten.
+Die Sehnsucht erstickte mich.... Hier ist es besser."
+
+"Es ist besser hier."
+
+"Sie sind zu eng, die Kirchen. Dies Alles muesste mit hinein. Viel, viel
+mehr als die alte Geschichte. Und die neuen Geschichten. Das ist weit -
+weit ..."
+
+Sie zeigte mit ihrer Hand. Von allen Seiten wallten die Nebel. Es glitt
+ueber die Felder. Das Entfernteste verlor sich im Ferneren und das Nahe
+schien weitgerueckt, aufgesogen im Allen ...
+
+Eine Fledermaus strich leise mit unhoerbaren, schwarzen, tappenden
+Schwingen. Naeher und wieder weiter, geheimnissvolle Kreise ziehend. Sehr
+deutlich sah man die feinen Krallennaegel, zwischen denen die Flughaeute
+angemacht waren gleich Stofffaechern eines Regenschirms, den kleinen,
+platten Kopf mit spitzen Zaehnchen, die nach Insekten schnappten, sie rasch
+zerrissen. Eine Eidechse kam hervor unter der Brunnenmauer. Sie blieb da
+wie angewachsen, horchend. In der Saat putzten sich die Hasen und machten
+Maennchen. Sie ohrfeigten einander mit harten, flinken Pfoten und
+hamsterten leise in sich hinein wie Geizhaelse. Ein Fuchs schlich auf Raub
+mit vorgestreckter spitzer Schnauze und fuchtelnder Ruthe.
+
+Ganz fern quakten Froesche im Feuchten. Von allen Wiesen stieg der Athem
+auf.
+
+Sehr lange sassen sie.
+
+Sie erhob sich langsam. Das weisse Pferd kam ohne Ruf. Der Hund witterte
+in die Richtung mit angelegten Ohren, aufmerksam, zitternd.
+
+"Gehe in Frieden," sagte der Fremde, "Du bist naeher wie die Andern."
+
+
+
+
+
+ DAS SECHSTE KAPITEL.
+
+
+Nun hatte die Frau des Landraths eine Idee.
+
+Das Geruecht von ihm war naemlich sehr stark geworden in dieser Gegend, so
+dass viele Leute aus Neugier kamen, um ihn zu sehen. Viele logen und
+erzaehlten seltsame Geschichten von Wundern und Kranken, die geheilt worden
+waren. Und die Menschen liefen hin. Sie blieben da und folgten ihm etliche
+Tage und warteten auf ein Zeichen. Wenn nichts geschah, was ihre
+Hoffnungen erfuellte, gingen sie nach Hause, ihren Geschaeften nach. Diese
+sagten stets, dass Alles gelogen war. Sie bewiesen sonnenklar, dass solche
+Wunder unmoeglich und gegen die Natur seien, warteten doch darauf und
+wuerden sie bestritten haben, wenn sie geschehen waeren. Die Zeitungen
+bemaechtigten sich des Stoffes. Sie hofften ihre Leser zu amuesiren. Einmal
+tauchte er hier auf und einmal da. Es machte den Reportern Spass, gerade
+die abenteuerlichsten Geschichten zusammenzutragen, gefaelschte Interviews
+und lange Extrakte aus Reden, die er niemals gehalten hatte. Auskunft war
+da ertheilt ueber Himmel und Hoelle mit genauer Beschreibung der Lage und
+Gliederung der Letzteren, eines jeden Pfeilers, auf dem Gottes Thron
+stand. Einige brachten sogar ein ganzes Nationale, dass er der Sohn eines
+Zimmermanns Joseph Schaeppli aus Bing an der Enz in Wuerttemberg sei. Dieser
+Sohn hatte fuer einen Narren gegolten in seiner Jugend. Im Ort gab es viel
+zu erzaehlen von seinen sonderbaren Thaten und Reden. Dann war er
+verschwunden, als er etwa dreissig Jahr alt war. Etliche sagten, er waere
+in der Enz ertrunken, Andre, dass er in die Waelder gegangen waere und dort
+als ein Waldmensch und Einsiedler hauste. Sie behaupteten, dieser selbe
+Zimmermannssohn aus Bing sei es, der jetzt aufgetaucht waere und predigte.
+Seine eignen Eltern sollten es beschworen haben. Ein besonders eifriger
+Neuigkeitenvertreiber hatte sogar seine Mutter aufgesucht und wusste, dass
+sie eine Haube trug und in ihrer Jugend Visionen gehabt hatte. Das war
+uebrigens nichts Seltnes bei diesem schwaebischen Gebirgsvolk, arbeitsam und
+verstaendig, aber von schweifender Phantasie, mit einer bestaendigen
+Sehnsucht im Herzen, die die Berge wachhielten, oder auch der alte Schatz
+von Legenden, einstiger Herrlichkeit und Weltgroesse, die in diesen Staemmen
+lebendig geblieben waren trotz des neuen deutschen Reichs, Lutherthum und
+Schulbehoerden. Wieder Andre hielten ihn fuer einen Wanderprediger aus den
+norwegischen Bergen. Es gab ihnen Gelegenheit, ueber mystische Schwaermer,
+Tolstoi und Ibsen zu reden, den Geist des Urchristenthums, der sich dort
+in einigen weltabgeschiedenen Gemeinden rein erhalten hatte. Diese
+verbreiteten, dass er der Sohn eines schottischen Lords oder vornehmen
+Grafen waere. Es that ihnen wohl, das zu glauben.
+
+Und gewaltig erschuetterte Alle Fritz Kuhlemann's Stimme, eines einfachen
+Arbeiters und verlorenen Gesellen, der in den grossen Staedten auftrat und
+forderte Busse zu thun: Im Namen Jesu des Lebendigen, der Fleisch war und
+unter ihnen wandelte. "Denn die Zeit ist gekommen."
+
+Das Volk lief ihm zu. Etliche erwarteten Lohnerhoehungen, Gaben der
+Reichen. Andre rechneten auf die Revolution, wo er ihr Haeuptling werden
+sollte. Denn seine Rede klang gewaltig. Es war in ihr der rothe Hass der
+Ungerechtigkeit und eine neue strahlende Liebe, weit wie die Sonne, die
+ueber Gerechte und Ungerechte scheint, aber wild auch und schoepferisch, wie
+die des Mannes zum Weibe. Es gab Viele, die sich betroffen fuehlten unter
+den Vornehmen und Reichen, zu sich selbst sagten: Wir koennen nicht
+wohlleben und in Wagen fahren, wo unser Bruder hungert und nicht hat, da
+er sein Haupt hinlegen soll? - Denn so sprach er: "Nicht ausser Euch,
+sondern in Euch richtet auf das Reich Gottes! Denn das ist Gottes in Euch,
+dass Ihr Liebe gebet. Das Andre, Neid, Geiz, Hoffarth, ist des Thieres und
+des Teufels. Und Ihr seid Alle Gottes."
+
+Viele kamen auch zu ihm und sagten: Wir wollen sehen, ehe wir glauben. Er
+sagte ihnen: Seht die Werke an in seinem Namen gethan und thut wie Er. -
+Aber das gefiel diesen nicht.
+
+Es gab Viele unter den reichen und vornehmen Leuten, die den Fremden auch
+gern gesehen haetten. Aber sie wollten sich nicht laecherlich machen. Auch
+fuerchteten sie in der Oeffentlichkeit ihre Namen zu compromittiren.
+
+Diese Landraethin, deren Mann zugleich Reichstagsabgeordneter war, hatte
+eine grosse Gesellschaft zu geben. Sie war eine kluge Dame aus
+reichsgraeflichem Hause, die sich viel einbildete auf ihre Bildung, dass
+auf ihren Gesellschaften immer etwas Besonderes, Geistiges und
+Interessantes war. Da bei vielen ihrer Freundinnen und Nebenbuhlerinnen
+Theosophie in Mode war, dachte sie, es wuerde sehr interessant sein, den
+Fremden einzuladen, ihn ihren Gaesten gleichsam als Curiositaet und zur
+Unterhaltung vorzufuehren.
+
+Gleichzeitig that sie damit einem Mann einen Gefallen, der ihr selbst und
+ihrem Landrath sehr nuetzlich war, in einem Kreis, wo er vermoege seines
+Namens und Reichthums eine hoechste und selbstverstaendliche Stellung
+einnahm, die sie als arme Beamte und Frischnobilitirte sich nur muehsam
+erobern konnten, mit allen Mitteln suchen mussten zu befestigen. Dieser
+Mann war der alte Prinz Schoenheim-Wagram-Trauttenberg, Minister unter der
+liberalen Aera Friedrich Wilhelms des Vierten. Er hatte in seiner Jugend
+mit der Revolution und dem Dilettantismus coquettirt, dabei als Lebemann
+und Schoengeist sich ein Renommee erworben. Seine "Briefe eines Diplomaten"
+erregten das groesste Aufsehen seiner Zeit. Er war der Erste gewesen, der
+mit der Tradition brach, dass Heuchelei und geheimnissvolle Zugeknoepftheit
+unentbehrliche Attribute der Staatsklugheit bildeten. Unter einem fast
+ruchlosen, scheinbar offenherzigsten Cynismus verbarg er fuechsische
+Verschlagenheit, die Raubthierkralle eines Caesar Borgia im
+Sammethandschuh. Man nannte ihn den Fuersten Talleyrand der Provinz. Seine
+Stellung dort war unerschuetterlich selbst nach seiner officiellen
+Niederlage als Staatsmann, seitdem neue Systeme und Principien ihn und
+sein System hinweggefegt hatten. Die Landraethin gehoerte zu seinen
+Protegees. Nicht, dass ihre spaerlichen Reize den alten Viveur in
+Versuchung gefuehrt haetten. Nach einem galanten Sabbath ohne Gleichen hatte
+das Kuechenpersonal und noch tiefer hinab, bei ihm endgueltig die Palme
+davongetragen. Er bezeugte diese Vorliebe sehr ungenirt. Aber er liebte es
+immer, seinen Finger mit in der Pastete zu haben, die Landraethin und ihr
+strebsamer Gatte erschienen ihm als gefuegige Werkzeuge fuer seine kleinen
+Plaene, die er durchaus nicht aufgegeben hatte, nur versteckt hielt unter
+witzelnder Indifferenz. Das Renommee eines mystischen Einflusses erfreute
+ihn. Er fand es vornehmer, hinter den Coulissen zu operiren, als vorne auf
+der Buehne die grossen Schreie auszustossen: heutzutage weiss man von jeder
+Macht die Adresse. Jeder traegt seine Befugnisse und Eigenschaften wie
+aufgeklebte Etiketten mit sich herum: Buereau fuer Stellenbesetzung,
+Vermittlung von Boersengeschaeften, Vademecum fuer Hoflieferanten. Frueher
+ging das in's Geheimnissvolle wie der liebe Gott. Und hielt die Bande in
+Schrecken. Man weiss zu gut, was wir _nicht_ koennen. Darum will jetzt
+Jeder Alles besser wissen.
+
+Das Neueste in dem sehr beweglichen Geiste und fieberhaften
+Lebensbezeugungsdrang des Prinzen war ein Werk ueber Buddhismus, den er fuer
+die Religion der Religionen hielt. Sie passte in den Cynismus des alten
+Diplomaten, diese Idee des Jenseits von Gut und Boese, der souveraenen
+Verachtung aller Moralsysteme. Viele zweifelten an seiner Gelehrsamkeit,
+sie war etwas zusammengewuerfelt nach der Mode des Ancien Regime. Er besass
+diese Eigenheit der Regierenden, dass er ueber Alles reden und geistreich
+reden konnte. Trotzdem wurde sein wirkliches Wissen bestritten. Er selbst
+vermied Gelehrte, sein eigentliches und Hauptpublikum blieben Damen. Nur
+der Doctor Rothe konnte es mit ihm aushalten. Dies war um so
+verwunderlicher, als der junge Mann thatsaechlich ein sehr bedeutender Kopf
+war. Seine Examina hatten das Staunen seiner Lehrer erregt. Professoren
+und Mitschueler erwarteten von Anton Rothe etwas ganz Ausserordentliches,
+den Aufgang eines neuen Sterns am Himmel der Gelehrtenwelt. Einen Stuermer
+und Draenger sahen die Andern in ihm, einen grossen Kuenstler. Er hatte alle
+ihre Erwartungen getaeuscht, war mit sechsundzwanzig Jahren als
+Privatsecretair in die Dienste des Fuersten getreten, der ihn in einer Art
+Auerbach-Keller kennen gelernt hatte, und diesem seitdem auf allen seinen
+Reisen gefolgt. Legenden von geheimen, raffinirtesten Ausschweifungen,
+denen sich Herr und Diener auf solchen Weltreisen in afrikanischen
+Lasterhoehlen, den Schmutzpfuehlen ueberseeischer Hafenstaedte hingegeben
+haetten, konnten allein diese seltsame Anziehung zwischen dem beinah
+achtzigjaehrigen Weltmann und dem zweiunddreissigjaehrigen, prachtvollen,
+genialen Menschen erklaeren. Man hatte das ungleiche Paar Faust und
+Mephisto getauft, der aeussere Eindruck entsprach der Vorstellung, neben
+dem ernsthaften, schoenen jungen Mann, schwerer germanischer Typus, das
+sardonische, zahnlose Affengesicht des Alten, der es liebte, von seinen
+literarischen Speichelleckern als Voltaire bezeichnet zu werden.
+
+Dies waren die Hauptpersoenlichkeiten, denen die Graefin den Fremden
+vorfuehren wollte. Sie hatte eigentlich eine Abneigung gegen den Doctor
+wegen seiner buergerlichen Abkunft und sonstigen Anruechigkeit. Aber die
+allgemeine Werthschaetzung, deren er sich erfreute, seine sagenhafte
+Allmaechtigkeit bei dem Fuersten zwang sie, freundlich gegen ihn zu sein.
+Ihre Sauersuesse bei solchen Gelegenheiten amuesirte dann den Alten: "Es ist
+wunderbar, wie diese Frau aus Ehrgeiz sich zu beherrschen weiss. Da sagt
+man, nur Maenner haetten eine Hundenatur. Sie schlagen uns noch auf allen
+Punkten."
+
+Der Landrath, ihr Mann, that immer, was sie wollte: "Wenn Du meinst,
+Amelie." ... Sie schrieb also ein Billetchen an den Fremden des Inhalts,
+dass eine distinguirte Reunion im Schlosse von X., Datum und Stunde, von
+seinem Geist und Wirken gehoert, den Wunsch haette, ihn zu kennen und sich
+belehren zu lassen. - Hoeflichkeit bei solchen Gelegenheiten ist immer
+angebracht. Sie kostet nicht viel und leistet dasselbe wie baares Geld.
+Uebrigens lag der Graefin wirklich an dieser Attraction fuer ihren Rout.
+Boshafte Leute waren hier wieder der Meinung, dass diese beruehmten
+graeflichen "geistigen Attractions" vieles Andre, weniger Attractive
+verbergen sollten, zum Beispiel eine entschiedene Duerftigkeit des
+Vorgesetzten, und den Umstand, dass der Champagner immer ausserordentlich
+spaet, im letzten Augenblick servirt wurde.
+
+Der Diener fand den Fremden unter einem Apfelbaum, wo er sich ruhte. Zwei
+schwarze Amseln liefen nach Wuermern pickend neben ihm im Grase. Es schien,
+als ob diese Thiere ihn fragten und er ihnen antwortete. Der Mann schwor
+nachher auf die Hexerei.
+
+"Ich werde kommen," sagte der Fremde.
+
+Die Graefin, die es nie verschmaehte, auch ihre Kammerdiener auszufragen,
+merkte sich diesen kleinen interessanten Zug. Sie hatte eine sozusagen
+symbolistische Toilette gemacht: Weiss, sehr in's Creme spielend, mit
+schwarzen Jetkettenschnueren viermal um den Hals.
+
+Der Landrath war etwas sorgenvoll: seine Stellung und quasi officielle
+Sanction ... "Das verstehst Du nicht, mein Freund," sagte sie milde, aber
+fest. - "Man wird sich erdruecken."
+
+Man erdrueckte sich.
+
+Die Graefin war allgegenwaertig. Es galt, ihren Gaesten das Ausserordentliche
+ihres Schrittes klar zu machen, diese Einladung an den Fremden, mit der
+sie ihren geistreichen Freunden einen Gefallen thun wollte, und sich
+gleichzeitig moeglichst gegen ueble Folgen schuetzen, da man es ihr nach oben
+hin falsch auslegen konnte.
+
+Gegen die Einen, die sie fuer freie Geister hielt, war sie frivol, fuer die
+Andern ernsthaft, priesterlich. Allerliebst reumuethig, bescheiden,
+entschuldigte sie sich gegen den Superintendenten, einigen alten Damen
+gegenueber. "Ich bin so eine moderne Ketzerin. Es ist doch auch, damit Sie
+selbst den Unsinn sehen ..."
+
+"Interessant" war ihr Wort. Dafuer liess sie sich einen scherzhaften
+Faecherschlag auf den Arm von der alten Baronin Rehden gefallen. Die
+Superintendentin bat sie um ihr Recept fuer schwarzen Johannisbeergelee.
+Dabei vergass sie niemals dem Prinzen zuzulaecheln: "Wie werden wir uns
+nachher ueber alle diese mokiren. Wir Beide verstehen uns, dass Alles nur
+eine Farce ist." ...
+
+"Ist sie nun nicht bewundrungswuerdig?" fragte der Prinz seinen Adjutanten.
+"Diese Frau waere bei August dem Starken die Orczelska, bei Ludwig dem
+Vierzehnten Maintenon, bei Alexander Kruedener gewesen. Fuer die Tochter der
+Herodias reicht's leider nicht. Sie haette auch da ihr Bestes gethan und
+man wuerde ihr wahrscheinlich das Haupt bewilligt haben, wenn auch aus
+andern Gruenden."
+
+Der junge Mann antwortete nicht. Er betrachtete den Fremden, der allein an
+einem Ende des Saales stand.
+
+Er stand ganz ruhig in seinem einfachen Anzug zwischen den plaudernden,
+lachenden, zischelnden Gruppen. Fortwaehrend draengten sich die Diener durch
+unter irgend einem Vorwand, um ihn anzustarren.
+
+"Eigentlich eine tolle Idee der guten Graefin," sagte die alte Baronin
+Steuben, sich Luft zufaechelnd. Sie war eine wirkliche grosse Dame und
+verachtete die kleinen Trics und Kniffe der Andern.
+
+Ein junges Maedchen erstaunte, dass er keinen Frack truege. Der Prinz
+bemuehte sich, der kleinen Frau eines Rittergutsbesitzers einzureden, dass
+es sehr moeglich sein koennte, dieser waere wirklich Christus. Die kleine
+Frau begriff nicht. Ihre Augen vergroesserten sich unmaessig. Sie stand
+buchstaeblich mit offenem Mund.
+
+In einer Gruppe junger Damen und Offiziere hatte man beschlossen, den
+geheimnissvollen Gast direct zu attaquiren. Ein kleiner, kecker Dragoner
+war ausgesandt worden als Avantgarde. Man setzte ihm zu von allen Seiten.
+Und er that auch, als ob er etwas besonders Gefaehrliches unternaehme, hegte
+noch Skrupel ueber die Anrede. "'Meister' ist ja wohl das Officielle?" ...
+
+"Ach gehen Sie!"
+
+Aller Augen folgten ihm, wie er gesucht dandyhaft quer durch den Saal
+chassirte. Die jungen Damen kicherten.
+
+"Erlauben Sie, dass ich mich vorstelle." Der junge Mann verbeugte sich,
+forcirt vorschriftsmaessig die Hacken zusammenschlagend.
+
+Der Fremde sah ihn an. "Ich moechte mir eine Frage erlauben, Herr ..." Er
+zoegerte vor dem Namen, um dem Andern zu markiren, dass er seine
+Vorstellung erwartete. "Halten Sie es fuer Ihren und dem christlichen
+Grundgedanken entsprechend, Kriegsdienste zu nehmen?"
+
+Der Fremde antwortete nicht.
+
+"Ich betrachte die Frage ganz ernsthaft. Es steht doch in der Bibel: Du
+sollst nicht toedten. Wir versprechen unsre Feinde zu lieben, Boeses mit
+Gutem zu vergelten. Christus nimmt Petrus das Schwert aus der Hand.
+Dennoch zwingt uns das Gesetz."
+
+"Welches Gesetz?" fragte der Fremde.
+
+"Nun, das buergerliche, das des Staats, dem wir angehoeren."
+
+"Du gehoerst nicht dem Staat, der Staat gehoert Dir," sagte der Fremde.
+
+"Aber das Staatsgesetz bestraft mich. Ich werde schuldig gefunden und
+verurtheilt, wenn ich mich weigre ihm zu folgen. Gehorsam gegen das Gesetz
+ist uns ebenfalls anbefohlen. Was soll ich thun?"
+
+"Was Du willst," sagte der Fremde.
+
+"Das ist es. Aber ich weiss doch nicht, was ich will." Der junge Offizier
+war in einen gewissen Eifer gerathen, er nahm sich vor, den Punkt bis zu
+Ende zu verfechten. "Wenn mein Wille gegen das steht, was ich soll?"
+
+"Du sollst wollen."
+
+"Man zwingt mich. Ich komme in's Gefaengniss. Man behandelt mich als
+Verbrecher. Was bin ich, Einer gegen so Viele?"
+
+"Viele Einzelne sind Viele."
+
+"... Die Duchoborzen. Eine Art Tolstoi. Auch Quaeker leisten ja keine
+Kriegsdienste, glaube ich? Interessant, sehr interessant!" sagte die
+Graefin.
+
+"Jedes Land hat alle seine Kraefte noethig gegen den aeusseren Feind!" sagte
+der Candidat der Theologie, der zugleich Reserveoffizier war. "Ein Land,
+das sich seine Waffen nimmt, ist wie ein Koerper ohne Widerstandskraft. Es
+entmannt eine Nation, sie ist dann nicht faehig, ihre Ehre zu vertheidigen.
+Die Ehre eines Volkes ist wie die Ehre eines Individuums."
+
+Er liebte das Wort: Ehre. Er sagte es in einem besonderen schnarrenden
+Ton. Er war auch _fuer_ das Duell und fing ein laengeres Gespraech mit dem
+Lieutenant darueber an, "zum Beispiel, wenn Einer mich mit meiner Frau
+betruegt. Dann greift schliesslich jeder Holzknecht zur Axt."
+
+"Aber der Holzknecht ist ein Moerder und kriegt seine fuenf Jahr Zuchthaus,"
+sagte der Prinz freundschaftlich. "Das ist der ganze Unterschied, mein
+braver Langenhahn."
+
+Natuerlich muessten gewisse Formalitaeten beobachtet werden; der Candidat gab
+das zu. Der Lieutenant sah nicht ein, warum schliesslich Messerstechen und
+Ohrabbeissen nicht auch gelten sollten, immer gerade mit diesem Falle des
+Ehemanns gegen die Ehebrecherin und ihren Mitschuldigen gerechnet.
+
+"Ich faende es doch einfacher fuer ihn, Beide todtzuschlagen," sagte der
+Doctor.
+
+"O, aber lieber Doctor! Das nun wieder!" ... Die Graefin flatterte
+skandalisirt.
+
+"Es waere das Logische. Entweder wir haben Faustrecht oder wir haben keins.
+Diese Mittelzustaende machen unsre heilige Civilisation so ungeniessbar."
+
+"Das ist nun doch schrecklich, Doctor, was Sie sagen!" Die Baronin
+schuettelte vorwurfsvoll den Kopf. Ihr gefiel der junge Mann, seine schoene
+Stirn.
+
+"Erlauben Sie. Es ist in Allem so. Besonders was die Frauen angeht.
+Entweder eine Frau ist ein fuer sich selbst verantwortliches Wesen, ein
+Mensch, eine Seele, oder sie ist Sache. Mein Eigenthum. Mein Stueck
+Kuhfleisch. Dann der Sack und der Bosporus."
+
+"Aber es giebt doch Mitteldinge."
+
+"Die sind dann einfach absurd. Ich schlage mich - aber ich gebe ihm
+dieselbe Chance. Ich sage, sie weiss nicht was sie thut, und lade ihr die
+volle Verantwortung auf. Wir koennen eben nie etwas reinlich durchfuehren."
+
+"Dann waeren wir Teufel."
+
+"Oder Engel. Sie haben die Wahl."
+
+"Ich glaube, _Sie_ haben schon gewaehlt!" Sie wollte damit discret auf
+Einiges hindeuten, was ueber seine Reisen zu ihren Ohren gedrungen war.
+
+"Vielleicht doch noch nicht so ganz," sagte der junge Mann kalt.
+
+"Es giebt auch noch ein Drittes."
+
+- "Sagen Sie mal, sind Sie gluecklich?"
+
+"Befehlen Sie Thee oder Kaffee, Baronin?"
+
+Jemand, ein aelteres Fraeulein, sagte, dass alle Voelker eine Familie waeren,
+Deutsche, Franzosen, Juden. Sie hatte "Die Waffen nieder!" der Baronin
+Suttner gelesen und schwaermte fuer Voelkerverbruederung.
+
+"Das ist doch eine etwas grosse Familie," sagte der Lieutenant von Detten
+zu seiner huebschen Nachbarin. "Ich goutire Juden nur allenfalls als
+Schwiegervaeter."
+
+Der Candidat fand, man duerfte nicht Antisemit sein vom Vernunftstandpunkt
+aus. Aber man waere es physisch.
+
+Der Superintendent drohte ihm mit dem Finger: "Wir sind Alle Brueder und
+unser Herr Christus kam von den Juden."
+
+Der Prinz erzaehlte eine amuesante Anekdote von einem Orientalen, einem
+befreundeten Pascha, der alle Hufthiere verabscheute, weil er selbst einen
+Klumpfuss hatte.
+
+Der Blaustrumpf unterhielt sich ueber Frauenfrage mit einem
+Gymnasialprofessor. Er hatte einen schmutzigen Hemdkragen an und kaute
+seine Naegel: "Nun gewiss, auch Frauen haben eine Seele," sagte der
+Professor zerstreut. "Das heisst - Seele! -" er lachte sardonisch. Er
+hatte Lust, auf den Fussboden zu spucken. Aber er besann sich. Man hatte
+ihn eingeladen, weil er in den Wahlvereinen wichtig war.
+
+"Man muss das schwache Gefaess in Geduld tragen," sagte der Superintendent.
+"Wir haben ja auch aus der ersten christlichen Kirche schoene Beispiele:
+Tabbea, Phoebe, die der Apostel erwaehnt. Echt evangelische
+Frauengestalten."
+
+"Darf man heirathen?" fragte ein sehr junges Maedchen. "Es steht doch in
+der Bibel, nicht heirathen ist besser?"
+
+"Dann wuerde aber die Welt aussterben?"
+
+"Und das waere sehr schade," sagte der Prinz ernsthaft. Der Superintendent
+witterte roemische Ketzereien. Er wies auf das grosse Exempel Martin
+Luther's und seinen gesegneten Ehestand. Die Superintendentin sass steif
+mit einer spitzen Nase. Sie dachte an den uebriggebliebenen Gaensebraten fuer
+morgen, ob ihr die Maegde nicht drangingen. Der Prinz machte confiscirte
+Witze und trieb den Superintendenten in die Enge mit einigen froehlichen
+Vierzeilern von Martin "Nonnenfreund". Die Lieutenants secundirten, der
+alte Herr wehrte sich tapfer. Sein Gesicht wurde schweissroth vor
+Anstrengung: "Ein echter deutscher Mann! Ein Mann nach dem Herzen Gottes!"
+
+"Ein Bismarck!"
+
+Der Candidat schwaermte fuer Bismarck. Die Gesellschaft verhielt sich etwas
+ablehnend. Fuer die Offiziere war er eigentlich ein Rebell, ein unruhiger
+Kopf, der die Consigne brach. Die Graefin brachte rasch das Thema auf etwas
+Anderes, um ihren Mann aus der Verlegenheit zu retten. Der Candidat war
+oft recht taktlos.
+
+Einige Leute wollten Fragen stellen: Werde ich eine grosse Carriere
+machen? Siegt mein Gaul beim naechsten Rennen? Wann werde ich meine
+Schulden bezahlen? Die jungen Maedchen haetten gern gewusst, ob "er" ihnen
+treu war? Wird der Bestimmte mich zum Cotillon engagiren? - Die Meisten
+hatten so eine Art Taschenspielervorstellung, Tischruecken, Kartenlegen
+oder Aehnliches erwartet und waren enttaeuscht.
+
+Der Superintendent hatte den Fremden mit Beschlag belegt. Er hatte eine
+Broschuere ueber das Glaubensbekenntnis, Harnack und die Agende
+veroeffentlicht und wollte jetzt dem Andern auf den Zahn fuehlen ueber diese
+wichtigen Punkte. Sein Grundsatz war, dass Kirche und Staat zusammengehen
+muessten in den jetzigen socialen Wirren. Vernuenftige Reform. Aber die
+feste Hand von oben. Und vor allem musste die Autoritaet gewahrt werden.
+Das Patriarchalische ist das einzig Wahre. Dabei hatte er einen Geschmack
+fuer weltliche schoene Literatur, citirte Classiker und bekannte sich zur
+Goethe'schen Schule.
+
+Der Candidat war ein Heisssporn. Er war fuer ein sociales Kaiserthum, eine
+Art Theokratie unter von oben inspirirtem Oberhaupt mit unumschraenkter
+Autoritaet. "Die Idee des Gottesgnadenthums muss wieder herrschend werden."
+Dieser Ausdruck gefiel ihm. Ihn zog das Katholische an. Er war fuer
+High-Church-Reforms. Allenfalls fuer einen deutschen Papst, groessere
+Prunkentfaltung. Er selbst mit einer edelsteinbedeckten Brust hohe
+Kirchenakte celebrirend - das haette seiner Neigung entsprochen.
+
+Wenn der Superintendent das Presbyterianische, die Selbstverwaltung der
+Gemeinden betonte, betrachtete er ihn fast als eine Art Hochverraether.
+Dieser im Gegentheil versprach sich nicht viel von den jungen Leuten. Er
+war mehr fuer die kleinen Lokalpaepstchen. Man lebte in Frieden und that
+sein Moeglichstes. Die Frau Superintendent liess bei sich naehen und war im
+Vorstand aller Wohlthaetigkeitsvereine. Alles das, diese kleinen Spiele und
+Gegenspiele, die er witterte, erheiterte den Prinzen. Er hatte die
+"Baalspfaffen" speciell auf dem Korn und liebte es, an ihren Baeffchen sein
+Muethchen zu kuehlen. Er erzaehlte die bekannte Anekdote von Friedrich dem
+Grossen: "Der Pfaff soll sein Maul halten, mein Reich ist nicht von dieser
+Welt," mit der die Kinder der Welt die Pfarrer anoeden. Der Doctor
+secundirte ihm eifrig, ebenfalls einige von den Lieutenants. Alle waren
+fuer apostolische Einfachheit, den Stab und einen Rock: er hatte nicht, da
+er sein Haupt niederlegen sollte.
+
+"Aber erlauben Sie! Erlauben Sie!" Der Superintendent hielt seine
+halbgeleerte Kaffeetasse in der Hand, in der er den dicken, braeunlichen
+Zuckerseim hin- und herschob. Er nahm gern ein bischen viel Zucker; bei
+andern Leuten kostete es nichts. "Unser Herr hat durchaus nicht gewollt,
+dass die Glaeubigen sich kasteien. Das ist eine ganz irrige Auffassung,
+katholische Ketzerei: hat er doch selbst auf der Hochzeit zu Kana das
+Wasser in Wein gewandelt, durch seine gesegnete Gegenwart den heiligen
+Ehestand ausgezeichnet."
+
+"Er hat doch aber selbst nicht geheirathet, Maria oder Magdalena?" Dies
+war ein vorlauter Lieutenant.
+
+"Diese Ausnahme lag doch wohl in seinem heiligen Amt. Und wir muessen nicht
+vergessen, dass er in verhaeltnissmaessig jungen Jahren -"
+
+"Sie meinen, er ist nicht alt genug geworden dazu," sagte der Prinz. "Das
+ist auch eine Auffassung."
+
+Diese Bemerkung erregte allgemeinen Jubel.
+
+"Das ist profan! Das ist profan! ... Wirklich, meine Herren! ... Sie
+muessen selbst einsehen ..."
+
+Der Prinz klopfte ihm auf die Schulter. Er mochte begreifen, dass sein
+Scherz etwas zu weit gegangen war: "Darum keine Feindschaft nicht. Ich
+weiss ja, wir brauchen das fuer die Dummen."
+
+Der Candidat aergerte sich. Die Kirche musste eine ganz andre Gewalt wieder
+haben. Und es waere in der That gut gewesen fuer die Stellung des Priesters
+- er sagte immer "Priester", er fand, dass das nach mehr klang - wenn das
+Coelibat innegehalten wuerde. Wenigstens fuer die hoeheren und hoechsten
+Kirchenaemter. Vieles in der roemischen Kirche war sehr beherzigenswerth.
+
+Der Landrath verstand ihn. Er war auch dieser Meinung, uebrigens war sie
+jetzt die tonangebende. "Die militairische Organisation muss durchgefuehrt
+werden, mehr Disciplin! Diese Disciplin ist Alles."
+
+Ein Umschlag in der Meinungsaeusserung war eingetreten.
+
+"Ich hatte einen famosen Pastor, bei dem ich im Quartier lag," versicherte
+ein Lieutenant. "Wirklich ein famoser Kerl!"
+
+"Ach, und die schoene Kirchenmusik!"
+
+"Und Weihnachten!" sagte eine andre junge Dame. "Es ist so tief und
+bedeutungsvoll."
+
+"Ich faende es doch schrecklich zum Beispiel, sich nicht in der Kirche
+trauen zu lassen," sagte der Doctor.
+
+"O, pfui!" machten Alle. Sie wussten nicht recht, ob er es im Ernst
+meinte. Der Doctor war ein schrecklicher Mensch, sehr interessant. Sie
+waren Alle fest entschlossen, ihn nie zu heirathen, wenn er um Eine von
+ihnen anhielte; aber er hielt nie an.
+
+Ein junges Maedchen war sehr traurig. Sie fuehlte dunkel, dass dieser Mensch
+etwas Extraes war, klueger und staerker als die Andern. Warum lachte er
+hoehnisch und sagte scharfe Worte, die weh thaten? - Ein alter Herr war da,
+der an Gesichtszucken litt, seine Haende sonderbar und krampfig bewegte.
+Sie sah, dass Einige dies beobachteten, darueber lachten. - Sie fuehlte sich
+abgestossen, elend. Dieses junge Maedchen war sehr jung noch, ein halbes
+Kind fast. Niemand bekuemmerte sich um sie.
+
+Der Fuerst unterhielt sich mit dem Fremden. Die Graefin Thornhill fand ihn
+sehr interessant. Sie behauptete, sie saehe deutlich einen breiten, blauen
+Schein um seine Stirn. Sie nannte das das Fluidum. Das Fluidum, das von
+dem Fremden ausging, war erstaunlich. Die Graefin Thornhill galt fuer eine
+Heilige. Es kamen sehr einflussreiche Leute zu ihren spiritistischen
+Reunions; so geschahen wirklich manchmal Wunder da.
+
+Der Assessor von Brincken bestritt sehr ernsthaft, dass er keineswegs
+nicht an Wunder glaubte. "Ich war frueher wie Sie. Aber seit ich Frau
+Graefin kenne ..." Sie hatte ihn bekehrt. "Es giebt eben doch mehr Dinge
+zwischen Himmel und Erde, als unsre Schulweisheit sich traeumen laesst." Der
+Assessor war sehr zugeknoepft ueber diese Dinge. Er war eben ein
+Eingeweihter. Den Doctor schnitt er: "Ein gefaehrlicher Charakter! Ich
+wuerde mich nicht wundern, den Burschen eines Tages auf den Barrikaden zu
+sehen." Auch der Fuerst war ihm unsympathisch: "Er ist frivol, er schadet."
+Der Assessor war fuer's Correcte, sein Vater war erst geadelt worden; da
+ist es der sicherste und geradeste Weg.
+
+Der Doctor beobachtete seinen Patron und den Fremden. Er sah das breite
+Faungrinsen des Alten. Er kannte diese kuehle Manier, mit der er die
+teuflischsten Dinge sagte, dies freche Augurenzwinkern des Eingeweihten,
+das dem Andern gleichsam die Replik ueber dem Kopf wegnahm: Wir Beide
+wollen uns doch nichts vormachen. Du denkst darin ebenso wie ich. Die
+Andern sind Dummkoepfe. - Er hielt sich noch ganz gerade, zu gerade. Der
+weisse Schnurrbart stand steif aufgewichst. Die Backen waren roth
+geschminkt, die Augen glaenzten, um die Brauen sorgfaeltig geschwaerzt. Auf
+der schwarzseidigen Frackflaeche bildete der grosse Stern mit dem
+Ordensband einen markanten Fleck. Seine Hand trug kostbare Ringe. Er war
+stolz auf diese lange, magre, aristokratische Hand, gebrauchte sie, um
+seine Bartspitzen zu liebkosen. Es war eine Lieblingsredensart von ihm:
+"Profile giebt's wohl noch allenfalls, aber Haende! Haende! - Wir sind Alle
+Ouvriers geworden." Tadellos zog sich die Scheitelspur. Er war der Koenig
+des Kreises; er dominirte.
+
+Anton Rothe allein und sein vertrauter Kammerdiener wussten, was das Alles
+kostete, dies Geruest, das noch immer zusammenhielt, zu neuen Blendungen,
+neuen Ausschweifungen. Er und nur er kannte die erstaunliche Lebens- und
+Genusskraft des Skeletts, die standhielt, in einer kalten Douche sich neu
+schmiedete, wenn er selbst, der Junge, erschoepft war, rasend, zum
+Selbstmord angeekelt.
+
+Er dachte an eine junge Dame. Sie war arm gewesen und stolz. Ein
+herrliches Weib! Mit solcher geht man in unbebaute Colonien und hat Kinder
+und stirbt vor dem Feind fuer seinen Herd. Er hatte fuer ihn geboten auf
+sie. Der Kampf reizte ihn. Er bot hoeher und hoeher. Weil sie arm war und
+Hungers starb, hatte sie angenommen. Nur darum. Er wusste es. - Sie sagte
+nur ein Wort: Schurke! Er hatte gelaechelt.
+
+Warum fiel ihm das jetzt ein?
+
+Ein Hass kam ueber ihn, ein gluehender, fressender Moerderhass gegen dies
+miserable Kunststueck der Hypercivilisation, diesen Fetzen von Haut und
+ausgedoerrten Knochen, den er schuetteln konnte, der ihn hielt wie eine
+Viper unter seinem kalten, grausamen Willen, seine Intelligenz zerbrach
+wie morschen Baumbast unter der polirten Stahlschneide seiner frechen
+Philosophie der Verneinung.
+
+Ploetzlich sah er den Alten blass werden. Seine Farbe wechselte sich in
+Leichenfarbe. Er war ein grinsender Todtenschaedel. Unter dem weissen,
+gestaerkten Vorhemd schien die Brust einzuschrumpfen. Es war hohl dahinter.
+Er lehnte sich gegen die Portiere.
+
+Anton Rothe war im Nu an seiner Seite.
+
+"Es ist nichts. Eine kleine Uebelkeit. Der verdammte Buechsenhummer ..." Er
+war wieder ganz hoeflicher Weltmann, als die Graefin, nun auch besorgt,
+herbeieilte. Gleichzeitig wurden die Klaenge der Polonaise laut, die den
+Ball eroeffnen sollte: "Wir werden noch manche Polonaise zusammen fuehren."
+
+Der kalte Schweiss stand auf seiner Stirn. Er zitterte, laechelte mit
+blaeulichen, lallenden Lippen.
+
+Anton Rothe hob ihn wie ein Kind in den Wagen. Er selbst sprang auf den
+Bock. Niemand achtete auf den Andern in einem allgemeinen Hin- und
+Hergelaufe, waehrend drinnen zur Tanzmusik die geschmueckten Paare sich
+ordneten. Es wetterleuchtete. Lichter leckten auf in blaeulichen, breiten
+Zungen, duckten sich wieder, huschten auf einer andern Seite spielerisch
+entlang. - Sie fuhren die schwarzen Trakehner, das beruehmteste Viergespann
+der Gegend, auf das koenigliche und kaiserliche Marstaelle fabelhafte Summen
+geboten hatten. Der Fuerst liebte sein Leben, aber er hielt auf Rasse.
+
+Die Graefin stand am Schlage mit ihrem Gattenadjutanten. Der Greis, jetzt
+wohl eingehuellt in seine Zobelpelze, bueckte sich noch hinaus: "O nichts,
+nichts, schoene Frau - meine kluge Freundin. Der Fremde - der Fremde ...
+Cocasse! Ein sonderbarer Kunde, Ihr Fremder ..."
+
+Anton Rothe hob die Peitsche und zog die Pferde an. Sie waren unruhig und
+warfen die Koepfe, als ob sie das Gewitter roechen. Es lag Phosphorgeschmack
+in der Luft. Man oeffnete das grosse Hofthor. Einen Moment stand der ganze
+Horizont in Flammen, ehe es sich wieder hinter ihnen schloss. Sie waren
+ganz schwarz wie auf Feuer gezeichnet, eine schwarze Kutsche mit schwarzen
+Pferden und einem kohlschwarzen Kutscher auf dem Bock. ...
+
+Er wusste, er fuhr einen Sterbenden.
+
+Der Fremde war verschwunden.
+
+Am dunklen Fenster der verlassnen Garderobe stand das kleine Maedchen. Sie
+mochte nicht tanzen. Sie weinte. Sie fuehlte sich sehr traurig. ...
+
+
+
+
+
+ DAS SIEBENTE KAPITEL.
+
+
+Durch die Gewitternacht fuhr der junge Mann den Sterbenden.
+
+Es gab einen kuerzeren Weg ueber die Berge durch eine seichte Furth im
+Flusse. Schmuggler benutzten ihn fuer lichtscheuen Handel. Man vermied ihn
+am Tage. Ihn bei Nacht zu fahren, war Wahnsinn.
+
+Das Gewitter naeherte sich. Es war ein Sausen in der Luft, das die Baeume
+zur Erde bog. Kiefern und magere Birken, die an den Abhaengen wuchsen im
+bestaendigen Kampf um ihr Dasein. Der Wind fing sich in den gewundenen
+Schluchten der Thaeler. Da heulte und rasselte er wie ein eingeschlossener
+Wolf. Und unten der Fluss, von einer mysterioesen Anziehungskraft
+aufgetrieben, begann zu bruellen, kurze Wellen aufzuwerfen mit schnellen
+Kruppen, die zu den Steinen hinueberleckten. Bewegungslos, weiss lagen noch
+die schimmernden Raender. Runde Backen von Kieseln gleissten. Aber die
+Schilfe rauschten und raunten. Waehrend von weiter, ueber dem Gebirge
+unheilschwangere Laute eines brauenden, ueberkochenden Hexenkessels kamen,
+jagende, schwarze Wolkenfetzen mit der peitschenden Bewegung der Baeume
+eine fratzenhafte Mischung von Licht und Schatten verursachten. Alles in
+Galoppade, die Kutsche einhuellend, die wie ein Gespann der Hoelle
+dahinsauste. Inwendig den Sterbenden. Ueber den Haelsen der Pferde, halb
+haengend in der Luft, den Mann, der die Pferde antrieb, dass die Steine
+knatterten, Funken aufspruehten.
+
+Nun fuhr der erste Blitz herunter. Der Eclaireur, senkrecht, elegant, halb
+spielerisch, ein Fechterhieb im beginnenden Duell der Elemente. Die Pferde
+baeumten sich. Er riss sie zurueck. Sie rasten vorwaerts wie der Teufel.
+
+Drinnen hoerte er den Sterbenden roecheln. Er schrie. Er flehte. Das Gehoer
+des Fahrenden, unnatuerlich angespannt, vernahm jeden Laut. Er fuehlte die
+schweissfeuchten, huschenden Finger, die sich anklammern wollten, das
+Fenster niederzulassen versuchten. Der huelflose Koerper verweigerte die
+Anstrengung. - "Huelfe! Huelfe!" keuchte der drinnen.
+
+Er lachte laut auf. Er klopfte mit dem Peitschenstock an das Fenster und
+schrie: "Hoho!" Er sah den drinnen sich verzerren in Todesangst, die
+kuenstlichen Zaehne heruntergefallen, die Augen vorgequollen, in weissgruenem
+Schweiss.
+
+Er jauchzte wilder. Der Ton brachte die Pferde ausser sich. Sie flogen vor
+ihm her wie Raben im Dampf.
+
+Es fiel ihm ein, wie er ein Hirtenjunge gewesen war, den Berg
+hinuntersprang, mit dem schaeumenden Sturzbach um die Wette. Manchmal kamen
+Steine. Der Bach sprang klaftertief mit spruehendem Gischt, der Junge
+sprang noch ueber Bach und Stein hinweg. Seine nackten Sohlen tanzten in
+dem gruenen, eiskalten Wasser, das nach ihm aufleckte, nach den weissen,
+zappelnden Fuessen. Er wusste, dass sie Feinde waren, er und der Bach.
+Trotzdem konnte er ihn nicht kriegen; trotzdem liebte er ihn.
+
+Er liebte den Bergwind, der die Baeume zerbrach, um seine Schutzhuette
+tobte, diesen grossen Ton der Wuth, der Unterwelt, Gewaltigerer gegen die
+dumme Ordnung, die banale Heiterkeit der Sonne. Von sehr hoch sah er
+winzige abgetheilte Felder. Haeuser wie Schneckenhaeuser angeklebt,
+aengstlich. Sie hatten Muehlraeder eingesetzt, um das Wasser zu nuetzen und
+bepackte Postwagen keuchten schwerfaellig die Strassen hinauf. Manchmal
+kamen Staedter mit duennen Beinen, wischten sich den Schweiss ab und
+laechelten hoeflich. Er stand vor ihnen wie ein kleiner Wildling. Er
+verachtete sie.
+
+Wie er sie verachtete! Sie vermeinten, dass der Berggeist sie foppte, wenn
+er schallend hinter ihnen her lachte, weil sie sich verliefen und
+aengstlich suchten. Haessliche alte Weiber traten ihnen entgegen aus
+Versenkungen, die sie nie gesehen hatten, murmelten ihnen Verwuenschungen
+nach, die sie nicht verstanden, fuer Segenswuensche hielten als Entgelt
+ihrer blanken Nickelstuecke.
+
+Ab und zu stuerzte auch mal Einer wirklich ab, mit der Brille, dem
+Photographierkasten. Das war dann ein grosses Unglueck. Herren vom Gericht
+kamen, Leidtragende, wichtig thuend. Sie trugen gar nicht wirklich Leid.
+Sie freuten sich heimlich. Er goennte es ihnen. Was kamen sie herauf mit
+ihren duennen Beinen, ihren Glatzen und Glaesern, ihrem Geld.
+
+Freilich ihr Geld! Er wusste bald, was es werth war, dass er ein Lump war
+mit seinen Faeusten, seinem prachtvollen Krauskopf und weissen starken
+Zaehnen, wenn er es nicht hatte. Dafuer gab man ihm Hutfedern, blanke
+Stiefel, die gleissten in der Sonne. Sonst musste er hungern. Anton Rothe
+wollte Geld.
+
+In der Schule verschlang er seine Buecher. Er zeigte einen Heisshunger nach
+Wissen, der die Lehrer erstaunte, unbedeutende eingesumpfte Dorfmenschen,
+die sie waren. Das peinigte ihn. Er brachte seine Naechte zu, schwierige
+Aufgaben sich auszudenken und zu loesen, mehr zu erfahren, mehr - mehr! Mit
+einer wahren Wuth riss er jetzt an den Thoren der Erkenntniss, der vorher
+in scheue Wildheit sich eingeschlossen hatte.
+
+Und er hatte Glueck.
+
+Der Patron des Gutes nahm sich seiner an, ein wohlthaetiger und gelehrter
+Mann, sehr reich. Er liess ihn studiren. Vielleicht wollte er sich einen
+brauchbaren Praeceptor seiner Soehne erziehen. Es ist immer angenehm, einen
+Clienten zu haben, Wohlthun ist ein Vergnuegen fuer reiche Leute.
+
+Die Freude an seiner Wohlthat war kurz. Der Junge entlief zwischen die
+rotheste Rotte. Er hielt zuendende Reden, schrieb Zeitungsartikel, die die
+Presse in Bewegung setzten. Er wurde selbst Arbeiter. Seine Faeuste zwangen
+das Eisen wie sein Geist den Stoff - ein interessanter junger Mann, dem
+man eine Zukunft prophezeite!
+
+Er verliebte sich. Irgend eine gleichgueltige, hellblonde Tochter seines
+Patrons. Sie liess ihn laechelnd sich gluehend erklaeren und heirathete
+kaltbluetig und vernuenftig ihren Dragonerlieutenant. - Nun fing er an wie
+ein grosser Herr zu leben, machte wahnsinnige Schulden. Alles musste ihm
+den einen Zweck, Geld zu machen, dienen, seine Feder, seine Talente,
+skrupelloseste Boersenmachinationen. Summen glitten zwischen seinen
+Fingern. Auf Reisen im Orient machte er die Bekanntschaft des Prinzen.
+Seitdem waren die Beiden unzertrennliche Begleiter.
+
+Bergabwaerts raste das Gespann. Er hatte die Peitsche fortgeworfen, die
+Zuegel losgelassen. Er kutschirte mit gekreuzten Armen wie im Circus. Er
+haette wie eine Katze den Pferden auf den Ruecken springen moegen, mit seinem
+Athem an ihren Ohren, wie Cowboys, Uncultivirte reiten.
+
+Hinter ihm zerbrach splitternd das Fensterglas: "Huelfe! Huelfe!" klang es
+gellend, kreischend, nicht mehr menschlich.
+
+Er schlug ein teuflisches Gelaechter auf. Sie rasten weiter.
+
+Wie Rabenfittiche sausten die Rappen durch die Luft. Die Luft litt unter
+dem Ansturm und pfiff schmerzhaft. In Peitschenhieben traf sie die Flanken
+der Wuethenden. Ihre Nuestern schnoben Feuer. Von ihren Hufen spruehte der
+Stein in knisternden Funken. Das Heulen der Winde wurde graesslicher. Sie
+fingen sich, drehten sich, verschlangen einander in kreisenden Strudeln.
+Regenhuschen stoben auf. Irgendwo musste es schon giessen in Stroemen. Es
+schlug prasselnd gegen das Fenster. Die krampfende Hand im Rahmen
+verschwand. - Dadrinnen war die Suendfluth.
+
+Irgend etwas war zerbrochen. Ein Hinterrad. Die Pferde rasten weiter mit
+dem geschleiften Kasten, der knackte in allen seinen Fugen, aufsprang,
+fiel, kratzte, quietschte, mit dem dumpfen Geraeusch von Schlittenkufen auf
+dem Trocknen.
+
+Dadrinne war ein Skelett, ein nicht mehr menschliches Ding, getoedtet von
+Furcht, und doch lebend, das agonisirte. Es dachte an diese schreckliche
+Angst und Huelflosigkeit, dass er ihn hielt in seiner starken Hand, stark
+wie die Lawine!
+
+Vor ihnen knatterte der Fluss. Der Regen prasselte. Er schlug hernieder
+wie in Ruthenbuendeln. Haarscharf wendend, zeigten sich im Blitzlicht
+zerrissne Spruenge, schweflig gaehnend, dass die Pferde zur Seite
+schnellten, grausend.
+
+"Auf! Auf, alter Satan! Wir fahren zur Hoelle!"
+
+Singend pfiffen die Riemen. Die Pferde mit blutenden Flanken,
+schaumbedeckt, keuchten wie apokalyptische Spukdinge. Lucifer, der
+gefallne Engel, lenkte sie selbst im hoehnenden Rausch seiner Kraft und
+seines Stolzes. Es war unmoeglich, dass sie so ankamen, der Wagen musste
+sich ueberschlagen, zerschellen.
+
+Die tolle Eile steigerte sich. Sie verbrannten den Boden, dass die Geleise
+rauchten, die Raeder sich hitzten zu dunkler Rostgluth. Hinter ihnen
+losgelassen folgte das ganze Gewitter, Frauen mit feuchten Haaren,
+Ruebezahl der Berggeist mit dem Barte, das ganze Heer der Wilden,
+Eingebannten.
+
+"Ich kenne Euch! Ich kenne Euch! Willkommen, Gesindel!"
+
+Drinnen war es still. Er hoerte nichts mehr. Der Wagen schlug auf wie ein
+klappender Kasten, nur noch Holz, etwas Lebloses, etwas Unfoermiges, das
+die Pferde erschreckte, hinter ihnen hing, nach dem man sich nicht umsah,
+immer zwischen ihren Beinen verwickelt, sie stiess zu rasenderem Lauf.
+
+Und nun, ganz deutlich, vernahm man die Stimme des Flusses, zwischen allen
+diesen Baechen, Waessern, die neben ihnen gossen, vom Walde und Wolkenbruch
+angeschwollen. Er roehrte wie ein Hirsch in Wollust. Er war allmaechtig.
+Baeume, mit der Wurzel ausgerissen, fuhren und drehten sich blitzgeschwind.
+Die Steine seiner Tiefe kollerten polternd uebereinander. "Ihr denkt, ich
+drehe Euch Eure Muehlen, schaffe Euer Licht, trage Eure Bruecken - Euer
+Diener, Euer gehorsamer! Euer Speichellecker! Ich hasse Euch! Ich hasse
+Euch!"
+
+Er fuehlte sich stolz, alle Demuethigung dieser vielen Jahre fortgeschwemmt,
+zerbrochen der Zaum, den er im Munde getragen. Buecken, heucheln und luegen!
+- Sie hatten ihn gehalten. Er hielt sie. Er war stark.
+
+Da war der rothe, glorreiche Tod dahinter, ueber ihm und in ihm, Satan mit
+prachtvollem Lachen, aufgereckt der Titan. Er war der Starke. Nichts!
+Nichts gegen ihn!
+
+Er schnalzte mit der Zunge, schwang die Arme fuchtelnd in der Luft, Laute
+suedlicher, infernalischer Idiome, die den Blutdurst rufen, Taenzer zu den
+tollsten Gliederverrenkungen aufstacheln und die Frauen willenlos machen
+unter dem Gluthhauch der Brunst. Alles das hatte er gesehen und genossen
+im delirirenden Suchen nach Genuss, unter der platzenden Sonne des
+Mittags.
+
+Todt! Todt! Todt! Elendes Aas, von dem sich die Hunde abwenden mit Grauen,
+sein leeres Hirn zerschellt an den Steinwaenden. Nichts drin, das Grinsen
+selbst des Todtenschaedels zerstoert im groesseren Grausen, dieser
+zersplitterten Knochen, zerschundnen Haeute unter dem Orden, dem Frack.
+
+"Geht! Geht, meine Engel! Fliegt, meine Feuerrosse! Springt an, meine
+Wildlinge!"
+
+Senkrecht weiter ging es in toller Flucht. Ein Rudel Wild hatte sich da
+zusammengedraengt im Hohlweg, Schutz suchend in scheuem Schrecken. Mitten
+unter sie sprangen die tollgewordenen Rappen. Ein Gekreisch der Stummen,
+die nie sprechen, fuhr auf, Blutgeruch, warme Spritzer ... Die Klage
+erstarb im Tannenwald.
+
+Und jetzt setzte der Donner ein. Ein Trommelrollen wie von tausend
+Tambouren. Der Wirbel ging ueber den ganzen Himmel hin, zornig und
+rufend ... und verhallte.
+
+Er war jetzt ganz frei. Er fuehrte die wilden Rosse seines Lebenswagens
+gegen den Abgrund. Eine jauchzende Kraft kam ueber ihn.
+
+"Wir koennen nicht leben wie wir wollen. Aber wir koennen sterben und den
+Tod verachten, denn wir wissen, dass er kein Tod ist. Nur ein leeres
+Schreckgespenst, ein laecherlicher Schwindel gar nicht existirender
+Gewalten. Taschenspielerkunststueck Derer, die sich schwach fuehlen!"
+
+Der Donner, ein zweites Mal, gab Antwort, ein Tiger mit ungeheurem
+haengenden Bauch, der ueber weite Flaechen springt; im Sprunge bruellt er ...
+
+... "Der Schwarze Bock in Purpurfinsterniss erscheint" ...
+
+Hoellengeschichten fielen ihm ein. In Pariser Schlammpfuehlen, affreuse
+Weiber, schwarze Messen, wo man mit dem Blut der Wollust die Todten
+beschwor, Hueftenverrenkungen in Bauchtaenzen geschlechtsloser
+Vorstadtbajaderen, Augen, die ueber der Verwesung schwammen wie fischige
+Perlen in perlmutternem Glanze.... Diese ganze Civilisation, impotent und
+pervers, in den letzten Zuegen roechelnd, mit Haschisch und Qualen sich
+aufpeitschend zu neuen Sensationen, ein zweites, neues, junges,
+greisenhaft altes Rom, wo die Messalinen ordinaire Cocotten sind, die
+Neros und Heliogabals, Boulevardbummler, verwoehnte Muttersoehnchen,
+Sproesslinge juedischer Banquiers und christlicher Prostituirter. Wie
+gemein! Wie gemein!
+
+Ein Gelaechter schuettelte ihn wie im Krampf. Der Hut war ihm vom Kopf
+geschlagen. Er riss sich den Rock auf. Er draengte sich nackt, hoch, dem
+Tod und dem Nachtwind entgegen.
+
+Ein Schrei gellte auf von irgendwo. Vielleicht ein Wandrer? Der
+Chausseewaerter? Die wilde Jagd stob vorueber.
+
+Er fuehlte die feuchten wehenden Haare der Hexen hinter sich, ein lascives
+Gelaechter nackter Trollen und Faune. Sie ritten mit entsetzlichen,
+unbeschreibbaren Gesten. Die Jungen waren huebsch mit traurigen Augen. Die
+Aeltern waren noch schrecklicher, schwarz, Aeser geworden in der
+lebendigen Verwesung ihres Lasters.
+
+Er wusste nicht mehr, was er hinter sich herzog. Einen Cadaver. Ein Aas in
+Fetzen. Einen Lumpen ...
+
+Er hoerte nur noch das Bruellen des Wassers, fuehlte die Feuchtigkeit. Steine
+rollten mit ihm bergab. Sie huepften, kugelten, kollerten, surrten. Hohhi
+hoh! Er hetzte die Rappen zum Todessprung.
+
+Ploetzlich standen sie kerzengerade. Der ganze Himmel flammte im Feuer. Er
+schien zusammenzukrachen von allen Seiten, zu bersten, zu schuettern, zu
+schwingen ...
+
+Wie ein eiserner Vorhang, ganz von Eisen, schwarz, und schwer vom Gewicht
+aller Himmelsgewoelbe klappte der Donnerschlag.
+
+Dann nichts mehr. Dunkelheit.
+
+Eine Hand hielt seine Hand gefasst. Er versuchte die andre gegen seine
+Stirn zu fuehren. Sie war warm vom Blut. "Wohin fuehrst Du mich?"
+
+"Wohin Du nicht gewollt hast - _Paulus_!"
+
+
+
+
+
+ DAS ACHTE KAPITEL.
+
+
+Der Superintendent war doch in einer gewissen Erregung. Der "geniale"
+Streich der Graefin hatte ihn etwas verletzt, trotzdem sie es seitdem
+wieder gut zu machen versuchte, die Frau Superintendentin in ihrem eignen
+Wagen mitnahm.
+
+Man sprach viel von dem Fremden. Die Baronin hatte ueberall von dem
+Odschein erzaehlt. Man brachte das Neuaufbluehen des Socialismus mit ihm in
+Verbindung. Zeitungen, die der Kirche uebelwollten, erzaehlten kleine
+Anekdoten. Ein wissenschaftlicher Aufsatz behandelte die Frage ganz
+ernsthaft, er war von einem modernen Schriftsteller verfasst, der sich bis
+dahin hauptsaechlich mit Ehebruchsdramen und Erotik beschaeftigt hatte, nun
+alles Heil im Mysticismus sah. Unter den schoenen Seelen der Stadt bestand
+eine gewisse Erregung. Ein junger Huelfsprediger wurde sehr populaer. "Er
+ist so tief," sagten diese Damen. Ungluecklicher Weise bildeten diese Damen
+eine Macht. Es wurmte den alten Herrn, dass sie ihn fuer "nuechtern und
+protestantisch" hielten. Niemand sieht seine Kirche gern leer.
+
+Er hatte natuerlich zunaechst an eine Denunciation nach oben gedacht, das
+war wohl seine Pflicht eigentlich. Aber ein zweischneidiges Mittel. Man
+konnte finden, dass er eine Schwindelaffaire zu sehr aufbauschte.
+Andrerseits hielt man es wohl gar fuer Eifersucht, die Pfaffen kriegten es
+mit der Angst. Ein jovialer Reitergeneral, Durchlaucht, hatte ihn schon
+gefragt: "Was wuerden Sie jetzt mit dem neuen Christus machen? Da koennen
+Sie einpacken, Pasterchen!" Er durfte sich solche Jovialitaeten erlauben.
+Dafuer wurde der Superintendent immer eingeladen. Er war Burgpfaffe bei den
+Herren Offizieren.
+
+Dann die katholische Concurrenz - die ruehrte sich nicht. Man wusste ja, da
+war Alles Mysterium. Es gab geheime Winke von oben. Vielleicht war ihnen
+die Geschichte nicht unangenehm. Sie hatten ja zum Schluss immer den
+Vortheil, weil sie abwarten und schweigen durften. Schweigen und abwarten
+duerfen war eine grosse Sache. Das ist der Vortheil der alten historischen
+Gewalten; man, als Parvenue, musste auf dem Posten sein, Schritt halten,
+die Vereinigung mit der Wissenschaft nicht fallen lassen.
+
+Die Wissenschaft hatte dem geistlichen Herrn schon manche schwere Stunde
+bereitet. Es war eine Universitaet in der Stadt, dadurch bestaendige
+Kabbeleien. Die Herren passten Einem auf die Finger. Von Hoelle und
+persoenlichem Teufel durfte man schon gar nicht reden; obgleich diese Dinge
+fuer die Plebs noch immer zogen. Dann waren die schoenen Seelen, die Einen
+nuechtern fanden, zur Weihnachts- und Ostermesse in den Dom liefen oder mit
+mystisch angehauchten Huelfsgeistlichen Conventikel abhielten.
+
+Der Superintendent war ein geplagter Mann.
+
+Uebrigens grollte die Superintendentin. Sie fand, dass er als _Mann_ dem
+Unfug mit einem Schlag ein Ende machen musste. Die Superintendentin
+appellirte oft an den Mann. Sie selbst war ein Charakter. Dann hatte man
+die Sanitaetsraethin ueber sie placirt; so gut wie die Sanitaetsraethin war sie
+allemal. Der Sanitaetsrath war ein Cyniker. Das Interessanteste an Tolstoi
+waere seine Diaet, sagte er. Er erlaubte sich dann sogar Anspielungen auf
+die gar nicht Tolstoi'sche Diaet in der Superintendentur. - Man hatte etwas
+auszustehen als Mann Gottes in diesem unglaeubigen Jahrhundert.
+
+Und oft dachte der Superintendent mit Seufzen an die Zeiten, als noch ein
+kirchlicher Fingerzeig genuegt hatte, um Unbefugte auf den Scheiterhaufen
+zu schicken, Calvin ueber dem froehlichen Genf seine Ruthe schwang.
+
+Der saubereingebundne Band seiner Predigten 1897-1900 troestete ihn dann.
+Ein Geschenk der Frau Superintendentin. Sie hatte sie selbst
+nachgeschrieben. - So hatte doch auch der Fortschritt, selbst die
+Buchdruckerkunst, diese Teufelserfindung, sein Gutes.
+
+Der Superintendent hatte den Fremden zu einer Besprechung zu sich
+eingeladen. Die Einladung war in ganz hoeflichen Worten erfolgt. Erstens,
+die christliche Milde auch gegen den irrenden Bruder, dann existirte ja
+auch eine geistliche Gerichtsbarkeit, die vorfordern konnte, nicht mehr.
+
+Er erklaerte sich die Sache so: Ein ungebildeter Mann, ein Handwerker - der
+Superintendent betonte das "ungebildet" -, von Mysticismus, sitzender
+Lebensweise angekraenkelt, hatte sich in diese Dinge vertieft.
+Voraussichtlich wuerde er ihm lange confuse Reden halten, von einer
+Mission, Erscheinungen. Man kannte das, und seine Wirkung auf das
+ungebildete Volk. Gerade weil ihnen das Alltaegliche nicht gut genug war,
+sie das Ruhige und Vernuenftige nicht thun wollten, liefen sie nach dem
+Wunderbaren. Der Hirte kannte seine Heerde.
+
+Man wuerde mit diesem Manne vernuenftig sprechen, seine Absurditaeten
+nachweisen, selbst wenn man ihn nicht ueberzeugte. Heilsarmee,
+tausendjaehrige Reichsgeschichten waren ja Mode jetzt. Dieser Hang hatte
+ihm schon viel Sorge gemacht. Er witterte die alte Hure von Rom, das
+babylonische Weib, das von Neuem seine Netze auswarf. Und man musste so
+vorsichtig sein wegen der Behoerden, durfte das Unkraut nicht ausjaeten.
+
+Der Superintendent hatte sich zu dieser Besprechung noch einen Confrater
+eingeladen, der Consistorialrath war, Professor an der theologischen
+Fakultaet, Kirchenhistoriker. Man war so zu Zweien, staerkte sich vorher
+weidlich an gutem Tabak und bessrem Wein und konnte die moeglichen
+Ergebnisse gleich eroertern, waehrend die Frau Superintendentin mit der
+Consistorialraethin Kaffee trank. Dabei hatte man dann auch allerlei
+interessante Faelle und Ketzereien zu eroertern.
+
+Der Superintendent war dafuer, den Fremden nicht gleich vor den Kopf zu
+stossen, ihn im Gegentheil leutselig, als gewissermaassen zum Fach
+gehoerig, zu behandeln.
+
+"Es ist ja auch moeglich, dass ein Laie durch Nachdenken, besondre Gnade,
+ungewoehnliche Einsicht in goettliche Dinge erlangt und Beherzigenswerthes
+von sich giebt. Der Fall waere denkbar. Ich kannte einen Schuster, der ueber
+die Gnadenwege und Melchisedek, den Koenig von Salem, stritt wie der
+gewiegteste Theologe."
+
+Der Confrater schuettelte laechelnd den Kopf: "Wir haben das Beispiel der
+Wiedertaeufer, der Methodisten in England. Die theologisch geschulte
+Intelligenz fehlt, das Regulaere, Feste, darum Lebensfaehige."
+
+"Aber es waren doch in den Irrthuemern dieser Leute - allerdings gleich
+Koernern in der Spreu verborgen - auch einige unbestreitbare evangelische
+Wahrheiten enthalten."
+
+"Das ist eine gefaehrliche Ansicht. Jesuitisch - so gewissermaassen: der
+Zweck heiligt das Mittel, lieber Bruder."
+
+Dieser Herr war bekannt dafuer, dass er die feinste Nase in Deutschland
+hatte, um die Jesuiten zu riechen. Das war sein rother Lappen, auf den er
+ueberall losging, ihn ueberall herausfand, wie der Spuerhund die Faehrte. "Hat
+uns nicht Martinus von dem Aberglauben befreit? Und sagt nicht der Herr
+selbst: Ihr, die Ihr Zeichen und Wunder sehen wollt ..." Der Confrater hob
+warnend den Finger.
+
+"Nichtsdestoweniger giebt die Schrift ausdruecklich die Moeglichkeit solcher
+zu. Nicht nur im uebertragenen, sondern auch im woertlichsten Sinn."
+
+"Wir sollen Gott nicht versuchen. Vermessenheit, Freund, Vermessenheit! Es
+ist die grosse Aufgabe der modernen Theologie, die Wissenschaft mit der
+Religion zu vereinigen."
+
+"Es wird immer Vieles bleiben, was wir nicht wissen."
+
+"Da haben wir uns dann wohl in Demuth mit der beschraenkten Einsicht
+hienieden zu genuegen. Das ist eine gefaehrliche Bahn, lieber Bruder. Eine
+Schlinge des Argen, ebenso gut wie die er in der Lauheit uns legt, dem
+vollstaendigen, rationalistischen Ablehnen des Wunderbaren und
+Unfasslichen. 'Wir sehen jetzt durch einen Spiegel in einem dunklen Wort.
+Dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich es stueckweise.
+Dann aber werde ich erkennen, gleich wie ich erkannt bin.'"
+
+Hier meldete das Dienstmaedchen, dass ein fremder Mann in der guten Stube
+wartete. Sie war augenscheinlich etwas in Zweifel, ob ihm wirklich die
+gute Stube gebuehrte und wartete auf Bescheid. - Man hoerte eine Thuer sich
+oeffnen und vorsichtig wieder einklinken aus dem Zimmer, wo die Frau
+Superintendentin mit ihrer Freundin sass.
+
+Der Superintendent empfing den Gast dem Programm gemaess mit demonstrativer
+Herzlichkeit. "Nun, lieber Freund? Nehmen Sie Platz, mein Lieber! Ich habe
+Sie hergebeten mit diesem meinem sehr geschaetzten und verehrten Collegen,
+um mich mit Ihnen ueber Ihre religioesen Ansichten zu unterhalten. Das ist
+immer lehrreich fuer einen Diener am Wort, gewissermaassen ja auch meine
+geistliche Pflicht, obgleich Sie ganz als Freund hier sind, mein Gast und
+in aller Guete. - Ich vermuthe, Sie gehen von der sehr richtigen Ansicht
+aus, dass das Evangelium den Laien wieder mehr in der Form des taeglichen
+Brotes gleichsam, nicht nur an Sonntagen in der Kirche, naeher gebracht
+werden muss. Es soll wieder ein Bestandtheil des taeglichen Lebens werden,
+und Sie denken, dass dazu Predigt und persoenliche Ansprache, selbst
+Aufsuchen des Einzelnen, das Geeignetste ist. Es waeren dies wohl gleichsam
+die Principien, auf die sich die mir sehr interessante moderne Agitation
+der Heilsarmee stuetzt. Ich moechte, dass Sie mir nun in kurzen Worten das
+Dogmatische Ihrer Lehre, den festen Kern der Heilswahrheiten, auf die Sie
+persoenlich den Hauptnachdruck legen, entwickelten."
+
+"Ich habe keine."
+
+"Sie verstehen mich nicht. Jedenfalls gehoeren Sie doch irgend einem
+Bekenntniss an, oder haben sich in Ihrem Innern fuer ein solches
+entschieden? Wenn Sie Protestant sind, halten Sie sich an die Augsburger
+Confession? Folgen Sie eher Luther? Jedenfalls doch - und das ist wohl
+kaum eine Frage - stehen Sie mit uns auf dem Boden des apostolischen
+Glaubensbekenntnisses?"
+
+Der Superintendent sah ihn streng an.
+
+Der Confrater nahm eine Prise.
+
+"Ich kenne es nicht," sagte der Fremde.
+
+Der Superintendent war roth geworden wie ein Mohnkopf. "Aber - aber - das
+ist die Hauptsache. Das ist Christenthum, die geheiligte Norm, fuer die
+unsre Vaeter, die erste Christenheit gelitten und gestritten haben. Das
+Andre ist leere Phantastik, giebt der weitesten Irrung Spielraum, der
+Regellosigkeit."
+
+"Es giebt das Leben."
+
+"Welch' ein Irrthum! Welch' ein verhaengnissvoller und weittragender
+Irrthum!" rief der Superintendent warm. "Es waere ja denkbar, dass ein
+Mensch, der ganz ausserhalb der christlichen Heilssphaere staende, den Namen
+Christi nie gehoert hat, auf rein deduktivem, moralphilosophischem Wege zu
+einer der christlichen durchaus aehnlichen Ethik gekommen waere, wenn hier
+eben blos die Ethik das Entscheidende waere. Denken Sie, dass das ganz
+denkbar sein koennte?"
+
+"Es ist denkbar," sagte der Fremde.
+
+"Stoiker," nickte der Confrater. "Griechische Philosophen der
+nachplatonischen Schule! Das sind die Argumente, die schon die
+franzoesische Revolution gebrauchte."
+
+"Sie wuerden doch nicht sagen, dass ein solcher Mensch ein Christ waere, mit
+uns Theil haette an der Erloesung durch den Leib des Herrn?"
+
+"Ich wuerde es sagen."
+
+"Und wie wird er dastehen im naechsten Leben, wenn Christus die Seinen um
+sich versammelt, die im Blut des Lammes Gewaschenen, auf seinen Namen
+Getauften eingehen, und die Andern abgetheilt werden zur Linken?" Der
+Superintendent wischte sich den Schweiss. Er schnappte nach Luft wie ein
+Fisch auf dem Trocknen.
+
+"Ich weiss es nicht."
+
+"Eine Art Allheilslehre," beruhigte der Confrater. Das Wortspiel zwischen
+"Leere" und "Lehre" amuesirte ihn. "Socialistische Moral des Christenthums.
+Das ist blos die Frucht. Der Glaube ist das Erste."
+
+"Ich glaube, dass die That das Erste ist."
+
+Jetzt sah der Superintendent wieder Fahrwasser. Er war ganz erfreut. "Das
+ist die Lehre von den Werken, das Katholische, Papistische, wogegen schon
+Lutherus sich auflehnte. Wir koennen aus uns selbst nicht gerecht werden."
+
+"Wir koennen wollen."
+
+"Und die Rueckfaelle? Das menschliche Gesetz bestraft sie. Wie wird sie Gott
+nicht strafen?"
+
+"Wie soll Gott sie strafen, wenn sie in sich selbst ihre Strafe tragen?"
+
+"Fatalismus," notirte der Confrater.
+
+"Die Boesen! Die Boesen, Mann! Wie erklaeren Sie die Boesen?"
+
+"Es ist ihr Unglueck."
+
+Dem Superintendenten wurde in der That die Halsbinde zu eng: "Unglueck? Und
+der, der kaempft, das Gute will, Gutes thut? Sollen die Guten keinen
+Vortheil vor den Schlechten haben?"
+
+"Sie sind gluecklich."
+
+Der Confrater mischte sich jetzt ein: "Sehr interessant. In der That
+hoechst interessant. Das ist Buddhismus. Es ist die Lehre des Buddha. Wenn
+man denkt, dass sie dreitausend Jahre alt ist! Haben Sie irgend welche
+Verbindung mit diesen Religionsgesellschaften gehabt? - Es koennte doch
+sein in irgend einer corrupten Form" - (dies fuer den Collegen) -, "Buecher
+darueber gelesen?"
+
+Der Fremde sah den Confrater an. "Alles ist Verbindung," sagte er.
+
+"Natuerlich! Die Wiederkehr! Die Wiederkehr!" Der Professor rieb sich die
+Haende hoechst befriedigt. "Das ist das charakteristische Merkmal. Sie geben
+sich das weiter wie ein Geheimniss. Fragen Sie ihn doch, ob er an die
+Seelenwanderung glaubt? Gerade fuer die populaere, gewissermaassen kindliche
+Phantasie haben diese Verwandlungen etwas Anziehendes. Sie finden das im
+Volk in tausend Maerchenvorstellungen, Geschichten von Wehrwoelfen,
+Schwanenjungfrauen, sprechenden Baeumen. Selbst in dem indianischen Maerchen
+des Hiawatha von Longfellow kommt diese Idee wieder, in der Verkoerperung
+des Samenkorns. Isis und Osiris, Baldur, ... Es ist Alles dasselbe."
+
+"Aber das ist nicht das Schlimme, das ist das Gefaehrliche nicht!" platzte
+der Superintendent los. "Die Moral! Die Moral! Diese Lehre vom Nirwana,
+der blinden Ergebung, der Thatenlosigkeit, der stumpfsinnige Fatalismus
+des Orients wieder zu uns verpflanzt! Das ist der Tod aller Cultur, allen
+Fortschritts, aller Humanitaet. Das ist Heidenthum! Heidenthum! Das
+Christentum ist Kampfesmuth, Streben, Krieg!"
+
+"Auf den Krieg folgt der Friede."
+
+"Friede da droben! Hier ist Kampf. Wir sollen Kaempfer sein."
+
+"Krieg in uns, Friede nach aussen."
+
+"Wir sind nicht hier, um Frieden zu haben. Unser Leben ist Ringen und
+Unruhe. Da oben erst wird er uns zu Theil. Aus Gnade."
+
+Der Fremde laechelte.
+
+Der Superintendent war auf einem Lieblingsthema. "Der wahre Christ ist vor
+Allem ein Streiter. Seine Feinde sind der Satan, die Suende in uns und
+ausser uns. Wir sind arme Suender."
+
+"Wenn wir siegen?"
+
+"Selbst wenn wir unser eignes Fleisch ueberwunden haben. Die Suende in der
+Welt bleibt. Sie greift uns an. Wir haben uns zu wehren gegen sie."
+
+"Sie existirt nicht gegen uns, wenn sie in uns nicht ist."
+
+Der Confrater nickte von Antwort zu Antwort mehr befriedigt.
+
+"Wir kommen jetzt auf das Fakirwesen, Hallucinationen der Maertyrer."
+
+"Sie wollen das nicht sagen? Das ist Vermessenheit, mein Lieber! Unser
+Fleisch bleibt der Anfechtung unterworfen, so lange wir im Fleisch
+wandeln. Wer da meint, er stehe, der sehe wohl zu, dass er nicht falle.
+Der Ehrgeiz - die boese Lust - Reichthum. Selbst ich -", hier fasste der
+Superintendent den Fremden beinah am Rockknopf, "- selbst ich, der ich ein
+Diener am goettlichen Wort bin und alle seine Schlingen kenne - ich habe
+meine Momente der Schwaeche, der Anfechtung. Ich habe Versuchungen zu
+bestehen ... Das ist unchristlich, Mann! Stuetzen Sie den Glauben! Sprechen
+Sie gegen die Gottlosigkeit! Auf dem Lande. Unsre Bauern haben dicke
+Nacken. Stolz und Habsucht sitzen da steif drin. Gott sei Dank! sind sie
+noch glaeubig. Die Grundvesten unsres Glaubens sind unangetastet. Die
+moderne Anarchie und Zweifelsucht ist da noch nicht eingedrungen. Das geht
+immer Hand in Hand. Das bedeutet die Emanzipation des Fleisches. Wir
+wuerden uns wie Schweine im Koth waelzen. Im Koth! Sehen Sie das alte Rom!
+Babylon! Die antike Welt vor Christo."
+
+"Sie hat Christus hervorgebracht."
+
+"Christus ist das ganz Vollkommene, Gute. Das Fleisch ist das Boese. So
+kaempfen diese beiden Gewalten. Bis das Gericht kommt, das Gute siegreich
+bleibt im unschuldigen Blute des Lammes, das Boese im Abgrund verschlossen
+wird mit adamantnen Ketten. - Das ist der uralte Kampf."
+
+"Demiurgos, Ahriman und Ormuzd," bestaetigte der Confrater. "Lehre von der
+primaeren Theilung der Gewalten."
+
+Die Frau Superintendent hatte schon mehrmals merklich und merklicher an
+die Thuer geklopft. Jetzt steckte sie ihre Haube selbst durch den Spalt.
+"Excellenz von Koschemann ist fuer den Bazar gekommen. Wenn Du einen
+Augenblick Zeit haettest, lieber Willibald ..."
+
+"Auch ich bin ein Soldat des Herrn. Sehen wir zu, dass wir gut kaempfen.
+Und das Heil finden, das es fuer uns nicht giebt, denn allein im gesegneten
+Blut des Lammes dereinst, das unsre Suenden abwaescht weiss wie Schnee."
+
+Der Fremde war entlassen.
+
+Der Confrater sah ganz klar. "Gnostiker, die alte Geschichte. Das hat
+immer angefangen mit der Antastung des Buchstabens. Der Buchstabe, mein
+Freund! Das Wort sie sollen lassen stahn! ... Und jetzt lass uns zu unsern
+liebenswuerdigen Damen gehen."
+
+
+
+
+
+ DAS NEUNTE KAPITEL.
+
+
+Und er ward im Geist entrueckt in eine fremde Stadt.
+
+Die Glocken laeuteten. Eine ungeheure, unzaehlbare Anzahl von Glocken. Es
+waren dumpfe, grosse darunter, die mit der Stimme des Erzes riefen, der
+Kanonen, furchtbarer Ereignisse, Krieg, Pest und Feuersbrunst. So stark
+riefen sie, dass Niemand ihren Klang in der Naehe aushalten konnte, die
+Luft ihn lange behielt, ehe er verhallte. Sie schwangen in furchtbaren
+Hoehen und thronten einsam in Kammern weit ueber den Koepfen der Menschen.
+Die ihre Stricke bewegten, sassen sehr niedrig auf schwebenden Balken und
+wurden beinah gespalten von der Heftigkeit des Klanges. Diese Glocken
+laeutete man nur bei ganz grossen Gelegenheiten. Wenn sie klangen, sahen
+die Leute auf und sagten: Es ist das oder das. Sie meinten ein sehr hohes
+Fest, ein grosses Unglueck oder eine grosse Freude. Die ganze Stadt und das
+Land ringsum kannte den Klang dieser Glocken. Man war stolz darauf und
+fuerchtete sie auch.
+
+Andre waren milder, mittlere. Die laeutete man alle Sonntage. Man hoerte sie
+auch weit, ueber ein ganzes Stadttheil oder eine Strasse. Ein Klang von
+Silber war in ihrem Erz, der sprach von Guete und Milde. Sie lockten, und
+schreckten nicht, laeuteten regelmaessig mit kraeftigen, hallenden Schlaegen,
+wie die Stimme eines Predigers, die klangvoll spricht in schoenen, malenden
+Worten.
+
+Und es waren ganz kleine, die einzeln riefen wie einzelne, verlorene
+Stimmen. In mancher war ein sehr helles, feines Klingeln oder zitterndes
+Wimmern, die eilige Angst einer Agonie, oder der sanfte Schmelz einer
+Frauenstimme, sehr weit fortgetragen auf himmelansteigenden Trillern zu
+reinen Aetherhoehen. Der pure Goldklang ganz feiner Eliteseelen, die um den
+Thron Gottes lobpreisen, und ein kleines, gleichgueltiges, hastendes
+Bimmeln, in dem Viele sich vereinten, wie das der Pferdebahnwagen, dieser
+Schellenbeutel, die herumgegeben werden in den Gemeinden zwischen den
+Pausen des Gottesdienstes - laestig fast, nur die Ohren fuellend, das zum
+Alltagslaerm gehoerte, ihn irritirend machte.
+
+Alle Glocken laeuteten. Die grossen gaben den Ton an. Die mittleren fielen
+ein wie ein gutgeschulter Chor. Die ganz kleinen waren Geraeusche, oder
+Stimmen junger Kinder. Alle laeuteten. Die Luft war sehr voll und schwang
+von ihrem Klange. Und die andern Stimmen des Lebens schwiegen.
+
+In den Kirchen und Domen draengte sich die Menge. Es war halbdunkel in
+diesen Hallen, dass man die Einzelnen in den Tausenden nicht erkennen
+konnte, Maenner oder Frauen, reiche, gutgekleidete Leute oder ganz Arme.
+Ihre Gesichter bildeten blasse Flecken im Daemmer, wie aufgewandte Kelche
+von Blumen, die ihr Athmen wie ein Duft umwallte. Die uebrige Schwere des
+Koerpers blieb unbestimmt, ertrunken in unruhigem Schattenspiel der Vielen,
+dem lastenden, schweren Dunkel dieser Steine, ungeheurer Steinmassen der
+Gewoelbe und Mauern.
+
+Saeulen standen wie Baumstaemme ohne Aeste mit schweren Blaettern und
+Steingewinden um ihre Kronen, waehrend feine, tiefe Rillen an ihnen
+hinabliefen, von Regentropfen gegraben oder ewig fliessenden. Von
+stuetzenden, lastbaren Pfeilern schwangen sich die Woelbungen auf, Bogen und
+Bruecken, gespreizte Fittiche des Adlers, kuehn und immer kuehner bis zum
+schwindelnden Ansturm der Kuppel, die den Stein zerbrach, die Schwere des
+Materials aufhob im ungeheuren, athemlosen Aufschwung der Seelen.
+
+Der Schritt klang hohl vom Echo der Millionen Schritte, die da schliefen
+in tausendjaehrigen Steinquadern. Von schlanken, weissen Kerzen stiegen
+gelbe, zitternde Flammen, umgekehrte Herzen, blauen Schein der Sehnsucht
+ausathmend. Ein Duft von Weihrauch, Wachs und Thraenen lag schwer in Nebeln
+und wallenden Wogen.
+
+Man sah Altaere sich golden recken, Gold vom Fuss bis zur Spitze, in immer
+feineren Saeulchen, Treppen, Boegen, inkrustirt mit bunten Edelsteinen, die
+Lichter gaben im Dunkeln wie Schlangenhaeute, Augen seltsamer Reptile und
+Kaefer, Wunder von goldnen und silbernen Spitzen, Rosen und Blumen,
+eingefrorne Rhythmen, mystische Zeichen und Runen aufsteigend wie
+Gedichte. Eine unverwelkliche Pflanzung aus menschlichen Herzen,
+mirakuloese Flora des Glaubens, hierher gefluechtet in eine heilige Grotte,
+unter dem Daemmerlicht der bunten Glaeser, gefaerbt mit ihrem Blute: Roth,
+welches die Liebe und der Tod ist, Blau des Glaubens, festruhendes warmes
+Gruen der Hoffnung und des Lebens. Und Kraempfe, furchtbare Leiden,
+zerschnitten den himmlischen Dreiklang: Gelb der Pein und des Geizes, in
+den Gewaendern der Aeltesten und Schreiber; Violett der Eifersucht, das
+zugleich die heilige Farbe der priesterlichen Macht und der Ehrfurcht ist;
+ein helles, gefiltertes Rosa, welches gemartertes Fleisch der Gequaelten
+vorstellt und auch die liebliche Unschuld des Kindes. Alle spiegelnd,
+irrend, flehend um das klare Gold des Triumphes, Farbe der Sonne, wo die
+Mutter thront mit dem Kinde, die Heiligen knieen in seliger,
+weltentrueckter Anbetung.
+
+Wie ewige Pfeiler standen sie da, die Starken, der Apostel heilige
+Zwoelfzahl, wunderbar die Reihe der Monde, des Sternkreises wiederholend,
+Propheten, Sybillen - die wussten und aushielten. Maertyrer oeffneten
+blutrothe Wunden, Laurentius auf dem flammenden Bett, Sebastian mit
+durchbohrter Brust, Agnes, ganz nackt, nur in den strahlenden Mantel ihrer
+Haare gehuellt, unter den Augen der Wollust, - aufgerissne Seiten,
+furchtbare Verrenkungen der Gefolterten, Striemen der Gegeisselten. Die
+Heiligenscheine dominirten ueber verklaerten Stirnen. Die weisse Taube des
+Geistes schwingt sich glorreich auf ueber Blut, Flammen und Qual.
+
+Sie singen. Aus den Tiefen hebt es sich. Von der geknickten, schwarzen,
+wimmelnden Masse - De Profundis. Langgetragen, hohle Rufe wie Appellrufe
+in der Noth, schneidender Wehschrei der Gequaelten, zitternd, sehr hoch
+schwebend, wie ein Weib schreit in Kindesnoethen: Miserere - Miserere ...
+Dumpfer Trommelschlag. Vokale fast Alles, sonore, volltoenige, die nicht
+fallen - Ora pro nobis, aufsteigend zu maennlichem Muth, Schlachtgesang,
+bis zum jauchzenden, hellen Posaunenstoss der Befreiten, gellend fast,
+schmetternd in Siegeszuversicht: Tedeum laudamus.
+
+Die Stimmen schweigen. Das Wort allein spricht. In marmornen Worten,
+Saetze, die feststehen wie die Welt. Rollende Vokale, geheimnissvoll,
+kraeftig, wie die die schufen, - das groesste Mysterium der Menschheit, Wein
+und Brot, uralte Mysterien, heiligste Symbole des sacrosancten Lebens.
+
+Ueber der Menge, die kniet, hungernd, bruenstig, erhebt der Priester das
+Allerheiligste. Er selbst ist weiss, ganz weiss. Er ist hundertjaehrig. -
+Es giebt einen goldnen Schein wie die Sonne.
+
+In einem ungeheuren wehen Seufzer hebt sie sich, es zu empfangen - das
+Opfer von Gott angeboten. Blut und Fleisch, fuer das andre Opfer des
+Fleisches und des Blutes, des Lebens, an das grosse Leben, das prangend
+weggeht ueber den Tod, Jammer und Kleinheit.
+
+ -------------------------------------
+
+... Ein enger Holzpfad im Gebirge. Das Gebirge liegt verschneit seit
+Wochen. Bis an die Knie hoch steigt der Schnee. Die Tannenzweige brechen
+unter seiner Last. Gleich Zuckerhueten ragen die Baumwipfel aus der Weisse.
+Man unterscheidet nur hoehere und niedrigere Lagen, Steine sind
+Schneekuppen. Gleichmaessig ist er im Grunde, hart, vereist, eingestampft.
+Aber die Oberschicht ist federweich, eine Hand hoch, glitzernd, feiner wie
+der Flaum auf Bruesten der Eidergaense, mit Seidenreflexen.
+
+Unter dem Schnee begraben liegen Moos, Graeser und Gestraeuche. Er staeubt in
+Puder von den ueberlasteten Zweigen. Kleine Aeste und Holzstueckchen, die
+sich abloesen, versinken lautlos. Die Luecke, die sie verursachen, schliesst
+sofort die streichelnde Sammethand. Der ganze Wald leuchtet weiss,
+blauweiss vom Schimmer des jungfraeulichen Schnees. Der Fuss versinkt in
+ihm wie in Daunenteppichen. Ohne Kuehle fast. Aber er hebt sich schwer
+heraus. Das Leder des Stiefels wird hart und sproede von der Feuchtigkeit,
+die nirgends das Wasser zeigt.
+
+Und immer faellt der Schnee. Man sieht keine Spuren des Wildes. Es ist
+erfroren, festgefroren wie stehende, steinerne Bildsaeulen in Mauern von
+schmeichelnden Krystallen oder es verkriecht sich im inneren Tann, wo das
+Dach der Zweige es schuetzt, karge Nahrung sich findet an Sprossen und
+Rinde. Der Schnee fuellt die Fahrgeleise des Weges aus. Er steigt zu seinen
+Raendern und vermischt sie. Wie Gespinnste in seinem Innern ziehen sich
+duerre Bastadern der Farne und Heidelbeerbuesche. - Die Stille ist sehr tief
+und der Schnee faellt.
+
+Durch den tiefen Schnee sucht sich der kleine Priester seinen Weg. Er
+traegt die letzte Troestung zu einem Sterbenden.
+
+Der Tod ist rasch gekommen. Ein blutjunger Bursch, der Spielmann Anderl.
+Heute hatte sein Schatz Hochzeit gemacht mit einem Andern. Der Spielmann
+war zurueckgesprungen ueber die Berge, das fressende Gift im Leibe und den
+Kopf im Feuer. "Geht's schlecht, so geht's schlecht, geht's gut, kuerz' ich
+mir den Weg um Stunden."
+
+Am Hornbiehel war er abgestuerzt. Jetzt lag er im Todeskampf in der
+Holzschlaegerhuette.
+
+Durch Schnee und Nebel im beeisten Gebirge kaempfte sich der kleine
+Priester zu dem Sterbenden.
+
+Er war noch sehr jung, noch nicht lange da oben. Man nahm fuer die Stelle
+die ganz Unbedeutenden, die Bescheidenen, die nicht Carriere machen
+wuerden. Niemals hatte er daran gedacht, ein Findelkind, das man den
+Priestern uebergeben. Regelmaessig liefen die kargen Beitraege fuer ihn ein,
+von einem Buereau bezahlt an eine Kasse, ohne Persoenlichkeit, ohne Namen.
+
+Er hatte niemals eine andre Heimath gekannt als das Kloster. Da war seine
+Staette, am Altar. Der liebte ihn und der hatte ihn nicht zurueckgestossen.
+Mit weissen Blumen umkraenzte er ihn. Er sang. Er schwang seine
+Weihrauchschale, weissgekleidet als Chorknabe, Diener am heiligsten
+Messopfer, eh' er selbst daran theilgenommen. So war er aufgewachsen, in
+dieser Atmosphaere der Liebe, Weiss und Gold, den heiligen Farben der
+Unschuld und des Triumphes. Ohne einen andern Gedanken. Er liebte Alles.
+
+Es war um ihn wie der weiche, milde Schein, der vom linnengedeckten Altar
+ausging, der Lampe, die ewig brannte in all dieser Weisse, dieser Stille.
+In lasterverzerrten Zuegen sah er das Leid. In ihrem Hochmuth die Angst. In
+ihrer Schoenheit, ruehrender als ihre Schoenheit, den Tod.
+
+Wie auf weissen Rosen ging er mit nackten Fuessen, laechelnd das Heilige
+tragend gleich Engelknaben. Und vor seiner demuethigen Stirn neigten sich
+die Stolzen. Die Bescheidnen fassten Muth. Alles liebte ihn. Es war, wie
+wenn die Voegel suesser sangen, wenn er vorbeischritt im Klostergarten. Sie
+waren zutraulich und pickten von seinen Haenden. Die Blumen, die er
+pflanzte, gediehen. Ruhig und majestaetisch entfalteten sie sich. Die Sonne
+schien nicht zu heiss auf sie. Irgendwie hoerte der Sturm auf um ihre
+schlanken Stengel.
+
+Es gab alte Moenche im Kloster, die das Leben gekannt hatten. Es hatte
+harte Narben gegraben in ihre Seele. Sie liebten ihn, die alten Wunden
+brannten nicht, wenn er da war. Nur eine Gabe besass er, die lieblichste
+David's, der Musik. Die Toene wurden lind unter seiner Hand und wenn er
+spielte, hoerte der Tumult auf in leidenschaftdurchwuehlten Herzen.
+
+Niemals war er stolz gewesen oder unguetig. Ein Kind Jesu! Er trug diesen
+Namen, halb der Schande, wie eine feine, goldne Aureole.
+
+Die Grossen uebersahen ihn und fuer die Klugen war er nichts. Er hatte keine
+Disputationen geschrieben ueber Fragen des Glaubens. Die weltliche Macht
+der Kirche liess ihn kalt. Der Beifall einer Menge haette ihn schuechtern
+gemacht.
+
+Aber er liebte die kleinen Kinder. Sehr alte, huelflose Leute waren ihm
+ehrwuerdig. Er richtete die geknickten Halme auf und ihn erbarmte der Vogel
+unter dem Himmel.
+
+Tapfer kaempfte der kleine Priester durch den Schnee. Der Schnee fiel in
+weichen, grossen, fasernden Flocken aus Wolken, die selbst Schneesaecke
+waren. Sie hingen so niedrig, dass man nicht sah, wo sie aufhoerten und das
+Gestoeber anfing. Ihre Vorraethe schienen unendlich, als ob ein ganzer
+Himmel voll von Schnee hinter ihnen laege. Er leerte sich langsam. Von den
+Schichten bauten sich Mauern ihm entgegen. Nichts konnte mehr welchen
+aufnehmen. Aus dem Ueberfluss wallten neue Huegel ueber. - Diese Flocken
+loesten sich nicht auf. Sie schwebten und drehten sich langsam in der Luft
+und blieben haengen wie im Festen, Gesaettigten. Man dachte an Nesterbauen
+dabei, Eiderdaunen, in die man sehr tief einsank. Und es war gar nicht
+kalt. Der Schnee schien wie eine schuetzende Schicht zwischen der Kaelte und
+der Erde. Es war wunderbar, wie lautlos er fiel. Und ueberall, wo er fiel,
+hoerten die Contouren auf, alles Steife, Eckige, Nackte. Wie ein
+liebevoller Pelzmantel huellte er sie ein, dass sie nicht mehr froren,
+zeigten. Er fiel ... fiel ...
+
+Der kleine Priester fror gar nicht. Im Gegentheil, ihm war warm. Er trug
+das Allerheiligste unter seiner Soutane, gegen die Brust gepresst. Und es
+war ihm, als waere es da eingedrungen. Es sass da und brannte. Goldne
+Strahlen warf es. Immer groesser, immer weiter. In der Mitte war ein
+blutrothes, gluehendes Herz und sein Scheinen war wie Karfunkel. Es
+leuchtete weit durch den naechtlichen Wald.
+
+"Das ist, als ob ich ein Licht bei mir trage," sagte der kleine Priester.
+"Wie seltsam das ist! Und wie schoen!"
+
+Schoen war es in der That. Alle Baeume standen wie schwarze Saeulen, ganz
+gerade mit seltsamem Ast- und Aderwerk. Ihre Zweige verbanden sich. Sie
+kreuzten sich und rankten ineinander geheimnissvoll in Rosetten, Sternen,
+wie ein Kirchendach. Er ging ganz leise, wie auf weichen, weissen Rosen.
+Er zertrat sie nicht. Sie richteten sich auf unter seinem Fusstritt. Sie
+dufteten sehr suess, Ambra, Weihrauch und Myrrhen, die mystischen Duefte der
+Kirche, die Seele darstellend, die sich spiritualisirt in Sehnsucht.
+
+Jetzt fing es auch an zu laeuten. Zwischen den hohen Baeumen schwangen die
+Glocken. Sie hingen da in Stricken von einem Baum zum andern. Und sie
+schwangen, schwangen. Wunderbare Melodieen waren die Melodieen der hohen,
+ernsten Baeume. Den kleinen Priester erstaunten sie. "Ich habe es doch oft
+rauschen hoeren im Walde. Niemals wusste ich, was es war. Aber jetzt weiss
+ich es."
+
+Und er hoerte kleine, liebliche Stimmen. Das waren die der todten Blumen
+unter dem Schnee. Er hatte gedacht, dass sie todt waeren. Sie waren nicht
+todt, sie warteten nur auf den Fruehling, lagen warm und weich gebettet
+unter dem Schnee, der sie zudeckte und fiel - fiel.
+
+Die Schneeflocken selbst sangen. Sie fassten sich an und tanzten. Es war
+richtiger Rhythmus in ihrer Bewegung. Dazu klangen sie. Und dann waren sie
+Engelskoepfchen mit weichen, flaumigen, ganz jungen Fluegeln. Das sind die
+Seelen der todten Kinderchen, die sterben, ehe sie zum Bewusstsein ihrer
+Seele erwachen.
+
+Er hatte nie gewusst, wo diese todten Seelen hinkommen. Jetzt wusste er
+es. Sie waren gluecklich und deckten die kleinen Blumen zu, dass sie gut
+schliefen, nicht erfroren im harten Winter.
+
+Er musste ueber einen Bach, der ganz zugefroren war. Aber das Wasser war
+auch nicht todt, es schlief nur in der Tiefe. Er hoerte es singen
+geschaeftig am Werke, in kleine Roehrchen tausend Troepfchen zu giessen, die
+Erde aufzuweichen. Es wird Fruehling! Es wird Fruehling!
+
+Auf einmal war es Fruehling.
+
+Er wandelte in einem gruenen Dom. Waende von lichterem Gruen schoben sich
+zwischen die andern, hohen. Alle regten tausend Blaettchen. Einige waren
+fast durchsichtig vom Licht, das sie golden durchgluehte. Die Andern
+blieben im Schatten beinah schwarz, oder ihre Raender zeichneten sich wie
+in hellem Feuer gezogen. Atlasglaenzend lief es entlang am Buchenstamm wie
+feinste Haut des Apfelschimmels, roethlich schwelend an der rissigen
+Kiefernborke. Die Birken standen ganz weiss mit gesenkten, wehenden
+Zweigen, ein kleines, zitterndes Herz jedes Blaettchen, Jungfrauen
+vergleichbar in der Schoenheit ihrer Haare im Mai. Pelze hatten die
+Haselnussblaetter. Die Erlen bogen sich, schwaerzliche, schuppige
+Schlangenleiber, dem Sumpf entsprossen, mit klebrigem, bitterschmeckendem,
+starkgerieftem Blattgrund. - Und da oben ueber dem Blaetterdach stand die
+Sonne, goldne, warme Fruehlingssonne.
+
+Er wandelte mit nackten Fuessen auf einem Blumenteppich. Wo er hintrat,
+bluehten die Blumen. Sie bluehten auf wie Kissen unter seinen Fuessen, nur
+Blumen ohne Blaetter und Stengel. Voegel sangen, goldne Voegel mit silbernen
+Schwingen, die Stimme des Windes, der Erde und des Wassers, Alle priesen
+Gott.
+
+Er sah auf und die Sonne war Gott. Seine Strahlen fielen warm ueber Alles.
+Er war gut - gut.
+
+"Ihr koennt mich nicht verstehen so. So gross und gut bin ich. Darum bin
+ich das Groesste und das Gute, was Ihr verstehen koennt."
+
+Er verstand sehr wohl, wie gut Er war. Und dass Er tausendmal besser und
+groesser sein musste, als er verstehen konnte.
+
+Aber es war da eine Bruecke aus den Strahlen, die von Seiner Brust
+ausgingen, und den weissen, funkelnden Sonnenstrahlen mit Perlen und
+Emeralden und koestlichen Topasen geschmueckt, die das Licht gebiert im
+Wasser, aus der Tiefe. Auf der schritt er.
+
+Durch das Blaue schritt er gerade in die strahlende Sonne hinein. Er
+wusste, dass sie Feuer war, aber sie brannte nicht. Sie war auch nicht
+golden. Sie war weiss, von einer lichten, unbeschreiblichen Klarheit,
+lichter denn das Mondlicht im Kerne der junggebornen Mondsichel, und
+Atlasschimmer aus keuschen Lilienkelchen.
+
+Er sah eine Frau in der obersten Klarheit. Sie hielt einen Lilienstengel
+in der Hand. Er wusste, dass es seine Mutter war, die er nie gekannt und
+verloren hatte. Jetzt erkannte er sie gleich. Sie laechelte ihm zu.
+
+"Ich komme. Ich komme," sagte der kleine Priester begeistert.
+
+Auch ein ganz weisses Lamm sah er. Er freute sich, dass es da war. Er
+hatte die Thiere immer geliebt. Er hoffte, dass es auch fuer sie einen
+Himmel gab. Dies wusste er nun auch.
+
+Alle Baeume waren eitel lichtes Silber. Ihre Fruechte waren Diamanten und
+Perlen. Weisse Schneelilien sprangen auf, die suess dufteten. Man konnte in
+die Erde sehen, tief hinein, denn sie war weiss und durchsichtig wie
+Milchglas, Opale, in denen das Sternenlicht floss. Es war dies innere
+Licht, von dem sie leuchtete, denn es gab nicht Schatten mehr. Wo Festes
+gewesen war, wurde es weich und floss im Schimmer, der loeste.
+
+Und er war ganz weiss, er selbst. Seine Finger waren weisse Strahlen. Aus
+seiner Brust schien die Klarheit, Alles, wo sie hinfiel, ward weiss.
+
+Er trat in das kleine Stuebchen der Holzschlaegerhuette. Dies war ein elendes
+winziges Gelass. Blut lag da auf der Bettdecke, Blut auf dem Fussboden,
+Blut ueber den hastig hingeworfenen Kleidern. Man hatte die Fiedel
+gerettet. Aber der Kasten war zerschlagen im Falle. Die Saiten hingen wirr
+und ungestraengt.
+
+Die Augen des Sterbenden waren weitgeoeffnet. Ein Ausdruck des Schreckens
+lag darin, und Brennen, als ob er saehe und Furcht hatte. Er phantasirte:
+"Hast Du die Frauen gesehen, wenn sie zur Kirche schreiten? Ihre Hacken
+schlagen kurz auf und ihre Hueften tanzen unter den runden Roecken, die der
+Wind hin- und herschlaegt. Wenn der Sechzehnender durch das Unterholz
+bricht und der Stolz des Waldes ist in seiner keilenden Brust! Hei! Der
+Zug der Burschen, der zum Schuetzenfest zieht. Alle Fiedeln spielen auf und
+die Schenkel stampfen. Wie Herrenblick, der zwingt, trifft der nie
+fehlende Bolzen. - Ich sage Dir, es ist nichts, was ueber des Weibes Anmuth
+geht, denn ihre Falschheit! Wie ich sie geliebt habe und wie ich sie
+hasse! Ihre Augenbrauen, die wie Boegen der Kroenung sind, darunter
+triumphirende Heere einziehen. Ihre Augen locken und ertraenken wie der
+wilde Bergsee. - Das ist roth - roth Alles - vor meinen brennenden Augen!"
+
+Der kleine Priester strich mit der Hand ueber die Augen. Sie schlossen
+sich. Sie brannten nicht mehr.
+
+"Ich habe die Erde gerochen am Fruehlingsmorgen, wenn sie dampfend
+aufbricht, ehe der Tag kommt. Tausend Wuerzbaeche stroemen, wo die
+tausendjaehrige Edelfichte krachend niederschlaegt. Gefaehrlich wie Blutdunst
+ist der umnebelnde Duft des Weines, der zu Kopfe steigt und die Faeuste
+straff macht. Aber der Frauen Athem ist roether wie Blut. Wie Weizenacker
+frisch geoeffnet ist der Leib des Weibes. - Es ist die Schwuele der
+Sommererde, die die Todten nicht schlafen laesst."
+
+Er strich mit der Hand ueber die Nasenloecher. Leise fuhr der troestende
+Finger die zitternden, hastenden Nuestern entlang. Der Geruch war fort.
+
+"Hast Du auf Deinen Lippen ihre Kuesse gefuehlt? Wenn sie schwoeren und
+luegen. Worte, die fallen wie der Wasserfall, lieblicher denn
+Nachtigallentriller. - Worte! Worte! Worte!"
+
+Er strich ueber die Lippen und sie schlossen sich. Sie wurden stumm und
+weich.
+
+"Ich habe sie mit meiner Hand gehalten. Ich lasse sie nicht. - Wenn man
+das Messer sehr fest packt und rothes Herzblut springt herueber ... Weisst
+Du, dass ich mein Messer unter meiner Hand hatte? Sie haben mir gesagt,
+dass ich das Holz sprechen machen konnte, die Saiten riefen unter meinen
+Fingern wie mit Menschenstimmen. Ich will spielen. Sie sollen tanzen. Sie
+sollen lachen und schreien. Ich will den Ton finden, der die Todten tanzen
+macht. Die Todten haben Knochenhaende und lassen nicht los."
+
+Die gekrampften Finger loesen sich unter den andern streichenden,
+gleitenden. Die Haende fielen. Sie lagen ruhig und straff.
+
+"Meine Fuesse tragen mich nicht mehr. Aber sie haben mich getragen durch
+die Nacht. Im Tanze. Wer kann tanzen wie ich, der Spielmann Anderl! Wenn
+der Boden knackt, die Dirne hoch anfliegt zur schwelenden Decke. Ich kann
+springen! Der Teufel ist in meinen Fuessen. Ich springe mit dem Teufel zur
+Hoelle!"
+
+Er beruehrte die Fuesse an ihren Sohlen. Er salbte den rechten. Er salbte
+auch den linken. Die Fuesse lagen still.
+
+Der ganze Mann war weiss und still jetzt.
+
+Der kleine Priester hatte die Fiedel genommen, das Holz zeigte keinen
+Sprung, die Saiten fuegten sich wie von selbst und erklangen:
+
+"Wenn Eure Suende gleich blutroth ist, soll sie doch schneeweiss werden,"
+sang der kleine Priester. "Und wenn sie gleich ist wie Rosinfarbe, soll
+sie doch wie Wolle werden.
+
+"Und heute noch wirst Du mit mir im Paradiese sein!" schloss der kleine
+Priester.
+
+ -------------------------------------
+
+In der Holzschlaegerhuette lag der Wilddieb todt. Er lag mit gefalteten
+Haenden und laechelnden Lippen. Eine weisse Kerze brannte. Das blasse goldne
+Herz stand zitternd aufrecht im Dunkel, das der Schnee warf.
+
+Der Schnee fiel.
+
+Unter der weissen Schneedecke, das Allerheiligste gegen seine Brust
+gepresst, schlief der kleine Priester.
+
+Der Schnee fiel ... fiel.
+
+
+
+
+
+ DAS ZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Nun war aber in einer Stadt ein junger Mann, der sich dem geistlichen
+Stande gewidmet hatte.
+
+Nie war fuer ihn die Frage gewesen, irgend ein anderes Amt zu erwaehlen. Von
+frueh auf zeigte er sich in geistlichen Dingen wohlbewandert, geneigt
+darueber nachzudenken, die Texte auszulegen in ihrem deutlichen Sinne.
+Dabei war er von maessiger und strenger Lebensweise. Er hatte sich Jahre
+lang nur von Pflanzennahrung erhalten. Sein Geld gab er den Armen und
+lebte wie der Aermsten Einer mitten unter ihnen. Zudem voll Wuerde in aller
+Guetigkeit, dass er die Spoetter zurueckwies, Niemand ihm etwas anhaben
+konnte. Im Gegentheil, es war eine gemeine Rede in der Stadt, wenn man
+Jemand etwas Gutes wuenschte, und diese Leute waren aelter, dass man ihnen
+einen Sohn wuenschte wie Johannes. Seine alten Eltern, denen er zuerst ein
+Kummer gewesen, dass er also herausging aus der Bahn, die sie selbst
+gegangen, ein Amt erwaehlte, das ihnen fremdartig war und nicht so
+angesehen in ihrer Meinung wie ihr eignes vor den Leuten, priesen Gott
+alle Tage, der ihnen ein solches Kind gegeben, von dem sie Ehre hatten
+jede Stunde, der als ein Muster stand unter jungen Leuten, in fruehen
+Jahren Ruhm erwarb wie Andre, die Jahre lang gedient, Last und Muehsal
+getragen hatten.
+
+Selbst solche, die ihm heimlich entgegenstanden, weil er sie strafte in
+ihren Suenden, wagten nicht, ihn offen zu missbilligen, denn sein Ansehen
+war gross unter allen Leuten, und seine Rede gewaltig. Dazu, weil er eines
+vornehmen Mannes Sohn war, trug das zu seinem Ruhm bei. Das Geruecht drang
+bis an den Hof. Er musste predigen dort und ward als Hofprediger
+angestellt auf den eignen Wunsch des Fuersten, der gern seine Predigt
+hoerte, auch manches Gespraech mit ihm pflog. Er war selbst von ernster und
+redlicher Gemuethsart, dachte viel nach ueber die Pflichten und Vorrechte
+seines Amtes. Wenn er sich beunruhigt fuehlte in seinem Gemueth, liess er
+oft den jungen Prediger rufen, dass diese wie Freunde und treue Gesellen
+wurden, sein Einfluss also gross war im Lande.
+
+Aber Niemand neidete ihm denselben. Er war wohlgeachtet von Hohen und
+Geringen. Gegen Arm und Reich hielt er sich gleich. Kein Rang und kein
+klingender Lohn konnte ihn bestechen in seiner Entscheidung. Wiewohl es
+ihm freigestanden haette, ein Weib zu waehlen, Niemand ihm seine beste
+Tochter geweigert haette, zog er es doch vor, einzeln zu bleiben, dass
+keine weltliche Lust oder Sorge ihn abzoege von seinem geistlichen Amt,
+welches er als das hoechste erachtete in der Welt, ihm selbst von Gott
+anvertraut, davon er Rechenschaft abzulegen hatte dereinst vor Seinem
+strengen Richterstuhl. Es gab keinen geachteteren und wuerdigeren jungen
+Mann weit und breit. Sein Ruf stand fest wie ein Felsen. Sein Wort war fuer
+Viele Recht und Unrecht, klarer und unzweifelhafter wie geschriebnes
+Gesetz. Wenn sich Einige verwunderten, dass er trotz seiner Jugend so
+geachtet war und solchen Einfluss besass, verwies man nur auf sein Leben,
+das schlichter war wie manchen Arbeiters und keusch wie vielfach
+geschliffener Stahl vor Aller Augen.
+
+Derselbe, als er eines Tages allein spazieren ging vor der Stadt, wo die
+Stadt schon aufhoerte, bluehende Straeucher standen und Fruchtbaeume im Laub -
+wie er oftmals that in seinen tiefen Gedanken, um klar zu werden vor sich
+selber -, freute er sich am Gesang der Voegel, wie sie alle eintraechtig
+sangen und war keiner groesser und mehr geachtet denn der andre in ihrem
+Singen. Jeder hatte seine besondre Gabe und Tugenden. Die, die nichts
+empfingen, kleine graue Meislein und Spatzen, zwitscherten just so munter
+ihre zwei Pieptoene, wie die Andern kunstreiche Triller und Solfeggien.
+Sorgten nicht um den Tag, bauten sich Nestlein, setzten ihre Kinder in die
+Welt, dass die Sonne sie grosszog, sie satt wuerden von dem, was flog und
+kroch in der Luft, auf der Erde.
+
+Die Schwalben flogen auf und nieder. Sie wiegten sich in der Luft und
+beschrieben Wellenlinien. Manchmal strichen sie so niedrig, dass ihre
+Schwingen fast die Erde beruehrten. Dann hoben sie sich wieder, blieben
+segelnd im Blauen. Aus dem Gras der Boeschung dufteten Veilchen. Libellen
+schwirrten aus der Wasserrichtung von der andern Seite. Es roch fischig
+von da, Teichgeruch, nach sich zersetzender Pflanzenfaser.
+
+Wie er nun also ging und sich freute, die Voeglein lieblich und froehlich
+sangen, sah er eine magere, gelbgefleckte Katze, die Jagd machte, auf
+einem der Baeume. Leise schlich sie auf unhoerbaren, tastenden Zehen. Ihr
+Kopf war lang vorgestreckt, die kugelige Stirn mit spitzen Oehrchen. In
+den Flanken sassen tiefe Loecher von der Anstrengung des Dehnens. Die
+Rippen flogen kurzathmend in der Aufregung der Jagd. Auch war sie mager,
+schlechtgenaehrt und struppig, wie eine Katze, die wohl schon lange heimlos
+geirrt ist, keinen Herrn mehr hat, sondern der Wildniss preisgegeben ist.
+So war sie ausgegangen auf die Jagd, da es daemmrig wurde, sass auf dem
+Baum und hob ihre Kralle ueber dem Nestchen.
+
+Da Johannes solches sah, ergrimmte er in seinem Herzen. Es dauerten ihn
+die unschuldigen Voeglein um dieser schlechten Katze willen. Er nahm einen
+Stein, zielte und warf. Und traf so gut, dass er die Katze hart schlug in
+ihrer Seite, wo es weich ist, die Knochen nicht schuetzen. Sie stiess einen
+schrillen, klagenden Schrei aus und fiel herab vom Baum, lag da auf der
+Erde, das Blut floss von ihrer getroffenen Seite, schrie ganz jaemmerlich
+wie ein kleines, wehleidiges Kind, versuchte sich zu lecken, vorwaerts zu
+strecken mit strebenden Vorderfuessen und schwachem, nachschleppendem
+Ruecken. Und lag im Staube, blutend.
+
+Da fing ihn an zu gereuen, was er gethan hatte. Er kam herzu, um der Katze
+aufzuhelfen. Wie er sie genau betrachtete, sah er, dass diese Katze heute
+oder den Tag zuvor Junge geworfen haben musste, denn die Haut ihres
+Bauches hing ganz lose unter den vorstehenden Rippen, dass sie fast auf
+dem Boden schleppte. Die Oeffnung des Afters war unnatuerlich weit, noch
+vom geronnenen Blute verklebt. Man sah die Zitzen, die weit, aber schlaff,
+ohne Milch sich sackten. Denn sie war sehr erschoepft und hatte gehungert
+seit langen Tagen. Nun lag sie im Staub und blutete. Niemand wuerde diesem
+Nest voll kleiner Katzen in irgend einer verlassnen Scheune oder auf einem
+Heuboden Nahrung bringen. Sie wuerden warten und miauen, elendiglich
+verhungern, um ihre Mutter, die nicht kam, den spitzen, harten Stein, den
+er geworfen und sie getroffen hatte, da sie ging Jagd zu machen auf Voegel
+fuer ihre Kleinen, die hungerten.
+
+Er stand nun da vor der Katze und sah sie an. Die Katze sah auf zu ihm mit
+schiefen, wilden Augen, ob er ihr helfen wuerde oder sie weiterquaelen? Sie
+wusste nicht, dass es sein Stein gewesen, der sie getroffen hatte. Aber
+sie hatte Angst vor den Menschen, die stark sind, war da wie ein wildes
+Ding, das man eingefangen hat. Und es kann sich nicht wehren, denn all'
+sein Gift, scharfe Zaehne und Krallen, die ihm ja nuetzlich sind gegen die
+Kleinen und ganz Schwachen, werden ohnmaechtig und nuetzen ihm nichts. Es
+wartet, dass man es vollendet.
+
+Da er noch stand, dieses Thier ihn ansah und er ueber solches dachte in
+seinem Herzen, kam ein fremder Mann des Wegs. Er nahm die Katze, die nach
+ihm fauchte, wusch ihre Wunden sorgfaeltig mit Wasser und gab ihr zu
+trinken aus einer Flasche, die er bei sich fuehrte. Dazu, um das Wasser zu
+finden, hatte er hinabsteigen muessen zum Fluss. Wie der wieder heraufkam
+und die Katze auf seinen Arm nahm, biss ihn das Vieh in die Hand und
+entsprang zwischen die Weidengebuesche.
+
+Da dieser nun die Schramme an seiner Hand besah, das Blut abtrocknete mit
+seinem Tuch, sprach Johannes zu ihm: "Wie magst Du dem schaedlichen
+Raubzeug helfen? Sein Leben ist der Tod Vieler. So es verreckt, wem
+schadet es? Ein werthloses Vieh! Tueckisch und voll Argheit." Das sagte er
+aber, den Andern zu versuchen, denn in seinem Herzen gereute ihn der
+Katze. Er wusste wohl, dass es ihre Natur ist, Voegel und Maeuse zu fangen.
+Er fragte sich nur: Warum ist das in der Natur, und haette gern eine
+Antwort gewusst.
+
+Der fremde Mann sprach: "Ich helfe jeglicher Creatur. Sie war hungrig und
+litt. So war es meine Schuld, ihr zu geben, sie zu heilen."
+
+"Sie wird hingehen und neues Uebel stiften, toedten und quaelen."
+
+"Der Tod ist kein Uebel," sagte der fremde Mann. "Der Geist, der
+widerstehet dem Uebel, der ist vom Uebel."
+
+Diese Antwort verstand Johannes nicht, aber sie quaelte ihn in seinem
+Herzen. Er sprach: "Deute mir das!"
+
+Der Andre sprach: "So Dich Jemand schlaegt und Du schlaegst ihn wieder, so
+ist der Schlag Dir nicht Unehre, aber dass Du zurueckschlaegst und also
+Boeses vergiltst mit Boesem. So ist das Boese an sich nicht boese, aber es
+boese _macht_ in seiner Wirkung, sind Boese."
+
+Johannes sprach: "Soll ich einen Mann nicht toedten, der Andre toedtet?
+Wuerde Mord und Todtschlag nicht ueberhandnehmen in der Welt, so Solches
+ungestraft bliebe? Jeder thun koennte, was ihm gefaellt, sein boeser Muth ihm
+eingiebt gegen seinen Naechsten?"
+
+Der Fremde sprach: "So es sein boeser Muth thut, ist es seine Natur. Alles,
+was in der Natur ist, ist von Gott. Der Mensch kann nichts dagegen. So Du
+aber schlaegst _gegen_ Deine Natur, ist es Dir Suende, groesseres Unrecht
+denn dess, der Dich geschlagen."
+
+Er sprach: "So werden alle Boesen fortab triumphiren und straflos sein. Die
+Guten muessen nur dulden und ertragen."
+
+Der Fremde sprach: "Dulden und ertragen ist nicht boese. Selig sind, die
+das erkannt haben! Aber es ist dem Menschen schwer, zu erkennen, und
+Wenige sind, die es fassen hier im Leibe. Das Fleisch ist schwach in
+ihnen. Der Tod scheint bitter dem, der kraeftig ist und sich bewegt."
+
+"Der Tod ist immer bitter," sagte Johannes. "Das ist auch gegen die Natur
+des Menschen."
+
+"Weil sie die Natur nur halb erkannt haben," sagte der Fremde. "Sie
+wissen, dass sie sterben muessen, aber sie wissen nicht, was hinterher
+kommt. Sie sehen, so lange es hell ist. Aber die Nacht lebt auch, hat
+Farben und Formen. Nur sie sehen sie nicht. Sie nennen das Eine Leben und
+das Andre Tod. Und der Tod ist Leben, eins so gut wie das Andre. Alles ist
+Leben. Es ist ein Neugebaeren in jeglichem Sterben."
+
+Der Fremde sagte ihm ein andres Gleichniss und sprach: "Die Menschen
+rechnen die That, die Gedanken sehen sie nicht. Sie koennen die Gesinnung
+nicht lesen, die im Herzen ist. Die That ist nicht besser wie der Gedanke.
+Sondern er war der Erstgeborne und wirkt weiter. Die Suende ist geboren,
+ehe die That That wird. Es ist nicht mehr Suende im Thun wie im Wollen. Zu
+diesem aber sprach die Schlange. - Und der Stolz ist der Urgrund alles
+Uebels."
+
+Er sprach: "Wie deutest Du das?"
+
+Der Fremde sprach: "Da der Mensch anfing zu mischen von seinem Willen in
+den grossen Gang des Wollens, der der reine Strom und Urquell des Lebens
+ist. Er sprach - und er sollte hoeren. Er dachte, wo er sehen sollte. Ein
+Kleines, Staubgebornes, Willkuerliches will stehen, wo das Grosse, Ewige,
+Gesetzte steht."
+
+Er sprach: "Widerspricht nicht Solches der eignen Adligkeit und
+Freiwilligkeit des Menschen?"
+
+Darauf antwortete der Fremde: "Mit nichten. Sondern ist es nicht edler,
+das Gesetz in sich selbst zu erkennen und ihm folgen, als sich von aussen
+verschreiben lassen, Buchstaben zu gehorchen. Das ist Sklaventhum. Das
+Andre Adliger und Freigeborner."
+
+Johannes sprach: "Wie kann das Gesetz fuer Alle dasselbe sein, so doch der
+Menschen viele sind und Millionen, Jeder anders geht wie der Andre?"
+
+Er sprach: "Es ist auch nicht dasselbe Gesetz fuer Alle. Haendewaschen ist
+nicht dasselbe, Kleidertrachten und Fasten ist nicht dasselbe, Goetter von
+Stein und Goetter von Erzen. - Aber Alle, die suchen, finden wohl den Weg."
+
+Da erschrak Johannes in seinem Herzen und sprach: "Die alten Weisen haben
+wohl gelehrt. Sie dachten, sie haetten die Weisheit gefunden. Und waren
+Edle. Tiefe Worte kamen von ihren Lippen. Buddha und Mohammed sind
+gekommen. - Wie sagst Du, Einer ist wie der Andre?"
+
+Er sprach: "Alle diese sind gegangen und haben gefunden. Unschuldige
+Kindlein finden auch, kleine Blumen und Kraeuter. Es fuehren viele Wege.
+Aber unselig sind, die stehen bleiben und nicht gehen um der Dornen willen
+und Steinbloecke."
+
+Damit wollte er weitergehen. Aber der Andre hielt ihn an in grosser Angst
+seines Herzens, flehte ihn an und bat: "Gieb mir ein Zeichen."
+
+Er sprach: "Kein andres Zeichen habe ich als dies: Die Blinden werden
+nicht blind sein, ob sie gleich blind sind. Die Lahmen werden gehen koennen
+und eilen, ob sie lahm sind, festgekettet an ihr Lager. Die Armen sind
+reich und ihr Reichthum ist koestlicher denn aller Reichen. Die Todten
+sterben nicht und leben, ob sie gleich gestorben sind. - Ein Kind findet
+es in seiner Einfalt. Den Weisen und Maechtigen aber bleibt es verborgen."
+
+Er sprach: "Sage mir nun noch dies Eine. So Einer Suende gethan hat, ist er
+nicht schlimmer denn Einer, der keine gethan hat? Warum denn sollten wir
+nicht Alle suendigen und froh sein?"
+
+Er sprach: "So Du sie thust, ist es Dir Suende. Die Andern aber gehen auch
+nicht verloren. Der Hochmuth ist das Aergste der Uebel. Freude war ueber
+den, der Busse thut vor neunundneunzig Gerechten. Der verloren war und
+heim kam, fand ueber dem der zu Hause geblieben, niemals irrte."
+
+So liess er diesen und ging von ihm weiter in der Abenddaemmerung.
+
+
+
+
+
+ DAS ELFTE KAPITEL.
+
+
+Es war Fritz Kuhlemann, der ihm diese Botschaft schickte:
+
+"Die ausgehen sollten, wohnen in reichen Haeusern. In steinernen Kirchen
+ist das Wort verschlossen fuer bloede Mengen am Sonntagmorgen. Die Maechtigen
+missbrauchen Deine Worte fuer ihre Zwecke. Man fuehrt Kriege in Deinem
+Namen. Ungerechtes Gericht ist gesprochen unter dem Zeichen der Liebe. Der
+Arme geht hungrig. Der Niedrige ist verachtet. Der Suender stirbt nachher
+wie zuvor. Was ist Deine Heilsbotschaft an die Welt?"
+
+Er sprach: "Siehe zu, was ich thue:
+
+"Soll ich Krieg fuehren, um die Welt zu ueberzeugen? Der Hass waere schlimmer
+denn zuvor. Die Sklaven von heute waeren grausamere Herren, als die Herren
+von gestern.
+
+"Soll ich Gesetze geben, neue Ordnung erfinden? Dies Gesetz waere gut, aber
+die Menschen sind schlecht. Unter der guten Ordnung bliebe die wilde
+Wueste.
+
+"Vielen ist es gesagt, aber Wenige hoeren. Allen ist es ein Schlachtwort
+und Wenigen Frieden. Einige finden, weil sie von Anfang an hatten, und
+Viele, die suchen, finden niemals. Schrecklich und scharf ist es, wie ein
+Schwert, das durchbohrt, suesse Milch, die ganz junge Kinder trinken."
+
+Er war aber auf einem Schiff, wo er dies sagte, dass er sich uebersetzen
+liesse von einem Ufer zum andern. Und es war ein Mann neben ihm, der ein
+Tuch mit Samenkoernern eingebunden hatte, die er saeen wollte auf seinem
+Acker.
+
+Er sprach zu ihm: "Gieb mir von Deinen Koernern."
+
+Der Mann sprach: "Nimm so viele, wie Du willst?"
+
+Er nahm eine Handvoll und streute sie auf das Wasser.
+
+Sprach der Mann zu ihm: "Wie kannst Du solches thun, so doch das Wasser
+die Samen nicht haelt und austreibt?"
+
+Er sprach: "Sollen sie keimen, wird es sie schon tragen, wo sie Wurzel
+finden. Die Erde ist nicht besser denn das Wasser. Wo ein Same leben soll,
+muessen tausende sterben."
+
+Und es war ein Buckliger auf demselben Schiff, der war ganz verwachsen.
+Alle Knochen seines Leibes standen schief und sein Gesicht war scheusslich
+anzusehen mit schielenden Augen und einer platten, queren Nase.
+
+Derselbe sprach zu ihm: "Meister, es ist recht, was Du sagst, dass alle
+Menschen gleich sind, und ist nicht Einer schoen und der Andre haesslich,
+Jener klug und Dieser thoericht. So sage auch diesen, dass sie mich schoen
+finden, und lobe meine Verwachsenheit, die keine Missgestaltung mehr ist."
+
+Er sprach zu ihm: "Was habe ich mit Dir zu schaffen? Ganz haesslich bist Du
+und schauerlich anzusehen. Was wagst Du zu hoffen von der Schoenheit, die
+Du beleidigst, und woher kommt Dir der Muth, der Du feige bist und ganz
+niedrig."
+
+Trieb ihn von sich mit harten Worten und sah wieder in den Fluss, darin
+die Landschaft sich spiegelte im klaren Wasser.
+
+Aber sie hoerten es nicht gern. Die, die das hoerten, fuhren fort, das Volk
+zu reizen zur Gewalt, um die Machthaber umzustuerzen, oder System und
+Lehrsaetze zu erfinden, die Alles gerecht machen sollten, dass Jeder seine
+Fuelle haette, kein Unfrieden mehr sei in der Welt. Diesen liefen Viele zu.
+Sie hatten ein grosses Gefolge hinter sich, die sagten: "Morgen kommt der
+grosse Zusammensturz. Wir werden dann essen, die wir jetzt hungrig sind.
+Wir werden herrschen, die dienen. Wir sind Viele und sie sind Wenige.
+Lasst uns uns zusammenrotten und laut schreien, dass wir sie uebertaeuben
+und ihre Stimmen mit unseren Stimmen, die zahlreicher sind und lauter
+schreien."
+
+Gewaltig erscholl die Stimme Fritz Kuhlemann's aus der grossen Stadt.
+"Gebt Eure Gueter und verlasst Eure stolzen Palaeste! Gebt Eure Macht auf,
+Ihr Herren und Regierenden! Lasst uns gute Gesetze haben und nicht mehr
+unsre Frauen und Maedchen verkaufen zu Laster und Unzucht! Wir wollen keine
+Kriege mehr und keine Hungersnoth. Wir wollen Alle arbeiten und essen.
+Einer soll sein wie der Andre, Keiner Koenig und Keiner ein Bettler. Unsre
+Frauen sollen gleichgeachtet sein wie wir und unsre Toechter wie unsre
+Soehne. Wir wollen gluecklich sein auf dieser Welt und Kinder zeugen. - Denn
+was nachher kommt, wissen wir nicht, Niemand kann an gegen den Tod."
+
+Ein junger Mann kam zu dem Fremden. Er wollte mit ihm ueber seinen
+Seelenzustand sprechen.
+
+Er sagte: "Ich habe immer ein untadeliges Leben gefuehrt. Von Lastern und
+verbotnen Dingen habe ich mich ferngehalten. Ich habe versucht, meinen
+Geist zu bilden mit allem Wissen und der Bildung unsrer Zeit. Ich habe
+meine Lehrer in Ehrfurcht gehalten und meinen Eltern gehorcht. Gegen
+Niedrigstehende bemuehe ich mich hoeflich und gerecht zu sein. Es fehlt
+meinen Leuten an nichts. Sie haben ihre Gebuehr und ueber Gebuehr. Ich bin
+allgemein angesehen und hochgeachtet. Wenn ich ein Weib nehmen will, wird
+Niemand zoegern, mir seine beste Tochter anzuvertrauen. Ich werde sie
+unschuldig, wohlgebildet und von gutem Ruf nehmen, wie ich selber bin. Es
+klebt kein Staeubchen an meinem Vermoegen. Alles ist auf ehrliche Weise
+erworben und von meinen Voreltern langsam erarbeitet. Kein Blutrichter
+faende einen Flecken daran. Niemand ist von mir um einen Pfennig betrogen.
+Dem Staat zahle ich puenklich, was ihm zukommt. Ich betheilige mich an
+allen Wohlfahrtseinrichtungen und gemeinnuetzigen Anstalten. Die Leute auf
+meiner Besitzung sind gluecklich gepriesen von Allen. Sprich nun selbst,
+bin ich vollkommen so und nach Deinem Sinn?"
+
+Er sprach: "Du sagst, dass Du Gueter hast. Nimm Deine Gueter, den letzten
+Pfennig, den Du besitzest, und gieb ihn den Armen, den Bettlern und den
+Hunden."
+
+Der junge Mann ward sehr traurig und ging von ihm. Er sah ihm lange nach,
+denn er war ein trefflicher junger Mann, licht und schoen von Ansehen, der
+das Gute suchte.
+
+Darauf sprach er: "Der Reichthum ist schlimmer denn die Wollust, die
+Wollust giebt fuer Andre. Er denkt nur an sich. Auch thut der wohl eher
+Busse, der grobe Suende thut, denn der angesehen ist vor aller Welt und
+niemals fiel. Ach es ist schwer! schwer fuer einen Menschen, der viele
+Gueter hat, dass er das Gute finde!"
+
+Nun sprach Jemand aus seiner Umgebung zu ihm: "Was nuetzt es den Armen, so
+Einer giebt? Es kaeme wenig auf Alle. Morgen waere dasselbe wieder, dass
+Einige nichts haetten und Andre mehr."
+
+Er sprach: "Es ist nicht um der Armen willen. Wenn er es auf's Meer wuerfe,
+die Wellen truegen es fort, waere es ihm ebenso gut. Siehst Du nicht, dass
+seine Gueter wie eine Mauer stehen zwischen seinem Thun und dem freien
+Wollen seiner Seele? Alle seine Liebe bleibt eingeschlossen und wird
+ersticken in ihm, ohnmaechtig und schlaff werden. Nur weil er reich ist. -
+Der Arme liebt wohl leichter. Er hat dafuer Neid und Niedrigkeit als seine
+Feinde. Die Seelen, auf denen das Joch lange liegt, werden niedrig. Und
+die wahre Liebe ist stolz und eine Koenigin. Aber die begehren, sind
+Sklaven. Nur der nichts mehr begehrt, ist ein Vornehmer und ein Fuerst."
+
+Wenige verstanden dies und Viele murrten darueber. Einige sagten, er liebt
+nur die Armen. Die Andern fanden, dass er ein Reactionaer sei und es mit
+den Hohen nicht verderben wollte.
+
+Es gefiel ihnen auch sehr, ihm schwierige Fragen zu stellen, weil sie ihn
+fangen wollten in den Antworten. Und er schickte sie ihnen zurueck, fragte:
+Was _willst_ Du thun?, dass sie selber sich antworten mussten, beschaemt
+standen in ihrer Nacktheit und List.
+
+So war ein Mann, der ein Eheweib hatte, die ihn betrog.
+
+Er kam zu ihm und fragte, ob er ihr verzeihen sollte? "Das Gesetz erlaubt
+mir, mich von ihr zu trennen, sie zu strafen an Gut und Habe. Die
+allgemeine Meinung und meine Staerke wuerden mir wohl gestatten, sie zu
+toedten. Das erste ist Gerechtigkeit, das zweite Rache."
+
+"Und Deine Liebe?"
+
+"Aber sie hat meine Liebe verrathen. Alle Zaertlichkeiten, die ich ihr
+erwiesen habe, sind vergessen. Sie hat Kinder von mir gehabt. Ich habe ihr
+Ehre gezollt als dem Oberhaupt meines Hauses. Ihre Schoenheit erfreute
+mich. Ich gab ihr genug, um sich zu schmuecken. Keiner ihrer Wuensche, den
+es in meiner Macht war zu erfuellen, blieb unerfuellt. Ich liebte ihren
+Verstand, ihre Art sich auszudruecken, die Weichheit ihrer Stimme, die
+Liebesbezeugungen, die sie mir erwies, und dadurch Neigungen in mir
+erweckte, ihre Schuechternheit und Huelflosigkeit selbst."
+
+"Und ihre Seele? - Hast Du ihre Seele geliebt? Was in ihr schwach war und
+arm und nach Huelfe schrie? Ihre Zoegerungen, den Glauben an Dich, Deine
+Vollkommenheit, die nicht war, diese verzweifelte Liebe, die im Fleisch
+suchte, was in Deiner Seele fern von ihr war, - Deine Seele, die sich
+nicht mit ihr vereinigen konnte. Die sie in die Arme eines Andern fliehen
+machte, der sie noch ungluecklicher liess? - Diese arme, nackte frierende,
+beschaemte Seele, hast Du sie geliebt?"
+
+Auch der verstand ihn nicht. Viele Leute sagten nun: "Er ist nachsichtig
+fuer die Suenden des Fleisches. Huren und Luestlinge sind ihm recht."
+
+"Die Suenden der Wollust sind traurig," sagte er. "Sie tragen ihre Strafe
+in sich. In dieser Traurigkeit, die nachher kommt von der Unvollkommenheit
+der Liebe, dass es nur wieder Unvollkommnes ist, was sie gebaert. Die
+Unreinheit ist das Gift, das Alles vergiftet, das ihr naht. Es giebt keine
+Schoenheit mehr fuer den, der faul sieht. Sie lieben nicht, die sich der
+Leidenschaft hingegeben haben. Das ist eine eiternde Krankheit,
+Wuermerfrass der Seele."
+
+"So waere es also besser, ganz keusch zu sein, keine Kinder mehr zu zeugen
+und dass die Welt aufhoerte?" fragte Einer. Er war ein Mann, der im Laster
+gelebt hatte, und er wollte ihm eine Falle stellen, um zu sagen: "Welch'
+ein Unsinn!"
+
+Er sah ihn lange an. "Was weisst Du von der Keuschheit? Das ist die weisse
+Blume des Paradieses, das erste Gewebe aus den Strahlen der Morgenroethe.
+Wenige sind ihrer theilhaftig. Und ob sie nackt gingen durch den eklen
+Sumpf, er befleckte sie nicht. Alle Schande und Schmach kann ihnen nichts
+anhaben, _denn sie schaemen sich nicht_. Das ist das Hoechste, sich nicht zu
+schaemen. Weil die Scham in uns ist von der Suende."
+
+Aber Viele wollten, dass er sich deutlicher erklaerte.
+
+Er that es nicht: "Vielleicht begreifen nur sie es, die das Andre gekannt
+haben, durchgegangen sind durch den feurigen Ofen und im Feuer wieder rein
+wurden. Die irdische unvollkommene Liebe ist in sich ein Abbild der
+andern. Sie giebt die Sehnsucht. Die Sehnsucht schafft neues Leben - immer
+neues! Sie sind wohl die Ungluecklichsten, die nie geliebt haben. Sie sind
+unfruchtbar."
+
+Manche haetten gehofft, dass er mehr darueber sagte. Aber er hielt seinen
+Mund geschlossen und sprach nicht mehr den Tag.
+
+So setzten sie ihm zu mit vielen spitzfindigen Fragen. "Ich habe meinem
+Nachbar Geld geliehen. Nun will er es mir nicht wiedergeben. Ist er im
+Recht oder ich?"
+
+Er sprach: "Warum forderst Du es?"
+
+Es entstand da ein ganz laecherlicher Disput ueber die Ehre. "Wenn Einer
+mich geschlagen hat, muss ich ihn wieder schlagen?"
+
+Er sprach: "Ein Schlag und noch ein Schlag sind zwei Schlaege. Machst Du
+ein Loch damit zu, dass Du es doppelt weit einschlaegst?"
+
+Aber in seinem Herzen wurde es traurig ueber sie. Und er that seinen Mund
+auf und fing an zu wehklagen.
+
+"Arme! die Ihr reich seid, und Eure Gueter fressen Euch selbst, Geiz, Neid
+und Habsucht! Was Du zu viel hast, nimmst Du einem Andern, der zu wenig
+hat, und fuer jedes Ueberfluessige, das Du Deinem Leibe anthust, leidet ein
+Andrer Mangel.
+
+"Geht Ihr hin und gebt Theile, baut Krankenhaeuser und sammelt fuer
+Wohlfahrtsanstalten: Dies thue ich - und wollt Lob Eurer Nachbarn und
+Ansehen vor den Leuten, Ihr Heuchler! Wo Ihr nicht genommen habt zuvor,
+was brauchet Ihr zu geben?
+
+"Ihr sagt, dass Ihr sie hochbringt und streitet fuer die Freiheit Eurer
+Brueder, Gesetze, Unterricht und Buergerrechte. Was brauchtet Ihr Freiheit,
+wenn Ihr nicht Unfreie gemacht haettet zuvor, Eure Seelen nicht in Banden
+waeren des Geizes, des Trotzes, des Hochmuths, der Luege, der Traegheit und
+der feigen Angst?
+
+"Nach Macht trachtet Ihr selbst, wie Ihr Euch hochbaut vor den Leuten,
+dass sie Euch anstaunen moechten. Innerlich seid Ihr hohl. Ihr zehrt vom
+Kostbarsten, das Ihr habt. Und wenn der Tag kommt, dass man Euren Leib zu
+Grabe traegt, Eure Seele war todt in Euch lange vorher.
+
+"Ihr denkt, Ihr habt gefunden, darum sucht Ihr nicht mehr. Das Gesuchte
+ist weiter von Euch, denn da Ihr irrtet in Noth und Zagen. Ihr stopft die
+aeussre Wunde zu und der Brand frisst fort inwendig. Ihr seid stolz in
+Eurer Erkenntniss, Eurem Wissen, koestlichen Kleidern um Eure Nacktheit.
+Und wenn Ihr ganz nackt steht, kommt der Frost. Ihr erstarrt unter dem
+faulen Schimmer. Eure Herrlichkeit ist die der Eintagsfliege, Eure Groesse
+die des Maulwurfs, der seinen Erdhaufen aufwirft.
+
+"O Ihr Kleinen! Ihr Armseligen! Ihr Unglaeubigen! Wie ungluecklich seid Ihr
+in Eurem Gluecke! Wie erbaermlich in Eurem Stolz!
+
+"Die Kinder und Unmuendigen werden wissen vor Euch, die Kleinen, die Ihr
+verachtet habt. Das Lamm wird staerker sein denn der Loewe, der laut bruellt.
+Eine Jungfrau mit der Seide ihres Haares wird Koenigreiche leiten, die der
+Eisenfuss zertritt.
+
+"Wehe Euch! Wehe Euch!
+
+"Die Pflanzen wissen, die Felsstuecke. Die Wasser, die ihren Weg laufen.
+Alle Sterne, die gehen in ihrer Bahn.
+
+"Ihr werdet nie wissen, die Ihr klug seid. Ihr koennt nicht, die Ihr stark
+seid. Die wollen, werden niemals erreichen. Die kaempfen, siegen nicht."
+
+Solche Rede erbitterte Viele. Sie suchten ihn zu erhaschen. Aber er ging
+mitten durch sie hindurch und entwischte ihnen immer.
+
+
+
+
+
+ DAS ZWOeLFTE KAPITEL.
+
+
+Es war Einer, der kam zu ihm bei der Nacht.
+
+Er war aber ein sehr vornehmer Mann des Landes, der Vornehmste und
+Reichste im ganzen Lande. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhuellt, dass
+Niemand sein Gesicht erkennen konnte. Die Falten des Mantels verbarg seine
+Gestalt, dass es unmoeglich war zu sagen, ob er klein gewachsen war oder
+gross, breit oder schlank. Er war von weit gekommen mitten in der Nacht.
+Er kam zu Pferd und allein. Ein vertrauter Diener huetete sein Pferd,
+waehrend er hinaufgegangen war, mit ihm zu sprechen in der Nacht.
+
+Die Nacht war stuermisch und sehr finster. Man hoerte den Wind brausen. Er
+trieb die nassen Zweige der Baeume in grossen Packen gegen die Fenster,
+dass es klatschte und prasselte. Der Wind war gewaltig. Er fuhr ueber die
+Erde in einem weiten schwarzen Mantel, dessen unterste Schleppe die Erde
+fegte. Oben blies er in die Wolken. Sie flohen eilig wie wollige,
+furchtsame Schafe durch die Nacht. Der Wind zerriss sie in grosse Fetzen
+und jagte sie fort. Er freute sich, dass er so allein draussen war zu
+herrschen, orgelte sehr laut und blies ein Triumphlied des Trotzes und der
+Herausforderung ueber die Erde.
+
+Der Wind kam von den Eissteppen des Nordens und war ueber die See gefahren
+und sein Mantel hatte die Kaemme der Wogen aufgepeitscht, dass sie nach ihm
+schnappten und sich ueberschlugen in der Jagd nach ihm. Wie hungrige, graue
+Jagdhunde mit triefenden Lefzen liefen die grossen Wogen unter dem Winde.
+Aber sie fingen ihn nie. Er heulte und jauchzte. Manchmal packte er sie
+und wirbelte sie im Tanze, rund, rund, um einen spitzen, kreiselnden
+Trichter in der Mitte, wo er seinen Kopf versteckte. Er zerschnitt sie in
+glatten, gekeilten Furchen wie der scharfe Steven eines Dampfschiffs. Dann
+entschluepfte er ihnen wieder, sich ueberschlagend in der Luft. Sie machten
+verzweifelte Spruenge und warfen sich ihm nach an den Strand wie ungefuege
+Meerthiere mit nassen, schweren, aufklatschenden Leibern.
+
+Aber er lachte nur und schrie lauter und floh davon.
+
+Er heulte um die Fenster des Leuchtthurms, den die Menschen gebaut hatten,
+um der Fluth zu wehren, dass der Leuchtthurmwaechter erschrak in seinem
+Herzen: Ich will die Laterne fester stellen, denn heute ist Sturmnacht. Er
+blies dem Waechter die Capotte vom Gesicht und schrie laut auf vor seinem
+Fenster, wie ein Meervogel mit schwarzen, schlagenden Fluegeln. Dann fuhr
+er weiter.
+
+Er blies in die weissen Segel der kleinen Fischerbarken, dass sie
+umschlugen vor dem Wind, platt lagen wie elende, furchtsame Sklaven. Und
+er probte den stolzen Oceandampfer, der ruhig weiterschiffte in seiner
+geraden, majestaetischen Bahn.
+
+Auf dem Lande bekreuzten sich die Leute und machten die Laeden fester zu.
+Sie dachten mit Sorge an die Schindeln auf ihren Daechern, die schlechten
+Strohdecken der Scheunen. Der Wind fegte die Schindeln herunter. Er hob
+das Strohdach auf und fuhr in die Scheune, dass Alles aufstob,
+durcheinander wirbelte, wie wenn der Raubvogel in den Huehnerstall faehrt.
+
+Hui - hui - machte der Sturmwind.
+
+Im Gebirge koepfte er die Tannen und schleuderte sie kopfueber den Abhang
+hinunter. Von der offenen Bergseite, wo die neue Strasse lief, riss er
+grobe, rohe Fetzen und kollerte sie in die blanken Eisenbahnschienen
+mitten auf den Damm. Er polterte an den Pfeilern der Bruecken und peitschte
+die Weidenruthen am Ufer, die sich bis auf die Erde bogen, der Wind ist
+ihr Herr. Er war furchtbar.
+
+Ueber die Staedte der Menschen fuhr er. Sie schlossen die Laeden vor und
+zogen sich die Nachtmuetzen tiefer ueber die Ohren: Es ist Sturm draussen
+und gut, dass wir nicht im Freien sind. - Wo er Einen fand, der draussen
+war, schuettelte er ihm die armseligen Fetzen vom Leib und kaeltete ihn
+durch, dass der Frost in ihm blieb. Denn der Sturmwind war schrecklich und
+ein Feind der Menschen.
+
+Durch den Sturm und die Nacht ritt der einsame Reiter. Sein Gesicht war
+dicht verhuellt im Mantel. Sein Pferd schritt schnell, ausgreifend, mit der
+Regelmaessigkeit schoener, geuebter Edelthiere. Der Sturm versuchte ihm den
+Mantel vom Gesicht zu zerren. Aber er huellte sich nur noch dichter hinein.
+Ganz schwarz sah er aus. Wie ein schwarzer Schatten ritt er durch die
+Nacht unter dem heulenden Sturmwind. Der Diener folgte, stumm, wachsam, in
+einiger Entfernung.
+
+Der Reiter hoerte dem Concert des Windes zu. Es war ihm, als bildete es
+eine sehr hohe, erhabne und brausende Melodie. Aber er war zu weit
+entfernt und zu niedrig. Er konnte nicht verstehen, was der Sturmwind
+sang.
+
+Es war ein Lied vom Krieg, von Trompetenrufen und Pferdegetrappel, von
+wehenden Fahnen, Kanonendonner und knatterndem Gewehrfeuer - dann der
+Hurrahschrei des Siegers. Einer ritt allein im strahlenden Adlerhelm. Die
+Sonne seines Helms warf Strahlen. Ein weisses Pferd schritt unter ihm.
+Alle schrieen: Heil! Heil dem Sieger, dem grossen Koenig unter den
+Menschen, dem Gewaltigen!
+
+... Es war der Orgelklang eines Doms. Alle Glocken laeuteten.
+Festguirlanden hingen. Frauen wehten mit ihren Tuechern. Weissgekleidete
+Maedchen trugen Blumen und sangen. Endlos war der Zug der Festtheilnehmer.
+- Der Hermelin hing um seine Schultern. In schweren Falten umfloss ihn der
+Purpur. Er schritt die Stufen zum Altar hinan. Hinter ihm rauschte der
+Mantel. Das Schwert stiess klirrend gegen den Marmor und der Priester im
+Ornat hob die lichte Krone, den wundersamen Reifen ohne Anfang, ohne Ende,
+wie die Schlange, die den Weltkreis haelt, funkelnd im Schmuck der
+Edelgesteine - des Rubins, der das Blut ist, Topase, koestlicher als Gold,
+der Herrschaft, und Smaragden, funkelnde gruene Augen der Edelkatze. - Und
+er war es, der gross und reich war, der Koenig war.
+
+Lieder von Ruhm und Macht sang der Sturmwind. Der einsame Reiter in der
+Mitternacht hoerte ihm zu. Er hatte sein Gesicht im Mantel verhuellt und
+ritt schnell, dass Niemand ihn kennen konnte.
+
+Als ein Fremder zu dem Fremden kam er mitten in der Nacht.
+
+Draussen tobte und fauchte der Sturmwind. Er strich dahin mit dem tiefen,
+surrenden Ton zu stark gespannter Saiten. Die Luft schwang und zitterte
+nach seinem Roehren. Die Erde aus ihren Eingeweiden antwortete gleich dem
+vibrirenden Resonnanzboden einer Violine.
+
+"Es ist Sturmwind und sehr finster," sagte der schwarze Reiter. "Ich bin
+zu Dir gekommen, um mit Dir zu sprechen ueber Dinge, die gefaehrlich sind zu
+nennen und sehr geheim. Darum komme ich in der Nacht. Sie ist furchtbar,
+diese Nacht!"
+
+"Es giebt einen Morgen," sagte der Fremde. "Das Licht wird sehr hell
+kommen. Wir werden Morgen haben bald."
+
+"Ich darf den Morgen nicht sehen. Ich habe grosse Eile, und dass ich hier
+bin, darf Keiner wissen. Das Licht nicht und nicht der weisse Nebel des
+Morgens, der dem Hahnschrei vorangeht. Durch die Nacht und den Sturm bin
+ich gekommen, weil es Nacht ist und Sturm in mir. Hoerst Du die Weisen
+draussen? Es sind alle Geister der tollen Vergangenheit, die los sind. Sie
+singen mir von Stolz und Sieg und Macht. Ich sehe sie Alle, die dies Haus
+umkreisen und mit mir hierhergezogen sind. Sie tragen Ruestungen von Eisen
+und gehen langsam vorueber. Die Letzten haben Purpurmaentel und Einige
+reiten auf herrlichen Pferden. Einer traegt sein Haupt unter seinem Arm. -
+Warum sind sie grauenhaft und traurig wie diese?"
+
+"Sie haben getoedtet," sagte der Fremde. "Sie haben genommen. Sie haben
+geraecht und gerichtet."
+
+"Aber Viele haben Gutes gethan. Sie haben Ordnung gestiftet. Sie haben
+geschafft. Die Kraft ihres Hirns haben sie gegeben und die Staerke ihres
+Arms. Sie waren Vaeter und Erbauer."
+
+"Des Vaters Amt ist ein schweres. Viele fuehrt in die Irre, der als ein
+Fuehrer selber irrt. So er dieser Geringsten einen aergert, besser waere es
+ihm, er verloere Leben und Leib. Der Baumeister, der nur einen Stein falsch
+waehlt, gefaehrdet den Bau."
+
+"Das ist schrecklich. - Sie waren Erwaehlte unter den Menschen. Die Gnade
+von oben hat ihnen geholfen."
+
+"Es ist schwer, dass ein Reicher das Himmelreich finde," sagte der Fremde.
+"Die Gnade wird dem Demuethigen."
+
+"Man kann demuethig vor Gott sein und stolz vor den Menschen. Gott hat
+Koenige eingesetzt."
+
+"Einen. Er hatte nicht, da er sein Haupt hinlegen sollte und ward in der
+Krippe gebettet."
+
+"Du denkst also, dass es ein Unrecht ist, ein Grosser dieser Welt zu
+sein?"
+
+"Es stehet geschrieben: Wer unter Euch will ein Herr sein, der sei Aller
+Knecht."
+
+"Das ist bildlich gemeint," sagte der Reiter. "Wer dem Ganzen dient, ist
+Aller Knecht."
+
+"... Und er nahm seinen Schurz und wusch ihnen die Fuesse," sagte der
+Fremde milde.
+
+"Das ist doch auch nur symbolisch."
+
+"Du glaubst, dass das Kreuz ein Symbol ist?" Der Fremde laechelte - ein
+trauriges Laecheln. Man sah eine Qual von zweitausend Jahren, versteinert
+gleichsam, wie lange gestorben, die lebte.
+
+Der Reiter sah ihn ungewiss an. Er zitterte. Der Sturmwind draussen blies
+zum Umwerfen. Und es war sehr finstre Nacht.
+
+"Gewissermaassen ja. Das Leben ist eine Art Kreuz. Wir haengen am Kreuz.
+Jeder, der den Kampf des Lebens ficht. Auch Unsereiner hat in sich zu
+kaempfen, mehr denn Andre. Du sagtest schon, die furchtbare Verantwortung.
+- Auf Einen faellt der Fehler. Es ist schwer, Recht zu scheiden vom
+Unrecht. Fuer dieses schwere Amt muesste man Vorrechte haben. Wer wollte
+freiwillig es auf sich nehmen?"
+
+"Glaubst Du, dass es Keiner moechte?"
+
+Der Reiter verwirrte sich. "Es muss doch sein, um der Ordnung willen. Es
+ist besser, dass das Festgefuegte bleibt. Einer, um den kein Kampf ist, der
+den Ehrgeiz nicht kennt, Neid, Niedrigkeit. Das Alles haftet dem
+Emporgekommenen an. Der Purpurgeborne kennt es nicht. Ist er nicht edler?"
+
+"Gottes Sohn hatte zu seiner Rechten mehr denn zehntausend Legionen Engel.
+Er liess sich binden und kreuzigen."
+
+"Er war der Edelste. Das ist nicht menschlich, das ist goettlich."
+
+Eine lange Pause entstand. Der Fremde hielt das Haupt geneigt. Es waren
+auf seiner Stirn rothe Spuren wie von Schaerfen, Spitzen, die eingedrungen
+waren. Er hatte Narben in den Haenden. Ein Schmerz, wie von einer schweren,
+nie geheilten Wunde schien in seiner Seite zu wohnen. Er legte die Hand in
+seine Seite. Er seufzte.
+
+"Und wenn ich es thaete?" fuhr der Reiter fort. "Wer haette den Vortheil?
+Ein Andrer, der kaeme und schlimmer waere, vielleicht weniger tief angelegt,
+- ein Leichtfertiger. Ein Tyrann. Wem waere geholfen? Und was ist Einer?"
+
+"Einer war und er that."
+
+"Selbst dieser Eine ...? Ist die Welt besser geworden? Die Formen der
+Unterdrueckung haben gewechselt. Vielleicht sind sie weniger roh. Sind sie
+darum weniger grausam? Ist Hunger, Krieg, Ungerechtigkeit verschwunden? Er
+war Gottes Sohn und starb vergebens. Wer bin ich?"
+
+Der Wind hatte einen neuen Einlass gefunden. Er stiess hinein wie in eine
+Trompete. Ein Fensterglas zersplitterte. Es klang wie Gelaechter, das
+Lachen von tausend Kobolden und Daemonen. Der Fremde antwortete nicht.
+
+"... Es koennte sein, dass Umwaelzungen kaemen," sagte der Reiter,
+"allgemeine, durch einen Umschwung des Denkens erzielte, langsam
+vorbereitete. Vielleicht kommt es so? Ich weiss nicht. Wem ist es gegeben
+zu erforschen? Man muss bleiben, wo man hingestellt ist, sich genuegen
+lassen, sein Bestes zu thun. Unsre Einsicht ist unvollkommen. Langsam nur
+geht die Zeit. Ich bin nicht ein Erloeser. Nicht ein Genie ... Ich thue
+meine Pflicht."
+
+Er hatte seinen Mantel wieder umgenommen. Er rief nach seinem Pferde.
+Diese ritten hinaus wieder in die Nacht.
+
+Ueber ihren Haeuptern fegte der Sturmwind. Er sang wilde, triumphirende
+Weisen.
+
+Hoiho - hoiho - triumphirte der Sturmwind.
+
+ -------------------------------------
+
+Er ging allein fort, bis er an einen grossen Wald kam und setzte sich
+daselbst auf einen Stein.
+
+Es war ein sehr alter Wald aus lauter hundertjaehrigen Baeumen, Eichen mit
+seltsamen verknoteten, verknoecherten Staemmen, die da wie Vorweltriesen
+standen. Unten waren sie schon abgestorben, aber oben trieben immer wieder
+frische gruene Zweige mit krausen Blaettern und Eicheln. In einige war der
+Blitz gefahren. Sie trugen seine Spur wie ein breites kohlschwarzes Band
+vom Wipfel zur Wurzel. Da war alles Leben versengt, aber die andre Seite
+gruente noch und breitete Aeste. Alle standen da in einem geheimnissvollen
+Kreisring. Nicht zu nahe bei einander, weil sie sich sonst gestoert haetten
+im Wachsthum. Um den engeren Ring lief jedesmal ein weiterer. Seine Staemme
+standen in den Zwischenraeumen zwischen denen des Ersten, so dass es von
+innen anzusehen war wie eine hoelzerne geschlossene Ringwand, aus lauter
+Staeben, dass man nicht unterscheiden konnte, wo der Wald aufhoerte oder
+anfing. Aber zwischen den einzelnen Kronen fiel breit der blaue Himmel
+durch. Der Boden war mit hohem, gruenem, sehr feinem Gras bewachsen. Man
+konnte gehen in den Abstaenden der Ringe wie in einer Wandelbahn. Es war
+schattig und doch hell.
+
+Die Rinde dieser Baeume war rauh, borkig, mit starken, eingeborstnen
+Abschilferungen wie die maechtigen Dickhaeuter. Moose wuchsen aus ihr in
+grauen Haengebaerten. Knoten und Buckel hatte das Alter gebildet,
+schwaerzliche Warzen, in denen die Saefte sich schwaerend stauten. Die Aeste
+kamen wieder, verrankten und verschlangen sich in seltsamer Weise. Keine
+Regel schien da mehr zu herrschen, nur Laune, grimmige, kauzige Spottsucht
+des Alters. Die Wurzeln liefen sehr lang mit Knollen und Armen. Sie
+veraestelten und verwoben sich auch ineinander. Einige Staemme hatte man
+abgehauen. Aber die Stuempfe waren geblieben. In deutlichen Ringen stand
+ihr Leben geschrieben. Kleines Buschwerk, Gepilze, schoss und trieb um die
+Todten. Man sah ihre Wurzeln, die weiss wurden, abstarben. Doch maechtig
+mit starken Fibern und Adern wie Gespinnste einer untergegangenen
+Hexenwelt.
+
+Grosse Steine von alten Heidenzeiten her lagen in der Runde. Jedermann
+wusste, dass man diese Steine nicht anruehren durfte. Es lagen grosse
+Helden der Heiden darunter begraben und sie waren blos verzaubert und
+nahmen es uebel, wenn man sie reizte. Dann kamen sie hervor aus ihrem
+Grabe, schlugen mit ihrer Zauberkraft Mensch und Vieh. Manche erzaehlten,
+dass sie zu Zeiten ein weisses Ross da haetten grasen sehen, ohne Zaum und
+Sattel, von wunderbarer Farbe und Sanftmuth. Aber wenn man es anrufen und
+fangen wollte, wurde es schwarz, Feuer spruehte aus seinen Nuestern. Das war
+das Schlachtross des Heidenkoenigs. Auch von einer wundersamen Frau
+erzaehlten sie. Er hielt sie dort gefangen mit sich im Tode, die im Leben
+seine Braut nicht gewesen war. Denn zu den Zeiten waren Maenner; solcher
+liess ein Weib nicht und ob er sie im Sturm geraubt. Der alte Heidenkoenig
+hielt sie im Grabe, und des Nachts stand sie auf und ging zu ihrer
+eigentlichen Heimath und ihren Kindern, dem weisen, guten Koenig, dem sie
+angehoerte. - Aber des Nachts und wenn es finster war, hielt sie der Andre,
+der sie geraubt mit seinem Leben. Und man fand, dass es so recht war im
+Volke, weil er den Blutpreis gezahlt um sie. Es war darum im Herzen der
+schoenen Frau, dass sie nicht widerstehen konnte, wenn er sie zu sich rief
+auf sein hoellisches Bett des Nachts.
+
+Aber sie war unselig und klagte. Oft hoerte man ihre Klage widerhallen im
+Mittag, zu Stunden des Tags, wenn die Luft lau und lind war. Sie klagte,
+dass der gute Koenig, ihr Mann, gestorben war, alle ihre Kinder und spaete
+Enkelkinder. Ihre Seelen waren zu Gott oder zum Teufel, je nachdem sie
+thaten, recht oder unrecht gehandelt im Leben. Sie auch war laengst todt im
+Leibe; nur ihre Seele konnte nicht sterben um der suendigen Leidenschaft
+willen, die sie festhielt an dem starken Helden.
+
+Aus solchen Klagen der weissen Frau hatte man ein Lied gemacht. Knechte
+und Maegde sangen es oft bei ihrer Arbeit. Es war ein Lied des Landes
+geworden, von der armen Seele, die nicht sterben konnte, weil sie noch
+immer liebte. Ihre Liebe war vom Teufel und starb doch nicht. Weil er so
+stark gewesen war und so schoen, der tapferste Held der Heiden und ein
+Wunder, der Koenig, vor den Leuten.
+
+Jedermann wusste, dass sie nie den Frieden finden konnte. Sie war wie eine
+unselige Seele zwischen Himmel und Erde. Der Heidenheld kuesste sie heiss
+und wach wieder, jede Nacht, wenn sie muede war und kalt, endlich sterben
+wollte.
+
+Der Fremde sass auf dem Stein und schrieb in den Sand mit seinem Stabe. Er
+folgte den krausen Runen der Wurzeln. Buchstaben und Worte bildeten sie,
+seltsame Worte von tiefer Meinung. Er folgte ihnen in jede ihrer
+fliehenden Curven, bis sie sich die Haende reichen, neues Spinnen begann.
+Wo sie aufhoerten im Baumstamm, wurden sie sehr stark, wie starke Leiber
+mannbarer Maenner, und standen wie Thuerme, die nichts umwirft. Der Blitz
+war an ihrer Seite hinabgefahren. Er auch hatte seine Schrift gelassen. Da
+war die Schrift des Blitzes, der Jahre, des Regens, uralter Zeiten.
+
+Ein Salamander schluepfte zwischen den Wurzeln vor, schwarz und gelb
+gesprenkelt. Er sah den Fremden an mit blanken, klugen Aeugelchen, die wie
+Kugeln aus seinem platten Kopfe sprangen. Man sagt von ihm, dass er fest
+bleibt im Feuer. Wer den Salamanderkoenig faengt, steht unversehrt mit ihm
+mitten in den Flammen, alle Schaetze der feurigen Tiefe sind sein. - Denn
+der Molch ist der Koenig des Feuers, derer, die haemmern ohne Unterlass im
+Gestein, Zwerge, neidischer, ungefueger Riesen und Drachen. Rothes Gold
+hueten sie, funkelndes Edelgestein, unerhoerte Schaetze, von denen die
+Menschen blind werden und roth sehen in bebender Gier.
+
+Eine schwarze Amsel kam und lief emsig hin und her. Sie blieb stehen und
+horchte. Dann lief sie wieder, pickte anklopfend, neigte den Kopf und hob
+ihn. Man sagt, dass diese Amsel Alles weiss, die Sprache der Voegel und der
+Baeume, wie die tiefsten Sorgen und Geheimnisse des menschlichen Herzens.
+Wer ihrer Weisheit zuhoert, vergisst Essen und Trinken. Wenn er zu sich
+kommt, ist sein Haar weiss und sein Herz vertrocknet in ihm, wo er jung
+war, lieben und lachen konnte, da er zum ersten Mal die teuflische
+Weisheit der Amsel und ihren Spruch vernommen.
+
+Zwischen den Staemmen wob eine Kreuzspinne. Sie wob emsig, klebrige Faeden
+ziehend und feuchtend mit hebenden Beinchen. Nach rechts und nach links
+und in Strahlen von ihrem Mittelpunkt aus. Dann verbanden die Strahlen
+wieder andre kreuzende Faeden. Auf und ab wob die Spinne netzend und
+anziehend, wie sie Faden auf Faden spann. Die Kreuzspinne dachte: "Dies
+Gewebe ist meine Welt. Ich habe es Alles allein gemacht aus mir selbst.
+Hier haenge ich zwischen Himmel und Erde. Sie koennen mir nichts anhaben von
+oben oder unten. Denn ich bin die Sonne, die scheint in der Mitte. Alles,
+was auf ihren Strahlen laeuft oder sie kreuzt, ist mein. Sein Blut naehrt
+mich. Ich werde fett und satt von ihrem Blut. Ich bin die fetteste
+Kreuzspinne im ganzen Wald. Mein Gewebe ist unzerreissbarer wie die
+starken Bastfaeden der Baeume."
+
+Der Fremde sass und zeichnete im Sand.
+
+Alsbald kam des Wegs ein sehr alter Mann, dem der Wald gehoerte. Er war so
+alt, dass er nicht mehr gerade gehen konnte, sondern sich auf einen Stock
+stuetzen musste. Aber sein Ruecken war breit und maechtig in dieser Kruemmung,
+als ob er eine Weltlast tragen koennte. Sein Haar und Bart war schlohweiss,
+von Schnee, der nie mehr schmilzt in ewigem Winter. In seine Haut hatten
+die Jahre Furchen gegraben wie in einen Acker. Zaeh und hart war sie, von
+der Sonne vielfach verbrannt, dass ihre Farbe der ungegerbten Leders glich
+oder Pergamenten uralter Schriften. Wo die Adern sich unter ihr kreuzten,
+bildeten sie starke, hervortretende Knoten. Sie liefen auf seinen Haenden
+wie Stricke, versteinerte Gaenge einstiger Canaele, in denen kein Blut mehr
+fliesst. Wohl hundertjaehrig war dieser Mann. Aber seine Augen gluehten und
+leuchteten vom Feuer, das nicht stirbt. Wie Steine waren sie, die
+erstarren machen die, die darauf sehen, staehlerne Spiegel, dass die Seele
+und die geheimsten Gedanken des Mannes, den er anblickte, offen lagen
+gleich einer Thuer ohne Hueter vor dem Alten mit den furchtbaren Augen. Wenn
+er die Brauen zusammenzog, war sein Zorn so schrecklich, dass die
+staerksten Herzen zusammenschmolzen vor ihm, ihr Wille war unter seinem
+Willen wie eine zappelnde Maus, eine winzige, verwickelte und verwirrte
+Fliege.
+
+Wer diesem Mann nahte, der verfiel ihm mit Leib und Seele. Und er nahm
+ihre Leiber und sog ihre Seelen ein. Darum war er gross und stark,
+wunderbar vor Allen und sehr alt, so dass die Leute ringsum sagten: Er
+wird nicht sterben. Er aber wusste sehr gut, dass er sterben musste. Darum
+huetete er den tausendjaehrigen Wald, liess keinen Stamm schlagen, dass er
+stehen sollte, gruenen und Fruechte tragen tausend Jahre nach ihm.
+
+Der alte Mann ging auf seinen Stock gestuetzt und sein Hund folgte ihm. Es
+war ein grosser, grauer Hund vom Geschlecht der Bulldoggen, die keine
+Furcht haben vor Mensch oder Thier, riesenhaft und ausgezeichnet unter
+Seinesgleichen, schwer tretend und sehr alt schon, wie sein Herr war unter
+seinen Gesellen, Herren und Fuersten ringsher. Etwas vom Ausdruck des
+Mannes war im Ausdruck des Hundes. Diese Beiden verstanden sich ohne Wort
+oder Zeichen. Wo sein Herr ging, folgte ihm der Hund. Wenn er des Nachts
+schlief, lagerte sich der Geselle vor seinem Lager. Es war unmoeglich zu
+diesem Lager zu gelangen, ohne den Leib des Hundes zu beruehren, der
+aufsprang, in einem einzigen Gurgelgriff den Eindringling beendigt haette,
+dann legte er sich wieder nieder und leckte seine Tatzen. Denn so
+furchtbar und gefaehrlich dieser Hund war fuer Menschen und Thier, so
+gehorsam und gefuegig war er seinem Herrn, dass er das Wunderbare seines
+Eindrucks erhoehte, der Ruhm des Hundes gross war wie der seines Herrn, in
+dieser Gegend, wo man sie fuer Koenige hielt und Wesen ueber dem Maasse des
+Irdischen und Staubgewordnen.
+
+Der alte Mann war vor dem Fremden stehen geblieben und sah ihn an. So
+gross war das Feuer der Sehkraft in den Augen dieses alten Mannes, dass es
+wie Flammen zuengelte und emporschlug an dem Andern. Einen Sterblichen
+haette dieses Feuer verbrannt. Aber der Fremde sass ganz still, zeichnete
+mit seinem Stab im Sande.
+
+"Wer bist Du?" fragte der alte Mann, dem der Wald gehoerte.
+
+"Ich bin Der, der gewesen ist und nicht stirbt."
+
+"Nichts ist gewesen von Anfang, und Alles stirbt," sagte der alte Mann.
+"Es ist Niemand, der nicht stirbt."
+
+"Nichts, das gewesen ist, stirbt," sagte der Fremde.
+
+"Buddha ist gestorben, Alexander und Caesar. Was ist geblieben von ihrer
+Weisheit, ihrem Glanz, ihrer Staerke?"
+
+"Die Amsel, die laeuft. Der Molch, der wacht. Die Spinne, die spinnt."
+
+"Du sprichst sehr thoericht," sagte der alte Mann. "Jene waren Helden und
+Weise. Diese sind arme, geringe Thiere."
+
+"War ihre Weisheit vorsichtiger denn die des Vogels? Ihr Reichthum groesser
+denn der der Eidechse? Ihr Werk bleibender als das der Spinne?"
+
+"Sie rechnet nach Tagen. Wir zaehlen Aeonen. Sein Reichthum ist Spukwesen.
+Die Weisheit des Vogels ist der rohe Instinkt der Natur. Wir finden die
+schwersten Regeln und loesen das Innere der Menschheitsgeschichte."
+
+"Euer Wesen ist Spuk und Eure Weisheit ist Spreu. Sieh, wie ich es
+zerreisse!"
+
+Der Fremde schlug mit der Hand in das Spinngewebe und zerriss es. Die
+grosse Spinne fiel. Er setzte den Fuss darauf und zertrat sie. Der
+Salamander duckte sich unter die Wurzeln. Die Amsel entfloh huepfend.
+
+"Ich fuerchte den Tod nicht," sagte der alte Mann stolz. "Ich habe das
+Leben getragen und es ist schlimmer zu tragen als der Tod. Allen Reichthum
+und alle Macht habe ich gehabt. Und ich war ein Sklave, aermer wie der
+aermste Tageloehner. Der Tag, da ich vor meinem Hause stand und Kohl
+pflanzte, war mein gluecklichster Tag. Kaiser und Koenige habe ich gekannt.
+Ich habe an ihrem Tisch gesessen und mit ihnen gegessen. Sie waren wie die
+Gummibaelle in meiner Hand, Seifenblasen, die die Kinder auftreiben und
+zerblasen. - An meinem Stab bin ich hierhergegangen. Ich habe die ganze
+Welt besessen und konnte mein Thor zumachen vor der Welt, Eifersucht,
+Noth, Neid, Hass habe ich getragen, Undank, der schlimmer ist wie der
+giftige Zahn der Natter. Er hat mich nicht angefochten, mehr denn Jubel,
+Ruhm, Liebe der Weiber, fluechtige Tropfen des Bluethenoels, die verfliegen.
+- Hier bin ich ein sehr alter Mann. Die Zeit habe ich ausgehalten und ich
+gruesse den Tod, denn ich bin muede vom Leben. In mir ist Alles todt, was
+lebendig gewesen. Ich liebe die Welt nicht und ich hasse sie nicht. Alles
+ist eins, und so gut als waere es nie gewesen. Wenn etwas nachher ist,
+werde ich es tragen. Niemals werde ich gluecklich sein und niemals klagen.
+Ich bin vom Geschlecht der Riesen hier, der Tausendjaehrigen. - Was bist Du
+gekommen mich zu stoeren in meiner Oede?
+
+"... Ich habe Zeichen am Himmel gesehen," sagte der alte Mann, "und
+Goetter. Es waren andre Goetter vor ihnen, groesser und gewaltiger als Du.
+Sie hassten und liebten, sie sangen und schlugen. Vielleicht schlafen sie,
+vielleicht sind sie todt. Lass mich schlafen bei meinen todten Goettern! -
+Sie rafften und wussten und sammelten Schaetze und schufen Welten fuer
+Zeiten und Jahre. Sie waren Goetter und sind wie Menschen. Ich gehoere zu
+ihnen. Du bist nicht meiner."
+
+"Du wirst mich kennen."
+
+Der alte Mann legte eine Hand vor die Augen und beschattete seine Augen
+mit der Hand. Wie ein Schatten ging es ueber seine Augen.
+
+"Ich traeumte von Einem ... Es ist lange, lange her. Der da kommen
+sollte ... Ich weiss nicht, ob er vom Himmel ist oder von der Erde? Du
+bist Fleisch. Aber Dein Fleisch hat den Tod gesehen. Du bist ein Koenig und
+kommst im Kleide des Bettlers. Du koenntest toedten und Du streckst die Hand
+aus, um zu bitten. ..... Aber kannst Du lieben? Kannst Du lieben wie wir?"
+
+"Ich bin fuer Dich gestorben. Aus Liebe zu Dir bin ich Fleisch geworden und
+ich habe gelitten. Es ist die Liebe, die mich lebendig macht vor Deinen
+Augen."
+
+Der Alte hatte sich vorgebeugt. Seine Augen drohten den Fremden zu
+verschlingen. Sie bohrten sich sehr tief in sein Gesicht und schienen
+seine Seele zu fassen in ihren Tiefen, wo sie nackt lag: "Wohl - wohl - Du
+bist gut und barmherzig. Es giebt die Schuld. Und es giebt die Nacht.
+Ueber Schuld und Nacht - - Kannst Du lieben dahinueber?"
+
+"Ich kannte die Nacht des Todes. Und ich bin in der Hoelle gewesen."
+
+"In der Hoelle ... In der Hoelle ..." Der alte Mann beugte sich noch weiter
+vor. Seine Augen schienen sich hineinzufressen in die des Andern, zu
+ringen - zu ertrinken. Er athmete hart.
+
+"Wo die Flammen steigen zum naechtlichen Himmel, die Starken schmachten in
+Ketten und Banden - -"
+
+"Wo die Flammen steigen zum naechtlichen Himmel, die Starken schmachten in
+Ketten und Banden ... Einer ist, der Starke der Starken, der Stolzesten
+Stolzer ... Einer - -"
+
+"Keiner ist denn ich. Er ist Ich, Ich bin Er. Sieh mich an und verstehe!"
+
+Der alte Mann hatte einen Schritt vorwaerts gemacht. Wie ein Blitz an der
+Eiche glitt er hernieder. So fiel er um und war todt.
+
+Der Fremde drueckte ihm die Augen zu. Er machte das Zeichen des Kreuzes
+ueber ihn. Er lag da in seiner ganzen, riesigen Laenge, die tausendjaehrige
+Eiche, die tausend Jahre gestanden hat und faellt. Der Hund hielt die Wache
+neben dem Leichnam. Er sass still und gerade, den Kopf hochgerichtet, die
+Vorderpfoten nebeneinander gestellt, wie steinerne und eherne Hunde sitzen
+auf alten Grabmaelern.
+
+Der Salamander lugte aus seiner Wurzelspalte. Die Amsel huepfte und
+beschrieb seltsame Kreise. Die Spinne wob ihr Netz.
+
+Niemals wieder im Zauberwald hoerte man die Klage der weissen Frau.
+
+
+
+
+
+ DAS DREIZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Es begab sich aber, dass Einer gestorben war, den er lieb hatte. Dessen
+Verwandte und Freunde kamen zu ihm und sagten: "Dein Freund ist todt. Er
+hat Dich geliebt und liebt nicht mehr. Er hat gesprochen und nun schweigt
+er. Er ging und wandelte unter uns und er ist nun starr und stumm wie ein
+Stein. Bald wird die Verwesung eintreten an seinem Leichnam. Wir werden
+ihn begraben und unter die Erde senken muessen. Die Wuermer werden ihn
+zerfressen, sein Fleisch, das faul und stinkend wird, die Knochen, dass
+von ihm nichts uebrig bleibt. Pilze und lange Graeser werden wachsen aus
+seinem Grab. Wo sein Hirn war, werden die Maden nisten. Ekle Larven werden
+kriechen in der Hoehle seines Mundes, der lieblich toente von holdseliger
+Rede, weil er lebte. Seine Mutter wird Niemand haben, der ihr Trost
+bringt. Sie ist alt und kann nicht mehr ausgehen auf Arbeit. Seine
+Schwestern werden sitzen und verwelken in ihrer Jungfrauenschaft. Denn wer
+wird sie wollen, wo der Bruder fehlt, der Brot gab und Schutz? Ein grosses
+Unglueck ist es fuer Alle. Du konntest helfen und halfst nicht. Nun ist er
+todt. So Du nicht eilig kommst, wirst Du die Leiche nicht mehr sehen im
+Tode. Der Dir lieb war, geht ein wie Gras, das verdorrt."
+
+Dies Alles hoerte er mit an, sagte nichts. Danach stand er auf und ging
+sehr eilig, dass er den Todten noch saehe auf seiner Bahre, die Hand auf
+sein Antlitz legte, ehe sie ihn zuschlossen im Sarge.
+
+Im Hause fand er Alles in schwerer Trauer. In einer Stube sass die alte
+Mutter und wehklagte laut. Alle Weiber des Orts waren um sie, weinten und
+halfen ihr ihre Thraenen trocknen. Waehrend sie laut die Tugenden des Todten
+ruehmten, der ein vortrefflicher Sohn gewesen, voll Eifer und
+Zuverlaessigkeit gegen seine betagte Mutter, der er die Haelfte seines
+Verdienstes gab, dass sie friedlich und in Eintracht lebten in ihrem
+Haeuschen und satt zu essen gehabt von dem, was er heimbrachte.
+
+So trostlos war die alte Frau, dass sie ihre Haare zerrauft hatte. Ihre
+Kleider hingen unordentlich um ihren Leib, denn sie hatte sie mehrere Tage
+und Naechte nicht abgenommen, waehrend er krank lag. Ihre Augen waren
+geroethet vom Nachtwachen, ihre Backen eingefallen von Kummer, jaemmerlich
+und huelflos die ganze Erscheinung. Sie weinte laut, schrie und wollte sich
+nicht troesten lassen. Es war ihr einziger Sohn gewesen, der todt lag. Sie
+hatte nur diesen und wuerde kinderlos bleiben hinfort. Ihre Toechter konnten
+in die Ferne ziehen als Maegde. Manchmal wuerden ihr die Nachbarn eine
+Unterstuetzung bringen als einer Bettlerin und Ueberlaestigen. Sie wuerde an
+der Thuer stehen, wo sie frueher als Herrin gewaltet, aermlich sitzen, wo sie
+im Mutterstolz geschritten neben ihrem Sohn.
+
+Die eine Schwester Martha ging ab und zu. Sie brachte warme Getraenke,
+Wecken und Kuchen fuer die Leidtragenden, waehrend die Maenner Bier aus
+Kruegen tranken, Branntwein hingestellt war in Flaschen. Das gebot die
+Sitte. Diese Martha hatte das Hauswesen unter sich und war sehr tuechtig
+darin. Ihre Wecken und Kuchen waren beruehmt im Dorfe. Das Bier, das sie
+selbst braute, schmeckte kraeftig und suess, wie irgend ein gekauftes. Alle
+assen und tranken reichlich, lobten Martha, ihre Ordnung und Fuehrung des
+Hauswesens, wie sie Alles eingeleitet und gerichtet in dieser traurigen
+Gelegenheit. Sie war bald hier und bald dort, fuellte die Tassen und Kruege,
+schalt auf die Kinder, die anfingen das Brot zu verstreuen, sich die
+Gesichter zu beschmieren mit Mus unter dem Tisch. Sie nahm einen Besen und
+fegte sie damit hinaus Alle zusammen und gab ihnen Schlaege auf ihre
+kleinen Roeckchen. Alle fanden, dass sie recht that, diese Martha ein sehr
+tuechtiges Frauenzimmer sei. Es war ein oberster Bauer im Dorf, der sich
+vornahm, sie als Haushaelterin zu dingen. Der Wirth vom Krug wollte sie
+gleichfalls. Dieser war ein Wittmann und konnte heirathen. So dass wenig
+Noth war um Martha, selbst wenn sie keine Aussteuer hatte, der Bruder
+fehlte, sie wegzugeben.
+
+Maria aber, die andre Schwester, sass zu Haeupten des Todten in dem kleinen
+Verschlag nebenan. Sie hatte einen bluehenden Kirschenzweig abgebrochen und
+wehrte damit den Fliegen, die kommen wollten, sich auf das Antlitz des
+Todten zu setzen. Wenn eine Fliege kam, scheuchte sie sie sacht hinweg mit
+ihrem bluehenden Zweig, ohne sie zu toedten, dass sie aufflog und summend
+gegen das Fenster stiess. Sie hatte Wiesenblumen gepflueckt, ganze
+Armladungen voll, und sie zu beiden Seiten des Bettes geschichtet. Wie auf
+einem lichten Fruehlingsanger lag der Todte, weil er jung war,
+wohlgewachsen und schoen vor andern Juenglingen.
+
+Martha schalt ueber das unnoethige Heu, das die Kuehe fressen koennten. Sie
+fand, dass die Schwester ihr helfen sollte in der Wirthschaft und bei der
+Bedienung der Gaeste. Aber Maria blieb sitzen bei dem Todten. Sie hatte
+ihren Zweig in der Hand und scheuchte sacht die Fliegen, waehrend sie vor
+sich hinsang.
+
+Diese Maria hatte die Gabe der Lieder. Im Hause war sie nicht so geschickt
+wie Martha, von weniger flinken Fingern, so dass jene oft schalt und ihr
+Vorwuerfe machte. Sie konnte auch nicht ansehen, dass man Thiere und Voegel
+schlachtete, wie Martha es that, trefflich davon zu kochen verstand.
+Manchmal hatte sie der Schwester die blinkenden Fische wieder aus dem Netz
+genommen und heimlich zurueckgetragen in's Wasser. Martha hatte gezankt,
+ihre Hand geschlagen. Sie fand, dass sie unnuetz war und traege in der
+Arbeit. Obgleich sie sehr schoen war, hoechst lieblich anzusehen, fragte sie
+nicht nach den jungen Leuten im Dorf, die zwar gekommen waeren, unter ihren
+Fenstern von Liebe zu schwaetzen, auch wohl ihre Armuth uebersehen haetten um
+ihrer grossen Schoenheit willen. Ihre Schoenheit war wie die einer Koenigin,
+nicht eines Bauernmaedchens. Wenn sie durch das Dorf zum Brunnen ging,
+liefen die Kinder ihr nach, die Kuehe kamen mit breiten, weissen Stirnen,
+sich streicheln zu lassen von ihr, zu saufen aus ihrem Eimer. Man sagte,
+dass in ihrer Hand Heilkraft waere, die Pflanzen, die sie eingesetzt hatte,
+schlugen an und bluehten. Ihre Lieder schlaeferten ein trotziges Kind ein.
+Das wilde Blut wurde ruhig. Man vergass die Sorgen des Lebens, wurde
+einfach, Lilien auf dem Felde, die bluehen in ihrer stillen Pracht, und
+kleine Voeglein, die zwitschernd flogen ohne Sorge und Noth.
+
+Sie sass und stoerte mit ihrem Zweig die Fliegen. Sie sang leise. Sie war
+gar nicht traurig. Ihr schoenes Gesicht blieb ruhig wie zuvor. Sie weinte
+auch nicht; man sah keine Unordnung in ihrem Haar oder Kleid. Keine
+Herdroethe lag auf ihren Backen, wie bei Martha, die fliegend stob,
+scheltend, zaehlend, weinend wieder zwischendurch ueber den Bruder, der
+fehlte, die Sorge, die in den Haushalt gekommen dadurch. Besonders
+beklagte sie sich, dass Er, der sein Freund war, nicht dagewesen war bei
+Zeiten. Er haette ihm ein Heilmittel geben koennen, wenigstens doch Trost
+spenden an seinem Bett, eine Huelfe sein den geplagten Frauen.
+
+Es kamen immer mehr Menschen, denn die Zeit des Begraebnisses war nahe.
+Alle assen und tranken. Es war eine grosse Unordnung. Man hoerte das Klagen
+der alten Frauen, die die Tugenden des Todten aufzaehlten, die Kinder
+spielten und trieben allerlei Schabernack. In den Staellen bruellte das
+Vieh, das man vergessen hatte ueber dem Trubel, vor seinen Krippen.
+
+Mitten hinein da trat der Fremde. Martha stuerzte sich sofort auf ihn und
+erzaehlte die naeheren Einzelheiten von der Krankheit und dem Tod. Die alte
+Mutter erhob ihre Stimme sehr hoch in Schluchzen. Alle sahen ihn an und
+draengten sich um ihn, denn sie wussten, dass der Verstorbne ihm sehr lieb
+gewesen war. Sie wunderten sich, was er thun wuerde. Einige dachten auch,
+er haette ihm helfen koennen: Was ist an ihm, so er nicht mal diesen retten
+konnte, den er lieb hatte? Die Andern glaubten beinah an ein Wunder: Jetzt
+ist die Gelegenheit fuer ihn. Wir muessen sehen, was er thut. Sie waren ganz
+bereit zu glauben, wenn er den Todten erweckte, obgleich sie natuerlich
+nicht zugaben, dass so etwas moeglich waere. Es war eine Aufregung in der
+ganzen Gesellschaft und Alle sahen auf ihn.
+
+Er sprach: "Fuehrt mich zu ihm!"
+
+Martha fuehrte ihn in den Verschlag. Alle draengten nach durch die niedrige
+Thuer. Aber er hiess sie die Thuere schliessen.
+
+So schloss sie die Thuer. Draussen warteten die Andern. Nur die alte Frau
+fuhr fort laut zu wehklagen, ihre Tage zu verfluchen, dass sie lieber ihm
+nachfahren wollte in die Grube, der ihr Leben gewesen, der Trost ihres
+huelflosen Alters.
+
+Martha war mit hineingegangen. Sie beeilte sich die Vorhaenge fortzuziehen:
+"Sieh ihn Dir genau an und merke die Zeichen des Uebels, an dem er
+gestorben ist." Sie beschrieb sie genau. "Nun ist es zu spaet. Wenn Du bei
+Zeiten gekommen waerst, lebte er jetzt. Aber vielleicht ist es auch nicht
+zu spaet? Du weisst sehr Vieles, und es ist Dir Macht gegeben ueber Kunst
+der gewoehnlichen Sterblichen. Sieh Du selbst und urtheile!"
+
+Das sagte sie ihn zu versuchen. Sie dachte in ihrem Herzen: "Wenn es doch
+moeglich waere? Warum sollte es ganz unmoeglich sein?"
+
+Er sprach: "Lass mich allein mit ihm."
+
+So ging sie hinaus und schloss die Thuer hinter sich.
+
+Es war Niemand im Zimmer, denn er und Maria. Und die Leiche zwischen
+ihnen, von der sie die Fliegen wehrte mit ihrem bluehenden Zweig. Denn sie
+hatten ihn viele Tage liegen lassen um des Fremden willen. Der Leichnam
+fing schon an sich zu zersetzen. Ein Geruch der Faeulniss war mit im Zimmer
+zwischen dem frischen, kuehlen der Blumen, die Maria gesammelt hatte.
+
+Er war an das Lager getreten und sah den Todten an.
+
+"Er ist nicht todt," sagte er.
+
+"Ich weiss, dass er nicht todt ist. Er schlaeft blos," sagte Maria. Sie
+fuhr fort den Fliegen zu wehren und sang leise. Vom Gras, das verwelkt,
+sang sie, von der Spreu im Winde:
+
+"Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er bluehet wie eine Blume auf dem
+Felde.
+
+"Wenn der Wind darueber geht, ist sie nimmer da und ihre Staette kennt sie
+nicht mehr.
+
+"Sie gehen daher wie ein Schemen und machen sich viel vergebliche Unruhe.
+
+"Sie sammeln und wissen nicht, wer es kriegen wird.
+
+"Wie ein Traum vergehet, so wird er auch nicht gefunden werden und wie ein
+Gesicht in der Nacht verschwindet.
+
+"Unser Leben waehret siebenzig Jahre, und wenn es hochkommt, so sind es
+achtzig Jahr, und wenn es koestlich gewesen ist, so ist es Muehe und Arbeit
+gewesen; denn es faehret schnell dahin, als floegen wir davon."
+
+Nicht traurig klang es. Nur weich und sehr leise.
+
+"Er ist nicht todt und er hat nicht gelebt," sagte der Fremde. "Er wurde
+nur geboren und nun ist er gestorben."
+
+"Ich weiss, dass er nicht todt ist und nicht gelebt hat," sagte Maria.
+"Was lebt, ist unsterblich. Das Unsterbliche kann niemals sterben."
+
+"Niemals," sagte der Fremde.
+
+"Vielleicht ist er auf einem andern Stern jetzt," sagte Maria. "Vielleicht
+ist er etwas sehr Hohes und Herrliches. Vielleicht ein Fliegeneichen. Und
+der Wind fuehrt es fort. Oder Graeser wachsen aus ihm, die bluehen und Samen
+tragen." Sie laechelte und scheuchte die Fliegen. Die Sonne stand schon
+niedrig. Ein breiter Lichtbalken vom Fenster her zog sich quer durch die
+Stube. Hunderte von glitzernden Staeubchen tanzten und webten. Sie stiessen
+sich und kreisten.
+
+"Vielleicht," sagte der Fremde. "Nur er ist nicht todt."
+
+"Er ist nicht todt. Sie denken es blos. Sie sind thoericht."
+
+"Und blind. Sie sehen nicht."
+
+"Sie sehen nicht, weil sie hochmuethig sind und Scheuklappen vor ihre Augen
+binden, um nicht zu sehen. Alles ist schoen. Alles singt. Alles lebt."
+
+Und froehlich sang sie in den Tag, der sich neigte: "Sie denken, dass die
+Sonne untergeht. Sie geht nur weiter. Sie sehen sie nicht. Es wird Nacht.
+Nach der Nacht kommt der Morgen. Ach, die Menschen sind ungeduldig und
+unverstaendig! Wie kleine Kinder sind sie, die weinen, wenn es dunkel wird.
+Still ist die Nacht. Lieblich und guetig."
+
+- "Moechtest Du den wecken, der schlaeft? Er schlaeft sanft und seine Lippen
+laecheln. Moechtest Du purpurn haben, was weiss ist? Zuckend und fiebrig,
+was so still ward? Fuehle, wie still es ist."
+
+Sie entfernte mit ihrer Hand das Hemd des Todten und legte ihre Hand auf
+sein Herz. "Es schlaegt nicht mehr. Hoert darum der Ocean auf, seine Wellen
+zu waelzen? Stoert es etwas im Wechsel von Tag und Nacht, vom Sommer zum
+Winter? Arme Menschen! Wie ihre Herzen winzig klein sind! Und Froschherzen
+sind noch kleiner. Aber eine Fliege hat auch ein Herz. In ihren Adern
+fliesst Blut. Kleine Menschen, kleine Fliegen- und Froschmenschen! Wie sie
+klein sind!"
+
+"Deine Mutter weint."
+
+"Ich habe eine Blume gepflueckt und der Stengel blutete. Das ganze
+Wuerzelchen starb. Sie muss nun sterben. Sieh, wie die Blaetter haengen! Wie
+sie traurig ist!"
+
+"Man koennte sie wieder einpflanzen."
+
+"Wozu? Es giebt so viele Blumen. Sie wird Staub werden, eine schoenere
+Blume vielleicht. Vielleicht wird sie eine Koenigin. Sie moechte gar nicht
+wieder eine arme, kleine Blume sein."
+
+"Die draussen verstehen es nicht."
+
+"Die verstehen es nicht. Sie sind ungeduldig, dumme, kleine Kinder."
+
+"Und ungluecklich."
+
+"Unglueck ist Ungeduld und Eigensinn. Es giebt keine Gefahr, wenn Du auf
+dem Wasser liegst und Dich treiben laesst. Es traegt Dich mit sich. _Gegen_
+die Fluth bist Du ohnmaechtig. Sie verschlingt Dich. - Du kannst die Augen
+schliessen und die Arme falten. So leicht - leicht schwimmt es sich! -
+_Er_ schwimmt jetzt. Er tobt nicht mehr. Er ist nicht todt und ich lebe
+nicht. Es ist Alles Eins - Alles ..."
+
+Die Abenddaemmerung war in's Zimmer gekrochen. Alles loeste sich auf, schien
+zu schwimmen, emporgetragen zu werden.
+
+"Schatten! Schatten! ... Wenn Du aus der Ferne viele Stimmen hoerst, ist es
+Alles nur ein Ton. Wir sind zu nah. Nicht ein Gedanke, der gedacht worden
+ist, verschwindet. Was in den Schooss der Zeiten gesenkt war, traegt Frucht
+und blueht in den Zeiten ewiglich. Das Leben der Zeiten ist die Ewigkeit.
+Und alles Lebens Leben ist Gott."
+
+Da legte er die Hand auf die Stirn des Todten. Er sprach: "Leb wohl! Ich
+sehe Dich jetzt nicht. Aber ich werde Dich sehen. Du bist nicht todt. Das
+Leben ist in Dir nicht todt. Was Du mir davon gegeben hast, trage ich in
+mir. Und diese Alle tragen etwas. Das Andre liegt gehuetet wie ein
+kostbarer Schatz. - Den Winden - der Erde - dem Wasser" - er schlug die
+Zeichen durch die Luft. - "Gott, der des Lebens Ursprung ist, von dem es
+fliesst und zurueck fliesst. - Komm jetzt, dass wir ihn rasch begraben und
+ein Ende machen."
+
+So gingen sie Beide hinaus, Maria und er, schlossen die Thuer hinter sich,
+da der Todte lag. Es war dunkel bei dem Todten. Man merkte jetzt deutlich
+den Geruch der Verwesung, in dem der welkenden Blumen, etwas von Blut,
+Fleischfaser und schlechten, geringen Stoffen. Schlaff, mit geschlossnen
+Kelchen hingen die Bluethen. Die Fliegen schwirrten.
+
+Die Andern, da sie diese Beiden so ruhig sahen, meinten sie, es waere ein
+Wunder geschehen, dass der Todte lebte. Sie draengten nach in die Thuer und
+Martha rief mit lauter Stimme ihren Bruder: "Du - Du - sage ob Du lebst?"
+
+Aber Maria sagte: "Lass ihn. Er ist nicht todt. Doch wir muessen ihn
+begraben, denn es ist Abend und die Leiche faengt schon an stinkend zu
+werden. Es waere uns schaedlich, ungesund, zum Schlafen in der Kammer."
+
+Martha sprach: "Wie sollen wir ihn begraben, so er doch nicht todt ist?"
+
+Sie sah den Fremden hart an, weil sie ihm zuernte, dass er ihren Bruder
+nicht erweckt hatte, wie er wohl konnte nach ihrem Glauben. Sie mussten
+Noth leiden forthin. Ihre Mutter wuerde ohne Stuetze sein fuer ihr Alter. Er
+aber laechelte nur, winkte mit der Hand und ging hinweg ohne ein Wort.
+
+Dies nahmen Viele ihm uebel, Martha und die Frauen, die Neugierigen, die
+auf ein Zeichen gewartet hatten.
+
+Maria aber war nicht traurig. Sie sang und schritt leicht dahin. Wenn man
+sie fragte, ob sie nicht Leid truege um ihren Bruder, sagte sie: "Ich warte
+auf ihn. Ich weiss, dass er nicht todt ist. Ich werde ihn sehen. Es ist in
+sehr kurzer Zeit vorueber - Alles. Ich bin eilig, die Blume zu fassen,
+meine Pflanzen zu waessern, dass sie wachsen."
+
+Einige sagten: Es ist Gleichgueltigkeit, Andre: Groesse. Aber es war nichts
+von Beiden. Sie wusste nur und sie fand, dass die Tage zu kurz sind zum
+Weinen.
+
+Denn die Nacht kommt schnell herbei, da Niemand schaffen kann.
+
+ -------------------------------------
+
+Nun war aber in dieser Gegend eine Jungfrau, die nie ein Mann beruehrt
+hatte.
+
+So rein war diese Jungfrau, dass nicht ein unkeuscher Gedanke oder Abdruck
+ihr Gehirn kreuzte. Selbst in ihre unbewussten Traeume kam eine solche
+Vorstellung nicht, eine Hitze oder Beunruhigung. Sie haette nackt vor
+Maennern hergehen koennen, ohne dass sie sich geschaemt haette. Man wuerde vor
+ihren Augen alle Wollust und Suendhaftigkeit der Welt ausbreiten koennen,
+dass ihre Augen nichts gesehen haetten, die Roethe waere in ihre weissen
+Wangen nicht gestiegen. Denn sie war rein in sich und crystallen wie
+klares Wasser, der Spiegel des Bergsees, in den nie eines Menschen Auge
+geblickt, nur der Himmel in seiner Blaeue ueber den Wolken, keusch wie die
+koenigliche Lilienbluethe, die sich erschliesst in der Nacht, in hundert
+Jahren ein Mal, weil die Brunst der Sonne sie beleidigen koennte, Unreines,
+das staeubt und fliegt im Tage.
+
+Dieser Jungfrau, so Einer mit schlechten oder unzuechtigen Gedanken ihr nur
+nahte, musste er sein Antlitz verhuellen und fliehen wie vom Blitz
+getroffen. Die andern Frauen mochten nicht in ihrer Naehe aushalten mit
+ihren boesen Zungen, taeglichem Geklatsch von Heimlichkeit und Wollust. Nur
+die kleinen Kinder gingen gern an ihrer Hand und mochten in ihre Augen
+sehen, die gleich klaren Sternen waren in der Winternacht, wenn unten der
+Boden weiss friert. Es war ein armer Bloedsinniger und Taubstummer, der mit
+ihr in ihrem Garten wohnte, ihr Dienstleistungen that, denn so furchtbar
+und streng war die Reinheit dieser Jungfrau, dass sie den Augen wehthat
+wie Sonnengefunkel im Mittag, blaeuliches Gletschereis, wenn sie auf der
+Strasse ging, die Menschen und Voruebergehenden zur Seite schlichen wie
+scheue, gepruegelte Hunde oder Woelfe. Es war, als ob sie nur Thiere waren
+gegen sie. Und wenn sie grosse Herren und Fuersten hiessen, vor dem edlen
+Antlitz dieser Jungfrau wurden sie klein und unfrei.
+
+Es gab Leute, vornehme Herren und Luestlinge, in derselben Stadt, die sich
+in ihr Haus geschlichen hatten in der Nacht. Und sie hatten diese Jungfrau
+nackt gesehen, wie sie sich wusch. Der Strahl ihrer Nacktheit war in ihre
+Augen gedrungen wie Schwerter, dass sie laut aufschrieen, heulend
+hinausstuerzten wie Trunkene von zu starkem Wein oder die Tollheit
+verwirrt. Und hatten Einer den Andern erwuergt in ihrer schaeumenden
+Tollheit. Und Einen hatte der Bloede gepackt und er hatte ihm das Haupt
+aufgeschlagen auf den Stein, dass das Gehirn weit ueber die Strasse
+spritzte. Und Alle fanden, dass es die gerechte Strafe war fuer ihre
+Unreinheit, diese Jungfrau staerker war in ihrer Nacktheit wie ein starker
+Mann in siebenfacher Ruestung.
+
+Alle Luege und Verlaeumdung prallte von ihr ab wie Hagelschlag am Felsen. Es
+ging die Sage, dass ein Gerichteter gestorben war von dem Strahl ihres
+Auges, der die Wahrheit erkannte, mehr denn von dem Spruch des Richters,
+der ihn verdammte.
+
+Aber die Armen hatten keine Furcht vor dieser Jungfrau. Auch nicht die
+verachteten, gemiedenen Frauen und Maedchen des Orts, die unrein und
+haesslich geworden waren an Leib und Seele. Denn die Klarheit dieser Einen
+deckte sie Alle wie ein weisser, herrlicher Mantel, und war keine so
+elend, mit Aussatz befleckt, dass nichts von dieser Glorie auf sie
+gefallen waere. Sie wussten, dass sie die Koenigin der Frauen war und
+priesen die Kunst in der Guete, die ein solches Wunder geschaffen, herrlich
+und unantastbar gemacht hatte vor allen Frauen und Maennern.
+
+Man nannte sie nur die weisse Jungfrau. Es ging die Sage, dass, wenn sie
+schlief, die Seraphim um ihr Lager standen mit gezueckten Schwertern, dass
+es aussah, als laege sie auf blauen, zuengelnden Flammen des Eises. Nur ein
+Mann, der gut und keusch und edel war wie sie, konnte sie loesen und
+heimfuehren als ihr Gemahl.
+
+Und Viele hatten es versucht sie zu loesen, die edelsten Juenglinge aus
+aller Herren Laendern, die Staerksten und die Schoensten. Und Alle waren
+schamroth und betruebt weggegangen vor dem klaren Blick ihrer Augen, der
+keine Luege und keinen Fleck zuliess, sie durchsah durch kunstvolle
+Verstrickung und Verschoenung, bis wo die Unreinheit sass in ihrer Seele,
+die Blumen ihrer Schoenheit selbst wuchsen aus dem Sumpf ihrer
+Unkeuschheit. Und war nicht Einer, der bestand vor ihr, so Viele gekommen
+waren und gesungen hatten und gesprochen und sich gesehnt.
+
+So sagte man, dass sie niemals einen Mann haben wuerde, es bestimmt war von
+Gott, dass sie als Jungfrau hingehen sollte, weil sie zu edel war, um
+beruehrt zu werden mit unreinen Haenden, zu klug fuer die Klugheit der Luege
+und Arglist.
+
+Und sie selber freute sich, dass es so war. Niemals wuenschte oder fragte
+sie wie andre Maedchen und schlief auf ihrem Lager mit den zehn Seraphim,
+die um ihr Bett standen als strahlende Waechter, bis der Morgen kam, klar
+wie ihr Erwachen, die junge Sonne gruesste die weisse Jungfrau.
+
+Zu dieser nun geschah eine Stimme mitten in der Nacht: "Erhebe Dich und
+wache auf, denn der Braeutigam ist gekommen!"
+
+Worauf sie stracks sich erhob wie sie war aus ihrem Schlaf und in ihrer
+Nacktheit. Und wusch ihren Leib und badete ihn rein in crystallenem Wasser
+des Regens, in Tropfen aus Maiwolken, die nie die Erde beruehrt und
+vielfach gefiltert in thoenernen Kruegen. Oder Wasser, vom Schnee
+geschmolzen, wenn er jungfraeulich ist, zu oberst ruht am Morgen, da noch
+kein Fuss getreten. Und wusch sich wohl und salbte sich mit koestlichen
+Salben, von Knospen der Rosen, welche noch nicht das Licht gesehen hatten,
+die sie gesammelt hatte in ihrer Knospe, und ersten Blumen des Fruehlings,
+wenn die Sonne noch nicht heiss genug ist, die unter dem Schnee bluehen und
+lieblicher duften denn andre.
+
+Und nahm ihr weisses Gewand. Das war gewebt ohne Stich und Naht aus der
+allerfeinsten Seide, mit Lilien gestickt und gewirkt in silbernen Faeden.
+Alle Lilien standen weit offen mit prangenden Kelchen. Die Faeden
+verschlangen sich zwischen ihnen im kunstvollen Rhythmus, einer
+wunderbaren Weise der Lilien, die sie sangen. Kleiner wurden sie gegen den
+Saum in gereihten Ketten. Aber unter der Brust war nur noch eine Lilie,
+die Koenigin der Lilien, mit gebreiteten Schwertblaettern, die zitterten,
+schwollen in der Last, die auf ihnen lag. Nur Jungfrauen waren die
+Spinnerinnen gewesen, die es gewebt und gesponnen. Und man sagte, wenn
+eine Jungfrau, die nicht mehr rein war, die Hand anlegte an dieses Gewand,
+dass die Faeden blutroth wurden in ihren Fingern, und liefen aus ihren
+Fingern wie Schlangen, wollten sich nicht halten und fassen lassen von
+ihr.
+
+Dieses nahm sie, legte es an und guertete sich hoch unter den Bruesten mit
+goldnem Guertel. Edel war das Gold dieses Guertels, aus einem Stuecke
+geschmiedet, das nie zuvor zu anderem Schmuck geschmiedet gewesen. Ein
+ritterlicher Juengling in seiner Klostereinsamkeit hatte diesen Guertel
+geschmiedet. Er zeigte alle heiligen Frauen der Welt, die sich darauf die
+Haende gaben. Und waren Diana, die Goettin, Jephta's liebliche Tochter, die
+griechische Iphigenia und Antigone, und die edle Roemerin Cloelia in
+derselben Linie mit den Maertyrerinnen und Heiligen. So legte eine ihre
+Hand auf die Schulter der Andern. Alle sahen nach derselben Richtung, als
+ob von da der Braeutigam kaeme, und bildeten einen Ring durch die Zeiten,
+von den aeltesten bis zu den letzten, Jegliche eine Jungfrau und Fuerstin,
+aus jungfraeulichem Golde von diesem untadeligen Juengling zu edelstem
+Brautschmuck verbunden. Welcher, als man ihn auf solchen vermeintlichen
+Fehler als heidnischen Irrthum aufmerksam machte, nur laechelte, sagte:
+"Die Keuschheit ist eine besondere Tugend. Diese fuehrt auf dem geradesten
+Weg zum Himmel. So ist eine reine Jungfrau in sich selbst aller Engel
+Schwester. Diese Verehrung ist allen Voelkern gemeinsam. - Vom
+Jungfrauensohn ist das Heil gekommen. Solche stehen immerdar am naechsten
+im Licht, hundertvierundvierzigtausend, die sich der Herr selbst erwaehlt
+aus Zion." So sprach dieser edle Juengling, erstaunte Alle und Niemand
+vermochte ihm zu antworten. - Das Schloss aber des Guertels stellte die
+Schlangen dar, wie sie sich aufrichteten mit zuengelnden Haeuptern. War also
+in ihm geheimnissvoll und symbolisch der Fall und die Erloesung verwoben,
+wie von dem Weibe und seiner Kraft Beides kommt, Heil und Verfuehrung.
+
+Und sie nahm Spangen von Perlen, die nie das Licht gesehen haben und
+schloss sie um ihre Arme. Diese Perlen sind edler als alles Gestein, aus
+dem Wasser gewoben, das eher war denn die Erde, und das hoehere Element
+ist, denn es dient nicht wie jene den Menschen. So zart sind sie, dass ihr
+Schein wechselt mit der Laune und Stimmung des, der sie traegt, und wo ein
+Kranker sie um seinen Hals legt, werden sie truebe und schrumpfen ein wie
+die Haut unter ihnen. Silberne Sohlen band sie unter ihre Fuesse und
+straehlte ihr Haar und flocht ihre Zoepfe mit purpurner Binde. Denn ihr Haar
+war prachtvoll wie ein goldner Mantel, der sie bis in die Knie umwallte,
+jeder einzelne Faden fein und gerundet wie aus gesponnener Sonne. Wenn sie
+zusammenfielen, war keine Maehne der rothen Loewin so voll. Sie wogen
+schwerer in der Hand wie Erntelast des vielkoernigen Weizens.
+
+Ihre Brauen waren wie Boegen der Nacht, darunter die lichte Sonne sich
+verbirgt. Ihre Wimpern standen in Strahlen. In der geraden Linie ihrer
+Nase mit athmenden Nuestern war Staerke und Feuer. Der Hauch von ihren
+Lippen ging wie von einem Blumenbeet, suesser denn Honig.
+
+Es gab keine schoenere Jungfrau weit und breit im Lande. Und keine
+untadligere, von edlerem Geschlecht, obgleich sie arm war und Haus hielt
+fuer sich allein mit dem stummen Diener.
+
+Zu diesem trat sie, mit der Leuchte in ihrer Hand, im Brautschmuck wie sie
+war. Und sprach: "Rege Dich und oeffne die Thore! Der Braeutigam ist
+gekommen."
+
+So gross aber war das Licht ihrer Schoenheit diesem bloeden Auge selbst,
+dass die Leuchte in ihrer Hand davon erstarb, ihn duenkte, als ob es ganz
+dunkel war, ohne sie, die strahlte herrlicher denn der Tag, der junge Mond
+selbst im Viertel seiner Geburt.
+
+So stand dieser auf, schlug die Thore auseinander, die doppelt geschlossen
+waren, mit Riegeln versehen wegen der Bescheidenheit dieser Jungfrau, weil
+sie allein lebte, eine ledige Magd, in einer grossen und gottlosen Stadt.
+
+Alsbald hielt da draussen vor dem Thor ein herrlicher Prinz auf einem
+weissen Pferde. Alle seine Diener hinter ihm hatten weisse Pferde und
+silberne Helme, von denen das Licht lief in weissen, blaeulichen Strahlen
+gleich denen des Wintermonds, wenn er in seiner Vollendung ist.
+
+Der Prinz war mit einem weissen Leibrock angethan und hatte ein goldnes
+Schwert an seiner Seite und sein Helm war von Gold. Die Schabracke, darauf
+er sass, war purpurn. Ein scharlachnes Stirnband guertete sein Pferd
+zwischen den Ohren. Lichte Locken fielen zu beiden Seiten auf seine
+Schultern herab. So strahlend war der Glanz seines Auges, dass dieser arme
+Knecht in die Kniee sank und mit gehobnen Armen flehte. Er dachte, sein
+letztes Stuendlein waere gekommen, und er koennte nicht ertragen so viel
+Klarheit und uebergrosse Herrlichkeit.
+
+Worauf der Andre: "Fuerchte Dich nicht! Lass mich ein und heisse mein Braut
+den Tisch legen fuer mich und sie. Ich bin gekommen, heut' Hochzeit hier zu
+halten."
+
+Dies sagte er aber mit seltsam lieblicher Stimme, die wie reines Silber
+klang. Alle Gloeckchen der Pferde laeuteten dazu. Seine Diener schlugen an
+ihre Schwerter und riefen: "Heil!"
+
+Dieser arme Knecht schwur spaeter, dass in solchem Augenblick der Himmel
+ueber ihren Haeuptern offen gewesen und eine Taube von oben aus der Klarheit
+herabgekommen waere, die trug einen goldnen Ring in ihrem Schnabel. - Denn
+das Merkwuerdige war, dass er sprechen konnte seit dieser Nacht und immer
+nachher. Und war in seinem Kopf wie andre Menschen, nur dass er schwur zu
+seinem Eide, den Prinzen gesehen zu haben, was ihm die andern Leute nicht
+glaubten, fuer eine Blendung seines armseligen Gehirns hielten.
+
+So ritten Alle diese durch das Thor. So Viele ihrer waren, schien es
+dennoch wunderbar, dass der Hof sie doch fassen konnte. Und der arme
+Knecht schloss die Thore hinter ihnen und schob die Riegel vor.
+
+Was sich nun begab, wusste er nicht mehr, denn er folgte dem Prinzen nicht
+in das Gemach, der ihm gebot: "Folge mir nicht!" Aber durch eine Luke im
+untersten Keller, wohin er sich vor Angst gefluechtet und doch zitternd
+wieder auslugte, sah er, dass alle Ritter von ihren Pferden abgestiegen
+waren. Und sie standen um das Haus mit gezognen Schwertern, die glaenzten
+blau wie Diamantlicht des Mondes. Und war so eine Kette von Schwertern um
+das Haus, dass es stand gleich einer Burg in uneinnehmbarer Klarheit.
+
+Drinnen aber in ihrem vertrauten Gemach hatte die Jungfrau den Tisch
+gelegt. Sie nahm ein weisses Tuch von feinstem Damast, das in der Truhe
+gelegen hatte mehr denn hundert Jahre. Es war nur weisser und feiner
+geworden von den Jahren. Man sagte sich, dass zwoelf Spinnerinnen daran
+gewebt zwoelf Jahre. Alle untadelige Jungfrauen, die der Welt entsagt, den
+Faden zogen in stiller Klosterzelle. Danach hatten sie den Flachs auf dem
+Rasen gebleicht, wenn die Maerzsonne schien, - diese ist die frueheste unter
+den Sonnen, nicht geil wie die des Sommers, oder blutig vom Herbststerben
+- es selbst gewebt mit ihren Haenden, ohne Eisen und Maschine, weil
+menschliche Haende feiner sind und getreuer. Und Muster hineingezeichnet
+von ihren Gedanken, des Weibes Lust und Glorie. Die Aeltermutter Eva im
+ersten Bilde, wie sie den Apfel reicht. Aber auch als Mutter, mit ihren
+gesegneten Bruesten es naehrend, das die Verheissung birgt, - die
+Lebensgebaererin. Rebekka am Brunnen, Rahel, die Vielgeliebte,
+fruehgestorben, Mirjam, Deborah, begeisterte Prophetinnen, Judith und Jael,
+Heroinen, Ruth, die Aehrenleserin, Esther - aber auch sie, die die Raben
+scheuchte, die diese frommen und einfaeltigen Seelen wuerdig gehalten des
+ruhmvollen Reigens, - zwischen den Sieben die Mutter der Makkabaeer, die
+Woelfin Juda's, Elisabeth, auch eine Mutter, Johannes' des Taeufers, Hannah,
+die Greisin, vorahnend die Morgenschoene. Endlich die Lieblichste von
+Allen, die Erfuellung, wie um die volle Rose der Kranz sich schliesst,
+Maria, die Koenigin, unter den Weibern Gebenedeite, an der Brust das
+Kindlein, dass von Ihm alle Strahlen ausgingen, die Andern beruehrten.
+Gleichsam als waeren diese Bilder von Kraft und Unschuld nur ein Strahl der
+Tugenden, die sich in ihr wie in der Sonne vereinigten.
+
+Dies Tuch breitete sie sorgsam, die Falten glaettend, sich freuend am
+Silberglanz des Linnens und der Kunst der Bilder. Darauf nahm sie ein
+gueldnes Gefaess aus reinstem Gold, das nie zuvor zu andrem gedient hatte.
+Dadrin war in kunstvoller Praegung zu sehen, wie Abraham den Besuch der
+Engel empfaengt. Rechts hebt er freudig preisend die Haende, ihnen
+entgegenzueilen. Links sieht man schon ruestige Maegde das Federvieh rupfen,
+wie sie die Butter stampfen im Troge, waehrend Sarah hinter der Thuer
+verborgen steht, die Verheissung zu erlauschen, der kleine Ismael arglos
+mit kindlichem Spielzeug sich tummelt. - Dieses fuellte sie mit funkelndem,
+edelstem Wein, der achtzig Jahre gelegen hatte und mehr. Nur wenige
+Flaschen waren von diesem Wein zuerst gezogen worden, gleichsam seine
+Seele. Ein Kaufmann hatte ihn mitgebracht von weit her. Er zeigte in
+seiner Mischung Feuer des Blutes und Rosinfarbe von der Sonne. Suess war
+dieser Wein und staerker wie Stierblut in seiner Suesse.
+
+Danach nahm sie eine Schale von Silber, mit silbernen Henkeln und Kette.
+Eine laendliche Ernte auf dem Felde war darauf abgebildet, wie hier schon
+die Wagen hochbepackt fortfahren, Schnitter und Schnitterinnen Garben
+bindend, alte Leute und Kinder die Aehren nachlesen. Aber auf den Stoppeln
+tanzen schon lustige Maegde und Burschen. Sie legte das Brot hinein,
+koestliches, feines Brot, das sie selbst mit ihren Haenden gebacken. Keine
+Maschine hatte daran mit geschaffen. Das Korn war gerieben worden zwischen
+den Steinen. Es gab kein edleres Brot.
+
+Sie hielt es verschlossen in einem kunstvollen Schrein, weil sie dachte:
+"Ich weiss nicht, wann der Braeutigam kommt. Ich muss bereit sein zu der
+Zeit."
+
+Solches stellte sie auf den Tisch, zuendete die Lampen an, die zu beiden
+Seiten standen, gefuellt mit Oel, und feine Kerzen vom reinsten Wachs, die
+dufteten wie sie tropften. Die Leuchter waren von edlen Metallen und
+trugen Koepfe der heiligen Thiere, Adler, Loewen und verschlungne Leiber der
+Schlangen.
+
+Und sie nahm einen Teppich von purpurfarbner Seide, der im Schrank
+gelegen, auf dem nie die Sonne geruht und keines Menschen Fuss hatte ihn
+je betreten. Diesen breitete sie aus von der Thuer zum Sessel. Der Sessel
+aber war aus geschnitztem Ebenholz. Die Schilder des Thierkreises
+wechselten sich dort mit den vier Hoernern des Mondes. Die Seitenlehnen
+waren Aronsstaebe und auf vier Klauen ruhten die Fuesse wie auf
+Widderklauen.
+
+Und oeffnete die Thuere weit und neigte sich bis zur Erde und beruehrte den
+Fussboden mit ihrer Stirn. Und sprach: "So es Dir recht ist, Deiner Seele
+gefaellt, dass Du essen willst jetzt, Alles ist bereitet, mein suesser
+Herr!"
+
+Darauf ging der Prinz ein in die Kammer und setzte sich auf den
+geschnitzten Sitz am Tisch.
+
+Sie aber schritt flugs und nahm seine Schuhe ab. Und brachte ein Gefaess
+mit Wasser. Und rieb seine Fuesse mit Wasser. Und salbte sie mit duftender
+Salbe und trocknete sie in Linnen. Und setzte sich da zu seinen Fuessen und
+sah ihn an.
+
+Sprach er: "Warum kniest Du vor mir?"
+
+Sie sprach: "Mir ist sehr wohl so, mein allerliebster Herr! Lass mich
+knieen so und Dir dienen allezeit."
+
+Er sprach: "Kennst Du mich?"
+
+Sie sprach: "Bist Du nicht der kommen soll? Ich kenne Dich wohl, denn Du
+bist meiner Seele holdseligster Braeutigam. Ich habe nie einen andern Mann
+gesehen, noch im Traume eines Zweiten gedacht. Die Thuer meiner Kammer
+blieb verschlossen. Niemand sah das Geheimniss meines Hauses bis heute."
+
+Nun sagte er: "So Du nicht weisst, was Liebe ist, wie kannst Du mich
+lieben?"
+
+Sie sprach: "Ich liebe Dich mehr als mein Leben. Ich liebe Dich mehr als
+die Freiheit und den Frieden meiner Tage. Ueber die Scham meiner
+Jungfrauenschaft liebe ich Dich. Ich wuerde meine Fuesse in Flammen setzen,
+um Dir zu folgen, meinen nackten Leib untertauchen in die stinkende
+Faulheit des Sumpfes."
+
+Er sprach: "Da Du so tapfer bist, weisst Du, dass Du sterben musst? Denn
+die mich freien, werben um den Tod. Ihr Weg geht ueber Dornen. Gluehende
+Naegel muessen in ihre Haende eindringen; ihre Seiten werden sich oeffnen und
+bluten. Sieben Schwerter gehen ein durch Deine Seele. Sie werden Dein
+Fleisch zerschneiden mit scharfer Schneide, in Deinem innersten Herzen
+haften wie fressendes Feuer."
+
+Sie aber schlug ihr weisses Gewand auf und wies ihre junge Brust, die
+weisser war wie die Seide des Kleides, unter der das Leben klopfte in
+hohen geduldigen Wogen. Und sie sprach: "Stich zu!"
+
+Er sprach: "Du bist sehr schoen. Schoenheit ist der Stolz und die Gnade des
+Weibes, und macht sie zur Freude des Mannes, seiner Augenweide, dass er
+sein Leben lieber laesst denn die Suesse ihres Leibes. Um Schoenheit wird ein
+Weib geliebt. Die Liebe des Mannes haftet an der Lieblichkeit, den Formen
+und der Feinheit der Glieder. - Gieb mir Deine Schoenheit."
+
+Flugs legte sie nun ihr koenigliches Gewand ab. Sie nahm die Spangen von
+ihren Armen, die Perlen, die an ihrem Hals hingen, die purpurne Stirnbinde
+that sie zur Seite. Und nahm eine scharfe Scheere und schnitt ihr goldnes
+Haar ab, wo es am dichtesten war hart im Nacken. Und Alles legte sie
+zusammen und vor ihn hin, dass sie nun vor ihm stand im Untergewand, und
+ihre Arme und Haende waren unbedeckt. Sie fror in ihrem duennen Linnen. Dies
+Alles that sie in der groessten Freude, mit den herzlichsten und
+zaertlichsten Liebesworten.
+
+Er aber seufzte und sprach: "Kummer wird ueber Dich kommen, Krankheit,
+Verfolgung, Nachtwachen. Deine Augen werden blind werden vom Weinen, Deine
+Wangen einfallen von der Sorge und taeglichem Muehsal des Daseins. Du bist
+sehr lieblich und jung. Du wirst haesslich sein und unansehnlich. Ein Spott
+denen, die Dich priesen."
+
+Sie sprach: "Ich bin gerne so, so Du mich siehst, ich Dir nur wohlgefalle,
+der mein erwaehlter Herr ist und lindester Gebieter."
+
+Er sprach: "Ich bin arm gewesen und hatte kein Lager fuer mein Haupt des
+Abends. Meine Nahrung fand ich von den Feldern, was wild wuchs, karge
+Barmherzigkeit gab. Du musst arm sein, ohne Frieden und Heimath wie ich."
+
+Sie sprach: "Gleich heute will ich fortgehen, die Thuer verschliessen und
+mein Haus zumachen, es nicht wiedersehen, wo ich still lebte und
+gluecklich. Meine Habe soll den Armen gehoeren. Ich nehme nichts denn einen
+Stab, Brot fuer morgen, diesen Schleier um mein Haupt, dass ich nicht zum
+Gespoett der Gassenjungen werde, sie sagen: 'Es ziemt sich nicht einem
+Weib, in Freiheit zu laufen.' So ich doch Deine verlobte Braut bin und
+eines groessten Koenigs Geehrte."
+
+Da seufzte er noch tiefer, sprach: "Gerade schleierlos musst Du gehen und
+unverhuellt, nackt und in Bloesse. Ich brauche Deine Scham, wie ich Dein
+Leben brauche, weil sie einer Jungfrau theurer ist wie ihr Leben, sie es
+zehnfach lassen wuerde um ihre Scham. - So gieb mir denn, was ich von Dir
+heische."
+
+Da ward sie roth ueber und ueber, roether wie die Purpurrose, die zuerst der
+Sonne sich oeffnet. Es war, als ob Flammen ueberall aus ihrem Leibe schlugen
+und um sie brannten. Sie konnte die Augen nicht aufheben, denn ihre Lider
+waren schwer von Scham. Vom Scheitel bis zur aeussersten Spitze ihres
+Fusses fuehlte sie die lohenden Fluthen der Scham. Und sie stand zitternd
+mit knickenden Gliedern. Sie sprach leise: "Hier, Herr! Nimm mich."
+
+Und seine Seele ward weich ueber ihr, da sie vor ihm stand, ohne Fehl und
+Flecken, weiss in ihrer purpurnen Scham wie Eine, die im Feuer steht, die
+Flammen hoch um sie brennen, und sie steht und flieht nicht.
+
+Und er sprach langsam: "Die Scham ist die Tochter der Suende, aber die
+Reinheit kennt keine Scham. Deshalb muss sie nackt gehen, dass die
+Menschen sie sehen und schamrot werden vor ihrer strahlenden Nacktheit.
+Jede Fiber gehoert dem Ganzen. Die Seele ist nicht edler denn der Leib.
+Aber der Leib muss edel sein, wenn ihn die Seele erkennt. Es giebt nicht
+Mann und nicht Weib, nicht Hass und nicht Lust. Alles ist eins. Die Scham
+ward gewebt zum schleiernden Schutze, den Schleier zerreisst, wer die
+Wahrheit erschaut, Wenigen zu erschauen nur und Allen furchtbar! - - Das
+ist das letzte der Geheimnisse. Ich sage es Dir, weil Du meine Braut und
+Verlobte bist. Behalte es wohl und sage es Niemand."
+
+Danach kuesste er sie. Er kuesste ihre Augen, ihre Lippen und Wangen. An
+ihren Schlaefen kuesste er sie. Und er nahm sie in seinen linken Arm, der
+der Herzarm ist, und kuesste sie auf die beiden Rosen ihres Busens. Denn im
+Busen der Frau ist die Weltkugel und der Apfel, Macht und Verderben. Und
+vom Schoosse des Weibes kommt alles Lebendige, Segen und Fluch.
+
+Darauf hielten sie zusammen das Mahl. Er reichte ihr das Brot und sie ass
+von seinem Brote. Er bot ihr den Wein und sie trank mit ihm von dem Wein.
+Und assen von allen Dingen, die auf dem Tische standen und wurden ganz
+froehlich.
+
+Wie nun die Morgenroethe heraufkam, verliess er sie wieder. Der bloede
+Knecht sah, wie sie die Riegel aufschloss. Denn die Eisenbarren waren viel
+zu schwer fuer einer zarten Jungfrau Haende. Dennoch that sie es mit
+Leichtigkeit. Sie war in ihrem Brautschmuck, weiss in ihrem weissen
+Kleide, mit der purpurnen Stirnbinde.
+
+Er hielt sie in seinem Arm wie sein eheliches Weib. Sie kuesste ihm die
+Lippen und kuesste seine Augen. Und sprach: "Fahre wohl, mein geliebter und
+seliger Herr! Ich warte und harre des Tages, da ich neben Dir das
+Brautbett besteige."
+
+Das duenkte dem Knecht schier eine seltsame Rede fuer eine so untadelige
+Jungfrau. Aber sie stand ruhig und sah ihm zu, wie er sein Pferd bestieg.
+
+Danach ging sie wieder in ihr Haus, schlug ihre Sachen zusammen, uebergab
+Alles dem Knecht und sprach: "Ich gehe. Ich habe viel zu thun. Und die
+Zeit ruft."
+
+Diese wurde eine sehr heilige und wunderbare Frau. Man brachte viele
+Kranke zu ihr, die sie heilte, indem sie ihnen die Haende auflegte. Und
+Einige wurden nicht geheilt, die unglaeubig waren, sie versuchten. Solche
+trieb sie mit Schelten von ihrer Thuer: "Wie Ihr thoericht seid und tueckisch
+und so ganz schamlos!"
+
+Niemals aber sprach sie ueber ihre Geheimnisse dieser Nacht. Nur eine
+grosse, selige Freude war immer in ihr. Wie sie starb, war da eine
+Jungfrau, wo eine alte, blinde und kraenkliche Frau gewesen war. Niemand
+hatte je eine schoenere Jungfrau gesehen. Diese, als man sie sehr genau
+sah, hatte an ihren Haenden Stiche als von rothen Naegelmalen. Sie
+durchbohrten auch ihre Fuesse. Eine offne Wunde war in ihrer Seite, von der
+das Blut floss. Man gewahrte auf ihrer Stirn Eindruecke, als ob Dornen um
+ihr Haupt gewunden gewesen und in die Haut eingedrungen waren. Alles dies
+war sehr deutlich. Sie hatte es immer an sich getragen, nur verborgen in
+ihrer Bescheidenheit vor den Menschen, da sie sich selbst nie fuer solcher
+mystischen Ehrung wuerdig gehalten. Und bestaendig sich selber schalt, dass
+sie schwach sei und arm im Glauben, nicht eifrig zu den Werken, wie es
+sich einer guten und getreuen Hausfrau geziemte, das Erbe zu verwalten,
+waehrend der Herr und Ehgemahl abwesend ist. Als sie nun auf dem Sterbebett
+lag, blass und abgezehrt, sehr schwaechlich vom uebergrossen Leiden, that
+sie ploetzlich einen lauten Schrei wie von seligster Freude. Die bei ihr
+waren, darunter der Knecht, der sie einst bedient, sahen einen weissen
+strahlenden Engel als einen herrlichen Helden. Und er nahm sie bei der
+Hand und fuehrte sie in das Brautgemach, wo purpurne Rosen lagen auf
+silberweissen Linnen.
+
+Der Knecht, ein uralter Mann zu der Zeit, aber ganz klar in seinem Kopf,
+vorsichtig und abwaegend in aller seiner Rede, schwor, dass es derselbe
+gewesen, der sie damals besucht. Viele sprachen ueber diese seltsamen
+Geschichten: Es ist ein Wunder, Hysterie und Aberglaube. Und welche
+glaubten noch schlechtere Dinge.
+
+Diesen ward die Zunge schwarz in ihrem Mund, und faule Worte kamen nur,
+dass selbst die, die sie sonst gehoert, einen Abscheu vor ihnen hatten.
+Selbige schrieen laut auf: "Die Scham ist todt! Die Scham ist todt!"
+stuerzten sich unter Schweine, dass man sie fuer solche hielt, einsperren
+und schlagen musste wie niedrige Thiere. Ein Schrecken fuhr in alle Leute
+der Gegend. Und fuerchteten das Grab und sagten: "Lasst uns eine hohe Mauer
+darum bauen!"
+
+Nur die Jungfrauen kamen und brachten weisse Kraenze. Und ward ein
+Heiligthum da fuer untadelige Jungfrauen, die nie ein Mann beruehrt hatte,
+und sehr stark waren, herrliche Thaten vollbrachten vor allem Volk.
+
+
+
+
+
+ DAS VIERZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Aber der ganze Jammer des Daseins fiel auf ihn eines Abends, da es schon
+dunkel war, er einsam sass im Staube neben der grossen Heerstrasse.
+
+Er dachte an die Jahrhunderte, die dahingegangen waren, und dass sie alle
+fuer nichts gewesen. Hunger, Hass und Kriegslaerm fuellten die Welt. Jeden
+Tag unter dem richtenden Beil fielen Haeupter Unseliger, Unschuldige gingen
+hin und erwuergten sich selbst in Angst und blutiger Noth ihres Leibes.
+
+Die Selbstsuechtigen herrschten immer, die, die hart waren, nur schufen fuer
+sich selbst, ohne Sorge traten auf die nackten Leiber der Verzweifelten.
+Die, die dumm waren und nicht dachten, schienen klug. Die feige waren,
+tapfer, und solche, die frassen wie die gefraessige Raupe auf ihrem Blatt
+und fett wurden, weil sie frassen - aber der Baum selbst starb -, galten
+fuer die wahren Guten. Man pries sie als Muster der Tugend, zeigte sie
+denen, die unvernuenftig waren und eigengesinnt: "Seht, wie sie sind! Wie
+sie nahrhaft werden und fett! Nehmt Euch ein Beispiel an ihrem Gedeihen,
+Ihr, die Ihr Fluegel habt, die zu schwach sind, der Sonne zustrebt, die
+Euch verbrennt!"
+
+Diese aber waren die schlimmsten Feinde und sie galten fuer den Hort aller
+Tugenden, hielten die Sitte hoch in ihrer heuchlerischen Klugheit, weil
+der losgelassne Wolf sie zerrissen haette innerlich, und standen auf dem
+Boden des Worts, weil es ihnen nuetzte fuer ihre Zwecke, der Strom sie sonst
+fortgeschwemmt haette in seinem Ueberschwellen.
+
+Solcher aber waren Viele. Sie hielten die Gewalt und das Geld. Die Andern
+zerbrachen ihre Kraefte an denen, stiessen ihre Stirnen blutig und sahen
+doch nicht was darueber war, ueber ihrer dummen Klugheit, die wahre
+Weisheit, ueber ihrem Geiz die weite Liebe, ueber ihrer Ungerechtigkeit die
+grosse Gerechtigkeit. So dass diese ihre besten Kraefte verbrauchten, auch
+muede wurden, dahingingen in Lastern, Leichtsinn und Unzucht. Weil sie
+sprachen: "Unser Leben ist kurz und wird uns zugetheilt in kleinen
+Tropfen. Wir wollen es auf einmal leeren, damit wir den Rausch kennen in
+seiner Wollust. Und nachher hungrig sein und frieren."
+
+Weil sie nicht warten konnten, bis der Wein reif ward und duftig. Nicht
+schauen, bis sie die Ferne erkannten und Richtung ihres Schiffens. Weil
+sie jung waren, das Blut siedend schoss in ihren Adern, das lind sein
+musste vom Denken, der weiten Herzlichkeit ihres Liebens.
+
+Diese aber auch liebten zu sehr sich selbst, dass sie wie brennende
+Fackeln sich verzehrten im Leeren. Die Licht gegeben haetten, reines Feuer
+zum Leuchten, so sie doch nur geduldig gewesen, sich selbst gereinigt
+haetten vom Unreinen.
+
+Und die Andern, die gar kein Licht hatten, sondern dunkle Kloetze blieben,
+die muehsam denen ihre schiefen Strahlen auffingen, vom
+Scheiterhaufenleuchten der Grossen ihren Weg suchten im Finstern,
+schnobernd wie die Schweine nach Trueffeln, oder niedrige Hunde auf der
+Faehrte des Aases - spotteten ueber solche, zeigten auf sie in
+Schadenfreude: "Die verzehren sich und sind gar nicht, Rauch und Asche.
+Wir stehen fest und finden."
+
+Denn sie brauchen nicht viel zu finden, wie der Wurm immer noch Nahrung
+findet in seinem Koth, dem Maulwurf die Larven niemals fehlen in seiner
+niedrigen Dunkelheit.
+
+Aber der Adler, der sehr hoch fliegt, hat oft sein Futter nicht fuer seine
+Jungen, wenn Alles unter dem Schnee vereist liegt. Dem seltnen Vogel, der
+lieblich singt, stellen die Vogelsteller nach. Sein glaenzendes Gefieder
+lockt Gelueste der Raeuber.
+
+So dass diese niemals aufkommen, die die Schoenheit nackt gesehen hatten
+und priesen, weil ihre eignen Augen unrein waren und ihre Worte die
+Wollust verriethen. Die Andern aber, die gar nicht sahen und von Wollust
+voll waren wie die geile Erde vom Mist, - dass sie nicht einmal wussten,
+dass eine Keuschheit war, den reinen Mond befleckt haetten in ihrer
+Unreinheit, - waren gross und sprachen die Urtheile ueber wichtige Dinge.
+
+Und man nahm ihr Recht fuer _das_ Recht. Und ihre Wahrheit fuer _die_
+Wahrheit, dass eine grosse Verwirrung war, die nichts mehr sahen, in der
+Dunkelheit tappten wie Blinde und Trunkne.
+
+Alles dies that seinem Herzen sehr weh. Der Ekel am Leben stieg in ihm auf
+und wuergte ihn an der Kehle wie bittre Galle, so dass er in sich selber
+sprach: "Besser waere die Welt gar nicht, Feuer und Schwefel vom Himmel,
+denn dies! Und besser ein dumpfes Thier, oder eine Pflanze, die waechst und
+stirbt, denn dieses Halbe im Staube, dem niemals die Fluegel der Seele
+wachsen. Besser, viel, viel besser ein Niegewordnes, Ungeschaffnes, als
+das niemals ganz wird, nicht leben kann und nicht sterben."
+
+Seine Seele in ihm begann zu hadern mit Gott, dass er die Guete so klein
+geschaffen und die Groesse niemals gut, die Reinheit sich verdarb an ihrer
+eignen Spiegelklarheit und die Unreinheit mit dem Schwert der Reue
+durchgestochen blieb, dass die Menschen sich drehten wie aufgespiesste,
+unselige Fliegen an ihrem Stachel. Der Stachel war in ihrer eignen Brust
+und bohrte sich tiefer bei jeder Drehung.
+
+Und er sprach zu sich selbst: "Wozu so viel Qual und Leiden? Hast Du sie
+geschaffen aus Hass oder wurden sie empfangen in Guete? Ist Dein Zweck mit
+ihnen Gnade oder ist es Neid des Maechtigen, Allherrschenden gegen das
+Kleine, Auch-Strebende? Bist Du gut? Oder sind sie besser wie Du, und nur
+eine Zeit ward Dir Macht gegeben, sie zu quaelen, im Staub Gebannte, die
+ringen und stolz sind? Bist Du der Teufel? Der Ganz-Maechtige nicht? Und es
+ist ein viel Maechtigerer, Unbegreiflicherer Dir und mir, und der in ihnen
+ist? Wird er triumphiren, klar sein eines Tages? Und unsre Guete war vor
+Ihm Halbheit? Unser Licht war Daemmerung? Sage mir, wer Du bist? Wer ich
+bin fuer Dich? Dann lass mich mich hinlegen und sterben. Denn meine Seele
+ist muede in mir. Das Licht des Tages thut meinen Augen weh und der Laerm
+der noch Arbeitenden beleidigt mein Ohr. Ich gruesse die Nacht, die dunkel
+ist, wo gigantische Schatten schweigen."
+
+So sprach er zu sich selbst. Er sah die Nacht herkommen ueber die Felder.
+Sie kam wie eine starke, riesige Frau mit einem schwarzen, sammetnen
+Mantel. Die Baeume standen wie dunkle Keulen Gewaffneter und die Stimme des
+Wassers wurde deutlicher, wie es hallend fiel mit ewig sich loesenden
+Tropfen.
+
+Er sah in die Nacht und frug sie: "Bist Du, die kommen soll?"
+
+Sie sprach: "Ich war."
+
+Ploetzlich hob sie ihren Mantel auf. Und es war ihm, als koennte er tief
+hineinsehen in die Nacht, die Nacht aller Zeiten, die vor den Zeiten
+gewesen war.
+
+Er sah die Nacht, die Nacht selbst, von der die Dunkelheit kam und der
+Schatten.
+
+Sie lag wie eine Sphynx, die ein Weib war, und ihre andre Haelfte war eine
+Loewin. Die Schultern des Weibes aber lagen ueber den Tatzen der Loewin und
+ihre Brueste starrten gerade wie gerichtete Schwerter. Zu beiden Seiten
+ihres Hauptes lief eine koenigliche Binde mit Streifen und Zeichen. Sie
+schnitt die Stirn niedrig ab und ihre Augen standen weit offen, marmorne
+Augen mit todten, runden Baellen, die geradeaus sahen. Ihre Lippen waren
+geschlossen. Sie lag ruhig mit milchschweren Bruesten ueber toedtlichen
+Tatzen.
+
+Sie wechselte sich. Und wurde ein schauderhaftes Idol. Auf den Schultern
+eines eisernen geharnischten Mannes reckte sich ein Vogelkopf mit spitzem,
+gebognem, hackendem Schnabel. Ein kreisrundes Auge war eingesetzt aus
+blauem, hellem Email, in der Hoehe des Schnabels, da wo er anfing. Gen
+Osten stand dieser Mann. Auf einem hohen Postament, die Haende auf sein
+Schwert gelegt. Die Arme bildeten ein Viereck mit den Schultern und staken
+in Schienen. Sein Schwert stand ganz gerade, breit wie eine Hand.
+Senkrechte Riefen liefen mitten durch, in denen das Blut abtropfen konnte.
+Die Klauen seiner Haende krallten sich um das Schwert. Der Leib und die
+Beine standen gerade, nach vorne, und der Vogelkopf mit dem Schnabel sah
+gegen Osten.
+
+Wie er diesen noch betrachtete und schaudernd ansah, geschah eine Stimme
+zu ihm, die sprach: "Das ist die Gewalt. Ihr fielen Koenige zum Opfer. Sein
+Schnabel ist schwarz vom Geifer der Lebern. Sein Schwert roth vom Blut.
+Sein eiserner Leib wird gluehend vom Feuer verbrannter Staedte."
+
+Das Symbol wechselte sich. Und es wurde eine schwarze Astarte, ganz aus
+schwarzem Metall, aus Stein oder Eisen, das man geschwaerzt hatte, und es
+glaenzte nun schwaerzer wie Ebenholz, gefettete Leiber der Neger. Sie stand
+ganz aufrecht. Der Leib und die Beine waren mit Binden umwickelt. Sie
+kreuzten sich und kamen wieder, von der Huefthoehe bis an die Gliederung der
+Zehen. Zeichen waren in diese Binden gegraben, Striche, Muster, Rubinen,
+gruene Smaragden und sehr dunkle Saphire. Sie folgten sich rhythmisch und
+redeten eine geheimnissvolle Sprache ueber dem Schwarz, das kam und ging.
+Dieser ganze Theil des Leibes mit dem Bauch und den Schenkeln war sehr
+duenn und gerade wie bei einem unmuendigen, ganz unentwickelten Kinde. Und
+darueber draengten sich erschreckend tausend Brueste. Eine Ueberfuelle von
+Bruesten, Beeren der reifen Traube, Wellen, die sich stossen, stroemen. Man
+sah den Kopf im Dunkeln, sehr hoch, mit harten Lippen, steinernen Augen,
+die hierarchische Binde, die zu beiden Seiten fiel. Die Brueste gleissten,
+rieselten, Aepfel, Kugeln, gehaertete Spitzen, schwarz, von einem
+ungeheuerlichen, unirdischen Schwarz, Gruenschwarz der Schlangenhaeute,
+Tollkirschen, verwester Ueberreste in ihrer Zersetzung.
+
+Und die Stimme sprach: "Das ist die Wollust, die Verfluchte. Alles stirbt
+in ihr. Nur das Eine lebt. Und es wird zur Schauderhaftigkeit, zum
+Ungethuem. Unfruchtbar ist sie, denn sie ist von Eisen. Ihre Seele in ihr
+ist Mord."
+
+Und diese wieder wechselte sich. Es wurde eine ganz weisse Schlange. Sie
+trug ein Kroenchen auf dem Kopf. Sie bewegte sich rhythmisch zu einer Art
+Musik. Ihre Schuppen glaenzten wie Perlmutter, wenn sie sich bewegte, und
+ihre Augen waren rothe Rubinen. Ein rosa Zuengelchen kam aus ihrem
+gespalteten Kopf. Sie zuengelte damit und leckte sich zierlich wie Katzen
+thun. Und rollte sich zu Ringeln und lag ganz zusammengeringelt, als ob
+sie schliefe. Aber sie schlief nicht. Ein Zittern von Gier und Gift rann
+durch ihren Leib, der sich milchig blaehte unter dem Bauch.
+
+Und die Stimme sprach: "Das ist die falsche Weisheit der Welt. Sie ist
+arglos und ungefaehrlich anzuschauen. Aber das feinste, siebenmal
+gefilterte Gift. Wer diese Schlange anruehrt, der stirbt und fuehlt nicht
+den kleinsten Schmerz, nicht wie einen Nadelstich in die Hand, da man sich
+das Blut abwischt und weitergeht."
+
+Danach sah er noch eine schwarze Kroete, die in ihrem Sumpf sass und
+glotzte, Harpyen, die mit den Fluegeln schlugen, Baeren und Woelfe. "Das sind
+die gewoehnlichen Suenden, Reichthum, faules Leben, Unfrieden und
+Zankhaftigkeit der Weiber. Alle diese sind nur haesslich. Und Suenden der
+gewoehnlichen Menge. Denn vornehme Herzen werden von ihnen nicht geruehrt,
+die Andern aber sind die Vornehmen, die Grossen. Die Besten verfallen
+ihnen."
+
+Diese Vision verschwand. Er blieb allein in der Nacht. Die Kaelte war um
+ihn her und er fror. Die Gedanken huschten in seinem Kopf und schlugen an
+das Schaedeldach wie mit klappenden Fluegeln. Seine Seele war sehr matt in
+ihm. Er sprach: "So es so viele Uebel giebt, die Suende also gross und
+maechtig ist fuer die Besten, waere es nicht besser zu nehmen was schoen ist,
+froehlich sein im Tage und sterben, wenn es Zeit ist, das Unglueck kommt?"
+
+Alsbald kam da ein Zug von lieblichen Maedchen, die Cymbeln und Schalmeien
+trugen. Und hielten in ihren Haenden Floeten und Harfenspiele, harte Hoelzer,
+die sie schwirrend schwangen oder gegeneinanderschlugen im Tanze. Ihre
+Haare waren mit Blumen gekraenzt. Die Blumen fielen gleich Sternen ueber ihr
+Gelock. Sie trugen Blumen in ihren Armen und hatten lichte Gewaender an und
+sangen: "Lasst uns froehlich sein und singen! denn das Leben ist kurz, die
+Jugend verfliegt schnell. Die Jugend ist die Lenzzeit im Leben und die
+Liebe ist der Sonnenschein am Maitag!"
+
+Dann kamen junge Knaben und holten sich diese, fuehrten sie weg zu
+bluehenden Lauben und heimlichen Grotten. Und wandelten mit ihnen Arm in
+Arm, kuessten sich zaertlich, lachten und kosten.
+
+Sie tanzten wilder. Die Lust stieg. Becher wurden gebracht. Ein Juengling
+erschien auf goldnem Wagen, den Pardel zogen, von Weinlaub umkraenzt. Und
+Alle schrieen: "Heil! Heil! Bacchus Evoe!"
+
+Der Jubel ihrer Freude scholl durch die Nacht. Sie schwangen Fackeln. Es
+gab welche, die sich selbst durchstachen, sich Wunden schlugen mit kurzen
+Schwertern, denn sie wollten heute sterben, weil sie doch morgen todt
+sind.
+
+Und Einige wohnten in Huettchen und hatten Kinder gezeugt, die sie
+jauchzend emporhoben: "Wir sind gluecklich. Und das Leben ist kurz. Die
+Liebe ist reifes Erntegold im Sommer."
+
+Er sah eine junge, laechelnde Mutter, die ihr Kind an der Brust hielt. Der
+Sommerhimmel lag in ihren Augen blau und satt. Ihr Leib bluehte und
+entsandte Waerme wie der Weizenacker im Juni. Man hatte um sie einen Rahmen
+gebaut in der halben Brusthoehe wie eine goldne Aureole. Das Kind sog. Sie
+laechelte. Sie war gluecklich.
+
+Dies verschwand.
+
+Er hoerte neben sich die Stimme eines alten Mannes, der laut auflachte. Er
+sprach hoehnisch: "Diese sind Eintagsfliegen, Jahrmarktsplunder. Sie
+glauben zu geniessen und geniessen doch nicht. Sie sind nicht besser denn
+Schweine. Ihre Freuden sind Freuden des Magens und der Sinne. Aber der
+feine Magen sagt Pfui! zu ihren schalen Freuden. Der Sinn, der fuehlen
+gelernt hat, ruehrt sich nicht mehr bei der Grobheit ihrer Eindruecke."
+
+Er sprach: "Hast Du Bessres gefunden?"
+
+Damit sah er ihn an, der das gesagt hatte. Er sah, dass es ein sehr alter
+Mann war, und Einer, der lange gewandert war. Sein Haar und Bart hingen
+wild. Der Staub der Wege lagerte in den Runzeln seines Gesichts. Sie zogen
+sich tief eingegraben wie von zahllosen Jahren gezeichnet. Die Muedigkeit
+einer ungeheuren Anstrengung wohnte in den tiefen Hoehlen seiner Wangen.
+Man erkannte die Sonnen von brennenden Sommern, die ueber sein Haupt
+dahingegangen waren und die Haare auf ihrer Hoehe gebleicht hatten zu
+Schnee. Seine Kleider waren fahl vom Staub. Sie hingen zerrissen und
+schlugen in gefaserten Fetzen um seine mageren Kniee, die ausgearbeitet
+und knotig waren wie Hoelzer eines uralten Baumes, von denen die Moose
+hingen in weissen Flocken. Keine Unze Fleisch war mehr an diesen Knieen.
+Unter der braunen Haut traten die Knochen vor wie durchgeschubbert,
+gewetzt in einer unausgesetzten Reibung. Seine Nase bog sich scharf wie
+ein Adlerschnabel. Er hatte keinen Zahn in seinem Munde vor hohem Alter.
+Aber in seinen schwarzen Augen glomm unausloeschlich Feuer des Lebens. Sie
+brannten wie Fackeln in einer sehr tiefen, naechtlichen Grotte. So stark
+war der Glanz ihres rothen Feuers, dass sie die Hoehlen ausgebrannt hatten
+um sich, die Brauen vorstanden wie Dachbalken eines eingeaescherten Hauses.
+Der Schnee vieler Winter hing von seinen Brauen. Sein Haar war unbedeckt
+und flatterte im Winde.
+
+Er hielt einen rohen Stab in der Hand aus Knoten des Dornstrauchs. Ueber
+seiner Schulter hing der Bettelsack. Wie er wanderte, stuetzte er sich auf
+den Stock. Die Fetzen seines zerlumptem Gewandes schlugen um seine
+schreitenden Lenden.
+
+"Ich wandre - wandre ..." sagte der alte Mann. "Ich weiss nicht, wie lange
+ich wandre. Ich habe alle Staedte der Menschen gesehen, die Wueste und die
+hohen Schneegebirge, wo der Schnee ungestoert liegt wie der weisse Flaum
+auf dem koeniglichen Lager der Jungfrau. Alle Thaten und Dinge der Menschen
+weiss ich. Ich habe ihre Weisheit gehoert, das Mitternachtoel verbrannt ueber
+ihren Buechern. Und ich habe dieses gefunden: dass sie gar nicht sind. All'
+ihre Weisheit ist Bilder von Worten, das Echo eines Klingklang, und sie
+sind eine Spiegelung des Nichts im Leeren. Dies weiss ich und bin stolz,
+dass ich es weiss und lache aller ihrer Leiden und Busse. Es ist mir, als
+ob ich in einen Spiegel des Wassers sehe, der schnell verrinnt, oder
+Spiele des Guckkastens, wie man Kindern zeigt auf Jahrmaerkten, Launen des
+Lichts und Wechselungen der Schatten! So man darauf pustet und mit der
+Hand hineinschlaegt, ist es nichts."
+
+Er hauchte und schlug mit der Hand in's Hohle und lachte laut auf.
+
+"Aber Gott ist!" sagte der Fremde.
+
+"Eine Spiegelung der Spiegelbilder. Die Fratzen werfen ihren Schatten und
+weil sie ihn von weit werfen, ist er groesser und dunkler. Wie die Wolken,
+die Du da oben siehst. Und wenn Du hinkommst, sind es nicht Wolken,
+sondern leere Luft. Nur die Sonne und Spiegelung macht sie zu Wolken."
+
+"Etwas muss sein."
+
+"Etwas muss sein. Ich suche es im Unendlichen, tausend Jahre, Schatten,
+der ich bin, im Nichts, das sich bewegt und still bleibt in der Bewegung.
+Bewegung ist Nichts. Und Stillstand ist nicht. Um Sonnen drehen sich
+Welten. Aber die Sonne ist nur ein Schein andrer Sonne, und Welten sind
+Schattenflecken im Leeren. Ich wandre - wandre - wandre." ...
+
+Er fasste seinen Stab und ging weiter durch die Nacht. Die Eisenspitze
+seines starken Stockes klang hart auf dem harten Kies. Die Fetzen seiner
+zerlumpten Kleider schlugen um seine duerren schreitenden Lenden im Winde.
+
+Und Einer sprach: "Das ist der ewige Jude, Ahasver, der Zweifel des
+Menschen, der nicht ruht. Ob er wohl sieht und nicht sieht, das Gesehene
+selbst fuer Hirngespinste erklaert. So er die Hand in die Seite legte und
+die Wundenmale ruehrte mit seinem Finger, wird er sagen, dass das Blut
+Farbe ist und die Seite ist Seite einer Leiche. Dieser wird niemals selig
+und wandert bis an's Ende der Tage. Alsdann wird er blind werden, wenn
+Alle sehen. Und in seiner Blindheit sehen, was in ihm war und immer
+gewesen ist von Anbeginn."
+
+"Werden Alle finden?" fragte er eifrig.
+
+"Alle, die suchen. Bis auf Einen, der nicht sucht."
+
+"Lass mich den sehen, der nicht findet," bat er.
+
+"Es ist zu schrecklich zu sehen fuer menschliche Augen. Sie koennen ihn nur
+ausdruecken in dem, was sie nicht kennen. Er ist die Nacht."
+
+Indem er das sagte, ward die Nacht noch tiefer. Sie drang in seine Seele
+ein wie das Gefuehl eines hohlen, schrecklichen Abgrunds. So stark war der
+Schrecken der Finsterniss, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann, und
+wie er fiel, waren es Tropfen Blutes.
+
+... Damit kam die Morgenroethe und die Sonne ging auf.
+
+
+
+
+
+ DAS FUeNFZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Aber um diese Zeit war das Geruecht von ihm sehr gewaltig geworden.
+
+In der Hauptstadt erschuetterten die Predigten Fritz Kuhlemann's, der mit
+starker Stimme sprach. Er schonte Niemand und rief laut zur Busse. Denn
+die Zeit war gekommen. Ein grosses Erwachen ging durch die Voelker.
+Schweres Unheil, Empoerung und Blutvergiessen lag in der Luft, so die
+Machthaber sich nicht bekehrten, die neue Lehre anerkannten von der
+Theilung der Gueter, der Bruederschaft aller Sterblichen. Er sprach: "Es ist
+Unrecht, dass Ihr Armeen habt, Einer den Andern zu bekriegen, die Stimme
+des Volks zu ersticken, die maechtig spricht. Solches thun die Thiere
+nicht, die von demselben Blut und gleicher Art sind. Seid Ihr nicht besser
+denn Thiere? Wehe den Reichen! Wehe denen, die Geld ansammeln und es auf
+Wucherzinsen ausleihen! Die den Acker mit Schulden bedecken, dass er nicht
+Frucht bringen kann unter dem verfluchten Eisen! Habt Ihr die Erde
+geschaffen, dass Ihr sie Euer nennt, Grenzpfaehle setzt so und so weit und
+Zaeune zieht, dass kein Andrer sie beschreite? Die Erde, die Luft und das
+Wasser sind des Herrn. Euer aber ist Alles. Und Alle seid Ihr Eines
+Geschlechts."
+
+So gewaltig war seine Stimme, dass ihm die Leute zuliefen in grossen
+Massen. Kein Raum und kein Saal vermochte mehr die Zahl seiner Zuhoerer zu
+fassen. Wo man sie zuruecktrieb, kamen Neue. Das Volk ward drohend, dass
+man seinen Prediger antaste. Droehnend wie Schlachtdrommeten klang seine
+Rede. Er trug einen haerenen Rock und naehrte sich nur von Nahrung der
+Pflanzen. Was er verzehrte, gewann er von seiner Haende Arbeit, denn wilde
+Kraft des Volkes lebte in diesem Manne. Wenn er vor ihnen stand, gewaltig
+mit duerren Haenden und Armen, gedachte man der alten Prediger in der Wueste.
+Seine Augen warfen Feuerflammen. Von vielem Denken und Nachtwachen war
+sein Haar grau geworden. Er trug keinen Hut auf seinem Haupte. Wenn er in
+einer Stadt fertig geworden war, wanderte er die Nacht ueber zu einer
+andern.
+
+Ueberall gegen Ungerechtigkeit und List erscholl sein Zeugniss: "Ihr nehmt
+dem Armen scheffelweis. Dann straft und haengt Ihr fuer das, was er Euch
+wiedernimmt in Koernern. Ihr predigt Demuth und freut Euch an dem, der vor
+Euch steht mit abgezognem Hut und zitternden Knieen. Vor Gott beugt Ihr
+die Knie, auf dass vor Euch die Menschen knieen um Eurer Gottesfurcht
+willen. Seinen heiligen Namen schreibt Ihr ueber Eure schlechten Thaten,
+Kriege und Haendel, dass Eure Thaten heilig stehen in seinem Namen. Ihr
+behauptet seine Weisheit zu wissen. Es ist Eure List, die Ihr fein und
+schneidend schleift am adamantnen Felsen Seiner Gerechtigkeit. Ihr zieht
+den Strick nicht zu, weil Euch das Lastvieh Saecke tragen soll. Dann
+sprecht Ihr noch: Seht meine Langmuth und Guetigkeit, dass ich nicht wuerge,
+wo ich doch wuergen koennte. Der Aermste traegt alle Beschwerde. Ihr wischt
+Euch die Stirn, sprecht von Eurem Schweiss, Naechten, die Ihr hingebt fuer
+Euer Rechnen und Raffen in Keller, die Ihr auffuellt fuer Euch und Eure
+Soehne. O Ihr Heuchler und dreifachen Heuchler! die Ihr die Steine
+verschluckt, die man gegen Euch wirft, Euch dadurch schwerer macht, vom
+Gift, das Euch toedten muesste, fresst, bis Ihr giftfest seid! Ihr seid
+erkannt in Eurer Nacktheit. In Eurer Luege steht Ihr frierend und ganz
+huelflos."
+
+Also trieb er die Gegner vor sich her mit harten Worten. Ein maechtiger
+Schrecken ging von ihm aus. Viele auch hingen ihm an, Soldaten, die in der
+activen Armee standen, und man fuerchtete, dass diese im Fall eines Kampfes
+ihre Waffen gegen ihre Oberen kehren, gemeinsame Sache machen wuerden mit
+dem Volk, denn des grossen Fuehrers Wort war ueberzeugend. Er scheute sich
+nicht und nannte die Dinge mit deutlichem Namen wie sie waren. Und Niemand
+war, der ihm widerstehen konnte, weder mit feingedrehten Gruenden, noch mit
+Gewalt.
+
+So dass davon bewegt wurden bis in die hoechsten Schichten, Regierungen und
+Ministerien. Man liess ihm unter der Hand anbieten, er sollte da eintreten
+in die Verwaltung. Man wuerde Verbesserungen machen, Vorschlaege aufstellen,
+dass die Ungerechtigkeit beseitigt wuerde, Zufriedenheit, genug zu essen
+sei im Lande.
+
+Er aber schlug Alles aus und stiess diese in die Enge mit harten Worten:
+Dass sie halb waeren und niemals ganz, die den zerrissenen Schlauch flicken
+wollten mit alten Lappen, klaffende Loecher verkleben mit Pappe von
+papiernen Acten, Kleister von Speichel: "Ihr selbst muesst weg zunaechst aus
+dem Platz, da Ihr feststeht, damit frische Luft werde und Bewegung, das
+Neue sich nicht zerbreche am harten Stein des Gewordenen, von der
+Verwesung das Leben Farbe und Geruch annehme."
+
+Dieses hoerten sie ungern. Da er aber sehr laut sprach, das Volk ihm
+anhing, machten sie einen andern Versuch. Er ward zum Fuersten befohlen,
+dass er diesen selbst spraeche, vor der hoechsten Majestaet, so er dessen
+faehig sei, zeugte fuer die Richtigkeit seiner Ansprueche.
+
+Dieser, der noch ein junger und rechtlicher Monarch war, empfing ihn
+freundlich. Er hatte auch gute Gedanken fuer die Besserung und fuer Alle,
+beklagte dass Vieles nicht zu seinem Ohr kam, auf ihm aber als dem
+Hoechsten die Verantwortung ruhte. Nur hoffte er zu Gott, dass ihm das
+nicht angerechnet wuerde, da er sich nach besten Kraeften bestrebte, auch zu
+Gott betete, bevor er Urtheil abgab in den grossen Sachen, die ueber Tod
+und Leben waren und Leben und Tod vieler Tausende.
+
+Zu ihm sprach der kuehne Mann: "Mein Fuerst! Du bist ganz und gar unfaehig zu
+urtheilen, im Einzelnen, wie nun gar ueber viele Hunderte und Tausende.
+Siehst Du die Seelen der Menschen, vom unschuldigen Kindlein an, wie es
+war, dass sie also schlecht wurden und Boeses thaten? Ob es eine Krankheit
+im Blut gewesen sein mag, Schlechtigkeit, Ungerechtigkeit und Unsauberkeit
+der Welt, die Deines Volkes ist, davon Du Verantwortung traegst? Das
+Gericht wird gesprochen in des Koenigs Namen. Wenn ein Krieg ist, erklaerst
+Du ihn. Der fremde Fuerst nimmt Deine Erklaerung an. Ihr Beide steht fuer
+Eure Voelker, das Recht Eurer Sache. Wie mag ein Einzelner solche
+Beschwerung ernstlich uebernehmen? Und wie Du zerbrechlich und von elendem
+Staube bist, in Schmerzen geboren, krank eines Tages und einen andern
+gesund, sterben musst und Dein Leib wird Wuermerspeise, so sind Deine
+Brueder, nicht besser und nicht schlechter. Niemals war es Gottes Wille,
+dass der Eine herrlich gehen sollte in Purpur und Sammet, der Andre wie
+ein Vieh im Staub kriechen, und viel weniger denn ein Vieh, da er nicht
+hat seine Bloesse zu bedecken."
+
+Worauf der Fuerst sagte, dass er dies in der That beklage, auch sich selbst
+nicht fuer besser hielte denn andre Menschen. Nur muesste Einer der
+Maechtigste sein um der Ordnung willen. Es wuerde sonst Alles Unordnung und
+Anarchie.
+
+"Unordnung und Anarchie ist schon in der Welt," sprach der Mann des Volkes
+traurig. "Eine Nation steht gegen die andre. Die stark sind, ueberwaeltigen
+die Schwachen. Die schwach sind treten wider die Andern, die noch
+schwaecher sind, Weiber und Kinder. Es ist nicht mehr Gerechtigkeit denn
+unter Laeusen und Ungeziefer, und was das Recht genannt wird, ist eine neue
+Waffe, die die Besitzenden geschmiedet haben, um ihren Besitz festzuhalten
+und den Gar-nichts-Habenden zu wehren. Durch List, Ehrgeiz und Kriechen
+gelingt es denen manchmal hineinzukommen. Diese Soehne von Sklaven druecken
+aerger denn die Herrengebornen, denn sie sind niedrig. Ihre Seelen sind
+niedrig wie der Staub, dem sie entkrochen sind. Der aber eine hohe Seele
+haette, koennte Niedriges nicht um sich dulden. Es wuerde ihm unertraeglich
+sein, sein Ebenbild besudelt zu sehen im Koth, schlechter denn der
+Fussboden unter seinen Fuessen, den er tritt. Ja, welcher ganz hoch daechte,
+steige hernieder von seinem Thron und wuerfe ueber ihre blutige Schmach den
+blutrothen Purpur seiner Hoheit, wie unser hoechster Herr Christus sein
+edelstes Blut vergossen hat fuer uns Alle. - Und recht koeniglich handelte
+er, der so thaete, fuerstlich und kaiserlich!"
+
+Da ward der junge Fuerst ungeduldig, hiess ihn fortfuehren. "Ich will Dich
+spaeter hoeren," sagte er. Die Rede hatte ihn unmuthig gemacht. Aber Manches
+nahm er sich an, hiess auch den Mann oefter vor sich kommen, discutirte mit
+ihm. Aber auf seine Rede kam er nicht zurueck. Er blieb traurig. Die Diener
+des Koenigs liessen den Demagogen nicht aus dem Gewahrsam, denn die
+Aufregung war gross in der Stadt und im Land. Viele zogen durch die
+Strassen in Haufen, die Brot und Arbeit verlangten. Man rief den Soldaten
+zu, dass es ihre Pflicht waere, die Waffen niederzulegen, sich zu verbinden
+mit den Empoerten.
+
+Fritz Kuhlemann aber blieb im Gefaengniss.
+
+Um dieselbe Zeit nun sprach man von einem wundersamen Buch, das ein
+Unbekannter geschrieben hatte, oder doch ein Bekannter, denn Viele
+vermeinten die Art und Redeweise zu erkennen eines gewissen Doctor Anton
+Rothe, der grosses Aufsehen erregt hatte zu einer Zeit, dann lange Jahre
+verschollen war. Man sagte, dass er sie in wuesten Ausschweifungen
+verbracht mit einem Fuersten auf Reisen. Derselbe war blind und auf den Tod
+krank gewesen Monate lang. In diesen Wochen hatte er das Buch geschrieben.
+Er hatte es einem Knaben in die Hand dictirt, der nicht schreiben konnte.
+Und siehe! die Zeichen standen fest und deutlich wie Buchstaben, dass
+Jeder sie lesen konnte, die die zu lesen verstanden und so nichts vom
+Lesen und Schreiben wussten, als Kinder und ganz ungebildetes Volk. Es
+hiess: "Die Blinden, die sehen ..." In wundervoller und deutlicher Weise
+war geschrieben, wie Christus eintritt in alle Dinge dieser Welt, das
+Heilige und Kraeftige in der Verwesung, die linde Sonne, die schafft und
+leuchtet. Und schied das Licht von der Finsterniss, und ging grausam in's
+Gericht mit dem, was schoen gewesen war und herrlich, zeigte es klar wie es
+war in entsetzlicher Todtenlarve, dass ein Schauder die Menschheit
+erfasste, Manche in fliegendem Entsetzen das Werk ihrer Haende zerbrachen.
+
+Und schied ueberall die Finsterniss vom Licht, die Gedanken von der Form,
+den Geist vom Koerperlichen, das heilsam und gut gewesen fuer eine
+kindlichere Zeit.
+
+Und pries die Guete, die reine Unschuld, die Schwachheit, die das
+Heldenthum ist. Wie Alles ewig ist und Bestand hat, das aus der Liebe
+geboren ist. Das Andre ist Staub und Schlacke. Es muss verbrennen und
+immer mehr wegbrennen in immer reinerem und staerkerem Licht, bis nichts
+mehr bleibt, als das unaussprechliche wunderbare Licht in Gott. Einige
+sehen es schon im Leibe. Viele aber erst nach diesem Leben. In Allen ist
+der Funke und das Abbild. Sie leiden und brennen. Das Feuer des Leidens
+ist die Laeuterung.
+
+Der aber das Buch geschrieben in den unaussprechlichen Qualen seines
+Leibes und Gewissens, dem war es wie Schuppen von den Augen gefallen. Er
+sah nun und niemals wieder wuerde ein Flecken in sein Auge kommen. Ganz
+kleine Kindlein sahen von selbst. Ihre Augen sind stet, flackern nicht
+unruhig wie die der Menschen.
+
+Aber ein solch wundersames Buch war nicht geschrieben seit die Welt stand.
+Und zeigte den Strom des Lichts von Gott, vom Licht ausgehend, durch alle
+Zeiten und Alter, wie er Form und Blut geworden in Golgatha, und floss in
+herrlicher, schimmernder Fluth. Um die Haeupter der Heiligen, niedrige
+Stirnen der Suchenden, Bibelerforscher, Bastillestuermer. ... Immer mit nie
+fehlender Sicherheit der Gang zum Licht.
+
+Das endete ausbrechend mit der grossen Apotheose: Friede auf Erden und den
+Menschen ein Wohlgefallen. Gold - das Reichste, daran des Menschen Herz
+haengt, Weihrauch, der den Aufschwung der Seele begleitet, und Myrrhen, die
+feinste, edle Bluethe der schoenen Kuenste.
+
+Dies Buch war in der wunderbarsten Sprache geschrieben, die wie Gesang
+ging. Die Worte waren einfach und tief, dass die Weisesten davor
+ehrfuerchtig standen und die Einfaeltigen sie fassen konnten. Die Kraft
+dieser Worte war wie ein zweischneidendes Schwert und ihre Suesse suesser
+denn Honig, feinster Duft der Blumen.
+
+Ein solches Buch war nicht geschrieben worden und es stand leuchtend und
+in Erz gegraben, was man an ihm drehte und deutete. Im Gegentheil, seine
+Strahlen wurden rother und inbruenstiger. Alle rothe Wuth und Finsterniss
+der Welt konnte das leuchtende Buch nicht umstossen.
+
+Wie auf das Volk die Rede des grossen Socialisten, so wirkte das Buch auf
+die Gebildeten. Es gab vornehme Herren und Grafen, die ihre Gueter abgaben
+und niederstiegen zu den Geringen. Die Frauen richteten sich auf in
+leuchtender Keuschheit. Was man als Notwendigkeit mit Widerwillen
+geleistet, wurde wieder die herrlichste der Tugenden. Maler und Bildner
+ergriffen begeistert Pinsel und Meissel. Es war ein Wettlauf nach der
+leuchtenden Schoenheit, wie er nie gewesen. Ahnend standen die Voelker vor
+den Werken der Geweihten, denn solche Schoenheit war nicht gesehen worden.
+
+Und jubelnd noch einmal schwang der Sang des Unbekannten sich auf, im
+schwindelnden Adlerflug der Seele, das Hohelied des Lichts, das Neue
+Jerusalem, die Stadt, die den Schatten nicht kennt. Die Farben steigen an
+in Tonleitern, Symphonieen des Glanzes schwingen sich schwirrend, der
+trunkne Pinsel, in Sonne getaucht, stolzirt im toenenden Reigengesang der
+Edelsteine. Zum schmetternden Tedeum vereinen sich die Lichtspender.
+
+"Der erste Grund war ein Jaspis, der andre ein Saphir, der dritte ein
+Chalcedonier, der vierte ein Smaragd.
+
+"Der fuenfte ein Sardonyx, der sechste ein Sarder, der siebente ein
+Chrysolith, der achte ein Beryll, der neunte ein Topas, der zehnte ein
+Chrysopras, der elfte ein Hyacinth, der zwoelfte ein Amethyst.
+
+"Und die zwoelf Thore waren zwoelf Perlen und ein jeglich Thor war von einer
+Perle; und die Gassen der Stadt waren lauter Gold als ein durchscheinend
+Glas.
+
+"Und ich sah keinen Tempel darinnen, denn der Herr, der allmaechtige Gott
+ist ihr Tempel und das Lamm.
+
+"Und die Stadt bedarf keiner Sonne, noch des Mondes, dass sie ihr
+scheinen, denn die Herrlichkeit Gottes erleuchtet sie und ihre Leuchte ist
+das Lamm.
+
+"Und die Heiden, die da selig werden, wandeln in demselben Licht; und die
+Koenige auf Erden werden ihre Herrlichkeit in dieselbige bringen.
+
+"Und ihre Thore werden nicht verschlossen des Tages, denn da wird keine
+Nacht sein."
+
+... Und es war ein Juengling in einer Stadt desselbigen Landes, der hatte
+die Schoenheit gesucht sein Leben lang. Denn er dachte richtig, dass, wer
+die Wahrheit findet, der Schoenheit nahe ist und es keine andre Wahrheit
+giebt denn in der Vollkommenheit der Schoenheit. Erst hatte er sie gesucht
+in der Schoenheit des Gedankens. Dann hatte er zu der Schoenheit des
+Fleisches gebetet, denn der lebendige Leib ist mehr denn der Schatten und
+die Form hoeher denn das Wort; aber das Alter und die Unvollkommenheit
+nehmen alle Schoenheit hinweg.
+
+Dieser kam zu Ihm, da Er auf einem sehr hohen Berge war. Die ganze Nacht
+war er den Berg hinaufgeklettert. Die Dornen hatten seine Haende zerrissen,
+dass sie bluteten. Er war gestolpert im Finstern. Die Steine hatten seine
+Kniee zerschlagen, dass sie matt und wund geworden waren unter ihm. Oft
+war er irre gegangen. Lichter hatten ihn genarrt im Finstern. Im Nebel
+tastete er sich vorwaerts mit Haenden und Fuessen. Seine Augen waren wie
+blind, dass er die Hand nicht sah vor seinen Augen.
+
+Er sah nicht das Gesicht dessen, der vor ihm stand. Aber er fiel vor ihm
+nieder und hob die Haende hoch. Flehte ihn an und bat: "Lass mich sehen die
+grosse Schoenheit Deines Antlitzes und sterben."
+
+Er sprach: "Ich will sie Dir zeigen. Aber huete Dich wohl, dass der
+Schrecken Dich nicht niederstuerzt vom Felsen. Denn meine Schoenheit ist
+schrecklich wie der Adler."
+
+Und er sah ein Unendliches, Furchtbares. Das fuhr dahin ueber seinem
+Haupte. Kreisende Sterne sassen in Seinen Lenden. Wolken bildeten den Saum
+Seines Kleides. Seine Stimme glich dem Donner und das Zucken Seiner Brauen
+war der Blitz. Zugleich geschah ein Windesbrausen wie von tausend Winden.
+
+Er fiel auf den Boden wie betaeubt und der Blitz fuhr ueber ihn hin.
+
+Danach hoerte er Schalmeien. Die kamen sehr lieblich und klingend aus
+goldner Ferne. Er sah einen Juengling ganz nackt in der jungen Herrlichkeit
+seiner prangenden Glieder. Der Bogen hing ueber seiner Schulter und die
+Leyer lehnte zu seinen Fuessen. Die Gesaenge seiner Leyer waren lockender
+wie Goldklingen. Wo er hintrat, bluehten Veilchen. Die wilden Thiere des
+Waldes kamen angezogen von dem Wunder seiner Laute. - Aber das Antlitz des
+Juenglings blieb marmorn.
+
+Danach sprach eine andre Stimme: "Kennst Du mich?" Er sah einen Mann am
+Kreuze haengen. Sein Antlitz hing auf seine Brust und seine Arme blieben
+ausgestreckt; denn die Schwere seines Koerpers war zu gross fuer seine Arme.
+Dornen kroenten seine Stirn. Das Blut troff von den Dornenmalen. Es floss
+aus seiner geoeffneten Seite. Die Naegel gingen durch sein Fleisch und die
+Stricke schnitten tiefe Wundenstriemen. Aber der Mund blieb weit gezerrt.
+Der Mund schrie in seiner Qual und rief: "Mich duerstet ..."
+
+Seine Thraenen tropften sehr schnell, er sprach: "Herr! Ich kenne Dich. Du
+bist schoen und der Edelste unter den Geschaffnen. Aber ich habe eine
+Schoenheit getraeumt, groesser denn Deine. Und ich bitte Dich, dass Du mir
+zeigest Deine letzte Schoenheit."
+
+Aber der Mann am Kreuz schien zu laecheln. Seine Wunden wurden Rosen und
+die Rosen fielen im rothen, duftenden Regen. Die Dornen um seine Stirn
+waren Strahlen, die aus seiner Stirn brachen wie Sonnengluth. Vom Gold
+dieser Strahlen wurde die Welt warm und toenend. - Aber die Schlange war
+der Strick, der ringelnd niedersank.
+
+Und das Kreuz wurde der Baum, der Baum des Lebens aus dem Paradiese. Und
+Er streckte seine Hand aus und brach von ihm die Frucht der Erkenntniss,
+die roth war vom Blut des Lebens, in der Form des Apfels, der den Samen
+birgt. Und Er reichte sie ihm hin und sprach: "Iss!"
+
+Da fiel der hin wie sinnlos.
+
+Als man diesen aufhob, waren seine Augen blind. Er sah niemals wieder und
+seine Haare waren weiss geworden wie die eines sehr alten Mannes. Aber er
+hatte die Dinge geschaut, die unbeschreiblich sind, frohlockte in seinem
+Herzen und pries jeden Tag Gott, bis an seinen Tod, der bald kam. Denn er
+hatte in einer Stunde das ganze Leben gesehen und allen Kreislauf des
+Gewordnen. Und die Fibern und Hirne der Sterblichen sind schwach.
+
+
+
+
+
+ DAS SECHZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Aber seine Feinde waren sehr thaetig und machten boeses Geschrei wider ihn.
+
+Denn es war grosse Aufregung im Lande. Die Hungrigen und Arbeitslosen
+thaten sich zusammen auf den Landstrassen, zogen hin und her und forderten
+Brot mit lauter Stimme. Es kam auch vor in abgelegenen Gegenden, dass man
+Fabriken und Lagerraeume verwuestete, Laeden der Baecker und Fleischer
+pluenderte. Wo man auf der einen Seite die Empoerung niedergeschlagen mit
+Blei und Kanonen, schlugen am andern Ort die Flammen wieder auf.
+
+Auch bestand eine Art Verbindung zwischen den Arbeitern aller Laender, dass
+sie sich zusammenthun und Gewalten umstuerzen wollten. Die Einen gaben
+Geldmittel fuer die Andern, die feierten. Man vereinigte sich in
+Kongressen, Zeitungen und Druckschriften riefen auf zum allgemeinen
+Ausstand.
+
+So dass eine grosse Bewegung, niemals Ruhe war im Lande, denn Viele auch
+der Gelehrten und Gebildeten nahmen sich der Sache an, forderten, die
+Einen eine Bodenreform, dass man den Grundbesitz allgemein machen sollte,
+Andre eine Verstaatlichung der grossen Betriebe und Waarenhaeuser. Viele
+aber gar die ganze Theilung, wie es die armen Leute auf ihr Programm
+geschrieben hatten. Und waren bereit fuer ihr Theil anzufangen, mitzugehen
+mit diesen. Es gab selbst Priester der herrschenden Kirchen, die kuehn
+ihren Mund aufthaten; forderten die Reichen auf abzulassen von Habsucht
+und Wollust. Die Armen aber nannten sie das Volk Gottes und riefen aus,
+dass ihre Sache gerecht sei.
+
+So befand sich Alles in Unordnung. Einige zogen hierhin, die Andern
+dorthin. Welche sprachen: "Morgen wird die Befreiung kommen. Sie wird
+kommen durch Waffengewalt, denn wir sind Viele. Sie aber sind Wenige. So
+wir dazu kommen uns zu messen im Kampf und zusammenhalten, sind wir ihnen
+ueberlegen zehnfach und hundertfach. Es kann uns nicht fehlen. Wir muessen
+nur einstehen Einer fuer den Andern und unser Pulver trocken halten."
+
+Gerade dies aber zeigte sich schwierig, dass sie zusammenhielten. Denn von
+den Fuehrern suchte ein Jeder das Seine. Sie stritten her und hin ueber die
+einzelnen Saetze. Die Rivalitaet der Nationen machte sich geltend, auch eine
+Frage der Geschlechter, da die Maenner die Weiber nicht wollten als voll
+gelten lassen, diese aber wiederum sprechen und Herren sein wollten wie
+Jene.
+
+In den gelehrten Buechern und Blaettern stritten sie sich gleichfalls. Der
+Eine warf dem Andern niedre Beweggruende und Tuecken vor. Es waren nicht
+Zwei, die dieselbe Meinung hatten. Die es wohl meinten, waren schwach und
+traeumten. Die Andern aber wuehlten und zeigten sich sehr thaetig.
+
+Das ganz rohe Volk draengte zu Thaten. Sie sprachen: "Es ist besser wir
+sterben, als wir tragen dies Leben laenger, das schlimmer ist wie der Tod,
+und setzen Kinder in die Welt, die Last weiterzutragen mit gekruemmtem
+Nacken wie wir."
+
+Diese waren nicht viel besser wie die Thiere. Sie sprachen: "Lasst uns
+trinken! Wenn wir uns Muth getrunken haben, wollen wir gehen und
+todtschlagen!" Und schlugen blindlings drauf los, wen sie fanden. Die man
+ihrerseits schlug und gefangen setzte wie wilde Raubthiere.
+
+Auch zu dem Fremden kamen Etliche von Solchen. Sie sprachen: "Sei Du unser
+Fuehrer! Sage uns, was wir thun sollen. Wir wollen hinter Dir herziehen und
+Du sollst unser Fuerst sein." Diese sah er an. Er sah, dass ihre Gesichter
+entstellt waren von Lastern. Der Geist des Branntweins war in ihren Augen.
+Ihr Athem roch schlecht vom giftigen Fusel, der sie verbrannte. Alle ihre
+Bewegungen waren obscoen. Sie schrieen nach Weibern und Trunk. So sie
+solche hatten, nahmen sie ihren Theil, soffen sich voll. Nicht anders
+waren sie denn Schweine.
+
+Und er antwortete ihnen kein Wort.
+
+Sie sprachen: "Du verachtest uns, weil wir schmutzig sind und uebel
+riechen. Sind wir nicht ebenso gut und besser denn Jene, die sich mit
+Seife und Salben waschen, suesse Weine trinken?"
+
+Er sprach: "Ihr seid nicht besser. Ihre Haende sind gewaschen. Sie brauchen
+nicht rohe Worte. Sie essen und trinken ihr Maass. Ihre Leidenschaften
+sind in ihren Haenden wie gute und gehorsame Pferde. Sie wissen genug, um
+voraus zu denken und rechnen zu koennen. Ihr Wissen giebt ihnen die Grenze
+und Wirkung ihres Thuns. Ihr seid ganz schlecht und ganz nutzlos."
+
+Dann sprachen Einige: "So bist Du also ein Vornehmer und haeltst es mit den
+Reichen und Maechtigen?"
+
+Er sprach: "Die Maechtigen und Reichen haben andre Laster wie Ihr. Sie
+luegen, wo Ihr roh seid. Wenn Ihr fresst, kitzeln sie ihre Gaumen mit
+scharfen und unnatuerlichen Sachen. Wo Ihr dem Augenblick folgt, rechnen
+sie mit List und legen Schlingen. Ein Armer sorgt nicht so um Leib und
+Blut, laesst wohl sein Leben. Der Reiche zittert fuer seine Gueter. Nichts
+Lieberes ist ihm als das Leben, dass er sich Aerzte sucht, es zu
+verlaengern, noch im Tode mit Denkmaelern und Bildsaeulen sich ehrt, so er
+doch todt ist, nichts wie Staub und Wuermer. Der Arme ist weit ab vom
+Reiche Gottes, weil er arm ist. Aber der Reiche ist weiter entfernt."
+
+Sie sprachen: "Sage uns, was ist das Reich Gottes?"
+
+Er sprach: "Was Ihr Glueck nennt, Frieden in uns und ausserhalb."
+
+Sie sprachen: "Wer hat das Glueck? Und wie sagst Du, dass der Arme ihm
+naeher ist als der Reiche?"
+
+Er sprach: "Der Reiche hat viele Beduerfnisse. So er nicht sein festes Haus
+hat, Pferde und Dienerschaft, ein koestliches Essen, wie mag er sich
+freuen? Der Arme bedarf des Allen nicht. Der unter freiem Himmel naechtigt,
+braucht kein Dach. Der am Brot sich satt isst, bedarf des Fleisches nicht.
+Wem Wasser genuegt, was soll ihm der Wein?"
+
+Sie sprachen: "Das ist ganz thoericht. Wir wollen Alle in Schloessern
+wohnen, Fleisch essen und Wein trinken alle Tage."
+
+Er sprach: "Seht zu, wo Ihr es findet," wandte sich von ihnen und sprach
+nicht mehr.
+
+Zu ihm kamen Andre, die sich klug duenkten, sprachen: "Wir wissen sehr
+wohl, dass Du recht hast. Alles ist in der Klugheit, im Witz des Menschen.
+Mit ihm erfindet er, verbindet Meere und Erdtheile. Sieh das System, das
+wir aufgebaut haben, darin das Glueck ist und Wohlleben fuer Alle."
+
+Er sprach: "Der Stein ist geduldig. Er traegt die Marke, die man ihm
+eingraebt. Wie wollt Ihr solches zeichnen in Fleisch und Blut? Die Kraefte
+der Natur gehorchen Gesetzen. Wer ihr ihre Gesetze ablauscht, der ist ihr
+Herr; weil er ihr folgt in ihren Zwecken, nur ihr Diener ist, den sie
+traegt. Kennst Du das Gesetz, das den Knaben leitet zum rothen Mord oder
+die tugendsame Jungfrau zur Buhlschaft?"
+
+Sie sprachen: "Wir kennen es nicht."
+
+Er sprach: "Es giebt kein Gesetz, das gut ist fuer Alle. Aber das Gute ist
+in Allem. So Jeder gut thut, ist Alles gut."
+
+Das verstanden sie nicht und sprachen: "Es wird immer Schlechte geben."
+
+Er sprach: "So lange es sie giebt, ist Nichts gut."
+
+"So sollen wir gar nichts thun, die Haende in den Schooss legen?" fragten
+sie nun.
+
+Er sprach zu dem, der das sagte: "Thue Du fuer Dich! Maechtiger denn viele
+Worte spricht das Beispiel. Eine That wiegt schwerer denn tausend
+Gleichnisse. Einer, der stirbt fuer sein Leben, schafft zehnfaches Leben."
+
+Aber es gefiel Keinem, was er sagte. Sie murrten gegen ihn: "Das haben wir
+laengst gewusst. Diese Weisheit ist so alt wie die Sonne. Es ist nichts
+gekommen aus ihr und hat sich nichts geaendert, seit die Sonne scheint."
+
+Er aber ward traurig in seinem Herzen, dachte: "O dass Ihr hasstet oder
+liebtet! Aber es ist nur Erde in Euch oder kalter Verstand. Ihr seht die
+Sonne nicht vor so vielem kuenstlichen Licht. Rom war besser und Babylon
+war edler. Im blutrothen Blut muesst Ihr roth werden! Von den Flammen Eurer
+Staedte und Haeuser werden in Euch Flammen aufschlagen! O Ihr armseliges
+Geschlecht in Eurem Reichthum! Wuermer und Elende in all' Eurer Kunst!"
+
+Da er weiterging, fand er einen sehr alten Mann. Der sass vor seiner Huette
+in der Abendsonne.
+
+Wie er vorbeiging, gruesste ihn der alte Mann.
+
+Er sprach: "Lass mich trinken und gieb mir zu essen von Deinem Mahle."
+
+Da gab ihm der alte Mann frisches Wasser, Brot und eine reife Frucht von
+den Fruchtbaeumen, die vor seiner Huette wuchsen.
+
+Der alte Mann sprach: "Dies ist meine Nahrung Winter und Sommer. Ich nehme
+niemals andre. Fleisch und Blutiges kommt nicht ueber meine Lippen. Und
+Frucht der Traube nicht, deren Saft gegohren ist. Ich bin stark damit und
+gesund. Nichts fehlt mir. Ein Arzt hat meine Huette nicht betreten, seit
+ich diese Lebensweise annahm. Winter und Sommer stehe ich zeitig auf. Ich
+trage mein Holz selbst und reinige meine Huette. Meine Mahlzeit bereite ich
+mir mit meinen Haenden. Ein wollner Rock genuegt mir, wenn es kalt ist, und
+ein leinener fuer den Sommer. Wasser reicht mir die Quelle vor meiner
+Huette. Mit meinen Haenden habe ich diese Fruchtbaeume gepflanzt, die um mein
+Haus stehen. Mein Acker, den ich selbst bestelle, giebt mir mein Brot.
+Meine Thiere sind meine Freunde. Sie hoeren meine Stimme. Wenn ich einsam
+bin, leisten sie mir Gesellschaft. Ihre Noethe sind meine Noethe. Das Kalb,
+das geboren wird, gehoert mir, wie es zu seiner Mutter laeuft. Sie kennen
+keine Scheu und keine Furcht. Selbst die wilden Thiere des Waldes kennen
+mich und kommen zu meiner Huette, wenn sie Futter suchen. Die scheuen Voegel
+unter dem Himmel setzen sich auf meine Hand, wenn ich sie ausstrecke, und
+erzaehlen ihre unschuldigen Geschichten."
+
+Damit streckte er seine Hand aus. Kleine Meislein und Rothkelchen, die
+huepften und liefen, kamen kecklich, flogen auf seinen Finger. Sie pickten
+an seinen Lippen, als ob sie anfragen wollten, setzten sich auf seine
+Schulter und klappten mit den Fluegeln. Rehe aus dem Walde traten heraus
+ohne Scheu und nahmen ihr Futter aus seiner Hand. Die furchtsamen Hasen
+machten friedliche Maennchen, putzten und ueberschlugen sich.
+
+"Alle sind meine Brueder," sagte der alte Mann. "Meine Kinder, weil sie
+schwaecher und unkluger sind wie ich. Aber ihre Unklugheit ist nur
+scheinbar. Sie wissen sehr gut, wie sie zu leben haben, wo sie ihre
+Nahrung finden. Sie wissen auch, dass noch etwas Andres ist wie hienieden;
+nur sie _wissen_ es und sorgen nicht. Hoere!"
+
+Im Busch schlug die Nachtigall eine sehnende Weise. So lieblich, so voll
+Klage und schmelzendem, lockendem Zuruf! Das Reh sah ihn an mit treuen,
+verstaendigen Augen.
+
+"Es ist nicht nur die Brunst, die sie lebendig macht fuer die Fortsetzung
+dieses armen, kleinen, lebendigen Lebens. Weil sie fuehlen, dass sie in
+einer Kette sind, Alle zum Lobe Gottes, den sie preisen aus ihren kleinen
+Kehlen, mit dem stummen Bluehen ihrer Kelche, taeglich. Das sind die
+Unschuldigen der Natur. Ich liebe sie, obgleich die Menschen sie
+verachten, sich klueger duenken in ihrem Stolz, ihrer Geschaeftigkeit."
+
+Er aber erstaunte sich, so viel Weisheit und Demuth zu finden in einem
+alten Mann. Ein wundersamer Mann war er, mit der grossen, viereckigen
+Stirn, die das Denken ausgearbeitet hatte wie einen Marmorblock. Sein Haar
+und Bart war langgewachsen. Er sah aus wie ein Bauer und war doch ein
+Herr. Ruhende Staerke lag in ihm, der Blick, der ueber Viele sieht. Aber er
+blieb milde. Seine Hand koste den Flaum des Rehs, wo es weich ist unter
+dem Hals des Thiers.
+
+Er fuhr fort: "Frueher war ich auch wie die andern Menschen. Hochmuethig und
+geschaeftig, verzagt in meinem Thun, wenn es nicht ging wie ich wollte.
+Geschaefte der Koenige wollte ich thun an Fuerstenhoefen. Ich wollte weise
+sein wie ihre Weisesten, lustig leben wie die Lustigen und Tollen. Ich
+habe ihre Buecher gelesen. Ich habe Frauen gekuesst. Ich habe um Reichthum
+gesorgt und gerafft. Alles ist eitel. Gluecklich ist, der Niemandes bedarf,
+und Alles zu geben hat den Andern.
+
+"... Ich habe ihre Kuenste getrieben. Mir gefiel das schlanke Spiel der
+Woerter, dass sie sich verwirrten und kreuzten wie blanke Schwerter -
+auseinander sinken und zur Erde flattern, harmlose Strohhalme. Farben
+liebte ich, die die Worte lebendig machen wie von getrunknem Blut, Toene,
+die rufen, die locken und befehlen, weinen machen und lachen, wie es der
+Zauber verfuegt, der sie Alle regiert. - Ich berauschte mich selbst am
+Wohlklang meiner Toene. Wollust war in der Farbe meiner Bilder. Meine Worte
+waren klingelnd wie Schlittenklang, toenende Erze und hallende Schellen. -
+Alles ist eitel. _Eine_ Kunst giebt es zu thun, was recht ist. Eine Farbe
+der Wahrheit. Einen Ton, des Verlornen, den wir wiedergefunden."
+
+Er sprach: "Welches ist der Ton, den Du wiedergefunden? Lass mich hoeren,
+dass ich weiss, ob es der rechte ist."
+
+Der alte Mann sprach: "Vor langen Jahrhunderten klang er am See. Am See,
+der zwischen den Bergen liegt, Genezareth. Was da gesprochen in
+himmlischen Toenen, durch die Zeiten und Alter klingt es als Wahrsang. Wir
+zaehlen die Jahre. Der Sang ging verloren in Schwertschlag und Goldklink.
+In blinkenden Fabeln von Wissen und Kunst. - Es giebt nur den. Niemals
+ward er vollkommen."
+
+Er sprach: "Der Sang ist der rechte, den Du gefunden. In ihm liegt Alles.
+Erfuellung und Leben."
+
+"In ihm liegt Antwort, Weisheit und Einfalt. Dreierlei seh' ich die Zeiten
+zu deuten: Dass Einige weigern Kriegsdienst zu thun, Verfolgung erleiden,
+Gefaengniss und Tod. Dass Viele erkannten, ihr Wissen ist eitel im weiseren
+Wissen. Dass Keuschheit wieder die oberste Tugend, die Frauen erwachen,
+die stark sind und kuenden. - Der bedarf nicht der Schaetze, der die Perle
+gefunden. Der Tod ist ihm Freund, der das Leben erkannt. Ich sitze hier
+und warte des Todes. Des Fuehrers harr' ich, der einfuehrt zum Tage."
+
+So nahmen sie Abschied. Der alte Mann sass ganz still auf der Bank vor
+seiner Huette. Um ihn liefen die Thiere, weideten, piepten. Er sah in die
+rothe, sinkende Sonne.
+
+Die Sonne sank.
+
+
+
+
+
+ DAS SIEBZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Dies geschah, als eine Empoerung kam im Lande.
+
+Die Armen wollten nicht Hunger leiden und arm sein mehr. Es gab eine
+grosse Anzahl der Arbeitslosen auf allen Landstrassen, weil die Zeiten
+schlecht waren. Man hatte eine solche Fuelle der Gueter in den vergangenen
+Jahren auf den Markt geworfen, dass Niemand mehr Waaren kaufen wollte. Das
+Korn lag in den Speichern und verdarb. Das Fleisch wurde zu theuren
+Preisen verkauft, weil die Haendler nicht wussten was zu thun mit den
+Massen ihres Viehs, Einige riethen es todtzuschlagen und zu vergraben.
+Waehrend die Armen Hunger litten. Sie zogen umher in grossen Banden, Weiber
+und Kinder, muessig vom Morgen bis zum Abend, denn sie sprachen: "Was nuetzt
+es, so wir doch keine Arbeit finden. Lasst uns essen und trinken und
+todtschlagen, denn morgen sind wir todt."
+
+Gegen diese schickte man grosse Mengen Soldaten und Militair. Sie
+vertilgten Viele von ihnen und schlugen sie in blutigen Schlachten, dass
+das Blut auf dem Strassenpflaster floss, die Koepfe der Fallenden sich
+zerschlugen am harten Stein. Ihr Gehirn stuerzte aus den Schaedeln gleich
+Wasser aus festen Toepfen. Von Geschrei und Wehklagen war die Luft erfuellt
+wie in einem Schlachthause.
+
+Es kam aber auch vor, dass welche von den Soldaten ihre Helme und Roecke
+wegwarfen, zu den Feinden uebergingen, neben welchen sie kaempften auf hohen
+Barrikaden, in engen Strassen, die man versperrt hatte mit umgestuerzten
+Wagen, Matratzen und Moebelstuecken aus den Haeusern.
+
+Der Kampf wurde noch blutiger dadurch. Die Andern machten Jagd auf ihre
+frueheren Kameraden, schlugen sie todt wie die Hunde. Es gab keinen Pardon
+mehr auf beiden Seiten. Das Gemetzel war furchtbar, dass alle Haeuser
+gefuellt waren mit Sterbenden und Verwundeten. Selbst die Leichen
+verschonte man nicht, uebte an ihnen grausame Verstuemmelung, dass viele
+zarte Frauen und Maedchen den Verstand verloren vom Grauen des Anblicks.
+Die Leute, die sich verloren sahen, toedteten sich lieber selber, ehe sie
+sich dem Feind uebergaben in seiner Grausamkeit, der sie einschloss,
+zusammenpackte in den Gefaengnissen, getoedtet zu werden oder gerichtet zum
+Leben, wie es der Richter recht befand. Es waren junge Leute unter ihnen
+von achtzehn und zwanzig Jahren, denen der Tod lieblich und glorreich
+duenkte gegen Zuchthausarbeit und Ketten.
+
+Solches kam auch vor den Koenig und verdross ihn sehr in seinem Herzen,
+bekuemmerte ihn, dass er keine Ruhe fand, oft nicht schlafen konnte in der
+Nacht.
+
+So liess er sich den grossen Prediger der Socialisten holen, den er noch
+immer im Gefaengniss hielt. Denn wiewohl keine Ursache gegen ihn vorlag,
+wollte man ihn doch nicht freilassen. Seine Name ward geschrieen auf den
+Strassen. Viele behaupteten, dass geheime Verbindung bestand zwischen ihm
+im Gefaengniss und seinen Anhaengern ausserhalb. Diese forderten laut, dass
+man ihm den Process machte, ein Exempel statuirte zur Abschreckung der
+Andern, weil er wohlbekannt war, sein Name als eine Fahne diente, der sie
+Alle folgten.
+
+Dieser sprach unerschrocken vor dem Koenig. "Es ist Deine Schuld so gut wie
+dieser, wenn sie jetzt blutgierige Thiere sind. Ihr habt sie gehalten als
+Thiere in Unwissenheit und Rohheit."
+
+Der Koenig sprach: "Ich will ihnen ja geben. Aber ich kann ihnen nicht
+Alles geben."
+
+Er sprach: "Es ist viel wichtiger, dass Du giebst, denn was sie nehmen. So
+lange Einer hat, werden sie unzufrieden sein. So aber Keiner hat, sich
+sorge, wie er seine Habe halte, sind Alle zufrieden. Ausserdem dass es
+Deiner eignen Seele gut ist."
+
+Davon wollte er nichts hoeren, schickte ihn immer und immer wieder weg.
+Aber wenn seine Bekuemmerniss gross war und seine Seele sehr unruhig in
+ihm, schickte er von Neuem und liess ihn holen. Und wollte nichts hoeren,
+wenn seine Raethe draengten, sie sprachen: "Wir haben den Beweis und den.
+Sein Kopf muss fallen, denn er ist ein Hochverraether."
+
+So dass ein Gerede ging im ganzen Land: "Der Drechslergeselle ist mehr
+denn unser Koenig. Der Sohn der Gosse giebt die Gesetze im Staat."
+
+Sie verbreiteten dies Geruecht mit Fleiss bis zu den fremden Koenigen, dass
+diese Briefe schrieben, sich darueber bewegten. Alle sagten: "Er hat keine
+Macht mehr in seinem eignen Staat. Sie ist in die Haende dieses Aufruehrers
+gegeben, der ihn am Narrenseil fuehrt, eine Herrschaft der Bettler
+errichtet ueber seinem Thron."
+
+Seine Raethe beeilten sich, dieses Gerede wieder vor den Fuersten zu
+bringen, denn sie wussten, dass solches ihn wurmen, in ihm fressen musste
+wie gluehendes Eisen. Er hielt viel auf seine Wuerde, die er von seinen
+Vaetern ererbt hatte, und war noch ein junger Fuerst, solchen Tand der
+Majestaet gewohnt von Jugend auf.
+
+Sie neigten sich bis zur Erde vor ihm, leckten seine Schuhsohlen, waehrend
+sie ihm grobe Schmeicheleien sagten. "Dein Angesicht ist strahlender wie
+die Sonne. Wer in seinem Schatten lebt, muss sterben und verkuemmern." Sie
+priesen seine Weisheit, die groesser sei denn die aller Gelehrten und
+Weisesten im Land. Aber seine Macht war groesser als aller Koenige ringsum.
+So er nur wollte, war er der Herr der Welt. Das Wort aus seinem Munde
+blieb Gesetz. Der blutige Kriegsruhm seiner Vorfahren wuerde ihm folgen auf
+allen seinen Fahrten.
+
+Zur selben Zeit versuchten sie geflissentlich den Reformator zu
+verringern: "Wer ist dieser Mann? Ein Niedriggeborner und Aufgeblasner,
+der seinen eignen Vortheil sucht in dem der Crapule. Wie wagt er zu Dir zu
+sprechen, den Gott selbst gesalbt hat! Koenige sind gewesen von Anbeginn
+der Zeiten. Wer wird die Macht haben, wenn Du sie nicht haeltst?
+Vielschwaetzer, armselige, kleine Kraemer und Pillendreher? Man denkt, dass
+Du ihn fuerchtest. Der Aufruhr zieht neues Blut aus seiner Gegenwart, weil
+Keiner denkt, dass Du ihn angreifen wirst, dem Dein Schweigen Recht giebt.
+Du selbst bist erschuettert in Deinem Innern, glaubst nicht an Dein
+heiliges Richteramt, dass Du bist von der Gnade Gottes, der Hoechste der
+Sterblichen, ihnen zu Dienst und Anbetung gesetzt von oben."
+
+So peinigten sie die Seele des Fuersten, beugten sich in den Staub, gaben
+grosse Feste. Boeller donnerten, Fahnen wehten. Man brachte koestliche
+Geschenke von Silber und Gold. Alle Truppen in glaenzenden Uniformen mit
+blinkenden Waffen defilirten. Das Zucken seiner Wimpern war fuer sie
+Gesetz. Wo er auftrat, folgten seinem Tritt Tausende.
+
+So dass sein Herz wieder stark wurde in ihm: "Es ist Alles zum Besten
+eingerichtet. Da sieh doch! Und hoere den Jubel meines Volkes bei meinem
+Einzug."
+
+Der Gefangene aber blieb fest. "Es ist nicht gut. Von Dir wird gefordert
+werden Gut und Boese."
+
+Dass sie sich nicht einigen konnten, der Koenig ihn wegschickte im Aerger.
+
+Diesem stiess ein ganz seltsames Begebniss zu.
+
+Als er nach seinem Jugendfreund Johannes fragte, der sein bester Geselle
+gewesen war, Rathgeber in allen Dingen, - und er hatte keinen lieberen
+Freund wie ihn oder einen, der gerechter war und weiser, - sagte man ihm,
+dass dieser sein Haus nicht verlassen habe, hielt sich eingeschlossen in
+seinem Hause und antwortete Niemandem, nicht seinen Eltern, die ihn mit
+Thraenen beschworen, noch seinen Freunden, die um ihn sorgten, auch nicht
+den Vorgesetzten, die ihn zu den Pflichten seines Amtes ermahnten. So dass
+Jedermann anfing an seinem Verstand zu zweifeln, die seltsamsten Geruechte
+ueber ihn umgingen in der Stadt. Nur eine schlechte, wilde Katze haette er
+mit sich gebracht aus dem Walde. Er gab ihr zu essen und beobachtete sie
+lange auf ihren Raubgaengen. Des Abends kam sie sehr nahe zum Feuer und
+schlief da zusammengerollt mit eingezogenen Krallen, waehrend er wachend
+dachte, das Oel nicht ausgehen liess Tag und Nacht. Ganz verwildert war er
+in seinem Aeussern, mit langhaengendem Bart und Haaren, dass alle seine
+Freunde anfingen, an eine Verwirrtheit zu glauben, grosse und beruehmte
+Aerzte herbeizogen aus der Stadt und Gegend. Sie stellten ihm viele
+Fragen, betasteten seinen Puls und die Zunge. Aber er antwortete ihnen gar
+nichts. Sie konnten kein Zeichen einer Krankheit an ihm finden.
+
+Es war ein junges Maedchen in der Stadt, die Tochter eines angesehenen und
+graeflichen Hauses, wohl angeschrieben bei Hofe. Diese hatte schon lange im
+Geheimen eine Zuneigung zu dem jungen Prediger, wie kindliche, unschuldige
+Maedchen fuehlen, ohne davon zu sprechen oder gar demjenigen ein Zeichen zu
+geben. Nur fehlte sie niemals in seiner Kirche, jedes kleine Geschenk oder
+zufaellig von seiner Hand Beruehrte hob sie sorgfaeltig auf. Traf sie ihn
+unversehens, stieg sofort die hohe Roethe der Scham ihr in die Stirn, denn
+sie schaemte sich ihrer Sehnsucht nach dem Mann, in der Keuschheit ihres
+Leibes, waehrend ihre Liebe doch zugleich ihr hoechste Freude und Seligkeit
+war, also trefflich erschien er, wohlgelobt und hochgehalten vor allen
+Menschen. Und war nicht, der an ihm ruehren konnte, weder die Frechen, noch
+die Luegner.
+
+So liebte sie allein im Garten sich zu ergehen, oder in ihrer Stube lange
+zu sitzen mit dem offnen Fenster im Fruehling. Sonst war sie sanft und
+freundlich zu Jedermann, ein sehr liebliches, junges Maedchen, obgleich
+zart, zierlich gebildet wie eine Maiblume, mit zu schweren blonden Haaren,
+einer weissen Haut, unter der man die blauen Adern sah. Ihre Eltern, ob
+sie gleich ihre geheime Zuneigung ahnten, sagten sie ihr doch nichts. Weil
+sie so jung war, wollten sie sie nicht erschrecken, indem sie an die
+Geheimnisse des Geschlechts in ihr ruehrten. Vielleicht hofften sie auch,
+dass spaeter sich finden wuerde, was noch fern war und Zeit hatte. Selbst
+die alten Eltern des von ihr Verehrten wollten ihr sehr wohl, empfingen
+sie oft und seine Mutter liess sie an ihrer Seite sitzen. Denn sie war ein
+sehr anmuthiges und feines Kind, lind und kosend wie ein frueher Lenzmorgen
+unter Aprilschauern.
+
+Diese Jungfrau, als sie von der Krankheit ihres Geliebten hoerte, dass
+Niemand zu ihm sprechen koennte, er allein sass mit der haesslichen Katze,
+machte sie sich allein auf, ohne irgend einem Menschen etwas zu sagen. Sie
+zog ihr weisses Kleid an, das ihr ihre Eltern geschenkt hatten zu dem
+ersten grossen Fest am Hofe, band ihre Haare auf, machte sich zurecht also
+huebsch und zierlich, als sie vermochte in ihrer Jugend und Unschuld, und
+ging zu ihrem Johannes hinauf in die Kammer, wo er sass und bruetete. Und
+die Katze hockte neben ihm am Feuer, blinzelte mit gruenlichen Augen,
+putzte sich zierlich und schlug mit den Pfoten in die Luft nach Fliegen.
+So satt war sie geworden von all' der Milch und dem guten Fressen, dass
+ihr Koerper rund erschien wie ein Ball. Er selbst war ganz eingefallen.
+Seine Backen zeigten tiefe Loecher wie die eines Todtkranken. Er starrte
+aus hohlen Augen und rieb die mageren Finger hin und her, eine Hand ueber
+der andern.
+
+So erschien vor ihm die Jungfrau in all' ihrer Scham und Lieblichkeit.
+Aber er sah sie gar nicht, fuhr fort zu starren und die Finger
+gegeneinander zu reiben.
+
+Sprach sie zu ihm: "Lieber Herr! Was fehlt Euch? Alle Eure Freunde sind in
+Sorge. Eure Eltern weinen. Vielen ist es ein grosses Kuemmerniss, Euch also
+schwerkrank und schweigsam zu wissen."
+
+Darauf sah er sie wirklich an, aber immer noch ohne sie zu sehen,
+gleichsam als schaute er durch sie hindurch, da, wo sie war, blieb nichts.
+"Bist Du eine Katze?" sagte er zu ihr. "Gehst Du des Nachts auf Raub aus,
+wenn es daemmrig ist? Hast Du Junge, die Du saeugst mit Deinem Blute?"
+
+Solche Rede erschreckte sie. Sie konnte nicht anders glauben, als dass es
+der Wahnsinn sei, der aus ihm redete. So kamen ihr die Thraenen in die
+Augen. Sie sprach mit thraenenvoller Stimme: "Lieber Herr! Wollt doch zu
+Euch kommen und Euch bedenken. Ich bin die Jungfrau Ottilia, die Ihr wohl
+kennt. Ich bin hierhergekommen, weil mich die Sorge um Euch trieb und ich
+Sehnsucht zu Euch getragen lange unter meinem Herzen."
+
+Denn jetzt in seiner schweren Krankheit dachte sie, dass es wohl Zeit sein
+muesste, ihr Geheimniss preiszugeben. Sie wollte ihn aufruetteln. Sie
+fuehlte, dass es fuer sein Leben wichtig war, wenn er sprach.
+
+Er aber sprach: "Sehnsucht ist nichts. Auch Nachtwachen ist nicht viel,
+Fasten und Hungerleiden. Ich sehne, sehne mich ..."
+
+So kam sie noch naeher an ihn heran, nahm ihn in ihre Arme. Denn ob sie
+gleich ein Kind war und noch sehr jung, fuehlte sie doch in ihrer grossen,
+reifen Liebe, dass sie ihn retten musste, aus diesem ein Ende gefunden
+wuerde um jeden Preis. Und nahm seine Hand. Aber seine Hand war kalt wie
+Eis. Sie kuesste seine Lippen. Diese Lippen waren trocken und ohne Athem,
+fast wie die eines Sterbenden.
+
+"Sehnt Ihr Euch nach Liebe," sprach die Jungfrau, "so will ich sie Euch
+geben, warm und geduldig, wie ein Weib zu geben vermag. Folgt mir nach
+draussen, Lieber! Seht, die Sonne scheint und die Voegel singen freundlich
+dem waermenden Licht."
+
+Damit zog sie den Vorhang vom Fenster, dass die Sonne warm hereinschien.
+Denn die Fenster waren verschlossen und verhangen gewesen die ganze Zeit,
+und schwere, eiskalte Luft wie die des Grabes im Zimmer.
+
+Er fuhr mit der Hand ueber die Stirn: "Liebe - Liebe ..." sagte er. "Das
+ist Liebe einer Stunde, Waerme des Lenztags. Ich moechte die Sonne selbst
+sehen. - Ich habe Sehnsucht nach dem Tode."
+
+"Der Tod kommt," sprach sie freundlich und ohne Zuernen, obgleich ihr Herz
+aufschwoll, ihr weh war zum Sterben. "Aber erst ist das Leben. Seht,
+lieber Herr! Alle Knoesplein strecken ihre zarten Blaetter. Alle leben und
+athmen."
+
+Sie nahm ihn noch fester in ihre Arme und legte seinen Kopf auf ihr Herz,
+dass er ihr Herz athmen fuehlte, die Waerme ihres Busens ihn umfing. "Du
+lebst jetzt," sagte er langsam. "Aber Du wirst todt sein. Wuermer werden in
+Dir wachsen, Du stinkst ..." Er schleuderte seine Haende fort, als ob er
+Wuermer von ihnen abschlenkerte. Seine Nuestern zogen sich zusammen im Ekel.
+
+Dieses junge Kind in ihrer Einfalt und grossen Liebe schrak nicht zurueck:
+"Ich werde auch mit Euch sterben," sagte sie, "aber spaeter. Es ist noch
+lange hin. Dann giebt es ein ewiges Leben. Wir werden vereint sein. Alles
+Fragen, alle Sehnsucht hoert auf im Himmel."
+
+Diese einfachen Worte machten einen schrecklichen Eindruck auf den
+Kranken. Er sprang ploetzlich auf, fasste ihre beiden Haende in den
+Gelenken, drueckte sie zusammen wie in eisernen Ringen und schrie: "Das ist
+nicht wahr. Es giebt keinen Himmel, es giebt keinen Gott und keinen
+Teufel. Es giebt nur Aas und Maden. Diese Maden sind wir. Ekelhafte,
+stinkende Maden!"
+
+Er fing an sich die Kleider vom Leibe zu reissen, roh zu lachen,
+haessliche, unflaethige Worte auszustossen, derselbe, so fein, so anmuthig
+und wohlgebildet frueher. Aber die Schwere der Geheimnisse war zu viel
+gewesen. Im Rathen ueber ihnen hatte er seinen Verstand verloren. Er war
+jetzt nicht viel mehr als ein Thier. Er raste und fletschte die Zaehne.
+
+Dieser Jungfrau, als sie Solches mit ansah, war es zuviel fuer ihr
+zaertliches und noch so kindliches Herz. Sie fuehlte wie einen grossen
+Sprung durch sie hindurch, der durch ihre Gedanken ging, ihr Besinnen und
+Wollen. Sie fiel ohnmaechtig hin.
+
+Dann stuerzte er sich auf sie. Er riss sie an den Haaren. Er zerriss ihre
+Kleider, zerfleischte ihr Gesicht mit den Naegeln, trat und beleidigte sie.
+"Ihr - Ihr seid der Fluch der Welt," stiess er hervor. "Ihr habt uns zu
+Grunde gerichtet. Das Weib! Das Weib! Warum habt Ihr den Apfel gegessen
+und nur zur Haelfte? Warum macht Ihr das Leben neu und es ist kein Leben?
+Ihr! Ihr! Der Schmutz seid Ihr, der Schlamm! Wir sind Goetter. Wir sind
+reine Geister. Die Engel des Lichts sind wir. Ihr habt uns in Koth
+verkehrt. Ich habe die andre Haelfte wiedergefunden, die, die Ihr selbst
+verzehrt habt. Ich bin Eines Geschlechts. Ich bin androgyn. Ich bin Gott!
+Gott! Gott!" ...
+
+Die Katze mit gestraeubten Haaren, auf dem Kaminsims hockend, sah zu. Ihre
+Augen funkelten boesartig. Sie hatte beide Vorderkrallen vorgebogen. Als er
+die Halbgestorbne zurueckstiess, sprang sie ihr an die Kehle und biss sie
+todt.
+
+Die Andern fanden diesen jungen Mann, der das todte Kind ueber seinen
+Knieen hielt. Er hatte ihr die Haare wohlgeordnet und Fruehlingsbluethen
+hineingestreut. Ihr weisses Kleid war ueber sie gebreitet wie ein Leintuch.
+Aus der rothen Halswunde troff das Blut.
+
+Die Katze hatte es an ihren Pfoten. Und leckte sie putzend.
+
+"So viel Schoenheit," sagte er, "so viel Unschuld und Guete. Das ist nun
+Alles dahin - dahin."
+
+Und weinte ueber die junge, suesse Maid, nahm ihre Haende, kuesste sie. Und
+kuesste ihre weissen, kleinen Fuesschen in den seidnen Schuhen, die sie
+angezogen, ihn zu ehren. Denn sie dachte in ihrem kindlichem Herzen:
+Vielleicht, dass dieses mein Brauttag wird, der ihr Todestag geworden, des
+schrecklichsten Todes.
+
+Dann seufzte er sehr tief, sagte: "So vergehen die Blumen. O suesse Blume!
+Blume der Unschuld, der Guete und des Verzeihens! Sie haette liebliche,
+kleine Kinder gehabt. Ihre Enkel haetten sie gesegnet. Keinem hast Du je
+Unrecht gethan. Kein unreiner und unfreundlicher Gedanke hat Dich
+bestuerzt. Kein Anblick der Haesslichkeit Deinen Sonnenweg gekreuzt. Weint
+nicht um sie, denn ihr ist wohl. Warum weint Ihr?"
+
+Er begriff es nicht, dass sie weinten, versank in tiefes Brueten. Da
+Etliche die Katze todtgeschlagen hatten, nahm er den Balg auf, streichelte
+ihr zerruettetes Fell und bettete sie neben die Jungfrau. Die Hand der
+Jungfrau lag auf dem runden Kopf des Thieres. Beide waren weiss, Eine wie
+die Andre, von zierlichen Gliedern, weich anzusehen und zaertlich in ihrer
+Geberde.
+
+Dies that er. Niemand konnte ihn hindern. Denn es war etwas Besondres in
+seinem Wesen, weit weg, als ob er erhaben waere ueber alles Lob oder
+Anschuldigung der Welt. Und that, was er wollte. Denn es war Niemand, der
+ihm zuwider sein konnte, oder erklaeren mochte, warum er so that.
+
+Etliche forderten, dass er vor Gericht gestellt wuerde um des Todes willen
+der Jungfrau. Ihre Eltern waren reiche Leute, wohlangesehen bei Hofe.
+Andre sagten, er sei nicht richtig in seinem Gemueth, das viele Lernen habe
+ihn verwirrt. Diese hatten wohl recht.
+
+Da nun aber auch Etliche der Jungfrau nachsagten, dass sie mit Recht zu
+Schaden gekommen sei, weil sie zu einem Manne gegangen um die einsame
+Stunde, wurden sie bestraft. Denn wie man den Staub auf ihr Grab warf,
+darin sie begraben war mit der Katze, bluehten daraus Lilien auf. Also dass
+das ganze Grab ein Liliengarten war. Die Lilien wuchsen ohne Unterschied
+ueber der Jungfrau und ueber der Katze. Und war grosses Wunder vor allem
+Volk.
+
+Er schwieg zu Allem. Da er vom Kirchhof zurueckkam, legte er sein Kleid
+nicht ab und zog seine Schuhe nicht aus. Aber er setzte sich an's Fenster
+und sah in die Nacht.
+
+So sass er viele Tage. Alle, die ihn mit Thraenen beschworen, seine Eltern,
+die klagten, die Freunde, die ihn lieb hatten, die Richter, die ihn
+ausfragten, das Volk, das gegen ihn laermte, sah er gar nicht. Er nahm
+nicht Speise und Trank, sah in die Nacht gen Osten gerichtet und wartete
+auf den Morgen.
+
+Zu diesem, da er noch in diesem Zustand war, kam der Fuerst, weil er sein
+Freund gewesen und der Vertraute seiner Jugend, der ihm guten Rath gegeben
+in allen Dingen. Sein Wort stand fest wie ein Fels. Und es war eine Regel
+der Gerechtigkeit, gerecht zu sein wie Johannes.
+
+Der Fuerst, da er ihn so bleich sah mit grossen, unirdischen, blauen Augen,
+erschrak er wie alle die Andern, sprach zu ihm: "Warum sitzt Du und
+schaust in die Nacht? Denn es ist Nacht draussen."
+
+Er sprach: "Es ist wohl Nacht jetzt. Aber der Morgen kommt. Ich warte auf
+die Sonne."
+
+Und wandte seine Augen wieder gen Osten, sass und wartete.
+
+Dann veraenderte sich sein Benehmen. Er wurde eilfertig, thaetig, voller
+Freude, scheerte sich und legte ordentliche Kleidung an. Seinen Dienern
+gab er gute Vermahnung, dankte ihnen fuer Alles, was sie ihm gethan hatten.
+Als seine alten Eltern kamen, troestete er sie mit freundlichen und
+sonderlichen Worten: "Seid froh, liebe Eltern, denn es ist bald Zeit fuer
+uns Alle, vereint zu sein. Ich habe Eure weissen Haare lieb, Eure Thraenen
+sind mir Lindigkeit," kuesste ihre Haende. Einen jungen Bruder der Jungfrau,
+fast ein Knabe noch, den er oft geliebkost, befahl er ihnen als Sohn,
+segnete diesen und liess ihn nicht von seiner Seite.
+
+Es war aber schon die siebente Nacht. Danach als die Sonne aufging, that
+er einen lauten Schrei: "Die Sonne! Die Sonne!" ... fiel hin und war todt.
+
+Dies verbreitete grossen Schrecken ueber Alle, die es mit angesehen hatten.
+Der Fuerst blieb sehr bedrueckt in seinem Gemueth, wurde nicht froh, griff
+Dieses auf und Jenes, liess es wieder fallen in der wandernden Unruhe
+seiner Gedanken.
+
+Es war aber sehr schwuel im Gemach, unleidlich, vom sengenden Brand der
+Sommersonne. Seit Wochen prallte die Sonne. Man konnte keine Frische
+finden, weder auf der Terrasse, noch in den Gaerten. Die ganze Luft schien
+mit Feuer gesaettigt und verschlang sich schwer wie stagnirendes Wasser,
+das Uebelkeit hervorruft, eine Umwendung im Magen. Jeden Abend sah man am
+Horizont Feuerspiele, vom Licht, das niemals ganz unterging, weil es in
+den Ausstroemungen der Erde selbst war, der lagernden Hitze, die nie ein
+Regen erfrischte.
+
+Man sprach von einem Brand der Welt. Hass und Aufruhr schlugen sehr hohe
+Wogen. Die sengende Hitze blies in's Hirn der Menge wahnwitzige Gedanken
+von Tod und Orgie. Sie sprachen: "Lasst uns sterben und saufen."
+
+Auf seinem purpurnen Lager ruhte der Koenig. Aber er waelzte sich rastlos,
+die Kissen aufwerfend und niederdrueckend. Seine Finger stachen in weichen
+Atlas. Seine Augenhoehlen schienen verbrannt von der Hitze, der
+Schlaflosigkeit langer Naechte, die seine Lider mit Braun gemalt haette,
+dass die Pupillen wie Kohlenfunken gluehten in einem Haufen von Asche. Von
+den aufgesprungnen, gedoerrten Lippen hauchte Glutathem. Das innere Zittern
+schlug und schuettelte ihn wie eine ferne, aufreizende Musik. Er hatte
+Fieber und der kuehlende Trank des Arztes gab keine Labe.
+
+Durch die weiten Hallen des Palastes trieb das ruhelose Fieber den jungen
+Fuersten.
+
+Alle Waende waren mit wundervollen Fresken und Gobelins verziert,
+Grossthaten seines Hauses, Schlachten, Kroenungen, Staatsakte. Auf
+feurigen, sich baeumenden Schlachtrossen stiegen junge Helden,
+lockenumwallte, im flatternden Helmbusch. Das ausgestreckte Schwert
+deutete nach vorne. Der Brustpanzer gleisste. Unter den Hufen wand sich
+formlos, ein Gequaeltes, Bezwungnes, der Drache, der Lindwurm der
+Unordnung, der Feind. Andre waren ernsthafter. Sie standen gerade,
+hierarchisch, die Maentel flossen in weiten priesterlichen Falten. Eine
+Hand hielt den Apfel, das Sinnbild der Gewalt, die andre den Stab. Ueber
+der Stirn gleisste mystisch der Goldreif. Das waren die Sagenhaften, die
+grossen Gruender, die Koenige, Hirten, Vaeter der Geschlechter. Sie hueteten
+und herrschten. - Es gab ganz geharnischte unter ihnen, schwarz in
+schwarzen Ruestungen, wo das Gesicht klein, vogelartig schien unter dem
+Eisen der Sturmhaube. Ihre Nasen bogen sich wie Raubthierschnaebel. In der
+schweifenden Linie des Bartes wohnte die Grausamkeit. Sie hielten das
+Schwert in eiserner Faust. Der Fuss im Stahlschuh trat auf graslose Wueste.
+Einige beteten. Ganz junge Knaben waren, denen die schweren Gewaender zu
+schwer erschienen, zu weit der gezackte Goldreif ueber zarten, blaeulich
+geaederten Stirnen. Sie verbluehten in kaum erschlossner Knospe.
+Melancholische schauten mit Schatten des Wahnsinns in erschrocknen Augen.
+Heuchlerische mit tueckischem Fuchsunterbau des Gesichts. Das Scapulier
+hing an ihrer Huefte. - Die Carreaus der Gemaelde zeigten kleine Plaene der
+Staedte, Festungsbauten in Miniatur. Froehliche Koenige trugen zierliche,
+gestickte Hoftracht. Der Falke auf der Faust zeigte den Jaeger, das
+laechelnde Auge den Freund der Damen. Und Kolosse folgten: Wandelnde
+Fleischmassen, doppelte und dreifache Kinne, bartlose, saftige Lippen der
+Wolluestlinge, kleine, feuchte, in Fett vergrabne Augen, das Ganze mit
+Gold, Purpurstickerei ueberladen, unter enormen Perruecken, die sie grotesk
+und uebermenschlich machten. - Alles das wurde blasser. Ein Gedanke war
+hineingekommen, eine gewisse Traurigkeit, Schrecken bei Einigen,
+Resignation der Andern, unter der gegebenen Maske, derselben Decoration
+von Gold, Kronen, Loewen, Hermelinfalten, - der Mensch, etwas Einzelnes,
+Abgeloestes, Persoenliches. _Der_ war gestorben in der Verachtung der
+Menschen, nachdem er sie gegeisselt und gegaengelt hatte. Dieser hatte die
+Verbannung gekannt, das Unglueck, den Verrath, die Demuethigung. Jener
+Junggestorbne wollte und konnte nicht. Sein Nachfolger hatte gewogen und
+klug gerechnet. Unter der gesuchten Bonhomie, dem fast gemuethlichen
+Laecheln, lauerte der Tigerzug. - Sie hatten gewusst und durften nicht
+sagen. Einige hatten sagen gewollt. Aber sie waren todt. Sie waren traurig
+und ungluecklich. - Ueber die ging man schnell hinweg, wie ueber Kranke,
+deren Krankheit gefaehrlich ist und anstecken koennte.
+
+Er war der Letzte. Er war ein Ende ihrer Rasse. Sie betrachteten ihn Alle:
+Die herrischen Augen, die ruhigen, satten, die anklagenden,
+flackernden ... Zehn Jahrhunderte! Er war da. Alle diese Jahrhunderte
+waren in seinem Blut, ein Stueck von ihm. Es war sein Leben, was er schon
+vorher gelebt hatte. Es erschien ihm furchtbar auf einmal - ein so langes
+Leben! - eine Kette, eine erstickende Last, drueckende Schwere ...
+
+Eine goldne Sonne war im Plafond des Saals gemalt. Sie schickte ihre
+Strahlen nach allen Seiten. Kreisrund war diese Sonne, ohne Schatten, und
+ihre Strahlen standen gerade wie geschliffne Schwerter. Goldne Leisten
+liefen am Gesims entlang. In unnatuerlicher, ueppiger Fuelle draengten sich
+Beeren, Fruechte, Blumen, die Ecken hielten Adler, Greifen und
+Wappenschilder mit anspringenden Loewen. An den Fenstern fielen senkrechte
+Purpurdraperieen. Sie fielen in runden, tiefen Falten einer Tuba. Dunkler,
+lichtlos erschien der Sammet in den Woelbungen, tiefroth gluehend in den
+Schatten zwischen den Falten. Wie Priestermaentel fielen sie, rothe Guesse
+von Blut, gleichmaessig ausgegossen in immerwaehrendem stroemenden Fliessen.
+Alles Gold, zurueckgeworfen im Glanz von hundert Spiegeln, ertraenkte sich
+im Purpur, ohne ihn zu erwaermen, der alles Licht verschlang, dunkler
+wurde, satt, brutal, sich triumphirend breitete, ein Vampyr, der Oger der
+Farben.
+
+Und er sah eine Jungfrau, wunderbarer denn sterbliche Weiber, und ueber die
+Groesse der Frauen.
+
+Ganz von Gold erschien diese Jungfrau, leuchtender wie die leuchtende
+Sonne. Das Gold schmiegte sich um ihre Schenkel in schmalen gehaemmerten
+Ringen von seltner Feinheit. Es umschloss ihre Arme wie in einem
+Handschuh. Die Spitzen der Finger waren von dunklerem Golde wie in
+Goldstaub gepudert. Es schuppte sich ueber ihrem Leib in gleissender
+Schuppenbraeune. Aber ihre Brueste waren aus reinem, geschmiedetem Gold,
+aufrechtstehend mit geschliffnen Spitzen wie Schwerter. Sie trug einen
+goldnen Helm auf dem Haupte. Der war geformt mit ueberragender Spitze wie
+ein Helm der Pallas, aufrechtgestellter Fittich eines Adlers. Er stieg
+sehr tief in die Stirn. Die Stirn war gebunden mit einer purpurnen Binde.
+Purpurstreifen fielen nieder von ihrer Schulter und hingen nieder zu ihren
+Beinen wie Lazzis, Striemen geschnittnen Leders, die benaeht waren mit
+Edelsteinen in Streifen und Kreisen. Bei jeder Bewegung funkelten und
+blitzten die Steine, dass man nicht hinsehen konnte, die Augen geblendet
+bluteten vom spruehenden Glanz der Steine. Sie trug in ihrer Hand zwei
+staehlerne Schwerter. Schellen waren an ihren Gelenken befestigt, die
+klirrten und klangen. Der Arm reckte sich frei aus den Purpurstreifen der
+Schulter. Wenn sie ihn bewegte, klatschten und fielen die purpurnen
+Streifen wie Peitschenbaender. Die Schwerter kreuzten sich in der Luft ueber
+ihrem Haupte und beschrieben Kreise, und fielen herunter.
+
+Die Haare dieser Jungfrau waren schwarz mit staehlernem Glanz wie des
+Rabenfittichs, roth vom aufsteigenden Gleisch der Flammen. Ihre Augen
+waren gruen wie Smaragden im Ring schwarzer Diamanten, die purpurne Lichter
+schossen, dass ihr Glanz unertraeglich war fuer den, der hineinsehen wollte,
+der Blick gebannt sass in ihnen, haengen blieb wie die Motte in der Flamme.
+Aber ihr Mund war Blut. Die Roethe ihrer Lippen war roether denn die vom
+Blute, als ob sie Blut getrunken haetten, unersaettlich gierig, frisches
+Blut jeden Tages. Ihre Zaehne waren Raubthierzaehne, spitz mit geschliffnen
+Spitzen. Zaehne, die bissen in Fleisch, das blutete. Dieses Blut tranken
+ihre toedtlichen Lippen.
+
+Und er wusste, dass diese Jungfrau "die Macht" hiess, Helena von Troja,
+Judith und Herodias, Cleopatra, die Aegypterin. Sie war von koeniglichem
+Geschlecht, eine einzige Jungfrau in der Welt und gab mehr Wollust denn
+Jede. Und es hatte sie nie ein Mann besessen. Alle, die sie freiten, waren
+gestorben. Sie hatte ihr Blut getrunken. Und es war ihr Blut und ihre
+Kraft, die sie so schoen machte, unwiderstehlich und herrlich vor den
+Sinnen der Maenner.
+
+Und sie tanzte vor ihm.
+
+Sie tanzte. Sehr langsam wandte sie sich und ihre Schulter kehrte an ihren
+Platz zurueck. Sie hob den Arm. Und der andre Arm stieg rund auf, die Brust
+aus den Hueften reckte sich in langsamer, schwellender Anstrengung. Einen
+Moment blieb sie weit vorgeschoben, keuchend, wie eine gezuengelte,
+gefaehrliche Schlange, waehrend die Beine angenagelt warteten, zitternd,
+gezwungen. Im Kopf, zurueckgebogen, schlugen die Lider. Der Hals strebte
+weiss, liliensehnsuechtig unter dem blutigen, duerstenden Bogen der
+Lippen ... Eine Woge schien die harte Linie der Schultern zu verwirren.
+Das Kinn sank zur Seite mit einem Seufzer.
+
+Kriegerische, wilde Musik schien sie zu wecken. Sie richtete sich auf ganz
+erzitternd. Man sah das Erzittern vom Fuss bis zur Helmspitze laufen, wie
+eines Uhrwerks, dessen Feder man beruehrt hat, das sich in Gang setzt. Die
+Hueften kruemmten sich abgezeichnet zum Sprunge. Ganz vorgeneigt, das Kinn
+in der Luft, beide Haende flach ausgespreizt, dass die ganze Last des
+Koerpers auf der Zehe ruhte, horchte sie. - Sie bueckte sich noch tiefer.
+Die Spitzen der Brueste schienen den Schooss zu beruehren. Sie kroch. Sie
+schnellte sich. Sie stiess einen rauhen Schrei aus. Die Finger griffen
+krallend in die Leere. Hart ueber dem Boden wie im Anzug einer Armbrust,
+bohrte der Ellbogen, ein Tremolo, das nicht nachliess, rascher und rascher
+wurde. - Sie war wach geworden.
+
+Ihre Zunge gegen ihren Gaumen gab einen Lockton. Sie warf sich nach
+rechts. Sie schnellte ihre Schultern nach links hinueber. Der Hals im
+scharfen, zuckenden Ruecken gab das Tempo an. Ein Fuss stahl sich tastend
+vor. Der andre folgte in schuerfender Schleife. Ihre Kniee tanzten. Sie
+gaukelte in den Hueften. Die Erde liess sie. Sie flog auf, ihr gellendes
+Tambourin schuettelnd.
+
+Das war die Bewegung. Die Erde belebt durch den Willen, unsterbliche Kunst
+des Ausdrucks. Es giebt keine Schwere. Kein Gesetz der Unwandelbarkeit
+hemmt. Der Koerper spricht. Die Formen singen, das Fleisch hat Seele. - Sie
+tanzte.
+
+Sie marschirte in einem toenenden, triumphirenden Marsche. Ihre Sohlen
+stampften den Boden wie Schlachtrosse, schwere Kolonnen Gepanzerter. Der
+Leib zwischen den stelzenden Saeulen der Beine schien getragen wie eine
+kostbare Last, ein Altartisch koestlicher Gueter, der avancirte, langsam,
+feierlich, mit der Feierlichkeit und Langsamkeit einer Procession. Ihre
+Arme blieben steif wie die Arme einer Statue, einer ehernen Jungfrau, die
+zermalmt, was sie an ihren Busen drueckt. Sie naeherte sich wie ein
+Traumbild, ein schrecklicher Alpdruck der Fiebernacht, die schwarze Venus
+der Aegypter, der Leben gegeben ist. ... Wie man Elephanten zur Schlacht
+ruft, in kurzen Stoessen, antworteten die Schellen und Schwerter.
+
+Sie tanzte. Sie stiess kurze, wilde Schreie aus wie Moewengekreische ueber
+dem Sturmmeer. Ihre Arme schlugen die Luft aufgescheucht. Ihre Fuesse
+suchten mit gekruemmten Spitzen im sich steigernden Zittern, der Furcht,
+des Wunsches, der Raserei. Sie drehte sich. Ihre Haare peitschten den
+Boden wie ein aufgespanntes, schwarzes Pfauenrad. Die unteren Glieder
+schienen sich zu verschieben mit den Gelenken der oberen im verzweifelten
+Wunsche der Vermaehlung. Losgeloest zwischen den Hueften, eine Bluethe im
+Sturmwind, schwankte und bog sich die Taille. Sie zerbrach sich, knickte.
+Mit irrem Klopfen huschten die Finger in der Leere. Kleine Wehmuthsrufe
+schrillten die Schellen, Klagegezwitscher flatternder, fremder Voegelchen.
+
+Diese Drehung wurde schneller, schwindelnd schnell. Schnell, wie von
+Raedern, Maschinen, Staehlernem. Man unterschied die Toene der Schellen und
+Castagnetten nicht mehr. Es war ein Wirbel, ein zuegelloser Tanz,
+Sichineinanderverschlingen der Toene. Die Arme waren die Fluegel einer
+Windmuehle, die sich schwangen im Drehen. Roth und goldne Streifen. Sie
+peitschten, flogen. Die Felder wurden Kreise. Vom Boden, Kreisel gleich,
+immer an derselben Stelle, wirbelten die Fussspitzen. Sie war ein Kreisel
+im Ganzen, mit der weiten Flaeche nach oben, ein Rad, eine Blume, eine
+Libelle aufgespiesst an einer Nadel, eine rothgoldne Rose, ueber der das
+Gesicht schwebte, unbeweglich, zurueckgebogen mit laechelnden Lippen unter
+dem goldnen Helme.
+
+Sie drehte sich, drehte. Sie war die Sonne. Rothgoldne Sonne. Die Lazzi
+waren Strahlen. Strahlen waren ihre Arme und Beine. Die Brueste waren die
+Scheibe, die stille stand, mit metallnen, weissgluehenden Spitzen. Sie
+stachen wie brennende Eisennadeln. Ein Athem von Blut und Hitze schlug
+ueber ihn hin. Immer wieder Hitze und Blut, roth und gold, nur noch eine
+Farbe bildend, die der Wollust, der Frau, der Bewegung. - Der Lustwille
+des Feuers, der die Erde dreht, in den Adern kocht wie Gluthsud.
+
+Das war keine Frau mehr, die Frau nicht. Das war die Schlange, spiegelnd
+in allen Farben des Universums, die glorreiche, erste Schlange, sie, die
+herrlicher war denn alle Thiere. Sie richtete sich zischend auf mit ihrem
+ganz weissen Leibe, der goldnen Krone und der blutrothen, duerstenden
+Zunge: Und wirst wie Gott sein ... Wie Gott. Wie Gott. ...
+
+Er hielt sich nicht mehr: "Sei mein!" schrie er auf. "Sei mein!"
+
+Diesen Abend unterzeichnete der Koenig das Todesurtheil des grossen
+Demagogen. Er wurde im Gefaengniss hingerichtet in der Fruehe, ehe die Sonne
+aufging, ohne dass Unruhen darum entstanden in der Stadt.
+
+Diesem in seiner letzten Nacht, da er auf den Tod muede war und das Sterben
+nahe fuehlte, wurde eine wunderbare Troestung zu Theil.
+
+Er sah ploetzlich an sein Lager treten eine Frau, eine vornehme Dame, in
+der Tracht einer Reiterin. Sie reichte ihm einen Krug mit Wasser von ihrer
+Schulter und sprach: "Trinke, mein Bruder. Einmal habe ich Dich im Leibe
+gesehen und ich wusste, dass Du mein Bruder warst. Jetzt weiss ich es
+besser und Niemand soll uns mehr trennen."
+
+Er erkannte, dass es dieselbe Dame war, die ihn damals angesehen hatte im
+Wagen, da er noch irre ging und mit Mordgedanken rang, auch diejenige, die
+zu dem Fremden gesprochen hatte am Brunnen. - Es befand sich aber, dass
+diese edle Frau und Graefin gestorben war in derselbigen Nacht, also eine
+mysterioese Geschwisterschaft gewesen zwischen ihnen, die Vielen
+unbegreiflich duenkte zwischen einem niedrigen Mann, der damals so niedrig
+gewesen, und einer hochgebornen Dame.
+
+Mit dieser Neuigkeit von seinem Tode kamen Etliche und sagten sie dem
+Fremden.
+
+Er sprach: "Er war ein Starker, stark vor allen Menschen, den selbst die
+Koenige hoerten. Er ist nun dahin und nichts bleibt von ihm uebrig."
+
+Sie sprachen: "Hat er denn nicht recht gethan mit dem, was er forderte, da
+er von den Koenigen und Maechtigen forderte?"
+
+Er sprach: "Die Koenige und Maechtigen sind nicht die, die geben koennen. Von
+innen muss es kommen, was die Welt neu gebiert. Wenn die Bettler die
+Letzten sind, werden die Koenige die Ersten sein. - Es ist aber auch
+moeglich, dass es von einem Koenig kaeme." ...
+
+Sie wollten, dass er dies noch naeher erklaerte. Aber er sagte nichts und
+ging weit fort in eine einsame Gegend.
+
+
+
+
+
+ DAS ACHTZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Ueber dem Schlachtfeld war die Sonne untergegangen, eine rothe, muede Sonne
+des Spaetherbstes, die zerfliesst in einem Blutmeer. Man sah nur noch
+Streifen von ihr wie lange Wundenstriche, rothe, zerflatternde im Grauen.
+Sie wurden dunkler. Die Finsterniss schien in sie einzudringen, vage
+Gruene, Violette. Alles starb in einem brandigen Nebel.
+
+Zweimal ueber den Acker waren die Heere dahingestampft. Erst die
+Fluechtenden, Fussvolk und Reiterei durcheinander in wilder Panik. Oft
+gingen die Letzten ueber die Ersten. Dazwischen schob man Geschuetze,
+Munitionswaggons. Wo die Pferde nicht genuegten, halfen Maenner mit. Andre
+hatte man im Stich lassen muessen. Sie lagen in unnatuerlichen Positionen,
+mit aufgereckten Haelsen, zerbrochnen Raedern, unschaedlich gemachte
+Eisenungethueme, Saettel, Flinten, Uniformstuecke, Leichen. Zuerst hatten die
+Pferde versucht, sie nicht zu treten. Aber man spornte sie an. Es galt das
+Leben. Die zu schwach oder verwundet waren, blieben zurueck. Eine Zeitlang
+hatten sie sich fortgeschleppt. Oder Andre zogen sie mit. Dann hatte man
+sie verlassen. Sie schrieen. Manche versuchten noch zu kriechen, sich
+weiter fortzubewegen, anzukrampfen. Sie gaben es bald auf. Die gingen hin.
+Dann war nur noch ein einziges, zielloses Trappeln von Zweibeinen,
+Vierbeinigen, Raedern, die liefen, liefen ...
+
+Man ertheilte noch Commandos. Berittne Offiziere sprengten ab und zu. In
+einigen Abtheilungen herrschte eine gewisse Ordnung. Sie hielten sich von
+den andern getrennt und marschirten rhythmisch. - Man sah sehr hohe
+Offiziere mit den Abzeichen ihres Ranges, einen alten General auf seinem
+weissen Pferde. Sein Gesicht war vollstaendig schwarz vom Pulver und Staub.
+Er opferte sich auf. Er war ueberall. Man hoerte seine Stimme wie die eines
+Hirten. Einige junge Rekruten acclamirten ihn. Man wusste, dass dieser ein
+Held war. Er konnte nichts mehr aendern, die Eile des Rueckzugs nahm zu. Sie
+fuehlten den Athem des verfolgenden Feindes im Nacken. Einige hatten Alles
+weggeworfen und liefen laut schreiend. Sie wussten nicht, wohin sie
+liefen. Nur eine Angst beherrschte sie, sich zu verlieren,
+zurueckzubleiben, einzeln zu sein, getrennt von der Horde, die rannte,
+galoppirte. Sie hatten sich wie Maenner geschlagen, Tage und Wochen lang,
+an diesem Tage. Das war Alles, was blieb, ein Gruselgefuehl, die Empfindung
+der Ohnmacht des Einzelnen in dem des Ganzen, des Geschlagnen, Besiegten.
+
+Sie liefen, liefen fuer ihr Leben.
+
+Diesen nach brauste der Sieger. Da waren die Pferde zuvorderst. Sie
+griffen maechtig aus in weiten, jagenden Spruengen. Ihre Reiter feuerten sie
+an, wie man Jagdhunde anfeuert, eine Meute auf der Faehrte. Diese sassen
+aufrecht im Sattel, zurueckgeworfen. In ihnen lebte nur noch die Lust zu
+fangen, zu stechen, abzuthun, Feuer des Kampfes und der Stolz des Sieges.
+Ein ganz junger Kuerassier fiel auf, ein Knabe noch, bartlos. Er sah aus
+wie ein raechender Engel mit schrecklichen, offenen Augen, den Mund
+duerstend emporgehoben.
+
+Das Fussvolk folgte langsam. Diese installirten sich auf dem Schlachtfeld.
+Sie bezogen Vierecke und Gassen. Man pflanzte die Geschuetze auf in einer
+Art Park. Feuer zum Kochen wurden angezuendet. Alle diese Menschen
+rieselten von Schweiss, waren zu Tod ermuedet. Sie schliefen, eh' sie noch
+daran dachten, zu essen. Mit geoeffnetem Munde, in der Stellung, die sie
+gerade innehatten. Zwischen Ueberresten des Tages, Leichen und
+Pferdeaesern.
+
+Die Barmherzigkeit begann ihr Werk. Man sah sie mit Laternen herumgehen,
+irrenden Gluehwuermchen vergleichbar, weissgekleidete Gehuelfen, rothe Kreuze
+auf den Aermeln, dunkle Gestalten der Aerzte. In der Eile wurden Tische
+aufgeschlagen, Verbandzeug entrollt, in dem Schwestern hantirten.
+
+Ein Zelt war hergerichtet. Da schnitten, saegten, verbanden die Aerzte die
+ganze Nacht. Wenn Einige vor Erschoepfung umsanken, traten Andre ein. Aber
+der Aelteste wurde nie muede. Bis ueber die Ellenbogen im Blut, mit
+triefender Schuerze, ein kurzes Wort hier und da, that er seine Arbeit.
+
+Auf dem Schlachtfeld selbst, einem kleinen Huegel gegenueber, hatte der
+siegende Feldherr sein Hauptquartier aufgeschlagen. Auch da ging es
+lautlos zu. Adjutanten glitten wie Schatten. Man sah es ihnen an, sie
+kamen sich ausserordentlich wichtig vor. Jetzt gingen die Depeschen in
+ihre Hauptstadt. Sie wuerden die Helden des Tages sein. Man sprach von
+ihnen. Mancher schwebte sich schon wieder im glaenzenden Salon vor,
+maennlich ernst in hochgeschlossner Uniform, die zaertliche Huldigung der
+Schoenheit entgegennehmend. Man wuerde sagen, dass der Feind tapfer war, der
+Krieg ein grosses Unglueck sei. - Je naeher sie dem General kamen, seiner
+Person und seinem Rang, desto ernsthafter und wichtiger wurden sie. Sie
+befahlen gleichgueltige Dinge, eine Tasse Thee oder kalte Zunge, mit der
+Miene von Diplomaten, die ueber Sein und Nichtsein von Staaten entscheiden.
+Niemand war heiter oder betrank sich. Das war fuer die Troupiers draussen,
+die gewoehnliche Mittelsorte, das Kanonenfutter. Der General liebte
+dergleichen nicht. Man entsann sich nie, ihn lachen gesehen zu haben. Die
+Soldaten liebten ihn. Er war einfach und gerecht. Das ist ein sichrer Weg
+zum Herzen des gemeinen Mannes; er erkennt die Comoedianten sofort,
+sogenannte Liebenswuerdigkeit ist ihm als Laune verdaechtig. - Niemals sah
+man diesen Feldherrn Vorlieben haben. Er liebte seine Soldaten. Er that
+seine Pflicht.
+
+Der General war allein. Er hatte seine Berichte abgefasst, schlicht, ohne
+Zusaetze und Phrasen, wie es seine Art war. Die Schlacht war gewonnen, die
+Verfolgung im Gange. Die Kreisbewegung, durch die er den Feind in die
+Mitte nahm, ihn dann von allen Seiten zugleich zermalmte, hatte sich als
+vollkommner Erfolg bewiesen.
+
+Er war ein Greis von beinah achtzig Jahren. Aber ein sehr starker Greis.
+Man sah es seinem Gesicht an, dass er das Klima aller Zonen getragen
+hatte. Sein Ruhm stand ehern wie ein Felsen. Unerschuetterlich wie sein
+Ruhm war seine Gerechtigkeit. Dieser Mann verzieh nicht. Er strafte auch
+nie ungerecht, weil er die Macht dazu hatte. Seine Siege waren wie die
+eines Richtschwerts, das aufgehoben ist und faellt. Er besass keinerlei
+Eitelkeit, keine Leidenschaften und Schwaechen. Sein junger, einziger Sohn
+war gefallen in diesem selben Krieg, gegen den General, den er heute
+vernichtet hatte. Dies erbitterte ihn nicht. Es machte ihn auch nicht
+weicher. - Er war ein grosser Mann.
+
+In dem engen Zelt war es heiss. Ein fader Geruch war in der Luft, von
+Pulver, zu vielen Menschen, stehendem Blut. Selbst in dieser Nachtkuehle
+machte er sich bemerkbar.
+
+Der Adjutant schlief im Vorzimmer auf einem Stuhle. Es war ein junger
+Edelmann aus einer sehr vornehmen Familie, aeusserst correct immer mit
+blendend weisser Waesche und gefeilten Naegeln. Wenn er den General gesehen
+haette, wie er aufspringen, eilig sich neben ihn rangiren wuerde: Excellenz
+befehlen dies - geruhen das -! Jetzt im Schlaf sah er dumm aus wie ein
+Hammel. Er traeumte nicht einmal. Er dachte an gar nichts.
+
+Er schritt ueber mehrere Schlaefer. Die Wachen praesentirten. Es waren
+Soldaten von seinem Leibregiment, seinem eignen Heimathsregiment. Dieses
+Regiment hatte eine lange, glorreiche Geschichte. Er dachte daran, dass
+sie heut' sehr schwere Verluste gehabt hatten. Es that ihm weh. Er
+verabscheute den Gedanken. Alle hatten verloren. Tausende waren geblieben,
+Freund und Feind.
+
+Da bivouakirten auch andre, frische Regimenter, die erst eben auf dem
+Schlachtfeld angekommen waren, noch nicht mit am Triumphe theilgenommen
+hatten. Diese waren praechtig. Das Metall der sauber zusammengestellten
+Waffen blinkte. Sie schliefen in ihren Uniformen bis an den Hals
+zugeknoepft, noch im Schlafe stramm und gerade. Alles ausgewaehlte junge
+Leute. Man hatte sie noch immer gut genaehrt. Die Landsleute hatten ihnen
+zugetrunken auf dem Marsche. Sie fuerchteten sich nicht und schliefen mit
+einem leichtsinnigen Soldatenliedchen auf den Lippen.
+
+Fuer ein andres Mal reservirte man diese.
+
+Er ging ueber das Feld. Der Boden war hartgestampft, wie um niemals wieder
+weich zu werden. Man konnte nicht sagen, was vorher darauf gewachsen war,
+Gras, Gaerten oder Weizen. Er war Stein jetzt, zerhaemmert, geschmiedet von
+Millionen Fuessen und Hufen. Im Ring die Berge behielten ihre alte Form von
+Wellen, Ruecken. Ihre Abhaenge waren mit Leichen geduengt. Jeder Einzelne war
+fuer sich getrennt mit ungeheuerster Anstrengung genommen worden. Den
+ganzen Tag hatten ihre Flanken Feuer gespieen. Es brachte sie nicht aus
+dem Gleichgewicht. Sie waren Ewige, Steinerne.
+
+Er sah einen prachtvollen Menschen zu seinen Fuessen lang ausgestreckt. Der
+war mausetodt, in's Herz geschossen. Ein ganz junger Mensch, wie ein
+Achilles. Er bewunderte das Viereck der Schultern, dieses herrlichen
+Brustkastens. Das Gesicht war ganz unentstellt. Er lag da wie auf dem
+Paradebett, ein gefaellter Eichstamm.
+
+Vierzig Jahre und fuenfzig haette er noch leben koennen. Und er, der General,
+war achtzig, ein kleiner, mueder, gebrechlicher Greis. Der Krieg blieb eine
+schreckliche Sache.
+
+Von der einen Seite aus den Gebueschen kam Wimmern. Schwerverwundete hatten
+sich da hingeschleppt, die Sanitaetscolonnen hatten sie noch nicht
+entdeckt. Es klang wie Hundegewinsel. Manchmal stockte sein Fuss wie in
+Leim. Er zog ihn mit einer Art Ekel zurueck.
+
+Graesslich waren die Pferdecadaver. Sie hatten nicht die Wuerde, die der
+Mensch unwillkuerlich im Tode bewahrt, oder sein Menschenthum ihm gewaehrt.
+Und etwas Schrecklicheres. Als ob sie fragen wollten: Warum? Das stupide,
+bloedsinnige Warum? der Unbewussten. Gigantisch waren sie mit haengenden
+Baeuchen, unter denen Pfuehle standen, in der Ungeschicklichkeit der
+leblosen vier Beine, gebrochnen, vorgequollnen, fischigen Augen, - waehrend
+die Menschen sehr klein erschienen, holzpuppenhaft. Wo Granaten crepirt
+waren, lagen abgerissne Stuecke, groteske Nacktheiten - beinah laecherlich.
+Wie haesslich der Tod war!
+
+Freund und Feind lagerten durcheinander. Es war gar kein Unterschied mehr.
+Die meisten zeigten diesen selben Ausdruck dummen Schreckens. Man konnte
+fast sagen betruebter Kinder, die man mitten im Spiel unterbrochen hatte. -
+Er wunderte sich fast, so wenig edle und heroische Gesichter zu sehen.
+Dieser junge Mann war beinah der Einzige gewesen, der der Vorstellung
+entsprach, die man wohl in Heldengedichten hat oder auf Denkmaelern, wenn
+ueber dem gefallnen Krieger der Genius die Fahne schwingt. Dann sagte er
+sich: "Wie koennte es auch anders sein? Was sind diese Leute? Wo kommen sie
+her? Was wissen sie von den grossen Ideen des Vaterlands, der Herrschaft,
+der Volksehre, fuer die sie sich schlagen? Es ist sonderbar, dass sie sich
+ueberhaupt schlagen, Heerdenzug, Schafsintelligenz. Was sind sie? Was ist
+ihr Werth?"
+
+An dem Huegel war der Kampf am heissesten gewesen. Da lagen Leichen dicht
+wie abgemaehte Schwaden. Immer dieselben Uniformen. Nach ihrer Lage und
+Fallrichtung konnte man deutlich die Stellung des Feindes erkennen. Der
+ganze Kampf war da aufgezeichnet in menschlichen Ueberresten. - Etwas
+Dunkles verschwand im Schatten. Abgehackte Finger, nackte Todte verriethen
+unmenschliche Hantirung. Mit einer Geste des Ekels wandte er sich ab.
+Leichenraben! Schakale - das rief ihm einen Spion zurueck, den er den Tag
+zuvor hatte erschiessen lassen. Seine Frau hatte fuer ihn gefleht und
+gebettelt, eine elende, zerrissne Schlumpe. Sie hatte ein Kind an der
+Brust, einer haengenden, welken, ekelhaften Brust. Die Andern hingen in
+ihren Roecken. Natuerlich war die Gerechtigkeit vollzogen worden. Ein
+Schuft! - er hatte eine Frau - kleine Kinder ...
+
+Ein Windzug hatte sich erhoben und kam ueber das Schlachtfeld, ein
+trauervoller, trauriger Wind der Feuchtigkeit mit tappenden Fluegeln. Er
+brachte ein Roecheln mit. Gar nicht boshaft oder zornig. Ganz sanft. Aber
+es setzte nicht aus. Es erhob sich wieder in weiten Entfernungen. Und
+starb im Winde. Vielleicht war es mehr ein Geist der Klage, als die Klage
+selbst. Vielleicht war es die Hallucination des Orts. Dieser Ort war
+traurig.
+
+Vielleicht litten sie gar nicht. Es war nur das Raederwerk der Maschine,
+das auslief. - Eine Fratze grinste ihn an, schauerlich, idiot, mit
+heraushaengender Zunge und glotzenden Augen. Der auch war fuer's Vaterland
+gestorben. Welches zusammengewuerfelte Material, diese Haufen der Todten! -
+Ernsthafte Familienvaeter mit Vollbaerten. Sie hatten zur Waffe gegriffen,
+weil man sie angriff. Ihre Beschaeftigung war, den Acker zu bauen, Staedte
+aufzurichten. Ruinirte junge Lebeleute. Verbrechervolk, Jugend aus
+allerlei Laendern, die mit lachendem Mund in Abenteuer rennt. Jetzt war
+Alles dasselbe. Alles hatte aufgehoert, die Sorge, der Leichtsinn, die
+Liebschaft. Was ist das Leben? Was ist alle Muehe, die man aufgewendet hat,
+es zu schuetzen? Diese ewige Erneuerung, zu der alle lebenden Wesen sich
+gezogen fuehlen?
+
+Er rief sich die grossen Momente seiner Existenz zurueck. Die Befreiung,
+der schreckliche Zug durch Schneegebirge, die athemlose Erregung, als ein
+Volk mit Thraenen und Gebeten ihm folgte wie die verwittwete Mutter ihrem
+Erstgebornen ... Wie sie ihm entgegenstuerzten, vom Hunger ausgemergelt ...
+Maenner weinten wie kleine Kinder. Sie kuessten ihm die Haende. Er war Gott,
+der Retter! Sein Einzug - das ganze Land schwoll ihm entgegen wie eine
+zitternde, erwartungsvolle Geliebte. Er sah es zu seinen Fuessen. Sie
+kuessten ihm die Fuesse, die Steigbuegel. Alle Ehren und allen Ruhm hatte er
+gekostet. Er war alt geworden und traurig.
+
+Er blieb ploetzlich stehen. Das Roecheln war ganz deutlich geworden. Es
+klang wie das Weinen einer Kinderstimme. Dann in einer andern Sprache,
+doch sehr vernehmlich, hoerte er: "Mama ... Mama ..."
+
+Der General zitterte. Es war ein ganz junger Bauernknabe von den Feinden,
+erbaermlich jung, viel zu jung. Ein spitzes, blasses Gesicht, zwei Augen,
+ueberirdisch. Der Schuss musste im Unterleib sitzen. Er litt. Er streckte
+die Arme aus. Er rief nach seiner Mutter.
+
+Da - da war die ganze Tragoedie des Krieges, die ewige Feindschaft, die
+Mutter, die immer wieder gebiert, naehrt, hofft. Und man nimmt ihr immer
+wieder, toedtet, vernichtet.
+
+"Mama ... Mama ..." schluchzte der kleine Bauernjunge.
+
+Er war vielleicht ein Held. Er wusste es nicht mehr. Vielleicht waere er
+ein Mann geworden, haette getoedtet, geherrscht, vernichtet seinerseits. Er
+fror. Er hatte Schmerzen. Er fuerchtete sich.
+
+"Mama ..." rief er. "Mama ..."
+
+Und er dachte an eine andre Mutter, diese eine tragische Mutter, schwarz
+in schwarzen Schleiern. Die eigne jaehe Wunde fing an zu bluten. Sie hatte
+nicht geweint. Sie hatte ihn nicht gebeten zu bleiben. "Gott segne Dich!"
+sagte sie und hatte ihn gekuesst.
+
+Und ueber ihr wieder stand eine noch groessere, tragischere Mutter. Eine
+Koenigin - sein Land, sein ganzes Land in Trauer. Es schickte seine Soehne,
+ohne zu klagen, bleich und erhaben. Er gab und die Andre gab ...
+Opfergabe, hinter der die Muetter standen, die vielfach Gestorbnen, die
+zehnmal Gekreuzigten - Sie, die wahren Leidenden, die wahre Groesse,
+Lebenstraegerinnen ...
+
+Und ein andres erstaunliches Phaenomen machte ihn betroffen. An einem
+Dornstrauch, der Blut trug, weil ihn die Fluechtenden gestreift, halb
+zerstampft, niedergetreten, ein elender Stummel nur, ein einziges noch
+lebendiges Hoelzchen, - bluehte eine weisse Blume. Sie musste sich erst eben
+erschlossen haben. Sie duftete - sie bluehte ...
+
+Er sah die Mutter der Muetter. Er sah die Natur treibend und unverletzt,
+trotz Brand, Tod und Blutregen, den Acker, der seine Frucht traegt, den
+Baum, in dem die Saefte steigen, das Thier, das seine Jungen saeugt ...
+
+Wuestes Gelaerme unterbrach ihn. Da hinten im Bivouak feierte man den Sieg.
+Sie zechten und brachten Toaste aus; die triumphirten. - Jetzt musste die
+Kunde auch in der Heimat sein. Man liess die Glocken laeuten und steckte
+die Fahnen heraus. Leute auf der Strasse umarmten sich mit der
+Siegesbotschaft. Ein wirres Freudengelaerm schien sein Ohr zu erreichen,
+ein Beifall, der von weit kam, seinen Namen rief ueber die Meere. Das war
+der Sieg.
+
+Und Andres stieg auf, undeutlicher: Flueche, Thraenen, Racheschwuere ... Sie
+auch wussten jetzt. Sie beteten.
+
+Derselbe Gott war ueber ihnen Beiden, unerbittlich, gleichgueltig. Er sprach
+nicht und hoerte nicht. Der Gott der Weltgeschichte, der Eherne der
+Nationen, dem Babylon und Rom gesunken war. Alexander und Napoleon waren
+gross geworden und fielen. Vae victis! und Ave Caesar! - Es war Alles
+dasselbe ...
+
+Die Landschaft war flacher hier. Eine Kuehle wurde deutlich fuehlbar. Er
+schritt eiliger vorwaerts. Eine Bewegung des Bodens schien ihn mit
+fortzuziehen, ein maechtiges Einathmen und Ausstossen wieder. Alles ging
+und kam. Aber das Gehen schien noch kraeftiger wie das Kommen. Im Werden
+verging Alles. Ein Toedtliches, Bestaendiges, Festes war in der Bewegung.
+Alles starb.
+
+Er war am Strand. Der Sand machte diesen Erdstreifen heller. Dahinter lag
+es grau, unruhig, sich anwaelzend und weichend. Salzathem stieg. Das Meer
+fluthete und ebbte, endlos, schwarz unter dem schwarzen Himmel ohne
+Sterne.
+
+Und er sah etwas Andres. - Ein Schatten? Ein Seufzer? ... Es war schon
+vorueber. Die Hallucination des Elends, ein Geist des blutigen
+Schlachtfelds, das da hinten duenstend lag: ein blasser Mann trug ein
+Kreuz. Das Kreuz war riesengross, aus rohem Holz geschnitten. Der eine Arm
+des Querbalkens ragte gegen den Himmel. Das Ende schleppte lang nach auf
+den schwarzen Wellen. "Und er wandelte auf dem Meer." ...
+
+In diesem Augenblick, ganz deutlich wie in Metall geritzt, kraehte ein
+Hahn.
+
+Es war Nacht.
+
+
+
+
+
+ DAS NEUNZEHNTE KAPITEL.
+
+
+Der Amtsgerichtsrath war durchaus nicht der Meinung seines juengeren
+Collegen.
+
+"Ein Narr," sagte er, "und nicht schlimmer wie Andre, die lose rumlaufen.
+Lassen Sie ihn laufen, Salvatius!"
+
+Der Andre machte Vorstellungen. Er war ein hagrer, duenner Herr und neigte
+zu einer pessimistischen Weltauffassung, waehrend der Gerichtsrath in
+seiner rosigen, behaebigen Fuelle auch Alles rosig sah. Die Specialitaet
+dieses Ersteren waren Majestaetsbeleidigungen. Er sah diese ueberall. Er
+roch sie, witterte, zog sie hervor aus den groebsten Verwicklungen.
+Irgendwie wurden alle Verbrechen das bei ihm. Sie waren es ja auch
+insofern, als die Majestaet fuer ihn die Autoritaet Gottes auf Erden vertrat.
+- Er war schlimmer wie ein roemischer Statthalter.
+
+"I bewahre!" sagte der Amtsgerichtsrath. "Wo wollen Sie das nun wieder
+rausschinden? Schliesslich, wenn wir das Vaterunser beten, ist das auch
+eine Majestaetsbeleidigung. - Dreck sind wir Alle."
+
+Der Duenne blinzte, unangenehm beruehrt. Der Assessor drehte die Daumen. Er
+lernte noch. Dann war er von Berlin hierher versetzt, konnte nur jeden
+Sonnabend nach Hause. Er lebte von Sonnabend zu Sonnabend. Auch hatte er
+die Absicht, Carriere zu machen. Deshalb achtete er abwechselnd auf seine
+beiden Vorgesetzten. Der Dicke gefiel ihm um seines heiteren Cynismus
+willen. Aber der Eifer des Andern imponirte ihm. So wurde man was.
+
+Der gelbe Herr behauptete, dass Unruhen kaemen, die Leute liefen zusammen;
+"na, und wenn die Lausewenzel des Sonntags ein bischen weniger soeffen?" -
+Ueberdies hatte der Pfarrer Gentz eine Denunciation eingereicht.
+
+"Nur weil er ihm in's Handwerk pfuscht, seine Kunden stiehlt. Die Pfaffen!
+- Das hackte sich am liebsten gegenseitig die Augen aus. Dadran sehen
+Sie's schon. Predigte er den leibhaftigen Satan, ginge es noch. Dann
+haetten sie Wasser auf ihre Muehlen. Dasselbe sagen wie die Herren Pastoren!
+Die verbrennten uns Christus heute noch."
+
+Der Assessor lachte. Die Ausfaelle gegen die Clerisei amuesirten ihn. Er
+konnte auch die Pfaffen nicht leiden. Trotzdem - ein leichter Anflug von
+Semitismus haftete ihm an - deswegen war er kirchlich.
+
+"Sie beleidigen einen hochachtbaren Stand," sagte der Gelbe bitter. "Die
+Geistlichkeit hat eine Pflicht im Staate. Sie sind gleichsam - die
+Gewissenspolizei."
+
+"Ich verlasse mich lieber auf unsern Pommeraenicke. Sehen Sie, zum
+Ketzerrichter bin ich nun mal verdorben. Aber wenn Einer lange Finger
+macht, gar zu uebermuethig wird, dann giebt's was drauf. Das haelt die
+Gesellschaft zusammen."
+
+"Es giebt sehr Vieles, was vielleicht schlimmer ist."
+
+"Das ueberlasse ich feineren Nasen. Es waere doch ungemuethlich schliesslich,
+allein als Krone uebrig zu bleiben und am Ende entdeckte man in sich selbst
+unerlaubte Magenbeschwerden. Eine gewisse mittlere Dickhaeutigkeit macht
+allein das Leben auf diesem mangelhaften Planeten fuer sich und Andre
+ertraeglich. So'n Rhinoceros ist das philosophische Vieh. Alle Stoiker
+bleiben Waisenknaben dagegen."
+
+Der Dicke ging seinen Amtsgeschaeften nach, ohne sich dadurch den Appetit
+verderben zu lassen. Selbstmoerder, die er zu recognosciren hatte, theilte
+er in Krammetsvoegel und Rohrdommeln ein, Erhaengte oder Ertraenkte.
+Eigentlich war er beliebt. Er vertrat eine praktische Nothwendigkeit. Die
+armen Teufel liessen die Koepfe haengen und ergaben sich in ihre Strafe. Er
+begruesste die Rueckfaelligen auch stets wieder mit derselben Jovialitaet.
+Unter der Hand war er wohlthaetig. Manches arme Weib hatte sich seine Mark
+fuenfzig oder drei Mark Conventionalstrafe fuer Holzsammeln, Beerensuchen
+von ihm zugesteckt gesehen. Eine gewisse ruede Ausdrucksweise ging dabei
+mit in den Kauf. Er nannte das patriarchalisches Regime.
+
+Ganz anders der Gelbe. Die Angeklagten waren von vornherein seine
+persoenlichen Feinde. Er suchte sie noch privatim moeglichst zu
+zerknirschen. Nichts konnte ihm mehr Freude machen, als solche, die sich
+erhaengten, Weiber, die sich in Zuckungen auf der Erde wanden. In
+Alimentationsklagen trat er nie ein, ohne das Frauenzimmer vorher
+gruendlich zu verdonnern. Ueberhaupt Unsittlichkeit! Er hatte dann ein
+Gefuehl des lieben Gottes, eines Rhadamanthus. Zum allgemeinen Besten
+musste man unbarmherzig sein, waehrend der Dicke sich vorgenommen hatte,
+dann lieber nach der andern Seite zu suendigen, die Sittlichkeitsfrage von
+vornherein ironisirte.
+
+Die leichtherzige Auffassung des Collegen hatte den Andern geaergert. Er
+fand den Fremden im Gegentheil hoechst gefaehrlich, staatsaufloesend. Dabei
+blieb der Kerl heimlich, verstockt. Er liess sich nicht fangen.
+
+"Sie sind Communist?" fragte ihn der Vorsitzende. "Sie predigen den
+Communismus?"
+
+"Was mein ist, ist meines Bruders."
+
+"Wenn er es nicht giebt?"
+
+"Es ist nicht an mir zu fordern."
+
+"Ich habe gehoert, dass Sie aufloesende Tendenzen gegen die Ehe predigen?
+Wie denken Sie darueber?"
+
+"Nicht die Ehe ist unheilig, die Unkeuschheit macht sie so."
+
+"Wie ist denn aber eine Ehe moeglich ohne physischen Umgang?"
+
+"Das waere allerdings die Radicalcur fuer alle unsre Gebresten," sagte der
+dicke Amtsgerichtsrath. Er fand die Idee hoechst spasshaft.
+
+Man wollte wissen, ob er sich weigerte, Militaerdienst zu thun?
+
+"So mich Keiner angreift, wozu brauche ich Soldaten? Wenn ich angegriffen
+werde, ist es mir besser, Unrecht zu dulden, als Unrecht zu thun ..."
+
+"Das bricht den Gehorsam gegen das Gesetz."
+
+Er wies auf ein Cruzifix, das neben dem Richterstuhl hing, zu
+Eidesleistungen gebraucht wurde: "So Er Euch Gesetz ist, was braucht Ihr
+Gesetze?"
+
+Sie fragten: "Was bezeichnen Sie als sein Gesetz?"
+
+Er sprach: "Es steht geschrieben: Wer gestohlen hat, der stehle nicht
+wieder, sondern schaffe mit seinen Haenden, auf dass er habe zu geben dem
+Duerftigen. Du sollst Deinem Bruder vergeben sieben mal siebenzig mal. Und
+was Du nicht gethan hast diesem Geringsten Einem, das hast Du mir nicht
+gethan."
+
+"Ein geschriebnes Recht muss sein um der Ordnung willen," warfen sie ein.
+
+"Ich sehe nur Unordnung. Ihr habt taeglich zu thun mit Solchen."
+
+"Das sind Ausnahmen."
+
+"Die Andern bleiben in der Regel, weil sie den Vortheil davon haben."
+
+"Er ist scharf wie ein alter Fuchs," schmunzelte der Amtsrichter.
+
+"Ohne Zwang ist in menschlichen Dingen kein dauerhafter Zustand moeglich."
+
+"Der Zwang trifft nur die Aeusserung. Er aendert die Gesinnung nicht. Die
+maechtig genug sind, verachten ihn, und diese sind die staerksten, die das
+Beispiel geben."
+
+"Da hat er, den Teufel! nicht Unrecht. Unsre Banquiers und Minister
+koennten davon ein Liedchen singen."
+
+"Glauben Sie, dass dieser Zustand ohne Gesetzlosigkeit, ohne Mord und
+Todtschlag je moeglich sein wird?"
+
+"Wenn Jeder sich selbst Gesetz ist."
+
+"Dann hat's gute Weile."
+
+Der Gelbe wollte wissen, ob er Seine Majestaet den Koenig anerkennte?
+
+"Wenn Unordnung ist, ist es gut, dass Einer sei. So aber Ordnung ist, wozu
+ist ein Herr?"
+
+Der Feierliche fand, dass darin doch eine Majestaetsbeleidigung laege, zum
+Mindesten Zweideutigkeit.
+
+"Glauben Sie an Gott?"
+
+Er glaubte natuerlich nicht. Der Pfarrer hatte es haarklein bewiesen,
+Aussprueche zusammengestellt. Ein ganz hohler Pantheismus war vielleicht
+vorhanden.
+
+Der Assessor fand, ein paar Monate koennten nichts schaden. Man musste sich
+schneidig zeigen.
+
+Der joviale Amtsrichter war dagegen: "Er hat nicht gestohlen, thut Keinem
+was zu Leide. Lassen Sie ihn laufen!"
+
+Der Assessor langweilte sich. Er fand, dass es fuer ihn ueberhaupt nicht der
+Muehe werth sei, sich mit einem abgerissnen Strolch laenger zu beschaeftigen.
+Man hatte genug zu thun, Beleidigungen socialistischer Redacteure
+aufzunehmen. Das machte einen guten Eindruck nach oben. Er sah sich gern
+als Praesidenten des Reichsgerichts in scharfer, schneidender Rede die
+Gesellschaft retten. Das war vornehm gewesen seit Jeffrey's Zeiten. Aus
+diesem Grunde opinirte er auch gegen Dreyfus.
+
+Den Vorsitzenden verfolgte die fixe Idee der Majestaetsbeleidigung: "Ob man
+die Steuer zahlen sollte?" wollte er wissen.
+
+"Ist sie fuer das Allgemeine, so ist es billig, dass ein Jeder trage. Ist
+sie nicht, so mag der tragen, der sie braucht."
+
+Sie stellten ihm eine Menge Fragen, woher er kaeme, was sein Name und Stand
+sei? Auch ueber seine Geldverhaeltnisse wollten sie wissen? Wovon er sich
+ernaehrte?
+
+Auf dieses Alles antwortete er nicht.
+
+Nun fingen sie an, Erkundigungen anderweitig einzuziehen. Es gab Leute,
+die es beschworen, dass er ein Joseph Schaeppli aus Bing in Wuerttemberg
+sei, der schon in seiner Jugend geistesgestoert gewesen, seinen Eltern
+davongelaufen und dann verschwunden war.
+
+Man that noch ein Uebriges. Da die alte Mutter Schaeppli noch lebte,
+beschloss man ihn mit dieser zu confrontiren, sie auf Gerichtskosten
+herkommen zu lassen.
+
+Der Erfolg schien allen Zweiflern Recht zu geben. Es erschien vor Gericht
+eine uralte verhutzelte Bauersfrau, ganz benommen von der Wichtigkeit und
+Wuerde des Orts, diesen vielen Augen, die auf sie gerichtet waren. Sie
+versuchte abwechselnd ihren mitgebrachten Korb mit Esswaaren zu sichern,
+aus den Mienen der Umstehenden zu errathen, was man mit ihr vorhatte.
+Natuerlich hatte sie ihren besten Sonntagsstaat angelegt. Man hatte das
+Gefuehl eines alten Nacht- oder Erdthiers, ploetzlich an's Licht gebracht,
+das in die Sonne blinzelt, sich verkriechen moechte.
+
+Sie erkannte ihn sofort: "O mein Sohn Joseph!" schrie sie. "Mein armer
+Sohn! Du boeses Kind! Bist Du mir fortgelaufen und wo hast Du Dich
+umgetrieben so lange?"
+
+Auf dies Alles antwortete er kuehl, aber freundlich: "Du irrst, Frau! Ich
+bin Dein Sohn nicht."
+
+Nun gerieth die Alte ganz ausser sich: "Nicht mein Sohn? Was? Habe ich
+Dich nicht in Schmerzen geboren? So spaet kamst Du, dass die Wehmutter es
+aufgab. Wir dachten, ich wuerde nicht lebendig bleiben. Dann war es ein
+grosses, starkes Kind, zehn Pfund schwer, dass alle Nachbarinnen ueber das
+Wunder schrieen. Hinterher kam das mit dem schwachen Kopf, wo gar nichts
+anzufangen war. Nicht mal zum Viehhueten taugte das. 'Geben Sie's nur auf,
+Schaepplerin,' sagte der Herr Pfarrer. 'Den hat sich der Herrgott
+gezeichnet.'"
+
+Sie fing ploetzlich an zu weinen und wurde zaertlich. "Bin ich nicht doch
+gut zu Dir gewesen? Hab' Dich trocken gelegt jede Nacht, wenn Du
+schrieest? Und wie Du krank warst, hab' ich Dir Hirsenbrei gekocht. Du
+assest so gern Hirsenbrei und getrocknete Pflaumen. Dafuer liessest Du
+gerade Dein Leben. Mein Joseph! Mein Seppli! Mein eigner Herzbub! Und
+willst nun Deine eigne alte Mutter nicht kennen?"
+
+Er sprach: "So nun sind die Weiber. Weil sie Dir Brot gegeben und den Leib
+gewaschen, bilden sie sich ein, dass sie Dir eine Seele geschaffen, einen
+unsterblichen Menschen aus Dir gemacht haben. O kleine Kinder im grauen
+Haar! Thoerinnen, die Ihr Muetter seid!"
+
+Danach, wie er sah, dass Einige diese Rede hart fanden, Andre sie richtig
+nannten, die Alte aber schluchzte und lamentirte, sagte er:
+
+"Dennoch ist die Mutter immer verehrungswuerdig. Sie hat gelitten. Sie hat
+leibliche Schmerzen gelitten, wie das Kind zur Welt kam. Alle Noth und
+Last traegt sie mit ihm in seiner Schwachheit. Danach wird es zum Manne und
+laesst sie. So ist es wohl ihres und doch nicht ihrs. - Sie leidet im
+Fleische um einer unsterblichen Seele willen. - Viele schelten dies
+Geschlecht schwach. Es ist aber nicht so, da sich in ihrem Leibe sichtlich
+das heilige Wunder der Erloesung zeigt."
+
+Und war guetig zu der alten Frau, troestete sie und hinterliess sie mit
+Gaben, die seine Freunde fuer ihn sandten.
+
+Vielen war das wieder ein Zeichen: "Er weiss sehr wohl, dass er ihr Sohn
+ist. Wuerde er sie ehren, wenn sie nicht seine Mutter ist?"
+
+Er sprach: "Und wenn sie es waere? Was ist eine Mutter? Hat sie mir meine
+Gedanken gegeben? Traegt sie Schmerzen fuer mich? Und fuehlt sie mit meinem
+Fuehlen? Der Antheil der Mutter ist vom Fleisch. Wir sind aber nicht
+Fleisch, sondern Geist.
+
+... "Vor Augen siehet diese Art, was wahrscheinlich ist. - Das Wahre aber
+siehet sie nicht. Wenn sie es saehen, wuerde es ihre Augen verbrennen. -
+Aber die Blinden haben auch Augen."
+
+Danach schwieg er und sagte nichts mehr ueber diesen Fall, erklaerte sich
+auch nicht deutlicher.
+
+Dieser Umstand der Recognoscirung durch die eigne Mutter beruhigte die
+Richter ganz und gar. Sie dachten nun wohl, dass er ein Narr und Kranker
+sei. Uebrigens bildete nicht die Familie die Grundlage und Urform jedes
+gesunden Staatsorganismus? Das heiligste Gut der Nation? Einer, der nicht
+mal die Familie anerkannte, leugnete das Bestehende durch diese Thatsache
+schon. - Der Gelbe war fuer mindestens zwei Jahre und kurzen Process. Aber
+die Herren amuesirten sich zu gut bei dem Fall. Es machte ihnen Spass, ihn
+auszuhorchen ueber seine Ansichten. Was er von ihrer Justiz denke? Ob er
+mehr fuer deutsches Recht sei oder fuer roemisches? Auch fanden sie
+verzwickte Streitfaelle, die er entscheiden sollte. Und ob er die
+Todesstrafe billigte oder missbilligte?
+
+Es war ein foermlicher Sport unter ihnen geworden. Der dicke
+Amtsgerichtsrath war der Lustigste. Er nannte ihn scherzhaft seinen
+Christus und sich Pontius Pilatus. - Der Assessor dachte an Berlin und die
+Blumensaele. Er war weit weg. Der grosse Gelehrte fand, dass dergleichen
+die Koepfe verwirrte. Er war sehr gegen Verwirrung der Koepfe. Er hatte alle
+Materien in Schubfaecher und Unterschubfaecher eingetheilt, und man wusste,
+dass sein Urtheil unbestechlich war. Ueberdies _fand_ er die
+Majestaetsbeleidigung. Die Majestaetsbeleidigung lag sonnenklar.
+
+Besonders konnte ihn eine Behauptung des Jovialen irritiren, dass der
+Fremde eigentlich ein "genialer Kerl" sei, ein religioeses Genie.
+
+"Genies - Genies - die haette man auch Alle einstecken sollen."
+
+"Auch Goethe?"
+
+"Was ist Goethe? Ein Kerl, der keinen Patriotismus hatte, einen
+unmoralischen Lebenswandel fuehrte."
+
+"Er ist aber doch Excellenz geworden."
+
+"Es kommt ja vor. Im Grunde ist das Alles hoeherer Anarchismus,
+selbstverfertigte Autoritaeten, Parvenuegewalten. Sehen Sie selbst
+Bismarck ..." Der eminente Jurist war ultramontan.
+
+"Aber Pommeraenicke!" Der dicke Polizeidiener bildete das besondere
+Steckenpferd seines humoristisch veranlagten Vorgesetzten. In seinen
+Mussestunden schlachtete er Schweine, lieh Geld auf Wucherzinsen und
+fuellte in seiner kleinen Methodistengemeinde ein kirchliches Amt aus.
+
+"Pommeraenicke ist nothwendig, existenzberechtigt. Pommeraenicke _ist_!"
+
+"Die Fleisch und Fett gewordene Potenz des mittleren
+Gerechtigkeitsgefuehls. _Es lebe_ Pommeraenicke!"
+
+"Sie sind ein Farceur." Der Gelbe grollte und kollerte in sich hinein. Er
+hasste, wenn man irgend etwas, das mit einer Staatseinrichtung
+zusammenhing, nicht ernsthaft nahm. Er war immer ernsthaft. Lachen war
+eine Frechheit eigentlich. Anarchismus, Majestaetsbeleidigung. Nur
+pietaetlose Menschen lachten.
+
+Der Assessor hatte Besuch von Berlin. Diese Damen und Herren wuenschten
+innig ein Zuchthaus zu besichtigen. Das Sociale war Mode. Man verstaendigte
+sich mit dem Director.
+
+Auch der Amtsrichter und sein Freund waren mit.
+
+Alles interessirte ausnehmend. Die Hunderte von kleinen Zellen mit starken
+Eisenbarren vor den hohen Fensterluken, der Arbeitssaal, die Kirche, wo
+die einzelnen Sitze durch Brettwaende abgetheilt waren, um eine
+Communication der Straeflinge miteinander zu verhindern, der gepflasterte
+Hofstreifen zwischen Steinwaenden, in dem sie ihre Spaziergaenge machen.
+
+Alles war musterhaft eingerichtet, beinah comfortabel, mit Lazareth,
+Apotheke, Badeanstalt. Und diese wohlthuende Stille! "Foermlich
+nervenberuhigend," meinte die Mama.
+
+Der Herr erkundigte sich, ob und unter welchen Bedingungen gepruegelt
+werden duerfte? Er liess sich die Einrichtung erklaeren. Er war sehr
+ueberzeugt von der Zweckmaessigkeit solcher Strafen. Der affenartige
+Gehorsam, mit dem die Straeflinge aufsprangen, Antwort gaben, imponirte
+ihm. Er war selbst Besitzer eines grossen industriellen Etablissements.
+"Da haben Sie's bequemer!" meinte er scherzend.
+
+Die jungen Damen interessirten hauptsaechlich die Insassen. Besonders ganz
+schwere Verbrecher. Sie waren fast enttaeuscht, dass ihre Unthaten nicht
+noch viel furchtbarer waren. Und waren Frauen da? Sie baten und flehten,
+wenigstens einen Ausblick auf die im Hofe Promenirenden thun zu duerfen. -
+Es war so amuesant, durch die kleinen Gitterfenster zu gucken, gerade als
+ob man wilde Thiere beobachtete. So Einer konnte doch jeden Moment
+ausbrechen und ihnen mit der Hand an die Gurgel fahren.
+
+Dass Alle glattgeschoren und rasirt waren, wunderte sie am meisten. "Die
+sehen ja fast wie katholische Priester aus," meinte ein Offizier.
+
+Von da kam man auf physische Eigenthuemlichkeiten, Abnormitaeten der
+Verbrecher zu sprechen. Der Assessor als moderner Mann hatte sich mit
+Anthropometrie befasst. Man citirte Charcot, Tarbe, Lombroso. Es stand ja
+beinah fest, dass alle Verbrechen Wahnsinn seien, erbliche Belastung,
+durch Alkoholismus hervorgerufen: "Man muesste die Leute einfach in
+Irrenanstalten unterbringen."
+
+"Oder blenden, verstuemmeln," schlug Einer vor.
+
+Man rechnete genau aus, wieviel ein solcher Zuchthaeusler dem Staat
+jaehrlich kostete. Davon konnte fast schon ein ehrlicher Arbeiter satt
+werden. Zudem drueckte ihre Arbeit die Preise der in Freiheit Arbeitenden
+herab. Nun ja, das jetzige System war dumm.
+
+Der Amtsgerichtsrath erzaehlte von einer Hinrichtung, der er als ganz
+junger Mensch aus professionellen und psychologischen Gruenden beigewohnt
+hatte. Es handelte sich um irgend einen ganz entsetzlichen Moerder, einen
+Zwanzigjaehrigen, der eine alte Frau, seine eigne Grossmutter, mit der Axt
+todtgeschlagen und zerstueckelt hatte. Er war nach vollbrachter That ruhig
+noch in ein Cafe gegangen, um eine Parthie Billard zu spielen. Da war er
+auch arretirt worden.
+
+"Sie aergerte mich," blieb seine stereotype Antwort auf alle Fragen nach
+den Beweggruenden seines Verbrechens. Er blieb ganz stumpfsinnig, ass und
+trank und ergab sich in sein Schicksal.
+
+"Nun gut. Diesen Kerl habe ich genau beobachtet. Er hatte nur etwas
+Verbluefftes, wie Einer, der eben aus dem Schlaf geweckt und noch nicht
+vollstaendig wach geworden ist. Alle Reden des Pastors, der Gerichtsbeamten
+liess er ruhig ueber sich ergehen. Noch zuletzt forderte er eine Cigarette.
+- Alles hatte etwas Eiliges, Unvorbereitetes, Gesudeltes, obgleich es
+feierlich sein sollte, eindrucksvoll, wirksam. Dieser Mann starb wie ein
+Ochse, der geschlachtet wird. Ich hatte nur den Eindruck stupidester,
+verantwortungsloser Dummheit."
+
+Man kam auf die politischen Verbrecher zu sprechen, Verbrecher aus
+Mitleid, Nihilisten und Fenier. Jeder wusste curiose Facta: Dieser hatte
+jedes Stueck Brot mit Aermeren getheilt. Ein Andrer schrieb die
+sentimentalsten Verse und paeppelte kranke Hunde auf. Ein Dritter wieder
+besass eine Geliebte, die mit ihm sterben wollte, Freunde, die um ihn zu
+raechen ihr eignes Leben dran setzten. Manche waren Maertyrer, Helden.
+Spaetere Jahrhunderte hatten ihnen Denksteine gesetzt.
+
+Der Contrast brachte den Gerichtsrath auf einen andern Fall. "Da haben wir
+nun heute eine Frau im hochschwangeren Zustand, die beim Jaeten im Garten
+ein Gericht Bohnen gestohlen hat. Die Frau bekam fuer ihre Arbeit
+fuenfundsiebzig Pfennig Tagelohn. Sie war hungrig. Das Gericht Bohnen hat
+einen Werth von fuenfundzwanzig Pfennigen. Die eigentliche wirkliche
+Gemeinheit ist die Anzeige der Gartenbesitzerin, als der Arbeitgeberin,
+die sie seit sechs Jahren beschaeftigt. Die aerztliche Wissenschaft, die
+Menschlichkeit sprechen sie frei. Dennoch muessen wir sie verurtheilen,
+weil es der Buchstabe will, weil es gedruckt steht. Wo bleibt nun da die
+Vernunft?"
+
+Der Amtsgerichtsrath zuckte die behaebigen Schultern. "Schliesslich, meine
+Herrschaften - was ist Vernunft?"
+
+
+
+
+
+ DAS ZWANZIGSTE KAPITEL.
+
+
+Der beruehmte Professor wusch sich die Haende. Er that das immer mit
+besondrer Umstaendlichkeit und Sorgfalt, schon um des guten Beispiels
+willen. Man musste ein Beispiel geben. Uebrigens hatte er beruehmt schoene
+Haende.
+
+"Es giebt nichts, was auf das Gehirn schaedlicher einwirkt, als religioese
+Wahnvorstellungen," sagte der grosse Mann. "Schon das Beduerfniss einer
+Religion ueberhaupt. Ich will nicht mit einem hochloeblichen Consistorium in
+Conflict kommen oder auf den neuesten Paragraphen der Lex eingesteckt
+werden ..." Der Geheimrath geruhte zuweilen dergleichen Witze, die immer
+auf bruellenden Applaus rechnen konnten ... "Es ist bekannt, dass Mohammed
+epileptisch war, an der Fallsucht litt. Christus hatte in seiner Jugend
+die Satzungen der Essaeer angenommen, unter denen die Forderung der
+absoluten geschlechtlichen Enthaltsamkeit, neben strictem Vegetarismus,
+Fasten, Waschungen aller orientalischen Kulte, obenan stand. Nun weiss
+heutzutage Jedermann, dass die Unterdrueckung des Paarungstriebes die
+Ursache zahlreicher Verbrechen, in vielen Faellen des Irrsinns ist. Chassez
+le naturel, il reviendra au galop. Die Natur, meine Herren! Die
+Wissenschaft ist die erkannte Natur."
+
+Der Professor hatte seine Haende fertig gewaschen und sorgfaeltig
+abgetrocknet. Er stand jetzt, die Fingerspitzen beider gegeneinander
+gepresst. Er wusste, dass er keinen Widerspruch zu erwarten hatte. Er war
+nicht an Widerspruch gewoehnt. Er verachtete ihn.
+
+"Es ist eine Schande fuer unser Jahrhundert, dass derartige Erscheinungen
+noch moeglich sind," fuhr er streng fort, "dass der Aberglaube eine solche
+Macht auf die Gemuether noch ausueben kann. Allein die Ignoranz ist daran
+schuld, systematisches Zuruecksetzen des Wissenschaftlichen, des Positiven
+in der Erziehung gegen Abstractionen, sogenannte Moral. Ich bitte Sie,
+meine Herren! Was ist Moral? Moral ist die Anforderung des Magens in
+Einklang gebracht mit dem, was von aussen diesen Magen befriedigen kann.
+Unsre Moral, gesellschaftliche Moral ist das geregelte Productions- und
+Consumtionsverhaeltniss. Moral endlich ist eine Sache des Bluts, der
+Hirnpartikeln, Zellenconglomerat. Die Zelle ist Alles."
+
+Der grosse Mann sah sich triumphirend um. Er wusste, dass er etwas Grosses
+gesagt hatte. "Wie es uebrigens die Seele selber ist ..." fuhr er
+leutseliger fort. "Was ist Seele, als das vitale Princip der
+Zellenschwingung auf das Abstracte angewendet? In den ersten Zeiten
+brauchte man Kutscher und Pferde fuer die Wagen. Dann machte man's mit
+Dampf. Jetzt treibt die Electricitaet ohne aeusserlich sichtbaren
+Fortbewegungsapparat. Ein Grieche des Alcibiades haette an Daemonen
+geglaubt, ein Moench des Mittelalters an den Teufel, ein von den
+Missionaren bekehrter Wilder an Gott. - Wir wissen, weil wir sehen. Wo wir
+nicht mehr sinnlich wahrnehmen, haben wir nur ein: Ignorabimus."
+
+Der Professor verbeugte sich gegen sein Publikum. Er war eilig. Eine hohe
+Persoenlichkeit verlangte seine Autoritaet in schwierigen Nervenleiden.
+"Grosse Ueberreizung," decretirte der Professor. Ruhe, frische Luft,
+blutbildende Nahrung, Pepton: Hygieia.
+
+Das hatte er selbst erfunden und sich patentiren lassen. Der Professor
+verstand auch das. Er war ein wirklich grosser Mann.
+
+Dabei machte er sich niemals durch Propaganda missliebig. In seinem
+Wahlkreis waehlte er conservativ. "Fuer die Crapule ist das gut und schoen.
+Halbbildung bleibt das Allergefaehrlichste. Das fehlte uns gerade noch,
+dass jeder Apothekerlehrling auf eigne Hand Experimente anstellte. Die
+Laien sind eben Laien."
+
+Es war eine Lieblingsredensart von ihm, dass in der modernen Gesellschaft
+die Autoritaet des Arztes die des Priesters ersetzt habe. Die Wissenschaft
+war eine Macht, die Macht. Eigentlich verachtete er alle Andern, die
+vielleicht momentan viel Laerm machten, sich wichtiger duenkten. Sie hatten
+das nicht noethig. "Alles das sind Blasen, fluechtige Gaehrungserscheinungen
+an der Oberflaeche, die die Grundbedingungen ganz unangetastet lassen. Es
+ist das eben wie der Unterschied, ob ich mit meinen Augen sehe oder durch
+ein sehr scharfes, vollkommenes Instrument. - Der groesste Geist, ein
+Koenig, ein Eroberer ist doch schliesslich nur ein Laie, ein Decadent, ein
+Entarteter vielleicht. Er betrifft uns eigentlich darum gar nicht, aendert
+aber auch gar nichts an der Marche du jeu, den einmal gewonnenen und
+festgelegten Resultaten. _Wir_ passen ihn ein, nicht er uns."
+
+Er machte einen abschneidenden Eindruck, wenn er dergleichen sagte,
+inmitten seiner Arbeitssaele und Laboratorien, mit ihren kahlen,
+weissgestrichnen Waenden, wo Instrumente und Praeparate standen. Alle diese
+Instrumente waren tadellos gehalten und blinkten in der Sonne. Man sah
+alle Stoffe in ihre primitivsten Elemente zerlegt. Diese geistvollen
+Einrichtungen und Neuerfindungen arbeiteten mit erstaunlicher Praecision
+und Genauigkeit. Der Mann passte in dieses Milieu. Zusammen hatten sie
+eine gewisse Groesse. Sein Colleg war immer gedraengt voll. Es gab eine
+ganze neue Generation von Jugend, die sich mit Stolz seine Schueler
+nannten. Er hatte sein ganzes Leben geforscht und gearbeitet. Arbeit und
+Forschung waren ihm das Hoechste.
+
+Man warf ihm den grossen, weltumwendenden Einfluss des Christentums vor.
+Er hatte einen juengeren Freund und Collegen, der sich gern mit dem
+Philosophischen befasste.
+
+"Das sind Epidemieen, die ganze Zeitalter erfassen, wie die Blattern, die
+Beulenpest. Uebrigens, was rechnen diese zwei- oder dreitausend Jahre
+gegen die Tausende von Jahrtausenden, die die Erdoberflaeche gebraucht hat,
+sich zu bilden, ein einziger Diamant zu seiner Crystallisation bedurfte!
+Das ist Alles sehr gleichgueltig."
+
+"Es haben sich doch Menschen dafuer schlachten und verbrennen lassen."
+
+"Menschen haben von jeher eine grosse Vorliebe dafuer gehabt, sich um hohle
+Toepfe die Schaedel zu zerschlagen. Wie Hamlet sagt: Worte - Worte - Worte.
+Uebrigens dieser Hamlet ist sehr interessant. In seinen Reflexionen auf
+dem Kirchhof finden Sie alle Anfaenge der Naturphilosophie. Sie erinnern
+sich des Passus von Caesar's Staub?"
+
+"Trotzdem stach er sich um ein Phantom."
+
+"Hamlet war eben ein Kuenstler," sagte der Professor beinah mitleidig.
+"Shakespeare war ein grosser Dichter. Die grossen Dichter sind immer sehr
+miserable Naturforscher. Nehmen wir Goethe! Die Phantasie - die
+Phantasie!"
+
+"Die Phantasie kann doch aber auch immer nur Vorstellungen von
+Existirendem weiterspinnen. Sie muessen irgendwie in der Natur mit
+vorhanden sein."
+
+"In der Natur ist noch Vieles." Der Professor zuckte die Achseln. "Wir
+wissen es nicht."
+
+Aber der Freund ereiferte sich. Er war jung. Er neigte zur Phantastik. -
+Jemand Andres war miteingetreten. Es war die junge Frau des Professors.
+Sie war noch sehr jung, gluecklich verheirathet und sollte zum ersten Mal
+Mutter werden. Sie sprach wenig. Es war etwas Schleppendes, Sachtes in
+ihren Bewegungen. Sie trug den Nacken gesenkt wie eine zu beschwerte
+Aehre. Der Professor schob ihr sorgsam einen Stuhl zurecht. Sie sah nur
+dankbar laechelnd zu ihm auf, und blieb so sitzen, ihre Hand in seiner.
+
+"Es koennte doch aber eine Zeit kommen, dass wir wuessten," argumentirte der
+Freund. "Und waere es nicht denkbar, dass besonders begnadete Genies, sagen
+wir Shakespeare, Goethe, Christus, Vieles vorgeahnt haben? Auch
+Geheimnisse wieder verloren gingen? Waren doch schon die Phaenomene des
+Hypnotismus, der Autosuggestion den Alten bekannt? Dass man mit ihnen die
+Wunder der biblischen Geschichte erklaeren koennte?"
+
+"Ich weiss es nicht. Das erscheinen mir wieder Speculationen."
+
+Der Andre war begeistert, einmal lancirt: "Denken Sie sich auf diesem rein
+empirischen Wege die Vereinigung des Uebersinnlichen mit der Wissenschaft
+wiederhergestellt, im Fortschritt den Aufschritt! Die Natur, die wir arm
+und nuechtern auffassen, tausendmal reicher, ueppiger, wolluestiger. Eine
+beseelte Natur. Die _Seele_, die wir suchen, nach der wir verhungern,
+unsre Kuenstler, unsre grossen Energieen, unsre Jugend - da haetten wir die
+Seele! Im Christentum die Darwinsche Theorie, Lombroso, Krafft-Ebing, kein
+Gut und kein Boese, Tolstoi nicht mehr pathologisch, - unser ewiges,
+elendes, billiges 'pathologisch'!"
+
+Er gestikulirte heftig, den Spruengen seiner Gedanken folgend. Er war ein
+schoener, feuriger Mensch, fuhr sich mit der Hand durch die dichten
+Haarbueschel.
+
+Die junge Frau des Professors hatte aufmerksam zugehoert. Sie sagte nichts,
+sie dachte. Ein sehr suesser, sehnsuechtiger Friede lag auf ihrem Gesicht.
+
+"Sie sind ein Dichter," sagte der Professor. "Enfin ... Wie wir uns drehen
+und wenden: 'Ein Mensch, der speculirt' ... Carpe diem. Es giebt keine
+Weisheit als diese."
+
+"Zarathustra? Zarathustra! Auch blos ein pathologisches Problem jetzt -
+der Weisheit letzter Schluss, das Endglied der grossen Kette. - Dionysos!
+Die Entfesslung aller Kraefte. Fluegel! Fluegel! Fluegel!"
+
+"Wir muessen uns an die Erde, an das Normale halten."
+
+"Und das heutzutage Uebernormale, das Unternormale? Wo bringen wir das
+unter?"
+
+Das offne Gesicht des Freundes gluehte. Er stand da in einer Pose des
+Kampfes mit gereckten Faeusten.
+
+Die junge Frau sah von einem der Maenner zum andern. Sie litt nicht. Aber
+sie war muede - von einer suessen Muedigkeit. Das beschwerte sie, aber machte
+sie froh. - Ihre Augen hatten sich verschleiert. Es war, als ob sie saehe,
+in etwas sehr Helles, Glaenzendes saehe. Aber sie sprach nicht. Ein
+traeumendes Fuehlen war in ihrem Sehen. ...
+
+Der Professor machte eine abschneidende Handbewegung: "In unsern
+Irrenhaeusern."
+
+
+
+
+
+ ENDE.
+
+
+Weitab von der Stadt lag die Irrenanstalt, ein Complex langgestreckter,
+gelber Haeuser, am Rande des Kiefernwaldes. Von der Chaussee fuehrte eine
+Fahrstrasse, alleeartig mit Baeumen bestanden. Rechts und links lagen
+Felder. Die leichter Kranken und Unbemittelten arbeiteten dort unter der
+Aufsicht eines Waerters.
+
+Man sah sie Kohlstruenke ausreissen, Graeben ziehen, jaeten. Manchmal lachte
+einer seltsam, kichernd, unmotivirt.
+
+Die Voruebergehenden auf der Chaussee blieben wohl stehen und sahen sie an.
+Sie stiessen sich mit den Ellenbogen. "Irre!" Das interessirte sie. Sie
+fanden es auch ein bischen komisch. Jedenfalls erwarteten sie
+Ausserordentliches. Vielleicht dass Einer sich auf seinen Waerter stuerzte
+und ihn erdrosselte oder etwas Aehnliches.
+
+An der Chaussee lagen die Waerterhaeuser. Sie sahen schmutzig grau aus mit
+kahlen Fenstern. Es war einsam hier und nicht behaglich. Der fegende Wind
+ueber die Ebene traf sie von allen Seiten. Alles das hatte etwas Trauriges.
+
+Noch weiter ab lag ein Oeconomiegebaeude. Es war mit einer hohen rothen
+Backsteinmauer umgeben. Man hoerte Gaensegeschnatter. Ein fauliger Gestank
+von Duenger verpestete die Luft, die scharf war, prickelnd, wie im Winter
+schon.
+
+Alle Felder lagen unter Duenger und waren kahl. Auch der Rasen am Feldrain
+sah verbrannt aus. Ueber der ganzen Landschaft lagerte die ueble Laune des
+Novembers, eine Stimmung des Unbehagens und der Trostlosigkeit, die der
+blaugruene Saum der Kiefernwaelder nicht unterbrach. Sie zogen sich nach
+allen Seiten. Sie schienen das natuerliche Moos dieser graubraunen Erde,
+stumpf, ohne Leben und Wechsel, langweilig. Das ist kein Wald. Das ist
+Haide.
+
+Das Mittelgebaeude in der Anstalt selbst enthielt die Wohnungen des
+Directors, der Oberaerzte. Man hatte eine Kapelle fuer die Irren,
+Gesellschaftssaele, Bibliothek- und Musiksaal. Die Raeume waren mit dem
+neuesten Comfort, Gas, und Centralheizung ausgestattet. Die vergitterten
+Fenster zeigte man nur nach dem Garten zu, auf der Rueckseite.
+
+Alles war beinah elegant. Man versicherte gern, dass sich die Kranken da
+ausserordentlich wohl fuehlten. Sie wuerden gar nicht wieder wo anders leben
+moegen, selbst wenn man sie liesse. Dies war Wohlthat fuer ueberreizte
+Nerven.
+
+Die Aerzte sagten immer: "Die Kranken." Der Ausdruck Verrueckte oder
+Irrsinnige beleidigte sie fast. Noch mehr der dumme Aberglauben des
+Publikums. Das war eine Krankheit so gut wie jede andre, mit ganz
+bestimmten, anatomisch nachweisbaren Veraenderungen im Gehirn, Stoerungen
+des Sensoriums und der Motilitaet verbunden. Mit der
+moenchisch-moralistischen Betrachtungsweise solcher Erscheinungen in
+frueheren Jahrhunderten hatte man ja Gott sei Dank! aufgeraeumt. Aufgeklaerte
+Leute traten gern dagegen auf. Sie waren sogar zu Gesellschaften in der
+Anstalt gewesen und hatten sich sehr gut unterhalten. Oder zum
+Gottesdienst am Sonntag. Es gab da hinter den Mauern sehr geistreiche und
+gebildete Leute. Diese Legenden von Zwangsjacken, Tollwuth, rohen,
+pruegelnden Waertern erzaehlten sich Koechinnen. - Es war wirklich angenehm da
+zu existiren. Aufgeklaerte Leute versicherten, dass sie sofort bei der
+ersten Stoerung ihres Nervensystems in eine solche Anstalt gehen wuerden. Es
+war das einzig wahre Mittel, sich zu curiren.
+
+Von Zeit zu Zeit erschoss sich ein Arzt. Er hatte an sich selbst die
+Fortschritte der Krankheit beobachtet und genau festgestellt: Noch so und
+so lange. Dann greift man zur Pistole ...... "Kranke eben."
+
+Es gab so viel Krankheitsursachen im modernen Leben: Laerm,
+Pferdebahngebimmel, electrische Bahnen, der immer haerter werdende Kampf
+um's Dasein, Rastlosigkeit. Die Zeit verbrauchte die Menschen. Da hinten
+lagen die Ungethueme, Grossstaedte, die sie schickten. Hier war's still.
+Gesunder Kiefernadelduft.
+
+Es gab sehr interessante Sujets unter den Internen: Einige, die am
+Verfolgungswahn litten; eine aeltere adelige Dame glaubte, dass man sie in
+ihrem Standesgefuehl beleidigen wollte; dann der Mann, der einen Schatz
+gefunden hatte; Einer, der sich einbildete, der Kaiser Napoleon zu sein;
+besonders scherzhaft war der sogenannte "Gott Ra", eine Persoenlichkeit,
+die ploetzlich mitten im Gespraech abbrach, die Kiefern auf- und
+zuschnappte, als ob er etwas verschlaenge. Alle diese waren ungefaehrlich,
+lebten beinah gluecklich. Da waren welche, die die griechischen Tragoedien
+in der Ursprache lasen, sich mit Forschungen beschaeftigten.
+
+Auch die Bloedsinnigen litten ja nicht. Diese Menschen wurden Thiere. Die
+Hauptsache fuer sie war Essen und Trinken. Sie hatten keine Ahnung von
+ihrer Degradation. - Das Publikum macht sich so falsche Vorstellungen.
+
+Es war unangenehm, dass einmal eine aeltere Dame eine Haekelnadel
+verschluckt hatte. Natuerlich war es den Waerterinnen streng verboten
+gewesen, Derartiges zu arbeiten, oder dass die Waerter an Kranke Schnaps
+verkauften. - So etwas kam ueberall vor. Man konnte nicht vorsichtig genug
+sein in der Auswahl des Materials. Das war die wichtigste Frage.
+
+Es war ein sehr friedlicher Platz. Im Sommer, wenn Alles gruen ist, war es
+noch viel schoener, beinah heiter. Der Kiefernwald erstickt. Man hatte die
+Gitter sehr weit vorgeschoben, immerhin. Und man musste sich gegen die
+Neugier des Publikums schuetzen. Die Leute, die da wohnten, waren Stille.
+Ihre Angehoerigen bezahlten fuer sie, erster, zweiter oder dritter Klasse,
+je nachdem sie vermoegend waren. Erster Klasse hatte man natuerlich bessres
+Essen und mehr Luxus. Die ganz Unbemittelten uebernahm der Staat. Sie
+machten auch allerlei Arbeiten. Wohlwollende Besucher kauften von diesen
+Arbeiten. Alle waren immer entzueckt von der Reinlichkeit, Vortrefflichkeit
+und practischen Anlage der Anstalt. Wirklich! Die da hinein kamen, waren
+nicht zu bedauern. Sie waren in einem Hafen foermlich. Die Bilder grosser
+Aerzte und Philanthropen schmueckten das Wartezimmer. Es war ein Segen, dass
+die Wissenschaft dies uebernommen hatte. Wenn man dachte, welche Zustaende
+frueher herrschten!
+
+Man konnte seine theuersten Angehoerigen mit der groessten Seelenruhe
+dalassen. Was sollte man denn auch thun?
+
+Ab und zu dann ein Begraebniss. Ernst, ohne Prunk. Es war vorueber. Er oder
+sie waren "erloest". Eine grosse Last war von den Schultern ihrer Familie
+genommen. Fast konnte man sie beneiden um den Frieden. Man musste zurueck.
+In den Kampf. In's Laute.
+
+Sie waren nicht sehr interessant. Etwas zwischen Kindern und Thieren.
+Sogar ihre Leiden waren halb komisch, eingebildete Leiden. Man giebt ihnen
+Alles zu wie Kranken. Jedermann ist gut und wohlwollend gegen diese
+Ungluecklichen.
+
+Bei Vielen ist die Krankheitsanlage erblich. Sie sind idiot, ganz harmlos.
+Man muss sie einschliessen, wenn sie gemeingefaehrlich werden. Jedermann
+kennt solche Erscheinungen in Doerfern, abgelegenen Gebirgshoefen. Man
+nannte sie "Gottes Narr", Fexe, Gezeichnete. Heilbar sind solche
+secundaeren Formen der Geisteskrankheiten selten. Dann giebt es Wahnsinn,
+Schwermuth. Diese Leute koennen ganz lichte Zeiten haben. Sie kehren wohl
+von Zeit zu Zeit wieder in ihre Familien, ihre Umgebung zurueck. Aber
+irgendwie tragen sie eine Kette am Fuss. Eine Schraube bleibt locker.
+
+Immer wieder wollten die Damen wissen, ob die Kranken "es fuehlen", sich
+ihrer mentalen Abirrung bewusst sind, unter dem Stigma leiden? Man las
+darueber so Schauerliches in Romanen. - Nur die Melancholischen leiden. Sie
+empfinden wirkliche neuralgische, acute Schmerzen. Ganz hoffnungslos sind
+die mit fixen Ideen Behafteten, oder solche, die religioese
+Wahnvorstellungen haben. Sie hatten eine sehr feine, dreissigjaehrige Dame
+aus gutem Hause, die an erotischem Wahnsinn litt. Eine Dame, sonst sehr
+scheu und wohlerzogen!
+
+Man rief beruehmte Beispiele zurueck: Torquato Tasso, Johanna von Castilien,
+Ludwig von Bayern. War Hamlet wahnsinnig gewesen, oder Koenig Lear?
+
+Aber ein Thema interessirte sie Alle. Sie hatten ein wirklich
+interessantes Sujet, einen Clou. Das kitzelte nicht nur die Damen.
+
+Die erste Intelligenz der Zeit, die brillanteste, genialste. Der Mann,
+dessen Adlerflug die Welt erst schweigend, dann mit wuethenden
+Verwuenschungen in gluehender Bewunderung verfolgt hatte.
+
+Jetzt, wo er wahnsinnig war, konnte man ihn ja ungehindert bewundern.
+Niemand hatte mehr eine Concurrenz zu befuerchten, seinen schneidenden Hohn
+schlimmer als seine Verachtung. Aus dem Loewenfell des grossen Mannes hatte
+man sich kleine Fellchen geschnitten, die so gut standen. Was konnte man
+da interpretiren, insinuiren, Kapital schlagen. Aus diesem ungeheuren
+Brachfeld, das er mit den Schaetzen einer ungehobnen Welt hinterlassen.
+Seine Fehler und Extravaganzen vermied man natuerlich. Er war ja eben
+bekanntlich ... Ein Strich ueber die Stirne vollendete den Gedanken.
+
+O ja! Fuer den interessirte man sich. Gedichte, Blumen wurden fuer ihn
+gesandt. Alle Augenblicke standen in den Zeitungen gefaelschte Interviews.
+Es bildete den bestaendigen Aerger der Aerzte. Sie hatten es doch so klar
+gesagt: Eine organische Krankheit, colossale Ueberanstrengung, verschaerft
+durch Schlafmittel, Narcotica. - Es wurde Zeit, dass endlich einmal mit
+dem alten Aberglauben aufgeraeumt wurde.
+
+Fromme Leute betrachteten diesen Irrsinn als eine gerechte Strafe des
+Himmels. In ihren Augen war er der Antichrist. Man sah Gottes Gericht
+recht deutlich! Der Titan, der Ihn anzugreifen gewagt, Felsbloecke gegen
+Ihn geschleudert und jetzt ohnmaechtig und gebrochen im Stuhl sass in einer
+Irrenhauszelle: "Ich bin dumm. Ich bin dumm."
+
+Selbst die, die nicht so weit gingen, moralisirten ueber den Fall auf ihre
+Weise. "Bleib' im Land und naehr' Dich redlich." Hier sah man, wohin das
+Gegentheil fuehrte: "die grosse Kunst macht Dich rasend." Wozu auch? Wenn
+man arbeitete, recht that, kam man immer noch zurecht auf dieser Welt. Der
+religioese Aberglaube war zu missbilligen. Ebenso wie die rohe
+Ausschweifung. Das Leben fand schon immer die Mittellinie. Es ist gut auf
+der Mittellinie bleiben.
+
+Es war ja freilich wahr, dass jeder Esel ebenso gut wahnsinnig werden
+konnte. Sie blieben doch ueberzeugt, dass Mueller es zum Beispiel nie wuerde,
+und Buchholz ebenfalls nicht. Diese wuerden sich auch nie das Leben nehmen
+oder mit der Polizei in Conflicte gerathen.
+
+Die Fachleute bemuehten sich vergebens, das ganz Natuerliche, rein
+Anatomische des Vorgangs auseinander zu setzen. Ein junger Arzt zeigte zur
+Exemplificirung sorgfaeltig praeparirte Plaettchen, auf denen man den Verlauf
+der Aederchen im Gehirn normal und anormal verfolgen konnte. Ordentlich
+niedlich anzusehen waren diese Praeparate, etwa wie Blumenblaettchen,
+fettig-weiss und rosig durchzeichnet. - Einige Damen grauten sich davor, -
+immer zurueck in der Cultur, diese Frauenzimmer! Der junge Gelehrte liebte
+seine Plaettchen. Er zitterte, ihren Schatz zu bereichern. Fuer ihn war auch
+dieser Kranke nur ein Object.
+
+Ganz Intime waren zuweilen zugelassen worden. Sie erzaehlten, dass der
+grosse Philosoph im Rollstuhl auf der Terrasse gesessen. Er sah in die
+sinkende Sonne. Er schien ganz "friedlich", der kranke Adler. Man nahm ein
+ganz angenehmes Gefuehl mit fort der allgemeinen Ruehrung und der eignen
+speciellen Empfaenglichkeit fuer schoene Emotionen.
+
+Uebrigens hatte er's gut. Erster Klasse sogar. Mancher hatte es nicht so.
+
+Was dachte er in den langen vierundzwanzig Stunden des Tages seit sieben
+Jahren? Die Aerzte versicherten, Nichts. Er laechelte. Er wartete ... Es
+war doch furchtbar. Der Mann des jauchzenden Lachens, der sich selbst die
+Stirn mit Rosen bekraenzt und das schwache Mitleid verachtete. - Nun, das
+war immer schon Wahnsinn gewesen.
+
+Den Schluss der Besichtigung bildete immer die Kapelle. Nur ein steinernes
+Kreuz stand hinter dem Altar. Eine Lebensaehnlichkeit, Blut und Nacktheit,
+haette die Kranken gestoert. Man musste vorsichtig sein. Eine Frau in
+schwarzen Schleiern weinte zu seinen Fuessen. Sie bildete sich ein, die
+Pieta zu sein. Sieben Schwerter des Weltwehs gingen durch ihren Busen. Sie
+weinte immer - immer. Eine vornehme Frau aus reichen, guten Verhaeltnissen,
+Mutter und Gattin. - Man liess sie, weil sie ganz sanft und ungefaehrlich
+war.
+
+Ein engelschoenes, bloedsinniges Kind, das zwischen den Baenken hantirte,
+nickte und lachte geheimnissvoll. Die Geschlechter schienen hier seltsam
+verwoben. Man wusste nicht, ob es ein Knabe oder ein Maedchen war. Die
+Aerzte erklaerten ihn fuer einen Adolescent von sechzehn Jahren. Er lief
+ueberall frei umher. Die Kapelle war sein Lieblingsaufenthalt. Er bildete
+sich ein, ein Chorknabe zu sein, schwang sein Raeucherfass, bueckte sich und
+nickte und kuesste dann mit Inbrunst die Altarstufen. Dieser Juengling war
+immer gluecklich, von einer Serenitaet der Cherubim. Jeder verwoehnte und
+liebte ihn.
+
+Auch von dem neuen Patienten wurde gesprochen, diesem "Fremden" der
+Zeitungen und Verhandlungen, der sich einbildete, Christus zu sein.
+
+Der Arzt erklaerte, dass dies eine haeufig vorkommende specielle Form des
+religioesen Wahnsinns sei: "Wir haben hier Chiliasten, Gott Vater, eine
+Jungfrau Maria, Apostel Paulus und Petrus. In Wahrheit ist dieser Mensch
+ein schwachsinniger Zimmermannssohn aus dem Wuerttembergischen. - Braucht
+man buendigere Beweise, dass es Zeit ist, mit dem alten Priesterhocuspocus
+aufzuhoeren?"
+
+Eine der Damen sah ihn lange an: "Er hat schoene Augen ..."
+
+Die Besucher gingen wieder. Es fing auch schon an daemmrig zu werden.
+
+ -------------------------------------
+
+Dann begab sich etwas Schreckliches, niemals Geklaertes, vor dem denen, die
+es spaeter sich erzaehlten, die Haare sich straeubten, wo die Vernuenftigsten
+den ewigen Bloedsinn der Dinge zugeben muessen und stumpfe Hirne peitschende
+Schauer der Unwelt fuehlen.
+
+In der Kapelle fand man den Wahnsinnigen, den Ewig-Stummen, den zum
+untersten Abgrund Geketteten. Man erfuhr niemals, was ihn dahingetrieben,
+wer den Andern herfuehrte, welcher furchtbare Auftritt stattgefunden
+zwischen diesen Beiden, deren Einen Keiner kannte.
+
+Der Irre hatte den Fremden an das Kreuz gebunden. Die Stricke waren seine
+Kleider, die er sich abgerissen hatte. Aus zertruemmertem Holzgeraeth,
+Baenken und Stuehlen, hatte er Naegel, Eisentheile, geklaubt. Dieser ganz
+nackte, misshandelte Leib war buchstaeblich zerstossen, zerschunden,
+erwuergt damit. Er stach sie ihm in die Stirne. Er schrie, er lachte. Mit
+einem schweren zugespitzten Holzstueck sah man ihn grosse Streiche fuehren
+nach der Seite unter der Brust, von wo dickes, schwaerzliches Blut troff:
+
+"Du hast die Welt zerstoert! Du! Du!...
+
+"Die Schoenheit hast Du getoedtet, den Ruhm, die Lust!
+
+"Sie leben noch, aber Du hast sie vergiftet. Du hast ihnen das Gift in's
+Herz getraeufelt. Schlange Du! Erste Schlange! Verfluchte!
+
+"Mit Deinen zerrissnen Haenden hast Du die Kraft unsrer Haende zerbrochen.
+
+"Deine Fuesse, die angenagelt sind, haben uns festgebohrt.
+
+"Aus Deiner Seite fliesst unser Lebensblut.
+
+"Die Stricke umwuergen unsre Leiber und machen sie haesslich.
+
+"Von Deiner Stirn die Dornen sind in unsre Hirne gedrungen ... Die Dornen
+von Deiner Stirn! Die Dornen!" ...
+
+Seine Stimme erstarb in wimmernder Klage. Er hatte seine Haare gepackt zu
+beiden Seiten des Kopfes. Ganz nackt, mit blutigen Haenden, ueber und ueber
+mit Blut beschmiert, raufte er sie aus in vollen Faeusten.
+
+Und es war eine Aehnlichkeit, eine furchtbare, schauerliche Bruederlichkeit
+in diesen beiden gemarterten, verrenkten Leibern, dem todten und dem
+lebendigen, dem, der vollendet hatte und dem, der niemals vollenden
+wuerde, ... seinen Gliedern gekruemmt und schlaff geworden durch das Sitzen,
+die Schreibtischarbeit, den Haenden zu fein und zu lang, die nicht mehr
+fassen konnten, verkrueppelten, zagen Fuessen, die das Gehen verlernt. Viel
+zu hoch war diese Stirn, blass vom Gedanken, vorgeschoben ueber das ganze
+uebrige Gesicht mit allen Organen der Sinne. Die wirren Haare bildeten eine
+fuerchterliche, struppige Aureole.
+
+Er riss seine Brust auf, als ob er sein Herz packte, es ihm hinschleuderte
+in Hohn und Verzweiflung: "Teufel! Teufel!"
+
+- - - Der Bloedsinnige lachte, sein leises, triumphirendes Lachen. Er that,
+als ob er sein Weihrauchfass schwaenge, bueckte sich und kuesste die
+Altarstufen. Die Frau in schwarzen Trauerkleidern weinte. Ein monotones,
+endloses, zweckloses Weinen ...
+
+Der Sohn des Menschen, vom Kreuz, todt, mitleidig, erhaben, sah herab.
+
+Der Kopf hatte sich etwas zur Seite geneigt. Die Augen unter den bleichen
+Lidern waren gebrochen. Aber die Lippen standen ein wenig geoeffnet, als ob
+Ihn duerstete. Er hielt die beiden Arme nach oben ausgebreitet. Aus seiner
+geoeffneten Seite unter der Brust floss das Blut.
+
+Das Blut floss.
+
+Es tropfte auf die grauen, breiten Steinfliesen des Fussbodens. Die
+Fliesen blieben grau und steinern. Eine rothe, schmerzliche Lache hatte
+sich auf ihnen gebildet. Der Stein faerbte sich violett unter ihr.
+
+Bestaendig aus dem blutenden, durchbohrten Herzen fielen die Tropfen.
+
+
+
+
+ Druck von Ramm & Seemann in Leipzig.
+
+
+
+
+
+
+Von demselben Verfasser ist erschienen:
+
+*Ein Narr.* Roman. Mk. 3.-
+*Die Jungen.* Roman. " 3.-
+*Misere.* Roman. " 3.-
+*Nixchen.* Ein Beitrag zur Psychologie der hoeheren " 1.50
+Tochter. Fuenfte Auflage.
+*Haeusliches Glueck.* Aus den Papieren eines Ehemannes. " 1.50
+
+
+
+
+
+ BEMERKUNGEN ZUR TEXTGESTALT
+
+
+Im Original gesperrt gesetzte Passagen sind durch Unterstrich (_)
+gekennzeichnet, Fettdruck durch Sternchen (*).
+
+Variierende Schreibweisen wurden nicht korrigiert, mit Ausnahme folgender
+offensichtlicher Druckfehler:
+
+ Seite 7: "wei" geaendert in "weit"
+ Seite 15: "neber" geaendert in "neben"
+ Seite 49: "erwartefe" geaendert in "erwartete"
+ Seite 58: "Krankeit" geaendert in "Krankheit"
+ Seite 71: Punkt geaendert in Komma hinter "ausgebruetet"
+ Seite 118: "Gattenadjudanten" geaendert in "Gattenadjutanten"
+ Seite 167: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "Worte!"
+ Seite 194: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Ihr" und "O"
+ Seite 247: doppeltes "legen" entfernt
+ Seite 255: "wir" geaendert in "wie"
+ Seite 261: "gegewesen" geaendert in "gewesen"
+ Seite 291: "tand" geaendert in "stand"
+ Seite 312: Anfuehrungszeichen ergaenzt hinter "verkuemmern."
+ Seite 316: Komma geaendert in Punkt hinter "ruehrten"
+ Seite 324: "Alllem" geaendert in "Allem"
+ Seite 344: "Perdeaesern" geaendert in "Pferdeaesern"
+ Seite 373: "jetsige" geaendert in "jetzige", "mi" in "mit"
+ Seite 378: Anfuehrungszeichen ergaenzt vor "Was"
+ Seite 383: Punkt ergaenzt hinter "wolluestiger"
+ Seite 389: "schuefzen" geaendert in "schuetzen"
+
+
+
+
+
+***END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK DER FREMDE***
+
+
+
+ CREDITS
+
+
+May 25, 2011
+
+ Project Gutenberg TEI edition 1
+ Produced by Norbert H. Langkau and the Online Distributed
+ Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+ A WORD FROM PROJECT GUTENBERG
+
+
+This file should be named 36227.txt or 36227.zip.
+
+This and all associated files of various formats will be found in:
+
+
+ http://www.gutenberg.org/dirs/3/6/2/2/36227/
+
+
+Updated editions will replace the previous one -- the old editions will be
+renamed.
+
+Creating the works from public domain print editions means that no one
+owns a United States copyright in these works, so the Foundation (and
+you!) can copy and distribute it in the United States without permission
+and without paying copyright royalties. Special rules, set forth in the
+General Terms of Use part of this license, apply to copying and
+distributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works to protect the Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} concept and trademark. Project Gutenberg is a registered
+trademark, and may not be used if you charge for the eBooks, unless you
+receive specific permission. If you do not charge anything for copies of
+this eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
+for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
+performances and research. They may be modified and printed and given away
+-- you may do practically _anything_ with public domain eBooks.
+Redistribution is subject to the trademark license, especially commercial
+redistribution.
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+ THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
+
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+_Please read this before you distribute or use this work._
+
+To protect the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} mission of promoting the free
+distribution of electronic works, by using or distributing this work (or
+any other work associated in any way with the phrase "Project Gutenberg"),
+you agree to comply with all the terms of the Full Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+License (available with this file or online at
+http://www.gutenberg.org/license).
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+
+ Section 1.
+
+
+General Terms of Use & Redistributing Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works
+
+
+ 1.A.
+
+
+By reading or using any part of this Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work,
+you indicate that you have read, understand, agree to and accept all the
+terms of this license and intellectual property (trademark/copyright)
+agreement. If you do not agree to abide by all the terms of this
+agreement, you must cease using and return or destroy all copies of
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+for obtaining a copy of or access to a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic work
+and you do not agree to be bound by the terms of this agreement, you may
+obtain a refund from the person or entity to whom you paid the fee as set
+forth in paragraph 1.E.8.
+
+
+ 1.B.
+
+
+"Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be used on or
+associated in any way with an electronic work by people who agree to be
+bound by the terms of this agreement. There are a few things that you can
+do with most Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works even without complying
+with the full terms of this agreement. See paragraph 1.C below. There are
+a lot of things you can do with Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works if you
+follow the terms of this agreement and help preserve free future access to
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. See paragraph 1.E below.
+
+
+ 1.C.
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+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" or
+PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project
+Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works. Nearly all the individual works in the
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+or obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.
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+copyright holder found at the beginning of this work.
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+work, or any part of this electronic work, without prominently displaying
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+You may convert to and distribute this work in any binary, compressed,
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+processing or hypertext form. However, if you provide access to or
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+ Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid within 60
+ days following each date on which you prepare (or are legally
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+ should be clearly marked as such and sent to the Project Gutenberg
+ Literary Archive Foundation at the address specified in Section 4,
+ "Information about donations to the Project Gutenberg Literary
+ Archive Foundation."
+
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+
+ - You comply with all other terms of this agreement for free
+ distribution of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} works.
+
+
+ 1.E.9.
+
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+If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic
+work or group of works on different terms than are set forth in this
+agreement, you must obtain permission in writing from both the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael Hart, the owner of the
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} trademark. Contact the Foundation as set forth in
+Section 3 below.
+
+
+ 1.F.
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+Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable effort to
+identify, do copyright research on, transcribe and proofread public domain
+works in creating the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection. Despite these
+efforts, Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, and the medium on which they
+may be stored, may contain "Defects," such as, but not limited to,
+incomplete, inaccurate or corrupt data, transcription errors, a copyright
+or other intellectual property infringement, a defective or damaged disk
+or other medium, a computer virus, or computer codes that damage or cannot
+be read by your equipment.
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+Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation, the owner of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
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+electronic work within 90 days of receiving it, you can receive a refund
+of the money (if any) you paid for it by sending a written explanation to
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+work electronically, the person or entity providing it to you may choose
+to give you a second opportunity to receive the work electronically in
+lieu of a refund. If the second copy is also defective, you may demand a
+refund in writing without further opportunities to fix the problem.
+
+
+ 1.F.4.
+
+
+Except for the limited right of replacement or refund set forth in
+paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS,' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+
+ 1.F.5.
+
+
+Some states do not allow disclaimers of certain implied warranties or the
+exclusion or limitation of certain types of damages. If any disclaimer or
+limitation set forth in this agreement violates the law of the state
+applicable to this agreement, the agreement shall be interpreted to make
+the maximum disclaimer or limitation permitted by the applicable state
+law. The invalidity or unenforceability of any provision of this agreement
+shall not void the remaining provisions.
+
+
+ 1.F.6.
+
+
+INDEMNITY -- You agree to indemnify and hold the Foundation, the trademark
+owner, any agent or employee of the Foundation, anyone providing copies of
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works in accordance with this agreement, and
+any volunteers associated with the production, promotion and distribution
+of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works, harmless from all liability, costs
+and expenses, including legal fees, that arise directly or indirectly from
+any of the following which you do or cause to occur: (a) distribution of
+this or any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, (b) alteration, modification, or
+additions or deletions to any Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} work, and (c) any Defect
+you cause.
+
+
+ Section 2.
+
+
+ Information about the Mission of Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} is synonymous with the free distribution of electronic
+works in formats readable by the widest variety of computers including
+obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists because of the
+efforts of hundreds of volunteers and donations from people in all walks
+of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the assistance
+they need, is critical to reaching Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}'s goals and ensuring
+that the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} collection will remain freely available for
+generations to come. In 2001, the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation was created to provide a secure and permanent future for
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} and future generations. To learn more about the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation and how your efforts and donations
+can help, see Sections 3 and 4 and the Foundation web page at
+http://www.pglaf.org.
+
+
+ Section 3.
+
+
+ Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the state of
+Mississippi and granted tax exempt status by the Internal Revenue Service.
+The Foundation's EIN or federal tax identification number is 64-6221541.
+Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://www.gutenberg.org/fundraising/pglaf. Contributions to the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation are tax deductible to the full
+extent permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr.
+S. Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at 809 North
+1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact information
+can be found at the Foundation's web site and official page at
+http://www.pglaf.org
+
+For additional contact information:
+
+
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+ Section 4.
+
+
+ Information about Donations to the Project Gutenberg Literary Archive
+ Foundation
+
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} depends upon and cannot survive without wide spread
+public support and donations to carry out its mission of increasing the
+number of public domain and licensed works that can be freely distributed
+in machine readable form accessible by the widest array of equipment
+including outdated equipment. Many small donations ($1 to $5,000) are
+particularly important to maintaining tax exempt status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United States.
+Compliance requirements are not uniform and it takes a considerable
+effort, much paperwork and many fees to meet and keep up with these
+requirements. We do not solicit donations in locations where we have not
+received written confirmation of compliance. To SEND DONATIONS or
+determine the status of compliance for any particular state visit
+http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we have
+not met the solicitation requirements, we know of no prohibition against
+accepting unsolicited donations from donors in such states who approach us
+with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make any
+statements concerning tax treatment of donations received from outside the
+United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation methods
+and addresses. Donations are accepted in a number of other ways including
+checks, online payments and credit card donations. To donate, please
+visit: http://www.gutenberg.org/fundraising/donate
+
+
+ Section 5.
+
+
+ General Information About Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} electronic works.
+
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+concept of a library of electronic works that could be freely shared with
+anyone. For thirty years, he produced and distributed Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}
+eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~} eBooks are often created from several printed editions,
+all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. unless a copyright
+notice is included. Thus, we do not necessarily keep eBooks in compliance
+with any particular paper edition.
+
+Each eBook is in a subdirectory of the same number as the eBook's eBook
+number, often in several formats including plain vanilla ASCII, compressed
+(zipped), HTML and others.
+
+Corrected _editions_ of our eBooks replace the old file and take over the
+old filename and etext number. The replaced older file is renamed.
+_Versions_ based on separate sources are treated as new eBooks receiving
+new filenames and etext numbers.
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg{~TRADE MARK SIGN~}, including how
+to make donations to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation,
+how to help produce our new eBooks, and how to subscribe to our email
+newsletter to hear about new eBooks.
+
+
+
+
+
+
+***FINIS***
+ \ No newline at end of file