diff options
Diffstat (limited to '36172-h/36172-h.htm')
| -rw-r--r-- | 36172-h/36172-h.htm | 11764 |
1 files changed, 11764 insertions, 0 deletions
diff --git a/36172-h/36172-h.htm b/36172-h/36172-h.htm new file mode 100644 index 0000000..efd128f --- /dev/null +++ b/36172-h/36172-h.htm @@ -0,0 +1,11764 @@ +<!DOCTYPE html PUBLIC "-//W3C//DTD XHTML 1.0 Strict//EN" +"http://www.w3.org/TR/xhtml1/DTD/xhtml1-strict.dtd"> +<html xmlns="http://www.w3.org/1999/xhtml" lang="de" xml:lang="de"> +<head> +<meta http-equiv="Content-Type" content="text/html;charset=utf-8"/> +<title>Geschwister Tanner, by Robert Walser—A Project Gutenberg eBook</title> +<style type="text/css"> +<!-- +p +{ + text-align: justify; + text-indent: 1.5em; +} + +p.center, +.center p, +#tnote p, +#tnote-bottom p, +p.no-indent, +p.drop-cap +{ + text-indent: 0; +} + +h1, +h2 +{ + text-align: center; + clear: both; + font-weight: normal; +} + +h1 +{ + margin: 4em auto 1.5em auto; + font-size: x-large; +} + +h2 +{ + margin: 6em auto 1em auto; + font-size: medium; + letter-spacing: 0.2em; + padding-left: 0.2em; +} + +hr.thought-break +{ + visibility: hidden; + margin: 1.5em auto; +} + +a:link, +a:visited +{ + text-decoration: none; +} + +ins +{ + text-decoration: none; + border-bottom: 1px dashed #add8e6; +} + +.gesperrt +{ + letter-spacing: 0.2em; + margin-right: -0.2em; +} + +em.gesperrt +{ + font-style: normal; + font-weight: normal; +} + +.antiqua +{ + font-style: italic; +} + +.center, +.center p +{ + text-align: center; +} + +.figcenter +{ + margin: 2em auto; + text-align: center; +} + +.figcenter img +{ + border: 1px solid black; +} + +a[title].pagenum +{ + position: absolute; + right: 3%; +} + +a[title].pagenum:after +{ + content: attr(title); + border: 1px solid silver; + display: inline; + font-size: x-small; + text-align: right; + color: #808080; + background-color: inherit; + font-style: normal; + padding: 1px 4px 1px 4px; + font-variant: normal; + font-weight: normal; + text-decoration: none; + text-indent: 0; + letter-spacing: 0; +} + +#tnote, +#tnote-bottom +{ + max-width: 95%; + border: 1px dashed #808080; + background-color: #fafafa; + text-align: justify; + padding: 0 0.75em; + margin: 6em auto; +} + +#corrections +{ + list-style-type: none; + margin: 0; + padding: 0; +} + +#corrections li +{ + margin: 0.5em 0.25em; +} + +#corrections .correction +{ + text-decoration: underline; +} + +@page +{ + margin: 0.25em; +} + +@media screen +{ + body + { + width: 80%; + max-width: 40em; + margin: 120px auto; + } + + p + { + margin: 0.75em auto; + } + + .page-break + { + margin-top: 8em; + } + + #tnote + { + width: 26em; + } + + #tnote-bottom + { + width: 30em; + } +} + +@media print, handheld +{ + p + { + margin: 0; + } + + #tnote, + #tnote-bottom + { + background-color: white; + border: none; + width: 100%; + } + + #tnote p, + #tnote-bottom p + { + margin: 0.25em 0; + } + + #tnote .screen, + .pagenum + { + display: none; + } + + ins + { + border: none; + } + + a:link, + a:visited + { + color: black; + } + + #tnote, + #tnote-bottom, + h1, + h2, + .page-break + { + page-break-before: always; + } +} + +@media handheld +{ + body + { + margin: 0; + padding: 0; + width: 95%; + } + + #corrections li + { + margin: 0; + } +} +--> +</style> +<!--[if lt IE 8]> +<style type="text/css"> +a[title].pagenum +{ + position: static; +} +</style> +<![endif]--> +</head> +<body> + + +<pre> + +The Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + + +Title: Geschwister Tanner + +Author: Robert Walser + +Release Date: May 21, 2011 [EBook #36172] + +Language: German + +Character set encoding: UTF-8 + +*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER *** + + + + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + + + + + +</pre> + + + +<div id="tnote"> +<p class="center"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></p> +<p>Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden +übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler wurden +korrigiert. <span class="screen">Änderungen sind im Text <ins title="so wie hier">gekennzeichnet</ins>, +der Originaltext erscheint beim Überfahren mit der Maus.</span> Eine +<a href="#tn-bottom">Liste der vorgenommenen Änderungen</a> findet sich +am Ende des Textes.</p> +</div> + +<div class="figcenter page-break" style="width: 415px;"> +<img id="coverpage" src="images/cover.jpg" width="415" height="600" alt=""/> +</div> + +<p class="center page-break" style="font-size: large; margin: 6em auto;">Geschwister Tanner</p> +<h1>Geschwister Tanner</h1> + +<p class="center" style="line-height: 1.6em;">Roman<br/> +<small>von</small><br/> +<big>Robert Walser</big></p> + +<p class="center" style="margin: 3em auto;">Zweite Auflage</p> + +<p class="center" style="line-height: 1.4em;">Verlag von Bruno Cassirer<br/> +Berlin</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_1" title="1"> </a>Erstes Kapitel.</h2> + +<p>Eines Morgens trat ein junger, knabenhafter Mann +bei einem Buchhändler ein und bat, daß man ihn dem +Prinzipal vorstellen möge. Man tat, was er wünschte. +Der Buchhändler, ein alter Mann von sehr ehrwürdigem +Aussehen, sah den etwas schüchtern vor ihm Stehenden +scharf an und forderte ihn auf, zu sprechen. »Ich will +Buchhändler werden,« sagte der jugendliche Anfänger, »ich +habe Sehnsucht darnach und ich weiß nicht, was mich +davon abhalten könnte, mein Vorhaben ins Werk zu +setzen. Unter dem Buchhandel stellte ich mir von jeher +etwas Entzückendes vor und ich verstehe nicht, warum +ich immer noch außerhalb dieses Lieblichen und Schönen +schmachten muß. Sehen Sie, mein Herr, ich komme +mir, so wie ich jetzt vor Ihnen dastehe, außerordentlich +dazu geeignet vor, Bücher aus Ihrem Laden zu verkaufen, +so viele, als Sie nur wünschen können zu verkaufen. +Ich bin der geborene Verkäufer: galant, hurtig, +höflich, schnell, kurzangebunden, raschentschlossen, rechnerisch, +aufmerksam, ehrlich und doch nicht so dumm +ehrlich, wie ich vielleicht aussehe. Ich kann Preise herabsetzen, +wenn ich einen armen Teufel von Studenten +vor mir habe, und kann Preise hochschrauben, um den +reichen Leuten ein Wohlgefallen zu erweisen, von denen +ich annehmen muß, daß sie manches Mal nicht wissen, +<a class="pagenum" name="Page_2" title="2"> </a> +was sie mit dem Geld anfangen sollen. Ich glaube, +so jung ich noch bin, einige Menschenkenntnis zu besitzen, +außerdem liebe ich die Menschen, so verschiedenartig +sie auch sein mögen; ich werde also meine Kenntnis +der Menschen nie in den Dienst der Übervorteilung +stellen, aber auch ebensowenig daran denken, durch +allzu übertriebene Rücksichtnahme auf gewisse arme +Teufel Ihr wertes Geschäft zu schädigen. Mit einem +Wort: meine Liebe zu den Menschen wird angenehm +balancieren auf der Wage des Verkaufens mit der +Geschäftsvernunft, die ebenso gewichtig ist und mir +ebenso notwendig erscheint für das Leben wie eine Seele +voll Liebe: Ich werde schönes Maß halten, dessen seien +Sie zum voraus versichert.« – Der Buchhändler sah den +jungen Mann aufmerksam und verwundert an. Er +schien im Zweifel darüber zu sein, ob sein <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Vis-à-vis</span>, +das so hübsch <ins title="sprach">sprach,</ins> einen guten Eindruck auf ihn +mache, oder nicht. Er wußte es nicht genau zu beurteilen, +es verwirrte ihn einigermaßen und aus dieser Befangenheit +heraus frug er sanft: »Kann ich mich denn, mein +junger Mann, geeigneten Ortes über Sie erkundigen?« +Der Angeredete erwiderte: »Geeigneten Ortes? Ich +weiß nicht, was Sie einen geeigneten Ort nennen! +Mir würde es passend erscheinen, wenn Sie sich gar +nicht erkundigen wollten. Bei wem sollte das sein, und +was für einen Zweck könnte das haben? Man würde +Ihnen allerlei über mich hersagen, aber genügte denn +das auch, Sie meinetwegen zu beruhigen? Was wüßten +Sie von mir, wenn man Ihnen zum Beispiel auch sagte, +ich sei aus einer sehr guten Familie entsprossen, mein +Vater sei ein achtbarer Mann, meine Brüder tüchtige, +hoffnungsvolle Menschen und ich selber sei ganz brauchbar, +ein bißchen flatterhaft, aber zu Hoffnungen nicht +unberechtigt, ein bißchen dürfe man mir schon vertrauen, +<a class="pagenum" name="Page_3" title="3"> </a> +und so weiter? Sie wüßten doch nichts von mir und +hätten absolut nicht die kleinste Ursache, mich nun mit +mehr Ruhe in Ihr Geschäft als Verkäufer anzunehmen. +Nein, Herr, Erkundigungen taugen in der Regel keinen +Pfifferling, ich rate Ihnen, wenn ich mir Ihnen, dem +alten Herrn gegenüber einen Ratschlag herausnehmen +darf, entschieden davon ab, weil ich weiß, daß, wenn +ich geeignet und beschaffen wäre, Sie zu hintergehen +und die Hoffnungen, die Sie, gestützt auf Informationen, +auf mich setzen, zu täuschen, ich dies in um so größerem +Maße täte, je besser besagte Erkundigungen lauten +würden, die dann nur gelogen hätten, weil sie Gutes +von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn <ins title="sie">Sie</ins> gedenken, +mich zu verwenden, so bitte ich Sie, etwas mehr Mut +zu bezeigen als die meisten andern Prinzipale, mit +denen ich zu tun hatte, und mich einfach auf den Eindruck +hin anzustellen, den ich Ihnen hier mache. Außerdem +würden einzuziehende Erkundigungen über mich nur schlecht +lauten, um offen die Wahrheit zu sagen.«</p> + +<p>»So? Warum denn? –«</p> + +<p>»Ich bin noch überall, wo ich gewesen bin,« fuhr +der junge Mensch fort, »bald weitergegangen, weil es +mir nicht behagt hat, meine jungen Kräfte versauern zu +lassen in der Enge und Dumpfheit von Schreibstuben, +wenn es auch, nach aller Leute Meinung, die vornehmsten +Schreibstuben waren, zum Beispiel gerade Bankanstalten. +Gejagt hat man mich bis jetzt noch nirgends, ich bin +immer aus freier Lust am Austreten ausgetreten, aus +Stellungen und Ämtern heraus, die zwar Karriere und +weiß der Teufel was versprachen, die mich aber getötet +hätten, wenn ich darin verblieben wäre. Man hat, wo +ich auch immer gewesen bin, regelmäßig meinen Austritt +bedauert und mein Tun beklagt, mir eine schlimme +Zukunft versprochen, aber doch den Anstand besessen, +<a class="pagenum" name="Page_4" title="4"> </a> +mir Glück auf meine fernere Laufbahn zu wünschen. +Bei Ihnen (und des jungen Mannes Stimme wurde +auf einmal treuherzig), Herr Buchhändler, werde ich es +sicherlich jahrelang aushalten können. Jedenfalls spricht +vieles dafür, Sie zu veranlassen, einmal einen Versuch +mit mir zu machen.« Der Buchhändler sagte: »Ihre +Offenherzigkeit gefällt mir, ich will Sie probeweise acht +Tage in meinem Geschäft arbeiten lassen. Taugen Sie, +und machen Sie dann Miene, weiter bei mir zu bleiben, +so wollen wir weiter miteinander reden.« Mit diesen +Worten, die zugleich des jungen Stellesuchers vorläufige +Entlassung bedeuteten, klingelte der alte Herr an der +elektrischen Leitung, worauf, wie von einem Strom herbeigeweht, +ein kleiner, ältlicher, bebrillter Mann erschien.</p> + +<p>»Geben Sie diesem jungen Herrn eine Beschäftigung!«</p> + +<p>Die Brille nickte. Damit war nun Simon Buchhandlungsgehilfe +geworden. Simon, ja so hieß er +nämlich. –</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Um diese Zeit herum machte sich einer der Brüder +Simons, der in einer Residenzstadt wohnhafte und dort +namhaft bekannte Doktor Klaus, Sorgen wegen seines +jungen Bruders Betragen. Es war dies ein guter, stiller, +pflichttreuer Mensch, der gar zu gern gesehen hätte, wenn +seine Brüder so wie er, der Älteste, im Leben einen festen, +achtunggebietenden Boden unter die Füße bekommen +hätten. Dies war aber so sehr nicht der Fall, wenigstens +bis jetzt, ja so sehr war das Gegenteil der Fall, daß Doktor +Klaus anfing, in seinem Herzen sich Selbstvorwürfe zu +machen. Er sagte sich zum Beispiel: »ich hätte derjenige sein +sollen, der schon längst allen Grund hätte haben müssen, +diese Brüder auf die rechte Bahn zu leiten. Ich habe es +bis jetzt versäumt. Wie konnte ich nur diese Pflicht versäumen +und so weiter.« Doktor Klaus kannte tausende +<a class="pagenum" name="Page_5" title="5"> </a> +von kleinen und großen Pflichten, und es mochte bisweilen +den Anschein tragen, als sehne er sich nach noch +mehr Pflichten. Er war einer von den Menschen, die +sich, aus Pflichterfüllungsbedürfnis, in ein ganzes, beinahe +zusammenstürzendes Gebäude von lauter sauren Pflichten +stürzen, aus Angst, es möchte vorkommen, daß ihnen +eine geheime, wenig bemerkbare Pflicht davonliefe. Sie +schaffen sich viele unruhige Stunden wegen solcher unerfüllten +Pflichten, denken nicht daran, daß eine Pflicht +immer eine neue auf den Übernehmer der ersten ladet +und glauben, schon etwas wie eine Pflicht erfüllt zu +haben, wenn sie sich wegen deren dunklen Vorhandenseins +ängstigen und beunruhigt fühlen. Sie mengen sich leicht +in Vieles, was sie, wenn sie weniger sorgenvoll darüber +nachdächten, in Gottes Welt gar nichts angeht, und +wollen auch gern andere so sorgenbelastet sehen. Sie +pflegen mit Neid auf Unbefangene und Pflichtenfreie zu +blicken und sie dann leichtfertige Menschenbrüder zu +schelten, weil sie so schön, mit so leicht erhobenem Kopf, +durch das Leben ziehen. Doktor Klaus zwang sich des +öftern zu einer gewissen kleinen, bescheidenen Sorglosigkeit, +aber immer wieder kehrte er zu den grauen, +trüben Pflichten zurück, in deren Bann er wie in einem +dunklen Gefängnis schmachtete. Er hatte vielleicht einmal +die Lust zum Abbrechen, damals als er noch jung war, +aber ihm fehlte die Kraft, etwas, das wie eine mahnende +Pflicht aussah, unerledigt hinter sich zu lassen und darüber +mit einem Lächeln der Wegwerfung hinwegzuschreiten. +Wegwerfung? O, er warf nie etwas weg! Es hätte +ihn, so deuchte ihn, wenn er es einmal versuchen wollte, +von unten bis oben zerschnitten; er würde immer des +Weggeworfenen mit Schmerz gedacht haben. Er warf +nie etwas weg und er verlor sein junges Leben damit, +zurechtzulegen und zu untersuchen, was nie der Untersuchung, +<a class="pagenum" name="Page_6" title="6"> </a> +Prüfung, Liebe und Beachtung wert war. So +war er denn älter geworden, und weil er denn doch +durchaus nicht etwa ein empfindungs- und phantasieloser +Mensch war, machte er sich oft schwere Vorwürfe +darüber, daß er die Pflicht versäumte, selbst ein bißchen +glücklich zu sein. Das war nun wieder ein neues Pflichtversäumnis +und bewies nur auf das Allertreffendste, daß +es eben Pflichtmenschen nie gelingt, alle ihre Pflichten +zu erfüllen, ja, daß es solchen am leichtesten vorkommen +kann, über ihre Hauptpflichten hinwegzusehen, um erst +später, wenn es vielleicht schon zu spät geworden ist, +ihrer wieder zu gedenken. Doktor Klaus war mehr als +einmal traurig über sich, wenn er des lieblichen Glücks +gedachte, das ihm entschwunden war, des Glücks, sich +mit einem jungen, lieben Mädchen verbunden zu sehen, +das natürlich ein Mädchen aus tadelloser Familie hätte +sein müssen. Um diese Zeit herum, als er mit Wehmut +seiner selber gedachte, schrieb er an seinen Bruder Simon, +den er aufrichtig lieb hatte und dessen Betragen in der +Welt ihn beunruhigte, einen Brief, der ungefähr folgendermaßen +lautete:</p> + +<p>Lieber Bruder. Du scheinst gar nichts über Dich +schreiben zu wollen. Vielleicht geht es Dir nicht gut +und schreibst deshalb nicht. Du bist wieder, wie nun +schon so oftmals, ohne eine feste, fixierte Tätigkeit, ich +habe es zu meinem Leidwesen erfahren müssen, und +zwar von fremden Menschen. Von Dir darf ich, wie +es scheint, keine aufrichtigen Berichte mehr erwarten. +Glaube nur, dies schmerzt mich. Es sind jetzt so viele +Dinge, die mich nur unangenehm berühren, mußt auch +Du, von dem ich mir immer vieles versprach, dazu beitragen, +meine Stimmung, die aus vielen Ursachen keine +rosige ist, zu verdunkeln? Ich hoffe noch, aber laß +mich, wenn Du Deinen Bruder noch ein bißchen lieb +<a class="pagenum" name="Page_7" title="7"> </a> +hast, nicht allzulang vergeblich auf Dich hoffen. Mache +doch einmal etwas, das einen berechtigen könnte, an +Dich, sei es in dieser oder jener Hinsicht, noch zu glauben. +Du hast Talent und besitzest, wie ich mir gerne einbilde, +einen hellen Kopf, bist auch sonst klug, und in allen +Deinen Äußerungen spiegelte sich immer der gute Kern +wieder, den ich in Deiner Seele von jeher wußte. +Warum nun aber, da Du doch die Einrichtungen dieser +Welt einmal kennst, immer wieder so wenig Ausdauer, +so rasch wieder der Sprung in etwas anderes? Ängstigt +Dich Dein eigenes Betragen gar nicht? Ich muß Kraft +in Dir vermuten, daß Du diesen immerwährenden Berufswechsel, +der zu nichts in der Welt taugt, ertragen kannst. +Ich an Deiner Stelle würde längst an mir verzweifelt +haben. Ich verstehe Dich wirklich nicht in diesem Punkt, +aber ich gebe gerade aus diesem Grunde keineswegs die +Hoffnung auf, Dich nun einmal energisch eine Laufbahn +ergreifen zu sehen, nachdem Du sattsam genug mußtest +die Erfahrung gemacht haben, daß ohne Geduld und +guten Willen auf der Welt nichts zu erreichen ist. Und +Du willst doch sicher etwas erreichen. So ganz unehrgeizig +kenne ich Dich wenigstens nicht. Mein Rat ist +nun der: Harre aus, füge Dich drei oder vier kurze +Jahre unter eine strenge Arbeit, folge Deinen Vorgesetzten, +zeige, daß Du etwas leisten kannst, aber auch, daß Du +Charakter besitzest, dann wird sich Dir eine Bahn eröffnen, +die Dich durch die ganze bekannte Welt führt, +wenn Du Lust zum Reisen hast. Welt und Menschen +werden sich Dir in ganz anderer Weise zu erkennen +geben, wenn Du wirklich etwas bist, wenn Du der +Welt etwas bedeuten kannst. So, scheint es mir, wirst +Du vielleicht weit mehr Genugtuung am Leben finden, +als selbst der Gelehrte, der, obschon er die Fäden, an +denen alles Leben und Wirken hängt, genau erkennt, +<a class="pagenum" name="Page_8" title="8"> </a> +doch an die enge Welt seines Studierzimmers gefesselt +bleibt, wo ihm, wie ich aus eigener Erfahrung sagen +darf, oft nicht behaglich zumute ist. Noch ist es Zeit, +daß Du ein ganz hervorragend tüchtiger Kaufmann werden +kannst, und Du weißt gar nicht, in welchem Maße gerade +der Kaufmann Gelegenheit hat, sein Leben zu einem +von Grund aus lebensvollen Leben zu gestalten. Wie +Du jetzt bist, schleichst Du nur so um die Ecken und +durch die Spalten des Lebens: das soll aufhören. Vielleicht +hätte ich da früher, viel früher eingreifen, hätte +Dir mehr mit Taten als mit bloßen, ermahnenden +Worten emporhelfen sollen, aber ich weiß nicht bei +Deinem stolzen Sinn, der darauf gerichtet ist, Dir immer +und überall selber zu helfen, hätte ich Dich vielleicht +eher kränken als Dich wirklich überzeugen können. Was +tust Du jetzt mit Deinen Tagen? Erzähle mir doch davon. +Ich verdiene es vielleicht, um der Sorge willen, +die ich mir Deinetwegen mache, daß Du etwas gesprächiger +und mitteilsamer mir gegenüber wirst. Ich selber, was +bin ich denn für einer, daß man sich hüten sollte, mir +unbefangen und vertraulich in die Nähe zu treten? Bin +ich Dir ein Gefürchteter? Was gibt es an mir zu +meiden? Etwa den Umstand, daß ich der »Ältere« bin +und vielleicht etwas mehr weiß, als Du? Nun denn, +so wisse, daß ich froh wäre, noch einmal jung zu werden, +und unvernünftig und unwissend. Ich bin nicht ganz +so froh, lieber Bruder, wie es der Mensch sein sollte. +Ich bin nicht glücklich. Vielleicht ist es zu spät für mich, +noch glücklich zu werden. Ich bin jetzt in einem Alter, +wo der Mann, der noch kein eigenes Heim hat, nicht +ohne die schmerzlichste Sehnsucht der Glücklichen gedenkt, +die die Wonne genießen, über der Leitung ihres Haushaltes +eine junge Frau besorgt zu sehen. Ein Mädchen zu +lieben, das ist schön, Bruder. Und es ist mir versagt. – +<a class="pagenum" name="Page_9" title="9"> </a> +Nein, Du brauchst mich gar nicht zu fürchten, ich bin +es, der Dich wieder aufsucht, der Dir schreibt, der hofft, +es werde ihm freundlich und zutraulich geantwortet. +Du stehst vielleicht reicher da, als ich, hast mehr Hoffnungen +und viel mehr Recht, solche zu hegen, hast Pläne +und Aussichten, von denen ich mir nicht einmal etwas +träume, ich kenne Dich eben nicht mehr ganz, und wie +wäre das auch möglich nach Jahren der Trennung. +Laß mich Dich wieder kennen lernen und zwinge Dich, +mir zu schreiben. Vielleicht erlebe ich es noch, meine +Brüder alle glücklich zu sehen; Dich möchte ich jedenfalls +froh wissen. Was macht Kaspar? Schreibt Ihr +Euch? Was macht seine Kunst? Ich möchte gerne +auch von ihm etwas erfahren. Lebe wohl, Bruder. +Vielleicht sprechen wir bald einmal miteinander. Dein +Klaus.</p> + +<p>Nach Ablauf von acht Tagen trat Simon, als es +Abend wurde, zu seinem Prinzipal ins Kabinett und hielt +diesem folgende Ansprache: »Sie haben mich enttäuscht, +machen Sie nur nicht solch ein verwundertes Gesicht, es +läßt sich nicht ändern, ich trete heute aus Ihrem Geschäft +wieder aus und bitte Sie, mir meinen Lohn auszubezahlen. +Bitte, lassen Sie mich ausreden. Ich weiß nur zu genau, +was ich will. In den acht Tagen ist mir der ganze +Buchhandel zum Greuel geworden, wenn er darin bestehen +soll, vom frühen Morgen bis am späten Abend, +während draußen die sanfteste Wintersonne scheint, an +einem Pult zu stehen, den Buckel zu krümmen, weil das +Pult viel zu klein für meine Figur ist, zu schreiben wie +der verflucht-erst-beste Schreiber und eine Beschäftigung +zu erfüllen, die sich für meinen Geist nicht ziemt. Ich +kann ganz anderes leisten, mein Herr Buchhändler, als +was man hier glaubt, für mich erübrigen zu können. +Ich glaubte, ich könne bei Ihnen Bücher verkaufen, elegante +<a class="pagenum" name="Page_10" title="10"> </a> +Menschen bedienen, einen Bückling machen und adieu sagen +zu Käufern, wenn sie im Begriffe sind, den Laden zu +verlassen. Auch dachte ich, ich bekäme Gelegenheit, +einen Blick in das geheimnisvolle Wesen des Buchhandels +zu werfen und die Züge der Welt im Gesichte und Gang +des Geschäftes zu erhaschen. Aber nichts von alledem. +Glauben Sie, es stände so schlimm mit meiner Jugend, +daß ich nötig hätte, sie in einem nichtsnutzigen Bücherladen +zu verkrümmen und zu ersticken? Sie irren sich +zum Beispiel auch, wenn Sie der Meinung sind, der +Buckel eines jungen Menschen sei dazu da, um krumm +zu werden. Warum haben Sie mir nicht ein gutes, +anständiges, mir angemessenes Sitz- oder Stehpult angewiesen? +Gibt es nicht prachtvolle Schreibpulte nach +amerikanischem Schnitt? Wenn man schon einen Angestellten +will, so meine ich, muß man ihn auch unterzubringen +wissen. Das wußten Sie, wie es scheint, +nicht. Weiß Gott, es wird alles mögliche von einem +jungen Anfänger verlangt: Fleiß, Treue, Pünktlichkeit, +Takt, Nüchternheit, Bescheidenheit, Maß und Zielbewußtheit +und wer weiß was noch alles. Wem aber fiele es je +ein, irgend welche Tugenden von einem Herrn Prinzipal +zu verlangen. Soll ich meine Kräfte, meine Lust, tätig +zu sein, meine Freude an mir selber, und das Talent, daß +ich das so glänzend imstande bin, an ein altes, mageres, +enges Buchladenpult wegwerfen? Nein, ehe ich das täte, +könnte es mir vorher einfallen, unter die Soldaten zu gehen +und meine Freiheit vollends zu verkaufen, nur um sie +überhaupt nicht mehr zu besitzen. Ich bin nicht gern, +gnädiger Herr, der Besitzer von etwas Halbem, lieber +will ich zu den ganz Besitzlosen gehören, dann gehört +mir meine Seele wenigstens noch an. Sie werden +denken, es zieme sich wenig, so heftig zu reden, und dies +sei auch nicht der schickliche Ort zu einer Rede: Wohlan, +<a class="pagenum" name="Page_11" title="11"> </a> +ich schweige, bezahlen Sie mich, wie es mir zukommt, +und Sie werden mich nie wieder zu Gesicht bekommen.«</p> + +<p>Der alte Buchhändler war ganz erstaunt, den jungen, +stillen, schüchternen Menschen, der während der acht +Tage so zuverlässig gearbeitet hatte, nun in solcher Weise +sprechen zu hören. Aus dem anstoßenden Arbeitsraume +sahen und horchten einige fünf zusammengedrängte Köpfe +von Beamten und Handlungsdienern der Szene zu. Der +alte Herr sprach: »Wenn ich das von Ihnen vermutet +hätte, Herr Simon, würde ich mich besonnen haben, +Ihnen in meinem Geschäfte Arbeit zu geben. Sie scheinen +ja ganz merkwürdig wankelmütig zu sein. Weil Ihnen +ein Schreibpult nicht paßt, will Ihnen gleich das Ganze +nicht passen. Aus welcher Gegend der Welt kommen +Sie denn her und gibt es dort lauter junge Leute von +Ihrem Schlag? Sehen Sie, wie Sie nun vor mir +altem Manne dastehen. Sie wissen wohl selbst nicht, +was Sie in Ihrem unreifen Kopf eigentlich wollen. +Nun, ich halte Sie nicht davon ab, von mir wegzugehen, +hier ist Ihr Geld, aber offen gestanden, es hat mir +nicht Freude gemacht.« Der Buchhändler zahlte ihm sein +Geld aus, Simon strich es ein.</p> + +<p>Als er nach Hause kam, sah er den Brief seines +Bruders auf dem Tisch liegen, er las ihn und dachte +dann bei sich: »Er ist ein guter Mensch, aber ich werde +ihm nicht schreiben. Ich verstehe es nicht, meine Lage +zu schildern, sie ist auch gar nicht des Beschreibens wert. +Zu Klagen habe ich keinen Anlaß, zu Freudesprüngen +ebensowenig, zu schweigen allen Grund. Es ist wahr, +was er schreibt, aber eben deshalb will ich es bei der +Wahrheit bewenden lassen. Daß er unglücklich ist, hat +er mit sich selbst abzumachen, aber ich glaube gar nicht, +daß er so sehr unglücklich ist. Das klingt in Briefen +so. Man wird während des Schreibens einfach fortgerissen +<a class="pagenum" name="Page_12" title="12"> </a> +zu unvorsichtigen Äußerungen. In den Briefen +will die Seele immer zu Wort kommen und sie blamiert +sich in der Regel. Ich schreibe also lieber nicht.« – +Damit war die Sache abgetan. Simon war voller Gedanken, +schöner Gedanken. Wenn er dachte, kam er +ganz unwillkürlich auf schöne Gedanken. Am nächsten +Morgen, die Sonne blendete hell, meldete er sich beim +Stellenvermittlungsbureau. Der Mann, der dort saß und +schrieb, stand auf. Der Mann kannte Simon sehr gut +und pflegte mit ihm mit einer Art spöttischer, hübscher Vertrautheit +zu verkehren. »Ah, Herr Simon! Sind Sie +wieder da! In welcher Angelegenheit kommen Sie denn?«</p> + +<p>»Ich suche eine Stelle.«</p> + +<p>»Sie haben schon zu wiederholten Malen Stelle +gesucht bei uns, man möchte versucht sein, zu sagen: +Sie suchen mit einer unheimlichen Schnelligkeit Stellen.« +Der Mann lachte, aber leise, denn eines groben Lachens +war er doch nicht fähig. »Wo waren Sie denn zuletzt +beschäftigt, wenn man Sie fragen darf?«</p> + +<p>Simon erwiderte: »Ich war Krankenwärter, und es +stellte sich heraus, daß ich alle Eigenschaften besitze, um die +Kranken pflegen zu können. Warum staunen Sie so +sehr bei dieser Eröffnung? Ist es so fürchterlich seltsam, +wenn ein Mann in meinem Alter verschiedenen Berufsarten +nachgeht, wenn er den Versuch macht, sich den +verschiedenartigsten Menschen nützlich zu erweisen? Ich +finde das hübsch an mir, weil ich dabei etwas tue, was +einen gewissen Mut erfordert. Mein Stolz wird in keiner +Weise verletzt dadurch, im Gegenteil, ich bilde mir etwas +darauf ein, allerhand Lebensaufgaben lösen zu können +und nicht vor Schwierigkeiten zu zittern, vor denen die +meisten Menschen zurückschrecken. Man kann mich brauchen, +diese Gewißheit genügt mir, um meinen Stolz zu befriedigen. +Ich will nützlich sein.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_13" title="13"> </a>»Warum sind Sie denn nicht bei dem Krankenwärterberuf +geblieben?« fragte der Mann.</p> + +<p>»Ich habe keine Zeit, bei einem und demselben Beruf +zu verbleiben,« erwiderte Simon, »und es fiele mir +niemals ein, wie so viele andere, auf einer Berufsart +ausruhen zu wollen wie auf einem Sprungfederbett. +Nein, das bringe ich, und wenn ich tausend Jahre alt +werde, nicht fertig. Lieber gehe ich unter die Soldaten.«</p> + +<p>»Passen Sie auf, daß es nicht mit Ihnen noch so +weit kommt.«</p> + +<p>»Es gibt auch noch andere Auswege. Das mit +den Soldaten ist eine flüchtige Redensart von mir, die +ich mir angewöhnt habe, um meine Reden zu beschließen. +Was hat ein junger Mann, wie ich, nicht für Auswege. +Ich kann, wenn es Sommer ist, zu einem Bauern gehen, +ihm auf dem Felde helfen, daß die Ernte beizeiten unter +Dach kommt, er wird mich willkommen heißen und meine +Kraft schätzen. Er wird mir zu essen geben, gutes Essen, +denn man kocht gut auf dem Lande, er wird mir, wenn +ich von ihm wegziehe, etwas Bargeld in die Hand +drücken, und seine junge Tochter, ein frisches, bildschönes +Mädchen, wird mir zum Abschied zulächeln, in einer +Weise, daß ich lange daran denken muß, während ich +weiter wandere. Was schadet es, zu wandern, auch +wenn es regnet oder gar schneit, wenn man seine gesunden +Glieder hat und sich weiter keine Sorgen macht. Sie, +in Ihrer gedrückten Enge, stellen sich nicht vor, wie +köstlich das Laufen auf Landstraßen ist. Sind sie +staubig, so sind sie es eben, wer frägt da lange darnach. +Nachher sucht man sich an einem Waldrande ein +kühles Plätzchen aus, wo der Blick, wenn man so daliegt, +die herrlichste Aussicht genießt, wo die Sinne auf +eine natürliche Weise ausruhen und die Gedanken nach +Lust und Geschmack denken können. Sie werden mir +<a class="pagenum" name="Page_14" title="14"> </a> +entgegenhalten, das könne ein anderer, zum Beispiel Sie +selber, auch haben, während Ihrer Ferien. Aber Ferien, +was ist das! Darüber kann ich nur lachen. Ich will mit +Ferien nichts zu tun haben. Ich hasse die Ferien geradezu. +Verschaffen Sie mir nur nicht einen Posten mit Ferien. +Das hat nicht den geringsten Reiz für mich, ja ich würde +sterben, wenn ich Ferien bekäme. Ich will mit dem Leben +kämpfen, bis ich meinetwegen umsinke, will weder Freiheit +noch Bequemlichkeit kosten, ich hasse die Freiheit, wenn +ich sie so hingeworfen bekomme, wie man einem Hund +einen Knochen hinwirft. Da haben Sie Ihre Ferien. Wenn +Sie etwa denken, Sie hätten in mir einen Menschen +vor sich, den es nach Ferien gelüstet, so irren Sie sich, +aber ich habe leider alle Ursache, zu vermuten, Sie denken +so von mir.«</p> + +<p>»Hier ist eine Aushilfsstelle bei einem Advokaten +zu besetzen, für ungefähr einen Monat. Paßt Ihnen +das?«</p> + +<p><ins title="Gewiß">»Gewiß</ins>, mein Herr.«</p> + +<p>Damit war Simon beim Advokaten. Er verdiente +dort ein ganz hübsches Geld und war ganz glücklich. +Nie erschien ihm die Welt schöner, als während +dieser Advokatenzeit. Er machte angenehme Bekanntschaften, +schrieb leicht und mühelos den Tag über, rechnete +Rechnungen nach, schrieb nach dem Diktat, was er +außerordentlich gut verstand, betrug sich, zu seinem Erstaunen +ganz reizend, so daß sein Vorgesetzter sich lebhaft +um ihn bekümmerte, trank jeweilen nachmittags seine +Tasse Tee, und träumte, während er schrieb, zum luftigen, +hellen Fenster hinaus. Träumen, und doch seine Pflicht +nicht hintenansetzen, das verstund er prächtig. »Ich verdiene +so viel Geld, dachte er bei sich, daß ich eine junge +Frau damit haben könnte.« Der Mond schien oft, wenn +er arbeitete, zum Fenster hinein, das entzückte ihn sehr.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_15" title="15"> </a>Seiner kleinen Freundin Rosa gegenüber äußerte +sich Simon folgendermaßen: »Mein Advokat hat eine +lange, rote Nase und ist ein Tyrann, aber ich komme +sehr gut aus mit ihm. Ich empfinde sein mürrisches, +gebieterisches Wesen als Humor und wundere mich, wie +gut ich mich allen seinen, und oft ungerechten Geboten +unterziehe. Ich liebe es, wenn es ein wenig scharf zugeht, +das paßt mir, das schwingt mich bis zu einer gewissen +warmen Höhe hinauf und reizt meine Arbeitslust. +Er hat eine schöne, schlanke Frau, die ich malen +möchte, wenn ich ein Maler wäre. Sie hat, glauben +Sie es nur, wunderbar große Augen und herrliche Arme. +Oft macht sie sich etwas bei uns im Bureau zu schaffen; +wie muß sie da auf mich armen Schreibteufel herabsehen. +Ich zittere, wenn ich solche Frauen sehe und bin +doch glücklich. Lachen Sie? Ihnen gegenüber bin ich +leider gewöhnt, ohne Schranken offen zu sein, und ich +hoffe, Sie sehen das gerne an mir.«</p> + +<p>Rosa liebte es in der Tat, wenn man offen zu ihr +war. Sie war ein merkwürdiges Mädchen. Ihre Augen +hatten einen wundervollen Glanz, und ihre Lippen waren +geradezu schön.</p> + +<p>Simon fuhr fort: »Wenn ich morgens um acht +Uhr zur Arbeit gehe, fühle ich mich so schön verwandt +mit allen denen, die ebenfalls morgens um acht Uhr +anzutreten haben. Welche große Kaserne, dieses moderne +Leben! Und doch wie schön und gedankenvoll ist gerade +diese Einförmigkeit. Man sehnt sich beständig nach etwas, +das an einen herantreten sollte, das einem begegnen +müßte. Man hat ja so sehr nichts, ist so sehr armer +Teufel, kommt sich so verloren vor in all der Gebildetheit, +Geordnetheit und Exaktheit. Ich steige die vier +Treppen hinauf und trete ein, sage guten Tag und beginne +mit meiner Arbeit. Du guter Gott, wie wenig +<a class="pagenum" name="Page_16" title="16"> </a> +muß ich leisten, wie wenig Kenntnisse verlangt man doch +von mir. Wie wenig scheint man zu ahnen, daß ich +noch ganz anderes fähig wäre. Aber mir behagt jetzt +diese reizende Anspruchslosigkeit seitens meiner Arbeitgeber. +Ich kann, während ich arbeite, denken, ich habe +alle Aussicht ein Denker zu werden. Ich denke oft an +Sie!«</p> + +<p>Rosa lachte: »Sie sind ein Schlingel! Aber fahren +Sie fort, es interessiert mich, was Sie da sagen.«</p> + +<p>»Die Welt ist eigentlich herrlich,« sprach Simon +weiter, »ich kann da bei Ihnen sitzen, und es hindert +mich niemand daran, stundenlang mit Ihnen zu plaudern. +Ich weiß, daß Sie mir gerne zuhören. Sie finden, +daß ich nicht ohne Anmut spreche, und ich muß +jetzt innerlich furchtbar lachen, weil ich das gesagt habe. +Aber ich sage eben alles, was mir gerade durch den Sinn +schießt, wäre es auch zum Beispiel gerade ein Eigenlob. +Ich kann mich auch mit ebensolcher Leichtigkeit tadeln, +und es freut mich sogar, wenn ich dazu Gelegenheit +habe. Sollte man denn nicht alles aussprechen dürfen? +Wie vieles geht verloren, wenn man es erst langsam +prüfen will. Ich mag nicht lange überlegen, bevor ich +spreche, und ob es sich schickt oder nicht, es muß eben +heraus. Wenn ich eitel bin, so muß eben meine Eitelkeit +ans Licht treten, wäre ich geizig, der Geiz spräche +aus meinen Worten, bin ich anständig, so wird ohne +Zweifel die Honettheit aus meinem Munde tönen, und +würde mich Gott zu einem braven Menschen gemacht +haben, so redete die Tüchtigkeit aus mir, was ich auch +immer spräche. Ich bin in dieser Beziehung ganz sorglos, +weil ich mich und uns ein wenig kenne und weil +ich mich davor schäme, im Gespräch Furcht zu bezeigen. +Wenn ich beispielsweise mit Worten jemanden beleidige, +verletze, kränke oder ärgere, kann ich den üblen Eindruck +<a class="pagenum" name="Page_17" title="17"> </a> +nicht mit den paar nächsten Worten wieder gutmachen? +Ich denke über mein Sprechen erst nach, wenn ich auf +dem Gesicht meines Zuhörers unangenehme Falten sehe, +so wie jetzt auf Ihrem Gesicht, Rosa.«</p> + +<p>»Das ist etwas anderes.« –</p> + +<p>»Sind Sie müde?«</p> + +<p>»Gehen Sie nach Hause, nicht wahr, Simon. Ich +bin allerdings jetzt müde. Sie sind hübsch, wenn Sie +sprechen. Ich habe Sie sehr lieb.«</p> + +<p>Rosa streckte ihrem jungen Freund ihre kleine Hand +entgegen, dieser küßte die Hand, sagte gute Nacht und +ging fort. Als er weg war, weinte die kleine Rosa lange +still für sich. Sie weinte um ihren Geliebten, einen jungen +Mann mit Locken auf dem Kopf, elegantem Schritt, edelgeschnittenem +Mund, aber liederlicher Lebensart. »So +liebt man die, die es nicht wert sind,« sagte sie für +sich, »und doch, liebt man etwas deshalb, weil man einen +Wert abschätzen möchte? Wie lächerlich. Was geht mich +das Wertvolle an, wo ich das Geliebte haben möchte.« +Dann ging sie zu Bett.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_18" title="18"> </a>Zweites Kapitel.</h2> + +<p>Eines Tages klingelte Simon, es war in der Mittagsstunde, +vor einem eleganten, freigelegenen Hause, das +einen Garten hatte, ziemlich schüchtern an. Ihm war, +als ob da ein Bettler geklingelt hätte, wie er es läuten +hörte. Wenn er jetzt drinnen im Hause zum Beispiel +als Hausinhaber gesessen hätte, vielleicht gerade beim +Mittagstisch, würde er, sich zu seiner Frau träge umwendend, +gefragt haben: Wer klingelt denn jetzt, gewiß +ein Bettler! »Vornehme Leute,« dachte er, während er +wartete, »denkt man sich immer an der Tafel, oder in +der Kutsche, oder beim Anziehen, wo ihnen Diener und +Dienerinnen behilflich sind, dagegen Arme immer draußen +in der Kälte, mit emporgezogenen Mantelkragen, wie ich +jetzt, vor einer Gartentür herzpochend wartend. Arme +Leute haben in der Regel schnelle, pochende, hitzige Herzen, +Reiche kalte, weite, geheizte, gepolsterte und vernagelte! +Ach, wenn nur rasch jemand herbeigesprungen käme, +wie würde ich aufatmen. Dieses vor einer reichen Türe +Warten hat etwas Beengendes. Wie stehe ich doch, trotz +meinem bißchen Welterfahrung, auf schwachen Beinen.« +– In der Tat, er zitterte, als ein Mädchen herbeisprang, +um dem Draußenstehenden zu öffnen. Simon mußte +immer lächeln, wenn jemand ihm eine Tür öffnete und +ihn zum Eintreten ersuchte, auch jetzt ging es nicht ohne +<a class="pagenum" name="Page_19" title="19"> </a> +dieses Lächeln ab, das wie eine leise Bitte im Gesicht aussah, +und das vielleicht bei vielen Menschen zu beobachten +ist.</p> + +<p>»Ich suche ein Zimmer.«</p> + +<p>Simon nahm seinen Hut vor einer schönen Dame ab, +die den Ankommenden aufmerksam prüfte. Simon war +es lieb, daß sie das tat; denn er fühlte, daß sie ein +Recht dazu hatte, und weil er sah, daß sie dabei ihre +Freundlichkeit nicht verlor.</p> + +<p>»Wollen Sie kommen? Da! Die Treppe hinauf.«</p> + +<p>Simon bat die Dame, voranzugehen. Er machte +dabei zum ersten Male in seinem Leben mit der Hand +eine Handbewegung. Die Dame zeigte dem jungen Mann +das Zimmer, indem sie eine Tür öffnete.</p> + +<p>»Welch ein schönes Zimmer,« rief Simon, der wirklich +überrascht war, »viel zu schön für mich, leider, viel +zu fein für mich. Sie müssen wissen, ich bin ein so +wenig für ein so feines Zimmer geeigneter Mensch. Und +doch, ich würde sehr gerne darin wohnen, allzugerne, viel, +vielzugerne. Es ist eigentlich von Ihnen nicht gut getan +gewesen, mir dieses Gemach zu zeigen. Viel besser, +Sie würden mich zu Ihrem Hause hinausgewiesen haben. +Wie komme ich dazu, meine Blicke in einen so heiteren, +schönen, wie als Wohnung für einen Gott geschaffenen +Raum zu werfen. Welch schöne Wohnungen +bewohnen doch die Wohlhabenden, die, die etwas besitzen. +Ich habe nie etwas besessen, bin nie etwas gewesen, und +werde trotz den Hoffnungen meiner Eltern nie etwas +sein. Welch schöne Aussicht aus den Fenstern, und so +hübsche, glänzende Möbel, und so reizende Vorhänge, +die dem Zimmer etwas Mädchenhaftes geben. Ich +würde hier vielleicht ein guter, zarter Mensch werden, +wenn es wahr ist, wie man sagen hört, daß Umgebungen +den Menschen verändern können. Darf ich es noch +<a class="pagenum" name="Page_20" title="20"> </a> +ein wenig anschauen, hier noch eine Minute stehen +bleiben?«</p> + +<p>»Gewiß dürfen Sie das.«</p> + +<p>»Ich danke Ihnen.«</p> + +<p>»Was sind Ihre Eltern, und, wenn ich fragen darf, +inwiefern sind Sie »nichts«, wie Sie sich vorhin ausdrückten?«</p> + +<p>»Ich bin ohne Stelle!«</p> + +<p>»Das würde mir ganz gleichgültig sein. Es kommt +drauf an!«</p> + +<p>»Nein, ich habe wenig Hoffnungen. Zwar, das darf +ich, wenn ich ohne Falsch sprechen soll, auch nicht sagen. +Ich bin voll Hoffnung. Nie, nie verläßt sie mich. +– Mein Vater ist ein armer, aber lebensfröhlicher +Mensch, dem es nicht einmal von ferne einfällt, seine +jetzigen kargen Tage mit den früheren glänzenden zu +vergleichen. Er lebt wie ein Junger von fünfundzwanzig +Jahren und gibt sich in keiner Weise Gedanken +über seine Lage hin. Ich bewundere ihn und suche ihn +nachzuahmen. Wenn er bei seinem schneeweißen Alter +noch munter sein kann, so muß es dreißig-, ja hundertmal +seines jungen Sohnes Pflicht sein, den Kopf hoch +zu tragen und die Menschen mit Augen wie der Blitz +anzuschauen. Aber die Mutter gab mir, und meinen +Brüdern weit mehr als mir, Gedanken mit auf die +Welt. Die Mutter ist gestorben.«</p> + +<p>Der Dame, die sehr lieb dastand, kam ein klagendes +Ach aus dem Munde.</p> + +<p>»Sie war eine herzlich gute Frau. Wir Kinder +sprechen immer und immer über sie, wann und wo wir +auch immer zusammentreffen. Wir leben zerstreut auf +dieser runden, weiten Welt, und das ist sehr gut, denn +wir haben alle solche Köpfe, wissen Sie, die nicht lange +zueinander taugen. Wir haben alle eine etwas schwere +<a class="pagenum" name="Page_21" title="21"> </a> +Art, die hinderlich sein würde, wenn wir verbunden +unter den Menschen aufträten. Das tun wir gottlob +nicht, und jedes von uns weiß genau, warum wir es nicht +tun wollen. Doch lieben wir uns, wie es sich geziemt. +Einer meiner Brüder ist ein nicht unbekannter Gelehrter, +ein anderer ist ein Spezialist im Börsenfach, +wieder ein anderer ist weiter nichts als mein Bruder, +weil ich ihn mehr als einen Bruder liebe, und es mir, wenn +ich an ihn denke, nicht einfiele, noch sonst etwas anderes hervorzuheben +an ihm, als eben den Umstand, daß er der +meinige ist, der, der so aussieht, wie er, sonst nichts. Mit +diesem Bruder zusammen möchte ich hier bei Ihnen +wohnen. Groß genug wäre das Zimmer. Aber es +geht wohl nicht gut. Wieviel kostet <ins title="es?">es?«</ins></p> + +<p>»Was ist Ihr Bruder?«</p> + +<p>»Landschaftsmaler! Wieviel würden Sie für das +Zimmer verlangen? – – So viel? Es ist sicherlich +nicht zu viel für dieses Zimmer, aber für uns ist es viel +zu viel. Auch, wenn ich recht bedenke, und wenn ich +Sie eindringlich anschaue, sind wir zwei Menschen nicht +dazu geeignet, in diesem Hause aus- und einzugehen, +als ob wir darin ansässig wären. Wir sind noch so +grob, wir würden Sie enttäuschen. Auch haben wir +die Gewohnheit, mit Bettbezügen, Möbelstücken, Wäschegegenständen, +Fenstervorhängen, Türklinken, Treppenabsätzen +hart umzugehen, das würde Sie erschrecken, Sie +würden uns böse werden, oder Sie würden vielleicht +verzeihen, ein Auge bemühen zuzudrücken, was noch +schmählicher wäre. Ich möchte nicht veranlassen, daß +Sie später mit uns Ärger hätten. Sicher, sicher! +Wehren Sie nur nicht ab. Ich sehe es zu deutlich. +Wir haben, im Grunde genommen, für alles feine Wesen +auf die Länge wenig Hochachtung übrig. Dergleichen +Menschen, wie wir sind, müssen vor reichen Gartengittern +<a class="pagenum" name="Page_22" title="22"> </a> +stehen, wo ihnen die Freiheit gelassen wird, über +den Glanz und die Sorgfalt spöttische Bemerkungen zu +machen. Wir sind Spötter! Adieu!«</p> + +<p>Die Augen der schönen Frau hatten einen tiefen +Glanz angenommen, und nun sagte sie auf einmal: +»Ich möchte doch Ihren Herrn Bruder und Sie annehmen. +Ich werde, was den Preis betrifft, mit Ihnen +schon einig werden.«</p> + +<p>»Nein lieber nicht!«</p> + +<p>Simon schritt schon die Treppe hinunter. Da rief +ihm die Stimme der Dame nach: »Bitte, bleiben Sie +doch noch.« Und sie eilte ihm nach. Unten holte sie +ihn ein und veranlaßte ihn, stehen zu bleiben und auf sie +zu horchen: »Was fällt Ihnen ein, so schnell wegzugehen. +Sehen Sie, ich will, ich möchte Sie beide dabehalten. +Und wenn Sie auch nicht bezahlen! Was macht das? +Gar nichts, gar nichts, kommen Sie doch, kommen Sie. +Treten Sie mit mir in dieses Zimmer. Marie! Wo +bist du? Bringe doch gleich den Kaffee hier ins Zimmer.«</p> + +<p>Drinnen sagte sie zu Simon: »Ich habe den Wunsch, +Sie und Ihren Bruder näher kennen zu lernen. Wie +konnten Sie nur davonrennen. Ich bin oft so allein +in diesem abgelegenen Hause, daß es mich ängstigt. +Mein Mann ist die ganze Zeit abwesend, auf weiten +Reisen, er ist Forscher, segelt auf allen Meeren, von +deren bloßem Vorhandensein seine arme Frau keine +Ahnung hat. Bin ich nicht eine arme Frau? Wie heißen +Sie? Wie heißt der andere, Ihr Bruder? Ich heiße +Klara. Nennen Sie mich einfach: Frau Klara. Ich +mag gern diesen einfachen Namen hören. Sind Sie +nun etwas zutraulicher geworden? Würde mich sehr, +so sehr freuen. Glauben Sie nicht, das wir miteinander +leben und auskommen können? Gewiß, das wird +schon gehen. Ich halte Sie für einen zarten Menschen. +<a class="pagenum" name="Page_23" title="23"> </a> +Ich fürchte mich nicht, Sie in meinem Hause zu haben. +Sie haben ehrliche Augen. Ist Ihr Bruder älter als Sie?«</p> + +<p>»Ja, er ist älter und ein viel besserer Mensch, +als ich.«</p> + +<p>»Sie sind ein braver Mensch, daß Sie das sagen +dürfen.«</p> + +<p>»Ich heiße Simon und mein Bruder heißt Kaspar.«</p> + +<p>»Mein Mann heißt Agappaia.«</p> + +<p>Sie erbleichte, als sie das sagte, doch sammelte sie +sich rasch und lächelte.</p> + +<p>Simon schrieb an seinen Bruder Kaspar: »Wir sind +eigentlich seltsame Käuze, wir zwei. Wir treiben uns +auf diesem Erdboden umher, als ob nur wir, und sonst +keine anderen Menschen darauf lebten. Wir haben eigentlich +eine verrückte Freundschaft geschlossen, als ob es sonst +unter den Männern nichts ausfindig zu machen gäbe, +was wert könnte genannt werden, Freund zu heißen. +Eigentlich sind wir gar keine Brüder, sondern Freunde, +wie zwei sich einmal auf der Welt zusammenfinden. +Ich bin wirklich nicht für die Freundschaft gemacht und +begreife nicht, was ich so Tolles an Dir nur finde, das +mich zwingt, mich immer wieder an Deine Seite, gleichsam +an Deinen Rücken heranzudenken. Dein Kopf +kommt mir jetzt bald wie der meinige vor, so sehr bist +Du schon in meinem Kopf; ich werde vielleicht im Verlauf +einiger Zeit, wenn es so weiter geht, mit Deinen +Händen greifen, mit Deinen Beinen laufen und mit +Deinem Mund essen. Unsere Freundschaft hat sicher +etwas Geheimnisvolles, wenn ich Dir sage, daß es +gar nicht so unmöglich ist, daß im Grunde genommen +unsere Herzen voneinander wegstreben, daß sie nur +nicht können. Ich bin ja nun noch recht froh, daß +Du noch immer nicht zu können scheinst, denn Deine +Briefe klingen sehr artig und ich wünsche vorläufig +<a class="pagenum" name="Page_24" title="24"> </a> +auch von mir, daß ich im Banne dieses Geheimnisvollen +sitzen bleibe. Für uns ist es ja gut, aber, wie +kann ich nur gar so trocken reden: ich finde es einfach, +um nicht zu lügen, entzückend. Warum sollten nicht +einmal zwei Brüder über das Maß hauen. Wir passen +ganz gut zusammen, wir paßten auch schon damals +zusammen, als wir uns haßten und beinahe totprügelten. +Weißt Du noch? Es braucht nichts als diesen Aufruf, +mit einer Portion gesunden Lachens vermischt, um in +Dir Bilder aufzurühren, zu leimen, zu malen, zu heften, +die wahrhaftig der Rückerinnerung mehr als wert sind. +Wir waren, ich weiß nicht mehr aus welcher Ursache +heraus, Todfeinde geworden. O, wir verstunden es, +einander zu hassen. Unser Haß war entschieden erfinderisch +im Auffinden von Qualen und Demütigungen, die +wir uns gegenseitig bereiteten. Beim Eßtisch warfst Du +mir einmal, um nur ein einziges Beispiel dieses jammervollen +und kindischen Zustandes anzuführen, eine Platte +mit Sauerkraut entgegen, weil Du mußtest, und sagtest +dazu: »Da, pack!« Ich muß Dir sagen, damals zitterte +ich vor Wut, schon deshalb, weil es für Dich eine schöne +Gelegenheit war, mich aufs grimmigste zu kränken, und ich +dazu nichts sagen konnte. Ich packte die Platte an, +und war eben dumm genug, den Schmerz der Kränkung +bis zur Kehle hinauf voll auszukosten. Weißt Du noch, +wie eines Mittags, es war ein stiller, totenstiller, sommerheißer, +vor Totenstille ganz toller Sonntagnachmittag, +dann einer zu Dir in die Küche herangezaudert kam +und Dich bat, mir wieder gut zu sein. Es war ein +unglaubliches Werk der Überwindung, kann ich Dir +sagen, sich so durch das Gefühl der Beschämung und des +Trotzes hindurchzuwinden, bis zu Dir, der Gestalt des +zur ablehnenden Verachtung neigenden Feindes. Ich +tat es, und ich bin mir dankbar dafür. Ob Du auch +<a class="pagenum" name="Page_25" title="25"> </a> +mir, ist mir freudig und duftig egal. Das kann nur +ich abschätzen. Geh mir weg, da willst Du mir was +dazwischenreden. Einfach nicht möglich. Weg da! – +Wie viele köstliche Stunden habe ich von da an mit +Dir genossen. Ich fand dich auf einmal zart, liebend +rücksichtsvoll. Ich glaube, die Wonne der Freude brannte +uns beiden auf den Wangen. Wir streiften, Du als +Maler, ich als Zuschauer und Dreinreder, über die Matten +auf den breiten Bergen, wateten im Duft des Grases, in +der Nässe des kühlen Morgens, in der Hitze des Mittags +und im feuchten, verliebten Untergehen der Sonne. Die +Bäume sahen uns zu, was wir da oben trieben und +die Wolken ballten sich zusammen, gewiß aus Zorn, daß +sie keine Macht besaßen, unsere neugebackene Liebe zu +brechen. Abends kamen wir gräßlich zerbrochen, verstaubt, +verhungert und vermüdet nach Hause, und auf +einmal gingst Du dann weg. Weiß der Teufel, ich half +Dir wegreisen, als ob ich dazu durch Handgeld verpflichtet +gewesen wäre, oder als hätte ich Eile gehabt, Dich +verduften zu sehen. Gewiß war es mir eine heilige Freude, +Dich abreisen zu sehen, denn Du reistest der großen Welt +entgegen. Wie wenig groß ist die große Welt, Bruder.</p> + +<p>Komm doch ja bald hierher. Ich kann Dich +beherbergen, wie ich eine Braut beherbergen würde, +von der ich annehmen müßte, daß sie gewohnt sei, +auf Seide zu liegen und von Bedienten bedient zu +werden. Ich habe zwar keine Dienerschaft, aber doch +ein Zimmer wie für einen gebornen Herrn. Ich +und Du, wir beide haben ein prachtvolles Chambre +einfach geschenkt, vor die Füße gelegt bekommen. Du +kannst hier ebensogut Bilder malen, wie dort in Deiner +dicken, fernen Landschaft, Du hast ja Phantasie. Eigentlich +sollte es jetzt Sommer sein, daß ich Deinetwegen +im Garten ein Gartenfest mit chinesischen Lichtern und +<a class="pagenum" name="Page_26" title="26"> </a> +Bändern von lauter Blumen veranstalten könnte, um +Dich einigermaßen Deiner würdig zu empfangen. Komm +eben so, aber mach nur, daß dieses Kommen rasch vorwärtskommt, +sonst komme ich und hole Dich. Meine +Herrin und Wirtin drückt Dir die Hand. Sie ist davon +überzeugt, daß sie Dich bereits aus meinen Schilderungen +von Dir kennt. Wenn sie Dich erst kennen wird, wird +sie weiter auf der Erde niemand mehr kennen lernen +wollen. Hast Du einen stattlichen Anzug? Schlottern +Dir Deine Hosen nicht gar so sehr um die Kniee +herum und darf man Deine Kopfbedeckung noch Hut +nennen? Sonst darfst Du nicht vor mir erscheinen. +Alles Spaß, alles Dummheiten. Laß Dich von Deinem +Simönchen umarmen. Leb wohl, Bruder. Hoffentlich +kommst Du bald.« –</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Einige Wochen waren verflossen, es fing an, wieder +Frühling zu werden, die Luft war feuchter und weicher, +es meldeten sich unbestimmte Düfte und Klänge, die +aus der Erde herauszukommen schienen. Die Erde war +weich, man schritt auf ihr wie auf dicken, biegsamen +Teppichen. Man glaubte, Vögel singen hören zu müssen. +»Es will Frühling werden,« so redeten sich die empfindungsvollen +Menschen auf der Straße an. Selbst die kahlen +Häuser bekamen einen gewissen Duft, eine sattere Farbe. +Es ging ganz sonderbar zu, und war doch eine so alte, +bekannte Erscheinung, aber man empfand es als gänzlich +neu, es regte zu einem seltsamen, stürmischen Denken +an, die Glieder, die Sinne, die Köpfe, die Gedanken, +alles regte sich, wie wenn es hätte von neuem wachsen +mögen. Das Wasser des Sees glänzte so warm und +die Brücken, die sich über den Fluß schlangen, schienen +einen kühneren Bogen bekommen zu haben. Die Fahnen +flatterten im Winde, und es machte den Menschen Vergnügen, +<a class="pagenum" name="Page_27" title="27"> </a> +sie flattern zu sehen. Die Sonne erst trieb die +Leute in Reihen und Gruppen auf die schöne, weiße, +saubere Straße, wo sie stehen blieben und den Kuß der +Wärme begierig fühlten. Viele Mäntel von vielen +Menschen wurden abgelegt. Man konnte die Männer +wieder freier sich bewegen sehen und die Frauen machten +so sonderbare Augen, als möchte ihnen etwas Seeliges +zu den Herzen herauskommen. In den Nächten hörte +man wieder zum ersten Mal den Klang der vagabondierenden +Gitarren, und Männer und Frauen standen im +Gewühl der fröhlichen, spielenden Kinder. Die Lichter +der Laterne flackten wie Kerzen in stillen Stuben, und +man empfand, wenn man über nachtdunkle Wiesen +hinschritt, das Blühen und Regen der Blumen. Das +Gras wird bald wieder wachsen, die Bäume werden ihr +Grün bald wieder über die niederen Hausdächer schütten +und den Fenstern die Aussicht nehmen. Der Wald wird +prangen, üppig, schwer, o, der Wald. – – Simon +arbeitete wieder in einem großen Handelsinstitut.</p> + +<p>Es war ein Bankhaus von weltbedeutendem Umfang, +ein großes Gebäude von palastähnlichem Aussehen, in +welchem hunderte von jungen und alten, männlichen +und weiblichen Leuten beschäftigt waren. Diese Leute +schrieben alle mit emsigen Fingern, rechneten mit Rechnungsmaschinen, +auch wohl bisweilen mit ihren Gedächtnissen, +dachten mit ihren Gedanken und machten sich nützlich +mit ihren Kenntnissen. Es gab da etliche junge, elegante +Korrespondenten, die vier bis sieben Sprachen schreiben +und sprechen konnten. Diese schieden sich durch ihr +feineres, ausländisches Wesen von dem übrigen Rechnervolk +aus. Sie waren schon auf Meerschiffen gefahren, +kannten die Theater in Paris und New-York, hatten in +Jokohama die Teehäuser besucht und wußten, wie man +sich in Kairo vergnügte. Nun besorgten sie hier die +<a class="pagenum" name="Page_28" title="28"> </a> +Korrespondenz und warteten auf Gehaltserhöhung, während +sie spöttisch von der Heimat sprachen, die ihnen +ganz klein und lausig vorkam. Das Rechnervolk bestund +zumeist aus älteren Leuten, die sich an ihre Posten +und Pöstlein wie an Balken und Pflöcken festhielten. +Sie hatten alle lange Nasen von dem vielen Rechnen +und gingen in zersessenen, zerschabten, zerglätteten, zerfalteten +und zerknickten Kleidern. Es gab aber etliche +intelligente Leute unter ihnen, die vielleicht im Geheimen +seltsamen, kostbaren Liebhabereien frönten und so ein +wenn auch stilles und abgelegenes so doch immerhin +würdiges Leben führten. Viele von den jungen Angestellten +waren dagegen feinerer Zeitvertreibe nicht fähig, +diese stammten meist von ländlichen Grundbesitzern, +Gastwirten, Bauern und Handwerkern ab, waren, da +sie in die Stadt kamen, sofort bemüht, städtisch-feines +Wesen anzunehmen, was ihnen jedoch schlecht gelang, +und kamen über eine gewisse tölpische Grobheit +nicht hinaus. Indessen, es gab da auch stille Bürschchen +von zartem Betragen, die seltsam abstachen von den +andern Flegeln. Der Direktor der Bank war ein alter, +stiller Mann, der überhaupt nie gesehen wurde. In +seinem Kopfe schienen die Fäden und Wurzeln des +ganzen ungeheuren Geschäftsganges ineinandergeworfen +zu liegen. Wie der Maler in Farben, der Musiker in +Tönen, der Bildhauer in Stein, der Bäcker in Mehl, +der Dichter in Worten, der Bauer in Strichen Landes, +so schien dieser Mann in Geld zu denken. Ein guter +Gedanke von ihm, zur guten Zeit ausgedacht, brachte in +einer halben Stunde dem Geschäft eine halbe Million. +Vielleicht! Vielleicht mehr, vielleicht weniger, vielleicht +nichts, und gewiß, manchmal verlor dieser Mann ganz +im stillen, und alle seine Untergebenen wußten nichts +davon, gingen, wenn die Glocke zwölf schlug, zum Essen, +<a class="pagenum" name="Page_29" title="29"> </a> +kamen um zwei Uhr wieder, arbeiteten vier Stunden, +gingen fort, schliefen, erwachten, standen zum Frühstück auf, +gingen wieder, wie am gestrigen Tag ins Gebäude, nahmen +die Arbeit wieder auf und keiner wußte, denn keiner hatte +Zeit, etwas von diesem Geheimnisvollen in Erfahrung +zu bringen. Und der stille, alte, grämliche Mann dachte +im Direktionszimmer. Für die Angelegenheiten seiner +Angestellten hatte er nur ein mattes, halbes Lächeln. +Es hatte etwas Dichterisches, Erhabenes, Entwerfendes und +Gesetzgeberisches. Simon versuchte oft, sich in Gedanken +an die Stelle des Direktors zu setzen. Aber im allgemeinen +verschwand ihm dieses Bild, und wenn er +darüber nachdachte, verschwand ihm überhaupt jeder +Begriff: »Etwas Stolzes und Erhabenes ist dabei, aber +auch etwas Unbegreifliches und beinahe Unmenschliches. +Warum gehen nur alle diese Leute, Schreiber und +Rechner, ja sogar die Mädchen im zartesten Alter, zu +demselben Tor in dasselbe Gebäude hinein, um zu kritzeln, +Federn anzuprobieren, zu rechnen und zu fuchteln, zu +büffeln und nasenschneuzen, zu bleistiftspitzen und Papier +in den Händen herumtragen. Tun sie das etwa gern, +tun sie es notgedrungen, tun sie es mit dem Bewußtsein, +etwas Vernünftiges und Fruchtbringendes zu verrichten? +Sie kommen alle aus ganz verschiedenen Richtungen, +ja einige fahren sogar mit der Eisenbahn aus +entfernten Gegenden daher, sie spitzen die Ohren, ob es +noch Zeit ist, vor Antritt einen privaten Gang zu unternehmen, +sie sind so geduldig dabei wie eine Herde von +Lämmern, verstreuen sich, wenn es Abend wird, wieder +in ihre speziellen Richtungen, und morgen, um dieselbe +Zeit, finden sie sich alle wieder ein. Sie sehen sich, erkennen +sich am Gang, an der Stimme, an der Manier, +eine Türe zu öffnen, aber sie haben wenig miteinander +zu tun. Sie gleichen sich alle und sind sich doch alle +<a class="pagenum" name="Page_30" title="30"> </a> +fremd und wenn einer unter ihnen stirbt oder eine Unterschlagung +macht, so verwundern sie sich einen Vormittag +lang darüber, und dann geht es weiter. Es kommt +vor, daß einer einen Schlaganfall bekommt während +des Schreibens. Was hat er dann davon gehabt, daß +er fünfzig Jahre lang im Geschäft »arbeitete«. Er ist +fünfzig Jahre lang jeden Tag zu derselben Türe ein +und ausgegangen, er hat tausend und tausendmal in seinen +Geschäftsbriefen dieselbe Redewendung geübt, hat etliche +Anzüge gewechselt und sich öfters darüber gewundert, +wie wenig Stiefel er des Jahres verbrauche. Und jetzt? +Könnte man sagen, daß er gelebt hat? Und leben +nicht tausende von Menschen so? Sind vielleicht seine +Kinder ihm der Lebensinhalt, ist seine Frau die Lust +seines Daseins gewesen? Ja, das kann es sein. Ich +will lieber über solche Dinge nicht klugreden, denn mir +will scheinen, als zieme es mir nicht, da ich noch jung +bin. Draußen ist jetzt Frühling und ich könnte zum +Fenster hinausspringen, so weh tut mir dieses lange, +lange Glieder-Nicht-Bewegen-dürfen. Ein Bankgebäude +ist doch ein dummes Ding im Frühling. Wie nähme +sich eine Bankanstalt etwa auf einer grünen, üppigen +Wiese aus? Vielleicht würde meine Schreibfeder mir +wie eine junge, eben aus der Erde gesprossene Blume +vorkommen. Ach, nein, spotten mag ich nicht. Vielleicht +muß das alles so sein, vielleicht hat alles einen +Zweck. Ich erblicke nur nicht den Zusammenhang, weil +ich zu sehr den Anblick erblicke. Der Anblick ist wenig +entmutigend: vor den Fenstern dieser Himmel, im Gehör +dieses süße Singen. Die weißen Wolken gehen am +Himmel und ich muß da schreiben. Warum habe ich +ein Auge für die Wolken. Wenn ich ein Schuhmacher +wäre, so machte ich doch wenigstens Schuhe für Kinder, +Männer und Damen, diese gingen im Frühlingstag in +<a class="pagenum" name="Page_31" title="31"> </a> +meinen Schuhen auf der Gasse spazieren. Ich würde +den Frühling empfinden, wenn ich meinen Schuh an +dem fremden Fuß erblickte. Hier kann ich den Frühling +nicht empfinden, er stört <ins title="mich.">mich.«</ins></p> + +<p>Simon ließ seinen Kopf hängen und war zornig +über seine weichen Gefühle.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Eines Abends, als er nach Hause ging, fiel Simon +auf der abendlich beleuchteten Brücke ein Mensch, der +vor ihm mit langen Schritten daherging, auf. Die +Gestalt in ihrer bemäntelten Schlankheit flößte ihm +einen süßen Schrecken ein. Er glaubte diesen Gang, +dieses Paar Hosen, diesen sonderbaren Kessel von Hut, +die flatternden Haare erkennen zu sollen. Der fremde +Mann trug eine leichte Malmappe unter dem Arm. +Simon ging mit etwas rascheren Schritten, von zitternden +Ahnungen befallen, und plötzlich, mit dem Schrei +»Bruder«, stürzte er dem Gehenden an den Hals. Kaspar +umarmte seinen Bruder. Sie gingen laut miteinander +plaudernd nach Hause, das heißt, sie hatten einen ziemlich +steilen Weg den Berg hinauf zu machen, über dessen +Abhang sich die Stadt mit Gärten und Villen hinzog. +Ganz oben am Berge schauten ihnen die kleinen, verfallenen +Vorstadthäuschen entgegen. Die untergehende +Sonne flammte in den Fenstern und machte sie zu +strahlenden Augen, die starr und schön in die Ferne +blickten. Unten lag die Stadt, weit und wohllüstig über +die Ebene gebreitet, wie ein flimmernder, glitzernder +Teppich, die Abendglocken, die immer anders sind als +Morgenglocken, tönten herauf, der See lag schwach gezeichnet, +in seiner zarten unaussprechlichen Form zu Füßen +der Stadt, des Berges und der vielen Gärten. Noch +blitzten viele Lichter nicht, aber die, die leuchteten, brannten +mit einer herrlichen, fremdartigen Schärfe. Die Menschen +<a class="pagenum" name="Page_32" title="32"> </a> +gingen und liefen jetzt da unten in all den krummen, +versteckten Straßen, man sah sie nicht, aber man wußte +es. »In der eleganten Bahnhofstraße würde es jetzt +herrlich zu gehen sein,« dachte Simon. Kaspar ging +schweigend. Er war ein prachtvoller Kerl geworden. +»Wie er daherschreitet,« dachte Simon. Endlich kamen +sie vor ihrem Hause an. »Wie? Am Waldesrande +wohnst du?« lachte Kaspar. Sie traten beide ins Haus.</p> + +<p>Als Klara Agappaia den neuen Ankömmling erblickte, +ging in ihren großen müden Augen ein seltsames Flammen +auf. Sie schloß ihre Augen und bog ihren schönen Kopf +auf die Seite. Es schien nicht, daß sie sehr große +Freude empfunden hätte, diesen jungen Mann zu sehen, +es erschien wie etwas ganz anderes. Sie versuchte unbefangen +zu sein, zu lächeln, wie man zu lächeln pflegt, +wenn man jemanden willkommen heißt. Aber sie vermochte +es nicht. »Geht hinauf,« sagte sie, »heute bin ich +so müde. Wie sonderbar. Ich weiß wirklich nicht, was +ich habe.« Die beiden suchten ihr Zimmer auf: Der +Mond beleuchtete es. »Wir zünden gar kein Licht an,« +sagte Simon, »laß uns so zu Bette gehen.« – Da +klopfte jemand an die Türe, es war Klara, sie sagte, +draußen stehend: »Habt ihr auch alles Notwendige, +fehlt euch nun nichts?« – »Nein, wir liegen schon im +Bett, was könnte uns fehlen.« – »Gute Nacht, Freunde,« +sagte sie, und öffnete ein wenig die Türe, schloß sie +wieder und ging. »Sie scheint eine seltsame Frau zu +sein,« meinte Kaspar. Dann schliefen sie beide.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_33" title="33"> </a>Drittes Kapitel.</h2> + +<p>Am andern Morgen packte der Maler seine Landschaften +aus der Mappe und es fiel zuerst ein ganzer +Herbst heraus, dann ein Winter, alle Stimmungen der +Natur wurden wieder lebendig. »Wie wenig das ist von +allem dem, was ich gesehen habe. So schnell das Auge +eines Malers ist, so langsam, so träge ist seine Hand. +Was muß ich noch alles schaffen! Ich meine oft, ich +müßte verrückt werden.« Alle drei, Klara, Simon und +der Maler, umstanden die Bilder. Es wurde wenig, +aber nur in Ausrufen des Entzückens gesprochen. Plötzlich +sprang Simon zu seinem Hut, der auf dem Boden +des Zimmers lag, setzte ihn wild und zornig auf den +Kopf, stürzte zur Türe hinaus, mit dem Ausruf: »Ich +habe mich verspätet.«</p> + +<p>»Eine Stunde zu spät! Das sollte bei einem jungen +Manne nicht vorkommen!« wurde ihm auf der Bank +gesagt.</p> + +<p>»Wenn es aber doch vorkommt?« fragte der Gescholtene +trotzig.</p> + +<p>»Wie, Sie wollen noch aufbegehren? Meinetwegen! +Machen Sie, was Sie wollen!«</p> + +<p>Das Betragen Simons wurde dem Direktor gemeldet. +Dieser beschloß, den jungen Mann zu entlassen, +<a class="pagenum" name="Page_34" title="34"> </a> +er rief ihn zu sich und sagte es ihm mit ganz leiser, sogar +gütiger Stimme. Simon sprach:</p> + +<p>»Ich bin recht froh, daß es ein Ende hat. Glaubt +man vielleicht, daß man mir damit einen Schlag versetzt, +daß man meinen Mut knickt, mich vernichtet, +oder dergleichen? Im Gegenteil, man erhebt mich, +man schmeichelt mir damit, man flößt mir wieder, +nach so langer Zeit, einen Tropfen Hoffnung ein. Ich +bin nicht dazu geschaffen, eine Schreib- und Rechenmaschine +zu sein. Ich schreibe ganz gern, rechne ganz +gern, betrage mich mit Vorliebe unter meinen Mitmenschen +mit Anstand, bin gern fleißig und gehorche, +wo es mein Herz nicht verletzt, mit Leidenschaft. Ich +würde mich auch bestimmten Gesetzen zu unterwerfen +wissen, wenn es darauf ankäme, aber es kommt mir +hier seit einiger Zeit nicht mehr darauf an. Als ich +mich heute morgen verspätete, wurde ich nur zornig +und ärgerlich, war mit gar keiner ehrlichen, gewissenhaften +Besorgnis erfüllt, machte mir keine Vorwürfe, +oder höchstens den Vorwurf, daß ich noch immer der +dumme, feige Kerl sei, der, wenn es acht Uhr schlägt, +springt, in Bewegung kommt, wie eine Uhr, die man +aufzieht und die eben läuft, wenn sie aufgezogen wird. +Ich danke Ihnen, daß Sie die Energie besitzen, mich +zu entlassen, und bitte Sie, von mir zu denken, was +Ihnen beliebt. Sie sind gewiß ein schätzenswerter, verdienstvoller, +großer Mann, aber, sehen Sie, ich möchte +auch so einer sein, und deshalb ist es gut, daß Sie +mich fortschicken, deshalb war es eine segensreiche Tat, +daß ich mich heute, wie man sich ausdrückt, unstatthaft +benommen habe. In Ihren Bureaus, von denen man +solches Aufheben macht, in denen so gern jeder beschäftigt +sein möchte, ist von einer Entwicklung eines +jungen Mannes nicht zu reden. Ich pfeife darauf, den +<a class="pagenum" name="Page_35" title="35"> </a> +Vorzug zu genießen, der mit der Auszahlung eines festen +monatlichen Gehaltes verbunden ist. Ich verkomme, verdumme, +verfeige, verknöchere dabei. Sie werden es überraschend +finden, mich solcher Ausdrücke bedienen zu +hören, aber Sie werden es zugeben, daß ich die völlige +Wahrheit spreche. Hier kann nur einer ein Mann sein: +Sie! – Kommt Ihnen nie der Gedanke, es möchten +sich unter Ihren armen Untergebenen Leute befinden, die +den Drang haben, auch Männer zu sein, wirkende, +schaffende, achtunggebietende Männer. Ich kann es unmöglich +hübsch finden, so ganz in der Welt auf der +Seite zu stehen, nur um nicht in den Ruf zu gelangen, ein +unzufriedener und wenig anstellbarer Mensch zu sein. +Wie groß ist hier die Versuchung zur Furcht und wie +klein die Verlockung, sich aus dieser jämmerlichen Furcht +loszureißen. Daß ich es heute herbeigeführt habe, dieses +beinahe Unmögliche, das schätze ich an mir, mag man +dazu sagen, was man nur immer will. Sie, Herr +Direktor, verschanzen sich hier, Sie sind nie sichtbar, +man weiß nicht, wessen Befehlen man gehorcht, man +gehorcht gar nicht, sondern stumpft nur seinen eigenen +schwachen Angewöhnungen nach, die das richtige treffen. +Welch eine Falle für junge, zur Bequemlichkeit und +Trägheit neigende junge Leute. Hier wird nichts verlangt +von all den Kräften, die möglicherweise den jungen +Mannesgeist beseelen, nichts erforderlich gemacht, was +einen Mann und Menschen auszeichnen könnte. Weder +Mut noch Geist, weder Treue noch Fleiß, weder Schaffenslust +noch Begierde nach Anstrengungen können einem +hier helfen, sich vorwärtszubringen: ja, es ist sogar verpönt, +Kraft und Fülle zu zeigen. Natürlich, es muß +ja verpönt sein, bei diesem langsamen, trägen, trocknen, +erbärmlichen Arbeitssystem. Leben Sie wohl, mein Herr, +ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, <ins title="wäre,">wäre</ins> es auch, um +<a class="pagenum" name="Page_36" title="36"> </a> +Erde zu schaufeln oder etliche Säcke Kohlen auf meinem +Rücken zu schleppen. Ich liebe jedwelche Arbeit, nur +solche nicht, bei deren Ausübung nicht sämtliche verfügbare +Kräfte angespannt werden.«</p> + +<p>»Soll ich Ihnen, trotzdem Sie es eigentlich nicht +verdient haben, ein Zeugnis ausstellen?«</p> + +<p>»Ein Zeugnis? Nein, stellen Sie mir keines aus. +Wenn ich kein Zeugnis, als höchstens ein schlechtes verdient +habe, will ich gar keines. Ich selbst stelle mir +von jetzt an meine Zeugnisse aus. Ich will mich von +nun an nur noch auf mich selbst berufen, wenn jemand +nach meinen Zeugnissen fragt, das wird bei vernünftigen, +klarblickenden Menschen den allerbesten Eindruck hervorrufen. +Ich freue mich, zeugnislos von Ihnen wegzugehen, +denn ein Zeugnis von Ihnen würde mich nur +an meine eigene Feigheit und Furcht erinnern, an einen +Zustand der Trägheit und Kraftentäußerung, an die Zeit +der nutzlos dahingelebten Tage, an die Nachmittage voll +wütender Befreiungsversuche, an die Abende der schönen, +aber zwecklosen Sehnsucht. Ich danke Ihnen, daß Sie +die Absicht hatten, mich in freundlicher Weise zu entlassen, +das zeigt mir, daß ich einem Manne gegenübergestanden +bin, der vielleicht einiges von dem, was ich +sprach, begriffen hat.«</p> + +<p>»Junger Mann, Sie sind viel zu heftig,« sprach +der Direktor, »Sie untergraben sich Ihre Zukunft!«</p> + +<p>»Ich will keine Zukunft, ich will eine Gegenwart +haben. Das erscheint mir wertvoller. Eine Zukunft hat +man nur, wenn man keine Gegenwart hat, und hat man +eine Gegenwart, so vergißt man, an eine Zukunft überhaupt +nur zu denken.«</p> + +<p>»Leben Sie wohl. Ich fürchte, Sie werden etwas +Schlimmes erleben. Sie interessierten mich, deshalb +habe ich Ihre Worte angehört. Sonst würde ich mit +<a class="pagenum" name="Page_37" title="37"> </a> +Ihnen nicht so viel Zeit verloren haben. Vielleicht +haben Sie Ihren Beruf verfehlt, vielleicht wird etwas +aus Ihnen. Lassen Sie es sich immerhin gut gehen.«</p> + +<p>Mit einer Neigung des Kopfes war Simon entlassen, +und er befand sich bald draußen auf der Straße. +Vor einer Konditorei erblickte er einen Mann auf- und abgehen, +wahrscheinlich in Erwartung von irgend jemandem, +vielleicht einer Frau, was konnte er wissen. Aber der +Mann erweckte sein Interesse. Es war, auf den ersten +Blick, ein abschreckend häßlicher Mensch, mit einem ganz +ungewöhnlich großen und gebogenen Schädel, einem +Vollbart im Gesicht und etwas müdem, ja tierischem +Ausdruck in den Augen. Sein Gang war geziert, aber +edel, seine Kleidung fein und geschmackvoll. In der +Hand trug er einen gelben Spazierstock; er schien ein +Gelehrter zu sein, aber ein noch junger Gelehrter. Der +ganze Mann, wie er sich bewegte, hatte etwas Sanftes, +Herzenbewegendes. Es schien, daß man es wagen durfte, +diesen Herrn ohne weiteres anzusprechen, und Simon +tat es.</p> + +<p>»Verzeihen Sie, mein Herr, Sie so ohne weiteres +anzureden. Ich habe eine Vorliebe für Sie gewonnen, +sowie ich Sie nur anblickte. Ich wünsche ihre Bekanntschaft +zu machen. Sollte dieser lebhafte Wunsch nicht +genügender Anlaß sein, um einen Menschen, wie Sie +sind, auf offener Straße anzusprechen? Sie sehen so +aus, als ob Sie jemand suchten, als ob Sie irgend +jemanden vermuteten, der auf diesem Platze Sie erwartete. +Es ist ein solches Gewimmel von Menschen +hier, daß es schwer sein wird für Sie allein, die betreffende +Person zu entdecken. Ich will Ihnen suchen helfen, +wenn Sie das Vertrauen haben, mir mit einigen Merkmalen +den Menschen zu schildern, zu dem es Sie hinzieht. +Ist es eine Dame?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_38" title="38"> </a>»Es ist allerdings eine Dame,« erwiderte der Herr +lächelnd.</p> + +<p>»Wie sieht sie aus?«</p> + +<p>»Schwarzgekleidet vom Kopf bis zu den Füßen. +Große, schlanke Erscheinung. Große Augen, die, wenn +Sie sie erblicken, Ihnen noch nachsehen, lange, lange, +wenn es auch gar nicht der Fall ist. Um den Hals trägt +sie eine Kette von großen, weißen Perlen, an den Ohren +lange, herabhängende Ohrringe. Ihre Knöchel sind von +goldenen, einfachen Reifen umschlossen. Ich meine die +Knöchel der Hände; das Gesicht hat etwas Volles, Ovales, +Üppiges. Sie werden es schon sehen. Um ihren Mund, +obgleich man sich darin täuscht, spielt etwas Verschlossenes +und Listiges, es ist ein etwas zugekniffener Mund. Übrigens +trägt sie gern einen breiten Hut mit herabhängenden +Federn. Der Hut scheint dem Kopf und dem Haar nur +so angeflogen. Genügt Ihnen diese Beschreibung noch +nicht, so mache ich Sie darauf aufmerksam, daß sie ein +Windspiel bei sich an einer dünnen, schwarzen Leine führt. +Sie geht nie aus ohne den Hund. Ich werde auf diesen +Posten bleiben und Sie zurückerwarten. Ich bin Ihnen +dankbar für Ihr Anerbieten, ganz abgesehen davon, daß +Sie mich schon Ihrer Anrede halber lebhaft interessieren. +Das Gewirr von Menschen wird wirklich immer größer. +Es scheint hier ein Fest zu sein.«</p> + +<p>»Ja, ich glaube, es ist so etwas. Ich pflege mich +um Feste wenig zu bekümmern.«</p> + +<p>»Warum denn?«</p> + +<p>»Man geht so seine eigenen Wege! Auf Wiedersehen!« +Damit ging Simon durch die dichten Menschenmassen +so schnell als möglich hindurch. Von allen Seiten +wurde er gedrängt und geschoben, beinahe gehoben. Aber +auch er drängte und er fand es höchst belustigend, so das +Gewühl von Leibern und Gesichtern langsam zu durchqueren. +<a class="pagenum" name="Page_39" title="39"> </a> +Endlich gelangte er auf eine Art Insel, das +heißt, auf einen kleinen, leeren Platz, und wie er sich +umsah, erblickte er plötzlich Frau Klara. Sie hatte wirklich +einen Hund bei sich. Seit er bei ihr wohnte, hatte +er sich nie um die Frau näher gekümmert, wußte also +auch nicht, daß sie die Gewohnheit hatte, mit ihrem +Hund auszugehen.</p> + +<p>»Es sucht Sie ein Herr,« sagte er als sie ihn bemerkte.</p> + +<p>»Mein Mann wahrscheinlich,« erwiderte sie, »kommen +Sie, wir gehen zusammen. Er ist von der Reise +plötzlich zurückgekehrt, ohne mir nur ein Wort zu schreiben. +So macht er es immer. Wie haben Sie seine +Bekanntschaft gemacht? Wie kommen Sie dazu, in seinem +Auftrag Damen zu suchen? Sie sind doch ein sonderbarer +Mensch, Simon. Was? Ihre Stellung haben Sie +aufgegeben? Nun, was wollen Sie jetzt unternehmen? +Kommen Sie! Hier durch! Hier ist besser durchkommen. +Ich werde Sie meinem Mann vorstellen.«</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Man beschloß, den Abend im Theater zu verbringen. +Kaspar wurde davon benachrichtigt und er fand sich zur +bestimmten Stunde vor dem Theater, das sich als ein +weißes, herrliches Gebäude am Ufer des Sees erhob, ein. +Als der Vorhang aufging, sah man nur in einen grauen, +leeren Raum hin. Doch der Raum belebte sich alsobald, +denn es erschien eine Tänzerin mit nackten Beinen und +Armen, die zu einer leisen Musik tanzte. Ihr Leib war +von einem durchschimmernden, flatternden, fließenden Gewand +umhüllt, das, so schien es, die Linien des Tanzes +noch einmal für sich, in der schwebenden Luft, nachzeichnete. +Man empfand die völlige Unschuld und Grazie +dieses Tanzes und es würde niemandem eingefallen sein, +in der Nacktheit des Mädchens etwas Unkeusches und +unrein-Beabsichtigtes zu finden. Ihr Tanz löste sich oft +<a class="pagenum" name="Page_40" title="40"> </a> +in ein bloßes Schreiten auf, doch auch dieses blieb Tanz, +und ein anderes Mal wieder schien die Tanzende von ihren +eigenen Wellen in die Höhe erhoben zu werden. Wenn +sie zum Beispiel ein Bein erhob und den schönen Fuß +krümmte, so geschah das in einer so neuen, unbefangenen +Weise, daß jedermann dachte: wo habe ich das einmal +gesehen, wo? Oder habe ich das nur irgend einmal geträumt? +Der Tanz dieses Mädchens hatte etwas Schweres +und Naturgemäßes. Gewiß, ihre Kunst war vielleicht, +streng nach Ballettregeln genommen, nicht allzugroß, ihr +Können mochte weit zurückbleiben hinter dem Können +und Leisten anderer Tänzerinnen. Aber sie besaß die +Kunst, mit ihrer bloßen, mädchenscheuen Anmut zu entzücken. +Wenn sie niederflog, so geschah es so süß-schwer, +und das Emporfliegen zu höherem Schwung berauschte +alle Seelen durch die Wildheit und Unschuld dieser Bewegung. +Wenn sie sich bewegte, war sie auch erregt +von dieser ihrer flüchtigen Bewegung, und ihre Erregung +erfand zu den Tönen immer neue Schwingungen. Ihre +Hände glichen zwei schönen weißen, flatternden Tauben. +Das Mädchen lächelte, wenn es tanzte, es mußte glücklich +dabei sein. Ihre Kunstlosigkeit wurde als höchste Kunst +empfunden. Einmal flog sie in großen weichen Sprüngen, +wie ein gejagter Hirsch, von einem Takt in den andern. Sie +schien wie ein Wellengesprudel zu tanzen, daß sich an einem +niedern Ufer zerschlägt und verspritzt, bald floß sie wie eine +breite, sonnige, machtvolle Welle dahin, wie eine Welle +mitten im See, bald war es wieder wie ein Geriesel von +Flocken und Steinchen, immer war es anders, und immer +so seelenvoll. Die Empfindungen aller Zuschauer tanzten +mit Lust und mit Schmerzen mit. Einigen preßte der +Tanz Tränen in die Augen, reine Tränen des Mit-Entzückens, +Mit-Tanzens. Wie schön war es, zu sehen, daß, +da das Mädchen seinen Tanz beendete, bejahrte, ehrfurchtgebietende +<a class="pagenum" name="Page_41" title="41"> </a> +Frauen sich stürmisch erhoben, dem Mädchen +mit Tüchern zuwinkten und ihr Blumen in den +Bühnen-Abgrund hinabwarfen. »Sei unsere Schwester,« +schien aller Lächeln zu bitten. »Welche Freude, dich meine +Tochter, wenn du's wolltest, zu nennen,« schienen die +Damen zu jubeln. Das hundertköpfige Zuschauerpublikum +sah die Kleine auf der einsamen Bühne und vergaß +die Grenze, überhaupt alle Scheidewand. Viele +Arme bogen sich, wie wenn sie hätten liebkosen mögen, +in die Luft; die Hände, die zuwinkten, bebten. Man +rief Worte hinab, die die bloße Freude erfand. Selbst +die kalten, goldenen Figuren der Dekoration schienen +lebendig werden zu wollen und den <ins title="Lorber">Lorbeer</ins>, den sie in +den Händen trugen, einmal auf ein Haupt fallen zu +lassen. So schön hatte Simon das Theater noch nie +gesehen. Klara war sehr entzückt, wer hätte es an diesem +Abend nicht sein können. Nur Herr Agappaia blieb still +und sagte kein Wort. Kaspar sagte: »Ich will eine solche +Ovation malen, das müßte ein herrliches Bild werden.« +»Aber schwer zu malen,« sagte Simon, »dieser Duft und +Glanz der Freude, dieses Schimmern des Entzückens, das +Kalte und Warme, das Bestimmte und Verschwommene, +Farben und Formen in diesem Duft, das Gold und das +schwere Rot, so untergehend in allen Farben, und die +Bühne, der kleine Brennpunkt und das kleine, selige +Mädchen darauf, die Kleider der Damen, die Gesichter +der Männer, die Logen und alles andere, wirklich, Kaspar, +es würde sehr schwer sein.«</p> + +<p>Klara sagte: »Wenn man jetzt an eine stille Landschaft +denkt, da draußen liegen sie, die Wälder und Hügel +und die weiten Wiesen, und man sitzt hier in einem +glitzernden Theater. Wie sonderbar. Vielleicht ist aber +alles Natur. Nicht nur das Große und Stille da draußen, +sondern auch das Bewegliche und Kleine, was die Menschen +<a class="pagenum" name="Page_42" title="42"> </a> +erschaffen. Ein Theater ist auch Natur. Was die +Natur uns heißt zu bauen, kann auch nur Natur, etwas +freilich wie Abart der Natur sein. Mag die Kultur so +fein werden wie sie will, sie bleibt doch Natur, denn sie +ist doch nur die langsame Erfindung durch Zeiten, und +zwar von Wesen, die an der Natur immer hangen werden. +Wenn Sie ein Bild malen, Kaspar, so wird es Natur, +denn Sie malen mit Ihren Sinnen und Fingern und +diese haben Sie doch von der Natur bekommen. Nein, +wir tun gut daran, sie zu lieben, immer ihrer recht zu +gedenken, sie, wenn ich so sagen darf, anzubeten, denn +irgendwo müssen die Menschen gebetet haben, sonst +werden sie schlecht. Wenn wir nun lieben, was uns +am nächsten ist, so ist das ein Vorteil, der unsere Jahrhunderte +stürmischer vorwärts treibt, der uns mit der +Erde gedankenvoll rollen läßt, ein Vorteil, der uns das +Leben schneller und seliger empfinden macht, den wir +also packen und ergreifen müssen, tausendmal, in tausend +Momenten, was weiß ich!« – – –</p> + +<p>Sie war ganz feurig geworden im Sprechen. »Habe +ich auch etwas Vernünftiges gesprochen?« fragte sie Kaspar.</p> + +<p>Kaspar antwortete nicht. Sie waren längst aus +dem Theater heraus und befanden sich auf dem Nachhauseweg.</p> + +<p>Simon war mit Herrn Agappaia ein Stück vorausgegangen.</p> + +<p>»Erzählen Sie mir etwas,« bat Klara ihren Begleiter.</p> + +<p>»Ich habe einen Kollegen, Erwin mit Namen,« erzählte +Kaspar, indem er neben der Frau herging, »er ist +wenig talentvoll, oder vielleicht war er in seiner frühesten +Jugend einmal talentvoll. Dagegen ist er noch immer, +trotzdem ihm das Malen nicht den geringsten Erfolg +verspricht, wie ein Satan in seine Kunst verliebt. Alle +seine Bilder nennt er schlecht, und sie sind es auch, aber +<a class="pagenum" name="Page_43" title="43"> </a> +er arbeitet jahrelang an ihnen. Er kratzt immer wieder +ab und malt von neuem. So die Natur zu lieben, +wie er, muß eine Qual sein und ist eine Schande; +denn ein Mann von Vernunft läßt sich nicht lange +von einem Gegenstand, und sei es auch die Natur +selber, foppen und narren und peinigen. Natürlich ist +nicht die Kunst seine Peinigerin, sondern er selber ist sein +Quäler mit seiner armseligen Auffassung von Kunst und +Welt. Dieser Erwin liebt mich. Ich malte, als wir beide +Anfänger waren, zusammen mit ihm. Wir tummelten +uns auf den Wiesen herum, unter den Bäumen, die +ich immer nur in vollster prangendster Blütenpracht +vor mir sehe, wenn ich an jene »gottvolle« Zeit denke. +Dieses Wort »gottvoll« ist eines, das Erwin in seiner +blinden Überschwenglichkeit geprägt hat, wenn er vor +Landschaften stand, deren Schönheit seine Fassungskraft +überstieg. »Kaspar, sieh einmal diese gottvolle Landschaft,« +das hat er, ich weiß nicht wie viel hundertmal, zu mir +gesagt. Schon damals, obgleich er ganz hübsche Bilder +zustande brachte, die mit Talent gemacht waren, +kritisierte er sich bissig und schonungslos. Er vernichtete +seine gelungenen Bilder und hob nur die mißlungenen auf, +weil er nur diese als wertvoll empfand. Sein Talent +litt furchtbar unter diesem beständigen Mißtrauen, bis +es schließlich unter solcher schlechter Behandlung eintrocknete +und versiegte wie ein Quell, der von der Sonne +verbrannt und ausgesogen wird. Ich riet ihm öfters, +fertige Bilder zu einem bescheidenen Preis zu verkaufen, +aber er hätte mir für diese Zumutung beinahe die Freundschaft +aufgekündet. Über mich verwunderte er sich täglich +mehr, wie ich nur so leicht und ziemlich frivol vor mich +hinmalen konnte, aber er achtete mein Talent, das er +zugeben mußte. Er wünschte, ich möchte meine Kunst +mit mehr Ernst betreiben, ich antwortete, daß es bei der +<a class="pagenum" name="Page_44" title="44"> </a> +Kunstausübung nur des Fleißes, des fröhlichen Eifers und +der Naturbeobachtung bedürfe, um zu etwas zu kommen, +und machte ihn auf den Schaden aufmerksam, den der +übertriebene, heilige Ernst um eine Sache der Sache +antun könne und müsse. Er glaubte mir wirklich, war +aber zu schwach, um sich von seinem verbohrten Ernst, +in den er festgebissen war, loszureißen. Dann reiste ich +weg, und bekam die sehnsüchtigsten Briefe von ihm, die +voll Trauer über meine Abreise klangen. Ich sei noch +derjenige gewesen, der ihn noch ein wenig munter erhalten +hätte. Ich möchte doch zurückkehren, oder wenn +nicht, so bäte er mich, daß ich ihm erlaube, mir nachzureisen. +Er tat es auch. Er war immer hinter mir wie +mein leibeigener Schatten, so oft ich ihn auch kalt, +spöttisch und von oben herab behandelte. Er vermied +die Frauen, ja er haßte sie, denn er befürchtete, von +ihnen von der Heiligkeit seiner Lebensaufgabe abgelenkt +zu werden. Infolgedessen lachte ich ihn aus und es +kann sein, daß ich ihn ziemlich verächtlich behandelt habe. +Er malte immer schwerfälliger und war immer versessener +in die Studien. Ich riet ihm, nicht so sehr zu +studieren und mehr die Hand an den Pinsel zu gewöhnen. +Er versuchte es und weinte beim Anblick meines sorglosen +In-den-Tag-hinein-Schaffens. Da unternahmen +wir zusammen eine Reise nach meiner Heimat, Sie +wissen! Über die breiten hohen Berge geht es da, in +tiefe Täler steil hinunter und sogleich wieder hinauf. +Mir war es ein Spaß zum Handausstrecken, ein Genießen, +ein etwas schnelleres Atmen, eine größere Inanspruchnahme +der Beine, weiter nichts. Erwin kam kaum vorwärts: +wirklich, seine Kräfte waren bereits zerrüttet von +der Ausschweifung seines Kunstsehnens. Eines Tages +erblickten wir, es war gegen Abend, auf einer hohen +Bergweide stehend, vor uns, durch Tannengeäst hindurch +<a class="pagenum" name="Page_45" title="45"> </a> +die drei Seen meiner Heimat. Erwin schrie bei diesem +Schauspiel auf. Es war in der Tat unvergeßlich +schön. Unten klang das Gelärm der Eisenbahnen, und +Glocken tönten herauf. Die Stadt konnte man noch +nicht sehen, aber ich wies Erwin mit der ausgestreckten +Hand auf die Stelle, wo sie liegen mußte. Wie die +Gewänder von Fürstinnen lagen blitzend und sanft leuchtend +die Seen ausgebreitet, von edlen Berglinien umschlossen, +mit entzückend zierlichen Uferbildungen, und so weit in +der Ferne, und doch so nah. Noch an diesem Abend +rückten wir, verstaubt und ausgehungert, zu Hause an. +Meine Schwester freute sich über den stillen Gast, den +ich brachte. Es mag jetzt etwa drei Jahre her sein. +Sie schloß sich mit der Zeit an ihn an, und ich darf +glauben, daß eine stille Liebe zu Erwin in ihr brannte. +Es schmerzte sie, zu sehen, in welcher Weise ich mit +ihrem Schutzbefohlenen umging. Sie bat mich, freundlicher +und achtungsvoller von ihm zu reden, wenn ich +von ihm in etwas lustigem Tone sprach. Lange hielt +es der arme Kerl auch nicht aus. Eines Tages nahm +er Abschied. Meiner Schwester hat er einen Spruch +ins Tagebuch schreiben müssen. Wie komisch das alles +ist und doch wie tief. Vielleicht hatte er, da er ihr +ins Buch schrieb, die Hand gedankenvoll gestützt, und +sich eine Zukunft mit meiner Schwester ausgedacht. +Was versprach ihm die Kunst? Ich hatte einige Sorge, +meine Schwester würde etwas wie eine Szene machen. +Aber sie schaute ihn bloß innig und gütig an beim Abschiednehmen. +Er durfte sie nicht anschauen, er wagte +es nicht. Kam er sich vor wie ein Erbärmlicher? Leicht +möglich. Vielleicht glaubte er überhaupt nicht, daß +Mädchen ihn lieben und zum Mann begehren könnten, +denn er hatte ein Muttermal quer über das ganze +Gesicht. Aber in meinen Augen hat ihn das immer +<a class="pagenum" name="Page_46" title="46"> </a> +veredelt. Ich sah ihn sehr gerne an. Wir reisten, und +dann frug er mich einmal, ob er meiner Schwester +schreiben dürfe. »Was geht das mich an,« rief ich aus. +»Schreibe, wenn du Lust hast!« Er ging wieder nach +Hause, in die ganz tote, düstere Umgebung seiner Akademieprofessoren. +Ich bemitleidete ihn, aber trennte mich kalt +von ihm, wenigstens zeigte ich ihm die Kälte, denn es +war mir unangenehm, einem Bemitleidenswerten gegenüber +warm zu werden. Er schrieb einige Briefe, die +ich nicht beantwortete, und er schreibt auch jetzt, und +auch jetzt antworte ich nicht. Er hängt zum Verzweifeln +an mir. Ist es da nötig, noch zu antworten? Er ist +verloren, er macht absolut keinen Fortschritt. Seine +gegenwärtigen Bilder sind schrecklich. Und doch hat +kein Mensch ein so inniges Bündnis mit mir gehabt +wie er, und wenn ich an jene Tage denke, wo wir zusammen +an der Natur hingen! Was geht alles in der +Welt vorüber. Man muß schaffen, schaffen und nochmals +schaffen, dazu ist man da, nicht zum Bemitleiden.«</p> + +<p>»Der arme Mensch,« sagte Klara, »ich habe Mitleid +mit ihm. Ich möchte, daß er hier wäre, und wenn er +krank wäre, wie gerne möchte ich ihn pflegen. Ein +unglücklicher Künstler ist wie ein unglücklicher König. +Wie tief in der Seele muß es ihn schmerzen, sich so +talentlos zu wissen. Ich kann es mir so gut denken. +Armer Kerl. Ich möchte ihm Freundin sein, da Sie +keine Zeit haben, Mitleid mit ihm zu empfinden. Ich +hätte Zeit. Was für arme Menschen gibt es doch auf +der Welt!«</p> + +<p>Kaspar sagte leise zu ihr und ergriff zum ersten +Mal ihre Hand: »Wie gut Sie sind!« –</p> + +<p>Der Wald war tiefschwarz, alles war dunkel, das +Haus war ein dunkler Fleck im Dunkel. Simon und +Agappaia warteten auf die beiden andern an der Haustür.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_47" title="47"> </a>»Sie kommen nicht. Kommen Sie, wir wollen +hineingehen.«</p> + +<p>»Ich möchte mich gleich schlafen legen,« sagte Simon.</p> + +<p>Als er bereits im Bett lag und die Augen zuschließen +wollte hörte er plötzlich einen Schuß fallen. Erschreckt +bis zum äußersten sprang er auf, riß das Fenster auf +und schaute hinaus. »Was ist das,« rief er hinunter. +Aber nur seine eigene Stimme widerhallte vom Walde +her. Der Wald war in eine schauerliche Totenstille gehüllt. +Plötzlich vernahm er, wie unten eine Männerstimme +sprach: »Es ist nichts, schlafen Sie. Verzeihen +Sie, daß ich Sie erschreckt habe. Ich pflege des Nachts +öfters im Walde zu schießen, es macht mir Vergnügen, +so den Schuß knallen und widerhallen zu hören. Der +eine pfeift gern eine Melodie, um sich, wenn alles so +still um ihn ist, zu zerstreuen. Ich schieße. Tragen Sie +Sorgfalt, daß Sie sich nicht erkälten so am offenen +Fenster. Die Nächte sind jetzt noch kühl. Gleich werden +Sie wieder schießen hören und dann werden Sie sich +wohl nicht mehr ängstigen. Ich erwarte noch meine +Frau. Gute Nacht. Schlafen Sie wohl.« Simon legte +sich wieder nieder. Dennoch fand er keinen Schlaf. Die +Stimme des Mannes hatte ihm so merkwürdig geklungen, +so ruhig, und das eben war das Eigentümliche. So +eisig, eigentlich ganz gewöhnlich freundlich, aber eben +darin lag das Eisige. Es mußte etwas dahinter stecken. +Aber vielleicht kannte er nur dieses Mannes Gewohnheiten +nicht. »Es gibt,« dachte er für sich, »heutzutage +ja sonderbare Käuze genug. Das Leben ist ja so langweilig, +das fördert das Anwachsen der Käuze. Man +wird, ehe man es recht weiß, zum seltsamen Kauz. So +mag auch dieser Agappaia gar nichts Wunderliches mehr +in seinen Wunderlichkeiten sehen. Man nennt es einfach +Sport und schlägt alle fremden Gedanken damit +<a class="pagenum" name="Page_48" title="48"> </a> +nieder. Immerhin, ich will jetzt versuchen, zu schlafen.« +– aber es kamen andere Gedanken, die alle mit Nächten +zu tun hatten. Er dachte an kleine Kinder, die nicht in +dunkle Zimmer zu gehen wagen, die nicht einschlafen +können im Dunkel. Die Eltern prägen den Kindern die +fürchterliche Angst vor dem Dunkel ein und schicken dann +zur Strafe die Unartigen in stille, schwarze Kammern. +Da greift nun das Kind im Dunkel, im dicken Dunkel +und stößt nur auf Dunkel. Des Kindes Angst und das +Dunkel kommen ganz gut miteinander aus, aber nicht +das Kind mit der Angst. Das Kind hat soviel Talent, +Angst zu haben, daß die Angst immer größer wird. Sie +bemächtigt sich des kleinen Kindes, denn sie ist etwas so +Großes, Dickes, Schweratmendes; das Kind würde zum +Beispiel gern schreien wollen, aber es wagt es nicht. +Dieses Nicht-Wagen vergrößert noch seine Angst; denn +etwas Furchtbares muß da sein, wenn man nicht einmal +vor Angst Angstschreie ausstoßen darf. Das Kind +glaubt, jemand horche im Dunkel. Wie schwermütig +einen das macht, sich solch ein armes Kind vorzustellen. +Wie die armen Öhrchen sich anstrengen, ein Geräusch zu +erhorchen: nur den tausendsten Teil eines Geräuschleins. +Nichts hören ist viel angstvoller als etwas hören, wenn +man schon einmal im Dunkel steht und hinhorcht. Überhaupt +schon: hinhorchen <ins title="uud">und</ins> beinahe das eigene Horchen +hören. Das Kind hört nicht auf, zu hören. Manchmal +horcht es, und manchmal hört es nur, denn das Kind +weiß zu unterscheiden in seiner namenlosen Angst. Wenn +man sagt: hören, so wird eigentlich etwas gehört, aber +wenn man sagt: horchen, so horcht man vergeblich, man +hört nichts, man möchte hören. Horchen ist Sache des +Kindes, das in eine dunkle Kammer eingesperrt wird, +zur Strafe für Unarten. Denke man sich jetzt, daß jemand +herankäme, leise, fürchterlich leise. Nein, das lieber +<a class="pagenum" name="Page_49" title="49"> </a> +nicht denken. Lieber das nicht denken. Derjenige, der +das denkt, stirbt mit dem Kinde vor Schreck. So zarte +Seelen haben Kinder, und solchen Seelen solche Schrecknisse +zudenken! Eltern, Eltern, stecket nie eure unartigen +Kinder in dunkle Kammern, wenn ihr sie vorher gelehrt +habt, Angst vor dem sonst so lieben, lieben Dunkel zu +empfinden. – –</p> + +<p>Jetzt hatte Simon keine Angst mehr, es möchte +noch in dieser Nacht etwas vorkommen. Er schlief ein, +und als er am Morgen erwachte, sah er seinen Bruder +ruhig neben sich im Bett schlafen. Er hätte ihn küssen +mögen. Er zog sich, um den Schlafenden nicht zu wecken, +so behutsam wie möglich an, öffnete leise die Türe und +ging die Treppe hinunter. Auf der Treppe begegnete +er Klara. Sie schien schon eine ganze Weile da gewartet +zu haben. Simon hatte jedoch kaum guten +Morgen gesagt, als ihn auch schon die Frau, die heftig +bewegt schien, um den Hals faßte und an sich zog und +voll Liebe küßte. »Ich will dich auch küssen, du bist ja +sein Bruder,« sagte sie mit leiser, gepreßter, glückseliger +Stimme.</p> + +<p>»Er schläft noch,« sagte Simon. Es war seine +Gewohnheit, Zärtlichkeiten, die nicht ihm galten, sanft +abzuweisen. Diese Ruhe brachte ihre Seele erst recht +in Bewegung. Sie ließ ihn nicht weitergehen, sondern +schloß ihn fester an sich, indem sie seinen Kopf in ihre +beiden Hände nahm und Küsse auf seine Stirne und +auf seine Wangen drückte. »Ich habe dich so lieb wie +einen Bruder. Du bist jetzt mein Bruder. Ich habe so +wenig und so viel, siehst du! Ich habe gar nichts, ich +habe alles gegeben. Wirst du mich meiden? Nein, +nicht wahr, nein! Ich besitze dein Herz, ich weiß es. +Ich bin reich mit einem solchen Vertrauten. Du liebst +deinen Bruder, wie keiner ihn liebt. Mit so viel Stärke +<a class="pagenum" name="Page_50" title="50"> </a> +und Willen. Erzähle mir von dir. Wie schön kommst +du mir vor. Du bist ganz anders, als er. Man kann +dich nicht beschreiben. Er sagte es auch, man könne +dich kaum fassen. Und doch, wie vertrauensvoll wirft +man sich dir entgegen. Küsse mich. Ich bin dein, in +dem Sinne, wie dein Herz es will. Dein Herz ist das +Schöne an dir. Sage nur nichts. Ich verstehe, daß +man dich nicht versteht. Du verstehst alles. Du bist +gut zu mir, sage, sage ja. Nein, sage nicht ja. Es ist +nicht nötig, ist gar, gar nicht nötig. Deine Augen haben +schon ja gesagt. Ich wußte es schon lange. Ich wußte +schon lange, daß es solche Menschen gäbe, zwinge dich +nur nicht zur Kälte. Schläft er? O nein, gehe noch +nicht. Ich muß mich noch ein wenig zanken mit dir. +Ich bin eine dumme, dumme, dumme Frau, nicht +wahr.«</p> + +<p>In diesem Tone würde sie fortgeredet haben, aber +Simon wehrte ihr ab, ganz sanft, wie es seine Art war. +Er sagte, er wolle einen Spaziergang machen. Sie sah +ihm nach, wie er davonging, aber er bekümmerte sich +nicht im geringsten um ihren Blick. »Ich diene ihr, +wenn sie mich zu einem Dienst braucht; selbstverständlich!« +sagte er zu sich. »Ich würde wahrscheinlich mein +Leben hinwerfen für sie, wenn es ihr diente zu ihrem +Wohlsein, es zu fordern; sehr wahrscheinlich! Ja, es ist +ziemlich sicher, daß ich das täte, gerade für so eine. Sie +hat so etwas Derartiges. Mit einem Wort: sie beherrscht +mich natürlich, aber was ist da weiter zu grübeln. Ich +habe an andere Sachen zu denken. Zum Beispiel heute +morgen bin ich glücklich, ich spüre meine Glieder wie +feine, geschmeidige Drähte. Wenn ich meine Glieder +spüre, bin ich glücklich, und da denke ich an keinen Menschen +auf der Welt, weder an ein Weib, noch an einen +Mann, einfach an nichts. Ach, ist das schön hier im +<a class="pagenum" name="Page_51" title="51"> </a> +Wald so am sonnigen Morgen. Ist das schön, frei zu +sein. Mag jetzt eine Seele an mich denken, mag sie, +oder mag sie nicht, jedenfalls denkt die meinige an gar +nichts. Ein solcher Morgen weckt immer eine gewisse +Brutalität in mir, aber das schadet nichts, im Gegenteil, +ist die Grundlage zum selbstlosen Naturgenuß. Herrlich, +herrlich. Wie das Gras in der Sonne blitzt. Wie der +weiße Himmel um die Erde brennt. Es kann ja auch +heute noch kommen, dieses Weichwerden. Wenn ich an +jemand denke, dann tu ich es heftig. Aber köstlicher ist +es, so wie ich jetzt bin. Lieblicher Morgen. Soll ich +dir ein Lied singen. Ja, du bist selber ein Lied. Viel +lieber möchte ich schreien und laufen wie der Teufel, oder +Schüsse abknallen wie der dumme Teufel Agappaia.« –</p> + +<p>Er warf sich auf die Matte nieder und träumte.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_52" title="52"> </a>Viertes Kapitel.</h2> + +<p>An diesem Morgen fuhren Kaspar und Klara in +einem kleinen, farbigen Boot auf dem See. Der See +war ganz ruhig wie ein glänzender, stiller Spiegel. Ab +und zu kreuzten sie einen kleinen Dampfer, dann gab +es für eine kurze Zeit breite, sanfte Wellen, und sie +durchschnitten diese Wellen. Klara war in ein ganz +schneeweißes Kleid gehüllt, die weiten Ärmel hingen an +den schönen Armen und Händen träge herunter. Den +Hut hatte sie abgenommen: die Haare hatte sie aufgelöst, +ganz unabsichtlich, mit einer schönen Bewegung der +Hand. Ihr Mund lächelte zu dem Munde des jungen +Mannes hinüber. Sie wußte nichts zu sagen, sie mochte +nichts sagen. »Wie schön das Wasser ist, es ist wie ein +Himmel,« sagte sie. Ihre Stirne war heiter wie die +Umgebung von See, Ufer und wolkenlosem Himmel. +Das Blau des Himmels war von einem duftenden und +schimmernden Weiß durchzogen. Das Weiß trübte ein +wenig das Blau, verfeinerte es, machte es sehnsüchtiger +und schwankender und milder. Die Sonne schien halb +durch, wie Sonne in Träumen. Es lag eine Zaghaftigkeit +in allem, die Luft fächelte ihnen um das Haar und +das Gesicht, Kaspars Gesicht war ernst, doch ohne Sorgen. +Er ruderte eine Weile stark, dann jedoch ließ er +die Ruder fahren, das Schiff schaukelte ohne Führung +<a class="pagenum" name="Page_53" title="53"> </a> +weiter. Er bog sich nach der versinkenden Stadt um, +sah die Türme und Dächer in der halben Sonne leicht +glitzern, sah, wie die emsigen Menschen über die Brücken +liefen. Die Karren und Wagen kamen nach, die elektrische +Trambahn sprang mit ihrem eigenartigen Geräusch +vorüber. Die Drähte sausten, die Peitschen knallten, +Pfeifen hörte man und große schallende Klänge von +irgend woher. Auf einmal tönten die Elfuhr-Glocken +in all die Stille und in all das ferne, zitternde Geräusch +hinein. Sie empfanden beide eine unaussprechliche Freude +am Tag, am Morgen, an den Tönen und Farben. Es +wurde alles zu einem Erfassen, zu einem Ton! Liebende, +wie sie waren, hörten sie alles in einen einzigen Ton +überschlagen. Ein Strauß von einfachen Blumen lag +in Klaras Schoße. Kaspar hatte seinen Rock ausgezogen +und ruderte wieder weiter. Da schlug es Mittag, und +alle diese Arbeits- und Berufsmenschen liefen wie ein +Haufen von Ameisen nach allen Straßenrichtungen auseinander. +Es wimmelte auf der weißen Brücke von +schwarzen, beweglichen Punkten. Und wenn man daran +dachte, daß jeder dieser schwarzen Punkte einen Mund +hatte, mit dem er jetzt das Mittagessen essen wollte, so +mußte man unwillkürlich lachen. Wie so ein Bild des +Lebens einzig sei, empfanden sie, und lachten dabei. +Auch sie kehrten jetzt um, denn schließlich waren sie auch +Menschen, die Hunger bekamen; und je näher sie dem +Ufer kamen, desto größer wurden wieder die Ameisen; +und dann stiegen sie aus und waren ebenfalls Punkte, +wie die andern. Aber sie spazierten selig unter den hellgrünen +Bäumen auf und ab. Viele Neugierige schauten +sich nach dem seltsamen Paare um: der Frau in dem +langen, nachschleppenden, weißen Gewande und dem +Flegel von Burschen, der nicht mal eine ordentliche Hose +trug, der so seltsam frech abstach von der Dame, die er +<a class="pagenum" name="Page_54" title="54"> </a> +begleitete. So pflegen sich die Menschen zu empören +und zu irren in ihren Mitmenschen. Auf einmal kam +jemand auf Kaspar lebhaft zugeschritten. Es war in der +Tat einer, der Grund hatte, ihn auf diese Weise zu begrüßen, +nämlich Klaus, der seinen Bruder schon seit +Jahren nicht mehr gesehen hatte. Hinter ihm kam die +Schwester und ein anderer Herr, und nun begrüßte sich +alles gegenseitig. Der fremde Herr hieß Sebastian.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Simon saß unterdessen, kaum tausend Schritte weit +entfernt, in einer Speisehalle, einem kleinen Raum, +vollgepfropft mit essenden Menschen. Hier pflegte allerhand +Volk zu essen, das billig und schnell essen mußte. +Simon liebte gerade diesen Ort, wo doch jede Bequemlichkeit +und Eleganz durchaus fehlte. Auch hatte er ja +mit dem Gelde zu rechnen. Das Speisehaus war von +einer Gruppe von Frauen gegründet, die sich, alle zusammen +gerechnet, Verein für Mäßigkeit und Volkswohl +nannten. In der Tat, wer da hineinging, der mußte +mit einem mäßigen und dünnen Essen zufrieden sein. +Meistens waren auch alle zufrieden, wenn man die +kleinen, bornierten Unzufriedenheiten abrechnet. Allen, +die hier verkehrten, schien das Essen zu behagen, das +aus einem Teller Suppe, einem Stück Brot, einer +Portion Fleisch, dito Gemüse und einem winzigen und +zierlichen Dessert bestand. Die Bedienung ließ nichts +zu wünschen übrig, als ein wenig mehr Behendigkeit, +aber im Grunde genommen war sie schnell genug in +Anbetracht der zahlreichen hungrigen Esser. Jeder bekam +sein Essen frühzeitig genug, auch wenn jeder eine kleine +Ungeduld nach noch frühzeitigerem Verabreichen verspürte. +Es war ein immerwährendes Essen-Austeilen, Essen-In-Empfangnehmen +und Essen-Verschlingen. Mancher, der +verschlungen hatte, mochte den Wunsch empfinden, noch +<a class="pagenum" name="Page_55" title="55"> </a> +nicht soweit zu sein, und sah neidisch auf solche, die zu +erwarten hatten, was doch eigentlich ganz nett war hinunterzuschlingen. +Warum aßen sie so schnell. Eine +absurde Gewohnheit, so schnell sein Essen zu essen. Die +Bedienung bestand aus ganz lieblichen Mädchen aus +der ländlichen Umgebung der Stadt. Eine kurze Zeit +waren diese Geschöpfe ziemlich unbeholfen, aber sie +lernten es, abzuwehren und mit dem Ablehnen Zeit zu +gewinnen, ganz dringende, brennende Wünsche zu befriedigen. +Wo so viele Wünsche waren, mußte unter +den Wünschen fein unterschieden und gewählt werden. +Ab und zu kam eine der Erfinderinnen dieses Geschäftes, +eine der Wohltäterinnen, und sah sich das Volk an, wie es +aß. Eine solche Dame setzte ihre Lorgnette ans Auge +und musterte das Essen und diejenigen, die es verzehrten.</p> + +<p>Simon empfand eine Vorliebe für diese Damen +und freute sich immer, wenn sie kamen, denn es kam +ihm so vor, als besuchten diese lieben, gütigen Frauen +einen Saal voll kleiner, armer Kinder, um zu sehen, wie +diese sich an einem Festmahl ergötzten. »Ist denn das +Volk nicht ein großes, armes, kleines Kind das bevormundet +und überwacht werden muß?« rief es in ihm, +»und ist es nicht besser, es wird überwacht von Frauen, +die doch vornehme Damen sind und gütige Herzen haben, +als von Tyrannen im alten, freilich heroischeren Sinn?« +– Was aß nicht alles in der Eßstube, zu einer friedlichen +Familie vereint! Studentinnen in erster Linie. +Hatten Studentinnen Zeit und Geld, um im Hotel Continental +zu essen? Und dann Dienstmänner in blauen, +leichten Kitteln mit Stiefeln an den Beinen, großen, +borstigen Schnurrbärten und ziemlich eckigen Mäulern +im Gesicht. Was konnten sie dafür, daß sie eckige +Mäuler hatten? Mancher im Hotel Royal hatte gewiß +<a class="pagenum" name="Page_56" title="56"> </a> +auch ein eckiges Gebaren rund um den Schnurrbart +herum. Freilich war dort das Eckige übertüncht mit +einer Rundung, aber was hatte das wohl zu heißen? +Auch Dienstmädchen ohne Stellung waren da, arme +Schreiber, überhaupt Weggejagte, Brotlose, Heimatlose +und auch solche, die nicht einmal eine Adresse besaßen. +Ebenso verkehrten hier Frauen von schlechtem Lebenswandel, +Weiber mit seltsamen Frisuren und blauen Gesichtern, +dicken Händen und frechen aber verschämten +Blicken. Alle diese Leute, allen voran natürlich die +heiligen Betbrüder, die ebenfalls zu sehen waren, benahmen +sich in der Regel schüchtern und zuvorkommend. +Alle schauten allen ins Gesicht während des Essens; kein +Wort wurde gesprochen, nur hin und wieder ein leises +und höfliches. Das war der sichtbare Segen des Volkswohles +und der Mäßigkeit. Etwas Drolliges, etwas +Einfaches, etwas Gedrücktes und wiederum etwas Befreites +lag auf den armseligen Menschen, in ihren +Manieren, die bunt waren wie die Farben eines Sommervogels. +Wie mancher benahm sich hier feiner als der +Feinste sonst in vornehmen Häusern. Wer konnte wissen, +wer er war, was er gewesen, vordem, ehe er ins Volksspeisezimmer +gelangte. Würfelte denn nicht das Leben +die Schicksale der Menschen heftig durcheinander wie mit +einem Würfelbecher? Simon saß in einer kleinen Ecke, +einer Art Erker, und aß Butter mit Honig, auf ein Stück +Brot zusammengestrichen, und trank eine Tasse Kaffee dazu: +»Was brauche ich mehr zu essen an einem so schönen +Tage. Blickt nicht der blaue Frühsommerhimmel holdselig +durch das Fenster auf mein goldnes Essen herab. +Freilich ist mein Essen ein goldenes. Man erblicke nur +den Honig: hat er nicht ein hellgelbes, süßgoldenes +Aussehen? Dieses Gold fließt so angenehm auf dem +kleinen, weißen Tellerchen herum, und wenn ich mit +<a class="pagenum" name="Page_57" title="57"> </a> +dem spitzen Messer davon absteche, so komme ich mir +vor wie ein Goldgräber, der einen Schatz entdeckt hat. +Das Weiß der Butter liegt entzückend daneben, dann +folgt die braune Farbe des wohlschmeckenden Brotes, und +über alles schön ist das Dunkelbraun des Kaffees in +der zierlichen, sauberen Tasse. Gibt es ein Essen auf +der Welt, das schöner und appetitlicher aussehen könnte? +Und ich stille meinen Hunger damit ganz vortrefflich, +und was brauche ich mehr, als meinen Hunger zu +stillen, um sagen zu können: ich habe gegessen? Es +soll Menschen geben, die sich aus dem Essen eine Kultur, +eine Kunst machen; nun, kann ich das etwa nicht auch +von mir sagen? Freilich! Nur ist meine Kunst eine +bescheidene und meine <ins title="Kulter">Kultur</ins> eine delikatere, denn ich +genieße das Wenige stürmischer und üppiger als jene +das Viele und Nicht-Aufhören-Wollende. Ich ziehe +außerdem nicht gern Mahlzeiten so sehr in die Länge, +ich könnte sonst leicht den Appetit darnach verlieren. +Mir liegt daran, immer und immer wieder Lust zum +Essen zu verspüren, deshalb esse ich spärlich und fein. +Außerdem habe ich noch etwas: eine pikante Unterhaltung +mit immer neuen Menschen.«</p> + +<p>Kaum hatte Simon dieses gemurmelt oder gedacht, +als ein alter Mann in weißen Haaren sich auf den +freien Platz zu ihm hinsetzte. Des alten Mannes Gesicht +war von einer grauen, abgemagerten Blässe, die Nase +tropfte, oder vielmehr, es hing ein großer Tropfen an +seiner Nase, der nicht fallen konnte, der aber doch schwer +zum Fallen war. Beständig glaubte man ihn herunterfallen +sehen zu sollen. Aber der Tropfen hing immer +noch. Der Mann bestellte sich einen Teller mit gesottenen +Kartoffeln, sonst weiter nichts, und aß dieselben, indem +er mit der Messerspitze sorgfältig Salz darauf streute, +mit umständlichem Behagen. Aber vorher hatte er die +<a class="pagenum" name="Page_58" title="58"> </a> +Hände zusammengefaltet, um ein Gebet an seinen Herrgott +zu verrichten. Simon erlaubte sich folgenden kleinen +Spaß: er bestellte heimlich ein Stück Braten bei dem +aufwartenden Mädchen und als das Bratenstück herankam, +mußte er über des Mannes Staunen, als es ihm +und keinem andern hingereicht wurde, herzlich lachen.</p> + +<p>»Warum beten Sie, bevor sie essen,« fragte Simon +einfach.</p> + +<p>»Ich bete, weil ich dessen bedarf,« erwiderte der +alte Mann.</p> + +<p>»Dann freut es mich, Sie beten gesehen zu haben. +Ich interessierte mich bloß, welches Gefühl Sie dazu +könnte veranlaßt haben.«</p> + +<p>»Man hat viele Gefühle dabei, mein junger Herr! +Sie zum Beispiel beten gewiß nicht. Dazu haben junge +Leute von heute keine Zeit und auch kein Verlangen +mehr. Ich kann es begreifen. Wenn ich bete, so fahre +ich bloß in meiner Gewohnheit fort, denn ich habe mir +das angewöhnt und es hat mir Trost gespendet.«</p> + +<p>»Waren Sie immer ein armer Mann?«</p> + +<p>»Immer.« –</p> + +<p><ins title="»Indem">Indem</ins> der alte Mann das sagte, erschien in dem +dumpfigen, wenngleich sauberen, so doch armseligen Speiselokal +die schöne Gestalt der Frau Klara. Sämtliche Hände, +die eine Gabel, einen Löffel oder ein Messer, oder den +Henkel einer Tasse festhielten, zögerten einen Augenblick, +in ihrem Geschäft fortzufahren. Alle Mäuler sperrten +sich auf, alle Augen hefteten sich fest auf eine Erscheinung, +die so wenig geeignet schien, etwas in diesem +Raume zu suchen zu haben. Sie war eine vollendete +Dame und war es in diesem Moment noch viel mehr. +Es war gerade, auch für Simons Augen und Sinne, +als wenn sich aus einem offenen, flatternden Himmel +ein Engel loslöse und nun zur Erde niederschwebe und +<a class="pagenum" name="Page_59" title="59"> </a> +dort irgend ein dunkles Loch aufsuche, um die Menschen, +die dort wohnen, mit seinem bloßen seligen Anblick zu +beglücken. So dachte sich Simon immer eine Wohltäterin, +die hingeht, zu den Elenden und Armen, die +nichts besitzen, als den zweideutigen Vorzug, von Moment +zu Moment mit Sorgen wie mit Ruten gepeitscht zu +werden. Klara benahm sich in dem Volkshause, ganz +wie wenn es sich von selber ergäbe, als ein höheres, +fernes, zugeflogenes Wesen aus anderen Grenzen, aus +einer andern Schicht und Welt. Das war ja das Herrliche, +Strahlende, das alle diese schüchternen Menschen +veranlaßte, die Augen aufzureißen, mit dem Atem zu +kämpfen und die Hände zu halten mit der andern Hand, +daß das Messer nicht herausfiel vor heftigem Erbeben. Klaras +Schönheit gab den Menschen urplötzlich mit Schmerz +etwas zu denken. Es kam ihnen plötzlich allen in den +Sinn, was es noch, außer rauher Arbeit und Kummer +um das tägliche Brot, auf der Welt gäbe. Von dieser +Art Gesundheit und völligen, üppigen, lächelnden Reizes +hatten sie alle beinahe keine Vorstellung mehr, so sehr +zerfloß ihnen das Leben in schwarzen, unsauberen Alltäglichkeiten, +zerrieb sich in Sorgen, klammerte sich um +Niedrigkeiten. Das alles fiel ihnen jetzt, wenn vielleicht +nicht jedem so deutlich, mit Qualen ein; denn eine Qual +ist es, eine Schönheit zu erblicken, an deren bloßem Duft +man sich zu berauschen meint, die einen tötet, wenn der +Gedanke sich dazu versteigt, mit ihrem Lächeln mitzulächeln. +Deshalb machten sie unwillkürlich auch alle +Grimassen, verzerrten ihre Gesichter zu der Frau hinauf, +die sie alle überragte, da alle auf niederen Stühlen, an +engen Plätzen festgeklemmt saßen, während sie, die Hohe, +hoch aufrecht stand. Sie schien jemand zu suchen. Simon +hielt sich still in seiner Ecke und lächelte die Umherblickende +unverwandt an. Sie bemerkte ihn lange nicht, +<a class="pagenum" name="Page_60" title="60"> </a> +obschon der Raum verhältnismäßig klein war; denn es +mochte sie anstrengen, ihre Augen an das zerwürfelte +dunkle, vermischte Bild zu gewöhnen und Gestalten zu +fixieren, die ihre Augen gewohnt waren, sonst überhaupt +nicht zu beachten. Schon wollte sie sich, etwas unwillig +geworden, wieder entfernen, als sie Simon mit einem +Blick streifte und erkannte. »Also hier sitzen Sie, und +noch dazu in solch eine Ecke gedrückt?« sagte sie, und +setzte sich mit der <ins title="größen">größten</ins> Freude neben ihn nieder, auf +den Platz zwischen ihrem jungen Freunde und dem alten +Mann, dessen Nase immer noch den großen glitzernden +Tropfen trug. Der Greis schlief. Es war nicht gestattet, +in solchen Lokalen zu schlafen, aber es war ein alltägliches +Vorkommnis, daß alte Leute hier, nachdem sie gegessen +hatten, einschliefen, aus einfacher, nicht mehr zu +bezähmender Müdigkeit. Dieser Greis hatte vielleicht +eine lange nutzlose Fußwanderung durch alle Straßen +der Stadt hinter sich. Er mochte vielleicht um Arbeit +nachgefragt haben, überall, wo ihn seine Gedanken nur +leise hinweisen konnten. Immer müder geworden, hatte +er es vielleicht trotzdem versucht, etwas an diesem Tag +zu erreichen, hatte seine äußersten Kräfte angespannt, um +einen Berg zu erklimmen, denn die Stadt liegt den Berg +hinan, und war dort oben eben so schnell abgewiesen +worden, als hier unten; zog wieder abwärts, den Tod +im Herzen, mit zerbrochenen Kräften, bis hierher. Daß +sich der Greis überhaupt vielleicht, wie man vermuten +durfte, noch um Arbeit umgeschaut hatte, daß er noch +den Willen hegte, zu arbeiten, er, der Greis, das nur +zu denken hatte etwas Klägliches und Erschreckendes. +Aber man konnte auf diesen Gedanken sehr wohl kommen. +Dieser Greis hatte nirgends eine Heimat, als hier +in diesem Lokal, aber auch hier nur auf Stunden, denn +dann wurde das Lokal geschlossen. Deshalb vielleicht +<a class="pagenum" name="Page_61" title="61"> </a> +betete er, um dem furchtbaren Ernst seiner Lage eine leise, +besänftigende Melodie zu verschaffen. Deshalb sagte er: +»Ich bedarf des Gebetes.« Also nichts weniger als Hang +zur Frömmelei war es, sondern das überaus traurige +Bedürfnis, eine Hand zu spüren, die ihn liebkosen möchte, +eine Kinder- oder Tochterhand zu fühlen, die leise und +trostvoll über seine arme, zerfaltete Stirne hinstrich. +Vielleicht hatte der alte Mann Töchter gezeugt, – und nun +er selber? Mit solchen Gedanken konnte sich leicht einer +abgeben, der neben dem Alten saß und ihn so schlafen +sah, den Kopf seltsam unbeweglich, die Hände den Kopf +stützend. Klara sagte: »Ihr Bruder ist gekommen, Simon, +in der Offiziersuniform, auch Ihre Schwester und dann +noch ein Herr, mit Namen Sebastian.« Darauf bezahlte +Simon, was er schuldig war, und sie gingen zusammen +fort. Als sie fortgegangen waren, bemerkte eines der +bedienenden Mädchen den schlafenden Mann, sie rüttelte +und schüttelte ihn und sagte mit komischer Strenge: +»Nicht schlafen da! Sie! Hören Sie nicht? Hier dürfen +Sie nicht schlafen!« Da erwachte der alte Mann.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Es gab einen herrlichen Abend nach diesem Tag. +Alle Welt lustwandelte am schönen Seeufer entlang, +unter den breiten, großblättrigen Bäumen. Wenn man +hier, unter so vielen aufgeräumten, leise plaudernden +Menschen, spazierte, fühlte man sich in ein Märchen +versetzt. Die Stadt loderte im Feuer der untergehenden +Sonne und später brannte sie, schwarz und dunkel, in +der Glut und Nachglut der Untergegangenen. Die Sonne +im Sommer hat etwas Wundervolles und Hinreißendes. +Der See glitzerte im Dunkel, und die vielen Lichter +schimmerten in der Tiefe des stillen Wassers. Herrlich +sahen die Brücken aus; und wenn man über die Brücken +ging, so sah man unten im Wasser die kleinen, dunklen +<a class="pagenum" name="Page_62" title="62"> </a> +Boote vorbeischießen; Mädchen in hellen Kleidern saßen +in den Nachen, oft auch erklang aus einem größeren, +langsam und feierlich dahinschwebenden, flachen Boote +der warme, zur Nacht stimmende Ton einer Handharfe. +Der Ton verlor sich in Schwarz und tauchte wieder +tönend heraus, hell und warm, dunkel und herzenergreifend. +Wie weit klang das einfache Instrument, +von irgend einem Schiffsmann gespielt! Die Nacht +schien noch größer und tiefer dadurch zu werden. Aus +der weiten Uferferne schimmerten die Lichter der ländlichen +Ansiedelungen herüber, als wären sie blitzende, rötliche +Steine im dunklen, schweren Gewand von Königinnen. +Die ganze Erde schien zu duften und still zu liegen +wie ein schlafendes Mädchen. Das große, dunkle Rund +des nächtlichen Himmels breitete sich über alle Augen +aus, über die Berge und die Lichter. Der See hatte +etwas Raumloses bekommen und der Himmel etwas den +See Umspannendes, Einschließendes und Überwölbendes. +Ganze Gruppen von Menschen bildeten sich. Junge Leute +schienen zu schwärmen, und auf allen Bänken saßen +dichtgedrängt ruhende, stille Menschen. Auch an flatterhaften, +stolz kokettierenden Frauen fehlte es nicht und +auch nicht an Männern, die nur diese Frauen im Auge +behielten, die hinter ihnen hergingen, immer etwas +zögernd und dann wieder vorstürmend, bis sie schließlich +den Mut oder das Wort fanden, ihre Damen anzusprechen. +Manch einem wurde an diesem Abend der +Kopf gewaschen, wie man sich auszudrücken pflegt.</p> + +<p>Simon ging neben Klaus und war glücklich, seinem +Bruder, der beständig fragte und fragte, durch treffende und +einfache Antworten die Überzeugung beizubringen, daß er +ein noch durchaus nicht verlorner Mensch sei. Er sprach +mit einem gewissen Stolz und zugleich mit einem Tone +der Demut vor dem reiferen Bruder, der nach manchen +<a class="pagenum" name="Page_63" title="63"> </a> +Dingen doch wie ein ungeschultes Kind fragte, aber eine +liebevolle Besorgnis an den Tag legte. Sie sprachen in +schönen, langen, gewundenen Sätzen, ganz wie von selber, +und Klaus freute sich über seines Bruders Einsicht in so +manches, wo er zuerst angenommen hatte, daß Simon, +seinen Verhältnissen gemäß, darüber spotten und lachen +würde. »Ich habe dich lange nicht für so ernst gehalten, +als wie du dich zeigst!« Simon antwortete: »Es ist nicht +meine Gewohnheit, zu zeigen, daß ich Ehrfurcht vor vielen +Dingen besitze. So etwas pflege ich für mich zu behalten, +denn ich denke, was nützt es, eine ernste Miene +aufzusetzen, wenn man vom Schicksal dazu bestimmt, +ich meine, vielleicht dazu erwählt ist, den Narren zu +spielen. Es gibt viele, viele Schicksale, und vor ihnen +will ich in allererster Linie meinen Nacken beugen. Es +bleibt nicht anderes zu tun übrig. Im übrigen soll mir +einer kommen mit der Zumutung, verdutzt und mutlos +den Kopf hängen zu lassen. Ich habe es schon Verschiedenen +gesagt, wie es in dieser Beziehung mit meinem +Inneren steht.« – Wenn Simon so sprach, redete er in +fließenden Sätzen und mit richtiger Betonung, aber +völlig ruhig und freundlich, so daß Klaus diese Aussprüche +nicht als Weltgroll empfand, sondern als ein +gewisses Suchen in seines jungen Bruders Seele nach +Klarlegung seines eigenen Zustandes in Beziehung zur +Welt. Er überzeugte sich davon, daß Simon tüchtige +Eigenschaften besaß, aber er fürchtete ein bißchen, daß diese +Eigenschaften nur oberflächlich, scheinbar nur spielend +und lockend und tanzend ihn umgaben, während er +wünschte, sie möchten in ihm stecken. Im Feuer der +Rede <ins title="redetete">redete</ins> sich solch eine Seele ja so leicht in eine +Welt der Bravheit und schönen Tüchtigkeit hinein, um +sich daran selber für Stunden zu berauschen, namentlich +in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. <ins title="Dennnoch">Dennoch</ins> +<a class="pagenum" name="Page_64" title="64"> </a> +hatte Klaus Freude an seinem Bruder und sprach +mit sichtlichem Vergnügen allerhand Schönes und Tröstendes +zu ihm. Hinter ihnen, in einiger Entfernung, gingen, +eng aneinander gedrängt, Klara und Kaspar. Der Maler +war berauscht von der Schönheit und von der Musik +der Nacht. Er phantasierte von Pferden, die durch nächtliche +Gärten galoppierten, schöne, schlanke Reiterinnen +tragend, deren Röcke am Boden mit den Hufen der +Pferde spielten. Dann lachte er über alles mit einem +frechen, unbändigen Lachen, über die Menschen, über die +Landschaft, einfach über alles, was ihm vor das Auge +kam. Klara versuchte gar nicht, ihn zu besänftigen, +im Gegenteil, sie hatte Freude an dieser Ungebundenheit +eines schönen Geistes. Wie liebte sie das Jugendliche, +das Freche, ja sogar das Sich-Überhebende in dieser +Knabennatur, die sich hinüberarbeitete zur Mannesnatur. +Er mochte das Tollste schwatzen, das ihr wahrscheinlich +aus dem Munde eines anderen würde lächerlich und +blöde geklungen haben, aber an ihm liebte sie es. Was +hatte dieser Mensch, daß sie ihn so ohne Bedingung schön +finden mußte, in allen Lagen, in jeder Gebärde, im Benehmen, +Tun, Lassen, Reden und Stillschweigen? Er +schien ihr allen übrigen Menschen gewachsen, allen andern +Männern überlegen zu sein, und er war kaum ein Mann. +Sein Schritt, wie sollte sie sagen, hatte für sie etwas +Läppisches und zugleich Gebietendes. Der ganze junge +Mensch nicht die Spur des Aufgeregtseins und doch +etwas Schüchternes, Dummes, Tief-Kindliches. So gelassen +und so schnell in Flammen! Sie sah, wie seine +Haare im Dunkel hell hervorleuchteten, jugendlich und +wellenhaft. Dazu sein Schritt und das Tragen des Kopfes +mit solchem bescheidenen, fragenden, sinnenden Stolz. +Wie dieser Jüngling träumen mußte, wenn er an jemand +dachte. Kaspar war stiller geworden. Sie sah ihn +<a class="pagenum" name="Page_65" title="65"> </a> +immer an, immer! Hier, in dieser Nacht voll umherwandelnder +Menschen war es schön, zum vergehen schön, +ihn anzuschauen. Ihn anzuschauen, das fand sie schöner, +als ihn küssen. Seinen Mund sah sie schmerzvoll geöffnet; +gewiß dachte er weiter nichts, nein, gar keine +Rede; es war eben nur die Stellung der Lippen, die den +Eindruck des Schmerzlichen hervorrief. Seine Augen +waren kalt und ruhig in die Ferne gerichtet, als wüßten +sie dort Besseres zu sehen. Sie schienen zu sprechen: +»Wir, wir sehen Schönes; quält euch doch nicht, ihr +andern Menschenaugen, ihr werdet es ja doch nie sehen, +was wir sehen!« Seine Augenbrauen bogen sich entzückend +leicht und wie besorgt, als wenn sie Engel gewesen +wären, über ihre Kinder, die Augen, die so aussahen +und in die Welt blickten, als könnten sie jeden +Augenblick verletzt werden. »Gewiß, eines jeden Menschen +Auge ist leicht verletzbar, aber wenn ich seine betrachte, +so tut es mir auf einmal so weh, so, als sähe +ich sie schon von Splittern verletzt. Sie sind so groß, +treten so weit hervor, scheinen sich um nichts zu kümmern, +sind so achtlos und immer so groß geöffnet; wie +leicht können sie verletzt werden!« jammerte sie. Sie +wußte nicht einmal, ob er sie liebte, aber was machte +das aus, sie, sie liebte ihn ja, das genügte, ja, das +mußte so sein, sie war dem Weinen nahe. Da kamen +Simon und Klaus zurückgegangen, um die andern aufzusuchen. +Klara beherrschte sich, so gut sie konnte, nahm +Simon beim Arm und ging mit ihm voraus. »Laß +mich in deine Augen sehen, du hast so schöne Augen, +Simon, Augen, in deren Anblick man liegt wie im Bett, +wenn alles beruhigt ist und man betet,« sprach sie zu +ihm.</p> + +<p>Klaus und Kaspar gingen schweigend. Sie wollten +einander nicht mehr verstehen, seit vor ein paar Jahren +<a class="pagenum" name="Page_66" title="66"> </a> +ein kleiner Zwist zwischen ihnen ausgebrochen war, und +seither hatten sie sich nie mehr gesehen und auch nie geschrieben. +Klaus nahm sich das sehr zu Herzen, während +Kaspar es einfach als eine Art Notwendigkeit hingehen +ließ. Er sagte sich, daß es ganz in der Ordnung der +Dinge liege, einmal auch von einem Bruder nicht begriffen +zu werden. Er mochte nicht den Kopf zurückwenden +nach vergangenen Angelegenheiten, die er übrigens, +eben weil sie vorüber waren, als für weiterer Gedanken +nicht wert hielt. Seine Art war, geradeaus zu marschieren; +er hielt das Zurückblicken auf alte Beziehungen für schädlich. +Nun fing, da ihm das Schweigen Kaspar gegenüber +unerträglich wurde, Klaus an, von der Kunst des +Bruders zu sprechen und ermunterte ihn, doch einmal +nach Italien zu gehen, um da die gehörige Reife als +Künstler zu erlangen.</p> + +<p>Kaspar rief aus: »Lieber will ich gleich vom Teufel +geholt werden! Nach Italien! Warum nach Italien? +Bin ich krank, und soll ich etwa gesund werden in dem +Lande der Orangen und Pinien? Was brauche ich denn +nach Italien zu gehen, wenn ich hier sein kann und es +mir hier ganz gut gefällt? Könnte ich in Italien vielleicht +Besseres tun, als malen, und kann ich etwa hier +nicht malen? Du meinst, weil es so schön in Italien +ist, müsse ich dahin gehen. Ist es denn etwa hier nicht +schön genug? Kann es dort schöner sein, als hier, da, +wo ich bin, wo ich schaffe, wo ich tausend Schönheiten +sehe, die fortleben, wenn ich längst vermodert bin? Ist +es möglich, nach Italien zu gehen, wenn man schaffen +will? Sind in Italien die Schönheiten schöner als hier? +Sie sind vielleicht nur anspruchsvoller, und eben deshalb +will ich sie lieber gar nicht sehen. Wenn ich in sechzig +Jahren so weit bin, eine Welle oder eine Wolke, einen +Baum oder ein Feld malen zu können, so wollen wir +<a class="pagenum" name="Page_67" title="67"> </a> +sehen, ob es klug getan war, nicht in Italien gewesen +zu sein. Kann mir etwas entgehen, diese Tempelsäulen, +diese Allerweltsrathäuser, diese Brunnen und Bogen, +diese Pinien und Lorbeerbäume, diese italienischen Trachten +und Prachtbauten nicht gesehen zu haben? Muß man +mit den Augen denn alles auffressen wollen? Ich könnte +jedesmal außer mir geraten, wenn man mir zumutet, +die Absicht zu haben, in Italien ein besserer Künstler zu +werden. Italien, das ist unsere Falle, in die wir hineinpatschen, +wenn wir turmhoch dumm sind. Kommen die +Italiener zu uns, wenn sie malen oder dichten wollen? +Was nützt es mir, wenn ich mich an vergangenen Kulturen +berausche? Habe ich damit meinen Geist, wenn +ich ehrlich mit mir abrechnen will, bereichert? Nein, ich +habe ihn bloß verpfuscht und feige gemacht. Mag eine +alte, untergegangene Kultur noch so herrlich gewesen sein, +mag sie immerhin die unsrige an Stärke und Pracht +überragen, so schnüffle ich deshalb noch lange nicht wie +ein Maulwurf darin herum, sondern betrachte sie eben, +wenn es angeht und es mir Spaß macht, aus Büchern, +die mir zu jeder Zeit zu Diensten sind. So sehr schätzenswert +ist übrigens das Verlorene und Vergangene niemals; +denn ich erblicke rund um mich, in unserer oft als so +unschön und unhold verschrieenen Gegenwart Bilder die +Menge, die mich entzücken, und Schönheiten, beide Augen +zum Überfließen voll. Ich könnte zornig werden und +aus der Haut fahren bei dieser Italienraserei, die etwas +seltsam Beschämendes für uns ist. Es kann sein, daß +ich mich irre, aber keine zwanzig borstigen Teufel, und +wenn sie die Luft neben mir verpesteten und ihre scheußlichen +Gabeln schwenkten, brächten mich nach Italien.«</p> + +<p>Klaus wurde betroffen und traurig über Kaspars +Heftigkeit, die Dinge zu messen. So war er immer gewesen, +und auf diese Art konnte es nicht vorauszusehen +<a class="pagenum" name="Page_68" title="68"> </a> +sein, wie man in eine ersprießliche Verbindung mit ihm +treten könnte. Er schwieg und reichte ihm die Hand; +denn man war vor der Wohnung Klausens angekommen.</p> + +<p>In seinem einförmigen Zimmer angekommen, sagte +er sich: »So habe ich ihn nun zum zweiten Male verloren, +durch eine ganz unschuldige, gutgemeinte, aber in +der Tat etwas unvorsichtige Äußerung. Ich kenne ihn +zu wenig, das ist alles, und ich werde ihn vielleicht nie +kennen lernen. Unsere Lebensläufe sind zu verschieden. +Aber vielleicht führt uns ein anderes Mal die Zukunft, +die man ja nie ergründet, zusammen. Man muß warten +und es ertragen, langsam ein reiferer, besserer Mensch +zu werden.« Er kam sich so einsam vor und beschloß, +bald wieder abzureisen, an seinen Wirkungsort +zurück.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_69" title="69"> </a>Fünftes Kapitel.</h2> + +<p>Sebastian war ein junger Poet, der seine Verse von +einer kleinen Bühne herab dem Publikum vortrug. Er +pflegte sich dabei durch sein Ungestüm immer ein wenig +lächerlich zu machen. Er war in jungen Jahren seinen +Eltern durchgebrannt, hatte mit sechzehn Jahren in Paris +gelebt und war mit zwanzig zurückgekommen. Sein +Vater war Musikdirektor in der kleinen Stadt, wo auch +Hedwig, die Schwester der drei Brüder, zu Hause war. +Dort trieb Sebastian ein merkwürdig tagediebisches Wesen, +saß oder lag tagelang in einer hochgelegenen, verstaubten +Kammer, ausgestreckt auf einem schmalen Bett, in dem +er des Nachts schlief, ohne sich die Mühe zu nehmen, +es für den Schlaf in Ordnung zu bringen. Seine Eltern +hielten ihn für verloren und ließen ihn tun, was er +wollte. Geld gaben sie ihm nicht, denn sie hielten es +für unangebracht, mit Geldspenden den Ausschweifungen +ihres Sohnes entgegenzukommen, denen sie ihn ausgesetzt +wußten. Zu einem ernsthaften Studium war Sebastian +nicht mehr zu bewegen; er trieb sich, irgend ein +Buch unter dem Arm oder in der Tasche, auf den Bergen, +in den Wäldern umher, kam oft mehrere Tage lang +nicht nach Hause, übernachtete, wenn das Wetter nur +einigermaßen es gestattete, in verfallenen, von keinem +Menschen, nicht einmal von wilden und rauhen Hirten +benutzten Hütten, auf Weiden, die dem Himmel näher +<a class="pagenum" name="Page_70" title="70"> </a> +lagen als irgend einer menschlichen Zivilisation. Er trug +immer denselben zerschossenen Anzug aus hellgelbem Tuch, +ließ sich den Bart wachsen, legte aber sonst sehr viel Wert +darauf, angenehm und sauber zu erscheinen. Seine +Fingernägel pflegte er mehr als seinen Verstand, den er +einfach verwildern ließ. Er war schön, und da es bekannt +war, daß er dichtete, so verbreitete sich um seine +Person ein halb lächerlicher, halb wehmütiger Zauberschein, +und es gab viele vernünftige Menschen in der +Stadt, die den jungen Mann aufrichtig bemitleideten +und sich seiner, wo sie nur konnten, aufs herzlichste annahmen. +Man lud ihn, da er ein vortrefflicher Gesellschafter +war, öfters zu Abendgeselligkeiten ein, und entschädigte +ihn solchermaßen ein wenig dafür, daß ihm die Welt +weiter keine Aufgaben stellte, die seinen Drang nach Betätigung +hätten befriedigen können. Sebastian besaß in +hohem Grade diesen Drang, aber er war zu sehr aus +dem Geleise des allgemein gültigen und vorgeschriebenen +Strebens hinausgekommen. Er strebte vielleicht zu wild, +und nun, da er einsah, daß sein Streben ihm nichts +half, mochte er gar nicht mehr streben. Er spielte seine +eigenen Lieder, die er gedichtet hatte, auch auf der Laute +und sang mit angenehmer, weicher Stimme dazu. Das +einzige Unrecht, allerdings ein großes, das man ihm angetan +hatte, bestand darin, daß man ihn, schon als +Schulknaben, verhätschelte und ihm half, sich einzubilden, +daß er so etwas wie ein genialer Bursche sei. Wie +bohrte sich solch eine stolze Einbildung in das empfängliche +Knabenherz hinein! Erwachsene Frauen bevorzugten +den Umgang mit dem frühreifen, allesverstehenden Knaben, +der ihnen einen unvergleichlichen Reiz einflößte, auf +Kosten seiner eigenen menschlichen Entwicklung. Sebastian +pflegte oft zu sagen: »Meine Glanzzeit liegt +längst hinter mir.« Es war schrecklich, einen so jungen +<a class="pagenum" name="Page_71" title="71"> </a> +Mann so sprechen zu hören. In der Tat, was er auch +machte, bezweckte, einleitete und tat, er tat es mit müdem, +kaltem, halbem Herzen, und so tat er eben nichts, er +spielte bloß noch mit sich. Hedwig sagte einmal zu +ihm: »Sebastian, hören Sie, ich glaube, Sie weinen oft +über sich selber.« Er nickte mit dem Kopf und bestätigte +es. Hedwig bemitleidete ihn und steckte ihm +manchmal etwas an Geld oder dergleichen zu, um ihm +das Leben etwas freundlicher zu machen. So nahm sie +ihn auch diesmal auf die kleine Reise mit, zu ihren +Brüdern. An dem Abend, an dem Klara so selig war, +Klaus traurig und einsam, Simon glücklich, Kaspar aufgebracht +und übermütig, wandelten die beiden, Hedwig +und ihr Poet, langsam und stillschweigend, ebenfalls +am Ufer entlang. Was konnte man sprechen; so schwieg +man eben. Kaspar kam ihnen entgegen:</p> + +<p>»Wie ich höre, arbeiten Sie an einem Gedicht, das +den Inhalt Ihres Lebens widerspiegeln soll. Wie können +Sie ein Leben wiedergeben wollen, wo Sie doch kaum +eines erlebt haben. Sehen Sie sich einmal an: wie +stark und jung Sie sind, und das will sich hinter den +Schreibtisch verkriechen und in Versen sein Leben besingen. +Machen Sie das, wenn Sie fünfzig alt sind. +Ich finde es übrigens beschämend für einen jungen +Mann, Verse zu verfertigen. Das ist keine Arbeit, sondern +nur ein Schlupfwinkel für Müßiggänger. Ich wollte +nichts sagen, wenn Ihr Leben fertig und abgeschlossen +wäre durch irgend ein großes besänftigendes Erlebnis, +das den Menschen berechtigt, Rückschau zu halten auf +Fehler, Tugenden und Verirrungen. Sie aber scheinen +noch nie gefehlt zu haben und scheinen auch noch nie eine +gute Tat begangen zu haben. Dichten Sie erst, wenn +Sie als Sünder oder als Engel dastehen. Dichten Sie +lieber überhaupt gar nicht.« –</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_72" title="72"> </a>Kaspar hatte keine gute Meinung von Sebastian; +deshalb machte er sich auch über ihn lustig. Für tragische +Menschen fehlte ihm überhaupt jedes Verständnis, +oder vielmehr, weil er sie zu leicht und zu gut verstand, +achtete er sie nicht. Überdies befand er sich heute abend +in einer diabolischen Laune.</p> + +<p>Hedwig ergriff für den armen Beleidigten, der sich +nicht wehren konnte, das Wort: »Das war nichts weniger +als schön gesprochen von dir, Kaspar,« rief sie +ihrem Bruder mit der Wärme, die ihr die Lust an der +Verteidigung gab, zu, »und nichts weniger als klug. Es +macht dir Freude, einen Menschen zu verletzen, den alle +Menschen um seines Unglücks willen schonen und achten +sollten. Lache, so viel du willst. Du bereust doch, was +du gesagt hast. Kennte ich dich nicht so genau, so müßte +ich dich für einen rohen Burschen halten, für einen +Quäler. So gut man einen armen Menschen, einen +Wehrlosen, peinigen kann, so gut kann man auch ein +armes Tier quälen. Wehrlose reizen nur zu leicht in +den Starken die Lust am Schmerzzufügen. Sei doch +froh, wenn du dich stark fühlen kannst und laß Schwächere +in Frieden. Es wirft einen schlechten Schein auf +deine Stärke, wenn du sie mißbrauchst, um Schwache +zu plagen. Warum genügt es dir nicht, auf festen Füßen +zu stehen, mußt du deinen Fuß noch auf den Nacken +von Schwankenden und Suchenden setzen, daß sie noch +mehr irr an sich werden und hinab, ganz hinab taumeln +in die Wellen des An-Sich-Selbst-Verzweifelns? +Müssen denn Selbstvertrauen, Mut, Stärke und Zielbewußtheit +immer die Sünde begehen, roh und mitleidlos +und so taktlos gegen die andern zu verfahren, die ihnen +doch gar nicht im Wege sind, die dastehen und begierig +auf die Töne des Ruhmes, der Achtung und des Erfolges +horchen, die andern gelten? Ist es edel und gut, +<a class="pagenum" name="Page_73" title="73"> </a> +eine sich sehnende Seele zu beleidigen? Dichter sind so +leicht verletzbar; o man verletze nie die Dichter. Übrigens +spreche ich jetzt gar nicht von dir, Kasparchen; denn was +bist du denn schon so Großes in der Welt? Auch du +bist vielleicht noch nichts und hast keine Ursache, Menschen +zu verhöhnen, die ebenfalls noch nichts sind. Wenn +du mit dem Schicksal ringst, so laß doch andere, so wie +sie's eben verstehen, auch ringen. Ihr seid beide Ringende +und bekämpft euch? Das ist sehr töricht und unklug. +Es gibt für euch beide, durch allerhand Tücken und Verirrungen +und Verheißungen und Mißerfolge in eurer +Kunst Schmerzen genug, müßt ihr es da darauf abgesehen +haben, euch noch mehr Schmerz zuzufügen? Ich +würde in Wahrheit Bruder zu einem Dichter sein, wenn +ich ein Maler wäre. Man blicke auch nie zu früh verächtlich +auf einen Fehlenden oder scheinbar Trägen und +Tatlosen hernieder. Wie schnell kann sich aus langen, +dumpfen Träumen seine Sonne, seine Dichtung erheben! +Nun dann: wie stehen dann die voreiligen Verächter da? +Sebastian ringt ehrlich mit dem Leben, schon das sollte +ein Grund zur Achtung und Liebe sein. Wie kann man +sich über sein weiches Herz lustig machen? Schäm' dich nur, +Kaspar, und gib mir nie wieder Anlaß, wenn du eine +Spur von Liebe für deine Schwester hegst, mich so über dich +zu ereifern. Ich tu es nicht gern. Ich schätze Sebastian, +weil ich weiß, daß er den Mut hat, seine vielen Fehler einzugestehen. +Übrigens, das ist alles geschwatzt und wieder +geschwatzt, du kannst ja gehen, wenn es dir nicht paßt, +mit uns zu gehen. Was machst du nun für ein Gesicht, +Kaspar! Weil dir ein Mädchen, das den Vorzug genießt, +deine Schwester sein zu dürfen, einen Vortrag hält, willst +du böse sein? Nein, sei es nicht. Bitte. Und du darfst +dich ja gewiß auch über den Dichter lustig machen. Warum +nicht. Ich nahm es zu ernst vorhin. Vergib mir.« –</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_74" title="74"> </a>Ein feines, schüchternes, aber zärtliches Lächeln +spielte im Dunkeln um Sebastians Lippen. Hedwig +machte sich mit dem Bruder solange schmeichelnd zu +schaffen, bis er wieder heiter wurde. Er gab dann eine +komische Nachahmung ihrer schwungvollen Rede zum besten, +daß alle drei in ein schallendes Gelächter ausbrachen. +Sebastian namentlich krümmte sich vor Lachen. Allmählich +war unter den Bäumen alles still und leer geworden; +die Menschen waren in ihre Häuser zurückgegangen, +die Lichter träumten, aber es waren viele Lichter +gelöscht worden, die Ferne glitzerte nicht mehr. Dort, +auf dem ländlichen Boden, schien man die Lichter früher +zu löschen; die fernen Berge lagen jetzt wie tote, schwarze +Körper, aber noch gab es einzelne Menschenpaare, die +nicht heim gingen, sondern die Absicht zu haben schienen, +die ganze Nacht unter dem Himmel plaudernd und wachend +zu verbringen.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Simon und Klara saßen, in stille, lange Gespräche +versunken, auf einer Bank. Sie hatten sich so viel zu +sagen, hätten eigentlich endlos plaudern mögen. Klara +würde immer über Kaspar gesprochen haben und Simon +immer über die, die neben ihm saß. Er hatte eine +seltsame, freie, offene Manier, über Menschen zu reden, +die gerade seine Gefährten waren, die neben ihm saßen +oder standen und ihm zuhorchten. Es kam von selber, +er fühlte immer für die am stärksten, die ihn zum +Sprechen veranlaßten, und sprach infolgedessen über sie +und nicht über Abwesende. Klara dachte nur an den +Abwesenden. »Quält es dich nicht,« fragte sie, »daß wir +nur über ihn sprechen?« »Nein,« erwiderte Simon, +»seine Liebe ist die meine. Ich habe mich immer gefragt, +wird nie einer von uns lieben? Ich betrachtete es +immer als etwas Wundervolles, für das wir beide zu +<a class="pagenum" name="Page_75" title="75"> </a> +schlecht wären. Ich las viel in Büchern über Liebe, ich +liebte immer die Liebenden. Schon als Schulknabe lag +ich über solchen Büchern stundenlang gebeugt und bebte +und zitterte und erschrak mit meinen Liebenden. Da +war fast immer eine stolze Frau und ein noch unbeugsamerer +Charakter von Mann, ein Arbeiter in der Bluse +oder ein simpler Soldat. Die Frau war immer eine +vornehme Dame. Für ein Liebespaar von einfachen +Leuten hätte ich damals keinen Sinn gehabt. Meine +Sinne wuchsen mit diesen Büchern auf und gingen darin +unter, wenn ich das Buch schloß. Dann kam ich ins +Leben und vergaß das alles. Ich biß mich in Freiheitsgedanken +fest, aber ich träumte davon, eine Liebe zu +erleben. Was nützt es mir, böse zu sein, daß die Liebe +nun da ist und nicht mir gilt? Wie kindisch. Beinahe +bin ich sogar froh, daß sie nicht mich will, sondern einen +andern, ich möchte sie zuerst gesehen haben und sie erst +dann erleben. Doch ich erlebe sie nie. Ich glaube, +das Leben will anderes von mir, hat anderes mit mir +vor. Es läßt mich alles lieben, was es nur an Erscheinungen +mir zuwirft. Ich darf dich doch lieben, +Klara, auf andere, vielleicht dümmere Weise. Ist es +nicht dumm, daß ich so genau weiß, daß ich, wenn du +es willst, sterben könnte für dich, sterben wollte? Kann +ich nicht sterben für dich? Ich würde es ganz selbstverständlich +finden. Ich lege keinen Wert auf mein +Leben, nur Wert auf anderer ihr Leben, und trotzdem +liebe ich das Leben, aber ich liebe es deshalb, weil ich +hoffe, daß es mir Gelegenheit verschafft, es anständigerweise +wegzuwerfen. Nicht wahr, das ist töricht gesprochen? +Laß mich deine beiden Hände küssen, damit du die Empfindung +hast, daß ich dir angehöre. Natürlich bin ich +nicht dein und du wirst nie etwas von mir verlangen +wollen, denn was könnte dir einfallen, von mir zu +<a class="pagenum" name="Page_76" title="76"> </a> +verlangen. Aber ich liebe Frauen von deinem Schlag, +und einer Frau, die man liebt, macht man gerne ein +Geschenk, und so schenke ich dir mich, weil ich kein +besseres Geschenk weiß. Ich kann dir vielleicht nützlich +sein, ich kann springen für dich mit diesen meinen Beinen, +ich kann den Mund halten, wo du wünschen solltest, +daß einer für dich schweigen möchte, ich kann lügen, +wenn du in den Fall kommst, dich eines schamlosen +Lügners bedienen zu müssen. Es gibt edle Fälle dieser +Art. Ich kann dich tragen in meinen Armen, wenn du +umfallen solltest, und ich kann dich über Pfützen heben, +damit du deinen Fuß nicht beschmutzest. Sieh einmal +meine Arme an. Kommen sie dir nicht vor, als höben, +als trügen sie dich schon? Was würdest du lächeln, wenn +ich dich trüge, und ich würde ebenfalls lächeln, denn ein +Lächeln, wenn es kein unzartes ist, zwingt immer das +andere hervor. Dieses Geschenk, das ich dir mache, ist +ein bewegliches und ewiges; denn der Mensch, auch der +simpelste, ist ewig. Ich werde dir noch angehören, wenn +du längst nichts mehr bist, nicht einmal ein Stäubchen; +denn das Geschenk überdauert immer den Beschenkten, +damit es trauern kann, das es seinen Besitzer verloren +hat. Ich bin zum Geschenk geboren, ich gehörte immer +jemandem an, es verdroß mich, wenn ich einen Tag +lang umherirrte und niemanden fand, dem ich mich anbieten +konnte. Nun gehöre ich dir an, obgleich ich weiß, +daß du dir wenig machst aus mir. Du bist gezwungen, +dir wenig aus mir zu machen. Geschenke pflegt man +bisweilen zu verachten. Ich zum Beispiel, wie verächtlich +denke ich in meiner Seele von Geschenken. Ich +hasse förmlich das Beschenktwerden. Deshalb will es +auch das Schicksal, daß mich niemand liebt; denn gut +und allsehend ist das Schicksal. Ich würde Liebe nicht +ertragen können, denn ich kann Lieblosigkeit ertragen. +<a class="pagenum" name="Page_77" title="77"> </a> +Den darf man nicht lieben, der lieben will, sonst würde +man ihn nur stören in seiner Andacht. Ich möchte +nicht, daß du mich liebtest. Und sieh, daß du den +andern liebst, macht mich so glücklich; denn nun, versteh +mich, gibst du mir die Bahn frei, dich lieben zu +dürfen. Ich liebe Gesichter, die sich von mir ab, +einem andern Gegenstand zu wenden. Die Seele, die +eine Malerin ist, liebt diesen Reiz. Ein Lächeln ist so +schön, wenn es über eine Lippe geht, die man ahnt, +nicht sieht. So wirst du mir gefallen. Glaubst du, +daß du nicht nötig hättest, mir zu gefallen? Doch jetzt +fällt es mir ein: Du brauchst mir nicht zu gefallen, du +hast es wirklich nicht nötig; denn ich bin dir gegenüber +keines Urteils fähig, höchstens einer Bitte; doch ich weiß +nicht mehr, was ich rede.«</p> + +<p>Klara weinte über seine Erklärung. Sie hatte ihn +längst nahe zu sich herangezogen und befühlte mit ihren +schönen Händen, die von der Nachtluft kühl geworden +waren, seine brennenden Wangen. »Was du mir da +sagtest, hättest du gar nicht zu sagen brauchen, ich wußte +es ja doch, wußte es ja doch, wußte – es – ja – +doch.« – Ihre Stimme nahm diejenige Zärtlichkeit an, +die man anwendet, wenn man Tieren, denen man ein +bißchen weh getan hat, wieder Liebe und Zutraulichkeit +einflößen will. Sie war glücklich, und ihre Stimme +lispelte in den langgezogenen und hohen Tönen der +Freudigkeit. Ihr ganzer Körper schien mitzusprechen, als +sie sagte: »Du tust so gut daran, mich zu lieben, jetzt, +da ich lieben muß. Ich werde jetzt noch einmal so +freudig lieben. Vielleicht werde ich einmal unglücklich +sein, aber mit welcher Wonne werde ich unglücklich sein. +Es macht uns Frauen nur einmal im Leben Freude, unglücklich +zu sein, aber wir verstehen es, das Unglück +auszukosten. Aber wie kann ich von Schmerzen zu dir +<a class="pagenum" name="Page_78" title="78"> </a> +sprechen. Sieh, es empört mich bereits, davon nur gesprochen +zu haben. Wie kann ich es wagen, dich bei +mir zu haben und nicht an mein Glück zu glauben? +Du machst einen glauben, du machst, daß man glauben +darf. Bleibe immer mein Freund. Du bist mein süßer +Knabe. Deine Haare gleiten durch meine Hände, und +dein Kopf voll so unergründlicher Gedanken der Freundschaft +liegt mir im Schoße. Ich komme mir schön vor +so; du machst mich das empfinden. Du mußt mich +küssen. Auf meinen Mund mußt du mich küssen. Ich +will eure Küsse vergleichen, Kaspars und deine. Ich +will denken, daß er mich küßt, wenn du mich küssest. +Ein Kuß ist doch etwas Wundervolles. Wenn du mich +jetzt küssest, küßt mich eine Seele, kein Mund. Hat dir +Kaspar gesagt, wie ich ihn geküßt habe und wie ich ihn +bat, daß er mich küssen solle? Er muß anders küssen, +er soll küssen lernen wie du, doch nein, warum sollte +er küssen wie du? Er küßt so, daß ich ihn gleich wieder +küssen muß, du küssest so, daß man sich noch einmal +von dir küssen läßt, so, wie du es jetzt tust. Behalte +mich lieb, sei immer so lieb, und küsse mich noch einmal, +daß ich, wie du vorhin gesagt hast, die Empfindung +habe, daß du mir angehörst. Ein Kuß macht das so +verständlich. Wir Frauen wollen so belehrt werden. Du +verstehst Frauen eigentlich sehr gut, Simon. Man sollte +es dir nicht anmerken. Komm nun, wir wollen gehen!«</p> + +<p>Sie erhoben sich, und als sie eine Weile gegangen +waren, trafen sie auf die drei andern. Hedwig nahm +Abschied von ihren Brüdern und Frau Klara. Sebastian +begleitete das Mädchen. Als die beiden sich entfernt +hatten, fragte Klara Kaspar leise: »Darfst du deine +Schwester der Begleitung dieses Herrn anvertrauen?« +Kaspar antwortete: »Würde ich es tun lassen, wenn ich +es nicht ruhig dürfte?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_79" title="79"> </a>Als sie nach Hause kamen, hörten sie im Wald +einen Schuß fallen. »Er schießt wieder,« sagte leise +Klara. »Was will er mit seinem Schießen?« fragte +Kaspar, und Simon kam lachend mit der raschen Antwort +zuvor: »Er schießt, weil es ihm noch sonderbar +vorkommt. Es liegt noch bis jetzt eine Art Idee dahinter. +Wann es aufgehört hat, interessant zu sein, wird +er es schon bleiben lassen.« Schon hörte man wieder +einen Schuß. Klara runzelte die Stirn und seufzte, und +versuchte dann, die Ahnungen, die sie hatte, in einem +Lachen zu ersticken. Aber es war ein grelles Lachen, +und die Brüder erbebten auf einen Augenblick.</p> + +<p>»Du benimmst dich seltsam,« sagte Agappaia, der +plötzlich unter der Haustüre erschien, eben, als sie eintreten +wollten, zu seiner Frau. Diese schwieg, als hätte +sie nichts gehört. Dann legten sie sich alle schlafen.</p> + +<p>Noch in derselben Nacht schrieb Klara, die keinen +Schlaf fand, an Hedwig:</p> + +<p><ins title="Sie">»Sie</ins>, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars, +ich muß Ihnen schreiben. Ich kann nicht schlafen, finde +keine Ruhe. Ich sitze hier, halb ausgezogen, vor meinem +Schreibtisch, und bin gezwungen, so hin und her zu +träumen. Es deucht mich, daß ich an alle Menschen +Briefe schreiben könnte, an jeden beliebigen Unbekannten, +an jedes Herz; denn alle Menschenherzen zittern für mich +vor Wärme. Heute, als Sie mir die Hand reichten, +sahen Sie mich so lange an, fragend, und mit einer gewissen +Strenge, als wüßten Sie bereits, wie es mit mir +steht, als fänden Sie, daß es schlimm mit mir stehe. +Sollte es in Ihren Augen schlimm mit mir stehen? +Nein, ich glaube nicht, daß Sie mich verdammen, wenn +Sie alles wissen werden. Sie sind so ein Mädchen, +vor dem man keine Geheimnisse haben mag, dem man +alles sagen will, und ich will Ihnen alles sagen, damit +<a class="pagenum" name="Page_80" title="80"> </a> +Sie alles wissen, damit Sie mich lieben können; denn +Sie werden mich lieb haben, wenn Sie mich kennen, +und ich begehre darnach, von Ihnen geliebt zu werden. +Ich träume davon, alle schönen und klugen Mädchen +um mich geschart zu sehen, als Freundinnen und Beraterinnen +und auch als meine Schülerinnen. Sie wollen, +hat mir Kaspar gesagt, Lehrerin werden und sich der +Erziehung der kleinen Kinder opfern. Ich möchte auch +Lehrerin werden, denn Frauen sind zu Erzieherinnen wie +geboren. Sie wollen etwas werden, wollen etwas sein: +das paßt zu Ihnen, das entspricht dem Bilde, das ich +mir von Ihnen mache. Er entspricht auch der Zeit, in +der wir leben, und der Welt, die ein Kind dieser Zeit +ist. Das ist schön von Ihnen, und wenn ich ein Kind +hätte, würde ich es zu Ihnen in die Schule schicken, +würde es ganz Ihnen überlassen, so daß es sich daran +gewöhnen müßte, Sie als eine Mutter zu verehren und +zu lieben. Wie werden die Kinder zu Ihnen emporblicken, +um zu sehen, an Ihren Augen, ob Sie strenge +blicken oder gütig. Wie werden sie jammern in ihren +kleinen, blühenden Herzen, wenn sie Sie mit Sorgen im +Gesicht in die Stunde kommen sehen; denn Kindern ist +Ihre Seele verständlich. Sie werden nicht lange mit +unartigen Kindern zu tun haben; denn ich denke mir, +selbst die unartigsten und verzogensten unter ihnen werden +sich in kurzer Zeit ihrer Unarten vor Ihnen schämen und +es bereuen, Ihnen Schmerz eingeflößt zu haben. Ihnen +gehorchen, Hedwig, wie muß das süß sein. Ich möchte +Ihnen gehorchen, möchte ein Kind werden und die Lust +empfinden, Ihnen folgsam sein zu dürfen. Sie wollen +in ein kleines, stilles Dorf ziehen! Um so schöner. Dann +werden Sie Dorfkinder zu unterrichten haben, die noch +besser zu erziehen sind als die Kinder der Städte. Aber +Sie würden auch in der Stadt Erfolge erzielen. Sie +<a class="pagenum" name="Page_81" title="81"> </a> +sehnen sich nach dem Lande, nach den niederen Häusern, +nach den Gärtchen vor den Häusern, nach den Menschengesichtern, +die man dort sieht, nach dem Fluß, der vorbeirauscht, +nach dem einsamen, entzückenden Seeufer, nach +den Pflanzen, die man im stillen Walde sucht und findet, +nach den Tieren auf dem Lande, nach der Welt auf +dem Lande. Sie werden alles finden; denn Sie passen +dahin. Man paßt dahin, wohin man sich sehnt. Gewiß +finden Sie dort eines Tages die Antwort auf die +Frage, wie man es zu machen habe, daß man glücklich +sei. Sie sind jetzt schon glücklich, und ich fühle wohl, +wie gern ich Ihre Munterkeit besitzen möchte. Wenn +man Sie sieht, möchte man glauben, daß man Sie schon +längst gekannt hätte und daß man auch wüßte, wie Ihre +Mutter aussieht. Andere Mädchen findet man hübsch, +ja schön, aber von Ihnen möchte man gekannt und geliebt +sein, sowie man Sie nur ansieht. Sie haben +etwas Lockendes, beinahe Großmütterliches in Ihrem +jungen, hellen Gesicht; vielleicht ist das das Ländliche, +was Sie an sich haben. Ihre Mutter war Bäuerin? +Sie muß eine schöne, liebe Bäuerin gewesen sein. Sie +hat viel gelitten in der Stadt, sagte mir einmal Kaspar; +das glaube ich; denn ich meine sie vor mir sehen zu +sollen, diese Ihre Mutter. Sie soll sich stolz betragen +haben und darunter gelitten haben. Freilich; denn in +der Stadt darf sich ein Mensch nicht so stolz betragen +wie auf dem Lande, wo sich eine Frau leicht als freie +Herrin vorkommt. Ich möchte Ihnen ein bißchen damit +gefallen daß ich von Ihrer Mutter spreche, die Sie, als +die Arme gebrochen und krank war, gepflegt und besorgt +haben. Ich habe auch ein Bild Ihrer Mutter gesehen +und verehre und liebe sie, wenn Sie mir erlauben, +das zu tun. Mit Ihrer Erlaubnis würde ich es dann +noch viel inniger tun. Könnte ich sie sehen, könnte ich +<a class="pagenum" name="Page_82" title="82"> </a> +ihr zu Füßen fallen und ihre Hand nehmen und meine +Lippen darauf pressen. Wie wohl würde mir das tun. Es +gliche einem einstweiligen, teilweisen, armen Schuldenbezahlen; +denn ich bin ihre Schuldnerin und auch Ihre, +Hedwig. Ihr Bruder Kaspar wird oft lieblos und rauh +zu Ihnen gewesen sein; denn junge Männer müssen oft +hart zu denen sein, von denen sie am meisten geliebt +werden, um sich eine Bahn in die offene Welt zu brechen. +Ich begreife, daß ein Künstler oft Liebe als etwas ihn +Hemmendes abschütteln muß. Sie haben ihn als ganz +jung gesehen, als einen Schulknaben, der zur Schule +gegangen ist, haben ihm seine Unarten vorgehalten, haben +sich mit ihm gestritten, haben ihn bemitleidet und beneidet, +beschützt und gewarnt, ausgescholten und gelobt, +haben mit ihm seine ersten, erwachenden Empfindungen +geteilt und ihm gesagt, daß es schön sei, Empfindungen +zu hegen; haben sich von ihm zurückgezogen, als Sie +merkten, daß er anderes, als Sie, im Sinne trug; haben +ihn gehen und machen lassen und gehofft, daß er gedeihen +möchte und nicht fallen möchte. Sie sehnten sich, +als er fort war, nach ihm und flogen ihm an den Hals, +als er eines Tages zurückkehrte, und fingen auch schon +wieder an, ihn in Ihre Obhut zu nehmen; denn er ist +solch ein Mensch, daß er der Obhut zu bedürfen, beständig +zu bedürfen scheint. Ich danke Ihnen. Ich +habe nicht Atem genug, nicht Herz genug und kein Wort, +um Ihnen zu danken. Und ich weiß nicht, ob ich Ihnen +danken darf. Vielleicht wollen Sie nichts von mir wissen. +Ich bin eine Sünderin, aber vielleicht verdienen Sünderinnen, +daß man ihnen gestattet, zu lernen, was man +zu tun hat, um demütig zu erscheinen. Ich bin demütig, +nicht geknickt, nicht etwa gebrochen, aber voll flammender, +bittender, flehender Demut. Ich will mit Demut gut +machen, was ich mit Liebe verbrochen habe. Wenn Sie +<a class="pagenum" name="Page_83" title="83"> </a> +Wert darauf legen, eine Schwester zu haben, die froh +ist, Ihre Schwester zu sein, so gehorche ich Ihnen. +Wissen Sie, was Ihr Bruder Simon mir gegeben hat? +Sich selbst hat er mir geschenkt, er hat sich weggeworfen +an mich, und ich möchte mich wegwerfen an +Sie. Aber, Hedwig, wegwerfen kann man sich an Sie +nicht. Das hieße ja: Ihnen wenig geben zu wollen. +Doch ich bin viel, seit ich Kaspar umarmt habe. Ich +fange an, mich zu brüsten und stolz reden, das will ich +nicht. Ich will jetzt versuchen, ob ich schlafen kann. +Der Wald schläft ja auch, warum müssen Menschen nicht +schlafen können. Doch ich weiß, daß ich jetzt schlafen +kann!« – Während die Frau den Brief schrieb, saßen +Simon und Kaspar bei der Lampe, die sie angezündet +hatten. Sie hatten noch keine Lust, sich zu Bett zu +legen und sprachen noch miteinander. Kaspar sagte: +»Seit den letzten Tagen male ich überhaupt nicht mehr, +und ich werde, wenn das so weiter geht, meine ganze +Kunst an den Nagel hängen und Bauer werden. Warum +nicht? Muß es denn gerade die Kunst sein? Könnte +man denn nicht anders leben? Vielleicht ist es nur eine +Angewohnheit, daß man sich einbildet, um alles willen +künstlerisch zu arbeiten. Ja, vielleicht nach zehn Jahren +wieder damit beginnen! Man würde alles anders ansehen, +viel einfacher, viel weniger phantastisch, und das +könnte nicht schaden. Man müßte den Mut und das +Vertrauen besitzen. Das Leben ist kurz, wenn man mißtraut, +aber lang, wenn man vertraut. Was kann einem +entgehen? Ich fühle, daß ich von Tag zu Tag träger +werde. Sollte ich mich da aufraffen und wie ein Schulbub +mich zwingen, meine Pflicht zu erfüllen? Habe ich +der Kunst gegenüber irgend eine Pflicht zu erfüllen? +Das ließe sich so oder so umwenden, man könnte es +drehen, wie es einem gerade behagte. Bilder malen! +<a class="pagenum" name="Page_84" title="84"> </a> +Das kommt mir jetzt so stupide vor, ist mir so gleichgültig. +Man muß sich gehen lassen. Ob ich hundert +Landschaften male oder zwei, ist das nicht ganz gleichgültig? +Es kann einer immer malen und bleibt doch +ein Stümper, dem es nie einfällt, seinen Bildern einen +Hauch von seinen Erfahrungen einzugeben, weil er keine +Erfahrungen gemacht hat, so lange er lebte. Wenn ich +erfahrener sein werde, werde ich auch den Pinsel geistvoller +und gedankenvoller führen, und dieses ist mir +nicht gleichgültig. Was kommt's auf die Anzahl an. +Und trotzdem: irgend ein Gefühl sagt mir, daß es nicht +gut ist, auch nur einen Tag lang außer Übung zu bleiben. +Das ist die Faulheit, die verdammte Faulheit!« – – –</p> + +<p>Er sprach nicht weiter; denn in diesem Augenblick +tönte durch die Wände ein langer, furchtbarer Schrei. +Simon ergriff die Lampe und beide stürzten die Treppe +hinunter, in das Gemach, wo sie wußten, daß sie schlief. +Den Schrei hatte Klara ausgestoßen. Agappaia war +auch herbeigesprungen, und sie fanden die Frau ausgestreckt +am Boden liegen. Sie hatte sich, wie es schien, +ausziehen wollen, um zu Bett zu gehen, und war, von +einem heftigen Anfall gepackt, umgefallen. Ihre Haare +waren aufgelöst und die herrlichen Arme zuckten fieberisch +am Boden. Ihre Brust hob und senkte sich stürmisch, +während ein verwirrtes Lächeln um ihren Mund +flog, der weit geöffnet war. Alle drei Männer bogen +sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die <ins title="Zukungen">Zuckungen</ins> +allmählich sich verloren. Weh hatte sie sich beim +Umfallen nicht getan, was leicht hätte geschehen können. +Man hob die Bewußtlose auf und legte sie, halb angekleidet, +wie sie war, auf ihr Bett, das säuberlich abgedeckt +war. Sie wurde ruhiger, als man ihr das Korsett +öffnete. Sie atmete erleichtert auf und schien jetzt zu +<a class="pagenum" name="Page_85" title="85"> </a> +schlafen. Und immer schöner lächelte sie und fing an +zu schwärmen in Lispeltönen, die wie Glocken aus weiter +Ferne daherklangen, scharf, und doch kaum vernehmbar. +Man horchte gespannt und beratschlagte, ob es einen +Zweck hätte, aus der Stadt einen Arzt heraufzuholen. +»Bleiben Sie doch noch,« sagte Agappaia ruhig zu Simon, +der sogleich sich auf den Weg machen wollte, »es +wird vorübergehen. Es ist nicht das erste Mal.« Sie +saßen und horchten weiter und sahen einander bedeutend +an. Aus Klaras Munde war nicht viel zu verstehen, +als etwa kurze, abgerissene, halb gesungene, halb gesprochene +Sätze: »Im Wasser, nein, sieh doch, tief, tief. +Das hat lange gebraucht, lange, lange. Und du weinst +nicht. Wenn du wüßtest. Es ist so schwarz und so +schlammig um mich herum. Aber sieh doch. Ein Veilchen +wächst mir zum Munde heraus. Es singt. Hörst du? +Hörst du's? Man sollte meinen ich wäre ertrunken. So +schön, so schön. Gibt es nicht ein Liedlein darauf? Die +Klara! Wo ist sie nun? Such sie, such sie doch. Aber du +müßtest ins Wasser gehen. Hu, schauert dich, nicht +wahr? Schauert mich gar nicht mehr. Ein Veilchen. +Ich sehe die Fische <ins title="schwimmmen">schwimmen</ins>. Ich bin ganz still, ich +mache gar nichts mehr. Sei doch lieb, sei gut. Du +blickst böse. Die Klara liegt da, da. Siehst du, siehst +du? Ich hätte dir noch etwas sagen wollen, aber ich bin +froh. Was hätte ich dir sagen wollen? Weißt es nicht +mehr. Hörst du mich klingen? Mein Veilchen ist es, +das klingelt. Ein Glöckchen. Das habe ich immer gewußt. +Sage es nur nicht. Ich höre ja nichts mehr. +Bitte, bitte« – –</p> + +<p>»Gehen Sie nur zu Bett. Wenn es schlimmer +wird, werde ich Sie wecken,« sagte Agappaia.</p> + +<p>Es wurde nicht schlimm. Am andern Morgen war +Klara wieder munter und wußte nichts davon, was mit +<a class="pagenum" name="Page_86" title="86"> </a> +ihr geschehen war. Sie hatte etwas Kopfschmerzen, das +war alles.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Klara fühlte sich himmlisch. Sie saß in einem dunkelblauen +Morgengewand, das in edlen Falten frei an ihrem +Leibe herunterfloß, auf dem Balkon, der eine Aussicht +auf Tannen gewährte, die an diesem Morgen, wo ein +leiser Windzug daherwehte, sich sanft in ihren Spitzen +hin und herbogen. Der Wald ist doch herrlich, dachte sie +und beugte sich, über das zierlich gearbeitete Geländer gelehnt, +mehr nach ihm zu, um seinen Duft näher zu +haben. »Wie er daliegt, der Wald, als schlummerte er +schon jetzt der Nacht entgegen. Am Tag, mitten im +Sonnenschein, geht man in einen Wald, wie in einen +Abend hinein, wo die Geräusche schärfer und leiser sind +und die Düfte feuchter und empfindsamer, wo man ruhen +kann und beten. Im Wald betet man unwillkürlich, +und es ist auch der einzige Ort in der Welt, wo Gott +nahe ist; Gott scheint die Wälder erschaffen zu haben, +daß man wie in heiligen Tempeln darin bete; der eine +betet nun so, der andere so, aber alle beten. Wenn +man unter einer Tanne liegt und ein Buch liest, so betet +man da, wenn Beten dasselbe ist wie das Verlorensein +in Gedanken. Mag Gott immer sein, wo er sein mag, im +Wald ahnt man ihn und gibt ihm das bißchen Glauben +mit stillem Entzücken hin. Gott will nicht, daß man so sehr +an ihn glaubt, er will, daß man ihn vergißt, es freut ihn +sogar, wenn er geschmäht wird; denn er ist über alle Begriffe +gütig und groß; Gott ist das Nachgiebigste was es +im Weltraum gibt. Er besteht auf nichts, will nichts, +bedarf nichts. Etwas wollen, das mag für uns Menschen +sein, aber für ihn ist das nichts. Für ihn ist nichts. +Er ist froh, wenn man ihn anbetet. O dieser Gott ist +entzückt und weiß sich vor Seligkeit nicht zu fassen, wenn +<a class="pagenum" name="Page_87" title="87"> </a> +ich jetzt hingehe und ihm danke, nur ein bißchen, wenn +auch ganz oberflächlich, danke. Gott ist so dankbar. Ich +möchte wissen, wer dankbarer wäre. Er hat uns alles +gegeben, der Unvorsichtige, Gütige, und nun ist er so, +daß er froh sein muß, wenn seine Geschöpfe seiner ein +wenig gedenken. Das ist das Einzige an unserem Gott, +daß er nur dann Gott sein will, wenn es uns gefällt, +ihn als unseren Gott zu erhöhen. Wer lehrt mehr Bescheidenheit +als Er? Wer ist ahnungsvoller und stiller? +Vielleicht hat Gott auch nur Ahnungen über uns, so +wie wir über ihn, und ich spreche zum Beispiel hier +bloß meine Ahnungen aus über ihn. Ahnt er auch, daß +ich jetzt hier auf dem Balkon sitze und seinen Wald +wundervoll finde? Wüßte er doch, wie schön sein Wald +ist. Aber ich glaube, Gott hat seine Schöpfung vergessen, +nicht etwa aus Gram, denn wie könnte er des Grames +fähig sein, nein, er hat einfach vergessen, oder es scheint +wenigstens, daß er uns vergessen hat. Man kann alles +empfinden über Gott; denn er läßt alle Gedanken zu. +Aber man verliert ihn leicht, wenn man über ihn denkt, +deshalb betet man zu ihm. Großer Gott, führe uns +nicht in Versuchung. So habe ich als Kind gebetet, +wenn ich im Bettchen lag, und ich habe mich immer über +mich gefreut, wenn ich gebetet habe. Wie bin ich heute +glücklich und froh; alles an mir ist ein Lächeln, ein +seliges Lächeln. Das ganze Herz lächelt, die Luft ist +so frisch, ich glaube, es ist Sonntag heute, da werden +die Leute aus der Stadt kommen und im Wald spazieren, +und ich werde mir irgend ein Kind aussuchen, es mir von +seinen Eltern auf eine kleine Weile erbitten, und mit ihm +spielen. Wie ich so dasitzen kann und Freude empfinden +kann um mein bloßes Dasein, Dasitzen, Mich-über-das-Geländer-lehnen! +Wie ich mir schön vorkomme so. Fast +könnte ich Kaspar vergessen, alles vergessen. Ich begreife +<a class="pagenum" name="Page_88" title="88"> </a> +jetzt nicht, wie ich jemals über etwas weinen, wie mich +jemals etwas erschüttern konnte. Wie unerschütterlich +ist der Wald und doch so biegsam, warm, lebendig und +süß. Welch ein Atmen aus den Tannen, welch ein Rauschen! +Das Rauschen der Bäume macht jede Musik überflüssig. +Überhaupt, nur in der Nacht möchte ich Musik hören, aber +am Morgen nie, denn der Morgen ist mir zu heilig dafür. +Wie merkwürdig frisch ich mich fühle. Wie geheimnisvoll +das ist, sich schlafen legen, nein, zuerst +müde sein, dann sich schlafen legen, und dann erwachen +und sich wie neugeboren fühlen. Jeder Tag ist ein +Geburtstag für uns. Wie wenn man in ein Bad stiege, +so steigt man aus den Schleiern der Nacht in die Wellen +des blauen Tages. Nun wird bald die Glut des Mittags +kommen, bis wieder die Sonne sehnsüchtig versinkt. +Welche Sehnsucht, welches Wunder vom Abend zum +Morgen, vom Mittag zu Abend, von der Nacht zum +Morgen. Alles würde man wundervoll finden, wenn man +alles empfände, denn es kann ja nicht eines wundervoll +sein und das andere nicht. Ich glaube, ich muß gestern +krank gewesen sein, und man sagt es mir nur +nicht. Wie schön und unschuldig noch immer meine +Hände aussehen. Wenn sie Augen hätten, so würde ich +ihnen einen Spiegel entgegenhalten, damit sie sähen, wie +schön sie sind. Der kann glücklich sein, den ich liebkose +mit meinen Händen. Was für seltsame Gedanken ich +doch habe. Wenn Kaspar jetzt käme, müßte ich weinen, +mich so sehen zu lassen. Ich habe nicht an ihn gedacht, +und er würde es fühlen, daß ich nicht an ihn gedacht +habe. Wie elend mich das auf einmal macht, zu +denken, daß ich ihn vernachlässigt habe. Bin ich denn +seine Sklavin? Was geht er mich an?«</p> + +<p>Sie weinte. Da kam Kaspar: »Was fehlt dir, +Klara?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_89" title="89"> </a>»Nichts! Was sollte mir fehlen? Du bist ja da. +Du hattest mir gefehlt. Ich bin glücklich, aber ich leide +es nicht, daß ich allein glücklich bin, ohne dich. Deshalb +weinte ich. Komm, komm,« und sie preßte ihn +fest an sich.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_90" title="90"> </a>Sechstes Kapitel.</h2> + +<p>Simon fing an, das träge, schlenderische Leben, das +er führte, als etwas Unerträgliches zu empfinden. Er +fühlte, daß er bald wieder schaffen und tagewerken mußte: +»Es hat doch etwas für sich, zu leben wie die Meisten. +Es beginnt mich zu ärgern, so müßig und absonderlich +zu sein. Das Essen schmeckt mir nicht mehr, die Spaziergänge +ermüden mich, und was ist denn Großes und Erhebendes +daran, sich auf heißen Landstraßen von Fliegen +und Bremsen zerstechen zu lassen, durch Dörfer zu laufen, +steile Wände hinunter zu springen, auf erratischen Felsblöcken +zu hocken, den Kopf zu stützen, ein Buch anzufangen +zu lesen und es nicht bis zu Ende lesen zu +können, dann in einem, wenn auch schönen, so doch +abgelegenen See zu baden, sich wieder anzuziehen und +auf den Heimweg zu machen und dann zu Hause den +Kaspar zu finden, der ebenfalls vor Trägheit nicht mehr +weiß, auf welchem Bein er stehen und mit welcher Nase +er denken soll, oder welchen Finger er an eine seiner +Nasen legen soll. Man bekommt bei diesem Leben +leicht eine Menge Nasen und möchte den ganzen Tag +seine zehn Finger an seine zehn Nasen legen und denken. +Dabei lachen einen die eigenen Nasen nur aus und +machen die lange Nase. Nun, was ist das etwa Göttliches, +wenn man sieht, wie einem zehn Nasen oder +<a class="pagenum" name="Page_91" title="91"> </a> +mehr die lange Nase machen. Ich illustrierte damit +nur die Tatsache, daß man bei diesem Herumlungerleben +dumm wird. Nein, ich fange an, mir wieder so etwas +wie ein Gewissen zu machen, und zu denken, daß es +wiederum bei dem Gewissenmachen nicht bleiben darf, +sondern daß man irgend etwas tun muß. In der Sonne +herumlaufen, kann auf die Dauer kein Tun sein, und +Bücher liest nur ein Tropf; denn das ist man, wenn +man sonst weiter nichts tut. Das Schaffen unter Menschen +ist doch schließlich das allein und einzig Bildende. +Was nun tun? Vielleicht Gedichte schreiben? Wenn +ich das tun möchte bei dieser Sommerhitze, müßte ich +zuerst Sebastian heißen, dann täte ich's vielleicht. Der +tut es, das bin ich überzeugt. Das ist ein Mensch, der +erst einen Ausflug macht, See, Wald, Berge, Bäche, +Pfützen und Sonnenschein genau studiert, eventuell Notizen +macht, dann heimgeht und einen Aufsatz darüber +schreibt, den dann die Zeitungen drucken, die die Welt +bedeuten. Kann das ein Tun für mich sein? Wohl, +wenn ich es verstünde, aber ich bin Stümper in diesen +Sachen. Also hingehen und wieder Buchstaben kratzen, +Rechnungen ausradieren und Tinte verbrauchen. Ja, +ich glaube, daß ich das tun muß, obwohl es keine Ehre +für mich ist, wieder von vorne anzufangen, was ich einst +verlassen habe. Aber es muß sein. In diesem Falle +denkt man nicht an die Ehre, sondern an das Notwendige +und Unabänderliche. Ich bin jetzt zwanzig Jahre +alt. Wie komme ich dazu, schon zwanzig Jahre alt zu +sein? Welche Entmutigung müßte für einen anderen darin +liegen, zwanzig Jahre alt zu sein und nun von vorne +anzufangen, da, wo man bei der Entlassung aus der +Schule stand. Aber ich will es so lustig wie nur möglich +nehmen, da es doch einmal sein muß. Ich will ja +auch gar nicht vorwärtskommen im Leben, ich will nur +<a class="pagenum" name="Page_92" title="92"> </a> +leben, daß es ein bißchen eine Art und Weise hat. Weiter +gar nichts. Eigentlich will ich nur leben, bis es wieder +Winter wird, und dann, wenn es schneit und Winter ist, +werde ich weiter zu leben wissen, wird es mir zum Bewußtsein +kommen, wie ich am besten weiter zu leben +habe. Es macht mir viel Vergnügen, so das Leben in +kleine, einfache, leicht zu lösende Rechnungen einzuteilen, +die kein Kopfzerbrechen machen, die sich von selber lösen. +Im Winter bin ich übrigens immer klüger und unternehmender +als im Sommer. Bei der Wärme, bei all +dem Blühen und Duften ist nichts anzufangen, während +die Kälte und der Frost schon von selber vorwärtstreiben. +Also bis im Winter etwas Geld zusammenscharren, und +im schönen Winter dann das Geld zu irgend etwas +Nützlichem verbrauchen. Es käme mir nicht drauf an, +im Winter Sprachen zu studieren, tagelang, in ungeheizten +Zimmern, bis mir die Finger abgefrören, aber +der Sommer ist für diejenigen, die Ferien erhalten, für +solche, die sich in Sommerfrischen gütlich tun, die ein +Vergnügen darin finden, barfuß, ja nackt auf heißen +Wiesen herumzuspringen, höchstens einen ledernen Schurz +um die Lenden, wie Johannes der Täufer, der außerdem +Heuschrecken soll gegessen haben. So will ich mich jetzt +auf das Bett der täglichen Arbeit in Schlaf legen und +erst wieder erwachen, wenn der Schnee über die Erde +fliegt und die Berge weiß werden und die Nordstürme +dahersausen, daß einem die Ohren erfrieren und in Flammen +des Frostes und Eises zergehen. Die Kälte ist mir eine +Glut, unbeschreiblich, nicht auszudrücken! So wird's gemacht, +oder ich müßte nicht Simon heißen. Klara wird +im Winter eingehüllt sein in dicke, weiche Pelze, ich werde +sie durch die Straßen begleiten, es wird auf uns herabschneien, +so leise, so heimlich, so lautlos und so warm. +O, Einkäufe zu machen, wenn es schneit in den schwarzen +<a class="pagenum" name="Page_93" title="93"> </a> +Straßen und die Magazine mit Lichtern erhellt sind. In +einen Laden hineinzutreten mit Klara oder hinter Klaras +Gestalt her und zu sagen: die Dame wünscht dies und +das zu kaufen. Klara duftet in ihren Pelzen und ihr +Gesicht, wie wird das schön sein, wenn wir dann wieder +auf die Straße hinausgehen. Vielleicht wird sie im +Winter dann irgendwo in einem feinen Geschäft arbeiten, +wie ich, und ich werde sie jede Nacht abholen können, +außer sie beföhle mir einmal, sie lieber nicht abzuholen. +Agappaia jagt seine Frau vielleicht fort, und sie wird +dann gezwungen sein, irgendwo eine Anstellung anzunehmen, +was ihr leicht sein wird, da sie eine vornehme +Erscheinung ist. Weiter denke ich nicht. Weiter als so +denkt vielleicht Herr Spielhagen von der Aktiengesellschaft +für elektrische Leuchtkörper, aber ich nicht; denn ich bin +nicht so gestellt und häufe mir nicht so viele Verpflichtungen +in der Welt an, daß ich gezwungen wäre, weiter +als so zu denken. Ach, der Winter! Wenn er nur +bald kommt.« –</p> + +<p>Schon am nächsten Tag arbeitete er in einer großen +Maschinenfabrik, die zur Inventuraufnahme eine ganze +Anzahl von jungen Leuten brauchte. Den Abend verbrachte +er dann lesend an einem Fenster, oder er verlängerte +seinen Heimweg von der Fabrik nach Klaras +Hause, indem er einen weiten Bogen um den ganzen +Berg herummachte, in dem dunklen Grün der vielen +Waldschluchten, welche den breiten Berg durchschnitten. +An einer Quelle, bei der er stets vorbeikam, löschte er +jedesmal seinen großen Durst und lag dann auf einer +einsam gelegenen Waldwiese, bis ihn die Nacht daran +erinnerte, endlich nach Hause zu gehen. Er liebte das +Übergehen des Sommerabends in die Sommernacht, +dieses langsame, rötliche Sinken der Farben des Waldes +in das Dunkel der gänzlichen Nacht. Er pflegte dann +<a class="pagenum" name="Page_94" title="94"> </a> +ohne Worte und Gedanken zu träumen, sich keinen Vorwurf +mehr zu machen und sich der schönen Müdigkeit +zu überlassen. Oft schien es ihm, als zische neben ihm, +in den dunklen Büschen, eine feurig-rote große Kugel +aus der schlafenden Erde empor, und wenn er dahin +blickte, war es der Mond, der schwebend und schwer +aus dem Welt-Hintergrund hervortanzte. Wie hing +dann sein Auge an der bleichen, leichten Gestalt dieses +schönen Gestirnes. Es war ihm so sonderbar, daß diese +ferne Welt gleich hinter dem Gebüsch versteckt zu sein +schien, zum befühlen und daran fassen nahe. Alles +schien ihm nahe zu sein. Was war denn dieser Begriff +der Ferne gegen solche Fernen und Nähen. Das +Unendliche schien ihm plötzlich das Nächste. Wenn er +nach Hause kam, durch all das schwere, singende, duftende +Grün der Nacht hindurch, empfand er es als etwas +Geheimnisvolles und Liebes, wenn ihm Klara, was sie +jeden Abend tat, entgegentrat, um ihn zu empfangen. +Ihre Augen schienen immer geweint zu haben, wenn sie +so kam oder auf diese Weise wartete. Dann saßen sie +zusammen, bis tief in die Nacht hinein, auf dem kleinen +Balkon, der in eine Art Sommerhäuschen in schwebender +Höhe verwandelt war und spielten mit winzigen Karten +ein Spiel, oder die Frau sang irgend eine Melodie, oder +sie ließ sich von ihm etwas vorerzählen. Wenn sie ihm +zu guter Letzt Gute Nacht sagte, so schlief er so wohl, +als wenn es ein Zauberwort gewesen wäre, dieses ›Gute +Nacht‹ von ihr, mit dem sie die Macht besessen hätte, +ihn an einen besonders tiefen und schönen Schlaf zu +fesseln. Am Morgen glitzerte der silberne Tau an den +Gesträuchen, an den Gräsern und Blättern, wenn er in +sein Geschäft lief, um zu schreiben und das Inventar +der Maschinenfabrik aufnehmen zu helfen. Einmal, an +einem Sonntag, da er von einem Spaziergang zurückkehrte, +<a class="pagenum" name="Page_95" title="95"> </a> +fand er Klara schlafend auf dem Diwan in seinem +Zimmer. Von draußen tönte eine Handharfe aus einem +der armseligen Berg-Vorstadthäuschen, in denen arme +Arbeiter wohnten. Die Fensterläden waren zugezogen, +und ein grünes, heißes Licht befand sich im Zimmer. Er +setzte sich neben die Schlafende ans Fußende und sie berührte +ihn leise mit ihren Füßen. Dieser Druck tat ihm +so wohl, und er sah unverwandt das Gesicht der Schlummernden +an. Wie schön war sie, wenn sie schlief. Sie +gehörte zu den Frauen, die am schönsten sind, wenn ihre +Gesichtszüge unbeweglich ruhen. Klara atmete in ruhigen +Wellen; ihre Brust, die halb entblößt war, bewegte sich +sanft auf und ab; ihren herabhängenden Händen war +ein Buch entfallen. In Simon stieg der Gedanke auf, +hinzuknieen und diese schönen Hände still zu küssen, aber +er tat es nicht. Er würde es vielleicht getan haben, +wenn sie wach dagelegen wäre, aber schlafend? Nein! +Geheime, verstohlene, erschelmte Zärtlichkeiten sind nicht +meine Sachen, dachte er. Ihr Mund lächelte, als schliefe +sie nur so und wüßte, daß sie schliefe. Dieses Lächeln +der Schlafenden verbot jeden unzarten Gedanken, aber +es zwang, hinzusehen auf diesen Mund, auf dieses Gesicht, +auf dieses Haar und auf diese länglichen Wangen. +Im Schlaf preßte Klara plötzlich ihre Füße stärker an +Simon, dann erwachte sie und schaute sich fragend um +und blieb lange an Simons Augen hängen, als verstände +sie irgend etwas nicht. Dann sagte sie: »Du, +Simon! Höre einmal.«</p> + +<p>»Was denn?«</p> + +<p>»Wir werden nicht mehr lange in diesem Hause +wohnen. Agappaia hat alles verspielt und verloren. Er +ist in die Hände von Schwindlern geraten. Das Haus +ist bereits verkauft und zwar an deinen Frauenverein +für Volkswohl und Mäßigkeit. Die Damen gründen +<a class="pagenum" name="Page_96" title="96"> </a> +hier ein Waldkurhaus für das arbeitende Volk. Agappaia +hat sich einer Gesellschaft von Asienforschern angeschlossen +und wird bald wegreisen, um dort irgendwo in Indien +eine versunkene griechische Stadt zu entdecken. An mich +denkt er schon gar nicht mehr. Wie seltsam, es kränkt +mich gar nicht einmal. Mein Mann war überhaupt +nie fähig, mich zu kränken. Genug! Ich werde in +einem einfachen Zimmer wohnen, in der Stadt unten, +und Kaspar und du, ihr werdet mich besuchen. Ich +werde eine Stelle bekleiden, irgend eine Stelle, so wie +du. Im Herbst ziehen wir aus, dann soll auch sogleich +dieses Haus umgebaut werden. Was sagst du dazu?«</p> + +<p>»Mir ist das sehr lieb. Ich dachte auch schon daran, +mich zu ›verändern‹. Jetzt kommt es ja von selbst. +Ich freue mich sehr darauf, dich in deinem zukünftigen +Heim besuchen zu können.«</p> + +<p>Und beide malten sich die Zukunft aus und lachten +dabei.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Kaspar befand sich in einem kleinen Landstädtchen, +wo er den Auftrag zu erledigen hatte, einen Tanzsaal +zu dekorieren, das heißt, dessen Wände von oben bis +unten zu bemalen. Es war inzwischen Herbst geworden +und eines Tages machte sich Simon, es war ein Sonnabend, +nach Feierabend auf den Weg, um die Nacht +durch die Strecke zu Fuß zu gehen, die ihn von Kaspar +trennte. Warum sollte er nicht eine ganze Nacht lang wandern +können. Er hatte eine Landkarte zur Hand genommen +und darauf mit dem Zirkel die Zahl der Stunden, die +er brauchte, um nach dem Städtchen zu gelangen, scharf +abgemessen und hatte wahrgenommen, daß er gerade +in einer Nacht, wenn er die Zeit ausnutzte, hingelangen +konnte. Der Weg führte ihn zuerst durch die Vorstadt, +wo Rosa, seine alte Freundin, wohnte, und er verschmähte +<a class="pagenum" name="Page_97" title="97"> </a> +nicht, ihr im Vorbeilaufen einen kurzen Besuch abzustatten. +Sie war sehr erfreut, ihn nach so langer Zeit +wieder einmal zu sehen, nannte ihn einen bösen, treulosen +Menschen, daß er sie so habe im Stich lassen können, +sagte das aber mehr in einem schmollenden als in einem +gereizten Ton und ließ es sich nicht nehmen, Simon +ein Glas Rotwein zu trinken zu geben, das, wie sie +sagte, ihn für seine Nachtwanderung stärken solle. Auch +briet sie ihm auf ihrem Gasherde schnell eine Wurst, +stichelte den Dastehenden, während sie kochte, mit nicht +unartigen, aber wohlgesetzten Worten, sagte, er müsse ja +sehr gut mit Frauen versehen sein und machte ihn lachend +darauf aufmerksam, daß er eigentlich die Wurst nicht +verdiene, sie nun aber doch haben solle, wenn er künftig +fleißiger zu ihr käme. Das versprach, während er sich +das Essen schmecken ließ, Simon und trat bald darauf +seine Wanderung mit einigem Bangen vor der Anstrengung, +die ihm bevorstand, an. Aber jetzt noch feige zurückkehren +und die Eisenbahn benutzen, das mochte er doch +nicht. So lief er denn vorwärts und fragte immer +wieder nach dem richtigen Weg, um ja sicher zu gehen. +Bei den Wegweisern zündete er ein Streichhölzchen an, +hielt es in die nötige Höhe, um zu sehen, wo der Weg +weiter hinliefe. Er ging mit einer ganz rasenden Schnelligkeit, +als fürchtete er, der Weg möchte ihm unter seinen +Füßen entgehen und davonlaufen. Der Rotwein Rosas +hatte ihn befeuert und er wünschte nur, daß bald die +Berge kämen, die zu überwinden ihm eine Lust und +Leichtigkeit gewesen wäre. So kam er in das erste Dorf +und hatte Mühe, sich auf den verschiedenen Dorfwegen, +die alle kreuz und quer liefen, zurechtzufinden. Er rief +deshalb einen Schmied an, der noch hämmerte, und von +diesem erfuhr er, daß er richtig ging. Nun kam eine +Landschaft, die ganz verschwommen war, weil sie aus +<a class="pagenum" name="Page_98" title="98"> </a> +lauter Gebüschen bestand; es ging bergaufwärts; dann +kam eine Art Hochebene, die etwas Schauerliches an +sich hatte. Es war tiefdunkel, kein Stern am ganzen +Himmel, hin und wieder kam der Mond hervor, aber +die Wolken verdeckten sein Licht wieder. Nun lief Simon +durch einen finsteren Tannenwald, er fing an zu keuchen +und paßte besser auf seine Schritte auf; <ins title="dem">denn</ins> er stieß +immer wieder an Steine, die im Wege lagen, und das +langweilte ihn doch ein wenig. Der Tannenwald hörte +auf, Simon atmete freier; denn in dunklen Wäldern +zu gehen, so allein, ist nicht immer ungefährlich. Ein +großes Bauernhaus stand plötzlich vor ihm wie aus +der Erde emporgewachsen und engte seinen Blick ein, +ein großer Hund schoß hervor, sprang auf den Wanderer +los, aber biß nicht. Simon blieb ganz still und ruhig +stehen, starrte den Hund nur an, und so wagte der +Hund nicht zu beißen. Weiter ging es! Brücken kamen, +die donnerten in der Stille unter den raschen Schritten, +denn sie waren von Holz, es waren alte Holzbrücken +mit Dächern und Heiligenbildern am Ein- und Ausgange. +Simon fing an, gezierte Schritte zu machen, +um sich Unterhaltung zu verschaffen. Plötzlich, auf ganz +offenem, aber düsterem Feld stand ein starker Mann vor +ihm, der ihn anschrie und ihn dabei fürchterlich anstarrte. +»Was wollen Sie?« schrie Simon seinerseits, +aber er machte eine Schwenkung rund um den Mann +herum und lief fort, ohne hören zu wollen, was der +Mann wollte. Sein Herz klopfte, es war die Plötzlichkeit +der Erscheinung, nicht der Mann selber, die ihn erschreckt +hatte. Dann marschierte er durch ein schlafendes, +endlos langes Dorf. Ein weißes, langes Kloster sah ihm +entgegen und verschwand wieder. Es ging wieder bergauf. +Simon dachte an gar nichts mehr, die zunehmende +Anstrengung lähmte seine Gedanken; stille Brunnen wechselten +<a class="pagenum" name="Page_99" title="99"> </a> +mit einsamen Baumgruppen, Wälder mit Wolken, +Steine mit Quellen, es schien alles mit ihm zu gehen +und hinter ihm zu versinken. Die Nacht war feucht, +finster und kalt, seine Wangen aber brannten und seine +Haare wurden naß vom Schweiß. Auf einmal erblickte +er zu seinen Füßen etwas gestreckt Liegendes, Weites, +Schimmerndes und Glänzendes: es war ein See; Simon +blieb stehen. Von da an ging es abwärts auf einem +fürchterlich schlechten Weg. Zum ersten Mal taten ihm +seine Füße weh, aber er achtete nicht darauf, sondern +ging weiter. Äpfel hörte er dumpf auf die Wiesen fallen. +Wie geheimnisvoll schön die Wiesen waren: undurchsichtbar +und dunkel. Das Dorf, das nun folgte, erweckte +sein Interesse durch die vornehmen Häuser, die +es zur Schau trug. Aber hier wußte Simon nicht mehr +weiter. So sehr er suchte, den rechten Weg fand er +nicht. Da es ihn erbitterte, wählte er, ohne sich lange +zu besinnen, die Hauptstraße. Eine Stunde mochte er +gegangen sein, als ihm ein deutliches Gefühl sagte, daß +er eine falsche Richtung eingeschlagen hatte, er kehrte +wieder um, weinte beinahe vor Zorn und schlug seine +Füße gegen die Straße, als hätten sie die Schuld getragen. +Er kam wieder ins Dorf zurück: zwei Stunden +versäumt: welche Schmach! Er fand auch sogleich den +rechten Weg, nun, da er die Augen besser auftat, lief +fort, unter Bäumen, die ihr Laub fallen ließen, auf +einem schmalen Seitenwege, der ganz mit raschelnden +Blättern bedeckt war. Er gelangte in einen Wald, es +war ein Bergwald, der schroff in die Höhe strebte, und +da Simon keinen Weg mehr vor sich sah, ging er einfach +gerade aus, suchte sich, immer höher steigend, durch +das dichteste Tannengeäst seine Bahn, zerkratzte sich sein +Gesicht, zerrieb seine Hände, aber es ging wenigstens +hinauf, bis endlich der Wald aufhörte, durch den er sich +<a class="pagenum" name="Page_100" title="100"> </a> +stöhnend und fluchend hindurchgerungen, und eine freie +Weide vor seinen Augen lag. Er ruhte einen Moment: +»Herrgott, wenn ich zu spät komme: welche Blamage!« +Weiter! Er ging nicht mehr, er sprang, indem er rücksichtslos +seine Beine in die weiche Ackererde stampfte. +Ein bleiches, schüchternes Morgenlicht streifte von irgendwoher +seine Augen. Er sprang über Hecken, die ihn zu +höhnen schienen. Auf einen Weg achtete er schon längst +nicht mehr. Eine anständige, breite Straße, das blieb +in seiner Phantasie als etwas Köstliches hängen, nach +dem er sich von Herzen sehnte. Es ging wieder bergabwärts, +in schmale, kleine Schluchten, wo die Häuser +an den Halden wie Spielzeuge klebten. Er roch die +Nußbäume, unter denen er lief; unten im Tal schien so +etwas wie eine Stadt zu sein, aber das war nur eine +gierige Ahnung. Endlich fand er die Straße. Seine +Beine selbst schienen mitzujubeln über den Fund und +er ging ruhiger, bis er einen Brunnen fand, zu dessen +Röhre er sich wie ein Wahnsinniger hinstürzte. Unten +gelangte er in eine kleine Stadt, kam bei einem weißglänzenden, +zierlichen, anscheinend geistlichen Palais vorbei, +dessen Verfallenheit ihn tief rührte, und wieder ging +es ins offene Land hinaus. Hier fing der Tag an zu +grauen. Die Nacht schien zu erbleichen; die lange, stille +Nacht machte ein Zeichen der Bewegung. Simon stürmte +jetzt den Weg nur so beiseite. Wie bequem erschien ihm +das Gehen auf einer solchen glatten Straße, die in +großen Windungen zuerst aufwärts, dann prachtvoll gedehnt +bergab führte. Nebel sanken auf die Wiesen nieder +und gewisse Tagesgeräusche meldeten sich dem Ohr. Wie +lang doch eine Nacht war. Durch diese Nacht, die er +auf der Erde durchgelaufen, saß vielleicht ein Gelehrter, +vielleicht gar sein Bruder Klaus, bei der Lampe am +Schreibtisch, und wachte ebenso sauer und mühsam. +<a class="pagenum" name="Page_101" title="101"> </a> +Ebenso wundervoll mußte einem solchen Stillesitzenden +der erwachende Tag vorkommen, wie jetzt ihm, dem +Landstraßenläufer. Schon zündete man in kleinen Häusern +die Frühmorgenlichter an. Eine zweite, größere Stadt +erschien, zuerst mit Vorhäusern, dann mit Gassen, dann +mit Toren und einer breiten Hauptstraße, in der Simon +ein herrliches Haus mit Statuen von Sandstein auffiel. +Es war eine alte Stadtburg, die jetzt als Postgebäude +diente. Schon gingen Menschen auf der Straße, +die er fragen konnte nach dem Weg, wie am Abend +zuvor. Es ging wieder ins flache, freie Land hinaus. +Der Nebel zerstob, Farben zeigten sich, entzückte Farben, +entzückende Farben, Morgenfarben! Es schien ein herrlicher, +blauer Herbstsonntag werden zu wollen. Nun begegnete +Simon Leuten, namentlich Frauen, sonntäglich +geputzten, die vielleicht schon von weit herkamen, um in +die Stadt zur Kirche zu gehen. Immer bunter wurde der +Tag. Jetzt sah man die roten, glühenden Früchte neben +der Straße in der Wiese liegen, auch fielen beständig +reife Früchte von den Bäumen. Es war das reine +Obstland, durch das Simon nun weiterschritt. Handwerksburschen +begegneten ihm, ganz bequemlich; die +nahmen das Gehen nicht so ernst wie er. Eine ganze +Gesellschaft dieser Burschen lag ausgestreckt an einem +Wiesenrand in den ersten Strahlen der Sonne: welches +Bild der Behaglichkeit! Eine Kuh wurde vorbeigeführt, +und die Frauen sagten so schön ›guten Tag‹. Simon +aß Äpfel auf dem Weg, auch er wanderte jetzt ruhig +durch das fremde, schöne, reiche Land. Die Häuser an +der Straße waren so einladend, aber noch schöner und +zierlicher waren die Häuser, die mitten unter den Bäumen, +tiefer im Land, mitten im Grün steckten. Die Hügel +gingen anmutig und sanft in die Höhe, die Höhen +lockten, alles war blau, von einem herrlichen, feurigen +<a class="pagenum" name="Page_102" title="102"> </a> +Blau durchzogen, auf Wagen fuhren ganze Gesellschaften +von Leuten daher und endlich sah Simon ein kleines +Häuschen am Weg, dahinter eine Stadt, und sein Bruder +steckte den Kopf durch das Fenster des Hauses. Er war +zur rechten Zeit angekommen, kaum eine Viertelstunde +nach der vereinbarten Zeit. Und er ging mit Frohlocken +in das Haus hinein.</p> + +<p>Drinnen im Zimmer, beim Bruder, betrachtete er +alles mit großen Augen, obschon gar nicht viel zu betrachten +war. In einer Ecke stand das Bett, aber es +war ein interessantes Bett; denn Kaspar schlief darin, +und das Fenster war ein wunderbares Fenster; obgleich +es nur aus einfachem Holz war und simple Vorhänge +hatte, schaute doch eben erst Kaspar durch dieses Fenster +hinaus. Am Boden, auf dem Tisch, auf der Bettdecke, +auf Stühlen herum lagen Zeichnungen und Bilder. Jedes +einzelne Blatt glitt durch des Besuchers Finger, alles +war schön und so vollendet. Es war Simon beinahe +unbegreiflich, was für ein Arbeiter der Maler war, es lag so +viel vor seinen Augen, er konnte kaum mit Ansehen fertig +werden. »Wie das die Natur selber ist, was du malst!« +rief er aus: »Es wird mir immer halb traurig zumute, +wenn ich neue Bilder von dir betrachte. Jedes ist so schön, +glänzt von Empfindung und trifft die Natur wie in ihr +Herz, und du malst immer Neues, willst immer Besseres, +vernichtest womöglich Vieles, das in deinen Augen schlecht +geworden ist. Ich kann keines von deinen Bildern schlecht +finden, alle rühren mich und bezaubern meine Seele. +Nur ein Strich von dir oder eine Farbe geben mir von +deinem schlechthin wundervollen Talent eine feste und unerschütterliche +Überzeugung. Und wenn ich deine Landschaften, +die so breit und warm mit dem Pinsel gemalt +sind, ansehe, sehe ich immer dich, und ich fühle eine Art +Weh mit dir, das mir sagt, daß es nie ein Ende gibt +<a class="pagenum" name="Page_103" title="103"> </a> +in der Kunst. Ich verstehe die Kunst so gut und das +Drängen der Menschen, das sie ihretwegen empfinden, und +die Sehnsucht, so um die Liebe und Gnade der Natur +zu werben. Was wollen wir, wenn wir es entzückend +finden, eine Landschaft abgebildet zu sehen? Ist es nur +ein Genuß? Nein, wir wollen damit etwas erklärt finden, +aber etwas, das gewiß immer unerklärlich bleiben +wird. Es schneidet so tief in uns hinein, wenn wir, an +einem Fenster liegend, träumend eine untergehende Sonne +betrachten, aber das ist noch gar nichts gegen eine Straße, +in der es regnet, wo die Frauen ihre Röcke zierlich hochheben, +oder gegen den Anblick eines Gartens oder Sees +unter dem leichten Morgenhimmel oder gegen eine einfache +Tanne im Winter oder gegen eine Gondelfahrt +bei Nacht oder gegen eine Alpenansicht. Nebel und +Schnee entzücken uns nicht minder als Sonne und Farben; +denn der Nebel verfeinert wieder die Farben, und +der Schnee ist doch, zum Beispiel unter dem Blau des +erwärmenden Vorfrühlingshimmels, eine tiefe, wundervolle, +beinahe unverständliche Sache. Wie schön ich das +von dir finde, Kaspar, daß du malst und so schön malst. +Ich möchte ein Stück Natur sein und mich lieben lassen, +so wie du jedes Stück Natur liebst. Der Maler muß +doch wohl die Natur am heftigsten und am schmerzlichsten +lieben, viel stürmischer und zitternder und aufrichtiger +als selbst der Dichter, als zum Beispiel so ein +Sebastian, von dem ich doch hörte, daß er sich eine +Hütte auf den Weiden zum Wohnen eingerichtet hat, +damit er ungestört, wie ein Einsiedler in Japan, die Natur +anbeten kann. Die Dichter hangen sicher weniger +treu an der Natur, als ihr Maler; denn sie treten in der +Regel mit verbildeten und verstopften Köpfen an sie heran. +Doch vielleicht irre ich mich, und ich würde mich +in diesem Fall gerne geirrt haben. Wie mußt du gearbeitet +<a class="pagenum" name="Page_104" title="104"> </a> +haben, Kaspar. Du hast doch gewiß keine Ursache, +dir selber Vorwürfe zu machen. Das würde ich +nicht tun. Nicht einmal ich tue es, und wahrhaftig, ich +hätte es sicher nötig. Aber ich tu es deshalb nicht, +weil es einen unruhig macht und weil die Unruhe ein +häßlicher, des Menschen unwürdiger Zustand ist.« –</p> + +<p>»Da hast du recht,« sprach Kaspar.</p> + +<p>Sie gingen dann beide durch die kleine Stadt, sahen +alles an, was bald, und wiederum bei der Innigkeit, womit +sie es taten, doch nicht bald geschehen war, begegneten +dem Briefträger, der Kaspar einen Brief einhändigte +und eine Grimasse dazu schnitt. Der Brief war +von Klara. Die Kirche wurde bewundert und die Majestät +der Stadttürme, die trotzigen Stadtmauern, welche +oft durchbrochen worden waren, die Rebhäuser und Lusthäuser +am Berge, in denen das Leben ausstarb seit so +langer Zeit. Die Tannen schauten ernst auf das alte +Städtchen herab, dazu war der Himmel so süß und die +Häuser schienen zu trotzen und verdrießlich zu sein in +ihrer Dicke und Breite. Die Wiesen schimmerten, und +die Hügel mit den goldenen Buchenwäldern lockten in +die Höhe und Ferne hinein. Am Nachmittag gingen die +jungen Männer in den Wald. Viel sagten sie nicht mehr. +Kaspar war still geworden, sein Bruder fühlte, an was +er dachte und wollte ihn nicht aufwecken; denn ihm schien +es wichtiger, daß gedacht werde, als wenn geredet worden +wäre. Sie setzten sich auf eine Bank. »Sie will +nicht von mir lassen,« sagte Kaspar, »sie ist unglücklich.« +Simon sagte nichts, aber er empfand eine gewisse Freude +für seinen Bruder, daß die Frau unglücklich um ihn +war. Er dachte: »Ich finde es schön, daß sie unglücklich +ist.« Diese Liebe entzückte ihn. Bald wurde jedoch Abschied +genommen; denn Simon mußte, und diesmal mit +der Bahn, zurückreisen.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_105" title="105"> </a>Siebentes Kapitel.</h2> + +<p>Es wurde Winter. Simon, der sich selber überlassen +war, saß in einem kleinen Zimmer, mit einem +Mantel bekleidet, am Tische und schrieb. Er wußte +nicht, was er mit der Zeit beginnen sollte, und weil er +von seinem Beruf her zu schreiben gewöhnt war, so +schrieb er jetzt ganz wie absichtslos von selber und zwar +auf kleine Papierstreifen, die er sich mit der Schere zurechtgeschnitten +hatte. Draußen war nasses Wetter, und +der Mantel, mit dem Simon umhüllt war, diente dazu, +einen Ofen zu ersetzen. Ihm behagte dieses In-der-Stube-sitzen, +während draußen heftige Winde wehten, die Schnee +versprachen. Es war ihm behaglich zumute, so zu sitzen +und etwas zu machen und sich der Einbildung zu überlassen, +ein vergessener Mensch zu sein. Er dachte zurück +an seine Kindheit, die noch gar nicht so weit rückwärts +entfernt war, und die doch so fern lag wie ein Traum, +und schrieb:</p> + +<p>»Ich will mich an die Kindheit zurückerinnern, da +dies, in meinem jetzigen Falle, eine spannende und belehrende +Aufgabe ist. Ich war ein Knabe, der sich gern +an warme Öfen mit dem Rücken lehnte. Ich kam mir +dabei wichtig und traurig vor und machte ein zufriedenes +und zugleich wehmütiges Gesicht. Auch zog ich, +wenn ich nur immer konnte, weiche Filzschuhe für die +<a class="pagenum" name="Page_106" title="106"> </a> +Stube an, das heißt, das Wechseln der Schuhe, das +Tauschen der nassen mit den warmen, machte mir die +größte Freude. Eine warme Stube hatte etwas Zauberhaftes +für mich. Ich war nie krank und beneidete +immer die, die krank sein konnten, die man pflegte, für +die man etwas feinere Worte hatte, wenn man zu ihnen +sprach. Deshalb dachte ich mich öfters krank und war +gerührt, wenn ich in meiner Einbildung vernahm, wie +meine Eltern zärtlich zu mir redeten. Ich hatte ein Bedürfnis +darnach, zärtlich behandelt zu werden, und es +geschah nie. Vor meiner Mutter fürchtete ich mich, weil +sie so selten zärtlich sprach. Ich hatte das Renommee +eines Spitzbuben, und ich glaube, nicht mit Unrecht, aber +es war doch manchmal verletzend für mich, immer daran +erinnert zu werden. Ich hätte gern verzärtelt werden +mögen; als ich aber einsah, daß es unmöglich war, daß +man mir diese Aufmerksamkeit schenke, wurde ich ein +Flegel und verlegte mich darauf, diejenigen zu ärgern, +welche den Vorzug genossen, brave, geliebte Kinder zu +sein. Das war meine Schwester Hedwig und mein +Bruder Klaus. Nichts machte mir größeres Vergnügen, +als Ohrfeigen von ihnen zu bekommen; denn daran sah +ich, daß ich das Geschick dazu hatte, sie zornig auf mich +zu machen. Von der Schule habe ich keine große Erinnerung +mehr, aber ich weiß, daß sie mir eine Art +Entgeltung wurde für die kleine Zurücksetzung, die ich +im elterlichen Hause erfuhr: ich konnte mich auszeichnen. +Es war mir eine Genugtuung, gute Zeugnisse nach Hause +zu tragen. Ich fürchtete die Schule und verhielt mich +infolgedessen dort brav; ich blieb in der Schule überhaupt +immer zurückhaltend und zaghaft. Die Schwächen +der Lehrer blieben mir indessen nicht lange verhüllt, doch +kamen sie mir mehr schrecklich als lächerlich vor. Einer +der Lehrer, ein plumper, ungeheurer Mensch, hatte ein +<a class="pagenum" name="Page_107" title="107"> </a> +wahres Säufergesicht; trotzdem fiel es mir nie ein, daß +er ein Säufer hätte sein können, dagegen von einem andern +ging ein rätselhaftes Gerücht in der Schulwelt umher, +daß er am Trunk untergegangen wäre. Dieses +Mannes Leidensgesicht vergesse ich nie. Die Juden hielt +ich für vornehmere Menschen als die Christen; denn es +gab etliche entzückend schöne Judenfrauen, vor denen +ich, wenn ich ihnen auf der Gasse begegnete, erbebte. Öfters +mußte ich, im Auftrage meines Vaters, in eines der +eleganten Judenhäuser gehen, und es roch immer wie +nach Milch in diesem Hause, und die Dame, die mir +dort die Tür aufzuschließen pflegte, hatte weiße, weite +Kleider an und brachte einen warmen, gewürzigen Duft +mit sich heraus, vor dem ich anfangs einen Abscheu +hatte, den ich aber nachher lieben lernte. Ich glaube, +ich trug nicht gerade hübsche Kleider als Knabe, jedenfalls +sah ich mit boshafter Bewunderung einige andere +Knaben an, die hohe schöne Schuhe trugen, glatte +Strümpfe und gutsitzende Anzüge. Ein Knabe besonders +machte mir tiefen Eindruck wegen seiner Zartheit an Gesicht +und Händen, wegen der Weichheit seiner Bewegungen +und der Stimme aus seinem Munde. Er glich völlig +einem Mädchen, war immer in weiche Stoffe gekleidet +und genoß bei den Lehrern eine Achtung, die mich stutzig +machte. Ich sehnte mich krankhaft danach, von ihm +eines Wortes gewürdigt zu werden und war glücklich, +als er mich eines Tages vor dem Schaufenster +einer Papierhandlung unvermittelt ansprach. Er schmeichelte +mir, weil ich so schön schrieb, und sprach das Verlangen +danach aus, eine ebenso schöne Schrift wie ich +zu besitzen. Wie freute mich das, diesem jungen Gott +von Knaben in einem Stück wenigstens überlegen zu +sein, und ich wehrte seine Schmeicheleien errötend und +selig von mir ab. Dieses Lächeln! Ich erinnere mich +<a class="pagenum" name="Page_108" title="108"> </a> +noch, wie er lächelte. Seine Mutter war lange Zeit +mein Traum. Ich überschätzte sie zu Ungunsten meiner +eigenen Mutter. Welches Unrecht! Diesen Knaben griffen +einige Spottvögel in unserer Klasse an, indem sie die +Köpfe zusammensteckten und sagten, er sei ein Mädchen +und zwar ein wirkliches, nur verkleidet in den Kleidern +eines Knaben. Natürlich war es nur Unsinn, aber mich +traf das wie ein Donnerschlag und ich glaubte lange +Zeit, in diesem Knaben ein verkleidetes Mädchen verehren +zu sollen. Seine überweiche Figur gab mir allen Anlaß +zu überspannten romantischen Empfindungen. Natürlich +war ich zu schüchtern und stolz, ihm meine Vorliebe +für ihn zu erklären, und so hielt er mich für einen +seiner Feinde. Wie vornehm wußte er sich abzusondern. +Wie merkwürdig, jetzt das zu denken! – Im Religionsunterricht +entzückte ich einmal meinen Lehrer, weil ich +für eine bestimmte Empfindung ein bestimmtes treffendes +Wort fand; auch das ist mir unvergeßlich geblieben. In verschiedenen +Fächern war ich überhaupt sehr gut, aber es war +immer beschämend für mich, als Muster dazustehen, und +ich bemühte mich oft förmlich, schlechte Resultate zu erzielen. +Mein Instinkt sagte mir, daß mich die Überflügelten +hassen könnten, und ich war gerne beliebt. Ich fürchtete +mich davor, von den Kameraden gehaßt zu werden, weil +ich das für ein Unglück hielt. Es war in unserer Klasse +Mode geworden, die Streber zu verachten, deshalb kam +es öfters vor, daß sich intelligente und kluge Schüler +aus Vorsicht einfach dumm stellten. Dieses Verhalten, +wenn es bekannt wurde, galt als musterhaftes Betragen +unter uns, und in der Tat, es hatte wohl einen Anstrich von +Heroismus, wenn auch in mißverstandenem Sinne. Von +Lehrern ausgezeichnet zu werden, war also mit der Gefahr +der Mißachtung verbunden. Welch eine seltsame +Welt: die Schule. In einer der frühesten Schulklassen +<a class="pagenum" name="Page_109" title="109"> </a> +hatte ich einen Schulkameraden, einen kleinen Knirps mit +Flecken im spitzigen Gesicht, dessen Vater ein herumsaufender +Korbflechter war, den alle Leute kannten. Da mußte +nun der kleine Kerl immer vor der ganzen höhnenden +Klasse das Wort Schnaps aussprechen, was er nicht +konnte, da er immer Snaps statt Schnaps sagte, infolge +eines armseligen Zungenfehlers. Wie gab uns das zu +lachen. Und wenn ich jetzt daran denke: wie roh war +doch das. Ein anderer, ein gewisser Bill, ein drolliger +kleiner Bursche, kam immer zu spät in die Schulstunde, +weil seine Eltern ein Haus in einer einsamen, wilden, +weit von der Stadt entfernten Berggegend bewohnten. +Dieser Spätling mußte jedes Mal für sein Zuspätkommen +die Hand ausstrecken, um einen bissigen, scharf schmerzenden +Schlag mit dem Meerrohr darauf zu empfangen. +Der Schmerz preßte dem Kleinen jedes Mal Tränen zu +den Augen heraus. Welche Spannung rief in uns diese +Abstrafung hervor. Ich hebe übrigens hervor, daß ich +hier nicht irgend jemand, vielleicht den betreffenden Lehrer, +wie man leicht glauben könnte, anklagen will, sondern +einfach mitteile, was ich noch weiß aus jenen Zeiten. – +Auf dem Berge, im Wald, oberhalb der Stadt, pflegte +sich, damals mehr als heutzutage, wie ich annehme, allerhand +arbeitsloses, wildes, verkommenes Volk anzusammeln, +um aus Schnapsflaschen im Dickicht zu trinken, +Karten zu spielen, oder um mit den Weibern zu buhlen, +denen das Elend und der Jammer zum Gesicht herausglotzten, +und die aus den Fetzen von Kleidern, die sie trugen, +erkenntlich waren. Man nannte diese Menschen Vaganten. +Eines Sonntag Abends gingen wir, Hedwig, +Kaspar und ich mit einem Mädchen, das wir Anna +nannten, und das unserem Hause treu war, auf einem +schmalen Weg über diesen Berg und sahen, als wir in +eine Waldlichtung voll Felsstücken hinaustraten, wie ein +<a class="pagenum" name="Page_110" title="110"> </a> +Mann eben eines dieser Felsstücke mit seiner Faust ergriff +und es einem andern Mann, seinem Gegner, ins +Gesicht schleuderte, daß es einen Krach gab und das +Blut des Getroffenen, der alsobald zu Boden stürzte, +herausspritzte. Der Streit, dessen Ende, da wir sogleich +flohen, wir nicht sahen, schien aus Anlaß eines Weibes +entstanden zu sein, wenigstens ist mir eine düstere, große +Weibsfigur noch immer deutlich vor Augen, die damals +gelassen dagestanden ist und dem Streit mit böser Haltung +zusah. Ich trug ein tiefes Weh und einen Schauder +nach Hause, der mich am Essen verhinderte und noch +lange Zeit jene Waldstelle meiden ließ. Es lag etwas +Furchtbares, Uranfängliches in diesem Männerkampf. –</p> + +<p>Kaspar und ich hatten einen gemeinschaftlichen Freund, +Sohn eines Großrates und angesehenen Kaufmanns, den +wir wegen seiner Bereitwilligkeit und Unterwürfigkeit gegen +unsere Pläne sehr liebten. Zu diesem gingen wir oft in +das elterliche, großrätliche Haus, wo uns eine zierliche +Dame, seine Mutter, jedes Mal freundlich willkommen +hieß. Wir spielten mit unseres Freundes Baukasten und +Bleisoldaten stundenlang und unterhielten uns vortrefflich. +Kaspar zeichnete sich im Bauen von Festungen und +Palästen und im Entwerfen von Schlachtenplänen aus. +Unser Freund hing sehr an uns; an Kaspar, wie es mir +schien, noch mehr als an mir; und er besuchte auch uns +öfters in unserem Hause, wo es freilich nicht ganz so +fein war. Hedwig hatte ihn sehr lieb. Seine Mutter +war von der unsrigen ganz verschieden, die Zimmer +waren glänzender als bei uns, der Ton war ein anderer, +ich meine: der Ton der Umgangssprache; aber bei uns +war es in allem lebhafter. Damals lebte in unserer +Stadt eine reiche Dame für sich allein in einem herrlichen +Garten, natürlich in einem Haus, aber das Haus +sah man nicht vor lauter Efeu und Bäumen und +<a class="pagenum" name="Page_111" title="111"> </a> +Springbrunnen, die es verdeckten. Diese Dame hatte +drei Töchter, schöne, blasse Mädchen, von denen es hieß, +daß sie alle zwei Wochen ein neues Kleid anzögen. Die +Kleider behielten sie nicht im Schrank, sondern ließen +sie durch besondere Botenläufer unter den Leuten der +Stadt verkaufen. Hedwig besaß einmal ein Seidenkleid +und ein paar Schuhe von einem dieser Mädchen, +und diese schon getragenen Sachen flößten mir, als ich +sie betrachtete und anrührte, einen geheimen Abscheu ein, +vermischt mit dem höchsten Interesse und einer Teilnahme, +wegen der ich oft ausgelacht wurde. Die +Dame saß immer in ihrem Hause oder höchstens einmal +im Theater, wo sie erschreckend weiß aussah in ihrer +dunkelroten Loge. Das mittlere von den drei Mädchen +war wohl das schönste. Ich sah sie in meiner Phantasie +immer zu Pferde; sie hatte so ein Gesicht, das +dazu geschaffen war, vom Rücken eines tanzenden Pferdes +auf eine gaffende Volksmenge herabzublicken und alle +die Augen niederschlagen zu machen. Alle drei Mädchen +sind jetzt wohl längst verheiratet. – Einmal hatten wir +eine Feuersbrunst, und zwar nicht in der Stadt selber, +sondern in einem Nachbardorfe. Der ganze Himmel in +der Runde war gerötet von den Flammen, es war eine +eisige Winternacht. Die Menschen liefen auf dem gefrorenen, +knirschenden Schnee, auch ich und Kaspar; denn +unsere Mutter schickte uns weg, um zu erfahren, wo es +brenne. Wir kamen zu den Flammen, aber es langweilte +uns, so lang in das brennende Gebälk zu schauen, +auch froren wir, und so liefen wir bald wieder nach +Hause, wo uns Mutter mit all der Strenge einer Geängstigten +empfing. Meine Mutter war damals schon +krank. Kaspar trat ein wenig später aus der Schule aus, +in der er keinen Erfolg mehr hatte. Ich hatte noch +ein Jahr vor mir, aber eine gewisse Melancholie ergriff +<a class="pagenum" name="Page_112" title="112"> </a> +mich und hieß mich auf die Dinge der Schule mit +Bitterkeit herabsehen. Ich sah das nahe Ende kommen +und den nahen Anfang von etwas Neuem. Was es +sein sollte, darüber konnte ich mir nur allerhand unkluge +Gedanken machen. Ich sah meinen Bruder öfters, mit +Paketen beladen, in seinem Geschäftsleben, und dachte +darüber nach, warum er so niedergeschlagen dabei aussah +und sein Gesicht zur Erde niederhing. Es mußte +nicht schön sein, dieses Neue, wenn man dabei die Augen +nicht aufschlagen durfte. Aber Kaspar hatte damals sich +auf seinen Beruf zu besinnen angefangen, er schien immer +zu träumen und war von einer sonderbaren Gelassenheit, +was dem Vater nichts weniger als gefiel. Wir bewohnten +jetzt ein geringeres Vorstadthaus, dessen Anblick ein erkältender +war. Die Wohnung war Mutter nicht recht. Sie +hatte überhaupt eine eigentümliche Krankheit, sich von +ihrer jeweiligen Umgebung verletzt zu fühlen. Sie mochte +von vornehmen kleinen Häusern in Gärten schwärmen. +Was kann ich wissen. Sie war eine sehr unglückliche +Frau. Wenn wir zum Beispiel alle beim Essen saßen, +ziemlich schweigsam, wie wir es gewohnt waren, erfaßte +sie plötzlich eine Gabel oder ein Messer und warf es von +sich weg, über den Tisch hinaus, so daß alle mit den +Köpfen zur Seite bogen; wenn man sie dann beruhigen +wollte, kränkte es sie, und wenn man <ins title="ihre">ihr</ins> Vorwürfe +machte, noch viel mehr. Vater hatte einen schweren +Stand mit der Kranken. Wir Kinder erinnerten uns +mit Wehmut und Schmerz der Zeiten, wo sie eine Frau +war, der alles mit einem Gemisch von Hochachtung und +Zärtlichkeit begegnete, wo, wenn sie die helle Stimme +ansetzte und einen rief, man sich beglückt fühlte zu ihr +hinzueilen. Alle Damen der Stadt erwiesen ihr Artigkeiten, +die sie mit Grazie und Bescheidenheit abzulehnen +wußte; diese entschwundene Zeit erschien mir schon damals +<a class="pagenum" name="Page_113" title="113"> </a> +wie ein zaubervolles Märchen voll entzückender +Düfte und Bilder. Ich lernte also schon früh, mich +schönen Erinnerungen mit Leidenschaft hinzugeben. Ich +sah wieder das hohe Haus, wo die Eltern ein reizendes +Galanteriewarengeschäft hatten, wo viele Menschen zu +uns hineinkamen, um zu kaufen, wo wir Kinder eine +helle, große Kinderstube besaßen, in welche die Sonne mit +einer Art Vorliebe hineinzuscheinen schien. Dicht neben +unserem hohen Hause kauerte ein kleines, schräges, zerdrücktes, +uraltes Haus mit einem spitzigen Giebeldach, +darin wohnte eine Witwe. Sie hatte einen Hutladen, +einen Sohn und eine Verwandte und, ich glaube, noch +einen Hund, wenn ich mich recht erinnere. Wenn man +zu ihr in den Laden trat, begrüßte sie einen so freundlich, +daß man das bloße dieser Dame Gegenüberstehen als +einen Wohlgenuß empfand. Sie preßte einem dann verschiedene +Hüte auf den Kopf, führte einen vor den +Spiegel und lächelte dazu. Ihre Hüte rochen alle so +wunderbar, daß man wie gebannt dastehen mußte. Sie +war eine gute Freundin meiner Mutter. Dicht daneben, +das heißt, dicht neben dem Hutladen glitzerte und lockte +eine schneeweiße Konditorei, eine Zuckerbäckerei. Die +Zuckerbäckersfrau schien uns ein Engel zu sein, nicht +eine Frau. Sie hatte das zarteste, ovalste Gesicht, das +man sich denken kann; die Güte und die Reinheit schienen +diesem Gesicht die Formen gegeben zu haben. Ein Lächeln, +das einen zum frommen Kinde machte, wenn es einen +traf, bezauberte und versüßte noch ihre süßen Züge. Die +ganze Frau schien wie geschaffen dazu, Süßigkeiten zu +verkaufen, Sachen und Sächelchen, die man nur mit +Nadelspitzenfingern anrühren durfte, wenn man ihnen +den köstlichen Geschmack nicht rauben wollte. Das war +auch eine Freundin meiner Mutter. Sie hatte viele +Freundinnen.« –</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_114" title="114"> </a>Simon hörte auf zu schreiben. Er ging zu einer +Photographie seiner Mutter, die an der schmutzigen Wand +seines Zimmers hing, und preßte, indem er sich auf die +Fußspitzen erhob, einen Kuß darauf. Dann zerriß er +das Geschriebene, weder mit Unmut noch mit vielem +Besinnen, einfach deshalb, weil es keinen Wert mehr +für ihn besaß. Dann ging er zu Rosa, in die Vorstadt +hinaus und sagte zu ihr: »Ich werde nun vielleicht bald +eine Anstellung in einer kleinen Landstadt bekommen, +was für mich jetzt das Schönste wäre, was es geben +könnte. Eine kleine Stadt ist doch etwas Entzückendes. +Man hat da sein altes, behagliches Zimmer, das man +für merkwürdig wenig Geld bekommt. Vom Geschäft +ins Zimmer zu gelangen, wäre mit ein paar Schritten +leicht abgetan. Alle Leute grüßen einen in der Gasse +und denken sich, wer der junge Herr wohl sein könne. +Diejenigen Weiber, die Töchter haben, geben einem schon +im Geiste eine ihrer Töchter zur Frau. Das wird die +jüngste Tochter sein mit den Ringellocken und den herabhängenden, +schweren Ohrringen an den kleinen Ohren. +Im Geschäft würde man sich langsam unentbehrlich +machen, und der Chef wäre glücklich, eine solche Erwerbung +wie mich gemacht zu haben. Abends nach Hause +gekommen, säße man im geheizten Zimmer, und die +Bilder an den Wänden würden angesehen, von denen +eines vielleicht die schöne Kaiserin Eugenie darstellen +dürfte und ein anderes eine Revolution. Die Tochter +des Hauses käme vielleicht herein und brächte mir Blumen, +warum nicht? Ist dies alles in einer Kleinstadt nicht +möglich, wo die Menschen einander so zärtlich begegnen? +Eines Tages aber, in der warmen, hellen Mittagspause, +würde dasselbe Mädchen schüchtern an meiner Tür anklopfen, +einer Tür, nebenbei gesagt, die aus der Rokokozeit +herstammte, würde sie aufmachen und zu mir in +<a class="pagenum" name="Page_115" title="115"> </a> +das Zimmer treten und zu mir, unter einer unendlich +feinen Seitenbeugung des schönen Kopfes, sagen: »Wie +sind Sie immer so still, Simon. Sie sind so bescheiden +und machen gar keine Ansprüche. Sie sagen nicht: mir +fehlt dieses oder jenes. Sie lassen alles so gehen. Ich +fürchte, Sie sind unzufrieden.« Ich würde lachen und +sie beruhigen. Dann plötzlich, wie von seltsamen Gefühlen +ergriffen, könnte es ihr einfallen zu sagen: »Wie +still und schön die Blumen sind, da auf dem Tische. +Sie sehen aus, als ob sie Augen hätten und es ist mir, +als ob sie lächelten.« Ich würde überrascht sein, so +etwas aus dem Munde einer Kleinstädterin zu hören. +Dann würde ich es plötzlich natürlich finden, in langsamen +Schritten zu der Dastehenden und Zaudernden +hinzugehen, meinen Arm um ihre Figur zu legen und +das Mädchen zu küssen. Sie würde es geschehen lassen, +aber nicht so, daß man versucht wäre, auf unschöne Gedanken +zu verfallen. Sie würde die Augen tief niederschlagen +und ich hörte das Pochen ihres Herzens, das +Wogen ihren schönen, runden Brust. Ich würde sie bitten, +mir ihre Augen zu zeigen, und daraufhin würde sie sie +aufmachen und ich würde in den Himmel ihrer geöffneten, +fragenden Augen hineinschauen. Das würde ein +langes Bitten und Schauen sein. Erst wäre es ein +flehender Blick von ihr, dann würde es mich reizen, sie +ebenso anzusehen, dann würde ich natürlich lachen müssen +und sie würde mir trotzdem vertrauen. Wie wunderbar +könnte das sein, und das kann sein in einer kleinen Stadt, +wo die Menschen mit Blicken so viel sagen. Ich würde +sie wieder küssen auf ihren seltsam gebogenen und geschweiften +Mund und ihr schmeicheln, so, daß sie meinen +Schmeicheleien glauben müßte und es also dann wieder +keine bloßen Schmeicheleien wären, und ihr sagen, daß +ich sie als mein Weib betrachtete, worauf sie, wieder den +<a class="pagenum" name="Page_116" title="116"> </a> +Kopf so wundervoll zur Seite biegend, ja sagen würde. +Denn was könnte sie mir entgegnen, wenn ich ihr den +Mund zudrückte, wie einem Kind, wenn ich sie nun mit +Küssen bedeckte, die Herrliche, die ein Lächeln des Übermutes +und des Siegesgefühles nicht zu unterdrücken vermöchte? +Freilich, Siegerin wäre sie und ich ihr Besiegter, +das würde sich ja bald zeigen, denn ich würde ihr Mann +werden und ihr damit mein ganzes Leben, meine Freiheit +und alle Gelüste, die Welt zu sehen, opfern und schenken. +Nun würde ich sie immer betrachten und sie immer schöner +finden. Bis zu unserer Vermählung würde ich wie ein +Schelm hinter ihren Reizen, die sie hinter sich fallen ließe, +her sein. Ich würde ihr zusehen, wenn sie auf den Zimmerboden +hinkniete, abends, um im Ofen Feuer anzufachen. +Ich würde viel lachen, wie ein Blödsinniger, nur um +nicht immer allzu feine Worte des Zärtlichseins zu gebrauchen, +und vielleicht würde ich sie öfters auch roh +behandeln, um die Züge des Schmerzes aus ihrem Gesicht +abzufangen. Nach solcher Handlungsweise käme +es mir nicht darauf an, heimlich, wenn sie es nicht sähe, +vor ihrem Bette hinzuknieen und die Abwesende mit +heißem Herzen anzubeten. Ich würde mich vielleicht sogar +dazu versteigen, ihren Schuh, der doch mit Wichse +bedeckt wäre, an meinen Mund zu pressen; denn der +Gegenstand, in den sie ihre kleinen weißen Füße steckte, +würde für das Gefühl der Anbetung vollkommen genügen, +zum Beten braucht es ja nicht viel. Ich stiege öfters +auf die nahen, hohen Felsenberge hinauf, sorglos mich +hinaufziehend an kleinen Baumstämmchen, über Abgründe +hinauf, und würde mich oben über einen Felssturz auf +die gelbliche Weide hinlegen und mich darauf besinnen, +wo ich denn eigentlich wäre, und mich fragen, ob mir +ein solches Leben in der Enge mit einer allerdings geliebten, +aber doch alles heischenden Frau wohl genügen +<a class="pagenum" name="Page_117" title="117"> </a> +würde. Ich schüttelte auf solche Fragen nur mit dem +Kopf und träumte mit herrlich gesunden Sinnen in die +Ebene hinab, wo die kleine Stadt ausgebreitet läge. +Vielleicht würde ich eine halbe Stunde lang weinen, +warum nicht, um meine Sehnsucht zu versöhnen und +würde wieder ruhig und glücklich daliegen, bis die Sonne +untersänke, dann hinuntergehen und meinem Mädchen die +Hand reichen. Es wäre alles beschlossen und hinter +mir zugeriegelt, aber ich wäre von Herzen froh über +die feste, gebietende Abgeschlossenheit. Alsdann würde +ich Hochzeit feiern und so meinem Leben ein neues Leben +geben. Das alte würde wie eine schöne Sonne untergehen, +und nicht einmal einen Blick würde ich ihm nachwerfen, +weil ich das für gefährlich und schwach hielte. +Die Zeit verginge, und nun würden wir uns, um für +unsere Zärtlichkeit eine Abbildung zu haben, nicht mehr +über Blumen beugen, sondern über Kinder und uns entzücken +über ihr Lächeln und Fragenstellen. Die Liebe +zu unseren Kindern und die tausend Sorgen, die sie +heischen würden, machte unsere eigene Liebe sanfter und +nur größer, aber stiller. Mich zu fragen, ob mir meine +Frau noch gefalle, würde mir niemals einfallen, und mir +einzureden, daß ich ein kleines, dürftiges Leben führte, +käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles <ins title="erfahrene">erfahren,</ins> +was an Erfahrung das Leben gibt und würde gern auf +den Gedanken verzichten, der mir allerhand elegante +Abenteuer vorhielte und vorspiegelte, die ich versäumt +hätte. »Was ist noch ein Versäumnis zu nennen?« +würde ich mich ruhig und überlegen fragen. Ich wäre +ein fester Mensch geworden, das wäre alles und bliebe +alles bis zu meiner Frau Tode, der es vielleicht bestimmt +wäre, früher als ich zu sterben. Doch weiter mag ich +nicht denken; denn das liegt doch zu fernab im Dunkel +der schönen Zukunft. Was sagen Sie dazu? Ich träume +<a class="pagenum" name="Page_118" title="118"> </a> +jetzt immer so viel, aber Sie müssen wenigstens zugeben, +daß ich mit einer gewissen Aufrichtigkeit und mit dem +Verlangen träume, ein besserer Mensch zu werden, als +ich jetzt bin.«</p> + +<p>Rosa lächelte. Sie schwieg eine Weile, indem sie +Simon aufmerksam betrachtete und fragte dann:</p> + +<p>»Was macht Ihr Herr Bruder, der Maler?«</p> + +<p>»Er will nächstens nach Paris gehen.«</p> + +<p>Rosa erblaßte, schloß die Augen und atmete schwer. +Simon dachte: Also auch sie liebt ihn.</p> + +<p>»Sie lieben ihn,« sagte er leise.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Am nächsten Morgen trat Simon in einem kurzen, +dunkelblauen Mantel, mit einem zierlichen, unbehülflichen +Stöckchen in der Hand, aus dem Hause heraus. Ein +dicker, schwerer Nebel empfing ihn und es war noch vollständige +Nacht. Nach einer Stunde aber erhellte es sich, +als er auf einer Anhöhe stand und auf die große Stadt +zu seinen Füßen zurückblickte. Es war kalt, aber die +Sonne, die eben jetzt feurig und hellrot über den verschneiten +Büschen und Feldern emporstieg, versprach einen +wundervollen Tag. Er blieb in den Anblick des immer +höher fliegenden roten Balles gebannt und sagte sich, +daß die Sonne im Winter noch drei Mal so schön sei, +wie eine Sonne mitten im Sommer. Der Schnee +brannte bald in dieser eigentümlich hellroten, warmen +Farbe, und dieser wärmende Anblick und die wirkliche +Kälte dazwischen wirkten belebend und anspornend auf +den Wanderer, der sich auch nicht allzu lange mehr aufhalten +ließ, sondern tüchtig weiterschritt. Der Weg war +derselbe, den Simon damals in der Herbstnacht gegangen +war, er hätte ihn jetzt beinahe schlafend gefunden. So +lief er den ganzen Tag. Im Mittag spendete die Sonne +schöne Wärme auf die Gegend herab, der Schnee wollte +<a class="pagenum" name="Page_119" title="119"> </a> +schon wieder zerrinnen, und das Grün blickte an einigen +Stellen naß hervor. Die rieselnden Quellen verstärkten +den Eindruck der Wärme, aber gegen Abend, als der +Himmel in dunkelblauer Farbe prangte und der rote +Schein der Sonne sich über dem Bergrücken verlor, wurde +es auch gleich wieder grimmig kalt. Simon stieg wieder +den Berg hinauf, den er schon einmal, aber in wilderer +Hast, in der Nacht erklommen hatte; der Schnee +knirschte unter seinen Schritten. Die Tannen waren so +voll mit Schnee beladen, daß sie ihre starken Äste herrlich +zur Erde niederhängen ließen. Ungefähr in der Mitte +des Aufstieges sah Simon plötzlich einen jungen Mann +mitten im Wege im Schnee daliegen. Es war noch so +viel letzte Helle im Wald, daß er den schlafenden Mann +ins Auge fassen konnte. Was veranlaßte diesen Menschen, +sich hier in der bitteren Kälte und an einer so +einsamen Stelle im Tannenwald niederzulegen? Des Mannes +breiter Hut lag quer über dessen Gesicht, wie es +oft im heißen, schattenlosen Sommer vorkommt, daß ein +Liegender und Ausruhender sich auf diese Weise gegen +die Sonnenstrahlen schützt, um einschlafen zu können. +Das hatte etwas Unheimliches an sich, dieses Gesichtverdecken +mitten im Winter, zu einer Zeit, wo es wahrhaftig +keine Lust konnte genannt werden, es sich hier im Schnee +bequem zu machen. Der Mann lag unbeweglich und +schon fing es an, immer dunkler im Walde zu werden. +Simon studierte des Mannes Beine, Schuhe, Kleider. +Die Kleider waren hellgelb, es war ein Sommeranzug, +ein ganz dünner und fadenscheiniger. Simon zog den +Hut von des Mannes Gesicht, es war erstarrt und sah +schrecklich aus, und jetzt erkannte er auf einmal das Gesicht, +es war Sebastians Gesicht, kein Zweifel, das waren +Sebastians Züge, das war sein Mund, sein Bart, seine +etwas breite, gedrückte Nase, seine Augenbildungen, seine +<a class="pagenum" name="Page_120" title="120"> </a> +Stirn und seine Haare. Und er war hier erfroren, ohne +Zweifel, und er mußte schon etliche Zeit liegen, hier am +Wege. Der Schnee zeigte hier keine Fußspuren, es war +also denkbar, daß er schon lange liege. Gesicht und +Hände waren längst erstarrt, und die Kleider klebten an +dem erfrorenen Leib. Sebastian mochte hier, durch große, +nicht mehr zu ertragende Müdigkeit, hingesunken sein. +Allzukräftig war er nie gewesen. Er ging immer in gebückter +Haltung, als ertrüge er die aufrechte nicht, als +täte es ihm weh, seinen Rücken und seinen Kopf stramm +zu halten. Wenn man ihn ansah, empfand man, daß +er dem Leben und seinen kalten Anforderungen nicht gewachsen +war. Simon schnitt Tannenäste von einer +Tanne und bedeckte den Körper damit, doch zog er vorher +noch ein kleines dünnes Heft aus der Rocktasche des +Toten, das dort hervorgeschaut hatte. Es schien Gedichte +zu enthalten, Simon unterschied die Schriftzeichen nicht +mehr. Es war mittlerweile völlige Nacht geworden. +Die Sterne funkelten durch die Lücken der Tannen und +der Mond schaute in einem schmalen, zierlichen Reifen +der Szene zu. »Ich habe keine Zeit,« sagte Simon still +vor sich, »ich muß mich beeilen, daß ich die nächste Stadt +noch erreiche, ich würde sonst keine Bangigkeit verspüren, +noch etwas längere Zeit bei diesem armen Kerl von +Toten zu verweilen, der ein Dichter und Schwärmer +war. Wie nobel er sich sein Grab ausgesucht hat. Mitten +unter herrlichen, grünen, mit Schnee bedeckten Tannen +liegt er. Ich will niemanden davon Anzeige erstatten. +Die Natur sieht herab auf ihren Toten, die Sterne +singen leise ihm zu Häupten, und die Nachtvögel schnarren, +das ist die beste Musik für einen, der kein Gehör und +kein Gefühl mehr hat. Deine Gedichte, lieber Sebastian, +will ich in die Redaktion tragen, wo man sie vielleicht +lesen und dem Abdruck übergeben wird, damit von dir +<a class="pagenum" name="Page_121" title="121"> </a> +wenigstens dein armer, funkelnder, schönklingender Name +der Welt erhalten bleibt. Eine prachtvolle Ruhe, dieses +Liegen und Erstarren unter den Tannenästen, im Schnee. +Das ist das beste, was du tun konntest. Die Menschen +sind immer geneigt, derartigen Käuzen, wie <em class="gesperrt">du</em> einer +warst, weh zu tun und ihre Schmerzen zu verlachen. +Grüße die lieben, stillen Toten unter der Erde und +brenne nicht zu sehr in den ewigen Flammen des Nichtmehrseins. +Du bist anderswo. Du bist sicher an einem +herrlichen Ort, du bist jetzt ein reicher Kerl, und es verlohnt +sich, die Gedichte eines reichen, vornehmen Kerls +herauszugeben. Lebe wohl. Wenn ich Blumen hätte, +ich schüttete sie über dich aus. Für einen Dichter hat +man nie Blumen genug. Du hattest zu wenig. Du +erwartetest welche, aber du hörtest sie nicht über deinem +Nacken schwirren, und sie fielen nicht auf dich nieder, +wie du geträumt hast. Siehst du, ich träume auch viel, +und viele, viele Menschen, denen man es nicht zutrauen +würde, träumen, aber du glaubtest, ein Recht zu haben +auf das Träumen, während wir anderen nur träumen, +wenn wir uns recht elend vorkommen, aber froh sind, +es einstellen zu können. Du verachtetest deine Mitmenschen, +Sebastian! Aber, Lieber, das darf sich nur ein Starker +erlauben, und du warst schwach! Doch ich will nicht +dein heiliges Grab gefunden haben, um es zu beschmähen. +Was weiß ich, was du gelitten hast. Dein Tod unter +den offenen Sternen ist schön, ich werde das lange nicht +vergessen können. Ich will Hedwig dein Grab unter +diesen edlen Tannen schildern, und ich werde sie damit +weinen machen. Die Menschen werden wenigstens noch +deine Gedichte lesen, wenn sie mit dir doch einmal nichts +anzufangen wußten.« – Simon schritt von dem Toten +weg, warf einen letzten Blick auf das Häufchen Tannenäste, +unter denen jetzt der Dichter schlief, wandte sich +<a class="pagenum" name="Page_122" title="122"> </a> +mit einer schnellen Drehung seines schmiegsamen Körpers +von dem Bilde ab und lief, was er konnte, im Schnee +weiter, den Berg hinauf. Er mußte also zum zweiten +Mal den Berg bei Nacht ersteigen, aber dieses Mal +schauerten Leben und Tod heiß durch seinen ganzen +Körper. Er hätte jubeln mögen in dieser eisigen, sternengeschmückten +Nacht. Das Feuer des Lebens trug ihn +vom sanften, blassen Bild des Todes stürmisch hinweg. +Er spürte keine Beine mehr, nur noch Adern und Sehnen, +und diese gehorchten biegsam seinem vorwärtseilenden +Willen. Droben auf der freien Bergmatte genoß er den +erhabenen Anblick der herrlichen Nacht erst ganz, und er +lachte laut auf, wie ein Knabe, der noch nie einen Toten +gesehen hat. Was war denn ein Toter? Ei, eine Mahnung +ans Leben. Weiter gar nichts. Eine köstliche zurückrufende +Erinnerung und zugleich ein Treiben in die +ungewisse, schöne Zukunft. Simon spürte, daß seine +Zukunft noch recht weit und offen vor ihm liegen mußte, +wenn er so ruhig mit Toten umgehen konnte. Es +machte ihm eine tiefe Freude, diesen armen, unglücklichen +Menschen noch einmal gesehen zu haben und so geheimnisvoll +angetroffen zu haben, so schweigend, so beredt, +so dunkel und ruhig und so vornehm fertig. Jetzt gab +es gottlob über diesen Dichter nichts mehr zu lächeln +und zu naserümpfen, bloß noch zu fühlen. – Simon +schlief herrlich in einem Gasthausbett, nämlich in +demselben Gasthaus, dessen Tanzsaal sein Bruder bemalt +hatte. Den andern Tag benutzte er zu frischem +Laufen auf beschwerlichen Straßen voll Schnee. Er sah +immer einen blauen Himmel über sich, Häuser zu beiden +Seiten der Straßen, schöne große Häuser die auf eine +wohlhabende und stolze Landbevölkerung schließen ließen, +Hügel mit schwarzen, zerzausten Bäumen besetzt, in die +der blaue Himmel hineinkroch, und Menschen, die an +<a class="pagenum" name="Page_123" title="123"> </a> +ihm vorübergingen und solche, die mit ihm die gleiche +Richtung liefen, die er aber überholte; denn er lief, während +die andern gemächlich gingen. Als es Nacht wurde, +ging er durch ein stilles, enges, sonderbares Tal, ganz +von Wäldern umschlossen und voll Windungen und seltsamer +Ausblicke in erhöhte Dörfer, wo die Nachtlichter +brannten und die Menschen spärlich umherliefen. Da +ihn nun doch eine ernstliche Müdigkeit zu plagen anfing, +kehrte er im nächsten Gasthaus wieder ein. Die Wirtsstube +war mit Menschen angefüllt, und die Wirtin sah +eher wie eine vornehme Frau aus feinem Haus aus als wie +eine Wirtin, die Gäste bediente. Er verlangte schüchtern, +was er begehrte, worauf ihn die schöne Frau mit seltsamen +Blicken maß. Er aber war so müde, so zerschlagen, +daß er nur froh war, als er bald darauf in sein Zimmer +geführt wurde, wo er sich mit Wonne in ein eiskaltes +Bett legte, um sogleich einzuschlafen. Der dritte Tag +brachte ihn in eine schöne, mächtige Stadt, wo er nur +ein Geschäft hatte: einen Redakteur ausfindig zu machen, +um Sebastians Gedichte abzugeben. Vor dem ihm bezeichneten +Hause angekommen, fiel ihm ein, daß es nicht +klug wäre, selber hineinzugehen und Gedichte eines Totaufgefundenen +abzugeben. Er schrieb daher auf den Umschlag +des blauen Heftes den Titel: »Gedichte eines im +Tannenwald erfroren aufgefundenen jungen Mannes zur +Veröffentlichung, wenn es möglich ist«, und warf das +Heft in den großen, plumpen Briefkasten, in den es hinunterprallte. +Dieses getan machte sich Simon neuerdings +auf den Weg. Das Wetter war milder geworden, Schnee +wirbelte in großen, nassen Flocken auf die Straßen, zu +denen hinaus es ihn drängte. Die unbekannten Menschen +dieser Stadt sahen ihn so sonderbar groß an, daß +er beinahe glauben mußte, sie kennten ihn, den völlig +Fremden. Bald kam er zur eigentlichen Stadt hinaus +<a class="pagenum" name="Page_124" title="124"> </a> +in die vornehme Villenvorstadt, und zu dieser auch +wieder hinaus, in einen Wald, auf ein Feld, auf ein +anderes, wieder in einen kleineren Wald, dann in +ein Dorf, in ein zweites und drittes, bis es Nacht +wurde.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_125" title="125"> </a>Achtes Kapitel.</h2> + +<p>In dem kleinen Dorfe schneite es am Morgen. Die +Schulkinder kamen alle mit nassen, verschneiten Schuhen, +Hosen, Röcken und Köpfen und Kappen in die Schule. +Sie brachten Schneeduft in die Schulstube und allerhand +Geröll von den schmutzigen, aufgeweichten Wegen. Die +Schar der Kleinen war infolge des Schneefalles zerstreut +und angenehm aufgeregt, zu Aufmerksamsein wenig geneigt, +worüber die Lehrerin ein wenig unmutig wurde. +Sie wollte eben mit Religion beginnen, als sie einen +dunklen, schlanken, beweglichen, gehenden Fleck vor dem +Fenster gewahrte, einen Fleck, den kein Bauer hätte machen +können, denn er war zu zierlich und beweglich. Es flog +nur so an der Fensterreihe vorüber, und auf einmal +sahen die Kinder ihre Lehrerin, alles vergessend, zur +Stube hinauseilen. Hedwig trat nur zur Schulstubentür +hinaus, um ihrem Bruder, der dicht davor stand, in die +Arme zu fliegen. Sie weinte und küßte Simon und +führte ihn in eines von den zwei Zimmern, die ihr zur +Verfügung standen. »Du kommst unerwartet, aber es +ist gut, daß du kommst,« sagte sie, »lege deine Sachen +hier ab. Ich muß noch Schule halten, aber ich will +die Kinder heute eine Stunde früher nach Hause schicken. +Das wird nichts ausmachen. Sie sind heute doch sonst +so unaufmerksam, daß ich einen Grund habe, böse zu +<a class="pagenum" name="Page_126" title="126"> </a> +sein und sie früher abzufertigen.« – Sie ordnete sich +ihr Haar, das bei der heftigen Begrüßung ziemlich aus +den Fugen geraten war, sagte Auf Wiedersehen zu ihrem +Bruder und ging wieder zurück an ihr Geschäft.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Simon fing an, sich auf dem Lande einzurichten. +Seine Koffer kamen mit der Post nach, worauf er alle +seine Sachen auspackte. Vieles besaß er nicht mehr, ein +paar alte Bücher, die er nicht hatte veräußern oder weggeben +mögen, Wäsche, einen schwarzen Anzug und einen +Knäuel von Kleinigkeiten wie Bindfaden, Seidenreste, +Krawatten, Schuhbändel, Kerzenstümpchen, Knöpfe und +Fadenteile. Man lieh sich bei der Nachbarsschullehrerin +eine alte eiserne Bettlade, dazu eine Strohmatratze, das +genügte, um auf dem Lande schlafen zu können. Diese +Bettstelle wurde auf einem <ins title="breitem">breiten</ins> Schlitten in der Nacht +vom nächsten Dorf herbeigeführt. Hedwig und Simon +setzten sich auf das sonderbare Fahrzeug; der Sohn der +befreundeten Lehrerin, ein strammer Bursche, der eben +den Militärdienst verlassen hatte, leitete den Schlitten +bergab in die Einsenkung, in der sich das Schulhaus +befand. Man lachte viel. Das Bett wurde im zweiten +Zimmer aufgeschlagen und mit dem nötigen Bettzeug +versehen und so für einen Menschen hergerichtet, der +keine zu überspannten Ansprüche an ein Bett machte, +was auch Simon keineswegs tat. Hedwig dachte im +Anfang eine Weile: »Da kommt er nun zu mir, weil +er sonst nirgendswo anders zu leben hat in der weiten +Welt. Dafür bin ich ihm gut. Wenn er wüßte, wo +schlafen und essen, er würde sich sicher seiner Schwester +nicht erinnert haben.« Aber sie verscheuchte diesen Gedanken +bald, der nur in einem Anflug von Trotz entstand, +der ausgedacht wurde, weil er so kam, nicht, weil +man ihn gerne dachte. Simon seinerseits schämte sich +<a class="pagenum" name="Page_127" title="127"> </a> +ein wenig, die Güte seiner Schwester in solcher Weise +zu beanspruchen, aber auch nicht sehr lange; denn die +Gewohnheit schluckte diese Empfindung bald auf, er gewöhnte +sich daran, ganz einfach! Geld hatte er wirklich +keines mehr, aber er ließ sofort, in den ersten Tagen +schon, ein Schreiben an alle umliegenden Notare ergehen, +mit der Bitte, ihm, einem gewandten Schönschreiber, Arbeiten +zuzuweisen. Und was brauchte man auf dem +Lande Geld! Viel jedenfalls nicht. Nach und nach sank +jede empfindliche Scheidewand zwischen den beiden Bewohnern +des Schulhauses, sie lebten, als wenn sie immer +miteinander gelebt hätten, und teilten Entbehrung +sowie Lustbarkeiten fröhlich <ins title="miteiander">miteinander</ins>.</p> + +<p>Es war Vorfrühling. Man durfte schon mit weniger +Zagheit die Fenster offen stehen lassen und brauchte +den Ofen nur noch leichter zu heizen. Die Kinder brachten +Hedwig ganze Sträuße von Schneeglöckchen mit in die +Schule, so daß man in Verlegenheit geriet, wohin sie +alle setzen, da nicht genug kleine Gefäße vorhanden waren. +Die Ahnung des Frühlings duftete beklemmend in der +Dorfluft. In der Sonne gingen schon Menschen spazieren. +Simon war den einfachen Leuten bekannt geworden, +ganz spurlos, so ganz nebenher, man fragte nicht +viel, wer er sei, es hieß, es sei einer der Brüder der +Lehrerin, das genügte, um ihm hier Achtung zu verschaffen. +Er wird einige Zeit zu Besuch bleiben, dachte man. +Simon ging ziemlich abgerissen umher, aber mit einer +gewissen leichten, kleidsamen Eleganz, die die Ärmlichkeit +der Stoffe, die er trug, hübsch verdeckte. Seine zerrissenen +Schuhe machten nicht viel Aufsehen. Simon fand +es reizend, auf dem Lande in defekten Schuhen zu gehen; +denn darin spürte er eine der hervorragenden Annehmlichkeiten +des ländlichen Lebens. Wenn er Geld bekäme, +würde er leise daran denken, das Schuhwerk aufbessern +<a class="pagenum" name="Page_128" title="128"> </a> +zu lassen, nur ganz gemach und leise! Vielleicht würde +er vierzehn Tage lang hinzaudern damit; denn was kommt +es auf dem Lande auf vierzehn Tage an! In der Stadt +mußte man alles schnell tun, aber hier hatte man die +schöne Verpflichtung, alles von einem Tag auf den anderen +zu verschieben, ja, es verschob sich ganz von selber; +denn die Tage kamen so still und ehe man es denken +konnte, war der Abend schon wieder da, dem eine innige +Nacht folgte, ein wahrer Schlaf von einer Nacht, +den der Tag leise wieder aufweckte, sorgsam und zärtlich. +Simon liebte auch die meist schmutzigen Dorfwege, die kleinen, +die über Geröll führten, und die großen, in denen man +im Kot versank, wenn man nicht aufpaßte. Aber das war +es ja eben! Man hatte Gelegenheit, aufzupassen, man +konnte den Städter herauszeigen, der daran gewöhnt war, +mit Sorgfalt und etwas posiertem Schrecken vor dem +Schmutz eine Straße zu passieren. Die älteren Dorfweiber +konnten denken, das sei ein reinlicher und achtsamer +junger Mann und die Mädchen konnten lachen +über die weiten Sprünge, mit denen Simon über Gräben +und Pfützen hinübersetzte. Der Himmel war vielmals +dunkel umwölkt, mit Wolken besetzt, die dick aufgeblasen +waren, und köstliche Stürme wehten oft und schüttelten +den Wald und rasten über das Moos, wo die Leute +arbeiteten, die Erde stachen und die Pferde geduldig daneben +standen. Oft auch lächelte der Himmel, daß alle +Menschen, die es sahen, augenblicklich mitlächeln mußten. +Hedwigs Gesicht nahm einen frohlockenden Ausdruck an, +der Lehrer, der im oberen Stock wohnte, steckte seine +Brille neugierig zum Fenster hinaus und genoß auf seine +Weise das Entzücken eines freundlichen Himmels. Simon +hatte sich in einem kleinen Laden eine billige Pfeife und +dazu Tabak gekauft. Es erschien ihm schön und angemessen, +auf dem Lande nur Pfeife zu rauchen, denn eine +<a class="pagenum" name="Page_129" title="129"> </a> +Pfeife konnte man stopfen, und dieses Stopfen war eine +Bewegung, die zum offenen Feld, zum Wald paßte, wo +er beinahe den ganzen hellen Tag verbrachte. Am warmen +Mittag lag er im hellgelben Gras unter dem herrlichen +sanften Himmel, am Flußufer hingestreckt und durfte +nicht nur, sondern mußte sogar träumen. Aber er träumte +von nichts Weitem, Entfernterem und Schönerem, sondern +er sann und träumte glücklich in seine Umgebung +hinein; denn er wußte von nichts Schönerem. Hedwig, +die Nahe, war der Gegenstand seiner Träume. Er hatte +die ganze übrige Welt vergessen und der Pfeifentabak, +den er rauchte, führte ihn nur wieder ins Dorf, zu dem +Schulhause, zu Hedwig. Er dachte von ihr: »Sie fährt +mit einem in einem Nachen, der sie entführt hat. Der +See ist klein wie ein Parkteich. Sie sieht immer in die +großen, schwarzen, düsteren Augen des Mannes, der unbeweglich +im Nachen sitzt, und denkt: »Wie doch seine +Augen ins Wasser blicken. Mich sieht er nicht an. Aber +das ganze, weite Wasser blickt mich mit seinen Augen +an!« Der Mann hat einen struppigen Bart, wie die +Räuber Bärte zu tragen pflegen. Dieser Mann kann +galant sein, wie keiner. Er kann die Galanterie bis zum +Verlust seines Lebens treiben, ohne mit einer Wimper zu +zucken und gewiß ohne die Hand aufs Herz zu legen +und sich mit seiner Tat zu brüsten. Dieser Mann würde +sich nie brüsten. Er hat eine warme, wundervolle Männerstimme, +aber er gebraucht sie nie, um eine Artigkeit zu +sagen. Nie kommt eine Schmeichelei über seine stolzen +Lippen und seine Stimme verdirbt er mit Absicht, daß +sie rauh und herzlos töne. Aber das Mädchen weiß, +daß er ein grenzenlos gutes Herz hat, und wagt es dennoch +nicht, an sein Herz mit einer Bitte anzuschlagen. +Eine Saite tönt über das Wasser mit langen Tonwellen. +Hedwig meint sterben zu sollen in dieser tönenden Luft. +<a class="pagenum" name="Page_130" title="130"> </a> +Der Himmel über dem Wasser ist so, wie dieser leichte, +wasserfarbene Himmel ist, der jetzt über mir schwebt. +Ein schwebender, hängender See da oben, das paßt gut. +Die Parkbäume im Bilde entsprechen den hohen, schwankenden +Bäumen in dieser Gegend. Sie haben etwas +Parkartiges, Herrschaftliches. Im Bilde jedoch ist alles +gedrängter und zusammengesetzter, und ich schweife jetzt +wieder darein hinüber, ohne den stillen Zusammenhang +mit mir und dieser Gegend weiter zu würdigen. Der +Mann erfaßt nun das Ruder und gibt damit dem +Nachen einen rücksichtslosen Stoß. Hedwig fühlt, daß +er seiner eigenen Wärme und Liebe in solcher Weise entgegenhandeln +könnte. Wenn er Liebe und Zärtlichkeit +in sich spürt, ist er beleidigt und er straft sich unbarmherzig, +daß er sich erlaubt hat, ein weiches Gefühl in +der Brust gehegt zu haben. So unnatürlich stolz ist er. +Kein Mann, sondern eine Mischung von Knabe und +Riese. Einen Mann verletzt es nicht, sich von Empfindungen +überwältigt zu finden, aber einen Knaben, der +mehr sein will als ein aufrichtig fühlender Mann, der +ein Riese sein will, der nur stark sein will und nicht auch +zuweilen schwach. Ein Knabe besitzt Tugenden der Ritterlichkeit, +die der vernünftig und reif denkende Mann immer +zur Seite wirft als unnütze Beigaben zum Feste der +Liebe. Ein Knabe ist weniger feige als ein Mann, weil +er weniger reif ist, denn die Reife macht leicht niederträchtig +und selbstisch. Man muß nur die harten, bösen +Lippen eines Knaben betrachten: der ausgesprochene Trotz +und das bildliche Versteifen auf ein einmal sich selber +im stillen gegebenes Wort. Ein Knabe hält Wort, ein +Mann findet es passender, es zu brechen. Der Knabe +findet Schönheit an der Härte des Worthaltens (Mittelalter) +und der Mann findet Schönheit darin, ein gegebenes +Versprechen in ein neues aufzulösen, das er männlich +<a class="pagenum" name="Page_131" title="131"> </a> +verspricht zu halten. Er ist der Versprecher, jener +ist der Vollstrecker des Wortes. Locken um die jugendliche +Stirne und einen Todestrotz auf den geschwungenen +Lippen. Augen wie Dolche. Hedwig zittert. Die Parkbäume +sind so weich, sie verschwimmen in der hellblauen +Luft. Dort unter den Bäumen sitzt der Mann, den sie +verachtet. Den, der bei ihr ist und der lieblos ist, muß +sie lieben, trotzdem er nichts verspricht. Er hat noch den +Mund zu keinem Versprechen aufgetan, hat sich erlaubt, +sie zu entführen, ohne ihr zum Ersatz auch nur eine +Zärtlichkeit ins Ohr hineinzuflüstern. Flüstern, das ist +des andern Sache, der da versteht es nicht. Und wenn +er es auch verstünde, so würde er es doch nie tun, oder +zu einer Gelegenheit tun, wo andere nicht mehr daran +denken, noch etwas zu äußern. Aber sie gibt sich ihm, +ohne zu wissen, warum. Sie hat nichts davon, darf +sich keine Hoffnungen machen, wie Weiber sie sich gerne +machen, sie darf nur auf schonungslose Behandlung gefaßt +sein, auf die wilden Launen, womit ein Herrscher +mit seinem Besitztum umzugehen pflegt. Aber sie fühlt +sich beglückt, wenn er mit einer Stimme zu ihr spricht, +barsch und achtlos, als ob sie schon die Seinige wäre. +Sie ist es ja, und das weiß dieser Mann. Er achtet +nicht mehr, was schon sein ist. Ihre Haare sind ihr +aufgegangen, es sind wundervolle Haare, die an ihren +schmalen, rötlichen Wangen wie flüssige Stoffe niederstürzen. +»Binde sie,« befiehlt er, und sie bemüht sich, +seinem Befehl zu gehorchen. Sie gehorcht mit Entzücken, +und er sieht es natürlich, auch wenn er die Augen schlösse; +denn dann würde er einen Seufzer von ihr hören wie +ihn nur Glückliche ausstoßen können, und solche, die dabei +hastig eine Arbeit verrichten, die ihren Händen vielleicht +beschwerlich fällt, aber ihren Herzen schmeichelt. +Sie steigen aus dem Nachen hinaus und treten ans Land. +<a class="pagenum" name="Page_132" title="132"> </a> +Das Land ist weich und senkt sich leicht unter den Tritten, +wie ein Teppich, oder wie mehrere aufeinandergelegte +Teppiche. Das Gras ist das gelbliche, dürre vom Vorjahre, +wie es hier, wo ich meine Pfeife rauche, zu sehen +ist. Da erscheint plötzlich ein Mädchen, ein ganz kleines, +blasses, düster blickendes Mädchen auf der Szene. Es +scheint eine Prinzessin zu sein; denn ihre Kleider sind +prachtvoll und in die Breite gebauscht in einem schweren +Bogen, aus dem die Brust wie eine kleine, prangende +Knospe herausspringt. Die Kleider sind dunkelrot, sie +haben das getrocknete Rot des Blutes. Ihr Gesicht ist +von einer durchsichtigen Blässe, es hat die Farbe des +Winterabendhimmels in den Gebirgen. »Du kennst +mich!« Mit diesen Worten wendet sie sich an den betroffenen +Mann, der starr dasteht. »Du wagst es, mich +noch anzublicken? Geh, töte dich. Ich befehle es dir!« +So spricht sie zu ihm. Der Mann macht Miene zu gehorchen. +Was für eine Miene? Ja, eine solche Miene, +die man macht, wenn etwas Unabänderliches getan werden +soll. Man pflegt dabei eine Grimasse zu schneiden. +Das Gesicht zuckt und man muß es zerbeißen und einkneten +mit der ganzen Willenskraft. Es will auseinanderreißen. +Ein Stück Nase will abfallen. Ähnliches +geschieht jedenfalls bei solchen Gelegenheiten. Aber weiter +mag ich mit dem tollen Mann nicht Miene machen, mich +zu töten; denn es müßte mit einem langen Messer geschehen, +und ich glaube, ich habe nur eine Tabakspfeife +und kein Messer. Mein Traum hat mir im Anfang gefallen, +aber jetzt, merke ich, will er ausarten und das +paßt nicht zu Hedwig; denn Hedwig ist sanft und wenn +sie leidet, leidet sie auf schönere und stillere Weise. Meinen +Mann da im struppigen Bart würde sie schön auslachen, +wenn er ihr so frech käme. Die Landschaft, die ich da +gemalt habe, war indessen sehr nett, aber auch nur deshalb, +<a class="pagenum" name="Page_133" title="133"> </a> +weil ich sie in den großen Zügen dieser natürlichen +Gegend hier herum entnommen habe. Man darf beim +Träumen nie den Boden des Natürlichen aufgeben, auch +bei Menschen nicht, denn sonst gelangt man sehr leicht +zu dem Punkt, wo man eine der Figuren sprechen läßt: +»Geh, töte dich.« Und dann muß einer Miene machen, +und das Machen einer Miene ist lächerlich und ist geeignet, +den schönsten Traum zu verderben!« –</p> + +<p>Simon ging nach Hause. Er hatte es sich zur +Gewohnheit gemacht, jeden Tag gegen Abend zu einer +bestimmten Zeit nach Hause zu schlendern, den Blick +meist zu der braunen, schwärzlichen Erde gesenkt, um +zu Hause den Tee zu kochen, und hatte im Teekochen +eine Handfertigkeit bekommen, die stets das richtige Maß +traf, denn es kam darauf an, nicht zu wenig und nicht +zu viel von der feinen, wohlriechenden Pflanze für einmal +zu gebrauchen, das Geschirr stets ziemlich sauber +zu halten und es in appetitlicher und anmutiger Art +auf den Tisch zu stellen, das Wasser auf der Weingeistflamme +nicht zerkochen zu lassen und es mit dem Tee +in vorgeschriebener Weise zu vermischen. Für Hedwig +war das eine kleine Erleichterung, da sie jetzt nur schnell +aus der Schulstube hinaus zum Tee zu eilen brauchte, +um wieder zur Arbeit zu gehen. Am Morgen, nach dem +Aufstehen, brachte Simon sein Bett in Ordnung, ging +dann in die Küche und bereitete den Kakao, und zwar +zu Hedwigs Vergnügen sehr schmackhaft; denn er lauerte +auch bei dieser Arbeit auf den richtigen Kniff, der immer +einer Verrichtung, und wäre sie noch so geringfügig, die +nötige Vollendung gibt. Auch übernahm er es, und +zwar ganz wie von selbst, ohne jede Vorstudien oder +Anstrengungen, den Ofen zu feuern und das Feuer zu +unterhalten, Hedwigs Zimmer zu reinigen, wobei ihm +die Gewandtheit, mit der er einen langen Besen zu handhaben +<a class="pagenum" name="Page_134" title="134"> </a> +wußte, sehr zustatten kam. Die Fenster öffnete +er, um frische Luft in die Stube hineinzulassen, aber er +schloß sie, wenn es ihm Zeit schien, auch gehörig wieder +zu, damit er eine warme und zugleich angenehm duftende +Stube bekäme. Überall im Zimmer, in kleinen Töpfen, +blühten die Blumen weiter, die der Natur draußen entrissen +wurden, und verbreiteten Duft in die Enge der +vier Wände. Die Fenster hatten einfache aber zierliche +Gardinen die zu der Helligkeit und Freundlichkeit im +Zimmer vieles beitrugen. Am Boden lagen warme Teppiche, +die Hedwig aus zusammengerafften Stoffresten +von armen Zuchthäuslern hatte verfertigen lassen, die dergleichen +Arbeiten vortrefflich ausführten. Ein Bett stand +in einer Ecke und in der andern ein Piano, dazwischen +ein altes Sofa mit geblümtem Tuchüberzug, ein genügend +großer Tisch davor, Stühle daneben; und dann befand +sich im Zimmer noch ein Waschtisch, ein kleiner Schreibtisch +mit Schreibunterlage und Büchergestell, das vollbesetzt +mit Büchern war, eine kleine umgestürzte Kiste +am Boden, mit weichem Tuch überzogen zum Sitzen +und Lesen, da manchmal beim Lesen das Bedürfnis entstand, +nahe am Boden zu sein und sich orientalisch vorzukommen, +weiter ein Nähtischchen mit Nähkörbchen, in +denen sich all das wunderliche Zeug befand, das einem +Mädchen mit häuslichen Sitten unentbehrlich ist, ein +runder merkwürdiger Stein mit Poststempel und Marke +versehen, ein Vogel, ein Haufen Briefe und Ansichtskarten +und an der Wand ein Horn zum Blasen, ein Becher +zum Trinken, ein Stock mit einem großen Hacken, ein +Rucksack mit Feldflasche und eine Schwanzfeder von einem +Falken. An den Wänden hingen außerdem noch Bilder, +die Kaspar gemalt hatte, darunter eine Abendlandschaft +mit Wald, ein Dach, von einem Fenster aus gesehen, eine +neblige, graue Stadt (besonders schön für Hedwig), eine +<a class="pagenum" name="Page_135" title="135"> </a> +Flußpartie in üppigen Abendfarben, ein Feld im Sommer, +ein Ritter Don Quichote und ein Haus, das so an einen +Hügel gedrückt war, daß man wohl mit einem Dichter +sprechen konnte: »Da hinten liegt ein Haus.« Auf dem +Piano, dessen Deckel mit einem Seidentuch überdeckt +war, befand sich eine Büste von Beethoven in grünlichem +Bronceton, einige Photographieen und ein kleines, feines +Schmuckkästchen ohne Inhalt, eine Erinnerung an die +Mutter. Ein Vorhang, der wie ein Bühnenvorhang +aussah, trennte beide Zimmer voneinander und beide +Schlafenden. Am Abend sah das Zimmer der Lehrerin +besonders traulich aus, wenn die Lampe angezündet +wurde und die Läden zugedrückt wurden; und am Morgen +weckte die Sonne dort eine Schläferin, die nicht gern +aus dem Bett herauswollte und doch am Ende mußte.</p> + +<p>Die Notare ließen Simon im Stich, keiner ließ +etwas von sich hören. Infolgedessen sah er sich gedrängt, +auf andere Weise etwas Geld zu verdienen, womit er +hoffte, seiner Schwester den guten Willen zu zeigen, auch +etwas zum Haushalte mitzusteuern. Er nahm ein Blatt +Papier zur Hand und schrieb darauf:</p> + +<div class="center"> +<p><span class="gesperrt">Landleben.</span></p> +</div> + +<p>Ich bin hier mit dem Schnee in ein Haus auf dem +Lande gekommen, und obschon ich nicht der Herr dieses +Hauses bin, noch die Absicht hege, es zu werden, kann +ich mich doch als solcher fühlen und bin vielleicht glücklicher +als der Besitzer einer Staatswohnung. Nicht +einmal das Zimmer, in dem ich wohne, gehört mir, +sondern einer sanften, lieben Lehrerin, die mich beherbergt +und mir, wenn ich hungrig bin, zu essen gibt. Ich bin +gerne ein solcher Kerl, der von anderer Menschen freundlicher +Gnade abhängt, weil ich überhaupt gerne von jemandem +abhängig bin, um den Jemand lieb zu haben +<a class="pagenum" name="Page_136" title="136"> </a> +und aufzuhorchen, ob ich seine Güte noch nicht verscherzt +habe. Man muß ein eigenes Betragen für diesen Zustand +der holdesten aller Unfreiheiten annehmen, ein Benehmen +zwischen Frechheit und zarter, leiser, natürlicher +Aufmerksamkeit, und ich verstehe das vortrefflich. Man +darf vor allen Dingen den Gastgeber nie fühlen lassen, +daß man ihm dankbar ist; damit zeigte man eine Schüchternheit +und Feigheit, die den Gebenden beleidigen müßte. +Im Herzen betet man den Gütigen an, der einen unter +das Dach ruft, aber es spräche von wenig Empfindung, +wollte man ihm so vorlaut den Dank zeigen, den er +gar nicht empfangen will, da er nicht gegeben hat und +noch gibt, um irgend etwas Bettelhaftes dafür einzuheimsen. +Dank unter gewissen Umständen ist einfach +Bettel. Weiter nichts. Und dann noch eines: Auf dem +Lande ist der Dank mehr schweigend und still als geschwätzig. +Der zum Dank Verpflichtete hat seine Art +Betragen, weil er sieht, daß sein Gegenstück ebenfalls +so eine Art hat. Feine Geber sind beinahe noch schüchterner +als der Nehmer, und sie sind froh, wenn die +Nehmer unbefangen hinnehmen, damit sie, die Geber, +mit Anstand und ohne viel Federlesens geben können. +Meine Lehrerin ist übrigens meine Schwester, aber dieser +Umstand hinderte sie nicht daran, mich Tagedieb fortzujagen, +wenn sie den Wunsch dazu in sich verspürte. Sie +ist tapfer und aufrichtig. Sie hat mich mit einem Gemisch +von Liebe und Mißtrauen empfangen, freilich, denn +sie mußte denken, daß der Lump von Bruder nur daher +gesegelt und gewackelt komme, zu ihr, der seßhaften +Schwester, weil er in Gottes Welt nicht mehr wußte, +wohin! Das mußte etwas Störendes und Verletzendes +für sie haben, der ich, wenn es darauf ankam, monate-, +ja jahrelang keinen Brief geschrieben habe. Sie mußte +ja denken, daß ich nur komme, um meinen eigenen Leib +<a class="pagenum" name="Page_137" title="137"> </a> +zu pflegen, für den es wahrhaftig zeitweise nicht schade +wäre, wenn er geprügelt würde, und nicht deshalb, um +mit Sorgen eine Schwester aufzusuchen. Das hat sich +indessen geändert, die Empfindlichkeiten sind gestorben +und wir leben jetzt nicht mehr wie Blutsverwandte, +sondern wie Kameraden zusammen, die trefflich miteinander +auskommen. Ach, auf dem Lande ist es zwei Menschen +leicht, gut miteinander auszukommen. Es gibt da eine +Art, schneller alle Heimlichkeiten und alles Mißtrauen abzuwerfen +und eine Art, sich heller und lustiger zu lieben, +als in der gedrängten Stadt voll drängender Menschen +und Tagessorgen. Auf dem Lande kennt selbst der Ärmste +weniger Sorgen, als der viel weniger Arme in der Stadt; +denn dort wird alles am Gerede und Tun der Menschen +gemessen, während hier die Sorge ruhig weitersorgt und +der Schmerz in Schmerzen seinen natürlichen Untergang +findet. In der Stadt geht alles darauf los, reich zu +werden, deshalb sind so viele, die sich bitter arm vorkommen, +aber auf dem Lande wird, wenigstens zum +großen Teil, der Arme nicht durch den immerwährenden +Vergleich mit dem Reichtum verletzt. Er kann ruhig +mit seiner Armut weiteratmen; denn er hat einen Himmel, +zu dem er aufatmen kann. Was ist in der Stadt +der Himmel! – Ich selbst besitze nur noch ein kleines Silberstück +an Geld, und das muß für die Wäsche reichen. +Auch meine Schwester, die vor mir keinerlei Geheimnisse, +als ganz unsagbare, hat, gesteht mir, daß ihr Geld ausgegangen +sei. Nun, wir sind ganz ruhig. Wir bekommen +saftiges Brot und frische Eier und duftenden Kuchen, +soviel wir nur wollen. Die Kinder bringen uns das alles, +denen es die Eltern für die Lehrerin mitgeben. Auf dem +Lande weiß man noch zu geben, daß es denjenigen ehrt, +der nimmt. In der Stadt muß man sich nachgerade +vor dem Geben fürchten, weil es den Nehmer zu schänden +<a class="pagenum" name="Page_138" title="138"> </a> +angefangen hat, ich weiß wahrhaftig nicht aus welchen +Gründen, vielleicht, weil man in der Stadt unverschämt +wird dem gütigen Geber gegenüber. Man hütet +sich da, ein edles Mitempfinden für den Darbenden an +den Tag zu legen und gibt nur verstohlen, oder unter +unschönen Reklamen. Welch eine heillose Schwäche, sich +vor den Armen zu fürchten und seinen Reichtum so selbst +zu verzehren, statt ihm den Glanz zu verleihen, den eine +Königin bekommt, wenn sie ihre Hand einer schlechten +Bettlerin entgegenstreckt. Ich halte es für ein Unglück, +in der Stadt arm zu sein, weil man nicht bitten darf, +da man fühlt, daß das Geben voll Güte nicht an der +Tagesordnung ist. Eines bleibt wenigstens wahr: Lieber +nicht geben und gar kein Mitleiden mehr fühlen, als es +unwillig tun, mit dem Bewußtsein, sich einer Schwäche +hingegeben zu haben. Auf dem Lande ist man nicht +schwach, wenn man gibt, sondern man will geben und +gibt sich manchmal geradezu eine Ehre, geben zu dürfen. +Wer sich vor dem Geben hütet, wird sicherlich einmal, +wenn der Fall eintritt, daß er niedergeworfen von Schicksalen +aller Art wird, und bitten muß, schlecht bitten und +ungraziös und verlegen, also wirklich bettelhaft in Empfang +nehmen. Wie abscheulich von den mit Gütern +Gesegneten, die Armen ignorieren zu wollen. Besser, +man peinige sie, zwinge sie zu Fronen, lasse sie Druck +und Schläge fühlen, so entsteht doch ein Zusammenhang, +eine Wut, ein Herzklopfen und das ist auch eine Art +Verbindung. Aber sich in eleganten Häusern, hinter +goldenen Gartengittern verkrochen zu halten und sich zu +fürchten, den Hauch warmer Menschen zu spüren, keinen +Aufwand mehr treiben zu dürfen, aus Furcht, er könnte +von den erbitterten Gedrückten wahrgenommen werden, +drücken und doch den Mut nicht besitzen, zu zeigen, daß +man ein Unterdrücker ist, seine Unterdrückten noch zu +<a class="pagenum" name="Page_139" title="139"> </a> +fürchten, sich in seinem Reichtum weder wohl zu fühlen, +noch andere wohl sein zu lassen, unschöne Waffen zu +gebrauchen, die keinen echten Trotz und Mannesmut +voraussetzen, Geld zu haben, nur Geld, und doch damit +keine Pracht: Das ist gegenwärtig das Bild der Städte, +und es scheint mir ein unschönes, der Verbesserung bedürftiges +Bild zu sein. Auf dem Lande ist es noch nicht +so. Hier weiß der arme Teufel besser, woran er ist; +er darf mit einem gesunden Neid zu den Reichen und +Wohlhabenden emporblicken und man gestattet ihm das, +denn das vermehrt die Würde desjenigen, der von solchen +Blicken betroffen wird. Die Sehnsucht, ein eigenes +Heim zu besitzen, ist auf dem Lande eine tiefbegründete und +reicht bis zu Gott hinauf. Denn hier, unter dem geöffneten +weiten Himmel, ist es eine Wonne, ein schönes geräumiges +Haus zu besitzen. Das ist in der Stadt nicht +so. Dort kann der Emporkömmling neben dem Grafen +aus uraltem Geschlecht wohnen, ja, das Geld kann +Wohnungen und heilige alte Gebäude wegreißen, wie +es will. Wer möchte in der Stadt Besitzer eines Hauses +sein? Das ist dort bloß ein Geschäft, nicht ein Stolz +und eine Freude. Die Häuser sind bis oben hinauf +von den verschiedenartigsten Menschen bewohnt, die alle +aneinander vorübergehen, ohne sich zu kennen, ohne den +Wunsch zu äußern, sich kennen lernen zu dürfen. Ist +das ein Haus? Und lange, lange Straßen sind dort voll +solcher Häuser, denen man, um sie richtig zu bezeichnen, +einen merkwürdigen neuen Namen geben müßte. Auf dem +Lande geschieht im Grunde genommen auch mehr, als +in der Stadt; denn dort liest man die Geschehnisse kalt +und gelangweilt aus der Zeitung, während sie hier von +Mund zu Mund fieberisch und atemlos erzählt werden. +Vielleicht kommt auf dem Lande jedes Jahr einmal +etwas vor, aber dann war es ein Miterlebnis für +<a class="pagenum" name="Page_140" title="140"> </a> +alle. Ein Dorf in allen seinen versteckten Winkeln ist +überhaupt fast immer belebter und mit Intelligenz gefüllter, +als der Städter meist anzunehmen beliebt. Wie +manche alte Frau mit Gesichtszügen, die für eines +jeden Menschen Großmutter vielleicht passen würden, +sitzt nicht hinter der weißen Gardine eines Fensters und +könnte Dinge von innigem Zauber erzählen, und manches +Dorfkind ist viel weiter vorgeschritten in der Bildung +des Gemütes und Verstandes als man gerne voraussetzen +möchte. Schon oft ist es vorgekommen, daß ein +solches Dorfkind, wenn es in die Stadtschule versetzt +wurde, seine neuen Kameradinnen in Erstaunen ob seines +gut entwickelten Geistes gesetzt hat. Aber ich will die +Stadt nicht schmähen und das Land nicht über Gebühr +preisen. Hier sind die Tage nur so schön, daß man +leicht die Stadt vergessen lernt. Sie wecken eine stille +Sehnsucht in die Weite, aber man möchte doch nicht +weitergehen. Es ist ein Gehen in allem und ein +Kommen in allem. Wenn die Tage Abschied nehmen, +so geben sie die wundervollen Abende dafür, +an denen man spazieren geht, auf Wegen, die der Abend +scheint entdeckt zu haben, und die man entdeckt für den +Abend. Die Häuser treten weiter hervor, und die Fenster +glänzen. Selbst wenn es regnet, bleibt es schön; denn da +denkt man, es ist gut, daß es regnet. Seit ich hierher +gekommen bin, ist es beinahe Frühling geworden und +es wird immer mehr Frühling, die Türen und Fenster +dürfen offen gelassen werden, wir fangen an, den Garten +umzustechen, die andern haben es alle schon getan. Wir +sind die Spätesten, und das schickt sich auch für uns. +Ein ganzes Fuder schwarzer, feuchter, teurer Erde hat +man bei uns abgeladen, diese Erde muß mit der bereits +vorhandenen Gartenerde vermengt werden. Das wird +eine Arbeit für mich geben, auf die ich mich, so unwahrscheinlich +<a class="pagenum" name="Page_141" title="141"> </a> +es klingt, wenn ich es sage, freue. Ich +bin kein geborner Faulenzer, nein, ich bin nur ein Tagedieb, +weil mich verschiedene Amtstuben und Notare nicht +beschäftigen wollen, weil sie keine Ahnung davon haben, +was ich ihnen nützen könnte. Ich klopfe alle Sonnabende +die Teppiche aus, auch eine Arbeit, und bin befleißigt, +das Kochen zu lernen, auch ein Streben. Nach dem +Essen trockne ich das Geschirr ab und plaudere mit der +Lehrerin; denn es gibt vieles zu sagen und zu erörtern +zwischen uns und ich plaudere gern mit einer Schwester. +Am Morgen kehre ich die Stube aus und trage Pakete +auf die Post, komme heim und sinne darüber nach, was +weiter zu tun ist. Gewöhnlich ist nichts zu tun und +so gehe ich in den Wald hinunter und sitze dort solange +unter den Buchen, bis es Zeit ist, oder bis ich glaube, +daß es Zeit ist, wieder nach Hause zu gehen. Wenn ich +die Menschen arbeiten sehe, so schäme ich mich unwillkürlich, +keine Beschäftigung zu haben, aber ich finde, daß +ich nicht mehr tun kann, als das eben empfinden. Der +Tag kommt mir vor wie mir zugeworfen von einem +gütigen Gott, der gern einem Taugenichts etwas hinwirft. +Mehr als arbeiten wollen und eine Arbeit ergreifen, sobald +ich eine vor mir sehe, verlange ich nicht von mir, da ich +sehe, daß es so ganz gut geht. Das paßt nämlich wundervoll +zum Leben auf dem Lande. Man darf hier nicht +allzuviel tun, sonst verlöre man den Überblick über das +schöne Ganze, verlöre den Anstand des Zuschauenden, +der nun einmal auch in der Welt sein muß. Der einzige +Schmerz wird mir von meiner Schwester bereitet, der +ich die Schuld nicht abzahlen kann und die ich mühsam +ihre saure Pflicht erfüllen sehe, während ich träume. +Die spätesten Zeiten werden mich strafen für diese Schlenderei, +wenn es die früheren nicht tun, aber ich glaube, +ich bin meinem Gott angenehm so; Gott liebt die Glücklichen, +<a class="pagenum" name="Page_142" title="142"> </a> +er haßt die Traurigen. Meine Schwester ist +niemals lange traurig; denn ich heitere sie fortwährend +auf und gebe ihr zu lachen, indem ich mich vor ihr +lächerlich mache, worin ich Talent habe. Aber es ist +auch nur meine Schwester, die über mich lacht, in deren +Augen ich eine freundliche Komik besitze, den andern +gegenüber benehme ich mich mit Würde, wenn auch nicht +steif. Man hat die Pflicht, nach außen hin sein Dasein +durch ein ernsthaftes Betragen zu rechtfertigen, wenn +man nicht als Gauner gelten will. Das Landvolk ist +sehr empfindlich für das Benehmen junger Leute, die +es gerne gesetzt, zuvorkommend und bescheiden sehen +will. Ich schließe ab und hoffe, mit diesem Aufsatz einiges +Geld verdient zu haben, wenn nicht, so hat es mich +doch lebhaft interessiert, ihn zu schreiben, und einige +Stunden sind mir über dem Schreiben dahingeflossen. +Einige Stunden? Jawohl! Denn auf dem Lande schreibt +man langsam, man wird öfters unterbrochen, die Finger +sind ungelenkiger geworden und die Gedanken wollen +auch in ländlicher Weise denken. Lebt wohl Städter!</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_143" title="143"> </a>Neuntes Kapitel.</h2> + +<p>Simon trug den Brief zur Post. Am nächsten +Sonntag erschien Klaus, der ältere Bruder, zu Besuch. +Es war ein regnerischer Tag, es fror einen, zu sehen, +wie die kalten Regentropfen die schon erwachten Blüten +peitschten. Klaus machte ein ziemlich erstauntes Gesicht, +als er bei seiner Schwester den Simon eingerichtet sah, +den er irgendwo im Ausland vermutet hatte, doch blieb +er so freundlich, als er nur vermochte; denn er mochte +den Sonntag nicht verderben. Sie blieben alle drei +ziemlich still, standen sich oft gegenüber, ohne zu sprechen, +und schienen nach Worten zu suchen. Mit Klaus kam +eine gewisse nachdenkliche Befremdung in die Wohnung +Hedwigs hinein. Man drehte und fand allerlei, das allerdings +nicht am Platze war. Der Gegenstand war natürlich +Simons Hiersein. Klaus wollte heute keine Vorwürfe +machen, obgleich es ihn wahrlich lebhaft genug dazu +antrieb, aber er vermied die entzweiende Bemerkung. +Er sah seinen Bruder fragend und bedeutsam an, als +wolle er sagen: »Ich bin erstaunt über dein Betragen. +Sollte man glauben, daß du ein erwachsener Mensch +bist. Ist es ehrenhaft für dich, die Lage deiner Schwester +dazu zu benutzen, um den Müßiggänger zu spielen? +Wahrlich, keine Ehre, das! Ich würde es dir auch offen +heraussagen, aber ich schone Hedwig, die ich dadurch verletzte. +<a class="pagenum" name="Page_144" title="144"> </a> +Ich will nicht den Sonntag verderben!« Simon +verstand ihn schon. Er wußte ganz genau, was dieser +Blick, diese steife, unnatürliche Wärme beim Wiedersehen, +dieses Schweigen und Verlegensein bedeuteten. Er war +nur froh, daß Klaus schwieg; denn er hätte antworten +müssen, was ihm längst zuwider war, als Rechtfertigung +vorzubringen. Freilich, freilich! Verdammenswert war +seine Lage für einen jungen Mann, wie er war, und sein +Betragen gewiß nicht zu entschuldigen. Aber schön war +es auch, hier zu sein, schön, schön. Plötzlich von Weichheit +ergriffen, sagte er zu Klaus: »Ich weiß wohl, was +und wie du denkst über mich, aber ich schwöre dir, daß +es bald aufhört. Ich glaube, du kennst mich ein wenig. +Glaubst du mir?« Klaus reichte ihm die Hand und der +Sonntag war gerettet. Es wurde bald zu Mittag gegessen, +und Hedwig merkte wohl, heimlich lächelnd, die +veränderte Lage zwischen den Brüdern. »Er ist doch +gut, Klaus! Klaus ist gut,« dachte sie und sie trug das +wohlschmeckende Essen mit größerem Vergnügen auf. +Es gab eine herrliche Suppe, auf deren feine Zubereitung +sich Hedwig trefflich verstand, dann Schweinefleisch mit +Sauerkohl und zuletzt einen mit Speck gespickten Braten. +Simon plauderte unbefangen über Welt und Menschen, +zog seinen Bruder in Gespräche von der verschiedensten +Art und lobte mit komischer Begeisterung wieder das +herrliche Essen, was Hedwig jedes Mal, wenn er es +tat, so zum Lachen brachte, daß sie ganz fröhlich wurde +und alles vergaß, was etwa noch hätte eine Sorge genannt +werden können. Am Nachmittag, trotz des +trüben Wetters, wurde ein kleinerer Spaziergang gemacht. +Das Feld, durch das man langsam ging, +war naß, so daß man bald wieder zurückkehrte. Alle +waren wieder still am Abend. Simon versuchte eine +Zeitung zu lesen, Klaus sprach wie absichtlich von +<a class="pagenum" name="Page_145" title="145"> </a> +den nebensächlichsten Dingen, worauf Hedwig zerstreut +antwortete. Vor dem Abschiednehmen sagte Klaus zu +dem Mädchen, das er in die Küche rief, ein paar +Worte, auf die der Drinnenstehende nicht horchen mochte. +Was mochte es denn sein. Mochte es sein, was es +wollte. Dann ging Klaus. Als die beiden, nachdem +sie ein Stück Weges den zu Gast Dagewesenen auf den +Heimweg begleitet hatten, wieder allein zu Hause saßen, +war ihnen unwillkürlich wieder froher ums Herz, wie +Schülern, die den gestrengen Inspektor wieder fort wissen. +Sie atmeten freier und fühlten sich wieder als die Alten. +Hedwig sprach, und eine Besorgnis um dessen, was sie +jetzt sprechen wollte, machte ihre Stimme inniger und +höher klingen: »Klaus ist doch immer derselbe. Man +hat immer eine kleine Angst auszustehen, wenn er da +ist. Seine Gegenwart macht einen unwillkürlich zur +schuldbewußten Schülerin, die eine Strafrede erwartet, +weil sie leichtsinnig gewesen ist. Man ist immer leichtsinnig +gewesen in seinen Augen, wenn man noch so +ernsthaft meint gehandelt zu haben. Seine Augen sehen +ganz anders, sehen die Welt so seltsam besorgniserregend +an, als müßte man sich beständig vor irgend etwas +fürchten. Er schafft sich selber und andern immer Sorgen. +Aus seinem Munde kommt solch ein Ton heraus, der +aus tausend rücksichtsvollen Bedenken zusammengesetzt +ist, so wenig vertrauensvoll ist er zur Welt und zu +den Fäden, die einen an die Welt spannen, ganz von +selber. Er sieht aus, als ob er schulmeistern möchte, +und sieht doch wieder so genau ein, daß er schulmeistert, +ohne es zu wissen: er möchte nicht schulmeistern und +tut's doch, wider seinen Willen, aus seiner Natur heraus, +wofür man ihn nicht schuldig machen darf. Er ist +so über alle Bedenken gut und zart, aber er bedenkt +immer, ob es wohl angebracht sei, gut und milde zu +<a class="pagenum" name="Page_146" title="146"> </a> +sein. Die Strenge steht ihm absolut nicht, und doch +glaubt er, mit der Strenge etwas erreichen zu sollen, +was er glaubt, mit Güte verfehlt zu haben. Er meint: +Güte sei unvorsichtig, und ist doch so gütig. Er verbietet +sich, harmlos und gütig zu sein, was er doch am +liebsten sein möchte, weil er immer fürchtet, dadurch etwas +zu verderben, dadurch in den Augen der Welt als leichtsinnig +dazustehen. Er sieht nur Augen, die ihn betrachten, +und nicht Augen, die ruhig in seine sehen möchten. +Man kann nicht ruhig in seine Augen blicken, weil man +fühlt, daß ihn das beunruhigt. Er denkt immer, man +denke etwas über ihn, und er möchte heraus haben, +was man denkt. Wenn er nicht irgend einen Fehler +an einem bemerkt, den er tadeln kann, scheint ihm nicht +wohl zu sein. Und er ist doch so gut! Er ist nicht +glücklich. Wenn er das wäre, würde er anders reden, +im Nu, ich weiß es. Er neidet anderer Glück nicht gerade, +aber es reizt ihn doch beständig, das Glück und +die Unbefangenheit anderer zu bekritteln, was ihm doch +sicher nur weh tut. Er mag nicht von Glück reden hören, +ich begreife, warum nicht. Das liegt auf der Hand, +und jedes Kind kann es verstehen: Selbst nicht froh, +haßt man die Fröhlichkeit anderer. Wie muß ihn das +oft schmerzen, ihn, der edel genug ist, um zu fühlen, +daß er damit ein Unrecht begeht. Er ist durchaus edel, +aber, wie soll ich sagen, ein bißchen verdorben in seinem +Innern, ein ganz klein wenig, durch das Zurückgesetztsein +und durch das Bemühen, sich nichts aus diesem +Zurückgesetztsein zu machen. Ach, freilich ist er zurückgesetzt +vom Schicksal, für dessen Launen und Kälten er +viel zu wertvoll ist. So möchte ich es sagen; denn er +tut mir weh! Zum Beispiel du, Simon! Ach Gott. Für +dich empfindet man ganz anders, du ewig lustiger Bruder! +Weißt du, über dich denkt man immer: Er sollte +<a class="pagenum" name="Page_147" title="147"> </a> +Prügel bekommen, so recht scharfe Prügel, das verdiente +er! Man erstaunt über dich und begreift nicht, daß du +noch nicht in einen Abgrund gefahren bist. Mitleid für +dich empfinden, käme einem nie in den Sinn. Man +hält dich allgemein für einen sorglosen, frechen, glücklichen +Burschen. Ist das wahr?« –</p> + +<p>Simon lachte laut auf, und damit war ein Ton +angeschlagen, der eine Stunde lang anhielt. Da klopfte +es draußen an der Türe. Die beiden erhoben sich, +Simon ging, um zu sehen, wer draußen sei. Es war +die Nachbarslehrerin. Sie kam verweint dahergelaufen. +Ihr Mann, ein roher, rücksichtsloser Mensch, hatte die +Frau wieder einmal geprügelt. Man suchte sie zu trösten, +und es gelang.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Das Wetter wurde nun immer wärmer und die +Erde üppiger, sie war mit einem dicken, blühenden Teppich +von Wiesen überzogen, die Felder und Äcker dampften, +die Wälder boten in ihrem schönen, frischen, reichen Grün +einen entzückenden Anblick dar. Die ganze Natur bot +sich dar, zog sich hin, dehnte, krümmte, bäumte sich, +sauste und summte und rauschte, duftete und lag still +wie ein schöner, farbiger Traum. Das Land war ganz +dick, fett, undurchsichtig und satt geworden. Es streckte +sich gewissermaßen aus in seiner üppigen Sattheit. Es +war grünlich, dunkelbraun, schwarz gefleckt, weiß, gelb +und rot und blühte mit einem heißen Atem, kam fast +um vor Blühen. Es lag wie eine verschleierte Faulenzerin +da, unbeweglich und zuckend mit seinen Gliedern +und duftend mit seinen Düften. Die Gärten dufteten +in die Straßen und hinaus ins Feld, wo Männer und +Frauen arbeiteten; die Fruchtbäume waren ein helles, +zwitscherndes Singen, und der nahe, runde, gewölbte +Wald war ein Chorgesang von jungen Männern; die +<a class="pagenum" name="Page_148" title="148"> </a> +hellen Wege kamen kaum durch das Grün hindurch. In +Waldlichtungen betrachtete man den weißen, verträumten, +trägen Himmel, den man meinte herabsinken zu sehen +und jubilieren zu hören, wie Vögel jubilieren, kleine Vögel, +die man nie sah und die so natürlich paßten in die +Natur. Man bekam Erinnerungen und man mochte sie +doch nicht zergliedern und ausdenken, man vermochte es +nicht, es tat einem süß weh, aber man war zu träge, +um einen Schmerz ganz zu durchfühlen. Man ging +so und blieb wieder so stehen und drehte sich so nach +allen Seiten um, schaute in die Ferne, hinauf, hinweg, +hinab, hinüber und zu Boden und fühlte sich betroffen +von all der Mattigkeit dieses Blühens. Das Summen +im Wald war nicht das Summen in der nackteren Lichtung, +es war anders und erforderte wieder neue Stellungnahme +zu neuen Träumereien. Man hatte immer zu +kämpfen damit, zu trotzen, leise abzulehnen, zu sinnen +und zu schwanken. Denn ein Schwanken war alles, ein +Bemühen, und Sich-schwach-Finden. Aber es war süß +so, nur süß, ein bißchen schwer, und dann wieder ein +bißchen knauserig, dann scheinheilig, dann listig, dann +nichts mehr, dann ganz dumm; zuletzt wurde es ganz +schwer, noch irgend etwas schön zu finden, man konnte +sich gar nicht mehr dazu veranlaßt finden, man saß, +ging, schlenderte, trieb, lief und säumte so, man war +ein Stück Frühling geworden. Konnte das Summen +über sein Summen und Girren und Singen entzückt +sein? War es dem Gras gegeben, seine eigenen schönen +Schwankungen zu betrachten? Wäre es der Buche +möglich gewesen, sich in ihren eigenen Anblick zu vergaffen? +Man wurde nicht müde und stumpf, aber man +ließ es so sein, so gehen, so hin und her schwanken. +Die ganze Natur, so wie sie aussah, war eine Säumerin, +ein Harren und Hangen! Die Düfte hingen und die ganze +<a class="pagenum" name="Page_149" title="149"> </a> +Erde harrte und wartete. Die Farben waren der selige +Ausdruck davon. Man konnte etwas Frühmüdes und +Ahnungsvolles im blühenden Strauch finden. Es war +eine Art Nicht-mehr-weiter-Wollen, ein einziges Lächeln. +Die blauen, verhauchten Waldberge klangen wie ferne, +ferne Hörner, man fühlte die Landschaft ein wenig englisch, +es war wie ein üppiger, englischer Garten, die +Üppigkeit und das Weben und das Wogen der Stimmen +führte die Sinne auf diese Verwandtschaft. Man dachte, +so könnte es nun da und da auch aussehen, wie jetzt +hier, die Gegend rief alle andern Gegenden einem ins +Herz herbei. Es war komisch und weithintragend, forttragend +und herbeibringend: Ein Bringen, wie junge +Knaben bringen, ein Darbieten wie Kinder darbieten, +ein Gehorchen und Aufhorchen. Man konnte sagen +und denken, was man wollte, es blieb immer dasselbe +Unausgesprochene, Unausgedachte! Es war leicht und +schwer, wonnig und schmerzhaft, dichterisch und natürlich. +Man begriff die Dichter, nein, eigentlich begriff man +sie nicht, denn man wäre doch, indem man so ging, +viel zu träge gewesen, um zu denken, daß man sie begriffe. +Man hatte nicht nötig, irgend etwas zu begreifen, es +begriff sich nie, und wieder begriff es sich ganz von selbst, +indem es sich in das Horchen nach einem Klang auflöste, +oder in das Sehen in die Ferne hinein, oder in +die Erinnerung, daß es jetzt eigentlich Zeit sei, nach +Hause zu gehen und eine, wenn auch ganz geringfügige +Pflicht zu erfüllen, denn Pflichten wollen auch im Frühling +erfüllt sein.</p> + +<p>Die Nächte wurden herrlich. Der Mond verliebte +sich in das Weiß der blühenden Gebüsche und Bäume +und in die langen Windungen der Straßen, die er blenden +machte. In den Brunnen spiegelte er sich und im +fließenden Flußwasser. Den Kirchhof mit den stillen Gräbern +<a class="pagenum" name="Page_150" title="150"> </a> +machte er zu einem weißen Feenort, so daß man +die Toten vergaß, die dort begraben lagen. Er drängte +sich zwischen das Gewirr der herabfallenden, schmalen, +haarähnlichen Äste und machte, daß man auf den Denksteinen +die Inschriften lesen konnte. Simon ging um den +Kirchhof herum, einige Male, dann schlug er einen weiteren +Weg ins erhöhte, flache Feld hinein, drang durch niedriges, +erleuchtetes Buschwerk, kam auf eine kleine abstürzende +Wiese mitten in den Büschen und setzte sich da auf +einen Stein, um darüber nachzudenken, wie lange er wohl +dieses Leben des bloßen Beschauens und Sinnens noch +weitertreiben werde. Bald mußte es gewiß ein Ende nehmen, +denn es konnte nicht weitergehen. Er war ein Mann +und gehörte einer strengen Pflichterfüllung an. Es mußte +bald wieder gehandelt werden, das wurde ihm klar. Als +er nach Hause kam, sagte er das in passenden Worten +seiner Schwester. Er solle doch gar nicht an das denken, +wenigstens jetzt noch nicht, sagte sie. Gut, erwiderte er, +ich will noch nicht daran denken. Es war auch zu verlockend, +noch ferner hier zu bleiben. Was wollte er denn +eigentlich, und wonach trieb es ihn? Er würde kaum +Reisegeld haben, irgendwohin zu reisen, und dort, wohin +er gehen sollte, was erwartete ihn dort? Nein, er +blieb gerne noch auf eine unbestimmte kleine Zeit da. +Wahrscheinlich würde er sich toll zurücksehnen, wenn er +fort wäre, und was wäre dann das? Nein, mit dem +Sehnen müßte dann natürlich aufgeräumt werden; denn +das würde sich ihm nicht ziemen. Aber machte man +denn nicht oft Unziemliches? Übrigens, er blieb ja, und +weiter wollte er sich den Gedanken die ihn belästigten, +nicht hingeben.</p> + +<p>So kamen wieder ein paar Tage und schwanden +wieder. Die Zeit kam so geräuschlos und entfernte sich, +ohne daß man es merkte. Auf diese Art verging sie +<a class="pagenum" name="Page_151" title="151"> </a> +eigentlich schnell, obgleich sie lange zauderte, ehe sie ging. +Die beiden, Simon und Hedwig, schlossen sich jetzt noch +lebhafter aneinander. Sie verbrachten plaudernd die +Abende bei der Lampe und wurden nie des Redens müde. +Sie sprachen während des Essens über das Essen, dessen +Einfachheit und Delikatesse sie mit gesuchten Worten priesen, +und während der Arbeit über die Arbeit, die sie mit +Worten begleiteten, und während des Spazierens über +die Freude und den Genuß des Spazierens. Sie vergaßen +längst, daß sie nur Geschwister waren, sie kamen +sich mehr durch das Schicksal als durch das gleiche Blut +verbunden vor und verkehrten miteinander ungefähr wie +zwei angeschlossene Gefangene, die sich bemühen, das +Leben über der Freundschaft zu vergessen. Sie vertändelten +viel Zeit, aber sie wollten sie so vertändelt wissen, +weil jedes fühlte, daß der Ernst nur dahinter sich verborgen +hielt, und daß jedes sehr wohl ernsthaft zu handeln +und zu reden verstände, wenn es nur wollte. Hedwig +empfand, daß sie sich ihrem Bruder immer mehr zu erkennen +gab, und verhehlte sich den Trost nicht, den diese +Empfindung ihr bereitete. Es schmeichelte ihr, daß er es +nicht nur für klug und seiner Lage angemessen hielt, +mit ihr zusammenzuleben, sondern auch für interessant, +und sie dankte ihm dafür, indem sie ihn inniger, als früher, +in das Herz schloß. Beide kamen sich so vor, als ob sie +jedes für das andere bedeutend genug wären, um mit +Stolz miteinander ein Stück Leben zu verbringen. Sie +sprachen und dachten viel in Erinnerungen und versprachen +sich, alles aufzutischen, was ihnen aus der frühen, +entschwundenen Zeit, wo sie beide noch klein waren, noch +einfiel. Weißt du noch! So fingen öfters ihre Gespräche +an. So versanken sie in die köstlichen Bilder der Vergangenheit +und waren immer bemüht, was es auch sein +mochte, ihr Gefühl und ihren Verstand daran zu belehren, +<a class="pagenum" name="Page_152" title="152"> </a> +auch ihr Lachen daran zu wetzen und bei traurigen +Anlässen heiter zu bleiben, wie es sich auch ziemte. Die +Vergangenheit selbst machte ihnen wiederum die Gegenwart +deutlicher und empfindlicher, und diese empfundene +Gegenwart war, wie von einem Spiegel verdoppelt und +verdreifacht, inhaltsreicher und lebhafter und zeigte auch +gerader und sichtbarer den Weg in die Zukunft, die sie +sich oft ausmalten, um sich daran auf eine leichte Art +zu berauschen. Eine erträumte Zukunft war immer eine +schöne, und die Gedanken, die sie dachten, heitere und +leichte.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_153" title="153"> </a>Zehntes Kapitel.</h2> + +<p>Hedwig sagte eines Abends: »Ich möchte bald meinen, +daß ich wie durch eine leichte, aber undurchsichtbare +Scheidewand vom Leben getrennt bin. Aber ich +kann nicht traurig darüber sein, sondern ich kann nur +darüber nachdenken. Andern Mädchen geht es vielleicht +ebenso, ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich meinen +Lebensberuf verfehlt, als ich meinte, einen Beruf für das +Leben lernen zu sollen. Wir Mädchen lernen ja doch +nur halb, es ist uns nicht um das Lernen zu tun. Wie +sonderbar mir das jetzt vorkommt, daß ich Lehrerin geworden +bin. Warum bin ich nicht Modistin geworden +oder sonst etwas? Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen, +welche Gefühle mich dazu getrieben haben, einen +solchen Beruf zu ergreifen, wie diesen. Was war es +denn so Wunderbares, so Verheißungsvolles, das mich +damals erfaßte? Glaubte ich gar, eine Wohltäterin zu +werden, und glaubte ich, es werden zu müssen, die Verpflichtung, +die Sendung spüren zu müssen, es zu werden? +Man glaubt so Vieles, wenn man unerfahren ist, und +die Erfahrungen machen einen wieder an anderes glauben. +Wie merkwürdig. Es liegt eine Härte gegen sich selbst +darin, das Leben so ernst aufzufassen, wie ich es aufgefaßt +habe. Ich muß es dir sagen, Simon: ich habe es +zu ernst und zu heilig aufgefaßt; ich habe nicht daran +<a class="pagenum" name="Page_154" title="154"> </a> +gedacht, daß ich ein Mädchen bin, als ich unternahm, +was nur Männer unternehmen sollten. Niemand hat +mir gesagt, daß ich ein Mädchen bin. Niemand hat +mir geschmeichelt mit einer solchen Bemerkung. Es hat +niemand meiner so gedankenvoll gedacht, als es wäre +nötig gewesen, mir eine solche einfache Bemerkung zu +machen, auf die ich gehorcht hätte, wenn ich im ersten +Augenblick auch die Empörte gespielt hätte. Ich würde +darauf gehorcht haben, wenn der Ton aus einem Herzen +gekommen wäre. Aber ich hörte nur Worte, oberflächliche +und leicht hingesprochene: »Tu das, tu das. Das +ist gut, daß du einen Beruf ergreifen willst. Macht dir +alle Ehre.« Und so weiter. Eine sonderbare Ehre, ein +unglückliches, innerlich armes und sehnsüchtiges Mädchen +zu sein, wie jetzt ich mit dieser Ehre von Beruf. Ein +Beruf ist eine Last durchs Leben für einen Mann mit +starken Schultern und vorwärtsstrebendem Willen, ein +Mädchen wie mich erdrückt er. Habe ich Freude an +meinem Beruf? Gar keine Spur, und ich bitte dich, +erschrick nur nicht über dieses Geständnis, das ich dir +mache, weil du einer bist, dem man mit einer Art Lust +Geständnisse macht. Du verstehst mich, ich weiß es. +Andere würden mich vielleicht ebensogut verstehen, aber +nicht gern, aus diesem oder jenem Grunde. Du verstehst +gern, weil du keine Gründe hast, über einfache und offene +Geständnisse zu erschrecken. Du lebst mein ganzes Leben +in dir mit, mit mir, deiner Schwester. Du bist eigentlich +zu gut dazu, nur mein Bruder zu sein. Es ist +schade, daß du mir nicht mehr sein kannst: Auch das +würdest du gerne sein; denn du nickst mit deinem Kopfe. +Laß mich weiter erzählen. Wenn man dich als Zuhörer +hat, erzählt man gerne. So höre denn weiter, daß ich +entschlossen bin, meine Schulkarriere aufzugeben, und +zwar bald; denn meine Kräfte halten dies Leben nicht +<a class="pagenum" name="Page_155" title="155"> </a> +lange mehr aus. Ich glaubte, es wäre ein schönes Leben, +Kinder in die Welt hineinzuführen, sie zu unterrichten, +ihnen die Seelen für die Tugenden zu öffnen, sie zu +überwachen und zu belehren. Es ist ja auch eine ganz +schöne Aufgabe, aber sie ist viel zu schwer für mich +Schwache; ich bin ihr nicht gewachsen, lange nicht. Ich +glaubte, ich wäre es, aber ich sehe das Gegenteil ein: +mich zusammensinken sehe ich unter meiner Aufgabe, die +mir eine tägliche Erholung sein sollte und die mir nur +eine Last ist, die ich als ungebührlich und ungerecht empfinde. +Das, was einen niederdrückt, empfindet man +als ungerecht. Unrecht, dieses zu empfinden, sollte ich +haben? Liegt nicht in meiner Empfindung das Maß +für mir zugefügtes Unrecht? Und was kann ich denn +dafür, daß das Unrecht in seiner Art unschuldig und süß +ist: die Kinder? Die Kinder! Ich kann sie nicht mehr +ertragen. Ich freute mich in der ersten Zeit über alle +ihre Gesichter, über ihre kleinen Bewegungen, über ihren +Eifer und selbst über ihre Fehler. Ich freute mich über +den Gedanken, mich dieser jungen, schüchternen und hilflosen +Menschenschar gewidmet zu haben. Aber kann ein +solcher einziger Gedanke über ein Leben hinwegtäuschen, +kann man ein ganzes Leben mit einer Idee hinwegdenken? +Wehe, wenn diese Idee und dieses Opfer einem eines +Tages gleichgültig werden, wenn man den Gedanken, +der einem alles ersetzen soll, nicht mehr mit so inniger +Leidenschaft zu denken vermag, als es nötig ist, um den +Tausch in der Seele zu rechtfertigen. Wehe, wenn man +überhaupt einen Tausch merkt. Dann fängt man an +zu grübeln, zu unterscheiden, abzuschätzen, mit Wehmut +und Zorn zu vergleichen, und ist unglücklich, so wankelmütig +und untreu geworden zu sein, und ist froh, wenn +nur immer ein Tag zu Ende ist, um in der Stille weinen +zu können. Einmal nur mit einem Hauch treulos, will +<a class="pagenum" name="Page_156" title="156"> </a> +man mit dem Lebensgedanken, der nur auf vollkommener +Hingabe beruht, nichts mehr zu tun haben und sagt sich: +Ich tu meine Pflicht, weiter denke ich an nichts mehr! +Die Kinder blieben mir immer lieb, sie sind mir immer +lieb geblieben. Wem könnten Kinder nicht lieb sein? +Aber wenn ich unterrichte, denke ich an anderes, an ferneres +und weiteres, als ihre kleinen Seelen sind, und +das ist der Verrat, den ich an ihnen begehe, den ich +nicht mehr mit ansehen will. Eine Schullehrerin muß +in den kleinen Dingen mit ihrer ganzen Liebe untergehen, +sonst vermag sie nicht Gewalt auszuüben, und ohne +Gewalt bleibt sie wertlos. Vielleicht ist das übertrieben +gesprochen, und ich bin auch fest davon überzeugt, daß +alle, oder die meisten Menschen, zu denen ich so spräche, +diese Sprache übertrieben finden würden. Diese Sprache +aber entspricht meiner Auffassung vom Leben; da ist +es wohl unmöglich, daß ich anders sprechen könnte. +Ich habe es noch nicht gelernt, eine Zufriedenheit, eine +Genugtuung, ein Wohlbefinden zu lügen, das ich nicht +empfinde, und ich glaube, man irrt sich, wenn man +annimmt, daß ich das je lernen werde. Ich bin zu +schwach, um täuschen und heucheln zu können, und ich +erblicke, so scharf ich auch nachdenke, keine Gründe, die +das Vorlügen rechtfertigten. Wenn ich mit dir jetzt so +rede, so ist das nur die Ausnutzung eines Augenblickes, +nach dem ich mich schon lange gesehnt habe, um meine +ganze Schwäche einmal entladen zu können. Es tut +einem so wohl, seine Schwäche eingestehen zu dürfen, +nach den Monaten der peinigenden Zurückhaltung, die +eine Stärke verlangte, deren ich nicht fähig bin. Ich +bin der Pflichterfüllung, die mir nicht schmeichelt, auf +die Dauer nicht fähig, und ich suche jetzt nach einer Arbeit, +die meinem Stolz und meiner Schwäche zusagen wird. +Ob es mir gelingen wird? Ich weiß es wahrhaftig nicht, +<a class="pagenum" name="Page_157" title="157"> </a> +aber ich weiß nur, und das bestimmt, daß ich suchen +muß, bis ich die Überzeugung gefunden habe, daß es +ein Glück und eine Pflicht gibt, beides eines! Ich will Erzieherin +werden und habe bereits einer reichen, italienischen +Dame brieflich meine Dienste angeboten, in einem vielleicht +zu langen Briefe, in welchem ich ihr geschrieben habe, +daß ich imstande sei, zwei Kinder, ein Mädchen und +einen Knaben, in allem Wünschenswerten zu unterrichten. +Ich habe in dem Briefe, ich weiß nicht, was alles, gesagt, +daß ich die Schulstube gerne mit der Kinderstube vertauschen +möchte, daß ich die Kinder liebe und achte, daß +ich Klavier spielen und schöne Sachen sticken könne und +daß ich ein Mädchen sei, dem man nur mit Strenge +zu begegnen brauche, um ihm eine Wohltat zu erweisen. +Ich habe mich sehr stolz in dem Schreiben ausgedrückt, +habe der Dame gesagt, daß ich zu lieben, zu gehorchen +verstände, aber nicht zu schmeicheln, daß ich wohl schmeicheln +könnte, aber nur dann, wenn ich es selber mir beföhle; daß +ich mir meine zukünftige Herrin lieber stolz und streng, +als nachgiebig vorstelle, daß es mir Schmerz und Enttäuschung +bereiten würde, wenn ich sie so fände, daß +man sie, wenn man die Absicht hätte, leicht und frech +hintergehen könnte; daß ich nicht die Absicht hätte, zu +ihr zu kommen, um bei ihr auszuruhen, sondern daß ich +hoffe, Arbeit für mein Herz und auch für meine Hände +zu bekommen. Ich habe ihr das Geständnis gemacht, +daß ich schon jetzt, in der Vorausahnung, ihre beiden +Kinder innig liebe, daß es mir an der nötigen Achtung +vor Kindern nicht fehle, um dieselben streng und zugleich +hingebungsvoll zu erziehen, daß ich erwarte, daß man +mich gewähren lasse, ihr, der Dame, in diesem Sinn +zu dienen, daß ich eine zugleich heftige und gelassene +Auffassung vom Dienen hätte und daß ich nicht dazu +zu bewegen wäre, von meiner Auffassung abzuweichen. +<a class="pagenum" name="Page_158" title="158"> </a> +Zu glattem und speichelleckerischem Dienst sei ich nicht zu +gebrauchen, ebensowenig hätte ich das Talent, auf eine +unzarte, unstolze Weise zuvorkommend zu sein. Daß ich +aber auf eine milde Behandlung zu Gunsten einer kalten +und strengen, wenn es nur zugleich keine beleidigende +sei, gern verzichtete, daß ich meinen Stand sehr wohl +und zu jeder Zeit von dem ihrigen abzumessen verstände, +daß ich keine Gerechtigkeit aber Stolz verlange, der ihr +verbieten würde, mir ungerecht zu begegnen und daß ich +in meiner Seele entzückt wäre, wenn sie mir, wenn auch +nur einmal im Jahr, ein Zeichen gütiger Zufriedenheit +gäbe, das ich mehr zu schätzen wüßte als Vertraulichkeit, +die für mich erniedrigend und keine Gnade wäre, +daß ich hoffe, eine Dame zu finden, an der ich emporblicken +könne, um zu lernen, wie man sich in allen Fällen +zu benehmen habe und daß sie nicht zu fürchten brauche, +in mir eine Schwätzerin in ihren Dienst zu nehmen, +der es ein Vergnügen wäre, ihre Geheimnisse auszuplaudern. +Ich sagte ihr, daß ich nicht imstande sei, +zu sagen, wie gern ich sie bewundern und ihr gehorchen +möchte und ihr zeigen möchte, in welcher Weise ich es +verstünde, ihr niemals lästig zu fallen. Ich sprach dann +die Befürchtung und zugleich die Hoffnung aus, daß ich +die Sprache ihres Landes, obwohl ich sie noch gar nicht +kenne, doch sicher bald lernen würde, wenn man mir +nur zeigte, wie ich mich dabei zu verhalten habe. Sonst +wisse ich nichts, was mich nicht dazu berechtige, in +ihr Haus zu treten, sagte ich zum Schluß, als vielleicht +die Schüchternheit, die meinem Auftreten noch anklebe, +die ich aber zu überwinden hoffe; das Linkische und +Unbeholfene sei sonst nicht meine Natur – –«</p> + +<p>»Hast du den Brief schon abgeschickt?« fragte Simon.</p> + +<p>»Ja,« fuhr Hedwig fort »was hätte mich daran +<a class="pagenum" name="Page_159" title="159"> </a> +sollen verhindern können. Ich werde vielleicht bald von +hier fortgehen, und die Abreise macht mir Kummer; denn +ich verlasse viel und werde vielleicht nichts dafür bekommen, +das mich das Weggeworfene und im Stich Gelassene +vergessen ließe. Trotzdem bin ich fest entschlossen wegzugehen; +denn ich mag nicht mehr allein sein mit meinen +Träumen. Auch du gehst ja bald fort, und was sollte +ich dann noch hier? Du lassest mich wie einen Brocken, +wie einen schlecht gewordenen Gegenstand zurück, oder +vielmehr so: der ganze Ort, das Dorf, alles hier ist +dann der Brocken, der verlassene, unbeachtete und weggeworfene +Gegenstand, und ich dann noch mitten drin? Nein, +ich habe mich zu sehr daran gewöhnt, das Leben, das +wir hier führen, mit Hilfe deiner Augen anzusehen, es +schön zu finden, so lange du es schön fandest; und du +fandest es schön, und so fand ich es auch noch schön. +Aber weiter würde ich es nicht mehr schön und groß genug +für mich finden, ich würde es verachten, weil es eng +und stumpf wäre, und es wäre auch eng und stumpf +durch meine gleichgültige Verachtung. Ich kann nicht +leben und mein Leben verachten. Ich muß mir ein +Leben suchen, ein neues, und wenn das ganze Leben auch +nur in einem einzigen Suchen nach Leben bestehen sollte. +Was ist das: geachtet zu sein, gegen das andere: glücklich +zu sein und den Stolz des Herzens befriedigt zu +haben. Auch unglücklich zu sein ist noch schöner als geachtet +zu sein. Ich bin unglücklich, trotz der Achtung, +die ich genieße; ich verdiene vor mir diese Achtung also +nicht; denn in meinen Augen ist nur das Glück achtenswert. +Infolgedessen muß ich versuchen, ob es möglich +ist, glücklich zu sein, ohne Achtung zu beanspruchen. +Vielleicht gibt es ein Glück dieser Art für mich und +eine Achtung, die man der Liebe und der Sehnsucht zollt, +nicht der Klugheit. Ich will nicht deshalb unglücklich +<a class="pagenum" name="Page_160" title="160"> </a> +sein, weil mir der Mut fehlte, mir einzugestehen, daß +man unglücklich werden kann, weil man versuchte, glücklich +zu werden. Solches Unglück ist achtenswert, das +andere nicht; denn Mangel an Mut kann man nicht +achten. Wie kann ich länger zusehn, daß ich mich zu +einem solchen Leben verdamme, das nur Achtung einbringt +und nur Achtung von Andern, die einen immer +so haben wollen, wie es ihnen am besten paßt! Warum +soll es das? Und warum muß man die Erfahrung +machen, daß das, was es einem eingebracht hat, zum +Schluß nichts wert ist? Da hat man dann gesorgt und +gehütet und gewartet und ist nur genarrt worden. Es +ist bitter unklug, auf etwas warten zu wollen; es kommt +nicht zu uns, wenn wir nicht hingehen und es uns holen. +Freilich, es wird einem so viel Furcht eingejagt von Fürchtlingen, +die um einen besorgt scheinen. Ich hasse sie +jetzt beinahe, die den Kopf schütteln, sobald man nur +etwas Mutiges sagt. Wie würden die sich erst betragen, +wenn sie hörten, daß man das Mutheischende zur Ausführung +gebracht hat. Wie diese vielen Ratgeber schwinden +vor der Herzensgewalt einer frei vollbrachten Tat! +Und wie sie einen knechten mit ihrer süßlichen Liebe, +wenn man diesen Mut nicht findet und sich ihnen ausliefert. +Man wird mich hier mit vielem Bedauern wegziehen +sehen und es nicht verstehen wollen, warum ich +einen so angenehmen und ersprießlichen Platz verlasse; +und auch ich verlasse das Land mit einem Gefühl, das +mich noch immer überreden möchte, hier zu bleiben. +Ich habe geträumt, Bäuerin zu werden, einem Mann +anzugehören, einem einfachen und zarten Menschen, ein +Heim zu besitzen mit einem Stück Land und Stück +Garten, wozu ein Stück Himmel gehört hätte, zu bauen +und zu pflanzen, keine weitere Liebe als Achtung zu verlangen +und das Entzücken zu haben, meine Kinder aufwachsen +<a class="pagenum" name="Page_161" title="161"> </a> +zu sehen, womit ich mich für allen Verlust einer +tieferen Liebe entschädigt gefunden hätte. Der Himmel +würde die Erde berührt haben, ein Tag hätte den andern +in die Zeiten hinuntergerollt, und ich wäre unter Sorgen +eine alte Frau geworden, die an sonnigen Sonntagen +unter der Haustüre gestanden und die Vorübergehenden +beinahe schon verständnislos angeblickt hätte. Ich würde +dann nie wieder nach Glück gestrebt und heißere Empfindungen +vergessen haben, hätte meinem Manne und +seinen Geboten und dem gehorcht, was mir als Pflicht +würde vorgeschwebt haben. Und ich hätte gewußt, was +einer Bäuerin Pflicht wäre. Meine Träume wären mit +den Tagen wie Abende eingeschlafen und würden nie +mehr wieder etwas gefordert haben. Ich würde zufrieden +und heiter gewesen sein, zufrieden, weil ich nichts anderes +gewußt, und heiter, weil es sich nicht geziemt hätte, +meinem Manne eine unmutige Stirne mit dunklen Sorgen +zu zeigen. Mein Mann würde vielleicht den Takt besessen +haben, in der ersten Zeit, da noch vieles heißer +gedrängt und gepocht hätte, mich zu schonen und mich +sanft für meine kommende Aufgabe zu erziehen, was +ich dankbar würde haben geschehen lassen mit mir; +dann wäre es auch gegangen, und eines Tages würde +ich verwundert an mir die Beobachtung gemacht haben, +daß ich innerlich Frauen von heftiger und sehnsüchtiger +Gemütsart, das heißt, solche von meinem eigenen früheren +Schlag, nicht mehr dulden mochte, weil ich sie für gefährlich +und schädlich hielte. Mit einem Wort: ich würde +geworden sein wie die andern und würde das Leben +verstanden haben, wie die andern es verstehen. Doch +das alles blieb nur ein Traum. Einem andern als dir +würde ich mich hüten, so etwas zu sagen. Vor dir werden +Träumende nicht lächerlich, auch verachtest du niemanden, +weil er träumt, denn du verachtest überhaupt +<a class="pagenum" name="Page_162" title="162"> </a> +niemanden. Ich bin auch sonst gar nicht ein so überspanntes +Mädchen. Wie käme ich dazu! Ich habe jetzt +nur ein wenig zu viel gesprochen, und wenn ich so spreche, +spreche ich leicht etwas zu viel. Man möchte alle seine +Gefühle erläutern und kann es doch nie, man redet sich +nur in eine Heftigkeit hinein. Komm, gehen wir zu +Bett.« –</p> + +<p>Sie sagte sanft und ruhig Gute Nacht.</p> + +<p>»Ich bin doch froh,« sagte sie am andern Morgen, +»daß ich noch hier bin. Wie kann man sich nur so stürmisch +von einer Stelle wegwünschen. Als ob es hierauf +ankäme! Ich muß beinahe lachen und schäme mich +ein wenig, gestern so mitteilsam gewesen zu sein. Und doch +bin ich froh; denn einmal muß man sich aussprechen. +Wie du gestern mir nur so geduldig zuhören konntest, +Simon! So beinahe andächtig! Und doch bin ich auch +darüber froh. Am Abend ist man nicht wie am Morgen, +nein, so ganz anders, so verschieden im Ausdruck und +im Empfinden. Eine einzige Nacht ruhig geschlafen zu +haben, das kann, habe ich gehört, einen Menschen ganz +verändern. Ich glaube es wohl. Gestern so gesprochen +zu haben, kommt mir heute am hellen Morgen wie ein +ängstlicher, übertriebener, trauriger Traum vor. Was +war es denn nur! Soll man denn die Dinge so reizbar +schwernehmen? Denke gar nicht mehr daran! Ich muß +gestern müde gewesen sein, so wie ich immer des Abends +müde bin, aber jetzt bin ich so leicht, so gesund, so frisch, +wie neu geboren. Ich habe ein so gelenkiges Gefühl, +als hebe mich jemand empor, als trüge mich etwas, +wie man jemand trägt in einer Sänfte. Mach die Fenster +auf, indes ich noch im Bett liege. Es ist so schön, im +Bett zu liegen, wenn die Fenster aufgemacht werden, so +wie du es jetzt tust. Wo nehme ich nur all die Fröhlichkeit +her, die mich jetzt ganz einhüllt. Draußen scheint +<a class="pagenum" name="Page_163" title="163"> </a> +mir die schöne Gegend zu tanzen, die Luft dringt zu mir +hinein. Ist es heute Sonntag? Wenn nicht, so ist es +ein Tag wie geschaffen zum Sonntag. Siehst du die +Geranien? Sie stehen so schön vor dem Fenster. Was +wollte ich gestern? Glück? Habe ich es denn nicht schon +jetzt? Soll man erst suchen müssen in der unbekannten +Ferne, unter den Menschen, die gewiß gar keine Zeit haben, +an das Glück zu denken? Es ist gut, wenn man für +Vieles nicht Zeit hat, recht gut, denn, hätte man Zeit, so +würde man ja sterben vor lauter Anmaßung. Wie hell +ist mir jetzt im Kopf. Nicht ein einziger Gedanke mehr, +der nicht, wie seine Herrin, nämlich ich, froh und leicht +daläge, ganz ebenso wie ich. Willst du mir das Frühstück +ans Bett bringen, Simon? Es würde mir Spaß +machen, mich von dir bedienen zu lassen, wie wenn ich +eine portugiesische Noblesse wäre und du ein Mohrenkind, +das meinen leisesten Wink verstände. Natürlich bringst +du mir das Verlangte. Warum solltest du dich weigern, +mir eine Aufmerksamkeit zu erweisen? Seit wie lange bist +du jetzt bei mir? Warte einmal, es war Winter, als du +ankamst, der Schnee fiel, ich weiß es noch so gut, und +seitdem, wie viele schöne und regnerische Tage sind schon +vorbeigegangen. Jetzt wirst du bald gehen; aber mir +das Vergnügen stehlen, dich noch ein paar weitere Tage +bei mir zu haben, das darfst du nicht. Nach drei Tagen +werde ich zu dir sagen: »Bleib noch drei«, und du wirst +dich ebensowenig widersetzen können, als jetzt, da du +mir das Frühstück an mein Bett bringst. Du bist ein +merkwürdig widerstandsloser und skrupelloser Mensch. +Was man von dir verlangt, das tust du. Du willst alles, +was man will. Ich glaube, man könnte von dir viel +Ungebührliches verlangen, ehe du es einem übel nähmest. +Man kann sich eines gewissen verächtlichen Gefühles dir +gegenüber nicht enthalten. Ein ganz klein wenig verachte +<a class="pagenum" name="Page_164" title="164"> </a> +ich dich, Simon! Aber ich weiß, es macht dir nichts +wenn man so zu dir spricht. Ich halte dich übrigens +für einer Heldentat fähig, wenn es dir darauf ankommt. +Sieh, ich denke doch ganz gut von dir. Dir gegenüber +erlaubt man sich alles. Dein Betragen erlöst anderer +Betragen von jeder Art Unfreiheit. Ich habe dir früher +Ohrfeigen gegeben, ich habe dich stets der Mutter zur +Bestrafung angezeigt, wenn du Übeltaten verrichtetest, +jetzt bitte ich dich, mir einen Kuß zu geben, oder so: +laß mich dir lieber einen geben. Auf die Stirn, ganz +behutsam! So! Ich bin wie eine Heilige heute am Tag +gegen gestern am Abend. Ich habe ein Gefühl für kommende +Zeiten und lasse nun alles kommen. Lache nur +nicht! Es würde mich übrigens freuen, wenn du lachtest; +denn das ist für den frühen, blauen Morgen der passendste +Laut. Nun bitte ich dich, aus dem Zimmer zu gehen +und mir die Freiheit zu lassen, mich anzukleiden.« –</p> + +<p>Simon ließ sie allein.</p> + +<p>»Ich bin immer daran gewöhnt gewesen,« sagte Hedwig +im Laufe des Tages zu Simon, »dich als etwas +mir Unterlegenes zu behandeln. Vielleicht halten es andere +Menschen mit dir auch so. Du machst wenig den Eindruck +der Klugheit, viel mehr den der Liebe, und du +weißt, wie man diese Empfindung ungefähr einschätzt. +Ich glaube nicht, daß du je mit deinem Tun und Trachten +Erfolg haben wirst unter den Menschen, aber du wirst +dir sicher auch nie deswegen einen kummervollen Gedanken +machen, was dir, so wie ich dich kenne, wenigstens nicht +ähnlich sähe. Nur die dich kennen, werden dich tieferer +Empfindung und kühner Gedanken für fähig erachten, +die andern nicht. Das ist der Schwerpunkt und die +Ursache, weshalb du sehr wahrscheinlich im Leben erfolglos +bleibst: Man muß dich immer erst kennen lernen, +ehe man dir glaubt, und das nimmt Zeit in Anspruch. +<a class="pagenum" name="Page_165" title="165"> </a> +Der erste Eindruck, der den Erfolg macht, wird dir immer +versagen, aber du wirst deswegen deine Ruhe keineswegs +verlieren. Dich werden nicht viele Menschen lieben, aber +es wird etliche unter ihnen geben, die sich alles von dir +versprechen. Das werden einfache und gute Menschen +sein, denen du gefallen wirst; denn deine Blödigkeit kann +sehr weit gehen. Du hast etwas Blödes an dir, etwas +Unzurechnungsfähiges, etwas, wie soll ich sagen, Unbekümmert-Läppisches. +Das wird Viele beleidigen, man +wird dich frech nennen, und du wirst viele unfeine, früh +mit ihrem Urteil über dich fertige Feinde haben, die dir +zu schwitzen geben können; doch wird dir das nie Angst +einjagen. Andere werden dir immer unzart und du +wirst andern immer unverschämt vorkommen; das wird +Reibereien geben, sieh dich vor! In einer größeren Gesellschaft +von Menschen, wo es doch darauf ankommt, +daß man sich zeigt und beliebt macht durch hervorragendes +Sprechen, wirst du immer stumm bleiben, weil es dich +nicht reizt, den Mund noch aufzutun, wo schon so viele +durcheinanderschwatzen. Man wird dich infolgedessen +übersehen: du wirst dann trotzig und benimmst dich unschicklich. +Dagegen werden es manche Menschen, die +dich kennen gelernt haben, für einen Vorzug halten, mit +dir allein ein herzliches Gespräch zu führen; denn du +verstehst es, zuzuhorchen, und das ist im Gespräch vielleicht +wichtiger, als selbst das Sprechen. Man wird +gern einem verschwiegenen Menschen, wie dir, Geheimnisse +und Seelenangelegenheiten anvertrauen, und du +wirst dich im diskreten Verschweigen und Aussprechen +meist als Meister erweisen, unbewußt, meine ich, nicht +als ob du dir irgendwelche Mühe dabei gäbest. Du +sprichst ein bißchen schwerfällig, hast einen etwas plumpen +Mund, der sich zuerst öffnet und offen bleibt, ehe du +zu sprechen anfängst, als erwartetest du die Worte von +<a class="pagenum" name="Page_166" title="166"> </a> +außen aus irgend einer Richtung her, daß sie dir in den +Mund hineinflögen. Du wirst den meisten Menschen +eine uninteressante Erscheinung sein, fade für die Mädchen, +unbedeutend für Frauen, absolut unvertrauensvoll +und unenergisch für Männer. Ändere dich doch da ein +wenig, wenn es in deiner Macht steht! Gib etwas mehr +acht auf dich und sei eitler; denn ganz und gar nicht +eitel sein, das wirst du bald selbst für einen Fehler halten +müssen. Zum Beispiel, Simon, sieh dir doch einmal +wieder deine Hosen an: Unten zerfetzt! Allerdings, und +ich weiß schon: es sind nur Hosen, aber Hosen sollen +ebensogut in Stand gesetzt sein wie Seelen, denn es +zeugt doch von Nachlässigkeit, zerrissene und zerfetzte +Hosen zu tragen, und die Nachlässigkeit kommt aus der +Seele. Du mußt also auch eine zerfetzte Seele haben. +Was ich dir noch sagen wollte: Du glaubst doch nicht +etwa, daß ich dies im Scherz gesagt habe? Da lacht +er. Hältst du mich nicht für ein bißchen erfahrener als dich? +Doch nein! Du bist erfahrener, aber indem ich sage, daß +dir noch vieles zu erfahren bevorsteht, beweise ich doch +sicher auch wiederum Erfahrung. Oder etwa nicht?« –</p> + +<p>Sie dachte eine Weile nach, und fuhr dann fort:</p> + +<p>»Wenn du nun, was ja bald geschehen muß, von +mir fort bist, so schreibe mir nicht. Ich will es nicht. +Du sollst nicht meinen, du müßtest verpflichtet sein, mir +von deinem ferneren Treiben eine Nachricht zukommen +zu lassen. Vernachlässige mich, wie du es früher auch +getan hast. Was sollte uns beiden das Schreiben nützen? +Ich werde hier weiter leben und es als einen Genuß +empfinden, öfters daran zu denken, daß du drei Monate +lang da warst. Die Gegend wird mich emportragen und +mir dein Bild zeigen. Ich werde alle die Orte aufsuchen, +die wir zusammen schön gefunden haben, und +ich werde sie noch schöner finden; denn ein Fehler, ein +<a class="pagenum" name="Page_167" title="167"> </a> +Verlust macht die Dinge noch schöner. Mir und der +ganzen Gegend wird etwas fehlen, aber diese Lücke und +selbst dieser Fehler werden meinem Leben noch innigere +Empfindungen aufdrücken. Ich bin nicht aufgelegt, einen +Mangel als einen Druck zu empfinden. Wie käme ich +dazu! Im Gegenteil: etwas Befreiendes, Erleichterndes +liegt darin. Und dann: Lücken sind dazu da, um mit +etwas Neuem gefüllt zu werden. Am Morgen werde +ich, wenn ich im Begriffe bin aufzustehen, glauben, +deinen Schritt und deinen Kopf und deine Stimme zu +vernehmen, und lächeln über die Täuschung. Weißt du +was: ich habe die Täuschungen lieb, und du mußt sie +ebenfalls lieb haben, ich weiß es. Merkwürdig, wie +viel ich zusammenrede in diesen Tagen. Diese Tage! +Ich meine, die Tage müßten jetzt selber fühlen, wie kostbar +sie mir sind und müssen, aus Rücksicht auf mich, +langsamer, gedehnter, träger und verweilerischer auftreten, +auch leiser! Sie tun es auch. Ich spüre ihr Nahen wie +einen Kuß und ihr dunkles sich Entfernen wie einen Händedruck, +wie ein Winken mit einer lieben, bekannten Hand. +Die Nächte! Wie viele Nächte hast du bei mir geschlafen, +schön geschlafen; denn du verstehst zu schlafen, da drüben +in der Kammer, im Strohbett, das bald nun herrenlos +und schlaflos sein wird. Die Nächte, die jetzt noch kommen, +werden nur schüchtern herankommen zu mir, wie +kleine, schuldbewußte Kinder mit gesenkten Augen zum +Vater oder zur Mutter kommen. Die Nächte werden +weniger still sein, Simon, wenn du fort bist und ich +will dir sagen warum: du warst so still in der Nacht, +du vermehrtest mit deinem Schlaf die Stille. Wir +waren zwei stille, ruhige Menschen während allen diesen +Nächten; nun werde ich allein still sein müssen, etwas +gezwungen, und es wird weniger still sein; denn ich +werde mich öfters im Dunkel im Bett aufrichten und +<a class="pagenum" name="Page_168" title="168"> </a> +auf irgend etwas aufhorchen. Dann werde ich fühlen, +daß es viel weniger still mehr ist. Vielleicht werde ich +dann weinen, gar nicht etwa wegen dir, und ich bitte +dich, dir nichts darauf einzubilden. Seh einer doch, da +will er sich gleich etwas vormachen. Nein, nein, Simon, +wegen dir wird niemand weinen. Wenn du fort bist, +bist du fort. Das ist alles. Glaubst du, um dich könnte +man weinen? Keine Rede. Das darf dir nie in den +Sinn kommen. Man spürt, daß du fort bist, man +merkt es sich, aber weiter? Etwa Sehnsucht, oder dergleichen? +Nach einem Menschen von deinem Schlag empfindet +niemand Sehnsucht. Du weckst keine. Kein +Herz wird dir je nachzittern! Dir einen Gedanken weihen? +I, was! Ja, nachlässig, so wie man eine Nadel aus der +Hand fallen läßt, wird man gelegentlich deiner gedenken. +Mehr verdienst du auch nicht, und wenn du hundert +Jahre alt würdest. Du hast nicht das mindeste Talent, +Andenken zu hinterlassen. Du hinterlässest auch gar +nichts. Ich wüßte nicht, was du hinterlassen könntest; +denn du besitzest ja gar nichts. Du hast keine Ursache, +so frech zu lachen, ich spreche im Ernst. Geh mir +aus den Augen! Marsch!« –</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Während der folgenden Tage war schlechtes, regnerisches +Wetter, auch das war wiederum ein Anlaß zum +Dableiben. Simon konnte doch nicht bei diesem Wetter +seine Reise antreten. Er hätte gekonnt, ja, aber mußte +es denn gerade bei schlechtem Wetter sein? So blieb er +noch. Einen oder zwei Tage, mehr nicht, dachte er. Er +saß beinahe den ganzen Tag in dem leeren, großen +Schulzimmer und las in einem Roman, den er noch +fertig zu lesen wünschte, ehe er ging. Manchmal lief er +zwischen den Reihen von Bänken auf und ab, immer +das Buch in der Hand, dessen Inhalt ihn so sehr fesselte, +<a class="pagenum" name="Page_169" title="169"> </a> +daß er mit seinen Gedanken nicht davon wegkam. Er +kam nicht vorwärts mit seinem Lesen; denn immer blieb +er stecken in Gedanken. Ich lese noch so lange, als es +noch regnet, dachte er; wenn es schönes Wetter wird, +muß ich fortfahren, aber nicht mit Lesen, sondern fortfahren, +und zwar wirklich.</p> + +<p>Hedwig sagte am letzten Tag zu ihm:</p> + +<p>»Nun gehst du wohl, nun ist es wohl abgemacht. +Leb wohl. Komm ganz in meine Nähe und gib mir die +Hand. Ich werde mich vielleicht in kurzer Zeit einem +Mann hinwerfen, der mich nicht verdient. Ich werde +das Leben verspielt haben. Ich werde viel Achtung genießen. +Man wird sagen: das ist eine tüchtige Frau. +Eigentlich habe ich nicht den Wunsch, jemals wieder etwas +von dir zu hören. Versuche ein braver Mann zu +werden. Mische dich in öffentliche Angelegenheiten, mach +von dir reden, es würde mir Vergnügen machen, aus +der Leute Mund von dir zu hören. Oder lebe dahin, wie +du es kannst und verstehst, bleibe im Dunkel, kämpfe +im Dunkel mit den vielen Tagen, die noch kommen +werden. Ich mute dir nie Schwächlichkeiten zu. Was +soll ich noch sagen, um dir Glück mit auf deine Reise +zu wünschen? Bedanke dich doch. Ja, du! Denkst du +nicht daran, mir zu danken für das Hiersein, das ich dir +gewährt habe? Nein, laß es, denn es stünde dir nicht +gut an. Du verstehst nicht, eine Verbeugung zu machen +und zu sagen, daß du gar nicht wüßtest, wie du danken +solltest. Dein Betragen war deine Dankbarkeit. Ich +habe mit dir die Zeit gejagt und getrieben, daß es ihr +heiß wurde vor uns. Hast du wirklich nicht mehr Sachen, +als da in diesen kleinen Koffer hineingehen? Du bist +wirklich arm. Ein Reisekoffer ist das ganze Haus, das +du in der Welt bewohnst. Das hat etwas Hinreißendes +aber auch etwas Erbärmliches. Geh jetzt. Ich werde +<a class="pagenum" name="Page_170" title="170"> </a> +dir aus dem Fenster nachschaue. Wenn du oben auf +dem Hügelrand bist, wende dich um und blicke noch einmal +nach mir. Was sollten wir noch mehr Zärtlichkeiten +tauschen? Du Bruder zu mir Schwester? Was hat es +zu sagen, wenn eine Schwester ihren Bruder auch nie +mehr wiedersieht? Ich entlasse dich ziemlich kalt, weil +ich dich kenne und weiß, daß du die Wärme beim Abschied +hassest. Zwischen uns bedeutet das nichts. So +sage mir denn adieu und geh denn.« –</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_171" title="171"> </a>Elftes Kapitel.</h2> + +<p>Es war ungefähr zwei Uhr am Nachmittag, als +Simon in der großen Stadt, die er vor ungefähr drei +Monaten verlassen hatte, mit der Eisenbahn wieder ankam. +Der Bahnhof war voll Menschen und ganz schwarz, +mit jenem Geruch angefüllt, der nur in kleinen, ländlichen +Bahnhöfen nicht anzutreffen ist. Simon zitterte, +als er aus dem Wagen ausstieg, er war hungrig, steif, +matt, traurig und mutlos und konnte eine gewisse Beklemmung +nicht los werden, obschon er sich sagte, daß +es eine dumme Beklemmung sei, die er da empfand. +Er gab, wie es die meisten Reisenden tun, sein Gepäck +am Gepäckschalter ab und verlor sich unter die Menschen. +So wie er freie Bewegung bekam, fühlte er sich +auch sofort besser und wurde wieder auf seine leichte +Gesundheit aufmerksam, die vom Landaufenthalt her in +vollkommen gutem Zustand war. Er aß etwas in einem +jener seltsamen Volkslokale. Da aß er nun wieder, ohne +vielen Appetit; denn das Essen war mager und schlecht, +ganz gut für einen armen Städter, aber nicht für einen +verwöhnten Landbewohner. Die Menschen betrachteten +ihn aufmerksam, als ahnten sie, daß er vom Lande herkomme. +Simon dachte: »Diese Menschen müssen sicher +fühlen, daß ich gewöhnt bin, besser zu speisen; denn es +liegt so etwas in der Art, wie ich mit diesem Essen umgehe.« +<a class="pagenum" name="Page_172" title="172"> </a> +In der Tat, er ließ die <ins title="Häfte">Hälfte</ins> davon stehen, +bezahlte und konnte nicht umhin, der Kellnerin leichthin +zu bemerken, wie wenig es ihm gemundet habe. Diese +schaute den Spötter nur so verächtlich an, freundlich +verächtlich, ganz leicht, als hätte sie es nicht nötig, deswegen +empört zu sein, da es doch so einer gesagt hatte +und nicht ein anderer. Eines andern wegen, ja, dann +schon, aber eines solchen! – Simon trat hinaus. Er +war doch glücklich, trotz dem minderwertigen Essen und +der beleidigenden Miene des Mädchens. Der Himmel +war leicht blau. Simon schaute ihn an: ja, er hatte +hier doch auch einen Himmel. In dieser Beziehung war +es doch dumm, so sehr zu Ungunsten der Städte für +das Land eingenommen zu sein. Er nahm sich vor, +jetzt nicht mehr an das Land zurückzudenken, sondern +sich an die neue Welt zu gewöhnen. Er sah, wie die +Menschen vor ihm her gingen, viel schneller als er; denn +er hatte sich auf dem Lande einen schlenderischen, bedächtigen +Schritt angewöhnt, als fürchtete er, zu rasch +vorwärts zu kommen. Nun, für heute wollte er es sich +noch gestatten, bäuerisch zu gehen, von morgen ab +sollte es dann anders vorwärts gehen. Aber er betrachtete +die Menschen mit Liebe, ganz ohne jede Scheu, +sah ihnen in die Augen, an die Beine, um zu sehen, +wie sie die Beine bewegten, an die Hüte, um den Fortschritt +der Mode zu beobachten, an die Kleider, um die +seinen immer noch gut genug zu finden im Vergleich +mit den vielen unschönen, die er emsig studierte. Wie +sie eilig gingen, diese Menschen. Er hätte Lust gehabt, +einen von ihnen aufzuhalten und ihn mit den Worten +anzureden: Wohin so schnell? Aber er hatte doch nicht +den Mut zu einer so törichten Handlung. Er fühlte +sich wohl, sonst aber ein wenig matt und gespannt. +Eine kleine, nicht zu verhehlende Trauer hielt ihn gefangen, +<a class="pagenum" name="Page_173" title="173"> </a> +aber sie harmonierte mit dem leichten, glücklichen, +etwas getrübten Himmel. Sie harmonierte auch mit +der Stadt, wo es beinahe unschicklich ist, ein allzusonniges +Gesicht zu machen. Simon mußte sich gestehen, daß +er da ginge und absolut nichts suche, aber er hielt es +für angebracht, wie alle andern solch eine Sucher- und +Vorwärtsdrängermiene zu machen, um nicht den eben +angekommenen, beschäftigungslosen Menschen darstellen +zu müssen. Er mochte nicht auffallen und es tat ihm +wohl, zu bemerken, daß er weiter keinem Menschen durch +sein Betragen auffiel. Er schloß daraus, daß er noch +immer befähigt sei, in der Stadt zu leben, trug sich ein +wenig strammer noch, als zuvor, und tat, als trüge er +eine kleine, elegante Absicht mit sich, die er gleichmütig +verfolge, die ihm keine Sorgen, nur Interesse entlocke, +die seine Schuhe nicht beschmutzen und seine Hände nicht +anstrengen würde. Eben ging er jetzt durch eine schöne, +reiche Straße, die auf beiden Seiten mit blühenden +Bäumen besetzt war, in der man, da sie breit war, den +Himmel freier vor Augen hatte. Es war wirklich eine +herrliche, lichte Straße, die einem das angenehmste Leben +vorgaukeln konnte und jeden Traum gestatten durfte. +Simon vergaß jetzt sein Vorhaben, durch diese Straße +mit gesetzten, gezierten Bewegungen zu gehen, völlig. +Er ließ sich gehen und tragen, schaute bald zu Boden, +bald hinauf, bald zur Seite in eines der vielen Schaufenster, +vor deren einem er endlich stehen blieb, ohne +eigentlich etwas zu betrachten. Er fand es angenehm, +den Lärm der schönen, lebhaften Straße hinter seinem +Rücken und doch in seinen Ohren zu haben. Er unterschied +in seinen Sinnen die Schritte der einzelnen Passanten, +die wohl alle denken mußten, er stehe da, um +etwas so recht ins Auge zu fassen, das im Schaufenster +liege. Plötzlich hörte er sich von jemand angesprochen. +<a class="pagenum" name="Page_174" title="174"> </a> +Er drehte sich um und erblickte eine Dame, die ihn aufforderte, +ein Paket, das sie ihm hinstreckte, bis in ihr +Haus zu tragen. Es war keine besonders schöne Dame, +aber in diesem Augenblick hatte Simon sich nicht lange +zu besinnen, ob sie schön war oder nicht, sondern hatte, +wie ihm eine innere Stimme zurief, ihrer Aufforderung +lebhaft nachzukommen. Er ergriff das Paket, das gar +nicht schwer war, und trug es der Dame nach, die quer +über die Straße mit kleinen, gemessenen Schritten ging, +ohne sich nur einmal nach dem jungen Manne umzudrehen. +Vor einem, wie es schien, prachtvollen Hause +angekommen, befahl ihm die Frau, mit hinauf zu kommen, +und er tat es. Er sah keinen Grund, warum er +nicht hätte gehorchen sollen. Mit dieser Dame in deren +Haus zu gehen, das war etwas ganz Natürliches, und +der Stimme der Dame zu gehorchen war seiner Lage, +die ihm nichts vorschrieb, durchaus angemessen. Er +würde vielleicht jetzt noch vor dem Schaufenster stehen +und gaffen, dachte er, indem er die Treppen hinaufstieg. +Oben angekommen, hieß ihn die Frau eintreten. Sie +ging voran und ließ ihn nachkommen und in ein Zimmer +hineingehen, dessen Türe sie öffnete. Simon schien es +ein prächtiges Zimmer zu sein. Die Frau kam wieder +hinein, setzte sich in einen der Stühle, räusperte sich ein +wenig, sah den vor ihr Stehenden an und fragte ihn +dann, ob er sich entschließen könne, bei ihr in Dienste +zu treten. Er mache ihr, fuhr sie fort, den Eindruck +eines müßig in der Welt stehenden Menschen, dem man +eine Wohltat erweise, wenn man ihm Arbeit gebe. Im +übrigen gefalle er ihr soweit und er möchte ihr sagen, +ob er gewillt sei, das Anerbieten, das sie ihm mache, +anzunehmen.</p> + +<p>»Warum nicht,« antwortete Simon.</p> + +<p>Sie sagte: »Ich scheine mich also nicht geirrt zu +<a class="pagenum" name="Page_175" title="175"> </a> +haben, wenn ich von Ihnen gleich im ersten Augenblick +angenommen habe, daß Sie ein junger Mensch sind, +der froh ist, irgendwo unterzukommen. Sagen Sie mir +einmal, wie heißen Sie, und was haben Sie bis jetzt +getan in der Welt?«</p> + +<p>»Ich heiße Simon, und ich habe bis jetzt nichts getan!«</p> + +<p>»Wie kommt das?«</p> + +<p>Simon sagte: »Ich habe von meinen Eltern ein +kleines Vermögen bekommen, das ich soeben bis auf den +letzten Heller verzehrt habe. Ich habe es nicht für nötig +gefunden, zu arbeiten. Etwas zu lernen hatte ich keine +Lust. Ich habe den Tag als zu schön empfunden, als +daß ich den Übermut hätte besitzen können, ihn durch +Arbeit zu entweihen. Sie wissen, wie viel durch tägliche +Arbeit verloren geht. Ich war nicht imstande, mir +eine Wissenschaft anzueignen und dafür den Anblick der +Sonne und des abendlichen Mondes zu entbehren. Ich +brauchte Stunden, um eine Abendlandschaft zu betrachten, +und habe Nächte durch, statt am Schreibtisch +oder im Laboratorium, im Grase gesessen, während zu +meinen Füßen ein Fluß vorüberfloß und der Mond durch +die Äste der Bäume blickte. Sie werden befremdend auf +eine solche Aussage herabblicken, aber, sollte ich Ihnen +eine Unwahrheit berichten? Ich habe auf dem Lande und +in der Stadt gelebt, aber ich habe bis jetzt noch keinem +Menschen auf der Welt einen einigermaßen bemerkenswerten +Dienst erwiesen. Ich habe Lust, das zu tun, +jetzt, wo es scheinen will, daß ich Gelegenheit dazu habe.«</p> + +<p>»Wie konnten Sie so liederlich leben?«</p> + +<p>»Ich habe das Geld nie geachtet, gnädige Frau! +Dagegen könnte es mir, wenn ich dazu veranlaßt würde, +einfallen, ja, sogar am Herzen liegen, anderer Menschen +Geld für wertvoll zu erachten. Es will den Anschein +haben, daß Sie den Wunsch hegen, mich in Ihre Dienste +<a class="pagenum" name="Page_176" title="176"> </a> +zu nehmen: Nun, in diesem Fall würde ich Ihre Interessen +natürlich streng beobachten; denn in einem solchen Falle +hätte ich dann keine andern Interessen mehr, als die +Ihrigen, die die meinen wären. Meine eigenen Interessen! +Wo wäre ich je dazu gekommen, eigene Interessen zu +haben! Wann hätte ich je eigene ernstliche Angelegenheiten +gehabt. Ich habe mein Leben bis jetzt vertändelt, +weil ich es so wollte, da es mir immer ganz als wertlos +erschien. In fremden Interessen würde ich aufgehen, +es versteht sich von selber; denn wer keine eigenen Ziele +hat, lebt eben für die Zwecke, Interessen und Absichten +Anderer.« –</p> + +<p>»Sie müssen doch irgend eine Zukunft vor Augen +haben wollen!« –</p> + +<p>»Habe noch keinen Augenblick daran gedacht! Sie +sehen mich etwas besorgt und ziemlich unfreundlich an. +Sie mißtrauen mir und trauen mir keine ernstliche Absicht +zu. Ich muß gestehen, ich habe bis zum heutigen Tage +auch noch nie irgend welche Absicht mit mir herumgetragen, +weil mich bis jetzt noch niemand zu der Pflege +einer Absicht aufgefordert hat. Ich trete zum ersten Mal +einem Menschen gegenüber, der meine Dienste in Anspruch +nehmen will; das schmeichelt mir und veranlaßt mich, +Ihnen kühn die Wahrheit zu sagen. Was schadet es, +daß ich bis dahin ein liederlicher Mensch gewesen bin, +wenn ich nun ein besserer werden will? Können Sie +glauben, ich möchte nicht den Wunsch haben, mich Ihnen +dankbar dafür zu erweisen, daß Sie mich von der offenen +Straße weg in Ihr Zimmer ziehen, um mir ein Menschenlos +zu geben? Ich habe nicht eine Zukunft vor Augen, +nur die Absicht, Ihnen zu gefallen. Ich weiß auch, daß +man gefällt, wenn man seine Pflicht erfüllt. Nun, diese +Zukunft habe ich vor Augen: meine Pflicht, die Sie mir +aufgeben werden, zu erfüllen. Ich mag nicht gern in +<a class="pagenum" name="Page_177" title="177"> </a> +eine viel weitere, als in die ganz nächste Zukunft hineindenken. +Meine Laufbahn interessiert mich nicht, die mag +ausfallen, wie sie will, wenn ich nur den Menschen +gefalle.« –</p> + +<p>Die Dame sagte hierauf: »Obschon es eigentlich eine +Unvorsichtigkeit ist, einen Menschen, der nichts ist und +nichts kann, in Dienst zu nehmen, will ich es doch tun; +denn ich glaube, Sie haben den Wunsch, zu arbeiten. +Sie werden mein Diener sein und tun, was ich Ihnen +auftragen werde. Sie können es als ein besonderes Glück +betrachten, Gnade gefunden zu haben, und ich will hoffen, +daß Sie sich Mühe geben werden, sie zu verdienen. Sie +haben ja keinerlei Zeugnisse bei sich, sonst stände es mir +an, Sie nach Ihren Zeugnissen zu fragen. Wie alt sind +Sie?« –</p> + +<p>»Zwanzig Jahre und etwas darüber!«</p> + +<p>Die Dame nickte mit dem Kopf: »Das ist ein Alter, +wo der Mensch daran denken muß, sich für das Leben +eine Aufgabe zu stellen. Nun, ich will vieles, das mir +an Ihrem Wesen nicht recht paßt, vorläufig übersehen +und Ihnen Gelegenheit geben, ein zuverlässiger Mann +zu werden. Wir werden sehen!« –</p> + +<p>Damit war diese Unterredung beendigt.</p> + +<p>Die Dame führte Simon durch eine Flucht eleganter +Zimmer, bemerkte, indem sie ihrem jungen Begleiter +voranschritt, daß es eine seiner Aufgaben sei, die Zimmer +zu reinigen, fragte, ob er imstande sei, einen Zimmerboden +mit Stahlspänen aufzureiben, ohne jedoch seine +Antwort abzuwarten, als wüßte sie schon, daß er das +könne, als ob sie das nur gefragt hätte, um irgend eine +Frage an ihn zu richten, daß es ein bißchen ausforscherisch +und hochmütig um seine Ohren herum sause, öffnete eine +Türe, ließ ihn in ein kleineres, warm mit Teppichen aller +Art ausgefüttertes Zimmer treten, wo sie ihn einem Knaben, +<a class="pagenum" name="Page_178" title="178"> </a> +der im Bett lag, mit kurzen Worten vorstellte: Diesen +kleinen Herrn, der krank sei, werde er bedienen, wie, das +werde ihm noch gesagt werden. Es war ein blasser, hübscher, +wenngleich von der Krankheit entstellter Knabe, +der seine Augen kalt auf diejenigen Simons richtete, ohne +etwas zu sprechen. Man ahnte, daß er nicht sprechen, +vielleicht etwa nur lallen konnte, wenn man seinen Mund +ansah, der unbehilflich in dem Gesicht lag, als gehörte +er gar nicht dazu, als klebe er dort nur an und sei nicht +immer dagewesen. Die Hände des Knaben indessen +waren sehr schön, sahen so aus, als trügen sie den ganzen +Schmerz und die ganze Schmach der Krankheit, als +hätten sie es übernommen, den ganzen Umfang, die +ganze schöne Last weinender Trauer zu tragen. Simon +konnte nicht umhin, diese Hände einen Moment länger, +als ihm gestattet war, liebend zu betrachten; denn schon +wurde er aufgefordert, der Dame zu folgen, die ihn durch +einen Korridor in die Küche führte, wo sie sagte, daß er +der Köchin, wenn keine wichtigere Arbeit für ihn vorliege, +behülflich zu sein hätte. Das tue er sehr gern, entgegnete +Simon, wobei er das Mädchen anblickte, das die +Herrin in der Küche zu sein schien. Darauf, am nächsten +Morgen nämlich, trat er seinen Dienst an, das heißt, +der Dienst trat an ihn heran und verlangte von ihm +dieses und jenes und ließ ihm keine Zeit mehr übrig, +zu denken, ob es ein netter Dienst sei oder nicht. Die +Nacht hatte er bei dem Knaben, seinem jungen Herrn, +zugebracht, schlafend und immer wieder aufwachend; denn +es war ihm befohlen worden, nur ganz leicht, leise und +oberflächlich, also absichtlich schlecht zu schlafen, damit +er sich daran gewöhne, schnell, bei jedem nur geflüsterten +Ruf des Kranken, aus dem Bett zu springen und +nach des Knaben Befehle zu fragen. Simon glaubte +der Mann zu einem solchen Schlaf zu sein; denn wenn +<a class="pagenum" name="Page_179" title="179"> </a> +er gelinde nachdachte, verachtete er den Schlaf und nahm +gerne die Gelegenheit wahr, die ihn nötigte, sich aus +einem dichten und tiefen Schlaf nichts zu machen. Am +nächsten Morgen sodann spürte er nicht im geringsten, +daß er schlecht geschlafen habe, konnte aber auch nicht +nachzählen, wie oftmals er aus dem Bett aufgesprungen +sei, und ging munter an die Arbeit. Vorerst hatte er +mit einem weißen, dicken Topf in der Hand auf die +Straße zu springen, um denselben dort von einer Frau +mit frischer Milch füllen zu lassen. Bei dieser Gelegenheit +konnte er einen Augenblick lang den erwachenden, +feuchtglänzenden Tag betrachten, seine beiden Augen +damit trunken und feurig machen und wiederum die +Treppe hinaufspringen. Er machte die Beobachtung, daß +ihm seine Glieder gut und geschmeidig gehorchten, wenn +er hinauf und hinunter eilte. Alsdann hatte er, bevor +die Frau noch aus ihrem Schlafe erwachte, mit dem Mädchen +gemeinschaftlich diejenigen Zimmer aufzuräumen, +die ihm vorgeschrieben waren: das Eßzimmer, den Salon +und das Schreibzimmer. Der Boden mußte mit einem +Besen abgekehrt, die Teppiche abgebürstet, Tisch und +Stühle abgewischt, Fenster angehaucht und abgeputzt +und alle im Zimmer befindlichen Gegenstände angerührt, +in die Hand genommen, gesäubert und wieder an Ort +und Stelle gelegt werden. Das alles mußte blitzschnell +vor sich gehen, aber Simon dachte, wenn er das dreimal +gemacht habe, würde er es mit geschlossenen Augen tun +können. Nachdem diese Arbeit getan war, bedeutete ihm +das Mädchen, daß er jetzt ein Paar Schuhe reinigen +könne. Simon nahm die Schuhe in die Hand, wahrhaftig, +es waren der Dame ihre Schuhe. Schöne Schuhe +waren es, zierliche Schuhe mit Pelzbesatz und von so +zartem Leder wie Seide. Simon hatte immer für Schuhe +geschwärmt, nicht für alle, nicht für grobe, aber für +<a class="pagenum" name="Page_180" title="180"> </a> +so seine immer, und nun hielt er solch einen Schuh in +der Hand und hatte die Pflicht, ihn zu säubern, obgleich +er eigentlich nichts daran zu säubern bemerkte. Immer +schienen ihm Füße von Frauen etwas Heiliges zu sein, +und Schuhe glichen in seinen Augen und Sinnen Kindern, +glücklichen, bevorzugten Kindern, die das Glück hatten, +den feinbeweglichen, empfindlichen Fuß zu bekleiden +und zu umschließen. Welch eine schöne Erfindung der +Menschen, solch ein Schuh, dachte er, indem er daran +mit einem Tuch herumwischte, um so zu tun, als ob er +putzte. Da wurde er von der Frau selber überrascht, die +in die Küche kam und ihn mit einem strengen Blick +maß; Simon beeilte sich, ihr Guten Tag zu sagen, worauf +sie nur mit ihrem Kopf nickte. Simon fand das +allerliebst, ja entzückend, sich Guten Morgen sagen zu +lassen und nur so mit dem Kopf zu nicken als Erwiderung, +als wolle man sagen: ja, lieber Bursche, ja, ich +danke dir, ich habe es gehört, es war sehr nett gesagt, +es hat mir gefallen!</p> + +<p>»Sie müssen meine Schuhe besser putzen, Simon,« +sagte die <ins title="Fau">Frau</ins>.</p> + +<p>Simon war sehr glücklich über ihren Tadel. Wie +oft, wenn er durch heiße, verbrannte, menschenleere Gassen +geschlendert, absichtslos herumgewandert war, empfand +er in seinem Herzen Sehnsucht nach einem bösen, +bissigen Tadel, nach einem Schimpfwort, nach einem +Fluch und beleidigenden Ausruf, nur um die Gewißheit +zu haben, nicht ganz allein, nicht ganz ohne Teilnahme +zu sein, und wenn die Teilnahme auch eine rohe und +verneinende gewesen wäre. »Wie lieb klingt dieser Tadel +aus ihrem Frauenmund,« dachte er, »wie bindet mich +das an sie, wie sehr verbindet und verknüpft und fesselt +es, man fühlt solch einen Tadel wie eine kleine, gar +nicht sehr schmerzende Ohrfeige, eines Fehlers wegen, den +<a class="pagenum" name="Page_181" title="181"> </a> +man begangen <ins title="hat">hat«</ins>; und Simon nahm sich im stillen vor, +nur noch Fehler zu begehen, nein, nicht gerade ausschließlich, +denn das würde ihn zum Tölpel gestempelt haben, +aber regelmäßig kleinere Versehen, schön beabsichtigt, um +den Genuß zu haben, eine empfindliche und an Ordnung +gewöhnte Dame entrüstet zu sehen. Entrüstung, nein, +nicht gerade Entrüstung, sondern mehr ein Fragen, ein +Staunen über seine, Simons Ungeschicklichkeit. Dann +hätte man Gelegenheit, in andern Punkten zu glänzen, +und so durfte man das Vergnügen haben, zu beobachten, +wie sich ein strenges und ärgerliches Gesicht in ein freundlicheres +und befriedigtes verwandelte. Welche Freude, +sich einen Menschen zur Zufriedenheit innig umzustimmen, +wenn man ihn vorher gekränkt gesehen hat. »Heute +morgen bereits einen lieben Tadel geerntet,« dachte Simon, +und weiter: »wie angenehm ist es, der Getadelte +zu sein, es ist gewissermaßen ein reiferer, überlegener +Zustand. Ich bin wie geschaffen dazu, getadelt zu werden; +denn ich empfinde den Tadel dankbar, und nur +solche verdienen freundschaftlich getadelt zu werden, die +dafür durch entsprechende Körperhaltung, die sie anzunehmen +haben, zu danken wissen.«</p> + +<p>Simon stand wirklich entsprechend da, und er fühlte: +»Nun erst bin ich der Diener dieser Frau; denn sie tadelt +mich, weil sie ein Recht in sich fühlt, mich ohne viel +Überlegen zurechtzuweisen, und dabei von mir ein korrektes +Schweigen erwartet. Wenn man einen untergebenen +Beamten tadelt, so schmerzt man ihn, und man trägt +immer die geheime Absicht, ihm auch wirklich weh zu +tun durch das Merkenlassen der höheren Stufe, die man +einnimmt. Einen Diener tadelt man nur in der Absicht, +ihn zu belehren und zu erziehen, so wie man ihn haben +will; denn ein Diener gehört einem, während man mit +einem untergebenen Beamten, wenn die Feierabendstunde +<a class="pagenum" name="Page_182" title="182"> </a> +schlägt, menschlich weiter nichts mehr zu tun hat. Ich +zum Beispiel jetzt bin mit der Wärme des Herzens getadelt +worden, dazu kommt noch, daß der Tadel von +einer Frau kommt, die zu den Frauen gehört, die immer +lieblich sind, wenn sie sich so etwas herausnehmen. In +der Tat, Damen muß man einen Tadel aussprechen +hören, um zu der Überzeugung zu gelangen, daß sie es +besser verstehen als die Männer, ohne kleinliche Kränkung +einen Fehler zu rügen. Vielleicht ist das aber falsch, und +ich sehe, was, wenn es von einem Mann kommt, mich +verletzt, von Damen herkommend, nicht für beleidigend, +sondern für aufmunternd an. Einem Mann gegenüber +empfinde ich immer die stolze Gleichstellung, einer Dame +gegenüber niemals, weil ich ein Mann bin, oder weil +ich mich darauf vorbereite, einer zu werden. Vor Frauen +muß man sich entweder überlegen oder unterlegen fühlen! +– Einem Kinde zu gehorchen, wenn es reizend befiehlt, +ist mir etwas Leichtes, dagegen einem Mann: Pfui! Nur +Feigheit und geschäftliche Interessen mögen einen Mann +dazu veranlassen, vor einem andern Mann zu kriechen: +Niedrige Gründe, das! Aus diesem Grunde bin ich froh, +daß ich einer Frau zu gehorchen habe; denn das ist natürlich, +weil es niemals ehrverletzend sein kann. Eine +Frau kann die Ehre eines Mannes niemals verletzen, es +sei denn beim Ehebruch, aber da benimmt sich der in +Frage kommende Mann meist als ein schwacher Tölpel, +den es gar nicht entehrt, wenn er betrogen wird, da ihn +schon die Möglichkeit des Betruges längst vorher in den +Augen derer entehrt hat, die ihn kannten. Unglücklich +können Frauen machen, aber entehren können sie niemals; +denn das wirkliche Unglück ist keine Schande und +kann nur auf rohe Gemüter und Sinnesarten komisch +wirken, auf solche Menschen, die sich allerdings ihrerseits +dann eine Unehre antun, es zu verlachen.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_183" title="183"> </a>»Kommen Sie!«</p> + +<p>Mit diesem Wort riß die Dame ihren Diener aus +seiner anmaßlichen Gedankenreihe und befahl ihm, nun +den kranken Knaben ankleiden zu gehen. Er gehorchte +und tat, was sie verlangte. Er trug ein Becken voll +frischen Wassers an das Bett und wusch mit einem +Waschschwamm sorgsam das Gesicht des Knaben, reichte +ihm ein Glas, halbgefüllt mit klarem Wasser, und ließ +ihn den Mund damit wässern, was der Knabe mit +seinen schönen Händen sehr hübsch tat, nahm dann eine +Bürste und einen Kamm zur Hand, brachte das Haar +des im Bett Liegenden in Ordnung und reichte ihm +zum Schluß das Frühstück auf einem silbernen Tablett +dar, schaute zu, wie es bedächtig, mit vielem Absetzen, +verzehrt wurde, ohne müde oder gar ungeduldig zu werden; +denn wie häßlich und unpassend würde Ungeduld hier +gewesen sein; trug das Geschirr wieder hinaus und kam +wieder, um nun den Kranken, der sich nicht selbst anziehen +konnte, anzukleiden. Er hob den leichten, dünnen +Körper mit einiger Scheu zum Bette heraus, nachdem +er schon vorher den Füßen und Beinen die Strümpfe +übergezogen hatte, steckte an die Füße kleine Hausschuhe, +nahm die Beinkleider zur Hand, um sie anzuziehen, +schnallte den Gurt der Hose zu, warf die Hosenträger, +wie es sich schickte, von hinten über, alles schnell, alles +geräuschlos, und so, daß jede Bewegung auch wirklich +gleich etwas tat, legte dem Hals des Knaben jetzt den +Kragen um, einen breiten, umgelegten Knabenkragen, +befestigte mit gutem Geschick eine Krawatte an den Hemdknopf; +das Hemd war natürlich längst übergeworfen +worden; reichte jetzt die Weste, ließ die Arme hineinschlüpfen, +ebenso den Rock und die paar Gegenstände, +die der Knabe bei sich zu tragen pflegte, als Uhr, Uhrgehänge, +Messer, Taschentuch und Notizbuch, und das +<a class="pagenum" name="Page_184" title="184"> </a> +Werk war fertig. Nun mußte Simon des kleinen Herrn +Bett in Ordnung bringen, sowie das ganze Schlafzimmer +in der Weise, wie es ihm die Dame zeigte, aufräumen, die +Fenster öffnen, die Kissen, Bettdecke und das Laken ans +Fenster legen und alles so machen, wie es getan wird +und wie er merkte, daß es getan werden mußte. Die +Dame verfolgte alle seine Bewegungen, wie ein Fechtmeister +den Bewegungen seines Schülers folgt, und fand, +daß er sich mit Talent in die Arbeit schickte. Sie sagte +nicht etwa ein Wort der Anerkennung. Würde ihr nicht +von ferne eingefallen sein. Außerdem mochte ihr Diener +an ihrem Schweigen merken, daß sie seine Art und +Weise billige. Es freute sie, wie zart er mit ihrem +Sohn umgegangen war, da sie bemerkt hatte, wie jede +Bewegung Simons beim Ankleiden dessen Achtung für +den Kranken aussprach. Sie mußte lächeln, als sie gewahrt +hatte, mit welcher Scheu er zuerst angefaßt, und +wie er dann später die Scheu überwunden hatte und +mit seinem Tun kräftiger, ruhiger und gleichmäßiger +geworden war. Dieser junge Mann gefiel ihr vorläufig, +mußte sie sich sagen. »Wenn er fortfährt, wie er angefangen +hat, so will ich ihn dafür lieb haben, daß er +mich nicht in meinem Gefühl, das ich mir gleich von +Anfang an von ihm machte, betrogen hat,« dachte sie. +»Er ist sehr still und anständig und scheint das Talent +zu besitzen, sich mit jeder Lage gleich vertraut machen zu +können. Und da er, wie ich glaube aus seinen Manieren +schließen zu dürfen, aus gutem Hause herstammt, will +ich ihn, um seiner Mutter willen, die vielleicht noch lebt, +und um seiner Geschwister willen, die vielleicht geachtete +Stellungen einnehmen und besorgt sind um sein Schicksal, +zu einem klugen und schönen Betragen anhalten und +will Freude haben, wenn ich sehe, daß er einschlägt und +sich so benimmt, wie man es von ihm erwartet. Vielleicht +<a class="pagenum" name="Page_185" title="185"> </a> +darf ich ihn in kurzem etwas zutraulicher behandeln, +als man gezwungen ist, mit seinen Dienstboten zu verkehren. +Aber ich will acht geben und ihm keinen Anlaß +geben, durch zu frühes freundliches Entgegenkommen, +mir unverschämt zu begegnen. In seinem Charakter sitzt +eine leise Beigabe von Unverschämtheit und Trotz, und +diese darf nicht geweckt werden. Ich werde immer mein +Gefallen, das ich an ihm habe, unterdrücken müssen, +wenn ich will, daß er immer die Lust hat, mir zu gefallen. +Ich glaube, er liebt mein strenges Gesicht, ich erriet +so etwas, als er vorhin lächelte, wo ich ihn doch ziemlich +unfreundlich getadelt habe. Die Menschen muß man +erraten, wenn man sie von ihrer schönen Seite haben +will. Er hat Seele, dieser junge Mann, man muß ihm +deshalb auch seelenvoll und seelenbewußt entgegentreten, +um etwas bei ihm zu erreichen. Man nimmt Rücksicht, +und tut doch so, als ob man keine nähme, wie man +ja auch wirklich keine zu nehmen nötig hätte. Aber es +ist besser und klüger, man nimmt, wenn man mit Ruhe +kann.« – Sie beschloß, den Simon ein bißchen abenteuerlich +zu nehmen, und schickte ihn jetzt aus, um Einkäufe +zu machen.</p> + +<p>Das war nun wieder etwas ganz Neues für Simon, +durch die Straßen zu eilen, mit einem Korb oder mit +einer ledernen Tragtasche in der Hand, Fleisch und Gemüse +zu kaufen, in die Läden zu treten und dann wieder +nach Hause zu springen. In den Straßen sah er die +Menschen ihren verschiedenartigen Geschäften nachgehen, +jeder trug sich mit einer Absicht und er selber auch. Es +schien ihm, daß die Leute sich über seine Gestalt verwunderten. +Sollte sein Gang etwa nicht zu dem gefüllten +Korbe, den er leicht trug, passen? Waren seine Bewegungen +zu frei, als daß sie zu seinem Auftrage, nämlich +zum Botenlaufen, gestimmt hätten? Aber es waren freundliche +<a class="pagenum" name="Page_186" title="186"> </a> +Blicke, die er bekam; denn man sah ihn eilig und +geschäftig, und er mußte den Eindruck eines pflichteifrigen +Mannes machen. »Wie schön ist es doch,« dachte Simon, +»so mit einer Pflicht im Kopf durch die Straßen neben +den wimmelnden Menschen her zu laufen, von einigen +überholt zu werden, die längere Beine haben, und andere +wieder zu überflügeln, die träger gehen, als wenn sie +Blei in ihren Schuhen hätten. Wie hübsch ist es, von +den sauberen Mägden für ihresgleichen angeblickt zu +werden, zu beobachten, welchen Scharfblick diese einfachen +Wesen haben, zu sehen, daß sie beinahe Lust hätten, bei +einem schnell stehen zu bleiben, um zehn Minuten lang +plaudern zu können. Wie die Hunde auf der Straße +laufen, als wären sie hinter dem Wind her, wie Greise +noch geschäftig sind mit ihren gebeugten Nacken und +Rücken! Und da möchte man noch schlendern! Wie entzückend +sind die einzelnen Frauen, an denen man, ohne +beachtet zu werden, vorüberrennen darf. Was sollte man +von ihnen beachtet werden. Wäre noch schöner! Es genügt +doch, selber Beobachteraugen zu haben. Hat man +etwa die Sinne nur, daß sie gestachelt werden, und nicht, +damit man sie selber stachle? Die Augen der Frauen an +einem solchen Straßenmorgen, wie dieser, wenn sie so in +die Ferne blicken, sind etwas Herrliches. Augen, die an +einem vorbeisehen, sind schöner, als solche, die einen ansehen. +Es ist, als verlören sie dadurch. Wie man rasch +denkt und fühlt, wenn man so rasch läuft. Nur den +Himmel nicht betrachten! Nein, lieber nur empfinden, +daß da oben, über dem Kopf und über den Häusern +etwas Schönes und Weites schwebt, etwas Schwebendes, +vielleicht Blaues, ganz gewiß Duftiges. Man hat Pflichten, +und das ist auch etwas Schwebendes, Fliegendes, +Hinreißendes. Man trägt etwas mit sich, das man nachzählen +und abliefern muß, um als zuverlässiger Mensch +<a class="pagenum" name="Page_187" title="187"> </a> +dastehen zu können, und ich bin gegenwärtig so, daß es +mir mein einziges Vergnügen ist, als zuverlässiger Mensch +dazustehen. Die Natur? Mag sie sich einstweilen verstecken. +Ja, es ist mir, als ob sie sich verborgen hielte, +da, hinter den langen Häuserreihen. Der Wald, er reizt +mich vorläufig nicht mehr, soll mich nicht reizen. Immerhin, +es hat etwas Schönes, zu denken, daß alles doch +noch da ist, während ich flüchtig und geschäftig durch +die blendende Straße eile, mich um nichts bekümmere, +als um das, was ich mit meiner Nase denken könnte, +so einfach ist es.« – Er zählte das Geld in der Westentasche +mit fühlenden Fingern nach, ohne es heraus zu +nehmen, und ging nach Hause.</p> + +<p>Nun hatte er den Tisch zu decken.</p> + +<p>Er mußte ein sauberes, weißes Tischtuch über den +Tisch breiten, daß die Falten nach oben zu liegen kamen, +dann die Teller hinlegen, so, daß der Tellerrand nicht +über den Tischrand hinausragte, dann Gabel, Messer +und Löffel hinlegen, Gläser aufstellen und eine Karaffe +mit frischem Wasser, Servietten auf die Teller legen und +das Salzgefäß auf den Tisch stellen. Stellen und legen, +hinlegen und anfassen und hinstellen, zart anfassen, dann +wieder gröber, Tücher mit Fingerspitzen anfassen und +Teller nur mit Vorsicht berühren, ausbreiten und ausrichten, +nämlich die Bestecke, keinen Lärm dabei verursachen, +schnell sein und doch wiederum behutsam, vorsichtig +und kühn, steif und glatt, ruhig und doch energisch, +Gläser nicht aneinanderklirren, und Teller nicht +klappern lassen, aber über ein vorkommendes Klappern +und Klirren auch nicht erstaunt sein, sondern es begreiflich +finden, dann der Herrschaft melden, daß der Tisch +gedeckt sei, und dann die Speisen auftragen und dann +zur Tür hinausgehen, um wieder hineinzugehen, wenn +geklingelt wurde, zusehen, wie gegessen wurde und Freude +<a class="pagenum" name="Page_188" title="188"> </a> +dabei empfinden, sich zu sagen, daß es hübscher sei, zu +sehen, wie gegessen werde, als selber zu essen, dann den +Tisch wieder abräumen, das Geschirr hinaustragen, einen +Rest Braten in den Mund stecken und dabei eine frohlockende +Miene machen, als wäre es etwas, um dabei +eine frohlockende Miene machen zu müssen, dann selber +essen und finden, daß man jetzt wirklich verdiene, selber +etwas zu essen: das alles mußte Simon. Er mußte +nicht alles, zum Beispiel mußte er nicht gefrohlockt haben, +wenn er stahl, aber es war sein erster, zarter Diebstahl, +und deswegen mußte er frohlocken; denn es erinnerte +ihn lebhaft an die Kindheit, wo man stiehlt, irgend etwas +aus dem Speiseschrank, und dabei frohlockt.</p> + +<p>Nach dem Essen hatte er dem Mädchen zu helfen, +das Geschirr zu säubern, abzuwaschen und abzutrocknen, +und das Mädchen war nicht wenig erstaunt, zu sehen, +wie behend er das machte. Wo er das gelernt hätte? +»Ich war doch auf dem Lande,« antwortete Simon, +»und auf dem Lande tut man dergleichen. Ich habe +dort eine Schwester, die Lehrerin ist, der habe ich beim +Geschirrtrocknen immer geholfen.«</p> + +<p>»Das war hübsch von Ihnen.«</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_189" title="189"> </a>Zwölftes Kapitel.</h2> + +<p>Simon kam es ganz wunderbar vor, in dieser stillen +Küche, mitten in einer großen Stadt, zu handwerken. +Wer hätte das je gedacht. Nein, der Mensch kam doch +nie dazu, sich eine Zukunft zu malen. Er, der früher +frei über die Bergweiden streifte, wie ein Jäger unter +dem offenen Himmel schlief und die Luft zu eng fand, +wenn er Ausblicke genoß, die die vor ihm liegende Erde +auseinanderbreiteten und dehnten, der die Sonne heißer, +den Wind stürmischer, die Nacht dunkler und die Kälte +grimmiger wünschte, wenn er draußen, zu jeder Jahreszeit +und bei jeder Witterung, suchend, händereibend und +atempustend herumlief, er steckte jetzt in einer kleinen +Küche und trocknete einen tropfenden Teller warm ab. +Er war froh. »Ich bin froh, so gehemmt, so eingesteckt, so +eingeengt zu sein,« sagte er zu sich, »was will der Mensch +nur immer die Weite haben, und dazu doch Sehnsucht, +die doch so was Beengendes ist! Hier bin ich eng eingeklemmt +zwischen vier Küchenwände, aber mein Herz +ist weit und erfüllt von der Lust an meiner bescheidenen +Pflicht.«</p> + +<p>Es war ein wenig erniedrigend für ihn, sich in +einer Küche zu wissen, mit einer Arbeit beschäftigt, die +sonst nur Mädchen verrichten. Ein wenig erniedrigend +und ein wenig lächerlich war es, aber es war entschieden +<a class="pagenum" name="Page_190" title="190"> </a> +geheimnisvoll und absonderlich. Kein Mensch konnte +sich jetzt diese Lage von ihm austräumen. Dieser Gedanke +hatte wiederum etwas Genugtuerisches und Stolzes. +Man konnte bei diesem Gedanken lächeln. Das Mädchen +fragte ihn, was er denn früher in seinem Leben gewesen +sei, und er antwortete: »Schreiber!« Sie konnte +nicht begreifen, wie man so wenig Ehrgeiz besitzen könne, +das Schreibpult aufzugeben, um in eine Haushaltung +hineinzukriechen. Simon sagte darauf, es gäbe in diesem +Falle erstens nichts zu kriechen, wie sie sich da so lieblich +ausdrücke, und zweitens sei es noch eine Frage, was +besser wäre: ein Sitz hinter einem Pult oder der Zustand +eines Geschirrabwischers. Er zöge bei weitem die +freie, luftige, heiße, dampfige, interessante Küche dem +öden Bureau vor, in dem die Luft meist schlecht und +die Laune eine verbitterte sei. Hier sei kein Anlaß, bitter +zu sein, hier, wo der Braten in der Pfanne schmore, +das Gemüse koche, die Suppe dampfe, das Kupfer so +lieblich herabblinke vom Gestell und die Teller so freundlich +klängen, wenn man sie aneinanderschlüge. Aber +Diener sein, das sei doch nicht viel, das bedeute doch +gar nichts, meinte das muntere Mädchen. Er wolle +nichts bedeuten, erwiderte Simon sanft. Sie ließ es +dabei bewenden, doch fand sie, daß er ein kurioser, +schwer begreiflicher Mensch sei. Aber sie dachte: »er ist +anständig,« und fühlte, »er dürfte sich viel erlauben!« +Simon war eben fertig geworden mit seiner Arbeit, als +die Dame in die Küche trat und zu ihm sagte, er möge +hineinkommen, sie habe eine Beschäftigung für ihn. »Was +für eine schöne Beschäftigung hat sie wohl für mich,« +dachte Simon, und er folgte der Voranschreitenden. +»Sie haben jetzt, während des Nachmittages, weiter nichts +zu tun, da können Sie meinem Knaben und mir aus +einem Buche vorlesen. Verstehen Sie vorzulesen?«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_191" title="191"> </a>Simon bejahte.</p> + +<p>Und dann las er eine volle Stunde lang vor, mit +etwas gepreßtem Atem, aber mit richtiger, scharfer, schöner +Aussprache und mit einer warmen Stimme, die anzeigte, +daß der Leser miterlebte, was er las. Der Dame schien +es zu gefallen, und der Knabe war ganz nur Ohr bis +zum Schluß, wo er sich anmutig für den Genuß bedankte. +Simon, dessen Wangen hochrot vor Bewegung +glühten, fand es schön, daß man ihm dankte. Er verfügte +sich, da er weiter vorläufig nichts zu treiben wußte, +in das Domestikenzimmer, das die Abendsonne rötlich +beleuchtete, und fing an, zum Fenster hinaus zu rauchen.</p> + +<p>»Ich sehe es unlieb, wenn Sie hier rauchen,« sprach +die hereintretende Frau.</p> + +<p>Er rauchte aber weiter, und sie ging wieder, etwas +ärgerlich, hinaus. »Ich begreife allerdings, daß es ihr +nicht lieb ist, aber, muß ihr denn alles lieb an mir +sein? Das Rauchen gebe ich nicht auf. Nein! Zum +Teufel, nein! Und wenn zwanzig Damen kämen und +eine nach der andern es mir verböten.« Er war wütend, +aber er wurde sofort wieder sanft und sprach zu +sich: »Ich hätte die Zigarette wegwerfen sollen; das war +unverschämt!«</p> + +<p>In diesem Augenblick, den er dazu benutzen wollte, +ein Selbstgespräch zu führen, tönte im Korridor ein +Schrei und unmittelbar darauf ein heftiger Knall von +einem zu Boden stürzenden Geschirr. Simon öffnete +die Tür und erblickte die Frau, wie sie mit wehklagendem, +stummem und betrübtem Gesicht zu Boden sah, +wo die Scherben einer ihr gewiß teuer gewesenen Porzellanplatte +herumlagen. Sie hatte die Platte mit einem +Stück Torte drauf vom Eisschrank weg in ihr Zimmer +tragen wollen und dieselbe fallen lassen, sie konnte +selber nicht sagen, wie. Es brauchte ja nur eine kleine +<a class="pagenum" name="Page_192" title="192"> </a> +Täuschung der Sinne gewesen zu sein, oder sonst etwas, +und das Unglück war eben geschehen. Als die Frau +den Simon bemerkte, der hinter ihrem Rücken stand, +verwandelte sich sogleich ihr betrübtes Gesicht in ein +zürnendes und anklagendes, und sie sagte zu ihm, in +einem Tone, der genug sagte, was sie empfand: »Lesen +Sie zusammen!« Simon bückte sich zu Boden und las +die Scherben zusammen. Während er es tat, streifte +seine Wange das Kleid seiner Herrin und er dachte: +»Verzeih mir, daß ich gerade dastehen mußte, um zu +sehen, daß du dich ungeschickt benommen hast. Ich begreife +deinen Zorn. Ich bekenne mich schuldig, die Platte, +die du hast fallen lassen, zerbrochen zu haben. Ich habe +sie zerbrochen. Wie muß es dir doch weh tun. Eine +so schöne Platte. Gewiß war sie dir lieb. Du tust +mir leid. Meine Wangen streifen dein Kleid. Jede +Scherbe, die ich zusammenlese, sagt mir: »Elender,« und +der Saum von deinem Rock sagt mir: »Glücklicher!« +Ich lese absichtlich langsam zusammen. Versetzt es dich +nicht in neuen Zorn, dies bemerken zu müssen? Es +macht mir Spaß, der Übeltäter gewesen zu sein. Du +gefällst mir, wenn du mir zürnst. Weißt du, warum +mir dein Zorn gefällt? Weil er so zart ist, dein Zorn! +Nur weil ich dich sah, wie du dich ungeschickt benahmst, +zürnst du mir. Du mußt einige Achtung vor mir haben, +da es dich kränken kann, wenn du dich vor mir blamierst. +Du Hohe, vor mir Niedrigem. Wie entzückend +zornig befahlst du mir, die Scherben zusammenzulesen. +Und ich beeile mich damit gar nicht; denn ich möchte, +daß du recht ärgerlich und böse würdest, weil ich so +lange bei den Scherben verweile, die mir doch sagen +müssen, wie ungeschickt du warst, die es dir auch sagen +müssen. Du stehst immer noch da? Es muß jetzt eine +Mischung von seltsamen Empfindungen in dir sein: +<a class="pagenum" name="Page_193" title="193"> </a> +Scham, Schmerz, Zorn, Ärger, Gleichmut, Gereiztheit, +Gelassenheit, Überraschung und Hoheit und so viel kleines, +nebenherschleichendes Unsagbares, das der Moment wegnimmt, +ehe man es nur recht hat empfinden können, +das da war wie ein Nadelstich oder wie ein Duft oder +wie ein Blinzeln von einem Augenpaar. – Dein seidenes +Kleid ist schön, wenn man denkt, daß es einen Frauenleib +einhüllt, der vor Aufregung und vor Schwäche +zittern kann. Deine Hände sind schön, die so lang zu mir +herabhängen. Ich hoffe, daß du mir einmal eine Ohrfeige +damit gibst. Jetzt gehst du schon weg, ohne mich +gescholten zu haben. Wenn du gehst, kichert und flüstert +dein Kleid auf dem Boden. Vorhin verbotest du mir +zu rauchen. Aber ich werde die Frechheit besitzen, zu +rauchen, wenn ich hinter dir auf den Markt gehe, um +mit dir Einkäufe zu machen. Da sollst du mich rauchen +sehen, weiße, blendende Zigaretten, und ich will hoffen, +daß du alsdann die Geistesgegenwart besitzest, sie mir +aus dem Mund zu schlagen. Jetzt eben mußte ich dich +mit allen meinen mir zu Gebote stehenden Gebärden +dafür um Verzeihung bitten, daß du eine Platte zerschlagen +hast. Ich wollte, ich könnte Gelegenheit haben, +etwas zu verüben, das dich veranlassen würde, mich zum +Teufel zu jagen. O nein, nein! Was denke ich da. +Ich bin schon verrückt. Wahrhaftig, diese Scherbenangelegenheit +hat mich verrückt gemacht. Jetzt wird es Abend +sein draußen auf der Straße. Die Laternen werden +hellgelb brennen in den verlöschenden Tag hinein. Jetzt +möchte ich auf die Straße. Es geht nicht anders, ich +muß auf die Straße hinunter.« –</p> + +<p>»Ich möchte einen kleinen Ausgang machen,« sagte +er, in ihr Zimmer tretend, »darf ich?«</p> + +<p>»Ja! Aber daß Sie mir nicht zu lange bleiben!«</p> + +<p>Simon stürzte hinaus, die Treppe hinunter, wo +<a class="pagenum" name="Page_194" title="194"> </a> +ihm eine verschleierte Frauengestalt staunend nachblickte, +zum Haus hinaus, auf die Straße, an die Luft, in die +bewegliche, feuchte, glitzernde, abendliche Freiheit. Seltsam +sei doch, dachte er, dieses Gehören an ein Haus, +wo man recht wie ein Gefangener lebe. Seltsam sei +es, ein erwachsener Mensch zu sein und als ein erwachsener +Mensch hingehen zu müssen, zu einer Dame, +in ein dunkles Zimmer, wo man die Frau nur halb im +Dunkel sähe, und sie um Erlaubnis zu fragen, ausgehen +zu dürfen. Als ob man ein Möbel von ihr wäre, ein +Gegenstand, ein gekauftes Stück, ein Etwas, ein irgend +Etwas, und als ob dieses Etwas nichts wäre, oder nur +insofern etwas, als es sich dazu eigne, so ein Etwas zu +sein, ihres zu sein! Seltsam sei es auch, daß man trotzdem +diesen Zustand als eine Art Heimat und Zuhausesein +fühle. Man liefe jetzt eigentlich zehnmal gehobener +auf der Straße umher, weil jemand, den man darum +bitten mußte, es einem erlaubt habe. Ein Erlaubnisbekommen, +das sei allerdings etwas Schülerhaftes, aber +es müßten, dachte er, selbst Greise oft noch, und unter +kränkenderen Umständen, um eine Erlaubnis fragen. So +sei alles wunderbar im Leben, und man müsse sich in +das Wunderbare schicken, wenn es oft auch seltsam +aussähe.</p> + +<p>Er ging die Straße hinunter und verliebte sich in +das süße Straßenbild mit den aufgehenden Sternen, +mit den dichten Bäumen, die in langer, gerader Reihe +davonliefen, mit den ruhiger gehenden Menschen, mit +der Pracht des Abends, mit der tiefen, beweglichen +Ahnung der Nacht. Auch er ging ruhig, beinahe träumerisch. +Am Abend war es keine Schande, ein träumerisches +Aussehen zu machen, wo unwillkürlich alle +träumen mußten in dieser Atmosphäre voll von dem +Duft des Frühsommerabends. Viele Frauen spazierten +<a class="pagenum" name="Page_195" title="195"> </a> +umher, mit kleinen, eleganten Täschchen in der behandschuhten +Hand, mit Augen, in denen das Licht des Abends +fortleuchtete, in engen Kleidern von englischem Schnitt +oder in faltigen, schleppenden Röcken und Roben, die +sich wundervoll breit in der Straße bewegten. Die Frau, +dachte Simon, wie verherrlicht sie das Bild der städtischen +Straße. Sie ist wie geschaffen zum promenieren. Man +fühlt, sie promeniert, sie genießt ihr eigenes, wiegendes, +schönes Gehen. Am Abend geben die Frauen den Ton +des Abends an, dazu passen ihre Figuren mit diesen +Armen voll Wehmut und Fülle und diesen Brüsten voll +atmender Beweglichkeit. Ihre Hände in Handschuhen +sehen wie Kinder in Masken aus, mit denen sie winken, +in denen sie immer etwas halten. Ihre ganze Haltung +setzt die abendliche Welt in tönende Musik um. Wenn +man jetzt, so wie ich es tue, hinter ihnen hergeht, so gehört +man schon zu ihnen, in Gedanken, in fühlenden +Schwankungen, in schlagenden Wellen, die an das Herz +schlagen. Sie winken nicht, und doch winken sie einem. +Obschon sie keine Fächer tragen, sieht man in einer ihrer +Hände einen Fächer und er blitzt und blendet wie getriebenes +Silber in dem verlorenen, verschwommenen +Abendlicht. Die reifen, üppigen Frauen passen besonders +schön zum Abend, so wie Greisinnen in den Winter und +blühende Mädchen in den eben erwachten Tag hineinpassen, +wie Kinder in den dämmernden Morgen und junge +Ehegattinnen in den heißen Mittag, wo die Sonne der +Welt am glühendsten scheint.</p> + +<p>Es war neun Uhr, als Simon wieder nach Hause +kam. Er hatte sich verspätet und mußte Vorwürfe anhören, +wie dieser: wenn das noch einmal, noch ein einziges +Mal vorkomme, so – – dann –. Er hörte +eigentlich nicht, sondern vernahm nur den Klang des +Vorwurfes, innerlich lachte er, äußerlich schien er betrübt, +<a class="pagenum" name="Page_196" title="196"> </a> +das heißt, er setzte ein dummes Gesicht auf und fand +es nicht für notwendig, den Mund aufzutun, um etwas +zu erwidern. Er zog den Knaben aus, legte ihn in das +Bett und zündete ein kleines Nachtlicht an.</p> + +<p>»Dürfte ich um ein Licht für mich bitten,« fragte +er die Dame.</p> + +<p>»Was wollen Sie mit dem Licht?«</p> + +<p>»Einen Brief schreiben.«</p> + +<p>»Kommen Sie zu mir herein, da können Sie +schreiben!« sagte die Dame.</p> + +<p>Und er durfte sich an ihren Schreibtisch setzen. Sie +gab ihm einen Briefbogen, einen Briefumschlag für die +Adresse, eine Marke, eine Feder und erlaubte ihm, ihre +Briefmappe als Unterlage zu benutzen. Sie saß dicht +daneben, in einem Sessel, eine Zeitung lesend, während +er schrieb:</p> + +<p>Lieber Kaspar. Ich bin wieder in der dir bekannten +Stadt und sitze an einem schönen, dunkelgefärbten Schreibtisch +in einem hellerleuchteten Zimmer, während unten +in der Straße, in der Sommernacht, unter den Bäumen +voll herunterhängender Blätter die Menschen lustwandeln. +Ich kann leider nicht mitpromenieren, denn ich bin an +ein Haus gefesselt, nicht gerade mit Händen und Füßen, +aber mit dem Pflichtbewußtsein, das ich nach und nach +ausbilde, und das auch schließlich einmal da sein will. +Ich bin der Diener einer Frau geworden, die einen +kranken, kleinen Knaben hat, den ich pflegen muß, nicht +viel anders, als wie eine Mutter ihren Sohn pflegt, +denn seine Mutter, meine Herrin, wacht über jeder meiner +Bewegungen, als wäre ihr Auge der Leiter meines Tuns +und als flöße sie mir ihre eigene Sorgfalt ein, wenn +ich mit dem Knaben beschäftigt bin. Sie sitzt jetzt, +während ich an dich schreibe, neben mir, in einem Sessel, +denn es ist ihr eigenes Kabinett, in dem ich sitze durch +<a class="pagenum" name="Page_197" title="197"> </a> +ihre Erlaubnis. Die Dinge liegen jetzt so, daß ich jedesmal, +wenn mich eine persönliche Sache hinaustreibt, zuerst +fragen muß, darf ich ausgehen?, wie ein Lehrjunge, +der seinen Meister fragen muß. Immerhin, es ist doch +wenigstens eine Dame, die ich um so etwas bitten muß, +und das versüßt ein wenig die Sache. Unter Dienen +versteht man das Aufpassen auf Befehle, die Vorausahnung +der Wünsche, die fertige Fixheit und fixe Fertigkeit +im Tafeldecken und Teppichabbürsten, mußt du +wissen, wenn du es noch nicht weißt. Ich habe bereits +eine gewisse Vollkommenheit darin erlangt, meiner Frau, +die ich schlechthin meine Frau heiße, die Schuhe zu +putzen. Es ist nur ein kleines, geringes Geschäft, und +doch verlangt es auch Streben nach Vollendung, wie +das Größte. Mit dem kleinen, jungen Herrn werde ich, +wenn es schönes Wetter ist, in Zukunft spazieren gehen +müssen. Dazu ist ein braunes Wägelchen da, in dem +ich den Knaben ausfahren kann, worauf ich mich, wenn +ich recht nachdenke, eigentlich wenig freue, da es langweilig +sein wird. Du lieber Gott, ich werde es tun +müssen. Meine Herrin gehört zu der Sorte von Weibern, +an denen das Hervorstechende und Markante das Bürgerliche +ist. Sie ist durch und durch Hausfrau, aber in +so strengem und schlichtem Sinn, daß man sagen kann: +es ist vornehm. Zu zürnen versteht sie meisterlich und +ich wiederum bin Meister darin, ihr dazu Anlaß zu geben. +Zum Beispiel heute zerschlug sie einen reichen Porzellannapf +aus Gedankenlosigkeit und ward böse auf mich, +daß ich es nicht war, der ihn zerschlug. Sie zürnte mich +an, weil ich der unangenehme Zeuge ihrer Ungeschicktheit +war und sie machte ein Gesicht, wie es die Fliegenden +Blätter öfters in ihren Darstellungen bringen. Ein +reines Fliegende-Blätter-Gesicht. Ich habe die Scherben +recht zärtlich-langsam aufgehoben, um die Frau zu +<a class="pagenum" name="Page_198" title="198"> </a> +ärgern, denn ich muß sagen, ich ärgere sie gern. Sie +ist reizend im Ärger. Schön ist sie nicht, aber solche +strenge Frauen atmen, wenn sie in lebhafte Bewegung +kommen, einen tiefen Zauber aus. Die ganze sittsame +Vergangenheit solcher Frauen zittert in ihren Erregungen, +die deshalb köstlich anzuschauen sind, weil sie aus so +zarten Ursachen entflammen. Für mich ist das nun +einmal so, ich muß solche Weiber lieb haben, denn ich +bewundere und bemitleide sie zu gleicher Zeit. Hochmütig +können solche Frauen sein in Sprache und Gebaren, +daß die Wangen beinahe platzen und sich der +Mund zu schmerzendstem Hohn zuspitzt. Ich liebe solchen +Hohn, denn er macht mich zittern, und ich bin gern +voll Scham und Wut: das treibt zu Höherem, das reizt +zu Taten. Aber meine Frau da, die höhnische, ist doch +nur ein gutes, sanftes Weib, ich weiß es, und das ist +die Schurkerei an der Sache: daß ich es weiß. Wenn +ich ihr, auf ihren befehlenden Ton hin, gehorche, so +muß ich dabei lachen, denn ich bemerke, es freut sie, +zu sehen, wie gern und schnell ich gehorche. Wenn ich +sie nun um etwas bitte, so schnauzt sie mich an und +gewährt doch gütig, vielleicht mit ein wenig Ärger darüber, +daß ich in solch einer Art und Weise bitte, der man +gewähren muß. Ich tu ihr immer ein bißchen weh, +und denke: ganz recht! Tu das! Tu ihr immer ein +bißchen weh. Das ist amüsant für sie. Das will sie. +Das erwartet sie nicht anders! Frauen sind so leicht +erkennbar, und doch haben sie so viel Unerkennbares. +Nicht wahr, das ist seltsam, lieber Bruder! Sie sind +jedenfalls das Belehrendste, was es auf der Welt für +einen Mann gibt. – Wenn die wüßte, die neben mir +sitzt, was ich schreibe! Einer meiner brennendsten Wünsche +ist, so bald wie möglich von ihr eine Ohrfeige zu erhalten, +aber ich muß leider zu meinem Schmerz daran zweifeln, +<a class="pagenum" name="Page_199" title="199"> </a> +daß sie dazu imstande ist. Eine klatschende Ohrfeige ins +Gesicht: ich möchte alle Küsse, die ich noch erwarten +darf, dafür weggeben. Dieses mit der Ohrfeige ist nun +eigentlich eine abscheuliche, aber dafür eine echt bourgeoise +Empfindung: sie lenkt in die Kindheit zurück, und wann +hätte man nicht öfters Sehnsucht nach dem Weit-zurückliegenden? +Meine Frau hat so etwas Zurückliegendes, +etwas, bei dessen Anschauen man weit, weit zurückdenkt, +an eine vielleicht noch frühere Zeit als die Kindheit ist. +Ich werde ihr wahrscheinlich einmal die Hand küssen +und dann wird sie mich zum Kuckuck jagen, zum Tempel +hinaus, wie man sagt. Mag ich's und mag sie's dann. +Was wird daran liegen. – O ich verteufle hier, kann +ich dir nur sagen, ich merke es schon jetzt. Mein Geist +gibt sich mit Serviettenfalten und Messerputzen ab und +das Schiefe ist, es gefällt mir. Kannst du dir eine +größere Versimplung denken! Wie geht es dir? Ich +war drei Monate lang auf dem Land, aber es ist mir, +als sei diese Zeit schon weit hinter mir zurück. Ich habe +alle Aussicht, ein Mensch zu werden, der sich völlig dem +Tag hingibt, ohne seiner Verwandtschaft mit schwebenderen +Dingen mehr zu gedenken. Manchmal bin ich +sogar zu faul, an dich zu denken, und das scheint mir +schon eine große Trägheit zu sein. Klara hoffe ich bald +einmal wieder zu sehen. Vielleicht hast du sie bereits +vergessen, und dann habe ich nicht an diesen Gegenstand +zu rühren. Ich tue es auch nicht. Adieu, mein Bruder.</p> + +<p>»An wen haben Sie geschrieben,« fragte die Frau, +ermüdet vom Zeitungslesen, als sie sah, daß Simon den +Brief beendet hatte.</p> + +<p>»An einen Freund von mir, der jetzt in Paris +lebt.«</p> + +<p>»Was ist er?«</p> + +<p>»Er war zuerst Buchbinder, da er aber mit diesem +<a class="pagenum" name="Page_200" title="200"> </a> +Beruf nicht reüssierte, ist er Restaurationskellner geworden. +Ich liebe ihn sehr, er ist mit mir in die Schule +gegangen, und dort habe ich mich ihm angeschlossen, +weil er unglücklich war schon als Knabe. Ich habe eines +Tages gesehen, wie er von seinen Klassengenossen verhöhnt, +und dann eine steinerne Treppe hinuntergeworfen +wurde, wobei ich gerade in seine schönen, erschreckten, +gramvollen Augen sehen mußte. Seit diesem Tage bin +ich sein innigster Freund geworden, und wenn das Mitleid +wirklich bindet, so muß ich mich ihm verbunden +fühlen, auch ohne darüber nachzudenken, für immer! +Er ist ein Jahr älter als ich, aber mir um Jahre vorgeschritten +in Sitte und Lebensart, denn er hat immer +in Weltstädten gelebt, wo der Mensch schneller reif wird. +Früher hat er viel von der Malerei geschwärmt, hat oft +auch, während der Ausübung seines Buchbindergewerbes, +versucht, Bilder zu malen, ist aber damit zu seinem +Schmerz nicht vorwärtsgekommen, und hat mir eines +Tages schamhaft zugestanden, daß er sich entschlossen +habe, sich ganz in den Strudel der Welt zu werfen, die +Kunst, seine Träumerei, zu vergessen, und ist Kellner geworden. +Welch ein Absturz, und zugleich: welch ein bewundernswerter +Aufschwung! Ich habe ihm gesagt, daß +ich ihn dafür liebe und bewundere, um ihn zu trösten, +wenn er in stillen, einsamen Stunden sich dem Weh der +Erinnerung verfallen sehen mußte. Das ist klar, daß +er oft Sehnsucht nach jenem Besseren empfinden muß, +während um ihn das Leben lärmt. Aber sehen Sie, +gnädige Frau, dieser Mensch ist stolz und gut. Zu stolz, +um einem verpaßten Leben nachzutrauern, und zu gut, +um es ganz beiseite lassen zu können. Ich kenne jede +seiner Empfindungen. Einmal hat er mir geschrieben, +er sterbe wohl bald vor Öde und Langeweile. Das war +seine Seele. Und ein anderes Mal schrieb er mir: »Die +<a class="pagenum" name="Page_201" title="201"> </a> +dumme Träumerei! Das Leben ist das Süße. Ich +trinke Absinth und bin selig!« Das war sein Mannesstolz. +Sie müssen wissen: Die Frauen schwärmen für +ihn, denn er hat etwas Herzenherausforderndes an sich +und wieder etwas Eisig-Kaltes. Seine ganze Erscheinung, +trotz des Kellnerfrackes, atmet Liebe und Takt.«</p> + +<p>»Wie heißt er, dieser verunglückte Mensch,« fragte +die Frau.</p> + +<p>»Kaspar Tanner.«</p> + +<p>»Wie? Tanner? So heißen ja Sie auch. Er ist +also Ihr Bruder und Sie sagten vorhin, er sei Ihr +Freund.«</p> + +<p>»Freilich, mein Bruder, aber viel mehr mein Freund! +Solch einen Bruder muß man Freund nennen, wenn +man die richtige Bezeichnung haben will. Wir sind nur +zufällig Brüder, aber Freunde sind wir mit Bewußtsein, +und das ist viel wertvoller. Was ist Bruderliebe? Als +wir noch Brüder waren, packten wir uns eines Tages +am Halse, beidseitig, und wollten uns den Garaus +machen. Hübsche Liebe! Unter Brüdern ist der Neid +und der Haß nichts Außerordentliches. Wenn Freunde +sich hassen, gehen sie auseinander, wenn Brüder sich +hassen, denen das Geschick das Zusammenleben unter +einem Dache vorschreibt, geht es nicht so gelinde zu. +Aber das ist eine alte und unschöne Geschichte.«</p> + +<p>»Warum schließen Sie Ihren Brief nicht zu?«</p> + +<p>»Ich möchte Sie bitten, von dem, was ich geschrieben +habe, Kenntnis zu nehmen.«</p> + +<p>Die Frau lächelte:</p> + +<p>»Nein, das tu ich nicht.«</p> + +<p>»Ich habe unziemlich von Ihnen gesprochen in dem +Brief.«</p> + +<p>»Es wird nicht so schlimm sein,« bemerkte sie und +stand auf: »Gehen Sie zu Bett.«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_202" title="202"> </a>Simon tat, was sie befahl, und dachte, indem er +hinausging:</p> + +<p>»Ich werde immer frecher. Bald jagt sie mich +noch zum Haus hinaus!« –</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_203" title="203"> </a>Dreizehntes Kapitel.</h2> + +<p>Nach Verlauf von drei Wochen befand sich Simon, +frei aller Verpflichtungen, in einer engen, steilen, heißen +Gasse und überlegte, ob er in ein Haus treten solle, +oder nicht. Die Mittagssonne brannte hinunter und +preßte alle üblen Dünste aus den Mauern heraus. Kein +Lüftchen wehte. Wo hätte ein Lüftchen in diese Gasse +eindringen können. Draußen in den modernen Straßen +mochte es wehen, aber hier schien schon seit Jahrhunderten +kein Windzug mehr getrieben und gefegt zu haben. +Simon hatte eine kleine Summe Geld in der Tasche. +Sollte er in die Eisenbahn steigen und in die Berge +reisen? Es reiste jetzt alles in die Berge. Seltsame, +fremde Menschen, Männer und Frauen, zogen einzeln, +paar- oder gruppenweise durch die weißen, hellen Straßen. +Von den Hüten der Damen flatterten lustige Schleier +herab und die Männer gingen in Kniehosen, und gelben +Sommerschuhen. Sollte sich nicht Simon dazu entschließen, +diesen Fremden in die Berge nachzureisen? Kühl wäre +es sicher dort oben, und in einem hochgelegenen Hotel +würde er sicher Arbeit finden. Er konnte ja den Führer +spielen, stark war er genug dazu, und auch klug genug, +um bei Gelegenheit sagen zu können: »Sehen Sie, meine +Damen und Herren, diesen Wasserfall, oder diesen Bergsturz, +oder dieses Dorf, oder diese Felswand, oder diesen +<a class="pagenum" name="Page_204" title="204"> </a> +blauen, schimmernden Fluß.« Er würde das Zeugs dazu +haben, um den reisenden Herrschaften mit Worten eine +Landschaft zu schildern. Auch könnte er ja, wenn der +Fall einträte, eine ermüdete und ängstliche Engländerin +in seinen Armen tragen, wenn es gälte, einen Paß von +drei Schuh Breite zu überschreiten. Lust dazu hätte er +ja. Überhaupt, die Amerikanerinnen und die Engländerinnen: +er würde englisch sprechen lernen, und das war +nach seinen Begriffen eine süße Sprache, die so gelispelt +und gehaucht klang, so schroff und weich zugleich.</p> + +<p>Aber er ging nicht in die Berge, sondern in das +alte, hohe, dicke, finstere Haus in der Gasse, klopfte an +eine Türe, und fragte eine Frau, die herauskam, um zu +sehen, wer klopfe, ob hier ein Zimmer zu vergeben sei.</p> + +<p>»Ja, es sei eines.«</p> + +<p>»Ob er es wohl ansehen könne, und ob es wohl ein +Zimmer sei, nicht zu groß, nicht zu teuer, für einen ärmeren +Menschen?«</p> + +<p>Nachdem sie ihm das Zimmer gezeigt hatte, fragte +die Frau:</p> + +<p>»Was sind Sie?«</p> + +<p>»O, ich bin nichts. Stellenlos bin ich. Aber ich +werde mir eine Stelle suchen. Seien sie unbesorgt. +Ich bezahle Ihnen diese Summe hier zum voraus, +damit Sie einigermaßen ruhig sein können. Hier, bitte!«</p> + +<p>Und er gab ihr ein größeres Geldstück als Vorausbezahlung +in die Hand. Es war eine fette Frauenhand, +und die Frau, die zufrieden war, sagte:</p> + +<p>»Leider ist das Zimmer nicht sonnig, es geht auf +die Gasse.«</p> + +<p>»Das ist mir sehr lieb,« erwiderte Simon, »ich liebe +den Schatten. Ich würde jetzt die Sonne im Zimmer +nur hassen, bei dieser warmen Jahreszeit. Das Zimmer +ist sehr hübsch, und ich muß sagen, sehr billig. Es ist +<a class="pagenum" name="Page_205" title="205"> </a> +für mich wie geschaffen. Das Bett scheint gut zu sein. +O ja. Bitte. Untersuchen wir es nicht erst lange. +Hier ist auch ein Kleiderschrank, der mehr Kleider fassen +könnte, als ich besitze, und hier bemerke ich zu meinem +freudigen Erstaunen einen Lehnsessel zum bequemen Sitzen. +In der Tat, wenn das Zimmer solch einen Sessel aufweist, +so ist es in meinen Augen überreich ausgestattet. +Dort hängt sogar ein Bild an der Wand: ich liebe das, +wenn nur ein einziges Bild im Zimmer hängt, man +kann es um so inniger betrachten. Einen Spiegel sehe +ich auch, um mein Gesicht darin zu betrachten. Es ist +ein gutes Glas und gibt die Züge deutlich wieder. Es +gibt viele Spiegelgläser, die die Züge verzerrt wiedergeben, +wenn man hineinschaut. Dieser Spiegel ist ganz +vortrefflich. Hier an diesem Tisch werde ich meine +Offertschreiben abfassen, die ich an verschiedene Geschäftshäuser +absenden will, um eine Anstellung zu erlangen. +Ich hoffe, es wird mir glücken. Ich sehe gar nicht ein, +warum es mir nicht glücken sollte, da es mir schon so +oft geglückt ist. Sie müssen wissen, ich habe öfters die +Stellen gewechselt. Das ist ein Fehler, den ich hoffe +beiseite legen zu können. Sie lächeln! Ja, das ist aber +sehr ernst. Mit dem Zimmer haben Sie mir sozusagen +eine Gnade erwiesen, denn es ist ein Zimmer, worin sich +ein Mensch, wie ich bin, glücklich fühlen kann. Ich +werde mich immer bemühen, meinen Verpflichtungen +Ihnen gegenüber prompt nachzukommen.«</p> + +<p>»Ich glaube es auch,« sagte die Frau.</p> + +<p>»Ich wollte,« fuhr Simon fort, »zuerst in die Berge +gehen. Aber dieses schattige Zimmer ist schöner als +selbst die weißesten Berge. Ich fühle mich ein bißchen +matt und möchte mich eine Stunde hinlegen, darf ich +das?«</p> + +<p>»Ei, freilich! Es ist doch jetzt Ihr Zimmer!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_206" title="206"> </a>»Nicht doch!«</p> + +<p>Und dann legte er sich schlafen.</p> + +<p>Er hatte einen sonderbaren Traum, der ihn noch +lange nachher beschäftigte:</p> + +<p>Es war in Paris, aber warum es in Paris war, +das wußte er nicht mehr. Zuerst ging er durch eine +Straße, die war ganz mit grünem, saftigem Laub bedeckt, +so daß die Schleppen der Damen das Laub rauschend +hinter sich nachzogen. Immer fiel ein leiser grüner +Regen von kleinen, flüsternden Blättern, und ein unaussprechlich +sanfter Wind wehte daher, wie ein Hauch +von Wolken. Die Häuser waren wunderbar hoch, bald +grau, bald gelblich, bald schneeweiß. Die Männer, die +auf der Straße dahergingen, trugen die Locken lang herunter, +wo sie über die Schultern fielen, auch Zwerge mit +schwarzen Fräcken und roten Hüten liefen, sie konnten +den anderen zwischen den gekreuzten Beinen durchschlüpfen. +Die Damen in ihren Schleppen waren herrliche Figuren, +groß, viel größer als die Männer, die doch auch schlank +erschienen. An den schlanken Büsten der Damen hingen +Lorgnetten bis zum Leib hinunter und ein Bogen von +schweren, üppigen Haaren überspannte ihre lieblichen +Köpfe. Obenauf saßen winzige Hütchen mit noch winzigeren +Federchen, aber einzelne trugen große, weit und +herrlich herunterfallende Federn, die den ganzen Kopf +zurückzubiegen schienen. Etwas Wundervolles waren die +Hände und die Arme der Frauen, die mit langen, schwarzen +Handschuhen bis über die zierlichen Ellbogen hinaus +bedeckt waren. Es schien überhaupt, so weit man blickte, +alles wundervoll. Die großen Häuser wollten sich immer +auf und nieder bewegen wie seltsame natürliche Kulissen +in einem Theater. Das Licht gehörte halb dem Tag +und halb wieder der vorgerückten Nacht. Jetzt gelangte +man zu einem Haus, das ganz mit wildem Grün überdeckt +<a class="pagenum" name="Page_207" title="207"> </a> +war. »Dort wohnen die schönsten Frauen von +Paris«, wurde einem gesagt, wenn man frug. Auf einmal +bog sich eine duftige, weiße Wolke in die Straße +herunter. Wenn man erstaunt fragte: »Was ist das?« +wurde geantwortet: »Sie sehen, es ist eine Wolke. Eine +Wolke ist in den Pariserstraßen keine seltene Erscheinung. +Sie aber sind wohl Ausländer, daß Sie sich noch darüber +verwundern können.« Die Wolke blieb als ein +weißer Schaum, ähnlich einem großen Schwane, auf +der Straße liegen. Viele Damen liefen zu ihr hin und +rupften kleine Stücke davon ab und setzten sie sich, unter +wundervollen Armbewegungen, auf die Hüte oder warfen +sie einander scherzend zu, daß sie an den Kleidern hängen +blieben. Man dachte: »Seht doch, diese Pariser! Da +lächeln sie leicht über den Ausländer, der sich wundert. +Aber wundern sich die Pariser nicht selber jeden neuen +Tag über die Schönheiten ihrer Stadt!« Dann kamen +die bösen Pariser-Gassenjungen und kitzelten die Wolke +mit brennenden Streichhölzchen, da flog die Wolke wieder +auf, leicht und majestätisch in die Höhe, bis sie über +den Häusern verschwand. Wieder beobachtete man die +Straße. In den schönen, vorspringenden Restaurants +servierten die Kellner in hellgrauen Fräcken und die +Damen tranken Kaffee und plauderten mit ihren entzückenden +Stimmen. Poeten standen auf erhöhten Brettern +und sangen die Lieder, die sie zu Hause gedichtet hatten. +Sie waren in braunen, edlen Samt gekleidet. Es waren +keine lächerlichen Erscheinungen, nichts weniger als das. +Man amüsierte sich mit dem, was sie zum besten gaben, +ohne ihnen besondere Aufmerksamkeit zu schenken, was +in Paris unmöglich wäre. Schöne, schlanke Hunde liefen +hinter den Menschen her und betrugen sich so, als +wüßten sie, daß man sich in Paris gut aufführen muß. +Jegliche Figur und Erscheinung schien mehr zu schweben, +<a class="pagenum" name="Page_208" title="208"> </a> +als zu gehen, mehr zu tanzen, als zu schreiten, mehr zu +fliegen als zu laufen. Und doch lief, ging, sprang, schritt +und marschierte alles ganz natürlich. Die Natur schien +sich in dieser Straße niedergesetzt zu haben. Ganze Schafherden +durchzogen mit Geläute, das immer bim-bim +machte, die Straße wie ein abendliches Tal, den dunkelgekleideten +Hirten voran. Dann kamen Kühe mit großen +Glocken: bim-bam und: bum-bum! Und doch war +es eine Straße und gar keine Bergweide, mitten in Paris +war es, im Herzen der europäischen Eleganz. Allerdings, +die Straße war breit wie ein großer, breiter Strom. +Jetzt auf einmal wurden die Lichter angezündet, von +kleinen, behenden Jungen, die lange Anzünderstäbe trugen. +Mit diesen machten sie die Hähne oben an den +Laternen auf, daß das Gas herausströmte aus den +Leitungen und zündeten dann an. So sprangen sie von +einer Laterne zur andern, bis alle angezündet waren. +Nun schimmerten die Lichter überall hervor und schienen +zu wandern mit den beweglichen Menschen. Was war +das für ein zauberhaftes, weißes Licht, und diese Teufelsjungen, +die es entzündeten, wo sprangen sie her, wo hin, +wo weg, wo hinaus? Wo waren sie zu Hause, hatten +sie auch Eltern, Brüder, Schwestern, gingen sie auch zur +Schule, konnten sie auch groß werden, Frauen heiraten, +Kinder erzeugen, alt werden und sterben? Sie waren +alle in blaue kurze Röcke gekleidet gewesen und schienen +Gummischuhe getragen zu haben, denn man hörte sie nur +huschen, nicht gehen. Weg waren sie. Nun sah man, +so wie es Abend wurde, wunderbar-merkwürdige Frauengestalten +auf der wandelnden Straße. Sie trugen übergroße +Haarfüllen, mit hellgelben und tiefschwarzen Haaren. +Ihre Augen glänzten und schimmerten, daß es einem +weh tat. Das Herrlichste an ihnen waren die Beine, +die nicht von Schleppen oder Röcken bedeckt waren, sondern +<a class="pagenum" name="Page_209" title="209"> </a> +sich zeigten bis zur Kniehöhe, von wo an eine +spitzenrauschende Hose sie umhüllte. Die Füße, bis hinauf +beinahe zu den biegsamen Knieen, waren mit hohen, +aus feinstem Leder geschaffenen Schuhen bekleidet. Die +Schuhe selbst waren das Zarteste, was sich dazu eignen +konnte, einen bewegsamen Frauenfuß zu umschließen. +Man mußte nur sehen und aus dem Herzen heraus +lachen. Der Gang dieser Frauen hatte etwas zum Jubeln +Schwebendes, wieder Schweres und wieder Tanzendes. +Wie die gingen, das war zum Nachzeichnen und Mitfühlen, +das hob einen mit, und zog einen nach, machte +einen mit den Augen das Süße anträumen, machte die +Seele erwachen und nachdenken darüber, wie es komme, +daß Gott die Frauen so schön erschaffen. Man fühlte +lebhaft: »Wenn die Götter irgendwo heimisch sein könnten +auf der Erde, was zwar nicht denkbar, so müßte +dieser Ort Paris sein.« Auf einmal, ohne daß er es sich +versah, befand sich Simon auf einer aus dunklem Holz +gezimmerten und geschnitzten Treppe, die ihn in ein +Zimmer hinaufführte, wo auf einem Diwan ein schlafendes +Mädchen lag. Wie er näher zusah, war es Klara. +Ein Kätzchen schlummerte neben ihr, und die Schlafende +hielt es mit dem Arm umschlungen. Ein Diener, ein +Neger, trug ein Abendessen herein, und Simon setzte +sich an den Tisch, während aus der Zimmerdecke hernieder, +wie das Geplätscher eines kostbaren, erfinderischen +Brunnens, eine leise, gedämpfte Musik rauschte, +die bald in der Ferne und bald neben seinem Ohr erklang. +»In Paris wird seltsam serviert,« dachte Simon, +indem er es sich, wie in einem Märchen von Gebrüder +Grimm, wohlschmecken ließ. Da erwachte die Schlafende. +»Komm, ich will dir etwas zeigen,« lispelte sie ihm zu. +Er erhob sich, und sie öffnete mit einem Zauberstab, wie +es schien, eine Flügeltüre, wenigstens sah man nicht, daß +<a class="pagenum" name="Page_210" title="210"> </a> +sie eine ihrer Hände dazu gebrauchte. »Ich bin jetzt eine +Zauberin geworden,« lächelte sie den erstaunten Simon +an, »zweifle nicht daran, aber laß es dich auch keineswegs +erschrecken. Ich zeige dir nichts Abstoßendes.« Er +ging mit ihr in das andere Zimmer, sie hauchte ihn mit +ihrem duftenden, warmen Atem an, und auf einmal erblickte +er seinen Bruder Klaus, wie er dasaß und an +seinem Schreibtische schrieb. »Er ist fleißig und schreibt +an seinem Lebenswerke,« sprach Klara mit leiser, hindeutender +Stimme. »Siehst du, wie er ein gedankenvolles +Gesicht macht. Er geht in seinen Betrachtungen +über den Lauf der Flüsse, die Geschichte und das Alter +der Berge, die Windungen der Täler und der Erdschichten +unter. Aber dazwischen denkt er jetzt seines Bruders, er +denkt an dich! Sieh, wie seine Stirne sich faltet. Du +scheinst ihm Sorgen zu machen, du Böser! Er kann +leider nicht sprechen, sonst würden wir beide hören, wie +er denkt über dich und was er zu deinem Tun meint, +das ihn bekümmert. Er liebt dich, sieh ihn nur an! Ein +solcher Mensch liebt seinen Bruder und möchte ihn in +der Welt als braven, geachteten Mann wissen. Aber das +Bild löst sich, wie ich sehe, schon auf. Komm. Ich +zeige dir jetzt etwas anderes.« – Indem sie das sagte, +öffnete sie zugleich eine zweite, etwas kleinere Türe mit +ihrem Stäbchen, das sie wirklich in der Hand trug, und +Simon erblickte seine Schwester Hedwig ausgestreckt auf +einem mit weißen Linnen bedeckten Lager. Es duftete +wundervoll nach Kräutern und Blumen in diesem Gemach. +»Sieh sie an,« sagte Klara, und ein Zittern ließ +ihre klare, leise Stimme erbeben, »sie ist gestorben. Das +Leben tat ihr zu weh. Weißt du, was es heißt, Mädchen +sein und leiden? Ich habe ihr einen Brief geschrieben, +einen langen, heißen, sehnsuchtsvollen Brief, +damals, du weißt, und sie hebt nie mehr die Hand, um +<a class="pagenum" name="Page_211" title="211"> </a> +mir zu antworten. Sie geht, ohne auf die Frage der +Welt: »Warum kommst du nicht?« geantwortet zu haben. +Wie sie wortlos scheidet: so mädchen- und blumenhaft! +Wie lieb sie war. Du als Bruder empfindest das lange +nicht so, wie ich als Freundin. Siehst du, wie sie lächelt! +Wenn sie noch reden könnte, würde sie sicher freundlich +reden. Sie redete streng. Sie hat sich jammernd auf +die Lippen gebissen. Das siehst du aber ihrem Mund +nicht an. Der Tod muß sie geküßt haben, daß sie immer +noch lächeln kann, im Tode! Es war ein tapferes +Mädchen. Wie eine Blume ist sie gestorben, die stirbt, +wenn sie welkt. Laß uns weiter gehen. In meinem +Zauberreich darf man nicht gaffen. Habe ich dir weh +getan, sag mal? Nein doch: was ist Schmerzendes an +einem so schönen Tod? Ihr ließt sie leiden, das, das +war schmerzhaft. Ich will dir nicht weh tun. Komm, +jetzt wirst du noch etwas anderes sehen.« Und mit diesen +Worten ließ sie eine dritte Tür aufspringen, und Simon +schaute in ein geräumiges Maleratelier. Er spürte +den Geruch von Ölfarben, und an den Wänden sah er +seines Bruders Bilder herumhängen, er selber, Kaspar, +arbeitete, den Rücken zeigend, an einer Staffelei, ganz +versunken, wie es schien, in die Arbeit. »Still, störe ihn +nicht, er arbeitet,« sagte Klara, »man darf Schaffende +nicht stören. Ich wußte immer, daß er nur für die +Kunst lebte, schon damals, als ich noch glaubte, ihm zu +folgen, ihm folgen zu können. Nein, es ist besser so. +Ich würde ihn nur aufgehalten und gehindert haben. +Er muß alles um sich her vergessen, selbst das Liebste, +wenn er will, daß er schaffen kann. Solch ein Schaffen +verlangt Abtötung alles Lieben und Innigen, um eine +Liebe und eine Innigkeit ganz auf das Schaffen zu übertragen. +Das verstehst du nicht, das versteht nur er. +Wenn du mich ihn so sehen siehst, glaubst du da nicht, +<a class="pagenum" name="Page_212" title="212"> </a> +daß es mich drängt, mich ihm in die Arme zu werfen? +Zu hören, was er mir sagt, wenn ich ihn flüsternd und +voll Bangen frage: »Liebst du mich, Kaspar?« Er würde +mich dann sicher streicheln, aber ich würde voll Ahnung +einen Zug des Mißmutes auf seiner schönen Stirne entdecken. +Und diese Entdeckung würde mich, wie eine für +immer Verdammte, tausend Höhen vor ihm in einen +unwürdigen, schmutzigen Abgrund hinunterwerfen. Nein, +das macht Klara nicht. Sie ist mir zu gut zu so etwas, +und er ist mir zu gut und zu lieb, so, wie er ist. So +stehe ich hinter seinem Rücken, und darf ruhig ahnen, +wie er schafft, wie er die große, feurige, dampfende Kugel, +die Kunst, vorwärtswälzt, einem herrlichen Ringer gleich, +der seinen letzten Atemzug hergibt, um zum Siege über +den Gegner zu gelangen. Siehst du, wie es ihn hinreißt, +den Pinsel zu führen, womit er an der tausendtönigen +Glocke seiner Farben läutet, jede Linie linienhafter, jede +Farbe farbiger, jeden Druck bestimmter, und jede Sehnsucht +sehnsuchtsvoller hinzumalen. Sein Blick, den ich +so liebte, war von jeher in den Formen, und er bedarf +hier in Paris nur einer einfachen Stube, um die Welt +in Bildern zu erfassen. Die Natur hat er wie eine üppige +Geliebte in seine Arme gefaßt und drückt nun Küsse +um Küsse auf ihren Mund, daß beiden der Atem vergeht, +ihm und der Natur. Es will mir beinahe scheinen, +als sei die Natur, echten Künstlern gegenüber, machtlos +und ohnmächtig vor Hingebung, wie eine solche Geliebte, +von der man alles verlangt, was man will. Auf jeden +Fall, und du siehst es, hat Kaspar zu tun, mit Kopf, +Gefühl und mit beiden Händen; wie ein wildes, ungebändigtes +Pferd zerrt und arbeitet er, und wenn er nachts +schläft, so arbeitet er in wilden Träumen noch immer +fort; denn die Kunst ist hart und scheint mir die schwerste +Aufgabe, die sich ein ehrenhafter und aufrichtiger Mensch +<a class="pagenum" name="Page_213" title="213"> </a> +stellen kann. Störe ihn nie an seiner heiligen Aufgabe; +denn er schafft für die Lust späterer Geschlechter. Wenn +ich ihm nun so meine schwache, arme Liebe aufdrängen +wollte, was wäre das für eine unschöne, verdammenswerte +Sache. Eine Frau mag auch nicht gerne da küssen, +wo sie fühlen muß, daß verletzte Gedanken zwischen den +Küssen zucken, die sterben, die von den Küssen erwürgt +werden. Welch eine unüberlegte Mörderin wäre man! +So aber ist alles schön; ein bißchen weh tut es einem, +hinter einem Rücken und hinter Schultern und Locken +stehen zu sollen, aber man hört in seiner Seele dafür +Glocken läuten und empfindet die süße Berechtigung und +Makellosigkeit seiner Stellung in der Welt. Irgendwo +müssen die Gefühle gedämpft und geordnet werden und +Stellung behaupten. Selbst eine schwache Frau wird +genau wissen, was sie in einem solchen Fall zu tun hat. +Einem Künstler zuzuschauen, jeder seiner Bewegungen +gedankenvoll zu folgen, ist schöner, als ihn beeinflussen +zu wollen, als ob man gierig wollte, daß man auch etwas +abbekäme, etwas bedeutete für ihn und die Welt. +Jede Stellung hat ihre Bedeutung, aber das unbefugte +Dreinreden und Einmischen niemals! Vieles müßte ich +dir noch sagen. Aber komm jetzt.« – Wieder tönte eine +wundersame, unbegreifliche Musik, aus allen Zimmern, +zu allen Decken und Wänden heraus, wie ein fernes, +aus einem kleinen Wäldchen kommendes, tausendstimmiges +Vogelgezwitscher, als Simon von Klara weggeführt wurde. +Sie traten wieder in das erste Gemach und sahen das +schwarze Kätzchen mit seiner Pfote in einen dünnhalsigen +Milchkrug hineingreifen. Als es aber die beiden Menschen +sah, sprang es fort und kauerte sich hinter einen Stuhl, +wo es mit seinen brennend-gelben Augen aufmerksam +hervorguckte. Klara öffnete ein Fenster, und: wunderbarer +Anblick! Es schneite in der sommerlichen, grünen +<a class="pagenum" name="Page_214" title="214"> </a> +Straße, und zwar so dicht, so sehr Flocke an Flocke, daß +ein Hindurchschauen unmöglich war. »Das ist hier in +Paris keine Seltenheit,« sagte Klara, »es schneit hier +mitten im heißen Jahr, es gibt hier keine bestimmten +Jahreszeiten, so wie es auch keine bestimmten Redensarten +gibt. In Paris muß man auf alles schnell gefaßt +sein. Wenn du längere Zeit hier wohnst, wirst du es +auch lernen und wirst dir das Staunen, das nicht am +Platz ist, abgewöhnen. Hier ist alles ein schnelles, graziöses, +bescheidenes Erfassen. Achtung vor der Welt: das +gilt hier als das Höchste und Feinste. Du wirst es schon +lernen. Zum Beispiel, dieser Schnee: Was glaubst du +wohl; wirst du dir denken können, daß er bis über die +hohen Häuser hinaufkommen wird? Es ist so, und aller +Wahrscheinlichkeit nach liegen wir jetzt einen Monat lang +im Schnee begraben. Was tut es viel: wir haben Beleuchtung +und eine warme Stube. Ich werde meistens +schlafen; denn eine Zauberin muß eben viel schlafen; du +wirst mit dem Kätzchen spielen oder ein Buch lesen, ich +habe die schönsten Pariserromane hier in meiner Bibliothek. +Die Pariserdichter schreiben entzückend, du wirst +sehen. Und dann nach einem Monat, apropos: wir +haben ja auch Musik, nicht wahr, und dann, wie gesagt, +nach einem Monat ist Frühling in den Pariserstraßen. +Da wirst du sehen, wie nach der langen Eingeschlossenheit +sich die Menschen auf offener Straße umhalsen und +Tränen der <ins title="Widersehensfreude">Wiedersehensfreude</ins> weinen werden. Es wird +alles ein Umschlingen sein. Die Lust, die lange zurückgehaltene, +wird zu den glänzenden Augen, zu den Lippen +und Stimmen herausbrechen, und geküßt wird werden +im Mai, aber du wirst es an dir selber erfahren. Stelle +dir vor, die Luft wird ganz blau und warmfeucht in die +Straßen hinuntersinken, der Himmel geht dann in Paris +spazieren und mischt sich unter die entzückten Menschen. +<a class="pagenum" name="Page_215" title="215"> </a> +Die Bäume blühen an einem Tag empor und duften +wunderbar, Vögel werden singen, Wolken werden tanzen +und Blumen durch die Luft schwirren wie ein Regen. +Und das Geld wird sich in den Taschen, selbst in den +ärmsten und zerrissensten vorfinden. Aber ich will jetzt +schlafen. Siehst du, wie ich schon schläfrig werde. Benutze +du indessen die Zeit und studiere eines der Werke, +das du finden wirst und das geeignet ist, dich einen +ganzen Monat lang zu fesseln. Es gibt solche Bücher. +Gute Nacht!« – Und damit schlief sie ein. Die Katze +aber wollte sich zu ihr hinauf legen, Simon sprang ihr +nach, sie entfloh, er ihr nach, und immer entwischte sie +ihm aus den Händen, wenn er sie schon erfaßt hatte. +Er sprang sich in eine furchtbare Atembeklemmung hinein, +aus der er schließlich <ins title="erwachte.«">erwachte.</ins></p> + +<p>»Ich habe da einen wehmütigen Traum gehabt,« +dachte er, als er sich vom Bette erhob.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Es war inzwischen Abend geworden. Er ging an +das Fenster und schaute zum ersten Mal in die Gasse +hinunter, die tief unter ihm lag. Zwei Männer gingen +dort unten, sie hatten gerade Platz zwischen den hohen +Mauern, um bequem nebeneinander herzugehen. Sie +sprachen, und der Klang ihrer Worte drang seltsam deutlich +zu seinen Ohren hinauf, die Mauern entlang die den +Klang weitertrugen. Der Himmel war von einem goldenen, +tief-satten Blau, das eine unbestimmte Sehnsucht +erweckte. Simon gerade gegenüber tauchten jetzt im +Fenster des andern Hauses zwei Weibergestalten auf und +berührten ihn mit ihren ziemlich frechen, lachenden Blicken. +Es war ihm, als würde er mit unsauberen Händen angerührt. +Die eine der Gestalten sagte zu ihm hinüber, +mit ganz gewöhnlich-lauter Stimme, – denn es war, als +säße man zusammen zu Dritt in einem Zimmer, in dem +<a class="pagenum" name="Page_216" title="216"> </a> +sich nur zufällig ein schmales Band freier Himmelsluft +befände: »Sie sind wohl sehr einsam!«</p> + +<p>»O ja! Aber es ist hübsch, einsam zu sein!«</p> + +<p>Und er schloß das Fenster, während die beiden Weiber +in ein Gelächter ausbrachen. Was konnte er mit ihnen +reden, was nicht unflätig gewesen wäre. Heute war er +nicht aufgelegt. Die Veränderung, die wieder in sein +Leben eingerissen war, hatte ihn ernst gestimmt. Er zog +die weißen Vorhänge vor, zündete die Lampe an, und +las in dem Roman von Stendhal weiter, den er auf dem +Land, bei Hedwig, nicht hatte fertig lesen können.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_217" title="217"> </a>Vierzehntes Kapitel.</h2> + +<p>Nachdem er eine Stunde gelesen hatte, löschte er die +Lampe aus, öffnete das Fenster, ging zum Zimmer hinaus, +zu der Haustüre hinaus, auf die steile Straße. Eine +schwere, warme Dunkelheit empfing ihn. Das alte Stadtviertel +war voll von kleinen Wirtschaften, so daß einem +beim Gehen die Wahl schwer werden konnte. Er ging +noch einige Schritte in der lebhaft von Menschen erfüllten +Straße und trat dann in eine Kneipe ein. Um +einen runden Tisch herum war eine kleine, fröhliche Gesellschaft +versammelt, deren Mittelpunkt ein kleiner Spaßmacher +sein mußte; denn alles lachte, sowie er nun den +Mund auftat. Es mußte einer jener Menschen sein, die, +was sie auch sagen mochten, stets komisch und lachmuskelerregend +wirkten. Simon setzte sich zu zwei noch jungen +Männern an den gleichen Tisch und horchte unwillkürlich +auf das, was sie sprachen. Sie sprachen ernsthaft und +in ziemlich klugen Ausdrücken miteinander. Der Gegenstand +ihrer Auseinandersetzung schien ein junger, unglücklicher +Mann zu sein, den sie beide mochten näher gekannt +haben. Jetzt aber ließ der eine von ihnen den +andern, ohne ihn zu unterbrechen, erzählen, und Simon +hörte folgendes:</p> + +<p>»Ja, er war ein prachtvoller Kerl! Schon als Knabe, +als er noch langes Haar und kurze Hosen trug und an +<a class="pagenum" name="Page_218" title="218"> </a> +der Hand eines Kindermädchens durch die Straßen der +kleinen Stadt spazieren ging. Die Leute sagten, indem +sie sich nach ihm umsahen: »Welch ein bildhübscher, kleiner +Kerl!« Seine Aufgaben hat er mit viel Talent gemacht, +ich meine seine Schüleraufgaben. Seine Lehrer +haben ihn geliebt; denn er war sanft und gut zu erziehen. +Seine Klugheit machte es ihm spielend leicht, +seine Pflichten in der Schule zu erfüllen. Er hat prachtvoll +geturnt, gezeichnet und gerechnet. Wenigstens weiß +ich, daß ihn die Lehrer den später nachkommenden Schülergenerationen +und sogar den weiter vorgeschrittenen Klassen +als ein Muster gepriesen haben. Seine weichen Gesichtszüge +mit den wundervollen Augen voll männlicher Ahnung +bestrickten alle, die mit dem Knaben zu tun hatten. Er +genoß eine gewisse Berühmtheit, als ihn seine Eltern auf +die höhere Schule schickten. Von der Mutter verzärtelt, +was jedermann begriff, und von allen bewundert, mußte +sein Geist frühzeitig jene Weichheit der Bevorzugten und +Anerkannten erhalten, jenes Gehenlassen, jene schöne +Sorglosigkeit, die dem jungen Menschen gestattet, sich +der Genüsse des Lebens spielend zu bemeistern. In die +Ferien brachte er glänzende Zeugnisse und eine Schar +junger Kameraden mit nach Hause und berauschte das +Ohr seiner Mutter mit Erzählungen von seinen mannigfachen +Erfolgen. Natürlich verschwieg er seiner Mutter +die Erfolge, die er schon damals begann, bei den leichtfertigen +Mädchen zu machen, die ihn schön und liebenswürdig +fanden. Die Ferien benutzte er zu Wanderungen +im Tiefland; auf den ausgedehnten, hohen Bergen, die +ihn lockten, weil sie so hoch hinauf und so weit in die +unbestimmteste Ferne sich hineindehnten, verbrachte er +Tage, nicht nur Stunden, mit der ausgelassenen Gesellschaft +von gleich schwärmerisch Gesinnten wie er selber. +Er bannte und bezauberte sie alle. – Er glich in seiner +<a class="pagenum" name="Page_219" title="219"> </a> +Gesundheit und Schmiegsamkeit, sowohl seelisch wie +körperlich, einem Gott, der nur zum Vergnügen eine +Zeitlang auf dem Gymnasium zu studieren schien. +Wenn er ging, sahen ihm die Mädchen nach, als würden +sie von seinen zurückgeworfenen Blicken an ihn herangezogen. +Auf seinem blonden, schönen Kopf trug +er kokett die blaue Studentenmütze. Er war entzückend +leichtsinnig. Einmal, es war gerade Jahrmarkt, +und der große Platz, wo sonst das Vieh zusammengetrieben +wird, stand voller Buden, Hütten, Karussells, +Rutschbahnen und Reitbahnen, schoß er mit einem scharf +geladenen Vogelgewehr, statt mit einer der üblichen, unschädlichen +Flinten, in eine Schießbude hinein, vor der +er immer zu sehen war, da ihn das Mädchen, das dort +die Gewehre darreichte, entzückte. Die kleine Kugel drang +durch die Leinewand der Bude hindurch, in den Wagen +hinein, der dicht dahinter stand, und soll dort um ein +Haar ein in einer Wiege schlafendes, kleines Kind verletzt +haben. Es war der Wagen, den diese <ins title="herumziehendie">herumziehenden</ins> +Leute als Familienwohnung benutzten. Der Streich +kam natürlich aus, mehrere andere Streiche kamen zu +dem einen, und das nächste Mal, als wieder Ferien +waren, stand in dem Zeugnis des jungen Studenten eine +bissige Bemerkung des Rektors, der gleichzeitig den Eltern +einen Brief, großzügig und voll Feierlichkeit, schrieb, +worin er ihnen ans Herz legte, ihren Sohn freiwillig +aus der Schule zu nehmen, da sonst die Notwendigkeit +bevorstünde, denselben auszuweisen. Gründe: sinnloses +Betragen, Ansteckung, böse Einwirkung, Unverantwortlichkeit, +hohe Verantwortung, Pflichten und doch Rücksichten +und alles jenes, was eben für einen solchen Fall +immer Gründe sind: die Sittlichkeit in Gefahr und: +Schutz der noch Unverdorbenen, und so weiter.« –</p> + +<p>Der erzählende Mann schwieg eine Weile.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_220" title="220"> </a>Diese Gelegenheit benutzte Simon, um sich bemerkbar +zu machen und sagte:</p> + +<p>»Ihre Erzählung interessiert mich aus manchem +Standpunkt. Bitte, gestatten Sie mir, daß ich Ihnen +ferner zuhören darf. Ich bin ein junger, eben aus seiner +Lebensstellung herausgetretener Mann und lerne vielleicht +einiges aus Ihrer Erzählung; denn mir scheint, +daß man immer gewinnt beim Anhören einer wahrhaften +Geschichte.« –</p> + +<p>Die beiden Männer sahen sich Simon aufmerksam +an, doch schien er ihnen keinen unguten Eindruck zu +machen, vielmehr bat ihn der, der erzählt hatte, nur zuzuhören, +wenn es ihm Spaß machen könne, und jener +erzählte weiter:</p> + +<p>»Die Eltern des Jünglings gerieten natürlich ob +dieser Ausweisung in große Bestürzung und in noch +größeren Kummer; denn wo gäbe es Eltern, die so gleichgültig +wären, daß sie sich in einem so betrübenden Fall, +wie dieser war, in alltäglicher Weise benehmen könnten. +Sie meinten zuerst, daß es am besten sei, den Schlingel +ganz aus der gelehrten Laufbahn fortzunehmen, und ihn +einen harten Beruf, wie Mechaniker oder Schlosser, lernen +zu lassen. Das Wort und Land Amerika kam ihnen +schon in den Sinn, es mußte ihnen angesichts der Lage +ihres Sohnes beinahe von selbst zufliegen. Aber es kam +anders. Wiederum siegte die Zärtlichkeit der Mutter, +wie schon so oft, wenn der Vater energisch einzuschreiten +gesonnen war, so auch bei dieser Gelegenheit. Der junge +Mann wurde in ein entlegenes, einsames Seminar geschickt, +wo er sich auf den Lehrerberuf vorzubereiten hatte. +Es war ein französisches Seminar, wo der Junge gar +nicht anders konnte, als sich, wie es sich geziemte, aufzuführen. +Wenigstens ging er von da aus, nach Ablauf +seiner Zeit, als praktischer, jugendlicher Lehrer in die +<a class="pagenum" name="Page_221" title="221"> </a> +Welt. In der Nähe seiner Heimatstadt bekam er eine +vorläufige Stelle als Lehrer. Er unterrichtete die Kinder +so gut, als er nur vermochte, las, wenn es ihm die +Zeit erlaubte, zu Hause die französischen und englischen +Klassiker in ihrer Sprache; denn er hatte für Sprachen +ein wahrhaft wunderbares Talent, dachte heimlich an +eine andere Karriere, schrieb Briefe nach Amerika zwecks +einer Anstellung als Hauslehrer, die indessen erfolglos +blieben, und trieb ein Leben zwischen Pflicht und scheuer +Ungebundenheit. Da es Sommer war, ging er mit seinen +Schülern öfters im tiefen, reißenden Kanal baden. Er +badete dann selber mit, um seinen Schülern zu zeigen, +wie man es anzustellen hatte, wenn man schwimmen +lernen wollte. Eines Tages aber riß ihn der Wasserstrudel +derart fort, daß es aussah, wie wenn er jetzt ertrinken +mußte. Die Schüler rannten schon in das Städtchen +zurück, wo sie schrieen: »Unser Lehrer ist ertrunken.« +Aber der junge, kräftige Mann arbeitete sich aus den +Wirbeln des tückischen Wassers heraus und kam wieder +nach Hause. Nach einiger Zeit befand er sich indessen +an einem anderen Ort, und zwar mitten in den Bergen, +in einem kleinen, aber doch reichen Dorf, wo er angenehme +Menschen fand, die ihn weniger als Lehrer wie +vielmehr als Menschen respektierten. Er war ein vorzüglicher +Klavierspieler und flotter Geselle überhaupt, der +in einer Gesellschaft von einigen Menschen den Zauberfaden +der Unterhaltung ganz nur um sich herum zu +drehen verstand. Ein sehr liebes, aber schon nicht mehr +junges Fräulein verliebte sich in den Lehrer, derart, daß +sie ihm alles nur Mögliche an Bequemlichkeit und Komfort +zukommen ließ und ihn mit den ersten Leuten im +Dorf bekannt machte. Sie stammte aus einer alten +Offiziersfamilie, deren Vorfahren einst in fremden Ländern +Kriegsdienste verrichtet hatten. So schenkte sie ihm +<a class="pagenum" name="Page_222" title="222"> </a> +denn eines Tages zum Andenken einen zierlichen Galanterie-Degen, +der immerhin eine nicht ungefährliche Waffe +gewesen sein mochte und der vielleicht gar zu seiner +Zeit einmal in Blut getaucht worden war. Es war ein +feines Stück, und das gute, liebe Fräulein überreichte +ihm den Zierrat mit niedergeschlagenen Augen, wobei sie +vielleicht einen tiefen Seufzer unterdrückte. Sie hörte +ihm zu, wenn er, in romantisch edler Haltung, am +Klavier saß und darauf spielte, und konnte kein Auge +von seiner Gestalt abwenden. Oft fuhr sie mit ihm zusammen, +da es Winter war, auf dem hochgelegenen, +kleinen Bergsee Schlittschuh, und beide freuten sich dieses +schönen Vergnügens. Aber der junge Mann wünschte +bald wieder abzureisen, um so mehr, da er nur zu lebhaft +die warmen, verlockenden Bande fühlte, die ihn +so gern für immer an das Dorf gefesselt hätten, denen +er aber entfliehen mußte, wenn er irgendwie noch den +Wunsch besaß, nach etwas Großem in der Welt zu streben. +Er reiste, und zwar mit dem Gelde des Fräuleins, +die reich war, und die sich eine wehmütige und kummervolle +Freude daraus machte, es ihm ohne jeden Vorbehalt +zu geben. So ging er nach München, wo er ein +ziemlich flottes Leben führte, nach Art der dortigen Studenten, +kam wieder heim, sah sich nach einer Stelle um, +und erhielt eine solche in einem Privatinstitut, das am +Fuße einer tannenwaldgeschmückten Bergkette lag. Dort +mußte er junge Bürschlein aus allen Erdteilen, reicher +Leute Kinder, unterrichten, tat es eine Zeitlang mit +großer Liebe und viel Interesse, bekam Händel mit +seinem Vorgesetzten, dem Inhaber des Institutes, und +reiste wieder weg. Dann kam Italien an die Reihe, wohin +er sich als Hauslehrer begab, und dann England, +wo er auf einem Gutsitze zwei aufwachsende Mädchen +unterrichtete, mit denen er indessen nur Tollheiten trieb. +<a class="pagenum" name="Page_223" title="223"> </a> +Er kam wieder heim, wilde Ideen spukten in seinem +Kopf, und in seinem leer gewordenen Herzen brannten +nur noch hilflose Phantasieen, die keine Rechte auf die +Wirklichkeit besaßen. Seine Mutter, in deren Schoß +sich zu werfen es ihn verlangte, starb zu dieser Zeit. +Er war leer und trostlos. Er bildete sich ein, sich jetzt +auf die Politik werfen zu sollen, aber er besaß für dieses +Fach weder die genügende Übersicht und Ruhe, noch +auch nur den nötigen Schliff und Takt mehr. Er schrieb +auch Börsenberichte, aber ohne Sinn; denn er dichtete +sie, und zwar aus einem bereits zerstörten Geiste heraus. +Er verfaßte Gedichte, Dramen und musikalische Kompositionen, +malte, zeichnete, aber dilettantisch und kindlich. +Inzwischen hatte er wiederum Stellung genommen, freilich +nur für kurze Zeit, und dann wieder Stellung, und +dann wieder! An einem halben Dutzend Orten trieb er sich +herum, glaubte und sah sich überall betrogen und verletzt, +verlor den Anstand vor den Schülern, lieh Geld +von ihnen; denn er besaß nie Geld. Noch war er ein +schlanker, schöner Mensch, sanft und vornehm von Ansehen +und immer noch edel in seinem Betragen, solange +er mit seinem Kopf oben war. Aber das war nur noch +selten der Fall. Nirgends in der Welt konnte man ihn +lange gebrauchen, man schickte ihn fort, sowie man +hinter sein Wesen kam, oder er ging von selber aus +ganz absonderlichen, selbst zusammengedichteten Ursachen. +Das mattete und lähmte ihn natürlich vollends herunter. +Aus Italien hatte er noch begeisterungsfrohe, ideale +Briefe an seinen Bruder geschrieben. In London, wo +er Not litt, war er einmal in das Kontor eines sehr reichen +Seidenhändlers, eines Onkels von ihm, mit der Bitte getreten, +man möchte ihm in seiner elenden Lage beistehen, +und bat um Geld, vielleicht nicht gerade mit Worten, +aber man merkte, was er wollte, und schickte ihn achselzuckend +<a class="pagenum" name="Page_224" title="224"> </a> +fort, ohne ihm etwas zu geben. Wie mußte +sein schöner, sanfter Menschenstolz schon gelitten haben, +wenn er den Mut fand, Unwürdige anbetteln zu gehen. +Doch was mußte er nicht tun, da er Not litt! Man +kann von Stolz sprechen, man muß aber auch all der +Zufälle des Lebens gedenken, wo es unmenschlich ist, +von einem Menschen noch Stolz zu verlangen. Und +der, der gebeten hatte, war weich! Er hatte von jeher +ein kindlich weiches Herz, und dem Schmerz und der +Reue über ein verlornes Leben war es ein Leichtes, dieses +Herz zu zerstören. Eines Tages, nach all den Umherwanderungen, +erschien er wieder zu Hause, blaß, matt, +müde und in seinen Kleidern heruntergerissen. Sein +Vater empfing ihn wahrscheinlich herzlos, seine Schwester +so gut, als sie durfte vor des entrüsteten Vaters Augen. +Er gedachte, einen kleinen Redakteurposten zu erhalten, +und trieb sich inzwischen in der Stadt herum, wo er +allen Mädchen Ringe schenkte und zu ihnen sagte, er +wolle sie heiraten. Er war ganz offenbar schon kindisch. +Man munkelte natürlich und lachte. Dann ging er noch +einmal fort, in eine Lehrerstelle, aber dort erwies es sich, +daß er für die Welt unmöglich geworden war. Er kam +eines Tages mit einem nackten Fuß in die Schulstunde, +Schuh und Strumpf fehlten an dem einen seiner Füße. +Er wußte nicht mehr, was er tat, oder er tat eben das, +was sein anderer, irrer Geist ihm zu tun befahl. Zu +derselben Zeit radierte er in seinem militärischen Dienstbuch +die dort notierte Degradation aus, die ihm eines +begangenen, schweren Fehlers wegen schon früher zudiktiert +worden war. Infolgedessen wurde er, da dieses kühne +Vergehen ans Licht kam, ins Gefängnis gesperrt. Von +dort wurde er, da man über seinen Geisteszustand zur +Klarheit gelangte, in ein Irrenhaus gebracht, wo er heute +noch ist. Ich weiß das alles, da ich oft mit ihm zusammen +<a class="pagenum" name="Page_225" title="225"> </a> +gewesen bin, in vielen Jahren, im Zivil sowohl +wie beim Militär, und auch geholfen habe, ihn dahin +abzuführen, wo er sich jetzt befindet und wohin er leider +gebracht werden mußte.«</p> + +<p>»Traurig!« sprach der andere der beiden Männer.</p> + +<p>»Wir wollen austrinken und gehen,« sagte der Erzähler +und fügte noch hinzu: »Manche wollen behaupten, +daß die leichtfertigen Weiber, zu denen er Beziehungen +hatte, ihn zugrunde gerichtet hätten, aber ich glaube es +nicht, da ich überzeugt bin, daß man den schlimmen +Einfluß, den diese Weiber auf einen Mann ausüben, +meistens überschätzt. So schlimm ist das alles nicht, +aber vielleicht liegt es in der Familie.«</p> + +<p>Simon sprang auf, lebhaft angeregt und mit der +Röte des Unwillens auf den Wangen:</p> + +<p>»Was da? In der Familie? Da irren Sie sich, +mein edler Herr Erzähler. Sehen Sie mich, bitte, einmal +gründlich an. Entdecken Sie an mir vielleicht auch +so etwas, das in der Familie liegen könnte? Muß ich +auch ins Irrenhaus kommen? Das müßte ich ohne +Zweifel, wenn es in der Familie läge, denn ich bin auch +aus der Familie. Der junge Mann ist mein Bruder. +Ich schäme mich durchaus nicht, einen nur unglücklichen +und keineswegs verderblichen Menschen offen meinen +Bruder zu nennen. Heißt er nicht Emil, Emil Tanner? +Könnte ich das wissen, wenn er nicht mein leiblicher lieber +Bruder wäre? Ist sein Vater, der auch der meinige ist, +etwa nicht Mehlhändler, der auch in Burgunderweinen +und Provencer-Öl einen ganz stattlichen Handel treibt?«</p> + +<p>»In der Tat, das stimmt alles,« sagte der Mann, +der vorhin erzählt hatte.</p> + +<p>Simon fuhr fort: »Nein, in der Familie kann +es nicht liegen. Ich leugne das, solange ich lebe. Es +ist einfach das Unglück. Die Weiber können es nicht +<a class="pagenum" name="Page_226" title="226"> </a> +sein. Da haben Sie recht, wenn Sie sagen, die Weiber +seien es nicht. Müssen daran die armen Weiber immer +schuld sein, wenn die Männer ins Unglück geraten? +Warum denken wir darüber nicht etwas einfacher? +Kann es nicht im Charakter, in einem Stäubchen +der Seele liegen? So und immer so: und deshalb +so? Schauen Sie, bitte, was ich jetzt für eine Art von +Handbewegung mache: So, so! Darin liegt es. Der +Mensch fühlt so, und dann handelt er so, und alsdann +stößt er an mancherlei Mauern und Unebenheiten +so an. Die Menschen denken immer gleich an grausige +Vererbung und so weiter. Mir erscheint das lächerlich. +Und welche Feigheit und welche Unehrerbietung, den Eltern +und Voreltern an seinem Unglück Schuld geben zu wollen. +Mangel an Anstand und Mut und noch etwas: unziemliche +Weichherzigkeit ist das! Wenn das Unglück +über einen herbricht, so bringt man eben die erforderliche +Manier mit, die es dem Schicksal bequem macht, +daraus ein Unglück zu formen. Wissen Sie, was mein +Bruder mir war, mir und Kaspar, dem andern Bruder, +uns Jüngeren? Gelehrt hat er uns auf gemeinschaftlichen +Spaziergängen Schönes und Hohes zu empfinden, zu +einer Zeit, da wir noch die wüstesten Schlingel waren, +die nur auf schlechte Streiche ausgingen. Aus seinen +Augen tranken wir das Feuer der Begeisterung für die +Kunst. Können Sie sich denken, was für eine herrliche, +verständnissuchende, streberische, im schönsten und kühnsten +Sinn streberische Zeit das war? Wir wollen noch +eine Flasche Wein trinken, ich will sie bezahlen, ja, ich, +obschon ich ein lumpiger Stellenloser bin. Heda! Herr +Wirt, ein Flasche Wadtländer. Und zwar vom besten, den +Sie haben. – Ich bin ein ganz mitleidloser Mensch. +Meinen armen Bruder Emil habe ich schon längst vergessen. +Ich komme auch gar nicht dazu, an ihn zu denken, +<a class="pagenum" name="Page_227" title="227"> </a> +denn sehen Sie, ich bin einer, der so in der Welt +steht, daß er sich mit Händen und Füßen wehren muß, +um aufrecht zu stehen. Umfallen mag ich nur dann, +wenn ich nicht mehr den Gedanken ans Aufstehen habe. +Ja, dann habe ich vielleicht Zeit, an die Unglücklichen +zu denken, und Mitleid zu haben, wenn ich selber des +Mitleids würdig geworden bin. Noch bin ich es aber +nicht, und ich gedenke noch zu lachen und Scherz zu +treiben angesichts meines Todes. Sie sehen in mir einen +ziemlich unverwüstlichen Menschen, der allerhand Mißgeschick +zu ertragen versteht. Das Leben, es braucht mir +gar nicht so sehr zu glänzen, so glänzt es doch schon in +meinen Augen. Es ist mir meistens schön und ich verstehe +die Menschen nicht, die es unschön nennen und es +damit beschimpfen. Jetzt kommt der Wein. Ich komme +mir immer ganz vornehm vor, wenn ich Wein trinke. +Mein armer Bruder lebt noch! Ich danke Ihnen, mein +Herr, daß Sie mein Gedächtnis heute auf einen Unglücklichen +gestoßen haben. Und nun: ganz ohne jede Weichherzigkeit: +stoßen Sie an, meine Herren: Es lebe das +Unglück! –«</p> + +<p>»Warum, wenn ich fragen darf?«</p> + +<p>»Sie übertreiben!«</p> + +<p>»Das Unglück bildet, deshalb bitte ich Sie, es mit +diesem funkelnden Glase Wein hochleben zu lassen. Noch +einmal! So. Ich danke Ihnen. Lassen Sie mich Ihnen +sagen, daß ich ein Freund des Unglücks bin, und zwar +ein sehr inniger Freund, denn es verdient die Gefühle +der Vertrautheit und Freundschaft. Es macht uns besser, +und das ist ein großer Dienst, den es uns da erweist. +Es ist ein echter Freundschaftsdienst, der erwidert werden +muß, will man anständig heißen. Das Unglück ist der +etwas mürrische, aber desto ehrlichere Freund unseres +Lebens. Es wäre ziemlich frech und ehrlos von uns, +<a class="pagenum" name="Page_228" title="228"> </a> +das zu übersehen. Im ersten Augenblick verstehen wir +das Unglück nie, deshalb hassen wir es im Moment +seines Kommens. Es ist ein so feiner, leiser, unangemeldeter +Geselle, der uns immer überrascht, wie wenn +wir nur Tölpel wären, die man immer überraschen kann. +Wer das Talent hat, zu überraschen, der muß schon, was +er auch sei und woher er auch komme, etwas ganz außerordentlich +Feines sein. Nichts von sich ahnen lassen, und +auf einmal da sein, nicht den leisesten neugierigen, vorauseilenden +Geschmack und Duft an sich haben, und +dann einem so plötzlich vertraulich auf die Achsel klopfen, +»Du« zu einem sagen und dazu lächeln und einem in +ein blasses, mildes, alleswissendes, schönes Gesicht blicken +lassen: dazu gehört mehr als Brotessen, dazu gehören +andere Apparate als nur Flugapparate, mit deren halber +Erfindung wir Menschen schon zum voraus in großtönenden, +schicksalumwerfenden Worten prahlen. Ja, das +Schicksal, das Unglück ist schön. Es ist gut; denn es +enthält auch das Glück, sein Gegenteil. Es erscheint mit +beiderlei Waffen bewaffnet. Es hat eine zornige und +vernichtende, aber auch eine sanfte und liebliche Stimme. +Es weckt neues Leben, wenn es altes erschlagen hat, das +ihm nicht gefallen hat. Es reizt zum Besser-Leben. Alle +Schönheit, wenn wir noch hoffen, Schönes zu erleben, +verdanken wir ihm. Es läßt uns Schönheiten überdrüssig +werden und zeigt uns mit seinen ausgestreckten +Fingern neue! Ist eine unglückliche Liebe nicht die gefühlvollste +und deshalb zarteste, feinste und schönste? +Tönt nicht noch das Verlassensein in weichen, schmeichelnden +und wohltuenden Tönen? Ist das alles neu, was +ich Ihnen da sage, meine Herren? Freilich ist es neu, +wenn man es sagt; denn es sagt es selten einer. Den +meisten mangelt der Mut, das Unglück zu begrüßen, +als etwas, worin man die Seele baden kann, wie Glieder +<a class="pagenum" name="Page_229" title="229"> </a> +im Wasser. Man sehe sich doch nur einmal an, +wenn man sich nackt ausgezogen hat und jetzt nackt dasteht: +Welch eine Pracht: ein nackter, gesunder Mensch! +Welch ein Glück: das mit nichts mehr bekleidet-Sein, +das nackt-Dastehn! Ein Glück ist es schon, auf die Welt +zu kommen, und kein weiteres Glück zu haben, als gesund +zu sein, ist ein Glück, das die edelsten Steine, alle +schönen Teppiche und Blumen, die Paläste und die Wunder +überglitzert und überstrahlt. Das Wundervollste ist +die Gesundheit, es ist ein Glück, zu dem kein weiteres, +ähnliches hinzugefügt werden kann, es sei denn, daß der +Mensch im Laufe der Zeiten roh genug geworden ist, +um zu wünschen, daß er doch nur krank sein möchte +und dafür einen Geldbeutel voll Geld besitzen. Zu +dieser Fülle von Pracht und Glück, wenn man wirklich +geneigt ist, das nackte, straffe, bewegliche, warme, mit +auf das Erdenleben gekommene Glied als eine solche +Fülle zu betrachten, muß eine Art Gegengewicht treten: +das Unglück! Es kann uns hindern überzuschäumen, +es schenkt uns die Seele. Es bildet unsere Ohren dafür +aus, den schönen Klang zu vernehmen, der tönt, wenn +Seele und Körper, ineinandervermischt, ineinanderübergetreten, +zusammen atmen. Es macht aus unserem Körper +etwas Körperlich-Seelenvolles und die Seele bringt es +zu einem festen Dasein mitten in uns, daß wir, wenn +wir wollen, unseren ganzen Körper als eine Seele empfinden, +das Bein als eine springende, den Arm als eine +tragende, das Ohr als eine horchende, die Füße als eine +edel gehende, das Auge als die sehende und den Mund +als die küssende Seele. Es macht uns erst lieben, denn +wo liebte man, mit nicht auch ein wenig Unglück? In +den Träumen ist es noch schöner als in der Wirklichkeit, +denn wenn wir träumen, verstehn wir auf einmal die +Wollust und entzückende Güte des Unglücks. Sonst ist +<a class="pagenum" name="Page_230" title="230"> </a> +es uns meist hinderlich, namentlich, wenn es in Form +eines Geldverlustes zu uns kommt. Aber kann das ein +Unglück sein? Wenn wir auch einen Kassenschein verlieren, +was verlieren wir? Recht unangenehm freilich +ist das, aber es ist kein Grund zu längerer Trostlosigkeit, +als es braucht, um einzusehen, daß es kein wirkliches +Unglück ist. Und so weiter! Man könnte viel reden +darüber. Zuletzt wird man es doch müde. –«</p> + +<p>»Sie sprechen wie ein Dichter, mein Herr,« bemerkte +lächelnd einer der Männer.</p> + +<p>»Das kann sein. Der Wein macht mich immer +dichterisch reden,« entgegnete Simon, »so wenig ich sonst +Dichter bin. Ich pflege mir Vorschriften zu machen +und bin im allgemeinen wenig geneigt, mich von Phantasieen +und Idealen hinreißen zu lassen, da ich das für +äußerst unklug und für anmaßend halte. Glauben Sie +mir nur, ich kann ein sehr trockener Mensch sein. Es +ist auch keineswegs statthaft, jeden Menschen, den man +einmal von Schönheit reden hört, gleich für einen +schwärmenden Dichter zu halten, wie Sie es zu tun +scheinen; denn ich denke, daß es sogar einmal einem +sonst ganz kalt überlegenden Pfandleihhändler oder Bankkassier +einfallen kann, über anderes nachzudenken, als +über Sachen seines geldzusammenkratzenden Berufes. +Man nimmt in der Regel zu wenig gefühlsinnige und +der Nachdenklichkeit fähige Menschen an, weil man sie +nicht anders beobachten gelernt hat. Ich mache es mir +zur Aufgabe, mit einem jeden Menschen ein kühnes, +herzliches Gespräch zu führen, damit ich am schnellsten +sehe, mit wem ich es zu tun habe. Man blamiert sich +mit einer solchen Lebensregel des öftern, und manchmal +kriegt man dafür sogar, beispielsweise von einer zarten +Dame, eine Ohrfeige, aber was schadet das! Mir macht +es Vergnügen, mich bloßzustellen, und ich darf immer +<a class="pagenum" name="Page_231" title="231"> </a> +überzeugt sein, daß die Achtung von solchen, bei denen +man sich mit dem ersten freien Wort etwas vergibt, +nicht gar so sehr viel wert ist, als daß man deshalb +Ursache zum Betrübtsein hätte. Menschenachtung muß +immer leiden unter der Menschenliebe. Das wollte ich +Ihnen auf Ihre etwas spöttische Bemerkung sagen, womit +Sie mich zu treffen meinten.«</p> + +<p>»Ich wollte Sie keineswegs verletzen.«</p> + +<p>»So war es hübsch von Ihnen,« sagte Simon und +lachte dazu. Dann sagte er plötzlich nach einigem Stillschweigen: +»Was übrigens Ihre Erzählung von meinem +Bruder betrifft, so hat diese mich allerdings getroffen. +Er lebt noch, mein Bruder, und kaum ein Mensch denkt +jetzt an ihn; denn wer sich wegstiehlt, namentlich an +einen so düsteren Ort, wie er, der wird gestrichen aus +den Gedächtnissen. Armer Kerl! Sehen Sie, ich könnte +sagen, daß es nur einer kleinen Änderung in seinem +Herzen, vielleicht eines Pünktchens mehr in seiner Seele +bedurft hätte, um ihn zum schaffenden Künstler zu machen, +dessen Werke die Menschen entzückt hätten. So wenig +braucht es, um stark zu werden, und so wenig wiederum, +um sein Unglück zu vollenden. Was will man reden. +Er ist krank und steht auf der Seite, wo keine Sonne +mehr ist. Ich werde jetzt mehr an ihn denken, denn +sein Unglück ist doch ein zu grausames. Es ist ein Elend, +das zehn Verbrecher nicht einmal verdienen, geschweige +denn er, der solch ein Herz hatte. Ja, das Unglück ist +manchmal nicht schön, jetzt bekenne ich es gerne. Sie +müssen wissen, mein Herr, ich bin trotzig und behaupte +gern etwas wild in die Welt hinein, was gar keine Art hat. +Mein Herz ist zuweilen ganz hart, besonders hart ist es, +wenn ich andere Menschen voll Mitleid sehe. Da möchte +ich immer so hineinwettern, hineinlachen in das warme +Mitleid. Sehr schlecht von mir, sehr, sehr schlecht! Ich +<a class="pagenum" name="Page_232" title="232"> </a> +bin überhaupt noch lange kein guter Mensch, aber ich +hoffe es noch zu werden. Es hat mich sehr gefreut, mit +Ihnen haben reden zu dürfen. Das Zufällige ist immer +das Wertvollste. Ich scheine etwas viel getrunken zu +haben, und es ist hier so heiß im Lokale, mich verlangt +hinaus. Leben Sie wohl, meine Herren. Nein! Nicht +auf Wiedersehen. Durchaus nicht. Das habe ich nicht +im Sinne. Mich verlangt durchaus nicht darnach. Viele +Menschen habe ich noch kennen zu lernen, da darf ich +nicht so frivol sagen: auf Wiedersehen. Das hieße nur +lügen; denn ich begehre Sie nicht wiederzusehen, außer +zufällig, und dann wird es mir eine Freude sein, wenn +auch eine maßvolle. Ich mache nicht gern Umstände, +und bin gern wahr, und das zeichnet mich vielleicht aus. +Ich hoffe, daß es mich auch in Ihren Augen auszeichnet, +wiewohl Sie mich jetzt ziemlich erstaunt und dumm ansehen, +als wären Sie beleidigt. Gut, seien Sie es. Zum +Teufel noch einmal, womit habe ich Sie beleidigt. Sie?«</p> + +<p>Der Wirt trat herzu und mahnte Simon zur Ruhe:</p> + +<p>»Gehen Sie lieber, es ist Zeit mit Ihnen.«</p> + +<p>Und er ließ sich sanft in die dunkle Gasse hinausbefördern.</p> + +<p>Es war eine tiefe, schwarze, schwüle Nacht. Es +war, als schleiche sie als etwas Schleichendes die Wände +entlang. Bisweilen stand ein hohes Haus ganz dunkel +da, und dann war wieder eines, das gelblich und weißlich +leuchtete, als besäße es den besonderen Zauber, in +einer so dunklen Nacht zu leuchten. Die Mauern der +Häuser rochen so seltsam. Es war etwas Feuchtes und +Dumpfiges, das ihnen entströmte. Einzelne Lichter erhellten +zuweilen einen Fleck der Gasse. Oben ragten die +kühnen Dächer über die glatte, hohe Wand der Häuser +hinaus. Die ganze weite Nacht schien sich in dieses +kleine Gassengewirr gelegt zu haben, um hier zu schlafen, +<a class="pagenum" name="Page_233" title="233"> </a> +oder um hier zu träumen. Es gingen noch einzelne +späte Menschen umher. Hier taumelte einer und sang +dabei, ein anderer fluchte, daß es den Himmel zerreißen +mochte, ein dritter lag schon am Boden, während der +Tschako eines Polizisten hinter einer Hausecke hervorblitzte. +Wenn man schritt, tönten einem die Schritte +unter den Füßen. Simon begegnete einem alten, betrunkenen +Mann, der in der ganzen Breite der Gasse +hin und her schwankte. Es war ein elendes und zugleich +fröhliches Bild: wie die dunkle, plumpe Gestalt so hin +und her geschleudert wurde, als bekäme sie Stöße von +einer geschmeidigen, unsichtbaren Hand. Da ließ der alte, +weißbärtige Mann seinen Stock fallen, wollte denselben +vom Boden wieder aufheben, was ja für den Betrunkenen +eine schreckliche Aufgabe sein mußte, und schien infolgedessen +selber zu Boden stürzen zu wollen. Aber Simon, +von einem lächelnden Erbarmen ergriffen, eilte auf den +Mann und auf den Stock zu, hob diesen auf und +drückte ihn dem Mann in die Hand, der einen Dank in +der merkwürdigen Sprache der Betrunkenen murmelte, +in einem Ton, als hätte er Grund, noch beleidigt zu +sein. Dieser Anblick wirkte sofort ernüchternd auf Simon, +und er bog aus dem alten Stadtviertel ab in die +neuere, elegantere Gegend. Als er über eine Brücke, die +beide Stadtteile voneinander trennte, hinüberging, sog er +den seltsamen Duft des fließenden Flußwassers ein. Er +schritt die Straße hinunter, in der er vor drei Wochen +von jener Dame vor dem Schaufenster angesprochen +wurde, sah in dem Haus seiner früheren Herrin noch +Licht brennen, dachte daran, daß sie noch gestern seine +Herrin gewesen war, schritt weiter unter den Bäumen, +bis er zu dem breit und dunkel liegenden See kam, der +zu schlafen schien in seiner ganzen, herrlichen Ausdehnung. +Ein solcher Schlaf! Wenn so ein ganzer See schlief mit +<a class="pagenum" name="Page_234" title="234"> </a> +all seinen Abgründen, das machte Eindruck. Ja, das +war doch etwas Seltsames, kaum zu Verstehendes. Simon +schaute noch eine Zeitlang hinaus, bis er Sehnsucht +bekam, selber zu schlafen. O, er würde jetzt herrlich +schlafen. So ruhig würde es über ihn kommen, und +morgen würde er lang im Bett bleiben, morgen war ja +Sonntag. Simon ging heim.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_235" title="235"> </a>Fünfzehntes Kapitel.</h2> + +<p>Am nächsten Morgen erwachte er erst, als die Glocken +klangen. Er bemerkte von seinem Bette aus, daß ein +herrlicher, blauer Tag draußen sein mußte. In den +Fensterscheiben blitzte so ein Licht, das auf einen wunderbaren +Morgenhimmel hoch über der Gasse schließen ließ. +Etwas Hellgoldenes ließ sich ahnen, wenn man die gegenüberliegende +Hausmauer länger ansah. Man mußte bedenken, +wie schwarz und düster diese fleckige Wand bei +beflecktem Himmel aussehen mußte. Man sah lange +dahin und stellte sich vor, wie jetzt der See, mit den +Segeln darauf, sich ausnähme, in dem goldenen, blauen +Morgenwetter. Gewisse Waldwiesen, gewisse Aussichten +und gewisse Bänke unter den grünen, üppigen Bäumen, +der Wald, die Straßen, die Promenaden, die Wiesen auf +dem Rücken des breiten Berges, vollbesetzt mit Bäumen, +die Abhänge und Waldschluchten, in denen das Grün +nur so wucherte, die Quelle und der Waldbach mit den +großen Steinen und dem leise singenden Wasser, wenn +man daran saß und sich davon einschläfern ließ. Das +alles war zu sehen, deutlich, wenn Simon auf die Wand +hinüberblickte, die doch nur eine Wand war, aber die +heute das ganze Bild eines seligen Menschensonntages +widerspiegelte, nur weil etwas wie ein Hauch von blauem +Himmel darauf auf und ab schwebte. Dazu klangen +<a class="pagenum" name="Page_236" title="236"> </a> +ja die Glocken in den bekannten Tönen, und Glocken, +ja, die verstanden es, Bilder aufzuwecken.</p> + +<p>Er nahm sich, immer noch im Bett liegend, vor, +von jetzt ab fleißiger zu sein, etwas zu studieren, zum +Beispiel eine Sprache, und überhaupt geregelter zu leben. +Wie viel hatte er versäumt! Das Lernen mußte einem +doch viel Freude machen. Es war so schön, sich das +vorzustellen, recht innig und lebhaft, wie das wäre, wenn +man emsig lernte und lernte, und gar nicht aus dem +Lernen herauskäme. Er fühlte eine gewisse menschliche +Reife in sich: nun wohl, um so schöner müßte das +Lernen werden, wenn mit der ganzen, bereits erworbenen +Reife gelernt würde. Ja, das wollte er nun tun: +lernen, sich Aufgaben stellen, und einen Reiz darin finden, +Lehrer und Schüler in eigener Person zu sein. Zum +Beispiel, wie würde es mit einer fremden, wohlklingenden +Sprache sein, etwa mit der französischen? »Ich +würde Wörter lernen und sie meinem Gedächtnisse fest +einprägen. Wie käme mir da meine allezeit lebhafte +Einbildungskraft zu Hilfe. Der Baum: <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">l'arbre</span>. Ich +würde in meinem ganzen Gefühl den Baum sehen. +Klara käme mir in den Sinn. Ich würde sie in einem +weißen, weitgefalteten Kleid unter einem breiten, schattigen, +dunkelgrünen Baum sehen. So käme mir wieder +vieles, beinahe schon ganz vergessenes in den Sinn. Der +Sinn würde stärker und lebhafter im Erfassen. So, +wenn man nichts lernt, stumpft man zusammen. Wie +süß ist gerade die Kleinheit, das Anfängerische! Ich erblicke +jetzt einen hohen Reiz darin und begreife nicht, +wie ich so lange, so lange trotzig und träge sein konnte. +O, die ganze Trägheit liegt nur im Trotz des Mehrwissen-wollens +und des vermeintlichen Besser-wissens. +Wenn man nur recht weiß, wie wenig man weiß, kann +es noch gut kommen. Ich würde mir bei dem Klang +<a class="pagenum" name="Page_237" title="237"> </a> +des fremden Wortes das deutsche inniger denken und +mir seinen Sinn weiter ausbreiten in Gedanken, so +würde mir auch die eigene Sprache ein neuer, reicherer +Laut voll ungekannter Bilder werden. <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">Le jardin</span>: der +Garten. Hier würde ich an den ländlichen Garten +Hedwigs denken, den ich doch mitgeholfen habe, anzupflanzen, +als es Frühling wurde. Hedwig! Alles +würde mir wieder einfallen, blitzschnell, was sie gesagt, +getan, gelitten und gedacht hat, während all der Tage, +die ich bei ihr verbracht habe. Ich habe keine Ursache, +so schnell Menschen und Dinge zu vergessen und meine +Schwester erst recht nicht. Damals, als wir den Garten +schon bepflanzt hatten, schneite es nachts wieder, und +wir hatten großen Kummer, es würde uns nichts wachsen +in unserem Garten. Für uns bedeutete das viel; +denn wir versprachen uns aus dem Garten recht viel +schönes Gemüse. Wie schön ist es doch, mit einem +Menschen den gleichen Kummer teilen zu können. Wie +müßte es erst sein, wenn man die Schmerzen und das +Ringen eines ganzen Volkes mitlitte und mitkämpfte. +Ja, das alles würde mir einfallen beim Lernen einer +Sprache, und noch so viel mehr, so vieles, das ich mir +jetzt noch gar nicht ausdenken kann. Nur lernen, nur +lernen, gleichviel, was! Ich will mich auch in die +Naturgeschichte versenken, ich ganz allein, ohne Lehrer, +an Hand eines billigen Buches, das ich gleich morgen +kaufen werde, denn heute ist Sonntag, da sind freilich +alle Läden geschlossen. Das geht alles, ganz gewiß. +Wozu ist man auf der Welt. Bin ich mir etwa seit +einiger Zeit gar nichts mehr schuldig? Aufraffen muß +ich mich endlich, es ist wahrlich die höchste Zeit.«</p> + +<p>Und er sprang aus dem Bett, als wenn es ihm +ein Bedürfnis wäre, gleich jetzt mit den neuen Plänen +anzufangen. Rasch kleidete er sich an. Der Spiegel +<a class="pagenum" name="Page_238" title="238"> </a> +sagte ihm, daß er wirklich ganz nett aussähe, das befriedigte +ihn.</p> + +<p>Wie er eben die Treppe hinuntergehen wollte, begegnete +ihm Frau Weiß, seine Wirtin und Zimmervermieterin. +Sie war ganz in Schwarz gekleidet und trug ein +kleines Gebetbuch in der Hand, sie kam soeben aus der +Kirche. Sie lachte, als sie den Simon erblickte, recht +munter, und fragte ihn, ob er denn nicht auch zur Kirche +hätte gehen mögen.</p> + +<p>Er sei schon seit Jahren in keiner Kirche mehr gewesen, +erwiderte er.</p> + +<p>Die Frau erschrak über ihr ganzes, gutes Gesicht +hinweg, als sie solche Worte vernahm, die ihr ungebührlich +erschienen zum Munde eines jungen Mannes heraus. +Sie wurde nicht böse; denn sie war durchaus keine unduldsame +Frömmlerin, aber sie mußte doch zu Simon sagen, +da täte er doch nicht ganz recht. Sie glaube es übrigens +gar nicht. Er sähe ihr durchaus nicht so aus. Aber wenn +es wahr wäre, so möchte er bedenken, daß er nicht gut +handle, niemals in die Kirche zu gehen.</p> + +<p>Simon versprach ihr, um sie bei guter Laune zu +erhalten, nächstens in die Kirche zu gehen, worauf sie +ihn ganz freundlich anschaute. Er indessen ging die +Treppe hinunter, ohne sich weiter bei ihr aufzuhalten. +»Ein liebes Weib,« dachte er, »und ich gefalle ihr, ich +merke es immer, wenn ich einer Frau gefalle. Wie lustig +sie mit mir wegen der Kirche geschmollt hat. So übers +ganze Gesicht ein Schmollen: das kleidet eine Frau +immer. Das sehe ich sehr gern. Sie hat außerdem +Respekt vor mir. Ich werde mir den ferner zu erhalten +wissen bei ihr. Aber ich werde nicht viel und nicht oft +zu ihr reden. Sie wird dann wünschen, ein Gespräch +mit mir anzufangen, und wird froh über jedes Wort +sein, das ich mit ihr spreche. Ich mag gern solche +<a class="pagenum" name="Page_239" title="239"> </a> +Frauen, wie sie eine ist. Das Schwarz steht ihr herrlich. +Wie lieb das kleine Gebetbuch aussah, das sie in ihrer +üppigen Hand trug. Eine Frau, die betet, erhält eigentlich +einen sinnlichen Reiz mehr. Wie schön diese blasse +Hand aus dem Schwarz des Ärmels heraustrat. Und +ihr Gesicht! Nun, schon gut! Es ist jedenfalls sehr +angenehm, etwas Liebes für die Reserve zu haben, so +gleichsam im Hinterhalt. Man besitzt dann eine Art +Heim, ein Zuhausesein bei jemandem, einen Rückhalt, +einen Zauber, da ich doch einmal ohne einen gewissen +vorhandenen Zauber nicht leben kann. Sie hatte noch +den Wunsch, vorhin, auf der Treppe, weiter mit mir +zu sprechen. Ich habe aber abgebrochen; denn ich hinterlasse +bei Frauen gern unerfüllt gebliebene Wünsche. So +setzt man seinen Wert nicht herab, sondern schraubt ihn +in die Höhe. Die Frauen wollen das übrigens selber, +daß man so handelt.«</p> + +<p>Die Straße wimmelte von sonntäglich geputzten +Menschen. Die Frauen gingen alle in hellen, weißen +Kleidern, die Mädchen trugen an ihren weißen Röcken +farbige, breite Schleifen, die Männer waren einfach gekleidet +in hellere Sommerstoffe, Knaben trugen Matrosenkleider, +Hunde liefen hinter ein paar Menschen her; im +Wasser, in ein Drahtgitter eingeschlossen, schwammen +Schwäne herum, etliche junge Leute beugten sich über +das Geländer der Brücke und sahen ihnen aufmerksam +zu, wieder andere Männer gingen ziemlich feierlich zur +Urne und gaben dort ihre Stimmzettel zu den Wahlen +ab, die Glocken läuteten zum zweiten oder zum dritten +Mal, der See schimmerte blau und die Schwalben flogen +hoch oben in der Luft, über die Dächer hinweg, die in +der Sonne strahlten; die Sonne war zuerst eine Sonntag-Vormittagsonne, +dann eine Sonne schlechthin und +dann noch eine Extrasonne für ein paar Künstleraugen, +<a class="pagenum" name="Page_240" title="240"> </a> +die wohl mit unter der Menge sein mochten; dazwischen +grünten und breiteten sich die Bäume der städtischen +Parkanlagen aus; unter der dunkleren Baumschattenwelt +spazierten wieder andere Frauen und andere Männer; +Segelschiffe flogen im Wind auf dem blauen, fernen +Wasser, und träge, an Fässer angebundene Boote schaukelten +am Ufer; hier flogen wieder andere Vögel und Menschen +standen hier still, die die blaue, weißliche Ferne +und die Berggipfel betrachteten, die am fernen Himmel +wie köstliche, weiße, beinahe unsichtbare Spitzen herunterhingen, +als ob der ganze Himmel eine hellblaue Morgenmantille +gewesen wäre. Alles hatte etwas zu betrachten, +zu plaudern, zu empfinden, zu zeigen, hinzuweisen, zu +bemerken und zu lächeln. Aus einem Pavillon klangen +jetzt die Töne einer Musikkapelle wie flatternde, zwitschernde +Vögel aus dem Grün heraus. Dort im Grün +spazierte auch Simon. Die Sonne warf durch das +Blätterwerk helle Flecken auf den Weg, auf den Rasen, +auf die Bank, wo Kindermädchen Kinderwägelchen hin +und her rollten, auf die Hüte der Damen und auf die +Achseln der Männer. Alles plauderte, schaute, blickte, +grüßte und promenierte durcheinander. Die vornehmen +<ins title="Karrossen">Karossen</ins> rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn +sauste ab und zu vorbei, und die Dampfschiffe pfiffen +und man sah durch die Bäume ihren Rauch dick und +schwer davonfliegen. Draußen im See badeten junge +Menschen. Die sah man allerdings, unter dem Grün +auf und ab spazierend, nicht, aber man wußte es, daß +dort nackte Leiber im flüssigen Blau herumschwammen +und herausleuchteten. Was leuchtete eigentlich heute +nicht? Was flimmerte nicht? Alles flimmerte, blitzte, +leuchtete, schwamm in Farben und verschwamm zu Tönen +vor den Augen. Simon sagte mehrere Male hintereinander +zu sich: »Wie schön ist ein Sonntag!« Er sah den +<a class="pagenum" name="Page_241" title="241"> </a> +Kindern und allen Menschen in die Augen, er sah alles +selig und verwirrt an, bald erhaschte er eine schöne, einzelne +Bewegung, und bald trat ihm das Ganze vor die +Augen. Er setzte sich zu einem anscheinend noch jungen +Manne auf eine Bank und blickte dem Mann in die +Augen. Es entspann sich ein Gespräch zwischen ihnen, +denn es war so leicht, mit reden anzufangen, wo alles +so glücklich war.</p> + +<p>Der andere Mann sprach zu Simon:</p> + +<p>»Ich bin Krankenwärter, aber gegenwärtig bin ich +nichts als Bummler. Ich komme aus Neapel, wo ich +im Fremdenhospital die Kranken pflegte. Vielleicht werde +ich schon in zehn Tagen irgendwo in Inner-Amerika sein, +oder in Rußland; denn man schickt uns überall da hin, +wo ein Wärter verlangt wird, sei es auch auf den Südseeinseln. +Man sieht auf diese Weise die Welt, das ist +wahr, aber die Heimat wird einem so fremd, ich kann +mich da nicht genügend ausdrücken. Sie zum Beispiel +leben wahrscheinlich immer in Ihrer Heimat, sie umgibt +Sie immerwährend, Sie fühlen sich von den Bekannten +umschlossen, Sie schaffen hier, Sie sind hier glücklich und +erleben sicher hier auch Ihr Mißgeschick, gleichviel, Sie +dürfen wenigstens an einen Boden, an ein Land, an +einen Himmel, wenn ich es so sagen darf, gebunden +sein. Es ist schön, an etwas gefesselt zu sein. Man +fühlt sich wohl, hat ein Recht, sich wohl zu fühlen und +darf auf das Verständnis und die Liebe seiner Mitmenschen +hoffen. Aber ich? Nein! Sehen Sie, ich bin zu +schlecht geworden für meine engere Heimat, vielleicht auch +zu gut, zu alles verstehend. Ich kann nicht mehr mitempfinden +mit meinen Landsleuten. Ihre Vorliebe verstehe +ich ebensowenig mehr wie ihren Zorn und ihre +Abneigung. Jedenfalls bin ich fremd. Und ich fühle, +es wird einem übel genommen, daß man fremd geworden +<a class="pagenum" name="Page_242" title="242"> </a> +ist. Und gewiß hat man recht, das zu tun; denn +ich habe unrecht getan, mich zu entfremden. Was nützt +es mir, wenn auch meine Ansichten über Vieles weltmännischer +und klüger sind, wenn ich mit meinen Ansichten +nur verletze? Dann sind es schlechte Ansichten, +wenn sie verletzen. Eines Landes Sitten und Anschauungen +sind etwas, das man heilig halten muß, wenn +man nicht eines Tages ein Fremdling darin werden will, +wie es mit mir geschehen ist. Nun, ich reise ja sehr +bald wieder weg, zu meinen Kranken.«</p> + +<p>Er lächelte und fragte Simon: »Was sind Sie?«</p> + +<p>»Ich bin in meinem eigenen Lande ein sonderbarer +Geselle,« antwortete Simon, »ich bin eigentlich Schreiber, +und Sie können sich leicht denken, was ich da für eine +Rolle in meinem Vaterlande spiele, wo der Schreiber +so ziemlich der letzte Mensch ist, den es in der Rangordnung +der Klassen gibt. Andere junge Handelsbeflissene +reisen, um sich auszubilden, in das ferne Ausland, und +kommen dann mit einem ganzen Sack voller Kenntnisse +wieder heim, wo ihnen ehrenvolle Stellen offen gehalten +werden. Ich nun, müssen Sie wissen, bleibe immer im +Lande. Es ist gerade so, als fürchte ich, daß in anderen +Ländern keine oder nur eine minderwertige Sonne scheine. +Ich bin wie festgebunden und sehe immer Neues im +Alten, deshalb vielleicht gehe ich so ungern fort. Ich +verkomme hier, ich sehe es wohl, und trotzdem, ich muß, +so scheint es, unter dem Himmel meiner Heimat atmen, +um überhaupt leben zu können. Ich genieße natürlich +wenig Achtung, man hält mich für liederlich, aber das +macht mir so nichts, so gar nichts aus. Ich bleibe +und werde wohl bleiben. Es ist so süß, zu bleiben. +Geht denn die Natur etwa ins Ausland? Wandern +Bäume, um sich anderswo grünere Blätter anzuschaffen +und dann heimzukommen und sich prahlend zu zeigen? +<a class="pagenum" name="Page_243" title="243"> </a> +Die Flüsse und die Wolken gehen, aber das ist ein anderes, +tieferes Davongehen, das kommt nie mehr wieder. +Es ist auch kein Gehen sondern nur ein fliegendes und +fließendes Ruhen. Ein solches Gehen, das ist schön, +meine ich! Ich blicke immer die Bäume an, und sage +mir, die gehen ja auch nicht, warum sollte ich nicht +bleiben dürfen? Wenn ich im Winter in einer Stadt +bin, so reizt es mich, sie auch im Frühling zu sehen, +einen Baum im Winter, ihn auch im Frühling prangen +und seine ersten, entzückenden Blätter ausbreiten zu sehen. +Nach dem Frühling kommt immer der Sommer, unerklärlich +schön und leise, wie eine glühende, große, grüne +Welle aus dem Abgrund der Welt herauf, und den +Sommer will ich doch hier genießen, verstehen Sie mich, +mein Herr, hier, wo ich den Frühling habe blühen sehen. +Da ist zum Beispiel dieses kleine Wiesen- oder Rasenbord. +Wie süß ist das im Vorfrühling anzusehen, wenn +der Schnee eben unter der Sonne darauf zerronnen ist. +Aber um diesen Baum und um dieses Bord und um +diese Welt handelt es sich: ich glaube, ich würde an anderen +Orten den Sommer nicht bemerken. Die Sache +ist die: ich habe eine recht verteufelte Lust, hier am Fleck +zu bleiben und eine ganze Menge unlustiger Gründe, die +mir das Reisen ins Ausland verbieten. Zum Beispiel: +hätte ich etwa Reisegeld? Sie werden wissen, man braucht +Geld, um mit der Eisenbahn oder mit dem Schiff zu +fahren. Ich habe noch Geld für etwa zwanzig Mahlzeiten; +aber ich habe kein Reisegeld. Und ich bin froh, +daß ich keines habe. Mögen andere reisen und klüger +heimkommen. Ich bin klug genug, eines Tages hier im +Lande mit Anstand zu sterben.«</p> + +<p>Nach einem kurzen Stillschweigen, während dessen +der Krankenwärter ihn unverwandt anblickte, fuhr er +fort:</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_244" title="244"> </a>»Und dann habe ich auch gar kein Verlangen darnach, +Karriere zu machen. Was andern das meiste ist, +ist mir das mindeste. Ich kann das Karrieremachen in +Gottes Namen nicht achten. Ich mag leben, aber ich +mag nicht in eine Laufbahn hineinlaufen, was so etwas +Großartiges sein soll. Was ist Großartiges dabei: frühzeitig +krumme Rücken vom Stehen an zu kleinen Pulten, +faltige Hände, blasse Gesichter, zerschundene Werktagshosen, +zittrige Beine, dicke Bäuche, verdorbene Mägen, +kahle Platten auf den Schädeln, grimmige, anschnauzige, +lederne, verblaßte, glutlose Augen, abgemergelte Stirnen +und das Bewußtsein, ein pflichtgetreuer Narr gewesen +zu sein. Ich danke! Ich bleibe lieber arm aber gesund, +verzichte auf eine Staatswohnung, zugunsten eines +billigen Zimmers, wenn es auch auf die dunkelste Gasse +hinausgeht, lebe lieber in Geldverlegenheiten als in der +Verlegenheit, wo ich sommers hinreisen soll, um meine +verdorbene Gesundheit aufzuputzen, bin allerdings nur +von einem einzigen Menschen geachtet, nämlich von mir +selber, aber das ist einer, an dessen Achtung mir am +meisten liegt, bin frei und kann jedesmal, wenn es die +Notwendigkeit verlangt, meine Freiheit für einige Zeitlang +verkaufen, um nachher wieder frei zu sein. Es lohnt +sich, um der Freiheit willen arm zu bleiben. Ich habe +zu essen; denn ich besitze das Talent, mit ganz Wenigem +satt zu werden. Ich werde rasend, wenn man mir mit +dem Wort und mit der Zumutung kommt, die in dem +Worte »Lebensstellung« liegt. Ich will Mensch bleiben. +Mit einem Wort: ich liebe das Gefährliche, das Abgründige, +Schwebende und das Nicht-Kontrollierbare!«</p> + +<p>»Sie gefallen mir,« sagte der Krankenwärter.</p> + +<p>»Ich wollte durchaus nicht Ihr Gefallen erwecken, +aber es freut mich trotzdem, wenn ich Ihnen gefalle, da +ich einigermaßen von der Leber wegrede. Übrigens hätte +<a class="pagenum" name="Page_245" title="245"> </a> +ich nicht nötig gehabt, heftig auf andere zu werden. +Das ist immer dumm, und man hat kein Recht, Verhältnisse +zu beschimpfen, weil sie einem nicht behagen. +Man kann ja fortgehen, ich kann ja fortgehen! Aber +nein, es behagt mir eben. Meine Lage gefällt mir. Die +Menschen gefallen mir, so wie sie sind. Ich meinesteils +suche auch mit allen Mitteln meinen Mitmenschen zu +gefallen. Ich bin fleißig und arbeitsam, wenn ich einen +Auftrag zu erfüllen habe, aber meine Lust an der Welt +opfere ich niemandem zu Gefallen, höchstens würde ich +sie dem heiligen Vaterlande hinopfern, wozu bis jetzt die +Gelegenheit noch immer ausgeblieben ist und wohl auch +ausbleiben wird. Mögen sie immerzu Karriere machen, +ich begreife sie, sie wollen bequem leben, sie wollen sorgen, +daß ihre Kinder auch etwas haben, sie sind vorsehende +Väter, deren Tun nur achtenswert ist, mich +mögen sie eben auch machen lassen, sie mögen mich auf +meine Weise dem Leben seinen Reiz abzureißen versuchen +lassen, das versuchen alle, alle, nur nicht alle auf die +gleiche Art. Es ist ja so wundervoll, reif genug zu sein, +um alle machen zu lassen in ihrer Art, so wie es jeder +versteht. Nein, wenn einer dreißig Jahre lang sein Amt +treu verwaltet hat, ist er am Ende seiner Lebensbahn +durchaus kein Narr gewesen, wie ich vorhin in der Heftigkeit +sagte, sondern ein Ehrenmann, der verdient, daß +man ihm Kränze aufs Grab legt. Sehen Sie, ich will +keine Kränze auf mein Grab bekommen, das ist der +ganze Unterschied. Mein Ende ist mir gleichgültig. Sie +sagen mir immer, jene andern, ich werde meinen Übermut +noch schwer büßen müssen. Nun wohl, dann büße +ich und erfahre dann doch, was büßen heißt. Ich erfahre +gern alles und deshalb fürchte ich nicht so viel, +wie die, die um eine glatte Zukunft besorgt sind. Ich +habe immer Angst, es möchte mir eine einzige Lebenserfahrung +<a class="pagenum" name="Page_246" title="246"> </a> +entgehen. Darauf bin ich ehrgeizig wie zehn +Napoleone. Doch jetzt bin ich hungrig, ich möchte essen +gehen, kommen Sie mit? Es würde mich freuen.«</p> + +<p>Und sie gingen zusammen.</p> + +<p>Nach dem etwas wilden Gerede war Simon plötzlich +weich und sanft geworden. Er sah mit entzückten +Augen die schöne Welt an, die runden, üppigen Kronen +der hohen Bäume und die Straßen, wo die Menschen +gingen. »Die lieben, geheimnisvollen Menschen!« dachte +er bei sich und gestattete es, daß sein neuer Freund ihm +die Schulter mit der Hand berührte. Er sah es gerne, +daß der andere so vertraulich wurde, es paßte, es verband +und löste auf. Er sah alles mit lachenden, glücklichen +Augen an, wobei er wieder dachte: »Wie sind +doch Augen schön!« Ein Kind hatte zu ihm den Blick +erhoben. Mit so einem Kameraden zu gehen, wie der +Krankenwärter war, erschien ihm als etwas ganz Neues, +noch nie Erlebtes, als etwas jedenfalls Angenehmes. +Auf dem Wege kaufte derselbe bei einem Gemüsehändler +ein Gericht frischer Bohnen und in einer Metzgerei Speck +und lud Simon zu sich zum Mittagessen ein. Gerne +wurde das Angebot angenommen.</p> + +<p>»Ich koche immer selbst,« sagte der Krankenwärter, +als sie beide in dessen Wohnung anlangten, »ich habe +mir das angewöhnt. Es macht Spaß, glauben Sie es +mir nur. Passen Sie auf, wie vortrefflich Ihnen die +Bohnen mit dem schönen Speck schmecken werden. Ich +stricke mir zum Beispiel auch selber meine Strümpfe und +wasche meine Wäsche selber. So erspart man viel Geld. +Ich habe das alles gelernt, und warum sollten sich solche +Arbeiten nicht auch ausnahmsweise einmal für einen +Mann schicken, wenn er ausgesprochenen Sinn dafür +hat. Ich sehe nicht ein, was in einer solchen Beschäftigung +Beschämendes liegen sollte. Ich fertige mir auch +<a class="pagenum" name="Page_247" title="247"> </a> +selber Hausschuhe, wie diese hier sind, an. Einige Aufmerksamkeit +erfordert schon solch eine Arbeit. Pulswärmer +für den Winter zu stricken oder Westen zu machen, bietet +mir keine besonderen Schwierigkeiten. Wenn man immer +so allein ist, und auf Reisen, wie ich, kommt man +auf wunderliche Sachen. Machen Sie es sich, oder, +mach es dir bequem, Simon! Sollte ich mir nicht +gestatten dürfen, dir das »Du« anzutragen?« –</p> + +<p>»Warum nicht? Gern!« Und Simon errötete auf +ihm ganz unbegreifliche Weise.</p> + +<p>»Ich habe dich sehr lieb vom ersten Augenblick an +gewonnen,« sprach der Wärter, der sich Heinrich nannte, +weiter, »man braucht dich nur anzusehen, um überzeugt +zu sein, daß du ein lieber Kerl bist. Ich hätte Lust, dich +zu küssen, Simon.« –</p> + +<p>Simon wurde es schwül in dem Zimmer. Er stand +vom Stuhle auf. Er ahnte, was es für einer sei, der +ihn so merkwürdig zärtlich ansah. Aber was schadete +das. »Ich will es gehen lassen,« dachte er. »Ich mag +dem Heinrich, der sonst nett ist, deswegen nicht grob +kommen!« Und er gab seinen Mund her und ließ sich +darauf küssen.</p> + +<p>Was war es denn weiter!</p> + +<p>Übrigens fand er es hübsch und dem Zustand von +Weichheit, in dem er sich befand, angemessen, sich so +zärtlich behandeln zu lassen. Wenn es auch diesmal +nur ein Mann war! Er fühlte deutlich, daß dessen +seltsame Neigung zu ihm der schonenden und vorläufig +dahin gehen lassenden Rücksicht bedurfte, und er hätte +es nie vermocht, die Hoffnungen des Mannes zu zerstören, +wenn es nun einmal auch unwürdige Hoffnungen waren. +Mußte er denn deswegen empört tun? »Keine Rede,« +dachte sich Simon, »ich lasse ihn einstweilen gewähren, +es paßt zu allem, was jetzt um mich herum vorgeht!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_248" title="248"> </a>Den Abend verbrachten beide mit einer Wanderung +von Kneipe zu Kneipe; denn der Wärter war ein ziemlich +leidenschaftlicher Trinker, weil er mit seiner freien +Zeit nicht viel anderes anzufangen wußte. Simon fand +es für passend, in jeder Beziehung mitzumachen. Er +lernte dort in den kleinen, dumpfigen Wirtschaften Menschen +kennen, die mit unglaublicher Ausdauer Karten spielten. +Das Kartenspiel schien solchen eine ganz eigene +Welt zu sein, in der sie sich nicht gern stören ließen. +Andere saßen den ganzen Abend da und klemmten einen +spitzen, langen Zigarrenstengel zwischen den Zähnen herum, +ohne sich weiter bemerkbar zu machen, als etwa dadurch, +daß sie den Zigarrenrest, wenn er zu kurz geworden war, +um zwischen den Lippen noch weiter gepreßt zu werden, +an die Spitze ihres Sackmessers steckten, um ihn bis zu +der kleinsten Kürze herunterrauchen zu können. Eine +abgemagerte, wüste Klavierspielerin erzählte ihm, daß ihre +Schwester eine schlechte Schwester aber eine berühmte +Konzertsängerin sei, mit der sie längst aufgehört habe, +familiär zu verkehren. Simon fand es begreiflich, aber +er benahm sich zart und sagte ihr nicht, daß er es begreiflich +fände. Er hielt die Person mehr für unglücklich +als verdorben, und das Unglück ehrte er immer, während +er die Verdorbenheit für die Folge des Unglückes hielt, +das wenigstens Anstand erforderte. Er sah dicke, kleine, +furchtbar lebhafte Wirtinnen, die sich den Gästen unter +allerhand Zutraulichkeiten nahten, während ihre Männer +auf Sofas und in Lehnstühlen schliefen. Oft wurde ein gutes, +altes Volkslied gesungen, von einem, der im Singen solcher +alter Lieder, was die Tonart und den Wechsel der Stimme +betraf, Meister war. Diese Lieder klangen schön und +wehmütig, man spürte unwillkürlich, wie manche rauhe +und helle Kehle sie schon, einstmals und viel früher, gesungen +haben <ins title="muße">mußte</ins>. Einer riß beständig Witze, es war +<a class="pagenum" name="Page_249" title="249"> </a> +ein kleiner, junger Mensch in einem alten, großen, breiten, +hohen, tiefen Hut, den er irgendwo beim Trödler +erstanden haben mußte. Sein Mund war schmierig und +seine Witze nicht minder, aber sie zwangen zum Lachen, +ob man wollte oder nicht. Einer sagte ihm: »Ich bewundere +Ihren Witz, Sie!« Aber der Witzige lehnte die +dumme Bewunderung mit gut gespielter Verwunderung +ab, und das war ein wirklicher Witz, der jeden Gebildeten +hätte freuen können. Der Wärter erzählte allen Menschen, +die neben ihn zu sitzen kamen, er sei im Grunde +genommen zu schlecht und wieder, wenn er es recht bedenke, +zu gut für seine Heimat. Simon dachte: »Wie +dumm!« Aber von Neapel stattete der Krankenpfleger +weit hübscheren Bericht ab, so sagte er zum Beispiel, +daß dort in den Museen wundervolle Überreste von +antiken Menschen zu sehen seien, und man könne daran +sehen, daß die früheren Menschen uns an Größe, Breite +und Dicke weit übertroffen hätten. Arme hätten diese +Menschen gehabt wie wir Beine etwa! Das müsse ein +Geschlecht von Weibern und Männern gewesen sein, das! +Was wir dagegen seien? Einfach eine heruntergekommene, +verkrüppelte, verkümmerte, zugespitzte, in die Länge und +Dünne gesprungene und zerrissene und zerfetzte und abgemagerte +Generation. Auch den Golf von Neapel wußte +er in anmutigen Worten zu schildern. Viele hörten ihm +aufmerksam zu, aber viele schliefen und weil sie schliefen, +konnten sie nichts hören.</p> + +<p>Simon kam sehr spät nach Hause, fand die Haustüre +verschlossen, hatte aber keinen Schlüssel bei sich und +klingelte an der Hausglocke ziemlich unverschämt; denn +er war in einem Zustand, in welchem man stets rücksichtslos +zu sein pflegt. Ein Fenster öffnete sich sogleich +auf den heftigen Schall, den die Glocke verursachte, und +eine weiße Gestalt, ohne Zweifel die Frau in ihrer Nachtjacke, +<a class="pagenum" name="Page_250" title="250"> </a> +warf den in dickes Papier gewickelten Schlüssel +hinunter.</p> + +<p>Am nächsten Morgen lächelte sie ihm, statt erzürnt +über ihn zu sein, in der freundlichsten Weise »Guten +Morgen« entgegen, und erwähnte mit keinem Wort die +Störung in der Nacht. Simon fand es deshalb auch +nicht am Platz, ein Wort darüber zu sagen und entschuldigte +sich, halb aus Zartheit und halb aus Bequemlichkeit, +nicht.</p> + +<p>Er ging weg und suchte den Wärter auf. Der +Montagmorgen war wiederum prachtvoll. Die Menschen +waren alle an ihrer Arbeit, die Gassen waren +infolgedessen leer und hell, er trat in das Zimmer, wo +der Wärter noch schläfrig im Bette lag. Simon bemerkte +an den Wänden des Zimmers heute, was er gestern +nicht beobachtet hatte, eine Menge ziemlich süßlicher, +christlicher Wanddekorationen: Engelchen mit rötlichen +Köpfchen aus Papier geschnitten und Tafeln mit Sprüchen, +die in geheimnisvolle, trockene Blumen gerahmt waren. +Er las sämtliche Sprüche, es waren tiefe darunter, die +zum Nachdenken reizten, Sprüche, die vielleicht älter waren +als acht alte Menschen miteinander, aber auch glättliche, +neue Sprüche, die sich so lasen, als ob sie zu Tausenden +in einer Fabrik fabriziert worden wären. Er dachte: »Wie +seltsam ist das! Überall, in vielen einzelnen Zimmern +und Zimmerchen, wohin man auch kommen mag, und +was man auch gerade verüben mag, sieht man solche +Stücke alter Religionen an Wänden hängen, die teils viel +sagen, und teils wieder weniger, teils auch gar nichts +mehr. Was glaubt der Wärter? Sicher nichts! Vielleicht +ist die Religion bei vielen, heutigen Menschen nur +noch so halbe, oberflächliche und unbewußte Geschmackssache, +eine Art Interesse und Gewohnheit, wenigstens +bei den Männern. Vielleicht hat eine Schwester des +<a class="pagenum" name="Page_251" title="251"> </a> +Wärters dieses Zimmer auf diese Weise ausgeschmückt. +Ich glaube es; denn die Mädchen haben innigeren Grund +zur Frömmigkeit und zum religiösen Nachsinnen als die +Männer, deren Leben immer mit der Religion gestritten +hat, von jeher, wenn es nicht gerade Mönche waren. +Aber ein protestantischer Pfarrer in schneeweißen Haaren, +mit mildem, geduldigem Lächeln und edlem Gang, wenn +er durch einsame Waldlichtungen schreitet, ist und bleibt +etwas Schönes. In der Stadt ist die Religion weniger +schön als auf dem Land, wo Bauern leben, deren Lebensart +schon an und für sich etwas Tiefreligiöses hat. In +der Stadt gleicht die Religion einer Maschine, was etwas +Unschönes ist, auf dem Lande dagegen empfindet man +den Gottesglauben als dasselbe wie ein blühendes Kornfeld, +oder wie eine ausgedehnte, üppige Wiese, oder wie +das entzückende Anschwellen leicht gebogener Hügel, auf +deren Höhe ein verstecktes Haus steht, mit stillen Menschen, +denen das Nachsinnen wie ein Freund ist. Ich +weiß nicht, mir kommt vor, als ob in der Stadt der +Pfarrer zu dicht neben dem Börsenspekulanten und dem +glaubenslosen Künstler wohne. Es mangelt in der Stadt +dem Gottesglauben an der gehörigen Entfernung. Die +Religion hat hier zu wenig Himmel und zu wenig Geruch +von Erde. Ich kann es nicht so gut sagen, und +was kümmert es mich überhaupt. Religion ist nach meiner +Erfahrung Liebe zum Leben, inniges Hangen an der Erde, +Freude am Moment, Vertrauen in die Schönheit, Glauben +an die Menschen, Sorglosigkeit beim Gelage mit Freunden, +Lust zum Sinnen und das Gefühl der Verantwortungslosigkeit +in Unglücksfällen, Lächeln beim Tode und Mut +in jeder Art Unternehmungen, die das Leben bietet. Zuletzt +ist tiefer, menschlicher Anstand unsere Religion geworden. +Wenn die Menschen voreinander den Anstand +bewahren, bewahren sie ihn auch vor Gott. Was will +<a class="pagenum" name="Page_252" title="252"> </a> +Gott mehr wollen? Das Herz und die feinere Empfindung +können zusammen einen Anstand hervorbringen, +der Gott wohlgefälliger sein dürfte, als finsterer, fanatischer +Glaube, der den Himmlischen selbst beirren muß, +so daß er am Ende noch wünschen wird, keine Gebete +mehr zu seinen Wolken hinaufdonnern zu hören. Was +kann ihm unser Gebet sein, wenn es derart anmaßlich +und plump zu ihm hinaufdringt, als ob er schwerhörig +wäre? Muß man ihn sich nicht mit den allerfeinsten +Ohren vorstellen, wenn man ihn überhaupt denken kann? +Ob ihm die Predigten und die Orgeltöne recht angenehm +sind, ihm, dem Unaussprechlichen? Nun, er wird eben +lächeln zu unsern immer noch so finsteren Bemühungen +und er wird hoffen, daß es uns eines Tages einfällt, +ihn ein wenig mehr in Ruhe zu lassen.«</p> + +<p>»Sie sind ja so nachdenklich, Simon,« sagte der +Wärter.</p> + +<p>»Gehen wir?« fragte Simon.</p> + +<p>Der Krankenwärter war fertig geworden, und beide +gingen zusammen die steilen Wege den Berg hinauf. +Die Sonne schien glühend heiß. Sie traten in einen +kleinen, üppig verwachsenen Biergarten hinein und ließen +sich einen Frühschoppen reichen. Als sie indessen +gehen wollten, ermunterte sie die Wirtin, eine hübsche +Frau, zum Dableiben, und sie blieben, bis es Abend wurde. +»So vertrinkt man, ehe man es denkt, den hellen Sommertag,« +dachte Simon mit einem Gefühl, das mit taumelnder +Lust und mit einem sanften, schönen, melodiösen +Weh gemischt war. Die Farben des Abends im Grün +machten ihn trunken. Sein Freund schaute ihm tief +und verlangend in die Augen und schlang den Arm +um seinen Hals. »Eigentlich ist das häßlich,« dachte +Simon. Auf dem Wege wurden alle Weiber und Mädchen +in der auffallendsten Weise von den beiden angesprochen. +<a class="pagenum" name="Page_253" title="253"> </a> +Die Arbeiter kamen von der Arbeit heim, +Menschen, die noch rüstig gingen, die Schultern seltsam +wiegten, als atmeten sie jetzt befreit auf. Simon entdeckte +prachtvolle Gestalten unter ihnen. Als sie in den +heißen, aber schon dunkel gefärbten Wald kamen, der den +Berg krönte, sank unten in der fernen Welt die Sonne +unter. Sie lagerten sich in grüne Blätter und Gesträuch +hinein und schwiegen und atmeten nur so. Dann kam, +was Simon jetzt erwartete, die Annäherung seines Kameraden, +die ihn aber durchaus erkältete.</p> + +<p>»Es hat keinen Sinn,« sagte er, »hören Sie auf +oder so: höre doch auf.«</p> + +<p>Der Wärter ließ sich beschwichtigen, aber er war +unmutig geworden, Leute kamen vorbei, sie mußten aufstehen +und den Platz verlassen. Simon dachte: »Warum +verbringe ich den Tag mit einem solchen Menschen?« +Aber er gestand sich gleich darauf, daß er eine gewisse +Freude an ihm habe, trotz seiner seltsamen, unschönen +Neigungen. »Ein anderer würde den Wärter verachten,« +dachte er weiter, indem sie den Rückweg einschlugen, +»aber ich bin so einer, der einen jeden Menschen in seiner +Art und Unart interessant und liebenswert findet. +Ich komme nicht bis zur Menschenverachtung, oder ich +verachte eigentlich nur die Feigheit und Leblosigkeit, aber +ich finde an der Verdorbenheit sehr leicht etwas Interessantes. +Und in der Tat, sie klärt über vieles auf, läßt +tiefer in die Welt blicken und macht einen erfahrener +und macht milder und treffender urteilen. Man muß +mit allem bekannt werden, und man lernt es nur kennen, +wenn man es tapfer berührt. Irgend jemandem ausweichen, +aus Furcht, das würde ich meiner für unwürdig +halten. Überdies: einen Freund haben, ist unschätzbar! +Was schadet es, wenn es ein etwas merkwürdiger Freund +ist.« –</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_254" title="254"> </a>Simon fragte:</p> + +<p>»Bist du mir böse, Heinrich?«</p> + +<p>Der aber sprach nichts mehr. Sein Gesicht hatte +einen finsteren Ausdruck angenommen. Wieder langten +sie an dem Biergarten an, der jetzt in seinen zierlichen +Umrissen dunkel war. Farbige, schimmernde Lampions +erleuchteten das dunkle Grün an einigen Stellen, Geräusch +und Gelächter drang heraus, und die beiden, angelockt +von dem lustigen, feurigen Leben, gingen wieder +hinein, wo sie von der Wirtin freundschaftlich begrüßt +wurden.</p> + +<p>Der rote, dunkle Wein funkelte in den hellen Gläsern, +die Lichtschimmer vermengten sich mit den erhitzten Gesichtern, +die Blätter von dem Gebüsch berührten die +Kleider der Frauen, es schien so selbstverständlich, daß +man die heiße Sommernacht in einem lispelnden Garten +mit Trinken, Singen und Lachen verbrachte. Aus +dem tief gelegenen Bahnhof drang das Gelärm der +Eisenbahnen herauf an die Ohren der Schwärmenden. +Ein reicher, langer, rotbäckiger Weinhändlerssohn machte +sich mit Simon in einem kühnen, philosophierenden Gespräch +zu schaffen. Der Wärter widersprach in allem, +weil er unmutig und ärgerlich war. Die Kellnerin, ein +schlankes, brünettes Mädchen, setzte sich zu Simon und +ließ es sich gefallen, daß er sie eng an sich heranzog, +um sie zu küssen. Sie ertrug den Kuß gern, mit stolzen, +geschwungenen Lippen, die wie dazu geschaffen schienen, +Wein zu schlürfen, zu lachen und zu küssen. Der +Wärter wurde noch böser und wollte aufbrechen, woran +man ihn aber verhindern konnte. Da sang einer, +ein junger, braungefärbter, dunkler Bursche mit grünem +Jägerhut ein Lied, während sein Mädchen, das sich, an +seine Brust angeschmiegt, eng an ihn lehnte, in leisen, +glücklichen Tönen mitsang. Das klang so berauschend, +<a class="pagenum" name="Page_255" title="255"> </a> +dunkel und südlich. Simon dachte: »Lieder sind doch +immer wehmütig, wenigstens die schönen. Sie mahnen +ans Aufbrechen!« Aber er blieb noch lange in dem +nächtlichen Garten.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_256" title="256"> </a>Sechzehntes Kapitel.</h2> + +<p>Noch die ganze Woche lang verkehrte Simon in +dieser müßiggängerischen Weise mit dem Krankenwärter, +mit dem er sich bald stritt und dann wieder versöhnte. +Er spielte Karten, wie einer, der es schon jahrelang trieb +und rollte die Billardkugeln, mitten am heißen Tag, +während alles, was Hände hatte, arbeitete. Er sah die +sonnenbeschienenen Straßen und die Gassen im Regenwetter, +aber durch ein Fenster und mit einem Glas Bier +in der Hand, führte lange, nutzlose, wilde Reden nachts, +mittags und abends mit allerhand unbekannten Menschen, +bis er sah, daß er nichts mehr zum Leben besaß. Und +eines Morgens ging er nicht mehr zu Heinrich, sondern +trat in eine Stube hinein, wo verschiedene junge +und alte Männer an Pulten saßen und schrieben. Es +war die Schreibstube für Stellenlose, wo diejenigen hinkamen, +die durch irgend einen Umstand in die Lage geraten +waren, wo es ein Ding der Undenkbarkeit geworden +ist, noch in einem Geschäfte Anstellung zu erhalten. +Diese Sorte von Menschen schrieb dort im kargen Tagelohn +mit hastigen Fingern, unter der strengen Aufsicht +eines Aufsehers oder Sekretärs, Adressen, meist geschäftliche +Adressen zu Tausenden, die von großen Firmen in +dieser Schreibstube bestellt wurden. Schriftsteller gaben +dort ihre hingesudelten Manuskripte und Studentinnen +<a class="pagenum" name="Page_257" title="257"> </a> +ihre beinahe unleserlichen Doktorarbeiten ab, um sie entweder +mit der Schreibmaschine abtypen, oder mit der +geläufigen, sauberen Feder abschreiben zu lassen. Des +Schreibens unkundige Leute, die irgend etwas zu schreiben +hatten, brachten ihre Schreibereien dorthin, wo sie in +Kürze befriedigt wurden. Büffetdamen, Kellnerinnen, +Plätterinnen und Kammerzofen ließen sich ihre Zeugnisse +dort ins Reine schreiben, um sie präsentieren zu können. +Wohltätigkeitsvereine gaben tausende von Jahresberichten +ab, die adressiert und in die umliegende Welt versandt +werden mußten. Der Naturheilverein ließ dort die Einladungen +zu volkstümlichen Vorträgen ins Mehrfache +schreiben, und Professoren hatten Arbeit genug für die +Schreiber, die wiederum froh waren, wenn sie Arbeit +hatten. Das ganze Schreibergeschäft wurde von der Gemeinde +mit jährlichen Beiträgen unterstützt und von einem +Verwalter geleitet, einem ehemals ebenfalls Stellenlosen, +für den man diese Stelle schuf, um dem Mann in seinen +alten Tagen eine passende Beschäftigung zu geben. Er +stammte gewissermaßen aus einer alten, patrizischen Familie, +hatte reiche Verwandte im Stadtrat, die nicht gern +mitansehen mochten, wie eines ihrer Familienglieder auf +schmachvolle Weise verdarb. So ward der Mann der +König und Beschützer aller Vagabunden, verlorenen +Menschen und traurigen Existenzen, und er versah dieses +Amt mit lässiger Würde, als ob er niemals in seinem +wilden Leben, das ihn auch eine Zeitlang in Amerika +herumschweifen ließ, die Bitternisse der Not geschmeckt +hätte.</p> + +<p>Simon machte eine Verbeugung vor dem Verwalter +der Schreibstube.</p> + +<p>»Was wollen Sie?«</p> + +<p>»Arbeit!«</p> + +<p>»Heute ist nichts los. Kommen Sie morgen früh +<a class="pagenum" name="Page_258" title="258"> </a> +wieder, da wird sich vielleicht etwas für Sie Passendes +finden. Schreiben Sie vorläufig heute Ihren Namen, +Wohnort, Heimatort, Beruf und Ihr Alter sowie Ihre +Adresse auf dieses Blatt Papier, und kommen Sie morgen +pünktlich um acht Uhr, sonst wird keine Arbeit mehr da +sein,« sagte der Verwalter.</p> + +<p>Er pflegte immer zu lächeln und zu näseln, wenn +er sprach. Gegenüber Stellenlosen nahm er außerdem +immer einen sanftmütig-höhnischen Ton an, ganz ohne +jegliche Absicht, es kam einfach so und nicht anders aus +des Mannes Mund heraus. Sein Gesicht war eingefallen +und vermergelt, hatte die Farbe des kalten, weißen +Kalkes und endete in einem zerzausten grauen Spitzbart, +als ob der Bart der herunterhängende und spitzige Gesichtsfetzen +gewesen wäre. Seine Augen lagen in tiefen +Höhlen und des Mannes Hände zeugten von Krankheit +und leiblicher Verwüstung.</p> + +<p>Simon arbeitete schon am nächsten Tag, frühmorgens +um acht Uhr, in der Schreibstube, und nach ein +paar Tagen hatte er sich an die Gesellen, die dort arbeiteten, +gewöhnt. Es waren Menschen, die sich im +Leben einmal irgend eine Liederlichkeit zuschulden kommen +ließen und den Boden dann unter ihren schwankenden +Füßen verloren hatten. Es waren Menschen da, die um +eines begangenen, schweren Vergehens willen früher einmal +im Gefängnis gesessen hatten. Von einem alten, sehr +gut aussehenden Manne wußte man, daß er jahrelang +im Zuchthaus gesessen hatte, eines schweren sittlichen Verbrechens +wegen, das er an seiner eigenen, leiblichen Tochter +verübte, die ihn dem Richter verklagte. Er verzog, +so lange Simon ihn sah, nie eine Miene seines stillen, +sonderbaren Gesichtes, als ob das Schweigen und Horchen +dort in dem Gesicht einheimisch und zur Notwendigkeit +geworden wäre. Er arbeitete ruhig, friedlich und langsam, +<a class="pagenum" name="Page_259" title="259"> </a> +sah gut aus, blickte einen ruhig an, wenn man ihn anschaute, +und schien sich einer quälenden Erinnerung nicht +im leisesten bewußt zu sein. Sein Herz schien so still +zu schlagen, wie seine alte Hand arbeitete. Nichts von +Verzerrung eines einzigen Zuges war in seinem Gesicht +zu bemerken. Alles schien er gebüßt, alles abgewaschen +zu haben, was ihn je verunzierte und beschmutzt hatte. +Seine Kleider waren ordentlicher als die des Verwalters, obschon +er arm sein mußte. Merkwürdig gepflegt waren seine +Zähne und seine Hände, seine Schuhe und seine Kleider. +Seine Seele schien ruhig und außerordentlich rein zu +sein. Simon dachte über ihn: »Warum nicht? Ist +denn eine Sünde nicht abzuwaschen und soll eine Strafe +das ganze Leben vernichten? Nein, diesem Manne sieht +man weder eine begangene Sünde noch eine erduldete +Strafe an. Er scheint beides völlig vergessen zu haben. +Es mußte Güte und Liebe in dem Mann stecken, und +viel, sehr viel Kraft. Aber immerhin: wie sonderbar!« –</p> + +<p>Unterschlagung, Diebstahl, Hochstapel und Landstreichertum +hatten in der Schreibstube ihre Vertreter. +Daneben gab es nur Unglückliche, Ungeschickte, die das +Leben übertölpelte, und Fremde aus dem Ausland, die +einfach brotlos dastanden, weil sie sich in ihren Hoffnungen +betrogen sahen. Notorische Faulenzer und ewig +Unzufriedene waren gewiß auch da. Jede Mischung von +Selbstschuld und Pech war vorhanden, nicht minder +die Frivolität, die sich ein Vergnügen daraus machte, so +heruntergekommen zu sein. Simon konnte hier den Mann +in seinen verschiedenen Charakteren kennen lernen, doch +dachte er selber nicht so sehr ans Beobachten, weil er +auch einer der anderen war, der eben auch ausfüllte und +in dem Leben und Treiben der Schreibstube, in deren +Sorgen, Mühen und kleinen Fragen und Vorkommnissen +<a class="pagenum" name="Page_260" title="260"> </a> +wie in einem Strom untersank. Als ein selber +in die Sache Versunkener dachte er nicht so sehr an die +Sache, als an das leibliche Bedürfnis, wie alle andern. +Alle verdienten hier mit Schreiben, was sie auch sogleich +wieder vertrinken und veressen mußten, wenn sie leben +wollten. Der Verdienst floß in die Kehlen hinunter, von +der Hand in den Mund. Simon kam dazu, sich außerdem +noch einen Strohhut und ein Paar billige Schuhe +zu kaufen. Aber wenn er an die Zimmermiete dachte, +so mußte er sich gestehn, daß er nicht imstande sein +würde, auch das Geld für diese noch flüssig zu machen. +Jeweilen abends, wenn er fertig geschrieben hatte, war +er müde und glücklich. Er ging dann, in Gesellschaft +eines seiner Schreibgesellen, mit hocherhobenem Kopf +durch die Straßen und lächelte mit Gedankenlosigkeit die +vorübergehenden Menschen an. Er brauchte sich gar +nicht einer schönen und stolzen Haltung zu befleißigen, +es kam von selber, die Brust dehnte sich und reckte sich +ihm wie ein gespannter Bogen, wenn er zur Schreibstubentür +hinaus an die Luft trat. Über seine Glieder +fühlte er sich auf einmal als geborner Herr und Meister +und er achtete auf seine Schritte mit Bewußtheit. Die +Hände hielt er jetzt nicht mehr in der Hosentasche, das +würde ihm würdelos vorgekommen sein. Überhaupt +schlenderte er sich nicht mehr, sondern spazierte mit gemessenem +Bewußtsein, als übe er erst jetzt, in seinem +einundzwanzigsten Lebensjahre, die Glieder an einem +schönen, festen Gange. Man sollte ihm keinerlei Armut +anmerken, aber man sollte spüren, daß er ein junger +Mann sei, der eben von der Arbeit herkomme und nun +sich einen Abendspaziergang gönne. An der emsigen, +beweglichen Straßenwelt hing sein Auge mit Entzücken. +Wenn eine Karosse mit einem Paar tanzender, zierlicher +Pferde vorbeikam, so musterte er mit scharfem Blick nur +<a class="pagenum" name="Page_261" title="261"> </a> +den Gang der trabenden Tiere und verschmähte es, den +Herrschaften im Wagen einen Blick zuzuwerfen, so, als +hätte er nur Interesse für die Pferde, weil er ein Kenner +sei. »Das ist angenehm,« dachte er, »und man muß +lernen, seine Blicke zu beherrschen und sie dahin zu führen, +wo es anständig und männlich ist, sie hinzulenken.« +Viele Damen streifte er mit Seitenblicken und mußte +innerlich lachen, zu bemerken, welchen Eindruck das machte. +Und er träumte dabei, wie immer! Nur daß er jetzt +auf die Zähne biß beim Träumen und sich keine träge, +müde Haltung mehr gestattete: »Wenn ich auch einer +der ärmsten Teufel bin, so fällt es mir doch nicht ein, +mir das merken zu lassen, im Gegenteil, die Geldverlegenheit +verpflichtet gewissermaßen zu einem stolzen +Benehmen. Wäre ich reich, so dürfte ich mir vielleicht +den Schlendrian noch erlauben. So aber nicht, weil +der Mensch auf ein Gleichgewicht bedacht sein muß. Ich +bin hundemüde: aber ich muß immer denken: andere +haben auch Ursache, müde zu sein. Man lebt nicht für +sich allein, sondern für alle. Man hat die Verpflichtung, +eine musterhafte, stramme Erscheinung zu sein, so lange +man beobachtet wird, so daß sich weniger Mutige ein +Beispiel daran nehmen können. Man soll den Eindruck +der sorglosen Festigkeit machen, wenn einem auch die +Kniee dabei zittern und der Magen einem in die Kehle +hinauf singt vor Leere. Solches kann einem heranwachsenden +Manne Vergnügen machen! Die Glocke +hat noch nicht zwölfe geschlagen, für keinen; denn jeder +hat jedesmal, wenn er arm daniederliegt, die Aussicht, +hoch zu kommen. Eine Ahnung sagt mir, daß eine +freie, stolze Haltung schon allein das Lebensglück an sich +zieht wie ein elektrischer Strom, und in der Tat, man +fühlt sich gehobener und reicher, wenn man anständig +einhergeht. Ist man in Begleitung eines andern schlecht +<a class="pagenum" name="Page_262" title="262"> </a> +gekleideten, armen Teufels, wie es hier der Fall ist, so +hat man umsomehr Veranlassung, kopfhoch zu gehen, indem +man damit gewissermaßen des anderen schlechte Frisur +und Haltung sanft und energisch entschuldigt, vor Menschen, +die darüber verwundert sind, zwei so ungleich sich +betragende Gesellen miteinander innig verbunden, auf +Du und Du, in der eleganten Straße spazieren zu sehen. +So etwas bringt Achtung ein, wenn auch nur flüchtige. +Reizend ist es ja, zu denken, daß man angenehm absticht +von einem Begleiter, der das Zeug noch nicht so +los hat oder nie los haben wird. Übrigens ist mein +Geselle ein älterer, unglücklicher Mann, ehemaliger Korbflechtereibesitzer, +heruntergekommen durch allerlei Mißgeschick +und jetzt Schreiber im Taglohn, wie ich, nur +daß ich nicht ganz wie ein Schreiber und Taglöhner +aussehe, sondern eher wie ein toller Engländer, während +mein Kamerad aussieht wie einer, der sich schmerzlich +zurücksehnt nach einstigen besseren Tagen. Sein Gang +und sein immerwährendes, liebes, rührendes Kopfnicken +erzählen sein Unglück mit ganz schamloser Sprache. Er +ist ein älterer Mann und will nicht mehr imponieren, +nur noch sich ein bißchen aufrecht halten. Mir imponiert +er; denn ich kenne seinen Schmerz und weiß, welche +drückende Last er mit sich trägt. Ich bin stolz darauf, +mit ihm so durch ein schönes Straßenviertel zu gehen +und drücke mich ganz unverschämt nahe an ihn an, um +meine ungenierte Vorliebe für seinen geringen Anzug +zu demonstrieren. Ich erhalte viele erstaunte Blicke, +manches wundervolle Auge sieht mich seltsam fragend +an, das muß mir Spaß machen, der und jener soll's +holen! Ich spreche laut und mit Nachdruck. Der Abend +ist so schön geeignet zum Sprechen. Ich habe gearbeitet +den Tag über. Etwas Herrliches ist es, den Tag über +gearbeitet zu haben und dann am Abend so schön müde +<a class="pagenum" name="Page_263" title="263"> </a> +und ausgesöhnt mit allem zu sein. So gar keine Sorgen, +kaum einen Gedanken zu haben. So leichtfertig spazieren +zu dürfen, mit dem Gefühl, keinem Menschen weh getan +zu haben. Sich umzusehen, ob man vielleicht jemandem +gefalle. Zu fühlen, daß man jetzt ein bißchen +liebenswerter und achtenswerter sei, als früher, da man +ein Tagedieb war, dessen Tage wie in einen Abgrund +dahinsanken und verrauchten wie Rauch vertrieben wird. +Viel zu fühlen, viel, an so einem geschenkten Abend! +Den Abend wie ein Geschenk zu empfinden, denn das ist +er denen, die den Tag für die Arbeit hergeben. So +schenkt man und wird beschenkt.« –</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Simon machte immer mehr die Beobachtung, daß +die Schreibstube eine kleine Welt für sich war, in der +großen. Neid und Streberei, Haß und Liebe, Übervorteilung +und Ehrlichkeit, heftiges und bescheidenes Wesen +machten sich hier im Kleinen, um ganz lumpiger Vorteile +willen, ebensogut und scharf bemerkbar, wie überall, +wo es dem Kampf um das tägliche Auskommen galt. +Jede Empfindung und jeder Drang konnte hier seine +Betätigung finden, wenn auch in geringfügigem Maßstab. +Glänzende Kenntnisse nützten allerdings in der +Schreibstube nicht viel. Ein Träger von solchen konnte +sie hier höchstens improvisatorisch zum besten geben, es +half ihm zum Ansehen, aber es half ihm nicht dazu, +sich dafür einen besseren Anzug anschaffen zu können. +Es gab etliche unter den Schreibstubenburschen, die drei +Sprachen perfekt sprachen und schrieben. Diese wurden +zum Übersetzen verwendet, aber sie verdienten damit nicht +mehr als die plumpen Adressenschreiber und die Abschreiber +von Manuskripten; denn die Schreibstube ließ keinen +einzigen hochkommen, sonst würde sie ja ihre Zwecke +und ihren ganzen Sinn verfehlt haben. Bestand sie doch +<a class="pagenum" name="Page_264" title="264"> </a> +immer nur, um Stellenlosen ein kümmerliches Leben zu +gestatten, und nicht deshalb, um hohe, unverschämte +Löhne auszubezahlen. Wenn einer überhaupt des Morgens +um acht Uhr nur Arbeit fand, so mußte er froh +sein. Oft kam es vor, daß der Verwalter zu einer Gruppe +von Wartenden die Worte sprach: »Tut mir sehr leid. +Heute leider nichts da. Kommen Sie um zehn Uhr +wieder. Möglich, daß dann Aufträge eingelaufen sind!« +und um zehn Uhr: »Es ist besser, Sie fragen morgen +früh wieder nach. Heute wird wohl kaum noch etwas +einlaufen!« Diese Abgewiesenen, unter denen sich auch +Simon mehr als einmal befand, gingen dann langsam, +Mann für Mann, trübselig die Treppe hinunter, wieder +auf die Straße, wo sie einstweilen, als ob sie sich erst +besinnen müßten, in einer runden, hübschen Gruppe +stehen blieben und sich dann, einer nach dem andern, +in alle Richtungen zerstreuten. Es war kein Vergnügen, +ohne Geld in den Straßen der Stadt zu bummeln, jeder +wußte das, und ein jeder dachte: »Wie wird das erst +im Winter werden?«</p> + +<p>Manchmal kamen ganz fein gekleidete Leute von +eleganten Manieren in die Schreibstube, um nach Arbeit +zu fragen. Denen pflegte der Verwalter zu sagen: »Wie +es mir den Anschein macht, passen Sie besser in das +Getriebe des Weltlebens als in die Schreibstube. Hier +muß einer den ganzen Tag still sitzen, den Rücken krümmen +und fleißig arbeiten, wenn er eine Kleinigkeit verdienen +will. Ich spreche so offen zu Ihnen, weil ich +die Empfindung habe, daß Ihnen das doch nicht passen +würde. Und dann machen Sie mir auch nicht den Eindruck +der trübseligen, notdürftigen Armut. Ich aber +bin verpflichtet, zu allererst die Armen zu beschäftigen, +das heißt solche, an denen man die Kleider womöglich +in Fetzen herunterhängen sieht als Beweis ihrer Verkommenheit. +<a class="pagenum" name="Page_265" title="265"> </a> +Sie dagegen sehen mir zu stattlich aus, +so daß es eine Sünde wäre, Ihnen hier Arbeit geben +zu wollen. Mischen Sie sich unter die feine Welt, rate +ich Ihnen. Es scheint, daß Sie die Düsterkeit der +Schreibstuben verkennen, wenn Sie mit so munterem +Gesicht hierherkommen, um nach Arbeit zu fragen, als +wollten Sie auf den Tanzboden gehen. Hier pflegt man +linkische, trotzige Verbeugungen zu machen, meistens +aber gar keine, Sie aber verbeugten sich vorhin vor mir +wie ein vollendeter Weltmann. Das geht nicht, ich kann +Sie nicht gebrauchen, ich habe weder eine Arbeit, die Ihnen +genügen könnte, noch eine Welt, in die Sie hineinpassen, +für Sie. Sie werden als Verkäufer oder als Hotelsekretär +jede Stunde Anstellung finden, wenn Sie es +nicht nur darauf abgesehen haben, in dieser Stadt nach +Abenteuern zu suchen, wie es mir beinahe den Anschein +hat. Hier erlebt ein junger Mann nur Entmutigung, +aber sonst weiter kein Abenteuer. Wer hierherkommt, +der weiß, warum er gekommen ist. Sie scheinen es +sicherlich nicht gewußt zu haben. Ihre ganze Erscheinung +ist beleidigend für meine Arbeiter, das müssen Sie zugeben, +wenn Sie nur einen Blick in die Stube werfen. +Sehen Sie mich an: ich habe auch die Welt gesehen, +kenne alle Großstädte der Welt, ich würde auch nicht hier +sitzen, wenn ich nicht müßte. Wer hierher kommt, hat +schon Unglück und mannigfaches Mißgeschick erlitten. +Hierher kommen die Taugenichtse, Bettler, Schelme +und Schiffbrüchigen: mit einem Wort, die Unglücklichen. +Nun frage ich Sie: sind Sie ein solcher? +Nein, und deshalb verlassen Sie jetzt, bitte, dieses +Lokal, das keine Luft enthält, die Sie imstande wären, +auf die Länge einzuatmen. Ich kenne die Figuren, +die hierher gehören! Und zur Genüge! Leben Sie +wohl!«</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_266" title="266"> </a>Und mit einer Handbewegung pflegte er solche für +die Schreibstube nicht passende Menschen lächelnd zu +entlassen. Der Verwalter besaß Schliff und Bildung, +und er zeigte beides gelegentlich gerne vor solchen hereingeschneiten +und hergewehten Besuchern, die mehr der +Neugierde, als der Not wegen hierherkamen.</p> + +<p>An der Schreibstube vorüber floß ein stiller, grüner, +tiefer und alter Kanal, ehemaliger Festungsgraben und +Bindemittel zwischen dem See und dem fließenden Fluß, +dem man das Seewasser auf solche Weise auf die Reise +in die fernen Meere mitgab. Es war überhaupt die +stillste Stadtgegend, die etwas Zurückgezogenes und Dörfliches +an sich hatte. Wenn nun die Abgewiesenen die +Treppe hinuntertrampelten, so setzten sie sich gerne noch +eine Weile auf das Geländer am Bord dieses Kanals, +was dann aussah, als wenn eine Reihe von großen, +seltsamen, ausländischen Vögeln darauf säße. Etwas +Philosophisches hatte das, und in der Tat, manch einer +schaute hinab in die grüne, tote Wasserwelt und grübelte +ebenso vergeblich über die Unerbittlichkeit des Schicksals +nach, wie ein Philosoph in seinem Studierzimmer zu +tun pflegt. Der Kanal hatte etwas, das zum Träumen +und Nachsinnen aufforderte, und dazu hatten die Stellenlosen +reichlich Gelegenheit.</p> + +<p>Die Schreibstube war zugleich ein Arbeitsmarkt für +Kaufleute. Es kam zum Beispiel ein Herr oder eine +Dame in die Stube, trat zu dem Verwalter ins Kabinett +und wünschte auf einen oder auf ein paar Tage einen +Mann, das heißt, eine Kraft zur Aushilfe ins Haus +hinein. Dann kam der Verwalter in die Türeinrahmung, +musterte seine Gesellen, und rief nach einiger Überlegung +einen Mann beim Namen: dieser hatte dann eine kleine, +acht-, ein-, zwei- oder <ins title="vierzehntätige">vierzehntägige</ins> Anstellung gefunden. +Das war immer ein neiderweckendes Ereignis, wenn einer +<a class="pagenum" name="Page_267" title="267"> </a> +beim Namen aufgerufen wurde, denn auswärts arbeitete +ein jeder gern, weil der Verdienst größer und die Arbeit +kurzweiliger war. Außerdem bekam solch ein Mann bei +gutherzigen Leuten vormittags und nachmittags einen +schönen Imbiß zum Frühstück und zur Vesper, was unter +keinen Umständen zu verachten war. Da bestand nun +immer ein Streben nach solchen Stellen und ein Liebäugeln +mit dem Aufgerufenwerden. Viele glaubten sich +stets ungerechterweise zurückgesetzt, und andere glaubten +wieder, dem Verwalter und seinem Unterbeamten recht +hofieren und schmeicheln zu sollen, um das Ersehnte zu +erlangen. Es war ungefähr dasselbe, wie wenn ein +Rudel abgerichteter Hunde nach einer an einem Bindfaden +immer wieder hochgezogenen Wurst springt, wo auch einer +immer glaubt, der andere hätte nicht das Recht, nach +der Wurst zu schnappen, ohne indessen Gründe dafür +angeben zu können. So knurrte auch hier einer +den andern um des erschnappten Vorteiles willen an, +ganz wie in der großen Handels-, Gelehrten-, Künstler- +und Diplomatenwelt, wo es auch nicht viel anders, +nur etwas geriebener, hochfahrender und kultivierter zugeht.</p> + +<p>Simon arbeitete auch einige Male auswärts, wie +es in der abgekürzten Schreibstubensprache hieß, aber er +hatte kein Glück damit. Das eine Mal wurde er von +seinem Prinzipal, einem pfiffigen und ziemlich brutalen +Liegenschafts- und Rechtsagenten, der sich beinahe als +der liebe Gott selber vorkam, zum Teufel gejagt, weil +er in einer Zeitung las, statt mit der Feder zu arbeiten, +und das andere Mal warf er selber seinem Chef, einem +Frucht- und Gemüsehändler <span class="antiqua" lang="fr" xml:lang="fr">en gros</span> die Feder vor die +Nase und sagte ihm nur die Worte: »Machen Sie's +selber!« Die Frau des Fruchthändlers wollte Simon +allerhand Vorschriften machen; da brach er einfach ab; +<a class="pagenum" name="Page_268" title="268"> </a> +denn, nach seinem Gefühl, wollte ihn das Weib nur verletzen +und demütigen, was er aber schließlich doch nicht +nötig hatte sich bieten zu lassen; so empfand er wenigstens.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_269" title="269"> </a>Siebzehntes Kapitel.</h2> + +<p>So vergingen einige Wochen in dem wundervollen +Sommer. Simon hatte den Sommer noch nie so sehr +als Wunder empfunden, wie dieses Jahr, wo er vielfach +auf der Straße arbeitsuchend lebte. Es kam nichts dabei +heraus, trotz den Bemühungen, aber es war wenigstens +schön. Wenn er abends durch die modernen, blätterzitternden, +schattenhaften, lichterzuckenden Straßen lief, +war er immer daran, Menschen ohne weiteres mit törichten +Worten anzusprechen, nur um zu erfahren, wie es +ihm dabei erginge. Aber die Menschen zeigten alle nur +ein verblüfftes Gesicht, weiter sagten sie nichts. Warum +sprachen sie den Gehenden und Herumstehenden nicht +an, forderten ihn nicht auf, mit dunkler Stimme, mitzukommen, +in ein seltsames Haus hineinzutreten, und +dort etwas zu tun, was nur müßige Menschen tun, +Menschen, die keinen weiteren Lebenszweck im Sinne +haben, so wie er, als den Tag vorübergehen und es +Abend werden zu sehen, um am Abend Wunderdinge +voll Taten zu erwarten? »Ich wäre zu jeder Tat bereit, +wenn es nur eine kühne Tat wäre, die eines Unerschrockenen +bedürfte,« sagte er zu sich. Stundenlang saß er auf +einer Bank und hörte der Musik zu, die aus irgend +einem vornehmen Hotelgarten herausrauschte, als ob die +Nacht zu leisen Tönen sich umgewandelt hätte. Die +<a class="pagenum" name="Page_270" title="270"> </a> +nächtlichen Weibsbilder gingen an dem Einsamen vorüber, +aber sie brauchten ihn nur schärfer zu beobachten, +um sogleich zu wissen, wie es mit des jungen Mannes +Kasse stand. »Wenn ich nur einen einzigen Menschen +wüßte, den ich um eine Geldsumme angehen könnte,« +dachte er. »Meinen Bruder Klaus? Das wäre nicht +ehrenhaft; denn ich bekäme das Geld, aber zugleich einen +leisen, traurigen Verweis. Es gibt Menschen, die man +nicht anbetteln kann, weil sie zu schön denken. Wenn +ich nur einen wüßte, an dessen Achtung mir nicht gar +so sehr viel läge. Nein, ich kenne keinen. Es liegt mir +an der Achtung aller. Ich muß warten. Eigentlich +braucht man ja im Sommer nicht viel, aber es wird +Winter! Ich habe ein wenig Furcht vor dem Winter. +Ich zweifle nicht daran, daß es mir im kommenden +Winter schlecht gehen wird. Nun, dann laufe ich im +Schnee herum, wenn auch mit nackten Füßen. Was +kann daran liegen. Ich laufe solange, bis mir die Füße +brennen. Im Sommer ist das Ruhen so schön, das +Liegen auf einer Bank unter den Bäumen. Der ganze +Sommer ist wie eine erwärmte, duftende Stube. Der +Winter ist ein Fensteraufreißen, der Wind und der Sturm +blasen und sausen hinein, das macht einen dann sich +bewegen. Da wird mir das Faulenzen vergehen. Es +soll mir recht sein, was auch immer kommen mag! +Wie der Sommer mir lang vorkommt. Erst einige +Wochen lebe ich jetzt doch im Sommer, und schon so +lang scheint er mir. Ich glaube, die Zeit schläft und +dehnt sich im Schlafe aus, wenn man immer denken +muß, was machen, um einen Tag lang mit seinem bißchen +Geld auszukommen. Auch glaube ich, die Zeit +schläft und träumt im Sommer. Die Blätter an den +hohen Bäumen werden immer größer, in der Nacht +lispeln sie, und am Tage schlafen sie unter dem heißen +<a class="pagenum" name="Page_271" title="271"> </a> +Sonnenschein. Ich zum Beispiel, was tue ich? Ich liege +ganze Tage, wenn ich keine Arbeit habe, bei geschlossenen +Läden im Bett, in meinem Zimmer, und lese beim Schein +einer Kerze. Kerzen riechen so entzückend, und wenn +man sie ausbläst, fließt ein feiner, feuchter Rauch durch +das dunkle Zimmer, und es ist einem dann so ruhig zumute, +so neu, wie einem Auferstandenen. Wie komme +ich dazu, meine Miete zu bezahlen? Morgen müßte ich +es tun. Die Nächte sind so lang im Sommer, weil +man den Tag verbummelt und verschläft, und, sobald +es Nacht wird, aus allerlei Sumsum und Wirrwarr aufwacht +und zu leben anfängt. Es würde mir jetzt wie +eine Sünde vorkommen, wenn ich nur eine einzige +Sommernacht verschliefe. Überdies ist es zu schwül zum +Schlafen. Im Sommer sind die Hände feucht und blaß, +als spürten sie die Kostbarkeit der duftenden Welt, im +Winter sind sie rot und dick, als wären sie über die +Kälte zornig. Ja, es ist so. Der Winter macht einen +zornig umherstampfen, im Sommer wüßte man nicht, +worüber man zornig sein sollte, als vielleicht über den +Umstand, daß man seine Miete nicht zu bezahlen imstande +ist. Aber das hat mit dem schönen Sommer +nichts zu tun. Ich bin auch nicht mehr zornig, ich +glaube, ich habe das Talent verloren, mich zu erzürnen. +Es ist Nacht, und der Zorn, das ist etwas so Taghelles, +Rotes, Feuriges, wie nur irgend etwas sein kann. Morgen +werde ich mit meiner Wirtin reden.« –</p> + +<p>Am nächsten Morgen schob er seinen Kopf in die +Türe des Zimmers, wo seine Wirtin wohnte und fragte +sie in absichtlich scharfer Betonung, ob er ein Wort mit +ihr reden dürfe, ob sie dazu Zeit habe.</p> + +<p>»Freilich! Was es denn sei?«</p> + +<p>Simon sprach: »Ich kann Ihnen den Mietzins für +diesen Monat nicht bezahlen. Ich versuche gar nicht, +<a class="pagenum" name="Page_272" title="272"> </a> +Ihnen begreiflich machen zu wollen, wie peinlich mir +das ist. Das kann ein jeder sagen in einem derartigen +Fall. Dagegen setze ich voraus, daß Sie mir das Bestreben +zutrauen, Mittel und Wege zu ersinnen, um zu +einer ansehnlichen Summe Geldes zu gelangen, damit +ich meine Schuld so bald wie möglich tilgen kann. Ich +wüßte Menschen, von denen ich Geld bekäme, wenn ich +nur wollte, aber mein Stolz verbietet mir, von Menschen, +die ich mir verbunden wissen will, Geld auf <ins title="Dahrlehn">Darlehn</ins> +anzunehmen. Von einer Frau nähme ich es indessen an, +sehr gerne sogar; denn Frauen gegenüber habe ich ganz +besondere, nach einer anderen Ehre abzumessende Empfindungen. +Wollen Sie mir, Sie, Frau Weiß meine ich, +das Geld vorstrecken, erstens das Geld für die Miete, +und dann noch eine kleine Zugabe zum Weiterexistieren? +– Haben Sie nun das Gefühl, daß ich Ihnen unverschämt +komme? Sie schütteln den Kopf. Ich glaube, +daß Sie Zutrauen zu mir haben. Sie sehen, wie ich +bei einer solchen Zumutung erröte, Sie erblicken mich +nicht ohne Verlegenheit in diesem Moment. Aber ich +pflege etwas rasch Entschlüsse zu fassen und sie prompt +auszuführen, müßten sich mir dabei auch die Lungen +zusammenschnüren. Von einer Frau nehme ich gern auf +Vorschuß an, weil ich einer Frau gegenüber keiner Betrügereien +fähig bin. Männer kann ich, wenn es die +Lage erfordert, belügen, ohne Erbarmen, glauben Sie +mir das. Frauen niemals. Wollen Sie mir wirklich +so viel Zuschuß geben? Damit lebe ich einen halben +Monat lang. Bis dahin wird sich Vieles verbessern in +meiner jetzigen Lage. Ich danke Ihnen noch gar nicht +einmal. Sehen Sie, so einer bin ich. Ich habe noch +selten einmal im Leben einem Menschen die Gefühle +meiner Dankbarkeit ausgedrückt. Ich bin Stümper im +Danken. Nun, ich muß da allerdings sagen, Wohltaten +<a class="pagenum" name="Page_273" title="273"> </a> +habe ich auch, wo nur möglich, immer verschmäht. Eine +Wohltat! Ich empfinde es wahrhaftig in diesem Moment, +was eine Wohltat ist. Ich sollte eigentlich das +Geld nicht annehmen.«</p> + +<p>»Sie sind einer, Sie!«</p> + +<p>»Nun, ich behalte es auch. Besorgen Sie nur nicht, +daß es Ihnen nicht zurückgegeben wird. Ich bin vorläufig +ganz glücklich durch das Geld. Geld ist doch +eine Sache, die nur Strohköpfe verachten können.«</p> + +<p>»Wollen Sie schon wieder gehen?«</p> + +<p>Simon war bereits wieder zur Türe hinausgegangen +und hatte sich in sein Zimmer zurückgezogen. Es war +ihm unangenehm, oder er tat so, als ob es ihm unangenehm +wäre, weiter über diesen Gegenstand zu reden. +Übrigens hatte er ja erreicht, was er wollte, und er liebte +es nicht, sich lange zu entschuldigen, oder Versprechungen +zu geben, wenn er jemand um einen Dienst gebeten +hatte, der ihm erwiesen wurde. Er würde, falls er einmal +der Geber wäre, auch keine Exküsen und Beteuerungen +verlangen; fiele ihm niemals ein. Entweder habe +man Vertrauen und Sympathie und gebe, oder man +drehe dem Bittenden einfach kalt den Rücken, weil er +einem widerlich sei. »Ich bin ihr keineswegs widerlich +gewesen, denn ich habe bemerkt, daß sie mir mit einer +Art schneller Freude das Geld gegeben hat. Es kommt +alles auf das Benehmen an, wenn man seine Zwecke +erreichen will. Es machte dieser Frau Vergnügen, mich +ihr zu verpflichten, weil ich wahrscheinlich in ihren Augen +ein passabler Mensch bin. Unangenehmen Menschen will +man nichts geben, weil man sie sich nicht gern verbindet; +denn eine Verpflichtung, wie das Abbezahlen einer Schuld +ist, verbindet, bringt in Berührung, nähert, traut sich +heran, muß nahe sein und ist beständig nahe. Wie +wenig beneidenswert ist es, widerliche Schuldner zu haben. +<a class="pagenum" name="Page_274" title="274"> </a> +Solche Menschen sitzen förmlich auf dem Nacken der +Gläubiger, man möchte ihnen die Schuld erlassen, nur +um sie von sich abzuschütteln. Es ist ganz reizend, zu +sehen, wie unbedenklich und behende einem gegeben +wird; denn das ist das beste Zeugnis dafür, daß man +noch Menschen um sich hat, denen man angenehm +ist.« –</p> + +<p>Er trat, indem er das erhaltene Geld in die Westentasche +gleiten ließ, an das Fenster und bemerkte unten +in der engen Gasse eine schwarzgekleidete Dame, die irgend +etwas zu suchen schien; denn sie bog öfters ihren +Kopf gegen die Höhe hinauf, wobei einmal ihre Augen +diejenigen Simons trafen. Es waren große, dunkle +Augen, echte Frauenaugen, und Simon mußte unwillkürlich +an Klara denken, die er schon so lang nicht mehr +gesehen, ja beinahe schon vergessen hatte. Aber es war +Klara nicht. Die schöne Erscheinung in der tiefen Gasse +mit ihrem vornehmen, üppigen Kleid bildete einen sonderbaren +Gegensatz zu den finstern und schmutzigen +Mauern, zwischen denen sie langsam dahinschritt. Simon +hätte ihr zurufen mögen: »Bist du's, Klara?« +Aber schon verschwand die Gestalt um eine Ecke herum, +und nichts blieb von ihr in der Gasse zurück als ein +Duft von Wehmut, den Schönes an finsteren Orten +immer hinterläßt. »Wie schön wäre es gewesen, und +wie passend in dem Moment, als sie hinaufschaute, ihr +eine große, dunkelrote Rose hinabzuwerfen, daß sie sich +darnach gebückt und sie aufgehoben hätte. Sie würde +dazu gelächelt haben und würde sehr erstaunt gewesen +sein, in einer so armseligen Gasse einem so freundlichen +Gruß zu begegnen. Eine Rose würde zu ihr gepaßt +haben, wie ein bittendes und weinendes Kind zu seiner +Mutter. Aber woher teure Rosen nehmen, wenn man +eben erst die Güte Anderer hat in Anspruch nehmen +<a class="pagenum" name="Page_275" title="275"> </a> +müssen, und wie vorausmerken, daß gerade um neun +Uhr vormittags eine schöne Frauengestalt durch die Gasse +kommt, die doch die dunkelste aller Gassen ist, während +diese Frau das Vornehmste zu sein scheint, was ich je an +Frauen erblickt habe?«</p> + +<p>Er träumte noch lange Zeit der Dame nach, die +ihn so seltsam an die vergessene und verschwundene Klara +erinnert hatte, und verließ dann das Zimmer, eilte die +Treppen hinunter, lief die Straßen entlang, verbrachte +den Tag mit Nichtstun und befand sich gegen Abend +in einem äußersten Viertel der weit sich erstreckenden +Stadt. Hier wohnten die Arbeiter in verhältnismäßig +schönen, hohen Häusern; wenn man aber die Häuser +schärfer betrachtete, so fiel einem eine gewisse kahle Verwahrlostheit +auf, die die Wände hinauflief, zu den eintönigen, +kalten Fenstervierecken hinausschaute und auch +auf den Dächern saß. Die hier beginnende Wald- und +Wiesenlandschaft bildete einen sonderbaren Gegensatz zu +den hohen und doch armseligen Baukästen, die diese +Gegend eher verunzierten als schmückten. Daneben bemerkte +man noch etliche, liebenswürdig gebaute, niedere, +alte Landhäuser, die in der Gegend lagen wie Kinder im +warmen Mutterschoß. Hier bildete das Land einen waldbedeckten +Hügel, unter dem die Eisenbahn durch einen +Tunnel durchfuhr, nachdem sie eben das Häusergewirr +verlassen hatte. Der Abend beleuchtete die Wiesen, man +fühlte sich hier schon auf dem Lande, die Stadt mit +ihrem Geräusche lag hinten. Simon empfand die Unschönheit +der Arbeiterhäuser nicht, denn er empfand das +ganze Gemisch von Stadt und Land, das hier ein sonderbares, +anmutvolles Bild darbot, als schön. Wenn er +durch eine kahle, steinerne Straße ging und dicht daneben +die warme Wiese spürte, so war ihm das eigenartig, +und wenn er gleich darauf einen schmalen, erdigen +<a class="pagenum" name="Page_276" title="276"> </a> +Weg durch Wiesen hindurchschritt, was schadete es dann, +zu wissen, daß es eigentlich Stadtboden, nicht Landboden +war. »Die Arbeiter wohnen hier sehr schön,« dachte er, +»sie haben durch jedes ihrer Fenster waldige, grüne Aussicht +und wenn sie auf ihren kleinen Balkonen sitzen, so +genießen sie eine gute, starke, würzige Luft und eine +unterhaltende Rundsicht über Hügel und Rebberge. Wenn +die neuen, hohen Häuser auch die alten erdrücken und +schließlich vom Boden verjagen, so muß man bedenken, +daß die Erde nie still steht, und daß sich die Menschen +immer regen müssen, sei es auch in einer für den Moment +nicht gerade lieblichen Form. Eine Gegend ist immer +schön, weil sie immer von der Lebendigkeit der Natur +und der Baukunst Zeugnis ablegt. So in eine hübsche +Wiesen- und Waldgegend hineinzubauen, scheint zuerst +etwas barbarisch, aber jedes Auge findet sich am +Ende mit der Vereinigung von Haus und Welt ab, findet +allerhand reizvolle Durchsichten an Hauswänden vorbei +und vergißt das ärgerlich-kritische Urteil, das doch nie +Besseres stiftet. Man braucht die alten Häuser nicht +wie ein Baugelehrter mit den neuen zu vergleichen und +kann an beiden Arten seine Freude haben, an dem Demutvollen +und am Hochmütigen. Wenn ich ein Haus stehen +sehe, so muß ich nicht meinen, es, weil es mir nicht +schön genug vorkommt, umblasen zu können; denn es steht +doch ziemlich fest da, beherbergt viele fühlende Menschen +und ist deshalb immerhin eine respektable Erscheinung, +an deren Erstehen zahlreiche fleißige Hände gearbeitet +haben. Die Schönheitssucher müssen vielfach empfinden, +daß es allein mit dem Suchen nach Schönheit in der +Welt noch lange nicht getan ist, daß da noch anderes +zu finden ist, als das Glück, vor einer reizenden Antiquität +stehen zu bleiben. Das Ringen der armen Leute +nach ein bißchen Frieden, ich meine die sogenannte Arbeiterfrage, +<a class="pagenum" name="Page_277" title="277"> </a> +ist doch sozusagen auch etwas Interessantes +und muß einen wackeren Geist mehr beleben als die +Frage, ob ein Haus schlecht oder gut in der Landschaft +steht. Was gibt es nur für müßige, schönredende Köpfe +auf der Welt. Gewiß: jeder denkende Kopf ist wichtig +und jede Frage kostbar, aber es dürfte anständiger und +für die Köpfe ehrender sein, zuerst Lebensfragen zu erledigen, +bevor die zierlichen Kunstfragen erledigt werden. +Nun sind aber allerdings Kunstfragen bisweilen auch +Lebensfragen, aber Lebensfragen sind in noch weit höherem +und edlerem Sinne Kunstfragen. Ich denke jetzt natürlich +so, weil für mich das Weiterexistieren zu allererst +in Frage kommt, weil ich Adressen schreibe im kargen +Tagelohn, und ich kann mit der hochnäsigen Kunst +nicht sympathisieren, weil sie mir im Augenblick als das +Nebensächlichste in der Welt vorkommt; und in der Tat, +man denke einmal, was ist sie gegen die sterbende und +immer wieder erwachende Natur. Was hat die Kunst +für Mittel, wenn sie einen blühenden, duftenden Baum +darstellen will, oder das Gesicht eines Menschen? Gut, +ich denke jetzt ein bißchen frech, von oben herab, nein, +eher ein wenig wütend von unten herauf, aus der Tiefe, +wo einem das Geld fehlt. Das ganze ist, ich bin kritisch +und zugleich wehmütig, weil ich kein Geld habe. Ich +muß zu Geld gelangen, das ist ganz einfach. Geliehenes +Geld ist kein Geld, man muß es verdienen oder stehlen +oder geschenkt bekommen. – Und dann ist noch eines: +der Abend! Am Abend bin ich meist müde und mutlos.«</p> + +<p>Während er auf diese Weise dachte, war er eine +ziemlich ansteigende, kurze Straße hinaufgegangen, und +blieb jetzt vor einem Hause stehen, aus dem ihn, zu +einem geöffneten Fenster hinaus, ein Frauenkopf anschaute. +Simon meinte in die Augen der Frau wie in +<a class="pagenum" name="Page_278" title="278"> </a> +eine ferne, versunkene Welt zu blicken, als ihm schon +eine wunderbar bekannte Stimme zurief: »Ach, Simon, +du bist es! Komm doch herauf!«</p> + +<p>Es war Klara Agappaia.</p> + +<p>Er erblickte sie, als er hinaufgesprungen war, in +einem schweren, dunkelroten Kleid am Fenster sitzen. +Die Arme und die Brust waren nur halb von dem herrlichen +Stoff bedeckt. Das Gesicht war blasser geworden, +seit der Zeit, da er sie zum letzten Mal gesehen. In +ihren Augen brannte ein tieferes Feuer, aber der Mund +war zugekniffen. Sie lächelte und gab ihm die Hand. +In ihrem Schoße lag ein geöffnetes Buch, offenbar ein +Roman, den sie zu lesen angefangen hatte. Zuerst vermochte +sie nicht zu reden. Es schien ihr Scham und +Mühe zu bereiten, zu fragen, zu erzählen. Sie schien +bemüht zu sein, eine Fremdheit abzuschütteln, die sie in +sich fühlen mochte vor ihrem jungen, einstigen Freund. +Ihr Mund schien zu weinen, sobald er sich öffnen und +weicher werden wollte. Ihre schönen, langen, üppigen +Hände schienen die Sprache übernommen zu haben, +wenigstens so lange, bis ihr Mund sich aus der Befangenheit +löste. Sie musterte Simon absolut nicht, so +wie man lange nicht Gesehene zu beobachten pflegt, sondern +sah nur in seine Augen, deren ruhiger Ausdruck ihr +wohltat. Sie ergriff wieder seine Hand und sagte endlich:</p> + +<p>»Gib mir die Hand, laß mich zu dir sein, wie zu +meinem Knaben, der mich schon versteht, so wie er nur +das Rauschen meines Gewandes aus dem Nebenzimmer +nahen hört, der mich mit dem Blick seiner Augen erfaßt, +dem ich nichts zu sagen, nicht einmal etwas in die Ohren +zu flüstern brauche, um ihm Geheimnisse zu verstehen +zu geben; dessen Dasitzen, Kommen, Gehen, Stehen und +Liegen mir sagt, daß er sein ganzes Gefühl nur hat, um +<a class="pagenum" name="Page_279" title="279"> </a> +seine Mutter zu verstehen; zu dem man sich herabneigt, +zur Erde, vor seine Füße, um ihm die Schuhe besser zu +binden, wenn die Bändel sich gelockert haben; dem man +einen Kuß gibt, wenn er mutig und brav gewesen ist; +für den man alles Geheime offen hat; vor dem man nicht +wüßte irgend noch Geheimes zu haben; dem man alles +gibt, auch wenn er ein kleiner Verräter ist und seine +Mutter lange, lange hat vernachlässigen können, so wie +du, auch wenn er sie hat vergessen können, wie du. +Nein, du konntest mich nie vergessen. Du hast mich +wohl öfters im Trotz abschütteln wollen, aber wenn dir +eine Frau begegnete, die mir nur in einem kleinen Härchen +ähnlich sah, so glaubtest du mich zu sehen und gefunden +zu haben. Hast du da nicht gezittert, ist dir +nicht gewesen, bei solch einem täuschenden Begegnen, +als wenn sich dir plötzlich über einer hellen, in Stein +gehauenen, herrlichen Treppe Flügeltüren geöffnet hätten, +um dich in ein Gemach voll Wiedersehenslust einzulassen? +Was ist Wiedersehen für eine Freude! Wenn man sich +verloren hat, auf der Straße oder auf dem Lande, und +nach einem Jahr sich dann, so ohne weiteres, so still +wiederfindet, an einem solchen Abend, wo schon die +Glocken die Ahnung des Wiedersehens in die Welt hinausläuten, +so gibt man sich die Hände und denkt nicht +mehr an die Trennung und an die Ursache der langen +Abschweifung. Laß mir deine Hände! Deine Augen sind +noch eben so gut und schön. Du bleibst dir gleich. Jetzt +kann ich dir erzählen:</p> + +<p>Als wir alle, Kaspar, ich und du, im letzten Sommer +aus dem Waldhaus, weißt du noch, herausgehen mußten, +und ihr Brüder dann verschwandet, wohin, wußte ich +nicht, mietete ich mir unten in der Stadt ein elegantes +Zimmer, sehnte mich nach euch und blieb eine Zeitlang +trostlos. Gegen den Winter schien alles um mich herum +<a class="pagenum" name="Page_280" title="280"> </a> +in ein rotes Licht getaucht zu sein, ich vergaß +alles, und warf mich in das Gewirr der Vergnügungen; +denn ich besaß noch einen kleinen, aber für die hiesigen +Verhältnisse ziemlich großen Rest meines Vermögens. +Ich verbrauchte ihn und bekam dafür die Erkenntnis, +daß man oft des Rausches bedarf, um sich über den +Wellen des Lebens einigermaßen hoch zu halten. Ich hatte +eine Loge im Theater, aber das Theater interessierte mich +weit weniger, als die Bälle, wo ich zeigen konnte, daß +ich schön und voll Laune war. Die jungen Männer +schwärmten um mich herum, und ich erblickte nichts, +das mir hätte verbieten können, sie alle zu verachten +und sie meine Launen fühlen zu lassen. Ich dachte an +euch beide und wünschte oft mitten unter all den Anschwärmungen, +die so sehr aller Männlichkeit entbehrten, +eure ruhigen Gesichter und offenen Manieren herbei. +Da kam ein dunkler, schwarzer Mann auf mich zu, +Student am Polytechnikum, schwer und täppisch von +Ansehen, Türke, große, bezwingende Augen, und tanzte +mit mir. Nach dem Tanze besaß er mich mit Seele und +Leib, ich war sein. Es gibt für uns Frauen, wenn wir +in Vergnügungen dahinrauschen, eine Art Männer, die +uns nur im Tanzsaal bezwingen können. Wäre er mir +an einem andern Ort begegnet, ich hätte ihn vielleicht +ausgelacht. Er benahm sich vom ersten Augenblick an +mir gegenüber als mein Herr und ich wußte nur zu erstaunen +über seine Frechheit, nicht, mich zu wehren. Er +befahl mir: so: und jetzt so! Und ich gehorchte. Im +Gehorchen können wir Frauen, wenn es uns danach hinzieht, +Außerordentliches leisten. Wir nehmen dann alles +hin und wünschen uns, vielleicht aus Scham und Zorn, +den Geliebten noch brutaler, als er ist. Er kann uns +dann nicht grausam genug entgegentreten. Dieser Mann +sah mein letztes Geld absolut als das seine an, ich auch, +<a class="pagenum" name="Page_281" title="281"> </a> +und ich gab es ihm, ich gab ihm alles. Als er mich +genug gedrückt, tyrannisiert, ausgesogen und ausgebeutet +hatte, ging er eines Tages fort, in sein Heimatland, +nach Armenien zurück. Seine Knechtin, ich, versuchte +nicht, ihn daran zu verhindern. Ich fand alles, was +er tat, in der Ordnung. Auch wenn ich ihn weniger +geliebt hätte, als wie es der Fall war, so hätte ich ihn +ziehen lassen; denn dann würde mein Stolz es mir verboten +haben, ihn aufzuhalten. So hatte ich ihm einfach +zu gehorchen, als er mir befahl, ihm zur Abreise +behülflich zu sein: meine Liebe gehorchte gern. Es erniedrigte +mich nicht, ihn zum Abschied zu küssen, ihn, +der mich kaum noch eines Blickes würdigte. Er sprach +die Hoffnung aus, mich später, wenn seine Verhältnisse +es ihm erlauben würden, mit in seine Heimat zu nehmen, +um mich zu seiner Ehefrau zu machen. Ich empfand, +daß es eine Lüge war, aber ich fühlte keine Bitterkeit. +Gegen diesen Mann war jede unschöne Empfindung in +mir ein Ding der Unmöglichkeit. Ich habe von ihm +ein Kind, ein Mädchen, es schläft dort im Nebenzimmer.«</p> + +<p>Klara hielt einen Augenblick inne, lächelte Simon +an, und fuhr dann fort:</p> + +<p>»Ich war gezwungen, eine Stelle zu suchen, und +fand sie bei einem Photographen als Empfangsdame. +Die Bewerbungen und Heiratsanträge, die man mir +vielfach entgegenbrachte, da ich mit einem großen Publikum +zu tun bekam, schlug ich alle lächelnd ab. Alle +Männer dachten von mir: »Sie hat etwas so Zartes, +Hausmütterliches, das wäre eine!« Aber ich wurde für +keinen eine! Meine Stellung gestattete mir noch einen +ziemlichen Aufwand, wenigstens konnte ich die schönen +Kleider alle behalten, was mir jetzt noch zustatten kommt. +Mein Prinzipal war ein Mann, den ich achten durfte, +das erleichterte mir um vieles meine Arbeit, die ich, wie +<a class="pagenum" name="Page_282" title="282"> </a> +in einem leisen, angenehmen Traum befangen, verrichtete. +Ich hatte mir für das Publikum ein ganz bestimmtes, zuckendes +Lächeln angewöhnt, ich machte mich damit beliebt, +allen erschien ich liebenswürdig und ich lockte Kunden +heran, was meinen Chef zu einer Salär-Erhöhung veranlaßte. +Damals war ich beinahe glücklich. Alles +schwand mir in schöne, süße Erinnerungen dahin. Ich +fühlte das Herannahen des Mutterschmerzes, und das +trug zu einer wehmutvoll-glücklichen Stimmung bei. Es +schneite, daß die Straße ganz in Flocken eingehüllt wurde. +Und wenn ich abends durch die verschneiten Straßen +hinging, dachte ich an euch Brüder, an dich und an +Kaspar und viel, sehr viel an Hedwig, der ich in Gedanken +und Gefühlen dankbare Huldigungen darbrachte. +»Ich hab ihr doch ein einziges Mal schreiben dürfen. +Sie hat nicht geantwortet. Aber es ist doch schön so,« +dachte ich. Dann kam ich mir selber so schön vor, wenn +ich so dachte. Ich wurde immer mehr erfüllt von allem, +und ging immer in ganz langsamen Schritten, jeden +Schritt fühlte ich als Menschenwohltat. Ich gab indessen +das elegante Zimmer im Zentrum der Stadt auf +und mietete mich hier ein, da, wo du mich jetzt siehst. +Ich fuhr morgens und abends mit der »Elektrischen« +hin und zurück und lenkte immer die Blicke aller Mitfahrenden +auf mich. Es war etwas Seltsames an mir, +ich fühlte es selber. Viele fingen unbewußt mit mir zu +sprechen an, einige, nur um ein Wort mit mir zu +wechseln, andere, um meine Bekanntschaft zu machen. +Aber das letztere hatte wenig Reiz mehr für mich. Ich +glaubte alles von vornherein kennen zu sollen, ich hatte +ein so bestimmtes, ablehnendes, aber zugleich sanftes, +mir selber wohltuendes Gefühl dabei. Die Männer! +Wie oft wurde ich von ihnen angesprochen. Sie glichen +neugierigen Kindern, die wissen wollten, was ich machte, +<a class="pagenum" name="Page_283" title="283"> </a> +wo ich wohnte, wen ich kannte, wo ich zu Mittag aß +und was ich abends zu treiben pflegte. Sie erschienen +mir wie unschuldige, etwas vorwitzige Kinder; so war +ich damals. Nie begegnete ich einem einzigen grob, ich +hatte es nicht nötig; denn es wurde mir gegenüber kein +einziger unverschämt: ich war ihnen eine Dame, die zugleich +verlockte und erkältete. Einmal sprach mich ein +kleines, geistreich aussehendes Mädchen an, es war Rosa, +du kennst sie ja. Sie enthüllte mir ihr ganzes Leiden +und Leben, wir wurden Freundinnen, und jetzt hat sie +sich verheiratet, obschon ich ihr davon abgeraten hatte. +Sie besucht mich öfters, mich, die Königin der Armen!« –</p> + +<p>Wieder schwieg Klara einen Augenblick, während +sie Simon kindlich-lustig anblickte, und sprach dann +weiter:</p> + +<p>»Die Königin der Armen! Ja, das bin ich. Siehst +du nicht, wie deine Klara fürstlich angezogen ist? Das +ist noch ein Stück aus meiner Ballgarderobe: hinten ausgeschnitten! +Ich bin meinem Stand als Fürstin schon +etwas Aufwand schuldig. Das sehen meine Angehörigen +gerne, sie haben Sinn für Hoheit, die Pracht eines Ballkleides +nimmt sich in dieser Gegend der fleckigen, grauen +Frauengewänder einzig aus. Man muß abstechen, lieber +Simon, wenn man beeinflussen will, doch höre der Reihe +nach ruhig weiter. Was bist du für ein flotter, angenehmer +Zuhörer. Das verstehst du, einem zuzuhören, +wie keiner! Das ist einer deiner Vorzüge! Es erzählt +sich dir so natürlich, so schön: Ich lernte, als ich hier +in dieses entlegene Viertel hinauszog, langsam aber immer +wachsend, die Armen lieben, die auf die andere, dunkle +Seite der Welt Gedrängten, das Pack, wie der Titel +lautet, mit dem man eine Welt voll Sehnen und Mühsal +tituliert. Ich sah, daß ich hier nötig sein konnte, und +ich richtete mich, ganz ohne Zwang und Aufsehen, so ein, +<a class="pagenum" name="Page_284" title="284"> </a> +daß ich nötig geworden bin. Wenn ich sie heute verlasse, +so jammern diese Leute, diese Weiber, Kinder und +Männer. Im Anfang hatte ich Abscheu und Ekel vor +ihrem Schmutz, aber ich sah, daß dieser Schmutz gar +nicht so garstig in der Nähe war, als wie er aus der +steifen, hochtrabenden Entfernung aussieht. Ich lehrte +meine Hände, ja, meinen Mund sogar, wie man diese +Kinder zu berühren hatte, deren Gesichter nicht die saubersten +waren. Ich gewöhnte mich daran, die rauhen Hände +der Arbeiter und Taglöhner zu drücken, und bemerkte rasch +die Zartheit, womit diese Leute einem die Hand reichen. +Ich fand vieles in dieser Welt, was mich an euch, an +dich und Kaspar, erinnerte. Es war jedenfalls viel Feinheit +und viel Verborgenes, das mich lockte, mich zur +Herrin und Bevormundin dieser Menschen zu machen. +Es war leicht und schwer zugleich zu machen. Da waren +die Weiber! Wie viel Mühe brauchte es, sie von ihren +Gebrechen und abscheulichen Fehlern so zu überzeugen, +daß sie allmählich Lust bekamen, sich von ihrer Schmach +zu befreien. Ich gewöhnte sie an den Segen und an +die Lust der Reinlichkeit, und ich sah, daß sie nach langem, +mißtrauischem Zaudern endlich Freude dabei empfanden. +Die Männer erwiesen sich als lenksamer; denn ich war +schön: so gehorchten sie mir besser, waren talentvoller im +Erfassen meiner so einfachen Lehren. Simon! Wenn +du wüßtest, wie es mich glücklich macht, diesen Armen +eine innige Erzieherin zu werden! Wie wenig braucht +man zu wissen, um an Kenntnissen noch Ärmere zu finden, +die man leiten kann. Nein, die Wissenschaft macht +es nicht allein aus. Hier bedarf es des Mutes und der +Lust, energisch Stellung zu nehmen, sich die Stellung +durch Stolz und Milde zu sichern und leidenschaftlich +aufzutreten. Ich gewöhnte mir eine Sprache an, die +alle Bildung, die ich besaß und die ich schenken konnte, +<a class="pagenum" name="Page_285" title="285"> </a> +leicht faßlich erklärte, in Ausdrücken, wie das niedrige, +erniedrigte Volk sie liebt. So wurde ich ihre Herrscherin, +indem ich mich ihren Gedanken und Gefühlen, oft gegen +meinen Geschmack, anpaßte. Aber nach und nach wurde +es mein Geschmack. Wenn ein Mensch beeinflußt, hat er +zugleich auch die Gabe, sich unmerklich ebenfalls von den +Beeinflußten beeinflussen zu lassen. Das Herz und die +Gewohnheit besorgen das leicht. Als ich dann eines +Tages im Bett lag, um mit Schmerzen das Kind zu +erwarten, das dort nebenan schläft, kamen sie zu mir, +die Frauen und Mädchen, besorgten und pflegten mich +und taten mir Gutes, bis ich wieder aufstehen konnte. +Ihre Männer fragten voll Kummer nach mir, während +der Zeit, und als sie mich wieder sahen, schienen sie beglückt +zu sein, mich noch schöner als früher zu finden. +So ehrten sie ihre Fürstin. Das war im Frühling. +Ich saß, noch etwas schwach von der Geburt, in meinem +Zimmer wie unter Blumen; denn sie brachten mir alle +Blumen, soviel sie nur bringen konnten. Ein junger +reicher Mann aus der Nachbarschaft besuchte mich oft +und ich litt es, wenn er mir zu Füßen saß; denn ich +empfand darin eine Ehrung, und von ihm war es zart. +Eines Tages flehte er mich an, ich möge seine Frau +werden, ich wies auf das Kind, doch das ermunterte ihn +nur, seine Anträge, die mich auf einmal seltsam berührten, +an den folgenden Tagen zu wiederholen. Er +erzählte mir sein ganzes, leeres, umhergejagtes Leben, +ich fühlte Mitleid mit ihm und habe ihm versprochen, +seine Frau zu werden. Er ist mit einem Wink, einem +Blick von mir zufrieden und liebt mich so, daß ich es +jeden Augenblick fühlen muß. Wenn ich ihm sage: +»Artur, es ist unmöglich,« so erbleicht er, und ich muß +ein Unglück erwarten. Er steht unvergleichbar hilflos +vor mir in der Welt da. Ich habe nicht die Kraft, ihn +<a class="pagenum" name="Page_286" title="286"> </a> +unglücklich zu machen. Außerdem ist er reich, und ich +brauche Geld für mein Volk, er wird es dazu hergeben. +Er tut alles, was ich will. Er erlaubt mir nicht, zu +bitten, er bittet mich, ihm zu gebieten. So steht es +mit ihm. Er wird jetzt gleich kommen, dann werde ich +dich ihm vorstellen. Oder willst du gehen? Du machst +Miene dich zu entfernen. Dann geh! Es ist vielleicht +besser. Ja, es ist besser. Er würde mißtrauisch werden. +Er ist schrecklich in dieser Hinsicht. Er ist imstande und +schlägt sich den Kopf an der Wand blutig, wenn er +einen jungen Mann bei mir sieht. Außerdem will ich +niemanden bei mir sehen, wenn du da bist. Und wenn +andere da sind, sollst du nicht da sein. Ich will dich +allein, ganz allein für mich haben. Ich muß dir noch +vieles sagen, wie alles kam. Die Menschen sagen so +viel, aber das richtige? – Geh jetzt. Ich weiß, daß du +bald wiederkommst. Übrigens werde ich dir schreiben. +Hinterlasse mir deine Adresse. So, leb wohl!«</p> + +<p>Auf der Treppe, als er hinunterstieg, begegnete Simon +einer dunklen, fliegenden Gestalt: »Das wird wohl +dieser Artur sein,« dachte er und ging seines Weges weiter. +Es war Nacht geworden. Er schlug einen kleinen, +schmalen Feldweg ein und drehte sich, nachdem er ein +paar Schritte gegangen war, zurück, das Fenster war jetzt +geschlossen, dunkelrote Vorhänge hinter demselben waren +vorgezogen, die seltsam düster leuchteten im Lichte einer +Lampe, die wohl eben angezündet wurde. Ein Schatten +bewegte sich hinter der Gardine, es war Klaras Schatten. +Simon ging weiter, langsam, in tiefen Gedanken. Er +hatte es durchaus nicht eilig, in die Stadt zu gelangen. +Dort wartete niemand auf ihn. Morgen würde er wieder +in der Schreibstube schreiben. Es war höchste Zeit, nun +endlich stramm ins Zeug zu gehen, zu arbeiten, etwas +Geld zu verdienen. Vielleicht bekäme er auch endlich +<a class="pagenum" name="Page_287" title="287"> </a> +wieder einmal einen Posten. Er lachte, als er das Wort +»Posten« ausdachte. Als er in der Stadt ankam, war +es bereits sehr spät geworden. Er trat in eine noch +offene Singspielhalle ein, um sich zu zerstreuen, bekam +aber nicht viel Gutes zu sehen. Ein Komiker trat auf, +den er wünschte, als ganz gewöhnlichen Menschen unter +dem zuschauenden Publikum verschwinden zu sehen, der +eigentlich für das, was er darbot, verdient hätte, geohrfeigt +zu werden. Doch nein! Simon empfand bald +das lebhafteste Mitleid mit diesem armen Schlucker, der +die Beine, die Arme, die Nase, den Mund, die Augen +und sogar die armseligen, knochigen Wangen verrenken +mußte, um nicht einmal, nach solchen Qualen, zu erzielen, +was sein Ziel war: Komik! Er hätte »Pfui« ausrufen +mögen und doch wieder nur »Ach«! Man sah +dem Manne deutlich an, daß er ein ehrlicher, braver und +nicht besonders geriebener Mann sein mußte: um so +abscheulicher wirkte sein Tun auf der Bühne, das nur +für Menschen paßt, die eben so geschmeidig wie liederlich +sein müssen, wenn sie ein abgerundetes, wohltuendes +Bild darbieten wollen. Eine Ahnung sagte Simon, daß +dieser Komiker vor kurzem vielleicht noch einen stillen, festen +Beruf ausgeübt hatte, von dem er wohl wegen irgend +eines Versehens oder Vergehens verdrängt worden war. +Ihm war der ganze Mann tief beschämend und widerlich. +Dann trat eine kleine, junge Sängerin auf, in der +knappen, anschließenden Tracht eines Husarenoffiziers. +Das war besser; denn es streifte an Kunst, was das +Mädchen darbot. Alsdann zeigte sich ein Jongleur, der +aber besser daran würde getan haben, Korke aus +Flaschen zu ziehen, als Flaschen auf seiner Nasenspitze +balancieren zu lassen, was er überaus kindisch und geschmacklos +verrichtete. Er stellte eine brennende Lampe +auf seinen flachen Kopf und stellte an die Zuschauer +<a class="pagenum" name="Page_288" title="288"> </a> +die Zumutung, das als ein Kunstwerk aufzufassen. Simon +hörte noch einen Knaben ein Lied singen, das gefiel +<ins title="im">ihm</ins>, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem +guten Eindruck. Er trat wieder auf die Straße.</p> + +<p>Es gingen nur noch spärlich Menschen umher. In +einer Seitengasse schien Streit zu sein, und in der Tat, +als Simon näher heranging, sah er eine wüste Szene: +zwei Mädchen schlugen, die eine mit der Faust, die +andere mit dem roten Sonnenschirmchen, aufeinander +los. Den Kampf beleuchtete eine einsame, melancholische +Laterne, die die Gesichter teilweise erhellte. Die Kleider +und Hüte der Mädchen waren nur noch Fetzen, und dabei +schrieen sie beide, nicht so sehr aus Wut, als aus +Schmerz und zwar auch nicht wegen der Hiebe, sondern +aus einem Rest von Schamgefühl heraus, sich so tierisch +elend benehmen zu sehen. Es war ein schrecklicher aber +nur kurzer Kampf, dem ein erscheinender Schutzmann +ein Ende machte. Er führte beide Mädchen ab, sowie +einen elegant gekleideten Herrn ebenfalls, der die Ursache +des Streites zu sein schien. Ein Briefbote hatte +den Anzeiger gespielt und bildete sich jetzt viel darauf +ein. Die Mädchen kehrten ihre ganze Wut nun dem +Briefträger zu, der sich infolgedessen aus dem Staube +machte.</p> + +<p>Simon ging nach Hause. Als er aber in seiner +Gasse ankam, bemerkte er einen Trupp Menschen, die +lachten und schrieen, und zwar war es ein Weib, das +die Aufmerksamkeit der nächtlichen Käuze auf sich lenkte. +Sie hieb nämlich mit einer Gerte auf einen betrunkenen +Mann los, der wohl ihr eigener sein mochte und den +sie aus irgend einer kleinen Kneipe herausgeschleppt hatte. +Dabei schrie sie in einem fort, und als Simon in die +Nähe kam, klagte sie diesem in lauten, schreienden Worten +vor, was sie für einen Lump von Mann hätte. Mit +<a class="pagenum" name="Page_289" title="289"> </a> +einem Male schoß aus der Höhe des Hauses, unter welchem +die Gruppe stand, ein Strahl Wasser herunter und +netzte die Köpfe und Kleider der Untenstehenden auf eine +boshafte Weise. Es war Sitte in diesem Viertel der +Altstadt, auf Nachtschwärmer, die Lärm verübten, Wasser +hinunterzuleeren. Die Sitte mochte schon ein ehrwürdiges +geheiligtes Alter besitzen, aber es war doch jedesmal für +die Betroffenen eine empörend neue und überraschende +Sache. Alles fluchte gegen die Weibsperson hinauf, die +in weißer Nachtjacke oben im Fensterrahmen stand und +wie ein übelwollender, böser Geist hinunterschaute. Simon +vor allen andern schrie hinauf: »Was fällt Ihnen +ein da oben, Sie Weib oder Mann im Fensterrahmen? +Wenn Sie zu viel Wasser haben, so gießen Sie's doch +auf Ihren eigenen Kopf, statt auf die Köpfe anderer. +Ihr Kopf dürfte es vielleicht nötiger haben. Was ist +das für eine Manier, in der Nachmitternacht die Straße +zu bespritzen und Leute hinterrücks in ein Bad, samt den +Kleidern, zu stürzen. Wären Sie nicht so hoch oben und +ich nicht so tief unten, ich wollte in Ihren Apfel von +Kopf beißen, daß es Ihnen um den Mund herum wässern +sollte. Bei Gott, wenn es eine Gerechtigkeit gäbe, +Sie müßten mir für jeden Tropfen, der meine Schulter +bespritzt hat, einen Taler geben, da ich vermute, daß +Ihnen dann der Spaß <ins title="verleien">verleiden</ins> müßte. Ziehen Sie sich +nur zurück, Gespenst da oben, oder Sie machen mich +noch die Hauswände hinaufklettern, um zu untersuchen, +ob Sie Weibs- oder Mannshaare haben. Gleich könnte +man zum Teufel werden vor Wut über eine solche +Spritzerei.«</p> + +<p>Simon berauschte sich selber an seinem schlechten Gerede. +Es tat ihm wohl, schreien und wettern zu können. +Einen Augenblick später würde er doch im Bett liegen und +schlafen. Wie langweilig war das, immer dasselbe zu +<a class="pagenum" name="Page_290" title="290"> </a> +tun. Von morgen ab müßte er entschieden ein anderer +Mensch werden. Am nächsten Tag, in der Schreibstube, +erfüllt und zerstreut von Gedanken an Klara, machte er +viele Flüchtigkeitsfehler, so daß der Sekretär der Schreibstube, +ein ehemaliger Hauptmann des Stabes, sich veranlaßt +fühlte, ihm Vorwürfe zu machen und ihm zu +drohen, daß er keine Arbeit mehr erhalte, wenn er sie +nicht gewissenhafter, als nur so, erledigen wolle.</p> + +<h2><a class="pagenum" name="Page_291" title="291"> </a>Achtzehntes Kapitel.</h2> + +<p>Der Herbst kam. Simon war noch oft durch die +nächtliche heiße Gasse gegangen, und er ging auch jetzt +noch, aber die Jahreszeit war rauher geworden. Man +wußte, daß draußen in den Wiesen die Bäume sich entblättern +mußten, wenn man auch nicht selber hinging +und zusah, wie die Blätter fielen. In der Gasse spürte +man es auch. An einem sonnigen Herbsttag war Klaus +angekommen, eine wissenschaftliche Arbeit und Absicht +hatte ihn für einen Tag in diese Gegend geführt. Sie +waren zusammen hinaus auf das erhöhte, hügelige Feld +gegangen, angelockt von der schönen Sonne, ziemlich +schweigsam und allzu intime Gespräche vorsichtig vermeidend. +Der Weg führte sie durch Wald und wieder +über langgestreckte Wiesen, deren spätes, saftiges Gras +Klaus bewunderte, ebenso die braungefleckten Kühe, die +hier weideten. Es war hübsch gewesen für Simon, ein +wenig gedankenvoll, aber doch sehr hübsch, so mit Klaus +ohne viel Gerede und viel Wesens, durch die herbstliche +Niederung zu wandern, die Glocken der Kuhherden läuten +zu hören, ein paar Worte zu sagen, aber doch mehr in +die Ferne zu schauen, als zu sprechen. Alsdann waren +sie einen waldigen Hügel emporgegangen, sachte und +wohlig; denn Klaus wollte alles, jeden Zweig und jede +Beere, liebevoll betrachtet wissen, und waren dann zu +<a class="pagenum" name="Page_292" title="292"> </a> +der Höhe gekommen, an einen schönen Waldrand, wo +eine unsäglich milde und liebkosende abendliche Herbstsonne +sie empfing, und wo ihnen die Freiheit des Blickes +wiedergegeben war, eine Aussicht in ein Tal hinunter, +in welchem ein weißlich schimmernder Fluß sich dahinschlängelte, +zwischen gelben Baumkronen und vorspringenden +Waldungen hindurch, wo ein anmutiges, rotdächiges +Dorf inmitten der braunen Rebhügel lag, das anzuschauen +eine Herzenslust sein mußte. Hier hatten sie sich auf +die Matte geworfen, waren lange still, ohne ein Wort +zu sprechen, geblieben, hatten mit den Augen an der +weit sich ausbreitenden Gegend und mit den Ohren an +den Tönen der Glocken gehangen und hatten beide gefunden, +daß immer irgendwie und wo Töne in allen +Landschaften zu vernehmen seien, ohne gerade Glocken zu +hören, und hatten dann eines jener stillen, mehr empfundenen +als geradezu gesprochenen Gespräche miteinander +geführt, die nicht aufgeschrieben werden können, die keinen +weiteren Zweck als das Wohlwollen haben, die nichts +sagen wollen, deren Duft nur und Ton und Absicht unvergeßlich +bleiben. Klaus hatte gesagt: »Gewiß, wenn +ich mir denken darf, daß noch alles mit dir gut kommen +kann, so darf ich auch wieder mehr frohen Mut haben. +Zu denken, daß du ein nützlicher, zweckerfüllter Mensch +würdest, das hat immer in meinem Herzen ein besonders +schönes Getön verursacht. Du bist so sehr darauf angelegt, +die Achtung der Menschen zu genießen, wie nur irgend +einer, und mehr noch, da du Eigenschaften hast, nur +eigentlich zu viel wollende und zu flammende, die andere +nicht besitzen. Du mußt nur nicht zu vieles wollen und +mußt nicht allzu reizbar sein im Forderungen an dich stellen. +Das schadet und reibt ab und macht schließlich kalt, +glaube es mir nur. Weil du nicht alles, jede kleine +Sache in der Welt, so vorfindest, wie du es wünschest, +<a class="pagenum" name="Page_293" title="293"> </a> +so darfst du deswegen noch lange nicht grollen. Anderer +Meinungen und Neigungen herrschen eben auch, und zu +gute Vorsätze vergiften viel eher das Herz eines Mannes +als das Gegenteil, was freilich ein Übel ist. Du hast, +wie mir scheint, zu sehr Springlust. Dich nach einem +Ziele außer Atem zu laufen, macht dir Vergnügen. Das +taugt nicht. Laß doch jeden Tag in seiner ruhigen, natürlichen +Abrundung nur bestehen und sei ein bißchen +mehr stolz darauf, es dir bequem, wie schließlich einem +Menschen auch ziemt, gemacht zu haben. Wir haben die +Pflicht, uns vor den Mitmenschen das Leben mit Anstand +und einiger Würde leicht zu machen; denn wir +leben in einer Fülle von stillen, gedankenvollen Kultursorgen, +die mit dem grollenden, heißen Atem der Raufer +nichts zu tun haben. Du hast, ich muß es dir sagen, +etwas zu Wildes an dir, und dann, im Handumkehren, +springst du in eine Zartheit über, die wieder viel zu viel +Zartheit von den Menschen fordert, um bestehen zu können. +Vieles, das dich verletzen sollte, kränkt dich in keiner +Weise, und verletzen läßt du dich von ganz selbstverständlichen, +aus Welt und Leben herausgewachsenen Dingen. +Du mußt versuchen, Mensch unter Menschen zu werden, +dann wird es dir sicher gut gehen; denn im Erfüllen von +allerhand Anforderungen kennst du keine Ermattung, und +einmal die Liebe der Menschen gewonnen, wird es dich +dann reizen, ihnen zu zeigen, daß du sie verdient hast. +So, wie du jetzt bist, drückst du dich um die Ecken herum +und gehst in Sehnsuchten unter, die eines Bürgers, Menschen +und vor allem eines Mannes nicht recht würdig +sind. Wie viel habe ich schon gedacht, das du tun und +unternehmen könntest, um dich zu befestigen, aber ich +muß dir doch am Ende die Arbeit an dem Herausformen +deines Lebens selbst überlassen; denn Ratschläge taugen +selten etwas.« – Simon sagte dann: »Warum bist du +<a class="pagenum" name="Page_294" title="294"> </a> +sorgenvoll an einem so schönen Tage, wo das Hinschauen +in die Ferne einen in Glück zerfließen macht?« –</p> + +<p>Dann hatten sie über die Natur geplaudert und +das Schwere vergessen.</p> + +<p>Am andern Tag war Klaus wieder abgereist.</p> + +<hr class="thought-break"/> + +<p>Es wurde Winter. Merkwürdig: die Zeit ging über +alle guten Vorsätze ebenso sicher hinweg wie über die +schlechten Eigenschaften, deren man nicht Herr werden +konnte. Es lag etwas Schönes, Hinwegnehmendes und +Verzeihendes in diesem Gehen der Zeit. Sie ging +über den Bettler wie über den Präsidenten der Republik +hinweg, über die Sünderin und über die Anstandsdame. +Sie ließ vieles als klein und unbedeutend empfinden; +denn sie allein stellte das Erhabene und Große dar. +Was war denn das ganze Treiben und Leben, was all +das Sich-Rühren, was das Vorwärtsstreben gegen die +Höhe, die sich keineswegs darum bekümmerte, ob einer +ein Mann wurde oder ein Simpel, der es gleichgültig +war, ob man das Rechte und Gute wünschte oder nicht? +Simon liebte dieses Rauschen der Jahreszeiten über +seinem Kopf, und als eines Tages Schnee in die dunkle, +schwärzliche Gasse hinabflog, freute er sich des Fortschrittes +der ewigen, erwärmenden Natur. »Sie schneit, +das ist der Winter, und ich Törichter habe geglaubt, den +Winter nicht mehr erleben zu sollen,« dachte er. Es +kam ihm wie ein Märchen vor: »Es waren einmal +Schneeflocken, die flogen, weil sie nichts Besseres zu tun +wußten, auf die Erde nieder. Viele flogen aufs Feld +und blieben dort liegen, andere fielen auf die Dächer +und blieben dort liegen, wieder etliche und andere fielen +auf Hüte und Kapuzen von schnell vorwärtseilenden +Menschen und blieben dort liegen, bis sie abgeschüttelt +wurden, einige und wenige flogen einem Pferd, das vor +<a class="pagenum" name="Page_295" title="295"> </a> +einem Karren angebunden stand, ins treue, liebe Antlitz +und blieben auf den langen Wimpern der Pferdsaugen +liegen, ein Schneeflocken flog in ein Fenster hinein, aber +was er dort machte, ist nicht erzählt worden, jedenfalls +blieb er dort liegen. In der Gasse schneit's, im Wald +oben, o, wie schön muß es jetzt im Wald sein. Da +könnte man hingehen. Hoffentlich schneit es noch bis +in den Abend, wenn die Laternen angezündet werden. +Es war einmal ein Mann, der war ganz schwarz, da +wollte er sich waschen, aber er hatte kein Seifenwasser. +Als er nun sah, daß es schneite, ging er auf die Straße +und wusch sich mit Schneewasser und davon wurde sein +Gesicht weiß wie Schnee. Da konnte er prahlen damit, +und das tat er. Aber er bekam den Husten, und nun +hustete er immer, ein ganzes Jahr lang mußte der arme +Mann husten, bis zum nächsten Winter. Da lief er den +Berg hinauf, bis er schwitzte, und noch immer hustete +er. Das Husten wollte gar nicht mehr aufhören. Da +kam ein kleines Kind zu ihm, es war ein Bettelkind, +das hatte einen Schneeflocken in der Hand, der Flocken +sah aus wie eine kleine zarte Blume. »Iß den Schneeflocken,« +sprach das Kind. Und nun aß der große Mann +den Schneeflocken, und weg war der Husten. Da ging +die Sonne unter, und alles war dunkel. Das Bettelkind +saß im Schnee und fror doch nicht. Es hatte zu +Hause Schläge bekommen, warum, das wußte es selber +nicht. Es war eben ein klein Kind und wußte noch +nichts. Seine Füßchen froren ihm auch nicht, und doch +waren sie nackt. In des Kindes Auge glänzte eine Träne, +aber es war noch nicht gescheit genug, um zu wissen, +daß es weinte. Vielleicht erfror das Kind in der Nacht, +aber es spürte nichts, spürte gar nichts, es war zu klein, +um etwas zu spüren. Gott sah das Kind, aber es rührte +ihn nicht, er war zu groß, um etwas zu spüren.« –</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_296" title="296"> </a>Simon spornte sich in dieser Zeit an, trotz der Winterkälte, +die in seinem Zimmer herrschte, früh aus dem +Bett zu springen, wenn er auch weiter nichts zu tun +hatte. Er würde dann einfach dastehen, sich auf die +Zähne beißen, und das Anspannende würde schon kommen +müssen. Irgend etwas gäbe es immer zu tun. Er +könnte sich ja zum Zeitvertreib die Hände oder den Rücken +reiben, oder versuchen, auf den Händen am Boden zu +gehen. Irgend eine Willensübung, sei es auch die allerlächerlichste, +müßte er stets treiben, das vertriebe die Gedanken +und stählte und ermunterte den Körper. Er wusch +sich alle Morgen mit kaltem Wasser ab, von oben bis unten, +bis ihm heiß wurde, und verschmähte es, den Mantel +anzuziehen, wenn er ausging. Er wollte sich jetzt lehren, +zu parieren in dieser Jahreszeit! Den Mantel benutzte +er als Fußumhüllung, wenn er am Tische saß und las. +Ein Paar breite, grobe Schuhe, wie sie die Rekruten beim +Militär tragen, schaffte er sich an, um zu jeder Zeit über +den Berg im tiefen Schnee zu waten. Das sollte ihn +lehren, jetzt noch auf elegante Schuhe zu sehen. Mit +so einem derben Schuhpaar mochte man um eins noch +so fest in der Welt dastehen. Es kam jetzt darauf an, +oberhalb zu bleiben und festen Fuß zu fassen. Wenn +er nur den Nacken nicht beugte, mußte sich sicher, ja, +von selbst, etwas für ihn zeigen, das er ergreifen konnte. +Wieder anfangen, von vorne, seinetwegen fünfzig Mal, +was schadete das jetzt. Er mußte nur gespannten Blicks +und gespannten Sinnes bleiben, dann würde es schon +kommen, was er haben mußte.</p> + +<p>Er glich in dieser Zeit einem Menschen, der Geld +verloren hat und der seinen ganzen Willen einsetzt, es +wieder zu gewinnen, der aber zur Wiedergewinnung weiter +nichts tut, als nur eben den Willen einsetzen, und sonst +nichts macht.</p> + +<p><a class="pagenum" name="Page_297" title="297"> </a>Um die Weihnachtszeit herum ging er den breiten +Berg hinauf. Es war gegen Abend und furchtbar kalt. +Ein beißender Wind pfiff den Menschen um die Nasen +und Ohren, die gerötet und von der Kälte entzündet +wurden. Simon schlug unwillkürlich den Weg ein, der +einstmals zu Klaras Waldhaus hinaufführte und der +jetzt gangbarer gemacht worden war. Überall zeigte sich +eine Spur von umwandelnden Menschenhänden. Er sah +ein großes, doch nicht unzierliches Haus vor sich stehen, +an der Stelle, an der früher das Chalet aus Holz stand, +in das er so oft hineingegangen war, als noch Kaspar +hier malte, zu der lieben merkwürdigen Frau, die es bewohnte. +Jetzt war hier ein Kurhaus für das Volk errichtet +worden, und es wurde, wie es den Anschein hatte, +fleißig besucht; denn etliche wohlgekleidete Menschen +gingen aus und ein. Simon besann sich eine Weile, +ob er ebenfalls hineingehen sollte, aber schon die grimmige +Kälte machte ihm den Gedanken an einen erwärmten, +menschenerfüllten Saal angenehm. So trat +er hinein. Ein warmer, scharfer Duft von Tannenzweigen +schlug ihm entgegen, das ganze große, helle +Zimmer, eigentlich ein Saal, war mit Tannengrün geziert +und ausgefüttert, gleichsam tapeziert. Nur die +Sprüche, die an die weißen Wände gemalt waren, befanden +sich frei, und man konnte sie lesen. An allen +Tischen saßen heitere und ernste Menschen, viele Frauen, +aber auch Männer und Kinder, einzeln an einem runden +Tischchen sitzend oder zu Gesellschaften um einen länglichen +Tisch herum vereinigt. Der Duft von Getränken +und Speisen vermischte sich mit dem weihnachtlichen +Tannenduft. Hübsch gekleidete Mädchen gingen umher, +und bedienten die Gäste auf eine freundliche und zugleich +überaus gelassene Weise, die nichts Kellnerinnenhaftes +an sich hatte. Es sah aus, als ob diese zierlichen +<a class="pagenum" name="Page_298" title="298"> </a> +Mädchen nur, um ein lächelndes Spiel aufzuführen, +hier bedienten, oder so, als ob sie nur ihren Eltern, +Verwandten, Brüdern, Schwestern oder ihren Kindern +diesen Dienst erwiesen: so elterlich und kindlich zugleich +sah es aus. Eine kleine, ebenfalls dicht mit Tannenzweigen +umrahmte Bühne befand sich an einem anderen +Ende des Saales, vielleicht zur Aufführung irgend eines +Weihnachtsstückes oder eines Stückes mit sonst irgend +einem lieblichen Inhalt. Auf jeden Fall war es ein +warmer, freundlicher, gastlich aussehender Raum, und +Simon setzte sich, als einzelner, an ein rundes Tischchen +nieder, wartend, ob eines der Mädchen zu ihm herankäme, +um zu fragen, was er <ins title="wünsche">wünsche.</ins> Aber es kam +vorläufig keines. So blieb er denn eine geraume Zeit +still, das Kinn in die Hand gestützt, wie es junge Männer +zu machen pflegen, an dem Tischchen sitzen, als mit +einem Mal eine schlankgewachsene Dame auf ihn zukam, +ihm freundlich entgegennickte und dann, zu einem der +Mädchen gewendet, ausrief und frug, wie man nur den +jungen Herrn so lange ohne Bedienung lassen könne. +Dieser Vorwurf war eher lachend und liebenswürdig geschehen, +als ernsthaft, aber jedenfalls war diese Dame +hier im Hause eine Art Direktorin oder Leiterin oder +wie man das nennen konnte.</p> + +<p><ins title="Entschuldigen">»Entschuldigen</ins> Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte +sie sich wieder zu Simon.</p> + +<p>»O, ich wüßte nicht, was da zu entschuldigen wäre. +Vielmehr ich habe mich zu entschuldigen, daß ich der +Anlaß bin, daß Sie einem von Ihren Mädchen einen +Vorwurf machen müssen. Ich sitze hier übrigens ganz +gern, ohne daß man sich um mich bekümmert; denn +offen gestanden: was ich an Bestellungen für das bedienende +Mädchen aufzuwenden habe, ist blutwenig.« –</p> + +<p>»Essen und trinken Sie nur so viel, als Sie +<a class="pagenum" name="Page_299" title="299"> </a> +wollen. Sie brauchen nichts zu bezahlen,« sagte die +Dame.</p> + +<p>»Gilt das für mich allein oder gilt das hier für +alle?«</p> + +<p>»Natürlich nur für Sie allein, und nur deshalb, +weil ich die bezügliche Ordre erteilen werde, daß man +Ihnen nichts abfordern soll.«</p> + +<p>Sie setzte sich zu ihm an den kleinen, braunen Tisch:</p> + +<p>»Ich habe einen Augenblick Zeit, mit Ihnen zu plaudern, +und sehe nicht ein, warum ich es nicht tun sollte. +Sie scheinen ein vereinsamter junger Mann zu sein, das +sagen mir Ihre Augen, und sie sagen mir auch, und das +deutlich genug, daß der, dem sie gehören, den Wunsch +fühlt, mit Menschen in Berührung zu kommen. Ich +weiß nicht, wie es kommt, daß ich Sie für einen wohlgebildeten +Menschen halten muß. Als ich Sie sah, reizte +es mich schon, mit Ihnen zu sprechen. Wenn ich Sie +mit der scharfen Lorgnette hätte betrachten wollen, würde +ich vielleicht entdeckt haben, daß Sie ziemlich verwahrlost +aussehen, aber wer wollte Menschen erkennen lernen und +sich dazu des Augenglases bedienen? Als Vorsteherin +dieses Hauses habe ich ein Interesse daran, möglichst genau +zu erfahren, wer alles meine Gäste sind. Ich habe +mich daran gewöhnt, die Menschen nicht nach einem schäbigen +Filzhut, sondern nach ihren Bewegungen, die ihr +Wesen besser erklären, als gute oder schlechte Kleidungsstücke, +zu beurteilen, und habe im Laufe der Zeit gefunden, +daß ich den richtigen Weg nehme. Gott soll +mich doch, wenn er es je gut mit mir meint, daran verhindern, +hochnäsig und hochmütig zu werden. Eine Geschäftsfrau, +die nicht Menschenkennerin ist, macht mit der +Zeit schlechte Geschäfte, und was lehrt denn die zunehmende +Menschenkenntnis? Das Einfachste von der Welt: +Alle mit Freundlichkeit zu behandeln! Sind wir nicht alle +<a class="pagenum" name="Page_300" title="300"> </a> +zusammen, wir Menschen auf diesem einsamen, verlorenen +Planeten, Geschwister? Brüder und Schwestern? Brüder +zu Schwestern, Schwestern zu Schwestern und wieder +Schwestern zu Brüdern? Ganz zart kann ja das sein und +muß es wohl auch immer sein: in Gedanken vor allem! +Aber dann muß es auch anschwellen und getan werden. +Kommt mir ein roher Mann vor oder ein einfältiges +Weib, was kann ich da tun? Muß ich mich sogleich +abgeschreckt und unsympathisch berührt fühlen? O, noch +lange nicht. Ich denke dann: nein, ganz angenehm ist +mir dieser Mensch nicht, er stößt mich ab, er ist ungebildet +und anmaßend, aber ich muß ihn und mich das +nicht in so allzudeutlicher Weise merken lassen. Ich muß +mich ein wenig verstellen, er verstellt sich dann vielleicht +auch ein wenig, wenn auch nur aus Trägheit oder Dummheit. +Wie lieb ist es, Rücksichten zu nehmen. Ich bin +innerlich heilig und mit Flammen davon überzeugt, daß +es lieb ist, weiter weiß ich über diesen Punkt nichts zu +sagen. Oder dieses noch: ein Bruder muß ja nicht gerade +zu den feinsten und erlesensten Menschen gehören +und kann doch, vielleicht aus, sagen wir, etwas abgemessener +Entfernung, Bruder sein. So mache ich es mir +zum Gesetz, und ich stehe ordentlich gut dabei. Viele +Menschen gewinnen mich lieb, die vordem die Schultern +gezuckt und mir ihr Gesicht verzogen haben. Warum +sollte ich nicht, was eine so reizende Lehre, wie das Üben +der liebenden und beobachtenden Geduld ist, betrifft, ein +klein wenig Christin sein? Wir alle haben das Christentum +jetzt vielleicht wieder nötiger als je zuvor; aber das +ist dumm gesprochen. Sie lächelten, und ich weiß ganz +gut, warum Sie lächeln. Sie haben recht, weshalb habe +ich mit Christentum zu kommen, wo nur einfache, kluge +Freundlichkeit in Frage kommt. Wissen Sie was? Ich +denke mir so manchmal: Christenpflicht, das geht jetzt +<a class="pagenum" name="Page_301" title="301"> </a> +in unseren Tagen leise und kaum spürbar in Menschenpflicht +über, und das ist viel einfacher und ist besser +auszuführen. Doch ich muß gehen. Man ruft mich. +Bleiben Sie sitzen, ich komme wieder.« –</p> + +<p>Damit ging sie fort.</p> + +<p>Nach einigen Minuten kam sie wieder und fing schon +aus der Entfernung von ein paar Schritten das Gespräch +von neuem an, indem sie ausrief: »Wie doch hier alles +von Neuheit umspannt ist. Sehen Sie sich doch um: +alles ist neu, frisch und erst eben geboren. Keine einzige +Erinnerung an Altes! Sonst befindet sich in jedem Hause +und in jeder Familie wohl irgend ein altes Möbel, ein +Hauch und Stück aus alten Zeiten, das man noch immer +liebt und ehrt, weil man es schön findet, wie man eine +Abschiedsszene oder einen wehmutvollen Sonnenuntergang +schön findet. Erblicken Sie hier etwas Ähnliches, auch +nur eine Andeutung davon? Es kommt mir wie eine +schwindelnde, gebogene, leichte Brücke in die noch unerklärliche +Zukunft vor. O, in die Zukunft zu blicken, +ist schöner, als der Vergangenheit nachzuträumen. Man +träumt auch, wenn man in eine Zukunft hineindenkt. +Hat das nicht etwas Wunderbares? Sollte es nicht +klüger von den feindenkenden Menschen sein, ihre Wärme +und ihre Ahnungen den noch kommenden, als den vergangenen +Tagen zu schenken? Kommende Zeiten sind +uns wie Kinder, die eher der Aufmerksamkeit bedürfen +als die Gräber der Gestorbenen, die wir vielleicht nur +mit etwas zu übertriebener Liebe schmücken: die vergangenen +Zeiten! Der Maler wird jetzt gut daran tun, +Kostüme für ferne Menschen zu entwerfen, die die +Grazie besitzen werden, sie mit Anstand und Freiheit zu +tragen, der Dichter träumt Tugenden aus für starke, +von keiner Sehnsucht angefressene Menschen, der Baumeister +erfindet, so gut es geht, Formen, die dem Stein +<a class="pagenum" name="Page_302" title="302"> </a> +und dem Bauen einen entzückenderen Schwung verleihen, +er geht in den Wald und merkt sich da, wie hoch und +edel die Tannen aus dem Boden herauswachsen, um sie +als Muster für künftige Bauten zu nehmen, und der +Mann im allgemeinen wirft, in der Vorausahnung des +Kommenden, viel Gemeines, Unedles und Undienliches +ab und flüstert seiner Gattin, wenn sie ihm den Mund +zum Kuß darreicht, seine Gedanken ins Ohr, so gut er +es versteht, und die Frau lächelt. Wir verstehen es, +euch Männer mit einem Lächeln zu Taten anzuspornen, +und wir bilden uns ein, unsere Aufgabe getan zu haben, +wenn wir es dahin gebracht haben, euch die eurige ganz +lebhaft und reizvoll vor die Sinne zu lächeln. Wir sind +froher über das, was ihr gemacht habt, als über Selbst-Vollbrachtes. +Wir lesen die Bücher, die ihr schreibt, und +denken: wenn sie doch nur etwas mehr tun und etwas +weniger schreiben wollten. Im allgemeinen wissen wir +nicht viel Ersprießlicheres, als uns euch zu unterwerfen. +Was können wir anderes! Und wie gern tun wir es. Aber +von der Zukunft zu reden, habe ich natürlich vergessen, +von diesem kühnen Bogen über einem dunklen Gewässer, +von diesem Wald voller Bäume, von diesem Kind mit +den strahlenden Augen, von diesem Unsagbaren, das +einen immer reizt, es in Worte wie in ein Netz zu +fangen. Nein ich glaube, die Gegenwart ist die Zukunft. +Finden Sie nicht, daß hier herum alles nur +Gegenwart atmet?«</p> + +<p>»Ja,« sagte Simon.</p> + +<p>»Und draußen ist jetzt furchtbar strenger Winter, +und hier drinnen ist es so warm, so eben recht, daß +man Gespräche führen kann, und ich sitze hier bei Ihnen, +einem ganz jungen, scheinbar etwas <ins title="vorkommenen">verkommenen</ins> Menschen, +und versäume am Ende noch meine Pflichten. +Ihr Benehmen hat etwas Fesselndes, wissen Sie das? +<a class="pagenum" name="Page_303" title="303"> </a> +Man möchte Ihnen gleich eine Ohrfeige geben, aus heimlicher +Wut darüber, daß sie so dumm dasitzen, und einen +in so sonderbarer Weise verführen können, die kostbare +Zeit mit Ihnen Hereingeschneitem zu verlieren. Wissen +Sie was: Sie könnten trotzdem noch eine Weile dasitzen. +Es kommt Ihnen gewiß nicht drauf an. Ich werde +dann noch einmal einen Anlauf nehmen auf Ihre Ohren. +Jetzt hab' ich Pflichten.« –</p> + +<p>Und fort war sie.</p> + +<p>Simon betrachtete seine Umgebung, während die +Dame fortblieb. Die Lampen gaben ein helles und +warmes Licht. Die Menschen plauderten unbefangen +miteinander. Einzelne, da es schon Nacht war, gingen +jetzt fort, weil sie noch den Berg hinuntergehen mußten, +um in die Stadt zu kommen. Zwei alte Männer, die +gemütlich an einem Tische saßen, fielen ihm durch ihre +Ruhe auf. Sie hatten beide weiße Bärte und ziemlich +frische Gesichter und rauchten aus ihren Pfeifen, was +ihnen etwas Altväterisches verlieh. Sie sprachen nicht +miteinander, sie schienen das für überflüssig zu halten. +Ab und zu trafen sich ihre gegenseitigen Augenpaare und +dann zuckten sie so mit ihren Pfeifen und Mundwinkeln, +aber ganz ruhig und wahrscheinlich ganz gewohnheitsmäßig. +Es schienen Müßiggänger zu sein, aber berechnende, +ausgedachte und überlegene Müßiggänger, aus dem +Wohlstand heraus müßig. Gewiß hatten sie sich beide +angeschlossen, nur deshalb, weil sie dieselben Gewohnheiten +betrieben: Pfeife rauchen, Spaziergängchen machen, +Vorliebe für Wind, Wetter und Natur, das Gesundsein, +das gerne lieber Schweigen als Plaudern und endlich +das Alter und die mit demselben verbundenen Spezialsächelchen. +Simon erschienen die beiden nicht ohne +Würde. Man mußte ein wenig lächeln bei ihrem abgezirkelten, +hübschen Anblick, aber dieser Anblick schloß +<a class="pagenum" name="Page_304" title="304"> </a> +die Ehrfurcht nicht aus, die schon das Alter allein für +sich herausfordert. Etwas Zielbewußtes sprach aus ihren +ruhigen Mienen, etwas Fertiges und in keiner Weise mehr +Anzufechtendes. Beirren ließen sich diese Alten gewiß +nicht mehr in ihrer Sache, die vielleicht ein Irrtum war. +Aber was war denn eigentlich Irrtum? Wenn man sich +mit sechzig und siebzig Jahren noch einen Irrtum als +Leitstern anschaffte, so war das eine unantastbare Sache, +die dem Jüngling Achtung abringen mußte. Diese beiden +Käuze, denn etwas Kauzartiges hatten sie immerhin an +sich, mußten irgend ein Verfahren, ein System haben, +nach welchem sie sich schworen zu leben bis ans Lebensende; +so sahen sie aus, so wie zwei, die für sich etwas +gefunden hatten, das ihnen diente und das sie veranlaßte, +ruhig ihrem Ende entgegenzusehen. »Wir zwei +haben's herausgefunden, euer Geheimnis,« so drückten +sich ihre Mienen und Haltungen aus. Es war lustig +und rührend und des Nachdenkens wohl wert, ihnen +zuzuschauen und sich zu bestreben, ihre Gedanken zu erraten. +So erriet man unter anderem sogleich, so wie man +sie eine Weile betrachtet hatte, daß diese zwei immer würden +zusammen gesehen werden können, nie anders, nie einzeln, +sondern zu zweien! Immer! Das war der <ins title="Hauptgedanke">Hauptgedanke,</ins> +den man ihnen aus ihren weißen Köpfen ablauschte. +Zu zweien durchs Leben, womöglich zu zweien +hinunter in den Abgrund des Todes: das schien ihr +Prinzip zu sein. In der Tat, sie sahen auch aus wie +zwei lebendige, alt gewordene, aber immer noch lustige +und muntere Prinzipien. Wenn es wieder Sommer +würde, so würde man sie draußen auf der schattigen +Terrasse sitzen sehen, aber eben so geheimnisvoll Pfeifen +stopfend und das Schweigen dem Reden bevorzugend. +Wenn sie fortgingen, gingen immer zweie fort, nicht erst +einer und dann der andere: das schien undenkbar. Ja, +<a class="pagenum" name="Page_305" title="305"> </a> +gemütlich sahen sie aus, das mußte Simon ihnen lassen: +gemütlich und eigensinnig, dachte er, indem er von ihnen +weg, wo andershin, blickte.</p> + +<p>Er ließ über verschiedene Menschen seine Blicke +streifen, entdeckte eine englische Familie mit sonderbaren +Gesichtern, Männer, die Gelehrte zu sein schienen und +andere, denen man nur schwer ein Amt oder eine Berufsart +zudichten konnte, sah Frauen mit weißen Haaren +und Mädchen mit ihrem Bräutigam, bemerkte Leute, +denen man ansah, daß sie sich hier nicht recht wohlfühlten, +und wieder andere, die wie zu Hause im Familienkreis +hier saßen. Aber der Saal leerte sich zusehends. +Draußen pfiff der Winter, und man konnte die Tannen +aneinanderächzen hören. Der Wald lag nur zehn Schritte +weg vom Hause entfernt, das wußte Simon aus alten +Tagen genau.</p> + +<p>Indem er sich so seinen Gedanken überließ, erschien +die Vorsteherin wieder.</p> + +<p>Sie setzte sich zu ihm.</p> + +<p>Es schien eine stille Veränderung mit ihr vorgegangen +zu sein. Sie erfaßte Simons Hand: das war +etwas Unerwartetes. – Darauf sprach sie leise, von niemandem +gehört und von niemandem beobachtet:</p> + +<p>»Jetzt wird man mich wohl kaum noch stören, bei +Ihnen zu sitzen, die Leute entfernen sich allmählich. +Sagen Sie mir, wer sind Sie, wie heißen Sie, woher +kommen Sie? Sie sehen so aus, als ob man das fragen +müßte. Ein Fragen und ein Verwundern geht von +Ihnen aus, nicht ein Verwundern, das Sie selbst haben, +sondern der, der Ihnen gegenübersitzt, und über Sie. +Man fragt sich und verwundert sich über Sie, und dann +bekommt man eine Sehnsucht darnach, Sie reden zu +hören, und stellt sich vor, daß es etwas sein müßte, was +da aus Ihnen herausspräche. Man macht sich unwillkürlich +<a class="pagenum" name="Page_306" title="306"> </a> +Kummer wegen Ihnen. Man geht von Ihnen +fort, macht seine Arbeit, und plötzlich erbarmt man sich +Ihrer, indem man an Sie denkt. Mitleid ist es nicht, +denn das fordern Sie absolut nicht heraus, und Erbarmen +schlechtweg ebenfalls nicht. Ich weiß nicht, was +es sein kann: Neugierde vielleicht? Lassen Sie mich einen +Moment nachdenken. Neugierde? Ein Begehren, etwas +über Sie zu wissen, nur etwas, nur einen Ton oder einen +Laut. Man glaubt Sie bereits zu kennen, findet Sie +nicht sehr interessant und lauscht und lauscht doch, ob +Sie da etwas gesagt haben, was vielleicht wert gewesen +wäre, noch einmal zu Ihrem Mund heraus vernommen +zu werden. Wenn man Sie anblickt, bedauert man Sie +unwillkürlich leichthin, obenhin, von oben herab. Sie +müssen etwas Tiefes an sich haben, und das scheint +niemand zu bemerken, weil Sie sich keinerlei Mühe +geben, es hervortreten und leuchten zu lassen. Ich möchte +Sie erzählen hören. Haben Sie noch Eltern, und haben +Sie Geschwister? Von Ihnen vermutet man, wenn man +Sie bloß erblickt, daß Sie bedeutende Menschen zu Geschwistern +haben müssen. Sie selbst aber hält man +und muß man für unbedeutend halten. Wie kommt +das? Man fühlt sich Ihnen gegenüber leicht als Überlegener. +Und doch, wenn man sich mit Ihnen eingelassen +hat, sieht man, daß man einen jener Fehler begangen +hat, der deshalb vorkam, weil man es mit einem +durchaus gelassenen Menschen zu tun gehabt hat, der es +nur verschmähte, sich in Position zu werfen, und nicht +wollte besser und gefährlicher aussehen, als er ist. Sie +sehen wenig interessant und noch weniger gefährlich aus, +und die Frauen, das ist so ein Gemengsel von Zartheitsbedürfnis +und Lust an der rohen Gefahr, die sie beständig +bedrohen soll. Sie nehmen natürlich nicht übel, +was ich Ihnen soeben gesagt habe, denn Sie nehmen +<a class="pagenum" name="Page_307" title="307"> </a> +nichts übel. Man weiß nicht, wie man mit Ihnen dran +ist. Möchten Sie mir erzählen, ich bin so gespannt +darauf! Wissen Sie, ich möchte gerne Ihre Vertraute +sein, wenn auch nur für eine Stunde, meinetwegen in +der Einbildung bloß. Als ich oben war, eben vorhin, +hatte ich einen solchen Drang darnach, zu Ihnen hinunterzueilen, +als wären Sie gar eine Persönlichkeit von +Belang, die man unter keinen Umständen warten lassen +darf, vor der man froh sein muß, in Gnade und in +einiger herablassender Achtung zu stehen. Und sitzt da +einer, dessen Wangen höher glühen, wenn ich daher zu +springen komme! Welch eine Verwechslung, aber ist es +nicht seltsam? So, jetzt will ich still sitzen und Ihnen +zuhören.« –</p> + +<p>Simon erzählte:</p> + +<p>»Ich heiße Tanner, Simon Tanner, und habe vier +Geschwister, von denen ich der Jüngste bin und derjenige, +der zu den wenigsten Hoffnungen berechtigt. Ein Bruder +ist Maler, der lebt in Paris, und er lebt dort stiller +und zurückgezogener als in einem Dorf; denn er malt. +Jetzt muß er sich schon ein wenig verändert haben, es +ist über ein Jahr her, daß ich ihn zuletzt gesehen habe, +aber ich denke, wenn Sie ihm begegnen würden, bekämen +Sie den Eindruck von einem bedeutenden und in sich +abgeschlossenen Menschen. Es ist nicht ohne Gefahr, +mit ihm zu tun zu haben, er bestrickt, und das in einer +Weise, daß man um seinetwillen Torheiten begehen kann. +Er ist ganz und gar Künstler, und wenn ich, sein Bruder, +etwas von der Kunst verstehe, so ist er daran schuld, +nicht mein Verständnis, das sich nur, angezogen von +ihm, einigermaßen entfalten konnte. Ich glaube, er +trägt jetzt lange Locken, aber die Locken stehen ihm so +natürlich, wie einem Offizier der kurzgeschorene Kopf, man +findet es nicht auffällig. Unter den Menschen verschwindet +<a class="pagenum" name="Page_308" title="308"> </a> +er, und er begehrt auch, unter ihnen zu verschwinden, +um ruhig arbeiten zu können. Früher einmal +hat er mir in einem Briefe etwas von einem Adler +geschrieben, der seine Schwingen breite über Felsenkanten +und der sich über Abgründen am wohlsten fühle, und +ein anderes Mal schrieb er mir, der Mensch und Künstler +müsse arbeiten, wie ein Pferd, umsinken sei noch gar +nichts, umsinken müsse er und sogleich wieder aufstehen +und frisch ans Werk gehen. Er war damals noch +ein Knabe, und jetzt malt er Bilder. Wenn er nicht +mehr wird malen können, wird er auch kaum noch leben. +Er heißt Kaspar und ist als Schulknabe in der +Schule und im elterlichen Hause fortwährend für einen +faulen Bengel angesehen worden, glauben Sie das nur, +und nur deshalb, weil sein ganzes Wesen ein gelassenes +und mildes war. Er wurde früh aus der Schule genommen, +weil er darin nicht reüssierte, und mußte +Schachteln und Kisten herumschleppen, und dann kam +er aus der Heimat fort und lernte dort draußen, den +Menschen die Achtung, die er verdiente, abzunötigen. +Das ist einer meiner Brüder, ein anderer heißt Klaus. +Dieser ist der Älteste, und ich halte ihn für den besten +und bedachtsamsten Menschen auf der Welt. Die Nachsicht, +das Bedenkentragen und das Nachdenken schauen +ihm zu den Augen heraus. Er ist ein tüchtiger Mensch, +so tüchtig, daß niemand jemals hinter seine bescheidene, +verborgene Tüchtigkeit kommen wird. Er hat uns +Jüngere aufwachsen und uns unsern Begierden und +Leidenschaften nachhängen sehen, er hat geschwiegen dazu +und gewartet, bisweilen ein Wort der Sorge und +des Rates gesprochen, aber er hat immerfort eingesehen, +daß jeder seinen eigenen Weg gehen muß, er hat nur +Schlimmes zu verhüten gesucht, und das Gute an einem +hat er stets mit sonderbarem Scharfblick herausgefunden. +<a class="pagenum" name="Page_309" title="309"> </a> +Dieser Bruder macht sich wegen mir stille Sorgen, ich +weiß das ganz genau; denn er liebt mich, er liebt überhaupt +die Menschen und hat eine sonderbar schüchterne +Achtung vor ihnen, die wir Jüngere nicht besitzen. Obschon +er eine bedeutende Stellung in der Gelehrtenwelt +einnimmt, bin ich doch überzeugt, daß nur seine Gewissenhaftigkeit, +die immer mit Schüchternheit verbunden +ist, daran schuld ist, daß er eine nicht noch höhere bekleidet; +denn er verdiente die höchste und verantwortungsreichste. +Nun habe ich noch einen dritten Bruder, der nur unglücklich +ist, weiter nichts, und der nur noch das ist, was die Erinnerung +von ihm an seine früheren Tage einem erzählen +kann. Er ist im Irrenhaus. – Sollte ich das vielleicht +vor Ihnen nicht offen haben heraussagen dürfen? Sie +haben sicher ein Interesse daran, wenn Sie nun schon +dasitzen und mir mit so aufmerksam lauschendem Ohr +zuhören, alles der Wahrheit gemäß zu erfahren, sonst +lieber gar nichts, nicht <ins title="war">wahr</ins>! Sie nicken und sagen mir +damit, daß ich Sie schon ziemlich kenne, wenn ich den +Mut habe, von Ihnen anzunehmen, daß Sie eine tapfere +und zugleich herzensgütige Frau sind. Hören Sie weiter. +Dieser unglückliche Bruder war wohl, ich darf es ruhig +sagen, das Ideal eines jungen schönen Mannes, und +Talente besaß er, die eher in das galante, zierliche achtzehnte +Jahrhundert hineingepaßt haben würden, als in +unsere Zeit mit den viel härteren und trockneren Anforderungen. +Lassen Sie mich über sein Unglück schweigen; +denn erstens würde ich Sie damit verstimmen, und zweitens +und drittens und meinetwegen auch sechstens schickt +es sich nicht, die Falten des Unglücks auseinander zu +ziehen, alle Feierlichkeit wegzunehmen, alle schöne, verschleierte +Trauer, die nur dann ist, wenn man schweigt +über solches. Ich habe Ihnen nun leise und skizzenhaft +meine Brüder gezeigt, es tritt jetzt ein Mädchen auf, eine +<a class="pagenum" name="Page_310" title="310"> </a> +einsame, in einem Dörfchen mit Strohdächern vergrabene +Schullehrerin, meine Schwester Hedwig. Möchten Sie +sie kennen lernen? Sie würden mit Ihrer ganzen Empfindung +Freude an dem Mädchen haben. Es gibt kein +stolzeres Geschöpf als sie auf der Erde. Ich lebte drei +volle Monate lang als Müßiggänger bei ihr auf dem +Lande, sie hat geweint, als ich ankam und mich ausgelacht, +als ich, mit dem Reisekoffer in der Hand, zärtlich +Abschied nehmen wollte. Fortgejagt hat sie mich und +mir zugleich einen Kuß gegeben. Sie hat mir gesagt, +daß sie für mich nur eine leise, nicht abzuwehrende Verachtung +hege, aber sie hat es so schön gesagt, daß ich +mich wie geliebkost geglaubt habe. Denken Sie, sie hat +mich bei ihr geduldet, als ich zu ihr kam, bettelhafter +und frecher als ein aufdringlicher Landstreicher, der sich +nur seiner Schwester einmal erinnerte, weil er dachte: +»da kannst du hingehen, bis du wieder auf zwei Füßen +stehst«. – Aber wir haben die drei Monate hindurch wie +in einem heiteren Lustgarten voll Laubengänge zusammen +gelebt. So etwas kann man niemals vergessen. Wenn +ich ausging und im Walde spazierte und nicht wußte +vor Trägheit, ob ich mich am Kinn oder hinter den Ohren +kratzen sollte, träumte ich von ihr, nur von ihr, als von +dem Nächsten und dem Fernsten zugleich. Sie war mir +fern aus Ehrfurcht und nahe aus Liebe. Sie war so +stolz, wissen Sie, daß sie mich niemals fühlen ließ, wie +lumpig ich ihr vorkommen mußte. Sie hat sich nur +gefreut, als ich mich bei ihr wohlgefühlt und eingenistet +hatte. Das dauerte bis zu der letzten Stunde, den Abschied +schnitt sie mir einfach vom Munde weg, in dem +Vorausgefühl, daß ich nur Kränkendes und Dummes sagen +würde. Als ich, schon weggegangen, hinter mich den +Hügel herabblickte, sah ich sie mir mit der Hand nachwinken, +so freundlich und einfach, als ginge ich nur bis +<a class="pagenum" name="Page_311" title="311"> </a> +zum nächsten Dorfschuhmacher und käme nach einer +Stunde wieder zurück. Und doch wußte sie, daß sie +allein in der Verlassenheit zurückbleiben und die Aufgabe +vorfinden würde, sich eines Gesellschafters zu entwöhnen, +was immerhin eine Aufgabe und ein Stück innerlicher +Arbeit war. Wir haben uns, wenn wir abends zusammensaßen, +das Leben erzählt und haben die Flügel der Kindheit +wieder rauschen hören, wie das Kleid unserer Mutter +auf dem Zimmerboden rauschte, wenn sie den Kindern +entgegenkam. Meine Mutter und meine Schwester +Hedwig ergeben in meinem Kopf immer ein innig +verbundenes und zusammengewobenes Bild. Hedwig +hat die Mutter, als diese krank wurde, besorgt und gepflegt, +wie man ein kleines Kind pflegen muß. Denken +Sie: ein Kind sieht seine Mutter zum Kinde werden +und wird Mutter an der Mutter. Welche seltsame Verschiebung +der Gefühle. Meine Mutter war eine hochgeachtete +Frau, und die Hochachtung, die man ihr allgemein +entgegenbrachte, war rein und kam aus dem +Herzen heraus. Sie hat immer den Eindruck des Ländlichen +und zugleich Vornehmen gemacht. Demutvoll +und zugleich abweisend, wußte sie jeden Ungehorsam +und jede Lieblosigkeit zu dämpfen. Der Ausdruck ihres +Gesichts bat und gebot zu gleicher Zeit. Wie scharten +sich die Damen in unserer Stadt um sie, und wenn sie +spazieren ging, wie viele Herrenhüte wurden vor ihr gelüftet. +Dann, als sie krank wurde, fiel sie in Vergessenheit +und wurde der Gegenstand der Sorge und +der Scham. Man schämt sich eben kranker Familienglieder +wegen und ist beinahe zornig, wenn man der +Tage gedenkt, wo man die Gesunde und ringsumher +Achtunggebietende gesehen hat. Kurz vor ihrem Tode, +ich war damals vierzehn Jahre alt, schrieb sie eines Mittags +einen Brief: »Mein lieber Sohn!« Aber glauben +<a class="pagenum" name="Page_312" title="312"> </a> +Sie, sie wäre mit ihrer wunderlich-schlanken Handschrift +weiter gekommen als über die Anrede hinaus? Nein, +sie lächelte müde und irr, murmelte etwas und war +gezwungen, die Feder wieder wegzulegen. Da saß sie, +da lag der angefangene Sohnesbrief, da die Feder, die +Sonne schien draußen, und ich beobachtete das alles. Eines +Nachts dann klopfte Hedwig an meiner Kammertüre: ich +solle aufstehen, Mutter sei gestorben! Ein dünner Lichtstrahl +fiel durch die Türritze zu mir hinein, während ich +zum Bett hinaussprang. Meine Mutter war als Mädchen +unglücklich und schlecht bestellt gewesen. Sie kam aus +dem abgelegenen Gebirge zu ihrer Schwester, meiner +Tante, in die Stadt, wo sie beinahe Magdsdienste verrichten +mußte. Als Kind ging sie einen weiten, tief mit +Schnee bedeckten Weg in die Schule, und ihre Schulaufgaben +machte sie in einer kleinen Stube, bei einem +armseligen Lichtstümpfchen, daß ihr die Augen weh taten, +weil sie die Buchstaben im Buch kaum lesen konnte. +Ihre Eltern waren nicht gut zu ihr, so lernte sie früh die +Schwermut kennen und stand, als sie Mädchen war, +eines Tages an ein Brückengeländer angelehnt und dachte +darüber nach, ob es nicht besser wäre, in den Fluß hinab +zu springen. Man muß sie vernachlässigt, hin und her +geschoben und auf diese Art mißhandelt haben. Als ich +als Knabe einmal von ihrer bösen Jugend hörte, schoß +mir der Zorn ins Gesicht, ich bebte vor Empörung und +haßte von nun an die unbekannten Gestalten meiner +Großeltern. Für uns Kinder hatte die Mutter, als sie +noch gesund war, etwas beinahe Majestätisches, vor dem +wir uns fürchteten und zurückscheuten; als sie krank im +Geist wurde, bemitleideten wir sie. Es war ein toller +Sprung, so von der ängstlichen, geheimnisvollen Ehrfurcht +ins Mitleid überspringen zu müssen. Was dazwischen +lag: die Zärtlichkeit und Vertraulichkeit zu ihr, +<a class="pagenum" name="Page_313" title="313"> </a> +war uns unbekannt geblieben. So kam es, daß unser +Mitleid mit einem unsäglichen Bedauern über das Nie-Empfundene +stark gemischt wurde, was uns dann eigentlich +sie um so inniger bemitleiden ließ. Alle Flegeleien +fielen mir wieder ein und alles unehrerbietige Betragen, +und dann die Stimme der Mutter, mit der sie einen +schon aus der Entfernung strafte, so daß die nachher +erfolgende, handliche und wirkliche Abstrafung nur noch +süßes, lächerliches Zuckerzeug dagegen war. Sie hat +solch eine Stimme anzuschlagen gewußt, die einen im +Nu den begangenen Fehler bereuen und einen wünschen +ließ, die heftig Gekränkte so schnell wie nur +möglich wieder besänftigt zu sehen. Ihre Sanftheit +hatte etwas wunderbar Sanftes für uns, es war ein +Geschenk; denn wir sahen es selten. Gereizt und allzu +empfindlich war meine Mutter immer. Unsern Vater +fürchteten wir alle lange nicht so, wie die Mutter, wir +fürchteten nur immer, daß er etwas gesagt oder getan +haben mochte, worüber Mutter in Zorn geraten +konnte. Er war ihr gegenüber machtlos, eine Natur, die +das Energische nicht so sehr liebte wie das Sich-wohl-sein-lassen. +Als munterer Gesellschafter war er gerne gesehen, +aber zu schweren Geschäften war er nicht der Mann. +Jetzt ist er achtzig Jahre alt, und wenn er sterben wird, +so stirbt ein Stück Stadtgeschichte mit ihm; die alten +Leute werden ihren Kopf bedenklicher und müder schütteln, +wenn sie den alten Mann nicht mehr sehen seinen Geschäften +nachgehen, was er immer noch, und mit ziemlich +rüstigen Beinen, tut. In seiner Jugend war er ein +ziemlich wilder Geselle gewesen, den das Stadtleben allmählich +abschliff, aber auch zum Wohlleben verführte. +Beide Eltern, Mutter sowohl wie Vater, kamen aus +rauhen, stillen Gebirgsgegenden her, in eine Stadt, die +schon damals ihrer Großzügigkeit und Lebensfreude wegen +<a class="pagenum" name="Page_314" title="314"> </a> +im ganzen Lande einen gemischten Ruhm genoß. Die +Industrie blühte damals wie eine feurige Pflanze auf und +gestattete ein leichtes, gedankenloses Leben, viel Geld wurde +verdient, viel ausgegeben. Wenn in der Woche fünf bis +sechs Tage gearbeitet wurde, so galt das als fleißiges +Wesen. Der Arbeiter lag tagelang am sonnigen Flußufer +und angelte Fische, wenn er nichts Schlimmeres +trieb. Sobald er Geld nötig hatte, zum Weiterleben, +arbeitete er ein paar Tage und verdiente soviel, daß er +wieder müßig gehen konnte. Der Handwerker verdiente +vom Arbeiter, denn wenn die armen Leute Geld haben, +so kann es den Wohlhabenden um so weniger fehlen. +Die Stadt schien in einer Nacht zehntausend Einwohner +mehr bekommen zu haben, alles strömte aus dem umliegenden +Lande herbei, in die Häuser, die schon besetzt +und bewohnt wurden, sobald sie nur äußerlich das fertige +Aussehen hatten, mochten sie innen feucht und +schmutzig sein, so viel sie wollten. Die Bauunternehmer +hatten eine prachtvolle Zeit, sie brauchten nur immer +bauen zu lassen, und sie taten es so liederlich, als es +nur anging. Die Fabrikanten ritten zu Pferd und ihre +Damen fuhren in Kaleschen, während der alte Stadtadel +die Nase dazu rümpfte. <ins title="Am">An</ins> Festtagen tat sich die Stadt, +wie keine andere, hervor und entfaltete bei solcher Gelegenheit +alles, was ihr zu Gebote stand, um sich überall +als die beste Feststadt rühmen zu lassen. Die Kaufleute +konnten unter solchen Umständen nicht klagen, die +Schulkinder ebensowenig, nur einige Einsichtsvolle, die +nicht den Mut fanden, sich auf dem schwankenden, rosenbestreuten +Boden der Lust und Oberflächlichkeit mit fortzubewegen. +In solche Verhältnisse hinein kamen meine +Eltern, Mutter mit ihrer empfindlichen Reizbarkeit und +mit ihrem Sinn für das Einfach-Vornehme, und Vater +mit seinem Anpassungstalent an alles Bestehende. Für +<a class="pagenum" name="Page_315" title="315"> </a> +Kinder ist eine jede Gegend lieblich und reizvoll, aber +diese, die uns empfing, war ihrer Lage nach für Kinder, +die gerne Schlupfwinkel, wie Felsen, Höhlen, Flüsseufer, +Weiden, Niederungen, Schluchten und Waldstürze +zu ihren Spielen haben, wie geschaffen. So genoß +man die ganze Gegend spielend und Spiele erfindend, +bis man aus der Schule kam. Ich wurde, als +die Mutter starb, in eine Bank als Lehrling gegeben. +Im ersten Jahr hielt ich mich vortrefflich; denn das +Neue, das mir begegnete in dieser Welt, jagte mir +Furcht und Scheu ein. Das zweite Jahr sah mich als +Muster-Lehrling, aber im dritten Lehrjahr jagte mich der +Direktor in Forma zum Teufel und behielt mich nur +gnadenshalber aus Rücksicht auf meinen Vater, dem er +seit vielen Jahren ein guter Bekannter war. Ich war +unlustig geworden zu jeder Arbeit und frech zu den Vorgesetzten, +die ich nicht für würdig befand, mir Befehle +zu erteilen. Es war etwas mir jetzt Unbegreifliches in +mir. Ich besinne mich, daß mir alles, jedes Möbel, +jeder Gegenstand, jedes Wort weh tat. Ich war so scheu +geworden, daß es Zeit war, mich fortzuschicken, und man +tat es. Man suchte mir eine Stelle in einer entfernten +Stadt, nur um mich loszuwerden, mit dem doch nichts +anzufangen war. So kam ich fort. – Aber jetzt will +ich nicht mehr an all das Frühere denken, auch nicht mehr +sprechen davon. Es ist etwas Wunderbares, der frühen +Jugend entronnen zu sein; denn sie ist nicht das gar +nur Schöne, Liebliche und Leichte, sondern oft schwerer +und gedankenvoller als manches alten Mannes Leben. +Je mehr man gelebt hat, desto sanfter lebt man. Wer +heftig in der Jugend gelebt hat, der mag sich später +nur noch selten, am liebsten nie mehr wieder heftig gebärden. +Wenn ich so denke, wie wir Kinder, immer +eines dem andern nach, so durch mußten, durch den +<a class="pagenum" name="Page_316" title="316"> </a> +Irrtum und durch die jähe, schnelle Empfindung hindurch, +und daß das alle Kinder der Erde müssen, mit +so viel jugendlicher Gefahr, so möchte ich die Kindheit +nicht so voreilig als etwas Süßes preisen, und doch +preisen; denn sie ist doch eine kostbare Erinnerung. Wie +schwer wird es oft Eltern gemacht, gute und behütende +Eltern zu sein; und ein artiges, folgsames Kind zu sein, +das ist für die meisten Kinder nur eine billige, oberflächliche +Phrase. Sie wissen das übrigens besser; denn Sie sind +eine Frau. Was mich betrifft, so bin ich bis jetzt noch +der untüchtigste aller Menschen geblieben. Ich besitze +nicht einmal einen Anzug am Leibe, der von mir aussagen +könnte, daß ich einigermaßen mein Leben geordnet +hätte. Sie erblicken nichts an mir, das auf eine bestimmte +Wahl im Leben hindeutete. Ich stehe noch +immer vor der Türe des Lebens, klopfe und klopfe, +allerdings mit wenig Ungestüm, und horche nur gespannt, +ob jemand komme, der mir den Riegel zurückschieben +möchte. So ein Riegel ist etwas schwer, und +es kommt nicht gern jemand, wenn er die Empfindung +hat, daß es ein Bettler ist, der draußen steht und anklopft. +Ich bin nichts als ein Horchender und Wartender, +als solcher allerdings vollendet, denn ich habe es +gelernt, zu träumen, während ich warte. Das geht Hand +in Hand, und tut wohl, und man bleibt dabei anständig. +Ob ich meinen Beruf etwa verfehlt habe, darnach frage +ich mich nicht mehr, das fragt sich der Jüngling, aber +der Mann nicht. Ich wäre mit jedem Beruf so weit +gekommen, wie ich jetzt bin. Was kümmert mich das! +Ich bin mir meiner Tugenden und Schwächen bewußt +und verhüte es, mit der Tugend sowohl, als mit der +Schwäche zu prahlen. Ich biete einem jeden mein +Wissen, meine Kraft, meine Gedanken, meine Leistungen +und meine Liebe an, wenn er einen Gebrauch davon +<a class="pagenum" name="Page_317" title="317"> </a> +machen <ins title="kann">kann.</ins> Streckt er den Finger aus und winkt +mir, so ist einer, der vielleicht in einem solchen Falle +heranhumpeln würde, ich aber springe, sehen Sie, so wie +der Wind pfeift, und überschlage und trete achtlos auf alle +Erinnerungen, nur um noch ungehinderter laufen zu können. +Die ganze Welt saust mit, das ganze Leben! So ist +es schön. Nur so! Nichts in der Welt ist mein, aber ich +sehne mich auch nach nichts mehr. Ich kenne keine Sehnsucht +mehr. Als ich noch eine bestimmte Sehnsucht trug, waren +mir die Menschen gleichgültig und hinderlich, und ich +verabscheute sie bisweilen, jetzt liebe ich sie, weil ich sie +brauche und weil ich mich zum Verbrauchen ihnen anbiete. +Dazu ist man da. Es kommt einer und sagt zu +mir: »Du da! Komm! Ich brauche dich. Ich kann dir +Arbeit geben!« Der macht mich glücklich. Dann weiß +ich, was Glück ist! Glück und Schmerz sind vollständig +verändert, sie sind mir deutlicher und ersichtlicher geworden, +sie erklären sich mir, sie gestatten mir, in Liebe +und Weh mit ihnen zu buhlen, um sie zu werben. Wenn +ich jemandem eine Dienst-Offerte einzureichen habe, so +weise ich immer auf meine Brüder und deute an, daß, +wenn diese sich als nützliche und schaffensfreudige Menschen +erwiesen haben, ich vielleicht auch noch zu gebrauchen +sei, worüber ich jedesmal lachen muß. Es ist mir keineswegs +bange, daß aus mir nicht auch noch eine Form +wird, aber mich endgültig formen möchte ich so spät als +nur möglich. Und dann sollte das besser von selber, +ohne, daß man es gerade beabsichtigte, kommen. Nun +habe ich mir vorläufig ein paar grobe, breite Schuhe +anmessen lassen, um fester aufzutreten und den Menschen +schon mit meinen Schritten zeigen zu können, daß ich +einer bin, der etwas will und wahrscheinlich auch etwas +kann. Erprobt zu werden, das ist mir eine Lust! Kaum +eine höhere kenne ich. Daß ich augenblicklich arm bin, +<a class="pagenum" name="Page_318" title="318"> </a> +was heißt das? Das will gar nichts heißen, das ist +nur eine kleine Verzeichnung in der äußeren Komposition, +der mit ein paar energischen Strichen abgeholfen werden +kann. Es setzt höchstens einen gesunden Menschen in +Verlegenheit, in einigen Kummer vielleicht, aber in keine +Aufregung. Sie lachen. Nein? Sie wollen nicht gelacht +haben? Dann wäre es schade; denn Ihr Lachen +ist etwas Schönes. Eine Zeitlang war es immer mein +Gedanke, unter die Soldaten zu gehen, aber ich traue +diesem romantischen Gedanken nicht mehr recht. Warum +nicht bleiben, wo man ist! Kann sich mir hier im Lande +etwa keine Gelegenheit bieten, wenn ich Gelegenheit haben +will, unterzugehen? Ich kann hier einen würdigeren +Anlaß finden, meine Gesundheit, Kraft und Lebenslust +aufs Spiel zu setzen. Zunächst bin ich meiner Gesundheit +froh, der Lust, meine Beine und Arme nach Belieben +zu gebrauchen, dann meines Geistes, der mir +immer noch sehr munter erscheint, dann endlich des +aufreizenden Bewußtseins, daß ich der Welt gegenüber +als tief belasteter Schuldner dastehe, der alle Ursache +hat, den Atem endlich anzuspannen, um sich in der +Liebe der Welt hinaufzuarbeiten. Ich bin gern Schuldner! +Wenn ich mir sagen müßte, daß mich die Menschen +gekränkt hätten, das wäre trostlos für mich. Da müßte +ich mich ja in Stumpfheit und Abneigung und Bitternis +versteifen. Nein, die Sache steht anders, sie steht +glänzend, wie sie glänzender für einen angehenden Mann +nicht stehen kann: ich, ich bin es, der die Welt gekränkt +hat. Sie steht mir gegenüber wie eine erzürnte, beleidigte +Mutter: wundervolles Antlitz, in das ich vernarrt +bin: das Antlitz der Sühne fordernden, mütterlichen +Erde! Ich zahle ab, was ich vernachlässigt, verspielt, +verträumt, versäumt und verbrochen habe. Ich +werde die Beleidigte zufriedenstellen und meinen Geschwistern +<a class="pagenum" name="Page_319" title="319"> </a> +dann einmal, einer schönen, traulichen +Abendstunde erzählen, wie ich es gemacht habe, daß es +gekommen ist, daß ich den Kopf so hoch trage. Es kann +Jahre dauern, aber eine Arbeit ist mir nur um so viel +entzückender, je längere und je schwerere Anspannung +der Kräfte sie fordert. Jetzt kennen Sie mich einigermaßen.«</p> + +<p>Die Dame küßte ihn.</p> + +<p>»Nein,« sagte sie, »Sie werden nicht untersinken. +Sonst, wenn das geschähe, wäre es schade, schade für +Sie. Sie dürfen niemals wieder so verbrecherisch, so +sündhaft über Sie selber aburteilen. Sie achten sich zu +wenig und andere zu hoch. Ich will Sie davor behüten, +gegen sich selber so allzustreng vorzugehen. +Wissen Sie, was Ihnen fehlt? Sie müssen es eine Zeitlang +ein bißchen wieder gut haben. Sie müssen in ein +Ohr hineinflüstern und Zärtlichkeiten erwidern lernen. +Sie werden sonst zu zart. Ich will Sie lehren; das +alles, was Ihnen fehlt, will ich Sie lehren. Kommen +Sie. Wir gehen hinaus in die Winternacht. In den +brausenden Wald. Ich muß Ihnen so viel sagen. Wissen +Sie, daß ich Ihre arme, glückliche Gefangene bin? Kein +Wort mehr, kein Wort mehr. Kommen Sie nur.« –</p> + +<p class="center page-break">Buchdruckerei Roitzsch, G. m. b. H., Roitzsch.</p> + +<div id="tnote-bottom"> +<p class="center"><a name="tn-bottom"><b>Anmerkungen zur Transkription:</b></a></p> + +<p>Im folgenden werden alle geänderten Textstellen angeführt, +wobei jeweils zuerst die Stelle wie im Original, danach die geänderte Stelle +steht.</p> + +<ul id="corrections"> +<li><a href="#Page_2">Seite 2</a>:<br/>das so hübsch <span class="correction">sprach</span> einen guten Eindruck auf ihn<br/>das so hübsch <span class="correction">sprach,</span> einen guten Eindruck auf ihn</li> +<li><a href="#Page_3">Seite 3</a>:<br/>von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn <span class="correction">sie</span> gedenken,<br/>von mir sagten. Nein, verehrter Herr, wenn <span class="correction">Sie</span> gedenken,</li> +<li><a href="#Page_14">Seite 14</a>:<br/><span class="correction">Gewiß</span>, mein Herr.«<br/><span class="correction">»Gewiß</span>, mein Herr.«</li> +<li><a href="#Page_21">Seite 21</a>:<br/>geht wohl nicht gut. Wieviel kostet <span class="correction">es?</span><br/>geht wohl nicht gut. Wieviel kostet <span class="correction">es?«</span></li> +<li><a href="#Page_31">Seite 31</a>:<br/>nicht empfinden, er stört <span class="correction">mich.</span><br/>nicht empfinden, er stört <span class="correction">mich.«</span></li> +<li><a href="#Page_35">Seite 35</a>:<br/>ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, <span class="correction">wäre,</span> es auch, um<br/>ich gehe, um mich gesund zu arbeiten, <span class="correction">wäre</span> es auch, um</li> +<li><a href="#Page_41">Seite 41</a>:<br/>lebendig werden zu wollen und den <span class="correction">Lorber</span>, den sie in<br/>lebendig werden zu wollen und den <span class="correction">Lorbeer</span>, den sie in</li> +<li><a href="#Page_48">Seite 48</a>:<br/>schon: hinhorchen <span class="correction">uud</span> beinahe das eigene Horchen<br/>schon: hinhorchen <span class="correction">und</span> beinahe das eigene Horchen</li> +<li><a href="#Page_57">Seite 57</a>:<br/>bescheidene und meine <span class="correction">Kulter</span> eine delikatere, denn ich<br/>bescheidene und meine <span class="correction">Kultur</span> eine delikatere, denn ich</li> +<li><a href="#Page_58">Seite 58</a>:<br/><span class="correction">»Indem</span> der alte Mann das sagte, erschien in dem<br/><span class="correction">Indem</span> der alte Mann das sagte, erschien in dem</li> +<li><a href="#Page_60">Seite 60</a>:<br/>setzte sich mit der <span class="correction">größen</span> Freude neben ihn nieder, auf<br/>setzte sich mit der <span class="correction">größten</span> Freude neben ihn nieder, auf</li> +<li><a href="#Page_63">Seite 63</a>:<br/>Rede <span class="correction">redetete</span> sich solch eine Seele ja so leicht in eine<br/>Rede <span class="correction">redete</span> sich solch eine Seele ja so leicht in eine</li> +<li><a href="#Page_63">Seite 63</a>:<br/>in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. <span class="correction">Dennnoch</span><br/>in Augenblicken des Wiedersehens seit langer Zeit. <span class="correction">Dennoch</span></li> +<li><a href="#Page_79">Seite 79</a>:<br/><span class="correction">Sie</span>, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,<br/><span class="correction">»Sie</span>, liebes Mädchen, Schwester meines Kaspars,</li> +<li><a href="#Page_84">Seite 84</a>:<br/>sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die <span class="correction">Zukungen</span><br/>sich zu ihr nieder, hielten ihre Arme fest, bis die <span class="correction">Zuckungen</span></li> +<li><a href="#Page_85">Seite 85</a>:<br/>Ich sehe die Fische <span class="correction">schwimmmen</span>. Ich bin ganz still, ich<br/>Ich sehe die Fische <span class="correction">schwimmen</span>. Ich bin ganz still, ich</li> +<li><a href="#Page_98">Seite 98</a>:<br/>und paßte besser auf seine Schritte auf; <span class="correction">dem</span> er stieß<br/>und paßte besser auf seine Schritte auf; <span class="correction">denn</span> er stieß</li> +<li><a href="#Page_112">Seite 112</a>:<br/>wollte, kränkte es sie, und wenn man <span class="correction">ihre</span> Vorwürfe<br/>wollte, kränkte es sie, und wenn man <span class="correction">ihr</span> Vorwürfe</li> +<li><a href="#Page_117">Seite 117</a>:<br/>käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles <span class="correction">erfahrene</span><br/>käme mir nie in den Sinn. Ich hätte alles <span class="correction">erfahren,</span></li> +<li><a href="#Page_126">Seite 126</a>:<br/>Bettstelle wurde auf einem <span class="correction">breitem</span> Schlitten in der Nacht<br/>Bettstelle wurde auf einem <span class="correction">breiten</span> Schlitten in der Nacht</li> +<li><a href="#Page_127">Seite 127</a>:<br/>sowie Lustbarkeiten fröhlich <span class="correction">miteiander</span>.<br/>sowie Lustbarkeiten fröhlich <span class="correction">miteinander</span>.</li> +<li><a href="#Page_172">Seite 172</a>:<br/>In der Tat, er ließ die <span class="correction">Häfte</span> davon stehen,<br/>In der Tat, er ließ die <span class="correction">Hälfte</span> davon stehen,</li> +<li><a href="#Page_180">Seite 180</a>:<br/>sagte die <span class="correction">Fau</span>.<br/>sagte die <span class="correction">Frau</span>.</li> +<li><a href="#Page_181">Seite 181</a>:<br/>man begangen <span class="correction">hat</span>; und Simon nahm sich im stillen vor,<br/>man begangen <span class="correction">hat«</span>; und Simon nahm sich im stillen vor,</li> +<li><a href="#Page_214">Seite 214</a>:<br/>Tränen der <span class="correction">Widersehensfreude</span> weinen werden. Es wird<br/>Tränen der <span class="correction">Wiedersehensfreude</span> weinen werden. Es wird</li> +<li><a href="#Page_215">Seite 215</a>:<br/>aus der er schließlich <span class="correction">erwachte.«</span><br/>aus der er schließlich <span class="correction">erwachte.</span></li> +<li><a href="#Page_219">Seite 219</a>:<br/>haben. Es war der Wagen, den diese <span class="correction">herumziehendie</span><br/>haben. Es war der Wagen, den diese <span class="correction">herumziehenden</span></li> +<li><a href="#Page_240">Seite 240</a>:<br/><span class="correction">Karrossen</span> rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn<br/><span class="correction">Karossen</span> rollten auf der Straße, die elektrische Straßenbahn</li> +<li><a href="#Page_248">Seite 248</a>:<br/>haben <span class="correction">muße</span>. Einer riß beständig Witze, es war<br/>haben <span class="correction">mußte</span>. Einer riß beständig Witze, es war</li> +<li><a href="#Page_266">Seite 266</a>:<br/>acht-, ein-, zwei- oder <span class="correction">vierzehntätige</span> Anstellung gefunden.<br/>acht-, ein-, zwei- oder <span class="correction">vierzehntägige</span> Anstellung gefunden.</li> +<li><a href="#Page_272">Seite 272</a>:<br/>die ich mir verbunden wissen will, Geld auf <span class="correction">Dahrlehn</span><br/>die ich mir verbunden wissen will, Geld auf <span class="correction">Darlehn</span></li> +<li><a href="#Page_288">Seite 288</a>:<br/><span class="correction">im</span>, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem<br/><span class="correction">ihm</span>, und er verließ alsogleich das Lokal mit diesem</li> +<li><a href="#Page_289">Seite 289</a>:<br/>Ihnen dann der Spaß <span class="correction">verleien</span> müßte. Ziehen Sie sich<br/>Ihnen dann der Spaß <span class="correction">verleiden</span> müßte. Ziehen Sie sich</li> +<li><a href="#Page_298">Seite 298</a>:<br/>um zu fragen, was er <span class="correction">wünsche</span> Aber es kam<br/>um zu fragen, was er <span class="correction">wünsche.</span> Aber es kam</li> +<li><a href="#Page_298">Seite 298</a>:<br/><span class="correction">Entschuldigen</span> Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte<br/><span class="correction">»Entschuldigen</span> Sie, daß man Sie sitzen läßt,« wandte</li> +<li><a href="#Page_302">Seite 302</a>:<br/>einem ganz jungen, scheinbar etwas <span class="correction">vorkommenen</span> Menschen,<br/>einem ganz jungen, scheinbar etwas <span class="correction">verkommenen</span> Menschen,</li> +<li><a href="#Page_304">Seite 304</a>:<br/>sondern zu zweien! Immer! Das war der <span class="correction">Hauptgedanke</span><br/>sondern zu zweien! Immer! Das war der <span class="correction">Hauptgedanke,</span></li> +<li><a href="#Page_309">Seite 309</a>:<br/>lieber gar nichts, nicht <span class="correction">war</span>! Sie nicken und sagen mir<br/>lieber gar nichts, nicht <span class="correction">wahr</span>! Sie nicken und sagen mir</li> +<li><a href="#Page_314">Seite 314</a>:<br/>die Nase dazu rümpfte. <span class="correction">Am</span> Festtagen tat sich die Stadt,<br/>die Nase dazu rümpfte. <span class="correction">An</span> Festtagen tat sich die Stadt,</li> +<li><a href="#Page_317">Seite 317</a>:<br/>machen <span class="correction">kann</span> Streckt er den Finger aus und winkt<br/>machen <span class="correction">kann.</span> Streckt er den Finger aus und winkt</li> +</ul> +</div> + + + + + + + + +<pre> + + + + + +End of the Project Gutenberg EBook of Geschwister Tanner, by Robert Walser + +*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK GESCHWISTER TANNER *** + +***** This file should be named 36172-h.htm or 36172-h.zip ***** +This and all associated files of various formats will be found in: + http://www.gutenberg.org/3/6/1/7/36172/ + +Produced by Jana Srna and the Online Distributed +Proofreading Team at http://www.pgdp.net + + +Updated editions will replace the previous one--the old editions +will be renamed. + +Creating the works from public domain print editions means that no +one owns a United States copyright in these works, so the Foundation +(and you!) can copy and distribute it in the United States without +permission and without paying copyright royalties. Special rules, +set forth in the General Terms of Use part of this license, apply to +copying and distributing Project Gutenberg-tm electronic works to +protect the PROJECT GUTENBERG-tm concept and trademark. Project +Gutenberg is a registered trademark, and may not be used if you +charge for the eBooks, unless you receive specific permission. If you +do not charge anything for copies of this eBook, complying with the +rules is very easy. You may use this eBook for nearly any purpose +such as creation of derivative works, reports, performances and +research. They may be modified and printed and given away--you may do +practically ANYTHING with public domain eBooks. Redistribution is +subject to the trademark license, especially commercial +redistribution. + + + +*** START: FULL LICENSE *** + +THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE +PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK + +To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free +distribution of electronic works, by using or distributing this work +(or any other work associated in any way with the phrase "Project +Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full Project +Gutenberg-tm License (available with this file or online at +http://gutenberg.org/license). + + +Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project Gutenberg-tm +electronic works + +1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm +electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to +and accept all the terms of this license and intellectual property +(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all +the terms of this agreement, you must cease using and return or destroy +all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your possession. +If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a Project +Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound by the +terms of this agreement, you may obtain a refund from the person or +entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph 1.E.8. + +1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be +used on or associated in any way with an electronic work by people who +agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few +things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works +even without complying with the full terms of this agreement. See +paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project +Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this agreement +and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm electronic +works. See paragraph 1.E below. + +1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the Foundation" +or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection of Project +Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual works in the +collection are in the public domain in the United States. If an +individual work is in the public domain in the United States and you are +located in the United States, we do not claim a right to prevent you from +copying, distributing, performing, displaying or creating derivative +works based on the work as long as all references to Project Gutenberg +are removed. Of course, we hope that you will support the Project +Gutenberg-tm mission of promoting free access to electronic works by +freely sharing Project Gutenberg-tm works in compliance with the terms of +this agreement for keeping the Project Gutenberg-tm name associated with +the work. You can easily comply with the terms of this agreement by +keeping this work in the same format with its attached full Project +Gutenberg-tm License when you share it without charge with others. + +1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern +what you can do with this work. Copyright laws in most countries are in +a constant state of change. If you are outside the United States, check +the laws of your country in addition to the terms of this agreement +before downloading, copying, displaying, performing, distributing or +creating derivative works based on this work or any other Project +Gutenberg-tm work. The Foundation makes no representations concerning +the copyright status of any work in any country outside the United +States. + +1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg: + +1.E.1. The following sentence, with active links to, or other immediate +access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear prominently +whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work on which the +phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the phrase "Project +Gutenberg" is associated) is accessed, displayed, performed, viewed, +copied or distributed: + +This eBook is for the use of anyone anywhere at no cost and with +almost no restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or +re-use it under the terms of the Project Gutenberg License included +with this eBook or online at www.gutenberg.org + +1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is derived +from the public domain (does not contain a notice indicating that it is +posted with permission of the copyright holder), the work can be copied +and distributed to anyone in the United States without paying any fees +or charges. If you are redistributing or providing access to a work +with the phrase "Project Gutenberg" associated with or appearing on the +work, you must comply either with the requirements of paragraphs 1.E.1 +through 1.E.7 or obtain permission for the use of the work and the +Project Gutenberg-tm trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or +1.E.9. + +1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted +with the permission of the copyright holder, your use and distribution +must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any additional +terms imposed by the copyright holder. Additional terms will be linked +to the Project Gutenberg-tm License for all works posted with the +permission of the copyright holder found at the beginning of this work. + +1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm +License terms from this work, or any files containing a part of this +work or any other work associated with Project Gutenberg-tm. + +1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this +electronic work, or any part of this electronic work, without +prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with +active links or immediate access to the full terms of the Project +Gutenberg-tm License. + +1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary, +compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including any +word processing or hypertext form. However, if you provide access to or +distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format other than +"Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official version +posted on the official Project Gutenberg-tm web site (www.gutenberg.org), +you must, at no additional cost, fee or expense to the user, provide a +copy, a means of exporting a copy, or a means of obtaining a copy upon +request, of the work in its original "Plain Vanilla ASCII" or other +form. Any alternate format must include the full Project Gutenberg-tm +License as specified in paragraph 1.E.1. + +1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying, +performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works +unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9. + +1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing +access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works provided +that + +- You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from + the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method + you already use to calculate your applicable taxes. The fee is + owed to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he + has agreed to donate royalties under this paragraph to the + Project Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments + must be paid within 60 days following each date on which you + prepare (or are legally required to prepare) your periodic tax + returns. Royalty payments should be clearly marked as such and + sent to the Project Gutenberg Literary Archive Foundation at the + address specified in Section 4, "Information about donations to + the Project Gutenberg Literary Archive Foundation." + +- You provide a full refund of any money paid by a user who notifies + you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he + does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm + License. You must require such a user to return or + destroy all copies of the works possessed in a physical medium + and discontinue all use of and all access to other copies of + Project Gutenberg-tm works. + +- You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of any + money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the + electronic work is discovered and reported to you within 90 days + of receipt of the work. + +- You comply with all other terms of this agreement for free + distribution of Project Gutenberg-tm works. + +1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project Gutenberg-tm +electronic work or group of works on different terms than are set +forth in this agreement, you must obtain permission in writing from +both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and Michael +Hart, the owner of the Project Gutenberg-tm trademark. Contact the +Foundation as set forth in Section 3 below. + +1.F. + +1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable +effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread +public domain works in creating the Project Gutenberg-tm +collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm electronic +works, and the medium on which they may be stored, may contain +"Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate or +corrupt data, transcription errors, a copyright or other intellectual +property infringement, a defective or damaged disk or other medium, a +computer virus, or computer codes that damage or cannot be read by +your equipment. + +1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right +of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project +Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project +Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all +liability to you for damages, costs and expenses, including legal +fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT +LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE +PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE +TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE +LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR +INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH +DAMAGE. + +1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a +defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can +receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a +written explanation to the person you received the work from. If you +received the work on a physical medium, you must return the medium with +your written explanation. The person or entity that provided you with +the defective work may elect to provide a replacement copy in lieu of a +refund. If you received the work electronically, the person or entity +providing it to you may choose to give you a second opportunity to +receive the work electronically in lieu of a refund. If the second copy +is also defective, you may demand a refund in writing without further +opportunities to fix the problem. + +1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth +in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS' WITH NO OTHER +WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT LIMITED TO +WARRANTIES OF MERCHANTIBILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE. + +1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied +warranties or the exclusion or limitation of certain types of damages. +If any disclaimer or limitation set forth in this agreement violates the +law of the state applicable to this agreement, the agreement shall be +interpreted to make the maximum disclaimer or limitation permitted by +the applicable state law. The invalidity or unenforceability of any +provision of this agreement shall not void the remaining provisions. + +1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the +trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone +providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in accordance +with this agreement, and any volunteers associated with the production, +promotion and distribution of Project Gutenberg-tm electronic works, +harmless from all liability, costs and expenses, including legal fees, +that arise directly or indirectly from any of the following which you do +or cause to occur: (a) distribution of this or any Project Gutenberg-tm +work, (b) alteration, modification, or additions or deletions to any +Project Gutenberg-tm work, and (c) any Defect you cause. + + +Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm + +Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of +electronic works in formats readable by the widest variety of computers +including obsolete, old, middle-aged and new computers. It exists +because of the efforts of hundreds of volunteers and donations from +people in all walks of life. + +Volunteers and financial support to provide volunteers with the +assistance they need, are critical to reaching Project Gutenberg-tm's +goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will +remain freely available for generations to come. In 2001, the Project +Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure +and permanent future for Project Gutenberg-tm and future generations. +To learn more about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation +and how your efforts and donations can help, see Sections 3 and 4 +and the Foundation web page at http://www.pglaf.org. + + +Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive +Foundation + +The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit +501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the +state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal +Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification +number is 64-6221541. Its 501(c)(3) letter is posted at +http://pglaf.org/fundraising. Contributions to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation are tax deductible to the full extent +permitted by U.S. federal laws and your state's laws. + +The Foundation's principal office is located at 4557 Melan Dr. S. +Fairbanks, AK, 99712., but its volunteers and employees are scattered +throughout numerous locations. Its business office is located at +809 North 1500 West, Salt Lake City, UT 84116, (801) 596-1887, email +business@pglaf.org. Email contact links and up to date contact +information can be found at the Foundation's web site and official +page at http://pglaf.org + +For additional contact information: + Dr. Gregory B. Newby + Chief Executive and Director + gbnewby@pglaf.org + + +Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg +Literary Archive Foundation + +Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide +spread public support and donations to carry out its mission of +increasing the number of public domain and licensed works that can be +freely distributed in machine readable form accessible by the widest +array of equipment including outdated equipment. Many small donations +($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt +status with the IRS. + +The Foundation is committed to complying with the laws regulating +charities and charitable donations in all 50 states of the United +States. Compliance requirements are not uniform and it takes a +considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up +with these requirements. We do not solicit donations in locations +where we have not received written confirmation of compliance. To +SEND DONATIONS or determine the status of compliance for any +particular state visit http://pglaf.org + +While we cannot and do not solicit contributions from states where we +have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition +against accepting unsolicited donations from donors in such states who +approach us with offers to donate. + +International donations are gratefully accepted, but we cannot make +any statements concerning tax treatment of donations received from +outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff. + +Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation +methods and addresses. Donations are accepted in a number of other +ways including checks, online payments and credit card donations. +To donate, please visit: http://pglaf.org/donate + + +Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic +works. + +Professor Michael S. Hart is the originator of the Project Gutenberg-tm +concept of a library of electronic works that could be freely shared +with anyone. For thirty years, he produced and distributed Project +Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of volunteer support. + + +Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed +editions, all of which are confirmed as Public Domain in the U.S. +unless a copyright notice is included. Thus, we do not necessarily +keep eBooks in compliance with any particular paper edition. + + +Most people start at our Web site which has the main PG search facility: + + http://www.gutenberg.org + +This Web site includes information about Project Gutenberg-tm, +including how to make donations to the Project Gutenberg Literary +Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to +subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks. + + +</pre> + +</body> +</html> |
