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+<title>Geschwister Tanner, by Robert Walser&mdash;A Project Gutenberg eBook</title>
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+
+
+<pre>
+
+The Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser
+
+This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with
+almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or
+re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included
+with this eBook or online at www.gutenberg.org
+
+
+Title: Geschwister Tanner
+
+Author: Robert Walser
+
+Release Date: May 21, 2011 [EBook #36172]
+
+Language: German
+
+Character set encoding: UTF-8
+
+*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER ***
+
+
+
+
+Produced by Jana Srna and the Online Distributed
+Proofreading Team at http://www.pgdp.net
+
+
+
+
+
+
+</pre>
+
+
+
+<div id="tnote">
+<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p>
+<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden
+übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden
+korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>,
+der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> Eine
+<a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> findet sich
+am Ende des Textes.</p>
+</div>
+
+<div class="figcenter page-break" style="width: 415px;">
+<img id="coverpage" src="images/cover.jpg" width="415" height="600" alt=""/>
+</div>
+
+<p class="center page-break" style="font-size: large; margin: 6em auto;">Geschwister Tanner</p>
+<h1>Geschwister Tanner</h1>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.6em;">Roman<br/>
+<small>von</small><br/>
+<big>Robert Walser</big></p>
+
+<p class="center" style="margin: 3em auto;">Zweite Auflage</p>
+
+<p class="center" style="line-height: 1.4em;">Verlag von Bruno Cassirer<br/>
+Berlin</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>Erstes Kapitel.</h2>
+
+<p>Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann
+bei einem Buchhändler ein und bat, daß man ihn dem
+Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er wünschte.
+Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem
+Aussehen, sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden
+scharf an und forderte ihn auf, zu sprechen. »Ich will
+Buchhändler werden,« sagte der jugendliche Anfänger, »ich
+habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich
+davon abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu
+setzen. Unter dem Buchhandel stellte ich mir von jeher
+etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum
+ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen
+schmachten muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme
+mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich
+dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen,
+so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen.
+Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig,
+höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch,
+aufmerksam, ehrlich und doch nicht so dumm
+ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise herabsetzen,
+wenn ich einen armen Teufel von Studenten
+vor mir habe, und kann Preise hochschrauben, um den
+reichen Leuten ein Wohlgefallen zu erweisen, von denen
+ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen,
+<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a>
+was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube,
+so jung ich noch bin, einige Menschenkenntnis zu besitzen,
+außerdem liebe ich die Menschen, so verschiedenartig
+sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis
+der Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung
+stellen, aber auch ebensowenig daran denken, durch
+allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme
+Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem
+Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm
+balancieren auf der Wage des Verkaufens mit der
+Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir
+ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele
+voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen seien
+Sie zum voraus versichert.« &ndash; Der Buchhändler sah den
+jungen Mann aufmerksam und verwundert an. Er
+schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Vis-à-vis</span>,
+das so hübsch <ins title="sprach">sprach,</ins> einen guten Eindruck auf ihn
+mache, oder nicht. Er wußte es nicht genau zu beurteilen,
+es verwirrte ihn einigermaßen und aus dieser Befangenheit
+heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein
+junger Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?«
+Der Angeredete erwiderte: »Geeigneten Ortes? Ich
+weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen!
+Mir würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar
+nicht erkundigen wollten. Bei wem sollte das sein, und
+was für einen Zweck könnte das haben? Man würde
+Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn
+das auch, Sie meinetwegen zu beruhigen? Was wüßten
+Sie von mir, wenn man Ihnen zum Beispiel auch sagte,
+ich sei aus einer sehr guten Familie entsprossen, mein
+Vater sei ein achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige,
+hoffnungsvolle Menschen und ich selber sei ganz brauchbar,
+ein bißchen flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht
+unberechtigt, ein bißchen dürfe man mir schon vertrauen,
+<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a>
+und so weiter? Sie wüßten doch nichts von mir und
+hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich nun mit
+mehr Ruhe in Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen.
+Nein, Herr, Erkundigungen taugen in der Regel keinen
+Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich mir Ihnen, dem
+alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen
+darf, entschieden davon ab, weil ich weiß, daß, wenn
+ich geeignet und beschaffen wäre, Sie zu hintergehen
+und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf Informationen,
+auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem
+Maße täte, je besser besagte Erkundigungen lauten
+würden, die dann nur gelogen hätten, weil sie Gutes
+von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn <ins title="sie">Sie</ins> gedenken,
+mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut
+zu bezeigen als die meisten andern Prinzipale, mit
+denen ich zu tun hatte, und mich einfach auf den Eindruck
+hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem
+würden einzuziehende Erkundigungen über mich nur schlecht
+lauten, um offen die Wahrheit zu sagen.«</p>
+
+<p>»So? Warum denn?&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr
+der junge Mensch fort, »bald weitergegangen, weil es
+mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte versauern zu
+lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben,
+wenn es auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten
+Schreibstuben waren, zum Beispiel gerade Bankanstalten.
+Gejagt hat man mich bis jetzt noch nirgends, ich bin
+immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus
+Stellungen und Ämtern heraus, die zwar Karriere und
+weiß der Teufel was versprachen, die mich aber getötet
+hätten, wenn ich darin verblieben wäre. Man hat, wo
+ich auch immer gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt
+bedauert und mein Tun beklagt, mir eine schlimme
+Zukunft versprochen, aber doch den Anstand besessen,
+<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a>
+mir Glück auf meine fernere Laufbahn zu wünschen.
+Bei Ihnen (und des jungen Mannes Stimme wurde
+auf einmal treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es
+sicherlich jahrelang aushalten können. Jedenfalls spricht
+vieles dafür, Sie zu veranlassen, einmal einen Versuch
+mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre
+Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht
+Tage in meinem Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie,
+und machen Sie dann Miene, weiter bei mir zu bleiben,
+so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen
+Worten, die zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige
+Entlassung bedeuteten, klingelte der alte Herr an der
+elektrischen Leitung, worauf, wie von einem Strom herbeigeweht,
+ein kleiner, ältlicher, bebrillter Mann erschien.</p>
+
+<p>»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!«</p>
+
+<p>Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe
+geworden. Simon, ja so hieß er
+nämlich.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder
+Simons, der in einer Residenzstadt wohnhafte und dort
+namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen wegen seines
+jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller,
+pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn
+seine Brüder so wie er, der Älteste, im Leben einen festen,
+achtunggebietenden Boden unter die Füße bekommen
+hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall, wenigstens
+bis jetzt, ja so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor
+Klaus anfing, in seinem Herzen sich Selbstvorwürfe zu
+machen. Er sagte sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige sein
+sollen, der schon längst allen Grund hätte haben müssen,
+diese Brüder auf die rechte Bahn zu leiten. Ich habe es
+bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur diese Pflicht versäumen
+und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende
+<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a>
+von kleinen und großen Pflichten, und es mochte bisweilen
+den Anschein tragen, als sehne er sich nach noch
+mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die
+sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe
+zusammenstürzendes Gebäude von lauter sauren Pflichten
+stürzen, aus Angst, es möchte vorkommen, daß ihnen
+eine geheime, wenig bemerkbare Pflicht davonliefe. Sie
+schaffen sich viele unruhige Stunden wegen solcher unerfüllten
+Pflichten, denken nicht daran, daß eine Pflicht
+immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet
+und glauben, schon etwas wie eine Pflicht erfüllt zu
+haben, wenn sie sich wegen deren dunklen Vorhandenseins
+ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen sich leicht
+in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber
+nachdächten, in Gottes Welt gar nichts angeht, und
+wollen auch gern andere so sorgenbelastet sehen. Sie
+pflegen mit Neid auf Unbefangene und Pflichtenfreie zu
+blicken und sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu
+schelten, weil sie so schön, mit so leicht erhobenem Kopf,
+durch das Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des
+öftern zu einer gewissen kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit,
+aber immer wieder kehrte er zu den grauen,
+trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem
+dunklen Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal
+die Lust zum Abbrechen, damals als er noch jung war,
+aber ihm fehlte die Kraft, etwas, das wie eine mahnende
+Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu lassen und darüber
+mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten.
+Wegwerfung? O, er warf nie etwas weg! Es hätte
+ihn, so deuchte ihn, wenn er es einmal versuchen wollte,
+von unten bis oben zerschnitten; er würde immer des
+Weggeworfenen mit Schmerz gedacht haben. Er warf
+nie etwas weg und er verlor sein junges Leben damit,
+zurechtzulegen und zu untersuchen, was nie der Untersuchung,
+<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a>
+Prüfung, Liebe und Beachtung wert war. So
+war er denn älter geworden, und weil er denn doch
+durchaus nicht etwa ein empfindungs- und phantasieloser
+Mensch war, machte er sich oft schwere Vorwürfe
+darüber, daß er die Pflicht versäumte, selbst ein bißchen
+glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues Pflichtversäumnis
+und bewies nur auf das Allertreffendste, daß
+es eben Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten
+zu erfüllen, ja, daß es solchen am leichtesten vorkommen
+kann, über ihre Hauptpflichten hinwegzusehen, um erst
+später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden ist,
+ihrer wieder zu gedenken. Doktor Klaus war mehr als
+einmal traurig über sich, wenn er des lieblichen Glücks
+gedachte, das ihm entschwunden war, des Glücks, sich
+mit einem jungen, lieben Mädchen verbunden zu sehen,
+das natürlich ein Mädchen aus tadelloser Familie hätte
+sein müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut
+seiner selber gedachte, schrieb er an seinen Bruder Simon,
+den er aufrichtig lieb hatte und dessen Betragen in der
+Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr folgendermaßen
+lautete:</p>
+
+<p>Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich
+schreiben zu wollen. Vielleicht geht es Dir nicht gut
+und schreibst deshalb nicht. Du bist wieder, wie nun
+schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit, ich
+habe es zu meinem Leidwesen erfahren müssen, und
+zwar von fremden Menschen. Von Dir darf ich, wie
+es scheint, keine aufrichtigen Berichte mehr erwarten.
+Glaube nur, dies schmerzt mich. Es sind jetzt so viele
+Dinge, die mich nur unangenehm berühren, mußt auch
+Du, von dem ich mir immer vieles versprach, dazu beitragen,
+meine Stimmung, die aus vielen Ursachen keine
+rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe noch, aber laß
+mich, wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb
+<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a>
+hast, nicht allzulang vergeblich auf Dich hoffen. Mache
+doch einmal etwas, das einen berechtigen könnte, an
+Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch zu glauben.
+Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde,
+einen hellen Kopf, bist auch sonst klug, und in allen
+Deinen Äußerungen spiegelte sich immer der gute Kern
+wieder, den ich in Deiner Seele von jeher wußte.
+Warum nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser
+Welt einmal kennst, immer wieder so wenig Ausdauer,
+so rasch wieder der Sprung in etwas anderes? Ängstigt
+Dich Dein eigenes Betragen gar nicht? Ich muß Kraft
+in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden Berufswechsel,
+der zu nichts in der Welt taugt, ertragen kannst.
+Ich an Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt
+haben. Ich verstehe Dich wirklich nicht in diesem Punkt,
+aber ich gebe gerade aus diesem Grunde keineswegs die
+Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn
+ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest
+die Erfahrung gemacht haben, daß ohne Geduld und
+guten Willen auf der Welt nichts zu erreichen ist. Und
+Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz unehrgeizig
+kenne ich Dich wenigstens nicht. Mein Rat ist
+nun der: Harre aus, füge Dich drei oder vier kurze
+Jahre unter eine strenge Arbeit, folge Deinen Vorgesetzten,
+zeige, daß Du etwas leisten kannst, aber auch, daß Du
+Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine Bahn eröffnen,
+die Dich durch die ganze bekannte Welt führt,
+wenn Du Lust zum Reisen hast. Welt und Menschen
+werden sich Dir in ganz anderer Weise zu erkennen
+geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der
+Welt etwas bedeuten kannst. So, scheint es mir, wirst
+Du vielleicht weit mehr Genugtuung am Leben finden,
+als selbst der Gelehrte, der, obschon er die Fäden, an
+denen alles Leben und Wirken hängt, genau erkennt,
+<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a>
+doch an die enge Welt seines Studierzimmers gefesselt
+bleibt, wo ihm, wie ich aus eigener Erfahrung sagen
+darf, oft nicht behaglich zumute ist. Noch ist es Zeit,
+daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger Kaufmann werden
+kannst, und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade
+der Kaufmann Gelegenheit hat, sein Leben zu einem
+von Grund aus lebensvollen Leben zu gestalten. Wie
+Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und
+durch die Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht
+hätte ich da früher, viel früher eingreifen, hätte
+Dir mehr mit Taten als mit bloßen, ermahnenden
+Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei
+Deinem stolzen Sinn, der darauf gerichtet ist, Dir immer
+und überall selber zu helfen, hätte ich Dich vielleicht
+eher kränken als Dich wirklich überzeugen können. Was
+tust Du jetzt mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch davon.
+Ich verdiene es vielleicht, um der Sorge willen,
+die ich mir Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger
+und mitteilsamer mir gegenüber wirst. Ich selber, was
+bin ich denn für einer, daß man sich hüten sollte, mir
+unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin
+ich Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu
+meiden? Etwa den Umstand, daß ich der »Ältere« bin
+und vielleicht etwas mehr weiß, als Du? Nun denn,
+so wisse, daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden,
+und unvernünftig und unwissend. Ich bin nicht ganz
+so froh, lieber Bruder, wie es der Mensch sein sollte.
+Ich bin nicht glücklich. Vielleicht ist es zu spät für mich,
+noch glücklich zu werden. Ich bin jetzt in einem Alter,
+wo der Mann, der noch kein eigenes Heim hat, nicht
+ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt,
+die die Wonne genießen, über der Leitung ihres Haushaltes
+eine junge Frau besorgt zu sehen. Ein Mädchen zu
+lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir versagt. &ndash;
+<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a>
+Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin
+es, der Dich wieder aufsucht, der Dir schreibt, der hofft,
+es werde ihm freundlich und zutraulich geantwortet.
+Du stehst vielleicht reicher da, als ich, hast mehr Hoffnungen
+und viel mehr Recht, solche zu hegen, hast Pläne
+und Aussichten, von denen ich mir nicht einmal etwas
+träume, ich kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie
+wäre das auch möglich nach Jahren der Trennung.
+Laß mich Dich wieder kennen lernen und zwinge Dich,
+mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine
+Brüder alle glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls
+froh wissen. Was macht Kaspar? Schreibt Ihr
+Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne
+auch von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder.
+Vielleicht sprechen wir bald einmal miteinander. Dein
+Klaus.</p>
+
+<p>Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es
+Abend wurde, zu seinem Prinzipal ins Kabinett und hielt
+diesem folgende Ansprache: »Sie haben mich enttäuscht,
+machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es
+läßt sich nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft
+wieder aus und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen.
+Bitte, lassen Sie mich ausreden. Ich weiß nur zu genau,
+was ich will. In den acht Tagen ist mir der ganze
+Buchhandel zum Greuel geworden, wenn er darin bestehen
+soll, vom frühen Morgen bis am späten Abend,
+während draußen die sanfteste Wintersonne scheint, an
+einem Pult zu stehen, den Buckel zu krümmen, weil das
+Pult viel zu klein für meine Figur ist, zu schreiben wie
+der verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung
+zu erfüllen, die sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich
+kann ganz anderes leisten, mein Herr Buchhändler, als
+was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können.
+Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante
+<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a>
+Menschen bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen
+zu Käufern, wenn sie im Begriffe sind, den Laden zu
+verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme Gelegenheit,
+einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels
+zu werfen und die Züge der Welt im Gesichte und Gang
+des Geschäftes zu erhaschen. Aber nichts von alledem.
+Glauben Sie, es stände so schlimm mit meiner Jugend,
+daß ich nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen Bücherladen
+zu verkrümmen und zu ersticken? Sie irren sich
+zum Beispiel auch, wenn Sie der Meinung sind, der
+Buckel eines jungen Menschen sei dazu da, um krumm
+zu werden. Warum haben Sie mir nicht ein gutes,
+anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult angewiesen?
+Gibt es nicht prachtvolle Schreibpulte nach
+amerikanischem Schnitt? Wenn man schon einen Angestellten
+will, so meine ich, muß man ihn auch unterzubringen
+wissen. Das wußten Sie, wie es scheint,
+nicht. Weiß Gott, es wird alles mögliche von einem
+jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue, Pünktlichkeit,
+Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und Zielbewußtheit
+und wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je
+ein, irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal
+zu verlangen. Soll ich meine Kräfte, meine Lust, tätig
+zu sein, meine Freude an mir selber, und das Talent, daß
+ich das so glänzend imstande bin, an ein altes, mageres,
+enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe ich das täte,
+könnte es mir vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen
+und meine Freiheit vollends zu verkaufen, nur um sie
+überhaupt nicht mehr zu besitzen. Ich bin nicht gern,
+gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem, lieber
+will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört
+mir meine Seele wenigstens noch an. Sie werden
+denken, es zieme sich wenig, so heftig zu reden, und dies
+sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede: Wohlan,
+<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a>
+ich schweige, bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt,
+und Sie werden mich nie wieder zu Gesicht bekommen.«</p>
+
+<p>Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen,
+stillen, schüchternen Menschen, der während der acht
+Tage so zuverlässig gearbeitet hatte, nun in solcher Weise
+sprechen zu hören. Aus dem anstoßenden Arbeitsraume
+sahen und horchten einige fünf zusammengedrängte Köpfe
+von Beamten und Handlungsdienern der Szene zu. Der
+alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen vermutet
+hätte, Herr Simon, würde ich mich besonnen haben,
+Ihnen in meinem Geschäfte Arbeit zu geben. Sie scheinen
+ja ganz merkwürdig wankelmütig zu sein. Weil Ihnen
+ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze
+nicht passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen
+Sie denn her und gibt es dort lauter junge Leute von
+Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir
+altem Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht,
+was Sie in Ihrem unreifen Kopf eigentlich wollen.
+Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von mir wegzugehen,
+hier ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir
+nicht Freude gemacht.« Der Buchhändler zahlte ihm sein
+Geld aus, Simon strich es ein.</p>
+
+<p>Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines
+Bruders auf dem Tisch liegen, er las ihn und dachte
+dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch, aber ich werde
+ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage
+zu schildern, sie ist auch gar nicht des Beschreibens wert.
+Zu Klagen habe ich keinen Anlaß, zu Freudesprüngen
+ebensowenig, zu schweigen allen Grund. Es ist wahr,
+was er schreibt, aber eben deshalb will ich es bei der
+Wahrheit bewenden lassen. Daß er unglücklich ist, hat
+er mit sich selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht,
+daß er so sehr unglücklich ist. Das klingt in Briefen
+so. Man wird während des Schreibens einfach fortgerissen
+<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a>
+zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen
+will die Seele immer zu Wort kommen und sie blamiert
+sich in der Regel. Ich schreibe also lieber nicht.« &ndash;
+Damit war die Sache abgetan. Simon war voller Gedanken,
+schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er
+ganz unwillkürlich auf schöne Gedanken. Am nächsten
+Morgen, die Sonne blendete hell, meldete er sich beim
+Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß und
+schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut
+und pflegte mit ihm mit einer Art spöttischer, hübscher Vertrautheit
+zu verkehren. »Ah, Herr Simon! Sind Sie
+wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie denn?«</p>
+
+<p>»Ich suche eine Stelle.«</p>
+
+<p>»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle
+gesucht bei uns, man möchte versucht sein, zu sagen:
+Sie suchen mit einer unheimlichen Schnelligkeit Stellen.«
+Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben Lachens
+war er doch nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt
+beschäftigt, wenn man Sie fragen darf?«</p>
+
+<p>Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es
+stellte sich heraus, daß ich alle Eigenschaften besitze, um die
+Kranken pflegen zu können. Warum staunen Sie so
+sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich seltsam,
+wenn ein Mann in meinem Alter verschiedenen Berufsarten
+nachgeht, wenn er den Versuch macht, sich den
+verschiedenartigsten Menschen nützlich zu erweisen? Ich
+finde das hübsch an mir, weil ich dabei etwas tue, was
+einen gewissen Mut erfordert. Mein Stolz wird in keiner
+Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir etwas
+darauf ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können
+und nicht vor Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die
+meisten Menschen zurückschrecken. Man kann mich brauchen,
+diese Gewißheit genügt mir, um meinen Stolz zu befriedigen.
+Ich will nützlich sein.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf
+geblieben?« fragte der Mann.</p>
+
+<p>»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf
+zu verbleiben,« erwiderte Simon, »und es fiele mir
+niemals ein, wie so viele andere, auf einer Berufsart
+ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett.
+Nein, das bringe ich, und wenn ich tausend Jahre alt
+werde, nicht fertig. Lieber gehe ich unter die Soldaten.«</p>
+
+<p>»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so
+weit kommt.«</p>
+
+<p>»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit
+den Soldaten ist eine flüchtige Redensart von mir, die
+ich mir angewöhnt habe, um meine Reden zu beschließen.
+Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege.
+Ich kann, wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen,
+ihm auf dem Felde helfen, daß die Ernte beizeiten unter
+Dach kommt, er wird mich willkommen heißen und meine
+Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben, gutes Essen,
+denn man kocht gut auf dem Lande, er wird mir, wenn
+ich von ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand
+drücken, und seine junge Tochter, ein frisches, bildschönes
+Mädchen, wird mir zum Abschied zulächeln, in einer
+Weise, daß ich lange daran denken muß, während ich
+weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch
+wenn es regnet oder gar schneit, wenn man seine gesunden
+Glieder hat und sich weiter keine Sorgen macht. Sie,
+in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie
+köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie
+staubig, so sind sie es eben, wer frägt da lange darnach.
+Nachher sucht man sich an einem Waldrande ein
+kühles Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt,
+die herrlichste Aussicht genießt, wo die Sinne auf
+eine natürliche Weise ausruhen und die Gedanken nach
+Lust und Geschmack denken können. Sie werden mir
+<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a>
+entgegenhalten, das könne ein anderer, zum Beispiel Sie
+selber, auch haben, während Ihrer Ferien. Aber Ferien,
+was ist das! Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit
+Ferien nichts zu tun haben. Ich hasse die Ferien geradezu.
+Verschaffen Sie mir nur nicht einen Posten mit Ferien.
+Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich würde
+sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben
+kämpfen, bis ich meinetwegen umsinke, will weder Freiheit
+noch Bequemlichkeit kosten, ich hasse die Freiheit, wenn
+ich sie so hingeworfen bekomme, wie man einem Hund
+einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn
+Sie etwa denken, Sie hätten in mir einen Menschen
+vor sich, den es nach Ferien gelüstet, so irren Sie sich,
+aber ich habe leider alle Ursache, zu vermuten, Sie denken
+so von mir.«</p>
+
+<p>»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten
+zu besetzen, für ungefähr einen Monat. Paßt Ihnen
+das?«</p>
+
+<p><ins title="Gewiß">»Gewiß</ins>, mein Herr.«</p>
+
+<p>Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente
+dort ein ganz hübsches Geld und war ganz glücklich.
+Nie erschien ihm die Welt schöner, als während
+dieser Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften,
+schrieb leicht und mühelos den Tag über, rechnete
+Rechnungen nach, schrieb nach dem Diktat, was er
+außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem Erstaunen
+ganz reizend, so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft
+um ihn bekümmerte, trank jeweilen nachmittags seine
+Tasse Tee, und träumte, während er schrieb, zum luftigen,
+hellen Fenster hinaus. Träumen, und doch seine Pflicht
+nicht hintenansetzen, das verstund er prächtig. »Ich verdiene
+so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine junge
+Frau damit haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn
+er arbeitete, zum Fenster hinein, das entzückte ihn sehr.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte
+sich Simon folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine
+lange, rote Nase und ist ein Tyrann, aber ich komme
+sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein mürrisches,
+gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie
+gut ich mich allen seinen, und oft ungerechten Geboten
+unterziehe. Ich liebe es, wenn es ein wenig scharf zugeht,
+das paßt mir, das schwingt mich bis zu einer gewissen
+warmen Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust.
+Er hat eine schöne, schlanke Frau, die ich malen
+möchte, wenn ich ein Maler wäre. Sie hat, glauben
+Sie es nur, wunderbar große Augen und herrliche Arme.
+Oft macht sie sich etwas bei uns im Bureau zu schaffen;
+wie muß sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen.
+Ich zittere, wenn ich solche Frauen sehe und bin
+doch glücklich. Lachen Sie? Ihnen gegenüber bin ich
+leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich
+hoffe, Sie sehen das gerne an mir.«</p>
+
+<p>Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr
+war. Sie war ein merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen
+hatten einen wundervollen Glanz, und ihre Lippen waren
+geradezu schön.</p>
+
+<p>Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht
+Uhr zur Arbeit gehe, fühle ich mich so schön verwandt
+mit allen denen, die ebenfalls morgens um acht Uhr
+anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne
+Leben! Und doch wie schön und gedankenvoll ist gerade
+diese Einförmigkeit. Man sehnt sich beständig nach etwas,
+das an einen herantreten sollte, das einem begegnen
+müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer
+Teufel, kommt sich so verloren vor in all der Gebildetheit,
+Geordnetheit und Exaktheit. Ich steige die vier
+Treppen hinauf und trete ein, sage guten Tag und beginne
+mit meiner Arbeit. Du guter Gott, wie wenig
+<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a>
+muß ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man doch
+von mir. Wie wenig scheint man zu ahnen, daß ich
+noch ganz anderes fähig wäre. Aber mir behagt jetzt
+diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner Arbeitgeber.
+Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe
+alle Aussicht ein Denker zu werden. Ich denke oft an
+Sie!«</p>
+
+<p>Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren
+Sie fort, es interessiert mich, was Sie da sagen.«</p>
+
+<p>»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon
+weiter, »ich kann da bei Ihnen sitzen, und es hindert
+mich niemand daran, stundenlang mit Ihnen zu plaudern.
+Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden,
+daß ich nicht ohne Anmut spreche, und ich muß
+jetzt innerlich furchtbar lachen, weil ich das gesagt habe.
+Aber ich sage eben alles, was mir gerade durch den Sinn
+schießt, wäre es auch zum Beispiel gerade ein Eigenlob.
+Ich kann mich auch mit ebensolcher Leichtigkeit tadeln,
+und es freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit
+habe. Sollte man denn nicht alles aussprechen dürfen?
+Wie vieles geht verloren, wenn man es erst langsam
+prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich
+spreche, und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben
+heraus. Wenn ich eitel bin, so muß eben meine Eitelkeit
+ans Licht treten, wäre ich geizig, der Geiz spräche
+aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne
+Zweifel die Honettheit aus meinem Munde tönen, und
+würde mich Gott zu einem braven Menschen gemacht
+haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was ich auch
+immer spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos,
+weil ich mich und uns ein wenig kenne und weil
+ich mich davor schäme, im Gespräch Furcht zu bezeigen.
+Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden beleidige,
+verletze, kränke oder ärgere, kann ich den üblen Eindruck
+<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a>
+nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen?
+Ich denke über mein Sprechen erst nach, wenn ich auf
+dem Gesicht meines Zuhörers unangenehme Falten sehe,
+so wie jetzt auf Ihrem Gesicht, Rosa.«</p>
+
+<p>»Das ist etwas anderes.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Sind Sie müde?«</p>
+
+<p>»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich
+bin allerdings jetzt müde. Sie sind hübsch, wenn Sie
+sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.«</p>
+
+<p>Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand
+entgegen, dieser küßte die Hand, sagte gute Nacht und
+ging fort. Als er weg war, weinte die kleine Rosa lange
+still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten, einen jungen
+Mann mit Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt, edelgeschnittenem
+Mund, aber liederlicher Lebensart. »So
+liebt man die, die es nicht wert sind,« sagte sie für
+sich, »und doch, liebt man etwas deshalb, weil man einen
+Wert abschätzen möchte? Wie lächerlich. Was geht mich
+das Wertvolle an, wo ich das Geliebte haben möchte.«
+Dann ging sie zu Bett.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>Zweites Kapitel.</h2>
+
+<p>Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde,
+vor einem eleganten, freigelegenen Hause, das
+einen Garten hatte, ziemlich schüchtern an. Ihm war,
+als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er es läuten
+hörte. Wenn er jetzt drinnen im Hause zum Beispiel
+als Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht gerade beim
+Mittagstisch, würde er, sich zu seiner Frau träge umwendend,
+gefragt haben: Wer klingelt denn jetzt, gewiß
+ein Bettler! »Vornehme Leute,« dachte er, während er
+wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in
+der Kutsche, oder beim Anziehen, wo ihnen Diener und
+Dienerinnen behilflich sind, dagegen Arme immer draußen
+in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen, wie ich
+jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme
+Leute haben in der Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen,
+Reiche kalte, weite, geheizte, gepolsterte und vernagelte!
+Ach, wenn nur rasch jemand herbeigesprungen käme,
+wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen Türe
+Warten hat etwas Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz
+meinem bißchen Welterfahrung, auf schwachen Beinen.«
+&ndash; In der Tat, er zitterte, als ein Mädchen herbeisprang,
+um dem Draußenstehenden zu öffnen. Simon mußte
+immer lächeln, wenn jemand ihm eine Tür öffnete und
+ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht ohne
+<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a>
+dieses Lächeln ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah,
+und das vielleicht bei vielen Menschen zu beobachten
+ist.</p>
+
+<p>»Ich suche ein Zimmer.«</p>
+
+<p>Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab,
+die den Ankommenden aufmerksam prüfte. Simon war
+es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte, daß sie ein
+Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre
+Freundlichkeit nicht verlor.</p>
+
+<p>»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.«</p>
+
+<p>Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte
+dabei zum ersten Male in seinem Leben mit der Hand
+eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen Mann
+das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete.</p>
+
+<p>»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich
+überrascht war, »viel zu schön für mich, leider, viel
+zu fein für mich. Sie müssen wissen, ich bin ein so
+wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch. Und
+doch, ich würde sehr gerne darin wohnen, allzugerne, viel,
+vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan
+gewesen, mir dieses Gemach zu zeigen. Viel besser,
+Sie würden mich zu Ihrem Hause hinausgewiesen haben.
+Wie komme ich dazu, meine Blicke in einen so heiteren,
+schönen, wie als Wohnung für einen Gott geschaffenen
+Raum zu werfen. Welch schöne Wohnungen
+bewohnen doch die Wohlhabenden, die, die etwas besitzen.
+Ich habe nie etwas besessen, bin nie etwas gewesen, und
+werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas
+sein. Welch schöne Aussicht aus den Fenstern, und so
+hübsche, glänzende Möbel, und so reizende Vorhänge,
+die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich
+würde hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden,
+wenn es wahr ist, wie man sagen hört, daß Umgebungen
+den Menschen verändern können. Darf ich es noch
+<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a>
+ein wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen
+bleiben?«</p>
+
+<p>»Gewiß dürfen Sie das.«</p>
+
+<p>»Ich danke Ihnen.«</p>
+
+<p>»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf,
+inwiefern sind Sie »nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?«</p>
+
+<p>»Ich bin ohne Stelle!«</p>
+
+<p>»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt
+drauf an!«</p>
+
+<p>»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf
+ich, wenn ich ohne Falsch sprechen soll, auch nicht sagen.
+Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie verläßt sie mich.
+&ndash; Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher
+Mensch, dem es nicht einmal von ferne einfällt, seine
+jetzigen kargen Tage mit den früheren glänzenden zu
+vergleichen. Er lebt wie ein Junger von fünfundzwanzig
+Jahren und gibt sich in keiner Weise Gedanken
+über seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn
+nachzuahmen. Wenn er bei seinem schneeweißen Alter
+noch munter sein kann, so muß es dreißig-, ja hundertmal
+seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf hoch
+zu tragen und die Menschen mit Augen wie der Blitz
+anzuschauen. Aber die Mutter gab mir, und meinen
+Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf die
+Welt. Die Mutter ist gestorben.«</p>
+
+<p>Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes
+Ach aus dem Munde.</p>
+
+<p>»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder
+sprechen immer und immer über sie, wann und wo wir
+auch immer zusammentreffen. Wir leben zerstreut auf
+dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn
+wir haben alle solche Köpfe, wissen Sie, die nicht lange
+zueinander taugen. Wir haben alle eine etwas schwere
+<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a>
+Art, die hinderlich sein würde, wenn wir verbunden
+unter den Menschen aufträten. Das tun wir gottlob
+nicht, und jedes von uns weiß genau, warum wir es nicht
+tun wollen. Doch lieben wir uns, wie es sich geziemt.
+Einer meiner Brüder ist ein nicht unbekannter Gelehrter,
+ein anderer ist ein Spezialist im Börsenfach,
+wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder,
+weil ich ihn mehr als einen Bruder liebe, und es mir, wenn
+ich an ihn denke, nicht einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben
+an ihm, als eben den Umstand, daß er der
+meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst nichts. Mit
+diesem Bruder zusammen möchte ich hier bei Ihnen
+wohnen. Groß genug wäre das Zimmer. Aber es
+geht wohl nicht gut. Wieviel kostet <ins title="es?">es?«</ins></p>
+
+<p>»Was ist Ihr Bruder?«</p>
+
+<p>»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das
+Zimmer verlangen? &ndash;&nbsp;&ndash; So viel? Es ist sicherlich
+nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns ist es viel
+zu viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich
+Sie eindringlich anschaue, sind wir zwei Menschen nicht
+dazu geeignet, in diesem Hause aus- und einzugehen,
+als ob wir darin ansässig wären. Wir sind noch so
+grob, wir würden Sie enttäuschen. Auch haben wir
+die Gewohnheit, mit Bettbezügen, Möbelstücken, Wäschegegenständen,
+Fenstervorhängen, Türklinken, Treppenabsätzen
+hart umzugehen, das würde Sie erschrecken, Sie
+würden uns böse werden, oder Sie würden vielleicht
+verzeihen, ein Auge bemühen zuzudrücken, was noch
+schmählicher wäre. Ich möchte nicht veranlassen, daß
+Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher, sicher!
+Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe es zu deutlich.
+Wir haben, im Grunde genommen, für alles feine Wesen
+auf die Länge wenig Hochachtung übrig. Dergleichen
+Menschen, wie wir sind, müssen vor reichen Gartengittern
+<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a>
+stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über
+den Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu
+machen. Wir sind Spötter! Adieu!«</p>
+
+<p>Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen
+Glanz angenommen, und nun sagte sie auf einmal:
+»Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie annehmen.
+Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen
+schon einig werden.«</p>
+
+<p>»Nein lieber nicht!«</p>
+
+<p>Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief
+ihm die Stimme der Dame nach: »Bitte, bleiben Sie
+doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten holte sie
+ihn ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie
+zu horchen: »Was fällt Ihnen ein, so schnell wegzugehen.
+Sehen Sie, ich will, ich möchte Sie beide dabehalten.
+Und wenn Sie auch nicht bezahlen! Was macht das?
+Gar nichts, gar nichts, kommen Sie doch, kommen Sie.
+Treten Sie mit mir in dieses Zimmer. Marie! Wo
+bist du? Bringe doch gleich den Kaffee hier ins Zimmer.«</p>
+
+<p>Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch,
+Sie und Ihren Bruder näher kennen zu lernen. Wie
+konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so allein
+in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt.
+Mein Mann ist die ganze Zeit abwesend, auf weiten
+Reisen, er ist Forscher, segelt auf allen Meeren, von
+deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine
+Ahnung hat. Bin ich nicht eine arme Frau? Wie heißen
+Sie? Wie heißt der andere, Ihr Bruder? Ich heiße
+Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau Klara. Ich
+mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie
+nun etwas zutraulicher geworden? Würde mich sehr,
+so sehr freuen. Glauben Sie nicht, das wir miteinander
+leben und auskommen können? Gewiß, das wird
+schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen.
+<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a>
+Ich fürchte mich nicht, Sie in meinem Hause zu haben.
+Sie haben ehrliche Augen. Ist Ihr Bruder älter als Sie?«</p>
+
+<p>»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch,
+als ich.«</p>
+
+<p>»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen
+dürfen.«</p>
+
+<p>»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.«</p>
+
+<p>»Mein Mann heißt Agappaia.«</p>
+
+<p>Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie
+sich rasch und lächelte.</p>
+
+<p>Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind
+eigentlich seltsame Käuze, wir zwei. Wir treiben uns
+auf diesem Erdboden umher, als ob nur wir, und sonst
+keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben eigentlich
+eine verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst
+unter den Männern nichts ausfindig zu machen gäbe,
+was wert könnte genannt werden, Freund zu heißen.
+Eigentlich sind wir gar keine Brüder, sondern Freunde,
+wie zwei sich einmal auf der Welt zusammenfinden.
+Ich bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht und
+begreife nicht, was ich so Tolles an Dir nur finde, das
+mich zwingt, mich immer wieder an Deine Seite, gleichsam
+an Deinen Rücken heranzudenken. Dein Kopf
+kommt mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist
+Du schon in meinem Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf
+einiger Zeit, wenn es so weiter geht, mit Deinen
+Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit
+Deinem Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher
+etwas Geheimnisvolles, wenn ich Dir sage, daß es
+gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen
+unsere Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur
+nicht können. Ich bin ja nun noch recht froh, daß
+Du noch immer nicht zu können scheinst, denn Deine
+Briefe klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig
+<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a>
+auch von mir, daß ich im Banne dieses Geheimnisvollen
+sitzen bleibe. Für uns ist es ja gut, aber, wie
+kann ich nur gar so trocken reden: ich finde es einfach,
+um nicht zu lügen, entzückend. Warum sollten nicht
+einmal zwei Brüder über das Maß hauen. Wir passen
+ganz gut zusammen, wir paßten auch schon damals
+zusammen, als wir uns haßten und beinahe totprügelten.
+Weißt Du noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf,
+mit einer Portion gesunden Lachens vermischt, um in
+Dir Bilder aufzurühren, zu leimen, zu malen, zu heften,
+die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert sind.
+Wir waren, ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache
+heraus, Todfeinde geworden. O, wir verstunden es,
+einander zu hassen. Unser Haß war entschieden erfinderisch
+im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die
+wir uns gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du
+mir einmal, um nur ein einziges Beispiel dieses jammervollen
+und kindischen Zustandes anzuführen, eine Platte
+mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und sagtest
+dazu: »Da, pack!« Ich muß Dir sagen, damals zitterte
+ich vor Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine schöne
+Gelegenheit war, mich aufs grimmigste zu kränken, und ich
+dazu nichts sagen konnte. Ich packte die Platte an,
+und war eben dumm genug, den Schmerz der Kränkung
+bis zur Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch,
+wie eines Mittags, es war ein stiller, totenstiller, sommerheißer,
+vor Totenstille ganz toller Sonntagnachmittag,
+dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam
+und Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein
+unglaubliches Werk der Überwindung, kann ich Dir
+sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung und des
+Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des
+zur ablehnenden Verachtung neigenden Feindes. Ich
+tat es, und ich bin mir dankbar dafür. Ob Du auch
+<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a>
+mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann nur
+ich abschätzen. Geh mir weg, da willst Du mir was
+dazwischenreden. Einfach nicht möglich. Weg da! &ndash;
+Wie viele köstliche Stunden habe ich von da an mit
+Dir genossen. Ich fand dich auf einmal zart, liebend
+rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude brannte
+uns beiden auf den Wangen. Wir streiften, Du als
+Maler, ich als Zuschauer und Dreinreder, über die Matten
+auf den breiten Bergen, wateten im Duft des Grases, in
+der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags
+und im feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die
+Bäume sahen uns zu, was wir da oben trieben und
+die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus Zorn, daß
+sie keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu
+brechen. Abends kamen wir gräßlich zerbrochen, verstaubt,
+verhungert und vermüdet nach Hause, und auf
+einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half
+Dir wegreisen, als ob ich dazu durch Handgeld verpflichtet
+gewesen wäre, oder als hätte ich Eile gehabt, Dich
+verduften zu sehen. Gewiß war es mir eine heilige Freude,
+Dich abreisen zu sehen, denn Du reistest der großen Welt
+entgegen. Wie wenig groß ist die große Welt, Bruder.</p>
+
+<p>Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich
+beherbergen, wie ich eine Braut beherbergen würde,
+von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei,
+auf Seide zu liegen und von Bedienten bedient zu
+werden. Ich habe zwar keine Dienerschaft, aber doch
+ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich
+und Du, wir beide haben ein prachtvolles Chambre
+einfach geschenkt, vor die Füße gelegt bekommen. Du
+kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in Deiner
+dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich
+sollte es jetzt Sommer sein, daß ich Deinetwegen
+im Garten ein Gartenfest mit chinesischen Lichtern und
+<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a>
+Bändern von lauter Blumen veranstalten könnte, um
+Dich einigermaßen Deiner würdig zu empfangen. Komm
+eben so, aber mach nur, daß dieses Kommen rasch vorwärtskommt,
+sonst komme ich und hole Dich. Meine
+Herrin und Wirtin drückt Dir die Hand. Sie ist davon
+überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen Schilderungen
+von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen wird, wird
+sie weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen
+wollen. Hast Du einen stattlichen Anzug? Schlottern
+Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die Kniee
+herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut
+nennen? Sonst darfst Du nicht vor mir erscheinen.
+Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß Dich von Deinem
+Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich
+kommst Du bald.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder
+Frühling zu werden, die Luft war feuchter und weicher,
+es meldeten sich unbestimmte Düfte und Klänge, die
+aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war
+weich, man schritt auf ihr wie auf dicken, biegsamen
+Teppichen. Man glaubte, Vögel singen hören zu müssen.
+»Es will Frühling werden,« so redeten sich die empfindungsvollen
+Menschen auf der Straße an. Selbst die kahlen
+Häuser bekamen einen gewissen Duft, eine sattere Farbe.
+Es ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte,
+bekannte Erscheinung, aber man empfand es als gänzlich
+neu, es regte zu einem seltsamen, stürmischen Denken
+an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die Gedanken,
+alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen
+mögen. Das Wasser des Sees glänzte so warm und
+die Brücken, die sich über den Fluß schlangen, schienen
+einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen
+flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen,
+<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a>
+sie flattern zu sehen. Die Sonne erst trieb die
+Leute in Reihen und Gruppen auf die schöne, weiße,
+saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der
+Wärme begierig fühlten. Viele Mäntel von vielen
+Menschen wurden abgelegt. Man konnte die Männer
+wieder freier sich bewegen sehen und die Frauen machten
+so sonderbare Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges
+zu den Herzen herauskommen. In den Nächten hörte
+man wieder zum ersten Mal den Klang der vagabondierenden
+Gitarren, und Männer und Frauen standen im
+Gewühl der fröhlichen, spielenden Kinder. Die Lichter
+der Laterne flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und
+man empfand, wenn man über nachtdunkle Wiesen
+hinschritt, das Blühen und Regen der Blumen. Das
+Gras wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr
+Grün bald wieder über die niederen Hausdächer schütten
+und den Fenstern die Aussicht nehmen. Der Wald wird
+prangen, üppig, schwer, o, der Wald. &ndash;&nbsp;&ndash; Simon
+arbeitete wieder in einem großen Handelsinstitut.</p>
+
+<p>Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang,
+ein großes Gebäude von palastähnlichem Aussehen, in
+welchem hunderte von jungen und alten, männlichen
+und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute
+schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen,
+auch wohl bisweilen mit ihren Gedächtnissen,
+dachten mit ihren Gedanken und machten sich nützlich
+mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche junge, elegante
+Korrespondenten, die vier bis sieben Sprachen schreiben
+und sprechen konnten. Diese schieden sich durch ihr
+feineres, ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk
+aus. Sie waren schon auf Meerschiffen gefahren,
+kannten die Theater in Paris und New-York, hatten in
+Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man
+sich in Kairo vergnügte. Nun besorgten sie hier die
+<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a>
+Korrespondenz und warteten auf Gehaltserhöhung, während
+sie spöttisch von der Heimat sprachen, die ihnen
+ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund
+zumeist aus älteren Leuten, die sich an ihre Posten
+und Pöstlein wie an Balken und Pflöcken festhielten.
+Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen
+und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten
+und zerknickten Kleidern. Es gab aber etliche
+intelligente Leute unter ihnen, die vielleicht im Geheimen
+seltsamen, kostbaren Liebhabereien frönten und so ein
+wenn auch stilles und abgelegenes so doch immerhin
+würdiges Leben führten. Viele von den jungen Angestellten
+waren dagegen feinerer Zeitvertreibe nicht fähig,
+diese stammten meist von ländlichen Grundbesitzern,
+Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab, waren, da
+sie in die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines
+Wesen anzunehmen, was ihnen jedoch schlecht gelang,
+und kamen über eine gewisse tölpische Grobheit
+nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen
+von zartem Betragen, die seltsam abstachen von den
+andern Flegeln. Der Direktor der Bank war ein alter,
+stiller Mann, der überhaupt nie gesehen wurde. In
+seinem Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des
+ganzen ungeheuren Geschäftsganges ineinandergeworfen
+zu liegen. Wie der Maler in Farben, der Musiker in
+Tönen, der Bildhauer in Stein, der Bäcker in Mehl,
+der Dichter in Worten, der Bauer in Strichen Landes,
+so schien dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter
+Gedanke von ihm, zur guten Zeit ausgedacht, brachte in
+einer halben Stunde dem Geschäft eine halbe Million.
+Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht
+nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz
+im stillen, und alle seine Untergebenen wußten nichts
+davon, gingen, wenn die Glocke zwölf schlug, zum Essen,
+<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a>
+kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden,
+gingen fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf,
+gingen wieder, wie am gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen
+die Arbeit wieder auf und keiner wußte, denn keiner hatte
+Zeit, etwas von diesem Geheimnisvollen in Erfahrung
+zu bringen. Und der stille, alte, grämliche Mann dachte
+im Direktionszimmer. Für die Angelegenheiten seiner
+Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln.
+Es hatte etwas Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und
+Gesetzgeberisches. Simon versuchte oft, sich in Gedanken
+an die Stelle des Direktors zu setzen. Aber im allgemeinen
+verschwand ihm dieses Bild, und wenn er
+darüber nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder
+Begriff: »Etwas Stolzes und Erhabenes ist dabei, aber
+auch etwas Unbegreifliches und beinahe Unmenschliches.
+Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und
+Rechner, ja sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu
+demselben Tor in dasselbe Gebäude hinein, um zu kritzeln,
+Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu fuchteln, zu
+büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier
+in den Händen herumtragen. Tun sie das etwa gern,
+tun sie es notgedrungen, tun sie es mit dem Bewußtsein,
+etwas Vernünftiges und Fruchtbringendes zu verrichten?
+Sie kommen alle aus ganz verschiedenen Richtungen,
+ja einige fahren sogar mit der Eisenbahn aus
+entfernten Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es
+noch Zeit ist, vor Antritt einen privaten Gang zu unternehmen,
+sie sind so geduldig dabei wie eine Herde von
+Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder
+in ihre speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe
+Zeit, finden sie sich alle wieder ein. Sie sehen sich, erkennen
+sich am Gang, an der Stimme, an der Manier,
+eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander
+zu tun. Sie gleichen sich alle und sind sich doch alle
+<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a>
+fremd und wenn einer unter ihnen stirbt oder eine Unterschlagung
+macht, so verwundern sie sich einen Vormittag
+lang darüber, und dann geht es weiter. Es kommt
+vor, daß einer einen Schlaganfall bekommt während
+des Schreibens. Was hat er dann davon gehabt, daß
+er fünfzig Jahre lang im Geschäft »arbeitete«. Er ist
+fünfzig Jahre lang jeden Tag zu derselben Türe ein
+und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen
+Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche
+Anzüge gewechselt und sich öfters darüber gewundert,
+wie wenig Stiefel er des Jahres verbrauche. Und jetzt?
+Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und leben
+nicht tausende von Menschen so? Sind vielleicht seine
+Kinder ihm der Lebensinhalt, ist seine Frau die Lust
+seines Daseins gewesen? Ja, das kann es sein. Ich
+will lieber über solche Dinge nicht klugreden, denn mir
+will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich noch jung
+bin. Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum
+Fenster hinausspringen, so weh tut mir dieses lange,
+lange Glieder-Nicht-Bewegen-dürfen. Ein Bankgebäude
+ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme
+sich eine Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen
+Wiese aus? Vielleicht würde meine Schreibfeder mir
+wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene Blume
+vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht
+muß das alles so sein, vielleicht hat alles einen
+Zweck. Ich erblicke nur nicht den Zusammenhang, weil
+ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist wenig
+entmutigend: vor den Fenstern dieser Himmel, im Gehör
+dieses süße Singen. Die weißen Wolken gehen am
+Himmel und ich muß da schreiben. Warum habe ich
+ein Auge für die Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher
+wäre, so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder,
+Männer und Damen, diese gingen im Frühlingstag in
+<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a>
+meinen Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich würde
+den Frühling empfinden, wenn ich meinen Schuh an
+dem fremden Fuß erblickte. Hier kann ich den Frühling
+nicht empfinden, er stört <ins title="mich.">mich.«</ins></p>
+
+<p>Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig
+über seine weichen Gefühle.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon
+auf der abendlich beleuchteten Brücke ein Mensch, der
+vor ihm mit langen Schritten daherging, auf. Die
+Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm
+einen süßen Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang,
+dieses Paar Hosen, diesen sonderbaren Kessel von Hut,
+die flatternden Haare erkennen zu sollen. Der fremde
+Mann trug eine leichte Malmappe unter dem Arm.
+Simon ging mit etwas rascheren Schritten, von zitternden
+Ahnungen befallen, und plötzlich, mit dem Schrei
+»Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den Hals. Kaspar
+umarmte seinen Bruder. Sie gingen laut miteinander
+plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen ziemlich
+steilen Weg den Berg hinauf zu machen, über dessen
+Abhang sich die Stadt mit Gärten und Villen hinzog.
+Ganz oben am Berge schauten ihnen die kleinen, verfallenen
+Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende
+Sonne flammte in den Fenstern und machte sie zu
+strahlenden Augen, die starr und schön in die Ferne
+blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über
+die Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder
+Teppich, die Abendglocken, die immer anders sind als
+Morgenglocken, tönten herauf, der See lag schwach gezeichnet,
+in seiner zarten unaussprechlichen Form zu Füßen
+der Stadt, des Berges und der vielen Gärten. Noch
+blitzten viele Lichter nicht, aber die, die leuchteten, brannten
+mit einer herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen
+<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a>
+gingen und liefen jetzt da unten in all den krummen,
+versteckten Straßen, man sah sie nicht, aber man wußte
+es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt
+herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging
+schweigend. Er war ein prachtvoller Kerl geworden.
+»Wie er daherschreitet,« dachte Simon. Endlich kamen
+sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande
+wohnst du?« lachte Kaspar. Sie traten beide ins Haus.</p>
+
+<p>Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte,
+ging in ihren großen müden Augen ein seltsames Flammen
+auf. Sie schloß ihre Augen und bog ihren schönen Kopf
+auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große
+Freude empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen,
+es erschien wie etwas ganz anderes. Sie versuchte unbefangen
+zu sein, zu lächeln, wie man zu lächeln pflegt,
+wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie vermochte
+es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich
+so müde. Wie sonderbar. Ich weiß wirklich nicht, was
+ich habe.« Die beiden suchten ihr Zimmer auf: Der
+Mond beleuchtete es. »Wir zünden gar kein Licht an,«
+sagte Simon, »laß uns so zu Bette gehen.« &ndash; Da
+klopfte jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte,
+draußen stehend: »Habt ihr auch alles Notwendige,
+fehlt euch nun nichts?« &ndash; »Nein, wir liegen schon im
+Bett, was könnte uns fehlen.« &ndash; »Gute Nacht, Freunde,«
+sagte sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie
+wieder und ging. »Sie scheint eine seltsame Frau zu
+sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie beide.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>Drittes Kapitel.</h2>
+
+<p>Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften
+aus der Mappe und es fiel zuerst ein ganzer
+Herbst heraus, dann ein Winter, alle Stimmungen der
+Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von
+allem dem, was ich gesehen habe. So schnell das Auge
+eines Malers ist, so langsam, so träge ist seine Hand.
+Was muß ich noch alles schaffen! Ich meine oft, ich
+müßte verrückt werden.« Alle drei, Klara, Simon und
+der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde wenig,
+aber nur in Ausrufen des Entzückens gesprochen. Plötzlich
+sprang Simon zu seinem Hut, der auf dem Boden
+des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig auf den
+Kopf, stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich
+habe mich verspätet.«</p>
+
+<p>»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen
+Manne nicht vorkommen!« wurde ihm auf der Bank
+gesagt.</p>
+
+<p>»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene
+trotzig.</p>
+
+<p>»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen!
+Machen Sie, was Sie wollen!«</p>
+
+<p>Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet.
+Dieser beschloß, den jungen Mann zu entlassen,
+<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a>
+er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz leiser, sogar
+gütiger Stimme. Simon sprach:</p>
+
+<p>»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt
+man vielleicht, daß man mir damit einen Schlag versetzt,
+daß man meinen Mut knickt, mich vernichtet,
+oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich,
+man schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder,
+nach so langer Zeit, einen Tropfen Hoffnung ein. Ich
+bin nicht dazu geschaffen, eine Schreib- und Rechenmaschine
+zu sein. Ich schreibe ganz gern, rechne ganz
+gern, betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen
+mit Anstand, bin gern fleißig und gehorche,
+wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft. Ich
+würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen
+wissen, wenn es darauf ankäme, aber es kommt mir
+hier seit einiger Zeit nicht mehr darauf an. Als ich
+mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig
+und ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften
+Besorgnis erfüllt, machte mir keine Vorwürfe,
+oder höchstens den Vorwurf, daß ich noch immer der
+dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt,
+springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man
+aufzieht und die eben läuft, wenn sie aufgezogen wird.
+Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie besitzen, mich
+zu entlassen, und bitte Sie, von mir zu denken, was
+Ihnen beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter, verdienstvoller,
+großer Mann, aber, sehen Sie, ich möchte
+auch so einer sein, und deshalb ist es gut, daß Sie
+mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche Tat,
+daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft
+benommen habe. In Ihren Bureaus, von denen man
+solches Aufheben macht, in denen so gern jeder beschäftigt
+sein möchte, ist von einer Entwicklung eines
+jungen Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den
+<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a>
+Vorzug zu genießen, der mit der Auszahlung eines festen
+monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich verkomme, verdumme,
+verfeige, verknöchere dabei. Sie werden es überraschend
+finden, mich solcher Ausdrücke bedienen zu
+hören, aber Sie werden es zugeben, daß ich die völlige
+Wahrheit spreche. Hier kann nur einer ein Mann sein:
+Sie! &ndash; Kommt Ihnen nie der Gedanke, es möchten
+sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die
+den Drang haben, auch Männer zu sein, wirkende,
+schaffende, achtunggebietende Männer. Ich kann es unmöglich
+hübsch finden, so ganz in der Welt auf der
+Seite zu stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein
+unzufriedener und wenig anstellbarer Mensch zu sein.
+Wie groß ist hier die Versuchung zur Furcht und wie
+klein die Verlockung, sich aus dieser jämmerlichen Furcht
+loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses
+beinahe Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man
+dazu sagen, was man nur immer will. Sie, Herr
+Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie sichtbar,
+man weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man
+gehorcht gar nicht, sondern stumpft nur seinen eigenen
+schwachen Angewöhnungen nach, die das richtige treffen.
+Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit und
+Trägheit neigende junge Leute. Hier wird nichts verlangt
+von all den Kräften, die möglicherweise den jungen
+Mannesgeist beseelen, nichts erforderlich gemacht, was
+einen Mann und Menschen auszeichnen könnte. Weder
+Mut noch Geist, weder Treue noch Fleiß, weder Schaffenslust
+noch Begierde nach Anstrengungen können einem
+hier helfen, sich vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt,
+Kraft und Fülle zu zeigen. Natürlich, es muß
+ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen, trocknen,
+erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr,
+ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, <ins title="wäre,">wäre</ins> es auch, um
+<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a>
+Erde zu schaufeln oder etliche Säcke Kohlen auf meinem
+Rücken zu schleppen. Ich liebe jedwelche Arbeit, nur
+solche nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche verfügbare
+Kräfte angespannt werden.«</p>
+
+<p>»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht
+verdient haben, ein Zeugnis ausstellen?«</p>
+
+<p>»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus.
+Wenn ich kein Zeugnis, als höchstens ein schlechtes verdient
+habe, will ich gar keines. Ich selbst stelle mir
+von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von
+nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand
+nach meinen Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen,
+klarblickenden Menschen den allerbesten Eindruck hervorrufen.
+Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen wegzugehen,
+denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur
+an meine eigene Feigheit und Furcht erinnern, an einen
+Zustand der Trägheit und Kraftentäußerung, an die Zeit
+der nutzlos dahingelebten Tage, an die Nachmittage voll
+wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen,
+aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie
+die Absicht hatten, mich in freundlicher Weise zu entlassen,
+das zeigt mir, daß ich einem Manne gegenübergestanden
+bin, der vielleicht einiges von dem, was ich
+sprach, begriffen hat.«</p>
+
+<p>»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach
+der Direktor, »Sie untergraben sich Ihre Zukunft!«</p>
+
+<p>»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart
+haben. Das erscheint mir wertvoller. Eine Zukunft hat
+man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat man
+eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt
+nur zu denken.«</p>
+
+<p>»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas
+Schlimmes erleben. Sie interessierten mich, deshalb
+habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde ich mit
+<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a>
+Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht
+haben Sie Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas
+aus Ihnen. Lassen Sie es sich immerhin gut gehen.«</p>
+
+<p>Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen,
+und er befand sich bald draußen auf der Straße.
+Vor einer Konditorei erblickte er einen Mann auf- und abgehen,
+wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem,
+vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der
+Mann erweckte sein Interesse. Es war, auf den ersten
+Blick, ein abschreckend häßlicher Mensch, mit einem ganz
+ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem
+Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem
+Ausdruck in den Augen. Sein Gang war geziert, aber
+edel, seine Kleidung fein und geschmackvoll. In der
+Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien ein
+Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der
+ganze Mann, wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes,
+Herzenbewegendes. Es schien, daß man es wagen durfte,
+diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und Simon
+tat es.</p>
+
+<p>»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres
+anzureden. Ich habe eine Vorliebe für Sie gewonnen,
+sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre Bekanntschaft
+zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht
+genügender Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie
+sind, auf offener Straße anzusprechen? Sie sehen so
+aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie irgend
+jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete.
+Es ist ein solches Gewimmel von Menschen
+hier, daß es schwer sein wird für Sie allein, die betreffende
+Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen helfen,
+wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen
+den Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht.
+Ist es eine Dame?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr
+lächelnd.</p>
+
+<p>»Wie sieht sie aus?«</p>
+
+<p>»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen.
+Große, schlanke Erscheinung. Große Augen, die, wenn
+Sie sie erblicken, Ihnen noch nachsehen, lange, lange,
+wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den Hals trägt
+sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren
+lange, herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von
+goldenen, einfachen Reifen umschlossen. Ich meine die
+Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas Volles, Ovales,
+Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund,
+obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes
+und Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens
+trägt sie gern einen breiten Hut mit herabhängenden
+Federn. Der Hut scheint dem Kopf und dem Haar nur
+so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch
+nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein
+Windspiel bei sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt.
+Sie geht nie aus ohne den Hund. Ich werde auf diesen
+Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich bin Ihnen
+dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß
+Sie mich schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren.
+Das Gewirr von Menschen wird wirklich immer größer.
+Es scheint hier ein Fest zu sein.«</p>
+
+<p>»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich
+um Feste wenig zu bekümmern.«</p>
+
+<p>»Warum denn?«</p>
+
+<p>»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!«
+Damit ging Simon durch die dichten Menschenmassen
+so schnell als möglich hindurch. Von allen Seiten
+wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber
+auch er drängte und er fand es höchst belustigend, so das
+Gewühl von Leibern und Gesichtern langsam zu durchqueren.
+<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a>
+Endlich gelangte er auf eine Art Insel, das
+heißt, auf einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich
+umsah, erblickte er plötzlich Frau Klara. Sie hatte wirklich
+einen Hund bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte
+er sich nie um die Frau näher gekümmert, wußte also
+auch nicht, daß sie die Gewohnheit hatte, mit ihrem
+Hund auszugehen.</p>
+
+<p>»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte.</p>
+
+<p>»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen
+Sie, wir gehen zusammen. Er ist von der Reise
+plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein Wort zu schreiben.
+So macht er es immer. Wie haben Sie seine
+Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem
+Auftrag Damen zu suchen? Sie sind doch ein sonderbarer
+Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung haben Sie
+aufgegeben? Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen?
+Kommen Sie! Hier durch! Hier ist besser durchkommen.
+Ich werde Sie meinem Mann vorstellen.«</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen.
+Kaspar wurde davon benachrichtigt und er fand sich zur
+bestimmten Stunde vor dem Theater, das sich als ein
+weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein.
+Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen,
+leeren Raum hin. Doch der Raum belebte sich alsobald,
+denn es erschien eine Tänzerin mit nackten Beinen und
+Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war
+von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand
+umhüllt, das, so schien es, die Linien des Tanzes
+noch einmal für sich, in der schwebenden Luft, nachzeichnete.
+Man empfand die völlige Unschuld und Grazie
+dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein,
+in der Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und
+unrein-Beabsichtigtes zu finden. Ihr Tanz löste sich oft
+<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a>
+in ein bloßes Schreiten auf, doch auch dieses blieb Tanz,
+und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von ihren
+eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn
+sie zum Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß
+krümmte, so geschah das in einer so neuen, unbefangenen
+Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich das einmal
+gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt?
+Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres
+und Naturgemäßes. Gewiß, ihre Kunst war vielleicht,
+streng nach Ballettregeln genommen, nicht allzugroß, ihr
+Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können
+und Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die
+Kunst, mit ihrer bloßen, mädchenscheuen Anmut zu entzücken.
+Wenn sie niederflog, so geschah es so süß-schwer,
+und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte
+alle Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung.
+Wenn sie sich bewegte, war sie auch erregt
+von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und ihre Erregung
+erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre
+Hände glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben.
+Das Mädchen lächelte, wenn es tanzte, es mußte glücklich
+dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde als höchste Kunst
+empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen,
+wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie
+schien wie ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem
+niedern Ufer zerschlägt und verspritzt, bald floß sie wie eine
+breite, sonnige, machtvolle Welle dahin, wie eine Welle
+mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel von
+Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer
+so seelenvoll. Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten
+mit Lust und mit Schmerzen mit. Einigen preßte der
+Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des Mit-Entzückens,
+Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß,
+da das Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende
+<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a>
+Frauen sich stürmisch erhoben, dem Mädchen
+mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in den
+Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,«
+schien aller Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine
+Tochter, wenn du's wolltest, zu nennen,« schienen die
+Damen zu jubeln. Das hundertköpfige Zuschauerpublikum
+sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß
+die Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele
+Arme bogen sich, wie wenn sie hätten liebkosen mögen,
+in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten. Man
+rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst
+die kalten, goldenen Figuren der Dekoration schienen
+lebendig werden zu wollen und den <ins title="Lorber">Lorbeer</ins>, den sie in
+den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen zu
+lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie
+gesehen. Klara war sehr entzückt, wer hätte es an diesem
+Abend nicht sein können. Nur Herr Agappaia blieb still
+und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine solche
+Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.«
+»Aber schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und
+Glanz der Freude, dieses Schimmern des Entzückens, das
+Kalte und Warme, das Bestimmte und Verschwommene,
+Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das
+schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die
+Bühne, der kleine Brennpunkt und das kleine, selige
+Mädchen darauf, die Kleider der Damen, die Gesichter
+der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar,
+es würde sehr schwer sein.«</p>
+
+<p>Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft
+denkt, da draußen liegen sie, die Wälder und Hügel
+und die weiten Wiesen, und man sitzt hier in einem
+glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber
+alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen,
+sondern auch das Bewegliche und Kleine, was die Menschen
+<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a>
+erschaffen. Ein Theater ist auch Natur. Was die
+Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas
+freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so
+fein werden wie sie will, sie bleibt doch Natur, denn sie
+ist doch nur die langsame Erfindung durch Zeiten, und
+zwar von Wesen, die an der Natur immer hangen werden.
+Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur,
+denn Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und
+diese haben Sie doch von der Natur bekommen. Nein,
+wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer recht zu
+gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn
+irgendwo müssen die Menschen gebetet haben, sonst
+werden sie schlecht. Wenn wir nun lieben, was uns
+am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere Jahrhunderte
+stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der
+Erde gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das
+Leben schneller und seliger empfinden macht, den wir
+also packen und ergreifen müssen, tausendmal, in tausend
+Momenten, was weiß ich!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe
+ich auch etwas Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.</p>
+
+<p>Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus
+dem Theater heraus und befanden sich auf dem Nachhauseweg.</p>
+
+<p>Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.</p>
+
+<p>»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.</p>
+
+<p>»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte
+Kaspar, indem er neben der Frau herging, »er ist
+wenig talentvoll, oder vielleicht war er in seiner frühesten
+Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer,
+trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg
+verspricht, wie ein Satan in seine Kunst verliebt. Alle
+seine Bilder nennt er schlecht, und sie sind es auch, aber
+<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a>
+er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer wieder
+ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben,
+wie er, muß eine Qual sein und ist eine Schande;
+denn ein Mann von Vernunft läßt sich nicht lange
+von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur
+selber, foppen und narren und peinigen. Natürlich ist
+nicht die Kunst seine Peinigerin, sondern er selber ist sein
+Quäler mit seiner armseligen Auffassung von Kunst und
+Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als wir beide
+Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten
+uns auf den Wiesen herum, unter den Bäumen, die
+ich immer nur in vollster prangendster Blütenpracht
+vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle« Zeit denke.
+Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner
+blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor
+Landschaften stand, deren Schönheit seine Fassungskraft
+überstieg. »Kaspar, sieh einmal diese gottvolle Landschaft,«
+das hat er, ich weiß nicht wie viel hundertmal, zu mir
+gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder
+zustande brachte, die mit Talent gemacht waren,
+kritisierte er sich bissig und schonungslos. Er vernichtete
+seine gelungenen Bilder und hob nur die mißlungenen auf,
+weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein Talent
+litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis
+es schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete
+und versiegte wie ein Quell, der von der Sonne
+verbrannt und ausgesogen wird. Ich riet ihm öfters,
+fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu verkaufen,
+aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft
+aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich
+mehr, wie ich nur so leicht und ziemlich frivol vor mich
+hinmalen konnte, aber er achtete mein Talent, das er
+zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst
+mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der
+<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a>
+Kunstausübung nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und
+der Naturbeobachtung bedürfe, um zu etwas zu kommen,
+und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den der
+übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache
+antun könne und müsse. Er glaubte mir wirklich, war
+aber zu schwach, um sich von seinem verbohrten Ernst,
+in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste ich
+weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die
+voll Trauer über meine Abreise klangen. Ich sei noch
+derjenige gewesen, der ihn noch ein wenig munter erhalten
+hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn
+nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen.
+Er tat es auch. Er war immer hinter mir wie
+mein leibeigener Schatten, so oft ich ihn auch kalt,
+spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied
+die Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von
+ihnen von der Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt
+zu werden. Infolgedessen lachte ich ihn aus und es
+kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich behandelt habe.
+Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener
+in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu
+studieren und mehr die Hand an den Pinsel zu gewöhnen.
+Er versuchte es und weinte beim Anblick meines sorglosen
+In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen
+wir zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie
+wissen! Über die breiten hohen Berge geht es da, in
+tiefe Täler steil hinunter und sogleich wieder hinauf.
+Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen,
+ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme
+der Beine, weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts:
+wirklich, seine Kräfte waren bereits zerrüttet von
+der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages
+erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen
+Bergweide stehend, vor uns, durch Tannengeäst hindurch
+<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a>
+die drei Seen meiner Heimat. Erwin schrie bei diesem
+Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich
+schön. Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und
+Glocken tönten herauf. Die Stadt konnte man noch
+nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der ausgestreckten
+Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die
+Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend
+die Seen ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen,
+mit entzückend zierlichen Uferbildungen, und so weit in
+der Ferne, und doch so nah. Noch an diesem Abend
+rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause an.
+Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den
+ich brachte. Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein.
+Sie schloß sich mit der Zeit an ihn an, und ich darf
+glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr brannte.
+Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit
+ihrem Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher
+und achtungsvoller von ihm zu reden, wenn ich
+von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange hielt
+es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm
+er Abschied. Meiner Schwester hat er einen Spruch
+ins Tagebuch schreiben müssen. Wie komisch das alles
+ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr
+ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und
+sich eine Zukunft mit meiner Schwester ausgedacht.
+Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte einige Sorge,
+meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen.
+Aber sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen.
+Er durfte sie nicht anschauen, er wagte
+es nicht. Kam er sich vor wie ein Erbärmlicher? Leicht
+möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß
+Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten,
+denn er hatte ein Muttermal quer über das ganze
+Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das immer
+<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a>
+veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und
+dann frug er mich einmal, ob er meiner Schwester
+schreiben dürfe. »Was geht das mich an,« rief ich aus.
+»Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach
+Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren.
+Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt
+von ihm, wenigstens zeigte ich ihm die Kälte, denn es
+war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten gegenüber
+warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die
+ich nicht beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und
+auch jetzt antworte ich nicht. Er hängt zum Verzweifeln
+an mir. Ist es da nötig, noch zu antworten? Er ist
+verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine
+gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat
+kein Mensch ein so inniges Bündnis mit mir gehabt
+wie er, und wenn ich an jene Tage denke, wo wir zusammen
+an der Natur hingen! Was geht alles in der
+Welt vorüber. Man muß schaffen, schaffen und nochmals
+schaffen, dazu ist man da, nicht zum Bemitleiden.«</p>
+
+<p>»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid
+mit ihm. Ich möchte, daß er hier wäre, und wenn er
+krank wäre, wie gerne möchte ich ihn pflegen. Ein
+unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König.
+Wie tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so
+talentlos zu wissen. Ich kann es mir so gut denken.
+Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da Sie
+keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich
+hätte Zeit. Was für arme Menschen gibt es doch auf
+der Welt!«</p>
+
+<p>Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten
+Mal ihre Hand: »Wie gut Sie sind!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das
+Haus war ein dunkler Fleck im Dunkel. Simon und
+Agappaia warteten auf die beiden andern an der Haustür.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen
+hineingehen.«</p>
+
+<p>»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.</p>
+
+<p>Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen
+wollte hörte er plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt
+bis zum äußersten sprang er auf, riß das Fenster auf
+und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er hinunter.
+Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde
+her. Der Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt.
+Plötzlich vernahm er, wie unten eine Männerstimme
+sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie. Verzeihen
+Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts
+öfters im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen,
+so den Schuß knallen und widerhallen zu hören. Der
+eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn alles so
+still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie
+Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen
+Fenster. Die Nächte sind jetzt noch kühl. Gleich werden
+Sie wieder schießen hören und dann werden Sie sich
+wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine
+Frau. Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte
+sich wieder nieder. Dennoch fand er keinen Schlaf. Die
+Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig geklungen,
+so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So
+eisig, eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben
+darin lag das Eisige. Es mußte etwas dahinter stecken.
+Aber vielleicht kannte er nur dieses Mannes Gewohnheiten
+nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage
+ja sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig,
+das fördert das Anwachsen der Käuze. Man
+wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen Kauz. So
+mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr
+in seinen Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach
+Sport und schlägt alle fremden Gedanken damit
+<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a>
+nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu schlafen.«
+&ndash; aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten
+zu tun hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in
+dunkle Zimmer zu gehen wagen, die nicht einschlafen
+können im Dunkel. Die Eltern prägen den Kindern die
+fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann
+zur Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern.
+Da greift nun das Kind im Dunkel, im dicken Dunkel
+und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst und das
+Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht
+das Kind mit der Angst. Das Kind hat soviel Talent,
+Angst zu haben, daß die Angst immer größer wird. Sie
+bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist etwas so
+Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum
+Beispiel gern schreien wollen, aber es wagt es nicht.
+Dieses Nicht-Wagen vergrößert noch seine Angst; denn
+etwas Furchtbares muß da sein, wenn man nicht einmal
+vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind
+glaubt, jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig
+einen das macht, sich solch ein armes Kind vorzustellen.
+Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein Geräusch zu
+erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins.
+Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn
+man schon einmal im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt
+schon: hinhorchen <ins title="uud">und</ins> beinahe das eigene Horchen
+hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal
+horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind
+weiß zu unterscheiden in seiner namenlosen Angst. Wenn
+man sagt: hören, so wird eigentlich etwas gehört, aber
+wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man
+hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des
+Kindes, das in eine dunkle Kammer eingesperrt wird,
+zur Strafe für Unarten. Denke man sich jetzt, daß jemand
+herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber
+<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a>
+nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der
+das denkt, stirbt mit dem Kinde vor Schreck. So zarte
+Seelen haben Kinder, und solchen Seelen solche Schrecknisse
+zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure unartigen
+Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt
+habt, Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu
+empfinden.&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte
+noch in dieser Nacht etwas vorkommen. Er schlief ein,
+und als er am Morgen erwachte, sah er seinen Bruder
+ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen
+mögen. Er zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken,
+so behutsam wie möglich an, öffnete leise die Türe und
+ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe begegnete
+er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet
+zu haben. Simon hatte jedoch kaum guten
+Morgen gesagt, als ihn auch schon die Frau, die heftig
+bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog und
+voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja
+sein Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger
+Stimme.</p>
+
+<p>»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine
+Gewohnheit, Zärtlichkeiten, die nicht ihm galten, sanft
+abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele erst recht
+in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern
+schloß ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre
+beiden Hände nahm und Küsse auf seine Stirne und
+auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so lieb wie
+einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so
+wenig und so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich
+habe alles gegeben. Wirst du mich meiden? Nein,
+nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß es.
+Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst
+deinen Bruder, wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke
+<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a>
+und Willen. Erzähle mir von dir. Wie schön kommst
+du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann
+dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne
+dich kaum fassen. Und doch, wie vertrauensvoll wirft
+man sich dir entgegen. Küsse mich. Ich bin dein, in
+dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das
+Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß
+man dich nicht versteht. Du verstehst alles. Du bist
+gut zu mir, sage, sage ja. Nein, sage nicht ja. Es ist
+nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen haben
+schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte
+schon lange, daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich
+nur nicht zur Kälte. Schläft er? O nein, gehe noch
+nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir.
+Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht
+wahr.«</p>
+
+<p>In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber
+Simon wehrte ihr ab, ganz sanft, wie es seine Art war.
+Er sagte, er wolle einen Spaziergang machen. Sie sah
+ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich
+nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr,
+wenn sie mich zu einem Dienst braucht; selbstverständlich!«
+sagte er zu sich. »Ich würde wahrscheinlich mein
+Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem
+Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist
+ziemlich sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie
+hat so etwas Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht
+mich natürlich, aber was ist da weiter zu grübeln. Ich
+habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel heute
+morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie
+feine, geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder
+spüre, bin ich glücklich, und da denke ich an keinen Menschen
+auf der Welt, weder an ein Weib, noch an einen
+Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im
+<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a>
+Wald so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu
+sein. Mag jetzt eine Seele an mich denken, mag sie,
+oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die meinige an gar
+nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse
+Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil,
+ist die Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich,
+herrlich. Wie das Gras in der Sonne blitzt. Wie der
+weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja auch
+heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an
+jemand denke, dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist
+es, so wie ich jetzt bin. Lieblicher Morgen. Soll ich
+dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein Lied. Viel
+lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder
+Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>Viertes Kapitel.</h2>
+
+<p>An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in
+einem kleinen, farbigen Boot auf dem See. Der See
+war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel. Ab
+und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab
+es für eine kurze Zeit breite, sanfte Wellen, und sie
+durchschnitten diese Wellen. Klara war in ein ganz
+schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an
+den schönen Armen und Händen träge herunter. Den
+Hut hatte sie abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst,
+ganz unabsichtlich, mit einer schönen Bewegung der
+Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen
+Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte
+nichts sagen. »Wie schön das Wasser ist, es ist wie ein
+Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war heiter wie die
+Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel.
+Das Blau des Himmels war von einem duftenden und
+schimmernden Weiß durchzogen. Das Weiß trübte ein
+wenig das Blau, verfeinerte es, machte es sehnsüchtiger
+und schwankender und milder. Die Sonne schien halb
+durch, wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit
+in allem, die Luft fächelte ihnen um das Haar und
+das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst, doch ohne Sorgen.
+Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er
+die Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung
+<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a>
+weiter. Er bog sich nach der versinkenden Stadt um,
+sah die Türme und Dächer in der halben Sonne leicht
+glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken
+liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische
+Trambahn sprang mit ihrem eigenartigen Geräusch
+vorüber. Die Drähte sausten, die Peitschen knallten,
+Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von
+irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken
+in all die Stille und in all das ferne, zitternde Geräusch
+hinein. Sie empfanden beide eine unaussprechliche Freude
+am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es
+wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende,
+wie sie waren, hörten sie alles in einen einzigen Ton
+überschlagen. Ein Strauß von einfachen Blumen lag
+in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock ausgezogen
+und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und
+alle diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein
+Haufen von Ameisen nach allen Straßenrichtungen auseinander.
+Es wimmelte auf der weißen Brücke von
+schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran
+dachte, daß jeder dieser schwarzen Punkte einen Mund
+hatte, mit dem er jetzt das Mittagessen essen wollte, so
+mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein Bild des
+Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei.
+Auch sie kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch
+Menschen, die Hunger bekamen; und je näher sie dem
+Ufer kamen, desto größer wurden wieder die Ameisen;
+und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte,
+wie die andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen
+Bäumen auf und ab. Viele Neugierige schauten
+sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau in dem
+langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem
+Flegel von Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose
+trug, der so seltsam frech abstach von der Dame, die er
+<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a>
+begleitete. So pflegen sich die Menschen zu empören
+und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam
+jemand auf Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der
+Tat einer, der Grund hatte, ihn auf diese Weise zu begrüßen,
+nämlich Klaus, der seinen Bruder schon seit
+Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die
+Schwester und ein anderer Herr, und nun begrüßte sich
+alles gegenseitig. Der fremde Herr hieß Sebastian.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit
+entfernt, in einer Speisehalle, einem kleinen Raum,
+vollgepfropft mit essenden Menschen. Hier pflegte allerhand
+Volk zu essen, das billig und schnell essen mußte.
+Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit
+und Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja
+mit dem Gelde zu rechnen. Das Speisehaus war von
+einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle zusammen
+gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl
+nannten. In der Tat, wer da hineinging, der mußte
+mit einem mäßigen und dünnen Essen zufrieden sein.
+Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die
+kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen,
+die hier verkehrten, schien das Essen zu behagen, das
+aus einem Teller Suppe, einem Stück Brot, einer
+Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen und
+zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts
+zu wünschen übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit,
+aber im Grunde genommen war sie schnell genug in
+Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam
+sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine
+Ungeduld nach noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte.
+Es war ein immerwährendes Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen
+und Essen-Verschlingen. Mancher, der
+verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch
+<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a>
+nicht soweit zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu
+erwarten hatten, was doch eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen.
+Warum aßen sie so schnell. Eine
+absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die
+Bedienung bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus
+der ländlichen Umgebung der Stadt. Eine kurze Zeit
+waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber sie
+lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu
+gewinnen, ganz dringende, brennende Wünsche zu befriedigen.
+Wo so viele Wünsche waren, mußte unter
+den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden.
+Ab und zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes,
+eine der Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es
+aß. Eine solche Dame setzte ihre Lorgnette ans Auge
+und musterte das Essen und diejenigen, die es verzehrten.</p>
+
+<p>Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen
+und freute sich immer, wenn sie kamen, denn es kam
+ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen Frauen
+einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie
+diese sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das
+Volk nicht ein großes, armes, kleines Kind das bevormundet
+und überwacht werden muß?« rief es in ihm,
+»und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen,
+die doch vornehme Damen sind und gütige Herzen haben,
+als von Tyrannen im alten, freilich heroischeren Sinn?«
+&ndash; Was aß nicht alles in der Eßstube, zu einer friedlichen
+Familie vereint! Studentinnen in erster Linie.
+Hatten Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental
+zu essen? Und dann Dienstmänner in blauen,
+leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen, großen,
+borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern
+im Gesicht. Was konnten sie dafür, daß sie eckige
+Mäuler hatten? Mancher im Hotel Royal hatte gewiß
+<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a>
+auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart
+herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit
+einer Rundung, aber was hatte das wohl zu heißen?
+Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da, arme
+Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose
+und auch solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen.
+Ebenso verkehrten hier Frauen von schlechtem Lebenswandel,
+Weiber mit seltsamen Frisuren und blauen Gesichtern,
+dicken Händen und frechen aber verschämten
+Blicken. Alle diese Leute, allen voran natürlich die
+heiligen Betbrüder, die ebenfalls zu sehen waren, benahmen
+sich in der Regel schüchtern und zuvorkommend.
+Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein
+Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises
+und höfliches. Das war der sichtbare Segen des Volkswohles
+und der Mäßigkeit. Etwas Drolliges, etwas
+Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas Befreites
+lag auf den armseligen Menschen, in ihren
+Manieren, die bunt waren wie die Farben eines Sommervogels.
+Wie mancher benahm sich hier feiner als der
+Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen,
+wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer
+gelangte. Würfelte denn nicht das Leben
+die Schicksale der Menschen heftig durcheinander wie mit
+einem Würfelbecher? Simon saß in einer kleinen Ecke,
+einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück
+Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu:
+»Was brauche ich mehr zu essen an einem so schönen
+Tage. Blickt nicht der blaue Frühsommerhimmel holdselig
+durch das Fenster auf mein goldnes Essen herab.
+Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur
+den Honig: hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes
+Aussehen? Dieses Gold fließt so angenehm auf dem
+kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit
+<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a>
+dem spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir
+vor wie ein Goldgräber, der einen Schatz entdeckt hat.
+Das Weiß der Butter liegt entzückend daneben, dann
+folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und
+über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in
+der zierlichen, sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf
+der Welt, das schöner und appetitlicher aussehen könnte?
+Und ich stille meinen Hunger damit ganz vortrefflich,
+und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu
+stillen, um sagen zu können: ich habe gegessen? Es
+soll Menschen geben, die sich aus dem Essen eine Kultur,
+eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht auch
+von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine
+bescheidene und meine <ins title="Kulter">Kultur</ins> eine delikatere, denn ich
+genieße das Wenige stürmischer und üppiger als jene
+das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe
+außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge,
+ich könnte sonst leicht den Appetit darnach verlieren.
+Mir liegt daran, immer und immer wieder Lust zum
+Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein.
+Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung
+mit immer neuen Menschen.«</p>
+
+<p>Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht,
+als ein alter Mann in weißen Haaren sich auf den
+freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten Mannes Gesicht
+war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase
+tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an
+seiner Nase, der nicht fallen konnte, der aber doch schwer
+zum Fallen war. Beständig glaubte man ihn herunterfallen
+sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing immer
+noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen
+Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem
+er mit der Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute,
+mit umständlichem Behagen. Aber vorher hatte er die
+<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a>
+Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen Herrgott
+zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen
+Spaß: er bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem
+aufwartenden Mädchen und als das Bratenstück herankam,
+mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm
+und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.</p>
+
+<p>»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon
+einfach.</p>
+
+<p>»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der
+alte Mann.</p>
+
+<p>»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben.
+Ich interessierte mich bloß, welches Gefühl Sie dazu
+könnte veranlaßt haben.«</p>
+
+<p>»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr!
+Sie zum Beispiel beten gewiß nicht. Dazu haben junge
+Leute von heute keine Zeit und auch kein Verlangen
+mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre
+ich bloß in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir
+das angewöhnt und es hat mir Trost gespendet.«</p>
+
+<p>»Waren Sie immer ein armer Mann?«</p>
+
+<p>»Immer.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><ins title="»Indem">Indem</ins> der alte Mann das sagte, erschien in dem
+dumpfigen, wenngleich sauberen, so doch armseligen Speiselokal
+die schöne Gestalt der Frau Klara. Sämtliche Hände,
+die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer, oder den
+Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick,
+in ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten
+sich auf, alle Augen hefteten sich fest auf eine Erscheinung,
+die so wenig geeignet schien, etwas in diesem
+Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete
+Dame und war es in diesem Moment noch viel mehr.
+Es war gerade, auch für Simons Augen und Sinne,
+als wenn sich aus einem offenen, flatternden Himmel
+ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und
+<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a>
+dort irgend ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen,
+die dort wohnen, mit seinem bloßen seligen Anblick zu
+beglücken. So dachte sich Simon immer eine Wohltäterin,
+die hingeht, zu den Elenden und Armen, die
+nichts besitzen, als den zweideutigen Vorzug, von Moment
+zu Moment mit Sorgen wie mit Ruten gepeitscht zu
+werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz
+wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres,
+fernes, zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus
+einer andern Schicht und Welt. Das war ja das Herrliche,
+Strahlende, das alle diese schüchternen Menschen
+veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu
+kämpfen und die Hände zu halten mit der andern Hand,
+daß das Messer nicht herausfiel vor heftigem Erbeben. Klaras
+Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit Schmerz
+etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den
+Sinn, was es noch, außer rauher Arbeit und Kummer
+um das tägliche Brot, auf der Welt gäbe. Von dieser
+Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden Reizes
+hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr
+zerfloß ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten,
+zerrieb sich in Sorgen, klammerte sich um
+Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt, wenn vielleicht
+nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual
+ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft
+man sich zu berauschen meint, die einen tötet, wenn der
+Gedanke sich dazu versteigt, mit ihrem Lächeln mitzulächeln.
+Deshalb machten sie unwillkürlich auch alle
+Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf,
+die sie alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an
+engen Plätzen festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe,
+hoch aufrecht stand. Sie schien jemand zu suchen. Simon
+hielt sich still in seiner Ecke und lächelte die Umherblickende
+unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht,
+<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a>
+obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es
+mochte sie anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte
+dunkle, vermischte Bild zu gewöhnen und Gestalten zu
+fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst überhaupt
+nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig
+geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem
+Blick streifte und erkannte. »Also hier sitzen Sie, und
+noch dazu in solch eine Ecke gedrückt?« sagte sie, und
+setzte sich mit der <ins title="größen">größten</ins> Freude neben ihn nieder, auf
+den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten
+Mann, dessen Nase immer noch den großen glitzernden
+Tropfen trug. Der Greis schlief. Es war nicht gestattet,
+in solchen Lokalen zu schlafen, aber es war ein alltägliches
+Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie gegessen
+hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu
+bezähmender Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht
+eine lange nutzlose Fußwanderung durch alle Straßen
+der Stadt hinter sich. Er mochte vielleicht um Arbeit
+nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken nur
+leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte
+er es vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag
+zu erreichen, hatte seine äußersten Kräfte angespannt, um
+einen Berg zu erklimmen, denn die Stadt liegt den Berg
+hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen
+worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod
+im Herzen, mit zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß
+sich der Greis überhaupt vielleicht, wie man vermuten
+durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte, daß er noch
+den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur
+zu denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes.
+Aber man konnte auf diesen Gedanken sehr wohl kommen.
+Dieser Greis hatte nirgends eine Heimat, als hier
+in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn
+dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht
+<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a>
+betete er, um dem furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise,
+besänftigende Melodie zu verschaffen. Deshalb sagte er:
+»Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts weniger als Hang
+zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige
+Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte,
+eine Kinder- oder Tochterhand zu fühlen, die leise und
+trostvoll über seine arme, zerfaltete Stirne hinstrich.
+Vielleicht hatte der alte Mann Töchter gezeugt, &ndash; und nun
+er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht einer
+abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen
+sah, den Kopf seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf
+stützend. Klara sagte: »Ihr Bruder ist gekommen, Simon,
+in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester und dann
+noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte
+Simon, was er schuldig war, und sie gingen zusammen
+fort. Als sie fortgegangen waren, bemerkte eines der
+bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie rüttelte
+und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge:
+»Nicht schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen
+Sie nicht schlafen!« Da erwachte der alte Mann.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag.
+Alle Welt lustwandelte am schönen Seeufer entlang,
+unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn man
+hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden
+Menschen, spazierte, fühlte man sich in ein Märchen
+versetzt. Die Stadt loderte im Feuer der untergehenden
+Sonne und später brannte sie, schwarz und dunkel, in
+der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne
+im Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes.
+Der See glitzerte im Dunkel, und die vielen Lichter
+schimmerten in der Tiefe des stillen Wassers. Herrlich
+sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken
+ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen
+<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a>
+Boote vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen
+in den Nachen, oft auch erklang aus einem größeren,
+langsam und feierlich dahinschwebenden, flachen Boote
+der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe.
+Der Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder
+tönend heraus, hell und warm, dunkel und herzenergreifend.
+Wie weit klang das einfache Instrument,
+von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht
+schien noch größer und tiefer dadurch zu werden. Aus
+der weiten Uferferne schimmerten die Lichter der ländlichen
+Ansiedelungen herüber, als wären sie blitzende, rötliche
+Steine im dunklen, schweren Gewand von Königinnen.
+Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen
+wie ein schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund
+des nächtlichen Himmels breitete sich über alle Augen
+aus, über die Berge und die Lichter. Der See hatte
+etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den
+See Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes.
+Ganze Gruppen von Menschen bildeten sich. Junge Leute
+schienen zu schwärmen, und auf allen Bänken saßen
+dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an flatterhaften,
+stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und
+auch nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge
+behielten, die hinter ihnen hergingen, immer etwas
+zögernd und dann wieder vorstürmend, bis sie schließlich
+den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen.
+Manch einem wurde an diesem Abend der
+Kopf gewaschen, wie man sich auszudrücken pflegt.</p>
+
+<p>Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem
+Bruder, der beständig fragte und fragte, durch treffende und
+einfache Antworten die Überzeugung beizubringen, daß er
+ein noch durchaus nicht verlorner Mensch sei. Er sprach
+mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem Tone
+der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchen
+<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a>
+Dingen doch wie ein ungeschultes Kind fragte, aber eine
+liebevolle Besorgnis an den Tag legte. Sie sprachen in
+schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von selber,
+und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so
+manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon,
+seinen Verhältnissen gemäß, darüber spotten und lachen
+würde. »Ich habe dich lange nicht für so ernst gehalten,
+als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist nicht
+meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen
+Dingen besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten,
+denn ich denke, was nützt es, eine ernste Miene
+aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu bestimmt,
+ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu
+spielen. Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen
+will ich in allererster Linie meinen Nacken beugen. Es
+bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im übrigen soll mir
+einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos
+den Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen
+gesagt, wie es in dieser Beziehung mit meinem
+Inneren steht.« &ndash; Wenn Simon so sprach, redete er in
+fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber
+völlig ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche
+nicht als Weltgroll empfand, sondern als ein
+gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele nach
+Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur
+Welt. Er überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige
+Eigenschaften besaß, aber er fürchtete ein bißchen, daß diese
+Eigenschaften nur oberflächlich, scheinbar nur spielend
+und lockend und tanzend ihn umgaben, während er
+wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der
+Rede <ins title="redetete">redete</ins> sich solch eine Seele ja so leicht in eine
+Welt der Bravheit und schönen Tüchtigkeit hinein, um
+sich daran selber für Stunden zu berauschen, namentlich
+in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. <ins title="Dennnoch">Dennoch</ins>
+<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a>
+hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach
+mit sichtlichem Vergnügen allerhand Schönes und Tröstendes
+zu ihm. Hinter ihnen, in einiger Entfernung, gingen,
+eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler
+war berauscht von der Schönheit und von der Musik
+der Nacht. Er phantasierte von Pferden, die durch nächtliche
+Gärten galoppierten, schöne, schlanke Reiterinnen
+tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen der
+Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem
+frechen, unbändigen Lachen, über die Menschen, über die
+Landschaft, einfach über alles, was ihm vor das Auge
+kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu besänftigen,
+im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit
+eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche,
+das Freche, ja sogar das Sich-Überhebende in dieser
+Knabennatur, die sich hinüberarbeitete zur Mannesnatur.
+Er mochte das Tollste schwatzen, das ihr wahrscheinlich
+aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und
+blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was
+hatte dieser Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön
+finden mußte, in allen Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen,
+Tun, Lassen, Reden und Stillschweigen? Er
+schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen andern
+Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann.
+Sein Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas
+Läppisches und zugleich Gebietendes. Der ganze junge
+Mensch nicht die Spur des Aufgeregtseins und doch
+etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So gelassen
+und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine
+Haare im Dunkel hell hervorleuchteten, jugendlich und
+wellenhaft. Dazu sein Schritt und das Tragen des Kopfes
+mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden Stolz.
+Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand
+dachte. Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihn
+<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a>
+immer an, immer! Hier, in dieser Nacht voll umherwandelnder
+Menschen war es schön, zum vergehen schön,
+ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner,
+als ihn küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet;
+gewiß dachte er weiter nichts, nein, gar keine
+Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen, die den
+Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen
+waren kalt und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten
+sie dort Besseres zu sehen. Sie schienen zu sprechen:
+»Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch nicht, ihr
+andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen,
+was wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend
+leicht und wie besorgt, als wenn sie Engel gewesen
+wären, über ihre Kinder, die Augen, die so aussahen
+und in die Welt blickten, als könnten sie jeden
+Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen
+Auge ist leicht verletzbar, aber wenn ich seine betrachte,
+so tut es mir auf einmal so weh, so, als sähe
+ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so groß,
+treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern,
+sind so achtlos und immer so groß geöffnet; wie
+leicht können sie verletzt werden!« jammerte sie. Sie
+wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber was machte
+das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das
+mußte so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen
+Simon und Klaus zurückgegangen, um die andern aufzusuchen.
+Klara beherrschte sich, so gut sie konnte, nahm
+Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß
+mich in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen,
+Simon, Augen, in deren Anblick man liegt wie im Bett,
+wenn alles beruhigt ist und man betet,« sprach sie zu
+ihm.</p>
+
+<p>Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten
+einander nicht mehr verstehen, seit vor ein paar Jahren
+<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a>
+ein kleiner Zwist zwischen ihnen ausgebrochen war, und
+seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch nie geschrieben.
+Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während
+Kaspar es einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen
+ließ. Er sagte sich, daß es ganz in der Ordnung der
+Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht begriffen
+zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden
+nach vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens,
+eben weil sie vorüber waren, als für weiterer Gedanken
+nicht wert hielt. Seine Art war, geradeaus zu marschieren;
+er hielt das Zurückblicken auf alte Beziehungen für schädlich.
+Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar gegenüber
+unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des
+Bruders zu sprechen und ermunterte ihn, doch einmal
+nach Italien zu gehen, um da die gehörige Reife als
+Künstler zu erlangen.</p>
+
+<p>Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel
+geholt werden! Nach Italien! Warum nach Italien?
+Bin ich krank, und soll ich etwa gesund werden in dem
+Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn
+nach Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es
+mir hier ganz gut gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht
+Besseres tun, als malen, und kann ich etwa hier
+nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien
+ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht
+schön genug? Kann es dort schöner sein, als hier, da,
+wo ich bin, wo ich schaffe, wo ich tausend Schönheiten
+sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert bin? Ist
+es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen
+will? Sind in Italien die Schönheiten schöner als hier?
+Sie sind vielleicht nur anspruchsvoller, und eben deshalb
+will ich sie lieber gar nicht sehen. Wenn ich in sechzig
+Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke, einen
+Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wir
+<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a>
+sehen, ob es klug getan war, nicht in Italien gewesen
+zu sein. Kann mir etwas entgehen, diese Tempelsäulen,
+diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen und Bogen,
+diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten
+und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man
+mit den Augen denn alles auffressen wollen? Ich könnte
+jedesmal außer mir geraten, wenn man mir zumutet,
+die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu
+werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen,
+wenn wir turmhoch dumm sind. Kommen die
+Italiener zu uns, wenn sie malen oder dichten wollen?
+Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen
+berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn
+ich ehrlich mit mir abrechnen will, bereichert? Nein, ich
+habe ihn bloß verpfuscht und feige gemacht. Mag eine
+alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen sein,
+mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht
+überragen, so schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie
+ein Maulwurf darin herum, sondern betrachte sie eben,
+wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus Büchern,
+die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert
+ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals;
+denn ich erblicke rund um mich, in unserer oft als so
+unschön und unhold verschrieenen Gegenwart Bilder die
+Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide Augen
+zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und
+aus der Haut fahren bei dieser Italienraserei, die etwas
+seltsam Beschämendes für uns ist. Es kann sein, daß
+ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen Teufel, und
+wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre scheußlichen
+Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.«</p>
+
+<p>Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars
+Heftigkeit, die Dinge zu messen. So war er immer gewesen,
+und auf diese Art konnte es nicht vorauszusehen
+<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a>
+sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm
+treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand;
+denn man war vor der Wohnung Klausens angekommen.</p>
+
+<p>In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte
+er sich: »So habe ich ihn nun zum zweiten Male verloren,
+durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte, aber in
+der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn
+zu wenig, das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie
+kennen lernen. Unsere Lebensläufe sind zu verschieden.
+Aber vielleicht führt uns ein anderes Mal die Zukunft,
+die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten
+und es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch
+zu werden.« Er kam sich so einsam vor und beschloß,
+bald wieder abzureisen, an seinen Wirkungsort
+zurück.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>Fünftes Kapitel.</h2>
+
+<p>Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von
+einer kleinen Bühne herab dem Publikum vortrug. Er
+pflegte sich dabei durch sein Ungestüm immer ein wenig
+lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen
+Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris
+gelebt und war mit zwanzig zurückgekommen. Sein
+Vater war Musikdirektor in der kleinen Stadt, wo auch
+Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war.
+Dort trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen,
+saß oder lag tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten
+Kammer, ausgestreckt auf einem schmalen Bett, in dem
+er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu nehmen,
+es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern
+hielten ihn für verloren und ließen ihn tun, was er
+wollte. Geld gaben sie ihm nicht, denn sie hielten es
+für unangebracht, mit Geldspenden den Ausschweifungen
+ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt
+wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian
+nicht mehr zu bewegen; er trieb sich, irgend ein
+Buch unter dem Arm oder in der Tasche, auf den Bergen,
+in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang
+nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur
+einigermaßen es gestattete, in verfallenen, von keinem
+Menschen, nicht einmal von wilden und rauhen Hirten
+benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher
+<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a>
+lagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug
+immer denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch,
+ließ sich den Bart wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert
+darauf, angenehm und sauber zu erscheinen. Seine
+Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den er
+einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt
+war, daß er dichtete, so verbreitete sich um seine
+Person ein halb lächerlicher, halb wehmütiger Zauberschein,
+und es gab viele vernünftige Menschen in der
+Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten
+und sich seiner, wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen.
+Man lud ihn, da er ein vortrefflicher Gesellschafter
+war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein, und entschädigte
+ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt
+weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung
+hätten befriedigen können. Sebastian besaß in
+hohem Grade diesen Drang, aber er war zu sehr aus
+dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen
+Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild,
+und nun, da er einsah, daß sein Streben ihm nichts
+half, mochte er gar nicht mehr streben. Er spielte seine
+eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch auf der Laute
+und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das
+einzige Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan
+hatte, bestand darin, daß man ihn, schon als
+Schulknaben, verhätschelte und ihm half, sich einzubilden,
+daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie
+bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche
+Knabenherz hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten
+den Umgang mit dem frühreifen, allesverstehenden Knaben,
+der ihnen einen unvergleichlichen Reiz einflößte, auf
+Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian
+pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt
+längst hinter mir.« Es war schrecklich, einen so jungen
+<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a>
+Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was er auch
+machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem,
+kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er
+spielte bloß noch mit sich. Hedwig sagte einmal zu
+ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube, Sie weinen oft
+über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte
+es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm
+manchmal etwas an Geld oder dergleichen zu, um ihm
+das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm sie
+ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren
+Brüdern. An dem Abend, an dem Klara so selig war,
+Klaus traurig und einsam, Simon glücklich, Kaspar aufgebracht
+und übermütig, wandelten die beiden, Hedwig
+und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls
+am Ufer entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg
+man eben. Kaspar kam ihnen entgegen:</p>
+
+<p>»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das
+den Inhalt Ihres Lebens widerspiegeln soll. Wie können
+Sie ein Leben wiedergeben wollen, wo Sie doch kaum
+eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie
+stark und jung Sie sind, und das will sich hinter den
+Schreibtisch verkriechen und in Versen sein Leben besingen.
+Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt sind.
+Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen
+Mann, Verse zu verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern
+nur ein Schlupfwinkel für Müßiggänger. Ich wollte
+nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und abgeschlossen
+wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis,
+das den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf
+Fehler, Tugenden und Verirrungen. Sie aber scheinen
+noch nie gefehlt zu haben und scheinen auch noch nie eine
+gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn
+Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie
+lieber überhaupt gar nicht.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian;
+deshalb machte er sich auch über ihn lustig. Für tragische
+Menschen fehlte ihm überhaupt jedes Verständnis,
+oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand,
+achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend
+in einer diabolischen Laune.</p>
+
+<p>Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich
+nicht wehren konnte, das Wort: »Das war nichts weniger
+als schön gesprochen von dir, Kaspar,« rief sie
+ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der
+Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es
+macht dir Freude, einen Menschen zu verletzen, den alle
+Menschen um seines Unglücks willen schonen und achten
+sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch, was
+du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte
+ich dich für einen rohen Burschen halten, für einen
+Quäler. So gut man einen armen Menschen, einen
+Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein
+armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in
+den Starken die Lust am Schmerzzufügen. Sei doch
+froh, wenn du dich stark fühlen kannst und laß Schwächere
+in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf
+deine Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache
+zu plagen. Warum genügt es dir nicht, auf festen Füßen
+zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den Nacken
+von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch
+mehr irr an sich werden und hinab, ganz hinab taumeln
+in die Wellen des An-Sich-Selbst-Verzweifelns?
+Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke und Zielbewußtheit
+immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos
+und so taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen
+doch gar nicht im Wege sind, die dastehen und begierig
+auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und des Erfolges
+horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut,
+<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a>
+eine sich sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so
+leicht verletzbar; o man verletze nie die Dichter. Übrigens
+spreche ich jetzt gar nicht von dir, Kasparchen; denn was
+bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du
+bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen
+zu verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn
+du mit dem Schicksal ringst, so laß doch andere, so wie
+sie's eben verstehen, auch ringen. Ihr seid beide Ringende
+und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und unklug.
+Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen
+und Verheißungen und Mißerfolge in eurer
+Kunst Schmerzen genug, müßt ihr es da darauf abgesehen
+haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich
+würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn
+ich ein Maler wäre. Man blicke auch nie zu früh verächtlich
+auf einen Fehlenden oder scheinbar Trägen und
+Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus langen,
+dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben!
+Nun dann: wie stehen dann die voreiligen Verächter da?
+Sebastian ringt ehrlich mit dem Leben, schon das sollte
+ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie kann man
+sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur,
+Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine
+Spur von Liebe für deine Schwester hegst, mich so über dich
+zu ereifern. Ich tu es nicht gern. Ich schätze Sebastian,
+weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine vielen Fehler einzugestehen.
+Übrigens, das ist alles geschwatzt und wieder
+geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt,
+mit uns zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht,
+Kaspar! Weil dir ein Mädchen, das den Vorzug genießt,
+deine Schwester sein zu dürfen, einen Vortrag hält, willst
+du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du darfst
+dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum
+nicht. Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln
+spielte im Dunkeln um Sebastians Lippen. Hedwig
+machte sich mit dem Bruder solange schmeichelnd zu
+schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine
+komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten,
+daß alle drei in ein schallendes Gelächter ausbrachen.
+Sebastian namentlich krümmte sich vor Lachen. Allmählich
+war unter den Bäumen alles still und leer geworden;
+die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen,
+die Lichter träumten, aber es waren viele Lichter
+gelöscht worden, die Ferne glitzerte nicht mehr. Dort,
+auf dem ländlichen Boden, schien man die Lichter früher
+zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote, schwarze
+Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die
+nicht heim gingen, sondern die Absicht zu haben schienen,
+die ganze Nacht unter dem Himmel plaudernd und wachend
+zu verbringen.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche
+versunken, auf einer Bank. Sie hatten sich so viel zu
+sagen, hätten eigentlich endlos plaudern mögen. Klara
+würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon
+immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine
+seltsame, freie, offene Manier, über Menschen zu reden,
+die gerade seine Gefährten waren, die neben ihm saßen
+oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber,
+er fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum
+Sprechen veranlaßten, und sprach infolgedessen über sie
+und nicht über Abwesende. Klara dachte nur an den
+Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir
+nur über ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon,
+»seine Liebe ist die meine. Ich habe mich immer gefragt,
+wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete es
+immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu
+<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a>
+schlecht wären. Ich las viel in Büchern über Liebe, ich
+liebte immer die Liebenden. Schon als Schulknabe lag
+ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt und bebte
+und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da
+war fast immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer
+Charakter von Mann, ein Arbeiter in der Bluse
+oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer eine
+vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen
+Leuten hätte ich damals keinen Sinn gehabt. Meine
+Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf und gingen darin
+unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins
+Leben und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken
+fest, aber ich träumte davon, eine Liebe zu
+erleben. Was nützt es mir, böse zu sein, daß die Liebe
+nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe
+bin ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen
+andern, ich möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst
+dann erleben. Doch ich erlebe sie nie. Ich glaube,
+das Leben will anderes von mir, hat anderes mit mir
+vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen
+mir zuwirft. Ich darf dich doch lieben,
+Klara, auf andere, vielleicht dümmere Weise. Ist es
+nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn du
+es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann
+ich nicht sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich
+finden. Ich lege keinen Wert auf mein
+Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem
+liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich
+hoffe, daß es mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise
+wegzuwerfen. Nicht wahr, das ist töricht gesprochen?
+Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du die Empfindung
+hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich
+nicht dein und du wirst nie etwas von mir verlangen
+wollen, denn was könnte dir einfallen, von mir zu
+<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a>
+verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem Schlag,
+und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein
+Geschenk, und so schenke ich dir mich, weil ich kein
+besseres Geschenk weiß. Ich kann dir vielleicht nützlich
+sein, ich kann springen für dich mit diesen meinen Beinen,
+ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest,
+daß einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen,
+wenn du in den Fall kommst, dich eines schamlosen
+Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle Fälle dieser
+Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du
+umfallen solltest, und ich kann dich über Pfützen heben,
+damit du deinen Fuß nicht beschmutzest. Sieh einmal
+meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor, als höben,
+als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn
+ich dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein
+Lächeln, wenn es kein unzartes ist, zwingt immer das
+andere hervor. Dieses Geschenk, das ich dir mache, ist
+ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der
+simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn
+du längst nichts mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen;
+denn das Geschenk überdauert immer den Beschenkten,
+damit es trauern kann, das es seinen Besitzer verloren
+hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer
+jemandem an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag
+lang umherirrte und niemanden fand, dem ich mich anbieten
+konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich weiß,
+daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen,
+dir wenig aus mir zu machen. Geschenke pflegt man
+bisweilen zu verachten. Ich zum Beispiel, wie verächtlich
+denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich
+hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es
+auch das Schicksal, daß mich niemand liebt; denn gut
+und allsehend ist das Schicksal. Ich würde Liebe nicht
+ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen.
+<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a>
+Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde
+man ihn nur stören in seiner Andacht. Ich möchte
+nicht, daß du mich liebtest. Und sieh, daß du den
+andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun, versteh
+mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu
+dürfen. Ich liebe Gesichter, die sich von mir ab,
+einem andern Gegenstand zu wenden. Die Seele, die
+eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so
+schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt,
+nicht sieht. So wirst du mir gefallen. Glaubst du,
+daß du nicht nötig hättest, mir zu gefallen? Doch jetzt
+fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu gefallen, du
+hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber
+keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß
+nicht mehr, was ich rede.«</p>
+
+<p>Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn
+längst nahe zu sich herangezogen und befühlte mit ihren
+schönen Händen, die von der Nachtluft kühl geworden
+waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da
+sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte
+es ja doch, wußte es ja doch, wußte &ndash; es &ndash; ja &ndash;
+doch.« &ndash; Ihre Stimme nahm diejenige Zärtlichkeit an,
+die man anwendet, wenn man Tieren, denen man ein
+bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit
+einflößen will. Sie war glücklich, und ihre Stimme
+lispelte in den langgezogenen und hohen Tönen der
+Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen, als
+sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt,
+da ich lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so
+freudig lieben. Vielleicht werde ich einmal unglücklich
+sein, aber mit welcher Wonne werde ich unglücklich sein.
+Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude, unglücklich
+zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück
+auszukosten. Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir
+<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a>
+sprechen. Sieh, es empört mich bereits, davon nur gesprochen
+zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei
+mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben?
+Du machst einen glauben, du machst, daß man glauben
+darf. Bleibe immer mein Freund. Du bist mein süßer
+Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und
+dein Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft
+liegt mir im Schoße. Ich komme mir schön vor
+so; du machst mich das empfinden. Du mußt mich
+küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich
+will eure Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich
+will denken, daß er mich küßt, wenn du mich küssest.
+Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich
+jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir
+Kaspar gesagt, wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn
+bat, daß er mich küssen solle? Er muß anders küssen,
+er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum sollte
+er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder
+küssen muß, du küssest so, daß man sich noch einmal
+von dir küssen läßt, so, wie du es jetzt tust. Behalte
+mich lieb, sei immer so lieb, und küsse mich noch einmal,
+daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung
+habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so
+verständlich. Wir Frauen wollen so belehrt werden. Du
+verstehst Frauen eigentlich sehr gut, Simon. Man sollte
+es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen gehen!«</p>
+
+<p>Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen
+waren, trafen sie auf die drei andern. Hedwig nahm
+Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara. Sebastian
+begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt
+hatten, fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine
+Schwester der Begleitung dieses Herrn anvertrauen?«
+Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen, wenn ich
+es nicht ruhig dürfte?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald
+einen Schuß fallen. »Er schießt wieder,« sagte leise
+Klara. »Was will er mit seinem Schießen?« fragte
+Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort
+zuvor: »Er schießt, weil es ihm noch sonderbar
+vorkommt. Es liegt noch bis jetzt eine Art Idee dahinter.
+Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird
+er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder
+einen Schuß. Klara runzelte die Stirn und seufzte, und
+versuchte dann, die Ahnungen, die sie hatte, in einem
+Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen,
+und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.</p>
+
+<p>»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der
+plötzlich unter der Haustüre erschien, eben, als sie eintreten
+wollten, zu seiner Frau. Diese schwieg, als hätte
+sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle schlafen.</p>
+
+<p>Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen
+Schlaf fand, an Hedwig:</p>
+
+<p><ins title="Sie">»Sie</ins>, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,
+ich muß Ihnen schreiben. Ich kann nicht schlafen, finde
+keine Ruhe. Ich sitze hier, halb ausgezogen, vor meinem
+Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her zu
+träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen
+Briefe schreiben könnte, an jeden beliebigen Unbekannten,
+an jedes Herz; denn alle Menschenherzen zittern für mich
+vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand reichten,
+sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen
+Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir
+steht, als fänden Sie, daß es schlimm mit mir stehe.
+Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir stehen?
+Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn
+Sie alles wissen werden. Sie sind so ein Mädchen,
+vor dem man keine Geheimnisse haben mag, dem man
+alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen, damit
+<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a>
+Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn
+Sie werden mich lieb haben, wenn Sie mich kennen,
+und ich begehre darnach, von Ihnen geliebt zu werden.
+Ich träume davon, alle schönen und klugen Mädchen
+um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen
+und auch als meine Schülerinnen. Sie wollen,
+hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin werden und sich der
+Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch
+Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie
+geboren. Sie wollen etwas werden, wollen etwas sein:
+das paßt zu Ihnen, das entspricht dem Bilde, das ich
+mir von Ihnen mache. Er entspricht auch der Zeit, in
+der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit
+ist. Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind
+hätte, würde ich es zu Ihnen in die Schule schicken,
+würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es sich daran
+gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und
+zu lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken,
+um zu sehen, an Ihren Augen, ob Sie strenge
+blicken oder gütig. Wie werden sie jammern in ihren
+kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im
+Gesicht in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist
+Ihre Seele verständlich. Sie werden nicht lange mit
+unartigen Kindern zu tun haben; denn ich denke mir,
+selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden
+sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und
+es bereuen, Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen
+gehorchen, Hedwig, wie muß das süß sein. Ich möchte
+Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die Lust
+empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen
+in ein kleines, stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann
+werden Sie Dorfkinder zu unterrichten haben, die noch
+besser zu erziehen sind als die Kinder der Städte. Aber
+Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie
+<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a>
+sehnen sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern,
+nach den Gärtchen vor den Häusern, nach den Menschengesichtern,
+die man dort sieht, nach dem Fluß, der vorbeirauscht,
+nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach
+den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet,
+nach den Tieren auf dem Lande, nach der Welt auf
+dem Lande. Sie werden alles finden; denn Sie passen
+dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß
+finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die
+Frage, wie man es zu machen habe, daß man glücklich
+sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und ich fühle wohl,
+wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn
+man Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon
+längst gekannt hätte und daß man auch wüßte, wie Ihre
+Mutter aussieht. Andere Mädchen findet man hübsch,
+ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt
+sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben
+etwas Lockendes, beinahe Großmütterliches in Ihrem
+jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das Ländliche,
+was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin?
+Sie muß eine schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie
+hat viel gelitten in der Stadt, sagte mir einmal Kaspar;
+das glaube ich; denn ich meine sie vor mir sehen zu
+sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen
+haben und darunter gelitten haben. Freilich; denn in
+der Stadt darf sich ein Mensch nicht so stolz betragen
+wie auf dem Lande, wo sich eine Frau leicht als freie
+Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit
+gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als
+die Arme gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt
+haben. Ich habe auch ein Bild Ihrer Mutter gesehen
+und verehre und liebe sie, wenn Sie mir erlauben,
+das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann
+noch viel inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich
+<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a>
+ihr zu Füßen fallen und ihre Hand nehmen und meine
+Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das tun. Es
+gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen;
+denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre,
+Hedwig. Ihr Bruder Kaspar wird oft lieblos und rauh
+zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer müssen oft
+hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt
+werden, um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen.
+Ich begreife, daß ein Künstler oft Liebe als etwas ihn
+Hemmendes abschütteln muß. Sie haben ihn als ganz
+jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule
+gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben
+sich mit ihm gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet,
+beschützt und gewarnt, ausgescholten und gelobt,
+haben mit ihm seine ersten, erwachenden Empfindungen
+geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen
+zu hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie
+merkten, daß er anderes, als Sie, im Sinne trug; haben
+ihn gehen und machen lassen und gehofft, daß er gedeihen
+möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten sich,
+als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals,
+als er eines Tages zurückkehrte, und fingen auch schon
+wieder an, ihn in Ihre Obhut zu nehmen; denn er ist
+solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen, beständig
+zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich
+habe nicht Atem genug, nicht Herz genug und kein Wort,
+um Ihnen zu danken. Und ich weiß nicht, ob ich Ihnen
+danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir wissen.
+Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen,
+daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man
+zu tun hat, um demütig zu erscheinen. Ich bin demütig,
+nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber voll flammender,
+bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut
+machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie
+<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a>
+Wert darauf legen, eine Schwester zu haben, die froh
+ist, Ihre Schwester zu sein, so gehorche ich Ihnen.
+Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat?
+Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen
+an mich, und ich möchte mich wegwerfen an
+Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich an Sie
+nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen.
+Doch ich bin viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich
+fange an, mich zu brüsten und stolz reden, das will ich
+nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich schlafen kann.
+Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht
+schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen
+kann!« &ndash; Während die Frau den Brief schrieb, saßen
+Simon und Kaspar bei der Lampe, die sie angezündet
+hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu
+legen und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte:
+»Seit den letzten Tagen male ich überhaupt nicht mehr,
+und ich werde, wenn das so weiter geht, meine ganze
+Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum
+nicht? Muß es denn gerade die Kunst sein? Könnte
+man denn nicht anders leben? Vielleicht ist es nur eine
+Angewohnheit, daß man sich einbildet, um alles willen
+künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren
+wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen,
+viel einfacher, viel weniger phantastisch, und das
+könnte nicht schaden. Man müßte den Mut und das
+Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut,
+aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem
+entgehen? Ich fühle, daß ich von Tag zu Tag träger
+werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie ein Schulbub
+mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich
+der Kunst gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen?
+Das ließe sich so oder so umwenden, man könnte es
+drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder malen!
+<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a>
+Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig.
+Man muß sich gehen lassen. Ob ich hundert
+Landschaften male oder zwei, ist das nicht ganz gleichgültig?
+Es kann einer immer malen und bleibt doch
+ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen
+Hauch von seinen Erfahrungen einzugeben, weil er keine
+Erfahrungen gemacht hat, so lange er lebte. Wenn ich
+erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel geistvoller
+und gedankenvoller führen, und dieses ist mir
+nicht gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an.
+Und trotzdem: irgend ein Gefühl sagt mir, daß es nicht
+gut ist, auch nur einen Tag lang außer Übung zu bleiben.
+Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick
+tönte durch die Wände ein langer, furchtbarer Schrei.
+Simon ergriff die Lampe und beide stürzten die Treppe
+hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie schlief.
+Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war
+auch herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt
+am Boden liegen. Sie hatte sich, wie es schien,
+ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen, und war, von
+einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare
+waren aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch
+am Boden. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch,
+während ein verwirrtes Lächeln um ihren Mund
+flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen
+sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die <ins title="Zukungen">Zuckungen</ins>
+allmählich sich verloren. Weh hatte sie sich beim
+Umfallen nicht getan, was leicht hätte geschehen können.
+Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb angekleidet,
+wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt
+war. Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett
+öffnete. Sie atmete erleichtert auf und schien jetzt zu
+<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a>
+schlafen. Und immer schöner lächelte sie und fing an
+zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter
+Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar.
+Man horchte gespannt und beratschlagte, ob es einen
+Zweck hätte, aus der Stadt einen Arzt heraufzuholen.
+»Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu Simon,
+der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es
+wird vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie
+saßen und horchten weiter und sahen einander bedeutend
+an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu verstehen,
+als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene
+Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief.
+Das hat lange gebraucht, lange, lange. Und du weinst
+nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz und so
+schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen
+wächst mir zum Munde heraus. Es singt. Hörst du?
+Hörst du's? Man sollte meinen ich wäre ertrunken. So
+schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf? Die
+Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du
+müßtest ins Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht
+wahr? Schauert mich gar nicht mehr. Ein Veilchen.
+Ich sehe die Fische <ins title="schwimmmen">schwimmen</ins>. Ich bin ganz still, ich
+mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du
+blickst böse. Die Klara liegt da, da. Siehst du, siehst
+du? Ich hätte dir noch etwas sagen wollen, aber ich bin
+froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es nicht
+mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es,
+das klingelt. Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt.
+Sage es nur nicht. Ich höre ja nichts mehr.
+Bitte, bitte«&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer
+wird, werde ich Sie wecken,« sagte Agappaia.</p>
+
+<p>Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war
+Klara wieder munter und wußte nichts davon, was mit
+<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a>
+ihr geschehen war. Sie hatte etwas Kopfschmerzen, das
+war alles.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen
+Morgengewand, das in edlen Falten frei an ihrem
+Leibe herunterfloß, auf dem Balkon, der eine Aussicht
+auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein
+leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen
+hin und herbogen. Der Wald ist doch herrlich, dachte sie
+und beugte sich, über das zierlich gearbeitete Geländer gelehnt,
+mehr nach ihm zu, um seinen Duft näher zu
+haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er
+schon jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im
+Sonnenschein, geht man in einen Wald, wie in einen
+Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und leiser sind
+und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen
+kann und beten. Im Wald betet man unwillkürlich,
+und es ist auch der einzige Ort in der Welt, wo Gott
+nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu haben,
+daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine
+betet nun so, der andere so, aber alle beten. Wenn
+man unter einer Tanne liegt und ein Buch liest, so betet
+man da, wenn Beten dasselbe ist wie das Verlorensein
+in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im
+Wald ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben
+mit stillem Entzücken hin. Gott will nicht, daß man so sehr
+an ihn glaubt, er will, daß man ihn vergißt, es freut ihn
+sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über alle Begriffe
+gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es
+im Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts,
+bedarf nichts. Etwas wollen, das mag für uns Menschen
+sein, aber für ihn ist das nichts. Für ihn ist nichts.
+Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist
+entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn
+<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a>
+ich jetzt hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn
+auch ganz oberflächlich, danke. Gott ist so dankbar. Ich
+möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er hat uns alles
+gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so,
+daß er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein
+wenig gedenken. Das ist das Einzige an unserem Gott,
+daß er nur dann Gott sein will, wenn es uns gefällt,
+ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr Bescheidenheit
+als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller?
+Vielleicht hat Gott auch nur Ahnungen über uns, so
+wie wir über ihn, und ich spreche zum Beispiel hier
+bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß
+ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald
+wundervoll finde? Wüßte er doch, wie schön sein Wald
+ist. Aber ich glaube, Gott hat seine Schöpfung vergessen,
+nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames
+fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint
+wenigstens, daß er uns vergessen hat. Man kann alles
+empfinden über Gott; denn er läßt alle Gedanken zu.
+Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn denkt,
+deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns
+nicht in Versuchung. So habe ich als Kind gebetet,
+wenn ich im Bettchen lag, und ich habe mich immer über
+mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin ich heute
+glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein
+seliges Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist
+so frisch, ich glaube, es ist Sonntag heute, da werden
+die Leute aus der Stadt kommen und im Wald spazieren,
+und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von
+seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm
+spielen. Wie ich so dasitzen kann und Freude empfinden
+kann um mein bloßes Dasein, Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen!
+Wie ich mir schön vorkomme so. Fast
+könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreife
+<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a>
+jetzt nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich
+jemals etwas erschüttern konnte. Wie unerschütterlich
+ist der Wald und doch so biegsam, warm, lebendig und
+süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch ein Rauschen!
+Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig.
+Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber
+am Morgen nie, denn der Morgen ist mir zu heilig dafür.
+Wie merkwürdig frisch ich mich fühle. Wie geheimnisvoll
+das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst
+müde sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen
+und sich wie neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein
+Geburtstag für uns. Wie wenn man in ein Bad stiege,
+so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen
+des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags
+kommen, bis wieder die Sonne sehnsüchtig versinkt.
+Welche Sehnsucht, welches Wunder vom Abend zum
+Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum
+Morgen. Alles würde man wundervoll finden, wenn man
+alles empfände, denn es kann ja nicht eines wundervoll
+sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß gestern
+krank gewesen sein, und man sagt es mir nur
+nicht. Wie schön und unschuldig noch immer meine
+Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so würde ich
+ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie
+schön sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose
+mit meinen Händen. Was für seltsame Gedanken ich
+doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte ich weinen,
+mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht,
+und er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht
+habe. Wie elend mich das auf einmal macht, zu
+denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin ich denn
+seine Sklavin? Was geht er mich an?«</p>
+
+<p>Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir,
+Klara?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da.
+Du hattest mir gefehlt. Ich bin glücklich, aber ich leide
+es nicht, daß ich allein glücklich bin, ohne dich. Deshalb
+weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn
+fest an sich.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>Sechstes Kapitel.</h2>
+
+<p>Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das
+er führte, als etwas Unerträgliches zu empfinden. Er
+fühlte, daß er bald wieder schaffen und tagewerken mußte:
+»Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten.
+Es beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich
+zu sein. Das Essen schmeckt mir nicht mehr, die Spaziergänge
+ermüden mich, und was ist denn Großes und Erhebendes
+daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen
+und Bremsen zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen,
+steile Wände hinunter zu springen, auf erratischen Felsblöcken
+zu hocken, den Kopf zu stützen, ein Buch anzufangen
+zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu
+können, dann in einem, wenn auch schönen, so doch
+abgelegenen See zu baden, sich wieder anzuziehen und
+auf den Heimweg zu machen und dann zu Hause den
+Kaspar zu finden, der ebenfalls vor Trägheit nicht mehr
+weiß, auf welchem Bein er stehen und mit welcher Nase
+er denken soll, oder welchen Finger er an eine seiner
+Nasen legen soll. Man bekommt bei diesem Leben
+leicht eine Menge Nasen und möchte den ganzen Tag
+seine zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken.
+Dabei lachen einen die eigenen Nasen nur aus und
+machen die lange Nase. Nun, was ist das etwa Göttliches,
+wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder
+<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a>
+mehr die lange Nase machen. Ich illustrierte damit
+nur die Tatsache, daß man bei diesem Herumlungerleben
+dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas
+wie ein Gewissen zu machen, und zu denken, daß es
+wiederum bei dem Gewissenmachen nicht bleiben darf,
+sondern daß man irgend etwas tun muß. In der Sonne
+herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und
+Bücher liest nur ein Tropf; denn das ist man, wenn
+man sonst weiter nichts tut. Das Schaffen unter Menschen
+ist doch schließlich das allein und einzig Bildende.
+Was nun tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn
+ich das tun möchte bei dieser Sommerhitze, müßte ich
+zuerst Sebastian heißen, dann täte ich's vielleicht. Der
+tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein Mensch, der
+erst einen Ausflug macht, See, Wald, Berge, Bäche,
+Pfützen und Sonnenschein genau studiert, eventuell Notizen
+macht, dann heimgeht und einen Aufsatz darüber
+schreibt, den dann die Zeitungen drucken, die die Welt
+bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein? Wohl,
+wenn ich es verstünde, aber ich bin Stümper in diesen
+Sachen. Also hingehen und wieder Buchstaben kratzen,
+Rechnungen ausradieren und Tinte verbrauchen. Ja,
+ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre
+für mich ist, wieder von vorne anzufangen, was ich einst
+verlassen habe. Aber es muß sein. In diesem Falle
+denkt man nicht an die Ehre, sondern an das Notwendige
+und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre
+alt. Wie komme ich dazu, schon zwanzig Jahre alt zu
+sein? Welche Entmutigung müßte für einen anderen darin
+liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun von vorne
+anzufangen, da, wo man bei der Entlassung aus der
+Schule stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich
+nehmen, da es doch einmal sein muß. Ich will ja
+auch gar nicht vorwärtskommen im Leben, ich will nur
+<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a>
+leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter
+gar nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder
+Winter wird, und dann, wenn es schneit und Winter ist,
+werde ich weiter zu leben wissen, wird es mir zum Bewußtsein
+kommen, wie ich am besten weiter zu leben
+habe. Es macht mir viel Vergnügen, so das Leben in
+kleine, einfache, leicht zu lösende Rechnungen einzuteilen,
+die kein Kopfzerbrechen machen, die sich von selber lösen.
+Im Winter bin ich übrigens immer klüger und unternehmender
+als im Sommer. Bei der Wärme, bei all
+dem Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während
+die Kälte und der Frost schon von selber vorwärtstreiben.
+Also bis im Winter etwas Geld zusammenscharren, und
+im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas
+Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an,
+im Winter Sprachen zu studieren, tagelang, in ungeheizten
+Zimmern, bis mir die Finger abgefrören, aber
+der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für
+solche, die sich in Sommerfrischen gütlich tun, die ein
+Vergnügen darin finden, barfuß, ja nackt auf heißen
+Wiesen herumzuspringen, höchstens einen ledernen Schurz
+um die Lenden, wie Johannes der Täufer, der außerdem
+Heuschrecken soll gegessen haben. So will ich mich jetzt
+auf das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen und
+erst wieder erwachen, wenn der Schnee über die Erde
+fliegt und die Berge weiß werden und die Nordstürme
+dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren und in Flammen
+des Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine
+Glut, unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht,
+oder ich müßte nicht Simon heißen. Klara wird
+im Winter eingehüllt sein in dicke, weiche Pelze, ich werde
+sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns herabschneien,
+so leise, so heimlich, so lautlos und so warm.
+O, Einkäufe zu machen, wenn es schneit in den schwarzen
+<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a>
+Straßen und die Magazine mit Lichtern erhellt sind. In
+einen Laden hineinzutreten mit Klara oder hinter Klaras
+Gestalt her und zu sagen: die Dame wünscht dies und
+das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr
+Gesicht, wie wird das schön sein, wenn wir dann wieder
+auf die Straße hinausgehen. Vielleicht wird sie im
+Winter dann irgendwo in einem feinen Geschäft arbeiten,
+wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können,
+außer sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen.
+Agappaia jagt seine Frau vielleicht fort, und sie wird
+dann gezwungen sein, irgendwo eine Anstellung anzunehmen,
+was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme
+Erscheinung ist. Weiter denke ich nicht. Weiter als so
+denkt vielleicht Herr Spielhagen von der Aktiengesellschaft
+für elektrische Leuchtkörper, aber ich nicht; denn ich bin
+nicht so gestellt und häufe mir nicht so viele Verpflichtungen
+in der Welt an, daß ich gezwungen wäre, weiter
+als so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur
+bald kommt.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen
+Maschinenfabrik, die zur Inventuraufnahme eine ganze
+Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den Abend verbrachte
+er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte
+seinen Heimweg von der Fabrik nach Klaras
+Hause, indem er einen weiten Bogen um den ganzen
+Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen
+Waldschluchten, welche den breiten Berg durchschnitten.
+An einer Quelle, bei der er stets vorbeikam, löschte er
+jedesmal seinen großen Durst und lag dann auf einer
+einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran
+erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er liebte das
+Übergehen des Sommerabends in die Sommernacht,
+dieses langsame, rötliche Sinken der Farben des Waldes
+in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er pflegte dann
+<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a>
+ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf
+mehr zu machen und sich der schönen Müdigkeit
+zu überlassen. Oft schien es ihm, als zische neben ihm,
+in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel
+aus der schlafenden Erde empor, und wenn er dahin
+blickte, war es der Mond, der schwebend und schwer
+aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte. Wie hing
+dann sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses
+schönen Gestirnes. Es war ihm so sonderbar, daß diese
+ferne Welt gleich hinter dem Gebüsch versteckt zu sein
+schien, zum befühlen und daran fassen nahe. Alles
+schien ihm nahe zu sein. Was war denn dieser Begriff
+der Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das
+Unendliche schien ihm plötzlich das Nächste. Wenn er
+nach Hause kam, durch all das schwere, singende, duftende
+Grün der Nacht hindurch, empfand er es als etwas
+Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie
+jeden Abend tat, entgegentrat, um ihn zu empfangen.
+Ihre Augen schienen immer geweint zu haben, wenn sie
+so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie
+zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen
+Balkon, der in eine Art Sommerhäuschen in schwebender
+Höhe verwandelt war und spielten mit winzigen Karten
+ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie, oder
+sie ließ sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm
+zu guter Letzt Gute Nacht sagte, so schlief er so wohl,
+als wenn es ein Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute
+Nacht‹ von ihr, mit dem sie die Macht besessen hätte,
+ihn an einen besonders tiefen und schönen Schlaf zu
+fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den
+Gesträuchen, an den Gräsern und Blättern, wenn er in
+sein Geschäft lief, um zu schreiben und das Inventar
+der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen. Einmal, an
+einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte,
+<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a>
+fand er Klara schlafend auf dem Diwan in seinem
+Zimmer. Von draußen tönte eine Handharfe aus einem
+der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme
+Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen,
+und ein grünes, heißes Licht befand sich im Zimmer. Er
+setzte sich neben die Schlafende ans Fußende und sie berührte
+ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat ihm
+so wohl, und er sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden
+an. Wie schön war sie, wenn sie schlief. Sie
+gehörte zu den Frauen, die am schönsten sind, wenn ihre
+Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete in ruhigen
+Wellen; ihre Brust, die halb entblößt war, bewegte sich
+sanft auf und ab; ihren herabhängenden Händen war
+ein Buch entfallen. In Simon stieg der Gedanke auf,
+hinzuknieen und diese schönen Hände still zu küssen, aber
+er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan haben,
+wenn sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein!
+Geheime, verstohlene, erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht
+meine Sachen, dachte er. Ihr Mund lächelte, als schliefe
+sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses Lächeln
+der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber
+es zwang, hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht,
+auf dieses Haar und auf diese länglichen Wangen.
+Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße stärker an
+Simon, dann erwachte sie und schaute sich fragend um
+und blieb lange an Simons Augen hängen, als verstände
+sie irgend etwas nicht. Dann sagte sie: »Du,
+Simon! Höre einmal.«</p>
+
+<p>»Was denn?«</p>
+
+<p>»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause
+wohnen. Agappaia hat alles verspielt und verloren. Er
+ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das Haus
+ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein
+für Volkswohl und Mäßigkeit. Die Damen gründen
+<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a>
+hier ein Waldkurhaus für das arbeitende Volk. Agappaia
+hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern angeschlossen
+und wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien
+eine versunkene griechische Stadt zu entdecken. An mich
+denkt er schon gar nicht mehr. Wie seltsam, es kränkt
+mich gar nicht einmal. Mein Mann war überhaupt
+nie fähig, mich zu kränken. Genug! Ich werde in
+einem einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt unten,
+und Kaspar und du, ihr werdet mich besuchen. Ich
+werde eine Stelle bekleiden, irgend eine Stelle, so wie
+du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll auch sogleich
+dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?«</p>
+
+<p>»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran,
+mich zu ›verändern‹. Jetzt kommt es ja von selbst.
+Ich freue mich sehr darauf, dich in deinem zukünftigen
+Heim besuchen zu können.«</p>
+
+<p>Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten
+dabei.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Kaspar befand sich in einem kleinen Landstädtchen,
+wo er den Auftrag zu erledigen hatte, einen Tanzsaal
+zu dekorieren, das heißt, dessen Wände von oben bis
+unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden
+und eines Tages machte sich Simon, es war ein Sonnabend,
+nach Feierabend auf den Weg, um die Nacht
+durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von Kaspar
+trennte. Warum sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern
+können. Er hatte eine Landkarte zur Hand genommen
+und darauf mit dem Zirkel die Zahl der Stunden, die
+er brauchte, um nach dem Städtchen zu gelangen, scharf
+abgemessen und hatte wahrgenommen, daß er gerade
+in einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte, hingelangen
+konnte. Der Weg führte ihn zuerst durch die Vorstadt,
+wo Rosa, seine alte Freundin, wohnte, und er verschmähte
+<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a>
+nicht, ihr im Vorbeilaufen einen kurzen Besuch abzustatten.
+Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit
+wieder einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen
+Menschen, daß er sie so habe im Stich lassen können,
+sagte das aber mehr in einem schmollenden als in einem
+gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen, Simon
+ein Glas Rotwein zu trinken zu geben, das, wie sie
+sagte, ihn für seine Nachtwanderung stärken solle. Auch
+briet sie ihm auf ihrem Gasherde schnell eine Wurst,
+stichelte den Dastehenden, während sie kochte, mit nicht
+unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er müsse ja
+sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend
+darauf aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht
+verdiene, sie nun aber doch haben solle, wenn er künftig
+fleißiger zu ihr käme. Das versprach, während er sich
+das Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf
+seine Wanderung mit einigem Bangen vor der Anstrengung,
+die ihm bevorstand, an. Aber jetzt noch feige zurückkehren
+und die Eisenbahn benutzen, das mochte er doch
+nicht. So lief er denn vorwärts und fragte immer
+wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu gehen.
+Bei den Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an,
+hielt es in die nötige Höhe, um zu sehen, wo der Weg
+weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz rasenden Schnelligkeit,
+als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter seinen
+Füßen entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas
+hatte ihn befeuert und er wünschte nur, daß bald die
+Berge kämen, die zu überwinden ihm eine Lust und
+Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das erste Dorf
+und hatte Mühe, sich auf den verschiedenen Dorfwegen,
+die alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden. Er rief
+deshalb einen Schmied an, der noch hämmerte, und von
+diesem erfuhr er, daß er richtig ging. Nun kam eine
+Landschaft, die ganz verschwommen war, weil sie aus
+<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a>
+lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann
+kam eine Art Hochebene, die etwas Schauerliches an
+sich hatte. Es war tiefdunkel, kein Stern am ganzen
+Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber
+die Wolken verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon
+durch einen finsteren Tannenwald, er fing an zu keuchen
+und paßte besser auf seine Schritte auf; <ins title="dem">denn</ins> er stieß
+immer wieder an Steine, die im Wege lagen, und das
+langweilte ihn doch ein wenig. Der Tannenwald hörte
+auf, Simon atmete freier; denn in dunklen Wäldern
+zu gehen, so allein, ist nicht immer ungefährlich. Ein
+großes Bauernhaus stand plötzlich vor ihm wie aus
+der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein,
+ein großer Hund schoß hervor, sprang auf den Wanderer
+los, aber biß nicht. Simon blieb ganz still und ruhig
+stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte der
+Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen,
+die donnerten in der Stille unter den raschen Schritten,
+denn sie waren von Holz, es waren alte Holzbrücken
+mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und Ausgange.
+Simon fing an, gezierte Schritte zu machen,
+um sich Unterhaltung zu verschaffen. Plötzlich, auf ganz
+offenem, aber düsterem Feld stand ein starker Mann vor
+ihm, der ihn anschrie und ihn dabei fürchterlich anstarrte.
+»Was wollen Sie?« schrie Simon seinerseits,
+aber er machte eine Schwenkung rund um den Mann
+herum und lief fort, ohne hören zu wollen, was der
+Mann wollte. Sein Herz klopfte, es war die Plötzlichkeit
+der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt
+hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes,
+endlos langes Dorf. Ein weißes, langes Kloster sah ihm
+entgegen und verschwand wieder. Es ging wieder bergauf.
+Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende
+Anstrengung lähmte seine Gedanken; stille Brunnen wechselten
+<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a>
+mit einsamen Baumgruppen, Wälder mit Wolken,
+Steine mit Quellen, es schien alles mit ihm zu gehen
+und hinter ihm zu versinken. Die Nacht war feucht,
+finster und kalt, seine Wangen aber brannten und seine
+Haare wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte
+er zu seinen Füßen etwas gestreckt Liegendes, Weites,
+Schimmerndes und Glänzendes: es war ein See; Simon
+blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem
+fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm
+seine Füße weh, aber er achtete nicht darauf, sondern
+ging weiter. Äpfel hörte er dumpf auf die Wiesen fallen.
+Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren: undurchsichtbar
+und dunkel. Das Dorf, das nun folgte, erweckte
+sein Interesse durch die vornehmen Häuser, die
+es zur Schau trug. Aber hier wußte Simon nicht mehr
+weiter. So sehr er suchte, den rechten Weg fand er
+nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich lange
+zu besinnen, die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er
+gegangen sein, als ihm ein deutliches Gefühl sagte, daß
+er eine falsche Richtung eingeschlagen hatte, er kehrte
+wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine
+Füße gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen.
+Er kam wieder ins Dorf zurück: zwei Stunden
+versäumt: welche Schmach! Er fand auch sogleich den
+rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief
+fort, unter Bäumen, die ihr Laub fallen ließen, auf
+einem schmalen Seitenwege, der ganz mit raschelnden
+Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen Wald, es
+war ein Bergwald, der schroff in die Höhe strebte, und
+da Simon keinen Weg mehr vor sich sah, ging er einfach
+gerade aus, suchte sich, immer höher steigend, durch
+das dichteste Tannengeäst seine Bahn, zerkratzte sich sein
+Gesicht, zerrieb seine Hände, aber es ging wenigstens
+hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich
+<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a>
+stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie
+Weide vor seinen Augen lag. Er ruhte einen Moment:
+»Herrgott, wenn ich zu spät komme: welche Blamage!«
+Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er rücksichtslos
+seine Beine in die weiche Ackererde stampfte.
+Ein bleiches, schüchternes Morgenlicht streifte von irgendwoher
+seine Augen. Er sprang über Hecken, die ihn zu
+höhnen schienen. Auf einen Weg achtete er schon längst
+nicht mehr. Eine anständige, breite Straße, das blieb
+in seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach
+dem er sich von Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts,
+in schmale, kleine Schluchten, wo die Häuser
+an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch die
+Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so
+etwas wie eine Stadt zu sein, aber das war nur eine
+gierige Ahnung. Endlich fand er die Straße. Seine
+Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und
+er ging ruhiger, bis er einen Brunnen fand, zu dessen
+Röhre er sich wie ein Wahnsinniger hinstürzte. Unten
+gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei einem weißglänzenden,
+zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei,
+dessen Verfallenheit ihn tief rührte, und wieder ging
+es ins offene Land hinaus. Hier fing der Tag an zu
+grauen. Die Nacht schien zu erbleichen; die lange, stille
+Nacht machte ein Zeichen der Bewegung. Simon stürmte
+jetzt den Weg nur so beiseite. Wie bequem erschien ihm
+das Gehen auf einer solchen glatten Straße, die in
+großen Windungen zuerst aufwärts, dann prachtvoll gedehnt
+bergab führte. Nebel sanken auf die Wiesen nieder
+und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem Ohr. Wie
+lang doch eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er
+auf der Erde durchgelaufen, saß vielleicht ein Gelehrter,
+vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei der Lampe am
+Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam.
+<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a>
+Ebenso wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden
+der erwachende Tag vorkommen, wie jetzt ihm, dem
+Landstraßenläufer. Schon zündete man in kleinen Häusern
+die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt
+erschien, zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann
+mit Toren und einer breiten Hauptstraße, in der Simon
+ein herrliches Haus mit Statuen von Sandstein auffiel.
+Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als Postgebäude
+diente. Schon gingen Menschen auf der Straße,
+die er fragen konnte nach dem Weg, wie am Abend
+zuvor. Es ging wieder ins flache, freie Land hinaus.
+Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte Farben,
+entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien ein herrlicher,
+blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete
+Simon Leuten, namentlich Frauen, sonntäglich
+geputzten, die vielleicht schon von weit herkamen, um in
+die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der
+Tag. Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben
+der Straße in der Wiese liegen, auch fielen beständig
+reife Früchte von den Bäumen. Es war das reine
+Obstland, durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen
+begegneten ihm, ganz bequemlich; die
+nahmen das Gehen nicht so ernst wie er. Eine ganze
+Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem
+Wiesenrand in den ersten Strahlen der Sonne: welches
+Bild der Behaglichkeit! Eine Kuh wurde vorbeigeführt,
+und die Frauen sagten so schön ›guten Tag‹. Simon
+aß Äpfel auf dem Weg, auch er wanderte jetzt ruhig
+durch das fremde, schöne, reiche Land. Die Häuser an
+der Straße waren so einladend, aber noch schöner und
+zierlicher waren die Häuser, die mitten unter den Bäumen,
+tiefer im Land, mitten im Grün steckten. Die Hügel
+gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen
+lockten, alles war blau, von einem herrlichen, feurigen
+<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a>
+Blau durchzogen, auf Wagen fuhren ganze Gesellschaften
+von Leuten daher und endlich sah Simon ein kleines
+Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder
+steckte den Kopf durch das Fenster des Hauses. Er war
+zur rechten Zeit angekommen, kaum eine Viertelstunde
+nach der vereinbarten Zeit. Und er ging mit Frohlocken
+in das Haus hinein.</p>
+
+<p>Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er
+alles mit großen Augen, obschon gar nicht viel zu betrachten
+war. In einer Ecke stand das Bett, aber es
+war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin,
+und das Fenster war ein wunderbares Fenster; obgleich
+es nur aus einfachem Holz war und simple Vorhänge
+hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch dieses Fenster
+hinaus. Am Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke,
+auf Stühlen herum lagen Zeichnungen und Bilder. Jedes
+einzelne Blatt glitt durch des Besuchers Finger, alles
+war schön und so vollendet. Es war Simon beinahe
+unbegreiflich, was für ein Arbeiter der Maler war, es lag so
+viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig
+werden. »Wie das die Natur selber ist, was du malst!«
+rief er aus: »Es wird mir immer halb traurig zumute,
+wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist so schön,
+glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr
+Herz, und du malst immer Neues, willst immer Besseres,
+vernichtest womöglich Vieles, das in deinen Augen schlecht
+geworden ist. Ich kann keines von deinen Bildern schlecht
+finden, alle rühren mich und bezaubern meine Seele.
+Nur ein Strich von dir oder eine Farbe geben mir von
+deinem schlechthin wundervollen Talent eine feste und unerschütterliche
+Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften,
+die so breit und warm mit dem Pinsel gemalt
+sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine Art
+Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt
+<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a>
+in der Kunst. Ich verstehe die Kunst so gut und das
+Drängen der Menschen, das sie ihretwegen empfinden, und
+die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der Natur
+zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend
+finden, eine Landschaft abgebildet zu sehen? Ist es nur
+ein Genuß? Nein, wir wollen damit etwas erklärt finden,
+aber etwas, das gewiß immer unerklärlich bleiben
+wird. Es schneidet so tief in uns hinein, wenn wir, an
+einem Fenster liegend, träumend eine untergehende Sonne
+betrachten, aber das ist noch gar nichts gegen eine Straße,
+in der es regnet, wo die Frauen ihre Röcke zierlich hochheben,
+oder gegen den Anblick eines Gartens oder Sees
+unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen eine einfache
+Tanne im Winter oder gegen eine Gondelfahrt
+bei Nacht oder gegen eine Alpenansicht. Nebel und
+Schnee entzücken uns nicht minder als Sonne und Farben;
+denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und
+der Schnee ist doch, zum Beispiel unter dem Blau des
+erwärmenden Vorfrühlingshimmels, eine tiefe, wundervolle,
+beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich das
+von dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst.
+Ich möchte ein Stück Natur sein und mich lieben lassen,
+so wie du jedes Stück Natur liebst. Der Maler muß
+doch wohl die Natur am heftigsten und am schmerzlichsten
+lieben, viel stürmischer und zitternder und aufrichtiger
+als selbst der Dichter, als zum Beispiel so ein
+Sebastian, von dem ich doch hörte, daß er sich eine
+Hütte auf den Weiden zum Wohnen eingerichtet hat,
+damit er ungestört, wie ein Einsiedler in Japan, die Natur
+anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger
+treu an der Natur, als ihr Maler; denn sie treten in der
+Regel mit verbildeten und verstopften Köpfen an sie heran.
+Doch vielleicht irre ich mich, und ich würde mich
+in diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet
+<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a>
+haben, Kaspar. Du hast doch gewiß keine Ursache,
+dir selber Vorwürfe zu machen. Das würde ich
+nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und wahrhaftig, ich
+hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht,
+weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein
+häßlicher, des Menschen unwürdiger Zustand ist.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Da hast du recht,« sprach Kaspar.</p>
+
+<p>Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen
+alles an, was bald, und wiederum bei der Innigkeit, womit
+sie es taten, doch nicht bald geschehen war, begegneten
+dem Briefträger, der Kaspar einen Brief einhändigte
+und eine Grimasse dazu schnitt. Der Brief war
+von Klara. Die Kirche wurde bewundert und die Majestät
+der Stadttürme, die trotzigen Stadtmauern, welche
+oft durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und Lusthäuser
+am Berge, in denen das Leben ausstarb seit so
+langer Zeit. Die Tannen schauten ernst auf das alte
+Städtchen herab, dazu war der Himmel so süß und die
+Häuser schienen zu trotzen und verdrießlich zu sein in
+ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und
+die Hügel mit den goldenen Buchenwäldern lockten in
+die Höhe und Ferne hinein. Am Nachmittag gingen die
+jungen Männer in den Wald. Viel sagten sie nicht mehr.
+Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was
+er dachte und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien
+es wichtiger, daß gedacht werde, als wenn geredet worden
+wäre. Sie setzten sich auf eine Bank. »Sie will
+nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist unglücklich.«
+Simon sagte nichts, aber er empfand eine gewisse Freude
+für seinen Bruder, daß die Frau unglücklich um ihn
+war. Er dachte: »Ich finde es schön, daß sie unglücklich
+ist.« Diese Liebe entzückte ihn. Bald wurde jedoch Abschied
+genommen; denn Simon mußte, und diesmal mit
+der Bahn, zurückreisen.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>Siebentes Kapitel.</h2>
+
+<p>Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen
+war, saß in einem kleinen Zimmer, mit einem
+Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er wußte
+nicht, was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er
+von seinem Beruf her zu schreiben gewöhnt war, so
+schrieb er jetzt ganz wie absichtslos von selber und zwar
+auf kleine Papierstreifen, die er sich mit der Schere zurechtgeschnitten
+hatte. Draußen war nasses Wetter, und
+der Mantel, mit dem Simon umhüllt war, diente dazu,
+einen Ofen zu ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen,
+während draußen heftige Winde wehten, die Schnee
+versprachen. Es war ihm behaglich zumute, so zu sitzen
+und etwas zu machen und sich der Einbildung zu überlassen,
+ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück
+an seine Kindheit, die noch gar nicht so weit rückwärts
+entfernt war, und die doch so fern lag wie ein Traum,
+und schrieb:</p>
+
+<p>»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da
+dies, in meinem jetzigen Falle, eine spannende und belehrende
+Aufgabe ist. Ich war ein Knabe, der sich gern
+an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir
+dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes
+und zugleich wehmütiges Gesicht. Auch zog ich,
+wenn ich nur immer konnte, weiche Filzschuhe für die
+<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a>
+Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das
+Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die
+größte Freude. Eine warme Stube hatte etwas Zauberhaftes
+für mich. Ich war nie krank und beneidete
+immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für
+die man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen
+sprach. Deshalb dachte ich mich öfters krank und war
+gerührt, wenn ich in meiner Einbildung vernahm, wie
+meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein Bedürfnis
+darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es
+geschah nie. Vor meiner Mutter fürchtete ich mich, weil
+sie so selten zärtlich sprach. Ich hatte das Renommee
+eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit Unrecht, aber
+es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran
+erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden
+mögen; als ich aber einsah, daß es unmöglich war, daß
+man mir diese Aufmerksamkeit schenke, wurde ich ein
+Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern,
+welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu
+sein. Das war meine Schwester Hedwig und mein
+Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres Vergnügen,
+als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah
+ich, daß ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich
+zu machen. Von der Schule habe ich keine große Erinnerung
+mehr, aber ich weiß, daß sie mir eine Art
+Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich
+im elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen.
+Es war mir eine Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause
+zu tragen. Ich fürchtete die Schule und verhielt mich
+infolgedessen dort brav; ich blieb in der Schule überhaupt
+immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen
+der Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch
+kamen sie mir mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer
+der Lehrer, ein plumper, ungeheurer Mensch, hatte ein
+<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a>
+wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir nie ein, daß
+er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern
+ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher,
+daß er am Trunk untergegangen wäre. Dieses
+Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die Juden hielt
+ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es
+gab etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen
+ich, wenn ich ihnen auf der Gasse begegnete, erbebte. Öfters
+mußte ich, im Auftrage meines Vaters, in eines der
+eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie
+nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir
+dort die Tür aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite
+Kleider an und brachte einen warmen, gewürzigen Duft
+mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen Abscheu
+hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube,
+ich trug nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls
+sah ich mit boshafter Bewunderung einige andere
+Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen, glatte
+Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders
+machte mir tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht
+und Händen, wegen der Weichheit seiner Bewegungen
+und der Stimme aus seinem Munde. Er glich völlig
+einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet
+und genoß bei den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig
+machte. Ich sehnte mich krankhaft danach, von ihm
+eines Wortes gewürdigt zu werden und war glücklich,
+als er mich eines Tages vor dem Schaufenster
+einer Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte
+mir, weil ich so schön schrieb, und sprach das Verlangen
+danach aus, eine ebenso schöne Schrift wie ich
+zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott
+von Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu
+sein, und ich wehrte seine Schmeicheleien errötend und
+selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich erinnere mich
+<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a>
+noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit
+mein Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner
+eigenen Mutter. Welches Unrecht! Diesen Knaben griffen
+einige Spottvögel in unserer Klasse an, indem sie die
+Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen
+und zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern
+eines Knaben. Natürlich war es nur Unsinn, aber mich
+traf das wie ein Donnerschlag und ich glaubte lange
+Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen verehren
+zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß
+zu überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich
+war ich zu schüchtern und stolz, ihm meine Vorliebe
+für ihn zu erklären, und so hielt er mich für einen
+seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern.
+Wie merkwürdig, jetzt das zu denken! &ndash; Im Religionsunterricht
+entzückte ich einmal meinen Lehrer, weil ich
+für eine bestimmte Empfindung ein bestimmtes treffendes
+Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich geblieben. In verschiedenen
+Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es war
+immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und
+ich bemühte mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen.
+Mein Instinkt sagte mir, daß mich die Überflügelten
+hassen könnten, und ich war gerne beliebt. Ich fürchtete
+mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden, weil
+ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse
+Mode geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam
+es öfters vor, daß sich intelligente und kluge Schüler
+aus Vorsicht einfach dumm stellten. Dieses Verhalten,
+wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen
+unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von
+Heroismus, wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von
+Lehrern ausgezeichnet zu werden, war also mit der Gefahr
+der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame
+Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen
+<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a>
+hatte ich einen Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit
+Flecken im spitzigen Gesicht, dessen Vater ein herumsaufender
+Korbflechter war, den alle Leute kannten. Da mußte
+nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden
+Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht
+konnte, da er immer Snaps statt Schnaps sagte, infolge
+eines armseligen Zungenfehlers. Wie gab uns das zu
+lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war
+doch das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger
+kleiner Bursche, kam immer zu spät in die Schulstunde,
+weil seine Eltern ein Haus in einer einsamen, wilden,
+weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten.
+Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen
+die Hand ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden
+Schlag mit dem Meerrohr darauf zu empfangen.
+Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal Tränen zu
+den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese
+Abstrafung hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich
+hier nicht irgend jemand, vielleicht den betreffenden Lehrer,
+wie man leicht glauben könnte, anklagen will, sondern
+einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen Zeiten. &ndash;
+Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte
+sich, damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand
+arbeitsloses, wildes, verkommenes Volk anzusammeln,
+um aus Schnapsflaschen im Dickicht zu trinken,
+Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen,
+denen das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten,
+und die aus den Fetzen von Kleidern, die sie trugen,
+erkenntlich waren. Man nannte diese Menschen Vaganten.
+Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig,
+Kaspar und ich mit einem Mädchen, das wir Anna
+nannten, und das unserem Hause treu war, auf einem
+schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in
+eine Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein
+<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a>
+Mann eben eines dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff
+und es einem andern Mann, seinem Gegner, ins
+Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das
+Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte,
+herausspritzte. Der Streit, dessen Ende, da wir sogleich
+flohen, wir nicht sahen, schien aus Anlaß eines Weibes
+entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere, große
+Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals
+gelassen dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung
+zusah. Ich trug ein tiefes Weh und einen Schauder
+nach Hause, der mich am Essen verhinderte und noch
+lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas
+Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf.&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund,
+Sohn eines Großrates und angesehenen Kaufmanns, den
+wir wegen seiner Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen
+unsere Pläne sehr liebten. Zu diesem gingen wir oft in
+das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine zierliche
+Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen
+hieß. Wir spielten mit unseres Freundes Baukasten und
+Bleisoldaten stundenlang und unterhielten uns vortrefflich.
+Kaspar zeichnete sich im Bauen von Festungen und
+Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus.
+Unser Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir
+schien, noch mehr als an mir; und er besuchte auch uns
+öfters in unserem Hause, wo es freilich nicht ganz so
+fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter
+war von der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer
+waren glänzender als bei uns, der Ton war ein anderer,
+ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei uns
+war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer
+Stadt eine reiche Dame für sich allein in einem herrlichen
+Garten, natürlich in einem Haus, aber das Haus
+sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und
+<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a>
+Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte
+drei Töchter, schöne, blasse Mädchen, von denen es hieß,
+daß sie alle zwei Wochen ein neues Kleid anzögen. Die
+Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern ließen
+sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der
+Stadt verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid
+und ein paar Schuhe von einem dieser Mädchen,
+und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als ich
+sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein,
+vermischt mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme,
+wegen der ich oft ausgelacht wurde. Die
+Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens einmal
+im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer
+dunkelroten Loge. Das mittlere von den drei Mädchen
+war wohl das schönste. Ich sah sie in meiner Phantasie
+immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das
+dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes
+auf eine gaffende Volksmenge herabzublicken und alle
+die Augen niederschlagen zu machen. Alle drei Mädchen
+sind jetzt wohl längst verheiratet. &ndash; Einmal hatten wir
+eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber,
+sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in
+der Runde war gerötet von den Flammen, es war eine
+eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf dem gefrorenen,
+knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn
+unsere Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es
+brenne. Wir kamen zu den Flammen, aber es langweilte
+uns, so lang in das brennende Gebälk zu schauen,
+auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach
+Hause, wo uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten
+empfing. Meine Mutter war damals schon
+krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus,
+in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch
+ein Jahr vor mir, aber eine gewisse Melancholie ergriff
+<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a>
+mich und hieß mich auf die Dinge der Schule mit
+Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen
+und den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es
+sein sollte, darüber konnte ich mir nur allerhand unkluge
+Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters, mit
+Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte
+darüber nach, warum er so niedergeschlagen dabei aussah
+und sein Gesicht zur Erde niederhing. Es mußte
+nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die Augen
+nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich
+auf seinen Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer
+zu träumen und war von einer sonderbaren Gelassenheit,
+was dem Vater nichts weniger als gefiel. Wir bewohnten
+jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein erkältender
+war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie
+hatte überhaupt eine eigentümliche Krankheit, sich von
+ihrer jeweiligen Umgebung verletzt zu fühlen. Sie mochte
+von vornehmen kleinen Häusern in Gärten schwärmen.
+Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche
+Frau. Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen,
+ziemlich schweigsam, wie wir es gewohnt waren, erfaßte
+sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer und warf es von
+sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den
+Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen
+wollte, kränkte es sie, und wenn man <ins title="ihre">ihr</ins> Vorwürfe
+machte, noch viel mehr. Vater hatte einen schweren
+Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns
+mit Wehmut und Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau
+war, der alles mit einem Gemisch von Hochachtung und
+Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle Stimme
+ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr
+hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten,
+die sie mit Grazie und Bescheidenheit abzulehnen
+wußte; diese entschwundene Zeit erschien mir schon damals
+<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a>
+wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender
+Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich
+schönen Erinnerungen mit Leidenschaft hinzugeben. Ich
+sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern ein reizendes
+Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu
+uns hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine
+helle, große Kinderstube besaßen, in welche die Sonne mit
+einer Art Vorliebe hineinzuscheinen schien. Dicht neben
+unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges, zerdrücktes,
+uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach,
+darin wohnte eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen,
+einen Sohn und eine Verwandte und, ich glaube, noch
+einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man
+zu ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich,
+daß man das bloße dieser Dame Gegenüberstehen als
+einen Wohlgenuß empfand. Sie preßte einem dann verschiedene
+Hüte auf den Kopf, führte einen vor den
+Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so
+wunderbar, daß man wie gebannt dastehen mußte. Sie
+war eine gute Freundin meiner Mutter. Dicht daneben,
+das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte
+eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die
+Zuckerbäckersfrau schien uns ein Engel zu sein, nicht
+eine Frau. Sie hatte das zarteste, ovalste Gesicht, das
+man sich denken kann; die Güte und die Reinheit schienen
+diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln,
+das einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen
+traf, bezauberte und versüßte noch ihre süßen Züge. Die
+ganze Frau schien wie geschaffen dazu, Süßigkeiten zu
+verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit
+Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen
+den köstlichen Geschmack nicht rauben wollte. Das war
+auch eine Freundin meiner Mutter. Sie hatte viele
+Freundinnen.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer
+Photographie seiner Mutter, die an der schmutzigen Wand
+seines Zimmers hing, und preßte, indem er sich auf die
+Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er
+das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem
+Besinnen, einfach deshalb, weil es keinen Wert mehr
+für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa, in die Vorstadt
+hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald
+eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen,
+was für mich jetzt das Schönste wäre, was es geben
+könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas Entzückendes.
+Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man
+für merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft
+ins Zimmer zu gelangen, wäre mit ein paar Schritten
+leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der Gasse
+und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne.
+Diejenigen Weiber, die Töchter haben, geben einem schon
+im Geiste eine ihrer Töchter zur Frau. Das wird die
+jüngste Tochter sein mit den Ringellocken und den herabhängenden,
+schweren Ohrringen an den kleinen Ohren.
+Im Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich
+machen, und der Chef wäre glücklich, eine solche Erwerbung
+wie mich gemacht zu haben. Abends nach Hause
+gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die
+Bilder an den Wänden würden angesehen, von denen
+eines vielleicht die schöne Kaiserin Eugenie darstellen
+dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter
+des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen,
+warum nicht? Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht
+möglich, wo die Menschen einander so zärtlich begegnen?
+Eines Tages aber, in der warmen, hellen Mittagspause,
+würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen,
+einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit
+herstammte, würde sie aufmachen und zu mir in
+<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a>
+das Zimmer treten und zu mir, unter einer unendlich
+feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie
+sind Sie immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden
+und machen gar keine Ansprüche. Sie sagen nicht: mir
+fehlt dieses oder jenes. Sie lassen alles so gehen. Ich
+fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und
+sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen
+ergriffen, könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie
+still und schön die Blumen sind, da auf dem Tische.
+Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist mir,
+als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so
+etwas aus dem Munde einer Kleinstädterin zu hören.
+Dann würde ich es plötzlich natürlich finden, in langsamen
+Schritten zu der Dastehenden und Zaudernden
+hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und
+das Mädchen zu küssen. Sie würde es geschehen lassen,
+aber nicht so, daß man versucht wäre, auf unschöne Gedanken
+zu verfallen. Sie würde die Augen tief niederschlagen
+und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das
+Wogen ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten,
+mir ihre Augen zu zeigen, und daraufhin würde sie sie
+aufmachen und ich würde in den Himmel ihrer geöffneten,
+fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein
+langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein
+flehender Blick von ihr, dann würde es mich reizen, sie
+ebenso anzusehen, dann würde ich natürlich lachen müssen
+und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie wunderbar
+könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt,
+wo die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde
+sie wieder küssen auf ihren seltsam gebogenen und geschweiften
+Mund und ihr schmeicheln, so, daß sie meinen
+Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder
+keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß
+ich sie als mein Weib betrachtete, worauf sie, wieder den
+<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a>
+Kopf so wundervoll zur Seite biegend, ja sagen würde.
+Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr den
+Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit
+Küssen bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes
+und des Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte?
+Freilich, Siegerin wäre sie und ich ihr Besiegter,
+das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde ihr Mann
+werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit
+und alle Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken.
+Nun würde ich sie immer betrachten und sie immer schöner
+finden. Bis zu unserer Vermählung würde ich wie ein
+Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen ließe,
+her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden
+hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen.
+Ich würde viel lachen, wie ein Blödsinniger, nur um
+nicht immer allzu feine Worte des Zärtlichseins zu gebrauchen,
+und vielleicht würde ich sie öfters auch roh
+behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht
+abzufangen. Nach solcher Handlungsweise käme
+es mir nicht darauf an, heimlich, wenn sie es nicht sähe,
+vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit
+heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar
+dazu versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse
+bedeckt wäre, an meinen Mund zu pressen; denn der
+Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen Füße steckte,
+würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen,
+zum Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters
+auf die nahen, hohen Felsenberge hinauf, sorglos mich
+hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen, über Abgründe
+hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf
+die gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen,
+wo ich denn eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir
+ein solches Leben in der Enge mit einer allerdings geliebten,
+aber doch alles heischenden Frau wohl genügen
+<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a>
+würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem
+Kopf und träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die
+Ebene hinab, wo die kleine Stadt ausgebreitet läge.
+Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang weinen,
+warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und
+würde wieder ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne
+untersänke, dann hinuntergehen und meinem Mädchen die
+Hand reichen. Es wäre alles beschlossen und hinter
+mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh über
+die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde
+ich Hochzeit feiern und so meinem Leben ein neues Leben
+geben. Das alte würde wie eine schöne Sonne untergehen,
+und nicht einmal einen Blick würde ich ihm nachwerfen,
+weil ich das für gefährlich und schwach hielte.
+Die Zeit verginge, und nun würden wir uns, um für
+unsere Zärtlichkeit eine Abbildung zu haben, nicht mehr
+über Blumen beugen, sondern über Kinder und uns entzücken
+über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe
+zu unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie
+heischen würden, machte unsere eigene Liebe sanfter und
+nur größer, aber stiller. Mich zu fragen, ob mir meine
+Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und mir
+einzureden, daß ich ein kleines, dürftiges Leben führte,
+käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles <ins title="erfahrene">erfahren,</ins>
+was an Erfahrung das Leben gibt und würde gern auf
+den Gedanken verzichten, der mir allerhand elegante
+Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die ich versäumt
+hätte. »Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?«
+würde ich mich ruhig und überlegen fragen. Ich wäre
+ein fester Mensch geworden, das wäre alles und bliebe
+alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt
+wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich
+nicht denken; denn das liegt doch zu fernab im Dunkel
+der schönen Zukunft. Was sagen Sie dazu? Ich träume
+<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a>
+jetzt immer so viel, aber Sie müssen wenigstens zugeben,
+daß ich mit einer gewissen Aufrichtigkeit und mit dem
+Verlangen träume, ein besserer Mensch zu werden, als
+ich jetzt bin.«</p>
+
+<p>Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie
+Simon aufmerksam betrachtete und fragte dann:</p>
+
+<p>»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?«</p>
+
+<p>»Er will nächstens nach Paris gehen.«</p>
+
+<p>Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer.
+Simon dachte: Also auch sie liebt ihn.</p>
+
+<p>»Sie lieben ihn,« sagte er leise.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen,
+dunkelblauen Mantel, mit einem zierlichen, unbehülflichen
+Stöckchen in der Hand, aus dem Hause heraus. Ein
+dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch vollständige
+Nacht. Nach einer Stunde aber erhellte es sich,
+als er auf einer Anhöhe stand und auf die große Stadt
+zu seinen Füßen zurückblickte. Es war kalt, aber die
+Sonne, die eben jetzt feurig und hellrot über den verschneiten
+Büschen und Feldern emporstieg, versprach einen
+wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer
+höher fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich,
+daß die Sonne im Winter noch drei Mal so schön sei,
+wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee
+brannte bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen
+Farbe, und dieser wärmende Anblick und die wirkliche
+Kälte dazwischen wirkten belebend und anspornend auf
+den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr aufhalten
+ließ, sondern tüchtig weiterschritt. Der Weg war
+derselbe, den Simon damals in der Herbstnacht gegangen
+war, er hätte ihn jetzt beinahe schlafend gefunden. So
+lief er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die Sonne
+schöne Wärme auf die Gegend herab, der Schnee wollte
+<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a>
+schon wieder zerrinnen, und das Grün blickte an einigen
+Stellen naß hervor. Die rieselnden Quellen verstärkten
+den Eindruck der Wärme, aber gegen Abend, als der
+Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und der rote
+Schein der Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde
+es auch gleich wieder grimmig kalt. Simon stieg wieder
+den Berg hinauf, den er schon einmal, aber in wilderer
+Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee
+knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so
+voll mit Schnee beladen, daß sie ihre starken Äste herrlich
+zur Erde niederhängen ließen. Ungefähr in der Mitte
+des Aufstieges sah Simon plötzlich einen jungen Mann
+mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so
+viel letzte Helle im Wald, daß er den schlafenden Mann
+ins Auge fassen konnte. Was veranlaßte diesen Menschen,
+sich hier in der bitteren Kälte und an einer so
+einsamen Stelle im Tannenwald niederzulegen? Des Mannes
+breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es
+oft im heißen, schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein
+Liegender und Ausruhender sich auf diese Weise gegen
+die Sonnenstrahlen schützt, um einschlafen zu können.
+Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses Gesichtverdecken
+mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig
+keine Lust konnte genannt werden, es sich hier im Schnee
+bequem zu machen. Der Mann lag unbeweglich und
+schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden.
+Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider.
+Die Kleider waren hellgelb, es war ein Sommeranzug,
+ein ganz dünner und fadenscheiniger. Simon zog den
+Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah
+schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht,
+es war Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren
+Sebastians Züge, das war sein Mund, sein Bart, seine
+etwas breite, gedrückte Nase, seine Augenbildungen, seine
+<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a>
+Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren, ohne
+Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am
+Wege. Der Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war
+also denkbar, daß er schon lange liege. Gesicht und
+Hände waren längst erstarrt, und die Kleider klebten an
+dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große,
+nicht mehr zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein.
+Allzukräftig war er nie gewesen. Er ging immer in gebückter
+Haltung, als ertrüge er die aufrechte nicht, als
+täte es ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf stramm
+zu halten. Wenn man ihn ansah, empfand man, daß
+er dem Leben und seinen kalten Anforderungen nicht gewachsen
+war. Simon schnitt Tannenäste von einer
+Tanne und bedeckte den Körper damit, doch zog er vorher
+noch ein kleines dünnes Heft aus der Rocktasche des
+Toten, das dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte
+zu enthalten, Simon unterschied die Schriftzeichen nicht
+mehr. Es war mittlerweile völlige Nacht geworden.
+Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und
+der Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen
+der Szene zu. »Ich habe keine Zeit,« sagte Simon still
+vor sich, »ich muß mich beeilen, daß ich die nächste Stadt
+noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit verspüren,
+noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von
+Toten zu verweilen, der ein Dichter und Schwärmer
+war. Wie nobel er sich sein Grab ausgesucht hat. Mitten
+unter herrlichen, grünen, mit Schnee bedeckten Tannen
+liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten.
+Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne
+singen leise ihm zu Häupten, und die Nachtvögel schnarren,
+das ist die beste Musik für einen, der kein Gehör und
+kein Gefühl mehr hat. Deine Gedichte, lieber Sebastian,
+will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht
+lesen und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir
+<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a>
+wenigstens dein armer, funkelnder, schönklingender Name
+der Welt erhalten bleibt. Eine prachtvolle Ruhe, dieses
+Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im Schnee.
+Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen
+sind immer geneigt, derartigen Käuzen, wie <em class="gesperrt">du</em> einer
+warst, weh zu tun und ihre Schmerzen zu verlachen.
+Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde und
+brenne nicht zu sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins.
+Du bist anderswo. Du bist sicher an einem
+herrlichen Ort, du bist jetzt ein reicher Kerl, und es verlohnt
+sich, die Gedichte eines reichen, vornehmen Kerls
+herauszugeben. Lebe wohl. Wenn ich Blumen hätte,
+ich schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat
+man nie Blumen genug. Du hattest zu wenig. Du
+erwartetest welche, aber du hörtest sie nicht über deinem
+Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich nieder,
+wie du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel,
+und viele, viele Menschen, denen man es nicht zutrauen
+würde, träumen, aber du glaubtest, ein Recht zu haben
+auf das Träumen, während wir anderen nur träumen,
+wenn wir uns recht elend vorkommen, aber froh sind,
+es einstellen zu können. Du verachtetest deine Mitmenschen,
+Sebastian! Aber, Lieber, das darf sich nur ein Starker
+erlauben, und du warst schwach! Doch ich will nicht
+dein heiliges Grab gefunden haben, um es zu beschmähen.
+Was weiß ich, was du gelitten hast. Dein Tod unter
+den offenen Sternen ist schön, ich werde das lange nicht
+vergessen können. Ich will Hedwig dein Grab unter
+diesen edlen Tannen schildern, und ich werde sie damit
+weinen machen. Die Menschen werden wenigstens noch
+deine Gedichte lesen, wenn sie mit dir doch einmal nichts
+anzufangen wußten.« &ndash; Simon schritt von dem Toten
+weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen Tannenäste,
+unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich
+<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a>
+mit einer schnellen Drehung seines schmiegsamen Körpers
+von dem Bilde ab und lief, was er konnte, im Schnee
+weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten
+Mal den Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal
+schauerten Leben und Tod heiß durch seinen ganzen
+Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser eisigen, sternengeschmückten
+Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn
+vom sanften, blassen Bild des Todes stürmisch hinweg.
+Er spürte keine Beine mehr, nur noch Adern und Sehnen,
+und diese gehorchten biegsam seinem vorwärtseilenden
+Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den
+erhabenen Anblick der herrlichen Nacht erst ganz, und er
+lachte laut auf, wie ein Knabe, der noch nie einen Toten
+gesehen hat. Was war denn ein Toter? Ei, eine Mahnung
+ans Leben. Weiter gar nichts. Eine köstliche zurückrufende
+Erinnerung und zugleich ein Treiben in die
+ungewisse, schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine
+Zukunft noch recht weit und offen vor ihm liegen mußte,
+wenn er so ruhig mit Toten umgehen konnte. Es
+machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen
+Menschen noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll
+angetroffen zu haben, so schweigend, so beredt,
+so dunkel und ruhig und so vornehm fertig. Jetzt gab
+es gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln
+und zu naserümpfen, bloß noch zu fühlen. &ndash; Simon
+schlief herrlich in einem Gasthausbett, nämlich in
+demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder bemalt
+hatte. Den andern Tag benutzte er zu frischem
+Laufen auf beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah
+immer einen blauen Himmel über sich, Häuser zu beiden
+Seiten der Straßen, schöne große Häuser die auf eine
+wohlhabende und stolze Landbevölkerung schließen ließen,
+Hügel mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die
+der blaue Himmel hineinkroch, und Menschen, die an
+<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a>
+ihm vorübergingen und solche, die mit ihm die gleiche
+Richtung liefen, die er aber überholte; denn er lief, während
+die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde,
+ging er durch ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz
+von Wäldern umschlossen und voll Windungen und seltsamer
+Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die Nachtlichter
+brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da
+ihn nun doch eine ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing,
+kehrte er im nächsten Gasthaus wieder ein. Die Wirtsstube
+war mit Menschen angefüllt, und die Wirtin sah
+eher wie eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie
+eine Wirtin, die Gäste bediente. Er verlangte schüchtern,
+was er begehrte, worauf ihn die schöne Frau mit seltsamen
+Blicken maß. Er aber war so müde, so zerschlagen,
+daß er nur froh war, als er bald darauf in sein Zimmer
+geführt wurde, wo er sich mit Wonne in ein eiskaltes
+Bett legte, um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag
+brachte ihn in eine schöne, mächtige Stadt, wo er nur
+ein Geschäft hatte: einen Redakteur ausfindig zu machen,
+um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm bezeichneten
+Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht
+klug wäre, selber hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen
+abzugeben. Er schrieb daher auf den Umschlag
+des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im
+Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur
+Veröffentlichung, wenn es möglich ist«, und warf das
+Heft in den großen, plumpen Briefkasten, in den es hinunterprallte.
+Dieses getan machte sich Simon neuerdings
+auf den Weg. Das Wetter war milder geworden, Schnee
+wirbelte in großen, nassen Flocken auf die Straßen, zu
+denen hinaus es ihn drängte. Die unbekannten Menschen
+dieser Stadt sahen ihn so sonderbar groß an, daß
+er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn, den völlig
+Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus
+<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a>
+in die vornehme Villenvorstadt, und zu dieser auch
+wieder hinaus, in einen Wald, auf ein Feld, auf ein
+anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in
+ein Dorf, in ein zweites und drittes, bis es Nacht
+wurde.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>Achtes Kapitel.</h2>
+
+<p>In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die
+Schulkinder kamen alle mit nassen, verschneiten Schuhen,
+Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in die Schule.
+Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand
+Geröll von den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die
+Schar der Kleinen war infolge des Schneefalles zerstreut
+und angenehm aufgeregt, zu Aufmerksamsein wenig geneigt,
+worüber die Lehrerin ein wenig unmutig wurde.
+Sie wollte eben mit Religion beginnen, als sie einen
+dunklen, schlanken, beweglichen, gehenden Fleck vor dem
+Fenster gewahrte, einen Fleck, den kein Bauer hätte machen
+können, denn er war zu zierlich und beweglich. Es flog
+nur so an der Fensterreihe vorüber, und auf einmal
+sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles vergessend, zur
+Stube hinauseilen. Hedwig trat nur zur Schulstubentür
+hinaus, um ihrem Bruder, der dicht davor stand, in die
+Arme zu fliegen. Sie weinte und küßte Simon und
+führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur
+Verfügung standen. »Du kommst unerwartet, aber es
+ist gut, daß du kommst,« sagte sie, »lege deine Sachen
+hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will
+die Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken.
+Das wird nichts ausmachen. Sie sind heute doch sonst
+so unaufmerksam, daß ich einen Grund habe, böse zu
+<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a>
+sein und sie früher abzufertigen.« &ndash; Sie ordnete sich
+ihr Haar, das bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus
+den Fugen geraten war, sagte Auf Wiedersehen zu ihrem
+Bruder und ging wieder zurück an ihr Geschäft.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten.
+Seine Koffer kamen mit der Post nach, worauf er alle
+seine Sachen auspackte. Vieles besaß er nicht mehr, ein
+paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder weggeben
+mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen
+Knäuel von Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste,
+Krawatten, Schuhbändel, Kerzenstümpchen, Knöpfe und
+Fadenteile. Man lieh sich bei der Nachbarsschullehrerin
+eine alte eiserne Bettlade, dazu eine Strohmatratze, das
+genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese
+Bettstelle wurde auf einem <ins title="breitem">breiten</ins> Schlitten in der Nacht
+vom nächsten Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon
+setzten sich auf das sonderbare Fahrzeug; der Sohn der
+befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der eben
+den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten
+bergab in die Einsenkung, in der sich das Schulhaus
+befand. Man lachte viel. Das Bett wurde im zweiten
+Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug
+versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der
+keine zu überspannten Ansprüche an ein Bett machte,
+was auch Simon keineswegs tat. Hedwig dachte im
+Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil
+er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten
+Welt. Dafür bin ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo
+schlafen und essen, er würde sich sicher seiner Schwester
+nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen Gedanken
+bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand,
+der ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil
+man ihn gerne dachte. Simon seinerseits schämte sich
+<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a>
+ein wenig, die Güte seiner Schwester in solcher Weise
+zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die
+Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte
+sich daran, ganz einfach! Geld hatte er wirklich
+keines mehr, aber er ließ sofort, in den ersten Tagen
+schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare ergehen,
+mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten
+zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem
+Lande Geld! Viel jedenfalls nicht. Nach und nach sank
+jede empfindliche Scheidewand zwischen den beiden Bewohnern
+des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer
+miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung
+sowie Lustbarkeiten fröhlich <ins title="miteiander">miteinander</ins>.</p>
+
+<p>Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger
+Zagheit die Fenster offen stehen lassen und brauchte
+den Ofen nur noch leichter zu heizen. Die Kinder brachten
+Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die
+Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie
+alle setzen, da nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren.
+Die Ahnung des Frühlings duftete beklemmend in der
+Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen spazieren.
+Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden,
+ganz spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht
+viel, wer er sei, es hieß, es sei einer der Brüder der
+Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung zu verschaffen.
+Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man.
+Simon ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer
+gewissen leichten, kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit
+der Stoffe, die er trug, hübsch verdeckte. Seine zerrissenen
+Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon fand
+es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen;
+denn darin spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten
+des ländlichen Lebens. Wenn er Geld bekäme,
+würde er leise daran denken, das Schuhwerk aufbessern
+<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a>
+zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde
+er vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt
+es auf dem Lande auf vierzehn Tage an! In der Stadt
+mußte man alles schnell tun, aber hier hatte man die
+schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen
+zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber;
+denn die Tage kamen so still und ehe man es denken
+konnte, war der Abend schon wieder da, dem eine innige
+Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht,
+den der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich.
+Simon liebte auch die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen,
+die über Geröll führten, und die großen, in denen man
+im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte. Aber das war
+es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man
+konnte den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war,
+mit Sorgfalt und etwas posiertem Schrecken vor dem
+Schmutz eine Straße zu passieren. Die älteren Dorfweiber
+konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer
+junger Mann und die Mädchen konnten lachen
+über die weiten Sprünge, mit denen Simon über Gräben
+und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war vielmals
+dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen
+waren, und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten
+den Wald und rasten über das Moos, wo die Leute
+arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde geduldig daneben
+standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle
+Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten.
+Hedwigs Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an,
+der Lehrer, der im oberen Stock wohnte, steckte seine
+Brille neugierig zum Fenster hinaus und genoß auf seine
+Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon
+hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und
+dazu Tabak gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen,
+auf dem Lande nur Pfeife zu rauchen, denn eine
+<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a>
+Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war eine
+Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo
+er beinahe den ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen
+Mittag lag er im hellgelben Gras unter dem herrlichen
+sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte
+nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte
+von nichts Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern
+er sann und träumte glücklich in seine Umgebung
+hinein; denn er wußte von nichts Schönerem. Hedwig,
+die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte
+die ganze übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak,
+den er rauchte, führte ihn nur wieder ins Dorf, zu dem
+Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr: »Sie fährt
+mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der
+See ist klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die
+großen, schwarzen, düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich
+im Nachen sitzt, und denkt: »Wie doch seine
+Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber
+das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen
+an!« Der Mann hat einen struppigen Bart, wie die
+Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser Mann kann
+galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum
+Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu
+zucken und gewiß ohne die Hand aufs Herz zu legen
+und sich mit seiner Tat zu brüsten. Dieser Mann würde
+sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle Männerstimme,
+aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu
+sagen. Nie kommt eine Schmeichelei über seine stolzen
+Lippen und seine Stimme verdirbt er mit Absicht, daß
+sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen weiß,
+daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch
+nicht, an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen.
+Eine Saite tönt über das Wasser mit langen Tonwellen.
+Hedwig meint sterben zu sollen in dieser tönenden Luft.
+<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a>
+Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte,
+wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt.
+Ein schwebender, hängender See da oben, das paßt gut.
+Die Parkbäume im Bilde entsprechen den hohen, schwankenden
+Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas
+Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles
+gedrängter und zusammengesetzter, und ich schweife jetzt
+wieder darein hinüber, ohne den stillen Zusammenhang
+mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen. Der
+Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem
+Nachen einen rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß
+er seiner eigenen Wärme und Liebe in solcher Weise entgegenhandeln
+könnte. Wenn er Liebe und Zärtlichkeit
+in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich unbarmherzig,
+daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in
+der Brust gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er.
+Kein Mann, sondern eine Mischung von Knabe und
+Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von Empfindungen
+überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der
+mehr sein will als ein aufrichtig fühlender Mann, der
+ein Riese sein will, der nur stark sein will und nicht auch
+zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt Tugenden der Ritterlichkeit,
+die der vernünftig und reif denkende Mann immer
+zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der
+Liebe. Ein Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil
+er weniger reif ist, denn die Reife macht leicht niederträchtig
+und selbstisch. Man muß nur die harten, bösen
+Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz
+und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber
+im stillen gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein
+Mann findet es passender, es zu brechen. Der Knabe
+findet Schönheit an der Härte des Worthaltens (Mittelalter)
+und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes
+Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich
+<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a>
+verspricht zu halten. Er ist der Versprecher, jener
+ist der Vollstrecker des Wortes. Locken um die jugendliche
+Stirne und einen Todestrotz auf den geschwungenen
+Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume
+sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen
+Luft. Dort unter den Bäumen sitzt der Mann, den sie
+verachtet. Den, der bei ihr ist und der lieblos ist, muß
+sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch den
+Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt,
+sie zu entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine
+Zärtlichkeit ins Ohr hineinzuflüstern. Flüstern, das ist
+des andern Sache, der da versteht es nicht. Und wenn
+er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder
+zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran
+denken, noch etwas zu äußern. Aber sie gibt sich ihm,
+ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts davon, darf
+sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne
+machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt
+sein, auf die wilden Launen, womit ein Herrscher
+mit seinem Besitztum umzugehen pflegt. Aber sie fühlt
+sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr spricht,
+barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre.
+Sie ist es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet
+nicht mehr, was schon sein ist. Ihre Haare sind ihr
+aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an ihren
+schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen.
+»Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich,
+seinem Befehl zu gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken,
+und er sieht es natürlich, auch wenn er die Augen schlösse;
+denn dann würde er einen Seufzer von ihr hören wie
+ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei
+hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht
+beschwerlich fällt, aber ihren Herzen schmeichelt.
+Sie steigen aus dem Nachen hinaus und treten ans Land.
+<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a>
+Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den Tritten,
+wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte
+Teppiche. Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre,
+wie es hier, wo ich meine Pfeife rauche, zu sehen
+ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen, ein ganz kleines,
+blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es
+scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind
+prachtvoll und in die Breite gebauscht in einem schweren
+Bogen, aus dem die Brust wie eine kleine, prangende
+Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot, sie
+haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist
+von einer durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des
+Winterabendhimmels in den Gebirgen. »Du kennst
+mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den betroffenen
+Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich
+noch anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!«
+So spricht sie zu ihm. Der Mann macht Miene zu gehorchen.
+Was für eine Miene? Ja, eine solche Miene,
+die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden
+soll. Man pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden.
+Das Gesicht zuckt und man muß es zerbeißen und einkneten
+mit der ganzen Willenskraft. Es will auseinanderreißen.
+Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches
+geschieht jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter
+mag ich mit dem tollen Mann nicht Miene machen, mich
+zu töten; denn es müßte mit einem langen Messer geschehen,
+und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife
+und kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen,
+aber jetzt, merke ich, will er ausarten und das
+paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist sanft und wenn
+sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise. Meinen
+Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen,
+wenn er ihr so frech käme. Die Landschaft, die ich da
+gemalt habe, war indessen sehr nett, aber auch nur deshalb,
+<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a>
+weil ich sie in den großen Zügen dieser natürlichen
+Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim
+Träumen nie den Boden des Natürlichen aufgeben, auch
+bei Menschen nicht, denn sonst gelangt man sehr leicht
+zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen läßt:
+»Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen,
+und das Machen einer Miene ist lächerlich und ist geeignet,
+den schönsten Traum zu verderben!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur
+Gewohnheit gemacht, jeden Tag gegen Abend zu einer
+bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den Blick
+meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um
+zu Hause den Tee zu kochen, und hatte im Teekochen
+eine Handfertigkeit bekommen, die stets das richtige Maß
+traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und nicht
+zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal
+zu gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber
+zu halten und es in appetitlicher und anmutiger Art
+auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf der Weingeistflamme
+nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee
+in vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig
+war das eine kleine Erleichterung, da sie jetzt nur schnell
+aus der Schulstube hinaus zum Tee zu eilen brauchte,
+um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach dem
+Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging
+dann in die Küche und bereitete den Kakao, und zwar
+zu Hedwigs Vergnügen sehr schmackhaft; denn er lauerte
+auch bei dieser Arbeit auf den richtigen Kniff, der immer
+einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig, die
+nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und
+zwar ganz wie von selbst, ohne jede Vorstudien oder
+Anstrengungen, den Ofen zu feuern und das Feuer zu
+unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm
+die Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben
+<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a>
+wußte, sehr zustatten kam. Die Fenster öffnete
+er, um frische Luft in die Stube hineinzulassen, aber er
+schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch gehörig wieder
+zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende
+Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen,
+blühten die Blumen weiter, die der Natur draußen entrissen
+wurden, und verbreiteten Duft in die Enge der
+vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche
+Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im
+Zimmer vieles beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche,
+die Hedwig aus zusammengerafften Stoffresten
+von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen lassen, die dergleichen
+Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand
+in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen
+ein altes Sofa mit geblümtem Tuchüberzug, ein genügend
+großer Tisch davor, Stühle daneben; und dann befand
+sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner Schreibtisch
+mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt
+mit Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste
+am Boden, mit weichem Tuch überzogen zum Sitzen
+und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis entstand,
+nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen,
+weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in
+denen sich all das wunderliche Zeug befand, das einem
+Mädchen mit häuslichen Sitten unentbehrlich ist, ein
+runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und Marke
+versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten
+und an der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher
+zum Trinken, ein Stock mit einem großen Hacken, ein
+Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder von einem
+Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder,
+die Kaspar gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft
+mit Wald, ein Dach, von einem Fenster aus gesehen, eine
+neblige, graue Stadt (besonders schön für Hedwig), eine
+<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a>
+Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer,
+ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen
+Hügel gedrückt war, daß man wohl mit einem Dichter
+sprechen konnte: »Da hinten liegt ein Haus.« Auf dem
+Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt
+war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem
+Bronceton, einige Photographieen und ein kleines, feines
+Schmuckkästchen ohne Inhalt, eine Erinnerung an die
+Mutter. Ein Vorhang, der wie ein Bühnenvorhang
+aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide
+Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin
+besonders traulich aus, wenn die Lampe angezündet
+wurde und die Läden zugedrückt wurden; und am Morgen
+weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern
+aus dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.</p>
+
+<p>Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ
+etwas von sich hören. Infolgedessen sah er sich gedrängt,
+auf andere Weise etwas Geld zu verdienen, womit er
+hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen, auch
+etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt
+Papier zur Hand und schrieb darauf:</p>
+
+<div class="center">
+<p><span class="gesperrt">Landleben.</span></p>
+</div>
+
+<p>Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem
+Lande gekommen, und obschon ich nicht der Herr dieses
+Hauses bin, noch die Absicht hege, es zu werden, kann
+ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht glücklicher
+als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht
+einmal das Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir,
+sondern einer sanften, lieben Lehrerin, die mich beherbergt
+und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen gibt. Ich bin
+gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen freundlicher
+Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem
+abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben
+<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a>
+und aufzuhorchen, ob ich seine Güte noch nicht verscherzt
+habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen Zustand
+der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen
+zwischen Frechheit und zarter, leiser, natürlicher
+Aufmerksamkeit, und ich verstehe das vortrefflich. Man
+darf vor allen Dingen den Gastgeber nie fühlen lassen,
+daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine Schüchternheit
+und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte.
+Im Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter
+das Dach ruft, aber es spräche von wenig Empfindung,
+wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen, den er
+gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und
+noch gibt, um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen.
+Dank unter gewissen Umständen ist einfach
+Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf dem
+Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig.
+Der zum Dank Verpflichtete hat seine Art
+Betragen, weil er sieht, daß sein Gegenstück ebenfalls
+so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch schüchterner
+als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die
+Nehmer unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber,
+mit Anstand und ohne viel Federlesens geben können.
+Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester, aber dieser
+Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen,
+wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie
+ist tapfer und aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch
+von Liebe und Mißtrauen empfangen, freilich, denn
+sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur daher
+gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften
+Schwester, weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte,
+wohin! Das mußte etwas Störendes und Verletzendes
+für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam, monate-,
+ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte
+ja denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib
+<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a>
+zu pflegen, für den es wahrhaftig zeitweise nicht schade
+wäre, wenn er geprügelt würde, und nicht deshalb, um
+mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich
+indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben
+und wir leben jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte,
+sondern wie Kameraden zusammen, die trefflich miteinander
+auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen
+leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine
+Art, schneller alle Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen
+und eine Art, sich heller und lustiger zu lieben,
+als in der gedrängten Stadt voll drängender Menschen
+und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste
+weniger Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt;
+denn dort wird alles am Gerede und Tun der Menschen
+gemessen, während hier die Sorge ruhig weitersorgt und
+der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang
+findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu
+werden, deshalb sind so viele, die sich bitter arm vorkommen,
+aber auf dem Lande wird, wenigstens zum
+großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden
+Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig
+mit seiner Armut weiteratmen; denn er hat einen Himmel,
+zu dem er aufatmen kann. Was ist in der Stadt
+der Himmel! &ndash; Ich selbst besitze nur noch ein kleines Silberstück
+an Geld, und das muß für die Wäsche reichen.
+Auch meine Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse,
+als ganz unsagbare, hat, gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen
+sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir bekommen
+saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen,
+soviel wir nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles,
+denen es die Eltern für die Lehrerin mitgeben. Auf dem
+Lande weiß man noch zu geben, daß es denjenigen ehrt,
+der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade
+vor dem Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden
+<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a>
+angefangen hat, ich weiß wahrhaftig nicht aus welchen
+Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt unverschämt
+wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet
+sich da, ein edles Mitempfinden für den Darbenden an
+den Tag zu legen und gibt nur verstohlen, oder unter
+unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche, sich
+vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst
+zu verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine
+Königin bekommt, wenn sie ihre Hand einer schlechten
+Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte es für ein Unglück,
+in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten darf,
+da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der
+Tagesordnung ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber
+nicht geben und gar kein Mitleiden mehr fühlen, als es
+unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich einer Schwäche
+hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht
+schwach, wenn man gibt, sondern man will geben und
+gibt sich manchmal geradezu eine Ehre, geben zu dürfen.
+Wer sich vor dem Geben hütet, wird sicherlich einmal,
+wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von Schicksalen
+aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und
+ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang
+nehmen. Wie abscheulich von den mit Gütern
+Gesegneten, die Armen ignorieren zu wollen. Besser,
+man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck
+und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang,
+eine Wut, ein Herzklopfen und das ist auch eine Art
+Verbindung. Aber sich in eleganten Häusern, hinter
+goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu
+fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen
+Aufwand mehr treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte
+von den erbitterten Gedrückten wahrgenommen werden,
+drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen, daß
+man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu
+<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a>
+fürchten, sich in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen,
+noch andere wohl sein zu lassen, unschöne Waffen zu
+gebrauchen, die keinen echten Trotz und Mannesmut
+voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit
+keine Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte,
+und es scheint mir ein unschönes, der Verbesserung bedürftiges
+Bild zu sein. Auf dem Lande ist es noch nicht
+so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist;
+er darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und
+Wohlhabenden emporblicken und man gestattet ihm das,
+denn das vermehrt die Würde desjenigen, der von solchen
+Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein eigenes
+Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und
+reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten
+weiten Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges
+Haus zu besitzen. Das ist in der Stadt nicht
+so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen
+aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann
+Wohnungen und heilige alte Gebäude wegreißen, wie
+es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer eines Hauses
+sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz
+und eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf
+von den verschiedenartigsten Menschen bewohnt, die alle
+aneinander vorübergehen, ohne sich zu kennen, ohne den
+Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu dürfen. Ist
+das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll
+solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen,
+einen merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem
+Lande geschieht im Grunde genommen auch mehr, als
+in der Stadt; denn dort liest man die Geschehnisse kalt
+und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von
+Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden.
+Vielleicht kommt auf dem Lande jedes Jahr einmal
+etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis für
+<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a>
+alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist
+überhaupt fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter,
+als der Städter meist anzunehmen beliebt. Wie
+manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für eines
+jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden,
+sitzt nicht hinter der weißen Gardine eines Fensters und
+könnte Dinge von innigem Zauber erzählen, und manches
+Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in der Bildung
+des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen
+möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein
+solches Dorfkind, wenn es in die Stadtschule versetzt
+wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen ob seines
+gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die
+Stadt nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr
+preisen. Hier sind die Tage nur so schön, daß man
+leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken eine stille
+Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht
+weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein
+Kommen in allem. Wenn die Tage Abschied nehmen,
+so geben sie die wundervollen Abende dafür,
+an denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend
+scheint entdeckt zu haben, und die man entdeckt für den
+Abend. Die Häuser treten weiter hervor, und die Fenster
+glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön; denn da
+denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher
+gekommen bin, ist es beinahe Frühling geworden und
+es wird immer mehr Frühling, die Türen und Fenster
+dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den Garten
+umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir
+sind die Spätesten, und das schickt sich auch für uns.
+Ein ganzes Fuder schwarzer, feuchter, teurer Erde hat
+man bei uns abgeladen, diese Erde muß mit der bereits
+vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird
+eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich
+<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a>
+es klingt, wenn ich es sage, freue. Ich
+bin kein geborner Faulenzer, nein, ich bin nur ein Tagedieb,
+weil mich verschiedene Amtstuben und Notare nicht
+beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben,
+was ich ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende
+die Teppiche aus, auch eine Arbeit, und bin befleißigt,
+das Kochen zu lernen, auch ein Streben. Nach dem
+Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der
+Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern
+zwischen uns und ich plaudere gern mit einer Schwester.
+Am Morgen kehre ich die Stube aus und trage Pakete
+auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was
+weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und
+so gehe ich in den Wald hinunter und sitze dort solange
+unter den Buchen, bis es Zeit ist, oder bis ich glaube,
+daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn ich
+die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich,
+keine Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß
+ich nicht mehr tun kann, als das eben empfinden. Der
+Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem
+gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft.
+Mehr als arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald
+ich eine vor mir sehe, verlange ich nicht von mir, da ich
+sehe, daß es so ganz gut geht. Das paßt nämlich wundervoll
+zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht
+allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das
+schöne Ganze, verlöre den Anstand des Zuschauenden,
+der nun einmal auch in der Welt sein muß. Der einzige
+Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet, der
+ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam
+ihre saure Pflicht erfüllen sehe, während ich träume.
+Die spätesten Zeiten werden mich strafen für diese Schlenderei,
+wenn es die früheren nicht tun, aber ich glaube,
+ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen,
+<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a>
+er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist
+niemals lange traurig; denn ich heitere sie fortwährend
+auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich vor ihr
+lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist
+auch nur meine Schwester, die über mich lacht, in deren
+Augen ich eine freundliche Komik besitze, den andern
+gegenüber benehme ich mich mit Würde, wenn auch nicht
+steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein Dasein
+durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn
+man nicht als Gauner gelten will. Das Landvolk ist
+sehr empfindlich für das Benehmen junger Leute, die
+es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden sehen
+will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges
+Geld verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich
+doch lebhaft interessiert, ihn zu schreiben, und einige
+Stunden sind mir über dem Schreiben dahingeflossen.
+Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt
+man langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger
+sind ungelenkiger geworden und die Gedanken wollen
+auch in ländlicher Weise denken. Lebt wohl Städter!</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>Neuntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten
+Sonntag erschien Klaus, der ältere Bruder, zu Besuch.
+Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu sehen,
+wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten
+peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht,
+als er bei seiner Schwester den Simon eingerichtet sah,
+den er irgendwo im Ausland vermutet hatte, doch blieb
+er so freundlich, als er nur vermochte; denn er mochte
+den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei
+ziemlich still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen,
+und schienen nach Worten zu suchen. Mit Klaus kam
+eine gewisse nachdenkliche Befremdung in die Wohnung
+Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings
+nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich
+Simons Hiersein. Klaus wollte heute keine Vorwürfe
+machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft genug dazu
+antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung.
+Er sah seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als
+wolle er sagen: »Ich bin erstaunt über dein Betragen.
+Sollte man glauben, daß du ein erwachsener Mensch
+bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester
+dazu zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen?
+Wahrlich, keine Ehre, das! Ich würde es dir auch offen
+heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich dadurch verletzte.
+<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a>
+Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon
+verstand ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser
+Blick, diese steife, unnatürliche Wärme beim Wiedersehen,
+dieses Schweigen und Verlegensein bedeuteten. Er war
+nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten
+müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung
+vorzubringen. Freilich, freilich! Verdammenswert war
+seine Lage für einen jungen Mann, wie er war, und sein
+Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön war
+es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit
+ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was
+und wie du denkst über mich, aber ich schwöre dir, daß
+es bald aufhört. Ich glaube, du kennst mich ein wenig.
+Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der
+Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen,
+und Hedwig merkte wohl, heimlich lächelnd, die
+veränderte Lage zwischen den Brüdern. »Er ist doch
+gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie trug das
+wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf.
+Es gab eine herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung
+sich Hedwig trefflich verstand, dann Schweinefleisch mit
+Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck gespickten Braten.
+Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen,
+zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten
+Art und lobte mit komischer Begeisterung wieder das
+herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal, wenn er es
+tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde
+und alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt
+werden können. Am Nachmittag, trotz des
+trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang gemacht.
+Das Feld, durch das man langsam ging,
+war naß, so daß man bald wieder zurückkehrte. Alle
+waren wieder still am Abend. Simon versuchte eine
+Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von
+<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a>
+den nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut
+antwortete. Vor dem Abschiednehmen sagte Klaus zu
+dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein paar
+Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte.
+Was mochte es denn sein. Mochte es sein, was es
+wollte. Dann ging Klaus. Als die beiden, nachdem
+sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den
+Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen,
+war ihnen unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie
+Schülern, die den gestrengen Inspektor wieder fort wissen.
+Sie atmeten freier und fühlten sich wieder als die Alten.
+Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie
+jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und
+höher klingen: »Klaus ist doch immer derselbe. Man
+hat immer eine kleine Angst auszustehen, wenn er da
+ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich zur
+schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet,
+weil sie leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig
+gewesen in seinen Augen, wenn man noch so
+ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen sehen
+ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend
+an, als müßte man sich beständig vor irgend etwas
+fürchten. Er schafft sich selber und andern immer Sorgen.
+Aus seinem Munde kommt solch ein Ton heraus, der
+aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt
+ist, so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu
+den Fäden, die einen an die Welt spannen, ganz von
+selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern möchte,
+und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert,
+ohne es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und
+tut's doch, wider seinen Willen, aus seiner Natur heraus,
+wofür man ihn nicht schuldig machen darf. Er ist
+so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt
+immer, ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu
+<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a>
+sein. Die Strenge steht ihm absolut nicht, und doch
+glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu sollen,
+was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint:
+Güte sei unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet
+sich, harmlos und gütig zu sein, was er doch am
+liebsten sein möchte, weil er immer fürchtet, dadurch etwas
+zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als leichtsinnig
+dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten,
+und nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten.
+Man kann nicht ruhig in seine Augen blicken, weil man
+fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt immer, man
+denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben,
+was man denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler
+an einem bemerkt, den er tadeln kann, scheint ihm nicht
+wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist nicht
+glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden,
+im Nu, ich weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade,
+aber es reizt ihn doch beständig, das Glück und
+die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was ihm doch
+sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören,
+ich begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand,
+und jedes Kind kann es verstehen: Selbst nicht froh,
+haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß ihn das
+oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen,
+daß er damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel,
+aber, wie soll ich sagen, ein bißchen verdorben in seinem
+Innern, ein ganz klein wenig, durch das Zurückgesetztsein
+und durch das Bemühen, sich nichts aus diesem
+Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt
+vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er
+viel zu wertvoll ist. So möchte ich es sagen; denn er
+tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach Gott. Für
+dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder!
+Weißt du, über dich denkt man immer: Er sollte
+<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a>
+Prügel bekommen, so recht scharfe Prügel, das verdiente
+er! Man erstaunt über dich und begreift nicht, daß du
+noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für
+dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man
+hält dich allgemein für einen sorglosen, frechen, glücklichen
+Burschen. Ist das wahr?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton
+angeschlagen, der eine Stunde lang anhielt. Da klopfte
+es draußen an der Türe. Die beiden erhoben sich,
+Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war
+die Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen.
+Ihr Mann, ein roher, rücksichtsloser Mensch, hatte die
+Frau wieder einmal geprügelt. Man suchte sie zu trösten,
+und es gelang.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Das Wetter wurde nun immer wärmer und die
+Erde üppiger, sie war mit einem dicken, blühenden Teppich
+von Wiesen überzogen, die Felder und Äcker dampften,
+die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen Grün
+einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot
+sich dar, zog sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich,
+sauste und summte und rauschte, duftete und lag still
+wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz
+dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte
+sich gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es
+war grünlich, dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb
+und rot und blühte mit einem heißen Atem, kam fast
+um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte Faulenzerin
+da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern
+und duftend mit seinen Düften. Die Gärten dufteten
+in die Straßen und hinaus ins Feld, wo Männer und
+Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles,
+zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte
+Wald war ein Chorgesang von jungen Männern; die
+<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a>
+hellen Wege kamen kaum durch das Grün hindurch. In
+Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten,
+trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen
+und jubilieren zu hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel,
+die man nie sah und die so natürlich paßten in die
+Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie
+doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es
+nicht, es tat einem süß weh, aber man war zu träge,
+um einen Schmerz ganz zu durchfühlen. Man ging
+so und blieb wieder so stehen und drehte sich so nach
+allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg,
+hinab, hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen
+von all der Mattigkeit dieses Blühens. Das Summen
+im Wald war nicht das Summen in der nackteren Lichtung,
+es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme
+zu neuen Träumereien. Man hatte immer zu
+kämpfen damit, zu trotzen, leise abzulehnen, zu sinnen
+und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles, ein
+Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß
+so, nur süß, ein bißchen schwer, und dann wieder ein
+bißchen knauserig, dann scheinheilig, dann listig, dann
+nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt wurde es ganz
+schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte
+sich gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß,
+ging, schlenderte, trieb, lief und säumte so, man war
+ein Stück Frühling geworden. Konnte das Summen
+über sein Summen und Girren und Singen entzückt
+sein? War es dem Gras gegeben, seine eigenen schönen
+Schwankungen zu betrachten? Wäre es der Buche
+möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen?
+Man wurde nicht müde und stumpf, aber man
+ließ es so sein, so gehen, so hin und her schwanken.
+Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine Säumerin,
+ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze
+<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a>
+Erde harrte und wartete. Die Farben waren der selige
+Ausdruck davon. Man konnte etwas Frühmüdes und
+Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es war
+eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln.
+Die blauen, verhauchten Waldberge klangen wie ferne,
+ferne Hörner, man fühlte die Landschaft ein wenig englisch,
+es war wie ein üppiger, englischer Garten, die
+Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen
+führte die Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte,
+so könnte es nun da und da auch aussehen, wie jetzt
+hier, die Gegend rief alle andern Gegenden einem ins
+Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend
+und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge
+Knaben bringen, ein Darbieten wie Kinder darbieten,
+ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen
+und denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe
+Unausgesprochene, Unausgedachte! Es war leicht und
+schwer, wonnig und schmerzhaft, dichterisch und natürlich.
+Man begriff die Dichter, nein, eigentlich begriff man
+sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging,
+viel zu träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe.
+Man hatte nicht nötig, irgend etwas zu begreifen, es
+begriff sich nie, und wieder begriff es sich ganz von selbst,
+indem es sich in das Horchen nach einem Klang auflöste,
+oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in
+die Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach
+Hause zu gehen und eine, wenn auch ganz geringfügige
+Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten wollen auch im Frühling
+erfüllt sein.</p>
+
+<p>Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte
+sich in das Weiß der blühenden Gebüsche und Bäume
+und in die langen Windungen der Straßen, die er blenden
+machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im
+fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern
+<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a>
+machte er zu einem weißen Feenort, so daß man
+die Toten vergaß, die dort begraben lagen. Er drängte
+sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen,
+haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen
+die Inschriften lesen konnte. Simon ging um den
+Kirchhof herum, einige Male, dann schlug er einen weiteren
+Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang durch niedriges,
+erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende
+Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf
+einen Stein, um darüber nachzudenken, wie lange er wohl
+dieses Leben des bloßen Beschauens und Sinnens noch
+weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein Ende nehmen,
+denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann
+und gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte
+bald wieder gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als
+er nach Hause kam, sagte er das in passenden Worten
+seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das denken,
+wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er,
+ich will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend,
+noch ferner hier zu bleiben. Was wollte er denn
+eigentlich, und wonach trieb es ihn? Er würde kaum
+Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin
+er gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er
+blieb gerne noch auf eine unbestimmte kleine Zeit da.
+Wahrscheinlich würde er sich toll zurücksehnen, wenn er
+fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem
+Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn
+das würde sich ihm nicht ziemen. Aber machte man
+denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er blieb ja, und
+weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten,
+nicht hingeben.</p>
+
+<p>So kamen wieder ein paar Tage und schwanden
+wieder. Die Zeit kam so geräuschlos und entfernte sich,
+ohne daß man es merkte. Auf diese Art verging sie
+<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a>
+eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie ging.
+Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch
+lebhafter aneinander. Sie verbrachten plaudernd die
+Abende bei der Lampe und wurden nie des Redens müde.
+Sie sprachen während des Essens über das Essen, dessen
+Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten priesen,
+und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit
+Worten begleiteten, und während des Spazierens über
+die Freude und den Genuß des Spazierens. Sie vergaßen
+längst, daß sie nur Geschwister waren, sie kamen
+sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut
+verbunden vor und verkehrten miteinander ungefähr wie
+zwei angeschlossene Gefangene, die sich bemühen, das
+Leben über der Freundschaft zu vergessen. Sie vertändelten
+viel Zeit, aber sie wollten sie so vertändelt wissen,
+weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich verborgen
+hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln
+und zu reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig
+empfand, daß sie sich ihrem Bruder immer mehr zu erkennen
+gab, und verhehlte sich den Trost nicht, den diese
+Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es
+nicht nur für klug und seiner Lage angemessen hielt,
+mit ihr zusammenzuleben, sondern auch für interessant,
+und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn inniger, als früher,
+in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob sie
+jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit
+Stolz miteinander ein Stück Leben zu verbringen. Sie
+sprachen und dachten viel in Erinnerungen und versprachen
+sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der frühen,
+entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch
+einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche
+an. So versanken sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit
+und waren immer bemüht, was es auch sein
+mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu belehren,
+<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a>
+auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen
+Anlässen heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die
+Vergangenheit selbst machte ihnen wiederum die Gegenwart
+deutlicher und empfindlicher, und diese empfundene
+Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und
+verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch
+gerader und sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie
+sich oft ausmalten, um sich daran auf eine leichte Art
+zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war immer eine
+schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und
+leichte.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>Zehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen,
+daß ich wie durch eine leichte, aber undurchsichtbare
+Scheidewand vom Leben getrennt bin. Aber ich
+kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur
+darüber nachdenken. Andern Mädchen geht es vielleicht
+ebenso, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich meinen
+Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen Beruf für das
+Leben lernen zu sollen. Wir Mädchen lernen ja doch
+nur halb, es ist uns nicht um das Lernen zu tun. Wie
+sonderbar mir das jetzt vorkommt, daß ich Lehrerin geworden
+bin. Warum bin ich nicht Modistin geworden
+oder sonst etwas? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen,
+welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen
+solchen Beruf zu ergreifen, wie diesen. Was war es
+denn so Wunderbares, so Verheißungsvolles, das mich
+damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine Wohltäterin zu
+werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die Verpflichtung,
+die Sendung spüren zu müssen, es zu werden?
+Man glaubt so Vieles, wenn man unerfahren ist, und
+die Erfahrungen machen einen wieder an anderes glauben.
+Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich selbst
+darin, das Leben so ernst aufzufassen, wie ich es aufgefaßt
+habe. Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es
+zu ernst und zu heilig aufgefaßt; ich habe nicht daran
+<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a>
+gedacht, daß ich ein Mädchen bin, als ich unternahm,
+was nur Männer unternehmen sollten. Niemand hat
+mir gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat
+mir geschmeichelt mit einer solchen Bemerkung. Es hat
+niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als es wäre
+nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu
+machen, auf die ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten
+Augenblick auch die Empörte gespielt hätte. Ich würde
+darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem Herzen
+gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche
+und leicht hingesprochene: »Tu das, tu das. Das
+ist gut, daß du einen Beruf ergreifen willst. Macht dir
+alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare Ehre, ein
+unglückliches, innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen
+zu sein, wie jetzt ich mit dieser Ehre von Beruf. Ein
+Beruf ist eine Last durchs Leben für einen Mann mit
+starken Schultern und vorwärtsstrebendem Willen, ein
+Mädchen wie mich erdrückt er. Habe ich Freude an
+meinem Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich,
+erschrick nur nicht über dieses Geständnis, das ich dir
+mache, weil du einer bist, dem man mit einer Art Lust
+Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es.
+Andere würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber
+nicht gern, aus diesem oder jenem Grunde. Du verstehst
+gern, weil du keine Gründe hast, über einfache und offene
+Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein ganzes Leben
+in dir mit, mit mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich
+zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein. Es ist
+schade, daß du mir nicht mehr sein kannst: Auch das
+würdest du gerne sein; denn du nickst mit deinem Kopfe.
+Laß mich weiter erzählen. Wenn man dich als Zuhörer
+hat, erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich
+entschlossen bin, meine Schulkarriere aufzugeben, und
+zwar bald; denn meine Kräfte halten dies Leben nicht
+<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a>
+lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes Leben,
+Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten,
+ihnen die Seelen für die Tugenden zu öffnen, sie zu
+überwachen und zu belehren. Es ist ja auch eine ganz
+schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich
+Schwache; ich bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich
+glaubte, ich wäre es, aber ich sehe das Gegenteil ein:
+mich zusammensinken sehe ich unter meiner Aufgabe, die
+mir eine tägliche Erholung sein sollte und die mir nur
+eine Last ist, die ich als ungebührlich und ungerecht empfinde.
+Das, was einen niederdrückt, empfindet man
+als ungerecht. Unrecht, dieses zu empfinden, sollte ich
+haben? Liegt nicht in meiner Empfindung das Maß
+für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich denn
+dafür, daß das Unrecht in seiner Art unschuldig und süß
+ist: die Kinder? Die Kinder! Ich kann sie nicht mehr
+ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit über alle
+ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren
+Eifer und selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über
+den Gedanken, mich dieser jungen, schüchternen und hilflosen
+Menschenschar gewidmet zu haben. Aber kann ein
+solcher einziger Gedanke über ein Leben hinwegtäuschen,
+kann man ein ganzes Leben mit einer Idee hinwegdenken?
+Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer einem eines
+Tages gleichgültig werden, wenn man den Gedanken,
+der einem alles ersetzen soll, nicht mehr mit so inniger
+Leidenschaft zu denken vermag, als es nötig ist, um den
+Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man
+überhaupt einen Tausch merkt. Dann fängt man an
+zu grübeln, zu unterscheiden, abzuschätzen, mit Wehmut
+und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich, so wankelmütig
+und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn
+nur immer ein Tag zu Ende ist, um in der Stille weinen
+zu können. Einmal nur mit einem Hauch treulos, will
+<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a>
+man mit dem Lebensgedanken, der nur auf vollkommener
+Hingabe beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich:
+Ich tu meine Pflicht, weiter denke ich an nichts mehr!
+Die Kinder blieben mir immer lieb, sie sind mir immer
+lieb geblieben. Wem könnten Kinder nicht lieb sein?
+Aber wenn ich unterrichte, denke ich an anderes, an ferneres
+und weiteres, als ihre kleinen Seelen sind, und
+das ist der Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich
+nicht mehr mit ansehen will. Eine Schullehrerin muß
+in den kleinen Dingen mit ihrer ganzen Liebe untergehen,
+sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne
+Gewalt bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben
+gesprochen, und ich bin auch fest davon überzeugt, daß
+alle, oder die meisten Menschen, zu denen ich so spräche,
+diese Sprache übertrieben finden würden. Diese Sprache
+aber entspricht meiner Auffassung vom Leben; da ist
+es wohl unmöglich, daß ich anders sprechen könnte.
+Ich habe es noch nicht gelernt, eine Zufriedenheit, eine
+Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen, das ich nicht
+empfinde, und ich glaube, man irrt sich, wenn man
+annimmt, daß ich das je lernen werde. Ich bin zu
+schwach, um täuschen und heucheln zu können, und ich
+erblicke, so scharf ich auch nachdenke, keine Gründe, die
+das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir jetzt so
+rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes,
+nach dem ich mich schon lange gesehnt habe, um meine
+ganze Schwäche einmal entladen zu können. Es tut
+einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen,
+nach den Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die
+eine Stärke verlangte, deren ich nicht fähig bin. Ich
+bin der Pflichterfüllung, die mir nicht schmeichelt, auf
+die Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt nach einer Arbeit,
+die meinem Stolz und meiner Schwäche zusagen wird.
+Ob es mir gelingen wird? Ich weiß es wahrhaftig nicht,
+<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a>
+aber ich weiß nur, und das bestimmt, daß ich suchen
+muß, bis ich die Überzeugung gefunden habe, daß es
+ein Glück und eine Pflicht gibt, beides eines! Ich will Erzieherin
+werden und habe bereits einer reichen, italienischen
+Dame brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht
+zu langen Briefe, in welchem ich ihr geschrieben habe,
+daß ich imstande sei, zwei Kinder, ein Mädchen und
+einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu unterrichten.
+Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt,
+daß ich die Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen
+möchte, daß ich die Kinder liebe und achte, daß
+ich Klavier spielen und schöne Sachen sticken könne und
+daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge
+zu begegnen brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen.
+Ich habe mich sehr stolz in dem Schreiben ausgedrückt,
+habe der Dame gesagt, daß ich zu lieben, zu gehorchen
+verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl schmeicheln
+könnte, aber nur dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß
+ich mir meine zukünftige Herrin lieber stolz und streng,
+als nachgiebig vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung
+bereiten würde, wenn ich sie so fände, daß
+man sie, wenn man die Absicht hätte, leicht und frech
+hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu
+ihr zu kommen, um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich
+hoffe, Arbeit für mein Herz und auch für meine Hände
+zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht,
+daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden
+Kinder innig liebe, daß es mir an der nötigen Achtung
+vor Kindern nicht fehle, um dieselben streng und zugleich
+hingebungsvoll zu erziehen, daß ich erwarte, daß man
+mich gewähren lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn
+zu dienen, daß ich eine zugleich heftige und gelassene
+Auffassung vom Dienen hätte und daß ich nicht dazu
+zu bewegen wäre, von meiner Auffassung abzuweichen.
+<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a>
+Zu glattem und speichelleckerischem Dienst sei ich nicht zu
+gebrauchen, ebensowenig hätte ich das Talent, auf eine
+unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich
+aber auf eine milde Behandlung zu Gunsten einer kalten
+und strengen, wenn es nur zugleich keine beleidigende
+sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand sehr wohl
+und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände,
+daß ich keine Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr
+verbieten würde, mir ungerecht zu begegnen und daß ich
+in meiner Seele entzückt wäre, wenn sie mir, wenn auch
+nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger Zufriedenheit
+gäbe, das ich mehr zu schätzen wüßte als Vertraulichkeit,
+die für mich erniedrigend und keine Gnade wäre,
+daß ich hoffe, eine Dame zu finden, an der ich emporblicken
+könne, um zu lernen, wie man sich in allen Fällen
+zu benehmen habe und daß sie nicht zu fürchten brauche,
+in mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen,
+der es ein Vergnügen wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern.
+Ich sagte ihr, daß ich nicht imstande sei,
+zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen
+möchte und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es
+verstünde, ihr niemals lästig zu fallen. Ich sprach dann
+die Befürchtung und zugleich die Hoffnung aus, daß ich
+die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch gar nicht
+kenne, doch sicher bald lernen würde, wenn man mir
+nur zeigte, wie ich mich dabei zu verhalten habe. Sonst
+wisse ich nichts, was mich nicht dazu berechtige, in
+ihr Haus zu treten, sagte ich zum Schluß, als vielleicht
+die Schüchternheit, die meinem Auftreten noch anklebe,
+die ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und
+Unbeholfene sei sonst nicht meine Natur&nbsp;&ndash;&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon.</p>
+
+<p>»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran
+<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a>
+sollen verhindern können. Ich werde vielleicht bald von
+hier fortgehen, und die Abreise macht mir Kummer; denn
+ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür bekommen,
+das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene
+vergessen ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen;
+denn ich mag nicht mehr allein sein mit meinen
+Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was sollte
+ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken,
+wie einen schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder
+vielmehr so: der ganze Ort, das Dorf, alles hier ist
+dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete und weggeworfene
+Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein,
+ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das
+wir hier führen, mit Hilfe deiner Augen anzusehen, es
+schön zu finden, so lange du es schön fandest; und du
+fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön.
+Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug
+für mich finden, ich würde es verachten, weil es eng
+und stumpf wäre, und es wäre auch eng und stumpf
+durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht
+leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein
+Leben suchen, ein neues, und wenn das ganze Leben auch
+nur in einem einzigen Suchen nach Leben bestehen sollte.
+Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere: glücklich
+zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu
+haben. Auch unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet
+zu sein. Ich bin unglücklich, trotz der Achtung,
+die ich genieße; ich verdiene vor mir diese Achtung also
+nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück achtenswert.
+Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich
+ist, glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen.
+Vielleicht gibt es ein Glück dieser Art für mich und
+eine Achtung, die man der Liebe und der Sehnsucht zollt,
+nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich
+<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a>
+sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß
+man unglücklich werden kann, weil man versuchte, glücklich
+zu werden. Solches Unglück ist achtenswert, das
+andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht
+achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu
+einem solchen Leben verdamme, das nur Achtung einbringt
+und nur Achtung von Andern, die einen immer
+so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum
+soll es das? Und warum muß man die Erfahrung
+machen, daß das, was es einem eingebracht hat, zum
+Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und
+gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es
+ist bitter unklug, auf etwas warten zu wollen; es kommt
+nicht zu uns, wenn wir nicht hingehen und es uns holen.
+Freilich, es wird einem so viel Furcht eingejagt von Fürchtlingen,
+die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie
+jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur
+etwas Mutiges sagt. Wie würden die sich erst betragen,
+wenn sie hörten, daß man das Mutheischende zur Ausführung
+gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber schwinden
+vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat!
+Und wie sie einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe,
+wenn man diesen Mut nicht findet und sich ihnen ausliefert.
+Man wird mich hier mit vielem Bedauern wegziehen
+sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich
+einen so angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse;
+und auch ich verlasse das Land mit einem Gefühl, das
+mich noch immer überreden möchte, hier zu bleiben.
+Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann
+anzugehören, einem einfachen und zarten Menschen, ein
+Heim zu besitzen mit einem Stück Land und Stück
+Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu bauen
+und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen
+und das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen
+<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a>
+zu sehen, womit ich mich für allen Verlust einer
+tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der Himmel
+würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern
+in die Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen
+eine alte Frau geworden, die an sonnigen Sonntagen
+unter der Haustüre gestanden und die Vorübergehenden
+beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde
+dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen
+vergessen haben, hätte meinem Manne und
+seinen Geboten und dem gehorcht, was mir als Pflicht
+würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was
+einer Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit
+den Tagen wie Abende eingeschlafen und würden nie
+mehr wieder etwas gefordert haben. Ich würde zufrieden
+und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts anderes
+gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte,
+meinem Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen
+zu zeigen. Mein Mann würde vielleicht den Takt besessen
+haben, in der ersten Zeit, da noch vieles heißer
+gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich
+sanft für meine kommende Aufgabe zu erziehen, was
+ich dankbar würde haben geschehen lassen mit mir;
+dann wäre es auch gegangen, und eines Tages würde
+ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben,
+daß ich innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger
+Gemütsart, das heißt, solche von meinem eigenen früheren
+Schlag, nicht mehr dulden mochte, weil ich sie für gefährlich
+und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich würde
+geworden sein wie die andern und würde das Leben
+verstanden haben, wie die andern es verstehen. Doch
+das alles blieb nur ein Traum. Einem andern als dir
+würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden
+Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden,
+weil er träumt, denn du verachtest überhaupt
+<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a>
+niemanden. Ich bin auch sonst gar nicht ein so überspanntes
+Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt
+nur ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche,
+spreche ich leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine
+Gefühle erläutern und kann es doch nie, man redet sich
+nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen wir zu
+Bett.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.</p>
+
+<p>»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen,
+»daß ich noch hier bin. Wie kann man sich nur so stürmisch
+von einer Stelle wegwünschen. Als ob es hierauf
+ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich
+ein wenig, gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch
+bin ich froh; denn einmal muß man sich aussprechen.
+Wie du gestern mir nur so geduldig zuhören konntest,
+Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch
+darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen,
+nein, so ganz anders, so verschieden im Ausdruck und
+im Empfinden. Eine einzige Nacht ruhig geschlafen zu
+haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen ganz
+verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen
+zu haben, kommt mir heute am hellen Morgen wie ein
+ängstlicher, übertriebener, trauriger Traum vor. Was
+war es denn nur! Soll man denn die Dinge so reizbar
+schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß
+gestern müde gewesen sein, so wie ich immer des Abends
+müde bin, aber jetzt bin ich so leicht, so gesund, so frisch,
+wie neu geboren. Ich habe ein so gelenkiges Gefühl,
+als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas,
+wie man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster
+auf, indes ich noch im Bett liege. Es ist so schön, im
+Bett zu liegen, wenn die Fenster aufgemacht werden, so
+wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die Fröhlichkeit
+her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint
+<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a>
+mir die schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir
+hinein. Ist es heute Sonntag? Wenn nicht, so ist es
+ein Tag wie geschaffen zum Sonntag. Siehst du die
+Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was
+wollte ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon
+jetzt? Soll man erst suchen müssen in der unbekannten
+Ferne, unter den Menschen, die gewiß gar keine Zeit haben,
+an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für
+Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so
+würde man ja sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell
+ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein einziger Gedanke mehr,
+der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh und leicht
+daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück
+ans Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß
+machen, mich von dir bedienen zu lassen, wie wenn ich
+eine portugiesische Noblesse wäre und du ein Mohrenkind,
+das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst
+du mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern,
+mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist
+du jetzt bei mir? Warte einmal, es war Winter, als du
+ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch so gut, und
+seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon
+vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir
+das Vergnügen stehlen, dich noch ein paar weitere Tage
+bei mir zu haben, das darfst du nicht. Nach drei Tagen
+werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du wirst
+dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du
+mir das Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein
+merkwürdig widerstandsloser und skrupelloser Mensch.
+Was man von dir verlangt, das tust du. Du willst alles,
+was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel
+Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest.
+Man kann sich eines gewissen verächtlichen Gefühles dir
+gegenüber nicht enthalten. Ein ganz klein wenig verachte
+<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a>
+ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir nichts
+wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens
+für einer Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt.
+Sieh, ich denke doch ganz gut von dir. Dir gegenüber
+erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst anderer
+Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher
+Ohrfeigen gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur
+Bestrafung angezeigt, wenn du Übeltaten verrichtetest,
+jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu geben, oder so:
+laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz
+behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag
+gegen gestern am Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende
+Zeiten und lasse nun alles kommen. Lache nur
+nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du lachtest;
+denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste
+Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen
+und mir die Freiheit zu lassen, mich anzukleiden.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Simon ließ sie allein.</p>
+
+<p>»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig
+im Laufe des Tages zu Simon, »dich als etwas
+mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht halten es andere
+Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck
+der Klugheit, viel mehr den der Liebe, und du
+weißt, wie man diese Empfindung ungefähr einschätzt.
+Ich glaube nicht, daß du je mit deinem Tun und Trachten
+Erfolg haben wirst unter den Menschen, aber du wirst
+dir sicher auch nie deswegen einen kummervollen Gedanken
+machen, was dir, so wie ich dich kenne, wenigstens nicht
+ähnlich sähe. Nur die dich kennen, werden dich tieferer
+Empfindung und kühner Gedanken für fähig erachten,
+die andern nicht. Das ist der Schwerpunkt und die
+Ursache, weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben erfolglos
+bleibst: Man muß dich immer erst kennen lernen,
+ehe man dir glaubt, und das nimmt Zeit in Anspruch.
+<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a>
+Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird dir immer
+versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs
+verlieren. Dich werden nicht viele Menschen lieben, aber
+es wird etliche unter ihnen geben, die sich alles von dir
+versprechen. Das werden einfache und gute Menschen
+sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann
+sehr weit gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas
+Unzurechnungsfähiges, etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches.
+Das wird Viele beleidigen, man
+wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh
+mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir
+zu schwitzen geben können; doch wird dir das nie Angst
+einjagen. Andere werden dir immer unzart und du
+wirst andern immer unverschämt vorkommen; das wird
+Reibereien geben, sieh dich vor! In einer größeren Gesellschaft
+von Menschen, wo es doch darauf ankommt,
+daß man sich zeigt und beliebt macht durch hervorragendes
+Sprechen, wirst du immer stumm bleiben, weil es dich
+nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele
+durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen
+übersehen: du wirst dann trotzig und benimmst dich unschicklich.
+Dagegen werden es manche Menschen, die
+dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit
+dir allein ein herzliches Gespräch zu führen; denn du
+verstehst es, zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht
+wichtiger, als selbst das Sprechen. Man wird
+gern einem verschwiegenen Menschen, wie dir, Geheimnisse
+und Seelenangelegenheiten anvertrauen, und du
+wirst dich im diskreten Verschweigen und Aussprechen
+meist als Meister erweisen, unbewußt, meine ich, nicht
+als ob du dir irgendwelche Mühe dabei gäbest. Du
+sprichst ein bißchen schwerfällig, hast einen etwas plumpen
+Mund, der sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du
+zu sprechen anfängst, als erwartetest du die Worte von
+<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a>
+außen aus irgend einer Richtung her, daß sie dir in den
+Mund hineinflögen. Du wirst den meisten Menschen
+eine uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen,
+unbedeutend für Frauen, absolut unvertrauensvoll
+und unenergisch für Männer. Ändere dich doch da ein
+wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr
+acht auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht
+eitel sein, das wirst du bald selbst für einen Fehler halten
+müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh dir doch einmal
+wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und
+ich weiß schon: es sind nur Hosen, aber Hosen sollen
+ebensogut in Stand gesetzt sein wie Seelen, denn es
+zeugt doch von Nachlässigkeit, zerrissene und zerfetzte
+Hosen zu tragen, und die Nachlässigkeit kommt aus der
+Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte Seele haben.
+Was ich dir noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht
+etwa, daß ich dies im Scherz gesagt habe? Da lacht
+er. Hältst du mich nicht für ein bißchen erfahrener als dich?
+Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage, daß
+dir noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch
+sicher auch wiederum Erfahrung. Oder etwa nicht?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort:</p>
+
+<p>»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von
+mir fort bist, so schreibe mir nicht. Ich will es nicht.
+Du sollst nicht meinen, du müßtest verpflichtet sein, mir
+von deinem ferneren Treiben eine Nachricht zukommen
+zu lassen. Vernachlässige mich, wie du es früher auch
+getan hast. Was sollte uns beiden das Schreiben nützen?
+Ich werde hier weiter leben und es als einen Genuß
+empfinden, öfters daran zu denken, daß du drei Monate
+lang da warst. Die Gegend wird mich emportragen und
+mir dein Bild zeigen. Ich werde alle die Orte aufsuchen,
+die wir zusammen schön gefunden haben, und
+ich werde sie noch schöner finden; denn ein Fehler, ein
+<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a>
+Verlust macht die Dinge noch schöner. Mir und der
+ganzen Gegend wird etwas fehlen, aber diese Lücke und
+selbst dieser Fehler werden meinem Leben noch innigere
+Empfindungen aufdrücken. Ich bin nicht aufgelegt, einen
+Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme ich
+dazu! Im Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes
+liegt darin. Und dann: Lücken sind dazu da, um mit
+etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen werde
+ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben,
+deinen Schritt und deinen Kopf und deine Stimme zu
+vernehmen, und lächeln über die Täuschung. Weißt du
+was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie
+ebenfalls lieb haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie
+viel ich zusammenrede in diesen Tagen. Diese Tage!
+Ich meine, die Tage müßten jetzt selber fühlen, wie kostbar
+sie mir sind und müssen, aus Rücksicht auf mich,
+langsamer, gedehnter, träger und verweilerischer auftreten,
+auch leiser! Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie
+einen Kuß und ihr dunkles sich Entfernen wie einen Händedruck,
+wie ein Winken mit einer lieben, bekannten Hand.
+Die Nächte! Wie viele Nächte hast du bei mir geschlafen,
+schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben
+in der Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos
+und schlaflos sein wird. Die Nächte, die jetzt noch kommen,
+werden nur schüchtern herankommen zu mir, wie
+kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum
+Vater oder zur Mutter kommen. Die Nächte werden
+weniger still sein, Simon, wenn du fort bist und ich
+will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht,
+du vermehrtest mit deinem Schlaf die Stille. Wir
+waren zwei stille, ruhige Menschen während allen diesen
+Nächten; nun werde ich allein still sein müssen, etwas
+gezwungen, und es wird weniger still sein; denn ich
+werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten und
+<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a>
+auf irgend etwas aufhorchen. Dann werde ich fühlen,
+daß es viel weniger still mehr ist. Vielleicht werde ich
+dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und ich bitte
+dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da
+will er sich gleich etwas vormachen. Nein, nein, Simon,
+wegen dir wird niemand weinen. Wenn du fort bist,
+bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um dich könnte
+man weinen? Keine Rede. Das darf dir nie in den
+Sinn kommen. Man spürt, daß du fort bist, man
+merkt es sich, aber weiter? Etwa Sehnsucht, oder dergleichen?
+Nach einem Menschen von deinem Schlag empfindet
+niemand Sehnsucht. Du weckst keine. Kein
+Herz wird dir je nachzittern! Dir einen Gedanken weihen?
+I, was! Ja, nachlässig, so wie man eine Nadel aus der
+Hand fallen läßt, wird man gelegentlich deiner gedenken.
+Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du hundert
+Jahre alt würdest. Du hast nicht das mindeste Talent,
+Andenken zu hinterlassen. Du hinterlässest auch gar
+nichts. Ich wüßte nicht, was du hinterlassen könntest;
+denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache,
+so frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir
+aus den Augen! Marsch!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches
+Wetter, auch das war wiederum ein Anlaß zum
+Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem Wetter
+seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte
+es denn gerade bei schlechtem Wetter sein? So blieb er
+noch. Einen oder zwei Tage, mehr nicht, dachte er. Er
+saß beinahe den ganzen Tag in dem leeren, großen
+Schulzimmer und las in einem Roman, den er noch
+fertig zu lesen wünschte, ehe er ging. Manchmal lief er
+zwischen den Reihen von Bänken auf und ab, immer
+das Buch in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr fesselte,
+<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a>
+daß er mit seinen Gedanken nicht davon wegkam. Er
+kam nicht vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb
+er stecken in Gedanken. Ich lese noch so lange, als es
+noch regnet, dachte er; wenn es schönes Wetter wird,
+muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern fortfahren,
+und zwar wirklich.</p>
+
+<p>Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm:</p>
+
+<p>»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht.
+Leb wohl. Komm ganz in meine Nähe und gib mir die
+Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer Zeit einem
+Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde
+das Leben verspielt haben. Ich werde viel Achtung genießen.
+Man wird sagen: das ist eine tüchtige Frau.
+Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals wieder etwas
+von dir zu hören. Versuche ein braver Mann zu
+werden. Mische dich in öffentliche Angelegenheiten, mach
+von dir reden, es würde mir Vergnügen machen, aus
+der Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe dahin, wie
+du es kannst und verstehst, bleibe im Dunkel, kämpfe
+im Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen
+werden. Ich mute dir nie Schwächlichkeiten zu. Was
+soll ich noch sagen, um dir Glück mit auf deine Reise
+zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du
+nicht daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir
+gewährt habe? Nein, laß es, denn es stünde dir nicht
+gut an. Du verstehst nicht, eine Verbeugung zu machen
+und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du danken
+solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich
+habe mit dir die Zeit gejagt und getrieben, daß es ihr
+heiß wurde vor uns. Hast du wirklich nicht mehr Sachen,
+als da in diesen kleinen Koffer hineingehen? Du bist
+wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das ganze Haus, das
+du in der Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes
+aber auch etwas Erbärmliches. Geh jetzt. Ich werde
+<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a>
+dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn du oben auf
+dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal
+nach mir. Was sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten
+tauschen? Du Bruder zu mir Schwester? Was hat es
+zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch nie
+mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil
+ich dich kenne und weiß, daß du die Wärme beim Abschied
+hassest. Zwischen uns bedeutet das nichts. So
+sage mir denn adieu und geh denn.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>Elftes Kapitel.</h2>
+
+<p>Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als
+Simon in der großen Stadt, die er vor ungefähr drei
+Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn wieder ankam.
+Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz,
+mit jenem Geruch angefüllt, der nur in kleinen, ländlichen
+Bahnhöfen nicht anzutreffen ist. Simon zitterte,
+als er aus dem Wagen ausstieg, er war hungrig, steif,
+matt, traurig und mutlos und konnte eine gewisse Beklemmung
+nicht los werden, obschon er sich sagte, daß
+es eine dumme Beklemmung sei, die er da empfand.
+Er gab, wie es die meisten Reisenden tun, sein Gepäck
+am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die Menschen.
+So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich
+auch sofort besser und wurde wieder auf seine leichte
+Gesundheit aufmerksam, die vom Landaufenthalt her in
+vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem
+jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne
+vielen Appetit; denn das Essen war mager und schlecht,
+ganz gut für einen armen Städter, aber nicht für einen
+verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten
+ihn aufmerksam, als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme.
+Simon dachte: »Diese Menschen müssen sicher
+fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu speisen; denn es
+liegt so etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen umgehe.«
+<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a>
+In der Tat, er ließ die <ins title="Häfte">Hälfte</ins> davon stehen,
+bezahlte und konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin
+zu bemerken, wie wenig es ihm gemundet habe. Diese
+schaute den Spötter nur so verächtlich an, freundlich
+verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig, deswegen
+empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte
+und nicht ein anderer. Eines andern wegen, ja, dann
+schon, aber eines solchen! &ndash; Simon trat hinaus. Er
+war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen und
+der beleidigenden Miene des Mädchens. Der Himmel
+war leicht blau. Simon schaute ihn an: ja, er hatte
+hier doch auch einen Himmel. In dieser Beziehung war
+es doch dumm, so sehr zu Ungunsten der Städte für
+das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich vor,
+jetzt nicht mehr an das Land zurückzudenken, sondern
+sich an die neue Welt zu gewöhnen. Er sah, wie die
+Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als er; denn
+er hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen
+Schritt angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch
+vorwärts zu kommen. Nun, für heute wollte er es sich
+noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab
+sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete
+die Menschen mit Liebe, ganz ohne jede Scheu,
+sah ihnen in die Augen, an die Beine, um zu sehen,
+wie sie die Beine bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt
+der Mode zu beobachten, an die Kleider, um die
+seinen immer noch gut genug zu finden im Vergleich
+mit den vielen unschönen, die er emsig studierte. Wie
+sie eilig gingen, diese Menschen. Er hätte Lust gehabt,
+einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten
+anzureden: Wohin so schnell? Aber er hatte doch nicht
+den Mut zu einer so törichten Handlung. Er fühlte
+sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt.
+Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen,
+<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a>
+aber sie harmonierte mit dem leichten, glücklichen,
+etwas getrübten Himmel. Sie harmonierte auch mit
+der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein allzusonniges
+Gesicht zu machen. Simon mußte sich gestehen, daß
+er da ginge und absolut nichts suche, aber er hielt es
+für angebracht, wie alle andern solch eine Sucher- und
+Vorwärtsdrängermiene zu machen, um nicht den eben
+angekommenen, beschäftigungslosen Menschen darstellen
+zu müssen. Er mochte nicht auffallen und es tat ihm
+wohl, zu bemerken, daß er weiter keinem Menschen durch
+sein Betragen auffiel. Er schloß daraus, daß er noch
+immer befähigt sei, in der Stadt zu leben, trug sich ein
+wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er
+eine kleine, elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig
+verfolge, die ihm keine Sorgen, nur Interesse entlocke,
+die seine Schuhe nicht beschmutzen und seine Hände nicht
+anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine schöne,
+reiche Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden
+Bäumen besetzt war, in der man, da sie breit war, den
+Himmel freier vor Augen hatte. Es war wirklich eine
+herrliche, lichte Straße, die einem das angenehmste Leben
+vorgaukeln konnte und jeden Traum gestatten durfte.
+Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße
+mit gesetzten, gezierten Bewegungen zu gehen, völlig.
+Er ließ sich gehen und tragen, schaute bald zu Boden,
+bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen Schaufenster,
+vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne
+eigentlich etwas zu betrachten. Er fand es angenehm,
+den Lärm der schönen, lebhaften Straße hinter seinem
+Rücken und doch in seinen Ohren zu haben. Er unterschied
+in seinen Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten,
+die wohl alle denken mußten, er stehe da, um
+etwas so recht ins Auge zu fassen, das im Schaufenster
+liege. Plötzlich hörte er sich von jemand angesprochen.
+<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a>
+Er drehte sich um und erblickte eine Dame, die ihn aufforderte,
+ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in ihr
+Haus zu tragen. Es war keine besonders schöne Dame,
+aber in diesem Augenblick hatte Simon sich nicht lange
+zu besinnen, ob sie schön war oder nicht, sondern hatte,
+wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung
+lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar
+nicht schwer war, und trug es der Dame nach, die quer
+über die Straße mit kleinen, gemessenen Schritten ging,
+ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne umzudrehen.
+Vor einem, wie es schien, prachtvollen Hause
+angekommen, befahl ihm die Frau, mit hinauf zu kommen,
+und er tat es. Er sah keinen Grund, warum er
+nicht hätte gehorchen sollen. Mit dieser Dame in deren
+Haus zu gehen, das war etwas ganz Natürliches, und
+der Stimme der Dame zu gehorchen war seiner Lage,
+die ihm nichts vorschrieb, durchaus angemessen. Er
+würde vielleicht jetzt noch vor dem Schaufenster stehen
+und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg.
+Oben angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie
+ging voran und ließ ihn nachkommen und in ein Zimmer
+hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon schien es
+ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder
+hinein, setzte sich in einen der Stühle, räusperte sich ein
+wenig, sah den vor ihr Stehenden an und fragte ihn
+dann, ob er sich entschließen könne, bei ihr in Dienste
+zu treten. Er mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck
+eines müßig in der Welt stehenden Menschen, dem man
+eine Wohltat erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im
+übrigen gefalle er ihr soweit und er möchte ihr sagen,
+ob er gewillt sei, das Anerbieten, das sie ihm mache,
+anzunehmen.</p>
+
+<p>»Warum nicht,« antwortete Simon.</p>
+
+<p>Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu
+<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a>
+haben, wenn ich von Ihnen gleich im ersten Augenblick
+angenommen habe, daß Sie ein junger Mensch sind,
+der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir
+einmal, wie heißen Sie, und was haben Sie bis jetzt
+getan in der Welt?«</p>
+
+<p>»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!«</p>
+
+<p>»Wie kommt das?«</p>
+
+<p>Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein
+kleines Vermögen bekommen, das ich soeben bis auf den
+letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es nicht für nötig
+gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine
+Lust. Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als
+daß ich den Übermut hätte besitzen können, ihn durch
+Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie viel durch tägliche
+Arbeit verloren geht. Ich war nicht imstande, mir
+eine Wissenschaft anzueignen und dafür den Anblick der
+Sonne und des abendlichen Mondes zu entbehren. Ich
+brauchte Stunden, um eine Abendlandschaft zu betrachten,
+und habe Nächte durch, statt am Schreibtisch
+oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu
+meinen Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch
+die Äste der Bäume blickte. Sie werden befremdend auf
+eine solche Aussage herabblicken, aber, sollte ich Ihnen
+eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande und
+in der Stadt gelebt, aber ich habe bis jetzt noch keinem
+Menschen auf der Welt einen einigermaßen bemerkenswerten
+Dienst erwiesen. Ich habe Lust, das zu tun,
+jetzt, wo es scheinen will, daß ich Gelegenheit dazu habe.«</p>
+
+<p>»Wie konnten Sie so liederlich leben?«</p>
+
+<p>»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau!
+Dagegen könnte es mir, wenn ich dazu veranlaßt würde,
+einfallen, ja, sogar am Herzen liegen, anderer Menschen
+Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein
+haben, daß Sie den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste
+<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a>
+zu nehmen: Nun, in diesem Fall würde ich Ihre Interessen
+natürlich streng beobachten; denn in einem solchen Falle
+hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als die
+Ihrigen, die die meinen wären. Meine eigenen Interessen!
+Wo wäre ich je dazu gekommen, eigene Interessen zu
+haben! Wann hätte ich je eigene ernstliche Angelegenheiten
+gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt vertändelt,
+weil ich es so wollte, da es mir immer ganz als wertlos
+erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen,
+es versteht sich von selber; denn wer keine eigenen Ziele
+hat, lebt eben für die Zwecke, Interessen und Absichten
+Anderer.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen
+haben wollen!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie
+sehen mich etwas besorgt und ziemlich unfreundlich an.
+Sie mißtrauen mir und trauen mir keine ernstliche Absicht
+zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage
+auch noch nie irgend welche Absicht mit mir herumgetragen,
+weil mich bis jetzt noch niemand zu der Pflege
+einer Absicht aufgefordert hat. Ich trete zum ersten Mal
+einem Menschen gegenüber, der meine Dienste in Anspruch
+nehmen will; das schmeichelt mir und veranlaßt mich,
+Ihnen kühn die Wahrheit zu sagen. Was schadet es,
+daß ich bis dahin ein liederlicher Mensch gewesen bin,
+wenn ich nun ein besserer werden will? Können Sie
+glauben, ich möchte nicht den Wunsch haben, mich Ihnen
+dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen
+Straße weg in Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos
+zu geben? Ich habe nicht eine Zukunft vor Augen,
+nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch, daß
+man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese
+Zukunft habe ich vor Augen: meine Pflicht, die Sie mir
+aufgeben werden, zu erfüllen. Ich mag nicht gern in
+<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a>
+eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft hineindenken.
+Meine Laufbahn interessiert mich nicht, die mag
+ausfallen, wie sie will, wenn ich nur den Menschen
+gefalle.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine
+Unvorsichtigkeit ist, einen Menschen, der nichts ist und
+nichts kann, in Dienst zu nehmen, will ich es doch tun;
+denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu arbeiten.
+Sie werden mein Diener sein und tun, was ich Ihnen
+auftragen werde. Sie können es als ein besonderes Glück
+betrachten, Gnade gefunden zu haben, und ich will hoffen,
+daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu verdienen. Sie
+haben ja keinerlei Zeugnisse bei sich, sonst stände es mir
+an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen. Wie alt sind
+Sie?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Zwanzig Jahre und etwas darüber!«</p>
+
+<p>Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter,
+wo der Mensch daran denken muß, sich für das Leben
+eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will vieles, das mir
+an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen
+und Ihnen Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann
+zu werden. Wir werden sehen!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Damit war diese Unterredung beendigt.</p>
+
+<p>Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter
+Zimmer, bemerkte, indem sie ihrem jungen Begleiter
+voranschritt, daß es eine seiner Aufgaben sei, die Zimmer
+zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen Zimmerboden
+mit Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine
+Antwort abzuwarten, als wüßte sie schon, daß er das
+könne, als ob sie das nur gefragt hätte, um irgend eine
+Frage an ihn zu richten, daß es ein bißchen ausforscherisch
+und hochmütig um seine Ohren herum sause, öffnete eine
+Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit Teppichen aller
+Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben,
+<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a>
+der im Bett lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen
+kleinen Herrn, der krank sei, werde er bedienen, wie, das
+werde ihm noch gesagt werden. Es war ein blasser, hübscher,
+wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe,
+der seine Augen kalt auf diejenigen Simons richtete, ohne
+etwas zu sprechen. Man ahnte, daß er nicht sprechen,
+vielleicht etwa nur lallen konnte, wenn man seinen Mund
+ansah, der unbehilflich in dem Gesicht lag, als gehörte
+er gar nicht dazu, als klebe er dort nur an und sei nicht
+immer dagewesen. Die Hände des Knaben indessen
+waren sehr schön, sahen so aus, als trügen sie den ganzen
+Schmerz und die ganze Schmach der Krankheit, als
+hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die
+ganze schöne Last weinender Trauer zu tragen. Simon
+konnte nicht umhin, diese Hände einen Moment länger,
+als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn schon
+wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch
+einen Korridor in die Küche führte, wo sie sagte, daß er
+der Köchin, wenn keine wichtigere Arbeit für ihn vorliege,
+behülflich zu sein hätte. Das tue er sehr gern, entgegnete
+Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die
+Herrin in der Küche zu sein schien. Darauf, am nächsten
+Morgen nämlich, trat er seinen Dienst an, das heißt,
+der Dienst trat an ihn heran und verlangte von ihm
+dieses und jenes und ließ ihm keine Zeit mehr übrig,
+zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die
+Nacht hatte er bei dem Knaben, seinem jungen Herrn,
+zugebracht, schlafend und immer wieder aufwachend; denn
+es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht, leise und
+oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit
+er sich daran gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten
+Ruf des Kranken, aus dem Bett zu springen und
+nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon glaubte
+der Mann zu einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn
+<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a>
+er gelinde nachdachte, verachtete er den Schlaf und nahm
+gerne die Gelegenheit wahr, die ihn nötigte, sich aus
+einem dichten und tiefen Schlaf nichts zu machen. Am
+nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten,
+daß er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht
+nachzählen, wie oftmals er aus dem Bett aufgesprungen
+sei, und ging munter an die Arbeit. Vorerst hatte er
+mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf die
+Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau
+mit frischer Milch füllen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit
+konnte er einen Augenblick lang den erwachenden,
+feuchtglänzenden Tag betrachten, seine beiden Augen
+damit trunken und feurig machen und wiederum die
+Treppe hinaufspringen. Er machte die Beobachtung, daß
+ihm seine Glieder gut und geschmeidig gehorchten, wenn
+er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte er, bevor
+die Frau noch aus ihrem Schlafe erwachte, mit dem Mädchen
+gemeinschaftlich diejenigen Zimmer aufzuräumen,
+die ihm vorgeschrieben waren: das Eßzimmer, den Salon
+und das Schreibzimmer. Der Boden mußte mit einem
+Besen abgekehrt, die Teppiche abgebürstet, Tisch und
+Stühle abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt
+und alle im Zimmer befindlichen Gegenstände angerührt,
+in die Hand genommen, gesäubert und wieder an Ort
+und Stelle gelegt werden. Das alles mußte blitzschnell
+vor sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal
+gemacht habe, würde er es mit geschlossenen Augen tun
+können. Nachdem diese Arbeit getan war, bedeutete ihm
+das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen
+könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig,
+es waren der Dame ihre Schuhe. Schöne Schuhe
+waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und von so
+zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe
+geschwärmt, nicht für alle, nicht für grobe, aber für
+<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a>
+so seine immer, und nun hielt er solch einen Schuh in
+der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern, obgleich
+er eigentlich nichts daran zu säubern bemerkte. Immer
+schienen ihm Füße von Frauen etwas Heiliges zu sein,
+und Schuhe glichen in seinen Augen und Sinnen Kindern,
+glücklichen, bevorzugten Kindern, die das Glück hatten,
+den feinbeweglichen, empfindlichen Fuß zu bekleiden
+und zu umschließen. Welch eine schöne Erfindung der
+Menschen, solch ein Schuh, dachte er, indem er daran
+mit einem Tuch herumwischte, um so zu tun, als ob er
+putzte. Da wurde er von der Frau selber überrascht, die
+in die Küche kam und ihn mit einem strengen Blick
+maß; Simon beeilte sich, ihr Guten Tag zu sagen, worauf
+sie nur mit ihrem Kopf nickte. Simon fand das
+allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu
+lassen und nur so mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung,
+als wolle man sagen: ja, lieber Bursche, ja, ich
+danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt,
+es hat mir gefallen!</p>
+
+<p>»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,«
+sagte die <ins title="Fau">Frau</ins>.</p>
+
+<p>Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie
+oft, wenn er durch heiße, verbrannte, menschenleere Gassen
+geschlendert, absichtslos herumgewandert war, empfand
+er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem bösen,
+bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem
+Fluch und beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit
+zu haben, nicht ganz allein, nicht ganz ohne Teilnahme
+zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe und
+verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel
+aus ihrem Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich
+das an sie, wie sehr verbindet und verknüpft und fesselt
+es, man fühlt solch einen Tadel wie eine kleine, gar
+nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den
+<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a>
+man begangen <ins title="hat">hat«</ins>; und Simon nahm sich im stillen vor,
+nur noch Fehler zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich,
+denn das würde ihn zum Tölpel gestempelt haben,
+aber regelmäßig kleinere Versehen, schön beabsichtigt, um
+den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung
+gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein,
+nicht gerade Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein
+Staunen über seine, Simons Ungeschicklichkeit. Dann
+hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu glänzen,
+und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten,
+wie sich ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres
+und befriedigtes verwandelte. Welche Freude,
+sich einen Menschen zur Zufriedenheit innig umzustimmen,
+wenn man ihn vorher gekränkt gesehen hat. »Heute
+morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon,
+und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte
+zu sein, es ist gewissermaßen ein reiferer, überlegener
+Zustand. Ich bin wie geschaffen dazu, getadelt zu werden;
+denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur
+solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die
+dafür durch entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen
+haben, zu danken wissen.«</p>
+
+<p>Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte:
+»Nun erst bin ich der Diener dieser Frau; denn sie tadelt
+mich, weil sie ein Recht in sich fühlt, mich ohne viel
+Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein korrektes
+Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen
+Beamten tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt
+immer die geheime Absicht, ihm auch wirklich weh zu
+tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe, die man
+einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht,
+ihn zu belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben
+will; denn ein Diener gehört einem, während man mit
+einem untergebenen Beamten, wenn die Feierabendstunde
+<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a>
+schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich
+zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt
+worden, dazu kommt noch, daß der Tadel von
+einer Frau kommt, die zu den Frauen gehört, die immer
+lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In
+der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen
+hören, um zu der Überzeugung zu gelangen, daß sie es
+besser verstehen als die Männer, ohne kleinliche Kränkung
+einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber falsch, und
+ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich
+verletzt, von Damen herkommend, nicht für beleidigend,
+sondern für aufmunternd an. Einem Mann gegenüber
+empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer Dame
+gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil
+ich mich darauf vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen
+muß man sich entweder überlegen oder unterlegen fühlen!
+&ndash; Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend befiehlt,
+ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur
+Feigheit und geschäftliche Interessen mögen einen Mann
+dazu veranlassen, vor einem andern Mann zu kriechen:
+Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde bin ich froh,
+daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist natürlich,
+weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine
+Frau kann die Ehre eines Mannes niemals verletzen, es
+sei denn beim Ehebruch, aber da benimmt sich der in
+Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel,
+den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn
+schon die Möglichkeit des Betruges längst vorher in den
+Augen derer entehrt hat, die ihn kannten. Unglücklich
+können Frauen machen, aber entehren können sie niemals;
+denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und
+kann nur auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch
+wirken, auf solche Menschen, die sich allerdings ihrerseits
+dann eine Unehre antun, es zu verlachen.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>»Kommen Sie!«</p>
+
+<p>Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus
+seiner anmaßlichen Gedankenreihe und befahl ihm, nun
+den kranken Knaben ankleiden zu gehen. Er gehorchte
+und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll
+frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem
+Waschschwamm sorgsam das Gesicht des Knaben, reichte
+ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem Wasser, und ließ
+ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit
+seinen schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine
+Bürste und einen Kamm zur Hand, brachte das Haar
+des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm
+zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett
+dar, schaute zu, wie es bedächtig, mit vielem Absetzen,
+verzehrt wurde, ohne müde oder gar ungeduldig zu werden;
+denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld hier
+gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam
+wieder, um nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen
+konnte, anzukleiden. Er hob den leichten, dünnen
+Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus, nachdem
+er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe
+übergezogen hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe,
+nahm die Beinkleider zur Hand, um sie anzuziehen,
+schnallte den Gurt der Hose zu, warf die Hosenträger,
+wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles
+geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich
+gleich etwas tat, legte dem Hals des Knaben jetzt den
+Kragen um, einen breiten, umgelegten Knabenkragen,
+befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den Hemdknopf;
+das Hemd war natürlich längst übergeworfen
+worden; reichte jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen,
+ebenso den Rock und die paar Gegenstände,
+die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr, Uhrgehänge,
+Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das
+<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a>
+Werk war fertig. Nun mußte Simon des kleinen Herrn
+Bett in Ordnung bringen, sowie das ganze Schlafzimmer
+in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen, die
+Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans
+Fenster legen und alles so machen, wie es getan wird
+und wie er merkte, daß es getan werden mußte. Die
+Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein Fechtmeister
+den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand,
+daß er sich mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte
+nicht etwa ein Wort der Anerkennung. Würde ihr nicht
+von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte ihr Diener
+an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und
+Weise billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem
+Sohn umgegangen war, da sie bemerkt hatte, wie jede
+Bewegung Simons beim Ankleiden dessen Achtung für
+den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt
+hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und
+wie er dann später die Scheu überwunden hatte und
+mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und gleichmäßiger
+geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig,
+mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen
+hat, so will ich ihn dafür lieb haben, daß er
+mich nicht in meinem Gefühl, das ich mir gleich von
+Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie.
+»Er ist sehr still und anständig und scheint das Talent
+zu besitzen, sich mit jeder Lage gleich vertraut machen zu
+können. Und da er, wie ich glaube aus seinen Manieren
+schließen zu dürfen, aus gutem Hause herstammt, will
+ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch lebt,
+und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete
+Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal,
+zu einem klugen und schönen Betragen anhalten und
+will Freude haben, wenn ich sehe, daß er einschlägt und
+sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet. Vielleicht
+<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a>
+darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln,
+als man gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren.
+Aber ich will acht geben und ihm keinen Anlaß
+geben, durch zu frühes freundliches Entgegenkommen,
+mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt
+eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und
+diese darf nicht geweckt werden. Ich werde immer mein
+Gefallen, das ich an ihm habe, unterdrücken müssen,
+wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu gefallen.
+Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet
+so etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich
+unfreundlich getadelt habe. Die Menschen muß man
+erraten, wenn man sie von ihrer schönen Seite haben
+will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm
+deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten,
+um etwas bei ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht,
+und tut doch so, als ob man keine nähme, wie man
+ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es
+ist besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe
+kann.« &ndash; Sie beschloß, den Simon ein bißchen abenteuerlich
+zu nehmen, und schickte ihn jetzt aus, um Einkäufe
+zu machen.</p>
+
+<p>Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon,
+durch die Straßen zu eilen, mit einem Korb oder mit
+einer ledernen Tragtasche in der Hand, Fleisch und Gemüse
+zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder
+nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die
+Menschen ihren verschiedenartigen Geschäften nachgehen,
+jeder trug sich mit einer Absicht und er selber auch. Es
+schien ihm, daß die Leute sich über seine Gestalt verwunderten.
+Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten
+Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen
+zu frei, als daß sie zu seinem Auftrage, nämlich
+zum Botenlaufen, gestimmt hätten? Aber es waren freundliche
+<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a>
+Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig und
+geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen
+Mannes machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon,
+»so mit einer Pflicht im Kopf durch die Straßen neben
+den wimmelnden Menschen her zu laufen, von einigen
+überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere
+wieder zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie
+Blei in ihren Schuhen hätten. Wie hübsch ist es, von
+den sauberen Mägden für ihresgleichen angeblickt zu
+werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen
+Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei
+einem schnell stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang
+plaudern zu können. Wie die Hunde auf der Straße
+laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie Greise
+noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und
+Rücken! Und da möchte man noch schlendern! Wie entzückend
+sind die einzelnen Frauen, an denen man, ohne
+beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte man
+von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt
+doch, selber Beobachteraugen zu haben. Hat man
+etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt werden, und nicht,
+damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an
+einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in
+die Ferne blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an
+einem vorbeisehen, sind schöner, als solche, die einen ansehen.
+Es ist, als verlören sie dadurch. Wie man rasch
+denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den
+Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden,
+daß da oben, über dem Kopf und über den Häusern
+etwas Schönes und Weites schwebt, etwas Schwebendes,
+vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten,
+und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes,
+Hinreißendes. Man trägt etwas mit sich, das man nachzählen
+und abliefern muß, um als zuverlässiger Mensch
+<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a>
+dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß es
+mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch
+dazustehen. Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken.
+Ja, es ist mir, als ob sie sich verborgen hielte,
+da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald, er reizt
+mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin,
+es hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch
+noch da ist, während ich flüchtig und geschäftig durch
+die blendende Straße eile, mich um nichts bekümmere,
+als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte,
+so einfach ist es.« &ndash; Er zählte das Geld in der Westentasche
+mit fühlenden Fingern nach, ohne es heraus zu
+nehmen, und ging nach Hause.</p>
+
+<p>Nun hatte er den Tisch zu decken.</p>
+
+<p>Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den
+Tisch breiten, daß die Falten nach oben zu liegen kamen,
+dann die Teller hinlegen, so, daß der Tellerrand nicht
+über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer
+und Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe
+mit frischem Wasser, Servietten auf die Teller legen und
+das Salzgefäß auf den Tisch stellen. Stellen und legen,
+hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen, dann
+wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und
+Teller nur mit Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten,
+nämlich die Bestecke, keinen Lärm dabei verursachen,
+schnell sein und doch wiederum behutsam, vorsichtig
+und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch,
+Gläser nicht aneinanderklirren, und Teller nicht
+klappern lassen, aber über ein vorkommendes Klappern
+und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es begreiflich
+finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch
+gedeckt sei, und dann die Speisen auftragen und dann
+zur Tür hinausgehen, um wieder hineinzugehen, wenn
+geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde und Freude
+<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a>
+dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu
+sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den
+Tisch wieder abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen
+Rest Braten in den Mund stecken und dabei eine frohlockende
+Miene machen, als wäre es etwas, um dabei
+eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber
+essen und finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber
+etwas zu essen: das alles mußte Simon. Er mußte
+nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht gefrohlockt haben,
+wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter Diebstahl,
+und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte
+ihn lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas
+aus dem Speiseschrank, und dabei frohlockt.</p>
+
+<p>Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen,
+das Geschirr zu säubern, abzuwaschen und abzutrocknen,
+und das Mädchen war nicht wenig erstaunt, zu sehen,
+wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte?
+»Ich war doch auf dem Lande,« antwortete Simon,
+»und auf dem Lande tut man dergleichen. Ich habe
+dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe ich beim
+Geschirrtrocknen immer geholfen.«</p>
+
+<p>»Das war hübsch von Ihnen.«</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>Zwölftes Kapitel.</h2>
+
+<p>Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen
+Küche, mitten in einer großen Stadt, zu handwerken.
+Wer hätte das je gedacht. Nein, der Mensch kam doch
+nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher
+frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter
+dem offenen Himmel schlief und die Luft zu eng fand,
+wenn er Ausblicke genoß, die die vor ihm liegende Erde
+auseinanderbreiteten und dehnten, der die Sonne heißer,
+den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte
+grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit
+und bei jeder Witterung, suchend, händereibend und
+atempustend herumlief, er steckte jetzt in einer kleinen
+Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm ab.
+Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so
+eingeengt zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch
+nur immer die Weite haben, und dazu doch Sehnsucht,
+die doch so was Beengendes ist! Hier bin ich eng eingeklemmt
+zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz
+ist weit und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen
+Pflicht.«</p>
+
+<p>Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in
+einer Küche zu wissen, mit einer Arbeit beschäftigt, die
+sonst nur Mädchen verrichten. Ein wenig erniedrigend
+und ein wenig lächerlich war es, aber es war entschieden
+<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a>
+geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte
+sich jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke
+hatte wiederum etwas Genugtuerisches und Stolzes.
+Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das Mädchen
+fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen
+sei, und er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte
+nicht begreifen, wie man so wenig Ehrgeiz besitzen könne,
+das Schreibpult aufzugeben, um in eine Haushaltung
+hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem
+Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich
+ausdrücke, und zweitens sei es noch eine Frage, was
+besser wäre: ein Sitz hinter einem Pult oder der Zustand
+eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem die
+freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem
+öden Bureau vor, in dem die Luft meist schlecht und
+die Laune eine verbitterte sei. Hier sei kein Anlaß, bitter
+zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne schmore,
+das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so
+lieblich herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich
+klängen, wenn man sie aneinanderschlüge. Aber
+Diener sein, das sei doch nicht viel, das bedeute doch
+gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle
+nichts bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es
+dabei bewenden, doch fand sie, daß er ein kurioser,
+schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie dachte: »er ist
+anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!«
+Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als
+die Dame in die Küche trat und zu ihm sagte, er möge
+hineinkommen, sie habe eine Beschäftigung für ihn. »Was
+für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl für mich,«
+dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden.
+»Sie haben jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts
+zu tun, da können Sie meinem Knaben und mir aus
+einem Buche vorlesen. Verstehen Sie vorzulesen?«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>Simon bejahte.</p>
+
+<p>Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit
+etwas gepreßtem Atem, aber mit richtiger, scharfer, schöner
+Aussprache und mit einer warmen Stimme, die anzeigte,
+daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame schien
+es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis
+zum Schluß, wo er sich anmutig für den Genuß bedankte.
+Simon, dessen Wangen hochrot vor Bewegung
+glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte
+sich, da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte,
+in das Domestikenzimmer, das die Abendsonne rötlich
+beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus zu rauchen.</p>
+
+<p>»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach
+die hereintretende Frau.</p>
+
+<p>Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas
+ärgerlich, hinaus. »Ich begreife allerdings, daß es ihr
+nicht lieb ist, aber, muß ihr denn alles lieb an mir
+sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum
+Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und
+eine nach der andern es mir verböten.« Er war wütend,
+aber er wurde sofort wieder sanft und sprach zu
+sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war
+unverschämt!«</p>
+
+<p>In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte,
+ein Selbstgespräch zu führen, tönte im Korridor ein
+Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger Knall von
+einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete
+die Tür und erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem,
+stummem und betrübtem Gesicht zu Boden sah,
+wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen Porzellanplatte
+herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem
+Stück Torte drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer
+tragen wollen und dieselbe fallen lassen, sie konnte
+selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine kleine
+<a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a>
+Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas,
+und das Unglück war eben geschehen. Als die Frau
+den Simon bemerkte, der hinter ihrem Rücken stand,
+verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in ein
+zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in
+einem Tone, der genug sagte, was sie empfand: »Lesen
+Sie zusammen!« Simon bückte sich zu Boden und las
+die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte
+seine Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte:
+»Verzeih mir, daß ich gerade dastehen mußte, um zu
+sehen, daß du dich ungeschickt benommen hast. Ich begreife
+deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte,
+die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe
+sie zerbrochen. Wie muß es dir doch weh tun. Eine
+so schöne Platte. Gewiß war sie dir lieb. Du tust
+mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede
+Scherbe, die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und
+der Saum von deinem Rock sagt mir: »Glücklicher!«
+Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt es dich
+nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es
+macht mir Spaß, der Übeltäter gewesen zu sein. Du
+gefällst mir, wenn du mir zürnst. Weißt du, warum
+mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn!
+Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst,
+zürnst du mir. Du mußt einige Achtung vor mir haben,
+da es dich kränken kann, wenn du dich vor mir blamierst.
+Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend
+zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen.
+Und ich beeile mich damit gar nicht; denn ich möchte,
+daß du recht ärgerlich und böse würdest, weil ich so
+lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen
+müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen
+müssen. Du stehst immer noch da? Es muß jetzt eine
+Mischung von seltsamen Empfindungen in dir sein:
+<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a>
+Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, Gereiztheit,
+Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines,
+nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt,
+ehe man es nur recht hat empfinden können,
+das da war wie ein Nadelstich oder wie ein Duft oder
+wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. &ndash; Dein seidenes
+Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib
+einhüllt, der vor Aufregung und vor Schwäche
+zittern kann. Deine Hände sind schön, die so lang zu mir
+herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige
+damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich
+gescholten zu haben. Wenn du gehst, kichert und flüstert
+dein Kleid auf dem Boden. Vorhin verbotest du mir
+zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu
+rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um
+mit dir Einkäufe zu machen. Da sollst du mich rauchen
+sehen, weiße, blendende Zigaretten, und ich will hoffen,
+daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie mir
+aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich
+mit allen meinen mir zu Gebote stehenden Gebärden
+dafür um Verzeihung bitten, daß du eine Platte zerschlagen
+hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben,
+etwas zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum
+Teufel zu jagen. O nein, nein! Was denke ich da.
+Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese Scherbenangelegenheit
+hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend
+sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden
+hellgelb brennen in den verlöschenden Tag hinein. Jetzt
+möchte ich auf die Straße. Es geht nicht anders, ich
+muß auf die Straße hinunter.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte
+er, in ihr Zimmer tretend, »darf ich?«</p>
+
+<p>»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«</p>
+
+<p>Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo
+<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a>
+ihm eine verschleierte Frauengestalt staunend nachblickte,
+zum Haus hinaus, auf die Straße, an die Luft, in die
+bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. Seltsam
+sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus,
+wo man recht wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei
+es, ein erwachsener Mensch zu sein und als ein erwachsener
+Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame,
+in ein dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im
+Dunkel sähe, und sie um Erlaubnis zu fragen, ausgehen
+zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr wäre, ein
+Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend
+Etwas, und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur
+insofern etwas, als es sich dazu eigne, so ein Etwas zu
+sein, ihres zu sein! Seltsam sei es auch, daß man trotzdem
+diesen Zustand als eine Art Heimat und Zuhausesein
+fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener
+auf der Straße umher, weil jemand, den man darum
+bitten mußte, es einem erlaubt habe. Ein Erlaubnisbekommen,
+das sei allerdings etwas Schülerhaftes, aber
+es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter
+kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So
+sei alles wunderbar im Leben, und man müsse sich in
+das Wunderbare schicken, wenn es oft auch seltsam
+aussähe.</p>
+
+<p>Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in
+das süße Straßenbild mit den aufgehenden Sternen,
+mit den dichten Bäumen, die in langer, gerader Reihe
+davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit
+der Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen
+Ahnung der Nacht. Auch er ging ruhig, beinahe träumerisch.
+Am Abend war es keine Schande, ein träumerisches
+Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle
+träumen mußten in dieser Atmosphäre voll von dem
+Duft des Frühsommerabends. Viele Frauen spazierten
+<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a>
+umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der behandschuhten
+Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends
+fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt
+oder in faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die
+sich wundervoll breit in der Straße bewegten. Die Frau,
+dachte Simon, wie verherrlicht sie das Bild der städtischen
+Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man
+fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes,
+schönes Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton
+des Abends an, dazu passen ihre Figuren mit diesen
+Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll
+atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen
+sehen wie Kinder in Masken aus, mit denen sie winken,
+in denen sie immer etwas halten. Ihre ganze Haltung
+setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn
+man jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört
+man schon zu ihnen, in Gedanken, in fühlenden
+Schwankungen, in schlagenden Wellen, die an das Herz
+schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem.
+Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer
+Hände einen Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes
+Silber in dem verlorenen, verschwommenen
+Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen besonders
+schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und
+blühende Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen,
+wie Kinder in den dämmernden Morgen und junge
+Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die Sonne der
+Welt am glühendsten scheint.</p>
+
+<p>Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause
+kam. Er hatte sich verspätet und mußte Vorwürfe anhören,
+wie dieser: wenn das noch einmal, noch ein einziges
+Mal vorkomme, so &ndash;&nbsp;&ndash; dann&nbsp;&ndash;. Er hörte
+eigentlich nicht, sondern vernahm nur den Klang des
+Vorwurfes, innerlich lachte er, äußerlich schien er betrübt,
+<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a>
+das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf und fand
+es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas
+zu erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das
+Bett und zündete ein kleines Nachtlicht an.</p>
+
+<p>»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte
+er die Dame.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie mit dem Licht?«</p>
+
+<p>»Einen Brief schreiben.«</p>
+
+<p>»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie
+schreiben!« sagte die Dame.</p>
+
+<p>Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie
+gab ihm einen Briefbogen, einen Briefumschlag für die
+Adresse, eine Marke, eine Feder und erlaubte ihm, ihre
+Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß dicht
+daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während
+er schrieb:</p>
+
+<p>Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten
+Stadt und sitze an einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch
+in einem hellerleuchteten Zimmer, während unten
+in der Straße, in der Sommernacht, unter den Bäumen
+voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln.
+Ich kann leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an
+ein Haus gefesselt, nicht gerade mit Händen und Füßen,
+aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich nach und nach
+ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will.
+Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen
+kranken, kleinen Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht
+viel anders, als wie eine Mutter ihren Sohn pflegt,
+denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder meiner
+Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns
+und als flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn
+ich mit dem Knaben beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt,
+während ich an dich schreibe, neben mir, in einem Sessel,
+denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze durch
+<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a>
+ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal,
+wenn mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst
+fragen muß, darf ich ausgehen?, wie ein Lehrjunge,
+der seinen Meister fragen muß. Immerhin, es ist doch
+wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß,
+und das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen
+versteht man das Aufpassen auf Befehle, die Vorausahnung
+der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe Fertigkeit
+im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du
+wissen, wenn du es noch nicht weißt. Ich habe bereits
+eine gewisse Vollkommenheit darin erlangt, meiner Frau,
+die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe zu
+putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und
+doch verlangt es auch Streben nach Vollendung, wie
+das Größte. Mit dem kleinen, jungen Herrn werde ich,
+wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen
+müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem
+ich den Knaben ausfahren kann, worauf ich mich, wenn
+ich recht nachdenke, eigentlich wenig freue, da es langweilig
+sein wird. Du lieber Gott, ich werde es tun
+müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern,
+an denen das Hervorstechende und Markante das Bürgerliche
+ist. Sie ist durch und durch Hausfrau, aber in
+so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen kann:
+es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und
+ich wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben.
+Zum Beispiel heute zerschlug sie einen reichen Porzellannapf
+aus Gedankenlosigkeit und ward böse auf mich,
+daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich
+an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit
+war und sie machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden
+Blätter öfters in ihren Darstellungen bringen. Ein
+reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe die Scherben
+recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu
+<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a>
+ärgern, denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie
+ist reizend im Ärger. Schön ist sie nicht, aber solche
+strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte Bewegung
+kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame
+Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen,
+die deshalb köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so
+zarten Ursachen entflammen. Für mich ist das nun
+einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn ich
+bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig
+können solche Frauen sein in Sprache und Gebaren,
+daß die Wangen beinahe platzen und sich der
+Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe solchen
+Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern
+voll Scham und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt
+zu Taten. Aber meine Frau da, die höhnische, ist doch
+nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und das ist
+die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn
+ich ihr, auf ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so
+muß ich dabei lachen, denn ich bemerke, es freut sie,
+zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn ich
+sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und
+gewährt doch gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber,
+daß ich in solch einer Art und Weise bitte, der man
+gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen weh,
+und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein
+bißchen weh. Das ist amüsant für sie. Das will sie.
+Das erwartet sie nicht anders! Frauen sind so leicht
+erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares.
+Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind
+jedenfalls das Belehrendste, was es auf der Welt für
+einen Mann gibt. &ndash; Wenn die wüßte, die neben mir
+sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten Wünsche
+ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten,
+aber ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln,
+<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a>
+daß sie dazu imstande ist. Eine klatschende Ohrfeige ins
+Gesicht: ich möchte alle Küsse, die ich noch erwarten
+darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun
+eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise
+Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann
+hätte man nicht öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden?
+Meine Frau hat so etwas Zurückliegendes,
+etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt,
+an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist.
+Ich werde ihr wahrscheinlich einmal die Hand küssen
+und dann wird sie mich zum Kuckuck jagen, zum Tempel
+hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann.
+Was wird daran liegen. &ndash; O ich verteufle hier, kann
+ich dir nur sagen, ich merke es schon jetzt. Mein Geist
+gibt sich mit Serviettenfalten und Messerputzen ab und
+das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine
+größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich
+war drei Monate lang auf dem Land, aber es ist mir,
+als sei diese Zeit schon weit hinter mir zurück. Ich habe
+alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig dem
+Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen
+Dingen mehr zu gedenken. Manchmal bin ich
+sogar zu faul, an dich zu denken, und das scheint mir
+schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald
+einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits
+vergessen, und dann habe ich nicht an diesen Gegenstand
+zu rühren. Ich tue es auch nicht. Adieu, mein Bruder.</p>
+
+<p>»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau,
+ermüdet vom Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den
+Brief beendet hatte.</p>
+
+<p>»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris
+lebt.«</p>
+
+<p>»Was ist er?«</p>
+
+<p>»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem
+<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a>
+Beruf nicht reüssierte, ist er Restaurationskellner geworden.
+Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir in die Schule
+gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen,
+weil er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines
+Tages gesehen, wie er von seinen Klassengenossen verhöhnt,
+und dann eine steinerne Treppe hinuntergeworfen
+wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten,
+gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin
+ich sein innigster Freund geworden, und wenn das Mitleid
+wirklich bindet, so muß ich mich ihm verbunden
+fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer!
+Er ist ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten
+in Sitte und Lebensart, denn er hat immer
+in Weltstädten gelebt, wo der Mensch schneller reif wird.
+Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat oft
+auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes,
+versucht, Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem
+Schmerz nicht vorwärtsgekommen, und hat mir eines
+Tages schamhaft zugestanden, daß er sich entschlossen
+habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die
+Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden.
+Welch ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter
+Aufschwung! Ich habe ihm gesagt, daß
+ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu trösten,
+wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der
+Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß
+er oft Sehnsucht nach jenem Besseren empfinden muß,
+während um ihn das Leben lärmt. Aber sehen Sie,
+gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz,
+um einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut,
+um es ganz beiseite lassen zu können. Ich kenne jede
+seiner Empfindungen. Einmal hat er mir geschrieben,
+er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war
+seine Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die
+<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a>
+dumme Träumerei! Das Leben ist das Süße. Ich
+trinke Absinth und bin selig!« Das war sein Mannesstolz.
+Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für
+ihn, denn er hat etwas Herzenherausforderndes an sich
+und wieder etwas Eisig-Kaltes. Seine ganze Erscheinung,
+trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und Takt.«</p>
+
+<p>»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte
+die Frau.</p>
+
+<p>»Kaspar Tanner.«</p>
+
+<p>»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist
+also Ihr Bruder und Sie sagten vorhin, er sei Ihr
+Freund.«</p>
+
+<p>»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund!
+Solch einen Bruder muß man Freund nennen, wenn
+man die richtige Bezeichnung haben will. Wir sind nur
+zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein,
+und das ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als
+wir noch Brüder waren, packten wir uns eines Tages
+am Halse, beidseitig, und wollten uns den Garaus
+machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid
+und der Haß nichts Außerordentliches. Wenn Freunde
+sich hassen, gehen sie auseinander, wenn Brüder sich
+hassen, denen das Geschick das Zusammenleben unter
+einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde zu.
+Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«</p>
+
+<p>»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«</p>
+
+<p>»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben
+habe, Kenntnis zu nehmen.«</p>
+
+<p>Die Frau lächelte:</p>
+
+<p>»Nein, das tu ich nicht.«</p>
+
+<p>»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem
+Brief.«</p>
+
+<p>»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und
+stand auf: »Gehen Sie zu Bett.«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a>Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er
+hinausging:</p>
+
+<p>»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich
+noch zum Haus hinaus!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a>Dreizehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon,
+frei aller Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen
+Gasse und überlegte, ob er in ein Haus treten solle,
+oder nicht. Die Mittagssonne brannte hinunter und
+preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein
+Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse
+eindringen können. Draußen in den modernen Straßen
+mochte es wehen, aber hier schien schon seit Jahrhunderten
+kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben.
+Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche.
+Sollte er in die Eisenbahn steigen und in die Berge
+reisen? Es reiste jetzt alles in die Berge. Seltsame,
+fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln,
+paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen.
+Von den Hüten der Damen flatterten lustige Schleier
+herab und die Männer gingen in Kniehosen, und gelben
+Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu entschließen,
+diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre
+es sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel
+würde er sicher Arbeit finden. Er konnte ja den Führer
+spielen, stark war er genug dazu, und auch klug genug,
+um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, meine
+Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz,
+oder dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen
+<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a>
+blauen, schimmernden Fluß.« Er würde das Zeugs dazu
+haben, um den reisenden Herrschaften mit Worten eine
+Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der
+Fall einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin
+in seinen Armen tragen, wenn es gälte, einen Paß von
+drei Schuh Breite zu überschreiten. Lust dazu hätte er
+ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die Engländerinnen:
+er würde englisch sprechen lernen, und das war
+nach seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt
+und gehaucht klang, so schroff und weich zugleich.</p>
+
+<p>Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das
+alte, hohe, dicke, finstere Haus in der Gasse, klopfte an
+eine Türe, und fragte eine Frau, die herauskam, um zu
+sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben sei.</p>
+
+<p>»Ja, es sei eines.«</p>
+
+<p>»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein
+Zimmer sei, nicht zu groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren
+Menschen?«</p>
+
+<p>Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte
+die Frau:</p>
+
+<p>»Was sind Sie?«</p>
+
+<p>»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich
+werde mir eine Stelle suchen. Seien sie unbesorgt.
+Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum voraus,
+damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«</p>
+
+<p>Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung
+in die Hand. Es war eine fette Frauenhand,
+und die Frau, die zufrieden war, sagte:</p>
+
+<p>»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf
+die Gasse.«</p>
+
+<p>»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe
+den Schatten. Ich würde jetzt die Sonne im Zimmer
+nur hassen, bei dieser warmen Jahreszeit. Das Zimmer
+ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. Es ist
+<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a>
+für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein.
+O ja. Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange.
+Hier ist auch ein Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen
+könnte, als ich besitze, und hier bemerke ich zu meinem
+freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum bequemen Sitzen.
+In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel aufweist,
+so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet.
+Dort hängt sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das,
+wenn nur ein einziges Bild im Zimmer hängt, man
+kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe
+ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist
+ein gutes Glas und gibt die Züge deutlich wieder. Es
+gibt viele Spiegelgläser, die die Züge verzerrt wiedergeben,
+wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz
+vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine
+Offertschreiben abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser
+absenden will, um eine Anstellung zu erlangen.
+Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar nicht ein,
+warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so
+oft geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die
+Stellen gewechselt. Das ist ein Fehler, den ich hoffe
+beiseite legen zu können. Sie lächeln! Ja, das ist aber
+sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen
+eine Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich
+ein Mensch, wie ich bin, glücklich fühlen kann. Ich
+werde mich immer bemühen, meinen Verpflichtungen
+Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«</p>
+
+<p>»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.</p>
+
+<p>»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge
+gehen. Aber dieses schattige Zimmer ist schöner als
+selbst die weißesten Berge. Ich fühle mich ein bißchen
+matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich
+das?«</p>
+
+<p>»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a>»Nicht doch!«</p>
+
+<p>Und dann legte er sich schlafen.</p>
+
+<p>Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch
+lange nachher beschäftigte:</p>
+
+<p>Es war in Paris, aber warum es in Paris war,
+das wußte er nicht mehr. Zuerst ging er durch eine
+Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub bedeckt,
+so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend
+hinter sich nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner
+Regen von kleinen, flüsternden Blättern, und ein unaussprechlich
+sanfter Wind wehte daher, wie ein Hauch
+von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald
+grau, bald gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die
+auf der Straße dahergingen, trugen die Locken lang herunter,
+wo sie über die Schultern fielen, auch Zwerge mit
+schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten
+den anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen.
+Die Damen in ihren Schleppen waren herrliche Figuren,
+groß, viel größer als die Männer, die doch auch schlank
+erschienen. An den schlanken Büsten der Damen hingen
+Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von
+schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen
+Köpfe. Obenauf saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren
+Federchen, aber einzelne trugen große, weit und
+herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen Kopf
+zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die
+Hände und die Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen
+Handschuhen bis über die zierlichen Ellbogen hinaus
+bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit man blickte,
+alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer
+auf und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen
+in einem Theater. Das Licht gehörte halb dem Tag
+und halb wieder der vorgerückten Nacht. Jetzt gelangte
+man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt
+<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a>
+war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von
+Paris«, wurde einem gesagt, wenn man frug. Auf einmal
+bog sich eine duftige, weiße Wolke in die Straße
+herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?«
+wurde geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine
+Wolke ist in den Pariserstraßen keine seltene Erscheinung.
+Sie aber sind wohl Ausländer, daß Sie sich noch darüber
+verwundern können.« Die Wolke blieb als ein
+weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf
+der Straße liegen. Viele Damen liefen zu ihr hin und
+rupften kleine Stücke davon ab und setzten sie sich, unter
+wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder warfen
+sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen
+blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da
+lächeln sie leicht über den Ausländer, der sich wundert.
+Aber wundern sich die Pariser nicht selber jeden neuen
+Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann kamen
+die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke
+mit brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder
+auf, leicht und majestätisch in die Höhe, bis sie über
+den Häusern verschwand. Wieder beobachtete man die
+Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants
+servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die
+Damen tranken Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden
+Stimmen. Poeten standen auf erhöhten Brettern
+und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet hatten.
+Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren
+keine lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das.
+Man amüsierte sich mit dem, was sie zum besten gaben,
+ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was
+in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen
+hinter den Menschen her und betrugen sich so, als
+wüßten sie, daß man sich in Paris gut aufführen muß.
+Jegliche Figur und Erscheinung schien mehr zu schweben,
+<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a>
+als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr zu
+fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt
+und marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien
+sich in dieser Straße niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden
+durchzogen mit Geläute, das immer bim-bim
+machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den dunkelgekleideten
+Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen
+Glocken: bim-bam und: bum-bum! Und doch war
+es eine Straße und gar keine Bergweide, mitten in Paris
+war es, im Herzen der europäischen Eleganz. Allerdings,
+die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom.
+Jetzt auf einmal wurden die Lichter angezündet, von
+kleinen, behenden Jungen, die lange Anzünderstäbe trugen.
+Mit diesen machten sie die Hähne oben an den
+Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den
+Leitungen und zündeten dann an. So sprangen sie von
+einer Laterne zur andern, bis alle angezündet waren.
+Nun schimmerten die Lichter überall hervor und schienen
+zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war
+das für ein zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen,
+die es entzündeten, wo sprangen sie her, wo hin,
+wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause, hatten
+sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur
+Schule, konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten,
+Kinder erzeugen, alt werden und sterben? Sie waren
+alle in blaue kurze Röcke gekleidet gewesen und schienen
+Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie nur
+huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man,
+so wie es Abend wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten
+auf der wandelnden Straße. Sie trugen übergroße
+Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen Haaren.
+Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem
+weh tat. Das Herrlichste an ihnen waren die Beine,
+die nicht von Schleppen oder Röcken bedeckt waren, sondern
+<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a>
+sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an eine
+spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf
+beinahe zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen,
+aus feinstem Leder geschaffenen Schuhen bekleidet. Die
+Schuhe selbst waren das Zarteste, was sich dazu eignen
+konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen.
+Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus
+lachen. Der Gang dieser Frauen hatte etwas zum Jubeln
+Schwebendes, wieder Schweres und wieder Tanzendes.
+Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen,
+das hob einen mit, und zog einen nach, machte
+einen mit den Augen das Süße anträumen, machte die
+Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es komme,
+daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte
+lebhaft: »Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten
+auf der Erde, was zwar nicht denkbar, so müßte
+dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er es sich
+versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz
+gezimmerten und geschnitzten Treppe, die ihn in ein
+Zimmer hinaufführte, wo auf einem Diwan ein schlafendes
+Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es Klara.
+Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende
+hielt es mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein
+Neger, trug ein Abendessen herein, und Simon setzte
+sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke hernieder,
+wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen
+Brunnens, eine leise, gedämpfte Musik rauschte,
+die bald in der Ferne und bald neben seinem Ohr erklang.
+»In Paris wird seltsam serviert,« dachte Simon,
+indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder
+Grimm, wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende.
+»Komm, ich will dir etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu.
+Er erhob sich, und sie öffnete mit einem Zauberstab, wie
+es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man nicht, daß
+<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a>
+sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine
+Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon
+an, »zweifle nicht daran, aber laß es dich auch keineswegs
+erschrecken. Ich zeige dir nichts Abstoßendes.« Er
+ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte ihn mit
+ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte
+er seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an
+seinem Schreibtische schrieb. »Er ist fleißig und schreibt
+an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit leiser, hindeutender
+Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles
+Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen
+über den Lauf der Flüsse, die Geschichte und das Alter
+der Berge, die Windungen der Täler und der Erdschichten
+unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er
+denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du
+scheinst ihm Sorgen zu machen, du Böser! Er kann
+leider nicht sprechen, sonst würden wir beide hören, wie
+er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint,
+das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein
+solcher Mensch liebt seinen Bruder und möchte ihn in
+der Welt als braven, geachteten Mann wissen. Aber das
+Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich
+zeige dir jetzt etwas anderes.« &ndash; Indem sie das sagte,
+öffnete sie zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit
+ihrem Stäbchen, das sie wirklich in der Hand trug, und
+Simon erblickte seine Schwester Hedwig ausgestreckt auf
+einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete
+wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach.
+»Sieh sie an,« sagte Klara, und ein Zittern ließ
+ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie ist gestorben. Das
+Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen
+sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben,
+einen langen, heißen, sehnsuchtsvollen Brief,
+damals, du weißt, und sie hebt nie mehr die Hand, um
+<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a>
+mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der
+Welt: »Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben.
+Wie sie wortlos scheidet: so mädchen- und blumenhaft!
+Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest das lange
+nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt!
+Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich
+reden. Sie redete streng. Sie hat sich jammernd auf
+die Lippen gebissen. Das siehst du aber ihrem Mund
+nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer
+noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes
+Mädchen. Wie eine Blume ist sie gestorben, die stirbt,
+wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In meinem
+Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh
+getan, sag mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an
+einem so schönen Tod? Ihr ließt sie leiden, das, das
+war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm,
+jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen
+Worten ließ sie eine dritte Tür aufspringen, und Simon
+schaute in ein geräumiges Maleratelier. Er spürte
+den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah er
+seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar,
+arbeitete, den Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz
+versunken, wie es schien, in die Arbeit. »Still, störe ihn
+nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man darf Schaffende
+nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die
+Kunst lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu
+folgen, ihm folgen zu können. Nein, es ist besser so.
+Ich würde ihn nur aufgehalten und gehindert haben.
+Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste,
+wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen
+verlangt Abtötung alles Lieben und Innigen, um eine
+Liebe und eine Innigkeit ganz auf das Schaffen zu übertragen.
+Das verstehst du nicht, das versteht nur er.
+Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht,
+<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a>
+daß es mich drängt, mich ihm in die Arme zu werfen?
+Zu hören, was er mir sagt, wenn ich ihn flüsternd und
+voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er würde
+mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung
+einen Zug des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken.
+Und diese Entdeckung würde mich, wie eine für
+immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen
+unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein,
+das macht Klara nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas,
+und er ist mir zu gut und zu lieb, so, wie er ist. So
+stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig ahnen,
+wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel,
+die Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich,
+der seinen letzten Atemzug hergibt, um zum Siege über
+den Gegner zu gelangen. Siehst du, wie es ihn hinreißt,
+den Pinsel zu führen, womit er an der tausendtönigen
+Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter, jede
+Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht
+sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich
+so liebte, war von jeher in den Formen, und er bedarf
+hier in Paris nur einer einfachen Stube, um die Welt
+in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine üppige
+Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse
+um Küsse auf ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht,
+ihm und der Natur. Es will mir beinahe scheinen,
+als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber, machtlos
+und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte,
+von der man alles verlangt, was man will. Auf jeden
+Fall, und du siehst es, hat Kaspar zu tun, mit Kopf,
+Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes, ungebändigtes
+Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts
+schläft, so arbeitet er in wilden Träumen noch immer
+fort; denn die Kunst ist hart und scheint mir die schwerste
+Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und aufrichtiger Mensch
+<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a>
+stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen Aufgabe;
+denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn
+ich ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen
+wollte, was wäre das für eine unschöne, verdammenswerte
+Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne da küssen,
+wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den
+Küssen zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt
+werden. Welch eine unüberlegte Mörderin wäre man!
+So aber ist alles schön; ein bißchen weh tut es einem,
+hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken
+stehen zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür
+Glocken läuten und empfindet die süße Berechtigung und
+Makellosigkeit seiner Stellung in der Welt. Irgendwo
+müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und
+Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird
+genau wissen, was sie in einem solchen Fall zu tun hat.
+Einem Künstler zuzuschauen, jeder seiner Bewegungen
+gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn beeinflussen
+zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas
+abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt.
+Jede Stellung hat ihre Bedeutung, aber das unbefugte
+Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles müßte ich
+dir noch sagen. Aber komm jetzt.« &ndash; Wieder tönte eine
+wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern,
+zu allen Decken und Wänden heraus, wie ein fernes,
+aus einem kleinen Wäldchen kommendes, tausendstimmiges
+Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde.
+Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das
+schwarze Kätzchen mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen
+Milchkrug hineingreifen. Als es aber die beiden Menschen
+sah, sprang es fort und kauerte sich hinter einen Stuhl,
+wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam
+hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer
+Anblick! Es schneite in der sommerlichen, grünen
+<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a>
+Straße, und zwar so dicht, so sehr Flocke an Flocke, daß
+ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier in
+Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier
+mitten im heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten
+Jahreszeiten, so wie es auch keine bestimmten Redensarten
+gibt. In Paris muß man auf alles schnell gefaßt
+sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es
+auch lernen und wirst dir das Staunen, das nicht am
+Platz ist, abgewöhnen. Hier ist alles ein schnelles, graziöses,
+bescheidenes Erfassen. Achtung vor der Welt: das
+gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon
+lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du
+wohl; wirst du dir denken können, daß er bis über die
+hohen Häuser hinaufkommen wird? Es ist so, und aller
+Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat lang
+im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung
+und eine warme Stube. Ich werde meistens
+schlafen; denn eine Zauberin muß eben viel schlafen; du
+wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen, ich
+habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek.
+Die Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst
+sehen. Und dann nach einem Monat, apropos: wir
+haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie gesagt,
+nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen.
+Da wirst du sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit
+sich die Menschen auf offener Straße umhalsen und
+Tränen der <ins title="Widersehensfreude">Wiedersehensfreude</ins> weinen werden. Es wird
+alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene,
+wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen
+und Stimmen herausbrechen, und geküßt wird werden
+im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren. Stelle
+dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die
+Straßen hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris
+spazieren und mischt sich unter die entzückten Menschen.
+<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a>
+Die Bäume blühen an einem Tag empor und duften
+wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen
+und Blumen durch die Luft schwirren wie ein Regen.
+Und das Geld wird sich in den Taschen, selbst in den
+ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich will jetzt
+schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze
+du indessen die Zeit und studiere eines der Werke,
+das du finden wirst und das geeignet ist, dich einen
+ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt solche Bücher.
+Gute Nacht!« &ndash; Und damit schlief sie ein. Die Katze
+aber wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr
+nach, sie entfloh, er ihr nach, und immer entwischte sie
+ihm aus den Händen, wenn er sie schon erfaßt hatte.
+Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein,
+aus der er schließlich <ins title="erwachte.«">erwachte.</ins></p>
+
+<p>»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,«
+dachte er, als er sich vom Bette erhob.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an
+das Fenster und schaute zum ersten Mal in die Gasse
+hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer gingen
+dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen
+Mauern, um bequem nebeneinander herzugehen. Sie
+sprachen, und der Klang ihrer Worte drang seltsam deutlich
+zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die den
+Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen,
+tief-satten Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht
+erweckte. Simon gerade gegenüber tauchten jetzt im
+Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und
+berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken.
+Es war ihm, als würde er mit unsauberen Händen angerührt.
+Die eine der Gestalten sagte zu ihm hinüber,
+mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, &ndash; denn es war, als
+säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem
+<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a>
+sich nur zufällig ein schmales Band freier Himmelsluft
+befände: »Sie sind wohl sehr einsam!«</p>
+
+<p>»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«</p>
+
+<p>Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber
+in ein Gelächter ausbrachen. Was konnte er mit ihnen
+reden, was nicht unflätig gewesen wäre. Heute war er
+nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein
+Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog
+die weißen Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und
+las in dem Roman von Stendhal weiter, den er auf dem
+Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen können.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a>Vierzehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die
+Lampe aus, öffnete das Fenster, ging zum Zimmer hinaus,
+zu der Haustüre hinaus, auf die steile Straße. Eine
+schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte Stadtviertel
+war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem
+beim Gehen die Wahl schwer werden konnte. Er ging
+noch einige Schritte in der lebhaft von Menschen erfüllten
+Straße und trat dann in eine Kneipe ein. Um
+einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft
+versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher
+sein mußte; denn alles lachte, sowie er nun den
+Mund auftat. Es mußte einer jener Menschen sein, die,
+was sie auch sagen mochten, stets komisch und lachmuskelerregend
+wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen
+Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich
+auf das, was sie sprachen. Sie sprachen ernsthaft und
+in ziemlich klugen Ausdrücken miteinander. Der Gegenstand
+ihrer Auseinandersetzung schien ein junger, unglücklicher
+Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt
+haben. Jetzt aber ließ der eine von ihnen den
+andern, ohne ihn zu unterbrechen, erzählen, und Simon
+hörte folgendes:</p>
+
+<p>»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe,
+als er noch langes Haar und kurze Hosen trug und an
+<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a>
+der Hand eines Kindermädchens durch die Straßen der
+kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem
+sie sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner
+Kerl!« Seine Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht,
+ich meine seine Schüleraufgaben. Seine Lehrer
+haben ihn geliebt; denn er war sanft und gut zu erziehen.
+Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht,
+seine Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll
+geturnt, gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß
+ich, daß ihn die Lehrer den später nachkommenden Schülergenerationen
+und sogar den weiter vorgeschrittenen Klassen
+als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen Gesichtszüge
+mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung
+bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er
+genoß eine gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf
+die höhere Schule schickten. Von der Mutter verzärtelt,
+was jedermann begriff, und von allen bewundert, mußte
+sein Geist frühzeitig jene Weichheit der Bevorzugten und
+Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne
+Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich
+der Genüsse des Lebens spielend zu bemeistern. In die
+Ferien brachte er glänzende Zeugnisse und eine Schar
+junger Kameraden mit nach Hause und berauschte das
+Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen
+Erfolgen. Natürlich verschwieg er seiner Mutter
+die Erfolge, die er schon damals begann, bei den leichtfertigen
+Mädchen zu machen, die ihn schön und liebenswürdig
+fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen
+im Tiefland; auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die
+ihn lockten, weil sie so hoch hinauf und so weit in die
+unbestimmteste Ferne sich hineindehnten, verbrachte er
+Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen Gesellschaft
+von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber.
+Er bannte und bezauberte sie alle. &ndash; Er glich in seiner
+<a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a>
+Gesundheit und Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie
+körperlich, einem Gott, der nur zum Vergnügen eine
+Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien.
+Wenn er ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden
+sie von seinen zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen.
+Auf seinem blonden, schönen Kopf trug
+er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend
+leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt,
+und der große Platz, wo sonst das Vieh zusammengetrieben
+wird, stand voller Buden, Hütten, Karussells,
+Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf
+geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen
+Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der
+er immer zu sehen war, da ihn das Mädchen, das dort
+die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine Kugel drang
+durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen
+hinein, der dicht dahinter stand, und soll dort um ein
+Haar ein in einer Wiege schlafendes, kleines Kind verletzt
+haben. Es war der Wagen, den diese <ins title="herumziehendie">herumziehenden</ins>
+Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich
+kam natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu
+dem einen, und das nächste Mal, als wieder Ferien
+waren, stand in dem Zeugnis des jungen Studenten eine
+bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den Eltern
+einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb,
+worin er ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig
+aus der Schule zu nehmen, da sonst die Notwendigkeit
+bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe: sinnloses
+Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit,
+hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten
+und alles jenes, was eben für einen solchen Fall
+immer Gründe sind: die Sittlichkeit in Gefahr und:
+Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Der erzählende Mann schwieg eine Weile.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a>Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar
+zu machen und sagte:</p>
+
+<p>»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem
+Standpunkt. Bitte, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen
+ferner zuhören darf. Ich bin ein junger, eben aus seiner
+Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne vielleicht
+einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint,
+daß man immer gewinnt beim Anhören einer wahrhaften
+Geschichte.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam
+an, doch schien er ihnen keinen unguten Eindruck zu
+machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt hatte, nur zuzuhören,
+wenn es ihm Spaß machen könne, und jener
+erzählte weiter:</p>
+
+<p>»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob
+dieser Ausweisung in große Bestürzung und in noch
+größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern, die so gleichgültig
+wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall,
+wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten.
+Sie meinten zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel
+ganz aus der gelehrten Laufbahn fortzunehmen, und ihn
+einen harten Beruf, wie Mechaniker oder Schlosser, lernen
+zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen
+schon in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage
+ihres Sohnes beinahe von selbst zufliegen. Aber es kam
+anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit der Mutter,
+wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten
+gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge
+Mann wurde in ein entlegenes, einsames Seminar geschickt,
+wo er sich auf den Lehrerberuf vorzubereiten hatte.
+Es war ein französisches Seminar, wo der Junge gar
+nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte, aufzuführen.
+Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf
+seiner Zeit, als praktischer, jugendlicher Lehrer in die
+<a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a>
+Welt. In der Nähe seiner Heimatstadt bekam er eine
+vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete die Kinder
+so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die
+Zeit erlaubte, zu Hause die französischen und englischen
+Klassiker in ihrer Sprache; denn er hatte für Sprachen
+ein wahrhaft wunderbares Talent, dachte heimlich an
+eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika zwecks
+einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos
+blieben, und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer
+Ungebundenheit. Da es Sommer war, ging er mit seinen
+Schülern öfters im tiefen, reißenden Kanal baden. Er
+badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen,
+wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen
+lernen wollte. Eines Tages aber riß ihn der Wasserstrudel
+derart fort, daß es aussah, wie wenn er jetzt ertrinken
+mußte. Die Schüler rannten schon in das Städtchen
+zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.«
+Aber der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den
+Wirbeln des tückischen Wassers heraus und kam wieder
+nach Hause. Nach einiger Zeit befand er sich indessen
+an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen,
+in einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme
+Menschen fand, die ihn weniger als Lehrer wie
+vielmehr als Menschen respektierten. Er war ein vorzüglicher
+Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der
+in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden
+der Unterhaltung ganz nur um sich herum zu
+drehen verstand. Ein sehr liebes, aber schon nicht mehr
+junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer, derart, daß
+sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort
+zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im
+Dorf bekannt machte. Sie stammte aus einer alten
+Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in fremden Ländern
+Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm
+<a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a>
+denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen,
+der immerhin eine nicht ungefährliche Waffe
+gewesen sein mochte und der vielleicht gar zu seiner
+Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war ein
+feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte
+ihm den Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie
+vielleicht einen tiefen Seufzer unterdrückte. Sie hörte
+ihm zu, wenn er, in romantisch edler Haltung, am
+Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge
+von seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen,
+da es Winter war, auf dem hochgelegenen,
+kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide freuten sich dieses
+schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte
+bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft
+die warmen, verlockenden Bande fühlte, die ihn
+so gern für immer an das Dorf gefesselt hätten, denen
+er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch den
+Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben.
+Er reiste, und zwar mit dem Gelde des Fräuleins,
+die reich war, und die sich eine wehmütige und kummervolle
+Freude daraus machte, es ihm ohne jeden Vorbehalt
+zu geben. So ging er nach München, wo er ein
+ziemlich flottes Leben führte, nach Art der dortigen Studenten,
+kam wieder heim, sah sich nach einer Stelle um,
+und erhielt eine solche in einem Privatinstitut, das am
+Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort
+mußte er junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher
+Leute Kinder, unterrichten, tat es eine Zeitlang mit
+großer Liebe und viel Interesse, bekam Händel mit
+seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und
+reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin
+er sich als Hauslehrer begab, und dann England,
+wo er auf einem Gutsitze zwei aufwachsende Mädchen
+unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten trieb.
+<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a>
+Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem
+Kopf, und in seinem leer gewordenen Herzen brannten
+nur noch hilflose Phantasieen, die keine Rechte auf die
+Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren Schoß
+sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit.
+Er war leer und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt
+auf die Politik werfen zu sollen, aber er besaß für dieses
+Fach weder die genügende Übersicht und Ruhe, noch
+auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb
+auch Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete
+sie, und zwar aus einem bereits zerstörten Geiste heraus.
+Er verfaßte Gedichte, Dramen und musikalische Kompositionen,
+malte, zeichnete, aber dilettantisch und kindlich.
+Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich
+nur für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und
+dann wieder! An einem halben Dutzend Orten trieb er sich
+herum, glaubte und sah sich überall betrogen und verletzt,
+verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld
+von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein
+schlanker, schöner Mensch, sanft und vornehm von Ansehen
+und immer noch edel in seinem Betragen, solange
+er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch
+selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn
+lange gebrauchen, man schickte ihn fort, sowie man
+hinter sein Wesen kam, oder er ging von selber aus
+ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen.
+Das mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter.
+Aus Italien hatte er noch begeisterungsfrohe, ideale
+Briefe an seinen Bruder geschrieben. In London, wo
+er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen
+Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten,
+man möchte ihm in seiner elenden Lage beistehen,
+und bat um Geld, vielleicht nicht gerade mit Worten,
+aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn achselzuckend
+<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a>
+fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte
+sein schöner, sanfter Menschenstolz schon gelitten haben,
+wenn er den Mut fand, Unwürdige anbetteln zu gehen.
+Doch was mußte er nicht tun, da er Not litt! Man
+kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der
+Zufälle des Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist,
+von einem Menschen noch Stolz zu verlangen. Und
+der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher
+ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der
+Reue über ein verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses
+Herz zu zerstören. Eines Tages, nach all den Umherwanderungen,
+erschien er wieder zu Hause, blaß, matt,
+müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein
+Vater empfing ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester
+so gut, als sie durfte vor des entrüsteten Vaters Augen.
+Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten zu erhalten,
+und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er
+allen Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er
+wolle sie heiraten. Er war ganz offenbar schon kindisch.
+Man munkelte natürlich und lachte. Dann ging er noch
+einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es sich,
+daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam
+eines Tages mit einem nackten Fuß in die Schulstunde,
+Schuh und Strumpf fehlten an dem einen seiner Füße.
+Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben das,
+was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu
+derselben Zeit radierte er in seinem militärischen Dienstbuch
+die dort notierte Degradation aus, die ihm eines
+begangenen, schweren Fehlers wegen schon früher zudiktiert
+worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne
+Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von
+dort wurde er, da man über seinen Geisteszustand zur
+Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus gebracht, wo er heute
+noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm zusammen
+<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a>
+gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl
+wie beim Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin
+abzuführen, wo er sich jetzt befindet und wohin er leider
+gebracht werden mußte.«</p>
+
+<p>»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer.</p>
+
+<p>»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler
+und fügte noch hinzu: »Manche wollen behaupten,
+daß die leichtfertigen Weiber, zu denen er Beziehungen
+hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es
+nicht, da ich überzeugt bin, daß man den schlimmen
+Einfluß, den diese Weiber auf einen Mann ausüben,
+meistens überschätzt. So schlimm ist das alles nicht,
+aber vielleicht liegt es in der Familie.«</p>
+
+<p>Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der
+Röte des Unwillens auf den Wangen:</p>
+
+<p>»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich,
+mein edler Herr Erzähler. Sehen Sie mich, bitte, einmal
+gründlich an. Entdecken Sie an mir vielleicht auch
+so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich
+auch ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne
+Zweifel, wenn es in der Familie läge, denn ich bin auch
+aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder.
+Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen
+und keineswegs verderblichen Menschen offen meinen
+Bruder zu nennen. Heißt er nicht Emil, Emil Tanner?
+Könnte ich das wissen, wenn er nicht mein leiblicher lieber
+Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der meinige ist,
+etwa nicht Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen
+und Provencer-Öl einen ganz stattlichen Handel treibt?«</p>
+
+<p>»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann,
+der vorhin erzählt hatte.</p>
+
+<p>Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann
+es nicht liegen. Ich leugne das, solange ich lebe. Es
+ist einfach das Unglück. Die Weiber können es nicht
+<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a>
+sein. Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber
+seien es nicht. Müssen daran die armen Weiber immer
+schuld sein, wenn die Männer ins Unglück geraten?
+Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher?
+Kann es nicht im Charakter, in einem Stäubchen
+der Seele liegen? So und immer so: und deshalb
+so? Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art von
+Handbewegung mache: So, so! Darin liegt es. Der
+Mensch fühlt so, und dann handelt er so, und alsdann
+stößt er an mancherlei Mauern und Unebenheiten
+so an. Die Menschen denken immer gleich an grausige
+Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich.
+Und welche Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern
+und Voreltern an seinem Unglück Schuld geben zu wollen.
+Mangel an Anstand und Mut und noch etwas: unziemliche
+Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück
+über einen herbricht, so bringt man eben die erforderliche
+Manier mit, die es dem Schicksal bequem macht,
+daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was mein
+Bruder mir war, mir und Kaspar, dem andern Bruder,
+uns Jüngeren? Gelehrt hat er uns auf gemeinschaftlichen
+Spaziergängen Schönes und Hohes zu empfinden, zu
+einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel waren,
+die nur auf schlechte Streiche ausgingen. Aus seinen
+Augen tranken wir das Feuer der Begeisterung für die
+Kunst. Können Sie sich denken, was für eine herrliche,
+verständnissuchende, streberische, im schönsten und kühnsten
+Sinn streberische Zeit das war? Wir wollen noch
+eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich,
+obschon ich ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr
+Wirt, ein Flasche Wadtländer. Und zwar vom besten, den
+Sie haben. &ndash; Ich bin ein ganz mitleidloser Mensch.
+Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen.
+Ich komme auch gar nicht dazu, an ihn zu denken,
+<a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a>
+denn sehen Sie, ich bin einer, der so in der Welt
+steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren muß,
+um aufrecht zu stehen. Umfallen mag ich nur dann,
+wenn ich nicht mehr den Gedanken ans Aufstehen habe.
+Ja, dann habe ich vielleicht Zeit, an die Unglücklichen
+zu denken, und Mitleid zu haben, wenn ich selber des
+Mitleids würdig geworden bin. Noch bin ich es aber
+nicht, und ich gedenke noch zu lachen und Scherz zu
+treiben angesichts meines Todes. Sie sehen in mir einen
+ziemlich unverwüstlichen Menschen, der allerhand Mißgeschick
+zu ertragen versteht. Das Leben, es braucht mir
+gar nicht so sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in
+meinen Augen. Es ist mir meistens schön und ich verstehe
+die Menschen nicht, die es unschön nennen und es
+damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme
+mir immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke.
+Mein armer Bruder lebt noch! Ich danke Ihnen, mein
+Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf einen Unglücklichen
+gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede Weichherzigkeit:
+stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das
+Unglück!&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Warum, wenn ich fragen darf?«</p>
+
+<p>»Sie übertreiben!«</p>
+
+<p>»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit
+diesem funkelnden Glase Wein hochleben zu lassen. Noch
+einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen Sie mich Ihnen
+sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar
+ein sehr inniger Freund, denn es verdient die Gefühle
+der Vertrautheit und Freundschaft. Es macht uns besser,
+und das ist ein großer Dienst, den es uns da erweist.
+Es ist ein echter Freundschaftsdienst, der erwidert werden
+muß, will man anständig heißen. Das Unglück ist der
+etwas mürrische, aber desto ehrlichere Freund unseres
+Lebens. Es wäre ziemlich frech und ehrlos von uns,
+<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a>
+das zu übersehen. Im ersten Augenblick verstehen wir
+das Unglück nie, deshalb hassen wir es im Moment
+seines Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter
+Geselle, der uns immer überrascht, wie wenn
+wir nur Tölpel wären, die man immer überraschen kann.
+Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was
+er auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich
+Feines sein. Nichts von sich ahnen lassen, und
+auf einmal da sein, nicht den leisesten neugierigen, vorauseilenden
+Geschmack und Duft an sich haben, und
+dann einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen,
+»Du« zu einem sagen und dazu lächeln und einem in
+ein blasses, mildes, alleswissendes, schönes Gesicht blicken
+lassen: dazu gehört mehr als Brotessen, dazu gehören
+andere Apparate als nur Flugapparate, mit deren halber
+Erfindung wir Menschen schon zum voraus in großtönenden,
+schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das
+Schicksal, das Unglück ist schön. Es ist gut; denn es
+enthält auch das Glück, sein Gegenteil. Es erscheint mit
+beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und
+vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme.
+Es weckt neues Leben, wenn es altes erschlagen hat, das
+ihm nicht gefallen hat. Es reizt zum Besser-Leben. Alle
+Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu erleben,
+verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig
+werden und zeigt uns mit seinen ausgestreckten
+Fingern neue! Ist eine unglückliche Liebe nicht die gefühlvollste
+und deshalb zarteste, feinste und schönste?
+Tönt nicht noch das Verlassensein in weichen, schmeichelnden
+und wohltuenden Tönen? Ist das alles neu, was
+ich Ihnen da sage, meine Herren? Freilich ist es neu,
+wenn man es sagt; denn es sagt es selten einer. Den
+meisten mangelt der Mut, das Unglück zu begrüßen,
+als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder
+<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a>
+im Wasser. Man sehe sich doch nur einmal an,
+wenn man sich nackt ausgezogen hat und jetzt nackt dasteht:
+Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder Mensch!
+Welch ein Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein,
+das nackt-Dastehn! Ein Glück ist es schon, auf die Welt
+zu kommen, und kein weiteres Glück zu haben, als gesund
+zu sein, ist ein Glück, das die edelsten Steine, alle
+schönen Teppiche und Blumen, die Paläste und die Wunder
+überglitzert und überstrahlt. Das Wundervollste ist
+die Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres,
+ähnliches hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der
+Mensch im Laufe der Zeiten roh genug geworden ist,
+um zu wünschen, daß er doch nur krank sein möchte
+und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu
+dieser Fülle von Pracht und Glück, wenn man wirklich
+geneigt ist, das nackte, straffe, bewegliche, warme, mit
+auf das Erdenleben gekommene Glied als eine solche
+Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten:
+das Unglück! Es kann uns hindern überzuschäumen,
+es schenkt uns die Seele. Es bildet unsere Ohren dafür
+aus, den schönen Klang zu vernehmen, der tönt, wenn
+Seele und Körper, ineinandervermischt, ineinanderübergetreten,
+zusammen atmen. Es macht aus unserem Körper
+etwas Körperlich-Seelenvolles und die Seele bringt es
+zu einem festen Dasein mitten in uns, daß wir, wenn
+wir wollen, unseren ganzen Körper als eine Seele empfinden,
+das Bein als eine springende, den Arm als eine
+tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine
+edel gehende, das Auge als die sehende und den Mund
+als die küssende Seele. Es macht uns erst lieben, denn
+wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück? In
+den Träumen ist es noch schöner als in der Wirklichkeit,
+denn wenn wir träumen, verstehn wir auf einmal die
+Wollust und entzückende Güte des Unglücks. Sonst ist
+<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a>
+es uns meist hinderlich, namentlich, wenn es in Form
+eines Geldverlustes zu uns kommt. Aber kann das ein
+Unglück sein? Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren,
+was verlieren wir? Recht unangenehm freilich
+ist das, aber es ist kein Grund zu längerer Trostlosigkeit,
+als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches
+Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden
+darüber. Zuletzt wird man es doch müde.&nbsp;&ndash;«</p>
+
+<p>»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte
+lächelnd einer der Männer.</p>
+
+<p>»Das kann sein. Der Wein macht mich immer
+dichterisch reden,« entgegnete Simon, »so wenig ich sonst
+Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu machen
+und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen
+und Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für
+äußerst unklug und für anmaßend halte. Glauben Sie
+mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch sein. Es
+ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man
+einmal von Schönheit reden hört, gleich für einen
+schwärmenden Dichter zu halten, wie Sie es zu tun
+scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal einem
+sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier
+einfallen kann, über anderes nachzudenken, als
+über Sachen seines geldzusammenkratzenden Berufes.
+Man nimmt in der Regel zu wenig gefühlsinnige und
+der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie
+nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir
+zur Aufgabe, mit einem jeden Menschen ein kühnes,
+herzliches Gespräch zu führen, damit ich am schnellsten
+sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich
+mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal
+kriegt man dafür sogar, beispielsweise von einer zarten
+Dame, eine Ohrfeige, aber was schadet das! Mir macht
+es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf immer
+<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a>
+überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen
+man sich mit dem ersten freien Wort etwas vergibt,
+nicht gar so sehr viel wert ist, als daß man deshalb
+Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung muß
+immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich
+Ihnen auf Ihre etwas spöttische Bemerkung sagen, womit
+Sie mich zu treffen meinten.«</p>
+
+<p>»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«</p>
+
+<p>»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und
+lachte dazu. Dann sagte er plötzlich nach einigem Stillschweigen:
+»Was übrigens Ihre Erzählung von meinem
+Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen.
+Er lebt noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt
+jetzt an ihn; denn wer sich wegstiehlt, namentlich an
+einen so düsteren Ort, wie er, der wird gestrichen aus
+den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte
+sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem
+Herzen, vielleicht eines Pünktchens mehr in seiner Seele
+bedurft hätte, um ihn zum schaffenden Künstler zu machen,
+dessen Werke die Menschen entzückt hätten. So wenig
+braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum,
+um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden.
+Er ist krank und steht auf der Seite, wo keine Sonne
+mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn denken, denn
+sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend,
+das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige
+denn er, der solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist
+manchmal nicht schön, jetzt bekenne ich es gerne. Sie
+müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und behaupte
+gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat.
+Mein Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es,
+wenn ich andere Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte
+ich immer so hineinwettern, hineinlachen in das warme
+Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr schlecht! Ich
+<a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a>
+bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich
+hoffe es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit
+Ihnen haben reden zu dürfen. Das Zufällige ist immer
+das Wertvollste. Ich scheine etwas viel getrunken zu
+haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt
+hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht
+auf Wiedersehen. Durchaus nicht. Das habe ich nicht
+im Sinne. Mich verlangt durchaus nicht darnach. Viele
+Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf ich
+nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur
+lügen; denn ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer
+zufällig, und dann wird es mir eine Freude sein, wenn
+auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern Umstände,
+und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus.
+Ich hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet,
+wiewohl Sie mich jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen,
+als wären Sie beleidigt. Gut, seien Sie es. Zum
+Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt. Sie?«</p>
+
+<p>Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:</p>
+
+<p>»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«</p>
+
+<p>Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.</p>
+
+<p>Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es
+war, als schleiche sie als etwas Schleichendes die Wände
+entlang. Bisweilen stand ein hohes Haus ganz dunkel
+da, und dann war wieder eines, das gelblich und weißlich
+leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in
+einer so dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der
+Häuser rochen so seltsam. Es war etwas Feuchtes und
+Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter erhellten
+zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die
+kühnen Dächer über die glatte, hohe Wand der Häuser
+hinaus. Die ganze weite Nacht schien sich in dieses
+kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu schlafen,
+<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a>
+oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne
+späte Menschen umher. Hier taumelte einer und sang
+dabei, ein anderer fluchte, daß es den Himmel zerreißen
+mochte, ein dritter lag schon am Boden, während der
+Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke hervorblitzte.
+Wenn man schritt, tönten einem die Schritte
+unter den Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen
+Mann, der in der ganzen Breite der Gasse
+hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich
+fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin
+und her geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von
+einer geschmeidigen, unsichtbaren Hand. Da ließ der alte,
+weißbärtige Mann seinen Stock fallen, wollte denselben
+vom Boden wieder aufheben, was ja für den Betrunkenen
+eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien infolgedessen
+selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon,
+von einem lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den
+Mann und auf den Stock zu, hob diesen auf und
+drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in
+der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte,
+in einem Ton, als hätte er Grund, noch beleidigt zu
+sein. Dieser Anblick wirkte sofort ernüchternd auf Simon,
+und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die
+neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die
+beide Stadtteile voneinander trennte, hinüberging, sog er
+den seltsamen Duft des fließenden Flußwassers ein. Er
+schritt die Straße hinunter, in der er vor drei Wochen
+von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen
+wurde, sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch
+Licht brennen, dachte daran, daß sie noch gestern seine
+Herrin gewesen war, schritt weiter unter den Bäumen,
+bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der
+zu schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung.
+Ein solcher Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit
+<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a>
+all seinen Abgründen, das machte Eindruck. Ja, das
+war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes. Simon
+schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht
+bekam, selber zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich
+schlafen. So ruhig würde es über ihn kommen, und
+morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja
+Sonntag. Simon ging heim.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a>Fünfzehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken
+klangen. Er bemerkte von seinem Bette aus, daß ein
+herrlicher, blauer Tag draußen sein mußte. In den
+Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen wunderbaren
+Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ.
+Etwas Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende
+Hausmauer länger ansah. Man mußte bedenken,
+wie schwarz und düster diese fleckige Wand bei
+beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange
+dahin und stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den
+Segeln darauf, sich ausnähme, in dem goldenen, blauen
+Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen, gewisse Aussichten
+und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen,
+der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf
+dem Rücken des breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen,
+die Abhänge und Waldschluchten, in denen das Grün
+nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den
+großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn
+man daran saß und sich davon einschläfern ließ. Das
+alles war zu sehen, deutlich, wenn Simon auf die Wand
+hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die
+heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages
+widerspiegelte, nur weil etwas wie ein Hauch von blauem
+Himmel darauf auf und ab schwebte. Dazu klangen
+<a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a>
+ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken,
+ja, die verstanden es, Bilder aufzuwecken.</p>
+
+<p>Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor,
+von jetzt ab fleißiger zu sein, etwas zu studieren, zum
+Beispiel eine Sprache, und überhaupt geregelter zu leben.
+Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem
+doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das
+vorzustellen, recht innig und lebhaft, wie das wäre, wenn
+man emsig lernte und lernte, und gar nicht aus dem
+Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche
+Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das
+Lernen werden, wenn mit der ganzen, bereits erworbenen
+Reife gelernt würde. Ja, das wollte er nun tun:
+lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden,
+Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum
+Beispiel, wie würde es mit einer fremden, wohlklingenden
+Sprache sein, etwa mit der französischen? »Ich
+würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest
+einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte
+Einbildungskraft zu Hilfe. Der Baum: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'arbre</span>. Ich
+würde in meinem ganzen Gefühl den Baum sehen.
+Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem
+weißen, weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen,
+dunkelgrünen Baum sehen. So käme mir wieder
+vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den Sinn. Der
+Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So,
+wenn man nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie
+süß ist gerade die Kleinheit, das Anfängerische! Ich erblicke
+jetzt einen hohen Reiz darin und begreife nicht,
+wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein konnte.
+O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens
+und des vermeintlichen Besser-wissens.
+Wenn man nur recht weiß, wie wenig man weiß, kann
+es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang
+<a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a>
+des fremden Wortes das deutsche inniger denken und
+mir seinen Sinn weiter ausbreiten in Gedanken, so
+würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, reicherer
+Laut voll ungekannter Bilder werden. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Le jardin</span>: der
+Garten. Hier würde ich an den ländlichen Garten
+Hedwigs denken, den ich doch mitgeholfen habe, anzupflanzen,
+als es Frühling wurde. Hedwig! Alles
+würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt,
+getan, gelitten und gedacht hat, während all der Tage,
+die ich bei ihr verbracht habe. Ich habe keine Ursache,
+so schnell Menschen und Dinge zu vergessen und meine
+Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den Garten
+schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und
+wir hatten großen Kummer, es würde uns nichts wachsen
+in unserem Garten. Für uns bedeutete das viel;
+denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel
+schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem
+Menschen den gleichen Kummer teilen zu können. Wie
+müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen und das
+Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte.
+Ja, das alles würde mir einfallen beim Lernen einer
+Sprache, und noch so viel mehr, so vieles, das ich mir
+jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur lernen, nur
+lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die
+Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer,
+an Hand eines billigen Buches, das ich gleich morgen
+kaufen werde, denn heute ist Sonntag, da sind freilich
+alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz gewiß.
+Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit
+einiger Zeit gar nichts mehr schuldig? Aufraffen muß
+ich mich endlich, es ist wahrlich die höchste Zeit.«</p>
+
+<p>Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm
+ein Bedürfnis wäre, gleich jetzt mit den neuen Plänen
+anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der Spiegel
+<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a>
+sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte
+ihn.</p>
+
+<p>Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete
+ihm Frau Weiß, seine Wirtin und Zimmervermieterin.
+Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug ein
+kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der
+Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht
+munter, und fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche
+hätte gehen mögen.</p>
+
+<p>Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen,
+erwiderte er.</p>
+
+<p>Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht
+hinweg, als sie solche Worte vernahm, die ihr ungebührlich
+erschienen zum Munde eines jungen Mannes heraus.
+Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine unduldsame
+Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen,
+da täte er doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens
+gar nicht. Er sähe ihr durchaus nicht so aus. Aber wenn
+es wahr wäre, so möchte er bedenken, daß er nicht gut
+handle, niemals in die Kirche zu gehen.</p>
+
+<p>Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu
+erhalten, nächstens in die Kirche zu gehen, worauf sie
+ihn ganz freundlich anschaute. Er indessen ging die
+Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten.
+»Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich
+merke es immer, wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig
+sie mit mir wegen der Kirche geschmollt hat. So übers
+ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine Frau
+immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem
+Respekt vor mir. Ich werde mir den ferner zu erhalten
+wissen bei ihr. Aber ich werde nicht viel und nicht oft
+zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein Gespräch
+mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort
+sein, das ich mit ihr spreche. Ich mag gern solche
+<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a>
+Frauen, wie sie eine ist. Das Schwarz steht ihr herrlich.
+Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das sie in ihrer
+üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich
+einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse
+Hand aus dem Schwarz des Ärmels heraustrat. Und
+ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist jedenfalls sehr
+angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so
+gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art
+Heim, ein Zuhausesein bei jemandem, einen Rückhalt,
+einen Zauber, da ich doch einmal ohne einen gewissen
+vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch
+den Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir
+zu sprechen. Ich habe aber abgebrochen; denn ich hinterlasse
+bei Frauen gern unerfüllt gebliebene Wünsche. So
+setzt man seinen Wert nicht herab, sondern schraubt ihn
+in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber,
+daß man so handelt.«</p>
+
+<p>Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten
+Menschen. Die Frauen gingen alle in hellen, weißen
+Kleidern, die Mädchen trugen an ihren weißen Röcken
+farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach gekleidet
+in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider,
+Hunde liefen hinter ein paar Menschen her; im
+Wasser, in ein Drahtgitter eingeschlossen, schwammen
+Schwäne herum, etliche junge Leute beugten sich über
+das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam
+zu, wieder andere Männer gingen ziemlich feierlich zur
+Urne und gaben dort ihre Stimmzettel zu den Wahlen
+ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum dritten
+Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen
+hoch oben in der Luft, über die Dächer hinweg, die in
+der Sonne strahlten; die Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne,
+dann eine Sonne schlechthin und
+dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen,
+<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a>
+die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen
+grünten und breiteten sich die Bäume der städtischen
+Parkanlagen aus; unter der dunkleren Baumschattenwelt
+spazierten wieder andere Frauen und andere Männer;
+Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen
+Wasser, und träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten
+am Ufer; hier flogen wieder andere Vögel und Menschen
+standen hier still, die die blaue, weißliche Ferne
+und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel
+wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen,
+als ob der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille
+gewesen wäre. Alles hatte etwas zu betrachten,
+zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen, zu
+bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen
+jetzt die Töne einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde
+Vögel aus dem Grün heraus. Dort im Grün
+spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das
+Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen,
+auf die Bank, wo Kindermädchen Kinderwägelchen hin
+und her rollten, auf die Hüte der Damen und auf die
+Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte,
+grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen
+<ins title="Karrossen">Karossen</ins> rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn
+sauste ab und zu vorbei, und die Dampfschiffe pfiffen
+und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und
+schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge
+Menschen. Die sah man allerdings, unter dem Grün
+auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte es, daß
+dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen
+und herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute
+nicht? Was flimmerte nicht? Alles flimmerte, blitzte,
+leuchtete, schwamm in Farben und verschwamm zu Tönen
+vor den Augen. Simon sagte mehrere Male hintereinander
+zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den
+<a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a>
+Kindern und allen Menschen in die Augen, er sah alles
+selig und verwirrt an, bald erhaschte er eine schöne, einzelne
+Bewegung, und bald trat ihm das Ganze vor die
+Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen
+Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die
+Augen. Es entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen,
+denn es war so leicht, mit reden anzufangen, wo alles
+so glücklich war.</p>
+
+<p>Der andere Mann sprach zu Simon:</p>
+
+<p>»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich
+nichts als Bummler. Ich komme aus Neapel, wo ich
+im Fremdenhospital die Kranken pflegte. Vielleicht werde
+ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein,
+oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin,
+wo ein Wärter verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln.
+Man sieht auf diese Weise die Welt, das ist
+wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich kann
+mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel
+leben wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt
+Sie immerwährend, Sie fühlen sich von den Bekannten
+umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind hier glücklich und
+erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel, Sie
+dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an
+einen Himmel, wenn ich es so sagen darf, gebunden
+sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu sein. Man
+fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und
+darf auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen
+hoffen. Aber ich? Nein! Sehen Sie, ich bin zu
+schlecht geworden für meine engere Heimat, vielleicht auch
+zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr mitempfinden
+mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe
+ich ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre
+Abneigung. Jedenfalls bin ich fremd. Und ich fühle,
+es wird einem übel genommen, daß man fremd geworden
+<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a>
+ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn
+ich habe unrecht getan, mich zu entfremden. Was nützt
+es mir, wenn auch meine Ansichten über Vieles weltmännischer
+und klüger sind, wenn ich mit meinen Ansichten
+nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten,
+wenn sie verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen
+sind etwas, das man heilig halten muß, wenn
+man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden will,
+wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr
+bald wieder weg, zu meinen Kranken.«</p>
+
+<p>Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«</p>
+
+<p>»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer
+Geselle,« antwortete Simon, »ich bin eigentlich Schreiber,
+und Sie können sich leicht denken, was ich da für eine
+Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber
+so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung
+der Klassen gibt. Andere junge Handelsbeflissene
+reisen, um sich auszubilden, in das ferne Ausland, und
+kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse
+wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten
+werden. Ich nun, müssen Sie wissen, bleibe immer im
+Lande. Es ist gerade so, als fürchte ich, daß in anderen
+Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne scheine.
+Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im
+Alten, deshalb vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich
+verkomme hier, ich sehe es wohl, und trotzdem, ich muß,
+so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat atmen,
+um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich
+wenig Achtung, man hält mich für liederlich, aber das
+macht mir so nichts, so gar nichts aus. Ich bleibe
+und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu bleiben.
+Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern
+Bäume, um sich anderswo grünere Blätter anzuschaffen
+und dann heimzukommen und sich prahlend zu zeigen?
+<a class="pagenum" name="Page_243" title="243"> </a>
+Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein anderes,
+tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder.
+Es ist auch kein Gehen sondern nur ein fliegendes und
+fließendes Ruhen. Ein solches Gehen, das ist schön,
+meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage
+mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht
+bleiben dürfen? Wenn ich im Winter in einer Stadt
+bin, so reizt es mich, sie auch im Frühling zu sehen,
+einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen
+und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen.
+Nach dem Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich
+schön und leise, wie eine glühende, große, grüne
+Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den
+Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich,
+mein Herr, hier, wo ich den Frühling habe blühen sehen.
+Da ist zum Beispiel dieses kleine Wiesen- oder Rasenbord.
+Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn
+der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist.
+Aber um diesen Baum und um dieses Bord und um
+diese Welt handelt es sich: ich glaube, ich würde an anderen
+Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache
+ist die: ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck
+zu bleiben und eine ganze Menge unlustiger Gründe, die
+mir das Reisen ins Ausland verbieten. Zum Beispiel:
+hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht
+Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu
+fahren. Ich habe noch Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten;
+aber ich habe kein Reisegeld. Und ich bin froh,
+daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger
+heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im
+Lande mit Anstand zu sterben.«</p>
+
+<p>Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen
+der Krankenwärter ihn unverwandt anblickte, fuhr er
+fort:</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_244" title="244"> </a>»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach,
+Karriere zu machen. Was andern das meiste ist,
+ist mir das mindeste. Ich kann das Karrieremachen in
+Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich
+mag nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas
+Großartiges sein soll. Was ist Großartiges dabei: frühzeitig
+krumme Rücken vom Stehen an zu kleinen Pulten,
+faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene Werktagshosen,
+zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen,
+kahle Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige,
+lederne, verblaßte, glutlose Augen, abgemergelte Stirnen
+und das Bewußtsein, ein pflichtgetreuer Narr gewesen
+zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm aber gesund,
+verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines
+billigen Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse
+hinausgeht, lebe lieber in Geldverlegenheiten als in der
+Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen soll, um meine
+verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur
+von einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir
+selber, aber das ist einer, an dessen Achtung mir am
+meisten liegt, bin frei und kann jedesmal, wenn es die
+Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige Zeitlang
+verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt
+sich, um der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe
+zu essen; denn ich besitze das Talent, mit ganz Wenigem
+satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man mir mit
+dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem
+Worte »Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben.
+Mit einem Wort: ich liebe das Gefährliche, das Abgründige,
+Schwebende und das Nicht-Kontrollierbare!«</p>
+
+<p>»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.</p>
+
+<p>»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken,
+aber es freut mich trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da
+ich einigermaßen von der Leber wegrede. Übrigens hätte
+<a class="pagenum" name="Page_245" title="245"> </a>
+ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu werden.
+Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse
+zu beschimpfen, weil sie einem nicht behagen.
+Man kann ja fortgehen, ich kann ja fortgehen! Aber
+nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt mir. Die
+Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils
+suche auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu
+gefallen. Ich bin fleißig und arbeitsam, wenn ich einen
+Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust an der Welt
+opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich
+sie dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die
+Gelegenheit noch immer ausgeblieben ist und wohl auch
+ausbleiben wird. Mögen sie immerzu Karriere machen,
+ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen sorgen,
+daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende
+Väter, deren Tun nur achtenswert ist, mich
+mögen sie eben auch machen lassen, sie mögen mich auf
+meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen versuchen
+lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die
+gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein,
+um alle machen zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder
+versteht. Nein, wenn einer dreißig Jahre lang sein Amt
+treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner Lebensbahn
+durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit
+sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß
+man ihm Kränze aufs Grab legt. Sehen Sie, ich will
+keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist der
+ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie
+sagen mir immer, jene andern, ich werde meinen Übermut
+noch schwer büßen müssen. Nun wohl, dann büße
+ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich erfahre
+gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel,
+wie die, die um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich
+habe immer Angst, es möchte mir eine einzige Lebenserfahrung
+<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"> </a>
+entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn
+Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen
+gehen, kommen Sie mit? Es würde mich freuen.«</p>
+
+<p>Und sie gingen zusammen.</p>
+
+<p>Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich
+weich und sanft geworden. Er sah mit entzückten
+Augen die schöne Welt an, die runden, üppigen Kronen
+der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen
+gingen. »Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte
+er bei sich und gestattete es, daß sein neuer Freund ihm
+die Schulter mit der Hand berührte. Er sah es gerne,
+daß der andere so vertraulich wurde, es paßte, es verband
+und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen
+Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind
+doch Augen schön!« Ein Kind hatte zu ihm den Blick
+erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der
+Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues,
+noch nie Erlebtes, als etwas jedenfalls Angenehmes.
+Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem Gemüsehändler
+ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck
+und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne
+wurde das Angebot angenommen.</p>
+
+<p>»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter,
+als sie beide in dessen Wohnung anlangten, »ich habe
+mir das angewöhnt. Es macht Spaß, glauben Sie es
+mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die
+Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich
+stricke mir zum Beispiel auch selber meine Strümpfe und
+wasche meine Wäsche selber. So erspart man viel Geld.
+Ich habe das alles gelernt, und warum sollten sich solche
+Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen
+Mann schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür
+hat. Ich sehe nicht ein, was in einer solchen Beschäftigung
+Beschämendes liegen sollte. Ich fertige mir auch
+<a class="pagenum" name="Page_247" title="247"> </a>
+selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige Aufmerksamkeit
+erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer
+für den Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet
+mir keine besonderen Schwierigkeiten. Wenn man immer
+so allein ist, und auf Reisen, wie ich, kommt man
+auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder,
+mach es dir bequem, Simon! Sollte ich mir nicht
+gestatten dürfen, dir das »Du« anzutragen?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf
+ihm ganz unbegreifliche Weise.</p>
+
+<p>»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an
+gewonnen,« sprach der Wärter, der sich Heinrich nannte,
+weiter, »man braucht dich nur anzusehen, um überzeugt
+zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte Lust, dich
+zu küssen, Simon.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand
+vom Stuhle auf. Er ahnte, was es für einer sei, der
+ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was schadete
+das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag
+dem Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob
+kommen!« Und er gab seinen Mund her und ließ sich
+darauf küssen.</p>
+
+<p>Was war es denn weiter!</p>
+
+<p>Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von
+Weichheit, in dem er sich befand, angemessen, sich so
+zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch diesmal
+nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen
+seltsame Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig
+dahin gehen lassenden Rücksicht bedurfte, und er hätte
+es nie vermocht, die Hoffnungen des Mannes zu zerstören,
+wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren.
+Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,«
+dachte sich Simon, »ich lasse ihn einstweilen gewähren,
+es paßt zu allem, was jetzt um mich herum vorgeht!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_248" title="248"> </a>Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung
+von Kneipe zu Kneipe; denn der Wärter war ein ziemlich
+leidenschaftlicher Trinker, weil er mit seiner freien
+Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand
+es für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er
+lernte dort in den kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen
+kennen, die mit unglaublicher Ausdauer Karten spielten.
+Das Kartenspiel schien solchen eine ganz eigene
+Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen.
+Andere saßen den ganzen Abend da und klemmten einen
+spitzen, langen Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum,
+ohne sich weiter bemerkbar zu machen, als etwa dadurch,
+daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz geworden war,
+um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden,
+an die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu
+der kleinsten Kürze herunterrauchen zu können. Eine
+abgemagerte, wüste Klavierspielerin erzählte ihm, daß ihre
+Schwester eine schlechte Schwester aber eine berühmte
+Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe,
+familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber
+er benahm sich zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich
+fände. Er hielt die Person mehr für unglücklich
+als verdorben, und das Unglück ehrte er immer, während
+er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt,
+das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine,
+furchtbar lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter
+allerhand Zutraulichkeiten nahten, während ihre Männer
+auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft wurde ein gutes,
+altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen solcher
+alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme
+betraf, Meister war. Diese Lieder klangen schön und
+wehmütig, man spürte unwillkürlich, wie manche rauhe
+und helle Kehle sie schon, einstmals und viel früher, gesungen
+haben <ins title="muße">mußte</ins>. Einer riß beständig Witze, es war
+<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"> </a>
+ein kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten,
+hohen, tiefen Hut, den er irgendwo beim Trödler
+erstanden haben mußte. Sein Mund war schmierig und
+seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen,
+ob man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere
+Ihren Witz, Sie!« Aber der Witzige lehnte die
+dumme Bewunderung mit gut gespielter Verwunderung
+ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten
+hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen,
+die neben ihn zu sitzen kamen, er sei im Grunde
+genommen zu schlecht und wieder, wenn er es recht bedenke,
+zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie
+dumm!« Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger
+weit hübscheren Bericht ab, so sagte er zum Beispiel,
+daß dort in den Museen wundervolle Überreste von
+antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran
+sehen, daß die früheren Menschen uns an Größe, Breite
+und Dicke weit übertroffen hätten. Arme hätten diese
+Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse ein
+Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das!
+Was wir dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene,
+verkrüppelte, verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und
+Dünne gesprungene und zerrissene und zerfetzte und abgemagerte
+Generation. Auch den Golf von Neapel wußte
+er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm
+aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen,
+konnten sie nichts hören.</p>
+
+<p>Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre
+verschlossen, hatte aber keinen Schlüssel bei sich und
+klingelte an der Hausglocke ziemlich unverschämt; denn
+er war in einem Zustand, in welchem man stets rücksichtslos
+zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich
+auf den heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und
+eine weiße Gestalt, ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke,
+<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"> </a>
+warf den in dickes Papier gewickelten Schlüssel
+hinunter.</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt
+über ihn zu sein, in der freundlichsten Weise »Guten
+Morgen« entgegen, und erwähnte mit keinem Wort die
+Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch
+nicht am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte
+sich, halb aus Zartheit und halb aus Bequemlichkeit,
+nicht.</p>
+
+<p>Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der
+Montagmorgen war wiederum prachtvoll. Die Menschen
+waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren
+infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo
+der Wärter noch schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte
+an den Wänden des Zimmers heute, was er gestern
+nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher,
+christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen
+Köpfchen aus Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen,
+die in geheimnisvolle, trockene Blumen gerahmt waren.
+Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe darunter, die
+zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter waren
+als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche,
+neue Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden
+in einer Fabrik fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie
+seltsam ist das! Überall, in vielen einzelnen Zimmern
+und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und
+was man auch gerade verüben mag, sieht man solche
+Stücke alter Religionen an Wänden hängen, die teils viel
+sagen, und teils wieder weniger, teils auch gar nichts
+mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher nichts! Vielleicht
+ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur
+noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache,
+eine Art Interesse und Gewohnheit, wenigstens
+bei den Männern. Vielleicht hat eine Schwester des
+<a class="pagenum" name="Page_251" title="251"> </a>
+Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt.
+Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund
+zur Frömmigkeit und zum religiösen Nachsinnen als die
+Männer, deren Leben immer mit der Religion gestritten
+hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren.
+Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren,
+mit mildem, geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn
+er durch einsame Waldlichtungen schreitet, ist und bleibt
+etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion weniger
+schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart
+schon an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In
+der Stadt gleicht die Religion einer Maschine, was etwas
+Unschönes ist, auf dem Lande dagegen empfindet man
+den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld,
+oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie
+das entzückende Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf
+deren Höhe ein verstecktes Haus steht, mit stillen Menschen,
+denen das Nachsinnen wie ein Freund ist. Ich
+weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der
+Pfarrer zu dicht neben dem Börsenspekulanten und dem
+glaubenslosen Künstler wohne. Es mangelt in der Stadt
+dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die
+Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch
+von Erde. Ich kann es nicht so gut sagen, und
+was kümmert es mich überhaupt. Religion ist nach meiner
+Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde,
+Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben
+an die Menschen, Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden,
+Lust zum Sinnen und das Gefühl der Verantwortungslosigkeit
+in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut
+in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt
+ist tiefer, menschlicher Anstand unsere Religion geworden.
+Wenn die Menschen voreinander den Anstand
+bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was will
+<a class="pagenum" name="Page_252" title="252"> </a>
+Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung
+können zusammen einen Anstand hervorbringen,
+der Gott wohlgefälliger sein dürfte, als finsterer, fanatischer
+Glaube, der den Himmlischen selbst beirren muß,
+so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete
+mehr zu seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was
+kann ihm unser Gebet sein, wenn es derart anmaßlich
+und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er schwerhörig
+wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten
+Ohren vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann?
+Ob ihm die Predigten und die Orgeltöne recht angenehm
+sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er wird eben
+lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen
+und er wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt,
+ihn ein wenig mehr in Ruhe zu lassen.«</p>
+
+<p>»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der
+Wärter.</p>
+
+<p>»Gehen wir?« fragte Simon.</p>
+
+<p>Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide
+gingen zusammen die steilen Wege den Berg hinauf.
+Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten in einen
+kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen
+sich einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen
+gehen wollten, ermunterte sie die Wirtin, eine hübsche
+Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis es Abend wurde.
+»So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen Sommertag,«
+dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder
+Lust und mit einem sanften, schönen, melodiösen
+Weh gemischt war. Die Farben des Abends im Grün
+machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief
+und verlangend in die Augen und schlang den Arm
+um seinen Hals. »Eigentlich ist das häßlich,« dachte
+Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und Mädchen
+in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen.
+<a class="pagenum" name="Page_253" title="253"> </a>
+Die Arbeiter kamen von der Arbeit heim,
+Menschen, die noch rüstig gingen, die Schultern seltsam
+wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon entdeckte
+prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den
+heißen, aber schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den
+Berg krönte, sank unten in der fernen Welt die Sonne
+unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und Gesträuch
+hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam,
+was Simon jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden,
+die ihn aber durchaus erkältete.</p>
+
+<p>»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf
+oder so: höre doch auf.«</p>
+
+<p>Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war
+unmutig geworden, Leute kamen vorbei, sie mußten aufstehen
+und den Platz verlassen. Simon dachte: »Warum
+verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?«
+Aber er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse
+Freude an ihm habe, trotz seiner seltsamen, unschönen
+Neigungen. »Ein anderer würde den Wärter verachten,«
+dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen,
+»aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner
+Art und Unart interessant und liebenswert findet.
+Ich komme nicht bis zur Menschenverachtung, oder ich
+verachte eigentlich nur die Feigheit und Leblosigkeit, aber
+ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas Interessantes.
+Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt
+tiefer in die Welt blicken und macht einen erfahrener
+und macht milder und treffender urteilen. Man muß
+mit allem bekannt werden, und man lernt es nur kennen,
+wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen,
+aus Furcht, das würde ich meiner für unwürdig
+halten. Überdies: einen Freund haben, ist unschätzbar!
+Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger Freund
+ist.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_254" title="254"> </a>Simon fragte:</p>
+
+<p>»Bist du mir böse, Heinrich?«</p>
+
+<p>Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte
+einen finsteren Ausdruck angenommen. Wieder langten
+sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen zierlichen
+Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions
+erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch
+und Gelächter drang heraus, und die beiden, angelockt
+von dem lustigen, feurigen Leben, gingen wieder
+hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich begrüßt
+wurden.</p>
+
+<p>Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern,
+die Lichtschimmer vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern,
+die Blätter von dem Gebüsch berührten die
+Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich, daß
+man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten
+mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus
+dem tief gelegenen Bahnhof drang das Gelärm der
+Eisenbahnen herauf an die Ohren der Schwärmenden.
+Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte
+sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch
+zu schaffen. Der Wärter widersprach in allem,
+weil er unmutig und ärgerlich war. Die Kellnerin, ein
+schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und
+ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog,
+um sie zu küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen,
+geschwungenen Lippen, die wie dazu geschaffen schienen,
+Wein zu schlürfen, zu lachen und zu küssen. Der
+Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran
+man ihn aber verhindern konnte. Da sang einer,
+ein junger, braungefärbter, dunkler Bursche mit grünem
+Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das sich, an
+seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen,
+glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend,
+<a class="pagenum" name="Page_255" title="255"> </a>
+dunkel und südlich. Simon dachte: »Lieder sind doch
+immer wehmütig, wenigstens die schönen. Sie mahnen
+ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem
+nächtlichen Garten.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_256" title="256"> </a>Sechzehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in
+dieser müßiggängerischen Weise mit dem Krankenwärter,
+mit dem er sich bald stritt und dann wieder versöhnte.
+Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb
+und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag,
+während alles, was Hände hatte, arbeitete. Er sah die
+sonnenbeschienenen Straßen und die Gassen im Regenwetter,
+aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier
+in der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts,
+mittags und abends mit allerhand unbekannten Menschen,
+bis er sah, daß er nichts mehr zum Leben besaß. Und
+eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern
+trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge
+und alte Männer an Pulten saßen und schrieben. Es
+war die Schreibstube für Stellenlose, wo diejenigen hinkamen,
+die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten
+waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden
+ist, noch in einem Geschäfte Anstellung zu erhalten.
+Diese Sorte von Menschen schrieb dort im kargen Tagelohn
+mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht
+eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche
+Adressen zu Tausenden, die von großen Firmen in
+dieser Schreibstube bestellt wurden. Schriftsteller gaben
+dort ihre hingesudelten Manuskripte und Studentinnen
+<a class="pagenum" name="Page_257" title="257"> </a>
+ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie entweder
+mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der
+geläufigen, sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des
+Schreibens unkundige Leute, die irgend etwas zu schreiben
+hatten, brachten ihre Schreibereien dorthin, wo sie in
+Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen,
+Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse
+dort ins Reine schreiben, um sie präsentieren zu können.
+Wohltätigkeitsvereine gaben tausende von Jahresberichten
+ab, die adressiert und in die umliegende Welt versandt
+werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die Einladungen
+zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache
+schreiben, und Professoren hatten Arbeit genug für die
+Schreiber, die wiederum froh waren, wenn sie Arbeit
+hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der Gemeinde
+mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem
+Verwalter geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen,
+für den man diese Stelle schuf, um dem Mann in seinen
+alten Tagen eine passende Beschäftigung zu geben. Er
+stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie,
+hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern
+mitansehen mochten, wie eines ihrer Familienglieder auf
+schmachvolle Weise verdarb. So ward der Mann der
+König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen
+Menschen und traurigen Existenzen, und er versah dieses
+Amt mit lässiger Würde, als ob er niemals in seinem
+wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in Amerika
+herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt
+hätte.</p>
+
+<p>Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter
+der Schreibstube.</p>
+
+<p>»Was wollen Sie?«</p>
+
+<p>»Arbeit!«</p>
+
+<p>»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh
+<a class="pagenum" name="Page_258" title="258"> </a>
+wieder, da wird sich vielleicht etwas für Sie Passendes
+finden. Schreiben Sie vorläufig heute Ihren Namen,
+Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre
+Adresse auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen
+pünktlich um acht Uhr, sonst wird keine Arbeit mehr da
+sein,« sagte der Verwalter.</p>
+
+<p>Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn
+er sprach. Gegenüber Stellenlosen nahm er außerdem
+immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an, ganz ohne
+jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus
+des Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen
+und vermergelt, hatte die Farbe des kalten, weißen
+Kalkes und endete in einem zerzausten grauen Spitzbart,
+als ob der Bart der herunterhängende und spitzige Gesichtsfetzen
+gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen
+Höhlen und des Mannes Hände zeugten von Krankheit
+und leiblicher Verwüstung.</p>
+
+<p>Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens
+um acht Uhr, in der Schreibstube, und nach ein
+paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die dort arbeiteten,
+gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im
+Leben einmal irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen
+ließen und den Boden dann unter ihren schwankenden
+Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da, die um
+eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal
+im Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr
+gut aussehenden Manne wußte man, daß er jahrelang
+im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren sittlichen Verbrechens
+wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen Tochter
+verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog,
+so lange Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen,
+sonderbaren Gesichtes, als ob das Schweigen und Horchen
+dort in dem Gesicht einheimisch und zur Notwendigkeit
+geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam,
+<a class="pagenum" name="Page_259" title="259"> </a>
+sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute,
+und schien sich einer quälenden Erinnerung nicht
+im leisesten bewußt zu sein. Sein Herz schien so still
+zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts von
+Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht
+zu bemerken. Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen
+zu haben, was ihn je verunzierte und beschmutzt hatte.
+Seine Kleider waren ordentlicher als die des Verwalters, obschon
+er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren seine
+Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider.
+Seine Seele schien ruhig und außerordentlich rein zu
+sein. Simon dachte über ihn: »Warum nicht? Ist
+denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe
+das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht
+man weder eine begangene Sünde noch eine erduldete
+Strafe an. Er scheint beides völlig vergessen zu haben.
+Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und
+viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum
+hatten in der Schreibstube ihre Vertreter.
+Daneben gab es nur Unglückliche, Ungeschickte, die das
+Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland, die
+einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen
+betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig
+Unzufriedene waren gewiß auch da. Jede Mischung von
+Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht minder
+die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so
+heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann
+in seinen verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch
+dachte er selber nicht so sehr ans Beobachten, weil er
+auch einer der anderen war, der eben auch ausfüllte und
+in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren
+Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen
+<a class="pagenum" name="Page_260" title="260"> </a>
+wie in einem Strom untersank. Als ein selber
+in die Sache Versunkener dachte er nicht so sehr an die
+Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern.
+Alle verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich
+wieder vertrinken und veressen mußten, wenn sie leben
+wollten. Der Verdienst floß in die Kehlen hinunter, von
+der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem
+noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe
+zu kaufen. Aber wenn er an die Zimmermiete dachte,
+so mußte er sich gestehn, daß er nicht imstande sein
+würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen.
+Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war
+er müde und glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft
+eines seiner Schreibgesellen, mit hocherhobenem Kopf
+durch die Straßen und lächelte mit Gedankenlosigkeit die
+vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar
+nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen,
+es kam von selber, die Brust dehnte sich und reckte sich
+ihm wie ein gespannter Bogen, wenn er zur Schreibstubentür
+hinaus an die Luft trat. Über seine Glieder
+fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister
+und er achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die
+Hände hielt er jetzt nicht mehr in der Hosentasche, das
+würde ihm würdelos vorgekommen sein. Überhaupt
+schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit gemessenem
+Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem
+einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem
+schönen, festen Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut
+anmerken, aber man sollte spüren, daß er ein junger
+Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun
+sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen,
+beweglichen Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken.
+Wenn eine Karosse mit einem Paar tanzender, zierlicher
+Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem Blick nur
+<a class="pagenum" name="Page_261" title="261"> </a>
+den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den
+Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als
+hätte er nur Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner
+sei. »Das ist angenehm,« dachte er, »und man muß
+lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie dahin zu führen,
+wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.«
+Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte
+innerlich lachen, zu bemerken, welchen Eindruck das machte.
+Und er träumte dabei, wie immer! Nur daß er jetzt
+auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge,
+müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer
+der ärmsten Teufel bin, so fällt es mir doch nicht ein,
+mir das merken zu lassen, im Gegenteil, die Geldverlegenheit
+verpflichtet gewissermaßen zu einem stolzen
+Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht
+den Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil
+der Mensch auf ein Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich
+bin hundemüde: aber ich muß immer denken: andere
+haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für
+sich allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung,
+eine musterhafte, stramme Erscheinung zu sein, so lange
+man beobachtet wird, so daß sich weniger Mutige ein
+Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck
+der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die
+Kniee dabei zittern und der Magen einem in die Kehle
+hinauf singt vor Leere. Solches kann einem heranwachsenden
+Manne Vergnügen machen! Die Glocke
+hat noch nicht zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder
+hat jedesmal, wenn er arm daniederliegt, die Aussicht,
+hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß eine
+freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich
+zieht wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man
+fühlt sich gehobener und reicher, wenn man anständig
+einhergeht. Ist man in Begleitung eines andern schlecht
+<a class="pagenum" name="Page_262" title="262"> </a>
+gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so
+hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem
+man damit gewissermaßen des anderen schlechte Frisur
+und Haltung sanft und energisch entschuldigt, vor Menschen,
+die darüber verwundert sind, zwei so ungleich sich
+betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf
+Du und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen.
+So etwas bringt Achtung ein, wenn auch nur flüchtige.
+Reizend ist es ja, zu denken, daß man angenehm absticht
+von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so
+los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein
+Geselle ein älterer, unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer,
+heruntergekommen durch allerlei Mißgeschick
+und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur
+daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner
+aussehe, sondern eher wie ein toller Engländer, während
+mein Kamerad aussieht wie einer, der sich schmerzlich
+zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang
+und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken
+erzählen sein Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er
+ist ein älterer Mann und will nicht mehr imponieren,
+nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir imponiert
+er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche
+drückende Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf,
+mit ihm so durch ein schönes Straßenviertel zu gehen
+und drücke mich ganz unverschämt nahe an ihn an, um
+meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug
+zu demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke,
+manches wundervolle Auge sieht mich seltsam fragend
+an, das muß mir Spaß machen, der und jener soll's
+holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend
+ist so schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet
+den Tag über. Etwas Herrliches ist es, den Tag über
+gearbeitet zu haben und dann am Abend so schön müde
+<a class="pagenum" name="Page_263" title="263"> </a>
+und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen,
+kaum einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren
+zu dürfen, mit dem Gefühl, keinem Menschen weh getan
+zu haben. Sich umzusehen, ob man vielleicht jemandem
+gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen
+liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man
+ein Tagedieb war, dessen Tage wie in einen Abgrund
+dahinsanken und verrauchten wie Rauch vertrieben wird.
+Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten Abend!
+Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist
+er denen, die den Tag für die Arbeit hergeben. So
+schenkt man und wird beschenkt.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß
+die Schreibstube eine kleine Welt für sich war, in der
+großen. Neid und Streberei, Haß und Liebe, Übervorteilung
+und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen
+machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile
+willen, ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall,
+wo es dem Kampf um das tägliche Auskommen galt.
+Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier seine
+Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab.
+Glänzende Kenntnisse nützten allerdings in der
+Schreibstube nicht viel. Ein Träger von solchen konnte
+sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben, es
+half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu,
+sich dafür einen besseren Anzug anschaffen zu können.
+Es gab etliche unter den Schreibstubenburschen, die drei
+Sprachen perfekt sprachen und schrieben. Diese wurden
+zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht
+mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber
+von Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen
+einzigen hochkommen, sonst würde sie ja ihre Zwecke
+und ihren ganzen Sinn verfehlt haben. Bestand sie doch
+<a class="pagenum" name="Page_264" title="264"> </a>
+immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu
+gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte
+Löhne auszubezahlen. Wenn einer überhaupt des Morgens
+um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte er froh
+sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe
+von Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid.
+Heute leider nichts da. Kommen Sie um zehn Uhr
+wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen sind!«
+und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen
+früh wieder nach. Heute wird wohl kaum noch etwas
+einlaufen!« Diese Abgewiesenen, unter denen sich auch
+Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam,
+Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder
+auf die Straße, wo sie einstweilen, als ob sie sich erst
+besinnen müßten, in einer runden, hübschen Gruppe
+stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern,
+in alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen,
+ohne Geld in den Straßen der Stadt zu bummeln, jeder
+wußte das, und ein jeder dachte: »Wie wird das erst
+im Winter werden?«</p>
+
+<p>Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von
+eleganten Manieren in die Schreibstube, um nach Arbeit
+zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu sagen: »Wie
+es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das
+Getriebe des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier
+muß einer den ganzen Tag still sitzen, den Rücken krümmen
+und fleißig arbeiten, wenn er eine Kleinigkeit verdienen
+will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich
+die Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen
+würde. Und dann machen Sie mir auch nicht den Eindruck
+der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich aber
+bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen,
+das heißt solche, an denen man die Kleider womöglich
+in Fetzen herunterhängen sieht als Beweis ihrer Verkommenheit.
+<a class="pagenum" name="Page_265" title="265"> </a>
+Sie dagegen sehen mir zu stattlich aus,
+so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben
+zu wollen. Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate
+ich Ihnen. Es scheint, daß Sie die Düsterkeit der
+Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem
+Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als
+wollten Sie auf den Tanzboden gehen. Hier pflegt man
+linkische, trotzige Verbeugungen zu machen, meistens
+aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir
+wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann
+Sie nicht gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen
+genügen könnte, noch eine Welt, in die Sie hineinpassen,
+für Sie. Sie werden als Verkäufer oder als Hotelsekretär
+jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es
+nicht nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach
+Abenteuern zu suchen, wie es mir beinahe den Anschein
+hat. Hier erlebt ein junger Mann nur Entmutigung,
+aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt,
+der weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es
+sicherlich nicht gewußt zu haben. Ihre ganze Erscheinung
+ist beleidigend für meine Arbeiter, das müssen Sie zugeben,
+wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen.
+Sehen Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen,
+kenne alle Großstädte der Welt, ich würde auch nicht hier
+sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer hierher kommt, hat
+schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten.
+Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme
+und Schiffbrüchigen: mit einem Wort, die Unglücklichen.
+Nun frage ich Sie: sind Sie ein solcher?
+Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses
+Lokal, das keine Luft enthält, die Sie imstande wären,
+auf die Länge einzuatmen. Ich kenne die Figuren,
+die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie
+wohl!«</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_266" title="266"> </a>Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für
+die Schreibstube nicht passende Menschen lächelnd zu
+entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und Bildung,
+und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen hereingeschneiten
+und hergewehten Besuchern, die mehr der
+Neugierde, als der Not wegen hierherkamen.</p>
+
+<p>An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner,
+tiefer und alter Kanal, ehemaliger Festungsgraben und
+Bindemittel zwischen dem See und dem fließenden Fluß,
+dem man das Seewasser auf solche Weise auf die Reise
+in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die
+stillste Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches
+an sich hatte. Wenn nun die Abgewiesenen die
+Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie sich gerne noch
+eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals,
+was dann aussah, als wenn eine Reihe von großen,
+seltsamen, ausländischen Vögeln darauf säße. Etwas
+Philosophisches hatte das, und in der Tat, manch einer
+schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte
+ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals
+nach, wie ein Philosoph in seinem Studierzimmer zu
+tun pflegt. Der Kanal hatte etwas, das zum Träumen
+und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die Stellenlosen
+reichlich Gelegenheit.</p>
+
+<p>Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für
+Kaufleute. Es kam zum Beispiel ein Herr oder eine
+Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins Kabinett
+und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen
+Mann, das heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus
+hinein. Dann kam der Verwalter in die Türeinrahmung,
+musterte seine Gesellen, und rief nach einiger Überlegung
+einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine,
+acht-, ein-, zwei- oder <ins title="vierzehntätige">vierzehntägige</ins> Anstellung gefunden.
+Das war immer ein neiderweckendes Ereignis, wenn einer
+<a class="pagenum" name="Page_267" title="267"> </a>
+beim Namen aufgerufen wurde, denn auswärts arbeitete
+ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die Arbeit
+kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei
+gutherzigen Leuten vormittags und nachmittags einen
+schönen Imbiß zum Frühstück und zur Vesper, was unter
+keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun
+immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln
+mit dem Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich
+stets ungerechterweise zurückgesetzt, und andere glaubten
+wieder, dem Verwalter und seinem Unterbeamten recht
+hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte zu
+erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein
+Rudel abgerichteter Hunde nach einer an einem Bindfaden
+immer wieder hochgezogenen Wurst springt, wo auch einer
+immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht, nach
+der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür
+angeben zu können. So knurrte auch hier einer
+den andern um des erschnappten Vorteiles willen an,
+ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-, Künstler-
+und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders,
+nur etwas geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.</p>
+
+<p>Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie
+es in der abgekürzten Schreibstubensprache hieß, aber er
+hatte kein Glück damit. Das eine Mal wurde er von
+seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen
+Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als
+der liebe Gott selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil
+er in einer Zeitung las, statt mit der Feder zu arbeiten,
+und das andere Mal warf er selber seinem Chef, einem
+Frucht- und Gemüsehändler <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en gros</span> die Feder vor die
+Nase und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's
+selber!« Die Frau des Fruchthändlers wollte Simon
+allerhand Vorschriften machen; da brach er einfach ab;
+<a class="pagenum" name="Page_268" title="268"> </a>
+denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen
+und demütigen, was er aber schließlich doch nicht
+nötig hatte sich bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_269" title="269"> </a>Siebzehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>So vergingen einige Wochen in dem wundervollen
+Sommer. Simon hatte den Sommer noch nie so sehr
+als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er vielfach
+auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei
+heraus, trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens
+schön. Wenn er abends durch die modernen, blätterzitternden,
+schattenhaften, lichterzuckenden Straßen lief,
+war er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten
+Worten anzusprechen, nur um zu erfahren, wie es
+ihm dabei erginge. Aber die Menschen zeigten alle nur
+ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie nichts. Warum
+sprachen sie den Gehenden und Herumstehenden nicht
+an, forderten ihn nicht auf, mit dunkler Stimme, mitzukommen,
+in ein seltsames Haus hineinzutreten, und
+dort etwas zu tun, was nur müßige Menschen tun,
+Menschen, die keinen weiteren Lebenszweck im Sinne
+haben, so wie er, als den Tag vorübergehen und es
+Abend werden zu sehen, um am Abend Wunderdinge
+voll Taten zu erwarten? »Ich wäre zu jeder Tat bereit,
+wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen
+bedürfte,« sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf
+einer Bank und hörte der Musik zu, die aus irgend
+einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob die
+Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die
+<a class="pagenum" name="Page_270" title="270"> </a>
+nächtlichen Weibsbilder gingen an dem Einsamen vorüber,
+aber sie brauchten ihn nur schärfer zu beobachten,
+um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen Mannes
+Kasse stand. »Wenn ich nur einen einzigen Menschen
+wüßte, den ich um eine Geldsumme angehen könnte,«
+dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das wäre nicht
+ehrenhaft; denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen
+leisen, traurigen Verweis. Es gibt Menschen, die man
+nicht anbetteln kann, weil sie zu schön denken. Wenn
+ich nur einen wüßte, an dessen Achtung mir nicht gar
+so sehr viel läge. Nein, ich kenne keinen. Es liegt mir
+an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich
+braucht man ja im Sommer nicht viel, aber es wird
+Winter! Ich habe ein wenig Furcht vor dem Winter.
+Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden
+Winter schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im
+Schnee herum, wenn auch mit nackten Füßen. Was
+kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die Füße
+brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das
+Liegen auf einer Bank unter den Bäumen. Der ganze
+Sommer ist wie eine erwärmte, duftende Stube. Der
+Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm
+blasen und sausen hinein, das macht einen dann sich
+bewegen. Da wird mir das Faulenzen vergehen. Es
+soll mir recht sein, was auch immer kommen mag!
+Wie der Sommer mir lang vorkommt. Erst einige
+Wochen lebe ich jetzt doch im Sommer, und schon so
+lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit schläft und
+dehnt sich im Schlafe aus, wenn man immer denken
+muß, was machen, um einen Tag lang mit seinem bißchen
+Geld auszukommen. Auch glaube ich, die Zeit
+schläft und träumt im Sommer. Die Blätter an den
+hohen Bäumen werden immer größer, in der Nacht
+lispeln sie, und am Tage schlafen sie unter dem heißen
+<a class="pagenum" name="Page_271" title="271"> </a>
+Sonnenschein. Ich zum Beispiel, was tue ich? Ich liege
+ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe, bei geschlossenen
+Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein
+einer Kerze. Kerzen riechen so entzückend, und wenn
+man sie ausbläst, fließt ein feiner, feuchter Rauch durch
+das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so ruhig zumute,
+so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme
+ich dazu, meine Miete zu bezahlen? Morgen müßte ich
+es tun. Die Nächte sind so lang im Sommer, weil
+man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald
+es Nacht wird, aus allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht
+und zu leben anfängt. Es würde mir jetzt wie
+eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine einzige
+Sommernacht verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum
+Schlafen. Im Sommer sind die Hände feucht und blaß,
+als spürten sie die Kostbarkeit der duftenden Welt, im
+Winter sind sie rot und dick, als wären sie über die
+Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter macht einen
+zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht,
+worüber man zornig sein sollte, als vielleicht über den
+Umstand, daß man seine Miete nicht zu bezahlen imstande
+ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer
+nichts zu tun. Ich bin auch nicht mehr zornig, ich
+glaube, ich habe das Talent verloren, mich zu erzürnen.
+Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so Taghelles,
+Rotes, Feuriges, wie nur irgend etwas sein kann. Morgen
+werde ich mit meiner Wirtin reden.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die
+Türe des Zimmers, wo seine Wirtin wohnte und fragte
+sie in absichtlich scharfer Betonung, ob er ein Wort mit
+ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe.</p>
+
+<p>»Freilich! Was es denn sei?«</p>
+
+<p>Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für
+diesen Monat nicht bezahlen. Ich versuche gar nicht,
+<a class="pagenum" name="Page_272" title="272"> </a>
+Ihnen begreiflich machen zu wollen, wie peinlich mir
+das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen
+Fall. Dagegen setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben
+zutrauen, Mittel und Wege zu ersinnen, um zu
+einer ansehnlichen Summe Geldes zu gelangen, damit
+ich meine Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich
+wüßte Menschen, von denen ich Geld bekäme, wenn ich
+nur wollte, aber mein Stolz verbietet mir, von Menschen,
+die ich mir verbunden wissen will, Geld auf <ins title="Dahrlehn">Darlehn</ins>
+anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen an,
+sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe ich ganz
+besondere, nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen.
+Wollen Sie mir, Sie, Frau Weiß meine ich,
+das Geld vorstrecken, erstens das Geld für die Miete,
+und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren?
+&ndash; Haben Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt
+komme? Sie schütteln den Kopf. Ich glaube,
+daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich
+bei einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich
+nicht ohne Verlegenheit in diesem Moment. Aber ich
+pflege etwas rasch Entschlüsse zu fassen und sie prompt
+auszuführen, müßten sich mir dabei auch die Lungen
+zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf
+Vorschuß an, weil ich einer Frau gegenüber keiner Betrügereien
+fähig bin. Männer kann ich, wenn es die
+Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie
+mir das. Frauen niemals. Wollen Sie mir wirklich
+so viel Zuschuß geben? Damit lebe ich einen halben
+Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles verbessern in
+meiner jetzigen Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht
+einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich habe noch
+selten einmal im Leben einem Menschen die Gefühle
+meiner Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin Stümper im
+Danken. Nun, ich muß da allerdings sagen, Wohltaten
+<a class="pagenum" name="Page_273" title="273"> </a>
+habe ich auch, wo nur möglich, immer verschmäht. Eine
+Wohltat! Ich empfinde es wahrhaftig in diesem Moment,
+was eine Wohltat ist. Ich sollte eigentlich das
+Geld nicht annehmen.«</p>
+
+<p>»Sie sind einer, Sie!«</p>
+
+<p>»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht,
+daß es Ihnen nicht zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig
+ganz glücklich durch das Geld. Geld ist doch
+eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.«</p>
+
+<p>»Wollen Sie schon wieder gehen?«</p>
+
+<p>Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen
+und hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen. Es war
+ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es ihm unangenehm
+wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden.
+Übrigens hatte er ja erreicht, was er wollte, und er liebte
+es nicht, sich lange zu entschuldigen, oder Versprechungen
+zu geben, wenn er jemand um einen Dienst gebeten
+hatte, der ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal
+der Geber wäre, auch keine Exküsen und Beteuerungen
+verlangen; fiele ihm niemals ein. Entweder habe
+man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder man
+drehe dem Bittenden einfach kalt den Rücken, weil er
+einem widerlich sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich
+gewesen, denn ich habe bemerkt, daß sie mir mit einer
+Art schneller Freude das Geld gegeben hat. Es kommt
+alles auf das Benehmen an, wenn man seine Zwecke
+erreichen will. Es machte dieser Frau Vergnügen, mich
+ihr zu verpflichten, weil ich wahrscheinlich in ihren Augen
+ein passabler Mensch bin. Unangenehmen Menschen will
+man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet;
+denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld
+ist, verbindet, bringt in Berührung, nähert, traut sich
+heran, muß nahe sein und ist beständig nahe. Wie
+wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu haben.
+<a class="pagenum" name="Page_274" title="274"> </a>
+Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der
+Gläubiger, man möchte ihnen die Schuld erlassen, nur
+um sie von sich abzuschütteln. Es ist ganz reizend, zu
+sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben
+wird; denn das ist das beste Zeugnis dafür, daß man
+noch Menschen um sich hat, denen man angenehm
+ist.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Er trat, indem er das erhaltene Geld in die Westentasche
+gleiten ließ, an das Fenster und bemerkte unten
+in der engen Gasse eine schwarzgekleidete Dame, die irgend
+etwas zu suchen schien; denn sie bog öfters ihren
+Kopf gegen die Höhe hinauf, wobei einmal ihre Augen
+diejenigen Simons trafen. Es waren große, dunkle
+Augen, echte Frauenaugen, und Simon mußte unwillkürlich
+an Klara denken, die er schon so lang nicht mehr
+gesehen, ja beinahe schon vergessen hatte. Aber es war
+Klara nicht. Die schöne Erscheinung in der tiefen Gasse
+mit ihrem vornehmen, üppigen Kleid bildete einen sonderbaren
+Gegensatz zu den finstern und schmutzigen
+Mauern, zwischen denen sie langsam dahinschritt. Simon
+hätte ihr zurufen mögen: »Bist du's, Klara?«
+Aber schon verschwand die Gestalt um eine Ecke herum,
+und nichts blieb von ihr in der Gasse zurück als ein
+Duft von Wehmut, den Schönes an finsteren Orten
+immer hinterläßt. »Wie schön wäre es gewesen, und
+wie passend in dem Moment, als sie hinaufschaute, ihr
+eine große, dunkelrote Rose hinabzuwerfen, daß sie sich
+darnach gebückt und sie aufgehoben hätte. Sie würde
+dazu gelächelt haben und würde sehr erstaunt gewesen
+sein, in einer so armseligen Gasse einem so freundlichen
+Gruß zu begegnen. Eine Rose würde zu ihr gepaßt
+haben, wie ein bittendes und weinendes Kind zu seiner
+Mutter. Aber woher teure Rosen nehmen, wenn man
+eben erst die Güte Anderer hat in Anspruch nehmen
+<a class="pagenum" name="Page_275" title="275"> </a>
+müssen, und wie vorausmerken, daß gerade um neun
+Uhr vormittags eine schöne Frauengestalt durch die Gasse
+kommt, die doch die dunkelste aller Gassen ist, während
+diese Frau das Vornehmste zu sein scheint, was ich je an
+Frauen erblickt habe?«</p>
+
+<p>Er träumte noch lange Zeit der Dame nach, die
+ihn so seltsam an die vergessene und verschwundene Klara
+erinnert hatte, und verließ dann das Zimmer, eilte die
+Treppen hinunter, lief die Straßen entlang, verbrachte
+den Tag mit Nichtstun und befand sich gegen Abend
+in einem äußersten Viertel der weit sich erstreckenden
+Stadt. Hier wohnten die Arbeiter in verhältnismäßig
+schönen, hohen Häusern; wenn man aber die Häuser
+schärfer betrachtete, so fiel einem eine gewisse kahle Verwahrlostheit
+auf, die die Wände hinauflief, zu den eintönigen,
+kalten Fenstervierecken hinausschaute und auch
+auf den Dächern saß. Die hier beginnende Wald- und
+Wiesenlandschaft bildete einen sonderbaren Gegensatz zu
+den hohen und doch armseligen Baukästen, die diese
+Gegend eher verunzierten als schmückten. Daneben bemerkte
+man noch etliche, liebenswürdig gebaute, niedere,
+alte Landhäuser, die in der Gegend lagen wie Kinder im
+warmen Mutterschoß. Hier bildete das Land einen waldbedeckten
+Hügel, unter dem die Eisenbahn durch einen
+Tunnel durchfuhr, nachdem sie eben das Häusergewirr
+verlassen hatte. Der Abend beleuchtete die Wiesen, man
+fühlte sich hier schon auf dem Lande, die Stadt mit
+ihrem Geräusche lag hinten. Simon empfand die Unschönheit
+der Arbeiterhäuser nicht, denn er empfand das
+ganze Gemisch von Stadt und Land, das hier ein sonderbares,
+anmutvolles Bild darbot, als schön. Wenn er
+durch eine kahle, steinerne Straße ging und dicht daneben
+die warme Wiese spürte, so war ihm das eigenartig,
+und wenn er gleich darauf einen schmalen, erdigen
+<a class="pagenum" name="Page_276" title="276"> </a>
+Weg durch Wiesen hindurchschritt, was schadete es dann,
+zu wissen, daß es eigentlich Stadtboden, nicht Landboden
+war. »Die Arbeiter wohnen hier sehr schön,« dachte er,
+»sie haben durch jedes ihrer Fenster waldige, grüne Aussicht
+und wenn sie auf ihren kleinen Balkonen sitzen, so
+genießen sie eine gute, starke, würzige Luft und eine
+unterhaltende Rundsicht über Hügel und Rebberge. Wenn
+die neuen, hohen Häuser auch die alten erdrücken und
+schließlich vom Boden verjagen, so muß man bedenken,
+daß die Erde nie still steht, und daß sich die Menschen
+immer regen müssen, sei es auch in einer für den Moment
+nicht gerade lieblichen Form. Eine Gegend ist immer
+schön, weil sie immer von der Lebendigkeit der Natur
+und der Baukunst Zeugnis ablegt. So in eine hübsche
+Wiesen- und Waldgegend hineinzubauen, scheint zuerst
+etwas barbarisch, aber jedes Auge findet sich am
+Ende mit der Vereinigung von Haus und Welt ab, findet
+allerhand reizvolle Durchsichten an Hauswänden vorbei
+und vergißt das ärgerlich-kritische Urteil, das doch nie
+Besseres stiftet. Man braucht die alten Häuser nicht
+wie ein Baugelehrter mit den neuen zu vergleichen und
+kann an beiden Arten seine Freude haben, an dem Demutvollen
+und am Hochmütigen. Wenn ich ein Haus stehen
+sehe, so muß ich nicht meinen, es, weil es mir nicht
+schön genug vorkommt, umblasen zu können; denn es steht
+doch ziemlich fest da, beherbergt viele fühlende Menschen
+und ist deshalb immerhin eine respektable Erscheinung,
+an deren Erstehen zahlreiche fleißige Hände gearbeitet
+haben. Die Schönheitssucher müssen vielfach empfinden,
+daß es allein mit dem Suchen nach Schönheit in der
+Welt noch lange nicht getan ist, daß da noch anderes
+zu finden ist, als das Glück, vor einer reizenden Antiquität
+stehen zu bleiben. Das Ringen der armen Leute
+nach ein bißchen Frieden, ich meine die sogenannte Arbeiterfrage,
+<a class="pagenum" name="Page_277" title="277"> </a>
+ist doch sozusagen auch etwas Interessantes
+und muß einen wackeren Geist mehr beleben als die
+Frage, ob ein Haus schlecht oder gut in der Landschaft
+steht. Was gibt es nur für müßige, schönredende Köpfe
+auf der Welt. Gewiß: jeder denkende Kopf ist wichtig
+und jede Frage kostbar, aber es dürfte anständiger und
+für die Köpfe ehrender sein, zuerst Lebensfragen zu erledigen,
+bevor die zierlichen Kunstfragen erledigt werden.
+Nun sind aber allerdings Kunstfragen bisweilen auch
+Lebensfragen, aber Lebensfragen sind in noch weit höherem
+und edlerem Sinne Kunstfragen. Ich denke jetzt natürlich
+so, weil für mich das Weiterexistieren zu allererst
+in Frage kommt, weil ich Adressen schreibe im kargen
+Tagelohn, und ich kann mit der hochnäsigen Kunst
+nicht sympathisieren, weil sie mir im Augenblick als das
+Nebensächlichste in der Welt vorkommt; und in der Tat,
+man denke einmal, was ist sie gegen die sterbende und
+immer wieder erwachende Natur. Was hat die Kunst
+für Mittel, wenn sie einen blühenden, duftenden Baum
+darstellen will, oder das Gesicht eines Menschen? Gut,
+ich denke jetzt ein bißchen frech, von oben herab, nein,
+eher ein wenig wütend von unten herauf, aus der Tiefe,
+wo einem das Geld fehlt. Das ganze ist, ich bin kritisch
+und zugleich wehmütig, weil ich kein Geld habe. Ich
+muß zu Geld gelangen, das ist ganz einfach. Geliehenes
+Geld ist kein Geld, man muß es verdienen oder stehlen
+oder geschenkt bekommen. &ndash; Und dann ist noch eines:
+der Abend! Am Abend bin ich meist müde und mutlos.«</p>
+
+<p>Während er auf diese Weise dachte, war er eine
+ziemlich ansteigende, kurze Straße hinaufgegangen, und
+blieb jetzt vor einem Hause stehen, aus dem ihn, zu
+einem geöffneten Fenster hinaus, ein Frauenkopf anschaute.
+Simon meinte in die Augen der Frau wie in
+<a class="pagenum" name="Page_278" title="278"> </a>
+eine ferne, versunkene Welt zu blicken, als ihm schon
+eine wunderbar bekannte Stimme zurief: »Ach, Simon,
+du bist es! Komm doch herauf!«</p>
+
+<p>Es war Klara Agappaia.</p>
+
+<p>Er erblickte sie, als er hinaufgesprungen war, in
+einem schweren, dunkelroten Kleid am Fenster sitzen.
+Die Arme und die Brust waren nur halb von dem herrlichen
+Stoff bedeckt. Das Gesicht war blasser geworden,
+seit der Zeit, da er sie zum letzten Mal gesehen. In
+ihren Augen brannte ein tieferes Feuer, aber der Mund
+war zugekniffen. Sie lächelte und gab ihm die Hand.
+In ihrem Schoße lag ein geöffnetes Buch, offenbar ein
+Roman, den sie zu lesen angefangen hatte. Zuerst vermochte
+sie nicht zu reden. Es schien ihr Scham und
+Mühe zu bereiten, zu fragen, zu erzählen. Sie schien
+bemüht zu sein, eine Fremdheit abzuschütteln, die sie in
+sich fühlen mochte vor ihrem jungen, einstigen Freund.
+Ihr Mund schien zu weinen, sobald er sich öffnen und
+weicher werden wollte. Ihre schönen, langen, üppigen
+Hände schienen die Sprache übernommen zu haben,
+wenigstens so lange, bis ihr Mund sich aus der Befangenheit
+löste. Sie musterte Simon absolut nicht, so
+wie man lange nicht Gesehene zu beobachten pflegt, sondern
+sah nur in seine Augen, deren ruhiger Ausdruck ihr
+wohltat. Sie ergriff wieder seine Hand und sagte endlich:</p>
+
+<p>»Gib mir die Hand, laß mich zu dir sein, wie zu
+meinem Knaben, der mich schon versteht, so wie er nur
+das Rauschen meines Gewandes aus dem Nebenzimmer
+nahen hört, der mich mit dem Blick seiner Augen erfaßt,
+dem ich nichts zu sagen, nicht einmal etwas in die Ohren
+zu flüstern brauche, um ihm Geheimnisse zu verstehen
+zu geben; dessen Dasitzen, Kommen, Gehen, Stehen und
+Liegen mir sagt, daß er sein ganzes Gefühl nur hat, um
+<a class="pagenum" name="Page_279" title="279"> </a>
+seine Mutter zu verstehen; zu dem man sich herabneigt,
+zur Erde, vor seine Füße, um ihm die Schuhe besser zu
+binden, wenn die Bändel sich gelockert haben; dem man
+einen Kuß gibt, wenn er mutig und brav gewesen ist;
+für den man alles Geheime offen hat; vor dem man nicht
+wüßte irgend noch Geheimes zu haben; dem man alles
+gibt, auch wenn er ein kleiner Verräter ist und seine
+Mutter lange, lange hat vernachlässigen können, so wie
+du, auch wenn er sie hat vergessen können, wie du.
+Nein, du konntest mich nie vergessen. Du hast mich
+wohl öfters im Trotz abschütteln wollen, aber wenn dir
+eine Frau begegnete, die mir nur in einem kleinen Härchen
+ähnlich sah, so glaubtest du mich zu sehen und gefunden
+zu haben. Hast du da nicht gezittert, ist dir
+nicht gewesen, bei solch einem täuschenden Begegnen,
+als wenn sich dir plötzlich über einer hellen, in Stein
+gehauenen, herrlichen Treppe Flügeltüren geöffnet hätten,
+um dich in ein Gemach voll Wiedersehenslust einzulassen?
+Was ist Wiedersehen für eine Freude! Wenn man sich
+verloren hat, auf der Straße oder auf dem Lande, und
+nach einem Jahr sich dann, so ohne weiteres, so still
+wiederfindet, an einem solchen Abend, wo schon die
+Glocken die Ahnung des Wiedersehens in die Welt hinausläuten,
+so gibt man sich die Hände und denkt nicht
+mehr an die Trennung und an die Ursache der langen
+Abschweifung. Laß mir deine Hände! Deine Augen sind
+noch eben so gut und schön. Du bleibst dir gleich. Jetzt
+kann ich dir erzählen:</p>
+
+<p>Als wir alle, Kaspar, ich und du, im letzten Sommer
+aus dem Waldhaus, weißt du noch, herausgehen mußten,
+und ihr Brüder dann verschwandet, wohin, wußte ich
+nicht, mietete ich mir unten in der Stadt ein elegantes
+Zimmer, sehnte mich nach euch und blieb eine Zeitlang
+trostlos. Gegen den Winter schien alles um mich herum
+<a class="pagenum" name="Page_280" title="280"> </a>
+in ein rotes Licht getaucht zu sein, ich vergaß
+alles, und warf mich in das Gewirr der Vergnügungen;
+denn ich besaß noch einen kleinen, aber für die hiesigen
+Verhältnisse ziemlich großen Rest meines Vermögens.
+Ich verbrauchte ihn und bekam dafür die Erkenntnis,
+daß man oft des Rausches bedarf, um sich über den
+Wellen des Lebens einigermaßen hoch zu halten. Ich hatte
+eine Loge im Theater, aber das Theater interessierte mich
+weit weniger, als die Bälle, wo ich zeigen konnte, daß
+ich schön und voll Laune war. Die jungen Männer
+schwärmten um mich herum, und ich erblickte nichts,
+das mir hätte verbieten können, sie alle zu verachten
+und sie meine Launen fühlen zu lassen. Ich dachte an
+euch beide und wünschte oft mitten unter all den Anschwärmungen,
+die so sehr aller Männlichkeit entbehrten,
+eure ruhigen Gesichter und offenen Manieren herbei.
+Da kam ein dunkler, schwarzer Mann auf mich zu,
+Student am Polytechnikum, schwer und täppisch von
+Ansehen, Türke, große, bezwingende Augen, und tanzte
+mit mir. Nach dem Tanze besaß er mich mit Seele und
+Leib, ich war sein. Es gibt für uns Frauen, wenn wir
+in Vergnügungen dahinrauschen, eine Art Männer, die
+uns nur im Tanzsaal bezwingen können. Wäre er mir
+an einem andern Ort begegnet, ich hätte ihn vielleicht
+ausgelacht. Er benahm sich vom ersten Augenblick an
+mir gegenüber als mein Herr und ich wußte nur zu erstaunen
+über seine Frechheit, nicht, mich zu wehren. Er
+befahl mir: so: und jetzt so! Und ich gehorchte. Im
+Gehorchen können wir Frauen, wenn es uns danach hinzieht,
+Außerordentliches leisten. Wir nehmen dann alles
+hin und wünschen uns, vielleicht aus Scham und Zorn,
+den Geliebten noch brutaler, als er ist. Er kann uns
+dann nicht grausam genug entgegentreten. Dieser Mann
+sah mein letztes Geld absolut als das seine an, ich auch,
+<a class="pagenum" name="Page_281" title="281"> </a>
+und ich gab es ihm, ich gab ihm alles. Als er mich
+genug gedrückt, tyrannisiert, ausgesogen und ausgebeutet
+hatte, ging er eines Tages fort, in sein Heimatland,
+nach Armenien zurück. Seine Knechtin, ich, versuchte
+nicht, ihn daran zu verhindern. Ich fand alles, was
+er tat, in der Ordnung. Auch wenn ich ihn weniger
+geliebt hätte, als wie es der Fall war, so hätte ich ihn
+ziehen lassen; denn dann würde mein Stolz es mir verboten
+haben, ihn aufzuhalten. So hatte ich ihm einfach
+zu gehorchen, als er mir befahl, ihm zur Abreise
+behülflich zu sein: meine Liebe gehorchte gern. Es erniedrigte
+mich nicht, ihn zum Abschied zu küssen, ihn,
+der mich kaum noch eines Blickes würdigte. Er sprach
+die Hoffnung aus, mich später, wenn seine Verhältnisse
+es ihm erlauben würden, mit in seine Heimat zu nehmen,
+um mich zu seiner Ehefrau zu machen. Ich empfand,
+daß es eine Lüge war, aber ich fühlte keine Bitterkeit.
+Gegen diesen Mann war jede unschöne Empfindung in
+mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe von ihm
+ein Kind, ein Mädchen, es schläft dort im Nebenzimmer.«</p>
+
+<p>Klara hielt einen Augenblick inne, lächelte Simon
+an, und fuhr dann fort:</p>
+
+<p>»Ich war gezwungen, eine Stelle zu suchen, und
+fand sie bei einem Photographen als Empfangsdame.
+Die Bewerbungen und Heiratsanträge, die man mir
+vielfach entgegenbrachte, da ich mit einem großen Publikum
+zu tun bekam, schlug ich alle lächelnd ab. Alle
+Männer dachten von mir: »Sie hat etwas so Zartes,
+Hausmütterliches, das wäre eine!« Aber ich wurde für
+keinen eine! Meine Stellung gestattete mir noch einen
+ziemlichen Aufwand, wenigstens konnte ich die schönen
+Kleider alle behalten, was mir jetzt noch zustatten kommt.
+Mein Prinzipal war ein Mann, den ich achten durfte,
+das erleichterte mir um vieles meine Arbeit, die ich, wie
+<a class="pagenum" name="Page_282" title="282"> </a>
+in einem leisen, angenehmen Traum befangen, verrichtete.
+Ich hatte mir für das Publikum ein ganz bestimmtes, zuckendes
+Lächeln angewöhnt, ich machte mich damit beliebt,
+allen erschien ich liebenswürdig und ich lockte Kunden
+heran, was meinen Chef zu einer Salär-Erhöhung veranlaßte.
+Damals war ich beinahe glücklich. Alles
+schwand mir in schöne, süße Erinnerungen dahin. Ich
+fühlte das Herannahen des Mutterschmerzes, und das
+trug zu einer wehmutvoll-glücklichen Stimmung bei. Es
+schneite, daß die Straße ganz in Flocken eingehüllt wurde.
+Und wenn ich abends durch die verschneiten Straßen
+hinging, dachte ich an euch Brüder, an dich und an
+Kaspar und viel, sehr viel an Hedwig, der ich in Gedanken
+und Gefühlen dankbare Huldigungen darbrachte.
+»Ich hab ihr doch ein einziges Mal schreiben dürfen.
+Sie hat nicht geantwortet. Aber es ist doch schön so,«
+dachte ich. Dann kam ich mir selber so schön vor, wenn
+ich so dachte. Ich wurde immer mehr erfüllt von allem,
+und ging immer in ganz langsamen Schritten, jeden
+Schritt fühlte ich als Menschenwohltat. Ich gab indessen
+das elegante Zimmer im Zentrum der Stadt auf
+und mietete mich hier ein, da, wo du mich jetzt siehst.
+Ich fuhr morgens und abends mit der »Elektrischen«
+hin und zurück und lenkte immer die Blicke aller Mitfahrenden
+auf mich. Es war etwas Seltsames an mir,
+ich fühlte es selber. Viele fingen unbewußt mit mir zu
+sprechen an, einige, nur um ein Wort mit mir zu
+wechseln, andere, um meine Bekanntschaft zu machen.
+Aber das letztere hatte wenig Reiz mehr für mich. Ich
+glaubte alles von vornherein kennen zu sollen, ich hatte
+ein so bestimmtes, ablehnendes, aber zugleich sanftes,
+mir selber wohltuendes Gefühl dabei. Die Männer!
+Wie oft wurde ich von ihnen angesprochen. Sie glichen
+neugierigen Kindern, die wissen wollten, was ich machte,
+<a class="pagenum" name="Page_283" title="283"> </a>
+wo ich wohnte, wen ich kannte, wo ich zu Mittag aß
+und was ich abends zu treiben pflegte. Sie erschienen
+mir wie unschuldige, etwas vorwitzige Kinder; so war
+ich damals. Nie begegnete ich einem einzigen grob, ich
+hatte es nicht nötig; denn es wurde mir gegenüber kein
+einziger unverschämt: ich war ihnen eine Dame, die zugleich
+verlockte und erkältete. Einmal sprach mich ein
+kleines, geistreich aussehendes Mädchen an, es war Rosa,
+du kennst sie ja. Sie enthüllte mir ihr ganzes Leiden
+und Leben, wir wurden Freundinnen, und jetzt hat sie
+sich verheiratet, obschon ich ihr davon abgeraten hatte.
+Sie besucht mich öfters, mich, die Königin der Armen!«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Wieder schwieg Klara einen Augenblick, während
+sie Simon kindlich-lustig anblickte, und sprach dann
+weiter:</p>
+
+<p>»Die Königin der Armen! Ja, das bin ich. Siehst
+du nicht, wie deine Klara fürstlich angezogen ist? Das
+ist noch ein Stück aus meiner Ballgarderobe: hinten ausgeschnitten!
+Ich bin meinem Stand als Fürstin schon
+etwas Aufwand schuldig. Das sehen meine Angehörigen
+gerne, sie haben Sinn für Hoheit, die Pracht eines Ballkleides
+nimmt sich in dieser Gegend der fleckigen, grauen
+Frauengewänder einzig aus. Man muß abstechen, lieber
+Simon, wenn man beeinflussen will, doch höre der Reihe
+nach ruhig weiter. Was bist du für ein flotter, angenehmer
+Zuhörer. Das verstehst du, einem zuzuhören,
+wie keiner! Das ist einer deiner Vorzüge! Es erzählt
+sich dir so natürlich, so schön: Ich lernte, als ich hier
+in dieses entlegene Viertel hinauszog, langsam aber immer
+wachsend, die Armen lieben, die auf die andere, dunkle
+Seite der Welt Gedrängten, das Pack, wie der Titel
+lautet, mit dem man eine Welt voll Sehnen und Mühsal
+tituliert. Ich sah, daß ich hier nötig sein konnte, und
+ich richtete mich, ganz ohne Zwang und Aufsehen, so ein,
+<a class="pagenum" name="Page_284" title="284"> </a>
+daß ich nötig geworden bin. Wenn ich sie heute verlasse,
+so jammern diese Leute, diese Weiber, Kinder und
+Männer. Im Anfang hatte ich Abscheu und Ekel vor
+ihrem Schmutz, aber ich sah, daß dieser Schmutz gar
+nicht so garstig in der Nähe war, als wie er aus der
+steifen, hochtrabenden Entfernung aussieht. Ich lehrte
+meine Hände, ja, meinen Mund sogar, wie man diese
+Kinder zu berühren hatte, deren Gesichter nicht die saubersten
+waren. Ich gewöhnte mich daran, die rauhen Hände
+der Arbeiter und Taglöhner zu drücken, und bemerkte rasch
+die Zartheit, womit diese Leute einem die Hand reichen.
+Ich fand vieles in dieser Welt, was mich an euch, an
+dich und Kaspar, erinnerte. Es war jedenfalls viel Feinheit
+und viel Verborgenes, das mich lockte, mich zur
+Herrin und Bevormundin dieser Menschen zu machen.
+Es war leicht und schwer zugleich zu machen. Da waren
+die Weiber! Wie viel Mühe brauchte es, sie von ihren
+Gebrechen und abscheulichen Fehlern so zu überzeugen,
+daß sie allmählich Lust bekamen, sich von ihrer Schmach
+zu befreien. Ich gewöhnte sie an den Segen und an
+die Lust der Reinlichkeit, und ich sah, daß sie nach langem,
+mißtrauischem Zaudern endlich Freude dabei empfanden.
+Die Männer erwiesen sich als lenksamer; denn ich war
+schön: so gehorchten sie mir besser, waren talentvoller im
+Erfassen meiner so einfachen Lehren. Simon! Wenn
+du wüßtest, wie es mich glücklich macht, diesen Armen
+eine innige Erzieherin zu werden! Wie wenig braucht
+man zu wissen, um an Kenntnissen noch Ärmere zu finden,
+die man leiten kann. Nein, die Wissenschaft macht
+es nicht allein aus. Hier bedarf es des Mutes und der
+Lust, energisch Stellung zu nehmen, sich die Stellung
+durch Stolz und Milde zu sichern und leidenschaftlich
+aufzutreten. Ich gewöhnte mir eine Sprache an, die
+alle Bildung, die ich besaß und die ich schenken konnte,
+<a class="pagenum" name="Page_285" title="285"> </a>
+leicht faßlich erklärte, in Ausdrücken, wie das niedrige,
+erniedrigte Volk sie liebt. So wurde ich ihre Herrscherin,
+indem ich mich ihren Gedanken und Gefühlen, oft gegen
+meinen Geschmack, anpaßte. Aber nach und nach wurde
+es mein Geschmack. Wenn ein Mensch beeinflußt, hat er
+zugleich auch die Gabe, sich unmerklich ebenfalls von den
+Beeinflußten beeinflussen zu lassen. Das Herz und die
+Gewohnheit besorgen das leicht. Als ich dann eines
+Tages im Bett lag, um mit Schmerzen das Kind zu
+erwarten, das dort nebenan schläft, kamen sie zu mir,
+die Frauen und Mädchen, besorgten und pflegten mich
+und taten mir Gutes, bis ich wieder aufstehen konnte.
+Ihre Männer fragten voll Kummer nach mir, während
+der Zeit, und als sie mich wieder sahen, schienen sie beglückt
+zu sein, mich noch schöner als früher zu finden.
+So ehrten sie ihre Fürstin. Das war im Frühling.
+Ich saß, noch etwas schwach von der Geburt, in meinem
+Zimmer wie unter Blumen; denn sie brachten mir alle
+Blumen, soviel sie nur bringen konnten. Ein junger
+reicher Mann aus der Nachbarschaft besuchte mich oft
+und ich litt es, wenn er mir zu Füßen saß; denn ich
+empfand darin eine Ehrung, und von ihm war es zart.
+Eines Tages flehte er mich an, ich möge seine Frau
+werden, ich wies auf das Kind, doch das ermunterte ihn
+nur, seine Anträge, die mich auf einmal seltsam berührten,
+an den folgenden Tagen zu wiederholen. Er
+erzählte mir sein ganzes, leeres, umhergejagtes Leben,
+ich fühlte Mitleid mit ihm und habe ihm versprochen,
+seine Frau zu werden. Er ist mit einem Wink, einem
+Blick von mir zufrieden und liebt mich so, daß ich es
+jeden Augenblick fühlen muß. Wenn ich ihm sage:
+»Artur, es ist unmöglich,« so erbleicht er, und ich muß
+ein Unglück erwarten. Er steht unvergleichbar hilflos
+vor mir in der Welt da. Ich habe nicht die Kraft, ihn
+<a class="pagenum" name="Page_286" title="286"> </a>
+unglücklich zu machen. Außerdem ist er reich, und ich
+brauche Geld für mein Volk, er wird es dazu hergeben.
+Er tut alles, was ich will. Er erlaubt mir nicht, zu
+bitten, er bittet mich, ihm zu gebieten. So steht es
+mit ihm. Er wird jetzt gleich kommen, dann werde ich
+dich ihm vorstellen. Oder willst du gehen? Du machst
+Miene dich zu entfernen. Dann geh! Es ist vielleicht
+besser. Ja, es ist besser. Er würde mißtrauisch werden.
+Er ist schrecklich in dieser Hinsicht. Er ist imstande und
+schlägt sich den Kopf an der Wand blutig, wenn er
+einen jungen Mann bei mir sieht. Außerdem will ich
+niemanden bei mir sehen, wenn du da bist. Und wenn
+andere da sind, sollst du nicht da sein. Ich will dich
+allein, ganz allein für mich haben. Ich muß dir noch
+vieles sagen, wie alles kam. Die Menschen sagen so
+viel, aber das richtige? &ndash; Geh jetzt. Ich weiß, daß du
+bald wiederkommst. Übrigens werde ich dir schreiben.
+Hinterlasse mir deine Adresse. So, leb wohl!«</p>
+
+<p>Auf der Treppe, als er hinunterstieg, begegnete Simon
+einer dunklen, fliegenden Gestalt: »Das wird wohl
+dieser Artur sein,« dachte er und ging seines Weges weiter.
+Es war Nacht geworden. Er schlug einen kleinen,
+schmalen Feldweg ein und drehte sich, nachdem er ein
+paar Schritte gegangen war, zurück, das Fenster war jetzt
+geschlossen, dunkelrote Vorhänge hinter demselben waren
+vorgezogen, die seltsam düster leuchteten im Lichte einer
+Lampe, die wohl eben angezündet wurde. Ein Schatten
+bewegte sich hinter der Gardine, es war Klaras Schatten.
+Simon ging weiter, langsam, in tiefen Gedanken. Er
+hatte es durchaus nicht eilig, in die Stadt zu gelangen.
+Dort wartete niemand auf ihn. Morgen würde er wieder
+in der Schreibstube schreiben. Es war höchste Zeit, nun
+endlich stramm ins Zeug zu gehen, zu arbeiten, etwas
+Geld zu verdienen. Vielleicht bekäme er auch endlich
+<a class="pagenum" name="Page_287" title="287"> </a>
+wieder einmal einen Posten. Er lachte, als er das Wort
+»Posten« ausdachte. Als er in der Stadt ankam, war
+es bereits sehr spät geworden. Er trat in eine noch
+offene Singspielhalle ein, um sich zu zerstreuen, bekam
+aber nicht viel Gutes zu sehen. Ein Komiker trat auf,
+den er wünschte, als ganz gewöhnlichen Menschen unter
+dem zuschauenden Publikum verschwinden zu sehen, der
+eigentlich für das, was er darbot, verdient hätte, geohrfeigt
+zu werden. Doch nein! Simon empfand bald
+das lebhafteste Mitleid mit diesem armen Schlucker, der
+die Beine, die Arme, die Nase, den Mund, die Augen
+und sogar die armseligen, knochigen Wangen verrenken
+mußte, um nicht einmal, nach solchen Qualen, zu erzielen,
+was sein Ziel war: Komik! Er hätte »Pfui« ausrufen
+mögen und doch wieder nur »Ach«! Man sah
+dem Manne deutlich an, daß er ein ehrlicher, braver und
+nicht besonders geriebener Mann sein mußte: um so
+abscheulicher wirkte sein Tun auf der Bühne, das nur
+für Menschen paßt, die eben so geschmeidig wie liederlich
+sein müssen, wenn sie ein abgerundetes, wohltuendes
+Bild darbieten wollen. Eine Ahnung sagte Simon, daß
+dieser Komiker vor kurzem vielleicht noch einen stillen, festen
+Beruf ausgeübt hatte, von dem er wohl wegen irgend
+eines Versehens oder Vergehens verdrängt worden war.
+Ihm war der ganze Mann tief beschämend und widerlich.
+Dann trat eine kleine, junge Sängerin auf, in der
+knappen, anschließenden Tracht eines Husarenoffiziers.
+Das war besser; denn es streifte an Kunst, was das
+Mädchen darbot. Alsdann zeigte sich ein Jongleur, der
+aber besser daran würde getan haben, Korke aus
+Flaschen zu ziehen, als Flaschen auf seiner Nasenspitze
+balancieren zu lassen, was er überaus kindisch und geschmacklos
+verrichtete. Er stellte eine brennende Lampe
+auf seinen flachen Kopf und stellte an die Zuschauer
+<a class="pagenum" name="Page_288" title="288"> </a>
+die Zumutung, das als ein Kunstwerk aufzufassen. Simon
+hörte noch einen Knaben ein Lied singen, das gefiel
+<ins title="im">ihm</ins>, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem
+guten Eindruck. Er trat wieder auf die Straße.</p>
+
+<p>Es gingen nur noch spärlich Menschen umher. In
+einer Seitengasse schien Streit zu sein, und in der Tat,
+als Simon näher heranging, sah er eine wüste Szene:
+zwei Mädchen schlugen, die eine mit der Faust, die
+andere mit dem roten Sonnenschirmchen, aufeinander
+los. Den Kampf beleuchtete eine einsame, melancholische
+Laterne, die die Gesichter teilweise erhellte. Die Kleider
+und Hüte der Mädchen waren nur noch Fetzen, und dabei
+schrieen sie beide, nicht so sehr aus Wut, als aus
+Schmerz und zwar auch nicht wegen der Hiebe, sondern
+aus einem Rest von Schamgefühl heraus, sich so tierisch
+elend benehmen zu sehen. Es war ein schrecklicher aber
+nur kurzer Kampf, dem ein erscheinender Schutzmann
+ein Ende machte. Er führte beide Mädchen ab, sowie
+einen elegant gekleideten Herrn ebenfalls, der die Ursache
+des Streites zu sein schien. Ein Briefbote hatte
+den Anzeiger gespielt und bildete sich jetzt viel darauf
+ein. Die Mädchen kehrten ihre ganze Wut nun dem
+Briefträger zu, der sich infolgedessen aus dem Staube
+machte.</p>
+
+<p>Simon ging nach Hause. Als er aber in seiner
+Gasse ankam, bemerkte er einen Trupp Menschen, die
+lachten und schrieen, und zwar war es ein Weib, das
+die Aufmerksamkeit der nächtlichen Käuze auf sich lenkte.
+Sie hieb nämlich mit einer Gerte auf einen betrunkenen
+Mann los, der wohl ihr eigener sein mochte und den
+sie aus irgend einer kleinen Kneipe herausgeschleppt hatte.
+Dabei schrie sie in einem fort, und als Simon in die
+Nähe kam, klagte sie diesem in lauten, schreienden Worten
+vor, was sie für einen Lump von Mann hätte. Mit
+<a class="pagenum" name="Page_289" title="289"> </a>
+einem Male schoß aus der Höhe des Hauses, unter welchem
+die Gruppe stand, ein Strahl Wasser herunter und
+netzte die Köpfe und Kleider der Untenstehenden auf eine
+boshafte Weise. Es war Sitte in diesem Viertel der
+Altstadt, auf Nachtschwärmer, die Lärm verübten, Wasser
+hinunterzuleeren. Die Sitte mochte schon ein ehrwürdiges
+geheiligtes Alter besitzen, aber es war doch jedesmal für
+die Betroffenen eine empörend neue und überraschende
+Sache. Alles fluchte gegen die Weibsperson hinauf, die
+in weißer Nachtjacke oben im Fensterrahmen stand und
+wie ein übelwollender, böser Geist hinunterschaute. Simon
+vor allen andern schrie hinauf: »Was fällt Ihnen
+ein da oben, Sie Weib oder Mann im Fensterrahmen?
+Wenn Sie zu viel Wasser haben, so gießen Sie's doch
+auf Ihren eigenen Kopf, statt auf die Köpfe anderer.
+Ihr Kopf dürfte es vielleicht nötiger haben. Was ist
+das für eine Manier, in der Nachmitternacht die Straße
+zu bespritzen und Leute hinterrücks in ein Bad, samt den
+Kleidern, zu stürzen. Wären Sie nicht so hoch oben und
+ich nicht so tief unten, ich wollte in Ihren Apfel von
+Kopf beißen, daß es Ihnen um den Mund herum wässern
+sollte. Bei Gott, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe,
+Sie müßten mir für jeden Tropfen, der meine Schulter
+bespritzt hat, einen Taler geben, da ich vermute, daß
+Ihnen dann der Spaß <ins title="verleien">verleiden</ins> müßte. Ziehen Sie sich
+nur zurück, Gespenst da oben, oder Sie machen mich
+noch die Hauswände hinaufklettern, um zu untersuchen,
+ob Sie Weibs- oder Mannshaare haben. Gleich könnte
+man zum Teufel werden vor Wut über eine solche
+Spritzerei.«</p>
+
+<p>Simon berauschte sich selber an seinem schlechten Gerede.
+Es tat ihm wohl, schreien und wettern zu können.
+Einen Augenblick später würde er doch im Bett liegen und
+schlafen. Wie langweilig war das, immer dasselbe zu
+<a class="pagenum" name="Page_290" title="290"> </a>
+tun. Von morgen ab müßte er entschieden ein anderer
+Mensch werden. Am nächsten Tag, in der Schreibstube,
+erfüllt und zerstreut von Gedanken an Klara, machte er
+viele Flüchtigkeitsfehler, so daß der Sekretär der Schreibstube,
+ein ehemaliger Hauptmann des Stabes, sich veranlaßt
+fühlte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu
+drohen, daß er keine Arbeit mehr erhalte, wenn er sie
+nicht gewissenhafter, als nur so, erledigen wolle.</p>
+
+<h2><a class="pagenum" name="Page_291" title="291"> </a>Achtzehntes Kapitel.</h2>
+
+<p>Der Herbst kam. Simon war noch oft durch die
+nächtliche heiße Gasse gegangen, und er ging auch jetzt
+noch, aber die Jahreszeit war rauher geworden. Man
+wußte, daß draußen in den Wiesen die Bäume sich entblättern
+mußten, wenn man auch nicht selber hinging
+und zusah, wie die Blätter fielen. In der Gasse spürte
+man es auch. An einem sonnigen Herbsttag war Klaus
+angekommen, eine wissenschaftliche Arbeit und Absicht
+hatte ihn für einen Tag in diese Gegend geführt. Sie
+waren zusammen hinaus auf das erhöhte, hügelige Feld
+gegangen, angelockt von der schönen Sonne, ziemlich
+schweigsam und allzu intime Gespräche vorsichtig vermeidend.
+Der Weg führte sie durch Wald und wieder
+über langgestreckte Wiesen, deren spätes, saftiges Gras
+Klaus bewunderte, ebenso die braungefleckten Kühe, die
+hier weideten. Es war hübsch gewesen für Simon, ein
+wenig gedankenvoll, aber doch sehr hübsch, so mit Klaus
+ohne viel Gerede und viel Wesens, durch die herbstliche
+Niederung zu wandern, die Glocken der Kuhherden läuten
+zu hören, ein paar Worte zu sagen, aber doch mehr in
+die Ferne zu schauen, als zu sprechen. Alsdann waren
+sie einen waldigen Hügel emporgegangen, sachte und
+wohlig; denn Klaus wollte alles, jeden Zweig und jede
+Beere, liebevoll betrachtet wissen, und waren dann zu
+<a class="pagenum" name="Page_292" title="292"> </a>
+der Höhe gekommen, an einen schönen Waldrand, wo
+eine unsäglich milde und liebkosende abendliche Herbstsonne
+sie empfing, und wo ihnen die Freiheit des Blickes
+wiedergegeben war, eine Aussicht in ein Tal hinunter,
+in welchem ein weißlich schimmernder Fluß sich dahinschlängelte,
+zwischen gelben Baumkronen und vorspringenden
+Waldungen hindurch, wo ein anmutiges, rotdächiges
+Dorf inmitten der braunen Rebhügel lag, das anzuschauen
+eine Herzenslust sein mußte. Hier hatten sie sich auf
+die Matte geworfen, waren lange still, ohne ein Wort
+zu sprechen, geblieben, hatten mit den Augen an der
+weit sich ausbreitenden Gegend und mit den Ohren an
+den Tönen der Glocken gehangen und hatten beide gefunden,
+daß immer irgendwie und wo Töne in allen
+Landschaften zu vernehmen seien, ohne gerade Glocken zu
+hören, und hatten dann eines jener stillen, mehr empfundenen
+als geradezu gesprochenen Gespräche miteinander
+geführt, die nicht aufgeschrieben werden können, die keinen
+weiteren Zweck als das Wohlwollen haben, die nichts
+sagen wollen, deren Duft nur und Ton und Absicht unvergeßlich
+bleiben. Klaus hatte gesagt: »Gewiß, wenn
+ich mir denken darf, daß noch alles mit dir gut kommen
+kann, so darf ich auch wieder mehr frohen Mut haben.
+Zu denken, daß du ein nützlicher, zweckerfüllter Mensch
+würdest, das hat immer in meinem Herzen ein besonders
+schönes Getön verursacht. Du bist so sehr darauf angelegt,
+die Achtung der Menschen zu genießen, wie nur irgend
+einer, und mehr noch, da du Eigenschaften hast, nur
+eigentlich zu viel wollende und zu flammende, die andere
+nicht besitzen. Du mußt nur nicht zu vieles wollen und
+mußt nicht allzu reizbar sein im Forderungen an dich stellen.
+Das schadet und reibt ab und macht schließlich kalt,
+glaube es mir nur. Weil du nicht alles, jede kleine
+Sache in der Welt, so vorfindest, wie du es wünschest,
+<a class="pagenum" name="Page_293" title="293"> </a>
+so darfst du deswegen noch lange nicht grollen. Anderer
+Meinungen und Neigungen herrschen eben auch, und zu
+gute Vorsätze vergiften viel eher das Herz eines Mannes
+als das Gegenteil, was freilich ein Übel ist. Du hast,
+wie mir scheint, zu sehr Springlust. Dich nach einem
+Ziele außer Atem zu laufen, macht dir Vergnügen. Das
+taugt nicht. Laß doch jeden Tag in seiner ruhigen, natürlichen
+Abrundung nur bestehen und sei ein bißchen
+mehr stolz darauf, es dir bequem, wie schließlich einem
+Menschen auch ziemt, gemacht zu haben. Wir haben die
+Pflicht, uns vor den Mitmenschen das Leben mit Anstand
+und einiger Würde leicht zu machen; denn wir
+leben in einer Fülle von stillen, gedankenvollen Kultursorgen,
+die mit dem grollenden, heißen Atem der Raufer
+nichts zu tun haben. Du hast, ich muß es dir sagen,
+etwas zu Wildes an dir, und dann, im Handumkehren,
+springst du in eine Zartheit über, die wieder viel zu viel
+Zartheit von den Menschen fordert, um bestehen zu können.
+Vieles, das dich verletzen sollte, kränkt dich in keiner
+Weise, und verletzen läßt du dich von ganz selbstverständlichen,
+aus Welt und Leben herausgewachsenen Dingen.
+Du mußt versuchen, Mensch unter Menschen zu werden,
+dann wird es dir sicher gut gehen; denn im Erfüllen von
+allerhand Anforderungen kennst du keine Ermattung, und
+einmal die Liebe der Menschen gewonnen, wird es dich
+dann reizen, ihnen zu zeigen, daß du sie verdient hast.
+So, wie du jetzt bist, drückst du dich um die Ecken herum
+und gehst in Sehnsuchten unter, die eines Bürgers, Menschen
+und vor allem eines Mannes nicht recht würdig
+sind. Wie viel habe ich schon gedacht, das du tun und
+unternehmen könntest, um dich zu befestigen, aber ich
+muß dir doch am Ende die Arbeit an dem Herausformen
+deines Lebens selbst überlassen; denn Ratschläge taugen
+selten etwas.« &ndash; Simon sagte dann: »Warum bist du
+<a class="pagenum" name="Page_294" title="294"> </a>
+sorgenvoll an einem so schönen Tage, wo das Hinschauen
+in die Ferne einen in Glück zerfließen macht?«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Dann hatten sie über die Natur geplaudert und
+das Schwere vergessen.</p>
+
+<p>Am andern Tag war Klaus wieder abgereist.</p>
+
+<hr class="thought-break"/>
+
+<p>Es wurde Winter. Merkwürdig: die Zeit ging über
+alle guten Vorsätze ebenso sicher hinweg wie über die
+schlechten Eigenschaften, deren man nicht Herr werden
+konnte. Es lag etwas Schönes, Hinwegnehmendes und
+Verzeihendes in diesem Gehen der Zeit. Sie ging
+über den Bettler wie über den Präsidenten der Republik
+hinweg, über die Sünderin und über die Anstandsdame.
+Sie ließ vieles als klein und unbedeutend empfinden;
+denn sie allein stellte das Erhabene und Große dar.
+Was war denn das ganze Treiben und Leben, was all
+das Sich-Rühren, was das Vorwärtsstreben gegen die
+Höhe, die sich keineswegs darum bekümmerte, ob einer
+ein Mann wurde oder ein Simpel, der es gleichgültig
+war, ob man das Rechte und Gute wünschte oder nicht?
+Simon liebte dieses Rauschen der Jahreszeiten über
+seinem Kopf, und als eines Tages Schnee in die dunkle,
+schwärzliche Gasse hinabflog, freute er sich des Fortschrittes
+der ewigen, erwärmenden Natur. »Sie schneit,
+das ist der Winter, und ich Törichter habe geglaubt, den
+Winter nicht mehr erleben zu sollen,« dachte er. Es
+kam ihm wie ein Märchen vor: »Es waren einmal
+Schneeflocken, die flogen, weil sie nichts Besseres zu tun
+wußten, auf die Erde nieder. Viele flogen aufs Feld
+und blieben dort liegen, andere fielen auf die Dächer
+und blieben dort liegen, wieder etliche und andere fielen
+auf Hüte und Kapuzen von schnell vorwärtseilenden
+Menschen und blieben dort liegen, bis sie abgeschüttelt
+wurden, einige und wenige flogen einem Pferd, das vor
+<a class="pagenum" name="Page_295" title="295"> </a>
+einem Karren angebunden stand, ins treue, liebe Antlitz
+und blieben auf den langen Wimpern der Pferdsaugen
+liegen, ein Schneeflocken flog in ein Fenster hinein, aber
+was er dort machte, ist nicht erzählt worden, jedenfalls
+blieb er dort liegen. In der Gasse schneit's, im Wald
+oben, o, wie schön muß es jetzt im Wald sein. Da
+könnte man hingehen. Hoffentlich schneit es noch bis
+in den Abend, wenn die Laternen angezündet werden.
+Es war einmal ein Mann, der war ganz schwarz, da
+wollte er sich waschen, aber er hatte kein Seifenwasser.
+Als er nun sah, daß es schneite, ging er auf die Straße
+und wusch sich mit Schneewasser und davon wurde sein
+Gesicht weiß wie Schnee. Da konnte er prahlen damit,
+und das tat er. Aber er bekam den Husten, und nun
+hustete er immer, ein ganzes Jahr lang mußte der arme
+Mann husten, bis zum nächsten Winter. Da lief er den
+Berg hinauf, bis er schwitzte, und noch immer hustete
+er. Das Husten wollte gar nicht mehr aufhören. Da
+kam ein kleines Kind zu ihm, es war ein Bettelkind,
+das hatte einen Schneeflocken in der Hand, der Flocken
+sah aus wie eine kleine zarte Blume. »Iß den Schneeflocken,«
+sprach das Kind. Und nun aß der große Mann
+den Schneeflocken, und weg war der Husten. Da ging
+die Sonne unter, und alles war dunkel. Das Bettelkind
+saß im Schnee und fror doch nicht. Es hatte zu
+Hause Schläge bekommen, warum, das wußte es selber
+nicht. Es war eben ein klein Kind und wußte noch
+nichts. Seine Füßchen froren ihm auch nicht, und doch
+waren sie nackt. In des Kindes Auge glänzte eine Träne,
+aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen,
+daß es weinte. Vielleicht erfror das Kind in der Nacht,
+aber es spürte nichts, spürte gar nichts, es war zu klein,
+um etwas zu spüren. Gott sah das Kind, aber es rührte
+ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_296" title="296"> </a>Simon spornte sich in dieser Zeit an, trotz der Winterkälte,
+die in seinem Zimmer herrschte, früh aus dem
+Bett zu springen, wenn er auch weiter nichts zu tun
+hatte. Er würde dann einfach dastehen, sich auf die
+Zähne beißen, und das Anspannende würde schon kommen
+müssen. Irgend etwas gäbe es immer zu tun. Er
+könnte sich ja zum Zeitvertreib die Hände oder den Rücken
+reiben, oder versuchen, auf den Händen am Boden zu
+gehen. Irgend eine Willensübung, sei es auch die allerlächerlichste,
+müßte er stets treiben, das vertriebe die Gedanken
+und stählte und ermunterte den Körper. Er wusch
+sich alle Morgen mit kaltem Wasser ab, von oben bis unten,
+bis ihm heiß wurde, und verschmähte es, den Mantel
+anzuziehen, wenn er ausging. Er wollte sich jetzt lehren,
+zu parieren in dieser Jahreszeit! Den Mantel benutzte
+er als Fußumhüllung, wenn er am Tische saß und las.
+Ein Paar breite, grobe Schuhe, wie sie die Rekruten beim
+Militär tragen, schaffte er sich an, um zu jeder Zeit über
+den Berg im tiefen Schnee zu waten. Das sollte ihn
+lehren, jetzt noch auf elegante Schuhe zu sehen. Mit
+so einem derben Schuhpaar mochte man um eins noch
+so fest in der Welt dastehen. Es kam jetzt darauf an,
+oberhalb zu bleiben und festen Fuß zu fassen. Wenn
+er nur den Nacken nicht beugte, mußte sich sicher, ja,
+von selbst, etwas für ihn zeigen, das er ergreifen konnte.
+Wieder anfangen, von vorne, seinetwegen fünfzig Mal,
+was schadete das jetzt. Er mußte nur gespannten Blicks
+und gespannten Sinnes bleiben, dann würde es schon
+kommen, was er haben mußte.</p>
+
+<p>Er glich in dieser Zeit einem Menschen, der Geld
+verloren hat und der seinen ganzen Willen einsetzt, es
+wieder zu gewinnen, der aber zur Wiedergewinnung weiter
+nichts tut, als nur eben den Willen einsetzen, und sonst
+nichts macht.</p>
+
+<p><a class="pagenum" name="Page_297" title="297"> </a>Um die Weihnachtszeit herum ging er den breiten
+Berg hinauf. Es war gegen Abend und furchtbar kalt.
+Ein beißender Wind pfiff den Menschen um die Nasen
+und Ohren, die gerötet und von der Kälte entzündet
+wurden. Simon schlug unwillkürlich den Weg ein, der
+einstmals zu Klaras Waldhaus hinaufführte und der
+jetzt gangbarer gemacht worden war. Überall zeigte sich
+eine Spur von umwandelnden Menschenhänden. Er sah
+ein großes, doch nicht unzierliches Haus vor sich stehen,
+an der Stelle, an der früher das Chalet aus Holz stand,
+in das er so oft hineingegangen war, als noch Kaspar
+hier malte, zu der lieben merkwürdigen Frau, die es bewohnte.
+Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errichtet
+worden, und es wurde, wie es den Anschein hatte,
+fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete Menschen
+gingen aus und ein. Simon besann sich eine Weile,
+ob er ebenfalls hineingehen sollte, aber schon die grimmige
+Kälte machte ihm den Gedanken an einen erwärmten,
+menschenerfüllten Saal angenehm. So trat
+er hinein. Ein warmer, scharfer Duft von Tannenzweigen
+schlug ihm entgegen, das ganze große, helle
+Zimmer, eigentlich ein Saal, war mit Tannengrün geziert
+und ausgefüttert, gleichsam tapeziert. Nur die
+Sprüche, die an die weißen Wände gemalt waren, befanden
+sich frei, und man konnte sie lesen. An allen
+Tischen saßen heitere und ernste Menschen, viele Frauen,
+aber auch Männer und Kinder, einzeln an einem runden
+Tischchen sitzend oder zu Gesellschaften um einen länglichen
+Tisch herum vereinigt. Der Duft von Getränken
+und Speisen vermischte sich mit dem weihnachtlichen
+Tannenduft. Hübsch gekleidete Mädchen gingen umher,
+und bedienten die Gäste auf eine freundliche und zugleich
+überaus gelassene Weise, die nichts Kellnerinnenhaftes
+an sich hatte. Es sah aus, als ob diese zierlichen
+<a class="pagenum" name="Page_298" title="298"> </a>
+Mädchen nur, um ein lächelndes Spiel aufzuführen,
+hier bedienten, oder so, als ob sie nur ihren Eltern,
+Verwandten, Brüdern, Schwestern oder ihren Kindern
+diesen Dienst erwiesen: so elterlich und kindlich zugleich
+sah es aus. Eine kleine, ebenfalls dicht mit Tannenzweigen
+umrahmte Bühne befand sich an einem anderen
+Ende des Saales, vielleicht zur Aufführung irgend eines
+Weihnachtsstückes oder eines Stückes mit sonst irgend
+einem lieblichen Inhalt. Auf jeden Fall war es ein
+warmer, freundlicher, gastlich aussehender Raum, und
+Simon setzte sich, als einzelner, an ein rundes Tischchen
+nieder, wartend, ob eines der Mädchen zu ihm herankäme,
+um zu fragen, was er <ins title="wünsche">wünsche.</ins> Aber es kam
+vorläufig keines. So blieb er denn eine geraume Zeit
+still, das Kinn in die Hand gestützt, wie es junge Männer
+zu machen pflegen, an dem Tischchen sitzen, als mit
+einem Mal eine schlankgewachsene Dame auf ihn zukam,
+ihm freundlich entgegennickte und dann, zu einem der
+Mädchen gewendet, ausrief und frug, wie man nur den
+jungen Herrn so lange ohne Bedienung lassen könne.
+Dieser Vorwurf war eher lachend und liebenswürdig geschehen,
+als ernsthaft, aber jedenfalls war diese Dame
+hier im Hause eine Art Direktorin oder Leiterin oder
+wie man das nennen konnte.</p>
+
+<p><ins title="Entschuldigen">»Entschuldigen</ins> Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte
+sie sich wieder zu Simon.</p>
+
+<p>»O, ich wüßte nicht, was da zu entschuldigen wäre.
+Vielmehr ich habe mich zu entschuldigen, daß ich der
+Anlaß bin, daß Sie einem von Ihren Mädchen einen
+Vorwurf machen müssen. Ich sitze hier übrigens ganz
+gern, ohne daß man sich um mich bekümmert; denn
+offen gestanden: was ich an Bestellungen für das bedienende
+Mädchen aufzuwenden habe, ist blutwenig.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>»Essen und trinken Sie nur so viel, als Sie
+<a class="pagenum" name="Page_299" title="299"> </a>
+wollen. Sie brauchen nichts zu bezahlen,« sagte die
+Dame.</p>
+
+<p>»Gilt das für mich allein oder gilt das hier für
+alle?«</p>
+
+<p>»Natürlich nur für Sie allein, und nur deshalb,
+weil ich die bezügliche Ordre erteilen werde, daß man
+Ihnen nichts abfordern soll.«</p>
+
+<p>Sie setzte sich zu ihm an den kleinen, braunen Tisch:</p>
+
+<p>»Ich habe einen Augenblick Zeit, mit Ihnen zu plaudern,
+und sehe nicht ein, warum ich es nicht tun sollte.
+Sie scheinen ein vereinsamter junger Mann zu sein, das
+sagen mir Ihre Augen, und sie sagen mir auch, und das
+deutlich genug, daß der, dem sie gehören, den Wunsch
+fühlt, mit Menschen in Berührung zu kommen. Ich
+weiß nicht, wie es kommt, daß ich Sie für einen wohlgebildeten
+Menschen halten muß. Als ich Sie sah, reizte
+es mich schon, mit Ihnen zu sprechen. Wenn ich Sie
+mit der scharfen Lorgnette hätte betrachten wollen, würde
+ich vielleicht entdeckt haben, daß Sie ziemlich verwahrlost
+aussehen, aber wer wollte Menschen erkennen lernen und
+sich dazu des Augenglases bedienen? Als Vorsteherin
+dieses Hauses habe ich ein Interesse daran, möglichst genau
+zu erfahren, wer alles meine Gäste sind. Ich habe
+mich daran gewöhnt, die Menschen nicht nach einem schäbigen
+Filzhut, sondern nach ihren Bewegungen, die ihr
+Wesen besser erklären, als gute oder schlechte Kleidungsstücke,
+zu beurteilen, und habe im Laufe der Zeit gefunden,
+daß ich den richtigen Weg nehme. Gott soll
+mich doch, wenn er es je gut mit mir meint, daran verhindern,
+hochnäsig und hochmütig zu werden. Eine Geschäftsfrau,
+die nicht Menschenkennerin ist, macht mit der
+Zeit schlechte Geschäfte, und was lehrt denn die zunehmende
+Menschenkenntnis? Das Einfachste von der Welt:
+Alle mit Freundlichkeit zu behandeln! Sind wir nicht alle
+<a class="pagenum" name="Page_300" title="300"> </a>
+zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen
+Planeten, Geschwister? Brüder und Schwestern? Brüder
+zu Schwestern, Schwestern zu Schwestern und wieder
+Schwestern zu Brüdern? Ganz zart kann ja das sein und
+muß es wohl auch immer sein: in Gedanken vor allem!
+Aber dann muß es auch anschwellen und getan werden.
+Kommt mir ein roher Mann vor oder ein einfältiges
+Weib, was kann ich da tun? Muß ich mich sogleich
+abgeschreckt und unsympathisch berührt fühlen? O, noch
+lange nicht. Ich denke dann: nein, ganz angenehm ist
+mir dieser Mensch nicht, er stößt mich ab, er ist ungebildet
+und anmaßend, aber ich muß ihn und mich das
+nicht in so allzudeutlicher Weise merken lassen. Ich muß
+mich ein wenig verstellen, er verstellt sich dann vielleicht
+auch ein wenig, wenn auch nur aus Trägheit oder Dummheit.
+Wie lieb ist es, Rücksichten zu nehmen. Ich bin
+innerlich heilig und mit Flammen davon überzeugt, daß
+es lieb ist, weiter weiß ich über diesen Punkt nichts zu
+sagen. Oder dieses noch: ein Bruder muß ja nicht gerade
+zu den feinsten und erlesensten Menschen gehören
+und kann doch, vielleicht aus, sagen wir, etwas abgemessener
+Entfernung, Bruder sein. So mache ich es mir
+zum Gesetz, und ich stehe ordentlich gut dabei. Viele
+Menschen gewinnen mich lieb, die vordem die Schultern
+gezuckt und mir ihr Gesicht verzogen haben. Warum
+sollte ich nicht, was eine so reizende Lehre, wie das Üben
+der liebenden und beobachtenden Geduld ist, betrifft, ein
+klein wenig Christin sein? Wir alle haben das Christentum
+jetzt vielleicht wieder nötiger als je zuvor; aber das
+ist dumm gesprochen. Sie lächelten, und ich weiß ganz
+gut, warum Sie lächeln. Sie haben recht, weshalb habe
+ich mit Christentum zu kommen, wo nur einfache, kluge
+Freundlichkeit in Frage kommt. Wissen Sie was? Ich
+denke mir so manchmal: Christenpflicht, das geht jetzt
+<a class="pagenum" name="Page_301" title="301"> </a>
+in unseren Tagen leise und kaum spürbar in Menschenpflicht
+über, und das ist viel einfacher und ist besser
+auszuführen. Doch ich muß gehen. Man ruft mich.
+Bleiben Sie sitzen, ich komme wieder.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Damit ging sie fort.</p>
+
+<p>Nach einigen Minuten kam sie wieder und fing schon
+aus der Entfernung von ein paar Schritten das Gespräch
+von neuem an, indem sie ausrief: »Wie doch hier alles
+von Neuheit umspannt ist. Sehen Sie sich doch um:
+alles ist neu, frisch und erst eben geboren. Keine einzige
+Erinnerung an Altes! Sonst befindet sich in jedem Hause
+und in jeder Familie wohl irgend ein altes Möbel, ein
+Hauch und Stück aus alten Zeiten, das man noch immer
+liebt und ehrt, weil man es schön findet, wie man eine
+Abschiedsszene oder einen wehmutvollen Sonnenuntergang
+schön findet. Erblicken Sie hier etwas Ähnliches, auch
+nur eine Andeutung davon? Es kommt mir wie eine
+schwindelnde, gebogene, leichte Brücke in die noch unerklärliche
+Zukunft vor. O, in die Zukunft zu blicken,
+ist schöner, als der Vergangenheit nachzuträumen. Man
+träumt auch, wenn man in eine Zukunft hineindenkt.
+Hat das nicht etwas Wunderbares? Sollte es nicht
+klüger von den feindenkenden Menschen sein, ihre Wärme
+und ihre Ahnungen den noch kommenden, als den vergangenen
+Tagen zu schenken? Kommende Zeiten sind
+uns wie Kinder, die eher der Aufmerksamkeit bedürfen
+als die Gräber der Gestorbenen, die wir vielleicht nur
+mit etwas zu übertriebener Liebe schmücken: die vergangenen
+Zeiten! Der Maler wird jetzt gut daran tun,
+Kostüme für ferne Menschen zu entwerfen, die die
+Grazie besitzen werden, sie mit Anstand und Freiheit zu
+tragen, der Dichter träumt Tugenden aus für starke,
+von keiner Sehnsucht angefressene Menschen, der Baumeister
+erfindet, so gut es geht, Formen, die dem Stein
+<a class="pagenum" name="Page_302" title="302"> </a>
+und dem Bauen einen entzückenderen Schwung verleihen,
+er geht in den Wald und merkt sich da, wie hoch und
+edel die Tannen aus dem Boden herauswachsen, um sie
+als Muster für künftige Bauten zu nehmen, und der
+Mann im allgemeinen wirft, in der Vorausahnung des
+Kommenden, viel Gemeines, Unedles und Undienliches
+ab und flüstert seiner Gattin, wenn sie ihm den Mund
+zum Kuß darreicht, seine Gedanken ins Ohr, so gut er
+es versteht, und die Frau lächelt. Wir verstehen es,
+euch Männer mit einem Lächeln zu Taten anzuspornen,
+und wir bilden uns ein, unsere Aufgabe getan zu haben,
+wenn wir es dahin gebracht haben, euch die eurige ganz
+lebhaft und reizvoll vor die Sinne zu lächeln. Wir sind
+froher über das, was ihr gemacht habt, als über Selbst-Vollbrachtes.
+Wir lesen die Bücher, die ihr schreibt, und
+denken: wenn sie doch nur etwas mehr tun und etwas
+weniger schreiben wollten. Im allgemeinen wissen wir
+nicht viel Ersprießlicheres, als uns euch zu unterwerfen.
+Was können wir anderes! Und wie gern tun wir es. Aber
+von der Zukunft zu reden, habe ich natürlich vergessen,
+von diesem kühnen Bogen über einem dunklen Gewässer,
+von diesem Wald voller Bäume, von diesem Kind mit
+den strahlenden Augen, von diesem Unsagbaren, das
+einen immer reizt, es in Worte wie in ein Netz zu
+fangen. Nein ich glaube, die Gegenwart ist die Zukunft.
+Finden Sie nicht, daß hier herum alles nur
+Gegenwart atmet?«</p>
+
+<p>»Ja,« sagte Simon.</p>
+
+<p>»Und draußen ist jetzt furchtbar strenger Winter,
+und hier drinnen ist es so warm, so eben recht, daß
+man Gespräche führen kann, und ich sitze hier bei Ihnen,
+einem ganz jungen, scheinbar etwas <ins title="vorkommenen">verkommenen</ins> Menschen,
+und versäume am Ende noch meine Pflichten.
+Ihr Benehmen hat etwas Fesselndes, wissen Sie das?
+<a class="pagenum" name="Page_303" title="303"> </a>
+Man möchte Ihnen gleich eine Ohrfeige geben, aus heimlicher
+Wut darüber, daß sie so dumm dasitzen, und einen
+in so sonderbarer Weise verführen können, die kostbare
+Zeit mit Ihnen Hereingeschneitem zu verlieren. Wissen
+Sie was: Sie könnten trotzdem noch eine Weile dasitzen.
+Es kommt Ihnen gewiß nicht drauf an. Ich werde
+dann noch einmal einen Anlauf nehmen auf Ihre Ohren.
+Jetzt hab' ich Pflichten.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Und fort war sie.</p>
+
+<p>Simon betrachtete seine Umgebung, während die
+Dame fortblieb. Die Lampen gaben ein helles und
+warmes Licht. Die Menschen plauderten unbefangen
+miteinander. Einzelne, da es schon Nacht war, gingen
+jetzt fort, weil sie noch den Berg hinuntergehen mußten,
+um in die Stadt zu kommen. Zwei alte Männer, die
+gemütlich an einem Tische saßen, fielen ihm durch ihre
+Ruhe auf. Sie hatten beide weiße Bärte und ziemlich
+frische Gesichter und rauchten aus ihren Pfeifen, was
+ihnen etwas Altväterisches verlieh. Sie sprachen nicht
+miteinander, sie schienen das für überflüssig zu halten.
+Ab und zu trafen sich ihre gegenseitigen Augenpaare und
+dann zuckten sie so mit ihren Pfeifen und Mundwinkeln,
+aber ganz ruhig und wahrscheinlich ganz gewohnheitsmäßig.
+Es schienen Müßiggänger zu sein, aber berechnende,
+ausgedachte und überlegene Müßiggänger, aus dem
+Wohlstand heraus müßig. Gewiß hatten sie sich beide
+angeschlossen, nur deshalb, weil sie dieselben Gewohnheiten
+betrieben: Pfeife rauchen, Spaziergängchen machen,
+Vorliebe für Wind, Wetter und Natur, das Gesundsein,
+das gerne lieber Schweigen als Plaudern und endlich
+das Alter und die mit demselben verbundenen Spezialsächelchen.
+Simon erschienen die beiden nicht ohne
+Würde. Man mußte ein wenig lächeln bei ihrem abgezirkelten,
+hübschen Anblick, aber dieser Anblick schloß
+<a class="pagenum" name="Page_304" title="304"> </a>
+die Ehrfurcht nicht aus, die schon das Alter allein für
+sich herausfordert. Etwas Zielbewußtes sprach aus ihren
+ruhigen Mienen, etwas Fertiges und in keiner Weise mehr
+Anzufechtendes. Beirren ließen sich diese Alten gewiß
+nicht mehr in ihrer Sache, die vielleicht ein Irrtum war.
+Aber was war denn eigentlich Irrtum? Wenn man sich
+mit sechzig und siebzig Jahren noch einen Irrtum als
+Leitstern anschaffte, so war das eine unantastbare Sache,
+die dem Jüngling Achtung abringen mußte. Diese beiden
+Käuze, denn etwas Kauzartiges hatten sie immerhin an
+sich, mußten irgend ein Verfahren, ein System haben,
+nach welchem sie sich schworen zu leben bis ans Lebensende;
+so sahen sie aus, so wie zwei, die für sich etwas
+gefunden hatten, das ihnen diente und das sie veranlaßte,
+ruhig ihrem Ende entgegenzusehen. »Wir zwei
+haben's herausgefunden, euer Geheimnis,« so drückten
+sich ihre Mienen und Haltungen aus. Es war lustig
+und rührend und des Nachdenkens wohl wert, ihnen
+zuzuschauen und sich zu bestreben, ihre Gedanken zu erraten.
+So erriet man unter anderem sogleich, so wie man
+sie eine Weile betrachtet hatte, daß diese zwei immer würden
+zusammen gesehen werden können, nie anders, nie einzeln,
+sondern zu zweien! Immer! Das war der <ins title="Hauptgedanke">Hauptgedanke,</ins>
+den man ihnen aus ihren weißen Köpfen ablauschte.
+Zu zweien durchs Leben, womöglich zu zweien
+hinunter in den Abgrund des Todes: das schien ihr
+Prinzip zu sein. In der Tat, sie sahen auch aus wie
+zwei lebendige, alt gewordene, aber immer noch lustige
+und muntere Prinzipien. Wenn es wieder Sommer
+würde, so würde man sie draußen auf der schattigen
+Terrasse sitzen sehen, aber eben so geheimnisvoll Pfeifen
+stopfend und das Schweigen dem Reden bevorzugend.
+Wenn sie fortgingen, gingen immer zweie fort, nicht erst
+einer und dann der andere: das schien undenkbar. Ja,
+<a class="pagenum" name="Page_305" title="305"> </a>
+gemütlich sahen sie aus, das mußte Simon ihnen lassen:
+gemütlich und eigensinnig, dachte er, indem er von ihnen
+weg, wo andershin, blickte.</p>
+
+<p>Er ließ über verschiedene Menschen seine Blicke
+streifen, entdeckte eine englische Familie mit sonderbaren
+Gesichtern, Männer, die Gelehrte zu sein schienen und
+andere, denen man nur schwer ein Amt oder eine Berufsart
+zudichten konnte, sah Frauen mit weißen Haaren
+und Mädchen mit ihrem Bräutigam, bemerkte Leute,
+denen man ansah, daß sie sich hier nicht recht wohlfühlten,
+und wieder andere, die wie zu Hause im Familienkreis
+hier saßen. Aber der Saal leerte sich zusehends.
+Draußen pfiff der Winter, und man konnte die Tannen
+aneinanderächzen hören. Der Wald lag nur zehn Schritte
+weg vom Hause entfernt, das wußte Simon aus alten
+Tagen genau.</p>
+
+<p>Indem er sich so seinen Gedanken überließ, erschien
+die Vorsteherin wieder.</p>
+
+<p>Sie setzte sich zu ihm.</p>
+
+<p>Es schien eine stille Veränderung mit ihr vorgegangen
+zu sein. Sie erfaßte Simons Hand: das war
+etwas Unerwartetes. &ndash; Darauf sprach sie leise, von niemandem
+gehört und von niemandem beobachtet:</p>
+
+<p>»Jetzt wird man mich wohl kaum noch stören, bei
+Ihnen zu sitzen, die Leute entfernen sich allmählich.
+Sagen Sie mir, wer sind Sie, wie heißen Sie, woher
+kommen Sie? Sie sehen so aus, als ob man das fragen
+müßte. Ein Fragen und ein Verwundern geht von
+Ihnen aus, nicht ein Verwundern, das Sie selbst haben,
+sondern der, der Ihnen gegenübersitzt, und über Sie.
+Man fragt sich und verwundert sich über Sie, und dann
+bekommt man eine Sehnsucht darnach, Sie reden zu
+hören, und stellt sich vor, daß es etwas sein müßte, was
+da aus Ihnen herausspräche. Man macht sich unwillkürlich
+<a class="pagenum" name="Page_306" title="306"> </a>
+Kummer wegen Ihnen. Man geht von Ihnen
+fort, macht seine Arbeit, und plötzlich erbarmt man sich
+Ihrer, indem man an Sie denkt. Mitleid ist es nicht,
+denn das fordern Sie absolut nicht heraus, und Erbarmen
+schlechtweg ebenfalls nicht. Ich weiß nicht, was
+es sein kann: Neugierde vielleicht? Lassen Sie mich einen
+Moment nachdenken. Neugierde? Ein Begehren, etwas
+über Sie zu wissen, nur etwas, nur einen Ton oder einen
+Laut. Man glaubt Sie bereits zu kennen, findet Sie
+nicht sehr interessant und lauscht und lauscht doch, ob
+Sie da etwas gesagt haben, was vielleicht wert gewesen
+wäre, noch einmal zu Ihrem Mund heraus vernommen
+zu werden. Wenn man Sie anblickt, bedauert man Sie
+unwillkürlich leichthin, obenhin, von oben herab. Sie
+müssen etwas Tiefes an sich haben, und das scheint
+niemand zu bemerken, weil Sie sich keinerlei Mühe
+geben, es hervortreten und leuchten zu lassen. Ich möchte
+Sie erzählen hören. Haben Sie noch Eltern, und haben
+Sie Geschwister? Von Ihnen vermutet man, wenn man
+Sie bloß erblickt, daß Sie bedeutende Menschen zu Geschwistern
+haben müssen. Sie selbst aber hält man
+und muß man für unbedeutend halten. Wie kommt
+das? Man fühlt sich Ihnen gegenüber leicht als Überlegener.
+Und doch, wenn man sich mit Ihnen eingelassen
+hat, sieht man, daß man einen jener Fehler begangen
+hat, der deshalb vorkam, weil man es mit einem
+durchaus gelassenen Menschen zu tun gehabt hat, der es
+nur verschmähte, sich in Position zu werfen, und nicht
+wollte besser und gefährlicher aussehen, als er ist. Sie
+sehen wenig interessant und noch weniger gefährlich aus,
+und die Frauen, das ist so ein Gemengsel von Zartheitsbedürfnis
+und Lust an der rohen Gefahr, die sie beständig
+bedrohen soll. Sie nehmen natürlich nicht übel,
+was ich Ihnen soeben gesagt habe, denn Sie nehmen
+<a class="pagenum" name="Page_307" title="307"> </a>
+nichts übel. Man weiß nicht, wie man mit Ihnen dran
+ist. Möchten Sie mir erzählen, ich bin so gespannt
+darauf! Wissen Sie, ich möchte gerne Ihre Vertraute
+sein, wenn auch nur für eine Stunde, meinetwegen in
+der Einbildung bloß. Als ich oben war, eben vorhin,
+hatte ich einen solchen Drang darnach, zu Ihnen hinunterzueilen,
+als wären Sie gar eine Persönlichkeit von
+Belang, die man unter keinen Umständen warten lassen
+darf, vor der man froh sein muß, in Gnade und in
+einiger herablassender Achtung zu stehen. Und sitzt da
+einer, dessen Wangen höher glühen, wenn ich daher zu
+springen komme! Welch eine Verwechslung, aber ist es
+nicht seltsam? So, jetzt will ich still sitzen und Ihnen
+zuhören.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p>Simon erzählte:</p>
+
+<p>»Ich heiße Tanner, Simon Tanner, und habe vier
+Geschwister, von denen ich der Jüngste bin und derjenige,
+der zu den wenigsten Hoffnungen berechtigt. Ein Bruder
+ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort stiller
+und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt.
+Jetzt muß er sich schon ein wenig verändert haben, es
+ist über ein Jahr her, daß ich ihn zuletzt gesehen habe,
+aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen würden, bekämen
+Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich
+abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr,
+mit ihm zu tun zu haben, er bestrickt, und das in einer
+Weise, daß man um seinetwillen Torheiten begehen kann.
+Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein Bruder,
+etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld,
+nicht mein Verständnis, das sich nur, angezogen von
+ihm, einigermaßen entfalten konnte. Ich glaube, er
+trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen ihm so
+natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man
+findet es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet
+<a class="pagenum" name="Page_308" title="308"> </a>
+er, und er begehrt auch, unter ihnen zu verschwinden,
+um ruhig arbeiten zu können. Früher einmal
+hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler
+geschrieben, der seine Schwingen breite über Felsenkanten
+und der sich über Abgründen am wohlsten fühle, und
+ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und Künstler
+müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar
+nichts, umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen
+und frisch ans Werk gehen. Er war damals noch
+ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er nicht
+mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben.
+Er heißt Kaspar und ist als Schulknabe in der
+Schule und im elterlichen Hause fortwährend für einen
+faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das nur,
+und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes
+und mildes war. Er wurde früh aus der Schule genommen,
+weil er darin nicht reüssierte, und mußte
+Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam
+er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den
+Menschen die Achtung, die er verdiente, abzunötigen.
+Das ist einer meiner Brüder, ein anderer heißt Klaus.
+Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den besten
+und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht,
+das Bedenkentragen und das Nachdenken schauen
+ihm zu den Augen heraus. Er ist ein tüchtiger Mensch,
+so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine bescheidene,
+verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns
+Jüngere aufwachsen und uns unsern Begierden und
+Leidenschaften nachhängen sehen, er hat geschwiegen dazu
+und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und
+des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen,
+daß jeder seinen eigenen Weg gehen muß, er hat nur
+Schlimmes zu verhüten gesucht, und das Gute an einem
+hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden.
+<a class="pagenum" name="Page_309" title="309"> </a>
+Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich
+weiß das ganz genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt
+die Menschen und hat eine sonderbar schüchterne
+Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen. Obschon
+er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt
+einnimmt, bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit,
+die immer mit Schüchternheit verbunden
+ist, daran schuld ist, daß er eine nicht noch höhere bekleidet;
+denn er verdiente die höchste und verantwortungsreichste.
+Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur unglücklich
+ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die Erinnerung
+von ihm an seine früheren Tage einem erzählen
+kann. Er ist im Irrenhaus. &ndash; Sollte ich das vielleicht
+vor Ihnen nicht offen haben heraussagen dürfen? Sie
+haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun schon
+dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr
+zuhören, alles der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst
+lieber gar nichts, nicht <ins title="war">wahr</ins>! Sie nicken und sagen mir
+damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich den
+Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere
+und zugleich herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter.
+Dieser unglückliche Bruder war wohl, ich darf es ruhig
+sagen, das Ideal eines jungen schönen Mannes, und
+Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche achtzehnte
+Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in
+unsere Zeit mit den viel härteren und trockneren Anforderungen.
+Lassen Sie mich über sein Unglück schweigen;
+denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und zweitens
+und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt
+es sich nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu
+ziehen, alle Feierlichkeit wegzunehmen, alle schöne, verschleierte
+Trauer, die nur dann ist, wenn man schweigt
+über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft
+meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine
+<a class="pagenum" name="Page_310" title="310"> </a>
+einsame, in einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene
+Schullehrerin, meine Schwester Hedwig. Möchten Sie
+sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer ganzen Empfindung
+Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein
+stolzeres Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei
+volle Monate lang als Müßiggänger bei ihr auf dem
+Lande, sie hat geweint, als ich ankam und mich ausgelacht,
+als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich
+Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und
+mir zugleich einen Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt,
+daß sie für mich nur eine leise, nicht abzuwehrende Verachtung
+hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich
+mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat
+mich bei ihr geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter
+und frecher als ein aufdringlicher Landstreicher, der sich
+nur seiner Schwester einmal erinnerte, weil er dachte:
+»da kannst du hingehen, bis du wieder auf zwei Füßen
+stehst«. &ndash; Aber wir haben die drei Monate hindurch wie
+in einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen
+gelebt. So etwas kann man niemals vergessen. Wenn
+ich ausging und im Walde spazierte und nicht wußte
+vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren
+kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von
+dem Nächsten und dem Fernsten zugleich. Sie war mir
+fern aus Ehrfurcht und nahe aus Liebe. Sie war so
+stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ, wie
+lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur
+gefreut, als ich mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet
+hatte. Das dauerte bis zu der letzten Stunde, den Abschied
+schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in dem
+Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen
+würde. Als ich, schon weggegangen, hinter mich den
+Hügel herabblickte, sah ich sie mir mit der Hand nachwinken,
+so freundlich und einfach, als ginge ich nur bis
+<a class="pagenum" name="Page_311" title="311"> </a>
+zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer
+Stunde wieder zurück. Und doch wußte sie, daß sie
+allein in der Verlassenheit zurückbleiben und die Aufgabe
+vorfinden würde, sich eines Gesellschafters zu entwöhnen,
+was immerhin eine Aufgabe und ein Stück innerlicher
+Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen,
+das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit
+wieder rauschen hören, wie das Kleid unserer Mutter
+auf dem Zimmerboden rauschte, wenn sie den Kindern
+entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester
+Hedwig ergeben in meinem Kopf immer ein innig
+verbundenes und zusammengewobenes Bild. Hedwig
+hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und gepflegt,
+wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken
+Sie: ein Kind sieht seine Mutter zum Kinde werden
+und wird Mutter an der Mutter. Welche seltsame Verschiebung
+der Gefühle. Meine Mutter war eine hochgeachtete
+Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein
+entgegenbrachte, war rein und kam aus dem
+Herzen heraus. Sie hat immer den Eindruck des Ländlichen
+und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll
+und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam
+und jede Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres
+Gesichts bat und gebot zu gleicher Zeit. Wie scharten
+sich die Damen in unserer Stadt um sie, und wenn sie
+spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet.
+Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit
+und wurde der Gegenstand der Sorge und
+der Scham. Man schämt sich eben kranker Familienglieder
+wegen und ist beinahe zornig, wenn man der
+Tage gedenkt, wo man die Gesunde und ringsumher
+Achtunggebietende gesehen hat. Kurz vor ihrem Tode,
+ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines Mittags
+einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben
+<a class="pagenum" name="Page_312" title="312"> </a>
+Sie, sie wäre mit ihrer wunderlich-schlanken Handschrift
+weiter gekommen als über die Anrede hinaus? Nein,
+sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war
+gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie,
+da lag der angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die
+Sonne schien draußen, und ich beobachtete das alles. Eines
+Nachts dann klopfte Hedwig an meiner Kammertüre: ich
+solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner Lichtstrahl
+fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich
+zum Bett hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen
+unglücklich und schlecht bestellt gewesen. Sie kam aus
+dem abgelegenen Gebirge zu ihrer Schwester, meiner
+Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste verrichten
+mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit
+Schnee bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben
+machte sie in einer kleinen Stube, bei einem
+armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen weh taten,
+weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte.
+Ihre Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die
+Schwermut kennen und stand, als sie Mädchen war,
+eines Tages an ein Brückengeländer angelehnt und dachte
+darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß hinab
+zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her
+geschoben und auf diese Art mißhandelt haben. Als ich
+als Knabe einmal von ihrer bösen Jugend hörte, schoß
+mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und
+haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner
+Großeltern. Für uns Kinder hatte die Mutter, als sie
+noch gesund war, etwas beinahe Majestätisches, vor dem
+wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie krank im
+Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller
+Sprung, so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht
+ins Mitleid überspringen zu müssen. Was dazwischen
+lag: die Zärtlichkeit und Vertraulichkeit zu ihr,
+<a class="pagenum" name="Page_313" title="313"> </a>
+war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß unser
+Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene
+stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich
+sie um so inniger bemitleiden ließ. Alle Flegeleien
+fielen mir wieder ein und alles unehrerbietige Betragen,
+und dann die Stimme der Mutter, mit der sie einen
+schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher
+erfolgende, handliche und wirkliche Abstrafung nur noch
+süßes, lächerliches Zuckerzeug dagegen war. Sie hat
+solch eine Stimme anzuschlagen gewußt, die einen im
+Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen
+ließ, die heftig Gekränkte so schnell wie nur
+möglich wieder besänftigt zu sehen. Ihre Sanftheit
+hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein
+Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu
+empfindlich war meine Mutter immer. Unsern Vater
+fürchteten wir alle lange nicht so, wie die Mutter, wir
+fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan
+haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten
+konnte. Er war ihr gegenüber machtlos, eine Natur, die
+das Energische nicht so sehr liebte wie das Sich-wohl-sein-lassen.
+Als munterer Gesellschafter war er gerne gesehen,
+aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann.
+Jetzt ist er achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird,
+so stirbt ein Stück Stadtgeschichte mit ihm; die alten
+Leute werden ihren Kopf bedenklicher und müder schütteln,
+wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen Geschäften
+nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich
+rüstigen Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein
+ziemlich wilder Geselle gewesen, den das Stadtleben allmählich
+abschliff, aber auch zum Wohlleben verführte.
+Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus
+rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die
+schon damals ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen
+<a class="pagenum" name="Page_314" title="314"> </a>
+im ganzen Lande einen gemischten Ruhm genoß. Die
+Industrie blühte damals wie eine feurige Pflanze auf und
+gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld wurde
+verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis
+sechs Tage gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges
+Wesen. Der Arbeiter lag tagelang am sonnigen Flußufer
+und angelte Fische, wenn er nichts Schlimmeres
+trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben,
+arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er
+wieder müßig gehen konnte. Der Handwerker verdiente
+vom Arbeiter, denn wenn die armen Leute Geld haben,
+so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen.
+Die Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner
+mehr bekommen zu haben, alles strömte aus dem umliegenden
+Lande herbei, in die Häuser, die schon besetzt
+und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das fertige
+Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und
+schmutzig sein, so viel sie wollten. Die Bauunternehmer
+hatten eine prachtvolle Zeit, sie brauchten nur immer
+bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als es
+nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre
+Damen fuhren in Kaleschen, während der alte Stadtadel
+die Nase dazu rümpfte. <ins title="Am">An</ins> Festtagen tat sich die Stadt,
+wie keine andere, hervor und entfaltete bei solcher Gelegenheit
+alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall
+als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute
+konnten unter solchen Umständen nicht klagen, die
+Schulkinder ebensowenig, nur einige Einsichtsvolle, die
+nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden, rosenbestreuten
+Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen.
+In solche Verhältnisse hinein kamen meine
+Eltern, Mutter mit ihrer empfindlichen Reizbarkeit und
+mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme, und Vater
+mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für
+<a class="pagenum" name="Page_315" title="315"> </a>
+Kinder ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber
+diese, die uns empfing, war ihrer Lage nach für Kinder,
+die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen, Höhlen, Flüsseufer,
+Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze
+zu ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß
+man die ganze Gegend spielend und Spiele erfindend,
+bis man aus der Schule kam. Ich wurde, als
+die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben.
+Im ersten Jahr hielt ich mich vortrefflich; denn das
+Neue, das mir begegnete in dieser Welt, jagte mir
+Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als
+Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der
+Direktor in Forma zum Teufel und behielt mich nur
+gnadenshalber aus Rücksicht auf meinen Vater, dem er
+seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war
+unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten,
+die ich nicht für würdig befand, mir Befehle
+zu erteilen. Es war etwas mir jetzt Unbegreifliches in
+mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel,
+jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu
+geworden, daß es Zeit war, mich fortzuschicken, und man
+tat es. Man suchte mir eine Stelle in einer entfernten
+Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch nichts
+anzufangen war. So kam ich fort. &ndash; Aber jetzt will
+ich nicht mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr
+sprechen davon. Es ist etwas Wunderbares, der frühen
+Jugend entronnen zu sein; denn sie ist nicht das gar
+nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer
+und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben.
+Je mehr man gelebt hat, desto sanfter lebt man. Wer
+heftig in der Jugend gelebt hat, der mag sich später
+nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig gebärden.
+Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer
+eines dem andern nach, so durch mußten, durch den
+<a class="pagenum" name="Page_316" title="316"> </a>
+Irrtum und durch die jähe, schnelle Empfindung hindurch,
+und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit
+so viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit
+nicht so voreilig als etwas Süßes preisen, und doch
+preisen; denn sie ist doch eine kostbare Erinnerung. Wie
+schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und behütende
+Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein,
+das ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche
+Phrase. Sie wissen das übrigens besser; denn Sie sind
+eine Frau. Was mich betrifft, so bin ich bis jetzt noch
+der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich besitze
+nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen
+könnte, daß ich einigermaßen mein Leben geordnet
+hätte. Sie erblicken nichts an mir, das auf eine bestimmte
+Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch
+immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe,
+allerdings mit wenig Ungestüm, und horche nur gespannt,
+ob jemand komme, der mir den Riegel zurückschieben
+möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und
+es kommt nicht gern jemand, wenn er die Empfindung
+hat, daß es ein Bettler ist, der draußen steht und anklopft.
+Ich bin nichts als ein Horchender und Wartender,
+als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es
+gelernt, zu träumen, während ich warte. Das geht Hand
+in Hand, und tut wohl, und man bleibt dabei anständig.
+Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe, darnach frage
+ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber
+der Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit
+gekommen, wie ich jetzt bin. Was kümmert mich das!
+Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen bewußt
+und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der
+Schwäche zu prahlen. Ich biete einem jeden mein
+Wissen, meine Kraft, meine Gedanken, meine Leistungen
+und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon
+<a class="pagenum" name="Page_317" title="317"> </a>
+machen <ins title="kann">kann.</ins> Streckt er den Finger aus und winkt
+mir, so ist einer, der vielleicht in einem solchen Falle
+heranhumpeln würde, ich aber springe, sehen Sie, so wie
+der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf alle
+Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können.
+Die ganze Welt saust mit, das ganze Leben! So ist
+es schön. Nur so! Nichts in der Welt ist mein, aber ich
+sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne keine Sehnsucht
+mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren
+mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich
+verabscheute sie bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie
+brauche und weil ich mich zum Verbrauchen ihnen anbiete.
+Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt zu
+mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir
+Arbeit geben!« Der macht mich glücklich. Dann weiß
+ich, was Glück ist! Glück und Schmerz sind vollständig
+verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher geworden,
+sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe
+und Weh mit ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn
+ich jemandem eine Dienst-Offerte einzureichen habe, so
+weise ich immer auf meine Brüder und deute an, daß,
+wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen
+erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen
+sei, worüber ich jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs
+bange, daß aus mir nicht auch noch eine Form
+wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als
+nur möglich. Und dann sollte das besser von selber,
+ohne, daß man es gerade beabsichtigte, kommen. Nun
+habe ich mir vorläufig ein paar grobe, breite Schuhe
+anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen
+schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich
+einer bin, der etwas will und wahrscheinlich auch etwas
+kann. Erprobt zu werden, das ist mir eine Lust! Kaum
+eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich arm bin,
+<a class="pagenum" name="Page_318" title="318"> </a>
+was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist
+nur eine kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition,
+der mit ein paar energischen Strichen abgeholfen werden
+kann. Es setzt höchstens einen gesunden Menschen in
+Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in keine
+Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht
+haben? Dann wäre es schade; denn Ihr Lachen
+ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es immer mein
+Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue
+diesem romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum
+nicht bleiben, wo man ist! Kann sich mir hier im Lande
+etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich Gelegenheit haben
+will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren
+Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust
+aufs Spiel zu setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit
+froh, der Lust, meine Beine und Arme nach Belieben
+zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir
+immer noch sehr munter erscheint, dann endlich des
+aufreizenden Bewußtseins, daß ich der Welt gegenüber
+als tief belasteter Schuldner dastehe, der alle Ursache
+hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der
+Liebe der Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner!
+Wenn ich mir sagen müßte, daß mich die Menschen
+gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da müßte
+ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis
+versteifen. Nein, die Sache steht anders, sie steht
+glänzend, wie sie glänzender für einen angehenden Mann
+nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt gekränkt
+hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte
+Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt
+bin: das Antlitz der Sühne fordernden, mütterlichen
+Erde! Ich zahle ab, was ich vernachlässigt, verspielt,
+verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich
+werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern
+<a class="pagenum" name="Page_319" title="319"> </a>
+dann einmal, einer schönen, traulichen
+Abendstunde erzählen, wie ich es gemacht habe, daß es
+gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es kann
+Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel
+entzückender, je längere und je schwerere Anspannung
+der Kräfte sie fordert. Jetzt kennen Sie mich einigermaßen.«</p>
+
+<p>Die Dame küßte ihn.</p>
+
+<p>»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken.
+Sonst, wenn das geschähe, wäre es schade, schade für
+Sie. Sie dürfen niemals wieder so verbrecherisch, so
+sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich zu
+wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten,
+gegen sich selber so allzustreng vorzugehen.
+Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie müssen es eine Zeitlang
+ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein
+Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen.
+Sie werden sonst zu zart. Ich will Sie lehren; das
+alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie lehren. Kommen
+Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den
+brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen
+Sie, daß ich Ihre arme, glückliche Gefangene bin? Kein
+Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen Sie nur.«&nbsp;&ndash;</p>
+
+<p class="center page-break">Buchdruckerei Roitzsch, G.&nbsp;m.&nbsp;b.&nbsp;H., Roitzsch.</p>
+
+<div id="tnote-bottom">
+<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p>
+
+<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt,
+wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle
+steht.</p>
+
+<ul id="corrections">
+<li><a href="#Page_2">Seite 2</a>:<br/>das so hübsch <span class="correction">sprach</span> einen guten Eindruck auf ihn<br/>das so hübsch <span class="correction">sprach,</span> einen guten Eindruck auf ihn</li>
+<li><a href="#Page_3">Seite 3</a>:<br/>von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn <span class="correction">sie</span> gedenken,<br/>von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn <span class="correction">Sie</span> gedenken,</li>
+<li><a href="#Page_14">Seite 14</a>:<br/><span class="correction">Gewiß</span>, mein Herr.«<br/><span class="correction">»Gewiß</span>, mein Herr.«</li>
+<li><a href="#Page_21">Seite 21</a>:<br/>geht wohl nicht gut. Wieviel kostet <span class="correction">es?</span><br/>geht wohl nicht gut. Wieviel kostet <span class="correction">es?«</span></li>
+<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/>nicht empfinden, er stört <span class="correction">mich.</span><br/>nicht empfinden, er stört <span class="correction">mich.«</span></li>
+<li><a href="#Page_35">Seite 35</a>:<br/>ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, <span class="correction">wäre,</span> es auch, um<br/>ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, <span class="correction">wäre</span> es auch, um</li>
+<li><a href="#Page_41">Seite 41</a>:<br/>lebendig werden zu wollen und den <span class="correction">Lorber</span>, den sie in<br/>lebendig werden zu wollen und den <span class="correction">Lorbeer</span>, den sie in</li>
+<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/>schon: hinhorchen <span class="correction">uud</span> beinahe das eigene Horchen<br/>schon: hinhorchen <span class="correction">und</span> beinahe das eigene Horchen</li>
+<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br/>bescheidene und meine <span class="correction">Kulter</span> eine delikatere, denn ich<br/>bescheidene und meine <span class="correction">Kultur</span> eine delikatere, denn ich</li>
+<li><a href="#Page_58">Seite 58</a>:<br/><span class="correction">»Indem</span> der alte Mann das sagte, erschien in dem<br/><span class="correction">Indem</span> der alte Mann das sagte, erschien in dem</li>
+<li><a href="#Page_60">Seite 60</a>:<br/>setzte sich mit der <span class="correction">größen</span> Freude neben ihn nieder, auf<br/>setzte sich mit der <span class="correction">größten</span> Freude neben ihn nieder, auf</li>
+<li><a href="#Page_63">Seite 63</a>:<br/>Rede <span class="correction">redetete</span> sich solch eine Seele ja so leicht in eine<br/>Rede <span class="correction">redete</span> sich solch eine Seele ja so leicht in eine</li>
+<li><a href="#Page_63">Seite 63</a>:<br/>in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. <span class="correction">Dennnoch</span><br/>in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. <span class="correction">Dennoch</span></li>
+<li><a href="#Page_79">Seite 79</a>:<br/><span class="correction">Sie</span>, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,<br/><span class="correction">»Sie</span>, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,</li>
+<li><a href="#Page_84">Seite 84</a>:<br/>sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die <span class="correction">Zukungen</span><br/>sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die <span class="correction">Zuckungen</span></li>
+<li><a href="#Page_85">Seite 85</a>:<br/>Ich sehe die Fische <span class="correction">schwimmmen</span>. Ich bin ganz still, ich<br/>Ich sehe die Fische <span class="correction">schwimmen</span>. Ich bin ganz still, ich</li>
+<li><a href="#Page_98">Seite 98</a>:<br/>und paßte besser auf seine Schritte auf; <span class="correction">dem</span> er stieß<br/>und paßte besser auf seine Schritte auf; <span class="correction">denn</span> er stieß</li>
+<li><a href="#Page_112">Seite 112</a>:<br/>wollte, kränkte es sie, und wenn man <span class="correction">ihre</span> Vorwürfe<br/>wollte, kränkte es sie, und wenn man <span class="correction">ihr</span> Vorwürfe</li>
+<li><a href="#Page_117">Seite 117</a>:<br/>käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles <span class="correction">erfahrene</span><br/>käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles <span class="correction">erfahren,</span></li>
+<li><a href="#Page_126">Seite 126</a>:<br/>Bettstelle wurde auf einem <span class="correction">breitem</span> Schlitten in der Nacht<br/>Bettstelle wurde auf einem <span class="correction">breiten</span> Schlitten in der Nacht</li>
+<li><a href="#Page_127">Seite 127</a>:<br/>sowie Lustbarkeiten fröhlich <span class="correction">miteiander</span>.<br/>sowie Lustbarkeiten fröhlich <span class="correction">miteinander</span>.</li>
+<li><a href="#Page_172">Seite 172</a>:<br/>In der Tat, er ließ die <span class="correction">Häfte</span> davon stehen,<br/>In der Tat, er ließ die <span class="correction">Hälfte</span> davon stehen,</li>
+<li><a href="#Page_180">Seite 180</a>:<br/>sagte die <span class="correction">Fau</span>.<br/>sagte die <span class="correction">Frau</span>.</li>
+<li><a href="#Page_181">Seite 181</a>:<br/>man begangen <span class="correction">hat</span>; und Simon nahm sich im stillen vor,<br/>man begangen <span class="correction">hat«</span>; und Simon nahm sich im stillen vor,</li>
+<li><a href="#Page_214">Seite 214</a>:<br/>Tränen der <span class="correction">Widersehensfreude</span> weinen werden. Es wird<br/>Tränen der <span class="correction">Wiedersehensfreude</span> weinen werden. Es wird</li>
+<li><a href="#Page_215">Seite 215</a>:<br/>aus der er schließlich <span class="correction">erwachte.«</span><br/>aus der er schließlich <span class="correction">erwachte.</span></li>
+<li><a href="#Page_219">Seite 219</a>:<br/>haben. Es war der Wagen, den diese <span class="correction">herumziehendie</span><br/>haben. Es war der Wagen, den diese <span class="correction">herumziehenden</span></li>
+<li><a href="#Page_240">Seite 240</a>:<br/><span class="correction">Karrossen</span> rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn<br/><span class="correction">Karossen</span> rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn</li>
+<li><a href="#Page_248">Seite 248</a>:<br/>haben <span class="correction">muße</span>. Einer riß beständig Witze, es war<br/>haben <span class="correction">mußte</span>. Einer riß beständig Witze, es war</li>
+<li><a href="#Page_266">Seite 266</a>:<br/>acht-, ein-, zwei- oder <span class="correction">vierzehntätige</span> Anstellung gefunden.<br/>acht-, ein-, zwei- oder <span class="correction">vierzehntägige</span> Anstellung gefunden.</li>
+<li><a href="#Page_272">Seite 272</a>:<br/>die ich mir verbunden wissen will, Geld auf <span class="correction">Dahrlehn</span><br/>die ich mir verbunden wissen will, Geld auf <span class="correction">Darlehn</span></li>
+<li><a href="#Page_288">Seite 288</a>:<br/><span class="correction">im</span>, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem<br/><span class="correction">ihm</span>, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem</li>
+<li><a href="#Page_289">Seite 289</a>:<br/>Ihnen dann der Spaß <span class="correction">verleien</span> müßte. Ziehen Sie sich<br/>Ihnen dann der Spaß <span class="correction">verleiden</span> müßte. Ziehen Sie sich</li>
+<li><a href="#Page_298">Seite 298</a>:<br/>um zu fragen, was er <span class="correction">wünsche</span> Aber es kam<br/>um zu fragen, was er <span class="correction">wünsche.</span> Aber es kam</li>
+<li><a href="#Page_298">Seite 298</a>:<br/><span class="correction">Entschuldigen</span> Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte<br/><span class="correction">»Entschuldigen</span> Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte</li>
+<li><a href="#Page_302">Seite 302</a>:<br/>einem ganz jungen, scheinbar etwas <span class="correction">vorkommenen</span> Menschen,<br/>einem ganz jungen, scheinbar etwas <span class="correction">verkommenen</span> Menschen,</li>
+<li><a href="#Page_304">Seite 304</a>:<br/>sondern zu zweien! Immer! Das war der <span class="correction">Hauptgedanke</span><br/>sondern zu zweien! Immer! Das war der <span class="correction">Hauptgedanke,</span></li>
+<li><a href="#Page_309">Seite 309</a>:<br/>lieber gar nichts, nicht <span class="correction">war</span>! Sie nicken und sagen mir<br/>lieber gar nichts, nicht <span class="correction">wahr</span>! Sie nicken und sagen mir</li>
+<li><a href="#Page_314">Seite 314</a>:<br/>die Nase dazu rümpfte. <span class="correction">Am</span> Festtagen tat sich die Stadt,<br/>die Nase dazu rümpfte. <span class="correction">An</span> Festtagen tat sich die Stadt,</li>
+<li><a href="#Page_317">Seite 317</a>:<br/>machen <span class="correction">kann</span> Streckt er den Finger aus und winkt<br/>machen <span class="correction">kann.</span> Streckt er den Finger aus und winkt</li>
+</ul>
+</div>
+
+
+
+
+
+
+
+
+<pre>
+
+
+
+
+
+End of the Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser
+
+*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER ***
+
+***** This file should be named 36172-h.htm or 36172-h.zip *****
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+ returns. Royalty payments should be clearly marked as such and
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+ money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
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+
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+ distribution of Project Gutenberg-tm works.
+
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+
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+
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+in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER
+WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO
+WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.
+
+1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
+warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages.
+If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the
+law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be
+interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by
+the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any
+provision of this agreement shall not void the remaining provisions.
+
+1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
+trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
+providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance
+with this agreement, and any volunteers associated with the production,
+promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works,
+harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees,
+that arise directly or indirectly from any of the following which you do
+or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm
+work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any
+Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause.
+
+
+Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm
+
+Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
+electronic works in formats readable by the widest variety of computers
+including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists
+because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from
+people in all walks of life.
+
+Volunteers and financial support to provide volunteers with the
+assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
+goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
+remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
+Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
+and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations.
+To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation
+and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4
+and the Foundation web page at http://www.pglaf.org.
+
+
+Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive
+Foundation
+
+The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
+501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
+state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
+Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
+number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at
+http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent
+permitted by U.S. federal laws and your state's laws.
+
+The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S.
+Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered
+throughout numerous locations. Its business office is located at
+809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email
+business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact
+information can be found at the Foundation's web site and official
+page at http://pglaf.org
+
+For additional contact information:
+ Dr. Gregory B. Newby
+ Chief Executive and Director
+ gbnewby@pglaf.org
+
+
+Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
+Literary Archive Foundation
+
+Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
+spread public support and donations to carry out its mission of
+increasing the number of public domain and licensed works that can be
+freely distributed in machine readable form accessible by the widest
+array of equipment including outdated equipment. Many small donations
+($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
+status with the IRS.
+
+The Foundation is committed to complying with the laws regulating
+charities and charitable donations in all 50 states of the United
+States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
+considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
+with these requirements. We do not solicit donations in locations
+where we have not received written confirmation of compliance. To
+SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any
+particular state visit http://pglaf.org
+
+While we cannot and do not solicit contributions from states where we
+have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
+against accepting unsolicited donations from donors in such states who
+approach us with offers to donate.
+
+International donations are gratefully accepted, but we cannot make
+any statements concerning tax treatment of donations received from
+outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.
+
+Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
+methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
+ways including checks, online payments and credit card donations.
+To donate, please visit: http://pglaf.org/donate
+
+
+Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic
+works.
+
+Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm
+concept of a library of electronic works that could be freely shared
+with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project
+Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support.
+
+
+Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
+editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S.
+unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily
+keep eBooks in compliance with any particular paper edition.
+
+
+Most people start at our Web site which has the main PG search facility:
+
+ http://www.gutenberg.org
+
+This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
+including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
+Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
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